450. Der Elbel

450. Der Elbel

In der Gegend um Mihla und an diesem Orte selbst heißt der wilde Jäger der Elbel, hochbedeutsam für den deutschen Mythus. Er wohnt in den Felsklüften über der Wüstung Wernershausen, wo einst ein Burgsitz derer von Wangenheim war, die bis heute tüchtige Jäger sind. Höher hinauf nach dem Hainich, der, ein langgestreckter Bergwald, zwischen dem Unstruttal und dem Werra- und Hörseltal sich hinzieht, ist der Elbelstein und die Elbelskanzel. Elbel und seine Jagd durchsausen und durchbrausen den Hainichwald und seine Angrenzungen, das ist sein Revier. Ein Herr von Harstall zu Mihla, der zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte, hatte einen Leibjäger, das war ein wilder Weidgesell, hieß aber weder Max noch Kaspar, sondern Hölzerkopf, dem stieß einmal auf einem Birschgange der Elbel mit seiner Jagd auf, voran floh und flog ihr im vollen Laufe eine schöne Jungfrau mit flatterndem Haar, die dem Hölzerkopf so wohl gefiel, daß er sich gleich selbst zum Elbel wünschte. Unmutig, daß solches Wild nicht für ihn, schoß er, als die wilde Jagd vorbeigesaust war, seine Büchse aufs Geratewohl ab, und siehe, der Schuß geriet sehr wohl, denn ein Rehbock, den er zuvor gar nicht gesehen hatte, brach angeschossen durchs Dickicht, stürzte zu seinen Füßen hin und verendete. Von da an traf jeder Schuß, den Hölzerkopf tat, ein jagdbares Hochwild, und er merkte nun, daß der Elbel es angenommen, daß er sich ihm verlobt. Eines Tages, als Hölzerkopf mit seinem Herrn zur Jagd zog, setzte er sich nieder und begann zu frühstücken, während der Herr von Harstall weiter wollte und unwillig fragte, was das heißen solle. – Können’s ja bequem haben, gnädiger Herr! sprach Hölzerkopf, wir wollen die Hunde loslassen, uns aber nicht ermüden. – Tat’s, ließ die Hunde los, trank einmal, spannte den Hahn, schoß ins Blaue, da sprang gleich ein stattlicher Edelhirsch, fast aufs Blatt getroffen, heran, und Hölzerkopf reichte dem Herrn von Harstall das Weidmesser und sprach: Gnädiger Herr, beliebt dem Sechzehnender den Genickfang zu geben? – Ha! du bist ein Hexenmeister, ein Freischütz! rief der Herr von Harstall und warf den dargebotenen Hirschfänger von sich, denn er war gar ein frommer Herr. Du hast deinen Abschied, du magst fortan dem Elbel dienen, nicht mir! – Das will ich auch, mit dero gnädiger Erlaubnis, sprach trotzig der Hölzerkopf, setzte seinen Hut auf, warf die Büchse über, trank noch einmal, schmiß sein Glas in Scherben und ging ohne Gruß und Dank von dannen. Fortan ist dieser Jäger nie anders als im Gefolge des Elbel erschienen, und oft hat man ihn bei diesem im Zwielicht auf dem Anstand auf dem Elbelstein stehen sehen. – Heutiges Tages ist auch im Hainichwalde, den die neue Straße von Eisenach und Mihla nach Mühlhausen mitten durchschneidet, nicht mehr viel zu jagen, und die Freischützen sind rar geworden. Hölzerköpfe gibt es noch in Menge – ja – aber sie sind leider Gottes keine Hexenmeister.

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442. Der kleine Schneider

442. Der kleine Schneider

Zu Duderstadt in der goldnen Mark lebte ein Gewandschneiderlein, das war nicht höher als viertehalb Fuß, hatte aber eine große dicke Frau, und die wollte einstmals in die Wochen kommen. Da nun die Kindermuhme kam, so sprach sie leise mit der Frau und drehte sich dabei immer vorsichtig nach dem kleinen Manne um, der dort saß und eine Schneidersrechnung schrieb, und den sie nicht kannte. Endlich aber fand sie es doch ganz und gar unpassend, daß selber Kleine Ohrenzeuge ihrer Verhandlungen mit der Wöchnerin sei, und wendete sich zu ihm und sagte: Lütje Jonge, ga dog an beten met dinen Schrybebouke weg, oder spele buten; ek hevve met diner Moime tau spräken, un dat schikt sek nich vor lütje Krabben, tau horken. Auf diese Rede ward dem Schneiderlein heiß und kalt, es begann zu greinen und sagte: Ick ben ja der Egtemann sülvest! – Da erschrak die langfingerige Frau und bat tusendig umme Unveröbelunge.

