Siebentes Kapitel

Siebentes Kapitel

Noch war keine Spur des Morgens am Himmel, da lagen mehrere der jüngeren Schauspieler, denen es zu schwül im Hause geworden war, in ihre Mäntel gehüllt, schlafend auf den Stühlen und Bänken unter den Linden umher. Fabitz, der Komikus, welcher sich über den langen Tisch hingestreckt hatte, erwachte zuerst. Er blickte erschrocken in den Himmel, und da er an dem Stand der Gestirne bemerkte, daß es lange nach Mitternacht war, sprang er sogleich auf den Tisch hinauf und fing wie ein Hahn zu krähen an.

Da fuhr eine dunkle Gestalt nach der andern fröhlich in die dämmernde Nacht empor, schauernd und sich schüttelnd in der kühlen Luft. Lothario aber kam, schon ganz reisefertig, tiefer aus dem Garten und pochte lustig an die Haustür. »Glück auf!« rief er, »fröhliche Botschaft! Heraus da! Ich habe Fortunam beim Schopf!« – Nun fuhren schlaftrunkene Mädchengesichter neugierig aus den Fenstern, immer mehr Stimmen wurden nach und nach drinnen wach, Türen flogen heftig auf und zu, und bald glich das ganze Haus einem Bienenstocke, der schwärmen will.

Fortunat, von dem wachsenden Lärm aufgeschreckt, eilte gleichfalls hinab und fand schon die ganze Gesellschaft in der liebenswürdigsten Laune um Lothario versammelt. Dieser hatte nämlich in der Nacht durch einen Freund die Nachricht erhalten, daß der Fürst auf seinem eine Tagereise von hier gelegenen Jagdschlosse angekommen, wo er jeden Sommer einige Wochen hindurch sich den Freuden der Jagd und allerlei wunderlichen, romantischen Einfällen zu überlassen pflege. Dem Briefe lag zugleich eine Einladung des Fürsten an Herrn Sorti bei, mit seiner Truppe so schnell als möglich sich auf dem Schlosse einzufinden. – Dieser unerwartete Glücksfall verbreitete einen allgemeinen Jubel. Ein jeder schnürte eiligst sein Bündel, alle versprachen sich goldene Berge von dem reizenden Aufenthalt, die Männer Ruhm und gutes Leben, die Mädchen vornehme Liebschaften und Geschenke. Fortunat selbst, den sein Weg ohnedies an dem fürstlichen Schlosse vorbeiführte, beschloß, die Fröhlichen bis in die Nähe desselben zu begleiten.

Die aufgehende Sonne traf die muntere Karawane schon draußen auf den Bergen. Kamilla – so wurde die Dame mit dem Schirm genannt – schien Fortunaten ausweichen zu wollen und war daher mit Herrn Sorti auf dem Packwagen vorausgefahren. Die andern hatten in dem Städtchen einen Burschen gedungen, der sie auf den Fußsteigen durch den schönen Wald führen mußte, alle waren freudig aufgeregt und sprachen viel von den Festen auf dem fürstlichen Schlosse und den schönen Tagen, denen sie entgegenwanderten. Ruprecht schritt Tabak rauchend wieder voraus und intonierte an den schönsten Waldstellen zuweilen: »In diesen heiligen Hallen« oder eine andere würdige Baßarie, während Fabitz unermüdlich die mannigfaltigsten Vögelstimmen nachahmte. Lothario schweifte unterdes, seine Flinte auf dem Rücken, allein auf den Bergen umher, von Zeit zu Zeit hörte man ihn fern im Walde schießen, was jedesmal von der Gesellschaft mit einem lauten Hurra erwidert wurde. – Fortunaten aber war wunderlich zumute in der ungebundenen Freiheit. Er atmete fröhlich die kühle Waldluft, sich oft zurückwendend und des munteren Zuges erfreuend, wie die heiteren Gestalten mit ihren bunten Tüchern und phantastischen Reisetrachten bald über ihm auf überhängenden Felsen erschienen, bald tief im dunklen Grün wieder verschwanden.

Als die Sonne schon hoch stand, ruhte die Truppe auf einer schönen Waldwiese aus. Da kam plötzlich auch Lothario aus dem Walde zu ihnen. »Wer ist der fremde Herr hier in den Bergen?« fragte er rasch den Führer, »da ist so ein Kerl im Frack, der schlüpft schon die ganze Zeit über von Strauch zu Strauch, sieht sich manchmal nach euch um und flieht dann von neuem vor eurem Singsang und Geschnatter, wie ein Hase auf der Klapperjagd.« – »Das ist gewiß der Doktor«, erwiderte der Führer lachend, »der kam einmal mitten in einem Platzregen ins Dorf, wie vom Himmel gehagelt. Die Gegend gefiel ihm, es war grade ein Haus droben leer, da wohnt er seitdem darin, eine alte Frau aus dem Dorfe besorgt ihm das Essen. Am Abend aber, wenn die jungen Burschen und Mädchen vor den Haustüren sitzen, kommt er auch herab, und sie müssen ihm Lieder singen und Märchen erzählen, da hat er schon manche Maulschelle bekommen, wenn er die Mädchen heimlich in die Arme kniff. Aber es ist ihm nicht zu trauen«, fuhr der Führer fort, »er hat droben kuriose Bücher, da ist kein christlicher Buchstabe drin, lauter Zirkumflexe, wie wenn eine Spinne übers Blatt gelaufen wäre, und sooft er aus den Büchern murmelt, zieht sich an den Bergkoppen ein Wetter zusammen, dann hört man ihn drinnen im Hause laut sprechen und schimpfen, und ist doch kein Mensch bei ihm.«

In demselben Augenblick erblickten sie auch den Zauberer selbst in der Ferne, wie er soeben hastig den Berg hinanklomm, daß die Steine hinter ihm herabkollerten. – »Den muß ich doch sprechen!« rief Lothario, dem Fliehenden sogleich rasch nachsetzend. Fortunat und noch einige andere von der Gesellschaft schlossen sich neugierig an.

So verfolgten sie rasch die Spur des Fremden, der unterdes schon den Gipfel des nächsten Hügels erreicht hatte; nur seine Rockschöße sahen sie noch manchmal zwischen den Gebüschen fliegen, bis sie ihn zuletzt ganz aus den Augen verloren. Nach mühsamen Umherirren gelangten sie endlich an ein halbverfallenes, rings von hohem Unkraut umgebenes Haus, dessen Türen und Fenster fest verschlossen waren. – »Da ist er gewiß hineingeschlüpft«, sagte Lothario und klopfte an die alte Tür. Es erfolgte keine Antwort, aber im Innern des Hauses hörten sie ein gewaltiges Gepolter, als würden Tisch und Bänke hastig an die Türe geschoben. Lothario pochte von neuem, stärker und immer stärker. Da flog plötzlich oben eine Dachluke auf, und mit zornblitzenden Augen erschien in der Öffnung ein kleiner, lebhafter Mann, in dem Fortunat zu seinem Erstaunen sogleich den nächtlichen, seltsamen Geiger aus dem Weinkeller in Walters Städtchen wiedererkannte. – »Doktor! – Dryander!« riefen die Schauspieler überrascht aus.

»Was wollt ihr?« fuhr sie der Musikus von oben sehr heftig an. »Denkt ihr, ich werde aus den frischen Berglüften zu eurem dicken Lampendunst hinabkommen und das Volk lassen um das Publikum und das Rauschen der Wälder um eure Triller und Sentenzen? Geht hinunter und weint um Hekuba, wenn ihr nicht über eure eigene Misere weinen könnt!« – Hier sah er erst seine Zuhörer einen nach dem andern genauer an. »Entsetzlich«, sagte er nach einer kurzen Pause zu Ruprecht, »du schaust wie ein brennender Busch aus. – Und du, idealer, blaß verwaschener Musenbräutigam, redest du jede Magd noch Jungfrau an und forderst den Stiefelknecht in Jamben? – Aber dich, Barbar, der in Blut watet und von den Tränen des Publikums lebt, dich erkannt‘ ich gleich an der roten, tyrannischen Stirne wieder!« – Jetzt wurde er plötzlich auch Lotharion gewahr, er stutzte, und wie ein Morgenleuchten überflog es sein ganzes Gesicht, dann warf er schnell das Dachfenster zu. – Lothario aber hatte unterdes schon die morsche Tür eingerannt und über die umgeworfenen Stühle, womit sie verrammelt war, das Zimmer erreicht.

Als die übrigen eintraten, fanden sie beide in einem leisen, heftigen Gespräch, das Laub vor dem Hause verbreitete eine wunderbare, grüne Dämmerung über die kleine Stube, durchs offene Fenster hörte man den mehrstimmigen Gesang der zurückgebliebenen Schauspieler von unten heraufschallen:

Wir wandern wohl heut noch weit.
Wie das Waldhorn schallt!
O grüner Wald,
O lustige, lustige Sommerzeit!

Dryander war auf einmal wie verwandelt. »Das ist noch das alte Lied«, sagte er und schob ein paar Bücher in seine Rocktasche, »das hab‘ ich euch damals komponiert, um eure Affekte von den Wirtshäusern auf die schöne, erhabene Natur zu lenken. Seid ihr noch immer so durstig? Und lebt Kordelchen noch, den Kennern zur Freude und den Frauen zum Trotz?«

»O lustige, lustige Sommerzeit!«

Klang es wieder herauf. Da hatte der Doktor hastig wieder ein paar Bücher eingesteckt, nahm die Geige unter den Arm und setzte seinen Hut auf. Lothario stopfte ihm schnell noch ein Bündel Wäsche nach, die andern drängten ihn schon zur Tür hinaus, und so stiegen sie eilig mit dem Doktor die Höhe hinab.

Unten auf der Waldwiese fanden sie alles soeben schon im Begriff, wieder aufzubrechen. Ein allgemeiner Jubel begrüßte die Ankommenden, und alle umringten den wiedergefundenen Doktor, der früher einmal als Musikdirektor die Gesellschaft eine Zeitlang begleitet hatte. Dieser embrasssierte die alten Kameraden nach der Reihe durch, küßte dann der Dame Kamilla, die eben nicht sehr erfreut schien, ihn wiederzusehen, zierlich die Hand und half ihr, da Herr Sorti ängstlich zur Fortsetzung der Reise trieb, mit ausnehmendem Anstande auf den Rüstwagen.

Unter diesem Bewillkommnungsgetümmel bewegte sich endlich der Zug langsam weiter. Dryander aber mit seinen dick angeschwollenen Rocktaschen setzte sich an die Spitze desselben, ergriff seine Geige und spielte und sang, daß es weit durch den Wald erschallte:

Mich brennt’s an meinen Reiseschuhn,
Fort mit der Zeit zu schreiten
Was wollen wir agieren nun
Vor so viel klugen Leuten?
Es hebt das Dach sich von dem Haus,
Und die Kulissen rühren
Und streckten sich zum Himmel ‚raus,
Strom, Wälder musizieren!
Und aus den Wolken langt es sacht,
Stellt alles durcheinander,
Wie sich’s kein Autor hat gedacht:
Volk, Fürsten und Dryander.
Da gehn die einen müde fort,
Die andern nahn behende,
Das alte Stück, man spielt’s so fort
Und kriegt es nie zu Ende.
Und keiner kennt den letzten Akt
Von allen, die da spielen,
Nur der da droben schlägt den Takt,
Weiß, wo das hin will zielen.

Die Sonne stand schon tief und warf ihre letzten Strahlen zwischen den Baumstämmen schimmernd über die Wanderer, als diese durch die zierlichen Jägerhäuser und die im Walde sich kreuzenden Alleen daran erinnert wurden, daß sie dem Ziel ihrer Reise nicht mehr fern sein konnten. Von weitem vernahm man nun auch Waldhornsignale, einzelne Schüsse und Rufen dazwischen, wie das letzte Verhallen einer großen, weitverbreiteten Jagd. Die Gesellschaft wurde nun nach und nach stiller, jeder rückte sorgsam seine Kleidung zurecht und blickte erwartungsvoll vor sich in die Ferne hinaus. Fortunat aber fühlte sich unbehaglich überrascht, da nun das bisherige fröhliche Reiseleben plötzlich zum förmlichen Metier werden sollte.

Jetzt senkte sich der Weg allmählich ins Tal hinab, da sahen sie eine luftige Säulenhalle, rote Ziegeldächer und stille Wasserspiegel wechselnd aus der Tiefe aufblicken, immer geheimnisvoller, je weiter sie kamen, schimmerte es bald da, bald dort zwischen dem Grün herauf, durch die Wipfel aber leuchtete ein Gewitter, das sie im Walde nicht bemerkt hatten. Auf einmal schrien die Frauenzimmer kreischend auf, denn grade über ihnen, wie aus den Lüften, ließen sich plötzlich fremde Stimmen vernehmen und auf der in viele Klüfte zerspaltenen, fast unzugänglichen Felsenwand erblickte man zwei Schützen, die sich offenbar dort zwischen den Steinen verstiegen hatten. Der eine, ein kleiner, dicker runder Mann, der immer da, wo man ihn am wenigsten vermutete, wie ein Kürbis vom Felsen hing, trat beständig zu kurz, während sein überlanger, hagerer Begleiter jederzeit über sein Ziel hinausschritt. Dieser gab sich zum Ärger des andern, das Ansehn, ihm beizustehn, obgleich er selbst jeden Augenblick das Gleichgewicht verlor und so den Dicken erst recht mit ins Unglück brachte. Endlich konnten beide weder vor noch zurück mehr und begannen, aus Leibeskräften um Hülfe zu schreien. Da erschallte vom höchsten Gipfel ein mutwilliges Lachen. Die Abendsonne warf unter der schwarzen Gewitterwolke einen dunkelroten Glanz über die ganze Gegend, und in der scharfen Beleuchtung erschien droben plötzlich eine schöne, hohe Mädchengestalt zu Pferde, ein grünsamtenes Jagdkleid umschloß die schlanken Glieder, lange, weiße Federn wogten vom Barett über ihre Schultern hinab. Während ihr Pferd ungeduldig den Boden scharrte, betrachtete sie mit großen dunklen Augen die Erstaunten, die unwillkürlich die Unbekannte ehrfurchtsvoll begrüßten. Sie nickte mit dem schwarzgelockten Köpfchen kaum einen flüchtigen Dank, wandte sich dann rasch und war bald in den Abendgluten wieder verschwunden.

»Herrlich!« riefen mehrere von der Gesellschaft aus. – »Bei Gott«, sagte Lothario, die Reiterin mit durchdringenden Blicken verfolgend, »die haben gewiß heut wieder einmal ihren romantischen Tag!« – Unterdes waren die andern schon mit langen Stangen, Stricken und Leitern herbeigeeilt, und es gelang ihnen endlich, unter größerem Lärm, als eben nötig war, die beiden Verirrten Schützen glücklich auf die Ebene zu bringen. Diese waren indes übel zugerichtet, der eine hatte den Hut, der andere den Rockschoß droben gelassen, am abenteuerlichsten sah der Lange aus mit knappen, grauen Kamaschen und modernem Jagdkleid, halb Überrock halb Frack, fast lauter Tasche. Kaum aber sahen sie sich unten in Sicherheit, als sie, Gefahr und Dank vergessend, sogleich mit spitzigen Worten aufeinander losgingen. Jeder schob dem andern die Schuld zu, es schien, als habe die schöne Jägerin, der sie in verliebter Galanterie nachgesetzt, sie absichtlich in dieses Klippenlabyrinth verlockt. – So schritten beide, ohne sich um die Schauspieler weiter zu bekümmern, eilend dem Schlosse zu, und man hörte sie noch weit durch die Dämmerung zanken.

Jetzt aber fegte der Sturm alles zusammen, von allen Seiten sah man einzelne Jäger an den einsamen Waldesabhängen hernierdersteigen. Da begann es auch im Schlosse sich wundersam zu rühren, Türen wurden geöffnet und geschlossen, Bediente in bunten, reichen Livereien liefen die Marmortreppen auf und ab, die hellerleuchteten Fenster, hinter denen sich in prächtigen Gemächern einzelne Frauengestalten bewegten, warfen einen magischen Schein weit über den dunklen Garten. Dann wurde auf einmal alles still in der ganzen Runde, die Nacht und das Gewitter zog immer tiefer herein, Fortunat, der keine Lust hatte, wieder naß zu werden, war bereits allein nach der Dorfschenke geritten, die Schauspieler schimpften, sie hatten zu ihrem Empfange sich Triumphbogen geträumt, einholende Kammerjunker und den Fürsten von hohem Balkon ihnen entgegenwinkend. – Endlich sahen sie vom Schlosse her sich Fackeln durch den Waldgrund bewegen und erkannten bei den wirren Scheinen mit klopfenden Herzen die bunten Livereien der fürstlichen Bedienten. » Heda, ihr Herren Komödianten!« rief der eine, »wo Teufel steckt ihr denn?« – »Nun Gott behüt‘ uns!« – sagte ein anderer im Kreise umher leuchtend – »das hängt ja wie Meltau an allen Sträuchern, als hätt‘ es Plunder geregnet!« – Kamilla, höchst entrüstet, rauschte mit ihrem vornehmsten Anstande daher und ließ einiges von impertinenten Domestiken fallen. Da war aber nicht lange Zeit zum Ärgern und Händemachen. Denn der Gewitterwind wühlte schon in den Flammen der Fackeln und in den Tüchern der Damen, die Bedienten trieben zur Eile, Mäntel und Regenschirme flogen verworren durcheinander, und so wälzte sich alles in unordentlicher Flucht dem Schlosse zu.

Nur Lothario war zurückgeblieben, denn die schöne Jägerin mußte noch in den Bergen sein. Und er irrte sich nicht. Zwischen den Blitzen von Fels zu Fels, daß ihm schwindelte, lenkte sie mit kühner Gewandtheit ihr Pferd langsam den schmalen Steig hinab. Von dem letzten Abhange endlich wagte es einen verzweifelten Sprung und stürzte unten samt der Reiterin auf dem Rasen zusammen. In demselben Augenblick riß sie es gewaltsam wieder empor, beide hatten keinen Schaden genommen, nur der Zaum war entzwei. Da sprang Lothario rasch hinzu, ein langer Blitz beleuchtete plötzlich die ganze schöne Gestalt. »Wie das blendet!« rief er, während er, auf den Nacken des Pferdes gelehnt, ihr lächelnd unter dem Barett in die Augen blickte. – Sie sah ihn groß an – »da, die Kinnkette noch«, erwiderte sie kurz und stolz, dann, als er dan Zaum in Ordnung gebracht, drückte sie rasch die Sporen ein, und zwischen den roten Scheinen der Windlichter sah er ihren weißen Federschmuck, wie einen Schwan, durch die finstere Nacht dahinziehen.

Achtes Kapitel

Achtes Kapitel

Als Fortunat erwachte, blickte er erstaunt in einem hohen, vom Morgenrot schimmernden Gemache umher. Nach und nach erst besann er sich auf alles, wie er gestern noch vor Ausbruch des Gewitters aus der Dorfschenke in das fürstliche Schloß geladen worden, wie wunderbar da beim Widerschein der Blitze das Schloß in der Nacht aussah, das Getümmel dann im Hofe und wie darauf ein Bedienter ihn mitten aus dem Gewirre in dieses Gemach gewiesen. Hier hatte er durch das Fenster bemerkt, daß die übrigen Schauspieler nochmals weiterziehen mußten und beim trüben Schein einiger Windlichter einen dunklen Baumgang hinabführt wurden, bis zuletzt die Lichter, das Rumpeln des Reisewagens und die wohlbekannten Stimmen sich in dem Plätschern des Regens verloren, der nun plötzlich in Strömen herabstürzte.

Jetzt aber regte sich noch kein Laut, nur draußen blickten einzelne Flüsse und Landschaften mit funkelnden Kirchtürmen schon geheimnisvoll zwischen den hohen Bäumen herauf. Da kleidete Fortunat sich schnell an und eilte durch das stille Haus die breiten, dämmernden Marmortreppen hinab. Unter einer luftigen Säulenhalle, die von beiden Seiten mit hohen, ausländischen Blumen besetzt war, trat er in den prächtigen Garten. Hier war nach dem erfrischenden Regen der Morgen wie ein bunter Teppich ausgebreitet, auf dem das Schloß gleich einer schlummernden Sphinx noch rätselhaft ruhte. – Er wollte eben tiefer in das Grün hineingehen, als er überrascht in einiger Entfernung folgendes Lied singen hörte:

Aus Wolken, eh im nächt’gen Land
Erwacht die Kreaturen,
Langt Gottes Hand,
Zieht durch die stillen Fluren
Gewaltig die Konturen,
Strom, Wald und Felsenwand.
Wach auf, wach auf! die Lerche ruft,
Aurora taucht die Strahlen
Verträumt in Duft,
Beginnt auf Berg und Talen
Ringsum ein himmlisch Malen
In Meer und Land und Luft.
Und durch die Stille, lichtgeschmückt,
Aus wunderbaren Locken
Ein Engel blickt.
Da rauscht der Wald erschrocken,
Da gehn die Morgenglocken,
Die Gipfel stehn verzückt.
O lichte Augen, ernst und mild,
Ich kann nicht von euch lassen!
Bald wieder wild
Stürmt’s her von Sorg und Hassen
Durch die verworrnen Gassen
Führ mich, mein göttlich Bild!

Fortunat folgte dem Gesange, der von einem entfernten Flügel des Schlosses herzukommen schien. Die hohe Tür war nur angelehnt, er trat hinein und befand sich in einer schönen, großen Kapelle, die durch eine Kuppel erleuchtet wurde. Auf einem Gerüste stand dort ein Maler, welcher in dieser stillen, kühlen Einsamkeit, zwischen den von oben einfallenden Morgenlichtern und den halbvollendeten, betenden Gestalten mit ihren reichen, leuchtenden Gewändern, wie in dem Kelch einer wunderbaren Blume schwebte. Er hörte auf zu singen, als er unten den Fremden gewahrte, und wandte schnell ein munteres Gesicht zwischen umwallenden, braunen Locken aus seinem Himmel hinab. – »Glück auf!« rief ihm Fortunat, überrascht von der ganzen, unerwarteten Erscheinung, fröhlich zu, »das ist eine herrliche Werkstatt!« – Der Maler nickte lächelnd und fuhr in seiner Arbeit fort, kehrte sich dann aber, plötzlich abbrechend, wieder zu Fortunat: »Sind Sie nicht gestern abend mit den Schauspielern gekommen?« – »Ja, und zugleich von ihnen abgekommen, ich weiß nicht wie«, erwiderte Fortunat. – »Oh, die sind gar nicht weit«, sagte der Maler. »Und eigentlich ist auch heut Aurora zu schön, um ihr hier ins Gesicht zu klecksen, ich will Sie lieber gleich zu Ihren Kameraden führen.« – Bei diesen Worten hatte er rasch Pinsel und Palette weggelegt und kam die Leiter herab. Es war ein kecker, vollwangiger Jüngling mit bloßem Hals und knappem, sehr zierlichen deutschen Rock. Er verschloß die Tür, da sie hinaustraten, und führte Fortunat eilig durch den Baumgang, in welchem gestern nacht die Schauspielergesellschaft verschwunden war. »Das muß ein glückliches Leben sein«, sagte er, »wie oft hab‘ ich mir schon gewünscht, so mit fröhlichen Gesellen ins Blaue hineinzuziehen! Wir Maler sind überall an Ort und irdisches Material gebunden. Da sind die andern Künstler besser dran, zumal der Dichter. Die ganze schöne Welt ist sein Revier, und wo er singt, ist der Himmel. – Aber da sind wir schon!« unterbrach er sich hier. »Sehn Sie dort. Es ist eigentlich ein altes Gartenpalais, das lange wüst und verlassen stand. Ich wohne auch drin, seit ich hier male, nun hat der Fürst auch die Gesellschaft mit hineinquartiert. Hören Sie doch, was für ein Rumor darin! Das ist ja wahrhaftig wie eine Menagerie, wo unzählige Loris und Papageien durcheinanderkreischen und manchmal eine alte Hyäne dazwischengähnt.«

Fortunat erblickte nun am Ende des Baumganges einen weiten, grünen Platz, wo mehrere Figuren von Buchsbaum, halbzertrümmerte Statüen und vertrocknete Wasserkünste einen ehemaligen französischen Garten andeuteten, der jetzt nur noch durch einzelne Kaiserkronen und dunkelglühende Päonien seltsam an die alte Herrlichkeit erinnerte. Im Hintergrunde stand ein alter, schwerfälliger, von der Zeit gebräunter Palast, dessen vornehme Gesimse mit Verachtung auf die aus den Fenstern flatternde Wäsche und auf Kordelchens Regenschirm herabzublicken schienen, den sie vor ihrem Schlafzimmer als Markise ausgespannt hatte.

