Sagen

Odysseus und der Bettler Iros



Odysseus und der Bettler Iros

Die Freier waren noch immer beisammen, als ein berüchtigter Bettler aus der Stadt in den Saal trat, ein ungeheurer Vielfraß, groß von Gestalt, aber ohne alle Leibeskraft; von Haus aus hieß er Arnaios, aber die Jugend der Stadt nannte ihn mit einem Unnamen, Iros, was einen Boten bezeichnete, denn er pflegte um Lohn Botendienste zu tun. Die Eifersucht führte ihn herbei, denn er hatte von einem Nebenbuhler gehört, und so kam er heran, den Odysseus aus seinem eigenen Hause zu vertreiben. »Weiche von der Türe, Greis«, rief er beim Eintreten; »siehst du nicht, wie mir alles mit den Augen zuwinkt, dich am Fuß hinauszuschleppen? Geh freiwillig und zwinge mich nicht dazu!« Finster blickte ihn Odysseus an und sprach: »Die Schwelle hat Raum für uns beide. Du scheinst mir arm zu sein wie ich. Beneide mich nicht, wie ich selbst dir deinen Anteil gönne. Reize meinen Zorn nicht, und fordere mich nicht zum Faustkampf heraus: so alt ich bin, so möchten dir doch bald Brust und Lippen bluten, und das Haus dürfte morgen Ruhe vor dir haben.« Jetzt fing Iros nur noch ärger zu poltern an: »Was schwatzest du da, Fresser«, sprach er, »was plauderst du wie ein Hökerweib? Ein paar Streiche von mir rechts und links sollen dir Backen und Maul zerschmettern, daß dir die Zähne auf den Boden fallen wie aus einem Schweinsrüssel. Hast du Lust, es mit einem Jüngling aufzunehmen, wie ich einer bin?«

Mit lautem Lachen kehrten sich die Freier dem hadernden Paare zu, und Antinoos sprach: »Wisset ihr was, Freunde, sehet ihr dort die Ziegenmagen, mit Blut und Fett gefüllt, auf den Kohlen braten? Diese laßt uns den beiden edlen Streitern als Kampfpreis aussetzen: wer von beiden Sieger ist, nehme sich davon, soviel er mag, und kein anderer Bettler außer ihm soll inskünftige diesen Saal betreten!«

Allen Freiern gefiel diese Rede. Odysseus indessen stellte sich zaghaft, als ein vom Elend entkräfteter Greis; er verlangte zum voraus das Versprechen von den Freiern, daß sie sich mit ihren jugendlichen Händen nicht zugunsten des Iros in den Kampf einlassen wollten. Sie gelobten ihm dieses willig, und auch Telemach stand auf und sprach: »Fremdling, wenn du es vermagst, so bemeistere jenen immerhin. Ich bin der Wirt, und wer dich verletzt, der hat es mit mir zu tun.« Die Freier alle nickten diesen Worten Beifall zu. Odysseus gürtete sein Gewand und stülpte die Ärmel auf. Da erschienen – denn unvermerkt verherrlichte Athene seinen Wuchs – nervige Schenkel und Arme, mächtige Schultern und Brust, so daß die Freier staunen mußten und Nachbar zum Nachbar sprach: »Welche Lenden der Greis aus seinen Lumpen hervorstreckt! Wahrlich, dem armen Iros wird es übel gehen.« Dieser fing auch an zu zagen; die Diener mußten ihn mit Gewalt umgürten, und seine Gelenke schlotterten. Antinoos, der ganz anderes von diesem Wettkampf erwartet hatte, wurde voll Ärgers und sprach: »Großsprecher, wärest du nie geboren, daß du vor dem kraftlosen Greis erbebest! Ich sage dir, wenn du besiegt wirst, so wanderst du mir zu Schiffe nach Epiros zum König Echetos, dem Schrecken aller Menschen: der wird dir Nase und Ohren abschneiden und sie den Hunden vorwerfen!« So schrie Antinoos; jenem aber zitterten die Glieder nur noch mehr. Dennoch führte man ihn hervor, und beide erhuben ihre Hände zum Kampf. Odysseus besann sich einen Augenblick, ob er den Elenden mit einem einzigen Streiche töten sollte oder ihm nur einen sanften Schlag versetzen, um keinen Argwohn bei den Freiern zu erwecken. Das letztere schien ihm klüger, und so gab er ihm denn, als beide hintereinandergekommen waren und Iros ihn mit der Faust rechts auf die Schulter getroffen hatte, nur eine leichte Schlappe hinter das Ohr. Dennoch zerbrach er ihm den Knochen, daß das Blut aus dem Munde schoß und Iros sich zähneklappernd und zappelnd auf dem Boden wand. Unter unbändigem Lachen und Klatschen der Freier zog ihn Odysseus weg von der Pforte, zum Vorhof und zum Haupttore hinaus, lehnte ihn an die Hofmauer, und indem er ihm den Stab in die Hände gab, sprach er spottend: »Da bleib du sitzen auf der Stelle und verscheuche Hunde und Schweine!« Dann kehrte er in den Saal zurück und setzte sich mit seinem Ranzen wieder auf die Schwelle.

Sein Sieg hatte den Freiern Achtung eingeflößt, sie kamen lachend zu ihm her, reichten ihm die Hände und sprachen: »Mögen dir Zeus und die Götter geben, was du begehrest, Fremdling, daß du uns den überlästigen Burschen zur Ruhe gebracht hast, der nun zum König Echetos wandern mag!« Odysseus ließ sich den Wunsch als ein gutes Vorzeichen gefallen. Antinoos selbst legte ihm einen mächtigen Ziegenmagen vor, der mit Fett und Blut gefüllt war, Amphinomos aber brachte zwei Brote aus dem Korb herbei, füllte einen Becher mit Wein und trank ihn unter Handschlag dem Sieger zu, indem er sagte: »Auf dein Wohlergehen, fremder Vater, mögest du künftig von aller Trübsal frei sein!« Odysseus blickte ihm ernsthaft ins Auge und erwiderte: »Amphinomos, du scheinst mir ein recht verständiger Jüngling zu sein und bist eines angesehenen Mannes Kind. Nimm dir mein Wort zu Herzen! Es gibt nichts Eitleres und Unbeständigeres auf Erden, als der Mensch ist; solang ihn die Götter begünstigen, meint er, die Zukunft könne ihm nichts Böses bringen; und wenn nun das Traurige kommt, so findet er keinen Mut in sich, es zu ertragen. Ich selbst habe das erfahren und habe, im Vertrauen auf meine Jugendstärke, in glücklichen Tagen auch manches getan, was ich nicht hätte sollen. Drum warne ich einen jeden, im Übermute nicht zu freveln, und rate ihm, die Gaben der Götter in Demut zu empfangen. So ist es auch nicht klug, daß die Freier sich jetzt so trotzig gebärden und der Gattin des Mannes so viel Schmach antun, der schwerlich lange mehr von seiner Heimat entfernt, der vielleicht so nahe ist! Möge dich, Amphinomos, ein guter Dämon aus dem Haus hinwegführen, ehe du jenem begegnest!« So sprach Odysseus, goß eine Spende aus, trank und gab dann den Becher dem Jüngling zurück. Der Freier senkte nachdenklich sein Haupt und schritt betrübt durch den Saal, als ahnete ihm etwas Schlimmes. Dennoch entrann er dem Verhängnis nicht, das ihm Athene bestimmt hatte.

Odysseus und Laërtes



Odysseus und Laërtes

Am andern Morgen hatte sich Odysseus in aller Frühe reisefertig gemacht. »Liebes Weib«, sprach er zu Penelope, »wir beide haben bisher den Becher des Leidens bis zur Neige geleert: du mein Ausbleiben beweinend, ich durch Zeus und andere Götter von der Heimkehr ins Vaterland abgehalten. Jetzt, nachdem wir beide wieder vereinigt sind, unsere Herrschaft, unser Besitz uns wieder gesichert ist, sorge du für alles Gut, das mir im Palaste noch geblieben ist. Was die Freier in ihrer Üppigkeit uns verpraßt haben, das werden uns teils die Geschenke, mit welchen sie zuletzt ihre Bewerbung unterstützt haben, teils Raub und Gaben, die ich aus der Fremde mitbringe, reichlich ersetzen, so daß unsere Meierhöfe bald wieder gefüllt sein werden. Ich selbst aber will mich jetzt auf das Landgut hinausbegeben, wo mein guter alter Vater mich schon so lange betrauert. Ich rate dir aber, da das Gerücht von der Ermordung der Freier sich doch allmählich in der Stadt verbreiten muß, daß du mit deinen Dienerinnen dich in die Frauengemächer zurückziehest und niemand Gelegenheit gebest, dich zu schauen und zu befragen.«

So sprach Odysseus, warf sich sein Schwert um die Schulter und weckte nun auch seinen Sohn Telemach und die beiden Hirten, die sofort alle drei auf seinen Befehl gleichfalls die Waffen ergriffen und mit dem ersten Frühlichte, den Helden an der Spitze, durch die Stadt eilten. Ihre Beschirmerin aber, Pallas Athene, hüllte die Wandelnden in einen dichten Nebel, so daß kein einziger Bewohner der Stadt sie erkannte.

Es dauerte nicht allzu lange, so hatten die vier Wanderer den lieblich gelegenen wohlgeordneten Meierhof des greisen Laërtes erreicht. Es war eines der ersten Güter, das der Vater des Odysseus zum Ererbten an sich gebracht hatte. In der Mitte des Hofes lag, von Wirtschaftsgebäuden umringt, das Wohnhaus. Hier aßen und schliefen die Knechte, die ihm das Feld bestellten. Ebendaselbst wohnte auch eine alte Sizilierin, die auf dem einsamen Landgute den alten Mann mit größter Sorgfalt pflegte. Als sie nun vor der Wohnung standen, sprach er zum Sohn und zu den Hirten: »Betretet ihr einstweilen das Haus und schlachtet ein auserlesenes Mastschwein für unser Mittagsmahl. Ich selbst will aufs Feld hinausgehen, wo der gute Vater ohne Zweifel bei der Arbeit ist, und ihn auf die Probe stellen, ob er mich wohl noch erkennt. Es wird nicht lange währen, so kehre ich mit ihm zurück, und wir feiern dann zusammen das fröhliche Mahl.« Odysseus reichte seinen Genossen Schwert und Speer, und diese wandten sich der Wohnung zu.

Er nun schlug den Weg nach den Pflanzungen seines Vaters ein und kam zuerst durch den Wurzgarten. Vergebens sah er sich hier nach dem Oberknechte Dolios, dessen Söhnen und den übrigen Knechten um. Sie waren alle ins Feld hinausgegangen, um Dornsträucher zu suchen und damit die Einfriedigung um die Baumpflanzung herzustellen. Als der König in dieser letzteren angekommen war, fand er endlich den alten Vater selbst, zwischen den schönen Reihengängen seiner Bäume stehend, wie er eben beschäftigt war, ein kleines Bäumchen umzugraben. Der Greis sah einem alten Knechte nicht unähnlich: er hatte einen groben, schmutzigen, an vielen Stellen geflickten Leibrock an; um die Beine trug er ein paar alte Felle von Ochsenleder, um sich damit gegen die Dornen zu schützen, an den Händen Handschuhe, auf dem Kopf eine Mütze von Geißfell. Als Odysseus seinen Vater in diesem elenden Aufzuge erblickte, gebeugt vom Alter, die Spuren des tiefsten Kummers auf dem Gesichte, mußte sich der Held vor Schmerz an den Stamm eines Birnbaums lehnen und weinte bitterlich. Am liebsten hätte er den Vater unter Küssen umarmt und ihm auf einmal gesagt, daß er sein Sohn sei und endlich ins Land der Väter zurückgekehrt. Doch konnte er der Versuchung nicht widerstehen, auch den Vater auszuforschen und mit leisem Tadel sein Herz auf die Probe zu stellen. So trat er denn, während der Greis mit gebücktem Haupte eifrig die Erde um den jungen Baumsproß auflockerte, diesem näher und begann also: »Greis, du scheinst dich recht gut auf den Gartenbau zu verstehen. Reben, Oliven-, Feigen-, Birn- und Apfelbäume, alle sind aufs beste gepflegt; auch den Blumen- und Gemüsebeeten fehlt es nirgends an der nötigen Sorge. Aber an einem fehlt es dir doch, und nimm es mir nicht übel, daß ich dir’s ehrlich sage: du selbst scheinst nicht gehörig gepflegt zu werden, Alter, daß du in solchem Schmutz und so häßlicher Kleidung einhergehest! Von deinem Herrn ist das nicht wohlgetan. Auch scheint mir deine eigene Trägheit nicht an dieser Behandlung schuld zu sein. Betrachtet man deine Gestalt und Größe, so findet sich gar nichts Knechtisches an dir, du hast vielmehr ein königliches Ansehen; ein Mann wie du verdiente es, gebadet und wohlgespeist auszuruhen, wie man’s den Alten gönnen mag. So sage mir doch, wer ist dein Herr und für wen bestellst du diesen Garten? Und ist dieses Land wirklich Ithaka, wie mir ein Mann, dem ich eben begegnete, gesagt hat? Es war übrigens ein unfreundlicher Mensch; er antwortete mir nicht einmal, als ich ihn fragte, ob der Gastfreund noch lebe, den ich hier besuchen will. In meiner Heimat habe ich nämlich vor langer Zeit einen Mann beherbergt, – es ist noch nie ein lieberer Gast über meine Schwelle gekommen. Dieser stammte von Ithaka und erzählte mir, daß er ein Sohn des Königs Laërtes sei; ich bewirtete den werten Freund aufs allerbeste und reichte ihm ein stattliches Ehrengeschenk, als er von mir schied: sieben Talente des feinsten Goldes, einen silbernen Krug mit den schönsten Blumengewinden vom selben Metall, zwölf Teppiche, ebenso viele Leibröcke und Mäntel und vier schmucke, kunstbegabte Mägde, die er sich selbst auslesen durfte.«

So fabelte der erfindungsreiche Odysseus. Sein Vater aber hatte bei dieser Nachricht das Haupt vom Boden aufgerichtet. Tränen waren ihm in die Augen getreten, und er sprach: »Freilich, guter Fremdling, bist du in das Land gekommen, nach welchem du fragst. Aber es wohnen mutwillige, frevelhafte Menschen darin, die du mit allen deinen Geschenken nicht zu ersättigen vermöchtest. Der Mann, welchen du suchst, ist nicht mehr da. Hättest du ihn noch lebend auf Ithaka getroffen, o wie reichlich hätte er deine schönen Geschenke dir vergolten! Aber sage mir, wie lang ist es her, daß dein unglücklicher Gastfreund, mein Sohn, dich besucht hat? Denn er ist es gewesen, mein armer Sohn, der jetzt vielleicht irgendwo im tiefen Meeresgrunde liegt oder dessen Fleisch die wilden Tiere und die Raubvögel verzehrt haben. Nicht die Eltern haben ihm das Totenhemde angezogen; nicht seine edle Gattin Penelope hat schluchzend am Bette des Gatten geweint und ihm die Augen zugedrückt! Aber wer und woher bist denn du, wo ist dein Schiff, wo sind deine Genossen? Oder kamst du auf einem gedungenen Fahrzeug als Reisender und bist allein an unserm Ufer ausgestiegen?«

»Ich will dir nichts vorenthalten, edler Greis«, antwortete Odysseus, »ich bin Eperitos, der Sohn des Apheidas aus Alybas; ein Sturm hat mich wider Willen von Sikanien an euer Gestade getrieben, wo mein Schiff nicht ferne von der Stadt vor Anker liegt. Fünf Jahre sind’s, daß dein Sohn Odysseus meine Heimat verlassen hat. Er ging fröhlichen Mutes, und Glücksvögel begleiteten ihn. Wir gedachten uns noch oft als Gastfreunde zu sehen und uns gegenseitig schöne Gaben zu verehren.«

Dem alten Laërtes wurde es Nacht vor den Augen, mit beiden Händen langte er nach der schwarzen Erde, streute sie sich auf sein schneeweißes Haupt und fing laut zu jammern an. Jetzt wallte dem Sohn das Herz über, der Atem wollte ihm die Brust zersprangen; er stürzte auf seinen Vater zu, umschlang ihn unter Küssen und rief. »Ich selber bin es, Vater, ich selbst, nach welchem du fragst! Im zwanzigsten Jahre bin ich in die Heimat zurückgekommen. Trockne deine Tränen, gib allem Jammer Abschied, denn ich sage dir’s kurz: alle Freier habe ich in unserem Palaste erschlagen!«

