Sagen

Nausikaa



Nausikaa

Während Odysseus von Anstrengung und Schlaf überwältigt im Walde lag, war seine Beschützerin Athene liebreich für ihn bedacht. Sie eilte in das Gebiet der Phäaken, auf dem er angekommen war, welche die Insel Scheria bewohnten und hier eine wohlgebaute Stadt gegründet hatten. Dort herrschte ein weiser König, mit Namen Alkinoos, und in seinen Palast begab sich die Göttin. Sie suchte hier das Schlafgemach Nausikaas auf, der jungfräulichen Tochter des Königes, die an Schönheit und Anmut einer Unsterblichen ähnlich war. Diese schlief, von zwei Mägden, die ihre Bettstellen an der Pforte hatten, bewacht, in einer hohen, lichten Kammer. Athene nahte sich dem Lager der Jungfrau leise wie ein Lüftchen, trat ihr zu Häupten, und in eine Gespielin verwandelt, sprach sie zu ihr im Traume: »Ei du träges Mädchen, wie wird dich die Mutter schelten! Hast du doch gar nicht für deine schönen Gewande gesorgt, die ungewaschen im Schranke liegen! Wenn nun einmal deine Vermählung herankommt und du etwas Schönes für dich selbst brauchst und für die Jünglinge, die deine Brautführer sein werden! Wie soll es dann werden? Schmucke Kleider empfehlen jedermann, und auch deine lieben Eltern haben an nichts eine größere Freude! Auf, erhebe dich mit der Morgenröte, sie zu waschen; ich will dich begleiten und dir helfen, damit du geschwinder fertig wirst. Du bleibst doch nicht lange mehr unvermählt; werben doch schon lange die Edelsten unter dem Volke um die schöne Königstochter!«

Der Traum verließ das Mädchen; eilig erhob sie sich vom Lager und suchte die Eltern in ihrer Kammer auf. Diese waren bereits aufgestanden; die Mutter saß am Herde mit Dienerinnen und spann purpurne Seide, der König aber begegnete ihr unter der Pforte; er hatte schon einen Rat der angesehensten Phäaken bestellt und wollte sich eben in denselben verfügen. Da faßte ihn die ihm entgegenkommende Tochter bei der Hand und sprach schmeichelnd: »Väterchen, willst du mir nicht einen Lastwagen anspannen lassen, damit ich meine kostbaren Gewande zur Wäsche nach dem Flusse fahren kann? Sie liegen mir so schmutzig umher. Auch dir ziemt es, in reinen Kleidern im Rate dazusitzen. So wollen auch deine fünf Söhne, von welchen drei noch unvermählt sind, beständig in frischgewaschener Kleidung umhergehen und fein schmuck beim Reigentanz erscheinen. Und am Ende liegt doch alles auf mir!«

So sprach die Jungfrau; daß sie aber an die eigene Vermählung dabei denke, das mochte die Blöde sich und dem Vater nicht gestehen. Dieser aber merkte es doch und sprach: »Geh, mein Kind, ein geräumiger Korbwagen und Maultiere sollen dir nicht versagt sein; befiehl den Knechten nur, anzuspannen!« Nun trug die Jungfrau die feinen Gewande aus der Kammer und belud den Wagen; die Mutter fügte Wein in einem Schlauche, Brot und Gemüse hinzu, und als sich Nausikaa in den Wagensitz geschwungen, gab sie ihr noch die Ölflasche mit, sich zugleich mit den dienenden Jungfrauen zu baden und zu salben. Die Jungfrau war eine geschickte Wagenlenkerin, sie ergriff selbst Zaum und Geißel und lenkte die Tiere mit den Dienerinnen dem anmutigen Ufer des Flusses zu. Hier lösten sie das Gespann, ließen die Maultiere im üppigen Grase weiden und trugen die Gewande am Waschplatz in die geräumigen Behälter, die zu diesem Behufe gegraben waren. Dann wurde von den emsigen Mädchen die Wäsche mit den Füßen gestampft, gewaschen und gewalkt, und endlich wurden alle Kleider der Ordnung nach am Meeresufer ausgebreitet, wo reingespülte Kiesel eine Steinbank bildeten. Alsdann erfrischten sich die Mädchen selbst im Bade, und nachdem sie sich mit duftigem Öle gesalbt, verzehrten sie das mitgebrachte Mahl fröhlich am grünen Ufer und harrten, bis ihre Wäsche an den Sonnenstrahlen getrocknet wäre.

Nach dem Frühstücke erlustigten sich die Jungfrauen mit Tanz und Ballspiel auf der Wiese, nachdem sie ihre Schleier und was von Kleidern sie hindern konnte, abgelegt. Nausikaa selbst stimmte zuerst den Gesang dazu an, an hohem Haupt und edlem Angesichte vor allen den reizenden Mädchen hervorragend. Die Jungfrauen taten ihr alle nach, und ihre Fröhlichkeit war groß. Wie nun die Königstochter einmal den Ball nach einer Gespielin warf, da lenkte ihn die unsichtbar gegenwärtige Göttin Athene so, daß er in die Tiefe des Flußstrudels fallen mußte und das Mädchen verfehlte. Darüber kreischten die Spielenden alle auf, und Odysseus, dessen Lager in der Nähe unter den Olivenbäumen war, erwachte. Horchend richtete er sich auf und sprach zu sich selber: ›In welcher Menschen Gebiet bin ich gekommen? Bin ich unter wilde Räuberhorden geraten? Doch deucht mir, ich hörte lustige Mädchenstimmen, wie von Berg- oder Quellennymphen! Da bin ich doch wohl in der Nähe von gesitteten Menschenkindern!‹

So sprach er zu sich, und indem er mit der nervichten Rechten aus dem verwachsenen Gehölz einen dichtbelaubten Zweig abbrach und sein Blöße damit bedeckte, tauchte er aus dem Dickicht hervor, und von der Not gedrängt, erschien er wie ein wilder Berglöwe unter den zarten Jungfrauen. Er war von dem Meeresschlamm noch ganz entstellt: die Mädchen meinten ein Seeungeheuer zu sehen und flüchteten sich, die einen da-, die andern dorthin, auf die hohen waldigen Anhöhen des Gestades. Nur die Tochter des Alkinoos blieb stehen; Athene hatte ihr Mut ins Herz eingeflößt, und sie stand gegen den Fremdling gekehrt. Odysseus besann sich, ob er die Knie der Jungfrau umfassen oder aus ehrerbietiger Ferne sie anflehen sollte, ihm ein Kleid zu schenken und den Weg nach Menschenwohnungen zu zeigen. Er hielt das letztere für ziemlicher und rief ihr daher von weitem zu: »Seiest du eine Göttin oder eine Jungfrau, schutzflehend nahe ich mich dir! Bist du eine Göttin, so achte ich dich Artemis gleich an Gestalt und Schönheit; bist du eine Sterbliche, so preise ich deine Eltern und deine Brüder selig! Das Herz muß ihnen im Leibe beben über deine Schönheit, wenn sie sehen, wie solch ein herrlich Geschöpf zum Reigentanz einherschreitet. Und wie hochbeglückt ist der, der dich als Braut nach Hause führt! Mich aber sieh du gnädig an, denn ich bin in unaussprechlichen Jammer gestürzt. Gestern sind es zwanzig Tage, daß ich von der Insel Ogygia abgefahren bin; vom Sturm ergriffen, wurde ich auf dem Meer umhergeworfen und endlich als Schiffbrüchiger an diese Küste geschleudert, die ich nicht kenne, wo mich niemand kennt. Erbarme dich mein; gib mir eine Bedeckung für meinen Leib, zeige mir die Stadt, wo du wohnest. Mögen dir die Götter dafür geben, was dein Herz begehrt, einen Gatten, ein Haus, und Frieden und Eintracht dazu!«

Nausikaa erwiderte auf diese Anrede: »Fremdling, du scheinst mir kein schlechter und kein törichter Mann zu sein. Da du dich an mich und mein Land gewendet hast, soll es dir weder an Kleidung noch an sonst etwas mangeln, was der Schutzflehende erwarten kann. Ich will dir auch die Stadt zeigen und den Namen unseres Volkes sagen. Phäaken sind es, die diese Felder und dieses Reich bewohnen; ich selbst bin die Tochter des hohen Königes Alkinoos.« So sprach sie und rief die dienenden Mädchen, indem sie ihnen Mut einflößte und wegen des Fremdlings sie zu beruhigen suchte. Die Mägde aber standen und ermahnten eine die andere, hinzutreten. Endlich gehorchten sie der Fürstin, und nachdem sich Odysseus an einem versteckten Orte des Ufers gebadet, legten sie ihm Mantel und Leibrock, die sie aus den Gewanden hervorsuchten, zur Bedeckung in das Gebüsch. Als der Held sich den Schmutz vom Leibe gewaschen und sich gesalbt hatte, zog er die Kleider an, die ihm die Fürstentochter geschenkt hatte und die ihm wohl zu Leibe saßen. Dazu machte seine Beschützerin Athene, daß er schöner und voller von Gestalt anzuschauen war; von dem Scheitel goß sie ihm schön geringeltes Haar, und Haupt und Schultern glänzten von Anmut. So in Schönheit strahlend, trat er aus dem Ufergebüsch und setzte sich seitwärts von den Jungfrauen.

Nausikaa betrachtete die herrliche Gestalt mit Staunen und begann zu ihren Begleiterinnen: »Diesen Mann verfolgen gewiß nicht alle Götter. Einer von ihnen muß mit ihm sein und hat ihn jetzt in das Land der Phäaken gebracht. Wie unansehnlich erschien er anfangs, als wir ihn zuerst erblickten, und jetzt wahrhaftig gleicht er den Bewohnern des Himmels selbst! Wohnte doch ein solcher Mann unter unserem Volke und wäre ein solcher mir zum Gemahl vom Geschick erkoren! Aber auf, ihr Mädchen, stärket mir den Fremdling auch mit Trank und Speise!«

Dies geschah, Odysseus aß und trank und labte sich an der lang entbehrten Nahrung.

Hierauf wurde der Wagen mit den gewaschenen und getrockneten Gewanden wieder bedeckt, die Maultiere vorgespannt, und Nausikaa nahm auf dem Wagensitz ihren Platz ein. Den Fremdling aber hieß sie zu Fuße mit den Dienerinnen hinter dem Wagen folgen. »Dies tue«, sprach sie freundlich zu ihm, »solang es durch Wiesen und Äcker geht; bald aber wirst du die Stadt gewahr werden; eine hohe Mauer umschließt sie, ihre beiden Seiten – denn sie liegt ganz am Meere – schließt ein trefflicher Hafen mit schmalem Zugange ein. Dort ist auch ihr Marktplatz und ein herrlicher Tempel des Meeresgottes Poseidon, wo Seile, Segeltücher, Ruder und andere Schiffsgeräte bereitet und verkauft werden. Denn mit Köcher und Bogen machen sich unsere Phäaken nicht viel zu schaffen, aber tüchtige Seeleute, das sind sie! Wenn wir nun in der Nähe der Stadt sind, dann, guter Fremdling, vermeide ich gerne das lose Geschwätz der Leute, denn dieses Volk ist übermütig; da könnte wohl ein Bauer, der uns begegnet, sagen: ›Was folgt doch der Nausikaa für ein schöner, großer Fremdling? Wo fand sie wohl den auf? Er wird sicherlich ihr Gemahl!‹ Das wäre mir ein herber Schimpf. Gefiele es mir doch an einer Freundin nicht, wenn sie sich, ohne Wissen der Eltern, zu einem Fremden gesellte, vor der öffentlichen Vermählung. Drum, wenn du an ein Pappelgehölz kommst, das der Athene heilig ist und aus dem ein Quell entspringt, der sich durch die Wiese schlängelt, kaum einen Heroldsruf von der Stadt entfernt, dort verweile ein wenig; nur so lange, bis du annehmen kannst, daß wir in der Stadt angekommen sind; dann folg uns nach, du wirst den herrlichen Palast meines Vaters leicht aus den andern Häusern herauskennen. Dort umfasse die Knie meiner Mutter; denn wenn sie dir wohl ist, so darfst du sicher sein, deiner Väter Heimat wieder zu schauen!« So sprach Nausikaa und fuhr auf dem Wagen dahin, doch langsam, daß die Mägde und Odysseus folgen konnten. Am Hain Athenes blieb dann der Held zurück und betete flehend zu Athene, seiner Beschirmerin. Athene hörte ihn auch, nur fürchtete sie die Nähe ihres Bruders Poseidon und erschien ihm deswegen nicht öffentlich in dem fremden Lande.

