Roman

Schluß

Schluß

Der Tag verging, und die Dämmerung sank tiefer. Der Abend war schön; die Sterne standen am Himmel, und die dünne Sichel des jungen Mondes, der im Beginne des ersten Viertels stand, neigte sich bereits dem Horizonte zu. Die gute Luna war bescheidenerweise, um nicht so lange gesehen zu werden, schon am Tage aufgegangen. Die nächtliche Helle war mir eigentlich nicht angenehm, doch stand im Osten eine Wolke vor, und da der Abendwind aus derselben Richtung kam, durfte ich hoffen, daß sie sich nach und nach ausbreiten und die Sterne verdunkeln werde.

Wir jagten, ohne ein Wort zu sprechen, über den weiten Plan dahin. Der Nijora hielt sich bescheiden hinter mir; an meiner Seite zu reiten, wagte er nicht. Nur einmal wurden wenige Worte gewechselt. Er kannte als Nijora die Gegend, in welcher wir uns befanden, genau, ich aber nicht, weil wir gestern nicht von dem tiefen Wasser, sondern von dem weißen Felsen nach dem Quell des Schattens gekommen und also weiter westlich geritten waren. Darum fragte ich ihn, als ich glaubte, das Stelldichein bald erreicht zu haben:

„Mein Bruder läßt mich den Weg finden. Sind wir auf der geraden, richtigen Linie nach der Quelle des Schattens?“

„Old Shatterhand findet jeden Weg, auch wenn er ihn noch nicht kennt,“ antwortete er.

„Ich glaube, daß wir nur noch eine Viertelstunde zu reiten haben, um dort anzukommen. Ist das richtig?“

„Es ist genau so, wie mein weißer Bruder sagt.“

Infolgedessen ritten wir noch eine kleine Strecke weiter; dann hielten wir an, und ich gab einen Schuß aus dem Bärentöter ab. Ich erwartete nun, den Schuß Winnetous zu hören; anstatt dessen ertönte eine Stimme aus nicht zu großer Ferne:

„Hier bin ich. Ich habe die Stimme des Gewehres meines Freundes Scharlieh erkannt.“

Dann sah ich Winnetou auf uns zugeritten kommen. Er gab mir seine Hand und sagte dabei:

„Du hast den Ort so genau abgeschätzt, daß du ganz nahe bei mir hieltest. Ich konnte dir mit meinem Munde anstatt mit einem Schusse antworten.“

„Bist du schon lange hier?“ erkundigte ich mich.

„Nein, denn ich konnte die Mogollons erst dann umschleichen, als es dunkel geworden war.“

„Aber gesehen hast du sie früher?“

„Ja. Ich war immer so nahe hinter ihnen, wie ich es wagen konnte.“

„Sie lagern an der Quelle des Schattens?“

„Ja. Mein Bruder weiß, daß so viele Krieger nicht da, wo die Quelle aus der Erde kommt, Platz haben. Dort sitzt nur der Häuptling mit drei alten, hervorragenden Kriegern. Die andern alle haben sich am Wasser weiter abwärts gelagert.“

„Haben sie Posten ausgestellt?“

„Nein. Die Mogollons sind sehr unvorsichtige Menschen. Sie scheinen zu glauben, daß sich niemand als nur sie in der Gegend befinden kann.“

„Weißt du, wo der Wagen steht?“

„Ich bin zweimal um das ganze Lager geschlichen und habe ihn deutlich gesehen. Er steht nicht weit von dem Häuptlinge im Wasser.“

„Und wo befinden sich die beiden Gefangenen?“

„Sie sitzen in dem Wagen. Nur ein einziger Wächter steht dabei.“

„Auch ich möchte ihn und überhaupt das ganze Lager sehen.“

„Das ist nicht schwer, und wenn du noch einige Zeit warten willst, wird es noch leichter sein. Die Wolke, welche jetzt fast gerade über uns steht, hing noch vor kurzem über dem östlichen Horizonte; in einer halben Stunde wird sie auch den jetzt noch hellen Teil des Himmels bedeckt haben. Willst du so lange warten?“

„Ja, denn obgleich keine Gefahr dabei ist, ziehe ich es doch vor, vorsichtig zu sein.“

Er hatte in Beziehung auf die Wolke recht. Sie hatte sich immer mehr ausgearbeitet und bedeckte nach der von ihm angegebenen Zeit den ganzen Himmel. Da sagte er:

„Jetzt können wir aufbrechen. Die Pferde bleiben hier, der Krieger der Nijoras wird sie bewachen.“

„So lasse ich auch die beiden Gewehre bei ihm zurück. Sie sind mir bei dem Beschleichen im Wege.“

„Gieb ihm nur den Bärentöter; den Henrystutzen aber will ich nehmen.“

„Warum?“

„Während du die Mogollons beschleichest, bleibe ich in der Nähe und lausche. Solltest du Unglück haben, so wird ein Lärm entstehen, den ich sicher höre. Dann schieße ich den Stutzen so viele Male rasch hintereinander ab, daß sie erschrecken und vor Überraschung von dir lassen.“

„Gut! Wenn ich ergriffen werden sollte und du ziehst ihre Aufmerksamkeit nur so lange auf dich, daß sie einige Augenblicke nicht auf mich achten, wird das genügen, mich wieder frei zu machen.“

Ich gab also dem Nijora die schwere Büchse; Winnetou nahm meinen Stutzen, und dann entfernten wir uns nach Süden, wo die Quelle des Schattens lag.

Es war jetzt infolge der Wolke so düster, daß man nicht ein Zehntel soweit und so scharf sehen konnte wie vorhin, als die Sterne schienen. Nach etwas über zehn Minuten hielt Winnetou an und erklärte mir mit leiser Stimme:

„Wenn du noch hundert Schritte weiter gehst, wirst du dich bei den ersten Büschen befinden, welche du genau kennst, da wir dort gewesen sind. Geradeaus von dort kommt das Wasser, an dem der Häuptling sitzt, aus der Erde. Es fließt nach links; dort sitzen die andern Krieger. Zwischen ihnen und dem Häuptlinge steht der Wagen.“

„Und wo sind die Pferde?“

„Die weiden jenseits des Gebüsches im freien Grase.“

„So will ich versuchen, mich an den Häuptling zu machen.“

„Da muß mein Bruder aber außerordentlich vorsichtig sein.“

„Warum giebt mir Winnetou diesen Rat? Ist er bei mir nötig? Der Häuptling sitzt nahe am Quell; dort steht viel Gesträuch, hinter dem ich mich verstecken kann, wenn nicht rechts davon auch noch Krieger liegen.“

„Vorhin gab es dort keine.“

„So glaube ich auch nicht, daß sich später welche dort gelagert haben, denn dort giebt es kein Wasser.“

„Willst du etwa auch mit den Gefangenen sprechen?“

„Ja, wenn es möglich ist.“

„Da muß ich dich aber doch warnen, obgleich du vorhin meine Worte übelgenommen hast. Es ist sehr gefährlich, zu ihnen zu gelangen, und noch gefährlicher ist es, gar mit ihnen zu sprechen.“

„Ich werde keine Vorsicht außer acht lassen und meinen Vorsatz nur dann ausführen, wenn ich mich vorher überzeugt habe, daß ich es wagen darf. Also, wenn mir etwas passieren sollte, wirst du schießen, aber nicht eher, als bis du zwei oder drei Schüsse aus meinem Revolver gehört hast.“

„Ich werde das thun, doch ist es besser, wenn ich es nicht zu thun brauche.“

Jetzt verließ ich den Apatschen und schritt langsam und leise weiter. Mein Fuß stieß an einen Stein. Da kam mir ein Gedanke. Der Stein konnte mir von Vorteil sein. Er hatte die Größe einer halben Hand; ich hob ihn auf und steckte ihn ein. Darauf bückte ich mich nieder und tastete rings umher; es gab da noch fünf oder sechs Steine von ähnlicher Größe, welche ich auch zu mir steckte. Dann ging ich weiter.

Als ich vielleicht sechzig Schritte vorwärts gekommen war, legte ich mich nieder, um mich nun kriechend zu bewegen. Bald kam ich an die ersten Büsche. Es war ganz dunkel. Die Mogollons brannten keine Feuer. Darnach hatte ich Winnetou gar nicht gefragt, eine Unterlassungssünde, welche eigentlich unbegreiflich war. Daß die Feinde im Dunkeln saßen, war mir unlieb und doch auch wieder lieb: ich konnte sie nicht sehen, aber desto schwerer konnten sie auch mich bemerken. Daß sie es unterlassen hatten, Feuer anzuzünden, schien ihrerseits doch die Folge von Vorsicht zu sein, denn sie verhielten sich so ruhig, daß ich kein Geräusch vernahm, obgleich ich mich bereits sehr nahe bei ihnen befand.

Immer nur Zoll um Zoll geradeaus kriechend, schob ich mich von einem Busche zum andern und hörte endlich Stimmen. Zugleich drang mir der Geruch von Tabak in die Nase, von Tabak, wie ihn die Indianer zu rauchen pflegen, nämlich eine Mischung von sehr viel wildem Hanf und sehr wenig Tabak. Und nun sah ich doch ein Feuer, aber ein so kleines, daß es von weitem schwer zu bemerken war. Es brannte in einer kleinen Vertiefung des Bodens, damit der Schein nicht weit dringen solle und wurde nur von einigen dünnen Zweigen genährt. Es hatte also nur den Zweck, mit Hilfe desselben die Pfeifen in Gang zu erhalten.

So klein es war, es verbreitete doch in seiner nächsten Nähe soviel Licht, daß ich den Häuptling und die drei alten Krieger, welche an der Quelle saßen, erkennen konnte. Es gab dort zwei nahe beisammenstehende Büsche; ich schob mich hin zu ihnen und schmiegte mich so eng an ihre Wurzelstöcke, daß selbst jemand, der vorüberging, mich nur dann sehen konnte, wenn er sich zufällig niederbückte. Jetzt befand ich mich so nahe bei den vier Roten, daß ich jedes ihrer Worte verstehen konnte.

Ja, jedes ihrer Worte – wenn sie nämlich gesprochen hätten; leider aber thaten sie das nicht. Sie rauchten und rauchten, ohne auch nur eine Silbe gegenseitig auszutauschen. Ich wartete fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunde und noch eine Viertelstunde – sie sprachen kein Wort! Das war nicht nur eine Geduldprobe, sondern weit mehr als das. Der starke, fatale Geruch des wilden Hanfes schien es nur auf mich abgesehen zu haben; er drang mir in die Nase und reizte mich zum Niesen. Glücklicherweise war ich geübt im Unterdrücken des Reizes zum Husten und Niesen, doch allzulange darf man sich dem auch nicht aussetzen. Schon wollte ich mich zurückziehen, da erschallte draußen vor den Büschen ein lauter Ruf:

„Uff!“ sagte da der Häuptling. „Die Kundschaften“

Also Kundschafter kamen. Die mußten ihre Meldung machen, wobei es jedenfalls etwas zu erlauschen gab. Ich blieb also liegen und fühlte keine Spur mehr von dem vorigen Reize zum Niesen. Der Geist hat also auch die Nase in seiner Gewalt.

Jetzt hörte man den Hufschlag von Pferden und den dumpfen Stoß von Füßen, welche aus dem Sattel sprangen und die Erde berührten. Zwei Männer erschienen; der eine kam nahe heran, und der andere blieb weiter zurück stehen. Der erstere war der Sprecher, sagte aber noch nichts, weil er aus Ehrerbietung auf die Anrede des Häuptlings warten mußte. Dieser verharrte im Gefühle seiner Würde eine ganze Weile in tiefem Schweigen und unterbrach es endlich mit den Worten:

„Meine jungen Brüder kehren spät zurück; sie müssen weit nach Süden gekommen sein. Bis wohin sind sie gewesen?“

„Bis über das dunkle Thal hinaus.“

„Haben sie den Weideplatz der Nijoras gesehen?“

„Nein; so weit sind wir nicht gekommen.“

„Aber den Weg, welchen wir zu reiten haben, habt ihr euch eingeprägt?“

„Wir kennen ihn so gut, als ob wir ihn hundertmal geritten wären.“

„Ist er beschwerlich?“

„Nein. Nur auf die Platte des Cañons und dann wieder hinab zu kommen, wird für den Wagen schwer sein.“

„Habt ihr keinen von den Hunden der Nijoras gesehen?“

„Einen einzigen zwischen der Platte des Cañons und dem dunklen Thale.“

„Woher kam er?“

„Von Nord und ging nach Süd.“

„Er kam also von hier und ritt heimwärts?“

„Er ritt heimwärts; ob er aber von hier kam, das konnten wir nicht erfahren.“

„Hat er euch bemerkt?“

„Nein. Wir erblickten ihn eher, als er uns sehen konnte, und hatten Zeit, ihm auszuweichen.“

„Warum habt ihr ihn nicht gefangen genommen?“

„Wir glaubten, es sei besser, ihn vorüberreiten zu lassen.“

„Trug er Kriegsfarben?“

„Nein.“

„Also der Weg nach der Platte des Cañons und von dieser wieder hinab ist für den Wagen zu schwer?“

„Er ist so steil und eng, daß es große Mühe machen wird, ihn mit nach dem dunklen Thale zu nehmen.“

„Uff! Ich habe euch gehört; ihr könnt euch zu den andern lagern.“

Die beiden entfernten sich. Ich glaubte, die vier würden sich nun über das Gehörte besprechen, aber sie schwiegen wieder wie vorher. Es verging eine Viertelstunde, bis ich endlich erkannte, daß das Sprichwort: „Gut Ding will Weile haben“ ein sehr richtiges ist, denn da ließ der Häuptling die Frage hören:

„Was sagen meine drei Brüder zu den Worten dieser Kundschafter?“

„Uff!“ antwortete der erste.

„Uff!“ meinte nach einer Weile der zweite.

„Uff!“ erwiderte der dritte. Und dieser war doch so redselig, hinzuzufügen: „Der Häuptling mag zuerst sagen, was seine Meinung ist.“

Der also Aufgeforderte wartete fünf oder sechs Minuten und sagte dann:

„Glauben meine Brüder, daß der Hund, dem unsere zwei Krieger begegnet sind, ein Kundschafter gewesen ist?“

„Nein,“ antwortete der Älteste von ihnen. „Er müßte hier gewesen sein, wenn er ein Kundschafter wäre. Wir haben aber, als wir ankamen, keine Spur gesehen. Also kam er aus einer andern Richtung und ist kein Kundschaften“

„Mein Bruder hat richtig gesprochen. Aber haben unsere Späher gut gehandelt, indem sie ihn vorüberließen?“

„Ja. Wenn er unbehelligt in sein Lager kommt, wird man nicht denken, daß Feinde so nahe sind.“

„Wenn er aber doch ein Späher gewesen wäre! Wir werden später sehen, ob es gut gewesen ist, daß sie ihn haben entkommen lassen.“

Der Häuptling befand sich ganz auf der richtigen Fährte, denn der Nijora, den die beiden Mogollons gesehen hatten, war derjenige, den ich heute früh vom tiefen Wasser fortgeschickt hatte. Doch wenn sie ihn auch ergriffen hätten, wäre das wohl nicht von Nachteil für uns gewesen, weil er jedenfalls nichts gestanden haben würde. Der Häuptling fuhr fort:

„Und was sagen meine Brüder zu dem Wagen?“

„Wir hätten ihn im Lager zurücklassen sollen,“ antwortete wieder der Älteste.

„Die Gefangenen können aber doch nicht reiten!“

„So hätten auch sie zurückbleiben müssen; sie waren uns dort sicher. Wir konnten einige erfahrene Krieger bei ihnen lassen!“

„Die hätten sie nicht verteidigen können.“

„Gegen Winnetou und Old Shatterhand?“

„Ja. Mein Bruder hat ja gehört, daß die beiden berühmten Männer mit ihren Gefährten auf dem Pueblo gewesen sind, um den Weißen zu fangen, welcher sich Melton nennt. Dieser ist ihnen entflohen, und sie werden ihm nachkommen.“

„Wenn sie seine Spur entdecken!“

„Diese zwei Krieger finden jede Fährte; sie werden auch die Spur Meltons finden und ihr folgen. Sie haben die Hunde der Nijoras gegen uns aufgehetzt; darum sandte ich ihnen Melton mit fünfzig Kriegern entgegen. Treffen diese auf sie, so werden sie gefangen genommen. Treffen unsere Krieger aber nicht auf sie, so wird Winnetou mit Old Shatterhand und den andern nach unserm Lager am weißen Felsen reiten, dort umkehren und uns nachkommen.“

„Dann haben wir eine große Gefahr in unserm Rücken!“

„Sie bilden keine Gefahr für uns, denn wenn sie uns einholen werden, haben wir die Nijoras längst besiegt und werden auch sie so in Empfang nehmen, daß sie uns nicht entkommen können. Es ist also gut, daß wir die Gefangenen mitgenommen haben, denn wenn wir sie an dem weißen Felsen zurückgelassen hätten, so wären selbst zwanzig oder dreißig Krieger nicht im stande, sie gegen die List Old Shatterhands und Winnetous festzuhalten.“

Der gute Häuptling der Mogollons hatte wirklich eine ganz vortreffliche Meinung von uns. Leider waren alle seine Voraussetzungen und Berechnungen falsch. Hätte er das geahnt und dazu gewußt, daß ich hier in seiner Nähe lag und seine Worte hörte, so wäre er wohl nicht so ruhig in seiner Rede fortgefahren, wie er es jetzt that:

„Den Wagen mußten wir nehmen, weil die Gefangenen nicht reiten können und zu Pferde unsern Zug verlangsamt hätten.“

„Aber wenn wir ihn nicht durch die Hohlwege bringen, so müssen sie doch noch reiten!“ meinte der Älteste.

„Es wird sich finden, ob die Hohlwege zu schmal sind. Wenn wir morgen früh mit dem ersten Grauen des Tages aufbrechen, so lassen wir die Gefangenen unter einer genügenden Bedeckung zurück; sie können uns in einigen Stunden nachfolgen. Wir erreichen also die Hohlwege eher als sie und können Stellen, welche zu eng sind, vielleicht weiter machen.“

„Haben wir Zeit genug, uns solange aufzuhalten?“

„Es bedarf jedenfalls nicht langer Zeit. Mit Hilfe der Tomahawks ist bald ein Stückchen Felsen losgeschlagen. Howgh!“

Dies Wort war das Zeichen, daß er die Angelegenheit als abgethan betrachtete, und da er nun nicht weiter sprach, so schwiegen die andern drei auch. Ich wußte, daß, wenn sie wieder ein Gespräch beginnen würden, dies erst nach einer langen Pause geschehen werde, und solange zu warten, konnte mir nicht einfallen. Ich kroch also unter den Büschen zurück und wendete mich nach links, wo, wie Winnetou gesagt hatte, der Wagen stand. Ich sah ihn am diesseitigen Ufer des Quellbächleins stehen, welches hier nur anderthalb Fuß breit war. Jenseits, doch ganz in der Nähe, saß ein Indianer im Grase, der sein Gewehr neben sich liegen hatte. Das war der Wächter.

Zunächst kroch ich noch weiter, denn ich mußte wissen, in welcher Entfernung sich die nächsten Mogollon befanden. Es waren vielleicht zwölf bis vierzehn Schritte bis zu ihnen. Als ich das erfahren hatte, kroch ich wieder zurück zum Wagen. Es war eine alte, hoch und breit gebaute Überlandpostkusche, ein wahres Ungetüm, wie es jetzt keins mehr giebt.

Wie bereits wiederholt erwähnt, hatte die Wolke die Sterne verfinstert, sodaß man nicht weit sehen konnte. Unter dem alten Karren aber war es noch finsterer als rund umher, und da ich im tiefen Schatten lag, konnte die Wache mich nicht erkennen, während ich sie ziemlich deutlich sitzen sah.

Zu meinem großen Erstaunen bemerkte ich, daß das nach meiner Seite gerichtete Fenster des Wagens offen war, eine große Unvorsichtigkeit der Mogollons, wenn die Gefangenen sich drin befanden. Vielleicht waren sie nicht drin, sondern anderswo, und Winnetou hatte sich geirrt. Vielleicht aber – hm, das wäre dumm! vielleicht saß ein zweiter Wächter drin bei ihnen, und dann war es allerdings zu erklären, daß ein Fenster offen stand.

Ich hatte mir vorgenommen, mit ihnen zu reden, und wollte nun, da ich einmal da war, nicht gern darauf verzichten. Wie das aber nun anfangen? Ich hielt nur zwei Fälle für annehmbar: entweder sie waren nicht drin, oder sie saßen drin, und dann befand sich jedenfalls ein Mogollon bei ihnen. Wie nun erfahren, welcher von den Fällen der richtige war, aber ohne mich dabei in Gefahr zu bringen? Ich erhob mich halb, doch beim Rade, sodaß zwei Räder zwischen mir und dem drüben sitzenden Wächter waren und er mich unmöglich sehen konnte, klopfte an die Thür und ließ mich dann sofort niederfallen. Ich hatte so geklopft, daß die Insassen es hören mußten, jener Wächter es aber nicht hören konnte. Saß ein Mogollon drin, so blickte er jetzt ganz gewiß zum offenen Fenster heraus. Ich sah empor. Mit gegen den Himmel gerichteten Augen konnte ich alles deutlich erkennen – es erschien kein Kopf. Ich klopfte noch einmal, doch mit demselben Erfolge. Mehr als Fortsetzung dieser Versuche, als weil ich mir einen Erfolg davon versprach, klopfte ich zum drittenmal, und da antwortete mir ein vorsichtig leises Klopfen am Boden des Wagens. Ah, sie waren also dennoch drin! Und zwar ohne Aufsicht! Aber wahrscheinlich gefesselt, sonst hätte man das Fenster nicht offen gelassen und ihnen einen Wächter hineingegeben. Ich richtete mich also ganz auf, hielt den Kopf an den offenen Schlag und fragte leise hinein:

„Mr. Murphy, seid Ihr da?“

Yes,“ antwortete es ebenso leise.

„Habt Ihr drin Platz auf dieser Seite?“

„Ja. Wollt Ihr etwa herein, Sir?“

„Ja.“

„Um Gottes willen, da gebt Ihr Euch ja augenblicklich gefangen!“

„Fällt mir nicht ein! Drin bin ich viel sicherer als hier außen. Schreit die Wagenthür, wenn sie geöffnet wird?“

„Nein. Die metallenen Angeln sind verloren gegangen und durch lederne Bänder ersetzt worden.“

„Gut, ich komme also hinein!“

Diese Fragen und Antworten waren, wie die Situation es mit sich brachte, in hastiger Weise gegeben worden. Ich ließ mich wieder in das Gras nieder und blickte zwischen den Vorder- und Hinterrädern zu dem Wächter hinüber. Er saß noch genau so dort wie vorher. Ich zog einen Stein heraus, zielte gut und warf ihn so, daß er mehrere Schritte jenseits des Wächters in das Gras fiel. Der letztere hörte das Geräusch; er stand schnell auf und horchte. Ich nahm einen zweiten Stein aus der Tasche und warf ihn weiter, als ich den ersten geworfen hatte. Der Mogollon ließ sich betrügen und entfernte sich in der Richtung des Schalles, den er gehört hatte; er sah und hörte also nicht nach uns herüber. Im Nu war ich wieder auf, öffnete die Thür, stieg ein und zog sie hinter mir wieder zu; sie gab dabei nicht das leiseste Geräusch von sich. Als ich nun mit den Händen tastete, fühlte ich links die beiden, welche nebeneinander saßen; der Sitz zu meiner rechten Hand war leer, und ich ließ mich darauf nieder. Zu meiner abermaligen Verwunderung sah ich, daß das jenseitige Fenster auch offen stand.

„Ihr seid es also doch, Sir!“ flüsterte der Advokat mir hastig zu. „Welche Verwegenheit von Euch! Ihr wagt –“

„Still!“ unterbrach ich ihn. „Jetzt kein Wort! Ich muß zunächst den Wächter beobachten.“

Als ich hinausblickte, sah ich diesen zurückkehren. Er war wohl mißtrauisch geworden, denn er trat drüben an den Wagenschlag und fragte in das Innere herein:

„Sind die beiden Bleichgesichter noch drin?“

Er hatte sich in einem ganz schlechten Englisch ausgedrückt.

Yes!“ antworteten beide zugleich.

Ich glaubte, dies werde genug für den Roten sein, hatte mich aber geirrt, denn er sagte, und zwar nun in seinem spanisch-indianischen Mischmasch:

„Es gab ein Geräusch. Sind die Fesseln noch fest? Ich werde sie untersuchen.“

Er setzte den Fuß auf den Wagentritt und langte mit den Armen durch das Fenster, um die drüben sitzende Sängerin zu betasten. Als er sich überzeugt hatte, daß ihre Fesseln in Ordnung waren, sprang er drüben ab und kam um den Wagen herum auf die andere Seite. Schnell rückte ich hinüber und drückte mich soviel wie möglich zusammen. Er erschien am andern Fenster, griff herein und untersuchte die Banden des Rechtsgelehrten. Als er auch diese im besten Zustande fand, verschwand er mit einem unverständlichen Murmeln. Ich rückte auf die Mitte meines Sitzes, und als ich von da aus hinauslauschte, sah ich, daß er sich auf seiner frühern Stelle wieder niedersetzte.

„Jetzt könnten wir sprechen,“ sagte ich. „Nur hütet Euch, daß s und andere Zischlaute zu laut auszusprechen! Er hat sich beruhigt.“

„Mein Himmel, in welcher Gefahr habt Ihr Euch befunden!“ meinte Murphy. „Er brauchte nur hinüber zu greifen, so hatte er Euch!“

„Oder ich ihn! Habt keine Sorge um mich! Es ist ganz so, wie ich sagte: ich bin hier viel sicherer als draußen. Ich werde hier in dem Wagen bleiben, so lange es mir gefällt, und ihn verlassen, wenn es mir beliebt.“

„Aber es handelt sich nicht nur um die Freiheit, sondern auch um das Leben!“ hörte ich Martha mit zitternder Stimme sagen.

„Um keins von beiden; ich bin vollständig sicher! Welcher Art sind eure Fesseln?“

„Zunächst sind wir aneinander gebunden, durch ein Lasso, welches man um uns gewunden hat. Sodann hat man uns die Hände auf den Rücken befestigt. Und drittens tragen wir eine Schlinge um den Hals, deren Ende unten am Sitze befestigt ist. Wir können also gar nicht aufstehen, ohne uns zu erwürgen.“

„Das ist freilich eine sehr komplizierte Art, sich eurer Personen zu versichern. Da ist eigentlich gar kein Wächter nötig, und nun wundere ich mich nicht mehr darüber, daß man die Fenster geöffnet hat, um euch wenigstens Luft zu gönnen.“

„Die Fenster? Das ist hier eine höchst imaginäre Sache. Fenster giebt es ja nicht; der liebenswürdige Häuptling hat sie herausgemacht. Ihr werdet wissen, welchen ungeheuren Wert zwei Glasscheiben für einen solchen Kerl haben.“

„Allerdings. Also darum standen die Fenster offen! Schön! Nun handelt es sich vor allen Dingen darum, euch zu sagen, was ihr zu thun habt, falls ich hier bei euch entdeckt werden sollte.“

„Was?“

„Wartet noch! Erst muß ich eure Fesseln untersuchen; dann kann ich es euch sagen.“

Ich fand die Banden so, wie Murphy sie mir beschrieben hatte.

„So,“ sagte ich dann, „Jetzt weiß ich, wohin ich mein Messer zu führen habe.“

„Euer Messer?“

„Ja. Hört wohl auf meine Worte! Bleibe ich jetzt unentdeckt, so wird eure Gefangenschaft bis morgen früh dauern; entdeckt man mich aber, so seid ihr sofort frei. Paßt auf! Wenn ich hier bemerkt werde, so ist es mein erstes, eure Fesseln zu zerschneiden. Dazu bedarf es nicht mehr als zehn Sekunden. Dann halte ich die Roten uns mit meinen zwei Revolvern vom Halse, während ihr die Thür hier zu meiner linken Hand öffnet, hinausspringt und in gerader Richtung durch die Büsche lauft. Dort werdet ihr Schüsse hören. Es ist Winnetou, den ihr bei seinem Namen ruft. Wenn ihr ihn erreicht habt, seid ihr sicher, denn alle diese drei- oder vierhundert Mogollons werden, wenn sie den Namen Winnetou rufen hören, es nicht wagen, euch in die Dunkelheit hinein zu verfolgen.“

„Gut, aber Ihr? Wollt Ihr etwa hier zurückbleiben?“

„Fällt mir nicht ein! Sobald ich bemerke, daß ihr fort und in Sicherheit seid, komme ich nach.“

„Wenn Ihr könnt! Man wird Euch umringen, Euch erstechen, erschießen!“

Pshaw! Denkt doch nicht solche Sachen! Ihr kennt den Westen nicht; ich aber kenne ihn und weiß, wie es kommen wird. Vielleicht wird der Häuptling nach euch sehen, oder wenn der Wächter abgelöst wird, überzeugt sich der neue Posten, daß ihr noch da seid. Nur bei diesen beiden Gelegenheiten ist es möglich, daß man mich entdeckt. Wir haben es auf alle Fälle mit zwei, höchstens drei oder vier Personen zu thun, und diese schieße ich in nicht mehr und nicht weniger Augenblicken nieder. Das wird freilich Lärm, aber auch tüchtige Verwirrung geben, und niemand wird sich dahin wagen, wo geschossen wird, also hierher nach dem Wagen. Inzwischen seid ihr lange fort, und es bedarf höchstens noch einiger Schüsse, um auch mich in Sicherheit zu bringen. Wahrscheinlich aber kann ich gleich mit euch die Flucht ergreifen.“

„Tod und Wetter!“ meinte der Advokat. „Es handelt sich hier um nicht weniger als um alles, und da redet Ihr in einer Weise, so kalt und so ruhig, als ob Ihr einem kleinen Kinde zu erklären hättet, daß zweimal acht nicht fünfzehn, sondern sechzehn giebt!“

„Wie anders soll ich sprechen? Es droht mir jetzt nicht die allerkleinste Gefahr. Also jetzt wißt ihr, was ihr zu thun habt für den Fall, daß irgend ein Neugieriger mich erwischt. Geschieht dies nicht, so werdet ihr morgen früh befreit werden.“

„Gebe der Himmel, daß Eure zuversichtlichen Worte sich bewahrheiten, daß wir frei werden! Dann aber sind wir noch lange nicht fertig. Es giebt noch mehr zu thun. Wir müssen Jonathan Melton haben.“

„Den habe ich.“

„Was – wie – Sir –!“

„Still, still!“ warnte ich, ihn unterbrechend. „Nennt Ihr das flüstern? Wenn der Rote es hört!“

„Ist es wahr! Soll ich das glauben? Sir, ich möchte laut Hurra und Viktoria schreien!“

„Das laßt bleiben! Später könnt Ihr meinetwegen schreien, daß Euch der Atem ausgeht.“

„Wo habt Ihr ihn denn ergriffen?“

„Am tiefen Wasser, an welchem auch Euer Wagen gehalten hat. Die Millionen habe ich auch.“

„Wo, wo?“ fragte er begierig.

„Hier in meiner Brusttasche.“

„Wie! Was? Ihr tragt die ungeheure Summe bei Euch!“

„Natürlich! Soll ich sie etwa an einen Baum hängen oder in die Erde vergraben?“

„Und wagt Euch damit hierher, mitten zwischen vierhundert Feinde und in diese Überlandpostkutsche hinein? Wenn man Euch erwischt, ist das Geld wieder verloren.“

„Man wird mich eben nicht erwischen! Ich bin der festen Überzeugung, daß hier meine Tasche ein besserer Aufbewahrungsort für dieses Geld ist, als es Euer Geldschrank in New Orleans war. Übrigens mag Euch der Umstand, daß ich es bei mir trage, beweisen, wie sicher ich mich hier in der alten Kutsche fühle, und ich wünsche sehr, daß es, wenn ich es den rechtmäßigen Eigentümern übergeben habe, bei diesen keinen größeren Gefahren ausgesetzt ist als jetzt bei mir! Doch, wir sind von unserem eigentlichen Thema abgekommen. Wir wollen von Jonathan Melton reden.“

„Ja, wie er in Eure Hände gekommen ist. Ich wünsche, Ihr hättet sehen und hören können, wie er sich gegen mich benommen hat, als er zu den Mogollons kam und mich als deren Gefangenen vorfand!“

„Gab er sich noch immer für den wirklichen Small Hunter aus?“

„Das fiel ihm gar nicht ein. Ich hätte ihn mit meinen Händen erwürgen können!“

„Sein Geständnis wird uns später sehr nützlich sein.“

„Er teilte mir sogar mit teuflischer Schadenfreude mit, daß ich den Osten niemals wieder sehen würde und daß auch Mrs. Werner hier verschwinden müsse.“

„Dafür wird er ihn selbst wiedersehen, und zwar in Eurer und in unserer Gesellschaft. Er ist endlich unschädlich gemacht worden, obgleich er die Hoffnung hegt, sich wieder befreien zu können.“

„So! Hegt er die wirklich?“

„Er hat es mir in das Gesicht gesagt.“

„Der Schurke! Erzählt, erzählt, Sir! Ich muß wissen, wie er in Eure Hände geraten ist und wie er sich dabei benommen hat!“

Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß wir uns während der Unterredung mit der äußersten Vorsicht benahmen, und daß der draußen sitzende Wächter während derselben oft und scharf beobachtet wurde. Dem Advokaten, der sich wohl in seinen Gesetzesparagraphen aber nicht in der Wildnis heimisch fühlte, war es um sich selbst bange und um mich erst recht himmelangst zu Mute, und daß sich die Sängerin in nicht geringerer Angst befand, verstand sich von selbst. Ich aber hatte wirklich keine Sorge, weder um die beiden, noch um mich selbst. Der Innenraum der alten Kutsche war in Wirklichkeit für mich ein besserer Aufenthalt, als jeder andere Ort in der Nähe. So konnte ich denn mit beinahe vollständiger Unbefangenheit erzählen, was ich zu erzählen hatte, nur daß ich öfters einen Blick hinaus auf den Wächter warf, um zu sehen, daß er noch an seinem Platze saß. Aber so ganz ohne gefährliche Unterbrechung sollte mein Bericht denn doch nicht zu Ende gehen. Ich war damit noch nicht ganz fertig, als ich gezwungen war, zu schweigen. Ich hörte Schritte, und als ich hinausblickte, sah ich einen Roten kommen, der unsern Posten voraussichtlich abzulösen hatte. Der letztere stand auf; der erstere aber kam an den Wagen, stellte sich auf das Trittbrett und führte die Untersuchung der Fesseln ganz in der Weise, wie sein Vorgänger aus, erst auf der rechten dann auf der linken Seite der Kutsche. Es verstand sich ganz von selbst, daß ich mich beidemal in die entgegengesetzte Ecke meines Sitzes drückte, welchem Umstande ich es zu verdanken hatte, daß die Gefahr glücklich vorüberging.

Der vorige Wächter war fortgegangen, und der jetzige hatte sich fast genau an dieselbe Stelle gesetzt. Als die beiden Gefangenen nun kurz erfahren hatten, was ihnen über Jonathan Melton zu wissen nötig war, fuhr ich fort:

„Die Mogollons werden früh, sobald der Tag zu grauen beginnt, aufbrechen. Ihr sollt mit dem Wagen unter Bedeckung noch für einige Zeit zurückbleiben. Diese Bedeckung werden wir Überfallen, und dann seid ihr frei.“

„Wie das klingt!“ meinte der Advokat. „Die Bedeckung werden wir überfallen, und dann seid ihr frei! Als ob das nur so glatt abgehen müßte, wie beim Papierschneiden! Meint Ihr denn, daß die Bedeckung sich nicht wehren wird?“

„Vielleicht, oder sogar wahrscheinlich thut sie es.“

„Schrecklich! Und das sagt dieser Mann so ruhig! Sir, ich bitte Euch, bringt mich nur dieses Mal glücklich heim! Es soll mir nie im Leben wieder einfallen, nach dem wilden Westen zu gehen! Was meint Ihr wohl, wird die Bedeckung, die bei uns zurückzubleiben hat, stark sein?“

„Schwerlich. Der Häuptling wird sicher nur soviel Reiter bei euch lassen, wie unumgänglich nötig sind, ungefähr zehn.“

„Die können doch nichts gegen Euch und Eure hundert Nijoras machen!“

„Volle hundert haben wir nicht, da wir eine Anzahl zur Bewachung der heute gefangenen Mollogons verwenden müssen, dennoch werden wir aber eurer Bedeckung sechs- oder siebenmal überlegen sein. Dazu kommt der Schreck, den die Leute haben werden, wenn wir so unerwartet über sie herfallen. Ich denke, daß wir die Sache ganz ohne Blutvergießen abmachen werden. So, nun will ich gehen.“

„Nehmt Euch in acht, daß Euch nicht doch noch schließlich der Posten bemerkt!“

„Den schicke ich fort, wie den vorigen. Paßt auf!“

Ich zog zwei Steine aus der Tasche; da sagte Martha, und zwar in deutscher Sprache, während wir uns bis jetzt der englischen bedient hatten:

„Sie haben so viel, so außerordentlich viel für uns gethan und gewagt; fügen Sie jetzt noch die Erfüllung einer großen Bitte hinzu!“

„Gern, wenn ich kann.“

„Sie können. Schonen Sie sich! Warum müssen nur Sie immer voran sein! Überlassen Sie den Überfall morgen doch andern!“

„Ich danke Ihnen für die Freundlichkeit, welche für mich in Ihrer Bitte liegt. Daß ich mich schone, versteht sich ganz von selbst; doch will ich Ihnen gern versprechen, daß ich mich morgen ganz besonders in acht nehmen werde.“

Ich mußte ihre Bitte doch beantworten, und konnte dies nicht gut in einer andern Weise thun. Nun warf ich einen Stein hinaus. Wir paßten auf und sahen, daß der Posten aufmerksam wurde; beim zweiten Steine stand er auf, und als ich dann noch einen dritten, den letzten, weiter hinüberwarf, entfernte er sich in der Richtung des Geräusches, welches dadurch verursacht worden war.

„Gute Nacht! sagte ich. „Es wird alles gut ablaufen; habt also keine Sorge! Auf Wiedersehen morgen früh!“

Durch das Fenster greifend, öffnete ich die Thür, stieg hinaus und machte sie leise wieder zu, um mich dann gleich auf den Boden niederzuwerfen, denn ich sah, daß der Posten schon zurückkehrte. Auch ihn hatte der Fall der Steine mißtrauisch gemacht. Er setzte sich nicht nieder, sondern trat, ganz wie sein Vorgänger, zum Wagen, um das Innere zu untersuchen, glücklicherweise auf der mir entgegengesetzten Seite. Es war als wahrscheinlich anzunehmen, daß er dann auch diesseits kommen werde; darum rollte ich mich so schnell und so weit wie möglich fort und blieb dann liegen, um nicht etwa seine Aufmerksamkeit durch irgend eine Bewegung auf mich zu ziehen. Er kam aber nicht herüber, sondern blieb drüben und setzte sich wieder nieder. Nun kroch ich weiter. Da ich jetzt wußte, wo die Feinde sich befanden und daß ich keinen von ihnen vor mir hatte, konnte ich mich bald vom Boden erheben und den Weg zu Winnetou gehend zurücklegen.

Er stand noch genau da, wo ich ihn verlassen hatte. Ich fragte ihn: „Ist dir die Zeit lang geworden?“

„Nein,“ antwortete er. „Mein Bruder ist zwar länger, als ich dachte, fortgeblieben, aber da kein Lärm zu hören war, wußte ich, daß er eine Gelegenheit zum Lauschen gefunden habe, und war also ohne Sorge um ihn.“

„Ja, ich habe gelauscht; doch komme fort zu unsern Pferden! Wir haben keine Veranlassung, hier stehen zu bleiben, und es ist für alle Fälle besser, wenn wir uns nicht so sehr in der Nähe des feindlichen Lagers befinden.“

Der Nijora saß bei den drei Pferden. Als er uns kommen sah, stand er ehrerbietig auf. Wir setzten uns und forderten ihn auf, dies auch zu thun. Er gehorchte, doch so, daß zwischen uns und ihm die bei den Roten gebräuchliche Respektentfernung lag.

Wir saßen eine Weile stumm. Ich wußte, daß Winnetou mich nicht fragen oder zum Sprechen aufforden werde, darum begann ich:

„Mein Bruder mag einmal raten, wo ich gesessen habe!“

Er warf mir einen prüfenden Blick zu, senkte das Auge nachdenklich zu Boden und antwortete dann:

„Waren die beiden Gefangenen noch in dem Wagen?“

„Ja.“

„So hast du bei ihnen gesessen. Weiß mein Bruder, was er da gethan hat?“

„Was?“

„Er hat den großen Geist versucht, welcher seine guten Menschen nur dann beschützt, wenn sie sich nicht ohne Ursache in Gefahr begeben. Wer sich ohne Grund in ein reißendes Wasser stürzt, kann, selbst wenn er ein guter Schwimmer ist, leicht darin umkommen. Ich muß meinen Bruder ob seiner Verwegenheit tadeln!“

„O, im Inneren des Wagens war ich weit sicherer, als anderswo!“

Ich erzählte ihm, was ich gesehen und gehört hatte. Am wichtigsten war für uns der Umstand, daß der Wagen nach dem Aufbruche der Mollogons zurückbleiben und erst später nachkommen sollte.

„Wir werden die Bedeckung überfallen und die beiden Gefangenen befreien,“ sagte der Apatsche.

„Das ist auch meine Ansicht; es fragt sich aber, ob sie die richtige ist. Es gibt einen sehr triftigen Grund, den Wagen und seine Bedeckung unbelästigt fortzulassen, nämlich die Enge der beiden Hohlwege. Findet der Häuptling der Mogollons, daß sie so breit sind, daß der Wagen hindurch kann, so wird er unbesorgt weiterreiten und annehmen, daß derselbe ihm folgen werde. In diesem Falle können wir die Gefangenen befreien, ohne daß er es zu früh bemerkt.“

„Und wenn aber die Wege zu eng sind?“

„So wird er halten bleiben, um die schmalen Stellen mit Hilfe der Tomahawks erweitern zu lassen. Ist dann der Wagen zur bestimmten Zeit nicht da, so wird er Verdacht schöpfen und Boten zurücksenden. In diesem Falle ist es notwendig, von der Befreiung der beiden Gefangenen zunächst noch abzusehen.“

„Mein Bruder hat recht.“

Nach diesen Worten fiel er in ein längeres Nachdenken. Ich konnte leicht erraten, womit er sich beschäftigte, und hatte mich da nicht geirrt, denn als er zu einem Resultate gekommen war, sagte er:

„Wir können die Bedeckung des Wagens getrost überfallen, denn die Wege sind so breit, daß er hindurch kann.“

„Weißt du das genau?“

„Ja, ich habe den Wagen gesehen und kenne seine Breite. Da wir die Mogollons oben auf der Platte überfallen wollen, so handelt es sich nur um den einen Weg, welcher hinauf-, nicht aber auch um den andern, der jenseits wieder hinabführt; der erstere aber bietet kein Hindernis. Ich bin jetzt im Geiste dort gewesen, und habe mit den Augen meiner Seele jede Stelle ausgemessen. Der Wagen kann hindurch.“

„So werden sich die Mogollons also nicht unten aufhalten, sondern ohne Verzögerung hinauf zur Platte reiten.“

„So ist es. Wir können also die zurückgebliebene Bedeckung des Wagens getrost überfallen.“

„Wie meinst du, daß das am besten geschehen könnte?“

„Mein Bruder hat die Örtlichkeit gesehen und mag mir seine Meinung sagen!“

„Ich möchte dabei keinen Menschen töten oder verwunden. Um das zu erreichen, muß der Überfall eine Überrumpelung sein; er muß ganz plötzlich geschehen.“

„Hält mein Bruder dies für möglich? Jeder Mogollon, welcher hier zufällig außerhalb der Büsche steht, muß uns doch kommen sehen und wird Lärm machen.“

„So müssen wir nicht hier auf dem Wege, also von Norden her, sondern von Süden kommen, weil die Mogollons von dort her am allerwenigsten einen Feind erwarten können. Der Häuptling reitet mit über dreihundert Mann nach Süden. Wenn wir eine halbe Stunde später aus dieser Gegend kommen, können die Zurückgebliebenen uns unmöglich für Feinde halten. Ja, sie werden höchstwahrscheinlich denken, wir seien eine Schar der Ihrigen, welche aus irgend einem Grunde zurückkehren mußte, und erst dann, wenn sie unsere Gesichter erkennen, werden sie ihren Irrtum einsehen. Dann aber ist es schon zu spät für sie.“

„Mein Bruder hat das Richtige getroffen, wie immer; sein Plan wird ausgeführt. Was dann aber weiter?“

„Von der Quelle des Schattens bis auf die Platte des Cañons, auf welcher der Kampf stattfinden soll, sind drei Stunden zu reiten. Ich möchte die Gefangenen, welche wir heute gemacht haben und morgen früh noch machen werden, nicht mit nach der Platte nehmen. Sie hindern uns, und können uns sogar gefährlich werden.“

„Was soll denn mit ihnen geschehen?“

„Sie mögen unter hinreichender Aufsicht an der Schattenquelle zurückbleiben. Da sie sich nur drei Stunden von uns befinden, sind sie uns jedenfalls sicher genug. Lassen wir vierzig Nijoras bei ihnen, welche wir unter den Befehl Emerys stellen, so ist’s gerade so gut, als ob sie sich unter unsern Augen befänden.“

„Auch darin stimme ich meinem Bruder bei, denn wenn wir sie mitnehmen, müssen wir kämpfen und sie zugleich beaufsichtigen, wobei ihnen irgend ein unerwarteter Umstand die Freiheit verschaffen kann. Sie mögen also zurückbleiben. Hat mein Bruder die Absicht, sich direkt am Kampfe zu beteiligen?“

„Das kommt auf die Umstände an. Ich töte nicht gern einen Menschen; aber die Nijoras sind unsere Freunde und Brüder geworden, und wir müssen ihnen also gegen die Mogollons beistehen, welche nicht nur ihre Feinde, sondern auch die unserigen sind. Wir haben die Aufgabe, den Mogollons zu folgen, sie durch den Hohlweg hinauf auf die Platte und den dort wartenden Nijoras in die Hände zu treiben. Das müssen wir auf jeden Fall thun. Was dann noch zu geschehen hat, werden die Umstände ergeben. Am liebsten wäre es mir freilich, wenn die Mogollons ihre Waffen streckten, ohne den Kampf zu beginnen.“

„Das werden sie nicht thun oder höchstens nur dann, wenn ihnen kein Zweifel bleibt, daß der Widerstand sie in den sichern Tod treiben würde.“

„So muß man ihnen das zu beweisen suchen! Der Plan, den wir dem Häuptlinge der Nijoras mitgeteilt haben, will ja diesen Erfolg erreichen.“

„Denkt mein Bruder, daß der Häuptling nach diesem Plane handeln wird?“

„Ich meine es; wenigstens wäre er ein großer Thor, wenn er es nicht thäte; und wie ein Thor ist er, den ich zwar nur erst einmal gesehen habe, mir nicht vorgekommen.“

„Dennoch wäre es nützlich, ja sogar notwendig, Gewißheit darüber zu erlangen, ob er unsern Vorschlägen Folge geleistet hat. Willst du ihm einen Boten senden, um ihn fragen zu lassen?“

„Nein, denn dazu ist die Zeit zu kurz. Ehe der Bote ihn erreicht und wieder zu uns zurückkehrt, ist es zu spät; auch würde er sicher den Mogollons begegnen und von ihnen weggefangen werden. Auch genügt es nicht, nur zu erfahren, ob der Häuptling nach unsern Weisungen handeln will, sondern es ist notwendig, zu wissen, daß er wirklich nach denselben handeln wird.“

„Du meinst also eine Beaufsichtigung. Dann müßte einer von uns beiden hin. Das ist’s doch, was du sagen willst?“

„Das ist es. Und nur dann, wenn du bei ihm bist oder ich bei ihm bin, kann er bestimmt werden, von unnützem Blutvergießen abzusehen. Ich kenne die beiden Gefangenen, weiche hier zu befreien sind, und habe es mehr wie du mit der Erbschaftsangelegenheit, also mit der Bewachung Jonathan Meltons, zu thun, gehöre also mehr hierher. Du bist viel länger als ich ein Freund der Nijoras; also reite du zu ihrem Häuptlinge.“

„Du sagst es, und ich bin einverstanden; ich werde sofort aufbrechen.“

„Nimmst du den jungen Krieger mit, der sich bei uns befindet?“

„Ja.“

„So bitte ich dich, ja darauf zu sehen, daß auf der Platte der Wald dicht besetzt wird und hinter dem Felsenzuge sich genug Krieger aufstellen. Geschieht das, so giebt es für die Mogollons keinen Ausweg. Wenn sie sich nicht ergeben, so werden sie entweder wie zusammengetriebenes Wild niedergeschossen oder in den tiefen Cañon getrieben, dessen Grund sich mit ihren zerschmetterten Gliedern füllen würde.“

„Du kannst überzeugt sein, daß ich nichts unterlassen werde, was einen friedlichen Ausgang herbeizuführen vermag; gehen aber die Mogollons nicht darauf ein, so kann ich nicht verhindern, daß sie in den sichern Tod rennen. Bringe du sie nur den Hohlweg heraufgetrieben!“

Nachdem noch einige andere Bemerkungen ausgetauscht worden waren, setzte er sich zu Pferde; der Nijora stieg auch auf; dann ritten sie davon, natürlich zunächst einen Bogen schlagend, um das feindliche Lager zu umgehen. Die Entscheidung nahte.

Nun befand ich mich allein. Ich ritt noch ein Stück zurück, um beim Anbruche des Morgens nicht von den MogolIons gesehen zu werden, pflockte mein Pferd an und legte mich nieder. Zum Schlafen etwa? Ich hätte schlafen dürfen, denn ich befand mich an einer Stelle, an welcher kein Un- oder Überfall zu erwarten war; aber ich hatte am Tage genugsam ausgeruht, und mußte daran denken, daß wir jetzt, in der heutigen Nacht, an dem Schlusse unserer vielen und schweren Bemühungen standen. Die Hände unter dem Kopfe und die Augen gen Himmel gerichtet, an welchem die Sterne jetzt wieder erschienen, da das Gewölk im Westen verschwunden war, dachte ich an all die Ereignisse von jenem Tage an, an welchem ich Harry Melton, den Ermordeten, in Guaymas zum erstenmal gesehen hatte. Welche Ereignisse, welche Sorgen, Mühen, Enttäuschungen und Gefahren lagen zwischen jenem Tage und dem heutigen Abend! Die Lehre aus allem, allem, was ich in dieser Zeit erfahren und erlebt hatte, bestand in den wenigen und doch so schwerwiegenden Worten: Bewahre dir allezeit ein gutes Gewissen!

So sann und sann ich, bis meine Gedanken weniger scharf wurden; dann träumte ich halb, halb wachte ich, und endlich schlief ich doch ein. Da ich mich nicht in meine Decke gehüllt hatte, wurde ich von der empfindlich kühlen Luft geweckt. Der Stand der Sterne sagte mir, daß es ungefähr eine Stunde vor Morgen war.

