Sagen

Kreons Strafe



Kreons Strafe

Der König blickte dem zürnenden Wahrsager bebend nach. Er berief die Ältesten der Stadt zu sich und befragte sie, was zu tun sei. »Entlaß die Jungfrau aus der Höhle, bestatte den preisgegebenen Leib des Jünglings!« lautete ihr einstimmiger Rat. Schwer kam es den unbeugsamen Herrscher an nachzugeben. Aber das Herz war ihm entsunken. So willigte er geängstigt darein, den einzigen Ausweg zu ergreifen, der das Verderben, das der Seher verkündigt hatte, von seinem Hause abwälzen könnte. Er selbst machte sich mit Dienern und Gefolge zuerst nach dem Felde auf, wo Polyneikes lag, dann nach dem Grabgewölbe, in welches Antigone verschlossen worden war; im Palaste blieb seine Gemahlin Eurydike allein zurück. Diese vernahm bald auf den Straßen ein Klaggeschrei, und als sie auf den immer lauter werdenden Ruf ihre Gemächer endlich verließ und in den Vorhof ihres Palastes heraustrat, kam ihr ein Bote entgegen, der ihrem Gemahl als Führer nach dem hohen Blachfelde gedient hatte, wo der Leib seines Neffen erbarmungslos zerrissen, bis hieher nicht begraben lag. »Wir beteten zu den Göttern der Unterwelt«, erzählte der Bote, »badeten den Toten im heiligen Bade und verbrannten dann den Überrest seines bejammernswürdigen Leichnams. Nachdem wir ihm aus vaterländischer Erde einen Grabhügel aufgetürmt, gingen wir nach dem steinernen Gewölbe, in das die Jungfrau hinabgestiegen war, ihr Leben dort im elenden Hungertode zu enden. Hier vernahm ein vorangeeilter Diener schon aus der Ferne helltönende Jammerlaute vom Tore des grauenvollen Gemaches her. Er eilte zu unserem Herrn zurück, ihm solches kundzutun. Aber auch zu seinem Ohre war jener betrübte Klagelaut schon gedrungen, und er hatte darin die Stimme des Sohnes erkannt. Wir Diener eilten auf sein Geheiß heran und blickten durch den Felsenspalt. Wehe uns, was mußten wir hier schauen? Tief im Hintergrunde der Höhle sahen wir die Jungfrau Antigone in den Schlingen ihres Schleiers aufgeknüpft und schon entseelt. Vor ihr lag, ihren Leib umschlingend, dein Sohn Haimon, in heulender Wehklage die entrissene Braut bejammernd und des Vaters Untat verfluchend. Inzwischen war dieser vor der Kluft angekommen und wandelte tief aufseufzend durch die offene Türe hinein. ›Unseliger Knabe‹, rief er, ›auf was sinnest du? Was droht uns dein verirrter Blick? Komm heraus zu deinem Vater! Flehend, auf den Knien liegend, beschwöre ich dich!‹ Doch der Sohn starrte ihn in Verzweiflung an und riß ohne Antwort sein zweischneidiges Schwert aus der Scheide; der Vater stürzte zu dem Gewölbe hinaus und entwich dem Stoße. Hierauf bückte der unglückselige Haimon sich über den Stahl und trieb ihn tief durch seine Seite. Er sank, aber noch sinkend schlang er seinen Arm fest um die Leiche der Braut und liegt jetzt tot, wie er die Tote gefaßt hatte, in der Grabeshöhle.« Eurydike hörte diese Botschaft schweigend an und enteilte dann, ohne ein gutes oder böses Wort zu sprechen. Dem verzweifelnden Könige, der von Dienern begleitet, welche die Leiche seines einzigen Sohnes trugen, jammernd in den Palast zurückkehrte, kam die Nachricht entgegen, daß im Innern des Hauses seine Gemahlin entseelt in ihrem Blute liege, mit einer tiefen Schwertwunde im Herzen.

Lavinia dem Äneas zugesagt



Lavinia dem Äneas zugesagt

Der Sohn des Anchises wählte aus allen Schiffen des Geschwaders die ausgezeichnetsten Männer, hundert an der Zahl, als Redner oder Gesandte, die an den Laurenterkönig abgeschickt werden sollten. Diese traten, bebänderte Ölzweige, gleich Schutzflehenden, in den Händen, die Reise an und gelangten bald in die Stadt der Latiner. Vor der Stadt tummelte sich die Jugend Latiums zu Wagen und zu Roß, andere vergnügten sich mit Wurfspießwerfen und Bogenschießen, mit Faustkampf und Wettrennen. Als nun die fremden Gesandten kamen, eilte ein Bote zu Pferd in die Stadt voran und brachte dem alten Könige die unerwartete Botschaft, daß eine Schar großer, herrlicher Männer friedlich herannahe. Dieser befahl sogleich, sie in seine Wohnung zu rufen und versammelte alle die Seinigen um den Thron seiner Ahnen.

Der Palast des Königs war groß und herrlich, in der obersten Burg der Stadt gelegen. Hundert Säulen trugen ihn, und ein heiliger Hain umringte ihn mit hohen, Ehrfurcht gebietenden Bäumen. Im Innern desselben saß auf einem erhöhten Throne Latinus und beschied die Trojaner vor sich. Als sie eingetreten waren, sprach er mit freundlichem Angesichte: »Euer Geschlecht ist mir nicht unbekannt, ihr Dardaniden, und ihr waret mir verkündiget, noch als ihr lang auf dem Meere umherirrtet. Möget ihr nun durch Stürme hieher verschlagen oder absichtlich gekommen sein: wisset, daß ihr an keiner ungastlichen Küste gelandet seid. Verkennet in uns Latinern nicht das harmlose Geschlecht des Saturnus, das ohne Zwang und Gesetz Billigkeit übt und den alten frommen Gebräuchen des Gottes mit edler Freiheit folgt! Auch erinnere ich mich wohl noch, obgleich die Sage durch viele Jahrhunderte verdunkelt ist, daß euer Ahnherr Dardanus aus dieser unserer Gegend abstammen solle.«

Ihm erwiderte Ilioneus, der von allen zum Sprecher ausersehen war: »Kein Orkan hat uns an dein Gestade genötigt, erhabener Sohn des Faunus, kein Gestirn hat uns in der Richtung des Weges getäuscht! Mit freiem Willen erreichten wir dein Ufer, und bewußte Absicht hat uns an dasselbe geführt. Wir sind aus einem herrlichen Reiche vertrieben worden, und der Erzvater unseres Geschlechtes ist Jupiter selbst. Auch unser Fürst und Anführer Äneas, der Sohn der Göttin Venus, ist Jupiters Enkel, und er selbst ist es, der uns in deinen Palast gesendet hat. Den Sturm, der Troja niedergerissen, kennt alle Welt; auch dir ist er nicht unbekannt geblieben. Dieser Verwüstung sind wir entflohen und flehen euch um einen Fleck an, wo wir die Götter unserer Heimat aufstellen können, um ein sicheres Ufer, um Wasser und Luft, die ein gemeinsames Gut aller Sterblichen sind! Es wird Italien nie gereuen, Troja in seinen Schoß aufgenommen zu haben. Stammt doch Dardanus von hier und ruft uns hierher zurück. Auch trieb uns ein besonderes Gebot der Götter, dieses Land aufzusuchen. Damit du aber erkennest, o König, daß wir in Wahrheit diejenigen sind, für welche wir uns ausgeben, so verehrt dir unser Führer Äneas die Geschenke, die wir für dich mitgebracht haben und die freilich nur kleinere Überbleibsel aus Trojas Brande sind: diesen goldenen Pokal, aus welchem der Vater unseres Helden, Anchises, sein Trankopfer zu verrichten pflegte; dies Gewand des hohen Königs Priamus, das er trug, wenn er dem zusammengerufenen Volke Recht sprach, endlich seinen heiligen Kopfschmuck, seinen Zepter und andere Gewande, kunstvolle Arbeit trojanischer Frauenhände.«

Während Ilioneus sprach, hatte der alte König Latinus die Augen unbeweglich zu Boden gesenkt wie ein tief Nachdenkender: er gab wenig auf die herrlichen Geschenke Achtung, welche die Gesandten vor den Stufen seines Thrones ausbreiteten; tief bewegte er in seinem Herzen den Orakelspruch seines Vaters Faunus. Auf einmal wurde ihm klar, Äneas und kein anderer sei der verheißene Bräutigam seiner Tochter, dieser zur gemeinschaftlichen Beherrschung des Reiches ausersehen; aus ihm werde das Geschlecht aufsprießen, das bestimmt sei, über die ganze Erde zu herrschen. Da erheiterte sich seine Miene, er richtete sein Haupt auf und sprach: »Mögen die Götter unser Werk und ihre Verheißung segnen! Ich gewähre eure Wünsche, Trojaner, und eure Geschenke nehme ich an. Nur soll Äneas selbst zu mir kommen und sich vor dem Angesicht eines Freundes nicht scheuen. Ihr aber überbringet ihm mein Anerbieten. Mein ist eine einzige Tochter, die mir das Orakel meines Vaters, verbunden mit andern Wunderzeichen, nicht vergönnt, einem einheimischen Manne zu vermählen. Aus dem Auslande soll mir, nach der Weissagung, der Gatte meiner Tochter kommen.«

Nachdem er so gesprochen, ließ der alte König aus seinem herrlichen Marstall, in welchem an hohen Krippen dreihundert der schmucksten Rosse standen, für jeden Trojaner ein mit Purpur gedecktes Pferd herbeiführen; goldene Ketten hingen den Rossen bis an die Brust herab, das Geschirr und der Zaum ihres Mundes war von Gold. Dem Äneas selbst aber sandte er einen Wagen samt einem Doppelgespann, schnaubende Rosse aus unsterblichem Samen gezeugt.

Leichenfeier des Patroklos



Leichenfeier des Patroklos

Sobald Achill mit der Leiche seines Feindes bei den Schiffen angekommen war, ließ er diese am Bette des Patroklos aufs Antlitz in den Staub strecken. Derweil legten die Danaer ihre Rüstungen ab und setzten sich zu Tausenden am Schiffe des Peliden zum festlichen Leichenschmause nieder. Stiere, Schafe und Schweine wurden geschlachtet, und der Pelide ließ den Streitern eine köstliche Mahlzeit zurichten. Den Helden selbst führten die Genossen widerstrebend von der Leiche seines Freundes weg in das Zelt des Königes Agamemnon. Hier ward ein großes Geschirr voll Wasser an die Glut gestellt: ob sie nicht etwa den Peliden vermögen könnten, sich den blutigen Schlachtstaub von den Gliedern zu waschen. Er aber weigerte sich hartnäckig und schwur einen großen Eid: »Nein, so wahr Zeus lebt, kein Bad soll meinen Scheitel netzen, ehe Patroklos von mir auf den Scheiterhaufen gelegt ist, ehe ich mein Haar geschoren und ihm ein Denkmal aufgetürmt habe! Meinetwegen mögen wir jetzt das traurige Festmahl abhalten. Morgen aber laß Holz im Wald fällen, Fürst Agamemnon, und beut alles auf, was zur Leichenbestattung meinem Freunde gehört, daß das Feuer den Jammeranblick schnell von uns nehme und das Volk sich wieder zur Kriegsarbeit wende!« Die Fürsten ließen ihn gewähren, setzten sich ans Mahl und schmausten. Dann ging ein jeder zur Nachtruhe. Der Sohn des Peleus aber, weil die Toten in seinem Zelte waren, legte sich, von seinen Myrmidonen umringt, am Meergestade nieder, wo der kiesige Strand von den Wellen reingespült war.

Lange seufzte er hier noch auf dem harten Lager um den erschlagenen Freund. Als ihn aber endlich der Schlummer umfangen hatte, kam die Seele des jammervollen Patroklos im Traumbilde zu ihm, an Größe, Gestalt, Stimme und Augen jenem ganz ähnlich, den Leib eingehüllt in Gewande. So trat der Schatten zu seinen Häupten und sprach: »Schläfst du, meiner so ganz vergessen, Achill? Des Lebenden zwar hast du immerdar gedacht, aber nicht also des Toten! Gib mir ein Grab, denn mich verlangt sehr, durch das Tor des Hades einzugehen! Bis jetzt hab ich es nur irrend umwandelt, und es sitzen als Wächter Seelen da, die mich zurückscheuchen. Ehe der Scheiterhaufen mir gewährt worden ist, kann ich nicht zur Ruhe kommen. Du mußt aber wissen, Freund, daß auch dir vom Schicksal bestimmt ist, nicht ferne von der Mauer Trojas zu fallen. Richte deswegen mein Grab so ein, daß unser beider Gebein nebeneinander ruhen kann, wie wir zusammen in deines Vaters Wohnung aufgewachsen sind.«

»Ich gelobe dir alles, Bruder!« rief Achill und streckte die Hände nach dem Schattenbilde aus: da sank die Seele schwirrend zur Erde hinab wie ein Rauch. Der Held sprang bestürzt vom Lager auf, schlug die Hände zusammen und sprach jammernd: »So leben denn die Seelen wirklich noch in der Behausung des Hades, aber ach! ein besinnungsloses Leben! Diese Nacht stand ja leibhaftig vor mir des Patroklos Seele, traurig und klagend, aber ihm in allem gleich!« Dadurch erregte Achill allen Helden die Sehnsucht nach dem Toten aufs neue.

Als aber die Morgenröte anbrach, da verließen auf Agamemnons Befehl Männer und Maultiere die Lagerzelte, Meriones an ihrer Spitze: die Tiere voran, die Männer mit Äxten und Seilen ihnen folgend. Da wurden von ihnen auf den Waldhöhen des Ida die hochstämmigsten Bäume gefällt, das Holz zerschlagen und den Maultieren aufgeladen. Diese trabten damit hinab nach den Schiffen; auch die Männer schleppten Holzklötze auf den Schultern, und am Meeresstrande wurde alles in Reihen niedergelegt. Nun befahl Achill seinen Myrmidonen, ihre Erzrüstung anzulegen, und den Reisigen, die Wagen anzuspannen. Bald setzte sich der Leichenzug in Bewegung: die Fürsten, Kämpfer und Wagenlenker, von den Rossen gezogen, voran; ein dichtes Gewölk von Fußvolk zu Tausenden hintendrein. In der Mitte trugen den Patroklos seine Streitgenossen und Freunde; der Leichnam war ganz mit geschorenen Locken bedeckt, sein Haupt hielt Achill, der Leiche folgend, selbst in den Händen, in tiefe Trauer versenkt.

Als sie den von diesem für das Grab seines Freundes bezeichneten Ort erreicht hatten, setzten sie die Totenbahre nieder, und ein ganzer Wald von Bäumen wurde zum Scheiterhaufen herbeigebracht. Der Pelide stellte sich abgewandt vom Gerüste und schor sein braungelocktes Haar, dann schaute er in die dunkle Meeresflut und sprach: »O Spercheios, thessalischer Heimatfluß, vergebens gelobte mein Vater Peleus, ich sollte heimgekehrt dir mein Haar scheren und an deinen Quellen, wo du Hain und Altar hast, dir fünfzig Widder opfern! Du hast sein Flehen nicht gehört, Stromgott! du lässest mich nicht heimkehren. So zürne mir auch nicht, wenn ich mein Lockenhaar dem Freunde Patroklos mit in den Hades zu tragen gebe!« Mit diesen Worten legte er sein Haupthaar in die Hände des Freundes, trat zu Agamemnon und sprach: »Heiß die Völker sich einmal sättigen am Gram, o Fürst! Gebeut ihnen, sich zu zerstreuen und das Mahl einzunehmen, uns laß das Werk der Bestattung vollenden!«

Auf Agamemnons Befehl zerstreute sich das Kriegervolk zu den Schiffen, und nur die bestattenden Fürsten blieben auf der Stelle. Da fingen sie an, ein ungeheures Gerüst aus den gefällten und behauenen Baumstämmen aufzuführen, je hundert Fuß ins Gevierte. Oben darauf legten sie mit betrübten Herzen den Leichnam. Dann zogen sie eine Menge Schafe und Hornvieh vor dem Scheiterhaufen ab; die abgezogenen Leiber wurden umhergehäuft, mit dem Fette der Leichnam bedeckt, gegen die Bahre Honig und Ölkrüge gelehnt, auch vier lebendige Rosse ächzend auf das Gerüst geworfen; sodann zwei der neun Haushunde geschlachtet; endlich mit dem Schwert erwürgt zwölf tapfere trojanische Jünglinge, aus der Zahl der Gefangenen erlesen. Denn entsetzlich rächte Achill den Tod seines Freundes.

Und nun hieß er die Flamme wüten und rief, während der Holzstoß angezündet wurde, dem Toten zu: »Möge dich noch in der Unterwelt Freude begleiten, Patroklos! Was ich gelobt habe, ist vollbracht. Zwölf Opfer verzehrt die Glut. Nur den Hektor soll sie nicht verzehren; nicht der Flammen, der Hunde Raub soll er sein!« So sprach er drohend; doch die Götter fügten dieses nicht so: Tag und Nacht wehrte Aphrodite die heißhungrigen Hunde von Hektors Leichnam ab und salbte ihn mit ambrosischem Balsam voll Rosenduft, daß auch keine Spur von der Schleifung übrigblieb. Apollo zog eine dunkle Wolke über die Stelle, wo er lag, daß die Sonne sein Fleisch nicht ausdörren konnte.

Der Scheiterhaufen der Patroklos war nun zwar angezündet, aber die Glut wollte nicht lodern. Da wandte sich Achill abermals vom Gerüste, gelobte den Winden Boreas und Zephyros Opfer, spendete ihnen Wein aus goldenem Becher und flehte sie, das Holz mit raschem Hauche zum Brand anzufachen. Iris brachte den Winden die Botschaft; diese kamen mit grauenvollem Getöse über das Meer gestürmt und stürzten sich in den Scheiterhaufen. Die ganze Nacht sausten sie um das Gerüst und durchwühlten es mit Flammen, während Achill unaufhörlich aus goldnem Krug und Becher der Seele seines toten Freundes Opferspenden darbrachte. Mit der Morgenröte ruhten Winde und Flammen, und der Holzstoß fiel in Asche. In der Mitte der Kohlen lag abgesondert das Gebein des Patroklos; am äußersten Rande lagen vermischt untereinander die Gebeine der Tiere und Männer. Auf den Befehl des Peliden löschten die Helden den glühenden Schutt mit rotem Weine, sammelten unter Tränen das weiße Gebein ihres Freundes, bargen es, mit einer doppelten Lage von Fett umgeben, in eine goldene Urne und stellten diese im Zelte auf. Alsdann nahmen sie im Umkreis das Maß zu seinem Denkmal, legten rings um den abgebrannten Scheiterhaufen einen Grund von Steinen und türmten dann aufgeschüttete Erde zum Grabhügel.

