4. Kapitel. Das Tal des Grauens.

4. Kapitel. Das Tal des Grauens.

Als McMurdo am nächsten Morgen erwachte, hatte er allen Grund, sich an seine Einführung in die Loge zu erinnern. Sein Kopf schmerzte in Nachwirkung der vielen Getränke, und der Arm, auf dem er das Brandmal empfangen hatte, war heiß und geschwollen. Da er seine eigene Einkommensquelle hatte, nahm er es nicht sehr genau mit seinen Pflichten. Er frühstückte spät und blieb des Morgens zu Hause mit Briefschreiben beschäftigt. Nachher las er den »Daily Herald«. In einer Sonderspalte, die für die letzten Nachrichten bestimmt war, fand er einen Artikel mit der Überschrift:

»Schandtat im Herald-Gebäude! Der Redakteur schwer verwundet!«

Es war ein kurzer Bericht über den Vorfall, der ihm selbst besser bekannt war, als dem Schreiber. Der Bericht schloß mit folgenden Worten:

»… Die Sache liegt jetzt in den Händen der Polizei, aber es kann kaum erwartet werden, daß ihre Bemühungen erfolgreicher sein werden, als bei ähnlichen Anlässen der Vergangenheit. Einige der Männer wurden erkannt, und auf diese Weise wird es vielleicht möglich sein, sie des Verbrechens zu überführen. Es braucht wohl nicht erst betont zu werden, daß diese Schandtat auf das Schuldkonto jener schändlichen Verbrecherbande zu setzen ist, die schon allzu lange über unsere Gemeinde herrscht, gegen die der ›Herald‹ bisher unverdrossen gekämpft hat, und die er unbeirrt weiter bekämpfen wird. Die vielen Freunde Mr. Stangers werden sich freuen zu hören, daß er, obgleich er in der grausamsten und brutalsten Weise mißhandelt wurde und schwere Verwundungen am Kopf davontrug, in keiner unmittelbaren Lebensgefahr schwebt.«

Danach war noch zu lesen, daß eine Abteilung der Kohlen- und Eisenpolizei, bewaffnet mit Winchestergewehren, zum Schutz des Herald-Gebäudes abgeordnet worden sei.

McMurdo hatte die Zeitung niedergelegt und war eben dabei, sich mit einer unter den Wirkungen des gestrigen Trinkgelages noch unsteten Hand die Pfeife anzuzünden, als es klopfte und ihm seine Wirtin einen Brief hereinbrachte, der von einem Jungen abgegeben worden war. Der Brief trug keine Unterschrift und lautete wie folgt:

»Ich möchte Sie gern sprechen, aber nicht in Ihrem Hause. Sie werden mich neben dem Fahnenmast auf Miller Hill finden. Wenn Sie meinem Wunsch folgen, werde ich Ihnen eine Mitteilung machen, die für Sie und für mich von Wichtigkeit ist.«

McMurdo überlas den Brief zweimal in äußerster Überraschung, ohne Vorstellung, was er zu bedeuten habe und von wem er herrühren könne. Wäre er in einer weiblichen Handschrift geschrieben gewesen, so hätte er ihn für den Anfang eines jener Abenteuer gehalten, die ihm aus früheren Zeiten wohl vertraut waren. Aber er war von Manneshand und wies die Merkmale guter Bildung auf. Nach einigem Zögern entschloß er sich, der Sache auf den Grund zu gehen.

Miller Hill war ein ungepflegter öffentlicher Park, inmitten der Stadt gelegen. Im Sommer war es ein beliebter Aufenthaltsort des Volkes, aber im Winter war er trübselig genug. Von oben hatte man einen Fernblick über die ganze rußige, planlos angelegte Stadt und das lange gewundene Tal, mit seinen verstreuten Bergwerken und Fabriken, eingesäumt von schwärzlichem Schnee und den bewaldeten, weiß übergossenen Hängen darüber.

McMurdo schlenderte die Krümmungen des Pfades entlang, der von einer immergrünen Hecke eingefaßt war, bis er zu dem verödeten Restaurant gelangte, das im Sommer der Sammelpunkt der Vergnügungssüchtigen war. Daneben stand ein kahler Flaggenmast, an dessen Schaft er einen Mann gewahrte, mit tief heruntergezogenem Hut und aufgeklapptem Rockkragen. Als der Mann McMurdo sein Gesicht zuwandte, erkannte dieser in ihm Bruder Morris, der sich am Abend vorher dem Mißfallen des Logenmeisters ausgesetzt hatte. Nachdem der Logengruß ausgetauscht worden war, ging Morris ohne Zeitverlust auf den Gegenstand der von ihm herbeigeführten Unterredung über.

»Ich wollte mit Ihnen sprechen, Herr McMurdo,« sagte er zögernd, wie jemand, der sich auf schwankem Boden weiß. »Es war sehr freundlich von Ihnen, zu kommen.«

»Warum haben Sie Ihren Brief nicht unterzeichnet?«

»Man muß vorsichtig sein, Herr. Man kann nie wissen, wem solch ein Brief in die Hände fällt. Außerdem weiß man nicht, wem man in solchen Zeiten trauen kann und wem nicht.«

»Logenbrüdern können Sie doch sicherlich trauen?«

»Nicht immer,« rief Morris lebhaft. »Was einer von uns sagt, selbst was er denkt, scheint stets seinen Weg zu McGinty zu finden –«

»Herr Morris,« warf McMurdo mit ernstem Tone ein, »erst gestern abend habe ich, wie Sie wissen, dem Logenmeister Treue geschworen. Sie wollen mich doch nicht verleiten, meinen Schwur zu brechen?«

»Wenn das Ihre Auffassung von der Sache ist,« sagte Morris enttäuscht, »dann tut es mir leid, Sie bemüht zu haben. Es ist traurig, daß zwei Bürger eines freien Landes nicht offen ihre Meinungen austauschen können.«

McMurdo, der seinen Gefährten sorgfältig im Auge behalten hatte, milderte seine abweisende Haltung.

»Ich habe auch an mich zu denken,« sagte er, »ich bin hier ein Neuling, wie Sie wissen, und bewege mich auf fremdem Boden. Es ist nicht an mir, den ersten Schritt zu tun, Herr Morris. Wenn Sie mir etwas zu sagen haben, will ich es gern anhören, da ich schon einmal hier bin.«

»Um es dann Meister McGinty zu hinterbringen,« sagte Morris bitter.

»Darin tun Sie mir Unrecht,« rief McMurdo. »Was mich persönlich betrifft, halte ich streng loyal zur Loge, wie ich Ihnen gerade heraus sagen muß, aber ich wäre ein erbärmlicher Wicht, wenn ich Ihr Vertrauen mißbrauchen würde. Was Sie mir sagen, bleibt unter uns, aber ich muß Sie darauf vorbereiten, daß Sie bei mir weder Hilfe noch Sympathie finden werden.«

»Diese von Ihnen oder einem anderen zu erwarten, habe ich längst aufgegeben,« sagte Morris bitter. »Vielleicht gebe ich mich mit dem, was ich sagen will, in Ihre Hände,« fuhr er fort, »aber so schlecht Sie auch sein mögen, – und nach gestern abend zu schließen, scheinen Sie sich zu einem ebenso großen Bösewicht auswachsen zu wollen, wie die anderen, – Sie sind, wie Sie selbst sagen, noch ein Neuling, und Ihr Gewissen kann noch nicht abgestumpft sein. Darum möchte ich gern mit Ihnen sprechen.«

»Nun, und was haben Sie zu sagen?«

»Wenn Sie mich verraten, möge mein Fluch Sie treffen.«

»Sie können darüber unbesorgt sein.«

»Also dann möchte ich Sie fragen, ob es Ihnen, als Sie in Chicago in den Bund der freien Männer eintraten und Ihr Gelübde ablegten, in den Sinn gekommen ist, daß es Sie auf die Verbrecherbahn führen könnte?«

»Wenn Sie es Verbrechen nennen wollen,« antwortete McMurdo.

»Kann es darüber zweierlei Meinungen geben?« rief Morris mit vor Erregung zitternder Stimme. »Sie wissen offenbar noch nicht viel davon, wenn Sie es anders bezeichnen möchten. War es nicht ein Verbrechen, den alten Mann von gestern abend, alt genug, Ihr Vater zu sein, zu schlagen, bis ihm das Blut aus den weißen Haaren tropfte? War das ein Verbrechen, oder was war es sonst?«

»Es gibt Leute, die sagen würden, daß es ein Kampf ist,« sagte McMurdo, »ein Klassenkampf bis aufs Messer, wobei jeder zuschlägt, wie er kann.«

»Waren Sie darauf vorbereitet, als Sie in Chicago in den Freimänner-Orden eintraten?«

»Nein, das war ich nicht, das muß ich zugeben.«

»Auch ich hatte keine Ahnung, als ich in Philadelphia eintrat. Der Orden war nur eine Wohltätigkeits-Vereinigung und der Treffpunkt meines Freundeskreises. Dann hörte ich von diesem Ort. Verflucht sei die Stunde, da der Name zum erstenmal an mein Ohr drang. Ich kam her, um mich zu verbessern. Mein Gott! Zu verbessern! Es klingt wie bitterer Hohn. Meine Frau und meine Kinder nahm ich mit. Am Marktplatz eröffnete ich einen Kurzwarenladen. Es ging mir gut. Man erzählte sich, daß ich ein Freimann sei, und zwang mich, der Loge beizutreten, so wie Sie es gestern abend taten. Am Arm trage ich das Brandmal der Schande, aber im Herzen ein noch viel schlimmeres. Ich entdeckte, daß ich den Befehlen eines ruchlosen Bösewichtes unterstand und in einem Netzwerk von Verbrechen gefangen war. Was konnte ich tun? Jedes Wort, das ich in bester Absicht aussprach, wurde als Verrat ausgelegt, wie gestern erst wieder. Ich kann nicht weg, denn alles, was ich habe, steckt in meinem Geschäft. Wenn ich aus der Loge austrete, wird man mich umbringen, und der Himmel weiß, was dann aus meiner Frau und meinen Kindern werden soll. Freund, ich sage Ihnen, es ist schrecklich – schrecklich!« Er verbarg sein Gesicht in den Händen, während sein ganzer Körper in heftigem Schluchzen erbebte.

»Sie sind zu weichherzig für die Sache,« antwortete McMurdo achselzuckend. »Sie eignen sich nicht dazu.«

ein kaltherziger Mörder werden, oder gibt es etwas, das Sie davon noch zurückhalten kann?«

»Wie würden Sie dies anfangen?« fragte McMurdo brüsk. »Sie wollen doch nicht den Verräter spielen?«

»Der Himmel soll mich davor bewahren!« rief Morris. »Schon die Absicht würde mich das Leben kosten.«

»Gut, daß Sie so denken,« sagte McMurdo. »Ich halte Sie für einen schwachen Menschen, der sich die Sache zu sehr zu Herzen nimmt.«

»Zu sehr! Warten Sie, bis Sie hier ein bißchen älter geworden sind. Blicken Sie hinunter ins Tal, und betrachten Sie die Hunderte von Schornsteinen, die es überragen. Ich sage Ihnen, daß die Wolken des Verderbens dichter und niedriger über dem Tal hängen als die des Rauches. Es ist das Tal des Grauens – das Tal des Todes. Im Herzen der Bevölkerung wohnt Schrecken, von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen. Nur Geduld, junger Mann, Sie werden es selbst erkennen.«

»Nun denn, ich werde Ihnen sagen, was ich davon halte, nachdem ich mehr gesehen habe,« sagte McMurdo leichthin. »Klar ist nur, daß Sie nicht hierher gehören, und je schneller Sie Ihr Geschäft verkaufen, – auch wenn Sie nur 10 v. H. des Wertes erlösen, – desto besser ist es für Sie. Was Sie mir sagten, ist bei mir sicher aufgehoben; aber der Himmel sei Ihnen gnädig, wenn Sie ein Angeber –«

»Nein, nein,« rief Morris flehend.

»Nun gut, wir wollen es dabei bewenden lassen. Ich werde an das, was Sie mir gesagt haben, denken, und vielleicht komme ich noch einmal darauf zurück. Ich nehme an, daß Sie es gut mit mir meinen. Aber jetzt muß ich wieder nach Hause.«

»Noch eins, bevor Sie gehen,« sagte Morris. »Man hat uns vielleicht beobachtet und wird wissen wollen, was wir zu sprechen hatten.«

»Gut, daß Sie daran denken.«

»Ich habe Ihnen eine Anstellung in meinem Laden angeboten.«

»Und ich habe sie ausgeschlagen. Das geht niemand etwas an. Auf Wiedersehen, Bruder Morris. Hoffen wir das Beste für die Zukunft.«

Als McMurdo am Nachmittag desselben Tages in Gedanken verloren am Ofen seines Wohnzimmers saß, öffnete sich die Tür, und McGinty erschien, der mit seiner massiven, riesenhaften Figur den Türrahmen fast ausfüllte. Er grüßte nach Logenart und nahm ohne weiteres Platz, indem er McMurdo mit Blicken zu durchbohren schien, die von diesem furchtlos erwidert wurden.

»Ich bin ein schlechter Besuchmacher, Bruder McMurdo,« sagte er, »wahrscheinlich, weil mir meine eigenen Gäste so viel zu schaffen machen. Höflichkeit erfordert es indessen, daß ich Ihren Besuch erwidere und Sie in Ihrem Heim aufsuche.«

»Ich bin stolz darauf, Sie hier zu sehen, Rat McGinty,« antwortete McMurdo herzlich und holte die Whisky-Flasche aus dem Schrank. »Es ist für mich eine unerwartete Ehre.«

»Wie geht es dem Arm?« fragte der Meister.

McMurdos Gesicht verzog sich zu einer Grimasse.

»Ganz gut, aber er hält sich noch in Erinnerung,« sagte er. »Immerhin, ich weiß, wofür ich leide.«

»So ist es,« antwortete der andere, »so muß jeder denken, der unserer Sache ergeben ist und der Loge nützlich sein will. Was haben Sie heute morgen mit Bruder Morris auf Miller Hill zu sprechen gehabt?«

Die Frage kam so plötzlich, daß McMurdo sich glücklich schätzte, eine Antwort in Bereitschaft zu haben.

»Morris weiß nichts davon, daß ich mir hier im Hause Geld verdienen kann,« sagte er mit einem vielsagenden Lächeln. »Er soll auch nichts davon erfahren, denn er hat für meinen Geschmack ein zu enges Gewissen. Er ist ein gutherziger alter Mann und scheint zu glauben, daß es mir schlecht gehe. Er wollte mir auf die Beine helfen, indem er mir eine Anstellung in seinem Kramladen anbot.«

»So, das war es!

Und Sie haben sie ausgeschlagen?«

»Selbstredend. In vier Stunden täglicher Arbeit kann ich mir hier in meinem Schlafzimmer ein vielfaches von dem verdienen, was er mir bieten könnte.«

»So ist es. Ich würde Ihnen indessen raten, mit Morris nicht allzuviel zu verkehren.«

»Warum nicht?«

»Es mag Ihnen genügen, daß ich es wünsche. Das genügt den meisten Leuten hier in der Gegend.«

»Vielleicht den meisten Leuten, aber mir nicht,« erwiderte McMurdo unerschrocken. »Wenn Sie ein Menschenkenner sind, muß Ihnen das klar sein.«

Der dunkelhäutige Riese glotzte ihn an, und seine haarige Tatze schloß sich einen Augenblick lang fest um das Glas, als ob er es dem anderen an den Kopf werfen wollte. Dann brach er in Lachen aus, in ein lautes, schallendes, aber unecht klingendes Lachen.

»Sie sind ein sonderbarer Heiliger, das muß ich sagen,« erwiderte er. »Nun, wenn Sie Gründe haben wollen, werde ich sie Ihnen sagen. Hat Morris irgend etwas gegen die Loge gesagt?«

»Nein.«

»Oder gegen mich?«

»Nein.«

»Nun gut, er hat Ihnen eben nicht getraut, aber in seinem Herzen ist er ein Abtrünniger. Wir wissen sehr genau, weshalb wir ihn auf das sorgfältigste überwachen. Wir warten nur auf die Zeit, ihn beiseite zu bringen. Ich glaube sogar, daß diese Zeit nicht mehr sehr fern ist. In unserem Stall ist kein Platz für räudige Schafe. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß man Sie selbst für verräterisch halten könnte, wenn Sie mit einem treulosen Menschen Umgang pflegen. Ist Ihnen das klar?«

»Es ist unwahrscheinlich, daß ich mit ihm umgehen werde, denn ich mag den Mann nicht leiden,« antwortete McMurdo. »Und was das Verräterischsein anbelangt, so möchte ich Ihnen sagen, daß jeder andere außer Ihnen es bereuen würde, dieses Wort in meiner Gegenwart auszusprechen.«

»Nun gut, damit ist die Sache für mich erledigt,« sagte McGinty, indem er sein Glas leerte. »Ich wollte Ihnen nur einen gutgemeinten Wink geben.«

»Es würde mich interessieren,« sagte McMurdo, »woher Sie wissen, daß ich mit Morris gesprochen habe.«

»Es ist eine meiner Aufgaben, alles zu wissen, was hier vorgeht,« antwortete McGinty lachend. »Sie werden gut tun, sich dies gegenwärtig zu halten. Nun denn, meine Zeit ist abgelaufen und ich muß jetzt gehen.«

Sein Abschiednehmen wurde jedoch in einer völlig unerwarteten Weise unterbrochen. Mit einem plötzlichen Schlag flog die Tür auf, und drei finstere, aufgeregte Gesichter, beschattet von der Schirmmütze der Polizei, starrten durch die Türöffnung. McMurdo sprang auf und hatte bereits den Revolver halb aus seiner Tasche gezogen, als er gewahr wurde, daß zwei Gewehre auf seinen Kopf gerichtet waren, worauf er den Arm wieder sinken ließ. Ein uniformierter Mann trat ins Zimmer mit einem Revolver in der Hand. Es war Kapitän Marvin, der vormalige Beamte der Chicagoer Polizei, zu jener Zeit aber Leiter der Kohlen- und Eisenpolizei. Mit einem Kopfschütteln und einem halben Lächeln blickte er auf McMurdo.

»Ich habe mir doch gedacht, daß er mir bald ins Gehege kommen würde, der windige Herr McMurdo aus Chicago,« sagte er. »Er kann es eben nicht lassen. Nehmen Sie Ihren Hut und kommen Sie mit.«

»Das wird Ihnen teuer zu stehen kommen, Kapitän Marvin,« sagte McGinty. »Wer sind Sie denn eigentlich, möchte ich wissen, daß Sie sich herausnehmen, derart in ein Haus einzudringen und ehrliche, gesetzesfürchtige Leute zu belästigen?«

»Wir haben nichts gegen Sie, Rat McGinty,« sagte der Polizeikapitän. »Wir sind nicht Ihretwegen gekommen, sondern wegen dieses McMurdo. Es ist Ihre Aufgabe, uns in der Ausübung unserer Pflicht zu unterstützen und nicht zu behindern.«

»Er ist mein Freund, und ich stehe für ihn ein,« sagte McGinty.

»Ich glaube, daß Sie eines schönen Tages für sich selbst einzustehen haben werden, Mr. McGinty,« antwortete der Polizeikapitän. »McMurdo war schon ein verdächtiger Mensch, bevor er hierher kam, und ist es noch immer. Halten Sie ihn scharf auf dem Korn, Schutzmann, während ich ihn entwaffne.«

»Hier ist meine Pistole,« sagte McMurdo ruhig. »Wenn wir beide allein wären, Kapitän Marvin, so würden Sie mich nicht so leicht einfangen können.«

»Haben Sie denn einen Haftbefehl?« fragte McGinty. »Zum Donnerwetter, man möchte glauben in Rußland und nicht in Vermissa zu sein, wenn man sieht, was sich die Polizei herausnimmt. Es ist eine kapitalistische Schandtat, und Sie werden dafür büßen, das kann ich Ihnen versichern.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Rat McGinty, wir kennen unsere Pflichten.«

»Wessen bin ich beschuldigt?« fragte McMurdo.

»Der Teilnahme an dem Überfall auf den Redakteur Stanger vom Vermissa Herald. Es ist wohl nicht Ihre Schuld, daß es nicht eine Beschuldigung wegen Mordes ist.«

»Nun, wenn das alles ist, was Sie gegen ihn haben,« rief McGinty lachend, »so können Sie sich jede weitere Mühe ersparen. Dieser Mann war in meiner Bar bis Mitternacht beim Pokerspiel. Ich werde Ihnen ein Dutzend Zeugen bringen, die es beschwören.«

»Es bleibt Ihnen freigestellt, dies morgen vor Gericht zu tun. Inzwischen wollen wir gehen. Kommen Sie, McMurdo, und verhalten Sie sich ruhig, wenn Sie nicht wollen, daß Ihr Kopf mit einem Gewehrkolben in Berührung kommt. Weg da mit Ihnen, McGinty! Ich dulde keinen Widerstand in der Ausübung meiner Pflicht. Lassen Sie sich das gesagt sein.«

So entschlossen trat der Kapitän auf, daß sowohl McMurdo wie der Logenmeister sich in die Lage fügen mußten. Dem letzteren gelang es jedoch, dem Häftling vor dem Fortgehen einige Worte zuzuflüstern.

»Was soll damit?« bemerkte er mit einer vielsagenden Bewegung seines Daumens auf das Versteck der Falschmünzerwerkzeuge zu.

»Nichts zu befürchten,« flüsterte McMurdo, der sie in einem Geheimfach unter dem Fußboden wohl verborgen wußte.

»Ich wünsche Ihnen alles Gute,« sagte der Meister mit einem kräftigen Händedruck. »Ich werde sofort zu Reilly, dem Rechtsanwalt, gehen und sehen, daß er die Verteidigung übernimmt. Seien Sie ganz unbesorgt, man wird Ihnen nichts anhaben können.«

»Das ist nicht so ganz sicher, mein Freund. Gebt acht, auf den Gefangenen, ihr beide. Sollte er die Flucht ergreifen, so schießt ihn einfach nieder. Ich werde noch eine Haussuchung vornehmen, bevor ich gehe.«

Dies geschah, aber Marvin fand anscheinend keine Spur der versteckten Werkzeuge. Als er damit zu Ende gekommen war, brachte er mit seinen zwei Leuten McMurdo zum Polizeibüro. Es war inzwischen dunkel geworden, und ein Schneesturm fegte durch die fast menschenleeren Straßen. Die wenigen Leute, die unterwegs waren, liefen zusammen und bewarfen den Gefangenen, ermutigt durch die Dunkelheit, mit Schimpfworten und Flüchen.

»Hängt den verfluchten Rächer auf!« riefen sie. »An die Laterne mit ihm!« Sie lachten und verhöhnten ihn, als er in das Polizeigebäude gestoßen wurde.

Nach einem kurzen, rein formellen Verhör seitens des diensthabenden Beamten wurde er in eine Zelle geführt. In dieser fand er bereits Baldwin und drei andere seiner Genossen von gestern abend vor, die alle am Nachmittag in Haft genommen worden waren und nun der Verhandlung am nächsten Morgen entgegensahen.

Der lange und mächtige Arm der Freimänner reichte indessen sogar in diese inneren Ringmauern des Gesetzes hinein. Spät abends kam der Gefängniswärter und brachte für jeden ein Bündel Bettzeug, aus dem er einige Flaschen Whisky, Gläser und ein Spiel Karten entnahm. Zechend und ohne der am folgenden Tag bevorstehenden Verhandlung auch nur einen Gedanken zu widmen, verbrachten sie die Nacht.

Ihre Sorglosigkeit war, wie sich alsbald herausstellte, nur zu berechtigt. Der Untersuchungsrichter konnte auf Grund des Tatbestandes allein zu keinem Schuldspruch kommen. Es stellte sich heraus, daß die Setzer und Drucker infolge des trüben Lichtes und ihrer Bestürzung die Identität der Verbrecher nicht feststellen konnten. Sie erklärten sich außerstande zu beschwören, daß sich die Beschuldigten unter den Angreifern befunden hatten, obwohl sie dies glaubten. Als sie der gewandte Rechtsanwalt, den McGinty für die Verteidigung bestellt hatte, einem Kreuzverhör unterzog, wurden ihre Aussagen noch unbestimmter. Das Opfer der Tat hatte bei seiner kommissarischen Vernehmung bereits zu Protokoll gegeben, daß er durch die Plötzlichkeit des Überfalles so überrascht worden war, daß er nichts anderes aussagen könne, als daß der erste Mann, der ihn schlug, einen Schnurrbart trug. Er fügte hinzu, daß die Angreifer unzweifelhaft zu der Gesellschaft der Rächer gehören müßten, da niemand anderer in der ganzen Stadt einen Groll gegen ihn haben könne, und weil er von deren Seite wegen seiner freimütigen Leitartikel schon verschiedene Drohbriefe empfangen habe. Außerdem ergab sich aus der übereinstimmenden und im bestimmtesten Ton vorgebrachten Aussage von sechs Bürgern, einschließlich jenes hohen städtischen Würdenträgers, des Rates McGinty, ganz einwandfrei, daß die Beschuldigten zur Zeit der Tat und weit darüber hinaus im Unionhaus Karten gespielt hatten. Es erübrigt sich, zu sagen, daß sie alle vom Gericht mit einer Begründung freigelassen wurden, die fast einer Entschuldigung für die ihnen auferlegten Unannehmlichkeiten gleichkam. Daran schloß sich eine ziemlich unverblümte Verwarnung Kapitän Marvins wegen Übereifer in der Ausübung seiner Pflicht.

Die Entscheidung des Gerichtes wurde von den Zuhörern der Verhandlung, unter denen McMurdo viele bekannte Gesichter wahrzunehmen glaubte, mit lautem Beifall aufgenommen. Die Logenbrüder lachten und schwenkten die Hüte, andere dagegen saßen mit zusammengekniffenen Lippen und düsterblickenden Augen da, als die Beschuldigten die Anklagebank verließen. Einer von den letzteren, ein kleiner, dunkelbärtiger, entschlossener Mensch, faßte seine Gedanken und die seiner gleichgesinnten Freunde in Worte, als die freigelassenen Häftlinge an ihnen vorüberzogen:

»Ihr verfluchten Mörder!« rief er. »Wir werden doch noch mit euch abrechnen!«

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5. Kapitel. Die trübste Stunde.

5. Kapitel. Die trübste Stunde.

Wenn es noch eines Geschehnisses bedurft hätte, um McMurdos Ruhm bei seinen Genossen zu vervollständigen, so hätte seine Verhaftung und Freisprechung dies bewirkt. Daß ein Mensch schon am Abend seiner Aufnahme in die Loge in Ausübung seiner Logenpflichten vor die Richter kam, stellte einen Rekord in der Geschichte des Bundes dar. Man kannte ihn bereits als guten Gesellschafter, als fröhlichen Zecher, aber auch als einen Mann von hitzigem Wesen, der sich nicht einmal etwas von dem allmächtigen Meister gefallen ließ. Er verstand es jedoch auch, bei seinen Kameraden den Eindruck zu erwecken, daß niemand fähiger war als er, blutdürstige Pläne zu schmieden und sie auch auszuführen.

»Wenn er drankommt, wird er seine Sache gut machen,« sagten sich die älteren und sahen ungeduldig diesem Zeitpunkt entgegen. McGinty hatte zwar schon genug Werkzeuge seines Willens, aber in McMurdo glaubte er ein solches höherer Ordnung zu erkennen. Er kam ihm vor wie ein im Zaum gehaltener Wachhund. An Kreaturen für minder wichtige Arbeit war kein Mangel, aber eines Tages würde er diese Vollblutkreatur auf eine ihrer würdige Beute loslassen. Einige Mitglieder der Loge, Ted Baldwin unter ihnen, grollten zwar über den raschen Aufstieg des Fremden und bedachten diesen deswegen mit ihrem Haß, aber sie wichen ihm aus. Sie waren sich bewußt, daß er ebenso rasch bereit war zu kämpfen wie zu lachen.

Während er so in der Gunst seiner Genossen stieg, gab es andere Menschen, die ihm unendlich mehr galten, bei denen er sie verlor. Ettie Shafters Vater wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben und verwehrte ihm, sein Haus zu betreten. Ettie selbst liebte ihn zu sehr, um ihn ganz aufzugeben, aber eine innere Stimme warnte sie vor dem, was kommen würde, wenn sie sich an einen erklärten Verbrecher ketten ließe. Nach einer schlaflosen Nacht entschloß sie sich eines Morgens, mit ihm zu sprechen – voraussichtlich zum letztenmal – und noch einen Versuch zu machen, ihn von dem schlechten Einfluß, unter dem er stand, zu befreien. Sie suchte ihn in seinem Heim auf, was er so oft erfleht hatte. Er saß am Tisch im Wohnzimmer mit dem Rücken gegen die Tür und hatte einen Brief vor sich. Die Schalkhaftigkeit ihrer jungen Jahre – sie war erst neunzehn – regte sich in ihr bei diesem Anblick. Er hatte ihr Eintreten nicht gehört. Auf den Zehenspitzen schlich sie näher und legte ihre Hand auf seine leichtgebeugte Schulter.

Wenn es ihre Absicht gewesen war, ihn zu überraschen, so gelang ihr dies in einem Grade, der sie selbst überraschte. Wie ein Tiger sprang er auf sie zu, indem er mit seiner rechten Hand ihre Gurgel erfaßte. Mit der anderen zerknüllte er im selben Augenblick das vor ihm liegende Papier. Eine volle Sekunde lang stierte er sie wie von Sinnen an, dann wich seine Überraschung, und die Wildheit, die sein Gesicht verzerrte, – ein Anblick, der sie entsetzt zusammenfahren ließ, wie vor etwas, das ihr friedliches Leben noch nicht kannte – machte stürmischer Freude Platz.

»Du bist’s!« rief er, indem er sich den Schweiß von der Stirne wischte. »Du kommst zu mir, Liebste? Und ich empfange dich damit, daß ich dir an die Gurgel fahre!«

Er breitete die Arme aus.

»Komm in meine Arme, Liebling, und laß es mich wieder gutmachen.«

Sie hatte sich indessen von dem Schreck, den ihr der Einblick in die schuldige Seele des Mannes eingeflößt hatte, und von dem Ausdruck des wilden Entsetzens in seinen Zügen noch nicht völlig erholt. Ihr weiblicher Instinkt sagte ihr, daß es nicht bloß Überraschung sein konnte, die solche Wirkungen hervorbrachte, es war das Bewußtsein der Schuld.

»Was ist denn los mit dir, Jack?« rief sie. »Warum warst du so erschrocken? O Jack, wenn du ein ruhiges Gewissen hättest, würdest du mich nicht so angesehen haben.«

»Ach nein, ich dachte nur an andere Dinge, und wie da auf deinen Elfenfüßen so hereingeschwebt kamst, –«

»Nein, nein, Jack, es war mehr als das.« Ein Verdacht erfaßte sie plötzlich. »Laß mich den Brief sehen, den du eben geschrieben hast.«

»Ich kann nicht, Ettie.«

Ihr Verdacht verdichtete sich zur Gewißheit.

»Es ist eine andere,« rief sie. »Jetzt weiß ich es. Warum solltest du sonst den Brief vor mir verbergen wollen? Ist es deine Frau, an die du schriebst? Wie kann ich wissen, ob du nicht verheiratet bist? Du, ein Fremder, von dem niemand etwas weiß.«

»Ich bin nicht verheiratet, Ettie, das kann ich beschwören. Du bist die einzige, die für mich existiert. Ich schwöre es auf das heilige Kreuz.«

So deutlich war der tiefe Ernst auf dem von innerer Erregung zitternden Gesicht zu lesen, daß sie nicht anders konnte, als ihm zu glauben.

»Nun denn,« sagte sie, »warum willst du mir dann den Brief nicht zeigen?«

»Ich werde es dir sagen, Geliebte,« rief er. »Ich habe geschworen, ihn niemand zu zeigen, und so wie ich dir gegenüber stets mein Wort halten werde, muß ich es auch anderen gegenüber tun. Es ist eine Sache der Loge, die selbst dir ein Geheimnis bleiben muß. Da kannst dir wohl denken, als ich deine Hand auf meiner Schulter fühlte, konnte es ebensogut die eines Detektives sein.«

Sie fühlte, daß er die Wahrheit sprach. Er schlang seinen Arm um sie und verscheuchte mit seinen Küssen ihre Furcht und Zweifel.

»Setz‘ dich zu mir her. Es ist ein sonderbarer Thron für meine Königin, aber es ist das Beste, was ein armer Liebhaber finden kann. Später werden wir vielleicht etwas Besseres finden. Bist du jetzt wieder beruhigt, Kind?«

»Ich kann niemals beruhigt sein, Jack, solange ich weiß, daß du ein Verbrecher unter Verbrechern bist; solange es möglich ist, daß du einmal auf die Anklagebank wegen Mordes kommen kannst. McMurdo, die neue Leuchte der Mörderbande, so hat dich einer unserer Pensionäre gestern genannt. Es schnitt mir in die Seele wie ein Messer.«

»Das sind Worte, nichts als Worte.«

»Aber sie sind wahr.«

»Nun, Liebste, es ist nicht so schlimm, wie du denkst. Wir sind arme Leute, die sich auf ihre Weise ihr Recht zu verschaffen suchen.«

Ettie schlang ihre Arme um den Hals des Geliebten.

