Zweite Legende

Der unmutige Gnom verließ die Oberwelt mit dem Entschluß, nie wieder das Tageslicht zu schauen; doch die wohltätige Zeit verwischte nach und nach die Eindrücke seines Grams; gleichwohl erforderte diese langwierige Operation einen Zeitraum von neunhundertneunundneunzig Jahren, ehe die alte Wunde ausheilte. Endlich da ihn die Beschwerde der Langeweile drückte und er einstmals sehr übel aufgeräumt war, brachte sein Hofschalksnarr in der Unterwelt, ein drolliger Kobold, eine Lustpartie aufs Riesengebirge in Vorschlag. Es war nicht mehr als eine Minute nötig, so war die weite Reise vollendet, und er befand sich mitten auf dem großen Rasenplatze seines ehemaligen Lustgartens, dem er nebst dem übrigen Zubehör die vorige Gestalt gab. Doch blieb alles für menschliche Augen verborgen; die Wanderer, die übers Gebirge zogen, sahen nichts als eine fürchterliche Wildnis. Der Anblick dieser Dinge, die er ehemals in einem rosafarbenen Lichte schimmern sah, erneuerte alle Gedanken an die Liebschaft, und ihm dünkte, die Geschichte mit der schönen Emma sei erst gestern vorgefallen. Aber die Erinnerung, wie sie ihn überlistet und hintergangen hatte, machte seinen Groll gegen die Menschheit wieder rege. «Unseliges Erdengewürm,» rief er aus, indem er aufschaute und vom hohen Gebirge die Türme der Kirchen und Klöster in den Städten und Flecken erblickte, «treibst, sehe ich, dein Wesen noch immer unten im Tale. Hast mich baß geäfft durch Tücke und Ränke, sollst mir nun büßen; will dich auch hetzen und wohl plagen, daß dir soll bange werden vor dem Treiben des Geistes im Gebirge.»

Kaum hatte er dies Wort gesagt, so vernahm er in der Ferne Menschenstimmen. Drei junge Gesellen wanderten durchs Gebirge, und der keckste unter ihnen rief ohne Unterlaß: «Rübezahl, komm herab! Rübezahl, Mädchendieb!» Von undenklichen Jahren her hatte die Lästerchronik die Liebesgeschichte des Berggeistes in mündlichen Überlieferungen getreulich aufbewahrt, sie wie gewöhnlich mit lügenhaften Zusätzen vermehrt, und jeder Reisende, der das Riesengebirge betrat, unterhielt sich mit seinem Gefährten von seinen Abenteuern. Man trug sich mit unzähligen Spukhistörchen, machte damit zaghafte Wanderer fürchten, und die starken Geister und Philosophen, die am hellen Tage und in zahlreicher Gesellschaft an keine Gespenster glauben und sich darüber lustig machen, pflegen aus Übermut, oder um ihre Herzhaftigkeit zu beweisen, den Geist oft zu zitieren, aus Schäkerei bei seinem Ekelnamen zu rufen und auf ihn zu schimpfen. Man hat nie gehört, daß dergleichen Kränkungen von dem friedsamen Berggeiste wären gerügt worden; denn in den Tiefen des Abgrundes erfuhr er von diesem mutwilligen Hohn kein Wort. Desto mehr war er betroffen, da er seine ganze Schande jetzt so kurz und bündig ausrufen hörte. Wie der Sturmwind raste er durch den düsteren Fichtenwald und war schon im Begriff, den armen Tropf, der sich ohne Absicht über ihn lustig gemacht hatte, zu erdrosseln, als er in dem Augenblick bedachte, daß eine so furchtbare Rache großes Geschrei im Lande erregen, alle Wanderer aus dem Gebirge wegbannen und ihm die Gelegenheit rauben würde, sein Spiel mit den Menschen zu treiben. Darum ließ er ihn nebst seinen Konsorten ruhig ihre Straße ziehen, mit dem Vorbehalt, seinen verübten Mutwillen ihm doch nicht ungenossen hingehen zu lassen.

Auf dem nächsten Scheidewege trennte sich der Hohnsprecher von seinen beiden Kameraden und gelangte diesmal mit heiler Haut in Hirschberg, seiner Heimat an. Aber der unsichtbare Geleitsmann war ihm bis zur Herberge gefolgt, um ihn zu gelegener Zeit dort zu finden. Jetzt trat er seinen Rückweg ins Gebirge an und sann auf Mittel, sich zu rächen. Von ohngefähr begegnete ihm auf der Landstraße ein reicher Israelit, der nach Hirschberg wollte; da kam ihm in den Sinn, diesen zum Werkzeug seiner Rache zu gebrauchen. Also gesellte er sich zu ihm in Gestalt des losen Gesellen, der ihn gefoppt hatte, führte ihn unbemerkt seitab von der Straße, und da sie ins Gebüsch kamen, fiel er dem Juden mörderisch in den Bart, riß ihn zu Boden, knebelte ihn und raubte ihm seinen Säckel, worin er viel Geld und Geschmeide trug. Nachdem er ihn mit Faustschlägen und Fußtritten noch gar übel traktiert hatte, ging er davon und ließ den armen geplünderten Juden halbtot im Busche liegen.

Als sich der Israelit von seinem Schrecken erholt hatte, fing er an zu wimmern und laut um Hilfe zu rufen. Da trat ein feiner, ehrbarer Mann zu ihm, fragte, warum er also beginne, und wie er ihn geknebelt fand, löste er ihm die Bande von Händen und Füßen. Nachher labte er ihn mit einem herrlichen Schluck Kordialwasser, das er bei sich trug, führte ihn wieder auf die Landstraße und geleitete ihn freundlich gen Hirschberg an die Tür der Herberge; dort reichte er ihm einen Zehrpfennig und schied von ihm. Wie erstaunte der Jude, da er beim Eintritt in den Krug seinen Räuber am Zechtisch erblickte, so frei und unbefangen wie ein Mensch sein kann, der sich keiner Übeltat bewußt ist. Er saß hinter einem Schoppen Landwein, trieb Scherz und gute Schwänke mit anderen lustigen Zechbrüdern, und neben ihm lag der nämliche Rucksack, in dem er den geraubten Säckel verborgen hatte. Der bestürzte Jude wußte nicht, ob er seinen Augen trauen sollte, schlich sich in einem Winkel und ging mit sich selbst zu Rate, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen möchte. Es schien ihm unmöglich, sich in der Person geirrt zu haben; darum drehte er unbemerkt sich zur Tür hinaus, ging zum Richter und zeigte den Diebstahl an.

Die Hirschberger Justiz stand stand damals in dem Rufe, daß sie schnell und tätig sei, Recht und Gerechtigkeit zu handhaben, wenn’s was einzuziehen gab; wo sie aber einfach ihrer Pflicht Genüge leisten mußte, ging sie ihren Schneckengang. Der erfahrene Israelit war mit dem gewöhnlichen Gang schon bekannt und verwies den unentschlossenen Richter auf den Inhalt seines Beutels, und diese goldene Hoffnung unterließ nicht, einen Verhaftungsbefehl auszuwirken. Häscher bewaffneten sich mit Spießen und Stangen, umringten das Schenkhaus, griffen den unschuldigen Verbrecher und führten ihn vor die Schranken der Ratsstube, wo sich die weisen Väter indes versammelt hatten. «Wer bist du?» fragte der ernsthafte Stadtrichter, als der Angeklagte hereintrat, «und von wannen kommst du?» Er antwortete freimütig und unerschrocken: «Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks, Benedix genannt, komme von Liebenau und stehe hier in Arbeit bei meinem Meister.»

«Hast du nicht diesen Juden im Walde mörderisch überfallen, übel geschlagen, gebunden und seines Säckels beraubt?»

«Ich habe diesen Juden nie mit Augen gesehen, hab‘ ihn auch weder geschlagen, noch gebunden, noch seines Säckels beraubt.»

«Womit kannst du deine Ehrlichkeit beweisen?»

«Mit meiner Kundschaft und dem Zeugnis meines guten Gewissens.»

«Weis‘ auf deine Kundschaft.»

Benedix öffnete getrost den Rucksack, denn er wußte wohl, daß er nichts als ein wohlerworbenes Eigentum darin verwahrte. Doch als er ihn ausleerte, siehe da! da klingelt’s unter dem herausstürzenden Plunder wie Geld. Die Häscher griffen hurtig zu, störten den Kram auseinander und zogen den schweren Säckel hervor, den der erfreute Jude alsbald als sein Eigentum erkannte. Der Wicht stand da wie vom Donner gerührt, die Lippen bebten, die Kniee wankten, er verstummte und sprach kein Wort.

«Wie nun, Bösewicht!» donnerte der Stadtvogt. «Erfrechst du dich noch, den Raub zu leugnen?»

«Erbarmung, gestrenger Herr Richter!» winselte der Beschuldigte auf den Knieen, mit hochaufgehobenen Händen. «Alle Heiligen im Himmel ruf‘ ich zu Zeugen an, daß ich unschuldig bin an dem Raube; ich weiß nicht, wie des Juden Säckel in meinen Rucksack gekommen ist, Gott weiß es.»

«Du bist überwiesen,» redete der Richter fort, «der Säckel zeugt genügend von Verbrechen, tue Gott und der Obrigkeit die Ehre und bekenne freiwillig, ehe der Peiniger kommt, dir das Geständnis der Wahrheit abzufoltern.»

Der geängstigte Benedix konnte nichts als auf seine Unschuld pochen; aber er predigte tauben Ohren. Meister Hämmerling, der fürchterliche Wahrheitsforscher, wurde herbeigerufen, durch die stählernen Argumente seiner Beredsamkeit ihn dazu zu bringen, Gott und der Obrigkeit die Ehre anzutun, zu bekennen. Jetzt verließ den armen Wicht die standhafte Freudigkeit seines guten Gewissens, er bebte zurück vor den Qualen, die auf ihn warteten. Da der Peiniger im Begriff war, ihm die Daumenstöcke anzulegen, bedachte er, daß diese Operation ihn untüchtig machen würde, jemals wieder mit Ehren die Nadel zu führen, und ehe er wollte ein verdorbener Kerl bleiben sein leben lang, meinte er, es sei besser, von der Marter mit einem Male abzukommen, und gestand das Bubenstück ein, wovon sein Herz nichts wußte. Der Kriminalprozeß wurde nun abgetan, der Beschuldigte, ohne daß sich das Gericht teilte, von Richter und Schöffen zum Strange verurteilt, welcher Rechtsspruch gleich tags darauf bei frühem Morgen vollzogen werden sollte.

Alle Zuschauer, die das hochnotpeinliche Halsgericht herbeigelockt hatte, fanden das Urteil des wohlweisen Magistrats gerecht und billig; doch keiner rief den Richtern lauteren Beifall zu als der barmherzige Samariter, der mit in die Kriminalstube eingedrungen war und nicht satt werden konnte, die Gerechtigkeitsliebe der Herren von Hirschberg zu erheben; und in der Tat hatte auch niemand nähern Anteil an der Sache als eben dieser Menschenfreund, der mit unsichtbarer Hand des Juden Säckel in des Schneiders Rucksack verborgen hatte und kein anderer als Rübezahl selbst war. Schon am frühen Morgen lauerte er am Hochgericht in Rabengestalt auf den Leichenzug, der das Opfer seiner Rache dahin begleiten sollte, aber diesmal harrte er vergebens. Ein frommer Ordensbruder fand an dem unwissenden Benedix einen so rohen, wüsten Klotz, daß es ihm unmöglich schien, in so kurzer Zeit, als ihm zu dem Bekehrungsgeschäfte übrigblieb, einen Heiligen daraus zu schnitzeln; er bat deshalb das Kriminalgericht um einen dreitägigen Aufschub, den er dem frommen Magistrat nicht ohne große Mühe und unter Androhung des Kirchenbannes endlich abzwang. Als Rübezahl davon hörte, flog er ins Gebirge, den Termin der Hinrichtung dort zu erwarten.

