956. Die Schrettele

956. Die Schrettele

Schrat und Schrettele sind unheimliche Wesen, in mannigfacher Beziehung abschreckend und furchtbar gedacht. Dem ursprünglichen Begriff nach ist der Schrat ein struppiger wildhaariger Waldspuk, daher ein wilder Waldschrat, und zwar für beide Geschlechter, der spätre hat sich in der verkleinernden Form Schrättlein zur Nachtmahr ausgebildet. Das Schrattele ist in Schwaben Alp, daher heißt es auch in mancher Gegend bloß Drückerle, Nachtmännle; selbst zottig und zotelig, beim Sichtbarwerden erscheinend, verpfitzt es, indem es gleich der Mahr im Niederland auch die Pferde quält, der Tiere Mähnen, flicht die Weichselzöpfe, saugt an Brüsten und Eutern der Menschen und Tiere, selbst an denen ganz junger Kinder, daß sie aufschwellen. In manchen Gegenden heißen sie Schrecksele, nach Bayern hinein Nettele. Viele denken sie auch mit den Truden überein, gegen beide wird der magisch mystische Trudenfuß, das Pentalpha, über Türen gezeichnet, dessen Gestalt also: Das ist das Zeichen, dessen in Goethes Faust der Held gegen Mephistopheles gedenkt: Das Pentagramma macht dir Pein! – Hauptsache ist, daß es mit einem sichern und festen Zuge gezogen werde und in allen Winkeln, an allen Spitzen schließe; da kann kein Geist unter ihm oder über ihm hinweg; schließt es nicht, so ist es wirkungslos. Das nennen die Leute in Schwaben Schrattlesfuß, anderwärts heißt es Trudenfuß. Auch Steine gibt es, welche Schrattlesfüße heißen, es sind Fährtenabdrücke von Sauriern, unters Kopfkissen gelegt, kann kein Schrettele dem Schlafenden beikommen. Als Schrattensteine werden auch in gleicher Weise in manchen Gegenden die sogenannten Donnerkeile, aber durchbohrte, altgermanische Streitkeile von Stein, gebraucht. Als Alp kommen die Schrettele durchs Schlüsselloch und ziehen durch dasselbe wieder hinweg, wie jene Flaumfeder zu Ruhla, und plagen absonderlich gern Wöchnerinnen und Wochenkinder, nehmen auch Tiergestalt an und drücken die Menschen, daß ihnen schier der Odem ausgehen möchte. Glücklich ward ein Müller kuriert, und schlecht kam eine Trude weg, die ihn schrecklich plagte. Der Gequälte stöhnte und ächzete, konnte sich aber nicht ermuntern. Der Kamrad, der bei ihm schlief, stieg auf, machte Licht und sah einen Strohhalm quer über dem Schlafenden liegen, den er in die Hand nahm. Gleich wachte jener erleichtert auf, und da verbrannten sie den Strohhalm. Nie kam die Trude oder das Schrettele wieder zu dem Mühlburschen, drüben im Nachbarhause aber lag die Frau im Bett und hatte Brandblasen an allen Gliedern. – Sehr probat ist gegen solche Ungetüme ein Schreckselesmesser, das ist einfach ein Messer, auf dessen Klinge drei Kreuze eingegraben sind und das zur Nacht mit der Spitze über sich in die Höhe gehalten wird. Da sticht sich das Schrettele hinein und kommt nimmer wieder.