Fortunat trat mit dem Maler hinein und begrüßte seine lustigen Reisegefährten, die vor Freuden auch nicht mehr schlafen konnten und sich hier nach jahrelangem, dunklem Umhertreiben in den Dachstübchen kleiner Städte sehr behaglich und laut in dem ungewohnten Glanze sonnten. Ein großer Saal mit Stuckverzierungen, verblichenen Tapeten und einem altväterischen Billard in der Mitte diente ihnen zum Versammlungsplatz, und wenngleich die Boursen des Billards zum Teil vom Zahn der Zeit schon abgenagt waren, so hatten die erfindsamen Geister doch sogleich ihre eigenen, ohnedies ziemlich überflüssigen Geldbeutel daran geheftet, und schnitten ihre Karoline mit mehr Behagen als Geschicklichkeit. Nur Kordelchen erwies sich als Meisterin, wobei sie, in gewandten Stellungen über der grünen Tafel schwebend, ihr zierliches Figürchen zu zeigen willkommene Gelegenheit hatte.

Der enthusiastische Maler begann sogleich eine Partie mit ihr, und Fortunat wollte eben Lotharion aufsuchen, den er in der Gesellschaft vermißte, als der sonst friedfertige Komiker Fabitz plötzlich mit einem seltsamen jungen Manne, mit welchem er draußen in Zank geraten, in den Saal hereinstürzte. Der junge Mensch trug die altdeutsche Tracht, deren verschossenes Schwarz aber schon bedeutend ins Gräuliche spielte; lange, grobe Haare hingen ihm von beiden Seiten bis über die Schultern herab und gaben dem langen, eckigten Gesicht ein gewisses antiquitätisches Ansehen. Es ergab sich, daß er gleichfalls ein Maler, namens Albert, war, der auf seiner Rückreise von Rom hier seit einiger Zeit Beschäftigung und günstige Aufnahme gefunden. Dieser hatte nun kaum in Erfahrung gebracht, daß bei der eben angekommenen Gesellschaft ein Herr Fabitz den Kasperl zu spielen pflege, als er sogleich mit wahrem Missionarieneifer auf den Unglücklichen losging und ihm über das Unwürdige, Verkehrte und daher Unhaltbare seines Kunstgewerbes die gemessensten Vorstellungen machte. Er sprach viel vom ernsten Norden, wo die edlen Eichen höherer Bildung solch niederes Unkraut gar nicht aufkommen ließen, ja eine norddeutsche Zunge, wie die seinige, entsetzte sich schon vor dem barbarischen Laute: Kasperl! Fabitz dagegen meinte, er kenne zwar von den nordischen Zungen bloß die geräucherten, die langen, norddeutschen Kaspars aber seien wahrscheinlich nur zu langweilig, um auf das Theater gebracht zu werden. – Zuletzt aber, da ihm die ganze Erscheinung des Norddeutschen etwas Neues war, überwältigte ihn sein Naturell. Unwillkürlich nahm er nach und nach, Zorn und Streitpunkt vergessend, die wunderliche Haltung, Gesicht und Stimme seines Gegners, der in seinem fanatischen Eifer nichts davon merkte, selber an und focht so verzweifelt in aufgeschnappten, hochtrabenden Sentenzen, daß sein Gegner ganz konfus wurde. – Kordelchen hatte schon lange vom Billard zugehorcht. »Allerliebster Narr«, rief sie nun hinzuspringend aus und gab ihm einen herzhaften Kuß. »Pfui! Wenn er nur nicht so häßlich wäre!« sagte sie dann, sich den Mund schnell abwischend.

Währenddes hatte sich, ohne von dem Streit Notiz zu nehmen, ein kurzer, runder Mann zu Fortunaten gesellt, der sich ihm als den fürstlichen Schulrat vorstellte, und in welchem er sogleich den dicken Schützen wiedererkannte, dem sie gestern vom Felsen geholfen. Fortunat wußte gar nicht, wie ihm geschah, da der Kleine auf einmal sehr gelehrt von Poesie, Kunst und Religion zu sprechen anfing und sich endlich angelegentlich erbot, ihn in den wenigen Augenblicken der Muße, die ihm blieben, mit den mancherlei Merkwürdigkeiten des Orts bekannt zu machen. Kaum hatte der kämpfende Maler Albert den Schulrat erblickt, als er vornehm den Streit abbrach und sich zu ihnen wandte. – »Vortrefflich«, sagte der Schulrat, sich an Fortunats Arm hängend, »so geleite ich Sie gleich zu einem Götterfrühstück, womit ich mich jeden Morgen für meine Berufsgeschäfte zu stärken pflege.« – So schritten sie eilig durch einen langen Korridor zu einer schweren, eichenen Tür, die Albert mit einer gewissen Feierlichkeit öffnete. Es war sein Atelier, ein hohes, ritterliches Gemach, an dessen schmuckloser Hauptwand ein großes, mit der Jahreszahl 1813 bezeichnetes Schwert hing, um das sich ein verwelkter Eichenkranz wand. »Das ist mein treuer Reisegefährte«, sagte Albert zu Fortunat, »und wenn mich schlaffe Ruh oder weichliche Lust überschleichen wollen, blick ich die Eisenbraut an und gedenke der ernsten, großen Zeit.« – »Ach, das ist schon eine alte Geschichte!« entgegnete Fortunat lachend. – »Sind Sie damals mit zu Felde gewesen?« fragte der Maler etwas spitzig. – »Freilich«, erwiderte jener, »das versteht sich ja aber ganz von selbst.«

Inzwischen befand sich der Schulrat schon mitten unter Alberts Arbeiten, die in dem Gemach umherstanden und von dem erstaunenswerten Fleiße des Malers zeugten. Da waren die ungeheuersten Anstalten zur Kunst: Gliederpuppen, sorgfältig gefaltete Mäntel, Modelle und Büsten, dazwischen mehrere vollendete Bilder, Historienstücke aus der antiken Heroenzeit von sehr zusammengesetzter, studierter und nicht leicht faßlicher Komposition. »Göttlich!« rief der Schulrat einmal über das andere aus, während er mit Kennermiene beschäftigt war, jedes Bild genau in das rechte Licht zu stellen. »Sehen Sie den ätherischen Hauch des Inkarnats, die Perspektive, diesen klassischen Ausdruck!« – »In der Tat, ein philosophischer Pinsel«, erwiderte Fortunat. Denn diese anmaßlichen, affektierten Heldengestalten voll Männerstolz und Männerwürde wollten ihm nicht im mindesten behagen, und die Jungfrauen mit ihrer langgesstreckten, anmutlosen Tugendlichkeit kamen ihm gar wie gemalte Begriffe der Jungferschaft vor.

»Nun, ich muß mich nur wieder mit Gewalt losreißen«, sagte endlich der Schulrat, seinen Hut ergreifend, »ernstere Gesschäfte rufen mich. – Ein Genie!« flüsterte er, im Fortgehen auf Albert deutend, Fortunaten zu. – »Ein tiefer, umfassender Geist!« sagte Albert, als der Schulrat verschwand.

Fortunaten aber hatte unterdes eines von den kleinern Bildern angezogen. Man sah Rom in der Ferne mit seinen phantastischen Trümmern und Palästen in der vollen Glut des südlichen Abendhimmels. Im Vorgrunde, von Rom fort, schritt einsam durch das schon dunkelnde, öde Feld ein einzelner Mann mit antikem Faltenwurf des Mantels und feierlich ernster Miene, an der Fortunat sogleich den Maler selbst erkannt hätte, wenn er auch nicht zum Überfluß noch mit dem obengedachten Schwerte vom Jahre 1813 umgürtet gewesen wäre. – »Aber warum in aller Welt kehren Sie dieser leuchtenden Wunderpracht hier so eilfertig den Rücken?« fragte er erstaunt. – »Dieses Bild«, erwiderte Albert, mit seinem allerlängsten Gesicht, »bezeichnet eigentlich die dunkle Führung überhaupt, die in meinem Leben waltet. Rom ist herrlich, und ich nahte voll Ehrfurcht den alten Heldenmalen. Aber das leichtsinnige Geschlecht und das Klingeln der Bonzen über den Gräbern versunkener Größe störte und empörte mich. Ich konnte mich den Anmutungen des Aberglaubens, auch nur zum Scheine, nicht gefällig erweisen und hatte beständig Verdruß. Dazu kam, daß das Geschick meines deutschen Vaterlandes, wo eine neue, große Zeit sich ausgebärt, heimlich an meinem Herzen fraß, ich hatte nirgends Ruhe. Meine Kameraden gefielen sich dort bald höchlichst – ich aber ermannte mich zur rechten Zeit und flüchtete vor den gleißenden Schlingen doppelter Knechtschaft nach dem ernsten, heimatlichen Norden.«

»Norden?!« – rief Fortunat erschrocken über dieses plötzlich wiederkehrende Lieblingsthema des Malers aus und griff hastig nach seinem Hute. Albert, welcher dies für eine Aufwallung übereinstimmender Empfindung halten mochte, drückte ihm stumm die Hand, aber mit so seltsamer Kreuzung der Finger, daß es Fortunat sogleich für das heimliche Zeichen irgendeines ihm fremden Bundes erkannte. Fortunat besann sich nicht lange, sondern erwiderte den Druck, zu Alberts Verwunderung, mit noch abenteuerlicheren Handgriffen und stürzte dann ins Freie hinaus.

»Verdammte Wirtschaft!« rief er draußen, durch den Baumgang eilend, »überall vertreten einem solche lange Gesichter das Morgenlicht! Lassen sich da von irgendeinem kritischen Kleinmeister eine angeräucherte Brille aufheften, womit sie dann in alle Welt gehen, die Völker zu richten. So zieht das Geschmeiß, wie die Wanderraupen, durch den Glanz der Länder in stillem Wahnwitz fort, wenn es sonst Wahnsinn ist, die Dinge anders anzusehen, als sie wirklich sind!« – Zuletzt mußte er selbst laut auflachen über den wunderlichen Zorn, in den ihn das Larven-Kunstkabinett des Malers versetzt hatte. Die Morgensonne spielte golden durch die Wipfel der Bäume, und unzählige Vögel sangen. Er blickte fröhlich umher und fand, daß die Welt trotz aller Narren so schön und lustig blieb, wie sie war.

Neuntes Kapitel

Neuntes Kapitel

Es war schön anzusehen, wie auf der luftigen Rampe des Schlosses, die gleich einer Blumenzinne weit über die Wälder hinausragte, schlanke Frauengestalten und bunte Uniformen zwischen den dunklen Orangenbäumen hervorschimmerten. Oben saßen die Fürstin, Herren und Damen in der heiteren Morgenkühle auf buntgestickten Feldstühlen umher, die Abenteuer der gestrigen Jagd besprechend. Mehrere Bände von Shakespeare mit funkelndem Goldschnitt lagen auf einem zierlichen Tischchen, Notenhefte und eine Gitarre daneben; der Morgenwind blätterte lustig darin und ging durch die Saiten, daß es von Zeit zu Zeit zwischen dem Plaudern und Lachen einen fröhlichen Klang gab. – Weiter zurück aber standen die zur Musterung heraufbeschiedenen Schauspieler in ihren besten Feierkleidern, ganz verwirrt unter den Fürsten und Grafen, die sie doch so oft auf ihren Brettern gespielt hatten. Vergebens suchten sie unter den fremden Gesichtern den geraden Kriegshelden, den schlauen Beichtvater, den falschen Minister, Herr Sorti vergaß darüber ganz seine wohlersonnene, altmodische Anrede, sie fanden alles anders, als sie sich’s unten eingebildet hatten. Mit ehrerbietiger Neugier blickten sie zuweilen seitwärts durch die offene Tür in die prächtigen Gemächer hinein, aus denen der glatte Fußboden, hohe Spiegel und Statüen zwischen bronzenen Kandelabern geheimnisvoll glänzten. Manches junge Herz aber wünschte sich hundert Meilen von hier, denn unter der Terrasse pfiffen die Vögel lustig in der alten Freiheit, und zwischen den Wipfeln blickte die Landschaft so heiter herauf, als riefe es: kommt nur wieder hinunter, da draußen ist’s doch viel schöner!

Der Fürst, ein junger, schöner Mann in bequemer Jagdkleidung, war unterdes zu ihnen getreten und entschuldigte seine gestrige Vergeßlichkeit so leicht und vornehm, daß sie ihm für ihren schlichten Empfang noch danken mußten. Er belobte Herrn Sorti über die Eile, mit der er seiner Einladung gefolgt, und wußte in aller Geschwindigkeit durch Andeutungen seltner Belesenheit und Sachkenntnis allen zu imponieren. Dazwischen blickte er manchmal verstohlen nach Kordelchen, die das auch sogleich bemerkte und, schlau ihre Augen niederschlagend, die Verwirrte spielte. Kammerherren, junge Offiziere und Jagdjunker mischten sich nun mit in die Unterhaltung, die Schauspieler wollten in auserlesenen Redensarten ihren Weltton zeigen, die Mädchen waren naiv, die Junker charmant, zwischen ihnen und den Feldstühlen der Damen flogen häufig französische Witzworte, wie zierliche Pfeile, über den glatten Boden hin und her, deren Zielscheibe eben nicht zweifelhaft war. Unter ihnen fiel der lange Schütz von gestern am meisten auf, ein reisender Lord, der überall wie ein Kamelhals mit seiner Lorgnette über die andern hervorragte. Er versicherte jeden seiner Protektion und sprach immerfort von Kunst und dramatischer Kunst und mimischer Kunst in so wunderlichem Deutsch, daß einer den andern nicht verstand.

Die Konfusion aber wurde noch immer größer. Denn seitwärts hinter einer phantastischen Palme, auf deren breiten Blättern ein Papagei linkisch auf und nieder kletterte, stand die kühne Reiterin von gestern und neckte, wie es schien recht absichtlich, den Vogel, dessen durchdringendes Gekreisch jeden Augenblick den galanten Diskurs verstörte. Sie beachtete die Komödianten nicht, aber zuweilen funkelten ihre Blicke zwischen den Zweigen nach Fortunaten und Lothario herüber, welcher den ersteren mit heraufgeschleppt und soeben der Fürstin als einen geistreichen, nur erst kürzlich zu ihnen gestoßenen Volontär vorgestellt hatte. Die Fürstin, eine junge, schmächtige Dame mit schwarzem Haar, bleichem Gesicht und feurigen Augen, in graziöser Lebhaftigkeit bald zu diesem, bald zu jenem Herrn ihres Gefolges plaudernd zurückgewandt, nun witzig, dann sinnig, dann wieder gelehrt, wechselte in wenigen Minuten verschwenderisch alle Farben der neuesten Bildung. Dazwischen blickte sie oft Fortunaten fast lauernd an, als wollte sie prüfen, welchen Ton sie ihm gegenüber eigentlich anschlagen sollte. Sie schien es wunderbarweise recht ausschließlich auf den Beifall des unbekannten jungen Mannes abgesehen zu haben, der sich, wie in einem plötzlichen Feuerwerk, vor den Raketen und steigenden Leuchtkugeln dieser Unterhaltung gar nicht zu fassen und zu retten wußte. – Dem Fürsten aber waren die Blicke der Gräfin Juanna – so nannte man die schöne Jägerin – nicht entgangen, er wurde auf einmal verstimmt, und entließ schnell die Schauspielergesellschaft. »Das ist ein lustiges Metier«, sagte er dabei noch mit besonderem Nachdruck zu Fortunaten, »sich so täglich in einen andern zu verwandeln, gestern ein Graf, heute ein Schauspieler und immer ein Poet.« – »Ganz interessant«, meinte die Fürstin, »die Exposition ist romantisch, die Motive lassen sich ahnen, ich bin nur auf den letzten Akt begierig.« – Fortunat war ganz verwirrt, noch mitten in dem Getümmel des Abschiednehmens konnte er bemerken, wie die Fürstin der unterdes hinzugetretenen Gräfin Juanna sehr lebhaft etwas zuflüsterte, das ihm zu gelten schien. »Also dieser?« – sagte die Gräfin, den schönen Mund spöttisch aufwerfend. – Und wie sie so fortgingen und die Terrasse hinter ihnen versank und nur noch Juanna an dem marmornen Geländer hoch über dem schönen, weiten Kreise der Wälder stand, da war es, als sei sie die Fürstin hier, der alle andern dienten.

Die Schauspieler schritten nun eifrig schwatzend durch den Garten, die meisten waren ganz begeistert und wie berauscht, andere, die sich zurückgesetzt glaubten, sprachen von drückender Hofluft und dem schlüpfrigen Boden der vornehmen Welt. Fortunaten aber fiel nun erst alles auf: seine gestrige Aufnahme im Schloß, vorhin die Dienstfertigkeit des Schulrats, die Reden der Fürstin und Juannas letzter Ausruf. – Sollten sie den reisenden Baron in mir wittern? dachte er, kennen mich doch die Schauspieler selbst nicht, wie sollten die droben es wissen!

Am Abend desselben Tages ruhte er mit Lotharion auf dem grünen Abhange einer Höhe und schaute fröhlich über die Wälder in die weite, fruchtbare Gegend hinaus, in die er nun bald selbst mit dem blauen Strome hineinziehen sollte. Lothario, immer rastlos umherschweifend, hatte in der kurzen Zeit alle verworrenen Verhältnisse ihres neuen Aufenthalts schnell überblickt und entwarf nun in seiner Art eine Musterkarte davon. »Der Fürst«, sagte er, »ist ein erstaunlicher Virtuos, er spielt die schwierigste Romantik vom Blatt weg, ohne eben selbst zu komponieren. Die Fürstin ist ganz und gar sinniger Roman, durch viele Hände gegangen, schon sehr zerlesen; ich glaube, der lange Lord studiert sie jetzt. Diese wilde, schöne Gräfin dann, die ihnen wie ein Hirsch durch alle ihre künstlichen Gehege bricht und die Meute Liebhaber hinter sich für Hunde hält – wahrlich, so scheues Wild weckt recht das Jagdgelüste!« – »Nimm dich in acht«, entgegnete Fortunat; »was mich betrifft, so kümmert’s mich wenig, wie sie sind, das Ganze zusammen macht sich doch schön, und mehr verlang‘ ich nicht von ihnen.« – Lothario sah ihn ein Weilchen fast ärgerlich an. »Ich begreif’s nicht«, sagte er dann, »wie ihr Dichter es vor Langerweile aushaltet, so ein dreißig bis fünfzig Jahr auf der ästhetischen Bärenhaut rücklings über zu liegen und Kriegstrubel, Philosophie, wilde Jäger und singende Engel wie ein Wolkenspiel über euch dahinziehen zu lassen, um daraus ganz gemächlich ein paar dicke Romane zusammenzuschreiben, die am Ende niemand liest. Zum Teufel, ich bein keine Äolsharfe, die nur Klang gibt, wenn ein Poet ihr Wind vormacht! Is das Leben schön, so will ich auch schön leben und selber so verliebt sein wie Romeo und so tapfer wie Götz und so tiefsinnig wie Don Quixote. Um die Schönheit will ich freien, wo ich sie treffe, und mich mit den Philistern drum schlagen, daß die Haare davonfliegen. Warum sollte man so ein lumpiges Menschenleben nicht ganz in Poesie übersetzen können?« – »Du bist ein wunderlicher Mensch«, unterbrach ihn Fortunat, »ich glaube, du könntest ein großer Dichter sein, wenn du nicht so stolz wärest.« – »Ich?« – erwiderte Lothario fast betroffen und sah einen Augenblick nachdenklich vor sich hin.

Hier wurden sie auf einer weiter ins Land hinaus gelegenen Anhöhe mehrere der Schauspieler gewahr, die soeben zwischen den Gebüschen emporsteigen und sich gleichfalls an der schönen Aussicht zu ergötzen schienen. Sie konnten deutlich unterscheiden, wie Herr Ruprecht sein altes Perspektiv gemächlich aus dem Futteral nahm, es wie ein Fühlhorn bald weit ausstreckte, bald wieder einzog und damit in die Ferne zielte. Bald aber schienen sie unten etwas Besonderes auf dem Korn zu haben, das Fernrohr ging eilig aus Hand in Hand, und Fortunat bemerkte nun auch seinerseits einen Fußgänger im Tal, welcher bequem zwischen Wiesen und Büschen daherkam, zuweilen stehenblieb und sich nach den schönen, abendroten Gründen heiter zurückwandte, dann zufrieden wieder weiterschlenderte. Auf einmal erhoben die Schauspieler ein wütendes Freudengeschrei und winkten mit Perspektiv und Hüten und Schnupftüchern. Jetzt schien auch der Wanderer sie zu erkennen, er warf jubelnd seinen Hut hoch in die Luft und schritt dann eilig den Berg hinan. – »Wahrhaftig, den sollt‘ ich kennen!« rief Fortunat ganz erstaunt aus. – »Gott schütz‘, gewiß noch ein Dichter!« entgegnete Lothario, indem er aufsprang und ohne weiteres in den Wald hineinging.