»Laß es sein, Jack! Um meinetwillen, laß es sein! Ich bin hierher gekommen, nur um dich darum zu bitten. Sieh mich an, Jack, ich flehe dich an auf meinen Knien, kniefällig bitte ich dich, laß es sein!«

Er richtete sie wieder auf und legte beruhigend ihren Kopf an seine Brust. »Liebste, du weißt nicht, um was du mich bittest. Wie könnte ich unsere Sache aufgeben, meinen Schwur brechen und meine Kameraden verraten. Wenn du wüßtest, wie es um mich steht, würdest du mich nicht darum bitten. Und selbst wenn ich wollte, ich könnte nicht. Glaubst du vielleicht, daß mich die Loge ziehen lassen würde mit all den Geheimnissen, die man mir anvertraut hat?«

»Ich habe schon daran gedacht, Jack, und ich habe mir einen Plan zurechtgelegt. Vater hat sich einiges erspart. Er möchte ohnedies gerne weg von diesem Ort, wo die Furcht unser ganzes Leben vergiftet. Er ist jederzeit bereit, wegzuziehen. Wir könnten nach Philadelphia oder New York fliehen, wo wir vor den Leuten hier sicher wären.«

McMurdo lachte.

»Die Macht der Loge reicht sehr weit. Bildest du dir etwa ein, daß sie schon in Philadelphia oder New York endet?«

»Nun, dann woandershin, nach dem Westen oder nach England oder nach Schweden, wo Vater herstammt. Irgendwohin, nur weg aus diesem Tal des Grauens.«

McMurdo dachte an den alten Bruder Morris.

»Das ist schon das zweite Mal, daß ich das Tal so nennen höre,« sagte er. »Die Schatten scheinen wirklich auf einigen von euch schwer zu lasten.«

»Sie verdunkeln jede Stunde unseres Lebens. Glaubst du vielleicht, daß uns Ted Baldwin schon verziehen hat? Wenn er nicht Furcht hätte vor dir, was denkst du, würde aus uns werden? Du solltest nur einmal diese düsteren, hungrigen Blicke sehen, mit denen er mich verfolgt.«

»Beim Himmel! Ich werde ihm bessere Manieren beibringen, wenn ich ihn dabei erwische. Nun also, Liebste, ich kann von hier nicht weg. Ich kann einfach nicht. Damit mußt du dich abfinden. Aber wenn du es mir überlassen willst, einen anderen Ausweg zu suchen, wodurch ich mich mit Anstand aus der Affäre ziehen kann, so verspreche ich dir, mein Bestes zu tun.«

»Für Anstand ist in dieser Sache kein Platz.«

»So denkst du. Ich habe andere Ansichten. Gib mir noch sechs Monate Zeit, und ich werde die Dinge so drehen, daß ich von hier fort kann, ohne mich schämen zu müssen, den Leuten ins Gesicht zu sehen.«

Das Mädchen schrie vor Freude auf.

»Sechs Monate?« rief sie. »Ist das ein Versprechen?«

»Vielleicht werden es sieben oder acht werden, aber längstens innerhalb eines Jahres, das verspreche ich dir, werden wir von hier fort sein.«

Dies war das äußerste Zugeständnis, das Ettie erlangen konnte. Es war enttäuschend, aber immerhin etwas Positives; ein Lichtpunkt in weiter Ferne, dem man zustreben konnte und der die Dunkelheit der unmittelbaren Zukunft erhellen würde. Als sie in das Haus ihres Vaters zurückkehrte, war ihr Herz leichter als zu irgendeiner Zeit, seit Jack McMurdo in ihr Leben trat.

McMurdo hatte angenommen, daß ihm als Mitglied von den Taten und inneren Verhältnissen der Loge nichts verborgen bleiben würde, aber er sollte bald entdecken, daß ihre Organisation umfangreicher und komplizierter war, als es den Anschein hatte. Selbst Meister McGinty blieben viele Dinge unbekannt, denn über ihm stand noch ein höherer Funktionär, der Grafschaftsdelegierte, der weiter unten in Hobsons Patch wohnte und seine Macht über eine Anzahl von Logen ausübte, und zwar in der willkürlichsten Weise von der Welt. Diesen sah McMurdo nur einmal. Es war ein schlaues, grauhaariges Männchen mit einem schlürfenden Gang und scheuen Blicken, aus denen Tücke und Bosheit sprach. Sein Name war Evan Scott. Selbst der große Meister von Vermissa fühlte anscheinend Widerwillen vor ihm und jene Furcht, die der riesenhafte Danton vor dem schwächlichen, aber gefährlichen Robespierre gefühlt haben mag. Eines Tages erhielt Scanlan, der mit McMurdo zusammen wohnte, von McGinty einen Brief, der eine Mitteilung von Evan Scott enthielt, gemäß der zwei zuverlässige Leute, Lawler und Andrews, abgesandt werden würden, um in der Gegend von Vermissa eine Arbeit zu verrichten. Die Mitteilung besagte weiter, daß es im Interesse der Sache besser sei, den Gegenstand dieser Arbeit geheimzuhalten. Würde der Logenmeister so freundlich sein, für das Unterkommen und die Bequemlichkeit der Leute Vorkehrungen zu treffen, bis die Zeit zum Handeln gekommen sei? McGinty fügte dem hinzu, daß es im Unionhaus unmöglich sei, die Anwesenheit von Fremden geheimzuhalten, und daß er sich deshalb McMurdo and Scanlan verpflichtet fühlen würde, wenn sie die beiden Abgesandten in ihr Haus aufnähmen.

Diese kamen noch am selben Abend an, jeder mit seiner Handtasche. Lawler war ein ältlicher Mann, schlau, schweigsam und selbstbewußt, gekleidet in einen alten schwarzen Gehrock, der ihm, in Verbindung mit einem weichen Filzhut und seinem schäbigen, graumelierten Bart, das Aussehen eines Wanderpredigers verlieh. Sein Gefährte, Andrews, dagegen war kaum mehr als ein Knabe, hatte ein offenes, fröhliches Gesicht und das Benehmen eines, der sich auf einer Ferienreise befindet, von der er jede Stunde auskosten will. Beide waren Vollabstinenzler und benahmen sich in jeder Hinsicht mustergültig. Nur einen dunklen Fleck gab es in ihrer Lebensführung, nämlich den, daß sie beide Mörder waren, die sich oftmals als fähige Werkzeuge ihrer verbrecherischen Genossenschaft erwiesen hatten. Lawler hatte bereits vierzehn derartige Aufträge ausgeführt und Andrews drei.

McMurdo fand sie jederzeit bereit, über ihre früheren Taten zu sprechen; sie taten es mit dem scheuen Stolz von Männern, die sich bewußt waren, einer großen Sache gute und selbstlose Dienste erwiesen zu haben. Über ihre bevorstehende Arbeit zeigten sie sich indessen völlig zugeknöpft.

»Man hat uns dazu bestimmt, weil weder ich noch der Junge hier trinken,« erklärte Lawler. »Man kann sich bei uns verlassen, daß wir unsere Zungen im Zaum halten. Nehmen Sie es uns nicht übel, aber wir haben dem Befehl des Grafschaftsdelegierten zu gehorchen.«

»Wir sind doch Brüder gleicher Kappen,« sagte Scanlan, als die vier sich zum Abendessen vereinigten.

»Das ist richtig, und Sie können von uns stundenlang über die Ermordung von Charlie Williams oder Simon Bird oder irgendeine andere unserer früheren Arbeiten hören. Bis wir jedoch unsere nächste Arbeit verrichtet haben, können wir darüber nichts sagen.«

»Es gibt hier ein halbes Dutzend, mit denen wir noch ein Wort zu reden haben werden,« sagte McMurdo mit einem Fluch. »Ist’s vielleicht Jack Knox von Iron Hill, hinter dem Sie her sind? Sollte er es sein, so würde ich stundenlang wandern, um dabei zu sein, wenn er seinen Lohn erhält.«

»Nein, er ist es nicht.«

»Oder Hermann Straus?«

»Auch dieser nicht.«

»Nun gut, Sie wollen es uns nicht sagen, und wir können Sie nicht dazu zwingen, aber ich hätte es gern gewußt.«

Lawler lächelte kopfschüttelnd. Aus ihm war nichts herauszubringen.

Trotz der Verschwiegenheit ihrer Gäste waren Scanlan und McMurdo entschlossen, bei dem, was die ersteren »Spaß« nannten, dabei zu sein. Als daher zu einer frühen Morgenstunde McMurdo die beiden Fremden die Treppen hinunterschleichen hörte, weckte er Scanlan, und sie schlüpften eiligst in ihre Kleider. Als sie angekleidet waren, fanden sie, daß ihre Gäste das Haus bereits verlassen hatten, ohne die Tür hinter sich zu schließen. Die Dämmerung war noch nicht angebrochen, aber im Lichte der Straßenlampen konnten sie in einiger Entfernung noch die beiden Männer sehen. Vorsichtig und behutsam folgten sie ihnen durch den tiefen Schnee.

Ihr Haus lag am Rande der Stadt, und bald war daher die Wegkreuzung jenseits der Stadtgrenze erreicht. Dort warteten drei Männer, mit denen Lawler und Andrews eine kurze und eifrige Unterredung hatten, bevor sie gemeinsam ihren Weg fortsetzten. Aus der Anzahl der Beteiligten schloß McMurdo, daß es sich um eine größere Arbeit handle. Von der Wegkreuzung zweigten verschiedene Wege nach einer Anzahl von Bergwerken ab. Die Fremden schlugen den in der Richtung auf Crow Hill ein, einem großen Werk, in dem der tüchtige, energische und furchtlose Betriebsleiter Josia H. Dunn, der aus Neuengland gekommen war, während der ganzen, langen Jahre der Herrschaft des Schreckens Ordnung und Disziplin aufrechterhalten hatte. Die Nacht wich allmählich der Dämmerung, und man sah bereits eine Kette von Arbeitern, die einzeln oder in Gruppen, das rußgeschwärzte Tal entlang, langsam ihren Arbeitsstätten zustrebten. McMurdo und Scanlan schlenderten mit diesen dahin, indem sie die vor ihnen gehenden Fremden sorgsam im Auge behielten. Die Landschaft war in dichten Nebel gehüllt. Plötzlich ertönte das Gekreische einer Dampfpfeife. Es war das Zehnminutensignal vor dem Beginn der Einfahrt.

Als sie den offenen Raum um den Schacht erreichten, fanden sie dort etwa hundert Bergleute wartend, die sich durch Herumstapfen und das Anhauchen ihrer Hände vor der bitteren Kälte zu schützen suchten. Die Fremden standen, zu einer kleinen Gruppe vereint, unter dem Dach des Maschinenhauses. Scanlan und McMurdo erklommen einen Schlackenhaufen, von dem aus sie das ganze Bild vor sich überblicken konnten. Sie sahen den Bergingenieur, einen großen, bärtigen Schotten, namens Menzies, aus dem Maschinenhaus treten und das Zeichen zum Herablassen der Förderkörbe geben. In diesem Moment näherte sich ein hochgewachsener, gelenkiger junger Mann mit glattrasiertem, ernstem Gesicht dem Schachtturm. Die Fremden hatten ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen und ihre Rockkragen aufgeklappt. Einen Augenblick lang schien das Vorgefühl des Todes das Herz des Betriebsleiters mit eisiger Hand zu berühren. Im nächsten Moment hatte er es abgeschüttelt und sah nur noch seine Pflicht gegenüber den unbefugten Fremden.

»Wer seid ihr?« rief er, als er auf sie zuging. »Was lungert ihr hier herum?«

Es erfolgte keine Antwort, aber der junge Andrews schritt auf ihn zu und schoß ihm in den Leib. Die hundert wartenden Berglaute verharrten regungslos und hilflos, wie vor Schreck gelähmt. Der Betriebsleiter bedeckte seine Wunde mit den Händen und knickte in sich zusammen. Als er davonwankte, ertönte ein zweiter Schuß, und er sank mit zuckenden Gliedern seitwärts in einen Haufen Schlacke. Der Schotte Menzies brüllte bei diesem Anblick vor Wut auf und stürmte mit einem schweren Schraubenschlüssel in der Hand auf die Mörder zu, bekam jedoch zwei Schüsse in den Kopf, die ihn zu Füßen der Angreifer tot niederstreckten. Die Menge der Bergleute drängte sich nach vorn, und man hörte laute Ausrufe des Zornes und Mitgefühls. Die Fremden schossen ihre Revolver über die Köpfe der Menge hinweg ab, so daß diese sich zerstreute und in wilder Flucht den Weg nach Vermissa zurück suchte. Als einige der tapfersten sich nach einer Weile wieder sammelten und zum Bergwerk zurückkehrten, war die Mörderbande im Morgennebel verschwunden; und es gab auch nicht einen einzigen Zeugen, der sich mit Bestimmtheit über das Aussehen der Teilnehmer an dem vor hundert Zuschauern verübten Doppelmord hätte äußern können.

Scanlan und McMurdo gingen langsam nach Hause zurück, der erstere in stark gedrückter Stimmung. Es war die erste Mordtat, die er mit eigenen Augen gesehen hatte, und die Sache war ihm nicht so spaßig erschienen, wie er sie sich vorgestellt hatte. Das entsetzliche Jammergeschrei der Frau des toten Betriebsleiters verfolgte sie auf ihrem Weg zur Stadt. McMurdo war in sich gekehrt und schweigsam, zeigte aber kein Mitgefühl mit der Schwäche seines Gefährten.

»Es ist eben Krieg,« sagte er, sich mehrmals wiederholend, »Krieg zwischen uns und den anderen. Wir müssen uns wehren, so gut wir können.«

Am selben Abend gab es im Versammlungsraum der Loge im Unionhaus eine fröhliche Feier, nicht allein aus Anlaß der Tötung des Betriebsleiters und Ingenieurs der Crow-Hill-Zeche, wodurch diese in die gleiche Lage mit den anderen eingeschüchterten, der Erpressung zugänglichen Gesellschaften der Gegend gebracht worden war, sondern auch wegen eines weiteren Triumphes, der auf das Konto der Vermissaloge selbst kam. Es stellte sich heraus, daß der Grafschaftsdelegierte, als er fünf zuverlässige Leute nach Vermissa sandte, um dort einen Schlag auszuführen, verlangt hatte, daß in Erwiderung des Dienstes drei Leute aus Vermissa dazu bestimmt werden sollten, die Ermordung von William Hales vorzunehmen, eines der bestbekannten und beliebtesten Bergwerksbesitzer im Gilmertonbecken, eines Mannes, von dem man annahm, daß er in der ganzen Welt keinen Feind besaß, weil er in jeder Beziehung das Muster eines Arbeitgebers war. Er hatte indessen stets auf Leistung gesehen und darum einige trunkene und lässige Angestellte, Mitglieder der allmächtigen Loge, entlassen. Todesdrohungen, die man an seine Tür heftete, hatten diesen Entschluß nicht rückgängig machen können, und so fand er sich in einem freien, zivilisierten Land zum Tode verurteilt.

Das Todesurteil war den Anweisungen entsprechend vollstreckt worden. Ted Baldwin, der sich auf dem Ehrensitz neben dem Logenmeister breitmachte, war der Leiter der Expedition gewesen. Sein gerötetes Gesicht und seine glasigen, blutunterlaufenen Augen sprachen von schlaflosen Nächten und reichlichem Alkoholgenuß. Er und seine beiden Gefährten hatten die vorangegangene Nacht in den Bergen zugebracht. Sie waren ungewaschen und von dem langen Aufenthalt im Freien arg mitgenommen. Aber selbst wahren Helden, die von einer großen Tat zurückkehren, wäre kein wärmerer Willkomm geboten worden, als Ted Baldwin und seinen Helfershelfern von ihren Kameraden. Immer wieder mußten sie den Hergang der Tat erzählen, begleitet von vergnügten Zurufen und schallendem Gelächter. Sie hatten ihrem Mann, als er abends nach Hause fuhr, am Gipfel eines steilen Hügels, wo sein Pferd im Schritt gehen mußte, aufgelauert. Er war so in Pelze eingehüllt gewesen, daß er an seine Pistole nicht heran konnte. Sie hatten ihn aus dem Wagen gezogen und mit einem wahren Schnellfeuer ihrer Revolver niedergestreckt. Keiner von ihnen hatte den Mann gekannt, aber sie gehörten zu den Menschen, für die das Morden an sich Reiz hat. Man hatte den Rächern in Gilmerton gezeigt, daß man sich auf die Leute aus Vermissa verlassen könne. Nur einen dunklen Punkt gab es bei der Ausführung ihrer Tat. Während die Männer noch dabei waren, den regungslosen Körper mit ihren Kugeln zu durchsieben, hatte sich ein Wagen, besetzt mit einem Mann und einer Frau genähert. Einer oder der andere der Bande hatte vorgeschlagen, die beiden niederzuschießen, aber da sie harmlose Leute waren, die in keiner Verbindung mit den Bergwerken standen, hatte man sich damit begnügt, ihnen barsch zu befehlen, weiterzufahren und Schweigen zu bewahren, sofern sie nicht wünschten, in gleicher Weise behandelt zu werden. Die blutbefleckte Leiche ließ man als Warnung für alle anderen hartherzigen Arbeitgeber auf dem Wege liegen. Die drei edlen Rächer begaben sich eiligst in die Wälder, die fast bis an den Rand der Ofenanlagen und Schlackenhaufen heranreichten.

Es war ein großer Tag für die Rächer. Die Todesschatten hatten sich noch tiefer auf das Tal gesenkt, aber wie der kluge Heerführer im Augenblick des Sieges seinen Angriff verschärft, um den Feinden keine Zeit zum Sammeln zu geben, so hatte Meister McGinty, als er das Feld seiner Tätigkeit überblickte, einen neuen Angriff auf seinen Gegner geplant. Noch in derselben Nacht, während die halbtrunkene Gesellschaft aufbrach, berührte er McMurdos Arm und führte ihn in den Innenraum, wo sie ihre erste Unterredung gehabt hatten.

»Mein lieber Junge,« sagte er, »endlich habe ich für Sie eine Aufgabe, die Ihrer würdig ist. Ich lege sie ganz in Ihre Hände.«

»Sie machen mich stolz,« antwortete McMurdo.

»Sie nehmen zwei Leute mit, Manders und Reilly; die beiden sind bereits für die nächste Aufgabe vorgemerkt. Sie wissen, daß Chester Wilcox bereits seit längerem auf unserer schwarzen Liste steht, und daß die erste Vollstreckung gegen ihn fehlschlug. Wir können es natürlich nicht dabei bewenden lassen, und Sie werden den Dank jeder Loge im Kohlengebiet ernten, wenn Sie ihn niedermachen.«

»Ich will jedenfalls mein Bestes tun. Wo ist er, wo soll ich ihn aufsuchen?«

McGinty nahm seine ständige, halbgekaute und halbgerauchte Zigarre aus dem Mundwinkel und warf eine rohe Skizze auf ein Blatt Papier, das er aus seinem Notizbuch riß.

»Er ist der Obermeister der Iron-Dyke-Gesellschaft, ein schwieriger Kunde. Im Krieg ist er Feldwebel gewesen. Ein narbiger Brummbär. Wir haben es schon zweimal mit ihm versucht, hatten aber kein Glück, und Jimy Carnaway hat beim letztenmal sein Leben eingebüßt. Ich übergebe Ihnen nun die Sache. Das Haus steht ganz für sich an der Iron-Dyke-Wegkreuzung, wie diese Skizze zeigt. Es ist vollständig außer Hörweite der nächsten Ansiedlungen. Bei Tag ist die Sache nicht zu machen, denn er ist stets bewaffnet. Er ist ein guter Schütze und knallt los, ohne erst viel zu fragen. Aber des Nachts kann man ihm beikommen. Er wohnt mit seiner Frau, seinen drei Kindern und einer Dienstperson dort. Die Sache ist aber die, daß Sie ihn nicht allein kriegen können. In dem Fall heißt es alle oder keinen. Wenn es Ihnen gelingt, einen Sack Sprengpulver an die Tür zu legen, mit einer Sprengschnur daran –«

»Was hat der Mann getan?«

»Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß er Jim Carnaway niedergeschossen hat?«

»Und warum hat er das getan?«

»Was zum Teufel, geht das Sie an? Carnaway kam eines Nachts an sein Haus heran, und er hat ihn niedergeschossen. Das genügt mir und muß auch Ihnen genügen. Sie müssen die Sache ins reine bringen.«

»Aber diese zwei Frauen und die Kinder, müssen die auch in die Luft fliegen?«

»Es bleibt uns nichts anderes übrig, denn wir können ihm allein nicht beikommen.«

»Ist das nicht etwas hart gegen die Weibsleute und die Kinder? Sie haben doch eigentlich nichts getan?«

»Was sind das für Redereien? Wollen Sie sich vielleicht von der Sache drücken?«

»Ruhig Blut, Meister,« sagte er. »Was habe ich jemals gesagt oder getan, das Ihnen ein Recht gibt, zu glauben, daß ich mich den Befehlen des Logenmeisters und der Loge entziehen will? Ob es recht ist oder nicht, haben allein Sie zu beurteilen.«

»Sie wollen es also tun?«

»Selbstverständlich.«

»Und wann?«

»Nun, Sie müssen mir ein oder zwei Nächte Zeit lassen, um das Gelände auszukundschaften und meine Pläne zu schmieden, dann –«

»Schön,« sagte McGinty, indem er ihm die Hand schüttelte. »Ich überlasse das Ihnen. Es wird ein großer Tag sein, wenn Sie uns Ihren Bericht erstatten. Eine Tat wie diese wird Ihre Kameraden vor Ihnen auf die Knie bringen.«

McMurdo versank in ein langes und tiefes Nachdenken über den Auftrag, der so plötzlich in seine Hand gelegt worden war. Das einsame Haus, in dem Chester Wilcox wohnte, lag etwa fünf Meilen entfernt in einem angrenzenden Tal. Er machte sich noch in derselben Nacht auf, um den Anschlag vorzubereiten. Der Tag war schon angebrochen, als er von seiner Erkundungsreise zurückkehrte. Am folgenden Tag hatte er eine Besprechung mit seinen beiden Untergebenen, Manders und Reilly, zwei verwegenen jungen Leuten, die sich über die Sache freuten, als ob es sich um ein Jagdvergnügen handelte. In der zweitfolgenden Nacht trafen sich die drei außerhalb der Stadt. Alle waren bewaffnet, und einer von ihnen trug einen Sack mit Sprengpulver von der Art des in den Steinbrüchen verwendeten. Es war zwei Uhr morgens geworden, als sie bei dem einsamen Haus anlangten. Die Nacht war windig, und dünne Wolken stoben in schneller Fahrt über die Scheibe des Dreiviertelmondes. Man hatte sie ermahnt, vor Bluthunden auf der Hut zu sein, und sie bewegten sich daher vorsichtig vorwärts, die gespannten Revolver in den Händen. Aber kein Laut war hörbar, außer dem Heulen des Windes, und keine Bewegung zu sehen, außer dem Schwanken der Zweige über ihnen. McMurdo horchte an der Tür des einsamen Hauses, in dessen Innern tiefe Stille herrschte. Dann lehnte er den Pulversack an die Tür, und schnitt mit seinem Messer ein Loch hinein, in das er die Zündschnur einführte. Nachdem diese zum Glimmen gebracht war, machten sich alle drei eiligst davon und waren bereits eine geraume Strecke von dem Haus entfernt, sicher und bequem in einem schützenden Graben verborgen, als das donnernde Getöse der Explosion erfolgte. Das dumpfe Krachen des einstürzenden Gebäudes sagte ihnen, daß ihr Werk vollbracht sei. Keine glattere Arbeit war jemals vorher in den blutgetränkten Annalen des Rächerbundes verzeichnet worden. Aber das so gut angelegte und kühn ausgeführte Werk sollte vergebens gewesen sein. Gewarnt durch das Schicksal der letzten Opfer und wohl wissend, daß sein Untergang beschlossene Sache war, hatte Chester Wilcox am Vortage seine Familie und seine Habseligkeiten an einen sicheren und weniger gut bekannten Ort gebracht, wo sie sich unter Polizeischutz stellten. Es war ein leeres Gebäude, das durch die Explosion niedergerissen wurde, und der grimmige alte Kriegsveteran konnte auch weiterhin den Bergleuten in Iron Dyke Disziplin beibringen.

»Überlaßt ihn mir,« sagte McMurdo, »der Mann gehört mir, und ich werde ihn kriegen, und wenn ich ein ganzes Jahr darauf warten müßte.«

Die Logenversammlung votierte ihm ihren Dank und den Ausdruck ihres Vertrauens, womit die Sache vorläufig erledigt war. Als man einige Wochen später in den Zeitungen las, daß man auf Wilcox aus einem Hinterhalt geschossen hatte, war es ein offenes Geheimnis, daß es McMurdo war, der sich bemühte, seine unfertige Aufgabe zum Abschluß zu bringen.

Derartig waren die Methoden der Gesellschaft der freien Männer und derartig die Taten der Rächer, mit denen sie ihre Herrschaft des Schreckens über einen großen und reichen Distrikt aufrechterhielten. Warum sollen diese Zeilen noch durch weitere Verbrechen befleckt werden? Habe ich nicht schon genug über diese Leute und ihr Vorgehen gesagt? Ihre Taten sind bereits Geschichte geworden, und es gibt Aufzeichnungen, die sie ausführlich wiedergeben. Aus diesen erfährt man von der Ermordung der beiden Polizeileute Hunt und Evans, die es gewagt hatten, zwei Mitglieder des Bundes zu verhaften; eine doppelte Schandtat, die von der Vermissaloge geplant und kaltblütig an zwei hilflosen und unbewaffneten Männern ausgeführt wurde. Darin kann man auch die Tötung der Frau Larby nachlesen, die niedergeschossen wurde, während sie ihren Mann pflegte, den man auf Befehl Meister McGintys fast zu Tode geprügelt hatte; ferner die Ermordung des älteren Jenkins, der bald darauf die seines Bruders folgte; die Verstümmelung von James Murdoch; die Vernichtung der Familie Staphouse durch Sprengmittel; die Ermordung der Familie Stendal und andere Untaten, die in jenem schrecklichen Winter in kurzer Folge verübt wurden. Der Frühling war wiedergekommen, die Bäche plätscherten, und die Bäume grünten. Die Natur, solange vom Winter in eisiger Umklammerung gehalten, war wieder erwacht. Aber in den Herzen der Männer und Frauen, die im Vermissatal unter dem Joch des Schreckens leben mußten, war keine Hoffnung eingezogen. Niemals zuvor hingen die Wolken über ihnen so düster, und noch niemals war ihre Lage so hoffnungslos wie im Frühsommer des Jahres 18…

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6. Kapitel. Gefahr.

6. Kapitel. Gefahr.

Die Herrschaft des Schreckens war auf ihrem Höhepunkt angelangt. McMurdo, der bereits zum Dekan der Loge ernannt worden war und alle Aussicht hatte, eines Tages McGinty als Logenmeister abzulösen, hatte sich im Rate seiner Kameraden so unentbehrlich gemacht, daß nichts mehr ohne seine Hilfe und seinen Rat geschah. Je beliebter er indessen bei den Freimännern wurde, desto finsterer wurden die Blicke, die ihn in den Straßen von Vermissa trafen. Im Angesicht der Schreckensherrschaft, die immer drückender geworden war, faßten sich die Bürger der Stadt ein Herz und schlossen sich gegen ihre Bedrücker eng zusammen. Berichte über geheime Versammlungen in den Geschäftsräumen des »Herald« und über die Verteilung von Feuerwaffen an die gesetzesfürchtigen Bürger waren in die Loge gedrungen. Aber McGinty und seine Leute ließen sich dadurch nicht beirren. Sie waren zahlreich, entschlossen und gut bewaffnet. Ihre Gegner waren unorganisiert und daher machtlos. Es würde alles in zwecklosen Redereien endigen, wie schon einige Male früher. Vielleicht auch würden einige wirkungslose Verhaftungen erfolgen. So sagten McGinty, McMurdo und all die anderen führenden Köpfe des Bundes.

Es war eines Sonnabendabends im Mai – an welchem Tage sich die Loge regelmäßig versammelte – McMurdo kam eben aus seinem Haus heraus, um sich zur Loge zu begeben, als Morris, der zaghafteste unter den Mitgliedern, auf ihn zutrat. Auf seiner Stirne lagen Sorgenfalten, und sein gutmütiges Gesicht war abgehärmt und verstört.

»Kann ich mit Ihnen offen sprechen, McMurdo?«

»Selbstverständlich.«

»Ich kann es nicht vergessen, daß ich Ihnen schon einmal mein Herz ausschütten durfte und daß Sie, was ich Ihnen sagte, für sich behielten, obwohl der Meister selbst zu Ihnen gekommen ist, um Sie auszufragen.«

»Was hätte ich sonst tun können? Was Sie mir sagten, geschah im strengsten Vertrauen; allerdings habe ich Ihre Meinung nicht geteilt.«

»Das weiß ich sehr wohl, aber Sie sind der einzige, zu dem ich mit Sicherheit offen sprechen kann. Ich habe hier ein Geheimnis,« – er legte die Hand auf seine Brust – »das mir auf der Seele brennt. Ich wünschte, es wäre irgend jemand anderem zugetragen worden. Wenn ich es preisgebe, so geschieht ein Mord, das ist mir klar. Wenn nicht, kann es unser aller Ende bedeuten; Gott sei mir gnädig, aber ich bin am Ende meiner Kräfte.«

McMurdos scharfe Augen unterzogen den Mann einer eingehenden Musterung. Morris zitterte an allen Gliedern. Die Beiden traten in das Haus zurück, wo McMurdo seinem Gefährten ein Glas Whisky einschenkte.

»Das ist die richtige Medizin für Leute wie Sie,« sagte er. »Nun, lassen Sie mich hören, was Sie auf dem Herzen haben.«

Morris leerte das Glas, worauf etwas Farbe in seine Wangen zurückkehrte.

»Was ich zu sagen habe, kann ich in einen Satz fassen,« sagte er. »Ein Detektiv ist auf unserer Fährte.«

McMurdo starrte den Mann verblüfft an.

»Mensch,« sagte er, »Sie sind verrückt. Ist nicht die Stadt hier voll von Polizeidetektiven, und ist uns jemals etwas geschehen?«

»Nein, nein, McMurdo, es ist kein hiesiger. Die kennen wir, und von denen haben wir nichts zu fürchten. Aber haben Sie jemals von den Pinkertons gehört?«

»Ich habe von Leuten dieses Namens gelesen.«

»Nun, Sie können mir glauben, wenn die Pinkerton-Agentur auf unserer Spur ist, wird es uns schlecht ergehen. Das ist keine Regierungseinrichtung wie die Staatspolizei, der es gleichgültig ist, ob sie einen erwischt oder nicht. Es ist ein todernstes Geschäft, das nach Erfolgen bezahlt wird, und das sich in eine Sache verbeißt, bis die Erfolge da sind, koste es, was es wolle. Wenn ein Pinkertonmann hinter uns her ist, sind wir alle erledigt.«

»Wir müssen ihn um die Ecke bringen.«

»Das war auch mein erster Gedanke, und die Loge wird genau dasselbe denken. Habe ich Ihnen nicht schon gesagt, daß es auf einen Mord hinausläuft?«

»Und wenn schon! Ein Mord weniger oder mehr in dieser Gegend will nichts bedeuten.«

»So ist es, nur ich kann es nicht über mich bringen, unsere Leute auf den Mann zu hetzen, der ermordet werden soll. Ich könnte niemals wieder ruhig schlafen. Wird uns jedoch allen an den Kragen gehen. Um Himmels willen, was soll ich tun?«

Er krümmte sich förmlich in der Qual seiner Unentschlossenheit.

Seine Worte hatten auf McMurdo einen tiefen Eindruck gemacht. Es war leicht zu erkennen, daß er die Meinung des anderen über das Bestehen einer ernsten Gefahr teilte und die Notwendigkeit einsah, ihr beizeiten entgegenzuwirken. Er ergriff Morris bei der Schulter und schüttelte ihn.

»Mann,« rief er mit einer vor Aufregung fast kreischenden Stimme »damit ist uns nicht geholfen, daß Sie hier sitzen und jammern, wie ein altes Weib beim Leichenbegängnis. Heraus mit dem, was Sie wissen. Wer ist der Kerl und wo ist er? Wie haben Sie davon gehört, und warum kommen Sie gerade zu mir?«

»Ich kam zu Ihnen als dem einzigen Menschen, der mir einen Rat geben kann. Ich sagte Ihnen schon, daß ich in den Oststaaten einen Laden hatte, bevor ich hierherkam. Ich habe dort noch gute Freunde und einer davon ist im Telegraphendienst. Gestern erhielt ich von ihm einen Brief. Lesen Sie ihn selbst, hier dieser Teil ist es, auf der oberen Seitenhälfte.«

McMurdo las das Folgende:

» … Wie geht’s den Rächern? Wir lesen viel darüber in den Zeitungen. Ich erwarte, von Ihnen baldigst darüber zu hören. Fünf große Bergwerksgesellschaften und zwei Eisenbahnen haben die Sache in allem Ernst in die Hand genommen. Sie sind entschlossen, den Rächern den Garaus zu machen, und Sie können sich darauf verlassen, daß es ihnen gelingen wird. Die Sache ist schon weit gediehen. Pinkertons sind mit den Nachforschungen betraut, und der Beste ihrer Leute, Birdy Edwards, arbeitet in der dortigen Gegend. Sie wollen ein für allemal Schluß machen mit der Mörderbande.«

»Und jetzt lesen Sie die Nachschrift.«

»… Was ich Ihnen mitgeteilt habe, ist Amtsgeheimnis und bleibt daher selbstverständlich unter uns. Tagtäglich gehen meterlange Streifen in Chiffreschrift aus Ihrer Gegend durch meine Hände, aber ich weiß nicht, was ich daraus machen soll.«

McMurdo saß eine Zeitlang schweigend da, mit dem Brief in seinen ruhelosen Händen. Der Dunstkreis um ihn hatte sich verzogen, und der Abgrund lag klar erkennbar vor ihm.

»Weiß sonst noch jemand etwas davon?« fragte er.

