215. Das Teufelsgitter

215. Das Teufelsgitter

In der Marienkirche zu Wismar ist um den Taufstein ein eisernes Gitter gestellt, das hat der Schmied vollbracht mit der Hülfe des Satans und ist also künstlich, daß keiner es vermag nachzumachen oder Anfang und Ende zu finden. Ein solches Gitter, aber um die Kanzel herum, zeigt man auch in Lübeck und nennt denselben künstlichen Meister wie in Wismar. In einer Nacht soll der Teufel es verfertigt haben.

Zu Wismar war auch ein Priester, der hatte ein seltsamliches Gelüsten. Er legte sich ein Buch an, dahinein schrieb er die Namen reicher Leute der Stadt mit gewissen Summen, als wenn sie ihm diese Summen schuldeten, und dann ging er hin und bestahl nach und nach diese Reichen. Wenn er nun einen bestohlen hatte, so schrieb er in seinem Buche zu dessen Namen dedit, zu Dank vergnügt. Endlich kam die Sache an den Tag, nachdem der Schlaukopf lange Jahre so fort gestohlen, und wurde der Täter vom verdienten Strang zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt.

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216. Der englische Schweiß

216. Der englische Schweiß

Im Jahre 1529 kam aus England eine gefahrliche Krankheit, die wurde die Schweißsucht oder der englische Schweiß genannt. In Hamburg gewann sie auf dem Festland den ersten Boden und raffte binnen zweiundzwanzig Tagen tausend Menschen dahin. Von da ging sie weiter nach Lübeck, Wismar, Rostock, Greifswalde, Stettin, Danzig und breitete sich weit umher im Lande aus. Sie flog gleichsam durch die Städte und Länder im Hui. Man schrieb ihre Ursache der eigentümlichen Witterung des Jahres zu: gelinder Winter, trockner Mai, naßkalter Sommer und darauf solche Hitze, daß es unmöglich war, nicht zu schwitzen, und wenn einer nackend gegangen wäre, und mit dieser lähmenden Hitze kam die Sucht.

Zu Lübeck war ein Doktor, der hieß Varus und hatte seines Glaubens halber aus England flüchten müssen, der heilte manchen von der schwitzenden Krankheit. Da Doktor Varus nun ein frommer und glaubenseifriger Mann war und wahrnahm, daß die Geistlichen und ihr Anhang das Evangelium nach der neuen Lehre nicht wollten gelten und sich ausbreiten lassen, so begab er sich zu einem hohen Ratsverwandten mit einem Buche in der Hand und fragte ihn, ob er nicht Gottes Lohn verdienen wolle und wolle helfen, daß eines frommen Mannes Testament möchte bestätigt werden und Rechtskraft erlangen. – Darauf sagte der Ratsherr: Wenn das Testament recht gemacht ist, so wird es ein ehrbarer Rat wohl konfirmieren. – Da hub der Doktor wieder an und sprach: Der es aufgerichtet hat, ist ein guter, frommer Mann und heißt Jesus Christus. Er hat sein Testament mit seinem Tode und seiner Auferstehung bestätigt, will nun ein ehrbarer Rat zu Lübeck dasselbige auch konfirmieren, so wird er Gott einen großen Dienst erweisen. – Der Ratsherr wendete sich um und ließ den Doktor stehen, aber am andern Tage wurde ihm die Stadt verboten.

