317. Der Hackelnberg und die Tut-Osel

317. Der Hackelnberg und die Tut-Osel

Im Braunschweiger Lande saß ein gewaltiger Nimrod, der auch in der Tat Oberforst- und Jägermeister war, Herr Hans von Hackelnberg, dem war Jagen seines Lebens einzige Lust. Da übernachtete er einmal so recht mitten in seinen Jagdparadiesen, den Wäldern, auf der alten Harzburg, hatte aber einen bedenklichen Traum. Es träumte ihm, ein ungeheurer Eber nehme ihn an und kehre gegen ihn seine furchtbaren Hauer und verwunde ihn und renne ihn nieder. Den Traum konnte der Hackelnberg gar nicht vergessen. Nicht lange danach stieß ihm im Vorharz wirklich ein Eber auf, wenn auch nicht so schrecklich wie der geträumte, auch erfüllte sich nicht der Traum, denn Hackelnberg fällte den Eber mit geschicktem Stoß seiner knotigen Saufeder so kunstgerecht, wie nur immer ein Oberjägermeister ein Schwarzwild fällen soll und darf. Und nun lachte Herr Hans von Hackelnberg über seinen dummen Traum, gab dem toten Eber einen tüchtigen Fußtritt gegen den Rachen und sagte: Du sollst es mir noch nicht antun! – meinte damit, dieser Eber bringe ihn nun nicht nieder, wie der im Traume getan. Aber wie er getreten hatte, fühlte er plötzlich einen schneidenden Schmerz am Fuße, und siehe, durch des Trittes Heftigkeit hatte der scharfe Hauer des erlegten Ebers des Stiefels Leder durchschnitten und den Fuß verwundet. Hackelnberg achtete der Wunde nicht und jagte weiter, aber dadurch machte er es erst recht schlimm, der Fuß schwoll an, und als Hackelnberg wieder auf die Burg kam, mußte man ihm den Stiefel abschneiden. Der Verwundete konnte nun auch nicht mehr reiten, sondern mußte nach Wolfenbüttel fahren, und das ging damals nicht wie heute mit Dampf, sondern mit harten Rippenstößen langsam und beschwerlich im Ockergrunde hin, und der Kranke erreichte Wolfenbüttel nimmer. Nahe bei Hornburg, nächst dem Dorfe Wülperode, stand ein Hospital, dahinein ward der Ritter gebracht, beklagte gar sehr, daß er nicht mehr jagen könne, und wünschte letztlich nichts weiter, als ewig auf Erden jagen zu können, da möge der liebe Herrgott in Gottes Namen seinen Himmel für sich behalten, und dann starb er an seiner Wunde und ward in Wülperode begraben, wo sein Denkmal steht und sein Harnisch hing.