Fortunat eilte sogleich zu den Schauspielern hinüber. Aber eine tiefe Kluft lag dazwischen; er verlor sie im Walde bald aus dem Gesicht und wußte nicht, wo er war, als auf einmal der Wanderer, der gleichfalls den nächsten Weg gesucht und den rechten verfehlt hatte, sich mühsam neben ihm durch das Gestrüpp hervorarbeitete. »Fortunat!« rief er höchst überrascht und sichtbar verlegen aus, da er den alten Bekannten erblickte. »Mein Gott! Otto!« erwiderte jener, »wie kommen Sie hierher?« – »Ich« – sagte der Student ganz verwirrt – »ist denn das nicht der fürstliche Park, wo die Schauspielergesellschaft des Herrn Sorti«

Fortunat aber hatte keine Zeit mehr zu antworten, denn um eine Waldecke sahen sie plötzlich einen ganzen Haufen Lumpengesindel von weitem auf sich zuwanken, das sie im ersten Augenblick für Zigeuner erkannten. Sie schienen untereinander in Händel geraten zu sein und kamen in vollem Zanke daher, einige von ihnen waren bemüht, von hinten einen widerspenstigen Esel vorzuschieben, auf dem eine seltsame, phantastisch geschmückte Weibergestalt saß, die voll Zorn nach den ungestümen Treibern zurückschimpfte. Wie eine Zigeunerkönigin hatte sie ihr langes, zottiges Haar mit einer Schnur von Gold und Edelsteinen oben in ein Krönchen zusammengefaßt, in den Ohren trug sie schwere Gehenke von geschmelzter Arbeit, ihre Schabracke war von Scharlach, das grüne Kleid mit silbernen Posamenten verbrämt, und ihr schneeweißes Hemd an den Nähten mit schwarzer Seide nach böhmischer Art ausgenäht, woraus sie hervorschien, wie eine Heidelbeere aus der Milch. – Jetzt erst erkannte Fortunat in dem Gesindel nach und nach die Gesichter der Schauspieler, ohne zu begreifen, wie sie zu dem Narrenstreiche kamen. Seitwärts bemerkte er nun auch Kamilla, welche die Rolle der Preziosa übernommen zu haben schien, wozu sie ihre große, noble Figur besonders geeignet glaubte. Sie schwärmte abgesondert von den andern, eine Gitarre im Arm, und sang: »Einsam bin ich nicht alleine.« Aber sie blieb doch allein, denn alles lief einer jungen, schönen Zigeunerin nach, die plötzlich wie ein wildes Reh aus dem Walde brach. Die pechschwarzen Haare hingen glänzend über Stirn und Wangen, ihr Gesicht war wie eine schöne Nacht. Sie blieb dicht vor Otto stehen und funkelte ihn neugierig mit den Augen von oben bis unten an. »Wußt‘ ich’s doch«, sagte sie dann, »daß es so kommen wird.« – Es war Kordelchen. »Silentium!« hörte man nun auf einmal die abenteuerliche Gestalt durch das Getümmel rufen, die unterdes auf ihrem Esel herangekommen war. »Ei, mein schöner, weißer, junger Gesell«, redete sie Otton an, »was machst du hier? Wo kommst du so allein daher?« – Der Esel, der unterwegs ein Maul voll Gras genommen, sah die Gesellschaft, seine lange Ohren schüttelnd, ruhig an und hieb mit dem einen Hinterfuß nach den Komödianten, die ihn heimlich zwickten. Otto aber, von der allgemeinen Lust mit angesteckt, antwortete: »Meine großmächtige Frau Libuschka, ich komme von Haus und bin willens, in der Welt ein mehreres zu studieren oder einen Dienst zu bekommen, denn ich bin ein armer Schüler.« – »Daß dich Gott behüte, mein Kind!« versetzte die alte Zigeunerin » – »aber zum Teufel! Laßt die Faxen, ich falle wahrhaftig herunter!« rief sie dazwischen den Schauspielern plötzlich mit grober Stimme zu, an der Fortunat sogleich Herrn Ruprecht erkannte. Dieser aber ließ sich dadurch nicht irremachen. »Wann du Lust hast, bei uns zu bleiben«, fuhr er fort, »so ist der Sache bald abgeholfen.« – »Ich will noch ein paar Tage mit mir selbst zu Rat gehen«, erwiderte Otto, »des Studierens und Tag und Nacht über den Büchern zu hocken, bin ich schon vorlängst müd worden.« – »Du hast einen weisen Menschensinn, mein Sohn«, versetzte hier Ruprecht, »und kannst hierbei leicht abnehmen und probieren, was unsere Manier vor anderer Menschen Leben für einen Vorzug habe, wenn du nämlich siehst, wie wir hier in unserer Freiheit auf den alten Kaiser leben, wie die Marder und Füchse. Was ist Reichtum, was ist Geld, Habe? Wenn ich’s nicht habe, acht ich’s für gar nichts, und wenn ich’s habe, schmeiß ich’s gleich wieder weg. Man muß immer als Philosoph denken, glaube einem alten Genie, mein Sohn, und werden die Lichter ausgeputzt und es kommt die Nacht und die Schlafenszeit, so sind doch alle wieder gleich, Zigeuner und andere Leut‘!«

»Oho!« riefen hier die anderen darein, denen der Sermon schon zu lang wurde, »eine moralische Libuschka! Eine philosophische Zigeunerin!« Ruprecht schimpfte sie ganz erbost Ignoranten, die wie Ochsen mit eingelegten Hörnern ins Blaue hineinrennten. Aber sie hörten nicht auf ihn. Ein paar rüstige Gesellen erwischten Otton bei den Beinen, und schwangen ihn vor die Frau Libuschka auf den Esel, den Kordelchen unterdes mit bunten Bändern ausgeschmückt hatte; andere faßten die Zügel, und so wälzte sich der ganze tolle Zug nach dem Gartenpalaste hin.

Hier aber wurden sie selbst überrascht, die Zurückgebliebenen hatten sich schnell verkleidet und unter den Bäumen bunte Zelte aufgeschlagen, so lagen sie an lustigen Feuern umher, und zu Fortunats Verwunderung kam es nun nach und nach heraus, daß sie Otton als ein neues Mitglied ihrer Truppe heute hier erwartet hatten. Unter ihnen erwies sich Guido besonders geschäftig, der junge, hübsche Maler aus der Kapelle, der in seiner sorgfältigen Zigeunertracht sich selbst sehr hübsch zu finden schien und, von Zeit zu Zeit Kordelchen feurige Blicke zuwerfend, wohlgefällig sein Schnurrbärtchen strich. Er hatte brennende Pechkessel besorgt und war eifrig bemüht, die phantastischen Gestalten malerisch um die Flammen zu gruppieren und überall die rechten Lichteffekte anzubringen. Er mußte indes gar bald alles gehenlassen, es war schlechterdings keine Ordnung und kein künstlerisches Motiv hineinzubringen. Über dem dunkelen Berge aber trat plötzlich der Mond aus einer Wolke und beschien die stillen Wälder und Gründe; da war auf einmal alles in der rechten, wunderbaren Beleuchtung: das öde Haus, der altmodische, halbverfallene Garten, die wildverwachsenen Statüen und die abenteuerlichen Gestalten, die auf den Bassins der vertrockneten Wasserkünste umhersaßen, wie eine Soldatennacht im Dreißigjährigen Kriege. – »Preziöschen!« rief Fortunat Kordelchen zu, »bellt von fern ein Hund liegt ein Dorf im Grund, schläft Bauer und Vieh, gibt was zu schnappen hier!« – Kordelchen antwortete munter: »Heult der Wolf in der Heid‘, ist mein Schatz nicht mehr weit; stellt aus die Wacht, gibt heut eine gute Zigeunernacht.« – »Willewau, wau, wau, witohu!« riefen die andern jauchzend dazwischen. Kordelchen aber schwang plötzlich ein Tamburin, daß es schwirrte, tanzte mit ihren roten polnischen Stiefeln auf zigeunerisch und sang dazu:

Am Kreuzweg, da lausche ich, wenn die Stern
Und die Feuer im Walde verglommen,
Und wo der erste Hund bellt von fern,
Da wird mein Bräut’gam herkommen.
Fortunat antwortete lustig:
Und als der Tag graut‘ durch das Gehölz,
Sah ich eine Katze sich schlingen,
Ich schoß ihr auf den nußbraunen Pelz,
Die macht‘ einmal weite Sprünge!
Kordelchen sang wieder:
’s ist schad nur ums Pelzlein, du kriegst mich nit!
Mein Schatz muß sein wie die andern:
Braun und ein Stutzbart auf ungrischen Schnitt
Und ein fröhliches Herze zum Wandern.

Hier schlug sie das Tamburin dem Ruprecht, der ihrem Tanze verliebt zusah, dröhnend an den Kopf und setzte sich, in der Tat wie ein Kätzchen, dem träumerischen Otto auf den Schoß.

»Weißt du« sagte sie, ihre Haare aus dem erhitzten Gesicht schüttelnd, »weißt du noch, wie wir uns zum erstenmal sahen? Du kamst vom Giebichenstein herab mit einem studentischen Helm, daß der Federbusch dir in die Augen hing; damals gefielst du mir besser als jetzt so mit dem närrischen Frack.« – Otton war’s bei diesen Worten, als tauchte seine ganze, schöne Jugendzeit wieder vor ihm auf, das Mädchen war nur so wild, das störte ihn heimlich. – »Es war in den ersten Frühlingstagen«, sagte er, »überall zogen Studenten durchs Grün, du saßest auf der Bank vor dem Wirtshause unter den Linden und spieltest die Harfe.« – »Ja, ja«, fiel ihm Kordelchen in die Rede, »und du glaubtest, ich spielte für Geld, und setztest dich neben mich und drücktest mir einen Taler in die Hand.« – »Und du«, versetzte Otto, »besahst verwundert das Geld, dann stecktest du’s lachend ein, gabst mir schnell einen Kuß und verschwandst im Hause, und ich sah dich nicht mehr wieder. Ach Kordelchen! nun ist ja alles, alles wieder gut, und« »Nun und was denn?!« rief Kordelchen lustig, sprang schnell auf und verlor sich in dem dicksten Haufen.

Kamilla, die es mit angesehen, ging eben vornehm vorüber und sprach halbleise von wilden Waldbeeren, womit man Gimpfel fange. Otto aber hielt sich nun nicht länger und fiel ganz glückselig dem Fortunat um den Hals. »Ach«, rief er aus, »ich bin so von Grund der Seele vergnügt, wie ein Vogel in der Luft!« – Sie gingen miteinander auf den mondbeschienenen Gängen weit fort, daß sie die Stimmen der Schauspieler kaum mehr vernahmen, und Otto erzählte nun, wie entsetzlich einsam es nun auf Hohenstein geworden, nachdem Walter und Fortunat fortgezogen. Er habe sich gleich nach ihrer Abreise mit redlichem Ernst und Eifer ganz auf die Bücher geworfen, nichts anderes gedichtet und getrachtet und selbst jede Erinnerung an sein früheres Leben gewissenhaft vermieden. »Aber«, fuhr er fort, »die Seele des Dichters ist wie eine Nachtigall, je tiefer man ihren Käfig verhängt, je schöner schlägt sie, und ich hörte sie oft in Träumen wunderbar klagen, aber ich hütete mich wohl, wenn ich erwachte, dem weiter nachzuhängen. Und wie nun so der Amtmann täglich um dieselbe Stunde auf das Feld hinausritt und wieder zurückkehrte und Florentine ihre Tauben fütterte und ihre Blumen band, und ringsum in der ländlichen Stille allmählich alles wuchs und wuchs, als wollte das Grün die Menschen begraben – es war mir nicht anders, als säß ich viele hundert Klaftern tief im Meer und hörte die Abendglocken meiner Heimat von weitem über mir. So verzehrte ich mich sichtbar selbst, der gute Amtmann sah mich oft insgeheim bedenklich an, die Amtmannin steckte mir die besten Leckerbissen zu, sie dachte, wenn ich nur erst fetter wäre, so würde schon alles gut werden. – In einer schönen Nacht aber träumte mir von Halle, ich stand auf dem Giebichenstein, die Kirschgärten unten blühten wieder, und lustige Kähne mit Studenten glitten die Saale hinab, da erklang ein Lied aus dem Tale, das ich damals gehört, auf das ich mich aber seitdem durchaus nicht wieder besinnen konnte. Ich wachte vor Freude darüber auf, das Fenster stand noch offen, und als ich mich hinauslehnte, klang das Lied wirklich draußen durch die stille Nacht herüber. – Seht, ein solcher Lufthauch wendet oft das Narrenschiff des Menschen! Ohne selber recht zu wissen, was ich tat oder wollte, kleidete ich mich rasch an, schnürte mein Bündel, im Hause schliefen noch alle, und ehe eine Viertelstunde verging, wanderte ich schon durch die dunkle Kastanienallee das stille Dorf entlang. Als ich ins Freie kam, tönte das Lied noch immerfort, aber sehr fern.«

Hier hielt er plötzlich erschrocken inne, man hörte tief im Garten singen; die Luft kam von dort herüber; sie konnten deutlich folgende Worte vernehmen:

Hörst du nicht die Bäume rauschen
Draußen durch die stille Rund?
Lockt’s dich nicht, hinabzulauschen
Von dem Söller in den Grund,
Wo die vielen Bäche gehen
Wunderbar im Mondenschein,
Und die stillen Schlösser sehen
In den Fluß vom hohen Stein?

»Das ist das Lied!« – rief Otto und eilte ganz verwirrt den Berg hinab. Unten aber sang es von neuem:

Kennst du noch die irren Lieder
Aus der alten, schönen Zeit?
Sie erwachen alle wieder
Nachts in Waldeseinsamkeit,
Wenn die Bäume träumend lauschen
Und der Flieder duftet schwül
Und im Fluß die Nixen rauschen
Komm herab, hier ist’s so kühl.

Fortunat glaubte jetzt in dem Grunde, woher der Gesang kam, Kordelchen zwischen den mondbeglänzten Gebüschen zu erkennen. – Dann wurde auf einmal alles still, es war eine verlockende Nacht, das Wetter leuchtete von fern, und die wechselnden Schatten der Bäume schwankten verwirrend über den Steinen und Klüften.

Zwanzigstes Kapitel

Zwanzigstes Kapitel

Zu Weinsheim klangen die Abendglocken über die anmutige Gegend, das reiche Dorf mit seinen frischen, kühlen Gärten und dem weißen, herrschaftlichen Schlosse darüber lag schon vom Gebirge verschattet, während die Abendsonne weiterhin die fruchtbare Ebene und den gewundenen Strom noch heiter beleuchtete. Auf allen Feldern war ein fröhliches Erntegewimmel, bis weit hinaus hörte man singen, rufen und jauchzen und das Rasseln der Wagen dazwischen. Mitten durch die bunte Wirrung ritt ein schöner, schlanker Mann mit gebräuntem Gesicht langsam dem Schlosse zu, nach allen Seiten für den folgenden Tag Befehle erteilend und manchem scheuen, glänzenden Blick der Bauermädchen begegnend. Es war der junge Baron Manfred, dem diese Landschaft in doppeltem Sinne angehörte, denn er hatte sie wüst ererbt und durch Umsicht und verständige Anregung in einen blühenden Garten verwandelt.

In solcher Erntezeit haben die Landschlösser etwas unbeschreiblich Einsames. Auch Manfred fand Hof und Haus noch leer, alle Diener schwärmten noch draußen im Tale, nur die gegenüberstehenden Waldberge schauten ernst durch die offenen Fenster herein. – Ermüdet setzte er sich auf das Fenstergeländer, um sich in der Abendkühle zu erfrischen, als er auf der Straße, die vom Gebirge kam, einen wunderlichen Zug sich zwischen den Walnußbäumen langsam heranbewegen sah. Ein elegantes Kabriolett, das aber der Steinweg übel zugerichtet zu haben schien, wurde auf drei Rädern von einem Pferde mühsam fortgeschleppt. Ein Mann in seltsamer Reisetracht führte das Pferd am Zügel, eine junge Dame, mit einem Kornblumenkranz im Haar, schlenderte daneben, das Ganze gemahnte an ziehende Komödianten. Einige verspätete Jäger des Barons hatten sich dazugestellt, die Krüppelfuhre, wie es schien, mit derben Witzen gesegnend. Der Reisende aber blieb keine Antwort schuldig. Manfred konnte, da sie eben unter seinen Fenstern vorüberzogen, deutlich vernehmen, wie er den Jägern sehr eifrig demonstrierte, bei ihrer Kunst sei, außer den Frischlingen, nichts Frisches mehr, das Elend hätten sie aus den Wäldern verjagt und hegten’s zu Hause, von der Blume des Ganzen dürfe man vor gebildeten Löffeln gar nicht mehr sprechen, überdies sei Diana längst eine alte Jungfer geworden, es lohne nicht mehr, Hörner zu tragen. – So kamen sie alle mit großem Rumor und Gelächter oben an.

Hier warf der Fremde dem Jäger die Zügel zu und befahl ihm ohne weiteres, alles aufs beste unterzubringen, das Wägelchen wiederherzustellen und das Pferd reichlich zu füttern, das heute mehr die Sonne als der Hafer gestochen habe. »Das sieht hier gar nicht schlecht aus«, sagte er dann, sich zufrieden nach allen Seiten umsehend, »wem gehört das Schloß?« – Die Antwort des Jägers aber schien ihn aufs höchste zu überraschen. »Was! dem Baron Manfred?« rief er aus und flog sogleich nach dem Schlosse, wo er den eben heraustretenden Baron beinah übergerannt hätte. – »Waren Sie«, sagte er hastig und ohne alle Einleitung, »waren Sie nicht vor einiger Zeit auf Reisen? So sind Sie ohne Zweifel der gewesene Bräutigam der ehemaligen Gräfin Juanna, der damals auf dem fürstlichen Schlosse erwartet wurde!« – Manfred bejahte kurz und trocken. – »Aber heiraten!« rief der Reisende aus, »wer wird eine wildschöne Diana gleich heiraten wollen?!« – »Wer sind Sie?« unterbrach ihn hier Manfred, den Aufdringlichen mit etwas ernsten Blicken messend. – »Ja so!« – erwiderte dieser – »haben Sie vielleicht schon einmal von einem gewissen Dryander gehört?« – »Dem bekannten Dichter?« – »Der bin ich, ich reise eben auf Volkslieder, und jenes Frauenzimmer dort ist meine Frau.«

Nun stellte er die junge Dame mit dem Kornblumenkranze vor, die soeben an einem Ecksteine noch ihre Schuhe festband und ihnen, als sie sich nennen hörte, ein munteres, etwas trotziges Gesichtchen zuwandte, in dem wir sogleich Fräulein Gertrud als alte Bekannte vom fürstlichen Schlosse wiederbegrüßen. Die Kleine begann unmittelbar nach der ersten Verständigung, mit der Lebhaftigkeit eines jungen Sinnes, dem alles noch neu ist, von ihrer romantischen Fahrt durchs Gebirge, von dem Unfall mit dem Wagen und andern Abenteuern zu erzählen, wobei sie deutlich merken ließ, daß dem Baron eigentlich ein unverdientes Glück widerfahre, den berühmten Dichter Dryander bei sich beherbergen zu können. Der letztere aber, dem die Beschreibung zu schön und zu lang zu werden schien, war schnell wieder in den Hof zurückgeeilt, um Pfeife und Tabaksbeutel aus dem Wagen zu holen. – Und so sah sich denn Manfred allein mit der hübschen jungen Frau in einer seltsamen Lage; denn wenn er sie, nach ihrer ganzen Erscheinung, als ein lebenslustiges, verliebtes Landfräulein zu nehmen geneigt war, so wandelte sie nun auf einmal die Farbe und brach, zu seiner Verwunderung, ästhetische Diskurse vom Zaun. Und je länger er schwieg, je fröhlicher geriet sie, in der sichtbaren Lust, dem Landjunker zu imponieren, wie ein munterer Wasserfall unaufhaltsam in eine plauderselige Gelehrsamkeit, unbekümmert Zeiten, Autoren und Bücher durcheinander vermengend.

Ein Lachen hinter ihnen unterbrach hier plötzlich die sonderbare Unterhaltung. Es war Dryander, der sich unterdes wieder eingefunden und eine Zeitlang ungesehen alles mit angehört hatte. »Trudchen, Trudchen!« rief er immerfort lachend, »was geschieht dir? ich erkenne dich ja gar nicht wieder – dieses charmante Wesen und angenehme Klugsprechen, Attitüden und romantischer Shawltanz.: – Das resolute Weibchen aber schien nicht einen Augenblick betreten. Mit veränderter Stimme, die plötzlich wie der Absatz eines Pantöffelchens klang, erwiderte sie: »Solche Faxen leid‘ ich nun ein für allemal nicht von dir! Willst du ein Philister sein, so ist’s gut, ich werde auch sein, wie ich Lust habe!« – Dryander hatte sie unterdes umfaßt und walzte mit ihr auf dem Rasen herum. Sie aber schrie auf einmal laut auf und riß sich mit mehr Heftigkeit als Grazie von ihm los. »Du bist immer so ungeschickt«, sagte sie, »du trittst mir auf den Fuß.« – »Das ist nicht wahr«, rief Dryander. – »Wahr oder nicht wahr!« – entgegnete sie, »ich bin todmüde von deinem Herumziehen in dem dummen Gebirge, und ich will schlafen gehn, und das jetzt gleich!« – Nun geriet Dryander seinerseits in eine wunderliche Wut. »Um Gottes willen, nur keine Launen!« rief er aus, »Weiberlaune ist mir zuwider, wie das Pech am Pfropfen einer Champagnerflasche, ein ekelhafter Meltau auf Blumen, da ist offenbarer Wahnsinn noch herrlich dagegen mit seinem Abgrunde bodenloser Gedanken.« – »Und ich gehe doch schlafen!« unterbrach ihn Gertrud trotzig, machte Manfreden eine kurze Verbeugung und ging nach dem Schlosse, wo die alte Haushälterin des Barons, die den Spektatkel in der Haustür verwundert mit angehört hatte, die Erhitzte aufnahm und in ihre Zimmer führte.

»Ist sie nicht zum Küssen schön, wenn sie böse wird?« sagte Dryander zu Manfred gewandt. Manfred, ganz entrüstet über diese verkehrte, nichtsnutzige Wirtschaft, stellte ihn ernstlich zur Rede, daß er durch solche Tollheiten die Frau geistig vernichte. – »Ganz und gar nicht«, erwiderte Dryander, »faule Naturen werden erst in der Leidenschaft bedeutend und reizend, sie ist eigentlich sehr dumm.«

Unterdes war ein Tisch mit Erfrischungen im Garten aufgeschlagen worden. Dryander nahm ohne weiteres Platz, band sich eine Serviette unterm Kinne wie zum Rasieren vor und begann, so eifrig zu essen, wie Manfred noch niemals gesehen. Dazwischen erzählte er, von allen Schüsseln zugleich zulangend, wie in seinem Bräutigamsstande auf dem fürstlichen Jagdschlosse seine Aversion gegen eine feierliche Hochzeit ein unübersteigliches Hindernis geworden, wie er sodann einmal plötzlich vor dem hochaufgestapelten Hochzeitsbette erschrocken und davongegangen, Gertrud aber bald darauf aus Melancholie gleichfalls von dem Schlosse verschwunden sei.

