471. Junker Jörg

471. Junker Jörg

Nach der Zeit ward ein Mann abends auf die Wartburg gebracht; da wohnten schon keine Landgrafen mehr droben, sondern ein Hauptmann und Amtmann, der hieß Hans von Berlepsch, und der mit ihm den gefangenen Mann brachte, hieß Burkhard Hund von Wengkheim, der hatte seinen Burgsitz auf dem Altenstein jenseit des Thüringer Waldes, war aber des Kurfürsten zu Sachsen Amtmann zu Gotha. Die hatten Befehl von ihrem gemeinschaftlichen Herrn, dem Kurfürsten, erhalten, einen Mann, der von Möhra her über den Wald beim Altenstein die Straße nach Sachsen ziehen werde, mitten im Walde aufzuheben, um ihn wohlbewacht, doch ungefährdet auf die Wartburg zu bringen und denselben dort gut zu halten und zu pflegen, auch statt des mönchischen Gewandes, das selbiger Mann trug, ihm ein ritterlich Gewand und ein Schwert zu geben. Und sollte der gefangene Mann sich nennen Junker Jörg, weil er ritterlich stritt gegen den Drachen der Pfaffenverblendung, welche den Menschen so vielen Mißtrost gaben, wie jener Papst Urban dem armen Ritter Tannhäuser und jene Predigermönche zu Eisenach dem freudigen Landgrafen. Und tat Junker Jörg droben auf der Wartburg die größte Rittertat des Geistes, die je (außer Christus) ein Mann getan, er übertrug das Wort Gottes, das alleinige Wort des Heils, die Bibel, in die deutsche Sprache. Solche Arbeit ärgerte und verdroß den Teufel gewaltiglich, und er umsumsete und umbrumsete den gelahrten Ritter und Doktor gar arg und wollte ihn irre machen, ließ ihm auch des Nachts keine Ruhe, sondern rasselte und rappelte in den Nüssen, die der Doktor in einem Sack unterm Bette hatte, polterte auch auf dem Boden und auf dem schmalen Gang im Ritterhause, vor der Zelle, herum, aber der Doktor sprach bloß: Bist du’s, so sei es! – Aber endlich hat doch einmal der Doktor aus Zorn, als er wieder recht eifrig arbeitete und der Teufel in Gestalt einer Hummel oder Hurnauspe recht eifrig um ihn herumsumsete, das Tintenfaß genommen und es nach ihm geworfen, daß ein großer Tintenfleck an der Wand worden, und von da ab hat ihn der Teufel auf Wartburg in Ruhe gelassen. Der Fleck ist aber zum Andenken geblieben, und wenn die Wand überstrichen worden, ist er wieder zum Vorschein gekommen, und endlich hat jeder, der’s gesehen, davon ein Bröcklein zum Wahrzeichen mit sich davontragen wollen, da hat es freilich verschwinden müssen, und ist jetzt eher ein Loch in der Wand als ein Fleck.

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472. Mönch und Nonne

472. Mönch und Nonne

Angesichts der Wartburg und ganz nahe der Trümmerstätte der zerstörten Dynastenburg Mittelstein, jetzt Mädelstein geheißen, stehen zwei Steinfelsen, die sind so zueinander geneigt, daß sie sich zu Häupten fast berühren, und heißen Mönch und Nonne. Da es in Eisenach noch Klöster gab, waren drunten in einem ein Mönch, im andern eine Nonne, die liebten einander und verabredeten auf dieser Höhe ein Stelldichein, auf einer Stelle, wo man von der Stadt aus nicht gesehen werden konnte. Sie herzten sich und küßten sich und verwünschten den Klosterzwang, der sie für ewig trennte, und wünschten, wie Liebende tun, sich ewig nahe sein, sich ewig küssen zu können. Und da sie dies so beweglich wünschten, so ward der Wunsch erfüllt, sie wurden zu hohen Steinfelsen, die von weitem gesehen immer noch menschliche Gestalt zu haben und einander zu küssen scheinen.