»Ich habe noch kein Sterbenswörtchen verlauten lassen.«

»Und hat dieser Mensch, Ihr Freund, hier noch andere Bekannte, denen er möglicherweise dasselbe schreiben würde?«

»Ich glaube noch ein paar.«

»Auch solche aus der Loge?«

»Sehr leicht möglich.«

»Ich frage Sie danach, weil er vielleicht irgend jemandem eine Beschreibung dieses Menschen Birdy Edwards gegeben haben könnte. Dann wären wir in der Lage, dem Mann auf die Spur zu kommen.«

»Kann sein, aber wahrscheinlich kennt er ihn gar nicht. Er hat mir nur mitgeteilt, was ihm im Amt bekanntgeworden ist. Woher sollte er den Pinkertonmann kennen?«

McMurdo fuhr plötzlich auf.

»Bei Gott!« rief er. »Ich weiß, wer es ist. Wie töricht von mir, nicht sogleich daran zu denken. Gott sei’s gedankt! Das ist unser Glück. Wir können ihn unter die Finger kriegen, bevor er Unheil stiften kann. Sagen Sie, Morris, wollen Sie mir die Sache überlassen?«

»Selbstverständlich. Ich bin nur zu froh, wenn ich damit nichts zu tun habe.«

»Nun gut, Sie können zusehen, während ich handle. Nicht einmal Ihr Name braucht genannt zu werden. Ich werde so tun, als ob ich selbst den Brief bekommen hätte. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ich könnte mir nichts Besseres wünschen.«

»Gut, dann bleiben wir dabei, und Sie halten Ihren Mund fest verschlossen. Ich gehe jetzt zur Loge hinunter und wir werden bald den alten Pinkertonmann so weit haben, daß es ihm leid tun wird, hierhergekommen zu sein.«

»Sie wollen ihn doch nicht umbringen?«

»Je weniger Sie wissen, Freund Morris, desto leichter wird Ihr Gewissen sein, und desto besser werden Sie schlafen. Fragen Sie nicht, und lassen Sie mich die Sache machen. Sie liegt jetzt in meinen Händen.«

Morris schüttelte wehmütig des Kopf, als er sich empfahl.

»Ich werde mir immer einbilden, daß sein Blut an meinen Händen klebt,« stöhnte er.

»Selbstschutz ist kein Mord,« sagte McMurdo mit einem grimmigen Lächeln. »Hier heißt es: entweder er oder wir. Der Mann würde uns alle vernichten, wenn wir ihn noch länger hier dulden. Ich glaube, wir müssen Sie noch zum Logenmeister machen, Bruder Morris, denn Sie haben die Loge gerettet.«

Aus dem, was er nun tat, ging klar hervor, daß er die Sache für ernster hielt, als seine Worte es wahrhaben wollten. Vielleicht war es sein schuldbeladenes Gewissen, vielleicht auch der Ruf des Pinkerton-Institutes oder das Bewußtsein, daß große, mächtige Gesellschaften sich die Aufgabe gestellt hatten, mit den Rächern aufzuräumen; wie dem auch war, seine Handlungen waren die eines Mannes, der sich auf das Schlimmste vorbereitet. Bevor er das Haus verließ, vernichtete er jeden Fetzen Papier, der ihm gefährlich werden konnte. Danach seufzte er erleichtert auf, denn er bildete sich ein, nunmehr sicher zu sein. Und doch mußte das Bewußtsein der Gefahr noch auf ihm lasten, denn auf dem Wege zur Loge blieb er bei dem Shafterschen Hause stehen. Der Eintritt war ihm zwar verwehrt, aber als er an das Fenster klopfte, kam Ettie heraus. Der Glanz verwegener Kühnheit war aus seinen Augen gewichen. Sie las die Zeichen drohender Gefahr in seinem ernsten Gesicht.

»Was ist geschehen?« rief sie. »Jack, es droht dir Gefahr?«

»So schlimm ist es nicht, Liebste, und doch ist es vielleicht klüger, wenn wir uns davonmachen, bevor es schlimmer wird.«

»Uns davonmachen?«

»Ich versprach dir einst, daß dies eines Tages geschehen würde. Dieser Tag ist nahe. Ich erhielt heute Nachrichten, schlechte Nachrichten, und sehe Unheil herannahen.«

»Die Polizei?«

»Nicht ganz. Ein Pinkerton-Detektiv. Aber du weißt selbstverständlich nicht, was das ist, noch was es für meinesgleichen bedeutet. Ich habe mich in diese Geschichte zu tief eingelassen, und es mag sein, daß ich in höchster Eile das Weite suchen muß. Du versprichst mitzukommen, wenn ich gehe?«

»Gewiß, Jack, es wäre deine Rettung.«

»In manchen Dingen bin ich ein ehrlicher Mensch, Ettie; ich könnte zum Beispiel nicht um die Welt ein Haar deines süßen Kopfes krümmen, oder dich auch nur um Zollbreite von dem goldenen Thron über den Wolken, auf dem ich dich immer sehe, herabziehen. Kannst du mir vertrauen?«

Sie legte, ohne ein Wort zu sprechen, ihre Hand in die seine.

»Nun gut, höre mir aufmerksam zu und tue genau das, was ich dir sage, denn es ist für uns die einzige Rettung. Es bereitet sich hier etwas vor, das fühle ich in allen Gliedern. Gar mancher von uns wird sehen müssen, wo er bleibt. Ich bin einer von ihnen. Wenn ich gehen muß, ob bei Tag oder bei Nacht, mußt du mitkommen.«

»Ich kann dir nachkommen, Jack.«

»Nein, nein, du mußt gleich mitkommen. Dieses Tal wird mir wahrscheinlich bald auf immer verschlossen sein; ich werde nicht mehr zurückkommen können. Wie könnte ich dich hierlassen, während ich mich vielleicht vor der Polizei verbergen muß und keine Möglichkeit habe, dir eine Nachricht zukommen zu lassen? Du mußt mitkommen. Dort wo ich zu Hause bin, ist eine gute Frau, bei der du bleiben kannst, bis wir heiraten können. Willst du?

»Ja, Jack, ich will.«

»Gott segne dich dafür. Liebste. Ich müßte ein Teufel aus der schwärzesten Hölle sein, wenn ich dein Vertrauen je mißbrauchte. Nun paß auf, Ettie, ich kann dir vielleicht nur ein Wort zukommen lassen. Aber wenn es dich erreicht, mußt du alles stehen und liegen lassen, sofort in den Wartesaal des Bahnhofes gehen und dort bleiben, bis ich komme.«

»Ich werde kommen, Jack, bei Tag oder Nacht.«

Mit leichterem Herzen setzte McMurdo seinen Weg zur Loge fort. Die Vorbereitungen zu seiner Flucht waren nahezu getroffen. Nachdem er die verschiedenen Wachtposten durch Abgabe der vereinbarten Erkennungszeichen befriedigt hatte, trat er in den Versammlungsraum ein. Die Loge war bereits versammelt. Freundliche Willkommrufe begrüßten seinen Eintritt. Der lange Raum war überfüllt. Durch den blauen Tabakdunst gewahrte er die schwarze Mähne des Logenmeisters, das grausame, mißmutige Gesicht Baldwins, das Geiergesicht Harraways, des Sekretärs, und ein Dutzend andere Führer der Loge. Es freute ihn, daß sie alle da waren, um seine Nachrichten zu hören.

»Es freut uns, Sie zu sehen, Bruder,« rief der Vorsitzende. »Wir haben eine Sache hier, für die wir ein salomonisches Urteil brauchen.«

»Es ist die Geschichte mit Lander und Egan,« erklärte ihm sein Nachbar, als er Platz nahm. »Beide beanspruchen das Kopfgeld, das die Loge für das Erschießen des alten Crabbe drüben in Stylestown ausgesetzt hat, aber wer soll entscheiden, wessen Kugel traf?«

McMurdo stand auf und hob die Hand. Der Ausdruck seines Gesichtes zog die Aufmerksamkeit der ganzen Versammlung auf sich. Ein erwartungsvolles Schweigen folgte.

»Verehrungswürdiger Meister, Freunde und Brüder,« sagte er. »Ich bin heute der Überbringer schlimmer Nachrichten, aber es ist besser, daß sie bekannt und besprochen werden, als daß ein Schlag, der uns alle vernichten kann, uns unvorbereitet trifft. Ich habe die böse Nachricht erhalten, daß sich die mächtigsten und reichsten Unternehmungen dieses Staates zu unserer Vernichtung vereinigt haben und daß in diesem Augenblick ein Pinkerton-Detektiv, und zwar ein gewisser Birdy Edwards, sich in unserer Gegend aufhält, damit beschäftigt, Beweismaterial zu sammeln, um vielen von uns eine Schlinge um den Hals zu legen und jeden Mann in diesem Raum in die Verbrecherzelle zu bringen. Das ist die Lage, die ich zur Besprechung bringen will und für die ich Dringlichkeit verlange.«

Totenstille herrschte im ganzen Raum, bis sie von dem Vorsitzenden gebrochen wurde.

»Welche Beweise haben Sie dafür, Bruder McMurdo?« fragte er.

»Der Beweis ist in diesem Brief enthalten, der in meine Hände gelangte,« sagte McMurdo. Er las die Stelle laut vor. »Es ist für mich eine Ehrensache, daß ich über den Brief nichts weiter sage und ihn euren Händen vorenthalte, aber ich versichere euch, daß sonst nichts darin steht, was die Interessen der Loge betrifft. Ich lege euch die Sache genau so vor, wie sie mir zugekommen ist.«

»Ich möchte bemerken, Herr Vorsitzender,« sagte einer der älteren Brüder, »daß ich von Birdy Edwards schon gehört habe, und daß er als der fähigste Mann im Dienste der Pinkertons gilt.«

»Kennt ihn einer von euch vom Sehen?« fragte McGinty.

»Jawohl,« sagte McMurdo, »ich kenne ihn.«

Ein Murmeln der Verblüffung ging durch den Raum.

»Ich glaube, wir haben ihn in unserer Gewalt,« fuhr er mit einem frohlockenden Lächeln in seinem Gesicht fort. »Sofern wir schnell und klug vorgehen, können wir die Gefahr beseitigen. Wenn Ihr mir Vertrauen schenken und volle Unterstützung zuteil werden laßt, haben wir kaum etwas zu fürchten.«

»Haben wir denn überhaupt etwas zu fürchten? Was kann er denn von unseren Angelegenheiten wissen?«

»So könnten Sie vielleicht reden, Rat McGinty, wenn alle so verschwiegen und treu wären wie Sie. Aber dieser Mann hat Millionen von Kapitalistengeld hinter sich. Glauben Sie etwa, daß sich in allen Logen nicht ein Bruder finden wird, der für dieses Geld den Verräter spielt? Er kommt hinter unsere Geheimnisse – vielleicht hat er sie schon – und es gibt nur eine mögliche Lösung –«

»Er darf niemals unser Tal verlassen,« sagte Baldwin.

»Ganz meine Meinung, Bruder Baldwin,« sagte er. »Sie und ich waren manchmal uneinig, aber heute befinden wir uns in voller Übereinstimmung.«

»Wo ist er, und wie sollen wir ihn erkennen?«

»Verehrungswürdiger Meister,« sagte McMurdo in ernstem Ton. »Ich möchte Ihnen zu bedenken geben, daß die Sache für uns zu wichtig ist, um in offener Sitzung besprochen zu werden. Ich möchte um alles in der Welt auf niemanden hier nur den Schatten eines Zweifels werfen, aber wenn selbst nur ein Wort dem Mann zu Ohren kommt, wäre jede Aussicht, seiner habhaft zu werden, für uns verloren. Ich beantrage, daß die Loge einen vertrauenswürdigen Ausschuß wählt, den Vorsitzenden und, wenn ich mir einen Vorschlag gestatten darf, Bruder Baldwin und fünf andere. Dann kann ich frei und offen über das, was ich weiß, sprechen und vorbringen, was nach meiner Ansicht zu tun ist.«

Der Antrag wurde angenommen und der Ausschuß gewählt. Außer dem Vorsitzenden und Baldwin gehörten ihm an: Harraway, der Sekretär mit dem Geiergesicht, der rohe junge Meuchelmörder Tiger Cormac, der Schatzmeister Carter und die beiden Brüder Willaby, zwei furcht- und rücksichtslose junge Leute, die keinerlei Bedenken kannten.

Die gewöhnliche Zecherei in der Loge war an jenem Abend kurz und gedämpft, denn eine Wolke hing über der Versammlung, und viele sahen zum erstenmal den Schatten des rächenden Gesetzes die Sorglosigkeit, in der sie solange gelebt hatten, verdunkeln. Die Schrecken, die sie selbst anderen bereitet hatten, waren so sehr eine Angelegenheit des Alltags geworden, daß der Gedanke einer Vergeltung in weite Ferne gerückt schien. Um so heftiger war die Reaktion, als sie die Gefahr so dicht vor sich sahen. Sie brachen frühzeitig auf und ließen ihre Führer in Beratung zurück.

»Und jetzt, McMurdo, haben Sie das Wort,« sagte McGinty, als sie allein waren. Die sieben Leute saßen steif und regungslos auf ihren Plätzen.

»Ich habe bereits gesägt, daß ich Birdy Edwards kenne,« erklärte McMurdo. »Ich brauche wohl nicht erst hinzuzufügen, daß er sich hier nicht unter diesem Namen aufhält. Er ist zwar ein tapferer Mann, dessen bin ich sicher, aber sicherlich nicht verrückt. Er wohnt unter dem Namen Steve Wilson in Hobsons Patch.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe ihn zufällig getroffen und bin mit ihm in’s Gespräch gekommen. Ich habe dem damals keine Bedeutung beigelegt und würde wahrscheinlich nicht mehr daran gedacht haben, wenn nicht dieser Brief gekommen wäre. Aber ich bin meiner Sache sicher. Ich traf ihn in der Bahn, als ich letzten Mittwoch hinunterfuhr. Er ist eine harte Nuß, das kann ich euch sagen. Er teilte mir mit, daß er ein Zeitungsmann sei, was ich damals auch glaubte. Er wollte alles über die Rächer und ihre Schandtaten, wie er sie nannte, für die New Yorker Presse erfahren. Er versuchte, mich nach jeder Richtung auszufragen, um Stoff für seine Zeitungen zu gewinnen. Aus mir hat er natürlich nichts herausbekommen. ›Ich bin bereit, dafür zu zahlen,‹ sagte er, ›und gut zu zahlen, wenn Sie mir das Material verschaffen, das mein Redakteur haben will.‹ Ich erzählte ihm einiges, von dem ich annahm, daß es ihn interessieren würde, und er gab mir dafür eine Zwanzig-Dollarnote. ›Sie können noch zehnmal mehr haben,‹ sagte er,›wenn Sie mir alles, was ich wissen will, besorgen.‹«

»Was haben Sie ihm denn erzählt?«

»Verschiedene Dinge, die ich mir in der Eile zusammengebraut habe.«

»Woher wissen Sie, daß er kein Reporter ist?«

»Aus folgendem: Ich stieg, wie er, in Hobsons Patch aus. Zufällig ging ich in das Telegraphenamt, als er eben herauskam. ›Eigentlich,‹ sagte der Telegraphist zu mir, nachdem er gegangen war, ›sollten wir die doppelten Gebühren für so etwas verlangen.‹

Recht haben Sie, sagte ich. Er hatte ein Formular vor sich, das in einer Sprache geschrieben war, die ebensogut chinesisch hätte sein können. ›Er schickt jeden Tag so einen Bogen ab,‹ sagte der Telegraphist. ›Jawohl,‹ sagte ich, ›es sind Sondernachrichten für seine Zeitung, und er fürchtet sich, daß ihm die anderen etwas davon wegstehlen könnten.‹ Das dachte auch der Telegraphist, und ich war selbst damals ganz davon überzeugt. Aber jetzt denke ich anders darüber.«

»Bei Gott! Ich glaube, Sie haben recht,« sagte McGinty. »Aber was schlagen Sie vor, das wir mit ihm anfangen sollen?«

»Warum sollen wir nicht gleich jetzt hinuntergehen und ihn uns vornehmen?«

»Jawohl, je früher, desto besser.«

»Auch ich würde dies vorschlagen, wenn ich wüßte, wo er zu finden ist,« sagte McMurdo. »Ich weiß zwar, daß er in Hobsons Patch wohnt, aber nicht wo. Ich habe aber einen weit besseren Plan, den ich euch jetzt vorlegen will.«

»Nun, und der ist?«

»Ich möchte morgen früh nach Hobsons Patch fahren. Durch den Telegraphenbeamten werde ich versuchen, herauszufinden, wo er sich aufhält. Ich werde ihm dann sagen, daß ich selbst ein Logenbruder sei und ihm alle Geheimnisse der Loge gegen eine bestimmte Summe anbieten. Er wird darauf hineinfallen, darauf könnt ihr euch verlassen. Ich werde ihm sagen, daß die Papiere in meinem Hause sind. Aber wenn ihm sein Leben lieb sei, dürfe er nicht dahin kommen, solange noch Leute auf den Straßen sind. Das wird ihm streng logisch erscheinen. Ich werde ihm vorschlagen, um zehn Uhr abends zu kommen, wo er dann alles, was er will, einsehen kann. Ich bin überzeugt, er wird kommen.«

»Nun, und dann?«

»Den Rest könnt ihr euch selbst ausdenken. Das Haus, in dem ich wohne, steht ganz abgeschieden. Meine Wirtin ist eine treue Seele und stocktaub. Nur Scalan und ich wohnen im Haus. Wenn der Mann auf meinen Plan eingeht – und das werde ich euch alsbald wissen lassen – schlage ich vor, daß wir sieben uns morgen um neun Uhr abends bei mir treffen. Ich lasse ihn herein, und wenn er das Haus lebend wieder verläßt, muß Birdy Edwards ein außergewöhnlicher Glückspilz sein.«

»Bei Pinkertons wird wohl eine Stelle frei werden, wenn ich mich nicht irre,« sagte McGinty. »Gut, McMurdo, wir sind einverstanden. Also morgen um neun Uhr abends bei Ihnen. Sie brauchen nur die Tür hinter ihm zu verschließen, das übrige können Sie uns überlassen.«

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7. Kapitel. Der Detektiv in der Falle.

7. Kapitel. Der Detektiv in der Falle.

Wie McMurdo gesagt hatte, war das Haus, in dem er wohnte, abgeschieden und für das geplante Verbrechen ganz besonders geeignet. Es lag am Rande der Stadt, ziemlich weit von der Straße ab. In jedem anderen Fall würden die Verschwörer, wie es sonst ihre Art war, einfach ihren Mann gestellt und niedergeschossen haben. Aber in diesem Fall war es äußerst wichtig zu erfahren, wieviel er bereits wußte, woher er es wußte, und welche seiner Erkundungen er an seine Auftraggeber weitergegeben hatte. Möglicherweise war es schon zu spät und seine Arbeit bereits getan. In diesem Fall konnten sie nur noch Rache an ihm nehmen. Sie hofften indessen, daß dem Detektiv noch nichts von größerer Wichtigkeit zur Kenntnis gelangt war, sonst würde er, wie sie annahmen, sich nicht die Mühe genommen haben, so belanglose Mitteilungen, wie McMurdo sie ihm gemacht hatte, niederzuschreiben und in Chiffre weiter zu telegraphieren. Alles dies würden sie von dem Manne selbst hören. Wenn er einmal in ihrer Gewalt war, würden sie Mittel und Wege finden, ihn zum Sprechen zu bringen. Es war nicht das erstemal, daß sie einen widerspenstigen Zeugen zum Reden brachten.

McMurdo fuhr, wie vereinbart, nach Hobsons Patch. Die Polizei schien an jenem Morgen ein ganz besonderes Interesse an ihm zu nehmen, denn Kapitän Marvin, der behauptet hatte, ein alter Bekannter von ihm aus Chicago zu sein, sprach ihn an, als er auf dem Bahnhof wartete. McMurdo drehte ihm den Rücken zu und verweigerte jede Antwort. Am Nachmittag, als er von seiner Expedition zurückgekehrt war, suchte er sofort McGinty im Unionhaus auf.

»Er kommt,« sagte er.

»Gut,« sagte McGinty. Der Riese stand in Hemdsärmeln da, mit baumelnden Ketten und Siegeln an seiner prächtigen Weste. Durch den Saum seines zottigen Bartes funkelte ein großer Brillant. Alkohol und Politik hatten den Meister zu einem sehr reichen und mächtigen Manne gemacht. Um so schrecklicher erschien ihm daher die Vision von Gefängnis und Galgen, die ihm am vorangegangenen Abend gekommen war.

»Glauben Sie, daß er viel weiß?« fragte er angstvoll.

McMurdo nickte trübselig mit dem Kopf.

»Er ist schon längere Zeit hier, mindestens sechs Wochen. Er hat sich wahrscheinlich nicht damit begnügt, die Landschaft zu bewundern. Wenn er die ganze Zeit über fleißig war, mit dem Geld der Gesellschaften hinter sich, möchte ich annehmen, daß er verschiedenes herausgefunden und weitergegeben hat.«

»In unserer Loge ist keiner, dem ich Verrat zutraue,« rief McGinty. »Jeder einzelne ist treu wie Gold. Halt! Zum Donnerwetter, dieser Halunke Morris! An den habe ich nicht gedacht. Warum nicht der Kerl? Wenn einer zum Verräter geworden ist, kann’s nur der gewesen sein. Ich habe Lust, noch vor dem Abendessen ein paar von den Jungen zu ihm zu schicken um ihm eine solche Tracht Prügel verabreichen zu lassen, daß er alles herausplappert, was er gesagt hat.«

»Das würde vielleicht ganz gut sein,« antwortete McMurdo, »obwohl er mir, wie ich gestehen muß, leid täte. Er hat einige Male mit mir über Logenangelegenheiten gesprochen, und obzwar er anders darüber denkt, als Sie und ich, glaube ich nicht, daß er einer ist, der den Angeber spielen würde. Aber wie es auch sei, ich habe darüber nicht zu bestimmen.«

»Ich werde es dem alten Halunken schon besorgen,« rief McGinty mit einem Fluch. »Ich habe schon seit längerem ein Auge auf ihn.«

»Nun, Sie werden wohl am besten wissen, was zu tun ist,« antwortete McMurdo. »Aber was immer Sie beschließen, es muß bis morgen warten, denn wir dürfen uns nicht rühren, bis diese Pinkertonsache ins reine gebracht ist. Es wäre unsinnig, gerade heute die Polizei auf die Beine zu bringen.«

»Das ist wahr,« sagte McGinty, »im übrigen werden wir ja von Birdy Edwards selbst hören, woher er sein Material hat, und wenn wir ihm zu diesem Zweck das Herz aus dem Leibe reißen müßten. Er hat doch nicht Lunte gerochen?«

»Ich habe ihn bei seiner schwachen Seite gepackt,« sagte McMurdo lachend. »Wenn man ihm etwas über die Rächer in Aussicht stellt, würde er bis an das Ende der Welt gehen. Er hat mir bereits Geld gegeben.«

McMurdo zog grinsend ein Bündel Dollarnoten hervor. »Er hat mir versprochen, noch viel mehr herauszurücken, wenn er meine Papiere in der Hand hat.«

»Welche Papiere?«

»Papiere, die nur in seiner Einbildung existieren. Ich habe ihm den Mund mit Satzungen, Geschäftsordnungen und Mitgliedsformularen wässerig gemacht. Er hofft, der Sache ganz auf den Grund zu kommen.«

»Eher wird er in den Grund kommen, sollte ich meinen,« sagte McGinty grimmig. »Hat er Sie nicht gefragt, warum Sie die Papiere nicht gleich mitgebracht haben?«

»Er konnte doch nicht erwarten, daß ich, ein von der Polizei beobachteter Mensch, solche Sachen mit mir herumtrage. Kapitän Marvin hat mich erst heute unten im Bahnhof angesprochen.«

»Davon habe ich gehört,« sagte McGinty. »Das dicke Ende der Sache wird wohl auf Ihr Teil kommen, glaube ich. Wir können ihn wohl in einen aufgelassenen Schacht werfen, wenn wir mit ihm fertig sind; aber wie immer wir es auch anstellen, wir kommen nicht über die Tatsache hinweg, daß Sie heute bei ihm in Hobsons Patch waren.«

»Wenn wir richtig vorgehen, kann man uns niemals einen Mord nachweisen,« sagte McMurdo achselzuckend. »Niemand wird ihn so spät abends das Haus betreten sehen, und ich möchte wetten, daß ihn niemand sehen wird, wenn er es verläßt. Ich will Sie jetzt mit meinem Plan bekannt machen und bitte Sie, die anderen einzuweihen. Ihr alle kommt pünktlich zur vereinbarten Zeit. Er kommt um zehn. Er wird dreimal klopfen, und ich werde ihm die Tür öffnen. Wenn er drinnen ist, schließe ich sie ab. Dann gehört er uns.«

»Das ist klar und einfach.«

»Sehr richtig, aber der nächste Schritt will wohlüberlegt sein. Er ist, wie ich schon sagte, eine harte Nuß. Zweifellos ist er schwer bewaffnet. Ich habe ihn zwar ordentlich genasführt, aber er wird sicher auf seiner Hut sein. Wenn ich ihn in ein Zimmer führe, mit sieben Männern darin, wo er nur einen erwartet, wird es unzweifelhaft zu einer Schießerei kommen, und einer oder der andere von uns würde daran glauben müssen.«

»Sehr richtig.«

»Und der Lärm würde uns jeden verdammten Polizisten auf den Hals locken.«

»Stimmt.«

»Ich möchte daher so vorgehen: Ihr alle seid in dem großen Zimmer, in demselben, wo wir letzthin unsere Unterredung hatten. Ich lasse ihn durch die Tür herein und führe ihn in das kleine Wohnzimmer nebenan, wo ich ihn allein lasse, um, wie ich ihm sagen werde, die Papiere zu holen. Das gibt mir die Möglichkeit, euch zu sagen, wie die Sache steht. Darauf gehe ich zu ihm zurück mit gefälschten Aufzeichnungen. Während er diese liest, springe ich von hinten auf ihn los und umklammere seinen rechten Arm. Dann werdet ihr meinen Ruf hören und stürzt herein. Je schneller das geschieht, desto besser, denn er ist so stark wie ich und wird mir vielleicht mehr zu tun geben, als ich schaffen kann. Aber bis ihr kommt, werde ich ihn wohl halten können.«

»Der Plan ist gut,« sagte McGinty. »Die Loge schuldet Ihnen Dank. Ich kann mir wohl denken, wer meinen Platz einmal einnehmen wird, wenn ich nicht mehr Logenmeister sein werde.«

»Aber ich bin doch kaum mehr als ein Rekrut,« sagte McMurdo. Sein Gesicht ließ deutlich erkennen, wie ihm dieses Kompliment des großen Mannes schmeichelte.

Wieder zu Hause angelangt, traf er seine Vorbereitungen für die grimmigen Ereignisse, die ihm bevorstanden. Zuerst reinigte, ölte und lud er seinen Revolver. Dann musterte er das Zimmer, wo der Detektiv in die Falle gelockt werden sollte. Es war ein großer Raum mit einem langen, rohen Tisch in der Mitte und einem mächtigen Ofen in einer Ecke. An jeder der beiden Längswände lagen Fenster. Diese konnten mit leichten Ziehgardinen verhängt werden. McMurdo betrachtete sie aufmerksam. Zweifellos kam ihm zu Bewußtsein, daß man in den Raum, der für eine streng geheim zu haltende Angelegenheit bestimmt war, ziemlich leicht hineinsehen konnte – ein Nachteil, der indessen durch seine abgeschiedene Lage wieder aufgewogen wurde. Sodann besprach er sich mit seinem Wohngenossen Scalan, der, obgleich Logenbruder, ein harmloses Männchen war, zu verschüchtert, um gegen seine stärkeren Kameraden offen aufzutreten, aber insgeheim entsetzt über die Bluttaten, bei denen er gelegentlich helfen mußte. McMurdo weihte ihn kurz in seine Pläne ein.

»Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Michel Scalan, so würde ich mich für den Abend freimachen und mich fernhalten. Es wird hier blutige Arbeit geben, bevor der Morgen graut.«

»Paßt mir ausgezeichnet, Freund Mac,« antwortete Scalan. »Mein Wille ist zwar stark, aber mein Fleisch ist schwach. Als ich den Betriebsführer Dunn dort unten im Kohlenbergwerk zusammenbrechen sah, war ich erledigt. Solche Sachen liegen mir nicht so, wie etwa Ihnen oder McGinty. Wenn es mir die Loge nicht übelnimmt, werde ich Ihrem Rat folgen und Sie allein lassen.«

Die Männer kamen pünktlich zu der vereinbarten Zeit. Äußerlich waren sie ehrenwerte Bürger, reinlich und gut gekleidet, aber ein Physiognomiker hätte wenig Hoffnung für Birdy Edwards aus ihren grausamen Lippen und unbarmherzigen Augen herauslesen können. Nicht einen gab es unter ihnen, dessen Hände nicht schon ein dutzendmal mit Blut befleckt worden waren. Sie waren gegen Menschenmord so abgestumpft, wie der Schlächter den Tieren gegenüber. Die erste Stelle nahm der verehrungswürdige Meister ein, sowohl was Aussehen, als was Schuld anbelangte. Harraway, der Sekretär, war ein hagerer, verbitterter Mensch mit langem, dürren Hals und nervös zuckenden Gliedern – von unwandelbarer Ehrlichkeit, soweit die Finanzen des Bundes in Frage kamen, aber sonst ohne Sinn für Recht und Moral. Der Schatzmeister Carter, ein Mann mittleren Alters mit teilnahmslosem Gesicht und pergamentartiger, gelber Haut, war ein fähiger Organisator, und die Ausarbeitung fast jeder Schandtat im einzelnen entsprang seinem beweglichen Gehirn. Die zwei Willabys waren Männer der Tat, große sehnige junge Leute mit entschlossenen Gesichtern, und ihr Gefährte Tiger Comac, ein untersetzter, dunkelhäutiger junger Mensch, wurde selbst von seinen Kameraden wegen seiner unberechenbaren Wildheit gefürchtet. Das waren die Leute, die sich in jener Nacht unter dem Dache McMurdos zur Ermordung des Pinkerton-Detektivs vereinten.

Der Gastgeber hatte Whisky auf den Tisch gestellt und sie zögerten nicht, sich durch ihn für die bevorstehende Arbeit in Stimmung zu versetzen. Baldwin und Cormac waren bereits halb betrunken, und der Alkohol steigerte ihr grausames Ungestüm bis zur Siedehitze. Cormac legte seine Hände einen Augenblick lang auf den Ofen. Er war stark eingeheizt, denn die Frühlingsnächte waren noch kalt.

»Er ist heiß genug,« meinte er vielsagend.

»Ja, ja,« rief Baldwin, der den Wink aufgefangen hatte. »Wenn wir ihn darauf festbinden, werden wir schon die Wahrheit aus ihm herauskriegen.«

»Das werden wir auf jeden Fall, sagte McMurdo. Er hatte Nerven aus Stahl, dieser Mann, denn obwohl die ganze Verantwortung für die Sache auf ihm lastete, war sein Benehmen so kühl und sorglos wie immer. Die anderen bemerkten es beifällig.

»McMurdo ist derjenige, der ihn in Empfang nimmt,« sagte der Meister zustimmend. »Ihm wird der Kerl nichts anmerken, bis er seine Hand an der Gurgel spürt – Es ist zu dumm, daß die Fenster keine Läden haben.«

McMurdo ging von einem Fenster zum anderen und zog die Gardinen fester zu.

»Jetzt kann niemand mehr hereinsehen. Er muß gleich da sein.«

»Vielleicht kommt er nicht. Er hat möglicherweise Lunte gerochen,« sagte der Sekretär.

»Er wird kommen, Sie brauchen keine Angst zu haben,« antwortete McMurdo. »Er ist so begierig zu kommen, wie Sie, ihn zu sehen. Horcht! Was ist das?«

Sie saßen alle wie Wachsfiguren da, mit halb erhobenen Gläsern. In die plötzliche Stille hinein dröhnte heftiges, dreimaliges Pochen an die Außentür.

»Still!«

McMurdo erhob Ruhe gebietend seine Hand. Frohlockende Blicke machten die Runde von einem zum anderen, und die Hände fuhren unwillkürlich nach versteckten Waffen.

»Nicht einen Laut, wenn euch euer Leben lieb ist,« zischte ihnen McMurdo zu, als er das Zimmer verließ und die Türe sorgfältig hinter sich schloß.

Die Mordgesellen warteten mit gespitzten Ohren. Sie zählten die Schritte ihres Kameraden, als dieser den Korridor entlang ging. Dann hörten sie ihn die Außentür öffnen und darauf einige Worte der Begrüßung mit jemandem wechseln. Sie vernahmen einen fremden Tritt und eine unbekannte Stimme. Einen Augenblick später hörten sie die Außentür zuschlagen und einen Schlüssel sich im Schloß drehen. Ihr Opfer saß in der Falle. Tiger Cormac konnte ein höhnisches Lachen nicht unterdrücken, so daß ihm McGinty mit seiner großen Hand an den Mund fuhr.

»Ruhig, du Narr,« flüsterte er. »Du wirst uns noch alle verderben.«

Aus dem Nebenzimmer hörte man das Gemurmel eines Gesprächs, das ihnen endlos schien. Dann öffnete sich die Tür, und McMurdo trat ein, einen Finger an den Lippen.

Er kam bis ans Kopfende des Tisches und ließ seine Blicke über die Tafelrunde schweifen. Eine merkliche Veränderung war mit ihm vorgegangen. Seine Haltung war die eines Mannes, der einem Wendepunkt seines Lebens gegenübersteht. Sein Gesicht schien wie aus Stein gemeißelt zu sein, und seine Augen funkelten hinter den Brillen in leidenschaftlicher Erregung. Der geborene Führer von Menschen war in ihm in Erscheinung getreten. Die anderen betrachteten ihn in atemloser Spannung, sagten aber nichts. Mit einem sonderbaren Ausdruck in den Augen wanderten seine Blicke von Mann zu Mann.

