27. Die Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst

27. Die Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst

Zwischen Basel und Rheinfelden liegt ein uralter Ort, heißt Augst, vom römischen Wort Augusta. Römerkaiser hatten dort ihren Hofhalt und bauten eine schöne Wasserleitung. An dieser ist ein Schlaufloch und unterirdischer Gang, der sich weit in die Erde hineinzieht, niemand hatte noch dessen Ende gesehen; heißt im Volke das Heidenloch. Da war im Jahre 1520 ein Schneider zu Basel gesessen, hieß Leonhard, der war auch eines Schneiders Sohn und fast ein Simpel. Er stammelte statt zu reden und war zu gar wenigen Dingen geschickt zu brauchen. Den trieb eines Tages die Neugier, doch zu versuchen, wie weit der hohle Gang eigentlich in die Erde hineingehe: da nahm er eine Wachskerze, zündete sie an und ging in das Schlaufgewölbe hinein. Nun aber war die Kerze eine geweihte, und da konnten ihm die Erdgeister nicht etwas anhaben, wie der Königstochter im Teufelskeller beim Kreuzliberg. Leonhard kam an eine eiserne Pforte, die tat sich vor ihm auf, und da kam er durch mehr als ein hohes und weites Gewölbe, endlich gar in einen Lustgarten, darinnen standen viele schöne Blumen und Bäume, und in der Mitte des Gartens stand ein wohlerbauter Palast. Alles umher aber war still und menschenleer. Die Türe zu dem stattlichen Lusthaus stand offen, da ging Leonhard hinein und trat in einen Saal, darin erblickte er eine reizend schöne Jungfrau, die trug auf ihrem Haupt ein guldig Krönlein und hatte fliegende Haare, aber o Scheuel und Greuel, von des Leibes Mitte abwärts an war sie eine häßliche Schlange mit langem Ringelschweif. Hinter der Jungfrau stand ein eiserner Kasten, darauf lagen zwei schwarze Hunde, die sahen aus wie Teufel und knurrten wie grimmige Löwen. Die Jungfrau grüßte den Leonhard sittiglich, nahm von ihrem Hals einen Schlüsselbund und sprach: Siehe, ich bin von königlichem Stamme und Geschlecht geboren, aber durch böse Macht also verwünscht und zur Hälfte in ein greulich Ungetüm verwandelt. Doch kann ich wohl erlöset werden, wenn ein reiner Junggeselle mich trotz meiner Ungestalt dreimal auf den Mund küsset, dann erlange ich meine vorige Menschengestalt völlig wieder, und mein ganzer großer Schatz ist sein. – Und da machte sie sich zu dem Kasten, stillete die murrenden Hunde, schloß einen mittlern Deckel mit einem ihrer Schlüssel auf und zeigte Leonhard, welch ein großes Gut an Gold und Kleinodien darinnen enthalten sei, nahm auch etliche goldne und silberne Münzen heraus und gab sie dem Leonhard und blickte ihn seufzend und gar inniglich aus zärtlichen Augen an. Leonhard hatte in seinem Leben noch keine Maid geküßt, es ward ihm jetzt warm ums Herz, und er wagte es, der Schlangenjungfrau einen Kuß auf ihren schönen Mund zu geben. Da erglühten ihre Wangen und erfunkelten ihre Augen, ihr Antlitz strahlte vor Freude, und sie lachte vor Lust und Hoffnung der Erlösung und preßte ihren Befreier mit heftiger Glut an die Brust. Und da geschah der zweite Kuß, und mit dem so ringelte sich der Schlangenschweif eng um ihn, als wolle er ihn auf ewig fesseln, und die Jungfrau faßte ihn noch fester mit beiden Händen an und lachte und biß ihn vor Lust in die Lippe. Da schauderte ihn vor solchen Zeichen überheftiger Liebeswut, und riß mit Gewalt sich los, nahm seine noch brennende Kerze und entwich. Die Jungfrau stieß hinter ihm ein wehklagendes Geschrei aus, das ihm durch Mark und Bein drang, und er kam aus dem Gang und Loch heraus, er wußte gar nicht wie. Seitdem empfand der Jüngling eine brennende Sehnsucht nach Küssen, nie aber fand er andrer Mädchen und Frauen Küsse so feurig und so süß als jene der Schlangenjungfrau, immerdar trieb es ihn zurück zu ihr, um das Werk der Erlösung an ihr zu vollbringen, aber da er nun andre geküßt, vermocht‘ er nimmer, den Eingang zur Schlangenhöhle wiederzufinden, und es soll dieses auch nach ihm keinem wieder geglückt sein.