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957. Spinne aus dem Munde

957. Spinne aus dem Munde

Einstmals sind zwei Weiber aus Betzingen miteinander in das Gras gegangen, und da sie von ihrer Arbeit an einem Rain ausruheten, klagte sich die eine großer Müdigkeit und schlief ein, die andre aber blieb munter und wunderte sich, daß ihre Gefährtin also sehr schläfrig war. Auf einmal nahm sie mit Staunen wahr, daß der schlafenden Frau eine Spinne aus dem Munde herauskroch und im Grase des Rains sich bald verlor. Darauf stieß sie die Schlafende an und wollte sie wecken und ihr das Gesehene mitteilen, aber jene erwachte nicht, sondern lag stocksteif, gleich dem Weibsbild, das die Schnitter bei Vilforde fanden, dem ein Tierlein in den Mund hineinkroch, und gleich der Magd zu Unterwirrbach bei Saalfeld, der das rote Mäuselein aus dem Munde kroch. Es dauerte eine ganze halbe Stunde, da kam die Spinne wieder und kroch der Schlafenden in den offnen Mund hinein. Gleich darauf erwachte sie und raffte sich auf, wieder ihrer Arbeit zu warten; der Gefährtin aber grausete, sie wußte nun, daß die andre eine gefährliche Trude war und mittlerweile anderswo gewesen.

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958. Ach Alm!

958. Ach Alm!

Nicht gar weit von Reutlingen stand auf dem kegelförmigen Achelberg die feste Burg Achel, später Achalm genannt, die jetzt in Trümmern liegt, gleich allen oder doch den meisten ihrer zahlreichen Nachbarburgen in der Schwäbischen Alb. Ihren Aufbau legt die Gelehrtensage ihrer Umgegend noch über die Zeit vor Christi Geburt hinaus, und die ältesten Erbauer und Besitzer sollen Großhofmeister im Frankenreiche gewesen sein. Mehrere Jahrhunderte später war ihr Herrengeschlecht noch schier riesenhafter Art und beherrschte rings den Gau, doch gab es damals der blutigen Fehden nur allzu viel, und eine derselben brach auch das älteste Schloß. Dann haben zu Kaiser Konrads Zeiten zwei Brüder gelebt, Egino und Rudolf, die erbauten aufs neue die stattliche Bergfeste, darüber kam der eine Bruder, Egino, zum Sterben. Da fragte Rudolf noch schnell seinen sterbenden Bruder: Wie nennen wir, Bruder, die neugebaute Burg? – Egino aber fühlte schon ganz tief im Herzen den herben Todespfeil und rief erbleichend: Ach, Allm – und wollte rufen: Ach, Allmächtiger! – da fesselte der schnelle Tod seine Zunge, und Rudolf nannte nun nach des Bruders letztem Seufzer die neue Burg Achalm und führte den Bau zu seiner Vollendung. Diese Sage soll aber erst später gemacht sein, und: Ach äll (alle) muß ich verlassen! soll der Ausruf des Sterbenden gelautet haben, daher der Burgname Achel.

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95. Lurlei

95. Lurlei

Wo das Stromtal des Rheins unterhalb Caub am engsten sich zusammendrängt, starren hoch und schroff zu beiden Seiten echoreiche Felsenwände von Schiefergestein schwarz und unheimlich hoch empor. Schneller schießt dort die Stromflut, lauter brausen die Wogen, prallen ab am Fels und bilden schäumende Wirbel. Nicht geheuer ist es in dieser Schlucht, über diesen Stromschnellen; die schöne Nixe des Rheins, die gefährliche Lurlei oder Lorelei, ist in den Felsen gebannt, doch erscheint sie oft den Schiffern, strählt mit goldenem Kamme ihr langes flachsenes Haar und singt dazu ein süß betörendes Lied; mancher, der davon sich locken ließ, der den Fels erklimmen wollte, fand seinen Tod in den Wellenwirbeln. Rheinab und -auf ist keine Sage so in aller Mund als die von der Lurlei, aber sie gleicht dem Echo der Uferfelsen, das sich mannigfach rollend bricht und wiederholt. Viele Dichter haben sie ausgeschmückt – bis fast zur Unkenntlichkeit.

Lurlei ist die Rhein-Undine. Wer sie sieht, wer ihr Lied hört, dem wird das Herz aus dem Busen gezogen. Hoch oben auf ihres Felsen höchster Spitze steht sie, im weißen Kleide, mit fliegendem Schleier, mit wehendem Haar, mit winkenden Armen. Keiner aber kommt ihr nahe, wenn auch einer den Felsgipfel erstiege, sie weicht vor ihm – sie schwebt zurück, sie lockt ihn durch ihre zaubervolle Schönheit – bis an des Abgrunds jähen Rand, er sieht nur sie, er glaubt sie vor sich auf festem Boden, schreitet vor und stürzt zerschmetternd in die Tiefe.

