300. Amelungen

300. Amelungen

Wundersam verschmilzt sich in den Sagen dieses Gebietes die Kunde von den Hünen (Riesen) und den Hunnen. Gar schwer ist es, zu scheiden, ob der Namensnachhall, der sich an Berge und Burgen knüpft, mehr dem ureinwohnenden riesigen Geschlecht, das lange vor Karl des Großen Zeit diese Gaue bevölkerte, zuzuschreiben sei oder jenem Hunnenvolke König Etzels, das durch Deutschland zum Rheine zog und im Nibelungenliede seine Verherrlichung findet. Unter Etzels Hunnen waren drei Brüder, die nannte man die Amelungen, sie hießen Walamir, Widimir und Theodimir; das waren mit die tapfersten Helden im ganzen Hunnenheere. Nun ist es eigen, daß in der Gegend um Höxter nachfolgende Orte liegen, die samt und sonders an den Namenshall der Amelungen stark oder schwach erinnern: Amelunxen, Amelungshorn, Amelsen, Amelshausen; ja selbst Hameln und Hamelschenburg könnten dahin gedeutet werden, wie andererseits der Dorfname Hiddenhausen, im Dreieck mit Barntrup und Pyrmont, wieder an den friesischen Riesen Hidde erinnert, der zu Karl des Großen Zeiten im Lande Braunschweig lebte, von Karl mit Ländereien an der Elbe begabt wurde und Hiddesacker, heute Hitzacker geschrieben, gegründet haben soll.

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301. Die Zwergenwiege

301. Die Zwergenwiege

Obschon die Sage geht, daß ein Riese Hiddesacker oder Hitzacker gegründet, so ist gerade zu Hitzacker von Riesen wenig oder gar nicht, desto mehr aber von Zwergen die Rede. Diese sind dort sehr häufig und zu allen Zeiten wahrgenommen worden, bis sie zuletzt ausgewandert sind, weil es ihnen ging wie insgemein den Auswanderern, es gefiel ihnen nicht mehr da, wo sie wohnten, in den Bergen und vornehmlich im Schloßberge zu Hitzacker. Lange haben sie sich mit den Einwohnern sehr gut gestanden, und nicht haben sie, wie die Heinzchen zu Aachen, von diesen Geschirre geliehen, sondern die Leute liehen dergleichen von den guten Zwergen, selbst Braupfannen, wofür sie nichts verlangten, als daß die Leute ihr Geräte reinlich und sauber wieder an den Ort zurückstellten, wo sie es genommen, und etwa einen Krug Frischbier dazu und etwas frisches Brot. Aber einstmals hat ein reisender Handwerksbursche, der so eine Pfanne fand, die zur Zurücknahme hingestellt war, den Zwergen das Brot weggegessen und das Bier weggetrunken und etwas Unsauberes in die Pfanne getan, da sind die Zwerge böse geworden, haben ihr Geräte nicht mehr hergegeben und sich ihr Bier in den Kellern selbst geholt, haben auch die Kinder hernach gern umgetauscht, und wäre solches dem Bürgermeister Johann Schultz, da seine Mutter mit ihm in den Wochen lag, beinahe selbst begegnet, denn die Wöchnerin sah schon, wie sie in der Nacht aufwachte, eine ganze Herde Zwerglein in ihrer Stube sitzen, die einen Wechselbalg wärmten und ihr Kind angriffen, weil sie aber Dosten und Dorant bei sich im Bette hatte, konnten sie ihr und ihrem Kinde nichts anhaben, doch behielt letzteres ein Mal. Dosten und Dorant sind gar gute Kräuter, das erste heißt auch Wohlgemut ( Origanum), untergestreut vertreibt es die Nattern; des zweiten Name ist vielen Kräutern gemein: der Katzenmünze, dem kleinen Löwenmaul, der Schafgarbe und dem Andorn ( Marrubium), der letzte ist der echte. Da die kleinen Leutchen fortzogen, hat ein Fährmann sie über die Elbe gefahren, da hat es nur so gewimmelt im Kahn, und hat der Fährmann eine gute Belohnung bekommen. Im Weinberge bei Hitzacker haben die Zwerglein eine goldene Wiege von ihrem Königskind zurückgelassen, die läßt sich alljährlich einmal sehen in der Johannisnacht von zwölf bis ein Uhr, wer gerade die rechte Stelle trifft und sich zu solcher Nachtzeit an den Berg traut. Ein schwarzer Hund mit feurigen Augen bewacht sie. Wer sie holen will, darf nicht reden und darf sich nicht vor dem Teufel fürchten. Zwei beherzte Bursche wollten an das Wagestück gehen, da sahen sie schon die Wiege und keinen Hund, aber plötzlich sahen sie, daß sie unter einem Galgen standen, und oben auf dem Balken saß der Teufel und fahndete mit Schlingen nach ihren Hälsen, da schrieen sie erschrocken auf, und da waren auch gleich Wiege, Galgen und Teufel verschwunden.