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473. Die verfluchte Jungfer

473. Die verfluchte Jungfer

Nahe der Wartburg ist eine Felsenhöhle, die wird allgemein das verfluchte Jungfernloch geheißen, und geht von ihr manche Sage. Es war eine Jungfrau zu Eisenach von übergroßer Schönheit, die hatte goldgelbes langes Haar wie Seide, wie die alten Maler so gern es malten, und auf selbiges Haar wie auf ihre Schönheit war die Maid überaus eitel und wußte wenig anderes zu tun, als sich zu strählen und zu putzen und im Spiegel zu besehen und sich zu freuen, was sie doch für ein prächtiges, liebholdes Frauenbild sei, darüber vergaß sie aber aller Frömmigkeit und Gottesfurcht, und ging ihr gerade umgekehrt wie jener Maid zu Bartenstein, die nicht in die Messe wollte, weil sie zu geringe Kleider hatte und deshalb von ihrer Mutter zu Stein verwünscht wurde. Diese Eisenacher Jungfrau ging nicht in die Kirche, weil sie zu viele und zu schöne Gewände hatte und mit ihrem Putz darob niemals fertig wurde, und da hat ihre Mutter sie auch – nicht zu Stein – sondern mit all ihrer Pracht, mit Hab und Gut in das alte Steinloch hinein verflucht und verwunschen. Alle sieben Jahre einmal erscheint die also verfluchte Jungfrau dort, da sitzt sie und weint, und seidne Kleider umwallen sie, und darüber fließt ihr goldnes Haar, das kämmt sie mit goldnem Kamme, wie die Lurlei am Rheinstrom. Vor der Höhle ist ein Platz, da wächst nimmermehr Gras, weil das der Platz ist, wo sie sitzt, und es ist dort nicht geheuer. Manchmal ist ein rotes Hündlein bei ihr erblickt worden. Einem Schäfer sind die Schafe dort geschreckt worden, daß die ganze Herde auseinanderlief und vierundzwanzig Stück von den Felsklippen herunterfielen. Einer Hirtenfrau, die ihrem Manne Essen brachte, ward die Jungfrau sichtbar und bat sie, ihr das Haar zu strählen, das tat die Frau und pries die Jungfrau ob ihrer Schönheit und rühmte sich, daß auch sie sehr schön gewesen sei, und sang dazu gar artlich:

Ja dieweil ech noch jungk woar,
da ech en zoartes, nettes, schienes Fräuchen woar,
hatt‘ mech jiedermoann liep!

und da wollte die Jungfrau der guten Frau recht reichlich lohnen, führte sie in die Höhle und ließ ihr von ihrem Schatze nehmen, so viel sie wollte. Aber als das Hirtenfrauchen sich wandte, fortzugehen, da sah sie einen großen Hund und erschrak und ließ alles fallen und rief: Ach Herr Jehchen! Bießt hä dann? – da verschwand Schatz und Jungfrau und Hund und alles. Ei du verflucht’ges Jungfernloch! rief die Frau und entrann. Hernachmals hatte sich dieser selben Frauen Kind dort herum im Walde verirrt, acht Tage lang wurde es vermißt und nicht aufgefunden. Endlich fand es der Vater im Waldesdickicht munter und wohlauf, und als es befragt ward, wie es sich denn diese lange Zeit über erhalten, da sagte es: Eine schöne Jungfer ist kommen, die hat mir zu essen und trinken geben und hat mich zudeckt. – Ein Fuhrmann, der des Weges fuhr, hörte droben an der Felskluft laut niesen. Er rief hinauf: Gott helf! – Es nieste wieder – Gott helf! – noch einmal – Gott helf! – und so eilfmal hintereinander, und der gute Fuhrmann rief jedesmal: Gott helf! – Da es aber den zwölften Nieser tat, so hatte er es satt, Gott helf! zu sagen, tat einen Knaller mit der Peitsche, daß der Schall von allen Felsen im Marientale zurückprallte, und rief hinauf: Alle Tausendschockschwerenot! Wenn dir Gott nicht hilft, so helfe dir der Teufel! – Da gellte droben ein lauter schmerzlicher Aufschrei einer weiblichen Stimme. Das war die verfluchte Jungfer. Hätte der Fuhrmann nur noch einmal Gott helf! gerufen, so wäre sie erlöst gewesen.