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279. Jungfer Eli

279. Jungfer Eli

In der Davert, einem Walde im Münsterlande, sind viele Gespenster und Poltergeister gebannt, da dürfen sie nicht heraus, um so greulicher durchspuken sie den Wald. Einer dieser Geister gehörte einer Haushälterin an, welche im Münsterschen Stifte Freckenhorst einer frommen Äbtissin diente, aber nichts weniger als selbst fromm war, vielmehr recht böse, geizig und gottlos. Diese Haushälterin hieß Jungfer Eli. Arme jagte sie mit der Geißel aus der Pforte des Stifts; die Klingel an der Türe band sie fest, daß kein Bettler anläuten konnte; Knechte und Mägde plagte und schalt sie, ließ es wohl auch bei letztern nicht an Püffen und Schellen fehlen. Jungfer Eli trug ein grünes Hütchen mit weißen Federn daraus, so sah man sie häufig im Garten gehen oder sitzen. Eines Tages kam eine Klostermagd eilend zum Pfarrer, er möge gleich ins Stift kommen, Jungfer Eli wolle sterben. Der Pfarrer eilte, sein Weg führte ihn durch den Garten, und da saß Jungfer Eli in ihrem grünen Hütchen mit weißen Federn auf einem Apfelbaum. Wie aber der Pfarrer dennoch in das Haus trat, führte ihn die hochwürdigste Frau Äbtissin an das Bette der Kranken, und da lag Jungfer Eli doch wieder darin und schalt und belferte: Das dumme Mensch hat gesagt, ich wolle sterben, ist nicht wahr, ich will nicht sterben, ich sterbe nicht, ich halt’s nicht aus! Geht zum Kuckuck! Endlich aber mußte Jungfer Eli doch sterben, sie mochte wollen oder nicht; wie sie starb, zersprang eine Glocke der Abtei, und bald darauf ging Jungfer Elis Spuken an durch Küche und Stall, über Treppen und Gänge. Mit Saus und Braus fuhr sie wie ein Wirbelwind im ganzen Abteigebäude herum, ja selbst im Stiftswalde sahen sie die Holzknechte von einem Ast zum andern fliegen. Bisweilen trug sie, wie sie sonst getan, eine schöne Torte aus der Küche nach dem Zimmer der Äbtissin, zeigte sie den Mägden und bot sie ihnen an und sagte: Tort, Tort! Wenn nun jene die Torte nicht annahmen, weil sie sich entsetzten, schlug Jungfer Eli ein Gelächter auf, daß die Kannen klirrten, und warf ihnen die Torte vor die Füße, und da war es insgemein ein runder Kuhplappert. Selbst die Äbtissin blieb nicht ungeplagt; auf einer Fahrt nach Warendorf wollte Jungfer Elis Geist zu ihr in den Wagen, und jene entging ihr nur mit List, indem sie einen Handschuh fallen und, während Jungfer Eli sich danach bückte, den Kutscher eilend davonjagen ließ. Endlich berief die Äbtissin die Geistlichkeit der ganzen Gegend, den Spukgeist zu bannen. Die geistlichen Herren fanden sich ein mit allem Rüstzeug zum Bannen und Teufelaustreiben und begannen im Herrenchor der Stiftskirche ihre Zitationen. Da rief eine Stimme: He gickt, he gickt! Und es fand sich, daß sich ein Knabe in die Kirche geschlichen hatte und lauschte. Der Knabe wurde hinausgejagt und schlug draußen ein Höllengelächter auf, er selbst war Jungfer Eli und durch die Herren selbst vom Banne befreit. Doch hals ihr das nicht, denn es wurde gleich ein stärkerer Bann angewendet und Jungfer Eli in die Davert gebannt. Alle Jahre einmal fährt der Sage nach Jungfer Eli mit Gebraus und Getümmel wie die wilde Jägerin über die Freckenhorster Abtei, wirft einige Schornsteine ab und zertrümmert Fensterscheiben, und mit jedem hohen Feste kommt sie der Abtei wiederum einen Hahnenschritt näher. – Von dem Hahnschritt näher erzählt auch die Sage von einem umgehenden Bauer bei Bassum.

