Sagen

Sturm des Turnus abgeschlagen



Sturm des Turnus abgeschlagen

Schmetternd ertönten die Trompeten der Rutuler. Ein Schrei erhub sich in dem ganzen Lager, und der Widerhall von den Bergen antwortete. Von allen Seiten stürmten die Feinde heran, rückten unter den Schilddächern vor, mühten sich, die Gräben auszufüllen und die Schanzen einzureißen, und schon legten sie an den Stellen, wo die Vorfechter des Lagers dünner auf den Zinnen standen, die Sturmleitern an die Mauern. Die Trojaner dagegen, durch die lange Verteidigung ihrer Vaterstadt im Belagerungskampfe wohlgeübt, verstreuten Geschosse aller Art, wälzten Steine und Felsblöcke auf die Schilddächer und stießen die Emporkletternden mit Spießen darnieder. Schon setzten die angerückten Rutuler das blinde Gefecht nicht mehr fort, sondern lenkten ihre Schritte rückwärts von den Mauern und versuchten es nur mit Lanzenwürfen, die Teukrer vom Walle hinwegzutreiben. Endlich richteten sie alle ihre Streitkräfte auf einen hoch emporragenden Turm, der durch schwebende Brücken mit der Lagermauer verbunden war. Diesen zu erobern, strengten sich die Rutuler in die Wette an: die Trojaner aber verteidigten ihn, indem sie jetzt von der Zinne herab Steine wälzten, jetzt durch hohle Schießscharten Pfeile hinunterschnellten. Endlich schleuderte Turnus eine Brandfackel, die, an die Seite des Turmes sich anhängend, das Getäfel ergriff. Ehe die Verteidiger sich flüchten konnten, stürzte das unterhöhlte Gebälk zusammen, und krachend setzte sich der Turm zu Boden. Die einen fielen mit ihm, von den eigenen Waffen durchbohrt, die andern spießten sich in die Trümmer des Holzes; und viele von denen, die noch unversehrt waren, sahen sich bald von den Scharen des Turnus umringt und wurden niedergehauen. Endlich erwehrten sich die Trojaner der Zudrängenden. Der Knabe Askanius, der bisher nur fliehendes Wild mit seinen Pfeilen zu erlegen gewohnt war, durchbohrte dem Remulus, der kürzlich des Turnus jüngere Schwester gefreit hatte und auf diese Auszeichnung stolz prahlend auf die Teukrer eindrang und sie feige Phrygier schalt, das Haupt mit einem sicheren Pfeilschuß. Die Trojaner jubelten, und die erschreckten Feinde machten einen Schritt rückwärts. Julus wollte sie verfolgen. Da stellte sich ihm Apollo selbst, dem alten Waffenträger seines Großvaters, der ihm vom Vater beigegeben war, an Gestalt und Stimme gleich, in den Weg und sprach: »Sohn des Äneas, dir genüge, daß du einen Helden ungestraft erlegt hast; diesen Beginn deines Ruhmes hat Apollo dir vergönnt, für jetzt aber meide den Krieg!« Die Fürsten Iliums erkannten die Gegenwart des Gottes und hielten den Julus vom weitern Kampfe ab. Sie selbst aber erneuerten das Gefecht; und der Schlachtruf tönte um die äußersten Bollwerke der Mauer fort. Als die innerhalb der Tore aufgestellten trojanischen Wächter hörten und sahen, wie ihre Freunde draußen so mutig und kraftvoll kämpften, faßten Pandarus und Bitias, die Söhne Alcanors vom Berg Ida, stark und schlank wie ihre heimischen Tannen, den trotzigen Entschluß, das ihnen vom Feldherrn anvertraute Tor zu öffnen und im Übermute den Feind in die Mauern einzuladen. Sie selbst aber standen inwendig mit blinkenden Schwertern rechts und links am Eingang, und von ihren hohen Helmen nickten die Federbüsche. Als die Rutuler die Torflügel offen sahen, stürmten sie, ohne sich zu besinnen, hinein. Aber vier oder fünf ihrer Helden, mit einem ganzen Gefolge von Kriegern, fielen unter den Stößen und Streichen der beiden Jünglinge oder wurden in schmählicher Flucht zum offenen Tore hinausgetrieben.

Jetzt wagten die Trojaner sich schon in dichtern Scharen zusammenzurotten; ein regelmäßigeres Handgemenge entspann sich; und die Rutuler wurden rückwärtsgedrängt. Als Turnus, der auf einer andern Seite stritt, die Nachricht von dieser neuen Wendung des Kampfes erhielt, stürzte er, von gräßlichem Zorne gespornt, mit einer auserlesenen Schar von Kriegern herbei und warf sich über eine Bahn von trojanischen Leichen auf das geöffnete Lagertor. Seine mächtige Lanze, aus der Ferne geschleudert, durchbohrte den Bitias, daß der Boden von seinen fallenden Riesengliedern bebte und der Schild auf den Liegenden herniederrasselte. Die Trojaner flohen zurück in das Tor, und nach drängten sich die siegenden Rutuler. Da faßte Pandarus mit einem Blick auf die ausgestreckte Leiche seines Bruders die Torflügel in ihren Angeln und warf sie, mit den Schultern angestemmt, in die Wölbung zurück, daß das Tor verschlossen war und viele Trojaner im Gefechte draußen, viele Rutuler in die Mauern eingezwängt, zurückblieben. Aber der Unbesonnene hatte nicht bedacht, daß mitten unter den Eingeschlossenen Turnus selbst sich befand wie ein Tiger, der in den Stall eingelassen ist. Voll Entsetzens erkannten die Trojaner das schreckliche Gesicht und die riesigen Glieder. Nur Pandarus, ein Riese wie er, erschrak nicht. Voll Erbitterung über die Ermordung seines Bruders stellte er sich ihm entgegen und rief. »Hier bist du nicht im Palaste der Latinerkönigin, schmachtender Bräutigam; im Feindeslager stehest du und wirst nicht wieder hinauskommen!« Turnus lächelte nur und erwiderte ganz ruhig: »Bind an, wenn du es wagst, und beginne nur den Zweikampf; und wenn du ein Hektor wärest, so sollst du deinen Achilles finden!« Pandarus schleuderte darauf seinen Wurfspieß, in dem die Rinde noch mit allen Knoten saß; aber Juno lenkte das Geschoß ab, und die Lanze flog in den Torflügel. Jetzt bäumte sich Turnus und schwang sein Schwert: »Diesem Streiche wirst du nicht entfliehen!« schrie er und spaltete ihm die Schläfe mitten durch die Stirne, daß das Haupt, in gleiche Teile zerhauen, dem Zusammensinkenden von den Schultern herunterhing.

Zitternd stäubten die Trojaner auseinander; und wäre dem Sieger jetzt der Gedanke gekommen, das Tor wieder zu öffnen und seine Freunde hereinzulassen, so wäre es um die neue Ansiedlung Trojas geschehen gewesen. So aber ließ er sich von der Mordlust betören und drang von Sieg zu Siege mit den Seinen immer tiefer in das Innere des Lagers ein. Schon war die Verwirrung bis zu Serestus und Mnestheus gedrungen, die in der Mitte der Mauern befehligten. Da brachte zuerst Mnestheus die fliehenden Freunde mit den Worten zur Besinnung: »Wohin wendet ihr euch, Unsinnige, was für andere Mauern, was für andere Burgen besitzet ihr? Soll ein einziger Mann, rings umschlossen von euren Wällen, ungestraft ein solches Gemetzel unter euch anrichten? Habt ihr euer Vaterland, euren Führer Äneas, die Götter eurer Heimat so schamlos vergessen?« Mit solchen Reden beschämte und kräftigte er die Fliehenden, daß sie, in eine dichte Rotte zusammengedrängt, wieder standhielten. Den Turnus hatte der siegreiche Kampf selbst allmählich ermüdet. Zum Tore zurückzudringen konnte er nicht mehr hoffen; so kämpfte er sich mühsam vorwärts, wo das Lager ohne Mauern an den Fluß grenzte. An den Sandbänken des Stromes angelangt, zog er sich mit schnelleren Schritten, doch noch ohne Flucht, zurück, und wenn ihm der Feind zu nahe auf den Leib kam, trieb er ihn immer noch siegreich mit dem Schwerte zurück. Nun flogen aus der Ferne von allen Seiten Geschosse nach ihm; von den anprallenden Steinen erklang sein Helm, der Busch war zerfetzt; der Schild steckte voll Speere und ward so schwer, daß seine Linke ihn kaum mehr zu halten vermochte. In diesem Augenblicke stürmte auch Mnestheus in blitzenden Waffen auf ihn zu, und wie flüssiges Pech rann ihm der Schweiß über den Leib. So war er fechtend am Rande des Flusses angekommen. Da zum ersten Male kehrte Turnus dem Feinde den Rücken und warf sich in voller Rüstung in die Wogen des Tiberstroms. Dieser nahm den Kommenden willig auf und trug ihn mit sanften Wellen aus dem Bereiche des Lagers ans Gestade, wo er bald, von Blut und Staube rein gewaschen, bei den Seinigen eintraf.

Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien



Sturm und Irrfahrten. Die Harpyien

Als kein Land mehr sichtbar und ringsherum nur Himmel und Gewässer war, sammelte sich über den Häuptern der Schiffenden ein graues Gewölk, das Nacht und Sturm herbeiführte, und die Woge fing in schwarzer Finsternis zu schauern an. Sofort brachten Orkane das Meer in Aufruhr; Berge von Fluten stiegen auf; die Flotte ward auseinandergeworfen, und die Schiffe trieben zerstreut über den strudelnden Abgrund hin. Die schwarzen Wetterwolken raubten das Tageslicht und hüllten alles in eine dichte Regennacht, welche nur Blitz auf Blitz aus den zerrissenen Wolken erhellte. Dieses fürchterliche Ungewitter dauerte drei Tage und drei sternlose Nächte, und während dieser Zeit wußte selbst der erfahrene Steuermann der Flotte, Palinurus, nicht mehr, wo sich in dem blinden Dunkel die Schiffenden befanden und welcher Himmelsgegend die umhergeworfenen Fahrzeuge zugetrieben wurden. Endlich am vierten Tage legte sich der Sturm allmählich, ein fernes Gebirg zeigte sich am Horizont. Dieser Anblick gab den Verzweifelnden den geschwundenen Mut wieder. Als sie dem Lande näher gekommen waren, zogen sie die Segel ein, warfen sich über die Ruder und wühlten mit aller Anstrengung in dem noch immer empörten Meeresschaum.

Das Land, welches die Verirrten aufnahm, gehörte einer der beiden Strophadeninseln an, die sich im großen Ionischen Meere befinden, der Pelopsinsel gegenüber. Es war ein unwirtliches, durch schauerliche Bewohner verrufenes Land. Die Harpyien, die gefräßigen Ungeheuer, seitdem sie die Wohnung des Königes Phineus verlassen hatten und von seinem unglücklichen Tische verscheucht worden waren, hatten an diesem Gestade den häßlichen Sitz aufgeschlagen. Diese grausenhaften Scheusale waren, wie bekannt, ein Vogelgezücht mit Jungfrauengesichtern, die aber, beständig vom Hunger gebleicht, entsetzlich anzuschauen waren. An den Händen hatten sie Krallen, mit welchen sie alle Speise ergriffen, deren sie sich bemächtigen konnten; und mit dem ekelhaften Abfluß ihres Leibes besudelten sie jeden Ort, an dem sie erschienen.