Des Hackelnbergers letzter Wunsch aber ist ihm erfüllt worden; er darf nicht nur, er muß hetzen und jagen bis zum Jüngsten Gericht, er ist der wilde Jäger des Harzwaldes und zieht mit tollem Spuk zur Nachtzeit oft gar schrecklich umher. Da begleitet ihn oder fliegt ihm voran ein Nachtgespenst in Gestalt einer riesengroßen Ohreule, das ist die Tut-Osel, also genannt von dem entsetzlich tutenden Geschrei, das sie ausstößt. Diese Eule war vorzeiten eine Nonne in einem thüringischen Kloster und hieß Schwester Ursel; die hatte eine Stimme, wenn sie sang, daß es rein zum Davonlaufen war, wenn die armen Nonnen das nur gekonnt und gedurft hätten. Sie wurde, weil ihre Stimme der einer Trompetengans ungleich ähnlicher klang als der eines Mädchens, nur die Tut-Ursel genannt. Endlich starb sie, und alle Schwestern waren froh, daß sie sie weder mehr hörten noch sahen, denn sie war auch sonst kein Engel – aber o Schreck, gleich nach ihrem Tode tutete sie durch ein Loch im Kirchturme und tutete in den Chorgesang hinein, in die Metten und in die Vigilien. Ach Gott, die Tut-Ursel! schrie eine junge Nonne, unbedacht das Gelübde des Schweigens brechend, und da schrie der ganze Konvent, und stürzten aus der Kirche, und wollten alle lieber sterben, als wieder hineingehen, solange sich die Ursel hören lasse. Da hat man weither, aus Österreich, einen Kapuziner-Teufelsbanner verschrieben, der hat die Tut-Ursel in Gestalt einer Ohreule auf die alte Dummburg zwischen Halberstadt und Quedlinburg, wo Bode und Selke zusammenrinnen, bei den Dörfern Adersleben und Hadersleben, gebannt. Dort ist nun just auch des Hackelnberg liebstes Jagdrevier und Hauptsitz, und ist ohnehin viel greulicher Spuk immer dort erschienen, heißt auch ein naher Bergkopf der Hackel, und da hat sich die Tut-Osel dem jagenden Ritter zugesellt; da jagt er zu Roß über und durch dick und dünn und pfatscht durch die Sümpfe, und die Osel schnalzt das Pfatschen nach, und er schreit juhu, und sie schreit tutu, und Gott gnade denen, die selbigem Paare unterwegs aufstoßen. Wenn einer sie merkt, muß er sich nur auf den Bauch legen und stilleschweigen und den Lärm über sich vorüberbrausen lassen. Bis in die Marken hinein zieht der Jäger, ja zu Drömling in der Altmark rühmen sie sich, der Hackelnberg sei bei ihnen zu Hause, und drohen: Daß dich der Jäger hole!

Auf dem Schlößchen Meisenberg im Selketale wird ein aus Holz geschnitzter Trinkbecher gezeigt, der stellt den Hackelnberg vor, wie er leibte und lebte.

Wenn im Theater der Freischütz gegeben wird, pflegt in der Regel in der Wolfsschlucht jedesmal auf einem Baume eine große Eule mit feurigen Augen zu sitzen und höchst langweilig fort und fort mit den Flügeln zu schlagen. Das ist die Tut-Osel.

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318. Das Grundlos

318. Das Grundlos

Nicht weit von des Hackels nördlicher Spitze ist ein großer Erdfall zu sehen, zum Teil mit Wasser ausgefüllt und am Rande mit hohem Schilf überwachsen, wie deren um den Harz, besonders am südlichen Teile, gar viele zu gewahren sind, der heißt das Grundlos, darum, weil mit der längsten Stange seine Tiefe noch nicht ergründet werden konnte. Auf dieses Erdfalles Stelle hat vor langen Jahren eine Raubburg gestanden, auf welcher viel unmenschliche Grausamkeit verübt wurde. Endlich aber ermüdete die lange Langmut des Himmels, und über Nacht fiel auf die Raubburg und deren Insassen das Unglück, wie ein gewappneter Mann. Die Burg versank unter Höllengepolter in eine unendliche Tiefe, und über ihr schossen rauschende Wasser in einen See zusammen. Die Ritter wurden in Hechte, die Knappen in Karpfen verwandelt und die alte Schaffnerin, die treulich zu allen Untaten geholfen hatte, in eine Karausche, groß und wohl einen Zentner schwer. Die jagen und verfolgen sich unaufhörlich im Wasser des Grundlos, und weil selbige Ritter nichts nutz waren, so spricht man noch heute von einem Kerl, dem man wenig oder gar nichts Gutes und desto mehr Schlimmes zutraut: Das ist ein rechter Hecht.