Die Schweißsucht regierte so heftig, daß mehr als ein Haus ganz verlassen und verschlossen werden mußte. Auf der Universität Rostock wurde im Jahre 1529 kein einziger Student immatrikuliert. Binnen vierundzwanzig Stunden wendete sich die Krankheit zum Leben oder zum Tode. Die hülfreichen Mittel gegen diese Krankheit, welche weder Kinder noch Alte, sondern nur die Kräftigen und Kräftigsten ergriff, waren: nicht überwarmes Lager, aber Bewahrung vor jeder Zugluft, einfachste Kost, Leibesöffnung durch Rhabarbar, reine Luft, sorgsame Wartung; die Kranken sollten sich nicht durch Umwälzen erkühlen, keine Luft unter die Arme kommen lassen. Je stiller der Kranke lag, um so besser, und beim Umkehren, wenn es durchaus nötig, solle er vor aller Luft behütet werden. Auch solle man ihm guten Trost einreden, daß seine Schwitzqual nur eine kurze Zeit daure und er dann genese, solle ihn mit duftendem Rosenwasser bestreichen am Haupt, hinter den Ohren und über dem Nacken und an den Schläfen und ihn starken Weinessig durch die Nase einatmen lassen. Der Essig übertreffe, sagten die Schweißärzte, um vieles Kamphor und Opium. Zum Labetrunk keinen Malvasier, Würzwein, pommerschen Schlurf oder Ratzeburger Rommeldaus, das starke Bier, sondern dünnen Kovent, durch ein Röhrlein gesogen. Gut zum Tranke war auch Ochsenzungen- und Borretschwasser mit Kandiszucker, wenig auf einmal, kaum einen Löffel voll durch ein Rohr. In Anfang der Krankheit mußten die Kranken vor dem Schlafe bewahrt werden, denn Schlaf war der halbe Tod. Nasenbluten, das sich nicht selten einstellte, sollte man nicht zu stillen suchen. Nach dem Verlauf der vierundzwanzig oder achtundzwanzig Stunden vorsichtiger Wechsel der Wäsche, gewärmt, und später zum Getränk Einbeckisch und Güstrower Bier und zuletzt wieder, was jedem schmeckte und was er haben konnte.

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209. Der Wald kommt

209. Der Wald kommt

Vor alten Zeiten lag die Stadt Lübeck mit den Bewohnern der Insel Rügen im Krieg, die noch heidnisch waren und einen Tribut heischten für ihren Abgott. Sotanen Tribut haben aber die von Lübeck nicht zahlen wollen, und da sind ihnen die Rügier vor die Stadt gerückt und haben sie einzubekommen gesucht. Damit aber ihre Zahl nicht gleich erblickt werde, haben sie im Lauerholz Büsche und kleine Bäume gefällt, und diese haben die Kriegsleute vor sich her gehalten und sind so gegen die Stadt herangezogen, so daß die Turmwächter schrien: Der Wald kommt, der Wald kommt! Das Lauerholz rückt gegen die Stadt heran! Am Hochgericht machten die Rügier halt und warfen einen tiefen Graben auf und verschanzten sich und fügten den Bürgern viel Schlimmes zu. Darauf wurde ein starker Ausfall beschlossen, und es fand ein ernstes Schlagen statt, aber da die Nachricht in die Stadt kam, es stehe um die Bürger nicht zum besten und sie würden wohl zurückgedrängt werden, da erhoben sich die Frauen, bewaffneten sich mit dem, was sie fanden, drangen in die St. Jakobskirche, nahmen dort eine Fahne und stürmten zur Stadt hinaus, und als die Bürger dieses neue Heer anrücken sahen, wuchs ihnen der Mut, den Rügiern aber entfiel er, und sie wurden also geschlagen, daß sie das Feld räumten und das Lager, und daß unermeßliche Beute und selbst ihr Abgott in die Hände der Lübecker fiel. Darauf sind sie nimmer wiedergekommen. Die Sage vom kommenden Wald begegnet da und dort in stets verschiedener Färbung.

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210. Der Herthasee

210. Der Herthasee

Im Eiland Rügen war das Heiligtum der Mutter Erde, als Göttin gedacht von den alten Urvölkern des germanischen Norden und Hertha geheißen. Ein geheiligter Buchenwald, die Stubbenitz genannt, umgab einen tiefen See; im Walde stand der mit einem Gewand bedeckte Wagen der Göttin, darin sie alljährlich einmal das Land durchfuhr im Geleite eines einzigen Priesters, dem ihr Wille offenbart ward. Zwei heilige Kühe zogen den Wagen der Göttin, und wohin derselbe kam, da war Freude die Fülle und eitel Friedensfest; niemand durfte da streiten, keine Waffe durfte ergriffen werden. Das währte so lange, als die Göttin an einem Orte verweilte, und wenn sie nicht mehr weilen wollte, da führte der Priester sie zurück in ihr Heiligtum. Dann wurde in dem düstern See ihr Wagen, Gewande und ihr Bildnis gereinigt, und die Sklaven, welche dabei dienten, wurden in dem See geopfert, damit ihrer keiner je erzähle, was er geschaut. Die Sage geht, daß die Insel Rügen weder Wölfe noch Katzen dulde.