Neoptolemos



Neoptolemos

Während dies vor Troja geschah, kamen die Gesandten der Griechen, Diomedes und Odysseus, glücklich auf der Insel Skyros an. Hier trafen sie den jungen Sohn des Achill, Pyrrhos, der später von den Griechen Neoptolemos, das heißt Jungkrieger, genannt wurde, vor dem Hause des Großvaters, wie er sich abwechselnd im Pfeilschießen und Speerschleudern übte, dann auch wieder zu Wagen schnelle Rosse tummelte. Sie sahen ihm eine Weile mit Wohlgefallen zu und lasen mit inniger Teilnahme auf seinem Antlitz zugleich die Spuren der Trauer: denn der Tod des Vaters war dem Jüngling schon bekannt. Als sie näher traten, mußten sie staunen, denn der Jüngling war an schöner und hoher Gestalt ganz und gar seinem Vater ähnlich. Pyrrhos kam ihnen mit seinem Gruße zuvor: »Seid mir von Herzen willkommen, Fremdlinge«, sprach er. »Wer seid ihr und woher kommt ihr? Was wollt ihr von mir?« Darauf erwiderte ihm Odysseus: »Wir sind Freunde deines Vaters Achill und zweifeln nicht, daß wir zu seinem Sohne sprechen; so ganz ähnlich bist du ihm von Gestalt und Antlitz. Ich selbst bin Odysseus aus Ithaka, der Sohn des Laërtes, mein Genosse aber ist Diomedes, der Sohn des unsterblichen Tydeus. Wir kommen, der Weissagung unsers Sehers Kalchas gehorsam, dich auf den Kampfplatz von Troja zu holen, damit wir den Krieg glücklich beendigen können. Die Söhne der Griechen werden dir herrliche Gaben verleihen, ich selbst will dir die unsterblichen Waffen deines Vaters, die mir zugesprochen worden sind, abtreten.«

Freudig antwortete ihm Pyrrhos: »Wenn die Achajer mich rufen, der Stimme eines Gottes gehorsam, so laßt uns nur gleich morgen in die See stechen. Jetzt aber kommt mit mir in den Palast meines Großvaters und zu seinem gastlichen Tische!« In dem Königshause angelangt, fanden sie die Witwe des Achill, Deïdameia, noch in tiefer Herzensbetrübnis, dahinschmelzend in Tränen. Der Sohn trat zu ihr und meldete die Fremden, verbarg ihr aber bis zum andern Morgen den Grund der Ankunft, um sie nicht noch mehr zu bekümmern. Die Helden wurden satt und ergaben sich getrost dem Schlummer. Aber Deïdameia schloß ihre Augen nicht zum Schlafe. Ihr kam nicht aus dem Sinne, wie dieselben Helden, die sie jetzt unter ihrem Dache beherbergen mußte, es verschuldet hatten, daß sie jetzt ihren Gemahl als Witwe beweinte, indem sie ihm sein kampflustiges Herz beredeten, hinauszuziehen in den Krieg. Und nun ahnete ihr, daß auch ihr Sohn in denselben Sturm würde hinausgerissen werden. Deswegen erhob sie sich mit dem frühesten Morgenlichte, warf sich dem Sohn an die mächtig gewölbte Brust und erfüllte die Luft mit Wehklage. »O mein Kind«, rief sie, »ich weiß es, auch ohne daß du es mir gestehest: du willst mit den Fremden nach Troja, dem Sitze der Tränen, ziehen, wo so viele Helden und auch dein Vater untergegangen sind! Nun bist du aber so jung und aller Kriegswerke noch so unkundig! Darum höre auf mich, deine Mutter, und bleibe zu Hause bei mir, damit nicht auch noch die Unheilskunde an mein Ohr schlage, daß mein Sohn in der Feldschlacht gefallen sei wie sein Vater!« Aber Pyrrhos erwiderte: »Mutter, laß doch die Unglücksworte sein! Kein Mann im Kriege fällt wider des Schicksals Willen. Soll mein Los der Tod sein – nun, was könnte ich Besseres tun, als wert meiner Abstammung, für die Griechen sterben?«

Da stand auch Lykomedes, sein Großvater, aus dem Ruhesessel auf, in welchem er zu schlummern schien, trat vor den Enkel und sprach: »Starkmütiges Kind, wohl sehe ich, daß du deinem Vater ganz gleich bist. Aber wenn du auch glücklich von Troja heimkehrst, wer weiß, ob nicht auf dem Heimwege das Verderben noch auf dich lauert; denn die Seefahrt ist doch ein gefährlich Ding!« So sagte er und küßte den Enkel, doch ohne ihn von dem Wege abzuhalten. Jener aber, dem ein holdes Lächeln sein junges Heldenangesicht verklärte, riß sich aus den Umarmungen der weinenden Mutter los und ließ Vaterpalast und Heimat hinter sich. Wie ihn die rüstigen Glieder so hintrugen, glänzte er hell wie ein Gestirn des Himmels. Ihm folgten die beiden Griechenhelden und zwanzig entschlossene Männer, lauter vertraute Diener Deïdameias, und alle schifften sich am Strande der Insel ein.

Poseidon gab ihnen günstige Fahrt, und nicht lange, so lagen vor ihnen im Morgenlicht die Höhen des Idagebirges, Chrysa die Stadt, das Vorgebirge Sigeion, dann das Grab des Achill. Odysseus sagte jedoch seinem Sohne nicht, wessen der Grabhügel sei, sondern schweigend fuhren sie an dem Eilande Tenedos vorüber und weiter, bis in die Nähe von Troja. Sie kamen an den Strand, als gerade der Kampf gegen Eurypylos bei der Mauer, welche das Bollwerk der Schiffe bildete, am heftigsten war, und jetzt hätte sie der Mysier niedergerissen, wäre nicht der eben landende Diomedes über das Fahrzeug an den Strand gesprungen und hätte die Schar aus dem Schiffe mit mutigem Rufe nach sich gezogen.

Ohne Verzug eilten sie nach dem Zelte des Odysseus, das dem Strande zunächst stand und wo sich teils dessen eigene Waffen, teils viele erbeutete Rüstungen befanden. Von diesen wählte sich der eine die, der andere jene aus. Neoptolemos aber – so dürfen wir ihn von jetzt an heißen – hüllte sich in die Waffen seines Vaters Achill, welche den andern allen zu groß waren; ihn selbst aber drückte weder der Panzer noch der Helm; Speer, Schwert und Schild schwang er mit Leichtigkeit, und in allem ähnlich seinem Vater, stürzte er in den hitzigsten Kampf hinaus und alle mit ihm gelandeten Helden ihm nach. Jetzt erst begannen die Trojaner wieder von der Mauer zu weichen und drängten sich, von allen Seiten bestürmt und beschossen, um den Sohn des Telephos zusammen, wie furchtsam Kinder bei dem Rollen des Donners zu ihrem Vater fliehen. Aber jedes Geschoß, das aus der Hand des Neoptolemos flog, sandte den Tod auf die Häupter der Feinde, und die verzweifelnden Trojaner glaubten den riesigen Achill selbst in seiner Rüstung vor sich zu sehen. Sein Geist ruhte auf ihm; auch focht er unter dem Schirm der Göttin Athene, der Freundin seines Vaters; und wie Schneeflocken den Felsen umfliegen, so flatterten die Geschosse um ihn her, ohne ihm die Haut zu ritzen. Ein Schlachtopfer um das andere brachte er dem gefallenen Vater dar. Zwei Söhne des reichen Meges, Zwillingsbrüder, raffte, wie eine Stunde sie geboren, so jetzt eine Stunde dahin, denn den einen traf Neoptolemos mit dem Speere in das Herz, den andern an das Haupt mit einem mächtigen Steine, so daß der schwere Helm zertrümmert wurde und im Schädel das Gehirn sich mischte. Noch unzählige andere Feinde fielen rings um sie her, bis endlich gegen Abend Eurypylos und das feindliche Heer den Rückzug vor dem Sohne des Achill antraten.

Als Neoptolemos nun vom Kampfe ruhete, kam auch der greise Held Phönix, der Freund seines Großvaters Peleus und der Erzieher seines Vaters Achill, auf den jungen Helden zu und betrachtete voll Verwunderung die Ähnlichkeit mit dem Peliden. Schmerz und Freude bestürmten ihn zugleich: jener bei der Erinnerung an den Tod seines Pflegesohnes, diese, weil er dessen kräftigen Sprößling vor sich sah. Ein Tränenstrom quoll aus den Augen des Greises, er umarmte den herrlichen Jüngling, küßte ihm Haupt und Brust und rief: »O Sohn, mir ist, als wandle dein Vater, um den ich mich täglich abhärme, wieder lebendig unter uns! Doch stille! es darf der Gram um den Vater dir jetzo den Mut nicht schwächen; vielmehr sollst du, das Herz voll Zornes, den Griechen zu Hilfe kommen und den grimmigen Sohn des Telephos töten, der uns soviel Schaden getan. Übertriffst du ihn doch an Kraft so weit, als dein Vater seinen Vater übertraf!« Bescheiden erwiderte darauf der Jüngling: »Wer der Tapferste sei, werden erst Feldschlacht und Schicksal entscheiden, o Greis!« Mit diesen Worten wandte er sich nach den Schiffen und dem Lager zurück, denn die Nacht war eingebrochen, und die Helden kehrten um vom Streite nach ihren Zelten.

Bei Tagesanbruch begann der Kampf aufs neue. Lanze mit Lanze, Schwert mit Schwert kreuzte sich, und ein Mann drang auf den andern ein. Lange war das Gefecht unentschieden, und auf beiden Seiten mordeten und fielen die Helden. Dem Eurypylos ward ein Freund erschlagen; darüber verdoppelte sich seine Wut, und er warf die Achajer nieder, wie man Bäume in dichten Waldungen zu Haufen fällt, so daß die Stämme zerrissene Schluchten anfüllen. Endlich aber trat ihm Neoptolemos entgegen, und beide schüttelten ihre mächtigen Lanzen in der Rechten. »Wer bist du, Jüngling, woher bist du gekommen, mich zu bekämpfen?« rief zuerst Eurypylos seinem Gegner zu, »fürwahr, dich reißt dein Geschick zur Unterwelt hinab!« Neoptolemos erwiderte: »Warum willst du meine Abstammung wissen wie ein Freund, da du doch ein Feind bist? So wisse denn, ich bin der Sohn des Achill, der einst deinen Vater verwundete; die Rosse meines Wagens sind die windschnellen Kinder der Harpyien und des Zephyros, die selbst über das Meer dahinrennen; die Lanze, vom Scheitel des hohen Berges Pelion stammend, ist die Lanze meines Vaters; die sollst du jetzt erproben!« So sprach der Held, sprang vom Wagen und schüttelte den Speer. Von der andern Seite hob Eurypylos einen gewaltigen Stein vom Boden auf und warf ihn nach dem goldenen Schilde seines Feindes; doch der Schild erzitterte nicht einmal. Wie zwei Raubtiere drangen beide jetzt aufeinander ein, und rechts und links von ihnen wogte die Feldschlacht in langen Reihen. Jene aber zerstießen einander die Schilde und trafen bald die Schienen, bald die Helme; ihre Kraft wuchs mit dem Kampfe, denn beide stammten von Unsterblichen ab. Endlich gelang es der Lanze des Neoptolemos, den Weg in die Kehle des Gegners zu finden: ein purpurner Blutstrom drang aus der Wunde, und einem entwurzelten Baume gleich stürzte Eurypylos entseelt zu Boden.