Auf die Bestattung folgten die Leichenspiele zu Ehren des gefallenen Helden. Achill berief alles Griechenvolk zusammen, hieß es in weitem Kreise sich setzen und stellte Dreifüße, Becken, Rosse, Maultiere, mächtige Stiere, gefangene kunstfertige Weiber in köstlichen Gewanden, dazu lauteres Gold als verschiedene Preise auf. Zuerst kann das Wagenrennen an die Reihe. Er selbst nahm keinen Teil an diesem Kampfe; lag doch sein geliebter Wagenlenker im Grab! Dagegen erhub sich Eumelos, der Sohn Admets, der wagenkundigste Held; Diomedes, der die dem Äneas geraubten Rosse anschirrte; Menelaos mit seinem Hengste Podargos und Agamemnons Stute Aithe; dann als vierter Antilochos, der junge Sohn Nestors, dem sein Vater allerlei weise Ermahnungen für das Wettrennen erteilte; als fünfter endlich schirrte Meriones seine glänzenden Rosse an den Wagen. Alle fünf Helden bestiegen den Wagensitz, und Achill schüttelte die Lose, in welcher Ordnung sie aus den Schranken fahren sollten. Da sprang zuerst das Los des Antilochos aus dem Helme, dann kamen Eumelos, Meneleaos, Meriones, zuletzt der Tydide. Zum Kampfschauer ward der graue Phönix, der Kampfgenosse seines Vaters, von dem Peliden bestellt. Jetzt erhuben alle fünf Fürsten zumal ihre Geißel, schlugen mit den Zügeln, ermahnten die Rosse und durchstürmten das Blachfeld; dicker Staub erhob sich, wild flatterten die Mähnen der Pferde, die Wagen rollten bald tief an der Erde bald flogen sie in schwebendem Sprunge durch die Luft. Hoch standen die Lenker in den Sitzen, und jedem klopfte das Herz nach dem Sieg. Als sich die Rosse dem Ende der Laufbahn, die ans Meer grenzte, nahten, da schien jedes ganz Schnelligkeit zu sein, und alle rannten in gestrecktem Lauf. Zuvorderst sprangen die Stuten des Eumelos; über Rücken und Schultern atmete ihm schon das Hengstgespann des Tydiden, als diesem Apollo zürnend die Geißel aus den Händen stieß und so die Schnelligkeit seiner Rosse hemmte. Athene bemerkte die List, gab dem Helden die Geißel zurück und zerbrach dem Eumelos das Joch, daß die Stuten auseinandersprangen und der Lenker sich neben dem Rade verwundet auf dem Boden wälzte. Der Tydide flog vorüber; ihm zunächst Menelaos; nächst ihm trieb Antilochos seine Rosse mit scheltendem Zuruf. An einem durchwühlten Hohlwege strauchelte Menelaos, Antilochos aber fuhr kühn durch den engen Paß an ihm vorbei. Während die zuschauenden Helden Rosse und Wagen durch den Staub zu erkennen strebten und sich darüber stritten, war Diomedes, die andern immer hinter sich lassend, mit seinem von Zinn und Gold schimmernden Wagen am Ziel angekommen. Den dampfenden Rossen strömte der Schweiß vom Nacken; der Held selbst sprang vom Sitz und lehnte die Geißel ans Joch. Sein Freund Sthenelos nahm den Kampfpreis in Empfang, ein schönes Weib und einen gehenkelten Kessel, gab sie den Freunden wegzubringen und schirrte die Rosse aus. Nächst ihm kam Antilochos an und fast zu gleicher Zeit Menelaos. Speerwurfsweite davon fuhr etwas träger Meriones einher, und ganz zuletzt schleppte den versehrten Wagen mit verrenkten Gliedern Eumelos hin. Dennoch wollte diesem Achill, weil ihn unverschuldetes Unglück getroffen und er der beste Wagenlenker war, den zweiten Preis erteilen, aber Antilochos fuhr zornig auf. »Mir gehört der zweite Preis«, sprach er, »die herrliche ungezähmte sechsjährige Stute; bedauerst du jenen, so hast du Gold, Erz, Vieh, Rosse und Mägde genug im Zelte, gib ihm davon, was du willst!« Achill lächelte, sprach seinem lieben Altersgenossen das Roß zu und schenkte dem Eumelos einen herrlichen Harnisch. Aber Menelaos beschuldigte nun seinerseits den Antilochos, ihm die Rosse mit List gehindert zu haben, und sann ihm einen Eid beim Schöpfer des Rosses, Poseidon, an. Der Beschämte gestand sein Vergehen und führte die gewonnene Stute dem Atriden zu. Dies besänftigte den Zorn des Menelaos; er überließ dem Jünglinge das Roß und nahm sich den dritten Preis, das Becken. Zwei Talente Goldes als vierten Kampfpreis erhub Meriones; den übrigen fünften, einen vom Feuer noch unberührten Mischbecher mit Henkeln, überließ Achill dem Nestor als Geschenk.

Nun wurde zum Faustkampf geschritten und dem Sieger ein Maultier, dem Besiegten ein Henkelbecher bestimmt. Sogleich erhub sich ein kraftvoller, gewaltiger Mann, Epeios, der Sohn des Panopeus, faßte das Tier und rief. »Dieses ist mein, den Becher nehme, wer will! Das aber verkünde ich: der Leib wird ihm von meiner Faust zerschmettert, und die Gebeine zermalm ich ihm!« Auf diesen Gruß verstummten alle Helden, bis sich Euryalos, des Mekisteus Sohn, ihm gegürtet und kampfbereit entgegenstellte. Bald kreuzten sich ihre Arme, die Fäuste klatschten auf den Kiefern, der Angstschweiß floß ihnen von den Gliedern. Endlich versetzte Epeios seinem Gegner einen Streich auf den Backen, daß er zu Boden fiel wie ein Fisch, der aus der Welle aufs Ufergras gesprungen ist. Epeios hob ihn an den Händen empor, und seine Freunde führten ihn Blut speiend und mit hängendem Haupt aus der Versammlung.

Hierauf stellte Achill die Preise für den Ringkampf aus: dem Sieger einen großen Dreifuß, zwölf Rinder an Wert, dem Besiegten ein blühendes kunstfertiges Weib. Da umfaßten sich bald mit schmiegsamen Armen Odysseus und der große Ajax, ineinandergefugt, wie ein Zimmermann Sparren zusammenfügt; ihr Schweiß floß, ihr Rücken knirschte, an Seiten und Schultern wurden Blutstriemen sichtbar; schon murrten die Achiver, da hub Ajax den Odysseus in die Höhe, doch dieser gab dem Gegner mit gebeugtem Knie von hinten einen Stoß, warf ihn rücklings nieder und sank ihm von oben auf die Brust; doch vermochte er ihn nur ein weniges zu bewegen, und beide rollten miteinander in den Staub. »Ihr seid beide Sieger«, rief Achill, »und ich belohne euch mit gleichem Preise.«

Für den Wettlauf ward dem Sieger ein kunstvoll gearbeiteter, sechs Maß haltender Krug von Silber bestimmt; dem nächsten Läufer ein Stier, dem dritten ein halbes Talent Goldes. Hier erhoben sich der schnelle Lokrer Ajax, Odysseus und Antilochos. Achill gab das Zeichen; voran stürmte Ajax, ihm zunächst Odysseus, wie ein Webschiff an der Brust des Weibes dahinfliegt; schon wehte sein Hauch dem Ajax im Nacken, und alle Danaer ermunterten den Eilenden. Als sie dem Ziel ganz nahe waren, flehte Odysseus im Herzen zu seiner Schützerin Athene; die schuf ihm die Glieder leicht und ließ den Lokrer über den Unrat der dem Patroklos geschlachteten Rinder straucheln, daß ihm Mund und Nase besudelt ward. Ein lautes Gelächter schallte, als Odysseus den Mischkrug und bald darauf Ajax, Kot ausspeiend, den Stier faßte. Den letzten Preis ergriff Antilochos lächelnd und sprach: »Ehre verleihen die Götter älteren Menschen, zwar ist Ajax nur weniges älter denn ich, aber er ist früheren Stammes.« »Du sollst nicht umsonst so neidlos geredet haben«, sprach Achill zu dem holden Jüngling, »ich füge deinem Preis noch ein halbes Talent Goldes hinzu.«

Und nun trug der Pelide die herrliche Lanze des Sarpedon, die Patroklos jüngst erbeutet hatte, in den Kreis und legte sie mit Schild und Helm nieder. Um sie sollten zwei der tapfersten Helden in Waffen kämpfen, die Rüstung sollten beide gemeinschaftlich erhalten und beide köstlich im Zelte des Achill bewirtet werden, der Sieger aber das thrakische Schwert des Asteropaios voll Silberbuckeln davontragen. Mit drohendem Blicke rannten der Telamonier Ajax und Diomedes gegen einander, in Waffen dreimal aufeinander losstürmend. Ajax durchstieß den Schild des Tydiden, Diomedes aber zielte nach dem Hals. Die Achiver, um Ajax besorgt, trennten die Streitenden, doch das Schwert erhielt der Tydide.

Noch wurde mit der eisernen Kugel um die Wette gestritten, die vordem der König von Theben oft geworfen, Eëtion, welchen Achill erschlagen, Epeios schwang sie im Wirbel und warf, doch so, daß die Danaer lachten; dann Leonteus, dann der gewaltige Ajax, daß sie über das Zeichen wegflog; aber weit über alle hinaus, wie ein Hirt Stecken über seine weidenden Rinder, schleuderte sie Polypötes und trug sie als Preis davon.

Zehn Äxte und zehn Beile von bläulich schimmerndem Eisen stellte Achill den Schützen aus. An den Mast eines Schiffes wurde an dünnen Fäden eine Taube gebunden; wer die traf, sollte die Äxte haben, der Besiegte sich mit den kleineren Beilen begnügen. Um den ersten Schuß losten Teucer und Meriones. Teucers Los sprang aus dem Helm, aber durch Apollos Mißgunst verfehlte er den Vogel und durchschoß den Faden, daß die Taube sich in die Lüfte schwang. Dem verdrossen nachblickenden Teucer entriß Meriones den Bogen, legte seinen Pfeil drauf und durchschoß der Taube in der Luft den Flügel; denn er hatte in Eile dem Phöbos eine Dankhekatombe gelobt. Die Taube setzte sich verwundet auf den Mast, senkte den Hals und die Flügel, und bald fiel sie tot zur Erde nieder. Staunend jubelten die Völker; Meriones faßte die Äxte, Teucer schlich mit den Beilen davon.

Ein Speer und ein mit Blumen geziertes reines Becken ward als Preis des Speerwurfs zuletzt in den Kreis gebracht. Da stand zuerst der Völkerfürst Agamemnon auf, und Meriones nach ihm. Aber Achill sprach: »Atride, wir wissen alle aus der Schlacht, wie weit du die Helden im Speerwurf besiegest, laß drum dem Helden Meriones den Speer und nimm ohne Kampf das Becken.« Agamemnon gehorchte dem Wunsch, reichte dem Kreter die Lanze und griff nach dem Becken. Und damit hatten die Spiele ein Ende.

Leichenspiele zu Ehren Achills



Leichenspiele zu Ehren Achills

Auch zu Troja wurde in diesen Tagen eine Totenfeier begangen: der Lykier Glaukos, der treue Bundesgenosse der Trojaner, der im letzten Kampfe gegen die Griechen gefallen war und dessen Leichnam seine Freunde aus den Händen der Feinde gerettet hatten, wurde verbrannt und bestattet.

Am folgenden Tage erhub sich Diomedes, der Sohn des Tydeus, in der Versammlung der griechischen Helden mit dem Rate, jetzt im Augenblicke, ehe die Feinde Mut aus Achills Tode schöpften, mit Wagen, Roß und Mann gegen die Stadt anzurücken und dieselbe zu erstürmen. Aber gegen ihn stand Ajax, der Sohn Telamons, auf: »Wäre es auch recht«, sprach er, »die erhabene Meeresgöttin, die um den Tod ihres Sohnes trauert, zu kränken und nicht vor allen Dingen herrliche Spiele um das Grabmal ihres Sohnes zu feiern? Sie selbst, als sie gestern an mir vorüber ins Meer zurückrauschte, gab mir einen Wink, den Sohn nicht ungeehrt zu lassen; sie werde persönlich bei seiner Leichenfeier erscheinen. Was die Trojaner betrifft, so werden sie sich schwerlich mehr ermutigen, obgleich der Pelide dahin ist, solange nur du und ich und der Atride Agamemnon noch am Leben sind!« »Ich will mich in deine Meinung fügen«, erwiderte der Tydide, »wenn Thetis wirklich selbst heute erscheint. Ihr Wunsch soll auch dem dringendsten Kampfe vorangehen.«

Kaum hatte Diomedes diese Worte gesprochen, als die Meereswellen ans Strande sich teilten und die Gemahlin des Peleus, dem leichten Hauche des Morgens vergleichbar, aus den Fluten herauftauchte und in der Danaer Mitte hineintrat. Mit ihr kamen Nymphen als Dienerinnen, die aus den Umhüllungen ihrer Schleier herrliche Kampfpreise hervorzogen und vor den Augen der Achajer auf dem Felde ausbreiteten. Thetis selbst ermunterte die Helden, mit den Kampfspielen den Anfang zu machen. Da erhub sich der Sohn des Neleus, Nestor, doch nicht um zu kämpfen, denn das hohe Alter hatte ihm die Glieder steif gemacht, sondern zur lieblichen Rede und pries die holde Tochter des Nereus. Er erzählte von ihrer Hochzeit mit Peleus, bei der die Unsterblichen selbst als Gäste schmausten und die Horen göttliche Speisen in goldenen Körben herbeibrachten und mit ambrosischen Händen sie aufschichteten. Die Nymphen mischten den Göttertrank in goldene Becher, die Grazien führten ihren Reigen, und die Pieriden sangen. Der Äther und die Erde, Sterbliche und Unsterbliche, alles nahm damals an der seligen Freude teil.

So erzählte Nestor und pries dann die ewigen Taten des Peliden, der diesem Ehebund entsproßt war. Seine Rede goß sanften Trost in die Seele der betrübten Mutter, und die Argiver, obwohl voll Kampflust, hörten doch mit Wonne zu und stimmten in sein Lob des Helden jubelnd ein. Thetis übergab dem Nestor als Vermächtnis zwei der herrlichsten Rosse ihres Sohnes; dann schied sie aus den mitgebrachten Gaben als Preis für den Sieg im Wettlaufe zwölf stattliche Kühe, jede mit einem saugenden Milchkalbe; sie waren eine Beute ihres Sohnes, der sie einst kämpfend von den Berghöhen des Ida hinweggetrieben. Nun erhuben sich unter den griechischen Helden Teucer, der Sohn des Telamon, und der Lokrer Ajax, des Oïleus schneller Sohn, und entkleideten sich zum Laufe bis an den Gürtel. Agamemnon steckte das Ziel des Wettlaufs; wie Habichte stürmten sie dahin, und rechts und links jauchzten ihnen die zuschauenden Griechen Beifall zu. Schon waren beide dem Ziele nah, als dem Teucer ein Tamariskengesträuch den Weg versperrte, daß er strauchelte und fiel. Laut schrien die Danaer, der Lokrer aber stürmte an ihm vorbei, ergriff das Ziel und führte die Kühe triumphierend weg zu den Schiffen; den Teucer führten hinkend die Seinigen davon. Ärzte wuschen ihm das Blut vom Fuße und wickelten ihn sorgfältig in ölgetränkte Binden ein.

Zum Ringkampfe standen jetzt zwei andere Helden auf, Diomedes und der mächtigere Ajax, der Telamonssohn. Beide rangen vor den neugierigen Blicken ihrer Genossen mit gleicher Kraft und Erbitterung, endlich aber umstrickte Ajax den Tydiden mit den nervigen Händen und schien ihn erdrücken zu wollen. Dieser aber, ebenso gewandt und stark, beugte zur Seite aus, stemmte die Schultermuskeln an, hob den gewaltigen Gegner in die Höhe, daß seine Arme abglitten, und warf ihn mit einem Stoße des linken Fußes auf den Boden. Die Zuschauer jauchzten laut auf. Ajax aber raffte sich empor und begann den Kampf aufs neue, und so wüteten sie, wie zwei Stiere im Gebirg ihre eisernen Köpfe gegeneinanderstoßen; diesmal faßte Ajax den Diomedes an den Schultern und warf ihn wie einen Felsen mit unwiderstehlicher Kraft auf den Boden, daß er dahinrollte und die Helden umher Beifall jubelten. Doch auch Diomedes raffte sich empor und bereitete sich zum dritten Gange. Da stellte sich Nestor zwischen beide hinein und sprach: »Macht diesem Ringen doch ein Ende, Kinder; wir alle wissen auch ohnedem, daß ihr, seit wir den großen Achill verloren haben, die Tapfersten unter allen Argivern seid!« Ein Ruf der Zustimmung hallte durch die Luft aus dem zuschauenden Heere, die Ringer wischten sich den Schweiß von der Stirne, fielen einander in die Arme und küßten sich. Thetis beschenkte sie mit vier gefangenen Sklavinnen, die sich durch Fleiß und Herzensgüte auszeichneten und die Achill einst auf Lesbos erbeutet hatte. Die eine von ihnen verstand das Essen in der Küche zu besorgen, die andere kredenzte den Wein beim Mahle, die dritte reichte das Wasser am Schlusse desselben, die letzte trug die Speisen von der Tafel ab; und alle viere wurden nur von der schöngelockten Brisëis an Reiz übertroffen. In diese vier teilten sich die beiden Kämpfer und sandten das liebliche Geschenk zu den Schiffen.

Hierauf begann der Faustkampf, zu dem sich Idomeneus erhob, der geübteste Kämpfer in allen Arten desselben. Darum, und auch weil er einer der älteren Helden war, traten die andern alle ehrfurchtsvoll vor ihm zurück, und es fand sich keiner, der den Wettstreit mit ihm versuchen wollte. Thetis gab ihm daher den Wagen des Patroklos zum Geschenke. Phönix und Nestor aber munterten die jüngeren Männer zu dieser Gattung des Kampfes auf. Da trat Epeios, der Sohn des Panopeus, und bald nach ihm Akamas, der Sohn des Theseus, hervor; beide schnürten sich ihre Hände schnell mit trockenen Riemen und prüften sie, ob sie gelenkig seien: dann erhoben sie dieselben gegeneinander und, indem sie sich mit lauerndem Blicke umschauten, näherten sie sich einander ganz leise auf den Zehen, Schritt für Schritt, bis sie plötzlich, wie vom Winde getriebene Wolken, aus denen es blitzt und donnert, aufeinander losstürzten; und nun hallten vom Schlage der Riemen die Wangen, und unter dem Schweiße floß das Blut. Theseus‘ Sohn wehrte den rastlos eindringenden Gegner, listig ausweichend, ab und schlug ihn plötzlich mit der Faust über den Wimpern bis auf die Knochen, daß das Blut hervordrang; dafür traf ihn jener an die Schläfe, daß Akamas taumelnd zu Boden sank. Doch er erholte sich wieder, und der Kampf begann aufs neue, bis die Freunde sich dazwischenwarfen und den Erbitterten begreiflich machten, daß hier ja nicht Grieche und Trojaner sich entgegenstehen. Thetis schenkte ihnen zwei herrliche Mischkrüge von Silber, die ihr Sohn als Ehrengeschenk von Lemnos gebracht hatte. Die Helden griffen freudig darnach, noch ehe sie an die Heilung ihrer Wunden dachten.