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280. Die drei Auflagen

280. Die drei Auflagen

Über die Stadt Osnabrück war ein Graf von Tecklenburg als Kirchenvogt gesetzt mit allerlei Rechten. Eines davon war, daß die Metzger sich von ihm mußten ihre Taxe setzen lassen. Diese Taxe brachte stets ein kleiner Burgzwerg auf einem Esel herunter in die Stadt, und ehe er mit der Taxe da war, durften die Metzger kein Lot Fleisch verkaufen, was ihnen stets sehr störend war, denn wenn die Käufer vom Markte hinweg waren, konnten die Metzger ihr Fleisch selbst essen. Vergebens bedrohten sie den Burgzwerg, wenn er sich nicht besser eile, und endlich, als seines Zögerns kein Ende wurde, so griffen sie ihn und zerhackten ihn und legten die Stücke in des Esels Tragkörbe und ließen diesen allein hinauf zur Tecklenburg treiben. Schrecklich war der Zorn des Grafen, er befehdete die Stadt, tat ihr allen Tort an und quälte sie so lange, bis sie um Gnade bat. Der Graf von Tecklenburg aber hatte nicht Willens, Gnade zu üben, sondern sprach höhnend, er wolle Gnade üben gegen das verräterische Osnabrück, wenn die Stadt binnen Jahresfrist zwei Scheffel Wiefelinghöfer einliefere, welches kleine Silberheller waren, die ein früherer Bischof aus dem Geschlechte der Grafen von Weckelinghofen hatte prägen lassen, und die man nur noch selten sah, sodann zwei blaue Windhunde und zwei Rosenstöcke ohne Dornen. Da war guter Rat sehr teuer, diese drei Auflagen zu erlegen. Weit und breit wurden Boten umhergesandt, schlechte Heller gab es genug, aber keine Wiefelinghöfer; blauen Dunst genug, aber keine blauen Windhunde; Rosenhecken genug, aber nirgend dornenlose, denn das gemeine Sprüchwort sagt ja ausdrücklich: Keine Rose ohne Dornen. Für die Münzen wurde endlich doch Rat geschafft, denn der Rat zu Osnabrück ließ verkündigen, daß er Agio auf die Wiefelinghöfer Heller zahle, da strömten aus allen Nachbarlanden die Bettelleute wie Sand am Meere ins Bistum Osnabrück und lieferten Wiefelinghöfer ein, bis der Rat genug hatte und den Kurs wieder sinken ließ, wie ein Rothschild. Unterdessen waren ein Paar weiße Windhunde in ein Zimmer mit blauen Glasfenstern gebracht worden, blau angestrichen, die wurden von blaugefärbten und -gekleideten Wärtern gefüttert mit Blaumeisen, Blaukehlchen und gekochtem Blaukohl aus blauen Geschirren. Da bekamen die Windspiele Junge, die waren schon etwas blau angelaufen, dann wurden von diesen Jungen aber Junge erzielt, die waren blitzblau. Mittlerweile hatte der Rat ausgesonnen, Rosenschößlinge durch enge Glasröhren wachsen zu lassen, da blieben die Dornen inwendig, denn sie hatten keinen Raum, hervorzutreiben. Und so erfüllten die Osnabrücker die drei schweren Auflagen mit Last und Mühe und hatten fortan wieder gute Ruhe; die Metzgerzunft aber wurde bedeutet, ihre Hackekunst nicht wieder an Zwergen zu üben. Das Geschlecht der blauen Windspiele verlor sich bald wieder, aber die dornenlose Rose ward fortgepflanzt und hat sich von Osnabrück aus in alle deutschen Gärten verbreitet.

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281. Hüggeleschmied

281. Hüggeleschmied

Nahe beim Dorfe Hagen in der Nähe von Osnabrück ist ein Erzberg gelegen, der heißt der Hüggele, darin hat es vordessen Goldes und Silbers in Fülle gegeben, und hatte auch eine Höhle, in der wohnte ein seltsamer Schmied, in manchen Dingen dem Grinkenschmied verwandt. Er war ein guter Mann beim Leben gewesen und hatte in Osnabrück gewohnt, aber als an einem Sonntag seine Frau aus der Kirche ging und vom Blitz erschlagen wurde, da war er in Verzweiflung gefallen, hatte gegen Gott gemurrt und sich selbst verwünscht. Und da war ein ehrwürdiger alter Mann zu ihm gekommen mit langem weißen Bart, der hatte ihn heißen mit sich gehen und hatte ihn in die Höhle des Hüggele geführt, da solle er über die Berggeister die Aufsicht führen und selbst schaffen und durch rastlose Arbeit büßen. Da hat der Hüggeler stetig geschafft und gehämmert, viel Geräte gefertigt, auch die Pferde beschlagen; die Leute kamen dann, banden das Pferd an einen Pfahl und verließen es auf eine Zeit. Wann sie wiederkamen, war es beschlagen; da legten sie den Lohn aus einen Stein und führten das Pferd hinweg. Sehen ließ sich der Hüggeleschmied niemals. Ein Bursche, von Habsucht verblendet, drang einstmals in Hüggeleschmieds Höhle ein und heischte Gold von ihm. Hüggeleschmied schenkte ihm eine goldene Pflugschar. Kaum war er heraus, so wollte er proben, ob sie auch wirklich Gold sei, und fuhr mit der Hand daran. Im Nu hatte er sich die ganze Hand verbrannt, und was in der Höhle Gold geschienen, war beim Tageslicht nur Glut. Dann war es eine Pflugschar von Eisen. Hätte der Narr fleißig mit ihr geackert, wäre er reich geworden, so aber verfluchte er die Pflugschar und den Hüggeleschmied ob der verbrannten Hand, da fuhr die Pflugschar in die Erde hinein und war da gewesen, im Hineinfahren aber erglänzte sie doch wieder wie gediegenes Gold.