Nach seinem Falle hätten sich die Trojaner vor Neoptolemos wie Kälber vor dem Löwen hinter ihre Mauer geflüchtet, wenn nicht Ares, der schreckliche Kriegsgott selber, der den Trojanern Beistand verleihen wollte, unbemerkt von den andern Göttern, den Olymp verlassen und mit seinen feuerschnaubenden Rossen den Kriegswagen mitten ins Schlachtgetümmel hineingetrieben hätte. Hier schwang er seinen mächtigen Speer und ermahnte die Troer mit lautem Zurufe, den Feind zu bestehen. Diese staunten, als sie die göttliche Stimme hörten; denn den Gott selbst, den ein Nebel unsichtbar machte, sahen sie nicht. Der Sohn des Priamos, der gepriesene Seher Helenos, war der erste, dessen Scharfsinn den Gott erkannte und der seinen Leuten zurief. »Bebet nicht! Euer Freund, der mächtige Kriegsgott, ist selbst mitten unter euch: habt ihr den Ruf des Ares nicht vernommen?« Jetzt hielten die Trojaner wieder stand, und das Gemetzel begann auf beiden Seiten von neuem. Ares hauchte den Trojanern gewaltigen Mut ein, und zuletzt wankten die Reihen der Griechen. Nur den Neoptolemos vermochte er nicht zu schrecken; dieser kämpfte mutig fort und erschlug jetzt diesen, jetzt jenen im Streite. Der Gott zürnte über seine Kühnheit, und schon war er im Begriffe, die Wolke, die ihn umgab, zerreißend, dem jungen Helden sichtbar im Kampfe entgegenzutreten, als Athene, die Freundin der Griechen, vom Olymp herunter auf das Schlachtfeld eilte. Die Erde und die Wellen des Xanthos erbebten vor ihrer Ankunft, leuchtende Blitze flogen um ihre Waffen, die Schlangen auf ihrem Gorgonenschilde hauchten Feuer. Und während die Sohlen der Göttin auf dem Boden standen, berührte ihr Helm die Wolken; sterblichen Blicken jedoch blieb sie verborgen. Und jetzt hätte sich ein Zweikampf zwischen den Göttern erhoben, wenn nicht Zeus mit einem warnenden Donnerschlage sie geschreckt hätte. Beide erkannten den Willen des Vaters; Ares zog sich nach Thrakien zurück, Athene wandte sich nach Athen; das Schlachtfeld war den Sterblichen wieder überlassen, und jetzt wich die Stärke von den Trojanern: sie flohen in ihre Stadt zurück, und die Griechen drängten ihnen nach. Von den Mauern herab verteidigten jene tapfer ihre Stadt; dennoch hätten die Danaer die Tore erbrochen, wenn nicht Zeus, der den Willen des Schicksals kannte, die Stadt in Gewölk eingehüllt hätte. Da riet der weise Nestor den Griechen, sich zurückzuziehen, um ihre Toten zu bestatten und vom Kampf auszuruhen.

Am folgenden Tage sahen die Danaer mit Staunen die Burg von Troja wieder unumwölkt in den blauen Morgenhimmel steigen und erkannten in dem Nebel des gestrigen Abends das Wunder des Göttervaters. An diesem Tag herrschte Waffenruhe. Die Trojaner benutzten dieselbe, um den Mysier Eurypylos feierlich zu bestatten. Neoptolemos aber besuchte das hohe Grab seines Vaters, küßte die zierliche Säule, die sich darüber erhob, und sprach unter Seufzern und Tränen der Wehmut: »Auch unter den Toten sei mir gegrüßt, mein Vater; denn nie werde ich dein vergessen! O daß ich dich lebend bei den Griechen gefunden hätte! So aber hast du dein Kind nie gesehen und ich den Vater nicht, sosehr ich mich im Herzen nach dir gesehnt habe! Doch noch lebest du in mir und lebst in deinem Speere; beide jagen in der Feldschlacht den Feinden Schrecken ein, und die Danaer sehen mich mit freudigen Blicken an und sagen, ich gleiche dir, Vater, an Gestalt und Taten!«

So sprach er weinend und kehrte zu den Schiffen zurück. Den ganzen nächstfolgenden Tag wütete der Kampf wieder um die Mauern von Troja; doch gelang es den Griechen nicht, in die Stadt einzudringen, und an den Ufern des Skamander, wo Neoptolemos nicht war, fielen die Danaer sogar in Scharen darnieder. Dort hatte der mutige Sohn des Priamos, Deïphobos, einen glücklichen Ausfall gewagt und bedrängte die Belagerer. Auf die Nachricht davon hieß Neoptolemos seinen Wagenlenker Automedon die unsterblichen Rosse dorthin treiben. Staunend sah ihn der trojanische Königssohn nahen. Das Herz schwankte ihm zwischen dem Entschlusse zu fliehen oder dem entsetzlichen Helden entgegenzutreten. Neoptolemos aber rief ihm schon von weitem zu: »Sohn des Priamos, wie wütest du gegen die zitternden Danaer! Kein Wunder, wenn du dich für den tapfersten Helden der Erde hältst. Wohlan denn, so versuch es auch mit mir!« So rief er und stürmte auf ihn zu wie ein Löwe, und gewiß hätte er ihn mitsamt dem Wagenlenker darniedergestreckt, wenn nicht Apollo, in dunkles Gewölke gehüllt, aus dem Olymp herniedergeeilt wäre und den Gefährdeten zur Stadt entrückt hätte, wohin auch die übrigen Trojaner ihm nachflohen. Als Neoptolemos in die leere Luft mit dem Speere stieß, schrie er voll Unmuts: »Hund, du bist mir entgangen; doch nicht deine Tapferkeit half dir, sondern ein Gott hat dich mir gestohlen!« Dann warfen sich wieder in den Kampf. Aber Apollo, der in den Mauern Trojas war, schirmte die Stadt. Da ermahnte der Seher Kalchas die Danaer, zu den Schiffen zurückzuweichen und sich für eine Weile dem mühseligen Kampfe zu entziehen. Dort sprach er: »Es ist vergeblich, ihr Freunde, daß wir uns im Streite gegen diese Stadt abmühen, wenn nicht auch der andere Teil der Weissagung, welche ich euch mitgeteilt habe, in Erfüllung geht und Philoktet mit seinen unwiderstehlichen Pfeilen von Lemnos herbeigeschafft wird.« Sofort wurde beschlossen, den klugen Odysseus und den tapfren Jüngling Neoptolemos nach Lemnos abzusenden, und diese gingen ohne Säumen zu Schiffe.

Neue Schlacht. Kamilla fällt



Neue Schlacht. Kamilla fällt

Die Versammlung stäubte auseinander, aus der ganzen Stadt warf sich alles in Hast auf die Mauern. Die Stadttore wurden mit Gräben verschanzt, Steine wurden aufgehäuft, Palisaden in den Boden gerammelt, das Schlachthorn schmetterte; Mütter und Männer stellten sich in bunten Reihen auf den Mauerkranz. Auf einem hohen Wagen fuhr die Königin Amata und an ihrer Seite ihre Tochter Lavinia, die Ursache so vielen Leides, ihre reizenden Augen auf den Boden gesenkt, durch den Schwarm der Frauen nach der Burg der Stadt, um dort im Tempel der Minerva Gebet und Opfer darzubringen.

Turnus selbst gürtete sich eilig zum Kampfe. Bald starrte er im schuppigen Erzharnisch, legte sich die Goldschienen an die Beine und schnallte sich das Schwert an die Seite. Dann setzte er sich den goldenen Helm aufs Haupt und eilte, funkelnd vom Kopfe bis auf die Sohlen und frohlockend in Siegeshoffnung, von der Königsburg hinab. Unter dem Tore begegnete ihm Kamilla, hinter sich den Zug ihrer Volsker. Als sie den Helden erblickte, sprang die jungfräuliche Königin vom Rosse, und ihr folgte das ganze Geschwader. Dann sprach sie zu dem Rutulerfürsten: »Turnus, wenn anders ein Starker mit Recht auf sich selbst vertraut, so gelobe ich heute, die Schar des Äneas zu bestehen und mich allein mit meinen volskischen Reitern ihm entgegenzuwerfen.«

Solch Anerbieten war dem Helden willkommen. »Dieser Mut«, erwiderte er, »erhebt dich, o Jungfrau, hoch über dein Geschlecht und in den Rat der Männer. Von nun an sollst du die ganze Kriegsarbeit mit mir teilen. Meine Späher melden mir, daß Äneas seine leichten Reitergeschwader vorausgesandt hat; er selbst mit dem schweren Heerhaufen schreitet über den Bergrücken auf die Stadt zu. Dort will ich ihm in einem waldumwachsenen Hohlweg einen Hinterhalt bereiten und beide Schlünde des engen Pfades mit Kriegern besetzen. Du dagegen sollst die etruskischen Reiter mit deiner Reiterei empfangen, und ich gebe dir den Helden Messapus mit den latinischen Geschwadern bei. Die Oberfeldherrnschaft aber sei dir selbst anvertraut, unvergleichliche Jungfrau!«

Nach diesen Anordnungen ging Turnus seinen eigenen Weg. Durch ein enges Tal mit vielen Krümmungen, das von beiden Seiten eine schwarze Bergwand voll Waldes begrenzte, führte ein schmaler Fußpfad. Drüberhin, zuoberst auf dem Bergesgipfel, lag zwischen Wäldern verborgen ein ebenes Feld, wo sich ein sicherer Hinterhalt aufstellen ließ und von wo aus man rechts oder links angreifen oder aber von der Höhe herab Steine ins Tal herniederwälzen konnte. Dorthin zog Turnus mit seinen Scharen und lagerte sich auf der Höhe und in den Wälderschluchten.

Während dieses geschah, rückten die Trojaner und ihre etruskischen Bundesgenossen mit den Reitergeschwadern immer näher an die Mauern. Die Rosse brausten durch die Ebene, eine eiserne Saat von Spießen starrte, und die Felder schienen von den erhobenen Waffen zu brennen. Gegenüber erschienen die Latiner, Messapus mit seinem Bruder Koras an der Spitze, und die Reiterei der Volsker, von Kamilla angeführt. Als die Heere einander auf Speerwurfs Weite nahegekommen waren, standen sie einen Augenblick still und brachen dann plötzlich mit Geschrei hervor, ermunterten ihre Rosse, und von allen Seiten flogen Geschosse wie Schneeflocken, so daß die Luft ganz verdunkelt wurde. Sobald die feindlichen Scharen Speer gegen Speer miteinander kriegten, fing die Schlachtordnung der Latiner zu wanken an; sie warfen bald die Schilde auf den Rücken und lenkten ihre Rosse nach der Stadt hin. Aber ihre Flucht war nur verstellt; sowie sie bei den Mauern angekommen waren, drehten sie sich wieder und warfen sich, wie die Ebbe, die in die Flut umschlägt, mit erneutem Feldgeschrei auf die verfolgenden Etrusker, die nun ihrerseits wieder zurückwichen. So ging es zweimal, und erst das drittemal wurde das Treffen zur stehenden Schlacht, wo alle sich untereinandermengten und Mann sich Mann zum Kampfe auswählte. Jetzt erscholl bald ein Geächze von Sterbenden; Waffen und Leichen wälzten sich im Blutstrome, halblebende Rosse lagen unter Leichnamen vermischt, und andere bäumten sich über ihren abgeworfenen Reitern.