Von diesen Bewohnerinnen des ihnen gänzlich unbekannten Ufers hatten Äneas und seine Fluchtgenossen keine Ahnung. Sie liefen in den Hafen ein, der vor ihnen lag, und waren ganz fröhlich, als sie sich wieder auf festem Lande befanden. Der erste Anblick des Gestades zeigte ihnen auch nichts Unheimliches: Herden von Rindern und Ziegen gingen lustig auf der Weide, ohne alle Hüter. Der ausgestandene Hunger hieß die Gelandeten nicht lange zögern, sie fuhren mit dem Schwert unter das Vieh, brachten Jupiter und den Göttern ein Schlachtopfer dar und setzten sich selbst zum leckeren Schmaus am Ufer in die Runde. Sie erfreuten sich aber des Mahles noch nicht lange, als sie von den nahen Hügeln her einen lauten Flügelschlag wie von vielen Vögeln vernahmen. Als wären sie vom Sturmwinde herbeigeführt, erschienen plötzlich die Harpyien, fielen über die Speisen her, zerrten daran herum und besudelten alles mit ihrer abscheulichen Berührung. Allenthalben ertönte ihre gräßliche Stimme und verbreitete sich ihr scheußlicher Pesthauch. Die Tafelnden flüchteten sich mit ihrer Opfermahlzeit an eine abgelegene Stelle, unter einen hohlen Felsen, der rings von schattigen Bäumen eingeschlossen war. Hier zündeten sie Feuer auf neuen Rasenaltären an und stellten auch ihr Mahl wieder auf. Aber aus den heimlichsten Winkeln und von ganz anderer Himmelsgegend her kam wieder derselbe sausende Schwarm, machte sich mit seinen Krallenfüßen an die Beute und befleckte das Mahl auf alle Weise. Äneas und die Seinigen griffen endlich zu dem letzten Mittel: sie verbargen ihre Schwerter und Schilde ringsumher im Gras, und als die häßlichen Vögel sich wieder im Schwarme herniedersenkten und die krummen Ufer umflatterten, brachen seine Genossen auf das Zeichen eines ihrer Freunde, der vom Felsen herab seine Beobachtungen anstellte, los und versuchten es, die Untiere mit ihren Schwertern zu erlegen. Aber keine Gewalt vermochte das Gefieder zu durchdringen, keine Wunde saß auf ihrem Rücken fest; eilige Flucht entzog sie den Streichen, sie ließen ihre Beute angefressen zurück und überall Spuren voll Unflats. Nur eine von den Harpyien, Celäno mit Namen, setzte sich auf den höchsten Felsen und brach in die prophetischen Fluchworte aus: »Ist es nicht genug, uns Rinder und Ziegen gemordet zu haben, ihr trojanischen Fremdlinge? Müßt ihr uns unschuldige Harpyien auch noch aus dem Heimatlande vertreiben? Nun, so höret die Prophezeiung, die mir Phöbus anvertraut hat und die ich euch als Rachegöttin verkündige: Ihr fahret nach Italien, ihr werdet es auch erreichen, sein Hafen wird euch aufnehmen; aber nicht eher umgebet ihr die euch verheißene Stadt mit Mauern, als bis euch ein gräßlicher Hunger, die Strafe für das Unrecht, das ihr an uns beginget, zwingen wird, von euren eigenen Tischen zu nagen und dieselben aufzuzehren.« So sprach sie, schwang die Fittiche und floh in die Waldung zurück. Den Trojanern erstarrte das Blut in den Adern vor Schrecken; sie wußten nicht, hatten sie es mit fluchwürdigen Vögeln oder mit mächtigen Göttinnen zu tun. Endlich hub der Vater Anchises seine Hände flehend gen Himmel und betete zu den Göttern um Abwendung alles Unheils. Dann riet er seinem Sohn und den Genossen der Flucht, sich in aller Eile wieder einzuschiffen.

Tantalos



Tantalos

Tantalos, ein Sohn des Zeus, herrschte zu Sipylos in Phrygien und war außerordentlich reich und berühmt. Wenn je einen sterblichen Mann die olympischen Götter geehrt haben, so war es dieser. Seiner hohen Abstammung wegen wurde er zu ihrer vertrauten Freundschaft erhoben; zuletzt durfte er an der Tafel des Zeus speisen und alles mit anhören, was die Unsterblichen unter sich besprachen. Aber sein eitler Menschengeist vermochte das überirdische Glück nicht zu tragen, und er fing an, mannigfaltig gegen die Götter zu freveln. Er verriet den Sterblichen die Geheimnisse der Himmlischen; er entwandte von ihrer Tafel Nektar und Ambrosia und verteilte den Raub unter seine irdischen Genossen; er barg den köstlichen goldenen Hund, den ein anderer aus dem Tempel des Zeus zu Kreta gestohlen hatte; und als dieser ihn zurückforderte, leugnete er mit einem Eide ab, ihn erhalten zu haben. Endlich lud er im Übermute die Götter wieder zu Gaste, und um ihre Allwissenheit auf die Probe zu setzen, ließ er ihnen seinen eigenen Sohn Pelops schlachten und zurichten. Nur Demeter verzehrte von dem gräßlichen Gericht ein Schulterblatt, die übrigen Götter aber merkten den Greuel, warfen die zerstückelten Glieder des Knaben in einen Kessel, und die Parze Klotho zog ihn mit erneuter Schönheit hervor. Anstatt der verzehrten Schulter wurde eine elfenbeinerne eingesetzt.

Jetzt hatte Tantalos das Maß seiner Frevel erfüllt und wurde von den Göttern in die Hölle gestoßen. Hier wurde er von quälenden Leiden gepeinigt. Er stand mitten in einem Teiche, und die Wasser spielten ihm um das Kinn, dennoch litt er den brennendsten Durst und konnte den Trank, der ihm so nahe war, niemals erreichen. Sooft er sich bückte und den Mund gierig ans Wasser bringen wollte, entschwand vor ihm die Flut versiegend; der dunkle Boden erschien zu seinen Füßen; ein Dämon schien den See ausgetrocknet zu haben. So litt er zugleich den peinigendsten Hunger. Hinter ihm strebten am Ufer des Teiches herrliche Fruchtbäume empor und wölbten ihre Äste über seinem Haupte. Wenn er sich emporrichtete, so lachten ihm saftige Birnen, rotwangige Äpfel, glühende Granaten, liebliche Feigen und grüne Olivenbeeren ins Auge; aber sobald er hinauflangte, sie mit seiner Hand zu fassen, so riß ein Sturmwind, der plötzlich angeflogen kam, die Zweige hoch hinauf zu den Wolken. Zu dieser Höllenpein gesellte sich beständige Todesangst; denn ein großes Felsenstück hing über seinem Haupte in der Luft und drohte unaufhörlich, auf ihn herabzustürzen.

So ward dem Verächter der Götter, dem ruchlosen Tantalos, dreifache Qual, niemals endend, in der Unterwelt beschieden.

Taten des Achill und Ajax



Taten des Achill und Ajax

Von den nächsten Kriegsjahren vor Troja erzählt die Sage nichts Ausführliches. Die Griechen lagen nicht untätig vor Troja, da aber die Bewohner dieser Stadt ihre Kräfte schonten und selten Ausfälle machten, so wandten die Danaer ihre Macht gegen die Umgegend. Achill zerstörte und plünderte allmählich zwölf Städte mit seiner Flotte, elf nahm er zu Lande ein. Dem Priester Chryses führte er auf einem Streifzuge nach Mysien seine schöne Tochter Astynome oder Chrysëis gefangen fort. Bei der Einnahme von Lyrnessos überfiel er den Palast des Königes oder Priesters Brises, der in der Verzweiflung den Strick um den Hals schlang und sich den Tod gab. Sein holdseliges Kind Brisëis oder Hippodameia wurde dem Sieger zuteil, und er führte sie als eine Liebslingsbeute ins griechische Lager mit sich davon. Auch die Insel Lesbos und die Stadt Theben in Kilikien, am Fuße des Berges Plakos gegründet, unterlagen seinen Angriffen. In der letztern Stadt herrschte der Eidam des Königes Priamos, der König Eëtion, dessen Tochter Andromache mit dem tapfersten Helden Trojas, mit Hektor, vermählt war. Sieben blühende Söhne wuchsen noch in seinem Königshause. Da kam Achill, stürmte die hochragenden Tore der Stadt und erschlug den König mit den sieben Söhnen. Als der Leichnam des hohen Fürsten, der von herrlicher, Ehrfurcht gebietender Gestalt war, vor dem jungen Helden ausgestreckt lag, bemächtigte sich desselben ein Grauen und eine Scheu, und er wagte es nicht, den Liegenden der Waffen zu berauben und sich dieselben als rühmliche Siegesbeute anzueignen. Er verbrannte daher den Leichnam zur ehrlichen Bestattung im vollen, kunstreich gearbeiteten Waffengeschmeide und türmte ihm ein mächtiges Denkmal auf, das noch lange, von hohen Ulmen umschattet, die Gegend schmückte. Die Gemahlin des Königes, die Mutter Andromaches, führte er mit sich fort in die Sklaverei; doch gab er sie später gegen ein reiches Lösegeld frei, und sie kehrte nach der Heimat zurück, wo ein Pfeil der Göttin Artemis sie am Webstuhl traf und tötete. Aus dem Stalle des Königes führte Achill sein treffliches Pferd, Pedasos genannt, mit sich fort, das, obwohl sterblich gezeugt, es doch an Kraft und Schnelligkeit seinen eigenen unsterblichen Rossen gleichtat und mit ihnen um die Wette am Wagen einherlief; aus der Rüstkammer des Königes Eëtion aber nahm er viel andere Herrlichkeiten mit, unter andern auch eine ungeheure eiserne Wurfscheibe, so groß, daß sie einem Bauer fünf Jahre lang Eisen zu seinem Ackergeräte würde gegeben haben.

Nächst Achill war der tapferste und riesigste Held unter den Griechen der Telamonsohn Ajax. Auch er feierte nicht. Er führte seinen Schiffszug nach der thrakischen Halbinsel, wo die Königsburg Polymnestors prangte. Diesem hatte der König Priamos von Troja seinen jüngsten Sohn Polydoros, den er mit der Laothoë, einem Kebsweibe, gezeugt hatte, zur Pflege übersandt und dadurch seinen Liebling dem Waffendienst entzogen, auch dem thrakischen Könige zur Beköstigung des Kindes Gold und Kostbarkeiten genug übergeben. Dieser Schätze und des ihm anvertrauten Unterpfandes bediente sich nun der treulose Barbar, als sein Land von dem Helden Ajax überfallen und seine Burg belagert wurde, den Frieden zu erkaufen; er verleugnete seine Freundschaft mit dem Könige Priamos, verfluchte ihn, teilte Geld und Getreide, das er zur Nahrung des Knaben von ihm empfangen, unter die griechischen Streiter aus; dem Ajax selbst aber überlieferte er das Gold und alle Kostbarkeiten seines Verbündeten und endlich den Knaben Polydoros selbst.

Ajax kehrte mit seiner Beute nicht sogleich zum griechischen Schiffslager zurück, sondern wandte sich auf seinen Schiffen nach der phrygischen Küste. Dort griff er das Reich des Königes Teuthras an, tötete den König, der ihm an der Spitze eines Heerhaufens entgegenzog, in der Schlacht und schleppte die Tochter des Teuthras, die königliche Jungfrau Tekmessa, die edelgesinnt und von herrlicher Gestalt war, als Kriegsbeute mit sich fort. Doch ward sie ihm bald wegen ihrer Schönheit und ihres Edelsinnes lieb; er hielt sie hoch wie eine Gemahlin und hätte sich feierlich mit ihr vermählt, wenn es Griechengebrauch gewesen wäre, eine Barbarin zu freien.

Achill und der Telamonier trafen von ihren glücklichen Streifzügen, ihre Lastschiffe voll Beute, zu gleicher Zeit im griechischen Schiffslager vor Troja wieder ein. Alle Danaer gingen ihnen unter Lobgesängen entgegen; bald umringte sie eine ganze Versammlung von Streitern; man stellte die Helden in die Mitte, und unter jubelndem Zuruf wurde ihnen als Lohn der Siege ein Olivenkranz aufs Haupt gesetzt. Alsdann hielten die Helden einen Rat, um über die mitgebrachte Beute, die von den Griechen als Gemeingut angesehen wurde, einen Beschluß zu fassen. Da wurden denn auch die gefangenen Frauen vorgeführt, und alle Danaer staunten über ihre Schönheit. Das Anrecht auf die holde Brisestochter wurde dem Achill, dem Helden Ajax der Besitz der königlichen Tekmessa bestätigt. Überdies durfte der Pelide auch die Gespielin seiner Geliebten, die holde Jungfrau Diomedea, behalten, welche sich von der Königstochter nicht trennen wollte, mit der sie von zarter Kindheit an im Hause des Brises aufgewachsen war; sie hatte sich, vor die griechischen Helden geführt, zu Achills Füßen geworfen und flehte ihn unter Tränen an, sie nicht von ihrer lieben Herrin trennen zu lassen. Nur Astynome, die Tochter des Priesters Chryses, wurde dem Völkerhirten Agamemnon, seine Königswürde zu ehren, zugesprochen und von Achill auch willig abgetreten. Die andre Kriegsbeute an Gefangenen und Mundvorrat ward Mann für Mann unter das griechische Heer verteilt.

Dann brachte Ajax, von Odysseus und Diomedes aufgefordert, die Schätze des Königes Polymnestor aus seinen Schiffen herbei, und es wurde auch davon dem Könige Agamemnon ein schöner Teil an Gold und Silber zugeschieden.

