451. Wie die Wartburg erbauet ward

451. Wie die Wartburg erbauet ward

Über Eisenach, wo der alten Sage nach in grauen Zeiten ein König des Namens Günther soll gesessen haben, dessen Tochter Chrimhilde Etzel, der Hunnenkönig, freite und stattliche Hochzeit allda hielt, hob ragend über alle Nachbarberge ein felsreicher Gipfel sein vom Fuße der Menschen selten betretenes Haupt. Wohl umgürtete auch bereits eine Burgenkette das Thüringerland, denn es standen schon die alten Dispargen der Frankenkönige auf götterheiligen Höhen, Kyffhausen, Disburg, Merwigsburg, Scheidungen und andere, und es schirmten die Trutzfesten Heldburg, Koburg, Sorbenburg, Rudolfsburg, Eckartsburg, Freiburg, Giebichenstein, Sachsenburg, gleich den Geschlechterwiegen Greiffenstein (Blankenburg), Schwarzburg, Käfernburg, Gleichen, Blankenburg am Harz, Anhalt, Mansfeld, Stolberg, Frankenstein, Frankenberg, Henneberg u.a. neben so manchem Dynasten- und Herrensitz. Einen solchen hatten jenseit des Waldes die Herren von Frankenstein über Eisenach, das war der Mittelstein, ihr Stammschloß aber lag überm Walde drüben im Werratale. Da nun Graf Ludwig, Ludwig des Bärtigen Sohn und später zubenamt der Springer, von seiner Schauenburg durch das Tal ritt, in dem er hernachmals das Kloster Reinhardsbrunn gründete (nach einem Töpfer also genannt, dem an einer gewissen Stelle wunderbare Flämmchen erschienen), so kam er das Hörseltal entlang, der Spur eines Wildes folgend, und ward durch den Anblick eines Felskegels überrascht, der, sonnig angestrahlt, sich hoch über die Nebel hob, welche die Täler umschleierten. Der junge Graf hielt sein Roß an, sann und dachte und sprach es laut: Wart Berg, du sollt mir eine Burg werden! und erwartete sein Gefolge. Da vernahm er nun von ältern Jagdbegleitern, daß jener Berg nicht sein und seines Vaters Eigen sei, sondern der Frankensteiner, deren Gebiet an das seine grenze. Aber das irrte den Grafen Ludwig nicht, er ersann eine sonderliche List, ließ von seines Vaters nahem Gebiete heimlich und zur Nachtzeit Erde in Körben auf den Gipfel schaffen, sie droben handhoch übern Boden breiten, dann begann er Wälle aufzuwerfen und Grund graben zu lassen. Spät genug wurden die Herren von Frankenstein inne, daß hoch über ihrem Mittelstein jemand baue, ohne sie zu fragen. Ob sie das nun schon nicht leiden wollten, so ging es ihnen wie dem Knaben im Liede, der das Röslein brach, sie mußten es eben leiden, denn wenn sie den Grafen angriffen, so konnte er von seiner Höhe herab mitten in ihren Mittelstein ganze Fuder von Steinen schleudern lassen. Nun war gerade eine Zeit grausamer Hungers- und Durstnot, als dieses sich im Jahre 1067 zutrug; es gab so wenig Wein, daß er an manchen Orten sogar zum Abendmahl fehlte, welches sehr schrecklich war. Da nun die Armen allerorten hörten, daß der Thüringer Graf eine Feste baue, so strömten sie in Scharen herzu und schleppten Steine und halfen arbeiten, nur um das tägliche Brot zu gewinnen und nicht Hungers zu sterben, denn es hatte sich schon zu dieser Zeit zugetragen, daß ein Mann aus dem Grabfeld, der auch mit seiner Frau und einem zarten Kinde nach Thüringen herein zum Burgbau zog, sein Kind hatte schlachten und essen wollen, welches auch geschehen wäre, wenn ihm nicht Gott zwei Wölfe gezeigt, die soeben eine Hinde zerrissen hatten. Da scheuchte er die Wölfe von ihrer Beute und führte die Hinde zur Sättigung mit sich fort.

Mittlerweile klagten nun die Herren von Frankenstein bei Kaiser und Reich, daß der Graf auf das Ihre baue, und da auch zu jener Zeit die Prozesse schon die längliche Natur hatten, die ihnen zum großen Nutzen und Frommen der Gerichte und Anwälte bis auf unsere Tage wohlweislich erhalten worden ist, so wurde der Bau unterdessen fertig, und der Graf nannte die neue Burg Wartburg, von dem Wort, so er damals gesprochen, als er den Berg zum ersten erblickt hatte. Wie nun endlich ein Spruch geschehen sollte, da erbot sich der Graf zum Beweise gegen die Frankensteiner, daß er nicht auf das Ihre, sondern auf das Seine baue, erkor sich nach der Sitte zwölf Eideshelfer, das an Ort und Stelle eidlich zu erhärten, trat mit diesen Ehrenmännern hin, zogen ihre Schwerter, steckten sie in den aufgeschütteten Boden und schwuren mit ihm einhelliglich, daß sie auf des Grafen eigner Erde und auf seinem Boden ständen. Gegen die Eidesleistung solcher Schwurhelfer und Geschwornen galt nun keine Einrede, und die Herren von Frankenstein mußten vom Gericht von Rechts wegen das höchste Unrecht leiden. Also ist die Wartburg erbaut und benamt worden. In neuerer Zeit sind auf ihr tief unterm Schutt zwölf große eiserne Schwertklingen, stark gerostet, überkreuzt beisammenliegend, aufgefunden worden, und wird dafür gehalten, daß das die Schwerter der Eideshelfer Graf Ludwigs gewesen, die in den Boden eingesenkt worden, diesen noch mehr zu festen.