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443. Der Mönch von Reifenstein

443. Der Mönch von Reifenstein

Im Eichsfeld zwischen Worbis und Mühlhausen lag ein Kloster des Namens Reifenstein, das war uralten Ursprunges. Ein Kriegsobrist des Hunnenkönigs Attila, welcher Rive hieß, kam in diese Gegend, ersah sich einen Berg und baute eine Burg darauf, die er Rivestein nannte. Noch ist ihre Stätte gekannt und heißt die alte Burg, der Wald um sie her wird der Burghagen genannt.

In später Zeit erwarben die Grafen zu Gleichen und Tonna, denen auch die nahe Burg Gleichenstein gehörte, den Reifenstein, und einer dieser Grafen namens Ernst, welcher söhnelos war, gründete im Tale unter dem Burgberge ein Zisterziensermönchskloster, dazu er Mönche aus dem Kloster Volkenrode nahm und es reich begabte. Damals war das Land umher noch kaum bebaut, nur ein Dörflein, Albolderode, lag in der Nähe. Durch gute und schlechte Zeiten brachte Kloster Reifenstein sich hin, bis die allerschlechteste ihm kam, die Zeit des Bauernkriegs. Da war im Kloster ein nichtsnutzer Mönch des Namens Heinrich Pfeifer, eigentlich Schwertfeger, dem gefiel es nicht in der Kutte und in der Zucht, war tückischen, verschlagenen, boshaften Wesens, mußte oft wegen seiner schlechten Aufführung Pönitenz tun, und da er dies satt hatte, entsprang er aus Reifenstein, zog die Kutte aus und mit ihr den Christen, ja den Menschen. Er warf einen tödlichen Haß auf alle Klöster, vor allem aber auf Reifenstein, rannte nach Mühlhausen und begann dort sein aufwieglerisches Treiben, brachte Verwirrung und Zwietracht zwischen Rat und Gemeinde, verband sich mit dem von Altstadt entlaufenen Pfarrer Thomas Münzer und wiegelte unter Vorwand und Larve der Berechtigung aus göttlichem Wort das gemeine Volk auf, dem nichts lieber war, als nicht zu arbeiten und Korn und Tuch den Reichen aus christlichem Recht abzufordern, denn Christus habe geboten, sagten diese Kommunisten von 1525, mit den Dürftigen zu teilen. Wer da nicht willig gab, dem ward das Seine mit Gewalt genommen. Als der Pfeifer sich sicher sah in einer Rotte aufwieglerischen Gesindels, da hatte er einen schönen Traum – die Rottführer solcher Art haben immer schöne Träume – wie er eine große Herde Mäuse in den Sack jagte, das deutete er also, daß er, der Pfeifer, den ganzen Adel und die Klerisei auf dem Eichsfeld und im Thüringer Lande zu vertilgen und aufzureiben von Gott berufen sei, unternahm daher, trotz Münzers Widerraten, einen Raubzug ins Eichsfeld, brach und verbrannte Klöster und Burgen, während der Schwarmhaufe von Langensalza die Klöster Schlotheim und Volkenrode verwüstete und den Raub nach dem Dorfe Germar nahe Mühlhausen führte; dorthin kam die Bande Pfeifers mit neun Wagen voll Glocken, Haus- und Kirchengerät und Geschmeide. Da empfing sie der Münzer freudiglich als echt christliche Brüder und hielt ihnen vom Pferd herab eine Predigt von der Freiheit und Brüderlichkeit und teilte den Raub. Dann wurden die Schlösser Ebeleben und Almenhausen geplündert und verbrannt, andere Klöster auch heimgesucht und wurde nochmals in das Eichsfeld eingefallen und vor Heiligenstadt gerückt. Da ging es, wie es zu allen Zeiten geht, daß die Bürger teils im Herzen schon dem Aufruhr zugeneigt sind, teils das Herz selbst in der Kniekehle haben und, statt den Raubbanden mit festem Mut entgegenzutreten und ihnen ihr schmutziges Handwerk zu legen, sie einlassen und um die Spitzbuben scherwenzeln. Heiligenstadt nahm die neuen wunderlichen Heiligen mit Karst und Dreschflegel im Dreckkittel so freundlich auf, wie es kaum die lieben Gottesheiligen aufgenommen, wenn solche hätten kommen mögen, und was noch nicht von Klöstern und Schlössern geplündert und verwüstet war, das ward es nun. Ein gewisser Michael Zimmermann lief nach Bartloff, holte Feuer allda und steckte damit Reifenstein in Brand. Als der unsinnige Aufruhr seinen Gipfelpunkt erreicht hatte, setzte Thomas Münzer den trefflichen Pfeifer zum Statthalter in Mühlhausen, und als das Bauernschlachten bei Frankenhausen erfolgt war, entwich auch dieser Held schimpflich zu heimlicher Nachtzeit, wurde verfolgt, eingeholt, gefangen und ihm hernach am Hohlweg nach Buttstädt zu der Kopf abgeschlagen. Er zeigte keine Reue und erlitt den Tod mit trotzigem Gemüte. Für sich selbst hat er nichts erlangt, auch nichts gewollt, aber über die Stadt Mühlhausen brachte er nachhaltiges Weh, schwere Sühne und den lastenden Druck der verbundenen rächenden Fürstenmacht über des Reiches freie Stadt.