Während dieser Zeit durchstrich er nach Gewohnheit die Wälder und erblickte auf dieser Streiferei eine junge Dirne, die sich unter einem schattenreichen Baum gelagert hatte. Ihre Kleidung war nicht kostbar, aber reinlich, und der Zuschnitt daran bürgerlich. Von Zeit zu Zeit wischte sie mit der Hand eine herabrollende Zähre von den Wangen, und stöhnende Seufzer quollen aus der vollen Brust hervor. Schon ehemals hatte der Gnom die mächtigen Eindrücke jungfräulicher Zähren empfunden; auch jetzt war er so gerührt davon, daß er von dem Gesetz, das er sich auferlegt hatte, alle Adamskinder, die durchs Gebirge ziehen würden, zu necken und quälen, die erste Ausnahme machte. Er gestaltete sich wieder zu einem ehrsamen Bürger, trat zu der jungen Dirne freundlich hin und sprach: «Mägdlein, was trauerst du hier in der Wüste so einsam? Verhehle mir nicht deinen Kummer, daß ich zusehe, wie dir zu helfen ist.»

Der ehrbare Mann staunte. «Du eine Mörderin?» rief er, «bei diesem himmlischen Gesicht trügst du die Hölle im Herzen? Unmöglich! – Zwar die Menschen sind aller Ränke und Bosheit fähig, das weiß ich; gleichwohl ist mir’s hier ein Rätsel.»

«So will ich’s Euch lösen,» erwiderte die trübsinnige Jungfrau, «wenn Ihr es zu wissen begehrt.»

Er sprach: «Sag‘ an!»

Sie: «Ich hatte einen Gespielen von Jugend an, den Sohn einer tugendsamen Witib, meiner Nachbarin, der mich zu seinem Liebchen erkor, als er heranwuchs. Er war so lieb und gut, so treu und bieder, daß er mir das Herz stahl und ich ihm ewige Treue gelobte. – Ach, das Herz des lieben Jungen habe ich Natter vergiftet, hab‘ ihn die Tugendlehren seiner frommen Mutter vergessen gemacht und ihn zu einer Übeltat verleitet, wofür er das Leben verwirkt hat!»

Der Gnom rief nachdrücklich: «Du?»

«Ja, Herr,» sprach sie, «ich bin seine Mörderin, hab‘ ihn gereizt, einen Straßenraub zu begehen und einen schelmischen Juden zu plündern; da haben ihn die Herren von Hirschberg gegriffen, Halsgericht über ihn gehegt, und o Herzeleid! morgen wird er abgetan. Ja Herr! ich hab’s auf meinem Gewissen das junge Blut!»

«Wie das?»

«er zog auf die Wanderschaft übers Gebirge, und als er beim Abschied an meinem Halse hing, sprach er: Fein Liebchen, bleib mir treu. Wenn der Apfelbaum zum drittenmal blüht und die Schwalbe zum Neste trägt, kehr‘ ich von der Wanderschaft zurück, dich heimzuholen als mein junges Weib; und das gelobte ich ihm zu werden durch einen teuren Eid. Nun blühte der Apfelbaum zum drittenmal, und die Schwalbe nistete, da kam Benedix wieder, erinnerte mich meiner Zusage und wollte mich zur Trauung führen. Ich aber neckt‘ und höhnt‘ ihn, wie die Mädchen es oft mit den Freiern tun, und sprach: Dein Weib kann ich nicht werden, du hast weder Herd noch Obdach. Schaff‘ dir erst blanke Batzen an, dann frage wieder an. Der arme Junge wurde durch diese Rede sehr betrübt. Ach, Klärchen, seufzte er tief mit einer Träne im Auge, steht dir dein Sinn nach Geld und Gut, so bist du nicht das biedere Mädchen mehr, das du vormals warst! Schlugst du nicht ein in diese Hand, da du mir deine Treue schwurest? Und was hatte ich mehr als diese Hand, dich einst damit zu nähren? Ach, Klärchen, ich verstehe dich; ein reicher Buhle hat mir dein Herz entwendet; belohnst du mich also, Ungetreue? Er bat und flehte, doch ich blieb fest auf meinem Sinn: Mein Herz verschmäht dich nicht, o Benedix! antwortete ich, nur meine Hand versag‘ ich dir zunächst; zieh hin, erwirb dir Gut und Geld, und hast du das, so komm wieder. Wohlan, sprach er mit Unmut, du willst es so, ich gehe in die Welt, will laufen, will rennen, will betteln, stehlen, schnurren, sorgen, und eher sollst du mich nicht wiedersehen, bis ich erlange den schnöden Preis, um den ich dich erwerben muß. Leb‘ wohl, ich fahre hin, ade! – So hab‘ ich ihn betört, den armen Benedix; er ging ergrimmt davon; da verließ ihn sein guter Engel, daß er tat, was nicht recht war, und was sein Herz gewiß verabscheute.»

Der ehrsame Mann schüttelte den Kopf über diese Rede und rief nach einer Pause mit einer nachdenklichen Miene: «Wunderbar!» Hierauf wendete er sich zu der Dirne: «Warum,» fragte er, «erfüllst du hier den leeren Wald mit deinen Wehklagen, die dir und deinem Buhlen nichts nützen und frommen können?»

«Lieber Herr,» fiel sie ihm ein, «ich war auf dem Wege nach Hirschberg. Ich will dem Blutrichter zu Füßen fallen, will mit meinem Klageschrei die Stadt erfüllen, ob das die Herren erbarmen möchte, dem unschuldigen Blut das Leben zu schenken; und wenn mir’s nicht gelingt, meinem Buhlen dem schmählichen Tode zu entreißen, will ich freudig mit ihm sterben.»

Der Geist wurde durch diese Rede so bewegt, daß er von Stund‘ an seine Rache ganz vergaß und der Trostlosen ihren Buhlen wiederzugeben beschloß. «Trockne ab deine Tränen,» sprach er mit teilnehmender Gebärde, «und laß deinen Kummer schwinden. Ehe die Sonne zur Küste geht, soll dein Buhle frank und frei sein. Morgen um den ersten Hahnenschrei sei wach und horchsam, und wenn ein Finger ans Fenster klopft, so tu‘ auf die Tür zu deinem Kämmerlein; denn es ist dein Benedix, der davor steht. – Du sollst auch wissen, daß er das Bubenstück nicht begangen hat, dessen du ihn anklagst, und du hast gleichfalls keine Schuld; denn er hat sich durch deinen Eigensinn zu keiner bösen Tat reizen lassen. Ich bin ein Bürger aus Hirschberg, habe mit zu Rate gesessen, als der arme Sünder verurteilt wurde, aber seine Unschuld ist ans Licht gebracht, fürchte nichts für sein Leben. Ich will hin, ihn seiner Banden zu entledigen, denn ich vermag viel in der Stadt. Sei guten Muts und kehre heim in Frieden.» Die Dirne machte sich alsbald auf und gehorchte, obgleich Furcht und Hoffnung in ihrer Seele kämpften.

Der ehrwürdige Pater Graurock hatte sich’s die drei Tage des Aufschubs blutsauer werden lassen, den Verbrecher gehörig zu bekehren, um seine arme Seele der Hölle zu entreißen, der sie, seiner Meinung nach, verpfändet war von Jugend auf. Denn der gute Benedix war ein unwissender Laie, der mit Nadel und Schere besser Bescheid wußte als mit dem Rosenkranz. Den Engelsgruß und das Paternoster mengte er stets durcheinander, und vom Kredo wußte er keine Silbe; der eifrige Mönch hatte alle Mühe von der Welt, ihn das letztere zu lehren, und brachte mit dieser Arbeit zwei volle Tage zu. Denn wenn er sich die Formel aufsagen ließ und das Gedächtnis des armen Sünders auch nicht strauchelte, so unterbrach doch oft ein Gedanke an das Irdische und der halblaute Seufzer: «Ach Klärchen!» die ganze Lektion, weshalb es die religiöse Politik des frommen Bruders zuträglich fand, dem verlornen Schaf die Hölle recht heiß zu machen, und das gelang ihm auch so, daß der geängstigte Benedix kalten Todesschweiß schwitzte und zu geheiligter Freude seines Bekehrers Klärchen rein darüber vergaß.

Ob sich nun wohl Benedix völlig unschuldig wußte, legte er sich aufs Bitten, flehte seinen geistlichen Richter um Barmherzigkeit an und suchte von den Qualen des Fegefeuers so viel abzudingen wie möglich; wodurch sich denn der strenge Pater bewogen fand, ihn endlich nur bis an die Kniee ins Feuerbad zu versenken.

Eben verließ der unerbittliche Sündenrüger den Kerker, als ihm Rübezahl unsichtbarerweise beim Eingange begegnete, noch unentschlossen, wie er sein Vorhaben, den armen Schneider in Freiheit zu setzten, auszuführen vermöchte. In dem Augenblick geriet er auf einen Einfall, der recht nach seinem Sinne war. Er schlich dem Mönche ins Kloster nach, stahl aus der Kleiderkammer ein Ordenskleid, fuhr hinein und begab sich in Gestalt des Bruders Graurock ins Gefängnis, das ihm der Kerkermeister ehrerbietig öffnete.

«Das Heil deiner Seele,» redet er den Gefangenen an, «treibt mich nochmals hierher, da ich dich kaum verlassen habe. Sag an, mein Sohn, was hast du noch auf deinem Herzen und Gewissen, damit ich dich tröste.“ – «Ehrwürdiger Vater,» antwortete Benedix, «mein Gewissen beißt mich nicht; aber Euer Fegefeuer bangt und ängstigt mich und preßt mir das Herz zusammen, als läg’s zwischen den Daumenstöcken.» Freund Rübezahl hatte von kirchlichen Lehrmeinungen sehr unvollständige und verworrene Begriffe, daher war ihm die Querfrage: «Wie meinst du das?» wohl zu verzeihen. «Ach,» antwortet Benedix, «in dem Feuerpfuhl bis an die Kniee zu waten, Herr, das halt‘ ich nicht aus!» – «Narr,» versetzt Rübezahl, «so bleib davon, wenn dir das Bad zu heiß ist.» Benedix ward an dieser Rede irre und sah dem Pfaffen so starr ins Gesicht, daß dieser merkte, er habe irgend eine Unschicklichkeit vorgebracht; darum lenkte er ein: «Davon ein andermal; denkst du auch noch an Klärchen? liebst du sie noch als deine Braut? Und hast du ihr etwas vor deiner Hinfahrt zu sagen, so vertraue es mir.» Benedix staunte bei diesem Namen noch mehr; der Gedanke an sie, den er mit großer Gewissenhaftigkeit in seiner Seele zu ersticken bemüht gewesen war, wurde auf einmal wieder so heftig angefacht, daß er überlaut anfing zu weinen und zu schluchzen und kein Wort vorzubringen vermochte. Dieses jammerte den mitleidigen Pfaffen so, daß er beschloß, dem Spiel ein Ende zu machen. «Armer Benedix,» sprach er, «gib dich zufrieden und sei getrost und unverzagt, du sollst nicht sterben. Ich habe in Erfahrung gebracht, daß du unschuldig bist an dem Raube und deine Hand mit keinem Laster befleckt hast, darum bin ich gekommen, dich aus dem Kerker zu reißen und der Banden zu entledigen.» Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. «Laß sehen,» fuhr er fort, «ob er schließe.» Der Versuch gelang, der Entfesselte stand da frank und frei, das Geschmeide fiel ab von Händen und Füßen. Hierauf wechselte der gutmütige Pfaffe mit ihm die Kleider und sprach: «Gehe gemächlich wie ein frommer Mönch durch die Schar der Wächter vor der Tür des Gefängnisses und durch die Straßen, bis du der Stadt Weichbild hinter dir hast. Dann schürze dich hurtig und schreite rüstig zu, daß du gelangest ins Gebirge, und raste nicht, bis du in Liebenau vor Klärchens Tür stehst, klopfe leise an, dein Liebchen harrt deiner mit ängstlichem Verlangen.»

