Vierundzwanzigstes Kapitel

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wir aber, da es nun so still geworden im Tal und auf den Höhen, lassen die Blicke weit über das schöne Land hinschweifen, um nicht in Wehmut zu vergehen. Da rauschen die Wälder so frisch über Lust und Not, als rief es: Menschenkind! blick auf zum weiten Sternenhimmel, da ist ja doch alles eitel und nichts dagegen! – Und fern im Gebirg, wo der Mond so hell über die Waldwiese scheint, gewahren wir plötzlich zwei Wanderer, die fröhlich niedersteigen: es sind die beiden Liebesleute auf ihrer abenteuerlichen Fahrt. Fortunat hat soeben die Pferde in einem Dörfchen untergebracht und wendet sich mit Fiametta auf einem Fußsteig zwischen die leise bewegten Kornfelder hinein, die Nacht kühlt sich am Horizont mit Wetterleuchten, eine Wachtel schlägt fern im Feld. Vor ihnen aber breiten sich dunkle Höhen aus, der Mond beleuchtet nur einzelne Abhänge, da erkennt er nach und nach Lauben und Gänge, zuweilen blitzt ein Springbrunnen auf, aus den duftigen Gebüschen hören sie schon die Nachtigallen über das Feld herübertönen. Auf einmal hält Fortunat still und schwenkt voll Freuden seinen Hut. »Grüß dich Gott, du kühler Wald!« ruft er aus Herzensgrunde. Fiametta sieht ihn einen Augenblick fragend an, dann schwenkt auch sie jubelnd ihr Hütchen, ohne zu wissen warum. – Es ist Hohenstein, das vor ihnen liegt.

Er kannte noch aus alter Zeit den Steg im Gartenzaun, sie schwangen sich hinüber und stiegen mit klopfenden Herzen den Waldberg hinan. Fortunat blickte oft seitwärts zwischen die Bäume hinein nach den stillen Gängen, wo er so oft gewandelt, es war alles so fremd und unheimlich im Mondschein. »Das ist Jakobs Traumleiter«, sagte er fröhlich, »wie sie der liebe Gott zuweilen in solchen Frühlingsnächten herunterläßt, nur frisch! wir steigen ins Himmelreich, ich seh‘ schon die Sterne durch die Wipfel flimmern.« – Jetzt hatten sie die letzten Stufen erreicht, auf einmal traten sie zwischen dem dunklen Laub, wie Bergleute aus einem Schacht, ins Freie hinaus. Da sahen sie rechts das alte Schloß und vor ihm die weiten, duftigen Blumenplätze, stille Lauben und Büsche, ein Springbrunnen plätscherte schläfrig dazwischen, weiterhin dämmerte eine unermeßliche Aussicht im Mondglanz durch die wunderbare Einsamkeit herauf. Fortunat schaute schweigend in die Runde, und eh‘ die kleine Marchesin sich noch besinnen konnte, hatte er schon eine weitgebreitete Linde bestiegen, die am äußersten Abhang über den schimmernden Abgrund hinaushing. »Fiametta!« rief er von oben, »wär’s nicht um dich, ich möchte alles wach schreien vor Freude! Sieh, da unten blickt der Strom manchmal so heimlich auf, drüben grasen Damhirsche am mondbeschienenen Abhang, nun seh‘ ich auch das Dorf, wo die lustigen Mädchen wohnen, mit denen ich hier oben getanzt, das schläft nun alles, alles – nur eine Turmuhr schlägt dort von fern herüber, ich hört‘ sie damals oft bei stiller Nacht. Und Gott Vater fährt über die Saiten seiner Harfe, wie eine leise Musik zieht’s gnadenreich über die stille Gegend.«

Fiametta aber sah sich nach allen Seiten um wie ein scheues Reh. In dem dunklen Buchengange, der vom Schloß herabkam, schwankte das Mondlicht, als bewegten sich bleiche Gestalten, sie fürchtete sich so allein da unten. Fortunat bemerkte es endlich, er reichte ihr die Hand, sie stieg schnell auf die Bank, die unter dem Baume stand, und schwang sich nun zusammen in dem dämmernden Laube bequem zwischen die Äste zurecht, vor ihnen schossen Sternschnuppen über das Land, manchmal bellte ein Hund fern in den Dörfern, Fiametta baumelte, in Erwartung der Dinge, zufrieden mit den Beinchen. »Nun erzähle was«, sagte sie. Und Fortunat besann sich nicht lange, die alte phantastische Nacht flüsterte verworren durch die Zweige, er fing sogleich aus dem Stegreif an, als spräch‘ er im Traum:

»Es waren einmal zwei Kinder, Kasperl und Annerl, die hatten einander sehr lieb. Die saßen einmal vor dem Hause und besahen schöne Bilder in einem großen Bilderbuch, das die Annerl mitgebracht hatte, die Vögel sangen im Walde, und das Abendrot ging über die Berge vor ihnen. Auf dem Bilde war eine sehr schöne Gegend zu sehen, fruchtbare Auen, Flüsse, Dörfer und Schlösser, dahinter ein wunderbar gezacktes Gebirg mit einsamen Kapellen und Wäldern, an deren Saum eine Prozession mit bunten Fahnen dahinzog. Das Abendrot schien über das Bild, und wie sie es so mit rechtem Fleiß betrachteten, da fingen auf einmal die gemalten Bäume an, leise zu rauschen, schöne bunte Vögel flogen über die Landschaft, die Brünnlein glitzerten im Gebirg, die Fahnen wehten, sie hörten die Prozession aus weiter Ferne singen. Und eh‘ sich der Knabe noch besinnen konnte, sah er zu seinem Erstaunen auch das kleine Annchen schon mitten drin, sie winkte ihm fröhlich, er faßte sich endlich ein Herz und sprang ihr nach, so liefen sie beide voller Freuden in das Buch und die Landschaft hinein. – Als Kasperl einmal zurücksah, war ihr Haus und die Gegend, wo es stand, schon hinter ihnen verschwunden, von der Prozession hörten sie nur noch manchmal den Gesang herübertönen, die Sonne war lange unter, je weiter sie kamen, je einsamer und prächtiger wurde alles. Auf einmal, da sie eben durch einen Felsenbogen traten, erblickten sie ein himmelhohes Gebirge vor sich, daß es ihnen ordentlich den Atem verhielt. Auf dem höchsten Berge stand ein herrliches Schloß, das war von lauter Silber, mit Gold gedeckt, vor dem Schloßtor aber saß eine wunderschöne Frau, die war über einer Harfe eingeschlummert. Aus ihren langen Locken und Gewändern kam ein prächtiger Mondschein und beleuchtete die Alpen und die wundersamen Klüfte, Wälder und Abgründe ringsumher. Unten, wo die Strahlen nicht mehr hinlangen konnten, sahen sie kleine bucklichte Männchen in der Dämmerung lustig von den Felsenzacken Purzelbäume schießen, von fern klang das Glöcklein eines Einsiedlers, ein Jäger, der sich verirrt hatte, stand auf dem Felsen gegenüber und gab zuweilen mit seinem Waldhorn Antwort. Oben aber am Schlosse weideten weiße Schäfchen auf den Abhängen, hoch vom Turm der Burg bliesen Engel auf silbernen Zinken wunderschön über die stillen Gründe.«

»Ach, da möcht‘ ich auch einmal hin!« rief hier Fiametta freudig aus. – »Es ist nur gar zu weit von hier«, erwiderte Fortunat – »aber wackle nicht so mit den Beinchen, wir fallen sonst beide vom Baum.« – Sie rückte sich nun näher zum Hören zurecht und Fortunat fuhr wieder fort:

»Das ist die Göttin Luna«, antwortete nun Annerl, auf die Frau vom Schlosse weisend. – »Kennst du sie denn?« fragte Kasperl verwundert. – Sie lachte: »Du bist doch noch sehr dumm für dein Alter, bleib jetzt nur dicht bei mir, sonst verirrst du dich hier.« – Kasperl aber sah nun einen alten, großen, geduckten Mann seitwärts am Wege sitzen, der hatte einen Sack voll prächtiger Äpfel umhängen. Da wurde er ganz genaschig, er wollte nur geschwind noch ein paar Äpfel auf den Weg kaufen, wie er aber in den Sack hineinguckt, erwischt ihn der Mann schnell bei den Füßen, wippt ihn so hinein und schnürt den Sack über ihm fest zu. »Aha, nun hab ich dich!« sagte er und streckte zufrieden die Beine aus, um ein wenig auszuruhen.«

»Pfui, der abscheuliche Kerl!« unterbrach ihn hier Fiametta von neuem, »ich möchte so einen Menschenfresser am liebsten gleich zerpflücken! Nun kommen gewiß die armen Kinder auseinander.«

»Ja freilich«, entgegnete Fortunat. »In der Angst und Finsternis arbeitete Kasperl wütend mit seinen Ellbogen in den Äpfeln herum. »Aber sein Sie doch nicht so sackgrob, Sie erdrücken mich ja«, wisperte da plötzlich ein ein feines Stimmchen neben ihm. – »Bist du’s?« fragte er leise. »Jawohl«, antwortete das Stimmchen, »ich bin auch gefangen und nage schon lange an dem Sack, daß mir die Zähne weh tun. Jetzt ist der Alte eingeschlafen, hören Sie nur, wie er schnarcht. Sie haben so starke, dicke Finger, sein Sie doch so gütig und helfen Sie mir ein wenig reißen.« – Es war ein allerliebstes, kleinwinziges Mäuschen, das so artig sprach. Kasperl riß nun ganz vorsichtig an dem Sack, das Mäuschen wischte hinaus, biß ihn im Fortspringen noch schelmisch in den Finger und verschlüpfte dann schnell im Mondschein, er hörte es noch fern zwischen den Steinen kichern. Jetzt kroch er selber sacht hervor, steckte noch geschwind einen hübschen Apfel in die Tasche und nahm dann eilig Reißaus. – Aber, Gott weiß, der Alte mußte einen groben Flausrock anhaben, denn Kasperl geriet auf einmal in ein verworrenes, ungebürstetes Gestrüpp, in der Eile hatte er den Weg verloren und war, anstatt herabzuklappern, an dem alten Rockärmel gerade hinaufgelaufen. Als er aber oben stand, erstaunt‘ er erst recht! Da war der Morgen schon angebrochen, der Menschenfresser unter ihm war nichts anderes als der alte, graue Fels vor seines Vaters Haus, und wo er das prächtige Schloß gesehen hatte und die wunderbaren Klüfte im Mondschein, da lagen jetzt fahle, dicke Wolken übereinander und dehnten sich noch halb im Schlaf. Er sah die Schornsteine in seinem Dorfe rauchen, der Nachbar trat gähnend in die Tür. »Kikereki!« rief er, »Kasperl, du willst wohl den Tag auskrähen, daß du dich da so früh auf den alten Stein-Jürgen gestellt hast.«

»Aber das arme Annerl?« fiel Fiametta wieder ein. – »Wart‘ nur, es wird gleich noch viel schöner kommen«, erwiderte Fortunat: »Das schöne Annerl war fort und kam nicht wieder, und niemand wußte was von ihr, denn sie war immer nur gegen Abend heimlich aus dem Walde mit ihm spielen gekommen. Da war Kasperl ganz traurig, er mußte viel lernen und sehnte sich sehr und wurde darüber nach und nach groß und stark. Einmal des Nachts aber, als der Mondschein über die Wälder glänzte, da kam es ihm vor, als säße die wunderschöne Frau draußen auf dem Berg vor dem Hause und blätterte in dem alten Bilderbuch, daß der Goldschnitt beim Umwenden zuweilen seltsam über die Bäume am Fenster funkelte. Da wurde er sehr unruhig, und als kaum noch der Morgen dämmerte, saß er schon ganz angezogen in seiner Kammer am Tisch, den Kopf in die Hand gestützt. Da fiel es ihm erst ein, daß er den Apfel, den er damals aus dem Sacke mitgenommen, noch immer in der Tasche hatte. Er nahm ihn heraus und biß vor Schwermut drein, um ihn aufzuessen. Da schreit auf einmal etwas drin, und ein Köpfchen streckt und zwingt sich hervor, und wie er endlich verwundert den Apfel aufbricht, steigt ein kleines, braunes Kerlchen mit Wanderstab und Tasche aus dem Kernhaus. – »Wer bist du?« – »Der Äpfelmann. Adeiu!« – Das Männchen ging über den Tisch fort, blieb aber plötzlich am Rande stehen, weil er nicht herunterkonnte. – »Ich will dir wohl herunterhelfen, du armer Wicht«, sagte Kasperl, »aber du mußt mir dagegen etwas versprechen. Kannst du mich zu der Göttin Luna führen?« – »Warum nicht?« erwiderte das Kerlchen. Da nahm er es sauber zwischen die Finger und setzte es draußen auf den Rasen. Nun traten sie sogleich ihre Wanderschaft an. Der Kleine hinkte, denn Kasperl hatte ihn vorhin im Apfel in die große Zehe gebissen. Kaum aber waren sie weiter in die Heide gekommen, so humpelte das Kerlchen so ungeheuer fix fort wie ein Grashüpfer und lachte und rief immer zurück: »Komm mir doch nach, komm mir doch nach, hast ja so lange Beine!« und ehe sich’s Kasperl versah, hatt‘ er das Kerlchen in dem hohen Grase verloren. Da war er nun wieder so klug wie vorher. – Es war aber gerade ein schöner Sonntagsmorgen. Ein Birnbaum ging eben übers Feld zur Kirche und rauschte Gottes Lob. »Gelobt sei Jesue Christ!« grüßte ihn Kasperl, »habt Ihr nicht so einen kleinen, braunen Pilgrim gesehen?« – »In Ewigkeit«, entgegnete der Birnbaum, »ich glaube, ich habe vorhin so was im Grase zertreten.« – »Ach Gott«, klagte Kasperl, »der hat mich irregeführt, nun weiß ich nicht, wo ich bin! wenn ich nur einen Felsen oder Turm wüßte, um mich ein wenig umzusehen in der Welt.« – »Jetzt hab‘ ich keine Zeit zu Narreteien«, meinte der Birnbaum; da aber Kasperl betrübt weitergehen wollte, tat es ihm leid. »Nun, komm nur schon, komm, was man auch für Not hat mit euch Kindern«, sagte er und stieg schnaufend und ächzend auf einen hohen Berg hinauf, wo er sich breit zurechtstellte und seine grünen Äste lustig in die blaue Luft hinausstreckte. Das ließ sich Kasperl nicht zweimal sagen, er kletterte schnell bis zum Wipfel hinan – da aber warf er plötzlich seinen Hut hoch in die Luft und schrie Hurra! aus Leibeskräften, denn jenseits erblickte er auf einmal das wunderbare Gebirge wieder, daß ihn ordentlich schwindelte vor großer Freude. – »Nun zaus mich doch nicht so grob, das tut ja weh«, sagte der Baum. Aber Kasperl schwang sich schon hastig wieder hinab; »Gott’s Lohn, Gott’s Lohn!« rief er einmal übers andre. Der gute Birnbaum aber schüttelte sich zum Valet im Morgenhauch, daß der ganze Rasen voll schöner, goldener Früchte lag, die kollerten und hüpften lustig über den grünen Abhang hinunter, und Kasperl sprang ihnen nach zwischen den Morgenlichtern in die prächtige Gegend hinein. – War nun das Gebirge beim Mondglanz schön gewesen, so war jetzt alles noch vieltausendmal schöner im funkelnden Morgenlicht. Das prächtige Schloß mit seinen stillen Türmen stand ganz in rosenroter Glut, die Bäche waren von purem Gold, die Wälder rauschten und blitzten von Rubinen und Smaragden, auf den Alpen standen Engel umher und fachten mit ihren langen, regengbogenfarbenen Flügeln das Morgenrot an. Und als er endlich zum Walde kam, da erblickte er auf einmal ein wunderschönes Mädchen auf einem weißen Hirsch, die hatte ein lustiges, funkelndes Krönlein im Haar. Mein Gott! die sollt‘ ich ja kennen, dacht‘ er bei sich – es war sein liebes Annerl! – Sie hielt lachend still und sagte: »Die schöne Frau Luna ist verwichene Nacht untergegangen, sie läßt dich noch grüßen, ich aber bin ihre Tochter Aurora, die Königin der Wälder.« – »So will ich König sein«, rief Kasperl und schwang sich hinter sie auf den Hirsch, und hui! ging’s nun durch die Waldesnacht unter einsamen Burgen, an kühlen Strömen und Gärten und schimmernden Fernen vorüber, und jedem ging das Herze auf, der sie von fern vorüberfliegen sah. – So hausten sie fortan miteinander in freudenreichem Schalle, und da sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute – denn ich bin der verliebte Kasperl, und du die Waldkönigin Aurora, mein liebes, liebes Dichterweibchen!«

So schloß Fortunat und küßte Fiametten auf die verschlafenen Augen. Da stieß sie ihn leise an und wies in das Land hinaus. Ein leiser Schimmer flog über die Gegend, wie wenn ein Kind im Traume lächelt, eine früherwachte Lerche hing schon liedertrunken über ihnen hoch in der Dämmerung. »Grüß dich Gott, du schöne, wunderbare Welt!« rief Fortunat, »jetzt frisch ans Werk!« – Sie schüttelten sich schauernd in der Morgenkühle, er sprang schnell vom Baum, Fiametta folgte, er fing sie unten in seine Arme auf. Dann gingen sie schweigend miteinander durch den dämmernden Garten.

Fortunat hatte sich schon im voraus alles klug ausgesonnen. Fiametta sollte fürs erste sich in der Nähe der Amtmannswohnung noch im Grün verborgen halten, er selber wollte underdes in der Morgenglut wie ein Falke das Haus umkreisen und auf Waltern, den er als einen frühen Vogel kannte, wo er sich blicken ließe, sogleich niederstoßen, um mit ihm das Weitere zu verabreden, bevor die andern dazukämen.

Aber der Mensch denkt, und Gott lenkt. Als sie so unter den feierlich rauschenden Wipfeln des Buchwaldes fortgingen, zupfte und rückte Fiametta mit klopfendem Herzen ihr Wämschen zurecht wie ein Vöglein, das sich im Morgenschein die Flügel putzt, und fing italienisch zu plaudern an, das klang wie ein Glöckchen durch die Stille. Fortunat aber gedachte des schönen Frühlingsmorgens, als er mit Waltern zum erstenmal hier eingestiegen. Da war alles wieder so kühl und frisch wie damals. Bald erblickte er seitwärts die duftigen Blumenplätze, den Sitz unter der Linde, lauter alte Bekannte, nun guckten auch schon die weißen Schornsteine herüber – auf einmal standen sie unter den hohen Bäumen vor dem Hause. Da lag noch alles in tiefer Ruh‘, durch das Weinlaub am Fenster konnte er die untere Stube übersehen, den bunten Teppich im ungewissen Schimmer und die vergoldeten Rahmen der Bilder gegenüber an der Wand, die alte Stockuhr schlug drin soeben vier. Unter den Bäumen aber stand noch der große runde Tisch mit den Stühlen umher, wie in der alten Zeit, der Amtmann hatte seine Pfeife draußen vergessen, auch Florentinens Gitarre hing wieder über dem Stuhl. Da überkam Fortunaten unwiderstehlich seine alte Reiselustigkeit, der kluge Plan, Vorsicht, Geheimnis und alles war vergessen, er ergriff die Gitarre, sprang auf den Tisch hinauf und sang recht aus Herzensgrunde:

Wer steht hier draußen? – Macht auf geschwind!
Schon funkelt das Feld wie geschliffen,
Es ist der lust’ge Morgenwind,
Der kommt durch den Wald gepfiffen.
Ein Wandervöglein, die Wolken und ich
Wir reisten um die Wette,
Und jedes dacht: nur spute dich,
Wir treffen sie noch im Bette!
Da sind wir nun, jetzt alle heraus,
Die drin noch Küsse tauschen;
Wir brechen sonst mit der Tür ins Haus:
Klang, Duft und Waldesrauschen.

Bei den letzten Klängen öffnete sich oben leise ein Fenster. Florentine fuhr mit dem verschlafenen Köpfchen hervor, er hätte sie beinah nicht wiedererkannt, so prächtig, voll und blühend war sie geworden. »Herr Jesus! sind Sie’s, Herr Baron?« rief sie ganz erschrocken und schlug schnell das Fenster wieder zu, denn der Morgenwind wollte ihr das leichte Halstuch nehmen. Nun hörte er im Hause die Türen gehen, rufen und rumoren. Draußen aber kletterte das Morgenrot fix über die Spaliere und Weinranken das stille Haus bis zu den Schornsteinen hinan und guckte neugierig über die Bäume und Fortunat sang von neuem:

Ich komme aus Italien fern
Und will euch alles berichten,
Vom Berg Vesuv und Romas Stern
Die alten Wundergeschichten.
Da singt eine Fei auf blauem Meer,
Die Myrten trunken lauschen
Mir aber gefällt doch nichts so sehr,
Als das deutsche Waldesrauschen!

Als Walter von Italien hörte, zweifelte er nicht länger. Eilig in hohen Schmierstieflen, die er gegen den beißenden Tau zu gebrauchen pflegte, kam er atemlos aus dem Hause gestürzt. »Mein Gott! du, Herzensbruder!« rief er schon von weitem und flog, außer sich vor Freude, in Fortunats Arme und stach ihn tüchtig mit seinem schlecht rasierten Bart. Fortunat war im ersten Augenblick ganz verblüfft, denn Walter kam ihm so verbauert vor, altmodisch beim Reden schreiend und gebräunt im Gesicht; aber die treuen Augen machten gleich alles wieder gut, man sah bis in den Grund der Seele, er war doch durch und durch noch der alte. Jetzt fiel plötzlich ein Schuß hinter ihnen, daß alle zusammenfuhren. Auf der Anhöhe wurde der tolle Förster sichtbar, der von dem Besuche schon Wind bekommen. Er drehte den dünnen, flechsenreichen Hals weit aus der schmalen, engen Binde, und als er nun wirklich Fortunaten recht erkannt hatte, feuerte er aus seiner Doppelbüchse geschwind noch einmal über ihre Köpfe weg und stürzte mit großem Vivatgeschrei zu ihnen herab. Dann erwischt er unversehens Fiametta, die gar nicht wußte, wie ihr geschah, und walzte wütend mir ihr unter den Bäumen herum, seine langen Rockschöße, die weit im Rade umherflogen, schleuderten einen von den Gartenstühlen soeben in die Haustür, als die Frau Amtmannin feierlich heraustreten wollte. »Nun Gott behüt‘ uns, Herr Nachbar«, rief sie empfindlich, »was ist das wieder für eine Aufführung!« – »Einführung, Frau Muhme«, entgegnete der Förster, »hohe Reisende, bal à la fourchette, St. Veits-Tanz, Apfelsinen und Italien! da hat mich so eine verfluchte Tarantul in die Füße gebissen.« – Nun schwenkte auch der Amtmann seine schneeweiße Schlafmütze, hinter der das hübsche Gesichtchen Florentinens hervorguckte, alle schrien und fragten durcheinander, die Amtmannin knickste unter vielen Redensarten, die niemand hörte, ein aus dem Schlaf verstörter kalekutischer Hahn hatte sich schon während des Walzers in des Försters fliegende Schöße verbissen – man konnte gar nicht zu Worte und ins rechte Geschick kommen. – »Und der junge Herr? – mit wem hab‘ ich die Ehre?« – sagte endlich die Frau Amtmannin, mit einem halben, ungewissen Knicks gegen die hocherrötende Fiametta gewendet. – »Himmeltausend! da habe‘ ich nun was Schönes angerichtet!« dachte Fortunat. Er besann sich nicht lange. »Ein junger Vetter von mir aus Italien«, sagte er. – »Ah« – rief der Förster erstaunt und entschuldigte nun mit abenteuerlicher Galanterie die ganz ergebenste Erdreisung seiner nicht wissenden Keckheit. Er mühte sich sichtbar ab, in seinen überaus höflichen Diskurs verständlicher zu werden, kam wieder auf die Taranteln zu sprechen, die eigentlich in Italien ansässig seien, ging dann auf die Skorpionen über, auf die er einen ganz besonderen Haß geworfen zu haben schien, und bot ihr endlich eine lange, frischgestopfte Pfeife an. – »Nicht doch, die Herren Italiener pflegen nicht zu rauchen«, rief die Amtmannin vermittelnd herüber. – »Nun, so tu ich’s selbst mit Erlaubnis«, erwiderte der Förster und fing in schnellen Zügen heftig an zu dampfen, während die allezeit heitere Fiametta, in dem dicken Tabaksqualm sich manchmal verhustend, ihm in aller Geschwindigkeit die ungeheuersten Geschichten erzählte von geflügelten Skorpionen und einer wahnsinnigen Tarantul, die den St. Veits-Tanz erfunden.

Der Amtmann, als sich endlich der erste Jubellärm ein wenig gelegt hatte, blickte vergnügt in die Runde. »Im Kalender«, sagte er, »ist heute kein Feiertag angemerkt, aber der liebe Gott hat ihn draußen rot angestrichen, so weit man nur sehen kann.« Und in der Tat, das alte Schloß, die Wälder, Strom und Täler glühten nun ringsum im schönsten Morgenrot. Die Frauen hatten unterdes den Tisch gedeckt, die Vögel sangen über ihnen im Walde, und die Morgenlichter funkelten lustig über die Weinflaschen und Gläser auf dem blendendweißen Tischzeug. Walter legte in seiner Fröhlichkeit die Gitarre in Florentinens Arm, sie mußte, nicht ohne häufiges Erröten, gleich zum Willkomm alle Lieblingslieder des Hauses durchsingen. Eine tiefe Wehmut flog dabei durch Fortunats Seele: es waren noch immer dieselben Lieder, die er damals hier gesungen und gedichtet – so lange hatten sie nachgeklungen in dieser Einsamkeit! – Dann mußte er selbst ihnen von seinen Reisen, von Rom und Sizilien erzählen, dazwischen kamen immer wieder hiesige Geschichten aufs Tapet von alten Bekannten und von den hübschen Mädchen, mit denen er damals im Garten getanzt, sie zeigten ihm die Dörfer in der Ferne, wo sie nun glücklich verheiratet waren, da ein grünverschattetes Pfarrhaus, dort ein paar Schornsteine einsam über dem Wald. Der nach literarischen Neuigkeiten ausgehungerte Walter versuchte mehreremal vergeblich, ein wissenschaftliches Gespräch mit Fortunaten anzuknüpfen. Er hatte noch immer die alte Angst, mit der Bildung fortzuschreiten, und hielt eine Menge Journale, die aber meist ungelesen blieben und von seiner hübschen Frau zum Kuchenbacken verbraucht wurden. Diese hatte sich jetzt mit ihrem Kinde an der Brust vor die Haustür gesetzt, die Morgensonne spielte zwischen dem Weinlaub lieblich über Mutter und Kind. Zuweilen blickte sie unter ihren langen, dunklen Augenwimpern scharf nach Fiametta hinüber, die unterdes, das Köpfchen auf beide Arme gelegt, über dem Schwirren und Summen der Gläser, Teller und Reden am Tische eingeschlafen war.