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474. Vom Inselberg

474. Vom Inselberg

Einer der höchsten Berge des Thüringer Waldes ist der Inselberg. Vor alters schrieben manche seinen Namen Heunselberg und wollten ihn von den Heunen, Hünen, ableiten, andere Emsenberg, weil ein Flüßchen, die Emse, nahe seinem Gipfel entspringe; näher kamen die, so ihn Einzelberg nannten, weil sein hohes Haupt über alle seine Nachbarberge vereinzelt emporragt, ja häufig erscheint es wie eine Insel über dem Nebelmeere, das rings um seinen Gipfel flutet, wie sein Haupt sich zuerst über der Flut erhoben, die einst ganz Thüringen bedeckte. Über ihn dahin zieht die alte Hochstraße, der Rennsteig, Rennsteg, Rennweg, Rinneweg, der über das ganze Thüringer Waldgebirge viele Meilen weit sich erstreckt. Es geht die Sage, daß jeder Landgraf von Thüringen diesen Weg mit seiner Ritterschaft reiten mußte, sobald er die Regierung Thüringens angetreten hatte. Nahe dem Inselberg haben in alten Zeiten Bergleute vom Harz den Bergbau begonnen und Orte angebaut, deren Namen eigentümlich fremdländisch klingt: Tabarz, Cabarz, und mögen wohl Einwanderer von weither auch andere Bergorte im Schoß des Waldgebirges begründet haben, die in Sprachlauten und Trachten sich von den eigentlichen Thüringern merklich unterscheiden. Viele Venetianer sind nachderhand in das Gebirge gekommen, welche die Leute Erzmännerchen und Walen nannten, die haben manch reichen Schatz hinweggetragen, denn im Inselberggraben, im Bärenbruch, im ungeheuern Grund, an der Schönleite und weiter hin nach der Ruhl zu, in der Ruhl, dem Flüßchen, und sonst, auch im Backsteinsloch, gab es Goldsand, obschon minder viel als in Kalifornien, doch hat er manchen reich gemacht. Seit die Walen dagewesen sind, findet man nichts mehr.

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475. Der Venetianer

475. Der Venetianer

Ein Wale kam alljährlich in das Lauchatal, der wußte, daß das Sprüchwort wahr sei, das am Inselberge üblich ist: Es wirft oft ein Hirte mit einem Stein nach der Kuh, der mehr wert ist als die Kuh selbst. Ein junger Bursch aus Cabarz oder Tabarz mußte dem Walen als Führer dienen, der wurde hernachmals, da der Venetianer längst nicht mehr kam, ein Fuhrmann und kam weit in der Welt herum, einmal sogar mit Gütern bis nach Venedig. Da fiel ihm ein Kaufladen in das Auge, darin blitzte und funkelte an einem Schaufenster alles von Gold und Edelsteinen, und wohnte da ein reicher Juwelier. Dieser sah den Thüringer stehen und gaffen und grüßte ihn in deutscher Sprache und war kein anderer als jener Gold- und Steinsucher, den er früher im Gebirge geleitet, der sagte ihm, all dieses Gold und alle diese Steine habe er in dem schönen Thüringen gewonnen, die Thüringer verständen nicht, es auch zu finden und die Steine zu schleifen, man finde dort nur ungeschliffene. Mit reichem Geschenk entließ der Venetianer den Thüringer. Ahnliche Sagen werden viele erzählt; eine fast gleichlautende auch vom Bayerberg vor der Rhön.

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476. Karles Quintes

476. Karles Quintes

Am Fuße des Inselberges liegt ein gewerbtätiger Flecken, der heißt Brotterode; früher stand ein Schloß allda, und der Ort hieß Brunewartesrode. Im Burgberg liegt ein großer Schatz verzaubert, eine weiße Jungfrau hütet ihn und erscheint nur alle sieben Jahre und flüstert leise vor sich hin:

Ein Knäblein von sieben Jahren
mit weißen Haaren
kann mich erretten.

Diese Jungfrau war die Kammerzofe der stolzen Gräfin und mußte dieser die langen Haarflechten strählen. Darüber ward die Gräfin, wenn es ein wenig rupfte, stets sehr ungehalten und scheltig, da hob einmal die Jungfrau an zu wünschen, daß sie mitsamt der Gräfin und der Burg möchten zwanzig Klafter tief in den Erdboden hinein versinken, welcher Wunsch auch alsbald seine Erfüllung fand.