Eine Sage von heitrerer Färbung als alle die andern, die, wenn sie sich auch sonst nicht gleichen, doch in der melancholischen Färbung und dem trüben Ausgang einander ähnlich sind, ist diese. Einst schiffte auch der Teufel auf dem Rhein und kam zwischen die Lurleifelsen; der Paß schien ihm zu enge, er wollte ihn weit haben und den gegenüberliegenden Felsenkoloß entweder von der Stelle rücken oder in solche Brocken brechen, daß sie den Strom ganz sperren und unschiffbar machen sollten; da stemmte er nun seinen Rücken an den Lurleifels und hob und schob und rüttelte am Berge gegenüber. Schon begann dieser zu wanken, da sang die Lurlei. Der Teufel hörte den Gesang, und es wurde ihm seltsam zumute. Er hielt inne mit seiner Arbeit und hielt es fast nicht länger aus. Gern hätte er sich selbst die Lurlei zum Liebchen erkoren und geholt, aber er hatte keine Macht über sie, wurde aber von Liebe so heiß, daß er dampfte. Als der Lurlei Lied schwieg, eilte der Teufel von dannen; er hatte schon gedacht, an den Fels gebannt bleiben zu müssen. Aber als er hinweg war, da zeigte sich, o Wunder, seine ganze Gestalt, den Schwanz nicht ausgenommen, in die Felswand schwarz eingebrannt, womit er sein Andenken bei der Lurlei verewigte. Nachher hat sich der Teufel sehr gehütet, der Sirene des Rheins wieder nahe zu kommen, und hat gefürchtet, wenn er von ihr abermals gefesselt werde, in seinen Geschäften große Unordnung und Unterbrechung zu erleiden.

Die Lurlei aber singt immer noch in stillen ruhigen Mondnächten, erscheint immer noch auf dem Felsengipfel, harrt immer noch auf Erlösung. Aber die Liebenden, die sich von ihr betören ließen, sind ausgestorben; die heutige Welt hat keine Zeit, ihren Fels zu besteigen oder im Nachen sich in Mondnächten diesem zu nahen. Der Räderumschwung des raschen Dampfschiffes braust ohne Aufenthalt vorüber, und durch sein Rauschen dringt keine Sang- und Sagenstimme mehr.