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444. Des Königs Abenteuer

444. Des Königs Abenteuer

In der St. Georgenkirche zu Mühlhausen erblickt man noch manch altertümliches steinernes Bildwerk, das wird gedeutet auf der Stadt Mühlhausen Ursprung, und haben sie dort darüber eine gar verwunderliche Sage.

Vorzeiten war ein König in Thüringen gesessen, der fuhr einstmals auf die Jagd, und da sprangen seine Winde im Dickicht um einen Baumstrunk herum und wollten sich davon nicht wegbringen lassen. Da mußte einer von des Königs Dienern auf den Baumstrunk klettern, der von obenhinein hohl war, und sehen, was darinnen stecke, dieweil die Rüden also bellten. Da fand sich ein kleiner wilder Mann darinnen, den holten sie heraus, und der König freute sich seines Abenteuers, ließ den wilden Mann zu sich in den Wagen sitzen und Jagd Jagd sein. Er nannte seinen eingefangenen wilden Mann Noah, tat ihn in ein Gewölbe und wartete und pflegte sein selbst. Eine Zeit aber, da der König verreisen müssen, spielte sein Sohn Georg den Ball im Schlosse, und der Ball fiel durch ein Loch in das Gewölbe hinab. Da rief der kleine Königssohn hinunter: Wilder Mann Noah, gib mir mein Bällchen heraus! – Darauf antwortete der wilde Mann: Dein Bällchen kann ich dir nicht herausgeben, denn würfe ich’s hinauf, so würde es so weit fliegen, daß du es nimmer wiederfändest. Gehe aber hin in deines Vaters Gemach, hole den Schlüssel und öffne mir, so will ich es dir herausgeben. – Da holte der Prinz im Gemach seines Vaters den Schlüssel, denn niemand konnte sonst das Gewölbe öffnen. Er öffnete es, und der wilde Mann kam heraus, gab ihm das Bällchen und sprach: Du hast mir aus meiner Not geholfen, und wenn du einmal in Not kömmst, so komme in den Wald und rufe mich, so will ich dir auch heraushelfen. – Bald darauf kam der König nach Hause, und sein erster Gang war, sein Abenteuer zu besuchen. Aber wie erschrak er, da er das Gewölbe leer fand, und sein Verdacht, den wilden Mann herausgelassen zu haben, fiel sogleich auf seinen Prinzen. Er ließ ihn vor sich rufen und fragte: Georg, du hast wohl den Schlüssel genommen, das Gewölbe eröffnet und den wilden Mann Noah herausgelassen? – Der kleine Prinz gestand offenherzig, daß er solches getan. Da verstieß der König im Zorn seinen Prinzen, denn sein Abenteuer war ihm lieber als alles. Traurig schied der Prinz aus seines Vaters Hause und irrte als ein armer Knabe umher, bis ihn endlich ein Schäfer zu sich nahm. Dieser Schäfer vermutete bald, daß der Knabe aus keinem geringen Stande sei, und behielt ihn bei sich. Er erzog ihn so weit, daß er ihn bei der Herde brauchen konnte. – Da nun der Schäferknecht Georg die Jünglingsjahre erreicht hatte, fügte es sich, daß er bekannt wurde mit einem hübschgebildeten Mädchen, das er zu seiner Braut ernannte. – Damals hauste in der Gegend ein ungeheuerliches Tier, welches man den Lindwurm nannte, und diesem Lindwurm mußte alle Jahre ein Mensch geopfert werden. Nach alter Meinung war dies Tier eine Verwünschung. Wenn es sein Opfer nicht auf den Tag empfing, brüllte es gleich einem Donnerwetter, welches dem Lande Verderben drohte. Nun kam wieder die Zeit, daß das Volk zusammengerufen ward und das Los geworfen; wen es betraf, mußte das Opfer des Lindwurms werden. Das Los traf gerade die Braut des Schäfers Georg. Da fiel ihm ein, was ihm der wilde Mann versprochen hatte. Er trat vor und bat um Aufschub der Opferung, er wolle den Lindwurm töten oder sich für seine Braut dem Ungeheuer opfern – lief eilend in den Wald und rief den wilden Mann Noah um Hülfe und Beistand an. Da kam der wilde Mann und gab ihm ein Schimmelpferd und ein Schwert und sagte ihm, er solle ein weißes Gewand anziehen, sich auf das weiße Pferd setzen, das Schwert an dem Kopfe des Pferdes herabführen und gerade auf das Ungeheuer losreiten. Dieses würde begierig seinen Nachen weit aufsperren; dann solle Georg das Schwert dem Tiere gerade zum Rachen hineinrennen. – Dieses alles geschah, und so wurde die Braut Georgs wie auch das ganze Land von dem Ungeheuer befreit. Großer Jubel entstand unter dem Volke, und Freude vernahm man überall, so daß Georg zum Ritter geschlagen wurde. Da man nun nach Georgs Herkunft forschte, da gestand er, daß er des Königs Prinz sei, und erzählte sein Schicksal. Da wurde ihm gesagt, sein Vater sei gestorben, und er könne sicher nach Hause gehen und das Reich übernehmen. So war aus des Königs Sohn ein Schäferknecht geworden, aus dem Schäferknecht ein Ritter und aus diesem wieder ein König.

Als nun Georg das Königreich übernommen, reiste er im Lande herum, sein Reich zu besehen und kennenzulernen, auch selbst Abenteuer zu bestehen. Da kam ihm ein Örtchen zu Gesicht, das war eine Ansiedelung um ein Mühlhaus, und das Örtchen hatte noch keine Kirche. Da nun der junge König gern dem lieben Gott seinen Dank abstatten wollte, so erbaute er dieser angesiedelten Gemeinde ein Gotteshaus, das seinen Namen als des Stifters Georg erhielt, und der Baumeister mußte seine ganze Geschichte in Stein bilden. Das ist der Anfang der Stadt Mühlhausen geworden.

