Äneas verläßt die trojanische Küste



Viertes Buch

Äneas – Erster Teil

Äneas verläßt die trojanische Küste

Seinen Vater Anchises auf den Schultern, seinen Sohn Askanius an der Hand, geschützt von seiner Mutter Venus, war der trojanische Held Äneas dem Brande seiner eroberten Vaterstadt entronnen und am Fuße des Idagebirges, wo dieses in das Meer ausläuft, in der kleinen Hafenstadt Antandrus angekommen. Hier sammelten sich um ihn befreundete Flüchtlinge in großer Anzahl, Männer, Frauen und Kinder, lauter unglückliche, des Vaterlands verlustige Menschen, und alle bereit, unter seiner Anführung eine neue Heimat aufzusuchen. Noch ungewiß, wohin sie das Geschick führen, wo es ihnen Ruhe vergönnen würde, fingen sie mit Hilfe der geretteten und zusammengeschossenen Habe sich eine Flotte zu zimmern an, die mit dem ersten Beginne des Frühlings fertig war, unter Segel zu gehen. Der älteste Trojaner, der sich in ihrer Mitte befand, der greise Held Anchises selbst, gab das Zeichen zum Aufbruch und sagte zuerst dem unterjochten Geburtsland ein ewiges Lebewohl. Weinen und Wehklagen ertönte von den Schiffen, als sie sich von der Heimatküste losrissen, und bald war diese aus den Blicken der Flüchtlinge verschwunden.

Nach einer ununterbrochenen Fahrt von mehreren Tagen landete die Flotte an dem Gestade Thrakiens, das vorzeiten der wilde Verächter des Bacchus, der König Lykurgus, beherrscht hatte, dessen jetzige Bewohner aber, solange der Staat der Trojaner noch bestand, durch gleichen Götterdienst und Gastfreundschaft mit diesen aufs genaueste verbunden waren. Doch hatte dies Verhältnis eine grausame Störung erlitten; denn als das Glück von Troja zu wanken begann und Ajax der Telamonier vom Schiffslager der Griechen aus einen Streifzug zur See gegen die mit Priamus verbündeten Thrakier unternommen hatte, lieferte Polymnestor, der treulose König des Landes, den jungen Sohn des trojanischen Königs, Polydorus, den Griechen aus und erkaufte sich mit dieser Gabe den Frieden. Der Jüngling aber wurde von den Belagerern unter den Mauern Trojas und vor den Augen des Vaters gesteinigt.

Doch Äneas wußte nicht, an welchem Ufer er mit seinen Schiffen vor Anker gegangen war. Voll Freude, eine wirtliche Küste erreicht zu haben, betrat er mit seinen Freunden das Land, und ohne von den Eingeborenen gehindert zu werden, schritten sie zu einer Niederlassung und legten den Grund zu einer neuen Stadt, in deren ruhigem Besitze sie sich von den Schlägen des Schicksals zu erholen gedachten und welcher Äneas, als das Haupt der Auswanderer, seinem eigenen Namen nach den Namen Änus beilegte. Der Bau war schon im Werden, und der fromme Held wollte für sein Werk den Schutz der Unsterblichen erflehen; er brachte Jupiter dem Göttervater und seiner eigenen Mutter Venus einen untadligen Stier am Gestade zum Opfer. In der Nähe befand sich ein heiterer Hügel, auf welchem Kornellen und Myrten in üppigem Wuchse wucherten. Nach diesem Wäldchen hatte sich Äneas begeben, um die frisch errichteten Rasenaltäre mit Laub und Zweigen zu bedecken. Da erfuhr er ein Grausen erregendes Wunder. Sobald er einen Strauch aus den Wurzeln reißen wollte, quollen aus diesen schwarze Blutstropfen und flossen auf den grünen Waldboden, daß dem Helden selbst in den Adern das Blut erstarrte. Angstvoll warf sich Äneas auf die Erde und flehte zu den Nymphen des Waldes und zu Bacchus, dem Schutzgotte der thrakischen Fluren, die Schrecken abzuwenden, mit welchen dieses Wunderzeichen ihm drohte. Dann ergriff er mit erneuter Kraft ein drittes Bäumchen, und mit dem Knie auf den Boden gestemmt, versuchte er, es zu entwurzeln. Da ließ sich ein klägliches Stöhnen aus dem Boden vernehmen, und endlich kam ihm eine Stimme zu Ohren, welche in verlorenen Tönen sprach: »Was quälest du mich, unglücklicher Äneas? Meine Seele wohnt in diesem Boden, in den Wurzeln und Ästen dieses Waldes, in welchem ich als Kind einst ahnungslos spielte. Ich bin dein Stammesgenosse, dein Verwandter, Äneas, bin Polydorus, der Sohn des Priamus, der einst von seinem Pflegevater an die Griechen verraten und vor deinen Augen unter Trojas Mauern zerschmettert ward. Mein Gebein ist von mitleidigen Thrakiern gesammelt und hier im Vaterlande bestattet worden. Verletze meine Freistätte nicht, du selbst aber fliehe dieses Ufer, das dir und allen Trojanern mit Unheil droht; denn noch herrscht das Geschlecht des Verräters in diesem Lande.«

Als Äneas sich vom ersten Schrecken erholt hatte, kehrte er zu den Seinigen zurück und meldete das Gesicht zuerst seinem Vater und dann den andern Häuptlingen des ausgezogenen Volkes. Alle vereinigten sich, mit ihm die verruchte Stätte des entweihten Gastrechts zu verlassen. Die begonnenen Arbeiten wurden eingestellt, und nachdem sie dem unglücklichen Polydorus ein Totenfest gefeiert, schoben die Trojaner ihre Schiffe wieder vom Strande, bestiegen sie und verließen mit ihnen den Hafen. Günstiger Wind führte sie bald weit in die offene See hinaus, und nach glücklicher Fahrt erschien ihnen mitten im Meer, unter vielen andern Inseln, ein wunderliebliches kleines Eiland, das sich lachend aus den Fluten emporhob. Sein Name war Delos, es war einst eine schwimmende Insel gewesen; Apollo war hier geboren und hatte sich ihrer, als sie wie unentschlossen um andere Inseln und Küstenländer herumirrte, mitleidig angenommen und sie in der Mitte der Zykladeninseln in dem Meeresgrunde befestigt, daß sie hinfort den Stürmen trotzen und glückliche Bewohner nähren konnte. Die Menschen, die sich dort ansiedelten, hatten dankbar ihre Stadt dem Apollo geweiht und waren gastliche, gute Leute. Dorthin steuerte Äneas mit seiner Flotte, und ein sicherer Hafen nahm die müden Seefahrer auf. Sie landeten und betraten die Stadt, die dem Fernhintreffer Phöbus Apollo gewidmet war, mit tiefer Ehrfurcht. Ihr König Anius, der zugleich Priester des Phöbus war, wandelte, mit der heiligen Binde um die Schläfe und dem Lorbeer in der Hand, den Ankömmlingen entgegen und erkannte in dem greisen Anchises einen alten Gastfreund. Unter Gruß und Handschlag wurden Äneas und seine Genossen in die Mauern aufgenommen und wallfahrteten vor allem andern in den altertümlichen Tempel des Schutzgottes der Insel. Äneas warf sich in tiefer Ehrfurcht vor dem Haus Apollos nieder und betete mit aufgehobenen Händen: »Gib uns, du großer Beschützer des trojanischen Volkes, ein eigenes Haus, gönn uns eine bleibende Statt; laß das Geschlecht deiner Schützlinge nicht aussterben, hilf ihnen, ein zweites Troja zu gründen! Sprich, wer soll unser Führer sein? Wohin schickst du uns? Gib uns ein Zeichen, großer Gott, offenbare dich unsern Seelen!«

Kaum hatte der Held solches gesprochen, als die Schwelle des Gottes, der Lorbeerhain, der den Tempel umgab, und das ganze Gebirge ringsumher sichtlich und fühlbar erbebte, und aus den offenen Hallen des Tempels ertönte vom Dreifuße das Orakel heraus: »Ausdauerndes Volk der Dardaner, ihr kehret in den Schoß eines Landes zurück, das schon den Stamm eurer Ahnherren getragen hat. Eure alte Mutter suchet ihr auf: von dort wird das Haus des Äneas in seinen spätesten Enkeln alle Länder der Erde beherrschen.«

Bei der Stimme des Gottes hatten sich alle demütig zur Erde niedergeworfen. Als sie den günstigen Ausspruch vernommen hatten, sprangen sie freudig wieder auf; ein jubelndes Getümmel entstand, und sie befragten sich untereinander, von welchem Lande wohl Apollo spreche und wo den Irrenden eine neue Heimat winke.

Als sie so untereinander beratschlagten, erhob der ehrwürdige Held Anchises, der Vater des Äneas, der in die Kunde der Vorwelt eingeweiht war, seine Stimme: »Laßt mich euch, ihr Häupter des Volkes«, sprach er, »eure Hoffnungen deuten. Mitten im inselreichsten Meere liegt eine Insel, aus welcher Jupiter der Göttervater selbst abstammt. Sie heißt Kreta und ist auch die Wiege unseres Volksstammes. Und wie Trojas Hauptgebirg heißt auch die waldige Bergkette, die sich durch dieses Inselland zieht, das Idagebirg. Zu seinen Füßen dehnen sich die fruchtbarsten Fluren, und mit hundert Städten ist das Land geschmückt. Dorther soll unser Stammvater Teucer ins troische Land gekommen sein, dorther all unser Götterdienst stammen, und gewiß, dorthin führt uns auch jetzt Apollos Befehl: lasset uns ihm folgen! Die Reise dorthin ist nicht allzuweit; schickt uns Jupiter Fahrwind, so befindet sich unsere Flotte am dritten Morgen im Angesichte der Insel Kreta.«

Agamemnon gerächt



Agamemnon gerächt

Elektra führte inzwischen im Königspalaste ihres ermordeten Vaters das traurigste Leben, und nur die Hoffnung, ihren Bruder einst, zum Manne herangewachsen, als Rächer in den väterlichen Hallen erscheinen zu sehen, fristete ihr kummervolles Dasein. Von der Mutter wurde ihr die bitterste Feindschaft zuteil; im eigenen Stammhause mußte sie mit den Mördern ihres Vaters wohnen und ihnen in allem unterwürfig sein; auf sie kam es an, ob sie darben oder den notdürftigen Unterhalt empfangen sollte. Auf dem Thron Agamemnons sah sie den Ägisth in königlicher Herrlichkeit sitzen, sah ihn in dessen schönste Gewande, welche die Vorratskammern des Palastes füllten, gekleidet einhergehen und den Schutzgöttern des Hauses an derselben Stelle Trankopfer spenden, wo er seinen Blutsverwandten ermordet hatte. Sie war Zeuge der zärtlichen Vertrautheit, mit welcher die freche Mutter den Besudelten behandelte; denn diese, mit Lächeln über das hinschlupfend, was sie Greuliches begangen hatte, ordnete alljährlich Festreigen an dem Tage an, an welchem sie den Gatten trügerisch dahingewürgt, und brachte noch dazu den Rettungsgöttern jeden Monat reichliche Schlachtopfer dar. Die Jungfrau verzehrte sich bei diesem empörenden Anblicke in geheimem Gram; denn es war ihr nicht einmal frei zu weinen vergönnt, sosehr ihr Herz darnach begehrte. »Was weinst du, Gottverhaßte«, rief ihr die Mutter zornig zu, sooft sie dieselbe in Tränen fand, »starb denn dir allein der Vater? Hat denn kein Sterblicher zu trauern als du? Möchtest du doch in deinem törichten Jammer schmählich vergehen!« Zuweilen ward ihr böses Gewissen durch ein eitles Gerücht aufgeschreckt, als sei Orestes aus der Fremde im Anzug; dann wütete sie am rückhaltlosesten gegen die unglückliche Tochter. »Nun, wäre es nicht deine Schuld«, rief sie ihr zu, »wenn er käme? Bist nicht du es, die ihn aus meiner Hand hinweggestohlen und heimlich davongeschickt hat? Doch wirst du dich deiner Anschläge nicht freuen; der verdiente Lohn ereilt dich, ehe du es denkst!« In solchen Scheltworten stand ihr dann der verworfene Gatte Ägisth bei, und vor beider Flüchen verbarg sich Elektra in die dunkelste Kammer des Hauses.

Jahre waren so hingeschwunden, während welcher sie unaufhörlich auf die Erscheinung ihres Bruders Orestes harrte; denn dieser hatte bei seiner Flucht, so jung er war, doch der Schwester das Versprechen hinterlassen, zur rechten Zeit, wenn er Manneskraft in seinem Arme mitbringen könnte, da zu sein. Jetzt aber zögerte der herangereifte Jüngling so lange, und die nahen wie die fernen Hoffnungen erloschen allmählich in dem trostlosen Herzen der trauernden Jungfrau.

Bei ihrer jüngeren Schwester Chrysothemis, die nun auch längst herangewachsen war, aber nicht das männliche Gemüt Elektras besaß, fand die treue Tochter Agamemnons keine Unterstützung ihrer Pläne und wenig Trost in ihrem Schmerz. Doch geschah dies nicht aus Gefühllosigkeit, sondern nur aus Schwäche des weiblichen Herzens. Chrysothemis gehorchte der Mutter und widersetzte sich nicht halsstarrig ihren Befehlen wie Elektra. So kam sie denn auch eines Tages mit Opfergeräte und Grabesspende für Verstorbene im Auftrage der Mutter vor das Tor des Palastes gegangen und trat der Schwester hier in den Weg. Elektra schalt sie über diesen Gehorsam und fand es schnöde, daß ein Kind solchen Mannes des Vaters vergessen und der ruchlosen Mutter stets gedenken könne. »Willst du denn«, erwiderte ihr Chrysothemis, »so lange Zeit hindurch niemals lernen, leerem Grame dich nicht fruchtlos hinzugeben? Glaube nur, daß mich auch kränkt, was ich sehe, und nur aus Not ziehe ich mein Segel ein. Dich aber, dies vernahm ich von den Grausamen, wollen sie, wenn du nicht aufhörst zu klagen, ferne von dem Elternhause in einen tiefen Kerker werfen, wo du den Strahl der Sonne niemals wieder schauen sollst. Bedenke dies und gib nicht mir die Schuld, wenn jene Not einbricht!« »Mögen sie es tun«, antwortete Elektra stolz und kalt, »mir ist am wohlsten, wenn ich recht ferne von euch allen bin! Aber wem bringst du dieses Opfer da, Schwester?« »Es ist von der Mutter unserm verstorbenen Vater bestimmt.« »Wie, für den Ermordeten?« rief Elektra staunend. »Sprich, was bringt sie auf solche Gedanken?« »Ein nächtliches Schreckbild«, erwiderte die jüngere Schwester. »Sie hat, so geht die Sage, unsern Vater im Traume geschaut, wie er den Herrscherstab, den er einst trug und jetzt Ägisth trägt, in unserm Hause ergriff und in die Erde pflanzte. Diesem entsproßte alsobald ein Baum mit Ästen und üppigen Zweigen, der über ganz Mykene seinen Schatten verbreitete. Durch dieses Traumbild geschreckt und zu banger Furcht aufgeregt, schickt sie mich heute, wo Ägisth nicht zu Hause ist, des Vaters Geist mit diesem Grabesopfer zu versöhnen.« »Teure Schwester«, sprach Elektra auf einmal in bittendem Tone, »ferne sei, daß die Spende des feindseligen Weibes das Grab unseres Vaters berühre! Gib das Opfer den Winden, vergrab es tief in den Sand, wo auch kein Teilchen davon die Ruhestätte unsers Vaters erreichen könne. Meinst du, der Tote im Grabe werde das Weihgeschenk seiner Mörderin frohen Mutes empfangen? Wirf du vielmehr alles hin, schneide dir und mir ein paar Locken des Haupthaares ab und bring ihm dieses unser demütiges Haar und meinen Gürtel da, das einzige, was ich habe, als wohlgefälliges Opfer dar. Wirf dich dazu nieder und flehe zu ihm, daß er aus dem Erdenschoß als Beistand gegen unsere Feinde heraufsteigen daß der stolze Fußtritt seines Sohnes Orestes bald erschalle und seine Mörder niedertrete. Dann wollen wir sein Grab mit reicheren Opfern schmücken!« Chrysothemis, zum ersten Male von der Rede der Schwester ergriffen, versprach zu gehorchen und eilte mit dem Opfer der Mutter hinaus ins Freie.