Der gute Benedix wähnte, das alles sei nur ein Traum, und da er inneward, daß sich alles so verhalte, fiel er seinem Befreier zu Füßen, umfing seine Kniee, und lag da in stummer Freude, denn die Worte versagten ihm. Der Pfaffe trieb ihn endlich fort und auf dem Weg. Mit wankendem Knie schritt der Entledigte über die Schwelle des traurigen Kerkers, und sein ehrwürdiger Rock gab ihm einen solchen Wohlgeruch von Frömmigkeit und Tugend, daß die Wächter nichts darunter witterten.

Klärchen saß indessen bänglich einsam in ihrem Kämmerlein. Oft dünkte ihr, es rege sich etwas am Fensterladen, oder es klinge der Pfortenring; sie schreckte auf mit Herzklopfen, sah durch die Luke, und es war Täuschung. Schon schüttelten die Hähne in der Nachbarschaft die Flügel und verkündeten durch ihr Krähen den kommenden Tag; das Glöcklein im Kloster läutete zur Frühmette, das ihr wie Totenruf und Grabesklang tönte. Der Wächter stieß zum letztenmal ins Horn und weckte die schnarchenden Bäckermägde zu ihrem frühen Tagwerke. Klärchens Lämpchen fing an dunkel zu brennen, weil’s ihm an Öl gebrach, ihre Unruhe mehrte sich mit jedem Augenblick. Sie saß auf ihrer Bettlade, weinte bitterlich und seufzte: «Benedix! Benedix! Was für ein bänglicher Tag für dich und mich dämmert jetzt heran!»

Da pocht’s dreimal leise an das Fenster, als ob es spukte. Ein froher Schauder durchlief ihre Glieder, sie sprang auf, tat einen lauten Schrei; denn eine Stimme flüsterte durch die Luke: «Fein Liebchen, bist du wach?» – Husch, war sie an der Tür. – «Ach Benedix, bist’s du oder ist’s dein Geist?» Als sie aber den Bruder Graurock erblickte, sank sie zurück und starb vor Entsetzen hin. Da umschlang sie sanft sein treuer Arm, und der Kuß der Liebe brachte sie bald wieder ins Leben.

Nachdem die stumme Szene des Erstaunens und die Ergießungen der ersten freudigen Herzensgefühle vorüber waren, erzählte ihr Benedix seine wunderbare Errettung aus dem Kerker; doch die Zunge klebte ihm am Gaumen vor großem Durst und Ermattung. Klärchen ging, ihm einen Trunk frisches Wasser zu holen, und nachdem er sich damit gelabt hatte, fühlte er Hunger. Aber sie hatte nichts zum Imbiß als Salz und Brot, wobei sie voreilig gelobten, zufrieden und glücklich miteinander zu sein ihr Leben lang. Da dachte Benedix an seine Knackwurst, zog sie aus der Tasche und wunderte sich baß, daß sie schwerer war als ein Hufeisen, brach sie auseinander, siehe! da fielen eitel Goldstücke heraus, worüber Klärchen nicht wenig erschrak, meinte, das Gold sei ein schändliches Überbleibsel von dem Raube des Juden, und Benedix sei nicht so unschuldig, wie ihn der ehrsame Mann gemacht habe, der ihr im Gebirge erschienen war. Allein der truglose Gesell beteuerte höchlich, daß der fromme Ordensmann ihm diesen verborgenen Schatz vermutlich als eine Hochzeitssteuer verliehen habe, und sie glaubte seinen Worten. Drauf segneten beide mit dankbaren Herzen den edelmütigen Wohltäter, verließen ihre Vaterstadt und zogen gen Prag, wo Meister Benedix mit Klärchen, seinem Weibe, lange Jahre als ein angesehener Mann in friedlicher Ehe bei reichem Kindersegen lebte.

In der frühen Morgenstunde, da Klärchen mit schauervoller Freude den Finger ihres Buhlens am Fenster bemerkte, klopfte auch in Hirschberg ein Finger an die Tür des Gefängnisses. Das war der Bruder Graurock, der den Anbruch des Tages kaum erwarten konnte, die Bekehrung des armen Sünders zu vollenden und ihn als einen halben Heiligen dem gewaltsamen Arm des Henkers zu überantworten. Rübezahl hatte einmal die Sünderrolle übernommen und war entschlossen, sie zur Ehre der Justiz rein auszuspielen. er schien wohlgefaßt zum Sterben zu sein, und der fromme Mönch freute sich darüber; darum ermüdete er nicht ihn in dieser Gemütsverfassung durch seinen geistlichen Zuspruch zu erhalten, und beschloß seinen Sermon mit dem tröstlichen Weidespruch: «So viel Menschen du bei deiner Ausführung erblicken wirst, die dich an die Gerichtsstätte geleiten, siehe so viel Engel stehen schon bereit, deine Seele in Empfang zu nehmen und sie einzuführen ins schöne Paradies.» Drauf ließ er ihn der Fesseln entledigen, wollte Beichte hören und dann lossprechen; doch fiel ihm ein, vorher noch die geistige Lektion zu wiederholen, damit der arme Sünder unterm Galgen im geschlossenen Kreise sein Glaubensbekenntnis frei und ohne Anstoß zur Erbauung der Zuschauer hersagen möchte. Aber wie erschrak der Ordensmann, da er inneward, daß der Ungelehrige sein Kredo die Nacht über völlig ausgeschwitzt hatte! Der fromme Mönch war völlig der Meinung, der Satan sei hier im Spiel und wolle dem Himmel die gewonnene Seele entreißen.

Dritte Legende

Nicht immer war Rübezahl bei der Laune, denen, die er durch seine Neckereien in Schaden und Nachteil gebracht hatte, einen so edelmütigen Ersatz zu geben. Oft machte er nur den Plagegeist aus boshafter Schadenfreude und kümmerte sich wenig darum, ob er einen Schurken oder einen Biedermann foppte. Oft gesellte er sich zu einem einsamen Wanderer als Geleitsmann, führte unbemerkt den Fremdling irre, ließ ihn an dem Absturz einer Bergzinne oder in einem Sumpfe stehen und verschwand mit höhnendem Gelächter. Zuweilen erschreckte er die furchtsamen Marktweiber durch abenteuerliche Gestalten wildfremder Tiere. Oft lähmte er den Reisigen das Roß, daß es nicht von der Stelle konnte, zerbrach den Fuhrleuten ein Rad oder eine Achse am Wagen, ließ vor ihren Augen ein abgerissenes Felsenstück in einen Hohlweg hinabrollen, das sie mit unendlicher Mühe auf die Seite räumen mußten, um sich freie Bahn zu machen. Oft hielt eine unsichtbare Kraft einen ledigen Wagen, daß sechs rasche Pferde ihn nicht fortzuziehen vermochten, und ließ der Fuhrmann merken, daß er eine Neckerei von Rübezahl wähnte, oder brach er in Unwillen gegen den Berggeist aus, so hatte er ein Hornissenheer, das die Pferde wild machte, einen Steinhagel oder eine reichhaltige Tracht Prügel von unsichtbarer Hand zu erwarten.

Mit einem alten Schäfer, der ein gerader, treuherziger Mann war, hatte er Bekanntschaft gemacht und sogar eine Art von vertraulicher Freundschaft errichtet. Er gestattete ihm, mit der Herde bis an die Hecken seiner Gärten zu treiben, was ein anderer nicht hätte wagen dürfen. Der Geist hörte dem Graukopf bisweilen mit Vergnügen zu, wenn ihm dieser seinen unbedeutenden Lebenslauf erzählte. Des ungeachtet versah’s der Alte doch einmal. Da er eines Tages nach Gewohnheit seine Herde in des Gnomen Gehege trieb, brachen einige Schafe durch die Hecken und weideten auf den Grasplätzen des Gartens; darüber ergrimmte Freund Rübezahl derartig, daß er alsbald die Herde in wildem Getümmel den Berg hinabscheuchte, wodurch sie größtenteils verunglückte, und der Nahrungsstand des alten Schäfers in solchen Verfall kam, daß er sich darüber zu Tode grämte.

Ein Arzt aus Schmiedeberg, der auf dem Riesengebirge Pflanzen zu sammeln pflegte, genoß gleichfalls zuweilen die Ehre, mit seiner prahlerischen Gesprächigkeit den Gnomen zu unterhalten, der bald als Holzhauer, bald ein Reisender sich zu ihm gesellte und den Schmiedeberger Arzt seine Wunderkuren mit Vergnügen sich erzählen ließ. Er war zuzeiten so gefällig, das schwere Kräuterbündel ihm ein gut Stück Weges nachzutragen und ihm manche noch unbekannte Heilkräfte kundzutun. Der Arzt, der sich in der Kräuterkunde weiser dünkte als ein Holzhauer, empfand einst diese Belehrungen übel und sprach mit Unwillen: «Der Schuster soll bei seinem Leisten bleiben, und der Holzhauer soll den Arzt nicht belehren. Weil du aber der Kräuter und Pflanzen kundig bist, so sage mir doch, du weiser Salomon, was war eher, die Eichel oder der Eichbaum?» Der Geist antwortete: «Doch wohl der Baum, denn die Frucht kommt vom Baume.» – «Narr,» sprach der Arzt, «wo kam denn der erste Baum her, wenn er nicht aus dem Samen sproßte, der in der Frucht verschlossen liegt?» Der Holzhauer erwiderte: «Das ist, wie ich sehe, eine Meisterfrage, die mir schier zu hoch ist. Aber ich will Euch eine Frage vorlegen: wem gehört dieser Erdengrund, worauf wir stehen, dem König von Böhmen oder dem Herrn vom Berge?» (So nannten die Nachbarn den Berggeist, nachdem sie waren gewitzigt worden, daß der Name Rübezahl im Gebirge nur Stöße und blaue Mäler einbrächte.) Der Arzt bedachte sich nicht lange: «Ich meine, dieser Grund und Boden gehöre meinem Herrn, dem König von Böhmen; denn Rübezahl ist ja nur ein Hirngespinst, ein Popanz, die Kinder damit fürchten zu machen.» Kaum war das Wort aus seinem Munde, so verwandelte sich der Holzhauer in einen scheußlichen Riesen mit feuerfunkelnden Augen und wütiger Gebärde, schnauzte den Arzt grimmig an und sagte mit rauher Stimme: «Hier ist Rübezahl, der dich popanzen wird, daß dir sollen die Rippen krachen;» erwischte ihn darauf beim Kragen, rannte ihn gegen die Bäume und Felsenwände, riß und warf ihn hin und her, schlug ihm zuletzt ein Auge aus und ließ ihn wie tot auf dem Platze liegen, daß sich der Arzt nachher stark vornahm, nie wieder ins Gebirge zu gehen.

So leicht war’s, Rübezahls Freundschaft zu verscherzen; doch eben so leicht war’s auch, sie zu gewinnen. Einem Bauern in der Amtspflege Reichenberg hatte ein böser Nachbar sein Hab und Gut abgenommen, und nachdem sich die Justiz seiner letzten Kuh bemächtigt hatte, blieb ihm nichts übrig als ein abgehärmtes Weib und ein halbes Dutzend Kinder, von denen er gern den Gerichten die Hälfte für sein letztes Stückchen Vieh verpfändet hätte. Zwar gehörten ihm noch ein Paar rüstige gesunde Arme, aber sie waren nicht hinreichend, sich und die Seinigen damit zu ernähren. Es schnitt ihm durchs Herz, wenn die jungen Raben nach Brot schrien, und er nichts hatte, um ihren quälenden Hunger zu stillen. «Mit hundert Talern,» sprach er zu dem kummervollen Weibe, «wäre uns geholfen, unseren zerfallenen Haushalt wieder einzurichten und fern von dem streitsüchtigen Nachbar ein neues Eigentum zu gewinnen. Du hast reiche Vettern jenseits des Gebirges, ich will hin und ihnen unsere Not klagen; vielleicht, daß sich einer erbarmt und aus gutem Herzen von seinem Überfluß uns auf Zinsen leiht, soviel wir bedürfen.»