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452. Der Schmied in Ruhla

452. Der Schmied in Ruhla

Der Schmied in Ruhla und der Edelacker

Graf Ludwig, der die Wartburg bauete und auch Eisenach, die Stadt, mit Mauern umgab, der Reinhardsbrunn, das Kloster, gründete und in demselben als Mönch büßte, verließ einen Sohn, auch Ludwig geheißen, den machte der Kaiser zum Landgrafen in Thüringen, und derselbe war, da er noch ein Jüngling war, gar gütig und demütig gegen Edle und Unedle und von mildem Wesen; solches ward ihm von seinen Vasallen für Schwäche und Torheit ausgelegt. Er strafte nicht gern und hörte nicht gerne klagen, hatte zu allen Menschen das beste Vertrauen und wußte nicht, daß die Edeln seine Untertanen schmählich bedrückten, und daß Bürger und Bauern von ihnen viel böser Gewalt erleiden mußten, zumal die, so um ihn waren, zu verhindern wußten, daß Beschwerden an den Herrn gelangten.

Da geschah es, daß der junge Landgraf eines Abends auf einem Jagdritt sich im Forste verirrte und in die Nähe des Ortes Ruhla kam, da sah er das helle Feuer einer Waldschmiede durch die Nacht leuchten, ging darauf zu und bat den Schmied um Herberge. Der Schmied kannte ihn nicht und fragte ihn, wer er sei. – Ich bin Eures Herrn, des Landgrafen, Jäger einer. – Pfui des Landgrafen! rief der Schmied und spuckte aus und wischte sich. Wer ihn nennt, muß sein Maul wischen, daß er es nicht verunreint mit dem Namen. Pfui des übelbarmherzigen Kunzenherrn! Um deines Herrn willen herberge ich dich wahrhaftig nicht! Geh, ziehe nur dein Pferd in den Schoppen, dann komme her und sitze nieder, iß und trink, was da ist, und ruhe auf dem Heu, denn Bettgewand ist hie nicht vorhanden. – Der Landgraf, ganz verwundert ob dieser groben Rede, schwieg ganz still, ging und brachte sein Pferd unter Dach und kam wieder in die Schmiede. Der Schmied kümmerte sich so viel als gar nicht um ihn, schürte sein Feuer, zog den Blasebalg, hitzte und hetzte, glühte sein Eisen, löschte es, glühte wieder und hämmerte und rief bei den Schlägen fort und fort: Landgraf Ludwig, werde hart, werde hart! und schlug mit dem gewichtigen Hammer, daß die Funken stoben, und erzählte alles nach der Schnur her, worüber die Untertanen klagten, und schob alle Schuld und alles Unrecht, was im Lande geschah, auf den Landgrafen und verwünschte und verfluchte ihn in die unterste Hölle. Er sang das alte Lied von den dünkelvollen Räten, die alles besser wissen, sich und ihre Weisheit für unfehlbar halten, die Fürsten glaubend machen, es stehe alles gut im Lande, und hinterdrein ist’s Lug und Trug, und der Aufruhr schlägt in hellen Flammen aus, und alles Unglück, das daraus entsteht, wird hernach den Fürsten in die Schuhe geschoben. Dem Landgrafen erschrak das Herz im Leibe, als er aus dieser harten Stimme des Schmiedes des Volkes Stimmung gegen sich vernahm, und er nahm sich vor, dem Unfug, den seine Edeln verübten, ein Ende mit Schrecken zu machen. Ganz hart geschmiedet verließ er, nachdem er kein Auge zugetan, die Ruhlaer Waldschmiede, und sein milder Sinn war in einen eisernen verkehrt. Er nahm die Zügel der Regierung in die eigne Hand und zog sie so straff, daß die edeln Rosse schäumten und knirschten und sich bäumten, aber das Volk atmete freier auf, und ward ihm wohler, denn die ritterlichen Vasallen durften es nicht mehr placken und schinden.