So war es unter den munteren Gesprächen fast völlig Tag geworden, als auf einmal Walter, einen erbrochenen Brief in der Hand, eilig aus dem Hause trat. »Das ist heut ein wahrer Wundermorgen!« rief er lachend aus, »denkt euch, da schreibt mir eben unser Rechtsfreund aus der Stadt, ich möchte ihm kollegialisch beistehen, eine junge adelige Dame auszukundschaften, die mit ihrer Kammerjunfer ihrer alten Tante entflohen und deren Spur zwischen unsern Bergen verlorengegangen sein soll.« – »Kurios«, sagte der Amtmann, »ja, wilde Wasser lieben die Berge.« – »Was!« – rief der Förster, der eben eine neue Pfeife gestopft und nur halb hingehört hatte. – »eine alte, wilde Tante ist im Wasser verlorengegangen?« – »Ja«, fiel Fortunat ein, »und der Rechtsfreund mit ihrer Kammerjungfer entflohen.« – Walter hatte Mühe, die Konfusion zu berichtigen. »Ein angesehener Mann«, fuhr er dann fort, »verfolgt nun die Flüchtlinge im Auftrag der Tante und hat in der Stadt amtliche Hülfe in Anspruch genommen. Da bist du uns eben zur rechten Stunde gekommen, Fortunat.« – »Ich? wieso?« fragte dieser betroffen. – »Ich meine, als Dichter in solchen romantischen Fällen.« – »Ach teurer Freund«, entgegnete Fortunat, »ich wollte, die Romantik wäre lieber gar nicht erfunden worden! Solche romantische Verliebte – und das ist die adlige Dame gewiß samt der alten Tante und dem Rechtsfreund und seiner Kammerjungfer – die machen zusammen an einem Morgen mehr dumme Streiche, als ein gesetzter Autor im letzten Kapitel jemals wiedergutmachen kann!« – Da hatte er nun eben recht das Kapitel der Frau Amtmannin getroffen. Sie nickte ihm freundlcih zu, klagte über den jetzigen Leichsinn der Jugend und schob alles auf die Poesie. Fortunat stimmte ihr in seiner Not gern bei und hetzte noch immer mehr gegen die Poeten. Der Förster aber, nachdem er endlich alles begriffen, saß währenddes wie in Konvulsionen des heftigsten Nachdenken, bald starrte er in den Himmel, bald wieder in die dicken Tabakswolken vor sich hin. – »Topp, sie ist’s«, rief er plötzlich aufspringend aus und schlug mit der Hand auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. »Wer?!« – wandte sich Fortunat erschrocken herum. Über den Lärm war Fiametta aus dem Schlafe aufgefahren, Florentine sah ihr wieder scharf in die verträumten Augen – es hing alles an einem Haar.

Aber der Förster legte schnell die Pfeife hin und setzte martialisch seinen dreieckigen Hut auf. »Jetzt kommt nur mit«, sagte er, »alle, die ihr hier seid, zur Mühle dort am Wald, aber sogleich, damit wir die Vögel noch im Nest erwischen.« – Fortunat atmete wieder leichter auf. – Vergebens drang man nun in den Geheimnisvollen, sich näher zu erklären. »Ich will die alte Tante sein«, sagte er nur, »wenn ich euch nicht das Fräulein schaffe, und sollte sie wie ein Eichhörnchen von Baum zu Baum springen.« – Die Amtmannin mochte von dem Abenteuer nichts wissen und blieb mit Florentinen zurück, die andern aber wanderten erwartungsvoll dem Wald ezu. In dem allgemeinen Aufruhr konnte Fortunat durchaus keinen Augenblick gewinnen, Waltern auf die Seite zu nehmen, sooft er ihm auch heimlich zuwinkte.

Nach einem kurzen Gange erblickten sie die Mühle in einer einsamen Waldschlucht. Von einem Bergeshange tief verschattet, war in dem kühlen Grunde kaum noch der Tag angebrochen, die Vögel erwachten eben erst in dem stillen Gärtchen, nur die Tauben schimmerten vom Dach, das schon von der Morgensonne beleuchtet war. Hier verteilte der Förster seine Begleiter vorsichtig an allen Ausgängen und gebot ihnen, sich still zu halten, er selbst aber ging eilig in die Mühle. Da sahen sie, wie sich im Hause ein Dachfenster halb und leise öffnete, sie glaubten oben ein junges Mädchen zu bemerken, das bei ihrem Anblick schnell den Laden wieder zuschlug. »Was ist denn das?« – flüsterte Fiametta ängstlich Fortunaten zu. – »Ich glaube«, erwiderte dieser, »der ganze Morgen ist toll geworden und spiegelt unsere eigene Geschichte närrisch in der Luft.« – Jetzt entstand ein Tumult im Hause, der Waldbach stürzte plötzlich brausend über das Mühlrad, zwischen dem Rauschen hörten sie rennen, klappen und zanken. Auf einmal sprang die Haustür auf und der Förster trat mit triumphierendem Anstande hervor, er führte feierlich eine fremde, wohlgekleidete Dame am Arm, der Morgenwind schlug ihren grünen Schleier zurück und zeigte ein junges, schönes Gesicht. – Da besann sich Fortunat nicht lange. »Welche Überraschung, mein Fräulein!« – rief er schnell hinzuspringend aus – »als ich das Glück hatte, Sie bei Ihrer verehrungswürdigen Tante zu sehen, wer hätte da an diese verwünschte Mühle gedacht! Ich bedaure nur, wenn dieser vorwitzige Morgenwind zu früh den Schleier gelüftet und das harte Gebirg manchen Stein des Anstoßes -« Nun war auch Fiametta dazugekommen und drückte die Hand der Dame zärtlich an ihr Herz. »Himmlisches Mädchen«, sage sie, »und das alles um mich! – Aber wie war es möglich? wie erfuhrst du, wo ich Unglücklicher umherschweife? Ja, leugne nur nicht länger, ich weiß es ja doch, du Liebe, Arme! um mich verließest du Schloß und Tante – o es geht mir alles wie ein Mühlrad im Kopfe herum!« – Die Dame sah in höchster Verwirrung bald den einen, bald den andern an und wußte nicht, was sie erwidern sollte. Die beiden ließen sie aber nicht mehr los, sie führten sie in ihrer Mitte so rasch der Amtmannswohnung zu, daß die andern kaum folgen konnten, dabei sprachen sie unterwegs oft heimlich untereinander. Walter war ganz verdutzt, auch der Amtmann schüttelte bedenklich den Kopf, der Förster aber schimpfte voller Zorn. »So eine schöne Dame«, sagte er, »und einem solchen Milchbart nachzulaufen, dem die Eierschalen noch am Schnabel hängen! Da ist keine Gerechtigkeit in dem Handel, ebensogut könnte sich der Herr Amtmann da in mich verlieben.« Dann pfiff er mit großem Lärm auf dem Finger nach seinen Hunden, warf die Büchse auf den Rücken und schritt ohne Abschied in den Wald.

Unterdes waren die andern zu Hause angelangt, wo Fiametta sehr fröhlich den erstaunten Frauen ihre unverhofft wiedergefundene Freundin vorstellte. Walter wollte folgen, aber Fortunat faßte ihn am Arm und führte ihn rasch in den Garten hinein. »Nun hilf aus der Konfusion!« rief er aus, da sie allein waren, »denn die gefangene Dame ist eigentlich die Kammerjungfer meines Vetters, und mein Vetter ist meine Geliebte, und meine Liebste ist die entsprungene Nichte der alten Tante.« Er erzählte nun kurz den ganzen Hergang der Sache und wie die Kammerjungfer, plötzlich so verlassen in der Fremde, heimlich ihre Spur im Gebirge verfolgt und gestern abends – was der Förster zufällig erfahren haben müsse – in der Waldmühle eingekehrt sei, um erst das Terrain auszuforschen und sich des Morgens auf eine geschickte Art wieder mit ihnen zu vereinigen.

Als er geendigt hatte, hüllte er sich in sich selbst, um den Hagelschauer freundschaftlicher Vorwürfe geduldig abzuwarten. Walter aber, aus seiner einförmigen Einsamkeit so auf einmal mitten in das romantischste Abenteuer mit hineingeworfen, rief zu seinem Erstaunen: »Die kleine Marchesin will ich mit Gut und Blut wie meinen Augapfel beschützen« und rannte dann voll Begeisterung sogleich nach dem Hause zu. Unterwegs begegnete ihnen Florentine und fragte, was sie vorhätten? Walter in seiner Freude erwischte sie bloß beim Kopf, küßte sie tüchtig ab und wollte weiter. Aber sie hielt ihn fest. »Tut mir nur nicht so wichtig und geheimnisvoll«, sagte sie, »merkt‘ ich’s doch längst!« – Walter sah sie groß an. – »Dieser Herr Vetter aus Italien« – fuhr sie fort – »wie er sich gleich anfangs vorsichtig auf den Stuhl setzte, als wollt‘ er sich die Röcke nicht zerknittern – sein Gang, die Stimme – dann -« hier stockte sie plötzlich – »Nun?« fragte Fortunat. – »Dann sah er Sie einmal lange, lange an, als Sie eben mit den andern sprachen und niemand achtgab.« – Jetzt standen sie eben auf einer freien Anhöhe. Jenseits von den Waldbergen leuchtete die alte Burg in der Morgensonne herüber, wo Florentine ihm auf jener Spazierfahrt einmal flüchtig einen Kuß gegeben hatte – sie dachten beide daran. Die schöne Frau schlug verwirrt und errötend die Augen nieder – dann reichte sie ihm freundlich lächelnd ihre Hand, in die er recht herzlich einschlug. Währenddes ging Walter eifrig auf und nieder und zerbrach sich den Kopf. »Wär‘ nur der fremde Herr nicht, der euch verfolgt!« rief er ärgerlich aus. – »Ei was!« entgegnete Fortunat lustig, »ich hab‘ das Mädchen und er die Tante, laß ihn die heiraten!«

Sie setzten sich nun auf die Bank unter der Linde und beratschlagten miteinander, was jetzt zunächst zu tun sei. Nach vielem Hin- und Hersinnen wurde endlich einmütig beschlossen, vor dem Förster und den andern das einmal eingeleitete Mißverständnis zu benutzen und die Kammerjungfer für die entflohene Geliebte des Vetters auszugeben, beide aber einstweilen im Hause zu verwahren. Fortunat dagegen sollte schleunigst zu der Tante aufbrechen und dort, bevor er ihr den Aufenthalt Fiamettas entdeckte, nach den Umständen alles selbst vorsichtig ins rechte Geleis zu bringen suchen. »Du hast Rang, Vermögen«, sagte Walter, »und bist eine so gut Partie für die Marchesin als irgendeine im Lande, es müßte wahrlich mit dem Eigensinn eines Romanschreibers zugehen, wenn ihr euch zuletzt nicht noch kriegtet.«

Währenddes hörten sie Fiametta im Hause lustig plaudern und lachen. Der Förster, den sie weit im Walde wähnten, hatte nämlich sorgfältig seinen neuen Frack und eine lange, weiße Busenkrause angelegt und wandelte unter allerlei aus der Luft gegriffenen Vorwänden um das Haus, den Hals nach den oberen Fenstern verdrehend. »Ich glaube wahrhaftig«, sagte die Amtmannin, »der alte Narr ist in das gnädige Fräulein geschossen.« Fiametta aber hatte geschwind die Kammerjungfer beredet, ans offene Fenster zu treten, warf ihr einen großen Schal um und fing hinter derselben an zu agieren und den Förster anzureden, indem sie ihm gerührt für seine Mühwaltung dankte, wodurch er ein von der Tarantel der Liebe gebissenes Herz so frühzeitig von den Holzwegen des Leichtsinns zurückgeführt. – Als er nun seinerseits sich anschickte, verbindlich zu antworten, konnte sie vor Lachen nicht weiter, winkte ihn geheimnisvoll fort, als ob sie belauscht würden, und schlug schnell das Fenster wieder zu. – Florentine schüttelte bedenklich den Kopf und konnte sich durchaus in das buntfarbige Wesen nicht finden.

Fiametta aber, da die Männer ihr jetzt ihren Plan mitteilten, war von der Aussicht einer endlichen, baldigen Entscheidung ihres verwickelten Liebeshandels wie berauscht. Und als nun Florentine noch in aller Eile anfing, Kuchen zu backen, die sie morgen Fortunaten auf die Reise mitgeben wollten, half sie ihr mit großer Geschäftigkeit und naschte die schönsten Rosinen weg. Zuletzt aber, da sie selbst den Teig angefaßt, mußte auf ihr klägliches Geschrei alles zu Hülfe eilen, um ihre Finger wieder rein zu machen. – Nun ließ sie das Backen ganz und gar und zeigte Fortunaten die Wohnung, die sie ihr oben angewiesen hatten. Es war die schönste Stube im ganzen Hause, sie lag nach dem Walde zu, der durch alle Fenster hereinsah. Da ging es nun lustig ans Einpacken für morgen, die Vögel sangen draußen in den Wipfeln, Fiametta kniete in der grünen Dämmerung vor Fortunats Felleisen und plauderte vergnügt von den schönen Bergen, über die er kommen würde, von dem prächtigen Schloß und dem Garten der Tante, dabei packte sie heimlich allerlei Kleinigkeiten von sich unter seine Wäsche und wurde über und über rot, als er’s bemerkte.

So war unter munteren Verabredungen und Vorbereitungen der Tag verflossen. Walter hatte, die Müdigkeit seiner Gäste vorschützend, für den Abend jeden Besuch entfernt gehalten, die Hausgenossen selbst, nach der halbdurchwachten Nacht, waren schon früh zur Ruh gegangen. Nur Fortunat und Fiametta saßen noch vor der Haustür und hörten zu, wie die Mädchen unten im Dorfe vor dem Johannesbilde und die Heimchen von der fernen Wiese sangen. Fiametta saß zu seinen Füßen im Gras, sie hatte die Gitarre auf ihren Knien uns sah still in die mondbeschienene Gegend hinaus, er hatte sie noch nie so nachdenklich gesehen. – Da erklang auf einmal weiter oben ein Waldhorn. Es war der verliebte Förster, der den Herrschaften ein Ständchen blies. Und als nun allmählich Waldhorn und Johanneslieder verklangen und alles still geworden war im Hause und im Tal, da nahm Fiametta ihre Gitarre und sang:

Es schienen so golden die Sterne,
Am Fenster ich einsam stand
Und hörte aus weiter Ferne
Ein Posthorn im stillen Land.
Das Herz mir im Leib entbrennte,
Da hab ich mir heimlich gedacht:
Ach, wer da mitreisen könnte
In der prächtigen Sommernacht!
Zwei junge Gesellen gingen
Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen
Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,
Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften
Sich stürzen in die Waldesnacht.
Sie sangen von Marmorbildern,
Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,
Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen
In der prächtigen Sommernacht.

Fiametta legte die Gitarre schnell weg, verbarg ihr Gesicht an Fortunats Knien und weinte bitterlich. – »Wir reisen wieder hin!« flüsterte ihr Fortunat zu. Da hob sie das Köpfchen und sah ihn groß an. »Nein«, sagte sie, »betrüg mich nicht!«

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Fünfundzwanzigstes Kapitel

Zur Mittagszeit des folgenden Tages war Fortunat auf seiner Reise schon fern von Hohenstein und rastete eben vor der Tür einer Dorfschenke. Die Bienen summten in der blühenden Linde am Haus, vor ihm über den niedrigen Zäunen und Gärten bezeichnete ein blauer Duftstreif kaum noch die Berge, wo er sein Liebchen zurückgelassen. Ein Mädchen mit frischen Augen brachte Wein und Brot heraus, stutzte aber, da sie ihn erblickte, und sprang schnell wieder in das Haus zurück. Drin hörte er sie lebhaft reden und zu seinem Erstaunen seine Haare, Rock und Stiefeln ausführlich beschreiben. Nun trat auch der Wirt heraus, nickte ihr zu, und Fortunat erfuhr endlich, daß vor kurzem zwei fremde Herren zu Pferde hier nach einem Reiter von seinem Aussehen sich angelegentlich erkundigt und dann sehr eilig, der eine diese, der andere jene Straße eingeschlagen hätten. Vergebens fragte er nach Namen und näheren Kennzeichnen, er konnte aus der konfusen Personbeschreibung durchaus nicht klug werden, die eine hätte gar beinah auf Waltern gepaßt. – Ihr fangt mich doch nicht! dachte er, als es ihm plötzlich aufs Herz fiel, daß er jedenfalls freiwillig und aus eigenem Entschluß vor Fiamettas Tante erscheinen müsse, wenn sein ganzer Plan nicht scheitern sollte. – In dieser Unruhe trank er noch rasch des Wirts Gesundheit, schwang sich wieder auf sein Pferd und sprengte durchs Dorf den fremden Herren nach. Draußen aber nahm er sogleich die entgegengesetzte Richtung und atmete erst wieder frei auf, als ein Bauer im Felde ihm einen nähern Holzweg gerade durchs Gebirge bezeichnete, auf dem er jene Reiter zu vermeiden, ihnen wohl gar zuvorzukommen hoffen durfte.

Die Luft war schwül, er ritt lange am Rande eines waldigen Bergrückens fort, an einsamen Klüften und melancholischen Tälern vorüber. Auf einmal leuchtete seitwärts ein lustiger Grund zwischen den Bäumen herauf: rote Ziegeldächer und Gärtchen im schillernden Sonnenschein an den Felsen hängend, unten ein glitzernder Bach mit badenden Kindern und auf der Wiese daneben fröhlich Getümmel der Heuernte, Lachen und das Klirren der Sensen dazwischen. Und wie er noch so freudig überrascht hinabschaut, erschallt jenseits plötzlich ein Peitschenknall, und um die Waldecke herum fliegt ein schöner Reisewagen über die glänzende Landschaft. Eine Dame beugt sich aus dem Wagen – Fortunat fährt erschrocken zusammen, es ist offenbar Fiametta, aber in Frauenkleidern, lustig schwatzend mit einem Unbekannten, der neben dem Schlage reitet. Jetzt senkt sich der Weg plötzlich wieder in den Wald, und den dunklen Tannen ist alles verschwunden und verklungen.

Fortunat stand wie versteinert, im ersten Augenblick kam ihm Fiametta fast wie ein lieblicher Kobold vor, der neckend durchs Gebirge streifte. Dann dachte er sie wieder in Hohenstein entdeckt und mit roher Gewalt fortgeführt; aber wie konnte sie dann noch so fröhlich plaudern! – er war ganz verwirrt. – So lenkte er rasch auf einem Fußsteig den Berg hinab, über die Wiese dem Holzweg zu, wo die Erscheinung versunken. Bald teilten sich die Wege, auf dem einen glaubte er eine frische Wagenspur zu bemerken und setzte munter die Sporen ein.

Aber je weiter er kam, je wilder und einsamer wurde die Gegend. Sie konnten auf dem steinigen Wege unmöglich so rasch gefahren sein, als er ritt. Oft hielt er lauschend still, da glaubte er einmal wieder ihre Stimme zu hören, es war nur der fremde Schall eines Waldvogels aus der Ferne. Er sang laut alle Lieder, die er wußte, dann horchte er wieder und lachte und schimpfte und ritt immer schneller fort, bis er zuletzt mit Entsetzen bemerkte, daß ein Unwetter rasch im Anzuge war, um die Verwirrung vollkommen zu machen. Schon durchkreuzten Möwen mit ihren weißen, spitzigen Flügeln pfeilschnell die schwüle Stille. Vergeblich blickte er nach einem Obdach umher, nicht einmal der Klang einer Holzaxt ließ sich im Walde vernehmen. Nur einzelne Nebengestalten stiegen nun langsam aus den Klüften empor und setzten sich mit ihren langen, grauen Gewändern in die Wipfel der Tannen, über dem Berge vor ihm aber hatte das Gewitter allmählich sein bleifarbenes Dunkel ausgebreitet, in das die Mauerspitzen einer Ruine fast grauenhaft hineinragten.

Indem er noch so zögernd stand und unentschlossen, wohin er sich wenden sollte, hörte er auf einmal den Schall einer Glocke weit aus der Höhe herüberklingen. »O du göttlicher Aberglaube!« rief er freudig aus, »was sind alle Blitzableiter der Welt gegen diesen tröstlichen Klang, der wie ein singender Engel mit gefalteten Händen über die Wälder zieht und die Wetter wendet. Ja, die Erde ist noch immer voll schöner Wunder, wir beachten sie nur nicht mehr!« Er folgte nun eilig den Klängen, die bald schwächer, bald deutlicher durch den Gewitterwind von dem Berge herabzukommen schienen, wo er vorhin die Ruine erblickt. Ein wildverwachsener, wenig betretener Fußsteig schlang sich zwischen den Klippen gerade in der Richtung hinauf. Der Pfad wurde immer enger und steiler, bald hörte er auch die Glocke nicht mehr, er mußte endlich absteigen und, sein Pferd am Zügel fassend, mühsam von Stein zu Stein hinanklimmen. Manchmal wendete er sich rastend zurück und sah durch die Wolkenrisse tief unten die Landschaft vorüberfliegen.

So war es völlig Nacht geworden, als er atemlos droben ins Freie trat. Ein Licht schimmerte ihm aus der Ferne freundlich entgegen; indem er darauf losging, glaubte er im Dunkel ein großes Schloß zu erkennen mit Türmen, Zinnen und wunderlichen Erkern. Dann, je näher er kam, verwandelte sich allmählich alles wieder, es war wildumhergeworfenes Gestein und phantastische Baumgruppen, was ihm so prächtig erschienen, und voll Erstaunen stand er auf einmal vor einer Einsiedlerklause, halb in den Felsen gehauen, ein Türmchen mit einer Glocke darüber. Eine Lampe von der Decke warf ungewiß flackernde Scheine über die leeren Wände und den hölzernen Tisch und Stuhl in der Mitte. Plötzlich fuhr sein Pferd schnaubend zusammen, aus einem Winkel der Halle blinkte ihnen ein hochaufgerichtetes, weißes Totengeripp entgegen – »Schauerlicher Gesell!« sagte Fortunat, »bist du der Einsiedler hier und ziehst bei Nacht heimlich die Glocke?« – Er rief nun laut nach allen Seiten, aber nur seine eigene Stimme gab zwischen den Klüften Antwort. Da faßt‘ er sich ein Herz, band sein Pferd vor der Hütte an und trat hinein.

Er fand sie wohnlicher, als er erwartet hatte. Ein großes Buch lag auf dem Tisch, er schlug es auf, es war ein altes Brevier, zu seiner Verwunderung fand er eine kurze ungrische Tabakspfeife drin als Zeichen eingelegt. Nun, die Toten schmauchen doch nicht, dachte er, und spähte eifriger umher. Da entdeckte er in einer Ecke einen Vorrat köstlichen Heues, weiterhin auch einen vollen Weinkrug und Gläser daneben. Erfreut über den unverhofften Fund zäumte er vor allem sein müdes Pferd ab und versah es reichlich mit Futter. Das ungewohnte Hantieren in dieser Abgeschiedenheit, das Brausen der Wipfel, die ganze unerhörte Lage, in der er sich hier befand, versetzte ihn in eine seltsame Heiterkeit. »Gute Nacht!« rief er fröhlich vom Berge hinab, »wie hat der Herr nun alles untergetaucht in den wunderbaren Strom der Träume! Was ist das für ein Traumlied in den Wäldern, gleichwie die Saiten einer Harfe, die der Finger Gottes gestreift. Wahrlich, wen Gott liebhat, den stellt er einmal über allen Plunder auf die einsame Zinne der Nacht, daß er nichts als die Glocken von der Erde und vom Jenseits zusammenschlagen hört und schauernd nicht weiß, ob es Abend bedeute oder schon Morgen.«

Darauf setzte sich Fortunat zufrieden vor die Klause, doch so, daß er seitwärts die eine Wand im Auge behielt; er traute dem dürren Gesellen im Winkel doch nicht recht, daß er sich nicht unversehens erhübe und murmelnd am Tisch aus dem Buche zu lesen anfing. Draußen aber war es so endlos still, er hörte nur manchmal das Schnauben des Pferdes und den Schrei des Wildes tiefer im Wald, vor ihm streiften durchsichtige Wolken gespensterhaft-leise den Rasen wie Schleppen fliehender Feen.

In dieser Einsamkeit überwältigte endlich der Schlaf den Erschöpften, und als er mitten in der Nacht plötzlich wieder aufwachte, waren die Wetter unterdes verzogen, der Mond schien prächtig über die Wälder. Da war’s ihm, als hörte er in einiger Entfernung zwei Männer eifrig miteinander sprechen, und im zitternden Mondlicht unter den Bäumen bemerkte er einen riesengroßen Mönch, der mit einem Unbekannten schnell durch den Wald fortging. Vor dem Rauschen der Wipfel konnte er nur einzelne abgebrochene Laute vernehmen, er hörte abe deutlich, wie sie im Gespräch mehrmals seinen und Fiamettas Namen nannten. – »Träume ich denn, oder träumt diese phantastische Nacht von mir?« – rief er erschrocken aufspringend aus, aber die Stimmen waren schon weit, und auf der stillen Höh‘, wo sie endlich im Dunkel ganz verloren hatten, sah er nun plötzlich eine Fackel aufleuchten. Mehrere dunkle Gestalten folgten, sie trugen lautlos einen Sarg. Die roten Widerscheine schweiften wunderbar zwischen den Tannen über ein Felsentor, in welchem auf einmal alles wieder verschwand. – Da war’s ihm, als trügen sie Fiametta fort, er stürzte hastig nach in den Wald. Aber vergebens suchte er einen Steg durch die Wildnis, in der flimmernden Dämmerung des Mondscheins starrten ihm überall zackige Klüfte entgegen, er mußte wieder umkehren. »Nur zu«, sagte er ganz verstört, »nur immer zu! der Spuk und die Nacht müssen doch einmal ein Ende nehmen!« – Dann lehnte er sich über den Hals seines schlummernden Pferdes und starrte gedankenvoll in die weite Einsamkeit hinaus.

So hatte er lange halb im Traume gestanden, als er auf einmal von fern den lustigen Schrei eines Waldvogels zu hören glaubte. Erfreut blickte er umher, da schweifte wirklich schon ein ungewisser Morgenschein leise über den Himmel, wie ein Hauch über den Spiegel, seitwärts, als er sich bewegte, fuhr ein Reh auf und flog scheu durch die Dämmerung. Nun dacht‘ er dran, daß heute Sonntag war. Da rannte er schnell in die Klause. »Schau nicht so grämlich in dieser gnadenreichen Stunde«, rief er dem knöchernen Klausner zu, »jetzt ist’s ja licht und alles, alles wieder gut!« Dann zog er fröhlich die Glocke, als wollt‘ er den Tag anbrechen, und das Herz wurde ihm still und weit, als der Schall so hell durch die Waldesnacht ging, er hatte schon lange nicht so fromm in Gedanken gebetet.

Jetzt fiel ihm erst ein, daß der Glockenklang, wohl die rätselhaften Nachtwandler herbeigelockt haben könnte. Er trat hinaus und spähte nach allen Seiten umher. Aber es rührte sich nichts, der Wind hatte die Klänge nach den Tälern geweht, die noch im tiefen Schatten lagen. Auf dem Gipfel des Berges aber, an dessen Lehne die Klause sich befand, bemerkte er jetzt im falben Zwielicht die Mauertrümmer wieder, die er gestern aus dem Tale gesehen. »Dort zogen sie hinauf«, dachte er, und schwang sich eilig auf sein Pferd. Bald hatte er nun auch den verschlungenen Pfad und das Felsentor entdeckt, das von der andern Seite nach der Höhe führte, und verfolgte unterdessen die Spur, um droben, wo möglich nähere Auskunft über die Vorgänge der Nacht und die einzuschlagende Reiserichtung zu erhalten.

