616. Die Melanchthonsbirnen

616. Die Melanchthonsbirnen

Im Superintendenturgarten zu Pegau zwischen Leipzig und Groitzsch steht ein Birnbaum, dessen Früchte sind von ganz besonderem Wohlgeschmack und werden Melanchthonsbirnen genannt, und hat es damit folgende Bewandtnis, wie sie ein Zeitgenosse, M. Andreas Göch, Superintendent daselbst, mit redlicher Hand niedergeschrieben. Diese Birnenart war ursprünglich in Jessen (Zöschen) zwischen Leipzig und Merseburg, wo M. Göch Pfarrer war, zu Hause und hieß alldort die Rewozer (Rewitzer) Birn; der Magister Göch, ein eifriger Obstzüchter, wurde später Superintendent zu Pegau und ließ sich von Zessen Pfropfreiser bringen, um in Pegau ebenfalls diese Birnen zu ziehen. Sie waren von sonderlich schöner Art, auf der einen Seite rot, auf der andern gelb gesprenkelt, saftig und überaus wohlschmeckend, der Pfalzgräfinbirne ähnelnd. Da nun zu einer Zeit Herr Philippus Melanchthon vom Kurfürsten August zu Sachsen zu ihm zu reisen erfordert ward, so führte ersteren sein Weg über Zessen, und er vergnügte sich, den dortigen Pfarrherrn zu besuchen. Dieser fühlte sich durch solchen Besuch hochgeehrt und wartete dem berühmten Mann auch mit seinen trefflichen Birnen auf. Philippus fand diese Birnen so ausgezeichnet, daß er nahe an ein Schock sich schenken ließ und sie dem Kurfürsten und dessen Gemahlin mitbrachte, wo sie auch deren hoher Gast, der Kurfürst von Brandenburg, zu versuchen bekam. Bei dieser Gelegenheit empfahl nun Melanchthon seinem gnädigsten Herrn auch den fleißigen Pfarrherrn zu Zessen, welche Empfehlung einen so trefflichen Erfolg hatte, daß der Kurfürst denselben nicht nur mit stattlicher Begnadigung bedachte, sondern auch seine Kinder in den Fürstenschulen durch Stipendien unterstützte. Dies trug M. Göch dankbar in ein Buch ein und richtete an seine Nachfolger die Bitte, des hart am Hause stehenden Melanchthonbirnbaums – denn so hatte ihn der Pomolog vom Jahre 1560 genannt – zu schonen, zu warten und seine Art nicht ausgehen zu lassen – welches auch treulich befolgt worden ist.

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617. Die beiden Kröten

617. Die beiden Kröten

Zu Leisnig, einem Städtlein zwischen Lucka und Meißen, das, so klein es ist, eine Schmalzgrube des Meißnerlandes hieß, war lange an der Stadtkirche ein Steingebild zu sehen, ein Mann, der, die Arme in die Seite gestemmt, gegen zwei Knaben gewendet erschien. Davon geht diese Sage. Es war ein Vater, der hatte zwei sehr ungeratene Buben zu Söhnen, das kam all daher, daß er ihnen nicht genug Schillinger und Plätzer aufgezählt hatte, wenn sie ungezogen und trotzig waren, wie es sich gehört, denn das Sprüchwort sagt: Wer seinen Kindern die Rute gibt, spart dem lieben Gott eine Mühe. Da ist es denn geschehen, daß eines Tages, als der Vater die beiden Knaben schalt, weil sie wieder böse Dinge getrieben hatten, sie wieder schalten und widerbellten, recht wie die Klaffhunde; damit ließen sie es aber nicht einmal bewenden, sondern sie trieben ihre verruchte Auflehnung so weit, daß sie, was kaum zu denken und niederzuschreiben ist, ihrem Vater ins Angesicht spuckten. Da schrie der alte Mann zu Gott im Himmel hinein, daß der solche Untat rächen wolle, und verfluchte seine Söhne mit einem entsetzlichen Fluche. Und da wollten die Nichtsnutzen Jungen ihren Vater auch wieder verfluchen, aber plötzlich stammelten sie, und es quoll und schwoll ihnen im Munde so dick, so dick, und so eiskalt, und biß entsetzlich wie ätzendes Gift, und kroch aus dem Mund hervor lebendig, und war eines jeden Junge ihm im Munde zu einer scheußlichen lebendigen Kröte geworden; konnten fortan weder spucken noch schlucken, weder gellen noch widerbellen – mußten verstummen und verzweifeln und im grausen Elend zur Hölle fahren. Des zum Wahrzeichen hat man hernach die drei an der Kirche in Stein abgebildet und die Kröten aus der Knaben Maul hervorgucken lassen, als welches anzusehen sehr schrecklich.