Sie hatte sich noch nicht lange entfernt, so kam Klytämnestra aus den innern Hallen des Palastes und fing in gewohnter Weise auf ihre ältere Tochter zu schmähen an: »Du bist heute wieder ganz ausgelassen, scheint es, Elektra, weil Ägisthos, der dich doch sonst in Schranken hielt, fort ist. Schämst du dich nicht, anders als es einer sittsamen Jungfrau geziemt, den Deinen zur Schande vor das Tor zu gehen und mich da wohl bei den aus- und eingehenden Mägden zu verklagen? Nimmst du noch immer den Vater zum Vorwande deiner Anklage, daß er durch mich gestorben sei? Nun wohl, ich leugne diese Tat nicht, aber nicht ich allein bin es, die sie verrichtete, die Göttin der Gerechtigkeit stand mir zur Seite; und auf ihre Seite solltest du auch treten, wenn du vernünftig wärest. Erfrechte sich nicht dieser dein Vater, den du unaufhörlich beweinst, allein im ganzen Volke, deine Schwester sich und Menelaos zum Vorteil hinzuopfern? Ist ein solcher Vater nicht schändlich und sinnlos? Würde der Toten gewährt zu sprechen, gewiß, sie würde mir recht geben! Ob aber du, Törin, mich schiltst, das gilt mir gleich!«

»Höre mich an«, erwiderte Elektra. »Du gestehst meines Vaters Mord. Das ist Schande genug, mag dieser Mord nun gerecht gewesen sein oder nicht. Aber nicht um der Gerechtigkeit willen hast du ihn erschlagen! Die Schmeichelei des schnöden Mannes trieb dich dazu, der dich jetzt besitzt. Mein Vater opferte fürs Heer und nicht für sich, nicht für Menelaos. Widerstrebend, gezwungen tat er es, dem Volke zulieb. Und wenn er es für sich, wenn er es für seinen Bruder getan hätte, mußte er deswegen von deiner Hand sterben? Mußtest du deinen Mordgenossen zum Gemahl nehmen und die allerschimpflichste Tat auf die allerverruchteste folgen lassen? Oder heißest du das vielleicht auch Vergeltung für den Opfertod deines Kindes?« »Schnöde Brut!« rief Klytämnestra zornglühend ihr entgegen. »Bei der Königin Artemis! du büßest mir diesen Trotz, ist nur erst Ägisth zurückgekommen. Wirst du dein Geschrei einstellen und mich ruhig opfern lassen?«

Klytämnestra wandte sich von der Tochter ab und trat an den Altar des Apollon, der vor dem Palaste wie vor allen Häusern der Griechen aufgestellt war, Haus und Straße zu behüten. Das Opfer, das sie darbrachte, war bestimmt, den Gott der Weissagungen wegen des Traumgesichtes zu versöhnen, das ihr in der letzten Schreckensnacht im Schlafe vorgekommen war.

Und es schien, als wolle der Gott sie erhören. Noch hatte sie nicht ausgeopfert, als ein fremder Mann auf die sie begleitenden Dienerinnen zuschritt und nach der Königswohnung des Ägisth sich erkundigte. Von diesen an die Fürstin des Hauses gewiesen, beugte er die Knie vor ihr und sprach: »Heil dir, o Königin, ich bin gekommen, dir ein willkommenes Wort von deinem und deines Gemahles Freunde zu verkünden. Mich sendet der König Strophios aus Phanote: es starb Orestes; damit ist mein Auftrag zu Ende.« »Dies Wort ist mein Tod«, seufzte Elektra und sank an den Stufen des Palastes nieder. »Was sagst du, Freund?« sprach hastig Klytämnestra, den Altar mit einem Sprunge verlassend. »Kümmre dich nicht um jene Närrin dort! Erzähle mir, erzähle!«

»Dein Sohn Orestes«, hub jener an, »von Ruhmbegier getrieben, war nach Delphi zu den heiligen Spielen gekommen. Als der Herold den Anfang des Wettlaufs verkündigte, so trat er herein in den Kreis, eine glänzende Gestalt, von allen angestaunt. Ehe man ihn recht seinen Anlauf nehmen sah, dem Wind oder dem Blitze gleich, war er am Ziele und trug den Siegespreis davon. Ja, soviel der Kampfrichter Heroldsrufe ergehen ließ, in dem ganzen fünffachen Kampfe der doppelten Rennbahn erschallte jedesmal als Name des Siegers Orestes, der Sohn Agamemnons, des Völkerfürsten vor Troja. Dies war der Anfang der Wettkämpfe. Aber wenn ihn die höhere Gewalt der Götter irremacht, so entgeht auch der Stärkste seinem Lose nicht. Denn als nun am andern Tage wiederum bei Sonnenaufgang das Wettrennen der geflügelten Rosse seinen Anfang nahm, war auch er unter vielen andern Wagenlenkern zur Stelle. Vor ihm waren auf dem Kampfplatz ein Achaier, ein Spartaner und zwei wohlerfahrene Rosselenker aus Libyen erschienen. Auf sie folgte Orestes als der fünfte, mit thessalischen Pferden; dann, mit einem Viergespann von Braunen, kam ein Ätolier; als siebenter ein Wettrenner aus Magnesia, der achte ein Kämpfer aus Ainia mit schönen Schimmeln, beide Thrakier; aus Athen ein neunter und zuletzt auf dem zehnten Wagen saß ein Böotier. Nun schüttelten die Kampfrichter die Lose, die Wagen wurden in der Ordnung aufgestellt, die Trompete gab das Zeichen, und dahin jagten sie alle, die Zügel schwingend und den Rossen Mut einrufend. Das Erz der Wagen dröhnte, der Staub flog empor, keiner sparte die Geißel. Hinter jedem Wagen schnaubten schon die Rosse eines andern. Man war bereits beim siebenten Umlauf. Orest hat es jedesmal, wenn er die Zielsäule umfahren mußte, verstanden, nur leise mit der Nabe anstreifend den Bogen zu nehmen, das Handpferd links straff im Zügel, rechts das äußere locker lassend. Noch flogen die Wagen alle mit gutem Glück dahin, da wurden die hartmäuligen Pferde des Ainianer scheu und rannten gegen den Wagen des Libyers an. Durch diesen einen Fehler geriet alles in Verwirrung, Wagen stürzten an Wagen; und bald war das Feld mit Trümmern bedeckt. Nur der kluge Athener wich seitwärts, hemmte seine Rosse und ließ im innern Kreise den Strudel der Wagen sich ineinanderwühlen. Hinter ihm drein kommend, trieb als der letzte Orestes seine Rosse an. Wie dieser nun alles gestürzt und in Unordnung und den Athener allein noch übrig sieht, klatscht er mit der Peitsche seinem Viergespann ins Ohr, und so fährt bald, beide Führer im Sitz aufrecht und vorgelehnt, das kühne Paar miteinander in die Wette. Jetzt nahte die letzte Säule. Orestes war auf der langen Bahn glücklich vorwärts gekommen und ließ, auf dies sein Glück vertrauend, allmählich auch mit dem innern Zügel nach. So wandte sich sein linkes Roß zu früh, bog um und streifte kaum merklich die Säule der Bahn. Und doch war der Stoß so groß, daß die Nabe mitten durchbrach, der Arme vom Wagensitze glitt und an seinem Zaume dahingeschleift wurde. Als er auf den Boden sank, flogen seine Rosse in wilder Flucht über den Sand; das Volk jammerte laut auf, denn der schöne Jüngling wurde bald am Boden hingeschleift, bald streckte er seine Glieder gen Himmel. Endlich hemmten die Wagenlenker selbst mit Mühe sein Gespann und lösten den Geschleiften ab, der so mit Blut befleckt, so entstellt war, daß selbst seine Freunde den Leib nicht mehr erkannten. Der Leichnam wurde sofort schleunig auf dem Scheiterhaufen verbrannt, und wir Abgeordneten aus Phokis bringen in einer kleinen Urne von Erz den jämmerlichen Überrest seines sittlichen Leibes, damit sein Vaterland ihm ein Grab gönne.«

Der Bote endete: Klytämnestra aber fühlte sich von widersprechenden Gefühlen bewegt; sie sollte sich eigentlich über den Tod des gefürchteten Sohnes freuen; aber doch regte sich das Mutterblut mächtig in ihr, und ein unwiderstehlicher Schmerz verkümmerte ihr das Gefühl der Sorglosigkeit, dem sie sich mit dieser Nachricht endlich hingeben zu dürfen glaubte. Elektra dagegen war nur von einem Gefühle, dem grenzenlosesten Jammer, besessen und machte diesem in lauten Wehklagen Luft. »Wohin soll ich fliehen?« rief sie, als Klytämnestra mit dem Fremdling aus Phokis in den Palast gegangen war; »jetzt erst bin ich einsam, jetzt erst des Vaters beraubt; nun muß ich wieder die Dienstmagd der abscheulichsten Menschen, der Mörder meines Vaters, sein! Aber nein, unter demselben Dache mit ihnen will ich künftig nicht mehr wohnen, lieber werfe ich mich selbst hinaus vor das Tor dieses Palastes und komme draußen im Elend um. Zürnet einer der Hausbewohner darob? Wohl, er gehe heraus und töte mich! Das Leben kann mich nur kränken, und der Tod muß mich erfreuen!«

Allmählich verstummte ihre Klage, und sie versank in ein dumpfes Brüten. Wohl mochte sie stundenlang so in sich vertieft auf der Marmortreppe am Eingange des Palastes, den Kopf auf den Schoß gelegt, gesessen haben, als auf einmal ihre junge Schwester Chrysothemis voll Freude dahergeflogen kam und mit einem Jubelruf die Schwester aus ihrem brütenden Kummer weckte. »Orestes ist gekommen«, rief sie; »er ist leibhaftig da, wie du mich selbst hier vor dir siehest!« Elektra richtete ihr Haupt auf, blickte die Schwester mit weit aufgerissenen Augen an und sprach endlich: »Redest du im Wahnsinn, Schwester, und willst meiner und deiner Leiden spotten?« »Ich melde, was ich gefunden«, stieß Chrysothemis heraus, lachend und weinend zugleich. »Höre, wie ich auf die Spur der Wahrheit kam. Als ich an das überwachsene Grab unsers Vaters kam, da sah ich auf der Höhe Spuren einer frischen Opferspende von Milch und zugleich seine Ruhestätte mit mancherlei Blumen bekränzt. Staunend und ängstlich durchspähete ich den Ort, und als ich niemand gewahr wurde, wagte ich es, weiterzuforschen. Da entdeckte ich am Rande des Grabmals eine frisch abgeschnittene Locke. Auf einmal steigt in meiner Seele, ich weiß nicht wie, das Bild unseres fernen Bruders Orestes auf, und mich ergreift eine Ahnung, daß er, nur er es sei, von welchem diese Spur herrühre. Unter heimlichen Freudentränen greife ich nach der Locke, und hier bringe ich sie. Sie muß von des Bruders Haupte geschnitten sein!«

Elektra blieb bei dieser unsicheren Kunde ungläubig sitzen und schüttelte das Haupt. »Ich bedaure dich deiner törichten Leichtgläubigkeit wegen«, sprach sie; »du weißt nicht, was ich weiß.« Und nun erzählte sie der Schwester die ganze Botschaft des Phokiers, so daß der armen Chrysothemis, die sich von Wort zu Wort mehr um ihre Hoffnung betrogen fand, nichts übrigblieb, als in den Weheruf mit einzustimmen. »Ohne Zweifel«, sagte Elektra, »rührt die Locke von irgendeinem teilnehmenden Freunde her, der dem jämmerlich umgekommenen Bruder am Grabe des ermordeten Vaters ein Andenken stiften wollte.« Und doch hatte sich die Heldenjungfrau unter diesen Gesprächen wieder ermannt und machte der Schwester den Vorschlag: da die letzte Hoffnung, den Vater durch die Hand des Sohnes zu rächen, mit Orestes erloschen sei, die große Tat gemeinschaftlich mit ihr selbst zu vollführen und den Missetäter Ägisth zu töten. »Besinne dich«, sprach sie; »du hast das Leben und sein Glück lieb, Chrysothemis! Nun hoffe nur nicht, daß Ägisth je gestatten werde, daß wir uns vermählen und des Agamemnons Geschlecht, ihm und den Seinigen zur Rache, aus uns erneut hervorsprosse. Willst du aber meinem Ratschlage gehorchen, so verdienst du dir den Ruhm der Treue um Vater und Bruder, wirst in Zukunft frei herangewachsen leben, wirst durch einen würdigen Ehebund beglückt werden. Denn wer sähe sich nicht gerne nach einer so edlen Tochter um? Dazu wird alle Welt uns zwei Geschwister preisen, am Festmahl und in der Volksversammlung werden wir für unsere Mannestat nichts als Ehre ernten! Darum folge mir, du Liebe! hilf dem Vater, dem Bruder, rette mich, rette dich selbst aus der Not! Bedenke doch, wie ein schimpfliches Leben Edelgeborene schändet!«