So ritt er wohlgemut in den wachsenden Morgen hinein, auf dem Berge vor ihm trat allmählich das alte Gemäuer immer deutlicher zwischen den Tannen hervor. Schon unterschied er eine halbverfallene Kirche, leere Fensterbogen und einzelnstehende Pfeiler, von Efeu üppig umrankt, Ziegen kletterten in der grünen Wildnis, alles von der Morgensonne wunderbar beleuchtet. Da erschien auf einmal ein hoher, schlanker Jäger auf der Wand, der Morgen funkelte glutrot darüber, es war, als stünd‘ er ganz im Feuer. Auf seine Büchse gelehnt, schaute er von der andern Seite in die Täler hinab, er hörte ihn oben singen:

Hier steh ich wie auf treuer Wacht,
Vergangen ist die dunkle Nacht,
Wie blitzt nun auf der Länder Pracht!
Du schöne Welt, nimm dich in acht!

Jetzt wandt‘ er sich herum – es war Lothario! Auch er hatte nun den Ankommenden bemerkt, sprang rasch herab, und die beiden Freunde lagen einander in den Armen. Der wilde Jäger sah bleich, gebräunt und dennoch schöner aus als ehemals, Fortunat erschrak fast vor der wunderbaren Tiefe der dunklen Augen, in die er so lange nicht gesehen. – »Aber wie kommst du hier herauf?« fragte er endlich aufs höchste überrascht. »Ich spiele den letzten Akt«, erwiderte jener lächelnd, »Gräber, Hochzeit, Gottes grüne Zinnen und die aufgehende Sonne als Schlußdekoration.« – Hier waren sie am Gipfel bei den Trümmern angelangt, er band Fortunats Pferd an einen Baum. »Laß unterdes hier alle stehen und komm nur schnell mit mir.« – »Du bist nicht allein hier oben«, meinte Fortunat, »wen habt ihr heute nacht im Wald begraben?« – »Den armen Otto.« – »O Gott! du fröhliches Liederherz, so früh wie eine Lerche singend aus der Luft zu fallen! mir ist’s, als hört‘ ich’s noch im Ohre klingen.« – »Wohl ihm«, entgegnete der Begleiter, »er hatte rasch gelebt und stand schon müd‘ und schlaftrunken im tiefen Abendrot, dort ruht er aus.«

Sie traten durch ein halbverfallenes Bogentor auf einen freien, grünen Platz, es schien ein ehemaliger Klosterkirchhof zu sein. Ein neues Grab, soeben erst mit schönem Rasen belegt, schimmerte ihnen taufrisch entgegen. Ein Mönch kniete betend daneben zwischen wilden, bunten Blumen, und Vögel flatterten und sangen lustig in dem jungen Grün, das aus allen Mauerritzen rankte, über die Gräber aber leuchtete auf einmal eine unermeßliche, prächtige Aussicht aus der rauschenden Tiefe herauf. – »Gott gebe jedem Dichter solch ein Grab!« rief Fortunat freudig überrascht.

Bei dem Klang seiner Stimme aber hob sich’s plötzlich unter den Blumen, er stand wie im Traum – es war Fiametta. »Ist er da!« rief sie emporfahrend aus, schüttelte die Locken aus dem Gesicht und sprang fröhlich zu ihm. Nun kam zu seinem Erstaunen auch Walter eilig zwischen den Steinen hervor mit einem Einsiedler und einem Fremden, der Fortunaten mit den klugen, scharfen Augen freundlich betrachtete. »Wie haben wir dich gesucht«, rief Walter von weitem, »wer von uns hätte das gedacht!« – Aber Fortunat konnte sich noch gar nichts denken, er blickte verwirrt in dem Kreise umher. Da glänzten unten die Täler in der schönen Sonntagsstille und die Morgenglocken klangen von fern herauf. – »Nun lobet alle Gott!« sagte Lothario, faßte Fortunaten und Fiametta bei der Hand und führte sie in die alte Kirche neben dem grünen Platz, die andern folgten schweigend. Der Mönch stand schon vor dem Altar, zu dem Lothario sie brachte. Die Morgensonne schien seltsam durch das hohe, gemalte Bogenfenster, die Pfeiler waren mit frischen Birken verziert, durch die offene Tür rauschten die Bäume herein. Jetzt bemerkte Fortunat erst, daß Fiametta festlich geschmückt war und ein Myrtenkränzchen im Haar hatte, er wußte nicht, wie ihm geschah. Und als nun der Mönch sich zu ihnen wandte und fragte: ob sie als getreue Eheleute einander lieben wollten bis in den Tod, sagte Fiametta errötend aus Herzensgrunde: »Ja«, und er legte segnend ihre Hände zusammen.

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechsundzwanzigstes Kapitel

Jungen Eheleuten kommt am Hochzeitsmorgen die Welt wie verwandelt vor, als wäre über Nacht alles schöner und jünger geworden, denn die Erde putzt und spiegelt sich gern in fröhlichen Augen. Wieviel lustiger unserem Paare, gleich Zugvögeln über der prächtigsten Gegend, da war des grünen Waldlebens genug, schattige Gründe, fliegende Schimmer über das Land und unabsehliche, selige Fernen! – Allmählich erst tauchte Fortunaten alles aus dem Morgenglanze auf. Er erfuhr nun, daß der seltsame Lothario Graf Victor selber war und seit geraumer Zeit hier oben als Vitalis lebe, heiter und streng, ein Einsiedler ohne Kutte, ein Jäger, nach höherem Wild gestellt. – Jetzt gab sich auch jener Fremde als Baron Manfred kund, denselben Vetter, der damals Fiamettas Tante auf ihrem Schlosse besucht. Er hatte von ihrer Liebe und ihrem Heimweh gehört und für Fortunaten um ihre Hand bei der Tante geworben. Als aber darauf die scheue Marchesin von dem vermeintlich unbekannten Bräutigam so plötzlich die Flucht ergriffen, verfolgte er unausgesetzt ihre Spur bis Hohenstein, wo er unmittelbar nach Fortunats Abreise eintraf. Dort erfuhr Walter von ihm den ganzen Zusammenhang sowie den gegenwärtigen Aufenthalt des Grafen Victor, und voll Freude waren sie nun alle noch denselben Morgen aufgebrochen, um Fortunaten eiligst einzuholen. So hatte also Fortunat sein Liebchen vor sich selbst entführt und ein jeder vor lauter Klugheit die möglichst größte Konfusion angerichtet, der liebe Gott aber unversehens alles wieder gescheuter gemacht.

Morgen wollten die Gäste wieder weiterziehen. Unerwartet waren sie hier auf einer jener Zinnen des Lebens zusammengekommen, die immer nur für wenige Raum hat – das fühlten sie wohl. Was hatten die Freunde nun alles einander zu erzählen in der kurzen Zeit, Lust und Leid, Vergangenes und Künft’ges! So war ihnen der Tag in der schönen Einsamkeit schnell verflossen. Als es aber schon wieder abendkühl wurde, saßen sie alle zusammen vor der großen Aussicht unter den hohen Buchen, welche den Abhang an der Klosterruine beschatteten. Spuren von Kiesgängen, sorgfältig mit Buchsbaum umzäunt, Lauben und halbzerworfene Rasenbänke bezeichneten ringsumher den ehemaligen Klostergarten, nur einzeln zestreute Blumen, wie verlorene Kinder, schimmerten noch aus der alten Zeit durch das wuchernde Unkraut. Hier hatte der geschäftige Einsiedler einen Tisch gedeckt und Stühle gesetzt, er ließ es sich durchaus nicht nehmen, die Herrschaften aufs beste zu traktieren mit Wein, Obst, Honig und Nüssen, was er nur hatte. Für Fiametta aber hatte er einen Kranz von lustigen Waldnelken besorgt. Er blätterte emsig in seinem Brevier und schenkte ihr die schönsten Heiligenbilder daraus, dabei steckte er ihr immerfort das Beste von dem Naschwerk zu und hatte seine herzinnige Freude, wie sie so schön mit dem Kränzlein aussah und fröhlich plaudernd die Nüsse knackte. – Da hörten sie auf einmal in geringer Entfernung einige Saitenklänge. »Dacht ich’s doch«, fuhr der Einsiedler auf, »da hat er mir doch meine alte Zither in der Klause aufgestöbert!« – Im Gebüsch aber hörten sie singen:

Wir zogen manchen Wald entlang,
Viel fröhliche Gesellen,
Und salutierten mit Gesang
Die Burgen und die Quellen.
Nun sang man den zu Grabe still,
Dem sie zur Hochzeit geigen,
Der andre in den Himmel will
Auf wilden Felsen steigen.
Von den einsamen Felsensteigen
Schau ich ins Land so weit,
Da dunkelt und rauscht’s so eigen
Von der alten, schönen Zeit.

»Da kriegen wir alle was ab«, sagte Fiametta. – »Nun, nun, wir wollen’s ihm schon zurückzahlen«, meinte der Einsiedler, »aber er singt eine schöne Note, es ist mir ganz wie in meiner Soldatenzeit, wenn ich so bei stiller Nacht mit der Zither im Biwak lag.« – Es sang weiter:

Was für ein Gezwitscher ist!
Durchs Blau die Schwalben zucken
Und schrein: ›Sie haben sich geküßt!‹
Vom Baum Rotkehlchen gucken.
Der Storch stolziert von Bein zu Bein;
»Da muß ich fischen gehen «
Der Abend wie im Traum darein
Schaut von den stillen Höhen.
Und wie im Traum von den Höhen
Seh ich nachts meiner Liebsten Haus,
Die Wolken darüber gehen
Und löschen die Sterne aus.

Fiametta flüsterte wieder: »Ist ihm denn seine Liebste gestorben?« – »Ach, das ist eine dumme Geschichte mit seiner Amour«, erwiderte der Einsiedler, »tut mir den Gefallen und bedauert ihn nicht lange, das will er nur, sonst macht er noch immer mehr Flausen davon.« »Wer ist’s denn?« fragte Fiametta. Aber der Spielmann sang von neuem:

Im Schloß ihr wohl am Fenster steht
Und herzt euch nach Gefallen,
Der Herbst schon durch die Felder geht,
Da hört ihr’s unten schallen.
»Das klingt ja wie vom Felsenrand
Einst bei des Klausners Buchen,
Ich glaub, das ist der Musikant,
Der kommt zum Kindtaufskuchen.«
Und die Vögel ziehn über die Buchen,
Der Sommer der ist vorbei,
Ich aber muß wandern und suchen,
Wo der ewige Frühling sei.

Hier entstand plötzlich ein heftiges Geräusch, und eh‘ sie sich’s versahen, kam der Sänger in hastiger Flucht durch Laub und Äste geradezu über die alte Gartenmauer dahergeflogen, daß die losen Steine hinter ihm dreinkollerten. Fiametta drängte sich scheu an Fortunat, dieser erkannte zu seinem Erstaunen in dem Flüchtling Dryander. Der Doktor aber blickte noch immer wild zurück, setzte seinen Hut, der vor Eile ganz schief saß, auf dem Kopfe zurecht und schimpfte, außer sich vor Zorn und Schreck, über die dumme Romantik: kaum beträte man das Revier eines Poeten, so schössen verstorbene Doppelgänger, gleich wahnsinnigen Pilzen, aus dem unvernünftigen Boden und säßen auf den Klippen umher und wackelten mit den Köpfen – Da erkannte er auf einmal in Fiamettas Augen das hübsche Jägerbürschchen vom Donauschiff, und seine ganze Gedankenfolge bekam dadurch plötzlich einen anderen Zug. Fiametta errötete und fragte ihn lächelnd, ob er sich noch mit ihr schlagen wolle? Er aber besann sich nicht lange. »Oh«, entgegnete er tapfer, »ich habe damals auf dem Schiffe alles recht gut gewußt und wollte nur die Damen ein wenig schrecken.« – »Ja, ja, das hat die Schiffsgesellschaft wohl gemerkt«, sagte Fortunat, »denn sie haben deinen zurückgelassenen Hut über die Tür des Wirtshauses angenagelt zum ewigen Gedächtnis eines verwegenen Duellanten, der vor Zorn und Wut plötzlich die Verschwindsucht bekommen.«

Unterdes hatte der Einsiedler das Gebüsch hinter der Mauer untersucht und kam nun mit großem Gelächter zurück. Gerade in dem wildverwachsenen Versteck, wo Dryander das Ständchen gebracht, befand sich der zertrümmerte Eingang zur Klostergruft; dort saß seit alter Zeit ein Totengerippe, wie ein Wächter zwischen den Steinen, dem der Einsiedler, als er vorhin Tisch und Stühle abräumte, in der Eile des Doktors Schlafpelz umgehangen. Mitten im Gesange nun sich umwendend, hatte Dryander plötzlich sich selbst zu erblicken geglaubt und so mit größter Behendigkeit die Flucht ergriffen.

Jetzt erfuhr Fortunat auch, daß der Doktor schon seit längerer Zeit in einem angeblichen Bußanfall bei dem Einsiedler sich aufgehalten, der ihm sehr gut war und immer tausend Spaß und Händel hatte mit dem kuriosen Gesellen. Heut noch vor Tagesanbruch aber war Dryander gleichfalls voll Eifer ausgezogen, um Fortunaten aufzusuchen, ohne in seiner Zerstreuung vorher erst die Braut zu betrachten. Unterwegs aber hatte er bald die ganze Geschichte wieder vergessen und schlenderte wohlgemut nach dem nächsten Städtchen, wo er sich im Gasthause tüchtig restaurierte. Das gefiel ihm so wohl, daß er unverzüglich einen großen Einkauf an Wein, Braten und Kuchen machte und einen Burschen zum Tragen mietete, der soeben zu allgemeinem Ergötzen aus seinem Korbe den Markt hervorlangte und sich dann ermüdet neben sie ins Gras setzte.

Wer Dryandern genau kannte, konnte bald bemerken, daß er sich wieder einmal in jener phantastischen Faselei befand, wo er sich und andere überredete, ganz besonders unglücklich zu sein. Victor sah ihn scharf an. »Nun beichte nur gleich«, sagte er, »was ist wieder passiert?« – Der Doktor zögerte erst, dann begann er mit einer gewissen weichen Feierlichkeit: »Ihr wißt alle, daß meine liebe kleine Frau mich verlassen.« – »Sie mußte wohl«, fiel ihm Victor ins Wort, »du wolltest ihre gesunde, herbe, klare Prosa durchaus auf die poetische Lyra spannen, was Wunder, wenn endlich die Saite sprang!« – »Und einem Husarenlieutenant an den Schnurrbart flog«, sagte der Doktor ärgerlich über die Unterbrechung. »Kurz, ich wußte wohl ein Jahr lang nicht, wohin sie gekommen. Heute nun, als ich mit diesem guten Jungen da soeben zu den Bergen zurückkehren will, sehen wir ein rotes Ziegeldach durchs Grün schimmern. Wir traten näher, da steht ein Brunnen unter einem blühenden Apfelbaum, die Bienen summen drin in der schwülen Mittagstille, an dem Brunnen aber sitzt ein junges Weib, ihr Kindlein auf dem Arm – es war mein liebes Trudchen. »Gott grüß dich, schöne Frau«, sag‘ ich, und bitt‘ um einen frischen Trunk. Da blickt sie erschrocken auf – sie kannte mich nicht mehr.« – »Nein, Herr«, fiel hier der Bursch mit dem Korbe ein, »sie erkannte Euch gleich und schrie: »Herrje, Fritz, komm geschwind, da ist mein alter Mann!« – »Ganz recht«, fuhr Dryander fort, »und da kommt ihr neuer Mann, der verabschiedete Husarenlieutenant, in hohen Schmierstiefeln und Hemdsärmeln, Heu und Häcksel in den Haaren, und fährt in der Eile in seinem alten Flauschrock mit der Faust zum Ellbogen heraus, ein Kernwirt, sonst ein guter Kerl. Wir gingen nun miteinander ins Haus, ich lobte alles nach Kräften.« – »Ihr erzählt alles so konfus«, sagte der Bursch wieder, »Ihr fragtet zuerst, was in der Stadt der Spieß Lerchen koste, die draußen so hübsch sängen?« – »Kann sein!« – »Nein, ich weiß noch alles ganz genau. »Und, einmal als Philosoph gesprochen«, sagtet Ihr dann, »was braucht ein fühlendes Herz mehr: ein ländliches Schloß mit wacklichten Mansarden, ein sanfter, unter dreijährigen Dünger gesetzter Hügel daneben, ein schlängelnder Bach aus dem Kuhstall nach der lachenden Wiese« – »Halt das Maul«, fuhr ihn Dryander an. »Ich stand in der Haustür, mit tiefer Wehmut überblickte ich noch einmal den Apfelbaum, das stille Gärtchen und Trudchens Gestalt – dann wandt‘ ich mich –« Hier konnte der Bursche das Lachen nicht halten. – »Was hast du?« fragten die andern. – »Mit Erlaubnis«, sagte er, »und als der Herr so von dem schlängelnden Bach sprach, erwischte ihn der Herr Lieutenant am Flügel und schmiß ihn zum Hause heraus, daß er mir bald in den Korb gefallen wäre.« – »Nun, wenn Ihr’s besser wißt, so ist mir’s auch recht«, entgegnete der Doktor, ergriff eine Flasche und wollte fort, kehrte aber wieder um, nahm noch eine zweite unter den Arm und ging eilig in die Ruine. »Wahrhaftig«, sagte Fortunat lachend, »da ist Lug und Einbildung, Wahrheit und Dichtung so durcheinandergefilzt und -gewickelt, daß er selber nicht mehr heraus kann! ich wette, er ist nun auf acht Tage in allem Ernst wieder in seine kleine Frau verliebt!«

Während dieser Gespräche war es völlig dunkel geworden. Für Fiametta hatte man unterdes zwischen den Trümmern eine Lagerstatt von duftendem Heu bereitet, und ihre müden Augen waren schon untergegangen, als der Mond über die stillen Wälder aufging. Der Einsiedler, über seinem Rosenkranze nickend, bewachte sie von fern, die andern saßen noch zusammen bis tief in die Nacht. – Dryander aber hatte mit großer Umständlichkeit Papier, Federn, Wein und gestopfte Pfeifen in eine Zelle zusammengeschleppt, wo man ihn öfters eifrig auf und nieder gehen sah. Er wollte die schöne Nacht benutzen, um ein großes Gedicht, mit dem er sich schon lange in Gedanken herumtrug, endlich recht mit Ruhe niederzuschreiben. Da hatte er aber lauter Störungen. Erst nickte ihn aus irgendeinem Mauerloch unaufhörlich ein melancholischer Schuhu an, gegen den er sich sehr erboste, weil er es für eine üble Vorbedeutung hielt. Dann erwachte eine Nachtigall und schmetterte gerade vor seinem Fenster. Er wollte sie mit dem Schnupftuch verjagen, darüber verlor er seine beste Feder hinterm Ohr, die Zugluft durchs offene Fenster fuhr in die beschriebenen Blätter, und als er um sich griff, schimpfte und haschte, löschte ihm gar der Wind das Licht aus. Da ballte er voller Zorn alle Papiere in seine Tasche zusammen, setzte den Hut auf den Kopf und nahm draußen, da alles schon schlief, mit wenigen Worten nur von dem Einsiedler Abschied, der, halb im Traum, nicht wußte, was geschah. Dann raffte er noch geschwind die Viktualien vom Tische in den Korb und rüttelte den Burschen auf. Der mußte ohne weiteres voraus, und so wanderte er mit langen Schritten den Wald hinab, um nie mehr auf diesen Berg zurückzukehren, wo ihm die untreue Tugendwirtschaft auf einmal unglaublich langweilig vorkam.

Wir aber lassen das Irrlicht wandern und überschauen noch einmal das nächtliche Gebirge. Die Wälder und Abgründe liegen noch geheimnisvoll umher in der tiefen Stille, nur das ungewisse Flimmern der Sterne verkündet die Nähe des Morgens. Durch die weite Einsamkeit aber tönt ein Gesang, es ist Victors Stimme:

Nächtlich macht der Herr die Rund,
Sucht die Seinen unverdrossen,
Aber überall verschlossen
Trifft er Tür und Herzensgrund,
Und er wendet sich voll Trauer:
»Niemand ist, der mit mir wacht.«
Nur der Wald vernimmt’s mit Schauer,
Rauschet fromm die ganze Nacht.
Waldwärts durch die Einsamkeit
Hört ich über Tal und Klüften
Glocken in den stillen Lüften,
Wie aus fernem Morgen weit.
An die Tore will ich schlagen,
An Palast und Hütten: Auf!
Flammend schon die Gipfel ragen,
Wachet auf, wacht auf, wacht auf!

Da regt sich’s nach und nach immer lauter und lauter vor dem verfallenen Kloster, gesattelte Pferde wiehern durch die Dämmerung, Walter treibt geschäftig zur Eile, um noch vor der Mittagshitze ins Tal zu kommen, Fiametta sitzt schon auf ihrem Zelter und schüttelt sich und plaudert reiselustig in der Kühle. Jetzt tritt zu aller Erstaunen auch Victor mit dem Einsiedler ganz wanderfertig aus dem Kloster. »Glückauf!« ruft er ihnen fröhlich entgegen, indem er Fiamettas Pferd am Zügel faßt und den Zug beginnt, der wegkundige Einsiedler, eine Reisetasche umgehängt und einen dicken Wanderstab in der Hand, schreitet im Zwielicht rüstig voran.

»Nun, das ist einmal ein Wort!« rief Fortunat freudig aus, während sie so langsam den Wald hinabzogen, »du wanderst also mit?« – »Was hast du vor?« fragte Manfred fast betroffen. – »Beschlossen war es längst«, sagte Victor, »und heute leuchten schöne gute Sterne. Ihr wißt’s noch nicht: ich bin auch Bräutigam.« – Hier öffnete er den Reiserock, unter dem die Kleidung eines katholischen Priesters sichtbar wurde. – »Mein Lieb ist streng und ernst«, fuhr er lächelnd fort, »drum wollt‘ ich hier oben mich erst zusammenraffen und innerlich besinnen. Glaubt mir, ein herrlich Ding ist’s um die Einsamkeit auf hohen Bergen; das Buch des Lebens versteht doch nur, wer um Gottes Willen lernt und nicht um der Welt Gunst.« – Manfred sah ihn lange schweigend an. »Nun wahrlich«, sagte er dann, »wenn ich dich auf dem Schlachtfelde wiedergefunden hätte, hoch zu Roß mit der Fahne voran!« – »Du sprichst ja wie ein Mädchen davon«, entgegnete Victor, »wie wenn es keinen Krieg gäbe, als den die schmucken Lieutenants führen.« – »Und dein großes poetisches Talent«, unterbrach ihn Manfred wieder, »du wirfst es fort, wie ein Verschwender?« – »Was wär‘ denn Poesie«, meinte Victor unwillig, »wenn sie in einem Goldschnitt auf einer Morgentoilette durchzublättern wäre? Talent! das ist nur ein Blitz, den der Herr fortschleudert in die Nacht, um zu leuchten, und der sich selbst verzehrt, indem er zündet. Nein, Freunde, genug endlich ist des weichlichen Sehnens, wer gibt uns das Recht zu klagen, wenn niemand helfen mag! Nicht morsche Mönche, Quäker und alte Weiber; die Morgenfrischen, Kühnen will ich werben, die recht aus Herzensgrund nach Krieg verlangt. Auch nicht übers Meer hinüber blick‘ ich, wo unschuldige Völker unter Palmen vom künftigen Morgenrot träumen, mitten auf den alten, schwülen, staubigen Markt von Europa will ich hinuntersteigen, die selbstgemachten Götzen, um die das Volk der Renegaten tanzt, gelüstet’s mich umzustürzen und Luft zu hauen durch den dicken Qualm, daß sie schauernd das treue Auge Gottes wiedersehen im tiefen Himmelsgrund.« – Manfred konnte sich lange nicht erholen. »Ist mir’s doch«, sagte er endlich, »wie von einem hohen Berg ins Meer zu sehen, wo mir dein Schiff in der Morgenglut verschwindet. Der Anblick schreckt und blendet mich, ich muß den festen Boden fühlen unter mir, ein nahes Ziel von Tag zu Tag im Auge haben.« – »Geht, geht«, fiel Fortunat hier ein, »über eueren Reden verlier‘ ich mich selber ganz. Du Victor zumal, verwirrst mir schon seit gestern, wie ein nächtliches Wetterleuchten, der Seele Grund: tiefe Klüfte mit kühnen Stegen darüber und manche alte, geliebte Gegend fernab, aber alles so fremd und wunderbar wie in Träumen. Zuletzt ist’s doch dasselbe, was ich eigentlich auch meine in der Welt, ich habe nur kein anderes Metier dafür als meine Dichtkunst, und bei der will ich leben und sterben!«

Jetzt standen sie auf einem Abhang, von dem veschiedene Pfade auseinandergingen. Hier hielt Victor plötzlich an, sein Weg führte ihn noch weiter über den Gebirgskamm nach der Stadt, wo die neuen Gefährten seiner harrten. Er schien tief bewegt. – »Wie’s da unten nebelhaft sich durcheinanderschlingt« – sagte er, in die Täler schauend – »man hört schon Stimmen da und dort verworren aus dem Grund, Kommandoruf und Trompetenklänge durch die stille Luft und Morgenglocken dazwischen und den Gesang verirrter Wanderer. Und wo die Nebel auf einen Augenblick sich teilen, sieht man Engel ernst mit blanken Schwertern auf den Bergen stehen und unten weite Geschwader still kampfbereit aufblitzend, und der Teufel in funkelndem Ritterschmuck reitet die Reihen entlang und zeigt den Völkern durch den Wolkenriß die Herrlichkeit der Länder und ruft ihnen zu: »Seid frei, und alles ist euer!« – O Freunde, das ist eine Zeit! glückselig wer drin geboren war, sie auszufechten!« – Hier reichte er ihnen noch einmal die Hand und wandte sich schnell zum Walde. »Ade, du geistliches Soldatenherz!« rief Fortunat erschüttert aus. Sie sahen ihm alle noch lange schweigend nach, dann schieden auch sie voneinander. Manfred wollte dem Ruf zu einem bedeutenden Staatsdienste folgen, da hoffte er, wenn auch auf anderer Bahn, auf den frischen Gipfeln des Lebens mit Victorn wieder zusammenzutreffen. Walter aber begleitete das junge Ehepaar zunächst noch nach Hohenstein; ihm war’s, als sei seit seiner Jugendzeit die Welt zu groß und weit geworden für ihn, er sehnte sich recht aus Herzensgrunde nach seinem stillen, schattigen Gärtchen zurück – Und so sehen wir denn die rüstigen Gesellen auf verschiedenen Wegen das Gebirge langsam hinabreiten, und eine tiefe Wehmut befällt uns unter den leise rauschenden Bäumen, da nun alle die lieben, langgewohnten Stimmen nach und nach verhallen, wie wenn wir im Herbst die bunten Wandervögel über uns fortziehen hören.

Fiametta aber ritt voll stiller Freude und Erwartung neben Fortunaten in den dämmernden Morgen hinein, denn er hatte ihr nun entdeckt, daß er ihren Palast in Rom angekauft habe, dort wollten sie wieder hin. – Vor ihnen glänzte schon manchmal die Landschaft unermeßlich herauf, alle Ströme zogen da hinaus, Wolken und Vögel schwangen sich durchs heitere Blau ihnen nach, und die Wälder neigten sich im Morgenwind nach der prächtigen Ferne. – »Weißt du noch dein Märchen im Baum?« sagte Fiametta lachend, »nun bin ich wirklich Aurora.«

Und als Victor sich noch einmal auf der Höhe zurückwandte, waren schon alle im Morgenrot verschwunden. Durch eine Waldschlucht nur sah er unten einen schwerbepackten Rüstwagen und ein Häuflein Wanderer zu Fuß und zu Roß am Walde vorüberziehen, er erkannte seine alten Komödianten, Dryander schritt mit der Geige wieder voran. – So stand er noch lange in Gedanken oben – da ging die Sonne prächtig auf, die Morgenglocken klangen über die stille Gegend, und der Einsiedler sang:

Wir ziehen treulich auf die Wacht,
Wie bald kommt nicht die ew’ge Nacht
Und löschet aus der Länder Pracht,
Du schöne Welt, nimm dich in acht!