Staunend blickte ihn Laërtes an und rief endlich laut aus: »Wenn du wirklich Odysseus, wenn du mein heimgekehrter Sohn bist, so gib mir ein unzweifelhaftes Zeichen, auf daß ich glaube!« »Vor allen Dingen«, erwiderte Odysseus, »sieh hier die Narbe, lieber Vater, die von der Wunde des Ebers auf jener Jagd herrührt, als ihr mich selbst, du und die Mutter, zu ihrem guten alten Vater Autolykos schicktet, daß ich die Gaben, die er mir einst verheißen hatte, bei ihm abholen sollte. Aber du sollst auch noch ein zweites Zeichen haben: ich will dir die Bäume zeigen, die du mir einst geschenkt hast. Denn als ich noch ein kleines Kind war und dich in den Garten begleitete, da gingen wir zwischen den Reihen umher, und du zeigtest und benanntest mir die verschiedenen Gattungen. Dreizehn Birnbäume hast du mir geschenkt, zehn Äpfelbäume, vierzig kleine Feigenbäume und fünfzig Weinreben dazu, die jeden Herbst voll prächtiger Trauben stehen müssen.« Der Greis konnte nicht mehr zweifeln, er sank am Herzen seines Sohnes in Ohnmacht. Dieser hielt ihn aufrecht in den nervigen Armen. Endlich, als sein Bewußtsein zurückgekehrt war, rief er mit lauter Stimme: »Zeus und ihr Götter alle! Ja ihr lebet noch, sonst wären die Freier nicht bestraft worden! Aber jetzt ängstigt mich eine neue Sorge um dich, mein Sohn. Die edelsten Häuser in Ithaka und den Inseln sind durch dich verwaist: die Stadt, die ganze Nachbarschaft wird sich gegen dich erheben.« »Sei guten Mutes, lieber Vater«, sprach Odysseus, »und laß dich das jetzt nicht bekümmern. Folge mir zu deinem Wohnhause; dort harren schon dein Enkel Telemach, der Rinderhirt und der Sauhirt und haben uns das Morgenessen bereitet.«

So gingen sie beide zusammen in das Landhaus, wo sie den Telemach und die Hirten schon mit Zerlegung des Fleisches beschäftigt fanden und der rote Festwein eingeschenkt in den Pokalen perlte. Noch vor dem Schmause wurde Laërtes auf Veranstaltung seiner treuen alten Dienerin gebadet und gesalbt und legte zum ersten Male nach langen Jahren wieder sein schönes fürstliches Gewand an. Während er sich damit bekleidete, nahte sich ihm unsichtbar die Göttin Pallas Athene und verlieh auch dem Greise aufrechten Wuchs und Hoheit der Gestalt. Als er wieder zu den andern eintrat, blickte sein Sohn Odysseus verwundert an ihm empor und sprach: »Vater, sicherlich hat einer der unsterblichen Götter dir Gestalt und Wuchs verherrlicht!« »Ja, bei allen Göttern!« sagte Laërtes, »hätte ich, wie ich mich heute verjüngt und kräftig fühle, gestern bei dir im Saale gestanden und an deiner Seite gekämpft, fürwahr, es wäre mancher Freier sterbend vor mir ins Knie gesunken!«

So wechselten sie miteinander freudige Gespräche und setzten sich endlich alle ums Mahl. Jetzt kam auch der alte Meier Dolios samt seinen Söhnen müde von der Feldarbeit zurück. Über die Schwelle getreten, sahen sie den König Odysseus dasitzen, erkannten ihn und standen staunend, wie in den Boden gewurzelt. Odysseus aber redete ihnen freundlich zu: »Geschwind, Alter, setze dich mit deinen Söhnen zu uns ans Mahl, wir harren schon lang auf euch! Nehmt euch ein andermal Zeit zum Staunen.« Da eilte Dolios mit ausgebreiteten Armen auf den Helden zu, ergriff seine Hand und bedeckte sie mit Küssen. »Lieber Herr, Heil dir und Segen«, rief er, »nachdem du unser aller Wunsch erfüllt hast und endlich heimgekommen bist! Sage mir, weiß Penelope schon, oder sollen wir ihr Botschaft zukommen lassen?« »Sie weiß alles«, antwortete Odysseus, »du darfst dich nicht bemühen.« Da setzte sich Dolios zum Mahle; seine Söhne drängten sich um Odysseus, drückten ihm die Hände und hießen ihn willkommen; dann nahmen auch sie an der Seite ihres Vaters Platz, und alles schmauste fröhlich zusammen.

Odysseus und Penelope



Odysseus und Penelope

Als das Mütterchen mit der Räucherung fertig war, stieg es empor zum Söller, um jetzt endlich der geliebten Herrin zu verkündigen, daß ihr Gemahl Odysseus es sei und kein anderer, der in die Heimat zurückgekommen. Die Füße der Alten trippelten hurtig, aber die Knie versagten ihr beinahe. So trat sie vor das Lager Penelopes, und die Schlummernde weckend, sprach sie: »Liebe Tochter, erwache, du sollst mit deinen eigenen Augen dasjenige sehen, worauf du von Tag zu Tag gewartet hast: Odysseus ist daheim; Odysseus ist endlich im Palaste! Er hat die trotzigen Freier, die dich so sehr geängstigt, die seine Habe verzehrten, die seinen Sohn beschimpften – er hat sie erschlagen!«

Penelope rieb sich den Schlummer aus den Augen und sagte: »Mütterchen, du bist eine Törin; die Götter haben dich mit Irrsinn geschlagen. Was weckst du mich mit deiner lügenhaften Botschaft aus dem sanftesten Schlummer? Seit Odysseus ausgefahren ist, habe ich nicht mehr so fest geschlafen! Hätte mich eine andere mit diesem Märchen getäuscht, ich würde sie nicht nur mit scheltenden Worten fortschicken; und auch dich schützt nur dein Alter; aber auf der Stelle geh mir hinunter in den Saal.«

»Tochter, zürne nicht«, entgegnete die Schaffnerin«, der Fremdling ist’s, der Bettler, dessen alle im Saale spotteten. Dein Sohn Telemach wußte es längst, aber er sollte das Geheimnis verbergen, bis Rache an den Freiern genommen war.«

Als sie solches hörte, sprang die Fürstin vom Lager und schmiegte sich an die Alte, und unter einem Strome von Tränen sprach sie: »Mütterchen, wenn du wirklich die Wahrheit redest, wenn Odysseus wirklich im Palast ist: sage mir, wie bewältigte er die Freier, die zahllos versammelten?« »Ich selber habe es weder gesehen noch gehört«, antwortete Eurykleia, »denn wir Frauen saßen voll Angst in den festverschlossenen Gemächern; aber das Ächzen hörte ich wohl; und als mich endlich dein Sohn herbeirief, da fand ich deinen Gemahl dastehen, von Leichen umringt; denn die Freier alle lagen auf dem Boden übereinandergestreckt. So blutig er anzuschauen war, er hätte dir doch gefallen, Tochter; jetzt aber liegen die Leichname alle weit draußen vor der Hofpforte; das ganze Haus ist von mir mit reinigendem Schwefel durchräuchert worden: du kannst ohne alles Grauen hinabsteigen.« »Alte, ich kann es immer noch nicht glauben«, sprach Penelope, »es ist ein Unsterblicher, der die Freier erschlagen hat. Aber Odysseus – ach nein, der ist ferne, der ist nicht mehr am Leben!« »Ungläubiges Herz«, entgegnete kopfschüttelnd die Schaffnerin, »so will ich dir noch ein untrüglicheres Zeichen angeben. Du kennst ja die Narbe, die von des Ebers Zahne herrührt; damals nun, als ich auf deinen Befehl dem Bettler die Füße wusch, da erkannte ich sie und wollte dir’s auf der Stelle verkündigen, aber er schnürte mir die Gurgel zu und litt es nicht.« »So laß uns denn hinabgehen«, sagte Penelope, vor Furcht und Hoffnung zitternd; und so stiegen sie beide miteinander hinab in den Saal und schritten über die Schwelle. Hier setzte sich Penelope, ohne ein Wort zu reden, im Glanze des Herdfeuers dem Odysseus gegenüber. Er selbst saß an der Säule mit gesenkten Augen und wartete auf ihr Wort. Aber Staunen und Zweifel machte die Königin stumm: bald glaubte sie sein Angesicht zu erkennen, bald deuchte es ihr wieder fremd, und ihre Augen ruhten nur auf den Lumpen des Bettlers. Endlich trat Telemach zur Mutter und sprach halb lächelnd, halb scheltend: »Böse Mutter, wie kannst du so unempfindlich bleiben? Setze dich doch zum Vater, forsche, frage! Welches andere Weib, wenn ihr Gatte nach so viel Jammer im zwanzigsten Jahre heimkehrt, würde sich so gebärden! Hast du denn allein statt des Herzens einen Stein im Busen?«

»Ach lieber Sohn«, erwiderte Penelope, »ich bin in Staunen verloren; ich kann ihn nicht anreden, ich kann ihn nicht fragen, ich kann ihm nicht gerade ins Angesicht schauen! Und doch ist er es wirklich, er ist’s mein Odysseus, er ist zurückgekommen in sein Haus! Doch werden wir einander schon erkennen, und viel sicherer, denn wir haben geheime Zeichen, die niemand sonst bekannt sind.« Da wandte sich Odysseus mit sanftem Lächeln an seinen Sohn und sprach: »Laß die Mutter immerhin mich versuchen; sie verachtet mich, weil ich in so gar häßliche Lumpen gehüllt bin. Nun, wir wollen sehen, wie wir sie überzeugen. Jetzt aber tut anderes not. Wer auch nur einen einzigen Mann aus dem Volke getötet hat, der flieht Haus und Heimat, auch wenn jener nur wenige Rächer hinterläßt. Wir aber haben die Stützen des Landes, die edelsten Jünglinge der Insel und der Nachbarschaft erschlagen, was tun wir?« »Vater«, sagte Telemach, »da mußt du allein sorgen. Du giltst in aller Welt für den klügsten Ratgeber.« »So will ich euch denn sagen«, erwiderte Odysseus, »was ich für das Klügste halte: Du, die Hirten, alles, was im Hause ist, ihr nehmet vor allen Dingen ein Bad und schmücket euch aufs allerbeste; auch die Mägde kleiden sich in ihre besten Gewande; der Sänger aber nimmt die Harfe zur Hand und spielt uns allen einen Reihentanz auf. Wer dann über die Straße geht, wer in der Nähe wohnt, meint nicht anders, als das Fest dauere noch fort im Hause; und so verbreitet sich wohl das Gerücht von der Ermordung der Freier nicht eher in der Stadt, als bis wir unsere Besitzungen auf dem Lande erreicht haben; dann wird uns ein Gott eingeben, was weiter zu tun ist.«

Bald ertönte das ganze Haus von Harfenspiel, Gesang und Tanz. Auf der Straße sammelten sich die Einwohner und sprachen zueinander: »Nun ist kein Zweifel! Penelope hat sich wieder verheiratet, und im Palaste wird das Vermählungsfest gefeiert. Die böse Frau, konnte sie nicht erwarten, bis der Gemahl ihrer Jugend zurückgekehrt wäre?« Endlich gegen Abend verlief sich das Volk. Odysseus hatte sich in dieser Zeit gebadet und gesalbt. Athene aber goß ihm jetzt wieder Anmut um das Haupt; sein dunkles Haar umringelte in vollem Wuchse den Scheitel, und einem Unsterblichen gleich stieg er aus der Badwanne. So trat er in den Saal und setzte sich wieder in seinen Thronsessel, der Gemahlin gegenüber. »Seltsame Frau«, sprach er, »die Götter haben dir doch ein fühlloses Herz verliehen; kein anderes Weib wird so hartnäckig ihren Gatten verleugnen, wenn er im zwanzigsten Jahre nach so viel Trübsal heimkehrt. So wende ich mich denn an dich, Eurykleia, Mütterchen, daß du mir irgendwo mein Lager bereitest; denn diese hier hat ein eisernes Herz in der Brust!«

»Unbegreiflicher Mann«, sprach jetzt Penelope, »nicht Stolz nicht Verachtung, kein ähnliches Gefühl hält mich von dir zurück; ich weiß noch recht gut, wie du aussahest, als du Ithaka zu Schiffe verließest. Wohl denn, Eurykleia, bereite ihm das Lager außerhalb des Schlafgemachs, richte es wohl zu mit Vliesen, Mänteln und Teppichen.«

So versuchte Penelope ihren Gemahl, Odysseus aber blickte unwillig auf und sprach: »Das war ein kränkendes Wort, Frau; meine Bettstelle vermag kein Sterblicher zu verrücken, und wenn er alle Jugendkräfte anstrengte. Ich selbst habe mir die Lade gezimmert, und es ist ein großes Geheimnis daran. Mitten auf dem Platze, wo wir den Palast anlegten, stand im blühendsten Saft ein schattiger Olivenbaum und war wie eine Säule gewachsen. Da ließ ich die Wohnung so anlegen, daß derselbe innerhalb des Schlafgemaches zu stehen kam. Als nun die Kammer schön aus Steinen erbaut und die Decke von Holz zierlich gebohnt war, kappte ich die Krone des Ölbaumes ab, den Stamm fing ich an von der Wurzel aus zu behauen und zu glätten. So bildete ich scharf nach der Richtschnur den Fuß des Bettes und meißelte dieses selbst bis zur Vollendung aus; dann wurde die Lagerstatt von mir künstlich mit Gold, Silber und Elfenbein durchwirkt und von starker Stierhaut Riemen darin für die Betten ausgespannt. Dies ist unser Lager, Penelope! Ob es noch steht, weiß ich nicht, wer es aber anders gestellt hat, der mußte den Ölbaum von seiner Wurzel trennen.«

Die Knie zitterten der Königin, als sie das Zeichen erkannte. Weinend erhob sie sich vom Stuhle, lief auf ihren Gatten zu, umschlang ihm den Hals mit offenen Armen, küßte sein Haupt und küßte es wieder und begann: »Odysseus, du bist ja immer so gut, so voll Verstandes gewesen; zürne mir nicht! Die ewigen Götter haben Leid über uns verhängt, weil es ihnen zu selig deuchte, wenn wir unser junges Leben in Eintracht miteinander verbringen und auf sanftem Wege dem Alter nahen sollten. Du mußt mir nicht gram sein, daß ich dich nicht auf der Stelle zärtlich willkommen geheißen habe. Mein armes Herz war in beständiger Angst, es möchte mich irgendein schlauer Betrüger täuschen. Jetzt, nachdem du mir genannt hast, was kein Sterblicher außer dir und mir und unserer alten Pförtnerin Aktoris, die mir aus dem väterlichen Hause hierher gefolgt ist, wußte: jetzt ist mein hartes Herz besiegt und überzeugt!«

Die halbe Nacht verging den Gatten unter gegenseitiger Erzählung des unendlichen Elendes, das sie beide in den zwanzig verflossenen Jahren erduldet, und der Königin kam kein Schlaf in die Augenlider, bis ihr Gemahl von allen seinen Irrfahrten ihr den ausführlichsten Bericht abgestattet hatte. Endlich begab sich alles im Palaste zur erwünschten Ruhe und suchte Erholung von den erschütternden Begebenheiten des Tages.

Odysseus erzählt weiter



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Das Schattenreich

»Die Sonne tauchte ins Meer«, fuhr Odysseus nach einer Pause fort, den horchenden Phäaken zu erzählen, »als wir, von einem wunderbaren Fahrwinde vorwärts getrieben, am Ende der Welt beim Gestade der Kimmerier, das in ewigem Nebel liegt und von den Sonnenstrahlen niemals beleuchtet wird, am Strome Okeanos, der die Welt umgürtet, anlangten. Wir kamen an den Fels und die Zusammenströmung der Totenflüsse, wie es uns Kirke bezeichnet hatte, und opferten ganz nach ihrer Vorschrift. Sowie das Blut aus den Gurgeln der Schafe in die Grube floß, tauchten tief aus der Unterwelt die Seelen der Abgeschiedenen nach der Felsenkluft empor, in welcher wir uns, den Strom zur Seite, befanden. Jünglinge und Greise, Jungfrauen und Kinder kamen, auch viele Helden mit klaffenden Wunden und in blutbesudelten Rüstungen; scharenweise, mit hohlem, grausenvollem Stöhnen umflatterten sie, nach Art der Schatten, die Opfergrube, so daß mich ein Entsetzen ankam. Schnell ermahnte ich die Genossen, nach Kirkes Rat die geopferten Schafe zu verbrennen und zu den Göttern zu flehen. Ich selbst riß das Schwert von der Hüfte und wehrte den Luftgebilden, vom Opferblute zu lecken, bevor ich den Tiresias befragt hätte.

Zuallererst nun nahte sich mir die Seele unsres Freundes Elpenor, dessen Leib noch unbegraben in Kirkes Wohnung lag. Mit Tränen im Auge klagte mir der Schatten sein Verhängnis und beschwor mich, nach der Insel Aiaia zurückzufahren und ihm ein ehrliches Begräbnis angedeihen zu lassen. Ich versprach es ihm, und das Schattenbild lagerte sich mir gegenüber. So saßen wir in wehmütigem Gespräch, dort die Schattengestalt, hier ich, das Schwert quer über dem Opferblut haltend. Bald gesellte sich zu uns auch der Schatten meiner Mutter, der herrlichen Antikleia, die ich noch lebend verlassen hatte, als ich gegen Ilios aufbrach. Sprachlos ließ sie sich nieder, auf das Blut starrend; ihren Sohn achtete und erkannte sie nicht.