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618. Zum Stehen verwünscht

618. Zum Stehen verwünscht

Zu Freibecg im Meißnerlande wohnte ein Weber des Namens Lorenz Richter, der hatte einen Sohn von vierzehn Jahren, welchem die Untugend des Ungehorsams in hohem Grade eigen war. Der Vater mochte dem verstockten Jungen heißen, was er wollte, so tat er’s nicht oder tat das Gegenteil und hatte seine Lust daran, stöckisch zu sein und seinen Vater zu ärgern. Da geschähe es eines Tages, daß der Vater dem Knaben, der bei ihm in der Stube war, gebot, eilend etwas zu tun, jener aber blieb geruhig stehen, wo er stand, und fiel ihm gar nicht ein, des Vaters Befehl nachzukommen. Der Vater wiederholte sein Gebot, aber der Junge tat, als höre er es gar nicht, er blieb stehen wie ein Stock. Da geriet der Vater vor Zorn außer sich und schrie: Ei so stehe in aller Teufel Namen, du verfluchter ungeratener Bube, und daß du nimmermehr dich vom Flecke regen könnest! – Da zuckte ein jäher Schreck durch den Knaben, und ward starr und stand – und stand. Er wollte nun folgen, aber er stand. Der Vater stürzte jetzt auf ihn, ihn von der Stelle wegzureißen oder hinwegzutreten, aber er vermochte es nicht – der Knabe stand, festgebannt und festgezaubert auf die Diele, und völlig machtlos. Vergebens suchte man ihn wegzuheben, wegzutragen, seine Füße wurzelten am Boden. Und so stand er dreier Jahre an einer Stelle, nahe dem Ofen und der Türe, hinderlich den Leuten, die aus- und eingingen, an einem Pult, darauf er Haupt und Arme stützen konnte; so stand und so schlief er, den Eltern zum quälenden Anblick, der Stadt zum Wunder. Die Geistlichen beteten über ihn und für ihn und versuchten endlich ihre Kräfte, ihn aufzuheben und in einen andern Stubenwinkel zu tragen, wo er weniger hinderlich war; dies gelang, aber dann blieb er an jener Stelle stehen. Tief waren der Diele die Spuren seiner Füße eingeprägt. Wollte man an einen andern Ort ihn bringen, da schrie er laut und schmerzvoll auf und gebürdete sich wie rasend. So stand er, wie die Büßer Indiens, ein Büßer seines Ungehorsams, hinter einem Vorhang und war voll Traurigkeit, elenden Aussehens, und endlich gab Gott zu, daß er auf ein neben ihm gestelltes Bette sich legen konnte – und das währte wieder nahe an vier Jahre. Und dann ist er in Demut und Ergebung und gläubig eines sanften, natürlichen Todes gestorben. Die Fußtapfen wurden lange Jahre gezeigt, in der Stube und dann in der Kammer (da später eine Wand eingezogen wurde), und wenn die Eltern ihre Kinder vor Ungehorsam warnen wollten, brauchten sie nicht weit zu deuten.

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61. Das Frankensteiner Eselslehen