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Über einer der verborgensten Schlüfte der Schweiz rauschte leise die Nacht, nur ein Bach stieg zwischen den Felsen hernieder und plauderte, da die Menschen schliefen, heimlich mit der Wetterfahne auf der ärmlichen Waldherberge, die in dem stillen Grunde lag. Da fuhr auf dem Heuboden des Hauses ein Gesell verwirrt aus dem Schlafe empor. Es war Fortunat, der auf seiner Reise nach Italien spät des Abends das Wirtshaus erreicht und gern das luftige Nachtlager bestiegen hatte, da die wenigen Fremdenstuben schon von anderen Reisenden besetzt waren. Dort hatte ihn ein Traum erweckt, es war ihm plötzlich, als hätte eine altbekannte Stimme unten seinen Namen genannt. Er lauschte hinab, es rührte sich kein Laut. Draußen aber flimmerten noch die Sterne, da setzte er sich in das offene Dachfenster auf die obersten Sprossen der Leiter und sah den weiten, stillen Kreis von Gletschern im hellsten Mondschein über den Wäldern, nur der dumpfe Donner einer Lawine hallte von Zeit zu Zeit durch die große Einsamkeit herüber.

Jetzt erst fiel ihm der grillenhaft verworrene Bau des Hauses auf, er betrachtete schläfrig die kleinen hölzernen Galerien, Winkel und Erker, als auf einmal in dem alten Seitenanbau sich ein Laden öffnete und eine Dame, dicht in einen langen Schleier gehüllt, am Fenster erschien. Fortunat, scharf hinblickend, schauerte innerlichst zusammen – es war der Hut, das Reitkleid, Gestalt und Art der Gräfin Juanna! – Der Mond funkelte über ihren Gürtel, wie damals auf der Jagd, dann wurde das Fenster schnell wieder geschlossen. Gleich darauf aber sah er den Wirt zwei gesattelte Pferde auf den Hof führen, die Dame trat mit einem fremden Mann aus dem Hause, alles ganz sacht und leise, wie Wolken in der Nacht, sie flüsterten heimlich untereinander und mit dem Wirt, der ihm auf einmal selbst gespenstisch vorkam, und eh‘ er sich noch besinnen konnte, war die ganze Erscheinung, wie ein Zug Verstorbener, im wechselnden Mondlicht zwischen den Felsen und Bäumen verschwunden.

Fortunat war geblendet wie einer, der nachts in den Blitz gesehen; er eilte nun die Leiter hinab, der Hof war leer, als wäre nichts geschehen, aber zu seinem Erstaunen hörte er nun in einiger Entfernung Waffenklang durch die Stille. »Fechten die Toten in der Luft?« dachte er und verfolgte rasch die Richtung. Da erblickte er bald durch das auseinandergebogene Gesträuch zwei Männer, die auf einer mondhellen Wiese in heftigem Zweikampf begriffen waren. Gestalt, Tracht und Haltung, je länger er hinsah, schien ihm nicht fremd. – »Um Gott, ihr Phantasten«, rief er endlich aus, »was habt ihr wieder vor!« denn jetzt erkannte er deutlich den langen Lord und den Maler Albert von dem fürstlichen Jagdschloß.

Als die Kämpfenden ihn bemerkten, traten sie, die Spitzen ihrer Degen senkend, jeder feierlich einen Schritt zurück und verneigten sich kurz und ernst voreinander, dann stürzte der erhitzte Lord, der vor Eifer keine Zeit zum Verwundern und Begrüßen hatte, sogleich auf Fortunaten los. »Entscheiden Sie selbst«, rief er, »und ich behaupt‘ es nochmals und tausendmal: es gibt keinen kategorischen Imperativ, die Tugend ist nur der Flügelschlag der primitiven Freiheit der Seele, die Ahnung des geistigen Urstoffs, und dieser endlose Urstoff läßt sich so wenig durch Großmut, Keuschheit definieren, daß -« »Keineswegs!« entgegnete Albert ganz empört, »es gibt ein absolutes Sittengesetz, die Tugend, sie ist kein leerer Schall!« – »Aber, so sagt doch nur, was denn? Was gibt’s denn?« unterbrach sie endlich Fortunat höchst erstaunt und erfuhr nun nach und nach abgebrochen in einzelnen, verworrenen Sätzen von den Heftigen, daß sie beide, in der festen Überzeugung von einer Entführung Juannas durch Lothario, an jenem unglücklichen Abend, sobald die Gräfin vermißt wurde, die Jagd mit dem Schwure verlassen hatten, sie zurückzubringen oder niemals wiederzukehren. Sehr bald, so behaupteten sie, seien sie auch wirklich den Flüchtlingen auf die Spur gekommen, die sie bis zu diesem einsamen Wirtshaus verfolgt hätten. »Und nun, da wir am Ziele sind«, fuhr der Maler fort, »läßt dieser Herr da plötzlich seine großmütige Larve fallen und will die Gräfin als seine eigene Beute entführen. Aber mit diesem Schwerte, das in dem großen Kriegsjahre dreizehn geweiht ist, bewahre ich die Unschuld jener Dame gegen jeden Verführer, er mag ein deutscher Komödiant oder ein englischer Lord sein!« – Und hiermit gingen sie von neuem aufeinander los und führten ihre Schulterquarten und Schlenkerprimen mit einer bewundernswürdigen Künstlichkeit und Pedanterie aus.

Da fuhr auf einmal der dicke Wirt aus der Haustür wütend zwischen die Fechtenden hinein, er hatte einen umgekehrten Tisch über dem Kopfe, wie ein Stier mit vier Hörnern, die schon gezückten Schwerter klatschten flach auf seinen rindsledernen Schlafpelz. »Tausend Parlament«, schrie er, »Schändlichmens, Lordmajors oder Oberstlieutenant, ich frage den Teufel darnach! Ich nehme nicht tausend Pfund Sperling für den Skandal, verjagt mir da mit eurem Geklimper die besten Gäste, ist das ein Ständchen für eine schöne, ausländische Gräfin!« – »Gräfin! ist sie schon fort? Wohin?« unterbrachen ihn hier die Duellanten, ihre Degen rasch einsteckend. – »Ausländisch?« stotterte Albert vor Eifer, »was für eine Sprache redete sie?« – »Wahrhaftig, mir kam’s ganz spanisch vor«, erwiderte der Wirt und schien nun, indem er die beiden geheimnisvoll nach dem Stalle führte, mit ihnen angelegentlich von der Fremden zu sprechen, Fortunat konnte nur noch bemerken, daß der Schalk ihnen eine ganz andere Richtung wies, als die Dame vorhin eingeschlagen hatte. – Als er zurückkam, wollte ihn Fortunat selbst über die Gräfin näher ausfragen. Aber der dicke, schlaue Mann war nicht zu haschen, er sprach von tollen Nächten, Spukgeistern und fahrenden Hexen und brach mit solchem Lärmen den Tag an, daß der Hofhund anschlug und Knechte und Mägde aus allen Winkeln herausfuhren. Mitten in dieser Konfusion hörte Fortunat plötzlich den Lord und den Maler von der andern Seite durch die Dämmerung miteinander disputieren, und ehe er ihnen noch nachrufen konnte, hatten sie in ihren langen, bis an die Knöchel herabhängenden Wachstaftmänteln, aus denen die englischen Pferde ihre dünnen Hälse seltsam hervorstreckten, sich zwischen den fliegenden Morgennebeln schon verloren.

So stand er noch ein Weilchen ganz verwirrt, dann berichtigte auch er schnell seine Zeche, schwang sich auf sein Pferd und schlug den Waldpfad ein, den die geheimnisvolle Erscheinung vor Tagesanbruch genommen. Er ritt den ganzen Morgen fort: aber er fand sie nicht mehr wieder.

Fünfzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Die Sonne war eben über Rom untergegangen, als Fortunat von den Bergen mit der Abendkühle in die Stadt einzog. Nur ein Streifen des Meeres in der Ferne und das Kreuz der Peterskuppel brannten noch im Widerschein, dazwischen der Klang unzähliger Abendglocken, und Gärten, Paläste und einsames Gebirg unten wunderbar zerworfen – es war ihm, als zöge er in ein prächtiges Märchen hinein. »Ecco là!« rief auf einmal sein Vetturin und hielt still. Sie standen vor einem großen, altmodischen Palast, welcher zum Teil unbewohnt schien und in der Dämmerung melancholisch auf den einsamen Platz herniederschaute, wo hohes Gras aus dem Pflaster drang und ein Springbrunnen einförmig rauschte. Es war das Haus des Marchese A., in welchem befreundete Reisende für Fortunaten die Wohnung besorgt hatten.

Ein alter Diener, mit klugen, kurzen Blicken das geringe Gepäck des genügsamen Reisenden musternd, führte diesen die breiten Marmortreppen hinan, während er in großem Wortschwall die Abwesenheit des Marchese entschuldigte, welcher erst heut vom Lande zurückkehrte und nicht ermangeln werde, den schuldigen Empfang morgen nachzuholen.

Die ersten Stunden in einer großen, unbekannten Stadt gehören zu den einsamsten im Leben, auch Fortunaten überflog das Gefühl, als sei er jetzt in der Fremde. Er verlor sich ganz in den hohen Gemächern und betrachtete, als der Diener sich entfernt hatte, vor Langerweile die Stuckverzierungen an den Decken, die schweren, altmodischen Stühle, die hohen Spiegel mit goldenen Rahmen sowie die umherhängenden Jagdbilder, Kavaliere in seltsamen Trachten vorstellend, halb Ritter, halb Gecken, einen Hirsch mit galanter Reiterkühnheit verfolgend, und junge, schöne Damen in Reifröcken unter einem prächtigen Zelt im Walde, Jagdhörner in den Händen, denen der glückliche Jäger seine Beute zu Füßen legte. – Draußen schien ein großer Garten zu liegen, weit über den Garten her schlugen viele Uhren in der Ferne, es war ihm, als sei er schon gestorben und hörte die Totenglocke über sich.

In diesen Betrachtungen unterbrach ihn das Rasseln eines Wagens, der vor dem Schlosse zu halten schien. Er sah durchs Fenster und konnte bei dem Schein einer Fackel nur noch bemerken, wie eine schlanke Mädchengestalt aus der altmodischen Karosse behende in das Haus schlüpfte. Im andern Flügel des Palastes hörte man nun Türen auf- und zuwerfen, gehen und lachen, dann war plötzlich alles wieder still. – Bald darauf aber vernahm er im Garten einzelne, langgezogene Klänge einer weiblichen Stimme, wie eine Nachtigall, durch das Rauschen der Wipfel, durch welche die Glühwürmer leuchtend hinzogen. Der Mond trat eben hervor und verwandelte alles in Traum. Da öffnete Fortunat alle Flügeltüren, ergriff seine Gitarre und schritt durch die lange Reihe der Gemächer singend auf und nieder.

Es rauschen die Wipfel und schauern;
Als machten zu dieser Stund
Um die halb versunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund.
Hier hinter den Myrtenbäumen
In heimlich dämmender Pracht,
Was sprichst du wirr, wie in Träumen,
Zu mir, phantastische Nacht?
Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem, großem Glück!

Der schönste Frühlingsmorgen funkelte vor dem Palast über den Garten, da grünte und sang schon alles in der reizenden Verwilderung, in den ausgetrockneten Becken der Wasserkünste jagten sich jubelnd bunte Vögel, üppig blühende Ranken umschlangen mutwillig die Marmorstatüen, als wollte der Frühling sie mit Küssen ersticken. Arglos zwischen den nackten Götterbildern stand Fiametta, die vierzehnjährige Tochter des Marchese, mit ihrer Kammerjungfer Lenore plaudernd, die ihr die schönen, dunklen Haarflechten aufsteckte. Sie war ihr heute ungeduldig entsprungen, beide waren neugierig, ihren Gast, den gestern angekommenen Engländer, zu sehen, wofür sie jeden Reisenden hielten. »Mir träumte heut von ihm«, sagte Fiametta, »er sah aus wie die jungen deutschen Maler mit den langen, blonden Locken und stand in einer unbekannten, prächtigen Gegend, die schimmerte und blitzte, daß ich vor Blendung gar nicht hinsehen konnte. Ich wußt‘ es wohl, es war der Morgen, der schon durch die roten Gardinen schimmerte, aber ich drückte die Augen fest zu -« hier hielt sie ein und lachte in sich. – Lenore sah sie fragend an. – »Nein, nein«, meinte Fiametta leicht errötend, »was er mir da ins Ohr sagte, sag‘ ich nicht wieder – ob er noch jung sein mag?« – Lenore erzählte, daß sie gestern abends noch im Garten gewesen, da habe sie seinen Schatten im Zimmer auf und nieder schwanken gesehen, lang und dünn wie der Perpendikel einer Turmuhr – »Oder einer Spieluhr, denn ich hört‘ es wohl herüberklingen«, fiel ihr Fiametta ins Wort, während sie ihr Füßchen auf den Nacken eines umgestürzten Apollos stellte und sich die zierlichen Schuhe festband. Jetzt sahen sie auf einmal zwischen den Zweigen hindurch den besprochenen Gast selbst, sich streckend und dehnend, aus der Schloßtür treten und verschlüpften, wie Lazerten, schnell zwischen Blumen und Unkraut hinter ein halbverfallenes Gemäuer, wo er vorüber mußte und durch dessen Ritze sie ihn ungesehen betrachten konnten. Lenore fand ihn sehr schön, Fiametta dagegen kritisierte, heimlich flüsternd, sein schlichtes, braunes Haar, seinen dreisten Gang, und seltsamen Anzug. – Als er an die Mauer kam, sagte sie leis: »Ich schreck ihn.« Lenore fuhr abwehrend nach ihrer Hand, aber die kleine Marchesin hatte schon den über die Mauer herüberlangenden Ast eines blühenden Apfelbaumes gefaßt und schüttelte kurz und rasch, daß Fortunat von den Blütenflocken ganz verschneit war; dann liefen sie beide schnell davon.

Fortunat aber war heute längst über alles Verwundern hinaus. Schon beim Erwachen in den hohen Trumeau blickend, der Himmel und Bäume abspiegelte, hatte er geglaubt, so entkleidet mitten im Garten zu liegen und war erschrocken aufgesprungen; da hörte er draußen Lachen und Mädchenstimmen in den schönen fremden Lauten, wie Glöckchen, verlockend durch die morgenfrische Wildnis gehen. So war er die helle, stille Marmortreppe hinabgeeilt, um Rom, den Garten, den jungen Frühling und den alten Marchese zu begrüßen.

Nach allen Seiten fröhlich umschauend, wurde er in einiger Entfernung vor sich einen stattlichen Herrn mit gepudertem Haar, Schnallenschuhen und einen alten, hofmäßigen Kleide gewahr, welcher ein junges Frauenzimmer am Arm führte, während ein Bedienter in verschossener Liverei mit einem Sonnenschirm und in sichtbarer Langeweile ihnen langsam nachschlenderte. Seine Vermutung bestätigte sich bald, es war der alte Marchese A., welcher seinen Gast kaum bemerkt hatte, als er ihn in französischer Sprache sehr feierlich willkommen hieß und ihm in seiner Begleiterin seine Tochter Fiametta vorstellte, die errötend ihre langen schwarzen Augenwimpfern senkte, da sie auf Fortunats Rock noch einige Apfelblüten erblickte. Dann lud er den Fremden ein, an ihrer Morgenpromenade teilzunehmen. Fortunaten war es, da sie nun in künstlicher Verschlingung zierlicher Redensarten an den Buchsbaumwänden durch die langen Alleen mit perspektivischen Aussichten gemessen dahinschritten, als wüchse ihm langsam ein Haarbeutel im Nacken und ein Stahldegen zwischen den Rockschößen heraus, und er ginge immer tiefer und tiefer in jene gute, alte, wunderliche Zeit hinein, wie er sie aus Büchern und Bildern wohl noch kannte. Dazwischen machten ihn die dunklen, funkelnden Augen Fiamettas recht innerlichst vernügt, und so kam er selbst, eh‘ er’s wußte, immer lustiger in die auserlesenste Galanterie, und es störte die Illusion kaum noch, als sich der Marchese zuletzt ganz unerwartet nach einem seiner entfernten Verwandten in Deutschland, dem Grafen Victor von Hohenstein, erkundigte. Fortunat nannte ihn einen homme de lettres, der sein Siècle machte.

Marchese: Er ist aus einem alten Hause.

Fortunat: Bewohnt es aber wenig, sondern ist seit geraumer Zeit auf den Parnaß verzogen, wo er sich seine eigenen Luftschlösser baut.

Marchese: Ein barocker Einfall für einen Kavalier.

Fiametta: Ich möchte einmal einen Dichter sehen.

Fortunat: Ihren Augen, meine Gnädigste, kann das nicht schwer werden, wo der Frühling zaubert, muß selbst der nordische Boreas durch die Blumen sprechen.

Fiametta: Haben Sie auch Blumen in Deutschland?

Fortunat mit galantem Blick: So schöne nicht.

Während dieses Diskurses hatten sie sich wieder bis an den Palast herangeschlungen, man schied mit vielen Verbeugungen am Portal unter großem Geschrei der Sperlinge in den zerbröckelten Säulenknäufen. Fortunaten war es, als hätt‘ er in aller Frühe eine Menuett getanzt, im Garten aber sangen die Vögel und rauschten die Bäume wieder, als sprächen sie noch immer von den funkelnden Augen der schönen Marchesin.

Sechzehntes Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Die ersten Tage verstrichen Fortunaten wie im Rausche, alles schimmerte vor seiner Seele, er mochte in dem Glanze noch nichts deutlich unterscheiden. Der beste Führer durch Rom und der Plan der Stadt lagen auf dem Tische aufgeschlagen, jeden Morgen ging er mit dem festen Vorsatze aus, seinen regelmäßigen, auf dem Plane im voraus rot punktierten Umlauf zu beginnen, aber eine überraschende Aussicht zog ihn an, ein Bänkelsänger, der einen Kreis von Lumpengesindel um sich versammelte, lenkte ihn von seinem Wege ab und hielt ihn lange auf, oft folgte er durch ganze Straßen ein paar seltsamen Männergestalten, deren römische Nasen und ausdrucksvolle Gebärden ihm eben besonders auffielen, und wenn er dann ermüdet von dem müßigen Umherschlendern zurückkehrte, mußte er sich dennoch eingestehen, daß er in der kurzen Zeit mehr gesehen und erfahren hatte, als sein gedruckter Führer sich träumen ließ.

Auf einem solchen Streifzuge hatte er sich eines Abends in ein entlegenes Labyrinth kleiner Gassen verirrt, die Bewohner saßen plaudernd vor den Türen, schöne, halbnackte Kinder spielten und lärmten in dem Abendschimmer. Da hörte er unerwartet weiterhin ein lautes Gezänk in deutscher Sprache herüberschallen und eilte neugierig dem Haus zu, woher der Lärm kam. Auf einmal sprang die Haustür hastig auf, und ein wohlgekleideter, nicht mehr ganz junger Mann kam so unsanft herausgeflogen, daß er den Hut vom Kopf verlor. »Mein Gott! Du, Grundling!« rief Fortunat überrascht aus – es war der deutsche Reisende, der ihm die Wohnung in dem Palast besorgt hatte. – »Da bist du ja wie gerufen«, sagte dieser ganz ruhig seinen Hut abstaubend, »ich will dich sogleich bei Landsleuten einführen.« Hiermit versuchte er den Drücker der Tür, fand sie aber hinter sich verschlossen. »Hat nichts zu sagen«, meinte er nun, winkte Fortunaten und führte den Erstaunten in das leerstehende Nebenhaus, im Dunkeln vorsichtig tappend, zwischen wüstem Gerülle hindurch. Währenddes hörten sie im Innern nebenan eine männliche und eine weibliche Stimme immerfort lebhaft miteinander zanken. »Das sind nun meine goldene Träume!« rief der Mann. – »Träume?« erwiderte das Mädchen schnippisch, »so zwick dich in die Nase, damit du erwachst, ich glaube, du bist heut wirklich betrunken.« – »Was wußtest du je von der Trunkenheit der göttlichen Kunst!« fiel er ihr wieder ins Wort, »ich Tor, der ich meinte, dich mit emporzuheben! Nun zerrst du mich selbst mit hinab und machst mir die Welt so gemein, daß ich ihr alle meine Farbentöpfe an den Kopf werfen möchte!« – »Nun, einen deiner Pinsel wenigstens hast du schon hinausgeschmissen«, entgegnete das Mädchen lachend. – »Da meint sie mich«, sagte Grundling zu Fortunat, »fideles, genialisches Volk!«

Jetzt öffnete er am Ende eines schmalen, finsteren Ganges eine Hintertür, und sie traten in ein großes, wüstes, von einem Kaminfeuer zweifelhaft erleuchtetes Gemach, wo Fortunat zu nicht geringer Verwunderung in den Zankenden Kordelchen und Guido erkannte. Die erstere saß auf einem Koffer, wo sie Wäsche zu flicken schien. Kaum hatte sie Fortunaten erblickt, als sie, aufspringend, alles wegwarf, ihm mit großer Freude an den Hals flog und ihn tüchtig abküßte. Guido, bleich und verstört, stand schweigend und schien einen Augenblick verlegen. Kordelchen aber erzählte in aller Geschwindigkeit, Herr Grundling, der in Rom bekannt sei wie in seiner eigenen Tasche, habe Guidon in den Bildergalerien und bei allen Malern herumgeführt, vor kurzem seien sie in einem großen, philosophischen Disput über die Kunst zurückgekehrt, da habe Grundling Guidos angefangene Bilder und Zeichnungen getadelt, daraus sei der ganze Spektakel entstanden. – »Wie du alles wieder verdrehst!« fiel ihr Guido heftig ins Wort, »es ist nicht um den Plunder auf meiner Staffelei dort! Vor den übermächtigen, alten Bildern in den Werkstätten unserer frommen, ernsten deutschen Künstler, da tat es plötzlich einen langen Blitz über mein ganzes leben von allen Decken, Wänden herab und verbrannte, was hinter mir lag. Da wußt‘ ich’s auf einmal, wer ich bin, ein weinerlicher, erbärmlicher Wicht, der noch nichts gemalt und erdacht hat!« – Hier brach seine Stimme, er setzte schnell seinen Hut auf und stürzte, ohne jemanden zu begrüßen, trotzig zur Tür hinaus.

»Es ist doch ein schöner Junge, besonders wenn er böse wird«, sagte Kordelchen, ihm nachsehend. Grundling zündete unterdessen an dem Kamin, wo Überbleibsel vom Mittagessen aufgewärmt wurden, gelassen seinen Zigarren an, während Fortunat Guidon nacheilen wollte. Aber Kordelchen vertrat ihm den Weg. »Ich bitte Sie, lieber Baron«, sagte sie, »tun Sie ihm nicht den Gefallen, denn er will doch nur bedauert und widerlegt sein. Je mehr man ihn tröstet und streichelt, je ungebärdiger wird er, wie ein ungezogenes Kind, das sich selbst in die Zunge gebissen hat.«

Sie fing nun, unbekümmert um die Gegenwart der beiden Fremden, vor den Trümmern eines zerbrochenen Spiegels sich schnell zu putzen an, wobei sie Fortunat sehr lustig erzählte, wie sie nach Rom gekommen. Das fröhliche Mädchen, schon früh für die Bühne dressiert, hatte durch ihr Zusammentreffen mit Lothario zum ersten Male in ihrem Leben Lust und Leid in ihrer tieferen Gewalt erfahren, ohne sich weiter ihren Zustand klarzumachen. Als nun aber der unbeständige Freund so plötzlich verschwunden war, wurden ihr Theater, Sorti und alle die alten Gesichter langweilig, und der enthusiastische Guido beredete sie um so leichter, ihn nach Italien zu begleiten, als sie dadurch an Lotharios Untreue sich zu rächen und insgeheim diesen hier wiederzufinden meinte, was sie aber allen verschwieg. Unterwegs hatte sie sich unzählige Male mit Guido entzweit und wieder versöhnt, sie galt für seine Frau, hier in Rom endlich zerstreute sie die neue Welt, und so führte sie gedankenlos ihr gewohntes, leichtfertiges Leben mit einer gewissen Unschuld fort, die dabei nichts Arges hatte. – »Aber wie sind Sie damals in der Schweiz den Lord und den Albert wieder losgeworden?« fragte sie plötzlich Fortunaten. – »Wie!« sagte dieser erstaunt, »so wart ihr es in jener Nacht?! – »Freilich«, erwiderte sie lachend, »ich kannte ihre Einbildung, und ritt und trug mich wie die arme Gräfin, um die irrenden Ritter zu foppen.«

Währenddes machte Grundling dem Mädchen bei ihrer Toilette auf seine schwerfällige Art den Hof, was sie sogleich zu benutzen wußte, indem sie beständig etwas zu kommandieren hatte, bald mußte er ihr ein Tuch holen, bald eine Nadel suchen, dann reichte sie ihm ihr Füßchen hin, um ihr den Schuh festzubinden, was der trockene Schalk mit ungeschickter Umständlichkeit ausführte. Darauf wollte sie ihre Gäste auf nordische Weise mit Tee bewirten, aber da waren die Teelöffel verlegt, die Tassen voll Farbenkleckse, zudem war es schon finster, und je mehr man suchte, je größer wurde die Verwirrung, bis Kordelchen endlich, den Einfall wieder aufgebend, die beiden Männer lustig zu einem Seitenpförtchen hinausschob, um ihnen ihren sogenannten Garten zu zeigen.

So gelangten sie durch das dunkelverbaute Hinterhaus auf einen kleinen, grünen Platz, dessen Aussicht Fortunaten wunderbar überraschte. Denn hinter den Weingeländen und duftigen Gärten, die sich terrassenartig senkten, lag plötzlich die Nacht mit ihren Trümmern und zerbrochenen Säulen wie ein Buch der Vergangenheit unter ihnen aufgeschlagen, dessen Anfangsbuchstaben der Mond rätselhaft vergoldete. Da hörten sie von fern aus den Gärten einzelne Akkorde einer Laute, bald darauf sang eine schöne männliche Stimme:

Jetzt wandr ich erst gern!
Am Fenster nun lauschen
Die Mädchen, es rauschen
Die Brunnen von fern.
Aus schimmernden Büschen
Ihr Plaudern, so lieb,
Erkenn ich dazwischen,
Ich höre mein Lieb!
Der Dichter ins Haus.

Kordelchen, die aufmerksam hinabgelauscht hatte, besann sich nicht lange und antwortete sogleich nach derselben Melodie:

Ich höre mein Lieb,
Beim wechselnden Scheine
Verläßt er die Seine
Und kommt wie ein Dieb.
Es hallt von den Steinen,
Die Wipfel wehn sacht
Und sagen’s der Deinen
Ja, hüt dich bei Nacht!