»Nun?« rief Meister McGinty endlich. »Ist Birdy Edwards da?«

»Jawohl,« antwortete McMurdo langsam, jedes Wort abwägend, »Birdy Edwards ist da. Er steht vor euch. Ich selbst bin Birdy Edwards.«

Etwa zehn Sekunden folgten diesen wenigen Worten, während deren man im Zimmer eine Stecknadel hätte fallen hören können. Das Zischen eines Kessels auf dem Ofen drang scharf und schneidend in die Ohren, sieben leichenblasse Gesichter waren mit dem Ausdruck eines lähmenden Schreckens zu dem Mann erhoben, der mit Herrschermiene vor ihnen stand. Dann erfolgte plötzlich das Klirren von Glas, und eine Anzahl Gewehrläufe erschienen in jedem Fenster, wobei die Vorhänge aus ihren Haken gerissen wurden. Bei diesem Anblick erhob McGinty ein Brüllen wie ein verwundeter Löwe und stürzte auf die halbgeöffnete Tür zu. Dort wurde er von einem auf ihn gerichteten Revolver begrüßt, hinter dessen Korn die kalten, blauen Augen Kapitän Marvins von der Kohlen- und Eisenpolizei zu sehen waren. McGinty warf sich zurück und fiel in seinen Stuhl.

»Sie haben recht, Rat McGinty,« sagte der Mann, den sie bisher als McMurdo gekannt hatten. »Sie sein sicherer dort, wo Sie sitzen. – Baldwin, wenn Sie nicht sofort Ihre Hand von Ihrer Waffe wegnehmen, werden Sie noch den Henker um sein Werk betrügen. Heraus damit und weggelegt, oder bei meinem Erzeuger – so ist es recht. Das Haus ist von vierzig bewaffneten Männern umstellt, und ihr könnt euch ausmalen, was für Aussichten zur Flucht ihr habt. Nehmen Sie ihnen die Waffen ab, Marwin.« –

Unter der Drohung der auf sie gerichteten Gewehre erschien jeder Widerstand vergeblich. Die Leute wurden sämtlich entwaffnet. Trotzig, niedergedrückt und noch immer verblüfft, saßen sie schweigend um den Tisch herum.

»Ich möchte noch einige Worte an euch richten, bevor wir uns trennen,« sagte der Mann, in dessen Falle sie gegangen waren. »Wir werden uns wahrscheinlich erst vor Gericht wiedersehen. Ich gebe euch für die Zwischenzeit einiges zum Nachdenken auf. Ihr wißt jetzt, wer ich bin. Endlich ist die Zeit gekommen, wo ich meine Karten offen auf den Tisch legen kann. Ich bin Birdy Edwards von den Pinkertons. Man hat mich dazu auserwählt, eure Bande zu vernichten. Es war eine schwere und gefährliche Aufgabe. Keine Menschenseele, nicht einmal jene, die mir am nächsten steht und mir die teuerste ist, wußte davon, außer Kapitän Marvin und meinen Auftraggebern. Aber ich habe getan, was ich konnte, und Gott sei gedankt, ich bin Sieger geblieben.«

Die sieben blassen, regungslosen Gesichter stierten ihn mit Blicken tödlichen Hasses an. Er las die aus ihren Augen sprühenden Drohungen.

»Ihr glaubt vielleicht, daß die Sache für mich nicht erledigt ist. Nun, wir werden ja sehen. Wenigstens einige von euch werden keine Hand mehr gegen mich erheben können, und außer euch werden heute nacht noch sechzig andere das Innere eines Gefängnisses zieren. Ich will euch gestehen, als man mir den Auftrag gab, glaubte ich nicht an die Existenz eines Bundes wie des euren. Ich habe alles für Zeitungstratsch gehalten, und wollte dafür den Nachweis erbringen. Man sagte mir, daß euer Bund etwas mit den Freimännern zu tun habe; ich ging daher nach Chicago und ließ mich dort aufnehmen. Danach war ich überzeugter als je, daß eure Bande nur in der Einbildung der Zeitungen existiere, denn ich fand die Gesellschaft der Freimänner durchaus harmlos und sogar Gutes tuend. Immerhin hatte ich meinen Auftrag auszuführen und kam daher in eure Stadt. Als ich hier anlangte, mußte ich nur zu bald erfahren, daß ich mich im Irrtum befunden hatte, daß also die Sache keineswegs ein Hintertreppenroman war. Daher blieb ich hier, um vollen Einblick zu gewinnen. Ich habe niemals einen Mann in Chicago getötet und niemals einen Dollar gefälscht. Die Banknoten, die ich euch gab, waren so echt wie irgendwelche anderen, und sie waren wohl verwendet. Ich wußte, wie ich mich bei euch in Gunst setzen konnte, und darum täuschte ich euch vor, daß die Polizei hinter mir her sei. Es kam alles so, wie ich es mir ausgedacht hatte.

Darauf trat ich in eure verdammte Loge ein und nahm an euren Beratungen teil. Vielleicht werdet ihr von mir sagen, daß ich so schlecht sei, wie ihr selbst. Aber das ist mir gleichgültig, da ich meinen Zweck erreicht habe. Überdies, was ist denn Wahres daran? In der Nacht meines Eintritts habt ihr den alten Stanger halbtot geschlagen. Ich konnte ihn nicht warnen – dazu war keine Zeit –, aber ich bin dazwischen getreten, als Baldwin ihn umbringen wollte. Wenn ich euch Vorschläge machte, geschah es, um den Anschein zu wahren, und nur in Dingen, von denen ich wußte, daß ich sie verhindern konnte. Ich habe Dunn und Menzies nicht retten können, denn ich wußte von der Sache nicht genug; aber ich werde alles daransetzen, daß ihre Mörder an den Galgen kommen. Ich habe Chestor Wilcox gewarnt, und als ich sein Haus in die Luft sprengte, waren er und seine Leute bereits in Sicherheit. Viele Verbrechen sind begangen worden, die ich nicht verhüten konnte, aber wenn ihr nachdenkt und euch überlegt, wie oft, wenn eure Anschläge erfolgen sollten, eure Opfer auf einem anderen Weg als dem gewöhnlichen zurückkehrten, abwesend waren oder im Hause blieben, wenn ihr dachtet, daß sie ausgehen würden, so werdet ihr mein Werk erkennen.«

»Sie Teufel von einem Verräter,« zischte McGinty durch seine fest zusammengepreßten Zähne.

»Sie mögen mich wohl so nennen, John McGinty, wenn Sie damit Ihren Schmerz lindern können. Sie und Ihresgleichen waren das Werkzeug des Teufels in dieser Gegend. Es bedurfte eines ganzen Mannes, um sich zwischen Sie und die armen Leute, die Sie in Ihrer Gewalt hielten, zu stellen. Es konnte nur auf eine einzige Weise bewerkstelligt werden, und nach der habe ich gehandelt. Sie nennen mich einen Verräter, aber ich bin überzeugt, daß mich viele Tausende eher einen Erlöser nennen werden, der in die Hölle hinuntergestiegen ist, um sie zu retten. Drei Monate habe ich dazu gebraucht, und ich sage euch, daß ich für alle Schätze der Welt nicht noch einmal drei solche Monate durchmachen möchte. Ich mußte bleiben, bis ich alle und alles in der Hand hatte, jedes eurer Geheimnisse und jeden von euch. Ich hätte vielleicht noch länger gezögert, aber ich mußte befürchten, daß mein Geheimnis herauskommen würde. Ein Brief ist nach der Stadt gelangt, der euch auf meine Spur gebracht hätte. Darum mußte ich handeln, und zwar sofort. Das ist alles, was ich euch zu sagen habe. Nur noch das eine: wenn einmal meine Zeit abgelaufen ist, werde ich leichter sterben, wenn ich an das Werk denke, das ich hier in diesem Tal vollbracht habe. Nun, Marvin, will ich Sie nicht länger aufhalten. Nehmt sie in Empfang und laßt uns die Szene beschließen.«

Es bleibt nur noch wenig zu erzählen. Scanlan hatte einen versiegelten Brief empfangen, mit dem Auftrag, ihn Miß Ettie Shafter zu überbringen, was er mit einem vielsagenden Lächeln zu tun versprach. In den ersten Morgenstunden des folgenden Tages bestiegen ein schönes Mädchen und ein schwervermummter Mann einen Sonderzug, der von der Eisenbahngesellschaft nach Vermissa geschickt worden war, und traten eine rasche, aufenthaltslose Fahrt aus dem Lande der Gefahr an. Es war das letztemal, daß Ettie und ihr Liebster den Fuß in das Tal des Grauens setzten. Zehn Tage später fand in Chicago ihre Hochzeit statt, mit dem alten Jakob Shafter als Trauzeugen.

Die Gerichtsverhandlung über die Rächer wurde in einem weit von der Stätte der Verbrechen gelegenen Ort abgehalten, wo keine Gefahr der Einschüchterung der Hüter des Gesetzes bestand. Sie kämpften bis zum letzten Moment, aber vergebens. Das Geld der Loge – Erpressergeld im wahrsten Sinne des Worts – floß wie Wasser in dem vergeblichen Versuch, sie zu retten. Die klare, leidenschaftslose Zeugenaussage eines, der jede Einzelheit ihrer Lebensführung, ihrer ganzen Organisation und alle ihre Verbrechen kannte, war auch durch die geschickteste Verteidigung nicht zu erschüttern. Endlich, nach so vielen Jahren, ereilte die Rächer ihr Schicksal. Die Wolke, die so lange das Tal verdunkelt hatte, zerteilte sich. McGinty fand sein Ende auf dem Schaffott, winselnd und jammernd, als seine letzte Stunde herannahte. Acht seiner Spießgesellen teilten dieses Schicksal. Über fünfzig erhielten mehr oder minder schwere Gefängnisstrafen. Das Werk Birdy Edwards war vollbracht.

Es sollte aber, wie er immer befürchtet hatte, ein Nachspiel haben. Ted Baldwin war seinem Henker entgangen, ebenso die Willabys und einige andere der verwegensten Geister der Bande. Zehn Jahre blieben sie unschädlich, und dann kam der Tag, da man sie wieder freiließ – ein Tag, von dem Edwards wußte, daß er das Ende seiner Ruhe sein werde. Sie hatten bei allem, das sie für heilig hielten, einen Eid geschworen, an ihm für ihre Kameraden blutige Rache zu nehmen. Diese Rache war ihre Lebensaufgabe geworden. Edwards wurde aus Chicago vertrieben, nach zwei Anschlägen, die dem Erfolg so nahe kamen, daß es als sicher gelten konnte, der nächste werde Erfolg haben. Von da ging er unter angenommenem Namen nach Kalifornien, wo ihm die Freude am Leben eine Zeitlang erlosch, als Ettie Edwards starb. Noch einmal später wurde er fast getötet, als er unter dem Namen Douglas in einer einsamen Schlucht mit einem englischen Partner, namens Barker, arbeitete und ein Vermögen zusammenraffte. Er wurde gewarnt, daß die Bluthunde wieder auf seiner Fährte seien. Es gelang ihm gerade noch im letzten Augenblick, nach England zu fliehen. Und so kam es, daß John Douglas, der in England das zweitemal eine würdige Lebensgefährtin fand, sich dort als Gutsbesitzer niederließ und fünf Jahre in Sussex in Frieden leben konnte – ein Leben, das in die ungewöhnlichen Geschehnisse auslief, von denen wir gehört haben.

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8. Kapitel. Das Ende.

8. Kapitel. Das Ende.

Der Polizeigerichtshof hatte den Fall John Douglas einem höheren Gericht überwiesen. Von diesem wurde Douglas mit der Begründung, daß seine Tat in Selbstverteidigung erfolgt sei, freigesprochen.

»Sehen Sie, daß er sofort aus England fortkommt,« schrieb Holmes seiner Frau. »Es sind hier Kräfte am Werk, die vielleicht noch gefährlicher sind, als jene, denen er entronnen ist. Es gibt für Ihren Mann in England keine Sicherheit.«

Zwei Monate waren vergangen, und die Sache war bereits etwas in unserer Erinnerung verblaßt. Da geschah es, daß eines Tages eine rätselhafte Epistel in unseren Briefkasten eingeschmuggelt wurde.

»Du liebe Zeit, Mr. Holmes! Du liebe Zeit!« lautete die sonderbare Mitteilung. Sie trug weder Überschrift noch Unterschrift. Ich lachte über ihren wunderlichen Inhalt, aber Holmes zeigte einen ungewöhnlichen Ernst.

»Das ist wieder eine Teufelei, Watson,« bemerkte er und versank mit umwölkter Stirn in tiefes Nachdenken.

Am späten Abend desselben Tages brachte uns Frau Hudson, unsere Wirtin, die Botschaft, daß ein Herr Mr. Holmes sofort in einer höchst dringenden Sache zu sprechen wünsche. Dicht auf den Fersen folgte ihr Mr. Cecil Barker, unser Freund aus dem Herrenhause in Birlstone. Sein Gesicht trug den Stempel tiefster Trauer.

»Ich habe schlechte Nachrichten, entsetzliche Nachrichten, Mr. Holmes,« sagte er.

»Ich dachte es mir,« antwortete Holmes.

»Haben Sie etwa ein Kabel erhalten?«

»Nein, aber eine kurze Mitteilung von jemandem, der eins erhalten hat.«

»Der arme Douglas! Man sagt, daß er eigentlich Edwards hieß, aber für mich wird er immer Jack Douglas bleiben. Ich habe Ihnen mitgeteilt, daß er vor etwa drei Wochen mit seiner Frau auf der ›Palmyra‹ nach Südafrika abgedampft ist.«

»Sehr richtig.«

»Der Dampfer ist gestern abend in Kapstadt angekommen. Heute morgen erhielt ich von seiner Frau das folgende Kabel: ›Jack im Sturm bei St. Helena anscheinend über Bord gespült, niemand weiß Näheres über Unfall. Ivy Douglas‹«

»Also das! So wurde es bewerkstelligt!« sagte Holmes nachdenklich. »Ich zweifle nicht, daß die Sache gut inszeniert war.«

»Sie glauben also nicht an einen Unfall?«

»Ganz unbedingt nicht.«

»Er wurde ermordet?«

»Zweifellos.«

»Auch ich glaube es. Diese teuflischen Rächer, diese verdammte, rachsüchtige Verbrecherbande.«

»Nein, nein, mein lieber Herr,« sagte Holmes, »in der Sache erkenne ich eine Meisterhand. Es ist kein Fall mit abgesägten Schrotflinten und plumpen Revolvern. Man erkennt einen alten Meister an seinen Pinselstrichen. Ich kenne einen Moriarty, wenn ich ihn sehe. Das Verbrechen rührt von London her und nicht von Amerika.«

»Aber was wäre der Beweggrund?«

»Der Beweggrund ist, daß es von einem Mann geplant wurde, der keinen Fehlschlag dulden kann; einem Menschen, dessen ganze und einzigartige Stellung davon abhängt, daß alles, was er tut, erfolgreich ist. Ein großer Geist und eine Riesenorganisation haben sich zur Vernichtung eines einzigen Mannes vereinigt. Es ist, als ob man eine Nuß mit einem Hammer aufknacken würde: eine lächerliche Vergeudung von Energie, aber die Nuß ist zerschmettert.«

»Und wie ist denn der Mann in die Sache hineingezogen worden?«

»Ich kann Ihnen nur sagen, daß das erste, was wir darüber hörten, von einem seiner Untergebenen kam. Diese Amerikaner waren gut beraten. Da sie sich auf fremdem Boden befanden, hatten sie sich, wie jeder ausländische Verbrecher es tun würde, mit diesem gefährlichen Ratgeber der Verbrecherwelt in Verbindung gesetzt. Von jenem Moment an war das Schicksal unseres Mannes besiegelt. Zuerst wird ›Er‹ sich vielleicht damit begnügt haben, seinen Apparat in Bewegung zu setzen, um das Opfer aufzuspüren. Dann dürfte er seinen Rat gegeben haben, wie die Sache anzulegen sei. Als er schließlich in den Zeitungen von dem erfolglosen Versuch seines Klienten las, beschloß er offenbar, selbst in dessen Fußstapfen zu treten und die Sache mit seiner Meisterhand zu Ende zu führen. Sie haben gehört, wie ich Douglas in Birlstone darauf vorbereitet habe, daß die kommende Gefahr größer sein werde als die vergangene. Ich habe recht behalten.«

Barker schlug sich mit geballten Fäusten in ohnmächtiger Wut an die Stirn.

»Und wollen Sie damit sagen, daß wir dies ruhig hinnehmen sollen? Daß man mit diesem Teufel nicht Abrechnung halten kann?«

»Das möchte ich nicht behaupten,« sagte Holmes mit einem abwesenden Blick. »Ich möchte nicht behaupten, daß man mit ihm nicht abrechnen kann. Aber ich brauche Zeit dazu, noch viel Zeit.«

Wir saßen einige Minuten in tiefem Schweigen, während seine schicksalsschweren Augen den Schleier der Zukunft zu durchdringen suchten.

Ende.

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2. Kapitel. Sherlock Holmes tritt in Tätigkeit.

2. Kapitel. Sherlock Holmes tritt in Tätigkeit.

Es war einer jener dramatischen Momente, die für meinen Freund die Höhepunkte des Lebens darstellten. Zu sagen, daß er von der Mitteilung des Inspektors erschüttert war oder darüber Erregung verriet, wäre unbedingt eine Übertreibung. Er hatte zwar nicht den geringsten Zug von Grausamkeit in seiner eigenartigen Veranlagung, aber ständige Nervenanspannung hatte ihn gegen Sensationen unempfindlich gemacht. Obgleich also seine Gefühle stumpf waren, besaß sein Geist eine überaus große Regsamkeit. Nicht eine Spur des Entsetzens, das ich bei der Mitteilung McDonalds fühlte, zeigte sich bei ihm. Sein Gesicht trug lediglich einen still interessierten Ausdruck, etwa den des Chemikers im Augenblick der eintretenden Niederschlagsbildung.

»Bemerkenswert,« sagte er, »sehr bemerkenswert.«

»Das scheint Sie nicht überrascht zu haben?«

»Überrascht nicht, Mr. Mac, nur interessiert. Warum sollte ich auch überrascht sein. Ich habe eine anonyme Mitteilung von einer Seite, die ich als unbedingt zuverlässig kenne, dahingehend, daß einer bestimmten Person unmittelbar eine große Gefahr drohe. Innerhalb einer Stunde stellt sich dann heraus, daß sich diese Drohung bereits verwirklicht hat und die betreffende Person tot ist. Ich bin interessiert, aber, wie Sie erkannt haben, keineswegs überrascht.«

In einigen kurzen Sätzen erläuterte er dann dem Inspektor den Vorfall mit dem Brief und der Chiffre. McDonald saß da, das Kinn in die Hände gestützt, noch immer mit dem Ausdruck des Staunens in seinen großen, starren Augen. »Ich bin im Begriffe, nach Birlstone zu fahren,« sagte er, »und bin nur zu Ihnen gekommen, um Sie zu fragen, ob Sie mittun wollen – Sie und Ihr Freund. Nach dem, was Sie sagen, möchte ich indessen fast annehmen, daß wir hier in London Wichtigeres zu tun haben als in Birlstone.«

»Dieser Meinung bin ich nicht,« sagte Holmes.

»Das verstehe ich nicht, Mr. Holmes,« sagte der Inspektor. »Die Zeitungen werden morgen oder übermorgen voll sein von dem ›Geheimnis in Birlstone‹. Die Lösung des Rätsels scheint indessen in London zu liegen, da es hier einen Mann gibt, der von dem Verbrechen schon wußte, bevor es begangen wurde. Wir brauchen nur diesen Mann in die Hände zu bekommen, und das Weitere wird sich finden.«

»Unzweifelhaft, Mr. Mac, aber wie wollen Sie es bewerkstelligen, den angeblichen Porlock in die Hände zu bekommen?«

McDonald nahm den Brief, den ihm Holmes überreichte und betrachtete ihn eingehend.

»Aufgegeben in Camberwell; das will wenig besagen. Der Name ist, wie Sie meinen, fingiert? Das ist nicht viel für den Anfang. Sagten Sie nicht, daß Sie ihm Geld geschickt haben?«

»Jawohl, zweimal.«

»Und wie?«

»In Banknoten, postlagernd Camberwell.«

»Haben Sie sich die Mühe genommen, festzustellen, wer die Briefe abgeholt hat?«

»Nein.«

Der Inspektor blickte überrascht und etwas ärgerlich auf.

»Warum denn nicht?«

»Einfach, weil ich gewohnt bin, mein Wort zu halten. Ich hatte ihm, als er das erstemal schrieb, versprochen, ihm nicht nachzuspüren.«

»Sie glauben, daß irgend jemand hinter ihm steht?«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es.«

»Dieser Professor, den Sie schon mehrmals erwähnt haben?«

»So ist es.«

McDonald konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, und seine Augen blitzten vielsagend, als er mich anblickte.

»Ich kann Ihnen nicht verschweigen, Mr. Holmes, daß wir in der Kriminalabteilung Ihre Sache mit dem Professor für eine Art fixer Idee halten. Ich bin der Geschichte nachgegangen und habe herausgefunden, daß er ein sehr angesehener und gelehrter Herr ist.«

»Ich freue mich, daß Sie sich wenigstens schon über seine Gelehrsamkeit im klaren sind.«

»Mein lieber Herr, das war nicht schwierig. Nachdem Sie mir Ihre Ansicht über ihn mitgeteilt hatten, hielt ich es für meine Pflicht, ihn mir einmal zu besehen. Ich plauderte mit ihm über die Eklipse. Wie wir auf dieses Thema gekommen sind, weiß ich nicht. Da er mich unwissend fand, holte er eine Projektionslampe und einen Globus hervor und machte mir im Nu die Sache klar. Auch lieh er mir ein Buch, von dem ich allerdings sagen muß, daß es etwas über meinen Horizont geht, obwohl ich doch eine ziemlich gute Schulbildung genossen habe. Der Mann hätte einen prächtigen Pfarrer abgegeben mit seinem hageren Gesicht, seinem grauen, ehrwürdigen Haar und der feierlichen Manier, in der er spricht. Als er beim Abschied die Hand auf meine Schulter legte, kam er mir vor wie ein Vater, der seinen Sohn segnet, der sich in die kalte, grausame Welt hinausbegibt.«

Holmes rieb sich frohlockend die Hände.

»Großartig,« rief er, »großartig. Sagen Sie einmal, mein lieber Freund McDonald, diese niedliche und gemütliche Plauderei hat wohl in der Bibliothek des Professors stattgefunden?«

»Stimmt.«

»Ein schöner Raum, nicht wahr?«

»Prachtvoll – hochelegant, Mr. Holmes.«

»Sie saßen seinem Schreibtisch gegenüber?«

»Jawohl.«

»Das Licht in Ihrem Gesicht und seines im Schatten?«

»Nun ja, das dürfte stimmen. Es war am Abend und ich erinnere mich, daß die Studierlampe mir zugedreht war.«

»Selbstverständlich. Bemerkten Sie auch ein Bild an der Wand hinter dem Professor?«

»Mir entgeht nicht so leicht etwas, Mr. Holmes. Wahrscheinlich habe ich das von Ihnen gelernt. Jawohl, ich sah das Bild – eine junge Frauensperson, das Gesicht in die Hände gestützt, den Blick seitwärts gerichtet.«

»Ein Gemälde von Jean Baptiste Greuze.«

Der Inspektor gab sich alle Mühe, interessiert zu scheinen.

»Jean Baptiste Greuze«, fuhr Holmes fort, die Fingerspitzen der ausgebreiteten Hände aneinandergepreßt und sich dabei weit in seinen Stuhl zurücklehnend, »war ein französischer Maler, der zwischen 1705 und 1800, zu seinen Lebzeiten also in hohem Ansehen stand. Die Nachwelt hat bekanntlich die Geltung, die er schon bei seinen Zeitgenossen hatte, in vollem Maße bestätigt.«

Ein abwesender Blick machte sich in den Augen des Inspektors bemerkbar.

»Wollen wir nicht lieber – –,« sagte er.

»Nein, wir wollen nicht, denn wir sind ohnedies dabei,« unterbrach ihn Holmes. »Was ich Ihnen sage, hat ganz unmittelbar Bezug auf das, was Sie das Geheimnis von Birlstone nennen. Tatsächlich möchte ich sagen, daß es geradezu dessen Ausgangspunkt ist.«

»Ihre Gedanken laufen mir zu schnell, Mr. Holmes. Sie lassen meistens ein Glied oder mehrere sogar aus in der Kette, und ich verliere darüber den Anschluß. Was, um des lieben Himmels willen, hat dieser tote Maler mit der Sache in Birlstone zu tun?«

»Für den Detektiv ist Wissen jeder Art nützlich,« bemerkte Holmes. »Selbst die anscheinend belanglose Tatsache, daß im Jahre 1865 das Bild von Greuze, das unter der Bezeichnung. ›Das junge Mädchen mit dem Lamm‹ bekannt ist, bei der Portalis-Auktion nicht weniger als 4000 Pfund brachte, sollte Ihnen zu denken geben.«

Das tat es anscheinend auch. Der Inspektor war höchlich interessiert.

»Vielleicht vergegenwärtigen Sie sich,« fuhr Holmes fort, »daß das Gehalt des Professors aus verschiedenen Nachschlagewerken unzweifelhaft festgestellt werden kann. Es beträgt genau 700 Pfund pro Jahr.«

»Wie konnte er denn dann –«

»Sehr richtig, wie konnte er?«

»Jawohl, das ist sonderbar,« sagte der Inspektor nachdenklich. »Schießen Sie los, Mr. Holmes. Ich bin auf das höchste gespannt. Sie machen derartige Sachen wunderbar.«

Holmes lächelte. Für ehrliche Bewunderung war er in hohem Maße empfänglich, das Kennzeichen einer wahrhaften Künstlernatur.

»Über was wollen Sie etwas hören? Über Birlstone?« fragte er.

»Das hat noch Zeit,« sagte der Inspektor, indem er einen Blick auf seine Uhr warf. »Ich habe einen Wagen unten, und wir brauchen nur zwanzig Minuten bis zum Viktoriabahnhof. Ich möchte über dieses Bild etwas Näheres wissen. – Ich war der Ansicht, Sie und Professor Moriarty seien sich noch nicht begegnet.«

»So ist es auch.«

»Woher kennen Sie dann seine Wohnung?«

»Ah, lieber McDonald, das ist etwas anderes. Ich war bereits dreimal in seiner Wohnung. Zweimal wartete ich auf ihn unter verschiedenen Vorwänden, und das letztemal – nun, darüber kann ich mit Ihnen als Amtsperson nicht sprechen. Nur das eine kann ich Ihnen sagen, daß ich mir bei dem letzten Besuch gestattete, seine Papiere durchzugehen, mit den überraschendsten Ergebnissen.«

»Sie haben also kompromittierendes Material gefunden?«

»Nicht das geringste, und gerade das war das Überraschende daran. Nun, Sie haben bereits erkannt, daß in der Sache mit dem Bild etwas nicht stimmt. Der Besitz des Bildes läßt ihn als einen wohlhabenden Menschen erscheinen. Woher aber dieser Reichtum? Er ist unverheiratet, sein jüngerer Bruder ist Stationsvorsteher im Westen Englands. Sein Einkommen beträgt 700 Pfund pro Jahr, und trotzdem besitzt er einen Greuze.«

»Nun also?«

»Die Schlußfolgerung ist doch einfach.«

»Nach Ihrer Meinung stammt sein Einkommen aus dunklen Quellen?«

»Sehr richtig. Ich habe natürlich noch andere Gründe für meine Annahme, Dutzende von geheimnisvollen Fäden, die sich in undefinierbarer Weise zu dem Mittelpunkt des Netzes hinspinnen, in dem eine giftgefüllte, regungslose Kreatur lauert. Ich habe den Greuze nur erwähnt, weil er die Angelegenheit in den Bereich Ihrer eigenen Beobachtungen bringt.«

»Ich gebe zu, Mr. Holmes, daß das, was Sie sagen, höchst interessant ist. Mehr als das – es ist geradezu wundervoll. Aber wollen wir uns nicht etwas klarer fassen, wenn dies möglich ist? Denken Sie an Fälschung, Falschmünzerei, Einbruch? Wo kommt das Geld her?«

»Haben Sie je etwas über Jonathan Wild gelesen?«

»Der Name kommt mir bekannt vor, eine Figur in einer Novelle, nicht wahr? Ich halte nicht viel von Detektiven in Novellen. Das sind Leute, die immer Erfolg haben, ohne daß man weiß, wie er zustande kommt. Die Leute arbeiten mit Einbildungskraft anstatt mit nackten Tatsachen.«

»Jonathan Wild war kein Detektiv, auch keine Novellenfigur. Er war ein Meisterverbrecher, der im achtzehnten Jahrhundert, so um 1750 herum, lebte.«

»Dann interessiert er mich nicht. Für mich als Mann der Praxis gibt es nur die Jetztzeit.«

»Nun, Mr. Mac, dann möchte ich Ihnen raten, wenn Sie tatsächlich ein Mann der Praxis sein wollen, sich zunächst einmal auf drei Monate in Ihren vier Wänden einzuschließen und zwölf Stunden täglich die Annalen des Verbrechers nachzulesen. Alles bewegt sich im Kreislauf, selbst der Typ des Professors Moriarty. Jonathan Wild war der geistige Mittelpunkt der Londoner Verbrecherwelt, der er seinen Kopf und seine Organisation gegen eine fünfzehnprozentige Provision zur Verfügung stellte. Das Rad dreht sich ständig weiter, und dieselben Speichen kommen immer wieder empor. Alles ist schon einmal dagewesen und alles wird wieder geschehen. Ich möchte Ihnen ein oder zwei Dinge über Moriarty erzählen, die Sie vielleicht interessieren werden.«

»Davon können Sie überzeugt sein.«

»Ich weiß z. B., wer das erste Glied in seiner Kette ist – einer Kette, an deren einem Ende sich dieser Napoleon der Verbrecher befindet während sie am anderen in eine Unzahl dunkler Existenzen ausmündet, – Rowdies, Taschendiebe, Erpresser, Falschspieler und noch viele andere. Tatsächlich ist jede Form des Verbrechens darin vertreten. Sein Generalstabschef ist Oberst Sebastian Moran, ein Mensch, der über die Verbrecherwelt ebenso hoch erhaben scheint und dem Gesetz gegenüber genau so unangreifbar ist, wie Moriarty selbst. Was glauben Sie, daß er ihm bezahlt?«

»Das möchte ich gerne wissen.«

»Sechstausend Pfund pro Jahr. Ein fürstliches Gehalt. Er hält sich die besten Leute und bezahlt sie entsprechend: das amerikanische Geschäftsprinzip. Ich bin ganz durch Zufall dahinter gekommen. Der Moran erhält ein höheres Gehalt als der Ministerpräsident. Das mag Ihnen einen Begriff davon geben, welche Einkünfte Moriarty bezieht, und in welchem Maßstab er seine Tätigkeit ausübt. Und dann noch etwas. Ich habe es mir kürzlich angelegen sein lassen, einigen von Moriartys Schecks nachzugehen – ganz gewöhnliche, harmlose Schecks, mit denen er seine Haushaltsrechnungen bezahlt. Nach denen zu schließen, die ich fand, unterhält er Konten bei nicht weniger als sechs verschiedenen Banken. Macht das einen Eindruck auf Ihr Gehirn?«

»Höchst merkwürdig, ohne Zweifel. Und was schließen Sie daraus?«

»Er will nicht, daß man über seine Geldmittel spricht. Niemand soll wissen, was er hat. Ich bin ganz sicher, daß er einige zwanzig Bankkonten hat, mit dem Großteil seines Vermögens wahrscheinlich im Ausland, bei der Deutschen Bank oder in Amerika. Wenn Sie einmal etwas Zeit übrig haben, so etwa ein oder zwei Jahre, empfehle ich Ihnen, sich mit Professor Moriarty zu beschäftigen.«

Auf Inspektor McDonald hatten Holmes‘ Ausführungen, je weiter das Gespräch fortschritt, einen immer tieferen Eindruck gemacht. Er ging geradezu darin auf. Aber sein praktisches Tatsachengehirn, eine Eigenart seiner schottischen Heimat, führte ihn bald wieder in die Welt der Wirklichkeit zurück.