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273. Die Fingerlingsbraut

273. Die Fingerlingsbraut

An einigen Orten im alten Preußenlande nennen die Leute die Barstukken auch Fingerlinge wegen ihrer kleinen Gestalt. Da saß zu einer Zeit beim Städtlein Leuenburg ein mannlich Geschlecht, die Freiherren von Eulenburg auf Prassen. Und da war auf Prassen gerade ein junges Edelfräulein, das war gar wunderhold und lieblich und von kleinem Wuchs, das sahe der König der Fingerlinge und begehrte es zu freien. Ließ deshalb sittiglich Werbung tun bei den Eltern durch eine Gesandtschaft seiner Zwergmännlein und ließ denen ansagen, wenn sie ihm ihre Tochter gewährten, so solle das Geschlecht derer von Eulenburg gesegnet fortblühen auf alle Zeiten und solle sotanes Glück haften an einem goldenen Fingerreif, der aber wohl und sorgsam bewahrt werden müsse und nimmer verloren gehen dürfe. Das Fräulein aber werde glücklich sein. Die Eltern überlegten sich den Antrag und fanden für wohlgetan, in ihn zu willigen, denn wer sähe nicht gern die Zukunft seines Geschlechts für alle Zeiten gesichert? Darauf bat die kleine Gesandtschaft, es möge ein Zimmer im Schlosse Prassen bestimmt werden, in welches die junge Braut hineinzuführen sei, jedem Lauscherauge und -ohr aber müsse das verschlossen bleiben. In diesem Zimmer nun werde der Barstukkenkönig das Fräulein empfangen. Dieses geschahe, das Fräulein wurde hineingeführt, und niemals hat ein sterbliches Auge es wiedergesehen, und niemand hat erfahren, wohin es gekommen. Man will nachher noch öfter in diesem Zimmer vom Treiben der Fingerlinge etwas wahrgenommen haben, als aber die Neugierde wuchs und die Lauscher es darauf anlegten, etwas zu erlauern und zu erlugen, haben die Fingerlinge das Schloß verlassen, das verheißene Glück ist aber bei dem Geschlecht dauernd geblieben, aus den Freiherren sind Grafen geworden.

Einem spätern Besitzer des Schlosses Prassen rief wispernd, als er beim Mahle saß, eine feine Stimme zu, er solle nach dem bewußten Zimmer gehen und hineinrufen: Rotöhrchen! Gelböhrchen ist tot. Als er dies tat, so antwortete eine Stimme: So? Ist Gelböhrchen tot? O große Not! O große Not! – und seitdem habe sich kein Fingerling mehr auf Prassen spüren lassen. Diese beiden Namen aber erinnern an den neckischen Wasserkobold im Flüßchen Spreu im Frankenlande, Schlitzöhrchen geheißen.

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274. Die Kobolde

274. Die Kobolde

Was im alten Preußenlande die Barstukken, das sind im nordwestlichen und südlicheren Deutschland die Kobolde, denen allda der Namen gar viele und mannigfaltige zugeteilt worden sind, so Heinzchen (bis Aachen), Hütchen und Hinzelmännchen (im Münsterlande), Knechtchen, Kurd Chiemchen, Heimchen (im Vogtlande), Hütchen und Wichtlein (in Thüringen und Franken bis nach Böhmen). Ihre Verrichtung ist fast überall dieselbe: Haus-, Küche-, Boden-, Keller- und Stalldienstleistung, ihr Lohn ein hingestelltes Schüsselchen mit Essen oder Milch. Ihr Anblick ihnen selbst vom Menschenauge unlieb – meist unhold, oft grauenhaft, nackt, in kleiner Kindesgestalt, ein Schlachtmesser durch den Rücken. Ein Kobold auf einem Schlosse zu Flügelau hieß Klopfer. Der tat lange Zeit treulich alle Arbeit, bis eins vom Hausgesinde darauf bestand, ihn sehen zu wollen, da fuhr der Klopfer als Feuerflamme zornig zum Schornstein aus und entzündete das Schloß, daß es bis auf die Mauern abbrannte. Ein ähnlicher Hausgeist auf dem Schlosse Calenberg hieß Stiefel; wieder ein anderer beim Dorfe Elten im Herzogtum Cleve hieß Ekerken (Eichhörnchen), der war von echter Koboldnatur, mehr neckisch und tückisch als hilfreich: man sah von ihm nur bisweilen eine kleine Hand wie die eines Kindes.

Aller Kobolde Kobold aber war der vielberufene Hinzelmann.

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275. Hinzelmann

275. Hinzelmann

Hinzelmann

Im Lüneburger Lande auf dem Schlosse Hudemühlen über der Aller begann man im Jahre 1584 zuerst einen Poltergeist zu spüren, der seine Anwesenheit durch allerlei Pochen und Lärmen kundgab; dabei aber ließ er es nicht lange bewenden, sondern er begann zu reden und zu sprechen, erst mit dem Gesinde, dann auch mit dem Schloßherrn, endlich auch mit fremden Gästen, was im Anfang allen gar graulich vorkam, unverhofft eine Stimme bei sich im Zimmer oder in der Küche vernehmlich reden zu hören und doch keinen Redenden zu erblicken. Da aber diese Stimme gar mild und fein war wie die eines Kindes, da der Spukgeist niemand beleidigte, vielmehr oft lachte, Kurzweil trieb, auch sang, so wurden die Schloßgenossen allmählich an ihn gewöhnt, so daß sie sich nicht mehr fürchteten und grauten, ja an ihn die Frage wagten, wer und woher er sei, wie er heiße, was er gerade auf Hudemühlen zu schaffen habe. Darauf erwiderte er, daß er vom böhmischen Gebirge komme, dort sei seine Gesellschaft, die wolle ihn nicht leiden, deshalb sei er ausgewandert, bis sich seine Sachen in der Heimat besserten. Er heiße Hinzelmann, auch Lüring, und habe eine Frau, die heiße Hille Bingels, von der er jetzt getrennt lebe. Einst werde er sich auch sichtbar zeigen, jetzt schicke es ihm noch nicht, und er sei ein so guter und ehrlicher Hausgeist als irgendeiner und viel besser als viele schlimme.