Aber Chrysothemis fand den Vorschlag der plötzlich begeisterten Schwester unvorsichtig, unklug, unausführbar. »Auf was vertrauest du denn?« fragte sie. »Hast du Männerfaust und bist nicht ein Weib? Stehest du nicht den mächtigsten Feinden, deren Glück von Tage zu Tage sich fester begründet, gegenüber? Wahr ist’s, wir leiden Hartes; aber siehe zu, daß wir uns nicht noch Unerträglicheres zuziehen. Einen schönen Ruf können wir freilich gewinnen; aber nur durch einen schmählichen Tod! Und vielleicht ist Sterben nicht das Schlimmste, und es würde uns noch Schnöderes zuteil als der Tod. Drum, ehe wir so rettungslos verderben, laß dich erflehen, Schwester, bezwing deinen Unmut! Was du mir anvertraut hast, will ich als das tiefste Geheimnis bewahren!«

»Deine Rede überrascht mich nicht«, erwiderte mit einem tiefen Seufzer Elektra. »Ich wußte wohl, daß du meinen Vorschlag weit von dir werfen würdest. So muß ich denn ganz allein, mit eigenen Händen, an das Werk gehen. Wohl, es ist auch so recht!« Weinend umschlang sie Chrysothemis. Aber die hohe Jungfrau blieb unerbittlich. »Geh«, sprach sie kalt, »zeige nur alles deiner Mutter an.« Und als die Schwester weinend den Kopf schüttelte und davonging, so rief sie ihr nach: »Geh, geh! nie werde ich deinem Tritte folgen!«

Sie saß noch immer unbeweglich auf der Schwelle des Palastes, als zwei junge Männer in der Begleitung anderer mit einer Totenurne dahergeschritten kamen. Der schönste und blühendste von ihnen wandte sich an Elektra, fragte nach der Wohnung des Königes Ägisth und gab sich als einen der Abgesandten aus Phokis kund. Da sprang Elektra auf und streckte die Hände nach der Urne aus. »Bei den Göttern, Fremdling!« rief sie, »wenn ihn dies Gefäß verhüllet, so gib es mir, auf daß ich mit seiner Asche den ganzen unglückseligen Stamm bejammere!«

»Wer sie auch sein mag«, sprach der Jüngling, die Jungfrau aufmerksamer betrachtend, »gebet ihr die Urne! Sicherlich hegt sie keine Feindschaft gegen den Toten, ist vielmehr eine Freundin oder gar ein ihm anverwandtes Blut.« Elektra faßte die Urne mit beiden Händen, drückte sie wieder und immer wieder ans Herz und rief dazu in unverhaltenem Jammerton: »O du Überrest des geliebtesten Menschen! Wie mit ganz anderer Hoffnung habe ich dich ausgesandt und begrüße dich jetzt, da du so zurückkehrtest! Wär ich doch lieber gestorben, anstatt dich in die Ferne hinauszusenden; dann wärest du an demselben Tage am Grabe des Vaters als Schlachtopfer gesunken, wärest nicht in der Verbannung umgekommen und von Fremdlingshänden bestattet worden! So war denn all meine Pflege, all meine süße Mühe umsonst! Das alles ist mit dir gestorben; der Vater ist tot, ich selbst bin tot, seitdem du nicht mehr lebst: die Feinde lachen, unsere Mutter genießt in wilder Lust, denn jetzt fürchtet sie keine heimlichen Rachebotschaften, an mich von dir gerichtet, mehr. Ach, nähmest du mich doch auch mit auf in deine Urne; ich bin vernichtet, laß mich dein Nichts mit dir teilen!«

Als die Jungfrau so jammerte, konnte sich der Jüngling, der an der Spitze der Gesandten stand, nicht länger halten und seine Zunge nicht mehr zwingen. »Ist’s möglich«, rief er, »diese Jammergestalt soll Elektras edles Bild sein? O gottlos, o frevelhaft entstellter Leib! Wer hat dich so zugerichtet?« Elektra blickte ihn verwundert an und sprach: »Das macht, ich muß den Mördern meines Vaters dienen, gezwungen von der verruchten Mutter, und mit der Asche in dieser Urne ist alle meine Hoffnung dahin!« »Stell diesen Aschenkrug weg!« rief der Jüngling mit tränenerstickter Stimme, und als Elektra sich weigerte und die Urne fester ans Herz drückte, sprach er weiter: »Weg mit der leeren Urne, es ist alles nur Schein!« Da schleuderte die Jungfrau das Gefäß von sich und rief in Verzweiflung: »Wehe mir! wo ist sein Grab denn?« »Nirgends« war die Antwort des Jünglings; »den Lebendigen wird kein Grab gemacht!« »So lebt er, lebt er?« »Er lebt, wenn anders ich selbst vom Lebenshauch beseelt bin; ich bin Orestes, bin dein Bruder, erkenne mich an diesem Malzeichen, mit dem der Vater mich am Arme gezeichnet! Glaubst du nun, daß ich lebe?« »O Lichtstrahl in der Nacht!« rief Elektra und lag in seinen Armen.

In diesem Augenblicke kam der Mann aus dem Palast, welcher der Königin die falsche Todesbotschaft aus Phokis überbracht hatte; es war der Pfleger des jungen Orestes, dem einst Elektra selbst den Knaben übergeben und der ihn auf ihren Befehl ins Land des Phokier geleitet hatte. Als er mit kurzen Worten der Jungfrau dieses kundtat, reichte sie ihm erfreut die Hand und sprach: »O du einziger Retter dieses Hauses! Welchen Dienst haben mir diese teuren Hände, diese treu bemühten Füße geleistet! Wie verbargst du dich so lange unentdeckt? Wie habt ihr doch alles angelegt und verabredet?« Aber der Pfleger stand ihren ungestümen Fragen nicht Rede. »Es wird die Zeit kommen, da ich dir alles mit Gemächlichkeit erzählen kann, edle Königstochter! Jetzt aber drängt die Stunde zum Angriff, zur Rache! Noch ist Klytämnestra allein im Hause, noch bewacht sie kein Mann drinnen; denn Ägisth verweilt noch in der Ferne! Wenn ihr aber noch einen Augenblick zögert, so habt ihr mit vielen und Überlegenen den Kampf zu wagen!«Orestes stimmte ein und eilte mit seinem treuen Freunde Pylades, dem Sohne des Königes Strophios aus Phokis, der an seiner Seite gekommen war, und mit allen andern Begleitern in den Palast, und Elektra, nachdem sie flehend den Altar Apollos umfaßt hatte, folgte ihnen.

Wenige Minuten waren verflossen, als Ägisth zurückkehrend in den Palast trat und hastig nach den Phokiern fragte, die, wie er unterwegs vernommen, die Freudenbotschaft von Orestes‘ Tode gebracht hätten. Die erste, die ihm im Innern des Königshauses begegnete, war Elektra, und er richtete mit höhnendem Übermut auch an sie die Frage: »Sprich, du Hochfahrende, wo sind die Fremdlinge, die deine Hoffnung vernichtet haben?« Elektra unterdrückte ihr Gefühl und antwortete ruhig: »Nun, sie sind drinnen, ihrer lieben Wirtin zugeführt!« »Und melden sie«, fuhr er fort, »auch wahrhaftig seinen Untergang?« »O ja,« erwiderte Elektra, »nicht nur dies, sondern sie haben ihn selbst bei sich.« »Das ist das erste erfreuliche Wort, das ich von deinen Lippen höre!« sprach hohnlachend Ägisth, »doch siehe, da bringen sie ja den Toten schon!«

Frohlockend ging er dem Orestes und seinen Begleitern entgegen, die einen verhüllten Leichnam aus dem Innern des Palastes in die Vorhalle trugen. »O froher Anblick«, rief der König und heftete seine gierigen Augen darauf, »hebet schnell die Decke auf, laßt mich ihn des Anstands halber beklagen; es ist ja doch verwandtes Blut!« So sprach er spottend. Orestes aber entgegnete: »Erhebe du selbst die Decke, Herrscher! dir allein gebührt es, liebevoll zu sehen und zu begrüßen, was unter dieser Hülle liegt!« »Wohl«, antwortete Ägisth, »aber ruf auch Klytämnestra herbei, daß sie schaue, was sie gerne sehen wird.« »Klytämnestra ist nicht ferne«, rief Orestes. Indem lüftete der König die Decke und fuhr mit einem Schrei des Entsetzens zurück: nicht die Leiche des Orestes, wie er gehofft hatte – der blutige Leichnam Klytämnestras zeigte sich seinen Blicken. »Weh mir«, schrie er, »in welcher Männer Netze bin ich Unglückseliger geraten?« Orestes aber donnerte ihn mit tiefer Stimme an: »Weißt du denn nicht schon lange, daß du zu Lebendigen als zu Toten sprächest? Siehest du nicht, daß Orestes, der Rächer seines Vaters, vor dir steht?« »Laß mich reden!« sprach zusammengesunken Ägisth. Aber Elektra beschwor den Bruder, ihn nicht anzuhören. Verstummend stießen ihn die Ankömmlinge hinein in den Palast und an demselben Orte, wo er einst den König Agamemnon im Bade gemordet, fiel Ägisth wie ein Opfertier unter den Streichen des Rächers.

Agamemnon und Iphigenia



Agamemnon und Iphigenia

Während nun die Flotte zu Aulis sich versammelte, vertrieb der Völkerfürst Agamemnon sich die Zeit mit der Jagd. Da kam ihm eines Tages eine herrliche Hindin in den Schuß, die der Göttin Artemis geheiligt war. Die Jagdlust verführte den Fürsten: er schoß nach dem heiligen Wild und erlegte es mit dem prahlenden Worte, Artemis selbst, die Göttin der Jagd, vermöge nicht besser zu treffen. Über diesen Frevel erbittert, schickte die Göttin, als in der Bucht von Aulis alles Griechenvolk gerüstet mit Schiffen, Roß und Wagen beisammen war und der Seezug nun vor sich gehen sollte, dem versammelten Heere tiefe Windstille zu, so daß man ohne Ziel und Fahrt müßig in Aulis sitzen mußte. Die ratsbedürftigen Griechen wandten sich nun an ihren Seher Kalchas, den Sohn des Thestor, welcher dem Volke schon früher wesentliche Dienste geleistet hatte und jetzt erschienen war, als Priester und Wahrsager den Feldzug mitzumachen. Dieser tat auch jetzt den Ausspruch: »Wenn der oberste Führer der Griechen, der Fürst Agememnon, Iphigenia, sein und Klytämnestras geliebtes Kind, der Artemis opfert, so wird die Göttin versöhnt sein, Fahrwind wird kommen, und der Zerstörung Trojas wird kein übernatürliches Hindernis mehr im Wege stehen.«

Diese Worte des Sehers raubten dem Feldherrn der Griechen allen Mut. Sogleich beschied er den Herold der versammelten Griechen, Talthybios aus Sparta, zu sich und ließ denselben mit hellem Heroldsruf vor allen Völkern verkündigen, daß Agamemnon den Oberbefehl über das griechische Heer niedergelegt habe, weil er keinen Kindesmord auf sein Gewissen laden wolle. Aber unter den versammelten Griechen drohte auf die Verkündigung dieses Entschlusses eine wilde Empörung auszubrechen. Menelaos begab sich mit dieser Schreckensnachricht zu seinem Bruder in das Feldherrnzelt, stellte ihm die Folgen seiner Entschließung, die Schmach, die ihn, den Menelaos, treffen würde, wenn sein geraubtes Weib Helena in Feindeshänden bleiben sollte, vor und bot so beredt alle Gründe auf, daß endlich Agamemnon sich entschloß, den Greuel geschehen zu lassen. Er sandte an seine Gemahlin Klytämnestra nach Mykene eine briefliche Botschaft, welche ihr befahl, die Tochter Iphigenia zum Heere nach Aulis zu senden, und bediente sich, um diesem Gebote Gehorsam zu verschaffen, des in der Not erdichteten Vorwandes, die Tochter solle, noch bevor das Heer der trojanischen Küste zusegle, mit dem jungen Sohne des Peleus, dem herrlichen Phthierfürsten Achill, von dessen geheimer Vermählung mit Deïdameia niemand wußte, verlobt werden. Kaum aber war der Bote fort, so bekam in Agamemnons Herzen das Vatergefühl wieder die Oberhand. Von Sorgen gequält und voll Reue über den unüberlegten Entschluß, rief er noch in der Nacht einen alten vertrauten Diener und übergab ihm einen Brief an seine Gemahlin Klytämnestra zur Bestellung; in diesem stand geschrieben, sie sollte die Tochter nicht nach Aulis schicken, er, der Vater, habe sich eines andern besonnen, die Vermählung müsse bis aufs nächste Frühjahr aufgeschoben werden. Der treue Diener eilte mit dem Briefe davon, aber er erreichte sein Ziel nicht. Noch ehe er vor der Morgendämmerung das Lager verließ, ward er von Menelaos, dem die Unschlüssigkeit des Bruders nicht entgangen war, der ebendeswegen alle seine Schritte überwacht hatte, ergriffen, der Brief ihm mit Gewalt entrissen und sofort von dem jüngern Atriden erbrochen. Das Blatt in der Hand, trat Menelaos abermals in das Feldherrnzelt des Bruders. »Es gibt doch«, rief er ihm unwillig entgegen, »nichts Ungerechteres und Ungetreueres als den Wankelmut! Erinnerst du dich denn gar nicht mehr, Bruder, wie begierig du nach dieser Feldherrnwürde strebtest, wie du vor übel verheimlichter Lust branntest, das Heer vor Troja zu führen? wie demütig du dich da gegen alle griechischen Fürsten gebärdetest, wie gnädig du jedem Danaer die Rechte schütteltest? Deine Tür war stets unverschlossen; jedem, auch dem Untersten des Volkes, schenktest du Zutritt, und alle diese Geschmeidigkeit bezweckte nichts anderes, als dir jene Würde zu verschaffen. Aber als du nun Herr geworden warest, da war alles bald anders; da warst du nicht mehr deiner alten Freunde Freund wie vorher; zu Hause warst du schwer zu treffen, draußen bei dem Heere zeigtest du dich nur selten. So sollte es ein Ehrenmann nicht machen; er sollte am meisten dann sich unveränderlich gegen seine Freunde zeigen, wenn er ihnen am meisten nützen kann! Du hingegen, wie hast du dich betragen? Als du mit dem Griechenheere nach Aulis gekommen warest und, vom göttlichen Geschicke heimgesucht, vergebens auf Fahrwind hofftest und nun im Heere rings der Ruf sich hören ließ: ›Laßt uns davonsegeln und nicht vergebens in Aulis uns abmühen!‹, wie zerstört und trostlos blickte da dein Auge umher und wie wußtest du mitsamt deinen Schiffen keinen Rat! Damals beriefst du mich und verlangtest nach einem Auswege, deine schöne Feldherrnwürde nicht zu verlieren. Und als hierauf der Seher Kalchas befahl, anstatt eines Opfers der Artemis deine Tochter darzubringen, da gelobtest du nach kurzem Zuspruche freiwillig deines Kindes Opferung und schicktest Botschaft an dein Weib Klytämnestra, deine Tochter, wie du angabst, als Braut des Achill, herzusenden. Und jetzt, o Schande, beugst du doch wieder aus und verfassest eine neue Schrift, durch welche du erklärst, des Kindes Mörder nicht werden zu können? Aber freilich, tausend andern ist es schon so gegangen wie dir. Rastlos, bis sie ans Ruder gelangt sind, treten sie später schimpflich zurück, wenn es gilt, das Ruder mit Aufopferung zu lenken! Und doch taugt keiner zum Heeresfürsten und Staatenlenker, der nicht Einsicht und Verstand hat und dieselben auch in den schwierigsten Lagen des Lebens nicht verliert!«