Der Sänger unten schien es vernommen zu haben, er sang, immer näher und näher kommend, lustig entgegen:

Ja hüt dich! bei Nacht
Pflegt Amor zu wandern,
Ruft leise die andern,
Da schreiten erwacht
Die Götter zur Halle
Ins Freie hinaus,
Es bringt sie dir alle

Die Stimme schien Fortunaten bekannt, da rauschte es in dem nächsten Gebüsch, und mit einem leichten Satze schwang sich der Sänger zwischen dem alten Gemäuer zu ihnen herauf, daß seine Laute an den Zweigen einen fröhlichen Klang gab. – » Otto!« rief Fortunat freudig aus, denn es war niemand anders, als der poetische Student aus Hohenstein. Fast aber hätte er ihn nicht wiedererkannt, so verwandelt, von der Sonne gebräunt und rüstig erschien der Jüngling. Er hatte Fortunats Ankunft schon erfahren, und erzählte ihm nun sogleich voller Entzücken von seiner Reise und dem hiesigen Aufenthalt, er war wie berauscht in den fremden Lüften. Kordelchen neckte ihn mit seinem römischen Liebchen, und Grundling schwor, das sei das schönste Frauenzimmer, das er jemals gesehen, alle Maler stiegen nach, wenn sie, ihr Fruchtkörbchen auf dem Kopfe mit dem einen Arm unterstützend, schlank und zierlich über den Markt ging; einem Landsmann habe sie bei dieser Gelegenheit einmal eine Feige umsonst gereicht, nämlich hinters Ohr.

Während sie noch so sprachen, hörten sie hinter sich im Hause heftig gehen und die Türen zuschlagen. Es war Guido, der, in der ungebärdigsten Laune zurückgekehrt, nach Licht rief und im Finstern mit den Stühlen umherwarf. – »Heraus, du verstörter Poltergeist mit deinem dummen Künstlerunglück!« rief Grundling in das Haus hinein. – »Laßt mich jetzt ungeschoren, das rat‘ ich euch«, erwiderte Guido zornig von innen, »wem sein Himmel über dem Haupte zusammenbrach, dem kommt’s auf ein paar Scherben mehr oder weniger nicht an.« – Hier aber verwickelte er sich unter dem alten Gerümpel des Hausflurs mit den Füßen in umherliegende Schläuche, er zuckte ungeduldig, darüber geriet ein übereinandergeschichteter Turm von leeren Weintonnen und Maler, unaufhaltsam übereinanderkollernd, zum Hause herausgestürzt kamen. Grundling, der sich vorwitzig der Türe genähert hatte, konnte nicht so schnell entspringen, eine Tonne hüpfte ihm zwischen die Beine, er wollte sich an Otton festhalten, erwischte aber nur seine Laute, mit der er krachend niederfiel. Otto schalt auf Grundling, Grundling auf Guido, Guido auf mehrere alte Weiber, die über den Lärm keifend aus allen Dachfenstern herausfuhren. Mitten aus dieser Verwirrung brach endlich das tiefe, weitschallende Lachen Grundlings mit solcher vehementen Herzlichkeit, daß es bald Handelnde und Zuschauer unaufhaltsam mit fortriß.

Diese unerwartete Explosion zerstreute die letzten Wölkchen an dem leicht beweglichen Horizont. Auch Guido hatte darüber seine hochmütige Zerknirschung gänzlich wieder vergessen. Man holte Wein herbei, und Kordelchen forderte Grundlingen auf, da sie sich eben alle wie in der Arche Noah so fröhlich zusammengefunden hätten, bei der schönen, warmen Nacht seine Lebensgeschichte zum besten zu geben, was von den andern mit großem Applaus aufgenommen wurde.

Grundling langte nun aus seinem tiefen Schubsack erst mehrere Stücke eines Pfeifenrohrs hervor, die er umständlich zusammensetzte, und einen ungeheuern Pfeifenkopf vollpfropfte, während er auf einem der umgestürzten Weinfässer Platz nahm. Die andern hatten sich, um dem Qualme des schlechten Tabaks zu entgehen, vorsichtig außer dem Winde um ihn her gesetzt, worauf derselbe endlich folgendermaßen begann:

»Du wirst dich noch erinnern, Fortunat, wie ich in Heidelberg mich so in die Wissenschaften verbissen hatte, daß ich gar nicht mehr loskommen konnte.« – »Allerdings«, erwiderte Fortunat, »du und dein grüngräulicher Mantel hatten schon mehrere Studentengenerationen überlebt, als ich dort ankam. Du warst ein hartnäckiger Kantianer und standst, noch immerfort nach der Aufklärung hinweisend, wie ein alter Meilenzeiger, den man mitten im Kornfelde vergessen, nachdem Fichte und Schelling längst andere Straßen gezogen hatten. Du verachtetest damals uns Jüngere unsäglich, die wir den neuen Weg eingeschlagen.« – »Nun bei Gott, das tu‘ ich auch jetzt noch«, rief Grundling, indem er dicke Tabakswolken von sich stieß. – »Auf einmal aber warst du in Heidelberg spurlos verschwunden«, sagte Fortunat. »Ein von den Ferien zurückkehrender Student hatte deinen Mantel mitten auf der Heerstraße gefunden, den wir sodann mit einem philosophischen Leichensermon feierlich zur Erde bestattet haben. Wie ging das zu?« – »Das will ich euch wohl berichten«, entgegnete Grundling.

»Es trieb sich dazumal ein schlanker, junger Mensch in Heidelberg herum, den niemand näher kannte, er war nicht Student, nicht Philister, aber verdammt schlau. Das kam mir gleich verdächtig vor, denn ich habe in solchen Stücken eine feine Nase. Ich fühlte dem Patron bei schicklicher Gelegenheit auf den Zahn, da sprach er von Fürsten, Ministern und Bischöfen! – versteht ihr? Bischöfen – mit denen er oft an naher Berührung stände, von Rührung, Stimmung der Seelen usw., aber alles glatt und durcheinandergeschlungen, wie ein Aal. Da schoß mir endlich ganz das Blatt. Ja, liebe Freunde, es war niemand anders als ein geheimer Jesuit, so ein verdammter proselytenmacherischer Emissär! Nun, ihr kennt mich, von Stund‘ an faßt‘ ich den Kerl scharf ins Auge, sann und beobachtete ihn bei Tag und Nacht. Eines Abends sehr spät wandle ich eben in meinem Mantel vor dem Tore so für mich auf und nieder, als ich auf einmal den Emissär sacht und vorsichtig in ein dunkles Gebüsch schlüpfen sehe. Ich, nicht zu faul, lenke sogleich meine Schritte dahin, arbeite mich durch Strauch und Dorn immer tiefer nach, und was erblick‘ ich?! – Unter einer hohen Linde im dämmernden Mondschein steht der Emissär in erhabener Stellung, neben ihm ein sehr junger Mensch, der soeben, die rechte Hand zum Himmel gereckt, einen feierlichen Schwur ablege. Nun halt‘ ich mich nicht länger, ich stürze hervor und donnere den Seelenverkäufer an, daß er sich unterfange, diesen Sitz der Aufklärung mit der pestilenzialischen Finsternis des Mittelalters zu verdüstern et cetera. Unterdes fing auch über meiner Rede ein Hund in der Nähe zu bellen an, einige Personen bewegten sich von fern zwischen den Bäumen, die Überraschten wurden immer verlegener, ich fuhr in meinen Ermahnungen immer nachdrücklicher fort. Aber was geschieht? Der Kerl von Jesuit packt mich auf einmal von hinten, der andere an die Füßen, daß ich die Balance verliere, so werfen sie mich in eine verfluchte Kalesche am Gebüsch, die ich vorher gar nicht bemerkt hatte, schwingen sich mit herauf, der Kutscher peitscht in die Pferde, und fort geht es über Stock und Stein in die finstere Nacht hinein. – Als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mit Vergnügen, daß meine Pfeife in der Konfusion nicht ausgegangen war, auch hatte ich den Tag über viel gesessen, etwas Motion konnte nicht schaden, die Nacht war schön, kein Mensch oder Dorf in der Runde – so dacht‘ ich denn: laß sie fahren! Und setzte meine Ermahnungen ruhig wieder fort. Aber es dauerte nicht lange, so war der junge Proselyt darüber eingeschlafen. Der Jesuit dagegen, wie es die Art dieses schlauen Ordens ist, wich mir mit sophistischen Redensarten bald rechts, bald links aus, dann zog er eine Flasche guten, schweren Weines aus der Wagentasche und trank mir zu. Ich kam immer mehr ins Feuer, wir disputierten und tranken, ich verbreitete mich ausführlich über Aufklärung, Mönchtum, dicke Finsternis et cetera, aber Gott weiß, wie das zuging, es war mir, wie ich so fortsprach, als schritt‘ ich in der Rage unserem Säkulum um einige Jahrhunderte so unaufhaltsam vor, daß ich meine Gedanken gar nicht mehr halten konnte, vergeblich blickte ich unverwandt auf den dreieckigen Hut des Kutschers vor mir, Bäume und Dörfer und Wälder und Gedanken flogen und verwickelten sich mir im Mondschein durcheinander, nur manchmal hört‘ ich noch den Jesuiten dazwischen schnarchen, bis mir zuletzt selbst alle Sinne vergingen. – Als ich wieder aufwachte, war der Jesuit und Proselyt und Wagen und alles fort, und ich liege rücklings auf einem Rasenkanapee an der Chaussee in der angenehmsten Morgenkühle. Aber wie lieg‘ ich da! In einem kompletten Jesuiterroquelaure mit unzähligen Knöpfen vom Kinn bis an die Fußspitzen und ein kleines, schwarzes Barett auf dem Haupt!«

Hier brachen sämtliche Zuhörer in ein lautes Gelächter aus, nachdem Kordelchen schon während der ganzen Erzählung öfters heimlich gekichert hatte. »Dummes Zeug!« rief Grundling ärgerlich und stürzte zwei Gläser Wein hintereinander aus, »was ist da zu lachen? Das war kein Spaß. Vom Felde glotzten mich ein paar Bauern groß an, ich schämte mich in dem Aufzuge, als ob ich nackt wäre, und sprang geschwind ins Gebüsch. Aber die Bauern, wie sie das sehen, fangen an zu schreien, und hurra hinter mir drein! Ich springe und schlüpfe und duck‘ mich in Gräben, an Zäunen, laufe in der Verwirrung gerade ins Dorf hinein, verwickle mich mit dem langen Roquelaure im Gesträuch, da fahren euch Hunde, Kinder und Weiber aus allen Löchern, und alles schreit Mordio. – So brachten sie mich ganz atemlos zum Pastor. Da hatt‘ ich nun gut reden, daß ich kein Jesuit, sondern eigentlich ein Philosoph sei, je mehr ich von Aufklärung sprach und auf die Jesuiten schimpfte, je schlauer und verdächtiger lächelte der Pastor dazu. Endlich gab er zu essen, ich hatte einen erstaunlichen Appetit. Über der Mahlzeit hör‘ ich draußen ein Pferd schnauben und scharren, der Pastor geht hinaus, ich vernehme eine feine Silberstimme, die sich voller Verwunderung und sehr eifrig nach mir erkundigt. Als ich ans Fenster trete, erblick‘ ich unter den alten Linden vor dem Pfarrhause ein hohes, schlankes Frauenzimmer zu Pferde, im Jagdhabit mit nickenden Federn auf dem Haupt. Sie ritt soeben wieder fort, ich konnte ihr Gesicht nicht mehr sehen, aber sie machte von hinten einen recht majestätischen Eindruck auf meine Sinne. – Nun kam und ging der Pastror wieder hin und her und hatte immerfort das fatale Lächeln im Gesicht, ich merkte, daß Boten abgeschickt wurden, ich hörte insgeheim vom Gerichtshalter etcetera flüstern, da wurde mir zuletzt angst, und gegen Abend schlüpfte ich unvermerkt durchs Hinterpörtchen, um die Nacht über nach Heidelberg fortzuwandern. Wie ich aber so vor dem Dorfe am Schloßpark vorüberziehe, hör‘ ich drin dieselbe Silberstimme sehr angenehm zur Laute singen. Das ficht mich an, ich trete in den Park, immer dreister und weiter – es war richtig die Reiterin. Sie hatte mich schon erblickt. – »O meine Ahnung! Wußt‘ ich’s doch, daß du kommen würdest, frommer Vater«, sagte sie, zu mir tretend. Nun hätte das doch mit dem Teufel zugehen müssen, wenn ich ihr Vater hätte sein sollen, denn sie war älter als ich und häßlich, lang und vertrocknet. Sie erzählte mir nun in der Geschwindigkeit, daß sie Schriftstellerin sei unter dem Namen Blancheflour, ich würde ihre Schriften wohl kennen, sie habe diesen wichtigen Moment in ihres Herzens Herzen längst ersehnt. – »Aber was wollen Sie denn eigentlich?« fragte ich ganz verblüfft. – »Nun mein Gott! katolisch werden! Aber du kennst wohl meine geistlichen Hymnen noch nicht, ehrwürdiger Vater?« – Und nun fing sie, eh‘ ich’s mir versah, wütend zu deklamieren an, bei jedem Vers trat sie in der Verzückung einen Schritt näher, ich einen Schritt zurück, bis an eine Laube, wo ich geschwind entwischen will. Da brechen auf einmal zwei junge Leute aus dem Buschwerk und gerade auf mich los; es war der Bruder des Fräuleins und sein akademischer Freund, ein durchreisender englischer Lord. Der Lord, der uns für verliebt hält, nimmt sich sogleich der verfolgten Unschuld der Jungfrau an, es werden Hieber angeschleppt, und ich muß mich auf der Stelle mit ihm duellieren. Ihr wißt, ich führte eine gute Klinge, der Lord ebenfalls, wir konnten einander nichts anhaben. Nun ging’s drauf, – das Fräulein lag in Ohnmacht – Schlenkerpriemen und Schulterquarten, daß ich mein Barett vom Kopf verlor. »Nur noch einen Gang!« rief der Lord entzückt aus – meinetwegen! – und wieder einen und noch einen! – Darüber wird mir endlich der Lord ganz gewogen, wirft den Hieber weg und embrassiert mich. – Nun fand sich’s, daß er auch ein heller, philosophischer Kopf, und ebenso erpicht auf Menschenbildung war als ich. Ich mußte mit ihm aufs Schloß, da hatte er alle Koffer foll neuer Konstitutionen, die er bei den verschiedenen Nationen anbringen wollte. Wir disputieren zusammen die ganze Nacht, wir werden ein Herz und ein Sinn, trinken Brüderschaft, und er proponiert mir, mit ihm zu reisen. Das Fräulein behandelte mich nun schnöde und verächtlich. Aber ich fragte nichts darnach, am folgenden Morgen saß ich mit dem Lord auf dem Wagen, und wir fuhren durch die Schweiz über Rom, Neapel, zwischen Kalabrien und Sizilien durch «

Halt! halt ein!« riefen hier die andern lachend dazwischen, »dein Lebenslauf kommt auf einmal so verteufelt ins Stürzen, daß einem ordentlich der Wind am Hute pfeift.«

»Was da halt!« erwiderte Grundling, trinkend und wieder einschenkend. »Aber in Spanien ging’s uns kurios. Das ist ein verteufelt hitziges Land, kaum hat man dort das Samenkorn der Weisheit in den Boden gelegt, so schießt’s einem auch schon gleich unter den Beinen empor, Disteln und Unkraut, da ist kein Halten mehr, und eh‘ man sich’s versieht, ist einem in dem verrückten Klima die ganze Vegetation über den Kopf gewachsen wie eine ungeheure Pelzmütze. Das haben wir dazumal wohl erfahren. Wir hatten uns durch Prozessionen, an Klöstern und Feudalsitzen vorüber, schon ziemlich tief ins Land hineingeärgert und ritten eines Abends soeben dem Gebirge zu, als sich ein paar wackere Burschen zu uns gesellten. Wem’s Ernst ist, der feiert nicht gern. Wir knüpften sogleich ein Gespräch aus dem Gebiet der praktischen Philosophie mit ihnen an, bald holten wir noch ein paar Wanderer ein und wieder ein paar, bis wir zuletzt am Fuße des Berges auf einen großen, hellen Haufen stießen. Ich besinne mich nicht lange und haranguiere das Volk. Ich sprach vom Aberglauben, von der Freiheit des Willens et cetera, ich kam immer mehr ins Feuer mit donnernder Stimme und zuckenden Gedankenblitzen, das zündet gleich rechts und links, die Kerls jauchzen, schreien Bravi und wieder Bravi, und eh‘ man die Hand umdreht, mitten in der Rede, heben sie mit Piken und Stangen ein altes, abgebrochenes Zelt hoch über ihre Köpfe, schwingen vor Entzücken mich und den Lord auf den Baldachin hinauf und tragen uns so im Triumph auf ein altes, adeliges Schloß zu. Da war’s doch nicht anders, als wollten sie mit unseren Köpfen die Mauern einrennen, denn in der Begeisterung fragten sie den Teufel darnach, daß das Schloßtor viel zu niedrig war für unseren Baldachin. Zum Glück erblickt‘ ich nebst dem Lord noch zu rechter Zeit einen Balkon gerade vor uns über dem Tore, wir erfaßten schnell das Geländer, die Kerls schritten wie toll unter uns weg, und so blieben wir draußen am Balkon hängen mit den Beinen in der Luft. Jetzt aber entstand unter uns ein Spektakel, ein Gedränge und Gewürge – denn die Kerls waren Guerillas – die vom Schloß fielen aus, die Guerillas ein – zwischen unseren Beinen hindurch flogen die Kugeln immerfort hin und her, der Lord verwünschte unsere Philosophie, worüber wir noch heftig aneinandergerieten. Wie wir nun so bedenklich hängen und streiten, stürzt plötzlich oben im prächtigen Mondschein zwischen blühenden Pomeranzenbäumen das Schloßfräulein auf den Balkon heraus, dunkle Locken, Alabasterhals und -busen und eine Laute im Schwanenarm. Die sieht mich penetrant an und bleibt wie verzaubert stehen, sie sieht mich noch einmal an – und: »O mein Traum!« ruft sie und läßt die Laute fallen. Darauf, schnell wieder gefaßt, erwischt sie mich hinten beim Kragen und hilft erst mir, dann dem Lord rasch übers Geländer auf den Balkon, in das Pomeranzengemach hinein. Jetzt aber war guter Rat teuer; ich unbewaffnet, kein Schwert in der Nähe, und von unten heult das Gedrossel, wie ein versessener Sturmwind, durch das alte Haus immer höher und näher herauf. Der Lord wirft sich noch geschwind an den Sekretär des Fräuleins hin, schreibt sein Testament und setzt mich zu seinem Universalerben ein. Unterdes aber – ihr kennt die südliche Glut – verliebt sich die Prinzessin«

»Prinzessin!« rief Fortunat, »du nanntest die eben noch schlechtweg vorhin Fräulein!«

»Verliebt sich die Prinzessin«, fuhr Grundling immer schneller redend und trinkend fort, »immer heftiger in mich, und erzählte mir, wie sie mich schon früher einmal im Traume gesehen, mit Uniform und dreieckigem Hut durchs Morgenrot auf Wolken schwebend, et cetera. Jetzt war auch der Lord mit dem Petschieren des Testaments fertig, die Prinzessin wollte uns aus dem Schlachtgetümmel heimlich salvieren, wir retirierten durch Kammern und lange Gänge unaufhaltsam immer höher hinauf, wobei uns noch der eigensinnige Lord gefährlich wurde, der niemals seine prallen, hirschledernen Hosen ablegen mochte, die nun in dem Mondschein von weitem leuchteten. So kamen wir endlich auf das flache Schloßdach hinaus, da standen wieder blühende Granaten und Limonien, in der Mitte plätscherte eine Wasserkunst sehr angenehm, in der Goldfischchen bei dem klaren Mondschein lustig hin und her fuhren. Aber da war nicht lange Zeit zur Ergötzlichkeit. Unter uns der Kriegslärm, vor uns der nächtliche Abgrund, dazwischen die schöne Herzogin mit der südlichen Glut immer dicht hinter mir drein: ich soll katholisch werden und sie heiraten, oder ich und sie müßten auf der der Stelle sterben! Ich aber kann mich in der Konfusion nicht resolvieren, da zieht sie einen unvernünftig langen Dolch aus dem Gürtel, preßt mich mit dem linken Arm fest an ihre Brust, holt mit dem rechten hinter meinem Rücken aus und will mich und sich zugleich durch und durch stechen. In demselben Augenblicke platzt die Falltür neben uns mit einem ungeheuren Knall, daß die Stücke meilenweit auseinanderfliegen. Sie hatten schon lange darunter gestemmt, und nun, wie wenn ein Champagnerstöpsel unverhofft losgeht, kamen auf einmal Guerillas, Schloßsoldaten und Alguazils, die einen mit den Ellbogen, die andern mit den Stiefeln voraus, mit unglaublicher Vehemenz aus dem Loche senkrecht emporflogen, und sowie einer auf das Dach wieder niederfiel, fuhr er seinem Nachbar gleich wieder in die Haare, so verbissen waren sie untereinander. Die verliebte Königin, da sie nun alles verloren sieht, faßt mich beim Arme und rasch mit mir fort an den Rand der Zinne; aber ihr wißt, ich hielt niemals viel auf Kleider, mein ganzer Ärmel läßt oben in der Naht los, und die Königin stürzt sich mit meinem Ärmel in den Abgrund hinab, in der Luft noch: »Don Grundlinghio!« rufend. – Unterdes bekommt mein Lord plötzlich seinen englischen Spleen. Eh‘ ich’s mich versehe, duckt er sich kopfüber in das Bassin der Wasserkunst. Das war nun aber so klein und seicht, daß ihm die Lederhosen oben trocken heraushingen. Ich schreie, die gestörten Goldfische stoßen wütend auf seinen Backenbart, alles umsonst! Er stampft und stopft sich selber immer tiefer hinein und ersäuft sich so mit aller Gewalt. Es war ein kritischer Moment, Feinde ringsum, ich ziehe schnell mein Schwert und mähe mich von Etage zu Etage hinunter, ein umgefallener Alguazil beißt mich in dem Gemetzel in die Wade, ich spick‘ ihn fest an den Boden.

»Aber was Teufel!« fuhr Grundling hier plötzlich mit sichtbarem Schrecken von seinem Sitze auf, »stehen denn die Toten wieder auf? Da geht wahrhaftig der Lord vorüber!« – Und in der Tat, durch die offenen Türen des Hauses sah man draußen auf der Gasse beim hellsten Mondschein die gelben Lederhosen eines rasch vorübergehenden Mannes schimmern. Überrascht sprangen nun auch die andern auf, denn sie glaubten in der Figur ihren langen Lord vom fürstlichen Hofe wiederzuerkennen. Eine schlanke Mädchengestalt, mit welcher die Eile des Fremden vielleicht in einigem Zusammenhang stehen mochte, schlüpfte unterdes, noch einmal zurückblickend, schnell um die dunkle Straßenecke. Grundling aber hatte den Engländer schon erreicht, und sie sahen nun beide in der Dämmerung wie zwei Schatten im Reiche der Toten dahinschweben.

»Laßt die Phantasten laufen!« sagte Kordelchen in der Haustür. »Wißt ihr denn nun aber auch, wer den Grundling eigentlich aus Heidelberg fortgeschafft hat? Der vermeintliche Proselytenknabe war ich selbst, und der sogenannte Jesuit niemand anders als ein junger Schauspieler, der mich damals heimlich von Heidelberg entführte. Wir mußten wohl den tollen Kauz über Hals und Kopf mit auf den Wagen packen, wenn er mit seinem Lärm nicht alles verraten sollte; mein Freund hatte in seiner kleinen Theatergarderobe zufällig eine Jesuitenkleidung, in die wir dann den Trunkenen hineinknöpften und des Nachts auf der Landstraße wieder aussetzten.« – »Nun wahrlich«, rief Fortunat lachend aus, »das ist ja ein wahrer Sturmbeutel voll Lügen!«

Währenddes ruhte Guido, der nach den heftigen Gemütsbewegungen über Grundlings Erzählung eingeschlummert war, draußen im Gärtchen, noch im Schlafe malerisch über einen zertrümmerten Säulenknauf hingestreckt. Otto aber blickte immerfort unverwandt in die Straße hinaus, auch er hatte vorhin jene flüchtige Mädchengestalt bemerkt und schien zerstreut und unruhig. Endlich hielt er sich nicht länger und schlug Fortunaten hastig noch einen Streifzug durch die Stadt vor, was dieser mit Freuden annahm. Kordelchen blickte beide listig an: »Felicissima notte!« sagte sie dann mit einem ganz besonderen, schelmischen Nachdruck, und als sich Otto unwillig darüber zu ihr wandte, war das wilde Mädchen schon im Hause und hatte die Tür laut lachend hinter sich verschlossen.

Sie eilten nun aus dem Gewirre der kleinen, engen Gäßchen ins Freie hinaus, Zithern schwirrten von fern durch die stille Luft, die Straßen waren noch voll Menschen, die fröhlich plaudernd und singend in der erquickenden Kühle auf und nieder schwärmten. Otto war still und schritt in Gedanken immer schneller und schneller, bis sie zuletzt an einen einsamen Platz kamen, wo er sogleich auf ein kleines, unansehnliches Haus zueilte. Er fand die Tür verschlossen und klopfte leise an; es blieb alles still drin, er klopfte noch einmal lauter. Da ließ sich eine überaus anmutige Stimme im Hause vernehmen: »Mein Herr, ich kann den Schlüssel im Dunkeln nicht finden, auch wacht die Mutter noch, aber habt die Güte, rechts die Straße hinabzugehen, dann links um die Ecke, über die Brücke fort, dann wieder rechts, das vierte Gäßchen links hinein, so kommt Ihr in einen kleinen Hof, und wenn Ihr dort nicht auf den Kettenhund stoßt und die Leiter findet, so könnt Ihr mir von dem Dache unseres Hinterhauses noch eine gute Nacht sagen; aber sputet Euch und fallt nicht, denn ich bin schon sehr schläfrig.« Und kaum hatte sie ausgeredet, so hörten sie sie schon, leise lachend, die Treppe hinanspringen. – »Annidi!« rief nun Otto, nun höchst verwundert hinauf. Auf diesen Ton öffnete sich schnell ein Fenster über ihnen, und eine Mädchengestalt von überraschender Schönheit mit rabenschwarzem Haar und Augen erschien im hellsten Mondglanz. »Bist du es!« rief sie erstaunt aus, »ich meinte, es wäre der lange Engländer, der mir vorhin wie auf hohen Stelzen nachkam.« Jetzt bemerkte sie auch Fortunaten, stutzte und war bemüht, ihr loses Halstuch vor dem Fremden rasch in Ordnung zu bringen. Otto hatte sich unterdes auf einen Stein gestellt und reichte so bis ans Fenster. Das Mädchen legte den schönen Arm vertraulich um seinen Nacken, sich hinausbeugend, daß ihre dunklen Locken aufgingen und den Freund von allen Seiten umgaben; dabei sah sie unverwandt Fortunaten an, dem sie nicht recht zu trauen schien. »Nein! Nein!« rief sie endlich, nicht ohne Koketterie ihre Locken wieder aus der Stirn schüttelnd, »was fragt ihr fremden Herren nach dem Ruf eines armen römischen Mädchens! Die Nachbaren wachen noch, und alle Fenster sehen im Mondschein wie glänzende Augen her, gute Nacht!« Hiermit warf sie noch unversehens jedem einen frischen Blumenstrauß ins Gesicht und schloß schnell das Fenster.

Währenddes waren zwei Frauenzimmer, dicht in seidene Mäntel verhüllt, eilig über den Platz gegangen. Fortunaten kam es vor, als hätten sie ihn im Vorüberstreifen scharf und verwundert angesehen. Er hörte sie darauf leise und eifrig miteinander sprechen, die eine sah noch einmal zurück, dann waren beide schnell verschwunden.