Nun erschien die Seele des Thebaners Tiresias, einen goldenen Stab in der Rechten. Er erkannt mich sogleich und hub an: ›Edler Sohn des Laërtes, was trieb dich, das Sonnenlicht zu verlassen und diesen Ort des Entsetzens zu besuchen? Aber ziehe nur dein gezücktes Schwert von der Grube zurück, damit ich von dem Opferblut trinke und so in den Stand gesetzt werde, dir dein Schicksal zu weissagen.‹ Ich wich bei diesem Worte von der Grube und stieß mein Schwert in die Scheide. Nun trank der Schatten von dem schwarzen Blut und fing alsbald zu wahrsagen an: ›Du forschest bei mir, Odysseus, nach einer fröhlichen Heimkehr ins Vaterland; aber ein Gott wird sie dir schwer machen, und du kannst dich der Hand des Erderschütterers nicht entziehen. Du hast ihn schwer dadurch beleidigt, daß du seinem Sohne Polyphemos das Auge geblendet hast. Dennoch soll dir die Rückkehr nicht ganz abgeschnitten sein; halte nur dein und deiner Genossen Herz im Zaume. Zuerst landet ihr auf der Insel Thrinakia. Wenn ihr dort die heiligen Rinder und Schafe des Sonnengottes unberührt lasset, so dürfte euch die Heimfahrt wohl gelingen. Verletzet ihr sie aber, dann weissage ich deinem Schiffe und deinen Freunden Verderben. Wenn du selbst auch entrinnest, so kommst du spät, elend und einsam in die Heimat, auf einem fremden Schiff. Auch dort findest du nur Jammer: übermütige Männer, die dein Gut verprassen und um dein Weib Penelope freien. Wenn du diese, sei es mit List oder Gewalt, bezwungen oder getötet und ruhiges Glück dir lange gelächelt hat, so nimm, doch erst am Abend deines Lebens, dein Ruder auf die Schulter und wandre immer fort und fort, bis du zu Menschen kommst, die das Meer nicht kennen, keine Schiffe haben, ihre Speise mit keinem Salz würzen. Und wenn dir dort in der Fremde ein Wanderer begegnet und dir sagt, du tragest des Worflers Schaufel auf dem Rücken, dann stoße das Ruder in die Erde, bring dem Poseidon ein Opfer und wandre wieder heim. Endlich wird dich, während dein Reich blühet, ein friedlicher Greisentod fern vom Meere hinwegnehmen.‹

Dies war der Inhalt seiner Weissagung. Ich dankte dem Seher und fragte ihn weiter: ›Sage mir jetzt: dort sitzt der Schatten meiner Mutter! Wie mache ich es, ehrwürdiger Greis, daß sie mich erkenne?‹ ›Vergönne ihr nur‹, erwiderte der Seher, ›vom Opferblute zu trinken, so wird sie ihr Schweigen bald brechen.‹ Da wich ich von der Grube mit dem Schwerte zurück, und die Mutter trank. Urplötzlich erkannte sie mich, heftete ihr tränendes Auge auf mich und sprach: ›Lieber Sohn, wie kamst du lebendig in die Todesnacht herab? Haben dich der Ozean und die andern furchtbaren Ströme nicht gehindert? Irrest du immer seit Trojas Fall umher und kommst nicht zu deiner Heimat Ithaka?‹ Nachdem ich hierüber Aufschluß gegeben hatte, befragte ich die Mutter über ihren Tod, denn ich hatte sie lebend verlassen, als ich gen Troja zog. Auch wie es sonst bei uns zu Hause stehe, fragte ich sie mit pochendem Herzen. Und der Schatten erwiderte: ›Deine Gattin, nach der du so ängstlich fragst, weilt in deinem Hause mit unerschütterlicher Treue, und Tag und Nacht weint sie um dich. Deinen Zepter führt kein anderer, sondern dein Sohn Telemach verwaltet dein Gut. Dein Vater Laërtes hat sich aufs Land zurückgezogen und kommt nie mehr in die Stadt; dort schläft er nicht in einer Fürstenkammer, nicht in einem weichen Bette; neben dem Herdfeuer liegt er wie andere Knechte, auf dem Stroh, in ein schlechtes Kleid gehüllt, den ganzen Winter über; im Sommer bettet er sich unter freiem Himmel auf ein Bündel Reisig; und das alles tut er aus Jammer über dein Geschick. Ich selbst bin dem Gram über dich, mein lieber Sohn, erlegen, und keine Krankheit hat mich dahingerafft.‹

So sprach sie und machte mich vor Sehnsucht erbeben. Als ich sie aber in die Arme schließen wollte, zerstob sie wie ein Traumbild. Nun kamen andere Schatten daher, viele Gattinnen berühmter Helden. Sie tranken alle von dem Opferblute und erzählten mir ihre Geschicke. Als die Frauen nacheinander wieder verschwunden waren, ward mir ein Anblick zuteil, der mir das Herz im Busen bewegte. Es kam nämlich die Seele des Völkerfürsten Agamemnon heran. Schwermütig bewegte sich der große Schatten nach der Opfergrube und trank von dem Blute. Da blickte er auf, erkannte mich und fing an zu weinen. Vergebens streckte er die Hände aus, mich zu erreichen; in den Gliedern war keine Spannkraft; er sank zurück zur Ferne und antwortet von dort aus auf meine sehnlichen Fragen: ›Edler Odysseus‹, sprach er, ›mich hat nicht, wie du wähnst, der Zorn des Meeresgottes verderbt, nicht Feinde auf der Feste haben mich bezwungen. Wie man den Stier an der Krippe erschlägt, hat mich mein Weib Klytämnestra mit ihrem Buhlen Ägisth im Bade erschlagen, mich, der ich in die Heimat voll Sehnsucht nach Frau und Kindern gekommen war. Darum rate ich dir, Odysseus, zeige dich nicht allzu gefällig gegen die Gattin, vertrau ihr aus Zärtlichkeit nicht ein jegliches Geheimnis an. Doch du hast ein verständiges und tugendhaftes Weib, du Glücklicher! Und das Knäblein, das an ihrer Brust lag, als wir Griechenland verließen, dein Telemach wird als Jüngling, voll herzlicher, voll kindlicher Liebe seinen Vater empfangen. Mein ruchloses Weib hat mir nicht einmal gegönnt, die Augen an dem Anblicke meines Sohnes zu laben, bevor sie mich ermordete! Dennoch rate ich dir, heimlich und nicht öffentlich am Gestade Ithakas zu landen: denn keinem Weibe ist zu trauen!‹

Mit diesen finstern Worten wandte sich der Schatten um und verschwand. Nun kamen die Seelen des Achill und seines Freundes Patroklos, des Antilochos und des großen Ajax. Zuerst trank Achill, erkannte mich und staunte. Ich erzählte ihm, warum ich gekommen. Als ich aber den berühmtesten Griechen als Gebieter der Geister auch im Hades selig pries, erwiderte er mißmutig: ›Sprich mir nichts Tröstliches vom Tode, Odysseus! Lieber wollte ich als Taglöhner auf Erden das Feld bestellen, ohne Eigentum und Erbe, als über die sämtliche Schar der Toten herrschen!‹ Dann mußte ich ihm vom Heldenleben seines Sohnes Neoptolemos erzählen, und als er viel Gutes und Rühmliches über ihn vernommen, wandelte der erhabene Schatten zufriedenen und mächtigen Schrittes der Tiefe wieder zu und verlor sich in derselben.

Auch die andern Seelen der Abgeschiedenen, die inzwischen von dem Blute getrunken hatten, standen mir nun Rede. Nur der Schatten des Ajax, den ich einst im Streit um die Waffen des Achill besiegt und der sich deswegen entleibt hatte, stellte sich seitwärts und zürnte. Mit sanften Worten redete ich ihn an: ›Telamons Sohn, kannst du denn auch im Tode den Unmut nicht vergessen, in welchen dich die Rüstung des Achill versetzt hat, welche die Götter den Argivern doch nur zum Fluche bestimmt hatten? Denn durch sie bist du, der ein Turm war in der Feldschlacht, dahingesunken, daß wir dich nächst Achill bejammern mußten. Doch ist keiner von uns an deinem Tode schuldig; es war ein Verhängnis, das dir und uns Zeus zugesandt hat. Darum, edler Fürst, bezwinge dein Gemüt, nahe mir, rede mit mir!‹ Aber der Schatten antwortete nichts, sondern ging ins Dunkel zu andern abgeschiedenen Seelen.

Nun erblickte ich auch die Schatten längst verstorbener Helden: den Totenrichter Minos; den gewaltigen Jäger Orion, welcher, die Keule in der Hand, Schattenbilder von Luchsen und Löwen aufscheuchte; den Tityos, dem für seine Frevel zwei Geier, von jeder Seite einer, an der Leber fraßen; den Tantalos, der dürstend mitten im Wasser stand, daß es ihm das Kinn bespülte, aber sooft er trinken wollte, wich die Welle zurück und versiegte, daß der schwarze Boden zu seinen Füßen sichtbar wurde; auch ragten Bäume voll Früchten über sein Haupt herein, voll Birnen, Feigen, Granaten, Oliven, Äpfeln: – wenn er aber, der Hungernde, sie mit den Händen haschen wollte, da schwang der Sturm die Äste aufwärts den Wolken zu, und seine Hand griff in die leere Luft. Auch den Sisyphos sah ich, den vergebliche Pein abquälte: er war bemüht, ein großes Felsenstück einen Berg emporzuschieben; angestemmt, mit Händen und Füßen arbeitete er sich ab und wälzte den Stein die Berghöhe hinauf. Sooft er aber schon glaubte, ihn auf dem Gipfel droben zu haben, glitt ihm das Felsstück aus den Händen und rollte schändlicherweise den Berg hinunter. Da begann denn seine Anstrengung von neuem: der Angstschweiß floß ihm von den Gliedern, und das Haupt hüllte eine Wolke von Staub ein. Ihm zunächst stand der Schatten des Herakles, doch nur sein Schatten, denn er selbst lebt als Gemahl der Jugendgöttin ein seliges Leben unter den Olympischen. Sein Schatten aber stand finster wie die Nacht, hielt den Pfeil auf der Bogensehne und blickte schrecklich umher, als wollte er ihn eben gegen den Feind abschnellen. Ein prächtiges Wehrgehenk, mit allerlei Tiergestalten geschmückt, hing ihm über die Schultern.

Auch er verschwand, und nun kam noch ein ganzes Gedränge anderer Heldenseelen. Gerne hätte ich den Theseus und seinen Freund Peirithoos herauserkannt. Aber bei dem grausenvollen Getöse der unzähligen Scharen kam mich plötzlich eine solche Furcht an, als streckte mir die Meduse ihr Gorgonenhaupt entgegen. Eilig verließ ich mit meinen Genossen die Kluft und wandte mich wieder dem Gestade des Okeanos und unsrem Schiffe zu. Dann segelten wir, wie ich es dem Schatten Elpenors versprochen hatte, nach Kirkes Insel zurück.«

Odysseus erzählt weiter



Odysseus erzählt weiter

Die Sirenen. Skylla und Charybdis. Thrinakia und die Herden des Sonnengottes. Schiffbruch. Odysseus bei Kalypso

»Nachdem wir die Gebeine unsres verunglückten Genossen«, fuhr Odysseus fort, »auf der Insel Aiaia verbrannt und zur Erde bestattet, auch dem Toten einen Grabhügel aufgehäuft hatten und eine Denksäule daraufgesetzt und von Kirke sehr freundlich empfangen und bewirtet worden waren, fuhren wir, von ihr vor allerlei Gefahren gewarnt und reichlich mit Lebensmitteln versorgt, weiter.

Das erste Abenteuer, das wir zu bestehen hatten und von welchem uns Kirke geweissagt, erwartete uns am Eilande der Sirenen. Dieses sind sangreiche Nymphen, die jedermann bezaubern, der auf ihr Lied horcht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen ihre Zauberlieder dem Vorüberfahrenden zu. Wer sich zu ihnen hinüberlocken läßt, ist ein Kind des Todes, und man sieht deswegen an ihrem Ufer moderndes Gebein genug umherliegen. Bei der Insel dieser verführerischen Nymphen angekommen, hielt unser Schiff stille, denn der Fahrwind, der uns bisher gelinde vorwärts getrieben, hörte mit einemmal auf zu wehen, und das Gewässer schimmerte wie ein Spiegel. Meine Begleiter nahmen die Segel von den Stangen, falteten sie zusammen, legten sie im Schiffe nieder und setzten sich ans Ruder, um das Schiff so vorwärtszubringen. Ich aber gedachte an das Wort, das Kirke, die mir dieses alles voraussagte, gesprochen hatte. ›Wenn du an die Insel der Sirenen kommst und ihr Gesang euch droht, so verklebe die Ohren deiner Freunde mit Wachs, daß sie nichts hören; begehrst du aber selbst ihr Lied zu vernehmen, so befiehl, daß man dich, an Händen und Füßen gefesselt, an den Mast binde, und je sehnlicher du deine Freunde bittest, dich loszubinden, desto fester sollen sie die Seile schnüren!‹

Daran dachte ich jetzt, zerschnitt eine große Wachsscheibe und knetete sie mit meinen nervichten Fingern; das weiche Wachs strich ich sodann meinen Reisegenossen in die Ohren. Sie aber banden mich auf mein Geheiß aufrecht unten an den Mast; dann setzten sie sich wieder an die Ruder und trieben das Fahrzeug getrost vorwärts. Als die Sirenen dieses heranschwimmen sahen, standen sie in der Gestalt reizender Mägdlein am Ufer und stimmten mit wundersüßer Kehle ihren hellen Gesang an, der also lautete:

Komm, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achajer,
Lenke das Schiff ans Land, um unsere Stimme zu hören.
Denn noch ruderte keiner vorbei im dunkelen Schiffe,
Eh er aus unserem Munde die Honigstimme gehöret:
Jener sodann kehrt fröhlich zurück und mehreres wissend.
Denn wir wissen dir alles, wieviel in den Ebenen Trojas
Argos‘ Söhne und die Troer vom Rat der Götter geduldet,
Alles, was irgend geschah auf der vielernährenden Erde.

So sangen sie. Mir aber schwoll das Herz im Busen vor Begierde, sie zu hören; ich winkte meinen Freunden mit dem Kopfe, mich loszubinden. Aber sie mit ihren tauben Ohren stürzten sich nur um so rascher aufs Ruder, und zwei von ihnen, Eurylochos und Perimedes, kamen herbei und legten mir, wie ich früher befohlen hatte, noch viel stärkere Stricke an und schnürten auch die alten fester zusammen. Erst als wir glücklich vorübergesteuert und ganz außer dem Bereiche der Sirenenstimmen waren, nahmen meine Freunde sich selbst das Wachs aus den Ohren, und mir lösten sie die Fesseln wieder. Ich aber dankte ihnen herzlich für ihre Beharrlichkeit.

Kaum waren wir etwas vorwärts gerudert, als ich von ferne Wasserstaub und eine mächtige Brandung gewahr wurde. Das war die Charybdis, ein täglich dreimal unter einem Fels hervorquellender und wieder zurückwallender Strudel, der jedes Schiff verschlingt, das in seinen Rachen gerät. Meinen Begleitern fuhren die Ruder vor Schrecken aus der Hand; sie flossen dem Strome nach, und das Fahrzeug stand stille. Ich selbst sprang von meinem Sitze auf, durcheilte das Schiff und sprach den Freunden, von Mann zu Manne gehend, Mut ein. ›Lieben Freunde‹, sagte ich, ›wir sind ja keine Neulinge in den Gefahren. Was auch kommen mag, ein größeres Leid als in der Höhle des Zyklopen kann uns nicht betreffen; und doch half euch dort meine Klugheit hinaus. Drum gehorchet mir nur alle. Bleibt fest auf euren Bänken sitzen und schlaget mutig mit den Rudern‹ – denn sie hatten sie wieder gefangen – ›auf die Brandung los. Ich denke, Zeus hilft uns durch schleunige Flucht aus dieser Not. Du aber, Steuermann, nimm alle deine Besinnung zusammen und lenke das Schiff durch Schaum und Brandung, so gut du kannst! Arbeite dich an den Fels hin, damit du nicht in den Strudel geratest!‹ So hatte ich die Freunde vor dem Strudel Charybdis gewarnt, von welchem mir Kirke erzählt hatte; aber von dem Ungeheuer Skylla, das gegenüber drohete, schwieg ich noch weislich; ich fürchtete, die Genossen möchten mir vor Schrecken wieder die Ruder fahrenlassen und sich im innern Schiffsraume zusammendrängen.

