346. Die Totenglocke

346. Die Totenglocke

Zu Calbe an der Milde, dem Sitze der edeln Herren von Alvensleben, steht das feste Haus, wie man das Stamm- und Ahnenschloß dieser alten und begüterten Familie nennt, und in diesem Hause hing eine Glocke, die begann von selbst anzuschlagen und zu läuten, wann ein Glied der Familie derer von Alvensleben mit Tode abgehen sollte, mochte sich dieses auch in den fernsten Landen befinden. So wunderbar die Eigenschaft dieser Glocke war, so wenig Angenehmes hatte sie für das lebende Geschlecht, dessen zahlreich verzweigter Stamm in vielen Gliedern blühte, wenn sie so plötzlich in das schönste Frühstück oder Mittagsmahl hinein ihre schaurige Prophetenstimme erschallen ließ. Da hatte einer des Geschlechts den einfachen und gar nicht übeln Gedanken, die Glocke zu beseitigen. Mit einem Male war sie weg, und noch heute weiß keiner, wo sie geblieben.

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347. Die Frau von Alvensleben

347. Die Frau von Alvensleben

Die Chroniken melden von einer frommen adeligen Witwe aus dem alten Geschlechte derer von Alvensleben, daß sie gar gütig, gottesfürchtig, mildtätig und hülfreich gewesen, absonderlich stand sie den Bürgerfrauen zu Calbe im Werder gern bei in schweren Kindesnöten. Da kam einmal in einer Nacht eine Botin vor das Schloß und rief zu der Edelfrau hinauf, sie wolle doch ja aufstehen und sich ankleiden und ihr folgen zu einer Frau, die in äußerster Not und Gefahr schwebe und wisse ihres Leibes keinen Rat, und wohne die Wöchnerin nahebei draußen vor der Stadt. Darauf erwiderte die Edelfrau, daß es ja mitten in der Nacht sei, wo die Tore geschlossen gehalten würden, wie sie denn hinauskommen sollten? Aber die Botin antwortete, das Tor sei schon geöffnet. Und da ging die Frau von Alvensleben mit. Unterwegs flüsterte die Botin ihr zu, sie solle nicht bange sein, nur aber nichts annehmen von Essen und Trinken, was man ihr auch bieten würde. Das Tor war wirklich für sie geöffnet, und draußen im Felde währte es nicht lange, so kamen sie an einen Berg, der stand auf, und obwohl die Frau von Alvensleben nun sahe, daß dieser Gang keiner von den gewöhnlichen sei, so hatte sie doch keine Furcht und ging getrost weiter. Da kam sie in ein Gemach, darinnen fand sie ein kleines Weiblein liegen, das der Hülfe einer Wehmutter dringend bedurfte. Diese Hülfe leistete nun die Frau von Alvensleben dem kleinen Weiblein, und nachdem sie ihr Geschäft glücklich vollbracht und ein gesundes Kindlein zur Welt befördern helfen, rüstete sie sich wieder zum Hinweggehen und tat nicht, wie die gewöhnlichen Wehmütter tun, die gern und oft und viel essen und trinken und ihren Weck auch noch mitnehmen, sondern sie rührte von allem, was da für sie schon bereitstand, nichts an. Die Botin, welche sie hergeführt, brachte sie auch wieder zurück und leuchtete ihr mit der Laterne, wie sie vorher geleuchtet. Vor dem Tore des Schlosses aber blieb sie stehen, sprach noch einmal den Dank der Wöchnerin aus und gab ihr von dieser einen schönen güldnen Ring, indem sie sagte: Bewahret diesen Ring zum Andenken als ein heiliges Pfand und laßt ihn niemals von Euerm Geschlechte kommen. Solange der Ring in Euerm Geschlechte aufbehalten bleibt, so lange wird es fortblühen, geht er verloren, dann verlöschet Euer ganzer Stamm!

Als Hernachmals das Alvenslebensche Geschlecht sich in zwei Linien teilte, bis zu welcher Zeit der Ring sorglich aufbewahrt worden sein soll, da habe man, sagen einige, auch den Ring geteilt, doch damit viel Gutes nicht erzielt. Denn die eine Hälfte des Ringes sei in einem Feuer zerschmolzen, und seitdem sei auch die Linie, die sie besessen, in Verfall und Abnehmen gekommen und ergehe ihr nicht gut. Andere aber sagen, der Ring sei noch unversehrt aufbehalten, und damit er ganz sicher bewahrt bleibe, sei er in Lübeck in einem hohen Hause verwahrlich niedergelegt, wieder andere behaupten, er befinde sich noch bis zur Stunde im Hause zu Calbe und sei von einem gewöhnlichen einfachen Goldreif in nichts unterschieden.