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445. Mühlhäuser Brunnen

445. Mühlhäuser Brunnen

Bei und zu Mühlhausen sind Brunnquellen, die sind weit und breit berühmt. Eines dieser Wasser heißt die Breitsülze und entspringt nordwestlich eine halbe Stunde von der Stadt am Herbstberge. Die Sage geht, daß da, wo jetzt das Antoniushospital ist, ein Kloster gestanden habe, darin habe ein Mönch gelebt – andere sagen, der Mönch sei aus Kloster Reifenstein gewesen –, der habe in der Stadt ein heimlich Lieb gehabt, das er nächtlich besuchte, und wobei er durch einen Stein ging, den man noch zeigt. Endlich kam die Sache an den Tag, der Mönch wurde gefangen und auf den Adlerturm gesetzt und saß alldort auf den Tod. Da es nun der Stadt an genügsamem fließenden Wasser gebrach und jener Mönch aufs Wasserleiten sich verstand, so ward ihm die Freiheit geboten, wenn er die Quelle der Breitsülze, welche tiefer liegt als die Stadt, in diese hereinleiten wollte. Der Mönch ging an das schwierige Werk, leitete in lauter Schlangenlinien die Quelle um den Herbstberg, um den Thonberg und den Kalbberg herum, ließ sie einen Weg von siebentausendsechshundertundzehn Schritten machen, fast zwei und eine halbe Stunde, daß es oft scheint, als fließe das Wasser bergauf, und brachte das Wasser glücklich in die Stadt, worauf er seine Freiheit erlangte.

Eine ganz ähnliche Sage geht in Gotha von der Leitung des Flüßchens Leine, welche auch durch einen geschickten Mönch bewirkt wurde.

Wundersam schön ist der Brunnen zu Popperode (Wüstung), abendwärts der Stadt, ein mächtiger Quell und spiegelklar bis zum Grunde. Seine Nymphe spendet unerschöpflich ihren quellenden Segen; sein Wasser speist zwei Teiche und treibt zwölf Mühlen. Zum Dank dafür wird ihm alljährlich unter Reden und frommen Lobgesängen ein Doppelfest der Jugend gefeiert. Dicht am Becken, das unter uralten Lindenbäumen ruht, steht ein getürmtes Lustschlößchen von eigentümlichem Bau, in dessen kühler Halle stand und steht manch guter Spruch. Der schönste und beste dieser Sprüche ward hinweggetüncht und möchte wohl erneut werden:

Ut lymphae Nymphas coronat,
Ad fontem frontem fronde corones.

Von dem Breitsülzenbrunnen geht noch diese Sage. Er ist früher der Brunnen eines Klosters gewesen. Bei dem genannten Kloster stand wie bei den meisten Klöstern eine Kirche, deren angrenzender Turm drei silberne Glocken enthielt. Zur Zeit der Mühlhäuser Kriege wurde das Kloster ganz zerstört, und um die silbernen Glocken nicht in des Feindes Hand kommen zu lassen, versenkte sie ein Mönch in den Brunnen, indem er sagte: Diese Glocken kommen nicht eher zu Tage, bis drei Personen den Brunnen fegen und eine derselben ihren Tod in der Quelle des Brunnens findet.

Vor vielen Jahren träumte dem Schullehrer zu Ammern, er solle nach der Breitsülze gehen, so würde er am Ufer ein Seil finden. An diesem Seile solle er ziehen, so würden drei silberne Glocken heraufkommen. Dreimal träumte der Mann das gleiche, dann machte er sich auf und ging nach der Breitsülze. Je näher er dem Brunnen kam, desto schöner hörte er schon die Silberglocken läuten. Jetzt kam er an und fand alles, wie ihm geträumt hatte. Er zog an dem Seile, und siehe, drei silberne Glocken stiegen empor. Da ritt ein Reiter vorüber, der rief: Guten Morgen, Herr Schullehrer! Guten Morgen! – Ganz freundlich antwortete der Gegrüßte: Schönen Dank! – aber bei diesen Worten versanken die Glocken mit einem grausamen Geräusch und sind nie wieder zu Tage gekommen.

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446. Winfried und Sturmi

446. Winfried und Sturmi

Die heiligen Männer Winfried und Sturmi kamen auch in das alte Hessenland, die Heiden zu bekehren. Zu dieser Zeit kriegte Karl der Große im Diemellande und eroberte die Eresburg, auf der die Irminsäule stand, die er zerstörte, und den Desenberg, zwei feste Plätze. Am Desenberge, wo sein Heer im heißen Sommer fast verschmachtete, rief Karls Gebet den Bullerborn hervor, der noch heute fließt. Winfried kam zu einem Berge, darauf ein Heidenheiligtum stand, das brach er und ließ darauf die erste Christenkirche bauen, das ist der Christberg oder Christenberg, da noch heute die Leute einen Fußtritt im Stein zeigen, der von Winfried sich einprägte, als er im heiligen Eifer auf den Boden stampfte. Und am andern Ort, wo lange des großen Kaisers Lagerstatt und Heerstelle war, wird, hoch über der Weser, ein alter grauer Stein gezeigt, auf dem Karl zu Gericht saß und in denselben die Schwere seines ihn stützenden Armes sichtbarlich eindrückte; später entstand dort die Burg und das heutige Amt Herstelle.

