Sagen

Waffenstillstand



Waffenstillstand

Die Fürsten der Danaer versammelten sich jetzt in dem Gezelte ihres Oberfeldherrn Agamemnon, wohin sie auch den seines Sieges sich hocherfreuenden Ajax jubelnd geführt hatten. Hier wurde dem Zeus ein fünfjähriger fetter Stier geopfert und beim Schmause der Sieger mit dem besten Rückenstücke geehrt. Als sie sich an Speise und Trank gesättiget, eröffnete Nestor den Rat der Fürsten mit dem Vorschlage, am andern Morgen den Krieg ruhen zu lassen und nach Abschluß eines Waffenstillstandes die Leichname der gefallenen Danaer auf Wagen, mit Rindern und Maultieren bespannt, abzuholen und abseits von den Schiffen zu verbrennen, damit, wenn sie wieder zum Vaterlande heimzögen, ein jeder den Kindern seiner Verwandten den Staub der Ihrigen mitbringen könnte. Die Könige riefen ihm ringsumher Beifall.

Auf der andern Seite kamen auch die Trojaner auf ihrer Burg, vor dem Palaste des Königes, nicht ohne Schmerz und Verwirrung über den Ausgang des Zweikampfes, zur Versammlung, und hier stand der weise Antenor auf und sprach: »Höret mein Wort, ihr Trojaner und Bundesgenossen. Solange wir treulos gegen den heiligen Vertrag, den Pandaros gebrochen hat, kämpfen, kann unserm Volke keine Wohlfahrt blühen; deswegen berge ich meines Herzens Meinung und meinen Rat nicht, daß wir die Argiverin Helena mitsamt ihren Schätzen den Atriden ausliefern sollten.« Dagegen erhub sich Paris und erwiderte: »Wenn du im Ernste so geredet hast, Antenor, so haben dir wahrhaftig die Götter deinen Verstand geraubt; ich aber bekenne geradeheraus, daß ich das Weib nie wieder hergeben werde. Die Schätze, die ich aus Argos mitgeführt, mögen sie meinethalben wiederhaben; und ich will freiwillig von dem Meinigen noch hinzutun, was sie als Buße verlangen können!« Nach seinem Sohne sprach der greise König Priamos mit wohlmeinender Gesinnung: »Laßt uns heute nichts Weiteres mehr beginnen, ihr Freunde! Verteilet den Nachtimbiß unter das Heer, stellet die Wachen aus und überlasset euch, behutsam wie immer, dem Schlafe. Am nächsten Morgen aber soll Idaios, unser Herold, zu den Schiffen der Griechen gehen und denselben das friedsame Wort meines Sohnes Paris verkündigen, zugleich sie erforschen, ob sie geneigt seien, uns Waffenruhe zu gewähren, bis wir unsere Toten verbrannt haben. Können wir uns nicht vereinigen, so mag nachher die Feldschlacht wieder beginnen.«

So geschah es. Am andern Morgen erschien Idaios als Herold vor den Griechen und meldete das Anerbieten des Paris und den Vorschlag des Königes. Als die Helden der Danaer solches hörten, blieben alle lange stumm. Endlich begann Diomedes: »Laßt euch doch nicht einfallen, ihr Griechen, die Schätze anzunehmen; auch nicht, wenn ihr Helena dazubekämet. Der Einfältigste wird ja wohl hieraus erkennen, daß die Trojaner bereits mit dem Untergang bedroht sind!« Diesem Worte jauchzten die Fürsten alle Beifall zu, und Agamemnon sprach jetzt zu dem Herolde: »Du hast selbst den Bescheid der Griechen, was den Vorschlag des Paris betrifft, vernommen; die Verbrennung der Toten aber soll euch keineswegs verweigert sein; der Donnerer selbst soll diese unsere Zusage hören!« Mit diesen Worten hub er den Zepter gen Himmel. Idaios kehrte nach Troja zurück und traf den Rat der Trojaner wieder versammelt. Auf die willkommene Botschaft wurde es schnell in der Stadt lebendig; die einen holten die Leichname, die andern Holz aus der Waldung. Und ganz dasselbe geschah im Schiffslager der Griechen. Friedlich begegneten im Strahl der Morgensonne Feinde den Feinden und suchten ihre Toten, einer an der Seite des andern. Schwer war der Gegner vom Freunde zu erkennen, wie die Leichname blutig und der Rüstungen beraubt dalagen. Unter heißen Tränen wuschen die Trojaner den ihrigen, deren viel mehr waren, das Blut von den Gliedern, aber alle laute Wehklage verbot Priamos. So huben sie sie verstummt auf die Wagen und türmten unter großer Herzensbetrübnis die Scheiterhaufen auf. Dasselbe taten die Griechen, gleichfalls mit traurigem Herzen; und als die Glut ausgelodert, kehrten sie zu ihren Schiffen zurück. Der Tag war über dieser Arbeit zu Ende gegangen, und das Abendmahl begann. Gerade zur rechten Zeit waren aus Lemnos von Euneos, dem Sohne Iasons und Hypsipyles, Lastschiffe mit einer Ladung edlen Weines angekommen, den der Gastfreund den verwandten Griechen zum Geschenke sandte, viel tausend Krüge. Da ward ein lieblicher Festschmaus gerüstet, und als die Griechen ihre Beute bei den Schiffen untergebracht, setzten sie sich zum Mahle.

Auch die Trojaner wollten sich beim Schmause von der Schlacht erholen. Aber Zeus ließ ihnen keine Ruhe und schreckte sie die ganze Nacht hindurch mit Donnerschlägen, die sich von Zeit zu Zeit wiederholten und ihnen neues Unglück zu verkündigen schienen. Entsetzen faßte sie, und sie wagten den Becher nicht an den Mund zu führen, ohne dem zürnenden Göttervater ein Trankopfer auszugießen.

Unterhandlung. Versuchter Zweikampf. Friedensbruch. Äneas meuchlerisch verwundet



Unterhandlung. Versuchter Zweikampf. Friedensbruch. Äneas meuchlerisch verwundet

Als Turnus sah, daß die Latiner, von den Feinden gedemütigt, ihre Blicke alle auf ihn allein richteten und ihn an sein Versprechen zu erinnern schienen, überflog eine Schamröte sein Gesicht, und sein Herz schlug ihm stolzer in der Brust. Wie ein verwundeter Löwe sich aufs neue ernstlich zur Wehr setzt, die zottige Mähne fröhlich schüttelt und den Speer des Jägers, der ihm im Leibe sitzt, zerbricht, mit den blutigen Zähnen dazu knirschend, so entbrannte der Ungestüm des hohen Jünglings wieder. Er trat vor seinen Schwiegervater Latinus und sprach: »An mir soll der Verzug nicht liegen, wenn nur die feigen Trojaner ihr gegebenes Wort nicht brechen! Laß Opfertiere herbeischaffen, Vater, und schließe den Bund! Entweder schickt mein Arm heute noch den asiatischen Flüchtling zum Orkus hinunter und rächt unsere Schande, oder ich erliege seinem Schwert, und er mag deine Tochter Lavinia als Gattin heimführen!« Ihm antwortete Latinus mit ruhigem Herzen: »Je mehr du an trotziger Tapferkeit alle besiegest, hochherziger Jüngling, desto mehr ist es meine Pflicht, dich zu beraten und alle Glücksfälle des Schicksals sorgfältig zu überlegen. Von Daunus, deinem Vater her ist ein großes Reich dein, und du hast ihm manche Stadt durch Eroberung hinzugefügt. Gold und Gunst wird dir durch Latinus zuteil. Latium hat noch genug andere Bräute, die auch nicht unedlen Stammes sind. Laß mich dir die ganze Wahrheit sagen, so schmerzlich sie dir auch sein mag: Einem von den vorigen Freiern meine Tochter zu geben, verhinderte mich der Warnungsspruch von Göttern und Menschen; dir zulieb aber, getrieben durch die Verwandtschaft, durch die Tränen meiner Gemahlin, überwand ich alle Zweifel, nahm dich zum Eidam an und habe mich in diesen ungesegneten Krieg eingelassen. Unser Schicksal siehest du. Du allein stehest dem Frieden im Wege. Entsage meiner Tochter und verlange nicht von mir, das erst auf den zweifelhaften Ausgang eines Zweikampfes ankommen zu lassen, was du mir sogleich als Gewißheit zu gewähren vermagst! Denk an das ungetreue Kriegsglück! Erbarme dich auch deines bejahrten Vaters, den der Gram um dich in deiner Vaterstadt Ardea verzehrt.«

Aber keine Worte vermochten den Rutuler umzustimmen, ja er wurde durch diese sanfte Rede nur noch wilder entflammt. Nicht einmal die Bitten, die Tränen und Umarmungen der Königin wirkten auf sein Herz. Da kam endlich, von den Wehklagen ihrer Mutter aufgeschreckt, auch seine Braut Lavinia herbeigeeilt. Tränen rannen ihr über die heißen Wangen, und die große Verschämtheit jagte ihr die Glut über das Angesicht. Wie Elfenbein von Purpur überlaufen, wie Lilienschnee von Rosen angeschimmert, so spielten die Farben auf ihrem jungfräulichen Antlitz. Turnus heftete einen Blick auf die Geliebte, und seine Gedanken verwirrten sich einen Augenblick; aber die Hoffnung, den verhaßten Nebenbuhler zu besiegen, entflammte ihn noch mehr zum Streit, und er sprach zu der Königin gewendet: »Mutter, ich bitte dich, verfolge mich nicht mit deinen Tränen, mit deiner bangen Ahnung; Turnus hat keine Wahl mehr!« Dann rief er einen seiner Streitgenossen und sagte zu ihm: »Du, Idmon, eile zum trojanischen Führer und verkündige ihm ein Wort, das ihn nicht freuen wird. Er soll am nächsten Morgen seine Trojaner nicht zum Streite führen, wie ich meine Rutuler nicht: wir lassen die Heere von allem Streite ruhen; aber wir beide, sobald die Sonne am Himmel aufgegangen ist, wollen mit unserem Blute den Krieg entscheiden, nur auf diese Weise soll das Schlachtfeld bestimmen, wem Lavinia als Gattin folgen wird.«