Bald darauf hörte ich Pferdegetrappel von Norden her. Ich ging dem Schalle entgegen, und legte mich auf die Erde. Ein Zug von Reitern kam, eine Strecke voran zwei; der eine war ein Weißer, der andere ein Roter, welcher wohl den Führer machte. Ich stand auf und rief sie an, und zwar mit verstellter Stimme:

„Halloo, Mesch’schurs! Wohin der Ritt?“

Die beiden parierten sofort ihre Pferde und griffen zu ihren Gewehren. Der Weiße antwortete:

„Wen geht es etwas an, wohin wir reiten? Komm näher, Bursche, und lasse dich sehen, wenn du keine Kugel kosten willst!“

„Versteht Ihr denn, einen Menschen zu treffen, Mister Emery?“

„Emery? Der Kerl kennt mich! Wer mag – – Alle Wetter, bin ich dumm!“ unterbrach er sich. „Das ist doch jedenfalls kein anderer als der alte Charley, den sie Shatterhand nennen! Komm her, mein Kind, und sage uns, wo der Apatsche steckt!“

„Steigt ab; dann sollst du es erfahren. Wir müssen hier halten. Ist alles in Ordnung, Emery?“

„Alles.“

„Und Jonathan?“

„Kommt da hinten mit seiner lieben Judith geritten. Dunker hat sich sein erbarmt, und mag nun keinen Augenblick mehr von ihm lassen.“

Der Zug hielt an, und alle stiegen ab. Ich ging vor allen Dingen zu Melton. Eben war er vom Pferde genommen, und neben Judith auf die Erde gelegt worden. Dunker stand bei ihnen.

Dann sah ich nach den gefangenen Mogollons. Sie lagen auf der Erde, zwei und zwei mit den Rücken gegeneinander zusammengebunden. Die waren uns sicher; die konnten nicht entfliehen. Dann erzählte ich Emery, Dunker und dem Unterhäuptlinge, was ich mit dem Apatschen beobachtet und besprochen hatte, und fragte hierauf den letzteren:

„Kennt mein roter Bruder vielleicht eine nahe, an der Schattenquelle liegende Stelle, von welcher aus wir die abziehenden Mogollons beobachten können, ohne von ihnen bemerkt zu werden?“

„Es giebt eine solche,“ antwortete er. „Sobald mein Bruder es wünscht, werde ich ihn zu derselben führen.“

„Gut! Wir müssen sehr bald aufbrechen, da der Morgen nahe ist. Fünfzig deiner Krieger mögen uns begleiten, um die zurückbleibenden Feinde zu überfallen. Die andern fünfzig bleiben zur Bewachung der Gefangenen hier.“

„Und ich?“ fragte Dunker.

„Ihr müßt unbedingt bei Melton bleiben, den ich Euch anvertraut habe.“

Well! Ich bin also sein Kerkermeister. Da mag er den Gedanken an eine Flucht nur immer fallen lassen!“

„Aber ich darf doch mit?“ erkundigte sich Emery.

„Ich möchte dich bitten, auch hier zu bleiben.“

„Warum? Möchte gar zu gern dabei sein.“

„Um zu sehen, wie wir zehn oder zwölf Indianer fangen? Das ist nichts. Bedenke, daß wir außer Melton noch fünfzig Gefangene zu bewachen haben. Die muß ich unter ganz sicherer Obhut wissen. Es ist ein Vertrauensposten für dich, Emery.“

„Gut! Wenn du es mir von dieser Seite klar und fein machst, kann ich es nicht gut grob nehmen. Wann sollen wir nach der Quelle kommen?“

„Ich schicke euch einen Boten.“

Nach kurzer Zeit stiegen fünfzig Nijoras wieder auf. Ihr Unterhäuptling setzte sich mit mir an ihre Spitze, und führte uns nicht süd-, sondern westwärts, um die Quelle des Schattens nach dieser Richtung zu umgehen. Später lenkten wir nach Süden, und dann nach Osten ein; der Bogen war geschlagen, und wir hielten vor einer langgestreckten, nicht bedeutenden und schmalen Anhöhe, auf welcher Gebüsch zu stehen schien.

„Wir befinden uns an Ort und Stelle,“ sagte der Unterhäuptling.

„Wie weit von der Quelle?“ erkundigte ich mich.

„Fünf Minuten. Wer auf diese kleine Höhe steigt und sich da hinter das Gebüsch legt, kann die ganze Gegend der Quelle des Schattens überblicken und wird doch selbst nicht gesehen.“

„Das ist gut. Warten wir, bis es Tag geworden ist. Aber gebt gut auf die Pferde acht, damit nicht etwa eines davonläuft und uns verrät!“

Die Warnung war eigentlich unnütz, denn niemals wird ein Indianerpferd sich weit von seinesgleichen entfernen. Wir lagen am Fuße der Anhöhe, bis die Sterne nach und nach erblichen und ein leiser Dämmerschein im Osten zu bemerken war. Dann stieg ich mit dem Unterhäuptlinge hinauf. Wir legten uns hinter die Büsche und warteten, bis es hell genug war, die unter und vor uns liegende Gegend zu überblicken. Das dauerte nicht lange.

Das Gebüsch, welches uns Deckung gab, lief auf dem Rücken der Anhöhe hin, stieg jenseits derselben hinab, verbreiterte sich nach und nach, wurde da, wo die Quelle aus der Erde trat, wieder schmäler und hörte nachher ganz auf, um in die grasige Prairie überzugehen.

„Das ist ja herrlich!“ sagte ich zu dem Indsman. „Wir können uns das Terrain ja gar nicht besser wünschen!“

„So ist mein weißer Bruder mit mir zufrieden?“

„Vollständig, vollständig! Die Stelle ist die allerbeste für unsere Absichten. Wir können die ganze Gegend überblicken und den Abzug der Mogollons beobachten. Dann brauchen wir gar keine Pferde, um die zurückgebliebenen Feinde durch die Schnelligkeit unseres Kommens zu überraschen; wir lassen sie vielmehr hier. Wir können ja ganz heimlich im Gebüsch hier hinuntersteigen, und uns bis an die Quelle schleichen. Besser konnten wir es wirklich nicht treffen.“

Der Indianer wollte es sich nicht merken lassen, doch sah ich es ihm sehr wohl an, daß er stolz auf das Lob war.

Wir sahen das Lager der Mogollons vor uns; sogar die Decke der Postkutsche war zu sehen; sie ragte aus den Büschen heraus. Die Roten waren vom Schlafe erwacht und bereiteten sich zum heutigen Ritte vor. Viele aßen; einige wuschen sich erst; andere hatten mit ihren Pferden zu thun. Nach einiger Zeit ertönte ein schriller Schrei, das Zeichen zum Aufbruche. Jeder eilte zu seinem Pferde, um es zu besteigen; dann bildete sich der Zug, immer ein Reiter hinter dem andern, sodaß wir sie leicht zählen konnten; es waren ihrer dreihundert und vier; ihre lange Linie bewegte sich nach Süden, wo, wie wir überzeugt waren, das Verderben ihrer wartete.

Die Zurückgebliebenen sahen den Davonziehenden nach; sie standen vor dem Gebüsch, ihrer zehn Mann. Daß es nicht mehr waren und vielleicht einer, oder einige noch hinter den Büschen steckten, ergab der Umstand, daß wir nur vierzehn Pferde weiden sahen, zehn Reitpferde und vier für den Wagen.

Als die Fortziehenden im Süden verschwunden waren, konnten wir an das Werk gehen. Zehn Mann zu überwinden, brauchten wir nicht mehr als eben so viele. Dennoch ordnete ich an, daß dreißig Mann mitgehen und die übrigen dann mit den Pferden nachkommen sollten; besser ist doch immer besser.

Durch die Büsche gedeckt, gingen wir auf der Anhöhe hin, stiegen jenseits hinab und folgten dann dem Gebüsch weiter, bis wir in der Nähe der Quelle ankamen. Ich kroch vor, um zu rekognoszieren. Die zehn armen Teufel saßen am Wasser, und machten Frühstück. Ich schämte mich fast, mit der dreifachen Übermacht über sie herzufallen. Sie waren, als die Nijoras über sie kamen, so erschrocken, daß keiner von ihnen sich wehrte oder zu entfliehen suchte; in einem Nu hatte man sie gebunden. Ich aber war an die alte Postkutsche getreten, öffnete den einen Schlag derselben und rief hinein:

„Guten Morgen, Mrs. Werner und Mr. Murphy! Hier bin ich, um mein Wort zu halten.“

Martha stieß einen Jubelruf aus, und schloß dann die Augen. Sie war zwar nicht ohnmächtig geworden, aber die Freude übermannte sie. Ich zog das Messer, schnitt ihre Fesseln entzwei, hob sie heraus und setzte sie in das Gras, da sie zu schwach zum Stehen war. Da rief der Advokat ungeduldig-

„Nun auch mich, Sir! Wie lange soll ich warten!“

„Nur Geduld, Mr. Murphy! Man kann nicht mehreren auf einmal dienen. Auch Ihr sollt frei sein.“

Als ich ihn losgeschnitten hatte, kam er herausgestiegen, reckte und renkte seine Glieder und sagte:

„Gott sei Dank! Das Elend ist zu Ende. Das war eine fürchterliche Situation da drin in dem alten Karren!“

Für mich hatte er ein Wort des Dankes nicht, dafür aber eines von anderer Art. Er legte seine Linke auf meine Schulter und fragte:

„Sir, ist bei Euch noch alles in Ordnung?“ Dabei klopfte er mir mit der Rechten auf die Brust. „Habt Ihr die Brieftasche noch?“

„Ja. Sonderbare Frage!“

„Weil ich wissen muß, wieviel es noch ist.“

„Warum müßt, hört Ihr, müßt denn gerade Ihr es wissen?“

„Weil ich – alle Wetter, das versteht sich doch ganz von selbst!“

„Nein, das versteht sich nicht so ganz von selbst.“

„Ich bin doch der Erbschaftsverwalter und habe zu bestimmen, was mit dem Gelde werden und wer es bekommen soll!“

„Bildet Euch das nicht ein! Erbschaftsverwalter waret Ihr, seid es aber nicht mehr. Und was aus dem Gelde werden und wer es bekommen soll, habt Ihr nicht mehr zu bestimmen, seit Ihr so pfiffig gewesen seid, die ganze Erbschaft einem Betrüger ohne alle genaue Prüfung nur so in die Tasche zu stecken.“

„So werde ich Euch eines andern belehren!“

Das sagte er in drohendem Tone; ich antwortete ruhig.

„Ich befürchte, daß Ihr da einen sehr unaufmerksamen Schüler an mir haben werdet.“

„O, Ihr werdet schon aufmerken müssen! Also gebt Ihr das Geld nicht heraus?“

„Nein.“

„Auch wenn ich es Euch befehle?“

„Befehlen? Laßt Euch doch nicht auslachen. Dieses Geld werde ich so lange behalten, bis der rechtmäßige Eigentümer gefunden ist.“

„Wollt Ihr etwa bestimmen, wer derselbe ist?“

„Das brauche ich nicht, denn er hat sich schon gefunden, und ich kenne ihn.“

„Ich kenne ihn auch. Er hat die Erbschaft auf amtlichem Wege aus meiner Hand zu erhalten. Also heraus damit! Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht?“

„Nein! Übrigens ersuche ich Euch, Euern jetzigen Ton abzulegen; ich bin ihn nicht gewohnt! Es würde Euch ein ganz anderer ziemen!“

„So? Meint Ihr? Welcher denn?“

„Der des Dankes. Ich bin Euer Retter, sogar Euer Lebensretter. Wäre ich nicht, so würdet Ihr den Osten niemals wiedersehen. Ich schnitt Euch hier los. Habe ich ein einziges Wort des Dankes dafür erhalten? Der Bettler sagt Dank für einen Bissen Brot. Ich habe Euch die Freiheit und das Leben zurückgegeben, und bekomme Grobheiten dafür! Wenn Ihr glaubt, mir damit zu imponieren, so irrt Ihr Euch sehr!“

„Und Ihr imponiert mir noch viel weniger. Warum Ihr das Geld nicht herausgeben wollt, das weiß ich gar zu wohl! Ihr wollt das Geld nicht herausgeben, um so im stillen für Euch – –“

„Halt! Nicht weiter, kein Wort weiter!“ donnerte ich ihn an. „Es giebt Dinge, auf welche man nur mit der Faust antwortet!“

„Eure Faust? Phsaw! Vor der habe ich gar, gar keinen Respekt, obgleich Ihr Euch Old Shatterhand schimpfen laßt! Ihr wollt einen Teil des Geldes in Eure eigene Tasche verschwinden lassen, und – –“

Er sprach nicht weiter, denn er flog in einem weiten Boden durch die Luft, über den nächsten Strauch und jenseits desselben zur Erde nieder.

Martha war vor Angst emporgesprungen. Sie erfaßte meine beiden Hände, indem sie in flehendem Tone rief.

„Um Gottes willen, töten Sie ihn nicht! Er hat nicht eine Spur des Rechtes, so mit Ihnen zu reden; er hat Sie schwer beleidigt, ich fühle mich mit Ihnen gekränkt und werde nie wieder mit ihm reden, außer wenn ich muß; aber töten Sie ihn nicht!“

„Töten? Pah! Ich habe ihn nur auch ein wenig wegwerfend behandelt; das ist alles. Er wird sich wahrscheinlich hüten, mir jemals wieder so nahe zu kommen und so nahe zu treten wie jetzt, sonst werfe ich den Ehrentöter in die Luft, daß er an der Sichel des Mondes hängen bleibt!“

Da kamen die zwanzig Nijoras mit den Pferden. Ich gab einem von ihnen den Befehl, zurückzureiten und Emery und Dunker mit ihrer Truppe zu holen. Die Pferde thaten sich zunächst am Wasser gütlich, und verbreiteten sich sodann über die saftige Grasfläche. Murphy war aufgestanden, und hatte sich auf die Seite gedrückt. Er saß hinter einem Busche, und rieb sich verschiedene Teile seines Körpers. Martha hatte sich wieder erholt. Sie wollte von Dankesworten überfließen; ich bat sie aber, zu schweigen, und sie that mir den Gefallen, die Bitte zu erfüllen.

Dann kamen unsere zurückgebliebenen Krieger mit den Gefangenen geritten. Die zehn Mogollons stießen Ausrufe des Schreckens aus, als sie ihre fünfzig gefangenen Kameraden erblickten. Ich wollte eben einen Befehl geben, welcher die Überbringung der Leute betraf, als meine Aufmerksamkeit durch ein lautes Brüllen in Anspruch genommen wurde. Der Advokat stieß es aus. Er hatte Jonathan Melton gesehen, war aufgesprungen, warf sich auf diesen, den man schon vom Pferde genommen hatte, riß ihn zu Boden und bearbeitete mit beiden Fäusten und unter wütendem Geschrei das Gesicht des Betrügers, der sich gegen den Angriff nicht zu wehren vermochte.

Emery und Dunker warfen mir fragende Blicke zu. Sie wußten nicht, sollten sie Murphy wegreißen oder ihn gewähren lassen.

„Bindet schnell Melton los!“ rief ich Dunker zu.

Da Jonathan soeben von dem Pferde gehoben worden war, hatte man ihm die Beine noch nicht wieder gefesselt, und nur seine Hände waren gebunden. Es genügte ein Augenblick, ihm dieselben frei zu geben, und kaum war dies geschehen, so gebrauchte er sie zur Abwehr gegen den Angreifer, der noch immer nicht von ihm lassen wollte. Es entstand ein Prügelei, welcher alle Indianer, Freie und Gefangene, mit unendlichem Behagen zuschauten. Bald war der eine oben, bald der andere; es dauerte lange, ehe es zur Entscheidung kam, wer der Sieger war, und als dieser Moment endlich eintrat, zeigte es sich, daß sie beide unterlegen waren, denn sie hatten einander so mitgespielt, daß sie beide nebeneinander vollständig ermattet liegen blieben.

Emery war zu mir getreten, hatte mich ganz verwundert angesehen und gefragt:

„Warum giebst du zu, daß Murphy solche Hiebe bekommt? Du hast Melton ja geradezu gegen ihn losgelassen!“

„Weil er sich nichts anmaßen soll. Wer giebt ihm das Recht, Melton zu maltraitieren? Vorhin verlangte er unter Drohungen das Geld von mir und sagte mir, anstatt sich für seine Befreiung zu bedanken, ich gäbe es nicht heraus, um mir einen Teil davon heimlich anzueignen.“

„Pfui! Du hast ihm doch dafür beide Fäuste in die Augen gegeben?“

„Nein. Ich habe die Züchtigung dem lieben Jonathan überlassen.“

Well, auch kein übler Gedanke! Bist doch ein origineller Kerl, alter Scout! Nun liegen sie da und schnappen nach Atem. Ist beiden recht geschehen; kann weder dem einen noch dem andern etwas schaden. Aber den Melton sollen wir doch wieder fesseln?“

„Ja; doch Judith wird frei gegeben.“

„Die! Warum?“

„Damit sie Mrs. Werner bedienen kann.“

„Ganz richtig! Diesen Gedanken hätte ich nicht gehabt. Aber ob sie sich dazu hergeben wird?“

„Werde es ihr schon plausibel machen!“

Die Jüdin erstaunte nicht wenig darüber, daß man ihr die Fesseln abnahm; ich stand bei der Sängerin und rief sie zu mir her.

„Mamsell Silberberg, es liegt in Ihrer Hand, sich Ihre Lage zu erleichtern,“ sagte ich.

„Wie – wie – wie nennen Sie mich?“ fragte sie, indem sie mir frech in die Augen blickte. „Was haben Sie mit mir vor?“

„Sie werden dahin gebracht, wohin wir Melton bringen.“

„Ich gehe nicht mit! Ich habe andere und heiligere Pflichten.“

„Welche denn?“

„Ich muß zu meinem Vater, der mich braucht.“

„Wo ist denn der liebe Mann zu finden?“

„Das geht Sie nichts an!“

„Dann gehen mich auch die Rücksichten nichts an, welche Sie so plötzlich gegen ihn vorgeben. Sie haben ihn nie genannt, sich wahrscheinlich gar nicht um ihn gekümmert, und nun schützen Sie auf einmal diese heiligen Pflichten vor. Leider aber dürfen wir dieselben nicht beachten. Sie sind Meltons Mitschuldige; Sie können vollen Aufschluß über ihn und seine Verbrechen geben, und wir haben dafür zu sorgen, daß dies am richtigen Ort geschehen wird.“

„So wollen Sie mich weiter mit sich schleppen?“

„Nicht schleppen, sondern mitnehmen! Wir dürfen Sie doch nicht hier im wildesten Westen verkommen lassen und werden Sie in schönere und civilisiertere Gegenden bringen.“

„Ich will aber nicht!“ rief sie aus, indem sie mit dem Fuße stampfte.

„Um Ihren Willen werden wir uns wohl nicht viel bekümmern. Also hören Sie: Mrs. Werner braucht eine Dienerin. Wollen Sie die Stelle annehmen, so wird Ihnen soviel wie möglich Erleichterung werden

„Dienerin, Dienstbote, Dienstmädchen?“ lachte sie höhnisch auf. „Fällt mir nicht ein, mich so weit wegzuwerfen! Niemals!“

„Wie Sie wollen! Aber dann werden Sie wieder gefesselt!“

„Ist mir gleich; thun Sie es! Ich bin Lady; ich bin Dame; und gerade für diese Frau hier würde ich erst recht keinen Finger regen. Ich bin die Witwe eines Häuptlings, also eines Mannes, der ein Herrscher war!“

„Gut! Ich werde Ihnen also die ledernen Witwenschleier wieder um die Hände und Füße legen lassen“

Ein Wink von mir genügte; sie wurde wieder gebunden. Es war auch besser so, denn wenn sie die Erlaubnis gehabt hätte, sich frei zu bewegen, wäre es ihr doch vielleicht gelungen, heimlich mit Melton zu paktieren und ihm zur Flucht zu verhelfen.

Seit dem Abzuge der Mogollons waren nun beinahe drei Viertelstunden vergangen. Emery machte mich auf diesen Umstand aufmerksam. „Wir müssen fort,“ sagte er, „sonst kommen wir nicht zur rechten Zeit an den Hohlweg.“

„Du sagst wir?“

„Natürlich! Oder ist das falsch? Heißt das etwa, daß ich nicht mitgehen soll?“

„Ja.“

„Das bilde dir nicht ein; ich bleibe auf keinen Fall hier zurück!“

„Ich denke, du wirst nicht nur bleiben, sondern dich sogar freiwillig dazu erklären.“

„Den Kuckuck werde ich! Während andere kämpfen, will ich nicht als Faulpelz oder gar als Feigling hier auf der Bärenhaut liegen bleiben!“

„Es kann weder von Faulheit noch gar von Feigheit die Rede sein. Du weißt, daß Winnetou fort ist, um darauf zu sehen, daß unser Plan strikte ausgeführt wird. Er mußte fort, sonst hätten uns die Nijoras vielleicht alles verdorben. Wenn alles klappen soll, muß einer von uns unten am Hohlwege stehen; er hat mit wenigen Leuten die ganze Gewalt des Rückstoßes, welcher die Mogollons wieder den Hohlweg herabdrängen wird, auszuhalten. Wer soll das sein?“

„Du natürlich. Das ist eine heikle Aufgabe und ich habe nicht Lust, mir später wegen irgend eines Fehlers die Schuld am Mißlingen zuschieben zu lassen. Wer da unten postiert ist, muß mit dem Apatschen, der oben kommandiert, im innern Zusammenhange stehen; das ist bei dir der Fall, bei mir aber nicht.“

„Gut! Also Winnetou oben auf der Platte und ich unten am Hohlwege; das siehst du ein, und das ist abgemacht. Nun giebt es noch einen dritten Posten, welcher zwar anderer Art, aber ebenso wichtig ist wie die beiden vorhergehenden.“

„Der hier an der Quelle?“

„Ja. Es handelt sich um die Gefangenen, von denen Melton der wichtigste ist. Entkommt er, so weißt du, was das heißt. Dabei sind sechzig Mogollons zu bewachen, die Yumas der Jüdin gar nicht mitgerechnet. Ein kleiner, ganz unbedachter Umstand kann die Kerls zur Rebellion bringen und zur Freiheit führen,“

„Sie sind ja alle gefesselt!“

„Dies gibt uns eben nur dann Sicherheit, wenn ein zuverlässiger Mann hier gebietet; ist dies aber nicht der Fall, so kann das kleinste Versehen zum Verderben führen. Denke dir den Schreck, wenn ich mit fünfzig oder sechzig Mann hier fortritte, um über dreihundert Mogollons in den Hohlweg zu treiben, und es erschienen plötzlich hinter uns die sechzig oder siebzig Gefangenen, welche sich losgemacht hätten!“

„Alle Wetter! Das wäre allerdings eine fatale Geschichte. Ihr würdet zwischen den beiden Haufen erdrückt, und mit euerm ganzen schönen Plane wäre es zu Ende!“

„Das siehst du also ein? Wir brauchen hier einen tüchtigen Kerl. Soll ich den Posten etwa Dunker anvertrauen?“

„Dunker? Hm! Er ist ein guter Pfadfinder und auch sonst ein ganz passabler Mensch, aber ihm Wichtiges oder gar sehr Wichtiges anvertrauen, das möchte ich doch nicht.“

„Ganz meine Meinung. Dann bleibt von uns nur einer übrig.“

„‚ Well! So muß ich es also übernehmen. Du hast mich richtig breitgeschlagen.“

„Habe ich dir nicht gesagt, daß du dich selbst anbieten würdest? Ich wußte es.“

„Hm, eigentlich wußte ich es auch; aber es wäre mir lieb gewesen, wenn ich da oben auf der Platte hätte mit zuschlagen dürfen.“

„Es fragt sich noch, ob es überhaupt zum Zuschlagen kommt. Also du wirst hier kommandieren. Wie viel Leute brauchst du, um die Gefangenen in Schach zu halten?“

„Zehn werden genügen, da alle gefesselt sind. Denkst du nicht?“

„Ich denke es. Siebzig eng gefesselte Menschen sind sogar mit noch weniger Kräften in Schach zu halten, nämlich wenn nichts passiert. Da man aber nicht eine Stunde weit in die Zukunft blicken kann, ist es besser, man sieht sich vor. Nimm dreißig! Mir bleiben da noch immer siebzig.“

„Dafür hast du aber auch die schwerste Partie eures Planes auszuführen, und zwar mit noch nicht ganz einmal dem vierten Teile der Leute, welche Winnetou oben auf der Platte hat.“

„Es genügt. Was mir an Leuten mangelt, muß ich durch die Taktik zu ersetzen suchen.“

„Taktik! Ganz militärwissenschaftlich!“

„Allerdings,“ lachte ich. „Hundertundsiebzig Leute brauche ich; siebzig habe ich; folglich fehlen gerade hundert. An die Stelle der hundert muß hier die alte Überlandpostkutsche treten. Ist das nicht Taktik?“

„Sprichst du im Ernste? Willst du sie etwa als Kanone gebrauchen? Dann bin ich neugierig, womit du sie laden wirst!“

„Nicht als Kanone, sondern als Sturmbock.“

„Sturmbock? Das ist ja eine ganz und gar mittelalterliche Maschine!“

„Die ich aber in die Neuzeit übersetze, denn mein Sturmbock wird lebendig und nicht von totem Holz und Eisen sein.“

„Begreife ich nicht!“

„Und ist doch so ungeheuer einfach! Du siehst doch ein, daß wir den Wagen mitnehmen müssen?“

„Nein, das sehe ich vielmehr ganz und gar nicht ein. Wie wollt ihr euch frei bewegen können, wenn ihr den alten Kasten mit euch schleppt!“

„So höre! Wir dürfen den Mogollons, wenn sie in den Hohlweg eingedrungen sind, keine Zeit und auch keinen Raum lassen, umzukehren. Wir müssen uns also hart hinter ihnen befinden; das ist aber gefährlich, weil sie sich umdrehen und auf uns werfen können. Da dient uns denn die Kutsche als Maske. Wenn diese hinter den Mogollons erscheint, werden die letzteren uns für ihre eigenen Krieger halten.“

„Ah, richtig! Fein ausgedacht! Aber die Sache hat einen Haken. Bei der Kutsche waren zehn Krieger; du aber kommst mit siebzig, das muß doch verdächtig erscheinen.“

„O nein. Du hast die fünfzig vergessen, die bei Melton waren und hier gefangen liegen. Man wird denken, daß es diese sind.“

„Richtig, richtig! Die fünfzig haben die zehn mit der Kutsche hier getroffen und sich mit ihnen vereinigt. Da beträgt der Unterschied nur zehn, was wohl nicht auffallen wird. Und dann? Was geschieht dann?“

„Das wirst du sofort hören.“

Ich rief den Unterhäuptling zu mir und bat ihn:

„Rufe deine Leute zusammen und sage ihnen, daß ich sechs gute Reiter brauche, welche sich mit mir zu einem gefährlichen Unternehmen freiwillig vereinigen sollen!“

Er folgte der Aufforderung und da meldeten sich denn nicht mehr und nicht weniger als – alle. Nun erklärte ich ihm und den Seinen, sodaß sie alle es hörten:

„Wir müssen den Mogollons mit dem Wagen folgen, sodaß sie uns für die Ihrigen halten und wir gleich nach ihnen in den Hohlweg eindringen können. Wenn sie die Platte oben erreicht haben und da sehen, daß sie eure tapfern Brüder in einer unangreifbaren Stellung vor sich haben, werden sie umkehren wollen. Das müssen wir verhüten. Ich will ihnen durch den Wagen den Rückweg versperren. Um den steilen Hohlweg hinanzukommen, muß ich wenigstens acht Pferde anspannen. Keiner von euch kann fahren; ich werde mich also selbst auf den Bock setzen, um die hintersten zwei Pferde an der Deichsel zu lenken. Auf jedem der sechs vorderen Pferde soll einer von euch sitzen, um sie anzutreiben. Wenn wir hinter den Mogollons anlangen, werden sie die sechs zunächst für Brüder ihres Stammes halten. Später aber, wenn wir ihnen näher kommen, steht zu befürchten, daß sie uns erkennen und auf uns schießen. Also haben die sechs Reiter vor dem Wagen eine sehr gefährliche Aufgabe zu erfüllen. Darum wünsche ich, daß die Leute sich freiwillig melden möchten. Wer jetzt noch Lust hat, mag seinen rechten Arm erheben!“

Da flogen alle Arme empor.

„Du siehst, daß es keinen Feigling unter uns giebt,“ sagte der Häuptling mit stolzem Lächeln. „Wenn Old Shatterhand sich vorn auf den Wagen setzt und sein Leben wagt, wird kein einziger dieser Krieger zurückbleiben.“

„Gut, machen wir es also noch anders! Die sechs Krieger, welche ich haben will, müssen ausgezeichnete Reiter sein, denn es gilt, den Wagen im Galopp den Hohlweg emporzureißen und unter den voranreitenden Mogollons eine möglichst große Verwirrung anzurichten. Ich kenne euch nicht; ihr selbst müßt euch kennen. Sucht mir die sechs besten und sichersten Reiter aus!“

Das nahm der Unterhäuptling in die Hand. Es war auch nicht leicht, da es galt, keinen zurückzusetzen und keinen zu beleidigen, doch brachte er in kurzer Zeit die sechs zusammen, ohne daß die andern murrten. Wie ich zu meiner Beruhigung hörte, waren die Stangenpferde noch da, welche den Wagen bis an den weißen Felsen gezogen hatten. Hätte ich zwei halbwilde Indianerpferde an die Deichsel nehmen müssen, so wäre diese mir ganz sicher abgebrochen worden. Es war auch schon ohnedies anzunehmen, daß die Fahrt eine gefährliche sein werde. Glücklicherweise befand sich das Riemenzeug in leidlichem Zustande. Die sechs Vorderpferde brauchten kein Geschirr; es reichte für jedes ein Lasso hin, welcher an die Deichsel und an den Bauchgurt befestigt wurde. Die Vorbereitungen wurden schnell getroffen, und bald stand der Wagen mit acht Pferden bereit zur Fahrt. Emery kam zu mir und sagte in ungewöhnlich ernstem Tone:

„Konnte sich kein anderer auf den Bock setzen? Mußt gerade du dich den feindlichen Kugeln bieten?“

„Wahrscheinlich wird nicht viel geschossen werden,“ antwortete ich, „und es trifft, wie du weißt, nicht jede Kugel. Aber ich will nicht leichtsinnig sein. Ich könnte doch eine Kugel bekommen oder stürzen oder sonstwie verletzt oder gar von den Pferden fortgerissen werden. Da gilt es, unser Geld in Sicherheit zu bringen. Willst du die Brieftasche aufbewahren, bis ich wiederkomme?“

„Gern, wenn du es wünschest. Wann aber denkst du, daß du wiederkommst?“

„Ich denke, daß in vier Stunden alles entschieden sein wird. Kann ich dann aus irgend einem Grunde nicht zurückkehren, so werde ich dir wenigstens einen Boten senden.“

„Thue das, Charley! Ich werde die Ankunft desselben mit der größten Spannung erwarten.“

„Und laß dir Melton nochmals an das Herz gelegt sein. Mag geschehen, was nur immer geschehe, er darf nicht wieder loskommen. Jage ihm lieber eine Kugel in den Kopf, als daß du ihn entwischen läßt!“

„Hab‘ kein Sorge! Dunker läßt ihn keinen Augenblick aus der Beobachtung. Der schneidet sich eher die rechte Hand ab, als daß er ihn entfliehen läßt. Um eins bitte ich dich, wenn du es mir nicht übel nimmst!“

„Was?“

„Wage nicht zu viel, alter Charley! Du weißt, es giebt Leute in dieser Gegend, die lieber selbst dem leibhaftigen Tode entgegenblicken als dir in die erstarrten Augen sehen möchten. Versprich mir das, he, ja?“

Wahrhaftig, dem braven Englishman standen die Thränen im Auge, so sehr hing er an mir! Er stellte sich die Gefahr, welcher ich entgegenging, viel größer vor, als sie war. Ich reichte ihm gerührt die Hand und antwortete:

„Hab‘ Dank, guter Emery, für deine Sorge! Du darfst versichert sein, daß ich mich nicht blind ins Verderben stürze. Es giebt noch andere Leute, welche auch wünschen, daß ich noch lange lebe. Denke daran, daß ich Eltern daheim habe, die ich bald wiedersehen will! Freilich, dem Mutigen lacht der Erfolg, und wenn ich ihn durch ein kleines Wagnis leichter und schneller erringen kann als sonst, so stehe ich nicht gern hintenan. Hier ist die Brieftasche mit dem Gelde; komm mit hinter den Wagen, damit niemand sieht, daß du sie einsteckst!“

Als wir miteinander fertig waren, kam auch noch Martha und sagte:

„Es giebt so auffällige Vorbereitungen, und ich höre hier und da ein Wort, aus dem ich schließe, daß Sie beabsichtigen, sich in eine Gefahr zu stürzen. Bitte dringend, mir zu sagen, ob dies wirklich so ist!“

„Es ist nicht so,“ antwortete ich. „Ich unternehme mit Ihrem Wagen eine Fahrt nach der Platte des Cañons; das ist alles.“

„Nach der Platte, auf welcher der Kampf stattfinden soll! Also wohl gar eine Fahrt in den Tod?“

Ihre Augen hatten sich erweitert und waren mit einem großen, ängstlich starren Blicke auf mich gerichtet.

„In den Tod?“ lachte ich heiter auf. „Das lassen Sie sich von einer Befürchtung sagen, welche gar keinen Grund hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich die sehr ungefährliche Rolle eine Friedensvermittlers auf mich zu nehmen haben.“

„So gehen Sie mit Gott! Es bleibt hier jemand zurück, dessen beste Wünsche Sie begleiten.“

Noch war ich damit beschäftigt, zur Anfeuerung der Pferde aus Riemen und dem mehrfach zusammengelegten Lasso, welcher den elastischen Stiel bilden sollte, einen Kantschu zusammenzusetzen, da schickte Jonathan Melton zu mir, um mir zu sagen, daß er notwendig mit mir zu sprechen habe. Als ich zu ihm kam und ihn nach seinem Begehr fragte, antwortete er, mich finster anblickend:

„Ich sehe, daß Ihr fort wollt. Wohl in den Kampf?“

„Ja.“

„Habt Ihr das Geld einstecken?“

„Warum fragt ihr?“

„Weil Ihr es nicht der Vernichtung aussetzen dürft!“

„Wenn ich es bei mir habe, wird es nicht vernichtet.“

„Doch! Ich sage Euch, daß Ihr nicht zurückkehren werdet. Ihr geht dem sichern Tode entgegen. Aber wenn Ihr versprecht, mich frei zu lassen, werde ich Euch retten, indem ich Euch den Plan der Mogollons verrate.“

„So! Also Eure Freunde und Bundesgenossen wollt Ihr verraten! Das sieht Euch ähnlich, wird Euch aber nichts nützen, denn ich kenne den Plan schon lange.“

„Woher?“

„Weil ich, wie Ihr schon wißt, die Beratung der Mogollons am weißen Felsen und dann auch vorgestern abend Euer Gespräch mit der Jüdin am Bache des Schlangenberges belauscht habe. Die Mogollons wollen nach dem dunkeln Thale; wir aber haben uns darauf vorbereitet, sie schon vorher in der Weise zwischen uns zu nehmen, daß wohl keiner von ihnen entkommen wird. In einigen Stunden schon werde ich Euch die Siegesbotschaft senden.“

„So setzt Euch in den Wagen, fahrt zum Teufel und bleibt in der Hölle in alle Ewigkeit!“

Er drehte sich von mir ab, und ich ging. Dieser Wunsch aus dem Munde eines solchen Mannes konnte mir nur Glück bringen. Ihm die Freiheit für die Enthüllung einer Thatsache geben, die mir schon längst bekannt war, lächerlich!

Der Kantschu wurde fertig gemacht; dann konnte die Fahrt beginnen. Da mir zwei Gewehre dabei zu viel waren, ließ ich den Bärentöter bei Emery zurück. Den Stutzen hing ich um und bestieg dann den hohen Bock der Kutsche; Dunker gab mir die Zügel herauf; die sechs Vorreiter schwangen sich auf ihre Pferde, und der alte Postkasten setzte sich in Bewegung. Ich mußte unwillkürlich denken: „In welchem Zustande wird er mit uns oben auf der Platte des Cañons ankommen!“

Die Stangen- oder Deichselpferde waren das Ziehen am Wagen gewohnt, die andern aber nicht. Letztere sprangen bald vorwärts, bald herüber oder hinüber; sie machten die ersteren irre, und so wurde die Kutsche zunächst nicht fortgezogen, sondern fortgeschleudert. Erst als die sechs Roten ihre Zügel und Schenkel in der richtigen Weise gebrauchten, hörte das Schleudern auf, und die Bewegung des Wagens wurde weniger gefährlich. Da es aber hier nicht das gab, was man einen Weg zu nennen pflegt, und die Vorreiter nicht die Hindernisse, welche der Boden uns bot, zu vermeiden verstanden, war die Fahrt trotzdem keine bequeme, und wir kamen über Stellen, an denen ich meine ganze Aufmerksamkeit aufbieten mußte, um das Umwerfen zu vermeiden.

Die Nijoras, welche unter Emerys Aufsicht die Gefangenen an der Quelle des Schattens zu bewachen hatten, blieben natürlich zurück; die andern folgten uns, indem sie einer hinter dem andern hinter dem Wagen herritten.

Es war nicht nötig, den Weg nach der Platte des Cañons zu kennen; wir brauchten nur den Spuren zu folgen, welche die Mogollons hinterlassen hatten. Die Entfernung dorthin betrug drei Stunden. Ich mußte so fahren, daß wir die Mogollons kurz vor dem Hohlwege einholten. Eher uns sehen zu lassen, war nicht geraten, weil da die Gefahr nahe lag, daß sie uns als Feinde erkennen und, anstatt weiter zu reiten, sich gegen uns wenden würden. Wir hatten auch in dieser Beziehung den gefährlichsten Teil unserer kriegerischen Aufgabe auf uns genommen. Um nicht etwa vor der Zeit an einer dazu geeigneten stelle, welche uns der Aussicht beraubte, auf sie zu stoßen, schickte ich einen Reiter voran, welcher ihren Nachtrab beobachten und uns benachrichtigen sollte, falls wir demselben früher, als ich es beabsichtigte, nahe kamen.

Zunächst ritten und fuhren wir rasch, um den Vorsprung, welchen die Mogollons hatten, einzuholen; später war das nicht so gut möglich, weil, wie ich hörte, das Terrain immer schwieriger wurde. Nach fast zwei Stunden trafen wir auf den Kundschafter, welcher uns benachrichtigte, daß die Mogollons ungefähr zehn Minuten weit vor uns seien. Wir durften nun nur noch gleichen Schritt mit ihnen halten. Wäre die Gegend eben gewesen, so hätten sie uns sehen müssen; so aber gab es jetzt Berge, Thäler und Wegeswindungen, in und hinter denen wir verborgen bleiben konnten.

Nach abermals einer Viertelstunde brachte uns der Kundschafter einen Nijoraindianer, auf den er gestoßen war. Der erstere meldete mir:

„Dieser Krieger hat hinter einem Felsen gesteckt, um nicht von den Feinden gesehen zu werden. Er will dir eine Botschaft von Winnetou bringen.“

„Was läßt er mir sagen?“

„Daß alles so geschehen ist, wie du angeordnet hast.“

„So stecken eure Krieger hinter der Felsenhöhe verborgen?“

„Ja und auch im Walde, bis fast heran an die Stelle, wo der Hohlweg auf die Platte des Cañons mündet.“

„Wo habt ihr eure Pferde?“

„Hinter der Höhe, wo sie so verborgen sind, daß sie von den Mogollons nicht gesehen werden können.“

„Das ist gut. Wo aber hast du denn das deinige?“

„Ich habe es zurückgelassen. Winnetou gebot es mir, weil ich da keine sichtbaren Spuren mache und mich auch leichter verbergen kann.“

„Du dachtest also, daß wir gleich hinter den Mogollons kommen würden?“

„Der Häuptling der Apatschen sagte es. Ich bin im Hohlweg herab und dann euch vorsichtig entgegengegangen. Als ich die Mogollons erblickte, versteckte ich mich, und als sie vorüber waren, ging ich weiter, bis ich auf deinen Kundschafter traf, den ich als einen Freund erkannte.“

„Wie reitet der Häuptling der Mogollons?“

„An der Spitze seiner Leute.“

„Und wie lange haben wir noch zu reiten, bis wir an den Anfang des Hohlweges kommen?“

„Die Hälfte der Zeit, welche die Bleichgesichter eine Stunde nennen.“

„Es ist gut. Schließ dich unsern Kriegern an. Du wirst auch zu Fuße leicht mit ihnen fortkommen, weil sie jetzt langsam reiten müssen.“

Unser Zug setzte sich wieder in Bewegung. Die Bodengestaltung war uns jetzt so günstig, daß wir den Mogollons noch näher rücken konnten. Der Kundschafter war wieder vorausgeritten. Als wir das nächste Mal auf ihn trafen, meldete er, daß der Feind nur noch fünf Minuten von uns entfernt sei. Es ging immer in Windungen zwischen Bergen dahin, und wir hatten endlich die Mogollons in der nächsten Krümmung vor uns. Wir gelangten in diese. Als wir ihr Ende erreichten, traten die Bergwände auseinander, indem sie sich auf einen freien Platz öffneten.

Dieser war nicht groß. Rechts und links gab es hohe Felsen, und jenseits lag eine sehr steile, mit dichtem Walde bewachsene Höhe. Am Fuße, ganz rechts unten, wo der Wald aufhörte, sah ich die Mündung des Hohlwegs, in welchen die Mogollons soeben eindrangen. Wir warteten, bis die letzten von ihnen verschwunden waren, und jagten dann über den freien Platz hinweg, um dann unten am Wege für einige Augenblicke halten zu bleiben.

Jetzt befand sich der Feind in der Falle. Droben auf der Platte erwarteten ihn unsere Genossen, und unten befanden wir uns. Wir waren stark genug, ihm die Rückkehr unmöglich zu machen.

Bisher war das Gelingen noch zweifelhaft gewesen. Hätten die Mogollons uns hinter sich bemerkt und sich gegen uns gewendet, so wären wir nicht stark genug gewesen, sie zurückzuwerfen. Und selbst wenn uns dies gelungen wäre, hätte der größte Teil von ihnen nach den Seiten hin entkommen können, allerdings nur unter Zurücklassung ihrer Pferde, da die Flucht nur durch das Überklettern der Bergwände zu bewerkstelligen möglich gewesen wäre. Nun aber steckten sie im Hohlwege, dessen hohe und steile Seiten nicht zu erklettern waren; sie mußten also vorwärts, weil sie weder zurück noch seitwärts konnten.

Das Plateau, auf welchem sie eingeschlossen werden sollten, hatte folgende Gestalt:

[Bild eines Dreiecks]

Es bildete ein Dreieck, dessen Fläche aus Felsen bestand. Die hintere Seite a ist die langgestreckte, felsige Höhe, hinter welcher ein Teil unserer Krieger versteckt lag. Die vordere Seite b deutet den Wald an, in welchem sich der andere Teil der Nijoras verborgen hatte; er fiel von der Platte sehr steil nach unten. Das c bezeichnete den tiefen Cañon, auf dessen Grund niemand, ohne zerschmettert zu werden, gelangen konnte. Bei e ist die Öffnung des Hohlweges auf die Platte, und bei d führt der Weg jenseits wieder hinab.

Das hochgelegene Dreieck, welches für die Mogollons verhängnisvoll werden sollte, war von dreihundert Nijoras besetzt. Hunderfünfzig steckten hinter der Höhe a; sie wurden von ihrem Häuptlinge kommandiert. Die andern hundertfünfzig lauerten im Walde, und Winnetou war es, der hier befehligte. Der Plan war nun, die Mogollons bei e heraufkommen und längs des Cañons c ruhig bis beinahe nach dem Auswege d weiterreiten zu lassen. Ehe sie diesen erreichten, mußte ich mit meinen Nijoras bei e erschienen sein. Dann waren die Mogollons so fest eingeschlossen, daß sie sich, wenn sie vernünftig handeln wollten, ergeben mußten. Sie befanden sich frei und schutzlos auf der oberen Platte, während die Nijoras durch den Wald und die Felsenhöhe gedeckt waren. Um sie da zu vertreiben, hätten beide gestürmt werden müssen, wobei der Untergang der Mogollons unausbleiblich gewesen wäre. Und hierbei muß berücksichtigt werden, daß es Indianern niemals einfällt, einen solchen Sturmangriff zu unternehmen.

Der Häuptling der Mogollons langte als der Voranreitende zuerst auf der Platte an. Er blieb einige Augenblicke halten, um sich umzusehen. Als er nichts Verdächtiges bemerkte, ritt er weiter, und seine Leute folgten ihm. Dieser Mann war von einer so unvorsichtigen Sicherheit, daß er nicht einen einzigen seiner Leute vorausgesandt hatte, um die Gegend nach Feinden abzusuchen. Als der letzte der Mogollons auf der Platte erschien, war die Spitze ihres Zuges auf dem Halbierungspunkte der Länge des Cañons angelangt. Man mußte sie nun noch zwei Minuten reiten lassen und sich ihnen dann zeigen. Leider aber war der Häuptling der Nijoras zu ungeduldig, diesen Zeitpunkt abzuwarten. Er lag auf der Höhe a hinter einem großen Steine, legte sein Gewehr auf den Anführer der Mogollons an und schoß, doch ohne zu treffen. Sofort erhoben sich seine Leute hinter ihren Verstecken, ließen ihr Kriegsgeheul erschallen und schossen ihre Gewehre auch ab, freilich mit demselben Mißerfolge, weil die Entfernung jetzt noch zu groß war. Winnetou sagte sich, daß die mit ihm im Walde versteckten Nijoras dem schlechten Beispiele folgen würden, und rief mit seiner weithin schallenden Stimme:

„Noch nicht schießen! Bleibt im Walde stecken!“

Es lag ihm dabei nicht nur daran, einen übereilten Angriff zu verhindern, sondern noch vielmehr wünschte er, unnützes Blutvergießen zu verhüten. Das war ja die Hauptforderung, welche wir gestellt hatten und auf die der Häuptling der Nijoras eingegangen war. Leider aber hatte Winnetou seinen Befehl in den Wind gerufen. Seine hunderfünfzig Nijoras erschienen unter den vordersten Bäumen und schossen unter Ausstoßung ihres Kampfgeheules auch auf die MogolIons. Viele der letzteren wurden getroffen.

Starker Wind, der Häuptling derselben, hatte sein Pferd erschrocken angehalten. Er sah die Höhe vor sich mit Feinden besetzt; zu seiner Linken wimmelte der Wald ebenso von ihnen; rechts gähnte der tiefe Cañon; ritt man vorwärts, so kam man der Felsenhöhe näher, von welcher aus die Kugeln jetzt noch nicht hatten treffen können; übrigens war es viel weiter dorthin, als nach dem Hohlwege zurück, wo sich noch jetzt das Ende seines Zuges befand. Darum warf er sein Pferd herum, richtete sich hoch im Sattel auf, winkte mit dem erhobenen Arme zurück und schrie seinen Leuten zu:

„Umkehren, umkehren! Wir sind eingeschlossen. Schnell wieder den Hohlweg hinab!“

Winnetou oder ich an seiner Stelle hätte freilich anders gehandelt; ihm aber hatte der Schreck über den so ganz unerwarteten Angriff auf dem gefährlichen Terrain die Überlegung geraubt. Er sprengte zurück, und seine Leute folgten seinem Beispiele. Dabei wurden die einen von den andern aufgerollt, und es bildete sich ein wirrer Knäuel von Reitern, deren jeder danach trachtete, so rasch wie möglich den Hohlweg zu erreichen. Und in diesen Knäuel wurde Kugel um Kugel von den Nijoras aus dem Walde gesandt. Das war das reine Morden. Darum sprang der Apatsche aus dem Walde in das Freie heraus, schwang sein Gewehr abwehrend in der Luft und rief:

„Nicht schießen, nicht schießen! Winnetou befiehlt es euch!“

Glücklicherweise hatte sein Anblick eine größere Wirkung auf seine Untergebenen als vorhin seine Worte; das Schießen hörte auf. Aber die Folgen des vorzeitigen Angriffes schienen nicht verhindert werden zu können, denn die Mogollons hatten den Hohlweg wieder erreicht und drangen hinein.

Was nun thun? War ich denn noch nicht da? Als Winnetou sich dieses fragte, sah er, daß die Flucht der Feinde stockte; sie konnten nicht weiter, nicht zurück, und das hatte seinen guten Grund.

Als ich mit meinen Nijoras unten am Waldessaume angekommen war, hatte ich nur für einige Minuten halten lassen. Ich horchte nach oben. Nichts ließ sich hören. Da lenkten die sechs Vorreiter auf meinen Zuruf in den Hohlweg ein, und hinter dem Wagen folgten die Krieger. Die Entscheidung war da. Wie würden wir oben ankommen?

Die beiden Seiten des Hohlweges bestanden aus Glimmerschiefergestein; sie traten so nahe zusammen, daß allerdings stellenweise nur zwei Reiter nebeneinander Platz fanden. Das waren aber auch die engsten Stellen; der Wagen hatte also den nötigen Raum. Dafür aber machte uns das Geröll zu schaffen, mit welchem der Boden bedeckt war. Es gab oft auch größere Steine, an denen die Räder zerbrechen konnten. Da galt es, auszuweichen. Wir fuhren in raschem Schritte bergauf und hatten, wie ich nachher merkte, die Hälfte des Weges zurückgelegt, als ich oben Schüsse fallen hörte.

„Habt ihr es gehört? Man schießt!“ rief ich den Vorreitern zu. „Man hat den Kampf begonnen, ohne auf uns zu warten. Treibt die Pferde an! jetzt muß es im Galoppe gehen!“

Sie trieben ihre Tiere mit den Sporen an, und ich schlug mit dem Kantschu auf die Deichselpferde; sie griffen aus, und rissen den Wagen im raschen Laufe vorwärts. Da gab es freilich kein vorsichtiges Lenken und kein Ausweichen mehr. Die alte Kutsche neigte sich bald nach rechts, bald nach links; sie machte Sätze wie ein Tier, welches über Steine springt. Ich hielt mich mit der linken Hand auf meinem hohen Sitze fest und mußte mir alle Mühe geben, nicht herabgeschleudert zu werden, zumal ich mit derselben Hand auch die Zügel zu halten hatte; mit der Rechten schwang ich den Kantschu.

Da ertönte vor uns ein mehrstimmiger Schrei. Ich blickte auf, und sah zusammengedrängte Reiter vor uns im Hohlwege halten. Das waren die zurückfliehenden Mogollons.

„Weiter, weiter!“ schrie ich den Vorreitern zu. „Ja nicht halten! Reitet und fahrt sie über den Haufen!“

Die braven, verwegenen Kerls gehorchten. Laut aufbrüllend trieben sie ihre Pferde weiter. Die letzteren hatten noch nie einen Wagen gezogen; auf besserem Wege vorhin hatten sie doch gehorcht; jetzt aber hörten sie hinter sich das Rattern und Krachen der alten Kutsche, dazu die Hiebe, die sie bekamen, die Sporen, das Geheul – sie wurden scheu und stürmten vorwärts, unaufhaltsam, ohne auf das Hindernis, welches ihnen entgegenstand, zu achten. Der Zusammenprall erfolgte. Wird er gelingen? Wer wird zurückgedrängt werden, wir, die wir von unten kommen, oder die Mogollons, welche von oben kommen, also größere Stoßkraft besitzen?