Telemach bei Nestor



Telemach bei Nestor

Telemach ging hinab ans Meergestade, und die Hände in der Flut waschend, rief er zu dem unbekannten Gott, der tags zuvor in Menschengestalt bei ihm in seiner Wohnung erschienen war. Da nahete ihm Pallas Athene, dem Freunde seines Vaters, Mentor, an Gestalt und Stimme ähnlich, und sprach: »Telemach, wenn du hinfort nicht zaghaft und besinnungslos sein willst, wenn der Geist deines Vaters, des klugen Odysseus, nicht ganz von dir gewichen ist, so hoffe ich, daß du deinen Entschluß ausführest. Ich bin der alte Freund deines Vaters, ich will dir für ein schnelles Schiff sorgen und dich selber begleiten.« Telemach, der nicht anders glaubte, als daß Mentor selbst zu ihm geredet, eilte entschlossen nach Hause; auf dem Wege begegnete er dem jungen Freier Antinoos, der ihm lachend die Hand hinbot und sprach: »Unbändiger, trotziger Jüngling, zürne nicht länger! Lieber geschmaust und getrunken mit uns, wie bisher! Laß die Bürger für deine Reise sorgen, und wenn sie dir Schiff und Mannschaft gerüstet haben, dann magst du meinethalben nach Pylos fahren!« Aber Telemach erwiderte: »Nein, Antinoos, es ist mir unmöglich, länger schweigend mit euch ausschweifenden Männern am Mahle zu sitzen. Ich bin kein Knabe mehr; ihr habt es hinfort mit einem mutigen Manne zu tun, mag ich nun gen Pylos fahren oder auf unsrem Eilande verbleiben. Aber ich will gehen, und nichts soll mir die beschlossene Fahrt vereiteln.« So sprechend, zog er leicht seine Hand aus der Hand des Freiers und eilte in die Vorratskammer seines Vater hinab, wo Gold und Erz in Haufen lag, kostbare Gewande im Kasten ruhten, Krüge voll duftigen Öles und Fässer mit balsamischem Weine gefüllt an die Mauer gelehnt umherstanden. Hier fand er die wachsame Schaffnerin Eurykleia, schloß hinter sich die Pforte riegelfest und sprach zu ihr: »Mütterchen! Geschwind schöpf und fülle mir zwölf Henkelkrüge mit Wein und spünde sie wohl mit Deckeln, schütte mir auch zwanzig Maße feingemahlenen Mehls in Schläuche und rüste alles zusammen auf einen Haufen. Denn vor Nacht noch, wenn die Mutter schon im Schlafgemach ist, komme ich und hole alles ab. Erst nach zwölf Tagen, oder wenn sie mich selbst vermißt, darfst du ihr sagen, daß ich fort bin, den Vater zu suchen!« Weinend schwur ihm dieses die gute Schaffnerin zu und tat, wie er befohlen. Indessen hatte Athene selbst Telemachs Gestalt angenommen, Genossen für die Reise geworben und von einem reichen Bürger, Noëmon, ein Schiff zur Reise geborgt. Dann betäubte sie den Sinn der Freier, daß ihnen die Becher aus den Händen fielen und ein tiefer Schlummer, wie Berauschten zu geschehen pflegt, sich ihrer bemächtigte. Endlich nahm sie Mentors Gestalt wieder an, gesellte sich zu Telemach und ermunterte ihn, die Fahrt nicht länger zu verschieben. Bald standen beide am Meere, fanden dort die Genossen, ließen die Zehrung zu Schiffe bringen und bestiegen das Fahrzeug. Als die Woge schon um den Kiel schlug und der Wind die Segel schwellte, brachten sie den Göttern ein Trankopfer dar und fuhren bei günstiger Luft die ganze Nacht pfeilschnell dahin.

Mit Sonnenaufgang lag Nestors Stadt Pylos vor den Augen der Schiffenden. Dort brachte gerade das Volk, in neun Rotten geschart, dem Meeresgotte neun schwarze Stiere zum Opfer dar, verbrannte sie dem Gott und schmauste von den Überbleibseln. Da landeten die Männer aus Ithaka, und Telemach, von Athene als Mentor geführt und zu keckem Gruße aufgemuntert, eilte unter die Versammlung des pylischen Volkes. Hier saß Nestor mit seinen Söhnen; Freunde rüsteten das Mahl, Diener steckten das Fleisch an Spieße und brieten es. Als nun die Pylier Fremdlinge ans Ufer steigen und herannahen sahen, eilten sie ihnen sogleich in dichten Haufen entgegen, boten ihnen die Hände zum Gruß und nötigten den Telemach und seinen Führer zu sitzen. Insbesondere ergriff sie Peisistratos, der Sohn Nestors, beide bei der Hand, ermunterte sie freundlich, am Gastmahl teilzunehmen, und wies ihnen am Ufersande des Meeres auf dickwolligen Vliesen zwischen seinem Vater Nestor und seinem Bruder Thrasymedes den Ehrensitz an. Dann legte er ihnen von dem besten Fleische vor, füllte zwei goldene Becher mit Wein, trank ihnen unter Handschlag zu und sprach zu der verstellten Athene: »Bring dem Poseidon das Trankopfer mit Gebet, o Fremdling, und laß auch deinen jüngeren Freund also tun! Bedürfen doch alle Sterblichen der Götter!« Athene nahm den Becher, flehte vom Meeresgotte Segen auf Nestor, seine Söhne und alle Pylier herab und bat um Vollendung dessen, weswegen Telemach zu Meere dahergekommen. Dann schüttete sie von dem Trank zu Boden und hieß ihren jungen Begleiter ein Gleiches zu tun.

Darauf wandte man sich zu Trank und Speise, und als Hunger und Durst gestillt waren, begann der greise Nestor das freundliche Gespräch und forschte nach dem Geschlecht und der Absicht der Fremden. Telemach beantwortete ihm beides, und als er auf seinen Vater Odysseus zu reden gekommen war, sprach er mit Seufzen: »Vergebens suchten wir bisher sein Schicksal zu erkunden. Wir wissen nicht, kam er auf dem Festlande von Feinden um, oder hat ihn die Brandung des Meeres verschlungen. Darum flehe ich dich, mir seinen traurigen Tod zu verkündigen, magst du nun Augenzeuge gewesen sein oder ihn nur von einem Wanderer vernommen haben. Schone mich nicht aus Mitleid, sondern erzähle mir nur alles getreulich!«

»Lieber Jüngling«, antwortete Nestor, »weil du jener Zeit der Trübsal gedenkst, so höre alles, wie es ergangen.« Der Alte holte dann nach Greisensitte weit aus, meldete von dem Tode der größten Helden noch unter Ilions Mauern selbst, von dem Hader der beiden Atriden, endlich von seiner eigenen Rückfahrt; aber von Odysseus wußte er so wenig als der fragende Telemach selbst. Dagegen erzählte er ihm weitläufig den Tod des Agamemnon zu Mykene und die Rache des Orestes. Endlich riet er ihm, nach Sparta zum Fürsten Menelaos zu gehen, der erst neulich von fern entlegenen Menschen, an deren Küste ihn der Sturm geschleudert, zurückgekehrt sei. Da dieser am längsten unter allen Griechenhelden auf der Fahrt gewesen, sei es auch am ehesten glaublich, daß er irgendwo etwas von dem Geschicke des Odysseus vernommen.

Athene billigte als Mentor den Vorschlag und erwiderte hierauf: »Der Abend ist unter unsern Gesprächen eingebrochen; erlaube jetzt, o lieber Greis, meinem jungen Freunde, dich in deinen Palast zu begleiten und dort zu ruhen. Ich selbst will nach unsrem Schiffe sehen und meine Genossen ermuntern, alles Nötige anzuordnen. Dann will ich mein Nachtlager auch daselbst nehmen. Am andern Morgen fahre ich zum Volk der Kaukonen, wo ich eine Schuld einzufordern habe. Meinen Freund Telemach aber sende du selbst« – Nestor hatte dies so angeboten – »mit deinem Sohne auf einem wohlgezimmerten Wagen, mit deinen leichtfüßigsten Rossen bespannt, nach Sparta.« So sprach Athene, und siehe da, plötzlich verwandelte sie sich in einen Adler und flog empor zum Himmel. Alle sahen ihr staunend nach, Nestor ergriff den Jüngling Telemach bei der Hand und sprach: »Du darfst nicht verzagen und nicht trostlos werden, mein Lieber, da schon in deiner Jugend beschirmende Götter dich begleiten! Denn kein anderer war dein Genosse als Zeus‘ Tochter, Athene, die auch deinen tapfren Vater vor allen andern Argivern immer besonders geehrt hat!« Dann richtete der Greis ein frommes Gebet an die Göttin, gelobte, ihr ein jähriges Rind am andern Morgen zu opfern, und führte mit Söhnen und Eidamen seinen Gast zur Nachtruhe nach Pylos in den Königspalast. Hier wurde noch einmal ein Trankopfer dargebracht und ein Umtrunk getan. Alsdann begab sich ein jeder zur Ruhe. Telemach erhielt seine Lagerstatt in einem zierlichen Bettgestelle unter der hohen Halle des Hauses, und neben ihm legte sich der tapfere Peisistratos, Nestors Sohn, zur Ruhe.

Kaum schimmerte die Morgenröte in den Palast, so erhob sich der rüstige Greis Nestor vom Lager, trat vor die Schwelle und setzte sich auf die schönen weißen Marmorquadern nieder, die als Ruhesitze an den Flügeltoren des Palastes angebracht waren und wo schon vor alters sein Vater Neleus oft gesessen. Um ihn versammelten sich seine sechs Söhne, und der letzte, Peisistratos, brachte auch den Gast aus Ithaka mit, der den König Nestor begrüßte, dann aber die Versammlung wieder verließ. Nun wurde die Kuh herbeigeholt, die Nestor als Opfer der Athene gelobt hatte; der Goldschmied Laërkes wurde gerufen, der die Hörner des Rinds vergolden mußte; die Mägde im Palast rüsteten ein Festmahl, setzten Stühle, brachten Holz und frisches Wasser herbei. Vom Schiffe herauf kamen Telemachs Freunde. Die Söhne Nestors führten die Kuh an den vergoldeten Hörnern herzu, ein anderer trug Wasserbecken und Opfergerste herbei, der vierte brachte die Axt, das Opfer zu schlachten, ein fünfter hielt die Schale hin, um das Blut des Tieres aufzufangen. Als das Opfertier den Streich mit der Axt erhalten hatte, schlachtete es unter dem Flehen der Gemahlin und der Töchter Nestors der sechste Sohn Peisistratos. Die besten Stücke wurden der Göttin verbrannt und dunkler Wein daraufgeschüttet; das übrige ward an Spieße gesteckt und gebraten.

Telemach war bei dem Opfer nicht zugegen gewesen; er hatte sich entfernt, um sich von der Reise im warmen Bade zu erholen, und trat jetzt in den schönen Leibrock gekleidet und in einen prächtigen Mantel gehüllt unter die Versammelten wieder ein. Nun setzte man sich zum Schmaus und Becher, und nach dem fröhlichen Mahle schirrte man die schönsten Rosse vor den Wagen, der den jungen Gastfreund nach Sparta bringen sollte. Die Schaffnerin legte Brot, Wein und andere Speisen hinein, und Telemach bestieg den Wagensitz. Neben ihm setzte sich Peisistratos in den Sessel, faßte die Zügel und schwang treibend die Geißel. Die Rosse flogen dahin; bald lag die Stadt Pylos hinter ihnen, und den ganzen Tag ging es im Fluge fort, ohne daß die Tiere zu ruhen begehrten.

Als die Sonne sich zum Untergang neigte und die Pfade schattiger wurden, kamen sie nach der Stadt Pherai, wo ein edler Griechenheld, namens Diokles, der Sohn des Orsilochos, hauste. Dieser nahm die reisenden Fürstensöhne gastlich auf, und sie ruheten in seiner Burg die Nacht über. Am andern Morgen fuhren sie weiter durch üppiges Weizenfeld, und endlich mit dem Abendschatten kamen sie zu der großen, zwischen Bergen gelegenen Stadt Lakedaimon oder Sparta.

