Star und Badewännlein

Ludwig Bechstein

Star und Badewännlein

Vor einem Wirtshaus im Walde hielt ein junger stattlicher Reitersmann, da trat eine feine Maid aus der Türe, grüßte ihn züchtig und fragte, was er begehre. Da heischte er einen Becher kühlen Weins, den brachte ihm die Jungfrau. Der Reitersmann trank aber nicht eher, bis die Maid mit ihren roten Lippen von dem Weine genippt und den Trunk ihm kredenzt hatte. Während er nun trank, trat die Wirtin aus der Türe, ein häßliches Weib von brauner Gesichtsfarbe und widrigem Ansehen. Die fragte der Reitersmann: »Holla, Frau Wirtin! Ihr habt fürwahr ein feines Töchterlein! Nicht also?«

»Nein, Herr!« antwortete die Wirtin, »diese Dirne da ist nicht meine Tochter, sie ist nur meine angenommene Magd, hat nicht Eltern und Heimat mehr. Habe sie angenommen aus Barmherzigkeit.«

Der Reitersmann fühlte Liebe zu der schönen Maid, stieg ab vom Roß, begehrte ein Nachtquartier und daß ihm die Magd ein Fußbad rüste, weil er gern mit ihr reden wollte. Die Wirtin gebot der Magd, in den Garten zu gehen und Rosmarin, Thymian und Majoran für das Bad zu pflücken. Dies tat sie gern und freudig, ging und brach die Kräuter, da flog ein Star auf ein Sträuchelein neben ihr und sang und sprach: »0 weh, du Braut! Du sollst dem Junker die Füße zwagen in dem Badewännelein, darin du hierher getragen worden! Dein Vater ist vor Herzeleid gestorben, und deine Mutter hat sich schier um dich zu Tode gegrämt.

O weh, du Braut, du Findelkind!
Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!«

Da erschrak die fromme Maid und grämte sich, rüstete das Bad unter Tränen in dem kleinen Wännelein und trug’s hinauf in die Stube, wo der junge Ritter ihrer harrte. Als der sie weinen sah, fragte er: »Warum weinest du, Schönste? Willst du nicht lieber mit mir fröhlich sein?«

»Wie kann ich mit Euch fröhlich sein?« fragte sie weinend zurück. »Ich weine über das, was mir der Star sang, da ich drunten im Garten die Kräuter pflückte in Euer Bad. Der Star, der sang: »O weh, du Braut! Du sollst dem Junker die Füße zwagen in dem Badewännelein, darin du hergetragen bist. Dein Vater ist vor Herzeleid gestorben, und deine Mutter hat sich schier um dich zu Tode gegrämt!

O weh, du Braut, du Findelkind!
Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!«

Da betrachtete der Herr das Badewännelein und sah daran das Wappen des Königs am Rhein, verwunderte sich über alle Maßen und rief: »Das ist meines Vaters Wappenschild! Wie kommt dies Wännelein in dies schlechte Wirtshaus?«

Da schlug ein Vogel draußen ans Fenster, das war wieder der Star, der sang: »In dem Badewännelein ist sie hergetragen!

O weh, du Braut, du Findelkind!
Weißt nicht, wer dein Vater und Mutter sind!«

Jetzt sah der junge Herr am Hals der Maid ein Muttermal und rief freudig aus; »Grüß dich Gott, du Schönste! Du bist meine liebe Schwester! Dein Vater war der König am Rhein! Christine heißt deine Mutter! Konrad heiße ich, dein Zwillingsbruder bin ich. Darum empfand mein Herz nach dir, gleich als ich dich zum ersten sah, solch ein heftiges Verlangen!«

Da fielen sie einander um den Hals und weinten beide, knieten nieder und dankten Gott und sprachen liebreich miteinander die ganze Nacht. Wie nun der Morgen graute, rief die Wirtin vor der Tür mit lauter Stimme und voll Hohn: »Steh auf, steh auf, du junge Braut, und kehre deiner Frauen die Stube aus!«

Da antwortete aber die Stimme Herrn Konrads: »Weder ist sie eine junge Braut, noch kehrt sie der Wirtin die Stube aus! Bringet uns nur selbst den Morgenwein!« Als die Wirtin mit dem Morgenwein hereingetreten war, fragte sie Herr Konrad: »Von wem und von wannen habt Ihr diese edle Jungfrau? Sie ist eines Königs Tochter und meine Schwester!«

Die Wirtin ward weiß wie eine Wand und fiel zitternd auf ihre Knie, brachte aber kein Wort hervor, des es auch nicht bedurfte, denn der Star war schon wieder am Fenster und verriet der Wirtin böse Tat, indem er sang: »In einem Lustgarten im grünen Gras saß ein zartes Kind in einem Badewännelein, und wie die Wärterin nur einen Augenblick zur Seite gegangen war, da kam die böse Zigeunerin und trug das Kind samt dem Wännelein von dannen!«

Darüber wurde Herr Konrad so entrüstet, daß er das Schwert zückte und es der Wirtin durch die Ohren spießte, zu einem hinein, zum andern heraus. Dann küßte er züchtig seine allerschönste Schwester, nahm das Badewännelein, führte sie an ihrer schneeweißen Hand aus dem Hause, hob sie auf den Sattel, und sie mußte das Badewännelein vor sich auf dem Schoß tragen. Auf ihre Schulter setzte sich der Star. So ritten sie vor das Königsschloß am Rhein, darin die Mutter, die Königin, herrschte, und als sie in das Tor einritten, kam ihnen die Mutter gerade entgegen gegangen. Die fragte verwundert: »Ach, mein liebster Sohn! Was für eine Dirne bringst du da herein! Sie führt ja ein Badewännelein mit sich, als ob sie mit einem Kinde ginge!«

»Oh, meine liebste Mutter!« antwortete der junge Königssohn, »sie ist drum keine Dirne, sondern ist eure Tochter Gertraud, die in diesem Wännelein Euch geraubt wurde!« Und da stieg die Prinzessin aus dem Sattel, die Königin aber fiel vor Freuden in eine Ohnmacht, aus der sie in den Armen ihrer Kinder wieder erwachte.

Der Star sang: »Heut sind es gerade achtzehn Jahre, seit die Königstochter geraubt und in dem Wännelein über den Rhein getragen worden ist!« Das sang der Star, und auch noch dies:

»Der Zigeunerin tun die Ohren so weh,
Sie wird keine Kinder stehlen mehr!«

Die Prinzessin aber ließ einen Goldschmied rufen, der mußte ein goldnes Gitterlein vor das Badewännelein schmieden, da hinein tat sie den Star und pflegte sein, bis an sein Ende.

Sonnenkringel

Ludwig Bechstein

Sonnenkringel

Es war ein Mann auf der Wanderschaft, der war aller Zehrung bar und allen Zehrgeldes und wußte nicht, wovon er in der nächsten Herberge die Zeche zahlen sollte. Und da kamen ihm böse Gedanken in den Sinn – wenn einer käme, der am Gelde etwas zu schwer trüge, so wollte er ihm wohl seine Last erleichtern. Und wo der Wald recht tief war, sah dieser Wanderer einen anderen Wanderer vor sich her gehen, beeilte seine Schritte und holte jenen bald ein – und sah, daß der, den er einholte, ein Jude war. Da dachte er gleich: Juden haben immer Geld – und schrie ihn an: »Jud! Gib mir auf der Stelle dein Geld, oder du mußt sterben.«

»Soll mir Gott helfen!« sprach der Jude, »hab ich doch nicht mehr Geld als acht armselige Heller! Was tut Ihr damit? Wollt Ihr vor Gott die große Sünde begehen und einen Menschen totschlagen um acht Heller?«

»Jud, du lügst! Ohne Geld reist kein Mauschel. Heraus mit dem Gelde – oder – !«

»Wehe mir! Wehe geschrien!« rief voll Angst der Jude. »Habe ich doch nicht mehr, als ich Euch sage!« Aber jener hörte schon nicht mehr in seiner tollen Raubsucht und schlug den armen Juden nieder, und dieser rief im Sinken: »Wehe geschrien über dich, du Mörder! Die klare Sonne soll an den Tag bringen deine Missetat, das allsehende Auge des Firmamentes !«

Mit diesen Worten verschied der Jude, und nun suchte sein Mörder ihm alle Taschen aus, er fand aber nur ein kleines schlaffes Lederbeutelchen und darin in der Tat nicht mehr und nicht minder als acht rote Heller. Da war es ihm doch leid, daß er den schnöden Mord verübt – und als er in die Sonne sah, erschrak er, denn sie stand ganz blutrot – und er rannte eilend von dannen – im Walde aber sammelten sich die Rotkehlchen und trugen Blumen herbei und legten sie sanft auf das Angesicht des Erschlagenen, damit das Schrecknis der Menschheit nicht des Waldes heiligen Frieden störe. Der Mörder aber wanderte, so weit er nur vermochte, von jener Stelle fort und konnte nicht mehr in die Sonne sehen. Am andern Morgen war es ihm wie ein böser, böser Traum – aber der Traum verfolgte ihn lange, und die Sonne erinnerte ihn fort und fort an den Todesruf des erschlagenen Juden. Endlich ward er ruhiger in seinem Gemüte, arbeitete fleißig und gewann, da er sonst ein leidlicher Geselle war und sich sehr still und zurückhaltend hielt, die Neigung einer Meisterstochter, mit der er eine Zeitlang in glücklicher Ehe lebte. Nicht häufig dachte er mehr an seine Untat, nur vor der Sonne hatte er eine gewisse Scheu, doch fragte er sich endlich selbst: »Wie soll sie’s denn anfangen, die liebe Sonne, es an den Tag zu bringen? Der Jude ist längst vergessen, ich bin viele Meilen fern von jenem Lande – reden kann die Sonne nicht, schreiben kann sie auch nicht. Ich habe mich für nichts so lange vor ihr gefürchtet und geängstigt.«

Eines Morgens brachte die Frau ihrem Manne seine Tasse Kaffee; er goß einen Teil desselben aus der Obertasse in die Untertasse, und zufällig schien die Sonne hell hinein, da bildeten sich von der bewegten Flüssigkeit an der Stubendecke bewegte, zitternde Lichtkringel infolge der Abspiegelung, und des Mannes Blicke fielen zur Decke empor. Er glaubte, er sei allein, und sprach vor sich hin: »Meinst du Sonne, du könnest es an den Tag bringen, weil du dort hinauf die zitternden Kringel zeichnest?«

»Was soll die Sonne an den Tag bringen wollen, Mann?« fragte laut die Frau – und der Mann erschrak heftig. Lebhaft drang sie in ihn, es ihr zu sagen, als er stockte und nichts bekennen wollte. Aber die Frau ruhte nicht eher, bis er, nachdem sie das tiefste Schweigen ihm angelobt, ihr erzählte, daß er einst einen Juden im Walde erschlagen habe, der habe im Sterben gerufen: »Die klare Sonne soll an den Tag bringen deine Missetat, das allsehende Auge des Firmamentes!« und nun habe die Sonne doch nichts an den Tag gebracht; sie könne nichts als leuchten und wärmen und Kringel an der Wand oder an der Decke machen.

Die Frau hörte das, schauderte und schwieg; aber das unselige Geheimnis drückte ihr fast das Herz ab, beunruhigte sie Tag und Nacht, und stets aufs neue erinnerte sie die Sonne daran. Sie konnte es nimmermehr auf dem Herzen behalten, sie erzählte es unter dem heiligsten Siegel der Verschwiegenheit ihrer liebsten Freundin – diese trug es weiter, bald vernahmen es die Richter. Da wurde der Mörder festgenommen und gestand alsbald alles; er war recht froh, als es heraus war, und empfing, nachdem er zum Schwert verurteilt war, mit Fassung den Todesstreich. In derselben Stunde aber lief seine schwatzhafte Frau auf den Boden und knüpfte sich an einem Balken auf.