Nun warben Ajax und Teucer, die sich schon im Wettlaufe gemessen hatten, auch um den Preis des Bogenschießens. Als fernes Ziel stellte Agamemnon einen Helm mit flatternder Mähne auf. Sieger sollte der sein, dessen Pfeil das Roßhaar des Schweifes durchschnitte. Ajax schnellte zuerst seinen Pfeil von der Sehne: der traf den Helm, daß das Erz getroffen erklang. Eilig sandte Teucer auch seinen Pfeil ab; und siehe, seine Pfeilspitze durchschnitt den Helmschweif, daß die zuschauenden Helden laut aufjauchzten, denn obwohl sein Fuß noch vom vorigen Kampfe halb gelähmt war, hatte er doch so zierlich und sicher zu zielen gewußt. Thetis beschenkte ihn mit der Rüstung des Troilos, des königlichen Jünglings aus Troja, den Achill in den früheren Jahren des Kampfes erlegt hatte.

Auf diesen Wettkampf folgte das Diskuswerfen; hierin versuchten sich viele der Helden, aber keiner vermochte die schwere Scheibe so kräftig zu werfen wie Ajax, der Telamonier, der sie hinausschleuderte, als wäre sie ein verdorrter Ast. Ihn beschenkte Thetis mit der Rüstung des Göttersohnes Memnon, die der Held auch sogleich anlegte. Mit Staunen sahen die Danaer, wie Stück für Stück des riesigen Panzers sich um seine Glieder schloß, als wäre er ihnen angegossen.

Die Reihe kam jetzt an den Wettstreit im Sprunge, in welchem Agapenor der Speerschwinger siegte und dafür die Waffen des von Achill besiegten Kyknos erhielt. Im Jagdspeerwurf siegte Euryalos und empfing die silberne Schale, die Achill einst zu Lyrnessos erbeutet hatte.

Nun folgte der Wettstreit im Wagenrennen. Da schirrten fünf Helden zugleich ihre Rosse: der Atride Menelaos, Euryalos, Polypötes, Thoas und Eumelos. Dann stellte sich jeder mit seinem Wagen vor den Schranken auf, schwang die Geißel, und auf ein gegebenes Zeichen flogen alle fünf zugleich über das Blachfeld hin, und der Staub vom Sande wirbelte gen Himmel. Bald rannten weit vor den übrigen die Rosse des Eumelos, nach ihm kam Thoas, dann Menelaos; die beiden andern blieben allmählich weit und immer weiter zurück: aber auch Thoas ermüdete, die Pferde des Eumelos strauchelten im allzu raschen Lauf, und als ihr Wagenlenker sie mit Gewalt zurechtebringen wollte, bäumten sie sich und warfen den Wagen um, daß Eumelos in den Sand rollte. Ein Geschrei erhub sich aus dem Umkreise der Zuschauer, und nun flogen die ausdauernden Rosse des Atriden weit vor allen andern dahin und hielten am Ziele. Der Sohn des Atreus freute sich im Herzen seines Sieges, ohne sich über die andern Helden zu überheben, und Thetis schenkte ihm den goldenen Becher, den ihr Sohn einst in Eëtions Palaste erbeutet hatte.

Letzte Abenteuer der Helden



Letzte Abenteuer der Helden

Wieder waren sie an mancherlei Ufern und Inseln vorübergesegelt, und schon erblickten sie in der Ferne die heimische Küste des Pelopslandes (Peloponnesos), als ein grausamer Nordstrom das Schiff erfaßte und mitten durchs Libysche Meer neun volle Tage und Nächte auf ungewissem Pfade dahinjagte. Endlich wurden sie an das Sandwüstenufer der afrikanischen Syrten verschlagen, in eine Bucht, deren Gewässer, mit dichtem Seegras und trägem Schaume bedeckt, wie ein Sumpf in starrer Ruhe brütete. Ringsum breiteten sich Sandflächen aus, auf denen kein Tier, kein Vogel sichtbar ward. Hier wurde das Schiff von der Flut so dicht aufs Gestade geschwemmt, daß der Kiel ganz auf dem Sande aufsaß. Mit Schrecken sprangen die Helden aus dem Fahrzeug, und mit Entsetzen erblickten sie den breiten Erdrücken, der sich, der Luft ähnlich, ohne Abwechslung ins Unendliche ausdehnte. Kein Wasserquell, kein Pfad, kein Hirtenhof zeigte sich. Alles ruhte in totem Schweigen. »Weh uns, wie heißt dieses Land? Wohin haben uns die Stürme verschlagen?« So fragten einander die Genossen. »Wären wir doch lieber mitten in die schwimmenden Felsen hineingefahren! Hätten wir lieber etwas gegen den Willen des Zeus unternommen und wären in einem großen Versuch untergegangen!« »Ja«, sagte der Steuermann Ankaios, »die Flut hat uns sitzenlassen und wird uns nicht wieder abholen. Alle Hoffnung der Fahrt und Heimkehr ist abgeschnitten; steure, wer da kann und will!« Damit ließ er das Steuerruder aus der Hand gleiten und setzte sich weinend im Schiffe nieder. Wie Männer in einer verpesteten Stadt untätig, Gespenstern gleich, dem Verderben entgegensehen, so trauerten die Helden, dem öden Ufer entlangschleichend. Als der Abend gekommen war, gaben sie einander traurig die Hände zum Abschiede, warfen sich, ohne Nahrung genommen zu haben, der eine da, der andere dort im Sande nieder und erwarteten, in ihre Mäntel gehüllt, eine schlaflose Nacht hindurch, den Tag und den Tod. Auf einer andern Seite seufzten die phäakischen Jungfrauen, welche Medea vom König Alkinoos zum Geschenke bekommen hatte, um ihre Herrin gedrängt; sie stöhnten wie sterbende Schwäne, ihren letzten Gesang in die Lüfte verhauchend; und gewiß wären sie alle, Männer und Frauen, untergegangen, ohne daß jemand sie betrauert hätte, wenn sich nicht die Beherrscherinnen Libyens, welche drei Halbgöttinnen waren, ihrer erbarmt hätten. Diese erschienen, mit Ziegenfellen vom Hals bis an die Knöchel bedeckt, um die heiße Mittagsstunde dem Iason und zogen ihm den Mantel, mit dem er sein Haupt bedeckt hatte, leise von den Schläfen. Erschrocken sprang er auf und wandte den Blick voll Ehrfurcht von den Göttinnen ab. »Unglücklicher«, sprachen sie, »wir kennen alle deine Mühsale. Aber traure nicht länger! Wenn die Meeresgöttin den Wagen des Poseidon losgeschirret hat, so zollet eurer Mutter Dank, die euch lang im Leibe getragen; dann möget ihr ins glückselige Griechenland zurückkehren.« Die Göttinnen verschwanden, und Iason erzählte seinen Genossen das tröstliche, doch rätselhafte Orakel. Während alle sich noch darüber staunend besannen, ereignete sich ein ebenso seltsames Wunderzeichen. Ein ungeheuerer Hengst, dem von beiden Seiten goldne Mähnen über den Nacken wollten, sprang vom Meer ans Land, schüttelte den Wasserschaum ab und stürmte davon wie mit Windesflügeln. Freudig erhub jetzt der Held Peleus seine Stimme und rief. »Die eine Hälfte des Rätselwortes ist erfüllt: die Meeresgöttin hat ihren Wagen abgeschirrt, den dieses Roß gezogen hat; die Mutter aber, die uns lang im Leibe getragen, das ist unser Schiff Argo; dem sollen wir jetzt den schuldigen Dank bezahlen. Laßt es uns auf unsere Schultern nehmen und über den Sand hintragen, den Spuren des Meerpferdes nach. Dieses wird ja nicht in den Boden schlüpfen, sondern uns den Weg zu irgendeinem Stapelplatze zeigen.« Gesagt, getan. Die Göttersöhne nahmen das Schiff auf ihre Schultern und seufzten zwölf Tage und zwölf Nächte wandernd unter der Last. Immer ging es über öde, wasserlose Sandflächen hin; hätte sie ein Gott nicht wunderbar gestärkt, sie wären, Männer und Frauen, am ersten Tage erlegen. So aber kamen sie endlich glücklich an die tritonische Meerbucht; hier ließen sie ihre Last von den Schultern gleiten und suchten, vom Durste gepeinigt wie wütende Hunde, nach einem Quell. Unterwegs begegnete der Sänger Orpheus den Hesperiden, den lieblich singenden Nymphen, welche auf dem heiligen Felde saßen, wo der Drache Ladon die goldenen Äpfel gehütet hatte. Diese flehte der Sänger an, den Schmachtenden eine Wasserquelle zu zeigen. Die Nymphen erbarmten sich, und die vornehmste unter ihnen, Aigle, fing an zu erzählen: »Gewiß ist der kühne Räuber, der gestern hier erschienen ist, dem Drachen das Leben und uns die goldenen Äpfel genommen hat, euch zum Heile gekommen, ihr Fremdlinge. Es war ein wilder Mann, seine Augen funkelten unter der zornigen Stirne; eine rohe Löwenhaut hing ihm über die Schultern, in der Hand trug er eine Keule von Olivenholz und die Pfeile, mit welchen er das Ungeheuer erlegt hat. Auch er kam durstig von der Sandwüste her; da er nirgends Wasser fand, stieß er mit seiner Ferse an einen Felsen. Wie von einem Zauberschlag entfloß diesem reichliches Wasser, und der schreckliche Mann legte sich bis an die Brust auf den Boden, stemmte sich mit beiden Händen an den Felsen und trank nach Herzenslust, bis er wie ein gesättigter Stier sich auf die Erde legte.« So sprach Aigle und zeigte ihnen den Felsquell, um den bald alle Helden sich drängten. Der erfrischende Trunk machte sie wieder fröhlich, und: »Wahrlich«, sprach einer, nachdem er die brennenden Lippen noch einmal genetzt, »auch getrennt von uns hat Herakles seine Genossen noch gerettet! Möchten wir ihm doch auf unserer ferneren Wanderung noch begegnen!« So machten sie sich auf, der eine da-, der andere dorthin, den Helden zu suchen. Als sie wieder zurückgekommen waren, glaubte ihn nur der scharfblickende Lynkeus von ferne gesehen zu haben, aber nur etwa so, wie ein Bauer den Neumond hinter Wolken erblickt zu haben meint, und er versicherte, daß niemand den Schweifenden erreichen werde. Endlich, nachdem sie durch unglückliche Zufälle zwei Genossen verloren und betrauert hatten, bestiegen sie das Schiff wieder. Lange suchten sie vergebens aus der tritonischen Bucht in die offene See zu gelangen; der Wind blies ihnen entgegen, und das Schiff kreuzte unruhig in dem Hafen hin und her wie eine Schlange, die vergebens aus ihrem Versteck hervorzudringen strebt und zischend mit funkelnden Augen ihr Haupt da- und dorthin kehrt. Auf den Rat des Sehers Orpheus stiegen sie daher noch einmal ans Land und weihten den einheimischen Göttern den größten Opferdreifuß, den sie im Schiffe besaßen und den sie am Gestade zurückließen. Auf dem Rückwege begegnete ihnen der Meeresgott Triton in Jünglingsgestalt. Er hub eine Erdscholle vom Boden auf und reichte sie als Zeichen der Gastfreundschaft dem Helden Euphemos, der sie in seinem Busen barg. »Mich hat der Vater«, sprach der Meergott, »zum Beschirmer dieser Meeresgegend gesetzt. Sehet, dort, wo das Wasser in unbewegter Tiefe dunkelt, dort ist der schmale Ausweg aus der Bucht ins offene Meer: dorthin rudert; guten Wind will ich euch schicken. Dann seid ihr nicht mehr ferne von der Pelopsinsel!« Lustig stiegen sie ins Schiff; Triton nahm den Dreifuß auf die Schulter und verschwand damit in den Fluten. Nun kamen sie, nach einer Fahrt von wenigen Tagen, unangefochten nach der Felseninsel Karpathos und wollten von da nach dem herrlichen Eilande Kreta hinüberschiffen. Der Wächter dieser Insel war aber der schreckliche Riese Talos. Er war allein noch übrig aus dem ehernen Geschlechte der Menschen, welche einst Buchen entsprossen waren, und Zeus hatte ihn Europa als Schwellenhüter geschenkt, daß er dreimal des Tages mit seinen ehernen Füßen die Runde auf der Insel machen sollte. Dieser war am ganzen Leibe von Erz und deswegen unverwundlich, nur am einen Knöchel hatte er eine fleischerne Sehne und eine Ader, darin Blut floß. Wer diese Stelle wußte und sie treffen konnte, durfte gewiß sein, ihn zu töten; denn er war nicht unsterblich. Als die Helden auf die Insel zuruderten, stand er auf einer der äußersten Klippen mit seiner Wacht beschäftigt; sobald er ihrer ansichtig ward, bröckelte er Felsblöcke los und fing an, sie gegen das herannahende Schiff zu schleudern. Erschrocken ruderten die Argonauten rückwärts; sie hätten, obwohl aufs neue von Durst geplagt, das schöne Kreta auf der Seite gelassen, hätte sich nicht Medea erhoben und den Erschrockenen zugeredet: »Höret mich, Männer! Ich weiß, wie dieses Ungeheuer zu bändigen ist. Haltet das Schiff nur außerhalb der Steinwurfweite!« Dann hob sie die Falten ihres purpurnen Gewandes empor und bestieg die Schiffsgänge, über welche Iasons Hand sie hinleitete. Mit schauerlicher Zauberformel rief sie dreimal die lebenraubenden Parzen an, die schnellen Hunde der Unterwelt, die, durch die Lüfte schweifend, allenthalben nach den Lebendigen jagen. Hierauf verzauberte sie die Augenlider des ehernen Talos, daß sie sich schlossen, und ließ schwarze Traumbilder vor seine Seele treten. Betäubt stieß er – sich nach Steinblöcken bückend, um damit den Hafen zu verteidigen – den fleischernen Knöchel an eine spitze Felsenkante, daß das Blut wie flüssiges Blei aus der Wunde quoll. Wie eine halb angehauene Fichte der erste Windstoß erschüttert und sie endlich krachend in die Tiefe stürzt, so taumelte auch Talos noch eine kurze Zeit auf seinen Füßen und stürzte dann entseelt mit ungeheurem Schall in die Meerestiefe.

Jetzt konnten die Genossen ungefährdet landen und erholten sich auf dem gesegneten Eilande bis zum Morgen. Kaum über Kreta hinausgeschifft, erschreckte sie ein neues Abenteuer. Eine entsetzliche Nacht brach ein, die kein Strahl des Mondes, kein Stern erleuchtete; als wäre alle Finsternis aus dem Abgrunde losgelassen, so schwarz war die Luft; sie wußten nicht, ob sie auf dem Meere oder in den Fluten des Tartaros schifften. Mit aufgehobenen Händen flehte Iason zu Phöbos Apollo, sie aus diesem gräßlichen Dunkel zu befreien; Angsttränen stürzten ihm von den Wangen, und er versprach dem Gotte die herrlichsten Weihgeschenke. Dieser vernahm sein Flehen, er kam vom Olymp hernieder, sprang auf einen Meerfels, und den goldenen Bogen hoch in den Händen haltend, schoß er silberne Lichtpfeile über die Gegend hin. In dem plötzlichen Lichtglanze zeigte sich ihnen eine kleine Insel, auf welche sie zusteuerten und wo, vor Anker gelegt, sie die tröstliche Morgenröte erwarteten. Als sie wieder im heitersten Sonnenglanze auf der hohen See dahinfuhren, da gedachte der Held Euphemos eines nächtlichen Traumes. Ihm hatte gedeucht, die Erdscholle des Triton, die er an der Brust liegen hatte, tränke sich voll Milch, beginne sich zu beleben und gestalte sich zu einer lieben Jungfrau, die sprach: »Ich bin die Tochter des Triton und der Libya, vertraue mich den Töchtern des Nereus an, daß ich im Meere wohne bei Anaphe; dann werde ich wieder ans Sonnenlicht hervorkommen und deinen Enkeln bestimmt sein.« An diesen Traum erinnerte sich jetzt Euphemos, denn Anaphe hatte die Insel geheißen, bei der sie den Morgen erwartet hatten. Iason, dem der Held den Traum erzählte, verstand seinen Sinn alsbald: er riet dem Freunde, die Erdscholle, die er auf dem Herzen trug, in die See zu werfen. Dieser tat es, und siehe da, vor den Augen der Schiffenden erwuchs aus dem Meeresgrund eine blühende Insel mit fruchtbarem Rücken. Man nannte sie Kalliste, das heißt die Schönste, und Euphemos bevölkerte sie in der Folge mit seinen Kindern.

Dies war das letzte Wunder, das die Helden erlebten. Bald darauf nahm sie die Insel Ägina auf. Von dort der Heimat zusteurend, lief ohne weiteren Unfall das Schiff Argo mit seinen Helden glücklich in den Hafen von Iolkos ein. Iason weihte das Schiff auf der korinthischen Meerenge dem Poseidon, und als es längst in Staub zerfallen war, glänzte es, in den Himmel erhoben, am südlichen Firmament als ein leuchtendes Gestirn.

