980. Das Weidwiesenweiblein

980. Das Weidwiesenweiblein

Mag das Weidwiesenweiblein nun jenes verwunschene Fräulein vom Karlstein sein, wie einige sagen, oder auch nicht sein, so viel steht baumfest, daß selbiges Weiblein gehörig spukt. An der Wegscheid sitzt es und winselt zum Steinerbarmen, aber die Steine sind dort gar zu groß. Als Baumstamm saust es die steilen Bergwände prasselnd nieder und rollt hinter den Pferden des Reiters her, bis nahe an den Kaitl, dann ist’s weg. Auf dem Felsen hört man es herzzerschneidend schreien und wimmern; am schlimmsten hat sich’s im Jahr 1831, aufgeführt, nachdem es auch in den Jahren 1782 und 1783 gar arg gespukt und viel Redens von sich gemacht. Seine Gestalt war klein, sein Gewand schwarz, in der Hand trug es einen Tiegel und im Tiegel ein brennend Lämpchen. Ein großer Hut barg das spinnewebig runzelvolle Gesicht. Mit dem Lämpchen leuchtete es den Leuten ganz getreulich durch die dunkle Nacht, und kein Wind mochte das verlöschen, bisweilen aber hat es manche auch ganz ungetreulich irregeführt, besonders wenn sie sich im Kaitl recht bezecht hatten. Im letzterwähnten Jahre machte sich im Spätherbst der Brunnenwärter vom Nesselgraben auf und ging dem Winseln nach, das sich stark hören ließ, und verstieg sich hoch hinauf bis auf den Grat des Bergstocks, da hörte er das Gewinsel wieder tief unter sich, und unter ihm klaffte steilab die schüssige Wand. Da er mit Not wieder heruntergestiegen war, kam ein Bekannter zu ihm, das war der Kreiser von Helmbach, der stieg kecklich und mit Gefahr seines Lebens durch die Schrunden der Stimme nach und fand endlich ein uralt hockeruckeriges Weiblein, das saß in einer Felsenspalte wie eine Unke und greinte gotteserbärmlich, gab auf keine Frage eine Antwort, und wie der Bub sich zu ihm bog, krallte es ihm nach dem Gesicht. Der aber, nicht furchtsam und nicht faul, erwischt das Weiblein beim Schlafittich und zieht es nach sich bis auf die Matte, wo er vorher seine Joppen ausgezogen. Da läßt er’s fahren und bückt sich und zieht die Joppe an, und wie er umschaut, ist’s Weiblein weg wie weggeblasen. Da kommt ihm aber ein gewaltigs Grauen an, macht, daß er heimkommt, und wird acht Tage lang krank vor Schrecken. Nicht lange darauf ist das Weiblein auch auf den Kaitl gekommen, hat Gaben empfangen, aber nie dafür gedankt. Einige sagen, daß das Weidwiesenweiblein nachderhand mit seinem Lämpchen einem Fuhrmann geleuchtet, dem in finsterer Nacht beim Kalkofen ein Rad zerbrochen, dem sei das Leuchten ein großer Trost gewesen, und habe gesagt, als er das Hülfsrad angelegt: Tausend Dank! – und da hätte das Weiblein voller Freude gesagt: Hab‘ genug an einem Dank! Jetzt sieht mich niemand mehr! – sei darauf hinweggeschwunden und erlöst gewesen, wie das dienstfertige Licht zwischen Neundorf und Görkwitz im Vogtland.

*

 