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348. Der Adel der Marken

348. Der Adel der Marken

Da Kaiser Heinrich der Finkler, auch der Städtegründer geheißen, zu Stendal saß, hatte er im Sinne, gegen die Wenden zu ziehen, die damals noch jenseit der Elbe seßhaft waren, und rüstete lebhaft gegen sie, wie nicht minder der Wendenkönig Mizisla gegen ihn. Der hatte seinen Hauptsitz in Brandenburg und sandte Botschaft an Heinrich, die gar trotzig lautete. Da ließ der Kaiser einen alten räudigen Hund vorführen, vor der Abgesandten Augen erbärmlich stäupen und an einem Baume aufhängen, aus welcher symbolischen Antwort jene Heinrichs Sinn genugsam erkennen konnten. Darauf schrieb der Kaiser einen großen Landtag gen Stendal aus, rief alle Sachsen, Thüringer, Märker und sonstige Verbündete zusammen und ernannte viele tapfere und tüchtige Mannen, die nicht zu dem Fürsten- und Herrenstande gehörten, zu eitel Rittern und Edelingen und sprach: Adel – edel! Eid – halt! – und gab ihnen Waffen und Wappen; die aber zuvor schon Hauptleute und Heerführer gewesen, die wurden zu Grafen und Herren ernannt; so schuf sich Kaiser Heinrich ein kräftiges, dankbares und anhängliches Heer, rückte damit mitten im Winter über die zugefrorene Elbe vor Brandenburg, schlug Lager auf dem Eise, stürmte die Stadt, nahm sie ein, zerstreute und erschlug das Heer der Feinde und begründete seinem Volke feste Sitze in dem Obotritenlande. Daher der zahlreiche Adel in den Marken, die vielen reichen und blühenden edeln Geschlechter, daher die alte, feste, durch den Lug und Trug der Schwarmgeister nicht zu untergrabende unerschütterliche Treue gegen ihren König und sein Haus, die nicht nur in den edeln Geschlechtern, die im ganzen Volke der Märker lebt und ein Fels ist und ein rechter Markstein, über den die welschen Gaukler und ihre Affen nimmer schreiten dürfen.

Nach erkämpftem Siege erbaute Kaiser Heinrich auf dem Harlungerberge der Jungfrau Maria eine runde Kirche, baute weiter abwärts ein Blockhaus und nannte es Werben, weil er allda ferner um den Sieg werben wollte, den er auch erwarb, denn alle die Neugeadelten fochten neben denen vom alten Adel wie Löwen, und ihre Tapferkeit gewann dem Kaiser den Sieg.

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34. Chorkönig

34. Chorkönig

Das alte Münster zu Straßburg hatte Chlodwig erbaut, der Frankenkönig; es war ursprünglich nur ein hölzern Gebäu, und im Jahre 1002 brannte es Hermann, Herzog von Elsaß und Schwaben, der mit Kaiser Heinrich um die Kaiserkrone stritt, fast ganz zum Grunde nieder, doch blieb das Chor Karl des Großen stehen, aber 1007 schlug das Wetter hinein, und der Rest des Baues sank in Trümmer. Da geschah es, daß Kaiser Heinrich II. im Jahre 1012 gen Straßburg kam, des Münsters Untergang beklagte und sich die Regel und Ordnung der Chorherren vorlegen ließ, die gefiel ihm also wohl, daß er bei sich beschloß, der Bürde seiner Königskrone zu entsagen und ein Chorherr in Unser Lieben Frauen Münster zu Strasburg zu werden. Das erschreckte gar sehr alle seine Getreuen, denn das Reich bedurfte seiner, und redeten ihm zu, von diesem Vorhaben abzustehen; Kaiser Heinrich aber, den man seines frommen Sinnes und seiner Mildtätigkeit gegen Klöster und Stifte den Heiligen nannte – er war auch der Begründer des Bistums Bamberg – wollte mitnichten von seinem Vorsatz lassen. Nun war zu Straßburg ein Bischof, der hieß Werinhard, als dieser sähe, daß der Kaiser sich nicht abbringen ließe von seinem Vorhaben, so nahm er vor, ihm die geistlichen Gelübde abzunehmen, vor allem das Gelübde des Gehorsams. Wie der Kaiser das geleistet hatte, befahl er ihm kraft Gottes und in dessen Namen, die Kaiserkrone zu behalten und des Reiches Regiment und Herrschaft, das seiner nicht entraten könne. Der Kaiser sah sich überlistet, doch gebot er, so solle fortan an seiner Statt ein anderer Chorherr im Frauenmünster Gott dienen und das Amt versehen und am Altar für ihn singen und beten, der solle der Chorkönig heißen. Stiftete auch eine reiche Pfründe in das Gotteshaus, das war die Chorkönigspfründe, die hat bestanden weit über tausendundsiebenhundert Jahre. Und Bischof Werinhard war es, der hernach im Jahre 1015 den Grundstein zu dem steinernen Münster in Straßburg legte.