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211. Pape Dönes Glockenspiel

211. Pape Dönes Glockenspiel

Wie der Stürzebecher und seine Raub- und Mordgesellen auf Jasmund ihre geheimen Schlupfwinkel hatten, so saß ein ähnlicher Kumpan in einem unwegsamen Walde bei Ratzeburg, nur daß dieser kein Seeräuber war, sondern ein Landräuber, der hieß Pape Döne und war von unermeßlicher Stärke, die er sich durch ein Teufelsbündnis verschafft hatte. Er durchstreifte die Fluren als Bettler, fiel über die Reisenden her, überwältigte auch den stärksten Mann und schleppte ihn und all sein Gut nach seiner verborgenen Höhle und Mordgrube. Dort schnitt er seinen Ermordeten die Hirnschalen ab, zog die Haut davon, trocknete und bleichte erstere und hing sie an einer Schnur zwischen Bäumen auf, dann schlug er mit seinem Stecken daran und lauschte, welchen Klang oder Ton die Hirnschale von sich gab, und fand, daß nie einer klang wie der andere, und wie jeder Mensch seinen eignen Kopf hat, so ist auch der Klang seines Gehirndeckels vom andern verschieden, woraus leichtlich zu erklären, warum so viele Menschen so unharmonisch miteinander leben, weil eben ihre Hirnschalentöne nicht zusammenpassen. Von dieser Erfindung, welche Pape Döne sein Glockenspiel nannte, soll er auch, indem er Töne suchte, den Beinamen Döne erhalten haben. Wenn nun der musikalische Mann, der Urerfinder der Schädellehre, gleich wie auf einer Strohfiedel auf den Hirnschalen sich hören ließ, so machte er sich das Vergnügen, diese zu gleicher Zeit auch tanzen zu lassen, und dazu sang er wohlgemut eine spöttische Tanzweise:

So danzet, so danzet, min levesten Söne,
Dat Danzen, dat maket ju Vater Pape Döne.

Diesen verruchten Musikanten soll endlich der Teufel niedergeworfen haben, willens, mit seiner Seele an einen Ort zu fahren, wo Tanz und Spiel ein Ende haben, aber Pape Döne wollte nicht und versprach dem Teufel sieben Seelen statt seiner armen einzigen, wenn er ihm noch Frist gönne, und der Teufel war auch so dumm, sich im Netz der Arglist Pape Dönes fangen zu lassen. Kaum war der Teufel fort, so ging Pape Döne nach Lübeck, suchte einen Mönch auf und beichtete ihm seine Sünden, indem er herzlich bat, jener möge ihn gegen den Teufel in Schutz nehmen. Der Mönch versprach dies, wenn Pape Döne alle seine Untaten bekennen, alle ernstlich bereuen und dafür der strafenden Gerechtigkeit sein Leben zur Sühne bringen wolle. Pape Döne war von der letzten Bedingung nichts weniger als erbaut, aber es galt seine Seele zu retten. Da nun der Teufel nach einer Zeitlang kam und nach den sieben Seelen Erkundigung einziehen wollte, war Pape Döne fromm geworden, herzte und küßte ein Kruzifix und hielt es dem Teufel hin, er sollte es auch küssen. So etwas war dem Teufel noch nicht vorgekommen, er pfauchte Feuer und ließ Gestank fahren und fuhr ab, lauerte aber, als am andern Tage Pape Döne zum Galgen geführt wurde, um an selbigem als bußfertiger Sünder zu sterben, auf Pape Dönes Seele. Wie ward aber dem Teufel, als er zwei Engel sah, welche der fromme Mönch aus dem Himmel herabgebetet, und welche die Seele ganz frisch, wie sie aus dem Körper fuhr, in Empfang nahmen und mit in den Himmel! Darüber ärgerte sich der Teufel so sehr, daß er schwarz wurde. Seitdem ist der Teufel schwarz.