61. Das Frankensteiner Eselslehen

Zu Darmstadt hat es vorzeiten gar böse Weiber gegeben, wollen hoffen, daß jetzt bessere darinnen sind. Diese damaligen Weiber prügelten ihre Männer, wie die Sage geht, nach Noten und so arg, daß die Männer sich ihrer Weiber und der Schläge nicht anders erwehren konnten, als daß sie Hülfe bei denen von Frankenstein über Bessungen suchten. Denen gaben die Darmstädter alljährlich zwölf Malter Korn, zwei Gulden und zwei Hessen-Albus Geld, dafür hielten die Frankensteiner einen Esel, den sandten sie jedesmal mit gutem handfesten Geleit, wenn er zur Stadt begehrt wurde, und auf sotanem Esel mußte das Weiblein reiten, das seinen Mann geschlagen, und zwar durch die ganze Stadt. Hatte die Frau den Mann geschlagen unversehens oder war dieser krank und seiner Kräfte nicht mächtig, so führte der Geleitsmann den Esel, hatte es aber zwischen Mann und Frau einen offenen und ehrlichen Kampf gesetzt und er von ihr das Beste abbekommen, so mußte der Mann zu seinem großen Schimpf den Esel selbst führen. Zu dieser Zeit ward das Recht und die Sitte gar streng gehandhabt zu Darmstadt, denn es war allda ein Bürgerausschuß, der übte die Polizei und war sehr gefürchtet von allem losen Gesindlein, das nannte ihn, weil er aus hundert Beisassen bestand, das böse Hundert. Da geschah es, daß einmal eine ganze Gesellschaft – ein Kränzchen würde man es heutiges Tages nennen – böser Weiber sich zusammentat, die Männer weidlich schlug, und da haben die Männer des bösen Hunderts an die Frankensteiner geschrieben, daß sie ihnen eilend nach dem Recht und Gesetz des Burglehens mit dem Esel möchten zu Hülfe kommen mit seinem Geleitsmann, und sie wollten beiden, dem Mann und dem Esel, ihren Stadtboten entgegenschicken, daß der beide herein nach Darmstadt geleite, sollten genugsam Mahl und Futter haben, und wenn sie den Esel gebraucht in ihren Nöten, so sollten beide wieder kostenfrei zurückgeleitet werden, damit daß die übermütige, stolze und böse Weibesgewalt möge unterdrückt werden und nicht weiter einreißen.

Und auch hernachmals ist solche Strafe noch öfter zu vollziehen nötig gewesen, und andere Orte der Nachbarschaft haben den Esel auch nötig gehabt, wie Pfungstadt, Niederramstadt, Crumstadt, Goddlau usw., und Bessungen allein ist denen Rittern von Frankenstein hundert Malter Korn vom Eselslehen schuldig geblieben, daher liehen sie ihnen auch den Esel fürder nicht mehr, mochten ihre Weiber die Bessunger noch so sehr schlagen.

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619. Schneeberger Teufelsbanner

619. Schneeberger Teufelsbanner

Als das Teufelsbannwesen und die Schätzehebesucht wie eine Krankheit grassierte und die Jenaische Christnachttragödie aufgeführt worden war, kamen auch zu Schneeberg am sächsischen Erzgebirge verschiedene Leute auf den Gedanken, Geister zu zitieren und durch deren Hülfe Schätze zu finden. Der Anstifter war ein Mann namens Bauer-Schnurr, er gewann noch einige Gefährten. Das große Werk wurde auf dem geräumigen Boden eines Malz-Hauses vorgenommen; ein dreifacher Kreis, vierunddreißig Ellen im Umfang, ward mit Kreide gezogen, Kreuze, Bibelsprüche, Planetenzeichen und Charaktere wurden hineingemalt. In die Mitte wurde ein mit einem weißen, mit Blut besprengten Tuche gedeckter Tisch gestellt, darauf stand ein Kruzifix und lagen Bibel, Psalter und Evangelienbuch; unter demselben stand eine Räucherpfanne mit Kohlen und Rauchwerk, am Eingange des Kreises war eine Öffnung von neun Ellen, diese schlossen die Bilder der Evangelisten und Apostel und eine Bibel. Außerhalb stand eine hölzerne Bank, höflichkeitshalber, damit der Hauptgeist sich setzen könne, da man in ihm einen gesetzten Geist erwartete. Außerdem war noch die Hirnschale eines vor einiger Zeit verlorengegangenen Kindes vorhanden. Die Beschwörung wurde vorgenommen, sie war furchtbar; die Kunst war groß, die Hexenmeister konnten ganz vortrefflich Geister zitieren, aber – es kamen keine. Immer schrecklichere Bannsprüche folgten, fast erzitterten Balken und Sparrwerk des Malzbodens – endlich schien etwas erscheinen zu wollen, es polterte die Treppen herauf, es klirrte wie Pallasche und Sporen – dem Hauptzauberer und Geisterbeschwörer Bauer-Schnurr ward nicht wohl beim Herannahen dieser Geister, er schnurrte durch eine Dachluke und flüchtete über die Dächer wie eine Katze, ein zweiter folgte ihm auf gleichem Wege. Die übrigen Genossen waren standhafter – sie blieben und wurden alsobald von den heraufkommenden dienstbaren Geistern hochlöblicher Polizei der guten Stadt Schneeberg verstrickt und in Haft genommen. Einer war ein Ingenieur aus Eisenach, dessen Ingenium nicht weiter als auf den Schneeberger Malzboden gereicht, ein zweiter war ein Müller aus Wildenfels, dessen Mühle mutmaßlich die drei Gänge nach Wasser, Korn und Brot hatte, der dritte war ein Schmiedegeselle, der seines Glückes Schmied werden und das Eisen schmieden wollte, weil es warm war, ward aber in die kalten Eisen gelegt, und der glückliche Flüchtling hieß Hans Tietze und war ein Sangerhäuser, der die Geschichte Ludwig des Ent-Springers gut inne hatte. So wurde das Gegenstück der Jenaischen Christnachttragödie allhier zu Schneeberg als eine Tragikomödie abgespielt.