Solche Vorwürfe aus dem Munde des Bruders waren nicht geeignet, das Herz Agamemnons zu beruhigen. »Was schnaubst du so schrecklich«, entgegnete er ihm, »was ist dein Auge wie mit Blut unterlaufen? Wer beleidigt dich denn? Was vermissest du denn? Deine liebenswürdige Gattin Helena? Ich kann sie dir nicht wieder verschaffen! Warum hast du deines Eigentums nicht besser wahrgenommen? Bin ich denn töricht, wenn ich einen Mißgriff durch Besinnung wiedergutgemacht habe? Viel eher handelst du unvernünftig, der du aufs neue nach der Hand eines falschen Weibes trachtest, anstatt daß du froh sein solltest, ihrer losgeworden zu sein. Nein, nimmermehr entschließe ich mich, gegen mein eigenes Blut zu wüten. Weit besser stände dir selbst die gerechte Züchtigung deines buhlerischen Weibes an.«

So haderten die Brüder miteinander, als ein Bote vor ihnen erschien und dem Fürsten Agamemnon die Ankunft seiner Tochter Iphigenia meldete, der die Mutter und sein kleiner Sohn Orestes auf dem Fuße folgten. Kaum hatte der Bote sich wieder entfernt, so überließ sich Agamemnon einer so trostlosen und herzzerreißenden Verzweiflung, daß Menelaos selbst, der bei Ankunft der Botschaft auf die Seite getreten war, jetzt sich dem Bruder wieder näherte und nach seiner rechten Hand griff. Agamemnon reichte sie ihm wehmütig dar und sprach unter heißen Tränen: »Da hast du sie, Bruder; der Sieg ist dein! Ich bin vernichtet!« Menelaos dagegen schwor ihm, von der alten Forderung abstehen zu wollen; ja er ermahnte ihn selbst jetzt, sein Kind nicht zu töten, und erklärte einen guten Bruder um Helenas willen nicht verderben und nicht verlieren zu wollen. »Bade doch dein Angesicht nicht länger in Tränen«, rief er. »Gibt der Götterspruch mir Anteil an deiner Tochter, so wisse, daß ich denselben ausschlage und meinen Teil dir abtrete! Wundre dich nicht, daß ich von der Heftigkeit meiner natürlichen Gemütsart umgekehrt bin zur Bruderliebe; denn biedern Mannes Weise ist es, der bessern Überzeugung zu folgen, sobald sie in unserm Herzen die Oberhand gewinnt!«

Agamemnon warf sich dem Bruder in den Arm, doch ohne über das Geschick seiner Tochter beruhigt zu sein. »Ich danke dir«, sprach er, »lieber Bruder, daß uns gegen Verhoffen dein edler Sinn wieder zusammengeführt hat. Über mich aber hat das Schicksal entschieden. Der blutige Tod der Tochter muß vollzogen sein: das ganze Griechenland verlangt ihn; Kalchas und der schlaue Odysseus sind einverstanden; sie werden das Volk auf ihrer Seite haben, dich und mich ermorden und mein Töchterlein abschlachten lassen. Und flöhen wir gen Argos, glaube mir, sie kämen und rissen uns aus den Mauern hervor und schleiften die alte Zyklopenstadt! Deswegen beschränke dich darauf, Bruder, wenn du in das Lager kommst, darüber zu wachen, daß meine Gemahlin Klytämnestra nichts erfahre, bis daß mein und ihr Kind dem Orakelspruch erlegen ist!«

Die herannahenden Frauen unterbrachen das Gespräch der Brüder, und Menelaos entfernte sich in trüben Gedanken.

Die Begrüßung der beiden Gatten war kurz und von Agamemnons Seite frostig und verlegen; die Tochter aber umschlang den Vater mit kindlicher Zuversicht und rief. »O Vater, wie entzückt mich dein lang entbehrtes Angesicht!« Als sie ihm hierauf näher in sein sorgenvolles Auge sah, fragte sie zutraulich: »Warum ist dein Blick so unruhig, Vater, wenn du mich doch gerne siehst?« »Laß das, Töchterchen«, erwiderte der Fürst mit beklommenem Herzen; »den König und den Fürsten kümmert gar vielerlei!« »So verbanne doch diese Furchen«, sprach Iphigenia, »und schlage ein liebendes Auge zu deiner Tochter auf! Warum ist es denn so von Tränen angefeuchtet?« »Weil uns eine lange Trennung bevorsteht«, erwiderte der Vater. »O wie glücklich wäre ich«, rief das Mädchen, »wenn ich deine Schiffsgefährtin sein dürfte!« »Nun, auch du wirst eine Fahrt anzutreten haben«, sagte Agamemnon ernst, »zuvor aber opfern wir noch ein Opfer, bei dem du nicht fehlen wirst, liebe Tochter!« Die letzten Worte erstickten unter Tränen, und er schickte das ahnungslose Kind in das für sie bereitgehaltene Zelt zu den Jungfrauen, die in ihrem Gefolge gekommen waren. Mit der Mutter mußte der Atride seine Unwahrheit fortsetzen und die fragende, neugierige Fürstin über Geschlecht und Verhältnisse des ihr zugedachten Bräutigams unterhalten. Nachdem sich Agamemnon von der Gemahlin losgemacht, begab er sich zu dem Seher Kalchas, um mit diesem das Nähere wegen des unvermeidlichen Opfers zu verabreden.

Derweilen mußte der tückische Zufall Klytämnestra im Lager mit dem jungen Fürsten Achill, der den Heerführer Agamemnon aufsuchte, weil seine Myrmidonen den längern Verzug nicht ertragen wollten, zusammenführen, und sie nahm keinen Anstand, ihn als den künftigen Eidam mit freundlichen Worten zu begrüßen. Aber Achill trat verwundert zurück. »Von welcher Hochzeit redest du, Fürstin?« sprach er. »Niemals habe ich um dein Kind gefreit, nie ist ein Einladungswort zur Vermählung von deinem Gemahl Agamemnon an mich gelangt!« So begann das Truggewebe vor Klytämnestras Augen aufgedeckt zu werden, und sie stand unentschlossen und voll Beschämung vor Achill. Dieser aber sagte mit jugendlicher Gutmütigkeit: »Laß dich’s nicht kümmern, Königin; wenn auch jemand seinen Scherz mit dir getrieben hätte, nimm es leicht, und verzeih mir, wenn mein Erstaunen dir wehe getan hat.« Und so wollte er mit ehrerbietigem Gruße davoneilen, den Feldherrn aufzusuchen: da öffnete eben ein Diener das Zelt Agamemnons und rief mit verstörter Miene den beiden Sprechenden entgegen; es war der vertraute Sklave Agamemnons und Klytämnestras, den Menelaos mit dem Briefe ergriffen hatte. »Höre«, sprach er leise, doch atemlos, »was dir dein treuer Diener zu vertrauen hat: deine Tochter will der Vater eigenhändig töten!« Und nun erfuhr die zitternde Mutter das ganze Geheimnis aus dem Munde des getreuen Sklaven. Klytämnestra warf sich dem jungen Sohne des Peleus zu Füßen, und seine Knie wie eine Schutzflehende umfassend, rief sie: »Ich erröte nicht, so vor dir im Staube zu liegen, ich, die Sterbliche, vor dem Göttersprößling. Weiche, Stolz, vor der Mutterpflicht! Du aber, o Sohn der Göttin, rette mich und mein Kind von der Verzweiflung! Dir, als ihrem Gatten, habe ich sie bekränzt hierhergeführt; zwar eitlerweise, dennoch heißest du mir meines Mädchens Bräutigam! Bei allem, was dir teuer ist, bei deiner göttlichen Mutter beschwöre ich dich, hilf sie mir jetzt retten. Sieh, ich habe keinen Altar, zu dem ich flüchten könnte, als deine Knie! Du hast Agamemnons grausames Unterfangen gehört; du siehest, wie ich, ein wehrloses Weib, in die Mitte eines gewalttätigen Heeres eingetreten bin! Breite über uns deinen Arm aus, so ist uns geholfen!«

Achill hob die vor ihm liegende Königin voll Ehrfurcht vom Boden und sprach: »Sei getrost, Fürstin! Ich bin in eines frommen, hilfreichen Mannes Haus aufgezogen worden; am Herde Chirons habe ich schlichte, redliche Sinnesart gelernt. Ich gehorche den Söhnen des Atreus gerne, wenn sie mich zum Ruhme führen; aber schnödem Befehle gehorche ich nicht. Darum will ich dich schützen, soweit es den Armen eines Jünglings möglich ist, und nimmermehr soll deine Tochter, die einmal mein genannt wurde, von ihrem Vater hingewürgt werden. Ich selbst erschiene mir nicht unbefleckt, wenn meine erlogene Brautschaft dieses Kind verdürbe, ich käme mir wie der feigste Wicht im Heere und wie der Sohn eines Missetäters vor, wenn mein Name deinem Gemahl zum Vorwand eines Kindesmordes dienen könnte.« »Ist das wirklich dein Wille, edler, mitleidiger Fürst«, rief Klytämnestra, außer sich vor Freude, »oder erwartest du vielleicht noch, daß auch meine Tochter deine Knie als Schutzflehende umschlingen soll? Zwar ist es nicht jungfräulich; aber wenn es dir gefällt, so wird sie züchtiglich nahen, wie es einer Freigebornen ziemt.« »Nein«, entgegnete ihr Achill, »führe dein Mädchen nicht vor mein Angesicht, damit wir nicht in Verdacht und üble Nachrede kommen, denn ein so großes Heer, das keine Heimatsorgen hat, liebt faules Geschwätz; aber vertraue mir, ich habe nie gelogen. Möge ich selbst sterben, wenn ich dein Kind nicht rette.« Mit dieser Versicherung verließ der Sohn des Peleus Iphigenias Mutter, die jetzt mit unverhehltem Abscheu vor ihren Gatten Agamemnon trat. Dieser, der nicht wußte, daß der Gemahlin das Geheimnis verraten war, rief ihr die zweideutigen Worte entgegen: »Entlaß jetzt dein Kind aus dem Zelte und übergib es dem Vater, denn Mehl und Wasser und das Opfer, das unter dem Stahle vor dem Hochzeitsfest fallen soll, alles ist schon bereit.« »Vortrefflich«, rief Klytämnestra, und ihr Auge funkelte, »tritt selbst aus unserem Zelte hervor, o Tochter, du kennst ja gründlich deines Vaters Willen, nimm auch deinen kleinen Bruder Orestes mit heraus!« Und als die Tochter erschienen war, fuhr sie fort: »Siehe, Vater, hier steht sie dir zu Gehorsam da, laß auch mich zuvor ein Wort an dich richten: sage mir ohne Winkelzüge, willst du meine und deine Tochter umbringen?« Lange stand der Feldherr lautlos da, endlich rief er in Verzweiflung aus: »O mein Schicksal, mein böser Geist! Aufgedeckt ist mein Geheimnis, alles ist verloren!« »So höre mich denn«, sprach Klytämnestra weiter; »ich will mein ganzes Herz vor dir ausschütten. Mit einem Verbrechen hat unsre Ehe begonnen; du hast mich gewaltsam entführt, hast meinen früheren Gatten erschlagen, mein Kind mir von der Brust genommen und getötet. Schon zogen meine Brüder Kastor und Pollux auf ihren Rossen mit Heeresmacht gegen dich heran. Mein alter Vater Tyndareos war es, der dich, den Flehenden, rettete, und so wurdest du aufs neue mein Gemahl. Du selbst wirst es bezeugen, daß ich tadellos in diesem Ehebunde war, deine Wonne im Hause und dein Stolz draußen. Drei Mädchen und diesen Sohn habe ich dir geboren, und nun willst du des ältesten Kindes mich berauben; und fragt man dich, warum, so antwortest du: damit dem Menelaos seine Ehebrecherin wieder zuteil werde! O zwinge mich nicht, bei den Göttern, schlecht gegen dich zu werden, und sei nicht schlecht gegen mich! Du willst deine Tochter opfern? Welch Gebet willst du dabei sprechen, was willst du dir beim Tochtermord erflehen? Eine unglückselige Rückkehr, so wie du jetzt schmählich von Hause wegziehst? Oder soll ich etwa Segen für dich erbitten? Müßte ich doch die Götter selbst zu Mördern machen, wenn ich es täte! Warum soll es denn dein eigenes Kind sein, das als Opfer fällt? Warum sprichst du nicht zu den Griechen: ›Wenn ihr vor Troja schiffen wollet, so werfet das Los darüber, wessen Tochter sterben soll.‹ Nun soll ich, deine treue Gattin, mein Kind verlieren, während er, dessen Sache ausgefochten wird, Menelaos, seiner Tochter Hermione sich ohne Sorgen erfreuen darf, während seine treulose Gattin dieses Kind in Spartas Pflege geborgen weiß! Antworte, ob ich ein einziges ungerechtes Wort gesagt habe. Ward aber von mir die Wahrheit gesprochen, o so töte doch deine und meine Tochter nicht; tu es nicht, besinne dich!«

Jetzt warf sich auch Iphigenia zu den Füßen ihres Vaters und sprach mit erstickter Stimme: »Besäße ich den Zaubermund des Orpheus, o Vater, daß ich Felsen lenken könnte, so wollte ich mich mit beredten Worten an dein Mitleid wenden. Jetzt aber sind alle meine Künste nur Tränen, und anstatt des Ölzweigs umflechte ich dein Knie mit meinem Leibe. Verdirb mich nicht frühzeitig, Vater; lieblich ist das Licht zu schauen, nötige mich nicht, das zu sehen, was die Nacht verbirgt! Gedenke deiner Liebkosungen, mit welchen du mich als Kind auf deinem Vaterschoße gewiegt hast! Noch weiß ich alle deine Reden: wie du hofftest, mich in eines edlen Mannes Wohnung einzuführen, mich in Wohlergehen und Blüte zu schauen, wenn du heimgekehrt wärest. Du aber hast das alles vergessen; du willst mich töten! O tu es nicht, bei dieser Mutter beschwöre ich dich, die mich mit Schmerzen geboren hat und jetzt noch größeren Schmerz um mich empfindet! Was gehen mich Helena und Paris an? Warum muß ich sterben, weil er nach Griechenland gekommen ist? O blicke mich an; gönne mir dein Auge, deinen Kuß, daß ich doch sterbend noch ein Andenken von dir empfange, wenn dich mein Wort nicht mehr zu rühren vermag! Sieh deinen Knaben, meinen Bruder, an, Vater; schweigend fleht er für mich. Er ist noch ein Küchlein; ich aber bin herangereift! So laß dich doch erweichen und erbarme dich meiner. Das Licht zu schauen ist für Sterbliche doch das Holdseligste! Elend leben ist besser als der allerschönste Tod.«