Nun ließ Turnus, ins Innere der Burg zurückgekehrt, seine schneeweißen, windschnellen Rosse vorführen, legte sich die Waffen an, ergriff die unbesiegte Lanze, und sprühenden Auges übte er sich in spielendem Stoß. Auch Äneas, mit der Botschaft des Rutulerfürsten zufrieden, wappnete sich mit seiner göttlichen Rüstung. Kaum bestrahlte der Tag die Gipfel der Berge mit frühem Sonnenlichte, als schon Rutuler und Trojaner vor den Mauern der mächtigen Latinerstadt das Feld für den Zweikampf ihrer Feldherren abmaßen und in der Mitte den gemeinsamen Göttern Rasenaltäre aufbauten. Wasser und Feuer zum Opfer, Kränze für die Priester, Tiere und Altäre wurden herbeigebracht. Dann ergoß sich das gesamte Volk der Italer aus den Toren der Stadt; von der andern Seite eilte das verbündete Heer der Trojaner und Etrusker herbei. Auf ein gegebenes Zeichen zog sich jeder auf seinen Platz zurück, und ein geräumiges Feld blieb zum Kampfe offen. Die Krieger stießen ihre Spieße in die Erde und lehnten die Schilde an. Aus der Stadt strömte jetzt auch noch unbewaffneter Pöbel heraus, selbst schwache Mütter und gebückte Greise. Innerhalb der Stadt besetzten sich Türme und Dächer mit Zuschauern, und auf den höchsten Toren saßen der Schaulustigen genug.

Jetzt nahten die Könige: Latinus kam auf einem vierspännigen Prunkwagen einhergefahren; von seiner Stirne blitzte ein Diadem mit zwölf goldenen Strahlen, zum Zeichen, daß er vom Sonnengotte abstamme. Turnus erschien mit einem Zwiegespann von weißen Rossen, zwei Wurfspieße in der Hand schüttelnd. Auf der andern Seite eilte aus dem trojanischen Lager Äneas hervor, und seine Rüstung samt Schild strahlte wie Sternenschimmer; an seiner Seite ging Askanius, sein kräftig heranblühender Sohn. Dann brachte ein Priester in reinem Gewande ein borstiges Ferkel und ein langwolliges Lamm und stellte die Tiere an die brennenden Altäre. Die Fürsten wandten sich mit ihrem Angesichte der aufgegangenen Sonne zu, streuten gesalzenes Mehl auf die Opfer, schoren ihnen die Scheitel mit dem Stahle und gossen das Dankopfer auf die Altäre. Dann beschworen dort Äneas, hier Latinus mit feierlichen Gebeten den Vertrag: Würde Äneas besiegt, so sollten die Trojaner unter Julus Latium auf der Stelle räumen und nach Pallanteum, der Stadt Euanders, sich zurückziehen; wäre der Sieg sein, so sollten sich Italer und Trojaner, jedes Volk frei und selbständig, vereinigen, Latinus herrschen, Äneas die Tochter des Königs gewinnen und eine Stadt sich und seinem Volke bauen und nach ihrem Namen Lavinia nennen.

Den Rutulern erschien längst der Kampf als ein ungleicher: ihre Herzen gärten ungeduldig, und der Ausgang deuchte ihnen bei des Äneas überwiegender Heldenkraft sehr unsicher. Ihre Sorge vermehrte sich, als sie ihren Führer Turnus mit bleichem Antlitz und eingefallenen Wangen schweigend vortreten und mit gesenktem Haupte vor dem Altare stehen sahen. Seiner Schwester Juturna entgingen diese Eindrücke nicht; sie, eine unsterbliche Nymphe, verwandelte sich schnell in die Gestalt des Helden Kamers, der durch mächtige Ahnen und eigene Taten in großem Ansehen bei dem Rutulervolke stand, und mischte sich mitten unter das Heer. »Rutuler«, flüsterte sie da, »schämt ihr euch nicht, für euch viele streitbaren Männer, die ihr so gut kämpfen könnet, nur eine einzige Seele dem Tode darzubieten? Sind wir unsern Gegnern etwa an Kräften nicht gewachsen? Zählet einmal Trojaner, Arkadier und Etrusker: ihr werdet finden, daß, wenn wir uns Mann gegen Mann schlagen wollten, kaum jeder von uns Rutulern und Latinern seinen Gegner finden würde! Turnus freilich wird zu den Göttern, an deren Altar er sich weiht, ruhmvoll emporsteigen, wenn er fällt; wir aber werden unser Vaterland verlieren, um trotzigen Zwingherren dienstbar zu sein: und es geschieht uns recht; warum saßen wir auch untätig hier im Grase, während wir hätten kämpfen können!«

So sprach Juturna, und sie tat noch mehr. Sie schickte den Italern ein sinnbetörendes günstiges Vorzeichen vom Himmel. Ein Goldadler Jupiters schwebte durch den lichten Äther, scheuchte das Ufergevögel des Stromes auf, schwang sich dann plötzlich zu den Wellen hinab und packte mit den Klauen den schönsten Schwan. Die Rutuler sahen staunend zum Himmel auf, wo alle die Vögel in einem luftverdunkelnden Schwarm, von der Flucht umgewendet, plötzlich ihren Feind, den Adler, der sich mit seiner Beute dem Himmelsgewölbe zuschwang, verfolgten, bis dieser, durch die Übermacht bezwungen und seine Last erschöpft, den Raub aus den Klauen fahren und in den Fluß fallen ließ, dann wieder die Höhe suchte und in den Lüften verschwand. Rutuler und Latiner begrüßten diese Erscheinung mit Freudengeschrei, legten die Hand an den Schwertgriff und lauschten ihrem Seher Tolumnius, der ihnen das Zeichen günstig deutete und sie zu den Waffen greifen hieß. Zugleich warf er selbst zuerst sein Geschoß auf die gegenüberstehenden Feinde, daß es zischend die Luft durchfuhr. Ein Lärm erhob sich, Verwirrung kam in alle Reihen, alle Herzen gerieten in Aufruhr. Ihm gegenüber standen nämlich neun schöne, schlanke Brüder, Söhne des Arkadiers Gylippus und einer einzigen edlen etruskischen Mutter. Einem von diesen stattlichen Jünglingen war der Speer des Tolumnius an der Gürtelschnalle mitten durch den Leib geflogen und hatte ihn in den Sand hingestreckt. Die acht Brüder des Gefallenen, von Schmerz um den Bruder entbrannt, schwangen ihre Lanzen, zückten ihre Schwerter; gegen sie stürzte sich die Macht der Rutuler. Nun brachen alle Arkadier, Trojaner und Etrusker los. Die Altäre wurden vom Gedränge zerwühlt, ein Sturm von Pfeilen durchlief die Luft, ein eiserner Speerhagel ergoß sich, Latinus selbst floh mit den Götterbildern, durch den Bruch des Bündnisses vertrieben; die einen schirrten ihre Wagen an, die andern schwangen sich aufs Roß, und andere stürzten sich mit gezogenen Schwertern ins Handgemenge. Ein fürchterliches Morden erhob sich.

Äneas aber streckte die unbewehrte Rechte gen Himmel, warf sich unverhüllten Hauptes mitten unter die Seinigen und rief»Wo rennet ihr hin, Freunde, welche plötzliche Zwietracht hat sich erhoben? Hemmt doch eure Wut; der Bund ist ja geschlossen, die Bedingungen sind festgesetzt. Wer hindert uns Führer am Kampf?« Aber indem er noch sprach, schwirrte von unbekannter Hand ein Pfeil daher, und verwundet mußte der Held den Kampfplatz verlassen.

Sowie Turnus sah, daß Äneas den Platz räumte und die Führer der Trojaner in Verwirrung gerieten, verlangte er Pferde und Waffen, schwang sich auf den Wagen, lenkte die Zügel in die Schlacht und richtete mit seinen Speeren Verheerung unter den Feinden an oder zermalmte sie unter seinen Rädern. Während er so auf dem Schlachtfelde Leichen auf Leichen häufte, brachten Mnestheus und Achates im Geleite des Askanius den verwundeten Äneas ins Lager zurück, blutend und Schritt für Schritt auf seinen Speer gestützt. Vergebens strengte er sich an, den im Leibe haftenden Pfeil am zerbrochenen Rohre herauszuziehen; er verlangte, daß die Wunde ausgeschnitten werde: Japyx, der Arzt, erschien; auf die Waffe geneigt, stand vor ihm der Held, unbewegt unter seinen weinenden Genossen. Der Alte aber, in der Heilkunst wohlerfahren, brauchte kein gewaltsames Mittel, sondern suchte mit wirksamen Heilkräutern den Pfeil in der Wunde locker zu machen, faßte das Eisen mit packender Zange, rüttelte mit der Hand an dem Rohr; doch alle seine Kunst war nicht vermögend, das Geschoß herauszuziehen. Und während er sich vergebens abmühte, sah man schon die Staubwolke der feindlichen Reiter, dichte Geschosse fielen bereits ins Lager, und das Geschrei der Kämpfenden näherte sich.