Ein Augenblick des Stockens trat ein; die vordern Pferde der beiden Parteien waren zusammengestoßen; unser Wagen stand.

„Vorwärts, vorwärts!“ schrie ich. „Haut mit den Flintenkolben auf ihre Pferde ein!“

Die Mogollons brauchten nur unsere Vorderpferde niederzuschießen; daran dachten sie aber nicht. Hinter sich den Feind, und vor sich jetzt den eigenen Wagen mit fremden Reitern und einen weißen Kutscher, der sich wie toll gebärdete; sie verloren einige kostbare Sekunden. Meine sechs Nijoras folgten meinem Rufe; sie rissen ihre Gewehre von den Schultern und schlugen mit ihnen nach vorn, auf alles, was sie erreichen konnten; ihre eigenen Pferde drängten schäumend vorwärts; ich hieb mit aller Kraft auf die Deichselpferde ein; der Wagen bewegte sich wieder; die Mogollons drehten sich um, und drängten heulend zurück. Wir folgten, keine Spanne Raum zwischen ihnen und uns lassend – wir hatten gewonnen; der lebendige Sturmbock that seine Schuldigkeit. Hinter dem Wagen folgten meine Nijoras; sie schrieen und brüllten aus Leibeskräften; es war wirklich kein Wunder, wenn die Feinde schon allein durch diesen Spektakel zurückgetrieben wurden.

Jetzt erreichte der Wagen die Stelle, an welcher der Hohlweg auf die Platte mündete. Mit einem Blicke übersah ich die ganze Situation. Links die Abteilung des Apatschen unter den Bäumen, er selbst außerhalb des Waldes, mit der Silberbüchse in der Hand nach uns herüberblickend – jenseits der Platte die andere Abteilung der Nijoras auf dem Felsen -nahe bei und vor mir die Feinde, dicht zusammengedrängt, alle mit dem Blicke des Schreckens nach dem Wagen starrend. Das mußte ausgenutzt werden.

„Nicht weiter! Setzt euch hier fest, und laßt keinen durch!“ rief ich zurück, und im nächsten Augenblicke hörten die sechs Vorreiter meinen Befehl:

„Immer weiter, weiter! Geradeaus, mitten unter sie hinein!“

Und vorwärts ging es! Wir drangen in den wirren Haufen der Mogollons ein; wir zerteilten ihn; wir brachen uns Bahn. Ich hatte freilich auf die Bestürzung dieser Indianer gerechnet, aber daß sie ihre Waffen nicht gegen uns erheben würden, das hatte ich nicht für möglich gehalten. Sie wichen heulend und schreiend rechts und links zurück und ließen den Wagen vorüber, ohne zu versuchen, ihn auf irgend eine Weise anzuhalten. Dies geschah ganz nahe am Cañon. Wie leicht konnten unsere scheugewordenen Pferde uns nach dem Rande, und dann hinabreißen! Aber die sechs Nijoras waren so gute Reiter, daß sie selbst jetzt noch ihre Tiere in der Gewalt hatten.

So drangen wir durch den Haufen der Feinde, welcher sich hinter uns immer wieder schloß, hindurch, indem ich mich um keinen von ihnen kümmerte, sondern nur immer auf meine beiden Pferde einhieb. Es war – – ah, da hielt, als fast der hinterste von ihnen, einer auf seinem Pferde und starrte mir mit weitgeöffneten Augen entgegen. Auch er war von der Überraschung wie gelähmt. Ich kannte ihn, denn ich hatte ihn gesehen, als ich am weißem Felsen, im Wasser steckend, die Versammlung der Mogollons belauschte; es war der starke Wind, ihr Häuptling.

„Links über die Ebene; haltet drüben an den Felsen!“ rief ich meinen sechs Vorreitern zu.

Mit der Rechten die Zügel schnell über den dazu angebrachten Eisenhaken werfend, griff ich mit der Linken nach meinem Stutzen und sprang, gerade als der Wagen nach links gerissen wurde, von dem hohen Bocke herab. Ich kam nicht nur mit den Füßen, sondern auch mit den Händen auf der Erde an, richtete mich aber schnell auf, stand mit einem schnellen Sprunge bei dem Häuptlinge, griff in die Zügel seines Pferdes und riß es vorn empor. Es knickte hinten zusammen – ein rascher Schwung, und als es vorn wieder niederkam, saß ich hinter dem Häuptlinge auf der Kruppe seines Pferdes, welches mit uns beiden davonschoß, hinter dem Wagen her, über die Platte nach links hinüber.

Einen solchen Überfall hatte er nicht erwarten können; aber er besaß Geistesgegenwart genug, nach seinem Messer zu greifen; das Gewehr war ihm entfallen. Er wollte von vorn nach hinten auf mich stechen, kam aber nicht dazu, denn ich warf, um die Hände frei zu bekommen, mein Gewehr über und legte ihm alle zehn Finger so nachdrücklich um den Hals, daß er die Hand mit dem Messer sinken ließ und dann mit den beiden Armen machtlos in der Luft herumfuhr. Der Atem ging ihm aus.

Von dem Augenblicke an, in welchem ich mit dem Wagen die Platte erreicht hatte, bis jetzt war gewiß nicht mehr als kaum eine Minute vergangen. Man glaubt nicht, was in solcher Lage alles in einer Minute geschehen kann. Hinter mir heulten die Mogollons vor Wut über die Entführung ihres Häuptlings; am Walde und von der Felsenhöhe herab brüllten die Nijoras vor Entzücken, und ich, o ich selbst war gar nicht etwa sehr entzückt. Ich hatte den Häuptling am Halse festzuhalten; mein Gewehr hing locker und schlug mir um die Ohren; das Pferd war ganz konfus geworden, was ich ihm übrigens gar nicht verdenken konnte; es rannte bald nach rechts, bald nach links; es bockte; es wollte uns herunter haben, und ich hatte doch keine Macht darüber, denn der Häuptling hatte die Zügel fallen lassen; sie schleiften nach, und ich saß soweit hinten, daß ich nicht mit den Füßen in die Bügel konnte; es war das reine Kunst-Jokey-Reiten, nur schwerer und gefährlicher, als man es im Zirkus zu sehen bekommt. Es ging nicht anders, ich mußte den Häuptling abwerfen; hoffentlich brach er nicht den Hals. Er hatte die Bügel ebenso wie die Zügel verloren; ich zog ihn auf die Seite und gab mir Mühe, das eine seiner Beine auf die andere Seite zu bringen, denn ich wollte ihn herabgleiten lassen, wobei er nicht so leicht verunglücken konnte, als wenn er herabgeschleudert wurde. Aber diese menschenfreundliche Absicht hatte einen weniger freundlichen Erfolg. Er war ohnmächtig geworden, lag schwer in meinem rechten Arme, und als ich mich vorbog, um mit der andern Hand sein linkes Bein zu heben, machte das Pferd, durch diese ungewöhnliche Bewegung noch mehr beunruhigt, einen mächtigen Seitensprung und wir flogen beide auf die hier leider steinharte Mutter Erde herab.

Einige Augenblicke lag ich da, gerade so bewegungslos wie er; dann versuchte ich, mich aufzurichten. Es war mir, als ob ich von einem Windmühlenflügel über ganz Elberfeld und Barmen hinweggeschleudert worden wäre; im Kopfe hatte ich wenigstens zwanzig summende Bienenstöcke, und vor meinen Augen flimmerten so viele Nordlichter, wie man droben in Lappland binnen zehn Jahren zu sehen bekommt. Ich mußte manches und verschiedenes gebrochen haben.

Da hörte ich Schüsse. Dadurch aufmerksam gemacht, blickte ich zurück und sah mehrere Mogollons, welche auf mich zujagten, um ihren Häuptling wiederzuholen; es war von den Nijoras auf sie geschossen worden. Wenn sie mich erreichten, war ich verloren, und sie befanden sich schon so nahe, daß sie mich haben mußten, ehe jemand mir zu Hilfe kommen konnte. In dieser Gefahr erfuhr ich, wie schon so oft, wieder einmal, was der Geist über den Körper vermag: Ich sprang auf; die Bienenstöcke waren weg, die Nordlichter verschwanden, und von Schmerzen fühlte ich keine Spur mehr, wenigstens in diesem Augenblicke. Unweit von mir lag mein Stutzen, der glücklicherweise nicht zerbrochen war. Ich sprang hin, hob ihn auf und legte ihn auf die vier Kerls an – – vier Schüsse und vier Kugeln, jedem Pferde eine in die Brust; die Tiere brachen nach wenigen Schritten zusammen; die abgeworfenen Reiter rafften sich auf und hinkten eiligst von dannen, indem von rechts und links her Schüsse auf sie fielen, welche aber nicht so gut trafen, wie die meinigen getroffen hatten.

Kaum hatten die vier sich zur Flucht gewendet, so fühlte ich die Schmerzen wieder, der Kopf brummte wie vorher und die brillanten Nordlichter flammten abermals vor den Augen. Da kam der Häuptling der Nijoras auf die gute Idee, mir eine Anzahl seiner Leute zu senden. Er konnte das eher und leichter thun als Winnetou, da ich mich mehr in der Nähe der Felsenhöhe, als in der des Waldes befand. Diese Leute fingen das Pferd des starken Windes ein, fesselten letzteren und trugen ihn fort, während ich, auf zwei von ihnen gestützt, mit nach der Höhe humpelte.

Dabei bemerkte ich, daß ich nichts gebrochen hatte; aber tüchtige Quetschungen waren vorhanden, und man weiß, daß Quetschungen weit schmerzhafter als Brüche sind. Bei der Felsenhöhe angelangt, legte man den gefangenen Häuptling nieder und setzte mich neben ihn. Der Mann war uns so wichtig, daß ich ihn selbst bewachen wollte, da ich in meinem Zustande jetzt doch nichts anderes und besseres zu thun vermochte.

Das Flimmern vor den Augen und das Summen um die Ohren ließen auf Blutandrang nach dem Kopfe schließen; da waren kalte Umschläge angezeigt. Diese wären gewiß zu haben gewesen, weil Wasser wahrscheinlich zu finden war. Der Wald lag in der Nähe, und wo Wald ist, pflegt es auch Wasser zu geben. Aber ich verzichtete doch auf die Umschläge, da ich mich mit denselben vor den Roten hätte schämen müssen.

Wie die Angelegenheit drüben am Cañon stand, konnte ich wegen des Flimmerns nicht sehen. Daß jemand dort laut sprach, das hörte ich, konnte aber wegen des Summens vor den Ohren die Stimme nicht unterscheiden. Da kam der schnelle Pfeil, der Häuptling der Nijoras, zu mir, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen.

„Ich bin gestürzt, habe aber nichts gebrochen,“ antwortete ich kurz. „Wer ist es, der da drüben redet?“

„Winnetou.“

Zu wem spricht er?“

„Zu den Feinden.“

„Was wird der Häuptling der Apatschen zu den MogolIons sagen?“

„Daß sie sich nicht wehren, sondern sich ergeben sollen.“

„Dürfen sie ohne ihren Häuptling darüber beschließen?“

„Warum nicht? Sie müssen, wenn sie nicht wollen. Er ist unser Gefangener, und kann ihnen also keinen Rat erteilen. Ja, er ist unser Gefangener, und das wird uns große Vorteile bringen. Wir haben es deiner Verwegenheit zu verdanken.“

„Es war keine Verwegenheit, sondern nur ein rasch entschlossenes Handeln. Ich sah den Schreck, welcher die Mogollons alle befangen hielt, und machte ihn mir zu nutze. Und wenn eine Gefahr dabei war, so war sie wenigstens nicht bedeutend.“

„Sie konnten auf dich schießen!“

„Sie haben es aber nicht gethan. Wer aber hat denn hier oben geschossen, ehe ich vorhin gekommen -war? Die Mogollons?“

„Nein,“ antwortete er verlegen. „Wir haben es gethan, ich glaubte, die Feinde sicher zu haben.“

„Du hättest nichts glauben, sondern dich genau nach unserm Plane richten sollen! Hätte ich mich noch nicht im Hohlwege befunden, so wären die Mogollons gewiß entkommen. Ich übergab dir einen Gefangenen. Hast du ihn gut bewachen lassen?“

„Ja. Wir haben ihn mitgebracht. Er ist bei den Pferden, welche hinter der Felsenhöhe weiden.“

„Warum brachtest du ihn mit?“

„Weil ich glaubte, du möchtest ihn möglichst bald sehen, und weil er bei den Kriegern besser aufgehoben ist, als im Dorfe bei den Squaws und Greisen.“

„Du hast recht gehandelt. Und das junge Bleichgesicht, welches ich dir auch mitgab?“

„Ist auch mit da. Er wollte nicht von dem Gefangenen weichen, sondern ihn bewachen. Soll ich beide holen lassen?“

„Später, doch jetzt noch nicht. Kommt dort nicht Winnetou mit zwei Indianern auf uns zu?“

„Ja.“

Daß ich die drei zu erkennen vermochte, bewies, daß es mit meinen Augen doch schon besser stand. Der Kopf war mir leichter geworden. Nicht so gut schien es mit dem gefangenen Häuptlinge zu stehen. Er lag noch immer mit geschlossenen Augen da. Das konnte nicht nur die Folge davon sein, daß ich ihn am Halse festgepackt hatte; der Sturz vom Pferde mußte ihm noch mehr geschadet haben.

Die beiden Indianer, welche Winnetou brachte, waren Mogollons, alte Krieger, welcher Umstand erraten ließ, daß sie zur Beratung gekommen seien. Sie blieben ernst und höflich in einiger Entfernung stehen; der Apatsche trat heran, und wendete sich zunächst in beinahe strengem Tone an den Häuptling der Nijoras mit den Worten:

„Wer war es, der bei euch den ersten Schuß abgegeben hat?“

„Ich. Ich glaubte, daß die richtige Zeit gekommen sei.“

„Wir hatten doch besprochen, daß ich zuerst schießen sollte, falls dies mir als notwendig erscheinen würde. Du bist ein Häuptling, und hättest dich mehr als jeder andere nach unsern Vereinbarungen halten sollen. Weißt du, wieviel Tote die Feinde haben?“

„Nein.“

„Acht, und verwundet sind weit mehr. Das hätte unterbleiben können.“

„Sie haben es verdient. Wenn ihnen ihr Vorhaben geglückt wäre, hätten sie viele meiner Krieger getötet und dann auch noch andere Greuelthaten begangen.“

„Das ist richtig; aber du hättest doch Wort halten sollen. Winnetou hat noch nie das seinige gebrochen.“

Nach diesem Verweise wendete er sich an mich:

„Mein Bruder hat eine große Heldenthat vollbracht. Man wird an allen Orten davon erzählen. Wie steht es an der Quelle des Schattens?“

„Gut. Wir haben die Bedeckung des Wagens ergriffen, und die Gefangenen sind gut bewacht.“

„Und wie steht es mit meinem lieben Bruder? Der Fall vom Pferde war schwer. Hat er dir Schaden gethan?“

„Meine Glieder sind ganz geblieben.“

„So schone dich! Die kleinste Verletzung kann die schlimmsten Folgen tragen. Du hast mehr als genug gethan; was noch zu thun ist, das mögen andere Leute thun.“

„Ich fühle mich beinahe wieder so wohl, wie vorher. Du hast zwei Krieger der Mogollons mitgebracht. Wahrscheinlich soll eine Beratung stattfinden?“

„Ja; sie wollen mit ihrem Häuptlinge sprechen.“

„Hier liegt er. Er hat sich noch nicht geregt. Hoffentlich hat er nicht den Hals gebrochen.“

„Ich werde ihn untersuchen.“

Er beugte sich zu ihm nieder, und meldete nach einer Weile:

„Es ist ihm weiter nichts geschehen, als daß er mit dem Kopfe auf den Felsen aufgeschlagen ist. Er wird nach einiger Zeit erwachen, und wir müssen also solange warten.“

„So werde ich inzwischen in den Hohlweg zu meinen Nijoras gehen. Ich muß einen zu Emery nach der Quelle des Schattens senden.“

„Um ihm unsern Sieg zu verkünden?“

„Ja, und auch um ihm mit allen, die sich bei ihm befinden, herbeizurufen.“

„Daran thut mein Bruder recht, denn sonst würde Emery den zurückkehrenden Mogollons begegnen.“

Ich stand auf und ging fort. Winnetou hatte gesagt: „Sonst würde Emery den zurückkehrenden Mogollons begegnen.“ Das war wieder einmal ein Beweis, wie innerlich wir miteinander einverstanden waren, ohne daß wir miteinander über den Gegenstand zu sprechen brauchten. Er wollte die Mogollons zurückkehren, sie also nicht als Gefangene der Nijoras gelten lassen, und das war auch meine Ansicht.

Die ersten Schritte, welche ich vorwärts that, verursachten mir ziemliche Schmerzen, welche ich aber ertragen mußte. Dann minderten sie sich ein wenig, doch nicht viel. Dennoch gab ich mir Mühe, gerade und mit erhobenem Haupte über die Platte zu gehen und dem Hohlwege zuzuschreiten. Als ich mich dem Walde näherte, riefen mir die dort befindlichen Nijoras frohlockend zu. Links, in der Nähe des Cañonrandes, hockten die Mogollons in drei langen Reihen am Boden, wobei jeder den Zügel seines hinter ihm stehenden Pferdes hielt. Sie sahen mich kommen und blieben, indem ich vorüberschritt, mit ihren Augen an mir hangen, ohne eine Miene zu verziehen; dabei aber flogen zwischen ihnen aus den halbgeöffneten Lippen leise Worte hin und her, und ich sah ihnen an, daß der Sturz vom Pferde mich bei ihnen doch nicht in Unehre gebracht hatte.

Als ich einen Nijora als Boten abgeschickt hatte, kehrte ich wieder zu Winnetou zurück. Die beiden Mogollons hatten sich auf der Stelle, an welcher sie vorhin gestanden hatten, niedergesetzt. Winnetou saß neben ihrem Häuptlinge; ich setzte mich an die andere Seite desselben, und der schnelle Pfeil hockte sich nach Indianerart uns gegenüber nieder.

Nach einiger Zeit begann der „starke Wind“ sich zu regen. Er wollte erst die Arme und dann die Beine bewegen, vermochte das aber nicht, weil er gefesselt war; dann schlug er die Augen auf. Sein erster Blick fiel auf mich. Er starrte mich eine Weile an, und fragte dann:

„Ein Bleichgesicht! Wer bist du?“

„Man nennt mich Old Shatterhand,“ antwortete ich.

„Old Shatterhand!“ wiederholte er mit sichtlichem Schreck. Dann schloß er die Augen. Er schien nachdenken zu wollen, aber seine Gedanken schwer sammeln zu können, wie ich aus dem Spiele seiner Mienen ersah. Dann hob er die Lider wieder empor und sagte:

„Ich bin gefesselt. Wer hat mich binden lassen?“

„Ich.“

Wieder schloß er die Augen; als er sie dann öffnete, hatten sie einen helleren Ganz. Die Besinnung war ihm jetzt vollständig zurückgekehrt. Er schien mich mit seinem Blicke durchbohren zu wollen, als er sagte:

„Ich besinne mich. Du kamst auf dem Wagen, sprangst herab zur Erde und dann auf mein Pferd. Weiter weiß ich nichts, denn du nahmst mich beim Halse, um mich zu erwürgen.“

„Du irrst. Ich wollte dich nicht erwürgen, nicht töten, sondern dich nur einstweilen unschädlich machen. Das ist mir gelungen.“

„Ja, es ist dir gelungen. Ein Bleichgesicht springt auf mein Pferd, reitet mit mir fort, betäubt mich und macht mich zum Gefangenen. Wer so kühn gewesen wäre, mir vorher zu sagen, daß dies möglich sei, dem hätte ich mit meinem Tomahawk den Kopf gespalten. Ich darf mich nie wieder vor meinen Kriegern sehen lassen. Es ist eine Schande, in dieser Weise gefangen zu werden.“

„Nein. Es ist nie eine Schande, von Winnetou oder Old Shatterhand besiegt zu werden.“

„Aber du wirst mir meine Medizin nehmen!“

„Nein. Ich lasse sie dir; du darfst sie behalten.“

„Oder meinen Skalp!“

„Auch den nicht. Hast du jemals gehört, daß einer der beiden, die ich nannte, einen Feind skalpiert hat?“

„Nein.“

„Du wirst also sowohl deinen Skalp, als auch deine Medizin behalten; glaubst du noch immer, daß du dich vor den deinen nicht mehr sehen lassen darfst?“

„Nein. Ich weiß jetzt, daß ich mich nicht zu schämen brauche. Old Shatterhand hat Häuptlinge geworfen, welche noch nie besiegt worden waren; sie waren vorher berühmt, und sind auch dann berühmt geblieben. Aber bist du nicht in dem Pueblo der Yumas gewesen?“

„Ich war dort mit Winnetou.“

„Wie seid ihr dann geritten?“

„Nach dem Berge der Schlangen, und von da aus hierher.“

Ich sagte ihm die Wahrheit, ohne ihm die näheren Einzelheiten mitzuteilen. Er betrachtete mich lange mit einem nachdenklich schlauen Blicke, und fragte dann:

„Bist du unterwegs nicht von einem Bleichgesichte angegriffen worden?“

„Ja.“

„Woher hast du den Wagen, auf dem du saßest, als du kamst?“

„Der Wagen gehört jetzt mir,“ antwortete ich ausweichend.

„Uff! Noch niemand hat gehört, daß Old Shatterhand und Winnetou im Wagen fahren! Wo ist Winnetou?“

„Hier an deiner andern Seite.“

Er hatte nach mir gewendet gelegen, und Winnetou noch nicht gesehen. Jetzt drehte er sich zu ihm und sagte:

„Der berühmte Häuptling der Apatschen hat meine Krieger geschont; er wollte nicht auf sie schießen lassen. Wie viele Krieger der Nijoras sind hier vorhanden?“

Ich antwortete an Winnetous Statt:

„So viele, daß ihr ihnen nicht entgehen könnet.“

„Weshalb hatten sie die Platte des Cañons umzingelt?“

„Um euch zu fangen.“

„Aber wußte er denn so gewiß, daß wir heute kommen würden?“

„Erst nicht. Er hat es später von mir erfahren.“

„Du?“ fragte er erstaunt, „Von wem hast denn du es erfahren?“

„Von dir. Ich habe dich am weißen Felsen belauscht, als ihr Beratung hieltet.“

„Uff! Am weißen Felsen? Die Beratung wurde mitten in unserm Lager gehalten!“

„Ich weiß es, denn ich war dort. Ihr redetet so laut, daß ich jedes Wort zu hören vermochte. Ich war den Fluß herabgeschwommen, und legte mich gerade hinter dir am Ufer hin. Als ich genug gehört hatte, schwamm ich weiter, bis ich aus dem Lager kam. Da die Nijoras meine Freunde sind, du mich aber fangen lassen wolltest, habe ich sie natürlich benachrichtigt und ihnen den Rat gegeben, euch hier auf der Platte des Cañons zu erwarten.“

„So bist also du es, dem wir unsere Niederlage zu verdanken haben?“

„Ja.“

Es war ein ganz eigentümlicher Blick, den er lange auf mir ruhen ließ; es lag nicht Haß, nicht Rache oder dergleichen darin. Dann fragte er:

„Hast du alle gesehen, welche an der Beratung dort am Wasser teilgenommen haben?“

„Ja. Es war auch ein Bleichgesicht dabei, welches Melton heißt.“

„Der Mann sagte uns, daß du unser Feind seist!“

„Er hat euch belogen. Old Shatterhand ist der Freund aller roten Männer, die sich nicht feindlich zu ihm verhalten.“

„Weißt du, wo sich Melton jetzt befindet?“

„Er wird seiner weißen Squaw entgegengeritten sein, mit welcher er in dem Pueblo wohnte.“

Diese diplomatische Antwort befriedigte ihn, wie ich aus seiner Miene ersah. Er nahm an, daß wir Melton mit seinen fünfzig Kriegern nicht begegnet seien, und mochte von diesem Rettung erhoffen. Dann fragte er weiter:

„Bist du an der Quelle des Schattens gewesen?“

„Ja, am Abende nach eurer Beratung, als ich mich unterwegs zu den Nijoras befand.“

Nach einem längeren Sinnen fuhr er fort:

„Warum sitzen die beiden alten Krieger meines Stammes hier?“

„Sie sind gekommen, sich mit dir zu beraten über die Bedingungen, unter denen du wieder frei werden kannst.“

„Welche Bedingungen sind das?“

Er hatte dem gerade vor ihm sitzenden Häuptlinge der Nijoras noch keinen Blick gegönnt; jetzt antwortete dieser:

„Danach muß du mich fragen.“

Der Mogollon antwortete, ohne ihn auch jetzt anzusehen:

„Ich spreche mit Old Shatterhand, und mit keinem andern. Also, welche Bedingungen sind dies?“

Ich erklärte ihm:

„Eigentlich wäre euer Leben verfallen, dazu eure Skalpe, eure Medizinen, eure Pferde und Waffen und alles, was ihr bei euch habt; wir aber, nämlich Winnetou und ich, werden mit dem Häuptlinge der Nijoras reden, daß er euch weniger strenge Forderungen stellt.“

„Warum dieser?“

„Weil er der Sieger ist.“

„Du irrst. Wir sind von Old Shatterhand und Winnetou besiegt worden, und die beiden sind es also, denen wir erlauben werden, uns Bedingungen zu stellen. Ich bin bereit, sie von dir zu hören.“

Er sah mich erwartungsvoll an, ich hingegen warf einen fragenden Blick auf Winnetou. Dieser antwortete mir:

„Was mein Bruder Charlieh sagt, ist gut; ich werde ihm beistimmen.“

Nun konnte ich dem „starken Wind“ meine Antwort geben:

„Ihr seid ausgezogen, die Nijoras zu überfallen. Ich weiß, daß du nicht nur ein tapferer, sondern auch ein wahrheitsliebender Krieger und Häuptling bist, der sich vor nichts und niemand fürchtet; du wirst mir also die Wahrheit nicht verschweigen?“

„Nein,“ antwortete er stolz.

„Was hättet ihr gethan, wenn die Nijoras sich verteidigt hätten?“

„Sie getötet, ihre Frauen und Jungfrauen mit uns fortgeführt, und alle ihre Habe mit uns genommen.“

„Ich höre, daß du die Wahrheit gesagt hast. Das Gesetz der Wildnis aber heißt: Gleiches mit Gleichem. Jetzt sind die Nijoras Sieger. Was habt ihr zu erwarten?“

„Dasselbe Schicksal.“

„Mit diesen Worten hättest du eigentlich euer Schicksal selbst entschieden, wenn ich mich nicht mit Winnetou hier befände. Wir haben den Nijoras unsere Hilfe angeboten, ihnen aber unsere Bedingungen gesagt, unter denen wir dies thun würden.“

„Welche waren das?“ fragte er, rasch aufblickend.

„Euer Leben soll geschont werden.“

„Wie steht es aber mit unsern Medizinen?“

„Die dürft ihr behalten.“

„Uff! Wir dürfen also heimkehren nach unserm Lager am weißen Felsen?“

„Ja.“

„So binde mich los! Ich gehe sofort darauf ein. Wir werden augenblicklich zurückreiten.“

„Halt! So schnell geht das nicht! Das Leben und die Medizinen haben wir beide euch erhalten; ob wir euch auch noch anderes erhalten können, ist eine andere Frage, welche der Häuptling der Nijoras zu entscheiden hat.“

Letzterer machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte:

„Meine Brüder haben bemerkt, daß der gefangene Häuptling der Mogollons nicht mit mir reden will, ja er hat mich sogar noch nicht ein einzigesmal angeblickt. Wie soll ich da mit ihm reden? Wie kann er gute Bedingungen von mir erwarten!“

Da fiel der Mogollon schnell ein:

„Ich spreche mit dir. Schau her, ich sehe dich an! Also sprich, was du von uns verlangst!“

Der Nijora zögerte eine Weile; dann antwortete er:

„Winnetou, der berühmte Häuptling der Apatschen, und Shatterhand, der große Jäger und Krieger der Wildnis, sind meine Freunde und Brüder. Ihre Herzen sind mild und weich, obgleich ihre Arme die Stärke des Bären besitzen. Sie erblicken nicht gern Blut, und sehen nicht gern die Wolke der Betrübnis über ein Angesicht gehen. Ich möchte so handeln wie sie, um ihnen dankbar zu sein dafür, daß sie die Pfeife der Bruderschaft mit mir geraucht haben. Das ist das eine. Die MogolIons wollten uns überfallen, um uns zu töten und alle unsere Habe mit sich fortzunehmen; es ist ihnen nicht gelungen; anstatt dessen haben wir sie besiegt, und es ist kein Tropfen Blut von unserer Seite geflossen. Das ist das andere. Darum ist auch meine Seele zur Milde geneigt, und so will ich von den Mogollons nur ihre Pferde und ihre Waffen verlangen.“

„Uff!“ rief der „starke Wind“, „darauf gehen wir nicht ein!“

„So seid ihr meine Gefangenen und werdet das Schicksal erleiden, welches wir bei euch erlitten hätten.“

„Nur besiegte Krieger können in Gefangenschaft geraten. Sind die meinigen besiegt?“

„Ja.“

„Nein! Schau hin! Dort sitzen sie. Haben sie nicht alle ihre Waffen noch in den Händen? Sie werden sich verteidigen!“

„Um vom ersten bis zum letzten niedergeschossen zu werden. Und dann soll dir ein anderes Schicksal bereitet werden: du wirst am Marterpfahle sterben und mit dir alle deine Krieger, welche in unsere Hände geraten; das aber werden alle sein, welche nicht erschossen werden, denn keiner, kein einziger wird uns entkommen!“

„Versuche es doch! Ihr könnet und dürfet uns doch gar nicht töten, da ihr Winnetou und Old Shatterhand unser Leben und unsere Medizinen versprochen habt!“

Wenn er allein hierauf pochte, konnte es freilich zu keiner Einigung kommen; darum sagte ich ihm in ernstem Tone:

„Es war da vorausgesetzt, daß ihr euch ergebt; thut ihr das nicht, so können wir euch nicht retten. Ich kann dir nur raten, auf die Bedingungen des Häuptlings der Nijoras einzugehen.“

„Sie sind zu hart!“

„Nein, sondern sie sind zu mild. Du würdest ganz andere stellen, wie du ja selbst gesagt hast.“

„Darf ich mir diese schwere Sache überlegen?“

„Ja. Ist die Hälfte des Sonnenlaufes genug dafür?“

„Ja,“ antwortete er.

„Gut. Deine beiden alten Krieger mögen näher kommen, um sich mit dir zu besprechen. Vorher aber verlange ich, daß alle deine Leute ihre Waffen an uns abgeben.“

„Das werden sie nicht!“

„O, das werden sie! Denn wenn du nicht schnell den Befehl erteilst, laß ich den Kampf beginnen, der dann nur in einer Niedermetzelung eurer Leute bestehen wird.“

„Aber das darfst du doch nicht! Du hast mir ja soeben eine Frist gegeben und mir gesagt, daß ich mit den beiden Kriegern beraten soll! Die Waffen können wir ja erst dann abgeben, wenn die Frist zu Ende ist und wir uns in eure Forderungen fügen!“

„Das ist richtig. Dennoch verlange ich sie schon jetzt von euch, doch nur vorläufig, weil ich sicher sein will, daß deine Leute die Waffen nicht eher brauchen, als bis die Frist abgelaufen ist.“

„Bekommen sie sie wieder?“

„Wenn die Frist zu Ende ist, natürlich, und erst dann sollst du uns sagen, was du beschlossen hast.“

Da rief ihm einer der beiden Alten zu:

„Das ist eine schlimme Falle, o Häuptling! Wenn du in dieselbe gehst, sind wir alle verloren.“

„Schweigt“ herrschte er ihm zu. „Hast du schon einmal gehört, daß Old Shatterhand sein Wort gebrochen oder daß Winnetou eine Lüge gesagt hat? Wenn die beiden es versprechen, ist es so, als hätte es der große Manitou gesagt!“

Und sich wieder an mich wendend, fuhr er gelassen fort:

„Also du befürchtest Unruhen, und nur darum sollen wir die Waffen einstweilen übergeben.“

„Ja.“

„Und wir bekommen sie wieder, noch bevor ich meine Entscheidung sage?“

„Ich gebe dir mein Wort.“

„Und Winnetou verspricht es auch?“

„Auch ich gebe mein Wort,“ antwortete der Apatsche.

Da gebot der „starke Wind“ seinen beiden Alten:

„Die Worte der beiden großen Krieger sind wie zwei Eide. Geht hin zu unsern Kriegern; fordert ihnen die Waffen ab, und laßt sie auf einen Haufen in die Mitte der Platte tragen, den die Leute der Nijoras dann bewachen mögen! Das befehle ich; es soll sogleich geschehen! Dann kehrt ihr hierher zu mir zurück, um mit mir Beratung zu halten!“

Sie standen vom Boden auf, und entfernten sich. Ich und der Mogollon wußten recht wohl, was wir thaten, nur waren unsere Gründe verschieden.

Ich erwartete Emery mit den Gefangenen. Wenn er kam, und die hier auf der Platte befindlichen Mogollons sahen ihre Kameraden als Gefangene, dann war es sicher, daß sie, wenn sie ihre Waffen hatten, zu denselben griffen, um sie zu befreien. Aus diesem Grunde hatte ich mein Verlangen gestellt. Wenn die Mogollons unbewaffnet waren, so konnte Emery getrost erscheinen.

Und er, der Mogollon? Er rechnete eben auf jonathan Melton mit seinen fünfzig und auf die zehn, welche bei dem Advokaten und der Sängerin zurückgeblieben waren. Diese sechzig, zu denen übrigens noch die Yumas kamen, konnten schon etwas erreichen. Darum ging er auf meine Forderung ein, um uns einzuschläfern und sicher zu machen.

Die Mogollons gehorchten ihrem Häuptlinge ohne Widerstreben. Als wir einige Nijoras zu ihnen schickten, lieferten sie ihnen nach und nach alle ihre Flinten, Pfeile, Lanzen, Messer und Tomahawks aus. Diese Gegenstände wurden in die Mitte der Platte in einen Haufen zusammengetragen und dann auf meinen Befehl von nicht weniger als zwanzig wohlbewaffneten Nijoras bewacht. Darauf kehrten die beiden Alten zu ihrem Häuptlinge zurück. Sie setzten sich bei ihm nieder, denn wir hatten ihnen Platz gemacht. Es war nicht unsere Absicht, zu erfahren, was sie mit ihm sprachen; darum stellten wir ihnen zwar zwei Posten hin, welche aufpassen Sollten, daß die Fesseln des Häuptlings nicht gelockert oder gar gelöst würden, doch in solcher Entfernung, daß auch diese nichts hören oder gar verstehen konnten.

Es war gar nicht nötig, daß wir selbst bei ihm blieben; er war uns sicher. Selbst wenn die beiden Wächter nicht gut aufgepaßt hätten und er von seinen Banden befreit worden wäre, hätte er nach keiner Richtung entkommen können, weil rundum alles von den Nijoras besetzt war. Darum hatte ich nun Zeit, mich von dem Häuptlinge der letzteren hinter die Felsenhöhe zu Franz Vogel führen zu lassen. Winnetou ging nicht mit; er blieb auf der Platte zurück, um die Oberaufsicht zu führen. Dazu war kein Mensch so vortrefflich geeignet wie er mit seinen so außerordentlich scharfen und geübten Sinnen.

Es gab keinen Weg über die felsige Höhe. Wir mußten von Stein zu Stein klettern, wobei jeder einzelne Schritt mir Schmerzen bereitete. Ich bemerkte, daß ich die Folgen meines Sturzes vom Pferde doch längere Zeit mit mir tragen würde.

Jenseits der Höhe, um deren Fuß sich der so oft erwähnte Wald herumzog, gab es eine Art Prairie, auf welcher dichtes Gras zu finden war. Dort floß das Wasser, dessen Dasein ich vermutet hatte. Die Pferde der Nijoras weideten unter der Aufsicht einiger junger Krieger. An in die Erde gerammten Pflöcken war ein auf der Erde liegender Gefangener befestigt – Thomas Melton, und bei ihm saß Franz Vogel, der Geiger, der beste und zuverlässigste Wächter, dem man den alten Spitzbuben anvertrauen konnte. Franz sah uns kommen, sprang auf, kam mir entgegen und rief in der lieben, deutschen Sprache: „Endlich, endlich sehe ich Sie! Was für eine Angst habe ich ausgestanden! Wie leicht konnte etwas Unvorhergesehenes geschehen und Sie abhalten oder gar Sie ins Unglück bringen!“

„In diesem Falle wäre ich meiner Ansicht nach meines Wortes entbunden gewesen. Es ist aber nichts derartiges vorgekommen, und so sehen Sie mich bei Ihnen.“

„Zu meiner großen Freude! Nun geben Sie mir aber vor allen Dingen Auskunft. Ich hörte vor einiger Zeit jenseits der Höhe schießen; dann war es wieder still. Das war so unheimlich. Ein Kampf mit einem Feinde, welcher einige hundert Köpfe stark ist, muß doch wohl länger dauern!“

„Wenn gute Vorbereitungen getroffen sind, wie es hier geschehen ist, nein. Wir haben einstweilen Waffenstillstand.“

„Wie lange?“

„Gegen vier Stunden noch. Übrigens bin ich in der Lage, Ihnen einige außerordentlich freudige Botschaften zu bringen.“

„Welche, welche? Reden Sie doch!“

„Setzen wir uns ruhig nieder! Wer wird stehen bleiben, wenn er so schönen weichen Rasen unter sich hat!“

„Ja, setzen wir uns! Doch dann reden Sie! Welche Überraschungen sind es, von denen Sie sprechen?“

Als wir nun nebeneinander saßen, antwortete ich:

„Ich denke zunächst an zwei, obgleich es noch mehrere giebt. Sie werden Besuch bekommen von einem Herrn, der Sie eigentlich drüben in Frisco zu finden hoffte, Fred Murphy nämlich.“

„Murphy? Etwa der Advokat aus New Orleans?“

„Derselbe.“

„Was will er von mir?“

„Das wird er Ihnen selber sagen. Übrigens ist seine Reise vollständig unnütz gewesen. Aber Sie bekommen noch weiteren Besuch.“

„Mit diesem Murphy?“

„Ja.“

„Wen denn?“

„Eine Dame, Ihre Schwester.“

„Was ist das doch wunderbar, so außerordentlich wunderbar! Dazu gehört ein Mut, den ich weder meiner Schwester noch dem Advokaten zugetraut hätte!“

„Mut? Sagen wir lieber, wenn wir offen sein wollen, Leichtsinn, oder um es etwas milder auszudrücken, eine vollständige Unkenntnis der Gefahren und Beschwerden, welche hier zu bestehen sind. Vor diesen habe ich Ihre Schwester damals in Albuquerque gewarnt, als sie, wie Sie sich erinnern werden, die Absicht aussprach, uns zu begleiten.“

„Sie haben recht, Sie haben recht! Aber da sie nun einmal hier ist, wollen wir ihr keine Vorwürfe machen. Wie ist sie denn mit dem Advokaten zusammen- und mit ihm auf den Gedanken gekommen, uns hier aufzusuchen?“

Und ich erzählte ihm, was er wissen sollte. Er schlang die Arme um mich. Ich ließ es mir gefallen, wehrte aber, als er mich gar wiederholt küssen wollte, durch die Warnung ab:

„Mäßigen Sie sich, liebster Freund! Wenn Sie jetzt Ihr ganzes Entzücken ausgeben, haben Sie keine Freude für die zweite Überraschung übrig, welche Ihrer wartet.“

„Ach was! Mag es sein, was es will, es kann mich doch nicht so erfreuen wie die Nachricht, daß Sie meine Schwester aus den Händen der Mogollons befreit haben?“

„Oho! Beteuern Sie nicht zu viel! Ich möchte behaupten, daß die zweite Überraschung Sie noch weit mehr entzückt als die erste.“

„Wirklich? Dann heraus damit!“

„Heraus damit? Meinen Sie, daß ich die Sache in der Tasche habe?“

„Nein. Das war doch ein ganz zufälliger Ausdruck.“

„Der aber ebenso zufällig ganz gut paßt. Ich habe die Überraschung nämlich wirklich in der Tasche.“

„Dann bitte, bitte, zeigen Sie!“

„Hier!“ sagte ich, indem ich Jonathan Meltons Portefeuille herauszog.

„Eine Brieftasche?“ meinte er, einigermaßen enttäuscht.

Er nahm sie in die Hand und betrachtete sie von allen Seiten.

„Öffnen Sie doch,“ forderte ich ihn auf.

Nun war es ein Genuß für mich, sein Mienenspiel zu beobachten. Welche Augen machte er, als er die Aufschrift des ersten Ledercouvertes las und dann, dasselbe aufschlagend, die Wertpapiere erblickte. Seine Seele, sein Herz, alle seine Sinne, sein Leben trat in seine Augen. Er öffnete ein Couvert nach dem andern; seine Augen wurden größer und größer; er war aufgesprungen und stand vor mir; seine Hände zitterten, und seine Lippen bebten, aber sprechen konnte er nicht. Fast wollte es mir bange um ihn werden, denn auch die Freude kann schädigen, sogar töten; da ließ er die Tasche plötzlich in das Gras fallen, warf sich selbst nieder, grub das Gesicht in die Hände und weinte laut, fast überlaut und lange Zeit.

Ich sagte nichts; ich that die herausgefallenen Couverts in die Fächer der Tasche zurück, verschloß die letztere und legte sie neben ihn hin. Dann wartete ich, bis sein Weinen in ein immer leiser werdendes Schluchzen überging und dann erstarb. Er lag noch einige Minuten still da; dann richtete er sich auf, nahm die Tasche wieder in die Hand und fragte, noch immer thränenden Auges:

„Ist das – das – das von jonathan Melton?“

„Ja,“ antwortete ich und erzählte ganz kurz.

„Und ist es wirklich das Vermögen des alten Hunter?“ fragte er.

„Ich kann es getrost beschwören.“

„Und gehört mir oder vielmehr meiner Familie?“

„Natürlich!“

„Darf ich es dann einstecken?“

„Nein, weil ich es Ihnen vor den Augen derer überreichen möchte, welche sich darüber ärgern.“

„Gut, Sie haben recht. Hier ist die Brieftasche zurück. Meine Frage, ob ich sie einstecken darf, mußte Sie beleidigen.“

„Nicht im geringsten. Ich werde sie nur noch kurze Zeit behalten, dann bekommen Sie sie wieder. Was Sie nachher damit thun, kann mir nicht gleichgültig sein, doch werde ich –“

„Warum nicht gleichgültig?“ unterbrach er mich. „Sprechen Sie doch! Seien Sie aufrichtig!“

„Gern! Sie wissen, was es gekostet hat, dieses Geld endlich zu erwischen, oder vielmehr Sie wissen es noch nicht, wenigstens noch nicht alles. Jetzt haben wir es, Aber wir befinden uns im wilden Westen, und Sie sind ein hier ganz unerfahrener Mann. Meinen Sie, daß Ihre Tasche der richtige, der sicherste Ort für diese Millionen ist?“

Da rief er aus, als ob er über meine Frage und die Gefahren, welche dieselbe Aussicht stellte, außerordentlich erschrocken sei:

„Nein, nein! Ich mag das Geld nicht, jetzt noch nicht! Behalten Sie es! Bei Ihnen ist es sicherer als bei mir, weit, weit sicherer als auch bei jedem andern. Ich brächte es wahrscheinlich gar nicht nach Hause. Nein, nein, behalten Sie es, behalten Sie es!“

„Ihre Schwester hat auch darüber zu bestimmen. Wir werden sie also fragen, sobald sie hier angekommen ist. Und nun will ich Ihnen nochmals ausführlicher erzählen, worüber ich Ihnen nur Andeutungen gemacht habe, nämlich was seit dem Augenblicke, an welchem Sie mit dem Häuptlinge der Nijoras fortritten, geschehen ist.“

Ich hätte ihm dies auch später erzählen können, aber erstens hatte ich jetzt Zeit dazu und zweitens that ich es wegen der Aufregung, in welcher er sich befand. So plötzlich einige Millionen in die Hand zu bekommen, das kann nicht jedermann vertragen. Es war jedenfalls eine Wohlthat für seine Nerven, wenn ich ihn veranlaßte, seine Aufmerksamkeit auf meinen Bericht zu lenken.

Aus diesem Grunde erzählte ich möglichst umständlich, und zu meiner Genugthuung folgte er selbst dem Nebensächlichen mit ungeteiltem Interesse. Ich hörte erst auf, als ich mit meiner Erzählung bei dem gegenwärtigen Augenblicke angekommen war. Da holte er tief, tief Atem und sagte:

„Also unter solchen Umständen und mit solcher Lebensgefahr haben Sie die Tasche an sich gebracht! Sie müssen den Inhalt der Tasche mit mir teilen!“

„Oho! Sind Sie etwa der einzige Erbe?“

„Leider nein! Aber ich werde meinen Willen dennoch durchsetzen! Sie werden wenigstens gerade und genau soviel bekommen wie jeder einzelne Erbe!“

„Beleidigen Sie mich nicht! Schweigen wir darüber! Wenn Sie später Gutes thun wollen, so denken Sie an Ihr armes Heimatdörfchen und an dessen Bewohner, bei denen tausend Mark ein großes Vermögen sind! jetzt will ich einmal nach dem alten Melton sehen. Wie hat er sich verhalten, seit er sich bei den Nijoras befindet?“

„Er hat kein Wort gesprochen.“

„Auch mit Ihnen nicht?“

„Nein, obgleich ich mich immer bei ihm befunden habe. Nur wenn er schläft, da stöhnt, ächzt und murmelt er vor sich hin, als ob ihn große Schmerzen quälten. Ob dies das böse Gewissen ist?“

„Nein, sondern der Grimm über den Verlust seines Geldes. Er thut Ihnen nicht den Gefallen, denselben zu erwähnen, träumt aber des Nachts davon. Der Ärger, der sich nur im Traume äußert, aber des Tages jedenfalls wie ein Tiger an ihm frißt und säuft, ist ihm sehr gern zu gönnen. Er hat weit andern Lohn als das verdient und wird ihn auch bekommen.“

Ich ging zu Melton. Dieser hatte unsere Unterredung nicht gehört, weil Franz Vogel mir vorhin entgegengekommen war und wir uns also in guter Entfernung von ihm befunden hatten. Auch gesehen war ich nicht von ihm geworden, denn er lag mit dem Rücken auf der Erde, den Kopf uns zugewendet. Als ich nun ganz plötzlich zu ihm trat, starrte er mich wie ein Gespenst an, schloß die Augen, um sich zu besinnen, ob er wache oder träume, und stieß dann stöhnend hervor:

„Der Deutsche, der tausendmal verdammte Deutsche!“

„Ja, es ist der Deutsche,“ antwortete ich. „Ihr freut Euch doch, Master Melton, mich so gesund, frisch und wohl wieder vor Euch stehen zu sehen?“

Da öffnete er die Augen wieder, riß und zerrte wie ein Verrückter an seinen Fesseln und schrie dabei:

„Er ist’s; er ist’s wirklich! O wäre ich frei, o hätte ich meine Hände los! Umkrallen würde ich dich und dir das Fleisch von den Knochen reißen, du Hund! Haben dich die Mogollons denn nicht erwischt? Oder warst du so feig, vor ihnen davonzulaufen?“

„Nein, Mr. Melton, sie haben mich nicht erwischt, obgleich sie mich wohl gern gehabt hätten, zumal Euer lieber Jonathan mich ihnen sehr angelegentlich auf die Seele gebunden hatte.“

Da beherrschte er sich, nahm eine lauernde Miene an und fragte:

„Jonathan! Habt Ihr ihn etwa gesehen?“

„Es ist möglich; genau kann ich es Euch aber leider nicht sagen.“

„Wenn noch nicht, so werdet Ihr ihn ganz gewiß bald zu sehen bekommen!“

„Das ist’s ja, was ich wünsche!“

„Wünscht es nicht, wünscht es ja nicht!“ geiferte er. „Er wird mich befreien, wird mich rächen, wird wie eine Kugel über Euch kommen, die Euch den Kopf zerschmettert!“

„Das werde ich abwarten.“

„Lacht nicht über mich; lacht ja nicht über meine Drohung, denn sie wird sich erfüllen! Er kommt mit den MogolIons; sie werden ihre Feinde niederschmettern und Euch ergreifen. Dann wehe Euch, dreimal wehe, wehe, wehe!“

„Ihr seid ja, während wir uns nicht sahen, außerordentlich dramatisch geworden! Leider befinde ich mich gerade jetzt nicht in der Stimmung, Eure Drohungen so tragisch zu nehmen, wie Ihr es wünscht. Wir fürchten die Mogollons keineswegs, denn wir kennen ihre Absichten und sind eben, dabei, dieselben zu Schanden zu machen.“

Er sah mich forschend an, veränderte den Ausdruck seines Gesichtes abermals und fragte:

„Ihr kennt ihre Absichten? Ah, wirklich? Ihr glaubt, denselben begegnen zu können? Solltet Ihr Euch da nicht zu viel zutrauen, Sir?“

„Schwerlich! Ihr kennt mich doch, wenn auch noch nicht ganz genau. Ich pflege den Büffel stets bei den Hörnern, nicht aber bei dem Schwanze anzufassen. Geradeso werden wir es auch mit den Mogollons thun. Wir wissen alles. Euer Jonathan kommt mit den Mogollons; aber wir haben ihnen eine recht hübsche Falle gestellt, in welcher sie sich so leicht fangen werden, daß wir nur die Thür zuzuklappen brauchen.

Ich weiß genau, daß ich imstande bin, Euch schon nach einigen Stunden die Mogollons samt Euerm Jonathan als Gefangene zu zeigen.“

Er schien mich mit den Augen verschlingen zu wollen, als er auf meine Worte erwiderte:

„Gefangene? Auch Jonathan? Pshaw! Ihr wollt mich ängstigen, mich ärgern; aber das soll Euch nicht gelingen!“

„Ihr seid für immer kalt gestellt, Mr. Melton; ob Ihr Euch freut oder ärgert, ist mir unendlich gleichgültig. Ich spreche der Wahrheit gemäß, und wenn Ihr das nicht glaubt, werdet Ihr den Beweis sehr bald zu sehen bekommen.“

„Alle Wetter, Ihr scheint wirklich Eurer Sache sicher zu sein! Übrigens ist es mir sehr gleichgültig, ob die Mogollons die Nijoras ermorden oder diese jene umbringen. Mir ist es um etwas ganz anderes zu thun. Und wenn Ihr gescheit seid, könnt Ihr ein außerordentlich gutes Geschäft dabei machen. Wollt Ihr?“

„Warum nicht, wenn das Geschäft ein ehrliches ist,“ antwortete ich, sehr neugierig auf die Mitteilung, welche er für mich auf der Zunge hatte.