»Das muß noch etwas warten,« sagte er. »Wir sind durch Ihre interessanten Erzählungen auf ein Nebengeleise geraten, Mr. Holmes. Was mich betrifft, so interessiert mich zunächst seine angebliche Verbindung mit dem Verbrechen in Birlstone. Diese nehmen Sie an, wegen der Warnung, die Sie von dem Mann Porlock erhalten haben. Ergibt sich daraus etwas für unsere gegenwärtigen praktischen Bedürfnisse?«

»Wir können dadurch vielleicht hinter die Beweggründe des Verbrechens kommen. Aus Ihren ersten Bemerkungen schließe ich, daß der Mord unerklärlich oder bisher wenigstens ungeklärt ist. Wenn wir nun als Ausgangspunkt des Verbrechens den annehmen, von dem ich Ihnen eben sprach, kommen zwei mögliche Motive in Frage. Das erste ist, daß, wie ich Ihnen sagen kann, Moriarty über seine Leute mit einer eisernen Rute regiert. Die Disziplin, die er hält, ist beispiellos. Als Bestrafung kennt er nur eines, nämlich den Tod. Wir können z. B. annehmen, daß der ermordete Mann, dieser Douglas, dessen fürchterliches Schicksal einem Untergeordneten des Erzverbrechers vorher bekannt war, ein Mitglied dieser Organisation war, das in irgendeiner Weise Verrat geübt hat. Die Bestrafung folgte auf dem Fuße und würde natürlich der ganzen Organisation bekanntgemacht werden, um den Leuten Furcht vor einem ähnlichen Schicksal einzuflößen.«

»Nun, das ist die eine Hypothese, Mr. Holmes.«

»Die andere ist, daß die Sache eines seiner dunklen Geschäfte ist und von Moriarty in diesem Sinne geleitet und ausgeführt wurde. Ist irgend etwas geraubt worden?«

»Ich habe nichts davon gehört.«

»Wenn dem so wäre,« fuhr Holmes fort, »würde das natürlich ohne weiteres für die zweite Annahme sprechen. Moriarty wurde vielleicht dazu gewonnen, das Verbrechen auf Teilung des Raubes auszuführen, oder man hat ihm eine bestimmte Summe für die Ausführung des Mordes bezahlt. Beides ist möglich. Aber wie dem auch sei, und selbst wenn es noch eine dritte Möglichkeit gäbe, müssen wir in Birlstone nach der Lösung suchen. Ich kenne unseren Mann zu genau, um nicht überzeugt zu sein, daß er hier keine Spur hinterlassen hat, die auf ihn zurückführen könnte.«

»Also, dann auf nach Birlstone!« rief McDonald von seinem Stuhl auffahrend. »Verdammt! Es ist später geworden, als ich dachte. Ich kann euch beiden Herren höchstens noch fünf Minuten für eure Reisevorbereitungen geben.«

»Für uns ist das reichlich«, sägte Holmes, sprang auf und schlüpfte eiligst aus seinem Schlafrock und in seinen Rock. »Unterwegs, Mr. Mac, werden Sie vielleicht so gut sein und mir alles erzählen, was Sie wissen.«

Dieses alles war, wie sich herausstellte, enttäuschend wenig. Trotzdem ergab sich unzweifelhaft, daß der Fall der sorgfältigsten Bearbeitung eines Meisters wert war. Holmes‘ Gesicht heiterte sich auf, als er, seine dünnen Hände reibend, der mageren, aber ungewöhnlichen Aufzählung der vorliegenden Tatsachen lauschte. Eine lange Reihe stiller Wochen lag hinter uns. Hier endlich fand sich wieder ein Objekt, würdig der erstaunlichen Gaben meines Freundes, die stets nach Handlung drängten und daher ihrem Besitzer unbequem wurden, wenn sich keine Gelegenheit bot, sie auszuüben. Selbst der schärfste Geist stumpft sich durch Untätigkeit ab. Sherlock Holmes‘ Augen funkelten, seine bleichen Wangen übergoß eine wärmere Farbe, sein Gesicht nahm einen durchgeistigten Ausdruck an, wie stets, wenn ihn ein Ruf zur Arbeit erreichte. Den Kopf vorgebeugt, hörte er mit angestrengter Aufmerksamkeit McDonalds kurzer Schilderung der Aufgabe zu, die uns in Birlstone erwartete. Alles, was der Inspektor darüber zur Hand hatte, war, wie er uns erklärte, ein kurzer Bericht, der mit dem frühmorgendlichen Milchzug nach London gesandt worden war. White Mason, das Haupt der Grafschaftspolizei, dem die Untersuchung offiziell unterstand, war einer seiner persönlichen Freunde, weshalb McDonald dessen Benachrichtigung schneller empfing, als sonst geschieht, wenn die Zentrale in Scotland Yard von der Provinzpolizei um Beistand angerufen wird. Der hauptstädtische Detektiv findet meistens schon eine recht kalte Spur vor, wenn er zur Stätte eines Verbrechens gerufen wird.

»Mein lieber Inspektor McDonald«, lautete der Brief, den er uns vorlas. »Die amtliche Anforderung Ihrer Dienste finden Sie unter besonderem Umschlag. Das Folgende ist für Sie privat. Drahten Sie mir, mit welchem Zug Sie morgens in Birlstone eintreffen werden. Ich werde Sie entweder selbst erwarten, oder, wenn meine Zeit dies nicht erlaubt, Sie abholen lassen. Der Fall ist eine Sensation. Zögern Sie nicht einen Moment. Wenn Sie Mr. Holmes mitbringen können, tun Sie es. Er wird die Sache nach seinem Geschmack finden. Man möchte glauben, daß die Geschichte direkt auf einen Bühneneffekt angelegt war, wenn nicht ein Toter in ihrem Mittelpunkt stände. Sie können mir glauben, es ist eine Sensation.«

»Ihr Freund scheint kein Dummkopf zu sein«, bemerkte Holmes.

»Nein, Herr, White Mason hat es in sich, wenn Sie meinem Urteil glauben wollen.«

»Haben Sie sonst noch irgend etwas zu berichten?«

»Nein, er wird uns alles sagen, wenn wir ihn treffen.«

»Es stand aber doch in dem Brief nicht ein Wort von Mr. Douglas und daß er in schrecklicher Weise ermordet wurde. Woher wissen Sie denn das?«

»Das war in dem anliegenden Bericht enthalten. Das Wort ›schrecklich‹ kommt darin allerdings nicht vor; dergleichen kennt die amtliche Ausdrucksweise nicht. Lediglich der Name John Douglas ist angeführt und dazu bemerkt, daß der Tod von einem Kopfschuß herrühre, der aussehe wie von einem Schrotgewehr. Auch ist angeführt, wann das Verbrechen entdeckt wurde, nämlich gestern nahe an Mitternacht. Schließlich steht noch darin, daß es sich zweifellos um Mord handele, daß bisher niemand verhaftet wurde und der Fall einige ungewöhnliche und erstaunliche Eigenarten aufweise. Das ist alles, was uns bisher vorliegt, Mr. Holmes.«

»Wenn Sie gestatten, Mr. Mac, wollen wir es zunächst dabei bewenden lasse». Die Versuchung, sich auf Grund ungenügenden Tatsachenmaterials vorschnelle Ansichten zu bilden, ist eines der größten Übel unseres Berufes. Sicher ist bisher nur das Folgende: das Vorhandensein eines gefährlichen Kopfes in London und eines Toten in Sussex. Alles, was dazwischen liegt, müssen wir noch herausfinden.«

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3. Kapitel. Das Drama von Birlstone.

3. Kapitel. Das Drama von Birlstone.

Nunmehr möchte ich mir erlauben, meine eigene unbedeutende Persönlichkeit im weiteren Verlauf dieser Erzählung auszuschalten und die Ereignisse, die sich vor unserer Ankunft an der Stätte des Mordes abgespielt hatten, so zu schildern, wie sie im Lichte späterer Aufklärung erschienen sind. Dies ist, wie ich glaube, die einzige Art, wie ich den Leser mit den handelnden Personen und der eigenartigen Umgebung, in der sich ihr Schicksal abspielte, vertraut machen kann.

Das Dorf Birlstone liegt am Nordrande der Grafschaft Sussex und besteht aus einer kleinen Gruppe altertümlicher Fachwerkgebäude. Nachdem Jahrhunderte vorübergezogen waren, ohne irgendein Zeichen an dem Dörfchen zu hinterlassen, hatten sich in den letzten Jahren, offenbar von der malerischen Lage angezogen, eine Anzahl wohlhabender Leute, deren Villen aus den umliegenden Wäldern hervorblickten, darin niedergelassen. Diese Wälder sind der äußerste Kranz des großen Weal-Forstes, der sich von dort bis in die nördlichen Kalkdünen erstreckt. Einige kleine Kaufmannsläden traten ins Leben, um den Bedürfnissen der vermehrten Bevölkerung Rechnung zu tragen, und es hat fast den Anschein, als ob sich Birlstone aus einem altehrwürdigen Anscheinend verfügte er über reichliche Geldmittel, die, wie man sagte, aus den kalifornischen Goldfeldern stammten. Aus Gesprächen mit ihm und Andeutungen, die seine Frau fallen ließ, ging klar und deutlich hervor, daß er einen Teil seines Lebens in Amerika verbracht hatte. Der gute Eindruck, den er durch seine Freigebigkeit und seine leutseligen Manieren erweckt hatte, wurde noch erhöht durch den Ruf vollkommenster Furchtlosigkeit. Obgleich ein miserabler Reiter, ließ er es sich nicht entgehen, an jeder Fuchsjagd teilzunehmen, und er hatte bereits eine Anzahl schwerer Stürze erlitten in seinem zähen Bemühen, es den Besten gleichzutun. Als im Pfarrhaus einmal ein Brand ausbrach, zeichnete er sich durch den Mut aus, mit dem er in das brennende Gebäude eindrang, um Einrichtungsgegenstände zu retten, nachdem die Ortsfeuerwehr dies bereits als unmöglich aufgegeben hatte. Auf diese Weise war es gekommen, daß John Douglas, der Besitzer des Herrenhauses, sich in den fünf Jahren seines Aufenthaltes in Birlstone zu einer weithin und bestens bekannten Persönlichkeit gemacht hatte.

Auch seine Frau war bei allen, die sie genauer kannten, sehr beliebt. Sicher gab es allerdings, angesichts der dem Engländer eigenen scheuen Reserve gegenüber Fremden, die sich, ohne über gute Empfehlungen zu verfügen, auf dem Lande niederlassen, nicht sonderlich viele. Daran schien ihr indessen nicht im mindesten zu liegen, denn ihr Wesen neigte nicht zur Geselligkeit, und sie ging ganz in ihren ehelichen und hausfraulichen Pflichten auf. Man wußte von ihr nur, daß sie Engländerin war und Douglas, der damals Witwer war, in London kennengelernt hatte. Sie war eine Schönheit, hoch und schlank gewachsen, dunkel, etwa zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ein Altersunterschied, der in keiner Nacht des 6. Januar abspielten, in keinerlei Beziehung getreten.

Es war um ¾12 Uhr nachts, als die Nachricht von dem Verbrechen im Polizeibüro des Dorfes, das unter der Leitung des Sergeanten Wilson von der Sussex-Polizei stand, einlief. Mr. Cecil Barker war es, der in höchster Aufregung auf die Tür des Polizeibüros zugestürzt kam und heftig klingelnd Einlaß begehrte. Ein schreckliches Drama habe sich im Herrenhaus abgespielt, Mr. John Douglas sei ermordet worden. Das war der Inhalt der atemlos hervorgestoßenen Nachricht. Er eilte wieder zum Hause zurück, wohin ihm einige Minuten später der Sergeant folgte, nachdem er schnell seine vorgesetzte Behörde in Kenntnis gesetzt hatte, daß etwas Ernstliches vorgefallen sei. Sergeant Wilson traf einige Minuten nach 12 Uhr auf der Stätte des Mordes ein.

Als er das Herrenhaus erreichte, fand er die Zugbrücke heruntergelassen, die Fenster erleuchtet und den ganzen Haushalt in einem Zustand wildester Aufregung und größten Schreckens. Die Dienerschaft bildete mit bleichen Gesichtern eine Gruppe in der Halle; Ames stand händeringend im Torweg. Nur Cecil Barker schien Herr seiner Gefühle und Handlungen zu sein. Er öffnete die dem Eingang zunächst liegende Tür und winkte dem Sergeanten, ihm zu folgen. In diesem Augenblick traf auch Dr. Wood, der energische und tüchtige Arzt des Dorfes ein. Die drei Männer betraten das Schreckensgemach zu gleicher Zeit. Ames, der noch an allen Gliedern bebte, folgte ihnen und schloß die Tür, um dem draußenstehenden weiblichen Dienstpersonal den schauerlichen Anblick, der sich bot, zu entziehen.

Der Tote lag auf dem Rücken, ungefähr in der Mitte des Zimmers, alle Glieder von sich gestreckt. Er war nur mit einem Nachtanzug und einem rosafarbigen Schlafrock bekleidet. Seine bloßen Füße steckten in Pantoffeln. Der Arzt kniete neben ihm nieder und beleuchtete ihn mit der Handlampe, die auf dem Tisch stand. Ein Blick auf das Opfer genügte dem Mann der ärztlichen Wissenschaft, um zu erkennen, daß hier jede weitere Mühe vergeblich war. Der Tote war entsetzlich entstellt. Quer über seiner Brust lag eine sonderbare Waffe, ein Schrotgewehr, dessen Läufe etwa 30 cm, von den Drückern an gemessen, abgesägt waren. Es lag auf der Hand, daß das Gewehr aus nächster Nähe abgefeuert worden war, denn der Tote hatte die ganze Ladung ins Gesicht bekommen, wobei sein Kopf förmlich zertrümmert worden war. Die zwei Drücker waren mit Draht verbunden, um beide Läufe gleichzeitig abfeuern zu können und dadurch die entsetzliche Wirkung noch zu erhöhen. Der Dorfpolizist war völlig entnervt von dem Anblick und in größter Sorge über die Verantwortung, die unvermutet auf seine Schultern gefallen war.

»Wir wollen nichts anrühren, bis meine Vorgesetzten hier sind«, sagte er mit halblauter Stimme, den entsetzlich verstümmelten Kopf des Toten schaudernd anstarrend.

»Nichts ist berührt worden,« sagte Cecil Barker, »dafür stehe ich ein. Sie sehen alles so, wie ich es vorgefunden habe.«

»Wann war das?« Der Sergeant hatte sein Notizbuch hervorgezogen und hielt den Bleistift in Bereitschaft.

»Genau um ½12. Ich war noch vollständig angekleidet und saß am Kaminfeuer in meinem Schlafzimmer, als der Schuß ertönte. Er klang nicht sonderlich laut, eher gedämpft. Darauf stürzte ich hinunter. Ich glaube nicht, daß mehr als dreißig Sekunden verflossen waren, bis ich hier ankam.«

»War die Tür offen?«

»Jawohl, sie war offen. Der arme Douglas lag genau so da, wie Sie ihn jetzt sehen. Seine Schlafzimmerkerze stand brennend auf dem Tisch. Ich war es, der sie auslöschte und die Lampe anzündete.«

»Haben Sie irgend jemanden gesehen?«

»Nein, ich hörte Mrs. Douglas hinter mir die Treppe herabkommen und eilte ihr entgegen, um sie daran zu hindern, sich dem entsetzlichen Anblick auszusetzen. Dann kam Frau Allen, die Haushälterin, und führte sie hinweg. Auch Ames war unterdessen angelangt, und ich ging mit ihm wieder in das Zimmer zurück.«

»Die Zugbrücke wird doch, wie ich höre, jeden Abend aufgezogen?«

»Jawohl, sie war auch aufgezogen. Ich habe sie wieder heruntergelassen.«

»Wie war es dann aber möglich, daß der Mörder entkommen konnte? Es steht ganz außer Frage: Mr. Douglas muß sich selbst erschossen haben.«

»Das war auch unser erster Gedanke, aber hier, sehen Sie einmal!« Barker zog den Vorhang beiseite und enthüllte das lange, mit rhombischen Scheiben versehene Fenster, das in voller Breite offen stand. »Und hier, sehen Sie dies an.« Er nahm die Lampe und beleuchtete, das Fensterbrett auf dem sich Spuren einer Fußsohle mit Blut vermischt abhoben. »Jemand hat hier gestanden, um hinauszugelangen.«

»Sie meinen also, daß der Betreffende den Festungsgraben durchwatet hat?«

»Sehr richtig.«

»Wenn Sie also innerhalb einer halben Minute nach dem Schuß im Zimmer waren, muß sich der Mann gerade zu der Zeit im Wasser befunden haben.«

»Ich zweifle nicht daran. Wollte Gott, daß ich zum Fenster gesprungen wäre. Aber es war hinter dem Vorhang verborgen, so wie Sie es sahen und ist mir daher nicht in den Sinn gekommen. Dann hörte ich den Schritt von Mrs. Douglas, und es mußte natürlich meine Aufgabe sein, zu verhindern, daß sie in das Zimmer kam. Es wäre zu schrecklich gewesen.«

»Schrecklich ist nicht zuviel gesagt«, bemerkte der Doktor, der den zerschmetterten Kopf und den grauenerregenden Zustand der unmittelbaren Umgebung betrachtete. »Ich habe seit dem großen Eisenbahnunglück in Birlstone keine so fürchterlichen Verletzungen gesehen.«

»Sagen Sie mir bitte,« bemerkte der Polizeibeamte, dessen ländliches, langsam denkendes Gehirn sich noch immer mit dem offenen Fenster beschäftigte, »es ist alles recht gut und schön, was Sie da sagen von dem Mann, der den Festungsgraben durchwatet hat und dadurch entkommen ist, aber, und das möchte ich Sie hiermit fragen, wie kann er überhaupt ins Haus gekommen sein, wenn die Brücke aufgezogen war?«

»Das möchte ich auch wissen«, sagte Barker.

»Um wieviel Uhr wurde sie aufgezogen?«

»Es ging gerade auf sechs«, bemerkte Ames.

»Ich habe gehört,« sagte der Sergeant, »daß dies gewöhnlich um Sonnenuntergang herum geschieht. Das wäre um diese Jahreszeit eher etwa um halb fünf als sechs.«

»Frau Douglas hatte Besuch zum Tee«, antwortete Ames. »Ich konnte die Brücke nicht gut aufziehen, bevor die Besucher gegangen waren.«

»Die Sache ist also die,« meinte der Sergeant, »wenn irgend jemand von außen hereingekommen ist, – wenn, sage ich, – so muß dies schon vor sechs geschehen sein, und der Betreffende muß sich dann versteckt gehalten haben, bis Mr. Douglas nach elf das Zimmer betrat.«

»So ist es. Mr. Douglas machte jede Nacht vor dem Schlafengehen eine Runde durch das Haus, um zu sehen, ob alle Lichter ausgemacht seien. Zu diesem Zweck ist er auch hierher gekommen. Der Mann hat hier gewartet und ihn niedergeschossen, dann machte er sich durch das Fenster davon, ließ aber sein Gewehr zurück. Das ist meine Ansicht von der Sache, – die einzige, die mir auf Grund der vorliegenden Tatsachen möglich erscheint.«

Der Sergeant hob eine Karte auf, die neben dem Toten auf dem Fußboden lag. Darauf befanden sich nur zwei Buchstaben V V mit der Zahl 341 darunter, grob mit Tinte geschrieben.

»Was ist das?«, fragte er, indem er die Karte hochhielt.

Barker betrachtete sie neugierig.

»Die Karte ist mir noch gar nicht aufgefallen«, sagte er. »Die muß der Mörder hinterlassen haben.«

»V V 341, was kann das wohl bedeuten?«

Der Sergeant drehte sie mit seinen dicken Fingern von einer zur anderen Seite.

»Was ist V V? Jemandes Anfangsbuchstaben wahrscheinlich. Und was haben Sie da, Dr. Wood?«

Es war ein ziemlich großer Hammer, der auf dem Teppich vor dem Kaminfeuer gelegen hatte, ein kräftiges, solides Handwerkszeug. – Cecil Barker wies auf eine Schachtel mit Messingnägeln, die auf dem Kaminsims stand.

»Mr. Douglas hat gestern einige Bilder umgehängt«, sagte er. »Ich sah ihn auf jenem Stuhl stehen und das darüberhängende Bild befestigen. Daher wohl der Hammer.«

»Wir wollen ihn lieber auf den Teppich zurücklegen, wo wir ihn gefunden haben«, bemerkte der Sergeant und kratzte sich verlegen den Kopf. »Wenn wir der Sache auf den Grund kommen wollen, brauchen wir die klügsten Köpfe, die wir in der Polizei haben. Das wird ein Fall für die Londoner Herren werden, denke ich mir.« Er nahm die Handlampe auf und wandelte damit langsam durch das Zimmer. »Hallo!« rief er aufgeregt, indem er den Vorhang zur Seite zog. »Um wieviel Uhr wurden diese Vorhänge zugezogen?«

»Als wir die Lampen anzündeten«, antwortete Ames. »Das wird ungefähr um vier Uhr gewesen sein.«

»Hier hat sich jemand versteckt gehalten, das ist sicher.« Er hielt das Licht zu Boden, wodurch die Spuren schmutziger Stiefel sichtbar wurden. »Das stimmt mit Ihrer Theorie überein, Mr. Barker. Es sieht so aus, als ob der Mann nach vier Uhr, als die Vorhänge bereits zugezogen waren, und vor sechs Uhr, bevor die Zugbrücke aufgezogen wurde, ins Haus gelangte. Er schlüpfte in dieses Zimmer, weil es das erste war, das er sah. Da kein anderer Platz da war, wo er sich verstecken konnte, hat er sich hier hinter diesen Vorhang gedrückt. Das ist alles ganz klar. Wahrscheinlich war es ihm darum zu tun, zu stehlen, aber Mr. Douglas hat ihn zufällig gesehen, worauf der Mann ihn niederschoß und dadurch entwischen konnte.«

»So stelle auch ich mir die Sache vor«, sagte Barker. »Aber meinen Sie nicht, daß wir kostbare Zeit verlieren. Sollten wir nicht hinaus und die Gegend absuchen, bevor der Mann entweichen kann?«

Der Sergeant dachte eine zeitlang nach.

»Vor sechs Uhr morgens geht kein Zug mehr. Auf diese Weise kann er also nicht entfliehen. Wenn er in seinen nassen Kleidern über die Landstraße marschiert, wird er sicherlich jemandem auffallen, überhaupt kann ich mich von hier nicht wegrühren, bevor ich nicht abgelöst werde. Trotzdem bin ich der Meinung, daß ein paar Leute die Spur aufnehmen sollten, bis wir soweit sind, klarer zu sehen.«

Der Doktor hatte die Lampe ergriffen und untersuchte den Körper des Toten.

»Was ist das für ein Zeichen?« fragte er. »Könnte das eine Beziehung zu dem Verbrechen haben?«

Der rechte Arm des Toten stak, bis zum Ellbogen entblößt, aus dem Schlafrock heraus. Ungefähr in der Mitte des Unterarms befand sich ein sonderbares braunes Mal, ein Dreieck innerhalb eines Kreises, das sich von der milchweißen Haut in scharfem Kontrast abhob.

»Es ist keine Tätowierung«, sagte der Doktor, indem er es durch seine Gläser betrachtete. »Ich sah niemals etwas Dergleichen. Der Mann ist einmal mit einem Brand gezeichnet worden, so wie man Vieh brandet. Was halten Sie davon?«

»Ich habe keine Idee, was es bedeutet, aber ich habe das Brandzeichen an Douglas während der letzten zehn Jahre häufig bemerkt.«

»Auch ich«, sagte Ames, der Diener. »Oftmals, wenn sich der gnädige Herr die Hemdärmel aufgekrempelt hat, habe ich das Zeichen beobachtet und war begierig zu wissen, was es bedeuten könne.«

»Dann hat es also mit dem Verbrechen nichts zu tun«, sagte der Polizeibeamte. »Aber merkwürdig ist es trotzdem. Alles in dieser Geschichte ist merkwürdig. Nun was gibt’s schon wieder?«

Der Diener hatte einen Ausruf der Verwunderung ausgestoßen, indem er auf die ausgestreckte Hand des Toten wies. »Sie haben seinen Ehering genommen«, stieß er hervor.

»Was!«

»Jawohl, tatsächlich. Der gnädige Herr hat immer einen einfachen goldenen Trauring auf dem kleinen Finger der linken Hand getragen. Dieser Ring da, mit dem Goldklümpchen darauf, stak darüber und jener mit der gewundenen Schlange am dritten Finger. Der mit dem Goldklümpchen ist da und auch der Schlangenring, aber der Ehering fehlt.«

»Stimmt«, sagte Barker.

»Wollen Sie damit sagen,« fragte der Sergeant, »daß der Ehering hinter dem anderen saß?«

»Immer!«

»Dann muß also der Mörder, wer immer er war, zuerst den einen Ring abgezogen haben, den Sie den Goldklümpchen-Ring nennen und hinterher den Ehering, und dann den ersteren wieder aufgesteckt haben.«

»So ist es.«

Der ehrenwerte Dorfpolizist schüttelte den Kopf.

»Es scheint mir, je schneller wir London an die Sache bekommen, desto besser. White Mason ist sicherlich ein kluger Mann, kein Provinzfall war ihm jemals zu viel. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er hier ist und uns helfen kann. Aber ich glaube, wir werden auch die Londoner Herren brauchen. Jedenfalls schäme ich mich nicht, zu sagen, daß so etwas für unser einen zu hoch ist.«

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4. Kapitel. In der Dunkelheit.

4. Kapitel. In der Dunkelheit.

Um drei Uhr morgens traf der oberste Beamte der Grafschafts-Polizei auf den dringenden Anruf des Sergeanten Wilson, in einem leichten Dogcart, das von einem dampfenden Traber gezogen wurde, auf der Stätte des Mordes ein. Mit dem Zug um 5.40 Uhr morgens schickte er seine Nachricht an Scotland Yard in London und war um zwölf Uhr am Bahnhof in Birlstone, um uns zu erwarten.

Mr. White Mason war ein ruhiger, gemütlich aussehender Mensch, in losem Tweedanzug, mit glattrasiertem, sonnengebräunten Gesicht, etwas beleibt. Seine mächtigen O-Beine steckten in Gamaschen, die ihm das Aussehen eines kleinen Grundbesitzers oder eines pensionierten Forstbeamten, jedenfalls aber nicht das der weniger beliebten Gattung des Provinzdetektivs verliehen.

»Eine richtiggehende Sensation, sage ich Ihnen, Mr. McDonald«, wiederholte er in einem fort. »Es wird hier von Reportern wimmeln, wenn die Sache ruchbar wird. Ich will nur wünschen, daß wir mit unserer Arbeit zu Ende sind, bevor die Zeitungsmenschen ihre Nasen hineinstecken und uns alle Spuren ruinieren. Etwas Ähnliches habe ich noch nicht erlebt. Verschiedene Punkte sind auch für Sie da, Mr. Holmes, wenn ich mich nicht täusche, und auch für Sie, Mr. Watson, denn die Herren Ärzte werden noch ein gewichtiges Wort mitzusprechen haben, bevor wir durch sind. Ich habe für Sie ein Zimmer im Dorfgasthaus bestellt, dem einzigen, das es gibt. Kommen Sie, meine Herren, wenn ich bitten darf.«

Er war ein sehr geschäftiger und gesprächiger Mann, dieser Provinzdetektiv. In zehn Minuten befanden wir uns alle in unserem Quartier. In weiteren zehn saßen wir im Salon des Gasthofes und empfingen eine kurze Schilderung der Ereignisse, die im vorangegangenen Kapitel beschrieben sind. McDonald machte sich gelegentlich eine Notiz, während Holmes mit dem Ausdruck überraschter und andächtiger Bewunderung dasaß, etwa wie der Botaniker, der eine seltene und kostbare Blume betrachtet.

»Bemerkenswert«, sagte er, als die Schilderung zu Ende war. »Höchst bemerkenswert. Ich kann mich kaum an einen Fall erinnern, der solche Eigenarten aufwies.«

»Ich dachte mir, daß Sie das sagen würden, Mr. Holmes«, meinte White Mason höchst erfreut. »Wir hier in Sussex sind auf der Höhe der Zeit. Ich habe Ihnen nun erzählt, wie ich die Sache vorgefunden habe, als ich sie von Sergeant Wilson zwischen drei und vier des Morgens übernahm. Donnerwetter, habe ich meine alte Mähre in Schwung gebracht. Aber diese Eile war höchst überflüssig, wie sich hinterher herausstellte, denn es gab für mich tatsächlich nichts weiter zu tun. Sergeant Wilson hatte bereits den ganzen Tatbestand aufgenommen. Ich bin ihm durchgegangen, habe mir alles überdacht und habe vielleicht noch ein paar Kleinigkeiten zugefügt.«

»Welche?«

»Also, in erster Linie ließ ich den Hammer untersuchen. Dr. Wood half mir dabei. Wir fanden nicht das geringste Merkmal eines Schlages gegen einen menschlichen Körper daran. Ich hatte gehofft, daß, wenn sich Mr. Douglas mit dem Hammer verteidigt hatte, Spuren an dem Werkzeug zurückgeblieben sein würden. Aber wir konnten keinen Blutfleck daran entdecken.«

»Das beweist natürlich nicht das geringste«, bemerkte Inspektor McDonald. »Viele Leute sind schon mit einem Hammer ermordet worden, ohne daß diesem etwas anzusehen war.«

»Sehr richtig, es beweist nicht, daß der Hammer nicht gebraucht worden ist, aber es hätte sein können, daß Spuren zu sehen waren, das wäre für uns ein wertvoller Anhaltspunkt gewesen. Wie dem auch sei, die Untersuchung hat zu nichts geführt. Dann untersuchte ich die Flinte. Sie war mit Rehpfosten geladen gewesen und, worauf schon Sergeant Wilson hingewiesen hatte, die Drücker waren in der Weise miteinander verbunden, daß beide Läufe gleichzeitig losgingen, wenn man den hinteren abzog. Wer das bewerkstelligt hat, war fest entschlossen, seinem Opfer keine Chance eines Davonkommens zu geben. Die abgesägte Flinte war nur etwa 60 Zentimeter lang. Man kann sie bequem unter dem Rock tragen. Der Name des Fabrikanten war unvollständig, man konnte nur die Silbe ›Pen‹ auf der Rille zwischen den beiden Läufen lesen; das übrige war offenbar auf dem abgesägten Teil.«

»Ein großes ›P‹ mit einem Schnörkel darüber und dann e und n etwas kleiner?« fragte Holmes.

»Sehr richtig.«

»Pennsylvania Small Arms Co., eine wohlbekannte amerikanische Firma«, erklärte mein Freund.

White Mason blickte ihn mit ebensolcher Ehrfurcht an, wie etwa der Dorfarzt einen Universitätsprofessor, der durch ein Wort Schwierigkeiten löst, die für jenen eine unübersteigbare Mauer bilden.

»Ausgezeichnet, Mr. Holmes! Sie haben Recht, ohne Zweifel. Wundervoll, wundervoll! Sagen Sie, haben Sie die Namen aller Waffenfabriken der ganzen Welt im Kopf?«

Holmes machte eine abwehrende Bewegung.

»Zweifellos ist es eine amerikanische Flinte«, fuhr White Mason fort. »Ich glaube irgendwo gelesen zu haben, daß abgeschnittene Schrotflinten in Amerika sehr gebräuchlich sind. Ich dachte schon daran, unabhängig von dem Namen auf dem Lauf. Wir können dies als einen Beweis auffassen, daß der Mann, der sich in das Haus geschlichen und den Hausherrn getötet hat, ein Amerikaner ist.«

McDonald schüttelte den Kopf.

»Mensch, halten Sie Ihre Gedanken im Zaum«, sagte er. »Wir haben noch gar keinen Beweis, daß sich überhaupt jemand ins Haus geschlichen hat.«

»So! Und das offene Fenster, das Blut am Fensterbrett, die sonderbare Karte, die Fußspuren in der Ecke, die Flinte, ist das gar nichts?«

»Es ist nichts, was nicht auch absichtlich hätte inszeniert werden können. Mr. Douglas war Amerikaner oder hat lange in Amerika gelebt, desgleichen Mr. Barker. Sie brauchen nicht erst einen Amerikaner von außen zu importieren, um eine Erklärung für amerikanische Vorkommnisse im Hause zu haben.«

»Ames, der Diener, –«

»Was ist’s mit ihm? Ist er zuverlässig?«

»Er war zehn Jahre bei Sir Charles Chandos. Er ist unbedingt einwandfrei. Hier bei Douglas war er während der ganzen fünf Jahre, die dieser das Haus bewohnt hat. Er sagte mir, daß er niemals eine Flinte dieser Art im Hause bemerkt hat.«

»Die Flinte ist leicht zu verstecken und offenbar auch dazu bestimmt; darum die abgesägten Läufe. Sie geht in jede größere Schachtel. Wie kann er mit Bestimmtheit sagen, daß keine solche Flinte im Hause war.«

»Jedenfalls hat er keine gesehen.«

McDonald schüttelte seinen störrischen Kopf.

»Ich bin gar nicht überzeugt, daß jemand von außen ins Haus gekommen ist«, sagte er. »Überlegen Sie sich einmal, was es bedeuten würde, wenn tatsächlich jemand die Flinte ins Haus gebracht hätte und alle diese sonderbaren Dinge von einer Außenperson verübt worden wären. Mensch, es ist geradezu undenkbar. Es widerspricht jeder gesunden Logik. Was ist Ihre Meinung, Mr. Holmes, nach dem, was wir bisher gehört haben?«

»Zunächst legen Sie uns einmal den Fall dar, Mr. Mac«, sagte Holmes im Tone des Untersuchungsrichters.

»Der Mann war kein Einbrecher, wenn wir schon annehmen, daß ein solcher Mann überhaupt existiert hat. Die Sache mit dem Ring und die Karte deuten auf persönliche Motive hin. Nun gut. Denken wir uns einen Mann, der sich in das Haus schleicht mit dem bestimmten Vorsatz, jemanden umzubringen. Er weiß und mußte wissen, daß für ihn ein Entrinnen äußerst schwierig ist, weil das Haus ringsum von Wasser umgeben ist. Was für eine Waffe würde er verwenden? Ich würde sagen, die geräuschloseste, die es gibt, denn er mußte doch trachten, nach vollbrachter Tat Zeit zu gewinnen, um aus dem Fenster zu steigen, den Wassergraben zu durchwaten und sich auf der anderen Seite davonmachen zu können. Das wäre verständlich. Aber es ist nicht verständlich, daß er etwas so Ausgefallenes tun würde, eine Waffe zu wählen, die nach menschlichem Ermessen jeden Hausbewohner in kürzester Zeit zur Stelle bringen würde, bevor er den Wassergraben durchqueren konnte. Halten Sie das für logisch, Mr. Holmes?«

»Ich muß sagen,« antwortete mein Freund nachdenklich, »Sie haben starke Gründe für sich. Sicherlich wäre die Erklärung einer solchen Handlungsweise nicht ganz einfach. Darf ich Sie fragen, Mr. White Mason, ob Sie den Boden auf der anderen Seite des Wassergrabens untersucht haben und Spuren eines Menschen, der aus dem Wasser gestiegen war, entdeckten?«

»Nicht das geringste von Spuren, Mr. Holmes. Die Böschung ist gepflastert, und wir konnten natürlich nichts anderes erwarten.«

»Keinerlei Anzeichen irgendwelcher Art?«

»Keine.«

»Haben Sie etwas dagegen, Mr. White Mason, wenn wir jetzt zum Haus hinuntergehen? Vielleicht finden wir noch irgend etwas, das uns einen Anhaltspunkt bieten könnte.«

»Das wollte ich soeben vorschlagen, Mr. Holmes. Ich habe es nur für ratsam gehalten, Ihnen zuerst alles mitzuteilen, was ich weiß. Ich denke mir, daß, wenn Sie irgend etwas finden, –« White Mason betrachtete den Amateurdetektiv zweifelnd.