Siebenschön

Ludwig Bechstein

Siebenschön

Es waren einmal in einem Dorfe ein paar arme Leute, die hatten ein kleines Häuschen und nur eine einzige Tochter, die war wunderschön und gut über alle Maßen. Sie arbeitete, fegte, wusch, spann und nähte für sieben und war so schön wie sieben zusammen, darum ward sie Siebenschön geheißen. Aber weil sie ob ihrer Schönheit immer von den Leuten angestaunt wurde, schämte sie sich und nahm sonntags, wenn sie in die Kirche ging – denn Siebenschön war auch frömmer als sieben andre, und das war ihre größte Schönheit -, einen Schleier vor ihr Gesicht. So sah sie einstens der Königssohn und hatte seine Freude über ihre edle Gestalt, ihren herrlichen Wuchs, so schlank wie eine junge Tanne, aber es war ihm leid, daß er vor dem Schleier nicht auch ihr Gesicht sah, und fragte seiner Diener einen: »Wie kommt es, daß wir Siebenschöns Gesicht nicht sehen?«

»Das kommt daher« antwortete der Diener, »weil Siebenschön so sittsam ist. «

Darauf sagte der Königssohn: »Ist Siebenschön so sittsam zu ihrer Schönheit, so will ich sie lieben mein Leben lang und will sie heiraten. Gehe du hin und bringe ihr diesen goldnen Ring von mir und sage ihr, ich habe mit ihr zu reden, sie solle abends zu der großen Eiche kommen.«

Der Diener tat, wie ihm befohlen war, und Siebenschön glaubte, der Königssohn wolle ein Stück Arbeit bei ihr bestellen, ging daher zur großen Eiche, und da sagte ihr der Prinz, daß er sie lieb habe um ihrer großen Sittsamkeit und Tugend willen und sie zur Frau nehmen wolle; Siebenschön aber sagte: »Ich bin ein armes Mädchen, und du bist ein reicher Prinz, dein Vater würde sehr böse werden, wenn du mich wolltest zur Frau nehmen.« Der Prinz drang aber noch mehr in sie, und da sagte sie endlich, sie wolle sich’s bedenken, er solle ihr ein paar Tage Bedenkzeit gönnen. Der Königssohn konnte aber unmöglich ein paar Tage warten, er schickte schon am folgenden Tage Siebenschön ein Paar silberne Schuhe und ließ sie bitten, noch einmal unter die große Eiche zu kommen. Da sie nun kam, so fragte er schon, ob sie sich besonnen habe? Sie aber sagte, sie habe noch keine Zeit gehabt, sich zu besinnen, es gebe im Haushalt gar viel zu tun, und sie sei ja doch ein armes Mädchen und er ein reicher Prinz, und sein Vater werde sehr böse werden, wenn er, der Prinz, sie zur Frau nehmen wolle. Aber der Prinz bat von neuem und immer mehr, bis Siebenschön versprach, sich gewiß zu bedenken und ihren Eltern zu sagen, was der Prinz im Willen habe. Als der folgende Tag kam, da schickte der Königssohn ihr ein Kleid, das war ganz von Goldstoff, und ließ sie abermals zu der Eiche bitten. Aber als nun Siebenschön dahin kam und der Prinz wieder fragte, da mußte sie wieder sagen und klagen, daß sie abermals gar zu viel und den ganzen Tag zu tun gehabt und keine Zeit zum Bedenken, und daß sie mit ihren Eltern von dieser Sache auch nicht habe reden können, und wiederholte auch noch einmal, was sie dem Prinzen schon zweimal gesagt hatte, daß sie arm, er aber reich sei und daß er seinen Vater nur erzürnen werde. Aber der Prinz sagte ihr, das alles habe nichts auf sich, sie solle nur seine Frau werden, so werde sie später auch Königin, und da sie sah, wie aufrichtig der Prinz es mit ihr meinte, so sagte sie endlich ja und kam nun jeden Abend zu der Eiche und zu dem Königssohne – auch sollte der König noch nichts davon erfahren. Aber da war am Hofe eine alte häßliche Hofmeisterin, die lauerte dem Königssohn auf, kam hinter sein Geheimnis und sagte es dem Könige an. Der König ergrimmte, sandte Diener aus und ließ das Häuschen, worin Siebenschöns Eltern wohnten, in Brand stecken, damit sie darin anbrenne. Sie tat dies aber nicht, sie sprang, als sie das Feuer merkte, heraus und alsbald in einen leeren Brunnen hinein, ihre Eltern aber, die armen alten Leute, verbrannten in dem Häuschen.

Da saß nun Siebenschön drunten im Brunnen und grämte sich und weinte sehr, konnt’s aber zuletzt doch nicht auf die Länge drunten im Brunnen aushalten, krabbelte herauf, fand im Schutt des Häuschens noch etwas Brauchbares, machte es zu Geld und kaufte dafür Mannskleider, ging als ein frischer Bub an des Königs Hof und bot sich zu einem Bedienten an. Der König fragte den jungen Diener nach dem Namen, da erhielt er die Antwort: »Unglück!« und dem König gefiel der junge Diener also wohl, daß er ihn gleich annahm und auch bald vor allen andern Dienern gut leiden konnte.

Als der Königssohn erfuhr, daß Siebenschöns Häuschen verbrannt war, wurde er sehr traurig, glaubte nicht anders, als Siebenschön sei mit verbrannt, und der König glaubte das auch und wollte haben, daß sein Sohn nun endlich eine Prinzessin heirate, und mußte dieser nun eines benachbarten Königs Tochter freien. Da mußte auch der ganze Hof und die ganze Dienerschaft mit zur Hochzeit ziehen, und für Unglück war das am traurigsten, es lag ihm wie ein Stein auf dem Herzen. Er ritt auch mit hintennach als der Letzte im Zuge und sang wehklagend mit klarer Stimme:

 »Siebenschön war ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt.«

Das hörte der Prinz von weitem und fiel ihm auf und er hielt und fragte: »Ei, wer singt doch da so schön?«

»Es wird wohl mein Bedienter, der Unglück, sein«, antwortete der König, »den ich zum Diener angenommen habe.« Da hörten sie noch einmal den Gesang:

 »Siebenschön war ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt.«

Da fragte der Prinz noch einmal, ob das wirklich niemand anders sei als des Königs Diener. Und der König sagte, er wisse es nicht anders.

Als nun der Zug ganz nahe an das Schloß der neuen Braut kam, erklang noch einmal die schöne klare Stimme:

 »Siebenschön war ich genannt, Unglück ist mir jetzt bekannt.«

Jetzt wartete der Prinz keinen Augenblick länger, er spornte sein Pferd und ritt wie ein Offizier längs des ganzen Zugs in gestrecktem Galopp hin, bis er an Unglück kam und Siebenschön erkannte. Da nickte er ihr freundlich zu und jagte wieder an die Spitze des Zuges und zog in das Schloß ein. Da nun alle Gäste und alles Gefolge im großen Saal versammelt waren und die Verlobung vor sich gehen sollte, so sagte der Prinz zu seinem künftigen Schwiegervater: »Herr König, ehe ich mit Eurer Prinzessin Tochter mich feierlich verlobe, wollet mir erst ein kleines Rätsel lösen. Ich besitze einen schönen Schrank, dazu verlor ich vor einiger Zeit den Schlüssel, kaufte mir also einen neuen; bald darauf fand ich den alten wieder, jetzt saget mir Herr König, wessen Schlüssel ich mich bedienen soll?«

»Ei, natürlich des alten wieder!« antwortete der König, »das Alte soll man in Ehren halten und es über Neuem nicht hintansetzen.«

»Ganz wohl, Herr König«, antwortete nun der Prinz, »so zürnt mir nicht, wenn ich Eure Prinzessin Tochter nicht freien kann, sie ist der neue Schlüssel und dort steht der alte.« Und nahm Siebenschön an der Hand und führte sie zu seinem Vater, indem er sagte: »Siehe Vater, das ist meine Braut.«

Aber der alte König rief ganz erstaunt und erschrocken aus: »Ach lieber Sohn, das ist ja Unglück, und mein Diener!«

Und viele Hofleute schrien: »Herr Gott, das ist ja ein Unglück!«

»Nein!« sagte der Königssohn, »hier ist gar kein Unglück, sondern hier ist Siebenschön, meine liebe Braut.« Und nahm Urlaub von der Versammlung und führte Siebenschön als Herrin und Frau auf sein schönstes Schloß.

Seelenlos

Ludwig Bechstein

Seelenlos

Es war einmal ein Menschenfresser, der verspeiste nichts lieber als junge Mädchen, und er war so gewaltig und gefürchtet im Lande, daß niemand es wagte, ihn zu bekämpfen und ihm diesen Appetit zu vertreiben, vielmehr mußte ihm, sobald er ein Mägdelein verspeist hatte, ein anderes geliefert werden, und um bei der Wahl unparteiisch zu verfahren, mußten alle Mädchen des Landes bis zu einem gewissen Alter (nicht über achtzehn Jahre) das Los ziehen, ohne Unterschied des Ranges und Standes ihrer Eltern; denn Seelenlos, so war der Name jenes mädchenfressenden Ungeheuers, sagte stets, er liebe nächst dem Mädchenfleische vor allem die Gleichberechtigung.

Nun geschahe es, daß eines Tages abermals das Los gezogen wurde, welches jedesmal für die arme Jungfrau, die es traf, ein trauriges nicht nur hieß, sondern auch war, und daß sotanes Los die Tochter des Königes traf.Zwar suchte der König durch Anerbieten vieler Schätze das Los, welches ihr drohete, von seiner Tochter abzuwenden, aber Seelenlos sprach:

»Nein!Was einem recht ist, ist dem andern billig.Mir ist es recht, daß das Los die Königstochter getroffen hat, denn ich habe noch keine Prinzessin gegessen, halte aber dafür, daß ihr Fleisch zart und gut sein müsse, und deshalb muß es der König billig finden, daß ich seiner Schätze ihn nicht berauben, sondern mich ehrlich und redlich nach meinem Grundsatze der Gleichberechtigung mit Fleische von seinem Fleische begnügen will.«

Da indessen nicht alsbald gleich nach gezogenem Lose die Königstochter ausgeliefert zu werden brauchte, so ließ der König bekanntmachen, daß, wer seine Tochter von dem schrecklichen ihr drohenden Lose erlöse, diese zur Gemahlin und sein halbes Reich als Mitgift erhalten sollte. Allein es meldete sich niemand, denn mit Leuten, welche Seelenlos heißen oder sind, ist schlecht umzugehen, und niemand mag sich mit ihnen befassen, sollten sie auch nicht just ausschließlich Menschenfresser sein.

Da hörte ein junger Soldat von des Königs Aufruf und dachte in seinem Sinn: Hm.Mir ist in meinem Dienste schon so viel Seelenloses vorgekommen, und mir ist dafür so viele Herzhaftigkeit eingekorporalt worden, daß ich’s wohl mit Herrn von Seelenlos aufzunehmen mir getraue.Er ging also zum Könige und bat sich die Gnade aus, sein Leben gegen Seelenlos für ihn und die Prinzessin in die Schanze schlagen zu dürfen.Darauf gab ihm der König ein schönes Handgeld und schenkte ihm zu dem ein scharfes Vorlegemesser, um, wo möglich, den Mann der Gleichberechtigung damit in Stücke zu zerschneiden.

Der mutige Soldat machte sich auf den Weg und kam über einen Anger, auf selbigem lag ein toter Esel und streckte alle vier Beine von sich, und um den Esel herum saßen ein Löwe, ein Bär und ein Adler, auf der Nase aber saß eine große blaue Schmeißfliege; jedes wollte seinen Teil vom Esel haben, und alle vier konnten, wie das so häufig bei Teilungen der Fall ist, über die Teilung sich nicht einigen und riefen den Soldaten an, als Unparteiischer das Teilungsgeschäft in der Voraussetzung vorzunehmen, daß er nicht etwa selbst am Esel sich beteiligen wolle, denn für diesen Fall würden sie alle vier über ihn herfallen.

»Nein!« sagte der Soldat, »ich will nichts mit lebendigen Eseln zu schaffen haben, geschweige denn mit toten! Aber teilen will ich nach Recht und Überzeugung und nach dem schönen Spruche: Jedem das Seine!« Zog sein Vorlegemesser, strich es hübsch auf seinem Säbelriemen ab, wie ein Barbier mit seinem Schermesser auf dem Streichriemen tut, und fing an, den Esel nach Herzenslust zu zerlegen.

»Dir, dem Löwen«, sprach der einsichtsvolle Soldat, »gebührt vor allem der Löwenteil, der Eselskopf, mit dem schönen Gehirn, weil du selbst der Tiere Haupt und König bist, dann die breite, kräftige Eselsbrust, die stets so siegesstolz und freudig weithin jauchzet und mit ihrem Ruhme die Welt erfüllt, nebst einem Rückenstück und zwei Schinken.

Dir, dem beherzten heißblutigen Adler, dem Könige der Vögel, gebührt des Esels Herz samt allem edlen Eingeweide, absonderlich der starken Lunge, sowie Leber und Nieren und ein Schinken, vom Fleische ebenfalls ein Rückenstück und ein Lendenbraten.

Dir, Meister Petz, kühner Nordlandsrecke, großer Brummer und in nördlichen Gegenden auch ein König der Tiere, gebührt das dritte Rückenstück, der zweite Lendenbraten und der vierte Schinken, und was du sonst magst.

Und dir endlich, blau angelaufene Schmeiße, kleiner Brummer, gebührt des Esels Schwanz, die Beine und alles, was die drei andern nicht mögen und etwa übriglassen zu wollen in Gnaden geruhen dürften.Du wirst dich damit um so freudiger bescheiden, da du ja viel zu delikat bist, als schnödes Eselsfleisch zu essen, vielmehr dich vom Tau und Dufte der Blumen sättigest und nur für deine Eier und künftige Larvenbrut ein wenig faulen Fleisches bedarfst.«

Die vier Tiere waren mit dieser Teilung außerordentlich zufrieden und zollten dem klugen Soldaten den Tribut ihres Dankes. Die Brummfliege setzte sich ihm auf die Hand, küßte diese mit dem Rüssel und mit dem After zugleich und sprach: »So oft du diese Stelle mit deinem Finger berührst, kannst du deine unförmliche und ungeschlachte Menschengestalt in eine ebenso schöne, zarte und bewunderungswürdige, auch mit reizendem Musiktalent begabte Brumm-Fliege verwandeln, wie ich eine bin.«

Der Adler zog sich mit seinem Schnabel eine Schwungfeder aus dem rechten Flügel, reichte sie dem Soldaten dar und sagte: »Mittels dieser Feder kannst du dich, so oft du sie drehst, in einen Adler verwandeln und als solcher große Dinge tun; auch kannst du sie schneiden, und was du mit ihr unterschreibst und verbriefst oder verbriefen läßt, das hält und dauert drei Tage länger als die aschgraue Ewigkeit.«

»Biederer Mensch«, sprach der Löwe, »ich muß dir eine Pfote geben, das wird dich stärken und großmächtig machen in der Welt!«

Und der Bär sprach: »Edelster der Edlen!Komm an mein Herz, ich muß dich umarmen und dir einen Kuß geben!«

Aber der Soldat entgegnete: »Ich dank euch zwei beiden schönstens!Ihr seid gar zu gütig! Ich habe schon genug!« Denn er fürchtete die scharfen Klauennägel der Löwentatze wie des Bären Umarmung und die Nähe von dessen Zähnen an seiner Nase.Er drehte daher sehr schnell die Feder und wurde zum Adler, als welcher er sich rasch in die Lüfte erhob, von wo aus er nach dem Hause des Herrn Seelenlos umherspähete und dasselbe mit seinem Adlerblicke auch sehr bald entdeckte . Das war schon ein großer Gewinn für den braven Soldaten; doch mußte er nun auch auf Mittel sinnen, wie dem Seelenlos beizukommen sei, welchem mittlerweile die Königstochter ausgeliefert worden war, doch hielt jener dieselbe noch eine Zeitlang gefangen.