„Sehr ehrlich, außerordentlich ehrlich, wenn nämlich Ihr selbst es auch ehrlich dabei meint.“

„Ich bin kein Schuft; das könntet Ihr nun wohl endlich wissen.“

„Ich weiß es und eben darum glaube ich, daß die MogolIons in eine Falle gehen werden. Und darauf gründe ich das Geschäft, welches ich Euch vorzuschlagen beabsichtige.“

„So redet!“

„Ich verlange von Euch einen Gefallen, einen ganz kleinen, geringen Dienst, und ich verspreche Euch dafür einen Lohn, welcher unendlich größer ist, als dieser armselige Dienst.“

„Ja, Ihr werdet es versprechen, aber nicht halten!“

„Stellt Euch sicher, stellt Euch sicher, Sir! Ihr thut mir den Gefallen erst dann, wenn Ihr den Lohn erhalten habt.“

„Das ist ein Vorschlag, der sich hören läßt. Welchen Dienst verlangt Ihr?“

„Ihr laßt mich frei und gebt mir das Geld wieder, welches Ihr mir abgenommen habt.&

„Das ist allerdings ein außerordentlich geringer Dienst, den ich Euch erweisen soll. Also Ihr verlangt Eure Freiheit und dazu das Geld, welches ich Euch aus den Stiefeln genommen habe! Wunderbar!“

„Werdet nicht höhnisch, Sir, denn Ihr wißt noch gar nicht, was ich Euch dafür geben werde!“

„Ihr? Was habt Ihr denn noch? Was könntet Ihr mir geben?“

„Millionen!“

„Alle Wetter! Wo befinden sich denn Eure Millionen?“

„Das kann ich Euch erst sagen, wenn Ihr mir die Freiheit und mein Geld versprecht.“

„Und ich soll die Millionen eher bekommen, als ich mein Versprechen zu halten brauche?“

„Ja, zu Eurer Sicherheit. Ihr seht, daß ich es ehrlich mit Euch meine.“

„Allerdings. Mr. Melton, ich scheine mich in Euch geirrt, Euch vollständig falsch beurteilt zu haben!“

„Das ist wahr. Glücklicherweise biete ich Euch jetzt die vortreffliche Gelegenheit, diesen Fehler zu Eurem größten Nutzen gut zu machen.“

„Schön! Bei diesem gegenseitigen großen Vertrauen wird sich das Geschäft wohl machen lassen. Millionen, das hat etwas zu bedeuten! Also, wo habt Ihr sie?“

„Gebt mir vorher das verlangte Versprechen!“

„Sagt mir vorher, wieviel Millionen es sind!“

„Zwei bis drei Millionen Dollars; es kommt nicht so genau darauf an. Also, wollt Ihr?“

„Ja.“

„Ihr gebt mir Euer Wort, daß ich frei sein werde und mein Geld wiederbekomme?“

„Ja. Sobald ich die Millionen auf Eure Anweisung oder durch Eure Hilfe erhalten habe, laß ich Euch sofort frei und zahle Euch das Geld aus.“

„Ich kann dann gehen, wohin ich will?“

„Ja. Ich werde mich von dem Augenblicke an, in welchem ich Euch freilasse, nicht wieder um Euch bekümmern.“

„Gut! jetzt habe ich meine Forderung so verklausuliert, daß ich sicher bin.“

„Gewiß. Nun aber die Millionen!“

„Sogleich! Wir müssen aufrichtig miteinander sein. Sagt einmal, Sir, glaubt Ihr wirklich, daß Ihr die Mogollons besiegen werdet?“

„Mehr als das. Wir werden sie fangen, vom ersten bis zum letzten.“

„Auch meinen Sohn mit?“

„Auch ihn.“

„Gut! Er ist zwar mein Sohn, aber ein Schurke gegen mich gewesen. Er hat Hunters Geld so geteilt, daß er fast das ganze behielt, ich aber eine wahre Lappalie bekommen habe. Es geschieht ihm ganz recht, wenn ich ihn dafür verrate. Also, paßt auf! Er wird eine schwarzlederne Hängetasche bei sich haben – –“

„Schön!“

„In dieser Tasche befindet sich ein Portefeuille. Und in diesem Portefeuille stecken die Millionen.“

„Ist das gewiß?“

„Kein Zweifel! Ich weiß es genau. Seid Ihr jetzt zufrieden?“

„Eigentlich nicht.“

„Warum? Ihr bekommt doch die Millionen! Denkt nur, Millionen! Ich könnte verrückt werden darüber, daß ich sie Euch abtreten muß!“

„Aber Ihr habt mich doch an der Nase geführt. Ich hätte ja die Millionen bekommen, auch ohne Euch ein Versprechen gegeben zu haben. Jonathan wird auf alle Fälle mein Gefangener; ich würde die Tasche unbedingt bei ihm finden.“

„Meinetwegen. Aber ich hoffe, daß Ihr wegen dieser kleinen List nicht zornig auf mich seid?“

„O bitte, ganz und gar nicht. Doch ebenso hoffe ich, daß Eure Angabe sich als richtig erweist, daß er das Geld auch wirklich noch hat, denn ich habe, wohl gemerkt, die Bedingung gestellt, daß ich es auf Eure Anweisung, durch Eure Hilfe bekommen muß!“

„Das werdet Ihr auch!“

„Und was soll dann mit Jonathan geschehen? Vielleicht geht es ihm gar an das Leben!“

„Jeder ist seines Schicksales Fabrikant. Ich kann ihm nicht helfen. Er hat mir zu wenig gegeben, hat mich betrogen; ich sage mich von ihm los, und es ist mir ganz einerlei, was mit ihm geschieht. Stirbt er, so ist es mir ganz recht, denn ich habe dann später vor ihm Ruhe. Ihr aber macht das beste Geschäft dabei, viel, viel besser als das meinige!“

Das war ein Vater! Mir graute so vor ihm, daß es mir war, als ob mir ein Stück Eis auf den Rücken gelegt würde. Doch überwand ich mich und antwortete gelassen:

„Ja, mein Lohn ist sehr hoch, doch kann mich das nicht aus der Fassung bringen, denn ich bin schon reich. Die Millionen habe ich schon.“

Bei diesem Worte klopfte ich an die Tasche.

„Die möchte ich einmal sehen!“ lachte er.

„So will ich Euch diesen Gefallen thun. Ein bißchen Spaß ist Euch doch wohl zu gönnen. Seht also einmal her! Hier -hier – hier und hier!“

Ich zog die Brieftasche hervor, öffnete sie und hielt ihm bei jedem hier eines der Couverte vor die Augen. Ah, was machte er da für ein Gesicht! Wie schnell veränderte sich da der Ausdruck desselben! Es war, als ob es ihm die Augen aus ihren Höhlen treiben wolle. Er riß den Kopf so weit empor, wie seine Fesseln es zuließen, und brüllte mich an:

„Das – das – das ist doch – – woher habt Ihr diese Brieftasche! 0, Ihr Teufel, Teufel, Teufel!“ schrie er plötzlich und stierte mich dabei mit einem Blicke an, dessen Ausdruck gar nicht zu beschreiben ist.

„Regt Euch doch nicht so sehr auf!“ antwortete ich.“Was schadet es, daß ich Eurem Sohn einen heimlichen Besuch in seinem Zelte abgestattet habe? Nur thut es mir leid um Euch. Ihr könnt Euer Wort nicht halten, mir nicht zu den versprochenen Millionen verhelfen. Ich habe sie nicht auf Eure Anweisung, oder durch Eure Hilfe. Nun kann ich Euch nicht freilassen.“

„Ni-i-icht?“ dehnte er in einer Aufregung hervor, welche seinen ganzen Körper zittern ließ.

„Nein. Und das Geld könnt Ihr auch nicht bekommen.“

Er antwortete nicht. Sein Kopf sank hintenüber; seine Wangen fielen ein, und seine Augen schlossen sich. Ich glaubte, es sei infolge der allzu großen Enttäuschung ein Ohnmachtsanfall über ihn gekommen, und wendete mich schon ab, um fortzugehen, da kam beim Geräusch meines ersten oder zweiten Schrittes neues Leben über ihn. Er reckte die gefesselten Glieder, daß die Riemen krachten und die Pflöcke sich bogen und brüllte mich an:

„Du stammst aus der Hölle! Weißt du, wer du bist? Der Satanas, der leibhaftige Satanas!“

„Unsinn! Dein Bruder war der Teufel; ich habe ihn stets so genannt, vom ersten Augenblicke an, da ich ihn sah. Und du bist Ischariot, der Verräter. Du hast allen, die dir Gutes thaten, mit Bösem vergolten. Du nahmst deinem eigenen Bruder das Leben und das Geld, und soeben hast du deinen Sohn, deinen einzigen Sohn, dein Kind an mich verraten. Ja, du bist Ischariot und wirst sterben wie jener Verräter, welcher hinging und sich selbst aufhing. Du wirst nicht durch die Hand eines Henkers sterben, sondern dich selbst ermorden. Möge Gott gnädiger gegen dich sein, als du selbst!“

Ich wendete mich von ihm und ging zu Franz Vogel, welcher, von ihm ungesehen, in der Nähe gestanden und alles mit gesehen und gehört hatte.

„Ein entsetzlicher Mensch!“ sagte der junge Mann. „Glauben Sie nicht, daß er sich noch bessern kann?“

„Ich wünsche jedem Sünder eine reuige Umkehr, und im Himmel ist Freude über ein jedes verlorenes Schaf, welches sich wiederfinden läßt; dieser hier aber wird sich nicht finden lassen, sondern sich vor der Reue verstecken. Er ist noch schlimmer, noch viel gottloser als sein Bruder, der durch seine Hand den Tod gefunden hat. Man möchte weinen, wenn Thränen hier helfen könnten.“

„Ich fürchte mich jetzt vor ihm. Soll ich mit Ihnen gehen?“

„Nein. Bleiben Sie noch hier. Die jungen Kerls, welche die Pferde bewachen, sind noch unerfahren; sie könnten sich von ihm zu einer Unvorsichtigkeit verleiten lassen. Und drüben, jenseits der Höhe, ist es noch nicht sicher für Sie. Wir haben Waffenstillstand, aber keinen Frieden; es kann noch zum Kampfe kommen.“

„Halten Sie mich für feig?“

„Nein; aber Sie dürfen sich den Kugeln, welche vielleicht pfeifen werden, nicht aussetzen, denn Sie haben eine Schwester nach Hause zu begleiten und sich Ihren Eltern zu erhalten.“

Er gehorchte mir und blieb zurück. Der Häuptling, welcher mich herbeigeführt hatte, war längst fort, und nun stieg ich über die Höhe wieder hinüber nach der Platte. Ich konnte sie oben von dem Felsen aus überblicken; es war noch alles in dem Zustande, wie ich sie vorhin verlassen hatte. Winnetou befand sich bei den Waffen der Mogollons. Der gefesselte Häuptling lag noch unten bei seinen beiden ältesten Kriegern, und der Häuptling der Nijoras hatte soeben den Befehl gegeben, daß gegessen werden solle.

Infolgedessen stieg eine Anzahl Nijoras hinüber zu den Pferden, bei denen sich die Fleischvorräte befanden, und kamen bald zurück, sie auszuteilen. Nun sah man längs des Wildrandes, droben bei der Höhe und unten bei den Waffenhaufen zahlreiche kauernde und kauende Indianergestalten. Auch ich bekam, ebenso wie Winnetou, einige Stücke Fleisch; man hatte für ihn und mich das beste, was es gab, ausgesucht.

Als die Zeit kam, in welcher ich die Ankunft Emerys bald erwarten konnte, schickte ich ihm einen Nijora entgegen, der schnell zurückkehren sollte, um mir die Ankunft des Zuges zu melden. Es hatte das seinen guten Grund. Ich mußte wissen, wann man die sechzig Gefangenen brachte, um die nötigen Vorkehrungsmaßregeln gegen eine etwa unter den Mogollons ausbrechende Unruhe treffen zu können.

Es mochte zwei Stunden nach Mittag sein, als der Bote zurückkehrte und mir meldete, daß Emery in zehn Minuten da sein werde. Ich hatte Winnetou gesagt, was zu thun sei; er ging nach dem Walde, zu den dort postierten Nijoras, ich aber zu dem Häuptlinge derselben und sagte letzterem:

„Die Waffen dort werden von zwanzig deiner Leute bewacht, welche vielleicht nicht ausreichen dürften.“

„Warum nicht?“ fragte er.

„Man wird in kurzer Zeit die Mogollons bringen, welche ich am tiefen Wasser und an der Quelle des Schattens gefangen habe. Es ist möglich, daß ihre Brüder beim Anblicke derselben. wütend werden und nach ihren Waffen laufen, um die Gefangenen zu befreien. Halte noch zwanzig Mann bereit. Sobald ich dir mit der Hand ein Zeichen gebe, schickst du auch sie hinab zum Waffenhaufen, der dann von vierzig Mann bewacht ist.“

Nach dieser Weisung ging ich zu dem starken Winde und seinen beiden Ältesten, setzte mich zu ihm nieder und sagte:

„Die Bedenkzeit, welche ich dir gewährte, wird bald abgelaufen sein. Ihr habt euch besprochen. Seid ihr zu einem Beschlusse gekommen?“

„Noch nicht,“ antwortete er.

„So beeilt euch! Sobald die Zeit vorüber ist, muß ich eure Antwort haben.“

„Willst du uns die Zeit nicht verlängern?“

„Nein, das kann weder uns noch Euch Nutzen bringen.“

„Man erzählt sich, daß Old Shatterhand stets gütig sei; warum bist du es nicht auch gegen uns?“

„Ich bin es gewesen; ich habe euch Zeit genug gegeben.“

„Aber nicht soviel, wie wir brauchen!“

„Ihr hättet viel weniger gebraucht, als ihr bekommen habt, wenn nicht hinter deiner Stirn Gedanken der Rettung durch Leute wohnten, welche dich nicht retten können.“

„Von welchen Leuten redest du?“

„Von den zehn Kriegern, welche du heute früh am Quell des Schattens zurückgelassen hast.“

Er erschrak, beherrschte sich aber, und fragte ziemlich unbefangen:

„Du sprichst von zehn Kriegern? Meinst du vielleicht Mogollons, die an der Quelle des Schattens sind?“

„Ja; sie waren dort, zwei weiße Gefangene zu bewachen, einen Mann und eine Squaw. Ist es nicht so?“

„Ich weiß nichts davon.“

„Sagtest du nicht, daß dein Mund nie die Unwahrheit rede? Und jetzt belügst du mich! Du selbst hast in der letzten Nacht an der Quelle des Schattens gelagert. Du saßest bei einem kleinen Feuer, um Tabak zu rauchen, mit drei alten Kriegern am Wasser, und ich lag bei euch, um euch zu belauschen. Zwei Kundschafter kehrten zurück, und einer von ihnen meldete dir, daß sie einem Nijora begegnet seien. Giebst du das zu?

Er antwortete nicht; darum fuhr ich fort:

„Der Nijora, dem sie begegneten, war ein Bote, den ich dem schnellen Pfeile schickte, um ihm sagen zu lassen, wann ihr heute auf der Platte ankommen würdet. Dann kroch ich von euch fort und stieg trotz des Wächters, welcher dabei saß, zu den Gefangenen in den Wagen, um ihnen zu sagen, daß ich sie heute früh befreien würde.“

„Uff, uff!“ rief da der jetzt überzeugte Häuptling. „Nur dir oder Winnetou kann so etwas gelingen. Hast du das Wort gehalten, welches du den Gefangenen gabst?“

„Ja. Als du aufbrachst, war ich mit meinen Kriegern hinter der Höhe am Quell verborgen. Als ihr fort waret, brachen wir hervor, nahmen die zehn Krieger, welche du zurückgelassen hattest, gefangen, befreiten die beiden Bleichgesichter, bespannten den Wagen mit acht Pferden und fuhren und ritten euch nach.“

„Warum mit dem Wagen?“

„Eine Kriegslist, die uns gelungen ist. Es giebt übrigens noch mehr Krieger, von denen du denkst, daß sie zu den zehn stoßen würden.“

„Wo?“

„Bei Melton, dem du fünfzig Krieger anvertraut hast.“

„Uff, uff!“ rief der Häuptling, jetzt doppelt erschreckt. „Woher weiß du das?“

„Ich erfuhr es, als ihr es im Kriegsrate erwähntet. Die Männer sollten ausziehen, mich und Winnetou zu fangen.“

„Weißt du denn, ob sie dann auch wirklich ausgezogen sind?“

„Ja. Ich habe sie gesehen am Brunnen des Schlangenberges. Ich lag auch dort am Wasser und habe Melton belauscht.“

„Uff! Kann Old Shatterhand sich unsichtbar machen?“

„Nein. Aber wenn die roten Männer keine Augen und Ohren haben, so ist es leicht, sie zu behorchen. Melton sagte, daß er nach dem tiefen Wasser ziehen und von dort an dir folgen werde.“

„Hat er das gethan?“

„Ja. Aber als er mit seinen fünfzig Kriegern nach dem tiefen Wasser kam, lag ich schon mit fünfzig dort und nahm sie alle gefangen. Dann sind sie dir wirklich gefolgt, freilich aber als unsere Gefangenen.“

Er sah mir durchdringend in das Gesicht und fragte:

„Aber wo sind die Gefangenen? Du bist ja da!“

„Kann man gefangene Feinde während des Kampfes gebrauchen? Ich habe sie an der Quelle des Schattens zurückgelassen, aber sofort nach ihnen geschickt, als ich erriet, daß du Rettung von ihnen erhofftest. Du wirst sie sehen, denn sie werden bald erscheinen. Da schau! Dort kommen sie!“

Ich hatte gesehen, daß Winnetou unter den Bäumen hervortrat und den Arm empor hob. Auf dieses Zeichen kamen auch seine hundertfünfzig Nijoras hervor, knieten nieder und legten ihre Gewehre auf die entwaffneten Mogollons an.

„Was ist das? Was soll geschehen?“ fragte mich der Häuptling der letzteren erschrocken.

„Nichts wird geschehen, wenn deine Krieger sich ruhig verhalten,“ antwortete ich. „Horch!“

Winnetou ließ seine mächtige Stimme erschallen:

„Die Krieger der Mogollons mögen hören, was ich ihnen sage! Man wird jetzt ihre Brüder bringen, welche wir gefangen haben. Wer sich ruhig verhält, dem geschieht nichts; wer sich aber von seinem Platze entfernt, der wir erschossen.“

„Ist dies sein Ernst?“ fragte mich der Häuptling.

„Siehst du das nicht? Sind nicht die Läufe aller seiner Nijoras auf deine Mogollons gerichtet?“

„Ja. Und was sollen die Krieger, welche jetzt vom Felsen steigen?“

Vor dieser Frage hatte ich dem Häuptlinge der Nijoras einen Wink mit der Hand gegeben, und antwortete nun demjenigen der Mogollons:

„Das sind zwanzig Männer, welche auf meinen Befehl hin die Wächter dort bei euern Waffen verstärken sollen, weil es deinen Mogollons einfallen könnte, ihre Waffen zu holen, um ihre gefangenen Gefährten zu befreien.“

„Das wäre Thorheit, denn ihr würdet sie niederschießen, noch ehe sie ihre Waffen erlangt hätten.“

Er wendete sich an die beiden Alten und befahl ihnen:

„Eilt zu unsern Kriegern und sagt ihnen, daß sie sitzen bleiben sollen, es geschehe, was geschehe. Dann kommt ihr wieder zu mir herüber!“

Sie entfernten sich, um die Botschaft auszurichten, und kamen gerade zur richtigen Zeit, denn kaum waren sie drüben bei den Ihrigen angelangt, so sah ich Emery als den vordersten seines Zuges vorn an der Einmündung des Hohlweges erscheinen. Ich sprang auf, winkte ihm zu und rief:

„Hallo, Emery, alle zu mir herüber!“

Er sah und hörte mich, und nahm die Richtung auf uns zu. Ihm folgten seine Nijoras, in drei Gruppen geteilt, zwischen denen in zwei Gruppen die gefesselten Gefangenen ritten. Beim Anblicke derselben herrschte eine wahre Totenstille auf der Platte. Unsere Vorkehrungen waren also gut gewesen; sie hatten die gefürchteten Ausschreitungen verhindert.

Ich richtete den Häuptling der Mogollons in sitzende Stellung auf, lehnte ihn mit dem Rücken an einen Stein, sodaß er alles gut sehen konnte, und fragte ihn:

„Erkennst du dort die Gefangenen?“

„Melton,“ antwortete er. „Die weiße Squaw und der Mann und die Squaw, welche wir im Wagen bei uns hatten.“

„Zähle deine Leute!“

„Sechzig gefangene Krieger.“

„Die übrigen sind Yumas, welche sich bei der Squaw Meltons befanden. Auch sie haben wir gefangen genommen.“

Der Zug war jetzt bei uns angekommen, ritt an uns vorüber und hielt dann an. Die gefangenen Mogollons senkten ihre Köpfe, als sie ihren Häuptling auch gefesselt bei mir liegen sahen. Melton blickte mir frech ins Gesicht. Als sich der Zug aufgelöst hatte, und alle Gefangenen von den Pferden genommen und auf die Erde gelegt worden waren, kamen die beiden Ältesten zurück. Ich fragte ihren Häuptling:

„Willst du auch jetzt noch Bedenkzeit fordern?“

Er sah den beiden Alten in die Augen. Sie schüttelten stumm die Köpfe, und so antwortete er:

„Nein. Wir ergeben uns.“

„Gut! Eure Waffen haben wir schon; da habt ihr nur noch die Munition und die Pferde abzugeben. Erst kommen die daran, welche da drüben sitzen, dann die Gefangenen, welche jetzt gekommen sind, und die letzten drei werdet ihr machen. Winnetou wird euch entlassen, weil ich keine Zeit dazu habe. Jeder von Euch, der entlassen worden ist, hat sofort von der Platte zu verschwinden, natürlich zu Fuß, da er kein Pferd mehr besitzt, und in der Richtung nach der Quelle des Schatten zu. Eine stunde, nachdem der letzte von euch fort ist, werde ich Krieger aussenden, welche jeden Mogollon, der sich noch in der Umgegend treffen läßt, erschießen müssen. Das merke dir!“

Nach dieser ernsten Verwarnung suchte ich den Apatschen auf und bat ihn, die Entlassung der Gefangenen zu leiten. Er war bereit dazu und holte sich mehrere Nijoras, welche ihm behilflich sein sollten. Ich aber ging nun zu Martha, welche von fern stand und auf mich wartete.

„Gott sei Dank, daß ich Sie unverletzt finde!“ rief sie aus, indem sie mir beide Hände entgegenstreckte. „Sie haben sich also doch geschont?“

„So, daß ich vor lauter Ungeschick vom Pferde fiel.“

„Doch ohne sich Schaden zu thun?“

„Sonntagsreiter thun sich niemals Schaden.“

„Scherzen Sie nicht! Wenn Sie gestürzt sind, kann es nur in einer gefährlichen Situation gewesen sein. Darf ich erfahren, wie der Unfall erfolgt ist?“

„Später werde ich es Ihnen sagen. Jetzt habe ich Ihnen etwas zu zeigen. Kommen Sie.“

Ich stieg mit ihr über die Felsenhöhe. Jenseits angekommen, zeigte ich auf ihren Bruder, welcher unter Pferden und mit dem Rücken gegen uns gerichtet, im Grase saß.

„Da ist Ihr Bruder. Gehen Sie hin zu ihm; er will Ihnen etwas zeigen.“

„Was?“

„Etwas, was sich in dieser Brieftasche befindet. Nehmen Sie sie mit!“

„Gehen Sie nicht mit hin?“

„Nein; ich muß wieder nach der Platte, werde aber bald zurückkehren oder Sie holen lassen.“

Ich gab ihr die Brieftasche und kehrte um. Nach einigen Schritten hörte ich einen freudigen Doppelschrei; als ich mich umsah, bemerkte ich, daß die Geschwister sich in den Armen lagen.

Als ich jenseits wieder ankam, trat der Advokat auf mich zu. Er zeigte ein sehr finsteres Gesicht und fragte in einem Tone, als ob er ein Vorgesetzter von mir sei:

„Ich sah Euch mit Mrs. Werner fortgehen. Wohin habt Ihr sie gebracht?“

„Warum fragt Ihr?“

„Weil die Lady unter meinem Schutze steht und es mir nicht gleichgültig sein kann, mit wem sie über die Berge steigt.“

„Und wenn sie das mit Old Shatterhand thut, habt Ihr da vielleicht etwas dagegen?“

Er antwortete nicht.

„Sagt ja, so fliegt Ihr augenblicklich über die Platte hinüber und in den Cañon hinab! Ihr wäret mir der richtige Kerl, mir zu imponieren! Was Euer Schutz wert ist, hat Mrs. Werner zur Genüge erfahren. Ihr habt ja nicht einmal das Geschick, Euch ganz allein zu schützen! Aber da wir einmal bei einander stehen, will ich diesen Umstand, der sich wohl selten wiederholen wird, dazu benützen, eine Frage an Euch zu richten. Hatte der alte Mr. Hunter auch Immobilien hinterlassen?“

„Was versteht Ihr unter Immobilien?“ fragte er in wegwerfendem Tone.

„Liegende Gründe, Häuser, Baustellen, Hypotheken, Nutzungsrechte, Realgerechtsame, Staatsrenten und so weiter.“

„Das habe ich Euch nicht zu beantworten.“

„So sage ich Euch, daß wir hier im wilden Westen sind, wo es verschiedene sehr probate Mittel giebt, verweigerte Antworten dennoch zu erhalten. Ich werde Euch gleich eines zeigen.“

Ich nahm mein Lasso von der Hüfte. Als ich ihn um die Arme Murphys schlingen wollte, wehrte er sich dagegen.

„Haltet still, sonst schlage ich Euch nieder! Hier sind wir nicht in New Orleans, wo Ihr den großen Gesetzesmann gegen mich und Winnetou aufspielen könntet. Hier giebt es andere Gesetze, welche ich Euch kennen lehren werde!“

Ich hob ihn empor, schüttelte ihn in der Luft und steifte ihn so auf die Erde nieder, daß er laut aufschrie und nach Atem rang. Ich band ihm das eine Ende des Lasso um die an den Leib gedrückten Arme, befestigte das andere an den Sattel des nächststehenden Pferdes und stieg auf. Zunächst im Schritt fortreitend, zog ich ihn hinter mir her; er konnte folgen; als ich aber zu traben begann, stürzte er und wurde geschleift. Da brüllte er:

„Halt, halt! Ich will antworten!“

Ich hielt an, zog ihn am Lasso auf und sagte:

„Gut! Aber bei der nächsten Weigerung galoppiere ich. Merkt Euch das! Wenn dann Eure Knochen in Unordnung geraten, habt Ihr es Euch selbst zuzuschreiben.“

„Ich antworte,“ sagte er wütend. „Aber falls Ihr einmal nach New Orleans kommt, werde ich Euch zur Rechenschaft ziehen und bestrafen lassen!“

„Schön, Mr. Murphy! Ich werde Euch die Gelegenheit sobald wie möglich bieten, denn ich habe die Absicht, die Meltons dorthin zu bringen, und da ich in dieser Sache auch einiges mit Euch auszuklopfen habe, so möget Ihr dabei Eure Beschwerde anbringen. Ich meine aber, daß die dortigen Richter den Kuckuck darnach fragen werden, was hier in Neu Mexiko oder Arizona geschehen ist; sie haben in ihrem schönen Louisiana mehr als genug zu thun. Also Antwort jetzt! Hat Mr. Hunter auch Immobilien hinterlassen?“

„Ja.“

„Es giebt natürlich auch ein Verzeichnis darüber?“

Er schwieg. Sofort setzte ich das Pferd wieder in Bewegung.

„Halt, halt, es giebt Verzeichnisse!“ rief er. „Im Testamente und in den Nachlaßakten.“

„So sorgt ja nicht etwa dafür, daß die Verzeichnisse verloren gehen! Man kann Euch auch in Louisiana an den Lasso knüpfen, aber nicht um den Leib, sondern um den Hals. Jonathan Melton hat die Immobilien natürlich versilbert?“

„Ja.“

„Da dies so schnell wie möglich geschehen mußte, sind die Immobilien verschleudert worden. Wer waren die Käufer?“

Er wollte wieder nicht antworten, als ich aber schnell wieder in die Zügel griff, rief er:

„Ich und andere waren es.“

„Ah so! Bei den andern habt Ihr den Unterhändler gemacht?

„Ja.“

„Schöne Sachen das, Sir, sehr schöne Sachen! Kann Euch an den Kragen gehen. Also darum ist es Euch nachträglich so angst geworden, daß Ihr Euch zu den richtigen Erben nach Frisco aufgemacht habt! jetzt ist mir die Reise sehr erklärlich. Werde Euch auch ein wenig als Gefangenen betrachten. Übrigens muß ich Euch ohnedies fragen: Wer hat verkauft?“

„Melton.“

„War er der rechte Erbe?“

„Nein!“

„Gelten also diese Käufe?“

„Nein.“

„Seht, wie gut und schnell Ihr antworten könnt, wenn Ihr an meinem Pferde hängt! Die Kaufgegenstände müssen zurückgegeben werden, und zwar genau in dem Zustande, in welchem sie sich beim Verkaufe befanden.“

„Wer aber soll die Verluste tragen, Sir?“

„Die Käufer natürlich. Sie haben sich von einem Schwindler betrügen lassen.“

„Dann werde ich ein armer Mann!“

„Schadet nichts! Ihr werdet durch ähnliche Geschäfte sehr bald wieder reich. Übrigens kann Euch der Verlust gar nichts schaden, da Ihr es seid, der zu den Betrügereien Meltons sein amtliches ja und Amen gegeben hat. Für heute sind wir fertig. Später komme ich mit andern Erkundigungen, da ich mit Freuden die Begeisterung sehe, mit welcher Ihr dergleichen Auskünfte erteilt.“

Ich stieg ab und band ihn los. Er lief fort und versteckte sich, so fern von mir, als er konnte. Nun ging ich zu jonathan Melton, welcher gefesselt am Boden lag. Sein Gesicht war von dem Faustkampfe mit dem Advokaten derb angeschwollen. Als er mich vor sich sah, drehte er sich auf die Seite.

„Der Kriegszug ist zu Ende, Mr. Melton,“ sagte ich. „Eure guten Freunde sind fort; sie haben Euch im Stiche gelassen. Meint Ihr noch immer, daß Ihr mir entfliehen könnet?“

Da drehte er sich hastig wieder herum, und schrie mich an:

„Nicht nur entfliehen werde ich, sondern auch das Geld wieder bekommen.“

„Gratuliere Euch im voraus dazu! Habe übrigens eine freudige Überrraschung für Euch.“

Ich gab, ohne daß er es hörte, den Befehl, seinen Vater über die Höhe herüberzuschaffen. Als man ihn brachte, kamen

Franz Vogel und Martha mit. Der Alte wurde zu dem jungen geführt. Als der erstere den letzteren erblickte, schien er zunächst vor Schreck stumm geworden zu sein; dann rief er aus-

„Also doch, doch, doch! Du bist gefangen, auch gefangen! Wem hast du das zu verdanken?“

„Dem da!“ antwortete Jonathan, nach der Stelle nickend, an welcher ich stand.

„Dem deutschen Hunde, dem wir überhaupt alles schulden! Wo hast du dein Geld?“

„Es ist fort, der Deutsche hat es.“

„Nein, nicht mehr. Vorhin habe ich es bei ihm gesehen; jetzt aber hat es dieser Musikant, dem wir in Albuquerque zugehört haben.“

„Du irrst dich!“

„Nein. Ich habe die Brieftasche bei ihm gesehen. Die Sängerin hat sie ihm gebracht; dann zählte sie das Geld.“

„Ja, es ist so, Mr. Melton,“ sagte ich zu Jonathan. „Die Lady und der junge Master sind, wie Ihr bereits wißt, die rechtmäßigen Erben Mr. Hunters. Darum habe ich ihnen die Brieftasche übergeben.“

„Meinetwegen!“ lachte er höhnisch. „Sie werden sie nicht lange haben!“

„Dann kommt sie wieder in Eure Hände, wie Ihr meint? Ich habe schon einmal dazu gratuliert, und thue dies jetzt zum zweitenmale. Wenn Ihr sie dann habt, gratuliere ich zum dritten- und letztenmale. Dabei wollen wir es jetzt bewenden lassen.“

Während dieser kurzen Szene bemerkte ich, daß die Jüdin mit Jonathan Blicke des Einverständnisses wechselte. Sie schienen sich ausgesöhnt zu haben. Ich hatte sie in letzter Zeit nicht selbst beobachten können und mußte wissen, woran ich war; darum sagte ich kurze Zeit später, sodaß niemand es hören konnte, zu ihr:

„Sennora, Ihre Yumaindianer sind mit den Mogollons fort; jedenfalls haben sie sich nach dem Pueblo gewendet. Möchten Sie nicht gern auch dort sein?“

Sie sah mich fragend an. Sie sagte sich wohl, daß mich nicht eine freundliche Teilnahme zu dieser Frage treibe, konnte aber meine Absicht nicht erraten.

„Wollen Sie mich vielleicht freigeben, daß ich ihnen dorthin folgen kann?“ antwortete sie.

„Vielleicht.“

„So haben Sie Ihre Ansicht über mich geändert!“

„Das würde wohl nicht das Zeichen von Charakterschwäche sein.“

„Ein Mann soll nicht heute so, und morgen anders denken!“

„Auch wenn er sich heute irrt? Zum Eingeständnisse eines Irrtums gehört wohl mehr Mut oder Überwindung, als zum Festhalten einer irrigen Meinung. Ich habe mich in Ihnen geirrt.“

„Ah! Wieso?“

„Indem ich Sie für schlecht hielt. Sie sind aber nur leichtsinnig.“

„Das ist kein Kompliment!“

„Soll es auch nicht sein. Sie haben sich nicht aus Bosheit, sondern aus Lebe an Jonathan Melton gehängt; Ihre Schuld oder vielmehr Mitschuld ist also nicht so schwer, wie ich bisher angenommen habe. Sie sind jetzt schon bestraft genug; ich will Sie nicht noch unglücklicher machen und Sie mitnehmen, um Sie den Gerichten auszuliefern. Sie sind frei. Sie können gehen, wohin Sie wollen.“

Diese Worte hatten eine ganz andere Wirkung, als man, wenn man nicht meiner heimlichen Ansicht war, hätte erwarten sollen.

„Ich bleibe!“ antwortete sie kurz entschlossen.

„Welchen Grund haben Sie dazu?“

„Ich gehöre zu Jonathan. Wo er ist, da bin ich auch, und wo er hingeht, da gehe ich auch hin.“

„Die reine Ruth! Leider aber heißen Sie Judith. Gestern hätten sie einander beinahe umgebracht, und heute wollen Sie nicht von ihm lassen. Diese plötzliche neue Anhänglichkeit muß einen guten Grund haben. Darf ich ihn vielleicht erfahren?“

„Wenn Sie ihn wissen wollen, so raten Sie. Sie sind doch sonst so klug, warum nicht auch hier in diesem Falle?“

„Auch hier!“

„So? Nun, so sagen sie doch einmal!“

Sie sah mir dabei mit einem solchen Hohne in das Gesicht, daß ich beschloß, meinen Vorsatz auszuführen. Ich antwortete:

„Als Sie glaubten, das Geld sei im Wasser verschwunden, war es mit Ihrer Liebe aus. Jetzt wissen Sie, daß Mr. Vogel es besitzt, und jonathan behauptet, daß er es wiederbekommen werde; sofort ist die alte Liebe und eine neue, rührende Anhänglichkeit wieder da. Ich kann Sie unterwegs unmöglich so streng halten, wie die männlichen Gefangenen; vielleicht gelingt es Ihnen, sich in einem unbewachten Augenblicke von Ihren Fesseln zu befreien; dann ist es Ihnen leicht, auch jonathan freizumachen; das geschieht natürlich in der Nacht; Sie nehmen Mr. Vogel das Geld ab, und verschwinden beide damit. Was sagen Sie zu dieser meiner Gedankenleserei?“

„Daß – daß sie nichts wert ist.“

Sie antwortete stockend; ich hatte also wohl das Richtige getroffen. Darum fuhr ich fort:

„Wert oder nichts wert, ich werde darnach handeln. Ich gebe Sie frei.“

„Ich will aber nicht frei sein!“

„Schön! Das steigert meinen Verdacht. Ich sollte Sie allerdings mitnehmen, denn Sie haben Strafe verdient; aber ich müßte Sie doppelt beaufsichtigen lassen, und so ist es bequemer für uns, wenn wir uns Ihrer entledigen.“

„Das bringen Sie nicht fertig. Weisen Sie mich immer fort; ich bleibe hier!“

„Mr. Dunker!“

Der lange Dunker kam herbei.

„Mr. Dunker, getraut Ihr Euch, diese Lady, auch wenn sie sich dagegen wehren sollte, zu Euch auf das Pferd zu nehmen?“

„Mit Vergnügen!“ lachte er. „Je mehr sie sich wehrt, desto lieber ist es mir. Werde ein sehr stilles und ruhiges Tabaksbündel aus ihr machen. Soll ich?“

„Ja. Nehmt Euch zwei Nijoras mit, die Euch helfen können. Ihr reitet nach der Quelle des Schattens; dorthin sind die Mogollons und die Yumas gezogen. Sobald Ihr auf solche Rote trefft, übergebt Ihr ihnen die Lady und kehrt dann schnell zurück.“

Well, soll prompt besorgt werden.“

Da kam der Häuptling der Nijoras zu mir. Während ich mit ihm sprach, konnte ich beobachten, wie Judith sich gegen das Fortbringen wehrte. Dunker machte kurzen Prozeß mit ihr; sie wurde gebunden und in eine Schlafdecke gewickelt; die zwei Nijoras, welche ihm dabei halfen, hoben sie zu ihm aufs Pferd und ritten mit ihm davon.

Der Häuptling legte mir die Frage vor, wo wir heute lagern wollten. Ich stimmte nicht dafür, hier auf der Platte zu bleiben, denn man konnte den Mogollons, obgleich sie entwaffnet waren, doch nicht recht trauen. Wenn sie des Nachts in Masse zurückkehrten, war, wenn auch Keine Gefahr, aber doch große Störung zu erwarten. Dazu kam, daß es den Häuptling und alle seine Leute nach ihrem Dorfe zog, und so wurde einstimmig beschlosssen, dorthin aufzubrechen.

Nach Verlauf einer Stunde waren wir marschbereit. Die erbeuteten Waffen und Pferde waren einstweilen verteilt worden; die Gefangenen hatte man auf die Sättel festgebunden; Martha saß in dem Wagen und ich auf dem Bocke; es ging fort. Ein Roter aber blieb zurück, um den langen Dunker und seine beiden Begleiter nachzubringen.

Es wäre überflüssig, die Fahrt, welche sehr beschwerlich war, zu beschreiben. Nach zwei Stunden kamen wir durch das schon wiederholt erwähnte „dunkle Thal“; später wurden wir von Dunker eingeholt – er hatte sich, wie er lachend erklärte, der Lady mit Eleganz entledigt und sie einigen sehr roten Gentlemen anvertraut – und ungefähr eine Stunde vor Abend sahen wir die Bewohner des Lagerdorfes der Nijoras uns unter lautem Jubel entgegenkommen. Sie waren durch einen uns voranreitenden Boten von unserer Ankunft unterrichtet worden.

Es verstand sich ganz von selbst, daß der leichte Sieg heute und dann noch mehrere Tage gefeiert wurde. Winnetou, Emery, Dunker und ich waren hochangesehene Gäste. Wir wurden angestaunt und mit einer Aufmerksamkeit behandelt, als ob wir Abkömmlinge der Götter seien. Wir mußten fünf Tage bleiben, halb gezwungen und halb freiwillig, denn wir hatten uns wirklich einmal tüchtig auszuruhen, und vor uns lag noch ein weiter, weiter Weg.

Die alte Kutsche war so baufällig geworden, daß wir sie zurücklassen mußten. Dafür bauten die Nijoras aus Stangen, gegerbten Häuten und Riemen eine allerliebste Sänfte für Martha.

Am letzten Tage vor unserm Aufbruche ritt ein Trupp Nijoras auf die Antilopenjagd; wir blieben daheim. Als die Jäger zurückkehrten, erhob sich großer Lärm im Dorfe. Wir hatten im Zelte des Häuptlings gesessen und traten hinaus, um die Ursache zu erfahren. Die Jäger hatten einen sonderbaren Fang gemacht; sie brachten keine Antilopen, sondern zwei Gefangene mit, nämlich einen Mogollonindianer und –- eine weiße Squaw, Sennora Judith genannt.

Die Jäger waren eine Stunde von dem Dorfe auf sechs Mogollons und die Jüdin gestoßen; es hatte ein Scharmützel gegeben, bei welchem ein Mogollon und die „Squaw“ ergriffen worden waren; die andern fünf Gegner hatten das Weite gesucht. Am sonderbarsten kam mir der Umstand vor, daß alle sechs Mogollons mit Flinten bewaffnet gewesen waren. Woher hatten sie die?

Wir nahmen erst den Gefangenen vor. Er schwieg beharrlich; es war nichts aus ihm herauszubringen. Dann wurde Judith vorgeführt. Sie trat nicht etwa verlegen auf, sondern sah uns frech in die Gesichter.

„Was haben Sie in der Nähe des Dorfes zu suchen?“ fragte ich sie.

„Das können Sie sich denken!“ lachte sie mich an.

„Natürlich Ihren Jonathan?“

„Ich habe Ihnen gesagt, daß ich zu ihm gehöre!“

„Sogar sehr gehören Sie zum ihm, sehr! Aber Sie wissen, daß wir auf Ihre Gesellschaft verzichtet haben. Wissen Sie, daß Ihre Begleiter ihr Leben auf das Spiel gesetzt haben, indem sie sich so nahe an die Nijoras wagten?“

„Das ist mir gleich.“

„Wo haben die Kerls die Flinten her?“

„Das brauchen Sie nicht zu wissen.“

„Sind Sie etwa gekommen, mich noch einmal zu veranlassen, Sie mitzunehmen?“

„Welche Absicht sollte ich sonst haben?“

„Melton zu befreien.“

„Sie meinen, daß wir uns in dieses große Lager wagen wollten? So dumm waren wir nicht.“

„Des Nachts hätte man es immer wagen können. Ihre eigentliche Absicht aber war eine andere. Sie haben sich auf die Lauer gelegt, um unsere Abreise zu bemerken. Dann wollten Sie uns folgen und uns überfallen. Sie hätten Ihren Jonathan und das Geld bekommen, und nebenbei hätten die MogolIons sich für ihre Niederlage gerächt.“

„Wunderbar, wie klug Sie sind!“ rief sie lachend aus; aber es war ein erzwungenes Lachen; ich hatte wahrscheinlich das Richtige getroffen.

„Um so thörichter sind Sie. Ihr Leben war und ist ein trauriges, und ebenso traurig wird Ihr Ende sein!“

„Was geht das Sie an! Mein Leben und mein Ende ist meine Sache, aber nicht die Ihrige!“

„Doch auch mit die meinige! Wenn Sie sich stets in unsere Wege drängen, besitzen wir gar wohl das Recht, uns um Sie zu bekümmern. Aber wir werden dafür sorgen, daß Sie uns nicht sogleich wieder belästigen können. Der Häuptling der Nijoras, unser Bruder, wird Sie einige Wochen hier gefangen halten; das wird das einzige Ergebnis Ihres jetzigen, unweiblichen Abenteuers sein.“

Man sah deutlich, daß sie erschrak; sie nahm sich aber zusammen und sagte, jetzt in bittendem Tone:

„Sie fügen mir damit ein großes Unrecht zu. Ich will Melton nicht befreien, sondern bin nur in der Absicht gekommen, Sie zu bitten, mich mitzunehmen.“

„Bitten? Mit sechs Begleitern? Und in dieser Weise bewaffnet? Pah! das machen Sie einem andern weiß, aber mir doch nicht. Sie bleiben einige Wochen hier gefangen. Was dann aus Ihnen wird, das mag allerdings Ihre Sache und nicht die unserige sein. Fort mit Ihnen, hinaus! Wir mögen Sie nicht mehr sehen.“

Sie ging; aber unter dem Eingange drehte sie sich noch einmal um und fragte:

„Melton soll also wirklich fortgeschafft und bestraft werden?“

„Ja.“

„So reisen Sie! Aber Sie werden bald etwas erleben, wenn ich nun auch nicht dabei sein kann!“

Aus dieser Drohung war mit größter Deutlichkeit zu ersehen, daß wir unterwegs hatten überfallen werden sollen. Noch waren fünf Mogollons da; wir mußten also vorsichtig sein. Es stand zu erwarten, daß sie sich heute abend näherschleichen würden, um das Schicksal ihrer Anführerin und ihres Kameraden zu erfahren. Darum zogen wir, sobald es dunkel geworden war, einen Ring von Lauschern, welche sich in das hohe Gras legen und dort unbeweglich halten mußten, um das Dorf. Das hatte Erfolg. Vier Mogollons wurden erwischt; der fünfte entkam.

Nun konnten wir am andern Morgen unsere Reise ohne Sorge antreten. Wir wurden von einer Schar Nijoras mehrere Stunden weit begleitet und waren von da unsere eigenen Herren. Die Sänfte Marthas wurde von Pferden getragen; die Nijoras hatten dafür gesorgt, daß wir alle gut beritten waren, und so legten wir ganz stattliche Tagesmärsche zurück. Wir vermieden die Gegend des Schlangenberges und den Flujo blanco mit dem Pueblo, welches wir auf dem Herwege erobert hatten. Von da an aber lenkten wir genau dahin ein, woher wir gekommen waren.

Hatte jonathan Melton Hoffnung gehabt, befreit zu werden, so schien sie von Tag zu Tag mehr zu schwinden. Wir sorgten dafür, daß er kein Wort mit seinem Vater sprechen konnte. Dieser befand sich in einem eigenartigen Zustande. Er murmelte immer unverständliches Zeug vor sich hin, fuhr des Nachts angstheulend aus dem Schlafe auf und trieb allerhand Allotria, die uns um seinen Verstand bange machten.

So kamen wir jenseits des kleinen Colorado und vor Acoma gegen Abend in die Gegend, wo der alte Melton seinen Bruder ermordet hatte. Ohne daß etwas darüber gesprochen oder gar bestimmt worden war, hielten wir an der Stelle an, wo wir den Toten mit Steinen bedeckt hatten. Wir wollten die Nacht da lagern. Noch lag das Gerippe des gestürzten Pferdes da; die Geier hatten es rein abgenagt. Es war ein schauerlicher Ort, der Ort des Brudermordes. Hätte man uns gefragt, warum wir gerade ihn für die Nacht gewählt hatten, es wäre wohl keiner von uns imstande gewesen, eine befriedigende Antwort zu geben.

Wir aßen, der alte Melton aber nicht. Er lag mit emporgezogenen Knieen an der Erde und stöhnte vor sich hin. Plötzlich, der Mond war eben aufgegangen, bat er mich:

„Sir, bindet mir die Hände vom Rücken nach vorn!“

„Warum?“ fragte ich.

„Damit ich sie falten kann. Ich muß beten!“

Welch eine unerwartete Bitte! Durfte ich die Erfüllung verweigern? Gewiß nicht. Ich gab also dem langen Dunker die Genehmigung, weil dieser neben ihm saß. Er band die Hände hinten los. Noch ehe er sie vorn wieder zusammen gebunden hatte, fragte mich der Alte:

„Wo liegt mein Bruder, Sir?“

„Gleich neben Euch, unter dem Steinhaufen.“

„So begrabt mich bei ihm!“

Dunker stieß einen Schrei aus. Wir sahen, daß er Melton bei den Händen faßte.

„Was giebt’s denn, was ist los?“ fragte ich.

„Er hat mir mein Messer aus dem Gürtel gezogen,“ antwortete Dunker.

„So nehmt es ihm rasch!“

„Es geht nicht; er hält zu fest! Er ersticht sich – er ersticht sich – es ist zu spät!“

Ich sprang hin, riß Dunker weg und bückte mich auf den Alten nieder. Ein Röcheln drang aus seinem offenen Munde. Das Messer mit beiden Händen fest am Griffe haltend, hatte er sich die lange Klinge bis an das Heft ins Herz gestoßen; noch höchstens einige Sekunden, dann war er tot.

Was soll ich weiter sagen! Solche Augenblicke muß man erleben, aber darüber sprechen, darüber schreiben kann man nicht. Das ist das Gericht Gottes, welches schon hier auf Erden beginnt, und sich bis jenseits des jüngsten Tages in alle Ewigkeit erstreckt! Auf derselben Stelle auch ganz derselbe Tod! Erstochen! Ich hatte ihm gesagt, er werde sterben wie Ischariot – von seiner eigenen Hand. Wie schnell war das in Erfüllung gegangen!

Wir waren so ergriffen, daß wir zunächst nur stumm beten konnten. Und Jonathan, sein Sohn? Der lag da, sah in den Mond und sagte kein Wort, gab keinen Laut von sich.

„Mr. Melton,“ rief ich ihn nach einiger Zeit an, „habt ihr gehört, was geschehen ist?“

„Ja,“ antwortete er ruhig.

„Euer Vater ist tot!“

Well, er hat sich erstochen.“

„Reißt Euch das denn nicht das Herz aus der Brust?“

„Warum? Dem Alten ist wohl. Der Tod hier war das beste für ihn; er hätte sonst doch baumeln müssen!“

„Mensch, Mensch, so redet Ihr von Euerm Vater?“

„Meint Ihr, daß er anders über mich gesprochen hätte?“

Ich wußte zwar, daß er recht hatte, antwortete aber doch:

„Gewiß anders, ganz anders!“

„Nein, Sir. Er hätte mich ebenso wie jeden andern verraten und geopfert, wenn es für ihn von entsprechendem Nutzen gewesen wäre. Scharrt ihn zu seinem Bruder ein, den er umgebracht hat!“

Diese Gefühllosigkeit und Herzenshärte brachte mich noch weit mehr zum Grauen als der Selbstmord an sich. Kann es wirklich solche Menschen geben? Ja, es giebt welche! Sind sie aber dann noch Menschen zu nennen? Allerdings, und gerade weil sie Menschen sind, darf man bis zum letzten Augenblicke nicht an der Möglichkeit der Besserung zweifeln. Gott ist die Liebe, die Gnade, die Langmut und Barmherzigkeit! –

Wir begruben den Toten, ohne ihm das Messer aus der Brust zu ziehen, da, wo er es gewollt hatte, bei seinem Bruder. Hierauf ritten wir eine große Strecke weiter, um erst dann anzuhalten und wieder zu lagern. Ich glaube, keiner von uns, außer Jonathan und Murphy, hat in dieser Nacht geschlafen.

Am zweiten Tage darauf kamen wir in Albuquerque an, wo wir unsere Pferde ausruhen ließen. Hier gaben wir unsere Erlebnisse und Aussagen zu den Akten und baten uns zur bessern Beaufsichtigung Meltons zwei Polizisten aus. Für Martha wurde ein Wagen genommen; sodann ging es weiter, auf der Canadianstraße bis Fort Bascom und von da aus auf der Red Riverstraße nach dem Mississippi und bis New Orleans.

Wie staunten die Herren Detektives dort, als wir den Missethäter brachten, aus dem verborgensten Winkel des wilden Westens geholt! Und welch ein Aufsehen gab es, als nach und nach die Umstände bekannt wurden, unter denen wir ihn verfolgt und endlich ergriffen hatten. Winnetou, der Fürst der Fährtenfinder, war der Held des Tages; er ließ sich aber nicht sehen, und wir andern blieben ebenso versteckt. Leider mußten wir lange, lange bleiben, um als Zeugen vernommen zu werden.