In der Kirche zu Brotterode hängt eine Fahne mit dem Bergwappen, Keil und Schlageisen, darüber eine Krone, die nennen sie die Funn von Karles quintes und halten sie gar hoch und wert. Es ist nämlich, wie die Sage geht, geschehen, daß einst die Gemahlin von Kaiser Karl V. in Brotterode ihre Niederkunft hielt, und ward allda trefflich bewirtet und gehalten, dafür schenkte der Kaiser dem Orte den großen Gemeindewald, das Blutgericht und das Fahnenrecht, an die Fahne geknüpft, nebst vielen andern Freiheiten. Das Fahnenrecht besteht darin, daß während der acht Tage lang dauernden Kirmse, solange die Fahne, die unterm Geläute aller Glocken am Kirchturme ausgesteckt wird, ausgesteckt bleibt, jeder Nachbar einheimisches und fremdes Bier nicht nur trinken, sondern auch ausschenken darf, wenn er Lust hat. Wegen diesem Aushängen der Fahne muß ihr Tuch zum öftern erneuert werden. Im Kirchturmknopf zu Brotterode wurde vor Jahren eine Schrift gefunden, die lautete:

Diese kirche ist angefangen worden zu bawen als ein münch namen Lutherus wider die papisten angefangen zu schreiben, deme aber das maul bald gestopft werden sol.

Nur neun Jahre später ließ Landgraf Philippus von Hessen, wie in seinem ganzen Lande, so auch in Brotterode evangelisch predigen.

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462. Der Krieg auf Wartburg

462. Der Krieg auf Wartburg

Bei Landgraf Hermann und seiner Gemahlin Sophia waren auf Schloß Wartburg im Jahre 1206 eine Zahl meisterlicher Minnesinger, die hießen Walther von der Vogelweide, Reinhart von Zwetzen, auch Reimar Zweter genannt, Wolfram von Eschenbach, Heinrich von Ofterdingen, Meister Biterolf und Heinrich von Rispach, der tugendhafte Schreiber genannt, der war des Landgrafen Kanzellar und auch ein Ritter. Diese Sechse hielten ein Wettsingen miteinander, darin sie das Lob guter Fürsten priesen und vornehmlich das des gastlichen Landgrafen Hermann von Thüringen, der Grafen Poppo und Hermann des Weisen von Henneberg, auch des Markgrafen Otto von Brandenburg, zubenamt mit dem Pfeile, der selbst ein Minnesinger war. Besonders waren es die Henneberger, von denen Wolfram von Eschenbach und Heinrich von Rispach den Ritterschlag und Rosse und Gewande empfangen hatten, welche der genannte Heinrich, Biterolf und Wolfram von Eschenbach priesen, ebenso pries Heinrich von Rispach den Thüringer Landesherrn, aber Heinrich von Oferdingen, ein Osterreicher, obschon ihn alte Bücher einen Bürger von Eisenach nennen, und, wie viele glauben, der Dichter des hochwerten Nibelungenliedes, pries Leopold, Herzog von Osterreich, und sang, daß dieser vor allen Fürsten strahle gleich der Sonne vor allen Gestirnen. Da wurde der Sängerkampf also ernst und heftig, daß die Sänger beschlossen, es solle der Unterliegende durch die Hand des Henkers sterben. Alle waren gegen Heinrich von Ofterdingen erbittert und hätten ihn gern vom Thüringer Hofe weggehabt. Da nun alle gegen ihn, den einen, sangen, so unterlag er, und nur die gütige Landgräfin, zu der der Verfolgte sich flüchtete, schirmte ihn, indem sie ihren Mantel über ihn breitete, als er Rettung flehend zu ihren Füßen sank. Heinrich von Ofterdingen erbat sich ein Jahr Frist, er wolle von dannen reisen und einen größern Meister holen, der solle urteln und richten. Damit meinte er den berühmten Meister Klinsor vom Ungarland, der ein Minnesinger und ein Zauberer zugleich war. Ofterdingen zog nun von Wartburg fort, gen Österreich zu seinem gefeierten Herzog und von diesem nach Siebenbürgen zu Klinsor, der ihm seine Begleitung nach Thüringen zusagte, ihn bei sich behielt und sich und ihm mit Dichten, Singen und allerlei Kurzweil die Zeit vertrieb, so daß unvermerkt das Jahr verstrich und Ofterdingen endlich bange ward, er werde zur bestimmten Frist Wartburg nicht wieder erreichen. Da er nun gegen Klinsor ängstlich klagte, beruhigte ihn der und sagte: Wir haben starke Pferde und einen leichten Wagen, wir kommen wohl noch zeitig hin, und gab ihm einen Schlummertrunk, als es Abend geworden, legte ihn auf eine lederne Decke und sich dazu und ließ sich und ihn von den Geistern, denen er gebot, sänftiglich in der Nacht gen Eisenach in das beste Wirtshaus tragen, das war dazumal nicht der halbe Mond oder Rautenkranz, sondern der Hellegrafenhof am St. Georgentor linker Hand, wenn man zur Stadt ausging. Wie der Türmer den Tag anblies, erwachte Ofterdingen und hörte den Klang der Glocke, die zur Frühmesse läutete, von St. Georgen, und rief: Wie ist mir doch? Dieselbe Glocke hört‘ ich schon, ich meint‘, ich war‘ zu Eisenach, ist das nicht Sankt Jürgentor? – Klinsor lächelte und sprach: Siehe zu, ob du nicht träumest.