Venus von Jupiter mit Rom getröstet. Sie erscheint ihrem Sohne



Venus von Jupiter mit Rom getröstet. Sie erscheint ihrem Sohne

Auf der Zinne des Olymp stand Jupiter der Göttervater und heftete die Blicke, die über Meer und Land und Völker geflogen waren, endlich auf die afrikanische Küste, in das libysche Reich der Königin Dido, wo eben Äneas gelandet hatte. Zu dem Sinnenden trat seine Tochter Venus, in ihren glänzenden Augen schwammen Tränen, und sie sprach traurig: »Was hat dir mein Äneas getan, allmächtiger Beherrscher der Menschen und der Götter, daß ihm, nachdem er schon so viel Unheil erduldet hat, der ganze Erdkreis um Italiens willen verschlossen wird? Hast du nicht selbst mir verheißen, daß dorthin aus dem erneuerten Blute des trojanischen Stammvaters im Laufe der Jahre dereinst das Römervolk kommen und die Herrschaft über Land und Meer erhalten sollte? Nur diese Verheißung söhnte mich mit dem Falle Trojas aus; was hat deinen Sinn so auf einmal verwandelt?«

Der Vater lächelte die Göttin huldvoll an, herzte sie mit einem Kuß und sprach mit dem Blicke, mit welchem er die Wolken vom Himmel verscheucht: »Sei getrost, Töchterchen, das Los deiner Schützlinge bleibt unverrückt. Laviniums Mauern in Italien werden sich erheben, in mächtigem Kriege wird Äneas dort siegen, trotzige Völker bändigen, Gesetz und Ordnung gründen. Drei Jahre wird er in Latium herrschen, sein Sohn Askanius oder Julus wird den Sitz der Herrschaft von Lavinium nach Alba longa verlegen. Drei Jahrhunderte wird dort das Geschlecht des Priamus auf dem Throne sitzen, bis eine Priesterin der Vesta aus dem Königshause dem Kriegsgott Zwillingsknaben gebiert. Von diesen wird Romulus, von einer Wölfin gesäugt, seinem Vater Mars neue Mauern bauen und der Stifter des Römervolks werden. Die Römer aber mache ich zu Herren der Welt, und ihrer Herrschaft sei kein Ziel gesetzt. Juno selbst, welche deinen Sohn jetzo quält, wird sich mit diesen seinen Enkeln versöhnen und sie mit mir begünstigen, und der größte Römer wird ein Nachkomme des Julus sein und Julius heißen. Sein Ruhm wird zu den Sternen sich erheben, er selbst, dein Nachkomme, o Tochter, wird in den Himmel unter die Götter aufgenommen werden. Unter den Menschen aber wird nach beendigten Kriegen der ewige Friede wohnen; eiserne Riegel werden die Pforten der Zwietracht schließen, die, mit hundert Ketten gefesselt, vergebens mit den blutigen Zähnen knirschen wird.«

So sprach Jupiter und sandte sofort seinen Sohn, den Götterboten Merkur, nach Karthago, um dort den Trojanern gastliche Herberge zu bereiten. Dieses Land war ein uralter Sitz phönizischer Pflanzer, und Juno beschirmte das Reich mit besonderer Huld. Ihre Rüstung, ihr Wagen waren dort aufbewahrt, und längst war es Wunsch und Bestreben der Göttin, hier ein Weltreich zu begründen. Jetzt aber beherrschte dieses libysche Reich Dido, die Witwe des Phöniziers Sychäus, welche hier die neue Stadt und Burg Karthago erbaut hatte.

Am andern Morgen machte sich Äneas, nur von seinem Freund Achates begleitet, zwei Wurfspieße in der Hand, auf, um das neue Land zu erforschen, an dessen Gestade ihn der Sturm geworfen hatte. Da begegnete ihm mitten im Walde seine Mutter Venus in Gestalt einer bewaffneten Jägerin, wie Spartas Jungfrauen sich zu tragen pflegen: ein Bogen hing ihr über den Schultern, das Haar flatterte frei in den Lüften, das leichte Gewand war bis ans Knie aufgeschürzt. »Sagt mir doch, ihr Jünglinge«, so redete sie die schreitenden Helden an, »habt ihr keine meiner Gespielinnen gesehen, in Luchspelz gekleidet, mit übergehängtem Köcher?« »Nein«, entgegnete ihr Äneas; »aber wer bist du, Jungfrau? In deinem Antlitz und deiner Stimme ist etwas Übermenschliches, bist du eine Nymphe, bist du eine Göttin? Doch wer du auch seiest: sag uns, in welchem Lande sind wir? Der Sturm hat uns an dieses Gestade verschlagen, und wir irren schon lang in der Welt umher.« Hierauf erwiderte Venus lächelnd: »Wir tyrischen Mädchen pflegen uns immer so zu tragen, und ich bin darum nicht Apollos Schwester, weil du mich mit dem Köcher bewaffnet siehst. Du bist unter Tyriern, Fremdling, in einem Reiche der Phönizier, in der Nähe von Agenors Stadt; demnach ist der Weltteil, in welchem du dich befindest, Afrika, das Land ist libysch und das Volk wild und kriegerisch. Eine Königin herrscht über uns, Dido; auch sie stammt aus Tyrus und war dort die geliebte Gattin des reichen Phöniziers Sychäus. Aber ihr Bruder Pygmalion, der König von Tyrus, ein unmenschlicher Tyrann, haßte den Schwager, und geblendet von Goldgier und unbekümmert um die Liebe der Schwester, erschlug er ihren Gatten heimlich am Altare der Götter. Der blasse Schatten des Gemordeten erschien seiner Gemahlin im Traume mit einer tiefen Schwertwunde in der Brust und entschleierte ihr das geheime Verbrechen; er riet ihr zu schleuniger Flucht aus dem Vaterlande und bezeichnete ihr die unterirdische Stelle, wo der alte verborgene Reichtum des Königs, Silber und Gold, ihre Fahrt zu unterstützen, bereit läge. Dido folgte seinem Winke; der Tyrannenhaß sammelte viele Gefährten um sie. Was von Schiffen bereitlag, wurde mit dem Golde des kargen Pygmalion angefüllt. So gelangten sie an die Küste Afrikas und an den Ort, wo du jetzt bald die gewaltigen Mauern der neuen Stadt Karthago und ihre himmelansteigende Burg erblicken wirst. Hier erkaufte sie anfangs nur ein Stück Landes, welches Byrsa oder Stierhaut genannt wurde; mit diesem Namen aber verhielt es sich so: Dido, in Afrika angekommen, verlangte nur so viel Feldes, als sie mit einer Stierhaut zu umspannen vermochte. Diese Haut aber schnitt sie in so dünne Riemen, daß dieselbe den ganzen Raum einschloß, den jetzt Byrsa, die Burg Karthagos, einnimmt. Von dort aus erwarb sie mit ihren Schätzen immer größeres Gebiet, und ihr königlicher Geist gründete das mächtige Reich, das sie jetzt beherrscht. Nun wißt ihr, wo ihr seid, ihr Männer. Aber wer seid denn ihr, woher kommt ihr, und wohin wandert ihr?« Mit diesen Fragen veranlaßte die Göttin eine rührende Erzählung seines Schicksals aus dem Munde ihres Sohnes, dessen Klage sie jedoch bald unterbrach: »Wenn meine Eltern mich nicht umsonst die Deutung des Vogelflugs gelehrt haben«, sagte sie, »so verkündige ich dir die Rettung deiner verschlagenen Schiffe und die Rückkehr deiner Freunde. Denn ich sah am offenen Himmel in freudigem Fluge zwölf Schwäne, die kurz zuvor ein Adler, der Vogel Jupiters, auseinandergescheucht hatte. In langem Zuge suchten sie teils das Land zu gewinnen, teils schwebten sie schon über dem gewonnenen: so erreichten auch deine Genossen schon zum Teile den Hafen, zum Teil nähern sie sich ihm mit vollen Segeln. Du aber geh immerhin auf dem betretenen Pfade fort.« So sprach die Jungfrau und wandte sich um. Ihr rosiger Nacken erglänzte von überirdischem Licht, ihre ambrosischen Locken verbreiteten einen himmlischen Wohlgeruch, ihr Kleid wallte blendend zu den Fersen hernieder; ihre Gestalt erschien übermenschlich; ihr ganzer Weggang verkündigte die Göttin. Jetzt erkannte Äneas plötzlich seine Mutter und rief die Fliehende vergebens zurück. Diese aber umhüllte die Wanderer mit einer dichten Umkleidung von Nebel, daß niemand sie schauen und ihre Absichten erforschen könnte. Sie selbst schwebte hoch durch die Lüfte nach ihrem Lieblingssitze Paphos.

Verschwörung der Freier



Verschwörung der Freier

Während dies in Pylos und in Sparta vorging, freuten sich auf der Insel Ithaka die Freier von Tag zu Tag im Palaste des Odysseus wie zuvor und ergötzten sich mit Diskuswerfen, Speerschleudern und anderen Spielen. Einst, als nur Antinoos und Eurymachos, die Vornehmsten und Schmucksten unter ihnen, seitwärts vom Spiele saßen, trat zu diesen Noëmon, der Sohn des Phronios, und sprach zu ihnen: »Können wir etwa vermuten, ihr Freier, wann Telemach von Pylos zurückkehrt? Das Schiff, auf dem er fährt, habe ich ihm geliehen, und jetzt brauche ich es selbst, um damit nach Elis zu segeln, wo ich mir aus meinem Stutengarten gern ein Roß holte, um es zu zähmen und zuzurichten.«

Die beiden anderen staunten. Sie hatten gar nichts von der Abfahrt des Jünglings gewußt, sondern gemeint, er habe sich auf seine Besitzungen im Lande, auf seine Ziegenweiden und zu seinen Schweineherden begeben. Sie glaubten, er habe Noëmons Schiff mit Gewalt genommen, und fuhren zornig auf. Dieser aber besänftigte sie und sprach: »Ich selbst habe es ihm willig gegeben. Wer hätte auch einem bekümmerten Mann es versagen können? Das wäre gar zu hart gewesen! Zudem folgten ihm die edelsten Jünglinge, und als Führer trat Mentor mit ihm ins Schiff – oder war es vielleicht ein Gott, der dessen Gestalt angenommen; denn ich meine den Helden noch am gestrigen Morgen hier gesehen zu haben.« So sprach Noëmon, verließ die Freier und ging zurück in seines Vaters Haus. Diese aber wurden bestürzt und unmutig bei der unerwarteten Nachricht. Sie standen von ihren Sitzen auf und traten mitten unter die andern, die eben, vom Kampfspiele ruhend, im Kreise gelagert saßen. Zürnend vor Ärger stellte sich Antinoos unter sie und sprach mit funkelnden Augen: »Telemach hat ein großes Werk unternommen; trotzig ist er auf die Fahrt gegangen, an die wir nimmermehr glauben wollten. Möge ihn Zeus vertilgen, ehe er uns Schaden zufügt! Drum, wenn ihr mir einen Schnellsegler und zwanzig Ruderer schaffen wollt, ihr Freunde, so laure ich ihm auf der Meerstraße, die Ithaka von Same trennt, auf, und seine Entdeckungsreise soll mit Schrecken endigen!« Alle riefen dem Sprecher Beifall zu und versprachen, ihm alles zu verschaffen, was er bedürfte. Dann brachen die Freier auf und zogen sich von Spiel und Rat in den Palast zurück.