Es wurde bekannt, in welchem Hause Martha mit ihrem Bruder wohnte. Es sprach sich auch herum, daß sie eine sehr schöne Lady und eine excellente Sängerin sei. Von da an gingen bei ihr täglich wenigstens ein halbes Dutzend Heiratsanträge ein; er aber bekam eine angsterregende Überschwemmung von allen möglichen Projekten, durch deren Ausführung er das ihm jedenfalls zuzusprechende Vermögen in kürzester Zeit verdrei-, verzehn- und gar verhundertfachen könne.

Und es wurde der Familie Vogel zugesprochen. Murphy war durch meine Drohungen eingeschüchtert worden und bemühte sich, den Schaden, welchen er angerichtet hatte, möglichst auszugleichen. Davon aber, daß er an meinem Lasso gehangen hatte, um antworten zu lernen, erzählte er keinem Menschen etwas. Später aber habe ich einen von ihm geschriebenen Bericht über seine damaligen Erlebnisse gelesen, welcher, wenn ich mich nicht ganz irre, im Crescent erschien. Zu meiner großen Verwunderung und nachhaltigen Besserung las ich da schwarz auf weiß, daß er alles ganz allein gewagt, gethan, erreicht und in das richtige Geleis gebracht hatte, während Winnetou, Emery, Dunker und ich nur ganz unbedeutende, nebensächliche Personen gewesen waren. So kann man sich über seine eigenen, scheinbar gut im Gedächtnisse aufbewahrten Erlebnisse im erstaunenswertesten Irrtum befinden! Ich habe mich seit jener Zeit stets gehütet, etwas zu denken, zu sagen oder gar zu thun, wenn dabei drei oder fünf Meilen in der Runde ein amerikanischer Advokat anzutreffen war. Meine Reiseerlebnisse sind in hundert amerikanischen Zeitungen und in tausend amerikanischen Büchern ab- und nachgedruckt worden, ohne daß man mich darum fragte oder, was ein vernünftiger Mensch und Deutscher übrigens gar nicht verlangen kann, mir in Gnaden ein Exemplar davon gab; die amerikanischen Verleger sind steinreich geworden; mein einziges Honorar aber hat in einem bohnenstrohgroben Briefe bestanden, den der gebildetste dieser Gentlemen mir schrieb; die andern hielten es für geboten, mir gar nicht zu antworten. Wenn dazu dann noch so ein Mr. Fred Murphy kommt und, anstatt mich nur nachzudrucken, meine Erlebnisse für die seinigen erklärt, so kommt man, wenn man halbwegs ein gutes Gemüt besitzt und seinem Nebenmenschen etwas gönnt, leicht auf den Gedanken, fernerhin hübsch daheim zu bleiben, um auch einmal nachzudrucken, Mr. Murphy aber reisen zu lassen.

Und nun der Schluß?!

Der lange Dunker steigt noch immer im wilden Westen herum. Von Emery wird der liebe Leser wohl bald wieder etwas hören. Krüger-Bei ist gestorben, wie kürzlich auch die Zeitungen meldeten, leider aber nicht in seiner unübertroffenen deutschen Ausdrucksweise. Jonathan Melton, der falsche Small Hunter, wurde zu vieljähriger Einzelhaft verurteilt, ist aber bald in seiner engen Zelle zu Grunde gegangen, hoffentlich nicht auch in Beziehung auf seine Seele. Judith hat nie wieder von sich hören lassen.

Und die Familie Vogel?

Bei dieser Frage geht mir, ich mag wollen oder nicht, das Herz auf. Nicht in großen Welt-, sondern in Provinzialblättern kleinen und kleinsten Formates liest man zuweilen eine Annonce ungefähr folgenden Wortlautes: „Begabte Kinder armer, braver Eltern werden unentgeltlich in Pension genommen und gratis ausgebildet. Näheres wolle man usw.“ Auf die darauf erfolgende Meldung erscheint dann gewöhnlich ein sehr feiner und lieb dreinschauender Herr, um das Kind zu prüfen oder prüfen zu lassen. Besteht es die Prüfung, so nimmt er es mit in ein großes, sehr freundlich eingerichtetes Haus, an dessen Thor auf einem kleinen Messingschilde der einfache Name „Franz Vogel“ angebracht ist. Das Kind des darbenden Arbeiters, der hungernden Witwe, welches dieses Haus betritt, verläßt es später nur mit Thränen, innerlich und äußerlich aber wohl ausgerüstet für die Kämpfe, welche es im Leben zu bestehen hat. Wird dieser wohlthätige Herr gefragt, warum er seine Freude gerade daran finde, Kinder auszubilden, welche ohne ihn nichts sein und nichts werden könnten, so pflegt er nur still vor sich hinzulächeln. Hat ihn die Frage aber in einer besonders mitteilsamen Stunde getroffen, so antwortet er wohl:

„Ich selbst bin ein solcher armer Junge gewesen; ich fand zwar keine Annonce, welche mir emporhalf, aber ich wurde gefunden, und es ist nun mein größtes Glück, wiederzufinden.“

Und droben in einem Gebirgsdörfchen ragt ein hohes, mit einem Türmchen gekröntes Gebäude empor, welches von einem wohlgepflegten Garten umgeben ist. Als ich es zum erstenmal erblickte, war ich von der Besitzerin eingeladen worden, mir dieses Haus, seine Einrichtung und seine Bewohner anzusehen. Ich wußte nichts von demselben, denn ich war lange in der Fremde gewesen, und die nachgesandten Briefen hatten mich nicht getroffen.

Wie staunte ich, als ich das prächtige Gebäude sah! Über dem hohen, breiten Thore war in großen, goldenen Lettern zu lesen: „Heimat für Verlassene.“ Im Flur klingelte ich. Ein altes, reinlich gekleidetes Mütterchen erschien, fragte, ob ich Frau Werner sprechen wolle, und bat um meinen Namen. Als ich denselben nannte, schlug sie die Hände zusammen und rief:

„Da sind Sie doch wohl gar der gute Herr Shatterhand, von dem uns die liebe Frau Werner so oft vorliest und auch viel erzählt! O, Sie müssen unsere Heimat kennen lernen; ich bin selbst auch so eine Verlassene gewesen!“

Sie führte mich in ein einfach eingerichtetes Zimmer, in welchem eine ebenso einfach gekleidete Dame stand. Das war sie, die frühere Sängerin, jetzige Millionärin und zugleich Engel der Witwen und Waisen und aller Art von Verlassenen.

„Endlich, endlich kommen Sie einmal!“ sagte sie, unter schnell ausbrechenden Freudenthränen lächelnd und mir die beiden Hände zum Gruße entgegenstreckend. „Vor allen Ihnen wollte und mußte ich einmal mein selbstgeschaffenes, kleines Reich zeigen!“

„Ich bin mit Freuden gekommen, denn ich werde den Erlöser sehen,“ antwortete ich gerührt.

„Den Erlöser? – Wieso!“

„Sagt nicht Christus: Wer jemand aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf! Hier ist eine heilige Stätte, Frau Werner. Ich möchte meine Schuhe ausziehen wie Moses, als er im Feuer den Herrn erblickte. Sie haben nach langem Irren die rechte Heimat gefunden und teilen dieselbe mit den Verlassenen. Ich habe Sie darob lieb, Martha! Bitte, zeigen Sie mir Ihr Haus!“

Sie that es. Die Barmherzigkeit führte mich, die Barmherzigkeit, welche die tragende und pflegende Schwester der Liebe ist. Wie sauber, wie bequem waren die Wohnungen; wie behaglich lächelten mich die vielen alten Mütterchen an; wie tollten sich die Kinder unten im Garten, und wie ergebungsfroh blickten die Kranken aus ihren weißen Kissen zu mir auf! Und wie richteten sich alle nach dem leisesten Winke der Herrin, welche zugleich die freudigste Dienerin aller war!

„Heimat für Verlassene!“ Welch ein schönes und beruhigendes Wort! Lieber Leser, auch ich werde und du wirst einst zu den Verlassenen gehören, wenn alles, was wir unser nennen, vor unserm sterbenden Auge verschwindet; dann öffnet sich uns jene Heimat, von welcher der Erlöser sagt: „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen, und ich gehe hin, sie für euch zu bereiten!“ –-

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Wieder Im Westen

Wieder im Westen

Seit dem bisher Erzählten waren vier Monate vergangen, in denen die ersten zwölf Wochen lang ein mir unendlich teures Leben mit sehr abwechselndem Erfolge mit dem Tode gerungen hatte. Ich meine dasjenige meines Freundes Winnetou.

Seine sonst so widerstandsfähige Natur hatte doch unter dem Aufenthalte in Afrika, so kurz derselbe war, gelitten. Wir bekamen in Marseille schnelle Gelegenheit nur nach Southampton. Kaum hatte sich das Schiff in Bewegung gesetzt, so mußte er sich legen. Wir hielten die Übelkeit, welche ihn befiel, zunächst für eine Folge der Seekrankheit; aber als dieselbe sich nicht hob, zogen wir den Schiffsarzt zu Rate, und dieser konstatierte ein schweres Gallen- und Leberleiden, welches eine gefährliche Wendung zu nehmen drohte. In Southampton angekommen, war er so schwach, daß er von Bord getragen werden mußte; an eine Weiterreise war nicht zu denken. Emery, welcher hier bekannt war, mietete in der Umgegend der Seestadt, die der „Garten Englands“ genannt wird, eine der vielen hier befindlichen Villen, welche wir mit dem Patienten bezogen. Zwei der tüchtigsten Ärzte, welche es gab, teilten sich in seine Behandlung.

Er, der dem Tode hundertmal offen in das Auge geschaut hatte, mußte hier nun mit einem versteckten, heimtückischen Feinde kämpfen, den er nicht zu fassen vermochte. Bald schien er zu unterliegen, bald trat wieder eine Besserung ein, die uns Hoffnung gab, aber nicht lange anhielt. Es verstand sich ganz von selbst, daß wir an nichts anderes als die Pflege des teuern Freundes denken konnten. Wir saßen, uns ablösend, Tag und Nacht an seinem Bette und thaten alles, was geeignet war, den tückischen Feind in die Flucht zu schlagen. Aber erst in der dreizehnten Woche erklärten uns die Ärzte, daß das Schlimmste vorüber sei und der Kranke nur noch der Schonung und der Erholung bedürfe.

Schonung und Erholung! Der Apatsche lächelte, als er die beiden Worte hörte, obgleich er zum Skelette abgemagert war, sodaß dieses Lächeln weit eher wie unterdrücktes Weinen aussah.

„Schonung?“ fragte er. „Ich habe keine Zeit dazu. Und Erholung? Kann Winnetou sich auf diesem Lager und in diesem Lande erholen? Gebt ihm seine Prairie, seinen Urwald wieder, dann wird er seine Kräfte schnell zurückbekommen! Wir müssen fort. Meine Brüder wissen, welche eilige Angelegenheit uns hinüberruft.“

Wohl wußten wir das; sie war auch wirklich eilig; aber einer, der soeben einer so schweren, lebensgefährlichen Krankheit entronnen ist, muß sich vor jeder Eile hüten.

Es versteht sich von selbst, daß wir nichts versäumt hatten, was wir in unserer Lage thun konnten, um den Plan der beiden Meltons, sich in den Besitz eines Vermögens von Millionen zu setzen, zu Schanden zu machen. Die beiden Schufte hatten in Afrika den jungen Hunter ermordet und waren nun nach Amerika abgesegelt, um mittels der Ähnlichkeit, welche der junge Melton mit dem Ermordeten hatte, und mittels der ihm gestohlenen Papiere sich in Besitz eines Erbes zu setzen, welches ihm zufallen sollte. Ich hatte sofort nach unserer Ankunft in Southampton, als es sich herausstellte, daß wir hier bleiben mußten, dem jungen Advokaten Fred Murphy in New Orleans telegraphiert. Da die Depesche nicht als unbestellbar zurückkam, nahm ich an, daß er sie erhalten hatte. Gleich nach Absendung derselben schrieb ich ihm einen langen Brief, in welchem ich ihm unsere Erlebnisse mitteilte, ihn von allem, was wir erfahren hatten, genau unterrichtete und ihn ersuchte, die Meltons, sobald sie sich in New Orleans zeigen würden, festnehmen zu lassen und bis zu unserer Ankunft in sicherm Gewahrsam zu halten.

Ungefähr drei Wochen später antwortete er mir. Er dankte mir für meine Mitteilungen und benachrichtigter mich, daß sie bereits die von mir erwarteten Folgen gehabt hätten. Als Freund von Small Hunter hatte er sich so sehr um dessen Auffindung und um die ganze Angelegenheit bemüht, daß er vom Gericht aus als Erbschaftsverweser eingesetzt worden war. Er hatte die Behörde sofort über mein Telegramm und dann auch über meinen Brief verständigt, und beide waren zu den Akten genommen worden. Kurze Zeit später hatte sich der falsche Hunter auch wirklich gemeldet und war mit seinem Vater festgenommen worden. Er hatte dem echten Hunter dort so ähnlich gesehen und war selbst in dessen kleinste und intimste Angelegenheiten so eingeweiht gewesen, daß man ihn ohne mein Schreiben ganz gewiß für denselben gehalten und ihm die reiche Erbschaft unbedenklich zugesprochen hätte. Die Untersuchung aber hatte ergeben, daß er normale Füße besaß, während die Bekannten des echten Hunter dort wußten, daß dieser zwölf Zehen besessen hatte.

Das schrieb mir der Anwalt. Zugleich bat er mich um Zusendung der Dokumente, welche sich in meiner Hand befanden und zur völligen Überführung der beiden Betrüger nötig waren. Er meinte, wir drei Zeugen könnten noch lange verhindert sein, hinüber zu kommen, und es läge im Interesse der eigentlichen Erben, die Sache so bald wie möglich zum Austrag zu bringen.

Ich mußte zugeben, daß er da recht hatte, und doch gab es eine Stimme in mir, welche mich warnte, auf dieses Begehren einzugehen. In einer Seestadt, wie Southampton ist, werden alle hervorragenden ausländischen Blätter gelesen. Es standen mir drei der gelesensten Zeitungen aus New Orleans zur Verfügung, und keine gedachte der Angelegenheit auch nur mit einem Worte. Das fiel mir auf.

„Die Behörde wird die Sache geheim halten“, meinte Emery, um das Schweigen zu erklären.

„Warum?“ fragte ich.

„Hm! Weiß auch keinen Grund.“

„Ich kann mir noch weniger einen denken, zumal man drüben selbst in andern Angelegenheiten sich nicht scheut, vor die Öffentlichkeit zu treten. Der Yankee ist selbst als Jurist, als Kriminalist kein Geheimniskrämer, und in unserm Falle würde die Veröffentlichung mehr als geraten sein, da durch sie ganz gewiß ein niederschmetterndes Material gegen die Meltons zusammenkäme; davon bin ich überzeugt.“

Well; ich auch.“

„Also verstehe ich die Heimlichkeit nicht; ja, sie kommt mir sogar bedenklich vor.“

„So willst du die Dokumente nicht hinüberschicken?“

„Nein. Ich werde das dem Advokaten schreiben. Ich werde ihm sagen, daß die Papiere von zu großer Wichtigkeit seien, als daß ich sie den Zu- und Unfällen des Seeverkehrs anvertrauen möchte; und wenn er, was zu bezweifeln ich bis Jetzt noch keine Ursache habe, ein ebenso tüchtiger wie vorsichtiger Gesetzeskundiger ist, so kann er das nur loben.“

Ich schrieb also und bekam nach abermals fast drei Wochen wieder einen Brief, in welchem Fred Murphy meine Zurückhaltung zwar vollkommen anerkannte, mich aber bat, ihm die Dokumente durch einen sichern Mann zu schicken. Auch das unterließ ich, da sogar bis jetzt die Blätter von New Orleans geschwiegen hatten. Ich antwortete nicht, und er schwieg auch. Darum nahm ich an, daß er mir meine Vorsicht zwar wohl übelgenommen habe, aber nun auf meine Ankunft warten wolle.

Einen zweiten Brief hatte ich geschrieben, nämlich an Frau Werner und Ihren Bruder Franz, den Violinisten. Auch ihnen erzählte ich ausführlich das Resultat unserer Nachforschung nach Small Hunter und gab ihnen die Versicherung, daß sie ganz gewiß in den Besitz der Erbschaft kommen würden, welche die beiden Meltons für sich ergaunern wollten. Ich freute mich königlich darüber, ihnen eine so frohe Nachricht senden zu können, bekam jedoch keine Antwort, was mich aber nicht stören konnte. Bis San Francisco war es weiter als bis New Orleans, und die Adressaten konnten die Wohnung, ja sogar den Aufenthalt in dieser Stadt mit dem an einem andern Orte gewechselt haben. Sie erhielten mein Schreiben sicher, da Franz mir die richtige Adresse gegeben und auch jedenfalls dafür gesorgt hatte, daß der Brief ihnen auf alle Fälle nachgeschickt wurde.

Als Winnetous Genesung soweit vorgeschritten war, daß er sich nun im Freien ergehen durfte, machte ich ihm den Vorschlag, noch bis zu seiner völligen Herstellung hier zu bleiben, ich aber wolle einstweilen allein nach New Orleans gehen. Er sah mich mit verwunderten Augen an und fragte:

„Hat mein Bruder im Ernste gesprochen? Hat mein Bruder vergessen, daß Old Shatterhand und Winnetou zusammengehören?“

„Hier ist eine Ausnahme notwendig. Die Sache eilt, und du bist aber noch nicht ganz gesund.“

„Winnetou wird auf dem großen Wasser schneller gesund werden, als hier in dem großen Hause. Er wird mit dir reisen. Wann fährst du ab?“

„Nun höchst wahrscheinlich noch nicht. Du lässest mich ohne dich nicht fort, und ich will dich keinem Rückfalle aussetzen, welcher viel gefährlicher sein würde, als die ausgestandene Krankheit.“

„Und doch werden wir fahren; ich will es so! Mein Bruder mag sich erkundigen, wann das nächste Schiff nach New OrIeans geht; dieses werden wir besteigen. Howgh!“

Wenn er das Wort aussprach, so war es das Zeichen, daß jeder Einwand, jede Widerrede ohne Erfolg sein werde; ich mußte mich also fügen.

Vier Tage später gingen wir an Bord. Es versteht sich von selbst, daß wir vorher alle Vorkehrungen getroffen hatten, welche uns geeignet erschienen, der Seereise die Gefahr für Winnetou zu benehmen.

Unsere Sorge war umsonst gewesen; seine Vorhersagung erfüllte sich. er erholte sich so schnell, daß wir uns schier darüber verwunderten, und als wir in New Orleans ankamen, fühlte er sich so stark und wohl, wie er vor der Krankheit gewesen war.

Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß Emery die Reise auch mitmachte. Seine Anwesenheit als Zeuge war nicht unbedingt nötig, wenn auch wünschenswert, doch war er neugierig auf das Kommende, und das Geld, welches die Reise kostete, spielte bei ihm keine Rolle.

Nachdem wir uns in einem Hotel untergebracht hatten, suchte ich den Advokaten auf, ich allein, da es nicht notwendig war, ihn zu dritt zu belästigen. Seine Wohnung und seine Expedition war bald gefunden. Aus der Größe der letzteren und den Klienten, welche wartend dasaßen, war zu schließen, daß ich es mit einem vielbeschäftigten und gesuchten Advokaten zu thun hatte. Ich gab dem Bureaudiener meine Karte und wies ihn an, sie dem Chef sofort zu übergeben, worauf derselbe mich augenblicklich vorlassen werde. Der Mann that dies. Als er aus dem Zimmer des Herrn zurückkehrte, ließ er mich zu meiner Verwunderung nicht eintreten, sondern deutete stumm auf einen leeren Stuhl.

„Hat Mr. Murphy meine Karte gesehen?“ fragte ich.

Yes,“ nickte er.

„Was sagte er?“

Nothing.“

„Nichts? Aber er kennt mich doch!“

Well!“ meinte er in gleichgültigem Tone.

„Und meine Angelegenheit ist nicht nur außerordentlich wichtig, sondern auch sehr eilig! Geht hinein, und sagt, daß ich bitte, sogleich vorgelassen zu werden!“

Well!“

Er drehte sich steif um und verschwand abermals hinter der Thür seines Prinzipals. Als er zurückkehrte, würdigte er mich keines Blickes, trat an das Fenster und beobachtete die draußen vorübergehenden Menschen.

„Nun, was hat Mr. Murphy gesagt?“ fragte ich ihn, indem ich zu ihm an das Fenster trat.

Nothing.“

„Wieder nichts? Unbegreiflich! Habt Ihr meinen Auftrag denn wirklich ausgerichtet?“

Da drehte er sich rasch zu mir herum und fuhr mich an:

„Schwatzt nicht so in den Tag hinein, Sir! Ich habe mehr zu thun, als Euch Eure überflüssige Neugierde wie eine alte Katze zu streicheln. Mr. Murphy hat Eure Karte zweimal angesehen und nichts dazu gesagt; das will heißen, daß Ihr wie jeder andere zu warten habt, bis die Reihe an Euch kommt. Setzt Euch also nieder, und laßt mich in Ruhe!“

Was war denn das! Nicht etwa, daß mich die Grobheit des Menschen genierte, 0 gar nicht; ich setzte mich ruhig nieder, um zu warten. Aber, daß der Advokat mich warten ließ, obgleich er meine Karte zweimal gelesen hatte! Mein Name ist kein oft vorkommender, zumal drüben in den Vereinigten Staaten, und mit welcher hochwichtigen Angelegenheit er in Beziehung stand, das mußte dem Advokaten doch sofort einfallen, sobald sein Auge auf die Karte fiel. Nun, die Erklärung mußte ja kommen!

So war ich der letzte von fast zwanzig Klienten. Es verging eine Stunde und noch eine; auch die dritte war schon über die Hälfte verflossen, als endlich die Reihe an mich kam, bei dem Anwalt einzutreten. Er war ein noch junger Mann von nicht viel über dreißig Jahren mit einem feinen, geistreichen Gesichte und scharfen Augen, die er fragend auf mich richtete.

„Mr. Murphy?“ erkundigte ich mich, indem ich mich leicht vorbeugte.

„Ja,“ antwortete er. „Euer Wunsch?“

„Ihr kennt ihn. Ich komme direkt aus Southampton.“

„Southampton?“ meinte er kopfschüttelnd. „Ich erinnere mich keiner Verbindung, in welcher ich mit diesem Platz stände.“

„Auch dann nicht, wenn Ihr meine Karte lest?“

„Auch dann nicht.“

„Sonderbar. Bitte, Euch zu besinnen! Ich konnte wegen der Erkrankung Winnetous nicht eher kommen.“

„Winnetou? jedenfalls meint Ihr den berühmten Apatschenhäuptling?“

„Allerdings.“

„Nun, der reitet jedenfalls mit seinem unvermeidlichen Old Shatterhand irgendwo in der Prairie oder im Gebirge herum. Wie konntet Ihr drüben in Southampton annehmen, daß er erkrankt ist?“

„Er lag eben drüben in Southampton todkrank danieder; ich bin Old Shatterhand, habe ihn gepflegt und nun sind wir gekommen, Euch persönlich die Dokumente auszuhändigen, welche ich nach Eurem Wunsche Euch eigentlich schicken sollte.“

Er war von einem Stuhle, von welchem er sich bei meinem Eintritte nicht erhoben hatte, aufgefahren, sah mir erstaunt in das Gesicht und rief:

„Old Shatterhand? So wird mir ein großer, großer Wunsch erfüllt! Wie viel und oft habe ich von Euch gehört, von Winnetou, Old Firehand, dem langen Davy, dem dicken Jemmy und vielen andern, die mit Euch im Westen waren! Willkommen, Sir, herzlich willkommen! Ich habe wirklich sehr gewünscht, Euch einmal zu begegnen, und nun sehe ich Euch so unerwartet, nun kommt Ihr zu mir! Setzt Euch, setzt Euch! Ich kann über meine Zeit verfügen.“

„Das schien vorher nicht so.“

„Warum?“

„Weil Ihr mich nicht vorließt; ich habe drittehalb Stunde warten müssen.“

„Das thut mir leid, unendlich leid, Sir. Ich kenne wohl Euern Kriegsnamen, aber nicht Euern richtigen.“

„Ihr müßt Euch irren. Ich habe Euch zweimal geschrieben, und Ihr antwortetet mir auch zweimal.“

„Ist mir nicht erinnerlich, habe noch nie nach Southampton geschrieben. Welches war denn die Angelegenheit, in welcher Ihr Euch an mich wendetet?“

„Small Hunters Erbschaft.“

„Small Hunters? Ah, feine Erbschaft! Einige Millionen! Ich war Verweser. War eine feine, sehr einträgliche Arbeit. Habe sie leider aufgeben müssen. Wollte, die Angelegenheit wäre nicht so schnell zu Ende gegangen.“

„Zu Ende? Ihr wollt doch nicht etwa damit sagen, daß die Sache erledigt ist?“

„Was sonst? Natürlich habe ich das damit sagen wollen.“

„Erledigt?“ fragte ich erschrocken. „Da müßte sich doch der richtige Erbe gefunden haben?“

„Das hat er auch!“

„Und die Erbschaft erhalten?“

„Ja, erhalten bis auf den letzten Penny.“

„Doch die Familie Vogel aus San Francisco?“

„Vogel? Habe mit keiner Art von Vogel aus San Francisco zu thun gehabt.“

„Nicht? Wer ist denn da der Mann, der die Erbschaft ausgezahlt bekommen hat?“

„Small Hunter.“

„Alle Wetter! So komme ich doch schon zu spät! Aber ich habe Euch doch vor Small Hunter gewarnt!“

„Wie! Was? Vor dem wollt Ihr mich gewarnt haben? Sir, Euer Wort in allen Ehren; Ihr seid ein berühmter und ein sehr tüchtiger Westmann; aber außerhalb der Prairie scheint Ihr unbegreiflich zu werden oder es zu lieben, Rätsel aufzugeben. Ihr wollt mich vor Small Hunter gewarnt haben? Ich muß Euch sagen, daß der junge Gentleman mein Freund ist.“

„Das weiß ich, nämlich, daß er es gewesen ist. Kann ein Toter noch jetzt, noch heut Euer Freund sein?“

„Ein Toter? Was sprecht Ihr da! Small Hunter lebt nicht nur noch, sondern ist frisch und gesund.“

„Darf ich fragen, wo?“

„Auf Reisen im Orient. Ich habe ihn selbst auf das Schiff gebracht, mit welchem er zunächst hinüber nach England gefahren ist.“

„Nach England! Hm! Reiste er allein?“

„Ganz allein, ohne Diener, wie es sich für so einen tüchtigen Weltbummler schickt. Er hat die Barbestände einkassiert, alles andre schnell verkauft und ist dann wieder fort, nach Indien, wie ich glaube.“

„Und sein Vermögen hat er mitgenommen?“

„Ja.“

„Ist Euch das nicht aufgefallen? Pflegt ein Tourist sein ganzes, mehrere Millionen betragendes Vermögen mit sich herumzutragen?“

„Nein; aber Small Hunter ist kein Tourist zu nennen. Er hat die Absicht, sich in Ägypten, Indien oder sonstwo anzukaufen. Nur das ist der Grund, daß er sein ganzes Eigentum flüssig gemacht hat.“

„Ich werde Euch beweisen, daß der Grund ein ganz anderer ist. Bitte, sagt mir vorher, ob sein Körper eine auffällige Eigenschaft, irgend eine Abnormität besitzt!“

„Abnormität? Wieso? Wozu wollt Ihr das wissen?“

„Das werdet Ihr erfahren. Antwortet zunächst.“

„Wenn Ihr es wünscht, meinetwegen! Es gab allerdings so eine Abnormität, welche aber äußerlich nicht zu bemerken war. Er hatte nämlich an jedem Fuße sechs Zehen.“

„Das wisset Ihr genau?“

„So genau, daß ich es beschwören kann.“

„Hatte der Mann, dem Ihr die Millionen verabfolgt habt, auch zwölf Zehen?“

„Wie kommt Ihr zu dieser sonderbaren Frage? Schreibt das Gesetz vor, daß man, wenn man jemandem eine Erbschaft auszahlt, die Zehen des Mannes zu zählen hat?“

„Nein. Aber der Mann, dem Ihr dieses große Vermögen ausgeantwortet habt, hat nur zehn Zehen in seinen Stiefeln.“

„Unsinn! würde ich rufen, wenn ihr nicht Old Shatterhand wärt.“

„Ruft es immerhin; ich nehme es Euch nicht übel. Ruft es dann noch einmal, wenn ich Euch sage, daß der echte, wirkliche Small Hunter mit seinen zwölf Zehen im Gebiete der tunesischen Beduinen vom Stamme der Ülad Ayar begraben liegt!“

„Begra – –“

Er sprach das Wort nicht aus, trat zwei Schritte zurück und starrte mich mit großen Augen an.

„Ja, begraben,“ fuhr ich fort. „Small Hunter ist ermordet worden, und Ihr habt sein Erbe einem Betrüger verabfolgt.“

„Einem Betrüger? Seid Ihr bei Sinnen, Sir? Ihr habt gehört, daß ich vorhin sagte, Small Hunter sei mein bester Freund, und doch sollte ich einen Betrüger mit ihm verwechselt haben?“

„Allerdings.“

„Ihr irrt; Ihr müßt irren, unbedingt irren. Ich bin mit Small Hunter so befreundet, war mit ihm so intim, und wir kannten und kennen uns gegenseitig so genau, daß ein Betrüger selbst bei der größten Ähnlichkeit schon in der ersten Stunde unsers Verkehrs Gefahr laufen würde, von mir durchschaut zu werden.“

„Gefahr laufen? ja, das gebe ich zu; aber die Gefahr ist für ihn sehr glücklich vorübergegangen.“

„Bedenkt, was Ihr sagt! Ihr seid Old Shatterhand. Ich muß annehmen, daß Ihr gekommen seid, mir nicht nur eine so unbegreifliche Mitteilung zu machen, sondern auch nach derselben zu handeln.“

„Das ist allerdings meine Absicht. Übrigens habe ich bereits gehandelt, auch in Bezug auf Euch, indem ich Euch von Southampton aus die beiden Briefe schrieb.“

„Ich weiß von keinem Briefe!“

„Dann gestattet mir, Euch Eure beiden Antworten vorzulegen.“

Ich nahm die Briefe aus meiner Tasche und legte sie ihm auf den Tisch. Er ergriff und las den einen und dann den andern. Ich beobachtete ihn dabei. Welch eine Veränderung ging da in seinen Zügen vor! Als er den zweiten gelesen hatte, langte er wieder nach dem ersten, dann abermals nach dem zweiten; er las jeden dreimal, viermal, ohne ein Wort zu sagen. Die Röte wich aus seinem Gesichte; er wurde leichenblaß und fuhr sich mit der Hand über die Stirn, auf welcher sich Tropfen bildeten.

„Nun?“ fragte ich, als er dann immer noch schwieg und lautlos in die Papiere starrte. „Kennt Ihr die Briefe nicht?“

„Nein,“ antwortete er mit einem tiefen, tiefen Atemzuge, indem er sich mir wieder zuwendete.

Seine sonst bleichen Wangen röteten sich unter den Augen stark. Das war der Schreck, die Aufregung.

„Aber seht die Couverts! Die Briefe sind aus Eurer Office, wie Euer Stempel beweist.“

„Ja.“

„Und von Euch unterschrieben!“

„Nein!“

„Nicht? Wir haben da zweierlei Handschrift. Der Brief ist von einem Eurer Leute geschrieben und dann von Euch unterzeichnet worden.“

„Das erstere ist richtig, das letztere aber nicht.“

„Also ein Schreiber von Euch hat ihn doch verfaßt?“

„Ja; es ist Hudsons Hand. Es ist mehr als gewiß, daß er ihn geschrieben hat.“

„Und Eure Unterschrift –?“

„Ist – gefälscht, so genau nachgeahmt, daß nur ich selbst im stande bin, zu sehen, daß es Fälschung ist. Mein Gott! Ich habe Eure Fragen und Reden für inhaltslos gehalten; hier aber sehe ich eine Fälschung meiner Unterschrift vor Augen; es muß also etwas vorliegen, was Euch die Berechtigung giebt, so unbegreifliche Dinge vorzubringen!“

„Es ist allerdings so. Der kurze Inhalt alles dessen, was ich Euch zu sagen habe, ist in den Worten ausgedrückt, welche Ihr schon vorhin gehört habt: Der echte Small Hunter ist ermordet worden, und Ihr habt sein Vermögen nicht nur einem Betrüger, sondern sogar seinem Mörder übergeben.“

„Seinem – Mörder –?“ wiederholte er wie abwesend.

„Ja, wenn dieses Wort auch nicht so ganz genau wörtlich zu nehmen ist. Er selbst hat ihn nicht ermordet, ist aber mit im Komplott gewesen und hat moralisch die gleiche Schuld, als wenn er die tödliche Waffe geführt hätte.“

„Sir, ich befinde mich wie im Traume! Aber es ist ein böser, ein schrecklicher Traum. Was werde ich hören müssen!“

„Habt Ihr Zeit, eine ziemlich lange Geschichte anzuhören?“

„Zeit – Zeit! Was fragt Ihr da erst! Hier habe ich die Fälschung in den Händen; sie sagt mir, daß meine Office zu einem Betruge benutzt worden ist. Da muß ich Zeit haben, selbst wenn Eure Erzählung Wochen in Anspruch nehmen sollte. Setzt Euch, und gestattet mir einen Augenblick, meinen Leuten zu sagen, daß ich jetzt für keinen Menschen mehr zu sprechen bin!“

Wir hatten in der Erregung beide unsere Plätze verlassen; nun setzte ich mich wieder nieder. Ja, auch ich war erregt. Ich hatte die Überzeugung gehegt, daß meine Briefe an die richtige Adresse gekommen seien, und mußte nun das Gegenteil davon hören. Die Halunken hatten ihren Plan ausgeführt. Vielleicht war alle unsere Mühe, waren alle die Wagnisse, welche wir unternommen hatten, vergeblich gewesen!

Als der Anwalt den beabsichtigten Befehl gegeben hatte, setzte er sich mir gegenüber nieder und winkte mir mit der Hand, zu beginnen. Sein Gesicht war noch immer blaß wie vorher; ich sah, daß seine Lippen zitterten; es gelang ihm nur schwer, äußerlich ruhig zu erscheinen. Der Mann, dessen Ehre auf dem Spiele stand, that mir leid. Seine persönliche Ehre, des war ich überzeugt, konnte nicht angegriffen werden; aber in seiner Office war eine Fälschung vorgekommen; er hatte sich von einem raffinierten Schwindler betrügen lassen; es handelte sich dabei um ein großes Vermögen – wenn die Thatsachen an die Öffentlichkeit gelangten, so war er vernichtet.

Ich war überzeugt, daß Thomas und Jonathan Melton nicht allein gehandelt, sondern auch Harry Meltons Hilfe in Anspruch genommen hatten. Darum mußte sich mein Bericht auch auf letzteren erstrecken. Ich erzählte also alles, was ich von den drei Personen wußte, was ich mit ihnen und gegen sie erlebt hatte. Die Erzählung dauerte natürlich sehr lange, und doch unterbrach der Anwalt sie mit keinem Ausruf. Selbst als ich geendet hatte, saß er noch eine Zeitlang schweigend da, indem er den Blick starr in die Ecke gerichtet hielt. Dann stand er von seinem Stuhle auf, ging einigemal im Zimmer hin und her, blieb schließlich vor mir stehen und fragte:

„Sir, alles, was ich jetzt gehört habe, ist wahr, ist die reine Wahrheit?“

„Ja.“

„Verzeiht die Frage! Ich sehe ein, ja ich muß einsehen, daß sie überflüssig ist; aber es klingt das alles so unmöglich, und für mich handelt es sich dabei um mehr, als Ihr vielleicht denkt.“

„Um was es sich für Euch handelt, kann ich mir denken -um Euern Ruf, Eure Zukunft, vielleicht auch Euer Vermögen.“

„Natürlich auch um das letztere. Wenn es sich herausstellt, daß Ihr Euch nicht irrt, werde ich, selbst wenn mich niemand dazu zwingen könnte, mit allem, was ich besitze, für den Verlust eintreten, welchen die richtigen Erben dadurch, daß ich mich habe täuschen lassen, erleiden. Und leider bin ich der Überzeugung, daß alles, was ich dem Betrüger übergeben habe, verloren ist.“

„Ich möchte das jetzt noch nicht als Thatsache hinstellen. Man kann ihn noch erwischen.“

„Schwerlich! Er ist über die See und wird sich gewiß an einem Orte verstecken, von dem er weiß, daß er ihm Sicherheit gewährt.“

„Hatte sich nicht auch sein Vater versteckt? Und haben wir diesen nicht in Tunis gefunden? Ich denke, daß der Sohn keinen Vorzug vor dem Vater haben wird. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, daß die drei Halunken die Beute teilen werden. Selbst wenn wir den einen erwischen, gehen die beiden andern Teile verloren.“

„So meint Ihr also, daß Harry Melton auch jetzt die Hand im Spiele gehabt hat?“

„Ich bin überzeugt davon.“

„In welcher Weise sollte er geholfen haben?“

„Hm! Wie hieß der Schreiber, welcher mir die beiden Antworten geschrieben und Eure Unterschriften gefälscht hat?“

„Hudson.“

„Wie lange ist er schon bei Euch?“

„Ein und ein halbes Jahr.“

„Ich vermute, daß er sich nicht mehr in Eurer Office befindet.“

„Ich erwarte seine Heimkehr übermorgen. Er wurde telegraphisch von dem Tode seines Bruders benachrichtigt und erbat sich zwei Wochen Urlaub, um beim Begräbnisse desselben zu sein und dann die Kinder des Verstorbenen unterbringen zu können.“

„Wo soll der Bruder gelebt haben und gestorben sein?“

„Droben in St. Louis.“

„So können wir getrost bis auf weiteres annehmen, daß er diese Richtung nicht eingeschlagen hat. Wie seid Ihr mit ihm bekannt geworden?“

„Durch die schriftlichen Empfehlungen, welche er besaß. Ich stellte ihn zunächst als gewöhnlichen Schreiber an, obgleich er bedeutend älter war als Leute, denen man sonst einen solchen Posten anweist, doch schon nach kurzer Zeit erwies er sich so brauchbar, daß ich ihm immer mehr und mehr anvertraute. Er lebte außerordentlich zurückgezogen, war sehr fleißig und pünktlich und schien in seinen Mußestunden zu studieren, denn ich bemerkte gar wohl, daß seine Kenntnisse sich vermehrten. Es gab Fächer, in denen ich meine Klienten getrost an ihn weisen konnte; ich war überzeugt, daß sie von ihm ebensogut bedient wurden, wie von mir selbst.“

„Wie stand er sich mit Euern andern Arbeitern?“

„Er lebte mit keinem von ihnen auf vertrautem Fuße; er hatte in seinem Verhalten gegen sie etwas, was ihn unnahbar machte, obgleich ich ihn keineswegs als abstoßend bezeichnen kann. Dann, als seine Stellung sich immer mehr besserte, bis er es endlich zum Vorstande der Office brachte, verstand es sich von selbst, daß er sich noch mehr absonderte.“

„Wer hatte die Briefe und übrigen Eingänge zu empfangen?“

„Er. Was ohne mich erledigt werden konnte, erledigte er; das übrige hatte er mir vorzulegen.“

„So hat er meine beiden Briefe empfangen, geöffnet, gelesen und beantwortet, ohne Euch ein Wort davon zu sagen. Wie alt war er ungefähr?“

„Er schien am Ende der fünfziger Jahre zu stehen.“

„Welche Gestalt?“

„Schmächtig, starkknochig, schwarz von Haar.“

„Zähne?“

„Vollständiges Gebiß.“

„Sein Gesicht?“

„Das war ein ganz eigentümliches. Hudson war ein sehr schöner Mann; ich habe noch nie das Gesicht eines Mannes gesehen, welches so schön war wie das seinige. Aber wenn man dasselbe länger betrachtete, so bekam man das Gefühl, als ob die Schönheit auch ihre Mängel habe. Ich bin kein Maler, kein Kunstverständiger und verstehe nicht, mich richtig auszudrücken. Sein Gesicht war schön; es gefiel mir, aber dann nicht mehr, wenn ich es länger als nur vorübergehend betrachtete.“

„Gut, Sir; ich weiß jetzt, woran ich bin. Harry Melton ist der Vorstand Eurer Office gewesen.“

„Alle Wetter! Meint Ihr das wirklich?“

„Unbedingt. Er durfte sich nicht sehen lassen; er mußte zurückgezogen und verborgen leben. Sucht die Polizei einen schweren Verbrecher in der Office eines berühmten Advokaten?“

„Das ist wahr. Sollte er schon bei seinem Eintritte bei mir von dem Plane unterrichtet gewesen sein, welcher jetzt ausgeführt worden ist?“

„Möglich.“

„Aber kein Mensch konnte damals wissen, daß man mich zum Erbschaftsverweser ernennen würde!“

„War auch nicht nötig. Der alte Hunter war so alt, daß man seinen Tod bald erwarten konnte. Der junge Melton war dem Erben ähnlich. Ihr waret mit dem letzteren auf das innigste befreundet, woraus folgte, daß Hunter sich beim Tode seines Vaters in juristischen Fragen an Euch wenden würde – – da habt Ihr alles!“

„Und dennoch wird es mir schwer, zu glauben, daß ich das Opfer eines schon so lange vorbereiteten Planes gewesen sein soll. Aber Ihr überzeugt mich. Ich nehme an, daß Ihr recht habt.“

„Und ich bin sogar überzeugt, daß dieser famose Vorstand Eurer Office nicht nur mit seinem Bruder in Tunis korrespondiert, sondern auch von seinem Neffen von Zeit zu Zeit Briefe bekommen hat, um auf dem Laufenden erhalten zu werden.“

„Welch ein Abgrund von Bosheit und Schlechtigkeit ist es, in welchen man da blickt! Und welch ein Glück, daß Ihr mir die verlangten Dokumente nicht geschickt habt! Sie wären vernichtet worden, sodaß man später keinen Beweis gegen diese Menschen hätte erbringen können.“

„Was das betrifft, so wären, allerdings nur unter großem Zeitverluste, recht wohl neue Beweisschriften aus Tunis zu beschaffen gewesen; besser aber ist es allerdings, daß ich sie mir nicht habe ablocken lassen. Was gedenkt Ihr nun in der Angelegenheit zu thun, Sir?“

„Vor allen Dingen meine nächste Pflicht. Ich habe der Behörde unverzüglich Meldung zu machen. Dazu bedarf es Eurer Dokumente. Werdet Ihr sie mir anvertrauen?“

„Natürlich! Ich habe sie ja nur dazu mitgebracht. Auch die andern Papiere, die ich damals Harry Melton und seinem Neffen abgenommen habe, sollt Ihr erhalten. Hier ist das Paket; es ist alles beisammen.“

„Ich danke! Man wird Euch einigemal belästigen, indem man Euch und Eure beiden Begleiter zur Vernehmung ladet. Ich bitte Euch sehr, besonders die Größe der Ähnlichkeit zu betonen, deren Opfer ich geworden bin!“

„Ihr dürft überzeugt sein, daß ich nichts unterlassen werde, was Euch nützen kann. Höchst wahrscheinlich wird man die sofortige Verfolgung der drei Verbrecher einleiten?“

„Natürlich! Man wird keine Minute damit säumen. Glücklicherweise haben wir hier so vorzügliche, gewandte und scharfsinnige Geheimpolizisten, daß sie sich auch mit anderen messen können. Sie sind in allen unsern Staaten berühmt und werden das mögliche thun, die Flüchtlinge zu ergreifen.“

„Das ist ihre Pflicht, und dafür werden sie besoldet. Übrigens werde auch ich sofort nach der Fährte der drei Meltons suchen und, sobald ich sie gefunden habe, derselben folgen.“

„Möchtet Ihr das nicht lieber der Geheimpolizei überlassen? Ihr könntet leicht Fehler begehen, welche den Polizisten zum Schaden gereichen.“

„Meint Ihr?“

„Ja. Ihr seid ein vorzüglicher Prairiejäger; aber ein Wild aufsuchen oder drei so raffinierte Verbrecher verfolgen, das ist zweierlei.“

„Hm! Eure Belehrung wirkt so erdrückend, daß ich mir allerdings vornehme, den Herren Geheimpolizisten keine Störung zu bereiten. Wann ist der vermeintliche Small Hunter denn eigentlich abgereist?“

„Vor fast zwei Wochen.“

„Also ungefähr an demselben Tage, an welchem Euer Vorstand der Office seinen Urlaub angetreten hat. In welchem Hotel hat er gewohnt?“

„In keinem. Er hatte ein sehr hübsches Privatlogis bei einer Witwe hier in meiner Nähe. Er ging fast gar nicht aus und besuchte mich auch nur dann, wenn es notwendig war.“

„Womit begründete er diese Zurückgezogenheit?“

„Mit dem Studium der indischen Sprache, welche ihn ganz in Anspruch nahm.“

„So hat er mit niemandem sonst Verkehr gehegt?“

„Mit keinem Menschen. Die Witwe, Mrs. Elias, bewohnt ein Parterre fünf Häuser aufwärts von hier. Ich bin einigemal dort gewesen, fand ihn aber so in seine fremden Bücher vertieft, daß ich nur das Notwendigste mit ihm besprechen konnte.“

„Und da behauptetet Ihr vorhin, daß ein Betrüger Gefahr liefe, von Euch schon in der ersten Stunde durchschaut zu werden?!“

„Ihr habt recht. Nun Ihr mir die Augen geöffnet habt, mache ich mir sein Verhalten erst klar und komme da allerdings zu der Überzeugung, daß er sich außerordentlich in acht genommen hat, in ein intimes Gespräch mit mir zu geraten.“

„Und wo hat Euer wackerer Vorstand der Office gewohnt?“

„Im Parterre des Hofes rechts nebenan.“

„Wer ist sein Wirt?“

„Ein Händler, ich weiß nicht, womit. Hudson wohnte in Aftermiete. Wollt Ihr noch mehr über ihn wissen? Vielleicht den Polizisten doch noch in das Handwerk pfuschen? Thut das doch ja nicht; Ihr könntet vieles, vielleicht sogar alles verderben!“

Ich will aufrichtig gestehen, daß mich diese wiederholte Warnung ärgerte. Ich war früher auch als Detektive thätig gewesen und hatte meine Aufgabe zur Zufriedenheit gelöst. Vorhin hatte er meine Erzählung gehört, und wenn ich auch nur so wenig wie möglich mich dabei in Erwähnung gebracht hatte, so mußte er doch aus dem Berichte ersehen, daß wir wenigstens keine Hohlköpfe waren. Daß er dennoch meinte, ich könne leicht alles in Frage stellen, verdarb mir vollends die Laune, die schon vorher keine gute gewesen war. Ich machte also kurzen Prozeß, nannte ihm das Hotel, in welchem wir zu finden waren, und ließ ihn mit dem Bewußtsein allein, das zu sein, was ich nicht war, nämlich ein guter Jurist, trotzdem aber doch die beiden Meltons nicht durchschaut zu haben.

Wie staunten Emery und Winnetou, als ich ihnen erzählte, was ich bei dem Advokaten erfahren hatte! Der erstere schlug mit der Faust auf den Tisch, daß es dröhnte, und rief zornig aus:

„Hat man so etwas für möglich gehalten! jetzt können wir nun anfangen, von neuem hinter den Halunken herzulaufen, nämlich, wenn sie so gütig gewesen sind, eine Spur zu hinterlassen. Und dabei steht noch gar zu erwarten, daß trotz der Mühe, die wir uns dabei geben, und trotz aller Gefahren, die wir laufen, das Geld deiner Schützlinge doch verloren ist! Und das ist ein Jurist! Und der redet davon, daß man ein Wild leichter fängt, als einen Menschen! Der Kerl sollte mir mal einen Grizzlybären fangen! Fliegen, ja, aber keinen Bären! Hält einen fremden Schwindler für seinen Busenfreund, stellt einen zehnfachen Räuber und Mörder in seiner Expedition als Vorstand an und will uns – uns – uns gute Lehren geben! Er mag Gott danken, daß er sich nicht jetzt in diesem Zimmer befindet; ich würde ihn – –!“

Er sprach seine Drohung nicht aus, versetzte dafür aber dem Tische einen zweiten Hieb, daß die Platte auseinandersprang. Winnetou sagte kein Wort. Wenn er ja eine Art von Ärger fühlte, so verbot ihm sein Indianerstolz, ihn sehen oder hören zu lassen.

Es waren noch nicht zwei Stunden vergangen, so erschien ein Bote, um uns in das Verhör zu rufen. Als wir unsere Aussagen gemacht hatten, mußten wir sie beeiden. Winnetou bekam den Eid erlassen. Dann wurden wir ermahnt, uns jetzt stets zur Verfügung der Behörde bereit zu halten. Trotzdem aber waren wir entschlossen, New Orleans zu verlassen, sobald wir das für nötig halten sollten.

Kaum waren wir in unsere gemeinsame Wohnung zurückgekehrt, so brachte der Kellner uns einen Mann, welcher uns zu sprechen verlangt hatte. Es war ein sehr sorgfältig gekleideter und pfiffig aussehender Master bei guten Jahren. Er setzte sich ohne Umstände auf den ihm nächststehenden Stuhl, betrachtete uns der Reihe nach sehr aufmerksam, spuckte einmal tüchtig aus, schob sein Primchen in den andern Backen und fragte Emery:

„Ich schätze, in Euch den sehr honorablen Mister Bothwell vor mir zu sehen?“

„Ich heiße Bothwell,“ nickte der Gefragte kurz.

„Und Ihr seid der bekannte Prairiemann, den man Old Shatterhand nennt?“ wurde ich gefragt.

„Ja.“

„Und Ihr seid ein Redmann Namens Winnetou?“

Winnetou gab trotz der etwas unhöflichen Ausdrucksweise des Fragers eine Antwort, indem er nickte.

Well! So bin ich bei den richtigen Leuten,“ fuhr der Fremde fort, „und ich hoffe, daß ihr mir die nötige Auskunft geben werdet.“

„Wollt Ihr uns wohl zunächst sagen, wer Ihr seid, Master?“ forderte Emery ihn auf. „Oder seid ihr vielleicht gar nichts und habt auch keinen Namen?“

„Ich bin alles und habe alle Namen,“ lautete die selbstbewußte Antwort. „Wie ich heiße, kann Euch gleichgültig sein. Es genügt, Euch zu sagen, daß wir die drei Meltons suchen wollen. Ich habe die unter mir stehenden Detektives von allem zu unterrichten und möchte Euch vor allen Dingen ersuchen, die Hand dabei aus dem Spiele zu lassen.“

„Das werden wir außerordentlich gern thun,“ erklärte Emery. „Erinnert Euch nur so oft wie möglich an die Weisung, die Ihr uns damit so freundlich erteilt!“

„Also nun meine Fragen! Ihr kennt doch die Meltons genau?“

Wir antworteten dem eingebildeten Patron kaum, sodaß er endlich zornig sich empfahl. Dann meinte Emery:

„Wir müssen die Meltons unbedingt selbst finden. Aber wo haben wir sie zu suchen? Glaubst du, daß Jonathan mit dem Schiffe fort ist?“

„Fällt ihm nicht ein. Er ist an Bord gegangen, nur um den Advokaten irre zu führen,“ antwortete ich.