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302. Der Brautstein

302. Der Brautstein

Vielfach trifft man in weiten ebenen Landstrecken des nördlichen Deutschlands, wo weit und breit kein Urgebirge zu erblicken, vereinzelte, oft sehr große Granitfelsenstücke an; die Gelehrten nennen dieselben erratische Blöcke. Ein solcher Block oder Stein liegt auch in der Nähe des Städtchens Lüchow auf der Kolborner Heide, er sieht über und über rotgesprenkelt aus und ragt vier Fuß hoch über den Boden.

Ein adeliges Liebespaar, dem des Schicksals Fügung Abschiednehmen gebot, denn der Ritter mußte in den Krieg ziehen, saß auf diesem Steine, der inmitten eines Birkenwäldchens lag, und gelobte sich gegenseitig ewige Treue. Ringsum am Boden blühte ein niedriges Sträuchlein voll weißer Blumen in Fülle. Der Ritter warf die Besorgnis im Gespräche hin, ob die Geliebte ihm wohl treu bleiben werde, sie aber fühlte sich durch solche Frage sehr gekränkt und schwur, daß, wenn sie treulos werde, dieser Fels sich bewegen und ihr Grabstein werden solle. Bei so heftigem Schwur gab sich der Ritter zufrieden und schied beruhigt von der lieben Braut.

Es kam aber nach einer Zeit, daß die liebe Braut gar schön ihres fernen Bräutigams vergaß, wie das so zuweilen zu geschehen pflegt, und hatte einen neuen Buhlen und ging mit ihm spazieren auf der Kolborner Heide ins Birkenwäldchen, und kamen auch von ohngefähr an den Felsblock und ließen sich darauf nieder und führten Gespräche von der Liebe des Nächsten. Da erhob sich mit einem Male der Stein riesengroß aus der Erde und zurückweichend – der Liebhaber stürzte an den Rand der dadurch entstehenden Vertiefung, die Treulose aber stürzte hinein recht wie in ein offenes Grab und ward vom Stein, der gleich über sie sich wälzte, so zerschmettert, daß ihr Blut ihn bespritzte und auch die weißen Blumen rings umher.

Wieder nach einer Zeit kehrte der Ritter heim, und sein Weg führte ihn durch jenes Wäldchen, und da er an den Stein kam, sah er, daß er mit rötlichen Flecken und Adern überlaufen war und die Blumen rot waren, die zuvor weiß gewesen. Da ahnete ihm nichts Gutes, und er zog sein Schwert und führte einen Streich auf den Stein, da sprang ein Blutstrahl heraus, und ein Klageschrei tönte aus der Tiefe. Da pflückte der Ritter einen Strauß von den Blumen, bestieg sein Roß und zog wieder in den Krieg, aus dem er nimmer heimkehrte. Die Blume, welche zuvor weiß und hernach rot blühte, das ist die Heide. Und den Stein hat man hernach den Brautstein genannt und die Heide Brauttreue. Selten findet man hie und da noch einen Heidestengel mit weißen Blüten.

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303. Die Wehklage

303. Die Wehklage

Auf der Lüneburger Heide wandelt das Klageweib, ein riesiges hohläugiges, todbleiches Gespenst, in Sturmnächten im wehenden Leichengewand umher und heult durch die Nächte mit grausenvollem Wimmern. Über die Häuser, darinnen jemandem der baldige Tod bestimmt ist, streckt das Gespenst den langen Knochenarm, und ehe der Mond sich vollendet hat, ist auch eine Leiche im Hause. Man weiß auch in Thüringen von diesem Nachtgeist zu sagen und nennt ihn dort Wehklage, so in den Städten Weimar, Erfurt und nach dem Harze herüber. Dunkel, wie die Zeit seines Erscheinens, ist dieses Gespenstes Ursprung und in Schauer gehüllt. Bestimmte Sagen gibt es von ihm sehr wenige.