»Ich habe mit Mr. Holmes schon öfter gearbeitet,« sagte Inspektor McDonald, »man kann sich auf ihn verlassen.«

»Wenigstens soweit, als ich dies für notwendig erachte«, bemerkte Holmes lächelnd. »Wenn ich mich je von der Seite der Polizei getrennt habe, so geschah dies, weil sie sich von mir trennte. Ich arbeite, um der Polizei und der Rechtspflege zu nützen. Es liegt mir nicht das geringste daran, einen Triumph auf deren Kosten einzuheimsen. Dagegen beanspruche ich für mich, Mr. White Mason, auf meine eigene Weise vorgehen und was ich finde, zu der Zeit preisgeben zu dürfen, die ich für die geeignete halte, – vollständig und nicht ratenweise.«

»Ihre Mitwirkung ehrt uns sehr, das kann ich Ihnen versichern, Mr. Holmes, und wir werden Ihnen gern alles zur Verfügung stellen, was wir wissen«, erklärte White Mason herzlich. »Kommen Sie, Dr. Watson, wir hoffen alle noch in Ihr Buch zu kommen.«

Wir schritten die wunderliche, auf beiden Seiten von gestutzten Ulmen eingefaßte Dorfstraße entlang. Jenseits sahen wir zwei altertümliche Steinpfeiler, verwittert und mit Flechten besät, die oben ein unbestimmtes Etwas, das einmal der Wappenlöwe der Capus von Birlstone gewesen sein mochte, trugen. Dann folgte ein kurzer gewundener Weg zwischen Wiesen, flankiert von Eichen, wie man sie nur im ländlichen England findet. Nach einer unvermittelten Wendung lag das langgestreckte, niedrige Haus aus der jakobinischen Periode mit seinem dunkelbraunen Ziegelmauerwerk, umgeben von seinem altmodischen Garten mit zahlreichen beschnittenen Eibenbäumen vor uns. Als wir uns näherten, gewahrten wir die hölzerne Zugbrücke und den schönen breiten Festungsgraben, in dem das stille Wasser wie Quecksilber in dem kalten Wintersonnenschein glitzerte. Drei Jahrhunderte waren an dem alten Herrenhaus vorbeigezogen, Jahrhunderte, die viele Menschen darin geboren werden, ausziehen und wiederkehren sahen, Jahrhunderte, erfüllt von Lustbarkeiten und ländlich-sportlichem Zeitvertreib. Es war ein eigenartiges Verhängnis, daß jetzt, in seinen alten Tagen, der Schatten dieses düsteren Ereignisses auf seine ehrwürdigen Mauern fallen mußte. Und doch bildeten diese sonderbar gegiebelten Dächer, mit ihren altmodischen, wunderlichen Vorsprüngen, die stimmungsvolle Bedachung eines ernsten, schrecklichen Geschehnisses. Als ich die tief eingelassenen Fenster und die lang hingestreckte, dunkle, vom Wasser bespülte Fassade sah, kam mir zum Bewußtsein, daß kaum ein passenderes Milieu für ein solches Drama denkbar war.

»Das ist das Fenster,« sagte White Mason, »jenes, unmittelbar zur Rechten der Zugbrücke. Wir haben es offen gelassen, genau wie wir es gestern abend fanden.«

»Es sieht etwas schmal aus für einen erwachsenen Mann.«

»Nun, er kann eben nicht besonders beleibt gewesen sein. Wir brauchen nicht Ihre Schlußfolgerungen, Mr. Holmes, um das zu wissen. Aber jeder von uns beiden könnte sich leicht durchzwängen.«

Holmes schritt bis an den Rand des Festungsgrabens und blickte nach der anderen Seite hinüber. Dann untersuchte er die steinerne Böschung und deren Graseinfassung.

»Ich habe mich schon genau umgesehen, Mr. Holmes,« sagte White Mason, »es ist nichts da; nicht das geringste deutet darauf hin, daß einer da herausgestiegen ist. Aber wie könnte er auf den Steinen eine Spur hinterlassen?«

»Sehr richtig, wie könnte er. Ist das Wasser immer trübe?«

»Gewöhnlich hat es diese Färbung. Der Zufluß macht es so lehmig.«

»Wie tief ist es?«

»Ungefähr zwei Fuß am Rand und drei in der Mitte.«

»Wir können demnach dem Gedanken, daß der Mann vielleicht darin ertrunken ist, außer acht lassen.«

»Sicherlich, nicht einmal ein Kind könnte darin ertrinken.«

Wir gingen dann über die Zugbrücke und wurden an der Eingangstür von einem wunderlichen, verschrumpften Männchen, dem Diener Ames, in Empfang genommen. Er war noch immer blaß und zitterte am ganzen Leibe in Erinnerung an den ausgestandenen Schrecken. Der Polizeibeamte des Dorfes, ein großer, ernst und gewissenhaft aussehender Mensch, hielt noch Wache in dem Totengemach. Der Arzt war schon fortgegangen.

»Etwas Neues, Sergeant Wilson?« fragte White Mason.

»Nein, Herr.«

»Dann können Sie nach Hause gehen, Sie haben schon genug getan. Wenn wir Sie brauchen, werden wir nach Ihnen schicken. Der Diener soll lieber draußen warten. Sagen Sie ihm, er soll Mr. Cecil Barker, Frau Douglas und die Haushälterin verständigen, sich bereitzuhalten, weil wir einiges mit ihnen zu besprechen haben. Nun, meine Herren, möchte ich mir gestatten, Ihnen die Ansicht, die ich mir gebildet habe, auseinanderzusetzen. Dann wird es an Ihnen sein, sich Ihre Meinungen zu bilden.«

Er gefiel mir, dieser provinzielle Spezialist. Er hatte ein klares Auge für Tatsachen und einen kühlen, praktischen Kopf, der ihn in seinem Berufe ein gutes Stück vorwärts bringen mußte. Holmes hörte ihm aufmerksam zu, ohne ein Zeichen jener Ungeduld, die beamtete Detektive so oft in ihm erregten.

»Ist es Selbstmord oder Mord – das ist unsere erste Frage, meine Herren. Wenn es Selbstmord wäre, müßten wir als erwiesen ansehen, daß der Mann damit begonnen hat, seinen Ehering abzulegen und ihn zu verbergen; daß er, der in einem Schlafrock herunterkam, mit schmutzigen Stiefeln in jener Ecke hinter dem Vorhang herumtrampelte, um vorzutäuschen, daß hier jemand auf ihn gelauert hat; daß er das Fenster öffnete, Blutspuren auf dem –«

»Diesen Gedanken wollen wir als erledigt betrachten«, sagte Holmes.

»Das ist auch meine Meinung. Selbstmord steht außer Frage. Dann war es also Mord. In diesem Falle müssen wir uns darüber klar werden, ob er von jemandem aus dem Hause oder von einem Außenstehenden verübt wurde.«

»Nun gut, lassen Sie uns weiterhören.«

»Es gibt eine Reihe von Umständen, die gegen beide Möglichkeiten sprechen, und trotzdem muß eine davon die richtige sein. Wir wollen zunächst annehmen, daß das Verbrechen von einem Hausbewohner begangen wurde. Es geschah in einer Zeit, als zwar alles schon in tiefster Ruhe lag, aber trotzdem noch niemand schlief. Dann benutzte der Mörder eine der eigenartigsten und geräuschvollsten Waffen, die es gibt, gerade so, als ob er es darauf angelegt hätte, das ganze Haus so rasch als möglich zusammenzutrommeln; und zwar eine Waffe, die noch niemand im Hause vorher gesehen hat. Das klingt nicht wahrscheinlich.«

»So ist es.«

»Wir dürfen es als feststehend annehmen, daß kaum eine Minute verging, nachdem der Schuß gefallen war, bis sich die gesamten Hausbewohner – keineswegs Mr. Cecil Barker allein, obgleich er angibt, der erste gewesen zu sein, sondern auch Ames und alle anderen – an der Mordstelle versammelten. Will irgend jemand behaupten, daß in dieser kurzen Zeit die schuldige Person Fußspuren in der Ecke machen, das Fenster öffnen, das Fensterbrett mit Blut beschmieren, den Ehering von dem Finger des Toten abziehen und alles übrige tun konnte? Das ist ganz unmöglich.«

»Was Sie da sagen, ist ganz klar«, sagte Holmes. »Ich bin geneigt, mich Ihrer Meinung anzuschließen.«

»Nun also, dann müssen wir wieder zu der ersten Annahme zurückkehren, nämlich, daß die Tat von einer Außenperson verübt wurde. Auch hier stehen wir schwerwiegenden Bedenken gegenüber, aber keinen Unmöglichkeiten mehr. Der Mann ist zwischen ½5 und 6 Uhr, also während der Dämmerung und bevor die Zugbrücke aufgezogen wurde, ins Haus gelangt. Es waren Gäste da, die Eingangstür war offen. Es war also nicht schwierig, sich einzuschleichen. Der Mann war entweder ein ganz gewöhnlicher Einbrecher oder jemand, der eine persönliche Angelegenheit mit Mr. Douglas austragen wollte. Da Mr. Douglas einen großen Teil seines Lebens in Amerika zugebracht hat, und diese Flinte amerikanischer Herkunft ist, würde ich die letztere Annahme für die wahrscheinlichere halten. Er schlich sich in dieses Zimmer, weil es das nächstgelegene war, und verbarg sich hinter dem Vorhang. Dort verblieb er bis nach 11 Uhr abends. Zu jener Zeit betrat Mr. Douglas das Zimmer. Die Unterredung kann nur ganz kurz gewesen sein, wenn überhaupt eine stattgefunden hat, denn Mrs. Douglas erklärt, daß ihr Mann sie kaum ein paar Minuten verlassen hatte, als sie den Schuß hörte.«

»Auch die Kerze deutet darauf hin«, sagte Holmes.

»Sehr richtig, die Kerze, die ganz frisch war, ist kaum einen halben Zoll heruntergebrannt. Er muß sie auf den Tisch gestellt haben, bevor er angegriffen wurde, sonst würde sie natürlich zu Boden gefallen sein. Dies würde besagen, daß er nicht sofort nach seinem Eintritt überfallen wurde. Als Mr. Barker kam, zündete er die Lampe an und löschte die Kerze aus.«

»Das ist einleuchtend.«

»Nun also, dann wollen wir uns den Vorgang auf dieser Grundlage rekonstruieren. Mr. Douglas tritt in das Zimmer und stellt die Kerze auf den Tisch. Ein Mann kommt hinter dem Vorhang hervor, mit dieser Flinte bewaffnet. Er verlangt den Ehering, – der Himmel weiß allein, warum, aber er muß es getan haben. Mr. Douglas gibt ihn ab. Dann hat der Mann entweder kaltblütig, oder im Verlauf eines Kampfes – Douglas hat vielleicht den Hammer ergriffen, den wir auf dem Boden liegen sahen, – Douglas auf diese entsetzliche Weise getötet. Er ließ sein Gewehr fallen und anscheinend auch diese wunderliche Karte V V 341, – was das bedeutet, wissen wir nicht. Er sprang aus dem Fenster und durchquerte den Festungsgraben, gerade als Cecil Barker das Verbrechen entdeckte. Wie wäre das, Mr. Holmes?«

»Sehr interessant, aber nicht sonderlich überzeugend.«

»Mann, ich würde es unbedingt für Unsinn halten, wenn nicht alles andere noch unsinniger wäre«, rief McDonald. »Jemand hat diesen Mann getötet und derjenige, der es war, hätte nach allen Regeln der Vernunft ganz anders vorgehen müssen. Was konnte ihn z. B. veranlassen, sich seinen Rückzug zu gefährden, indem er eine Schußwaffe verwendet, wo doch in der Geräuschlosigkeit die einzige Möglichkeit seines Entweichens lag. Lieber Mr. Holmes, es ist nun an Ihnen, uns einen Weg zu zeigen, nachdem Sie behaupten, daß Mr. White Masons Theorie nicht überzeugend ist.«

Holmes hatte während dieser langen Unterredung den angestrengt aufmerksamen Beobachter gespielt. Nicht ein Wort von dem, was gesagt wurde, war ihm offenbar verloren gegangen. Seine scharfen Augen blitzten von links nach rechts, und seine Stirn trug die Falten angestrengtesten Nachdenkens.

»Bevor ich meine Ansicht äußere, Mr. Mac, möchte ich noch einiges Tatsächliche genauer untersuchen«, sagte er, indem er sich neben der Leiche niederkniete. »Großer Gott! Diese Verletzungen sind wirklich entsetzlich. Können wir den Diener ein paar Minuten hier haben? – – – Ames, ich höre, daß Sie verschiedene Male dieses ungewöhnliche Zeichen, ein Dreieck innerhalb eines Kreises, das auf Mr. Douglas‘ Unterarm eingebrannt ist, gesehen haben.«

»Jawohl, sehr oft, Herr.«

»Sie haben niemals eine Vermutung darüber äußern gehört, was es bedeutet?«

»Nein, Herr. Das Einbrennen muß seinerzeit sehr schmerzhaft gewesen sein. Zweifellos ist es ein Brand.«

»Sodann, Ames, bemerke ich, daß Ihr Herr hier am Kinn ein kleines Pflaster kleben hat. Haben Sie dieses schon bemerkt, als er noch am Leben war?«

»Jawohl, Herr, er hat sich gestern Morgen beim Rasieren geschnitten.«

»Hat er dies öfter getan?«

»Schon lange nicht mehr, Herr.«

»Das gibt zu denken«, sagte Holmes. »Vielleicht ist es nur ein zufälliges Zusammentreffen, vielleicht aber deutet es auf eine gewisse Nervosität hin, die besagen würde, daß er sich in Gefahr wußte. Haben Sie in der letzten Zeit etwas Auffälliges in seinem Benehmen bemerkt, Ames?«

»Es ist mir aufgefallen, daß er ein bißchen aufgeregt und unruhig war.«

»Na also, der Überfall war vielleicht nicht ganz unerwartet. Es scheint, wir machen schon einige Fortschritte, nicht wahr? Wollen Sie vielleicht jetzt die Fragestellung übernehmen, Mr. Mac?«

»Nein, Mr. Holmes, sie ist bei Ihnen in besseren Händen.«

»Also, dann wollen wir jetzt zu dieser Karte übergehen. Sie enthält die sonderbare Inschrift V V 341 und ist aus grobem Karton. Haben Sie etwas dergleichen im Hause?«

»Ich glaube nicht.«

Holmes ging hinüber zum Schreibtisch und betupfte das Löschpapier mit Proben aus jeder der beiden Tintenfässer.

»Die Schrift ist nicht in diesem Zimmer ausgeführt worden«, sagte er. »Dies ist schwarze Tinte, während die auf der Karte rötlich ist. Dann wurde sie mit einer breiten Feder geschrieben, während diese spitzig ist. Nein, die Inschrift rührt von wo anders her. Haben Sie eine Ahnung, Ames, was sie bedeuten könnte?«

»Nicht die geringste, Herr.«

»Und Sie, Mr. Mac?«

»Ich halte dafür, daß es das Zeichen irgend eines Geheimbundes ist.«

»Das glaube ich auch,« sagte White Mason.

»Nun also, dann wollen wir dies unseren weiteren Schlußfolgerungen zugrunde legen und sehen, wohin sie uns führen. Ein Abgesandter einer geheimen Verbindung schleicht sich ins Haus, wartet auf Mr. Douglas, trennt ihm fast den Kopf vom Leibe mit dieser Waffe und entweicht durch den Festungsgraben, nachdem er eine Karte neben der Leiche zurückgelassen hat, die, wenn sie in den Zeitungsberichten erwähnt wird, den anderen Mitgliedern des Geheimbundes bekannt gibt, daß der Racheakt vollzogen ist. Das erscheint logisch. Aber warum verwandte er gerade diese Art Waffe?«

»Jawohl, das möchte ich auch wissen.«

»Und wie verhält es sich mit dem fehlenden Ehering?«

»Sehr richtig.«

»Und warum noch keine Verhaftung? Es ist jetzt zwei Uhr vorüber. Ich darf doch annehmen, daß seit heute Morgen jeder Polizist innerhalb vierzig Meilen auf einen Fremdling mit durchnäßten Kleidern aufpaßt?«

»Das können Sie annehmen, Mr. Holmes.«

»Nun denn, wenn er nicht hier in der Nähe einen Unterschlupf hat, oder seine Kleider wechseln konnte, kann er ihnen nach menschlichem Ermessen nicht entgehen. Und doch ist er ihnen offenbar schon entgangen.«

Holmes war zum Fenster gegangen, wo er mit einem Vergrößerungsglas die Blutspuren auf dem Fensterbrett untersuchte.

»Eine Fußspur, unbedingt. Ungewöhnlich breit, anscheinend ein Plattfuß. Sonderbar, denn die Fußspuren in der Ecke drüben rühren von einer weit besser geformten Sohle her. Immerhin, sie sind höchst undeutlich. Und was haben wir hier, unter diesem Tischchen?«

»Die Hanteln von Mr. Douglas«, bemerkte Ames.

»Hanteln, in der Mehrzahl? Ich sehe nur ein Stück, wo ist die andere?«

»Ich weiß nicht, Mr. Holmes, vielleicht war nur eine da. Ich habe schon seit Monaten nicht darauf geachtet.«

»Eine Hantel –«, sagte Holmes nachdenklich, aber was er sagen wollte, blieb ungesprochen, denn von der Tür her ertönte ein kräftiges Pochen. Ein großer, sonngebräunter, energisch aussehender, glattrasierter Mann trat ein. Es war nicht schwierig, in ihm Mr. Cecil Barker, von dem wir schon verschiedentlich gehört hatten, zu erkennen. Seine kalten Augen, die von einem zum anderen wanderten, warfen fragende Blicke auf uns.

»Bitte die Störung zu entschuldigen,« sagte er, »aber Sie müssen das Neueste sofort erfahren.«

»Eine Festnahme?«

»Leider nicht, aber man hat das Zweirad gefunden, das der Mann zurückgelassen hat. Kommen Sie und sehen Sie selbst. Es liegt etwa hundert Schritt vom Eingangstor entfernt.«

Neben dem Zufahrtsweg fanden wir eine kleine Gruppe von Stallbediensteten und anderem Dienstpersonal, die ein Zweirad betrachteten, das man, in einem Gestrüpp von Immergrün verborgen, gefunden hatte. Es war ein ziemlich abgenutztes Fahrzeug, von unten bis oben mit Kot bespritzt. In der Satteltasche befanden sich ein Schraubenschlüssel und eine Schmierkanne. Irgend welche Hinweis auf den Eigentümer fehlten.

»Es wäre für die Polizei eine große Unterstützung, wenn diese Dinger numeriert und eingetragen werden müßten. Aber wir müssen die Dinge nehmen, wie wir sie finden. Wenn wir auch nicht wissen, wohin er sich gewandt hat, so können wir nun doch erfahren, woher er gekommen ist. Aber bei allem, was wunderbar ist, warum hat der Mann das Rad zurückgelassen, und wie ist er ohne das Ding durchgekommen? Ich sehe noch keinen Lichtstrahl, Mr. Holmes.«

»Wirklich?« sagte mein Freund nachdenklich. »Nun, man kann nicht wissen.«

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1. Kapitel. Die Warnung.

I. Teil.
Der Mord in Birstone

1. Kapitel. Die Warnung.

»Ich bilde mir ein, –« sagte ich.

»Ich würde mir nichts einbilden,« unterbrach mich Sherlock Holmes spöttisch.

Ich bin sicherlich einer der fügsamsten und geduldigsten Menschen dieser Welt, aber dieser Ausfall meines Freundes brachte mein Blut doch etwas in Wallung.

»Mein lieber Holmes,« antwortete ich mit aller Schärfe, deren ich fähig bin, »Sie sind manchmal unleidlich.«

Er war so sehr in Gedanken vertieft, daß er meinen Einwand völlig überhörte. Den Kopf in die Hände gestützt, das unberührte Frühstück vor sich, starrte er auf einen Streifen Papier, den er soeben einem Kuvert entnommen hatte. Dann ergriff er das Kuvert, hielt es ans Licht und prüfte es sorgfältig, sowohl die Vorderseite wie die Klappe.

»Es ist Porlocks Handschrift,« murmelte er nachdenklich; »unverkennbar, obwohl ich sie erst zweimal gesehen habe. Er schreibt das e wie das griechische epsilon, mit einem eigenartigen Schnörkel darüber; wenn der Brief von Porlock ist, muß es eine Sache von höchster Wichtigkeit sein.«

Diese halb im Selbstgespräch geäußerten Worte waren eigentlich nicht an mich gerichtet, aber mein Verdruß schwand über dem Interesse, das sie in mir erweckten.

»Und wer, wenn ich fragen darf, ist Porlock?«

»Porlock, mein lieber Watson, ist ein Deckname, nichts weiter als ein einfaches Unterscheidungswort, aber dahinter steckt eine äußerst gewandte und schwer faßbare Persönlichkeit. In einem seiner früheren Briefe hat er mir ganz offen mitgeteilt, daß es nicht sein Name sei und mir zu verstehen gegeben, daß er allen Nachforschungen, ihn in unserer Millionenstadt aufzuspüren, trotzen würde. Porlock ist mir wichtig, nicht wegen seiner selbst, sondern wegen seiner Beziehungen zu einem bedeutenden Manne. Zu diesem steht er in einem Verhältnis, etwa wie der Lotsenfisch zum Hai oder der Schakal zum Löwen. Die beiden stellen eine Vereinigung des Unbedeutenden mit dem Schrecklichen dar. Nicht bloß schrecklich, mein lieber Watson, sondern unheildrohend im höchsten Grade. In diesem Zusammenhang ist Porlock in meinen Gesichtskreis getreten. Habe ich Ihnen nicht schon von Professor Moriarty erzählt?«

»Dem bekannten wissenschaftlichen Verbrecher, der in der Unterwelt dieser Stadt ebenso berühmt ist wie –«

»Sie machen mich erröten, Watson«, murmelte Holmes, bescheiden abwehrend.

»Ich wollte sagen, wie er dem großen Publikum unbekannt ist.«

»Sehr geschickt, äußerst geschickt. Sie entwickeln neuerdings einen überraschend, schelmischen Humor, lieber Watson, gegen den ich noch nicht gewappnet bin. Wenn Sie aber Moriarty einen Verbrecher nennen, so begehen Sie damit im Sinne des Gesetzes eine Beleidigung, und darin gerade liegt der eigenartige Reiz der ganzen Sache. Der größte Bösewicht aller Zeiten, der Organisator teuflischer Verbrechen, das geistige Haupt der Unterwelt – ein Kopf, der ein ganzes Volk zum Guten oder Bösen lenken könnte, das ist das Bild des Mannes. Aber so hoch ist er über jeden Verdacht, selbst über schüchterne Kritik erhaben, so bewunderungswürdig weiß er seine Handlungen zu bemänteln und sich selbst im Dunkeln zu halten, daß er Sie wegen der paar Worte, die Sie eben geäußert haben, vors Gericht schleppen könnte, und daß ihm dieses zweifellos Ihre volle Jahrespension als Entschädigung für die erlittene Ehrenkränkung zusprechen würde. Ist er doch der gefeierte Autor der ›Dynamik eines Asteroiden‹, eines Werkes, das sich zu den höchsten Höhen der Mathematik erhebt, so daß behauptet wird, es gäbe keinen Menschen in der Fachpresse, der fähig wäre, es zu begutachten. Einen solchen Mann darf man nicht ungestraft beleidigen. Der ehrabschneidende Arzt und der gekränkte Professor – das wären die Rollen, die Ihr beide vor Gericht spielen würdet. Darin liegt Genie, Watson. Aber auch mein Tag wird kommen, wenn mich meine Feinde kleineren Formats am Leben lassen.«

»Ich wollte, ich könnte dabei sein,« rief ich andächtig. »Sie wollten mir jedoch etwas von dem Mann Porlock erzählen.«

»Ja so – also der sogenannte Porlock ist ein Glied in der Kette, allerdings eines, das ziemlich weit von dem Kettenschloß entfernt ist. Außerdem ist er, unter uns gesagt, ein etwas schadhaftes Glied, tatsächlich der einzige schwache Punkt darin, den ich bisher feststellen konnte.«

»Nach einem Grundsatz der Mechanik ist aber eine Kette nicht stärker als ihr schwächstes Glied.«

»Sehr richtig, mein lieber Watson. Darin besteht auch die außerordentliche Bedeutung von Porlock. Er leidet offenbar an zarten Anwandlungen zum Guten, die ich gelegentlich durch die Übersendung einer Zehn-Pfund-Note, die ich ihm auf Umwegen zukommen ließ, zu ermutigen getrachtet habe. Daraus entsprangen seine Mitteilungen an mich, von höchstem Wert für den, der Verbrechen lieber verhütet als rächt. Wenn wir jetzt die Chiffre hätten, würde sich, wie ich fest überzeugt bin, herausstellen, daß das, was hier auf dem Papier steht, eine solche Mitteilung ist.«

Abermals glättete Holmes das Papier auf seinem unbenutzten Teller. Ich erhob mich, beugte mich über seine Schulter, und gewahrte auf dem Papier eine sonderbare Inschrift, die wie folgt lautete:

534, K 2, 13, 127, 36 Douglas
10, 9, 293, 5, 37 Birlstone
26 Birlstone, 9, 127

»Was halten Sie davon, Holmes?«

»Es ist offenbar ein Versuch, mir eine geheime Nachricht zu übermitteln.«

»Aber was haben wir von einer Chiffrenachricht ohne den Schlüssel dazu?«

»In diesem Falle nicht das geringste.«

»Warum sagen Sie: in diesem Fall?«

»Sehr einfach, weil ich eine ganze Menge Chiffren so leicht lese, wie die geheimnisvoll abgefaßten Inserate in den Zeitungen. Solche plumpen Versuche, Nachrichten geheim zu halten, sind für mich eher belustigend als ermüdend. Aber dies hier ist etwas anderes. Die Chiffrezeichen beziehen sich offenbar auf eine bestimmte Seite in einem bestimmten Buche, und solange ich nicht weiß, um welche Seite und welches Buch es sich handelt, kann ich natürlich nichts damit anfangen.«

»Aber was soll dann ›Douglas‹ und ›Birlstone‹ bedeuten?«

»Das sind zweifellos Worte, die auf der betreffenden Seite nicht enthalten sind.«

»Warum hat er dann aber nicht angedeutet, auf welches Buch er sich bezieht?«

»Ihre angeborene Schlauheit, mein lieber Watson, jene natürliche Listigkeit in Ihrem Wesen, die das Entzücken Ihrer Freunde ist, würde es sicherlich nicht zulassen, daß Sie eine Chiffrenachricht und den Schlüssel dazu im selben Kuvert versenden. Wenn es in falsche Hände geriete, wären Sie erledigt. Getrennt verschickt, müßten jedoch beide in falsche Hände geraten, damit ein Schaden entstehen könnte. Die zweite Post ist schon überfällig. Ich würde mich nicht wundern, wenn sie uns entweder einen erklärenden Brief oder, was noch wahrscheinlicher ist, das Buch, auf das sich die Zahlen beziehen, bringt.«

Holmes‘ Voraussage sollte nur zu bald in Erfüllung gehen. Billy, unser kleiner Diener, trat wenige Minuten später mit dem Brief ein, den wir erwartet hatten.

»Dieselbe Handschrift,« bemerkte Holmes, als er das Kuvert öffnete, »und tatsächlich auch mit voller Unterschrift,« fügte er freudig hinzu, als er den Brief entfaltete. »Nun werden wir sehen, Watson.«

Sein Gesicht verdüsterte sich jedoch, als er den Inhalt des Briefes überflog.

»Donnerwetter, das ist enttäuschend. Ich fürchte, Watson, daß aus unseren hochgespannten Erwartungen nichts wird. Ich will nur wünschen, daß unserem Porlock kein Unheil zustößt.«

›Sehr geehrter Herr Holmes,‹ lautete der Brief, ›ich kann in der Sache nichts weiter tun. Es ist zu gefährlich. Er hat Verdacht gegen mich geschöpft, wie ich deutlich erkennen kann. Heute kam er ganz unerwarteterweise zu mir herein, als ich bereits dieses Kuvert, in der Absicht, Ihnen damit den Schlüssel der Chiffre zu senden, mit der Anschrift versehen hatte. Ich konnte es gerade noch zudecken. Wenn er es gesehen hätte, würde es mir schlecht ergangen sein. Er ist höchst argwöhnisch, ich lese es in seinen Augen. Bitte verbrennen Sie die chiffrierte Nachricht, die nun für Sie wertlos ist. Fred Porlock.‹

Holmes versank danach in tiefes Schweigen und starrte finster ins Kaminfeuer, indem er den Brief in seinen Fingern zerknüllte.

»Vielleicht,« sagte er, »ist nichts daran. Möglicherweise war es nur sein schuldbeladenes Gewissen, das ihm, dem bewußten Verräter, Argwohn in den Augen des anderen vortäuschte.«

»Unter dem anderen verstehen Sie wohl Professor Moriarty?«

»Niemanden Geringeren. Wenn irgend einer der Bande von ihm spricht, weiß ich, wen er damit meint.«

»Was ist nun zu tun?«

»Ja, das ist nun die große Frage. Da wir einen der klügsten Köpfe ganz Europas gegen uns haben, mit allen dunklen Gewalten ausgerüstet, ergeben sich für uns geradezu unbeschränkte Möglichkeiten. Jedenfalls ist unser Freund Porlock in tödlicher Angst. Vergleichen Sie einmal die Handschrift in diesem Brief mit der auf dem Kuvert, das, wie er angibt, von ihm beschrieben wurde, bevor er den unheilvollen Besuch empfing. Auf dem Kuvert ist sie fest und klar, in dem Brief kaum leserlich.«

»Warum hat er überhaupt geschrieben und die Sache nicht einfach fallen lassen?«

»Wahrscheinlich, weil er befürchtete, ich würde Nachforschungen nach ihm anstellen, die ihm Ungelegenheiten bereiten könnten.«

»Ohne Zweifel,« sagte ich, indem ich die chiffrierte Nachricht aufhob und gedankenvoll betrachtete. »Es ist wirklich zum Verzweifeln, wenn man denkt, daß dieser Streifen Papier wahrscheinlich ein wichtiges Geheimnis enthält, dem man auf keine Weise beikommen kann.«

Sherlock Holmes schob sein unberührtes Frühstück beiseite und zündete sich seine Pfeife an, die ständige Gefährtin seiner tiefsten Gedanken.

»Vielleicht,« sagte er, sich zurücklehnend, den Blick an die Decke geheftet, »vielleicht finden wir etwas heraus, das Ihrem Machiavelli-Gehirn bisher verborgen geblieben ist. Betrachten wir uns einmal das Problem im Lichte der reinen Logik. Die Andeutungen des Mannes beziehen sich auf ein Buch. Das ist klar und davon wollen wir ausgehen.«

»Eine recht unsichere Spur, nach meiner Meinung.«

»Zugegeben; aber vielleicht können wir den Bereich der Möglichkeiten etwas enger umgrenzen. Je stärker ich mein Gehirn darauf konzentriere, desto weniger undurchdringlich erscheint mir das Geheimnis. Welche Anzeichen haben wir, was dieses Buch betrifft?«

»Keine«.

»Na, na, so schlimm wird die Sache nicht sein. Die Chiffre beginnt mit der Zahl 534, und wir wollen annehmen, daß diese Zahl sich auf die Seite in dem Buch, um das es sich handelt, bezieht. Das würde heißen, daß es ein dickes Buch ist, womit wir schon ein Stück weitergekommen sind. Und was für andere Anzeichen haben wir noch, hinsichtlich dieses dicken Buches? Das nächste Zeichen, K 2, was kann das bedeuten, Watson?«

»Zweites Kapitel, ohne Zweifel.«

»Kaum, Watson. Sie werden mir zugeben, daß, wenn er uns die Seite bezeichnet, die Kapitelzahl gleichgültig ist. Außerdem, wenn Sie annehmen, daß die Seite 534 erst im zweiten Kapitel ist, müßte das erste Kapitel schauderhaft lang sein.«

»Kolumne,« rief ich.

»Fabelhaft, Watson. Sie sprühen heute geradezu von Geist. Kolumne ist es, wenn uns nicht alles täuscht. Sie sehen also, vor unseren Augen zeigt sich bereits ein dickes Buch, doppelspaltig gedruckt, mit Spalten von erheblicher Länge, denn eines der darin vorkommenden Worte ist mit 293 bezeichnet. Nun frage ich Sie, haben wir damit schon die Grenze der logischen Ableitung erreicht?«

»Es scheint leider so.«

»Sie sind ungerecht gegen sich selbst. Ich erwarte von Ihnen einen weiteren Geistesblitz, eine neue Gedankenwelle. Wäre der Band ein seltenes Buch, würde er ihn mir geschickt haben. Er spricht aber lediglich von dem Schlüssel, den er in das Kuvert stecken wollte, bevor seine Pläne vereitelt wurden. Das steht klar in seinem Brief. Dies würde also bedeuten, daß es sich um ein Buch handelt, von dem er annehmen mußte, daß ich es mir leicht selbst beschaffen könne. Er hatte das Buch und vermutete, daß auch ich es habe. Mein lieber Watson, es handelt sich also um ein sehr gebräuchliches Werk.«

»Das klingt allerdings glaubhaft.«

»Wir haben somit das Feld unserer Nachforschungen auf ein dickes Buch, doppelspaltig und weitverbreitet, eingeschränkt.«

»Die Bibel,« rief ich triumphierend.