„Und sein Onkel Harry?“

„Ist nicht nach St. Louis. Nach Europa sind sie nicht, denn sie wissen, daß die Telegraphen spielen werden. Nach Afrika und so weiter gehen sie auch nicht, da sie dort Pfefferkörner unter den Rosinen gefunden haben. Es ist am klügsten für sie, zunächst in die Verborgenheit zu gehen und Gras über die Gegenwart wachsen zu lassen, ehe sie es wagen können, sich, ob hier oder dort, unter Menschen zu zeigen. Und wo finden sie die Zurückgezogenheit am schnellsten und besten? Hier in den westlichen Staaten. Ich möchte wetten, daß sie irgendwo droben in den Felsenbergen stecken. Sie können da ein ganzes Jahr und noch länger ungesehen stecken.“

„Möchte dasselbe behaupten. Hoffentlich haben sie eine Spur zurückgelassen!“

„Kein Ereignis und keine That bleibt ohne Spur. Es gilt nur, sie aufzufinden. Ich werde jetzt zunächst einmal nach den beiden Wohnungen gehen. Vielleicht bemerke ich da den Anfang eines Fadens, den wir aufwickeln können.“

Ich machte mich zu Mrs. Elias auf den Weg, ging aber nicht direkt zur ihr, sondern trat vorher in eine Trinkstube, welche ihrer Wohnung gegenüber lag. Ich wollte versuchen, da etwas zu erfahren. Leider wurde ich von einem alten, schläfrigen Neger bedient, welcher sich erst seit einigen Tagen in dieser Stellung befand; ich richtete also gar keine weitere Frage an ihn. Dennoch freute ich mich nachher, hier eingekehrt zu sein, denn ich saß noch gar nicht lange da, so sah ich unsern Detektive und „Gentleman“ drüben aus dem Hause kommen. Er hatte Mrs. Elias gewiß einen Besuch abgestattet, um sich nach Jonathan Melton zu erkundigen.

Ich wartete noch eine Viertelstunde und ging dann hinüber. Die Inschrift eines kleinen Schildes sagte mir, daß die Wohnung wieder oder vielmehr noch zu vermieten sei. Als ich klingelte, öffnete eine ziemlich alte und sehr dicke Mulattin, die mit ihrer undurchsichtigen Gestalt unter der Thür stehen blieb und mich forschend betrachtete. Ich wußte diese Art von Dienstboten zu behandeln, zog den Hut sehr tief und fragte:

„Bitte, Mylady, bin ich so glücklich, Mrs. Elias zu sehen?“

Sie fühlte sich unendlich geschmeichelt, für ihre Herrin gehalten zu werden, und lächelte vor Wonne, daß ihr Gesicht noch einmal so breit wurde.

„Nein,“ antwortete sie. „Ich bin nur die Köchin. Mrs. Elias ist im Zimmer. Kommt, Sirrrr!“

„Nehmt vorher meine Karte, Mylady! Man darf nicht unangemeldet zu einer solchen Dame kommen.“

Sie grinste mich wieder glücklich an, nahm die Karte, eilte mir voraus, riß eine Thür auf, trat hinein und sagte so laut, daß ich es hören konnte:

„Hier, Ma’am, eine Karte von einem sehr, sehr feinen Sirrrr! Wonderful fine! Viel gebildeter als der, der vorhin da war!“

Dann kam sie wieder heraus, ließ mich ein und machte die Thür hinter mir zu. Ich stand vor einer ältlichen Dame, welche mir aus einem wohlwollenden Gesichte mit freundlichen Augen entgegenblickte.

„Verzeihung, Madam! Ich lese, daß hier eine Wohnung zu vermieten ist!“

„Ja“, nickte sie, indem sie ihren Blick zwischen mir und meiner Karte hin und her gehen ließ. „Wie es scheint, seid Ihr ein Deutscher?“

„Allerdings.“

„Das freut mich sehr. Ich bin eine Landsmännin von Euch. Bitte, macht mir das Vergnügen, Euch zu setzen! Die Wohnung, welche ich zu vermieten habe, besteht aus vier Räumen. Ist Euch das nicht zu viel?“

Sie hatte das deutsch gesagt. ich sah in ihr gutes, ehrliches Gesicht, und da war es mir unmöglich, sie zu belügen. „Schade doch, ein Deutscher und dennoch ein Lügner!“ so sollte sie nicht von mir denken oder gar sagen. Darum antwortete ich:

„Allerdings. Selbst ein einzelner Raum würde mir zuviel sein. Ich komme nicht der Wohnung wegen, Madame.“

„Nicht?“ fragte sie erstaunt. „Und doch fragtet Ihr nach ihr!“

„Das war nur ein Vorwand. Nun Ihr aber eine Landsmännin vor mir seid und ich in Euer aufrichtiges Gesicht blicke, darf ich Euch keine Unwahrheit sagen. Mein Zweck war, mich nach Small Hunter zu erkundigen, welcher bei Euch gewohnt hat.“

„Nach diesem? Seid Ihr etwa auch ein Geheimpolizist?“

Bei dieser Frage verfinsterte sich ihr Gesicht.

„Nein, Madame; ich bin ein Privatmann, habe aber ein so großes und begründetes Interesse an Hunter, daß ich Euch zu großer Dankbarkeit verbunden sein würde, wenn Ihr die Güte haben wolltet, mir Auskunft über Ihn zu geben.“

Da lächelte sie:

„Ich sollte eigentlich nicht, weil Ihr nicht offen zu mir gekommen seid. Da Ihr aber Reue zeigt, will ich trotzdem Euern Wunsch erfüllen. Kennt Ihr Hunter?“

„Besser, als mir lieb ist.“

„Besser – –? als Euch lieb ist – –? So ist’s wohl wahr, was der Polizist sagte?“

„Was hat er gesagt?“

„Daß Hunter ein Betrüger, ja sogar ein Mörder sei?“

„Das ist wahr.“

„Hilf, Himmel! Einen so gefährlichen Menschen, einen solchen Bösewicht habe ich bei mir wohnen gehabt! Hätte ich das gewußt, ich hätte keine Minute ruhen können, bis er wieder fort gewesen wäre. Es ist schrecklich; es ist geradezu entsetzlich!“

„Der Polizist hat Euch also gesagt, um was es sich handelt?“

„Ja. Hunter heißt eigentlich Melton, hat den echten Hunter ermordet und sich dann hier für diesen ausgegeben, um zu dem Vermögen desselben zu kommen. Ist das wahr?“

„So ungefähr. Ich weiß nicht, ob der Detektive recht gehandelt hat, indem er Euch diese Mitteilungen machte; da Ihr nun aber einmal alles wißt, kann ich mit Euch davon sprechen. Ich selbst bin es gewesen, der die Nachricht von der That hierher gebracht hat. Melton ist ein Schurke. Das Erbe, welches er durch Mord und Betrug an sich gebracht hat, gehört einer armen, braven deutschen Familie, welche in San Francisco in schwerer Bedrängnis lebt. Vielleicht könnt Ihr dazu beitragen, daß die Leute zu ihrem Rechte kommen.“

„Wie gerne würde ich das thun, wenn ich es vermöchte. Was wünscht Ihr von mir?“

„Irgend einen Aufschluß, der es mir ermöglicht, den jetzigen Aufenthalt Meltons zu entdecken.“

„Dasselbe wünschte der Polizist auch von mir.“

„Habt Ihr ihm Auskunft gegeben?“

„Nein, denn der Mann trat so brutal auf, daß er weniger erfuhr, als ich wußte. Ich habe ihm gar nichts gesagt, hätte ihm aber das, was er wissen wollte, auch gar nicht sagen können, weil ich mich darüber selbst in vollster Unwissenheit befinde.“

„Mit wem verkehrte Hunter?“

„Der Advokat Murphy kam einigemal zu ihm, und er ist auch zwei- oder dreimal ausgegangen; wohin, das weiß ich nicht, denke aber, eben zu diesem Advokaten.“

„Weiter kam niemand?“

„Einmal kam ein anderer. Der war wohl Schreiber des Advokaten. Er sah Hunters Diener außerordentlich ähnlich.“

„Hatte Hunter einen Diener?“

„Nur so lange, als er hier in New Orleans blieb. Er hat ihn erst hier engagiert und vor seiner Abreise wieder entlassen.“

„Hm! Was für eine Persönlichkeit war der Diener? Könnt Ihr mir eine genaue Beschreibung von ihm geben?“

Sie folgte dem Wunsche, und ich gelangte dadurch zu der Überzeugung, daß dieser sogenannte Diener kein anderer als sein Vater gewesen war.

„Habt Ihr vielleicht gehört, was er mit dem Diener gesprochen hat?“ erkundigte ich mich weiter.

„Was ich da gehört habe, waren ganz alltägliche Dinge. Sie flüsterten aber sehr viel miteinander; sie mußten Heimlichkeiten haben, die niemand hören sollte.“

„Womit beschäftigte sich Small Hunter? Da er fast gar nicht ausging, stand ihm viel Zeit zur Verfügung. Hat er diese denn nicht auf irgend eine nützliche Weise verbracht?“

„Nein. Er saß immer am Fenster.“

„Mir aber wurde gesagt, er habe sich mit Studien beschäftigt?“

„Das ist nicht wahr. Nur wenn der Advokat kam, wurden Bücher zur Hand genommen.“

„Ah, dachte es mir! Was hattet Ihr eigentlich für eine Ansicht über den Mann? Es muß Euch doch aufgefallen sein, daß er sich nicht beschäftigte.“

„Ich hielt ihn für krank, für tiefsinnig. Diese Ansicht aber änderte sich dann, als wir bemerkten, daß er nach oben ging, zu der Dame, welche sich über uns eingemietet hat.“

„Wohnt sie allein?“

„Nein. Sie hat zwei Dienerinnen bei sich, welche ich für Indianerinnen halte.“

„Ist sie jung?“

„Ja, und schön.“

„Wie heißt sie?“

„Silverhill.“

„Das ist ein englischer Name.“

„Ja. Doch glaube ich kaum, daß ihre Eltern und Verwandten Yankees oder Engländer sind. Wir hören sie zuweilen mit ihren Dienerinnen sprechen; das ist immer spanisch.“

„Hm! Und bei dieser Dame verkehrte Euer Mietwohner?“

„Erst nach der ersten Woche. Da er stets am Fenster Saß, ist sie ihm bei ihren Ausgingen und wenn sie heimkehrte, aufgefallen. Er erkundigte sich bei mir nach ihr; dann machte er ihr seinen Besuch, und von da an war er oft bei ihr.“

„Wußte Advokat Murphy davon?“

„Ich weiß es nicht, glaube es aber auch nicht.“

„Gäbe es sonst vielleicht noch irgend eine Bemerkung oder Mitteilung, welche Ihr mir über den falschen Hunter machen könnt?“

„Wohl nicht. Wenigstens könnte ich mich auf nichts besinnen, was für Euch von Wert sein könnte. Wenn Ihr mich aber noch einmal besuchen wollt, werde ich Euch gern sagen, ob mir noch etwas eingefallen ist.“

„Eurer freundlichen Einladung werde ich wahrscheinlich einmal Folge leisten, falls ich nicht fürchten muß, Euch allzusehr zu belästigen.“

„O, Ihr belästigt mich nicht; Ihr seid mir sogar willkommen. Ich freue mich darüber, daß Ihr aus einem Manne, der die Unwahrheit sagen wollte, zu einem ehrlichen geworden seid.“

„Aber nur durch Euch, Madame,“ antwortete ich, auf ihren Scherz eingehend. „Wißt Ihr vielleicht etwas über die Verhältnisse der Dame da oben?“

„Sehr wenig. Sie ist reich. Meine Köchin hat einigemale mit den Indianerinnen gesprochen. Die Dame spielt leidenschaftlich, und dabei stets mit Glück. Sie lud Herren zu sich ein, welche ebenso leidenschaftliche Spieler sind. Das ist alles. Übrigens nehme ich an, daß sie Witwe ist. Eine der Indianerinnen hat einmal eine darauf bezügliche Äußerung fallen lassen. Und ihr Mann scheint nicht von gewöhnlichem Stande gewesen zu ein.“

„Wohl gar ein Indianerhäuptling!“

Ich sagte das im Scherze, und sie lachte auch darüber; aber in demselben Augenblicke kam mir ein sehr ernster Gedanke, dem ich auch gleich Ausdruck gab:

„Habt Ihr schon früher einmal ein indianisches Dienstmädchen gesehen?“

„Nein.“

„Eine freie Indianerin wird sich niemals erniedrigen, einer Weißen häusliche Dienste zu erweisen. Es müssen hier ganz besondere Verhältnisse vorliegen. Ich kenne da einen Fall, daß eine Weiße einen Indianerhäuptling geheiratet hat. Ist die Dame da oben blond?“

„Nein, tiefschwarz. Ich halte sie für eine Jüdin.“

„Jüdin? Ah! Kennt Ihr ihren Vornamen?“

„Ja, es wurde einmal ein Brief gebracht und meiner Mulattin übergeben. Diese kann nicht lesen und brachte ihn mir. Ich sah die Adresse. Die Dame heißt Judith Silverhill.“

„Meine Ahnung, meine Ahnung! Silverhill ist zu Deutsch Silberberg, und so hieß die Jüdin, welche den Indianerhäuptling zum Manne nahm. Ich muß hinauf zu ihr!“

„Wie? Ihr kennt Sie?“

„Ja, wenn ich mich nicht ganz und gar irre. Das ist ein höchst interessanter Zufall, welcher mir wahrscheinlich von großem Nutzen sein wird. Madame, Ihr seid so lieb und freundlich zu mir gewesen; ich bitte, mir noch eine große, recht große Gunst zu erweisen!“

„Wenn es in meiner Möglichkeit liegt, wird es sehr gern geschehen.“

„Ihr seid nie in ein Gespräch mit der Dame gekommen?“

„Noch nie.“

„Der Zufall könnte es fügen, daß dies doch geschehe. Bitte, erwähnt nicht, weshalb ich bei Euch gewesen bin; sprecht überhaupt nicht von mir, und verbietet auch Eurer Mulattin, den Indianerinnen da oben zu erzählen, daß der vermeintliche Small Hunter eigentlich ein anderer ist.“

„Sie weiß es noch gar nicht, und ich werde es ihr auch nicht sagen. Ihr wollt dieser Dame also wirklich einen Besuch machen?“

„Auf alle Fälle!“

Ich bedankte mich herzlich für die mir erwiesene Freundlichkeit und wurde aufgefordert, getrost wiederzukommen. Ich stieg die Treppe empor. Es gab da oben nur ein Entree. Als ich die Glocke gezogen hatte, wurde von einem Mädchen geöffnet, in welchem auch ich sogleich eine Indianerin vermutete. Sie trat beiseite, um mich einzulassen, und öffnete, ohne mich zu fragen oder ein Wort zu sagen, eine zweite Thür, durch welche ich in ein sehr schön ausgestattetes Zimmer kam. Im Nebenzimmer hörte ich ein Geräusch. Die Portieren wurden auseinandergeschlagen, und vor mir stand – –Judith Silberstein, die Jüdin, welche ich zuletzt als Verlobte des Yumahäuptlings gesehen hatte. Sie hatte sich seit damals noch mehr entwickelt und war schöner, höher und auch stärker geworden. Freilich zeigte der erste Blick gleich, daß sie ihre damaligen Anlagen fleißig ausgebildet hatte und eine vollständige Kokette geworden war. Sogar jetzt, daheim, wo kein Besuch zu erwarten war, hatte sie echte Diamanten am Halse und an den entblößten Armen schimmern. Sie erkannte mich auf der Stelle. In einem Tone, welchem halb Freude, halb Besorgnis anzuhören war, rief sie in spanischer Sprache aus:

„Sie, Sennor – – Sennor – –! Welch eine frohe Überraschung! Wie habe ich mich gesehnt, Sie einmal zu sehen! Bitte, kommen Sie herein ins Boudoir! Setzen Sie sich zu mir! Wir haben uns viel, viel zu erzählen.“

Sie zog mich an der Hand in ihr Zimmer, und ich mußte neben ihr auf dem Diwan Platz nehmen. Ja, sie war ein schönes Weib; aber der Scheitel lag voller Haarschuppen; der Hals schien heute noch nicht gewaschen zu sein; die schön geformten Fingernägel hatten Trauerränder. Sie behielt meine Hand in der ihrigen und sagte mit einem neckischen Augenaufschlage:

„Ich muß Ihnen gleich von vornherein gestehen, daß ich Ihren Namen vergessen habe. Ist das nicht unverzeihlich?“

„Allerdings, besonders da Sie mir soeben versicherten, sich so sehr nach mir gesehnt zu haben.“

„Sie dürfen verzeihen! Man sieht, hört und erlebt soviel, daß man das einzelne leicht vergißt. Sie hatten, wenn ich nicht irre, zwei Namen, Ihren wirklichen und einen andern, mit dem Sie von den Indianern genannt wurden. Dieser letztere hieß – hieß – wie nur gleich? Es war wohl Hand oder Fuß dabei!“

„Old Firefoot,“ fiel ich schnell ein, indem ich ihr einen falschen Namen sagte. Es war mir ungemein lieb, daß sie sich nicht mehr besinnen konnte. Sie hatte mit Jonathan Melton hier verkehrt; es war jedenfalls besser, wenn sie meine Namen nicht wußte.

„Ja, ja, so war’s – ein foot war dabei; das wußte ich,“ nickte sie lachend. „Und Ihr Familienname? Wenn ich mich nicht irre, hießen Sie wie einer von den zwölf Monaten?“

„März,“ sagte ich.

„Ja, März, März war es. Also, Sennor März, können Sie sich besinnen, wie wir damals auseinandergegangen sind?“

„Nicht eben sehr freundlich.“

„Nein, gar nicht. Wissen Sie, welche Drohung Sie sogar aussprachen?“

„Ja, das weiß ich noch.“

„Hätten Sie den Mut, es mir heute zu sagen?“

„Warum nicht? Ich wollte Sie peitschen lassen, falls Sie sich noch einmal von mir erblicken ließen.“

„Schrecklich! Hören Sie nur, wie das klingt! Eine Dame, noch dazu eine junge, hübsche, prügeln lassen! Hoffentlich war es nur eine Drohung von Ihnen!“

„Sie waren vom Gegenteil überzeugt, denn Sie haben sich dann nicht wieder sehen lassen.“

„Also hätten Sie die Drohung wirklich zur Wahrheit gemacht?“

„Ganz gewiß! Ich gebe Ihnen mein Wort, daß es mir voller Ernst war.“

„Entsetzlich! Sie sind kein Sennor, kein Mensch, sondern ein Tyrann!“

„Nein. Ich besitze im Gegenteil ein sehr weiches Herz, tausche aber nicht gern Wachs für Eisen ein. Beides hat Berechtigung, aber jedes nur zu seiner Zeit. Wenn es sich nicht nur um die Freiheit so vieler Menschen handelt wie damals, sondern um Blutvergießen, um Leben und Tod, pflege ich keiner Laune zu folgen, selbst wenn es die Laune einer jungen und hübschen‘ Dame wäre.“

„Warum legen Sie den Ton so auf dieses Wörtchen hübsch? Fanden Sie mich damals häßlich?“

„Nein.“

„Ihr Verhalten ließ es mich aber sehr vermuten.“

„Weil das Ihrige nicht hübsch war. Sie gingen von der noch warmen Leiche Ihres Verlobten wie von einem Braten, der für den Herd geschlachtet worden ist.“

„Ich liebte ihn nicht mehr. Also hübsch fanden Sie mich doch? Und jetzt? Haben Sie nicht bemerkt, daß ich mich verändert habe?“

„Ja. Sie sind schöner geworden.“

„Und das sagen Sie in einem so eisigen Tone? Sie sind wirklich ein entsetzlicher Mensch und ganz derselbe wie damals geblieben. Ich bin schöner, Sie aber sind nicht besser und gefühlvoller geworden. Aber gerade Ihre Kälte, Ihre Härte hat mir schon damals imponiert.“

„Sprechen wir nicht von mir, sondern von Ihnen. Wie ist es Ihnen seit damals gegangen? Haben Sie sich immer wohlbefunden?“

„Ja.“

„Sie bereuten nicht, das Weib eines Wilden geworden zu sein?“

„Zunächst nicht, denn er hielt Wort. Ich bekam alles, was er versprochen hatte, Gold, Edelsteine, einen Palast und sogar auch ein Schloß.“

„Ach! Ich weiß zwar, daß es Indianer gibt, welche das Lager großer Schätze kennen, aber daß der Häuptling sein Versprechen so streng nehmen werde, das dachte ich damals nicht. Er war also wirklich so reich, wie er sagte?“

„Ja. Er trug viel Gold zusammen, woher, das weiß ich heute noch nicht; er hat es mir niemals sagen wollen. Jedenfalls holte er es aus den Bergen, wo es noch heute viele alte Stollen und Adern geben soll. Wir verließen die Sonora und zogen an die Grenze von Arizona und Neumexiko. Dort liegt das Schloß. Es ist ein gewaltiger Aztekenbau, den außer mir noch kein Bleichgesicht gesehen hat. Zehn Yumaindianer, welche von ihrem Häuptlinge nicht lassen wollten, zogen nebst ihren Frauen und Kindern mit. Es war sehr, sehr einsam da oben, und ich sehnte mich nach der Stadt. Wir gingen also nach Francisco, auch schon des Palastes wegen. Ich bekam ein Haus.“

„Sie Glückliche! Wo ist Ihr Mann?“

„In den ewigen Jagdgründen,“ antwortete sie gleichgültig.

„Was war die Ursache seines Todes?“

„Ein Messer.“

„Bitte, erzählen Sie! Ich bin außerordentlich gespannt darauf. Er war ein Indianer, aber ein tapferer, braver und ehrlicher Mann. Er hielt mir treulich Wort, und ich habe immer gern an ihn gedacht.“

„Was soll ich da erzählen! Die Sache ist sehr einfach. Ich wurde in Frisco bald bemerkt; man besuchte mich; man machte mir den Hof, und das wollte er nicht dulden, Wir waren eines Tages auf Besuch bei einem Haziendero; es waren noch andere Herrschaften geladen. Dabei gab es einige sehr interessante Caballeros und Offiziere, welche sich mit mir beschäftigten. Die Messer wurden gezogen. Der Caballero erhielt einen Stich in den Arm, mein Mann aber einen in das Herz.“

„Und Sie? Was fühlten, was dachten, was thaten da Sie?“

„Ich? Was sollte ich thun! Wissen Sie nicht, daß eine Frau, deren Mann unter solchen Umständen stirbt, eine von andern Frauen beneidete Berühmtheit wird? Das Band, mit welchem ich mich so leichtsinnigerweise an den Wilden gefesselt hatte, war zerrissen, und ich hatte meine kostbare Freiheit wieder.“

Diese Herzlosigkeit war empörend. Sie fuhr in ruhigem Tone fort:

„Ich genoß sie natürlich mit vollen Zügen. Ich hatte das Spiel kennen gelernt und brauchte nun nicht mehr um die Erlaubnis zu bitten. Ich gewinne fast stets, so oft ich spiele, und was die Liebe betrifft, nun so habe ich jetzt, wenn ich heimkehre, einen neuen Bewerber, der so in Fesseln liegt, daß er mich um meine Hand gebeten hat.“

„Auch ein Offizier?“

„Nein, sondern ein junger, sehr hübscher und hochgebildeter Caballero, welcher fast die ganze Erde und besonders den Orient bereist hat, und dem soeben eine Erbschaft von einigen Millionen zugefallen ist.“

„Wetter noch einmal! Da haben Sie freilich Glück!“ rief ich aus, innerlich hocherfreut, denn ich zweifelte nicht, daß Jonathan Melton gemeint war.

„Es kommt gar nicht zu früh, dieses Glück,“ fuhr sie fort. „Ich habe zwar gesagt, daß ich fast nie verliere; aber ich verbrauche viel, und das Gold des Häuptlings ist alle geworden. Ich habe das Haus in Frisco verkauft, und wenn die dafür gelöste Summe zur Neige geht, bleibt mir nur der alte Aztekenbau in der Wildnis übrig, für welchen niemand einen Dollar zahlt.“

„Ist es denn gewiß, daß er Ihnen gehört? Haben Sie einen Besitztitel darüber?“

„Nein, doch ist mir das gleichgültig. Ich brauche nur zu wollen, so wird Mr. Hunter mein Mann, und ich kann mich zu den Millionärinnen rechnen. Was gebe ich da auf den alten Felsenbau in der Wildnis!“

„Ist der Sennor, von welchem Sie sprechen, vielleicht jener so sehr interessante Small Hunter, dem vor einigen Tagen durch den Advokaten Murphy einige Millionen ausgezahlt worden sind?“

„Ja, derselbe. Kennen Sie ihn vielleicht?“

„Nein; ich habe von ihm gehört. Sie können es sich doch denken, daß von einem Millionenerben gesprochen wird. Man sagt, er sei nach Indien gegangen.“

„Das ist nicht wahr.“

Ach habe es überall gehört. Man hat ihn doch auf das Schiff steigen sehen. Sein Advokat ist bei ihm gewesen.“

„Das ist richtig; aber er hat sich unterhalb der Stadt per Boot wieder abholen lassen. Ich selbst habe in dem Boote gesessen. Wir sind dann, als es Abend war, hierher gegangen und haben gespielt bis nach Mitternacht, wo erst seine eigentliche Abreise erfolgte.“

„Das interessiert mich ungemein. Warum hat er denn den Leuten weisgemacht, daß er mit dem Schiffe nach England und von da nach Indien will?“

„Das ist ein Geheimnis, welches ich nur Ihnen verraten will. An dieser Täuschung trage nämlich nur ich die Schuld.“

„Sie? Wieso?“

„Sein Vater, der alte Hunter, ist früher oft in Indien gewesen und hat das Land so liebgewonnen, daß er auf die Idee gekommen ist, daß sein Sohn vom Empfang des Erbes an zehn Jahre lang in Indien leben soll. Fehlt nur ein einziger Tag an den zehn Jahren, so wird ihm das Vermögen wieder abgenommen. Auch soll er während der zehn Jahre nicht heiraten dürfen. Er ist auf die Bedingungen eingegangen und hat sich unterschrieben. Zwei Tage später lernte er mich kennen. Was das heißt, können Sie sich denken. Mich sehen und mich zu seiner Frau begehren, war für ihn ganz dasselbe. Sagen Sie, kann er da nach Indien? Kann er die Bedingungen erfüllen, auf welche er eingegangen ist?“

„Warum denn nicht? Wer oder was soll ihn denn hindern, auf die an ihn gestellte Bedingung einzugehen?“

„Ich natürlich, ich.“

„Wieso? Wenn Sie beide so sehr aneinander hängen, kann er Sie doch mit nach Indien nehmen.“

„Ha, ha,“ lachte sie. „Es kann mir nicht einfallen, eines Mannes wegen, und wenn ich ihn auch über die Maßen lieben Sollte, in ein wildfremdes Land zu gehen, Ich habe schon einmal die Heimat verlassen, nämlich damals, als ich nach Amerika ging; Sie selbst wissen, wie es mir da ergangen ist. Nun ich eine zweite Heimat hier gefunden habe, fällt es mir gar nicht ein, sie wieder zu opfern.“

„Aber von ihm verlangen Sie das Opfer, hier zu bleiben!“

„Es ist kein Opfer, denn er müßte in Indien ledig bleiben, hier aber kann ich seine Frau werden.“

„Würde man es denn in Indien erfahren, daß er verheiratet ist, und dies hierher melden?“

„Höchst wahrscheinlich. Wenigstens behauptete er dies.“

„Und hier? Meinen Sie, daß die Entdeckung hier nicht nur viel wahrscheinlicher, sondern beinahe ganz sicher ist?“

„Da irren Sie. Wir werden uns heimlich verbinden und dann verborgen wohnen. Mein Schloß liegt so versteckt, daß es noch nie von dem Fuße eines Weißen betreten worden ist, mich und meinen Vater natürlich ausgenommen.“

„Und der befindet sich dort?“

„Ja.“

„Da muß ihm die Einsamkeit ja schrecklich vorkommen!“

„Gar nicht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß damals eine ganze Anzahl von Indianern mit ihren Frauen und Kindern zu uns gezogen ist. Die wohnen noch dort und bilden eine kleine Kolonie, in welcher es trotz der großen Abgeschiedenheit keine Langeweile giebt.“

„Aber zum Leben gehört sehr vieles, was Sie dort nicht erhalten können.“

„Wir beziehen vieles durch die benachbarten Mogollon- und Zuni-Indianer.“

„Haben sie die so nahe?“

Die Frage war von größter Wichtigkeit für mich, und ich wartete mit großer Spannung auf die Antwort, ließ mir das aber natürlich nicht merken. Das Weib war von Jonathan Melton getäuscht worden, doch fiel es mir gar nicht ein, ihr das zu sagen. Ich betrachtete sie trotz oder auch wegen ihrer Schönheit als den Regenwurm an meiner Angel, mit welcher ich die Meltons fangen wollte.

„Ja,“ antwortete sie. „Mein Schloß liegt zwischen den Gebieten dieser Indianer, am kleinen Kolorado und zwar am ersten linken Nebenflüßchen desselben.“

„Dann muß die Lage Ihres Schlosses eine hochromantische sein, denn wenn ich mich nicht irre, so entspringt das Nebenflüßchen auf dem nördlichen Abhange der Sierra Blanca?“

„Allerdings.“

„Auf deren Südseite es Apatschen und Pimo-Indianer giebt?“

„Ja. Wir sind damals durch das Gebiet derselben gezogen.“

Sie ahnte nicht, mit welcher heimlichen Freude ich ihre Antworten hörte. Ich sprach meine Fragen mit der gleichgültigsten Miene aus, und sie war so vertrauensselig und unbefangen, sie mir ohne allen Anstand, ja ohne das geringste Zögern zu beantworten.

„Es ist eine sehr abgelegene Gegend,“ fuhr ich fort. „Ich bezweifle, daß Hunter sich ohne Sie zurechtfinden wird.“

„Das hat er auch nicht nötig; ich werde ihn führen.“

„Sie? Befindet er sich denn noch hier?“

„Das fällt ihm natürlich nicht ein. Wir haben eine Zusammenkunft verabredet. Und selbst wenn ich ihn verfehle, so hat er zwei erfahrene Westmänner dort zu erwarten, welche mein Schloß ganz sicher finden würden.“

„Kennen Sie dieselben?“ fragte ich in der Überzeugung, daß mit den Westmännern sein Vater und sein Oheim gemeint seien.

„Ich nicht.“

„Ist es da nicht unvorsichtig gewesen, sich ihnen anzuvertrauen?“

„Nein. Er hat mir versichert, daß sie die besten Freunde von ihm sind. Der eine ist der Diener, welcher hier bei ihm war.“

„Ah so! Die beiden sind mit ihm fort?“

„Nein. Jeder ist einzeln abgereist, weil die ganze Angelegenheit als Geheimnis behandelt werden muß, und weil drei Reisende weit mehr auffallen als einer. Sie treffen an unserm Rendezvous in Albuquerque zusammen.“

„Also droben in New-Mexico?“

„Ja, bei einem gewissen Plener, welcher einen großen, sogenannten Salon mit Kosthaus besitzt.“

„Da werden sie den Verhältnissen angemessen vortrefflich aufgehoben sein. Aber Sie – warum befinden Sie sich noch hier? Warum sind Sie nicht gleich mit?“

Sie machte eine komisch-wichtige Miene und antwortete:

„Ich habe noch einige Zeit als Sicherheitsposten hier sitzen zu bleiben.“

„Sicherheitsposten? Die Sache wird immer interessanter!“

„O, sie ist auch interessant, hochinteressant! Man wird nämlich nachforschen, ob Sennor Hunter, mein Verlobter, den Bedingungen etwa nicht nachkommt und, statt nach Indien zu gehen, sich hier im Lande versteckt.“

„Wirklich? Wer könnte ein Interesse haben, sich darum zu bekümmern?“

„Ein Verwandter, dem in diesem Falle die Erbschaft zufallen würde.“

„Wetter! So eine Person könnte freilich höchst störend werden. Wer ist denn der Mann?“

„Ein deutscher Prairiejäger, der sich mit einem englischen Westmanne und einem Indianer verbunden hat, die Nachforschungen anzustellen.“

„Wie heißen die drei?“

„Das weiß ich nicht; ich habe nicht nach ihren Namen gefragt.“

„Und doch sitzen Sie als Wächterin hier? Sie müssen doch die Leute kennen, auf welche Sie aufzupassen haben!“

„Ist nicht nötig. Zum Aufpassen ist ein anderer angestellt, welcher mir Nachricht geben wird. Ist dies bis jetzt und einer Woche nicht geschehen, so reise ich nach Albuquerque ab.“

„Aber Sie kennen doch wenigstens den Mann, welcher Ihnen die Nachricht bringen soll?“

„Gesehen habe ich auch ihn noch nicht. Er ist ein Handelsmann, welcher unweit von hier in einem Hinterhause wohnt. Der andere Freund Hunters hat bei ihm logiert und ihm den betreffenden Auftrag erteilt – entschuldigen Sie, Sennor, es hat geklingelt!“

Ich hatte das Klingeln auch gehört; sie stand vom Diwan auf und trat unter die Portiere, welche das Zimmer, in dem wir uns befanden, von dem vorderen trennte, durch welches ich gekommen war. Die Indianerin öffnete vorn und sagte einen Namen, den ich nicht verstand.

„Mag hereinkommen!“ sagte Judith, indem sie vorwärts ging und die Portiere hinter sich fallen ließ. Ich war allein und hörte nun folgendes Gespräch, obgleich ich derjenige war, der es am wenigsten hören sollte:

„Sind wir allein?“ fragte nach der kurzen Begrüßung eine männliche Stimme englisch.

„Redet!“ forderte sie den Sprecher auf.

„Ich habe Mrs. Silverhill mitzuteilen, daß sich die drei Personen, auf welche Ihr wartet, hier befinden. Mein Sohn hat es mir sofort gemeldet. Er ist da angestellt, wo sie vernommen worden sind.“

„Vernommen? Haben sie sich an die Behörde gewendet?“

„Allerdings.“

„Um zu erfahren, ob Mr. Hunter wirklich nach Indien gereist ist?“

Er zögerte mit der Antwort und meinte dann zweideutig-

„Von der Reise ist auch mit die Rede gewesen. Ich habe Euch nur zu sagen, daß die drei da sind; weiter erstreckt sich mein Auftrag nicht. Höchstens könnte ich Euch die Namen sagen, die Euch aber schon bekannt sein werden.“

„Ich kenne sie noch nicht.“

„Nun, der Indianer ist der Apatschenhäuptling Winnetou.“

„Winnetou?“ fragte sie im Tone des Erstaunens. „Den kenne ich freilich. Ich habe ihn früher gesehen.“

„Sodann ein Engländer, welcher Bothwell heißt – –“

„Ist mir fremd.“

„Und der deutsche Prairiejäger ist der Westmann, welcher Old Shatterhand genannt zu werden pflegt.“

„Old Shat-ter-hand!“ rief sie, nach jeder Silbe innehaltend. „Das – das – das ist ja – – kommt, kommt schnell heraus!“

Ich hörte eine Thür gehen, und es wurde still. Die Jüdin hatte den Boten in ein anderes Zimmer geführt, damit ich das Weitere nicht verstehen sollte. Meine Rolle als Old Firefoot war ausgespielt. Der Mann, mit welchem sie jetzt sprach, war jedenfalls der Händler, bei welchem Melton, der Onkel, gewohnt hatte. Als er den Namen Old Shatterhand nannte, war ihr eingefallen, daß dies der meinige sei und daß ich nicht Old Firefoot heiße. Sie hatte mich damals in der Sonora mit Winnetou beisammen gesehen und wußte nun, daß ich der Deutsche sei, dem, ihrer Meinung nach, das Erbe Hunters zufallen mußte, falls er nicht nach Indien ging. Und sie hatte mir so vertrauensvoll erzählt, daß er wirklich die Absicht hatte, hier im Lande zu bleiben! Ich war neugierig, was sie nun thun werde.

Es dauerte fast eine Viertelstunde, ehe sie wiederkam. Ihre Wangen waren bleich; in ihren Augen glänzte ein drohendes Licht; sie befand sich in großer Aufregung, gab sich aber Mühe, dies nicht merken zu lassen.

„Sennor, Sie haben den Teil des Gespräches gehört, welcher da im Nebenzimmer stattfand?“ fragte sie mich.

Ihre Stimme zitterte. Sie mußte sich sehr anstrengen, ihren Zorn zurückzuhalten.

„Ja“, antwortete ich ruhig.

„So haben Sie also gelauscht!“

„Fällt mir nicht ein. Sie waren so gütig, mit dem Manne nebenan zu sprechen, und nur ein vollständig Tauber hätte da nichts hören können.“

„Gut, ich war unvorsichtig. Aber Sie haben mich belogen! Sie nannten sich Old Firefoot!“

„Steht es mir nicht frei, mir einen Kriegsnamen zu geben, der mir gefällt und beliebt?“

„Aber Sie sind Old Shatterhand!“

„Man nennt mich allerdings auch bei diesem Namen.“

„Warum haben Sie ihn mir nicht genannt?“

„Weil ich keinen triftigen Grund dazu hatte.“

„Sie haben mich getäuscht. Wissen Sie, wie ich das nenne? Eine Dame in dieser Weise zu hintergehen, das ist –“

„Bitte, schweigen Sie!“ unterbrach ich sie schnell. „Ich dulde von Ihnen kein beleidigendes Wort. Sie sind die Braut eines Schwindlers. Was hindert mich, Sie der Polizei zu übergeben?“

„Wer oder was Sie hindert? Das werde ich Ihnen gleich zeigen. Warten Sie nur einen Augenblick. Ich habe vorher dem Boten nur ein Trinkgeld zu geben, und meine Börse liegt im Schlafzimmer. Dann sollen Sie hören, was ich Ihnen zu sagen habe!“

Sie verließ das Boudoir durch eine mir und dem Diwan gegenüberliegende Thür. Ich hörte ein leises Geräusch, als ob ein Riegel vorgeschoben werde. Schnell huschte ich nach der Thür und klinkte; sie öffnete sich nicht. Nun eilte ich leisen Schrittes durch das Boudoir zurück und hinaus in das Nebenzimmer. Auch dieses war von außen verschlossen. Da die Jüdin durch dasselbe zu mir zurückgekehrt war, mußte die Indianerin, ihre Dienerin, den Schlüssel im Schlosse umgedreht haben.

„Ah, sie hat dich gefangen, um auszureißen!“ lachte ich mir selbst zu. „Sehr gut! Sie mag gehen!“

Ich öffnete ein Fenster und sah hinaus, doch so, daß ich von unten nicht gesehen werden konnte. Kaum waren fünf Minuten vergangen, so kam sie unten aus der Thür. Sie hatte in größter Eile Toilette gemacht, und jedenfalls all ihr Geld und ihre Wertsachen zu sich gesteckt. Ihre Gestalt war in einen grauen Regenmantel gehüllt; ein einfacher Hut saß auf ihrem Kopfe. Hinter ihr kam eine Indianerin, welche eine Tasche in der Hand hatte, und dann folgte ein schwarzbärtiger Mann, der einen kleinen Koffer trug. Das war jedenfalls der Bote, mit dem sie gesprochen hatte. Die drei hoben die Köpfe, um zu den Fenstern emporzublicken; ich zog den meinigen schnell zurück. Als ich dann wieder hinaussah, waren sie schon weit fort; ich sah sie eiligen Schrittes unter den Passanten verschwinden.

Ein anderer als ich hätte vielleicht die Thüren ausgesprengt, um ihnen augenblicklich zu folgen; mir aber fiel dies nicht ein; sie, nämlich die Jüdin, war mir sicher, obwohl ich mir sagte, daß sie New-Orleans augenblicklich verlassen werde.

Ich probierte zunächst noch einmal die Thüren; sie waren wirklich verschlossen. Dann sah ich mich genauer, als es bis jetzt geschehen war, in den beiden Zimmern um, die für mich offen waren. Auf einem kleinen Tischchen im Boudoir lag ein Photographiealbum. Ich öffnete es und schlug die einzelnen Bilder um. Wahrhaftig, da steckte Jonathan Meltons Lichtbild im Visitenformat. Und dabei lag ein zusammengefalteter Zettel. Ich war keineswegs so diskret, ihn liegen zu lassen, sondern ich las ihn. Da stand in kalligraphisch schönen Buchstaben geschrieben:

„Ich erkläre hiermit durch die Unterschrift meines Namens, daß ich Mrs. Silverhill die Ehe versprochen habe. Small Hunter.“

Wer die in Beziehung auf Eheversprechungen so strengen Gesetze der Vereinigten Staaten kennt, der weiß, was zwei oder drei solche Zeilen zu bedeuten haben. Ja, der sonst so kalt und gefühllos berechnende Mann befand sich vollständig in ihren Fesseln, und ich war überzeugt, daß ich ihn, wenn nicht in Albuquerque, so doch in ihrem „Schlosse“ treffen würde.

Ich durchsuchte die beiden Zimmer weiter, fand aber nichts, was mir dienlich sein konnte. Die Photographie und den Zettel steckte ich zu mir und untersuchte dann die Schlösser der beiden Thüren. Man brauchte kein Einbrecher zu sein, um das eine öffnen zu können. Nachdem ich einen kleinen Stift aus dem Drücker gezogen hatte, konnte ich den letzteren entfernen. Ich hatte in dem Necessaire ein kleines Messer gesehen, dessen Spitze ich abbrach, worauf es mir als Schraubenzieher diente, mit dessen Hilfe ich die vier kleinen Schrauben entfernte, welche das Schloß festhielten; dann konnte ich dieses abnehmen; die Thür war offen, und ich trat in den Korridor, mit dessen Thür ich ganz ebenso verfahren konnte.

Nun ging ich hinab ins Parterre zu der Witwe und teilte derselben soviel mit, wie ich für nötig hielt. Sie war zunächst ganz betroffen über die fluchtmäßige Entfernung der Jüdin, setzte aber meiner Verabschiedung keine Schwierigkeiten in den Weg. Ich ging, aber nicht etwa schon zu Emery und Winnetou, sondern die Straße abwärts nach dem Hinterhause, welches der Advokat mir als die Wohnung seines „Bureauvorstandes“ bezeichnet hatte. Der Wirt sollte mich bei seiner Rückkehr von seinem mehr als zweideutigen Ausgange in seiner Stube finden. Ich war der Jüdin nicht gefolgt, weil ich sicher gewesen war, von ihm mehr zu erfahren, als was ich hätte sehen und beobachten können.

Eine Inschrift über den Fenstern des Parterres verriet mir, daß er Jeffers hieß und alte Goldsachen und Uhren zu verkaufen hatte. Die Thür war von innen verriegelt; auf mein Klopfen öffnete eine Frau.

„Mr. Jeffers daheim?“

„Nein. Was wollt Ihr?“

„Ein Armband oder so etwas als Geschenk für eine Dame.“

„Wie hoch vielleicht im Preise?“

„Ich gehe bis zehn oder fünfzehn Dollars.“

„Kommt herein, Sir; mein Mann muß gleich wiederkommen.“

Hätte ich eine niedrigere Summe genannt, so wäre ich von ihr fortgeschickt worden, um später wieder vorzusprechen. Ich trat in einen kleinen Vorsaal, in welchem es zwei Thüren gab; die eine führte in einige Hinterstuben, wo ich bedient werden Sollte; die andere ging jedenfalls in die vordern Zimmer, welche Harry Melton bewohnt hatte.

Die Frau war sauber gekleidet und machte den Eindruck von Willenlosigkeit und Niedergeschlagenheit. Ich mußte wohl drei Viertelstunden warten, ehe ihr Mann nach Hause kam. Sie öffnete ihm und sagte ihm draußen, was ich kaufen wollte. Er kam in die Stube und führte mich in einen kleinen Nebenraum, in welchem sich seine Kostbarkeiten befanden.

„Also ein Armband wollt Ihr, Sir,“ meinte er. „Ich möchte Euch hier die Granaten empfehlen; es giebt auch eine Broche dazu. Sie stehen wunderbar, besonders zu blond.“

„Mrs. Silverhill ist leider nicht blond,“ bemerkte ich.

Er ließ die Hand, mit der er mir das Armband entgegenhielt, sinken und fragte rasch.

„Mrs. Silverhill? Kennt Ihr eine Dame dieses Namens?“

„Natürlich! Das Geschenk. soll ja für sie sein! Wundert Ihr Euch darüber?“

„Nein, gar nicht! Wo wohnt Mrs. Silverhill, Sir?“

„Auf dieser Straße, nur einige Häuser weiter aufwärts.“

„Ihr scheint mit ihr befreundet zu sein?“

„Alte Bekanntschaft, weiter nichts.“

Well, geht mich nichts an; aber unsereiner interessiert sich natürlich für die Personen, welche die Sachen, die man verkauft, bekommen, und da ich zufällig erfahren habe, daß Mrs. Silverhill sehr reich sein soll, so möchte ich Euch raten, das Beste auszusuchen, was ich habe.“

„Sehr richtig. Ich hätte eigentlich zu einem der großen Juweliers gehen sollen, bin aber doch zu Euch gekommen, weil ich mein Geschenk nur mit Eurer Hilfe anbringen kann.“

„Wieso?“

„Die Dame ist verreist und nur Ihr wißt, wohin.“

„Ich?“ fragte er, indem sein Gesicht den Ausdruck ängstlicher Spannung annahm. „Was habe ich mit Mrs. Silverhill zu thun?“

„Das fragt die Polizei auch!“

„Die Po – –?!“

Er wollte das Wort aussprechen; es blieb ihm aber im Munde stecken.

„Ja, die Polizei!“ nickte ich bedeutungsvoll und ernst.

„Was soll das heißen? Was weiß ich von Eurer Mrs. Silverhill!“

„Wo sie hin ist, das wißt Ihr! Ihr habt ihr ja bei ihrer plötzlichen Abreise den Koffer getragen! Ihr wart bei ihr und habt ihr verraten, daß Old Shatterhand, Winnetou und Mr. Bothwell hier angekommen sind.“

„Alle Wetter, Sir! Diese – diese – diese Namen –“ stotterte er.

„Hat Euch Euer Sohn genannt, der darüber seine Anstellung verlieren wird. Natürlich wird ihm und Euch außerdem der Prozeß gemacht. Weshalb, das wißt Ihr wohl!“

„Ich – ich – weiß von nichts!“

„Wirklich? Kennt Ihr den Namen Small Hunter nicht?“

„Small – –?!“

„Und hat nicht der Schreiber Hudson bei Euch gewohnt? Wart Ihr nicht beauftragt, Mrs. Silverhill zu benachrichtigen? Ich sage Euch, das wird Euch und Eurem Sohne stark an den Kragen gehen, denn dieser weiß genau, wessen der sogenannte Small Hunter angeklagt wird.“

„Das ist eine armselige Geschichte! Hätte ich mich doch nicht damit abgegeben!“

Er warf sich bei diesen Worten auf einen Stuhl und schlug sich mit der Hand vor die Stirn.

„Armselig genug wird’s für Euch; das ist sehr richtig,“ stimmte ich bei. „Was sagt Ihr dazu, daß ich Euch gleich mit mir nehme, Master?“

Da fuhr er augenblicklich wieder auf und fragte, mir voller Angst in das Gesicht starrend:

„Ist es denn wirklich so – so schlimm, so gefährlich, Sir? Ich habe doch bis jetzt an den echten Small Hunter geglaubt, habe erst vor zwei Stunden von meinem Sohne erfahren, daß er ein Betrüger sein soll! Und daß er das ist, glaube ich auch jetzt noch nicht!“

Ich sah es ihm an, daß er damit die Wahrheit sagte. Er schien ein Mann zu sein, der es, wenn es sich um seinen Vorteil handelte, im Geschäfte nicht allzu genau mit der Ehrlichkeit nahm; aber wie ein gewerbsmäßiger, hartgesottener Verbrecher sah er nicht aus.

„Er ist nicht nur ein Betrüger, sondern etwas noch viel Schlimmeres,“ versicherte ich dem Händler. „Sobald er erwischt wird, geht es ihm an Kopf und Leben, und denen, die mit ihm in Verbindung standen, wird es nicht viel besser ergehen.“

Ich gab ihm die nötigen Aufklärungen, worauf er sagte: „Ich will Euch alles gestehen. Sir, Ihr seid ein Detektive und müßt Eure Pflicht thun; aber vielleicht ist es Euch doch möglich, mich und meinen Sohn aus dem Spiele zu lassen. Sucht Euch dafür meine beste Uhr aus oder den teuersten Schmuck, den ich hier habe!“

Also er hielt mich für einen Polizisten! Das war mir eben recht. Er hatte mich vorhin bei der Jüdin nicht gesehen. Ich dachte also scheinbar eine kleine Weile nach und sagte dann.