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304. Die Salzsau

304. Die Salzsau

Vor achthundert Jahren war um Lüneburg noch eitel Wald und Morast, da geschah es, daß Jäger einer wilden Sau nachgingen, die fühlte sich so recht nach Herzenslust im Schlamm und legte sich dann auf eine trockene Stelle und schlief, und wie die Sonne so recht auf die Sau schien, da gewannen deren schwarzbraune Borsten gar eine schöne weiße Farbe. Das nahm die Jäger wunder, und sie töteten die Sau, und da fanden sie, daß eitel gutes reines Salz an den Borsten kristallisiert war, von einer herrlich gesättigten Sole. Dadurch ward das ergiebige berühmte Salzwerk zu Lüneburg zuerst entdeckt, und es wurde auch von selbiger Sau etwa ein Schinken nicht gegessen, sondern zum ewigen Andenken in eines hochweisen Rates Küchenstube zu Lüneburg aufbewahrt, mit lateinischen Versen und in einem gläsernen Kasten. Auch die Haut mit den kandierten Borsten ward aufbehalten. Das Salzwerk ward die Sülze genannt, und weil Lüneburg neben ihm einen namhaften Berg und eine treffliche Brücke hat, die über den Fluß Ilmenau führt, so ward ein lateinischer Denkspruch auf diese drei Herrlichkeiten gedichtet, der gerade so anfängt, wie es in einem auf die sieben Wunder von Jena lautet, nämlich: Mons, fons, pons. Damit allem Mutwillen beim Salzwerke gesteuert werde, wurde in Zeiten ein Turm erbaut, welcher der weiße Turm hieß, aber seine weiße Farbe nicht, wie die Salzsau, von Salzkristallen erhielt, in diesen Turm legte man mutwillige und boshafte Sülzer und legte sie an eine große schwere Kette, und da hat sich der Teufel auch in den Turm gelegt und hat darin herumrumort, wie im Ponellenturm zu Aachen, und hat alle Nacht ein Maul voll davon abgebissen, welches ihm nicht schlecht muß bekommen sein, denn schon vor mehr als hundert Jahren geschah Meldung vom weißen Turme, daß er ganz zerfallen sei und nur die große Kette noch gezeigt werde.

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305. Der nackte Spiegel

305. Der nackte Spiegel

Nördlich von Lüneburg liegt die Stadt Bardewick, die war einst gar groß und blühend, reich und mächtig, und das zu einer Zeit, wo die Salzsau noch gar nicht zur Findung der Lüneburger Sülze Anlaß gegeben hatte und diese jetzt so volkreiche Stadt wohl kaum begründet war. Da ließ sich’s im Jahr 1189 die Stadt Bardewick gelüsten, sich gegen ihren Herrn, Herzog Heinrich den Löwen von Braunschweig, aufzulehnen und ihm den Einritt in die Stadt zu verwehren. Der war aber ein Löwe, welcher keinen Spaß verstand, am wenigsten den des Trotzes; er zog daher vor die Stadt und traf Anstalt, sie zu stürmen. Die Bürger aber pochten auf ihren Mut und ließen den Herzog von der Mauer herunter einen nackten Spiegel sehen, zum Schimpf und Hohn, und war sotaner Spiegel nicht sonders hell und blank geputzt. Darob ergrimmte der Herzog fürchterlich und schwur den Bardewickern den Spiegel zu putzen, daß die Stadt ewig an ihn denken sollte. Und er hielt Wort auf eine löwengrimmige Weise; drei Tage stürmte er und gewann die Stadt, ließ alles, was nicht entrinnen konnte, niedermachen und verwandelte die blühende alte Stadt ganz und gar in einen Trümmerhaufen. So schwer ward nie ein Hohn bestraft. Ein Jahr später erst ward den Flüchtlingen vergönnt, aus den Trümmern von Bardewick weit davon eine neue Stadt anzulegen, und das wurde Lüneburgs Ursprung, und erst lange nachher siedelten sich allmählich wieder Einwohner auf der Stätte des zerstörten Bardewick an.

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306. Bremer Roland

306. Bremer Roland

Auf dem großen und weiten Marktplatz zu Bremen steht eine uralte Rolandsäule, die ist das Zeichen der Freiheit dieser Stadt, die nimmer vergehen soll, solange das alte Heldenbildnis steht. Die Sage geht, daß für den Fall, daß ja ein Naturereignis den Roland niederstürze, im Ratskeller noch ein zweiter Roland als Ersatzmann aufbewahrt werde, und müsse solches jedoch innerhalb vierundzwanzig Stunden geschehen, sonst sei es getan um die Bremer Freiheit. Am Rolandbilde steht diese Schrift:

Friheit do ick ju openbar
Da Carl un mannig fürst vorwar
Deser stadt gegefen hat,
Deß danket Got, ist min rath.