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203. Bischof Blücher

203. Bischof Blücher

Zu Ratzeburg war vordessen einer aus dem Geschlechte derer von Blücher Bischof. Das war so recht der lebendige Gegensatz von jenem Mainzer Bischof Hatto, er war über die Maßen mild und freigebig gegen die Armen. Einstens fiel große Teurung ins Land, und der gute Bischof Blücher gab und gab, bis seine Speicher leer waren, und blieb ihm selbst und den Seinen kein Korn mehr übrig. Aber Arme gab es immer noch, welche Korn heischten und um Brot baten, und der Bischof sprach zu seinem Schaffner: Gib diesen armen Leuten, was etwa noch da ist. – Herr, gegenredete der Schaffner, es ist rein nichts mehr da, Eure Böden sind so leer wie gefegte Tennen. – Ach geh doch, geh nur, mein Sohn! sprach der Bischof, es sollte doch wohl noch etwas, wär‘ es auch nur wenig, sich finden lassen. Gehe nur in Gottes Namen! – Der Bischof war der Meinung, der Schaffner werde wohl aus Vorsorge schon noch einen kleinen Vorrat beiseite geschafft haben, es war aber in Wahrheit kein Korn mehr auf den Böden vorhanden. Der Schaffner aber gehorchte und ging hinauf, und wie er die Türe der Kornkammer öffnete, da quoll ihm Kornes die Fülle entgegen, und es konnte den Armen reichlich gegeben werden, und der Bischof ging in seine Kammer und dankte Gott mit Freudentränen für dieses hohe Wunder.

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204. Der Gast des Toten

204. Der Gast des Toten

In alten Zeiten war ein Totengräber über das ganze Kirchspiel Großberkentime, der mußte eines Abends um neun Uhr noch ein Grab graben, denn der Tote sollte am andern Morgen beigesetzt werden. Als er eine Weile gegraben hat, stößt er auf einen Sarg mit plattem Deckel, und da dieser ihm im Weg ist, holt er ihn heraus und stellt ihn beiseite und macht das Grab so viel tiefer, daß ein Sarg auf dem andern Raum hat. Der Sarg war aber so hübsch, fast wie neu, und der Totengräber, neugierig, wer darin liege, schraubt ihn auf. Da hat der Tote gar ein schönes Kissen von rotem Samt unter seinem Kopf. – Du scheinst mir ein vornehmer Herr gewesen zu sein, bei dir möcht‘ ich wohl gastieren. Da antwortete der Tote: Diese Ehre kannst du haben. – Darauf antwortete der Totengräber: Komm du erst bei mich zu Gast. – Das kann geschehen! sprach der Tote. – Nun, so komme morgen abend an die große Kirchenpforte, da will ich dich empfangen. –

Den andern Tag sprach der Totengräber: Mutter, ich bringe heute abend einen Gast. – Was soll das für ein Gast sein? fragte die Frau. – Nun, du wirst ihn schon zu sehen bekommen, erwiderte der Mann, war Glock neun an der Kirchentüre, holte seinen Gast, brachte ihn ins Haus und aß und trank mit ihm wie mit einem andern. Als der Gast gesättigt war, holte er ihm eine Pfeife und Tabak, und da rauchte jener auch eine Pfeife, und nach einer Stunde Verweilens sagte der Gast: Nun gibst du mir das Geleite bis zur großen Kirchentür, und morgen abend bist du bei mir zu Gast.