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959. Vom edlen Möringer

959. Vom edlen Möringer

Es geht ein altes Lied vom edlen Möringer, das war ein freisamer Rittersmann, der saß zu Möringen an der Donau und bat seine Frau um Urlaub, in Sankt Thomas‘ Land zu ziehen, und sie möge sieben Jahre seiner Rückkehr harren, Land und Gut indes verwalten und ihre Treue ihm bewahren. Und zu seinem Kämmerer sprach er: Hüte meiner Fraue sieben Jahre lang und wache über sie! – Da sprach der Kämmerer: Herr, lang ist der Frauen Haar, aber ihr Mut ist kurz, lang sind sieben Jahre, und kurz sind sieben Tage, und doch möcht‘ ich nicht sieben Tage Euer Frauen Hüter sein. – Da redete der Ritter mit einem jungen Herrn, des Name war von Neuffen, daß dieser der Frauen sorglich hüte, und der gelobte es ihm in Treue an. Da hub sich der edle Möringer getrost von dannen und zog in fernes Land und blieb allda sieben ganzer Jahre. Und wie das siebente Jahr ablief, lag er in einem Garten schlummernd, da träumte ihm, er höre eine Engelstimme, die rief ihm zu: Möringer, edler Möringer! Was säumest du allhie? Kommst du nicht bald zurück, so freit der junge von Neuffen dein Weib! – Von dieser Stimme erwachte erschreckend der Möringer, und erseufzete, und flehte zu Sankt Thomas, ihn zu retten aus so herber Schwere, und entschlief wieder in großem Kummer. Und wie er wieder erwachte, so blickte er erstaunt umher, denn die Landschaft kam ihm nicht mehr indisch, syrisch, persisch, portugiesisch oder spanisch vor, sondern ganz schwäbisch, und der teure Apostel hatte seinen treuen Jünger viel kürzer und mit viel mindern Umständen über Land und Meer in seine Heimat geführt als der Teufel den Herzog Heinrich den Löwen. Der edle Möringer befand sich im Pilgerkleide vor einer Mühle, die sein war und dicht unter seiner Burg klapperte, und trat zum Müller hin und fragte selbigen: Müller, was gibt es gutes Neues hiezulande? Ich bin ein Wallbruder und komme von fern her. – Gutes gibt’s und Schlimmes, wie man’s nimmt! erwiderte der Müller. Der Herr von Neuffen nimmt heint droben auf der Burg des edlen Möringers Frau oder Wittib zum Weibe, denn leider soll unser guter Herr in Sankt Thomas‘ Lande Todes verfahren sein. – Da ging der edle Möringer zu seiner Burg empor, heischte Almosen und Imbiß und Nachtlager um Gottes und Sankt Thomas‘ willen und um des alten Möringers Seele. – Als das die Burgfrau hörte, hieß sie den Alten einlassen und Speise geben und Herbergen, solange er wolle, denn sie war fröhlich in ihrem Herzen. Wie nun der Abend kam, sprach ein Dienstmann, daß des edeln Möringers Sitte gewesen sei, von einkehrenden Pilgrimen ein Lied zu begehren, und da rief gleich der Hochzeiter von Neuffen: Rufet uns den Pilger, er singe uns ein Liedlein, bevor wir zu Bette gehen. – Und da kam der Pilgrim und sang, wie er zwar langes Schweigen gelobt habe, nun aber brächten schöne Frauen ihn zum Singen, und er bitte den jungen Mann, ihn an der alten Braut zu rächen und mit seiner Lauten in den Sang einzustimmen. Er sei alt und graubärtig, sie wolle einen Jungen haben, er sei vor ein Herr gewesen, sei nun ein Knecht, und müsse ihm auf dieser Hochzeit eine alte Schüssel recht sein. – Dieser trübe Sang bewegte die Frau, und sie ließ dem Pilger nach der Sitte der Zeit einen goldenen Becher Weines darreichen, in diesen senkte er seinen Vermählungsring und sandte diesen in dem Becher der Frau zurück. Und da ging es, wie es bei Kaiser Karl des Großen Heimkunft ging und bei der Heinrichs des Löwen: die Frau erkannte den Ring und den Gemahl, und stürzte ihm reuig zu Füßen, und schwur, daß sie bis diesen Tag noch ihre Frauenehre unverbrochen bewahrt, und wäre dem nicht so, so sollte er sie einmauern lassen. Dem jungen Herrn von Neuffen war am übelsten zumute, er bot seinem Lehnsherrn das Haupt zur Sühne dar, der aber sprach: Nicht also, Herr von Neuffen, nehmt meine Tochter, und die alte Braut laßt mir, ich will ihr selbst die Haut wohl beren (schlagen). Und da waren alle Teile zufrieden.

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960. Der Schuster zu Lauingen