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349. Das Fräulein bei Wittenberge

349. Das Fräulein bei Wittenberge

Unterhalb Werben beginnt eine Landschaft, die nennt man in der Priegnitz, da liegt noch ein Fleck, heißt die alte Stadt, und darüber, wo jetzt Ackerfeld ist, erhebt sich ein hoher Hügel. Das soll die Stätte sein, wo früher das Schloß der Herren von Wittenberge stand und zu seinem Fuße das alte Wittenberge. Es ist nicht geheuer an diesen verödeten Stätten, und man sagt insonderheit, daß ein verwünschtes Fräulein dort wandere. Dieses Fräulein, als es noch im Leben wandelte, war einem Ritter verlobt, der von ihr hinweg in den Krieg ziehen mußte, und brach ihm die Treue. Als er voll Sehnsucht nach ihr heimkehrte, fand er sie als eines andern Weib, und zwar als das eines der Herren von Wittenberge. Darüber wurde der Hintergangene Bräutigam also zornig, daß er ein Heer sammelte, dem von Wittenberge Fehde bot und Burg und Stadt angriff, gewann und zerstörte. Dafür, daß durch seine Untreue so viele unschuldige Menschen umkommen mußten, wurde das Fräulein verwünscht, ruhelos umzugehen bis an das Ende der Tage. Von da an begannen die Einwohner der Stadt, soviel ihrer geflüchtet waren, die Stadt an einer andern Stelle wieder aufzubauen. Dieselbe hat jetzt eine berühmte Eisenbahnstation, und denkt dort niemand mehr an das wandelnde Fräulein.

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350. Wunderblut

350. Wunderblut

Von Blutregen und sonstigem Wunderblut gehen in den Marken viele Sagen. Zu Beelitz blutete eine Hostie fortwährend, weil ihr Leides geschehen war, und geschahen dorthin viele Wallfahrten. Zu Zehdenick drückte ein Weib eine geweihte Hostie in Wachs und vergrub sie, da sie einen Bierschank hatte, vor dem Bierfasse unter den Zapfen, das Bier zu mehren, wie jener fromme Klosterbruder zu Altenberge die Bienenstöcke. Aber von da ab hatte die Frau in ihrem Gewissen keine Ruhe, und sie mußte ihre Sünde beichten und offenbar machen. Da ihre Tat nun ruchbar ward, so ging man in ihren Keller und fand allda quillendes Blut an der Stelle, wo die Hostie vergraben lag. Man erhob die blutige Erde und trug sie in die Kirche, und es ward dahin alsbald ein großer Zulauf von Vornehmen und Geringen nach Zehdenick, selbst die Markgrafen Johannes und Otto von Brandenburg reisten dahin, begleitet von ihrer Schwester Mechtild, Herzogin von Braunschweig und Lüneburg, und dem Bischof Ruthgerus zu Brandenburg, und stifteten auf Anraten ihres Beichtigers zu Zehdenick ein Jungfrauenkloster Zisterzienserordens.

Zu Wilsnack in der Priegnitz verbrannte ein böser Edelmann Dorf und Kirche. Aber unversehrt blieb mitten in den Flammen der Altar, und es brannten seine Kerzen, und drei Hostien, die der Pfarrer dort verwahrt, lagen mitten auf der Leinwand, aber mit Blut besprengt, und eine Stimme mitten in der Nacht gebot dreimal hintereinander dem Pfarrer, Messe zu lesen am Altare der verbrannten Kirche. Und er tat also, und die heiligen Hostien taten große Wunder, daß zu ihnen die Gläubigen walleten und strömten aus allen nordischen Reichen.

Im Dorfe Schönhagen unweit Pritzwalk hat ein Hirschgeweih einen ganzen Tag und eine Nacht lang Blut geschwitzt, als eine Frau des Hauses von Pritzken gestorben war und begraben wurde, und niemand wußte solches Wunder zu deuten, denn schon seit vierzehn Jahren hing dieses Horn an einer und derselben Stelle. So auch schwitzte eine Magd zu Großmantel, einem Dorfe in der Gegend von Stargard, Blut, drei Tage hintereinander, daß alle Welt sich davor entsetzte.