„Was Ihr mir da anbietet, würde Bestechung sein. Damit bleibt mir vom Leibe. Ich will nichts gehört haben, denn, wenn ich auch das noch anzeigte, würde man noch viel weniger an Eure Unschuld glauben. Es widerstrebt mir freilich, anzunehmen, daß Ihr mit solchen Schurken gemeinsame Sache gemacht habt, und so – –“

„Sir,“ fiel er mir in die Rede, „das habe ich auch nicht. Ich schwöre es Euch zu!“

„Aber mit dem Schreiber seid Ihr vertraut gewesen!“

„Nein. Ich verkehrte mit ihm, wie ein Wirt mit einem Mieter verkehrt.“

„Aber seine Botschaft habt Ihr doch an die Silverhill ausgerichtet!“

„Im guten Glauben. Er ist nach St. Louis gefahren und will wiederkommen. Ehe er abreiste, bat er mich, durch meinen Sohn zu erfahren, ob vielleicht drei Männer kommen würden, um Small Hunter zu verdächtigen. Würde der Fall eintreten, so sollte ich es sofort der Dame melden.“

„Ihr seid dafür bezahlt worden?“

„Er hat mir allerdings einige Dollars gegeben.“

„Hm! Das spricht wieder nicht für Euch!“

„Sir, ich bin arm und muß, um auszukommen, jeden Dollar mitnehmen. Ist es denn gar nicht möglich, mich aus dem Spiele zu lassen?“

„Schwerlich! Ja, wenn weiter niemand davon erführe!“

„Ich sage kein Wort, Sir, kein Wort! Lieber laß ich mich zerreißen, als daß ich gegen jemand den Mund öffne!“

„Würdet Ihr auch gegen meine Kollegen schweigen? Ich könnte Euch nur unter der Voraussetzung schonen, daß Ihr gegen andre schweigt, gegen mich aber aufrichtig seid.“

„Beides soll geschehen, beides, Sir!“

„Gut, wollen einmal sehen. Also, wo befindet sich der sogenannte Hudson, welcher bei Euch gewohnt hat?“

„Ich weiß nicht anders, als daß er mit Small Hunters Diener hinauf nach St. Louis ist.“

„Ihr habt den Diener gesehen?“

„Ja; er war einigemale da. Sie sehen einander ähnlich.“

„Weil sie Brüder sind. Und wo ist der falsche Hunter hin?“

„Ich habe bis heute gedacht, daß er nach Indien ist, aber vorhin, als ich bei Mrs. Silverhill war, ließ sie ein Wort fallen, auf welches sie wahrscheinlich nicht achtete und aus dem ich nun jetzt schließen möchte, daß er nicht nach Indien ist.“

„Was war das für ein Wort?“

„Sie sagte, Mr. Hunter hätte dafür gesorgt, daß sie schnell zu ihm kommen könne. Schnell? Das sagt man doch nicht von Indien!“

„Allerdings. Wie kam sie denn eigentlich dazu, so ein unvorsichtiges Wort zu sagen?“

„Das begreife ich auch nicht. Ich ging zu ihr, um mein Versprechen zu erfüllen. Sie empfing mich in einem Zimmer, wo ich ihr die Botschaft ausrichtete. Sie wußte, um was es sich handelte, schien aber die Namen nicht zu kennen, denn als ich dieselben nannte, erschrak sie außerordentlich, zog mich schnell hinaus in den Vorsaal und setzte dort das Gespräch weiter fort. Dann fragte sie mich, ob ich Zeit hätte, gegen Belohnung einen Gang mit ihr zu thun. Ich sagte ja und mußte dann hinaus auf die Treppe, um auf sie zu warten. Sie kam mit ihrer Dienerin; ich mußte einen Koffer tragen. Sie sagte, Old Shatterhand sei in ihrer Wohnung, und sie müsse augenblicklich zu Mr. Hunter, welcher dafür gesorgt habe, daß sie schnell zu ihm kommen könne. So kam sie auf das Wort.“

„Wo seid ihr dann mit ihr hingegangen?“

„Nach dem Great-Union-Hotel; das heißt, ich allein. Sie wartete mit ihrer Dienerin in der Nähe. Ich mußte im Hotel Eisenbahnbillets kaufen.“

„Welche Billets habt Ihr gekauft?“

„Das war eine komplizierte Sache. Sie wollte hinüber nach Gainesville, aber auch mit dem allernächsten Zuge, mit dem das möglich war, denn sie scheute sich, auch nur eine Stunde in Orleans zu bleiben. Da auf der kürzeren Strecke kein Zug ging, habe ich ihr Billets nach Jackson, Vicksburg, Monroe und Marschall genommen, von da nach Dallas und über Denton nach Gainesville.“

„Das ist allerdings ein bedeutender Umweg. Sie hätte viel später abfahren können und wäre auf der Strecke jenseits des Flusses dennoch eher in Gainesville angekommen.“

„Die Angst vor Old Shatterhand trieb sie fort!“

„Und die Angst hat sie auch gegen Euch geschwätzig gemacht. Habt Ihr sonst noch etwas erfahren können?“

„Nein, Sir. Ich habe Euch alles gesagt, was ich weiß. Darf ich nun auch hoffen, daß Ihr Nachsicht mit mir habt?“

„Hm, ich möchte wohl! Ihr werdet also keinem Menschen ein Wort von dem mitteilen, was Ihr mir erzählt habt?“

„Nicht eine Silbe!“

„Diese Bedingung stelle ich, denn wenn Ihr gegen andre schwatzt, ist es mir unmöglich, über Euch zu schweigen. Ich werde zunächst weiter forschen. Finde ich, daß Ihr ehrlich gewesen seid, so werde ich Euch nicht in den Mund nehmen; habt Ihr mich aber getäuscht, und selbst wenn es mit einer Kleinigkeit wäre, so könnt Ihr Euch darauf gefaßt machen, auf eine ganze Reihe von Jahren mit Eurem Sohne eingesperrt zu werden!“

„Wenn das ist, Sir, so brauche ich keine Angst zu haben.“

Well! So lebt wohl! Am besten ist’s für Euch, ich sehe Euch nicht wieder. Das Armband kaufe ich natürlich nicht; das war nur ein Vorwand, wie Ihr Euch denken könnt.“

„Natürlich!“ meinte er, indem er erleichtert aufatmete. „Aber, Sir, könntet Ihr mir nicht sagen, woher Ihr wißt, was zwischen mir und Mrs. Silverhill geschehen ist? Von dem Augenblicke an, an welchem ich zu ihr kam, bis zur Sekunde ihrer Abreise hat sie mit keinem Menschen, als nur mit mir gesprochen, ihre Indianerin ausgenommen, und doch wart Ihr so gut unterrichtet!“

„Das ist mein Geheimnis, Mister Jeffers. Die Polizei muß eben, wenn sie etwas taugen will, zuweilen ein wenig allwissend sein.“

„Und dann, könntet Ihr nicht einmal nach Mrs. Silverhills Wohnung gehen? Sie sagte doch, daß Old Shatterhand sie dort überrascht habe. Darum floh sie schnell. Sie hat zugeschlossen. Ich schätze, daß der Mann nun eingesperrt ist und nicht heraus kann.“

„Macht Euch keine Sorge um den! Ein Prairiemann läßt sich nicht so leicht einsperren. Und wenn es ja einmal geschieht, so weiß er ganz genau, wie er es anzufangen hat, wieder an die schöne Atmosphäre zu kommen.“

Ich ging, sehr befriedigt von den Erfolgen meiner Nachforschungen. Wir hatten geglaubt, längere Zeit in New Orleans bleiben zu müssen, und nun stellte es sich heraus, daß wir gezwungen waren, der Stadt sofort den Rücken zu kehren.

Es ist bekannt, daß man in den Vereinigten Staaten in jedem größeren Hotel Eisenbahnbillets nach allen Richtungen bekommen kann. Als ich jetzt in das unserige zurückkehrte, war es mein erstes, nach den Abfahrtszeiten zu sehen. Wir mußten natürlich auch nach Gainesville und hatten noch volle zwei Stunden Zeit bis zur Abfahrt des betreffenden Zuges. Das war Zeit genug, mich mit meinen beiden Gefährten vorher zu verständigen.

Diese freuten sich ebenso wie ich mich darüber, daß ich die Spur der Gesuchten entdeckt hatte, und weder Winnetou noch Emery zweifelten daran, daß es die richtige Fährte sei. Wäre ich allein gewesen, so hätte ich derselben nicht so schnell folgen können, denn zu einer Fahrt nach Gainesville gehörte mehr Geld, als ich dazu hätte aufwenden können; dem Millionär Emery aber war das eine Kleinigkeit, und der Apatsche brauchte nur in seinen Gürtel zu greifen, um einige Nuggets gegen gutes Geld umzuwechseln; ich, der Proletarier, wurde von beiden so mit durchgeschleppt. – – –

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Am Weißen Felsen

Am weißen Felsen

Es fiel uns natürlich nicht ein, von der Jüdin Abschied zu nehmen. Wir ließen uns von den Yumas das Pferd Meltons zeigen; es wurde gesattelt, und wir banden ihn darauf. Unsere Pferde bekamen wir wieder. Wir kauften einen Vorrat getrockneten Fleisches; dann ritten wir fort, nachdem ich den Indianern gesagt hatte, daß wir unsere Lassos holen würden und sie sich nicht an denselben vergreifen sollten. Sie ließen uns fortreiten, ohne uns irgend ein Hindernis in den Weg zu legen; doch sah man es ihnen an, daß sie sich darüber ärgerten, daß sie von uns gezwungen worden waren, Frieden zu halten. Wäre die Möglichkeit vorhanden gewesen, wieder mit ihnen zusammenzutreffen, so konnten wir sicher sein, daß sie sich nicht friedlich oder freundlich zu uns verhalten würden.

Eigentlich hätten wir nun den Cañon des Flujo blanco emporreiten müssen; wir mußten aber zu der Indianerfrau, um unser Versprechen zu erfüllen, und außerdem wollten wir doch auch unsere Lassos holen. Darum ritten wir den Fluß abwärts und schwenkten dann nach Ost, in welcher Richtung das Haus lag. Wir erreichten es nach zwei Stunden. Die Frau stand vor der Thür; sie hatte uns kommen sehen.

„Hatte meine rote Schwester heute in der Nacht Besuch?“ fragte ich sie.

„Ja,“ antwortete sie. „Das junge Bleichgesicht, welches ihr fangen wollt, war da, um mein Pferd zu holen.“

„Du hast es ihm gegeben?“

„Nein, er hat es sich selbst genommen. Ich wollte ihn daran hindern; da drohte er mir mit dem Tode.“

„Reiter er ungesattelt?“

„Nein, er hat mir auch das Lederzeug genommen.“

„Erhieltest du nicht einen Auftrag von ihm?“

„Ja. Ich soll der weißen Squaw sagen, daß er glücklich fortgekommen sei und daß sie ihm recht bald folgen soll. Dann ritt er fort nach Süden; ich habe ihm heimlich nachgeblickt und nachgehorcht.“

„Wir wissen, wohin er ist. Wir sind mit dir zufrieden und werden dir geben, was wir dir versprochen haben.“

Jeder von uns gab ihr etwas, und das war zusammen soviel, daß sie bei den Ihrigen, zu denen sie zurückkehren wollte, für wohlhabend gelten konnte. Dann ritten wir gegen Süden fort, um zu unsern Lassos zu kommen.

Als wir den Rand des Thalkessels erreichten, über welchen die Lassos in die Tiefe hinabhingen, standen die Yumas unten und sahen herauf. Sie hatten uns erwartet. Auf der obersten Plattform stand die Jüdin. Man hatte sie also nach unserm Fortgange frei gemacht. Die Rache, welche sie gegen uns empfand, hatte ihr einen schrecklichen Gedanken eingegeben. Sie hatte nämlich den Teil des Lassos, den sie erreichen konnte, abgeschnitten und hielt ihn uns unter triumphierenden Rufen entgegen, eine schreckliche Rache! Ich lachte. Emery legte die Flinte über den Rand des Abgrundes, und richtete den Lauf auf sie. Da rannte sie, vor Angst schreiend, davon und verschwand im Loche, welches den Zugang zum obersten Stockwerk bildete.

Wir zogen die Lassos empor, hatten aber nun nur noch zwei und einen halben, worüber wir freilich nicht in Verzweiflung gerieten. Darauf wurde der Weg fortgesetzt, oder vielmehr die Verfolgung jonathan Meltons eigentlich erst begonnen.

Seit wir das Pueblo verlassen hatten, waren vier Stunden verflossen. Es war also anzunehmen, daß er einen Vorsprung von wenigstens acht Stunden vor uns hatte. Darum fragte ich den Apatschen:

„Wie weit ist es bis zu dem weißen Felsen?“

„Da wir gute Pferde haben, werden wir, wenn nichts dazwischen kommt, dreißig Stunden reiten müssen.“

„So rechne ich mehr als dreißig, denn das Pferd Meltons kann mit den unsrigen nicht fort. Täglich zwölf Stunden; also werden wir übermorgen ankommen. Meint Winnetou, daß der starke Wind uns freundlich empfangen wird?“

„Die Mogollons sind nicht gut auf die Apatschen zu sprechen; aber ich habe ihnen nie ein Leid gethan. Warum sollte er uns also feindlich empfangen?“

„Melton wird ihn gegen uns aufhetzen!“

„Ja, wenn er eher dort ankommt, als wir!“

„Das wird er. Er bietet sicher alles auf, um so schnell wie möglich hinzukommen.“

„Warum soll er sich so beeilen? Er wird überzeugt sein, daß Judith uns auf keinen Fall etwas gesagt hat.“

„Er kann aber auch eine Absicht haben, welche uns gefährlich zu werden vermag. Vielleicht nimmt er an, daß wir längere Zeit am Pueblo bleiben, und veranlaßt die MogolIons, mit ihm dorthin zu kommen, um uns anzugreifen.“

„Das ist allerdings möglich. In diesem Falle werden wir auf sie treffen und können sicher sein, daß sie uns als ihre Feinde betrachten werden.“

Die Unterhaltung wurde selbstverständlich so geführt, daß der alte Melton nichts von ihr hören konnte. Er würdigte uns keines Blickes. Es waren jedenfalls sehr düstere Gedanken, welche sein Gesicht so sehr verfinsterten. Von Zeit zu Zeit stieß er einen tiefen Seufzer aus oder ließ ein zorniges Stöhnen vernehmen. Der zerschlagene Teil seines Körpers, mit welchem er auf dem Pferde saß, mußte ihn außerordentlich schmerzen.

Jonathan Melton einzuholen, davon ‚ konnte keine Rede sein; das sahen wir bald ein. Vogels und Meltons Pferde waren keine Komantschenrosse, und der letztere gab sich außerdem alle Mühe, unsern Ritt zu verlangsamen. Er wäre geradezu ein Idiot gewesen, wenn er nicht erraten hätte, daß wir hinter seinem Sohne her waren; darum that er alles, was in seiner Lage möglich war, unsere Schnelligkeit zu beeinträchtigen.

Winnetou kannte die Gegend und war, wie so oft, ein höchst zuverlässiger Führer. Wir hatten die Fährte Jonathans vor uns. Er war noch nie hier gewesen und folgte also nur den Weisungen der Jüdin, traf aber die Richtung so genau, als ob er den Weg schon vielemal zurückgelegt hätte.

Der Weg führte immer bergan, bis wir gegen Abend die Hochebene erreichten, welche sich zwischen der Sierra Blanca und den Mogollonbergen ausdehnt. Da, wo wir uns befanden, war das Hochplateau unbewaldet. Es gab ein dünnes, niedriges Gras, welches an die Puna der peruanischen Alpen erinnerte. Ebenso erinnerte der Wind daran, der scharf und kalt aus Westen wehte und uns bald durchfröstelte. Man war einen so sehr frischen Luftzug gar nicht mehr gewöhnt.

Wäre ich mit Winnetou und Emery allein gewesen, so hätten wir gewiß nicht angehalten, sondern wären die ganze Nacht hindurchgeritten, um noch vor Melton das Ziel zu erreichen. Aber Vogel war kein ausdauernder Reiter, und der alte Melton drohte jeden Augenblick vom Pferde zu fallen. Halb mochte das Verstellung sein, halb war es aber auch die Folge der Schmerzen, welche er auszustehen hatte.

„Halten wir noch vor nachts an?“ fragte Emery.

„Nicht gern,“ antwortete Winnetou.

„Aber bis früh können wir unmöglich reiten. Da ist es doch besser, wir suchen uns jetzt einen zum Lagern geeigneten Ort, als wenn wir in der Dunkelheit da anhalten müssen, wo wir uns gerade befinden.“

„Mein Bruder hat recht. Ich kenne einen solchen Ort.“

„Er müßte uns aber auch Schutz vor dem Winde geben, der einem beinahe bis auf die Knochen geht!“

„Es ist eine Felswand, die den Wind von uns abhalten wird. In einer Viertelstunde sind wir dort.“

In der angegebenen Zeit sahen wir eine Erhöhung, einen kleinen Berg, aus der Hochebene aufsteigen, welcher sich nach Westen nur allmählich niedersenkte, im Osten aber sehr steil abfiel und da eine Art Coulisse bildete, in welche der kalte Wind nicht zu dringen vermochte. Da gab es auch mehrere Bäume und viel Gesträuch, also Holzmaterial zu einem Feuer, welches wir bei der Kälte recht wohl gebrauchen konnten.

Wir stiegen ab und banden den alten Melton los. Er war so steif, daß er nicht stehen und nicht gehen konnte. Wir mußten ihn nach der Einbuchtung der Bergwand, welche ich Coulisse genannt habe, tragen und ihn dort niederlegen. Vielleicht war auch das Verstellung. Jedenfalls galt es, ein wachsames Auge auf ihn zu haben.

Nachdem wir die Pferde angehobbelt hatten, suchten wir trockenes Holz zusammen und brannten ein Feuer an, dem wir uns so nahe wie möglich legten. Dann wurde gegessen. Melton bekam auch seine Portion Fleisch, die ich klein schnitt und ihm stückweise in den Mund steckte; ich wollte ihm die Hände selbst zum Essen nicht gern freigeben.

„Wachen wir?“ erkundigte sich Emery.

„Vielleicht wird es nicht nötig sein,“ antwortete Winnetou. „Es giebt keine Feinde hier.“

„Gut, so schlafen wir alle. Wir können es brauchen.“

„Und doch ist es wohl besser, wenn wir wachen,“ entgegnete ich. „Erstens müssen wir auf Melton achthaben, und zweitens traue ich seinem Sohne nicht. Er ist zwar kein Prairiemann, aber auch kein Dummkopf. Alle andern Ideen und Vermutungen in Ehren, aber er kann doch auch denken, daß wir erfahren haben, wohin er ist; er hat ähnliches schon an uns erlebt. In diesem Falle weiß er, daß wir ihm folgen. Wie nun, wenn er auf den Gedanken kommt, auf uns zu warten?“

„Hm!“ brummte Emery. „So erfahren ist er wohl nicht!“

„Nicht erfahren, sondern klug.“

„Und nicht nur klug, sondern auch kühn würde das sein!“

„Er ist nicht feig, und daß er kühn werden kann, wo es sich um so viel handelt, das läßt sich doch wohl denken. Wenn ihr schlafen wollt, gut; aber dann wache ich die ganze Nacht.“

„Unsinn! Wenn du so besorgt bist, so wechseln wir natürlich ab.“

Es wurde gelost. Die erste Wache traf Winnetou, die zweite Emery, dann kam ich und hinter mir Vogel, jeder anderthalbe Stunde lang. Das gab sechs Stunden; dann wollten wir aufbrechen. Jetzt war es ungefähr neun Uhr abends.

Nach den Ereignissen der letzten Zeit und dem öfteren Wachen während der Nächte schlief ich so fest, daß Emery, als meine Zeit gekommen war, mich zweimal stoßen mußte, ehe ich aufwachte. Er legte sich nieder, und ich warf neues Holz ins Feuer, um die Schläfer zu erwärmen. Es war still rings umher; zu beiden Seiten unserer Schutzwand aber strich der Wind zuweilen pfeifend vorüber. Um mich wach zu halten, stand ich hin und wieder auf und spazierte eine Weile hin und her. So verging meine Wache und ich hatte Vogel zu wecken. Er that mir leid. Er war die Anstrengungen nicht gewöhnt; der Schlaf that ihm so wohl, und so ließ ich ihn liegen, um seine Wache für ihn zu thun.

Jetzt ging das gesammelte Holz auf die Neige; darum entfernte ich mich, um neues Ast- und Zweigwerk zu suchen. Da wir die nähere Umgebung des Lagerplatzes schon abgesucht hatten, mußte ich weitergehen und wegen der Dunkelheit war ich auf den Tastsinn angewiesen. So suchte ich, mit den Fingern hierhin und dorthin greifend, zwischen den Sträuchern herum und entfernte mich immer weiter vom Feuer. Dabei war es natürlich nicht möglich, jedes Geräusch zu vermeiden; die Äste und Zweige, die ich fand, knickten und knackten und – – was war denn das für ein Ton, den ich jetzt hörte? Das war kein Knacken eines Astes; das klang ganz anders; war – – hm! Hatte ein Windstoß gepfiffen, geheult? Oder war es das Wiehern eines Pferdes gewesen?

Ich lauschte. Das Geräusch oder vielmehr der Ton wiederholte sich nicht; aber ich war aufmerksam geworden; ich hatte Verdacht geschöpft. Wenn ich mich nicht irrte, war das Pfeifen oder Wiehern da von rechts hergekommen. Ich legte das Reisigholz weg, mich selbst auf den Bauch und kroch in der angedeuteten Richtung vorwärts.

Da ich zwischen Büschen hindurch mußte, war die Sache außerordentlich schwierig. Wenn es sich um Feinde handelte, die zwischen den Sträuchern steckten, so waren sie bei der herrschenden Dunkelheit nur dann aufzufinden, wenn ich das Terrain in einem breiten Zickzack durchkroch, sodaß ich an jedem Busche wenigstens einmal vorüberkommen mußte. Dann dauerte es aber sicher stundenlang, ehe ich nur zur Hälfte fertig wurde. Da ich aber nicht anders verfahren konnte, so kroch ich in der angegebenen Weise weiter, erst rechts hin, bis ich am Felsen war, und dann wieder nach links, bis an das Ende des Gesträuches. So kam ich zwar langsam, aber doch immer vorwärts, bis – Ah, da erklang derselbe Ton, und nun hörte ich deutlich, daß es das Wiehern eines Pferdes war. Ich wußte nun auch die Stelle, an welcher ungefähr sich das Tier befinden mußte. Das war nicht draußen im Freien, sondern auch nahe an dem steilen Bergabhange, wohin der Wind nicht treffen konnte. Der Besitzer des Pferdes hatte ebenso wie wir vor demselben Schutz gesucht.

Wer aber konnte der Mann sein? War er schon vor uns dagewesen, so hatte er uns kommen sehen müssen. Warum war er da, falls er nichts Böses im Schilde führte, nicht zu uns gekommen‘ oder, falls er uns zu fürchten hatte, nicht davongeritten? Warum war er geblieben? Oder er war später als wir gekommen. Da hatte er unser Feuer sehen müssen. Jedenfalls hatte er sich da an uns geschlichen, um zu sehen, wer wir waren. Daß er trotzdem in der Nähe geblieben war, ließ darauf schließen, daß – ja, worauf ließ das denn nun schließen? Es konnte sowohl auf friedliche, als auch auf feindliche Absichten deuten. Oder gar, wenn es sich nicht um einen einzelnen Menschen, sondern um mehrere handelte! Dann befanden wir uns freilich in Gefahr! Ich mußte unbedingt wissen, woran ich war, kroch wieder bis zur Bergwand hin und dann dieselbe entlang. Wenn mich der Schall nicht getäuscht hatte, konnte ich jetzt höchstens fünfzig Schritte von dem Pferde, welches gewiehert hatte, entfernt sein.

Ich schob mich auf den Händen und Knieen vorsichtig weiter, bis ich diese Entfernung ungefähr zurückgelegt hatte. Und richtig! Da, links von mir, stand ein Pferd, aber nicht eines allein; es waren zwei, drei, fünf und noch mehr. Sie waren angebunden. Die Reiter mußten in der Nähe sein. Ich kroch also weiter, zwischen der Felswand und den Pferden hin. Da sah ich zwischen zwei Sträuchern in dem hier hohen Grase gerade vor mir einen langen, dicken Gegenstand, ein rundes Bündel liegen. Was war das?

Es war ein Wagnis, dennoch kroch ich ganz hinan, bis ich es mit der Hand erreichen konnte. Ich berührte dieses Bündel mit den Fingerspitzen und tastete ganz leise an demselben hin. Es war ein Mensch, der sich in mehrere Decken gewickelt hatte. Wo aber befanden sich die andern? Denn da es so viele Pferde hier gab, mußten auch mehrere Reiter vorhanden sein.

Weil ich zwischen der Felswand und dem schlafenden Bündel nicht hindurch konnte, mußte ich einen Bogen machen und kam an eine kleine Lichtung, auf welcher die saßen, weiche ich suchte. Ich hörte, daß sie sich halblaut unterhielten. Es war notwendig, etwas von dem, was sie sprachen, zu verstehen. Wenn mir das gelang, wußte ich, wen ich vor mir hatte. Ich wagte also, mich noch weiter zu nähern, und kam hinter einem Steinbrocken zu liegen, vor welchem zwei von ihnen saßen. Gleich daneben stand ein Busch. ich hatte also soviel Schutz, daß ich nicht befürchtete, bemerkt zu werden. Ich schob meinen Kopf zwischen Busch und Stein hinein und lauschte.

Ah, das war ja Yuma-Sprache! Sollten die Bewohner des Pueblo uns verfolgt haben? Welche Idee! Und doch lag das nicht außer dem Bereiche der Möglichkeit. Da sagte einer:

„Wir hätten nicht warten Sollen, sondern gleich über sie herfallen müssen!“

Obgleich er nicht laut sprach, erkannte ich doch die Stimme des Indianers, in dessen Hause wir vorgestern abend überfallen worden waren. Meine Vermutung war also richtig. Ich hatte die Puebloindianer vor mir.

„Das wäre falsch gewesen,“ antwortete sein Nachbar. „Unsere Kugeln konnten den gefangenen Melton treffen, gerade den, den wir befreien wollen.“

„Nein, den hätten wir nicht treffen können, denn es brannte das Feuer. Da sieht man doch, wohin man schießt.“

„Aber die Wache, bedenke die Wache! Wenn es nicht Old Shatterhand gewesen wäre! Ihn und Winnetou haben wir zu fürchten, den dritten weniger und das junge Bleichgesicht, welches bei uns gefangen war, gar nicht. Old Shatterhand hätte uns gewiß kommen hören!“

„Er hat dich doch auch nicht gehört, obgleich du so nahe am Feuer warst!“

„Da wachte er noch nicht; er wurde erst geweckt, gerade als ich kam. Er saß eine kleine Weile; dann stand er auf und kam auf mich zu. Ich mußte schnell fliehen, sonst hätte er mich gesehen. Glücklicherweise hat er mich nicht gehört. Aber wenn mehrere kämen, die würde er ganz gewiß hören. Wir müssen warten, bis der nächste wacht.“

Da fiel ein dritter ein:

„Wir thun, was die weiße Squaw gesagt hat: Wir warten mit dem Angriffe, bis der Tag graut. Da sehen wir, wohin wir schießen. Es sind nur vier Personen, denen wir unsere Kugeln zu geben haben; wenn wir sie sehen können, sind wir in einem Augenblicke mit ihnen fertig. Greifen wir aber jetzt an, so trügt die Dunkelheit und das Flackern des Feuers; wir treffen nicht sicher, und wenn wir sie nicht töten, sondern nur verwunden, so sind wir ihnen wohl gar umsonst nachgeritten.“

„Ihr fürchtet euch viel zu sehr vor ihnen!“ meinte unser verräterischer Wirt.

„Es ist nicht Furcht, sondern Vorsicht. Denke an die Silberbüchse des Apatschen, und dann gar an Old Shatterhands Gewehre, die wir schon damals zu unserm Schaden kennen gelernt haben. Nein, wir greifen erst beim Morgengrauen an. Die weiße Squaw will die Feinde stürzen sehen; sie wünscht das so, und den Gefallen können wir ihr thun, denn sie ist die Squaw unsers Häuptlings gewesen.“

„Da hast du recht!“ hörte ich da die Stimme der weißen Squaw. Sie hatte sich aus ihren Decken geschält, war aufgestanden und herangetreten. „Ich will dabei sein; ich will es sehen, wenn die Hunde, die Schurken von euern Kugeln getroffen werden. Deshalb habe ich im Pueblo alles liegen lassen und bin so schnell mit euch geritten, um sie einzuholen. Ihr werdet großen Lohn bekommen, wenn ihr mir gehorcht. Wenn wir den Vater meines Mannes befreit und seine Widersacher getötet haben, gehören euch ihre Skalpe, wohl die wertvollsten, die es giebt. Auch ihre Gewehre und alles, was sie bei sich tragen, sollt ihr haben, und dann reiten wir gleich weiter nach dem „weißen Felsen“ zu meinem Manne, der euch soviel geben wird, wie ihr noch nie besessen habt. Seid ihr einverstanden?“

„Ja, ja, ja, ja,“ ertönte es rundum im Kreise.

„Wie weit ist es bis zum Feuer, an dem die Schufte sitzen?“

„Vielleicht dreihundert Schritte,“ antwortete der, welcher den Kundschafter gemacht hatte.

„Ich werde mich einmal hinschleichen; ich muß sie sehen.“

„Das ist gefährlich!“

„Für mich nicht. Ich weiß, wie man es zu machen hat, um nicht gesehen und gehört zu werden; ich habe es von meinem Manne, euerm Häuptling, gelernt.“

„Aber wenn Old Shatterhand noch wacht, wird er dich hören!“

„Nein; er hat dich auch nicht gehört.“

„So erlaube wenigstens, daß ich mit dir gehe!“

„Das ist nicht nötig; ich brauche dich nicht!“

„Und ich kann dich nicht allein gehen lassen; ich gehe unbedingt mit, denn es handelt sich nicht nur um deine, sondern auch um unsere Sicherheit.“

„So komm!“

Ich wußte nun mehr als notwendig war, und zog mich schleunigst zurück. Das war ja toll! Das Weib war uns mit den Roten nachgeeilt, um uns sterben zu sehen! Um solche Parforceritte zu machen, mußte sie als die Frau des verstorbenen Häuptlings viel zu Pferde gewesen sein. Welch ein Haß aber gehörte dazu, welch ein glühender, alle Rücksichten umstoßender Haß! Freilich, wenn wir vier hier erschossen wurden, so hatte ihr Jonathan auf einmal freie Hand! Es war ein Glück, daß unser Feuerungsmaterial auf die Neige gegangen war. Hätte es noch weiter gelangt, so wäre ich sitzen geblieben, ohne zu ahnen, wie nahe sich der Tod bei uns befand.

Ich schob mich seitwärts in die Büsche, erhob mich, um schneller laufen zu können, und drang vorwärts, um den beiden voranzukommen. Als ich annehmen konnte, daß mir dies gelungen sei, blieb ich stehen und wartete. Ich befand mich an einem Punkte, an welchem sie vorüberkommen mußten.

Da hörte ich das Rauschen von Zweigen; sie kamen. Ich bückte mich nieder und ließ sie vorbei, um ihnen dann zu folgen. Sie waren höchstens dreißig Schritte von unserem Feuer entfernt, welches fast ganz niedergebrannt war. Da teilten sie sich, um im leisen Vorwärtsdringen einander nicht hinderlich zu sein. Er kroch links vor mir her, und sie hielt sich mehr nach der rechten Seite. Erst mußte ich ihn nehmen, dann konnte ich sie fassen.

Ich huschte ihm nach, doch von der Seite, kam ihm schnell zuvor, aber nicht ohne alles Geräusch. Er hielt an und lauschte; das war gerade die für meine Absicht erwünschte Körperstellung. Ein Sprung, ich hatte ihn am Halse und schlug ihm den Kolben meines Revolvers zwei-, dreimal gegen die Schläfe; dann ließ ich ihn fallen.

Bis er wieder zur Besinnung kam, konnte er nicht schaden.

Nun ging es hinter der „Dame“ her. Sie mochte denken, daß sie sich nicht allzu sehr in acht zu nehmen brauche, denn jenseits unserer Bergwand heulte jetzt der Wind mit doppelter Stärke; da waren ihre Schritte gewiß nicht zu hören. Dennoch mußte ich mir sagen, daß sie ihre Sache gar nicht übel machte. Sie benutzte die Schatten, welche die Büsche warfen, so gewandt, daß sie von mir, wenn ich mich noch am Feuer befunden hätte, gewiß nicht bemerkt worden wäre.

Jetzt war sie so nahe herzugelangt, daß sie die Schläfer sehen konnte. Sie kniete im Grase und lugte zwischen den Büschen hindurch. Leise schob ich mich hinzu, bis ich nur um einen Fuß breit seitwärts hinter ihr kniete. Sie reckte den Hals und schob den Kopf weiter und weiter vor; sie vermißte mich. Da sagte ich:

„Dort bin ich nicht, Sennora. Sie müssen hierher blicken!“

Sie drehte den Kopf. Nie habe ich aus einem Gesichte den Schreck so blicken sehen, wie aus dem ihrigen. Die Züge schienen versteint zu sein; sie war keines Lautes fähig. Ich hatte den Revolver eingesteckt, zog an dessen Stelle das Messer und drohte ihr:

„Sprechen Sie ein lautes Wort, so fährt Ihnen die Klinge mitten durch das Herz! Sie haben sich herbeigeschlichen, um die Hunde, die Schurken zu sehen. Wohlan, Sie sollen sie ganz deutlich zu sehen bekommen. Stehen Sie auf und folgen Sie mir!“

Ich erhob mich; sie blieb knieen und starrte mich noch immer an.

„Stehen Sie auf!“ wiederholte ich.

„Sie – Sie – Sie – sind –!“ stammelte sie endlich.

„Hier, ja, das sehen Sie. Aber kommen Sie! Vorwärts!“

„Was soll – soll – soll –?“

„Was Sie sollen? Sie sind gekommen, uns sterben zu sehen, wenn Ihre Yumas auf uns schießen. Ich will Ihnen das so bequem wie möglich machen. Sie sollen bei uns, neben uns sitzen, wenn wir die Kugeln bekommen. Also vorwärts, hin zum Feuer!“

Ich hatte laut gesprochen. Winnetou wachte davon auf und sprang empor. Ich faßte sie hinten beim Kragen ihrer Bluse und schob sie vorwärts.

„Uff!“ rief der Apatsche erstaunt. „Da ist die Squaw.“

„Mit ihren Yumas, welche uns erschießen sollen!“ erläuterte ich, indem ich die Jüdin auf den Boden niederdrückte, sodaß sie neben das Feuer zu sitzen kam.

Emery erwachte, Vogel auch. Der alte Melton hatte wohl gar nicht geschlafen. Sein Blick ruhte erschrocken auf seiner verunglückten Retterin, deren Gesicht noch immer nicht geistreich genannt werden konnte.

„Wer ist denn das?“ fragte der Englishman, indem er sich die Augen rieb. „Das ist ja unsere holde Judith von neuem! Kann die sich denn noch immer nicht von uns trennen?“

Ich erklärte in wenigen kurzen Worten die Situation, holte das vorher gesammelte Holz herbei, um ein helleres Feuer machen zu können, und schleppte dann auch den besinnungslosen Yuma herbei.

„Ist’s nicht besser, wenn wir es auslöschen?“ fragte Emery.

„Jetzt noch nicht,“ antwortete ich.

„Aber wenn sie kommen, können sie ganz trefflich auf uns zielen.“

„Die kommen jetzt noch nicht. Es fragt sich nun, was wir thun.“

„Ja, was? Besonders mit dem Frauenzimmer, mit der wilden, blutgierigen Katze. Man sollte ihr die Krallen verschneiden.“

„Was sagt mein Bruder dazu?“ fragte ich den Apatschen.

„Nichts,“ antwortete er. „Winnetou, weiß wirklich nicht, was er über eine solche Squaw sagen soll. Man sollte sie töten, wie man eine Klapperschlange vernichtet!“

„Das nicht!“ sagte ich. „Sie ist trotz alledem ein Weib. Wir lassen sie laufen. Wir wissen ja nun, woran wir sind. Wollen wir aufbrechen?“

„Ich verstehe dich nicht. Was soll mit den Yumas werden? Sollen wir ihnen keine Lehre geben?!“

„Bei ihnen nützt keine Lehre mehr. Unsere Zeit ist um. Wir wollen fort. Bindet Melton auf sein Pferd.“

„Und die Donna hier, welche sich eine Dame nennt? Es ist unglaublich, daß sie trotz ihres –“

„Warte es ab! Schafft nur erst Melton in den Sattel, und bringt mir dann mein Pferd.“

„Ah, hm!“

Daß ich bei Judith stehen blieb, beruhigte ihn; er schloß daraus, daß sie doch nicht ganz ohne Strafe wegkommen werde. Ich nahm den halben Lasso, dessen andere Hälfte sie abgeschnitten hatte, und band ihr mit demselben die Arme fest an den Leib, hing meine Gewehre über und stieg dann in den Sattel.

„So, jetzt gebt mir einmal die gute Freundin herauf! Da sie so gern bei uns ist, will ich sie einmal in die Arme nehmen.“

Emery und Winnetou faßten sie an, um sie zu heben. Da begann sie aus Leibeskräften zu schreien. Ich nahm sie quer über das Pferd; die anderen sprangen in die Sättel; Winnetou ergriff den Zügel von Meltons Pferd – es ging fort, an der Felswand hin und dann auf die freie Ebene hinaus, über welche der Sturmwind heulte. Der Himmel hing voller Wolken; es war stockdunkle Nacht, doch Winnetou machte den Führer; auf ihn konnten wir uns verlassen.

Judith konnte die Arme nicht bewegen; sie hatte sich mit den Füßen gesträubt; nun aber lag sie bewegungslos wie ein Warenbündel vor mir; die Angst, was wir mit ihr beginnen würden, machte sie still. Emery und Vogel wußten gewiß nicht, warum ich sie mitgenommen hatte. Der Apatsche aber, der mich stets verstand, zeigte auch jetzt, wie er sich in meine Absichten zu denken vermochte.

„Einen Abweg?“ fragte er mich mit zwei kurzen Worten. „Bis sie irre ist?“

„Ja, und den Berg nicht mehr sehen kann.“

„Howgh!“

Mit diesem Indianerausdrucke gab er zu verstehen, daß er mit mir einverstanden sei, und ich bemerkte trotz der Finsternis, daß er aus der Richtung wich, welche wir eingehalten hatten, seit das Thal des Flujo blanco hinter uns lag.

Es mochte gegen vier Uhr morgens sein und blieb heute länger dunkel, als die Jahreszeit eigentlich mit sich brachte. Als der Tag graute, hatten wir gewiß weit über eine deutsche Meile zurückgelegt. Wir befanden uns noch auf der Hochebene; links von uns, also südwärts, gab es Wald, welcher sich weit in die Ferne zog und sich als schmaler Streifen am westlichen Horizont verlor. Wir ritten gegen Süden, bis wir den Wald erreichten, und hielten da an. Ich ließ die Jüdin niedergleiten und stieg dann ab, um ihr den halben Lasso von dem Oberkörper zu wickeln. Sie hielt den Blick gesenkt und sagte nichts.

„Wissen Sie, wo Sie sich befinden, Sennora?“ fragte ich sie.

Sie antwortete nicht.

„Sie haben in ganz fürchterlicher Rache unsern Lasso zerschnitten, aber doch fühlen müssen, daß auch ein halber seine guten Dienste leistet. Wir wissen, wie gerne Sie bei uns sind, müssen aber leider nun auf das Glück, welches Ihre Gegenwart uns gewährt, verzichten. Leben Sie wohl!“

Ich stieg auf, und wir ritten weiter. Als wir uns nach mehreren Minuten nach ihr umsahen, stand sie noch auf derselben Stelle.

„Sie weiß nicht, wo sie sich befindet,“ sagte Emery.

„Das eben habe ich beabsichtigt,“ antwortete ich.

„Wird sie sich zurechtfinden?“

„Vielleicht; aber wenn sie klug ist, bleibt sie da, wo sie ist. Ihre Yumas werden sie suchen, natürlich zunächst in der Richtung nach den Mogollonbergen. Wenn sie dann bemerken, daß wir nicht dorthin geritten sind, kehren sie um und treffen früher oder später mit ihr zusammen. Die Angst, in der Wildnis allein zu sein und nicht gefunden zu werden, ist eine Strafe für sie, wenn auch keine so große, wie sie verdient hat.“

„Aber wenn sie wirklich nicht gefunden wird und elend zu Grunde gehen muß!“

„Daran ist nicht zu denken. Durch das Suchen nach ihr wird für sie und ihre Roten höchstens ein Tag verloren gehen. Vielleicht kommen sie dann von dem Gedanken ab, uns weiter nachzureiten.“

Es zeigte sich später, daß ich recht gehabt hatte; solches Unkraut geht nicht zu Grunde.

Wir ritten immer in der Nähe des Waldes hin, bis er sich im Westen quer vor unsere Richtung legte. Wir mußte also in ihn eindringen, doch hinderte er uns nicht, da die Bäume sehr licht standen. Um die Mittagszeit hatten wir ihn hinter uns, und vor uns lag wieder eine grasige Ebene, aus welcher sich hier und da ein Hügel oder kleiner Berg erhob. Wir machten eine Stunde Halt, um die Pferde verschnaufen zu lassen, und wollten dann wieder aufbrechen, als vor uns mehrere Reiter auftauchten. Rasch zogen wir uns wieder unter die Bäume zurück, um nicht gesehen zu werden.

Als sie näher kamen, sahen wir, daß es Indianer waren; sie waren außerordentlich gut beritten, und hatten weder Gewehre noch Lanzen oder Pfeile und Bogen bei sich.

„Kundschafter!“ meinte Winnetou und ich stimmte ihm bei.

Kundschafter müssen gute Pferde haben, um sich schnell bewegen zu können. Bei den Zwecken, welche sie verfolgen, sind ihnen die genannten Waffen hinderlich, weshalb sie gewöhnlich daheim gelassen werden.

„Kundschaftet?“ fragte Emery. „Die giebt es doch nur dann, wenn Feindseligkeiten ausgebrochen sind! Hat man denn gehört, daß einer der hiesigen Stämme das Kriegsbeil ausgegraben hat?“

„Nein,“ antwortete Winnetou. „Aber hier stoßen die Gebiete mehrerer Stämme zusammen; es giebt immer Streitigkeiten, und da kann es leicht geschehen, daß ein Stamm zum Angriffe übergeht.“

„Die vier Reiter tragen keine Farben im Gesicht,“ sagte ich; „man kann also nicht sehen, welchem Volke sie angehören.“

„Mein Bruder mag sie näher kommen lassen. Es scheinen drei junge Krieger und ein alter zu sein. Vielleicht habe ich den letzteren einmal gesehen.“

Sie hielten zwar nicht gerade auf uns zu, kamen uns aber doch so nahe, daß wir schließlich ihre Gesichter zu unterscheiden vermochten; ja, es waren drei junge und ein älterer Indianer.

„Uff!“ rief da der Apatsche. „Das ist ja mein Bruder Schneller Pfeil, der Häuptling der Nijoras! Der darf uns sehen!“

Er ritt unter den Bäumen hervor und auf die vier zu. Wir folgten ihm. Als sie uns erblickten, parierten sie ihre Pferde und griffen nach den Messern; aber schon im nächsten Augenblicke rief der ältere:

„Uff! Mein Freund und Bruder Winnetou! Der große Häuptling der Apatschen erscheint mir wie ein Sonnenstrahl dem Kranken, welcher sich nach Wärme sehnt.“

„Und der Anblick des schnellen Pfeiles ist mir wie eine Quelle für den Durstigen. Mein Bruder hat sein Gewehr daheim gelassen. Sollte er sich auf dem Pfade der Kundschafter befinden?“

„Ja. Der schnelle Pfeil ist mit den drei Kriegern ausgeritten, um zu erfahren, nach welcher Richtung die Hunde der Mogollon bellen werden.“

„Weshalb ist denn Feindschaft zwischen diesen und den tapferen Nijoras?“

„Drei unserer Krieger kamen am Flusse herauf durch das Gebiet der Schakale; sie wurden getötet. Ich sandte Boten, welche fragen mußten, warum man sie ermordet habe; auch diese kehrten nicht zurück. Nun schickte ich Kundschafter aus und erfuhr durch sie, daß die Mogollon ein großes Sterben unter ihren Pferden hatten und nun ausziehen wollen, um die unseren zu holen. Darum bin ich selbst ausgezogen, um meine eigenen Augen zu fragen. Jetzt kehre ich zurück.“

„Welche Kunde wird mein Bruder seinen Kriegern bringen?“

Schneller Pfeil öffnete schon den Mund, um Auskunft zu erteilen, drängte sie aber wieder zurück, musterte uns andern mit scharfem Blicke und sagte dann:

„Der Häuptling der Apatschen hat fremde Bleichgesichter und sogar einen gefesselten Gefangenen bei sich. Wie kann ich da auf die Frage antworten, welche er ausgesprochen hat!“

Da deutete Winnetou zunächst auf Vogel und antwortete:

„Dieser junge Mann ist zwar kein Krieger und hat nie mit einem Feinde gekämpft; aber er ist ein Herr über alle Töne, welche das Herz erfreuen. Wenn er seine Saiten spielt, sind die Ohren aller, die ihn hören, voller Entzücken. Winnetou hat ihm seine Freundschaft und seinen Schutz geschenkt.“

Auf Emery deutend, fuhr er fort:

„Dieser weiße Mann ist ein großer, starker und tapfrer Krieger. Seine steinernen Zelte stehen jenseits des Meeres. Er besitzt viele Herden und große Reichtümer. Dennoch ist er ausgezogen, um große Thaten zu verrichten. Winnetou ist sein Freund; er hat ihn schon hier in den Bergen und auf der Savanne gekannt und ihn vor einigen Monden in einem fernen Lande jenseits zweier großer Wasser wiedergetroffen und ihn da als Held im Kampfe gesehen.“

„Und dieser da?“ fragte der schnelle Pfeil, indem er mit dem Finger auf mich zeigte.

Ich glaubte, Winnetou werde nun ein großes Lob über mich und von mir loslassen, aber er antwortete nur:

„Das ist mein Bruder Old Shatterhand.“

Der Blick des Nijora zuckte leuchtend auf; er hatte, geradeso wie wir, bis jetzt auf seinem Pferde gesessen; nun aber schwang er sich rasch aus dem Sattel, stieß die Klinge seines Messers in die Erde, setzte sich daneben hin und sagte:

„Der gute Manitou hat jetzt den größten meiner Wünsche erfüllt; ich sehe Old Shatterhand. Meine berühmten Brüder mögen von ihren Pferden steigen und sich zu mir setzen. Ihren Gefangenen können sie meinen jungen Kriegern anvertrauen, die ihn gut bewachen werden.“

Wir stiegen ab. Wir hatten eigentlich keine Zeit zu verlieren, und ganz dasselbe war wohl auch bei ihm der Fall; aber es wäre eine große Beleidigung für ihn gewesen, wenn wir seinen Wunsch nicht erfüllt hätten, und wir konnten auch nicht wissen, welchen Nutzen die neue Bekanntschaft uns zu bringen vermochte. Darum setzten wir uns zu ihm nieder, und zwar so, daß wir einen Kreis bildeten, in dessen Mittelpunkte das Messer steckte. Die drei jungen Nijoras banden Melton vom Pferde, fesselten ihm die Füße wieder und legten ihn zu sich ins Gras, auf einen Wink des Apatschen so weit von uns entfernt, daß er nicht verstehen konnte, was wir sprachen.

Nun nahm der schnelle Pfeil sein Kalumet von dem Riemen, an welchem es hing, stopfte den Kopf und brannte den Tabak mit einem Zündholze an, welches ich ihm reichte. Die allbekannte Zeremonie des Rauchens der Friedenspfeife kann ich übergehen. Als wir den letzten Zug aus derselben gethan hatten, waren wir Freunde, und nun erst beantwortete der Häuptling die Frage, welche Winnetou vorhin ausgesprochen hatte:

„Die Hunde der Mogollon werden in vier Tagen aus ihren Löchern gehen, um gegen meinen Stamm zu ziehen.“

„Woher kennt mein Bruder die genaue Zeit?“ erkundigte sich Winnetou.

„Ich sah, daß sie ihre Medizinen ausbesserten. Von da an vergehen meist noch vier Tage, ehe aufgebrochen wird.“

„Wird mein Bruder sie bei sich empfangen, oder ihnen entgegenziehen?“

„Das weiß ich noch nicht. Es wird im Rate der alten Krieger bestimmt werden. Mein Bruder Winnetou wird mit mir gehen, um zu den Alten zu sprechen, und sie werden stolz sein, auch den klugen und tapfern Shatterhand bei sich zu sehen.“

„Wir würden gern und augenblicklich mit dir gehen,“ antwortete ich; „aber wir müssen zu den Mogollon reiten.“

„Zu ihnen, welche jetzt die Feinde meines Stammes sind?“ fragte er erstaunt.

Ich erklärte ihm in kurzen Worten den Sachverhalt. Er blickte sinnend vor sich nieder und sagte dann:

„Meine Brüder können trotzdem mit mir reiten. Wenn das böse Bleichgesicht, welches Melton heißt, sich in den Schutz der Mogollons begiebt, wird es bei ihnen bleiben.“

„Wenn es aber den verlangten Schutz nicht zugesagt bekommt?“

„So begiebt er sich nach dem weißen Felsen, um dort auf seine Squaw zu warten.“

„Die ist schon unterwegs; sie kann schon morgen zu ihm stoßen. Du siehst, daß wir keine Zeit zu verlieren haben.“

„Ich sehe es ein. Mein Bruder Shatterhand sagte, daß Melton das Pueblo auf einem Pferde verlassen habe?“

„Ja.“

„Nicht in einem Wagen?“

„Nein.“

„Ist eine weiße Squaw bei ihm?“

„Jetzt noch nicht.“

„Einer, welcher die vier Pferde lenkte?“

„Nein.“

„Und ein weißer Jäger, welcher den Führer machte?“

„Auch nicht. Warum spricht der schnelle Pfeil diese Fragen aus?“

„Weil ich gesehen habe, daß die Mogollon einen Wagen überfielen. Sie schossen den Kutscher tot und nahmen einen weißen Mann und eine weiße Squaw, welche im Wagen saßen, und den Führer, der nebenher ritt, gefangen.“

„Warum mögen sie den Wagen überfallen haben?“

„Weil ihre Kriegsbeile gegen uns ausgegraben sind. Wenn die Hunde sich auf dem Kriegspfade gegen rote Männer befinden, betrachten sie stets auch die Bleichgesichter als ihre Feinde.“

„Melton kann unmöglich dabei gewesen sein. Aber nun dürfen wir erst recht nicht säumen, denn das Leben der Überfallenen hängt an einem Faden. Wir müssen von dem tapfern Häuptling der Nijoras scheiden. Vielleicht erblickt er uns eher wieder, als wir jetzt denken.“

„Hat Old Shatterhand einen Grund, diese Hoffnung auszusprechen?“

„Ja. Es ist möglich, daß wir deiner Hilfe bedürfen, um Melton ausgeliefert zu erhalten. Dürfen wir in diesem Falle auf dich rechnen?“

„Ja. Ihr habt die Pfeife der Freundschaft mit mir geraucht, und eure Feinde sind also auch die meinigen. Wenn ihr meiner bedürft, so kommt zu mir. Wenn Winnetou und Old Shatterhand uns ihre Arme und Gedanken leihen, so ist es besser, als wenn viele Krieger uns zu Hilfe kämen. Ihr werdet uns willkommen sein und großen Jubel in unserem Lager verursachen.“

„Ahnen die Mogollons, daß ihr etwas von ihren feindseligen Absichten wißt?“

„Sie wissen, daß wir ihre Absichten kennen, aber sie glauben, wir wissen nicht, daß sie so bald gegen uns aufbrechen werden.“

„Das ist gut für euch, denn um so größer wird der Schreck sein, in den ihr sie versetzen werdet, wenn sie euch gerüstet sehen. Welcher Stamm ist stärker, sie oder ihr?“

„Die Zahl der Krieger ist fast dieselbe.“

„Ich hoffe, dir von Nutzen sein zu können. Möchtest du mir einen Gefallen erweisen, den ich dir als großen Dienst anrechnen würde?“

„Sage, was es ist! Ich thue es, wenn es mir möglich ist.“

„Es ist dir möglich. Ja, meine Bitte ist ein Beweis meiner Freundschaft für dich und des großen Vertrauens, welches ich in dich setze. Wir wissen nicht, was wir in den nächsten Tagen erleben werden. Wahrscheinlich sind wir gezwungen, klug und kühn zugleich zu sein. Müßten wir dabei unsern Gefangenen mit uns schleppen, so könnten wir auf kein Gelingen rechnen.“

„Wollt ihr ihn mir anvertrauen? Soll ich ihn für euch aufbewahren?“

„Ich möchte dich darum bitten.“

„Deine Bitte ist gewährt. Sie macht mich stolz, denn sie beweist mir, daß du mich für deinen wahren Freund hältst. Der Gefangene befindet sich bei mir ebenso sicher, als ob du ihn mit eigenen Augen bewachtest.“

„Ich danke dir. Und sieh den jungen Mann, welcher da neben mir sitzt! Der Häuptling der Apatschen hat bereits gesagt, daß er kein Krieger ist. Der junge Weiße ist den Gefahren, denen wir wahrscheinlich entgegengehen, nicht gewachsen. Darf er mit dir reiten? Willst du ihn in deinen Schutz nehmen? Wir werden ihn dann bei dir abholen.“

„Er soll unter meinem Zelte leben wie mein eigener Sohn, zumal du sagst, daß du ihn abholen willst. Das giebt mir die Gewißheit, daß ich euch bald wiedersehen werde. Haben meine Brüder noch andere Wünsche?“

„Nein. Für deine Güte will ich dir nur noch sagen, daß wir von jetzt an an dich und deinen Vorteil denken werden. Wir beschleichen die Mogollons und werden alles thun, was zu deinem Nutzen ist.“

„Wenn ihr das thut, so ist es ganz so, als ob ich zehnmal zehn Kundschafter ausgesandt hätte, welche für uns sehen, denken und handeln sollen. Ich preise den guten Manitou, daß er mich hier mit euch zusammengeführt hat. Er wird es lenken, daß meine Augen sich recht bald wieder an euern Angesichtern laben. Howgh!“

Der alte Melton machte ein höchst verwundertes Gesicht, als er erfuhr, daß ihn die Nijoras mit sich nehmen würden, doch schien der Wechsel ihm nicht ganz unangenehm zu sein. Von uns war für ihn keine Gnade zu erwarten, das wußte er ganz genau; den Nijoras aber hatte er nichts gethan; vielleicht bewachten sie ihn nicht allzu streng; vielleicht war es möglich, sie zu überreden, daß er unschuldig sei; vielleicht auch fand sich einer unter ihnen, der sich durch irgend welche Versprechen verleiten ließ, ihm zur Flucht zu verhelfen; auf keinen Fall aber war von dem Tausche eine Verschlimmerung seiner Lage zu erwarten. Darum zeigte er ein leidlich zufriedenes Gesicht, als er wieder auf sein Pferd gebunden wurde. Wir aber konnten überzeugt sein, daß die Nijoras das Vertrauen, welches wir in sie setzten, vollständig rechtfertigen würden. Es wäre eine große Schande für sie gewesen, wenn auf unsere Frage nach dem Gefangenen sie uns denselben nicht hätten zurückliefern können. Er war bei ihnen besser aufgehoben als bei uns, obgleich er weit lieber mit ihnen ging, als unser junger Freund und Violinvirtuos.