»Ausgezeichnet, Watson, ganz ausgezeichnet. Aber, wie ich leider sagen muß, noch nicht gut genug. Vielleicht darf ich mir schmeicheln, daß jedermann dieses Buch in meinem Besitz vermutet, aber ich halte es für ausgeschlossen, daß einer von Moriartys Bande es im Bereich seiner Hände stehen hat. Außerdem sind die Ausgaben der Heiligen Schrift so zahlreich, daß nicht ohne weiteres angenommen werden kann, je zwei Leute würden Exemplare mit übereinstimmenden Seitenbezeichnungen haben. Es handelt sich also um ein Normalwerk. Er mußte sicher sein, daß meine Seite 534 mit der seinen, gleicher Zahl, genau übereinstimme.«

»Aber das wird auf die wenigsten Werke zutreffen.«

»Sehr richtig; und gerade darin liegt unsere Rettung. Unsere Suche beschränkt sich daher auf ein Werk, von dem anzunehmen ist, daß jedermann ein Exemplar hat.«

»Das Kursbuch.«

»Nicht so schnell, lieber Watson. Der Wortschatz des Kursbuches ist zwar glatt und sauber, aber beschränkt. Es ist kaum anzunehmen, daß jemand im Kursbuch alle die Wörter finden würde, die er für eine Nachricht braucht. Wir wollen es daher ausschalten. Ein Wörterbuch ist, wie ich glaube, aus denselben Gründen ungeeignet. Was bleibt also noch übrig?«

»Ein Almanach.«

»Großartig, Watson, wenn ich mich nicht irre, haben Sie diesmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Ein Almanach! Besehen wir uns z. B. einmal Whitakers Almanach. Er ist weit verbreitet, hat die erforderliche Anzahl Seiten und ist doppelspaltig. Obgleich im ersten Teil kurz gefaßt, wird er gegen den Schluß zu recht wortreich.« Er nahm den Band von seinem Pult. »Hier haben wir Seite 534 Spalte 2. Ein umfangreicher Artikel, der, wie ich sehe, sich mit dem Handel und den Bodenprodukten Indiens beschäftigt. Schreiben Sie die Worte nieder, Watson: 13 ist Mahratta, kein besonders vielversprechender Anfang, fürchte ich. 127 ist Regierung, was immerhin einigen Sinn gibt, obwohl mir unerklärlich ist, was die Regierung von Mahratta mit uns und Professor Moriarty zu tun hat. Und nun zum nächsten. Was tut also die Regierung von Mahratta? O weh, das nächste Wort ist Schweineborsten. Wir sind erledigt, lieber Watson, am Ende unserer Weisheit angelangt.«

Obwohl er sich den Anschein gab, belustigt zu sein, sah ich an dem Zucken seiner buschigen Augenbrauen, wie verärgert und enttäuscht er war. Ich fühlte mich hilflos und unglücklich, als ich so dasaß und ins Feuer starrte. Ein langes Schweigen folgte, das jedoch plötzlich durch einen Ausruf von Holmes unterbrochen wurde, der von seinem Sitz aufsprang, zum Bücherregal eilte, von dem er mit einem zweiten, gelbgebundenen Buche zurückkehrte.

»Das kommt davon, Watson, wenn man allzusehr auf der Höhe ist. Wir sind unserer Zeit voraus und müssen, wie üblich, dafür büßen. Es ist heute der 7. Januar, und wir haben natürlich schon die neue Ausgabe des Almanachs. Wahrscheinlich hat aber Porlock seine Mitteilung nach der alten zusammengestellt. Das hätte er uns sicherlich auch gesagt, wenn er uns den Schlüssel hätte senden können. Nun wollen wir einmal sehen, was die Seite 534 uns für Überraschungen bringt. Wort 13 ist Gefahr, was schon recht bedeutungsvoll klingt. 127 bedeutet droht – Gefahr droht –« Holmes‘ Augen funkelten vor Erregung und seine dünnen, nervösen Finger zuckten, als er das nächste Wort auszählte. »Famos! Schreiben Sie nieder, Watson: Gefahr droht unmittelbar; dann kommt das Wort Douglas, reicher Besitzer, jetzt in Birlstone-Haus, Birlstone – Vertrauen – dringend. Da haben wir’s, Watson. Was sagen Sie nun zu der Bedeutung der logischen Ableitung? Wenn unser Gemüsekrämer so etwas wie einen Lorbeerkranz hätte, würde ich Billy hinschicken und ihn holen lassen.«

Ich starrte auf die sonderbare Mitteilung, deren Dechiffrierung ich auf einem Bogen Papier über meinem Knie niedergekritzelt hatte.

»Eine eigenartige, zusammenhangslose Weise, sich auszudrücken,« sagte ich.

»Im Gegenteil, ich finde, er hat die Sache äußerst geschickt gemacht«, sagte Holmes. »Wenn Sie eine Spalte in einem Buch durchsuchen nach Wörtern, mit denen Sie eine bestimmte Mitteilung zusammenstellen wollen, werden Sie sicherlich auf Schwierigkeiten stoßen. Sie können kaum erwarten, darin alle Worte zu finden, die Sie brauchen. Ein gut Teil werden Sie der Kombinationsgabe des Empfängers überlassen müssen. Der Sinn seiner Nachricht ist völlig klar. Auf einen Menschen namens Douglas soll ein Anschlag verübt werden. Ich weiß nicht, wer er ist. Er wird uns als ein reicher Grundbesitzer bezeichnet. Das Wort Vertrauen bedeutet zweifellos vertraulich, welch letzteres offenbar nicht in der Spalte enthalten war. Dringend will sicherlich ganz besonders betonen, daß der Anschlag unmittelbar bevorsteht. Ich bin der Meinung, daß wir tatsächlich ein wertvolles Stück Arbeit geleistet haben.«

Holmes hatte mit dem wahren Künstler gemein, daß ihm die Lösung einer schwierigen Aufgabe die größte persönliche Genugtuung bereitete, selbst wenn sie hinter seinen Erwartungen zurückblieb. Er frohlockte noch über seinen Erfolg, als Billy die Tür öffnete und den Kriminalinspektor McDonald von Scotland Yard in das Zimmer führte.

Zu jener Zeit hatte Alec McDonald noch nicht die Höhe seines Ruhmes erreicht, die er später erklomm. Er war noch ein junges, aber schon vielversprechendes Mitglied des Detektivpersonals und hatte sich bereits in einigen Fällen, die ihm ausschließlich überantwortet waren, ausgezeichnet. Seine hohe, knochige Gestalt sprach von ungewöhnlicher körperlicher Stärke, während in seiner breiten Stirn und den tiefliegenden, lebhaften Augen, die unter buschigen Brauen hervorblitzten, eine ebenso hohe Intelligenz erkennbar war. Er war ein schweigsamer, ruhiger Mensch, der einen etwas versauerten Eindruck machte und in dem harten Akzent seiner schottischen Heimat sprach. Bei zwei früheren Gelegenheiten hatte ihm Holmes bereits geholfen, einen großen Erfolg einzuheimsen, ohne dabei auf eine andere Belohnung Anspruch zu erheben, als ihm die Mitwirkung an interessanten Aufgaben bot. Mittelmäßigkeit erkennt nichts Höheres an als sich selbst, aber das Talent weiß Genie zu würdigen. Talent besaß McDonald genügend, um keine Herabwürdigung seiner selbst darin zu fühlen, die Hilfe eines Mannes zu erbitten, der einzig in seiner Art in Europa dastand, sowohl was seine geistigen Gaben wie seine Erfahrung anbelangte. Holmes war zwar nicht ein Mann, der leicht Freundschaft schloß, aber zu dem schweigsamen Schotten hatte er eine gewisse Zuneigung gefaßt. Ein freundliches Lächeln erhellte seine Züge, als er ihn begrüßte.

»Sie sind ein Frühaufsteher, Mr. Mac,« sagte er. »Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihre Morgenspaziergänge, die wohl bedeuten, daß irgendetwas Besonderes im Winde ist.«

»Hierbei ist wohl die Hoffnung der Vater des Gedankens, scheint mir, Mr. Holmes,« antwortete der Inspektor mit einem vielsagenden Grinsen. »Wie wäre es mit einem kleinen Schluck von irgendetwas, um mir die Morgenkühle aus den Knochen zu treiben? Nein, danke, ich rauche nicht. Ich muß gleich wieder weiter, denn die ersten Stunden sind bei einem Kriminalfall die kostbarsten, wie niemand besser weiß, als Sie selbst. Aber, aber –«

Der Inspektor hielt plötzlich inne. Seine Blicke waren mit dem Ausdruck ungläubigen Staunens auf dem Stück Papier haften geblieben, das noch auf dem Tische lag; jenem Bogen Papier, aus dem ich die Lösung der chiffrierten Nachricht niedergeschrieben hatte.

»Douglas!« stammelte er, »Birlstone! Was soll das bedeuten, Mr. Holmes? Mensch, das ist ja geradezu Hexerei. Bei allem, was wunderbar ist, wo haben Sie denn diese Namen her?«

»Es ist eine Chiffrenachricht, die Mr. Watson und ich Anlaß hatten zu lösen. Aber was wollen Sie damit sagen? – Was ist denn los mit den Namen?«

Der Inspektor ließ seine Blicke verwirrt und staunend von einem zum anderen schweifen.

»Das Folgende ist los,« sagte er, »Mr. Douglas von Birlstone ist heute morgen in schrecklicher Weist ermordet worden.«

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Die verschwundene Braut

Die verschwundene Braut

Eines Tages wurde während seiner Abwesenheit ein Brief für Sherlock Holmes abgegeben. Ich hatte den ganzen Tag das Haus nicht verlassen, denn das Wetter war plötzlich regnerisch geworden; ein scharfer Herbstwind wehte, und die Flintenkugel in meinem Bein, die ich als Andenken aus dem afghanischen Feldzug heimgebracht habe, quälte mich mit empörender Hartnäckigkeit. In einem bequemen Stuhl sitzend, hatte ich die Beine auf einem zweiten Stuhl ausgestreckt und mich in einen ganzen Berg von Zeitungen vergraben, bis ich zuletzt die Tagesneuigkeiten satt bekam und die Blätter sämtlich beiseite schob. Während ich nun so in verdrossener Stimmung dalag, betrachtete ich mit träger Neugier das mächtige Wappen und Monogramm, das auf dem Umschlag des vor mir liegenden Briefes prangte, und fragte mich, wer wohl der adlige Briefschreiber sein möchte.

»Da liegt ein höchst vornehmer Brief für dich«, rief ich meinem Freund bei seinem Eintritt entgegen. »Deine Briefe heute früh, von einem Fischhändler und einem Zolleinnehmer, waren weniger vornehm.«

»Ja, mein Briefwechsel besitzt entschieden den Reiz der Abwechslung«, erwiderte er lächelnd, »und je weniger vornehm, desto interessanter sind sie in der Regel. Das da sieht gerade aus wie eine jener unwillkommenen gesellschaftlichen Einladungen, die einen entweder zu einer Marter oder zu einer Lüge verdammen.« Er erbrach das Siegel und überflog den Inhalt. »Warte einmal, das kann am Ende etwas ganz Interessantes geben!« rief er nun plötzlich.

»Also nichts Gesellschaftliches?«

»Nein, durchaus geschäftlich.«

»Und von wem?«

»Von einer der vornehmsten Personen in ganz England.«

»Nun, ich gratuliere, mein lieber Junge.«

»Ich versichere dir, Watson, es ist die Wahrheit, wenn ich sage, daß ich auf den gesellschaftlichen Rang meiner Kunden nicht so viel Wert lege, als auf das Interesse, das die Fälle bieten. Übrigens ist es wohl möglich, daß es bei dieser neuen Aufgabe auch nicht an interessantem Stoff fehlt. Du hast doch in diesen Tagen die Zeitungen genau durchgelesen, nicht wahr?«

»Na, und ob!« erwiderte ich in kläglichem Ton und deutete dabei auf einen mächtigen Stoß, der in einer Ecke aufgehäuft lag; »ich habe ja sonst fast nichts zu tun gehabt.«

»Nun, das kommt mir jetzt vielleicht zustatten, da kannst du mir sicher Auskunft geben. Ich lese nichts als die Kriminalberichte und den Briefkasten. Da erfährt man doch wenigstens immer etwas. Aber wenn du die neuesten Ereignisse so genau verfolgt hast, mußt du wohl auch etwas über Lord St. Simon und seine Hochzeit gelesen haben?«

»O ja, das hat mich sogar sehr interessiert.«

»Das ist schön. Der Brief hier ist von Lord St. Simon. Ich will ihn dir vorlesen, und dafür mußt du mir dann die Zeitungen noch einmal durchgehen und alles zusammensuchen, was sich auf die Angelegenheit bezieht. Er schreibt:

Mein lieber Herr Sherlock Holmes!

Lord Backwater sagt mir, daß ich Ihrem Scharfsinn und Ihrer Verschwiegenheit unbedingtes Vertrauen schenken dürfe. Ich habe mich daher entschlossen, bei Ihnen vorzusprechen und mir Ihren Rat in Beziehung auf das höchst schmerzliche Ereignis zu erbitten, das sich bei Gelegenheit meiner Hochzeit zugetragen hat. Herr Lestrade von der Geheimpolizei ist zwar in der Sache bereits tätig; allein er hat, wie er mir versichert, gegen Ihre Mitwirkung nicht nur nichts einzuwenden, sondern verspricht sich sogar Nutzen davon. Ich beabsichtige, um vier Uhr heute nachmittag bei Ihnen vorzusprechen und hoffe, daß Sie etwaige anderweitige Verpflichtungen auf später verschieben können.

Ihr aufrichtiger

St. Simon.

»Der Brief ist aus Schloß Grosvenor datiert und mit einer Füllfeder geschrieben, wobei dem edlen Lord das Mißgeschick begegnet ist, einen Tintenklecks außen an seinen rechten kleinen Finger zu bringen«, bemerkte Holmes, während er das Schreiben zusammenfaltete.

»Er sagt vier Uhr. Jetzt ist es drei. In einer Stunde ist er da. Bis dahin habe ich gerade noch Zeit, mich mit deiner Hilfe in der Sache aufs Laufende zu bringen. Sieh die Zeitungen durch und ordne die darauf bezüglichen Artikel nach ihrer Reihenfolge, unterdessen will ich einmal feststellen, wer unser Klient eigentlich ist.« Er nahm ein rotgebundenes Nachschlagebuch von dem Bücherbrett neben dem Kamin. »Da haben wir ihn ja«, sagte er, indem er sich niederließ und das Buch aufgeschlagen über seine Knie legte. »Lord Robert Walsingham de Vere St. Simon, zweiter Sohn des Herzogs von Balmoral – Hm! Wappen blau, drei Stachelnüsse im Mittelfeld über einem schwarzen Querbalken. Immerhin schon 41 Jahre alt, also nicht mehr zu jung zum Heiraten. War früher Unterstaatssekretär im Kolonialamt. Der Herzog, sein Vater, war früher Minister der auswärtigen Angelegenheiten. Stammen in gerader Linie von den Plantagenets und weiblicherseits von den Tudors ab. Das ist alles. Wir sind also nicht viel gescheiter als zuvor. Ich muß mich, scheint es, an dich halten, Watson, wenn ich etwas Ausgiebigeres erfahren will.«

»Es ist keine große Mühe, zu finden, was ich suche«, versetzte ich, »denn die Ereignisse sind neuesten Datums, und der merkwürdige Fall fesselte gleich meine Aufmerksamkeit. Trotzdem sah ich davon ab, dir darüber zu berichten, denn ich wußte, daß du gerade mit einer Untersuchung beschäftigt warst und es nicht gerne siehst, wenn man dir mit etwas anderem dazwischen kommt.«

»Ach, der Fall, den du meinst, ist bereits vollständig erledigt und war eigentlich von vornherein ganz klar. Bitte, lies mir nun vor, was du gefunden hast.«

»Dies hier ist, soviel ich finden kann, die erste Notiz. Sie stand vor ein paar Wochen in der ›Morning-Post‹ unter den Personalnachrichten. ›Lord Robert St. Simon‹, heißt es da, zweiter Sohn des Herzogs von Balmoral, beabsichtigt, sich mit Fräulein Hatty Doran, einziger Tochter des Herrn Aloysius Doran aus San Francisco in Kalifornien, ehelich zu verbinden, und zwar soll allem Anschein nach die Vermählung in allernächster Zeit stattfinden‹ Das ist alles.«

»Klipp und klar«, bemerkte Holmes darauf, indem er seine Beine vor dem Kaminfeuer ausstreckte.

»Ein paar Tage später las ich darüber in einer der vornehmen Wochenschriften noch einen Artikel. Ach, da ist er ja:

In Heiratssachen wird man wohl nächstens einen Schutzzoll für unsere heimischen Erzeugnisse verlangen, die allem Anschein nach durch die in Geltung stehenden freihändlerischen Grundsätze stark geschädigt werden. Eine der britischen Adelsfamilien um die andere beugt sich dem Szepter unserer hübschen überseeischen Stammverwandten. Die Zahl der Siegespreise, die diese entzückenden Eroberinnen davon getragen haben, hat in verflossener Woche einen ganz gewichtigen Zuwachs erfahren. Lord St. Simon, der sich seit mehr als zwanzig Jahren gegenüber den Pfeilen des kleinen Gottes als unverwundbar gezeigt hatte, kündigt nunmehr seine baldige eheliche Verbindung mit Miß Hatty Doran, der reizenden Tochter eines kalifornischen Millionärs an. Miß Doran, deren anmutige Erscheinung und blendend schöne Züge bei den Festlichkeiten in Westbury House großes Aufsehen erregten, ist ein einziges Kind, und ihre Mitgift wird, wie wir erfahren, mehr als eine Million betragen, abgesehen von dem, was ihr noch für später in Aussicht steht. Da es ein öffentliches Geheimnis ist, daß sich der Herzog im Lauf der letzten Jahre genötigt sah, seine Gemälde zu verkaufen, und Lord St. Simon außer dem kleinen Gute Birchmoor keinen eigenen Grundbesitz hat, so liegt es auf der Hand, daß die kalifornische Erbin nicht allein die Gewinnende bei dieser Verbindung ist, durch welche eine einfache Republikanerin auf so bequeme und nicht ungewöhnliche Art zur Angehörigen des höchsten britischen Adels erhoben wird.«

»Sonst noch etwas?« fragte Holmes gähnend.

»O freilich; die Hülle und Fülle. Es kommt dann noch eine Notiz in der ›Morning-Post‹, daß die Hochzeit in aller Stille in der St. Georgenkirche stattfinden, daß nur ein halbes Dutzend der nächsten Bekannten Einladungen erhalten, und daß die Gesellschaft sich danach wieder nach dem von Herrn Aloysius Doran gemieteten Hause in Lancastergate begeben werde. Zwei Tage darauf – also vorigen Mittwoch – kommt dann eine kurze Bemerkung, daß die Hochzeit stattgefunden habe, und daß das junge Paar die Flitterwochen auf Lord Backwaters Besitzung bei Petersfield zu verbringen gedenke. Dies ist alles, was die Zeitungen vor dem Verschwinden der jungen Frau über die Sache gebracht haben.«

»Vor was?« fragte Holmes, hoch aufhorchend.

»Vor dem Verschwinden der jungen Frau.«

»Wann verschwand sie denn?«

»Beim Hochzeitsmahl.«

»Wirklich? Nun, die Sache läßt sich ja weit interessanter an, als es den Anschein hatte; sie ist ja direkt hochdramatisch.«

»Ja. Ich war ganz überrascht; ein Fall wie dieser kommt nicht gerade alle Tage vor.«

»Vor der Trauung verschwinden sie oft und viel, gelegentlich kommt es auch einmal während der Flitterwochen vor; aber einen Fall, wo es nach der Trauung mit dem Verschwinden so große Eile hatte, habe ich wirklich noch nicht erlebt. Bitte, laß mich den genauen Bericht hören.«

»Ich will dir nur gleich im voraus sagen, daß er sehr unvollständig ist.«

»Nun, dem können wir ja vielleicht abhelfen.«

»Die Nachricht steht in einem der gestrigen Morgenblätter. Ich will dir den Artikel vorlesen; er trägt die Überschrift ›Merkwürdiger Vorfall bei einer vornehmen Hochzeit‹ und lautet:

Die Familie Lord Robert St. Simons ist durch die rätselhaften und bedauerlichen Vorfälle, die sich bei dessen Hochzeit zugetragen haben, in die größte Bestürzung versetzt worden. Die kirchliche Feier fand, wie wir schon kurz mitgeteilt haben, am gestrigen Vormittag statt; allein es war erst jetzt möglich, den sonderbaren Gerüchten, die sich um dieses Ereignis knüpften, auf den Grund zu kommen. Die Angelegenheit, welche die Näherstehenden vergeblich zu vertuschen suchten, hat die Öffentlichkeit in solchem Grade erregt, daß es keinen vernünftigen Zweck mehr haben könnte, Dinge totschweigen zu wollen, die in jedermanns Munde sind.

Die Feier in der St. Georgenkirche hielt sich im engsten Kreise. Es waren nur zugegen der Vater der Braut, Herr Aloysius Doran, die Herzogin von Balmoral, Lord Backwater, Lord Eustachius und Lady Clara St. Simon (die jüngeren Geschwister des Bräutigams) sowie Lady Alicia Whittington. Die ganze Gesellschaft begab sich darauf nach Herrn Aloysius Dorans Haus in Lancastergate, wo das Festmahl bereit stand. Eine Störung verursachte, wie es scheint, dabei eine weibliche Person, deren Name sich nicht hat feststellen lassen; sie versuchte unter dem Vorgeben, daß sie Ansprüche an Lord St. Simon habe, hinter der Gesellschaft gewaltsam in das Haus einzudringen und konnte nur nach einem längeren peinlichen Auftritt durch zwei Diener fortgebracht werden. Die Braut, welche das Haus glücklicherweise vor diesem unliebsamen Zwischenfall betreten hatte, saß mit der übrigen Gesellschaft zu Tische, als sie plötzlich über Übelbefinden klagte und sich auf ihr Zimmer zurückzog. Als ihre längere Abwesenheit aufzufallen begann, ging der Vater ihr nach, erfuhr jedoch von dem Kammermädchen, seine Tochter sei nur einen Augenblick auf ihr Zimmer gekommen, habe einen Mantel umgeworfen, den Hut aufgesetzt und darauf eilends das Haus verlassen. Ein Diener sagte aus, er habe allerdings eine Dame in dem eben beschriebenen Anzug das Haus verlassen sehen, ohne jedoch an die Möglichkeit zu denken, daß es seine Herrin sein könne, da er geglaubt habe, sie befinde sich bei der Gesellschaft. Sobald festgestellt war, daß die Braut wirklich verschwunden sei, setzten sich Herr Aloysius Doran und der Bräutigam augenblicklich mit der Polizei in Verbindung, und es sind alle Nachforschungen im Gange, um bald Licht in diese höchst merkwürdige Geschichte zu bringen. Bis gestern abend in später Stunde war übrigens von dem Verbleib der Vermißten noch nichts bekannt geworden. Die Polizei hat die Festnahme der Frau veranlaßt, welche die erste Störung herbeigeführt hatte, in der Annahme, daß sie aus Eifersucht oder irgend einem andern Beweggrund bei dem merkwürdigen Verschwinden der Braut beteiligt sein könnte.«

»Und ist das alles?«

»Nur eine kleine, aber wichtige Notiz steht noch in einem andern Morgenblatt.«

»Und was enthält sie?«

»Daß Fräulein Flora Millar, die Störerin der Hochzeitsfeier, wirklich festgenommen ist. Es scheint, daß sie früher Tänzerin am Allegrotheater war und mit dem Bräutigam einige Jahre lang ein Verhältnis unterhielt. Weitere Einzelheiten sind nicht erwähnt.

Das ist das ganze auf diese Hochzeit bezügliche Material – soweit die Tagespresse sich damit beschäftigt hat.«

»Es scheint tatsächlich ein sehr interessanter Fall zu sein, um den ich nicht kommen möchte. Aber da klingelt es, Watson; und da es gerade vier geschlagen hat, so dürfen wir sicher sein, daß es unser vornehmer Besuch ist. Laß dir nur nicht einfallen, Watson, fortgehen zu wollen, es ist mir viel lieber, ich habe einen Zeugen; wäre es auch nur zur Unterstützung meines Gedächtnisses.«

»Lord Robert St. Simon«, meldete unser kleiner Diener, indem er die Tür weit aufmachte. Ein Herr trat ein mit feinen, angenehmen Zügen, vorspringender Nase und blasser Farbe; er hatte einen etwas hochmütigen Ausdruck um den Mund und den festen, offenen Blick eines Mannes, dem das angenehme Los zuteil geworden ist, stets befehlen zu dürfen und jederzeit Gehorsam zu finden. Sein Wesen war lebhaft, und doch machte seine ganze Erscheinung keinen jugendlichen Eindruck mehr, denn er hielt sich ein klein wenig vorgeneigt und sank beim Gehen etwas in die Knie. Als er den hochkrempigen Hut abnahm, zeigte sich auch sein Haar ringsum an den Spitzen ergraut und auf dem Scheitel dünn. Sein Anzug war von einer fast stutzerhaften Eleganz. Er trat mit gemessenem Schritt ein, drehte dabei den Kopf von einer Seite zur andern und ließ den goldenen Nasenklemmer um seine rechte Hand tanzen.

»Guten Tag, Lord St. Simon«, sagte Holmes, indem er aufstand und sich verbeugte; »bitte, nehmen Sie Platz im Armstuhl. Dies ist mein Freund und Kollege, Dr. Watson. Setzen Sie sich etwas näher zum Feuer, dann wollen wir die Angelegenheit besprechen.«

»Eine höchst peinliche Sache für mich, wie Sie sich leicht vorstellen können, Herr Holmes. Der Schlag hat mich bis ins Mark getroffen. Ich habe erfahren, daß Sie schon mehr heikle Fälle dieser Art unter den Händen gehabt haben, jedoch wohl kaum aus unseren Kreisen.«

»Nein, aus weit vornehmeren.«

»Wie sagten Sie, bitte?«

»Mein letzter Klient dieser Art war ein König.«

»O wirklich! Davon hatte ich keine Ahnung. Und welcher König war das?«

»Der König von Schweden.«

»Was? War ihm auch seine Frau abhanden gekommen?«

»Sie werden begreifen«, erwiderte Holmes in sanftem Tone, »daß ich die Verschwiegenheit, die ich Ihnen in Ihren Angelegenheiten zusichere, in gleicher Weise auch meinen übrigen Klienten gegenüber beobachten muß.«

»Natürlich! Ganz recht! Ganz recht! Bitte sehr um Vergebung. Was meinen eigenen Fall betrifft, so bin ich bereit, Ihnen jeden Aufschluß zu geben, der Ihnen förderlich sein kann.«

»Danke. Was in den Tagesblättern darüber steht, weiß ich bereits alles, aber sonst nichts. Ich setze voraus, daß ich den Inhalt der Zeitungen als richtig annehmen darf – so z. B. auch den Artikel, der sich auf das Verschwinden der Braut bezieht.«

Lord St. Simon überflog ihn. »Allerdings; was darin steht, ist richtig.«

»Doch bedarf er noch der Vervollständigung, bevor man sich eine Ansicht in der Sache zu bilden vermag. Ich glaube, ich könnte mir das nötige Material am besten verschaffen, wenn ich Ihnen direkt Fragen stellte.«

»Bitte, tun Sie das nur.«

»Wann trafen Sie zum erstenmal mit Fräulein Doran zusammen?«

»In San Francisco, vor einem Jahr.«

»Sie befanden sich damals auf einer Reise in den Vereinigten Staaten?«

»Ja.«

»Verlobten Sie sich damals schon?«

»Nein.«

»Aber Sie standen auf freundschaftlichem Fuße mit ihr?«

»Ich fand Vergnügen an ihrer Gesellschaft, und sie konnte auch wohl merken, daß dies der Fall war.«

»Ihr Vater ist sehr reich?«

»Er gilt für den reichsten Mann an der ganzen Westküste.«

»Und womit verdiente er sein Geld?«

»Mit Bergbau. Vor wenigen Jahren war er noch ohne Vermögen. Dann grub er auf Gold und machte dabei so glänzende Geschäfte, daß er mit Riesenschritten vorwärts kam.«

»Nun, und was ist Ihr Eindruck von dem Charakter der jungen Dame – Ihrer Gemahlin?«

Der Edelmann ließ seinen Klemmer noch etwas rascher tanzen und blickte starr in das Kaminfeuer. »Sehen Sie, Herr Holmes«, begann er, »meine Gemahlin war schon zwanzig Jahre alt, ehe ihr Vater ein reicher Mann wurde. Bis dahin war sie in einem Goldgräberdorf frei umhergelaufen und durch Wälder und Berge geschweift, so daß ihre Erziehung mehr auf Rechnung der Natur als des Schulmeisters zu setzen ist. Sie ist, was man einen Wildfang nennt, eine starke, ungestüme, freie, durch keinerlei alte Überlieferung beengte Natur. Sie ist rasch fertig mit ihrem Urteil und kennt keine Furcht, wenn es gilt, ihre Entschlüsse auszuführen. Auf der anderen Seite würde ich ihr nicht den Namen gegeben haben, den ich die Ehre habe zu tragen (hier ließ er ein kurzes, vornehmes Hüsteln hören), hätte ich sie nicht für ein durchaus edel geartetes Wesen gehalten. Ich glaube, daß sie heroischer Aufopferung fähig ist, und daß jede Spur von Unehrenhaftigkeit ihr fern liegt.«

»Besitzen Sie ihre Photographie?«

»Dies hier habe ich bei mir.« Damit öffnete er ein Etui und ließ uns ein sehr einnehmendes weibliches Bildnis sehen. Es war keine Photographie, sondern eine Miniaturmalerei auf Elfenbein, in welcher der Künstler das glänzend schwarze Haar, die großen dunklen Augen, den ausgesucht schönen Mund zu voller Wirkung zu bringen verstanden hatte. Holmes betrachtete das Porträt lange und aufmerksam, dann schloß er das Etui wieder und gab es dem Lord zurück.

»Die junge Dame kam hierauf nach London, und Sie knüpften hier die Bekanntschaft wieder an?«

»Jawohl. Ihr Vater brachte sie zur diesjährigen Saison herüber. Ich traf mehrmals mit ihr zusammen, bis ich mich mit ihr verlobte und kürzlich verheiratete.«

»Sie hat, wenn ich recht berichtet bin, eine beträchtliche Mitgift erhalten?«

»Eine ganz hübsche Mitgift. Aber nicht größer, als es in meiner Familie üblich ist.«

»Und diese Mitgift verbleibt nun natürlich Ihnen, nachdem die eheliche Verbindung zur Tatsache geworden ist?«

»Danach habe ich mich wirklich noch nicht erkundigt.«

»Das läßt sich denken. Waren Sie mit Ihrer Braut am Tage vor der Hochzeit zusammen?«

»Jawohl.«

»War sie da guter Laune?«

»In so froher Stimmung als jemals. Sie machte fortwährend Pläne für unsere Zukunft.«

»Wirklich? Das ist höchst merkwürdig. Und am Hochzeitsmorgen?«

»War sie so heiter als nur möglich. Wenigstens bis nach der Trauung.«

»Und haben Sie nach der Trauung eine Veränderung an ihr bemerkt?«

»Nun ja, um die Wahrheit zu gestehen, erfuhr ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal, daß sie auch etwas heftig werden kann. Das Vorkommnis war übrigens zu nebensächlich, um ein Wort darüber zu verlieren, und hat keinerlei Bedeutung für den vorliegenden Fall.«

»Bitte, teilen Sie es uns trotz alledem mit.«

»Ach, es hört sich wirklich kindisch an. Als wir vom Altar zurückgingen, ließ sie ihren Blumenstrauß fallen. Sie schritt gerade an der vordersten Sitzreihe vorüber, und so fiel er in einen der Kirchenstühle hinein. Dies verursachte einen Aufenthalt von einigen Augenblicken, allein der dort sitzende Herr händigte ihr sogleich den Strauß wieder ein, der auch durch den Fall nicht gelitten hatte. Trotzdem gab sie mir auf meine Bemerkungen über den Vorfall nur abgerissene Antworten, und während unserer Fahrt nach Hause zeigte sie eine unbegreifliche Erregung über diese unbedeutende Sache.«

»Wirklich? Wie Sie sagen, befand sich ein Herr in dem Kirchenstuhl. Es waren also fremde Zuschauer zugegen?«

»O ja. Dies läßt sich unmöglich vermeiden, wenn die Kirche offen ist.«

»Jener Herr gehörte nicht zu den Bekannten Ihrer Gemahlin?«

»Nein, nein. Ich nenne ihn nur aus Höflichkeit einen Herrn; es war ein ganz gewöhnlich aussehender Mensch, den ich kaum bemerkt hatte. Aber ich glaube, wir schweifen ziemlich weit von unserem Ziele ab.«

»Ihre Gemahlin war also bei der Rückkehr von der Trauung in einer weniger heiteren Stimmung als auf dem Hinweg. Was tat sie nach der Ankunft im väterlichen Hause?«

»Da sah ich sie im Gespräch mit Alice, ihrem amerikanischen Kammermädchen, das sie aus Kalifornien mitgebracht hat.«

»Wohl eine vertraute Dienerin?«

»Ja, nur etwas zu sehr. Mir scheint, sie gestattet sich ihrer Herrin gegenüber große Freiheiten. Doch sieht man derartige Verhältnisse in Amerika natürlich etwas anders an.«

»Wie lange dauerte dieses Gespräch?«

»Nur ein paar Minuten. Ich dachte gerade an etwas anderes.«

»Sie haben nicht gehört, wovon sie sprachen?«

»Meine Frau sagte etwas von ›in fremdes Gehege kommen‹. Ich habe keine Ahnung, was sie damit meinte.«

»Und was tat Ihre Gemahlin nach dem Gespräch?«

»Sie begab sich in das Speisezimmer.«

»An Ihrem Arm?«

»Nein, allein. In solchen Kleinigkeiten war sie sehr selbständig. Wir mochten etwa zehn Minuten bei Tisch gesessen haben, als sie eilig aufstand, einige Worte der Entschuldigung murmelte und den Saal verließ, um nicht wiederzukehren.«

»Wenn ich recht verstanden habe, so ist sie nach Aussage des Kammermädchens auf ihr Zimmer gegangen, hat einen langen Mantel über ihr Brautkleid geworfen, einen Hut aufgesetzt und das Haus verlassen.«

»Ganz richtig. Darauf wurde sie noch im Hydepark zusammen mit der Flora Millar gesehen, die an jenem Vormittag bereits in Herrn Dorans Hause eine Störung verursacht hatte und inzwischen verhaftet worden ist.«

»Ganz richtig. Ich darf Sie wohl um etwas genauere Auskunft über diese junge Dame und Ihre Beziehungen zu ihr bitten.«

Lord St. Simon zuckte die Achseln und zog die Augenbrauen in die Höhe. »Wir haben ein paar Jahre lang auf freundschaftlichem Fuße miteinander gestanden – ich darf wohl sagen: auf sehr freundschaftlichem Fuße. Sie war meist am ›Allegro‹ beschäftigt. Ich habe nicht unnobel an ihr gehandelt, und sie hatte keinen triftigen Grund zur Klage über mich, aber Sie wissen ja, wie diese Mädel sind, Herr Holmes. Flora war ein ganz nettes, kleines Ding, allein äußerst hitzköpfig und von einer blinden Anhänglichkeit an mich. Sie schrieb mir schreckliche Briefe, als sie erfuhr, daß ich im Begriff stand, mich zu verheiraten; und, um die Wahrheit zu sagen, war der Grund, warum ich die Hochzeit so in der Stille feiern ließ, daß ich fürchtete, es möchte einen Skandal in der Kirche geben. Gerade wie wir von dort zurückkehrten, erschien sie vor Herrn Dorans Hause und suchte sich unter höchst unziemlichen, ja sogar drohenden Äußerungen gegen meine Gattin einzudrängen; allein ich hatte so etwas vorausgeahnt und deshalb zwei Polizisten in bürgerlicher Kleidung aufgestellt, die sie wieder fortbrachten. Sie beruhigte sich schließlich, als sie sah, daß sie mit dem lärmenden Auftritt doch nichts ausrichten konnte.«

»Hat Ihre Gattin das alles mit angehört?«

»Nein, Gott sei Dank, das nicht.«

»Und mit eben diesem Mädchen hat man sie nachher gehen sehen?«

»Jawohl. Dies ist auch der Punkt, den Herr Lestrade als so schwerwiegend ansieht. Man nimmt an, Flora habe meine Frau in irgend eine schreckliche Falle gelockt.«

»Nun, das wäre freilich möglich.«

»Sie sind also auch dieser Ansicht?«

»Für wahrscheinlich halte ich es gerade nicht; aber wie denken Sie selbst darüber?«

»So wie ich Flora kenne, könnte sie keiner Fliege etwas zuleide tun.«

»Die Eifersucht bewirkt aber doch oft ganz merkwürdige Veränderungen im Charakter des Menschen.«

»Sollte Ihnen das Glück beschieden sein, die Lösung dieses Rätsels zu finden –« fuhr unser Besucher fort, indem er sich erhob.