Aber ihre Beratschlagung war nicht unbelauscht geblieben. Medon, der Herold, der im Herzen den schändlichen Freiern längst abhold war, obgleich er in ihren Diensten stand, hatte außerhalb des Hofes, doch nahe genug gestanden und hatte jedes Wörtchen gehört, das Antinoos sprach. Er eilte nach den Gemächern Penelopes und erzählte seiner Herrin alles, was er vernommen. Herz und Knie erbebten der Fürstin, als sie die böse Kunde gehört, und lange blieb sie sprachlos; der Atem stockte ihr, und ihre Augen waren mit Tränen gefüllt. Spät erst begann sie: »Herold! Warum reiset aber auch mein Sohn? Ist ihm nicht genug, daß sein Vater untergegangen ist? Soll der Name unseres Hauses ganz von der Erde vertilgt werden?« Und da Medon ihr keinen Aufschluß zu geben vermochte, sank sie weinend an der Schwelle ihres Gemaches nieder, und ringsum schluchzten die Mägde mit ihr. »Warum ist er auch auf die Fahrt gegangen, ohne es mir zu sagen! Gewiß hätte ich ihn auf bessere Gedanken gebracht! Rufe mir doch eine den alten Knecht des Hauses, Dolios, daß er gehe und dem greisen Laërtes dies alles melde! Vielleicht daß der alte Mann einen Rat in seinem erfahrenen Herzen findet!« Da tat Eurykleia, die alte Schaffnerin, ihren Mund auf und sprach: »Und wenn du mich tötest, Herrin, ich will dir’s nicht verhehlen. Ich selbst habe um alles gewußt; ich reichte ihm, was er begehrte; aber ich mußte ihm einen Eidschwur tun, vor dem zwölften Tage, oder ehe du ihn selbst vermißtest, nichts von seiner Reise zu melden. Jetzt aber rate ich dir, dich gebadet und geschmückt auf den Söller mit deinen Dienerinnen zu begeben und Athene, Zeus‘ Tochter, um ihren göttlichen Schutz für deinen Sohn anzuflehen.«

Penelope gehorchte dem Rate der Greisin und legte sich nach dem feierlichen Gebet ungegessen und kummervoll schlafen. Da sandte ihr Athene im Traum das Gebilde ihrer Schwester Iphthime, der Gemahlin des Helden Eumelos, welche ihr Trost einsprach und die Wiederkehr ihres Sohnes verkündigte. »Sei getrost«, sprach sie, »deinen Sohn begleitet eine Führerin, um die ihn andere Männer beneiden dürften. Pallas Athene selbst ist an seiner Seite; sie wird ihn gegen die Freier schirmen, sie hat auch mich dir zugesandt.« So redete die Gestalt und verschwand an der verschlossenen Türe. Penelope erwachte aus dem Schlummer voll Freudigkeit und Mut. Sie baute auf den Wahrheit verkündenden Morgentraum.

Inzwischen hatten die Freier ungehindert ihr Schiff gerüstet, und Antinoos hatte es mit zwanzig tapferen Ruderern bestiegen. Mitten in der Meerstraße, welche die Inseln Ithaka und Same trennt, lag ein Felseneiland voll schroffer Klippen. Auf dieses steuerten sie los und legten sich dort in einen lauernden Hinterhalt.

Versuchung des Volkes durch Agamemnon



Versuchung des Volkes durch Agamemnon

Zeus gedachte des Winks, den er der Meeresgöttin Thetis zugenickt hatte. Er schickte den Traumgott in das Lager der Griechen und in das Zelt des schlummernden Königs Agamemnon. Dieser stellte sich in Nestors Gestalt, den der König vor allen andern Ältesten ehrte, zu seinen Häupten und sprach zu ihm: »Schläfst du, Sohn des Atreus? Ein Mann, der das ganze Volk beraten soll, darf nicht so lange schlafen. Höre mich, der ich als ein Bote des Zeus zu dir komme; er befiehlt dir, die Achiver zur Schlacht zu rüsten: jetzt sei die Stunde, wo Troja bezwungen werden kann. Die Himmlischen sind entschlossen, und Verderben schwebt über der Stadt.«

Agamemnon erwachte vom Schlafe und verließ eilig das Lager. Er band sich die Sohlen unter die Füße, zog das Gewand an, hängte das Schwert über die Schulter, ergriff den Zepter und wandelte in der Frühe des Morgens nach den Schiffen. Die Herolde gingen auf sein Geheiß, das Volk zur Versammlung zu rufen, von einer Lagerstatt zu der andern; die Fürsten des Heeres aber wurden am Schiffe Nestors in einen Rat gerufen. Hier eröffnete Agamemnon die Beratung mit den Worten: »Freunde, vernehmet! Ein gottgesandter Traum, in Nestors Gestalt zu mir tretend, hat mich belehrt, daß, von Zeus herabgeschickt, über Troja Verderben schwebe. Laßt uns nun sehen, ob es uns gelingt, die durch den Zorn des Achill entmutigten Männer zur Schlacht zu rüsten. Ich selbst will sie zuerst mit Worten versuchen und ihnen den Rat erteilen, zu Schiffe zu gehen und die trojanische Küste zu verlassen; dann sollt ihr euch, der eine da-, der andere dorthin eilend, verteilen und die Völker zum Bleiben zu bewegen suchen.« Nach Agamemnon erhob sich Nestor und sprach zu den Fürsten: »Wenn ein anderer Mann uns einen solchen Traum erzählte, so würden wir ihn der Lüge beschuldigen und uns verächtlich abwenden. So aber ist der, der diesen Traum gesehen hat, der erste Fürst aller Danaer; und darum glauben wir ihm und gehen ans Werk!« Nestor verließ den Rat, und alle Fürsten folgten ihm auf den Markt, wo das gesamte Volk sich schon wie ein Bienenschwarm versammelte. Neun Herolde ordneten dasselbe, daß es sich im Kreise lagerte und allmählich der Lärm und das Flüstern der Redenden verstummte. Dann sprach Agamemnon, in der Mitte der Versammlung stehend und auf seinen Herrscherstab sich lehnend: »Lieben Freunde, versammelte heldenmütige Streiter des Danaervolkes, der grausame Zeus hat mich in starke Schuld verstrickt, er, der mir einst so gnädig gelobt hatte, daß ich nur als Vertilger Trojas heimziehen sollte. Jetzt aber gefällt es ihm, der schon so viele Städte zu Boden geschmettert hat und in seiner Allmacht noch niederschmettern wird, mir zu befehlen, daß ich, nachdem so viel Volkes umsonst erlegen ist, ruhmlos nach Argos zurückkehren soll. Auch ist es freilich schmählich, wenn ein späteres Geschlecht vernehmen soll, daß dieses große Griechenvolk in einem heillosen Streite gegen soviel schwächere Feinde fortkämpfe. Denn wahrhaftig, wenn wir die Zahl der Trojaner im Frieden mit der Zahl der Unsrigen messen wollten, so daß je ein Trojaner einem Tische von zehn Griechen den Wein kredenzte: viele Tische, deucht mir, würden des Weines entbehren müssen. Aber freilich haben sie mächtige Bundesgenossen aus vielen Städten, deren Macht mir nicht erlaubt, ihre Stadt zu vertilgen, wie ich wohl möchte. Inzwischen sind neun Jahre herumgegangen, das Holz an unsern Schiffen wird anbrüchig, die Seile vermodern, unsere Weiber und Kinder sitzen zu Hause und schmachten nach uns: so ist es wohl das beste, wir fügen uns in des Zeus Gebot, gehen zu Schiffe und kehren ins liebe Land der Väter zurück.« Die Worte Agamemnons bewegten die Versammlung wie schwellende Meereswogen. Das ganze Heer geriet in Aufruhr; alles stürzte den Schiffen zu, daß der Staub in die Luft wirbelte; einer ermunterte den andern, die Schiffe ins Meer zu ziehen; die Balken unter diesen wurden hinweggezogen, die Gräben, die mit dem Meer in Verbindung standen, geräumt.

Den Freunden der Griechen im Olymp selbst wurde bange, als sie den Ernst der Völker sahen, und Hera ermahnte Athene, hinunterzueilen ins Heer der Achiver und durch ihre schmeichelnde Götterrede die Flucht derselben zu hemmen. Pallas Athene gehorchte ihr und flog von den Felsenhöhen des Olymp hinab ins Schiffslager der Griechen. Hier fand sie den Odysseus mit gramvollem Herzen regungslos vor seinem Schiffe stehend, das er nicht zu berühren wagte. Die Göttin näherte sich ihm, und indem sie sich seinen Blicken offenbarte, sprach sie freundlich zu ihm: »Also wollet ihr euch wirklich in die Schiffe stürzen und fliehen? Wollet dem Priamos den Ruhm und den Trojanern Helena lassen, die Griechin, um welche so viele Griechen fern vom Vaterlande dahingesunken sind? Nein, das wirst du nicht dulden, edler, kluger Odysseus! Eilig dich ins Heer der Danaer geworfen, nicht gezaudert! Brauche deiner Beredsamkeit, ermahne, hemme sie!« Auf den Ruf der Göttin warf Odysseus schnell seinen Mantel weg, welchen Eurybates, sein Herold, der ihm gefolgt war, aufnahm, und eilte unter das Volk. Stieß er nun an einen der Fürsten und edlern Männer, so hielt er ihn mit freundlichen Worten an und sprach ihm zu: »Ziemt es dir auch, mein Trefflicher, zu verzagen wie ein Feigling? Du solltest vielmehr ruhig bleiben und auch die andern beruhigen. Weißt du doch nicht, wie der Atride wirklich im Herzen gesinnt ist und ob er die Griechen nicht hat versuchen wollen!« Wenn er aber wo einen Mann vom Volke lärmend und schreiend antraf, den schlug er mit seinem Zepter und bedrohte ihn mit lauter Stimme: »Elender, rühre dich nicht; hör du, was andre sagen, du, den man weder im Kampf noch im Rate rechnen kann! Wir Griechen können doch nicht alle Könige sein! Vielherrschaft ist nichts nütze, nur einem hat Zeus den Zepter verliehen, und diesem sollen die andern gehorchen!«