»Aber auf dieser außerordentlichen Flucht«, fuhr er fort, »setzte mir die Liebe nicht wenig zu, ich kam ganz herunter, ich war fast nichts als Seele. In diesem Zustande hatte ich mich einmal des Abends im Gebirge verirrt, ich wußte durchaus nicht, wo ich mich befand, und war endlich, wie es mir vorkam, über die Trümmer eines umgefallenen Zauns in einen ehemaligen französischen Garten geraten. Durch die schnell vorüberfliegenden Wolken fielen nur einzelne Mondblicke zwischen finstern Laubwänden und künstlich verschnittenen Taxusbäumen über zerbrochene Statüen, die im hohen Grase lagen, aus dem Walde schlugen unzählige Nachtigallen. Nur eine Statüe in einiger Entfernung von mir schien noch wohlerhalten, es war eine sitzende Najade an einem steinernen Bassin, dessen klare Flut ihre Füße umspülte. – Ich bin eigentlich ein Schwärmer, mit über der Brust gekreuzten Armen lehnte ich mich nachlässig an einen neben mir stehenden antiken Opferaltar und sah eben unverwandt in den Mond, als der morsche Altar, den ich für Stein gehalten, hinter mir zusammenbrach. Daß ich mit umfiel, war das Geringste dabei. Aber denkt Euch mein Entsetzen! Über dem Gepolter wendet die Najade auf einmal den Kopf, richtet sich hoch auf und entflieht in den dunklen Garten. Trotz meiner Gänsehaut schreite ich doch auf das Bassin los und finde zwei der zierlichsten Pantöffelchen auf dem steinernen Rande. Ich lege sie sogleich an mein Herz zwischen Frack und Weste und komme, beim weiteren Vordringen, an einen von hohen Bäumen tiefverschatteten Platz. Auf dem Platze war ein Schloß, und an dem Schlosse ein Altan und auf dem Altan sehe ich, wie hinter einem Schleier von Mondschein, Blüten und Laubgewinden, das weiße Gewand der Najade wieder hervorschimmern. Das kam mir auf einmal ganz spanisch vor mit dem Balkone, ich redete sie erst zierlich in Assonanzen an, sie verbarg sich halb furchtsam, halb neugierig, bald sah ich eine Locke, bald ein bloßes Füßchen, bald einen Arm, bald wieder gar nichts. Ich wurde immer verliebter, die Reime flossen mir wie Lavendelwasser, ich sprach von des Mondes Zaubermacht, der das Lieben hat erdacht, von einer süßvalenz’schen Nacht, vom Kosen und vom Flüstern sacht, bis daß die erste Lerche erwacht! Sie schwieg immerfort, und wie auf der Himmelsleiter meines eigenen Wohllauts stieg ich endlich ohne weiteres auf den nächsten Baum, schwang mich mit der einen Hand auf den Balkon und hielt mit der anderen der Erstaunten ihre Pantöffelchen entgegen. In demselben Augenblicke aber entriß sie mir’s plötzlich und schlug mir damit tüchtig um beide Ohren. »Also das ist deine Treue!« rief sie, »ich erkannte dich gleich anfangs, o ich unglückseliges Mädchen!« – es war Gertrud selbst. Ich stand ganz verblüfft. Vergeblich sagte ich, daß ich sie eigentlich auch gleich anfangs erkannt hätte, und beschwor sie, nur jetzt das Maul zu halten. Aber sie glaubte und hörte nichts, sie schimpfte und weinte dazwischen immerfort. Über dem Lärm und Gezänke steckte die alte Amme, die ich noch vom fürstlichen Schlosse her kannte, ihr Gesicht aus der Schloßtüre und verschwand sogleich wieder, ein großer Hund schlug im Garten ein paarmal an, und eh‘ ich mich noch besinnen kann, tut sich die Balkontüre weit auf, und ein verworrener Haufe von Vettern, Lichtern und Dienern stürzt plötzlich hervor, voran ein großer, starker Mann in einem damastenen Schlafrock, mit kleinem dreieckigen Hut und langem Haarzopf, in der einen Hand eine Pistole, in der andern einen bloßen Degen. Die alte Amme, der vor den Folgen ihres Verrats bange wurde, wollte den Wütenden von hinten am Zopf aufhalten, darüber ringelte sich das Band los, und die langen Haare umflatterten ihn wunderlich wie ein phantastisches Hirngespinst. »Kopuliert sie in drei Teufels Namen!« donnerte er, mit dem Pistol nach mir zielend, denn es war niemand anders als Gertruds Vater. Ein alter Geistlicher, der nicht wußte, wie ihm geschah, trat aus dem Gefolge, und ich und Gertrud wurden auf der Stelle kopuliert.«

Hier stand Manfred, der schon mehrere Male den beredten Dichter unterbrechen wollte, entrüstet auf. »Schändlich!« sagte er, »mich friert innerlichst bei der Geschichte.« – Dryander sah ihn mit den geistvollen Augen ein Weilchen groß an, dann sprang er plötzlich auf und fiel dem Baron um den Hals. »Sie haben ganz recht«, rief er aus, »das ist die verruchte Doppelgängerei in mir, ich kann nichts Großes ersinnen, ohne ihm sogleich von hinten einen Haarbeutel anzuhängen, ein tragischer, wahnsinniger König und ein Hanswurst, der ihm fix ein Bein unterstellt, die hetzen und balgen sich Tag und Nacht in mir, daß ich zuletzt nicht weiß, welcher von beiden Narren ich selber bin.«

Manfred schwieg unwillig, Dryander aber war an den Abhang des Gartens getreten und schaute in das dunkle Tal hinaus; man unterschied nur noch einzelne Massen von Wald, Feldern und Dörfern, durch die weite Stille kam der dumpfe Schlag eines Eisenhammers herüber. – »Das ist schön!« sagte er, »es ist mir, als hört‘ ich den Pendul der Zeit einförmig picken. – Ich bleibe hier«, wandte er sich schnell zu Manfred: »ich habe das wüste Treiben satt; Profession vom Dichten machen, das ist überhaupt lächerlich, als wenn einer beständig verliebt sein wollte und noch obendrein auf öffentlicher Straße – ich will hier bei Euch die Landwirtschaft lernen!« – »Sie?« – erwiderte Manfred erstaunt, »das gäbe eine schöne Wirtschaft!« – Aber Dryander hörte nicht darauf. »Ich will mich«, fuhr er fort, »ich will mich hier wie auf den Grund des Meeres versenken, daß ich von der Welt nichts mehr höre – aber Ihr müßt mir die Hand darauf geben, daß Ihr so lange kein Wort von Literatur mit mir reden wollt.«

Er sprach so eifrig, daß er endlich auch den ungläubigen Manfred um so mehr mit sich fortriß, als dieser selbst überzeugt war, daß nur die Einsamkeit und eine eisern geregelte Tätigkeit den wirren Geist heilen könnte. Und mehr bedurfte es nicht, um ihn mit Leib und Seele für den Gedanken zu gewinnen.

Sie besprachen nun noch bei einer Bowle Punsch ausführlich den neuen Plan. Dryander faßte alles begeistert auf, richtete sich in Gedanken schon völlig hier ein, war beruhigt, fast weich, und in diesem ungewohnten Zustande unwiderstehlich liebenswürdig; und als sie endlich schieden, begab sich Manfred mit dem Gefühle eines begonnenen Werkes zur Ruhe und überdachte noch lange, wie er es am besten vollführen und gestalten wollte.

Wie sehr war er daher erstaunt, als er am folgenden Morgen vernahm, daß Dryander, der von dem übermäßig genossenen Punsch vor Hitze nicht schlafen konnte, noch lange vor Tagesanbruch die Frau und den ganzen Hof aufrumort habe und soeben schon wieder abgereist sei. – In des Dichters Stube fand er mehrere vergessene Kleinigkeiten, Tücher und Strümpfe auf allen Stühlen zerstreut, das offene Fenster klappte im Winde, auf dem Tische lag ein, wie es schien, vor kurzem von Dryander beschriebenes Blatt. Er nahm es auf und las:

Vor dem Schloß in den Bäumen es rauschend weht,
Unter den Fenstern ein Spielmann geht,
Mit irren Tönen verlockend den Sinn
Der Spielmann aber ich selber bin.
Vorüber jag ich an manchem Schloß,
Die Locken zerwühlet, verwildert das Roß,
Du frommes Kindlein im stillen Haus,
Schau nicht nach mir zum Fenster hinaus.
Von Lüsten und Reue zerrissen die Brust,
Wie rasend in verzweifelter Lust,
Brech ich im Fluge mir Blumen zum Strauß,
Wird doch kein fröhlicher Kranz nicht daraus!
Wird aus dem Schrei doch nimmer Gesang,
Herz, o mein Herz, bist ein irrer Klang,
Den der Sturm in alle Lüfte verweht
Lebt wohl, und fragt nicht, wohin es geht!

»Sollte man nicht wirklich denken, er sei durch und durch verzweifelt«, sagte Manfred, indem er das Blatt mitleidig lächelnd weglegte, »und ich wette, da hat er in der Zerstreuung alles wieder rein vergessen, was wir gestern verabredet.« – Und als er hinausblickte, sah er draußen im Morgenblitzen das Wägelchen des Dichters, über dem ein durchlöcherter Sonnenschirm aufgespannt war, wie ein Schattenspiel zwischen den grünen Bäumen dahinschwanken.

Drittes Kapitel

Drittes Kapitel

Als Fortunat wieder die Anhöhe erreichte, traute er seinen Augen kaum. Der schönste Morgenglanz blitzte jetzt über die gezirkelten Rasenfiguren und Tulpenbeete, an den Statüen hingen Mieder, Poschen und Schleier umher, ein frischer Wind ging durch den Garten, und ließ, die Zweige teilend, bald ein paar bloße Mädchenarme, bald ein ganzes zierliches Bildchen flüchtig erblicken. Und so glich der Garten mit den bunten Tüchern, die wie Frühlingsfahnen von den Büschen flatterten, mit den funkelnden Strahlen der Wasserkünste und dem heiteren Sonnenhimmel darüber auf einmal jenen alten Landschaften, wo alle Hecken von schwärmenden Nymphen wunderbar belebt sind. Erstaunt drang er weiter vor, da sah er eine junge Dame in wunderlichem Schmuck mit Reifrock, Mieder und gesticktem Fächer vor einem Springbrunnen stehen, sie bespiegelte sich, fröhlich plaudernd, im Wasser, schüttelte lachend die schweren blitzenden Ohrgehänge und sah wieder hinein. Auf einmal wandte sie sich, er glaubte in dem frischen Gesichtchen Florentine, die Amtmannstochter, zu erkennen, die er vorhin am Fenster gesehen. Aber nun erschallte ein lauter Schrei, und aus allen Hecken, in Taft und Seide rauschend, fuhren erschrocken fliehende Mädchengestalten durchs Grüne, als hätte der Wind Aprikosenblüten umhergestreut.

Fortunat folgte ihnen zu der Amtmannswohnung, wo sie verschlüpft waren. Aber hier hielt ihn neue Verwirrung fest, er fand auch dort alles in lebhafter Bewegung. Aus dem Mörserstampfen im Hause und dem ernstwichtigen Durcheinanderrennen der Mägde, zwischen dem man von Zeit zu Zeit die Kommandostimme der Amtmannin vernahm, schloß er sogleich auf ein großes Kuchenbacken im Innern. Draußen aber auf dem Rasen sah man große Teppiche ausbreiten, Sofas und Polsterstühle ausklopfen, überall wurden die verdunkelnden Doppelfenster ausgehoben, die Morgensonne schien lustig durch das ganze Haus, und einzelne Schwalben kreuzten jauchzend über dem Platze.

Ein langer, hagerer Mann mit dünnem Hals und hervorstehenden Augen schien besonders selig im dem Rumor, man sah ihn überall im dicksten Haufen schreiend, helfend und anordnend. Von diesem erfuhr Fortunat endlich, nicht ohne Müh, und wiederholte Fragen, daß die Pachterstöchter aus der Nachbarschaft angekommen und mit Florentine im Garten den alten gräflichen Hofstaat ausprobiert hätten, und daß alle diese Anstalten auf den feierlichen Empfang des heute erwarteten Studenten Otto zielten, der nach den eingelaufenen Nachrichten früher hier eintreffen könnte, als man anfangs glaubte. Der Mann aber war der Förster des Orts, der früher selbst das Gymnasium frequentiert und seitdem eine wütende Vorliebe für Studenten hatte. – Fortunaten war diese unverhoffte Wirtschaft ein willkommenes Fest. Er mischte sich ohne Verzug in das bunte Getümmel, um den Lärm womöglich noch größer zu machen. Dem Förster stellte er vor, wie unerläßlich es sei, den Gefeierten durch ein Triumphtor einzuführen, worauf beide sogleich voll Eifer forteilten, um die nötigen Materialien zu dem neuen Werke herbeizuschaffen. Unterwegs begegneten sie Waltern, der soeben mit einem Buche in den Garten ging. »Ich muß mich ein wenig sammeln«, sagte er flüchtig zu Fortunat, »ich freute mich so auf den stillen Tag im Freien, und nun bricht aller Plunder herein, es is mir einmal nicht gegeben, mit den Leuten über nichts zu schwatzen, es ist unleidlich!«

Inzwischen verzögerte sich Ottos Ankunft von Stunde zu Stunde. Walter hatte nicht lange gelesen, sondern revidierte in seiner praktischen Lust mit dem Amtmann die Höfe, Scheunen und Ställe. Im Garten wurden die Vögel schon still, Florentine und ihre jungen Freundinnen, wieder bequem in ihren gewöhnlichen Kleidern, flüchteten vor der steigenden Sonne aus einem Schatten zum andern, die immer kürzer wurden, jede hatte ein Stück frischen Kuchen in der Hand, sie wußten nicht, was sie in der Hitze anfangen sollten mit der langen Zeit. Auch ein junger Wirtschaftsschreiber mit Sporen und neuem Frack hatte sich eingefunden. Er trug den Mädchen die Tücher nach, focht mit seiner Reitgerte galant in die Luft und wußte durch Schnalzen auf Lindenblättern und andere artige Kunststücke sich bei den Frauenzimmern angenehm zu machen.

Plötzlich versetzte der Knall eines Böllers alles in die größte Verwirrung, aus allen Hecken und Türen stürzten die Erwartenden nach der Richtung hin, wo die Explosion erfolgt war. Dort gewahrten sie schon von fern den Förster am Abhange des Gartenberges, wie er soeben durch ein altes Perspektiv, das erwütend immer länger und länger hervorschob, in die Gegend hinausblickte. Als die andern endlich atemlos und fragend anlangten, warf er auf einmal das Fernrohr fort, ergriff eine neben ihm stehende Lunte und löste, zum Schrecken der laut schreienden Damen, einen zweiten Böller. Und in der Tat, in demselben Augenblick wurde durch den sich teilenden Pulverdampf zwischen den Kornfeldern am blaugewundenen Strom im Tal ein Reiter in bunter studentischer Tracht sichtbar, der nun auch seinerseits die harrenden auf dem Berge erblickte, und, freudig seinen Hut schwenkend, die Sporen einsetzte. »Otto! Otto!« rief alles fröhlich durcheinander und winkte ihm mit den Schnupftüchern entgegen. Der Reiter hatte untedes den Fuß des Berges erreicht, schwang sich vom Pferde, und auf dem nächsten Wege zwischen den grünen Rebengeländern aufsteigend erschien ein schöner Jüngling von etwas kleiner, zierlich schlanker Gestalt mit einem feinen Gesicht und fast träumerischen Augen.

Aber am Eingang zur ersten Allee wurde er plötzlich durch eine seltsame Erscheinung aufgehalten. Ein schöner Tannenbaum stand dort am Abhang von alters her, wie ein dunkler Ritter auf der Wacht, und ragte mit dem Wipfel bis über die Anhöhe hinauf. Auf einmal rauschte er mit den grünen Kronen und zeigte sein Riesenhaupt mit rotbraunem Gesicht und langem Schilfbart, das Haar phantastisch von wilden Blumen und Eichenlaub umkränzt. »Salve!« redete das Haupt, die Augen sichtbar bewegend, den erstaunten Studenten an:

Salve! Herr Doktor oder Magister!
Bin ein alter Bursch und haß die Philister,
Bin der Waldmann aus dem Gebirge hier,
Darf nicht näher treten zu dir,
Kann nicht zu dir kommen in Haus und Zimmer,
Trät dort alle den Plunder in Trümmer,
Drum schau ich über den Wipfel hier hinaus;
Und bist du der alte noch immer,
So lad ich dich wieder in mein grünes Haus!
Da gehn, wie damals, noch mit Gefunkel
Die Quellen verworren durchs kühle Dunkel,
Waldhornsklänge und Vögelschall,
Von fern dazwischen der Wasserfall,
Und über uns rauschend die Buchen und Fichten,
Erzählen dir wieder die alten Geschichten. –
Doch hast du über Pandekten und Latein
Seitdem vergessen die Sprache mein,
So magst du über deinem Buche hocken und lesen!
Das meine ich doch gescheiter gewesen!
Dann halt ich auf ewig meinen großen Mund,
Wir sehen uns nimmermehr wieder – und –

Und – hier blieb der Gebirgsgeist plötzlich stecken, man hörte eine andere Stimme immer lauter, aber vergeblich soufflieren. Darüber geriet das Haupt nach und nach ins Wackeln, auf einmal kollerte es zwischen den Zweigen auf die Anhöhe herunter, und prasselnd hinterdrein der Förster und Fortunat zu großem Gelächter und Ergötzen der Umstehenden.

Otto stürzte dem schimpfenden, sich abstäubenden Waldmann herzlich in die Arme, dann sah er mit den schönen Augen Fortunaten nachdenklich an. »Gott weiß es«, sagte er, »ich verstehe die Waldessprache noch immer, und was ich auch seitdem hinzugelernt habe, sie ist und bleibt doch meine rechte Muttersprache!« – Nun bemerkte er erst die andern in der Allee und fiel jubelnd dem Amtmann und seiner Frau und endlich auch den Mädchen in die Runde um den Hals, die errötend und verlegen sich des Ungestümen nicht erwehren konnten. Aber kein Mensch konnte zu Worte kommen, denn der unermüdliche Förster, der in seinem Eifer gar keine Notiz von der Rührung nahm, hatte insgeheim Pauken und Trompeten herbestellt, die jetzt furchtbar in die Ohren der Damen schmetterten, Böller auf Böller wurde dazwischen gelöst, er selbst aber rührte sehr künstlich die Pauken, auf die er zuletzt hinaufsprang und, Schlegel und Hut hoch über sich in die Luft werfend, unaufhörlich hurra schrie. Die Amtmannin wurde ganz zornig in dem Lärm, auch Otto schien verlegen und gestört. Da war der tolle Förster endlich mit seinem Empfange fertig geworden, und, noch ganz erhitzt von dem pappenen Riesenkopfe, in dem er vorhin gesteckt, führte er nun mit einer wunderlichen, ungelenken Grandezza die fremden Mädchen nach der Amtmannswohnung hin.

Hier unter den Bäumen standen auf einer altmodischen Kaffeeserviette, in welche verschiedene Städte und Hirschjagden rot gewirkt waren, unzählige kleine chinesische Tassen aufgepflanzt, ein ungeheuerer Kaffeekrug dampfte einladend dazwischen, die junge Dienstmagd im Sonntagsputz brachte eine Schüssel mit den in Kuchen gebackenen Namenszügen Ottos herbei und küßte dem neu angekommenen jungen Herrn hocherrötend die Hand. Der Förster, der alte Junggesell, war inzwischen in den vollen Redestrom seiner Feiertagslaune geraten und brachte alle seine alten Jagdspäße und lateinischen Brocken wieder aufs Tapet, worüber die Pachterstöchter, die ihn insgeheim für einen gewandten Weltmann und Gelehrten hielten, jedesmal in ein unmäßiges Lachen ausbrachen. Bald aber nahm Otto die Aufmerksamkeit ausschließlich in Anspruch, noch in der vollen Heimatsfreude des ersten Wiedersehens erzählte er von seinem Studentenleben in Halle, er sprach so frisch, und als nun gar der Amtmann die funkelnden Weinflaschen auf den Tisch setzte, glitten alle Gedanken fröhlich mit dem bunten Studentenschifflein am Giebichenstein und den blühenden Kirschgärten die Saale hinab in das gelobte Land der Jugend.

So war unvermerkt der Abend herangekommen, der Förster und die Mädchen hatten sich heimlich ins Haus geschlichen, Otto erzählte noch immer, als plötzlich die Tür sich weit auftat und bei dem Geschwirr einer Geige ein ganzer Hofstaat von Damen und Herren in Reifröcken, Haarbeuteln und altfranzösischen Fräcken sich rauschend herausbewegte. Man erkannte sogleich den Förster unter ihnen, er führte feierlich die jungen Leute vom Tisch den verlegen knicksenden Damen auf, die Geige schwirrte von neuem, und so entspann sich unversehens ein Tanz auf dem Rasen. Waltern wollt‘ es gar nicht gelingen, er wurde immer verlegener, je mehr die andern über ihn lachten, auch die beiden Pachterstöchter konten sich in ihren Staat nicht finden, in dem sie sich, wie in einem Gehäuse, nur schwerfällig bewegten und alle Augenblicke verwickelten. Jeder sprang, so gut er konnte, und als nun vom Schwung der Reifröcke die Lichter verlöschend flackerten, ergriff der Wirbel endlich auch die Alten am Weintisch, der Förster führte die sich vergebens sträubende Amtmannin zu einer Sarabande, jeder der übrigen wählte gleichfalls seine Dame, und es entstand eine wundersame, künstliche Verschlingung, wobei der Förster durch kühne Schwenkungen alles in Erstaunen setzte.

Auf einmal fuhr Florentine aus dem leuchtenden Kreise wie eine Sternschnuppe in den finstern Garten hinaus. Ihre Brust flog über dem knappen, seidenen Mieder, sie atmete erschöpft in der kühlen Nachtluft, dabei blickte sie immerfort nach den Bäumen zurück, als erwartete sie noch jemand. Fortunat bemerkte sie, ihn hatte unter den abenteuerlichen Gestalten nach und nach die Hofluft der alten Zeit unwiderstehlich ergriffen, er folgte rasch dem Mädchen nach, faßte sie zierlich an den äußersten Fingerspitzen und promenierte so feierlich mit ihr auf den geschnörkelten Gängen. Sie ließ ihm lachend die Finger, sah aber immer ungeduldiger zurück. So waren sie in galantem Diskurs an eine einsame Grotte gekommen, noch ein Überbleibsel jenes grillenhaften Schmuckes altmodischer Gärten. Bunte Muscheln blitzten im Mondschein von Decke und Wänden, ausgestopfte Reiher und Wasservögel standen mit weit aufgesperrten Schnäbeln auf Kristallriffen umher. – »Süßer Gott der Liebe«, sagte Fortunat, »das ist recht eine Grotte zum Schnäbeln, o wären wir doch jetzt zwei Turteltäubchen!« – Sie sah ihn einen Augenblick verschmitzt an, dann drehte sie leise einen verborgenen Kran, auf einmal spritzten alle Schnäbel funkelnde Wasserstrahlen grade auf Fortunat, und eh‘ er sich noch besinnen konnte, war seine wilde Taube in dem Sprühregen verflogen.

Er schüttelte sich lachend ab, und als er zu der Gesellschaft zurückkam, stand Florentine schon wieder am Tisch vor der Mutter, die ihr besorglich die Locken aus der heißen Stirn strich. Sie hatte die langen Augenwimpern tief gesenkt, denn es tat ihr nun heimlich leid um Fortunats neuen Frack, die flackernden Lichter spielten auf ihrem Gesicht und dem glitzernden Mieder, so sah sie in den rauschenden Wogen von Taft und bunten Schleifen wie ein Elfchen aus, das aus einer Tulpe guckt. – Walter sah sie lange unverwandt an, dann faßte er Fortunaten unter dem Arm und führte ihn rasch in den Garten. »Ist sie nicht wunderschön? O wie bin ich doch glücklich!« rief er aus und erzählte nun dem Freunde, daß er seit längerer Zeit mit Florentine verlobt sei, daß sie auf den Rat der Eltern nur noch eine bevorstehende Gehaltserhöhung Walters abwarteten und dann in dem Städtchen Haus und Garten mit der Aussicht auf Hohenstein kaufen und dort im Grünen sich für die ganze Lebenszeit miteinander einrichten wollten.

Kaum eine Stunde darauf aber war alles verklungen, aus den Tälern schallte das Zirpen der Heimchen herauf, man hörte nur noch die Kalesche der Pachterstöchter auf dem steinigen Wege durch die Nacht fortrumpeln, in der Ferne zerplatzten einige Leuchtkugeln, die der unermüdliche Förster noch aus seinem Gärtchen warf. – O glückselige, bangsame Einsamkeit, dachte Fortunat, wer es wie Walter über sich gewönne, sich ganz darin zu versenken!