Telemach kommt heim



Telemach kommt heim

An demselben Morgen landete Telemach mit seinen Begleitern an Ithakas Gestade. Dem Rate Athenes gehorchend, hieß er diese ohne Verzug nach der Stadt fortrudern, versprach ihnen, am andern Tage durch ein fröhliches Mahl den Dank für die Reise zu bezahlen, und schickte sich zum Wege nach dem Hirten an. »Aber wo soll ich hingehen, mein Sohn«, fragte den Scheidenden Theoklymenos, »wer in der Stadt wird mich aufnehmen? Soll ich etwa geradenwegs auf den Palast deiner Mutter zugehen?« »Hätte unser Haus«, antwortete Telemach, »ein anderes Ansehen, als es gegenwärtig hat, so würde ich dir unbedenklich dazu raten; so aber würdest du von den Freiern doch nicht vorgelassen, und meine Mutter webt im einsamsten Gemache des Hauses an einem Gewande. Da wäre es noch klüger, dich in das Haus des Eurymachos zu begeben, der ein Sohn des in Ithaka hoch angesehenen Mannes, des Polybos, und der Erste unter denen ist, die sich um meine Mutter bewerben.« Während er noch redete, flog ein Habicht mit einer Taube vorüber, deren Gefieder er berupfte. Da führte der Seher den Jüngling bei der Hand auf die Seite und sagte ihm ins Ohr: »Sohn, wenn meine Kunst mich nicht ganz täuscht, so gilt dieses Zeichen deinem Hause. Nie wird ein anderes Geschlecht auf Ithaka walten: ihr seid die ewigen Beherrscher dieses Landes!«

Ehe nun Telemach von Theoklymenos Abschied nahm, empfahl er diesen noch seinem vertrautesten Freunde, dem Peiraios, dem Sohne des Klytios, daß er den Fremdling in seine eigene Wohnung aufnehmen und liebreich pflegen möchte, bis Telemach in die Stadt käme. Dann schied er, und die Genossen fuhren weiter.

Inzwischen rüsteten Odysseus und der Sauhirte in der Hütte das Frühstück, und die Knechte trieben die Schweine hinaus. Als sie behaglich beim Mahle saßen, ließen sich draußen Fußtritte hören, und die Hunde wurden laut, doch ohne zu bellen; sie schienen vielmehr einem Herankommenden zu schmeicheln. »Gewiß«, sagte Odysseus zu dem Hirten, »besucht dich ein Freund oder Bekannter; denn gegen Fremde gebärden sich deine Hunde ganz anders, das hab ich erfahren!«

Das Wort war noch nicht ganz ausgeredet, als sein lieber Sohn Telemach unter der Hüttentür stand. Der Sauhirt ließ das Trinkgeschirr vor freudiger Bestürzung aus der Hand sinken, eilte seinem jungen Herrn entgegen, umschlang ihn und bedeckte ihm weinend Antlitz, Augen und Hände mit seinen Küssen, als wäre er vom Tode erstanden. Ein alter Vater kann seinen einzigen spätgeborenen Sohn, wenn dieser nach zehn Jahren aus der Fremde kommt, nicht herzlicher bewillkommnen. Jener trat erst über die Schwelle, als er von seinem Diener vernommen, daß in der Mutter Hause nichts Neues vorgefallen sei. Dann übergab er dem Hirten seine Lanze und ging in die Hütte. Sein Vater Odysseus wollte dem Hereintretenden auf seinem Sitze Platz machen, Telemach aber hielt ihn und sagte freundlich: »Bleib nur sitzen, Fremdling; der Mann da wird mir schon meinen Platz anweisen.« Inzwischen bereitete Eumaios seinem jungen Herrn ein weiches Polster aus grünem Laube, darüber er einen Schafpelz deckte. Nun setzte sich Telemach zu den beiden, und der Sauhirt tischte eine Schüssel mit gebratenem Fleische auf, stellte den Brotkorb dazu und mischte in der hölzernen Kanne den Wein. So schmausten sie alle drei zusammen. Da fragte denn Telemach den Diener nach dem Fremdlinge, und dieser brachte kürzlich vor, was Odysseus an ihn hingefabelt. »Er hat sich jetzt«, beschloß er seine Antwort, »aus einem thesprotischen Schiffe geflüchtet und kam in mein Gehege; ich gebe ihn dir in die Hände, tue mit ihm, wie du willst.« »Dein Wort ängstet mich«, erwiderte Telemach; »wie kann ich den Mann in meinem Hause, so wie es dort aussieht, beschirmen? Behalte du ihn lieber hier; ich will ihm Rock und Mantel auf den Leib, Beschuhung an die Füße und um die Lenden ein zweischneidiges Schwert schicken, auch Speise genug, damit er dir und deinen Knechten nicht beschwerlich falle. Nur kann ich nicht darein willigen, daß er sich unter die Freier begebe; denn diese schalten und walten gar zu frech im Hause, selbst ein gewaltiger Mann vermöchte nichts gegen sie.«

Odysseus, der Bettler, drückte seine Verwunderung darüber aus, daß die Freier, dem Sohne des Hauses zum Trotze, sich so viele Unarten herausnehmen dürften. »Haßt dich denn etwa«, fragte er den Telemach, »das Volk, oder liegst du mit Brüdern im Streite, oder gibst du dich von freien Stücken so tief herunter? Wäre ich so jung wie du und der Sohn des Odysseus oder gar er selber käme zurück – denn noch ist ja die Hoffnung dazu nicht ganz verloren! –, eher sollte mir ein Fremder den Kopf von der Schulter hauen, ja lieber wollte ich in meinem eigenen Hause sterben, als daß ich so schändliche Taten länger mit anschaute!«

Darauf antwortete Telemach: »Nein, lieber Gast, das Volk haßt mich nicht; auch habe ich keine Brüder, die mich anfeindeten, ich bin das einzige Kind im Hause; aber feindselig gesinnte Männer von allen Inseln umher und von Ithaka selbst werben in Unzahl um meine Mutter. Sie weicht ihnen aus, ohne ihnen wehren zu können, und in kurzem wird mein Haus und Gut verwüstet sein.« Dann wandte er sich zu dem Sauhirten und sprach: »Du aber, Väterchen, tu mir den Gefallen und eile hinein in die Stadt zu Penelope, meiner Mutter, und sag ihr, daß ich da bin, doch so, daß es ja kein Freier vernimmt.« »Soll ich«, fragte Eumaios, »nicht den Umweg über den Aufenthalt deines Großvaters Laërtes machen und ihm deine Heimkehr auch zu wissen tun? Seitdem du nach Pylos gefahren bist, erzählen sie, habe er keine Speise und keinen Trank mehr genossen und nicht mehr nach den Feldarbeiten gesehen; in beständiger Betrübnis sitze er da, von den Gliedern schwinde ihm das Fleisch.« »So betrübt es ist«, antwortete Telemach, »so kann ich dich doch den Umweg nicht machen lassen. Nicht bald genug kann mir die Mutter wissen, daß ich wiedergekommen bin!« So sprach er und trieb den Diener an. Der Sauhirt langte sich seine Sohlen hervor, band sie sich unter die Füße, griff zu seiner Lanze und eilte fort.

Telemach, Odysseus und Eumaios kommen in die Stadt



Telemach, Odysseus und Eumaios kommen in die Stadt

An demselben Abende kam der Sauhirt in seine Hütte zurück, während Odysseus und sein Sohn Telemach gerade damit beschäftigt waren, ein geschlachtetes Schwein zur Nachtkost zuzubereiten. Der erstere, vom Stab Athenes berührt, war bereits wieder zum zerlumpten Bettler eingeschrumpft, daß Eumaios ihn nicht zu erkennen vermochte. »Kommst du endlich Sauhirt«, rief dem Eintretenden Telemach zuerst entgegen, »und was bringst du Neues aus Ithaka? Lauern die Freier noch immer auf mich, oder sind sie von ihrem Hinterhalte zurück?« Eumaios meldete ihm, was er von den beiden Schiffen gesehen, und Telemach winkte vergnügt lächelnd seinem Vater, doch so, daß es der Sauhirt nicht bemerkte. Nun schmausten sie traulich miteinander alle drei und legten sich dann zur Ruhe.

Am andern Morgen frühe gürtete sich Telemach, nach der Stadt zu gehen, und sprach zu Eumaios: »Alter, ich muß jetzt nach der Mutter sehen. Du selbst komm nach mit diesem armen Fremdling, daß er sich in den Häusern umher seine Brosamen und seinen Wein erflehe; ich kann unmöglich aller Welt Last auf mich laden und habe genug an meinem eigenen Kummer zu tragen. Hält sich der Greis dadurch für beleidigt, desto schlimmer für ihn!« Odysseus, der sich über die geschickte Verstellung seines Sohnes im Herzen nicht genug wundern konnte, sagte nun auch seinerseits: »Lieber Jüngling, ich selbst begehre nicht länger hierzubleiben; ein Bettler bringt sich in der Stadt immer besser fort als auf dem Lande. Geh du denn immerhin, und wenn ich mich in meinen Lumpen noch ein wenig am Feuer gewärmt habe und die Luft milder geworden ist – denn die Stadt ist, wie man mir sagt, weit von hier entfernt –, so mag dein Diener da mich begleiten.«

Nun eilte Telemach in die Stadt. Es war noch ziemlich früh am Tage, als er vor seinem Palaste ankam, und die Freier hatten sich noch nicht eingefunden. Er lehnte seine Lanze an eine Säule des Eingangs und schritt über die steinerne Schwelle in den Saal. Hier war die Schaffnerin Eurykleia damit beschäftigt, die stattlichen Thronsessel mit schönen Vliesen zu bedecken. Als sie den Jüngling ansichtig ward, eilte sie mit Freudentränen auf ihn zu und hieß ihn willkommen; auch die andern Mägde umringten ihn und küßten ihm Hände und Schultern. Jetzt trat auch seine Mutter Penelope aus der Kammer, schlank wie Artemis und schön wie Aphrodite. Weinend schloß sie ihren Sohn in die Arme und küßte ihm Antlitz und Augen. »Kommst du, kommst du, mein süßes Leben«, rief sie schluchzend; »nimmermehr hoffte ich, dich wiederzusehen, seit du heimlich und ohne meinen Willen nach Pylos geschifft warst, um Erkundigung vom lieben Vater einzuziehen! Nun sage mir doch, was bringst du für Nachrichten, liebes Kind?« »Ach Mutter«, antwortete Telemach, der seine wahren Gefühle mit Gewalt in den Busen zurückdrängen mußte, »rege mir, der ich selbst eben erst dem Verderben entflohen bin, den Gram um den Vater nicht wieder auf. Bade du dich jetzt, lege reine Gewande an, und gelobe droben in dem Söller mit deinen Jungfrauen den Göttern köstliche Dankopfer, wenn sie einst uns die Vergeltung gönnen. Ich selbst will zum Markte hingehen, um einen Fremdling ins Haus zu führen, der mich auf der Fahrt begleitet hat und dessen Pflege ich bis zur eigenen Wiederkehr einem Freunde anempfohlen habe.« Penelope folgte seinem Rat, und Telemach eilte, den Speer in der Hand, von seinen Hunden begleitet, auf den Markt. Athene hatte ihm besondere Anmut verliehen, daß den Kommenden alle Bürger anstaunten, und auch die Freier versammelten sich sogleich um ihn und sagten ihm viel Schönes ins Angesicht, während sie im Herzen über ihren bösen Entwürfen brüteten. Telemach verweilte jedoch nicht in ihrem Gedränge. Er setzte sich zu drei alten Freunden seines Vaters, Mentor, Antiphos und Halitherses, und erzählte ihnen, was er durfte. Jetzt führte auch Peiraios seinen Gastfreund Theoklymenos an der Hand daher, und Telemach begrüßte beide; Peiraios aber wandte sich an seinen Freund und sprach: »Lieber Telemach, schicke doch auf der Stelle Dienerinnen in mein Haus, daß sie die Geschenke in Empfang nehmen, die dir Menelaos mitgegeben hat.« »Freund«, erwiderte Telemach, »die Gaben liegen besser bei dir. Wissen wir doch noch nicht, welche Wendung die Sache nimmt. Fall ich von dem Meuchelmorde der Freier und teilen sie mein Erbgut, so gönne ich jene köstlichen Dinge dir besser als ihnen; strafe dagegen ich sie mit dem Untergange, dann komm du und bringe fröhlich dem Fröhlichen jene Schätze!«

So sprach Telemach, faßte den landesflüchtigen Seher Theoklymenos bei der Hand und führte ihn vom Markte weg in seinen Palast. Dort nahmen beide ein erquickendes Bad und genossen in Penelopes Gesellschaft, welche ihnen gegenüber an der zierlichen Spindel saß, das Frühstück im Saal. Da sprach denn die Mutter Telemachs traurig zu ihrem Sohne: »Eigentlich tu ich besser daran, Telemach, zum Söller hinaufzusteigen und dort einsam das Lager zu benetzen wie bisher; denn dir gefällt es ja doch nicht, mir zu erzählen, was du vom heimfahrenden Vater gehört hast.« »Liebe Mutter«, antwortete Telemach, »gerne will ich dir alles der Wahrheit nach verkündigen, was ich vernommen habe, wenn es nur Tröstlicheres wäre! So liebreich mich der greise Nestor zu Pylos aufnahm, so wußte er mir doch gar nichts vom Vater zu melden; aber er sendete mich mit seinem eigenen Sohne zu Wagen gen Sparta. Dort ward ich von dem großen Helden Menelaos gastlich aufgenommen und sah auch die Königin Helena, um welche Trojaner und Griechen so vieles erduldet haben. Hier erfuhr ich endlich weniges vom geliebten Vater, was dem Fürsten Menelaos der Meergott Proteus in Ägypten mitgeteilt hatte. Dieser hatte ihn auf der Insel Ogygia in Kummer versunken gesehen. Dort hält den Odysseus die Nymphe Kalypso wider Willen in ihrer Grotte zurück, und es fehlt ihm an Schiffen und Ruderern, um die Heimat zu erreichen.«