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31. Das Riesenspielzeug

31. Das Riesenspielzeug

In einem wilden Wasserfall in der Nähe des Breuschtales im Elsaß liegen die Trümmer einer alten Riesenburg, Schloß Nideck geheißen. Von der Burg herab ging einstmals ein Fräulein bis schier gen Hasloch, das war des Burgherrn riesige Tochter, die hatte noch niemals Menschenleute gesehen, und da gewahrte sie unversehens einen Ackersmann, der mit zwei Pferden pflügte, das dünkte ihr etwas sehr Gespaßiges, das kleine Zeug; sie kauerte sich zum Boden nieder, breitete ihr Schürztuch aus und raffte mit der Hand Bauer, Pflug und Pferde hinein, schlug die Schürze um sich herum, hielt’s mit der Hand recht fest und lief, was sie nur laufen konnte, und sprang eilend den Berg hinauf. Mit wenigen Schritten, die sie tat, war sie droben und trat jubelnd über ihren Fund und Fang vor ihren Vater, den Riesen, hin, der gerade beim Tische saß und sich am vollen Humpen labte. Als der die Tochter so mit freudeglühendem Gesicht eintreten sah, so fragte er: Nu min Kind, was hesch so Zwaselichs in di Furti? Krom’s us, krom’s us! – O min Vater! rief die Riesentochter, gar ze nettes Spieldinges ha i funden. – Und da kramte sie aus ihrem Vortuch aus, Bauer und Pferde und Pflug, und stellt’s auf den Tisch hin und hatte ihre Herzensfreude daran, daß das Spielzeug lebendig war, sich bewegte und zappelte. Ja min Kind, sprach der alte Riese, do hest de ebs Schöns gemacht, dies is jo ken Spieldings nit, dies is jo einer von die Burn; trog alles widder fort und stells widder hin ans nämlich Plätzli, wo du’s genommen hast! – Das hörte das Riesenfräulein gar nicht gern, daß sie ihren Fund wieder forttragen sollte, und greinte, der Riese aber ward zornig und schalt: Potz tusig! daß de mir net murrst! E Bur ist nit e Spieldings! Wenn die Burn net ackern, so müssen die Riesen verhungern! – Da mußte das Riesenfräulein seinen vermeintlichen Spielkram als wieder forttragen und stellte alles wieder auf den Acker hin.

Diese Sage wird auch von manchem andern Ort in Deutschland erzählt, und zwar auf ganz ähnliche Weise, vom Schlosse Blankenburg oder Greifenstein ohnweit Schwarzburg im Thüringerlande, auch vom Lichtenberg im Odenwalde, allwo gewaltige Riesen hausten.

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319. Hünenblut

319. Hünenblut

Nicht weit vom Hackel, zwischen Egeln und Westeregeln (Kreis Magdeburg), steht ein Wassertümpel, der ist beständig rot. Das soll noch aus der Zeit der Hünen herrühren, von deren ungeheuerlicher Größe des Volkes Phantasie sich die kühnsten Bilder schuf. Zwei Hünen bekämpften und verfolgten einander; der eine fliehende schritt über die Elbe, wie ein Kind über einen Graben schreitet, und so war er mit wenigen Schritten in der Gegend von Egeln. Da hob er den einen Fuß nicht hoch genug auf, stieß sich damit an der Turmspitze der alten Burg, stolperte und fiel mit der Nase gerade auf einen Feldstein bei Westeregeln, und zwar mit so großer Heftigkeit, daß er das Nasenbein brach und eine große Lache Blutes ihm entströmte. Das ist das Hünenblut. Andere sagen, ein Hüne, der bei Westeregeln gewohnt, sei zum Spaß oft über das Dorf hinüber- und herübergesprungen und habe sich endlich bei einem Sprunge an der Turmspitze die Zehe aufgeritzt. Da sei aus der kleinen Wunde im großen Bogen das Blut niedergeflossen und habe jene noch immer rote Lache gebildet, die man noch heute das Hünenblut nennt.