So ließ Odysseus seine herrschende Stimme durchs Heer erschallen und bewog endlich das Volk, von den Schiffen auf den Versammlungsplatz zurückzuströmen. Allmählich wurde alles ruhig und verharrte geduldig auf den Sitzen. Nur eine einzige Stimme krächzte noch: es war Thersites, der sich, wie gewöhnlich, mit fordernden Scheltworten gegen die Fürsten vernehmen ließ. Dieser war der häßlichste Mann, der aus Griechenland mit vor Troja gekommen war; er schielte mit dem einen Auge und war lahm am andern Fuße, hatte einen Höcker auf dem Rücken, die Schultern gegen die Brust eingeengt, einen Spitzkopf, dessen Scheitel nur mit dünner Wolle spärlich besäet war. Besonders war der Haderer dem Peliden und Odysseus verhaßt; denn gegen diese Helden lästerte er unaufhörlich. Diesmal aber kreischte er seine Schmähungen dem Völkerfürsten Agamemnon entgegen: »Was hast du zu klagen, Atride«, schrie er; »wessen bedarfst du denn? Ist nicht dein Zelt voll von edlem Erz und voll von Weibern? Du lässest es dir wohl sein, und wir sollen uns von dir in allen Jammer hineinführen lassen? Viel besser tun wir, auf den Schiffen heimzusegeln und diesen hier allein vor Troja sich mit Ehrengeschenken mästen zu lassen! Hat er doch jetzt selbst den mächtigen Achill verunehrt und vorenthält ihm seine Ehrengabe. Aber der träge Pelide hat keine Galle in der Leber, sonst hätte der Tyrann zum letzten Male gefrevelt!«

Während Thersites so schalt, stellte sich Odysseus neben ihn und maß ihn mit finsterem Blick, dann hub er sein Zepter, bleute ihm Rücken und Schultern und rief. »Find ich dich noch einmal im Wahnsinne toben wie jetzt, du Schuft, so soll mein Haupt nicht auf meinen Schultern stehen und Telemachos nicht mein Sohn sein, wenn ich dir nicht die Kleider bis auf die Blöße vom Leibe ziehe und dich, mit Geißelhieben gestäupt, nackt zu den Schiffen sende!« Thersites krümmte sich unter den Streichen des Helden, mit blutigen Striemen auf Schulter und Nacken, und lief dann tobend vor Schmerz und heulend vor Wut von dannen. Im Volk aber stieß ein Nachbar den andern lachend an und freute sich darüber, daß der ekelhafte Mensch die verdiente Strafe erhielt.

Jetzt aber trat der Held Odysseus vor das Volk, neben ihn Pallas Athene, welche die Gestalt eines Herolds angenommen hatte und den Völkern Stillschweigen gebot. Er selbst hob seinen Fürstenstab in die Höhe, daß die Umstehenden aufmerkten, und sprach: »Sohn des Atreus! Wahrhaftig, so weit ist es gekommen, daß die Griechen dir Schmach bereiten und ihren Verheißungen ungetreu werden, sie, die versprochen haben, nicht eher von dannen zu ziehen, als bis sie Troja vertilgt hätten. Nun jammern sie wie Weiber und kleine Kinder nach der Heimkehr und klagen einander ihr Leid! Aber welche Schande wäre es für uns, nachdem wir so lange hier verweilt, leer heimzukehren! Darum, ihr Freunde, geduldet euch doch noch ein weniges; erinnert euch an das Zeichen, das uns vor unserer Abfahrt von Aulis zuteil wurde, als wir auf geweihten Altären, um jenen Sprudelquell her, Hekatomben unter dem schönen Ahornbaume opferten. Mir ist, als wäre es erst gestern geschehen! Ein gräßlicher Drache mit dunkelfarbigen Schuppen schlüpfte unter dem Altar hervor und fuhr schlängelnd an dem Ahornbaume hinauf. Dort hing ein Sperlingsnest mit nackten Jungen schwankend auf einem Aste: ihrer achte schmiegten sich in die Blätter, das neunte aber war die brütende Mutter der Vögel. Die umflog mit kläglichem Zwitschern die Kleinen, bis der Drache sein Haupt hindrehte und die Jammernde am Flügel erhaschte. Nachdem er die Mutter samt den Jungen verzehrt, verwandelte ihn Zeus, der den Drachen gesandt hatte, zum offenbaren Wunderzeichen in einen Stein; und ihr Achiver sahet es mit staunendem Grauen. Kalchas aber, der Seher, rief euch zu: ›Was stehet ihr verstummt, ihr Griechen? Wisset ihr nicht, daß dies Wunder eine Wahrsagung des Zeus ist? Die neun Sperlinge sind neun Jahre, die ihr um Troja kriegen werdet: im zehnten aber sollet ihr die prachtvolle Stadt erobern.‹ So weissagte damals Kalchas. Nun aber wird ja alles vollendet! Die neun Jahre des Kampfes sind vorüber, das zehnte Jahr ist erschienen, und der Sieg muß mit ihm kommen. So harret denn die kleine Weile miteinander noch aus, ihr Griechen! Bleibet, bis wir die Feste des Königes Priamos zerstört haben!«

Ein Jubel der versammelten Argiver beantwortete die Rede des Odysseus; der weise Nestor benützte die umgewandelte Stimmung der Völker und riet dem Könige Agamemnon, sofort, wenn sich etwa noch einer unbändig nach der Heimkehr sehnte, einem solchen nicht zu verweigern, zu Schiffe zu gehen und von dannen zu fahren. Dann aber sollte er die Männer nach Stamm und Geschlecht absondern und kämpfen lassen: so würde er am sichersten erfahren, wer von Kriegern und Führern der Mutigere oder der Feigere sei und ob Göttergewalt oder Furcht oder mangelnde Kriegserfahrung die Eroberung Trojas verhindere. Erfreut antwortete auf diesen Vorschlag der Völkerfürst:

»Fürwahr, Nestor, du, der Greis, übertriffst unsere Männer alle durch Einsicht. Hätte ich im Rate der Griechen noch zehn deinesgleichen, so sollte mir Trojas hochragende Burg bald zertrümmert in den Staub sinken! Ich selbst muß gestehen, daß ich unbesonnen gehandelt habe, mich mit Achill wegen des Mädchens zu entzweien. Zeus hatte mich damals mit Blindheit geschlagen. Versöhnen wir beide uns je wieder, so wird der Untergang Trojas nicht länger säumen! Doch nun wollen wir uns zum Angriffe rüsten; stärke sich jeder mit einem Mahl, bereite Schild und Lanze, füttre und tränke seine Rosse, besichtige den Streitwagen und gedenke der Schlacht, die bis zum Abend dauern wird. Bleibt mir einer absichtlich bei den Schiffen zurück, dessen Leib soll den Hunden und Vögeln nicht entgehen!«

Als Agamemnon ausgeredet, schrien die Danaer laut auf, daß es tönte wie die Meerflut, wenn sie sich beim Südwind am hohen Felsenstrande bricht. Das Volk sprang auf, jeder eilte zu seinen Schiffen, und bald sah man den Rauch des Frühstücks aus den Lagerhütten dampfen. Agamemnon selbst opferte dem Zeus einen Stier und lud die edelsten Achiver zum Mahle ein. Als dies vorüber war, gebot er den Herolden, die Griechen zur Schlacht zu rufen; und bald stürzten die Haufen, Scharen von Kranichen oder Schwänen gleich, die am Flußufer hinflattern, auf die Skamandrische Wiese. Die Führer, an ihrer Spitze der Atride, ordneten die Reihen. Herrlich war der Fürst der Fürsten Agamemnon anzuschauen, an Augen und Haupt dem Göttervater gleich, an breiter Brust dem Poseidon und gerüstet wie der streitbare Kriegsgott selbst.

Volksversammlung der Latiner



Volksversammlung der Latiner

Trojaner und Latiner hatten ihre Toten unter Tränen und Opfern bestattet; die lauteste Wehklage und längste Betrübnis aber war bei den letztern. Trauernde Mütter, Witwen, Schwestern, Knaben, ihrer Väter beraubt, irrten durch die Stadt umher, verfluchten den Krieg und das Eheverlöbnis des Turnus. Diese Stimmung verstärkte noch der Abgesandte Drances, indem er versicherte, daß nur Turnus von Äneas verlangt, nur er zur Entscheidung des Krieges durch einen Zweikampf herausgefordert werde. Auf der andern Seite wurde auch Turnus von der entgegengesetzten Meinung eifrig verteidigt, ihn deckte der mächtige Name der Königin Amata; sein eigener Ruhm und die errungenen Siege verherrlichten ihn in den Augen des Volkes.

Die Niedergeschlagenheit der Latiner vermehrte indessen eine Botschaft, durch welche eine langgehegte Hoffnung vereitelt wurde. Im untern Teile Italiens, in Daunien, saß, auf der Rückkehr von Troja durch die Nachstellungen seiner treulosen Gattin von seiner Heimat Ätolien zurückgehalten, der große Griechenheld Diomedes, der Sohn des Tydeus, und hatte dort die Stadt Argyripa gegründet. Gleich beim Ausbruch des Krieges hatte Turnus zu diesem alten Feinde der Trojaner einen Rutulerhelden, namens Venulus, abgeschickt, welcher demselben meldete, daß Trojaner, von Äneas, dem Schwiegersohne des Königs Priamus, angeführt, im Latinerlande sich festgesetzt hätten und ein zweites Troja gründen wollten. Gegen diese verhaßten Ankömmlinge hatte Turnus die Hilfe des Königs Diomedes verlangt. Mitten in jener Aufregung nun kam Venulus, der Botschafter des Turnus, aus der griechischen Pflanzstadt des Diomedes zurück und brachte keine günstige Antwort mit. Damit war die letzte Hoffnung des alten Königs Latinus verschwunden. Niedergebeugt von Kummer, berief er die Häupter des Volkes zu einer großen Versammlung in seinem Königspalast, setzte sich mit düsterer Stirne auf seinen Herrscherthron und hieß den zurückgekommenen Boten mit seinen Begleitern Bericht erstatten.