Eines andern Gebotes hatte ich jedoch vergessen, das Kirke mir auch gegeben. Sie hatte mir nämlich verboten, mich zum Kampfe mit diesem Ungeheuer zu rüsten; ich hüllte mich aber in meine volle Waffenrüstung, nahm zwei Speere in die Hand und stellte mich so aufs Verdeck, um dem herankommenden Ungeheuer zu begegnen. Aber obgleich mir die Augen vom Umherschauen schmerzten, konnte sie mein Blick doch nicht entdecken, und so fuhr ich denn voll Todesangst in den immer enger werdenden Meerschlund hinein. Diese Skylla hatte mir Kirke so geschildert: ›Sie ist kein sterblicher Gegner, vielmehr ein unsterbliches Unheil; Tapferkeit vermag nichts gegen sie, die einzige Rettung ist, ihr zu entfliehen. Sie wohnt gegenüber der Charybdis in einem sein spitzes Haupt in die Wolken steckenden Fels, ewig von dunkelem Gewölk umfangen, von keinem Sonnenstrahl erleuchtet und ganz aus glattem Gesteine aufgetürmt. Mitten in diesem Fels ist eine Höhle, schwarz wie die Nacht; in dieser haust die Skylla und gibt ihre Gegenwart nur durch ein fürchterliches Bellen kund, welches über die Flut herüberhallt wie das Geschrei eines neugeborenen Hundes. Dieses Ungeheuer hat zwölf unförmige Füße und sechs Schlangenhälse, auf jedem derselben grinst ein scheußlicher Kopf mit drei dichten Reihen von Zähnen, die sie fletscht, ihre Opfer zu zermalmen; halb ist sie einwärts in die Felskluft hinabgesenkt, ihre Häupter aber streckt sie schnappend aus dem Abgrunde hervor und fischt nach Seehunden, Delphinen und wohl auch größeren Tieren des Meeres. Noch nie hat sich ein Schiff gerühmt, ohne Verlust an ihr vorübergekommen zu sein; gewöhnlich hat sie, ehe sich’s der Schiffer versieht, in jedem Rachen einen Mann zwischen den Zähnen, den sie aus dem Schiffe geraubt hat.‹

Dieses Bild hatte ich vor meiner Seele und spähte vergebens umher. Indessen waren wir mit dem Schiffe ganz nahe an die Charybdis geraten, die die Meeresflut mit ihrem gierigen Rachen einschlürfte und wieder ausspie; die brauste wie ein Kessel über dem Feuer, und weißer Schaum flog empor, solange sie die Flut herausbrach; wenn sie dann die Wogen wieder hinunterschluckte, senkte sich das trübe Wassergemisch ganz in die Tiefe, der Fels donnerte, und man konnte in einen Abgrund von schwarzem Schlamm hinuntersehen. Während nun unsere Blicke mit starrem Entsetzen auf dieses Schauspiel gerichtet waren und wir unwillkürlich mit dem Schiffe zur Linken auswichen, waren wir plötzlich der bisher nicht entdeckten Skylla zu nahe gekommen, und ihre Rachen hatten auf einen Zug sechs meiner tapfersten Genossen vom Bord hinweggeschnappt; ich sah sie mit schwebenden Händen und Füßen zwischen den Zähnen des Ungeheuers hoch in die Lüfte gezückt; noch aus seinen Rachen heraus riefen sie mich hilfeflehend bei Namen: einen Augenblick darauf waren sie zermalmt. Soviel ich auf meiner Irrfahrt erduldet habe, ein jammervollerer Anblick ist mir nicht geworden!

Jetzt aber waren wir auch glücklich zwischen dem Strudel der Charybdis und dem Felsen der Skylla hindurch; die von der Sonne glänzende Insel Thrinakia lag vor uns, und noch auf dem Meere hörten wir das Gebrüll der heiligen Rinder es Sonnengottes und das Blöken seiner Schafe. Durch so viel Unglück gewitzigt, dachte ich auf der Stelle an die Warnung des blinden Tiresias in der Unterwelt und kündigte den Genossen an, daß er und Kirke mich gewarnt, die Insel des Helios zu fliehen, weil uns dort noch das allerjämmerlichste Schicksal bedrohe. Diese Erklärung betrübte meine Begleiter über die Maßen, und Eurylochos sagte ärgerlich: ›Du bist doch ein grausamer Mann, Odysseus, ganz von Stahl und hast kein Gelenk im Nacken! Wie, willst du im Ernst uns, den von Anstrengung und Ermüdung Entkräftigten, nicht gönnen, einen Fuß ans Land zu setzen und uns auf dieser Insel mit Speise und Trank zu erquicken, sondern blindlings sollen wir in der Stille der Nacht hinausfahren durch die schwarzen Meereinöden? Wenn nun plötzlich im Dunkel der unbändige Südwind oder der pfeifende West herangewirbelt käme? Laß uns wenigstens diese finstere Nacht am Ufer vor Anker gehen, das uns so gastlich zuwinkt!‹

Wie ich diesen Widerspruch hören mußte, da merkte ich wohl, daß ein feindseliger Gott Böses über uns beschlossen hatte. Ich sagte daher nur: ›Eurylochos, es ist keine Kunst, mich zu zwingen, den einzelnen Mann eurer so viele. So gebe ich euch denn nach. Aber einen heiligen Schwur müßt ihr mir tun, dem Sonnengotte kein Rind oder auch nur ein Schaf abzuschlachten, wenn ihr etwa seiner Herden ansichtig werden solltet. Begnüge sich vielmehr jeder mit der Kost, mit der uns die gute Kirke versorgt hat!‹ Diesen Eid leisteten mir alle willig; darauf ließen wir das Fahrzeug in eine Bucht einlaufen, aus der sich süßes Wasser in die gesalzene Flut ergoß. Alle stiegen aus dem Schiffe, und es währte nicht lange, so war das Nachtessen bereit. Nach dem Mahle beweinten wir die Freunde, welche von der Skylla verschlungen worden waren, aber mitten unter den Tränen überwältigte uns müde Seefahrer der Schlummer.

Es mochte noch ein Drittel der Nacht übrig sein, als Zeus einen entsetzlichen Sturm sandte, so daß wir mit der Morgenröte eilig unser Fahrzeug in eine Meergrotte in Sicherheit brachten. Noch einmal warnte ich die Genossen vor dem Rindermorde, denn bei der ungestümen Witterung sahen wir einem längeren Aufenthalte auf der Insel entgegen. Auch verweilten wir wirklich einen vollen Monat allda, weil beständiger Südwind blies, der nur auf kurze Zeit mit dem Ostwind abwechselte; es war uns aber einer entgegen wie der andere. Solange von Kirkes Vorrat noch Speise und Wein übrig war, hatte es keine Not. Als wir aber alle Nahrung aufgezehrt hatten und der Hunger bei uns sich einstellte, gingen meine Begleiter anfangs auf den Fisch- und Vogelfang aus, und ich selbst machte auch einen Ausflug längs dem Ufer, ob mir kein Gott oder kein Sterblicher begegnen möchte, der mir einen Ausweg aus dieser Not anzeigte. Als ich weit genug von den Freunden entfernt war und mich ganz in der Einsamkeit sah, wusch ich meine Hände, um sie rein emporstrecken zu können, in der Flut, warf mich demütig auf die Knie und flehte zu allen Göttern um Rettung. Sie aber schickten mir einen wohltätigen Schlummer.

Während ich nun so ferne war, erhob sich Eurylochos unter meinen Begleitern und gab ihnen einen verderblichen Rat: ›Höret mein Wort‹, sprach er, ›schwerbedrängte Freunde! Zwar ist jeder Tod den Menschen schreckhaft, aber das entsetzlichste Geschick ist doch der Hungertod. Wohlan, was bedenken wir uns, die schönsten von den Rindern des Helios den Göttern zu opfern und uns am übrigbleibenden Fleische zu sättigen? Sind wir nur glücklich nach Ithaka gekommen, so wollen wir den Gott schon versöhnen und ihm einen herrlichen Tempel bauen, auch köstliche Weihegeschenke darin aufstellen. Schickt er uns aber im augenblicklichen Zorn einen Sturm zu und bohrt unser Schiff in den Grund – nun, so will ich lieber in einem Augenblick meinen Atem in die Fluten verhauchen als so jämmerlich auf dieser einsamen Insel verschmachten!‹

Dies Wort gefiel meinen hungrigen Genossen. Sogleich machten sie sich auf, trieben die allerbesten Rinder von der Herde des Sonnengottes herbei, die in der Nähe grasten, und nachdem sie zu den Göttern gefleht, schlachteten sie dieselben, weideten sie aus und brachten die Eingeweide mit den in Fett eingewickelten Lenden den Unsterblichen dar. Wein zum Trankopfer hatten sie keinen, weil aller längst verzehrt war; die Eingeweide und Schenkel wurden daher nur mit Quellwasser besprengt. Die reichlichen Überreste steckten sie an Spieße, und eben setzten sie sich zum Mahle, als ich – dem die Götter den Schlaf wieder von den Augenlidern geschüttelt – herankam und mir der Opferduft schon von weitem entgegendampfte. Da jammerte ich zum Himmel empor: ›O Vater Zeus und ihr andern Himmlischen! Zum Fluche habt ihr mich in Schlummer gesenkt. Denn welcher Tat haben sich meine Freunde vermessen, während ich schlief!‹

Inzwischen war dem Sonnengotte durch eine dienende Göttin schon die Nachricht von dem großen Frevel zugekommen, der an seinem Heiligtume verübt worden war. Zornig trat er in den Kreis der Olympischen und klagte ihnen die Unbill. Zeus selbst fuhr zürnend von seinem Throne auf, als er solches hörte, zumal da Helios drohte, den Sonnenwagen zum Hades hinabzulenken und der Erde nicht mehr zu leuchten, wenn die Verbrecher nicht zur vollen Strafe gezogen würden. ›Leuchte du‹, sagte zu ihm Zeus, ›immerhin den Göttern und den Menschen, Helios; ich will den verfluchten Räubern ihr Schiff bald mit meinem Donnerkeil treffen, daß es in Trümmer gehe und zerschmettert in den Abgrund versinke!‹ Diese Worte des Zeus hat mir die edle Göttin Kalypso gemeldet, welche die Untat durch ihren Freund, den Götterboten Hermes, erfahren hat.

Als ich nun bei dem Schiffe und den Genossen angekommen, fuhr ich sie an und schalt sie im tiefsten Unmut. Leider aber war alles zu spät, und die Rinder lagen geschlachtet vor mir. Aber entsetzliche Wunderzeichen bezeugten den geschehenen Frevel; die Häute krochen umher, als wären sie lebendig; das rohe und gebratene Fleisch an den Spießen brüllte, wie Rinder zu brüllen pflegen. Doch meine hungrigen Begleiter kehrten sich daran nicht. Sechs Tage hintereinander schmausten sie. Erst am siebenten Tage, als alles Ungewitter vorüber schien, stiegen wir wieder zu Schiffe und fuhren in die offene See hinaus. Als wir dahinsteuerten und das Land schon längst aus den Augen verloren hatten, breitete Zeus ein schwarzblaues Gewölk gerade über unsere Häupter aus, und das Meer unter uns wurde immer dunkler. Plötzlich brach ein wütender Orkan aus Westen auf uns los, beide Taue des Mastbaumes zerrissen, daß derselbe krachend rückwärtssank und alles Geräte auf das Schiff schleuderte. Die ganze Last stürzte dem am Steuerende sitzenden Piloten auf den Kopf und zerkrachte ihm den Schädel, so daß er wie ein Taucher ins Meer hinabsank und die Wellen den Leichnam verschlangen. Jetzt fuhr ein Blitz mit knallendem Donner auf das Schiff hernieder und durchschmetterte es, daß es voll von Schwefeldampf wurde. Meine Freunde stürzten aus dem Fahrzeug und zappelten wie schwimmende Krähen um das Schiff her, wogten auf und nieder und versanken endlich alle. Bald war ich ganz allein auf dem Schiffe und irrte darauf umher, bis die Flanken sich vom Kiel ablösten; der liegende Mastbaum krachte vollends hernieder auf den entblößten Kiel, und so fuhr das offene Wrack dahin. Ich hatte indessen die Besinnung nicht verloren, ergriff ein ledernes Seil, das noch an dem Mast herunterhing, und band damit Mast und Kiel zusammen. Dann setzte ich mich darauf und ließ mich in der Götter Namen von dem tobenden Sturme dahinschleudern.

Endlich hörte der Orkan zu wüten auf, und der West legte sich; darüber erhub sich aber der Südwind und versetzte mich in neue Angst; denn nun war ich in Gefahr, der Skylla und Charybdis wieder zugetrieben zu werden. Und dies geschah auch: der Morgen dämmerte kaum, als ich Skyllas spitzen Säulenfels gewahr wurde und die gräßliche aus- und einsprudelnde Charybdis gegenüber erblickte. Diese verschlang, als ich bei ihr angekommen war, augenblicklich mit ihrem Strudel den Mast; ich selbst ergriff die Äste eines von ihrem Fels überhangenden Feigenbaums, schmiegte mich daran und hing da in der freien Luft wie eine Fledermaus. So schwebte ich über der Charybdis bodenlos, bis Mast und Kiel aus ihrem Schlunde wieder hervorsprudelten. Diesen Augenblick ersah ich, war mit einem Sprung wieder auf meinem alten Sitz und ruderte nun auf dem schmalen Kiele mit den Händen auf dem Wirbel fort. Dennoch wäre ich verloren gewesen, wenn Zeus‘ Gnade meine Balken nicht von dem Fels der Skylla abgelenkt und glücklich aus dem durchwogten Felsenschlunde hinausgeleitet hätte.

Neun Tage trieb ich nun noch auf der See umher; in der zehnten Nacht brachten mich gnädige Götter endlich auf Kalypsos Insel Ogygia. Diese hehre Göttin pflegte und erquickte mich… Doch warum will ich euch davon erzählen? Habe ich doch schon gestern dir, edler König, und deiner Gemahlin dies mein letztes Abenteuer berichtet!«

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Der Schlauch des Äolos. Die Lästrygonen. Kirke

»Hierauf«, fuhr Odysseus fort, »gelangten wir an eine Insel, welche Äolos, der Sohn des Hippotes, ein vertrauter Freund der Götter, bewohnte. Dieses Eiland war schwimmend in der Flut; eine eherne Mauer umgab dasselbe mit starrendem Erz, und ihre Grundlage war ein glatter Fels, der rings um das Inselland herumlief. Dieser Äolos hatte in seinem Palaste sechs Söhne und sechs Töchter und feierte mit ihnen und der Gattin alle Tage ein Fest. Der gute Fürst beherbergte uns einen ganzen Monat und befragte uns recht eifrig über Troja, die Macht der Griechen und ihre Heimkehr. Über alles dieses gab ich ihm genaue Auskunft, und als ich ihn endlich bat, unsere Heimfahrt zu befördern, bezeigte er sich in allem höchst willig und schenkte uns einen dick aufgeschwollenen Schlauch, aus der Haut eines neunjährigen Stiers bereitet. In diesem waren sämtliche Winde eingeschlossen, die über die Erde dahinzuwehen pflegen; denn Äolos war vom Vater Zeus zum Verwalter der Winde bestellt und hatte die Macht empfangen, welche Winde er wollte, loszulassen und ihnen wieder Ruhe zu gebieten. Er selbst nun band uns den Schlauch mit einem glänzenden Seile von Silberfaden in meinem Schiffe fest und schnürte ihn so zusammen, daß auch nicht die kleinste Luft herauskonnte. Doch hatte er sich darum der Winde nicht ganz entäußert, vielmehr von allen Gattungen noch genug zu Hause. Das zeigte er sogleich. Denn als wir uns eingeschifft hatten, ließ er unsern Schiffen den sanftesten Westwind nachwehen, der uns schnell und leicht in die Heimat bringen sollte. Aber es wurde uns nicht so gut, sondern unsere eigene Torheit brachte uns in großes Unglück.

Schon segelten wir neun Tage und Nächte lang auf dem Meere vorwärts, und in der zehnten Nacht waren wir so nahe an meiner Heimatinsel Ithaka, daß wir die Wachtfeuer des Ufers erblicken konnten. Da mußte mich müden Mann der Schlummer beschleichen, denn ich hatte mich unaufhörlich damit beschäftigt, das Segel meines Schiffes zu stellen, um desto schneller das Vaterland zu erreichen, und dieses Geschäft mochte ich keinem andern anvertrauen. Während ich nun schlief, spannen meine Schiffsgesellen ein Gespräch darüber an, was wohl in dem Schlauch sein möchte, welchen mir der König Äolos zum Gastgeschenke gegeben hätte. Da zeigte sich, daß sie alle in dem Wahn befangen waren, ich führe Silbers und Goldes genug in dem Sacke bei mir, und endlich fing einer der Lüsternsten also an: ›Odysseus ist doch auch überall hoch geachtet und geehrt! Wieviel Beute hat er nicht nur vor Troja mit hinweggebracht! Und wir, die wir alle die nämlichen Gefahren und Mühseligkeiten ausgestanden haben, wir kehren sämtlich mit leeren Händen in die Heimat zurück! Jetzt hat ihm Äolos auch vollends einen Sack voll Silbers und Goldes gegeben! Wie wär’s, wenn wir hineinguckten und auch erfahren, wieviel Schätze da drinnen verborgen sind?‹ Dieser böse Rat leuchtete den übrigen Gesellen sogleich ein. Der Schlauch wurde aufgelöst, und kaum war das Band los, so brausten alle Winde miteinander daraus hervor, und die Windsbraut riß unsre Schiffe wieder hinaus in die offene See.

Ich selbst fuhr über dem Brausen aus dem Schlafe empor. Als ich das Unglück sah, das angerückt war, überlegte ich einen Augenblick bei mir, ob ich nicht lieber über Bord springen und mich in dem Abgrund begraben sollte. Doch faßte ich mich wieder und beschloß zu bleiben und alles, was da kommen konnte, zu ertragen. Die Wut der Orkane warf uns an die Insel des Äolos zurück. Hier ließ ich die Meinigen auf den Schiffen und eilte mit einem einzigen Freund und dem Herolde in die Burg des Fürsten, den ich mit seiner Gemahlin und seinen Kindern gerade beim Mittagsmahle traf. Sie staunten alle nicht wenig über unsere Zurückkunft, als sie aber vollends die Ursache vernahmen, erhob sich der Verwalter der Winde zornig von seinem Sitze und rief mir entgegen: ›Verruchter Mensch, offenbar verfolgt dich die Rache der Götter! Einen solchen darf ich weder beherbergen noch geleiten! Geh mir aus dem Hause, Verworfener!‹ Mit diesem Fluche jagte er mich, den Seufzenden, von dannen, und schwermutsvoll schifften wir weiter.