Machaon und Podaleirios



Machaon und Podaleirios

Am andern Tage strömten die Danaer in die Volksversammlung, welche der Völkerhirt Menelaos berufen hatte. Als alle beisammen waren, stand er selbst auf und hub also an zu reden: »Höret mich an, ihr Fürsten des Volkes! Mir blutet das Herz, wenn ich unsre Scharen so vor uns hinsinken sehe. Für mich ist das Volk in den Kampf gezogen, und nun soll am Ende keiner mehr Heimat und Verwandte begrüßen! Ehe solches geschieht, laßt uns diesen unheilvollen Strand verlassen, und was noch übrig ist, mag mit den Schiffen, jeder in sein Vaterland, zurücksegeln. Seit Achill und Ajax dahingesunken sind, ist kein Erfolg unsrer Unternehmung mehr zu hoffen. Was mich betrifft, so bekümmert mich jetzt Helena, meine unwürdige Gemahlin, weniger als euch; mag sie mit dem weibischen Paris dahinfahren!« So redete Menelaos; doch tat er es nur, um die Griechen zu versuchen; denn im Herzen wünschte er nichts sehnlicher als die Vertilgung der Trojaner. Der Sohn des Tydeus aber, der Lanzenschwinger Diomedes, der seine List nicht merkte, fuhr unwillig von seinem Sitz empor und fing an zu schelten: »Unbegreiflicher! Welche schmähliche Furcht hat sich deiner Heldenbrust bemächtigt, daß du so sprechen magst? Doch bin ich ruhig. Nimmermehr folgen dir die mutigen Söhne Griechenlands, bevor sie Trojas Zinnen zu Boden gestürzt haben! Entschlösse sich aber ein einziger, dir zu folgen, so soll dieser blaue Stahl ihm das Haupt vom Rumpfe trennen!«

Kaum hatte sich Diomedes wieder auf seinen Sitz niedergelassen, als sich der Seher Kalchas erhob und mit einem weisen Vorschlage den scheinbaren Zwist vermittelte. »Ihr wisset alle noch«, sprach er, »wie wir vor mehr als neun Jahren, als wir zur Eroberung dieser verfluchten Stadt ausschifften, den herrlichen Helden Philoktet, den Freund des Herakles, an einer giftigen und fressenden Wunde krank, auf der wüsten Insel Lemnos aussetzen und dort zurücklassen mußten. Zwar war der Geruch der eiternden Wunde und das Jammergeschrei des Unglücklichen unerträglich. Dennoch war es unrecht und erbarmungslos von uns gehandelt, den Armen auf diese Weise preiszugeben. Nun aber hat mir ein gefangener Seher geoffenbaret, daß nur mit Hilfe der heiligen und stets treffenden Pfeile, welche Philoktet von seinem Freunde Herakles geerbt hat, sowie durch seine und des Pyrrhos, des jungen Achillsprößlings, Gegenwart Troja erobert werden könne. Der Trojaner hat mir diese Weissagung wohl nur mitgeteilt, weil er die Erfüllung derselben für unmöglich hielt, denn so dachte er: wie sollte dem Philoktet der Haß gegen die Griechen, die ihn so schändlich verlassen haben, erlauben, die Pfeile auszuliefern und selbst vor Troja zu erscheinen? Mein Rat ist daher, ohne Verzug den stärksten unsrer Helden, Diomedes, und den beredtesten, Odysseus, nach dem Eilande Skyros zu senden, wo der Sohn des Achill bei dem Vater seiner Mutter erzogen wird. Mit seiner Hilfe wollen wir dann auch den Philoktet zu Lemnos bereden, sich mit uns wieder zu vereinigen und die unsterblichen Waffen des Herakles, durch welche Troja bezwungen werden soll, uns mitzubringen.«

Die Scharen der Griechen jubelten diesem Vorschlage Beifall, und die beiden Helden gingen zu Schiffe ab. Unterdessen rüsteten sich die Heere wieder zum Kampfe. Den Trojanern war der Sohn des Telephos, Eurypylos, von Mysien mit einem Heere zu Hilfe gekommen, und so fühlten sich diese von neuem gestärkt und ermutigt. Den Griechen dagegen fehlten ihre zwei besten Helden. So kam es, daß die wieder begonnene Schlacht sich ihnen zum Verderben wendete. Da wurde auch Nireus, der Schönste unter den Danaern, von der Lanze des Eurypylos erreicht und lag mit den andern Erschlagenen im Staube, wie ein blühendes Stämmchen vom zerbrechlichen Olivenbaume, das, vom Flusse aufgewühlt, mit der Wurzel entführt und wieder ans Gestade getrieben wird, wo es nun mit Blüten bedeckt daliegt. Eurypylos aber spottete sein und wollte den Leichnam des schönen Harnisches berauben. Da stellte sich ihm Machaon, der Bruder des Podaleirios, entgegen, der schon den Tod des Nireus voll Zorn mit angesehen hatte. Er stieß dem Räuber seinen Speer in die mächtige Schulter, daß das Blut herausströmte. Eurypylos aber drang, wie ein verwundeter Eber, auf Machaon ein; dieser suchte ihn mit einem Steinwurfe abzuwehren, aber der Helm schützte jenen, und nun stieß der Sohn des Telephos dem Griechen schnell wie der Blitz den Speer mitten in die Brust, daß die blutige Spitze bis zum Rückgrat durchdrang und Machaon klirrend auf den Boden fiel. Eurypylos zog die Lanze aus dem Leibe des Erschlagenen und wandte sich höhnend wieder in die Schlacht.

Teucer, der die beiden hatte fallen sehen, rief die Griechen auf, um ihre Leichname zu kämpfen. Zuletzt aber erlagen sie den Trojanern. Nachdem der Lokrer Ajax von Äneas mit einem Steine hart verwundet und zu Boden gestreckt war, mußten die Achajer den schwach atmenden Helden aus der Schlacht tragen und zogen sich alle nach den Schiffen zurück; die Trojaner richteten unter den Fliehenden eine große Niederlage an, ja sie hätten die Schiffe selbst durchs Feuer vernichtet, wenn die Nacht nicht dazwischengekommen wäre. So aber zog sich der siegreiche Mysier mit den Seinigen vor dem einbrechenden Dunkel zurück zu den Mündungen des Simois, wo er freudig sein Nachtlager aufschlug. Die Danaer dagegen, auf dem sandigen Ufer bei ihren Schiffen gelagert, seufzten die ganze Nacht durch vor Schmerz und beklagten das Los der unzähligen Brüder, die sie im Kampfe verloren hatten.

Aber kaum glühte die Morgenröte am Himmel, als auch die Griechen schon wieder aufbrachen, voll Begierde, sich an Eurypylos zu rächen. Andre von ihnen legten bei den Schiffen den schönen Nireus und den hochbegabten Arzt und mächtigen Kämpfer Machaon ins Grab. Während nun in der Ferne die Schlacht wieder tobte, lag Podaleirios, der Bruder Machaons und wie dieser berühmt als der trefflichste Arzt im Heere, Trank und Speise verschmähend, im Staub, unter lautem Stöhnen. Er wich nicht vom Grabe seines geliebten Bruders; brütend sann er in seinem Geiste auf Selbstmord und legte bald die Hand ans Schwert, bald suchte er ein schnell wirkendes Gift, das er selbst gebraut hatte und immer bei sich trug, zu verschlingen. Seine Freunde aber wehrten ihm und sprachen ihm Trost ein; doch hätte er sich endlich am frischen Grabhügel seines Bruders getötet, wenn nicht der greise Nestor dem Verzweifelnden genaht wäre. Dieser traf ihn, wie er sich bald jammernd auf das Grab warf, bald wieder Staub auf sein Haupt streute, sich die Brust mit den nervigen Händen zerschlug und zugleich den Namen des getöteten Bruders ausrief. Schwer lag sein Kummer auf allen Dienern und Gefährten, die ihn umgaben. Da fing Nestor an, mit schmeichelnden Worten den Betrübten zu trösten: »Liebes Kind, mach doch deinem bittern Kummer ein Ende! Es ziemt einem verständigen Manne nicht, wie ein Weib an dem Grabe eines Toten zu jammern. Deine Klage ruft ihn doch nicht mehr ans Licht; das Feuer hat seinen Leib verzehrt, und seine Gebeine ruhen in der Erde. Er schwand, wie er gekommen ist. Du aber trage deinen großen Schmerz, wie ich den meinigen getragen habe, als der Sohn der Eos mir den Knaben erschlug, der mein liebster war und seinen Vater liebte wie keiner meiner Söhne. Als er für mich gestorben war, nahm ich doch Nahrung zu mir, wie vorher; ich ertrug es, das verhaßte Tageslicht auch ferner noch zu schauen; denn ich dachte daran, daß wir ja alle denselben Weg zum Hades wandeln müssen.«

Podaleirios hörte den Greis an, während ihm die Tränen über die Wangen liefen, und sprach: »Vater, wie sollte der Gram um den erschlagenen Bruder mein Herz nicht beugen, der mich, den Älteren, als unser Vater Äskulap zum Olymp entrückt wurde, wie das eigene Kind auf den Armen trug, mit mir an demselben Tische aß, sein Lager, seine Habe mit mir teilte, in seiner herrlichen Kunst mich unterrichtete? Nachdem er mir gestorben, mag ich das liebliche Tageslicht nicht mehr schauen!«

Doch der Greis ließ nicht ab mit seinem Troste. »Bedenke«, sprach er zu dem Bekümmerten, »daß die Götter es sind, welche uns die Geschicke senden, gute wie schlimme, und daß über allen die dunkle Parze waltet, welche dieselben blind auf die Erde hinabwirft: darum stürzt oft großes Unheil auf redliche Männer, und keiner gehet ganz sicher einher. Das Leben gestaltet sich stets wechselnd; bald fährt es zu großem Jammer, bald wieder zu Besserem. Dazu gehet ja auch die Sage unter den Menschen, daß der Gute zum seligen Himmel emporsteige und der Frevler in die Schrecken des Dunkels hinab. Dein Bruder aber war ein menschenfreundlicher Mann, dazu ein Göttersohn; darum hoffe, daß er zum Geschlechte der Götter emporgestiegen ist.« Mit solchen Trostworten hub Nestor den lange Widerstrebenden vom Boden auf und führte ihn von dem traurigen Orte hinweg; dieser aber sah sich noch oft nach dem Grabhügel um.

Unterdessen nahte Eurypylos, der Mysier, auf dem Schlachtfelde, und die Danaer flohen aufs neue zu den Schiffen und fochten hier bald vor diesen, bald vor der weithin reichenden Mauer.

Ion



Ion

Der König Erechtheus von Athen erfreute sich einer schönen Tochter, die Krëusa hieß. Mit dieser hatte sich, ohne Wissen ihres Vaters, Apollo vermählt, und sie hatte ihm einen Sohn geboren, welchen sie aus Furcht vor dem Zorn ihres Vaters in eine Kiste verschloß und in der Höhle aussetzte, wo sie ihre heimlichen Zusammenkünfte mit dem Gotte gehalten hatte, in der Hoffnung, daß sich die Götter des Verlassenen erbarmen würden. Um aber den neugeborenen Knaben nicht ohne Erkennungszeichen zu lassen, hing sie ihm den Schmuck um, den sie als Jungfrau zu tragen pflegte. Apollo, dem als einem Gotte die Geburt seines Sohnes nicht verborgen geblieben war und der weder seine Geliebte verraten noch den Knaben ohne Hilfe lassen wollte, wandte sich an seinen Bruder Hermes, welcher als Götterbote, ohne Aufsehen zu erregen, zwischen Himmel und Erde zu verkehren hatte. »Lieber Bruder«, sprach er, »eine Sterbliche hat mir ein Kind geboren, es ist die Tochter des Königes Erechtheus zu Athen. Aus Furcht vor ihrem Vater hat sie es in einem hohlen Felsen verborgen; hilf mir es retten, bring es in der Kiste, in der es liegt, und mit den Windeln, in die es gewickelt ist, nach meinem Orakel zu Delphi und lege es dort auf die Schwelle des Tempels. Das übrige laß meine Sorge sein, denn es ist mein Kind.« Hermes, der geflügelte Gott, eilte nach Athen, fand den Knaben an der bezeichneten Stelle und trug ihn in dem geflochtenen Weidenkorbe, in welchem er verschlossen lag, nach Delphi, wo er ihn vor den Pforten des Tempels niedersetzte und den Deckel des Korbes öffnete, damit das Kind bemerklich würde. Dies geschah bei Nacht. Am andern Morgen, als schon die Sonne emporstieg, kam die delphische Priesterin nach dem Tempel geschritten, und als sie ihn betreten wollte, fiel ihr Auge auf das neugeborne Kind, das in der Kiste schlummerte. Sie hielt dasselbe für die Frucht irgendeines Verbrechens und war schon geneigt, es von der heiligen Schwelle fortzustoßen, als das Mitleid doch in ihrer Seele die Oberhand gewann; denn der Gott wandte ihr Herz und sprach in demselben für seinen Sohn. Die Prophetin nahm also das Kind aus dem Korbe und zog es auf, ohne seinen Vater und seine Mutter zu kennen. Der Knabe erwuchs, um den Altar seines Vaters spielend, und wußte nichts von seinen Eltern. Er wurde ein stattlicher Jüngling. Die Bewohner von Delphi, die ihn schon als kleinen Tempelhüter gewohnt worden waren, setzten ihn zum Schatzmeister über alle Geschenke, die der Gott erhielt, und so brachte er fortwährend ein ehrbares und heiliges Leben im Tempel seines Vaters zu.

Inzwischen hatte Krëusa von dem Gotte nichts mehr erfahren und mußte wohl glauben, daß er ihrer und ihres Sohnes vergessen habe. Um diese Zeit gerieten die Athener in einen Krieg mit den Bewohnern der Nachbarinsel Euböa, der bis zur Vertilgung geführt wurde und in welchem die letzteren unterlagen. In diesem Kampfe war den Athenern besonders wirksam ein Fremdling aus Achaja beigestanden. Es war dies Xuthos, ein Sohn des Äolos, der selbst ein Sohn des Zeus war. Zum Lohne seiner Hilfe begehrte und erhielt er die Hand der Königstochter Krëusa; aber es war, als ob der ihr heimlich angetraute Gott die Geliebte seinen Zorn empfinden ließe, daß sie sich einem andern vermählt hatte; denn ihre Ehe war nicht mit Kindern gesegnet. Nach langer Zeit verfiel Krëusa auf den Gedanken, sich an das Orakel zu Delphi zu wenden und von ihm Kindersegen zu erflehen. Dies war es, was Apollo gewollt; denn er hatte seines Sohnes keineswegs vergessen. So brach die Fürstin mit ihrem Gemahl und einem kleinen Gefolge von Dienerinnen auf und wallfahrtete zu dem Tempel nach Delphi. Als sie vor dem Gotteshause ankamen, trat gerade der junge Sohn Apollos über die Schwelle, um gewohnterweise das Tor und den Vorhof mit Lorbeerzweigen zu fegen. Da fiel sein Auge auf die edle Matrone, welche auf die Tore des Tempels zugewandelt kam und der beim Anblicke des Heiligtums Tränen über die Wangen rollten. Er wagte es, die Frau, deren würdige Gestalt ihm auffiel, bescheiden um die Ursache ihres Kummers zu befragen. »Es wundert mich nicht, o Jüngling«, erwiderte sie seufzend, »daß meine Traurigkeit deinen Blick auf sich zieht; habe ich doch Geschicke zu beweinen, die man mir wohl ansehen mag. Die Götter verfahren oft hart mit uns Sterblichen!« »Ich will deinen Kummer nicht weiter stören«, sprach der Jüngling, »aber sage mir, wenn es zu wissen erlaubt ist, wer du bist und von wannen du kommst.« »Ich bin Krëusa«, antwortete die Fürstin, »mein Vater heißt Erechtheus, mein Vaterland ist Athen.« Mit unschuldiger Freude rief der Jüngling: »Ei, aus welchem berühmten Lande, aus welch berühmtem Geschlechte stammst du! Aber sage mir, ist es wahr, wie man es auf Bildern bei uns sieht, daß deines Vaters Großvater Erichthonios aus der Erde wie ein anderes Gewächs emporgesprossen ist, daß die Göttin Athene den erdgeborenen Knaben in eine Kiste eingeschlossen, ihm zwei Drachen als Wächter beigegeben und das Kistchen den Töchtern des Kekrops zur Bewahrung überlassen habe; daß diese aus Neugierde dasselbe eröffnet und beim Anblicke des Knaben in Wahnsinn geraten und sich von dem Felsen der Kekropischen Burg herabgestürzt?« Krëusa bejahte die Frage schweigend, denn das Schicksal ihres Urahns erinnerte sie an das Geschick ihres verlorenen Sohnes. Dieser aber, der vor ihr stand, fuhr fort, unbefangen weiter zu fragen: »Sage mir auch, hohe Fürstin, ist es wahr, daß dein Vater Erechtheus seine Töchter, deine Schwestern, auf den Ausspruch eines Orakels und mit ihrem freien Willen dem Tode geopfert, um über die Feinde zu siegen? Und wie kam es, daß du allein gerettet worden bist?« »Ich war«, sprach Krëusa, »ein neugeborenes Kind und lag in den Armen der Mutter.« »Und ist es auch wahr«, so fragte der Jüngling weiter, »daß dein Vater Erechtheus von einem Erdspalt verschlungen worden ist, daß der Dreizack Poseidons ihn verderbt hat und daß in der Nähe seines Erdgrabes eine Grotte ist, die mein Herr, der pythische Apollo, so lieb hat?« »O schweige mir von jener Grotte, Fremdling«, unterbrach ihn seufzend Krëusa, »in ihr ist eine Treulosigkeit und ein großer Frevel begangen worden.« Die Fürstin schwieg eine Weile, sammelte sich wieder und erzählte dem Jüngling, in welchem sie den Tempelhüter des Gottes erkannte, daß sie die Gemahlin des Fürsten Xuthos und mit diesem nach Delphi gewallfahrtet sei, um für ihre unfruchtbare Ehe den Segen Gottes zu erflehen. »Phöbos Apollo«, sprach sie mit einem Seufzer, »kennt die Ursache meiner Kinderlosigkeit; er allein kann mir helfen.« »So bist du kinderlos, Unglückliche?« sagte betrübt der Jüngling. »Ich bin es längst«, erwiderte Krëusa, »und ich muß deine Mutter beneiden, guter Jüngling, die sich eines so holdseligen Sohnes erfreut.« »Ich weiß nichts von einer Mutter und von einem Vater«, gab der junge Mann betrübt zur Antwort, »ich lag nie an eines Weibes Brust; ich weiß auch nicht, wie ich hierhergekommen bin; nur so viel weiß ich aus dem Munde meiner Pflegemutter, der Priesterin dieses Tempels, daß sie sich meiner erbarmt und mich großgezogen hat; das Haus des Gottes ist seitdem meine Wohnung, und ich bin sein Knecht.« Bei diesen Mitteilungen wurde die Fürstin sehr nachdenklich, doch drängte sie ihre Gedanken in die Brust zurück und sprach die traurigen Worte: »Mein Sohn, ich kenne eine Frau, der es gegangen ist wie deiner Mutter; um ihretwillen bin ich hierhergekommen und soll das Orakel befragen. So will ich denn dir, als dem Diener des Gottes, ihr Geheimnis anvertrauen, bevor ihr jetziger Gatte, der diese Wallfahrt auch gemacht, aber unterwegs abgelenkt ist, um das Orakel des Trophonios zu hören, den Tempel betritt. Jene Frau behauptet, vor ihrer jetzigen Ehe mit dem großen Gotte Phöbos Apollo vermählt gewesen zu sein und ihm ohne Wissen ihres Vaters einen Sohn geboren zu haben. Diesen setzte sie aus und weiß seitdem nichts mehr von ihm, nicht, ob er das Sonnenlicht schaut oder nicht. Über sein Leben oder seinen Tod den Gott auszuforschen, bin ich im Namen meiner Freundin hierhergekommen.« »Wie lang ist es her, daß der Knabe tot ist?« fragte der Jüngling. »Wenn er noch lebte, so hätte er dein Alter, o Knabe«, sprach Krëusa. »O wie ähnlich ist das Schicksal deiner Freundin und das meine!«rief mit dem Ausdrucke des Schmerzes der junge Mann; »sie sucht ihren Sohn, und ich suche meine Mutter. Doch ist, was ihr geschehen ist, fern von diesem Lande geschehen, und leider sind wir beide einander ganz fremd. Hoffe auch nicht, daß der Gott von seinem Dreifuße dir die gewünschte Antwort erteilen wird. Bist du doch gekommen, ihn im Namen deiner Freundin einer Treulosigkeit anzuklagen; er wird nicht über sich selbst Richter sein wollen!« »Halt ein, Jüngling«, rief jetzt Krëusa, »dort sehe ich den Gatten jener Frau herannahen; laß dir nichts von dem merken, was ich dir, vielleicht allzu vertraulich, vorgeplaudert habe.«