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612. Nixenflüsse bei Leipzig

612. Nixenflüsse bei Leipzig

Die kleinen stillen Flüßchen bei Leipzig, die Elster wie die Pleiße, sind von Nixen bewohnt und fordern jedes Jahr ihren Toten. Da ist besonders der Johannistag der Tag, an welchem niemand zu raten ist, auf dem Wasser zu fahren oder darin zu baden. Häufig geschieht es, wenn einer ertrinken soll, daß man die Nixen auf dem Wasser tanzen sieht. Zu Leipzig wurde oft auf der Straße ein Nixenweiblein gesehen. Es kam mit einem Tragkorbe und mischte sich unter andere Bauersweiber, Lebensmittel einzukaufen, doch hat es mit niemand ein Wort geredet; es deutete auf die Ware, vernahm den Preis, bot feilschend weniger Geld, nahm endlich und ging. Wer es grüßte, dem dankte es nicht. Einmal sind ihrer zwei dem seltsamen Weiblein nachgegangen, da sahen sie, wie es an einem kleinen Wasser seinen Korb hinsetzte, und wie der Blitz war es samt dem Korbe verschwunden. Auf der Nixe Spur sah man den Weg betropft, denn der Saum ihrer Gewänder war zwei Hände hoch naß. Gleiches wird überall erzählt, fast in allen Orten, die an Flüssen, Strömen oder Seen liegen; insgemein geht auch diese Sage, daß die Nixe an die Fleischbänke tritt, ihren Daumen auf ein Stück Fleisch legt und der Metzger diesen abhaut – da leitet dann die Blutspur in den See oder in den Fluß, der Metzger aber muß die schlimme Tat ganz sicher mit dem Leben büßen, wie jener Mühlknappe, der eine Nixe am Ufer sitzen und ihr Haar strählen sah und auf sie mit der Büchse anlegte. Die Nixe aber sprang rasch in den Fluß und drohte zornig mit dem Finger. Nach drei Tagen badete der Bursche, und weg war er. Bei Leipzig tief hinten im Rosentale und aufwärts an den wiesenumgrünten, waldumrauschten Ufern der Elster und Pleiße ist es so geheimnisvoll und unheimlich still, daß den Wanderer unwillkürlich ein Grauen überfällt und keiner sich wundern würde, sähe er die Nixen der stillen Flut entsteigen.

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613. Der Graf von Eilenburg und die Zwerge