Als der Seher Theoklymenos die Fürstin bei dieser Nachricht sehr bewegt sah, unterbrach er seinen Gastfreund und sagte: »Königin, dieser weiß nicht alles. Vernimm du meine Weissagung: Fürwahr, Odysseus sitzt bereits irgendwo im Gefilde seiner Heimat, oder er schleicht heimlich umher, auf das Verderben der Freier sinnend! Dies hat mir ein Vogelzeichen gesagt, das ich deinem Sohn auf der Stelle so gedeutet habe.« »Möchte sich dein Wort erfüllen, edler Gast!« antwortete Penelope mit einem Seufzer, »mein Dank dafür sollte nicht ausbleiben.«

Während diese drei sich so im Wechselgespräch unterhielten, erfreuten sich die Freier vor dem Palaste auf dem Pflaster des Hofes wie gewöhnlich mit Diskuswerfen und Speerschleudern und brachen endlich auf die Erinnerung des Herolds zum Mittagsmahl ins Innere des Palastes auf. Unterdessen hatten sich in der Hütte des Eumaios auch dieser und sein Gast zum Weg in die Stadt angeschickt; Odysseus der Bettler hatte den häßlichen geflickten Ranzen umgeworfen und der Sauhirt ihm den Stab in die Hand gegeben. So wanderten beide dahin und überließen das Gehöft den Knechten und Hunden zur Bewachung. Sie waren schon an dem Stadtbrunnen angekommen, der von den Vorfahren des Odysseus schön in den Felsen gefaßt worden war; ein Pappelhain war in die Runde gepflanzt, und aus den Steinen sprang der hohe, helle Wasserstrahl. Hier erreichte sie Melanthios der Hirte mit zwei Knechten, der den Freiern die besten Ziegen aus der Herde zum Schmaus in die Stadt hineintrieb. Als dieser das wandernde Paar erblickte, fing er laut an zu schimpfen. »Wahrhaftig, da heißt es recht, ein Taugenichts führt den andern, und gleich zu gleich gesellt sich gern. Wohin führst du den heißhungrigen Bettler, verdammter Sauhirt, daß er an den Türpfosten müßig stehe und um Brocken bettle? Gäbest du ihn mir zum Hüter meines Geheges, daß er die Ställe ausfege und den Zicklein Laub vorwerfe, so könnte er, mit Ziegenkäse gefüttert, noch Fleisch um seine dürren Lenden sich wachsen sehen! Aber freilich, er hat nichts gelernt, er kann nichts als sich den gefräßigen Bauch füllen.« So rief jener und gab ihm in der Bosheit einen Fersentritt in die Hüfte; aber Odysseus wich nicht aus dem Fußsteige. Im Innern besann er sich freilich, ob er ihm nicht mit seinem Stab einen Streich über das Haupt versetzen sollte, daß er nicht mehr aufstände; aber er bezwang sein Herz und duldete die Schmach. Eumaios hingegen schalt den Unverschämten ins Gesicht und sprach, nach dem Brunnen gewendet: »Ihr heiligen Quellnymphen, Zeus‘ Töchter! Hat euch jemals mein Herr köstliche Opfer dargebracht, so gewährt mir meine Bitte, daß endlich einmal der Held Odysseus heimkehre! Er würde diesem trotzigen Müßiggänger den Übermut bald vertreiben; ist ein solcher doch der unbrauchbarste Hirte von der Welt und versteht nichts, als den ganzen Tag in der Stadt herumzulungern!« »Du Hund«, erwiderte Melanthios schimpfend, »du wärest wert, daß man dich auf den Inseln drüben als Sklave verkaufte und ein gutes Stück Geld aus dir löste. Möchte doch der Bogen Apollos oder der Dolch der Freier deinen Telemach treffen, auf welchen du pochest, daß er zugrunde ginge wie sein Vater!« Mit solchen Scheltworten ging er an ihnen vorüber und setzte sich im Palaste mitten unter die Freier, gerade dem Eurymachos gegenüber an die Tafel; denn diese hatten ihn gern und teilten ihm stets von ihrem Schmause mit.

Jetzt waren auch Odysseus und der Sauhirt vor dem Königspalast angekommen. Als jener sein Haus nach so langer, langer Zeit wieder erblickte, bewegte sich ihm das Herz im Leibe; er faßte seinen Begleiter an der Hand und sprach: »Fürwahr, Eumaios, das muß die Wohnung des Odysseus sein! Welch ein Palast, welch eine Reihe von Gemächern! Wie wohl umschlossen ist der Vorhof mit Mauern und mit Zinnen; welch mächtige Torflügel bilden den Eingang; wahrlich, diese Burg ist unbezwinglich! Auch merke ich wohl, daß viele Menschen da drinnen ein Gastmahl begehen; duftet es doch bis zu uns heraus von Speisen, und die Harfe des Sängers, der den Schmaus mit seinen Liedern würzt, schallt aus dem Saale hervor!«

Sie beratschlagten nun miteinander und beschlossen, daß der Sauhirt vorangehen und sich für den Odysseus im Saal umsehen, dieser aber solange vor dem Tor warten sollte. Während sie noch miteinander sprachen, erhub ein alter Haushund an der Türe Haupt und Ohren von seinem Lager. Er hieß Argos; Odysseus selbst hatte ihn noch aufgezogen, ehe er gen Troja schiffte. Er begleitete sonst die Männer auf die Jagd, jetzt aber lag er, im Alter verachtet, vor der Türe auf einem Düngerhaufen, mit Ungeziefer bedeckt. Als dieser den Odysseus bemerkte, schien er ihn trotz der Verkleidung zu kennen, er senkte die Ohren und wedelte mit dem Schwanz; aber näher herangehen konnte er vor Schwäche nicht mehr. Odysseus wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge, als er es bemerkte; dann sprach er, seinen Schmerz verhehlend, zu dem Sauhirten: »Der Hund, der hier auf dem Miste liegt, scheint einmal so übel nicht gewesen zu sein, man sieht es seinem Wuchse noch an!« »Freilich«, erwiderte Eumaios, »er war der liebste Jagdhund meines unglücklichen Herrn; da hättest du ihn in den waldigen Tälern sehen sollen, wie weidlich er durchs Gestrüppe dem Wild nachspürte! Jetzt aber, seit sein Herr dahin ist, liegt er hier verachtet, und die Mägde geben ihm nicht einmal das nötige Futter!«

Mit diesen Worten ging der Sauhirt in den Palast; der Hund aber, nachdem er im zwanzigsten Jahre seinen Herrn wiedergesehen, senkte seinen Kopf und starb.

Telemach und die Freier



Zweites Buch

Odysseus – Erster Teil

Telemach und die Freier

Die Heimkehr der Griechen von Troja war vollbracht, und so viele der Helden den Schlachten während des Krieges oder dem Sturm auf der Heimfahrt entronnen waren, befanden sich jetzt zu Hause, glücklich oder unglücklich. Nur Odysseus, der Sohn des Laërtes, Ithakas Fürst, war noch auf der Irrfahrt und von einem seltsamen Schicksale betroffen. Nach mancherlei Abenteuern saß er in der Ferne auf einer rauhen, mit Wäldern bedeckten, einsamen Insel, mit Namen Ogygia, wo ihn eine hohe Nymphe, die Göttin Kalypso, die Tochter des Atlas, in ihrer Grotte gefangenhielt, weil sie ihn zum Gemahl begehrte. Er aber blieb der zurückgelassenen Gattin, der edlen Penelope, treu; und endlich jammerte sein auch die Götter im Olymp; nur Poseidon, der Gott des Meeres, der alte Feind der Griechen, zürnte auch diesem Helden unversöhnlich, und wenn er ihn nicht zu vertilgen wagte, so legte er seiner Heimfahrt doch allenthalben Hindernisse in den Weg und trieb ihn in der Irre umher. Und so war er es auch, der ihn an jene unwirtliche Insel geworfen hatte.

Nun aber wurde doch im Rate der Himmlischen beschlossen, daß Odysseus aus den Banden der Inselfürstin Kalypso befreit werden sollte. Auf die Fürbitte Athenes wurde Hermes, der Götterbote, nach dem ogygischen Eilande geschickt, um der schönen Nymphe den unwiderruflichen Ratschluß des Zeus zu verkündigen, daß dem Dulder die Wiederkehr in seine Heimat bestimmt sei. Athene selbst band sich die ambrosischen goldenen Sohlen unter die Füße, womit sie über Wasser und Land dahinschwebt, nahm ihre mächtige Lanze mit der gediegenen scharfen Spitze von Erz, mit welcher sie so manche Helden in der Schlacht bezwungen hatte, zur Hand, schwang sich stürmend von dem felsigen Gipfel des Olympos herab, und bald stand sie auf der Insel Ithaka, die an der Westküste Griechenlands liegt, am Palaste des fernen Odysseus, vor der Schwelle des Hofes, da, wo der Weg zum hohen Tore des Königshauses führte. Ihre Göttergestalt war verwandelt, und die Lanze in der Hand, glich sie dem tapfern Mentes, dem Könige der Taphier.

Im Hause des Odysseus sah es traurig aus. Die schöne Penelope, die Tochter des Ikarios, blieb mit ihrem jungen Sohne Telemach nicht lange Meister in dem verlassenen Palaste. Als Odysseus, nachdem längst Nachricht von Trojas Fall und von der Rückkehr der andern Helden gekommen war, allein nicht heimkehrte, verbreitete sich allmählich mit immer größerer Sicherheit die Sage von seinem Tode, und es fanden sich aus der Insel Ithaka selbst, auf welcher noch andere mächtige und reiche Leute außer dem Fürsten Odysseus wohnten, nicht weniger als zwölf, von Zakynth zwanzig, ja von Dulichion zweiundfünfzig Freier mit einem Herold, einem Sänger, zween geübten Köchen und großem Sklavengefolge bei Penelope ein, die unter dem Vorwand, um die Hand der jungen Witwe zu werben, alle im Hause und vom Gute des abwesenden Fürsten zehrten und den frechesten Übermut trieben; und dieses Unwesen hatte nun schon über drei Jahre gewährt.

Als Athene in der Gestalt des Mentes ankam, fand sie die üppigen Freier eben an der Pforte des Hauses beim Brettspiel; sie saßen auf den Häuten von Rindern, die sie selbst dem Odysseus aus den Ställen genommen und geschlachtet hatten. Herolde und aufwartende Diener eilten hin und her; die einen mischten in gewaltigen Krügen den Wein unter das Wasser, andere säuberten die umhergestellten Tische mit Schwämmen und zerlegten das reichlich aufgetragene Fleisch. Der Sohn des Hauses, Telemach selbst, saß mit einem Herzen voll Betrübnis unter den Freiern und gedachte an seinen herrlichen Vater, ob er nicht endlich käme, die Scharen der Frechen zu zerstreuen und sich wieder in den Besitz seiner Habe zu setzen. Wie er die Göttin in der Gestalt des fremden Königs erblickte, eilte er ihr an der Pforte entgegen, faßte die Rechte des vermeintlichen Gastfreundes und hieß ihn willkommen. Als die beide in den gewölbten Saal des Palastes eingetreten waren und Athene ihre Lanze in den Speerkasten, der sich an der Hauptsäule befand, zu den Lanzen des Odysseus gelehnt hatte, führte Telemach seinen Gast zu Tische an einen Thronsessel mit schön gewirktem Polster, hieß ihn sitzen und schob ihm einen Schemel unter die Füße; er selbst stellte seinen Sessel neben den seinen; eine Dienerin brachte in goldener Kanne Waschwasser für die Hände des Fremdlings; die ehrbare Schaffnerin trug Brot und Fleisch herbei, ein Diener zerlegte die Speisen, und um die goldenen gefüllten Becher wandelte, Wein einschenkend, der Herold. Bald darauf traten auch, einer um den andern, die Freier ein und setzten sich alle auf stattliche Lehnsessel; die Herolde besprengten ihnen die Hände, die Mägde reichten ihnen Brot in Körben, die Diener füllten ihnen den Becher bis zum Rand, und sie machten sich, als kämen sie nicht eben vom Schmause, über das leckere Mahl her. Dann gelüstete sie nach Reigentanz und Gesang, der Herold reichte dem Sänger Phemios die zierliche Harfe, und dieser, von den trotzigen Freiern gezwungen, schlug die Saiten an und begann den herzerfreuenden Gesang.