Das war nun dem Schloßherrn und dem Gesinde auf Hudemühlen verwunderlich anzuhören und ganz grauerlich, mit so einem wunderseltsamen Gesellen zusammenzuleben, der nicht daran dachte, seinen Abzug bald zu nehmen, und da dachte der Schloßherr, du willst ihm aus dem Wege gehen und nach Hannover ziehen. Ließ derohalb den Reisewagen zurichten und fuhr nach Hannover zu. Auf der stillen, öden, menschenleeren Strecke zwischen Essen und Brockhof sahen Kutscher und Diener fort und fort eine kleine weiße Flaumfeder neben dem Wagen herfliegen und wußten gar nicht, wie das zugehe, daß diese Feder fort und fort den Wagen begleitete. Als nun der Schloßherr eine Nacht in Hannover zugebracht hatte, war seine goldne Halskette fort, und er machte deshalb Lärm und beschuldigte die Leute im Hause der Entwendung, der Wirt aber nahm sich seiner Leute an und verlangte Beweis oder Genugtuung. Tief verstimmt darüber saß der Schloßherr auf seinem Zimmer, da fragte es neben ihm: Warum bist du traurig? Wohl wegen der Kette, so dir fehlt? – Wie? Du bist hier, Hinzelmann? Mir gefolgt? Und warum? Wo ist die Kette? – Sahst du nicht die weiße Feder, die neben deinem Wagen flog? fragte der Geist. Das war ich, und ich folgte dir zu deinem Besten! Die Kette hast du gestern abend selbst unter dein Hauptkissen verborgen. – Und siehe, es befand sich also. Dem Schloßherrn war zwar lieb, daß die Kette wieder da war, aber daß Hinzelmann da war, das war ihm nicht im mindesten lieb, und zürnte mit dem Geist und beschloß, wieder auf Schloß Hudemühlen zurückzureisen, da er dem Kobold nicht entgehen konnte und dieser an seine Person sich fesseln zu wollen schien. Auf dem Schlosse Hudemühlen nun verwaltete Hinzelmann den Küchendienst in musterhafter Weise; er spülte auf, kehrte scheuerte, putzte, mahnte Knechte und Mägde zum Fleiße an, teilte wohl auch nötigenfalles Scheller aus, pflegte auch der Rosse, wusch, kämmte, striegelte sie, daß sie zunahmen und glatt und glänzend aussahen wie die Aale. Hoch im Oberstock des Hauses Hudemühlen hatte sich Hinzelmann ein Kämmerchen zur Wohnung ausersehen, darin hatte er einen kleinen runden Tisch, einen Sessel, dessen Sitz das zierlichste Strohgeflecht war, das man nur sehen konnte, und welches er selbst kunstreich verfertigt, und eine kleine zubereitete Bettstatt, die aber nie verrammelt war, nur ein Grübchen, wie etwa eine Katze macht, wenn sie sich auf ein Bette legt, fand sich jeden Morgen darin. Aus das Tischchen kam eine Schüssel süße Milch mit Semmelbröckchen, das leckte und schleckte der Hinzelmann so rein aus wie ein Kätzlein sein Schüsselchen. Bisweilen speiste der Geist aber auch mit an Tafel, wo ein Gedeck für ihn bereitgehalten ward. Hinzelmann war gern fröhlich mit den Fröhlichen, sang Reimverschen und Scherzlieder, doch nie eins, das unehrsam gewesen wäre, neckte gern, doch ohne Tücke, und hatte wohl seine Freude daran, wenn das Gesinde aneinander geriet, hetzte auch wohl ein wenig zu und ließ die Schläge, die es dann gegenseitig setzte, bis zu roten Striemen und blauen Flecken gedeihen, aber nicht weiter, daß Gesundheit und Leben nicht litten. Wenn die Gäste einander in die Haare gerieten und vom Leder ziehen wollten, konnten sie die Degen nicht aus den Scheiden bringen, oder es fand sich kein tödliches Gewehr, weil der Hinzelmann alles versteckt hatte. Einen Edelmann, der sich vermaß, den Hinzelmann mit Hülfe einiger Bewaffneten auszutreiben, foppte der Geist weidlich und schreckte ihn dann in Gestalt einer großen Schlange. Einen andern verhöhnte er und sagte ihm, was derselbe noch nicht zu wissen schien, daß er ein großer Narr sei. Als aber gar ein Teufelsbanner kam, der ihn mit Formeln wegplappern wollte, so riß ihm der Geist das Beschwörungsbuch in hundert Fetzen, warf diese im ganzen Zimmer herum und kratzte den Banner blutrünstig, gleich als sei er eine böse Katze. Der Geist hielt sich auch zum christlichen Glaubensbekenntnis, wenn er schon bei dessen Hersagung mit leiserer und heiserer Stimme über manches hinwegglitt; er sang auch geistliche Lieder mit solchen, denen er wohl gewogen war, und diese mit seiner klarer Stimme, genug, es war ein sehr wunderlicher Geist. Einem Freund des Hauses, der vorbeiredete und dies ins Schloß melden ließ, der aber die Einladung Hinzelmanns wegen abschlug, weil er nicht mit einem Teufelsgespenst am Tische sitzen wollte, drohte Hinzelmann mit Rache, machte ihm die Pferde beim Weiterfahren scheu, brachte ihn in Angst und Schreck und warf Wagen und Gepäck und den Reisenden zwischen Hudemühlen und Eickelohr in den Sand.