960. Der Schuster zu Lauingen

Das Städtchen Lauingen zwischen Ulm und Donauwörth ist gar sagenreich. In den Hunnenzeiten geschah es, daß das Heidenheer und das Christenheer einander gegenüberlag, ohnweit dem Donaustrom und dem Schlosse Faimingen, und weil ihre gegenseitige Streitmacht sich die Waage hielt, so sollte ein Zweikampf zweier auserwählter Streiter den Sieg entscheiden. Da wählte der Kaiser seinen Reichsmarschall, das war ein Pappenheim, und wollte derselbe mutig zum Kampfe schreiten. Wie er sich nun gürtete und rüsten ließ, trat ein Unbekannter zu ihm heran und sprach: Laß ab zu sinnen, wie du dem Feind obsiegen wirst, nicht du sollt des Kaisers Kämpe sein, sondern ein geringer Mann, ein Schuster aus Henfail (so hieß Lauingen vordem). – Wer bist du, daß du solches mir ansagst? fragte staunend der Marschall. – Ich bin Georg, Christi Streiter! antwortete der fremde Mann, des zum Wahrzeichen nimm meinen Daumen. – Und gab dem Marschall den Daumen der Hand heraus, ohne daß die Hand blutete, und verschwand. Der Marschall sagte das Wunder dem Kaiser an, und der Kaiser sandte nach dem Schuster, und der Schuster kam und gewann den Sieg. Da sollte er sich drei Gnaden vom Kaiser erbitten, und da bat er um eine Wiese zum Gemeingut für die Stadt Lauingen, welche nicht viel kleiner mag gewesen sein als jene Wiese bei Bremen, um die der lahme Krüppel in einem Tage hinkte. Zum zweiten bat er für die Stadt Lauingen um das Ehrenrecht, mit rotem Wachs siegeln zu dürfen, das sonst nur die Reichsstädte genossen und ausübten; dann endlich bat er, daß die Marschälle von Pappenheim eine Mohrin sollten als Helmkleinod führen dürfen, welches sie noch bis auf den heutigen Tag tun. Für sich begehrte der fromme Schuster nichts. Sankt Georgs Daumen aber teilten die Pappenheimer, faßten jedes Glied in Gold und bewahrten eins zu Kaisheim, das andere zu Pappenheim heilig auf. Und die Stadt Lauingen nahm, ihrem tapfern Sohn zu Ehren, ebenfalls einen Mohrenkopf zu ihrem Wappen an.

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961. Die Schlange als Gast

961. Die Schlange als Gast

Zu Lauingen haben ein paar arme alte Leute gelebt, denen ging es kümmerlich trotz allen Fleißes, und der Mann mußte selbst in den Wald gehen und allda sein Holz holen. Da er nun einstmals wieder in den Wald kam, hatte der Sturm einer starken Eiche einen mächtigen Ast abgebrochen, des freute sich der Mann und hob den Ast auf, ihn davonzuführen, da kam vom Baume her eine große Schlange auf ihn zu, und er stand ab von seinem Vorhaben und entfloh. Andern Tages aber ging er wieder hin, den Ast zu holen, in Hoffnung, die Schlange werde sich nun an einen andern Ort hinbegeben haben, allein er fand sie jetzt um den Ast geringelt, wie er diesen aufhob, und die Schlange steckte ihr kleines Köpfchen ihm ganz freundlich entgegen. Der Mann aber schauderte vor dem Wurm und ließ den Ast fahren, und hieb sich ein Bündel kleines Holz und trug dies nach Hause, betrübt, daß ihm der schöne Ast entging. Als er daheim das Reisigbündel abwarf, so begann er zu seiner Frau zu sprechen, der er von dem Ast und der Schlange schon oft erzählt hatte: Ich habe den Ast wieder nicht, denn die Schlange hatte ihn umringelt! Indem so tat die Frau einen lauten Schrei, und aus dem Reisigbündel glitt die Schlange heraus und schlüpfte in das Haus und schloß Freundschaft mit der Katze und spielte mit ihr. Da meinten die beiden Alten, es möge wohl etwan ein Mensch wegen einer Untat in die Schlange verzaubert sein, und duldeten sie und gaben ihr Nahrung. Und die Schlange war nicht so undankbar wie jene im Märchen, die ihren Wirten heimlich Gift in die Suppe spie, sondern sie brachte eitel Glück und Segen in das kleine Haus; die Arbeit lohnte sich und nährte besser, der Erlös an Waldbeeren, welche die Alte sammelte, wurde ergiebiger, und alles, was die beiden Leute begannen, das mißriet ihnen nicht, und so lebten sie mit der Schlange in stetem guten Frieden und wurden so alt wie Philemon und Baucis und starben auch miteinander nach ihrem beiderseitigen Wunsche zu gleicher Zeit. Und als sie gestorben waren, wurde die Schlange von keinem Auge mehr gesehen.