– Da nun die Kunde hinauf auf Wartburg kam, daß die zwei Meistersänger gekommen seien, gingen die Sänger alle herab, sie zu begrüßen und hinaufzugeleiten, und wurden gar herrlich von dem Fürstenpaare und seinem Hofstaate empfangen.

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463. Meister Klinsor weissagt aus den Sternen

463. Meister Klinsor weissagt aus den Sternen

Der Meister Klinsor behielt seine Herberge in Eisenach der Stadt bei und saß eines Abends im Garten seines Wirts, des Hellegrafen, wohin die Hofdiener und viele ehrbare Bürger aus Eisenach kamen, um ihren Abendtrunk zu trinken, die ehrten den Sänger, der ihnen viel aus fernen Landen sagte und stetig neue Zeitung wußte, die er aus den Sternen las, und waren gern um ihn. So baten sie ihn wieder, daß er ihnen neue Zeitung möge ansagen, und er ging eine Strecke von ihnen und blickte hinauf in den Sternenhimmel, kam wieder und sprach: Heint nacht wird meinem Herrn, dem Könige Andreas von Ungarn, eine Tochter geboren, die wird dem Sohn eures Herrn, des Landgrafen, verlobt werden und also heilig, daß ihr Lob sich über alle Lande der Christenheit verbreiten wird. Als diese Kunde nun auch vor den Landgrafen und seine Gemahlin kam, waren sie erfreut und entboten Klinsor aufs neue zu sich auf die Wartburg und an ihren Tisch, und nach dem Essen gingen die Fürsten und Herren und die Sänger in den hohen Palas, auf daß nun Klinsor ihr Streiten schlichte, was ihm auch gelang, nur mit Wolfram von Eschenbach hatte der Meister vom Ungarland selbst schwer zu kämpfen, so daß er einen Geist statt seiner herbeirief, der hieß Nasias, allein auch gegen den behauptete sich Wolfram in hohen Dingen so kundig und erfahren, daß jener weichen mußte und Klinsor erstaunte und vermeinte, Wolfram möge wohl kein ritterlicher Sänger, sondern heimlich ein Priester sein, und da Wolfram seine Wohnung auch in der Stadt hatte, beim Bürger Titzel Gottschalk am Brotmarkt, so sandte Klinsor ihm zur Nachtzeit noch einmal seinen Geist Nasias; der sah sehr grausenhaft aus und legte Wolfram so hohe Fragen vor, daß er sie nicht zu lösen vermochte, sondern verstummte. Da lachte der Geist laut auf, wie ein Teufel lacht, und schrieb mit seinem Finger in einen Stein an der Wand, als ob er ein weiches Wachs gewesen wäre:

Du bist ein laie snipen snâp –

und entwich. Die Schrift blieb in der Wand stehen und war zur Nacht feurig, da ward ein Gelaufe vom Volk in das Haus, und wollte jeder den Stein sehen, solches ärgerte den Hausbesitzer Gottschalk, und ließ den Stein aus der Wand brechen und in die Hörsel werfen.

Da nun Klinsor die Sänger versöhnt hatte, beurlaubte er sich von dem Landgrafen und ward mit Geschenken entlassen, darauf ist er wieder in seiner Lederdecke von dannen gefahren und hin, woher er gekommen war.