Einundzwanzigstes Kapitel

Einundzwanzigstes Kapitel

Wir finden den Baron Manfred fern von seinem stillen, grünen Revier wieder, aus dem ihn eine Familienangelegenheit von besonderer Dringlichkeit verlockt hatte. Das Geschäft, das er heiter zu ordnen gedacht, war indes durch Mißverständnisse unerwartet verwickelt geworden, und unruhig, ja ernstlich besorgt verließ er soeben das Schloß einer ihm verwandten Dame, bei der er mehrere Tage verweilt.

Schon auf dem Schlosse hatte ihn ein verworrenes Gerücht interessiert, das sich weiterhin in den Dörfern immer wunderbarer ausschmückte. Es war die fast märchenhafte Sage von der Einsamkeit eines aufgehobenen Klosters im benachbarten Gebirg und von einem Mönch, der seit kurzer Zeit dort umgehe, während andere ihn wieder für einen wahnsinnigen Einsiedler hielten. Aber auch diese wußten nicht, wann und woher er gekommen; man nannte ihn nur den Waldbruder Vitalis. – Da Manfreds Weg ihn durch das Gebirge führte, beschloß er endlich, den geheimnisvollen Eremiten in seiner eigenen Klause aufzusuchen.

Es war ein schöner Sommerabend, als er zwischen Wiesen und nickenden Kornfeldern den bezeichneten Bergen zuritt. Ein Gewitter war über das Gebirge fortgezogen, und blitzende Tropfen hingen noch in Zweigen und Gras, aus dem ein erquickender Wohlgeruch emporstieg. Ein Holzhauer hatte ihm den Pfad nach der Einsiedelei gewiesen, die Gegend wurde immer höher, kühler und stiller, nur die Abendglocken schallten noch durch das feierliche Rauschen des Waldes aus den Tälern herauf. – In dieser kräftigen Einsamkeit konnte er sich eines zürnenden Mißtrauens gegen den Einsiedler nicht erwehren, den er soeben kennenlernen sollte. Es kam ihm kleinlich, ja verrucht vor, inmitten allgemeiner Lust und Not sich so in hochmütige Selbstliebe abzusondern und über die andern zu stellen. Der Mensch, sagte er zu sich selbst, der Mensch allein verwirrt alles mit seiner Leidenschaft und Affektation!

Durch solche Betrachtungen war er nach und nach ganz in Eifer geraten und nahm sich eben ernstlich vor, den Einsiedler durch vernünftige Überredung womöglich der Welt wieder zuzuwenden, als sein Pferd sich plötzlich scheute und heftig zur Seite sprang. Denn eine wundersame Gestalt war auf einmal zwischen den Bäumen hervorgetreten, unter denen nun auch die in den Fels gehauene, von wilden Weinranken kühl verhangene Einsiedelei nebst einem sorgfältig umzäunten Gärtchen sich zeigte. Der Eremit trug einen breiträndigen Pilgerhut, ein ungeheurer, alter Schlafpelz, der ihm überall zu weit war, rauschte im Grase hinter ihm her, während er aus einer langen Pfeife Tabak rauchte. Manfred traute seinen Augen nicht. »Wie!« rief er, »Herr Dryander – Sie also sind der Vitalis!?« – »Vitalis? Warum denn nicht?«erwiderte Dryander gelassen, »aber bleiben Sie mir mit dem dummen, wilden Pferde ein wenig vom Leibe.«

Manfred band sein Pferd an einen Baum und folgte dem Doktor, der sich fast bei jedem Schritt auf den Pelz trat, zu der Klause. Dort fehlte nichts zum Hausrat eines vollkommenen Waldbruders, ein weißer Totenschädel glänzte aus der Grotte, an deren hinterer Felswand ein großes, schmuckloses Kruzifix aufgerichtet war, ein Brevier lag auf der Bank vor der Klause, noch aufgeschlagen. Manfred sah lange finster umher, endlich brach er los. »Das ist kein bloßer Scherz«, sagte er, »es wäre zu frevelhaft. Aber auch der bitterste Ernst ist hier ein Frevel. Armer, grillenhafter, wetterwendischer Mensch, gehe erst zu den Einfälitgen in die Lehre, erkenne erst unten im Gedränge das unsichtbare Kreuz, das der Herr mitten im Leben aufgerichtet, eh‘ du es selbst zu fassen und in Seinem Namen die Welt zu belehren und zu richten wagst!« – »Amen, mein Sohn!« unterbrach ihn hier Dryander mit milder Stimme, »aber nimmermehr wird es dir gelingen, durch lose Worte mir das Rauhe meines Eremitenpelzes herauszukehren, denn mich erbarmt in tiefster Seele deine Verblendung. Also von der Welt Rumor, mein Sohn, hoffst du noch immer zu lernen, sondern niederzustürzen auf die Knie, denn mitten in der Stille der Waldeseinsamkeit, plötzlich und von Waffen blitzend, kommt der Engel des Herrn!« – Hier zog und qualmte der Zelot so heftig aus seiner Tabakspfeife, die ihm über dem Reden ausgehen wollte, daß Manfred mitten in seinem Ärger in ein lautes Gelächter ausbrach. Das steckte Dryandern an, er stimmt unaufhaltsam mit ein. Beide aber wandten sich erschrocken, als plötzlich hinter ihnen das herzhafte Lachen noch eines Dritten dareinschallte.

Ein großer, starkknochiger Mann mit gebräuntem Gesicht und wild herabhängendem Haar, eine grobe Kutte mit einem Strick um den Leib gebunden, trat aus dem Gebüsch hervor und konnte sich, noch immer lachend, gar nicht satt sehen an dem abenteuerlichen Aufzuge des Dichters. Es ergab sich nun, daß der Neuangekommene der eigentliche Besitzer der Klause sei und daß Dryander erst vor wenigen Stunden, auf seiner Fußreise vom Gewitter überrascht und ganz durchnäßt, sich hierher geflüchtet und, während der Eremit in den Wald nach Holz gegangen, es sich in dessen trockenem Pelze bequem gemacht hatte.

Der Einsiedler machte sich nun sogleich mit Manfreds Pferde zu schaffen, er zäumte es ab, warf ihm Heu vor, streichelte und betrachtete es mit großem Wohlgefallen. »Eine saubere Kreatur!« sagte er, »da versteh‘ ich mich noch drauf aus meinen jungen Jahren, als ich bei dem löblichen Kürassierregiment stand.« – Darauf traf er mit gleichem Eifer Anstalten, seine Gäste zu bewirten, die unterdes einige nähere Blicke in die kleine Wirtschaft tun konnten. Im Garten hatten Kartoffeln und Kohl fast alle Blumen verdrängt; am Eingange desselben aber fiel ihnen ein frisch gegrabenes Grab auf. »Das ist nur so gegen die überflüssigen Weltgedanken«, sagter der Einsiedler – »succumbit humi bos et Caesar.« Quer über dem Grabe waren zwei große Speckschwarten auf Stangen befestigt. Der Einsiedler meinte, in der Hütte kämen ihm sonst die Ratten darüber.

Er setzte nun Weinflaschen und Gläser auf den steinernen Tisch vor der Klause, die Gäste mußten sich auf der Bank herumsetzen, er wollte einmal etwas Neues aus der Welt hören. Dryander, den der viele Kohl im Garten ärgerte, nannte ihn einen Canonicus in herbis und sprach wütend das tollste Küchenlatein, der Einsiedler antwortete ebenso und schien erst recht vergnügt in dieser barbarischen Sprachverwirrung. Dazwischen rauchte er, heftig dampfend, stinkenden Tabak aus einer kurzen ungarischen Pfeife, im Wein aber tat er wenig Bescheid, er mache ihn, sagte er, aufgeblasen und zänkisch. Er erzählte ihnen, daß er Frater Sammler in dem Kloster oben gewesen, nach dessen Aufhebung aber sich hier angesiedelt habe und bei den Bauern in der Runde, die ihn aus alter Bekanntschaft mit allem, was er brauche, reichlich versähen, sehr gut seine Rechnung finde. Überhaupt sei es ihm im Leben immer gut gegangen. Schon als Kind habe er mit seinem alten Vater, einem blinden Geiger, so viel erbettelt, daß er die Schulen besuchen konnte. Später sei er zum Kürassierregiment eingezogen aber gleich in der ersten Bataille so übel zugerichtet worden, daß sie ihn doch wieder hätten laufen müssen. Als er darauf in sein Dorf zurückgekommen, habe seine Braut unterdes einen andern geheiratet, den sie nun halb tot keife. »Laus Deo!« schloß er, mit seinem Glase lustig anstoßend.

Manfred betrachtete, nicht ohne tiefe Wehmut, den fidelen Einsiedler, den das Leben mit allen seinen Stößen nicht hatte unterkriegen können und der nun die Frömmigkeit frisch weg wie ein löbliches Handwerk trieb. – »Es ist ganz unmöglich«, rief er endlich nach einigem Nachsinnen aus, »auch Sie sind nicht der Vitalis!«

»Oho!« erwiderte der Waldbruder, »ich und Herr Vitalis! wo denkt Ihr hin, nicht seine Schuhriemen aufzulösen, bin ich würdig und ich tät’s ihm gern heut und allezeit, wenn er es litte! Nein, nein, der wohnt dort im ehemaligen Konvente.« – »Als Nachteule«, sagte Dryander, »um die Mäuse wegzuschnappen, die nach deinen Speckschwarten gehen.« – »Still«, fiel ihm der Einsiedler mit überfliegender Röte schnell ins Wort, »schnattert nicht so ungewaschen ins Zeug hinein, wenn Ihr nichts von der Geistlichkeit versteht. ›Contenti estote‹, sagte einmal ein Kapuziner in einer Komödie, die ich noch als Soldat gesehen habe, das heißt: begnügt euch mit eurem Kommißbrote, wenn ihr das Himmelsmanna nicht vertragen könnt!« – »Na, seid nur nicht gleich so grob«, lachte Dryander, den der Vorwurf heimlich wurmte.

»Abgemacht!« rief der gutmütige Klausner. »Aber vom Herrn Vitalis muß ich euch noch erzählen.« – Er rückte voll Eifer näher und dampfte so hastig aus der ungarischen Pfeife, daß Dryander sich an das andere Ende des Tisches setzte. – »Seht«, sagte er, »es war gerade eine so schöne, sternklare Sommernacht wie Anno 1814, da wir über den Rhein rückten. Ich hatte meinen Rosenkranz eben abgebetet und stand auf und zog, wie ich alle Mitternacht zu tun pflege, die Glocke über meiner Hütte, denn den Kranken unten in den Dörfern, wenn alles schläft, ist es tröstlich, das Glöcklein von den Bergen zu hören. Auch das Wild ist’s schon gewöhnt, ich hab‘ jedesmal meine Freude daran, wie die Rehe dann im Mondschein dort auf die Wiese herausgekommen und das Weiden vergessen und die Köpfe hoch nach dem Klange wenden, als wollten die armen Dinger auch Gott loben. Nun, jedes tut, was es kann. Aber diesmal schnaubten sie auf einmal, und eh‘ ich mich’s versah, waren sie plötzlich nach allen Seiten zerstoben. Ich tret‘ heraus, da steht ein schöner, wilder Jägersmann dicht vor mir. »Laudetur Jesus Christus«, sage ich. Er aber, ohne Amen zu sagen: »Was machst du da?« – »Wie Ihr seht, Herr, ich bin ein Einsiedler und bete, wenn die andern schlafen.« – »Und schläfst, wenn die andern beten, das ist alles eins!« – »Gewiß, so lösen wir einander ab auf der himmlischen Schildwacht.« – Der Jäger darauf stöbert mir in der Hütte herum, sieht mein Moosbett, das Kreuz, den Totenkopf. »Vollständige Dekoration«, sagt er, »bist du so faul, daß dich der Kahlkopf da mit seinen gefletschten Zähnen erst jeden Abend ins Gewissen beißen muß, um zu beten?« – »Herr«, erwidere ich, »Ihr werdet mir nichts weismachen, ich bin Soldat und Mönch in dem Kloster da droben gewesen und weiß wohl, daß es leichter ist, eine Festung als das Himmelreich zu erobern. Nun möcht‘ ich doch den Prahlhans sehen, der eine Festung ohne Bajonett, Leiter und Handwerkszeug nehmen wollte! Und Ihr wollt den Himmel, der höher liegt, stürmen, nackt und erbärmlich, wie Ihr seid, ohne Wehr und Rüstung und tägliche Übung in den Waffen? Ich sage Euch: Demut ist der Anfang und Ende, hochmütiger Mensch!« – Der Fremde sah mich groß an mit funkelnden Augen, dann stützte er auf dem Tische den Kopf in die Hand, ich meint‘, er betrachtete den Totenkopf, der vor ihm lag, aber er mochte wohl andere Gedanken haben. Sitz du, solange du willst, dachte ich, ich fürcht‘ dich nicht, ich trau‘ dir nicht. Damit streckt‘ ich mich auf meine Streu und behielt ihn in den Augen, bis sie mir am Ende zufielen.

Als ich aufwachte, waren meine Augen noch immer auf den Tisch gerichtet, aber der Jäger saß nicht mehr auf demselbigen Punkt. Als ich aber vor die Klause trat, sah ich ihn in der Morgendämmerung schon von dem alten Kloster herabkommen. Es war ein prächtiger Morgen, die Hähne krähten unten in den Dörfern, hin und her klang schon eine Morgenglocke durch die stille Luft. Auch der Fremde, nachdem er mich freundlich gegrüßt hatte, blieb stehen und sah lange ins Tal hinaus. »Sieh«, sagte er, »das ist ein Friede Gottes überall, als zögen die Engelscharen singend über die Erde! die armen Menschenkinder! Sie hören’s nur wie im Traum. Müde da unten, verirrt in der Fremde und Nacht, wie sie weinend rufen und des Vaters Haus suchen, und wo ein Licht schimmert, klopfen sie furchtsam an die Tür, und es wird ihnen aufgetan, aber sie sollen den Fremden dienen um das tägliche Brot; darüber werden sie groß und alt und kennen die Heimat und den Vater nicht mehr. O wer ihnen allen den Frieden bringen könnte! Aber wer das ehrlich will, muß erst Frieden stiften in sich selbst, und wenn er darüber zusammenbräche, was tut’s! – Sieh, Gesell, und das ist geistliches Recht und Tagewerk.«

Ich alter Kerl stand ganz verblüfft vor ihm, denn ich verstand schon gleich damals so viel davon, daß ich bisher eigentlich noch gar nichts verstanden hatte von meinem Metier. Vor meiner eigenen Tür wollt‘ ich kehren und die ewige Seligkeit für mich allein zusammenknicken, wie ein filziger Schuft, als wär’s dem lieben Gott um mich allein zu tun in der Welt. – Und seht, von der Stund‘ ab blieb der Jäger hier auf den Bergen und wohnte im Kloster droben und machte sich gemein mit mir, wie ein getreuer Kamerad, und ist doch ein grundgelehrter Herr. »Denn du gefällst mir«, sagte er, »du machst keine Flausen mit deiner Frömmigkeit.« Und wenn ich faste, so hungert er, und wenn ich aufwache, so hat er die ganze Nacht gewacht und gebetet und trinkt keinen Wein und mag keinen Speck, und will ich alter Narr manchmal verzagen, so singt er ein schönes Lied, und – kurz, das ist der Herr Vitalis, von dem ihr unten gehört habt.«

Der Einsiedler wandte sich hier und machte sich etwas mit dem Tische zu tun, denn er schämte sich, weil ihm die Tränen in den Augen standen. Manfred aber stand auf, ein überraschender Gedanke schien durch seine Seele zu fliegen. »Führt mich zu Vitalis hinauf«, sagte er, »ich muß ihn durchaus sprechen!« Der Einsiedler schüttelte bedenklich den Kopf. »Ich will’s wohl tun«, aber seht Euch vor, wenn Euch bloß die Neugier treibt. – Da war erst neulich einer, ein junges Blut, der wollte durchaus mit Einsiedler werden. – Aber ich dacht‘ mir’s gleich – denn zum gottseligen Leben gehört eine gute, feste Natur – wenn er nachts mit mir im Walde stand, da schauerte ihn, wie ein Mädchen, unsere alten Gebete waren ihm noch nicht schön genug, er setzte sie in künstliche Verse, dann weinte er auch zuviel und hatte allerhand Sehnsuchten. Zuletzt hatter er gar ein junges, hübsches Hirtenmädchen aufgespürt, die wollt‘ er mit Gewalt bekehren, aber sie war schon frömmer als er, und eh‘ er sich’s versah, verliebt‘ er sich in sie, da wurde er ganz traurig – und kurz, wie ich’s vorausgesagt hatte, mit dem Herrn Vitalis ist nicht zu spaßen, der jagt‘ ihn wieder fort «

»Hieß der junge Mann nicht Otto?« fragte Dryander – »Wahrhaftig, so nannte er sich«, erwiderte der Einsiedler verwundert.

Die Nacht war indes völlig hereingebrochen, als sich alle drei auf den Weg nach dem Kloster machten. Der Eremit schritt mit einer Fackel auf einem schmalen, halbverwachsenen Fußsteige voran, die andern folgten schweigend und erwartungsvoll. Unterwegs fragte Manfred den Doktor, wo er denn seine kleine Frau gelassen? – »Sie ist unter die Husaren gegangen«, sagte Dryander trocken und mochte durchaus nicht nähere Auskunft geben.

So waren sie, nach einem mühseligen Gange, zu der Ruine gekommen, der Widerschein der Fackel, als sie durch das Tor gingen, beleuchtete den stillen Klosterhof mit seinen alten Bäumen und dem verfallenen Brunnen in der Mitte. Ihr Führer sah sich nach allen Seiten um. »Sollte er noch im Gebirge sein?« sagte er und öffnete knarrend eine eichene Tür. Sie kamen in eine kleine Halle, aber auch dort war niemand zu finden. Nur ein Strohsack auf dem Boden, ein Kreuz auf dem Tisch und einige Bücher bezeichneten Vitalis‘ Wohnung durch das verfallene Fenster aber sah wunderbar die Nacht herein. Als sie an die Öffnung traten, flatterte verstörtes Nachtgevögel scheu aus den Mauerritzen empor, einzelne Mauerstücke hatten unter ihren Füßen sich abgelöst, sie lauschten, wie es schallend tiefer und immer tiefer hinabrollte. Da trat auf einmal der Mond drüben zwischen den Wolken hervor, sie sahen nichts als stille Schlünde unter sich und das dunkle Chaos uralter Wipfel. – »Entsetzlich!« rief Manfred, in Gedanken hinabschauend.

Hier aber wurden sie plötzlich durch Dryanders Geschrei unterbrochen. Er war neugierig vorgetreten, da hatte ihn der Schwindel gefaßt, er griff krampfhaft in des Einsiedlers Kutte. »Sagt‘ ich’s doch«, rief dieser, »ist dir wohl, so bleibe unten, arbeite und lobe Gott und laß allen Vorwitz!« Damit packte er den Doktor beim Kragen und schleuderte ihn von dem Abgrund zurück und zur Zelle hinaus.

Indem sie aber nun ins Freie wieder heraustraten, sahen sie auf einmal zu ihrem Erstaunen zwei fremde Gestalten erschrocken über den Klosterhof hinwegstreichen. »Er ist’s, um Gottes willen nur schnell!« flüsterte der eine, in demselben Augenblick waren beide zwischen dem alten Gemäuer in der Nacht wieder verschwunden. Bei dem Klang der Stimme fuhr Manfred sichtbar zusammen, er hatte die Flüchtlinge in der scharfen Beleuchtung der Fackel unausgesetzt mit den Augen verfolgt; jetzt stürzte er ihnen selbst nach. Aber der Einsiedler schritt mit seinem langen Beinen aus, daß die Kutte rauscht, und faßte ihn mächtig am Arm. »Seid Ihr toll«, rief er, »ich weiß nicht, wer es war, aber das weiß ich, daß Ihr bei Nacht im unbekannten Gebirge das Gesindel nicht fangt, sondern den Hals brecht, wenn Ihr kein Gemsbock seid!« – Manfred mußte ihm nach kurzem Besinnen recht geben, dann aber trieb er plötzlich mit auffallender Hast zur ungesäumten Rückkehr und blieb still und nachdenklich, während sie vorsichtig zwischen den Felsen hinabstiegen.

»Ich muß noch diese Stunde fort, suche aber bald noch einmal den Vitalis auf«, sagte er, als sie endlich bei der Einsiedelei wieder ankamen, schüttelte seinem Wirt herzlich die Hand und schwang sich sogleich auf sein Pferd. – Der Einsiedler hatte kaum die Zeit, ihm den nächsten Weg zu bezeichnen, und sah ihm dann ganz verwundert lange nach. – »Daß ich ein Narr wäre, in dieser Spuknacht weiterzuziehen«, meinte Dryander und bat sich noch eine lange Pfeife Tabak aus, er freute sich darauf, die ganze Nacht einmal das Einsiedlerleben recht gemächlich mit durchzumachen, auch wollte er noch einige von den Nachtliedern des Eremiten abschreiben.