613. Der Graf von Eilenburg und die Zwerge

Zu Eilenburg im Sachsenlande, jetzt preußisch, wohnten unterm Schlosse Zwerglein, die mußten Hochzeit halten und wollten das in dem Saale tun, darin der alte Graf in einem hohen Himmelbette schlief, und da kamen sie und drangen und sprangen durch das Schlüsselloch, durch Türspalten und Fensterritzen herein, daß es nur so rasselte und prasselte, als schütte einer Erbsen auf die Tenne. Da erwachte der Graf und sah ein Männlein gleich einem Herold auf sich zutreten, das bat gar höfisch, das Fest zu erlauben und daran teilzunehmen, doch dürfe keins vom Gesinde oder sonstwer auch nur mit einem Blicke zusehen, wie dort im Städtlein Leuenburg auf dem Schlosse der Freiherrn von Eilenburg auf Prassen bei der Fingerlingsbraut auch unter solchem Beding verlangt ward. Der Graf war es zufrieden, und da er einmal wach war, sagte er zu, mitzuhalten. Da führten sie ihm eine so winzig kleine Tänzerin zu, daß er beim Tanze Mühe hatte, sie nicht zu verlieren, und es begann eine Heimchenmusik, die hatte hellen, schrillen Klang. Das kleine Weiblein tanzte aber ganz flott und wirbelte den alten Herrn herum, daß ihm der Odem stille stand und das Herz pochte; es war leicht wie ein Flederwisch, und deshalb hatte er an ihm zu halten. Auf einmal aber hörten Musik und Tanz plötzlich auf und war eine große Verstörung; alles schaute ängstlich nach der Saaldecke hinauf oder entfloh durch alle Ritzen. Die Saaldecke hatte ein Loch, und durch das Loch guckte die alte Gräfin, die oben überm Saale schlief, herunter in die lustige Wirtschaft. Dieses Lauschen verdroß die Zwerge sehr, und die zuzurückgebliebenen sagten:

Wolln nach dem Zimmermann schicken,
Zimmermann soll den Tanzboden flicken,
Tanzboden hat ein Loch! –

und da blies ein Zwerg hinauf. Gegen den Grafen aber neigte sich das kleine Völklein und dankten ihm und sprachen: Weil durch das alte Fell da droben unsere Hochzeitfreude und unser Tanz gestört worden, so soll euer Geschlecht nie mehr als sieben auf einmal zählen. Und dann schwanden auch die letzten hinweg, und war still im weiten Saale, und der Graf war allein. Als am andern Morgen die Gräfin erwachte, hatte sie auf dem Auge, mit dem sie herabgeblinzt, ein Fell. Stets starb von sechs lebenden Grafen von Eilenburg einer, bevor ein siebenter geboren ward.

Diese Sage hat ohne Zweifel Goethe seinem Hochzeitlied: Wir singen und sagen vom Grafen so gern – teilweise zum Grunde gelegt. Eigentümlich ist der Sage Wandlung, die in Ostpreußen zu Leuenburg, jetzt ein Dorf, sonst ein Städtlein, einem des Geschlechtes Eulenburg, welcher Name im Namen Leuenburg durch Buchstabenversetzung auch enthalten. Ähnliches widerfahren läßt wie dem alten Grafen von Eilenburg im Sachsenlande, dessen Geschlechtsname früher auch Eulenburg geschrieben ward.

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614. Der Name von Oschatz

614. Der Name von Oschatz

Vom Städtchen Oschatz zwischen Leipzig und Dresden wird diese Sage erzählt. Da es erbaut worden sei und noch keinen Namen gehabt, so habe der Herrscher des Sachsenlandes sehr am selben seine Freude gehabt, und da er mit seiner Gemahlin auf dem nahen Kalvariberg gestanden und von da das Städtlein überschaut, habe er gemeint, sie solle jenem einen Namen verleihen, da habe aber die Herrin verlegen den Blick gesenkt und sagen wollen, daß sie solches nicht vermöge, und schüchtern zu reden begonnen: O Schatz – da habe der Fürst und Gemahl sie unterbrochen und ausgerufen: Du hast es gesagt, meine Liebe, Oschatz soll diese Stadt hinfüro heißen, und dabei sei es geblieben, und sie heißt Oschatz bis auf den heutigen Tag.

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606. Die sieben Wunder von Jena

606. Die sieben Wunder von Jena

Jena ist eine berühmte Stadt wegen seiner Hochschule, seines thüringischen Weines und seiner sieben Wunder. Letztere besonders wurden in den früheren Zeiten gar sehr gepriesen und hochgehalten und in Versen aller Sprachen geschildert. Der bekannteste dieser Verse lautet:

Ars, caput, draco, mona, pons, vulpecula turris,
Weigeliana domus, spetem miracula Jenae.