Aber Agamemnons Entschluß war gefaßt, er stand unerbittlich wie ein Fels und sprach: »Wo ich Mitleid fühlen darf, da fühle ich Mitleid; denn ich liebe meine Kinder, ich wäre ja sonst ein Rasender. Mit schwerem Herzen, o Gemahlin, führe ich das Schreckliche aus, aber ich muß. Ihr sehet ja, welch ein Schiffsheer mich umringt, wie viele Fürsten im Kriegspanzer mich umstehen; diese alle finden die Fahrt nach Troja nicht, Troja wird nicht erobert, wenn ich dich nicht opfere, Kind, nach dem Ausspruche des Sehers. Diese Helden alle wollen den Entführungen der Griechenfrauen ein Ziel stecken; sie sind es fest entschlossen; und bekämpft‘ ich nun diesen Götterspruch, so mordeten sie euch und mich. Hier hat meine Macht eine Grenze; nicht meinem Bruder Menelaos, sondern ganz Griechenland weiche ich.«

Ohne weitere Bitten abzuwarten, entfernte sich der König und ließ die jammernden Frauen allein in seinem Zelte. Da hallte plötzlich Waffenlärm vor diesem. »Es ist Achill«, rief Klytämnestra freudig. Vergebens suchte sich Iphigenia in tiefer Beschämung vor dem erheuchelten Bräutigam zu verbergen. Der Sohn des Peleus trat, von einigen Bewaffneten begleitet, hastig in das Zelt: »Unglückliche Tochter Ledas«, rief er, »das ganze Lager ist im Aufruhr und verlangt den Tod deiner Tochter; ich selbst, der mich dem Geschrei widersetzte, wäre fast gesteiniget worden.« »Und deine Myrmidonen?« fragte Klytämnestra mit stockendem Atem. »Die empörten sich zuerst«, fuhr Achill fort, »und schalten mich einen liebeskranken Schwätzer. Mit diesem treuen Häuflein hier komme ich, euch gegen den anrückenden Odysseus zu verteidigen. Tochter, klammere dich an deine Mutter; mein Leib soll euch decken, ich will sehen, ob sie es wagen, den Sohn der Göttin anzugreifen, von dessen Leben das Schicksal Trojas abhängt.« Diese letzten Worte, die einen Schimmer von Hoffnung enthielten, gaben der Mutter den Atem wieder.

Jetzt aber machte sich Iphigenia aus ihren Armen los, richtete ihr Haupt auf und stellte sich mit entschlossenen Schritten vor die Königin und den Fürsten: »Höret meine Reden an!« sprach sie mit einer Stimme, die alles Zittern verloren hatte, »vergebens, liebe Mutter, zürnst du deinem Gatten; er kann sich nicht gegen das Notwendige stemmen. Alles Lob verdient der Eifer dieses Fremdlings, aber er wird es büßen müssen, und du wirst gelästert werden. Höret deswegen den Entschluß, den mir die Überlegung eingegeben hat. Ich habe beschlossen zu sterben; ich verbanne jede niedrige Regung aus meiner freien Brust und will es vollenden. Auf mir ruht jetzt jedes Auge des herrlichen Griechenlands, auf mir die Fahrt der Flotte und der Fall Trojas, auf mir die Ehre der griechischen Frauen. Alles dieses werde ich mit meinem Tode schirmen; mit Ruhm wird sich mein Name bedecken; die Befreierin Griechenlands werde ich heißen. Soll ich, eine Sterbliche, der Göttin Artemis in den Weg treten, weil es ihr gefällt, mein Leben für das Vaterland zu verlangen? Nein, ich gebe es willig dahin; opfert mich, zerstöret Troja, das wird mein Denkmal sein und mein Hochzeitsfest.«

Mit leuchtendem Blicke, wie eine Göttin, stand Iphigenia vor der Mutter und dem Peliden, während sie also sprach. Da senkte sich der herrliche Jüngling Achill vor ihr auf ein Knie und rief.»Kind Agamemnons! die Götter machten mich zum glückseligsten Menschen, wenn mir deine Hand zuteil würde. Um dich beneide ich Griechenland, und um Griechenland, das dir angetrauet ist, dich. Liebessehnsucht ergreift mich nach dir, du Herrliche, nun ich dein Wesen geschaut habe. Erwäg es wohl! Der Tod ist ein schreckliches Übel, ich aber möchte dir gern Gutes tun, möchte dich heimführen zum Leben und Glück!« Lächelnd erwiderte ihm Iphigenia: »Männerkrieg und Mord genug hat Frauenschönheit durch die Tyndaridin angeregt, mein lieber Freund; stirb nicht auch du für ein Weib, noch töte jemand um meinetwillen. Nein, laß mich Griechenland retten, wenn ich es vermag!« »Erhabene Seele«, rief der Pelide, »tue, was dir gefällt, ich aber eile mit diesen meinen Waffen zum Altar, deinen Tod zu hindern. In deiner Unbesonnenheit darfst du mir nicht sterben, vielleicht nimmst du mich noch beim Worte, wenn du den Mordstahl auf deinen Nacken gezückt siehst.« So eilte er der Jungfrau voran, die bald darauf, der Mutter alle Klage verbietend und ihr den kleinen Bruder Orestes auf die Arme legend, im beseligenden Bewußtsein, das Vaterland zu retten, dem Tode freudig entgegenging. Die Mutter warf sich im Zelt auf ihr Angesicht und vermochte nicht, ihr zu folgen.

Unterdessen versammelte sich die ganze griechische Heeresmacht in dem blumenreichen Haine der Göttin Athene vor der Stadt Aulis. Der Altar war errichtet, und neben ihm stand der Seher und Priester Kalchas. Ein Ruf des Staunens und Mitleids ging durch das ganze Heer, als man Iphigenia, von ihren treuen Dienerinnen begleitet, den Hain betreten und auf den Vater Agamemnon zuwandeln sah. Dieser seufzte laut auf, wandte sein Angesicht zurück und verbarg einen Tränenstrom in sein Gewand. Die Jungfrau aber stellte sich dem Vater zur Seite und sprach: »Lieber Vater, siehe, hier bin ich schon! Vor der Göttin Altar übergebe ich mein Leben, wenn es der Götterspruch so gebeut, den Führern des Heeres zum Opfer fürs Vaterland. Mich freut es, wenn ihr glücklich seid und mit Siegeslohn zur Heimat wiederkehrt. Berühre mich drum auch kein Argiver; mutig und still will ich den Nacken dem Opferstahle bieten!«

Ein lautes Staunen ging durch das Heer, als es Zeuge solchen Hochsinnes ward. Nun gebot Talthybios, der Herold, in der Mitte stehend, Stillschweigen und Andacht. Der Seher Kalchas zog einen blanken schneidenden Stahl aus der Seite und legte ihn vor dem Altar in einem goldenen Korbe nieder. Jetzt trat Achill in voller Waffenrüstung und mit gezücktem Schwerte vor den Altar. Aber ein Blick der Jungfrau verwandelte auch seinen Entschluß. Er warf das Schwert auf die Erde, besprengte den Altar mit Weihwasser, ergriff den Opferkorb, umwandelte den Festaltar wie ein Priester und sprach: »O hohe Göttin Artemis, nimm dieses heilige, freiwillige Opfer, das unbefleckte Blut des schönen Jungfrauennackens, das Agamemnon und Griechenland dir jetzo weiht, gnädig an, gib unsern Schiffen glückliche Fahrt und Trojas Sturz unsern Speeren!« Die Atriden und das ganze Heer standen stumm zur Erde blickend. Der Priester Kalchas nahm seinen Stahl, betete und faßte die Kehle der Jungfrau scharf ins Auge. Deutlich hörte man den Fall seines Schlages. Aber o Wunder, in demselben Augenblicke war die Jungfrau aus den Augen des Heeres verschwunden. Artemis hatte sich ihrer erbarmt, und eine Hindin von hohem Wuchs und herrlicher Gestalt lag zappelnd auf dem Boden und besprengte mit reichlichem Opferblute den Altar. »Ihr Führer des vereinten Griechenheeres«, rief Kalchas, nachdem er sich von seinem freudigen Staunen erholt hatte, »sehet hier das Opfer, welches die Göttin Artemis gesandt hat und das ihr willkommner ist als die Jungfrau, deren edles Blut den Altar nicht besudeln sollte. Die Göttin ist versöhnt, gibt unsern Schiffen fröhliche Fahrt und verspricht uns die Erstürmung Trojas. Seid guten Muts, ihr Seegefährten, denn noch an diesem Tage verlassen wir die Bucht von Aulis!« So sprach er und sah zu, wie das Opfertier allmählich vom Feuer verkohlt ward. Als der letzte Funke erloschen war, unterbrach die Stille der Luft ein Sausen des Windes, die Blicke des Heeres kehrten sich nach dem Hafen und sahen hier die Schiffe im bewegten Meere schwanken. Mit lautem Jubelrufe ward aus dem heiligen Haine aufgebrochen, und alles Volk eilte nach den Zelten.

Als Agamemnon in dem seinigen ankam, fand er seine Gattin Klytämnestra nicht mehr dort; ihr treuer Diener war ihm vorausgeeilt und hatte die ohnmächtig auf dem Boden Liegende mit der Nachricht von der Rettung ihrer Tochter erweckt und aufgerichtet. Mit einem flüchtigen Gefühl des Dankes und der Freude erhob die zur Besinnung gekommene Königin ihre Hände gen Himmel, dann aber rief sie mit bitterem Schmerze: »Mein Kind ist mir doch geraubt! Er ist doch der Mörder meiner Mutterfreude! Laß uns eilen, daß meine Augen den Kindesmörder nicht schauen!« Der Diener eilte, den Wagen und das Gefolge zu bestellen, und als Agamemnon von dem Opferfeste zurückkam, war seine Gemahlin schon fern auf dem Wege nach Mykene.

Agamemnons Ende



Agamemnons Ende

Als der König Agamemnon im Sturme von dem Vorgebirge Malea zurückgeworfen worden war, trieb ihn der Wind mit seinem Schiffzuge nach dem südlichen Gestade des Landes, wo einst sein Oheim Thyestes geherrscht hatte und jetzt der Fürstensitz des Ägisth war. Er warf die Anker aus und wartete günstigen Fahrwind in einer sicheren Hafenbucht ab. Ausgeschickte Kundschafter brachten ihm die Nachricht, daß der König des Landes, Ägisth, mit seiner Gemahlin Klytämnestra, seit diese von Aulis zurückgekehrt, in nachbarlicher Freundschaft gelebt habe, ja daß derselbe, schon seit geraumer Zeit nach Mykene berufen, in der Königin Namen das Reich Agamemnons verwalte. Der Völkerfürst erfreute sich dieser Nachricht und suchte nichts Arges darunter. Er dankte den Göttern, daß der alte Rachegeist aus seinem Hause verschwunden sei. Ihm selbst, der so viel Griechen- und Barbarenblut vor Troja notgedrungen vergossen hatte, war der Durst nach Blutrache vergangen, und sein Inneres dachte nicht daran, den Mörder seines Vaters, der doch selbst nur gerechte Rache genommen hatte, zu strafen. Auch das Herz seiner Gemahlin glaubte er durch den langen Zeitraum beschwichtiget. Unter fröhlichen Hoffnungen lichtete er die Anker bei günstigem Wind und lief mit seinen Kriegern wohlbehalten in den Hafen seiner Heimat ein.

Sobald er hier den Göttern ein Dankopfer für Rettung und beglückte Fahrt am Ufer dargebracht hatte, folgte er mit seiner Kriegerschar dem abgesandten Herold. Vor der Stadt Mykene kam ihm das gesamte Volk entgegen, seinen Vetter Ägisth, der im ganzen Lande als königlicher Verwalter des Reiches galt, an der Spitze. Alsdann erschien auch, von den Frauen ihres Hauses begleitet und von den streng bewachten Kindern umgeben, die Königin Klytämnestra. Wie man bei erheuchelter Freude pflegt, empfing sie den Gemahl mit allen ersinnlichen Ehrenbezeugungen und mit übertriebener Ehrfurcht; ja statt ihn zu umfangen, warf sie sich vor ihm auf die Knie nieder und ergoß sich in Glückwünschungen und Lobsprüchen. Agamemnon aber eilte freudig auf sie zu, erhob sie vom Boden, umarmte sie und sprach: »Was denkst du, Ledas Tochter, daß du wie eine Sklavin den Barbarenherrn, fußfällig im Staube dich wälzend, mich empfängst? Und was sollen diese herrlichen gestickten Teppiche, die unter meinen Fußtritt gebreitet sind? So empfängt man unsterbliche Götter und nicht sterbliche schwache Menschen. Ehre mich so, daß die Himmlischen mich nicht beneiden!«

Nachdem er die Gattin so begrüßt und die Kinder umarmt und geküßt, wandte er sich um zu Ägisth, der mit den Häuptlingen der Stadt seitwärts stand, reichte ihm brüderlich die Hand und sagte ihm freundlichen Dank für die sorgfältige Verwaltung des Landes. Dann löste er die Riemen seiner Schuhe und ging barfuß über das kostbare Gewebe der Teppiche durch die ganze Stadt bis zu seinem Palaste. In seinem Gefolge befand sich auch Kassandra, die weissagende Tochter des Priamos, die in der Beute dem Völkerfürsten, der sie von den ruchlosen Händen Ajax‘ des Lokrers befreit hatte, zuteil geworden war. Sie saß mit gesenktem Haupt und niedergeschlagenen Augen auf einem hohen, auch mit anderer Beute beladenen Wagen. Als Klytämnestra die edle Gestalt der Jungfrau gewahr wurde, überschlich sie ein Gefühl der Eifersucht, zu welchem sie freilich am wenigsten berechtigt war; gewaltiger aber noch befiel sie ein Schrecken, als sie den Namen der Gefangenen erkundet und erfahren hatte, daß sie die wahrsagende Priesterin der Pallas in ihrem durch Ehebruch entweihten Hause beherbergen sollte. Die höchste Gefahr deuchte ihr deswegen, länger mit ihrem verruchten Vorhaben zu zögern, und schnell war ihr arglistiger Entschluß gefaßt, die fremde Jungfrau auf eine Stunde mit dem Gatten zu verderben. Doch verbarg sie sorgfältig ihr Inneres vor der Seherin, und als der ganze Zug vor dem Königspalaste zu Mykene angekommen war, trat sie freundlich zu dem Wagen und rief ihr zu: »Steige herab, traurige Jungfrau, und gib dem Verdrusse Abschied! Mußte doch selbst Alkmenes unbezwinglicher Sohn, Herakles, einst in die Knechtschaft wandern und sein Haupt unter das Joch einer fremden Herrin beugen! Wem das Schicksal einen solchen Zwang zugedacht hat, der darf sich glücklich preisen, wenn er unter Herren kommt, bei denen alter Reichtum zu Hause ist; denn wer das Glück erst kurz und unverhofft geerntet hat, pflegt hart und übermütig gegen Knechte zu sein. Sei getrost, du sollst alles bei uns erhalten, was billig ist!«

Kassandra veränderte ihre Miene nicht bei diesen Worten; lange blieb sie ohne Regung auf dem Stuhl ihres Wagens sitzen, die Dienerinnen mußten sie nötigen, ihren Platz zu verlassen. Endlich sprang sie vom Sitze wie ein gescheuchtes Wild, ihr Herz wußte alles, was ihr bevorstand; sie war gewiß, daß der Schluß des Schicksals nicht zu ändern sei; und hätte sie ihn ändern können, sie hätte der Rachegöttin den Feind ihres Volkes nicht entziehen wollen, und weil er doch ihr Retter war, so verdroß es sie nicht, mit ihm zu sterben. Im Palaste wurden der Fürst Agamemnon und alle mit ihm Angekommenen durch Zurüstungen zu einem prächtigen Gastmahle getäuscht. Bei diesem Mahle hatte er von den gedungenen Knechten des Ägisth wie ein Stier an der Krippe erschlagen werden sollen. Die Ankunft der Wahrsagerin aber bestimmte die Königin und ihren Ehebrecher, die Entscheidung nicht auf diesen Hinterhalt auszusetzen, sondern rascher und einsamer zu Werke zu gehen.