Meinen Gesellen schwand aller Mut beim Ruder; es war schon wieder der siebente Tag vergangen, und nirgends wollte sich ein Land zeigen.

Endlich kamen wir an eine Küste und zu einer turmreichen Stadt. Die letztere hieß Telepylos und war der Sitz der Lästrygonen. Das alles wußten wir jedoch noch nicht, und von der Stadt erblickten wir auch nichts. Der Hafen, in welchen wir einfuhren, war vortrefflich, eng geschlossen und von allen Seiten durch schroffe Felsen geschirmt, so daß das Gewässer in der Bucht stets ruhig und wellenlos war. Ich knüpfte mein Schiff zuerst im Hafen an, erklomm das felsige Ufer und schaute mich auf den Steinzacken, nach der Landseite gewendet, um. Nirgends entdeckte ich gebautes Feld, keinen Ackersmann, keine Stiere. Nur Rauch, wie von einer großen Stadt, sah ich gen Himmel aufsteigen. Da schickte ich zur Erkundigung zwei auserlesene Freunde voraus mit einem Herold. Diese stiegen ans Land und fanden bald einen Weg, der über eine Waldung der Anhöhen jenem Rauche zuging und sie endlich in die Nähe der Stadt führte. Vor dieser begegneten sie einer wasserschöpfenden Jungfrau, der rüstigen Tochter des Lästrygonenköniges Antiphates. Sie stieg eben zu der Quelle Artakia hinab, wo die Einwohner ihr Wasser holten. Das Mädchen, über dessen Größe sie sich nicht genug wundern konnten, bezeichnete ihnen freundlich ihres Vaters Wohnung und gab ihnen die gewünschte Auskunft über Land, Stadt und Beherrscher. Als sie nun aber in die Stadt und an den Palast kamen, so erstarrten sie erst vor Entsetzen. Da stand die Gemahlin des Lästrygonenköniges vor ihnen, so riesengroß wie der Gipfel eines Berges. Denn die Lästrygonen waren Riesen und Menschenfresser. Auch rief die Königin sogleich ihrem Gemahl, und dieser griff zum Gruße nach dem einen der Gesandten und befahl sogleich, ihn für sich zum Abendessen zuzurüsten. Die zwei andern nahmen in der Todesangst die Flucht nach den Schiffen. Der König aber rief brüllend die ganze Stadt unter die Waffen, und über tausend Lästrygonen, lauter Riesen, den Giganten ähnlich, kamen heraus und schleuderten große Feldsteine nach uns, so daß man auf den Schiffen nichts als das Geschrei Sterbender und das Zusammenkrachen der getroffenen Schiffsbalken hörte. Nur mein eigenes Schiff war von mir hinter einem Felsen so angebunden worden, daß es die Steine nicht treffen konnten. Als nun die übrigen Schiffe am Versinken waren, nahm ich von ihrer Mannschaft in dasselbe auf, soviel meiner Freunde noch unverletzt waren, und entrann mit ihnen auf meinem Schiffe unversehrt aus dem Hafen. Die andern Fahrzeuge aber versanken mit einer Unzahl Toter und Sterbender in den Abgrund.

Nun fuhren wir auf dem einzigen Schiffe zusammengedrängt weiter und kamen wieder an eine Insel mit Namen Aiaia. Hier wohnte eine sehr schöne Halbgöttin, ein Kind des Sonnengottes und der Okeanostochter Perse und Schwester des Königes Aietes. Sie hieß Kirke und hatte einen herrlichen Palast auf der Insel. Wir aber wußten nichts von ihr. Wir fuhren in eine Bucht der Insel ein, legten unser Schiff vor Anker und lagerten uns, müde von der Anstrengung, voll Verdruß und Betrübnis, im Ufergrase. Am dritten Morgen machte ich mich, mit Schwert und Lanze bewehrt, auf, das Land auszukundschaften. Endlich ward ich einen Rauch gewahr, und dieser stieg aus Kirkes Palast auf. Doch ging ich nicht sogleich auf die Spur los, sondern durch frühere Gefahren gewitzigt, kehrte ich erst zu meinen Freunden zurück und sandte Späher aus. Wir hatten auch alle schon lange keine genügende Nahrung zu uns genommen. Da erbarmte sich auf meinem Rückwege der Götter einer über uns und schickte mir einen Hirsch mit hohem Geweih in den Weg, der durstig aus dem Walde zum Bache hinunter in raschen Sätzen stürzte. Ich schoß ihn im Laufe, indem ich ihn mit meiner Lanze mitten in das Rückgrat traf, daß sie unten am Bauche wieder hervordrang. Dann zog ich die Lanze, mit dem Fuße auf das Tier gestemmt, aus der Wunde, macht mir ein Seil von Weidenruten, band es dem Wild um die Füße und trug es so um den Nacken gehängt zu dem Schiffe, indem ich mich bei der ungewohnten Last unter dem Gehen auf meine Lanze stützen mußte.

Meine Begleiter fuhren freudig empor, als sie die schöne Waldbeute auf meinen Schultern erblickten. Geschwind wurde das Tier geschlachtet und ein Festschmaus angestellt, indem wir, was von Brot und Wein zu finden war, auf dem Schiffe zusammensuchten. Nun meldete ich ihnen von dem Rauche, den ich entdeckt hatte. Aber meine Freunde wurden ganz mutlos, denn alle mußten an die Höhle des Zyklopen und den Hafen des Lästrygonenköniges denken, wo uns die Hoffnung beidemal so grausam irregeführt hatte. Ich allein blieb mutig unter ihren Tränen. Ich teilte alle meine Genossen, soviel ihrer mir geblieben waren, in zwei Scharen und gab der einen mich selbst, der andern den Eurylochos zu Anführern. Dann schüttelten wir Lose in einem ehernen Helme. Das Los traf den Eurylochos, und er mußte sich sofort mit zweiundzwanzig Genossen, die ihm nur unter Seufzern folgten, auf den Weg machen, nach der Seite, von welcher ich den Rauch hatte aufsteigen sehen.

Diese Schar fand bald den herrlich aus behauenen Steinen aufgeführten Palast der Göttin Kirke in einem anmutigen Tale der Insel versteckt. Wie staunten aber meine Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor der Pforte des Wohnhauses Wölfe mit spitzigem Gebiß und Löwen mit zottigen Mähnen umherwandeln sahen. Voll Angst erblickten sie die gräßlichen Ungeheuer und dachten schon darauf, wie sie sich aus dem unheimlichen Orte durch die schleunigste Flucht retten möchten. Aber bereits waren sie umringt von den wilden Tieren. Diese taten ihnen jedoch nichts zuleide, stürzten auch nicht, wie solche Bestien pflegen, mit einem Satze auf sie zu, sondern sie näherten sich ihnen langsam und schmeichelnd, und trugen ihre langen Schweife wedelnd aufgerichtet, wie Hunde, wenn sie dem Herrn entgegengehen, der ihnen gute Bissen von einem Schmause mitbringt. Es waren dies, wie wir nachher erfuhren, lauter durch die Zauberkünste Kirkes verwandelte Menschen.

Da die Tiere ihnen nichts anhatten, faßten meine Freunde wieder Mut und näherten sich der Pforte des Palastes. Aus diesem hörten sie die Stimme Kirkes, die eine vortreffliche Sängerin war, erschallen. Sie sang zu ihrer Arbeit; denn sie saß eben über dem Gewebe eines großen, wundervollen Gewandes, wie es nur Göttinnen zu wirken verstehen. Der erste, der einen Blick in den Palast geworfen hatte und sich dieses Anblicks erfreute, war der Held Polites, der mir besonders befreundet war. Auf seinen Rat riefen unsere Freunde die Bewohnerin heraus, und sie erschien auch wirklich freundlich an der Pforte und nötigte alle Angekommenen herein, mit Ausnahme ihres Führers Eurylochos, der ein besonnener Mann war und, durch die früheren Vorfälle gewarnt, irgendeinen Betrug witterte.

Die andern führte Kirke gar holdselig in ihren Palast ein und hieß sie auf hohen, schmucken Sesseln Platz nehmen. Alsdann brachte man Käse, Mehl, Honig und herben pramnischen Wein herbei, woraus ein Gericht köstlicher Kuchen von Kirke geknetet wurde; während dieser Arbeit aber mischte sie unvermerkt unheilbringende Säfte unter den Teig, welche die Armen von Sinnen bringen und sie ihres Vaterlandes vergessen machen sollten. Und wirklich wurden sie alle miteinander, sowie sie von der verführerischen Speise gekostet hatten, in borstige Schweine verwandelt, fingen an zu grunzen und wurden von der Zauberin samt und sonders in die Kofen getrieben. Hier ließ ihnen Kirke statt der köstlichen Bissen Steineicheln und Kornellen, wie andern Schweinen, zur Nahrung vorwerfen.

Eurylochos hatte von weitem das alles zum Teile mit angesehen, zum Teile geschlossen. Er eilte, was er nur konnte, zu unsrem Schiffe zurück, um das schreckliche Schicksal unsrer Freunde mir und den Zurückgebliebenen zu verkündigen. Als er aber bei uns ankam, konnte er anfangs kein einziges Wort hervorbringen, weil ihm die entsetzliche Angst noch immer die Sprache raubte; aus seinen Augen stürzten Tränen, und seine Seele war ganz in Jammer versenkt. Wie wir nun alle voll Verwunderung in ihn drangen, zu sprechen, fand er endlich Worte und erzählte das jämmerliche Schicksal der andern Freunde. Auf diese Schreckensbotschaft warf ich Augenblicks mir das Schwert um die Schultern und den Bogen darüber, dann befahl ich ihm, mich auf der Stelle den Weg nach dem Palaste zu führen. Er aber umschlang mir mit beiden Armen die Knie und flehte mich an, zurückbleiben zu dürfen und selbst zurückzubleiben. ›Glaube mir‹, schluchzte er, ›du kehrest weder selbst um, noch bringst du einen der verlorenen Freunde zurück. O laß uns von diesem verwünschten Strande fliehen!‹ Ihm nun erlaubte ich zu bleiben; ich selbst aber gehorchte der Notwendigkeit und ging. Auf dem Wege begegnete mir ein blühender Jüngling, mit dem holdesten Reiz der Jugend geschmückt, und streckte mir den goldenen Stab entgegen, an welchem ich Hermes, den Boten der Himmlischen, erkannte. Er faßte mich freundlich bei der Hand und sprach: ›Armer, was rennest du so, aller Gegend unkundig, durch das Waldgebirg? Deine Freunde sind bei der Zauberin Kirke in Schweineställe gesperrt. Willst du gehen, sie zu erlösen? Eher wirst du auch zu den andern gesteckt werden! Nun wohl, ich will dir ein Mittel an die Hand geben, dich zu bewahren. Wenn du dieses Heilkraut bei dir trägst› – und mit diesen Worten grub er eine schwarze Wurzel mit milchweißer Blüte aus dem Boden und nannte sie mir Moly –, ›so vermag ihr Betrug nicht, dir zu schaden. Sie wird dir nämlich ein süßes Weinmus bereiten und ihre Zaubersäfte dareinmengen. Dieses Kraut aber wird sie verhindern, dich in ein Vieh zu verwandeln. Wenn sie dich dann mit ihrem langen Zauberstabe berührt, so reiß du dir nur dein scharfes Schwert von der Hüfte und renn auf sie los, als wolltest du sie ermorden. Dann zwingst du ihr leicht einen heiligen Eid ab, daß sie keinerlei Tücke an dir üben wolle. Du magst alsdann ohne Gefahr bei ihr wohnen und ihr in allem zu Willen sein, und wenn ihr vertraut geworden seid, wird sie dir auch deine Bitte nicht abschlagen und dir deine Freunde zurückgeben.‹

So sprach Hermes und verließ mich, in den Olymp zurückkehrend. Ich selbst eilte unruhig und nachdenklich dem Palaste der Zauberin entgegen. Auf meinen Ruf öffnete sie die Pforte und hieß mich freundlich eintreten, was ich, obwohl mit einem Herzen voll Ingrimm, auch tat. Nun führte sie mich zu einem herrlichen Thronsessel, rückte mir einen Schemel unter die Füße und mengte sofort in goldener Schale wirklich ihr Weinmus. Sie konnte kaum erwarten, bis ich es ausgeleert, und ohne im mindesten an meiner Verwandlung, die auf der Stelle eintreten würde, zu zweifeln, berührte sie mich mit ihrem Stabe und sprach: ›Fort mit dir in den Schweinestall, zu deinen Freunden!‹ Ich aber riß das Schwert von der Seite und rannte wie mordbegierig auf die Zauberin ein. Nun schrie sie laut auf, warf sich zu Boden und umfaßte mein Knie, indem sie mir jammernd entgegenrief: ›Wehe mir! Wer bist du, Gewaltiger, den mein Trank nicht zu verwandeln vermag? Noch kein anderer Sterblicher hat der Stärke meines Zaubers widerstanden. Bist du vielleicht der erfindungsreiche Odysseus selbst, dessen Ankunft, wenn er von Troja zurückkehrte, mir Hermes schon lange geweissaget hat? Wenn du es bist, so stecke dein Schwert in die Scheide und laß uns Freunde werden!‹ Ich aber veränderte meine drohende Stellung nicht und antwortete: ›Wie kannst du verlangen, Kirke, daß ich mich freundlich gegen dich erweisen soll, da du meine Begleiter in deinem Hause zu Schweinen umgewandelt hast? Muß ich nicht vermuten, daß du nur darum dich so zuvorkommend gegen mich beträgst, um auch meinem Leibe irgendein Leid anzutun? Ich kann nur alsdann dein Freund werden, wenn du mir einen heiligen Eid schwörst, mir auf keinerlei Weise schaden zu wollen!‹ Die Göttin beschwur auf der Stelle, was ich verlangte, und nun war auch ich zufrieden und überließ mich sorglos der Nachtruhe.

Frühmorgens waren vier Dienerinnen, lauter schöne und edelgeborene Nymphen, damit beschäftigt, die Säle ihrer Herrin in Ordnung zu bringen. Die eine bedeckte die Thronsessel mit herrlichen purpurnen Polstern, eine zweite stellte silberne Tische vor die Sessel und setzte goldene Körbe darauf, die dritte mischte in einem silbernen Kruge den Wein und verteilte goldene Becher auf den Tischen umher; von der vierten endlich wurde frisches Quellwasser herbeigetragen, der Kessel auf den Dreifuß gesetzt und die Glut darunter geschürt, bis das Wasser kochte. Dieses mußte mir zu einem erquickenden Bade dienen, und als ich darauf gesalbt und angekleidet war, sollte ich in Kirkes Gesellschaft das Morgenmahl genießen. Aber obgleich reichliche Speisen vor mir auf meinem Tische standen, streckte ich doch nicht die Hände darnach aus, sondern saß schweigend und kummervoll meiner schönen Wirtin gegenüber. Als diese mich endlich nach der Ursache meines stummen Grames fragte, da sprach ich: ›Welcher Mann, der noch ein Gefühl für Recht und Billigkeit hat, könnte sich auch an Speise und Trank erfreuen, solange er seine Freunde im Elende weiß? Wenn du willst, daß ich mit Lust bei dir genießen soll, so laß mich meine lieben Genossen mit Augen sehen!‹

Kirke ließ sich nicht lange bitten, sie verließ das Gemach, ihren Zauberstab in der Hand. Draußen schloß sie die Türe des Kofens auf und trieb alle meine Freunde heraus, die mich, der ich inzwischen auch herbeigekommen war, in der Gestalt neunjähriger Schweine umwimmelten. Nun ging sie bei allen umher und bestrich jeden mit einem andern Safte. Auf einmal schälten sie sich aus der borstigen Hülle und wurden alle zu Männern, und zwar jünger und schöner, als sie vorher gewesen waren. Freudig eilten sie auf mich zu und reichten mir die Hände; als sie aber ihres elenden Schicksals gedachten, fingen sie alle zu weinen und zu jammern an. Die Göttin sprach darauf schmeichelnd zu mir: ›Jetzt, lieber Held, habe ich ja deinen Willen getan. Tu du nun mir auch den Gefallen und laß dein Schiff ans Ufer ziehen, birg seine Ladung in den Felsengrotten des Ufers und laß es dir dann mit deinen lieben Genossen wohl bei mir sein!‹

Ihre Schmeichelrede gewann mein Herz. Ich suchte das Schiff und die zurückgebliebenen Freunde auf, die mich schon lange für tot beklagt hatten und nun mit Freudentränen auf mich zustürzten. Als ich ihnen den Vorschlag machte, das Schiff ans Ufer zu ziehen und bei der Göttin einzukehren, zeigten sich auch sogleich alle willig, nur Eurylochos wehrte die Genossen ab und sprach zu ihnen: ›Habt ihr denn ein gar so großes Verlangen nach eurem Verderben, daß ihr in den Palast der Zauberin eingehen wollt, die uns alle in Löwen, Wölfe und Schweine verwandeln und zwingen wird, in dieser scheußlichen Gestalt ihr Haus zu hüten? Wie ist der Zyklop mit unsern Freunden umgegangen, als der Unverstand des Odysseus uns ihm in die Hände geliefert?‹ Als ich diese Schmähung hörte, empfand ich einige Lust in mir, das Schwert zu ziehen und ihm den Kopf vom Rumpfe zu schlagen, obgleich er nahe mit mir verwandt war. Die Freunde sahen die Bewegung, die ich machte, fielen mir in den Arm und brachten mich zur Besinnung.