981. Die übergossene Alm

981. Die übergossene Alm

Im bayrischen Hochgebirge ragt unter der weiten Kette mächtiger Alpenhäupter auch der Wendelstein sechstausenddreihundert Fuß hoch in die Lüfte, und ewiger Schnee bedeckt die Höhen ringsumher. Am Abhang dieses Berges war nordwärts eine Alm gelegen, die Kaiserer Alm genannt, die war gar blumenvoll, rings gute Weide, und standen schöne Sennhütten droben, mit frischen und lustigen Sennderinnen, die wußten gar nicht, wie gut sie es hatten, und weil sie es zu gut hatten, wurden sie übermütig, führten ein üppiges Leben und sannen auf allerlei Lustfrevel und unnütze Dinge. Sie hingen den Kühen silberne Glocken an und verguldeten den Stieren die Hörner; sie wuschen sich mit Milch und pflasterten den Weg zum Stall mit Käsen, wie der Hirte auf der Blümelis-Alpe seine Treppe. Wein ließen sie von Salzburg fäßleinweis heraufkommen und Schleckerbißlein auch, Rosinen, Mandelkern, Zucker und Zingiber, eingemachten versteht sich, Zimmet und Nägelein, Muskatblüt und -nuß, Pistazien und Zibeben, Datteln und Feigen, Marzipan und Biskuit. An Beten dachten selbige Dirnen die ganze Woche nicht, und den Sonntag auch nicht, und wenn die Woche herum war, wieder nicht, aber getanzt und gejuchezet haben’s alleweil genug. Und da haben sie einmal einen ganzen Tanzplatz von Käsen gemacht, und die Lücken mit Butter ausgefüllt, und sind darauf herumgetanzt, und haben gemeint, der Teufel könnte hernach mit seiner Großmutter und seiner Kameradschaft die Käs‘ schon fressen, daß er auch einmal etwas in seinen hungrigen Wanst bekäme. Aber nun war es verspielt und war Gottes Geduldfaden abgerissen, und in der Nacht, da heult’s und klopft’s und pocht und donnert an die Sennhütten, und seufzt und ächzt und stöhnt, und die Windsbraut kommt dahergefahren, und die ewigstarren Wellen im Steinernen Meer wogen und branden, und es ist, als ob vom Watzmann bis zum Zugspitz das ganze Gebirg in eins zusammenkrache und -donnere. Ganze Berge Lawinenschnee übergossen die Alm mit den sündigen Menschen darauf, war nur schad ums arme Vieh – und als der Morgen kam, da war auf der ganzen Alm ein Schmelz, wie ein Zuckerguß auf einer Linzer Torte, und glitzerte hell im Sonnenschein – eitel Eis und Schnee und glattgefroren wie eine Gletscherwand. Das ist nun die übergossene Alm, ein ewiges Wahrzeichen von der Menschen Frevel und Gottes Strafgericht.

*

 

977. Der Keferloher Jahrmarkt

977. Der Keferloher Jahrmarkt

Nicht weit von München liegt ein Ort, heißt Keferlohs, das hat einen berühmten Jahr- und Pferdemarkt, da strömt halb München hin, wo nicht noch mehr als halb, es geht dort alleweile lustig her, kramt sich dort mancher den schönsten Zopf, und wer Prügel wünscht, die könnte er dort prima Sorte spottwohlfeil haben, wohl gar umsonst, denn sie sitzen nicht fest auf dem Keferloher Markt. Des Marktes Ursprung aber wird davon abgeleitet, daß er eine Gabe Kaiser Ottos sei, weil ihm die Bayern, absonderlich die von München und Keferlohs, in der schweren Hunnenschlacht am Lech mit ihrer Reiterei zu rechter Zeit und Stunde zu Hülfe gekommen, da er schon den Sieg verlorengegeben. Da nun durch diese Reiterei der Sieg offenbar erkämpft worden, so habe der Kaiser flottweg die tapfern Bäuerlein zu Rittern geschlagen, die Pferdezucht und Wettrennen empfohlen und die Pferdemärkte eingesetzt. Da waren zwei Bauernführer dabei, die liebten einander, wie Hund und Katze einander lieben, so daß sie nicht einmal mehr miteinander in einer Kirche beten wollten; machten es wie jene Schwestern, baute sich jeder eine eigne Kirche, einer, der Niklas hieß, ein Niklaskirchlein, der andere ein Jakobskirchlein. Ein dritter Keferloher, der jene beiden noch überbieten wollte, ließ sich einen Pflug von purem Silber anfertigen und ackerte mit vier Pferden seinen getreuen Nachbarn vor der Nase herum, noch ließ er sich einen Maler kommen, da ging es fast wie im Liede: Meister Maler, wollt Ihr wohl – der sollte ihm ein Wappen malen und ihn hinein und den Pflug und die vier Pferde und den Acker und die beiden Nachbarn und deren Kirchen und den ganzen Keferloher Jahrmarkt. Was der Maler nicht in sotanes Bild bringen können, wird wohl außen geblieben sein.