»Ich habe sie gefunden«, unterbrach ihn Holmes.

»Wie? Höre ich recht?«

»Ich habe sie gefunden, sage ich.«

»Nun, wo ist denn meine Frau?«

»Auch auf diesen weiteren Punkt werde ich die Antwort nicht lange schuldig bleiben.«

Lord St. Simon schüttelte das Haupt. »Ich glaube doch fast, dazu gehört mehr Weisheit, als Sie oder ich im Kopfe haben«, versetzte er. Dann zog er sich mit einer vornehmen, altmodischen Verbeugung zurück.

*

»Es ist wirklich recht gnädig von Seiner Lordschaft, daß er meinem Kopf die Ehre erweist, ihn mit dem seinigen auf eine Stufe zu stellen«, meinte Sherlock Holmes lachend. »Auf dieses lange Kreuzverhör hin habe ich aber eine kleine Erfrischung und eine Zigarre verdient. Ich war mit meinen Schlußfolgerungen übrigens im reinen, ehe unser Besuch erschien.«

»Mein lieber Holmes!«

»Ja – es ist so. Unter meinen Aufzeichnungen befinden sich mehrere ähnliche Fälle, aber so flink ist es noch bei keinem gegangen. Das Verhör machte meine Vermutung nur zur Gewißheit. Ein Indizienbeweis ist gelegentlich außerordentlich überzeugend, namentlich wenn auch das übrige so genau dazu paßt.«

»Aber ich habe doch alles mit angehört, so gut wie du!«

»Allerdings, aber ohne die Kenntnis der früheren Fälle, die mir so sehr zustatten kommt. Da war ein Fall vor einigen Jahren, wo –. Doch da kommt ja Lestrade! Hallo, Lestrade, guten Abend! Dort drüben steht Ihr Stammglas, und hier ist die Zigarrenkiste.«

Der kleine Herr erschien in einer hellen Jacke und hellem Halstuch, was ihm ein ganz seemännisches Aussehen gab, in der Hand trug er einen schwarzen Reisekoffer. Nach kurzem Gruß ließ er sich nieder und steckte sich die angebotene Zigarre an.

»Was ist denn los?« fragte Holmes mit einem Zwinkern seiner Augen. »Sie sehen ja recht mißmutig aus.«

»Bin ich auch. Diese Teufelsgeschichte mit der Hochzeit Lord St. Simons! Ich weiß nicht, an welchem Zipfel ich das Geschäft anfassen soll!«

»Wirklich! Das ist mir überraschend.«

»Hat man je von einer so vertrackten Geschichte gehört? Sobald ich meine, ich habe einen Faden gefunden, schlüpft er mir wieder durch die Finger; den ganzen Tag habe ich mich daran abgearbeitet.«

»Und gewaltig naß sind Sie scheint’s dabei geworden«, versetzte Holmes, seinen Rockärmel befühlend.

»Ja. Ich habe den Kanal ausfischen lassen.«

»Wozu denn das, um Gottes willen?«

»Um den Leichnam der Lady St. Simon zu finden.«

Sherlock Holmes lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lachte aus vollem Halse.

»Haben Sie auch das Bassin des Springbrunnens auf dem Trafalgarplatz ausfischen lassen?«

»Wieso? Warum das?«

»Weil Sie gerade so viel Aussicht hatten, dort die Leiche zu finden, wie im Kanal.«

Lestrade warf einen zornigen Blick auf meinen Freund. »Es scheint, Sie sind schon vollständig im klaren über alles!« sagte er gereizt.

»Nun, ich habe zwar erst eben den Verlauf der Sache vernommen, aber meine Ansicht habe ich mir gebildet.«

»So! Dann sind Sie wohl der Meinung, der Kanal habe gar nichts mit der Sache zu tun?«

»Ich halte es für höchst unwahrscheinlich.«

»Wollen Sie dann vielleicht die Güte haben, mir zu erklären, wie diese Sachen hier hineingekommen sind?« Damit öffnete er seine Tasche, aus welcher ein Brautkleid aus Seide, ein Paar weiße Atlasschuhe, ein Brautkranz und Schleier herausfielen, alles vom Wasser durchweicht und verdorben. »So«, sagte er, und legte noch einen ganz neuen Ehering oben auf den Haufen, »nun knacken Sie mir mal diese Nuß, Herr Holmes.«

»Also aus dem Kanal sind die Sachen heraufgeholt worden?« versetzte mein Freund und blies dabei blaue Ringe in die Lust.

»Nein, ein Parkhüter sah sie in der Nähe des Ufers schwimmen; man hat sie als der Lady gehörig erkannt; nun dachte ich, sind die Kleider da, so wird die Leiche auch nicht weit davon sein.«

»Dieser wunderbaren Logik zufolge müßte man also die Leiche eines Verstorbenen stets in der Nähe seines Kleiderschrankes finden. Und bitte, sagen Sie mir doch, was hofften Sie denn dadurch zu erreichen?«

»Einen Beweis für die Beteiligung der Flora Millar an dem Verschwinden der Vermißten.«

»Tut mir leid, aber das wird schwer halten.«

»Wirklich, auch jetzt noch?« rief Lestrade in gereiztem Tone. »Und mir tut es leid, Holmes, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie mit Ihren Schlüssen und Vermutungen sehr daneben gehauen haben. Sie haben zwei Böcke in den letzten zwei Minuten geschossen. Durch dieses Kleid ist Flora Millar überführt.«

»Und wieso das?«

»In dem Kleid ist eine Tasche. In der Tasche befindet sich ein Visitenkartentäschchen. In diesem Täschchen steckt ein Zettel. Und hier ist der Zettel selbst.« Damit legte er diesen vor Holmes auf den Tisch hin. »Hören Sie nur:

Wenn alles besorgt ist, werde ich erscheinen. Komme unverzüglich. F. H. M.

»Ich war von Anfang an der Überzeugung, daß Lady St. Simon durch Flora Millar weggelockt worden ist, daß diese, ohne Zweifel im Verein mit anderen, an ihrem Verschwinden schuld ist. Dieser Zettel, mit Flora Millars Anfangsbuchstaben unterzeichnet, wurde der Lady ohne Zweifel unter der Tür in aller Stille in die Hände gespielt, um sie vom Hause wegzulocken.«

»Vortrefflich Lestrade«, versetzte Holmes lachend. »Sie sind in der Tat höchst scharfsinnig. Lassen Sie mich mal sehen!« Damit griff er gleichgültig nach dem Zettel, allein plötzlich wurde seine Aufmerksamkeit rege, und ein Ausruf freudiger Überraschung entfuhr ihm. »Das ist wirklich von Bedeutung«, bemerkte er.

»So, sind Sie jetzt auch meiner Meinung?«

»Versteht sich. Ich gratuliere Ihnen aufrichtig.«

Lestrade erhob sich in seiner Siegesfreude und beugte sich gleichfalls über den Zettel. »Aber«, rief er, »Sie schauen ja auf die verkehrte Seite!«

»Durchaus nicht, das ist die richtige Seite.«

»Die richtige Seite? Sie sind nicht bei Trost. Hier steht ja die Notiz mit Bleistift geschrieben.«

»Und dort steht etwas, das einem Stück von einer Hotelrechnung ähnlich sieht und mich außerordentlich interessiert:

4. Okt. Zimmer 8 Schill., Frühst. 2 Schill. 6 Pence, Gabelfrühstück
22 Schill. 6 Pence, ein Glas Sherry 8 Pence. –

»Dahinter steckt nichts. Das habe ich längst gesehen«, erwiderte Lestrade.

»Es hat allerdings ganz den Anschein. Und trotzdem ist es von höchster Bedeutung. Was die Bleistiftnotiz betrifft, so ist sie, oder wenigstens die Anfangsbuchstaben, gleichfalls von Wichtigkeit. Ich gratuliere daher nochmals.«

»Wir haben jetzt genug Zeit vertrödelt«, versetzte Lestrade, indem er sich erhob. »Ich halte mehr davon, eine Aufgabe tüchtig anzupacken, als beim Kaminfeuer geistreiche Annahmen darüber auszuklügeln. Adieu, Herr Holmes, wir werden ja sehen, wer der Sache zuerst auf den Grund kommt!« Er packte die Kleidungsstücke wieder in die Tasche und schritt der Tür zu.

»Einen Wink will ich Ihnen doch noch geben, Lestrade«, rief Holmes gleichmütig seinem abgehenden Kollegen nach, »ich will Ihnen die richtige Lösung des Rätsels verraten: Lady St. Simon gehört ins Fabelreich. Eine solche gibt es nicht und hat es nie gegeben.«

Lestrade warf einen betrübten Blick auf meinen Freund. Dann wandte er sich zu mir, deutete auf seine Stirn und verschwand eiligst unter feierlichem Kopfschütteln.

Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, so erhob sich Holmes und zog seinen Überzieher an. »Es ist etwas Wahres an dem, was der Mensch sagt; es taugt nichts, hier müßig zu sitzen«, äußerte er, »deshalb muß ich dich wohl jetzt mit deinen Zeitungen allein lassen, Watson.«

Es war fünf Uhr vorüber, als Holmes mich verließ; doch hatte ich nicht lange Zeit, mich einsam zu fühlen: es dauerte keine Stunde, so brachten zwei Leute aus einem Delikatessengeschäft eine große flache Kiste herein, der sie zu meinem größten Erstaunen im Handumdrehen ein ganz üppiges kaltes Abendessen entnahmen, das bald auf unserem bescheidenen Junggesellentisch prangte. Da standen Rebhühner, ein Fasan, eine Gänseleberpastete nebst einer ganzen Batterie alter bestaubter Flaschen. Kaum waren der Wein und die leckeren Gerichte aufgestellt, so verschwanden die Überbringer wie die Geister in ›Tausend und eine Nacht‹, ohne sich auf eine weitere Erklärung einzulassen, als daß das alles hierher bestellt und schon bezahlt sei.

Kurz vor neun Uhr trat Holmes mit lebhaftem Schritt ins Zimmer. Seine Züge trugen einen ernsten Ausdruck, doch ersah ich aus einem gewissen Glanz in seinen Augen, daß der Erfolg seinen Schlüssen recht gegeben habe.

»Also das Abendessen ist bereit«, sagte er und rieb sich die Hände.

»Es scheint, du erwartest Gesellschaft; es sind ja fünf Gedecke.«

»Wir müssen uns heute auf einige ungebetene Gäste gefaßt machen«, meinte er. »Mich wundert nur, daß Lord St. Simon noch nicht da ist. Doch eben höre ich seinen Tritt auf der Treppe, wenn mich nicht alles täuscht.«

Es war wirklich unser Besuch vom Nachmittag, der jetzt hereinstürmte und mit verstörtem Ausdruck in den aristokratischen Zügen seinen Zwicker noch eifriger um die Finger schwang als sonst.

»Mein Bote hat Sie also getroffen?« fragte Holmes.

»Jawohl. Und ich muß gestehen, was er mir ausrichtete, hat mich über alle Maßen verblüfft. Haben Sie einen sichern Beweis für Ihre Behauptung?«

»Den besten, der sich denken läßt.«

Lord St. Simon sank auf einen Stuhl und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Was wird der Herzog sagen«, murmelte er vor sich hin, »wenn er hört, welche Demütigung einem Mitglied seiner Familie widerfahren ist.«

»Es ist lediglich eine unglückliche Verkettung von Umständen. Daß es sich dabei um eine Demütigung handelt, kann ich überhaupt nicht zugeben«, sagte Holmes.

»Sie sehen eben diese Dinge von einem andern Standpunkt an.«

»Ich kann mich nicht überzeugen, daß irgend jemand eine Schuld trifft. Die junge Frau hätte im Grunde kaum anders handeln können. Ihr schroffes Vorgehen ist freilich zu bedauern; aber sie stand ohne Mutter da und hatte somit keinen Menschen, der ihr in dieser kritischen Lage raten konnte.«

»Es war eine entwürdigende Behandlung, eine öffentliche Beschimpfung!« rief Lord St. Simon und trommelte mit den Fingern auf dem Tisch.

»Sie müssen dem armen Mädchen, das sich in einer so überaus schwierigen Lage befand, etwas zugute halten.«

»Ich bin nicht in der Stimmung, irgend jemandem etwas zugute zu halten. Ich bin aufs äußerste empört. Man hat mir schmählich mitgespielt.«

»Ich glaube, es hat geklingelt«, unterbrach ihn Holmes. »Jawohl, man hört schon Schritte heraufkommen. Da ich Sie nicht überreden kann, die Sache in milderem Licht zu sehen, Lord St. Simon, so habe ich hier einen Anwalt bestellt, der es vielleicht besser zu Wege bringt.« Damit öffnete er die Tür und ließ eine Dame und einen Herrn eintreten. »Lord St. Simon«, wandte er sich wieder an diesen, »gestatten Sie mir, Ihnen Herrn und Frau Hay Moulton vorzustellen. Die Dame ist Ihnen wohl bereits bekannt.«

Beim Erscheinen der neuen Ankömmlinge war der Lord sofort von seinem Sitz aufgesprungen; mit zu Boden gesenktem Blick, die rechte Hand vorn in den Rock gesteckt, stand er da – ein Bild beleidigter Würde. Die junge Frau tat einen raschen Schritt auf ihn zu und streckte ihm beide Hände entgegen, aber er schaute nicht empor. Und wenn er fest bleiben wollte, war dies wohl auch das beste, denn dem bittenden Ausdruck ihres Gesichtes war nicht leicht zu widerstehen.

»Du zürnst mir, Robert?« sagte sie. »Freilich, du hast wohl guten Grund dazu.«

»Nur keine Entschuldigung«, erwiderte der Angeredete bitter.

»Ich weiß wohl, ich habe wirklich unrecht an dir gehandelt; ich hätte dir’s sagen sollen, ehe ich davonging. Aber ich war ganz aus dem Häuschen; sobald ich meinen Frank wiedergesehen hatte, wußte ich wirklich nicht mehr, was ich tat und sagte. Ich wundere mich nur, daß ich nicht gleich vor dem Altar ohnmächtig wurde und hinfiel.«

»Vielleicht ist es Ihnen erwünscht, Frau Moulton, wenn ich mit meinem Freund während dieser Erörterungen das Zimmer verlasse?« warf hier Holmes ein.

»Wenn ich meine Meinung äußern darf«, ließ sich jetzt der fremde Herr vernehmen, »so glaube ich, daß wir die Sache bisher schon mit allzuviel Heimlichkeit betrieben haben. Meinetwegen könnte die ganze Welt erfahren, wie alles zugegangen ist.« Es war ein kleiner, geschmeidiger, sonnenverbrannter Mann, glatt rasiert, mit klugem Gesicht und lebhaftem Wesen.

»Dann will ich unsere Geschichte frischweg erzählen«, sagte die junge Frau. »Frank und ich trafen uns vor Jahren in Mc. Quires Camp am Felsengebirge, wo mein Vater eine Grube besaß. Wir verlobten uns miteinander; allein eines Tages stieß mein Vater auf eine reiche Ader in der Grube und gewann mächtig viel Gold, während Frank aus seiner Grube immer weniger herausschlug und zu nichts kam. Je reicher wir wurden, um so ärmer wurde Frank, zuletzt wollte mein Vater nichts mehr von unserer Verlobung hören und schickte mich fort nach Frisco. Aber Frank wollte nicht von mir lassen; er folgte mir und traf ohne meines Vaters Wissen mit mir zusammen. Hätten wir es ihm gesagt, so wäre er nur in Wut geraten, deshalb machten wir die Sache für uns allein ab. Frank erklärte, er wolle fortgehen und auch sein Glück machen; erst wenn er so viel habe wie wir, werde er wiederkommen und seine Rechte an mich geltend machen – nicht früher. So versprach ich ihm denn, auf ihn zu warten in alle Ewigkeit, und gab ihm mein Wort, keinen andern zu heiraten, solange er am Leben sei. ›Warum sollten wir aber nicht einfach heiraten?‹ meinte er, ›dann bist du mir sicher; meine Rechte als Ehemann mache ich erst geltend, wenn ich zurückkomme.‹ Wir kamen bald darüber ins reine, und er hatte alles so hübsch eingefädelt, ein Geistlicher wartete schon, daß wir’s gleich auf der Stelle abmachten; Frank ging dann fort, sein Glück zu suchen, und ich kehrte zu meinem Vater zurück.

Das nächste, was ich von Frank hörte, war, daß er in Montana sei; dann begab er sich nach Arizona, um sich dort umzusehen; und später bekam ich Nachricht von ihm aus Neu-Mexiko. Eines Tages stand eine lange Geschichte in den Zeitungen, wie die Apache-Indianer ein Goldgräberdorf überfallen hätten, und dabei war mein Frank unter den Erschlagenen aufgeführt. Ich fiel um wie tot und war monatelang schwer krank; mein Vater meinte, ich habe eine zehrende Krankheit und brachte mich in Frisco von einem Arzt zu andern. Ein Jahr oder noch länger hörte ich kein Wort mehr von Frank, so daß ich fest glaubte, er sei wirklich tot. Darauf kam Lord St. Simon nach Frisco, später reisten wir nach London, und meine Heirat mit ihm kam zustande. Mein Vater war sehr froh darüber; aber ich fühlte stets, daß kein anderer Mann auf dieser Welt je den Platz in meinem Herzen einnehmen würde, der nur allein Frank gehörte.

Trotzdem wäre ich Lord St. Simon eine pflichtgetreue Gattin gewesen, falls ich seine Frau geworden wäre. Unsere Gefühle haben wir nicht in der Gewalt, wohl aber unsere Handlungen. Als ich mit ihm vor den Altar trat, war es mein fester Vorsatz, ihn glücklich zu machen. Aber Sie können sich denken, wie mir zumute war, als ich gerade beim Hintreten vor den Altar zufällig hinter mich schaute und Franks Augen aus der ersten Sitzreihe unmittelbar auf mich gerichtet sah. Ich meinte zuerst, es sei sein Geist, aber als ich wieder hinschaute, saß er noch immer da und blickte mich mit einem so eigentümlichen Ausdruck an, als wollte er fragen, ob mir seine Gegenwart erwünscht sei oder nicht. Ich wundere mich nur, daß ich nicht in Ohnmacht fiel. Alles drehte sich mit mir im Kreise, und die Worte des Geistlichen klangen mir im Ohr wie Bienensummen. Was sollte ich tun? Sollte ich die Trauung unterbrechen und einen Auftritt in der Kirche veranlassen? Ich blickte noch einmal nach ihm hin, und er schien meine Gedanken zu erraten, denn er legte die Finger an die Lippen, zum Zeichen, daß ich nichts sagen solle. Dann sah ich ihn etwas auf ein Stückchen Papier kritzeln – offenbar eine Notiz für mich. Beim Vorübergehen an seinem Platz ließ ich meine Blumen vor ihm hinfallen, und als er sie mir zurückgab, drückte er mir das Zettelchen in die Hand. Es enthielt nur mit ein paar Worten die Aufforderung, zu ihm zu kommen, sobald er mir ein Zeichen geben würde. Ich war natürlich keinen Augenblick mehr im unklaren darüber, daß meine Pflichten in erster Linie jetzt ihm gehörten, und beschloß deshalb, einfach seinem Ruf zu folgen.

Zu Hause sprach ich mit meinem Mädchen, die ihn schon in Kalifornien gekannt hatte und ihm immer wohlgesinnt gewesen war. Ich hieß sie reinen Mund halten, ein paar Sachen einpacken und mir Hut und Mantel zurecht legen. Ich weiß wohl, ich hätte mich mit Lord St. Simon verständigen sollen, aber das wäre vor seiner Mutter und all den vornehmen Leuten eine furchtbare Aufgabe gewesen. So entschloß ich mich, auf- und davonzugehen und die Erklärung auf später zu verschieben. Ich saß noch keine zehn Minuten bei Tisch, als ich Frank durch das Fenster auf der Straße drüben erblickte. Er nickte mir zu und schlug dann den Weg nach dem Park ein. Ich schlüpfte hinaus, zog meine Sachen an und ging ihm nach. Unterwegs trat eine Frau an mich heran, um mir irgend etwas über Lord St. Simon mitzuteilen – nach dem wenigen, was ich davon verstand, schien es mir, als habe auch er vor der Hochzeit schon eine kleine Heimlichkeit gehabt –, aber ich machte, daß ich von ihr wegkam, und holte Frank bald ein. Darauf fuhren wir zusammen nach Gordon-Square, wo er eine Wohnung genommen hatte, und nun war ich nach den langen Jahren des Harrens wirklich mit meinem Gatten vereint.

Frank war bei den Apachen gefangen gewesen, war aber entflohen und nach Frisco gelangt, wo er erfuhr, daß ich ihn als tot aufgegeben hatte und nach England gegangen war; er reiste mir dahin nach und traf mich schließlich gerade am Morgen meiner zweiten Hochzeit.«

»Ich las davon in einer Zeitung«, erklärte der Amerikaner, »der Name der Braut und die Kirche waren darin genannt, aber ihre Wohnung war nicht angegeben.«

»Wir besprachen uns nun darüber, wie wir uns verhalten sollten«, fuhr die junge Frau fort, »Frank war für volle Offenheit; aber ich schämte mich so sehr, daß ich nur den einen Wunsch hatte, zu verschwinden und von den Hochzeitsgästen keinen je wiederzusehen. Höchstens wollte ich an meinen Vater ein paar Zeilen schreiben, zum Zeichen, daß ich noch am Leben sei. Es war gräßlich für mich, wenn ich mir vorstellte, wie alle die hochadeligen Herren und Damen um die Hochzeitstafel herumsaßen und auf meine Rückkehr warteten. So nahm denn Frank meine Hochzeitskleider, packte sie zusammen, damit man mir nicht auf die Spur käme, und warf das Bündel irgendwo weg, wo kein Mensch es finden könnte. Morgen würden wir höchst wahrscheinlich schon nach Paris abgereist sein, wäre nicht der gute Herr Holmes heute abend bei uns erschienen. Wie es ihm gelungen ist, uns aufzufinden, geht freilich über meinen Verstand; er setzte uns ganz klar und freundlich auseinander, daß Frank recht hätte und ich unrecht, und daß wir beide durch solche Heimlichkeit einen falschen Schein auf uns laden würden. Dann schlug uns Herr Holmes vor, in seiner Wohnung mit Lord St. Simon allein zu einer Besprechung zusammenzutreffen, und wir begaben uns gleich darauf hierher. Nun hast du alles gehört, Robert; es tut mir sehr leid, wenn ich dir weh getan habe, aber ich hoffe, du denkst nicht allzu schlecht von mir.«

Lord St. Simon hatte seine steife Haltung die ganze Zeit über beibehalten und mit gerunzelter Stirn und mit zusammengekniffenen Lippen der langen Erzählung zugehört.

»Sie werden entschuldigen«, erwiderte er, »aber ich bin nicht gewohnt, meine intimsten persönlichen Verhältnisse öffentlich zu erörtern.«

»Dann willst du mir also nicht vergeben – mir nicht noch einmal die Hand reichen, ehe ich fortgehe?«

»O gewiß, wenn es Ihnen Vergnügen macht.« Er streckte die Hand aus und ergriff kalt die ihm dargebotene Rechte der jungen Frau.

»Ich hatte gehofft«, warf Holmes ein, »Sie würden uns bei einem gemütlichen Abendessen Gesellschaft leisten.«

»Damit verlangen Sie denn doch wohl etwas zuviel von mir«, erwiderte Seine Lordschaft. »Es bleibt mir nichts übrig, als mich mit Ihren Enthüllungen abzufinden, aber man kann doch kaum von mir erwarten, daß ich noch gute Miene zum bösen Spiel mache. Gestatten Sie mir, Ihnen insgesamt eine recht gute Nacht zu wünschen.« Damit machte er uns allen eine gemeinsame Verbeugung und schritt zur Tür hinaus.

»Nun, dann werden wenigstens Sie uns doch sicherlich mit Ihrer Gesellschaft beehren«, wandte sich Holmes an Herrn Moulton. »Es ist mir jedesmal eine Freude, wenn ich einen Angehörigen des großen freien Staates treffe, dessen Sternenbanner der ganzen Welt auf der Bahn der Freiheit und des Fortschritts voranleuchtet!«

*

»Das war einmal ein interessanter Fall«, bemerkte Holmes, als unsere Gäste uns verlassen hatten. »Man konnte daran recht deutlich sehen, wie einfach sich oft die Dinge aufklären, die einem auf den ersten Blick ganz rätselhaft vorkommen. Wie klar und natürlich entwickelte sich in der Erzählung der jungen Frau ein Ereignis aus dem andern, und wie verblüffend kam einem die ganze Angelegenheit vor, wenn man sie zum Beispiel mit den Augen des Herrn Lestrade von der Geheimpolizei ansah!«

»So warst du selbst gar nicht auf einer falschen Fährte?«

»Von Anbeginn stand mir zweierlei klar vor Augen: einmal, daß die Braut der Hochzeit ganz freudig entgegenging, und dann, daß sie wenige Minuten nach der Rückkehr aus der Kirche anderen Sinnes wurde. Offenbar war demnach im Laufe des Vormittags etwas vorgefallen, das diese Wirkung hervorbrachte. Was konnte es sein? Gesprochen hatte sie außerhalb des Hauses mit niemand, da sie ihrem Bräutigam nicht von der Seite gegangen war. Hatte sie aber jemand gesehen, so mußte dies jemand aus Amerika gewesen sein, denn während ihres kurzen Aufenthalts hierzulande hatte keiner so viel Einfluß auf sie gewinnen können, daß sein bloßer Anblick eine völlige Sinnesänderung bei ihr bewirkte. Du siehst, durch Ausschließung anderer Möglichkeiten war ich bereits zu der Überzeugung gelangt, daß sie wohl jemand aus Amerika werde gesehen haben. Wer konnte wohl dieser Amerikaner sein, der eine solche Macht über sie besaß? Vielleicht ein Freund, möglicherweise aber auch ein Gatte. Daß sie ihre Jugendjahre in wilden Gegenden und unter eigentümlichen Verhältnissen verlebt hatte, war mir ja bekannt. So weit war ich bereits gelangt, ehe ich das erste Wort aus Lord St. Simons Munde vernahm. Als dieser dann von dem Zuschauer vorn in der ersten Bank und von der Veränderung erzählte, die nachher plötzlich mit der Braut vor sich ging, wie sie ihren Strauß vor den Fremden hinfallen ließ, zu dem sehr durchsichtigen Zweck, sich dabei von ihm einen Zettel zustecken zu lassen, wie sie sich dann mit ihrer Vertrauten besprach und dabei die sehr bezeichnende Andeutung von ›in fremdes Gehege kommen‹ fallen ließ, was in der Goldgräbersprache so viel bedeutet, als Besitz von etwas ergreifen, worauf einem anderen ältere Ansprüche zustehen – da war mir die ganze Sachlage völlig klar. Sie mußte mit einem Mann auf und davongegangen sein, und zwar entweder mit einem Freund oder mit einem Gatten, wobei übrigens die größere Wahrscheinlichkeit für letzteres sprach.«

»Aber wie in aller Welt hast du die beiden aufgefunden?«

»Das wäre freilich schwierig gewesen, allein Freund Lestrade hielt Anhaltspunkte hierfür in Händen, von deren Wert er selbst keine Ahnung hatte. Die Anfangsbuchstaben waren natürlich von großer Wichtigkeit, aber noch viel wertvoller war der Nachweis, daß der Gesuchte im Lauf der letzten Woche sich in einem der ersten Gasthöfe Londons seine Rechnung hatte ausstellen lassen.«

»Was brachte dich darauf, daß es einer der ersten Gasthöfe sein müsse?«

»Die ausgesucht hohen Preise. Acht Schilling für ein Bett und acht Pence für ein Glas Sherry wiesen auf eines der teuersten Hotels hin. Es gibt nicht viele hier, die derartige Preise haben. Schon in dem zweiten Hotel, in der Northumberland-Avenue, erfuhr ich aus dem Fremdenbuch, daß ein Herr Francis H. Moulton aus Amerika erst am Tage vorher ausgezogen war, und bei Durchsicht der auf seinen Namen eingetragenen Posten entdeckte ich wörtlich alle, für die er Rechnung erhalten hatte. Als seine neue Anschrift für etwa noch eintreffende Briefe gab er 226 Gordon-Square an. So fuhr ich dorthin und hatte das Glück, das liebende Paar zu Hause zu treffen. Ich erlaubte mir, ihnen einige väterliche Ratschläge zu erteilen und ihnen klar zu machen, daß sie in jeder Beziehung besser tun würden, weder die Welt noch insbesondere Lord St. Simon über ihr Verhältnis zu einander irgendwie in Zweifel zu lassen. Ich machte ihnen den Vorschlag, hier mit dem Lord zusammenzutreffen, und wie du gesehen hast, sind sie darauf eingegangen.«

»Damit haben sie aber nicht viel erreicht«, bemerkte ich. »Sein Verhalten war kein sehr liebenswürdiges.«

»Ach, Watson«, erwiderte Holmes heiter, »du wärest auch vielleicht nicht gerade besonders liebenswürdig, wenn du dich nach all den Mühen und Sorgen des Brautstandes mit einem Schlage um Gattin und Vermögen betrogen sehen müßtest. Ich meine, wir haben allen Grund, Lord St. Simon recht milde zu beurteilen und unserm Glücksstern zu danken, daß wir voraussichtlich niemals in eine ähnliche Lage geraten werden. Komm, setze dich hierher zum Feuer und reiche mir meine Violine, wir haben ja jetzt nur noch das eine Problem zu lösen, wie wir uns diese finsteren Herbstabende auf möglichst angenehme Weise vertreiben.«

*

Holmes ließ das Blatt sinken.

Ja, das war eine verdrehte Geschichte, dachte er. Und im Grund war sie doch höchst einfach und hat fast alle Beteiligten nichts als ein bissel Lehrgeld gekostet. Vielleicht hat auch der enttäuschte Lord inzwischen eine andere Dollarbraut gefunden.

Er nahm eine neue Zeitung zur Hand.

Als er die Überschrift gelesen hatte, lachte er leise. Watson vergaß doch gar nichts! Auch wenn Holmes selbst schon lang nicht mehr daran dachte, bei Watson tauchten doch alle ihre Erlebnisse eines Tages wieder auf. Und da der Freund noch immer nicht zurückkehrte, so blieb Holmes nichts übrig, als auch sie zu lesen:

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