Nun verwandelte sich der Soldat erst wieder in einen Menschen, drückte mit dem Finger auf das kleine Denkmal der Fliege auf seiner Hand, verwandelte sich dann in eine solche und schlüpfte durch das Fenster des Gemaches, in welchem die Königstochter gefangen saß, verwandelte sich dort in seine menschliche Gestalt und teilte der Prinzessin die Absicht mit, sie zu erlösen, nur möge sie ihm sagen, auf welche Weise er dies möglich machen könne, indem er es für eine große Kunst und schwere Aufgabe halte, jemanden zu entseelen, der Seelenlos sei und heiße. Jedenfalls müsse Herrn Seelenlos‘ Seele doch irgendwo sich befinden, und dieses wo müsse ausfindig gemacht werden.

Die Königstochter war sehr erfreut über das Vorhaben des tapfren Soldaten, sie zu befreien, und verhieß ihm, Erkundigungen einzuziehen.Hierauf nahm der Soldat seine Verwandlung vor und entfernte sich; zu der Königstochter aber kam Seelenlos, der Menschenfresser, und brachte ihr treffliche Speisen und Getränke, damit sie sich gut nähre, bis er die Zeit ersehen würde, sie zu verspeisen.Sie fragte ihn gleich, wo denn seine Seele sei.Er aber antwortete ihr: »Dir das zu sagen, werde ich wohl bleiben lassen, denn wenn schon ich Seelenlos bin, so bin ich doch nicht hirnlos, und es könnte mir, wenn nicht an der Seele, so doch am Leibe schaden, wenn ich mein größtes Geheimnis dir, einem schwatzhaften Weibe, anvertrauen wollte.«

Aber die Königstochter ließ mit Bitten nicht nach, bis Seelenlos ihr dennoch sein Geheimnis anvertraute und ihr sagte, seine Seele sei in einer kleinen goldenen Truhe verschlossen, diese Truhe stehe auf einem gläsernen Felsen, und der Felsen stehe mitten im roten Meere.Ein böser Zauberer habe das alles so angerichtet, ihn seelenlos und nächstdem mädchenfleischfressend gemacht; er könne nichts dafür; wenn er seine Seele wiederbekomme, so werde er die jungen Mädchen nicht mehr so freßlieb haben, sondern sie mit bescheidenen Augen ansehen.

Das alles sagte die gefangene Königstochter dem Soldaten wieder, als dieser sie abermals besuchte, und alsbald verwandelte derselbe sich in einen Adler und flog nach dem Schlosse der vier Winde. Diese selbst waren ausgeflogen, aber ihre Mutter war zu Hause, und er bat letztere um Herberge in ihrem luftigen Palaste und erzählte ihr seine Geschichte, worauf die Windmutter gleich bereit war, ihm durch ihre Söhne Beistand zu leisten. Gegen Abend kamen der Südwind und der Ostwind nach Hause; diesen beiden stellte die Windmutter den tapfren Krieger vor und beschenkte letzteren mit einem Wünschelflughütchen, das ihm die Kraft verlieh, so schnell wie der Wind zu fliegen. Am andern Morgen, als die Winde ausgeruht hatten, erhoben sie sich aufs neue, und der Soldat flog in Adlergestalt mit ihnen und ebenso rasch wie sie und kam an die Küste des roten Meeres; unterwegs hatte er den Winden erzählt, was er wünsche, und die Winde fuhren nicht über das Meer, damit es ruhig bleibe. Dann geboten sie den Fischen, das Kästchen zu suchen, in dem sich die Seele des Herrn Seelenlos befand. Das taten auch die Fische, und sie fanden wohl den gläsernen Felsen, darauf die kleine Truhe stand, konnten aber nicht hinauf. Endlich kam eine krumme Gadde oder Weißling, die schnellte sich in die Höhe und ergatterte das Trühlein mit einem Satze, faßte es in ihr Maul und brachte es dem Adler. Dieser schlug mächtig mit seinen Schwingen, wackelte mit dem Schwanze und tanzte vor Freude, worüber die Winde sehr lachen mußten, denn sie hatten noch keinen Adler possierliche Sprünge machen sehen, so viel sie auch schon gesehen hatten. Hierauf drückte der Adler erst den Winden, dann dem Weißling seinen verbindlichsten Dank aus und flog, immer noch das Wünschelflughütlein auf dem Kopfe, nach der Heimat zurück und geradewegs nach dem Schlosse des Herrn Seelenlos, auf welchem er sich wieder in einen Menschen verwandelte. Er ließ sich sofort anmelden als ein Handelsmann aus dem Morgenlande, der ein Kleinod anzubieten habe. Seelenlos war sehr ungnädig über solchen zudringlichen Besuch und ließ den Angemeldeten nur deshalb eintreten, um ihn mit Grobheiten zu beköstigen, die jedermann anzutun er sich zu jeder Zeit berechtigt glaubte, fuhr ihn auch alsbald trutziglich an, denn ein Mensch ohne Seele kann nicht anders sein als ungeschliffen und patzig.

Der Soldat und verstellte Handelsmann kehrte sich indessen nicht an des Herrn Seelenlos grimmiges Gesicht und an sein Anschnauzen, sondern war um so höflicher, je gröber jener war, der sich nicht anders gebärdete, als wolle er ihn ebenfalls fressen.

»Ich habe einen Schatz, der für Euer Gnaden von unschätzbarem Werte ist«, sprach der Fremde, »und biete denselben Ihnen zum Tausche an.«

»Wird ein rechter Bettel sein, sein Schatz!« murrte Seelenlos. »Was kann so ein Lump mir bieten?Bildet Er sich ein, ich könne Ihn nicht mit barem Gelde bezahlen, daß Er sich erfrecht, vom Tausche zu reden?Was hätte ich, das Ihm ansteht?Gleich will ich’s wissen!«

»Eure Gnaden halten gnädigst zu Gnaden!« antwortete der Fremde. »Hochdieselben halten ein Juwel in Verwahrung, das ist die schöne Königstochter, und der Bettel, nach Hochdero eigener Taxation, den ich gegen dieses Kleinod anzubieten mich unterfangen ist Euer Gnaden – gnädige Seele

»Meine Seele!« rief Seelenlos mit namenlosem Erstaunen. »Meine Seele hast du?Bei meiner armen, leider verlorenen und mir abhanden gekommenen Seele schwöre ich dir, daß du, wenn ich hundert Königstöchter gefangen hielt, alle hundert bekommen solltest, wenn ich nur meine Seele wieder hätte.«

»Ich bescheide mich mit der einen«, erwiderte der Handelsmann, »hundert dürften mir zu viele werden. Aber schließen wir den Vertrag schriftlich ab!« Mit diesen Worten zog der Soldat ein beschriebenes Blatt Papier hervor, darauf schon alles kurz und bündig stand, und reichte Seelenlos die Adlerfeder dar, mit ihr zu unterzeichnen, welches Seelenlos auch tat; dann ließ er auf der Stelle seine schöne Gefangene herbeiführen, die eine große Freude hatte, den Soldaten bei dem Menschenfresser zu finden, welcher bereits den Fremden sich auf das Kanapee hatte niedersetzen lassen, indem schon die Nähe seiner Seele begann, ihn menschlicher zu stimmen. Die Königstochter aber hatte geglaubt, sie solle in die Küche geführt und dort abgeschlachtet werden, wie eine arme Taube.

Jetzt nahm der Soldat das kleine goldene Trühelein aus seiner Tasche, welches mit einer Schraube verschlossen war, und gab es in Seelenlos‘ Hand. Dieser öffnete geschwind die Schraube, hielt die Öffnung an seinen Mund und sog mit Wohlgefühl seine Seele in sich ein. Da war mit einem Male der schlimme Zauber gelöst.Die Königstochter war nicht mehr gefangen, und Seelenlos war nicht mehr seelenlos, sondern vielmehr ganz selig; er umarmte den Soldaten unter einem Strome von Freudentränen und hätte gern auch die Königstochter umarmt, aber eine ehrfurchtvolle Scheu hielt ihn davon zurück, der beste Beweis, daß er wieder eine Seele gewonnen hatte, doch bat er beide um ihre Freundschaft. Hierauf zog der Soldat mit der Königstochter von hinnen, ward vom Könige, ihrem Vater, in den Prinzenstand erhoben, heiratete als neuer Prinz die junge Prinzessin, und der gewesene Seelenlos verspeiste keine jungen Mädchen mehr, ward vielmehr der artigste Kavalier von der Welt.

Schneider Hänschen und die wissenden Tiere

Ludwig Bechstein

Schneider Hänschen und die wissenden Tiere

Ein Schuhmacher und ein Schneider sind einmal miteinander auf die Wanderschaft gegangen. Der Schuster hatte Geld, der Schneider aber war ein armer Schwartenhans.Beide hatten ein und dasselbe Mädchen lieb, welches Lieschen hieß und jeder gedachte, es zu heiraten, wenn er sich ein gutes Stück Geld verdient habe und Meister geworden sei.Der Schuster, Peter genannt, war aller Tücke voll und hatte ein schwarzes Herz, das Schneiderlein war gutmütig und leichtfertig, und sein Name war Hänschen.Erst hatte Hänschen nicht mit dem Peter zusammen wandern wollen, weil es kein Geld hatte, aber Peter, der auf eitel Bosheit gegen das Schneiderlein sann, weil jenes Lieschen das Hänschen gern sah und nicht den Peter, sann auf des Schneiderleins Verderben und sprach: »Komm nur mit mir, ich habe Batzen, ich halte dich frei, auch wenn wir keine Arbeit bekommen.Alle Tage wollen wir uns dreimal tüchtig satt essen und satt trinken.Ist dir das nicht recht?«

»Von satt essen und satt trinken bin ich ja ein Freund!« antwortete Hänschen, und beide schnürten ihre Ränzel und traten ihre Wanderschaft an.Neun Tage lang gingen sie und fanden nirgends Arbeit, zumal Peter keine finden mochte und, wenn auch Hänschen Arbeit hätte haben können, diesen immer verlockte, sie nicht anzunehmen, sondern mit ihm zu wandern. Nun, nach den neun Tagen sprach Peter: »Hänschen, mein Geld nimmt ab, soll es noch eine Weile reichen, so dürfen wir von jetzt an des Tages nur zweimal essen und trinken.« »O weh!« seufzte Hänschen, »wird schon jetzt Schmalhans unser Wandergeselle?Wär ich doch nicht mit dir gegangen! Hungern konnt ich auch daheim!Dort hatt ich doch was Liebes, was mir den Hunger versüßt hätte!«

Peter, der während des Weitermarsches stets die Speisen kaufte, aß sich heimlich dicksatt, denn er hatte Geld genug dazu, aber Hänschen gab er täglich nur zweimal und hatte seine Freude daran, wenn seinem Gefährten der Magen murrte und knurrte und sich, nach dem Sprichwort, die Betteljungen in Hänschens Leibe prügelten.

So gingen abermals neun Tage hin, und noch immer fand sich keine Arbeit, da sprach Peter: »Liebes Hänschen, mit meinem Gelde wird es bald Matthäi am letzten sein – es langt wahrlich nimmer zu vier Mahlzeiten täglich, zwei für dich, zwei für mich.Mein Geldbeutel hat die galoppierende Schwindsucht.Schau her, es ist so dünn wie ein Spulwurm.Wir können von jetzt an uns nur einmal täglich sättigen.«

»Ach, ach Peterlein!« klagte Hänschen. »In welches Unglück hast du mich gebracht!Das halt ich ja nicht aus!Sieh mich doch nur an, ich bin ja schon so dünne und durchsichtig, daß ich schier kaum noch einen Schatten werfe.Wo soll denn das zuletzt hinaus?«

»Schnalle einen Schmachtriemen um!« lachte Peter. »Übe dich in der Tugend der Enthaltsamkeit.Tritt in einen Mäßigkeitsverein!«

»Hat sich was einzutreten«, jammerte das Schneiderlein. »Ich meint, wir wären schon mitten in der Mäßigkeit!«

Was half aber nun alles, es mußte gut tun, wohl oder übel; Hänschen hungerte tapfer, daß er aber nicht zunahm an Leibesfülle, kann sich jeder denken. Er wurde rasseldürr, und sein Angesicht bekam eine Farbe wie Hauszwirn. Und immer gab es keine Arbeit, und nun zumal erst recht nicht, denn die Meister sprachen: »Reise mit Gott, Bruder Mondschein! Wie kann so ein Kerlchen etwas Dauerbares nähen, dem sein ganzes eigenes Gestelle aus der Naht reißt? Schneider dürfen von Natur dünn sein, aber nur was recht ist – so dann, daß man sie statt Nähgarns einfädeln kann, dürfen sie doch nicht sein!«

Hänslein weinte heiße Tränen, wenn er solche lose Reden zu hören bekam, und der schlechte Peter frohlockte heimlich und innerlich darüber, und als wiederum neun Tage vergangen waren und Hänschen vor Hunger fast am Wege liegenblieb, da sprach der falsche Peter: »Bruderherz – es tut mir leid und schneidet mir in die Seele, daß ich’s sagen muß, aber mein Geldbeutel ist jetzt ganz auf den Hund – mit Essen und Trinken bei Bäcker und Wirt ist es nun ganz und gar vorbei.«

»Daß’s Gott erbarm!« schrie Hänschen. »Gar nicht mehr essen und trinken?Da steht mir der Verstand stille!Wer kann das aushalten? O wehe, wehe mir!Daß ich dir folgte!Wehe dir, daß du mich so verlockt hast!«

»Mein Himmel, wie du gleich außer dir geraten kannst, Hänschen!« rief Peter. »Als ob es nicht zu trinken vollauf gäbe!«

»Wo?Wo?« rief Hänschen mit lechzender Zunge.