»Bürger«, begann hier Venulus, »wir sahen den Helden Diomedes und die Pflanzstadt der Argiver, unter den Eichenwäldern des Berges Garganus auf der schönen Anhöhe gelegen. Als wir ihm Namen und Heimat gesagt, unsere Geschenke vor ihm ausgebreitet und ihm gemeldet hatten, wer uns mit Krieg heimsuche, erwiderte uns der große Fürst mit freundlichem Angesichte: ›O ihr glücklichen Völker Ausoniens, ihr unter der Obhut des guten Saturnus lebenden, welch ein Schicksal stört auch euch aus der Ruhe auf? Wir Sieger Trojas sind die elendesten unter allen Sterblichen! Selbst Priamus müßte uns bemitleiden, wenn er schaute, wie schwer wir unsern Übermut büßen müssen. Der Lokrer Ajax hat im Meere sein Grab gefunden; Agamemnon liegt im eigenen Haus erschlagen; Menelaus irrt in Ägypten umher; Odysseus zitterte vor den Zyklopen. Auch mir haben die Götter die Wiederkehr in meine Heimat mißgönnt; erlasset mir die Erzählung! Ich bin kein Mann des Glückes mehr, seit ich es gewagt habe, die unsterbliche Venus im Kampfe zu verwunden! Darum reizet mich nicht zu neuen Gefechten! Seit Troja gefallen ist, bin ich kein Feind der Trojaner mehr, denke auch nicht mit Freuden an das Übel zurück, das ich ihnen zugefügt. Die Geschenke, die ihr mir von Hause bringet, überreichet sie dem Äneas! Ich habe mich im Kampfe mit ihm gemessen, glaubet mir’s: er ist ein gewaltiger Mann, wenn er sich mit seinem Schild emporbäumt und im Wirbel die Lanze dreht! Wären nach Hektors Tode noch zwei Männer wie er in Troja gewesen, so hätte die Welt nichts von unserm Siege zu erzählen. Darum bietet die Hände zum Frieden, solange es noch Zeit ist; seinen Waffen seid ihr nicht gewachsen.‹«

Als Venulus seinen Bericht geendigt hatte, entstand ein murrendes Tosen in der Volksversammlung, wie ein Gießbach durch Felsen rauscht. Als die bewegten Lippen endlich stille wurden, sprach der König Latinus von seinem hohen Throne herab: »Wir führen einen unglückseligen Krieg, ihr Bürger, mit unbezwinglichen Männern, mit einem Göttergeschlecht. Beherziget deswegen, was ich euch verkünden will. Nicht ferne von der Tiber, gegen Abend, besitze ich ein altes Gebiet, von Rutulern und Aurunkern bebaut und beweidet und von Fichtenbergen begrenzt. Dieses will ich den Trojanern abtreten und sie zu Reichsgenossen aufnehmen; dort mögen sie sich ansiedeln und die verheißene Stadt begründen. Ziehen sie es aber vor, ein anderes Land aufzusuchen, so wollen wir ihnen Erz, Schiffsbauzeug und Hände darreichen, um sich fünfzig Ruderschiffe zu bereiten und auszurüsten. Außerdem sollen hundert Gesandte aus den edelsten Geschlechtern von Latium sich aufmachen, mit Friedenszweigen in der Hand, und ihnen Gold, Elfenbein und Mantel und Thron als Reichskleinodien darbringen.«

Da stand der alte Drances in der Versammlung auf, ein reicher, beredter Mann, obwohl kein Held im Kampfe mehr, der seit langer Zeit den Ruhm des Turnus mit Scheelsucht betrachtete, und rief. »Vortrefflicher König, es fehlt nur eines noch! Du solltest zu den herrlichen Geschenken, die du den Trojanern zu senden befiehlst, auch noch die Hand deiner Tochter Lavinia hinzufügen und so den Frieden mit einem ewigen Bund versiegeln!« Jetzt entbrannte das Herz dem Turnus, der, eben erst von seiner Vaterstadt zurückgekehrt, sich unter die Volksversammlung gemischt hatte. Aus der tiefen Brust emporatmend, rief er: »O Drances, sooft der Krieg Fäuste verlangt, bist du mit der Zunge da! Jetzt aber gilt es nicht, den Ratsaal mit Worten anzufüllen: die Feinde umringen unsere Stadt, gefochten will es sein! Was wird uns der Ätolier Diomedes und seine Pflanzstadt helfen, wenn unser eigener Arm, wenn Latium, wenn ganz Volskerland, das sich für uns erhoben hat, es nicht vermag? Wenn es sich aber nur um meine Seele handelt, die ist euch längst geweiht; wenn es wahr ist, daß Äneas mich allein herausfordert: ich bin Turnus; er soll mich finden!«

Während die Latiner so sich über die Lage ihres Reichs zankten, kam Äneas mit seinem ganzen Gefolge heran, und plötzlich stürmte die Botschaft durch den Palast, daß die Trojaner und Etrusker vom Tiberstrome hergezogen kommen.

Vorgänge in der Stadt und im Palast



Vorgänge in der Stadt und im Palast

Das Schiff, das den Telemach und seine Genossen von Pylos nach Ithaka gebracht hatte, war inzwischen im Hafen der Stadt angekommen, und die Begleiter des Königssohnes hatten einen Herold zu seiner Mutter Penelope gesendet, um ihr die Botschaft von der Heimkehr des Sohnes zu überbringen. Mit derselben Nachricht kam gleichzeitig der Sauhirt vom Lande her, und beide trafen sich im Hause des Königes. Da sprach der Herold zu Penelope laut vor allen Dienerinnen: »Dein Sohn, o Königin, ist wiedergekommen.« Eumaios aber sagte ihr im geheim und ohne Zeugen, was ihm sein junger Herr aufgetragen hatte, insbesondere, daß sie durch eine Schaffnerin seinem Großvater Laërtes die fröhliche Botschaft auch zukommen lassen möchte. Als der Sauhirt alles ausgerichtet, eilte er wieder heim zu seinen Schweinen. Die Freier aber erfuhren die kurze Nachricht von der Heimkehr Telemachs, die der Herold gebracht hatte, durch die treulosen Dienerinnen. Unmutig setzten sie sich zusammen auf die Bänke vor dem Tor, und Eurymachos sprach hier in der Versammlung: »Das hätten wir doch nimmermehr gedacht, daß der Knabe diese Fahrt so trotzig vollenden würde! Laßt uns nur geschwind ein Schiff ausrüsten, einen Schnellsegler, unsern Freunden im Seehinterhalte die Botschaft zu bringen, daß sie vergebens auf ihn warten und nur wieder umkehren dürfen.«

Während Eurymachos sprach, hatte ein anderer Freier, Amphinomos, das Gesicht umgewandt und einen Blick auf den Hafen der Stadt geworfen, den man von dem Vorhofe des Palastes aus mit den Augen erreichen konnte. Er sah das Schiff, in welchem sich diejenigen der Freier befanden, die auf den Hinterhalt ausgefahren waren, wie es eben mit vollen Segeln in den Hafen einlief. »Es bedarf keiner Botschaft an unsere Freunde«, rief er, »hier sind sie ja schon; sei es, daß ein Gott sie von Telemachs Heimkehr benachrichtiget hat, sei es, daß er ihnen entkommen ist und sie ihn nicht einzuholen vermochten.« Die Freier erhoben sich und eilten nach dem Meeresstrande. Dann begaben sie sich mit den Neuangekommenen auf den Markt, wo sie niemand sonst aus dem Volke zuließen, sondern ihre abgesonderte Versammlung veranstalteten. Hier trat der Anführer der Ausrüstung, der Freier Antinoos, unter den Anwesenden auf und sprach: »Wir sind nicht schuld, daß der Mann uns entronnen ist, ihr Freunde! Späher um Späher hatten wir den Tag über auf den Höhen des Gestades aufgestellt, und wenn die Sonne untergegangen war, blieben wir nie die Nacht über auf dem Lande, sondern wir kreuzten beständig auf der Meerenge und waren nur darauf bedacht, den Telemachos zu erhaschen und in aller Stille umzubringen. Ihn aber muß einer der Unsterblichen heimgeleitet haben; denn nicht einmal sein Schiff ist uns zu Gesichte gekommen! Dafür wollen wir ihm hier in der Stadt selbst den Untergang bereiten. Denn der Jüngling wird klug und wächst uns allmählich über den Kopf. Auch das Volk wird uns am Ende aufsässig; bringt er es unter die Leute, daß wir ihm auflauerten, ihn zu morden, so fallen sie am Ende über uns her und jagen uns aus dem Lande. Ehe dies geschieht, laßt uns ihn aus dem Wege räumen; in seine Besitzungen teilen wir uns; den Palast lassen wir der Mutter und ihrem künftigen Gemahl. Gefällt euch aber mein Gedanke nicht, wollt ihr ihn leben und im Besitze seiner Güter lassen, nun, dann wollen wir ihm auch die Habe nicht länger verzehren, dann laßt einen jeden von seiner eigenen Heimat aus um die Fürstin sich mit Brautgeschenken bewerben, und sie wähle den, der ihr am meisten gibt und vom Schicksale begünstigt wird.« Als er seine Rede geendigt hatte, entstand ein langes Schweigen unter den Freiern. Endlich erhob sich Amphinomos, der Sohn des Nisos, aus Dulichion, der Edelste und Bestgesinnte unter den Freiern, der sich durch seine klugen Reden auch der Königin Penelope am meisten zu empfehlen wußte, und sagte seine Meinung in der Versammlung. »Freunde«, sprach er, »ich möchte nicht, daß wir den Telemach heimlich ums Leben brächten! Es ist doch etwas Gräßliches, ein ganzes Königsgeschlecht im letzten Sprößling zu morden. Laßt uns lieber vorher die Götter befragen: erfolgt ein günstiger Ausspruch des Zeus, so bin ich selbst bereit, ihn zu töten; verwehren es uns die Götter, so rate ich euch, von dem Gedanken abzustehen.«