Das niedergedrückte Weib willigte mit schwacher Hoffnung eines glücklichen Erfolgs in diesen Vorschlag ein, weil sie keinen besseren wußte. Der Mann aber machte sich auf, und indem er Weib und Kinder verließ, sprach er ihnen Trost ein: «Weinet nicht! Mein Herz sagt es mir, ich werde einen Wohltäter finden, der uns förderlicher sein wird als die vierzehn Nothelfer, zu denen ich so oft vergeblich gewallfahrtet bin.» Hierauf steckte er eine harte Brotrinde zur Zehrung in die Tasche und ging davon. Müde und matt von der Hitze des Tages und dem weiten Wege, gelangte er zu Abendzeit in dem Dorfe an, wo die reichen Vettern wohnten; aber keiner wollte ihn kennen, keiner wollte ihn beherbergen. Mit heißen Tränen klagte er ihnen sein Elend; aber die hartherzigen Filze achteten nicht darauf, kränkten den armen Mann mit Vorwürfen und beleidigenden Sprichwörtern. Einer sprach: «Junges Blut, spar‘ dein Gut», der andere: «Hoffart kommt vor dem Fall», der dritte: «Wie du’s treibst, so geht’s», der vierte: «Jeder ist seines Glückes Schmied». So höhnten und spotteten sie seiner, nannten ihn einen Prasser und Faulenzer, und endlich stießen sie ihn gar zur Tür hinaus. Eine solche Aufnahme hatte sich der arme Vetter bei der reichen Sippschaft seines Weibes nicht vorgestellt; stumm und traurig schlich er von dannen, und weil er nichts hatte, um das Schlafgeld in der Herberge zu bezahlen, mußte er auf einem Heuschober im Felde übernachten. Hier wartete er schlaflos des zögernden Tages, um sich auf den Heimweg zu begeben.

Da er nun wieder ins Gebirge kam, überkam ihn Harm und Bekümmernis so sehr, daß er der Verzweiflung nahe war. Zwei Tage Arbeitslohn verloren, dachte er bei sich selber, matt und entkräftet von Gram und Hunger, ohne Trost, ohne Hoffnung! Wenn du nun heimkehrst und die sechs armen Würmer dir entgegenschmachten, ihre Hände aufheben, von dir Labsal zu begehren, und du für einen Bissen Brot ihnen einen Stein bieten mußt! Vaterherz! Vaterherz! wie kannst du’s tragen! Brich entzwei, armes Herz, ehe du diesen Jammer fühlst! Hierauf warf er sich unter einen Schlehenbusch, seinem schwermütigen Gedanken weiter nachzuhängen.

Wie aber am Rande des Verderbens die Seele noch die letzten Kräfte anstrengt, ein Rettungsmittel auszukundschaften, jede Hirnfaser auf und nieder läuft, alle Winkel der Phantasie durchspäht, Schutz oder Frist für den hereinbrechenden Untergang zu suchen; gleich einem Bootsmann, der sein Schiff sinken sieht, schnell die Strickleiter hinaufrennt, sich in den Mastkorb zu bergen, oder wenn er unter Verdeck ist, aus der Luke springt, in der Hoffnung, ein Brett oder eine ledige Tonne zu erhaschen, um sich über Wasser zu halten: so verfiel unter tausend nichtigen Anschlägen und Einfällen der trostlose Veit auf den Gedanken, sich an den Geist des Gebirges in seinem Anliegen zu wenden. Er hatte viel abenteuerliche Geschichten von ihm gehört, wie er zuweilen die Reisenden gedrillt und geneckt, ihnen manchen Schimpf angetan, doch auch mitunter Gutes erwiesen habe. Es war ihm nicht unbekannt, daß er sich bei seinem Spottnamen nicht ungestraft rufen lasse; dennoch wußte er ihm auf keine andere Weise beizukommen; also wagte er es auf eine Prügelei hin und rief so sehr er konnte: «Rübezahl! Rübezahl!»

Auf diesen Ruf erschien alsbald eine Gestalt gleich einem rußigen Köhler mit einem fuchsroten Bart, der bis an den Gürtel reichte, feurigen, stieren Augen, und mit einer Schürstange bewaffnet, gleich einem Weberbaum, die er mit Grimm erhob, den frechen Spötter zu erschlagen. «Mit Gunst, Herr Rübezahl,» sprach Veit ganz unerschrocken, «verzeiht, wenn ich Euch nicht recht anredete; hört mich nur an, dann tut, was Euch gefällt.» Diese dreiste Rede und die kummervolle Miene des Mannes, die weder auf Mutwillen noch Vorwitz deutete, besänftigten den Zorn des Geistes in etwas: «Erdenwurm,» sprach er, «was treibt dich, mich zu beunruhigen? Weißt du auch, daß du mir mit Hals und Haut für deinen Frevel büßen mußt?» – «Herr,» antwortete Veit, «die Not treibt mich zu Euch, habe eine Bitte, die Ihr mir leicht gewähren könnt. Ihr sollt mir hundert Taler leihen, ich zahle sie Euch mit landesüblichen Zinsen in drei Jahren wieder, so wahr ich ehrlich bin!» – «Tor,» sprach der Geist, «bin ich ein Wucherer oder Jude, der auf Zinsen leiht? Gehe hin zu deinen Menschenbrüdern und borge da so viel dir not tut, mich aber laß in Ruhe.» – «Ach!» erwiderte Veit, «mit der Menschenbrüderschaft ist’s aus! Auf Mein und Dein gilt keine Brüderschaft.» Hierauf erzählte er ihm seine Geschichte der Länge nach und schilderte ihm sein drückendes Elend so rührend, daß ihm der Gnom seine Bitte nicht versagen konnte; und wenn der arme Tropf auch weniger Mitleid verdient hätte, so schien doch dem Geist das Unterfangen, von ihm ein Kapital zu leihen, so neu und sonderbar, daß er um des guten Zutrauens willen geneigt war, des Mannes Bitte zu gewähren. «Komm, folge mir,» sprach er und führte ihn darauf waldeinwärts, in ein abgelegenes Tal zu einem schroffen Felsen, dessen Fuß ein dichter Busch bedeckte.

Nachdem sich Veit nebst seinem Begleiter mit Mühe durchs Gesträuche gearbeitet hatte, gelangten sie zum Eingang einer finsteren Höhle. Dem guten Veit war nicht wohl dabei zumute, da er so im Dunkeln tappen mußte; es lief ihm ein kalter Schauer nach dem anderen über den Rücken herab, und seine Haar sträubten sich empor. Rübezahl hat schon manchen betrogen, dachte er, wer weiß, was für ein Abgrund mir vor den Füßen liegt, in den ich beim nächsten Schritte hinabstürze; dabei hörte er ein fürchterliches Brausen wie von einem Tagwasser, das sich in den tiefen Schacht ergoß. Je weiter er fortschritt, desto mehr engten ihm Furcht und Grauen das Herz ein. Doch bald sah er zu seinem Trost in der Ferne ein blaues Flämmchen hüpfen, das Berggewölbe erweiterte sich zu einem großen Saale, das Flämmchen brannte hell und schwebte als ein Hängeleuchter in der Mitte der Felsenhalle. Auf dem Pflaster fiel ihm eine kupferne Braupfanne in die Augen, mit eitel harten Talern bis an den Rand gefüllt. Da Veit den Geldschatz erblickte, schwand alle seine Furcht und das Herz hüpfte ihm vor Freuden. «Nimm,» sprach der Geist, «was du bedarfst, es sei wenig oder viel, nur stelle mir einen Schuldbrief aus, wenn du der Schreiberei kundig bist.» Veit bejahte das und zählte sich gewissenhaft die hundert Taler ab, nicht einen mehr und keinen weniger. Der Geist schien auf das Zählungsgeschäft gar nicht zu achten, drehte sich weg und suchte indes seine Schreibmaterialien hervor. Veit schrieb den Schuldbrief so bündig wie ihm möglich war. Der Gnom schloß diesen in einen eisernen Schatzkasten und sagte zum Abschied: «Zieh hin, mein Freund, und nütze dein Geld mit arbeitsamer Hand. Vergiß nicht, daß du mein Schuldner bist, und merke dir den Eingang in das Tal und diese Felsenkluft genau. Sobald das dritte Jahr verflossen ist, zahlst du mir Kapital und Zins zurück; ich bin ein strenger Gläubiger, hälst du das nicht ein, so fordere ich es mit Ungestüm.» Der Ehrliche Veit versprach auf den Tag gute Zahlung zu leisten, versprach’s mit seiner biedern Hand, doch ohne Schwur; verpfändete nicht seine Seele und Seligkeit, wie lose Bezahler zu tun pflegen, und schied mit dankbaren Herzen von seinem Schuldherrn in der Felsenhöhle, aus der er leicht den Ausgang fand.

Die hundert Taler wirkten bei ihm so mächtig auf die Seele und Leib, daß ihm nicht anders zumute war, da er das Tageslicht wieder erblickte, als ob er Balsam des Lebens in der Felsenkluft eingesogen habe. Freudig und gestärkt an allen Gliedern, schritt er nun seiner Wohnung zu und trat in die elende Hütte, indem sich der Tag zu neigen begann. Sobald ihn die abgezehrten Kinder erblickten, schrien sie ihm einmütig entgegen: «Brot, Vater, einen Bissen Brot! Hast uns lange darben lassen.» Das abgehärmte Weib saß in einem Winkel und weinte, fürchtete nach der Denkungsart der Kleinmütigen das Schlimmste und vermutete, daß der Ankömmling eine traurige Litanei anstimmen werde. Er aber bot ihr freundlich die Hand, ließ sie Feuer anschüren auf dem Herde; denn er trug Grütze und Hirse aus Reichenberg im Rucksack, wovon die Hausmutter einen steifen Brei kochen mußte, daß der Löffel darin stand. Nachher gab er ihr Bericht von dem guten Erfolg seines Geschäftes. «Deine Vettern,» sprach er, «sind gar rechtliche Leute, die mir nicht meine Armut vorgehalten, haben mich nicht verkannt oder mich schimpflich vor der Tür abgewiesen; sondern mich freundlich beherbergt, Herz und Hand mir geöffnet und hundert Taler vorschußweise auf den Tisch gezählt.» Da fiel dem guten Weibe ein schwerer Stein vom Herzen, der sie lange gedrückt hatte. «Wären wir,» sagte sie, «eher vor die rechte Schmiede gegangen, so hätten wir uns manchen Kummer ersparen können.» Hierauf rühmte sie ihre Freundschaft, von der sie sich vorher so wenig Gutes versprochen hatte, und tat recht stolz auf die reichen Vettern.

Der Mann ließ ihr nach so vielen Drangsalen gern die Freude, die ihrer Eitelkeit so schmeichelhaft war. Da sie aber nicht aufhörte die reichen Vettern zu loben und das viele Tage so forttrieb, wurde Veit des Lobposaunens der Geizdrachen satt und müde und sprach zum Weibe: «Als ich vor der rechten Schmiede war, weißt du, was mir der Meister Schmied für eine weise Lehre gab?» Sie sprach: «Welche?» – «Jeder,» sagte er, «sei seines Glückes Schmied, und man müsse das Eisen schmieden, weil’s heiß sei; drum laß uns nun die Hände rühren und unserem Beruf fleißig obliegen, daß wir was vor uns bringen, in drei Jahren den Vorschuß nebst Zinsen abzahlen können und aller Schuld quitt und ledig seien.» Drauf kaufte er einen Acker und einen Heuschlag, dann wieder einen und noch einen, dann eine ganze Hufe; es war ein Segen in Rübezahls Gelde, als wenn ein Hecktaler darunter wäre. Veit säte und erntete, wurde schon für einen wohlhabenden Mann im Dorfe gehalten, und sein Säckel langte noch immer zur Erweiterung seines Eigentums. Im dritten Sommer hatte er schon zu seiner Hufe ein Herrengut gepachtet, das ihm reichen Wucher brachte; kurz er war ein Mann, dem alles was er tat, zu gutem Glück gedieh.