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453. Der Edelacker

453. Der Edelacker

Da nun in Thüringen der mannliche Landgraf zu seinem Volke hielt und ihm die Last abnahm, mit der es die Räte und die Amtleute bedrückt, von denen der Schmied gesagt hatte, daß sie als schlaue Jäger die roten Füchse – nämlich die Goldstücke – in ihre Beutel trieben, wurden ihm seine Edeln allzumal mächtig gram, denn des Fürsten Tun dünkte sie eine unerhörte Neuerung, und lehnten sich auf gegen ihn und sprachen: Wir wollen das nicht fürder leiden. Als solches dem Landgrafen hinterbracht ward, daß sie als widerspenstige Vasallen einen Willen für sich apart haben wollten, tat er einen eisernen Panzerrock an und zog nach der Numburg über Freiburg mit Heeresmacht und nahm die, so sich zusammengerottet, gegen ihn zu streiten, alle gefangen und führte sie über der Burg auf ein flaches Feld und hielt ihnen dort eine Rede, in der er ihnen alles sagte, was er auf dem Herzen hatte, daß sie lehenseidbrüchige Rebellen seien, und daß ihre Köpfe eigentlich jetzt vor ihre Füße gehörten. Er wolle aber nicht, daß man ihm nachsage, er töte seine eigenen Diener; Schätzung ihnen auflegen wolle er auch nicht, er wolle sich nicht, wie sie getan, mit der Untertanen Gut bereichern, sie aber ungestraft entlassen, würde Ursachen, daß sie fürder seinen Zorn verlachten, so wolle er ein Beispiel geben zur Nachachtung für die künftigen Zeiten. Ließ sich Stränge und Halftern reichen, spannte die Edeln je vier und vier an einen Pflug, den die Diener halten mußten, und trieb sie, mit einer Geißel nebenhergehend wie ein Ackersmann, eine lange Furche zu ahren. Und als eine Furche gezogen war, da ließ er den Pflug wenden und vier andere einspannen und ahrete also einen ganzen Acker, wie mit Pferden, und ließ dann den Acker mit großen Steinen zeichnen, zum ewigen Gedächtnis, und machte ihn zu einem Asyle. Daraus nannte er den Acker den Edelacker, und derselbe heißt heute noch so und liegt nahebei hinter der alten Numburg auf freier Höhe. Die so schwer gedemütigten Vasallen aber mußten ihm aufs neue schwören und hulden, sie mußten, oder der Zorn ihres Herrn kam über sie wie ein Ungewitter.

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454. Die lebendige Mauer

454. Die lebendige Mauer

Über des Landgrafen Ludwig Tat ward viel Redens im Thüringerlande. Die, so gezogen hatten und die Geißel gespürt, schämten sich und seufzeten im stillen; andere, die nicht dabei gewesen, sprachen, sie hätten eher den Tod erlitten als solche Schmach. Am schlimmsten erging es in der öffentlichen Meinung den Beamten, wie allemal, wenn sich Hader und Zwietracht erhebt in einem Lande zwischen Fürst und Volke, sie mußten nun allein die Sündenböcke sein, sie mußten alles verschuldet haben. Einige trieben ihren Groll bis zu Mordversuchen, aber Gottes Hand schirmte den Regenten, und die Meuchelmörder nahmen ein schmähliches Ende. Der Landgraf ging mit seinen Dienern immer und überall in einem Eisenpanzer, darum und von seiner Strenge ward er der eiserne Landgraf geheißen. Dieser Landgraf hatte den höchsten irdischen Herrn im Reiche zum Schwager, Kaiser Friedrichen, den Rotbart. Der kam von seiner ohnweiten Kaiserburg Kyffhausen herüber auf die Numburg zum Besuche, die war aber noch ohne Mauern, und dem Kaiser gefiel die niuwe Burg, und sprach: Schade, daß sie nicht Mauern hat, sie sollte stark und feste sein. – Ho, sagte Ludwig, um die Mauern sorg‘ ich nit, die kann ich haben, alsbald ich will. – In wie kurzer Zeit? fragte der Kaiser. – Näher denn in drei Tagen. – Das ist bei Gott nicht möglich, entgegnete der Rotbart, und wenn alle Maurer des Reichs beisammen wären. – Darauf ging der Kaiser zu Tische, und der Landgraf entsandte sogleich Eilboten durch sein ganzes Land an alle seine Grafen und Edeln, daß sie alsbald gen Freiburg aufbrechen sollten im besten Geschmuck der Waffen mit nur wenig Wappnern – war auch eine gute Gelegenheit, der Vasallen Gehorsam zu prüfen – merkten das auch und kamen allzumal pünktlich. Und als der Morgen des dritten Tages anbrach, da richtete der Landgraf alles zu nach seinem Willen und ging zu seinem Schwager ins Gemach und sprach: Mein Kaiser, die Mauer ist fertig. Da bekreuzte sich der Kaiser und dachte, hier müsse Satans Hülfe im Spiel sein, und trat heraus und staunte, denn da ersah er eine lebendige Mauer stehen rings um die Burg, Mann an Mann, im Glast der Harnische und Gewaffen. Wo ein Turm stehen mußte, stand ein Graf, und vor ihm sein Bannerträger, und dazwischen die Herren und Edeln. Da flatterten im frischen Morgenwind bunt und schön die Bannerfahnen der Grafen von Schwarzburg und von Käfernburg, von Gleichen, von Hohnstein, von Stolberg, von Mansfeld, von Rheinstein, von Orlamünde, von Arnsburg, Beichlingen, Gleisberg, Lobdaburg und anderer und so vieler edler Herren von Apolda, Blankenheim, Heldrungen, Treffurt, Kranichfeld, Leutenberg, Salza, ohne den zahlreichen niedern Adel, der nicht über weite Herrschaften gebot, aber doch stattliche Burgsitze und viele Güter hatte. Da rief Kaiser Friedrich aus: Fürwahr, solch eine edle, köstliche, teure und feste Mauer sah ich noch nie! Habe Dank, Schwager, daß du solche mir gezeigt.