Solche Rede gefiel den Freiern wohl; sie schoben ihren Plan auf und kehrten in den Palast zurück. Auch diesmal hatte sie ihr Herold Medon, der heimliche Anhänger Penelopes, belauscht und der Königin von allem Nachricht gegeben. Diese eilte, jedoch dicht verschleiert, mit ihren Dienerinnen in den Saal zu den Freiern hinab und redete in heftiger Gemütsbewegung den Urheber des tückischen Vorschlages also an: Antinoos, du frecher Unheilstifter, mit Unrecht rühmt dich Ithakas Volk als den Verständigsten unter deinen Genossen; nie bist du das gewesen. Du verachtest die Stimme der Unglücklichen, auf welche doch Zeus selbst horcht, und bist verwegen genug, auf den Tod meines Sohnes Telemach zu sinnen. Erinnerst du dich nicht mehr, wie dein Vater Eupeithes, von seinen Feinden verfolgt, weil er Seeräuberei gegen unsere Verbündeten getrieben, schutzflehend in unser Haus geflohen kam? Seine Verfolger wollten ihn töten und ihm das Herz aus dem Leibe reißen; Odysseus aber war es, der die Tobenden abhielt und besänftigte. Und du, sein Sohn willst zum Danke das Gut des Odysseus verschwenden, wirbst um seine Gattin und willst sein einziges Kind ermorden? Du tätest besser daran, auch die andern von solchem Frevel abzuhalten!«

Statt seiner antwortete Eurymachos: »Edle Penelope, sei nicht bekümmert um das Leben deines Sohnes. Nie, solange ich lebe, wird es ein Mann wagen, Hand an ihn zu legen. Hat doch auch mich Odysseus manchmal als Kind auf den Knien gewiegt und mir einen guten Bissen in den Mund gegeben! Deswegen ist mir auch sein Sohn der Geliebteste unter allen Menschen; den Tod soll er nicht zu fürchten haben, wenigstens nicht von den Freiern: kommt er von Gott, dann kann ihm freilich niemand ausweichen!« So sprach der Falsche mit der freundlichsten Miene, im Herzen aber sann er auf nichts als Verderben.

Penelope kehrte wieder in ihr Frauengemach zurück, warf sich aufs Lager und weinte um ihren Gemahl, bis ihr der Schlummer die Augen zudrückte.

Waffenstillstand



Sechstes Buch

Äneas – Dritter Teil

Waffenstillstand

Die Morgenröte stand über dem Schlachtfelde, das die Trojaner als Sieger innehatten. Äneas richtete auf einem Hügel ein Siegeszeichen auf. Der Stamm einer riesigen Eiche, von dem alle Äste abgehauen waren, wurde mit der funkelnden Waffenrüstung des Feldherrn Mezentius bekleidet: rechts wurde der blutige bebuschte Helm, die zerbrochenen Speere des Fürsten, sein Panzer, der zwölfmal von Geschossen getroffen und durchbohrt war, aufgehängt; links der eherne Schild und an seinem Gurte das Schwert in der Scheide von Elfenbein. Der gesamte Haufe der trojanischen Führer drängte sich um das Denkmal, und Äneas weihte die Beute unter feierlichem Flehen dem Schlachtengott.

Alsdann wandten sie ihre Schritte nach dem Lager, wo der greise Arkadier Acötes, der als Waffenträger und Gefährte seinem geliebten Zögling gefolgt war, den entseelten Leib des Pallas hütete, den eine Schar von Dienern und teilnehmenden Trojanern und Trojanerinnen mit aufgelöstem Haar umstand und der in einer bedeckten Halle der Lagerburg untergebracht war. Als Äneas durch die Pforte trat, erhob sich lautes Stöhnen; alle Anwesenden schlugen an die Brust, und die Burg dröhnte von Jammer. Wie nun Äneas das Haupt des Pallas mit dem blassen Angesichte auf dem Polster erblickte und in der jugendlichen Brust die offene Speerwunde, da rief er, indem ihm die Tränen aus den Augen hervorquollen: »Unglückseliger Knabe, hat dir das trügerische Glück, das dich so schmeichlerisch begleitete, nicht vergönnt, das Reich, das du deinen Freunden gründen halfest, zu schauen, um als Sieger in die Heimat zurückzukehren! Nicht solches habe ich deinem Vater Euander versprochen, als er mich beim Scheiden umarmte und sprach: ›Hüte dich, du gehst in den Kampf mit einem streitbaren und harten Volk!‹ Weh uns, vielleicht bringt jetzt, da wir deinen Leichnam bestatten, dein Vater den Göttern Gelübde für dich dar!« So sprach er weinend und befahl, die Leiche auf ein Geflecht von Eichenzweigen zu legen und ins Lager zu tragen. Dort ward der Jüngling auf einem hohen Grashügel mitsamt der Tragbahre niedergelassen und lag da nun wie ein gepflücktes Veilchen oder eine welkende Hyazinthenblüte, von welcher Schönheit und Farbenschimmer noch nicht ganz gewichen sind. Äneas selbst brachte zwei purpurne, mit Gold durchwobene Feiergewande, von Didos eigener Hand gewirkt, herbei: in das eine hüllte er den Leib des Jünglings, das andere schlang er um sein Lockenhaupt. In diesem Schmucke sollte der Tote seinem Vater nach Pallanteum zurückgeschickt werden. Dem Zuge schlossen sich erbeutete Gefangene, Pferde mit Waffen beladen, Acötes, der alte Diener des Jünglings, der sich das Haar zerraufte und die Brust mit Fäusten schlug, und zuletzt Athon, das Streitroß des Königssohnes, an, das mit gesenktem Kopf einherschritt und Tränen vergoß wie ein Mensch. Dann kamen die Fürsten der Etrusker und Arkadier und ein Trauergefolge von Trojanern, alle mit gesenkten Waffen. Äneas sah dem Zuge der Begleitenden nach, bis er aus seinen Augen verschwand, rief dem Toten ein letztes Lebewohl zu und kehrte wieder in das Lager zurück.

Indessen waren aus der Stadt des Latinus Gesandte mit Ölzweigen in der Hand angekommen und flehten um die Erlaubnis, die Leiber der Ihrigen bestatten zu dürfen. Diesen erwiderte Äneas voll Huld, indem er ihnen ihre Bitte sogleich gewährte: »Welche Verblendung, ihr Latiner, hat euch unsere Freundschaft verschmähen lassen und in diesen großen Krieg verwickelt? Ihr begehret Frieden für eure Toten? Wie gerne gewährte ich ihn auch den Lebenden! Auch wäre ich gewiß eurem Lande niemals genaht, wenn dieser Wohnplatz mir nicht durch das Schicksal angewiesen worden wäre. Dazu führe ich keineswegs Krieg mit eurem Volke. Nicht dieses, nur euer König hat unsern Bund verschmäht und sich lieber den Waffen des Turnus anvertraut. Will Turnus den Krieg mit der Faust enden, will er die Trojaner durchaus nicht in dem Lande dulden, nun, so werfe er sich in seine Rüstung und kämpfe mit mir, Mann für Mann. Behalte dann recht, wem ein Gott und seine Faust das Leben verleiht. Jetzt aber gehet und legt eure armen Mitbürger auf den Scheiterhaufen.«

Als die Gesandten so milde Worte aus dem Munde des Trojanerfürsten hörten, sahen sie, schweigend vor Staunen, einander an. Endlich sprach der greise Drances, von jeher ein Feind des Turnus: »Held von Troja, was soll ich mehr an dir bewundern, deine kriegerische Tugend oder deine Gerechtigkeit? Wir gehen, voll Dank unserer Vaterstadt deine Willensmeinung zu verkünden und, wenn es möglich ist, den König Latinus mit dir zu versöhnen.« Alle Gesandten bestätigten diese Rede mit ihrem Beifallrufe. Es wurde ein Waffenstillstand auf zwölf Tage geschlossen, und nun schweiften im Schutze desselben Latiner und Trojaner durcheinander ungefährdet auf den waldigen Berghöhen umher; die Esche, die Fichte sank unter dem Streiche der Axt; die Eiche, die Zeder, die Buche wurde mit Keulen gespalten, und seufzende Wagen, schwer mit Holz beladen, fuhren der Stadt der Latiner zu.

Inzwischen war das Gerücht von dem Tode des Pallas zur Stadt des Euander gedrungen, die bisher nur von den Siegen ihres Königssohnes vernommen und geträumt hatte. Unaussprechliche Niedergeschlagenheit bemächtigte sich des Königs und aller Bürger. Leichenfackeln in der Hand, stürzten die Arkadier zu den Toren hinaus, und vom langen Zuge der Flammen leuchtete der Weg. Auf der andern Seite kam ihnen die wehklagende Schar der Phrygier mit dem Leichnam entgegen.

Als die Frauen der Arkadier den Zug auf die Häuser der Stadt zukommen sahen, erfüllten sie die Straßen mit lautem Heulen. Jetzt vermochte auch den König Euander keine Gewalt mehr zurückzuhalten; er ging der Schar entgegen, und als die Tragbahre niedergestellt ward, warf er sich über die Leiche seines Sohnes und ließ seinem Schmerz in lautem Schluchzen und abgebrochenen Worten des Jammers den Lauf.