Xuthos kam fröhlich in den Tempel und auf seine Gemahlin zugeschritten. »Frau«, rief er ihr entgegen, »Trophonios hat einen glücklichen Ausspruch getan: ich soll nicht ohne Kinder von hinnen ziehen! Aber sage mir, wer ist dieser junge Prophet des Gottes?« Der Jüngling trat dem Fürsten bescheiden entgegen und erzählte ihm, wie er nur der Tempeldiener Apollos sei und im innersten Heiligtume die vornehmsten Delphier selbst, durchs Los ausgewählt, den Dreifuß umlagern, von dem jetzt eben die Priesterin Orakel zu geben bereit sei. Als der Fürst dieses hörte, befahl er Krëusen, sich mit den Zweigen zu schmücken, welche Bittflehende zu tragen pflegen, und an dem Altare des Gottes, der mit Lorbeer umwunden unter freiem Himmel stand, zu Apollo zu beten, daß er ihnen ein günstiges Orakel senden möge. Er selbst eilte nach dem Heiligtume des Tempels, indes der junge Schatzmeister des Gottes im Vorhofe seine Wache fortsetzte. Es hatte nicht sehr lange gedauert, so hörte dieser die Türen des innersten Heiligtums gehen und sich dröhnend wieder schließen, dann sah er den Xuthos in freudiger Bestürzung herauseilen; dieser warf sich mit Ungestüm dem Jüngling um den Hals, nannte ihn zu wiederholten Malen seinen Sohn und verlangte seinen Handschlag und Kindeskuß. Der junge Mann aber, der von alledem nichts begriff, hielt den Alten für wahnsinnig und stieß ihn mit jugendlicher Kraft von sich. Doch Xuthos ließ sich nicht abweisen. »Der Gott selbst hat es mir geoffenbart«, sprach er; »sein Spruch lautete: Der erste, der mir draußen begegnen würde, der sei mein Sohn und ein Göttergeschenk. Wie das möglich ist, weiß ich zwar nicht, denn meine Gattin hat mir nie zuvor Kinder geboren. Doch trau ich dem Gotte; mag er selbst sein Geheimnis enthüllen.« Jetzt gab sich auch der Jüngling der Freude hin; doch halb nur, und mitten unter den Küssen und Umarmungen seines Vaters mußte er seufzen: »O geliebte Mutter, wer bist du, wo bist du? wann wird es mir vergönnt sein, auch dein teures Antlitz zu schauen?« Dazu kamen ihm große Zweifel, wie die kinderlose Gemahlin des Xuthos, die er nicht zu kennen glaubte, ihn als unerwarteten Stiefsohn aufnehmen, wie die Stadt Athen den nicht gesetzlichen Erben ihres Fürsten empfangen würde. Sein Vater hieß ihn aber guten Mutes sein; er versprach ihm, ihn den Athenern und seiner Gattin als einen Fremdling und nicht als seinen Sohn vorzustellen, und gab ihm den Namen Ion, das heißt Gänger, weil er im Tempel den ihm Entgegengehenden als seinen Sohn erkannt hatte.

Krëusa war indessen von dem Altare Apollos, vor dem sie sich betend niedergeworfen, nicht gewichen. Sie wurde endlich in ihrem brünstigen Flehen von ihren Dienerinnen unterbrochen, welche sich ihr unter Wehklagen nahten. »Unglückliche Herrin«, riefen sie ihr entgegen, »dein Gatte zwar ist in große Freude versetzt, du aber wirst nie ein eigenes Kind in deine Arme nehmen und an deine Brust legen. Ihm freilich hat Apollo einen Sohn gegeben, einen erwachsenen Sohn, den ihm vor Zeiten wer weiß welch ein Nebenweib geboren hat; als er aus dem Tempel trat, kam ihm dieser entgegen. Er wird sich seines wiedergefundenen Kindes freuen, du aber wirst wie zuvor einer Witwe gleich im öden Hause wohnen.« Die arme Fürstin, deren Geist der Gott selbst mit Blindheit geschlagen zu haben schien, daß sich ein so naheliegendes Geheimnis ihr nicht enthüllte, brütete über ihrem traurigen Schicksal eine Weile fort. Endlich fragte sie nach der Person und dem Namen des Stiefsohnes, den sie so unvermutet erhalten hatte. »Es ist der junge Tempelhüter, den du schon kennst«, erwiderten die Dienerinnen; »sein Vater hat ihm den Namen Ion gegeben; wer seine Mutter ist, wissen wir nicht; jetzt ist dein Gatte zu dem Altare des Bakchos gegangen, um heimlich für seinen Sohn zu opfern und dann mit ihm den Erkennungsschmaus zu feiern. Uns hat er unter Androhung des Todes verboten, dir, o Herrin, die Geschichte zu entdecken; nur unsre große Liebe zu dir hat uns vermocht dieses Verbot zu übertreten. Du wirst uns ja nicht bei ihm verraten!« Jetzt trat aus dem Gefolge ein alter Diener hervor, der dem Stamme der Erechthiden mit blinder Treue anhing und seiner Gebieterin mit großer Liebe zugetan war. Dieser schalt den Fürsten Xuthos einen treulosen Ehebrecher und ließ sich von seinem Eifer so weit verleiten, daß er ihr das Anerbieten machte, den Bastard, der das Erbe der Erechthiden unrechtmäßigerweise an sich bringen würde, aus dem Wege zu räumen. Krëusa glaubte sich von ihrem Gatten und von ihrem früheren Geliebten, dem Gott Apollo, verlassen, und betäubt von ihrem Kummer, lieh sie den frevelhaften Anschlägen des Greisen allmählich ihr Ohr und machte ihn auch zum Vertrauten ihres Verhältnisses zu dem Gott.

Als Xuthos mit Ion, in welchem er unbegreiflicherweise einen Sohn gefunden zu haben meinte, den Tempel des Gottes verlassen hatte, begab er sich mit ihm nach dem doppelten Gipfel des Berges Parnassos, wo der Gott Bakchos, nicht weniger heilig als Apollo selbst, von den Delphiern verehrt und mit seinem wilden Orgiendienste von den Frauen gefeiert wurde. Nachdem er hier ein Trankopfer ausgegossen, zum Danke für den gefundenen Sohn, errichtete Ion im Freien mit Hilfe der Diener, die ihn begleitet hatten, ein herrliches und geräumiges Zelt, das er mit schön gewirkten Teppichen bedeckte, die er aus Apollos Tempel hatte herbeischaffen lassen. In dem Zelte wurden lange Tafeln aufgestellt und mit silbernen Schüsseln voll köstlicher Speisen und goldenen Bechern voll des edelsten Weines belastet; dann sandte der Athener Xuthos seinen Herold in die Stadt Delphi und lud sämtliche Einwohner ein, an seiner Freude teilzunehmen. Bald füllte sich das große Zelt mit bekränzten Gästen, und sie tafelten in Herrlichkeit und Freude. Beim Nachtische trat ein alter Mann, dessen sonderbare Gebärden den Gästen zur Belustigung dienten, mitten in den Saal des Zeltes und maßte sich das Amt des Mundschenken an. Xuthos erkannte in ihm jenen greisen Diener seiner Gemahlin Krëusa, lobte den Gästen seinen Eifer und seine Treue und ließ ihn arglos schalten. Der Alte stellte sich an den Schenktisch und fing an, sich der Becher anzunehmen und die Gäste zu bedienen. Als nun gegen Schluß des Mahles die Flöten ertönten, befahl er den Knechten, die kleinen Becher von der Tafel wegzunehmen und den Gästen große silberne und goldene Trinkgefäße vorzusetzen. Er selbst ergriff das herrlichste Gefäß und trat, als wollte er damit seinen neuen jungen Herrn ehren, an den Schenktisch, füllte es zuoberst mit köstlichem Weine, schüttete aber zugleich unvermerkt ein tödliches Gift in den Becher. Indem er sich nun damit dem Ion näherte und einige Tropfen des Weines als Trankopfer auf den Boden goß, entfuhr zufälligerweise einem der nahestehenden Knechte ein Fluch. Ion, der unter den heiligen Gebräuchen des Tempels aufgewachsen war, erkannte darin eine böse Vorbedeutung und befahl, indem er den vollen Becher auf den Boden schüttete, daß ihm ein neuer Becher gereicht würde, aus welchem er selbst feierlich das Trankopfer ausgoß, während alle Gäste aus ihren Bechern dasselbe taten. Während dies geschah, flatterte eine Schar heiliger Tauben, die im Tempel des Apollo unter dem Schirme des Gottes aufgefüttert wurden, lustig in das Zelt herein. Als sie die Ströme Weines sahen, die von allen Seiten ausgegossen wurden, ließen sie sich, lüstern gemacht, auf den Boden nieder und fingen an, von dem herumschwimmenden Weine mit ausgereckten Schnäbeln zu nippen. Und allen übrigen schadete das Trankopfer nicht; nur die eine Taube, die sich an die Stelle gesetzt hatte, wo Ion seinen ersten Becher ausgegossen, schüttelte, sowie sie den Trank gekostet hatte, krampfhaft ihre Flügel, fing, zum Staunen aller Gäste, zu ächzen und zu toben an und starb unter Flügelschlag und Zuckungen. Da erhub sich Ion von seinem Sitze, streifte sein Gewand zürnend von den Armen, ballte die Fäuste und rief. »Wo ist der Mensch, der mich töten wollte? Rede, Alter! denn du hast deine Hand dazu geliehen, du hast mir den Trank gemischt!« Damit faßte er den Greis bei der Schulter, um ihn nicht wieder loszulassen. Dieser, überrascht und erschrocken, gestand die ganze Freveltat als von Krëusen herrührend. Da verließ der durch Apollos Orakel für des Xuthos Sohn erklärte Ion das Zelt, und alle Gäste folgten ihm in wilder Aufregung nach. Als er draußen im Freien stand, erhub er die Hände, umringt von den vornehmsten Delphiern, und sprach: »Heilige Erde, du bist mein Zeuge, daß dieses fremde Erechthidenweib mich mit Gift aus dem Wege räumen will!« »Steiniget, steiniget sie!« erscholl es von der Versammlung der Delphier wie aus einem Munde; und die ganze Stadt brach mit Ion auf, die Verbrecherin zu suchen. Xuthos selbst, dem die schreckliche Entdeckung seine Besinnung geraubt hatte, wurde von dem Strome mit fortgerissen, ohne zu wissen, was er tat.

Krëusa hatte am Altar Apollos die Früchte ihrer verzweifelten Tat erwartet. Diese aber keimten ganz anders auf, als sie vermutet hatte. Ein Tosen aus der Ferne schreckte sie aus ihrer Versunkenheit auf, und noch ehe es ganz nahe kam, war dem heranstürmenden Haufen einer der Knechte ihres Gemahls, der ihr selbst vor andern getreu war, vorangeeilt und hatte kaum Zeit gehabt, die Entdeckung ihres Frevels und den Beschluß, den das Volk von Delphi gefaßt hatte, ihr zu melden. Ihre Dienerinnen scharten sich um sie. »Halte dich fest am Altare, Gebieterin«, riefen sie, »denn sollte dich auch der heilige Ort nicht vor deinen Mördern schützen, so werden sie doch durch deine Ermordung eine unsühnbare Blutschuld auf sich laden!« Indessen kam die tobende Schar der Delphier, von Ion angeführt, dem Altare immer näher. Noch ehe sie bei demselben angelangt waren, hörte man des Jünglings zürnende Worte, die der Wind durch die Lüfte führte: »Die Götter haben es gut mit mir gemeint«, rief er in lautem Grimme, »daß dieser Frevel mich von der Stiefmutter befreien sollte, die mich zu Athen erwartete. Wo ist die Verruchte, die Viper mit der Giftzunge, der Drache mit dem todspeienden Flammenauge? Auf, daß die Mörderin vom höchsten Felsen in den Abgrund gestürzt werde!« Das ihn begleitende Volk brüllte Beifall.

Jetzt waren sie am Altare angekommen, und Ion zerrte an der Frau, die seine Mutter war und in der er nur seine Todfeindin erkannte, um sie von dem Asyl, auf dessen Heiligkeit und Unverletzlichkeit sie sich berief, hinwegzureißen. Aber Apollo wollte nicht, daß sein eigener Sohn der Mörder seiner Mutter würde. Auf seinen göttlichen Wink war das Gerücht von dem gedrohten Verbrechen Krëusens und der Strafe, welche sie dafür erwartete, schnell bis in den Tempel und zu den Ohren der Priesterin gedrungen, und der Gott hatte ihren Sinn erleuchtet, so daß sie einen raschen Blick in den Zusammenhang aller Ereignisse warf und ihr plötzlich klar wurde, daß ihr Pflegling Ion nicht des Xuthos, wie sie selbst nebelhaft prophezeit hatte, sondern Apollos und Krëusas Sohn sei. Sie verließ den Dreifuß und suchte das Kistchen hervor, in welchem der neugeborene Knabe samt einigen Erkennungszeichen, die sie gleichfalls sorgsam aufbewahrt hatte, einst zu Delphi vor dem Tempeltor ausgesetzt worden war. Mit diesem im Arme, eilte sie ins Freie und nach dem Altare, wo Krëusa gegen den eindringenden Ion um ihr Leben kämpfte. Als Ion die Priesterin herannahen sah, ließ er sogleich von seiner Beute ab, ging ihr ehrerbietig entgegen und rief. »Sei mir willkommen, liebe Mutter, denn so muß ich dich nennen, obgleich du mich nicht geboren hast! Hörst du, welchen Nachstellungen ich entgangen bin? Kaum habe ich einen Vater gefunden, so sinnt auch schon die böse Stiefmutter auf meinen Tod! Nun sage mir, Mutter, was soll ich tun; denn deiner Mahnung will ich folgen!« Die Priesterin erhob warnend ihren Finger und sprach: »Ion, geh mit unbefleckter Hand und unter günstigen Vogelzeichen nach Athen!« Ion besann sich eine Weile, eh er antwortete. »Ist denn der nicht fleckenlos«, sprach er endlich, »der seine Feinde tötet?« »Tue du nicht also, bist du mich gehört hast«, sagte die ehrwürdige Frau. »Siehst du dies alte Körbchen, das ich, mit frischen Kränzen umwunden, in meinen Armen trage? In diesem bist du einst ausgesetzt worden, aus ihm habe ich dich hervorgezogen.« Ion staunte. »Davon Mutter«, sprach er, »hast du mir nie etwas gesagt. Warum hast du es so lange vor mir verborgen?« »Weil der Gott«, antwortete die Priesterin, »dich bis hierher zu seinem Priester haben wollte. Jetzt, wo er dir einen Vater gegeben hat, entläßt er dich nach Athen.« »Was soll mir aber dieses Kistchen helfen?« fragte Ion weiter. »Es enthält die Windeln, in welchen du ausgesetzt worden bist, lieber Sohn!« antwortete die Priesterin. »Meine Windeln?« sprach Ion heftig. »Nun, das ist ja eine Spur, die mich auf meine rechte Mutter führen kann. O erwünschte Entdeckung!« Die Priesterin hielt ihm nun das offene Kistchen hin, und Ion griff gierig hinein und zog die reinlich zusammengewickelte Leinwand heraus. Während er seine betränten Augen auf die kostbaren Überbleibsel heftete, hatte sich Krëusas Angst allmählich verloren und ein Blick auf das Kistchen ihr die ganze Wahrheit entdeckt. Mit einem Sprunge verließ sie den Altar, und mit dem Freudenrufe: »Sohn!« hielt sie den staunenden Ion umschlungen. Diesem schlich sich aufs neue Mißtrauen ins Herz, er fürchtete die Umarmungen der Fremden als eine Hinterlist und wollte sich unwillig losmachen. Aber Krëusa selbst raffte sich zusammen, trat einige Schritte zurück und sprach: »Diese Leinwand soll für mich zeugen, Kind! Wickle sie getrost auseinander; du wirst die Zeichen finden, die ich dir angebe. Die Stickerei, die sie schmückt, ist das Werk meiner mädchenhaften Nadel. In der Mitte des Gewebes muß sich das Gorgonenhaupt finden, umringt von Schlangen, wie auf dem Ägisschilde!« Ungläubig entfaltete Ion die Windeln, aber mit einem plötzlichen Freudenschrei rief er aus: »O großer Zeus, hier ist die Gorgone, hier sind die Schlangen!« »Noch nicht genug«, sprach Krëusa, »es müssen in dem Kistchen auch kleine goldne Drachen sein, zur Erinnerung an die Drachen in der Kiste des Erichthonios; ein Halsschmuck für das neugeborene Knäbchen.« Ion durchforschte den Korb weiter, und mit wonnigem Lächeln zog er bald auch die Drachenbilder hervor. »Das letzte Zeichen«, rief Krëusa, »muß ein Kranz aus den unverwelklichen Oliven sein, die vom erstgepflanzten Ölbaume Athenes stammen und den ich meinem neugeborenen Knaben aufgesetzt.« Ion durchsuchte den Grund des Kistchens, und seine Hand brachte einen schönen grünen Olivenkranz hervor. »Mutter, Mutter!« rief er mit einer von schluchzenden Tränen unterbrochenen Stimme, fiel Krëusen um den Hals und bedeckte ihre Wangen mit Küssen. Endlich riß er sich von ihrem Halse los und verlangte nach seinem Vater Xuthos. Da entdeckte ihm Krëusa das Geheimnis seiner Geburt und wie er des Gottes Sohn sei, dem er so lang und getreu im Tempel gedient habe. Auch die früheren Verwicklungen und die letzte Verirrung Krëusens wurden ihm jetzt klar, und er fand selbst den verzweifelten Anschlag seiner Mutter auf des unerkannten Sohnes Leben verzeihlich. Xuthos nahm den Ion, obgleich nur als Stiefsohn, doch auch so als ein teures Göttergeschenk in seine Arme, und alle drei erschienen wieder im Tempel, dem Gotte zu danken. Die Priesterin aber weissagte von ihrem Dreifuß herab, daß Ion der Vater eines großen Stammes werden sollte, Ionier nach seinem Namen genannt; auch dem Xuthos weissagte sie Nachkommenschaft von Krëusen, einen Sohn, der Doros heißen und der weltberühmten Dorier Vater werden sollte. Mit so freudigen Erfüllungen und Hoffnungen brach das Fürstenpaar von Athen mit dem glücklich gefundenen Sohn nach der Heimat auf, und alle Einwohner Delphis gaben ihm das Geleite.