Eine Stunde weit von einem Hofe, welcher Geismari hieß, dessen Name der später daraus entstandenen Stadt Hofgeismar blieb, da, wo jetzt das Dorf Eberschütz liegt, ragt eine steile Felswand hoch überm rechten Ufer der Diemel empor; droben der höchste, umwallte Punkt heißt die Klippe. Auf dieser Höhe hielten die Heiden ihren Ding. Da kam zu ihnen ein Greis mit einem Pilgerstabe, den keiner kannte, im Priesterkleid der Christen und predigte ihnen von Christus Geburt, Leben, Leiden und Sterben, Auferstehung, Himmelfahrt und Wiederkunft. Da nun die Heiden diese Reden hörten, dünkte sie ihnen eine Mär und unglaublich, und bedräueten ihn. Er aber stieß seinen Stab in den Boden und sprach: So wahr und wahrhaftig die Botschaft ist, die ich euch verkündet, das ewige Evangelium, so wahr wird dieser Stab durch die Allmacht des einzigen und wahren Gottes Knospen, Blätter und Blüten treiben! Und hob die Hände auf, und es geschahe das Wunder. Der Stab ergrünte, trieb Knospen, Zweige, Blätter, Blüten, und die Heiden glaubten und ließen sich taufen. Solches Wunder tat Sturmi, Winfrieds frommer Schüler.

Eine ganz gleiche Sage geht vom Orte Groß-Vargula, nur daß dort Winfried-Bonifazius selbst es war, der das Stabwunder verrichtete, und dort die Sage noch hinzufügt, daß der Wunderbaum, von fremdländischem Ansehen, einer Palme gleich, lange gestanden habe und verehrt worden sei.

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447. Der Stuffenberg

447. Der Stuffenberg

In der Gegend von Eschwege und Wanfried liegt ein hoher Berg, zu dem geschehen alljährlich viele Wallfahrten, absonderlich aus dem Eichsfeld, darauf erbaute Winfried eine Kapelle. Da nun der Bau im Gange war, kam zum öftern ein fremder Mann gewandert, der fragte die Maurer und Zimmerer, was es denn geben solle, und diese antworteten: Ei, eine Scheuer soll es geben! – Mit diesem Bescheid ging der Mann immer wieder seiner Wege, endlich aber trat er auch einmal unversehens in die Scheuer – da stand ein Altar darin und auf dem Altar ein Kruzifix, und war keine Scheuer, sondern eine christliche Kirche – und da schmiß die Türe hinter ihm zu, daß er nicht herauskonnte. Hu! da ward dem Fremden angst und bang, und hätte mögen des Teufels werden, wenn er nicht schon selbst der Teufel gewesen wäre, und raffte sich zusammen und fuhr oben durch den Giebel, wo noch eine Ritze war, mit Geprassel hinaus und riß ein Loch, das hat nimmermehr wieder zugebaut werden können; dann fuhr er in den Stuffenberg hinein, da blieb auch ein Loch, das heißt das Stuffensloch, und zuzeiten soll es aus dem Loche dampfen, und Nebel sollen daraus aufsteigen, Rückbleibsel des Angstschweißes, den der Teufel damals schwitzte.

Auch bei der Stadt Gernrode am Harz erhebt sich ein Stuffenberg, darauf ein Lusthaus und die schönste Aussicht auf die Teufelsmauern, auf Quedlinburg und Halberstadt.

Die Kapelle aber, die auf dem Stuffenberge bei Wanfried der heilige Bonifazius erbaute, ist St. Gehülfen genannt, und von ihr heißt der Berg auch der Hülfenberg. Manche nennen St. Gehülfen auch die heilige Kümmernis, und die heilige Kümmernis war eine wunderschöne Prinzessin, die erfuhr, was der Gründerin des Stiftes Quedlinburg begegnete, und da ließ ihr Gott der Herr einen Mannesbart wachsen und nahm ihr ihre unsägliche Schönheit. Solcher Hülfen- und Kümmerniskapellen gibt es viele in deutschen Landen, und ist deren in einer besonderen Sage von ihrem Bilde bei der Stadt Saalfeld weiter unten näher gedacht.