»Überall!Wasser, Bruderherz!Wasser!« lachte Peter. »Wasser ist sehr gesund, es verdünnt Blut und Säfte, es heilt die meisten Krankheiten, es stärkt die Glieder.Siehst du, ich muß ja auch Wasser trinken.«

»Aber Wasser ist kein Essen!« klagte Hänschen. »Von Luft kann ich nicht leben, also schaffe mir zu essen, oder ich muß ins Gras beißen und Erde kauen.Etwas muß ich zu kauen haben.«

»Nun, ich will zum Bäcker gehen und für das letzte Geld ein Brötchen kaufen, das will ich redlich mit dir teilen!« sagte der falsche Peter, hieß Hänschen auf einen Stein sitzen und ging zu einem Bäcker, kaufte dort vier Brötchen, aß drei davon gleich auf und trank einen Schnaps dazu – dann kam er wieder zu Hänschen.

»Aber Peter!« sprach das hungrige Schneiderlein: »Du bleibst sehr lange aus.Gib mir zu essen, die Ohnmacht wandelt mich an.«

»Ich habe erst warten müssen, bis das Brot sich abgekühlt hatte«, verteidigte sich Peter, »warmes Brot ist nicht gut in einen leeren Magen. Hier hast du deine Hälfte.«

»Peter, du riechst nach Schnaps!« sprach Hänschen.

»So?« fragte Peter, »kann schon sein, drinnen trank einer, der stieß an mich und schüttete mir aus Ungeschick ein paar Tropfen auf mein Gewand.«

Hänschen verschlang sein halbes Brötchen mit Wolfshunger, stillte mit Wasser seinen Durst und wanderte weiter mit seinem treulosen Gefährten.Beide sprachen fast nichts mehr miteinander.

Als es bald Abend wurde und beide wieder durch ein Dorf kamen, ging Peter wieder zu einem Bäcker, aß sich satt und kam mit einem Brötchen aus dem Laden.Hans dachte, jener werde das Brötchen mit ihm teilen, aber Peter schob es in die Tasche.

Nach einer Weile sprach Hänschen, als sie das Dorf im Rücken hatten und in einen Wald gelangt waren: »Nun, Peter!Rücke heraus mit deinem Brötchen!Mich hungert äußerst.«

»Mich nicht«, antwortete Peter ganz kurz.

»Nicht?« schrie Hänschen erschrocken und blieb stehen, und seine Beine zitterten. »Unmensch, der du bist!«

»Vielfraß, der du bist!« höhnte Peter. »Bei dir trifft doch recht zu, was ich immer habe sagen hören: je dürrer ein Kerl ist, eine um so bessere Klinge schlägt er.Das Brötchen, das ich noch bei mir trage, ist, wie du sehr richtig bemerktest, mein Brötchen, und du bekommst nicht eine Krume davon, weil du gesagt hast Unmensch

»So muß ich ja Hungers sterben!« schrie Hänschen in Verzweiflung.

»Stirb in Gottes Namen!« antwortete Peter. »Die Leichenträger werden sich an dir keinen Schaden heben.«

»Aber ich bitte dich um Gottes willen!« jammerte Hänschen.

»Um was?« fragte Peter lauernd.

»Um die Hälfte deines Brötchens!« stammelte Hänschen.

»Umsonst ist der Tod – es hat mich mein allerletztes Geld gekostet.Wie viel Geld könnte ich noch haben, hätte ich mich nicht mit dir geschleppt und dich gefüttert!« sprach Peter aufs neue.

»Aber du selbst hast mich ja beredet, mit dir zu gehen!« warf Hänschen ein, doch machten Ärger und Hunger ihm schon schwer, die Worte hervor zu würgen.Seine Zunge klebte am Gaumen.

»Gibst du mir, so geb ich dir«, nahm Peter wieder das Wort. »Mir ist mein Brötchen so lieb wie meine Augäpfel, folglich ist es zwei Augäpfel wert.Gib mir einen deiner Augäpfel für die Hälfte.«

»Gott im Himmel!Wie strafst du mich, daß ich diesem folgte!« wimmerte Hänschen, denn schreien konnte das arme Schneiderlein schon vor Schwäche nicht mehr – doch streckte es die Hand nach dem halben Brötchen aus und sättigte sich, und dann stach ihm Peter den einen Augapfel aus.

Am andern Tage wiederholte sich alles Traurige des vorigen Tages bei den zwei Wandergesellen.Peter kaufte wieder ein Brötchen und gab Hänschen nichts davon, und wollte das andere Auge Hänschens für dessen Hälfte haben.

»Aber dann bin ich ja stockblind!« jammerte das Schneiderlein. »Dann kann ich ja nicht mehr arbeiten!Ohne ein Auge mindestens kann ich doch nicht einfädeln!«

»Wer blind ist«, tröstete der hart- und schwarzherzige Peter mit heimlichem Hohne, »der hat es gut. Er sieht nicht mehr, wie böse, falsch und treulos die Welt ist; er braucht nicht mehr zu arbeiten, denn er hat eine triftige Entschuldigung, und einem armen Blinden gibt auch der Geizigste zur Not noch eine Gabe. Du kannst noch reich werden als blinder Bettler, während ich mich armselig durch die Welt schleppen muß. Sollte dies eintreten, so werde ich zu dir kommen und du wirst mich noch als deinen besten Wohltäter segnen und deinen Reichtum mit mir teilen, wie ich bisher meine Armut mit dir geteilt habe.«

Hänschen vermochte auf diese teuflische Rede gar nichts mehr zu erwidern – er ließ alles mit sich geschehen und gab, um nur nicht Hungers zu sterben, dem treulosen Gefährten auch den zweiten Augapfel preis.Und als das geschehen war und Hänschen hoffte, daß der Peter ihn nun leiten und fuhren werde, sprach dieser: »Nun gehabe dich recht wohl, mein gutes dummes Hänschen!Hier habe ich dich haben wollen.Hier ist Bettelmanns Umkehr.Jetzt wandre ich wieder heim und heirate unser Lieschen. Ätsch!Siehe du zu, wohin du kommst!«

Fort ging Peter, und Hänschen schwanden vor Körper und Seelenschmerz eine Zeitlang völlig die Sinne, so daß er umsank und wie tot am Wege lag.

Da kamen drei Wanderer des Weges daher, aber keine zweibeinigen, sondern zufällig vierbeinige, das waren ein Bär, ein Wolf und ein Fuchs.Sie berochen den Ohnmächtigen, und der Bär brummte: »Dieses Manntier ist tot!Mögt ihr ihn?Ich mag ihn nicht!«

»Ich habe vor einer Stunde erst ein frisches Schaf verspeist, habe justament jetzt keinen Hunger, auch ist ja der Kerl so dürr und so hart wie ein Baumast!« sprach der Wolf. »Da wäre mir leid um meine Zähne, die ich weiter brauche.«

»Dieser Held muß ein Schneider gewesen sein!« spöttelte der Fuchs. »Mir ist eine fette Gans lieber als ein dürrer Schneider.Wäre er ein Kürschner gewesen, so würde ich ihm die Nase abbeißen – so aber liegt er mir gut.Er ist ja blind gewesen, der hat gewiß nie einen Fuchs geschossen.«

Das arme Schneiderlein kam wieder zu sich, merkte seine Gesellschaft und hielt den Odem an sich, so gut es ging, während die drei Tiere sich gar nicht weit von ihm behaglich ins Grüne lagerten.

»Blind zu sein, ist ein großes Unglück«, sprach der Fuchs, »sowohl für uns edle Tiere als für die schlechten zweibeinigen Gabeltiere, die sich Menschen nennen und sich so klug dünken und so fürchterlich dumm sind, daß sie gar nichts wissen. Wüßten sie, was ich weiß, so gäb es keine Blinden mehr.«

»Oho!« rief der Wolf. »Ich weiß auch, was ich weiß.Wüßten das die Manntiere in der nahen Königsstadt, so litten sie nicht den gebrannten Durst, den sie leiden, und kauften nicht ein Schnapsgläschen voll Wasser um eine Krone.«

»Hm hm!« brummte der Bär. »Unsereiner ist auch nicht auf den Kopf gefallen.Auch mir ist ein Geheimnis kund.Sagt ihr mir das eure, sage ich euch das meine, aber bei Leib und Leben darf keiner von uns den andern verraten.«

»Nein das dürfen und wollen wir nicht tun!« gelobte der Fuchs.

»Es muß einer dem andern feierlich die rechte Pfote darauf geben!« bekräftigte der Wolf.

»Topp, es gilt!« sprach Petz, und hielt seine haarige Tatze hin, und wie die andern einschlugen, so drückte und schüttelte der Bär zum Spaß ihre Pfoten so, daß sie vor Schmerz laut aufheulten, davon dem blinden Schneiderlein angst und bange wurde.

»Ich weiß«, begann der Fuchs, als der Bär ihn ob seines Zartgefühles ausgelacht und wieder begütigt hatte, »daß heute eine besonders heilige Nacht ist; in dieser fällt Himmelstau auf Gras und Kraut.Wer blind ist, darf nur mit dem Tau seine Augen salben, so wird er wieder sehend, und selbst wenn er keine Augäpfel mehr hat, so bekommt er neue.«

»Das ist ein schönes Geheimnis«, sprach der Wolf, »meins ist aber auch nicht zu verachten. In der Königsstadt ist das Wasser ausgeblieben, und die Leute dort leben jetzt fast nur vom Geist, wenigstens sagen sie so, wenn es aber noch ein Weilchen so fort geht, so werden sie ihren Geist ganz aufgeben müssen. Gleichwohl haben sie Wasser die Fülle unter sich und wissen’s nur nicht. Auf dem Markte mitten im Pflaster liegt ein Grauwackenstein, wenn der aufgehoben wird, so wird ein Wasserpütz turmhoch aus dem Boden springen. Ach, wie froh würden die Residenzstädter sein, und wie heilsam wär es ihnen, wenn sie wieder Wasser hätten. Daß aber keiner von euch es ihnen sagt, sonst beiße ich jedem die Zunge im Maule ab!«

»Nichts wird gesagt, Bruder Isegrimm!« sprach Herr Braun und brummelte: »Was ich weiß, ist dieses: Seit sieben Jahren kränkelt des Königs einzige Tochter, und kein Doktor kann ihr helfen, weil keiner weiß, was ihr fehlt, wie wunderklug sich auch alle dünken.Gar manchen Rat gaben schon insgeheim des Königs Geheimräte, aber es ist nichts Rätliches davon an den Tag gekommen.Die Krankheit der Königstochter ist so gestiegen, daß der König verheilen hat, sie dem zur Gemahlin zu geben, der ihr hilft, um sie nur beim Leben erhalten zu sehen; es kann aber keiner helfen, der das nicht weiß, was ich weiß.«

»Du machst uns neugierig, hochgnädiger Herr König Braun!« sprach der Wolf, und Petz brummte: »Nur Geduld, es kommt schon noch.Werdet doch ein wenig warten gelernt haben?« Darauf schnaubte der Bär erst einmal gehörig aus und fuhr dann fort: »Die Prinzessin Königstochter sollte in der Kirche ein Goldstück in den Opferstock werfen, sie war aber noch sehr jung und befangen und ängstlich und schämte sich vor den vielen Leuten in der Kirche und warf das Goldstück etwas ungeschickt, daß es daneben und in eine Spalte fiel.Darauf wurde sie von ihrer Krankheit befallen, die nicht früher enden wird, bis man das Goldstück hervorzieht und in die Ritze des Opferstockes einwirft.Solche Kur ist kinderleicht, es dürfte nur einer hingehen und das Goldstück suchen.«

Als die Tiere sich einander so ihre Geheimnisse mitgeteilt hatten, erhoben sie sich aus ihrer Ruhe und gingen weiter; Hänschen aber war heilfroh über das, was er gehört hatte. Er bestrich sich eilend mit dem bereits gefallenen Himmelstau die Augen, da wuchsen ihm neue klare Augäpfel, und er sahe die goldenen Sterne am Himmel blinken und die dunklen Wipfel der Waldesbäume. Bald brach der Morgen an, und Hänschen sah nun Weg und Steg und wanderte, neu gestärkt, der Straße entlang. In einigen Dörfern, durch die er kam, erfocht er so viel, daß er seinen neuerwachten Hunger und Durst stillen konnte, und endlich kam er in die Stadt, in welcher der Wassermangel so groß war, daß alle Leute Wein und viele Schnäpse tranken, welche sie Likör nannten.