Der Zahlungstermin kam nun heran, und Veit hatte so viel erübrigt, daß er ohne Beschwerde seine Schuld abtragen konnte; er legte das Geld zurecht, und auf den bestimmten Tag war er früh auf, weckte das Weib und alle seine Kinder, hieß sie waschen und kämmen und ihre Sonntagskleider anziehen, auch die neuen Schuhe und die scharlachenen Mieder und Brusttücher, die sie noch nicht auf den Leib gebracht hatten. Er selbst holte seinen Gottestischrock herbei und rief zum Fenster hinaus: «Hans, spann an!» – «Mann, was hast du vor?» fragte die Frau, «es ist heute weder Freitag noch ein Kirchweihfest, was macht dich so guten Mutes, daß du uns ein Wohlleben bereitet hast, und wo gedenkst du uns hinzuführen?» Er antwortete: «Ich will mit Euch die reichen Vettern jenseits des Gebirges heimsuchen und dem Gläubiger, der mir durch seinen Vorschub wieder ausgeholfen hat, Schuld und Zins bezahlen, denn heute ist der Zahltag.» Das gefiel der Frau wohl; sie putzte sich und die Kinder stattlich heraus, und damit die reichen Vettern eine gute Meinung von ihrem Wohlstande bekämen und sich ihrer nicht schämen dürften, band sie eine Schnur Dukaten um den Hals. Veit rüttelte den schweren Geldsack zusammen, nahm ihn zu sich, und da alles in Bereitschaft war, saß er auf mit Frau und Kind. Hans peitschte die vier Hengste an, und sie trabten mutig über das Blachfeld nach dem Riesengebirge zu.

Vor einem steilen Hohlweg ließ Veit den Rollwagen halten, stieg ab und hieß den anderen gleiches tun, dann gebot er dem Knechte: «Hans, fahr langsam den Berg hinan, oben bei den drei Linden sollst du unser warten, und ob wir auch lange bleiben, so laß dich’s nicht anfechten, laß die Pferde verschnauben und einstweilen grasen; ich weiß hier einen Fußpfad, der ist etwas um, doch lustig zu wandeln!» Darauf schlug er sich in Begleitung des Weibes und der Kinder waldeinwärts durch dicht Verwachsenes und spähte hin und her, daß die Frau meinte, ihr Mann habe sich verirrt, ermahnte ihn darum, zurückzukehren und der Landstraße zu folgen. Veit aber hielt plötzlich still, versammelte seine sechs Kinder um sich her und redete also: «Du wähnst, liebes Weib, daß wir zu deiner Freundschaft ziehen; dahin steht jetzt nicht mein Sinn. Deine reichen Vettern sind Knauser und Schurken, die, als ich weiland in meiner Armut Trost und Zuflucht bei ihnen suchte, mich gefoppt, gehöhnt und mit Übermut von sich gestoßen haben. – Hier wohnt der reiche Vetter, dem wir unseren Wohlstand verdanken, der mir aufs Wort das Geld geliehen, das in meiner Hand so wohl gewuchert hat. Auf heute hat er mich herbeschieden, Zins und Kapital ihm wiederzuerstatten. Wißt ihr nun, wer unser Schuldherr ist? Der Herr vom Berge, Rübezahl genannt!» Das Weib entsetzte sich heftig über die Rede, schlug ein großes Kreuz vor sich, und die Kinder bebten und gebärdeten sich ängstlich vor Furcht und Schrecken, daß sie der Vater vor Rübezahl führen wollte. Sie hatten viel in den Spinnstuben von ihm gehört, daß er ein scheußlicher Riese und Menschenfresser sei. Veit erzählte ihnen sein ganzes Abenteuer, wie ihm der Geist in Gestalt eines Köhlers auf sein Rufen erschienen sei und was er mit ihm verhandelt habe in der Höhle, pries seine Mildtätigkeit mit dankbarem Herzen und so inniger Rührung, daß ihm die warmen Tränen über die freundlichen rotbraunen Backen herabträufelten. «Wartet hier,» fuhr er fort, «jetzt geh‘ ich hin in die Höhle, mein Geschäft auszurichten. Fürchtet nichts, ich werde nicht lange aus sein, und wenn ich’s vom Gebirgsherrn erlangen kann, so bring‘ ich ihn zu euch. Scheut euch nicht, eurem Wohltäter treuherzig die Hand zu schütteln, ob sie gleich schwarz und rußig ist; er tut euch nichts zuleide und freut sich seiner guten Tat und unseres Dankes gewiß! Seid nur beherzt, er wird euch goldene Äpfel und Pfeffernüsse austeilen.»

Obgleich nun das bängliche Weib viel gegen die Wallfahrt in die Felsenhöhle einzuwenden hatte und auch die Kinder jammerten und weinten, sich um den Vater herlagerten und, da er sie auf die Seite schob, ihn an den Rockfalten zurückzuziehen sich anstemmten, so riß er sich doch mit Gewalt von ihnen in den dicht verwachsenen Busch und gelangte zu dem wohlbekannten Felsen. Er fand alle Merkzeichen der Gegend wieder, die er sich wohl ins Gedächtnis geprägt hatte; die alte halberstorbene Eiche, an deren Wurzel die Kluft sich öffnete, stand noch wie sie vor drei Jahren gestanden hatte, doch von einer Höhle war keine Spur mehr vorhanden. Veit versucht’s auf alle Weise, sich den Eingang in den Berg zu öffnen, er nahm einen Stein, klopfte an den Felsen; er sollte, meinte er, sich auftun; er zog den schweren Geldsack hervor, klingelte mit den harten Talern und rief so laut er nur konnte: «Geist des Gebirges, nimm hin, was dein ist»; doch der Geist ließ sich weder hören noch sehen. Also mußte sich der ehrliche Schuldner entschließen, mit seinem Säckel wieder umzukehren. Sobald ihn das Weib und die Kinder von ferne erblickten, eilten sie ihm freudvoll entgegen; er war mißmutig und sehr bekümmert, daß er seine Zahlung nicht an die Behörde abliefern konnte, setzt sich zu den Seinen auf einen Rasenrain und überlegte, was nun zu tun sei. Da kam ihm sein altes Wagestück wieder ein. «Ich will», sprach er, «den Geist bei seinem Ekelnamen rufen; wenn’s ihn auch verdrießt, mag er mich bleuen und zupfen, wie er Lust hat, wenigstens hört er auf diesen Ruf gewiß;» schrie darauf aus Herzenskraft: «Rübezahl! Rübezahl!» Das angstvolle Weib bat ihn, zu schweigen, wollte ihm den Mund zuhalten; er ließ sich nicht wehren und trieb’s immer ärger. Plötzlich drängte sich jetzt der jüngste Bube an die Mutter an, schrie bänglich: «Ach, der schwarze Mann!». Getrost fragte Veit: «Wo?» – «Dort lauscht er hinter jenem Baume hervor;» und alle Kinder krochen in einen Haufen zusammen, bebten vor Furcht und schrieen jämmerlich. Der Vater blickte hin und sah nichts, es war eine Täuschung, nur ein leerer Schatten; kurz, Rübezahl kam nicht zum Vorschein, und alles Rufen war umsonst.

Die Familie trat nun den Rückweg an, und Vater Veit ging ganz betrübt und schwermütig auf der Landstraße vor sich hin. Da erhob sich vom Walde her ein sanftes Rauschen in den Bäumen, die schlanken Birken neigten ihre Wipfel, das bewegliche Laub der Espen zitterte, das Brausen kam näher, und der Wind schüttelte die weitausgestreckten Äste der Steineichen, trieb dürres Laub und Grashalme vor sich her, kräuselte im Wege kleine Staubwolken empor, an welchem artigen Schauspiel die Kinder, die nicht mehr an Rübezahl dachten, sich belustigten und nach den Blättern haschten, womit der Wirbelwind spielte. Unter dem dürren Laube wurde auch ein Blatt Papier über den Weg geweht, auf welches der kleine Geisterseher Jagd machte; doch wenn er danach griff, hob es der Wind auf und führte es weiter, daß er’s nicht erlangen konnte. Drum warf er seinen Hut danach, der’s endlich bedeckte; weil’s nun ein schöner weißer Bogen war und der ökonomische Vater jede Kleinigkeit in seinem Haushalt zu nutzen pflegte, so brachte ihm der Knabe dem Fund, um sich ein kleines Lob zu verdienen. Als dieser das zusammengerollte Papier aufschlug, um zu sehen, was es wäre, fand er, daß es der Schuldbrief war, den er an den Berggeist ausgestellt hat, von oben herein zerrissen, und unten stand geschrieben: Zu Dank bezahlt.

Der Pilatus und die Herdmanndli

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In der ganzen Schweiz, im Berner und Luzerner Land, im Haslital und fast allenthalben gehen Sagen von Zwergen und Berggeistern, die sich vielfach ähnlich sind. Absonderlich viel Redens ist von dem hohen Berge Pilatus und den Zwergen, die in seinem Geklüft wohnen, die heißen Herdmanndli.

Der Pilatus ist der rechte Blocksberg der Schweiz, auf lateinisch mons pileatus (Hutberg) geheißen, weil im Land die bekannte Regel geht:

»Hat der Pilatus einen Hut,
so steht im Land das Wetter gut.«

Aber es geht die Sage, daß nach Christi, unsers Herrn, Leiden, Tod und Auferstehung der römische Landpfleger Pilatus in dieses Land gezogen sei, oder gar, daß der Satan ihn hergetragen. Und da habe er am Berge den ungeheuerlichen See gefunden, der weder Zu- noch Abfluß hat und wegen der unergründlichen Tiefe schwarz und gräßlich anzusehen ist, ein unheimlicher Moorgrund. In diesen See habe sich der römische Landpfleger gestürzt, weil sein Gewissen ihn fort und fort gepeinigt; andere sagen, der Teufel habe ihn hineingesteckt. –

Die Herdmanndli wohnten vielfach in der Pilatushöhle, die hoch oben liegt, tief und schaurig. Sie waren den Menschen gar gut und hilfreich, gar »gespäßige Lüet«, wie die Hirten sagen; sie verrichteten nachts der Menschen Arbeit, kamen auch vom Berg herunter in die Täler, schafften und ackerten redlich, und ein Herdmanndli konnte mehr verrichten als zehn Meister mit allen Knechten. Aber sehen ließen sich die Manndli wunderselten, und auch da hatten sie lange graue Kutten an, die bis auf die Erde reichten, daß man nimmer‘ ihre Füße sah.

Einem Hirten begegnete es, daß er einen reichtragenden Kirschbaum oben, am Berge hatte, dem pflückten die geschäftigen Zwerglein die Kirschen ab und brachten sie zum Trocknen auf die Hürten18 , daß hernach gutes Kirschwasser daraus gebrannt werden konnte. Der Hirt aber ward neugierig, zumal mocht‘ er gern die Füße der Herdmanndli sehen, kam her und streute Asche rings um den Baum, als die Früchte im nächsten Jähr wieder reiften. Die Herdmanndli kamen, pflückten redlich die Kirschen ab, und am Morgen sah der Hirt ihrer Füßlein Spur in der Asche. Es waren eitel kleine Gänsefüße. Der Hirt lachte und sagt‘ es freudig seinen Genossen an, daß er nun wisse, was für Füße die Herdmanndli hätten. Die Zwerge aber ergrimmten, zerbrachen des Hirten Dach und Fach, versprengten seine Herde, zerknickten dem Kirschbaum Ast um Ast, und ihrer keines kam jemals wieder herunter, den Menschen hilfreich zu sein. Sie blieben droben in ihrer tiefen Höhle und in ihrem Geklüft wohnen. Der Hirt aber wurde ganz tiefsinnig, schlich bleich umher und hat nicht lange gelebt.

  1. Erdmännlein oder Zwerge
  2. Gestelle zum Dörren des Obstes

Winkelried und der Lindwurm

Zu Wylen, einem Dorfe nicht weit vom Pilatus, saß ein Mann, der hieß Winkelried. Und in der Nähe droben am Berge hauste ein schädlicher Lindwurm, der fraß Menschen und Vieh und verödete den ganzen Landstrich, so daß ihn die Umwohner Öd-Wyler nannten.