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433. Werke der Buße

433. Werke der Buße

Da Ludwig, Graf von Thüringen, den sie den Springer nennen, Sankt Ulrich zu Sangerhausen das getane Gelübde erfüllt hatte, ergriff ihn und seine Frau Adelheid die Reue über die begangene Untat am Pfalzgrafen Friedrich. Eines Karfreitags setzte sie ihm Fleischspeisen vor, und als er sie darüber befragte, warum sie ihn am heiligen Tage, wo sich zieme zu fasten, zur Sünde des Fleischessens verlocken wolle, da erinnerte sie ihn schmerzlich an die genossene noch sündlichere Fleischeslust, um derentwillen ein Meuchelmord begangen worden, und da weinte er mit ihr und gelobte eine Bußfahrt gen Rom, da solle der Papst ihn büßen und auch sie, und seinem Ausspruch wollten sie Folge leisten. Solches geschähe, und Papst Stephan fand auf der Welt keine bessere Buße, als die Ehegatten zu scheiden, ihren Kindern einen guten Teil ihres Erbteiles zu entziehen und selbiges zum Bau und zur Ausstattung zweier Klöster – möglichst weit voneinander – verwenden zu lassen. So begründete Graf Ludwig das Kloster Reinhardsbrunn in einem Thüringerwaldtale und Adelheid das Kloster Oldisleben, beide für Mönche; die letztere verwandelte auch ihre Burg Scheiplitz in ein Jungfrauenkloster und wurde dessen erste Äbtissin, in Oldisleben aber ruht ihre Asche.

Zu Oldisleben fiel 1136 ein Stein vom Himmel, so groß wie ein Menschenkopf. Gespenstige Mönche spuken dort, und rächende Grabsteine bestrafen frevelnde Unbill an ihnen durch Erteilung fünfzeiliger Diplome ins Gesicht von unsichtbarer Hand. Von Schätzen im Kloster Oldisleben ist nicht minder die Rede als von solchen im Kloster Sittichenbach, der alten Zisterzienserabtei, und in Göllingen, wo der heilige Günther begraben liegt.