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338. Zwei Frauen zugleich

338. Zwei Frauen zugleich

Alle Welt kennt die Sage von der Doppelehe des Grafen von Gleichen in Thüringen, wenigen aber mag bekannt sein, daß diese Sage in der Altmark ihren treuen Widerhall findet. Zu Aulosen in der Landschaft, die man in der Wische nennt, saß ein Herr von Jagow, der war gar fromm und gottesfürchtig, und diese Gemütsrichtung bestimmte ihn, seine Heimat und Frau und Kinder zu verlassen und gegen die Ungläubigen zu Felde zu ziehen, wie man dazumal insonderheit die Türken nannte. Dort aber geriet er in Sklaverei, und es trug sich mit ihm aufs Haar alles genau so zu, wie die Sage von dem Grafen von Gleichen meldet, Gefangenschaft, Gärtnerschaft, sowie Liebschaft mit der vornehmen Türkin, Eheversprechen, Flucht, Dispensation des Papstes und endliche Heimkehr. Die Frau von Jagow saß an einem Gründonnerstag mit ihren Kindern bei Erbsen und Stockfisch und dachte an ihren lieben Mann, als unversehens selbiger mit einem wunderschönen Frauenbild vor ihre Augen trat. Die Freude war groß und herzlich, und die beiden Frauen wurden zwei ebenso gute Freundinnen miteinander wie die deutsche und die morgenländische Frau von Gleichen und sind dies auch, was viel sagen will, unter allen Umständen bis an ihr Ende geblieben. Noch zeigt man der Türkin Bildnis unter den Ahnenbildern der Familie von Jagow, und der erfreute und nicht nur glücklich heimgekehrte, sondern auch glücklich bleibende Herr von Jagow stiftete auf den Gründonnerstag eine Armenspende, bestehend in Erbsen und Stockfisch, zu seinem ewigen Andenken, nebst einer Zugabe von Speck und Brot, und haben sich seitdem viele tausend Arme an diesem Tage dort trefflich sattgegessen. Die türkische Gemahlin aber wurde nach ihrem Ableben zu Großen-Garz in eine Gruft beigesetzt; ihr Körper wurde noch als Mumie gezeigt, und ein Leichenstein in derselben Kirche ließ die beiden gleichzeitigen Frauen des Ritters nebeneinander erblicken, gleich dem Leichenstein des Grafen von Gleichen zwischen seinen beiden Frauen im Dome zu Erfurt.

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33. Der Mühlenbär

33. Der Mühlenbär

Im Elsaß, in der Gegend von Niederbronn und Gunthershof, liegt eine Mühle, in der sollte es gar nicht richtig sein, ein Bär sollte in ihr spuken. Wenn ein Mühlarzt zugereist kam oder aber am Werk etwas verbrochen war und ein solcher berufen werden mußte, blieb keiner länger denn eine Nacht in der Mühle, denn das Gespenst litt sie nicht, und zuletzt drohte ihr Verfall und dem Müller Verarmung, denn es blieb auch kein Mahlbursche. Da kam eines Tages ein frischer kecker Klapperbursche dahergewandert, sagte sein Müllersprüchlein ohne Anstoß her und bot um guten Lohn und gute Kost seine Dienste an. Der Müller war froh, daß wieder einer kam, nahm ihn gern in Dienst und hieß ihn die nächste Nacht mahlen. Der neue Bursch hatte schon von dem Mühlspuk gehört, fürchtete sich nicht, ließ sich gegen Mitternacht vom Glöcklein wecken, schüttete frisch auf, tat einen guten Zug aus der Bulle und legte sich auf ein paar Mehlsäcke, zu schlafen, neben sich legte er aber die scharfgeschliffene Mühlbarte. Er war noch nicht ganz eingeschlafen, als die Türe der Meisterstube, die herein in das Werk führte, aufging und ein schwarzer Zottelbär in die Mühle getreten kam. Er schnoperte und griff erst am Beutelkasten herum, ging zum Scheidekasten, schritt die Treppe hinauf an die Trommel und wurde jetzt den neuen Mahlburschen gewahr, der, die Hand am Beile, die ganze Zeit über den Bären beobachtet hatte, denn die Laterne brannte hell. Jetzt reckte der Bär mit Gebrumm die eine Tatze nach dem Burschen aus, der, nicht faul, hob das Beil, hieb zu, und die Tatze lag am Boden. Laut auf heulte der Bär und stürzte in die Meisterstube zurück. Als man am andern Morgen das Frühmahl einnahm, fehlte die Müllerin; sie lag im Bette, und fehlte ihr der rechte Vorderarm, da holte der Bursche die Tatze, und die Tatze war der Vorderarm, und die Müllerin war eine unholde Hexe. Solchen Hexenspuk mit Müllerinnen, die auch als Katzen erscheinen und arge Teufeleien treiben, erzählt man sich auch viel in Thüringen und Sachsen.