Nun brachen wir alle auf, und Eurylochos selbst, durch meine Drohung erschreckt, weigerte sich nicht, zu folgen. Inzwischen hatte Kirke unsre Freunde gebadet, mit Öle gesalbt und herrlich bekleidet, und wir fanden sie alle ganz fröhlich beim Schmaus versammelt. Da war ein Weinen und Umarmen und Begrüßen! Die Göttin sprach allen Mut ein und tat uns so viel Liebes, daß wir von Tag zu Tag fröhlicher wurden und das ganze Jahr über bei ihr blieben. Wie aber nun das Jahr zu Ende ging, riefen mich meine Begleiter und ermahnten mich, endlich der Heimkehr eingedenk zu sein. Sie bewegten mir auch mit ihrer Rede das Herz, und noch an demselben Abend umfaßte ich Kirkes Knie und flehte sie an, Wort zu halten und mich, wie sie mir anfangs gelobt hatte, zur Heimat zu entsenden. Die Zauberin antwortete: ›Du hast recht, Odysseus; es geziemt mir nicht, dich länger mit Zwang bei mir zu halten; aber bevor du heimkommst, müßt ihr doch noch einen Umweg machen. Ihr müßt das Reich des Hades und der Persephone, das Schattenreich besuchen und die Seele des blinden Greisen, des thebanischen Propheten Tiresias, um die Zukunft befragen; denn diesem ist auch im Tode noch sein voller Geist und die Sehergabe durch Persephones Gunst verblieben; die Seelen der andern Toten sind alle nur wandelnden Schatten gleich.‹

Als ich diesen Beschluß vernahm, fing ich zu weinen und zu jammern an; mir graute vor der Behausung der Toten, und ich fragte, wer mich denn geleiten sollte, denn eine Schiffahrt in die Unterwelt hat noch kein Sterblicher bei Leibes Leben unternommen. ›Laß dich die Sorge um das Geleite deines Schiffes nicht bekümmern‹, antwortete die Göttin; ›richte nur getrost den Mast in die Höhe und spanne die Segel aus! Der Nordwind wird euch schon hintreiben; bist du einmal am Gestade des Okeanos, des Stromes, der die Erde umgürtet, landest du an einem niedrigen Ufer, wo du Erlen, Pappeln und Weidenbäume beisammen erblickst. Dies ist der Hain Persephones; dort ist auch der Eingang in die Unterwelt. Hier, in einem Tale bei einem Felsen, wo die schwarzen Ströme Pyriphlegethon und Kokytos, der letztere ein Arm des Styx, sich in den Acheron oder die Unterwelt stürzen, wirst du eine Kluft finden, durch welche der Weg in das Schattenreich geht. Da gräbst du eine Grube und bringst den abgeschiedenen Seelen ein Totenopfer von Honig, Milch, Wein, Wasser und Mehl dar, gelobst ihnen auch ein Schlachtopfer, wenn du nach Ithaka heimkommst, und außerdem dem Tiresias einen schwarzen Widder; dann opferst du noch zwei schwarze Schafe, ein männliches und ein weibliches, und blickst dem vereinigten Strome durch die Kluft in die Tiefe nach, während deine Genossen die Tiere den Göttern verbrennen und zu ihnen beten. Da werden dir die Seelen der Toten erscheinen, und die Luftgebilde werden herauf ans Licht zu dringen begehren und von dem Blute der Totenopfer kosten wollen. Du aber wehrest sie mit dem Schwerte ab und erlaubst ihnen nicht, näher zu gehen, bis du den Tiresias befragt hast. Denn dieser wird bald herannahen und dir auch über deine Heimfahrt Aufschluß geben.‹

Diese Rede tröstete mich einigermaßen. Am andern Morgen versammelte ich meine Freunde und wollte sie zum Aufbruch mahnen. Nun hatte sich einer von ihnen, mit Namen Elpenor, der jüngste von allen, aber weder besonders mutig noch sehr verständig, vom süßen Weine Kirkes trunken, von den Freunden entfernt und, um kühlere Luft zu atmen, auf dem platten Dache des Palastes gelagert. Dort war er am vorigen Abend eingeschlummert und hatte die Nacht über in ungestörtem Schlafe gelegen. Als er nun durch das Gewühl der sich erhebenden und zur Versammlung eilenden Freunde plötzlich aufgeweckt wurde, fuhr er empor und vergaß in der Betäubung, wo er war; anstatt sich zur Treppe zu wenden, taumelte er über das Dach hinaus und fiel den hohen Palast herunter, so daß ihm das Genick zerbrach und sein Geist auf der Stelle zum Hades fuhr.

Ich aber sammelte meine Begleiter um mich her und sprach: ›Ihr meinet nun wohl, teure Freunde, nun gehe es geraden Weges ins liebe Vaterland? Aber ach, dem ist leider nicht so; die Göttin Kirke hat uns eine ganz andere Fahrt vorgeschrieben. Wir sollen hinunter in das schreckliche Reich des Hades und dort die Seele des thebanischen Sehers Tiresias wegen unserer Heimfahrt befragen!‹ Als meine Genossen dieses hörten, da brach ihnen fast das Herz vor Kummer; sie jammerten laut und rauften sich die Haare aus. Aber ihre Klage half ihnen nichts. Ich befahl ihnen, aufzubrechen und mit mir zum Schiffe zu wandeln. Kirke war uns vorausgeeilt; sie hatte die zwei Opferschafe uns ins Schiff bringen und dort anbinden lassen, auch uns mit Honig, Wein und Mehl für das Opfer reichlich versorgt. Als wir ankamen, schlüpfte sie mit einem stummen Abschiedsgruße leicht an uns vorüber. Wir aber zogen das Schiff ins Meer, richteten den Mast und die Segel und setzten uns betrübt auf die Ruderbänke. Ein günstiger Fahrwind, den uns Kirke schickte, blies in die Segel, und bald waren wir wieder auf der hohen See.«

Nisus und Euryalus



Nisus und Euryalus

Unter dem trojanischen Heere befanden sich zwei kühne Jünglinge: Nisus und Euryalus. Nisus, ein Sohn des Hyrtakus, einer der besten Speerwerfer und Pfeilschützen, hatte sich aus dem Idagebirge an die auswandernden Helden angeschlossen. Euryalus war der schönste unter allen teukrischen Knaben, und der erste Flaum der Jugend sproßte ihm um die Wangen. Beide waren durch die innigste Freundschaft verbunden, stürzten sich immer zusammen in die Schlacht und hüteten auch jetzt eines der Tore, nebeneinander Wache haltend. »Ich möchte doch wissen«, fing da zuerst Nisus an, »ob die Götter uns diese Tatenlust in der Seele aufwecken oder ob seine blinde Begier einem jeden der Gott ist! Mir ist diese träge Ruhe lästig, und schon lange treibt mich der Geist, etwas Rechtes zu unternehmen. Sieh, wie sich die Rutuler ihrem blinden Vertrauen hingeben! Nur hier und da glänzt um die Mauern ein Feuer; fast alle liegen von Wein und Schlafe begraben da, und das tiefste Schweigen herrscht ringsum. So vernimm denn, Freund, welcher Gedanke in mir aufgestiegen ist: Alle unter uns, Volk und Väter, verlangen, daß Äneas herbeigerufen werde und daß man ihm zu dem Ende sichere Boten zuschicke, die uns Kunde von ihm zurückbringen. Wenn man nun dir, dem Zurückbleibenden, verspräche, was ich für dich fordern will – denn mir genügt an der Ehre –: was meinst du? Ich könnte am Fuße des Hügels dort den Weg nach dem Tuskerlande und dem Berge von Pallanteum wohl finden.«

Euryalus wurde von Staunen bei dem Vorschlage seines Freundes ergriffen; denn auch ihn beseelte jugendliche Ruhmbegierde. »Also wolltest du«, sprach er zu seinem feurigen Genossen, »mich, den unbärtigen Knaben, als Teilnehmer an der herrlichen Tat verschmähen? Wie könnte ich dich allein in eine solche Gefahr hinauslassen! Nein, so hat mich mein Vater Opheltes nicht erzogen, und auch du hast mich bisher nicht so kennengelernt! Auch ich achte das Leben gering und erkaufe willig mit ihm den Ruhm!« »Nie habe ich so etwas von dir befürchtet«, erwiderte Nisus; »aber wenn mich irgendein Unfall oder ein Gott, wie es bei solchen Entschlüssen wohl zu gehen pflegt, ins Verderben risse, so wünschte ich, daß du mich überlebest. Deine Jugend ist des Lebens werter als ich. Auch hätte ich gern einen, der meinen Leichnam, aus der Schlacht gerettet oder mit Lösegeld erkauft, in den Boden verscharrt oder, wenn dies Glück mir nicht beschieden wäre, wenigstens dem Abwesenden ein Totenopfer brächte und einen Denkstein errichtete. Wie könnt ich auch deiner armen Mutter, die allein von so vielen Müttern es verschmäht hat, in Sizilien zurückzubleiben, und dir auf die weite Wanderung gefolgt ist, so bitteren Schmerz bereiten?« Aber Euryalus erwiderte: »Du hältst mir umsonst nichtige Beweggründe vor; mein Vorsatz ist unerschütterlich; laß uns eilen.« So sprach er und weckte sogleich die nächsten Wachtposten, die zur Ablösung bestimmt waren. Nachdem sie diesen das Wächteramt übertragen hatten, eilten sie beide vor den Hohen Rat der Trojaner. Denn die Fürsten des Heeres berieten sich bis tief in die Nacht hinein über die wichtigsten Angelegenheiten der neuen Pflanzung. Während sie nun mitten im Lager, an die Speere gelehnt und auf die Schilde gestützt, im Kreise standen und Rat darüber pflogen, was zu beginnen sei und wer dem Äneas die Nachricht zu bringen hätte, da baten Nisus und Euryalus herbeigeeilt um augenblicklichen Zutritt in die Versammlung. Askanius, der an seines Vaters Stelle, so jung er war, im Rate saß, hieß die Ungeduldigen eintreten und Nisus als den Älteren zuerst reden. »Höret uns günstig an«, sprach dieser zu den Helden, »und messet, was wir euch vorschlagen, nicht nach den Jahren ab. Wir haben die Gegend ausgekundschaftet. Dort, am Scheidewege des Tores, das wir bewachen, in der Nähe des Meeres, finden sich Lücken in den Wachtfeuern der Feinde: dort ist Raum, um sich durchzuschleichen. Wenn ihr uns erlaubet, das Glück zu benützen, so wollen wir als Boten zu Äneas gehen, und ihr sollt uns bald mit Begleitern und mit Beute zurückkehren sehen.«

Mit Bewunderung vernahmen die Helden den Entschluß der Jünglinge. »Nun, ihr Götter«, rief Aletes, der Ergrauteste unter ihnen, aus, »ihr seid noch nicht gesonnen, die Trojaner zu vertilgen, da ihr uns so entschlossene Jünglingsherzen erwecket!« So sprach er und legte seine Hände auf beider Schultern. Dann rief der zarte Jüngling Askanius: »Guter Nisus, lieber Euryalus, in euren Schoß lege ich mein Glück und meine Hoffnung; lasset mich meinen Vater wieder schauen! Wenn er zurück ist, ängstigt mich nichts mehr. Zwei silberne Becher, zwei köstliche Dreifüße, zwei Talente Goldes, den schönen alten Krug, den Dido meinem Vater geschenkt hat: das alles sollt ihr jetzt schon haben, und wenn wir siegen, noch viel mehr. Hast du das herrliche Roß gesehen, Nisus, das Turnus reitet, und seine goldene Rüstung? Sie seien dein! Zwölf Gefangene wird euch mein Vater verleihen, Männer mit vollen Waffenrüstungen, und Frauen, und vom Felde des Latinus herrliche Güter. Du aber«, so sprach er, zu Euryalus gewendet, »verehrter Jüngling, dessen Jugend meine Jahre nachstreben, dich begrüße ich schon jetzt von ganzem Herzen als Kampfgenossen und unzertrennlichen Freund.« Darauf nahm Euryalus das Wort: »Es soll kein Tag kommen«, sprach er, »an dem ich mich meines tapfern Entschlusses unwürdig zeige. Aber vor allen Geschenken bitte ich dich um eines, Julus. Meine Mutter, vom alten Königsgeschlechte des Priamus stammend wie du, hat sich nicht abhalten lassen, mit mir auszuwandern, und ich verlasse sie ohne Abschied, denn ich könnte ihren Tränen nicht widerstehen. Nimm du dich der Verlassenen an; tröste sie in der Not, wenn das Schicksal mich nicht zurückkehren läßt!« In der Seele des Askanius erwachte bei diesen Worten die Liebe zum Vater noch heftiger; er fing laut zu weinen an und versprach ihm unter Tränen alles. Auch die Helden ergriff diese Rührung; Mnestheus zog sich die Löwenhaut von der Schulter und warf sie dem Nisus um; Aletes tauschte mit ihm den Helm, und Euryalus empfing aus der Hand des Julus dessen eigenes Schwert mit goldenem Griff, die Scheide von Elfenbein.

So gewaffnet, wurden sie von allen Edeln, Jünglingen und Greisen bis ans Tor begleitet. Bald waren sie über die Gräben hinaus und kamen im Dunkel der Nacht an die schlummernden Posten der Rutuler. Diese lagen voll Trunks und Schlafes zerstreut auf dem Rasen, zwischen Wagenrädern, Riemen und umherliegenden Waffen. »Die Gelegenheit ruft«, sprach Nisus leise zu seinem jungen Freund; »halte du mir den Rücken frei; ich will dir aufräumen und uns eine Gasse machen.« Während er so mit gedämpfter Stimme redete, hieb er den ersten Wächter, den Vogelschauer des Königs Turnus, Rhamnes, der aus voller Kehle schnarchend dalag, samt drei sorglosen Knechten nieder; dann den Waffenträger des Remus, den er mitten unter seinen Rossen überraschte und ihm den gesenkten Hals abhieb, und dann den Herrn selbst. Auch Euryalus war nicht müßig; beide tobten wie Löwen in den Hürden und richteten ein furchtbares Gemetzel unter den Wächtern an. Ja, Euryalus drang schon bis zu den Wachtfeuern des Rutulerfeldherrn Messapus vor, die im Verglimmen waren und dessen angebundene Wagenrosse gemächlich das Gras abweideten. Aber Nisus rief ihn zurück. »Siehst du nicht«, sprach er warnend, »daß das Morgenlicht schon anzubrechen droht? Rache ist ja geübt und Bahn gebrochen.« So ließen sie auch alle Beute liegen, und Euryalus nahm nur den Pferdeschmuck des Rhamnes mit und schlang sich seinen Schwertgurt um die Schulter; auch setzte er sich freudig den bebuschten Helm des Messapus aufs Haupt, den er bei den vordersten Wachtfeuern aufgelesen und der ihm gerade paßte. Darauf verließen sie das feindliche Lager und gewannen das Freie.