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455. Des eisernen Landgrafen Begängnis

455. Des eisernen Landgrafen Begängnis

Landgraf Ludwig der Eiserne fühlte sein Ende nahen und lag krank auf der Neuenburg, um die er einst den lebendigen Mauerring gestellt, da gebot er und ordnete an, daß alle die Ritter und Vasallen, die ihm widerspenstig gewesen, soviel ihrer noch am Leben, herbei sollten, und sollten ihn, wann er gestorben, auf ihren Achseln ehrbarlich tragen von Freiburg bis Reinhardsbrunn, so lieb ihnen ihr Leben wäre. Und das mußten sie ihm an die Hand geloben, und tätens auch, ob gern oder ungern, denn sie fürchteten ihn mehr als den Teufel und gedachten auch, er möchte sie etwa aber versuchen und prüfen, sich lebendig in den Sarg legen und tragen lassen, und so sie’s nicht täten, würde er herausfahren und über sie kommen mit seinem Zorn und seiner Strafe. Und da der Landgraf nun gestorben war, hielten sie getreulich das Gelübde und trugen ihn in Furcht und Zittern den langen, weiten Weg, über zehn Meilen, wechselten oft ab, und wo sie ruhten, setzten sie den Sarg in die Kirche und ließen vor des Landgrafen Seele beten, denn sie waren der Meinung, dieselbe bedürfe der Fürbitten sehr. Herrlich war des Landgrafen Begängnis zu Reinhardsbrunn im Kloster, viele deutsche Fürsten waren gekommen, diesem beizuwohnen. Der Erzbischof Wigmann aus Magdeburg hielt ihm das Seelenamt. Ludwig ward begraben in der Klosterkirche neben dem Altar des heiligen Kreuzes, und über sein Grab ward sein Bild gestellt, im vollen Harnisch, wie man gewohnt war, ihn im Leben zu sehen.

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456. Wie Reinhardsbrunn geschirmt ward

456. Wie Reinhardsbrunn geschirmt ward

Der eiserne Landgraf hinterließ einen ältesten Sohn, wieder Ludwig geheißen, außer diesem noch drei Söhne, Hermann, Friedrich, Heinrich, und eine Tochter Jutta. Ludwigs, des jungen Landgrafen, Gemüt war wieder mild und gütig, wie das seines Vaters zuvor auch gewesen war, ehe es der Menschen Schlechtigkeit und Gewalttaten kennenlernte, desgleichen fromm und freigebig gegen die Klöster. Er wohnte zumeist auf Wartburg und zog hernach mit Kaiser Friedrich in das Land Apulia. In dieser Zeit begann ein Herr von Salza aus dem Altenberge, der im Klostergebiet von Reinhardsbrunn lag, eine Burgfriede und Kemnate aufzubauen. Da nun der Landgraf wieder heimkam, klagte ihm solches der Abt von Reinhardsbrunn an einem Sonnabend. Da sandte der Landgraf Boten an die nächsten Vasallen und Dienstmannen, und am Sonntage früh war er schon mit Rittern und Reisigen in dem Kloster, hörten dort eine Messe. Dann gebot der Landgraf dem Abt, nicht eher das Hochamt zu beginnen, bis er mit den Seinigen zurück sei. Dann durchritt er mit seinem Haufen, der mit Sturmgerät wohl versehen war, die schweigenden Forste still hinauf zum Altenberge, darauf die neue Burg stand und der Herr von Salza ruhig saß. Bevor er nur an Arges dachte, war seine Burg berannt und eingenommen; er selbst wurde mit den Seinen als Gefangener nach Reinhardsbrunn geführt, wo nun das Hochamt begann, und mußte vor dem Kruzifix hergehen und Urfehde schwören auf ewige Zeiten. Am nächsten Tag ward die Burg bis auf den Grund zerstört und abgebrochen, und Holz und Steine wurden dem Kloster zuteil. Dort hatten die Mönche noch eine Klage. Sie hatten ein Fuder Wein in Würzburg gekauft, allwo der beste wuchs, aber im Herausführen nach dem Thüringer Walde hatte ein fränkischer Ritter, der nicht weit von der Straße saß, Wein und Wagen und die sechs Pferde an sich genommen, dieweil ihn auch durstete. Als das dem Landgrafen geklagt ward, ließ er dem Ritter um die Rückgabe schreiben, das däuchte dem spöttlich, was kümmerte ihn der Thüringer Landgraf und seine durstigen Mönche! Aber eines schönen Morgens wehten die thüringischen Fähnlein um die fränkische Ritterburg und war diese umstellt, daß weder Mann noch Maus herein oder hinaus konnte, und der Landgraf war selber da und schwur, der Ritter solle ob zu großen Durststillens im Wein der Reinhardsbrunner nun verhungern. Da mußte der Ritter gute Worte geben und sich und seine arme Seele lösen, und der Landgraf ließ ihm kund tun, was er zu tun habe. Im Büßerhemde, wie Kaiser Heinrich IV. zu Canossa, einen Strick um den Hals, ein blankes Schwert gegen seine Kehle haltend mußte der Ritter vor den Landgrafen treten und um Gnade und Leben flehen. Den Wagen mußte er herausgeben und die Pferde und den Wein, mußt‘ es auch alles selbst nach Reinhardsbrunn fahren und geleiten lassen, dann durfte er sein Leben und seine Burg behalten und zusehen, wie er auf andere Weise wieder zu Wein gelangte.