Theseus in Athen



Theseus in Athen

Zu Athen fand der junge Held nicht den Frieden und die Freude, die er erwartet hatte. Bei der Bürgerschaft herrschte Verwirrung und Zwietracht, und das Haus seines Vaters Aigeus selbst fand er in trauriger Lage. Medea, die auf ihrem Drachenwagen Korinth und den verzweifelnden Iason verlassen hatte, war zu Athen angekommen, hatte sich in die Gunst des alten Aigeus eingeschlichen und versprochen, durch ihre Zaubermittel ihm die Kraft seiner Jugend zurückzugeben. Deswegen lebte der König mit ihr in vertrautem Verhältnisse. Durch ihren Zauber hatte das furchtbare Weib vorher Kunde von der Ankunft des Theseus erhalten, und nun überredete sie den Aigeus, den der Parteizwist seiner Bürger mit Argwohn erfüllte, den Fremdling, in welchem er den Sohn nicht ahnte und den sie ihm als einen gefährlichen Späher darzustellen wußte, als Gast zu bewirten und mit Gift aus dem Wege zu räumen. So erschien denn Theseus unerkannt beim Frühmahle und freute sich, den Vater selbst entdecken zu lassen, wen er vor sich habe. Schon war ihm der Giftbecher vorgesetzt, und Medea harrte mit Ungeduld auf den Augenblick, wo der neue Ankömmling, von dem sie aus dem Hause vertrieben zu werden fürchtete, die ersten Züge daraus tun würde, die wirksam genug sein sollten, ihm die jungen wachsamen Augen für immer zu schließen. Theseus aber, den mehr nach der Umarmung seines Vaters als nach dem Becher verlangte, zog, scheinbar um das vorgelegte Fleisch zu zerschneiden, das Schwert, das sein Vater für ihn hinter den Felsblock hinterlegt hatte, damit Aigeus es gewahr werden und den Sohn in ihm erkennen sollte. Dieser sah nicht so bald die ihm wohlbekannte Waffe blinken, als er den Giftbecher umwarf, und nachdem er sich durch einige Fragen vollends überzeugt hatte, daß er den vom Schicksal ersehnten Sohn in junger Heldenblüte vor sich habe, so schloß er ihn in seine Arme. Sofort stellte der Vater ihn der Versammlung des Volkes vor, dem er die Abenteuer seiner Reise erzählen mußte und das den früh erprobten Helden mit freudigem Jauchzen begrüßte. Gegen die falsche Medea hatte der König Aigeus jetzt einen Abscheu gefaßt, und die mordlustige Zauberin wurde aus dem Lande vertrieben.

Theseus und Peirithoos Lapithen- und Zentaurenkampf



Theseus und Peirithoos Lapithen- und Zentaurenkampf

Theseus stand im Rufe außerordentlicher Stärke und Tapferkeit. Peirithoos, einer der berühmtesten Helden des Altertums, ein Sohn Ixions, empfand Lust, ihn auf die Probe zu setzen, und trieb Rinder, die jenem gehörten, von Marathon weg; und als ihm zu Ohren kam, daß Theseus, die Waffen in der Hand, ihm nachsetze, da hatte er, was er wollte, und floh nicht, sondern wandte sich um, ihm entgegenzusehen. Als die beiden Helden einander nahe genug waren, um einer den andern zu messen, da wurde jeder von Bewunderung der schönen Gestalt und der Kühnheit des Gegners so sehr ergriffen, daß sie wie auf ein gegebenes Zeichen die Streitwaffen zu Boden warfen und aufeinander zueilten. Peirithoos streckte dem Theseus die Rechte entgegen und forderte ihn auf, selbst als Schiedsrichter über den Raub der Rinder zu entscheiden: welche Genugtuung Theseus bestimmen werde, der wolle er sich freiwillig unterwerfen. »Die einzige Genugtuung, die ich verlange«, erwiderte Theseus mit leuchtendem Blicke, »ist die, daß du aus einem Feinde und Beschädiger mein Freund und Kampfgenosse werdest!« Nun umarmten sich die beiden Helden und schwuren einander treue Freundschaft zu.

Als hierauf Peirithoos die thessalische Fürstentochter Hippodameia, aus dem Geschlechte der Lapithen, freite, lud er auch seinen Waffenbruder Theseus zu der Hochzeit. Die Lapithen, unter denen die Festlichkeit gefeiert wurde, waren ein berühmter Stamm Thessaliens, rohe, zur Tiergestalt sich neigende Bergmenschen, die ersten Sterblichen, welche Pferde bändigen lernten. Die Braut aber, welche diesem Geschlechte entsproßt war, hatte nichts den Männern dieses Stammes Ähnliches. Sie war holdselig von Gestalt, zarten jungfräulichen Antlitzes und so schön, daß den Peirithoos alle Gäste um ihretwillen glückselig priesen. Sämtliche Fürsten Thessaliens waren bei dem Feste erschienen; aber auch die Verwandten des Peirithoos, die Zentauren, fanden sich ein, die Halbmenschen, die von dem Ungeheuer abstammten, das die Wolke, welche Ixion, der Vater des Peirithoos, anstatt der Hera umarmt hatte, diesem geboren; daher sie auch alle zusammen die Wolkensöhne hießen. Sie waren die beständigen Feinde der Lapithen. Diesmal aber hatte die Verwandtschaft mit dem Bräutigam sie den alten Groll vergessen lassen und zu dem Freudenfeste herbeigelockt. Die festliche Hofburg des Peirithoos erscholl von wirrem Getümmel; Brautlieder wurden gesungen, von Glut, Wein und Speisen dampften die Gemächer. Der Palast faßte nicht alle die Gäste. Lapithen und Zentauren, in bunten Reihen gemengt, saßen an geordneten Tischen in baumumschatteten Grotten zu Gaste.

Lange rauschte das Fest in ungestörter Fröhlichkeit. Da begann vom vielen Genusse des Weines das Herz des Wildesten unter den Zentauren, Eurytion, zu rasen; und der Anblick der schönen Jungfrau Hippodameia verführte ihn zu dem tollen Gedanken, dem Bräutigam seine Braut zu rauben. Niemand wußte, wie es gekommen war, niemand hatte den Beginn der unsinnigen Tat bemerkt, aber auf einmal sahen die Gäste den wütenden Eurytion, wie er die sich sträubende und hilferufende Hippodameia an den Haaren gewaltsam auf dem Boden schleifte. Seine Untat war für die weinerhitzte Schar der Zentauren ein Zeichen, gleiches zu wagen; und ehe die fremden Helden und Lapithen sich von ihren Sitzen erhoben hatten, hielt schon jeder der Zentauren eins der thessalischen Mädchen, die am Hofe des Königes dienten oder als Gäste bei der Hochzeit zugegen waren, mit rohen Händen als eine Beute gefaßt. Die Hofburg und die Gärten glichen einer eroberten Stadt. Das Geschrei der Weiber hallte durch das weite Haus. Schnell sprangen Freunde und Geschlechtsverwandte der Braut von ihren Sitzen empor. »Welche Verblendung treibt dich, Eurytion«, rief Theseus, »den Peirithoos zu reizen, während ich noch lebe, und so zwei Helden in einem zu kränken?« Mit diesem Worte drang er auf die Stürmenden ein und entriß dem wütenden Räuber die Geraubte. Eurytion sprach nichts darauf, denn er konnte seine Tat nicht verteidigen, sondern er hub seine Hand gegen Theseus auf und versetzte diesem einen Schlag auf die Brust. Aber Theseus ergriff, da ihm keine Waffe zur Hand war, einen ehernen Krug mit erhabener Arbeit, der zufällig neben ihm stand; diesen schmetterte er dem Gegner ins Antlitz, daß er rücklings in den Sand fiel und Gehirn und Blut zugleich aus der Kopfwunde drang. »Zu den Waffen!« scholl es jetzt von allen Seiten an den Zentaurentischen; zuerst flogen Becher, Flaschen und Näpfe, dann entriß ein tempelräuberisches Untier die Weihgeschenke den benachbarten heiligen Stätten; ein anderer riß die Lampe herab, die über dem Mahle voll Kerzen brannte, wieder ein anderer focht mit einem Hirschgeweih, das an den Wänden der Grotte als Schmuck und Weihgeschenk hing. Ein entsetzliches Gemetzel wurde unter den Lapithen angerichtet. Rhötos, der Schlimmste nach Eurytion, ergriff die größte Brandfackel vom Altare und bohrte sie einem schon verwundeten Lapithen wie ein Schwert in die klaffende Wunde, daß das Blut wie Eisen in der Esse zischte. Gegen diesen jedoch hub der tapferste Lapithe, Dryas, einen im Feuer geglühten Pfahl und durchbohrte ihn zwischen Nacken und Schulter. Der Fall dieses Zentauren tat dem Morden seiner rasenden Gesellen Einhalt, und Dryas vergalt nun den Wütenden, indem er fünf hintereinander niederstreckte. Jetzt flog auch der Speer des Helden Peirithoos und durchbohrte einen riesigen Zentauren, den Petraios, wie er gerade einen Eichenstamm aus der Erde zu rütteln bemüht war, und damit zu kämpfen; sowie er den Stamm eben umklammert hielt, heftete der Speer seine schwer atmende Brust ans knorrige Eichenholz. Ein zweiter, Diktys, fiel von den Streichen des griechischen Helden und zerknickte im Fallen eine mächtige Esche. Ein dritter wollte diesen rächen, wurde aber von Theseus mit einem Eichpfahl zermalmt. Der schönste und jugendlichste unter den Zentauren war Kyllaros; goldfarben sein langes Lockenhaar und sein Bart, sein Antlitz freundlich, Nacken, Schultern, Hände und Brust wie vom Künstler geformt, auch der untere Teil seines Körpers, der Roßleib, war ohne Fehler, der Rücken bequem zum Sitzen, die Brust hochgewölbt, die Farbe pechschwarz, nur Beine und Schweif lichtfarbig. Er war mit seiner Geliebten, der schönen Zentaurin Hylonome, beim Fest erschienen, die sich beim Mahle liebkosend an ihn lehnte und auch jetzt mit ihm vereint im wütenden Kampf an seiner Seite focht. Diesen traf, von unbekannter Hand, eine Wunde ins Herz, daß er, zum Tode verwundet, seiner Geliebten in die Arme sank. Hylonome pflegte seine sterbenden Glieder, küßte ihn und versuchte vergebens, den entfliehenden Atem aufzuhalten. Als sie ihn verscheiden sah, zog sie ihm den Wurfpfeil aus dem Herzen und stürzte sich darein.

Noch lange wütete der Kampf zwischen den Lapithen und den Zentauren fort, bis die letzteren ganz unterlegen waren und nur Flucht und Nacht dem weitern Gemetzel sie entrückte. Jetzt blieb Peirithoos im unbestrittenen Besitze seiner Braut, und Theseus verabschiedete sich am andere Morgen von seinem Freunde. Der gemeinschaftliche Kampf hatte das frischgeknüpfte Band dieser Verbrüderung schnell in einen unauflöslichen Knoten zusammengezogen.