Aber um dieselbe Zeit zogen aus der Latinerstadt dreihundert Reiter mit Schilden unter ihrem Führer Volscens, welche dem Fürsten Turnus Botschaft vom Könige zu bringen hatten, dieser Straße. Sie waren schon ganz nahe am Lagerwall, als sie von ferne die beiden eilenden Gestalten bemerkten und im dämmernden Frührote den unbesorgten Euryalus der erbeutete Helm mit seinem tückischen Schimmer verriet. »Halt! Ihr seid in Waffen!« schrie Volscens bei diesem Anblicke, »wo eilet ihr hin?« Jene antworteten nicht, sondern flüchteten sich in den Wald und vertrauten auf die Dämmerung. Aber die Reiter, der Nebenwege kundig, warfen sich in das Gehölz und versperrten alle Ausgänge mit Wachen. Der Wald war mit dichten Eichen und wilden Gesträuchen bewachsen, und kaum sichtbar schimmerte der Fußpfad durch das Dickicht. Den Euryalus hemmte die Beute, und die Furcht täuschte ihn über die Richtung des Weges. Nisus aber entkam glücklich aus dem Wald und eilte schon sorglos auf den See zu, der später den Namen Albanersee erhielt. Jetzt erst stand er stille und sah sich vergebens nach dem fehlenden Freunde um. »Euryalus«, rief er wehklagend, »wo bist du, Armer, wo find ich dich?« Und nun warf er sich aufs neue in den verworrenen Wald. Dort vernahm er bald Rossegestampf, Lärm und die Trompeten der Nachhut; und es währte nicht lange, so ward er das ganze Reitergeschwader ansichtig, das den übermannten Euryalus mit sich fortschleppte. Was sollte er tun? Welche Hoffnung war, den armen Jüngling zu befreien? Sollte er sie aufgeben und sich den Tod in den starrenden Schwertern suchen? Er hielt inne, dann drehte er mit zurückgebogenem Arme plötzlich den Speer empor, und zum Mond aufblickend, der blaß am morgendlichen Himmel stand, betete er: »Luna, Beschützerin der Wälder, Latonas Tochter, wenn dir je mein Vater für mich geopfert, wenn ich selbst je dir meine Jagdbeute geweiht, lenke meinen Speer und laß diese Rotte mich zerstreuen!« So sprach er und schleuderte mit Leibeskraft seine Lanze. Diese drang dem abgekehrten Rutuler Sulmo in den Rücken und zur Brust heraus, daß er sich zuckend auf dem Boden wälzte. Erschrocken schauten sich die Reiter in der Runde um. Da flog das zweite Geschoß des Nisus und durchbohrte einem andern Rutuler, dem Tagus, knirschend beide Schläfen. Volscens, der Anführer der Reiter, geriet in Wut, denn nirgends erblickte er den Speerschwinger; grimmig rief er: »So bezahle denn du mir mit deinem Blute für beide!«und ging mit entblößtem Schwerte auf den Euryalus los. Vor Entsetzen schreiend, brach Nisus jetzt aus seinem Verstecke hervor. »Ich bin der Täter«, rief er, »auf mich nur richtet eure Schwerter; der ganze Betrug rührt von mir her! Ich schwör es euch, dieser ist unschuldig; nur Liebe zum unglücklichen Freund war sein Vergehen!« Sein Rufen kam zu spät; Volscens hatte dem Knaben schon das Schwert durch die Brust gestoßen, dieser wälzte sich im Tode, die schönen Glieder überströmte das Blut, und sein Hals neigte sich auf die Schultern, wie eine purpurne Blume, vom Pfluge durchschnitten, dahinsinkt, wie ein blühender Mohnstengel sein vom Regen belastetes Haupt zur Erde neigt. Da warf sich Nisus in den Feind, stieß den Andrang der Reiter rechts und links zurück, ging gerade auf den Führer Volscens los und bohrte sein blitzendes Schwert in des schreienden Feindes Mund, daß er sterbend vom Rosse fiel. Dann warf er sich über den Leib seines getöteten Freundes und ruhte, ganz von den Geschossen der Reiter durchbohrt, über dem Leichnam im Frieden des Todes.

Die Reiterschar zog den erschlagenen Feinden die Rüstung ab, trug ihre Leichname mit dem ihres Anführers Volscens in das Lager des Turnus, und bald mußten die Trojaner von den Türmen ihres Lagers herab mit Grausen die von schwarzem Blute noch triefenden gespießten Köpfe der beiden Jünglinge schauen, die sie mit so zuversichtlichen Hoffnungen entlassen hatten. Die Kunde des Unglücks verschonte auch die Mutter des Euryalus nicht. Sie wurde von ihr am Webestuhl über der Tagesarbeit getroffen. Da entrollte das Schifflein ihren Händen, sie zerraufte sich das Haar, sie rannte nach dem Walle in die vordersten Reihen der Streiter, keine Gefahr achtend, und brach in ein Klagegeheul aus, daß es die festesten Krieger erschütterte. Unter vielen Tränen befahl endlich Julus und mit ihm der weise Ilioneus zwei alten Helden, sie aus den Reihen der Männer hinwegzuziehen und unter ihren Armen in die Wohnung zu geleiten.

Odysseus abermals verhöhnt



Odysseus abermals verhöhnt

Die Freier vergnügten sich jetzt, bis der Abend hereinbrach, im Reihentanze und schwärmten ganz ausgelassen. Als es dunkel wurde, stellten die Mägde drei Feuerlampen zur Beleuchtung im Saale umher und legten getrocknete Scheiter, mit Kienspänen gemischt, hinein. Während sie nun in die Wette die Glut anfachten, gesellte sich Odysseus zu ihnen und sagte: »Ihr Mägde des Odysseus, des allzulange abwesenden Herrn, höret, euch ziemte besser, droben bei eurer ehrwürdigen Fürstin zu sitzen, die Spindel zu drehen und Wolle zu kämmen. Für das Feuer im Saale lasset mich sorgen! Und blieben die Freier bis zum hellen Morgen da, ich will nicht müde werden; ich bin ans Dulden gewöhnt!«

Die Mägde sahen einander an und schlugen ein Gelächter auf. Endlich sprach eine junge, schöne Dienerin, Melantho, welche von Penelope wie ein Kind aufgezogen worden, die aber jetzt mit dem Freier Eurymachos in schändlichem Einverständnisse lebte, die frechen Schmähworte: »Du elender Bettler, du bist ein rechter Narr, daß du nicht in eine Schmiedeesse oder andere Herberge schlafen gehest und hier, wo soviel edlere Männer sind als du, uns Gesetze vorschreiben willst. Sprichst du im Rausche, oder bis du beständig ein solcher Tor? Oder schwindelt dir, weil du den Iros besiegt hast? Nimm dich in acht, daß nicht ein Besserer sich erhebt, dir rechts und links mit derber Hand das Haupt zerschlägt und dich vom Blute triefend aus dem Palaste verstößt!«»Hündin«, antwortete Odysseus finster,»ich gehe, deine frechen Worte dem Telemach zu melden, daß er dich in Stücke zerhaue!« Die Mägde meinten, er habe im Ernste geredet, und sein Wort scheuchte sie auseinander, daß sie mit bebenden Knien aus dem Saale flohen. Nun stellte sich Odysseus selbst an die Feuerschalen, fachte die Flamme an und hing seinen Rachegedanken nach. Athene aber spornte das Herz der üppigen Freier zum kränkenden Spott, und Eurymachos sagte zu seinen Gesellen, daß ein lautes Gelächter entstand: »Der Mann ist wahrhaftig als eine lebendige Leuchte von einem Gott in diesen Saal geschickt worden: schimmert nicht sein Kahlkopf, auf dem auch kein einziges Härchen mehr zu erblicken ist, gerade wie eine Fackel?« Und zu Odysseus gewendet, sprach er: »Hör, Bursche, hättest du nicht Lust, dich mir zum Knechte zu verdingen, mir auf meinen Gütern die Dornen einzusammeln und Bäume zu pflanzen? An Kost und Nahrung sollte dir’s nicht gebrechen. Aber ich merke wohl, du bettelst lieber und füllst dir deinen Bauch mit Almosen, was keinen Schweiß kostet.« »Eurymachos«, antwortete Odysseus mit fester Stimme, »ich wollte, es wäre Frühling und wir mähten miteinander in die Wette Gras auf der Wiese; du hieltest die Sense und ich hielte sie und beide müßten wir nüchtern bis spät in die Nacht arbeiten: es sollte sich zeigen, wer es länger aushielte! Oder ich wollte, wir ständen beide an der Pflugschar: du solltest sehen, wie ich die Furche in einem Zuge durchschnitte! Oder es wäre Krieg und ich trüge Schild und Helm, dazu zwei Lanzen; du solltest sehen, ob ich nicht in den vordersten Reihen kämpfte, und gewiß, es fiele dir nicht ein, mich höhnend an meinen Magen zu erinnern! Trotziger Mensch, du dünkest dich groß und gewaltig zu sein, weil du dich nur erst mit wenigen und dazu nicht mit den Edelsten gemessen hast; aber wenn einmal Odysseus in die Heimat zurückkäme, da möchten dir bald diese Hallen, so weit sie der Werkmeister gebaut hat, zu eng werden für die Flucht!«

Jetzt wurde Eurymachos erst recht grimmig. »Elender«, schrie er, »empfang auf der Stelle den Lohn für deine trunkenen Reden!« Mit diesem Zuruf schleuderte er einen Fußschemel nach Odysseus, dieser aber warf sich zu den Knien des Amphinomos nieder, daß der Schemel über ihm hin und dem Mundschenken an die rechte Hand fuhr, so daß diesem die Weinkanne mit hellem Klang auf den Boden rollte, er selbst aber mit einem Schrei rückwärts zu Boden fiel.

Die Freier lärmten indessen fort und fluchten dem Fremdlinge, daß er eine solche Störung in ihre Freuden bringe, bis Telemach höflich, aber bestimmt seine Gäste einlud, sich zur Nachtruhe zu begeben. Da erhub sich Amphinomos in der Versammlung und sprach: »Ihr habt billige Worte vernommen, meine Freunde, widersetzet euch ihnen nicht; auch den Fremdling soll niemand hinfort, weder ihr noch ein Diener im Palaste, mit Wort oder Werken kränken! Füllet die Becher noch einmal zur Opferspende, und dann laßt uns nach Hause wandeln. Der Fremdling aber bleibe hier unter dem Schutze des Telemach, an dessen Herd er sich geflüchtet hat.« Es geschah, wie Amphinomos geraten hatte, und bald verließen die Freier den Saal.

Odysseus als Bettler im Saal



Odysseus als Bettler im Saal

Im Innern des Hauses wurde Telemach zuerst den Sauhirten gewahr und rief ihn heran. Eumaios schaute sich vorsichtig um, ergriff den leeren Stuhl, auf welchem der Fleischzerleger vor dem Mahle zu sitzen pflegte, und setzte sich auf einen Wink an den Tisch seines Herrn, diesem gegenüber, wo ihm sofort der Herold Fleisch und Brot reichte. Bald nach ihm wankte auch Odysseus der Bettler am Stabe herein und setzte sich innerhalb der Pforte auf die Schwelle von Eschenholz nieder, an den einen der schön geschnitzten Türpfosten aus Zypressenholz gelehnt. Sobald Telemach ihn erblickte, langte er aus dem vor ihm stehenden Korb ein ganzes Brot, nahm dazu eine Handvoll Fleisch und gab beides dem Sauhirten mit den Worten: »Hier, mein Freund, reiche diese Gaben dem Fremdling, und sag ihm, er soll sich der Scham entschlagen und bei den Freiern herumbetteln!« Odysseus empfing die Gabe segnend mit beiden Händen, legte sie sich vor die Füße auf seinen Ranzen und fing an zu essen. Das ganze Mahl über hatte der Sänger Phemios die Gäste mit seinem Lied ergötzt; jetzt schwieg er, und man hörte nur noch den wilden Lärm der Schmausenden durch den Saal. In diesem Augenblicke näherte sich die Göttin Athene unsichtbar dem Odysseus und trieb ihn an, Brocken von den Freiern einzusammeln, um die billiger denkenden von den rohen unterscheiden zu lernen. Aber dennoch war ihnen allen miteinander das Verderben von der Göttin zugedacht: es sollte nur einer milderen Todes sterben als der andere. Odysseus befolgte das Geheiß der Göttin, er ging flehend von Mann zu Mann und streckte seine Hand hin, so geläufig, als wäre er seit lange den Bettel gewohnt. Manche zeigten sich mitleidig und gaben ihm, und es entstand ein Fragen unter den Freiern, woher der Mann wohl kommen möge. Da sagte zu ihnen der Ziegenhirt Melanthios: »Ich habe den Burschen zuvor schon gesehen, der Sauhirt hat ihn hereingebracht.« Diesen fuhr jetzt der Freier Antinoos zornig an: »Du berüchtigter Sauhirt, sag uns, warum hast du diesen Menschen in die Stadt geführt? Haben wir nicht Landstreicher genug, daß du uns auch noch diesen Fresser in den Saal schleppst?« »Harter Mann«, antwortete Eumaios gelassen, »den Seher, den Arzt, den Baumeister, den Sänger, der uns durch seine Lieder erfreut, sie alle beruft man wetteifernd in die Paläste der Großen; den Bettler hat niemand berufen: er kommt von selber; aber man stößt ihn auch nicht hinaus! Und das soll auch diesem nicht geschehen, solange Penelope und Telemach dies Haus bewohnen.« Aber Telemach hieß ihn schweigen und sagte: »Bemühe dich mit keiner Antwort, Eumaios; du kennst ja die böse Gewohnheit dieses Mannes, andere zu beleidigen. Dir aber, Antinoos, sage ich: Du bist nicht mein Vormund, daß du mir gebieten dürftest, diesen Fremdling aus dem Hause zu treiben. Gib ihm vielmehr und schone meines Gutes nicht! Aber freilich, du willst lieber selbst verzehren als andern geben!« »Siehe da, wie der trotzige Knabe mich schmäht!« rief Antinoos dagegen; »wollte jeder Freier diesem Bettler eine Gabe reichen, er brauchte drei Monate lang das Haus nicht wieder zu betreten!« Damit ergriff er seinen Fußschemel, und als Odysseus auf seinem Rückwege zu der Schwelle eben an ihm vorüberging und auch ihn noch um eine Gabe anflehte, wobei er von langen Bettlerfahrten durch Ägypten und Zypern ihm vorjammerte, rief dieser unwillig: »Welch ein Dämon hat uns diesen zudringlichen Schmarotzer gesandt! Weiche von meinem Tisch, daß ich dir dein Ägypten und Zypern nicht gesegne!« Und als Odysseus murrend sich zurückzog, warf ihm Antinoos den Fußschemel nach, daß dieser ihm rechts auf die Schulter flog, dicht ans Halsgelenk. Odysseus stand unverrückt wie ein Fels und schüttelte schweigend sein Haupt, voll von Entwürfen. Dann kehrte er zur Schwelle zurück, legte den mit Gaben gefüllten Ranzen zu Boden und klagte niedersitzend den Freiern die Kränkung, die ihm Antinoos angetan. Dieser aber rief dem Bettler zu: »Schweige und friß, du Fremdling, oder packe dich, sonst zieht man dich an Hand und Fuß über die Schwelle, daß dir die Glieder bluten!«

Diese Roheit empörte selbst die Freier; einer aus ihnen erhub sich und sprach: »Antinoos, du hast nicht wohl daran getan, den Unglücklichen zu werfen. Wie nun, wenn es ein Himmelsbote wäre, der Menschengestalt angenommen? Denn solches geschieht ja manchmal!« Aber Antinoos achtete nicht auf diese Warnung. Telemach selbst sah schweigend die Mißhandlung seines Vaters und drängte seinen Ingrimm in den Busen zurück.

In ihrem Frauengemache konnte Penelope durch die offenen Fenster alles vernehmen, was im Saale geschah. So hörte sie auch, wie es dem Bettler dort erging, und empfand Mitleiden mit ihm. Sie ließ in der Stille den Sauhirten zu sich hereinrufen und befahl ihm, jenen kommen zu heißen. »Vielleicht«, setzte sie hinzu, »weiß er mir etwas von meinem Gemahl zu berichten oder hat ihn gar selbst gesehen, denn er scheint weit in der Welt umhergewandert zu sein.« »Ja«, antwortete Eumaios, »wenn die Freier schweigen und hören möchten, er könnte vieles erzählen. Drei Tage schon beherberge ich ihn, und seine Berichte entzückten mein Herz, als wären sie das Lied eines Sängers. Er ist von Kreta und mit deinem Gemahl, wie er behauptet, durch väterliches Gastrecht verbunden. Und so will er denn auch wissen, daß Odysseus gegenwärtig im Lande der Thesproter lebe und nächstens mit vielem Gute heimkehren werde.« »Geh«, sagte Penelope bewegt, »rufe den Fremdling herbei, daß er mir erzähle! Diese üppigen Freier! Es fehlt uns nur ein Mann, wie Odysseus war; käme dieser, so würden er und Telemach den Trotzigen bald vergelten!« Als sie so sprach, nieste eben Telemach im Saale so laut, daß das Gewölbe widerhallte. Penelope mußte lächeln und sprach zum Sauhirten: »Hörst du, wie mein Sohn mir zuniest, ist das nicht eine gute Vorbedeutung? Rufe mir geschwind den Fremdling herbei!«

Eumaios meldete dem Bettler den Befehl Penelopes, dieser aber erwiderte: »Wie gerne möchte ich der Königin erzählen, was ich von Odysseus weiß; und ich weiß viel von ihm; aber das Betragen der Freier flößt mir Besorgnis ein. Eben jetzt, wo ich durch den Wurf des bösen Mannes dort so schwer gekränkt worden bin, hat sich weder Telemach noch ein anderer meiner angenommen. Darum soll Penelope für jetzt ihr Verlangen bewältigen, bis die Sonne untergegangen ist, dann soll sie mich an ihren Herd sitzen lassen, denn mich friert in meinen Lumpen: so will ich ihr alles mögliche erzählen.« So begierig Penelope auf den Fremdling war, so konnte sie seinen Gründen doch nicht unrecht geben und beschloß, sich zu gedulden.

Eumaios kehrte unter das Gewühl der Freier zurück und flüsterte seinem jungen Herrn ins Ohr: »Ich will mich jetzt wieder nach meinem Gehege aufmachen, Herr; sorge du hier für das Nötige, zumal aber für dich selbst, und sei vor jeder Gefahr auf der Hut, welche von seiten der arglistigen Freier dich bedrohen könnte.« Auf die Bitte Telemachs verweilte jedoch der Sauhirt noch bei Tische, bis es Abend geworden war; dann brach er auf und versprach, am frühen Morgen mit auserlesenen Schweinen wiederzukommen.