Dem weiblichen Geschlecht war Hinzelmann sehr gewogen und sehr freundlich und umgänglich mit demselben. Besonders erfreuten sich die Schloßfräulein Anna und Katharine seiner Gunst; er unterhielt sich gern mit ihnen, begleitete sie, wenn sie über Land fuhren, als Flaumfeder, ja er schlief zu ihren Füßen auf ihrem Deckbette. Es war aber diese Neigung des Geistes für die beiden Jungfrauen von äußerst lästiger Art, denn er verscheuchte ihnen alle Freier, und es ist dahin gekommen, daß sie beide ledig geblieben und ein hohes Alter erreicht haben. Hinzelmann warnte manchen vor Unglück und Schaden, so eine» tapfern Obersten, der zum Besuche nach Hudemühlen kam und ein guter Schütze und großer Jagdfreund war. Derselbe rüstete sich zu einer Jagd, als Hinzelmann sich vernehmen ließ: Thomas, siehe dich im Schießen vor, sonst trifft dich ein Unglück. Der Oberst achtete der Warnung weiter nicht, aber bei der ersten Jagd zersprang ihm beim Abdrücken auf ein Wild die Büchse und schlug ihm den Daumen weg. Ein anderer mutiger Kriegsmann kam auch zum Besuch, das war ein Herr von Falkenberg, der ließ sich viel mit Hinzelmann in Gespräche ein, neckte ihn und führte allerhand Spottreden gegen ihn, die den Geist verdrossen. Endlich sagte Hinzelmann: Falkenberg, Falkenberg, jetzt verspottest du mich! Komm nur in ein Treffen, da wird dir das Spotten wohl vergehen! – Dem Herrn von Falkenberg waren diese Worte sehr bedenklich, er schwieg und ließ den Geist in Ruhe. Bald darauf zog Falkenberg im Dienste eines deutschen Fürsten mit zu Felde, da riß ihm im ersten Treffen eine Falkonettkugel das Kinn hinweg, und nach drei Tagen starb er an dieser Wunde unter den größten Schmerzen. – Einen übermütigen und hoffärtigen Schreiber äffte und tückte Hinzelmann vielfältig, störte ihn in seiner Liebschaft und quälte ihn des Nachts. – Eine Magd, die den Hinzelmann gescholten hatte, sperrte er eine ganze Nacht lang in den Keller hinter Schloß und Riegel, wo sie sich fast zu Tode fürchtete.