*

 

978. Liebe findet ihre Wege

978. Liebe findet ihre Wege

Auf dem Chiemsee, nach dem Bodensee das größte deutsche Binnengewässer, liegen in nicht allzuweiter Ferne voneinander zwei Inseln, die Herren- und die Fraueninsel, und auf jeder ein Kloster, dem Namen entsprechend. Da war auf Herrenchiemsee ein Mönch und auf Frauenchiemsee eine Nonne, die hatten einander geliebt, ehe sie das Klostergelübde abzulegen gezwungen worden, und liebten einander fort und fort, wie dereinst Hero und Leander sich geliebt, wo nur Hero eine Nonne als Priesterin der Aphrodite war. Und in dunkeln Nächten brannte hell ein Licht in der Nonnenzelle gegen Herrenchiemsee zu, und in des Sees mächtiger Flut rauschte es leise, und es kam und schwamm herüber und hob sich zum Strande und gewann die Zelle und sein Lieb. Aber stetig lauert der giftige Neid, der keinem und keiner heimliche Liebe vergönnt, und in einer stürmischen Nacht löschte er, nachdem sie recht hell geflammt, die Kerze in der Nonnenzelle aus, und der Schwimmer erreichte nimmer sein Uferziel, die Nixe des Chiemsees zog ihn in ihre Umarmung und warf im bleichen Morgengraun nur seine Leiche an die Fraueninsel. Mitleidvoll gönnten die Nonnen dem toten Mönch ein Grab und hatten bald neben ihm eine zweite Leiche zu bestatten.

*

 

971. Die rechte Hand

971. Die rechte Hand

Es war ein junger Graf von Dachau, der liebte ein Ritterfräulein von Wolfratshausen, nahe dem Wurm- oder Würmsee gelegen, hatte aber einen Feind am Grafen von Starnberg, der ließ ihn auflauern durch seine Knechte, und da er von oder nach Wolfratshausen ritt, so erschlugen sie ihn nahe bei Berg am See und beraubten ihn und hieben ihm die rechte Hand ab, an deren Finger einem er einen Ring von seiner Braut trug, den wollten sie auch sich aneignen, aber da schnappte des Ermordeten Hund zu und faßte die Hand und trug sie fort, immer fort bis nach Dachau, zwischen Augsburg und München, und legte sie zu den Füßen der Mutter des Erschlagenen nieder. Da schrie die Mutter Ach und Weh zusamt der Braut, und ließen an der Stätte, wo die Tat geschehen, die bald kundbar ward, eine Kapelle bauen, die ist Hernachmals aber, weil sie zu fern vom Wege stand, bei die Notschweig hingebaut worden, und an der Empore der Kapelle ward die Geschichte bildlich dargestellt.

Bei Wolfratshausen hat vordessen auch ein Schloß gestanden, aber es ist versunken; darinnen ruht noch ein großer Schatz, den drei Fräulein und ein Hund hüten. Als diese drei noch beim Leben waren und geerbt hatten, waren zwei blind, die eine aber war halb schwarz, halb weiß und machte es bei der Teilung mit ihren Schwestern gerade so wie die Brüder auf der Burg am Rhein mit ihrer blinden Schwester: sie maß sich den vollen Scheffel Geldes zu und drehte dann den Scheffel um, deckte den Boden und ließ die Blinden fühlen, daß das Gefäß voll sei. Dafür fitzt sie der Teufel mit Ruten, bis die Haut in Fetzen von ihrem Leibe hängt, welche dann in der zwölften Stunde wieder zusammenwächst. Das soll so lange dauern, bis der Schatz gehoben ist.

*

 

972. Die Reismühle

972. Die Reismühle

Wenn man vom Starnberger See gen München zu pilgert, so führt der Weg anfänglich durch eine ziemlich öde Flur am Fuße einer Hügelkette hin, dann aber lenkt vom Fahrweg ein Fußweg ab zur Linken in den Wald, und dieser Wald ist nicht wie die andern Wälder ringsumher trauriges Nadelholz, sondern frischer blumenreicher Laubwald voll tiefen herrlichen Grünes, so daß man meint, in einem andern Landstrich Deutschlands zu sein. Und durch den Wald rollt ein Bach, und der Bach treibt eine Mühle, die wird die Reismühle geheißen, und das Tal heißt das Mühltal. Und über diesem Tale und dieser Mühle rauscht die deutsche Sage wie mit Adlerfittichen.