Iphigenia bei den Tauriern



Iphigenia bei den Tauriern

Von Athen hatten sich die beiden Freunde, Orestes und Pylades, der erste nun wieder von seiner Schwermut genesen, nach Delphi zu dem Orakel Apollos gewendet, und dort fragte Orestes den Gott, was er weiter über ihn beschlossen hätte. Der Spruch der Priesterin lautete dahin, daß der Königssohn von Mykene die Endschaft seiner Not erreichen sollte, wenn er nach den Grenzen der taurischen Halbinsel, in die Nachbarschaft der Skythen sich begeben hätte, wo Apollos Schwester Artemis ein Heiligtum besitze. Dort sollte er das Bildnis der Göttin, das nach der Sage dieses Barbarenvolkes vom Himmel gefallen war und daselbst verehrt wurde, durch List oder andere Mittel rauben und, nach bestandenem Wagestück, dasselbe nach Athen verpflanzen, denn die Göttin sehne sich nach milderem Himmelsstriche und griechischen Anbetern, und ihr gefalle das Barbarenland nicht mehr. Wäre dieses glücklich vollführt, so sollte der landesflüchtige Jüngling am Ziele seiner Not stehen.

Pylades verließ seinen Freund auch auf dieser rauhen Wanderung nach einem gefahrvollen Ziele nicht. Denn das Volk der Taurier war ein wilder Menschenstamm, der die an seinem Ufer Gestrandeten und andere Fremde der Jungfrau Artemis zu opfern pflegte. Den gefangenen Feinden hieben sie den Kopf ab, steckten ihn an einer Stange über den Rauchfang ihrer Hütten und bestellten ihn so zum Wächter ihres Hauses, der alles von der Höhe herab für sie überschauen sollte.

Die Ursache, warum das Orakel den Orestes in dieses wilde Land unter den grausamen Völkerstamm sandte, war aber diese: Als Agamemnons und Klytämnestras Tochter auf Anraten des griechischen Sehers Kalchas, im Angesichte der Griechen, am Strande von Aulis geopfert werden sollte und der Todesstreich gefallen war, der eine Hindin anstatt der Jungfrau getroffen hatte, da stahl die erbarmungsvolle Göttin Artemis das Mägdlein aus den Blicken der Griechen weg und trug sie durch das Lichtmeer des Himmels auf ihren Armen über Meer und Land zu diesen Tauriern und ließ sie hier in ihrem eigenen Tempel nieder. Dort fand sie der König des Barbarenvolkes, Thoas mit Namen, und bestellte sie zur Priesterin des Artemistempels, wo sie im Dienste der Göttin des fürchterlichen Brauches pflegen und, wie die alte Sitte des rohen Landes heischte, jeden Fremdling, dessen Fuß dies Ufer betrat – und meistens waren es Landsleute von ihr, Griechen, die dieses jammervolle Los traf –, der Landesgöttin opfern mußte. Indessen hatte sie nur das Todesopfer einzuweihen. Niedrigere Diener der Göttin mußten dasselbe sodann in das Heiligtum hinein zur grausen Schlachtbank schleppen.

Jahre schon hatte die Jungfrau, ihres traurigen Amtes wartend, übrigens hochgehalten vom Könige und um ihrer milden, griechischen Sitte und ihrer eigentümlichen Liebenswürdigkeit willen verehrt vom Volke, fern von der Heimat und gänzlich unbekannt mit den Geschicken des Hauses, vertrauert, als es ihr einstmals in der Nachtruhe träumte, sie wohne fern von diesem Barbarenstrand im heimatlichen Argos und schlafe von den Sklavinnen des Elternhauses umringt. Da fing auf einmal der Rücken der Erde zu beben und zu zittern an, und ihr war, als flöhe sie aus dem Palaste, stände draußen und müßte sehen und hören, wie das Dach des Hauses zu wanken begann und der ganze Säulenbau, bis auf den Grund erschüttert, zu Boden rasselte. Ein einziger Pfeiler – so dünkte ihr – vom väterlichen Hause blieb übrig. Mit einem Male bekam dieser Pfeiler Menschengestalt; aus dem Säulenknauf wurde ein Haupt, von blondem Haupthaar umwachsen, und dieses fing an, in vernehmlichen Lauten zu reden, deren Inhalt jedoch der Jungfrau entfallen war, als sie wieder erwachte. Im Traume aber geschah es noch, daß sie, ihrem Fremdenmord befehlenden Amte getreu, den Menschen, der ein Pfeiler ihres Vaterhauses gewesen war, als zum Tode bestimmt, mit dem Weihwasser besprengte und dazu bitterlich weinen mußte, bis sie der Traum verließ.

Am Morgen, der auf dieselbe Nacht folgte, war Orestes mit seinem Freunde Pylades am taurischen Uferstrande ans Land gestiegen, und beide schritten auf den Tempel der Artemis zu. Bald standen sie vor dem Barbarengebäude, das eher einem Zwinger denn einem Götterhause glich, und blickten staunend an dem hohen Mauerringe empor. Endlich brach Orestes das Schweigen. »Du treuer Freund«, sprach er, »der auch dieses Weges Gefahr mit mir geteilt hat, was fangen wir an? Wollen wir den Treppenkranz, der sich um den Tempel schlingt, erklimmen? Aber wenn wir droben sind, werden wir nicht in dem unbekannten Gebäude wie in einem Labyrinthe umhertappen? Und werden nicht eherne Schlösser uns den Zugang zu den Gemächern verschließen? Würden wir aber, indem wir Einlaß suchen, indem wir öffnen, an dem Tore von den Wachen, die ohne Zweifel bei dem Heiligtum aufgestellt sind, erhascht, so sind wir des Todes. Denn das wissen wir ja, daß Griechenmord den Altar dieser unerbittlichen Göttin unaufhörlich bespritzt! Darum, wäre es nicht geratener, zu dem Schiffe zurückzukehren, dessen Segel uns hierhergebracht hat?«

»Ei«, erwiderte Pylades, »das wäre wahrlich das erste Mal, daß wir miteinander die Flucht ergriffen! Heilig soll uns der Ausspruch Apollos sein! Doch wahr ist’s, fort müssen wir von diesem Tempel! Das Klügste ist, wir verbergen uns in den dunklen Grotten, die das Meer bespült, ferne von unserem Fahrzeug, damit keiner, der es erblickt, dem Herrscher dieses Landes von uns melden könne und wir nicht von Waffengewalt, die gegen uns ausgesendet wird, übermannt werden. Wenn aber dann die Nacht anbricht, dann laß uns frisch ans Werk schreiten. Die Lage des Tempels kennen wir nun schon; irgendeine List wird uns ins Innere des Tempelraumes führen, und haben wir das Götterbild einmal auf den Armen, so ist mir vor dem Rückwege nicht mehr bange. Tapfre stürzen sich mutig in die Gefahr! Haben wir rudernd nicht einen unermeßlichen Weg zurückgelegt? Nun wäre es doch schmählich, wenn wir am Ziele umkehrten und ohne die Beute, die der Gott uns bezeichnet hat, heimkehrten!«

»Wohl gesprochen!« rief Orestes, »es geschehe, wie du rätst! Wir wollen uns verbergen, bis der Tag vorüber ist; die Nacht kröne unser Werk!«

Die Sonne stand schon höher am Himmel, als auf die Priesterin der Artemis, die an der Schwelle ihres Tempels stand, ein Rinderhirt, der mit schnellen Schritten vom Meergestade herbeigeeilt kam, zuschritt. Er brachte die Meldung, daß ein paar Jünglinge, wohlgefällige Schlachtopfer der Göttin Artemis, am Ufer gelandet seien. »Bereite nur, erhabene Priesterin«, sprach er, »je eher, je lieber das heilige Wasserbad und schicke dich zu dem Werke an!« »Was für Landsleute sind die Fremdlinge?« fragte Iphigenia traurig. »Griechen«, erwiderte der Hirt, »weiter wissen wir nichts, als daß der eine von ihnen Pylades heißt und daß sie unsre Gefangenen sind.« »Laßt hören«, fragte die Priesterin weiter, »wo geschah’s, und wie finget ihr sie?« »Wir badeten eben«, erzählte der Hirt, »unsre Rinder im Meere und warfen eins ums andere in das Wasser, das strömend durch die Felsen fällt, welche man die Symplegaden heißt. Es findet sich dort ein hohler, durchbrochener, stets vom Wasser beschäumter Felssturz, eine Grotte für die Schneckenfischer. Hier gewahrte ein Hirte von unsrer Schar zwei Jünglingsgestalten; sie kamen ihm so schön vor, daß er sie für Götter hielt und vor ihnen niederfallen wollte. Ein anderer aber, der neben ihm stand, ein frecher, ungläubiger Mensch, war nicht so töricht; er lachte, als er seinen Kameraden die Knie beugen sah, und sprach: ›Siehest du denn nicht, daß es schiffbrüchige Seeleute sind, die sich in jene Felsenkluft gelagert haben, um sich zu verbergen, weil sie voll Angst von dem Gebrauche gehört haben, daß wir hierzulande die Fremden, die an unsern Strand geraten, zu opfern pflegen?‹ Diese Rede gefiel der Mehrzahl, und wir schickten uns an, Jagd auf die Opfer zu machen. Da trat der eine der Fremdlinge zu der Felskluft heraus, schüttelte sein Haupt und warf es wild umher, Arme und Hände schlotterten ihm; laut aufstöhnend, vom Wahnsinne gepackt, rief er: ›Pylades, Pylades! siehest du dort nicht die schwarze Jägerin, den Drachen aus dem Hades, wie sie mich zu morden begehrt, wie sie mit den wilden Schlangen züngelnd auf mich zufährt? Und dort die andre, die Feueratmende, die hat ja meine eigene Mutter im Arm und drohet sie auf mich zu schleudern! Wehe mir! Sie erwürgt mich! Wie soll ich ihr entfliehen?‹ Von allen diesen Schreckbildern«, fuhr der Hirte fort, »war weit und breit nichts zu sehen, sondern er hielt wohl das Gebrüll der Rinder und das Hundgebell für Stimmen der Erinnyen. Uns aber faßte alle ein Schrecken, zumal da der Fremdling sein Schwert von der Seite zog und sich wie rasend auf die Rinderschar warf und ihnen das Eisen in die Bäuche stieß, daß sich bald die Meeresflut rot färbte. Endlich ermannten wir uns, bliesen mit unsern Muscheln das Landvolk zusammen und nahten uns den bewaffneten Fremdlingen in einem geschlossenen Haufen. Der Rasende, den die Zuckungen des Wahnsinns allmählich verlassen hatten, stürzte nun, am Mund von Schaume triefend, zu Boden. Wir alle wandten uns ihm zu mit Werfen und Schleudern, während sein Genosse ihm den Schaum abwischte und seinen eigenen Mantel ihm gewandt um den Leib schlug. Bald aber sprang der Darniedergeworfene mit vollem Bewußtsein wieder auf und wehrte sich seines Lebens. Zuletzt jedoch mußten sie der Überzahl weichen, wir umschlossen sie in einem Kreise; die wiederholten Steinwürfe machten, daß ihnen die Waffen aus den Händen fielen und ihre Knie ermattet zu Boden sanken. Nun bemächtigten wir uns ihrer und geleiteten sie zu Thoas, dem Beherrscher des Landes. Dieser hatte sie kaum zu Gesichte bekommen, als er auch schon befahl, die Gefangenen dir als Todesopfer zuzusenden. Flehe nur, o Jungfrau, daß du recht viel solche Fremdlinge abzuschlachten bekommst, denn es scheinen recht herrliche Griechen zu sein. Tötest du solcher viele, so büßt Griechenland deine Todesangst nach Gebühr, und du bist gerächt dafür, daß sie dich in der Bucht von Aulis umbringen wollten!«

Der Hirte schwieg und erwartete die Befehle der Priesterin, die ihm auch wirklich auftrug, die Fremdlinge zu holen. Als sich Iphigenia allein sah, sprach sie zu sich selber: ›O Mein Herz, sonst warest du doch immer barmherzig gegen die Fremdlinge, schenktest gerne deinen Stammgenossen eine Träne, sooft dir griechische Männer in die Hände fielen! Nun aber, seit der Traum dieser Nacht mir die bittre Ahnung eingeflößt hat, daß mein geliebter Bruder Orestes das Licht der Sonne nicht mehr sieht – nun sollet ihr alle, die ihr nahet, mich grausam finden! Sind doch die Unglücklichen den Beglückten immer abhold! O ihr Griechen, die ihr mich wie ein Lamm zum Opferherde schlepptet, wo mein eigener Vater der Schlächter war! Ha, nie vergesse ich diese Schreckenszeit! Ja wenn Zeus mir mit frischen Winden den Mörder Menelaos einmal herbeiführen wollte und die trügerische Helena…‹

Sie ward in ihrem Selbstgespäch unterbrochen durch das Herannahen der Gefangenen, die in Fesseln zu ihr geführt wurden. Als sie dieselben kommen sah, rief sie denen, die sie brachten, entgegen: »Lasset den Fremden die Hände frei; die heilige Weihe, die sie empfangen sollen, spricht sie von allen Banden los. Dann gehet in den Tempel und bestellet alles, was dieser Fall erfordert!« Hierauf wandte sie sich zu den Gefangenen und redete sie an: »Sprechet, wer ist euer Vater, eure Mutter, wer eure Schwester, wenn ihr eine habt, die, jetzt eines so schmucken, stattlichen Bruderpaares beraubt, allein in der Welt stehen soll? Woher kommt ihr, bejammernswürdige Fremdlinge? Ihr hattet wohl eine weite Fahrt bis zu diesen Ufern. Doch bereitet euch zu einer weiteren; denn jetzt geht eure Fahrt hinunter ins Schattenreich!«

Ihr erwiderte Orestes: »Wer du auch immer seiest, o Weib, was beklagst du uns? Wer das Henkerbeil schwingt, dem steht es übel an, sein Opfer zu trösten, ehe er den Streich führt; und wem der Tod ohne Hoffnung droht, dem will auch das Jammern nicht geziemen. Keine Tränen, weder von dir noch von uns! Laß das Geschick ergehen!«

»Welcher von euch beiden ist Pylades? Das lasset mich zuerst wissen!« fragte nun die Priesterin. »Dieser hier!« sprach Orestes, indem er auf seinen Freund hindeutete. »Seid ihr Brüder?« »Durch Liebe«, antwortete Orestes, »nicht durch Geburt!« »Wie heißest denn aber du?« »Nenne mich einen Elenden«, erwiderte er; »am besten ist’s, ich sterbe namenlos; dann werd ich doch nicht zum Gespötte!« – Die Priesterin verdroß sein Trotz, und sie drang in ihn, ihm wenigstens seine Vaterstadt zu nennen. Als der Name Argos im Ohr klang, zuckte es ihr durch die Glieder, und sie rief heftig: »Bei den Göttern, Freund, stammst du wirklich dorther?« »Ja«, sprach Orestes, »von Mykene, wo mein Haus einst beglückt war.« »Wenn du von Argos kommst, Fremdling«, fuhr Iphigenia mit gespannter Erwartung fort, »so bringst du wohl auch Nachrichten von Troja mit? Ist’s wahr, daß es spurlos vertilgt ist? Kam Helena zurück?« »Ja, beides ist so, wie du fragst!« »Wie geht’s dem Oberfeldherrn? Agamemnon, deucht mich, hieß er, der Sohn des Atreus?« Orestes schauderte bei dieser Frage: »Ich weiß nicht«, rief er mit abgewandtem Haupte. »Sprich mir von diesem Gegenstande nicht, o Weib!« Aber Iphigenia bat ihn mit so weicher, flehender Stimme um Nachricht, daß er nicht zu widerstehen vermochte. »Er ist tot«, sprach er, »durch die Gemahlin starb er grausenhaften Todes!« Ein Schrei des Entsetzens entfuhr der Priesterin der Artemis. Doch faßte sie sich und fragte weiter: »Sprich nur das noch: Lebt des armen Mannes Weib?« »Nicht mehr«, war die Antwort, »ihr eigener Sohn hat ihr den Tod gegeben; er übernahm das Rächeramt für seinen ermordeten Vater; doch gehet es ihm schlimm dafür!« »Lebt noch ein anderes Kind Agamemnons?« »Zwei Töchter, Elektra und Chrysothemis.« »Und was weiß man von der Ältesten, die geopfert ward?« »Daß eine Hindin an ihrer Statt starb, sie selbst aber spurlos verschwunden ist. Auch sie ist wohl schon lange tot!« »Lebt der Sohn des Gemordeten noch?« fragte die Jungfrau ängstlich. »Ja«, sprach Orestes, »doch im Elend, vertrieben, überall und nirgends!« »O trügerische Träume, weichet!« seufzte Iphigenia vor sich hin. Dann hieß sie die Diener sich entfernen, und als sie mit den Griechen allein war, sprach sie flüsternd zu ihnen: »Vernehmet etwas, Freunde, das zu eurem und meinem Vorteil dient, wenn wir einig sind. Ich will dich retten, Jüngling, wenn du mir ein Briefblatt in deine und meine Heimat Mykene, an die Meinigen gerichtet, nehmen willst!« »Ich mag mich nicht retten ohne den Freund«, antwortete Orestes; »ich bin ein Unglücklicher, von dem er nicht gewichen ist. Wie sollte ich ihn in der Todesnot verlassen?« »Edler, brüderlich gesinnter Freund!« rief die Jungfrau. »O wäre mein Bruder wie du! Denn wisset, Fremdlinge, auch ich habe einen Bruder, nur daß er ferne aus meinen Augen ist. – Aber beide kann ich euch nicht entlassen: das duldet der König nimmermehr. Stirb denn du und laß deinen Pylades ziehen; welcher von euch mir das Blatt besorgt – mir gilt es gleich!« »Wer wird mich opfern?« fragte Orestes. »Ich selbst; auf Befehl der Göttin«, antwortete Iphigenia. »Wie, du, das schwache Mädchen, schwingst auf Männer dein Schwert?« »Nein, ich benetze nur mit dem Weihwasser deine Locken! Die Tempeldiener sind’s, die das Schlachtbeil schwingen. Dein verbranntes Gebein empfängt sodann ein Felsenschild.« »O daß mich meine Schwester bestattete!« seufzte Orestes. »Das ist freilich nicht möglich«, sagte die Jungfrau gerührt, »wenn deine Schwester im fernen Argos weilt. Doch, lieber Landsmann, sorge nicht, ich will deinen Scheiterhaufen löschen und mit Öl und Honig beträufeln und deine Gruft ausschmücken, als wäre ich deine leibliche Schwester! Jetzt aber laß mich gehen, die Zuschrift an die Meinen zu bestellen!«