Agamemnon, von der Fahrt ermüdet und vom Wege durch das Land nach der Stadt bestäubt, verlangte nach einem erquickenden Bade, und Klytämnestra erklärte ihm mit liebreicher Zuvorkommenheit, daß sie dieses Bedürfnis längst vorhergesehen und daß ein warmes Bad für ihn bereitgehalten sei. Der König betrat ahnungslos das Badegewölbe seines Palastes, legte Panzer, Waffen und alle Gewande ab und bestieg wehrlos und entkleidet den Badebehälter. Da brachen Ägisth und Klytämnestra aus ihrem Verstecke hervor, warfen ihm ein festgewundenes Netz über den Leib und durchbohrten ihn mit wiederholten Dolchstichen. Sein Hilferuf drang aus dem unterirdischen Gemache, wo die Bäder sich befanden, nicht hinauf in den obern Palast. Unmittelbar nachher ward Kassandra, die einsam durch die dunkeln Vorhallen des Königspalastes hin und her irrte, das Geschehende sah und in Rätselsprüchen verkündete, niedergemacht.

Sobald die doppelte Untat geschehen war, gedachten die Mörder, auf ihren Anhang vertrauend, sie nicht länger zu verbergen. Die beiden Leichname wurden im Palaste ausgestellt; Klytämnestra berief die Häupter der Stadt und sprach ohne Rückhalt und ohne Scheu: »Verarget mir, Freunde, meine bisherige Verstellung nicht. Ich habe dem Todfeinde meines Hauses, dem Mörder meines geliebtesten Kindes, seine Blutschuld nicht anders bezahlen können; ja ich habe ihn ins Netz gelockt, wie einen Fisch habe ich ihn gefangen; mit drei Dolchstichen, im Namen des unterirdischen Pluton geführt, habe ich meine Tochter gerächt. Es ist Agamemnon, mein Gatte, von meiner eigenen Hand umgebracht; ich leugne es nicht. Hat er doch, als handelte es sich um den Tod eines Schlachtviehes, sein eigenes Kind, mir das liebste, geopfert, um mit meinem Mutterschmerze die thrakischen Winde zu besänftigen. Verdiente ein solcher Frevler zu leben, verdiente er ein so schönes, ein so frommes Land zu beherrschen? Ist’s nicht gerechter, daß Ägisth euch befehle, der keinen Kindermord auf dem Gewissen hat, der in Atreus und im Atriden nur Erbfeinde seines Vaters gerächt hat? Ja es ist billig, daß ich ihm die Hand reiche, daß ich Palast und Thron mit ihm teile, der das Werk der beleidigten Mutterliebe, das Werk der Gerechtigkeit mir vollbringen half. Er ist ein Schild meiner Kühnheit; solang er und sein Anhang mich beschützt, wird niemand es wagen, mich wegen meiner Tat zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Was jene Sklavin betrifft« – mit diesen Worten deutete sie auf Kassandras Leichnam –, »so war sie die Buhlerin des Treulosen; sie hat die Strafe des Ehebruchs erlitten und soll den Hunden zum Zerfleischen vorgeworfen werden.«

Die Häupter der Stadt blieben auf diese Rede stumm. An Gegenwehr war nicht zu denken: die Bewaffneten des Ägisth umgaben den Palast; Waffengeklirr ertönte, und drohende Laute ließen sich hören. Die Krieger Agamemnons, deren eine weit kleinere Schar aus dem männervertilgenden Kampfe von Troja heimgekehrt war, hatten sich in der Stadt zerstreut und sorglos die Waffen von sich gelegt. Der wilde Anhang des Ägisth durchzog Mykene in voller Rüstung und metzelte jeden nieder, der gegen den gräßlichen Mord seines Fürsten sich auflehnte.

Die Frevler versäumten auch nichts, ihre Herrschaft zu befestigen. Alle Ehrenstellen, alle Kriegsämter wurden unter ihre treuesten Anhänger verteilt. Die Töchter Agamemnons betrachteten sie als gefahrlose Weiber; aber zu spät fiel ihnen ein, daß in dem jungen Orestes, dem jüngsten Kinde Agamemnons und Klytämnestras, dem Vater ein Rächer nachwachse. Obgleich er kaum zwölfjährig war, hätte sie ihn doch gerne getötet, um sich von aller Furcht der Strafe zu befreien. Aber seine kluge Schwester Elektra, besonnener als die Mörder, hatte sogleich nach der Tat Sorge für ihn getragen und ihn heimlich dem Sklaven, dem seine Aufsicht anvertraut war, übergeben. Dieser hatte ihn nach Phanote im Lande Phokis gebracht und ihn dort als ein heiliges Unterpfand dem befreundeten Könige Strophios übergeben, der sein zweiter Vater wurde und ihn mit seinem eigenen Sohne Pylades sorgfältig erzog.

Agamemnons Geschlecht und Haus



Dritter Teil

Erstes Buch

Die letzten Tantaliden

Agamemnons Geschlecht und Haus

Troja war gefallen. Die heimsegelnde Flotte der Hellenen, vom Sturm halb vernichtet, hatte sich in ihren Überbleibseln wieder zusammengefunden, und auf der beruhigten See fuhren die Abteilungen der Griechen jede ihrer Heimat zu. Agamemnon, dessen Schiffe, von der Herrscherin Hera beschützt, keinen Schaden genommen hatten, steuerte rüstig auf die Küste des Peloponneses los. Schon nahete er dem spitzigen Felsenhaupte des Vorgebirges Malea in Lakonien, als ihn plötzlich aufs neue das Ungestüm eines Orkanes ergriff und ihn mit allen Fahrzeugen in die offene Flut des Meeres zurückwarf. Seufzend mit aufgehobenen Händen flehte der Völkerfürst empor zum Himmel und bat die Götter, ihn nicht nach so vielem Ungemach und nach mühselig vollbrachtem Willen der Himmlischen im Angesichte seiner Heimat mit so vielen tapferen Männern verderben zu lassen. Er wußte nicht, daß diesmal der Sturm sein Freund und von warnenden Gottheiten ihm zugesendet war: denn ihm wäre besser gewesen, an die fernste Barbarenküste verschlagen, in der Verbannung sein Leben zu beschließen, als seinen Fuß in den heimischen Königspalast Mykenes zu setzen.

Auf Agamemnons Geschlecht ruhete ein Fluch; von seinem Urahn Tantalos her war es unter Greueln erwachsen; ruchlose Gewalt hatte die einen seiner Glieder gestürzt, die andern erhoben; durch einen ungeheuren Frevel im eigenen Hause sollte auch Agamemnon das Ziel seines Lebens finden. Der Urgroßvater Tantalos hatte den zum Mahle geladenen Göttern seinen Sohn Pelops gekocht zu schmausen vorgesetzt, und nur ein Wunder hatte diesen Stammhalter des Geschlechts ins Leben zurückgerufen. Pelops, sonst unsträflich, ermordete seinen Wohltäter Myrtilos, den Sohn des Hermes, und half durch diesen Mord den Fluch des Hauses weiterspinnen. Myrtilos nämlich, der Stallmeister des Königs Önomaos, dessen Tochter Hippodameia Pelops durch den Sieg im Wagenrennen gewinnen sollte, ließ sich überreden, die Nägel aus dem Wagen seines Herrn zu ziehen und wächserne statt der eisernen einzustecken. Dadurch ging der Wagen des Önomaos auseinander, und Pelops gewann den Sieg und die Jungfrau. Als aber Myrtilos die versprochene Belohnung forderte, stürzte ihn Pelops, um keinen Zeugen seines Betruges zu haben, ins Meer. Vergebens suchte er den über diesen Frevel zürnenden Gott Hermes zu versöhnen, baute dem Sohn ein Grabmal und dem Vater einen Tempel: er und sein Geschlecht waren der Rache des Gottes verfallen.

In den Söhnen des Pelops, Atreus und Thyestes, wirkte der Fluch kräftig fort. Atreus war König zu Mykene, Thyestes neben ihm König im südlichen Teile des argolischen Landes. Der ältere Bruder besaß einen Widder, der goldene Wolle trug; nach diesem gelüstete Thyestes, den jüngeren; er verführte die Gemahlin des Bruders, Aërope, zur Untreue und erhielt von ihr das goldene Lamm. Als Atreus das doppelte Verbrechen seines Bruders inneward, hielt ihn keine Überlegung ab; er handelte wie der Großvater: heimlich ergriff er die beiden kleinen Söhne des Thyestes, Tantalos und Pleisthenes, setzte sie geschlachtet beim gräßlichen Gastmahle dem Bruder vor und gab ihr Blut zum Weine gemischt, dem unseligen Vater zu trinken. Dem zuschauenden Sonnengott kam über dieser Unmenschlichkeit ein solches Grauen an, daß er seinen Wagen rückwärts lenkte; Thyestes aber floh vor dem entsetzlichen Bruder nach Epiros zu dem Könige Thesprotos. Das Land des Atreus ward von Dürre und Hungersnot heimgesucht, und der befragende König erhielt vom Orakel die Antwort, die Landplage werde aufhören, wenn der vertriebene Bruder zurückberufen sei. So machte sich Atreus selbst auf den Weg, den Thyestes in seiner Zufluchtsstätte aufzusuchen, und führte ihn mit einem Sohne, namens Ägisth, in die alte Heimat zurück. Auch dieser Ägisth war das Kind eines Greuels und in seinem Asyle von Thyestes erzeugt. Aber er hatte geschworen, seinen Vater an dem Atreus und dessen Kindern zu rächen. Das erste vollführte er bald, nachdem die Brüder zusammen nach Mykene zurückgekehrt waren. Ihre Freundschaft war dort von kurzer Dauer gewesen, und Atreus hatte den Bruder in den Kerker geworfen. Da erbot sich Ägisth trügerischerweise dem Oheim, indem er sich über den Greuel seiner Geburt entrüstet stellte, den eigenen Vater umzubringen. In den Kerker eingelassen, verabredete er mit seinem Vater die Rache, zeigte dem Atreus ein blutiges Schwert, und als dieser, über den geglaubten Tod des Bruder fröhlich, am Meeresufer ein Dankopfer anstellte, stieß ihm Ägisth dasselbe Schwert in den Leib. Thyestes kam aus seiner Haft hervor und bemächtigte sich auf kurze Zeit des brüderlichen Reiches; aber der älteste Sohn des Atreus, Agamemnon, stellte ihm nach und rächte mit dem Stahl an ihm des Vaters Mord. Ägisth blieb verschont, er ward von den Göttern zum Fluche des Geschlechtes aufgehoben und regierte als König in dem alten Anteile seines Vaters im südlichen Lande.

Wie nun Agamemnon in den Krieg vor Troja gezogen war und seine Gemahlin Klytämnestra, über die Opferung ihrer Tochter Iphigenia grollend, im tiefen Mutterschmerze zu Hause saß, da deuchte Ägisth die rechte Zeit gekommen, auch dem Atriden mit seiner Rache zu nahen. Er erschien im Königspalaste zu Mykene, und der Wunsch, am unmenschlichen Gatten sich zu rächen, gab Klytämnestra nach langem Widerstreben der Verführung des Bösewichts preis, daß sie mit ihm als mit einem zweiten Gemahle Palast und Reich Agamemnons teilte. Von ihrem rechtmäßigen Gatten lebten in dessen Hause damals drei Geschwister der entrückten Iphigenia: ihr zunächst am Alter die kluge Jungfrau Elektra, eine jüngere Schwester Chrysothemis und ein kleiner Knabe Orestes. Vor ihren Augen nahm Ägisth von dem Ehebund und Palaste des Vaters Besitz. Das frevelnde Paar war jetzt, als sich der Kampf vor Troja zu seinem Ende neigte, nur darauf bedacht, daß der heimkehrende Agamemnon mit seiner furchtbaren Kriegerschar sie nicht unvorbereitet überraschen möchte. Seit Jahren war auf den Zinnen des Palastes ein Wächter aufgestellt, dem ein nächtliches Fackelzeichen von der Meergrenze des Landes her die Nachricht von der Eroberung Trojas und der Ankunft des Königes geben sollte. War die Kunde einmal gekommen, so sollte es an Zurüstungen nicht fehlen, dem Könige Agamemnon einen festlichen Empfang zu bereiten und ihn in die Falle zu locken, noch bevor er den wahren Zustand der Dinge in seiner Heimat erführe.