»O wie wunderschön sie ist!« rief Otto, noch immer nach dem Fenster schauend, aus und erzählte nun begeistert, wie er sein Liebchen auf einem ländlichen Feste zum ersten Male gesehen, wie sie mit ihren armen Eltern eingezogen, aber fröhlich lebe, wie sie von ihm Deutsch und er von ihr Poesie lerne, weil ihre Gegenwart, gleich der Morgenröte, alles verzaubere und verwandle. So gingen sie langsam durch die verlockende Nacht, die Nachtigallen schlugen aus allen Gärten und zahllose Brunnen rauschten von fern.

Siebenzehntes Kapitel

Siebenzehntes Kapitel

Die Villa des Marchese A. mit ihren kühlen Schatten, hohen, ausländischen Blumen und weißen Marmorbildern lag wie eine Insel in dem Weltgewühl, auf die sich Fortunat einsam verschlagen fühlte. Oft tönte es wunderlich in seine Morgenträume hinein, wie wenn eine Hochzeit in weiter Ferne schwirrend durch eine anmutige Landschaft ginge; wenn er erwachte, erkannte er Fiamettas liebliche Stimme, die treppauf treppab singend, plaudernd und lachend das ganze Haus schon mit fröhlichem Klang erfüllte. Eines Morgens fand er sogar einen frischen, vollen Blumenstrauß auf seinem Tischchen am Bett, er begriff nicht, wie er über Nacht dahin gekommen, und da er der kleinen Marchesin dafür danken wollte, schob sie’s lachend auf ihre Kammerjungfer Lenore, die ihn gestern dort vergessen, aber sie wurde über und über rot dabei. – Einmal kam er spät des Abends von einer Wanderung zurück, als er im Garten noch singen hörte, er meinte Fiamettas Stimme zu erkennen und wollte ihr noch eine gute Nacht sagen. Da war’s ihm, als säh er ihr Figürchen, verstohlen winkend und flüsternd, bald hier, bald dort durch das Gebüsch schimmern, er folgte immer eifriger durch Hecken und Dorn in eine ganz unbekannte Gegend des Gartens hinein, die schadenfrohen Nesseln stichelten auf seine seidenen Strümpfe, Eidechsen schlüpften überall neugierig durch das Gestrüpp. Plötzlich stand er vor einem Gartenhause, die Tür war fest zu, durch die geschlossenen Jalousien aber glaubte er im Mondschein flüchtig zwei frische Augen funkeln zu sehen. Sonst war alles still im ganzen Garten, und beschämt und verdrießlich wanderte er wieder nach dem alten Schlosse zurück. Aber es half ihm nichts, der Morgen kam doch wieder und das liebliche Stimmchen mit ihm wie ein Zaubervolge im Walde, der ihn neckend immer tiefer in das grüne Labyrinth verlockte, von dem kein Ende abzusehen war.

So waren mehere Wochen vergangen, Fortunat hatte, um sich alle Liebestorheit aus dem Sinn zu schlagen, sich endlich mit einer Art von Wut auf die Sehenswürdigkeiten der Stadt geworfen, mancherlei Studien und Ausflüge in die Umgegend gemacht und darüber seine deutschen Freunde fast ganz vernachlässigt. Er freute sich daher recht, als eines Tages Otto unerwartet gegen Abend zu ihm ins Zimmer trat, und bestürmte ihn sogleich mit Fragen nach Hohenstein, dessen grüne Stille mit allen ihren geliebten Personen ihm bei des Studenten Anblick wieder einmal ganz lebendig wurde. Aber zu seiner Verwunderung beantwortete Otto alles nur obenhin, ausweichend und beinahe verlegen. Dagegen schien ihn irgendeine gegenwärtige große Freude zu drängen, seinem Herzen Luft zu machen. Gegen seine sonstige zurückhaltende Gewohnheit teilte er unaufgefordert mehrere soeben vollendete Gedichte mit, sprach voll fröhlicher Zuversicht von seinen Plänen zu künftigen großen Arbeiten und entwickelte einen solchen bunten Reichtum der Seele, daß Fortunat wie in ein Kaleidoskop hineinzusehen glaubte.

Draußen wehte es unterdes schon wieder kühl über die Stadt, sie machten noch einen Gang ins Freie und Otto, sein Gespäch leidenschaftlich fortsetzend, führte den Freund zwischen kleinen Häusern und Weinbergen unvermerkt in eine schöne, abgelegene Gegend hinaus, die Fortunat noch nicht kannte. Garten stieß an Garten, ein unübersehbares, blühendes Paradies mit zierlichen Villen und Balkonen, auf denen manche schlanke Gestalt zwischen den Wipfeln erschien, alles von der untergehenden Sonne zauberhaft durchblitzt und beleuchtet. – »Wenn ich jemals aus diesem Glanze wieder in die dumpfe Enge meines deutschen Gebirgsstädtchens zurück müßte, wo sie jetzt wohl vor den Türen unter ihren hölzernen Lauben sitzen, die Hände vor Kälte fest eingewickelt, und nichts vernehmen als das Glöcklein der Bergleute und den Schlag des Eisenhammers von fern, und die Berge sehen von allen Seiten finster auf den stillen Markt herein, und der feuchte Wind schlägt den Kohlenrauch nieder und verhüllt alles wie ein Grab – mich schauert ordentlich bei dem Gedanken!« – »Hüt dich wohl«, entgegnete Fortunat, »es ist ein wunderbares Lied in dem Waldesrauschen unserer heimatlichen Berge; wo du auch seiest, es findet dich doch einmal wieder, und wär‘ es durchs offene Fenster im Traum, keinen Dichter noch ließ seine Heimat los.« – Otto schwieg nachsinnend – es war heut fast etwas Freudeverstörtes in seinem ganzen Wesen.

Auf einmal bog er rasch mitten in das Blütenmeer von Gärten hinein. Sie kamen an ein kleines, aber wohlgebautes, reinliches Haus, von Efeu, Weinlaub und blühenden Bäumen reizend überwachsen und verdeckt; die Tauben, die sich auf dem Dache in der Abendsonne spiegelten, die offenstehenden Fenster und Türen, wo bunte Schmetterlinge flimmernd ein und aus flatterten, alles gab ein wunderliches Bild südlicher Häuslichkeit. Otto führte seinen Begleiter ohne weiteres gerade durch das Haus in ein dahinter gelegenes einsames Gärtchen, umgeben von Nachbargärten, die von allen Seiten blühend hereinhingen und jede Aussicht verschlossen.

»Wo sind wir denn hier?« fragte endlich Fortunat erstaunt. Indem aber erschien ein Mädchen in der Haustür, er erkannte sogleich die schöne Annidi wieder. Sie begrüßte ihn etwas verwirrt und beschämt, dann trat sie unter eine Weinlaube und begann aus ihrem Handkörbchen einen Tisch reinlich zu decken, Gläser und Teller aufzustellen. Draußen im Nachbargarten hörten sie einen Knaben fröhlich singen:

Es sang ein Vöglein hier jedes Jahr:
Wie schön das Kränzlein im dunklen Haar!
Heuer ist’s Vöglein nicht wiederkommen;
Wer hat dir das schöne Kränzlein genommen?

Nun hielt sich Otto nicht länger, es kam alles heraus: daß Annidis Eltern seine Besuche ohne bestimmte Erklärung nicht weiter dulden wollten, daß er seit einigen Tagen mit dem Mädchen verheiratet und sich nun samt den Ihrigen hier eingenistet habe. Fortunat erschrak über diese ganz unerwartete Entdeckung und überdachte schnell die wunderlichen Folgen, die diese Übereilung für Otto herbeiführen mußte. Doch wurde er bald durch die liebliche Erscheinung der jungen Frau wieder beschwichtigt, die sich, ihrer neuen Lage noch ungewohnt, fortwährend mehr zierlich dienend als mitgenießend erwies, als sie sich nun fröhlich unter der Laube um den Tisch setzten. Auch ihre Eltern gesellten sich jetzt zu ihnen, zu Fortunats heimlichem Unbehagen, den die gewöhnlichen, welsch gekniffenen Gesichter störten. Sie mischten sich öfters ungeschickt mit in das Gespräch, redeten viel von guter Wirtschaft und dem nötigen Fleiße ihres Schwiegersohnes im Büchermachen, und Fortunat konnte wohl bemerken, daß sie ihn selbst als einen Zeitverderber und zweideutigen Kameraden Ottos scheel ansahen. – Unbekümmert saß und schmauste unterdes das glückliche Ehepaar, Annidi auf einem Fußbänkchen mit beiden Armen auf Ottos Knie gestützt und die gebratenen Kastanien ausschälend, die sie jede zur Hälfte miteinander teilten. Der Mond schimmerte schon durch das Weinlaub, Otto war seligstill, die junge Frau überaus schön, drüben sang der Knabe wieder:

»Wer hat dir das Kränzlein genommen?«

Fortunaten aber überwältigte mitten in dieser Stille eine unwiderstehliche Wehmut, als sei Otto nun hier in der Fremde märchenhaft verzaubert. Es wollte ihm das Herz zersprengen, er schützte ein dringendes Geschäft vor, ergriff schnell seinen Hut und nahm tief gerührt Abschied von dem Freunde, wie von einem Verstorbenen. Als er zurückblickte, standen Otto und Annidi noch in der Haustür. Glühwürmchen schwärmten leuchtend durch das Rebengelände, er sah von der schönen Frau nur noch die glänzenden Augen und Schultern, Otto erschien todbleich im Mondschein.

In wirren Gedanken war Fortunat hastig nach Hause geeilt. Der Mond schien prächtig über den alten Garten, er lauschte, ob er Fiametta nicht wieder singen hörte, doch alles blieb still. Als er aber um den Pfeiler des Schlosses trat, fuhr er heftig zusammen, denn in einer der Alleen glaubte er plötzlich sich selber zu erblicken. Unverwandt starrte er hin, die Gestalt zeigte sich noch einmal im hellsten Mondlicht, es war seine Kleidung, sein Gang, seine Haltung, und doch schien es wieder ein ganz fremder junger Mann. Jetzt blieb der Unbekannte lauernd hinter einer Hecke stehen. Da kam auf einmal Fiametta aus dem Gebüsch hervorgesprungen, besah ihn lachend rundum, dann gingen sie Arm in Arm tiefer in den Garten hinein. Mitten im fröhlichen Plaudern aber schienen sie plötzlich Fortunats Schatten auf dem Rasen zu bemerken, er sah sie erschrocken entfliehen, und bald war die ganze Erscheinung im Dunkel wieder verschwunden.

Fortunat aber hatte sich im Schloß gewandt und ging heftig in seinem Zimmer auf und nieder. »Also diesem galt das Abendliedchen letzthin, o ich Tor!« sagte er mit einem bittern Gefühl, das er sich selbst nicht eingestehen mochte. Es war fest beschlossen, er wollte sogleich morgen weiter nach Neapel reisen, ohne Fiametta noch einmal wiederzusehen. Noch in der Nacht schrieb er sein Vorhaben dem Marchese, der eben auf dem Lande war, und packte, in geheimer Wut lustige deutsche Lieder singend, seinen Koffer. Dabei schwirrten ihm die Worte aus einem alten Liede:

Das Kränzlein ist herausgerissen,
Ganz ohne Scheu sie mich anlacht:
Geh du vorbei: sie wird dich grüßen,
Winkt dir zu einer schönen Nacht.

immerfort durch den Sinn, daß er darüber aus Herzensgrunde hätte weinen mögen.

Am folgenden Morgen hatte er noch einige weitläufige Gänge, um das nötige Reisegeld zu erheben; so war die Mittagsstunde herangekommen, die Zeit der zauberischen Schwüle, die im Süden alles Lebendige überwältigt. Dennoch wollte er nicht abreisen, ohne vorher noch einen Streifzug durch den Garten zu machen. Da rührte sich jetzt kein Blättchen in der weiten, träumerischen Stille, die Vögel schwiegen, nur einzelne Schlangen sonnten sich ringelnd auf den einsamen Gängen, alle Menschen lagen wie tot. Es war das erstemal, daß er hier zu dieser Stunde wach war, und dieses Schlafen der Natur mit offenen Augen erschreckte ihn gespentisch. Er flüchtete nach einem kühlen Gartenhause, blieb aber überrascht im Eingange stehen, da er Fiametta, gleichfalls schlummernd, drin erblickte. Sie ruhte auf dem rechten Arme, das Gesicht von den losgelösten Locken halbverdeckt, heiter atmend, wie ein schönes Kind. Einige abgebrochene Worte hielten ihn fest. Sie sprach im Schlaf, immer deutlicher und zusammenhängender, aber zu seinem Erstaunen ganz in der ausländischen Weise, wie er selbst das Italienische zu sprechen pflegte. In wunderlichem Dialog hörte er nun, wie er aus ihrem eigenen Munde ihr gestand, daß er sich nur so kalt stelle, daß er sie aber eigentlich herzlich liebe. – Er erschrak, daß sie so aus seiner Seele redete. – Nun lachte sie in sich und entgegnete fröhlich: das wisse sie ja lange schon! – Dann sprach sie leise, immer leiser, als spräch‘ sie ihm ins Ohr, er konnte nichts verstehen, bis sie zuletzt, tief aufseufzend, sich zu regen begann.

Fortunat eilte ganz verwirrt nach dem Schlosse zurück, schon rührte sich’s wieder in allen Straßen, der Postillon draußen mahnte zur Abreise, er warf sich schweigend in den Wagen, und das lieblichste Rätsel, das er nicht zu lösen wußte, erfüllte seine ganze Seele.

Achzehntes Kapitel

Achzehntes Kapitel

Mehrere Monate sind seitdem verflossen, die Sonne glüht auf den Quadern der öden Paläste, und die Reichen sind längst auf ihre Villen geflüchtet, denn auf den Trümmern der alten Stadt sitzt die Aera cattiva schon wie ein verhülltes Gespenst, Fieber und Wahnsinn brütend. Wie ist Ottos Einsiedelei seitdem so seltsam verwildert! Die Ranken an der Haustür wuchern bis über das Dach hinaus, in dem Gärtchen hat üppiges Unkraut, in roten und gelben Blüten brennend, Beete und Gänge verschlungen. – Da kehrte Otto eines Tages ermüdet von einem weiten Spaziergang zurück, er fand im Hause alles ausgeflogen, nur die Bienen summten einförmig in dem stillen Garten, er fühlte sich unbeschreiblich verlassen, Hausflur, Stuben und Bäume kamen ihm in der ungewohnten Einsamkeit auf einmal so fremd vor, daß er erschrak. Er ging einigemal im Garten auf und nieder, dann setzte er sich zwischen den tief herabhängenden Zweigen an den Tisch und schrieb folgende Zeilen:

Die Nachtigall schweigt, sie hat ihr Nest gefunden,
Träg ziehn die Quellen, die so kühle sprangen,
In trüber Schwüle liegt die Welt gefangen,
So hat den Lenz der Sommer überwunden.
Noch nie hat es die Brust so tief empfunden,
Mir war’s, als ob viel Stimmen heimlich sangen:
Auch dein Lenz, froher Sänger, ist vergangen,
Auf welkem Laub nun liegst du selbst gebunden.
O komm, Geliebte, komm zu mir zurücke!
Daß ich in deinen Augen wieder lesen
Mein Hoffen kann, mein Singen und mein Lieben!
Doch weh! wie fremd sind plötzlich deine Blicke,
Als wärst du’s, die ich meinte, nie gewesen –
Wie einsam bin ich in der Welt geblieben.
Mein Weib schwärmt beständig,
Und Deutschland liegt so weit,
Das Dichten geht elendig
In meiner Einsamkeit.
Ich dehne alle Glieder
Aus dieser schwülen Gruft,
O Herr, gib Frühling wieder,
Luft, frische, freie Luft!

Als er von dem Blatt aufsah, hörte er draußen Vorübergehende reden in der fremden Sprache, aber ein Vogel über ihm sang wie ehemals in Hohenstein – er drückte die Stirn über beide Arme auf den Tisch und weinte aus Herzensgrunde.

Da hörte man plötzlich im Hause eine liebliche Stimme einzelne Klänge aus Opernarien theatralisch anschlagen. Eine junge Dame in reicher, eleganter Kleidung trat in den Garten und hob den seidenen Hut vom Köpfchen, die reichen Locken ringelten über den schönen, vollen Nacken hinab – es war Annidi, wie war sie seitdem so prächtig geworden! Sie warf ihre Handschuh der dienstfertig herbeieilenden Mutter nachlässig zu, während ihr Vater, der sie als Bedienter begleitet zu haben schien, im Hause Schal und Sonnenschirm niederlegte. »Der Graf Archimbaldi läßt dich grüßen«, sagte sie zu Otto, »aber die ganze Noblesse wundert sich, lieber Mann, daß du so menschenscheu bist und immerfort studierst, der lustige Duca sagte: Weisheit mache weiße Köpfe. Auch die junge Malerfrau war heute dort, mein Gott, wie war die angezogen! Der junge Mensch flüsterte mir heimlich ins Ohr, sie sei wahrscheinlich, erst halb schraffiert und grundiert, ihrem Pinsel von Mann entlaufen.«

Hier brach sie plötzlich erschrocken ab, da Otto endlich aufsah und ihr das bleiche, wüste Gesicht zuwandte. Sie hielt ihn für krank, sie ließ es sich nicht ausreden. Die Mutter mußte sogleich nach der Küche laufen, es wurde Tee gekocht, herzstärkende Tropfen geholt und Kräuter gestampft mit großem Geräusch. – »Mir geschieht schon recht«, rief Otto mit schneidender Bitterkeit aus, »ihr habt ganz recht, mit den Fingern nach mir zu weisen. Doch ich will einen Strich durch die Rechnung meines Lebens machen, o ja, ich will ja auch lustig sein, daß mir das Herz zerspringt!« – Aber wie es in solchen fällen wohl geht, Annidi hatte ihn ganz mißverstanden. – »Wahrhaftig«, – sagte sie, vertraulich näher tretend – »Du magerst mir ganz ab bei dem Leben, und ich wollt‘ es dir schon lange einmal sagen: so fleißig wie du bist, es kann dir ja doch am Ende einerlei sein, was du schreibst. Da ist der junge Schreiber uns gegenüber, du schreibst eine bessere Hand als er, das sagen alle, und was verdient der, wie lebt der gegen uns!«

Da kam die Mutter mit dem Tee, Otto wies sie so heftig von sich, daß Kanne und Tassen übereinanderstürzten. »Das kommt von dem ewigen Sitzen und Brüten«, sagte der erstaunte Vater in der Haustür. – »Ja, und jede Henne brütet doch mehr aus fürs Haus als er«, brummte die Mutter. Otto aber, um nur aus alle dem Plunder herauszukommen, war schon aus dem Garten und Hause fort und schweifte, so müde er war, in der Abendkühle durch die Gassen und dunkelnden Felder, bis die Nacht völlig hereinbrach.

Als er zurückkehrte, war schon alles still im Hause, es ärgerte ihn heimlich, daß Annidi nicht besorgter war um ihn. Er fand sie droben eingeschlafen, der Mondschein machte ihre Züge so mild, ach, und sie war so schön! Da blickte er durchs offene Fenster über die Dächer in die mondbeglänzten Abgründe der Stadt hinab, einzelne Wolken flogen darüber nach seiner fernen Heimat zu. – »Wunderbar«, sagte er zu sich selbst, »schon in meiner Kindheit, wie oft bei stiller Nacht im Traume hört‘ ich der fernen Roma Glocken schallen, und nun, da ich hier bin, hör‘ ich sie wie damals wieder aus weiter, weiter Ferne, als gäb‘ es noch eine andere Roma weit hinter diesen dunkelen Hügeln.«

In dieser Zeit traf es sich, daß in der Nähe von Rom auf dem Lande eine Kirchweihe gefeiert wurde. Annidi dünkte sich zu vornehm, um an dem Feste teilzunehmen. Otto aber, den es heimlich verdroß, warf einmal alle Papiere und Bücher beiseite und eilte hinaus ins Freie. Es war in den ersten linden Herbsttagen, ein warmer Regen hatte die Gegend erfrischt, Otto atmete tief auf, es war ihm, als wanderte er wieder nach Hohenstein. Je tiefer er ins Tal hinabstieg, je belebter wurden allmählich Busch und Felder, bunte Züge von Reitern und Spaziergängern schlangen sich wie Blumenkränze durchs Grün, von den Waldeswiesen schimmerten farbige Zelte, zwischen denen zerstreute Gruppen fröhlich lagerten, während luftige Gestalten im Ballspiel über den Rasen hin und her schwebten. Mitten in dieser Wirrung aber bemerkte Otto einen schlanken Zitherbuben, der auf seinem geschmückten Pferde langsam über die beglänzte Au dahinritt. Ein voller Kranz von frischem Weinlaub umschloß seinen Hut, von dem bunte Bänder in der Abendluft flatterten, von Zeit zu Zeit gab er einen vollen Klang auf der Zither. – Otto folgte der zierlichen Erscheinung, erstaunte aber nicht wenig, als der Knabe auf einmal deutsch zu singen begann:

    Die Lerch, der Frühlingsbote,
Sich in die Lüfte schwingt,
Eine frische Reisenote
Durch Wald und Herz erklingt!

»Mein Gott«, rief Otto sich besinnend aus, »das ist ja das Reiselied, das ich so oft in Deutschland gesungen habe.« – Er trat näher, der Zitherbube sang wieder:

Die Wolken ziehn hernieder,
Die Lerche senkt sich gleich
Gedanken gehn und Lieder
Ins liebe deutsche Reich.

Aber eh‘ ich ihnen selbst nachreite, muß ich vorher trinken, denn ich bin erdurstet«, unterbrach sich hier plötzlich der Knabe, während er vor einer Laube anhielt und lachend von seinem Pferdchen dem Otto fast in die Arme sprang. Dieser erkannte er nun Kordelchen, die ihn schon längst in der Menge hinter sich bemerkt hatte.

Sie zog ihn in die Laube, Guido und ihre anderen Begleiter, sagte sie, kauerten soeben wie Nachteulen in Ruinen und Felsenritzen, um zu zeichnen, überdies habe sie sich auch mit ihnen verzankt. – »Aber wie siehst du aus!« rief sie dann, Otton genauer betrachtend, »nüchtern und blaugrün, wie eine leere Weinflasche! Das kommt vom Ehestande. Armer Junge! bliebst du mir treu, so wärest du nicht in das Unglück geraten.« – Sie bestellte nun Wein, und sie setzten sich zusammen in die Laube. Otto hatte seit Monaten keinen Bekannten gesehen, nun war ihm nach der langen Einsamkeit wie einem Genesenen, der zum erstenmal wieder in die frische Luft kommt. »Sieh, Kordelchen«, sagte er fröhlich, »gerade in solchen linden Tagen war es auch, als wir uns zum erstenmal in Deutschland sahen.« – »Ganz recht«, erwiderte sie mit leuchtenden Augen, »wir rasteten eben unter einer alten Burg im Grün, da kam er aus dem Walde und sagte, er wollte mit uns ziehen.« – Sie meinte Lotharion, Otto dachte, sie spräche von ihm. »Wahrhaftig«, fuhr er fort, »mir ist heute als käme der Frühling wieder.« »Ach nein, nein«, sagte sie traurig, »der kommt nicht mehr wieder.« – Sie nippte schnell am Weinglas, um die Augen zu verbergen, die von Tränen glänzten, dann wandte sie das schöne, von Locken und Weinlaub verhängte Gesichtchen wieder heiter nach Otto herum. Da bemerkte sie, daß er, auf beiden Armen über den Tisch gelehnt, sie mit einem langen, wirren Blick ansah, den sie gar wohl verstand; sie schien davon überrascht, beugte sich plötzlich vor ihn und sah ihm halb fragend in die Augen. Da hielt er sich nicht länger, er drückte sie mit glühenden Küssen an sich. Sie erwiderte flüchtig den Kuß und sprang dann rasch auf. »Ei Ehemann!« rief sie mit dem Finger drohend, schwang sich behend auf ihr Pferdchen, und war im Augenblick zwischen den Zelten und Büschen verschwunden.

Otto hatte nun den Wein zu bezahlen, die Neige kam ihm jetzt schal vor, da sie die brennendroten Lippen nicht mehr darin kühlte. Draußen aber war unterdes der Abend verklungen und verblüht, nur von den Bergen sah man noch einzelne Leuchtkugeln aufsteigen. Wie im Taumel wanderte er zwischen den Gitarrenklängen, dem Singen und Plaudern der Heimschwärmenden durch die laue Nacht, als mitten in dem Jubel eine dunkle Gestalt an ihm vorüberstreifte, dann aber, plötzlich zurückgewandt, ihm fest ins Auge blickte. Mit Erstaunen sah er den Maler Albert vor sich stehen: ganz bleich, verwildert und abgerissen. – »Mein Gott! Wie kommen Sie nach Rom, und in diesem Zustande?« rief der Überraschte aus. – »Verloren, alles verloren!« erwiderte Albert finster und mit solchem Ausdruck des tiefsten Grams, daß Otton schauderte. »Aber hier belauscht uns der Mond noch, auch er ist falsch in diesem Lande«, fuhr er fort, indem er Ottos Hand faßte und ihn tiefer in den Wald hineinzog. Rasch und unzusammenhängend erfuhr nun Otto, daß sein wunderlicher Landsmann, von heimlich aufschlagenden Freiheitsflammen von neuem auf diesen vulkanischen Boden verlockt, schon seit längerer Zeit hier heimlich mit wenigen Gleichgesinnten seine Kunst, Gut und Leben an eine Tollheit gesetzt, daß aber jetzt alle Pläne gescheitert und er selbst als Carbonaro verfolgt werde. – Der gutmütige Otto bot sogleich alle seine Kräfte, Geld und Verbindungen zur Hülfe an, er wollte den Unglücklichen zunächst in seinem Hause verbergen, bis sich Gelegenheit fände, ihn heimlich aus dem Lande zu schaffen. Aber Albert schüttelte den Kopf, daß ihm die langen, struppigen Haare Augen und Wangen bedeckten. »Nicht um mich handelt sich’s hier«, sagter er, »sondern um die Schmach der Zeit. Horch, wie sie draußen jauchzen und mit den Sklavenketten lustig klingeln – das ist’s, was mir das Herz frißt!« Hier hörte man verworrene Männerstimmen weiter unten im Walde, die sich zu nähern schienen. Albert blickte wild um sich und zog einen Degen unter seinem Mantel hervor. Otto erkannte sogleich das Schwert vom großen Kriegsjahre dreizehn wieder. »Die Sbirren sind mir auf der Spur«, flüsterte er, »eilen Sie fort, es ist gefährlich, die Bahn eines Geschicks zu kreuzen.« Aber Otto war fest entschlossen, lieber das Äußerste zu wagen, als den Verwirrten in dieser Not zu verlassen. Rasch und geräuschlos schritten sie unterdes immer höher ins Gebirge hinauf, Albert hieb sich mit seinem Schwerte Bahn durch das Gestrüpp, aus welchem verstörte Schlangen nach den Steinritzen schlüpften. So waren sie auf einen Felsen gekommen, der schwindelerregend über eine unermeßliche, dämmernde Tiefe hinüberhing. Albert stand am äußersten Rande und wies mit seinem Schwerte schweigend in die Ferne. – »Großer Gott, wie herrlich!« rief Otto überrascht aus – Rom lag da unten still und feierlich im Mondglanz. – Da hörte er auf einmal ein Geräusch, er sah Albert plötzlich wanken, sinken. Der Unglückliche hatte sich mit heidnischer Tugend in sein eignes Schwert gestürzt. – »Grüße das Vaterland – ich sterbe – frei«, sagte er ohne Zeichen des Schmerzes, wehrte die Hand des hinzugesprungenen Otto kräftig ab und glitt, eh‘ ihn dieser wieder fassen konnte, rettungslos in den Abgrund hinab.