Mitten im Morden frohlockte, einer Amazone gleich gekleidet und aufgeschürzt, die Volskerin Kamilla, sandte bald Pfeile vom Bogen, bald schlanke Lanzen mit der Hand, bald griff sie zur Streitaxt, und auf ihrer Schulter schallte klirrend ihr goldener Köcher. Wenn sie auch einmal mit ihrem Rosse umlenkte und weichend über den Plan hinflog, so wendete sie doch noch den Bogen rückwärts und schickte im Fliehen einen Pfeil ab. Ein auserlesenes Gefolge von tapfern Jungfrauen umgab sie, Larina, Tulla und Tarpeja, welche sie sich selbst zur Gesellschaft auserkoren hatte und die in Krieg und Frieden ihre treuen Begleiterinnen waren. Eine Menge Phrygier stürzten unter ihren Würfen und Streichen. Endlich begegnete ihr im Kampfe auch einer der tapfersten Apenninenbewohner, als sie eben dem kühnen Orsilochus durch den Helm das Haupt gespalten hatte, der streitbare Sohn des Aunus, ein Ligurier. Der Anblick der furchtbaren Frau schreckte ihn, und als er sah, daß es ihm nicht mehr möglich war, dem Kampfe zu entrinnen und die ihn bedrängende Feindin abzulenken, sann er auf eine neue List und rief: »Was ist es denn so ein Großes, wenn ein Weib sich einem tapfern Rosse anvertraut! Entsag einmal dem flüchtigen Umherschweifen, steige von deinem Pferde und versuche den Kampf mit mir auf ebenem Boden; dann wollen wir sehen, ob dein windiges Prahlen standhält!« Diese Worte waren ein Stachel in das Herz der Jungfrau, sie übergab ihrer nächsten Gefährtin das Pferd und stellte sich dem Jünglinge, nur mit Schwert und Schild bewaffnet, zum gleichen Fußkampfe. Der Jüngling aber glaubte seinen Betrug gelungen; ohne abzusteigen gab er seinem Pferde die Sporen und ergriff mit umgewandtem Zügel die Flucht. »Betrüger!« rief die Heldin, als sie ihn fliehen sah, »du sollst die Künste deiner Heimat umsonst versucht haben, und deine List wird dich nicht zum verschlagenen Aunus zurückbringen!« Zugleich eilte sie mit geflügelten Sohlen dem Rosse voran, fiel ihm in die Zügel und stieß von vorn dem Reiter das Schwert in den Leib.

Aber auch auf der Gegenseite erhob sich ein gewaltiger Held, der Etruskerkönig Tarchon. Dieser trieb weichende Scharen vor sich her, belobte die Seinigen mit ermunterndem Zurufe, nannte jeden mit Namen, frischte die Zurückgedrängten zu neuem Kampfe auf und trieb unbekümmert um den Tod sein Roß mitten in die Schlacht hinein. Hier stieß er auf den Venulus, dem er sich stürmisch entgegenwarf, ihn vom Pferde riß und mit der rechten Hand umschlingend auf seinem eigenen Rosse im Fluge davontrug.

Mit Blicken und Geschrei folgten die staunenden Latiner dem Eilenden, der im Laufe seinem Feinde mit dem abgebrochenen Schafte seiner eigenen Lanze zwischen den Fugen der Rüstung eine Todeswunde zu versetzen strebte. Venulus aber erwehrte sich des Streichs und hielt die Hand vor die Kehle. So war das Paar anzuschauen wie ein Adler, der eine geraubte Schlange durch die Lüfte entführt: das blutende Tier ringelt sich, bäumt sich immer höher und zischt mit dem Munde; der Vogel aber läßt die Beute nicht aus dem krummen Schnabel fahren und peitscht die Lüfte mit seinen Flügeln. Dem Glück und Beispiel ihres Führers folgten die Etrusker und stürmten wieder mutiger voran.

Auch Kamilla fand einen kühnen Gegner in den Reihen der Etrusker. Der Held Arruns schwärmte mit seinem Speer um die rasche Amazone her und wich ihr nicht von der Seite, nach welcher Stelle des Treffens die Wut sie auch führen mochte. Nun verfolgte Kamilla gerade den phrygischen Cybelepriester Chloreus, dessen schuppiger Erzpanzer mit goldenem Geflecht wie ein gefiedertes Gewand sich um seinen Leib legte und den ein Überwurf von dunklem Purpur bedeckte. Ein goldener Helm strahlte auf seinem Haupte, ein Köcher aus Gold tönte um seine Schultern, und vom Bogen schoß er die schärfsten Pfeile. Sein ausländisches Waffengeschmeide machte die volskische Jungfrau lüstern, und sie verfolgte ihn, sei es, um die trojanische Wehr als Siegesbeute in einem italischen Tempel aufzuhängen, sei es, um selbst in dem erbeuteten Golde zu prangen. Als sie nun ganz mit Sinn und Blick auf diesen Feind gerichtet war und den Arruns aus den Augen gelassen hatte, schnellte dieser, zu Apollo flehend, daß er die Schmach der verbündeten Waffen tilgen und auch ihn nicht einem Weib unterliegen lassen wolle, plötzlich und unversehens den Speer. Phöbus nickte ihm den halben Wunsch zu. Die umringenden Volsker hörten die Lanze daherrauschen und suchten mit den Augen ihre Königin. Sie selbst aber dachte an keine Gefahr, bis ihr das Geschoß in der Brust haftete und ihr jungfräuliches Blut aus der Wunde drang. Zitternd eilte die Schar ihrer Gefährtinnen herbei, und sie faßten ihre Herrin in den Armen auf. Arruns aber, über seine eigene Tat wie erschrocken, entfloh vor Freude und Furcht bebend, so wie ein Wolf, nachdem er einen Farren oder einen Hasen erwürgt hat, noch ehe die Pfeile ihn verfolgen, plötzlich vom Wege abweicht und mit eingezogenem Schweif sich in die Waldungen flüchtet. Geradeso stahl sich Arruns hinweg und mischte sich hastig fliehend unter die Reiter. Kamilla aber zog sterbend an dem Eisen, dessen Spitze ihr eine tiefe Wunde in die Rippen gewühlt hatte, ihre Augen brachen, der Purpur der Wangen wich von ihrem Angesichte. Mit schwachem Atem sprach sie zu Akka, der liebsten ihrer Gespielinnen: »Fleuch, du Liebe, und überbring dem Turnus meine letzten Befehle, denn um mich her wird alles Nacht: Er soll hinfort den Kampf leiten und die Stadt vor den Trojanern beschützen!« So sprach sie, ließ die Zügel fahren und glitt, noch immer widerstrebend, vom Rosse auf den Boden herab, neigte dann Haupt und Hals und verschied.

Die Volsker erhoben ein Geschrei der Verzweiflung bei ihrem Tode, und nach ihrem Fall entbrannte die Schlacht noch wilder. Da traf auch den Mörder Kamillas, den Etrusker Arruns, ein Pfeil, von unsichtbarer Hand abgeschossen; es war Dianas Schuß, die ihre geliebte Jägerin rächte. Die Freunde des Getöteten schritten zum fortlaufenden Kampf über seinen Leichnam, und dieser blieb vergessen im Staube liegen. Nach dem Tode der Führerin begann nun zuerst das Reitergeschwader Kamillas zu fliehen, darauf auch die Rutuler. Alle flogen mit abgespannten Bogen, die Rosse antreibend, über das Blachfeld hin. Eine schwarze Wirbelwolke von Staub wälzte sich den Stadtmauern entgegen, von den Zinnen stieg ein Jammergeschrei der Mütter in die Lüfte; und bald waren die Tore von den nachfolgenden Scharen fast zugleich mit den Feinden erreicht, und unter Gemetzel drangen die Sieger in die Stadt ein. An andern Stellen wurden von den verzweifelten Bürgern die Stadtpforten vor den Flüchtenden geschlossen, und diese, zu den Feinden hinausgesperrt, erlagen den Geschossen der siegreichen Gegner vor den Toren.

Unterdessen drang die Schreckenskunde auch zu Turnus in das dunkle Waldtal; denn Akka suchte ihn in seinem Hinterhalte auf und brachte ihm von dem Tod ihrer Herrin und der verlornen Schlacht unzweifelhafte Nachricht. Von Wut und Schmerz im Innersten zerrissen, verließ er auf der Stelle das Gehölz und stürmte nach der Ebene hinab. Kaum hatte er sein Versteck verlassen, als Äneas vom Gebirge her in die Schluchten des Tales mit den Seinigen sorglos eingedrungen kam und bald aus der finstern Waldung heraustretend auf der Ebene vor der Stadt sichtbar wurde. Da sah er den Heerhaufen des Turnus vor sich her ziehen. Auch dieser hörte Heerestritt und Roßgeschnaube hinter sich, erkannte umgewandt den grimmigen Äneas und stellt sich in Schlachtordnung ihm gegenüber auf. Wäre nicht die Sonne schon im Sinken gewesen, auf der Stelle hätten beide Heere den Kampf der letzten Entscheidung ausgefochten.

Neue Verfolgung der Kolcher



Neue Verfolgung der Kolcher

Hier waren sie aufs gastliche aufgenommen worden und wollten sich eben recht gütlich tun, als plötzlich an der Küste ein furchtbares Heer der Kolcher erschien, deren Flotte auf einem andern Wege bis hierher vorgedrungen war. Sie verlangten die Königstochter Medea, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen, oder bedrohten die Griechen mit einer mörderischen Schlacht schon jetzt, und noch mehr, wenn Aietes selbst mit einem noch gewaltigeren Heere nachkommen würde. Ja, sie waren schon im Begriff, den Kampf zu beginnen, da gelang es dem weisen König Alkinoos noch, sie zurückzuhalten; er wünsche den Zwist ohne Blutvergießen zu lösen. Medea aber umfaßte die Knie seiner Gemahlin Arete: »Herrin, ich flehe dich an«, sprach sie, »laß mich nicht zu meinem Vater bringen; wenn du anders dem menschlichen Geschlechte angehörst, das allzumal durch leichten Irrtum in schnelles Unglück stürzt. So ist auch mir die Besonnenheit entschwunden. Doch nicht Leichtsinn, sondern nur entsetzliche Furcht hat mich zur Flucht mit diesem Manne bewogen. Als Jungfrau führt er mich in seine Heimat. Darum erbarme dich meiner, und die Götter mögen dir langes Leben und Kinder und deiner Stadt unsterbliche Zier gewähren.« Auch den einzelnen Helden warf sie sich flehend zu Füßen: ein jeder aber, den sie anrief, hieß sie guten Mutes sein, schüttelte die Lanze, zog sein Schwert und versprach, ihr beizustehen, wenn Alkinoos sie ausliefere wollte.

In der Nacht ratschlagte der König mit seiner Gemahlin über das kolchische Mädchen. Arete bat für sie und erzählte ihm, daß der große Held Iason sie zu seiner rechtmäßigen Gemahlin machen wolle. Alkinoos war ein sanfter Mann, und sein Gemüt wurde noch weicher, als er dieses hörte. »Gerne würde ich«, erwiderte er seiner Gemahlin, »die Kolcher den Helden und der Jungfrau zulieb auch mit den Waffen vertreiben, aber ich fürchte das Gastrecht des Zeus zu verletzen; auch ist es nicht klug, den mächtigen König Aietes zu reizen, denn so ferne er wohnt, wäre er doch imstande, Griechenland mit einem Kriege zu überziehen. Höre daher den Ratschlag, den ich gefaßt habe: Ist das Mädchen noch eine freie Jungfrau, so soll sie dem Vater zurückgegeben werden; ist sie aber des Helden Gemahlin, so werde ich sie dem Gatten nicht rauben, denn dann gehört sie diesem vor dem Vater.« Arete erschrak, als sie diesen Entschluß des Königes hörte. Noch in der Nacht sandte sie einen Herold zu Iason, der ihm alles hinterbrachte und ihm riet, sich noch vor Anbruch des Morgens mit Medea zu vermählen. Die Helden, welchen Iason den unerwarteten Vorschlag mitteilte, waren es alle zufrieden, und so wurde unter den Liedern des Orpheus, einer heiligen Grotte, die Jungfrau feierlich zur Gattin Iasons eingeweiht.