Nun hatte Winkelried ob einer Mordtat Leib und Leben verwirkt und war flüchtig geworden. Da sandte er Botschaft, daß er, wenn man ihn wieder annehmen wolle, Mut habe, den Lindwurm zu bestehen. Diesen Kampf vergönnte man ihm gern.

Er bewehrte sich gut mit scharfem Schwert, und statt des Schildes hielt er in der linken Hand eine Dornwelle. Diese stieß er dem Drachen, sowie er auf ihn losfuhr, in den weitaufgesperrten Rachen hinein. Das waren dem Lindwurm zu viele Zahnstocher auf einmal; er wand und krümmte sich, und sowie Winkelried eine Blöße sah, stieß er ihm mit sicherer Hand das Schwert in den Leib.

Der Lindwurm sank tot nieder. Von seinem Blute troff Winkelrieds Schwert. Der schwang es hoch und freudig als Sieger und hatte sein Leben gewonnen, aber nur, um es alsbald zu verlieren. Denn vom Schwert ab floß das giftige Drachenblut und rann ihm über die Hand und den Arm. Das brannte alsbald wie Feuer der Hölle, und der Held starb an diesem Brand. Das Land aber hatte er befreit, und das Drachenloch wird noch heute gezeigt.

Der Besserstein

Im Aargau, da wo Reuß und Limmat in die Aar und die Aar in den Rhein fließen, liegt der Geißberg, der trägt auf seinem Gipfel die Trümmer einer Ritterburg. Ein Herr von Villigen baute die Burg auf das schönste und festeste und hatte seine Herzensfreude daran; denn er gedachte in ihr glücklichen Alters froh zu werden und in Leutseligkeit und Güte seinen Untersassen ein treuer Vater zu sein. Fertig stand der Bau, und festlich sollte er eingeweiht werden. Des Bauherrn Söhne und alle Gefreundete rings im Gau waren versammelt, und die Humpen kreisten.

Der Ritter von Villigen sprach zu den Söhnen: »Da schaut nun, wie gut sich’s hier wohnen wird, in der Pracht der Gegend, rund um uns her unsre fleißigen Leute und Mannen, mitten im Kreis der Dörfer unser stattliches Burghaus, fest gegen den Feind, offen dem Freund, den Bedrängten ein Schutz, den Dürftigen eine Herberge. So wollt‘ ich’s haben.«

»Ja, Vater,« sprachen die Söhne, »das ist traun eine wackre Trutzburg worden! Da mag sich das nichtsnutzige Volk auflehnen oder nicht, wir zwingen es von hier aus; wir werden ihm den Fuß auf den Nacken setzen. Von hieraus können wir Zölle legen auf die Flüsse und den Rheinstrom, auf Wege und Stege. Der ganze Gau muß uns tributpflichtig werden, damit unser Gut sich mehre und unser Name gefürchtet sei im Rhein- und Schweizerlande!«

Als der Herr von Villigen diese Rede seiner Söhne vernahm, war es ihm, als wolle sein Blut stocken und sein Herz brechen, und zürnend brach er aus: »Entartete Söhne! So ist euer Sinn? Wartet, den will ich euch bessern!« Und er warf seinen vollen Humpen zur Erde, daß er in tausend Scherben zerklirrte, und sprach: »Wie dieser Humpen zertrümmert liegt, so soll dieser stolze Bau, meine Lust und meine Freude, zertrümmert liegen!«

Und er berief seine Mannen, seine Untersassen, sein ganzes Volk, und hieß sie den neuen Bau abbrechen, und verfluchte die Hand, die ihn wiederum zu bauen beginne. » Besser Stein als eine Zwingburg des Volkes und des Gaues, die Schimpf auf den edlen Namen derer von Villigen häuft!« rief er. Und seitdem liegt auf dem Geißberge der öde Mauerrest und heißt allewege im Volke der Besserstein.

Die Schlangenjungfrau im Heidenloch bei Augst

Zwischen Basel und Rheinfelden liegt ein uralter Ort, der heißt Augst, vom römischen Wort Augusta. Römerkaiser hatten dort ihren Hofhalt und bauten eine schöne Wasserleitung. An dieser ist ein Schlaufloch19 und unterirdischer Gang, der sich weit in die Erde hineinzieht. Niemand hat noch dessen Ende gesehen, und er heißt im Volke das Heidenloch.

Da war im Jahre 1520 ein Schneider zu Basel, der hieß Leonhard, der war auch eines Schneiders Sohn und fast ein Simpel20 . Er stammelte, statt zu reden, und war zu gar wenigen Dingen zu gebrauchen. Den trieb eines Tages die Neugier, doch zu versuchen, wie weit der hohle Gang eigentlich in die Erde hineingehe. Da nahm er eine Wachskerze, zündete sie an und ging in das Schlaufgewölbe hinein.

Leonhard kam an eine eiserne Pforte, die tat sich vor ihm auf. Und da kam er durch mehr als ein hohes und weites Gewölbe, endlich gar in einen Lustgarten, darinnen standen viele schöne Blumen und Bäume, und in der Mitte des Gartens stand ein wohlerbauter Palast. Alles umher aber war still und menschenleer. Die Türe zu dem stattlichen Lusthaus stand offen; da ging Leonhard hinein und trat in einen Saal. Darin erblickte er eine schöne Jungfrau, die trug auf ihrem Haupt ein goldig Krönlein und hatte fliegende Haare. Aber – o Scheuel und Greuel! – von des Leibes Mitte abwärts war sie eine häßliche Schlange mit langem Ringelschweif. Hinter der Jungfrau stand ein eiserner Kasten, darauf lagen zwei schwarze Hunde, die sahen aus wie Teufel und knurrten wie grimmige Löwen.

Die Jungfrau grüßte Leonhard sittiglich, nahm von ihrem Hals einen Schlüsselbund und sprach: »Siehe, ich bin von königlichem Stamme und Geschlecht, aber durch böse Macht also verwünscht und zur Hälfte in ein greulich Ungetüm verwandelt. Doch kann ich wohl erlöset werden. Wenn ein reiner Junggeselle mich trotz meiner Ungestalt dreimal auf den Mund küsset, dann erlange ich meine vorige Menschengestalt wieder, und mein ganzer Schatz ist sein.« Und da machte sie sich zu dem Kasten, stillete die murrenden Hunde, schloß den mittlern Deckel mit einem ihrer Schlüssel auf und zeigte Leonhard, welch ein großes Gut an Gold und Kleinodien darinnen enthalten sei. Sie nahm auch etliche goldne und silberne Münzen heraus und gab sie Leonhard und blickte ihn seufzend und gar inniglich an.

Leonhard hatte in seinem Leben noch keine Maid geküßt; es ward ihm jetzt warm ums Herz, und er wagte es, der Schlangenjungfrau einen Kuß auf ihren schönen Mund zu geben. Da erglühten ihre Wangen und erfunkelten ihre Augen; ihr Antlitz strahlte vor Freude, und sie lachte vor Lust und Hoffnung der Erlösung. Und da geschah der zweite Kuß, und dabei ringelte sich der Schlangenschweif um ihn. Da schauderte ihn, und er riß sich mit Gewalt los, nahm seine noch brennende Kerze und entwich. Die Jungfrau stieß hinter ihm ein wehklagendes Geschrei aus, das ihm durch Mark und Bein drang, und er kam aus dem Gang und Loch heraus, er wußte gar nicht wie.

Seitdem empfand der Jüngling eine brennende Sehnsucht nach der Schlangenjungfrau. Immerdar trieb es ihn zurück zu ihr, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Aber nun vermocht‘ er nimmer den Eingang zur Schlangenhöhle wiederzufinden, und es soll auch nach ihm keinem wieder geglückt sein.

  1. Schlüpfloch
  2. einfältiger Mensch

Karls des Großen Tod und Grab

Als es mit Kaiser Karl dem Großen zum Sterben kam, verordnete der Held, wie es mit seinem Begräbnis geschehen solle. Und es geschahen zugleich große Wunderzeichen am Himmel und auf Erden, welche des mächtigen Kaisers Absterben voraus verkündeten. So stürzte der bedeckte Gang ein, der von der Kaiserpfalz auf den Markt zum Münster führte.

Und da Karolus nun verstorben war, da ward er beigesetzt in einer neuen wohlverwahrten Gruft, auf einem Stuhl von Marmelstein aufrecht sitzend, auf seinem Haupt die Krone und in der einen Hand das Zepter, in der andern das Evangelienbuch, und ward dann über ihm die Gruft geschlossen und vermauert. Das geschah gleich am zweiten Tage nach dem Tode des großen Herrschers. Und nach wenigen Wochen kam Ludwig der Fromme, sein Sohn, und übernahm das Erbe des Reiches. Der sah seinen Vater nicht mehr, und kein Mensch sah ihn mehr, bis man das Jahr 1000 schrieb.

Da trug des Reiches Krone Kaiser Otto III. vom Sachsenstamme. Den gelüstete zu einer Zeit, den Leichnam Karls des Großen zu schauen. Und er ging zum Grabe dar, geleitet von zwei Bischöfen und einem Grafen, und ließ eine Öffnung in die Gruft brechen. Da saß der nun seit fast zwei Jahrhunderten beigesetzte Kaiser noch hoch und hehr wie ein steinern Heldenbild auf seinem Marmelstuhl, die Krone noch auf dem Haupte, das Zepter in der Hand und das Buch auf den Knien, schier dräuend und schrecklich anzusehen. Alle beugten sich ehrfurchtsvoll vor dem großen Toten. Dann ließ Kaiser Otto das Grab wieder schließen und fest vermauern.

In der Nacht darauf aber erschien Karolus dem Kaiser Otto III. im Traume, hehr und schrecklich anzusehen, und sprach zu ihm: »Mußtest du kommen und meine Ruhe stören? Bald wirst du ruhen, wo ich ruhe, nicht weit von mir, und erlöschen wird mit dir dein Stamm!«

Otto, der Kaiser, nahm sich dies Gesicht sehr zu Herzen. Er gründete eine Kirche und ein Klosterstift und ließ es weihen zu Ehren Sankt Adalberts. Und im zweiten Jahre, nachdem er Karls Leichnam gesehen, da war schon das Wort der Erscheinung erfüllt, und Otto III. ruhte in der Kaisergruft im Aachener Dome.

Hernachmals hat nach abermals 200 Jahren Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen Kaiser Karls Gebeine erheben und in einen prächtigen goldenen und silbernen Kasten legen lassen, die Krone aber und andere Kleinodien dem Domschatz überwiesen.

Der Schwanritter

Da Herzog Gottfried von Brabant zum Sterben kam und hatte keinen Sohn, wollte er sein Land und Erbe seiner Gemahlin und seiner Tochter überlassen. Aber Gottfrieds Bruder Telramund wollte darein nicht willigen und sagte, das Land sei kein Weiberlehen, und nahm Brabant für sich. Da verklagte ihn die Herzogin bei König Heinrich dem Vogler, und der lud sie und auch ihren Schwager gen Nimwegen am linken Arm des Rheinstroms, die Waal geheißen. Und sie kam dahin mit ihrer Tochter, und auch ihr Gegner.

Da geschah es, daß König Heinrich durch ein Fenster hinausschaute und hinab auf den Strom; da sah er einen Schwan schwimmen, der hatte ein silbernes Halsband und zog mit diesem an silberner Kette einen Nachen nach sich, und in dem Nachen lag ein Ritter in gleißendem Harnisch. Sein Haupt ruhte auf seinem Schilde, seinen Helm und die Halsbrünne hatte er abgetan und neben sich gelegt, und der Schwan ruderte an das Ufer heran. Alle Hofleute, die das sahen, samt dem König verwunderten sich sehr, vergaßen den Rechtshandel und eilten nach dem Ufer hinunter. Der ritterliche Jüngling im Nachen erwachte, tat sein Gewaffen wieder an, erhob den Schild, auf dem acht Zepterlein um einen weißen Karfunkel gestellt waren, stieg aus der Barke und sprach zu dem Schwan: »Flieg deinen Weg wohl hin, lieber Schwan! So ich deiner bedarf, will ich dich rufen.« – Da wandte sich der Schwan und ruderte im Wasser und entschwand samt dem Nachen den Augen der ihm Nachschauenden.