Manfred aber ritt eifrig den Tälern zu, da hörte er nach einiger Zeit, wie im Traum, oben noch des Einsiedlers Glöcklein schallen, die Rehe weideten wieder zur Seite, seine ganze Seele fühlte sich von der Todesstille wie in ein Grab verschüttet. Die Mitternacht aber hatte unterdes den Himmel weit aufgetan und ihre wunderbaren Schleier über die Erde geworfen. So immer tiefer und freudiger stieg er eratmend in die träumende Sommernacht hinunter, schon hörte er unten von fern die Ströme wieder rauschen, und die Nachtigallen schlugen, von einem einsamen Schlosse klang noch eine Gitarre herüber, und Düfte wehten erquickend aus den blühenden Gärten herauf. Von dem letzten Abhang des Berges rief er, wie erlöst, hinab, »Gegrüßt, du schönes Leben, ja ich spür’s, ich habe dich wieder!«

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Zweiundzwanzigstes Kapitel

Auf der Donau glitt bei dem heitersten Wetter ein Schiff zwischen den schönen, waldigen Bergen und Burgen hinab. Von Zeit zu Zeit erschallte ein so herzhaftes Lachen von dem Schiffe, daß die Vorübergehenden am Ufer stehenblieben und vor Lust mitlachen mußten, ohne zu wissen warum. Es waren reisende Kaufleute, Studenten und Jäger, die auf dem Verdeck im Kreise umherlagen, in ihrer Mitte ein kleiner, stämmiger Mann mit Reisetasche und breitkrempigem Pilgerhut, der ihnen aus seinem eigenen Leben die unerhörtesten Abenteuer erzählte und jedesmal ganz entrüstet war, wenn sie lachten und ihm nicht glauben wollten. Abgesondert aber von dem lustigen Häuflein stand mitten im Schiff ein wunderschöner Jüngling in zierlicher Jägertracht an den Mast gelehnt, er hatte eine Zither im Arm, die er in der Kajüte gefunden, ihm zu Füßen saß ein anderer hübscher Junge. Beide konnte man für Schüler halten, die zur Vakanz reisten, und es war anmutig zu sehen, wie die fröhlichen Bilder, bald im kühlen Schatten der Felsen, bald von der Abendsonne hell beschienen, zwischen den wechselnden Landschaften dahinflogen. Der eine am Mast blickte frisch unter seinem Reisehut in das Grün hinaus und sang:

»Sie stand wohl am Fensterbogen
Und flocht sich traurig ihr Haar,
Der Jäger war fortgezogen,
Der Jäger ihr Liebster war.
Und als der Frühling gekommen,
Die Welt war von Blüten verschneit,
Da hat sie ein Herz sich genommen
Und ging in die grüne Heid.
Sie legt das Ohr an den Rasen,
Hört ferner Hufe Klang –
Das sind die Rehe, die grasen
Am schattigen Bergeshang.
Und abends die Wälder rauschen,
Von fern nur fällt noch ein Schuß,
Da steht sie stille, zu lauschen:
»Das war meines Liebsten Gruß!«
Da sprangen vom Fels die Quellen,
Da flogen die Vöglein ins Tal,
»Und wo ihr ihn trefft, ihr Gesellen,
Grüßt mir ihn tausendmal!«

Die Gesellschaft war längst auf den schönen Gesang aufmerksam geworden; der abenteuerliche Pilger trat vor den Sänger und sang ihm sogleich nach derselben Melodie zu:

»Das klingt wie ein Waldhorn in Träumen,
Was irrst du durch das Gestein,
Mein Rehlein, unter den Bäumen?
Ich will dein Jäger sein!«

Der Sänger sah ihn einen Augenblick von der Seite an und antwortete, ohne sich lange zu besinnen:

»Sie aber lachte im Wandern:
›Du hast einen kecken Mund,
Ich aber mein einen andern,
Du bist mir zu kurz und rund!‹«

Hier erschallte ein allgemeines Gelächter, der Sänger erschrak darüber, warf schnell die Zither fort und setzte sich zu seinem Gesellen. Der Runde aber war nicht so leicht aus dem Felde zu schlagen, er machte sich, sehr vergnügt, sogleich mit Witzen an die beiden und wollte sie ins Bockshorn jagen. »Mein zärtlicher Herr Jäger«, sagte er, »mir scheint, Ihr seid viel mehr geschossen, als Ihr jemals geschossen habt.« – »Und Ihr, scheint mir, habt Euch verschossen«, versetzte das muntere Jägerbürschchen, »denn der Witz brennt Euch von der Pfanne.« – »Wird Euch wenigstens kein Härchen über der Oberlippe versengen! Wett‘ ich doch, Ihr hättet gar zu gern einen Schnauzbart an Eurem Mund.« – »Wenn die Schnauze darunter hübscher wär‘ als Euere!« – »Ich bitt‘ Euch, schnauzt mich nur nicht so an. Aber, Bart beiseite, ich fürcht‘, er wird gleich grau sprossen, denn nach Eurem verliebten Liede macht Euch ein Mädchen viel Not.« – »Nein, zwei, so närrisch sie sind, ich hab sie schon ganz müde gejagt.« – »Daß die Jungfern nur dabei nicht fallen! Wo jagt Ihr sie hin?« – »Unter die Haube.« – »Was! führt Ihr Hauben mit Euch?« – »Gewiß, da guckt her!« – Hier lüftete der Jäger ein Felleisen, das hinter ihm lag. Der Pilgrim, der etwas kurzsichtig war, fuhr neugierig mit der Nase hinzu, und eh‘ er sich’s versah, hatte ihm das Bürschchen von hinten eine schneeweiße Schlafmütze über den Kopf gestülpt.

Nun aber war der aufrecht stehende Zipfel der Nachtmütze nicht anders als wie ein Blitzableiter, in den plötzlich von allen Seiten alle Witze, matte und feurige, durcheinander einschlugen. Darüber wurde der Pilger ganz hirnschellig, man wußte bei seinem wunderlichen Wesen nicht recht, ob es ihm Ernst oder Spaß war mit der Wut. Der junge Jäger, da er unverhofft solche Wirtschaft angerichtet, saß unterdes mäuschenstill und blickte nur ein paarmal scheu herüber. Als er aber den Pilger so auf das allerlustigste schimpfen hörte und unter seiner Schlafhaube wohl die Hasenohren sah, konnt‘ er’s doch nicht lassen; er sprang von neuem auf, schnalzte mit seiner Reitgerte und parlierte immerfort keck mit drein. Die lustigen Vögel im Schiff hetzten: sie sollten sich miteinander schießen, der Abend brach auch herein und vermehrte die Verwirrung, der Pilger schwor, er wolle noch heut mit der Degenspitze aus dem schönen Jungen eine junge Schöne herauskitzeln! Das Jägerbürschen aber flüsterte heimlich seinem Gesellen zu: »Was fangen wir nun an? Ich bitt‘ dich, Hänschen, rat mir!« – Da stieß das Schiff am Land.

Während die anderen nun ihre Bündel, Tabakspfeifen und Feldflaschen noch zusammenfassten, eilte Dryander – denn niemand anders war der abenteuerliche Pilgrim schon voraus und flog in größter Hast nach dem Wirtshaus an dem breiten Gastwirt vorüber, der das Schiff gemächlich an der Tür erwartete und ihm verwundert nachsah. In der Gaststube fand er einen jungen Mann, der auf der Brüstung des offenen Fensters saß und in das fröhliche abendliche Getümmel hinausschaute; dieser wandte sich schnell – er erkannte seinen Fortunat. Ohne in der Konfusion sich zu verwundern oder ihn erst zu begrüßen, rief ihm Dryander sogleich entgegen: »Verfluchte Teufelsgeschichte! hast du deine Kuchenreiter mit? So ein Mädchen von Junge! Aber ich will ihm den Bart unter der Nase wegputzen, wenn er nur einen hätt‘! Da ist nichts zu lachen dabei! Er hat gut treffen, ich bin wie ein Bienenkorb gegen seine Taille, und –« »Halt ein!« unterbrach ihn Fortunat, immer heftiger lachend, »du zerplatzst ja wie eine Bombe, was gibt’s denn da auf einmal?« – Aber Dryander war zu erbost, er schimpfte unaufhaltsam über die Albernheit der Ritterlichkeit, der Duelle, der Ehre, die, wie eine Regimentsfahne, erst von Kugeln zerfetzt und lumpig sein sollte, um ein Ansehen zu haben. Indem er sich aber so in Vergleichungen erschöpfte, kam das Getümmel draußen wachsend immer näher und näher. »Dummes Zeug!« schloß er endlich und entwischte mit solcher Geschwindigkeit aus der Tür, daß er seinen Hut im Zimmer vergaß.

Fortunat ließ ihn laufen. »Was wird es sein!« dachte er, »die alte Posse: Sorgen ohne Not und Not ohne Sorgen. Die Rakete wird draußen verprasseln, ohne eben den Erdkreis in Brand zu stecken.« – Unterdes hatte die Stube sich nach und nach lärmend gefüllt, Felleisen, Mäntel und Tabaksbeutel lagen auf Stühlen und Tischen umher, die muntere Schiffsgesellschaft machte sich behaglich breit, der eine schrie nach Wein, der andere nach Kaffee, alle waren noch ganz voll von den lustigen Händeln, und da sie vom Wirt erfuhren, daß die beiden Jäger ein eigenes Zimmer bezogen, beredeten sie sich, wie sie morgen zum Duell die Pistolen blind laden, dem Pilger Knallkugeln unter die Füße legen wollten usw. Als aber nun allmählich aus mehreren Schlünden dicker Tabaksqualm emporzuwirbeln begann, zog Fortunat, nachdem er in dem Lärm vergeblich nach einem Leuchter gerufen, auch über Dryander keine nähere Auskunft erhalten hatte, sich ohne Licht in sein Zimmer zurück, da er morgen mit Sonnenaufgang wieder aufzubrechen gedachte.

Seine Stube ging nach dem Garten hinaus, die Glastür stand noch weit offen, wie er sie vor einigen Stunden verlassen. Alle Bewohner des Hauses hatten mit den Gästen vollauf zu tun, es war so still draußen, daß man den Ruderschalg einzelner Fischer aus der Ferne hören konnte. Ermüdet setzte er sich auf die Schwelle hin. Da hörte er Stimmen im Garten, in einer fremden Sprache, wie es ihm schien. Bald bemerkte er beim hellen Mondschein zwei unbekannte Gestalten, die sich hier wohl für unbelauscht halten mochten. Der eine, wie ein Jäger gekleidet, saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Rasen, er hatte den Hut abgenommen und in der Kühle sein Wämschen gelüftet, sein wunderschönes Haar floß in reichen Locken herab; der Mond glänzte blendend auf seiner entblößten Schulter. Der andere kniete hinter ihm und schien die Locken zu ordnen, während sie leise und lebhaft miteinander schwatzten. Ein Brunnen, den Fortunat vor dem Gebüsch nicht sehen konnte, plauderte um die Wette mit ihnen, und je nachdem die Luft sich bewegte, klang bald das Plätschern, bald die liebliche Stimme wie ein Glöcklein aus der stillen Mondnacht herüber. Die Nacht aber hatte unterdes die Gegend draußen wunderbar verwandelt, zwischen den alten Bäumen hindurch sah man weit in die Täler hinaus, da lag verworren im Mondschein, wie glänzende Kuppeln, Trümmer und prächtige Gärten, in dem nahen Städtchen unten sang ein Student noch vor seiner Liebsten Tür, dazwischen immerfort wieder das Rauschen des Brunnens – Fortunat saß wie im Traum, er dachte an Italien, an Rom, und unwillkürlich in Gedanken rief er – »Fiametta!«

Bei dem Klange reckten die beiden, wie Rehe, wenn das Laub raschelt, plötzlich die Köpfchen in die Höh, sprangen scheu auf und flogen dem Hause zu. Fortunat trat ihnen erstaunt entgegen, da stutzte das Jägerbürschchen plötzlich und sah ihn einen Augenblick durchdringend an, dann aber warf es sich auf einmal atemlos an seinen Hals, ihn fest umklammernd und schluchzend, er fühlte des Jünglings Tränen unaufhaltsam über seine Wangen rinnen; seine Locken rollten rings um ihn her, es war, als würde er in seinen Armen ganz und gar vergehen. Nun aber wußt‘ er’s wohl, wen er im Arme hielt. »Meine liebe, liebe Fiametta!« rief er aus tiefstem Herzensgrunde. Da ließ das schöne verkleidete Mädchen los, stellte sich, ihre Locken aus dem Gesicht schüttelnd, dicht vor ihn und blickte ihn aus den Tränen so fröhlich an, daß es ihm recht durch die Seele ging. Darauf schnell wieder besonnen, zog sie ihn schweigend mit sich in sein Zimmer hinein. Er sah im Vorüberschweifen dem andern Gesellen ins Gesicht und erkannte seines Liebchens Kammerjungfer, die über und über rot wurde. In der Stube aber steckte Fiametta ihr Haar wieder auf, während sie die Kammerjungfer mit einem heimlichen Auftrage fortschickte. Dann trieb sie Fortunaten, in sichtbarer Furcht, geheimnisvoll und ohne ihm Rede und Antwort zu stehen, zur unverzüglichen Abreise, half ihm unter tausend Späßen mitten in ihrer Angst und Hast seine Sachen rasch in ein Bündel schnüren und drängte ihn fort, fort, aus dem Hause, aus dem Garten und immer weiter. Draußen auf einem abgelegenen Platz fanden sie Fortunats Diener mit seinen beiden gesattelten Pferden, die Kammerjungfer hatte ihn hergeführt. Sie sollte mit dem Diener auf dem Schiffe weiterreisen, Fiametta selbst aber schwang sich schnell auf das eine Pferd. Fortunat wußte nicht, wie ihm geschah, und ehe er sich fassen konnte, waren Kammerjungfer und Wirtshaus schon hinter ihnen verschwunden.

Als sie im Freien waren, fragte Fiametta mit tief gesenkten Augen kaum hörbar: »Was macht denn Annidi?« Fortunat mußte sich fast auf den Namen besinnen. »Annidi?« – sagte er, »sie hat in Rom den Studenten Otto geheiratet. Aber wie kommst du auf die?« – Fiametta sah ihn groß an: »Ist sie denn nicht deine Liebste gewesen?« »Mein Gott«, erwiderte Fortunat nach einigem Nachdenken, »so warst du es wohl, die an jenem Abend im schwarzen Mäntelchen an mir vorüberstreifte, als mich Otto zu seinem Mädchen führte, das ich damals noch gar nicht kannte.« – »Ja freilich«, erwiderte Fiametta lebhaft, »und ich spielte dann einmal des Abends die Annidi in unserem Garten, die Kammerjungfer mußte deine Kleider anziehen und so über den Gartenzaun zu mir kommen, da kamst du auf einmal selber, wir hatten dich nicht so früh zurückerwartet.« – »O vernagelter Kopf, der ich war!« rief Fortunat, sich vor die Stirn schlagend aus, »hätt‘ ich das damals gewußt!« – Sie lachte seelenvergnügt, und ihre Augen glänzten von Tränen.

Währenddes ritten sie eilig an dem Städtchen vorüber, zwischen den schlafenden Gärten und Landhäusern immer tiefer in die weite, sternhelle Nacht hinein. Die Nachtigallen schlugen von den waldigen Bergen, über das stille Feld hörte man die Hunde von ferne bellen, Fiametta sah sich öfters ängstlich um. »Sieh«, sagte Fortunat, »mir ist wie einem Vogel in der Luft, ich folge dir über die ganze Erde! Jetzt aber sage mir auch, warum blickst du so scheu zurück? wie kamst du vorhin auf das Schiff? was in aller Welt hast du vor?« – »Ach, das ist eine lange, traurige Geschichte«, entgegnete Fiametta, »die muß ich von Anfang anfangen.« – Sie ritt dicht neben ihm, und, selbst wie in Träumen in der träumerischen Nacht, halb an ihn gelehnt, begann sie folgendermaßen zu erzählen:

»Als du in Rom auf einmal verschwunden warst und nun der Winter kam, und es regnete Tag und Nacht, und der Vater saß abends in dem großen Saale am Kaminfeuer und sprach kein Wort, und alles war so still im ganzen Hause, daß man die Turmuhr gehen hörte, da wurde ich plötzlich krank. Da träumte mir, ich wäre auf einer Anhöhe über Rom im Abendglanze eingeschlafen. Als ich aber erwachte, war es schon finstere Nacht, mich fror und ich kannte die Gegend nicht wieder. Da kam durch das Dunkel ein Jäger vom Berge herab. »Ach, führ mich zur Stadt hinunter«, rief ich, »horch, da klingt in der Ferne noch die Glocke vom Kapitol« »Das ist die Turmuhr, die schlägt auf meinem Schloß im Walde«, sagte der Jäger, dann wandt‘ er sich plötzlich – du selbst warst der Jäger, aber du kanntest mich nicht mehr. – Nun stiegst du weiter den Berg hinab, ich rief voll Angst und konnte dir so schnell nicht folgen. Da ging gegenüber der Mond auf, und auf einmal, so weit ich sehen konnte, lag die ganze fremde Gegend tief verschneit und flimmerte im hellen Mondschein, als sollt‘ ich sterben vor Wehmut.

Als ich mich von der Krankheit wieder erholte, stand eines Morgens der Vater vor meinem Bett, das Fenster stand offen, die Bäume draußen waren schon wieder grün und die Vögel sangen. »Steh nur auf«, sagte mein Vater, »wir reisen nach Deutschland!« – Er hatte sein Vermögen verloren, das Haus, unser Garten sollten verkauft werden, er mochte das nicht mit ansehen. So fuhren wir in einer schönen Frühlingsnacht von Rom fort, die Brunnen rauschten auf den stillen Gassen, in unserem Garten schlugen die Nachtigallen, als wüßten sie’s auch, und als die Paläste und Kuppeln allmählich hinter und im Mondglanz versanken, sah ich meinen Vater zum erstenmal weinen.«

»Wo ist der Vater jetzt?« unterbrach sie Fortunat hier. Fiametta aber ritt ein Weilchen schweigend vor sich hin, er merkte, daß sie selber weinte. Dann sah sie sich plötzlich wieder nach allen Seiten um und fuhr gefaßter fort:

»Mein armer Vater fand’s in Deutschland nicht so, wie er sich’s gedacht. Die mächtigen Verwandten, auf die er gerechnet hatte, weil sie in der Jugend brüderlich zusammen gelebt, waren seitdem alt und anders geworden, die meisten lange tot, ihre Kinder, die ihn nicht mehr kannten, sahen ihn verwundert und neugierig an, er konnte sich in der verwandelten Welt nicht zurechtfinden und starb vor Gram. – Das war eine furchtbare Nacht, ich erinnere mich nur der schwarzverhangenen Pferde und Gestalten und des Fackelscheins zwischen den dunklen Bäumen – und als die Glockenklänge allmählich verhallten, saß ich allein mit einer alten, schwarzgekleideten Dame im Wagen, wir fuhren rasch durch unbekannte Gegenden, sie sprach immerfort französisch zu mir, aber ich hörte nur das dumpfe Rasseln des Wagens in der Nacht, mir war’s, als führen wir selber ins Grab. Die Dame aber war eine reiche, kinderlose Tante, die mich nun zu sich genommen hatte. Sie wohnte auf einem großen Schloß, das einsam am Abhange des Gebirges mitten in einem prächtigen Parke lag, der wimmelte von seltsamen Tauben und Pfauen, in dem klaren Bassin vor dem Schloß spielten bunte ausländische Fische wie Vögel in der Luft, weiterhin in einem zierlich vergitterten Wäldchen weidete ein schöner Goldfasan. Die Tante hatte ihre Freude daran, mich recht auszuputzen, obgleich wir nur selten Besuch hatten, da ging ich denn in prächtigen Kleidern, und wenn ich manchmal so allein im Garten stand, kam ich mir selber in der Einsamkeit wie ein verzauberter Goldfasan vor. An den Sommernachmittagen aber pflegte die Tante mit mir am Garten auf einem schattigen Hügel zu sitzen, von dem man weit hinaussehen konnte, wie der Strom und die Straßen glänzend durchs Land gingen, Reiter und Wagen zogen da wie in einem Schattenspiel rasch vorbei, manchmal kam der Klang eines Posthorns aus der Ferne herüber. »Dort geht es nach Italien hinaus«, sagte die Tante – mir war zum Sterben bange.

Eines Abends saßen wir auch dort, ich zerpflückte in Gedanken eine Sternblume: ob du kommst oder nicht kommst? »Er kommt!« rief ich auf einmal erschrocken aus, warf die Blume fort und flog vom Hügel, am Schloß vorüber, immerfort ins Tal hinab. Denn zwei Reiter kamen unten vom Wald, der eine im grünen Reiserock, gerade wie du! Als ich atemlos unten anlangte, stutzt sein Pferd – es war ein ganz fremdes Gesicht. Er mocht‘ es wohl erraten, wer ich bin, er schwang sich schnell vom Pferde, und indem er die Zügel seinem Bedienten zuwarf, reichte er mir höflich den Arm und führte mich wie eine Gefangene zurück. Ich glaubte, die Tante würde schmälen, aber sie besorgte nur, daß mir die Erhitzung nicht schade, strich mir die Locken aus der Stirn und nannte mich ein artiges Kind, daß ich ihren Vetter, den sie viele Jahre nicht gesehen, so freundlich empfangen. Sie nannte ihn Baron Manfred

»Manfred?« sagte Fortunat erstaunt, »den Namen habe ich oft von Lothario gehört. Doch den kennst du ja nicht.« – Fiametta schüttelte das Köpfchen und fuhr weiter fort:

»Bisher hatte ich fast wie im Traume gelebt, mit dem Fremden aber kam auf einmal Hast und Unruhe in unsere ländliche Stille. Nichts war ihm recht in unserer Wirtschaft, alles wollte er gescheuter einrichten und sah mich dabei oft so sonderbar an, daß ich erschrak, denn er schaute so klug drein, als könnte er meine Gedanken lesen. Vor Verdruß darüber hatte ich mich eines Tages in der schwülen Mittagszeit mitten ins Gras gelegt, alle Vögel schwiegen, nur die Bienen summten, einzelne Wolken flogen über die stille Gegend fort, ich dachte an die alten Zeiten, an dich, an unseren Garten in Rom. Da kam auf einmal die Tante mit ihrem Vetter im Buchengang herunter. Ich hob mich im Grase halb empor, sie bemerkten mich nicht. »Ich habe auch schon daran gedacht«, sagte die Tante, »so kann es mit Fiametta nicht länger bleiben, sie vergeht mir hier in der Einsamkeit wie eine Blume.« – »Abgesehen selbst von allem, was ich Ihnen eben erzählt habe«, erwiderte der Vetter, »so wüßte ich in der Tat keine bessere Partie für das Fräulein als den Baron, jung, reich, unabhängig.« – »Und Sie übernehmen es also«, fragte die Tante wieder, »ihn zu uns zu bringen?«

Ich konnte seine Antwort nicht mehr verstehen. Aber wie wenn der Blitz neben mir eingeschlagen hätte, sprang ich schnell auf und flog zu meiner italienischen Kammerjungfer und erzählte ihr alles. Da war nicht lange Zeit zum Besinnen, ihr war hier so bang auf dem Schlosse wie mir, sie wollte unter dem Vorwande einer Maskerade Jägerkleider für uns beide herbeischaffen, und wir beschlossen, zu einer jungen, fröhlichen Tante in Wien zu entfliehen, die ich noch aus Rom kannte und die mich vor der dummen Partie beschützen sollte.

Seitdem sahen mich die Tante und der Vetter noch häufiger geheimnisvoll und schmunzelnd an. Besonders aber ganz abscheulich war mir nun der kluge Vetter, wenn er mit seinen spitzigen Blicken, wie eine Spinne mit ihren langen Beinen, nach mir zielte. »Ja, spinne und laure du nur!« dachte ich. Und als er nun wirklich abreiste, um den Bräutigam zu holen, da fuhren wir, während alles schon schlief, in unsere Jägerkleider und stiegen in der schönsten Sommernacht mit klopfenden Herzen sacht die Treppe hinab durchs leere Schloß, den stillen Garten entlang, bis wir endlich im freien Felde tief aufatmeten. Da sah’s draußen so frisch und waldkühl aus! – Noch dieselbe Nacht aber hatten wir uns im Gebirge verirrt. Fragen mochten wir nicht, so kamen wir zuletzt gar an ein verfallenes Schloß. Mich schauerte und fror, die Jungfer weinte, da tat sich plötzlich eine Tür auf, drei Männer mit Windlichtern traten heraus – der eine war der Vetter, verwildert und bleich im Widerschein der Fackeln – ich glaube, er geht um bei Nacht, was hatt‘ er sonst zu tun da droben? Aber erkannt hat er mich und setzt mir sicherlich nach. Wie wir da heruntergekommen, weiß ich nicht mehr, aber als der Tag endlich anbrach, sahen wir die Donau im Tale funkeln, ein Schiff wollt eben abgehn, wir stiegen mit ein, und so fuhr ich in Lust und Angst und bekam Händel und sollte mich duellieren und – »Und ich«, fiel Fortunat ein, »habe den verflogenen Goldfasan wieder eingefangen und lass‘ ihn nun nimmermehr los!«

Fortunat war voller Freude und doch verwirrt, er wußte gar nicht, was er mit dem lieblichen Kinde nun anfangen sollte, das sich so ganz in seine Arme geworfen, auch war die Angst vor dem Erwischen nicht gering.