Am andern Morgen, als die Ufer der Insel und das tauige Feld von den ersten Sonnenstrahlen schimmerten, rührte sich alles Phäakenvolk auf den Straßen der Stadt; und am andern Ende der Ufer standen die Kolcher auch schon unter den Waffen. Alkinoos trat versprochenermaßen hervor aus seinem Palaste, das goldene Zepter in der Hand, zu richten über das Mädchen; hinter ihm gingen scharenweise die edelsten Phäaken einher; auch die Frauen waren zusammengekommen, um die herrlichen Helden der Griechen zu schauen, und viele Landleute hatten sich versammelt, denn Zeus hatte das Gerücht weit und breit ausgestreut. So war alles vor den Mauern der Stadt bereit, und die Opfer dampften zum Himmel empor. Schon lange harrten hier die Helden der Entscheidung. Als nun der König auf seinem Throne Platz genommen hatte, trat Iason hervor und erklärte mit eidlicher Bekräftigung die Königstochter Medea für seine rechtmäßige Gemahlin. Sobald Alkinoos dieses hörte und Zeugen der Vermählung aufgetreten waren, tat er mit einem feierlichen Schwure den Ausspruch, daß Medea nicht ausgeliefert werden sollte, und schirmte seine Gäste. Vergebens widersetzten sich die Kolcher; der König hieß sie entweder als friedliche Gäste in seinem Lande wohnen oder mit ihren Schiffen sich aus seinem Hafen entfernen. Sie aber, die den Zorn ihres Landesherrn fürchteten, wenn sie ohne seine Tochter zurückkehrten, wählten das erstere. Am siebenten Tage brachen die Argonauten, ungern von Alkinoos entlassen und herrlich beschenkt, zur Weiterfahrt auf.

Niobe



Niobe

Niobe, die Königin von Theben, war auf vieles stolz. Amphion, ihr Gemahl, hatte von den Musen die herrliche Leier erhalten, nach deren Spiel sich die Steine der thebischen Königsburg von selbst zusammengesetzt hatten; ihr Vater war Tantalos, der Gast der Götter; sie war die Gebieterin eines gewaltigen Reiches und selbst voll Hoheit des Geistes und von majestätischer Schönheit; nichts aber von allem diesem schmeichelte ihr so sehr als die stattliche Zahl ihrer vierzehn blühenden Kinder, die zur einen Hälfte Söhne und zur andern Töchter waren. Auch hieß Niobe unter allen Müttern die glücklichste, und sie wäre es gewesen, wenn sie nur sich selbst nicht dafür gehalten hätte; so aber wurde das Bewußtsein ihres Glückes ihr Verderben.

Einst rief die Seherin Manto, die Tochter des Wahrsagers Tiresias, von göttlicher Regung angetrieben, mitten in den Straßen die Frauen Thebens zur Verehrung Latonas und ihrer Zwillingskinder, Apollos und der Artemis, auf, hieß sie die Haare mit Lorbeeren bekränzen und frommes Gebet unter Weihrauchopfer darbringen. Als nun die Thebanerinnen zusammenströmten, kam auf einmal Niobe im Schwarm eines königlichen Gefolges, mit einem golddurchwirkten Gewande angetan, prunkend einhergerauscht. Sie strahlte von Schönheit, soweit es der Zorn zuließ, ihr schmuckes Haupt bewegte sich zugleich mit dem über beide Schultern herabwallenden Haar. So stand sie in der Mitte der unter freiem Himmel mit dem Opfer beschäftigten Frauen, ließ die Augen voll Hoheit auf dem Kreise der Versammelten ruhen und rief. »Seid ihr nicht wahnsinnig, Götter zu ehren, von denen man euch fabelt, während vom Himmel begünstigtere Wesen mitten unter euch weilen? Wenn ihr der Latona Altäre errichtet, warum bleibt mein göttlicher Name ohne Weihrauch? Ist doch mein Vater Tantalos der einzige Sterbliche, der am Tische der Himmlischen gesessen hat, meine Mutter Dione, die Schwester der Plejaden, die als leuchtendes Gestirn am Himmel glänzen; mein einer Ahn Atlas, der Gewaltige, der das Gewölbe des Himmels auf dem Nacken trägt; mein Vatersvater Zeus, der Vater der Götter; selbst Phrygiens Völker gehorchen mir, mir und meinem Gatten ist die Stadt des Kadmos, sind die Mauern untertan, die sich dem Saitenspiel Amphions gefügt haben; jeder Teil meines Palastes zeigt mir unermeßliche Schätze; dazu kommt ein Antlitz, wie es einer Göttin wert ist, dazu eine Kinderschar, wie keine Mutter sie aufweisen kann: sieben blühende Töchter, sieben starke Söhne, bald ebenso viele Eidame und Schwiegertöchter. Fraget nun, ob ich auch Grund habe, stolz zu sein! Waget es noch ferner, mir Latona, die unbekannte Titanentochter, vorzuziehen, welcher einst die breite Erde keinen Raum gegönnt hat, wo sie dem Zeus gebären konnte, bis die schwimmende Insel Delos der Umherschweifenden aus Mitleid ihren unbefestigten Sitz darbot. Dort wurde sie Mutter zweier Kinder, die Armselige. Das ist der siebente Teil meiner Mutterfreude! Wer leugnet, daß ich glücklich bin, wer zweifelt, daß ich glücklich bleibe? Die Schicksalsgöttin hätte viel zu tun, wenn sie gründlich meinem Besitze schaden wollte! Nähme sie mir dies oder jenes, selbst von der Schar meiner Gebornen, wann wird je ihr Haufe zu der armen Zwillingszahl Latonens heruntersinken? Darum fort mit den Opfern, heraus aus den Haaren mit dem Lorbeer! Zerstreuet euch in eure Häuser und laßt euch nicht wieder über so törichtem Beginnen treffen!«

Erschrocken nahmen die Frauen die Kränze vom Haupte, ließen die Opfer unvollendet und schlichen nach Hause, mit stillen Gebeten die gekränkte Gottheit verehrend.

Auf dem Gipfel des delischen Berges Kynthos stand mit ihren Zwillingen Latona und schaute mit ihrem Götterauge, was in dem fernen Theben vorging. »Seht, Kinder, ich, eure Mutter, die auf eure Geburt so stolz ist, die keiner Göttin außer Hera weicht, werde von einer frechen Sterblichen geschmäht; ich werde von den alten heiligen Altären hinweggestoßen, wenn ihr mir nicht beisteht, meine Kinder! Ja, auch ihr werdet von Niobe beschimpft, werdet ihrem Kinderhaufen von ihr nachgesetzt!« Latona wollte zu ihrer Erzählung noch Bitten hinzufügen, aber Phöbos unterbrach sie und sprach: »Laß die Klage, Mutter, sie hält die Strafe nur auf!« Ihm stimmte seine Schwester bei; beide hüllten sich in eine Wolkendecke, und mit einem raschen Schwung durch die Lüfte hatten sie die Stadt und Burg des Kadmos erreicht. Hier breitete sich vor den Mauern ein geräumiges Blachfeld aus, das nicht für die Saat bestimmt, sondern den Wettläufen und Übungen zu Roß und Wagen gewidmet war. Da belustigten sich eben die sieben Söhne Amphions: die einen bestiegen mutige Rosse, die andern erfreuten sich des Ringspieles. Der älteste, Ismenos, trieb eben sein Tier im Viertelstrabe sicher im Kreise um, das schäumende Maul ihm bändigend, als er plötzlich: »Wehe mir!« ausrief, den Zaum aus den erschlaffenden Händen fahren ließ und, einen Pfeil mitten ins Herz geheftet, langsam rechts am Buge des Rosses heruntersank. Sein Bruder Sipylos, der ihm zunächst sich tummelte, hatte das Gerassel des Köchers in den Lüften gehört und floh mit verhängtem Zügel, wie ein Steuermann vor dem Wetter jedes Lüftchen in den Segeln auffängt, um in den Hafen einzulaufen. Dennoch holte ihn ein durch die Luft schwirrender Pfeil ein, zitternd haftete ihm der Schaft hoch im Genick, und das nackte Eisen ragte zum Halse heraus. Über die Mähne des galoppierenden Pferdes herab glitt der tödlich Getroffene zu Boden und besprengte die Erde mit seinem rauchenden Blut. Zwei andere, der eine hieß wie sein Großvater, Tantalos, der andere Phaidimos, lagen miteinander ringend, in fester Umschlingung Brust an Brust verschränkt. Da tönte der Bogen aufs neue, und wie sie vereinigt waren, durchbohrte sie beide ein Pfeil. Beide seufzten zugleich auf, krümmten die schmerzdurchzuckten Glieder auf dem Boden, verdrehten die erlöschenden Augen und hauchten mit einem Atem die Seelen im Staub aus. Ein fünfter Sohn, Alphenor, sah diese fallen; die Brust sich schlagend, flog er herbei und wollte die erkälteten Glieder der Brüder durch seine Umarmungen wieder beleben, aber unter diesem frommen Geschäfte sank er auch dahin, denn Phöbos Apollo sandte ihm das tödliche Eisen tief in die Herzkammer hinein, und als er es wieder herauszog, drängte sich mit dem Atem das Blut und das Eingeweide des Sterbenden hervor. Damasichthon, den sechsten, einen zarten Jüngling mit langen Locken, traf ein Pfeil in das Kniegelenk; und während er sich rückwärts bog, das unerwartete Geschoß mit der Hand herauszuziehen, drang ihm ein anderer Pfeil bis ans Gefieder durch den offenen Mund hinab in den Hals, und ein Blutstrahl schoß wie ein Springbrunnen hoch aus dem Schlunde empor. Der letzte und jüngste Sohn, der Knabe Ilioneus, der dies alles mit angesehen hatte, warf sich auf die Knie nieder, breitete die Arme aus und fing an zu flehen: »O all ihr Götter miteinander, verschont mich!« Der furchtbare Bogenschütze selbst wurde gerührt, aber der Pfeil war nicht mehr zurückzurufen. Der Knabe sank zusammen. Doch fiel er an der leichtesten Wunde, die kaum bis zum Herzen hindurchgedrungen war.

Der Ruf des Unglückes verbreitete sich bald in die Stadt. Amphion, der Vater, als er die Schreckenskunde hörte, durchbohrte sich die Brust mit dem Stahl. Der laute Jammer seiner Diener und alles Volks drang bald auch in die Frauengemächer. Niobe vermochte lange das Schreckliche nicht zu fassen; sie wollte nicht glauben, daß die Himmlischen so viel Vorrechte hätten, daß sie es wagten, daß sie es vermochten. Aber bald konnte sie nicht mehr zweifeln. Ach, wie unähnlich war die jetzige Niobe der vorigen, die eben erst das Volk von den Ältären der mächtigen Göttin zurückscheuchte und mit hohem Nacken durch die Stadt einherschritt! Jene erschien auch ihren liebsten Freunden beneidenswert, diese des Mitleids würdig selbst dem Feinde! Sie kam herausgestürzt auf das Feld, sie warf sich auf die erkälteten Leichname, sie verteilte ihre letzten Küsse an die Söhne, bald an diesen, bald an jenen. Dann hub sie die zerschlagenen Arme gen Himmel und rief. »Weide dich nun an meinem Jammer, sättige dein grimmiges Herz, du grausame Latona, der Tod dieser sieben wirft mich in die Grube; triumphiere, siegende Feindin!«

Jetzt waren auch ihre sieben Töchter, schon in Trauergewande gekleidet, herbeigekommen und standen mit fliegenden Haaren um die gefallenen Brüder her. Ein Strahl der Schadenfreude zuckte bei ihrem Anblick um Niobes blasses Gesicht. Sie vergaß sich, warf einen spottenden Blick gen Himmel und sagte: »Siegerin! nein, auch in meinem Unglücke bleibt mir mehr als dir in deinem Glück. Auch nach so vielen Leichen bin ich noch Überwinderin!« Kaum hatte sie’s gesprochen, als man eine Sehne ertönen hörte, wie von einem straff angezogenen Bogen. Alles erschrak, nur Niobe bebte nicht; das Unglück hatte sie beherzt gemacht. Da fuhr plötzlich eine der Schwestern mit der Hand ans Herz; sie zog einen Pfeil heraus, der ihr im Innersten haftete. Ohnmächtig zu Boden gesunken, senkte sie ihr sterbendes Antlitz über den nächstgelegenen Bruder. Eine andere Schwester eilt auf die unglückselige Mutter zu, sie zu trösten; aber von einer verborgenen Wunde gebeugt, verstummte sie plötzlich. Eine dritte sinkt im Fliehen zu Boden, andere fallen, über die sterbenden Schwestern hingeneigt. Nur die letzte war noch übrig, die sich in den Schoß der Mutter geflüchtet und an diese, von ihrem faltigen Gewande zugedeckt, sich kindisch anschmiegte. »Nur die einzige laßt mir«, schrie Niobe wehklagend zum Himmel, »nur die jüngste von so vielen!« Aber während sie noch flehte, stürzte schon das Kind aus ihrem Schoße nieder, und einsam saß Niobe zwischen ihres Gatten, ihrer Söhne und ihrer Töchter Leichen. Da erstarrte sie vor Gram; kein Lüftchen bewegte das Haar ihres Hauptes; aus dem Gesichte wich das Blut; die Augen standen unbewegt in den traurigen Wangen; im ganzen Bilde war kein Leben mehr; die Adern stockten mitten im Pulsschlag, der Nacken drehte, der Arm regte, der Fuß bewegte sich nicht mehr; auch das Innere des Leibes war zum kalten Felsstein geworden. Nichts lebte mehr an ihr als die Tränen; diese rannen unaufhörlich aus den steinernen Augen hervor. Jetzt faßte den Stein eine gewaltige Windsbraut, führte ihn fort durch die Lüfte und über das Meer und setzte ihn erst in der alten Heimat Niobes, in Lydien, im öden Gebirge, unter den Steinklippen des Sipylos nieder. Hier haftete Niobe als ein Marmorfelsen am Gipfel des Berges, und noch jetzt zerfließt der Marmor in Tränen.