Endlich erglänzte die Fackel bei Nacht. Der Wächter eilte von der Zinne herab und meldete der Herrin das erblickte Zeichen. Mit Ungeduld erwarteten Klytämnestra und ihr Buhle den Morgen; und die Sonne war noch nicht lange aufgegangen, als schon ein Herold, von dem heimkehrenden König abgesandt, mit Olivenzweigen sein Haupt beschattend, auf den Palast von Mykene zugeschritten kam. Die Königin ging ihm mit verstellter Freundlichkeit entgegen. Doch sorgte sie, daß der Bote sich im Königshause nicht umsehen konnte, und als dieser in einer langen Erzählung seiner Siegesfreude Luft machen wollte, unterbrach sie ihn hastig und sprach: »Bemühe dich nicht; am besten werde ich das alles aus dem Munde meines königlichen Gemahles selbst erfahren. Kehre zurück und beschleunige seinen Weg. Sage ihm, wie erwünscht er mir und der Stadt komme und daß ich selbst mich zum Aufbruch anschicken werde, ihn nicht nur als meinen verehrten und geliebten Gatten, sondern auch als den herrlichen Eroberer einer weltberühmten Stadt nach Würden zu empfangen.«

Alkmaion und das Halsband



Alkmaion und das Halsband

Als Alkmaion von Theben zurückgekehrt war, dachte er darauf, auch den zweiten Teil des Orakelspruches zu erfüllen und an seiner Mutter, der Mörderin seines Vaters, Rache zu nehmen. Seine Erbitterung gegen sie war noch gewachsen, als er nach seiner Zurückkunft erfahren hatte, daß Eriphyle, auch ihn zu verraten, Geschenke genommen habe. Er glaubte sie nicht länger schonen zu müssen, überfiel sie mit dem Schwerte und ermordete sie. Dann nahm er das Halsband und den Schleier zur Hand und verließ das elterliche Haus, das ihm ein Greuel geworden war. Aber obgleich die Rache des Vaters ihm vom Orakel befohlen worden war, so war doch auch wieder der Muttermord für sich ein Frevel wider die Natur, und die Götter konnten ihn nicht ungestraft lassen. So wurde denn zur Verfolgung des Alkmaion eine Erinnye gesandt und er mit Wahnsinn geschlagen. In diesem Zustande kam er zuerst nach Arkadien zum Könige Oïkleus. Aber hier gönnte ihm die Rachegöttin keine Ruhe, und er mußte weiterwandern. Endlich fand er eine Zufluchtsstätte zu Psophis in Arkadien bei dem Könige Phegeus. Von diesem entsündigt, erhielt er die Hand seiner Tochter Arsinoe, und die verhängnisvollen Geschenke, Halsband und Schleier, wanderten nun in ihren Besitz. Alkmaion war jetzt zwar vom Wahnsinne frei, der Fluch jedoch noch nicht ganz von seinem Haupte genommen, denn das Land seines Schwähers wurde um seiner Anwesenheit willen mit Unfruchtbarkeit heimgesucht. Alkmaion befragte das Orakel; dieses aber fertigte ihn mit dem trostlosen Ausspruche ab: er sollte Ruhe finden, wenn er in ein Land gekommen, das bei seiner Mutter Ermordung noch nicht vorhanden gewesen sei. Es hatte nämlich Eriphyle sterbend jedes Land verflucht, das den Muttermörder aufnehmen würde. Ohne Hoffnung verließ Alkmaion seine Gattin und seinen kleinen Sohn Klytios und ging hinaus in die weite Welt. Nach langem Umherirren fand er endlich doch, was ihm die Wahrsagung verheilen hatte. Er kam an den Strom Acheloos und fand dort eine Insel, die dieser erst seit kurzem angesetzt hatte. Hier ließ er sich nieder und ward von seiner Plage ganz frei. Aber die Befreiung von dem Fluche und das neue Glück machten sein Herz übermütig; er vergaß seiner frühern Gemahlin Arsinoe und seines kleinen Sohnes und vermählte sich mit der schönen Kallirrhoe, der Tochter des Stromgottes Acheloos, die ihm auch bald nacheinander zwei Söhne, Akarnan und Amphoteros, gebar. Wie aber dem Alkmaion überall der Ruf von den unschätzbaren Kleinodien voranging, in deren Besitze man ihn glaubte, so fragte auch seine junge Gemahlin gar bald nach dem herrlichen Halsband und Schleier. Diese Schätze jedoch hatte Alkmaion in den Händen seiner ersten Gattin gelassen, als er diese heimlich verließ. Nun sollte seine neue Gemahlin nichts von jenem früheren Ehebund erfahren; so erdichtete er einen Ort in der Ferne, wo er die Kostbarkeiten aufgehoben hätte, und machte sich anheischig, ihr dieselben zu holen. Da wanderte er denn nach Psophis zurück, trat wieder vor seinen ersten Schwiegervater und seine verstoßene Gattin und entschuldigte sich wegen seiner Entfernung mit einem Reste von Wahnsinn, der ihn ausgetrieben habe und noch immer verfolge. »Frei vom Fluche zu werden und wieder zurückzukehren«, sprach der Falsche, »gibt es, wie mir geweissagt ist, nur ein Mittel: wenn ich das Halsband und den Schleier, die ich dir geschenkt habe, dem Gott nach Delphi als Weihgeschenk bringe.« Durch diese Trugworte ließen Phegeus und seine Tochter sich bereden und gaben beides her. Alkmaion machte sich mit seinem Raube fröhlich davon; er ahnte nicht, daß die unheilvollen Gaben endlich auch ihm den Untergang bringen müßten. Es hatte nämlich einer seiner Diener, der um das Geheimnis wußte, dem Könige Phegeus anvertraut, daß Alkmaion eine zweite Gattin besitze und den Schmuck zu sich genommen habe, um ihn dieser zu bringen. Nun machten sich die Brüder der verstoßenen Gemahlin auf seine Spur, eilten ihm zuvor, erlauerten ihn in einem Hinterhalte und stießen den sorglos Einherziehenden nieder. Halsband und Schleier brachten sie ihrer Schwester zurück und rühmten sich der Rache, die sie für sie genommen. Aber Arsinoe liebte auch den ungetreuen Alkmaion noch und verwünschte ihre Brüder, als sie seinen Tod vernahm. Jetzt sollten die verderblichen Geschenke ihre Kraft auch an Arsinoe bewähren. Die erbitterten Brüder glaubten den Undank der Schwester nicht hart genug bestrafen zu können; sie ergriffen sie, sperrten sie in eine Kiste und führten sie in derselben zu ihrem Gastfreunde, dem König Agapenor, nach Tegea, mit der falschen Botschaft, daß Arsinoe die Mörderin des Alkmaion sei. So starb sie eines elenden Todes.

Inzwischen hatte Kallirrhoe den kläglichen Untergang ihres Gatten Alkmaion erfahren, und mit dem tiefsten Schmerz durchzückte sie das Verlangen nach schneller Rache. Sie warf sich auf ihr Angesicht nieder und flehte zu Zeus, daß er ein Wunder tun und ihre kleinen Söhne, Akarnan und Amphoteros, plötzlich mannbar werden lassen sollte, damit sie die Mörder ihres Vaters bestrafen könnten. Da Kallirrhoe schuldlos war, erhörte Zeus ihre Bitte, und die Söhne, die als unmündige Knaben zu Bette gegangen waren, erwachten als bärtige Männer voll Tatkraft und Rachelust. Sie zogen aus und wandten sich zuerst nach Tegea. Hier kamen sie gerade um dieselbe Zeit an, als die Söhne des Phegeus, Pronoos und Agenor, mit ihrer unglücklichen Schwester Arsinoe dort angelangt und im Begriffe waren, nach Delphi zu reisen, um daselbst den heillosen Schmuck Aphroditens im Tempel Apollos als Weihgeschenk niederzulegen. Diese wußten nicht, wen sie vor sich hatten, als die bärtigen Jünglinge auf sie eindrangen, den Mord ihres Vaters zu rächen; und ehe sie den Grund des Angriffes erfahren konnten, waren sie erschlagen. Die Söhne Alkmaions rechtfertigten sich bei Agapenor und erzählten ihm den wahren Hergang der Sachen; sie wandten sich hierauf nach Psophis in Arkadien, traten hier in den Palast und töteten den König Phegeus mitsamt seiner Gemahlin. Verfolgt und gerettet, verkündeten sie ihrer Mutter die vollbrachte Rache; dann zogen sie nach Delphi und legten, nach dem Rat ihres Großvaters Acheloos, Halsband und Schleier als Weihgeschenk im Tempel Apollos nieder. Als dies geschehen war, erlosch der Fluch, der auf dem Hause des Amphiaraos gelegen, und seine Enkel, die Söhne Alkmaions und Kallirrhoes, sammelten Ansiedler im Epirus und gründeten Akarnanien. Klytios, der Sohn Alkmaions und Arsinoes, hatte nach des Vaters Ermordung seine mütterlichen Verwandten mit Abscheu verlassen und in Elis eine Zuflucht gefunden.

Anlaß und Beginn des Argonautenzuges



Anlaß und Beginn des Argonautenzuges

Mit dem Goldenen Vliese aber verhielt es sich also: Phrixos, ein Sohn des böotischen Königs Athamas, hatte viel von der Nebengattin seines Vaters, seiner bösen Stiefmutter Ino, zu dulden. Um ihn vor ihren Nachstellungen zu bewahren, raubte ihn, mit Hilfe seiner Schwester Helle, die eigene Mutter Nephele. Sie setzte die Kinder auf einen geflügelten Widder, dessen Vlies oder Fell von gediegenem Golde war und welchen sie von dem Gotte Hermes zum Geschenk erhalten hatte. Auf diesem Wundertiere ritten Bruder und Schwester durch die Luft über Land und Meere hin. Unterwegs wurde das Mägdlein von Schwindel überwältigt. Sie fiel in die Tiefe und fand ihren Tod in dem Meere, das von ihr den Namen Helles Meer oder Hellespontos erhielt. Phrixos kam glücklich in das Land der Kolchier an der Küste des Schwarzen Meeres. Hier wurde er von dem Könige Aietes gastfreundlich aufgenommen, der ihm eine seiner Töchter zur Gattin gab. Den Widder opferte Phrixos dem Zeus, dem Beförderer der Flucht; sein Vlies gab er dem Könige Aietes zum Geschenk. Dieser weihte dasselbe dem Ares und befestigte es mit Nägeln im einem Haine, der diesem Gott geheiligt war. Zur Bewachung des Goldenen Vlieses bestellte Aietes einen ungeheuren Drachen; denn ein Schicksalsspruch hatte sein Leben vom Besitze dieses Widderfelles abhängig gemacht. Das Vlies wurde in der ganzen Welt als ein großer Schatz betrachtet, und lange trug man sich auch in Griechenland mit der Nachricht von demselben. Manchen Helden und Fürsten gelüstete es darnach; so hatte Pelias nicht falsch gerechnet, wenn er hoffte, seinen Neffen Iason durch die Aussicht auf eine so herrliche Beute zu reizen. Iason ließ sich auch bereitwillig finden; er durchschaute nicht die Absicht seines Oheims, ihn in den Gefahren dieses Zuges untergehen zu lassen, und verpflichtete sich feierlich, das Abenteuer zu bestehen. Die berühmtesten Helden Griechenlands wurden zu dem kühnen Unternehmen aufgefordert. Am Fuße des Berges Pelion, aus einer Holzart, die im Meere nicht fault, wurde unter Athenes Leitung von dem geschicktesten Baumeister Griechenlands ein herrliches Schiff mit fünfzig Rudern erbaut und nach seinem Erbauer Argos, dem Sohne des Arestor, Argo genannt. Es war das erste lange Schiff, auf welchem sich Griechen in die offene See wagten. Die Göttin Athene hatte dazu das weissagende Brett von einer redenden Eiche des Orakels zu Dodona gestiftet, das eine Stelle in dem Tafelwerke fand. Das Schiff war auswendig mit vielen geschnitzten Arbeiten geziert und gleichwohl so leicht, daß es die Helden zwölf Tagesreisen weit auf der Achsel tragen konnten. Als das Fahrzeug fertig und die Helden versammelt waren, wurden die Plätze der Argoschiffer (Argonauten) verlost. Iason war Befehlshaber des ganzen Zuges; Tiphys war der Steuermann; Lynkeus, der Scharfblickende, machte den Lotsen des Schiffs. Im Vorderteile des Schiffs saß der herrliche Held Herakles, im Hinterteil Peleus, der Vater des Achilles, und Telamon, der Vater des Ajax. Im innern Raume befanden sich unter andern Kastor und Pollux, die Zeussöhne, Neleus, der Vater Nestors, Admetos, der Gemahl der frommen Alkestis, Meleager, der Besieger des kalydonischen Ebers, Orpheus, der wundervolle Sänger, Menötios, der Vater des Patroklos, Theseus, nachher König von Athen, und sein Freund Peirithoos, Hylas, der junge Gefährte des Herakles, Poseidons Sohn Euphemos und Oïleus, der Vater des kleineren Ajax. Iason hatte seinen Schild dem Poseidon gewidmet, und vor der Abfahrt wurde ihm und allen Meeresgöttern ein feierliches Opfer mit Gebeten dargebracht.

Als alle im Schiffe Platz genommen, wurden die Anker gelichtet; die fünfzig Ruderer begannen ihren regelmäßigen Taktschlag; ein günstiger Wind schwellte die Segel, und bald hatte das Schiff den Hafen von Iolkos hinter sich. Orpheus mit lieblichen Harfentönen und begeisterndem Gesang belebte den Mut der Argoschiffer; lustig fuhren sie an Vorgebirgen und Inseln vorbei; erst am zweiten Tage erhob sich ein Sturm und trieb sie in den Hafen der Insel Lemnos.

Antigone und Kreon



Antigone und Kreon

Kreon erkannte in der Täterin seine Nichte Antigone. »Törin«, rief er ihr entgegen, »die du die Stirne zur Erde senkst, gestehst oder leugnest du dieses Werk?« »Ich gestehe es«, erwiderte die Jungfrau und richtete ihr Haupt in die Höhe. »Und kanntest du«, fragte der König weiter, »das Gesetz, das du so ohne Scheu übertratest?« »Wohl kannte ich es«, sprach Antigone fest und ruhig, »aber von keinem der unsterblichen Götter stammt diese Satzung. Auch kenne ich andere Gesetze, die nicht von gestern und heute sind, die in Ewigkeit gelten und von denen niemand weiß, von wannen sie kommen. Kein Sterblicher darf diese übertreten, ohne dem Zorn der Götter anheimzufallen; ein solches Gesetz hat mir befohlen, den toten Sohn meiner Mutter nicht unbegraben zu lassen. Erscheint dir diese Handlungsweise töricht, so ist es ein Tor, der mich der Torheit beschuldigt.« »Meinst du«, sprach Kreon, noch mehr erbittert durch den Widerspruch der Jungfrau, »deine starre Sinnesart sei nicht zu beugen? Zerspringt doch auch der sprödeste Stahl am ersten. Wer in eines andern Gewalt ist, der soll nicht trotzen!« Darauf antwortete Antigone: »Du kannst mir doch nicht mehr antun als den Tod; wozu darum Aufschub? Mein Name wird nicht ruhmlos dadurch werden, daß ich sterbe; auch weiß ich, daß deinen Bürgern hier nur die Furcht den Mund verschließt und daß alle meine Tat im Herzen billigen; denn den Bruder lieben ist die erste Schwesterpflicht.« »Nun so liebe denn im Hades«, rief der König immer erbitterter, »wenn du lieben mußt!« Und schon hieß er die Diener sie ergreifen, als Ismene, die vom Los ihrer Schwester vernommen hatte, herbeigestürmt kam. Sie schien ihre weibliche Schwäche und ihre Menschenfurcht ganz abgeschüttelt zu haben. Mutig trat sie vor den grausamen Oheim, bekannte sich als Mitwisserin und verlangte mit der Schwester in den Tod zu gehen. Zugleich erinnerte sie den König daran, daß Antigone nicht nur seiner Schwester Tochter, daß sie auch die verlobte Braut seines eigenen Sohnes Haimon sei und er durch ihren Tod seinem eigenen Sprößling die Ehe wegmorde. Statt aller Antwort ließ Kreon auch die Schwester fassen und beide durch seine Schergen in das Innere des Palastes führen.