Unten aber am Rolandbilde wird die Figur eines Krüppels erblickt als ein Wahrzeichen, an welche Figur diese Sage geknüpft ist. Es war eine Gräfin von Lesmon, die war reich an Land und Gütern und besaß eine ausgedehnte stattliche Weidefläche. Da es nun dem Stadtrat an einer solchen gebrach, ward sie angegangen durch des Rates Abgeordnete, ihm ein Stück davon kauf- oder lehenweise abzutreten. Da nun darüber die Gräfin mit den Herren Gespräches im Freien pflog, kroch ein äußerst lahmer Krüppel heran und bat die reiche Gräfin um ein Almosen. Dieses dem Krüppel darreichend, sprach die Gräfin lächelnd zu den Ratsverwandten: Ich will der guten Stadt Bremen von meiner Weide so viel zum Geschenk machen, als dieser Lahme in einem Tage umkriechen kann. Sie meinte damit nicht allzu viel zu verschenken, und der Rat meinte auch nicht zu viel zu erlangen, denn das Kriechen des armen Krüppels war gar jämmerlich anzusehen – aber als ihm nun guter Lohn verheißen ward, so fing der Krüppel an so munter und rasch zu kriechen, daß jedermänniglich sich verwunderte, denn er war, obschon lahm, ganz stark von Knochen und von rüstiger Kraft, und so umkroch er die ganze große Bürgerweide, die noch heute der Stadt Eigentum ist. Der hohe Rat bedankte sich bei der Gräfin auf das schönste, verpflegte den Krüppel lebenslänglich auf das beste und ließ zum ewigen Andenken dessen Bild unterm Bilde der Stadtfreiheit, am großen Roland, anbringen.

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296. Engel und Lilien

296. Engel und Lilien

Im Kloster Corvey erschienen alljährlich, und wohl sonder Zweifel am Jahrestage St. Veits, in der Kirche zwei Engel oder auch mehrere, und wenn die Knaben im Singechor das Gloria sangen, stimmten die Engel am Grabmal des heiligen Veit das Responsorium an mit wunderherrlichen Stimmen. Da war einmal ein Propst im Kloster, der glaubte nicht an Engel, und als der himmlische Gesang wiederum sich hören ließ, schritt er hin zum Kenotaph St. Viti und fragte frech: Was singet ihr hier? Wer seid ihr? Von wannen kommt ihr? Da sangen die Engel zur Antwort: Kommet, wir wollen wieder zum Herrn! Die nach ihm fragen, werden ihn preisen! Seitdem durchtönte nie wieder Engelgesang die Klosterkirche, wie es seit dreihundert Jahren immer geschehen war, und das Kloster kam in Verfall, sein weitverbreiteter Ruhmesstern erlosch.

Was sich im Dome zu Lübeck zugetragen mit den voraussagenden Todesrosen und dem Mönche Rabundus, dasselbe begab sich im Kloster Corvey mit Lilien. Im Chore der Kirche hing ein eherner Kranz, und im Kranz war eine Lilie, und wenn einer der Brüder sterben sollte, so kam diese Lilie allezeit wunderbarlich herab und lag drei Tage vorher im Stuhle des Bruders, dem zu sterben bestimmt war, und der dann ernst und still sich vorbereitete zum seligen Dahinscheiden. Dieses Wunder war mehrere hundert Jahre lang im Gange, da fand einst ein junger Klosterbruder, der früher als die anderen in den Chor kam, auf seinem Stuhle die Lilie und dachte bei sich selbst, indem er erbebte: Soll ich schon sterben und bin noch so jung? Wäre es nicht besser und mehr in der Ordnung, es ginge damit der Reihe nach, erst die Alten, damit die Jungen Zeit gewännen, auch alt zu werden? Und da lag schon die Lilie aus des jungen Klosterbruders Hand im Stuhle des ältesten Mönchs. Da dieser nun kam und die Lilie sah, entsetzte er sich fast bis zum Tode, denn das hohe Alter stirbt am mindesten gern, weil das Leben so schön ist und den Ältesten nur als eine kurze Spanne erscheint, und erkrankte, doch nicht zum Sterben; nach dreien Tagen aber lag der junge Klosterbruder, der das Todeswahrzeichen, die Lilie, von sich ablehnen wollen, kalt und steif auf dem Brett, von einem jähen Tod hinweggerafft.