Medea raubt das goldene Vlies



Medea raubt das goldene Vlies

Die ganze Nacht hindurch hielt der König Aietes die Häupter seines Volkes um sich im Palaste versammelt und ratschlagte, wie die Argonauten zu überlisten wären, denn er war es wohl innegeworden, daß alles, was sich den Tag zuvor ereignet hatte, nicht ohne Mitwirkung seiner Töchter geschehen war. Hera, die Göttin, sah die Gefahr, in welcher Iason schwebte; deswegen erfüllte sie das Herz Medeas mit zagender Furcht, daß sie zitterte wie ein Reh im tiefen Walde, das der Jagdhunde Gebell aufgeschreckt hat. Sogleich ahnte sie, daß ihre Hilfe dem Vater nicht verborgen sei; sie fürchtete auch die Mitwissenschaft der Mägde; darum brannten ihre Augen von Tränen, und die Ohren sausten ihr. Ihr Haar ließ sie wie in Trauer hängen, und wäre das Schicksal nicht zuwider gewesen, so hätte die Jungfrau durch Gift ihrem Jammer zur Stunde ein Ende gemacht. Schon hatte sie die gefüllte Schale in der Hand, als Hera ihr den Mut aufs neue beflügelte und sie mit verwandelten Gedanken das Gift wieder in seinen Behälter goß. Jetzt raffte sie sich zusammen; sie war entschlossen zu fliehen, bedeckte ihr Lager und die Türpfosten mit Abschiedsküssen, berührte mit den Händen noch einmal die Wände ihres Zimmers, schnitt sich eine Haarlocke ab und legte sie zum Andenken für ihre Mutter aufs Bett. »Lebe wohl, geliebte Mutter«, sprach sie weinend »lebe wohl, Schwester Chalkiope und das ganze Haus! O Fremdling! hätte dich das Meer verschlungen, ehe du nach Kolchis gekommen wärest!« Und so verließ sie ihre süße Heimat, wie eine Gefangene fliehend den bittern Kerker der Sklaverei verläßt. Die Pforten des Palastes taten sich vor ihren Zaubersprüchen auf; durch enge Seitenwege rannte sie mit bloßen Füßen, mit der Linken den Schleier bis über die Wangen herunterziehend, mit der Rechten den Saum ihres Gewandes vor der Befleckung des Weges schützend. Bald war sie, unerkannt von den Wächtern, draußen vor der Stadt und schlug einen Fußpfad nach dem Tempel ein; denn als Zauberweib und als Giftmischerin war sie vom Wurzelsuchen her aller Wege des Feldes wohl kundig. Selene, die Mondgöttin, welche sie so wandeln sah, sprach zu sich selbst, lächelnd herniederscheinend: ›So quält doch auch andre die Liebe, wie mich die zum schönen Endymion! Oft hast du mich mit deinen Hexensprüchen vom Himmel hinweggezaubert; jetzt leidest du selbst um einen Iason bittere Qualen. Nun, so geh nur, aber so schlau du bist, hoffe nicht, dem herbsten Schmerz zu entfliehen!‹ So sprach Selene mit sich selber, jene aber trugen ihre Füße eilig davon; endlich bogen ihre Schritte gegen das Meeresufer ein, wo das Freudenfeuer, das die Helden dem Siege Iasons zu Ehren die ganze Nacht hindurch auflodern ließen, ihr zum Leitsterne diente. Dem Schiffe gegenüber angekommen, rief sie laut ihren jüngsten Schwestersohn, Phrontis; dieser, der mit Iason ihre Stimme erkannte, erwiderte dreimal den dreifachen Ruf. Die Helden, die dies alle hörten, staunten anfangs, dann ruderten sie ihr entgegen. Ehe das Schiff ans jenseitige Ufer gebunden war, sprang Iason vom Verdeck ans Land, Phrontis und Argos ihm nach. »Rettet mich«, rief das Mädchen, indem sie ihre Knie umfaßte, »entreißt mich und euch meinem Vater! Alles ist verraten und keine Hilfe mehr; laßt uns zu Schiffe fliehen, eh er die schnellen Rosse besteigt; das Goldne Vlies will ich euch verschaffen, indem ich den Drachen einschläfere. Du aber, o Fremdling, schwöre mir zu den Göttern vor deinen Genossen, daß du mich Verwaiste in der Fremde nicht beschimpfen willst!« So sprach sie traurig und erfreute Iasons Herz. Er hub die ins Knie Gesunkene sanft vom Boden auf, umfaßte sie und sprach: »Geliebte, Zeus und Hera, die Beschirmerin der Ehe, seien meine Zeugen, daß ich, nach Griechenland zurückgekehrt, dich als rechtmäßige Gattin in mein Haus einführen will!« So schwor er und legte seine Hand in die ihrige. Dann hieß Medea die Helden noch in derselben Nacht nach dem heiligen Haine rudern, um dort das Goldne Vlies zu entführen. Eifrig trieben die Griechen das Schiff vorwärts, das Iason und die Jungfrau bald und noch vor dämmerndem Tag verließen, um über den Pfad einer Wiese dem Haine zuzugehen. Dort suchten sie den hohen Eichbaum, an welchem das Goldne Vlies hing, strahlend durch die Nacht, einer Morgenwolke ähnlich, die von der aufgehenden Sonne beschienen wird. Gegenüber aber reckte der schlaflose Drache, aus scharfen Augen in die Ferne blickend, seinen langen Hals den Herannahenden entgegen und zischte fürchterlich, daß die Ufer des Flusses und der ganze große Hain widerhallte. Wie über einen angezündeten Wald die Flammen sich hinwälzen, so rollte das Untier mit leuchtenden Schuppen in unzähligen Krümmungen daher. Die Jungfrau aber ging ihm keck entgegen, sie rief mit süßer Stimme den Schlaf, den mächtigsten der Götter, an, das Ungeheuer einzulullen; sie rief zur mächtigen Königin der Unterwelt, ihr Vorhaben zu segnen. Nicht ohne Furcht folgte ihr Iason. Aber schon durch den Zaubergesang der Jungfrau eingeschläfert, senkte der Drache die Wölbung des Rückens, und sein geringelter Leib dehnte sich der Länge nach aus; nur mit dem gräßlichen Kopfe stand er noch aufrecht und drohte die beiden mit seinem aufgesperrten Rachen zu fassen. Da sprengte Medea ihm mit einem Wacholderstengel unter Beschwörungsformeln einen Zaubertrank in die Augen, dessen Duft ihn mit Schlummer übergoß; jetzt schloß sich sein Rachen, und schlafend dehnte sich der Drache mit seinem ganzen Leibe durch den langen Wald hin.

Auf ihre Ermahnung zog nun Iason das Vlies von der Eiche, während das Mädchen fortwährend den Kopf des Drachen mit dem Zauberöl besprengte. Dann verließen beide eilig den beschatteten Areshain, und Iason hielt von ferne schon freudig das große Widdervlies entgegen, von dessen Widerschein seine Stirn und sein blondes Haar in goldenem Schimmer glänzten; auch beleuchtete sein Schein ihm weithin den nächtlichen Pfad. So ging er, es auf der linken Schulter tragend; die goldne Last hing ihm vom Hals bis auf die Füße herunter; dann rollte er es wieder auf, denn immer fürchtete er, ein Mensch oder Gott möchte ihm begegnen und ihn des Schatzes berauben. Mit der Morgenröte traten sie ins Schiff, die Genossen umringten den Führer und staunten das Vlies an, das funkelte wie des Zeus Blitz; jeder wollte es mit den Händen betasten; aber Iason litt es nicht, sondern warf einen neugefertigten Mantel darüber. Die Jungfrau setzte er auf das Hinterverdeck des Schiffes und sprach dann so zu seinen Freunden: »Jetzt, ihr Lieben, laßt uns eilig ins Vaterland zurückkehren. Durch dieser Jungfrau Rat ist vollbracht, weswegen wir unsere Fahrt unternommen haben; zum Lohne führe ich sie als meine rechtmäßige Gemahlin nach Hause; ihr aber helft mir sie als die Helferin ganz Griechenlands beschirmen. Denn ich zweifle nicht: bald wird Aietes dasein und mit allem seinem Volke unsere Ausfahrt aus dem Flusse hindern wollen! Deswegen soll von euch abwechslungsweise die eine Hälfte rudern, die andere, unsere mächtigen Schilde aus Rindshaut den Feinden entgegenhaltend, die Rückfahrt schirmen. Denn in unserer Hand steht jetzt die Heimkehr zu den Unsrigen und die Ehre oder Schande Griechenlands!« Mit diesen Worten hieb er die Taue ab, mit denen das Schiff angebunden war, warf sich in volle Rüstung und stellte sich so neben das Mägdlein, dem Steuermann Ankaios zur Seite. Das Schiff eilte unter den Rudern der Mündung des Flusses entgegen.

Medea und Aietes



Medea und Aietes

Zuletzt kam auch Aites heraus mit seiner Gemahlin Eidyia, denn der Jubel und die Tränen ihrer Tochter hatten sie hervorgelockt. Sogleich füllte sich der ganze Vorhof mit Getümmel; hier waren Sklaven damit beschäftigt, einen stattlichen Stier für die neuen Gäste zu schlachten; dort spalteten andere dürres Holz für den Herd; wieder andere wärmten Wasser in Becken am Feuer; da war keiner, der nicht im Dienste des Königs etwas zu tun gefunden hätte. Aber ihnen allen ungesehen schwebte hoch in der Luft Eros, zog einen schmerzbringenden Pfeil, senkte sich mit diesem unsichtbar zur Erde nieder, und hinter Iason zusammengekauert, schnellte er vom gespannten Bogen das Geschoß auf die Königstochter Medea, der bald der Pfeil, dessen Flug niemand und sie selbst nicht bemerkt hatte, unter der Brust wie eine Flamme brannte. Wie eine schwer Erkrankte mußte sie einmal über das andere hoch aufatmen; von Zeit zu Zeit warf sie heimliche Blicke auf den herrlichen Helden Iason; alles andere war aus ihrem Gedächtnisse geschwunden; ein einziger süßer Kummer bemächtigte sich ihrer Seele; Blässe wechselte auf ihrem Antlitz mit Purpurröte.