Arachne



Arachne

In Hypäpa, einer kleinen Stadt Lydiens, wohnte eine Jungfrau von niederer Herkunft, Arachne geheißen. Ihr Vater Idmon war Purpurfärber zu Kolophon, auch ihre Mutter, die der Tod frühe hingerafft hatte, war von armen Eltern entsprossen. Dennoch pries man den Namen Arachnes in den lydischen Städten, da sie als Weberin durch Kunst und Fleiß alle sterblichen Weiber übertraf; selbst die Nymphen des rebenbewachsenen Tmolosgebirges und des Flusses Paktolos kamen in die ärmliche Hütte der Jungfrau, um ihrer Arbeit staunend zuzuschauen. Niemals war so die Kunst mit der Anmut gepaart; ob sie die grobe Wolle zuerst aufwickelte, ob sie die Fäden feiner und feiner zog, ob sie mit dem flinken Daumen die Spindel umschwang oder mit der Nadel stickte: es schien stets, als ob Pallas Athene selbst sie unterwiesen hätte. Davon aber wollte Arachne nichts wissen, sondern sie rief oft beleidigt: »Nicht von der Göttin lernte ich die Kunst! Sie komme und messe sich mit mir. Besiegt sie mich, so will ich jede Strafe erdulden!« Athene hörte ihr Prahlen mit Unwillen, nahm die Gestalt eines alten Mütterchens an, umgab sich die Stirn mit grauem Haar und nahm einen stützenden Stab in die welken Hände. So verwandelt, trat sie in die Hütte Arachnes und begann: »Nicht nur Widriges hat das Greisenalter; mit den Jahren reift die Erfahrung. Darum verachte nicht meinen Rat! Suche du dir den Ruhm, daß du künstlicher als alle Sterblichen die Wolle zu weben verstehst; aber der Göttin weiche in Demut. Flehe sie um Verzeihung für dein überkühnes Wort; dann wird sie gern der Bittenden vergeben.« Finsteren Blickes ließ Arachne den Faden fahren und sprach, vor Zorn bebend: »Töricht bist du, Alte; die Last der Jahre hat dir den Sinn geschwächt. Zu lange leben ist nicht gut! Solches Geschwätz predige deiner Tochter vor, ich bedarf deines Rates nicht und verschmähe deine Ermahnung. Warum kommt Pallas nicht selbst? Warum vermeidet sie den Wettstreit mit mir?« Jetzt war die Langmut der Göttin zu Ende. »Sie ist schon da!« rief sie und stand plötzlich in ihrer wahren himmlischen Gestalt da. Die Nymphen und die lydischen Frauen, die zugegen waren, fielen der Göttin huldigend zu Füßen; nur Arachne bebte nicht, ein flüchtiges Erröten überzog ihr trotziges Antlitz, und verwegen beharrte sie bei ihrem Entschluß; von törichter Ruhmbegierde getrieben, rannte sie selbst in ihr drohendes Geschick. Und die Zeustochter warnte nicht mehr, sondern nahm den Kampf an.

Alsbald stellten beide an gesonderten Orten den Webstuhl auf und begannen mit Lust die kundigen Hände zu regen. Purpur und tausend andre Farben, die das ungewohnte Auge verwirren, webten sie kunstvoll durcheinander; auch goldene Fäden liefen hindurch; und so erhoben sich bald wundersame Gebilde vor den staunenden Blicken der Schauenden. Athene bildete den Felsen der athenischen Burg und ihren vielbesungenen Streit mit dem Meeresgott um des Landes Besitz. Zwölf Götter, Zeus mitten unter ihnen, saßen dabei, ehrwürdigen und heiligen Ernstes. Hier stand Poseidon, wie er den riesigen Dreizack in den Felsen stößt, daß die salzige Meeresflut herausspringt. Dort aber erschien sie selbst, die göttliche Künstlerin, mit Schild und Lanze gewappnet, den Helm auf dem Haupte, auf der Brust die schreckliche Ägis, wie sie mit der Spitze des Speeres den Ölbaum aus dem unfruchtbaren Boden hervortreibt, zum Staunen der Götter und zum Heile des Landes. So webte Athene ihren eignen Sieg in das Gespinst. In die vier Ecken aber wirkte sie vier Beispiele menschlichen Hochmuts, der durch die Rache der Götter ein trauriges Ende nahm: Hier erblickte man den thrakischen König Hämos mit seinem Weibe Rhodope, die in ihrem Übermut sich Zeus und Hera nannten und deshalb in ragende Berge verwandelt wurden; hier die unselige Mutter der Pygmäen, die, von Hera besiegt, zum Kranich wurde und so mit ihren eignen Kindern kämpfen mußte; in der dritten Ecke war Antigone, die reizende Tochter Laomedons, zu schauen; diese war auf ihre Schönheit und besonders auf ihr herrliches Lockenhaar so stolz, daß sie sich der Hera verglich. Aber die Götterkönigin verwandelte die Haare in Schlangen, die sie bissen und quälten, bis Zeus die Unglückliche aus Mitleid zum Storche umschuf; noch jetzt frohlockt sie klappernd über ihre Schönheit. Endlich bildete Pallas den Kinyras, wie er das Schicksal seiner Töchter beweinte. Sie hatten durch ihren Stolz den Zorn der Hera gereizt und wurden von ihr in steinerne Stufen vor ihrem Tempel verwandelt. Der Vater warf sich jammernd auf sie nieder und bedeckte den fühllosen Marmor mit heißen Tränen. Alle diese Gemälde hatte Athene in den Teppich gewebt und mit einem Kranze von Ölbaumblättern umgeben.

Arachne dagegen wirkte in ihr Gewebe mancherlei Bilder, in denen sie die Götter zu verhöhnen trachtete, so namentlich den Zeus, wie er bald als Stier, bald als Adler oder Schwan, bald als lüsterner Satyr oder in flammendes Feuer oder goldenen Regen verwandelt, die Töchter der Menschen betörte. Dies alles umrankte ein Kranz von Efeu, mit Blumen durchflochten. Und als sie ihr Werk vollendet hatte, vermochte selbst Pallas Athene nicht, die Kunst der Jungfrau zu tadeln, aber mit Entrüstung ersah sie aus den Gebilden den gottlosen Sinn der Bildnerin. Darum zerriß sie zürnend die frevelhaften Gemälde und schlug mit dem Weberschifflein, das sie noch in der Hand hielt, die hoffärtige Jungfrau dreimal vor die Stirne. Dies ertrug die Unglückliche nicht, Wahnsinn erfaßte sie, und mit dem Seil umschlang sie verzweifelnd ihre Kehle. Schon hing sie zuckend in der Luft; da hob sie die Göttin, von Mitleid ergriffen, aus der würgenden Schlinge und sprach: »Lebe, aber hange, du Verwegene, und so sei dein ganzes Geschlecht bis zu den spätesten Enkeln bestraft!« Mit diesen Worten sprengte sie Arachnen einige Tropfen von zauberischem Kraute ins Antlitz und ging hinweg. Alsbald verschwanden Haar, Nase und Ohren der Jungfrau, und sie schrumpfte zu einem winzigen, häßlichen Tier zusammen. Als Spinne übt sie noch heute, Faden auf Faden entsendend, die alte Kunst.

Atalante



Atalante

Die heldenmütige Jungfrau, die an der Jagd des Kalydonischen Ebers so rühmlichen Anteil nahm, ward von ihrem Vater, welcher sich männliche Nachkommenschaft gewünscht hatte, gleich nach ihrer Geburt ausgesetzt. In den Bergen fand eine Bärin, der man die Jungen getötet, das schreiende Kindlein, nahm es sorglich in den Rachen und trug es in ihre Höhle, wo sie es mit ihrer Milch säugte. Als einst Jäger die Gegend durchstreiften, fanden sie das Kind, nahmen es mit sich und zogen es zu einer blühenden Jungfrau auf. In den kühlen Bergwäldern Arkadiens erwachsen, war Atalante kräftig und stark und so schnellfüßig wie das schnellste Reh; Luft und Sonne hatten Antlitz und Glieder ihr gebräunt, aber ihre Schönheit strahlte gleich der einer Waldnymphe oder der jungfräulichen Göttin Artemis. So lebte sie rein und stolz in der Einsamkeit des Gebirges, die Hand eines Gatten verschmähend; zu Fuß mit dem Speere den edlen Hirsch zu erjagen war ihre höchste Lust. Einst sahen zwei Zentauren, Rhökos und Hyläos, die schöne Jägerin dahineilen und verabredeten sich, sie zu entführen. Als sie ihr aber zu nahen wagten, schoß sie beide mit ihren Pfeilen nieder. Außer an der Erlegung des Kalydonischen Ebers beteiligte sie sich noch an gar manchen kühnen Heldenunternehmungen, bei denen sie nicht selten die Männer durch ihre beispiellose Tapferkeit beschämte. So wohnte sie auch den berühmten Kampfspielen bei, welche der Sohn des Pelias zu Ehren seines gestorbenen Vaters in Iolkos anstellte; sie rang daselbst mit dem gewaltigen Peleus, dem Sohn des Äakos, und soll wirklich den Sieg über ihn davongetragen haben.

Als sie später ihre Eltern wiedergefunden hatte, drang ihr Vater, den einige Iasos oder Iasion, andre Schöneus, auch Mänalos nennen, mit Bitten in die Tochter, sie möchte sich doch mit einem tüchtigen Helden vermählen. Atalante aber wollte davon nichts wissen, sondern scheute das Joch der Ehe, zumal da ihr einst eine dunkle Weissagung geworden war, die da lautete: »Fliehe den Gatten, Atalante, du entfliehst ihm dennoch nicht!« Um nun den lästigen Schwarm zudringlicher Freier zu verscheuchen, schlug sie am Ende eines zum Wettlauf tauglichen Planes einen drei Ellen langen Pfahl in die Erde; diesen bestimmte sie als Auslaufspunkt für die Freier, und nur dem, der sie im Laufe besiegte, wollte sie als Gattin folgen; wer aber später zum Ziele gelangte als sie, dem sollte der Tod zum Lohne werden. Trotz dieser harten Bedingung war doch die Macht ihrer Schönheit so groß, daß zahlreiche Werber sich einstellten. Unter den Zuschauern des seltsamen Schauspiels saß auch ein schöner Jüngling, Hippomenes [Fußnote], welcher laut die Torheit der Freier tadelte. Sobald aber Atalante, strahlend von Anmut, die Rennbahn betrat und er ihrer ansichtig ward, verstummte er plötzlich und sprach bei sich selbst: ›Verzeiht mir, die ich eben gescholten habe! Der Lohn, um den ihr Leben und Ehre wagen wollt, war mir unbekannt. Wahrlich, den seligen Göttern schätz ich den gleich, der diese herrliche Jungfrau erwirbt.‹ Jetzt begann der Wettlauf. Die kühne Atalante gönnte den Freiern, des Sieges im voraus sicher, einen Vorsprung; dann aber flog sie dahin wie ein Pfeil von der Sehne des Bogens. Die Bewegung erhöhte noch den Reiz ihrer Schönheit; und siehe, schon stand sie jauchzend am Ziel; weit hinter ihr folgten die Besiegten, die nun seufzend die gedrohte Strafe erlitten.

Da trat Hippomenes an den Pfahl und rief. »Warum, o Atalante, wirbst du um so wohlfeilen Ruhm, indem du mit Untüchtigen dich missest? Komm und wag es mit mir! Und wenn das Schicksal den Sieg mir verleiht, so wisse, keinem Geringen reichst du die Hand: Ich bin Hippomenes, des Megareus Sohn, ein Urenkel des Meeresfürsten Poseidon! Falle ich aber, so ist dein Ruhm um so größer, da du den Hippomenes besiegt hast.« Atalante blickte dem Redenden sanft in das schöne Antlitz. »O Jüngling«, begann sie, »laß ab von deinem Vorsatz! Sieh, mich jammert deine Jugend; du scheinst mir edel und hochherzig, und jedes Mädchen wird sich glücklich preisen, dich ihren Gatten zu nennen. Ich aber kann dich nicht schonen, wenn du einmal den Wettlauf mit mir wagest; denn die Schande, besiegt zu werden, ist mir unerträglich.« So sprach sie, den herrlichen Jüngling gerührt betrachtend, und merkte nicht, daß die Liebe ihr eigenes Herz verwundet hatte. Hippomenes aber betete heimlich zur Göttin der Liebe: »Heilige Aphrodite, sei meinem Beginnen günstig und steh mir gnädig bei!« Und die Göttin vernahm sein Flehen; auf die Insel Zypern schwebte sie hernieder und pflückte von einem Wunderbaum, der ihr geheiligt war, drei goldene Äpfel. Dann trat sie, allen andern unsichtbar, zu Hippomenes, gab ihm die köstlichen Früchte und unterwies ihn schnell, wie er sie gebrauchen solle. Jetzt begann zum zweiten Male der Wettlauf, die Trompete ertönte, und Hippomenes enteilte zuerst. Vom Beifallsruf der Menge ermuntert, bot er alle Kräfte auf, aber noch war er fern vom Ziele, und schon war Atalante dicht hinter seinen Fersen. Da ließ er einen von den goldenen Äpfeln der Aphrodite fallen, und siehe, die Jungfrau stutzte: von der schimmernden Frucht gelockt, bückte sie sich, den Lauf hemmend, und hob sie staunend auf. Unterdessen hatte der Jüngling einen beträchtlichen Vorsprung gewonnen, und als Atalante ihn wiederum einholte, warf er den zweiten Apfel auf die Rennbahn. Und abermals konnte sie der Lockung nicht widerstehen, während Hippomenes dem Ziele immer näher flog. »Nun stehe mir bei, hilfreiche Göttin!« betete er laut und entsandte den letzten der Wunderäpfel. Die Jungfrau zauderte zum drittenmal, und während sie die goldene Frucht vom Boden hob, hatte Hippomenes das Ende der Bahn erreicht, von der jauchzenden Menge als Sieger begrüßt. Nicht ungern, so sagt man, folgte die Besiegte dem herrlichen Jüngling als Gattin, und niemals gab es ein zärtlicheres Paar als Hippomenes und Atalante. Ihrem Bunde entsproßte ein Sohn, so schön und anmutsvoll wie seine Eltern: Parthenopaios hieß der Held, der später vor Theben einen rühmlichen Tod fand.