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434. Geheul und Geschrei

434. Geheul und Geschrei

Zu Frankenhausen, der alten Salzstadt, deren Quellen die Franken behaupteten, als in den frühen Zeiten Sachsen, Franken und Thüringer in diesen Gegenden blutige Kämpfe miteinander hatten, und die von den Franken ihren Namen trägt, ist noch ein Rest der alten Schirmfeste gegen die Sachsen im Hausmannsturm, der Altenburg oder dem alten Frankenhause zu erschauen. Dort war auch ein Zisterziensernonnenkloster zu St. Georg, und in dessen Kirche stand ein Wunderbild der heiligen Jungfrau Maria. Selbiges Bild zeigte ein liebliches Engelantlitz und war sanft gerötet, holdselig zu erblicken in guter und glückseliger Zeit. So aber trübe Zeiten herannaheten, verblich des Bildes Farbe und lieblicher Schimmer, und also geschahe es auch im Jahre 1525, da der wilde Schwarmgeist die Bauern zu hellem Aufruhr nötigte, da sie Burgen und Klöster brachen, ausplünderten und einäscherten. In jener Zeit sind die Klöster Ilfeld, Walkenried, Volkenrode, Kelbra, Sittichenbach, Oldisleben und andere mit ihren herrlichen Kirchen ganz verwüstet worden, bis die Zuchtrute wie ein Wetter des Herrn auf die Raubrotten niederschlug. Das war die Zeit, wo Thomas Münzer den Agitator spielte, und das Volk aufwiegelte, und seine Regenbogenfahne wehen ließ, und deren etwa fehlendes Rot mit dem Blut der gemeuchelmordeten Abgesandten der Fürsten ersetzte. Dem Bauernheer waren aus Frankenhausen und allen Dörfern der Umgegend die Weiber und Kinder der Gideonsstreiter, die in ihrer Verblendung dem Münzer folgten, auch nachgefolgt, die bargen sich in einem Walde, von wo aus sie den Berg über der Stadt sehen konnten, auf dem das Bauernlager aufgeschlagen war. Da nun die Schlacht mit den Herren der gegen das Bauernheer herangezogenen verbündeten Fürsten, dem Kurfürsten Johann und Herzog Georg zu Sachsen, dem Herzog Heinrich zu Braunschweig, Landgraf Philipp zu Hessen, den Harz- und andern Grafen, nachdem die zu gütlichem Vergleich entsandten Botschafter ermordet worden waren, entbrannte, Thomas Münzers lügnerisches Maulwerk, womit er die armen Bauern betört und verrückt gemacht hatte, sich als ein klarer und barer Trug erwies und über siebentausendfünfhundert Bauern mit ihren blutigen Leibern die Walstatt deckten, der ganz in Büffelleder eingenähte Held aber, wie die meisten solcher Maulhelden, in der schimpflichsten Flucht vom Schlachtfelde wich und sich in oder unter ein Bette verkroch, da erscholl von jenem Walde her ein entsetzliches wehklagendes Geheul und Geschrei der