Da der Schloßherr wiederholt in Hinzelmann drang, sich ihm doch einmal zu zeigen oder sich mindestens anfühlen zu lassen, gab auf langes Drängen und Bitten Hinzelmann endlich nach und sagte: Siehe, da ist meine Hand. Da fühlte der Schloßherr hin, und es war ihm, als fühle er die Finger einer kleinen Kinderhand, aber kalt, und blitzschnell zog der Geist sie zurück. Als nun der Herr auch bat, ihm sein Antlitz befühlen zu dürfen, und Hinzelmann es zugab, so tastete der Herr an einen kleinen kalten Schädel, der ihm fleischlos zu sein schien, ehe er aber deutlich fühlen konnte, war der Schädel zurückgezogen. – So hatte auch die Köchin die leibliche Ruhe nicht mehr, sie wollte den Hinzelmann durchaus einmal sehen, er sagte ihr aber immer, es sei noch nicht an der Zeit, sie würde ihren Vorwitz bitterlich bereuen, aber sie hielt an, wie das kananäische Weib, bis ihr endlich Hinzelmann sagte, sie möge andern Tages vor Sonnenaufgang hinab in den Keller kommen, aber in jeder Hand einen Eimer Wasser mit hinunterbringen. Das deuchte ihr ein seltsam Verlangen, aber ihre stachelnde Neugier überwog jedes Bedenken, sie ging in den Keller und brachte das Wasser mit. Erst sah sie gar nichts, endlich aber fielen ihre Augen auf eine Mulde in der Ecke, und darin lag ein etwa dreijähriges nacktes totes Kind, dem steckten kreuzweis übereinander zwei Messer im Herzen, und der ganze kleine Leib war mit Blut überlaufen. Über diesen Anblick entsetzte sich die Magd so sehr, daß sie laut aufschrie und dann ohnmächtig niederstürzte. Da nahm der Geist die Wassereimer und goß ihr deren Inhalt über den Kopf, einen nach dem andern, da kam sie wieder zu sich, sah die Mulde und das Kind nicht mehr und hörte nur Hinzelmanns Stimme: Siehst du? Ohne das Wasser wärst du hier im Keller gestorben und nicht wieder zu dir gekommen! – So ungern und so wenig Hinzelmann sich Erwachsenen zeigte, und dann meist schrecklich, so gern gesellte er sich sichtbarlich als ein schönes Kind unter Kinder, spielte mit ihnen, hatte gelbes Lockenhaar bis über die Schultern hängen und ein rotes Sammetröcklein an. Wenn aber Erwachsene seiner gewahr wurden, schwand er sogleich aus dem Kinderkreise hinweg. Als der Geist vier Jahre lang auf Hudemühlen zugebracht, schied er freiwillig und verehrte noch vor dem Scheiden dem Schoßherrn dreierlei Andenken, das war ein kleines Kreuz, von Seide geflochten, fingerslang, inwendig hohl und gab geschüttelt einen Klang von sich, dann ein sehr kunstvoll geflochtener Strohhut und endlich ein lederner Handschuh mit Perlenstickerei in wunderbaren Figuren. Solange diese Stücke in guter Verwahrung beisammenblieben, solle des Hauses Geschlecht blühen und wachsen, würden sie aber mißachtet und verzettelt, so würde das Gegenteil stattfinden. Diese Stücke sind hernach im Besitz der beiden alten Fräulein Anna und Katharine geblieben und von ihnen bis zu ihrem Tode gar hehr gehalten und nur selten gezeigt worden, dann fielen sie an ihren Bruder, der sie überlebte, zurück, kamen auf dessen einzige Tochter, die sich vermählte, und sind dann wahrscheinlich verstreut worden. Hinzelmann schied im Jahre 1588 von Hudemühlen und soll hernach zu Estrup, auch im Lande Lüneburg, seinen Aufenthalt genommen haben.

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264. Die heilige Dorothea

264. Die heilige Dorothea

Es war im Preußenlande eine fromme Wundertäterin Dorothea; die Gabe der Weissagung war ihr verliehen, und sie hat auch den Fall des Deutschen Ordens vorausgesagt. Als sie unzählige Wunder getan und viele Wallfahrten verrichtet hatte, verschloß sie sich in eine Bußzelle am Dom zu Marienwerder, und als sie ihr Ende herannahen fühlte, ließ sie den Domherrn Johannes von Marienwerder rufen, daß er ihre letzte Beichte höre. Als die Mitternachtstunde kam, umwogte eine himmlische Helle das enge Gemach der frommen Büßerin, und Engelstimmen erklangen in harmonischen Chören zwei Stunden lang um ihre Zelle. Währenddessen ward Dorotheas Seele zu Gott enttragen, und es fingen des Domes Glocken von selbst zu läuten an, und das dauerte so lange, bis jener himmlische Gesang zu Ende ging. Im kleinen Chor der Domkirche zu Marienwerder wurde Dorothea beigesetzt, und noch an ihrem Grabe geschahen große Wunder, und Scharen frommer Pilger wallten zu demselben. Das Volk sprach sie heilig, wenn auch nicht der Papst zu Rom. Denn die römische Kirche hatte schon eine Heilige dieses Namens, die unter Diokletian ihr Martyrium empfing.

Eine zweite Heilige des gleichen Namens wurde unter Kaiser Nero enthauptet samt ihrer Schwester Euphemia, und eine dritte litt dieselbe Strafe ihrer Glaubenstreue zu Cäsarea in Kappadozien.

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265. Die Geister auf der Christburg