Hänschen hatte kein Geld für Liköre; er trat zu einer Wirtin und bat, ihm ein großes Glas Wasser zu reichen.Die Wirtin sah ihn dafür sehr groß an und schalt: »Seh mir einer den Lump!Hat nicht einmal Geld, einen Likör zu bezahlen, und will Wasser zechen!Meint der Mosjö, Herr von Fadenschein, das Wasser quelle nur so für nichts und wieder nichts?Es koste kein Geld? O weit gefehlt.Wisch Er sich das Maul von wegen dem Wasser; Wein oder Likör kann Er haben, mit Wasser kann ich nicht dienen, zumal in so großer Menge nicht.«

»Liegt man hier wirklich so krank an der Wassersucht, wie ich draußen vernommen?« fragte Hänschen. »Ei, wozu habt ihr denn hier Magistrat und Gemeinderat?Ist kein Moses im Stadtrate, der Wasser aus dem Felsen schlüge?Eure Krankheit wollte ich bald kuriert haben; ich bin ein Brunnenarzt

Diese Worte vernahmen einige junge Ratsherren, welche bei der Wirtin teils auch Liköre, teils Champagnerwein tranken; sie taten dies nur aus Ermangelung des Wassers, sonst würden sie es gewiß nicht getan haben, denn sie nannten den Champagner Gift und Äquinoktialsäure, und ohne die äußerste Not wird sicherlich niemand Gift oder solcherlei Säuren zu sich nehmen. Diese jungen Herren umringten Hänschen und fragten hastig, wie er es anstellen wolle, dem Mangel abzuhelfen.

»Meine hochverehrtesten Herren«, sprach Hänschen, »wenn ich sotanen Mangel allhier abstellen soll, so tut nötig sein, daß ich erst angestellt werde.Soll ich euch geheimen Rat erteilen, so würde eine mir zugeteilte kleine Geheimeratsbesoldung – so vier- bis sechstausend Tälerchen alljährlich mich zu Dank vergnügt machen.Dann solltet ihr Herren aber auch sehen, daß ich etwas leiste, was sich nicht von allen Geheimeräten rühmen läßt.«

Die jungen Ratsherren gaben dem Schneiderlein zu verstehen, es möge nicht sticheln und nicht so anzüglich reden, das könne man in der geistreichen Residenz nicht vertragen.

»Nanu!« entgegnete Hänschen. »Wenn ein Kleiderkünstler nicht mehr sticheln und anzüglich reden soll, da hört alles auf.«

Die Sache wurde nun im Gemeinderate und vom Magistrate reiflich erwogen, und alle Stimmen einigten sich in dem Rufe: »Wasser um jeden Preis – ehe wir im Sande totaliter vertrocknen!«

Der Magistrat stellte hierauf die Not gemeiner Stadt dem Könige vor und auch das Mittel zu deren Abhilfe und bat Seine Majestät, in Gnaden zu geruhen, für den fremden Brunnenarzt ein Geheimeratsdekret ausfertigen zu lassen, die Besoldung solle aus städtischen Mitteln gern bestritten werden. Der König willfahrete mit väterlicher Huld diesem Gesuche und ließ das Dekret ausfertigen, jedoch – durch Erfahrungen gewitzigt – mit dem Vorbehalte, daß selbes nicht eher in Kraft trete, bis hinlängliches Wasser geschafft sei – sonst solle es nichts gelten, da schon so viele Versprechungen von auswärts hergewanderten Fremdlingen zwar zu Wasser geworden seien, aber zu keinem nutzbaren. Hänschen begab sich nun in Begleitung einer schnell ernannten Wasserkommission auf den Markt, sah schon von weitem den grauen Quader – sprach zu den Technikern der Kommission: diesen Stein lasset ausbrechen, ihr Herren! – und als dies geschah, so rauschte plötzlich der Strahl eines Springbrunnens stark und mächtig und turmhoch in die Luft und quoll so viel Wasser aus, daß auf der Stelle in allen Kaufläden der Residenz die Preise der wasserdichten Zeuge um das Doppelte in die Höhe gingen.

Laut erscholl durch die ganze Königsresidenz das Lob des Wasserdoktors; fast hätte man ihn, wie den Schneider Hans Bockhold von Leiden, zum Propheten gemacht und ihn in Opern voll Pomp und Unsinn verherrlicht .

Noch desselben Tages wurde der neue Herr Geheimerat, der sich indessen mit Staatskleidern, Staatswagen und Dienerschaft versehen hatte, an den Hof gerufen und fuhr stolz in den Palast. Der König sagte ihm vieles Freundliche und schenkte ihm in Anerkennung seines Verdienstes um die Haupt- und Residenzstadt einen schönen Orden, am gewasserten Bande zu tragen. Sehr bald lenkte sich das Gespräch auf die Krankheit der Königstochter, und der König fragte den neuen Geheimerat, ob er als geschickter Wasserdoktor vielleicht für die Prinzessin eine Brunnenkur heilsam finde. »Nein, Euer Majestät«, erwiderte der Geheimerat. »Einmal mit Wasser mich befaßt, und nicht wieder. Lasse mich Eure Majestät der Gnade teilhaft werden, Allerhöchstdero Prinzessin Tochter zu sehen, so hoffe ich zuversichtlich den Sitz ihrer Krankheit zu ergründen.« Darüber war der König über alle Maßen froh und führte den Doktor selbst zu der kranken Prinzessin. Der fühlte ihr den Puls und sahe, daß sie sehr schön war. Dann sprach er: »Großmächtigster König, wenn die allerdurchlauchtigste Prinzessin genesen soll, so kann dies nicht durch irdische Medizin geschehen, sondern durch göttliche Hilfe; gestatten Allerhöchstdieselben, daß wir die Kranke in die Hofkirche tragen lassen, dort wird sie wohl genesen.« Dieser Vorschlag ward vom Könige alsbald gutgeheißen, denn er war sehr fromm und freute sich, einen so frommen neuen Geheimerat gewonnen zu haben. In der Kirche ließ sich der Heilkünstler von der Prinzessin den Opferstock zeigen, suchte nach und fand in einer Ritze das Goldstück. Dieses gab er der erleuchten Kranken in die Hand und ersuchte sie, dasselbe nun richtig in den Stock zu werfen. Selbiges tat die Prinzessin, und alsbald wurde sie völlig gesund und begann wie eine Rose aufzublühen. So führte sie nun der Geheimerat zu dem Könige. Was da für eine große Freude war, ist gar nicht zu schildern. Aus dem Geheimerat wurde alsbald rasch nacheinander ein Reichsrat, ein Standesherr, ein Graf, ein Fürst – und aus diesem ein Bräutigam der genesenen Prinzessin.

Nach der Hochzeit fahren die Neuvermählten auf einer Rundreise durch das Land, da kamen sie auch durch das Dorf, aus welchem der Fürst jüngst als Hänschen gewandert war.Da stand am Wirtshaus ein Scherenschleifer und schliff, und seine Frau drehte ihm das Rad – und da waren’s der Peter und das Lieschen, die den Peter erst durchaus nicht haben wollte, ihn aber am Ende doch nahm, weil er ihr zuschwur, Hänschen werde sie nie wieder sehen. Hänschen kannte gleich den Peter am falschen Gesicht, rief dem Kutscher zu: »Halt!« und jenem rief er zu: »Peter!«

Peter horchte hoch auf – und fragte, was der Herr befehle.

»Nichts befehlen will ich; Peter«, sprach Hans, »als daß du das Hänschen in mir wiederkennen sollst, dem du zu so hohem Glücke verholfen hast. Dort im Walde fand ich armer Augenloser, durch dich augenlos – das blinde Glück, wie manche blinde Taube ihre Erbse. Dort unter einem Baume, an dem ich lag, suchte mich es heim. Hier hast du vieles Geld vom blinden Bettler, der wieder sehend und reich geworden ist! Fahre wohl, und fahr zu, Kutscher!«

Peter stand wie aus den Wolken gefallen, lange starrte er dem Prachtwagen nach, dann gab er seiner Frau das Geld, es aufzuheben, und sagte: »Dorthin muß ich auch – muß auch das blinde Glück finden.« Und alsbald rüstete sich Peter und wanderte, so rasch er wandern konnte, an jenen Ort, wo er am armen Hänschen die letzte treulose Tat beging.Ein Fuchs lief lange vor ihm her – an jenem Orte stand der Fuchs.Da kam von weitem ein Wolf entgegengesprungen.Rasch wandte Peter sich um, da trabte ein Bär des Weges daher.Voll Entsetzen klomm jetzt Peter am Baume empor, unter dem er Hänschen den letzten Augapfel ausgestochen hatte.

»Verräter!Verräter!Verräter, die ihr seid!« bellte der Fuchs, heulte der Wolf, brummte der Bär, und jeder beschuldigte den andern, das Geheimnis verplaudert zu haben, auf dessen Behütung sie einander doch alle drei die Pfote gegeben hatten, waren sehr bissig gegeneinander und gaben einander schlechte Titel.Endlich nahmen Bär und Fuchs gegen den Wolf Partei, der sollte zunächst der Verräter sein und dafür gehenkt werden, und alsbald drehte der Fuchs ein Seil und eine Schlinge aus Tannenreisig, der Bär hielt den Wolf fest, der Fuchs warf letzterem die Schlinge um den Hals und zog den Zappelnden in die Höhe.Der Wolf starrte stieren Auges empor, da sah er Peter im Gezweige des Baumes sitzen und heulte: »O falsche ungerechte Welt!Da droben sitzt er, der unser Geheimnis verraten hat!«

Jetzt sahen die andern beiden Tiere auch in die Höhe, ließen den Wolf fallen, und der Bär kletterte auf den Baum und holte den Peter herunter. Drunten empfing ihn der Fuchs, der so fuchswild war, daß er ihm gleich beide Augen auskratzte. Dann würgte ihn der Wolf, und der Bär drückte ihn mausetot, darauf haben sie ihn zu dritt aufgefressen, daß kein Knöchelchen von ihm übrig geblieben ist.

Schneeweißchen

Ludwig Bechstein

Schneeweißchen

Es war einmal eine Königin, die hatte keine Kinder und wünschte sich eins, weil sie so ganz einsam war. Da sie nun eines Tages an einer Stickerei saß und den Rahmen von schwarzem Ebenholz betrachtete, während es schneite und Schneeflocken vom Himmel fielen, war sie so in tiefen Gedanken, daß sie sich in den Finger stach, so daß drei Blutstropfen auf den weißen Schnee fielen; und da mußte sie wieder daran denken, daß sie kein Kind hatte. „Ach!“ seufzte die Königin, „hätte ich doch ein Kind, so rot wie Blut, so weiß wie Schnee und so schwarz wie Ebenholz!“

Und nach einer Zeit bekam die Königin ein Kind, ein Mägdlein. Das war so weiß wie Schnee an seinem Leibe, und seine Wangen blüheten so rot wie Blut, und seine Haare waren so schwarz wie Ebenholz. Die Königin freute sich, nannte sie Schneeweißchen, und bald darauf starb sie. Da der König nun Witwer geworden war und kein Witwer bleiben wollte, so nahm er sich eine andere Gemahlin, das war ein stattliches Weib voll hoher Schönheit, aber auch voll unsäglichen Stolzes und auch so eitel, daß sie sich für die schönste Frau auf der ganzen Welt hielt. Dazu war sie zumal durch einen Zauberspiegel verleitet, der sagte immer, wenn sie hineinsah und fragte:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die Schönste im ganzen Land?“

und der Spiegel antwortete:

„Ihr, Frau Königin seid die schönst‘ im ganzen Land.“

Und der Spiegel schmeichelte doch nicht, sondern sagte die Wahrheit wie jeder Spiegel.

Das kleine Schneeweißchen, der Königin Stieftochter, wuchs heran und wurde die schönste Prinzessin, die es nur geben konnte, und wurde noch viel schöner als die schöne Königin. Diese fragte, als das Schneeweißchen sieben Jahr alt war, einmal wieder ihren treuen Spiegel:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönst‘ im ganzen Land?“

aber da antwortete der Spiegel nicht wie sonst, sondern er antwortete:

„Frau Königin, Ihr seid die schönste hier,

Aber Schneeweißchen ist tausendmal schöner als Ihr.“

Darüber erschrak die Königin zum Tode, und es war ihr, als kehre sich ihr ein Messer im Busen um, und da kehrte sich auch ihr Herz um gegen das unschuldige Schneeweißchen, das nichts zu seiner übergroßen Schönheit konnte. Und weil sie weder Tag noch Nacht Ruhe hatte vor ihrem bösen neidischen Herzen, so berief sie ihren Jäger zu sich und sprach: Dieses Kind, das Schneeweißchen sollst du in den dichten Wald führen und es töten. Bringe mir Lungen und Leber zum Wahrzeichen, daß du meine Gebot vollzogen.!“

Und da mußte das arme Schneeweißchen dem Jäger in den wilden Wald folgen, und im tiefen Dickicht zog er seine Wehr und wollte das Kind durchstoßen. Das Schneeweißchen weinte jämmerlich und flehte, es doch leben zu lassen, es habe ja nichts verbrochen, und die Thränen und der Jammer des unschuldigen Kindes rührten den Jäger auf das innigste, so das er bei sich dachte: Warum soll ich mein Gewissen beladen und dies schöne unschuldige Kind ermorden? Nein, ich will es lieber laufen lassen! Treffen es die wilden Tiere, wie sie es wohl thun werden, so mag das die Frau Königin vor Gott verantworten. Und da ließ er Schneeweißchen, wohin es wollte, fing ein junges Wild , stach es ab, weidete es aus und brachte Lunge und Leber der bösen Königin. Die nahm beide und briet es in Salz und Schmalz, und verzehrte es und war froh, daß sie, wie sie vermeinet, nun wieder allein die schönste sei im ganzen Lande. Schneeweißchen im Walde wurde es bald angst und bange, wie es so mutterseelenallein durch das Dickicht schritt, und wie zum ersten male die harten spitzen Steine fühlte, wie die Dornen ihm das Kleid zerrissen, und vollends, als es zum ersten male wilde Tiere sah. Aber die wilden Tiere thaten ihm gar nichts zu leide; sie sahen Schneeweißchen an und fuhren in die Büsche. Und das Mägdlein ging den ganzen Tag und ging über sieben Berge.