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464. Die kleine Braut aus Ungarn

464. Die kleine Braut aus Ungarn

Als der Sohn des Landgrafen Hermann von Thüringen und der Landgräfin Sophia, Ludwig geheißen, eilf Jahre und die Tochter des Königs Andreas von Ungarn vier Jahre alt war, sandte das Landgrafenpaar Boten nach Ungarn, für den Sohn um die Hand der kleinen Königstochter zu werben; die Gesandten waren sonderlich vornehme Männer, Frauen und Jungfrauen, nebst Ingesinde, und fuhren in vier Wagen und hatten vierzig Pferde. Dort an des Ungarköniges Hofe wurden sie stattlich empfangen, und als sie ihre Werbung getan, befragte sich der König bei Meister Klinsor über den Landgrafenhof, den jungen Fürstensohn und das Land. Da wußte Klinsor, der alles aus eigner Anschau kannte, viel Rühmens zu machen vom Hofe und von Land und Leuten, also daß er den König und die Königin von Ungarn zur Zusage bewegte zu dem, was er ja ohnehin in den Sternen als einen überirdischen Beschluß gelesen. Aber die Gesandtschaft hatte noch einen absonderlich wichtigen Auftrag, zeugend vom hochverständigen Sinne ihres Herrn und ihrer Herrin, denn sie wünschten, daß ihres Sohnes junge Braut und zukünftige Gemahlin nicht ungarisch, sondern deutsch erzogen werde, ganz entgegen der Unsitte späterer deutscher Fürsten, die ihre Kinder französisch erziehen ließen, damit sie ja recht frühzeitig das welsche Gebaren hoch-, ihr Vaterland aber mißachten lernten. Und das ungarische Königspaar sah ein, daß dieser Wunsch ein gerechter, denn wer über ein Land herrschen will, muß es kennen und lieben; die Liebe zu einer neuen Heimat kann aber nicht plötzlich und über Nacht kommen, sondern sie muß allmählich empfunden und anerzogen werden. Und die Eltern sagten auch dieses zu und gaben ihr liebes Elisabethlein dahin, ausgestattet mit einem überreichen Brautschatz und geleitet von einem zahlreichen und glänzenden Gefolge. Mit vier Wagen waren die thüringischen Gesandten gekommen, und mit dreizehn fuhren sie wieder ein in das Thüringerland, nebst vielen herrlichen Pferden mit prächtigen Geschirren zum Geschenk für den Landgrafen, denn es war eine alte Fürsten- und Völkersitte, sich gegenseitig viele Pferde zu schenken; schon der Thüringerkönig Irminfried oder Herminfried hatte an den Ostgotenkönig bei der Werbung um Amalberga eine stattliche Anzahl schneeweißer preiswerter Rosse zum Geschenk geschickt. Heutzutage denkt einer Wunders, was er Großes tut, wenn er einem ein Pferd oder zwei schenkt. Da nun die kleine Braut mit ihrem zahlreichen Gefolge und Geleite gen Eisenach gekommen war, war auf der Wartburg große Freude, und zogen der Landgraf und seine Gemahlin und der Hof herab in die Stadt, und begrüßten das Königskind, und holten es festlich ein, und führten es wie in einem Triumphzuge hinauf auf das Wartburgschloß.

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465. Die heilige Elisabeth

465. Die heilige Elisabeth

Die heilige Elisabeth

Das Königskind Elisabeth erwuchs auf der Wartburg in Holdseligkeit, Frömmigkeit und Tugend zu aller Freude, ebenso ihr Verlobter, der junge Landgrafensohn, der früh den Vater verlor und die Herrschaft antrat und seine Verlobte immer lieber gewann, obgleich Elisabeth ob ihres frommen Sinnes und ihrer Demut manchen Spott und Hohn erleiden mußte, davon gar viel erzählt wird. Und als der Landgraf seine Hochzeitfeier mit ihr beging, da haben zwei edle thüringische Ritter, Graf Reinhard von Mühlberg und Ritter Walter von Vargula, die sie einst aus dem Ungarlande nach Thüringen abgeholt, sie im schönsten Schmuck in Sankt Georgs Kirche geführt. Als junge Frau lag die fromme Landgräfin vielleicht mehr, als ihrem Gemahl lieb sein konnte, frommen Werken und Bußübungen ob. Sie zerschnitt oder verschenkte ihre schönsten Kleider und ging einfach und ärmlich einher, aber wenn es nötig war, umkleidete sie der Himmel selbst mit reichen und königlichen Gewanden.