Entsetzt beugte sich Otto über die Felsenwand, es war alles still unten, nur der Strom rauschte zornig herauf – da faßte ihn ein unwiderstehliches Grauen, halb bewußtlos schwang er sich von Klippe zu Klippe den Berg hinunter. Im Fliehen bemerkte er seitwärts in dem Abgrunde mehrere dunkle, bewaffnete Gestalten mit Fackeln, die den Toten in ihrer Mitte gräßlich beleuchteten. Nun schlugen hin und wieder Hunde an, einzelne Stimmen wurden in dem Tale wach, der Widerschein der Windlichter spiegelte sich wild im Flusse. Otto wagte nicht mehr zurückzublicken, schauernd flog er über die stillen Felder, durch die leeren Gassen fort zu seiner einsamen Wohnung.

Hier fiel es ihm erst ein, daß er bei den Seinigen hinterlassen, diese Nacht auf dem Lande zubringen zu wollen. Er fand nun die Türen verschlossen, alles im Hause schien längst zu schlafen. Unmutig stieg er daher über den Zaun in den Garten, wo er sich sogleich auf die Bank in der Laube hinwarf. Das leise Rauschen in den Zweigen sang gar bald den Ermüdeten ein. Da träumte ihm, er läge in dem schönen Garten zu Hohenstein und sähe die steinernen Götterbilder vor sich im hellen Mondschein auf den Gängen stehen. Es war, als flüsterten sie in der Stille heimlich untereinander, und als er recht hinsah, regte sich das Venusbild und stieg langsam von dem marmornen Fußgestell herab. Mit Grauen erkannte er seine Annidi, sie kam gerade auf ihn zu, eine Marmorkälte durchdrang plötzlich alle seine Glieder, daß er erschrocken aufwachte. Als er aber noch ganz verwirrt umherblickte, stand wirklich die weiße Gestalt in der Haustür, leise flüsternd nach jemand zurückgewandt, den er nicht sehen konnte. Auf einmal schlug sie einen weiten Mantel auseinander, und Annidi trat aus den Falten hervor. Ein junger, hoher Mann umschlang und küßte sie, dann warf sie ihm lachend den Mantel zu und schlüpfte ins Haus, der Fremde schwang sich rasch über den Garten Zaun – und alles war wieder totenstill.

Otto starrte lange regungslos auf den dunklen Fleck, wo der furchtbare Spuk zerronnen. Darauf stürzte er aus dem Garten in die Nacht hinaus, ohne zu wissen wohin – er hatte ja nun keine Heimat mehr auf Erden! – Die Straßen waren öde, die Wasserkünste im Mondschein, die ihm sonst so bräutlich rauschten, kamen ihm jetzt gespenstisch vor, wie verschleierte Nixen, im Winde sich beugend und neigend, als flüsterten sie heimlich von ihm und seiner Schande. Unwillkürlich hatte er den Weg zu Guidos Wohnung eingeschlagen, er wollte ihn wecken, er mußte in dieser Stunde jemand haben, dem er alles sagte. Zu seinem Erstaunen fand er die Tür nur leicht angelehnt, ein Licht brannte drin. Als er in die Stube trat, sah er Kordelchen auf der Erde knien zwischen Wäsche und Kleidern, die sie eifrig in einen Mantelsack packte. Sie blickte erstaunt, fast erschrocken nach ihm herum. »Was willst du denn jetzt hier?« sagte sie, »Guido ist noch auf dem Lande, und kommt erst in einigen Tagen zurück.« – Otton aber wollte das Herz zerspringen, er warf sich auf das Sofa und brach, sein Gesicht mit beiden Händen bedeckend, in ein unaufhaltsames Weinen aus. Da stutzte Kordelchen, sie ließ alles liegen, setzte sich zu ihm und tröstete und streichelte ihn neugierig und mit herzlicher Teilnahme, bis sie nach und nach sein ganzes Unglück erfahren. Sie hörte alles still und nachdenklich an. Als er aber schwieg, sprang sie plötzlich fröhlich auf. »Wir reisen zusammen!« rief sie aus, »das ist eine langweilige Wirtschaft hier, und ich und Guido, wir paßten eigentlich niemals zusammen. Wenn er sich betrinkt, so ist das genial, wenn er sich verliebt, so ist’s Andacht, und wenn ich ihn darüber auslache, so wird er wütend und will mich durchaus mit sich emporflügeln, wie er’s nennt. Ich hab’s schon seit einigen Wochen beschlossen, ich reise heimlich fort und zurück nach Deutschland, ich habe soeben Geld genug, die Pferde sind bestellt – kurz: wir reisen noch heute!« – Dabei wartete sie gar keine Antwort ab, sondern rumorte und packte inzwischen immer lustig fort, Otto wußte nicht, wie ihm geschah, durch das offene Fenster wehte frische Reiseluft herein, der Morgen dämmerte schon leise über der stillen Stadt.

Wer dem Teufel läßt ein Haar, den faßt er ganz und gar. So brannte der Kuß von gestern noch immer heimlich fort auf Ottos Lippen, über den Trümmern seines Glücks war über Nacht eine üppig blühende Wildnis schimmernder Erinnerungen und Hoffnungen giftig aufgeschossen. – Und als die ersten Streiflichter des Morgens über die Berge flogen und die früherwachten Lerchen noch halbverträumt in den Lüften hingen, da zogen Otto und Kordelchen schon durch die stillen Felder nach Deutschland zu und sahen Rom, wie in einem Feuermeer, langsam hinter sich versinken.

Währenddes war Fortunat in Neapel und Sizilien umhergestreift. In seiner poetischen Behaglichkeit hatte er sich alles aus dem Sinn geschlagen und macht überhaupt aus seiner Liebe gar nichts als ein langes Gedicht in vielen Gesängen und verschiedenen Silbenmaßen, worin ein schönes, schlankes italienisches Mädchen die Hauptfigur spielte. Da begab sich’s aber, daß er im Schreiben sich nach und nach in diese Figur selbst verliebte, und je verliebter er wurde, je ähnlicher wurde sie unvermerkt der kleinen Marchesin, als ob Fiametta oft plötzlich zwischen den Blütengewinden der Verse hervorguckte und, ihn auslachend, ausrief: »Siehst du, ich hab‘ dich doch!« – Ja, als er in Sizilien eines Abends auf einem hohen, senkrechten Felsen über dem Meere eingeschlummert war, träumte ihm, die blaue Flut teile sich leise, und mit langem, grünem Haar und glänzenden Schultern tauche Fiametta unten empor, in irren Tönen wehmütig klagend. – Als er erwachte, war der Mond schon über dem Meere aufgegangen, in der Ferne aber sah er ein Segel schwellend durch die weite Stille nach dem jenseitigen Ufer Italiens hinübergleiten. – Da faßte ihn eine unwiderstehliche Sehnsucht, und schon die folgende Nacht segelt‘ er selber hinüber. Und so geschah es, daß aus demselben Morgenrot, in welchem Rom hinter Otto versank, die Gärten, Trümmer und Kuppeln vor dem glückseligen Fortunat duftig wieder emporsteigen.

Sein erster Gang war zu dem Palast des Marchese, mit klopfendem Herzen betrat er den stillen Hof. Er horchte, ob sich nicht irgendwo Fiamettas heitere Stimme vernehmen ließe, doch alles blieb lautlos, wie ausgestorben. So ging er durch die offene, luftige Säulenhalle in den Garten. Da sangen die Vögel und rauschten die Brunnen noch immer wie damals. Aber an der Hauptallee sah er Wäsche zum Trocknen aufgehängt, einzelne Ziegen weideten ungestört zwischen den verwilderten Blumenbeeten. Endlich glaubte er in einiger Entfernung deutsch reden zu hören. Er ging dem Klange nach und begegnete einem alten, unbekannten, etwas schäbigen Diener. Hastig fragte er nach dem Marchese A. und seiner Tochter. Der Alte sah ihn von oben bis unten an und sagte dann verdrießlich: dieser Palast sei von einem deutschen Kavalier bewohnt. Fortunat war wie im Traum. – Er verlangte nun, den Herrn zu sprechen. Der Bediente wies schweigend nach einer Laube und ging fort, ohne sich weiter um den Gast zu bekümmern.

Hellen Halses aber mußte nun Fortunat auflachen, als er in die bezeichnete Laube trat und in dem deutschen Kavalier unseren Freund Grundling erkannte: in dem geblümten Schlafrock des Marchese auf einem halbzerrissenen damastenen Sofa ausgestreckt, eine lange Tabakspfeife und ein Buch in der Hand, Talglicht, Fidibus und Kaffeekanne vor sich. Der Vielgereiste, an das wechselnde Kommen und Gehen in Rom längst gewöhnt, schien nicht im mindesten erstaunt, Fortunaten wiederzusehen. »Mir ist’s eben recht«, sagte er, »daß der alte Marchese bankerutt gemacht -« »Was! Der Marchese A.?« rief Fortunat höchst überrascht aus.

»Ja, eben recht, sag ich, daß er seinen Palast und Rom verlassen mußte, so konnt‘ ich mich hier in der liederlichen Wirtschaft seiner Gläubiger ziemlich wohlfeil einmieten. – Wenn nur«, fuhr er, seine Pfeife plötzlich grimmig wegsetzend, fort, »in der unvernünftigen Hitze der Tabak nicht so in die Zunge bisse!«

Hier verlor Fortunat alle Geduld. »Nun rede zum Teufel einmal ordentlich!« rief er, Grundling rasch an der Brust fassend, »wo ist Fiametta? Was macht sie?« – »In Deutschland wahrscheinlich und weint«, erwiderte Grundling gelassen. – »Warum weint sie?« – »Weil sie ein junges, albernes Ding ist, dem ein konfuser Wein, der noch moussiert, lieblicher in die Nase sticht als ein würdiges, abgelegenes Gewächs; das will heißen: die einen brutalen Phantasten, der sein Liebchen verläßt und seine Freunde drosselt, charmanter findet als -« »Und wem gehört jetzt dieser Palast?« unterbrach ihn Fortunat ungeduldig wieder. – »Einem filzigen Kaufmann, der ihn, seiner Entlegenheit wegen, abtragen lassen und die Steine verkaufen will.« – »So führ mich gleich zu ihm!« – Das war Grundlingen, der sich gern umhertrieb, eben recht. Wenige Minuten nach diesem Verhör waren sie schon auf der Straße, und Fortunat erfuhr nun noch unterwegs, daß Fiametta unmittelbar nach seiner Abreise aus Rom bedeutend erkrankt und bald darauf mit ihrem Vater plötzlich abgereist sei. Weder er noch der Kaufmann wisse, wohin sie sich gewendet. Auch Ottos und Kordelchens Flucht hatte der Müßiggänger schon erfahren. »Der Otto«, sagte er, »war beständig in poetischem Tran, das mußte ein Ende mit Katzenjammer nehmen.«

Während dieses Berichts waren sie bei dem Kaufmann angelangt. Dieser war, gleich Grundlingen, nicht wenig erstaunt, als nun Fortunat den alten, verfallenen Palast und Garten des Marchese zu kaufen verlangte. Die Hast und Jugend des Fremden weckte in dem Italiener merkantilische Gelüste und abenteuerliche Forderungen, da kam er aber bei Grundling übel an, welcher sogleich ein so heftiges Gezänk darüber anfing und mit solchem Geschrei fortsetzte, daß sie in einigen Stunden, ganz erschöpft, endlich, doch noch um einen leidlichen Kaufpreis einig wurden. Fortunat hatte erst kürzlich bedeutende Wechsel aus Deutschland bezogen, sie reichten eben hin, die Summe und eine genügsame Weiterreise notdürftig zu decken. Mit bewundernswürdiger Beharrlichkeit und Resignation trieb er nun das Geschäft, wie einen Kreisel, unausgesetzt zum Ausgange und endigte damit, den hocherfreuten Grundling zum Schloßwart seines neuen Besitztums einzusetzen.

Kaum aber hatten sie den Garten wieder erreicht, da erscholl im Hofe schon der fröhliche Klang eines Posthorns. Fortunat hatte seinen Wagen hierherbestellt, aus den früheren Gesprächen mit dem alten Marchese glaubte er zu ahnen, wohin er sich gewendet. Und als er nun endlich tief aufatmend draußen in den prächtigen Abend hineinfuhr, blühten alle Gärten, und ein Regenbogen stand über der Gegend, als müßte nun alles, alles wieder gut werden.

Neunzehntes Kapitel

Neunzehntes Kapitel

Auf dem fürstlichen Jagdschlosse, wo im vorigen Jahre alles so bunt und fröhlich war, sieht es jetzt ganz anders aus. Die Vögel picken frühmorgens auf der marmornen Treppe zwischen den Säulen, ein lässiger Gärtnerbursch dehnt sich in der Morgenkühle und schickt sich an, die verschlungenen Gänge notdürftig in Ordnung zu bringen, die überall blühend verwildern. In der alten Pracht funkeln die Sommernächte wieder über den stillen Grund, aber keine Gitarren erklingen mehr, nur die getreuen Nachtigallen schlagen wie damals in den Gebüschen, als klagten sie noch um Juannas verlorene Schönheit.

Der Fürst gedachte nicht mehr des Schlosses, er war selber lange verwildert. Zwischen Genuß und Reue, Lust und Grauen war er allmählich immer tiefer hinabgestiegen in die schimmernden Abgründe, wo mit verlockendem Gesang die Nixen im Mondschein auf den Klippen ihr feuchtes Haar kämmen, das ferne Wetterleuchten der Religion verwirrte ihn nur noch mehr; so hatte er sich im schönen Leben verirrt und konnte sich nicht wieder nach Hause finden. Da schlug die himmlische Liebe ihren Sternenmantel um den Todmüden. Er verfiel in eine schwere Krankheit, und als er wieder genas, war auf einmal alles vorbei. Die Leute nannten ihn wahnsinnig, er aber war vergnügt und blätterte Tag für Tag mit stiller, herzlicher Lust in den alten Bilderbüchern, die er als Kind gelesen; alles andere hat er vergessen. Sie hatten ihn endlich in einem entlegenen Flügel des Schlosses absondern müssen von der Welt, die er nur noch wie im Traume von ferne sah, nur die unschuldigen Vögel sangen alle Morgen vor seinen Fenstern von der alten Zeit, daß er oft erschrocken von seinen Bildern aufhorchte. – Aus seiner Hand aber hatte die Fürstin rasch die Zügel des Regiments ergriffen und lenkte keck, die Rosse peitschend, in die neue Freiheit hinaus.

In dieser Zeit kam Lothario eines Abends einsam von dem Gebirge herab. Wir wissen nicht, wohin er wanderte, sein Weg führte ihn durch die Stadt. Der Mond trat manchmal heimlich lauernd zwischen den Wolken hervor, da lag die alte Residenz unten wie eine Ruine phantastisch in der schwülen Nacht umher, es war schon alles still, nur ein Mädchen sang noch zur Gitarre aus einem Garten drüben und die Nachtigallen schlugen von den Bergen.

Er kehrte in einem wenig besuchten Gasthause ein, das draußen auf einer Anhöhe lag und eine weite Aussicht über die Stadt hatte. Dort mußte er lange pochen, eh‘ jemand erschien. Ein alter Diener sagte endlich, es sei alles in die Stadt gezogen, wo heute zum Geburtstag der Fürstin ein großes Fest gegeben werde. – Lothario nahm nun im oberen Stockwerk einen Saal in Besitz und öffnete rasch alle Fenster. Die prächtige Nacht duftete fast berauschend herauf. Er ließ Licht und Wein bringen, er fühlte seit langer Zeit wieder einmal eine rechte Lust zu dichten. – Als er sich aber so einsam hinsetzte und hastig trank und schrieb, da war’s ihm, als riefe es durch die Stille seinen Namen, erst leise, dann lauter, und der Teufel sähe ihm beim Schreiben über die Schulter und flüsterte zu ihm: »Nur zu, nur zu! die unschuldige Welt mit vornehmen Worten belogen und verführt, ich will dich dafür auf die Zinnen des Ruhms stellen, und die Welt soll dir huldigen!« –

Er sprang auf und erschrak, als er sich flüchtig in einem Wandspiegel erblickte, so bleich und wüst sah er aus. Da streifte der Wind klingend die Saiten einer Gitarre, die am offenen Fenster lag. Der Mond aus blassen Wolken beschien soeben wieder die stillen Bäume und unten die alte Stadt. Er trat mit der Gitarre ans Fenster und sang:

Lieder schweigen jetzt und Klagen,
Nun will ich erst fröhlich sein,
All mein Leid will ich zerschlagen
Und Erinnern – gebt mir Wein!
Wie er mir verlockend spiegelt
Sterne und der Erde Lust,
Stillgeschäftig dann entriegelt
All die Teufel in der Brust,
Erst der Knecht und dann der Meister
Bricht er durch die nacht herein,
Wildester der Lügengeister,
Ring mit mir, ich lache dein!
Und den Becher voll Entsetzen
Werf ich in des Stromes Grund,
Daß sich nimmer dran soll letzen
Wer noch fröhlich und gesund!
Lauten hör ich ferne klingen,
Lust’ge Bursche ziehn vom Schmaus,
Ständchen sie den Liebsten bringen,
Und das lockt mich mit hinaus.
Mädchen hinterm blühnden Baume
Winkt und macht das Fenster auf,
Und ich steige wie im Traume
Durch das kleine Haus hinauf.
Schüttle nur die dunklen Locken
Aus dem schönen Angesicht!
Sieh, ich stehe ganz erschrocken:
Das sind ihre Augen Licht.
Locken hatte sie wie deine,
Bleiche Wangen, Lippen rot –
Ach, du bist ja doch nicht meine,
Und mein Lieb ist lange tot!
Hättest du nur nicht gesprochen
Und so frech geblickt nach mir,
Das hat ganz den Traum zerbrochen
Und nun grauet mir vor dir.
Da, nimm Geld, kauf Putz und Flimmern,
Fort und lache nicht so wild!
O ich möchte dich zertrümmern,
Schönes, lügenhaftes Bild!
Spät von dem verlornen Kinde
Kam ich durch die Nacht daher,
Fahnen drehten sich im Winde,
Alle Gassen waren leer.
Oben lag noch meine Laute
Und mein Fenster stand noch auf,
Aus dem stillen Grunde graute
Wunderbar die Stadt herauf.
Draußen aber blitzt’s von weiten,
Alter Zeiten ich gedacht,
Schauernd reiß ich in den Saiten
Und ich sing die halbe Nacht.
Die verschlafnen Nachbarn sprechen,
Daß ich nächtlich trunken sei
O du mein Gott! und mir brechen
Herz und Saitenspiel entzwei!

Es blitzte wirklich von weitem, aber es waren nur einzelne Raketen, die von Zeit zu Zeit fern über dem dunklen, fürstlichen Parke lustig aufstiegen. Da fiel ihm das Fest wieder ein, von dem der alte Diener vorhin sprach, er beschloß, selbst noch hinzugehen.

Lässig schlenderte er durch die lange Vorstadt; bis dorthin war das Fest nicht gedrungen, die kleinen Häuser standen still und dunkel, nur wenige Laternen flackerten im Winde, der Nachtwächter schickte sich eben an, die zehnte Stunde auszurufen; von fern aber über die hellbeleuchteten Dächer und Schornsteine qualmte ihm schon der trübrote Schein der Illumination entgegen wie die aufgehende Sonne an einem nebligen Herbstmorgen. So war er ans Theater gekommen. Durch ein hohes, verhangenes Fenster glaubte er drin die Schauspieler mit aller Gewalt der Leidenschaft pathetisch deklamieren zu hören, ihn schauerte, so kühl und nüchtern war es dagegen hier draußen. Eine lange Reihe von Wagen, auf ihre Herrschaften wartend, stand an der finsteren Mauer, die Kutscher schlummerten auf ihren hohen Kutschböcken, der eine zog gähnend seine Taschenuhr heraus und hielt sie an den ungewissen Schein der Laterne. »Was Teufel spielen sie denn heut so lange?« fragte er einen Kerl, der eben an einem Eckpfeiler seine Fackel putzte, daß die Funken auf einen Augenblick das ganze langweilige Chaos wunderlich beleuchteten. Dieser nannte ein bekanntes Stück vom Grafen Victor von Hohenstein. – Da fuhr Lothario unwillkürlich zusammen. Er ging rasch hinein, ein gutes Trinkgeld schaffte ihm von dem verwunderten Logendiener noch einen Platz in der Fremdenloge.

Das Haus war prächtig erleuchtet und zum Erdrücken voll, aus der fürstlichen Loge zwischen den reichen Vorhängen blitzt‘ und schimmerte es von Sternen, Lichtern und schönen Frauenaugen blendend herüber. Das Stück war fast zu Ende. Es war, seltsam genug, eben Juannas frühere Geschichte in Spanien, alle wilden Waldbäche der Leidenschaft stürzten in dieser letzten Szene wie in einen mächtigen Strom zusammen. Die Schauspielerin, welche Juanna vorstellte, hatte, vielleicht bewußtlos, nach und nach das ganze Wesen der Gräfin angenommen: ihre frische Waldkühle, ihre Stimme, das strenge, schöne Gesicht, so funkelte sie mit den dunkelen Augen grade auf Lothario herüber. – Lothario sprang erschüttert auf, eine Totenstille herrschte im ganzen Hause. Da auf einmal beginnt ein Flüstern unten, es wächst und steigt allmählich durch alle Reihen der Zuschauer, viele Köpfe und immer mehrere wenden sich erstaunt nach Lothario herum. – »Was gibt’s da?« frägt die Fürstin, sich weit aus ihrer Loge hervorlehnend. – Ein Kammerherr drängt sich eilig vor, auf Lothario deutend: »Dort, der Dichter selbst, sie haben ihn erkannt, Graf Victor von Hohenstein.« – » Der?!« – entgegnet die Fürstin und sinkt verwirrt auf ihren Sessel zurück.

Unterdes war der Vorhang gefallen, ein wütender Applaus brach plötzlich los, sich immer wieder erneuernd. Den Grafen Victor aber – denn er war es wirklich – erfaßte ein seltsames Grauen vor dem hohlen Sturm des Beifalls, er sah noch einmal dazwischen einen sengenden Blick der Fürstin nach ihm herüberschießen, dann stürzte er entsetzt über die noch leeren Treppen ins Freie hinaus.

Mit welchen Gedanken sah er nun den weiten, gestirnten Himmel wieder! Die plötzliche Erinnerung an die Zeit, wo er das Stück geschrieben, versenkte seine ganze Seele wie ein ein Meer von Wehmut. Auf dem Gebirge in Spanien, als er an jenem stillen Abend, im Wald auf den Franzosen St. Val zielend, zum erstenmale Juanna erblickte, da war’s ihm, wie in die Sonne zu sehen – sie war schon lange untergegangen, aber Wald und Berge schimmerten und sprühten noch in wunderbaren Funken – damals dichtete er das Schauspiel von der wilden Gräfin. Da dachte er nicht, daß es so kommen würde! Und als es dann Friede und alles wieder still und nüchtern wurde, kehrte auch er nach Deutschland zurück, und der Frühling und das Grün der wechselnden Landschaften breiteten sich wie ein Schleier milde über das schöne Bild im Herzen. Aber nach der ernsten, bewegten Zeit, in der er ehrlich gerungen, kam ihm zu Hause nun alles so klein und unbedeutend vor, ihm war wie einem Schiffer nach langer, stürmischer Fahrt, der den Boden unter sich noch immer wanken fühlt und aus dem Wirtshaus am Ufer sehnsüchtig wieder in den kühlen Wogenschlag hinaussieht. In solcher Laune war er nach kurzem Umhertreiben, um sich von der guten Gesellschaft zu erholen, zum Teil auch aus grillenhafter, flüchtiger Neigung zu Kordelchen, unerkannt unter dem Namen Lothario mit der Schauspielerbande ausgezogen, wo wir ihn in jener regnerischen Nacht zum ersten Male trafen. – Hier hörte er plötzlich, daß die verlorengeglaubte Gräfin Juanna noch lebe und zu der ihr verwandten fürstlichen Familie geflüchtet, mit der sie auf dem nahem Jagdschlosse sich aufhalte. Da gab’s auf einmal frischen Klang! Sein Plan war gleich gemacht. Durch seine geheime Vermittelung erfolgte die Einladung der Schauspielergesellschaft nach dem Jagdschloß, er begleitete sie in seiner Verkleidung, denn es schien ihm lächerlich, ja sinnlos, um diese märchenhafte Diana auf dem gewöhnlichen Paradepferde gräflicher Galanterie zu freien. – Bei seiner eignen, sorglosen Unvorsichtigkeit konnte indes die Sache nicht ganz verborgen bleiben, der Fürst und seine Gemahlin wenigstens hatten unbestimmte Kunde von seinem Vorhaben, noch ehe die Truppe bei ihnen ankam. Insbesondere hatte die Fürstin, mit dem den Frauen in solchen Dingen eigentümlichen Scharfsinn, die eigentliche Absicht gar wohl erraten. Zwar erwarteten sie täglich den Baron Manfred auf dem Schloß, den sie insgeheim zu Juannas Bräutigam ausersehen. Dennoch konnten sie’s nicht lassen, die interessante Genialität einer so romantischen Maskerade um so leichtsinniger zu begünstigen, da im schlimmsten Falle Victor noch immer als eine bessere Partie für die unbemittelte Gräfin erschien als der etwas unscheinbare Manfred. So schwiegen sie recht mit innerlicher Lust und spielten die Getäuschten, täuschten aber unbewußt nur sich selbst, indem sie den zufällig dazwischengekommenen Fortunat, da er gleich von Anfang so rätselhaft auftrat, für den heimlich erwarteten Grafen hielten. – Victorn aber verlockte indes Juannas Schönheit nach und nach immer tiefer in das wildeste Labyrinth ausschweifender Wünsche, er gab ihren herausfordernden Blicken eine Deutung, die sie selber niemals kannte. Da hörte er auf der Jagd zum erstenmal von der nahen Ankunft des unbekannten Bräutigams – es war ihm unerträglich: er entschloß sich rasch, Juanna zu entführen, nur so, meinte er, könne diese wilde Nymphennatur bezwungen werden, gleichwie eine still aufsteigende Flamme sich plötzlich entfaltet, wenn der Sturm sie zerwühlt. – »Ja, kühne, schlanke Flamme!« sagte er nun tausendmal zu sich selbst, »wie griffst du plötzlich zornig in die Waldesnacht und klettertest furchtbar schön die Felswand auf und nieder, daß alle Wipfel donnernd in die Gluten sanken! Die lust’gen Wälder meiner Jugend sind verbrannt.«

In solchen Gedanken war Victor jetzt durch mehrere Straßen fortgeschritten. Die Wagen rasselten aus dem Theater, der hoffärtige Patriotismus kokettierte aus tausend geputzten Fenstern, Kinder zogen in dem magischen Licht lärmend durch die Gassen und brachten jedem brennenden Teertopf ein Vivat. Wohin er sich wandte, immer neue Feueralleen zogen sich durch die Nacht, bis er endlich unerwartet an den fürstlichen Garten kam. Ein Feuerwerk, wie es schien, war eben abgebrannt, nur einzelne Schwärmer stiegen noch empor und erleuchteten im Zerplatzen seltsam die Gegend und die verworrene Menge, die sich nun jauchzend nach allen Seiten verlief. Bei dem flüchtigen Widerschein glaubte Victor auf einen Augenblick sein Wirtshaus jenseits auf der stillen Anhöhe gesehen zu haben. Der Wege unkundig an dem fremden Ort, schlägt er die nächste Richtung ein und tritt durch ein Pförtchen, das er nur angelehnt findet, zwischen die Bäume hinein, verschlungene Gänge führen ihn immer weiter, auf einmal sieht er sich mitten im fürstlichen Park. Der Himmel ist schwül bezogen, zahllose Glühwürmchen schweifen in den dunklen Gängen, die weißen Statuen stehen einsam im Mondschein umher; da ist’s, als hört‘ er leise seinen Namen nennen, ein Flüstern geht seitwärts durchs Gebüsch, dann alles wieder still. – Jetzt schimmern auch die hohen Schloßfenster schon herüber, drin sieht er im hellen Glanz sich Masken wundersam bewegen, die eine Saaltür öffnet sich, ein Schwall von Licht und Klängen schlägt heraus – da fährt er innerlichst zusammen, denn bei dem brennenden Streiflicht sieht er plötzlich Juannas Gestalt zwischen den Bäumen entschlüpfen. Außer sich folgt er nach, er erblickt sie von neuem: Reitkleid, Gürtel und Hut, wie sie in Spanien getragen, endlich erreicht er sie, sie wendet sich rasch, mit Grauen sieht er in die dunklen Augenhöhlen einer Larve.