Des Abends kam Schneeweißchen an ein kleines, kleines Häuschen mitten im Walde, da ging es hinein sich auszuruhen, denn es war sehr müde, war auch sehr hungrig und sehr durstig. Darinnen in dem kleinen, kleinen Häuschen war alles gar zu niedlich und zierlich und dabei sehr sauber. Es stand ein kleines Tischlein in der Stube, das war schneeweiß gedeckt, und darauf standen und lagen sieben Tellerchen, auf jedem ein wenig Gemüse und Brot, sieben Löffelchen, sieben Paar Messerchen und Gäbelchen und sieben Becherchen. Und an der Wand standen sieben Bettchen, alle blütenweiß überzogen. Da aß nun das hungrige Schneeweißchen von den sieben Tellerchen, nur ein wenig von jedem, und trank aus jedem Becherchen ein Tröpflein Wein. Dann legte es sich in eins der sieben Bettchen, um zu ruhen, aber das Bettchen war zu klein, und das Mägdlein mußte es in einem anderen probieren, doch wollte keins recht passen, bis zuletzt das siebente, das paßte, dahinein schlüpfte Schneeweißchen, deckte sich zu, betete zu Gott und schlief ein, tief und fest wie fromme Kinder, die gebetet haben, schlafen.

Derweil wurde es Nacht und da kamen die Häuschensherren, sieben kleine Bergmännerchen, jedes mit einem brennenden Grubenlichtchen vorn am Gürtel, und da sahen sie gleich, daß eins dagewesen war. Der erste fing an zu fragen: „Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen?“ Der zweite fragte: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ Der dritte fragte.“ Wer hat von meinem Brötchen gebrochen?“ Der vierte: „Wer hat von meinem Gemüschen geleckt?“ Der fünfte: „Wer hat mit meinem Messerchen geschnitten?“ Der sechste: „Wer hat mit meinem Gäbelchen gestochen?“ und der siebente fragte. „Wer hat aus meinem Becherchen getrunken?“ Wie die Zwerglein also gefragt hatten, sahen sie sich nach ihren Bettchen um, und fragten: „Wer hat in unseren Bettchen geschlafen?“ bis auf den siebenten, der fragte nicht so, sondern: „Wer liegt in meinem Bettchen?“ denn da lag das Schneeweißchen darin.

Da leuchten die Bergmännerchen mit ihrem Lämpchen alle hin und sahen mit Staunen das schöne Kind und störten es nicht, sondern sie ließen den siebenten in ihren Bettchen liegen, in jedem ein Stündchen, bis die Nacht herum war. Da nun der Morgen mit seinen frühen Strahlen in das kleine, kleine Häuschen der Zwerglein schien, wachte Schneeweißchen auf und fürchtete sich vor den Zwergen. Die waren aber ganz gut und freundlich und sagten, es solle sich nicht fürchten, und fragten, wie es heiße? Da sagte und erzählte nun Schneeweißchen alles, wie es ihm ergangen sei. Darauf sagten die Zwergmännchen: „Du kannst bei uns in unserem Häuschen bleiben, Schneeweißchen, und kannst uns unseren Haushalt führen, kannst uns unser Essen kochen, unsere Wäsche waschen und alles hübsch rein und sauber halten, auch unsere Bettchen machen.“ Das war Schneeweißchen recht, und es hielt den Zwergen haus. Die thaten am Tage ihre Arbeit in den Bergen, tief unter der Erde, wo sie Gold und Edelsteine suchten, und abends kamen sie und aßen und legten sich in ihre sieben Bettchen.

Unterdessen war die böse Königin froh geworden in ihrem argen Herzen, daß die nun wieder die Schönste war, wie sie meinte, und versuchte den Spiegel wieder und fragte ihn:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönst‘ im ganzen Land?“

Da antworte der Spiegel:

„Frau Königin! Ihr seid die schönste hier,

Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen,

Bei den sieben guten Zwergen,

Das ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Das war wiederum ein Dolchstich in das eitle Herz der Frau Königin, und sie sann nun Tag und Nacht darauf, wie sie dem Schneeweißchen ans Leben käme, und endlich fiel ihr ein, sich verkleidet selbst zu Schneeweißchen aufzumachen, und sie verstellte ihr Gesicht und zog geringe Kleider an, nahm auch einen Allerhandkram und ging über die sieben Berge, bis sie an das kleine, kleine Häuschen der Zwerge kam. Da klopfte sie an die Thüre und rief: „Holla! Holla! Kauft schöne Waren!“ Die Zwerge hatten aber dem Schneeweißchen gesagt, es solle sich vor fremden Leuten in acht nehmen, vornehmlich vor der bösen Königin. Deshalb sah das Mägdlein vorsichtig heraus; da sah sie den schönen Tand, den die Frau zu Markte trug, die schönen Halsketten und Schnüre und allerlei Putz. Da dachte Schneeweißchen nichts Arges und ließ die Krämerin herein und kaufte ihr eine Halsschnure ab, und die Frau wollte ihm zeigen, wie diese Schnur umgethan würde, und schnürte ihm von hinten den Hals so zu, daß Schneeweißchen gleich der Odem ausging und es tot hinsank. „Da hast du den Lohn für deine übergroße Schönheit!“ sprach die böser Königin und hob sich von dannen.

Bald darauf kamen die sieben Zwerglein nach Hause, und da fanden sie ihr schönes liebes Schneeweißchen tot und sahen, daß es mit der Schnur erdrosselt war. Geschwinde schnitten sie die Schnur entzwei und träufelten einige Tropfen von der Goldtinktur auf Schneeweißchens blasse Lippen, da begann es leise zu atmen und wurde allmählich wieder lebendig. Als es nun erzählen konnte, erzählte es, wie die alte Krämersfrau ihr den Hals böslich zugeschnürt, und die Zwerge riefen: „Das war kein andres Weib, als die falsche Königin! Hüte dich und lasse keine Seele in das kleine Häuschen, wenn wir nicht da sind.“

Die Königin trat, als sie von ihrem schlimmen Gange wieder nach Hause kam, gleich vor ihren Spiegel und fragte ihn:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönst‘ im ganzen Land?“

und der Spiegel antwortete:

„Frau Königin! Ihr seid die schönste hier,

Aber Schneeweißchen über den sieben Bergen,

Bei den sieben guten Zwergen,

Das ist noch tausendmal schöner als Ihr.“

Da schwoll der Königin das Herz vor Zorn, wie einer Kröte der Bauch, und sie sann wieder Tag und Nacht auf Schneeweißchens Verderben. Bald nahm die wieder die falsche Gestalt einer anderen Frau an, durch Verstellung ihres Gesichts und fremdländische Kleidung, machte einen vergifteten Kamm, und ging über die sieben Berge an das kleine, kleine Zwerghäuslein. Dort klopfte sie wieder an die Thüre und rief: „Holla! Holla! Kauft schöne Waren! Holla!“ Schneeweißchen sah zum Fenster heraus und sagte: „Ich darf niemand hereinlassen!“ Das Kramweib aber rief „Schade um die schönen Kämme!“ Und dabei zeigte sie den giftigen der, ganz golden blitzte. Da wünschte sich Schneeweißchen von Herzen einen goldenen Kamm, dachte nichts Arges, öffnete die Thüre, ließ die Krämerin herein und kaufte den Kamm.

„Nun will ich dir auch zeigen, mein allerschönstes Kind, wie der Kamm durch die Haare gezogen wird“, sprach die falsche Krämerin und strich dem Schneeweißchen durchs Haar; da wirkte gleich das Gift, daß das arme Kind umfiel und tot war. „So, nun wirst du wohl das Wiederaufstehen vergessen,“ sprach die böse Königin und entfloh aus dem Häuschen.

Bald darauf – und das war ein Glück – wurde es Abend, und da kamen die sieben Zwerge wieder nach Hause, fanden das armen Schneeweißchen für tot und fanden in den feinen schönen Haaren den giftigen Kamm. Diesen zogen sie geschwind aus dem Haar, und da kam es wieder zu sich. Und die Zwerge warnten es auf neue gar sehr, doch ja niemand in Häuschen zu lassen.

Daheim trat die böse Königin wieder vor ihren Spiegel und fragte ihn:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönst‘ im ganzen Land?“

und der Spiegel antwortete:

„Frau Königin! Ihr seid die schönst‘ allhier,

Aber über den sieben Bergen,

Bei den sieben guten Zwergen,

Ist Schneeweißchen noch tausendmal schöner als Ihr.“

Da wußte sich die Königin vor giftiger Wut darüber, daß alle ihre bösen Ränke gegen Schneeweißchen nicht fruchteten, gar nicht zu lassen und zu fassen und that einen schweren Fluch, Schneeweißchen müsse sterben, und solle es ihr, der Königin, selbst das Leben kosten. Und darauf machte sie heimlich einen schönen Apfel giftig, aber nur auf einer Seite, wo er am schönsten war, nahm dazu noch eine Korb voll gewöhnlicher Äpfel, verstellte ihr Gesicht, kleidete sich wie eine Bäuerin, ging abermals über die sieben Berge und klopfte am Zwergenhäuslein an, indem sie rief: „Holla! Schöne Äpfel kauft! kauft!“ Schneeweißchen sah zum Fenster heraus und sagte: „Geht fort, Frau, ich darf nicht öffnen und auch nichts kaufen!“

„Auch gut, liebes Kind!“ sprach die falsche Bäuerin. „Ich werde auch ohne dich meine schönen Äpfel noch alle los! Da hast du einen umsonst!“

„Nein, ich danke schön, ich darf nichts annehmen!“ rief Schneeweißchen. „Denkst wohl gar, der Apfel wäre vergiftet? Siehst du, da beiße ich selber hinein! Das schmeckt einmal gut! So hast du in deinem ganzen Leben keinen Apfel gegessen.“ Dabei biß das trügerische Weib in die Seite des Apfels, die nicht vergiftet war, und da wurde Schneeweißchen lüstern und griff nach dem Apfel hinaus, und die Bäuerin reichte ihn hin und blieb stehen. Kaum hatte Schneeweißchen den Apfel auf der anderen Seite angebissen, wo er ein schönes rotes Bäckchen hatte, so wurden Schneeweißchens rote Bäckchen ganz blaß, und es fiel um und war tot.

„Nun bist du aufgehoben, Ding!“ sprach die Königin und ging fort, und zu Hause trat sie vor den Spiegel und fragte wieder:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönst‘ im ganzen Land?“

und der Spiegel antwortete dieses Mal:

„Ihr, Frau Königin, seid allein die schönst’ im Land.“

Nun war das Herz der bösen Königin zufrieden, so weit ein Herz voller Bosheit und Tücke und Mordschuld zufrieden sein kann.

Aber wie erschraken die sieben Zwerge, als sie abends nach Hause kamen und ihr Schneeweißchen ganz tot fanden. Vergebens versuchten sie die Wunderkraft ihrer Goldtinktur, Schneeweißchen war und blieb jetzt tot.

Da legten die betrübten Zwerglein das liebe Kind auf eine Bahre, setzten sich darum herum und weinten drei Tage lang, hernach wollten sie es begraben. Aber da Schneeweißchen noch nicht wie tot aussah, sondern noch frisch wie ein Mägdlein, das schläft, so wollten sie es nicht allein in die Erde senken , sondern sie machten einen schönen Sarg von Glas, da hinein legten sie es und schrieben darauf:

Schneeweißchen eine Königstochter und setzten dann den Sarg auf einen von en sieben Bergen und hielten immer einer von ihnen Wache bei dem Sarge. Da kamen auch die Tiere aus dem Walde und weinten über Schneeweißchen, die Eule, der Rabe und das Täublein.

Und so lag Schneeweißchen lange Jahre in dem Sarge, ohne das es verweste, vielmehr sah es so frisch und weiß aus wie frischgefallener Schnee, und hatte wieder rote Wängelein, wie frische Blutröschen, und die schwarzen ebenholzfarbenen Haare. Da kam ein junger schöner Königssohn, der sich in den sieben Bergen verirrt hatte, zu dem kleinen Zwerghäuslein, sah den gläsernen Sarg stehen und las die Schrift darauf:

Schneeweißchen eine Königstochter und bat die Zwerge, ihm doch den Sarg mit Schneeweißchen zu überlassen, er wolle denselben ihnen abkaufen.

Die Zwerge aber sprachen: „Wir haben Goldes die Fülle und brauchen deines nicht! Und um alles Gold in der Welt geben wir den Sarg nicht her.“ — „So schenkt ihn mir!“ bat der Königssohn. „Ich kann nicht sein ohne Schneeweißchen, ich will es aufs höchste ehren und heilig halten, und es soll in meinem schönsten Zimmer stehen; ich bitte euch darum!“

Da wurden die Zwerglein von Mitleid bewegt und schenkten ihm Schneeweißchen im gläsernen Sarge. Den gab er seinen Dienern, daß sie ihn vorsichtig forttrügen, und er folgte sinnend nach. Da stolperte der eine Diener über eine Baumwurzel, daß der Sarg schütterte, und hätten ihn beinahe fallen lassen, und durch das Schüttern fuhr das giftige Stückchen Apfel, das Schneeweißchen noch im Munde hatte (weil es umgefallen war, ehe es den Bissen verschluckt), heraus, und da war es mit einem male wieder lebendig.