Odysseus bei dem Sauhirten



Odysseus bei dem Sauhirten

In dieser Gestalt wandelte der ganz unkenntlich gemachte Held über die Höhen des Waldgebirges hin nach der Stelle, die ihm seine Beschützerin bezeichnet hatte und wo er wirklich den treuesten seiner Knechte, den Sauhirten Eumaios, antraf. Er fand diesen auf der Hochebene des Gebirges, wo er seiner Herde ringsum aus schweren Steinen, die er selbst herbeigeschleppt, ein Gehege gepflanzt hatte. Innerhalb desselben standen, einer an dem andern, zwölf Kofen, in deren jedem fünfzig Mutterschweine zur Zucht eingesperrt lagen; die männlichen, in weit geringerer Anzahl, ruhten außerhalb der Ställe. Von diesen nämlich ließen die Freier Tag für Tag dem Sauhirten einen gemästeten Eber zu ihren Schmäusen abfordern, und es waren ihrer nur noch dreihundertsechzig. Die Herde bewachten vier Hunde, die so wild aussahen wie reißende Wölfe.

Der Sauhirt war gerade damit beschäftigt, sich schönes Stierleder zu Sohlen zu schneiden, seine Knechte hatten sich alle zerstreut; drei waren mit den ausgetriebenen Schweinen auf der Weide; ein vierter war nach der Stadt geschickt worden, um den übermütigen Freiern das verlangte Mastschwein zu bringen.

Die Hunde wurden den herannahenden Odysseus zuerst gewahr und stürzten bellend auf ihn los; dieser legte den Stab aus der Hand und setzte sich. Gewiß hätte er nun in seinem eigenen Gehöfte die Schmach erfahren müssen, von seinen Hunden angefallen zu werden, wenn der Sauhirt nicht aus der Türe seiner Hütte hervorgeeilt wäre und, das Sohlenleder aus den Händen lassend, den Tieren Einhalt getan und sie mit Steinen auseinandergescheucht hätte. Dann wandte er sich zu seinem Herrn, den er für einen Bettler hielt, und sprach: »Wahrhaftig, es hätte wenig gefehlt, o Greis, so hätten dich die Hunde zerfleischt, und du hättest mir zu der Trübsal, die ich schon habe, noch weitern Kummer bereitet! Ist es doch genug, daß ich hilflos um meinen armen, fernen Herrn jammern muß. Hier sitze ich und mäste seine fetten Schweine für andere Leute zum Schmaus, während er selbst vielleicht im Elende nicht einmal ein Stückchen trockenes Brot zu verzehren hat und in der Fremde herumirrt, wenn er anders das Tageslicht noch sieht! Komm in die Hütte, armer Mann, und laß dich mit Wein und Speise erquicken, und wenn du satt bist, sage mir, von wannen du bist und was für Gram du erduldet hast, daß du so gar jämmerlich aussiehst!«

Beide betraten die Hütte, der Sauhirt streute dem Ankömmling Laub und Reisig auf den Boden, breitete seine eigene Lagerdecke, ein großes, zottiges Gemsfell, darüber und hieß ihn sich niederlassen. Als Odysseus dankbar seine Freude über einen so gütigen Empfang aussprach, antwortet ihm Eumaios: »Sieh, Alter, man soll keinen Gast verschmähen, auch den geringsten nicht. Meine Gabe ist freilich nur klein. Wäre mein guter Herr zu Hause geblieben, so hätte ich es wohl noch besser; Haus, Gut und Weib hätte er mir gegeben, und ich könnte Fremdlinge anders bewirten! Nun aber ist er zugrunde gegangen. Möchte doch Helenas Stamm im Unheil vergehen, die so viele Tapfere ins Verderben gestürzt!«

So sprach der Sauhirt, umschlang sich seinen Leibrock mit dem Gürtel und ging hin zu den Kofen, wo ihm die Ferkel scharenweise lagen. Von denen nahm er zwei, schlachtete sie zur Bewirtung seines Gastes, zerschnitt das Fleisch, steckte es an Spieße, bestreute es mit weißem Mehl und legte das Gebratene frisch an den Spießen dem Gaste vor. In eine hölzerne Kanne goß er aus dem Kruge süßen alten Wein, setzte sich dem Fremdling gegenüber und sagte: »Iß nun, fremder Mann, so gut wir es haben! Es ist eben Ferkelfleisch, denn die Mastschweine essen mir die Freier weg, diese gewalttätigen Menschen, die weniger Götterfurcht im Herzen haben als die frechsten Seeräuber! Wahrscheinlich haben sie von dem Tode meines Herrn Kunde, daß sie um seine Gattin gar nicht werben wie andere Leute, sondern, niemals zu den Ihrigen heimkehrend, in aller Ruhe fremdes Gut verprassen. Tag und Nacht schlachten sie nicht ein- und zwei-, nein mehreremal und leeren dazu ein Weinfaß ums andere. Ach, mein Herr war so reich wie zwanzig andere zusammen! Zwölf Rinderherden, ebenso viele Schaf-, Schweine- und Ziegenherden besitzt er auf dem Lande, die ihm teils Hirten, teils Mietlinge versehen. In dieser Gegend allein sind eilf Ziegenherden, welche wackre Männer hüten: sie müssen den Freiern alle Tage den auserlesensten Geißbock abliefern. Ich bin sein Oberhirte über die Schweine, auch ich muß Tag für Tag den besten Eber auswählen und den unersättlichen Schwelgern zusenden!«

Während der Hirt so sprach, verschlang Odysseus, wie einer, der nicht denkt, was er tut, hastig das Fleisch und trank den Wein in raschen Zügen, ohne ein Wort zu sprechen. Sein Geist war ganz mit der Rache beschäftigt, die er an den Freiern zu nehmen vorhatte. Als er satt gegessen und getrunken und der Hirt ihm den Becher noch einmal vollgefüllt, trank er ihm freundlich zu und sprach: »Bezeichne mir doch deinen Herrn näher, lieber Freund! Es wäre gar nicht unmöglich, daß ich ihn kennte und ihm irgendwo einmal begegnet hätte; denn ich bin gar weit in der Fremde herumgekommen.« Aber der Sauhirt antwortete ihm ganz ungläubig: »Meinst du, wir werden einem umherirrenden Manne, der uns von unserm Herrn etwas erzählen will, so leicht Glauben beimessen? Wie oft ist es schon geschehen, daß Landfahrer, die nach einer Pflege verlangten, vor meine Herrin und ihren Sohn gekommen sind und sie mit ihren Märchen über unsern armen Herrn bis zu Tränen gerührt haben, bis man ihnen Mantel und Leibrock dargereicht und sie wohl bewirtet hatte. Ihm aber haben gewiß Hunde und Vögel schon lange das Fleisch von den Gebeinen verzehrt, oder die Fische haben’s gefressen, und die nackten Knochen liegen am Kieselstrande. Ach, nimmermehr bekomme ich einen so gütigen Herrn; er war gar zu freundlich, gar zu liebreich. Wenn ich an ihn denke, ist mir gar nicht, als dächte ich an meinen Gebieter, sondern wie ein älterer Bruder steht er mir vor der Seele.«

»Nun, mein Lieber«, antwortete ihm Odysseus, »weil dein ungläubiges Herz so zuversichtlich seine Rückkehr leugnet, so sage ich dir mit einem Eidschwur: Odysseus kommt! Meinen Lohn, den Mantel und Leibrock, verlange ich erst, wenn er da ist; denn so entblößt ich bin, mit einer Fabel möchte ich mir’s nicht verdienen; ich hasse die Lügner bis auf den Tod. So höre denn, was ich dir bei Zeus, bei diesem deinem gastlichen Tische und bei dem Herde des Odysseus schwöre: Wann dieser Monat abgelaufen ist, wird er eintreten in sein Haus und die Frechen züchtigen, die es wagen, sein Weib und seinen Sohn zu beschweren.« »O Greis«, erwiderte Eumaios, »ich werde dir so wenig den Lohn für deine Botschaft zu entrichten haben, als Odysseus nach Hause zurückkehrt. Fasle nicht, trinke ruhig deinen Wein und sprich von etwas anderem. Deinen Eid laß gut sein! Von Odysseus hoffe ich nichts mehr; mir macht jetzt nur sein Sohn Telemach Sorge; in ihm hoffte ich einst an Leib und Seele den Vater wiederzuschauen. Aber ein Gott oder Mensch hat ihm den Sinn betört: er ist gen Pylos gefahren, um nach dem Vater zu forschen; unterdessen legten sich die Freier zu Schiff in einen Hinterhalt und werden mit ihm den letzten Sprößling vom uralten Stamme des Arkeisios vertilgen. Doch erzähle du, Greis, mir jetzt dein eigenes Leiden: Wer bist du, und was brachte dich nach Ithaka?«

Odysseus macht sich den Scherz und erzählte dem Sauhirten ein langes Märchen, in dem er sich für den verarmten Sohn eines reichen Mannes von der Insel Kreta ausgab und die buntesten Abenteuer von sich zum besten gab. Auch den Krieg vor Troja hatte er mitgemacht und den Odysseus dort kennengelernt. Auf der Heimkehr verschlug ihn der Sturm an die Küste der Thesproten, bei deren Könige er wieder etwas von Odysseus vernommen haben wollte. Dieser sei der Gast jenes Fürsten gewesen und habe ihn kurz vor der Ankunft des Bettlers verlassen, um zu Dodona beim Orakel den Ratschluß Zeus‘ zu vernehmen.

Als er mit dem langen Gewebe seiner Lügen zu Ende war, sprach der Sauhirt ganz gerührt: »Unglücklicher Fremdling, wie hast du mir das Herz im Leib aufgeregt, indem du mir deine mühseligen Irrfahrten so ausführlich geschildert! Nur eines glaube ich dir nicht: nämlich das, was du mir von Odysseus sagst. Was brauchst du auch so in den Wind hinein zu lügen! Mir ist es ganz entleidet, nach meinem Herrn umherzufragen und zu forschen, seit mich ein Ätolier angelogen hat, der, wegen eines Totschlags flüchtig, in mein Gehege kam und mir beteuerte, daß er selbst ihn auf der Insel Kreta bei Idomeneus seine vom Sturm zerschmetterten Schiffe ausbessernd und ergänzend angetroffen habe. Im Sommer oder doch im Herbste komme er mit seinen Genossen und unendlichem Gute gewiß zurück. Darum, du Unglücklicher, bemühe dich nicht, meine Gunst durch solche Lügen erschmeicheln zu wollen, das Gastrecht ist dir ja ohnedem gesichert.«

»Guter Hirte«, antwortete Odysseus, »ich will dir einen Vergleich vorschlagen: Wenn jener wirklich zurückkommt, so sollst du mich mit Mantel und Leibrock nach Dulichion entlassen, wohin mein Herz verlangt; kommt aber dein Herr nicht heim, so hetze die Knechte gegen mich, daß sie mich von einer Felsenspitze ins Meer stürzen, damit andern Bettlern die Lust zu lügen vergeht,« »Ei, das wäre ein schöner Ruhm für mich«, fiel ihm der Sauhirt in die Rede, »wenn ich meinen Gast, den ich in die Hütte geführt und bewirtet habe, hintendrein erschlüge! Da könnte ich ja in meinem Leben nicht mehr zu Zeus beten! Doch das Abendessen wird bald herankommen, und es ist an der Zeit, daß meine Knechte heimkehren, dann wollen wir wieder fröhlich sein.« Wirklich kamen auch bald darauf die Schweine mit ihren Hütern herbei und wurden grunzend in die Kofen getrieben. Jetzo befahl der Hirt, ein fünfjähriges Mastschwein zur Ehre seines Gastes zu schlachten. Ein Teil wurde unter Gebet den Nymphen und dem Gotte Hermes geopfert, einen andere reichte er den Hütern, das beste Rückenstück wurde seinem Gast zuteil, obgleich er in seinen Augen nur ein Bettler war.

Das rührte den Odysseus in der Seele, und er rief dankbar aus: »Möge dich, guter Eumaios, Zeus so lieben, wie du mich, der in solcher Gestalt zu dir kam, geehrt hast!« Der Sauhirt sprach ihm freundlich zum Mahle zu, und während sie sich fröhlich in der Hütte sättigten, bedeckten draußen Wolken den Mond, der Westwind sauste, und bald ergoß sich der Regen in Strömen. Den Helden fing es in seinen Bettlerlumpen zu frieren an, und um den Hirten zu versuchen, ob er in seiner Aufmerksamkeit so weit gehen würde, ihm seinen warmen Mantel abzutreten, fing er wieder an, ein recht erlogenes Märchen zu erzählen. »Höret mich«, sprach er, »Eumaios und ihr andern Hirten! Der gute Wein betört mich nun einmal, zu schwatzen, und entlockt mir Worte, die vielleicht besser verschwiegen blieben. Als wir einst vor Troja uns in einen Hinterhalt gelegt, wir drei, Odysseus, Menelaos und ich, mit einer Schar von Kriegern, schmiegten wir uns der Burg gegenüber zwischen Rohr und Sumpf unter unsre Rüstungen, und es wurde Nacht. Der Nordwind kam mit einem Schneegestöber, und bald hatte der Frost unsre Schilde mit einem Rande von Glatteis umzogen. Den beiden andern tat dieses nicht viel, sie hatten sich in ihre Mäntel gewickelt und schlummerten von der Kälte unangefochten unter ihren Schilden. Ich dagegen hatte beim Weggehen unbedachtsamerweise meinen Mantel den Freunden zurückgelassen, denn auf eine solche Kälte hatte ich keineswegs gerechnet, sondern war nur im Gürtel und mit dem Schilde ausgegangen. Nun war noch ein Drittel der Nacht übrig und die Morgenkälte am schneidendsten. Da stieß ich endlich meinen Nachbar, den schlafenden Odysseus, mit dem Ellbogen an und ermunterte ihn mit den Worten: ›Du, wenn die Nacht noch lange währt, so bringt mich der Frost um. Ein böser Dämon hat mich verführt, im bloßen Rocke ohne Mantel zu gehen!‹ Wie das Odysseus hörte, der bekanntlich ein Mann zum Rat so gut wie zur Schlacht war, so flüsterte er mir zu: ›Still, daß kein Achaier uns hört; dir soll bald geholfen sein!‹ Dann richtete er sich vom Lager auf, stützte sein Haupt auf den Ellenbogen und rief über die Schläfer hin: ›Ihr Freunde, die Götter haben mir einen warnenden Traum gesendet: wir haben uns zu weit von den Schiffen entfernt; will nicht einer gehen und dem Agamemnon die Aufforderung bringen, uns noch mehr Streitgenossen zu schicken?‹ Auf diese Worte sprang einer unsrer Krieger, Thoas, der Sohn des Andraimon, dienstbereit vom Boden auf, legte seinen Mantel von sich und eilte zu den Schiffen. Ich aber wickelte mich behaglich in denselben und schlief nun getrost bis zur Morgenröte. Ja, wär ich noch der junge stattliche Mann wie damals, so würde mir, aus Liebe wie aus Scheu, wohl auch irgendein Sauhirt im Gehege hier seinen Mantel zum Schirme gegen den Nachtfrost leihen. Jetzt kümmert sich freilich kein Mensch in meinen Lumpen um mich!«

»Das ist ein schönes Gleichnis«, sagte Eumaios lachend, »das du uns da erzählt hast, Fremdling, drum soll es dir auch jetzt weder an Kleidung noch an irgend etwas anderem mangeln. Morgen mußt du freilich wieder mit deinen Lumpen fürliebnehmen, denn wir selbst haben nichts übriges zum Anlegen; wenn aber der Sohn des Odysseus glücklich heimkehren sollte, so wird er dich ganz gewiß mit Mantel und Leibrock beschenken und dich geleiten lassen, wohin du wünschest.« So sprechend, erhob sich Eumaios und bereitete seinem Gaste nicht weit vom Feuerherd ein Bett, das er ihm aus Schafpelzen und Ziegenhäuten zurechtmachte, und nachdem sich Odysseus darauf niedergelegt, deckte er ihn mit einem dichten großen Mantel zu, den er selbst bei den heftigen Winterstürmen anzuziehen pflegte.

So lag denn der Held warm gebettet und schickte sich zum Schlummer an; neben ihm legten sich auch die Knechte zum Schlafe nieder; aber Eumaios wählte sein Nachtlager nicht in der Hütte, denn er mochte nicht entfernt von seinen Schweinen schlafen; er nahm vielmehr die Waffen zur Hand und begab sich hinaus zu den Ställen, das Schwert um die Schulter gegürtet und in einen dichten Mantel gehüllt. Auch ein zottiges Ziegenfell nahm er mit zur Unterlage, und in der Hand trug er einen scharfen Spieß, Hunde und Männer, die etwa herannahen könnten, damit zu schrecken. So legte er sich, vor dem schneidenden Nordwinde geschirmt, vor die Kofen seiner Schweine. Odysseus war noch nicht eingeschlafen, als der Sauhirt in diesem Aufzuge die Hütte verließ. Er blickte ihm teilnehmend nach und freute sich innerlich im Herzen, einen so ehrlichen und getreuen Knecht zu besitzen, der das Gut seines Herrn, den er längst für verloren hielt, mit so gewissenhafter Sorgfalt verwaltete. In diesem Gefühl überließ sich der Held dem erquickenden Schlummer.