Unterdessen flogen schon einzelne Streiflichter durch die stille Luft. »Wie bist du schön geworden!« sagte Fortunat, sie fast erstaunt betrachtend. Da wurde sie über und über rot, jetzt dachte sie erst daran, daß sie so ganz allein mit ihm war. Aus den fernen Dörfern aber hörte man schon einzelne Stimmen, über die wogenden Kornfleder schossen ihnen die ersten Sonnenstrahlen blitzend entgegen – so ritten sie fröhlich in den prächtigen Morgen hinein.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Als Otto – von dem strengen Vitalis verstoßen – so einsam von dem Gebirge der Einsiedler hinabstieg, weinte er sich recht von Herzensgrunde aus. Dann wurde ihm erst leichter. Er fühlte wieder einen rechten Trieb und Mut, nach dem Höchsten in der Welt zu streben, er wollte endlich ehrlich Frieden stiften in seiner Seele und so neugeboren zu dem Einsiedler zurückkehren, ja es kam ihm in diesen glücklichen Stunden gering vor, selbst sein Dichten zu lassen, wenn es ihn wieder in Eitelkeit verstricken wollte. Die stille Nacht sah ihn dabei von den Bergen, wie eine milde Mutter, fast wehmütig an. – Indessen verloschen nach und nach die Sterne am Himmel, und wie nun die Morgenkühle über die Felder kam und unten der Strom und von drüben die Spiegelfenster eines Schlosses lustig aufblitzen: da erschien dem Verweinten die Erde wieder so jung und frisch wie nach einem Gewitterregen, in den tröpfelnden Bäumen über ihm dehnten die Vögel erwachend die Flügel und sahen ihn neugierig an, als wollten sie fragen: Gesell, wo bist du so lange gewesen? – Er wanderte fröhlich den ganzen Tag, und als er endlich auf dem letzten Berge aus dem Walde trat, erblickte er auf einmal in der Ferne mitten zwischen Gärten die alte, braune Stadt, wie eine von Efeu übergrünte Ruine. Ermüdet streckte er sich unter den Bäumen hin, er sah Handwerksbursche, Reiter und schlanke Bauermädchen heiter durchs Grün auf dem Gebirgspfade hinabziehn, die Vögel sangen im Walde, einzelne Wolkenschatten flogen wechselnd über die glänzende Landschaft – so schlummerte er ein und träumte von der schönen, waldkühlen Jugendzeit.

Er mußte lange geschlafen haben, denn als er erschrocken wieder um sich blickte, ging die Sonne schon unter und vergoldete die Giebel und Türme der Stadt. Voll Erstaunen sah er sich ganz von Blumen bedeckt, als hätt‘ es Rosen geregnet. Da hörte er eine schöne Stimme lustig durch die Abendluft klingen. Ein eleganter Reisewagen stand tiefer am Saume des Waldes, zwei junge Damen, die, wie es schien, den steilen Berg zu Fuß herabgekommen, stiegen soeben wieder ein. Die eine wandte sich noch einmal und blickte nach ihm herüber, er mußte verwirrt und geblendet niedersehen, so schön war sie. »Nach der Bergvorstadt!« rief sie dem Postillion zu – da flog der Wagen in den duftigen Abend hinein, er hörte das Posthorn noch lange aus der Ferne schallen.

In der Stadt fand er seine Wohnung bereit: ein kleines, freundliches Stübchen im dritten Stock, alte Kupferstiche an den Wänden, der Boden neu mit Sand bestreut, ein Glas mit frischen Blumen unter dem Spiegel. Eine alte Frau empfing ihn sehr gesprächig und händigte ihm ein Briefchen ein. Sein Jugendfreund, der hier alles für ihn besorgt hatte, meldete ihm, daß ihn leider unvorhergesehene Geschäfte über Land geführt, in wenigen Wochen hoffte er wieder zurück zu sein – so befand sich denn Otto unerwartet ganz allein in der fremden Stadt. Er konnte sich nach der langen Gebirgseinsamkeit gar nicht wieder zurechtfinden, alles kam ihm neu und wunderbar vor, der heitere Reisetag hallte noch in seiner Seele nach, und als er das Fenster öffnete, dämmerte die unbekannte Gegend so seltsam über die Dächer herauf, es war ihm, als hörte er noch immer das Posthorn fern aus der Frühlingsnacht herübertönen. Er konnte nicht widerstehen, er mußte noch einen Streifzug durch die Stadt machen.

Unten erkundigte er sich nach der Bergvorstadt, er hatte sich geschämt die Alte danach zu fragen. Man wies ihn nach einer entfernten Anhöhe, die mit einzelnen Villen und weitläuftigen Gärten geheimnisvoll in die Straße hereinsah. Das nächtliche Wandern in einer unbekannten, großen Stadt hat etwas Märchenhaftes, die Häuser und Türme stehn wie im Traum im Mondschein, auf den Straßen schwärmt es noch laut und behaglich in der Maskenfreiheit der lauen Nacht, dann plötzlich alle wieder still im engen, dunklen Gäßchen, nur die Dachluken klappen im Wind, eine Nachtigall schlägt wehmütig am Fenster. – Otto schlenderte in Gedanken immer fort, alte Reiselieder fallen ihm ein, er sang leise vor sich hin, er wußte selbst nicht, was er draußen wollte. Endlich hatte er die Höhe erreicht, je weiter er kam, je stiller und ländlicher wurde die Straße, seitwärts schienen sich prächtige Gärten hinabzusenken. Oft blieb er stehn und sah zurück über die Stadt hin, zwischen den vielen verworrenen Lichtern ging das dumpfe Rasseln der Wagen wie ein ferner Sturm, zuweilen brach ein Schwarm verstörte Dohlen aus einem alten Kirchendach und durchkreiste schreiend die Nacht, eine Spieluhr vom Turm sang ihr frommes Lied in der Einsamkeit der Lüfte. Von der andern Seite aber war die Gasse schon offen, ein frischer Hauch wehte herüber, er hörte eine Mühle gehn, die er nicht sah, dann Hundegebell von fern und da und dort noch Stimmen im dunklen Feld.

Auf einmal erklang eine Gitarre und einzelne Töne eines wunderschönen Gesanges, träumerisch vom Winde verweht, wie wenn die Nachtluft durch die Saiten einer Harfe geht. Er eilte zu dem Garten, woher die Töne kamen, das Pförtchen war nur angelehnt, er trat hinein. Da stutzte er, denn es war, als flöge der Schatten einer fliehenden Gestalt heimlich zwischen den Gebüschen hin, sonst war alles still. Neugierig ging er weiter in die dunklen Schatten der alten Bäume hinein, der Mondschein glänzte seitwärts über die Rasenplätze. Da bemerkte er einen Weiher, von Trauerweiden umhangen, eine weiße Statue schimmerte durch die Zweige herüber: eine Nymphe, die halb abgewandt am Weiher auf ihrem Arme ruhte, den andern verschlafen über das Haupt gelehnt. – Er wollte eben näher hinzutreten, als plötzlich tiefer aus dem Garten ein heller Lichtschimmer durch die Bäume funkelte und ebenso schnell wieder verschwand. Erschrocken, zögernd, wandte er sich zurück, er suchte das Pförtchen wieder, aber die Streiflichter des Mondes und die schwankenden Schatten der Bäume dazwischen verwirrten ihn ganz, und eh‘ er sich besinnen konnte, stand er vor den Marmorstufen eines hohen, altertümlichen Palastes. In demselben Augenblick schüttelt sich der Fliederstrauch über ihm, daß er ganz von Tau und Blüten verschneit wird, er hört ein heimliches Kichern hinter sich, eine schlanke, weiße Mädchengestalt guckt verstohlen durch die Zweige und faßt ihn schnell an der Hand. »Siehst du, das ist der Willkomm, weil du mich überrascht hast«, flüstert sie mit der lieblichsten Stimme, »das ist ja prächtig, daß du schon heute kommst.« So führte sie, vorangehend, den Erstaunten über die Stufen durch eine dunkle Halle, plötzlich treten sie ein ein erleuchtetes Gemach, sie wendet sich rasch herum – er erkennt mit freudigem Schrecken die reisende Dame von heut abend im Walde.

Sie sah ihn erstaunt an, indem sie seine Hand losließ. Dann bemerkte sie eine ihrer Rosen, die er noch im Knopfloch trug, eine flüchtige Röte flog über ihr schönes Gesicht. »Aber«, sagte sie kopfschüttelnd, »wie haben Sie mich denn so bald aufgefunden?« Er erzählte nun sein Erwachen auf dem Berge, seine Unruhe darauf und den Streifzug durch die schöne Nacht. Aber sie war ganz zerstreut, sie schien auf etwas zu sinnen. Dann sprang sie schnell zur Tür hinaus, er hörte sie draußen lebhaft mit jemand sprechen.

In dieser seltsamen Lage schaute er betroffen im Zimmer umher. Eine Alabasterlampe beleuchtete wunderbar das kostbarste Gerät, auf dem eine Gitarre und aufgeschlagene Notenhefte unordentlich herumlagen. Hohe, ausländische Gewächse rankten sich schlangenartig an den Wänden empor und hingen mit ihren glühenden Blüten in die träumerische Dämmerung herein, als spiegelten sie sich in dem reichen Teppich am Boden.

»Armer Junge! du wirst recht müde sein«, sagte jetzt die Unbekannte, indem sie fröhlich wieder hereintrat und ihn auf den Diwan niederzog. Sie setzte sich dicht neben ihn, ein Bein über das andere geschlagen, er mußte ihr erzählen, woher er gekommen, wer er sei, und was er hier treibe. – »Also so sieht ein Dichter aus!« – rief sie erstaunt, als sie seinen Namen hörte, dabei wandte sie ihn an beiden Achseln zu sich herum und sah ihm mit den großen, schönen Augen gerade ins Gesicht, er mußte die seinen errötend niederschlagen. »Come è bello!« sagte sie kaum hörbar für sich. Darauf nahm sie eine Pfirsich aus der Kristallschale vor ihnen, biß mit ihren weißen Zähnen herzhaft hinein und reichte sie ihm hin. Aber Otto war ganz verwirrt, aus ihren Augen leuchtete zuweilen eine irre, wilde Flamme, die ihn schreckte, in dieser seltsamen Verstimmung konnte er durchaus den rechten Ton nicht finden und saß blöde und unbeholfen neben der vornehmen, schönen Frau. Da lachte sie plötzlich mutwillig auf, er wußte nicht worüber, dann sprang sie auf und brachte aus einem verborgenen Wandschrank ein zierlich gebundenes Buch her vor. »Kennst du das?« fragte sie, ihm den funkelnden Goldschnitt vorhaltend; es waren seine Gedichte. – »Ich kenn‘ sie noch nicht«, sagte sie, »lies mir was vor daraus.«

Sie setzten sich wieder, er blättete unentschlossen und begann endlich eines seiner liebsten Gedichte von der schönen Meerfei Melusina. – »Und daß du’s nur weißt«, unterbrach ihn die Dame, »ich bin selbst die Melusina; du darfst nur in den Nächten vom Montag und Donnerstag in den Garten kommen. Frag nicht nach mir und plaudre nicht davon; wenn du mich ein einziges Mal bei Tage erblickst, sehen wir uns niemals mehr wieder.« Otto sah sie verwundert an, dann las er wieder weiter. Es war ein langer Romanzenzyklus, er hatte ihn in der glücklichsten Jugendzeit gedichtet und seitdem nicht wiedergesehn; jetzt nach so langer Zeit, in der märchenhaften Umgebung, ergriff es ihn selber wunderbar, er las aus ganzer Seele fort und immer fort. Zuletzt beim Umschlagen des Blattes blickte er einmal flüchtig zur Seite – die schöne Frau lag fest eingeschlafen neben ihm. – Er schwieg, ihn schauerte heimlich, denn die schlanke Gestalt in dem weißen Nachtgewand ruhte halb abgewendet, den einen Arm nachlässig über ihr Haupt geschlagen, gerade wie die Statue vorhin am Weiher. In dieser plötzlichen Stille öffnete sich auf einmal leise die Tür, ein schwarzgelocktes Mädchenköpfchen guckte herein, überblickte spöttisch den Schauplatz dieser tiefen Ruhe und winkte ihm dann, ihr zu folgen. »Still, still« – sagte sie, als er heraustrat, ihn an der Hand schnell fortführend – »jetzt müssen Sie sacht fort, der Mond ist eben untergegangen vor Langerweile.« Draußen sang sie halb für sich:

Ein Fink saß schlank auf grünem Reis
Pink, Pink!
Der Jäger da mit rechtem Fleiß
Zu zielen an und messen fing,
Und zielt‘ und dacht: jetzt bist du mein
Fort war das lust’ge Vögelein:
Pink, pink! mußt flinker sein!

»Was singst du da so lustig?« fragte Otto. – »Ich pink‘ nur ein wenig Feuer an im Dunkeln«, entgegnete das Mädchen, »wollen Sie sich vielleicht ein Pfeifchen dran anstecken und noch etwas lesen von den zwölf schlafenden Jungfrauen?« – Sie plauderte mutwillig noch vielerlei in den Wind hinein – so gingen sie rasch durch den stillen Garten. Otto blickte im Vorbeigehen noch einmal nach dem Weiher hinüber, dort ruhte die Statue wieder auf ihrem Marmorpfühl, ein eingeschlummerter Schwan fuhr bei ihren Tritten mit dem Kopf aus den Flügeldecken hervor, sah sie schlaftrunken an und träumte dann weiter. – »Gute Nacht, Herr Morpheus!« sagte das Mädchen an der Gartentür mit einem schnippischen Knicks und schob ihn lachend hinaus.

Er hörte das Pförtchen hinter sich zuklappen, es war ihm wunderbar, so plötzlich allein unter dem stillen, weiten Sternenhimmel. In der ganzen Gegend regte sich kein Laut mehr, nur die Uhren schlugen fern in der Stadt, es war lange Mitternacht vorüber.

Seit dieser Zeit war es um ihn geschehn, die schönen Mondnächte beleuchteten noch oft seinen einsamen Gang zu dem stillen Zaubergarten. Das geheimnisvolle Grauen in der Lust verlockte ihn nur noch mehr, er mochte nicht nach dem Namen der schönen Frau fragen, ja er hütete sich, ihr Revier bei Tage zu betreten – war sie ja doch sein mit Leib und Seele! Aber in seiner stillen Stube dann, nach solchen durchschwelgten Nächten, überkam es ihn oft wie Alphornsklänge den Schweizer in der Fremde. Da befiel ihn eine tiefe Angst, er dichtete hastig oft ganze Nächte hindurch, er wollte mit Poesie sich selber überflügeln – als wäre das Talent ein Ding für sich ohne den ganzen Menschen! – So zwischen halber Lust und Reue, versank er nach und nach immer tiefer in Melancholie, Verzagen an sich selbst, in Liederlichkeit und Armut, bis zuletzt ein zehrendes Fieber die müde Seele in seinen Traummantel einhüllte: da hörte er in seinen Phantasien das Posthorn wieder durch die Frühlingsnacht, dazwischen Waldesrauschen und das Glöcklein des Einsiedlers aus der Ferne.

Er hatte mehrere Wochen krank gelegen. Als er endlich wieder zu sich kam, konnte er sich gar nicht besinnen, wo er war. Die Sonne schien über die Dächer freundlich durch das kleine Zimmer, eine Katze nickte auf dem Fensterbrett, nebenan hörte er einen Kanarienvogel singen, dann wieder eine Wanduhr dazwischen picken, sein alte Wirtin saß auf einem Lehnstuhl neben ihm am Bett und war über ihrem Strickzeug eingeschlummert. Er sah lange verwirrt in dieser Stille umher, eh‘ er sie weckte. Nun fuhr sie freudig empor und erzählte ihm, wie sie schon für seine Seele gebetet, wie er irre geredet im Fieber, daß sein Freund noch immer nicht zurück sei, aber ein unbekanntes junges Mädchen sei vor langer Zeit einmal ins Haus gekommen und habe nach ihm gefragt. – Da dämmerte ihm allmählich alles wieder auf. »Kam das Mädchen nicht aus der Bergvorstadt?« fragte er und beschrieb ausführlich Schloß und Garten. Aber die Alte schüttelte den Kopf, der Palast, sagte sie, sei schon seit vielen Jahren unbewohnt – sie glaubte, er phantasierte wieder. Otto fuhr mit der Hand über seine Stirn, er war wie im Traume.

Eines Abends aber, als die Alte ausgegangen war, hatte er sich rasch angekleidet und ging heimlich die Treppe hinab, über die wohlbekannten Gassen und Plätze in die Vorstadt hinaus. Die Abendsonne funkelte lustig durch die Straße, Kinder spielten vor den Toren, die Mädchen plauderten an den Brunnen, und Lerchen hingen jubelnd hoch im rötlichen Duft, er taumelte, wie berauscht, in der ungewohnten Luft. So kam er an den Garten der Geliebten, das Pförtchen war zu, aber er hatte den Schlüssel noch seit dem letzten Gange in der Rocktasche. Er schloß hastig auf und trat mit klopfendem Herzen hinein. Unterdes war die Sonne untergegangen, es war schon tiefes Abendrot. In der wunderbaren Beleuchtung kam ihm alles wie verwandelt vor; die Gänge, die er bisher nur bei Nacht flüchtig gesehen, schienen wüst und verwildert, und mit Schrecken fielen ihm die Worte der Alten wieder ein, als er endlich den Palast erblickte, denn kein Laut regte sich im ganzen Hause. Das Gras wuchs aus den Ritzen der Marmorstufen, die Türen und Fenster waren alle fest verschlossen, nur der Wind klappte eben mit einer halbzerbrochenen Lade, seitwärts schlug eine Nachtigall im Gebüsch, er hatte sie oft gehört, wenn er in den schwülen Sommernächten hier zum Liebchen schlich. – »Mein Gott, wo bin ich denn so lange gewesen!« sagte er in Gedanken versunken. – Da hörte er plötzlich in einiger Entfernung ein wohlbekanntes Lied aus alter Zeit:

Jetzt wandr ich erst gern!
Am Fenster nun lauschen
Die Mädchen, es rauschen
Die Brunnen von fern «

Voll Freude antwortete er sogleich mit den folgenden Worten desselben Liedes:

Aus schimmernden Büschen
Dein Plaudern, so lieb,
Erkenn ich dazwischen
Ich höre mein Lieb!

»Barmherziger Gott – Kordelchen!« rief er auf einmal erschrocken aus. Die Schauspielerin stand vor ihm, sorgfältig geschmückt, frischgepflückte, bunte Blumen im Haar. – »Ist er noch immer nicht zu Hause?« fragte sie, nach dem Palaste schauend. – »Wer denn?« entgegnete Otto ganz verwirrt. – Bei dem Klange seiner Stimme horchte sie hoch auf und sah ihn lange unverwandt an. »Ich kenn‘ dich recht gut«, sagte sie dann mit einem schlauen Lächeln, »weißt du noch, wie du uns in jener regnichten Nacht zum erstenmal trafst, als wie nach einem kleinen Städtchen zogen? Damals hatt‘ ich ein Loch im Strumpf, Kamilla stichelte darauf, denn Kamillen sind bitter – ach nein, du bist’s nicht!« schloß sie traurig. Dann hing sie sich in seinen Arm und flüsterte ihm geheimnisvoll zu: »Ich weiß wohl, wie er eigentlich heißt, aber ich verrat’s nicht, sag du’s auch nicht weiter, denn die Nacht hat Ohren – Ohren

Und Augen verstohlen,
Wenn alles im Schlaf,
Da kommt er mich holen
’s ist ein vornehmer Graf.

»Kordelchen! Kordelchen!« rief jetzt eine Stimme außerhalb des Gartens. Das Mädchen riß sich schnell los und verschwand wie ein aufgescheuchtes Reh zwischen den Bäumen. – Otto sah ihr lange nach, dann, plötzlich vom Entsetzen ergriffen, floh er unaufhaltsam über die öden Gänge, aus dem Garten, durch die einsame Vorstadt fort. Es war indes schon völlig dunkel geworden, die Sterne spielten munter am Himmel, von dem fernen Turm in der Stadt sang die Spieluhr wieder ihr frommes Lied; er mußte sein Gesicht mit beiden Händen verdecken, es war, als zögen Engel über ihn singend durch die stille Nacht.

Zu Hause aber schnürte er hastig sein Reisebündel; noch denselben Abend, ungeachtet der Vorstellungen der besorgten Alten, verließ er die Stadt.

Der Eilwagen rollte auf der glänzenden Straße in die schöne Sommernacht hinaus, der Postillion knallte lustig, daß es weit über die stillen Felder schallte. Vorn im Kabriolett plauderte ein Knabe, der zum erstenmal von Hause fuhr, munter mit dem Kondukteuer, dann sah er wieder lange stumme in die Gegend, wie da die dunklen Schatten der Pappeln und seitwärts Büsche, Wälder und Dörfer im Mondschein vorüberflogen, und wenn das Posthorn erklang, stiegen allmählich prächtige Schlösser und wunderbare Gärten und Gebirge mit Wasserfällen in der dämmernden Ferne vor ihm auf. Dann dachte er nach Hause, wie die Seinigen jetzt alle ruhig schalfen, der Mond scheint durchs Fenster über die Bilder an der Wand, nur eine Fliege summt tönend durch die stille Stube – da kam er sich auf einmal so verlassen vor hier draußen, und doch so tapfer und frei in der Fremde. – So reisefrisch war auch Otton früher gar manche schöne Frühlingsnacht zumute gewesen, heute saß er still vor sich hinbrütend im dunklen Wagen, es war ihm bei dem einförmigen, schlaftrunkenen Rasseln, als ging es immerfort bergunter, unaufhaltsam einem unbekannten Abgrunde zu. Zuweilen blitzte der Mond oder das vorüberfliegende Licht eines Bauerhauses durch den Wagen und streifte flüchtig bald eine bleiche Nase, bald einen martialischen Schnurrbart, bald die Glasaugen einer Brille. Sie schwatzten viel von einer wunderschönen Opersängerin und einem reichen Grafen S., einem lockeren Zeisig. – »Nein, ein Dompfaff«, rief der eine, »denn sie hat ihn pfeifen gelehrt.« – »Vogel ist Vogel«, meinte ein anderer kurz: »sie hat ihn tüchtig gerupft, nun ist sie selber davongeflogen.« – »Eine barocke Idee«, sagte der mit der Brille, »sich da in dem verfallenen Palast in der Vorstadt einzunisten!« – Otto, aus seinem Gedanken auffahrend, horchte plötzlich auf. – »Nisten!« fiel der Schnurrbart ein, »Turteltauben nisten grade am liebsten in alten Ruinen, da ist’s hübsch düster und nachtigallenhaft. Ja, mein Lieber, das hatte alles seine guten Wege, nämlich so unter den Bäumen sacht fort, die plaudern nichts aus. Konnte man wohl diskreter handeln als der Graf? er ließ ihrer Treue ein Hinterpförtchen offen. Nun, nun, er ist ein Mann von kostbaren Erfahrungen, sie war wenigstens nicht seine prima Donna, und, ich denke, er hatte eben auch keine Solopartie bei ihr.« – Ein schallendes Gelächter erfolgte hier. Otton schnitt es durch die Seele, sie sprachen offenbar von seiner wundersamen Melusina! Es war ihm, as hätten die Gesellen mit ihren schmutzigen Reisestiefeln auf einmal einen köstlichen Teppich umgeschlagen, und er sähe nun die groben, rohen Fäden der glühenden Traumblumen – ihm graute recht vor dieser faden Kehrseite des Lebens.