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320. Der Werwolfstein

320. Der Werwolfstein

Mit dem Hackel hing vorzeiten das Brandsleber Holz zusammen, das sich nördlich gegen Eggenstedt zieht. In diesem Holze hauste ein Unbekannter, der den Leuten als Schäferknecht diente, und den sie nur den Alten nannten, denn keiner wußte seinen Namen, auch war er bald da, bald dort und blieb bei niemand lange. Einst diente der Alte auch einem Schäfer namens Melle bei der Schafschur, aber als diese vorüber war, war auch der Alte fort und hatte des Schäfers Lieblingslamm, welches er bereits vergebens vom Schäfer zum Geschenk erbeten, mit sich hinweggenommen. Einmal aber, als der Schäfer Melle im Kattentale hütete, rief ihm unversehens der Alte zu: Guten Tag, Melle! Dein Lamm läßt grüßen! Darüber erbost, stieß der Schäfer einen Stein auf seine Schippe und warf ihn nach dem Alten, da wurde der Alte mit einem Male ein grimmer Werwolf und stürzte auf Melle zu. Dieser floh und rief im Fliehen seinen Hunden. Die Hunde fielen sogleich den Werwolf wütend an; nun wandte sich der zur Flucht, und auch Melle wandte sich und wurde jetzt Verfolger, und so hetzten sie den Werwolf bis in die Gegend von Eggenstedt, und der Schäfer schrie: Sterben sollst du! sterben! Plötzlich nahm der Werwolf wieder die Menschengestalt des Alten an und flehte um Schonung. Aber der Schäfer dachte an keine Schonung, er schlug schonungslos auf den Alten los, und siehe, plötzlich war der Alte abermals verschwunden, und der Schäfer schlug auf einen Dornenstrauch, aber er hieb immerzu, auch der Strauch sollte niedergeschlagen werden. Da wurde der Strauch wieder zum Alten, der noch einmal um sein Leben flehte, vergebens – und noch einmal wurde der Alte Wolf und wollte fliehen, aber die scharfe Schippe am knotigen Hirtenstabe traf ihn auf den Schädel, und er sank tot nieder. Nahe dabei lag ein vereinzelter Felsblock, dort wurde der Alte eingescharrt, und der Block heißt noch heute Werwolfstein.

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321. Der Croppenstedter Vorrat

321. Der Croppenstedter Vorrat

Zwischen Halberstadt und Egeln liegt das Städtchen Croppenstedt, da haben sie ein seltsam Wahrzeichen, das ist ein silberner Pokal, der steht alldort auf dem Rathause und heißt der Croppenstedter Vorrat. Darauf sind in getriebener Arbeit dreizehn Wiegen abgebildet zu sehen und eine Mulde, und in jeder Wiege liegt ein Kind, und in der Mulde liegt auch eins, und dabei erzählen sie, es habe einstmals zu Croppenstedt ein Kuhhirte gelebt, der habe es in einem Jahre dahin gebracht, daß ihm von zwölf Geliebten vierzehn Kinder geboren worden, und dies bezeugt auch eine Inschrift in lateinischen Versen an dem Becher. Die zwölf glücklichen Mütter hätten sich zu rechter Zeit nach Wiegen umgetan, allein der ganze Vorrat an Wiegen zu Croppenstedt habe sich nur auf dreizehn Wiegen erstreckt, und da habe sich das vierzehnte Knäblein (es waren lauter Knäblein) mit einer Mulde begnügen müssen. Zum Angedenken eines so fruchtbaren Jahres ließ der Rat des Städtleins den Silberpokal anfertigen, und solange dieser treulich aufbewahrt wird, soll es dem Städtlein Croppenstedt niemals an Wiegenvorrat und an Kindersegen gebrechen, denn von dort schreibt sich das alte gute Sprüchwort her: Vorrat ist Herr.