unschuldigen Weiber und Kinder jener durch die Aufruhrgelüste des Münzer verführten Bürger und Bauern, die zusahen, wie ihre Väter, Söhne, Brüder, Bräutigame und Freunde ohne Gnade hingeschlachtet wurden. Darnach wurde jenem Wald der Name Geheul und Geschrei und jenem Berge der Name Schlachtberg auf alle Zeiten. Das geschah am Montage nach dem Sonntag, da man in den Kirchen Cantate sang. Die Bauern sangen auch vor der Schlacht, gar ein schönes Lied: Nun bitten wir den Heiligen Geist! – aber der Heilige Geist war ihrem Tun und Treiben so fern, wie fern der Himmel von der Hölle ist, und konnte ihre Bitten nicht erhören.

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435. Der heilige Günther in Göllingen

435. Der heilige Günther in Göllingen

Zwischen Frankenhausen und Sondershausen lagen im Wippertale zwei Klöster, die in den Gauen umher besondern Rufes sich erfreuten, das waren St. Gertrudis zur Kapellen, insgemein Kapellen genannt, das lag unter der Arnsburg zwischen Seege und Günzerode, und St. Wippert in Göllingen. Kapellen soll der Ort gewesen sein, wo im Jahre 1197 die deutschen Fürsten Philipp von Schwaben zum deutschen Kaiser kürten. In Göllingen lebte im eilften Jahrhundert der heilige Günther, welcher ein reicher thüringischer Gaugraf war, der zur Buße seiner Jugendsünden in Hersfeld geistlich wurde und seinen Gau dem heiligen Wippert zum Eigen schenkte und nur Göllingen zum Aufenthaltort sich vorbehielt. Dieser Graf Günther soll ein Sohn des Markgrafen Ekkard gewesen sein und ein Urahnherr der Grafen von Käfernburg und Schwarzburg, deren Nachkommen noch heute Sondershausen und Frankenhausen besitzen und den Namen Günther stets in ihrem Geschlechte fortführen. Günther hatte das Gelübde getan, nimmer Fleisch zu essen, da derselbe nun einst bei einem mächtigen Herrscher zu Gast war und dieser ihm nötigend zusetzte, von einem aufgetragenen gebratenen Pfau zu essen, so rief der fromme Mann Gott an, ihn aus dieser Verlegenheit zu ziehen, und siehe, da bekam der gebratene Pfau in seiner Schüssel Federn, wurde lebendig und flog auf und davon. Dieser fromme Mann und Wundertäter ist fern von Thüringen, im Lande Böhmen, gestorben und hat noch nach seinem Tode viele Wunder getan. Die beiden Klöster im Wippertale hielten gute Freundschaft und Nachbarschaft miteinander und führten heimliche Gänge unter der Erde von Kapellen nach Göllingen, die gegenseitigen Besuche unsichtbar zu machen, welche die Mönchlein und die Nönnlein einander abgestattet haben sollen, wie die Sage geht.

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