Elisabeth, die fromme Landgräfin, war eine wahrhafte Mutter der Armen und gegen diese schier allzu freigebig, so daß man sich sogar darüber aufhielt und es tadelte. Es war aber auch eine schwere Zeit gekommen, Mangel und Not, und die Scharen der Armen wuchsen zusehends. Da geschah es, daß Elisabeth, wie sie täglich tat, einmal wieder Speisen und Gaben hinabtrug an den Ort, wo die Lahmen und Blinden und Notleidenden sich einfanden, und ihr der Landgraf begegnete, der diesmal kein freundliches Gesicht zeigte, denn es war ihm eben frisch hinterbracht worden, wie sie alles verschenke. Da rief sie der Landgraf nicht gerade zärtlich an: Was trägst du da?, und sie sah in seinen Mienen den Wetterbaum seines Unwillens aufsteigen und erbebte und sprach mit unsicherer Stimme: Herr, Rosen! – Zeige her! rief der Landgraf und hob die Hülle von dem Korbe – siehe, da war der Korb eitel voll Rosen und andere blühende Blumen. Da stand der Landgraf beschämt vor ihr da, und wenn der und jener Diener wieder sich unterfing, gegen die milde Freigebigkeit der Herrin zu reden, so sprach der Landgraf: Lasset sie immer gewähren, da sie an Almosengeben ihre Freude hat, wenn sie uns nur Wartburg und Eisenach und die Niuwenburg nicht verschenkt. – In der Hand dieser edlen und frommen Spenderin mehrten sich auch alle Gaben gar wundersam, auch wurden ihre Gewande nicht naß und nutzten sich nicht ab. Da Agnes, Landgraf Ludwigs Schwester, mit einem Herzog von Österreich Hochzeit hielt, war die Wartburg voll Gäste, und alles prunkte im Festgewande, Elisabeth aber hatte am Tore einen armen preßhaften Greis, der halbnackt einherging, gefunden, der bat gar zu sehr um ein Gewand, seine Blöße zu bedecken, und da gab ihm die Landgräfin ihren Mantel; da man nun zu Tische gehen sollte, fragte der Landgraf seine Gemahlin, wo sie denn ihren Mantel habe, denn es war die Frauensitte so, im leichten Mantel bei Festen einherzugehen, und da antwortete sie kleinlaut und erschrocken: In meiner Kammer; so sendete der Landgraf eine Jungfrau hin, und siehe, da hing ein Mantel, schöner wie der einer Königin, himmelblau mit goldnen Bildchen überstreut, der Arme aber war verschwunden. Ein anderes Mal hatte Elisabeth gar einen Aussatzkranken mit herauf in das Haus genommen und ihn in ihr Bette legen lassen – das erregte ihr einen großen Sturm bei ihrer Frau Schwiegermutter, war auch just nicht appetitlich – allein als man nun kam, den Aussätzigen hinauszuwerfen, lag ein wunderbar schönes Kruzifix in dem Ehebette, überaus kunstvoll, aber leider nicht mehr auf der Wartburg vorhanden. Darüber vergoß der fromme Gemahl dieser überfrommen Frau heiße Tränen. Der Kranke aber war Eli geheißen, den Elisabeth so treulich wartete, er genas und wohnte hernach noch lange nahe der Wartburg in einer ganz engen Felskluft und lebte von Wurzeln und Kräutern, der bekannten Waldbruderkost. Die Höhle ist noch vorhanden.

Eines Tages ward die milde Herrin, da sie in Eisenach die Kirche besuchte, vor dem Portale von einer ganzen Schar Bettler umringt; sie gab, solange sie noch zu geben hatte, bis ihre Münze zu Ende war, aber da war immer noch ein armer Alter, einer von den beharrlichen, der bestand auf einer Gabe und drängte sich ihr bis in die Kirche nach; das erbarmte die freigebige Herrin, und sie zog einen ihrer reich mit Silber gestickten Handschuhe aus und reichte diesen dem unabweisbaren beharrlichen Greis. Das sahe ein Ritter, der auch zur Kirche einging, trat schnell herzu und gab dem Alten für den Handschuh vieles Geld. Hernach hat er selben Handschuh an seinen Helm als ein Kleinod befestigt und ist in das Heilige Land gezogen, hat auch allda ritterlich gekämpft, und der Handschuh hat ihn geschützt wie ein Talisman, daß er glücklich wieder die Heimat sah. Und dann hat er Elisabeths Handschuh in sein Wappen gesetzt.

Ganze Bücher sind vollgeschrieben von den Taten und Wundern der frommen Landgräfin Elisabeth, die ein gottgefälliges heiliges Leben führte, darum sie auch nach ihrem Tode unter die Zahl der Heiligen aufgenommen worden ist.

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