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457. Von dem Hörseelenberge

457. Von dem Hörseelenberge

Mitten im Thüringerlande, zwischen Gotha und Eisenach, liegt ein hoher, schroffer, kahler Berg, von weitem recht anzusehen wie ein Sarg; dicht an seinem Fuße hin zieht die Eisenbahn, die schneidet durch ein Dorf des Namens Sättelstedt. Dieser Berg ward der Hörseelenberg geheißen schon in grauen Zeiten, darum, weil man in und aus ihm manch seltsamlich und grauenhaft Getön vernommen, absonderlich bei einer Felskluft hoch oben unterm steinigen Gipfelhorn nach Eisenach hinwärts, und das war das Geschrei der Seelen, das man allda hörte, neben dem Geräusch unterirdischer fallender Wasser und dem Geheul der Windsbraut, darum nannte man den Berg auch auf Latein Mons horrisonus. Von ihm hat auch das Talflüßchen, die Hörsel, seinen Namen, und er wird bis heute Hörselberg, das ist das alte Hörseelenberg, genannt. Viele wunderbarliche Sagen gehen bis auf den heutigen Tag von diesem Berge, der auch eine Wetterscheide ist; oft umwebern ihn meteorische Flammen, und die Blitze spielen um seinen kahlen Scheitel. Einst erhoben sich am hellen Tage bei Eisenach drei große Feuer, brannten eine Zeitlang in den Lüften, taten sich dann zusammen und wieder voneinander und fuhren endlich alle drei in den Hörseelenberg hinein.

Ein König in England hatte ein holdseliges Frauenbild aus geringem Stande zu sich erhoben, Reinssweig oder Rinswiga genannt, war aber bald hernach verstorben, und Reinssweig betrauerte ihren Herrn und Gemahl tief und sehr und ließ viel für ihn beten, damit seine Seele vom Fegefeuer erlöst werde. Da hatte sie zu einer Nacht ein Gesicht, und sie hörte ihres Gemahles Stimme und sah seine Gestalt und erfuhr von ihm, er leide Pein im fernen Thüringerlande in eines Berges Schoß mit andern armen Seelen, und ihre Fürbitten und Gebete überm Meere drüben frommten ihm nicht. Da erhob sich die Königin mit all ihren Schätzen, ihren Jungfrauen und ihrer Dienerschaft und fuhr über Meer nach Deutschland herüber, und der Schatten zeigte ihr die Straßen an, und sie kam an des Berges Fuß, wo er sanft nach Gotha zu sich abdacht, dort baute sie ein Kirchlein und ein klösterliches Haus, und da sie selbst zum öftern die Stimmen der gequälten Seelen zu vernehmen glaubte, so nannte sie den Ort Satans Stätte, daraus ist hernachmals Sättelstätt geworden, als sich Leute anbauten und den Ort bewohnten. Diese fromme Königin erbaute in jener Gegend der Kapellen noch mehrere und diente nebst ihren Frauen Gott im eifrigen Gebet, bis sie ihres Gemahles Seele aus dem Fegefeuersitz im Hörseelenberge erlöste. Als sie dann gestorben war, sind ihre Jungfrauen nach Eisenach gezogen, allwo Ludwig des Milden Tochter, Jungfrau Adelheid, das Nikolaikloster begründet hatte, und haben in diesem Kloster als Benediktinerinnen ihr Leben beschlossen.

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443. Der Mönch von Reifenstein

443. Der Mönch von Reifenstein

Im Eichsfeld zwischen Worbis und Mühlhausen lag ein Kloster des Namens Reifenstein, das war uralten Ursprunges. Ein Kriegsobrist des Hunnenkönigs Attila, welcher Rive hieß, kam in diese Gegend, ersah sich einen Berg und baute eine Burg darauf, die er Rivestein nannte. Noch ist ihre Stätte gekannt und heißt die alte Burg, der Wald um sie her wird der Burghagen genannt.