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948. Gansloser Streiche

948. Gansloser Streiche

Liegt ein Dorf in Schwaben, im Gebirg zwischen Owen und Geislingen, heißt Ganslosen und ist nah verwandt mit Dittis im Rhöngebirg; eins von denen, welchem vornehmlich alle Schwabenstreiche aufgebürdet werden. Auch die Gansloser haben, wie die Dittisser, Geschichten von ihrem Kirchenbau. Als die Kirche vollendet war, brachte man eine Sonnenuhr am Turme an, die mußte derselbige Maler malen, der den Rottweilerern die Flucht aus Ägypten auf ihre Fahne gemalt, und alles mit Wasserfarben, bis auf den Esel, den hatte er mit Ölfarben gemalt; da nun die Fahne in Regen kam, floß alles ab, und nur der Grauschimmel blieb zu Spott und Hohn als der Rottweilerer Schimpfwahrzeichen. Da sich nun die Gansloser beim Gemäld ihrer Sonnenuhr ähnlicher Tückerei vom Maler versahen, wurden sie eins, ein Dachel über selbige machen zu lassen, so konnte der Regen die Farben hübsch nicht abflüten, und die Sonne konnte sie auch nicht ausziehen oder bleichen. Die Geschicht mit dem Brunnenausmessen, wo einer am andern sich anhängt und zuletzt der Schultes, an dem sie alle hängen, losläßt, um nur einmal in die Hände zu spucken, um sich dann fester halten zu können, ist den Ganslosern auch aufgehalst worden. Wie die Wasunger ihre aparte Arie haben, so haben auch die Gansloser eine, und zwar auf einen Storch, der sich, wie in Agyptenland, alldort göttlicher Verehrung erfreute, jedoch später durch vier Mann, die einen fünften trugen, damit er die Saat nicht vertrete, aus der Saat gejagt wurde. Sie feiern ihm vergnüglich ein eignes Storchenfest – wird der Gründonnerstag sein, der in Thüringen und Franken häufig geradezu der Storch heißt – und singen folgendermaßen ihre Aria:

Heut feiern wir
Das hohe Tier,
Das uns auf unsern Wiesen gaht –
’s hat ein schwarzweißes Wammes an
Und einen Schnabel wie a Gans
Halleluja!

Da nun aber die Gansloser doch von ihren Landsleuten gar zu arg aufgezogen, gehänselt und gedränselt wurden mit ihren Streichen und mancherlei Unnamen, so ward ihnen der Name ihres Dorfes leidig und wollten ihn samt der Erinnerung ganz los sein, nannten daher und kamen darum ein, dies fürder tun zu dürfen, ihren Ort Audorf. Wenn nun die Nachbarn kommen, so fragen sie spöttisch: Ist Ganslosen au e Dorf (auch ein Dorf oder euer Dorf)? – und jene haben damit nichts gewonnen als den Ruhm eines neuen Schwabenstreiches.