Alles blickte ganz verwunderungsvoll nach dem Gast, dem der König selbst die Hand bot und ihn nach der Burg geleitete. Dann setzte er sich auf den Richterstuhl und hieß den Fremdling bei den Fürsten und Herren eine Stelle einnehmen. Es erhub nun die Herzogin ihre Klage, und ihr Schwager brachte seine Gegenrede vor und sprach, daß er bereit sei, für sein Recht zu kämpfen; die Herzogin solle ihm nur einen Kämpen stellen, der mit ihm für ihr und ihrer Tochter vermeintes Recht stritte. Der Herzog Telramund war aber ein gar mannlicher Held und dem Besten im Kampfe überlegen. Darum erbebte die Herzogin; denn sie wußte keinen Kämpen in ihrer Sippschaft aufzufordern, sich jenem gegenüberzustellen. Da weinte sie in bitterm Schmerz, und ihre Tochter weinte mit ihr, und es war ihr weh im Herzen.

Siehe, da erhob sich der junge Ritter, der mit dem Schwan gekommen war, von seinem Stuhl, neigte sich gegen den König und sprach: »So du es mir vergönnst, großer König, so will ich wohl dieser Frauen Kämpe sein!« Das wurde ihm gewährt, und er stritt darauf einen schweren Streit mit dem Herzog Telramund; doch besiegte er ihn endlich und machte so der Herzogin und ihrer Tochter Erbe frei und ledig. Die dankten ihm in Züchten, und die Herzogin bot ihm jeden Kampfeslohn, den sie gewähren könne, und wär‘ es selbst ihrer Tochter Hand und einstiges Erbe. Da sagte der Jüngling, Werteres könne ihm nimmer geboten werden; doch müsse er unerläßlich bedingen, daß seine Braut und Vermählte nie und nimmermehr ihn frage, wie er heiße, woher er gekommen, welches sein Geschlecht sei, wer ihm Vater und Mutter wäre und solcher Fragen mehr; denn sowie sie solche Fragen auch nur ein einziges Mal an ihn richte, müsse sie ihn auf immer verlieren.

Diese Bedingung deuchte der Prinzessin von Brabant gar leicht zu halten; sie gelobte ihm das und vermählte sich dem Schwanenritter. Sie zogen nach Kleve, der uralten Stadt, wo schon Julius Cäsar eine Burg erbaut, erneuten das Schloß und nannten es Schwanenburg und freuten sich des Lebens. Sie gewannen auch zwei blühende Kinder und waren sehr glücklich. Und sie wären es geblieben, wenn nicht der Weiber Erbsünde, die schlimme Neugier, die junge Herzogin gequält und immer mehr gequält hätte. Denn sie mochte gar zu gerne wissen, wer denn eigentlich ihrer Kinder Vater sei. Und so drückte es ihr fast das Herz ab, bis sie endlich die Frage tat, die ihr doch so ernst verboten war. Da sprach der Herzog: »Nun hast du dein Glück und mein Glück zerbrochen, und hast mich am längsten gesehen!« Und er waffnete sich und winkte zum Fenster hinaus.

Da kam schon der Schwan geschwommen mit seinem Schifflein. Und der Herzog küßte seine Kinder und drückte seiner Gemahlin stumm und schmerzlich die Hand. Die weinte überlaut und stürzte ihm voll Reue zu Füßen und wollte ihn zurückhalten, und auch alles Volk flehte ihn an, daß er bleiben sollte. Aber der Schwanritter konnte nicht bleiben. Er segnete alle, bestieg seinen Kahn und fuhr von dannen.

Tief drang der Kummer ins Gemüt der Herzogin. Doch erzog sie die Kinder zu tüchtigen Rittern, und ihnen entstammten alle späteren Herzöge von Kleve und Geldern und Rheineck; die führten meist den Schwan im Wappen. Des Landes Heerschild aber blieb der weiße Stein im roten Felde, um den die acht goldnen Zepterstäbe gestellt sind, bis auf diesen Tag. Auf dem Schwanenturme der Schwanenburg aber zeugt noch ein weißer Schwan, der sich im Winde dreht, von dieser Geschichte.

Die Tellensage

Lieder und Chroniken des Schweizerlandes preisen den Tell als den Schöpfer der Schweizer Freiheit, und in alle Lande ist sein Ruhm erklungen.

Es war zu den Zeiten, da Kaiser Albrecht von Österreich regierte; der war ein strenger und heftiger Herr und suchte, daß er sein Land mehre. So kaufte er viele Städte, Flecken und Burgen in dem Schweizerlande und setzte Landvögte ein, die in seinem Namen regierten. Drei Schweizerstädte und Landschaften aber wollten nichts von dem Österreicher wissen. Da sandte ihnen der Kaiser zwei edle Boten, den Herrn von Lichtenstein und den Herrn von Ochsenstein, die mußten den Orten vortragen, daß sie sich doch sollten in Österreich Schutz und Schirm begeben, da könnten sie es mit der ganzen Welt aufnehmen; wollten sie das aber nicht, so wolle der Österreicher ihr Feind sein, und sie sollten sich nichts Gutes von ihm zu versehen haben. Aber da sprachen die Männer von Schwyz: »Liebe Herren, wir wollen dem Hause Österreich gern in allen Ehren zu Lieb und zu Dienst sein; aber wir wollen doch bei unsrer alten Freiheit bleiben, die noch niemalen ein Fürst oder Herzog angetastet hat.« – Auf diese Rede brachen die Abgesandten rasch auf und ritten stracks nach Uri und Unterwalden; dort, dachten sie, würden sich die Städte gleich der Braut mit Österreich vermählen. Es kam aber ganz anders; denn die drei Orte hatten sich schon miteinander verbunden und sich verschworen, treulich zusammenzuhalten. Sie sagten, daß ihre Freiheit ihnen verbrieft sei von dem Kaiser Friedrich dem Hohenstaufen und Rudolf dem Habsburger, und so ritten die Abgesandten unverrichteter Sache von dannen.

Bald darauf sandte Albrecht von Österreich zwei Vögte, die hießen Geßler und Landenberger. Von denen sollte Geßler ein Amtmann zu Schwyz und Uri sein, der Landenberger aber zu Unterwalden; doch sollten sie sich zu Anfang gut und freundlich erzeigen, ob sie vielleicht das Volk in Güte bewegten. Allein dieses ließ sich nicht bewegen, und da erhielten die Landvögte Befehl, den Bauern alles gebrannte Herzeleid anzutun. Als das nun geschah, da sandte das Volk Klageboten an Albrecht; der aber ließ sie gar nicht vor sein Angesicht. Nun gingen die Sendboten zu des Kaisers Räten und baten sie freundlich und ernstlich, sie sollten dem Mutwillen und der Plackerei der Vögte steuern und verhindern, daß sie mit neuer und unerhörter Schatzung das Volk bedrückten. Aber die Räte sprachen: »Ihr Männer seid selber schuld an allem Übel. Warum wollt ihr euch nicht auch in unsers Herrn Schutz und Schirm begeben? Tätet ihr solches, so hättet ihr Ruhe und guten Frieden!« – Da kehrten die Gesandten traurig heim und ohne Hoffnung und sagten den Ihrigen die schlimme Botschaft an.

Damals wohnte in Unterwalden ein gar redlicher Mann, der niemals Untreue verübte; der war dem Landenberger insonderheit verhaßt, und sein Name war Heinrich vom Melchthal an der Halde. Zu dem sandte der Landenberger, der auf Burg Sarnen saß, einen seiner Knechte mit dem Gebot, dem Melchthaler die Ochsen vom Pfluge abzuspannen. Flugs gehorchte der Knecht und wollte dem Manne die Ochsen vom Pfluge wegführen. Heinrich vom Melchthal aber sprach: »Laß ab; meine Ochsen behalte ich! Hab‘ ich was Sträfliches getan, so soll man mich vorfordern und richten!« Der Knecht sprach: »Bauer, ich tue, was meines Herrn Gebot ist; frag ihn um die Ursach‘! Ihr Bauern seid selber Ochsen genug, daß ihr den Pflug selbst ziehen könnt.« – Diese lose Rede hörte des Alten Sohn, der hieß Arnold. Und er nahm alsbald einen Stecken und schlug dem Knecht des Landenbergers einen Finger entzwei, daß ihm das Ochsenausspannen verging. Der Knecht entwich, die Tat dem Landvogt anzusagen, und der junge Arnold vom Melchthal entwich nach Uri. Der Landenberger ließ alsbald Heinrich vom Melchthal vor sich bringen und begehrte von ihm des Sohnes Aufenthalt zu erfahren. Da nun der Alte nicht sagen wollte oder nicht wußte, wohin sein Sohn sich geflüchtet, so ließ der Landenberger dem Alten beide Augen ausstechen, nahm ihm sein Gut und trieb ihn ins Elend.

Auf der Burg Roßberg hatte der Landenberger einen Pfleger sitzen, der hieß von Wolfenschießen, der war auch einer von den Pressern. Der kam in Konrad Baumgartens Behausung und traf, wie er schon im voraus wußte, nicht den Mann, sondern nur dessen frommes und schönes Weib an, zu der er ein sonderlich Gelüsten hatte. Er rief sie an, indem er vom Pferde stieg, sie solle nach einem Zuber umschauen und ihm ein Bad rüsten, es sei ihm heiß vom starken Ritt. Und als er nun im Bade saß, da winkte er ihr, sie solle zu ihm sitzen. Sie aber tat, als wolle sie ihm gehorchen, und lief alsbald nach dem nahen Walde, wo ihr Mann Holz haute. Der hatte gerade Feierabend gemacht und kam ihr mit der Axt entgegen. Er hörte ihre Not und Klage und sprach: »Dem Bader will ich das Bad wohl gesegnen!« Und er lief einen nahen Pfad, traf den Wolfenschießen noch im Zuber und schlug ihn mit der Axt dermaßen, daß der Kopf in zwei Hälften auseinander spaltete.

Der Landvogt Geßler, der zu Uri saß, hub an auf einem Bühel12 über Altdorf eine neue Burg zu bauen, die sollte genannt werden »Zwing-Uri«, um so das Landvolk recht zu quälen und zu reizen. Und weil der Geßler wußte, daß er allem Volke verhaßt war, und mutmaßte, es möge sich schon etwas Heimliches gegen ihn angesponnen haben, so ließ er mitten auf einem freien Platze, wo jedermann vorüberwandelte, eine hohe Stange aufrichten, mit einem Hute darauf, und befehlen, daß jedermann, wer es immer sei, dem Hute Reverenz13 erzeigen solle mit Bücken und Hutabnehmen, als ob es der Vogt selbst sei. Und er ließ heimlich spüren und aufpassen, wer es etwa nicht täte.

Darauf ritt er gen Schwyz und kam über Steinen; da wohnte ein gar frommer Mann, der hieß Werner Stauffacher, der hatte noch nicht lange zuvor ein neues Haus an seines alten Statt gebaut. Da nun der Vogt vorüberritt, fragte er: »Wem gehört dieses Haus?« Der Stauffacher wollte recht höflich sein und sagte nicht, daß es ihm gehöre, sondern antwortete: »Meinem Kaiser und Euch, Herr Landvogt, ich trag’s nur von Euch zu Lehen! Beliebt Euch, einzutreten?« – Aber der Landvogt fuhr den Stauffacher scheltend an: »Ich bin hier an des Kaisers Statt! Hast du um Erlaubnis gefragt zu diesem Bau? – Nein! Und baut ihr Bauern nicht Häuser, als wenn Herren darinnen wohnen sollten? Das will ich euch wohl wehren!« Sprach’s und ritt trutziglich weiter.