In später Zeit erwarben die Grafen zu Gleichen und Tonna, denen auch die nahe Burg Gleichenstein gehörte, den Reifenstein, und einer dieser Grafen namens Ernst, welcher söhnelos war, gründete im Tale unter dem Burgberge ein Zisterziensermönchskloster, dazu er Mönche aus dem Kloster Volkenrode nahm und es reich begabte. Damals war das Land umher noch kaum bebaut, nur ein Dörflein, Albolderode, lag in der Nähe. Durch gute und schlechte Zeiten brachte Kloster Reifenstein sich hin, bis die allerschlechteste ihm kam, die Zeit des Bauernkriegs. Da war im Kloster ein nichtsnutzer Mönch des Namens Heinrich Pfeifer, eigentlich Schwertfeger, dem gefiel es nicht in der Kutte und in der Zucht, war tückischen, verschlagenen, boshaften Wesens, mußte oft wegen seiner schlechten Aufführung Pönitenz tun, und da er dies satt hatte, entsprang er aus Reifenstein, zog die Kutte aus und mit ihr den Christen, ja den Menschen. Er warf einen tödlichen Haß auf alle Klöster, vor allem aber auf Reifenstein, rannte nach Mühlhausen und begann dort sein aufwieglerisches Treiben, brachte Verwirrung und Zwietracht zwischen Rat und Gemeinde, verband sich mit dem von Altstadt entlaufenen Pfarrer Thomas Münzer und wiegelte unter Vorwand und Larve der Berechtigung aus göttlichem Wort das gemeine Volk auf, dem nichts lieber war, als nicht zu arbeiten und Korn und Tuch den Reichen aus christlichem Recht abzufordern, denn Christus habe geboten, sagten diese Kommunisten von 1525, mit den Dürftigen zu teilen. Wer da nicht willig gab, dem ward das Seine mit Gewalt genommen. Als der Pfeifer sich sicher sah in einer Rotte aufwieglerischen Gesindels, da hatte er einen schönen Traum – die Rottführer solcher Art haben immer schöne Träume – wie er eine große Herde Mäuse in den Sack jagte, das deutete er also, daß er, der Pfeifer, den ganzen Adel und die Klerisei auf dem Eichsfeld und im Thüringer Lande zu vertilgen und aufzureiben von Gott berufen sei, unternahm daher, trotz Münzers Widerraten, einen Raubzug ins Eichsfeld, brach und verbrannte Klöster und Burgen, während der Schwarmhaufe von Langensalza die Klöster Schlotheim und Volkenrode verwüstete und den Raub nach dem Dorfe Germar nahe Mühlhausen führte; dorthin kam die Bande Pfeifers mit neun Wagen voll Glocken, Haus- und Kirchengerät und Geschmeide. Da empfing sie der Münzer freudiglich als echt christliche Brüder und hielt ihnen vom Pferd herab eine Predigt von der Freiheit und Brüderlichkeit und teilte den Raub. Dann wurden die Schlösser Ebeleben und Almenhausen geplündert und verbrannt, andere Klöster auch heimgesucht und wurde nochmals in das Eichsfeld eingefallen und vor Heiligenstadt gerückt. Da ging es, wie es zu allen Zeiten geht, daß die Bürger teils im Herzen schon dem Aufruhr zugeneigt sind, teils das Herz selbst in der Kniekehle haben und, statt den Raubbanden mit festem Mut entgegenzutreten und ihnen ihr schmutziges Handwerk zu legen, sie einlassen und um die Spitzbuben scherwenzeln. Heiligenstadt nahm die neuen wunderlichen Heiligen mit Karst und Dreschflegel im Dreckkittel so freundlich auf, wie es kaum die lieben Gottesheiligen aufgenommen, wenn solche hätten kommen mögen, und was noch nicht von Klöstern und Schlössern geplündert und verwüstet war, das ward es nun. Ein gewisser Michael Zimmermann lief nach Bartloff, holte Feuer allda und steckte damit Reifenstein in Brand. Als der unsinnige Aufruhr seinen Gipfelpunkt erreicht hatte, setzte Thomas Münzer den trefflichen Pfeifer zum Statthalter in Mühlhausen, und als das Bauernschlachten bei Frankenhausen erfolgt war, entwich auch dieser Held schimpflich zu heimlicher Nachtzeit, wurde verfolgt, eingeholt, gefangen und ihm hernach am Hohlweg nach Buttstädt zu der Kopf abgeschlagen. Er zeigte keine Reue und erlitt den Tod mit trotzigem Gemüte. Für sich selbst hat er nichts erlangt, auch nichts gewollt, aber über die Stadt Mühlhausen brachte er nachhaltiges Weh, schwere Sühne und den lastenden Druck der verbundenen rächenden Fürstenmacht über des Reiches freie Stadt.