Er steht wie eingewurzelt vor ihr, während sie ihn schweigend zu betrachten scheint. – »Du fernes Wetterleuchten«, sagt er endlich ganz verwirrt, »ich folge dir, und wär‘ es in den Wahnsinn!« – Da erhebt sich auf einmal tiefer im Garten ein wunderbarer Gesang, fast ohne Melodie, in wenigen herzzerreißenden Tönen. Sie schauert, als bräch‘ der Tag an, ihre schwarzen Locken ringeln sich von beiden Seiten herab, er sieht die dunklen Augen aus der Larve funkeln. – »Morgen!« flüstert sie dann kaum hörbar und verschwindet schnell zwischen den wechselnden Schatten.

Victor aber flieht entsetzt durch den Garten, der Mondschein wiegt sich träumend auf dem Gebüsch, seitwärts schwanken Wasserkünste im Wind, wie Feen in langen, wallenden Schleiern. Plötzlich hört er den Gesang wieder erschallen. Auf dem steinernen Rande des Springbrunnens sieht er einen eingeschlummerten Mann sitzen, ohne Hut, mit dem Haupt vorüber nickend, der singt im Schlaf. Bei einem flüchtigen Mondblick glaubt er den bleichen, kranken Fürsten zu erkennen.

So kommt er ganz verstört in die Stadt zurück. Dort hat sich unterdes alles verwandelt. Nur einzelne Menschen irren noch beim ungewissen Schein der Laternen, die verlöschend flackern, zerrissene Wolken fliegen über die Dächer, die Nacht war finster und stürmisch geworden. Da schweiften zwei weibliche Gestalten eilig durch das Dunkel. »Wo schleppst du mich hin?« fragte die eine. – »Sahst du ihn nicht vorhin?« entgegnete die andere, »ich muß ihn haschen!«

»Kordelchen! Du?« rief Victor plötzlich vor ihnen stehend aus – »du siehst ja so blaß im Laternenschein, wie eine Leiche mit spielenden, funkelnden Augen.« – »Ach, dummes Zeug, red nicht so graulich«, sagte die Komödianten. – Er wollte fort, aber sie hatte sich schon fest in seinen Mantel verwickelt.

Sie standen an der offenen Tür eines kleinen Hauses. Ihre leichtfertige Begleiterin, die zu ihrem Verdruß noch gar nicht beachtet worden, wünschte schnippisch viel Vergnügen und verließ sie empfindlich. Kordelchen aber hatte ihren späten Gast bereits hineingedrängt. Ein schwüler Duft von halbvertrockneten Blumensträußen, die an den Fenstern standen, quoll ihnen aus der kleinen Stube entgegen. Das tief heruntergebrannte Licht, dem eine leere Flasche zum Leuchter diente, verbreitete eine ungewisse Dämmerung über ärmliches Hausgerät, zerbrochene Spiegel, Notenbücher und Kleidungsstücke, die überall unordentlich umherlagen. Mitten in dieser Verwirrung war ein wohlgekleideter Mann am Tische fest eingeschlafen, die Feder lag umgefallen noch zwischen seinen Fingern auf dem halbbeschriebenen Blatte vor ihm.

»Still, still, der wird ein Paar Augen machen!« sagte Kordelchen, indem sie Victorn leise an der Hand in einen entfernten Winkel führte und ihn dabei, eh‘ er sich’s versah, herzhaft in den Finger biß. Dann setzte sie sich auf einen Reiskoffer, öffnete ihre Schürze, die voll Knackmandeln war, und fing vergnügt an zu naschen und zu plaudern, man sah ihr recht die Freude aus den muntern Augen glänzen. So in aller Geschwindigkeit erzählte sie ihm, daß sie mit Otton aus dem langweiligen Italien entflohen, seit einigen Tagen hier sei und wieder aufs Theater wolle. Auf einmal sah sie Victorn lange ins Gesicht. »Armer Lothario«, sagte sie, »du siehst schlecht aus. Dacht‘ ich’s doch gleich, als du damals die Augen so hoch warfst, siehst du, wer hieß dich Gemsen jagen! – Aber so iß doch mit – und hast du die Fürstin heut gesehen? – sie ist als Gräfin Juanna maskiert.« – Dazwischen warf sie wieder Mandelschalen nach dem Schreiber hinüber, der noch immer schlief.

Da fuhr dieser erschrocken auf – es war Otto – sie wollte sich totlachen, wie er so wild aus dem Schlaf umherstierte. Aber Victor, bisher wie in Gedanken verloren, hatte sich bei dem unerwarteten Anblick des wüsten Gesichts plötzlich aufgerichtet. »Um Gottes willen, Otto!« rief er mit tief erschütterter Stimme, »flieh, flieh in die Nacht hinaus, in den Krieg, bau das Feld, spalte Holz, bettle von Haus zu Haus – nur fort von hier!« – »Geh, geh!« sagte Kordelchen, von ihrem Koffer springend, »du bist ja so pathetisch wie der steinerne Komtur aus dem Don Juan.« – Otto, den Kopf auf beide Arme gestützt, ahnet heimlich, was jener meint, Lotharios Urteil gilt ihm alles, seine ganze Seele hängt lauschend wie an einem jähen Absturz. – Aber Victors Sinn war heut wie ein schneidendes Schwert. – »Und red mir nicht von Poesie, von Dichterberuf«, fuhr er fort, »du hast nicht mehr davon als ein verliebtes Mädchen. Es gibt nur wenige Dichter in der Welt, und von den wenigen kaum einer steigt unversehrt in diese märchenhafte, prächt’ge Zaubernacht, wo die wilden, feurigen Blumen stehen und die Liederquellen verworren nach den Abgründen gehen, und der zauberische Spielmann zwischen dem Waldesrauschen mit herzzerreißenden Klängen nach dem Venusberg verlockt, in welchem alle Lust und Pracht der Erde entzündet und wo die Seele, wie im Traum, frei wird mit ihren dunkelen Gelüsten«

Hier hielt sich Otto nicht länger. Es überlief ihn eiskalt, als zuckte ein Blitz durch die Nacht und erleuchtete auf einmal gräßlich sein ganzes verlorenes Leben. Noch ganz verwirrt, im Innersten getroffen, ergriff er wie ein Rasender einen nahe gelegenen Theaterdegen und drang sinnlos auf Victorn ein. Dieser schleuderte den Wütenden weit von sich, daß ihm der Degen entfiel. »Ruhig!« rief er, »und bedenke meine Worte, ehe alles zu spät! Mich aber laß, ich habe mit mir selbst zu fechten, Gott gnad‘ uns beiden!« – So eilte er aus dem Hause fort.

Draußen auf der leeren Gasse hörte man noch Kordelchen klagen, die ihm betroffen nachgestürzt. »Lothario!« rief sie außer sich, »lieber, schöner, verrückter Lothario! ich bitt‘ dich um Gottes willen, kehre um, nur noch ein einziges Mal komm zurück! Es ist ja alles nicht wahr, was die Leute sagen, ich war dir immer im Herzen treu, was kann ich dafür, daß ich arm und schön bin? Ach, verlaß mich nicht, ich habe sonst niemanden auf der Welt! Wickle mich ins Schnupftuch, steck mich in deine Rocktasche, wenn du mir nicht traust, ich will still sitzen und dich ansehen, wenn du mich nur wieder liebhast, du wilder, abscheulicher Kerl!« – So bat sie rührend, lachte und schimpfte, bis sie zuletzt unaufhaltsam in heftiges Weinen ausbrach.

Aber Victor hörte sie nicht mehr. Er trat aus dem dunklen Stadttor, einzelne Morgenstreifen zuckten schon über die stille Gegend. – Durch seine Seele gingen übermächtige Gedanken. Aus der tiefen Nacht seines Grams stieg allmählich Stern auf Stern, ihm war, als müßt‘ nun alles anders werden.

Zwanzigstes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Zu Weinsheim klangen die Abendglocken über die anmutige Gegend, das reiche Dorf mit seinen frischen, kühlen Gärten und dem weißen, herrschaftlichen Schlosse darüber lag schon vom Gebirge verschattet, während die Abendsonne weiterhin die fruchtbare Ebene und den gewundenen Strom noch heiter beleuchtete. Auf allen Feldern war ein fröhliches Erntegewimmel, bis weit hinaus hörte man singen, rufen und jauchzen und das Rasseln der Wagen dazwischen. Mitten durch die bunte Wirrung ritt ein schöner, schlanker Mann mit gebräuntem Gesicht langsam dem Schlosse zu, nach allen Seiten für den folgenden Tag Befehle erteilend und manchem scheuen, glänzenden Blick der Bauermädchen begegnend. Es war der junge Baron Manfred, dem diese Landschaft in doppeltem Sinne angehörte, denn er hatte sie wüst ererbt und durch Umsicht und verständige Anregung in einen blühenden Garten verwandelt.

In solcher Erntezeit haben die Landschlösser etwas unbeschreiblich Einsames. Auch Manfred fand Hof und Haus noch leer, alle Diener schwärmten noch draußen im Tale, nur die gegenüberstehenden Waldberge schauten ernst durch die offenen Fenster herein. – Ermüdet setzte er sich auf das Fenstergeländer, um sich in der Abendkühle zu erfrischen, als er auf der Straße, die vom Gebirge kam, einen wunderlichen Zug sich zwischen den Walnußbäumen langsam heranbewegen sah. Ein elegantes Kabriolett, das aber der Steinweg übel zugerichtet zu haben schien, wurde auf drei Rädern von einem Pferde mühsam fortgeschleppt. Ein Mann in seltsamer Reisetracht führte das Pferd am Zügel, eine junge Dame, mit einem Kornblumenkranz im Haar, schlenderte daneben, das Ganze gemahnte an ziehende Komödianten. Einige verspätete Jäger des Barons hatten sich dazugestellt, die Krüppelfuhre, wie es schien, mit derben Witzen gesegnend. Der Reisende aber blieb keine Antwort schuldig. Manfred konnte, da sie eben unter seinen Fenstern vorüberzogen, deutlich vernehmen, wie er den Jägern sehr eifrig demonstrierte, bei ihrer Kunst sei, außer den Frischlingen, nichts Frisches mehr, das Elend hätten sie aus den Wäldern verjagt und hegten’s zu Hause, von der Blume des Ganzen dürfe man vor gebildeten Löffeln gar nicht mehr sprechen, überdies sei Diana längst eine alte Jungfer geworden, es lohne nicht mehr, Hörner zu tragen. – So kamen sie alle mit großem Rumor und Gelächter oben an.

Hier warf der Fremde dem Jäger die Zügel zu und befahl ihm ohne weiteres, alles aufs beste unterzubringen, das Wägelchen wiederherzustellen und das Pferd reichlich zu füttern, das heute mehr die Sonne als der Hafer gestochen habe. »Das sieht hier gar nicht schlecht aus«, sagte er dann, sich zufrieden nach allen Seiten umsehend, »wem gehört das Schloß?« – Die Antwort des Jägers aber schien ihn aufs höchste zu überraschen. »Was! dem Baron Manfred?« rief er aus und flog sogleich nach dem Schlosse, wo er den eben heraustretenden Baron beinah übergerannt hätte. – »Waren Sie«, sagte er hastig und ohne alle Einleitung, »waren Sie nicht vor einiger Zeit auf Reisen? So sind Sie ohne Zweifel der gewesene Bräutigam der ehemaligen Gräfin Juanna, der damals auf dem fürstlichen Schlosse erwartet wurde!« – Manfred bejahte kurz und trocken. – »Aber heiraten!« rief der Reisende aus, »wer wird eine wildschöne Diana gleich heiraten wollen?!« – »Wer sind Sie?« unterbrach ihn hier Manfred, den Aufdringlichen mit etwas ernsten Blicken messend. – »Ja so!« – erwiderte dieser – »haben Sie vielleicht schon einmal von einem gewissen Dryander gehört?« – »Dem bekannten Dichter?« – »Der bin ich, ich reise eben auf Volkslieder, und jenes Frauenzimmer dort ist meine Frau.«

Nun stellte er die junge Dame mit dem Kornblumenkranze vor, die soeben an einem Ecksteine noch ihre Schuhe festband und ihnen, als sie sich nennen hörte, ein munteres, etwas trotziges Gesichtchen zuwandte, in dem wir sogleich Fräulein Gertrud als alte Bekannte vom fürstlichen Schlosse wiederbegrüßen. Die Kleine begann unmittelbar nach der ersten Verständigung, mit der Lebhaftigkeit eines jungen Sinnes, dem alles noch neu ist, von ihrer romantischen Fahrt durchs Gebirge, von dem Unfall mit dem Wagen und andern Abenteuern zu erzählen, wobei sie deutlich merken ließ, daß dem Baron eigentlich ein unverdientes Glück widerfahre, den berühmten Dichter Dryander bei sich beherbergen zu können. Der letztere aber, dem die Beschreibung zu schön und zu lang zu werden schien, war schnell wieder in den Hof zurückgeeilt, um Pfeife und Tabaksbeutel aus dem Wagen zu holen. – Und so sah sich denn Manfred allein mit der hübschen jungen Frau in einer seltsamen Lage; denn wenn er sie, nach ihrer ganzen Erscheinung, als ein lebenslustiges, verliebtes Landfräulein zu nehmen geneigt war, so wandelte sie nun auf einmal die Farbe und brach, zu seiner Verwunderung, ästhetische Diskurse vom Zaun. Und je länger er schwieg, je fröhlicher geriet sie, in der sichtbaren Lust, dem Landjunker zu imponieren, wie ein munterer Wasserfall unaufhaltsam in eine plauderselige Gelehrsamkeit, unbekümmert Zeiten, Autoren und Bücher durcheinander vermengend.

Ein Lachen hinter ihnen unterbrach hier plötzlich die sonderbare Unterhaltung. Es war Dryander, der sich unterdes wieder eingefunden und eine Zeitlang ungesehen alles mit angehört hatte. »Trudchen, Trudchen!« rief er immerfort lachend, »was geschieht dir? ich erkenne dich ja gar nicht wieder – dieses charmante Wesen und angenehme Klugsprechen, Attitüden und romantischer Shawltanz.: – Das resolute Weibchen aber schien nicht einen Augenblick betreten. Mit veränderter Stimme, die plötzlich wie der Absatz eines Pantöffelchens klang, erwiderte sie: »Solche Faxen leid‘ ich nun ein für allemal nicht von dir! Willst du ein Philister sein, so ist’s gut, ich werde auch sein, wie ich Lust habe!« – Dryander hatte sie unterdes umfaßt und walzte mit ihr auf dem Rasen herum. Sie aber schrie auf einmal laut auf und riß sich mit mehr Heftigkeit als Grazie von ihm los. »Du bist immer so ungeschickt«, sagte sie, »du trittst mir auf den Fuß.« – »Das ist nicht wahr«, rief Dryander. – »Wahr oder nicht wahr!« – entgegnete sie, »ich bin todmüde von deinem Herumziehen in dem dummen Gebirge, und ich will schlafen gehn, und das jetzt gleich!« – Nun geriet Dryander seinerseits in eine wunderliche Wut. »Um Gottes willen, nur keine Launen!« rief er aus, »Weiberlaune ist mir zuwider, wie das Pech am Pfropfen einer Champagnerflasche, ein ekelhafter Meltau auf Blumen, da ist offenbarer Wahnsinn noch herrlich dagegen mit seinem Abgrunde bodenloser Gedanken.« – »Und ich gehe doch schlafen!« unterbrach ihn Gertrud trotzig, machte Manfreden eine kurze Verbeugung und ging nach dem Schlosse, wo die alte Haushälterin des Barons, die den Spektatkel in der Haustür verwundert mit angehört hatte, die Erhitzte aufnahm und in ihre Zimmer führte.

»Ist sie nicht zum Küssen schön, wenn sie böse wird?« sagte Dryander zu Manfred gewandt. Manfred, ganz entrüstet über diese verkehrte, nichtsnutzige Wirtschaft, stellte ihn ernstlich zur Rede, daß er durch solche Tollheiten die Frau geistig vernichte. – »Ganz und gar nicht«, erwiderte Dryander, »faule Naturen werden erst in der Leidenschaft bedeutend und reizend, sie ist eigentlich sehr dumm.«

Unterdes war ein Tisch mit Erfrischungen im Garten aufgeschlagen worden. Dryander nahm ohne weiteres Platz, band sich eine Serviette unterm Kinne wie zum Rasieren vor und begann, so eifrig zu essen, wie Manfred noch niemals gesehen. Dazwischen erzählte er, von allen Schüsseln zugleich zulangend, wie in seinem Bräutigamsstande auf dem fürstlichen Jagdschlosse seine Aversion gegen eine feierliche Hochzeit ein unübersteigliches Hindernis geworden, wie er sodann einmal plötzlich vor dem hochaufgestapelten Hochzeitsbette erschrocken und davongegangen, Gertrud aber bald darauf aus Melancholie gleichfalls von dem Schlosse verschwunden sei.

»Aber auf dieser außerordentlichen Flucht«, fuhr er fort, »setzte mir die Liebe nicht wenig zu, ich kam ganz herunter, ich war fast nichts als Seele. In diesem Zustande hatte ich mich einmal des Abends im Gebirge verirrt, ich wußte durchaus nicht, wo ich mich befand, und war endlich, wie es mir vorkam, über die Trümmer eines umgefallenen Zauns in einen ehemaligen französischen Garten geraten. Durch die schnell vorüberfliegenden Wolken fielen nur einzelne Mondblicke zwischen finstern Laubwänden und künstlich verschnittenen Taxusbäumen über zerbrochene Statüen, die im hohen Grase lagen, aus dem Walde schlugen unzählige Nachtigallen. Nur eine Statüe in einiger Entfernung von mir schien noch wohlerhalten, es war eine sitzende Najade an einem steinernen Bassin, dessen klare Flut ihre Füße umspülte. – Ich bin eigentlich ein Schwärmer, mit über der Brust gekreuzten Armen lehnte ich mich nachlässig an einen neben mir stehenden antiken Opferaltar und sah eben unverwandt in den Mond, als der morsche Altar, den ich für Stein gehalten, hinter mir zusammenbrach. Daß ich mit umfiel, war das Geringste dabei. Aber denkt Euch mein Entsetzen! Über dem Gepolter wendet die Najade auf einmal den Kopf, richtet sich hoch auf und entflieht in den dunklen Garten. Trotz meiner Gänsehaut schreite ich doch auf das Bassin los und finde zwei der zierlichsten Pantöffelchen auf dem steinernen Rande. Ich lege sie sogleich an mein Herz zwischen Frack und Weste und komme, beim weiteren Vordringen, an einen von hohen Bäumen tiefverschatteten Platz. Auf dem Platze war ein Schloß, und an dem Schlosse ein Altan und auf dem Altan sehe ich, wie hinter einem Schleier von Mondschein, Blüten und Laubgewinden, das weiße Gewand der Najade wieder hervorschimmern. Das kam mir auf einmal ganz spanisch vor mit dem Balkone, ich redete sie erst zierlich in Assonanzen an, sie verbarg sich halb furchtsam, halb neugierig, bald sah ich eine Locke, bald ein bloßes Füßchen, bald einen Arm, bald wieder gar nichts. Ich wurde immer verliebter, die Reime flossen mir wie Lavendelwasser, ich sprach von des Mondes Zaubermacht, der das Lieben hat erdacht, von einer süßvalenz’schen Nacht, vom Kosen und vom Flüstern sacht, bis daß die erste Lerche erwacht! Sie schwieg immerfort, und wie auf der Himmelsleiter meines eigenen Wohllauts stieg ich endlich ohne weiteres auf den nächsten Baum, schwang mich mit der einen Hand auf den Balkon und hielt mit der anderen der Erstaunten ihre Pantöffelchen entgegen. In demselben Augenblicke aber entriß sie mir’s plötzlich und schlug mir damit tüchtig um beide Ohren. »Also das ist deine Treue!« rief sie, »ich erkannte dich gleich anfangs, o ich unglückseliges Mädchen!« – es war Gertrud selbst. Ich stand ganz verblüfft. Vergeblich sagte ich, daß ich sie eigentlich auch gleich anfangs erkannt hätte, und beschwor sie, nur jetzt das Maul zu halten. Aber sie glaubte und hörte nichts, sie schimpfte und weinte dazwischen immerfort. Über dem Lärm und Gezänke steckte die alte Amme, die ich noch vom fürstlichen Schlosse her kannte, ihr Gesicht aus der Schloßtüre und verschwand sogleich wieder, ein großer Hund schlug im Garten ein paarmal an, und eh‘ ich mich noch besinnen kann, tut sich die Balkontüre weit auf, und ein verworrener Haufe von Vettern, Lichtern und Dienern stürzt plötzlich hervor, voran ein großer, starker Mann in einem damastenen Schlafrock, mit kleinem dreieckigen Hut und langem Haarzopf, in der einen Hand eine Pistole, in der andern einen bloßen Degen. Die alte Amme, der vor den Folgen ihres Verrats bange wurde, wollte den Wütenden von hinten am Zopf aufhalten, darüber ringelte sich das Band los, und die langen Haare umflatterten ihn wunderlich wie ein phantastisches Hirngespinst. »Kopuliert sie in drei Teufels Namen!« donnerte er, mit dem Pistol nach mir zielend, denn es war niemand anders als Gertruds Vater. Ein alter Geistlicher, der nicht wußte, wie ihm geschah, trat aus dem Gefolge, und ich und Gertrud wurden auf der Stelle kopuliert.«

Hier stand Manfred, der schon mehrere Male den beredten Dichter unterbrechen wollte, entrüstet auf. »Schändlich!« sagte er, »mich friert innerlichst bei der Geschichte.« – Dryander sah ihn mit den geistvollen Augen ein Weilchen groß an, dann sprang er plötzlich auf und fiel dem Baron um den Hals. »Sie haben ganz recht«, rief er aus, »das ist die verruchte Doppelgängerei in mir, ich kann nichts Großes ersinnen, ohne ihm sogleich von hinten einen Haarbeutel anzuhängen, ein tragischer, wahnsinniger König und ein Hanswurst, der ihm fix ein Bein unterstellt, die hetzen und balgen sich Tag und Nacht in mir, daß ich zuletzt nicht weiß, welcher von beiden Narren ich selber bin.«

Manfred schwieg unwillig, Dryander aber war an den Abhang des Gartens getreten und schaute in das dunkle Tal hinaus; man unterschied nur noch einzelne Massen von Wald, Feldern und Dörfern, durch die weite Stille kam der dumpfe Schlag eines Eisenhammers herüber. – »Das ist schön!« sagte er, »es ist mir, als hört‘ ich den Pendul der Zeit einförmig picken. – Ich bleibe hier«, wandte er sich schnell zu Manfred: »ich habe das wüste Treiben satt; Profession vom Dichten machen, das ist überhaupt lächerlich, als wenn einer beständig verliebt sein wollte und noch obendrein auf öffentlicher Straße – ich will hier bei Euch die Landwirtschaft lernen!« – »Sie?« – erwiderte Manfred erstaunt, »das gäbe eine schöne Wirtschaft!« – Aber Dryander hörte nicht darauf. »Ich will mich«, fuhr er fort, »ich will mich hier wie auf den Grund des Meeres versenken, daß ich von der Welt nichts mehr höre – aber Ihr müßt mir die Hand darauf geben, daß Ihr so lange kein Wort von Literatur mit mir reden wollt.«

Er sprach so eifrig, daß er endlich auch den ungläubigen Manfred um so mehr mit sich fortriß, als dieser selbst überzeugt war, daß nur die Einsamkeit und eine eisern geregelte Tätigkeit den wirren Geist heilen könnte. Und mehr bedurfte es nicht, um ihn mit Leib und Seele für den Gedanken zu gewinnen.

Sie besprachen nun noch bei einer Bowle Punsch ausführlich den neuen Plan. Dryander faßte alles begeistert auf, richtete sich in Gedanken schon völlig hier ein, war beruhigt, fast weich, und in diesem ungewohnten Zustande unwiderstehlich liebenswürdig; und als sie endlich schieden, begab sich Manfred mit dem Gefühle eines begonnenen Werkes zur Ruhe und überdachte noch lange, wie er es am besten vollführen und gestalten wollte.

Wie sehr war er daher erstaunt, als er am folgenden Morgen vernahm, daß Dryander, der von dem übermäßig genossenen Punsch vor Hitze nicht schlafen konnte, noch lange vor Tagesanbruch die Frau und den ganzen Hof aufrumort habe und soeben schon wieder abgereist sei. – In des Dichters Stube fand er mehrere vergessene Kleinigkeiten, Tücher und Strümpfe auf allen Stühlen zerstreut, das offene Fenster klappte im Winde, auf dem Tische lag ein, wie es schien, vor kurzem von Dryander beschriebenes Blatt. Er nahm es auf und las:

Vor dem Schloß in den Bäumen es rauschend weht,
Unter den Fenstern ein Spielmann geht,
Mit irren Tönen verlockend den Sinn
Der Spielmann aber ich selber bin.
Vorüber jag ich an manchem Schloß,
Die Locken zerwühlet, verwildert das Roß,
Du frommes Kindlein im stillen Haus,
Schau nicht nach mir zum Fenster hinaus.
Von Lüsten und Reue zerrissen die Brust,
Wie rasend in verzweifelter Lust,
Brech ich im Fluge mir Blumen zum Strauß,
Wird doch kein fröhlicher Kranz nicht daraus!
Wird aus dem Schrei doch nimmer Gesang,
Herz, o mein Herz, bist ein irrer Klang,
Den der Sturm in alle Lüfte verweht
Lebt wohl, und fragt nicht, wohin es geht!

»Sollte man nicht wirklich denken, er sei durch und durch verzweifelt«, sagte Manfred, indem er das Blatt mitleidig lächelnd weglegte, »und ich wette, da hat er in der Zerstreuung alles wieder rein vergessen, was wir gestern verabredet.« – Und als er hinausblickte, sah er draußen im Morgenblitzen das Wägelchen des Dichters, über dem ein durchlöcherter Sonnenschirm aufgespannt war, wie ein Schattenspiel zwischen den grünen Bäumen dahinschwanken.