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322. Quedl

322. Quedl

Wie im Dome zu Braunschweig ein Denkmal steht, aus dem ein Mann neben einem Frauenbild mit einem starken Bart zu sehen, von dem die Sage meldet, daß die Tochter diese Entstellung ihres Gesichtes sich von Gott erbeten, um vor unnatürlicher väterlicher Liebe beschützt und bewahrt zu bleiben, so soll auch Kaiser Heinrich III. schöne Tochter in gleicher Lage zu Gott inbrünstig gebetet und gefleht haben, doch zu ihrer harten Prüfung ganz vergebens. Und da sie nun darüber schier verzweifeln wollte, erschien ihr der böse Feind und erbot sich, ihr zu helfen, daß ihres Vaters, des Kaisers, allzustarke Zuneigung in Abneigung sich wandle, und zwar wolle der Teufel dies ganz uneigennützig tun, wenn er sie nur in dreien Nächten nacheinander nicht schlafend fände. Finde er Mathilde freilich schlafend, so werde er wohl einigen Teil an ihr ansprechen dürfen. Die Kaisertochter ging mit standhaftem Mute diesen höchst bedenklichen Vertrag ein und begann die Stickerei eines großen Teppichs, welche Arbeit sie munter erhielt, da sie zur Nachtzeit daran stickte. Als nun aber in der zweiten und dritten Nacht vor Müdigkeit ihr dennoch die Augen zufielen, da weckte sie Quedl, ihr treues Hündlein, das knurrte und bellte und zupfte ihr am Gewande, und wenn der Teufel kam und nachsah, ob sie schlief, so fand er die Kaisertochter wachend, und da er ihrer unsterblichen Seele nichts anhaben konnte, wohl aber, weil sie nur mit ihm in Pakt und Bündnis sich eingelassen, ihrem Leibe, so griff er ihr mit seiner Kralle ins Angesicht, quetschte ihr die Nase platt, kratzte ihr ein Auge aus und schlitzte ihr den Mund auf. Wie nun Mathilde mit durch Gottes Verhängnis und des Teufels Bosheit also entstelltem Antlitz wieder vor ihres Vaters Angesicht trat, wich von ihm alle sündliche Liebe; sie aber tat aller Weltfreude sich ab, erbaute eine stattliche Abtei und nannte sie nach ihrem Hündlein, das durch seine Wachsamkeit sie errettet, Quedlinburg.

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323. Die Elbjungfer

323. Die Elbjungfer

An der Elbe wohnt eine Nixe, die nennen sie in der Magdeburger Gegend die Elbjungfer. Sie hat sich früher öfter gezeigt in Gestalt eines bürgerlichen Mädchens in schlichter Tracht mit einer weißen Schürze, deren Saum aber stets naß war. Sonst hat man sie auch am Ufer sitzen und ihr langes goldgelbes Haar kämmen sehn; wenn aber Leute herzu naheten, ist sie vor ihren Augen in das Wasser gehüpft. Viele hat sie in den Tod gelockt und manchen kühnen Schwimmer hinabgezogen. Auch von einem Wassermann gehen Sagen, der in der Elbe sich aufhalte. Einst wollte, weil das Magdeburger Brunnenwasser hart, das der Elbe aber weich ist, jenes auch mühselig außerhalb der Stadt geholt werden mußte, die Bürgerschaft eine Wasserleitung aus der Elbe nach der Stadt bauen. Der Bau begann mit Einrammen von Pfählen, aber da sah man zur Mittagsstunde, wann niemand arbeitete, einen nackenden Mann, der stand in der Flut bei den Pfählen und rüttelte dran und schüttelte dran und ließ sie, als er sie ausgerissen, den Strom hinabschwimmen. Da mußte man ablassen von dem begonnenen Bau.

Einst geschahe es, daß sich ein adeliger Jüngling zu Magdeburg mit einem schönen Fräulein verlobte, aber eines Tages ging er aus zu baden und kehrte nicht wieder heim, die Elbjungfer hatte ihn zu sich gelockt. Alle seine Angehörigen und zunächst seine Braut waren in größter Bestürzung, allenthalben suchte man ihn, und selbst drei Tage lang im Strome, allein vergebens. Da kam ein Schwarzkünstler nach Magdeburg, den befragten die Eltern der Braut, und er brauchte seine Kunst und sagte hernach zu diesen: Den Junker hat die Elbjungfer, die läßt ihn lebend nimmer los, es wäre denn, daß eure Tochter bereit sei, ihr eignes Leben anstatt ihres Bräutigams der Elbjungfer dahinzugeben, oder daß sie beide sich der Nixe versprechen. Die Braut war auch gleich bereit, ihr Leben für das des Geliebten hinzugeben, die Eltern aber fanden diesen biedern Entschluß nicht für geeignet und das Opfer nicht so dringlich, vielmehr drangen sie in den Schwarzkünstler, er solle den Bräutigam herbeischaffen, lebendig oder tot, wenn es nicht anders sein könne. Darauf beschwur der Schwarzkünstler die Elbjungfer, den Geraubten fahren zu lassen, das tat sie auch; sie legte ihn an das Ufer, nur schade, daß er tot war und ganz voll blauer Flecken, die sie ihm vor lauter heftiger und grausamer Liebe gedrückt und gezwickt hatte.