Es war nahe bei Freising ein Schloß, das hieß Weihenstephan; darauf wohnte eine Zeit der Frankenkönig Pipin und schirmte das Land gegen die Heiden. Und da er sich zu vermählen gedachte, sandte er seinen Hofmeister, der ein böser roter Ritter war, aus dem Schwabenlande bürtig, auch drei Söhne und eine Tochter hatte, ihm eine Königstochter aus dem Lande Britannia zu holen. Diese ward dem Ritter auch anvertraut und zog in seinem Geleit, der aber gedachte, seine eigene Tochter solle Königin werden, und zog aus Schwaben durch die tiefe Wildnis zwischen dem Ammersee und dem Würmsee, nicht weit von einem Heidenort des Namens Gauting, und in jenem Walde gebot er seinen Knechten, die fremde Braut zu töten, und nahm ihr ihre Gewande und ihren von Pipin ihr gesandten Verlobungsring und schmückte damit seine Tochter und führte diese dem Könige zu, daß sie dessen Weib ward. Nun aber hatten die Knechte Mitleid gehabt mit der schönen fremden Prinzessin, welche Bertha hieß, und sie mitnichten getötet, sondern ihrem Herrn nur ihres Hündleins Zunge gebracht zum Wahrzeichen, daß sie die Jungfrau getötet, und hatten ihm deshalb drei Eide schwören müssen. Die Jungfrau aber hatte den Knechten gelobt, nicht wieder heimzuziehen, und fand Unterkunft bei dem Müller im Tale dieser Wildnis und diente ihm sieben Jahre als eine Magd, und da sie ihr Gezeug zum Wirken mit sich genommen, auch etwas Seide und Goldfaden, so wirkte sie Börtlein, die trug der Müller gen Augsburg in die Stadt, da gab ihm eine Krämerin aber Gold- und Seidenfaden dafür und zwei volle Denare und hieß ihm mehr der köstlichen Arbeit bringen. Des war die Jungfrau froh und wirkte mehr, und der Müller empfing wieder neuen Stoff und dreißig Denare; das ging so fort drei Jahre lang, und die Käuferin hätte gar gern gewußt, wer so künstliche Börtlein wirke, die in diesem Lande niemand machen konnte, aber der Müller sagte ihr, wenn sie nicht nachlasse mit Fragen nach dem, was ihm zu sagen verboten sei, so gehe er weiter. Und der Müller wurde reich durch der Jungfrau Arbeit, sie aber begehrte nichts als ihre Nahrung und tat auch des Hauses Arbeit gern und willig. Und nach sieben Jahren jagte Pipin der König im Walde zwischen Gauting und Starnberg und kam ab von seinem Gefolge, doch war noch sein Astrolog und Arzt bei ihm, nebst einem Jäger und einem Knechte. Da ging der Jäger auch hinweg, den Weg zu suchen, und verirrte sich, denn vom Mühltal bis gen Weihenstephan war damals nichts als eitel Wildnis, und München ward erst über dreihundert Jahre später gebaut. Und jene fanden sich durch einen Köhler geleitet zur Reismühle und herbergten allda bei dem Müller als fremde Kaufleute, und Pipin scherzte mit der Jungfrau, die er für des Müllers Tochter hielt. Als es nun Abend ward, las der Astrolog in den Sternen und sprach dann zu Pipin: In den Sternen stehet, daß du heute sollt bei deinem Weibe sein und einen Sohn gewinnen, der wird ein Heidenüberwinder werden und sein Name noch größer als der deine. – Und siehe, im Wechselgespräche ward alles offenbar, und an seinem eigenen Ring an Berthas Finger erkannte Pipin, daß sie seine Verlobte war, und gewann sie zum Weibe. Sie wollte aber niemand verderben, und der König mußte ihr geloben, alles noch heimlich zu halten und sie in der Mühle zu lassen. Und der König gebot allen das tiefste Schweigen bei Leib und Leben. Hernach tat Pipin noch große Kämpfe gegen die Heidenschaft, allenden siegreich, und nach dreiviertel Jahren gebar Frau Bertha in der Reismühle einen Sohn, den brachte der Müller zur Taufe denselben Tag und ließ ihn Karl nennen, und ging dann zu Pipin und brachte ihm zum Zeichen, wie verabredet worden, einen Pfeilbolz. Und als der König seine Zeit ersah, da machte er alles offenbar, ließ den treulosen Hofmeister schmählichen Todes sterben, dessen Weib, die den Teufelsrat gegeben, vermauern und die Tochter, die, obschon unschuldig, doch den Trug vollendet hatte, gefangen halten. Darauf erhob er die edle Jungfrau zu seinem Ehegemahl, belohnte reich den Müller und zog mit Weib und Kind und allem Gefolge in das Frankenreich, wo Berthas Sohn, hernachmals Karl der Große geheißen, zu hohem Ruhm erwuchs.