Wie die Jünglinge allein, nur in der Ferne von Dienern bewacht waren, hielt sich Pylades nicht länger: »Nein«, rief er, »bei deinem Tode leben kann ich nicht! Diese Schmach verlange nicht von mir. Ich muß dir in den Tod folgen, wie ich dir aufs weite Meer gefolgt bin. Phokis und Argos würden mich der Feigheit zeihen. Alle Welt – denn böse ist die Welt – würde sagen, um die Heimat mir zu gewinnen, hätte ich dich verraten, dich getötet, dir nach dem Reich, nach dem Erbe getrachtet, zumal da ich dein künftiger Schwager bin und um deine Schwester Elektra ohne Mitgift gefreit habe. Jedenfalls also will ich, muß ich mit dir sterben!« Orestes wollte nichts von diesem Entschlusse hören, und noch stritten sie, als Iphigenia, das beschriebene Blatt in der Hand, zurückkehrte. Als sie den Empfänger Pylades hatte geloben lassen, daß er den Brief gewiß den Ihrigen abliefern wolle, und dagegen geschworen, ihn zu retten, besann sich die Jungfrau, und auf den Fall, daß das Schreiben durch irgendeinen Unglücksfall von der See verschlungen würde, während der Überbringer mit dem Leben davonkäme, wollte sie ihm den Inhalt überdies auch noch mündlich mitteilen. »Melde«, sprach sie, »dem Orestes, dem Sohne des Agamemnon: Iphigenia, die in Aulis vom Opferherde entrückt wurde, lebt und bestellet an dich, was folgt.« »Was höre ich«, fiel ihr Orestes ins Wort, »wo ist sie? Steht sie von den Toten auf?« »Hier steht sie«, sagte die Priesterin; »doch störe mich nicht! – ›Lieber Bruder Orestes! Ehe ich sterbe, hole mich aus der fernen Barbarei nach Argos; erlöse mich vom Opferherd, an dem ich im Dienste der Göttin die Fremdlinge morden muß. Tust du es nicht, Orestes, so seien du und dein Haus verflucht!‹«

Die beiden Freunde konnten lange vor Staunen keine Worte finden, bis zuletzt Pylades das Blatt aus ihren Händen nahm und gegen den Freund gewendet, ihm den Brief überreichend, ausrief: »Ja, ich will den Eid auf der Stelle halten, den ich geleistet. Da nimm, Orestes, ich händige dir das Schreiben ein, welches die Schwester Iphigenia dir überschickt.« Orestes warf es auf den Boden und umschlang die Wiedergefundene mit den Armen. Sie wollte ihm wehren, sie konnte es nicht glauben, bis Erzählungen aus der innersten Geschichte des Atridenhauses ihn ihr als denjenigen beglaubigten, als der er von Pylades bezeichnet ward. »O Geliebtester!« rief die Jungfrau jetzt, »denn das bist du und nichts anderes, du der Meine, der Meine, der einzige, der Bruder! Aus dem geliebten Argos kommend! Wie jugendlich zart warest du, als ich dich verließ, im Arme des Pflegers ruhend, sorglos und glücklich! Ja, glücklich, wie wir beide in diesem Augenblick es sind.« – Doch Orestes war schon zur Besinnung gekommen, und sein Antlitz hatte sich umwölkt. »Freilich sind wir jetzt glücklich«, sprach er, »aber wie lange wird es währen? Ist nicht der Jammer, der Untergang uns gewiß?« Auch Iphigenia bedachte sich voll Unruhe: »Was ersinne ich nun«, sagte sie bebend, »wie erlöse ich dich aus dem Reiche des Barbarenfürsten, wie sende ich dich frei vom Tode nach Argos zurück, daß du nicht mitsamt deinem Freunde am Opferherde dem Stahl erliegen mußt? Aber schnell, ehe der Herr dieses Reiches, ungeduldig über den verzögerten Tod der Gefangenen, erscheint, erzähle mir, Bruder, und verschweige mir nichts von den entsetzlichen Ereignissen in unsrem unglücklichen Hause.«

Orestes meldete ihr mit gedrängten Worten alles, wie es sich begeben, und schloß das Fürchterliche mit einer guten Kunde, mit der Verlobung Elektras und seines Freundes. Während der Erzählung hatte sich die Jungfrau, so ganz sie Ohr war, doch auch mit der Rettung ihres geliebten Bruders im Geiste beschäftigt, und zuletzt hatte sich ihr ein glücklicher Gedanke dargeboten. »Ich habe«, rief sie, »endlich den rechten Weg erdacht. Dein Seelenleiden, das sich bei eurer Gefangennehmung am Strande noch einmal regte, soll mir zum Vorwande bei dem König dienen. Du kommest, sage ich ihm, wie denn dies die Wahrheit ist, als Muttermörder von Argos. Deswegen seiest du unrein und noch nicht entsündiget, um als angenehmes Opfer der Göttin dargebracht zu werden. Erst müsse ein Wasserbad im Meere die Blutspur abwaschen, welche deinem Leibe noch von dem entsetzlichen Mord anklebe. Und weil du, im Tempel der Göttin dargestellt, ihr Bild als Schutzflehender berührt habest, so sei auch dieses verunreinigt worden und bedürfe einer Reinigung in der Meeresflut. Da nun mir, der Priesterin, allein vergönnt ist, das heilige Bildnis zu berühren, so trage ich selbst dasselbe auf meinen Armen und in eurer Begleitung – denn auch dich, Pylades, nenne ich als Teilhaber der Blutschuld, wie du es denn auch in der Tat warest – an den Meeresstrand, dort wo euer Schiff in der Bucht versteckt vor Anker liegt. Dies alles soll durch Überredung des Königes geschehen; denn hintergehen ließe sich der Wachsame nicht. Das weitere Gelingen des Planes, wenn wir einmal am Schiff angekommen sind, ist eure Sache, ihr Freunde!«

Dies alles war zwischen den Geschwistern und ihrem Freund im Vorhofe des Tempels verhandelt worden, ferne von den Dienern und Wachen. Jetzt wurden die Gefangenen den Aufsehern wieder übergeben, und Iphigenia führte sie in das Innere des Tempels. Nicht lange darauf erschien Thoas, der König des Landes, mit einem ansehnlichen Gefolge und fragte nach der Tempelwächterin, denn der Verzug gefiel ihm nicht, und er konnte nicht begreifen, warum die Leiber der Fremdlinge nicht schon lange auf dem Hochaltare der Göttin brannten. Wie er nun eben vor dem Tempel angekommen war, trat Iphigenia zu den Pforten desselben heraus und trug die Bildsäule der Göttin auf den Armen. »Was ist das, Agamemnons Tochter«, rief der König erstaunt, »warum trägst du dieses Götterbild von dem heiligen Gestelle in deinen Armen fort?« »Es ist Abscheuliches geschehen, o Fürst!« erwiderte die Priesterin mit bewegter Miene, »die Opfer, die am Strande erjagt worden, sind nicht rein; das Standbild der Göttin, als sie sich ihm näherten, es schutzflehend zu umfangen, drehte sich freiwillig auf seinem Sitze und schloß die Augenlider. Wisse, dieses Paar hat Grauenhaftes verübt.« Und nun erzählte sie dem Könige, was im wesentlichen Wahrheit war, und stellte das Verlangen an ihn, die Fremdlinge samt dem Bilde entsündigen zu dürfen. Um ihn recht sicher zu machen, verlangte sie, daß die Fremden wieder gefesselt und ihre Häupter als Frevler vor dem Strahl der Sonne verhüllt würden; auch begehrte sie Sklaven zur Sicherheit, die im Gefolge des Königs erschienen waren. Nach der Stadt – auch dies hatte die Jungfrau schlau in ihrem Sinne ausgedacht – sollte der Fürst einen Boten senden, der den Bürgern befehle, sich, bis die Entsündigung vorüber sei, innerhalb der Mauern zu halten, um von der verpestenden Blutschuld nicht angesteckt zu werden. Der König selbst sollte in ihrer Abwesenheit im Tempel bleiben und für die Ausräucherung des gesamten Gewölbes besorgt sein, damit die Priesterin dasselbe nach ihrer Rückkehr gereinigt wiederfinde. Sobald die Fremden aus dem Tore des Tempels träten, sollte der König sein Antlitz ins Gewand hüllen, damit der Greuel sich ihm nicht mitteilen könnte. »Und wenn es dir«, schloß die Priesterin ihren Antrag, »auch dünken sollte, als säumte ich lang am Meeresstrande; werde darum nicht ungeduldig, o Herrscher; bedenke, welchen großen befleckenden Frevel es zu entsündigen gilt!«

Der König willigte in alles und verhüllte sich das Haupt, als bald darauf Orestes und Pylades aus dem Tempel geführt wurden, und es währte nicht lange, so war Iphigenia mit den Gefangenen und einigen Trabanten des Königes auf dem Wege zum Meeresufer aus dem Gesichtskreise des Tempels verschwunden. Thoas begab sich in das Innere desselben und ließ dort die von der Priesterin gebotene Räucherung vornehmen, die bei der Größe des Gebäudes eine geraume Zeit erforderte.

Nach mehreren Stunden kam ein Bote vom Meeresufer dahergeeilt! »Treulose Weiberseelen!« fluchte er vor sich hin, als er erhitzt und keuchend vor der Tempelpforte stand und an das verschlossene Tor pochte. »Holla, ihr Leute drinnen«, schrie er, »öffnet die Riegel; tut dem Herrn zu wissen, daß ich als Überbringer schlimmer Neuigkeit vor dem Tore stehe!« Die Türflügel öffneten sich, und Thoas selbst trat aus dem Tempel. »Wer ist’s«, sprach er, »der mit seinem Lärm den Frieden dieses heiligen Hauses zu stören sich herausnimmt?« »Vernimm, o König, welche Botschaft ich dir bringe«, hub der Diener an. »Die Priesterin des Tempels, dieses Griechenweib, ist mitsamt den Fremden und dem Standbild unserer erhabenen Schutzgöttin aus dem Lande entronnen! Das ganze Entsündigungsfest war eine Lüge!« »Was sagst du?« rief der König, der Unmögliches zu hören glaubte. »Welcher böse Geist hat dieses Weib ergriffen? Wer ist es, mit dem sie flieht?« »Ihr Bruder Orestes«, erwiderte der Bote; »derselbe, den sie hier dem Opfertode geweiht zu haben schien. Hör die ganze Geschichte, und dann sinne auf Mittel, wie wir die Flüchtigen verfolgen und beifahen, denn ihre Fahrt ist lang, und dein Speer kann sie schon noch erreichen! Als wir ans Gestade des Ozeans gelangt waren, wo das Schiff des Orestes vor Anker lag, winkte Iphigenia uns, die wir die Fremdlinge in Fesseln daherführten, haltzumachen, damit wir dem heiligen Brandopfer und der beschlossenen Feier fernblieben. Sie selbst nahm den Fremden die Fesseln ab, hieß sie vorangehen und trug sie, ihnen folgend. Zwar schien uns dieses schon etwas verdächtig, indessen glaubten deine Diener, o Herr, es sich doch gefallen lassen zu müssen. Hierauf, damit es schien, als würde mit der Sühnungshandlung wirklich der Anfang gemacht, sang die Priesterin Zauberformeln ab und sprach in fremden Weisen allerlei Gebete. Wir aber hatten uns gelagert und harrten. Endlich kam uns der Gedanke, das entfesselte Paar könnte die wehrlose Frau getötet haben und entsprungen sein. Wir machten uns daher auf und eilten der Felsenbucht zu, die uns den Anblick der Priesterin und der Fremdlinge entzogen hatte. Als wir dicht an den Felsenstrand gelangt waren, sahen wir ein Griechenschiff auf dem Wasserspiegel schwebend und an fünzig Ruderer auf seinen Bänken; am Hinterteile des Schiffes, noch auf dem Ufer standen die beiden Fremden, der Fesseln entledigt; die einen lichteten die Anker und hängten sie ein, andere schlugen Zugbrücken, wanden an den Tauen, ließen Leitern für die Fremdlinge nieder. Da besannen wir uns denn freilich nicht länger; wir hatten das ganze Truggewebe vor uns und ergriffen das Weib, das auch noch am Strande verweilte. Orestes aber, sein Geschlecht und Vorhaben laut verkündend, wehrte sich mit Pylades für seine Schwester, die wir schleifend zwingen wollten, uns zu folgen. Da weder wir noch die Fremdlinge Schwerter hatten, so setzte es einen hartnäckigen Faustkampf. Indessen zwangen uns die Griechenjünglinge zum Rückzuge, da auch die Schützen vom Hinterteile des Schiffes uns mit Pfeilen aus der Ferne scharf zusetzten. Zu gleicher Zeit warf eine mächtige Meereswoge das Schiff ans Land, und es fehlte wenig, so wäre es gescheitert. Da nahm Orestes Iphigenien auf den Arm, die selbst das Bild in den Händen trug, sprang ins Wasser und schnell die Leiter des Schiffes hinan. Dort legte er die Schwester mitsamt dem Himmelsbilde der Artemis auf dem Verdecke nieder. Ihm nach war Pylades gesprungen, und als alle glücklich im Schiffe sich befanden, brach das Schiffsvolk in dumpfen Jubel aus und ruderte frisch durch die salzige Flut. Solange das Schiff durch die Hafenbucht fuhr, glitt es in sanftem Laufe dahin; als es aber in die offene See gelangt war, sauste ein Windstoß auf dasselbe herein und trieb es, trotz aller Anstrengungen der Ruderer, an das Gestade zurück. Da sprang Agamemnons Tochter flehend empor und rief laut: »Tochter Letos, jungfräuliche Artemis, du selbst verlangtest ja durch das Orakel deines Bruders Apollo nach Griechenland, rette mich mit dir dorthin, mich, deine Priesterin, und vergib mir den kühnen Betrug, den ich mir gegen den Beherrscher dieses Landes erlaubt habe, dem ich gezwungen so lange dienen mußte. Du selbst ja hast auch einen Bruder und liebst ihn, du Himmlische! drum sieh auch unsere Geschwisterliebe gnädig an!« Zu diesem Gebete der Jungfrau stimmten, die entblößten Arme ums Ruder geschlungen, die Schiffer alle den flehenden Gesang, Päan genannt, an, wie ihnen befohlen ward. Dennoch trieb das Schiff immer mehr an den Strand, und ich bin geradenweges hierhergeeilt, um dir zu melden, was sich am Ufer dort begeben. Darum sende du nur auf der Stelle Fangstricke und Fesseln ans Gestade; denn wenn das brausende Meer nicht bald ruhig wird, so ist den Fremdlingen jeder Weg zur Flucht versperrt. Der Meeresgott Poseidon denkt mit Zorn an die Zerstörung seiner Lieblingsstadt Troja zurück; er ist ein Feind aller Griechen, und des Atridengeschlechts insbesondere. So wird er denn, wenn mich nicht alles trügt, die Kinder Agamemnons heute in deine Gewalt geben!«

Mit Ungeduld hatte der König Thoas das Ende des langen Berichtes abgewartet und ließ nun auf der Stelle an alle Bewohner seines rauhen Küstenlandes den Befehl ergehen, die Rosse aufzuzäumen, dem Meeresstrande zuzusprengen, das Griechenschiff, wenn es durch die Wellen ans Land geschleudert wäre, zu fassen und unter dem Beistande der Göttin Artemis die flüchtigen Verbrecher einzufangen. Das Fahrzeug sollte mit allen Ruderern versenkt werden, die beiden Fremdlinge aber mit der treulosen Priesterin wollte er vom schroffen Felsen ins Meer hinabstürzen oder bei lebendigem Leib mit dem Pfahle spießen lassen.

Und schon jagte er an der Spitze seines riesigen Volkes dem Meeresufer zu, als plötzlich eine himmlische Erscheinung den Zug hemmte und den König wider Willen stillezustehen zwang. Pallas Athene, die erhabene Göttin, war es, deren Riesengestalt, von einer lichten Wolke umgeben, über der Erde schwebend, dem Heereszuge den Weg vertrat und deren Götterstimme wie Donner über die Häupter der Taurier hinrollte: »Wohin, wohin jagest du, König Thoas, erhitzt und atemlos mit deinem Volke? Schenke den Worten einer Göttin Gehör! Laß die Haufen deines Heeres ruhen, laß meine Schützlinge frei abziehen! Das Verhängnis selbst hat, durch den Ausspruch Apollos, den Orestes hierhergerufen, daß er, von den Furien befreit, seine Schwester ins Vaterland zurückgeleite und das heilige Bildnis der Artemis in meine geliebte Stadt Athen bringe, wohin sie selbst begehret hat! Die Flüchtlinge trägt deswegen Poseidon, der Meeresgott, mir zulieb auf unbewegter Meeresfläche in ihrem Ruderschiffe dahin, und Orestes wird in Athen der taurischen Artemis Bild in einem heiligen Hain und neuen, herrlichen Tempel aufstellen, und Iphigenia wird auch dort ihre Priesterin sein, dort sterben, dort ihre fürstliche Gruft finden. Du, o Thoas, und du Volk der Taurier, gönnt ihnen allen ihr Geschick und zürnet nicht!«

Der König Thoas war ein frommer Verehrer der Götter. Er warf sich vor der Erscheinung nieder und sprach anbetend: »O Pallas Athene! Wer Götterwort vernimmt und sein Ohr nicht ihm zuneiget, der denkt verkehrt. Kampf mit allmächtigen Göttern bringt keine Ehre. Mögen deine Schützlinge mit dem Bildnis der Göttin ziehen, wohin sie wollen; mögen sie das Bild glücklich in deinem Reiche aufstellen. Ich senke meine Lanze vor den Göttern. Laßt uns umwenden und in die Mauern unserer Stadt zurückkehren.«

Es geschah, wie Athene verkündet hatte. Die taurische Artemis erhielt ihren Tempel und behielt ihre Priesterin Iphigenia in Athen. Orestes setzte sich zu Mykene als beglückter König auf den Thron seiner Väter und gewann mit der einzigen, lieblichen Tochter des Menelaos und der Helena, Hermione, die vergebens an Neoptolemos, den Sohn des Achill, verlobt worden war und die ihm der Bräutigam mit Verlust seines eigenen Lebens lassen mußte, auch das Königreich Sparta, und zuvor noch hatte er Argos erobert. So besaß er ein mächtigeres Reich, als je sein Vater besessen. Seine Schwester Elektra setzte ihr Gemahl Pylades auf den Thron von Phokis. Chrysothemis starb unvermählt; Orestes selbst erreichte ein Alter von neunzig Jahren. Da regte sich der alte, erlöschende Fluch der Tantaliden noch einmal: eine Schlange stach ihn in die Ferse, daß er starb.

Jammer Achills



Jammer Achills

Antilochos fand den Helden vorn an den Schiffen nachdenklich sitzend, im Geiste das Geschick übersinnend, dessen Vollendung er noch nicht kannte. Als er die Griechen aus der Ferne flüchtig herannahen sah, sprach er unmutig zu sich selbst: ›Wehe mir, was schwärmen doch die Achiver voll Angst durchs Gefilde den Schiffen wieder zu? Werden doch die Götter nicht mir zum Grame das Unglück verwirklichen, das meine Mutter mir einst verkündigt hat, daß der tapferste der Myrmidonen, solang ich noch lebte, das Leben durch die Hand der Trojaner lassen müsse!‹

Während er noch solches erwog, kam Antilochos weinend mit der Schreckensbotschaft und rief ihm schon von ferne zu: »Wehe mir, Pelide, möchte es doch nie geschehen sein, was du jetzt vernehmen mußt. Unser Patroklos ist gefallen; sie kämpfen um seinen nackten Leichnam, die Waffen hat ihm Hektor abgezogen.« Nacht wurde es vor den Augen Achills, als er dieses hörte; mit beiden Händen griff er nach dem schwarzen Staube und bestreute Haupt, Antlitz und Gewand. Dann warf er sich selbst, so riesig er war, zu Boden und raufte sich das Haupthaar aus. Jetzt stürzten auch die Sklavinnen, die Achill und Patroklos erbeutet hatten, aus dem Zelte hervor, mit wankenden Knien rannten sie herbei, als sie ihren Herrn zu Boden gestreckt sahen; und da sie innewurden, was geschehen war, schlugen sie wehklagend an ihre Brust. Auch Antilochos vergoß bittre Tränen, jammernd und die Hände des Helden festhaltend; denn er fürchtete, dieser möchte sich mit dem Schwerte die Kehle durchstechen.