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312. Von Heinrich dem Löwen

312. Von Heinrich dem Löwen

Herzog Heinrich, der Herr der Braunschweiger Lande, fuhr über Meer; ein Sturm erfaßte sein Schiff und verschlug ihn und sein Schiffsvolk in unbekannte Meere; alle Speise ging ihnen aus, und der Hunger quälte sie über die Maßen. Da mußte einer nach dem andern sein Leben opfern für der andern Sättigung, und bestimmte das Los den, welcher sich mußte töten lassen. So fristeten sie eine Zeit ihr Leben, und immer fügte es Gott, daß das Los des Herzogs nicht gezogen wurde. Endlich war nur noch der Herzog und ein einziger Diener auf dem Schiffe, und der Hunger nahm kein Ende. So losen wir nun zum letztenmal, sprach traurig der Fürst, und wen das Los trifft, der sterbe. – Nein, lieber tötet mich, o Herr! sprach der treue Knecht. – Nein, wir losen, antwortete der Herzog. Und da warfen sie das Los, und es traf Heinrich. Aber der Diener sprach: Nimmer werde ich meinen liebwerten Herrn töten, ich habe noch einen Rat, ich will Euch in eine Ochsenhaut einnähen und Euer Schwert dazu, vielleicht sendet der Himmel Euch eine Rettung. Das war der Herzog zufrieden, und als es geschehen war, so kam ein Vogel Greif geflogen, der faßte die Haut in seine Krallen, glaubte ein Tier zu rauben und trug die Beute weit übers Meer in sein Nest, dann flog er wieder hinweg, und Heinrich durchschnitt mit dem Schwerte die Haut, und da die jungen hungrigen Greifen ihn anfielen, schlug er ihnen mit dem Schwert die Köpfe ab, dann nahm er sich eine Klaue mit und stieg von dem hohen Baume, darauf das Greifennest war, in den Wald hinab. Lange irrte der Fürst in diesem wilden Walde, endlich hörte er ein nie vernommenes Geschrei, ein Brüllen, das wie Donner klang, und einen heisern pfeifenden Laut und gellend, daß der ganze Wald davon schallte. Wie nun der Fürst dem furchtbaren Schreien nachging, so sah er einen großen Löwen und einen entsetzlichen Lindwurm miteinander im wütenden Kampfe, doch drohte schon der Löwe zu unterliegen. Da gedachte der Fürst, daß der Löwe doch ein schönes und edles Tier und der Tiere König, der Lindwurm aber ein giftiges Tier sei, und stand dem Löwen bei, befreite ihn und erlegte den Lindwurm nach langem Kampfe. Wie der Löwe sich befreit und sein Leben gerettet sah, streckte er sich dankbar zu des Herzogs Füßen und verließ ihn nur, um Speise zu fangen, die er mit ihm teilte. Dem Herzog war in dieser Einsamkeit, in dieser Gesellschaft und bei dieser Kost nicht allewege wohl zumute. Da das Meer nahe war, so baute er sich, so gut er konnte, ein Floß und fertigte ein Ruder, und als der Löwe eines Tages wieder jagen gegangen war, da bestieg der Herzog sein Floß und stieß vom Strande. Bald aber kam der Leu zurück, vermißte den Herrn, folgte seiner Spur, kam zum Strande und sprang alsbald in die Meerflut, dem Floß nachschwimmend, das er auch bald erreichte, und dort streckte er sich wieder geruhig vor den Herrn hin. Aber auf dem Meere gab es kein Wild zu jagen, und die Pein des Hungers kehrte ein mit verzweifelnden Gedanken. Da erschien dem Herzog der Teufel und sagte ihm: Daheim bei dir in Braunschweig geht es heute lustig zu, da ist Freude die Fülle, und du schwebst hier herum zwischen Wasser und Wolken und hungerst; hier ist Hunger bei dir, und dort daheim bei dir ist Hochzeit, denn dein Weib ist deines Ausbleibens müde und nimmt sich einen andern jungen Mann, einen gar schönen Grafen; dich hält sie längst für tot. Herzog Heinrich erschrak über diese Rede, und der Teufel fuhr fort: Du möchtest doch wohl gern auch bei sotaner Hochzeit sein! Ergib dich mir, so führe ich dich noch heute heim, da kannst du mit tanzen. – Das wolle Gott nicht, das ewige Licht, daß ich ihm abfalle und dein sei, sprach der fromme Herzog, und der Teufel antwortete: Was dein Gott will oder nicht will, weiß ich nicht. Helfen scheint er dir nicht zu wollen, ich aber will’s, ich bin da, besinne dich, eh dich’s reut, zu solcher Hochzeit kommt einer nicht alle Tage, und morgen wär’s zu spät. – Meine Seele würde ewigen Schaden leiden, so ich dir folgte, sprach wieder der Herzog, und der Teufel erwiderte: Deine Seele wird auch nicht schnurstracks in den Himmel fahren, Pein muß sie leiden, so oder so. Du hast von meinem Reiche keine rechten Begriffe, es ist gar nicht so übel, da zu sein, die sogenannte Seligkeit ausgenommen, sieh, ich wohne schon lange allda und befinde mich leidlich wohl. Ich schlage dir vor, du läßt dich heimführen. – Aber mein Löwe, sagte Heinrich, der ist gar zu gut und treu, möcht‘ ihn nimmer missen. – Auch den bringe ich, sagte der Teufel zu und stellte die Bedingung, daß Heinrich nur dann ihm angehören sollte, wenn er ihn bei der Wiederankunft mit dem Löwen auf dem Giersberge nahe bei Braunschweig schlafend finde. Außerdem verlangte der Teufel für seine große Mühe gar nichts.