Während nun diese dem Liede horchten, neigte Telemach sein Haupt nahe an das seines Gastes und flüsterte der verwandelten Göttin ins Ohr: »Wirst du mir, lieber Gastfreund, was ich dir sage, nicht verargen? Siehst du, wie diese Menschen hier fremdes Gut ohne Ersatz verprassen? das Gut meines Vaters, dessen Gebein vielleicht am Meeresstrand im Regen modert oder auf den Wellen umhergetrieben wird? Er kommt wohl nicht wieder heim, sie zu strafen! – Aber du sage mir, edler Fremdling, wer bist du, wo hausest du, wo sind deine Eltern? Bist du vielleicht schon vom Vater her unser Gastfreund?« »Ich bin«, erwiderte Athene, »Mentes, der Sohn des Anchialos, und beherrsche die Insel Taphos; ich kam zu Schiffe hierher, um in Temesa Erz gegen Eisen einzutauschen. Frage deinen Großvater Laërtes, den Greis, der, wie man sagt, ferne von der Stadt, in Kummer auf dem Lande sich abhärmt: er wird dir sagen, daß unsere Häuser seit der Altväter Zeiten in Gastfreundschaft miteinander leben. Ich kam, weil ich glaubte, dein Vater sei wieder daheim. Dem ist nun freilich nicht so; aber doch lebt er gewiß noch; er ist wohl irgendwo an eine wilde Insel verschlagen und wird mit Zwang dort festgehalten. Ja, mir sagt es mein weissagender Sinn, er weilt nicht lange mehr, er macht sich bald los und kehret heim!

Du bist doch deines Vaters leiblicher Sohn, lieber Telemach! Wie du ihm am Haupte, zumal an den freundlichen Augen gleichest! Denn wisse, ich habe deinen Vater gekannt, ehe er gen Troja fuhr. Seitdem sah ich ihn nicht mehr. Doch sage mir, was ist denn das für ein Gewühl in deinem Hause? Feierst du denn ein Gastmahl oder ein Hochzeitsfest?«

Telemach antwortete mit einem Seufzer: »Ach lieber Gastfreund, ehemals mochte wohl unser Haus angesehen und begütert heißen, jetzt ist es anders; alle diese Männer aus der Nachbarschaft, die du hier siehest, umwerben meine Mutter und verzehren unser Gut. Sie selbst kann eine verabscheute Wiedervermählung nicht abschlagen und nicht vollziehen. Indessen verwüsten diese Schlemmer mein Haus, und in kurzem werden sie mich selbst umbringen!« Mit zornigem Schmerz antwortete die Göttin: »Wehe, wie sehr bedarfst du des Vaters, Jüngling! Wohl empfehle ich dir, zu bedenken, wie du diesen lästigen Schwarm aus dem Palaste fortdrängest! Laß mich dir einen Rat geben. Morgen erhebe dich unter ihnen und heiße sie, einen jeglichen in das Seinige, sich zerstreuen; deiner Mutter aber sage: wenn ihr eigenes Herz nach einer Vermählung begehrt, so soll sie in den Palast ihres königlichen Vaters heimkehren; dort mag die Hochzeit angeordnet, mag die Brautgabe bereitet werden. Du selbst aber rüste das beste Schiff, das du hast, mit zwanzig Ruderern aus und begib dich auf den Weg, den lange abwesenden Vater zu suchen. Zuerst gehe nach Pylos im Lande Elis, frage dort den ehrwürdigen Greis Nestor; erfährst du da nichts, so wende dich nach Sparta zum Helden Menelaos, denn dieser ist der letzte von den Griechen, der heimgekehrt ist. Hörst du vielleicht dort, daß dein Vater lebe, daß er wiederkehre, nun, dann ertrag es noch ein Jahr. Vernimmst du aber, daß er gestorben sei, alsdann kehre heim, opfre Totenopfer und errichte ihm ein Denkmal. Findest du die Freier noch immer in deinem Hause, so sinne darauf, wie du sie durch List oder öffentlich tötest. Bist du doch nicht mehr unmündig und dem Knabenalter längst entwachsen! Hörest du nicht, welchen Ruhm der Jüngling Orestes unter den Menschen geerntet hat, daß er seines Vaters Mörder, Ägisth, erschlagen? Du bist so groß und stattlich; halte dich wohl! Mach, daß auch dich einst spätere Geschlechter loben!« Telemach dankte dem Gastfreunde für seinen guten Rat und seine väterliche Gesinnung, und da dieser sich zum Aufbruch anschickte, wollte er ihm ein Gastgeschenk mit auf den Weg geben; der verstellte Mentes versprach aber, wiederzukommen und auf dem Rückweg es abzuholen. Dann enteilte die Göttin und verschwand; denn wie ein Vogel durchflog sie den Kamin. Telemach staunte über dem Verschwinden des Fremden tief in der Seele; er ahnte, daß es ein Gott gewesen, und sann in sich gekehrt seinem Rate nach.

Im Saale dauerte indessen Saitenspiel und Gesang fort: der Sänger meldete die traurige Heimfahrt der Griechen von Troja, und alle Freier horchten. Droben im Söller saß inzwischen die einsame Penelope, und der Hall des Liedes drang zu ihr empor. Da stieg auch sie mit zwei Dienerinnen die Stufen ihrer hohen Wohnung herab und trat zu den Freiern in den Saal ein, doch in einen dichten Schleier gehüllt; eine der Mägde stand ihr zur Seite, und weinend begann sie, zu Phemios dem Sänger gewendet: »Du weißt ja sonst viele herzerquickende Lieder, guter Sänger! Erfreue sie damit; aber diesen Jammergesang, der mir beständig das Herz im Busen quält, den laß ruhen! Gedenke ich doch auch ohne das beständig des Mannes, dessen Ruhm durch ganz Griechenland reicht und der noch immer nicht heimgekehrt ist!« – Aber Telemach redete freundlich zu der Mutter: »Tadle doch den lieblichen Sänger nicht, daß er uns mit dem erfreut, was ihm gerade das Herz entzündet. Nicht den Sängern, Zeus müssen wir Schuld geben, der ihnen die Lieder eingibt und sie begeistert, wie er will! Laß ihn deswegen immerhin das Leid der Danaer besingen! Odysseus ist es ja nicht allein, der den Tag der Wiederkehr verlor; wieviel andere Griechen sind untergegangen! Du selbst, liebe Mutter, kehr ins Frauengemach zurück, besorge dort deine Geschäfte, die Spindel und den Webestuhl und leite das Tagwerk deiner Frauen! Das Wort gebührt den Männern, und vor allem mir, der ich die Herrschaft im Hause zu führen habe.«

Penelope verwunderte sich über die verständige und bestimmte Rede des Knaben, den sie früher nie so hatte sprechen hören und der auf einmal zum Jüngling gereift schien; sie kehrte nach dem Söller zurück und beweinte dort ihren Gemahl in der Einsamkeit. Den Freiern aber, die zu toben und beim Becher Mutwill zu treiben anfingen, trat Telemach auch entgegen und rief in die Versammlung hinein: »Freuet euch immerhin beim Mahle, ihr Freier, aber lärmet mir nicht so, denn das ist eine Lust, dem Sänger in Stille zuzuhorchen! Morgen wollen wir Ratsversammlung halten; da will ich euch frank und frei den Vorschlag machen, nach Hause zu gehen; denn es ist Zeit, daß ihr euch an eurer eigenen Habe wärmet und nicht des fremden Mannes Erbgut vollends aufzehret.«

Die Freier bissen sich auf die Lippen, als sie solche Reden hörten, und konnten über die entschlossenen Worte des Jünglings nicht genug staunen. Aber von seinem Vorschlage, zum Vater Penelopes, Ikarios, zu wandern, wollten sie nichts hören und zankten sich trotzig mit ihm herum. Endlich brachen sie auf, und auch Telemach ging zur Ruhe.

Am andere Morgen sprang er zeitig vom Lager, kleidete sich an und hängte das Schwert um die Schultern. Dann trat er aus der Kammer hervor und gebot den Herolden, die Versammlung der Bürger zu berufen, und lud auch die Freier zu derselben ein. Als das Volk sich gedrängt eingefunden hatte, erschien der Fürstensohn, die Lanze in der Hand; Pallas Athene hatte seiner Gestalt Hoheit und Anmut verliehen, so daß alles Volk den Kommenden anstaunte. Selbst die Greise machten ihm ehrerbietig Platz, und er setzte sich auf den Stuhl seines Vaters Odysseus. Da erhub zuerst der Held Aigyptios, von Alter gebückt und reich an Erfahrung, er, dessen ältester Sohn Antiphos schon mit Odysseus vor Troja gezogen war und erst auf dem Rückwege verunglückte, dessen zweiter Sohn Eurynomos mit unter den Freiern sich befand, während die zwei jüngsten Söhne noch des Vaters Geschäfte zu Hause betrieben, sich in der Volksversammlung und sprach: »Seit Odysseus fort ist, sind wir nicht versammelt gewesen. Wem ist denn auf einmal eingefallen, uns zusammenzuberufen? Ist es ein älterer Mann oder ein jüngerer, und welches Bedürfnis treibt ihn? Höret er etwa Kunde von einem heranziehenden Kriegsheere? Oder hat er einen Antrag zum Besten des Landes zu machen? Nun, gewiß es ist ein Biedermann, der also gehandelt hat; Zeus segne ihn, was er auch im Herzen vorhaben mag!«

Telemach erfreute sich des glücklichen Vorzeichens, das in diesen Worten lag, erhub sich von seinem Stuhle und sprach, mitten unter die Versammlung eintretend, nachdem der Herold Peisenor ihm das Zepter gereicht, indem er sich zuerst dem greisen Aigyptios zuwandte: »Edler Greis! der Mann, der euch berufen hat, ist nicht ferne: ich bin’s, denn der Kummer und die Sorge bedrängen mich. Erst habe ich meinen trefflichen Vater, euren Beherrscher, verloren, und jetzt stürzt mein Haus ins Verderben, und alle meine Habe geht in Trümmer. Mit unerwünschter Bewerbung sieht sich meine Mutter Penelope von Freiern umdrängt. Diese sträuben sich, meinem Vorschlage sich zu fügen und beim Vater der Mutter, Ikarios, um die Tochter zu werben. Nein, von Tag zu Tage wenden sie sich an unser Haus, opfern Rinder zum Mahle, halten bei unsern Schafen und Ziegen Schmaus und trinken mir den funkelnden Wein ohne Scheu aus dem Keller. Was vermag ich gegen so viele? Erkennet doch selbst, ihr Freier, euer Unrecht; habt auch Scheu vor andern, vor der Nachbarschaft; bebet endlich vor der Rache der Götter! Wann hat euch mein Vater beleidigt, wann habe ich selbst euch Schaden zugefügt, dessen Ersatz ihr von mir zu nehmen berechtigt wäret? Ihr aber ladet mir unverdienten Schmerz auf die Seele!«

So sprach Telemach, vergoß Tränen dazu und warf zornig seinen Zepter auf die Erde. Die Freier saßen schweigend umher, und keiner außer Antinoos, der Sohn des Eupeithes, wagte es, ihm ein heftiges Wort auf seine Rede zu erwidern. Dieser erhub sich und rief laut: »Trotziger Jüngling, welche Schmähung erlaubst du dir gegen uns? Nicht die Freier haben alles das verschuldet, sondern deine eigene Mutter, die ränkevolle! Drei Jahre, und bald das vierte, sind dahin, und immer noch spottet sie des Wunsches der Achajer. Allen verheißt sie Gunst, bald diesem, bald jenem Manne sendet sie Botschaft zu; aber im Herzen denkt sie ganz anders. Wohl durchschauen wir ihre List. In ihrer Kammer hat sie ein großes Gewebe angefangen, und zur Versammlung der Freier hat sie gesprochen: ›Ihr Jünglinge, wartet mit der Entscheidung und der Hochzeit nur so lange, bis ich das Leichengewand für meines Gemahles alten Vater Laërtes fertiggewirkt habe, daß, wenn er dereinst stirbt, keine Griechin mich tadeln kann, wenn der angesehene Mann als Leiche nicht festlich eingekleidet daläge!‹ Mit diesem frommen Vorwande gewann sie unsere Herzen. Nun saß sie auch wirklich den Tag über da und wirkte an ihrem großen Gewebe, in der Nacht aber beim Kerzenlichte, da trennte sie heimlich alles wieder auf, was sie am Tage gewoben hatte. So entging sie unsern Aufforderungen drei Jahre lang und täuschte edle Griechensöhne. Eine der Dienerinnen, welche sie nachts belauscht hatte, hat uns dieses hinterbracht, und so überraschten wir sie selbst, während sie damit beschäftigt war, ihr Gewebe zu zertrennen. Darauf nötigten wir sie, das Werk zu vollenden. So geben wir dir denn zur Antwort, Telemach, daß dir allerdings vergönnt sein soll, die Mutter hinweg- und zu ihrem Vater zu senden; aber du sollst ihr auch gebieten, sich demjenigen zu vermählen, den ihr Vater auserlesen wird oder den sie sich selbst erwählt. Wenn sie aber die edlen Griechen noch länger verhöhnt und mit ihrem Truggewebe täuschen will, so zehren wir auch noch länger von deinem Gute, und nicht eher weichen wir von deinem Herde und begeben uns an den unsrigen, als bis deine Mutter einen Gatten gewählt hat.«