In der frohen Verwirrung war niemand auf die Verwandlung aufmerksam, die mit der Jungfrau vorgegangen war. Die Knechte trugen die zubereiteten Speisen herbei; und die Argoschiffer, die sich vom Schweiße der Ruderarbeit im warmen Bade gereinigt hatten, labten sich, fröhlich zu Tische sitzend, an Speise und Trank. Über dem Mahle erzählten dem Aietes seine Enkel das Schicksal, das sie unterwegs betroffen hatte, und nun fragte er sie auch leise nach den Fremdlingen. »Ich will es dir nicht bergen, Großvater«, flüsterte ihm Argos zu, »diese Männer kommen, das Goldene Vlies unsers Vater Phrixos von dir zu erbitten. Ein König, der sie gern aus ihrem Vaterland und ihrem Eigentum vertreiben möchte, hat ihnen diesen gefährlichen Auftrag erteilt. Er hofft, sie werden dem Zorne des Zeus und der Rache des Phrixos nicht entgehen, bevor sie mit dem Vlies in ihre Heimat zurückkommen. Ihr Schiff hat ihnen Pallas (Minerva) bauen helfen, kein solches, wie wir Kolcher sie gebrauchen, von denen wir, deine Enkel, freilich das schlechteste bekommen haben; denn im ersten Windstoße ging es zu Scheitern. Nein, diese Fremdlinge haben ein Schiff, so fest gezimmert, daß alle Stürme vergebens dagegen ankämpfen, und sie selbst sitzen unaufhörlich an dem Ruder. Die tapfersten Helden Griechenlands haben sich in diesem Schiffe versammelt.« Und nun nannte er die Vornehmsten mit Namen, meldete ihm auch Iasons, ihres Vetters, Geschlecht.

Als der König dieses hörte, erschrak er in seinem Herzen und wurde zornig auf seine Enkel; denn durch sie veranlaßt, glaubte er, seien die Fremdlinge an seinen Hof gekommen. Seine Augen brannten unter den buschigen Brauen, und er sprach laut: »Geht mir aus den Augen, ihr Frevler, mit euren Ränken! Nicht das Vlies zu holen, sondern mir Zepter und Krone zu entreißen, seid ihr hierhergekommen! Säßet ihr nicht als Gäste an meinem Tisch, so hätte ich euch längst die Zungen ausreißen und die Hände abhauen lassen und euch nur die Füße geschenkt, um davonzugehen!« Als Telamon, des Aiakos Sohn, der zunächst saß, dieses hörte, ergrimmte er im Geist, wollte sich erheben und dem Könige mit gleichen Worten vergelten. Aber Iason hielt ihn zurück und antwortete selbst mit sanften Worten: »Fasse dich, Aietes, wir sind nicht in deine Stadt und deinen Palast gekommen, dich zu berauben. Wer möchte ein so weites und gefährliches Meer befahren, um fremdes Gut zu holen? Nur das Schicksal und der grausame Befehl eines bösen Königes brachte mich zu diesem Entschlusse. Verleih uns das Goldene Vlies auf unsere Bitte als eine Wohltat; du sollst in ganz Griechenland dafür verherrlicht werden. Auch sind wir bereit, dir schnellen Dank abzustatten; gibt es einen Krieg in der Nähe, willst du ein Nachbarvolk unterjochen, so nimm uns zu Bundesgenossen an, wir wollen mit dir ziehen.« So sprach Iason besänftigend; der König aber ward unschlüssig in seinem Herzen, ob er sie auf der Stelle sollte umbringen lassen oder ihre Kräfte vorher auf die Probe setzen. Nach einigem Besinnen deuchte ihm das letztere besser, und er erwiderte ruhiger als zuvor: »Was braucht es der ängstlichen Worte, Fremdling? Seid ihr wirklich Göttersöhne oder sonst nicht schlechter als ich und habt Lust nach fremdem Gute, so mögt ihr das Goldene Vlies mit euch fortnehmen; denn tapfern Männern gönne ich alles. Aber vorher müßt ihr mir eine Probe geben und eine Arbeit verrichten, die ich selbst zu tun pflege, so gefährlich sie ist. Es weiden mir auf dem Felde des Ares zwei Stiere mit ehernen Füßen, die Flammen speien. Mit diesen durchpflüge ich das rauhe Feld, und wenn ich alles umgeackert, so säe ich in die Furchen nicht der Demeter gelbes Korn, sondern die gräßlichen Zähne eines Drachen; daraus wachsen mir Männer hervor, die mich von allen Seiten umringen und die ich mit meiner Lanze alle erlege. Mit dem frühen Morgen schirre ich die Stiere an, am späten Abend ruhe ich von der Ernte. Wenn du das gleiche vollbracht hast, o Führer, so magst du noch am selben Tage das Vlies mit dir fortnehmen nach deines Königes Haus; eher aber nicht, denn es ist nicht billig, daß der tapfere Mann dem schlechteren weiche.« Iason saß bei diesen Reden stumm und unschlüssig da; er wagte es nicht, ein so furchtbares Werk kecklich zu versprechen. Indessen faßte er sich und antwortete: »So groß diese Arbeit ist, so will ich sie doch bestehen, o König, und wenn ich darüber umkommen sollte. Schlimmeres als der Tod kann auf einen Sterblichen doch nicht warten; ich gehorche der Notwendigkeit, die mich hierher gesendet hat.« »Gut«, sprach der König, »geh jetzt zu deiner Schar, aber besinne dich; gedenkst du nicht alles auszuführen, so überlaß es mir und meide mein Land.«

Medea verspricht den Argonauten Hilfe



Medea verspricht den Argonauten Hilfe

Die Jungfrau errötete bei diesen Fragen ihrer Schwester, und Scham verhinderte sie zu antworten; bald schwebte ihr die Rede zuäußerst auf der Zunge, bald floh sie in die tiefste Brust zurück. Endlich machte sie die Liebe kühn, und sie sprach mit verschlagenen Worten: »Chalkiope, mein Herz ist betrübt um deine Söhne, es möchte sie der Vater mit den fremden Männern auf der Stelle töten. Solches verkündet mir ein schwerer Traum; möge ein Gott ihm die Erfüllung verweigern.« Unerträgliche Angst bemächtigte sich der Schwester: »Eben deswegen komme ich zu dir«, sprach sie, »und beschwöre dich, mir gegen unsern Vater beizustehen. Weigerst du dich, so werde ich mit meinen ermordeten Söhnen dich noch vom Orkus aus als Furie umschweben!« Sie umfaßte mit beiden Händen Medeens Knie und warf das Haupt in ihren Schoß; beide Schwestern weinten bitterlich. Dann sprach Medea: »Was redest du von Furien, Schwester? Beim Himmel und der Erde schwöre ich dir: was ich tun kann, deine Söhne zu retten, will ich gerne tun.« »Nun«, fuhr die Schwester fort, »so wirst du auch dem Fremdling um meiner Kinder willen irgendeinen Trug an die Hand geben, jenen furchtbaren Kampf glücklich zu bestehen; denn von ihm gesendet, fleht mein Sohn Argos mich an, dem Gastfreunde deine Hilfe zu erbitten.«

Das Herz hüpfte der Jungfrau vor Freuden im Leibe, als sie dieses hörte, ihr schönes Angesicht errötete, ihr funkelndes Auge umhüllte einen Augenblick der Schwindel, und sie brach in die Worte aus: »Chalkiope, das Morgenrot soll meinen Blicken nicht mehr leuchten, wenn dein und deiner Söhne Leben nicht mein erstes ist. Hast du doch mich, wie mir so oft die Mutter erzählte, zugleich mit ihnen gesäugt, als ich ein kleines Kind war; so liebe ich dich nicht nur wie eine Schwester, sondern auch wie eine Tochter. Morgen in aller Frühe will ich zum Tempel der Hekate gehen und dort dem Fremdlinge die Zaubermittel holen, welche die Stiere besänftigen sollen.« Chalkiope verließ das Gemach der Schwester und meldete den Söhnen die erwünschte Botschaft.

Die ganze Nacht lag Medea in schwerem Streite mit sich selbst. ›Habe ich nicht zuviel versprochen‹, sagte sie in ihrem Innern, ›darf ich so viel für den Fremdling tun? Ihn ohne Zeugen schauen, ihn anrühren, was doch geschehen muß, wenn der Trug gelingen soll? Ja, ich will ihn retten; er gehe frei hin, wohin er will: doch an dem Tage, wo er den Streit glücklich vollbracht haben wird, will ich sterben. Ein Strick oder Gift soll mich vom verhaßten Leben befreien. – Aber wird mich dieses retten, wird mich nicht üble Nachrede durchs ganze Kolcherland verfolgen und sagen, daß ich mein Haus beschimpft habe, daß ich einem fremden Manne zulieb gestorben sei?‹ Unter solchen Gedanken ging sie, ein Kästchen zu holen, in welchem heil- und todbringende Arzneien sich befanden. Sie stellte es auf ihre Knie und hatte es schon geöffnet, um von den tödlichen Giften zu kosten; da schwebten ihr alle holden Lebenssorgen vor, alle Lebensfreuden, alle Gespielinnen; die Sonne kam ihr schöner vor als vorher, eine unwiderstehliche Furcht vor dem Tode ergriff sie; sie stellte das Kästchen auf den Boden. Hera, die Beschützerin Iasons, hatte ihr Herz verwandelt. Kaum konnte sie die Morgenröte erwarten, um die versprochenen Zaubermittel zu holen und mit ihnen vor den geliebten Helden zu treten.

Melampus



Melampus

Amythaon, ein Sohn des Kretheus, lebte in Messenien in der Stadt Pylos, die er gegründet hatte. Sein Weib Idomene gebar ihm zwei Söhne; der eine hieß Bias, der andre aber Melampus, das heißt Schwarzfuß; denn da das Kindlein einst im Freien eingeschlafen war, verbrannte ihm die Sonne die Fußsohlen, daß sie ganz schwarz wurden. Die beiden Brüder liebten sich zärtlich, und als sie noch klein waren, sandte sie der Vater aufs Land, wo sie friedlich miteinander lebten und groß wurden. Nun stand vor ihrem Wohnhause eine hohe Eiche, in deren Stamm ein Schlangennest sich befand. Melampus hatte oft seine Freude an den klugen Tieren, und als einstens die Arbeiter die alten Schlangen getötet hatten, jammerte ihn der verlassenen Jungen. Da schichtete er Holz zusammen, zündete es an und verbrannte die Körper der Alten; die kleine Brut aber nahm er mit in das Haus und zog sie auf. Wie nun die Jungen erwachsen waren, fügte es sich, daß Melampus einmal im Schlummer lag. Da krochen seine Pfleglinge zu ihm heran, stiegen auf seine Schultern und leckten ihm mit ihren Zungen die Ohren aus. Und als nun Melampus erschrocken aufwachte, wunderte er sich sehr, denn er verstand alles, was die Vögel, die über ihm hinflogen, sangen. Seitdem war er ein berühmter Wahrsager, denn die Vögel verkündeten ihm die Zukunft. Später lernte er auch noch die Kunst, aus den Eingeweiden der Opfertiere zu weissagen, und ward der Liebling des Apollon, des prophetischen Gottes, der sich gern mit ihm unterhielt.