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297. Das Fräulein vom Willberg

297. Das Fräulein vom Willberg

Nahe bei Höxter bildet die Lage der drei Dörfer Godelheim, Amelunxen und Ottbergen ein Dreieck, durch welches die Aa fließt. Godelheim gegenüber liegt der Wiltberg oder Willberg, auf dem ist es nicht geheuer, vorzeiten wohnten Hünen auf ihm, die sich mit den Hünen auf dem nahen Brusberg viele zentnerschwere Steinkugeln zuwarfen. Noch sieht man mitten im Tale das tiefe Loch, das einmal eine solche Kugel, die zu kurz geworfen wurde, in den Erdboden schlug. Ein Fräulein wandelt am Willberge herum und erscheint bisweilen und begabt die Menschen, wenn sie verständig sind.

Zwei junge Bursche aus Wehrden, Peter und Knipping haben sie geheißen, gingen in den Wald nach Vogelnestern, der eine war erstaunlich faul, legte sich unter einen Baum und schlief ein, und das war der Peter. Knipping verlor sich im Walde und suchte Nester. Da zupfte den Peter etwas am Ohr. Er wachte auf, sah sich um und sah nichts. Das geschah, nachdem der faule Peter wieder eingeschlafen war, zum zweiten und endlich gar zum dritten Male. Da mochte der Peter nicht länger liegenbleiben an einem so unruhigen Ort und stand auf, einen ruhigeren zu suchen, wo er im Frieden schlafen könne. Siehe, da ging vor ihm her eine weiße Jungfer, die knackte Nüsse auf, warf die Kerne zur Erde und steckte die Schalen in die Tasche und verschwand. Peter las die Nüsse auf und aß sie, und es freute ihn, daß er nicht die Plage gehabt, sie selbst aufknacken zu müssen, denn das wäre ihm schon zu viel Arbeit gewesen. Da Peter nun den Knipping wiederfand, erzählte er ihm, was ihm begegnet war, und zeigte ihm den Ort, wo das wandelnde Fräulein verschwunden war, danach machten sie sich Merkzeichen, holten noch ein paar Kameraden und gruben an derselben Stelle. Da fanden sie ihr Glück, vieles Geld, so viel sie einsacken konnten. Am andern Tage wollten sie mehr holen, da war aber alles verschwunden. Peter war ganz glücklich, er baute sich von seinem Geld ein Haus, darin er herrlich schlafen konnte.

Ein anderer älterer Mann, auch aus Wehrden, ging nach Amelunxen, um auf dortiger Mühle Korn zu mahlen. Auf dem Rückwege ruhte er ein wenig aus am Teich im Lau, da erschien ihm das Fräulein vom Willberg und sprach zu ihm: Trage mir zwei Eimer voll Wasser hinauf auf die Stolle vom Willberg. Solches tat der Mann, und als er die zwei Eimer voll Wasser auf den Gipfel des Berges gebracht, sprach das Fräulein: Morgen gehe nach Ottbergen, suche den Schäfer auf und bitte ihn um den Blumenbusch, den er auf seinem Hute trägt, dann komme zu dieser Stunde wieder. Auch dieses tat der Mann, ungern gab ihm der Schäfer den Blumenbusch, ein schönes Jungfräulein hatte ihm denselben geschenkt, er hatte aber nichts damit anzufangen verstanden, wußte nicht, daß das Fräulein vom Willberg die Geberin und daß im Busch die Wunderblume war, vor der sich alle Schlösser und Riegel auftun. Als jener mit dem Busch zum Fräulein auf den Berggipfel kam, sah er eine vorher nie erblickte eiserne Türe, mußte den Blumenbusch vor das Schloß halten, und da sprang die Türe auf. In einer Höhle sah der Mann ein uraltes graues Männlein sitzen, dem war der Bart durch den Tisch gewachsen, und ringsum standen Schätze zu Hauf. Über dem Tisch hing ein goldener Kronenleuchter. Jetzt begann der Mann einzusacken und legte, die Hände frei zu haben, den Blumenstrauß auf den Tisch. Das Fräulein sprach zu ihm: Vergiß das Beste nicht. Da langte der gute Mann nach dem goldenen Kronenleuchter. Da hob das graue Männlein seine Hand und gab ihm eine Dachtel. Des erschrak der Mann über alle Maßen und eilte von dannen, ließ die Blumen liegen und hörte nicht auf des Fräuleins wiederholten Ruf: Vergiß das Beste nicht! Krachend flog die Gewölbetüre hinter ihm zu. Als er drunten am Berge war, angesichts Godelheim, wollte er seinen Schatz zählen – da fand er statt Geldes in seinen Taschen eitel Papierzettel, es stand auf jedem ein Wappen und ein Geldwert.