Den Stauffacher schmerzte die Rede sehr; aber sein kluges Weib tröstete ihn und sagte zu ihm, er solle sich doch umtun bei anderen Freunden und mit ihnen Rats pflegen, daß es anders werde. Da ging Werner Stauffacher gen Uri zu einem Freund, der hieß Walter Fürst, und bei diesem fand er Arnold vom Melchthal, der sich noch flüchtig hielt. Und da ratschlagten die drei miteinander und wurden eins, daß sie noch andere treue und vertraute Männer aufsuchen und mit ihnen einen Bund gegen den Druck der Vögte schließen wollten. Das gelang ihnen vortrefflich, und es ward ein großer heimlicher Bund, zu dem traten auch viele von ritterlichem Geschlecht; denn die Vögte waren auch ihnen aufsässig und nannten sie Bauernadel und adelige Kuhmelker.

Darauf erkieseten die Männer des Bundes zwölf aus ihrer Mitte als ihren Vorstand, die kamen zusammen und tagten in ihren Sachen auf einer Matte, die man nennt das »Rütli«, am Vierwaldstätter See. Da rieten die von Unterwalden, man solle noch verziehen und warten, weil es schwer wäre, in aller Schnelle die festen Plätze, wie Sarnen und Roßberg, zu gewinnen, und wolle man sie belagern, so gewinne der Kaiser Zeit, ein Heer zu senden, das sie allzumal aufreiben werde. Man solle lieber die Schlösser mit List gewinnen, niemand töten, der sich nicht bewaffnet widersetze, allen übrigen freien Abzug gewähren und dann die Festen bis auf den Boden schleifen. Als die Männer so tagten und den großen Bund beschwuren, da entsprangen der Matte heilige Quellen.

Nun geschah es, daß ein Mann aus Uri, Wilhelm Tell geheißen, etliche Male achtlos an Geßlers Hut vorüberging und ihm keine Reverenz machte. Kaum ward das angezeigt, so ließ der Vogt ihn vor sich kommen. Tell aber sprach: »Ich bin ein Bauersmann und vermeint‘ nit, daß soviel an dem Hut lieg‘; hab‘ auch nit sonder acht darauf gehabt.« Da ergrimmte der Vogt, schickte nach des Tellen allerliebstem Kind und sagte: »Du bist ja ein Schütz und trägst Geschoß und Gewaffen mit dir herum; jetzt schieße diesem deinem Kind einen Apfel vom Kopf!« – Dem Tell erschrak das Herz, und er sprach: »Ich schieße nicht; nehmt lieber mein Leben!« – »Du schießest, Tell!« schrie der Landvogt, »oder ich lasse dein Kind vor deinen Augen und dich hinterdrein niederstoßen.« Da betete der Tell innerlich zu Gott, daß er seine Hand führe und des liebsten Kindes Haupt schirme. Und der Knabe stand still und zuckte nicht, und Tell schoß und traf den Apfel. Da jauchzte das Volk laut auf und umjubelte den Tell, den meisterlichen Schützen.

Das verdroß erst recht den Geßler, und er schrie den Tell an, der noch einen Pfeil im Koller hatte: »Du hast noch einen Pfeil, Tell; sag an, was hätt’st du getan, wenn du dein Kind getroffen?« Tell antwortete: »Das ist so Schützenbrauch, Herr.« – »Nein, das ist eine Ausrede, Tell!« antwortete der Landvogt. »Sag es frei; ich sichere dich deines Lebens.« – »Wenn Ihr es denn wissen müßt,« sprach Tell, »und mich meines Lebens versichert, so höret denn: traf ich mein Kind, so hätte dieser Pfeil Euer wahrlich nicht, fehlen sollen!« – »Ha, du Schalk und Erzbösewicht!« schrie der Landvogt, »das Leben hab‘ ich dir versichert, aber nicht die Freiheit. Ich will dich an einen Ort bringen, wo weder Sonne noch Mond dich bescheinen soll!« Hieß alsobald seine Knechte den Tell binden und ihn in sein Schiff bringen, darin er über den Vierwaldstätter See fahren wollte und von Weggis nach Küßnacht reiten.

Da schuf Gott der Herr einen Sturmwind und ein schrecklich Ungewitter, daß das Wasser ins Schiff schlug. Da sagten die Schiffsleute dem Landvogt, daß der Tell der beste Schiffslenker sei, der allein könne sie noch aus der Todesgefahr retten. Darauf ließ der Landvogt den Tell losbinden; der ruderte flugs mit starken Armen und brachte das Schifflein nach dem rechten Ufer, wo das Schwyzer Gelände sich hinabsenkt. Da war ein Vorsprung mit einer Felsenplatte, auf diese sprang plötzlich der Tell mit seinem Geschoß, das er rasch ergriff, stieß mit Gewalt das Schifflein von sich und ließ es durch die Wellen treiben. Des erschraken der Landvogt und seine Leute mächtig; Tell aber entfloh eilend auf Pfaden, die ihm wohlbekannt waren.

Rheinsagen

Als die im Schiff bei Laupen14 waren, legte sich der Sturm. Geßler ließ aber dennoch bei Brunnen14 anlegen; denn er fürchtete sich vor dem Ungestüm der Seen. Tell wandelte auf Bergpfaden hoch über den Seetälern und sah, wohin der Landvogt zog. Und da fand sich zwischen dem Art16 und Küßnacht eine hohle Gasse, dort harrte Tell des Vogts. Und als er durch die hohle Gasse dahergeritten kam, schoß ihn der Tell mit dem aufgesparten Pfeil vom Rosse herunter, wie ein Jäger eine wilde Katze vom Baume schießt. Nach solcher Tat wich der Tell von hinnen, kam im Dunkel der Nacht im Lande Schwyz in des Stauffachers Haus zu Steinen, eilte dann durchs Gebirg zu Walter Fürst in Uri und sagte allen an, was sich zugetragen und daß es jetzt an der Zeit sei, loszuschlagen und das fremde Joch abzuschütteln.

Nun war es nicht mehr weit hin bis zum neuen Jahr; denn als der Bund auf dem Rütli tagte, war schon Wintermond. Und da ward zuerst Roßberg mit List eingenommen von den Unterwaldnern und darauf Sarnen ohne Schwertschlag. Und es mußten alle Dienstleute der Vögte Urfehde geloben und schwören, nimmer wieder in das Schweizerland zu kommen. Das noch nicht fertig ausgebaute Schloß Zwing-Uri wurde wie die genannten Schlösser der Erde gleichgemacht, und Werner Stauffacher brach Schloß Louvers, das in den See hineingebaut stand.

Da nun Kaiser Albrecht von allen diesen Dingen die Kunde vernahm, geriet er in großen Zorn und nahm gleich ein Kriegsheer, die Schweizer zu züchtigen. Aber auf diesem Zuge, da er durch den Aargau ritt und gen Brugg wollte, wurde er von seinem eigenen Neffen, Johann, Herzog von Schwaben, ohnweit Königsfelden meuchlings erschlagen. Darum behielten die Schweizer Frieden und ihre Freiheit bis auf den heutigen Tag.

Das ist die Sage von der Schweizer Bündnis und der Tat des Tell. Ja, die drei ersten Gründer des Bundes der Schwyzer, Unterwaldner und derer von Uri – denen sich dann Zürich, Luzern, Zug, Glarus, Freiburg und Solothurn anschlossen, denen endlich Schaffhausen und Appenzell folgten – galten und gelten dem Landvolke als drei Telle, die in einer Felskluft verzaubert schlafen, wie Kaiser Friedrich im Kyffhäuser und Kaiser Karl im Untersberge. Sollte das Schweizer Vaterland in Not kommen, so werden die drei Telle aus ihrer Gruft hervorgehen und es aufs neue befreien. Den Weg zu ihrer Höhle weiß keiner. Nur zufällig kam einst ein Hirte, der einer verlaufenen Ziege nachging, an eine Höhle; da fand er die drei Männer, und der eine Tell richtete sich vom Schlummer auf und fragte: »Welch‘ Zeit ist’s auf der Welt?« – »Hochmittag!« antwortete der Hirte. »So ist’s noch nicht an der Zeit!« sprach der Tell und legte sich wieder zum Schlummer hin. Keiner hat nachher die Höhle wiedergefunden.

  1. Hügel
  2. Ehrerbietung
  3. am Vierwaldstätter See
  4. am Vierwaldstätter See
  5. Flecken am Zuger See

Ida von der Toggenburg

Rheinaufwärts am Bodensee liegt die Toggenburg, der uralte Stammsitz der nach ihr genannten Grafen. Darinnen wohnte eine fromme Gräfin, Ida geheißen, aus dem Stamme derer von Kirchberg.

Da geschah es eines Tages, daß sie ihren Brautring in das offene Fenster legte, und die Sonne schien darauf, daß er hell blitzte. Ein Rabe sah den Ring, schoß daher, erfaßte ihn mit seinem Schnabel und trug ihn fort in sein Nest. Wohl vermißte die Gräfin ihren Ring; doch fürchtete sie den Zorn ihres heftigen Gemahls, wenn sie ihm den Verlust melde, und daher schwieg sie.

Nach einiger Zeit fand ein Diener des Grafen im Walde des Raben Nest und in dem Nest den Ring der Herrin. Ohne daß er wußte, wem der Ring gehörte, steckte er ihn an seinen Finger und trug ihn sonder Scheu. Da sah und erkannte der Graf seiner Gemahlin Ring, den er ihr selbst gegeben, am Finger des Knechts. Er glaubte sie treulos, ließ alsbald den unschuldigen jungen Gesellen am Schweif eines wilden Pferdes den felsigen Burgweg hinab zu Tode schleifen und warf die ebenso unschuldige Gemahlin vom Söller des Palastes hinab in den waldigen Felsenabgrund.

Aber Engel schirmten die Unschuld; sanft sank Ida, von unsichtbaren Händen getragen, durch schützendes Gezweig auf weiches Moos. Inbrünstig dankte sie den Heiligen für ihre wunderbare Rettung und wandelte weit von der Burg hinweg in eine unwegsame Wildnis. Dort erbaute sie sich eine Hütte von Gezweig und lebte als Einsiedlerin nur dem Gebet und der Andacht. Wasser war ihr Getränk, Waldbeeren und Wurzeln waren ihre Nahrung.

Bald darauf sagte ein Diener dem Grafen von seines Mitgesellen Ringfund im Rabennest, und nun lastete seine Tat schwer auf des Grafen Seele. Einstmals verirrte sich unversehens ein Jäger des Grafen in die Waldeinöde und fand die einsame Gräfin. Schnell trug er die Kunde zu seinem Herrn, der längst jene übereilte Tat bereute. Der Graf eilte zu der Einsiedlerin, wollte sie wieder hinauf in sein Schloß führen und erflehte ihre Vergebung. Aber Ida ließ sich nimmer bewegen.

Der Graf von Toggenburg nahm das Kreuz, entbot seine Dienstmannen rings im Schweizerlande und zog mit ihnen zur Büßung und Entsühnung seiner Tat nach dem Heiligen Lande, um dort gegen die Ungläubigen zu fechten. Dort kämpfte er mit in großen Schlachten und machte seinen Namen gefürchtet. – Aber es zog ihn die mächtige Sehnsucht im Busen wieder nach der Heimat zurück. Immer noch hoffte er, Ida werde sich wieder mit ihm vereinigen; denn nie hatte er sie so geliebt, als seit er sie wiedergefunden.

Nach einem Jahre schiffte er wieder der Heimat zu. Aber da er nach Ida fragte, ward ihm die Kunde, daß sie im Kloster Fischingen den Schleier genommen und dort lebe, still und heilig. Da tat der Graf allen ritterlichen Schmuck ab, hing Wehr und Waffen in seine Kapelle und pilgerte hinab gen Fischingen als armer Einsiedler, erkor sich einen Platz in der Nähe des Klosters, und darin lebte, büßte und betete er, bis er starb.