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444. Des Königs Abenteuer

444. Des Königs Abenteuer

In der St. Georgenkirche zu Mühlhausen erblickt man noch manch altertümliches steinernes Bildwerk, das wird gedeutet auf der Stadt Mühlhausen Ursprung, und haben sie dort darüber eine gar verwunderliche Sage.

Vorzeiten war ein König in Thüringen gesessen, der fuhr einstmals auf die Jagd, und da sprangen seine Winde im Dickicht um einen Baumstrunk herum und wollten sich davon nicht wegbringen lassen. Da mußte einer von des Königs Dienern auf den Baumstrunk klettern, der von obenhinein hohl war, und sehen, was darinnen stecke, dieweil die Rüden also bellten. Da fand sich ein kleiner wilder Mann darinnen, den holten sie heraus, und der König freute sich seines Abenteuers, ließ den wilden Mann zu sich in den Wagen sitzen und Jagd Jagd sein. Er nannte seinen eingefangenen wilden Mann Noah, tat ihn in ein Gewölbe und wartete und pflegte sein selbst. Eine Zeit aber, da der König verreisen müssen, spielte sein Sohn Georg den Ball im Schlosse, und der Ball fiel durch ein Loch in das Gewölbe hinab. Da rief der kleine Königssohn hinunter: Wilder Mann Noah, gib mir mein Bällchen heraus! – Darauf antwortete der wilde Mann: Dein Bällchen kann ich dir nicht herausgeben, denn würfe ich’s hinauf, so würde es so weit fliegen, daß du es nimmer wiederfändest. Gehe aber hin in deines Vaters Gemach, hole den Schlüssel und öffne mir, so will ich es dir herausgeben. – Da holte der Prinz im Gemach seines Vaters den Schlüssel, denn niemand konnte sonst das Gewölbe öffnen. Er öffnete es, und der wilde Mann kam heraus, gab ihm das Bällchen und sprach: Du hast mir aus meiner Not geholfen, und wenn du einmal in Not kömmst, so komme in den Wald und rufe mich, so will ich dir auch heraushelfen. – Bald darauf kam der König nach Hause, und sein erster Gang war, sein Abenteuer zu besuchen. Aber wie erschrak er, da er das Gewölbe leer fand, und sein Verdacht, den wilden Mann herausgelassen zu haben, fiel sogleich auf seinen Prinzen. Er ließ ihn vor sich rufen und fragte: Georg, du hast wohl den Schlüssel genommen, das Gewölbe eröffnet und den wilden Mann Noah herausgelassen? – Der kleine Prinz gestand offenherzig, daß er solches getan. Da verstieß der König im Zorn seinen Prinzen, denn sein Abenteuer war ihm lieber als alles. Traurig schied der Prinz aus seines Vaters Hause und irrte als ein armer Knabe umher, bis ihn endlich ein Schäfer zu sich nahm. Dieser Schäfer vermutete bald, daß der Knabe aus keinem geringen Stande sei, und behielt ihn bei sich. Er erzog ihn so weit, daß er ihn bei der Herde brauchen konnte. – Da nun der Schäferknecht Georg die Jünglingsjahre erreicht hatte, fügte es sich, daß er bekannt wurde mit einem hübschgebildeten Mädchen, das er zu seiner Braut ernannte. – Damals hauste in der Gegend ein ungeheuerliches Tier, welches man den Lindwurm nannte, und diesem Lindwurm mußte alle Jahre ein Mensch geopfert werden. Nach alter Meinung war dies Tier eine Verwünschung. Wenn es sein Opfer nicht auf den Tag empfing, brüllte es gleich einem Donnerwetter, welches dem Lande Verderben drohte. Nun kam wieder die Zeit, daß das Volk zusammengerufen ward und das Los geworfen; wen es betraf, mußte das Opfer des Lindwurms werden. Das Los traf gerade die Braut des Schäfers Georg. Da fiel ihm ein, was ihm der wilde Mann versprochen hatte. Er trat vor und bat um Aufschub der Opferung, er wolle den Lindwurm töten oder sich für seine Braut dem Ungeheuer opfern – lief eilend in den Wald und rief den wilden Mann Noah um Hülfe und Beistand an. Da kam der wilde Mann und gab ihm ein Schimmelpferd und ein Schwert und sagte ihm, er solle ein weißes Gewand anziehen, sich auf das weiße Pferd setzen, das Schwert an dem Kopfe des Pferdes herabführen und gerade auf das Ungeheuer losreiten. Dieses würde begierig seinen Nachen weit aufsperren; dann solle Georg das Schwert dem Tiere gerade zum Rachen hineinrennen. – Dieses alles geschah, und so wurde die Braut Georgs wie auch das ganze Land von dem Ungeheuer befreit. Großer Jubel entstand unter dem Volke, und Freude vernahm man überall, so daß Georg zum Ritter geschlagen wurde. Da man nun nach Georgs Herkunft forschte, da gestand er, daß er des Königs Prinz sei, und erzählte sein Schicksal. Da wurde ihm gesagt, sein Vater sei gestorben, und er könne sicher nach Hause gehen und das Reich übernehmen. So war aus des Königs Sohn ein Schäferknecht geworden, aus dem Schäferknecht ein Ritter und aus diesem wieder ein König.