*

 

973. Von der Münchner Frauenkirche

973. Von der Münchner Frauenkirche

In der Liebfrauenkirche zu München gibt es mehr als ein Wahrzeichen und geht mehr als eine Sage von ihr. Es ist ein herrliches stattliches Gebäu, zu dessen Grunde und Aufbau man den Mörtel mit bayrischem Wein bereitete. Die Kirche erhielt dreißig prächtige hohe Fenster, die zum Teil mit den herrlichsten Glasmalereien verziert sind. Als der Teufel einst voll Ärgers über den neuen schönen Tempel durch das Portal unterm Chore hineintrat, kam er auf eine Stelle zu stehen, wo er kein einziges von den Fenstern erblickte, und murmelte: Kein Fenster? Kein Licht? Daran erkenn‘ ich meine Münche – bon! – wandte zufrieden um und brannte nur seine Fußtapfe zum freundlichen Andenken in den Boden, die noch heute zu sehen. Hatte sich aber stark geirrt, der dumme Teufel.

So lang die Kirche ist, fast so hoch sind ihre Türme, dreihundertunddreiunddreißig Fuß. Auf dem linken südlichen Turme ist es nicht geheuer, er wird nur selten betreten. Jörg Gankoffen von Halspach (Haselbach bei Moosburg, wo noch sein Geburtshaus bezeichnet wird) hieß der Kirche Erbauer; er vollführte, wie eine Inschrift besagt, den ersten, den mittlern und den letzten Stein; zwanzig Jahre währte der Bau, und als der fromme Maurermeister den letzten Stein vollführt hatte, da starb er. Sein treues Bildnis ist noch innerhalb der Kirche zu sehen, neben ihm das Bildnis des Zimmermanns, der den Dachstuhl baute. Es wurden dazu nicht minder als vierzehnhundert Flöße, jedes aus fünfzehn bis sechzehn Bäumen bestehend, auf der Isar herabgeflößt. Da der Bau vollendet war, fand sich ein zugerichteter noch unverwendeter Balken, und dennoch fehlte nirgend auch nur eine Latte. Selbiger Trumm ist noch heute zu sehen. Der Meister soll selbst den Balken aus dem Gerüst genommen und gesagt haben: Nun komme her, wer da wolle, und sage mir, wo der Balken fehle, und wo er füglich hingehört! – Aber vor wie nach hat sich niemand gemeldet und ist ein Jahrhundert um das andere vorübergegangen, und der überflüssige Balken ist noch immer vorhanden.

Außer dem Hochaltar hat die Frauenkirche dreißig Altäre, einer derselben ist St. Benno geweiht, der nächst der Himmelskönigin Münchens und der Kirche Schutzpatron ist. Der heilige Leichnam Bennos ward aus Meißen, wo er gelebt und manches Wunder vollbracht, gen München geführt, und als er von da in bedrohlicher Zeit nach Salzburg geborgen wurde, später aber von dort zurückkam, übte der Heilige ein neues Wunder, denn alsbald hörte mit seinem Eintreffen die grimme Pest auf, welche damals zu München wütete, darum mit ward diesem Heiligen vorzugsweise der Name Wundertäter, Thaumaturgos, beigelegt.

*

 

974. Herzog Christophs Stein

974. Herzog Christophs Stein

In einem Hofe und Durchgang der alten Residenz zu München, unterm Torbogen zwischen dem Kapellenhof und Brunnenhof, liegt ein großmächtiger Stein an einer Kette, den auch ohne Kette keiner wegtrüge, so schwer ist er. Diesen selben Stein, der dreihundertundvierundsechzig Pfund wiegt, hat Herzog Christoph von Bayern mit eignen Händen nicht nur gehoben, sondern auch eine gute Strecke weit geworfen. Dieser Herr war also stark und kräftig, daß er gleicherweise auch einen Sprung zwölf Fuß hoch getan und einen in die Mauer gesteckten Nagel mit dem Fuße hinweggeschnellt. Zwei andere Springer, Konrad der eine, Philipp der andere geheißen, sprangen der eine zehnthalb Schuh, der andere neunthalb Schuh hoch. Die Inschrift an der Mauer, welche dies kündet, verheißt auch den Namen dessen zu verewigen, der noch höher springt.