Der Altar in der Hauptkirche ist als ein Wunder erachtet worden, weil unter ihm eine offene Torwölbung und Straße hindurchführt, was wohl kaum irgendwo bei einer Kirche der Welt stattfindet, daß dicht unterm Altar Heu- und Mistwagen durchfahren können. Der Kopf war ein Kunstwerk an der Rathausuhr, der die Kunst konnte, sovielmal zu gähnen, als die Uhr Schläge tat, welches aufmunternde Gaukelspiel einen ebenso langweiligen Distelkopf vermochte, von diesem Gähnen des Kopfes den Namen der Stadt herzuleiten, als habe sie jemals Gähna geheißen. Der Drache ist ein künstliches Monstrum, ein Gerippe, das in der Universitätsbibliothek steht und viele Hundeköpfe hat, ähnlich dem apokalyptischen Tiere. Der Berg ist der Hausberg, oder auch der Gleisberg, beide trugen alte Burgen. Die Brücke ist die Saalbrücke, an welcher sich einige Wahrzeichen befinden; dieselbe mochte in der Zeit, als sie neu war, wohl ein Wunder vorstellen. Der Fuchsturm ist allbekannt, er heißt auch der Riesensinger, und es geht von ihm eine Riesensage: der Riese habe seine Mutter geschlagen, da sei ein Berg über ihn zusammengebrochen und habe ihn bedeckt, doch den Zeigefinger mußte er warnend aus seinem Grabe hervorstecken, das ist der gewaltige hohe Turm. Das Weigelische Haus war wohl von allen diesen sogenannten Wundern das sehenswerteste. Man konnte in ihm die Sterne am hellen Tage sehen und von unten nach oben ohne Treppen gelangen.

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607. Fuchsturm und Fuchsname

607. Fuchsturm und Fuchsname

Der Turm, welcher heutzutage und schon geraume Zeit der Fuchsturm genannt wird, war die Warte des Stammschlosses der Grafen von Kirchberg, die diesen Landesteil inne hatten; das Schloß hieß Kirchberg, weil es über einer Kirche sich erhob, die schon der heilige Bonifazius gegründet hatte. Dieser Turm beherbergte vor grauen Zeiten einen gar hohen und berühmten Gast, das war Graf Konrad von Wettin, zubenannt der Große, aller Sachsenherrscher vieledler Stammherr. Graf Wiprecht von Groitzsch hatte Neigung gezeigt, sich die Markgrafschaft Meißen anzueignen, und das Gerücht verbreiten lassen, dessen rechtmäßiger Herr, der junge Markgraf Heinrich, sei an Gift gestorben, darüber kam es zu einer sehr verwickelten und unklaren Fehde, bei welcher Graf Konrad von Wettin nicht unbeteiligt blieb, zumal er selbst zum Markgrafen von Meißen sich ernennen ließ, indem er die Behauptung aufstellte, Heinrich der Jüngere, Markgraf von Meißen, sei mitnichten sein naher Verwandter, sondern der untergeschobene Sohn eines Kochs. Dies weckte wieder zwischen beiden eine ernste Fehde, in welcher Konrad von Wettin Heinrichs Gefangener wurde. Dieser rächte den Schimpf, der seiner Mutter und ihm durch Konrad angetan worden, sehr empfindlich; er hing ihn in einen festen Käfig, gleich einem raren Vogel, außen an den hohen Wartturm, und es wäre vielleicht um diesen Stammvater geschehen gewesen, wenn nicht Heinrich bald darauf kinderlos gestorben und Konrad, sein einziger und rechtmäßiger Erbe, dadurch befreit worden wäre.

Als Ruine hat sotane Turmwarte denen jenaischen Studenten oft zum Zielpunkt ihrer vergnüglichen Ausflüge dienen müssen. Als die Hochschule durch die Sachsenherzoge begründet worden, ward «in Gelehrter von der Schule zu Naumburg nach Jena als Professor der griechischen Sprache berufen, der hieß Brysomann,war ein kleines seltsames Männlein und trug Sommer und Winter ein Mäntelein, das mit Fuchspelzen verbrämt war. Weil er nun von einer Schule hergekommen, so nannten ihn die Studenten Schulfuchs, und dann nannten sie jeden so, der auf einer Schule war oder von der Schule kam, und hatten sie diese Ankömmlinge früherhin geplagt und gehänselt als Pennale – von der Federbüchse der Schüler –, so plagten und hänselten sie dieselben nun als Füchse, und da sie diese Schwänke gern im Freien an Lieblingsplätzen trieben und der hohe Gipfel des Kirchbergschlosses ein solcher Platz war, so bekam die Warte den Namen Fuchsturm, und wurde dort den armen unerfahrenen jungen Füchslein häufig gar übel mitgespielt.

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