Darauf antwortete Telemach: »Antinoos, mit Zwang kann ich meine Mutter nicht aus dem Hause verstoßen, sie, die mich geboren und erzogen hat, mag nun mein Vater noch leben oder tot sein. Weder Ikarios, ihr Vater, noch die Götter könnten ein solches Verfahren billigen. Nein, wenn ihr selbst noch Gefühl für Recht und Unrecht habt, so verlasset mein Haus und besorget euch eure Gastmahle anderswo, oder verzehrt wenigstens eure eigene Habe und lasset die Bewirtung im Kreise herumgehen. Wenn es euch aber behaglicher dünkt, das Erbe eines einzelnen Mannes ohne Wiedererstattung zu verschlingen – nun, so tut es! Ich aber werde die Ewigen laut anflehen, daß mir Zeus zur wohlverdienten Bezahlung an euch verhelfe!«

Während Telemach so sprach, schickte ihm Zeus ein Himmelszeichen. Zwei Adler des Gebirges schwebten mit ausgebreiteten Schwingen herab aus den Lüften und umeinander her: als sie der Versammlung über den Häuptern waren, schauten sie drohend herab und fingen dann an, sich selbst mit den Klauen Hals und Kopf zu zerkratzen, dann erhoben sie sich wieder und stürmten rechts hin über Ithakas Stadt. Dies deutete der anwesende greise Vogelschauer Halitherses auf großes Verderben, das den Freiern drohe. Denn noch am Leben sei Odysseus und nahe schon, und der Tod sei allen jenen Männern bereitet. Aber der Freier Eurymachos, des Polybos Sohn, spottete des Zeichens und sagte: »Geh du nach Hause und verkündige deinen eigenen Kindern ihr Geschick, alberner Greis! Uns wirst du nicht betören. Viel Vögel fliegen unter den Strahlen der Sonne herum, aber nicht alle bedeuten etwas. Gewisser ist nichts, als daß Odysseus in der Ferne starb!« Übrigens beharrten die Freier auf ihrem Ansinnen, daß die Mutter Telemachs selbst das Haus verlassen, zu ihrem Vater Ikarios ziehen und dort wählen solle.

Da drang Telemach nicht weiter in sie, sondern er begehrte vom Volke nur ein schnellsegelndes Schiff und zwanzig Ruderer, um zu Pylos und zu Sparta nach dem verschollenen Vater zu fragen. Lebe der, so wollte auch Telemach noch ein Jahr zusehen; sei er tot, so möge ein anderer die Mutter nehmen. Jetzt erhub sich Mentor, der Freund und Altersgenosse des Odysseus, dem der Held, in den Kampf vor Troja ziehend, die Sorge des Hauses anvertraut hatte, daß er, unter der Oberaufsicht seines Vaters Laërtes, alles in Ordnung erhielte. Dieser ereiferte sich zornig gegen die Freier und rief. »Kein Wunder, wenn ein zeptertragender König Recht und Billigkeit vergäße, stets zürnte und grausam frevelte: verdienen es die Menschen doch nicht anders! Wer in diesem Kreise gedenkt jetzt noch des freundlichen, väterlichen Herrschers Odysseus? Prassen doch diese Freier ungestraft von seinem Gute! Und nicht ihnen verdenke ich es, die da im Wahne handeln, als kehre Odysseus nicht wieder! Aber dem andern Volke verarg ich’s, das stumm dasitzt und zuschauen mag und auch nicht mit einem Wörtchen es versucht, die frevelnden Freier im Zaum zu halten, so überlegen es ihnen an Zahl ist!«

Aber Leiokritos, einer der frechsten Freier, spottete des Scheltenden und sprach: »Laß immerhin den Odysseus kommen, du alter Schadenfroh; wir wollen sehen, ob er mit uns fertig wird, wenn er uns beim Mahle überrascht! Und glaubet mir nur, Penelope selbst, sosehr sie nach ihm zu schmachten scheint, würde seiner Ankunft sich am wenigsten freuen. Möge ihn das böse Verhängnis vertilgen! Nun, laßt uns scheiden, ihr Männer! Mögen Mentor und der alte Vogelschauer Halitherses die Reise des Knaben Telemach beschleunigen. Aber, was wollen wir wetten? er sitzt noch nach Wochen hier unter uns und erspäht sich hier in Ithaka selbst die Botschaft nach seinem Vater. Nimmermehr vollendet er die Reise!«

Lärmend trennten sich die Freier, und die ganze Volksversammlung tat, ohne einen Beschluß gefaßt zu haben, das gleiche. Jeder ging in seine Wohnung, und die Freier lagerten sich wieder im Palaste des Odysseus.

Telemach verläßt Sparta



Telemach verläßt Sparta

Pallas Athene, die Göttin, wandelte inzwischen nach Sparta und fand dort die beiden Jüngling aus Pylos und aus Ithaka bei dem Fürsten Menelaos auf ihr Nachtlager hingestreckt. Peisistratos, der Sohn des Nestor, lag in süßem Schlafe, den Telemach aber labte kein Schlummer. Er wachte die ganze Nacht hindurch aus Bekümmernis über das Schicksal seines Vaters. Da sah er auf einmal die Tochter des Zeus vor seinem Bette stehen, die also zu ihm sprach: »Du tust nicht wohl daran, Telemach, fern von deinem Hause dich in der Irre umherzutreiben, während in deinem Palaste zügellose Männer dein Gut unter sich verteilen. Wohlan, bitte den Fürsten Menelaos unverzüglich um die Heimfahrt, ehe deine Mutter eine Beute der Freier wird! Denn bereits stürmen Vater und Brüder auf sie ein und verlangen, daß sie den Eurymachos zum Gemahl erkiese, der allerdings mit seinen Geschenken alle andern übertroffen hat und sich noch zu reichlicherer Bräutigamsgabe erbietet. Wenn sie aber diesen wählt, dann magst du selbst zusehen, wie es dir ergehen wird! Eile daher zurück, und im schlimmsten Fall übergib deine Güter einer getreuen Dienerin, bis dir die Götter einmal eine würdige Gemahlin bescheren. Aber noch eines vernimm: In der Meerenge zwischen Ithaka und Same liegen die tapfersten Freier in einem Hinterhalte und sind dazu gerüstet, dich umzubringen, ehe du dein Vaterland wieder erreichest. Steure deswegen fern von den andern Inseln und fahre nur in der Nacht; für guten Wind wird ein Gott sorgen. Hast du sodann das nächste Ufer von Ithaka erreicht, so sende deine Genossen alle sogleich nach der Stadt, du selbst aber begib dich vor allen Dingen zu dem treuen Hirten, der deine Schweine bewacht; bei ihm bleibst du bis an den Morgen, und von dort aus meldest du der Mutter Penelope deine glückliche Zurückkunft aus Pylos!«

Nachdem sie also gesprochen, flog die Göttin wieder zum Olymp empor. Telemach aber weckte den Sohn Nestors, indem er ihn mit dem Fuß an die Ferse stieß, und rief. »Wach auf, Peisistratos, schirre die Rosse vor den Wagen und laß uns die Heimfahrt beginnen!« »Wie«, antwortete der Sohn Nestors noch im halben Schlummer, »wir werden doch im Dunkel der Nacht nicht auf die Fahrt gehen wollen? Warte doch, bis der Morgen kommt; dann legt uns der König Menelaos schöne Geschenke in den Wagensessel und entläßt uns mit freundlichen Abschiedsworten.« Während sie so noch länger miteinander über die Abreise unterhandelten, erschien die Morgenröte, und Menelaos erhub sich noch vor den Jünglingen von dem Lager. Als ihn Telemach in der Ferne durch die Halle wandeln sah, warf er sich schnell in seinen Leibrock, schlug den Mantel um die Schultern, trat zu dem Fürsten und bat ihn um Entlassung in die Heimat. Freundlich entgegnete ihm Menelaos: »Lieber Gast, ich bin weit entfernt, dich länger aufhalten zu wollen, wenn du dich nach Hause sehnest. Ich selbst kann den Wirt nur tadeln, der durch lästige Freundschaft sich gegen seinen Gastfreund als ein Feind beweist. Es ist ebenso unrecht, einen Eilenden aufzuhalten, als einen Zögernden an die Heimkehr zu erinnern. Warte nur so lange, bis ich dir Geschenke in den Wagen gelegt und die Weiber dir einen Schmaus bereitet haben.« »Edler Fürst«, antwortete Telemach, »ich wünsche nur deswegen heimzukehren, um nicht, während ich nach dem Vater forsche, selbst zugrunde zu gehen; denn es warten allerlei Gefahren auf mich, und im väterlichen Palaste wird mein Erbgut aufgezehrt.« Als Menelaos dieses hörte, sorgte er in aller Eile für das Mahl und verfügte sich mit Helena und Megapenthes in die Vorratskammer. Hier suchte er selbst einen goldenen Becher heraus, seinem Sohne Megapenthes gab er einen schönen silbernen Krug zu tragen, und aus dem Kasten suchte Helena das unterste ihrer selbstgewirkten Gewande hervor, welches das schönste und größte von allen war. Mit diesen Gaben kehrten sie zu dem Gastfreunde zurück; Menelaos reichte ihm den Becher, sein Sohn stellte den Krug vor ihm auf, und Helena ging mit ihrem Gewand in den Händen ihm entgegen und sprach: »Nimm dieses Geschenk, lieber Sohn, als ein Andenken aus der Hand Helenas; am Hochzeitstage soll es deine junge Braut tragen; bis dahin mag es im Gemache deiner Mutter liegen. Du aber kehre mit fröhlichem Herzen in das Haus deiner Väter zurück!«

Telemach empfing die Gaben mit ehrerbietigem Danke, und sein Freund Peisistratos legte sie, jedes einzelne bewundernd, im Wagenkorbe nieder. Dann führte Menelaos die Gäste noch einmal in seinen Saal, und der Abschiedsimbiß wurde genossen. Als sie schon auf dem Wagen saßen, trat Menelaos, mit einem vollen Becher in der Rechten, noch einmal vor die Rosse, brachte zu glücklicher Abfahrt den Unsterblichen eine Opferspende dar, trank mit einem Handschlag den Jünglingen zu, sagte ihnen Lebewohl und gab ihnen einen Gruß an seinen greisen Freund Nestor auf. Während Telemach noch dankte und seinen Wunsch aussprach, den Vater Odysseus im Palaste heimgekehrt zu treffen und ihm von des Menelaos Gastfreundschaft Bericht abstatten zu können, siehe, da flog ein Adler, mit einer zahmen Gans aus dem Hofe in den Klauen, von schreienden Männern und Weibern verfolgt, rechts her gerade vor die Rosse der Jünglinge. Alle freuten sich über dieses Zeichen, Helena aber sprach: »Höret meine Weissagung, ihr Freunde! Wie der Adler, aus seinem Nest im Gebirge gekommen, die Gans weggerafft hat, die sich vom Fett unsrer Wohnung mästete, so wird Odysseus nach langer Irrfahrt und Qual als Rächer in die Heimat zurückkehren oder ist schon zurückgekehrt, den gemästeten Freiern zum Verderben!« »Geb es Zeus so«, antwortete Telemach, »dann, edle Fürstin, will ich dich zu Hause stets wie eine Göttin anflehen.«

Und nun eilten die beiden Gäste mit dem Wagen davon. Am Abend übernachteten sie, gastreich gepflegt, wieder in der Burg bei dem gütigen Helden Diokles zu Pherai, und am zweiten Tage erreichten sie glücklich die Stadt Pylos. Aber ehe sie hineinfuhren, wandte sich Telemach bittend an seinen jungen Freund: »Lieber Peisistratos«, sprach er, »so befreundet unsere Väter sind, so innig diese Fahrt uns beide vereinigt hat: verarge mir’s nicht, wenn ich die Stadt nicht betreten will, daß dein greiser Vater mich nicht aus lauter Liebe mit Zwang in seiner Wohnung zurückhalte, denn du weißt ja selbst, wie sehr ich meine Heimkehr beschleunigen muß. »Peisistratos fand sein Gesuch natürlich, lenkte mit seinen Rossen an der Stadt vorüber und brachte den Jüngling geradenwegs an den Strand zu seinem Schiffe. Hier nahm er recht herzlichen Abschied von seinem Freunde und sprach: »Besteige nur rasch dein Schiff und fahre davon; denn erführe mein Vater, daß du da bist, er würde gewiß selbst kommen und dich nötigen, in seinem Palast einzukehren.« Telemach gehorchte seinen Worten; die Genossen bestiegen das Schiff und setzten sich auf die Ruderbänke, er selbst aber stellte sich noch auf dem Strande hinten an das Steuerruder des Schiffes und brachte seiner Beschützerin Athene unter Gebet ein Opfer dar.