Neben Amythaon war der Held Neleus in Pylos mächtig. Dieser hatte eine wunderschöne Tochter namens Pero, welche so holdselig war, daß alle Welt um sie freite. Aber Neleus wollte sie keinem geben. Auch Bias, des Melampus Bruder, sah die schöne Pero und ward von zärtlicher Liebe zu ihr entflammt. Da ging er zu Neleus und bat um die Hand seiner Tochter. Neleus aber sagte, er werde sie nur dem vermählen, der ihm die Rinder des Iphiklos, ein Erbteil seiner Mutter, brächte. Diese Rinder waren von ausgezeichneter Schönheit und befanden sich zu Phylake in Thessalien, wo sie von einem Hunde so gut bewacht wurden, daß weder Mensch noch Tier in ihre Nähe gelangen konnte. Bias bemühte sich denn auch vergebens, die Rinder zu stehlen, und bat deshalb seinen Bruder, ihm dazu zu verhelfen. Melampus, der seinen Bruder Bias herzlich liebhatte, verstand sich auch gleich dazu, wiewohl er voraus wußte, daß er bei dem waghalsigen Unternehmen ergriffen und als Dieb eingekerkert werden würde. Doch wußte er auch, daß er trotzdem nach Jahresfrist die Rinder in seine Gewalt bekommen werde. Also verließ er sich auf unverhoffte Hilfe und reiste, wie er versprochen hatte, nach Phylake. Dort wurde er bei dem Versuche, die Herden zu stehlen, wirklich ertappt, mit Ketten gefesselt und ins Gefängnis geworfen. Als nun fast ein Jahr vergangen war, saß Melampus eines Tages sorgenvoll im Kerker; da hörte er, wie unter dem Dach in den Sparren die Holzwürmer arbeiteten und miteinander sprachen. Alsbald richtete er die Frage an sie, wie weit sie mit ihrem Zerstörungswerke seien. »Es ist nur noch der kleinste Teil zu zernagen«, antworteten die Würmer, »ein Stündchen Zeit noch, dann ist die Arbeit getan.« Wie Melampus dies vernahm, rief er laut nach dem Gefängniswärter und verlangte, sogleich in ein anderes Gebäude geführt zu werden, denn dieses werde noch heute zusammenstürzen.

Kaum war diese Bitte erfüllt worden, so fiel das verlassene Haus in Trümmer.

Bald gelangte die Kunde von der Sehergabe des Gefangenen zum König Phylakos, dem Vater des Iphiklos. Er wunderte sich sehr, und da er einsah, daß er den vortrefflichsten Wahrsager in seinem Kerker habe, ließ er ihn seiner Fesseln entledigen und vor ihn führen. Darauf nahm er ihn beiseite und sagte zu ihm, er wolle ihm die Rinder gern geben, wenn er seinen Sohn Iphiklos zu heilen vermöge. Dieser war nämlich als Kind ganz wohl und kräftig gewesen; durch einen sonderbaren Zufall aber hatte er plötzlich noch in seiner Jugend seine Gesundheit verloren, so war er seitdem siech und schwächlich. Melampus versprach dem Könige, die Sache zu erforschen, und Phylakos wiederholte sein Versprechen, daß er ihm die Herden ausliefern wolle. Darauf schlachtete Melampus dem Zeus zwei Stiere, schnitt sie in Stücke und rief den Vögeln, sie sollten zum Mahle kommen. Als sie nun von allen Seiten zusammengeflogen waren, fragte sie der Seher, ob sie ihm den Grund von Iphiklos‘ Siechtum entdecken könnten. Die Vögel wußten aber alle nichts. Doch war da ein junger Geier, der erzählte, sein alter Vater sei daheim im Neste geblieben, vielleicht wisse der etwas von dem Geheimnis. Sogleich schickte Melampus einige Gesandte an den alten Geier, der auch nach kurzer Zeit wirklich erschien und dem Seher folgendes mitteilte: Einst habe Phylakos im Walde Holz gefällt, und da sein kleiner Sohn in der Nähe sich herumgetrieben, habe der Vater, zum Scherz und um ihn zu erschrecken, die blinkende Axt dicht vor ihm in einen Baum geschleudert, in dem sie steckenblieb und seitdem haftete. Dem Iphiklos aber sei der Schreck in die Glieder gefahren, und daher rühre sein Siechtum. »Wenn du nun«, so sprach der Geier weiter zu Melampus, »jene Axt findest, so schabe den Rost davon ab und gib dem Iphiklos denselben in Wein zehn Tage lang zu trinken, dann wird er gesund werden.«

Das war es, was Melampus von dem alten Geier erfuhr. Er tat, wie ihm geraten war, suchte und fand die Axt, schabte den Rost davon ab und gab ihn dem Iphiklos zehn Tage lang zu trinken. Alsbald ward derselbe frisch und gesund. Nun gab der erfreute König dem Melampus die Rinder, der sie nach Pylos trieb und dem Neleus brachte. Von diesem erhielt er dafür die schöne Pero und gab sie seinem Bruder zur Gattin. So lebten sie etliche Jahre in Messenien. Iphiklos aber ward ein herrlicher Held, im Wettlaufe unbesiegbar; denn die Schnelligkeit seiner Füße war so außerordentlich, daß er über ein Getreidefeld, ohne die Ähren zu knicken, und über die Meereswogen, ohne sich die Knöchel zu benetzen, dahinlief.

Im Lande Argolis herrschten einst die Zwillinge Akrisios und Prötos, die Enkel der Danaide Hypermnestra und des Aigyptiden Lynkeus. Diese hatten sich nicht brüderlich lieb wie Melampus und Bias, sondern sie hatten schon Händel miteinander, als sie noch an der Mutter Brust lagen. Und als sie herangewachsen waren, stritten sie sich um die Herrschaft, bis Akrisios die Oberhand gewann und den Prötos aus dem Lande verjagte. Prötos aber floh nach Lykien zum Könige Iobates, der ihm seine Tochter zur Frau gab und ihn mit einem Heere nach Argolis zurückführte. Dort eroberte er die Stadt Tiryns, wo ihm die Zyklopen eine gewaltige Mauer und uneinnehmbare Burg bauten. Akrisios mußte nun mit dem Bruder teilen, so daß er selbst zu Argos, Prötos aber zu Tiryns König war.

Von seinem Weibe Anteia hatte Prötos drei Töchter, die so schön waren, daß alle Hellenen sie zu Gattinnen begehrten. Sie aber waren gottlos und stolz; und als sie einst in einen alten Tempel der Götterkönigin kamen, spotteten sie, daß derselbe so einfach und schmucklos war, das Haus ihres Vaters sei viel prunkvoller und glänzender. Doch die Göttin duldete nicht, daß ihr ehrwürdiges Heiligtum verhöhnt werde, sie schlug daher die gottlosen Jungfrauen mit schrecklichem Wahnsinn, also daß sie sich selbst für Kühe hielten und brüllend durch das Land liefen. In Argolis und Arkadien und im ganzen Peloponnes irrten sie sinnlos umher. Darüber war ihr Vater Prötos sehr betrübt, und da er von dem hohen Ruhme des Sehers Melampus gehört hatte, ließ er ihn zu sich rufen und bat ihn, seine unglücklichen Töchter zu heilen. Melampus sprach: »Ich will deinen Wunsch erfüllen, wenn du mir den dritten Teil deiner Herrschaft abtrittst.« Das war aber dem geizigen Könige zuviel, er wollte also darauf nicht eingehen, und die Folge war, daß die Mädchen noch rasender wurden. Ja ihr Wahnsinn steckte sogar die übrigen argivischen Weiber an, sie verließen ihre Wohnungen, mordeten ihre eignen Kinder und irrten wie jene brüllend umher. Als nun das Übel seinen höchsten Grad erreicht hatte, berief Prötos, von Angst ergriffen, noch einmal den Melampus vor sich und bat ihn um Hilfe, indem er ihm den dritten Teil seines Reiches versprach. Aber der Seher weigerte sich jetzt zu helfen, wenn Prötos nicht auch seinem Bruder Bias ein zweites Drittel zusichere. So schwer es dem Könige ward, so willigte er doch endlich darein, denn er fürchtete, wenn er länger zögere, werde Melampus schließlich noch das ganze Land von ihm verlangen. Nun versammelte dieser sogleich die kräftigsten argivischen Jünglinge um sich, führte sie hinaus in die Gebirge und jagte mit ihnen unter lautem Geschrei und begeisterten Tänzen die Rasenden vor sich her bis in die Nähe von Sikyon. Während der Hetzjagd starb die älteste von den Töchtern des Prötos, die beiden andern aber wurden feierlich gereinigt, indem Melampus durch Gebete und Opfer die erzürnte Hera versöhnte. So kamen sie wieder glücklich zu Verstand, und ihr Vater gab außer dem versprochenen Lande die eine dem Melampus, die andere dem Bias zur Gattin, wodurch die Brüder mächtige Könige wurden. Von ihnen stammte eine große und glorreiche Nachkommenschaft ab, die Melampodiden, auf welche sich die Sehergabe des Ahnherren forterbte.

Kreons Strafe



Kreons Strafe

Der König blickte dem zürnenden Wahrsager bebend nach. Er berief die Ältesten der Stadt zu sich und befragte sie, was zu tun sei. »Entlaß die Jungfrau aus der Höhle, bestatte den preisgegebenen Leib des Jünglings!« lautete ihr einstimmiger Rat. Schwer kam es den unbeugsamen Herrscher an nachzugeben. Aber das Herz war ihm entsunken. So willigte er geängstigt darein, den einzigen Ausweg zu ergreifen, der das Verderben, das der Seher verkündigt hatte, von seinem Hause abwälzen könnte. Er selbst machte sich mit Dienern und Gefolge zuerst nach dem Felde auf, wo Polyneikes lag, dann nach dem Grabgewölbe, in welches Antigone verschlossen worden war; im Palaste blieb seine Gemahlin Eurydike allein zurück. Diese vernahm bald auf den Straßen ein Klaggeschrei, und als sie auf den immer lauter werdenden Ruf ihre Gemächer endlich verließ und in den Vorhof ihres Palastes heraustrat, kam ihr ein Bote entgegen, der ihrem Gemahl als Führer nach dem hohen Blachfelde gedient hatte, wo der Leib seines Neffen erbarmungslos zerrissen, bis hieher nicht begraben lag. »Wir beteten zu den Göttern der Unterwelt«, erzählte der Bote, »badeten den Toten im heiligen Bade und verbrannten dann den Überrest seines bejammernswürdigen Leichnams. Nachdem wir ihm aus vaterländischer Erde einen Grabhügel aufgetürmt, gingen wir nach dem steinernen Gewölbe, in das die Jungfrau hinabgestiegen war, ihr Leben dort im elenden Hungertode zu enden. Hier vernahm ein vorangeeilter Diener schon aus der Ferne helltönende Jammerlaute vom Tore des grauenvollen Gemaches her. Er eilte zu unserem Herrn zurück, ihm solches kundzutun. Aber auch zu seinem Ohre war jener betrübte Klagelaut schon gedrungen, und er hatte darin die Stimme des Sohnes erkannt. Wir Diener eilten auf sein Geheiß heran und blickten durch den Felsenspalt. Wehe uns, was mußten wir hier schauen? Tief im Hintergrunde der Höhle sahen wir die Jungfrau Antigone in den Schlingen ihres Schleiers aufgeknüpft und schon entseelt. Vor ihr lag, ihren Leib umschlingend, dein Sohn Haimon, in heulender Wehklage die entrissene Braut bejammernd und des Vaters Untat verfluchend. Inzwischen war dieser vor der Kluft angekommen und wandelte tief aufseufzend durch die offene Türe hinein. ›Unseliger Knabe‹, rief er, ›auf was sinnest du? Was droht uns dein verirrter Blick? Komm heraus zu deinem Vater! Flehend, auf den Knien liegend, beschwöre ich dich!‹ Doch der Sohn starrte ihn in Verzweiflung an und riß ohne Antwort sein zweischneidiges Schwert aus der Scheide; der Vater stürzte zu dem Gewölbe hinaus und entwich dem Stoße. Hierauf bückte der unglückselige Haimon sich über den Stahl und trieb ihn tief durch seine Seite. Er sank, aber noch sinkend schlang er seinen Arm fest um die Leiche der Braut und liegt jetzt tot, wie er die Tote gefaßt hatte, in der Grabeshöhle.« Eurydike hörte diese Botschaft schweigend an und enteilte dann, ohne ein gutes oder böses Wort zu sprechen. Dem verzweifelnden Könige, der von Dienern begleitet, welche die Leiche seines einzigen Sohnes trugen, jammernd in den Palast zurückkehrte, kam die Nachricht entgegen, daß im Innern des Hauses seine Gemahlin entseelt in ihrem Blute liege, mit einer tiefen Schwertwunde im Herzen.