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94. Die sieben Schwestern

94. Die sieben Schwestern

Am Rhein unterhalb dem Pfalzgrafenstein steht eine hochragende Burgtrümmer, Schloß Schönberg. Darauf sollen sieben so schöne Ritterfräulein gewohnt haben, daß ihre Schönheit selbst dem Schlosse, darinnen sie hausten, den Namen lieh. Aber die Fräulein, welches sieben Schwestern waren, so groß ihre Schönheit war, so kalt und gefühllos waren sie gegen die Minne. Keines Ritters Bewerbung erhörten sie, einen Freier nach dem andern wiesen sie ab, manches junge edle Herz brach an den Felsenherzen der sieben schönen Schwestern. Aber das Geschick beschloß ihre Strafe. Eines Tages landete ein Nachen unten am Fuße des Berges, darinnen sieben herrliche Jünglinge saßen, in ritterlicher Tracht und von vornehmem Gebaren. Sie kamen zur Burg, sie stellten sich den Fräulein dar, sie warben um Herzen und Hände. Es war vergebens, die sieben Schwestern blieben kalt. Mit einem Male verdunkelte sich der Himmel, eine höllische Musik ertönte, die Jünglinge umschlangen die sieben Schwestern, jeder eine, wie zum Tanzreigen, und schwangen sie tanzend und drehend aus der Burg, über die Zugbrücke, den Berg hinab in den Strom hinein, der stürmisch unter Donnern und Blitzen wogte. – Als es wieder hell und friedlich am reizenden Stromesufer geworden war, siehe, da ragten sieben Felsenspitzen aus dem Strome, in diese waren die Jungfrauen mit den Felsenherzen zur Strafe ihrer unnatürlichen Härte verwandelt. Größere Flut überwogt sie, kleinere läßt sie sichtbar werden. Die Rheinschiffer kennen sie unter dem Namen der sieben Jungfern und haben unter sich die Sage: Wenn einst ein Mächtiger diese Felsen dem Strombette enthübe und sie zu Säulen einer Betkapelle am Ufer bilde, so würden die Jungfrauen erlöst werden, wieder auf die sich erneuende Burg zurückkehren und jede nach der jahrhundertelangen harten Buße einen Mann beglücken.

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949. Trillpetritsch, Drallepatsch und Elbertrötsch

949. Trillpetritsch, Drallepatsch und Elbertrötsch

Von selbigen drei schönen Namen, wie sie hier oben stehen, weiß man so eigentlich nicht, wer sie geführt hat; es sind schwäbische Scherznamen, denn in Schwaben gibt es viel Scherzlust und echte Gemütlichkeit, und mehr als in manchem andern deutschen Lande, wo viele Leute sich gar nimmer auskennen, wie gar klug und weise sie sind, und wie viele Toisen über die Meeresfläche ihre Nasen erhaben sind.

Daß der Elbertrötsch von irgendeinem Elben der Mythe seinen Namen trage, dürfte sehr zu bezweifeln sein; der Name wird wohl im Worte albern sein einfaches Würzelchen haben; Drallepatsch wird sein, was anderorts Tallepatsch, Tolpatsch ist, und Trillpetritsch ließe sich in drillen und Peter auflösen, ein gedrillter, ungedrehter, genarrter Peter, das ganze Kleeblatt ein dreifaches Stichblatt für die spiel- und scherzweise Verhöhnung. Die Redensart geht, einen dieser dreie jagen, welche Jagd gewöhnlich ein recht dummer Talk und Löll vornehmen muß, den die losen Spielgenossen mit einem offenen Sack irgendwohin stellen, den einen der dreie zu fangen; dann schleichen sie sich hinweg und lassen ihn stehen, solange er dumm genug ist, stehenzubleiben, hernach lachen sie ihn tüchtig aus und geben ihm den schönen Spottnamen dessen, den er jagen und fangen sollte, selbst.

Einstmals fing einer aus oder bei Friedingen her, der den Trillpetritsch fangen sollte und bei einer Fuchsgrube stand, unversehens einen Hasen, der ihm in den Sack gehüpft war; da war der Jubel des Dummen groß; im Triumph ward das gefangene Ungeheuer in die Lichtkarzstube getragen, und war große Furcht, was es wohl für ein Ungeheuer sei, und wappneten sich alle mit weidlichen Mordgewehren, und ging schier wie bei den sieben Schwaben im Märlein, wie sie auf ihr Ebenteuer gegen das Ungeheuer, den Seehasen, auszogen, bis der Has aus dem Sack herausfuhr und alles durcheinanderrief, wie damals der Allgäuer:

Potz Veitle! luag, luag, was ischt das?
Es Ohngeheuer ischt noh e Has. –

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