Hier hielt der Wagen plötzlich vor einem Hause mitten im Felde, ein Mann in Nachtmütze und Pelz trat verschlafen mit einer Laterne heraus, um einige Pakete zu übergeben und andere in Empfang zu nehmen. Währenddes öffnete sich hinter ihm leise der Schieber des kleinen Fensters, der Widerschein der Laterne beleuchtete flüchtig ein wunderschönes Mädchengesicht, das schnell wieder zurückfuhr. Otto erschrak, die Züge waren ihm bekannt, er konnte sich aber durchaus nicht besinnen. Da gähnte der Mann im Pelz. »Friß mich nicht, Mauschel!« rief ihm der lustige Kondukteur vom Kutschbock, zu. – »Ich esse kein Schweinefleisch«, entgegnete der Jude trocken. Die Passagiere lachten, der Postillion knallte, und rasselnd flog der Wagen wieder in die stille Nacht hinaus.

Auf der nächsten Mittagsstation verließ Otto seine Reisegesellschaft, die jetzt schlummernd in allen Winkeln der Passagierstube umherlag, während die Rüstigeren, überwacht und verdrießlich, nach Kaffee, Rum und Butterbroten durcheinanderschrien. Von hier aus gingen Seitenwege nach Hohenstein, dort im schattigen Grün wollte er ausruhen; er hofft‘ es noch vor Nacht zu erreichen, so matt und krank er sich auch fühlte. Er fragte nach dem nächsten Wege, man wies ihn auf einen Fußsteig, der gerade durch die Wälder führen sollte. Einsam schritt er nun zwischen die Berge hinein. Wie so anders, dachte er, als ich vor vielen Jahren hier auswanderte! Nun ist es Schlafenszeit, und alles ist vorüber. – Die schleichende Gewalt der Krankheit, von der durchwachten Nacht und Anstrengung neu geschürt, brach und reckte und dehnte ihn heimlich in allen Gliedern, er mußte öfters rasten, und verließ endlich vor Ermüdung den Fußsteig, um, womöglich, ein Dorf zu erlangen. Aber kein Haus wollte sich zeigen, es war so still den Wald entlang, daß man die Spechte picken hörte. So hatte er Zeit und Weg verloren; der Abend funkelte schon durch die Wipfel, die Gegend wurde ihm immer fremder, je weiter er fortging.

Da erblickte er seitwärts ein kleines Mädchen, das im Walde Blumen pflückte. Als er hinzutrat, wandte sie sich schnell herum, es war ihm plötzlich vor den klaren, unschuldigen Augen, wie in den Himmelsgrund zu sehen. Die Abendsonne schimmerte durch die blonden Locken, er streichelte und küßt‘ es herzlich auf die blanke Stirn.

Das schien dem armen Kinde selten zu begegnen, es suchte emsig in seiner Schürze und reichte ihm eine wilde weiße Rose, und als er fragte, ob es ihm den Weg aus dem Walde weisen könne, gab es ihm vertraulich die Hand, während es mit der andern sorgfältig das Schürzchen zusammenhielt, um seine Blumen nicht zu verlieren. Wie sie so miteinander fortgingen, wurde das schöne Kind immer vergnügter und gesprächiger. Es erzählte, es wäre gar nicht mehr so lange hin, da käme wieder Weihnachten, wo die vielen Lichter in den vornehmen Häusern brennten, dann säß es in der Kammer auf seinem Bettchen am Fenster, da flimmerten draußen die Sterne so schön über dem Schnee, und das Christkindlein flöge durch die Nacht über den stillen Garten hin und brächt‘ ihm von seinen Eltern viele kostbare Sachen: neue rote Schuh und ein Mützchen. – »Wo wohnen denn deine Eltern?« fragte Otto. – Die Kleine sah ihn erstaunt an, dann wies sie nach dem Himmel. – »Aber wo führst du mich denn jetzt hin?« fragte er fast betroffen wieder. – »Nach Hause -« entgegnete das Kind. – Ihn schauerte unwillkürlich bei dem Doppelsinn der Antwort.

Auf einmal traten sie an einem Abhange aus dem Walde heraus, Otto stand wie geblendet. Denn tief unter ihm lag plötzlich seine Heimatsgegend im stillen Abendglanze ausgebreitet: das schattige Städtchen, jenseits seiner Eltern Garten und Haus, der vergoldete Strom dann im Wiesengrund und die fernen Berge dahinter – alles wie er’s in der Fremde wohl manchmal im Traume gesehen. Ganz erschöpft sank er unter dem Baume hin. »O stille, alte Zeit«, rief er aus, »wie liegst du so weit, weit von hier!« – Die Kleine hatte sich zu seinen Füßen ins Gras gesetzt. »Nein, nein«, sagte sie, »so ist es nicht, ich will dich’s lehren.« Und bei dem Vogelschall selbst wie ein Waldvöglein, sang sie mit dem kindischen Stimmchen:

Waldeinsamkeit,
Du grünes Revier,
Wie liegt so weit
Die Welt von hier!
Schlaf nur, wie bald
Kommt der Abend schön,
Durch den stillen Wald
Die Quellen gehn,
Die Mutter Gottes wacht,
Mit ihrem Sternenkleid
Bedeckt sie dich sacht
In der Waldeseinsamkeit,
Gute Nacht, gute Nacht!

Otton dunkelte es vor den Augen, da ging auf einmal ein Leuchten über die Gegend wie ein Blitz in der Nacht: stille Abgründe fernab, Gärten und Paläste wunderbar im Mondglanz, er erkannte unten die goldenen Kuppeln und hörte durch die stille Luft herüber die Glocken wieder gehen und die Brunnen rauschen in Rom, und das Kind sang wieder dazwischen:

O du stille Zeit!
Kommst, eh wir’s gedacht,
Über die Berge weit
Nun rauscht es so sacht
In der Waldeinsamkeit,
Gute Nacht

»Still, still«, lachte die Kleine, »er schläft « aber der müde Wandersmann wachte nimmer auf.

Vierzehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Über einer der verborgensten Schlüfte der Schweiz rauschte leise die Nacht, nur ein Bach stieg zwischen den Felsen hernieder und plauderte, da die Menschen schliefen, heimlich mit der Wetterfahne auf der ärmlichen Waldherberge, die in dem stillen Grunde lag. Da fuhr auf dem Heuboden des Hauses ein Gesell verwirrt aus dem Schlafe empor. Es war Fortunat, der auf seiner Reise nach Italien spät des Abends das Wirtshaus erreicht und gern das luftige Nachtlager bestiegen hatte, da die wenigen Fremdenstuben schon von anderen Reisenden besetzt waren. Dort hatte ihn ein Traum erweckt, es war ihm plötzlich, als hätte eine altbekannte Stimme unten seinen Namen genannt. Er lauschte hinab, es rührte sich kein Laut. Draußen aber flimmerten noch die Sterne, da setzte er sich in das offene Dachfenster auf die obersten Sprossen der Leiter und sah den weiten, stillen Kreis von Gletschern im hellsten Mondschein über den Wäldern, nur der dumpfe Donner einer Lawine hallte von Zeit zu Zeit durch die große Einsamkeit herüber.

Jetzt erst fiel ihm der grillenhaft verworrene Bau des Hauses auf, er betrachtete schläfrig die kleinen hölzernen Galerien, Winkel und Erker, als auf einmal in dem alten Seitenanbau sich ein Laden öffnete und eine Dame, dicht in einen langen Schleier gehüllt, am Fenster erschien. Fortunat, scharf hinblickend, schauerte innerlichst zusammen – es war der Hut, das Reitkleid, Gestalt und Art der Gräfin Juanna! – Der Mond funkelte über ihren Gürtel, wie damals auf der Jagd, dann wurde das Fenster schnell wieder geschlossen. Gleich darauf aber sah er den Wirt zwei gesattelte Pferde auf den Hof führen, die Dame trat mit einem fremden Mann aus dem Hause, alles ganz sacht und leise, wie Wolken in der Nacht, sie flüsterten heimlich untereinander und mit dem Wirt, der ihm auf einmal selbst gespenstisch vorkam, und eh‘ er sich noch besinnen konnte, war die ganze Erscheinung, wie ein Zug Verstorbener, im wechselnden Mondlicht zwischen den Felsen und Bäumen verschwunden.

Fortunat war geblendet wie einer, der nachts in den Blitz gesehen; er eilte nun die Leiter hinab, der Hof war leer, als wäre nichts geschehen, aber zu seinem Erstaunen hörte er nun in einiger Entfernung Waffenklang durch die Stille. »Fechten die Toten in der Luft?« dachte er und verfolgte rasch die Richtung. Da erblickte er bald durch das auseinandergebogene Gesträuch zwei Männer, die auf einer mondhellen Wiese in heftigem Zweikampf begriffen waren. Gestalt, Tracht und Haltung, je länger er hinsah, schien ihm nicht fremd. – »Um Gott, ihr Phantasten«, rief er endlich aus, »was habt ihr wieder vor!« denn jetzt erkannte er deutlich den langen Lord und den Maler Albert von dem fürstlichen Jagdschloß.

Als die Kämpfenden ihn bemerkten, traten sie, die Spitzen ihrer Degen senkend, jeder feierlich einen Schritt zurück und verneigten sich kurz und ernst voreinander, dann stürzte der erhitzte Lord, der vor Eifer keine Zeit zum Verwundern und Begrüßen hatte, sogleich auf Fortunaten los. »Entscheiden Sie selbst«, rief er, »und ich behaupt‘ es nochmals und tausendmal: es gibt keinen kategorischen Imperativ, die Tugend ist nur der Flügelschlag der primitiven Freiheit der Seele, die Ahnung des geistigen Urstoffs, und dieser endlose Urstoff läßt sich so wenig durch Großmut, Keuschheit definieren, daß -« »Keineswegs!« entgegnete Albert ganz empört, »es gibt ein absolutes Sittengesetz, die Tugend, sie ist kein leerer Schall!« – »Aber, so sagt doch nur, was denn? Was gibt’s denn?« unterbrach sie endlich Fortunat höchst erstaunt und erfuhr nun nach und nach abgebrochen in einzelnen, verworrenen Sätzen von den Heftigen, daß sie beide, in der festen Überzeugung von einer Entführung Juannas durch Lothario, an jenem unglücklichen Abend, sobald die Gräfin vermißt wurde, die Jagd mit dem Schwure verlassen hatten, sie zurückzubringen oder niemals wiederzukehren. Sehr bald, so behaupteten sie, seien sie auch wirklich den Flüchtlingen auf die Spur gekommen, die sie bis zu diesem einsamen Wirtshaus verfolgt hätten. »Und nun, da wir am Ziele sind«, fuhr der Maler fort, »läßt dieser Herr da plötzlich seine großmütige Larve fallen und will die Gräfin als seine eigene Beute entführen. Aber mit diesem Schwerte, das in dem großen Kriegsjahre dreizehn geweiht ist, bewahre ich die Unschuld jener Dame gegen jeden Verführer, er mag ein deutscher Komödiant oder ein englischer Lord sein!« – Und hiermit gingen sie von neuem aufeinander los und führten ihre Schulterquarten und Schlenkerprimen mit einer bewundernswürdigen Künstlichkeit und Pedanterie aus.

Da fuhr auf einmal der dicke Wirt aus der Haustür wütend zwischen die Fechtenden hinein, er hatte einen umgekehrten Tisch über dem Kopfe, wie ein Stier mit vier Hörnern, die schon gezückten Schwerter klatschten flach auf seinen rindsledernen Schlafpelz. »Tausend Parlament«, schrie er, »Schändlichmens, Lordmajors oder Oberstlieutenant, ich frage den Teufel darnach! Ich nehme nicht tausend Pfund Sperling für den Skandal, verjagt mir da mit eurem Geklimper die besten Gäste, ist das ein Ständchen für eine schöne, ausländische Gräfin!« – »Gräfin! ist sie schon fort? Wohin?« unterbrachen ihn hier die Duellanten, ihre Degen rasch einsteckend. – »Ausländisch?« stotterte Albert vor Eifer, »was für eine Sprache redete sie?« – »Wahrhaftig, mir kam’s ganz spanisch vor«, erwiderte der Wirt und schien nun, indem er die beiden geheimnisvoll nach dem Stalle führte, mit ihnen angelegentlich von der Fremden zu sprechen, Fortunat konnte nur noch bemerken, daß der Schalk ihnen eine ganz andere Richtung wies, als die Dame vorhin eingeschlagen hatte. – Als er zurückkam, wollte ihn Fortunat selbst über die Gräfin näher ausfragen. Aber der dicke, schlaue Mann war nicht zu haschen, er sprach von tollen Nächten, Spukgeistern und fahrenden Hexen und brach mit solchem Lärmen den Tag an, daß der Hofhund anschlug und Knechte und Mägde aus allen Winkeln herausfuhren. Mitten in dieser Konfusion hörte Fortunat plötzlich den Lord und den Maler von der andern Seite durch die Dämmerung miteinander disputieren, und ehe er ihnen noch nachrufen konnte, hatten sie in ihren langen, bis an die Knöchel herabhängenden Wachstaftmänteln, aus denen die englischen Pferde ihre dünnen Hälse seltsam hervorstreckten, sich zwischen den fliegenden Morgennebeln schon verloren.

So stand er noch ein Weilchen ganz verwirrt, dann berichtigte auch er schnell seine Zeche, schwang sich auf sein Pferd und schlug den Waldpfad ein, den die geheimnisvolle Erscheinung vor Tagesanbruch genommen. Er ritt den ganzen Morgen fort: aber er fand sie nicht mehr wieder.

Fünfzehntes Kapitel

Fünfzehntes Kapitel

Die Sonne war eben über Rom untergegangen, als Fortunat von den Bergen mit der Abendkühle in die Stadt einzog. Nur ein Streifen des Meeres in der Ferne und das Kreuz der Peterskuppel brannten noch im Widerschein, dazwischen der Klang unzähliger Abendglocken, und Gärten, Paläste und einsames Gebirg unten wunderbar zerworfen – es war ihm, als zöge er in ein prächtiges Märchen hinein. »Ecco là!« rief auf einmal sein Vetturin und hielt still. Sie standen vor einem großen, altmodischen Palast, welcher zum Teil unbewohnt schien und in der Dämmerung melancholisch auf den einsamen Platz herniederschaute, wo hohes Gras aus dem Pflaster drang und ein Springbrunnen einförmig rauschte. Es war das Haus des Marchese A., in welchem befreundete Reisende für Fortunaten die Wohnung besorgt hatten.

Ein alter Diener, mit klugen, kurzen Blicken das geringe Gepäck des genügsamen Reisenden musternd, führte diesen die breiten Marmortreppen hinan, während er in großem Wortschwall die Abwesenheit des Marchese entschuldigte, welcher erst heut vom Lande zurückkehrte und nicht ermangeln werde, den schuldigen Empfang morgen nachzuholen.

Die ersten Stunden in einer großen, unbekannten Stadt gehören zu den einsamsten im Leben, auch Fortunaten überflog das Gefühl, als sei er jetzt in der Fremde. Er verlor sich ganz in den hohen Gemächern und betrachtete, als der Diener sich entfernt hatte, vor Langerweile die Stuckverzierungen an den Decken, die schweren, altmodischen Stühle, die hohen Spiegel mit goldenen Rahmen sowie die umherhängenden Jagdbilder, Kavaliere in seltsamen Trachten vorstellend, halb Ritter, halb Gecken, einen Hirsch mit galanter Reiterkühnheit verfolgend, und junge, schöne Damen in Reifröcken unter einem prächtigen Zelt im Walde, Jagdhörner in den Händen, denen der glückliche Jäger seine Beute zu Füßen legte. – Draußen schien ein großer Garten zu liegen, weit über den Garten her schlugen viele Uhren in der Ferne, es war ihm, als sei er schon gestorben und hörte die Totenglocke über sich.

In diesen Betrachtungen unterbrach ihn das Rasseln eines Wagens, der vor dem Schlosse zu halten schien. Er sah durchs Fenster und konnte bei dem Schein einer Fackel nur noch bemerken, wie eine schlanke Mädchengestalt aus der altmodischen Karosse behende in das Haus schlüpfte. Im andern Flügel des Palastes hörte man nun Türen auf- und zuwerfen, gehen und lachen, dann war plötzlich alles wieder still. – Bald darauf aber vernahm er im Garten einzelne, langgezogene Klänge einer weiblichen Stimme, wie eine Nachtigall, durch das Rauschen der Wipfel, durch welche die Glühwürmer leuchtend hinzogen. Der Mond trat eben hervor und verwandelte alles in Traum. Da öffnete Fortunat alle Flügeltüren, ergriff seine Gitarre und schritt durch die lange Reihe der Gemächer singend auf und nieder.

Es rauschen die Wipfel und schauern;
Als machten zu dieser Stund
Um die halb versunkenen Mauern
Die alten Götter die Rund.
Hier hinter den Myrtenbäumen
In heimlich dämmender Pracht,
Was sprichst du wirr, wie in Träumen,
Zu mir, phantastische Nacht?
Es funkeln auf mich alle Sterne
Mit glühendem Liebesblick,
Es redet trunken die Ferne
Wie von künftigem, großem Glück!

Der schönste Frühlingsmorgen funkelte vor dem Palast über den Garten, da grünte und sang schon alles in der reizenden Verwilderung, in den ausgetrockneten Becken der Wasserkünste jagten sich jubelnd bunte Vögel, üppig blühende Ranken umschlangen mutwillig die Marmorstatüen, als wollte der Frühling sie mit Küssen ersticken. Arglos zwischen den nackten Götterbildern stand Fiametta, die vierzehnjährige Tochter des Marchese, mit ihrer Kammerjungfer Lenore plaudernd, die ihr die schönen, dunklen Haarflechten aufsteckte. Sie war ihr heute ungeduldig entsprungen, beide waren neugierig, ihren Gast, den gestern angekommenen Engländer, zu sehen, wofür sie jeden Reisenden hielten. »Mir träumte heut von ihm«, sagte Fiametta, »er sah aus wie die jungen deutschen Maler mit den langen, blonden Locken und stand in einer unbekannten, prächtigen Gegend, die schimmerte und blitzte, daß ich vor Blendung gar nicht hinsehen konnte. Ich wußt‘ es wohl, es war der Morgen, der schon durch die roten Gardinen schimmerte, aber ich drückte die Augen fest zu -« hier hielt sie ein und lachte in sich. – Lenore sah sie fragend an. – »Nein, nein«, meinte Fiametta leicht errötend, »was er mir da ins Ohr sagte, sag‘ ich nicht wieder – ob er noch jung sein mag?« – Lenore erzählte, daß sie gestern abends noch im Garten gewesen, da habe sie seinen Schatten im Zimmer auf und nieder schwanken gesehen, lang und dünn wie der Perpendikel einer Turmuhr – »Oder einer Spieluhr, denn ich hört‘ es wohl herüberklingen«, fiel ihr Fiametta ins Wort, während sie ihr Füßchen auf den Nacken eines umgestürzten Apollos stellte und sich die zierlichen Schuhe festband. Jetzt sahen sie auf einmal zwischen den Zweigen hindurch den besprochenen Gast selbst, sich streckend und dehnend, aus der Schloßtür treten und verschlüpften, wie Lazerten, schnell zwischen Blumen und Unkraut hinter ein halbverfallenes Gemäuer, wo er vorüber mußte und durch dessen Ritze sie ihn ungesehen betrachten konnten. Lenore fand ihn sehr schön, Fiametta dagegen kritisierte, heimlich flüsternd, sein schlichtes, braunes Haar, seinen dreisten Gang, und seltsamen Anzug. – Als er an die Mauer kam, sagte sie leis: »Ich schreck ihn.« Lenore fuhr abwehrend nach ihrer Hand, aber die kleine Marchesin hatte schon den über die Mauer herüberlangenden Ast eines blühenden Apfelbaumes gefaßt und schüttelte kurz und rasch, daß Fortunat von den Blütenflocken ganz verschneit war; dann liefen sie beide schnell davon.

Fortunat aber war heute längst über alles Verwundern hinaus. Schon beim Erwachen in den hohen Trumeau blickend, der Himmel und Bäume abspiegelte, hatte er geglaubt, so entkleidet mitten im Garten zu liegen und war erschrocken aufgesprungen; da hörte er draußen Lachen und Mädchenstimmen in den schönen fremden Lauten, wie Glöckchen, verlockend durch die morgenfrische Wildnis gehen. So war er die helle, stille Marmortreppe hinabgeeilt, um Rom, den Garten, den jungen Frühling und den alten Marchese zu begrüßen.

Nach allen Seiten fröhlich umschauend, wurde er in einiger Entfernung vor sich einen stattlichen Herrn mit gepudertem Haar, Schnallenschuhen und einen alten, hofmäßigen Kleide gewahr, welcher ein junges Frauenzimmer am Arm führte, während ein Bedienter in verschossener Liverei mit einem Sonnenschirm und in sichtbarer Langeweile ihnen langsam nachschlenderte. Seine Vermutung bestätigte sich bald, es war der alte Marchese A., welcher seinen Gast kaum bemerkt hatte, als er ihn in französischer Sprache sehr feierlich willkommen hieß und ihm in seiner Begleiterin seine Tochter Fiametta vorstellte, die errötend ihre langen schwarzen Augenwimpfern senkte, da sie auf Fortunats Rock noch einige Apfelblüten erblickte. Dann lud er den Fremden ein, an ihrer Morgenpromenade teilzunehmen. Fortunaten war es, da sie nun in künstlicher Verschlingung zierlicher Redensarten an den Buchsbaumwänden durch die langen Alleen mit perspektivischen Aussichten gemessen dahinschritten, als wüchse ihm langsam ein Haarbeutel im Nacken und ein Stahldegen zwischen den Rockschößen heraus, und er ginge immer tiefer und tiefer in jene gute, alte, wunderliche Zeit hinein, wie er sie aus Büchern und Bildern wohl noch kannte. Dazwischen machten ihn die dunklen, funkelnden Augen Fiamettas recht innerlichst vernügt, und so kam er selbst, eh‘ er’s wußte, immer lustiger in die auserlesenste Galanterie, und es störte die Illusion kaum noch, als sich der Marchese zuletzt ganz unerwartet nach einem seiner entfernten Verwandten in Deutschland, dem Grafen Victor von Hohenstein, erkundigte. Fortunat nannte ihn einen homme de lettres, der sein Siècle machte.

Marchese: Er ist aus einem alten Hause.

Fortunat: Bewohnt es aber wenig, sondern ist seit geraumer Zeit auf den Parnaß verzogen, wo er sich seine eigenen Luftschlösser baut.

Marchese: Ein barocker Einfall für einen Kavalier.

Fiametta: Ich möchte einmal einen Dichter sehen.

Fortunat: Ihren Augen, meine Gnädigste, kann das nicht schwer werden, wo der Frühling zaubert, muß selbst der nordische Boreas durch die Blumen sprechen.

Fiametta: Haben Sie auch Blumen in Deutschland?

Fortunat mit galantem Blick: So schöne nicht.

Während dieses Diskurses hatten sie sich wieder bis an den Palast herangeschlungen, man schied mit vielen Verbeugungen am Portal unter großem Geschrei der Sperlinge in den zerbröckelten Säulenknäufen. Fortunaten war es, als hätt‘ er in aller Frühe eine Menuett getanzt, im Garten aber sangen die Vögel und rauschten die Bäume wieder, als sprächen sie noch immer von den funkelnden Augen der schönen Marchesin.