265. Die Geister auf der Christburg

Da, wo heute die Stadt Christburg liegt, war eine Heidenfeste, welche der Marienorden lange belagert hielt. Endlich in einer heiligen Christnacht ward die Feste von dem Orden erobert und von da an besessen und empfing von dem Tage an den Namen Christburg. Das Schloß wurde neu erbaut und mehr und mehr befestigt und war lange Jahre ein starkes und unüberwindliches Bollwerk gegen das Heidentum. Da kam die Zeit, daß sich der Orden beriet, Krieg zu führen gegen den tapferen Polenkönig Jagiello, da war ein Komtur auf Christburg, der hieß Otto von Sangerwitz, der sah dieses Krieges unglückseliges Ende voraus und widerriet ihn. Allein er wurde überstimmt und mußte mit ausziehen. Da nun der Auszug begann, so fragte ein Chorherr den Komtur: Wem willst du nun dieses Schloß anvertrauen? – und darauf antwortete Otto von Sangerwitz ganz heftig: Dir und allen bösen Geistern, die zu diesem Kriege geraten haben! – Über diese harte Antwort erschrak der Chorherr heftig, fiel in ein hitziges Fieber, und andern Tages war er tot. Von Stund an mußte sein Geist im Schlosse zu Christburg spuken. Als nun die unglückliche Schlacht am Tannenberge geschlagen war, in welcher unter so vielen anderen tapfern Streitern auch der Komtur von Christburg fiel, kehrten die Geister aller Kreuzherrn, die zu diesem verderblichen Kriege geraten hatten, der den Orden fast ganz aufrieb, auf das Schloß Christburg zurück und spukten dort greulich. Kein Mensch hatte Ruhe vor ihnen, es ging alles darunter und darüber. Die Pferde standen unversehens in der Küche, wenn der Koch an sein Geschäft gehen wollte, und wenn die Knechte auf den Boden gingen, Futter für die Pferde zu holen, lagen die Weinfässer droben; der Kellermeister, wenn er in den Keller kam, fand einen Brunnentrog und Wasserkübel. Ein neuer Komtur des Namens von Frauenburg konnte es nicht auf dem verwünschten Schlosse aushalten; die Geister hingen ihn im Brunnen auf, setzten ihn auf den First des höchsten Daches, zündeten ihm seinen Bart an, daß er brannte wie ein Strohwisch – bis er von dannen zog, und blieb kein Ritter mehr dort, ward also das Schloß verlassen und verfiel. Da kam einstmals nach ein paar Jahren ein Schmied aus Christburg von einer Wallfahrt heim und hörte von dem Spuk, wie es zugehe da droben auf dem Schlosse, daß die Ordensritter, wenn sie essen wollten, die Schüsseln voll Blut gefunden hätten, und wenn sie hätten beten wollen, hätten sie Kartenspiele in den Händen gehabt statt der Breviere, und da dachte der Schmied, er wolle doch auch einmal sich hinaufmachen auf das wüste Schloß, ging aber weislich nicht abends, sondern am hellen Mittag hinauf. Und wie er auf die Brücke kam, da traf er gleich einen Bekannten, der sein Gevatter war, und hatte ihm ein Kind aus der Taufe gehoben, und war der Bruder des Komturs Otto von Sangerwitz. Den schrie der Schmied fröhlich an und freute sich, ihn wiederzusehen – sei ihm doch, als habe er gehört, der Herr Gevatter sei auch in der Tannenberger Schlacht geblieben. Und wie es komme, daß die Leute drunten in der Stadt sich so wunderliche Dinge von dem Schloß erzählten? Der Ritter sprach: Folge mir, ich will dir zeigen, wie das alles kommt. Und führte ihn über Wendelstiegen und durch Säle und Hallen und zeigte ihm des Unfuges und des Greuels so viel, daß dem Schmied die Haare sich zu Berge hoben. Dann gingen sie wieder aus dem Schlosse, und hinter ihnen schallte ein Heulen und Wehklagen wie das Heulen der Verdammten, und konnte nicht entsetzlicher und schrecklicher sein in der untersten Hölle. Und da sprach der Ritter zu dem Schmied: Gehe hin und sage dem neuen Hochmeister an, was du hier gehört und gesehen, denn so war unser Leben, und so ist nun unser ewiger Jammer; und sage ihm, er solle den Orden bessern. Und als diese Worte gesprochen waren, verschwand die Gestalt des Komturs vor des Schmiedes sichtlichen Augen, und es grauste ihn, denn nun erst nahm er wahr, daß er mit einem Geiste es zu tun gehabt, und allerdings war auch dieser Bruder in der Tannenberger Schlacht geblieben.

Seinen Auftrag zu vollziehen, ging der Schmied zum neuen Hochmeister und sagte ihm treulich alles an, dieser aber ergrimmte über solchen Bericht, als wolle der Schmied seinen hochwürdigen Orden schänden, ließ ihn greifen und verurteilte ihn zum Tode des Ersäufens.

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266. Der Irrgarten

266. Der Irrgarten

Als die Lust und Neigung, gen Jerusalem zu ziehen und die Heilige Stadt gegen den Feind zu schirmen und zu verteidigen oder wieder einzunehmen, wenn sie in Feindes Händen sei, was des Deutschen Ordens erster Zweck und erste Aufgabe war, bei dem Orden in Abnahme kamen, ward ein Ausweg ersonnen, das Gelübde scheinbar zu erfüllen. Es wurden in der Nähe der befestigten Schlösser Irrgänge mit Gräben und Verschanzungen angelegt, diese stellten die Heilige Stadt vor und wurden Jerusalem genannt, dann wurden Kriegsübungen vorgenommen mit Angriff und Verteidigung. Eine Zeitlang mochte es damit den Rittern ernst sein, bald aber wurde ein Schimpfspiel daraus, eine Kurzweil, die den schwelgerischen Gelagen folgte. Auch bei Riesenburg war ein solcher Irrgarten und in ihm ein großes Kreuz gegraben, da ist es nun geschehen, daß die Ritter, welche den Ernst der Eroberung Jerusalems zum Schimpfspiel verdreht hatten, durch die Irrgänge spuken mußten zu ihrer großen Qual, aber in das Kreuz kamen und durften die Geister nicht hinein. Hatten sie früher ihre Knechte durch den Irrgang gejagt und getrieben, so trieben nun die Knechte die Ritter und wurden hinwiederum von Teufeln getrieben, ein toller Spuk, der durch die Nächte bis zum ersten Hahnschrei währte.

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