Als nun Georg das Königreich übernommen, reiste er im Lande herum, sein Reich zu besehen und kennenzulernen, auch selbst Abenteuer zu bestehen. Da kam ihm ein Örtchen zu Gesicht, das war eine Ansiedelung um ein Mühlhaus, und das Örtchen hatte noch keine Kirche. Da nun der junge König gern dem lieben Gott seinen Dank abstatten wollte, so erbaute er dieser angesiedelten Gemeinde ein Gotteshaus, das seinen Namen als des Stifters Georg erhielt, und der Baumeister mußte seine ganze Geschichte in Stein bilden. Das ist der Anfang der Stadt Mühlhausen geworden.

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445. Mühlhäuser Brunnen

445. Mühlhäuser Brunnen

Bei und zu Mühlhausen sind Brunnquellen, die sind weit und breit berühmt. Eines dieser Wasser heißt die Breitsülze und entspringt nordwestlich eine halbe Stunde von der Stadt am Herbstberge. Die Sage geht, daß da, wo jetzt das Antoniushospital ist, ein Kloster gestanden habe, darin habe ein Mönch gelebt – andere sagen, der Mönch sei aus Kloster Reifenstein gewesen –, der habe in der Stadt ein heimlich Lieb gehabt, das er nächtlich besuchte, und wobei er durch einen Stein ging, den man noch zeigt. Endlich kam die Sache an den Tag, der Mönch wurde gefangen und auf den Adlerturm gesetzt und saß alldort auf den Tod. Da es nun der Stadt an genügsamem fließenden Wasser gebrach und jener Mönch aufs Wasserleiten sich verstand, so ward ihm die Freiheit geboten, wenn er die Quelle der Breitsülze, welche tiefer liegt als die Stadt, in diese hereinleiten wollte. Der Mönch ging an das schwierige Werk, leitete in lauter Schlangenlinien die Quelle um den Herbstberg, um den Thonberg und den Kalbberg herum, ließ sie einen Weg von siebentausendsechshundertundzehn Schritten machen, fast zwei und eine halbe Stunde, daß es oft scheint, als fließe das Wasser bergauf, und brachte das Wasser glücklich in die Stadt, worauf er seine Freiheit erlangte.

Eine ganz ähnliche Sage geht in Gotha von der Leitung des Flüßchens Leine, welche auch durch einen geschickten Mönch bewirkt wurde.

Wundersam schön ist der Brunnen zu Popperode (Wüstung), abendwärts der Stadt, ein mächtiger Quell und spiegelklar bis zum Grunde. Seine Nymphe spendet unerschöpflich ihren quellenden Segen; sein Wasser speist zwei Teiche und treibt zwölf Mühlen. Zum Dank dafür wird ihm alljährlich unter Reden und frommen Lobgesängen ein Doppelfest der Jugend gefeiert. Dicht am Becken, das unter uralten Lindenbäumen ruht, steht ein getürmtes Lustschlößchen von eigentümlichem Bau, in dessen kühler Halle stand und steht manch guter Spruch. Der schönste und beste dieser Sprüche ward hinweggetüncht und möchte wohl erneut werden:

Ut lymphae Nymphas coronat,
Ad fontem frontem fronde corones.

Von dem Breitsülzenbrunnen geht noch diese Sage. Er ist früher der Brunnen eines Klosters gewesen. Bei dem genannten Kloster stand wie bei den meisten Klöstern eine Kirche, deren angrenzender Turm drei silberne Glocken enthielt. Zur Zeit der Mühlhäuser Kriege wurde das Kloster ganz zerstört, und um die silbernen Glocken nicht in des Feindes Hand kommen zu lassen, versenkte sie ein Mönch in den Brunnen, indem er sagte: Diese Glocken kommen nicht eher zu Tage, bis drei Personen den Brunnen fegen und eine derselben ihren Tod in der Quelle des Brunnens findet.

Vor vielen Jahren träumte dem Schullehrer zu Ammern, er solle nach der Breitsülze gehen, so würde er am Ufer ein Seil finden. An diesem Seile solle er ziehen, so würden drei silberne Glocken heraufkommen. Dreimal träumte der Mann das gleiche, dann machte er sich auf und ging nach der Breitsülze. Je näher er dem Brunnen kam, desto schöner hörte er schon die Silberglocken läuten. Jetzt kam er an und fand alles, wie ihm geträumt hatte. Er zog an dem Seile, und siehe, drei silberne Glocken stiegen empor. Da ritt ein Reiter vorüber, der rief: Guten Morgen, Herr Schullehrer! Guten Morgen! – Ganz freundlich antwortete der Gegrüßte: Schönen Dank! – aber bei diesen Worten versanken die Glocken mit einem grausamen Geräusch und sind nie wieder zu Tage gekommen.

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