Und am andern Tage mit dem nämlichen Glockenschlag und an der nämlichen Stelle empfing der Gast den Totengräber und ging mit ihm durch eine Gruft unter die Erde. Da war gar eine schöne Stube, und daran stieß noch eine Stube, darin war prächtige Musik, in diese aber hineinzugehen verwehrte der unterirdische Gastfreund. Es war auch außerhalb schon schön genug, und der Totengräber sagte: Ach hier ist es ja herrlich, da möcht‘ einer wohl hundert Jahre sein. – Siehe, da kamen Leute, die gingen schweigend durch das Vorzimmer in jene Stube hinein, aus welcher die herrliche Musik ertönte, darunter war auch des Totengräbers eigner Vater. Ei, Vater, wo wollt Ihr denn hin? rief er ihn an, aber jener antwortete ihm nicht. Es dauerte nicht lange, so kam des Totengräbers Frau, und er rief ihr zu: Ei, Mutter! wo willst du denn hin? Aber sie hat ihm nicht geantwortet und ist auch dahinein gegangen, wo die wunderschöne Musik war. Nun kam seine älteste Tochter, wieder rief er, blieb ohne Antwort, schweigend ging sie hinein. Es kamen Vettern, Nachbarn, Bekannte, jeden Alters, selbst Kinder, und wen er anrief, antwortete nicht. Endlich kam auch seine jüngste Tochter, sein Liebling, und er rief: Meine Dirn, wo willst denn hin? Aber auch sie sah ihn nicht an und antwortete ihm nicht, still schritt sie dahin und ging hinein. Nun wurde der Totengräber aber böse und sagte: Ha, was ist das hier für ein Donnerloch, daß alles vom Hause wegläuft nach der schönen Musik? Und hatte Lust, auch hineinzugehen, aber da kam sein Gastfreund wieder, und er meinte auch, die Stunde sei wohl herum, die er ihm habe schenken wollen, und jener brachte ihn wieder vor die große Kirchentüre und verabschiedete ihn. Der Totengräber ging nach Hause und klopfte an, die Uhr schlug gerade zehn. Da rief drinnen eine fremde Stimme: Wer ist draußen? – Frag nicht lange, ich bin’s! Wo sind meine Frau und meine Töchter? – Was für eine Frau? Was für Töchter? fragte es drinnen. – Meine, zum Kuckuck, ich bin ja der Totengräber. – Nein! rief der drinnen, das bin ich, du bist wohl wirr im Schädel! Warte, ich will dir gleich Beine machen! – Den Totengräber wunderte die Geschichte, und er rief: Schwerenot, dann behalte mich wenigstens über Nacht, morgen früh wollen wir sehen, wer von uns beiden der rechte Totengräber ist. – Und bat so lange, bis jener ihn einließ. Und da blieb er die Nacht über auf einem Stuhl sitzen, und am andern Morgen fragte er, wie der Priester heiße. Jener nannte den Namen. Hm! sagte der Totengräber, den Namen kenne ich nicht akkurat, geh doch mit mir zu dem Pastoren. – Da gingen die beiden hin, und der Pastor fragte den alten Totengräber nach seinem Namen und schlug im Kirchenbuche nach, da stand darin aufgezeichnet der richtige Name und war dazu geschrieben: Deeser Kulengraver is in de Gemeen wegkommen, unn kener het wüst, wo he blöven is. Und das war geschrieben worden vor hundert Jahren. Da fragte ihn der Pastor, ob er nicht das Nachtmahl empfangen wolle, und jener sprach ja. Darauf wurde der Küster geholt, die Kirche aufzuschließen, und der Priester reichte ihm das Abendmahl; das empfing der Alte mit gläubiger Seele, und als er den Wein empfangen hatte, sank er leise in sich zusammen und war tot.

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205. Till Eulenspiegels Grab

205. Till Eulenspiegels Grab

Wer kennte nicht den lustigen Landfahrer und unverwüstlichen Vaganten des deutschen Volksbuches, Till Eulenspiegel? Der Urvater deutschderber Natürlichkeit, Schalkhaftigkeit und Possenreißerei, in dessen Spiegel so mancher spätere Schalksnarr sein eignes Gesicht erblicken mag, war dieser Till. Viele sprachen ihm die Persönlichkeit ab, weil sein Name symbolisch klinge, allein so gut im vierzehnten Jahrhundert, darin Eulenspiegel gelebt haben soll, einer Regenbogen, Rabenzagel oder Rosenblüt hieß, ebensogut konnte einer auch Eulenspiegel heißen. Genug, der lustige Geselle endete seine lustig genug beschriebene Abenteurerfahrt in der Stadt Möllen im Lande Sachsen-Lauenburg und ward allda begraben. Und wenn einer irgendwo stirbt und begraben wird, so ist doch mit einiger Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß er zuvor gelebt habe. Aber wie Eulenspiegel vielen zum Ärger und Possen allerlei Verkehrtes getan all sein Leben lang, so ist’s auch geschehen, daß er im Tode noch die Leute äffte; sein Sarg kippte um und rutschte so in das Grab, daß er aufrecht darinnen stand, und die Totengräber meinten, weil er es einmal so haben wolle, möcht‘ er auch seinen Willen haben, und warfen das Grab zu. Darauf haben ihm die Möllner einen Grabstein gesetzt, auch denselben einigemal erneuern lassen. Auf den obern Ecken war links eine Eule, rechts ein Spiegel eingehauen, und noch in Mitte des vorigen Jahrhunderts las man darauf:

Anno 1350 iß düsse Steen upgehafen,
Tylle Eulenspiegel lehnent hirunter begraven,
Merkt wol und denkt daran
All de hier vor över gan,
Wat ick gewest up Erden
Möten my glieck werden.