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339. Jungfrau Lorenz

339. Jungfrau Lorenz

In der Nähe von Tangermünde war früher ein großer und weitausgedehnter Forst, dieser war Eigentum einer Jungfrau des Namens Lorenz. Der Wald war also groß, daß seine Herrin, als sie eines Tages in demselben lustwandelnd sich erging, sich verirrte und sich nimmer zurechtfinden konnte. Drei Tage lang irrte sie verzweifelnd in dem Waldesdickicht umher, nährte sich von Beeren und trank aus Rieselbächen. Sie glaubte schier, nie wieder des Waldes Ende zu finden und darinnen sterben zu müssen, so sehr sie auch den Himmel anrief, ihr Hülfe zu senden. Siehe da, als sie am dritten Tage wieder recht inbrünstig gebetet hatte, erschien ein Hirsch, der hatte ein Geweih wie Elche so groß und nahte ihr ganz zahm, neigte sich vor ihr und schaufelte sie, ehe sie sich’s versah, mit seinem mächtigen Geweih vom Boden empor und auf seinen Rücken und trug sie fort, immerfort durch den weiten Wald, sanft und recht wie stolz auf seine Last, bis sie endlich den Wald sich lichten und beim Heraustritt die Tore von Tangermünde vor sich liegen sah. So kam Jungfrau Lorenz wieder in ihrer Heimat an und erfüllte sogleich ein Gelübde. Sie schenkte einen guten Teil des Waldes der Nikolaikirche zu Tangermünde, ließ ihr Bildnis von Holz auf einem Hirschgeweih künstlerisch ausarbeiten und in der Kirche aufstellen mit der Verordnung, daß dasselbe bewahrt bleiben solle für alle Zeiten, und solange von der Kirche noch ein Stein auf dem andern stehe. Die Kirche blieb stehen und steht heute noch, und das Bild wird heute noch gezeigt, obschon die Stürme der Zeit so vieles brachen und änderten. Aus der Kirche wurde ein Lazarett, all ihre Bilderzier wurde entfernt oder zertrümmert, nur das Bildnis der Jungfrau Lorenz überdauert alles. Sie selbst scheint dasselbe unsichtbar zu schützen, Gepolter und unheimlicher Lärm entsteht, wann jemand nur wagt, an den Zacken des Hirschgeweihes etwas aufzuhängen. Der ganze Landstrich zwischen den Dörfern Grobleben und Bölsdorf, den die Jungfrau Lorenz an die Kirche schenkte, und in welchem jetzt kein Wald mehr ist, heißt noch immer das Lorenzfeld.

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340. Der Geiger im Chorrock

340. Der Geiger im Chorrock

Nahe bei Tangermünde liegen zwei Dörfer ohnweit voneinander, Ost- und Westheeren, und zwischen beiden liegt die gemeinsame Kirche. Der Pfarrer an dieser Kirche war aber vor langer, langer Zeit ein lustiger Bruder, dem die volle Flasche lieber war als der leere Kelch und die Fiedel lieber als die Orgel. Er verstand selbst gar schön und lustiglich die Geige zu spielen und gönnte seinen Beichtkindern die Tanzfreude viel mehr, als seine Herren Confratres im geistlichen Amte zu tun pflegen. So spielte er auch einstmals am heiligen Pfingstfeste seinen Pfarrkindern auf seiner Fiedel zum Pfingstreigen auf, der sich unter der hohen Linde lustig drehte. Es zog ein schweres Gewitter auf, doch die Frohen achteten dessen nicht. Der Dorflinde dichtes Laubdach bot lange Schutz gegen fallenden Regen. Der Donner begann zu rollen, aber der Lärm der Freude ließ ihn überhören. Warum hätten die Dirnen und Bursche nicht tanzen und jauchzen und sich freuen sollen, solange ihr Pfarrer es ihnen nicht verwehrte? Plötzlich zuckte ein entsetzlicher langer Wetterstrahl an der Linde nieder, ein fürchterlicher Donnerschlag krachte über den Tanzenden, streckte zwölf tanzende Paare tot nieder und warf den geigenden Pfarrer in den Staub, verwandelte seine Fiedel samt dem Bogen in Splitter und schlug ihm die rechte Hand ab oder den ganzen Arm. Der geigte nimmer wieder zum Tanze. – In Schlesien ist Ähnliches geschehen, daß der Blitz eine ganze Tanzgesellschaft erschlug.

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