Herzog Heinrich, der sich herzlich nach seiner Gemahlin, wie nach Erlösung aus seiner trostlosen Lage sehnte, willigte endlich in diesen Beding und ward alsbald vom Teufel durch die Lüfte bis auf den Giersberg geführt und auf diesen abgesetzt. Nun wache fein! rief der Teufel und schwang sich wiederum hinweg, den Löwen zu holen. Der Held fühlte sich von Entbehrung und der Luftfahrt matt und todmüde, bald konnte er sich des Schlafes nicht mehr erwehren, er legte sich in das Grüne und schlief wie ein Toter. Jetzt kam der Teufel mit dem Löwen weit durch die Luft gesaust. Mit seinem Teufelsauge sah er schon aus endloser Ferne den Schlafenden und schnalzte vor Freude mit der Zunge, denn er hatte vorausgewußt, daß der Fürst schlafen müsse und werde. Aber als er näherkam, sah der Löwe bald auch den Herrn liegen, steif und starr, meinte, derselbe sei tot, und erhob ein so furchtbares Gebrüll, daß sie drunten in Braunschweig sagten: Wir bekommen Gewitter, es donnert schon. Von dem Gebrüll aber wachte Herzog Heinrich auf, und der Teufel war wütend, daß er ihn nun nicht schlafend fand, und warf den Löwen aus der Höhe herunter, daß es krachte. Der Löwe aber, nach Katzenart, fiel sich keinen Knochen entzwei, sondern kam auf seine Beine zu stehen und folgte darauf seinem Herrn nach der Stadt und nach seiner Burg, aus der ihm viel Musikgetön und Jubel entgegenscholl. Das war die Hochzeitfreude. Der Herzog ließ die Braut als ein Pilgrim um einen Trunk Weines bitten, und diese sandte den Becher. Der Pilgrim zog einen Ring vom Finger, warf ihn, nachdem er getrunken, in den Pokal und bat den Diener, der Herrin beides zu übergeben. Da erkannte die Herzogin ihres Gemahles Ring und ließ den Pilgrim zu sich in den Saal entbieten; der kam, und ihm folgte sein Löwe nach. Da erkannte sie ihren Gemahl und fiel ihm zu Füßen und hieß ihn willkommen, und alle Diener jauchzten, und der junge Bräutigam wurde durch eine junge Braut entschädigt. Hernach hat Herzog Heinrich, den man nur den Löwen nannte, noch lange Jahre glücklich regiert, und da er endlich starb, hat sich sein Löwe auf sein Grab gelegt und ist auch gestorben. Da wurde er auf der Burg begraben und ihm ein ehern Denkmal errichtet. Andere sagen, Herzog Heinrich habe solch ehernen Löwen schon bei seinem Leben gießen und aufrichten lassen. Des jungen Greifen Klaue aber hatte Heinrich im Dom aufhängen lassen, zum Zeichen seiner Meer- und Luftfahrt.