*

 

975. Münchner Haussagen

975. Münchner Haussagen

An mehr als ein Haus zu München knüpfen sich Sagen, wie zumeist in alten Städten, und ließen sich deren allein Bücher voll sammeln. Mehrere sind aber insonderheit darum hervorzuheben, weil sie Wiederholungen von Sagen bilden, die weit von dieser Stadt im deutschen Norden lebendig sind. So steht auf einem Hause eine Dohle als Dachfahne, die einen Ring im Schnabel hält, an den sich die Sage von einem durch eine Dohle entwendeten Ring knüpft, die, wenn sie der vom Raben zu Merseburg auch nicht gleicht, so doch an sie erinnert.

Auf dem alten Hofgebäude stand ein Turm, darauf war ein steinern Affenbild zu erschauen, und die Sage wußte von einem Prinzchen zu erzählen, das ein im Schlosse gehaltener zahmer Affe geraubt, auf die Turmzinne getragen, aber endlich, da er sich nicht mehr verfolgt sah, gutwillig wieder heruntertrug und in des Prinzchens Wiege legte. Danach ward des Affen Bild in Stein ausgehauen, gerade wie jenes des Affen zu Dhaun, und auf den Turm gesetzt.

Am Schrannenplatz, nahe dem Wurmeck, allwo die Gestalt eines Lindwurms in Stein gehauen zu ersehen, der die Pest über München ausgehaucht und mit einer von den Kanonen, die vor der Hauptwache auf selbem Platz stehen, erschossen worden sein soll, war unter den Bögen Doktor Luthers Bild und seiner Kathi, wohl mehr zum Hohn als zum Ruhm, wie das zu München nicht anders sein konnte; und in der Sendlinger Gasse im Haus beim Koch in der Hölle, da sollte der Luther auf seiner Flucht – doch wohl auf der von Augsburg nach Hohenaschau, denn nur auf dieser einen Flucht könnte Luther München berührt haben – eilend getrunken und Bratwurst gegessen haben, letztere aber eben auch schuldig geblieben sein, just wie zu Wertheim am Main. Hernach haben sie zu München Spottbilder auf Luther ausgehen lassen, wie er mit der Bratwurst auf einer Sau davonreitet, ganz so wie der Reiter auf alten Spielkartenblättern unter der Eichelsieben.

*

 

976. Die fromme Barbara

976. Die fromme Barbara

Herzog Albert III. zu Bayern hatte eine Tochter des Namens Barbara, die war gar fromm und schamhaft und wollte nimmer heiraten und keinem angehören als Christo, dem himmlischen Bräutigam, und darum verschmähte sie selbst den Kronprinzen des Königs von Frankreich, für den bei ihrem Vater des Prinzen Vater Werbung um ihre Hand tun ließ. Da sich nun darob großer Verdruß erhob, so zergrämete sich das arme achtzehnjährige Jungfräulein und welkte hin, wie ihr Majoranstöcklein, das sie in ihrem Fenster pflegte, und welches abstarb. Und war nicht mehr fröhlich und sang nicht mehr und blieb stumm, wie ihre Vöglein, die acht Tage nach des Majorans Absterben von den Stänglein fielen und also tot blieben. Das Herz mocht‘ ihr schier zerspringen, wie ihre Busenkette, die sie zum Geschmuck von ihrem Herrn Vater geschenkt bekommen, acht Tage nach der Vöglein Ableben recht über dem Herzen zersprang. Und da aber acht Tage um waren, sank Barbara hin wie eine bleiche Lilie, entschlief und erwachte nimmer. Und da nun zweimal acht Tage vorüber waren, starb eine Ordensschwester, welche Barbara geliebt hatte, und aber nach zwei Wochen wieder eine, und das so fort, bis ihrer zwanzig gestorben waren, und ward einer jeden Seele in eine weiße Taube verwandelt, die flogen Barbara nach in den Himmel. Barbaras irdische Hülle ruht in St. Jakobs Kirche auf dem Anger zu München.

*