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206. Dort tanzt Bornholm hin

206. Dort tanzt Bornholm hin

Dieses Sprüchwort wird in Holstein häufig vernommen. Einst gab ein Dänenkönig diese dänische Insel der Stadt Lübeck in Versatz, weil er ihr ein ziemliches Geld schuldete. Nach einiger Zeit aber beehrte der König die Stadt Lübeck mit seinem Besuche, da ward ihm zu Ehren ein großes Bankett veranstaltet und ihm ein Tanzfest gegeben, und die Frau des Bürgermeisters mußte dem Könige zur Rechten sitzen, und er sagte ihr viel Schönes und führte sie zum Tanze, den ersten Reigen mit ihr zu tanzen. Und wie nun dieses Paar sich gar schön mit Tanzen blicken ließ, da sagten die Lübecker: Dort tanzt Bornholm hin!, denn sie wußten wohl, daß der Bürgermeister die vom Könige seiner Frau angetane Ehre werde im Übermaße zu schätzen wissen, und sie irrten auch nicht, denn gar bald danach hatte der Dänenkönig sein Pfand wieder frei, ohne die schuldigen Gelder bezahlt zu haben. Seitdem hat sich das Sprüchwort erhalten.

Andere erzählen diese Sage anders. Der Bürgermeister habe, von Eitelkeit gebläht, die Ehre haben wollen, mit der Frau Königin zu tanzen, und der König habe das ihm in höchsten Gnaden und nur unter der kleinen Bedingung gewährt, daß ihm Bornholm wieder freigegeben werde, und so sei es hingetanzt worden.

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207. Die drei Meister

207. Die drei Meister

Zu Lübeck geschah es, daß bei einem großen Brande der Scharfrichter um das Leben kam, alsbald bewarben sich um dessen Stelle drei Meister, denn die Stelle war sehr einträglich, es gab manchmal an einem Tage dreißig bis vierzig arme Sünder durch das Schwert oder die scharfe Diele abzutun, dafür zahlte pro Mann löblicher Senat einen bis zwei rheinische Gulden. Nun wurde beschlossen, daß jeder der neuen Bewerber ein Probestück machen sollte, und der das beste tue, dem sollte die Stelle werden, das waren die Meister wohl zufrieden. An armen Sündern war kein Mangel, und die Probehinrichtung begann. Der erste Meister stellte den Verbrecher vor sich hin, führte einen Lufthieb, und man sah jetzt, daß jener ein rotes Schnürchen um den Hals hatte und närrisch mit den Augen zwinkerte. Der Meister sah das Volk an, wischte sein Schwert säuberlich und gab dem armen Sünder einen Tritt. Da fiel er um, und der Kopf fiel von ihm ab. Er hatte ihn unversehens so schnell und meisterlich geköpft, daß er’s gar nicht gemerkt hatte, und die Zuschauer hatten es auch nicht gemerkt. Lauter Beifall lohnte den großen Mann, der sein Handwerk zur Kunst erhob. Der zweite Meister erklärte, da er nun sein Probestück ablegen sollte, er müsse nun um zwei Schafottkandidaten bitten, und hat darauf zweien mit einem Streich die Köpfe abgeschlagen, ganz kunstgerecht und meisterhaft, und viel Lob und Beifall geerntet. Der dritte Meister erforderte wieder nur einen Delinquenten, legte diesem zwei eiserne Ringe um den Hals, und zwischen beide Ringe legte er im Nacken eine Erbse. Hierauf schwang er sein Schwert, und mit sicherer Hand hieb er genau die Erbse in zwei gleiche Hälften und zwischen den beiden Ringen hindurch den Kopf vom Rumpfe. Das ward für das allergrößeste Kunststück angesprochen, und dieser Meister erhielt die Bestallung, die andern beiden aber wurden mit stattlicher Verehrung entlassen.

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