Geschwind ließ es der Königssohn niedersetzen, öffne?????‘??E?E?@??E?Eite den Sarg und hob es mit seinen Armen heraus, erzählte ihm alles, gewann es nun erst recht lieb und nahm es zu seiner Gemahlin, führte es auch gleich in seines Vaters Schloß, und dann wurde zur Hochzeit zugerüstet mit großer Pracht, auch viele hohe Gäste wurden geladen, darunter auch die böse Königin. Die putzte sich auf das Allerschönste, trat vor ihren Spiegel und fragte wieder:

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

Wer ist die schönst‘ im ganzen Land?“

darauf antwortete der Spiegel:

„Frau Königin, Ihr seid die schönst’ allhier,

Aber die junge Frau Königin ist noch tausendmal schöner als Ihr!“

Da wußte die Königin nicht, was sie vor Neid und Scheelsucht sagen und anfangen sollte, und es wurde ihr ganz bange ums Herz, und wollte erst gar nicht auf die Hochzeit gehen; dann wollte sie aber doch die sehen, die schöner sei, als sie, und fuhr hin. Und wie sie in den Saal kam, trat ihr Schneeweißchen als die allerschönste Königsbraut entgegen, die es jemals gegeben, und da mochte sie vor Schrecken in die Erde sinken.

Schneeweißchen aber war nicht allein die Allerschönste, sondern sie hatte auch ein großes edles Herz, das die Unthaten, die die falsche Frau an ihr verübt, nicht selbst rächte. Es kam aber ein giftiger Wurm, der fraß der bösen Königin das Herz ab, und dieser Wurm war der Neid.

Oda und die Schlange

Ludwig Bechstein

Oda und die Schlange

Es war einmal ein Mann, der hatte drei Töchter, von denen hieß die jüngste Oda. Nun wollte der Vater dieser drei einmal zu Markte fahren und fragte seine Töchter, was er ihnen mitbringen sollte. Da bat die Älteste um ein goldnes Spinnrad, die zweite um eine goldne Haspel, Oda aber sagte: »Bringe mir das mit, was unter deinem Wagen wegläuft, wenn du auf dem Rückweg bist.« Da kaufte denn nun der Vater auf dem Markt ein, was sich die älteren Mädchen gewünscht, und fuhr heim, und siehe, da lief eine Schlange unter den Wagen, die fing der Mann und brachte sie Oda mit. Er warf sie untenhin in den Wagen und nachher vor die Haustür, wo er sie liegen ließ.

Wie nun Oda heraus kam, da fing die Schlange an zu sprechen: »Oda! Liebe Oda! Soll ich nicht hinein auf die Diele?«

»Was?« sagte Oda. »Mein Vater hat dich bis an unsere Türe mitgenommen, und du willst auch herein auf die Diele?« Aber sie ließ sie doch ein.

Da nun Oda nach ihrer Kammer ging, so rief die Schlage wieder: »Oda, liebe Oda! Soll ich nicht vor deiner Kammertüre liegen?«

»Ei, seht doch!« sagte Oda, »mein Vater hat dich bis an die Haustür gebracht, ich habe dich hereingelassen auf die Diele, und nun willst du auch noch vor meiner Kammertür liegen? Doch es mag drum sein!«

Wie nun Oda in ihre Schlafkammer eingehen wollte und die Kammertür öffnete, da rief die Schlange wieder: »Ach, Oda, liebe Oda! Soll ich nicht in deine Kammer?«

»Wie?« rief Oda, »hat dich mein Vater nicht bis an die Haustür mitgenommen? Hab ich dich nicht auf die Diele gelassen und vor meine Kammertür? Und nun willst du auch noch mit in die Kammer? Aber, wenn du nun zufrieden sein willst, so komm nur herein, liege aber stille, das sag ich dir!«

Damit ließ Oda die Schlange ein und fing an sich auszukleiden. Wie sie nun ihr Bettchen besteigen wollte, so rief die Schlange doch wieder: »Ach, Oda, liebste Oda! Soll ich denn nicht mit in dein Bette?«

»Nun wird es aber zu toll!« rief Oda zornig aus. »Mein Vater hat dich bis an die Haustür mitgenommen; ich habe dich auf die Diele gelassen, nachher vor die Kammertür, nachher herein in die Kammer – und nun willst du gar noch ins Bett zu mir? Aber du bist wohl erfroren? Nun, so komm mit herein und wärme dich, du armer Wurm!«

Und da streckte die gute Oda selbst ihre weiche warme Hand aus und hob die kalte Schlange zu sich herauf in ihr Bette. Da mit einem Male verwandelte sich die Schlange, die eine lange Zeit verzaubert gewesen war und die nur erlöst werden konnte, wenn alles das geschah, was mit ihr sich zugetragen hatte – in einen jungen und schönen Prinzen, der alsobald die gute Oda zu seiner Frau nahm.

Hirsedieb

Ludwig Bechstein

Hirsedieb

In einer Stadt wohnte ein sehr reicher Kaufmann, der hatte am Haus einen großen und prächtigen Garten, in dem auch ein Stück Land mit Hirse besäet war. Da nun dieser Kaufmann einmal in seinem Garten herumspazierte – es war zur Frühjahrszeit, und der Same stand frisch und kräftig -, so sah er zu seinem größten Ärger und Verdruß, daß verwichene Nacht von frecher Diebeshand ein Teil von seinem Hirsesamen abgegrast worden war, und gerade dieses Gartenäckerlein, darauf er alle Jahre Hirse hinsäete, war ihm ganz besonders lieb, wie manchmal die Menschen eine ausschließliche Vorliebe für eine Sache haben. Er beschloß, den Dieb zu fangen und dann nachdrücklich zu strafen oder dem Gericht zu übergeben. Daher er seine drei Söhne, Michel, Georg und Johannes, zu sich rief und sprach: »Heute Nacht war ein Dieb in unserm Garten und hat mir einen Teil Hirsesamen abgegrast, was mich höchlich ärgert. Dieser Frevler muß gefangen werden und soll mir büßen! Ihr, meine Söhne, mögt nun wachen die Nächte hindurch, einer um den andern, und welcher den Dieb fängt, soll von mir eine stattliche Belohnung bekommen.«

Der Älteste, Michel, wachte die erste Nacht; er nahm sich etliche geladene Pistolen und einen scharfen Säbel, auch zu essen und zu trinken mit, hüllte sich in einen warmen Mantel und setzte sich hinter einen blühenden Holunderbusch, hinter dem er bald hart und fest einschlief. Wie er am hellen Morgen erwachte, war ein noch größeres Stück Hirsesamen abgegrast als in voriger Nacht. Und wie nun der Kaufmann in den Garten kam und das sahe und merkte, daß sein Sohn, anstatt zu wachen und den Dieb zu fangen, geschlafen hatte, ward er noch ärgerlicher und schalt und höhnte ihn als einen braven Wächter, der ihm samt seinen Pistolen und Säbel selbst gestohlen werden könne!

Die andre Nacht wachte Georg; dieser nahm sich nebst den Waffen, die sein Bruder vorige Nacht bei sich geführt, auch noch einen Knittel und starke Stricke mit. Aber der gute Wächter Georg schlief ebenfalls ein und fand am Morgen, daß der Hirsedieb wieder tüchtig gegraset hatte. Der Vater ward ganz wild und sagte: »Wenn der dritte Wächter ausgeschlafen hat, wird die Hirsesaat vollends zum Kuckuck sein, und es wird dann keines Wächters mehr bedürfen!«

Die dritte Nacht kam nun an Johannes die Reihe. Dieser nahm trotz allem Zureden keine Waffen mit; doch hatte er sich im geheimen mit recht probaten Waffen gegen den Schlaf versehen; er hatte sich Disteln und Dornen gesucht und diese, als er sich abends in den Garten an seinen Wächterplatz verfügt, vor sich aufgebaut. Wenn er nun einnicken wollte, stieß er allemal mit der Nase an die Stachein und wurde gleich wieder munter. Als die Mitternacht herbeikam, hörte er ein Getrappel, es kam näher und näher, machte sich in den Hirsesamen, und da hörte Johannes ein recht fleißiges Abraufen. Halt, dachte er, da hab ich dich! und er zog einen Strick aus der Tasche, schob leise die Dornen zurück und schlich dem Dieb vorsichtig näher. Als er hinzukam – wer hätte sich das vermutet? – war der Dieb – ein allerliebstes kleines Pferdchen. Johannes war innerlich erfreut; hatte auch mit dem Einfangen gar keine Mühe; das Tierchen folgte ihm willig zum Stall, den Johannes fest verschloß. Und nun konnte er noch ganz gemach in seinem Bette ausschlafen. Früh, als seine Brüder aufstiegen und hinunter in den Garten gehen wollten, sähen sie mit Staunen, daß Johannes in seinem Bette lag und schlief. Da weckten sie ihn und höhnten ihn mit allerlei Neckreden, daß er der beste Wächter sei, da er sogar nicht einmal die Nacht ausgehalten habe auf seiner Wache. Aber Johannes sagte: »Seid ihr nur ganz stille, ich will euch den Hirsedieb schon zeigen.« Und sein Vater und seine Brüder mußten ihm zum Stalle folgen, wo das wunderseltsame Pferdlein stand, von dem niemand zu sagen wußte, woher es gekommen und wem es zugehöre. Es war allerliebst anzusehen, von zartem und schlankem Bau und dazu ganz silberweiß. Da hatte der Kaufmann eine große Freude und schenkte seinem wackern Johannes das Pferdchen als Belohnung, der nahm es freudig an und nannte es Hirsedieb.

Bald vernahmen die Brüder, daß eine schöne Prinzessin verzaubert wäre im Schloß, das auf dem gläsernen Berge stehe, zu welchem niemand wegen der großen Glätte emporklimmen könne. Wer aber glücklich hinauf und dreimal um das Schloß herumreite, der erlöse die schöne Prinzessin und bekomme sie zur Gemahlin. Gar unendlich viele hätten schon den Bergritt probiert, wären aber alle wieder herabgestürzt und lägen tot umher.

Diese Wundermär erscholl durchs ganze Land, und auch die drei Brüder bekamen Lust, ihr Glück zu versuchen, nach dem gläsernen Berg zu reiten und – womöglich die schöne Prinzessin zu gewinnen. Michel und Georg kauften sich junge, starke Pferde, deren Hufeisen sie tüchtig schärfen ließen, und Johannes sattelte seinen kleinen Hirsedieb, und so ging es aus zum Glücksritt. Bald erreichten sie den gläsernen Berg, der Älteste ritt zuerst, aber ach – sein Roß glitt aus, stürzte mit ihm nieder, und beide, Roß und Mann, vergaßen das Wiederaufstehen.

Der zweite ritt, aber ach – sein Roß glitt aus, stürzte mit ihm nieder, und beide, Mann und Roß, vergaßen auch das Aufstehen. Nun ritt Johannes, und es ging trapp trapp trapp trapp trapp – droben waren sie, und wieder trapp trapp trapp trapp trapp, und sie waren dreimal ums Schloß herum, als wenn Hirsedieb schon hundertmal diesen gefährlichen Weg gelaufen wäre. Nun standen sie vor der Schloßtüre; diese ging auf, und es trat die reizendschöne Prinzessin heraus; sie war ganz in Seide und Gold gekleidet und breitete freudig die Arme gegen Johannes aus. Und derselbe stieg schnell vom Pferdlein und eilte, die holde Prinzessin und somit sein ganzes überaus großes Glück zu umfangen.

Und die Prinzessin wandte sich zum Pferdlein, liebkosete dasselbe und sprach: »Ei, du kleiner Schelm, warum warst du mir denn entlaufen, daß ich nicht mehr die einzige Nachtstunde, die mir vergönnet war, unten auf der grünen Erde zu weilen, genießen konnte, da du mich nicht mehr den gläsernen Berg hinunter- und wieder herauftrugst? Nun darfst du uns nimmermehr verlassen. «

Und da ward Johannes gewahr, daß sein Hirsediebchen das Zauberpferdlein seiner himmelschönen Prinzessin war. Seine Brüder kamen wieder auf von ihrem Fall, Johannes aber sahen sie nicht wieder, denn der lebte glücklich und allen Erdensorgen entrückt mit seinem Engel im Zauberschloß auf dem gläsernen Berge, aber auch zu diesem Berge fand kein Menschenkind mehr den Weg, weil der Zauber gelöst und die Prinzessin von ihrem Bann befreit worden war, durch ihr kluges Rößlein, das den rechten Befreier und Gemahl ihr zugetragen.

Helene

Ludwig Bechstein

Helene

Es war einmal ein schönes Mädchen, das hieß Helene.Ihre Mutter war früh gestorben, und die Stiefmutter, die sie bekommen hatte, tat ihr alles gebrannte Herzeleid an.Helene gab sich alle Mühe, ihre Liebe zu gewinnen, sie verrichtete die schweren Arbeiten, die ihr auferlegt wurden, fleißig und unverdrossen, aber die böse Stiefmutter blieb in ihrem harten Herzen ungerührt und verlangte immer mehr von ihr.Denn weil Helene so emsig und unermüdlich war, daß sie immer bei Zeiten mit ihrer Arbeit fertig wurde, so glaubte sie, was sie ihr auferlegt habe, sei noch zu leicht und zu gering gewesen, und sann auf neue schwere Beschäftigungen. Eines Tages verlangte die Alte von Helene, diese solle zwölf Pfund Federn in einem Tage abschleißen, und drohte ihr mit harten Strafen, wenn sie abends nach Hause zurückkäme und die Arbeit sei nicht getan.