Während er dies tat, näherte sich ein Mann mit hastigen Schritten dem äußersten Ufer, streckte seine Hände nach Telemach aus und rief: »Bei deinem Opfer, Jüngling, bei den Göttern und bei der Wohlfahrt deines Hauptes und der Deinigen flehe ich zu dir: sage mir, wer du bist und wo du wohnest.« Als Telemach ihm alles der Wahrheit nach kurz zugerufen, fuhr er fort zu bitten: »Auch ich bin auf der Wanderschaft begriffen. Ich bin der Seher Theoklymenos, mein Geschlecht stammt aus Pylos, ich selbst aber hausete zu Argos. Dort hab ich im Streit und Jähzorn einen Mann aus mächtigem Geschlecht erschlagen und bin seinen Brüdern und Verwandten, die mir den Tod geschworen haben, entronnen. Hinfort bleibt mir nichts übrig, als wie ein Verbannter durch die Welt zu irren. Du aber, guter Jüngling, betrachte mich als einen Schutzflehenden und laß mich zu dir ins Schiff, denn meine Verfolger sind mir auf den Fersen!«

Telemach, der einen milden Sinn hatte, nahm den Fremdling gern in sein Schiff auf und versprach ihm, auch in Ithaka für seinen Lebensunterhalt zu sorgen. Er empfing den Speer aus den Händen des Fremden und legte ihn aufs Verdeck nieder; dann bestieg er selbst mit dem Seher das Schiff und setzte sich mit ihm an das Steuerende; die Seile, mit welchen das Fahrzeug am Gestade angebunden war, wurden abgelöst, der Mast aus Fichtenholz in die mittlere Vertiefung des Schiffsbodens gestellt und hoch aufgerichtet, die weißen Segel mit Riemen an den Stangen aufgespannt, und unter dem Sausen des günstigen Windes flog das Schiff davon.

Telemach zu Sparta



Telemach zu Sparta

Freunde und Nachbarn umgaben den Fürsten Menelaos zu Sparta im Palaste beim fröhlichen Schmause; ein Sänger rührte die Harfe im dichten Gedränge; zwei Gaukler machten lustige Sprünge im Kreise; der Beherrscher des Landes feierte das doppelte Verlobungsfest zweier Kinder, der lieblichen Hermione, Helenas Tochter, die damals dem mutigen Sohne des Achill, Neoptolemos, als Braut entgegengesandt werden sollte, und eines Sohnes von einem Nebenweibe, Megapenthes, den er einer edeln Spartanerin verlobte. Unter diesem Getümmel hielten am Tore der Königsburg Telemach und Peisistratos mit ihrem Wagen, und ein Krieger des Menelaos, der sie zuerst erblickte, meldete dem Fürsten die Ankunft der Fremden und fragte an, ob die Rosse abgespannt oder die Fremden, wegen der festlichen Feier im Hause, einer Herberge zur Bewirtung zugewiesen werden sollten. »Ei, Held Eteoneus«, antwortete ihm Menelaos ärgerlich, »du warst doch sonst nie ein Tor, heute aber redest du wie ein Kind! Wie viele Gastfreundschaft habe ich selbst bei andern Menschen genossen; und ich sollte um irgendeiner Ursache willen Fremdlinge von meinem Herd abweisen? Hurtig die Rosse abgespannt und die Männer zum Gastmahl hereingeführt!« Der Krieger verließ eilends mit vielen Dienern den Saal, und die schäumenden Rosse wurden vom Wagenjoch abgelöst und vor reichlichen Haber an die Krippe im Stalle gestellt; auch der Wagen wurde eingetan. Die Gäste führte man in den herrlichen Palast und wusch ihnen den Staub des Weges durch ein erquickendes Bad vom Leibe. Dann wurden sie dem Könige Menelaos zugeführt und nahmen an seiner Seite beim köstlichen Mahle Platz. Staunend betrachtete sich Telemach die Pracht des Palastes und der Bewirtung und flüsterte seinem Freunde ins Ohr: »Sieh nur, Peisistratos, das Erz, das rings in dem gewölbten Saale glänzt, das Gold und Silber, das schimmernde Elfenbein! Welch unendlicher Schatz! Zeus‘ Palast auf dem Olymp kann nicht herrlicher sein! Mich erfüllt dieser Anblick mit Staunen!« Telemach hatte nicht so leise gesprochen, daß Menelaos nicht die letzten Worte vernommen hätte. »Lieben Söhne«, sagte er daher lächelnd, »mit Zeus wetteifere kein Sterblicher! Sein Palast ist unvergänglich und all sein Besitz! Aber das ist wahr: unter den Menschen wird sich nicht leicht einer mit mir im Reichtum messen können; habe ich ihn doch auch nach vielen Leiden und Irrfahrten eingetan und brauchte acht Jahre, bis ich wohlbehalten in der Heimat wieder ankam. Auf Zypern, in Phönizien, in Ägypten, Äthiopien, Libyen bin ich gewesen. Das ist ein Land, ihr Freunde! Dort kommen die Lämmer gleich mit Hörnern auf die Welt; die Schafe werfen dreimal des Jahres, und nie fehlt es dem Herrn und dem Hirten an Fleisch, Milch und Käse! Während ich mir in diesen Landen viel kostbare Habe sammelte, hat mir zu Mykene ein anderer den Bruder erschlagen, ein Meuchelmörder, durch die List seines treulosen Weibes – so daß ich bei all meinem Besitze doch nicht recht fröhlich herrschen kann! Doch das habt ihr wohl alles schon von euren Vätern vernommen, wer sie auch sein mögen!

Aber gern wär ich mit dem Drittel meines Gutes zufrieden, wenn nur die Männer noch lebten, die vor Troja gefallen sind. Und doch – keinen von ihnen betraure ich so innig als einen, der mir Schlaf und Speise verleidet, wenn ich sein gedenke! Denn so viel erduldete doch kein anderer Grieche als Odysseus! Und nun weiß ich nicht einmal, ob er lebt oder tot ist! Vielleicht trauern um ihn längst sein alter Vater Laërtes und seine züchtige Gemahlin Penelope und sein junger Sohn Telemach, der noch ein Säugling war, als er ihn verließ.«

So sprach Menelaos, und ohne es zu wollen, machte er dem Telemach das Herz so weichmütig, daß ihm die Tränen von den Wimpern herabrollten und er den Purpurmantel mit beiden Händen fest vor die Augen drücken mußte. Dem Könige Spartas blieb dies nicht verborgen, und er erkannte in dem Jüngling alsbald den Sohn des Odysseus.

Indessen wandelte auch die Fürstin Helena aus ihrem duftenden Frauengemach hervor, einer Göttin an Schönheit gleich; sie umringten anmutige Dienerinnen: die eine stellte ihr den Sessel hin; eine andere breitete den wollenen Teppich unter; die dritte brachte ihr einen silbernen Korb, das Gastgeschenk der Königin von Theben in Ägypten; er war mit gesponnenem Garne gefüllt, und die volle Spindel lag darüber. So setzte sich die Königin auf den Sessel, stellte die Füße auf den Schemel und begann ihren Gemahl neugierig nach dem Geschlechte der neuangekommenen Männer zu fragen: »Sah ich doch auf der Welt noch keinen Menschen, der dem hochgesinnten Odysseus so ähnlich wäre wie der eine der Jünglinge hier!« So sprach sie leise zu ihrem Gemahl, und dieser antwortete ihr: »Auch mir, o Frau, kommt es so vor. Füße, Hände, Blick der Augen, Haupt- und Scheitelhaare, alles ist dasselbe an beiden! Auch tropften dem Jüngling bittere Zähren von den Wimpern, als ich vorhin unserer Not und des Odysseus gedachte.«

Peisistratos, Telemachs Begleiter, vernahm diese Reden und sagte laut: »Du redest recht, König Menelaos, dieser ist des Odysseus Sohn, Telemach; er aber ist zu bescheiden, dreist mit dir zu sprechen. Ihn hat mit mir Nestor, mein Vater, gesandt, denn er hofft von dir Nachricht von seinem Vater zu erhalten.« »Ihr Götter«, rief nun Menelaos aus, »so ist wirklich der Sohn des geliebtesten Mannes mein Gast, des Mannes, dem ich selbst so gerne alle Liebe erwiesen hätte, wenn er auf der Heimkehr in meinem Hause einspräche!«

Als nun der König fortfuhr, so sehnlich von seinem alten Freunde zu reden, da mußten alle weinen, Helena und Telemach und Menelaos selbst, und auch Nestors Sohn weinte, denn er mußte an seinen Bruder Antilochos denken, der vor Troja, seinen Vater rettend, gefallen war.

Endlich bedachten sie, daß es fruchtlos und nicht heilsam sei, dem Gram beim Abendschmause nachzuhängen, und wollten, nachdem die Diener ihnen mit Wasser die Hände besprengt, alle zur Nachtruhe aufbrechen. Helena aber, die als Zeus‘ Tochter in allerlei Wunderkünsten erfahren war, warf noch vorher schnell in den letzten Becher Weins, den sie tranken, ein Mittel, das allen Kummer und die Erinnerung an alle Leiden aus der Seele vertilgte. Wenn ein Mensch von dieser Mischung trank, so benetzte ihm den ganzen Tag über keine Träne die Wangen, und wären ihm Vater und Mutter gestorben, wären ihm Sohn oder Bruder vor seinen Augen vom Schwert des Feindes durchbohrt worden. Da wurden sie alle fröhlich und sprachen noch lange in die Nacht hinein. Endlich wurde den Gästen ihr Bett von prächtigen Purpurpolstern und Teppichen unter der Halle bereitet; Menelaos und Helena aber begaben sich in das Innere des Palastes.

Am andern Morgen fragte der Fürst seine Gastfreunde über die Absicht ihrer Reise weiter aus und vernahm, wie es zu Ithaka, im Hause seines Freundes Odysseus, stehe. Als er hörte, wie sich die Freier dort gebärdeten, rief er entrüstet aus: »Ha, die Elenden, die im Lager des gewaltigen Mannes zu ruhen gedenken! Wie der Löwe zurückkommt, dem eine Hindin ihre Jungen ins Nest gelegt hat, während er im grünen Tale weidet, wird Odysseus kommen und ihnen ein Ende voll Entsetzen bereiten! Wisse, was mir in Ägypten der Meeresgreis Proteus geweissagt hat, als er, in mancherlei Gestalten verwandelt, endlich von mir gebunden und gezwungen ward, die Schicksale der heimkehrenden Griechenhelden mir kundzutun. ›Den Odysseus‹, sprach der Gott, ›sah ich im Geist auf einer einsamen Insel Tränen der Sehnsucht vergießen. Dort hält ihn die Nymphe Kalypso mit Gewalt zurück, und ihm gebricht’s an Schiffen und Ruderern, um in die Heimat zurückzukehren.‹ Nun weißt du alles, lieber Jüngling, was ich dir über deinen Vater zu berichten vermag. Bleib nun noch ein eilf oder zwölf Tage bei uns, dann will ich dich mit köstlichen Geschenken entlassen.«

Aber Telemach dankte und ließ sich nicht zurückhalten. Nun schenkte ihm Menelaos einen silbernen Mischkrug mit goldenem Rande von unvergleichlich schöner Arbeit, ein Werk des kunstreichen Gottes Hephaistos selbst, und ein köstliches Frühmahl von Ziegen und Schafen wurde dem Abschied nehmenden Gastfreunde bereitet.