Der gute Mann konnte aber nicht lesen, was daraufstand, und warf das Papier in die Aa, da floß es hin, sein Glück. Es war das erste Papiergeld.

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298. Gaul aus dem Pfuhl

298. Gaul aus dem Pfuhl

Bei Dassel liegt ein Pfuhl, von dem geht die Sage wie von den Teufelskreisen auf dem Schneekopf im Thüringer Walde und vom schwarzen Moor auf dem Rhöngebirge, daß er unergründlich sei und ein Wohnplatz und Tummelplatz des Teufels. Zu Leuthorst saß ein Bauer, der konnte nimmer genug haben und hatte neben dem Pfuhl einen Acker, den pflügte er an einem Sonnabend und brachte sein Werk vor Feierabend nicht zu Ende und pflügte immer fort. Die Betglocke läutete, aber der Bauer hatte kein Acht darauf; er stand nicht still wie andere bei den dreimal drei feierlichen Schlägen, tat seine Mütze nicht ab und sprach kein frommes Vaterunser, er rief vielmehr seinen Pferden zu: Jü hott, ihr Schindmähren! Wollt ihr ins Teufels Namen ziehen, daß ’s endlich ein Ende wird? Hatte auch seinen Jungen bei sich, der mußte neben den Pferden herlaufen und sie schlagen und antreiben, und endlich prügelte er selbst die Pferde und den Jungen wie unsinnig und wünschte sie zu allen Teufeln. Schon wurde es dämmerig, da stieg ganz langsam ein großer kohlenschwarzer Gaul aus dem Meerpfuhl, und wie der Bauer den sah, freute er sich der Hülfe und rief dem Jungen zu: Geh hin, fange den Gaul und spanne ihn vor den Pflug in aller Teufel Namen, daß wir mit dem verfluchten Acker zu Rande kommen! Der arme gescholtene und geprügelte Junge heulte und schrie, doch gehorchte er und holte den schwarzen Gaul als Vorspann, und nun ging es, heissa, hast du nicht gesehen; die Schar riß Furchen in den Acker so tief wie ein Weggraben, und der Bauer konnte die Hand nicht mehr vom Pflugsterz bringen und mußte laufen, und wie er an des Ackers Ende war und wenden wollte, da ließ das der Gaul nicht zu, sondern zog immer geradeaus, frisch und gewaltig, bis an den Pfuhl, und da ist er hineingegangen mitsamt dem Bauer, Pflug und Pferden, und ist keines davon wieder zum Vorschein gekommen.

In selbigem Teufelspfuhl liegt auch eine goldene Glocke, die stammt vom Kirchturm zu Portenhagen, und weil sie einen so wonnesamen Klang hatte, dem niemand wiederstehen konnte, und alles in die Kirche gleichsam magisch zog (jetzt gibt es leider keine solchen Glocken mehr), da hat sie der Teufel aus Gift und Ärger geholt und in den Pfuhl geworfen. Einst wagte sich ein Taucher in den Meerpfuhl hinab, vielleicht die Glocke heraufzuwinden; da sah er auf einer grünen Wiese einen Tisch, und auf dem Tisch stand die Glocke, aber unter dem Tisch lag der Teufel als ein schwarzer Hund, der funkelte ihn an mit feurigen Augen und streckte eine armslange feurige Zunge gegen ihn heraus, und daneben war auch ein grünes Meerweib, das rief: Noch nicht an der Zeit! Noch nicht an der Zeit! Da eilte der Taucher, wieder hinaufzukommen, und seitdem hat niemals wieder jemand die goldene Glocke gesehen.

In der alten Grafschaft Dassel ist auch ein Dorf, Evenhausen, in dessen Kirchturm hängt eine Glocke, von deren Läuten das Volk fest glaubt, daß es die Gewitter vertreibe. Diese Glocke hat die bekannte Aufschrift, welche über Schillers Gedicht von der Glocke zu lesen ist:

Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango.

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