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313. Die tote Braut

313. Die tote Braut

Es war ein Brauer zu Braunschweig, der hatte eine schöne Tochter, und diese liebte von Herzen einen jungen Kaufmann aus Bremen, und die Liebenden beide schwuren einander im Leben und im Tode treu zu sein, und wer die Treue bräche, den solle der andere Teil noch im Grabe mahnen dürfen. Nun mußte der Kaufmann von dannen reisen, in der Welt sein Glück zu machen und zeitlich Gut zu erwerben, und blieb länger aus, als seine Geliebte hoffte. Der Vater aber hatte ohnedies diese Liebe nicht gern gesehen und sich einen Schwiegersohn gewünscht, der baß verstände, gute Braunschweiger Mumme zu brauen, und da er einen hübschen und geschickten Werkmeister hatte, so wollte er, dieser und kein anderer solle sein Schwiegersohn werden, und die Tochter mußte sich diesem von ihr nicht geliebten Mann verloben. Aber bald darauf warfen Sehnsucht und Gram sie auf das Krankenlager, von welchem sie nicht wieder aufkam. Kaum war sie begraben, so kam ihr früherer Bräutigam an, erfuhr, daß seine Braut als die Verlobte eines andern gestorben sei, und konnte der Sehnsucht nicht widerstehen, sie noch einmal zu sehen. Er verleitete daher den Totengräber durch Geld, heimlich das Grab wieder aufzuschaufeln und den Sarg zu öffnen. Als dies geschehen war, lag das Mägdlein, bleich und schön, mit einem Kranz um die Stirne im himmlischen Frieden, der vom Angesicht der Toten uns anblickt, und da sprach der Jüngling: O meine liebe, liebe Braut, konntest du wirklich mein vergessen? So mahne ich dich bei unserm dreimal heiligen Schwur an dein mir gegebenes Gelübde! Als der junge Kaufmann diese Worte gesprochen hatte, ist die Tote erwacht und hat die Augen aufgeschlagen und geseufzt: Dein, nur dein, im Leben und im Tode, und hat ihre Arme erhoben und fest um ihn geschlungen. Da ist der Totengräber vor jähem Schreck umgefallen, und als er wieder zu sich kam, siehe, da war der Sarg leer und von den beiden Liebenden keines mehr zu sehen gewesen, und nie hat wieder jemand etwas von ihnen erfahren. Da nun diese Geschichte in der Leute Mäuler kam, schämte und ärgerte sich der zweite Bräutigam, der Mummebrauer, über alle Maßen, zumal er bei sich dachte, die ganze Sterbe- und Begrabe- und Aufgrabesache möchte wohl nur ein abgekartet Spiel gewesen sein, ihm die Braut zu entreißen, und wußte sich nichts Besseres zu raten, als dem Teufel die Sache in die Schuhe zu schieben, der so immer alles getan haben soll, was die Menschen Unrechtes oder Dummes taten und tun. Ließ derohalben ein abscheulich Zerrbild schnitzen und am Hausgesimse, recht vor aller Augen, fest machen, da sah man ein Mägdlein aus einem Sarge steigen und dem Teufel mit dem Pferdefuß die Hand reichen, und ließ auch einen nicht weniger überaus abgeschmackten Spottreim darunter schreiben, der gerade schmeckte wie saure Mumme. Lange hat das alte Haus gestanden mit Reim und Bildwerk, endlich ist’s abgebrochen worden, aber die Sage davon lebt noch im Volke zu Braunschweig immerdar fort.

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