Das arme gequälte Mädchen setzte sich mit Angst und Tränen zu ihrer Arbeit und konnte vor Kummer kaum einen Anfang machen.Wenn sie aber endlich ein Häufchen geschlissener Federn vor sich liegen hatte, da mußte sie wieder an ihre Not denken und bitterlich weinen, und dann stoben die Federn von ihrem Seufzen auseinander.So ging es ihr immer wieder, und ihre Angst stieg auf das Höchste.Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, bückte sich über den Tisch und rief weinend aus: »Ach!Ist denn niemand auf Gottes Erdboden, der sich meiner erbarme?«

Da antwortete auf einmal eine sanfte Stimme: »Tröste dich, mein Kind, ich bin gekommen dir zu helfen.« Erschrocken sah Helene auf und erblickte eine Fee, die freundlich fragte: »Was weinst du so?« Helene hatte lange kein freundliches Wort gehört, sie faßte Vertrauen zu der Erscheinung und erzählte, was ihr für eine Arbeit aufgegeben sei und daß sie damit unmöglich zur bestimmten Zeit fertig werden könne. »Sei ohne Sorgen, mein Kind!« sprach die freundliche Fee, »lege dich ruhig schlafen; unterdessen will ich deine Arbeit verrichten.« Helene legte sich zur Ruhe, und unter den Händen der Fee flogen die Federn selbst von den Kielen, so daß die Arbeit lange vor der gesetzten Frist fertig war. Darauf weckte die Fee Helene, die allen Kummer verschlafen hatte, und verschwand, als diese ihr danken wollte. Am Abend kam die böse Stiefmutter nach Hause. Wie erstaunte sie, als sie Helenen neben der fertigen Arbeit ruhig sitzend fand. Sie lobte zwar ihren Fleiß, dachte aber bei sich auf neue und schwerere Arbeiten.

Am andern Tag befahl sie Helene, einen großen Teich, der in der Nähe lag, mit einem Löffel auszuschöpfen, und der Löffel, den sie ihr dazu gab, war durchlöchert.Helene machte sich an ihre Arbeit, aber bald sah sie ein, daß es unmöglich war, das Gebot ihrer bösen und tückischen Stiefmutter zu erfüllen.Voll tiefer Kümmernis und Angst wollte sie schon den Löffel von sich werfen, als plötzlich die gute Fee vor ihr stand und sie freundlich fragte, warum sie so betrübt sei?Als Helene ihr von dem Gebote der Stiefmutter erzählt hatte, sprach sie: »Verlaß dich auf mich; ich will deine Arbeit für dich verrichten.Lege dich unterdessen ruhig schlafen.« Helene war getröstet und legte sich zur Ruhe, aber bald ward sie von der Fee leise geweckt und erblickte das vollbrachte Werk.Voller Freuden eilte sie zu ihrer Stiefmutter und hoffte, ihr Herz würde sich endlich erweichen.Aber diese ärgerte sich darüber, daß ihre Tücke so wunderbar vereitelt worden war, und sann auf noch schwierigere Aufgaben.

Als es Morgen geworden war, befahl sie Helene, bis zum Abende ein schönes Schloß zu bauen, das sogleich bezogen werden könne und an dem nichts fehlen dürfe, weder Küche noch Keller noch irgend etwas. Helene setzte sich niedergeschlagen auf den Felsen, der ihr zum Bau angewiesen war, und tröstete sich nur mit der Hoffnung, daß ihr die gute Fee auch diesmal aus ihrer Not helfen werde. So geschah es auch. Die Fee erschien, versprach, das Schloß zu bauen und schickte Helene wieder zur Ruhe. Auf das Wort der Fee erhoben sich Felsen und Steine und fügten sich ineinander, so daß bald ein prächtiges Schloß da stand. Vor Abend war auch inwendig alles fertig und in vollem Glanze. Wie dankbar und freudig war Helene, als sie die schwere Aufgabe ohne ihr Zutun erfüllt sah Aber die Stiefmutter freute sich nicht, sondern ging schnüffelnd und spürend durch das Schloß von oben bis unten, ob sie nicht irgendeinen Fehler fände, wegen dessen sie Helene ausschelten und strafen könnte. Endlich wollte sie auch den Keller betrachten, aber in dem Augenblicke, wo sie die Falltüre erhoben hatte und hinabsteigen wollte, schlug die schwere Türe plötzlich zurück, so daß die böse Stiefmutter die ‚Treppe hinabstürzte und sich zu Tode fiel.

Nun war Helene selber Herrin des Schlosses und lebte in Ruhe und Frieden. Bald kamen viele Freier, die von ihrer großen Schönheit gehört hatten. Unter ihnen war auch ein Königssohn mit Namen Laßmann, und dieser erwarb sich die Liebe der schönen Helene. Eines Tages saßen beide vertraulich vor dem Schlosse unter einer hohen Linde beisammen, und Laßmann sagte Helene, daß er von ihr zu seinen Eltern reisen müsse, um ihre Einwilligung zu seiner Heirat sich zu holen, und bat sie unter der Linde seiner zu warten. Er schwur ihr, sobald als möglich zu ihr zurückzukehren. Helene küßte ihn beim Abschiede auf die linke Backe und bat ihn, so lange er von ihr entfernt sein werde, sich von niemand anderem auf diese Backe küssen zu lassen . Unter der Linde wolle sie ihn erwarten.

Helene baute felsenfest auf Laßmanns Treue und saß ganzer drei Tage lang von Morgen bis zum Abende unter der Linde . Als aber ihr Bräutigam immer noch nicht kam, geriet sie in schwere Sorge und beschloß, sich auf den Weg zu machen und ihn zu suchen.Sie nahm von ihrem Schmucke so viel sie konnte, auch von ihren Kleidern nahm sie drei der schönsten, eins mit Sternen, das andere mit Monden, das dritte mit lauter Sonnen von reinem Golde gestickt – Weit und breit wanderte sie durch die Welt, aber nirgends geriet sie auf eine Spur ihres Bräutigams.Am Ende verzweifelte sie ganz daran, ihn zu finden, und gab ihr Suchen auf, aber nach ihrem Schlosse wollte sie doch nicht heimkehren, weil ihr dort ohne ihren Bräutigam alles öde und verlassen vorkommen mußte; lieber wollte sie in der Fremde bleiben.Sie vermietete sich bei einem Bauern als Hirtin und vergrub ihren Schmuck und ihre schönen Kleider an einem verborgenen Orte.

So lebte sie nun als Hirtin und hütete ihre Herde, indem sie an ihren Bräutigam dachte.Sie gewöhnte ein Kälbchen von der Herde an sich, fütterte es aus ihrer Hand und richtete es ab, vor ihr nieder zu knien, wenn sie zu ihm sprach:

 	»Kälbchen, knie nieder 	Und vergiß deiner Ehre nicht, wie der 	Prinz Laßmann die arme Helene vergaß, 	Als sie unter der grünen Linde saß.«

Nach einigen Jahren, die sie so verlebte, hörte sie, die Tochter des Königs in dem Lande, wo sie jetzt wohnte, werde ein Königssohn mit Namen Laßmann heiraten. Darüber freuten sich alle Leute, aber Helene überfiel ein noch viel größerer Schmerz, als sie bisher erlitten hatte, denn sie hatte immer noch auf Laßmanns Treue vertraut. Nun traf es sich, daß der Weg zur Königsstadt nicht weit von dem Dorfe vorbeiging, wo Helene sich als Hirtin verdingt hatte und so geschah es oftmals, wenn sie ihre Herde hütete, daß Laßmann an ihr vorüberritt, ohne sie zu beachten, indem er ganz in Gedanken an seine Braut versunken war. Da fiel es Helene ein, sein Herz auf die Probe zu stellen und zu versuchen, ob es nicht möglich sei, ihn wieder an sie zu erinnern. Nicht lange darauf kam Laßmann wieder einmal vorüber; da sprach Helene zu Ihrem Kälbchen:

 	»Kälbchen, knie nieder 	Und vergiß deiner Ehre nicht, wie der 	Prinz Laßmann die arme Helene vergaß, 	Als sie unter der grünen Linde saß.«

Als Laßmann Helenens Stimme hörte, da war es ihm, als solle er sich auf etwas besinnen, aber hell wurde ihm nichts, und deutlich hatte er auch nicht die Worte vernommen, da Helene nur leise und mit zitternder Stimme geredet hatte.So war auch ihr Herz viel zu bewegt gewesen, als daß sie hätte achtgeben können, welchen Eindruck ihre Worte machten, und als sie sich faßte, war Laßmann schon wieder weit von ihr fort.Doch sah sie noch, wie er langsam und nachdenklich ritt, und deshalb gab sie sich noch nicht ganz verloren.

In diesen Tagen sollte in der Königsstadt mehrere Nächte hindurch ein großes Fest gegeben werden. Darauf setzte sie ihre Hoffnung und beschloß, dort ihren Bräutigam aufzusuchen. Als es Abend war, machte sie sich heimlich auf, ging zu ihrem Verstecke und legte das Kleid, das mit goldenen Sonnen geziert war, und ihr Geschmeide an, und ihre schönen Haare, die sie bisher unter einem Tuche verborgen hatte, ließ sie fessellos rollen. So geschmeckt ging sie in die Stadt zum Feste. Als sie sich zeigte, da wandten sich aller Augen auf sie, alles verwundene sich über ihre Schönheit, aber niemand wußte, wer sie war. Auch Laßmann war von ihrer Schönheit wie verzaubert, ohne zu ahnen, daß er einst mit diesem Mädchen ein Herz und eine Seele gewesen war. Bis zum Morgen wich er nicht von ihrer Seite, und nur mit großer Mühe konnte sie in dem Gedränge ihm entkommen, als es Zeit war heimzukehren. Laßmann suchte sie überall und erwartete sehnlich die nächste Nacht, wo sie versprochen hatte, sich wieder einzufinden. Am andern Abende begab sich die schöne Helene wiederum so zeitig, als sie konnte, auf den Weg. Diesmal hatte sie das Gewand an, das mit lauter silbernen Monden geziert war, und einen silbernen Halbmond trug sie über ihrer Stirne. Laßmann war froh, sie wiederzusehen, sie schien ihm noch viel schöner zu sein als gestern, und die ganze Nacht tanzte er allein mit ihr . Als er sie aber nach ihrem Namen fragte, antwortete sie, sie dürfe ihn nicht nennen, wenn er nicht erschrecken solle. Darauf bat er sie inständig, den nächsten Abend wiederzukommen, und dies versprach sie ihm. Am dritten Abend war Laßmann vor Ungeduld frühzeitig in dem Saale und verwandte kein Auge von der Tür. Endlich kam Helene in einem Gewande, das mit lauter goldenen und silbernen Sternen gestickt war und von einem Sternengürtel festgehalten wurde; ein Sternenband hatte sie um ihre Haare geschlungen. Laßmann war noch mehr als vorher von ihr entzückt und drang in sie mit Bitten, sich ihm endlich zu erkennen zu geben. Da küßte Helene ihn schweigend auf die linke Backe, und nun erkannte Laßmann sie auf einmal wieder und bat voll Reue um ihre Verzeihung; und Helene, froh ihn wiedergewonnen zu haben, ließ ihn nicht lange darauf warten.

Gevatterin Kröte

Ludwig Bechstein

Gevatterin Kröte

Ein feines Bauernmädchen ging einst an einem Weiher vorüber, da sah es am Rande eine große dicke Kröte sitzen, die guckte so recht starr und häßlich. »Na – bei dir möcht‘ ich auch Gevatter stehen!« rief voll Abscheu das Mädchen. Da hob die Kröte den rechten Vorderfuß in die Höhe, als wenn sie einen Handschlag geben wollte. Dem Mägdlein gruselte, und es eilte weiter.

Als abends die Jungfer in ihre Kammer trat, saß die Kröte krötenbreit mitten auf der Diele. Das Mädchen schrie. »Schreie nicht!« sprach die Kröte. »Hast du mir nicht versprochen, bei mir Gevatter zu stehen? Ich nehme dich beim Worte! Folge mir, oder du erlebst nicht den morgenden Tag!«

In Todesangst folgte der voranhüpfenden Kröte das junge Mädchen, durchs Dorf, durch die Nacht, an den Weiher; dort war im Schiff eine Öffnung, eine Treppe führte hinunter. Die Kröte hüpfte voran, das Mädchen folgte. Drunten verwandelte sich die Kröte in eine schöne Frau und zeigte dem erstaunten Mädchen sein Patchen, ein nettes niedliches Nixenkind.

»Der Dienst soll dich nicht reuen!« sprach sie.

Und dann begann ein großes herrliches Fest in den Räumen der unterirdischen Wasserwelt, und das junge Mädchen wurde hoch geehrt und bedient von den schönsten Nixen und herumgeführt in allen Grotten, die wie eitel Eis und Silber glänzten, und empfing endlich von ihrer Gevatterin Kröte noch drei wunderbare Gaben, deren Besitz sie lebenslänglich glücklich machte, denn sie wurde wohlbehalten wieder zurückgeführt, und hätte sie nicht morgens beim Erwachen die Gaben vorgefunden, so hätte sie geglaubt, es sei ihr alles nur im Traume begegnet.

In ihre Erinnerung aber mischte sich dem Entzücken doch auch ein geheimes Grauen, und nie in ihrem Leben vermochte sie es über sich bringen, wieder an jenem Weiher vorüberzugehen.