Achill selbst heulte so fürchterlich in die Lüfte hinaus, daß seine Mutter im Abgrunde des Meeres, neben ihrem grauen Gatten sitzend, die Stimme des Weinenden vernahm und selber so laut zu schluchzen anfing, daß ihre silberne Grotte sich bald mit den Nereiden füllte, die alle zugleich an die Brust schlugen und die Wehklage mit der Schwester begannen. »Wehe mir Armen«, rief diese ihren Geschwistern zu, »wehe mir unglücklicher Mutter, daß ich einen so edeln, so tapfern, so herrlichen Sohn gebar! Er wuchs empor wie eine Pflanze von Gärtnershand gepflegt, dann sandt ich ihn zu den Schiffen gen Troja; aber nie sehe ich ihn wieder, nie kehrt er in den Palast des Peleus zurück; und solange er das Sonnenlicht noch sieht, muß er solche Qual dulden, und ich kann ihm nicht helfen! Dennoch will ich mein geliebtes Kind zu schauen gehen, will hören, welcher Kummer ihn betraf, während er ungefährdet vom Kampfe bei den Schiffen sitzt!« So sprach die Göttin und stieg mit den Schwestern durch die gespaltenen Wogen hinan zum Gestade, tauchte bei den Schiffen ans Land und eilte dem schluchzenden Sohne zu. »Kind, was weinst du«, rief sie, indem sie unter Wehklagen sein Haupt umschlang, »wer betrübt dir dein Herz? Rede, verhehle mir nichts! Ist es doch alles geschehen, wie du gewollt hast: die Männer Griechenlands sind um die Schiffe zusammengedrängt und schmachten trostlos nach deiner Hilfe!« Endlich begann Achill unter schweren Seufzern: »Mutter, was hilft mir das, seit mein Patroklos, der mir lieb war wie mein Haupt, in den Staub gesunken ist! Meine eigenen köstlichen Waffen, das Ehrengeschenk, das dem Peleus die Götter bei deiner Hochzeit dargebracht, hat ihm sein Mörder Hektor vom Leibe gezogen. O wohntest du doch lieber immer im Meere und hätte Peleus ein sterbliches Weib, so müßtest du nicht unsterbliches Leid tragen um deinen gestorbenen Sohn; denn nie kehrt er zur Heimat wieder! Ja das Herz selbst verbietet mir, lebend umherzuwandeln, wenn mir nicht Hektor, von meiner Lanze durchbohrt und sein Leben aushauchend, den Raub meines Patroklos büßt!« Weinend antwortete Thetis: »Ach, nur allzubald verblüht dir das Leben, mein Sohn; denn gleich nach Hektor ist dir dein eigenes Ende bestimmt.« Aber Achill rief voll Unmut: »Möchte ich doch auf der Stelle sterben, da das Schicksal mir nicht vergönnt hat, meinen gemordeten Freund zu verteidigen! Ohne meine Hilfe, fern von der Heimat, mußte er sterben; was frommt den Griechen nun mein kurzes Leben? Kein Heil habe ich dem Patroklos, kein Heil unzähligen erschlagenen Freunden gebracht. Bei den Schiffen sitz ich, eine unnütze Last der Erde, so schlecht im Gefecht wie kein anderer Achiver; im Rate besiegen mich ohnedem andere Helden. Verflucht sei der Zorn bei Göttern und Menschen, der zuerst dem Herzen süß eingeht wie Honig und bald wie eine Feuerflamme in der Mannesbrust emporwächst!« Und plötzlich fuhr er, sich ermannend, fort: »Doch Vergangenes sei vergangen: ich gehe, den Mörder des geliebtesten Hauptes zu erschlagen, den Hektor. Mag mein Los mir werden, wann Zeus und die Götter es wollen, wird doch manche Trojanerin über mir mit beiden Händen sich die Tränen des Jammers von der Rosenwange trocknen, und zitternde Seufzer werden ihrer Brust entsteigen. Die Trojaner sollen merken, daß ich lange genug vom Kriege gerastet habe! Verwehre mir den Kampf nicht, liebe Mutter!«

»Du hast recht, mein Kind«, antwortete ihm Thetis, »nur daß deine strahlende Rüstung in der Gewalt der Trojaner ist und Hektor selbst in ihr sich brüstet. Doch soll er nicht lange darin frohlocken; denn in aller Frühe, sobald die Sonne aufgeht, bringe ich dir neue Waffen, die Hephaistos selbst geschmiedet. Nur geh mir nicht früher in die Schlacht, als bis du mich mit eigenen Augen zurückkommen sahest.« So sprach die Göttin und hieß ihre Schwestern in den Schoß des Meeres wieder hinabtauchen. Sie selbst eilte hinauf zum Olymp, den Gott der Feuerarbeit Hephaistos aufzusuchen.

In dieser Zeit ereilte den Leichnam des Patroklos, den die Freunde davontrugen, der Kampf der Trojaner noch einmal, und Hektor kam ihm, gleich daherstürmendem Feuer, so nahe, daß er ihn dreimal hinten am Fuße faßte, um ihn wegzuziehen, und dreimal die beiden Ajax ihn von dem Toten hinwegstoßen mußten. Nun wütete er seitwärts durchs Schlachtengewühl, hielt dann wieder von neuem stand und schrie laut auf; zurückweichen wollte er nimmermehr. Vergebens bestrebten sich die beiden gleichnamigen Helden, ihn von dem Leichnam abzuschrecken, wie Hirten bei Nacht umsonst einen hungrigen Berglöwen vom Leibe des zerrissenen Rindes zu verscheuchen bemühet sind. Und wirklich hätte Hektor zuletzt die Leiche geraubt, wäre nicht Iris auf Heras Befehl mit der Botschaft zu dem Peliden geflogen, sich von Zeus und den andern Göttern ungesehen heimlich zu bewaffnen. »Aber wie soll ich denn zur Schlacht gehen«, fragte erwidernd Achill die Götterbotin, »da die Feinde meine Rüstung haben? Auch hat mir meine Mutter alle Bewaffnung verboten, bis ich sie selbst mit einer neuen Rüstung von Hephaistos zurückkehren sehen würde. Ich weiß niemand, dessen Waffen mir gerecht wären, es müßte denn der Riesenschild des Ajax sein; aber der hat und braucht ihn selber zum Schutze meines erschlagenen Freundes!« »Wohl wissen wir«, antwortete ihm Iris, »daß du deiner herrlichen Waffen beraubt bist, aber nahe dich einstweilen nur so dem Graben, wie du bist, und erscheine den Trojanern: vielleicht stehen sie vom Kampfe ab, wenn sie dich von fern erblicken, und den Griechen ist Erholung gegönnt.«

Als Iris wieder entflogen war, erhub sich der göttliche Achill. Athene selbst hängte ihm ihren Ägisschild um die Schulter und umgab sein Gesicht mit überirdischem Glanze. So trat er schnell durch Wall und Mauer zum Graben; doch mischte er sich, der mütterlichen Warnung eingedenk, nicht in den Kampf, sondern blieb von ferne stehen und schrie, und in seinen Ausruf mischte sich der Ruf Athenes, daß er wie eine Kriegsposaune ins Ohr der Trojaner tönte. Als sie die eherne Stimme des Peliden vernahmen, füllte sich ihr Herz mit unheilvoller Ahnung, und Wagen und Rosse wandten sich rückwärts; mit Grauen sahen die Lenker um das Haupt des Peliden die Flamme brennen, und vor seinem dreifachen Schrei vom Graben her zerstob dreimal das Schlachtgewühl der Troer; und zwölf ihrer tapfersten Männer fielen in dem Gewühl unter den Wagen und Lanzen ihrer eigenen Freunde. Jetzt war Patroklos den Geschossen entrissen; die Helden legten ihn auf Betten, und voll Wehmut umringten den Leichnam die Freunde. Als Achill seinen treuen Genossen von den Speeren zerfleischt auf der Bahre liegen sah, mischte er sich zum ersten Male wieder unter die Griechen und warf sich mit heißen Tränen über den Leichnam. Die untergehende Sonne beleuchtete das jammervolle Schauspiel.

Juno facht Krieg an. Amata. Turnus. Die Jagd der Trojaner



Juno facht Krieg an. Amata. Turnus. Die Jagd der Trojaner

Dieses Glück des Äneas konnte seine Feindin Juno nicht mit gleichgültigen Augen betrachten. Sie rief die Furie Alekto aus der Unterwelt herauf, um die Eintracht im Keime zu zerstören. Diese schwebte zuerst nach Latium und nahm Besitz von dem stillen Gemache der Amata; sie warf der Königin, der ohnedem schon peinliche Sorgen über das Herannahen der Trojaner und die ersehnte Vermählung ihrer Tochter Lavinia mit dem Rutulerfürsten Turnus das Herz zernagten, heimlich aus ihrem Schlangenhaare eine der Nattern auf die Brust, damit sie, von diesem Scheusal angefressen, das ganze Haus in Verwirrung bringe. Die Schlange verwandelte sich sofort in Amatas goldenen Halsring, in ihren langen Schleier, ihr Lockengeschmeide und durchschlüpfte und umirrte ihr so alle Glieder. Zu gleicher Zeit träufelte sie unvermerkt ihr Gift auf die Haut, und dieses fing an, den Leib zu durchrieseln. Solang es noch nicht bis ins Mark der Gebeine durchgedrungen war, zeigte sich noch nicht seine volle Wirkung. Es äußerte sich nicht anders, als wie natürliche Gemütsbewegungen sich zu offenbaren pflegen; Amata fing an zu weinen und über die Vermählung ihrer Tochter zu klagen: ›Grausamer Gatte‹, sagte sie zu sich selbst, ›du hast weder mit mir noch mit deiner Tochter Mitleid! Wo ist deine frühere Sorge um die Deinigen, wo das heilige Wort, das du so oft deinem Blutsverwandten Turnus gegeben hast? An heimatlose Flüchtlinge verschenkst du unser Kind!‹

Solche Klagen richtete sie auch an ihren Gemahl selbst. Aber als sie ihn fest und unwiderruflich auf seinem Beschlusse beharren sah, da erst durchströmte sie das Schlangengift der Furie ganz, und sie tobte wie wahnsinnig durch die Stadt. Nun war Alekto zufrieden und hatte hier das Werk, das ihr Juno aufgetragen, vollbracht. Sofort schwang sie sich in die Hauptstadt der Rutuler, welche die Geliebte Jupiters, Danaë, gegründet haben soll und die von alters her den Namen Ardea führte. Hier fand sie im Innersten des Königspalastes den Fürsten Turnus in tiefem Schlafe. Da legte Alekto ihre Furienkleider ab und nahm die Gestalt eines alten Weibes an, mit häßlichen Runzeln auf der Stirne und unter dem Schleier hervorquellenden grauen Haaren, um welche sich ein Olivenzweig schlang, so daß sie ganz und gar der greisen Calybe, der Tempelpriesterin Junos, glich. In dieser Gestalt trat sie vor den schlummernden Jüngling und sprach: »Ist es auch möglich, Turnus, kannst du ohne Zorn es mit ansehen, wie alle deine Hoffnung vereitelt und der Zepter, der dich erwartete, an trojanische Landfahrer verschenkt wird? Mich sendet Juno selbst zu dir: du sollst dein Volk waffnen, sollst zum freudigen Kampf aus den Toren ziehen, am Strande den Phrygiern ihre bunten Schiffe verbrennen und sie selbst vertilgen!« Lachend erwiderte im Traume der Jüngling: »Alte, daß die Trojanerflotte in die Tiber eingelaufen ist und Juno meiner gedenkt, wußte ich schon längst; das andere sind Schreckbilder, mit denen dich dein Alter quält. Warte du der Götterbilder und des Tempels! Krieg und Frieden laß den Mann betreiben!«

Die Furie durchbebte ein Zorn bei diesen Worten, und der Jüngling empfand ihren Schauer auf der Stelle. Er hörte das Zischen ihrer Hydern, sein Blick erstarrte, und er wollte noch mehreres erwidern, als die nächtliche Gestalt, plötzlich übermenschlich groß geworden, den Aufgerichteten mit einem Stoß aufs Lager zurückwarf, aus dem Haare zwei Schlangen hervorzog, mit ihnen wie mit einer Peitsche zu klatschen anfing und dazu mit schäumendem Munde sprach: »Meinst du noch, ich sei ein kraftloses altes Weib und verstehe mich nicht auf den Zwist der Könige? Erkenne die Rachegöttin in mir, die Krieg und Tod in ihrer Hand trägt!« In diesem Augenblicke warf sie ihre Fackel, die der Jüngling in ihrer Furienhand geschwungen sah, ihm auf die offenliegende Brust, so daß der schwarze, qualmende Brand sich fest in sein Fleisch heftete. Seine Glieder und Gebeine überströmte ein Schweiß. »Waffen!« schnaubte er noch in der Besinnungslosigkeit des Schlafes; Waffen suchte er erwacht in seinem Bette, erstanden in seinem Hause; rasende Kriegswut tobte in seiner Brust, wie die Welle in einem siedenden Kessel unter dem Reisigfeuer aufhüpft. Sobald der Morgen angebrochen war, beschickte er die Häuptlinge seines Volkes und hieß sie zu den Waffen gegen den treulosen König Latinus greifen und sich zum Kampf gegen beide, Latiner und Trojaner, rüsten.

Während so Turnus den Mut seiner Landsleute stachelte, flog die Furie zuletzt auch noch an den Tiberstrand, wo Julus mit seinen Begleitern in den dichten Uferwäldern eben dem Wild auf die Jagd nachging. Hier beseelte Alekto die Spürhunde mit plötzlicher Wut, berührte ihre Nasen mit dem bekannten Geruch und jagte sie ganz hitzig einem Hirsche nach. Dieses Wild war besonders herrlich und von Geweihen hoch; die Knaben des Tyrrhus, welcher der Oberhirte über die Herden des Königs Latinus war, hüteten sein, denn es war vom Euter seiner Mutter weggenommen und in den Wäldern des Königs aufgefüttert worden. Die Tochter des Tyrrhus, Silvia, hatte das Tier ganz an ihre Befehle gewöhnt, sie kämmte es, wusch es in lauterer Waldquelle und schmückte seine Hörner mit weichen Blumenkränzen; es ließ sich willig von ihr streicheln, war an den Tisch seines Herrn gewöhnt, irrte frei in den Wäldern umher und stellte sich jeden Abend freiwillig in der Wohnung des königlichen Hüters.

Auf die Spur dieses schönen zahmen Hirsches führte die Furie des Askanius Rüden, während das Tier eben den heißen Ufersand, nach Kühlung begehrend, verlassen hatte und den Tiberstrom hinabschwamm. Askanius faßte das herrliche Wild ins Auge, drückte den Pfeil vom Bogen ab und sandte ihn tief in das Gedärme des Hirsches. Der Verwundete fuhr aus dem Wasser, kam blutig zum wohlbekannten Hause seines Herrn, schleppte sich ächzend in den Stall und erfüllte wie ein um Mitleid Flehender das ganze Haus mit Gewinsel an. Jammernd entdeckte zuerst Silvia ihren Liebling und rief mit lautem Geschrei die Bauern der Umgegend zu Hilfe. Diese kamen mit angebrannten Pfählen und Keulen bewaffnet, Tyrrhus selbst rief seinen Gesellen herzu, der just eine stämmige Eiche mit dem Beil spaltete; und als Alekto den rechten Zeitpunkt ersehen, stellte sie sich auf den Giebel des Hofgebäudes und ließ durch das gewundene Horn den lauten Hirtenruf in die Gegend hinaustönen. Von allen Seiten strömte jetzt tobendes Bauernvolk herbei, aber auch dem Askanius kam die trojanische Mannschaft zu Hilfe. Bald waren es auf der andern Seite auch nicht mehr bloß mit Prügeln bewaffnete Haufen. Es hatten sich zwei ordentliche Schlachtreihen gebildet; Schwerter wurden gezogen, Bogen gespannt.

Der erste Pfeilschuß von seiten der jagenden Trojaner, die sich gegen die anstürmenden Feinde zur Wehr setzten, traf den ältesten Sohn des Tyrrhus, Almo, in die Kehle, daß ihm Stimme und Leben zugleich schwand. Nun begann ein allgemeines Gemetzel unter den Hirten. Der ehrlichste und begütertste Bauer in ganz Latium, der alte Galäsus, der fünf Rinder- und fünf Schafherden besaß und hundert Pflüge über seine Äcker gehen hatte, war aus den Scharen des Bauernvolkes hervorgetreten, um den Frieden zu vermitteln; aber er wurde nicht angehört, und ein Pfeilregen bedeckte ihn, unter dem er sterbend erlag. Jetzt stürzten die überwältigten Hirten aus dem Kampfe in die Stadt und trugen ihre Erschlagenen, den Almo, den Galäsus und viele andere, wehklagend durch die Tore. Sie riefen die Götter laut um Hilfe an, eilten auf den Königspalast zu und versammelten sich um Latinus, ihren Herrn.

Auch Turnus fand sich schreiend und tobend ein, mit der lauten Anklage, daß die Herrschaft des Landes an die Trojaner verraten werde. So umringten sie alle, in Klagen und Lärm wetteifernd, die Königsburg des Alten. Dieser aber stand unbeweglich wie ein Fels im Meere. Dennoch vermochte er dem blinden Toben in die Länge nicht Widerstand zu leisten. »Wehe mir«, rief er endlich, »ich fühl es wohl, uns reißt der Sturm fort! Armes Volk, du wirst, gegen den Willen der Götter kämpfend, diesen Frevel mit deinem eigenen Blute büßen! Auch du, Turnus, wirst dem Strafgerichte des Himmels nicht entgehen! Ich aber glaubte schon im Hafen zu sein und hoffte in Ruhe zu enden, nun gönnt ihr mir nicht einmal einen friedlichen Tod!«

Der Götterkönigin Juno, der Feindin Trojas, dauerte der Verzug zu lange. In der Latinerstadt stand ein Tempel des Krieges mit zwiefachen Pfosten, von hundert ehernen Riegeln verschlossen; sein Hüter ist Janus, der uralte Städtegott der Latiner. Wenn die Häupter des Volkes blutigen Kampf auf Leben und Tod beschließen, so öffnet der König selbst im feierlichen Kriegsgewande die knarrenden Pfosten. Dieses zu tun ermahnte das Volk jetzt auch seinen König Latinus; er aber weigerte sich dieses gräßlichen Dienstes und verbarg sich in die tiefste Einsamkeit seines Palastes. Da schwang sich Juno selbst vom Himmel hernieder, stieß mit eigener Götterhand an die widerstrebenden Pfosten, drehte die Angeln, und donnernd fuhren die ehernen Pforten des Kriegstempels auseinander.