Als dieser hörte, daß er sich hier von uns trennen sollte, wandte er seine ganze Beredsamkeit auf, uns von diesem Gedanken abzubringen. Ich machte ihn vergeblich auf die Gefahren, welche uns erwarteten, aufmerksam; ja, er nahm es übel, daß wir glaubten, er könne ihnen nicht gewachsen sein. Er drohte, daß er uns gegen unsern Willen nachreiten werde. Endlich kam ich auf einen guten Gedanken. Ich sagte ihm, daß unbedingt einer von uns bei dem alten Melton bleiben müsse, um denselben scharf zu bewachen, da den Nijoras doch nicht ganz zu trauen sei. Das beruhigte ihn. Er fühlte sich als Inhaber eines Ehrenpostens und willigte nun ein, sich für kurze Zeit von uns zu trennen. Der Abschied war zwar kurz, aber äußerst herzlich; die Freunde verschwanden mit Melton im Walde, und wir drei, Winnetou, Emery und ich, ritten auf die Ebene hinaus, über welche die Nijoras gekommen waren.

Jetzt hatten wir niemand mehr bei uns, auf den wir uns nicht verlassen konnten und dessen Pferd nichts taugte. Wir flogen wie ein Wetter über den grünen Plan dahin und konnten erwarten, das Ziel mit dem kommenden Morgen zu erreichen.

Der geradeste Weg war der, den die Nijoras geritten waren; wir brauchten nur auf ihrer Spur zu bleiben, die allerdings später verschwand, da sie sich in der Nähe der Feinde Mühe gegeben hatten, keine Fährte zu verursachen. Als es Abend werden wollte, konnten wir auf eine tüchtige Leistung zurückblicken, denn wir hatten seit unserer Trennung von dem schnellen Pfeile wenigstens sieben deutsche Meilen hinter uns und sahen uns nach einem passenden Lagerplatze um. Links von uns lag eine Anhöhe, von welcher aus eine Reihe von Büschen ins Weite lief; das ließ darauf schließen, daß es dort ein fließendes Wasser gab. Wir ritten also auf diese Höhe zu, bogen um dieselbe und sahen ein Gebüsch vor uns, aus welchem uns – eine drohende Stimme entgegenschallte:

„Halt, Mesch’schurs! Wer einen Schritt weiter reitet, bekommt eine Kugel!“

Da war nicht zu spaßen. Wir sahen den Sprecher nicht; er steckte in dem Gesträuch. Vielleicht waren es gar mehrere. Wir hielten also an. Der Sprache nach war es ein Weißer, und zwar nicht spanischer Abkunft.

„Wo steckt denn eigentlich der gestrenge Herr und Besitzer dieses Platzes?“ fragte ich.

„Hier hinter dem Wildkirschenstrauch, aus welchem der Lauf meiner Büchse ragt,“ antwortete es.

„Warum bedroht Ihr uns denn mit einer Kugel, Sir?“

„Weil ich euch mir so lange vom Leibe halten will, bis ich weiß, ob ihr Schufte oder Gentlemen seid.“

„Das letztere, das letztere sind wir, werter Master.“

„Das kann jeder Halunke sagen; weist euch gehörig aus!“

„Womit? Meint Ihr, daß man hier mit Tauf- und Impfscheinen oder gar mit Hundesteuermarken umherreitet?“

„Daran denkt kein Mensch. Sagt nur eure Namen! Wer ist denn der rote Master, den ihr bei euch habt?“

„Winnetou, der Häuptling der Apatschen. Mich pflegt man Old Shatterhand zu nennen.“

„Alle Wetter! Winnetou und Old Shatterhand! Welch ein Zusammentreffen! Gleich komme ich, gleich!“

Der Wildkirschenstrauch bewegte sich, und es trat ein sehr langer und dürrer Mensch heraus, dessen Anzug ihm in Fetzen um die Glieder hing. Sein Kopf war unbedeckt, und in der Hand hielt er einen starken Knüttel. Hätte sich der Mann auf einer deutschen Landstraße sehen lassen, er wäre auf der Stelle als Stromer und Vagabund arretiert worden.

Er machte die Bewegung des Hutabnehmens, verbeugte sich und rief:

„Große Ehre, außerordentliche Ehre, Mesch’schurs! Kommt gerade zur rechten Zeit! Hätte wirklich nicht gewußt, wo ich euch suchen soll.“

„Hättet Ihr uns gesucht?“ fragte ich nicht ohne Erstaunen.

„Bis jetzt eigentlich noch nicht, stand aber im Begriffe, es zu thun.“

„Unerklärlich. Seid Ihr hier allein?“

Yes, Master!“

„Wie hat man Euch zu nennen?“

„Das steht in Euerm Belieben. Man ruft mich nämlich auf verschiedene Weise. Wenn Ihr wirklich Old Shatterhand seid, und Ihr seht mir ganz so aus, so werdet Ihr wohl von Will Dunker gehört haben?“

„Dem berühmten Scout des Generales Grant?“

Yes, Sir. Man nennt mich auch den langen Dunker oder den langen Will.“

Wieder machte er mit der rechten Hand die Bewegung des Hutabnehmens.

„Und Ihr wollt mich suchen?“

Yes, Euch, Winnetou und einen jungen Musikus, welcher Vogel heißt.“

„Das ist ja ganz erstaunlich! Hält man so etwas für möglich?“

Diese Frage richtete ich an Winnetou und Emery; Dunker antwortete:

„Ihr hört ja, daß es möglich ist! Übrigens werde ich Euch die Sache erklären. Steigt nur vom Pferde, und kommt mit an das Wasser!“

„Also jetzt dürfen wir?“

Yes. Konntet es übrigens immer wagen, mich schießen zu lassen,“ lachte er. „Hier ist meine Büchse, hihihihi!“

Er hielt uns seinen Knüttel hin.

„Habt Ihr kein wirkliches Gewehr?“

„Nein. Ich steckte den Prügel durch den Busch, um Euch zu täuschen.“

„Aber Will Dunker muß doch Waffen haben!“

„Hatte sie auch, hatte sie, und was für welche! Die Roten, die Mogollons, haben sie mir abgenommen.“

„Ah! Seid Ihr von diesen überfallen worden?“

Yes, Sir, yes. In einem Wagen mit vier Pferden!“

„Ihr wart der Führer, und der Kutscher wurde erschossen?“

„So ist es. Aber Ihr kennt die Sache so genau, als ob Ihr dabei gewesen wäret. Wie kommt das, Master?“

„Sagt erst, wer die Lady war, die im Wagen gesessen hat!“

„Werde es sagen. Kommt nur erst her ans Wasser, und macht es euch bequem. Seid mir willkommen, sehr willkommen! Große Ehre, ganz bedeutende Ehre!“

Und wieder that er so, als ob er vor uns einen unsichtbaren Hut abnähme. Ich hatte von dem sonderbaren Manne gehört, sah ihn aber jetzt zum erstenmal. Wir stiegen ab, führten unsere Pferde zwischen die Büsche hinein und standen nun vor einer Quelle, welche kühl und klar aus der Erde sprudelte und ihre Wasser abwärts sandte, an den Sträuchern vorüber, die wir vorhin von weitern gesehen hatten. Da stand ein prachtvolles, indianisch aufgezäumtes Pferd.

„Das Pferd ist Euer, Master Dunker?“ fragte ich ihn.

Yes,“ antwortete er. „Wenn Ihr aber lieber wollt, so habe ich es mir einstweilen geborgt vom starken Winde, falls Ihr den roten Halunken kennen solltet.“

„Ah, dem Häuptling der Mogollon. Wie kommt der dazu, Euch ein solches Pferd zu leihen?“

„Das weiß er selber nicht. Wahrscheinlich wie der Blinde zur Ohrfeige. Es war eine Anleihe wieder seinen Willen. Ich habe vergessen, ihn vorher zu fragen.“

„Aber ich habe noch nie gehört, daß Will Dunker ein Pferdedieb ist!“

„Das ist er auch nicht, Sir, wirklich nicht. Ihr könnt es glauben. Aber die Mogollon haben mir alles genommen und mir, als ich mich wehrte, den Anzug in Fetzen gerissen; sie wollten mich nämlich lebendig haben. Dafür habe ich mir dann das Pferd eingetauscht.“

„Ein regelrechtes Abenteuer, wie ich vermute! Ihr müßt es erzählen!“

Gern! Aber leiht mir vorher irgend eine Waffe, falls Ihr so etwas übrig habt, damit ich mich als Mensch fühlen kann!“

Da habt Ihr einen Revolver von mir.“

Er nahm ihn, betrachtete ihn, sah den Stempel und sagte:

„Prächtige Waffe! Berühmte Fabrik, Sir! Jetzt können die Schurken kommen; werde sie empfangen! Und noch etwas! Habt Ihr vielleicht einen Bissen Fleisch oder zwei? Habe seit gestern früh nichts zwischen meine Zähne bekommen. Und die wollen doch Arbeit haben. Da, seht sie Euch einmal an, Sir!“

Er öffnete den Mund und zeigte ein prachtvolles Gebiß.

„Auch Fleisch könnt Ihr haben. Bitte, Emery, gieb ihm ein tüchtiges Stück!“

Das Stück, welches er bekam, konnte, trotzdem es getrocknet war, über zwei Pfund wiegen; es war aber in kurzer Zeit zwischen seinen Zähnen verschwunden. Der Mann hatte Hunger gehabt! Dann schöpfte er sich mit den Händen Wasser, um es zu trinken, und sagte, mit der Zunge schnalzend:

„Das hat wohl gethan! Hätte nicht geglaubt, so bald essen zu können. Auf der Flucht in der Wildnis, und keine Waffe, um sich ein Wild zu schießen, das ist ein schlimmes Ding, ein sehr schlimmes, Mesch’schurs! Weiß nicht, ob es euch einmal so ergangen ist. Es ist ein Glück, wirklich ein Glück, daß ich euch getroffen habe, und nicht nur für mich, sondern auch für die andern Gefangenen, denn nur ihr seid die richtigen Männer, sie bald und sicher herauszuholen.“

„Wer sind die Leute?“

„Wer sie sind? Hm, Sir, werdet Euch wundern, sehr wundern!“

„So sagt es doch endlich! Ich muß es wissen, alles wissen!“

„Das sollt Ihr auch, Master, natürlich sollt Ihr es; das versteht sich ja ganz von selbst. Aber wenn man ein schönes Buch liest, so fängt man nicht in der Mitte oder gar hinten an. Es muß alles seine richtige Ordnung haben, Sir. Also ich saß da in Fort Belknar bei einem Glase Mintjulep – sage Euch, das ist der delikateste Julep den es giebt – und überlegte dabei, wohin ich meine Füße von dort aus richten sollte, ob etwa nach dem Red River hinauf oder aber ein wenig in den Estacado hinein. Da hielt ein Wagen vor der Thür, vier Pferde voran. Ein Mann stieg aus, dem man den Gentleman auf hundert Schritte ansah. Er kam herein, setzte sich an den nächsten Tisch und sah um sich wie einer, der nicht weiß, was er trinken soll. Natürlich riet ich ihm, sich Mintjulep geben zu lassen, und hielt ihm mein Glas zur Probe hin. Wir thaten darauf einen tüchtigen Trunk miteinander, wobei er mich fragte, was ich sei. Ich gab ihm Auskunft und nun fragte er mich, ob es hier nicht vielleicht einen tüchtigen und zuverlässigen Führer hinauf nach New-Mexiko und dann weiter gebe. Der Mann wollte nämlich nach Frisco hinüber. Ich habe den Weg vielmals gemacht, kenne ihn so genau wie meine Mütze und bot mich also als Führer an. Er nahm neue Pferde, und schon nach einer Stunde ging es fort. Wißt Ihr vielleicht, wer dieser Gentleman war? Ihr kennt ihn genau!“

„Wirklich? Ein Zufall!“

„Ja, Zufall, aber ein glücklicher. Der Master nannte sich Murphy, F red Murphy, und ist Advokat in New-Orleans.“

„Der Advokat Fred Murphy? Ist es möglich!“ rief ich aus. „Dann weiter, schnell weiter!“

„Nun ja, wir kamen weiter, aber nicht so rasch, wie ich es Euch erzählen soll. Will es Euch zu Gefallen aber kürzer machen.“

„Wißt Ihr, was er in Frisco wollte?“

„Damals noch nicht; jetzt aber weiß ich es. Habe zuweilen beim Nebenherreiten zugehört, wenn er mit der Lady sprach; da erfuhr ich es.“

„Mit welcher Lady? Wer war die Dame?“

„Das wollt Ihr wissen? Well, sollt es erfahren, doch jetzt noch nicht, denn die ist noch gar nicht daran. Jede Sache will ihre richtige Ordnung haben. Ehe ich von der Lady sprechen kann, muß ich erst nach Albuquerque kommen.“

„Albuquerque? Mann, Mensch, spannen Sie mich nicht auf die Folter! Erzählen Sie schnell!“

„Nicht so hitzig, Sir! Wir kommen ans Ende, auch wenn wir uns nicht so atemlos übereilen. Also in Albuquerque mußten wir über einen Tag lang warten; es war am Wagen eine Reparatur vorzunehmen. Wir saßen und aßen da in einem Salon, ich glaube Plener hieß der Wirt, und andere saßen auch dabei. Die sprachen von Konzerten, welche kürzlich gegeben worden waren. Es waren ein Virtuos auf der Violine und eine Sängerin gewesen. Beide hatten sich spanische Namen beigelegt, aber man wußte, daß es ein Geschwisterpaar aus Deutschland sei; die Wirtin, bei der die Schwester wohnte, hatte es ausgeplaudert.“

„Haben die Leute im Salon die wirklichen Namen der Geschwister genannt?“

„Natürlich! Das war es ja, was meinen Advokaten in die Höhe springen ließ. Der Bruder war ein Mr. Vogel, und die Schwester eine Mrs. Werner.“

„Ah! Dachte es mir! Weiter!“

„Mein Advokat die Namen hören, nach der Wohnung der Sängerin fragen und wie auf der Flucht aus dem Salon rennen, das war eins. Wäre er nicht ein Advokat gewesen, so hätte ich geglaubt, er sei toll geworden; aber Advokaten werden bekanntlich nicht verrückt. Oder habt Ihr vielleicht einen gesehen, welcher ausnahmsweise übergeschnappt ist, Sir?“

„Nein – ja – ja – nein! Weiter, macht nur weiter!“

„Weiter? Es ist weiter gar nichts zu sagen, als daß am nächsten Morgen Mrs. Werner sich auch in den Wagen setzte und mitfuhr. Wir fuhren den gewöhnlichen Weg, den San Jose hinauf, über die Sierra Madre, nach New Wingate und dann am Rio Puerco herunter, wo wir über den Colorado setzten, um dann die Cerbatstraße einzuhalten. Da aber wollte die Lady auf einmal nicht mit. Sie sprach von ihrem Bruder, der in dieser Gegend sei, von Old Shatterhand, von Winnetou und von einem gewissen Sir Emery, der ein Englishman zu sein scheint – –“

„Er ist es. Ihr seht ihn hier neben mir.“

Well! Große Ehre, außerordentlich feine Ehre, Sir!“

Er nahm wieder seinen unsichtbaren Hut ab, verbeugte sich gegen Emery und fuhr fort:

„Ich vernahm aus dem Gespräch der beiden, daß ein großartiger Diebstahl vorgekommen war. Die Sängerin und ihr Bruder waren die Geschädigten, und die Spitzbuben waren drei sogenannte Meltons, wenn ich mich nicht irre. Old Shatterhand, Winnetou und Emery waren ausgezogen, die Halunken zu fangen. Sie steckten in einem Schlosse, welches irgendwo an einem Nebenflüßchen des kleinen Colorado liegen sollte.“

„Am Flujo blanco.“

Well! Mag richtig sein; ich kenne es nicht. Die Lady hatte auch mitgewollt, die Kerls zu fangen, hatte aber nicht gedurft. Nun befand sie sich in der Gegend und bestand darauf, daß ihr Bruder aufgesucht werden müsse. Ich hatte keine Stimme bei der Entscheidung darüber; es war mir überhaupt ganz gleich, ob der Weg nach Canada oder hinunter nach Mexiko ging; ich sagte also kein Wort dazu. Der Advokat mochte, trotzdem er Advokat war, wissen, daß man einer Lady den Willen thun müsse, und so wichen wir von dem bisherigen Wege ab und lenkten nach den Mogollonbergen ein.“

„Warum gerade dorthin?“

„Weil der kleine Colorado nirgends so viele Nebenflüßchen hat, als gerade da. Es war mir gar nicht bange, das sogenannte Schloß zu finden.“

„Aber, Master Dunker, mit einer Dame in diese Gegend einzudringen! Per Wagen, mit dem man da nirgends fortkommen kann! Das konntet Ihr ja gar nicht verantworten!“

„Habe mir auch gar nicht eingebildet, es zu können, Sir! Die Lady wollte, und wir mußten; es war nicht gegen sie aufzukommen. Ich glaube, wenn der Advokat aus New-Orleans gefragt würde, was er lieber studiert, das Gesetzbuch oder die hübschen Augen der Sängerin, so würde er gestehen, daß er die letzteren vorzieht. Mich aber kann die Verantwortung unmöglich treffen. Sobald wir von der Straße abgewichen waren, wurde das Fortkommen unendlich schwer. Bald ging es in eine Tiefe, daß man glaubte, der Wagen müsse sich überkugeln, bald wieder so bergan, daß die armen Pferde ihn kaum schleppen konnten; oder wir mußten über einen Wasserlauf, in dem wir stundenlang stecken blieben. In einem solchen Loche saßen wir gestern um die Mittagszeit fest, als wir überfallen wurden. Hundert Rote gegen mich allein! Denn der Fahrer wurde gleich vom Bocke geschossen, und der Advokat war nicht zu rechnen. Ehe ich mein Gewehr heben konnte, war ich von zwanzig, dreißig Fäusten gepackt. Ich schlug um mich; das konnte mich aber nicht retten. Man zerriß mir die Kleider; man drückte mich zur Erde; ich wurde gebunden und fortgeschleift nach der reizenden Gegend, die man Klekie-Tse, den weißen Felsen, nennt.“

„Ah! Dahin wollen wir!“

„Das sollt Ihr auch!“

„Wir sollen! Wer hat das gesagt?“

„Die Lady, die mitsamt dem Advokaten auch dort ist. Auch den Wagen hat man hingeschafft. Seid Ihr einmal beim weißen Felsen gewesen?“

„Noch nicht.“

„So denkt Euch einen kleinen Berg! Wenn Ihr darauf steht und von ihm niederblickt, so seht Ihr ein rundes Schloß mit weißen Mauern, Fenstern, Portalen, Säulen, Pfeilern, Treppen, Erkern und Türmen. Ihr denkt, ein berühmter Architekt müsse es gebaut haben, und doch ist es nur ein natürlicher Felsen, ein weißer Kalkstein, aus welchem der Regen das alles nach und nach herausgearbeitet hat. Längs des natürlichen Schlosses läuft das Flüßchen hin, welches auf der einen Seite den Felsen berührt; das andere Ufer ist dicht mit Buschwerk bewachsen. Dann folgt, nach dem Berge zu, von welchem ich sprach, ein ebener Grasplan, auf welchem die Mogollons jetzt ihre Zelte stehen haben.“

„Sind es Kriegszelte?“

„Nein; sie wohnen mit ihren Squaws und Kindern da. Also in diese schöne Gegend wurden wir geschafft. Wir waren gefesselt und lagen erst beisammen. Der Advokat wollte bald vor Grimm zerplatzen, bald schluchzte er aus lauter Angst; er ist ein Hasenfuß. Die Lady war still und gefaßt. Sie meinte, wenn Ihr wüßtet, daß sie gefangen sei, würdet Ihr kommen und sie befreien.“

„Das werden wir auch. Erzählt weiter!“

„Am Abende wurden wir getrennt. Ich kam in ein Zelt, wo ich von einem Roten bewacht wurde; dasselbe war mit dem Advokaten der Fall. Die Lady bekam auch ein Zelt für sich; aber ihr nahm man die Fesseln ab. Jetzt darf sie sogar das Zelt verlassen. Sie scheint es mit ihren Augen dem Häuptling angethan zu haben. Heute, gegen Mittag, geschah etwas, was Euch interessieren wird. Man hatte mich aus dem Zelte geholt und mit dem Advokaten zusammengebracht, wohl um eine Art von Verhör anzustellen. Wir saßen nebeneinander, und um uns standen die vornehmsten Krieger der MogolIons. Da wurde ein Reiter gebracht, welcher mit dem Häuptling sprechen wollte. Es war ein Weißer. Als der Advokat ihn erblickte, schrie er wie besessen auf.“

„Nannte er ihn beim Namen?“

„Ja. Erst rief er ihn Small, Small Hunter; dann nannte er ihn jonathan Melton.“

„Welche Wirkung hatte das auf den Reiter?“

„Dieser erschrak zunächst; dann aber schien er sich zu freuen. Er hielt dem Häuptling eine lange Rede, von welcher wir aber nichts hören konnten. Der Mann schien sehr weit herzukommen und die ganze Nacht geritten zu sein, denn er mußte sich vor Müdigkeit setzen, und sein Pferd war über und über mit Schweiß und Staub bedeckt.“

„Wie wurde er von dem Häuptlinge behandelt?“

„Erst finster; dann aber, als er mit seiner Rede fertig war, wurde der starke Wind freundlicher und rauchte mit ihm die Friedenspfeife.“

„O wehe!“

„Ja, o wehe! Denn ich weiß, daß dieser Mensch einer von den drei Meltons, und zwar der Hauptspitzbube ist. Der Advokat sagte es mir.“

„Hatte dieser Melton eine Tasche mit?“

„Ja, von schwarzem Leder. Sie hing an einem Riemen über die Achsel. Er bekam ein Zelt angewiesen.“

„Wißt Ihr, wo es liegt?“

„Ja, es steht neben dem, in welches ich später wieder gesteckt werden sollte. Er ging hinein und kam dann bald wieder heraus und zu uns hin.“

„Hatte er da die Tasche noch umhängen?“

„Nein.“

„Er hatte sie also in dem Zelte gelassen. Das ist mir wichtig! Weiter!“

„Er kam zu uns, verhöhnte den Advokaten und sagte zu ihm, daß er am Marterpfahle sterben werde, wenn die Mogollons von ihrem Kriegszuge zurückgekehrt seien.“

„So ist also von einem Kriegszuge gesprochen worden?“

„Nicht daß ich wüßte. Das einzige Wort darüber habe ich eben von Melton gehört; doch schien es mir allerdings, als ob etwas Ungewöhnliches im Werke sei.“

„Die Roten wollen die Nijoras überfallen, um Pferde zu stehlen.“

„Und diese ahnen wohl nichts davon?“

„Sie wissen es und rüsten sich.“

Well, so stehen unsere Aktien gut. Wir reiten zu den Nijoras und holen sie herbei, um die Lady und den Advokaten zu befreien.“

„Das wollen wir uns doch erst überlegen.“

„Warum?“

„Erst muß ich das Lager kennen lernen.“

„Wollt Ihr etwa hin? Da lauft Ihr dem Bären in den Rachen!“

„Fällt mir nicht ein! Erzählt nun noch, wie Ihr entkommen seid!“

„Ich habe Euch schon gesagt, Sir, daß ich heraus zu dem Advokaten geschafft wurde, und daß dann Melton kam. Der nahm den Häuptling eine ganze Zeit so in Anspruch, daß er sich nicht mit uns beschäftigen konnte. Wir waren ziemlich unbeobachtet. Die Füße waren uns nicht gebunden, sondern nur die Hände. Ich hatte schon seit gestern an den Riemen gezerrt und gearbeitet. In meinem Zelte stand ein alter Topf mit Wasser, aus dem ich trinken konnte. Da hatte ich mir die Riemen naß gemacht; sie wurden weich und geschmeidig und gaben nach. Ich konnte endlich mit den Händen heraus und wartete nur auf den geeigneten Augenblick, der mir ein glückliches Fortkommen verhieß. Da sollte ich wieder in das Zelt geschafft werden. Ich mußte an demjenigen des Häuptlings vorbei. Da stand das Pferd, welches Ihr hier seht, ein Prachtroß, wie es selten eines giebt. Jetzt war der Augenblick da! Ich streifte den Riemen ab, sprang auf das Pferd und jagte davon.“

„Ah, welch ein Hallo mag das gegeben haben!“

„Zunächst gar nicht. Die Roten waren, wie es schien, über meine Verwegenheit ganz erstarrt, sodaß ich unangefochten fast durch das ganze Lager kam. Dann freilich ging der Spektakel los, und zwar riesengroß! Das war ein Rufen, Schreien und Heulen! Schüsse krachten, aber schon zu spät; keiner traf. Ich kam unverletzt aus dem Lager, sogar an den Wächtern vorüber. Ich war frei; ich hatte ein herrliches Pferd, aber leider keine Waffen. Ich jagte bis hierher, wo ich das Pferd trinken ließ; dann wollte ich weiter. Da kamt Ihr geritten. So, nun wißt Ihr alles.“

„Wieviel Zeit habt Ihr gebraucht, um hierher zu kommen?“

„Vielleicht drei Stunden.“

„Ihr denkt doch, daß Ihr verfolgt werdet?“

Yes, Sir. Natürlich jagt man hinter mir her. Wenn ihnen auch an mir altem Kerl nicht viel liegen kann, so ist doch das Pferd, welches ich entführt habe, so kostbar, daß man sich alle Mühe geben wird, es wieder zu bekommen.“

„Die Verfolger reiten auf Eurer Spur. Sie werden also hierher kommen; da aber die Sonne schon verschwunden ist, wird es dunkel sein, wenn sie hier anlangen. Dann erkennen sie die Fährte nicht. Trotzdem wollen wir nicht länger hier verweilen. Wir brechen auf nach dem weißen Felsen.“

Well, ich reite mit!“

„Das kann ich nicht verlangen. Seid froh, daß Ihr von dort entkommen seid! Zurückzukehren wäre Verwegenheit.“

„Jetzt nicht mehr, Sir. Wenn Old Shatterhand und Winnetou dabei sind, kann man alles wagen. Ich reite mit. Oder wollte Ihr vom langen Dunker erzählen, daß er sich vor einigen Indianern fürchte?“

„Was ich über Euch gehört habe, läßt nicht zu, Euch für einen furchtsamen Mann zu halten.“

„So? Spricht man ein wenig gut von mir? Das freut mich alten jungen; das thut meinem Herzen wohl. Ich reite also mit, und Ihr könnt wagen, was Ihr wollt, ich werde dabei sein, Sir. Aber auf dem Wege, den ich gekommen bin, können wir nicht hin, wir würden auf meine Verfolger treffen.“

„Das ist richtig. Winnetou kennt die Gegend; er wird uns führen.“

„Winnetou wird euch so führen,“ sagte der Apatsche, „daß ihr in zwei Stunden den weißen Felsen vor euch liegen seht.“

Wir ließen die Pferde trinken, stiegen dann wieder auf und ritten davon, als eben der letzte Schimmer des Tages im Westen verschwand.

Der Himmel war heute wieder wolkenschwer. Es wurde ebenso dunkel, wie es gestern gewesen war, doch Winnetou führte uns ebenso sicher wie am hellen Tage. Es gab in Beziehung auf den Ortssinn wirklich keinen zweiten seinesgleichen! Wie er vorhergesagt hatte, so geschah es auch. Als zwei Stunden vergangen waren, hielt er an. Eine hohe, dunkle Masse lag dicht vor uns. Er sagte:

„Das ist der Berg, von welchem Dunker gesprochen hat.“

„Ist er das wirklich?“ fragte der Genannte. „Ich hatte ihn in der Finsternis nicht wiedererkannt.“

„Er ist’s. Wenn man oben steht, kann man den weißen Felsen unten liegen sehen.“

„So müssen wir hinauf. Reitet weiter!“

„Halt!“ warnte ich. „Das Lager beginnt gleich jenseits dieser Höhe?“

„Ja.“

„So wird es von ihr beherrscht, und es sollte mich wundern, wenn kein Posten oben stünde. Winnetou mag erst allein hinaufsteigen und nachsehen.“

Der Apatsche sprang vom Pferde und verschwand im nächtliche Dunkel. Es dauerte eine volle halbe Stunde, ehe er zurückkam.

„Meine Brüder müssen sich in acht nehmen,“ meldete er. „Es giebt einen Doppelposten oben.“

„So können wir nicht hinauf?“

„Doch, aber nicht mit den Pferden.“

„Dann müssen wir sie weiter zurückschaffen. Ein Schnauben oder gar Wiehern würde uns verraten.“

Wir ritten eine ziemliche Strecke zurück, und ließen die Pferde unter der Obhut Emerys da stehen. Wir andern drei gingen wieder zum Berge und stiegen vorsichtig hinauf. Der Doppelposten hatte ein Feuer brennen, bei dem wir die beiden Gestalten deutlich sehen konnten. Die Wächter oder vielmehr ihre Anführer verdienten geprügelt zu werden.

Wir standen auf der Seite der Bergkuppe und sahen in das Lager hinab. Den weißen Felsen konnten wir freilich nicht erkennen; in der finstern Nacht war er auch schwarz. Zahlreiche Lagerfeuer brannten unten; die Zelte waren nur in unsichern Konturen zu erkennen.

Well, da sind wir jetzt,“ sagte Dunker. „Was thun wir aber nun?“

„Man kann die Zelte nicht unterscheiden,“ antwortete ich. „Ja, wenn es Mondschein gäbe, daß man sie einzeln liegen sähe; da wäre etwas zu machen!“

„Die Finsternis hat aber auch ihr Gutes!“

„Allerdings. Aber die Hauptsache ist, daß ich wissen möchte, in welchem Zelte sich Melton und in welchem andern sich die Lady befindet.“

„Ich weiß es ganz genau, kann es Euch aber leider nicht sagen, nicht zeigen. Wenn ich das könnte, was würdet Ihr dann thun?“

„Hinuntergehen in das Lager.“

„Wozu?“

„Um wenigstens mit der Lady zu reden, wenn es nicht möglich wäre, sie herauszuholen.“

„Das wäre einer von den Streichen, wie man sie freilich nur von Euch und Winnetou erzählen hört. Aber Ihr müßt wissen, daß das Lager von Posten umgeben ist. Wie wollt Ihr hineinkommen?“

„Auf dem natürlichsten Wege, den es giebt, durch den Fluß. Ich gehe nicht fort, ohne wenigstens einen Versuch, mit der Lady zu sprechen, gemacht zu haben. Was für Zelte giebt es da? Sommer- oder Winterzelte?“

„Sommerzelte.“

„Also Leinwand. Da giebt es also auch Pflöcke, welche man herausziehen kann. Bei den Winterzelten ist das anders. Stehen die beiden Zelte, welche ich suche, weit vom Wasser entfernt?“

„Sie stehen ganz nahe.“

„Gut, ich gehe. Kehrt ihr zu den Pferden zurück und erwartet mich dort. Hier habt ihr meine Gewehre, meinen Gürtel und die andern Sachen, welche die Nässe nicht vertragen.“

„Wird mein guter Bruder nicht vielleicht zu viel wagen?“ fragte der Apatsche in besorgtem Tone. „Winnetou wird lieber mitgehen!“

„Nein; das nützt mir nichts. Ja, wenn du die Zelte kennen würdest!“

Da fragte Dunker:

„Ihr wollt wohl in das Wasser steigen?“

„Natürlich! An dem einen Ufer steht der Fels, und an dem andern giebt es Büsche. Im Schutze und Schatten derselben komme ich ungefährdet durch das ganze Lager.“

„Das ist kühn, außerordentlich kühn; aber es spricht mich an, Sir! Was meint Ihr wohl, ob ich mitthun könnte?“

„Hm, ich kenne Euch nicht genug, um das zu wissen. Könnt Ihr schwimmen, tauchen und Wasser treten?“

„Ganz leidlich.“

„Ist das Flüßchen tief?“

„Weiß es nicht.“

„Reißend?“

„Nein.“

„Hatte es heute klares oder trübes Wasser?“

„Trübes; auch kam viel abgerissenes Gras und Schilf geschwommen.“

„Das ist gut; das ist sehr gut, denn das wird uns von großem Nutzen sein. Wir bauen uns Inseln, unter denen wir uns verstecken, sodaß wir nicht gesehen werden können.“

„Inseln? Unter denen wir stecken?“ fragte er verwundert.

„Ja.“

„Erklärt es mir, Sir! – Das kann ich nicht begreifen.“

„Es ist so einfach wie nur möglich. Jedes Kind kann es machen. Man bindet Schilf und anderes Zeug, welches gern auf dem Wasser schwimmt, zusammen, sodaß es die Gestalt einer kleinen Insel annimmt, welche vom fließenden Wasser abwärts getragen wird. In der Mitte der Insel fertigt man eine Erhöhung, welche hohl sein und mehrere Löcher nach allen Seiten haben muß. Kriecht man nun unter die Insel und steckt den Kopf in die Höhlung, welche über dem Wasser liegt, so hat man Luft und kann nicht nur Atem holen, sondern sich auch nach allen Seiten umschauen, weil man durch die Löcher zu blicken vermag. Man sieht also alles und hört auch alles, ohne daß man selbst gesehen wird, weil man im Wasser steckt.“

„Das ist ein kluger, ein sehr kluger Gedanke, Sir. Ja, bei Old Shatterhand und Winnetou kann selbst unsereiner noch viel lernen!“

„Man muß erfinderisch sein, Master Dunker. Man kann sehr leicht in Verhältnisse kommen, in denen von solchen Dingen nicht nur das Gelingen eines Planes, sondern sogar das Leben abhängt. Mir zum Beispiele haben solche künstliche Inseln schon wiederholt das Leben gerettet.“

„Die Inseln sollen schwimmen; da muß man doch wohl mitschwimmen?“

„Wenn das Wasser tief ist, schwimmen; ist es seicht, dann waten. In dem letzteren Falle muß man sich bald ausstrecken, bald den Körper zusammenziehen, je nach der Verschiedenheit der Wassertiefe. Indem ersteren Falle ist es geraten, in aufrechter Stellung zu schwimmen, was man Wassertreten nennt. Man hält den Kopf oben, die Füße unten, zieht die Kniee ein wenig empor und tritt abwechselnd mit den Füßen nach unten, während man mit den ausgestreckten Händen breit im Wasser paddelt, aber ja nicht auf der Oberfläche, weil das gesehen würde. Es darf auf keinen Fall auch nur der leichteste Wellenschlag verursacht werden, weil dieser einem aufmerksamen und nachdenkenden Zuschauer alles verraten würde. Habt Ihr das verstanden, Master Dunker?“

Yes, Sir, sehr gut, sehr gut. ich getraue mich, es ganz gut fertig zu bringen.“

„Wartet nur; es kommt noch mehr. Es muß auch noch anderes beobachtet werden, vorausgesetzt nämlich, daß man scharfe Beobachter hat. Man bewegt sich vorwärts, und man bleibt an Stellen, wo man beobachten will, halten. Da darf man sich weder schneller noch langsamer bewegen als das Wasser und sonstige Gegenstände, welche neben und mit der Insel schwimmen. Am allerwenigsten natürlich darf es einem einfallen, stromaufwärts zu schwimmen. Man muß die Strömung beachten. Mitten in und auf derselben darf man ja nicht anhalten, weil dies gegen die Naturgesetze wäre. An Punkten, wo Wirbel sind, muß man sich auch drehen, und legt man am Ufer an, um zu lauschen, so muß dies an einer dazu geeigneten Stelle geschehen, wo ruhiges Wasser ist und es einen Landvorsprung gibt, welcher die Insel angehalten zu haben scheint.“

„Hm! Es ist doch schwerer, als ich dachte, Sir!“

„Wenn man Übung besitzt, gut überlegt und gut aufpaßt, ist es leicht. Es kommt darauf an, ob Ihr es wagen wollt.“

„Natürlich! Sehr gern! Ich freue mich darauf!“

„Schön! Aber ich halte es für meine Pflicht, Euch darauf aufmerksam zu machen, daß Ihr Euer Leben wagt. Werden wir bemerkt, schöpft man Verdacht, so sind wir wahrscheinlich verloren.“

„So schnell und so unbedingt, wie Ihr denkt, doch wohl nicht! Wir können uns wehren!“

„Womit? Wir können doch keine Schießwaffen bei uns haben und höchstens das Messer mitnehmen. Beim ersten Warnungsrufe stehen hunderte von Indianern am Ufer, die auf uns schießen. Selbst wenn wir aus dem Wasser springen und uns mit den Messern auf sie werfen wollten, wären wir von ihren Kugeln durchlöchert, ehe wir zum Stoße kämen.“

„Haben sie denn gleich alle ihre Schießprügel bei der Hand?“

„Und wenn keiner ein Gewehr hätte, befänden sie sich doch in solcher Übermacht, daß ihre Zahl uns erdrückte. Also, ich bin aufrichtig, überlegt es Euch wohl!“

Pshaw! Da giebt es nichts zu überlegen; ich mache mit. Ich will auch einmal in einer schwimmenden Insel stecken und erzählen, daß ich das von Old Shatterhand gelernt habe. Ich habe es noch nicht erlebt, und da es heute so schön paßt, will ich es jetzt erleben!“

„Gut! Wißt Ihr, wie weit die Posten im Thale auf- und abwärts stehen?“

„Ja, nämlich wenn es sich seit Mittag nicht verändert hat.“

„So könnt Ihr mich führen. Wir steigen natürlich oben in das Wasser und gehen erst unterhalb des Lagers wieder heraus. Da wir später keine Zeit dazu haben, muß ich Euch jetzt noch sagen, wie Ihr Euch zu verhalten habt. Ein leises Zungenschnalzen ist das Zeichen, daß der betreffende dem andern etwas sagen will. Dann legen wir die beiden Inseln nebeneinander, sodaß wir uns hören und verstehen können. Außerdem habt Ihr Euch stets hinter mir zu halten und alles zu thun, was ich thue. Lege ich ans Ufer, dann auch Ihr; stoße ich wieder ab, so folgt Ihr mir. Nur in einem Falle dürft Ihr nicht nachahmen, nämlich wenn ich die Insel verlasse und an das Ufer steige, um vielleicht in ein Zelt zu gehen.“

„Alle Wetter! Wolltet Ihr dies vielleicht wagen?“

„Nicht nur vielleicht, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Auf die Zelte, welche ich Euch genannt habe, macht Ihr mich aufmerksam, noch ehe wir sie erreichen, weil wir nicht zurück dürfen. Übrigens will ich Euch zur Aufmunterung sagen, daß die Sache sich leichter machen wird, als es den Anschein hat. Auf der einen Seite des Flüßchens, wo es an den weißen Felsen stößt, befindet sich kein Mensch; von dort her haben wir also nichts zu befürchten. Und das andere Ufer ist von Büschen besetzt, welche uns Schutz gewähren. Dazu kommt der wolkige Himmel, die Finsternis der heutigen Nacht und das Flackern der Feuer, das, zumal im Wasser, keinen Gegenstand scharf erkennen läßt. Also vorwärts jetzt! Wollen erst Emery benachrichtigen, und dann kann die interessante Schwimmpartie beginnen.“

„Wäre es nicht besser, wir warteten, bis die Feuer erloschen sind und die Roten sich schlafen gelegt haben?“

„Nein, denn was wollten wir dann dort? Ich will doch mit der Lady reden, wenn dies halbwegs möglich ist, und die Indianer beobachten, um vielleicht über den beabsichtigten Zug gegen die Nijoras etwas zu erfahren. Entweder müssen wir es jetzt wagen oder es unterbleiben lassen.“

Wir gingen zu Emery und legten dort alles ab, was wir nicht brauchten oder nicht naß werden durfte. Von Waffen nahmen wir nur Messer mit. Da Dunker keines hatte, bekam er das des Apatschen. Letzterer ließ es sich nicht nehmen, uns an den Fluß zu begleiten. Er wollte uns bei der Herstellung der Inseln helfen, und ich willigte natürlich ein, weil wir dadurch Zeit ersparten.

Es mußte selbstverständlich mit größter Vorsicht zu Werke gegangen werden. Als wir den äußersten Posten oberhalb des Lagers erkundet hatten, gingen wir noch eine Strecke weiter aufwärts, bis wir Schilf fanden. Das durfte nur unter dem Wasser abgeschnitten werden, weil sonst am nächsten Morgen die Stelle aufgefallen wäre. Unter und zwischen den nahen Büschen gab es dürres Holz genug, und so hatten wir bald das nötige Material beisammen und gingen an den Bau der Inseln. Dieser mußte leicht aber fest sein, denn wenn eine der Inseln zerriß und auseinanderschwamm, so kam, wer darunter steckte, in die größte Gefahr, entdeckt zu werden. Auch durfte die Gestalt keine auffällige sein; es mußte genau das Aussehen haben, als ob nur das Wasser die einzelnen Bestandteile zusammengeflößt habe und nun zusammenhalte. Nach einer Stunde waren wir mit dem Werke fertig, und Dunker stieg zuerst in den Fluß, um unter meinen Augen eine Probe zu machen, die recht gut gelang. Winnetou entfernte sich, nachdem er mir gesagt hatte, daß er sich mit meinem vielschüssigen Henrystutzen auf alle Fälle bereithalten werde, uns beizuspringen. Dann ging auch ich in das Wasser, kroch unter meine Insel und steckte den Kopf in die Erhöhung oder vielmehr Höhlung derselben. Das nächtliche Abenteuer konnte seinen Anfang nehmen.

Es war kein sehr angenehmes Gefühl, in den Kleidern im Wasser zu stecken. Wir hatten zwar bei Emery soviel davon zurückgelassen, wie wir entbehren konnten, doch hatte wenigstens ich, weil ich womöglich mit Martha sprechen wollte, soviel von meinem Anzuge anbehalten, daß die Kleidungsstücke bald schwer wurden und mich am Schwimmen hinderten.

Das Flüßchen war nicht breit, aber tief. Als wir das Ufer verlassen hatten, verschwand der Grund unter den Füßen, und wir mußten schwimmen. Ich richtete mich dabei genau nach der Schnelligkeit des Wassers und mein Gefährte folgte nur einige Ellen hinter mir her. Es war dunkel, dennoch sah ich, als wir eine Strecke vorwärts gekommen waren, den ersten, äußersten Posten am Ufer stehen. Wir kamen glücklich an ihm vorüber; er stand mit dem Gesichte dem Wasser zugekehrt, sah also jedenfalls die beiden sich abwärts bewegenden Anhäufungen von Schilf und Zweigen, faßte aber keinen Verdacht. Das überzeugte mich davon, daß unsere Inseln ein natürliches Aussehen hatten, und ich durfte nun hoffen, daß sie auch andern Augen nicht auffällig erscheinen würden.

Wir kamen jetzt an keinem Posten mehr vorüber, außer dem natürlich, der wahrscheinlich unterhalb des Lagers am Wasser stand, und bald sahen wir die ersten von den Feuern erleuchteten Zelte vor uns liegen. Sie standen am linken, von Büschen beschatteten Ufer. Wären wir diesem gefolgt, so hätten die Sträucher uns den Ausguck verdeckt; darum hielten wir uns an das andere, rechte Ufer. Wir konnten da über das Wasser hinüber und zwischen den Büschen hindurchsehen und waren auch sicher, daß hier hüben niemand stand, der uns eine für uns gefährliche Aufmerksamkeit schenken konnte.

Jetzt floß das Wasser langsamer, denn der Fluß machte einen weiten Bogen nach rechts, wo er den Fuß des weißen Felsens bespülte. Dadurch entstand innerhalb des Bogens, zur linken Hand von uns, Raum für die Zelte, die meist in der Nähe des Flusses errichtet waren, jedenfalls um das so notwendige Wasser in der Nähe zu haben.

Wir waren wohl an zwölf bis vierzehn Zelten vorübergekommen, als Dunker das Zeichen gab, daß er sprechen werde. Da er so nahe hinter mir folgte, brauchte ich nicht anzuhalten; ich horchte hinter mich und hörte ihn sagen:

„Das große Zelt, vor welchem die zwei Medizinlanzen stehen, ist das des Häuptlings.“

Das konnte mich weniger interessieren; aber ich wendete dem Zelte doch meine Aufmerksamkeit zu, und da sah ich allerdings, wie gut es war, daß Dunker mich aufmerksam gemacht hatte. Vor dem Zelte hatte ein Feuer gebrannt; es war im Verglimmen, und dafür hatte man neben dem Zelte, wo mehr Platz war, ein zweites angezündet, an welchem einige Rote so saßen, daß zu vermuten stand, es würden noch mehrere kommen und mit ihnen einen Kreis bilden. Es schien also, man wolle hier eine Beratung abhalten. Konnten wir lauschen, so war vielleicht etwas für uns Vorteilhaftes zu erfahren. Darum legte ich am rechten Ufer an, und Dunker that dasselbe in der Weise, daß unsere beiden Inseln eine einzige bildeten. Wir befanden uns also einander so nahe, daß wir leise miteinander sprechen und uns dabei doch verstehen konnten.

Um zu lauschen, mußten wir freilich das linke Ufer aufsuchen; dort aber hinderten uns die Sträucher am Sehen; darum blieb ich einstweilen noch am rechten, weil wir von da aus inzwischen beobachten konnten, was drüben vorging. Unsere Füße hatten jetzt wieder Grund gefunden, und zwar war das Wasser hier so seicht, daß wir in dem weichen, angespülten Sande sitzen konnten, es also bequem genug hatten, so lange aushalten zu können, wie wir es für nötig fanden.

„Warum legt Ihr hier an, Sir?“ fragte mich Dunker leise.

„Seht Ihr denn nicht,“ antwortete ich, „daß man da drüben Vorbereitungen zu einer Versammlung trifft?“

„Allerdings. Wollt Ihr derselben etwa zuhören?“

„Ja. Nachher, wenn die Beratung begonnen hat. Jetzt bleiben wir hier, weil wir da sehen können, wer und wie viele an der Beratung teilnehmen. Ist das Zelt, in welchem Melton wohnt, nicht von hier aus zu sehen?“

„Nein; aber von dem des Häuptlings aus, abwärts gerechnet, ist es das sechste.“

„Und das der Lady?“

„Ist dann das vierte.“

„So braucht Ihr mir die beiden Zelte, wenn Ihr Euch nicht etwa verzählt habt, gar nicht erst zu zeigen. Warten wir also, was da drüben losgehen wird!“

Die Beratung schien einen sehr wichtigen Gegenstand zu betreffen; das ersahen wir aus der Größe des engern Kreises, welcher gebildet werden sollte, und aus der großen Anzahl von gewöhnlichen Kriegern, welche sich schon jetzt eingefunden hatten. Sie bildeten in einiger Entfernung um den ersteren einen Halbzirkel, weil sie der Beratung ihrer hervorragenden Krieger zuhören wollten.

Erfreulich für uns war es, daß wir nicht allzu lange zu warten brauchten. Wir hatten nicht viel über eine Stunde vor Anker gelegen oder vielmehr vor Anker gesessen, so sahen wir einen langen, starken Indianer aus dein Häuptlingszelte kommen und sich nach dem Kreise begeben.

„Das ist der starke Wind,“ flüsterte mir Dunker zu.

Es war also der Häuptling. Hinter ihm kam Jonathan Melton. Er trug alle seine Waffen und setzte sich neben dem starken Wind nieder. Er wurde also nicht nur nicht als Gefangener oder gar als Feind betrachtet, sondern sollte sogar an der Beratung teilnehmen und hatte mit dem Häuptlinge vorher eine Unterredung gehabt. Dann kamen auf ein laut gegebenes Zeichen noch zehn bis zwölf alte, erfahrene Krieger, welche sich in den Kreis setzten.

Die Beratung begann, und nun verließen wir nacheinander das rechte Ufer, um hinüber an das linke zu schwimmen, was wir so langsam und vorsichtig thaten, als ob unsere Inseln von der Strömung hinübergetrieben würden. Dort legten wir wieder eng nebeneinander an.

Es hatte eine Weile gedauert, bis wir wieder fest und bequem lagen, und so kam es, daß die Verhandlung nun schon begonnen hatte. Wir konnten nicht über das hier hohe Ufer blicken und hörten eine laute, kräftige Stimme, welche eine Rede hielt.

„Wißt Ihr, wer das ist?“ fragte ich Dunker.

„Der Häuptling.“

Die Stimme erklang so deutlich, daß wir jedes Wort verstehen konnten:

„- – obgleich meine roten Brüder erst in vier Tagen aufbrechen wollten, habe ich doch mehrere gute Gründe, schon morgen früh den Zug zu beginnen. Und sodann hat mir dies tapfere Bleichgesicht gesagt, daß wir unterwegs drei berühmte Männer ergreifen werden. Wenn das die Wahrheit ist, wird man in allen Zelten und Thälern, in der Nähe und in der Ferne von der Tapferkeit der Mogollon erzählen. Die drei Krieger sind Winnetou, der Häuptling der Apatschen, Old Shatterhand und noch ein großes Bleichgesicht, welches viele rote Krieger getötet hat.“

„Uff, Uff, uff!“ erklang es in dem Kreise, und auch die um denselben Stehenden ließen diesen Ausruf der freudigen Bewunderung hören.

„Unser weißer Bruder,“ fuhr der Häuptling fort, „wird meinen roten Brüdern jetzt mitteilen, was er zu mir davon gesprochen hat.“

Seine einleitende Rede war zu Ende. Er hatte sie natürlich stehend gehalten und setzte sich, wie ich vermutete, nun wieder nieder. Nach einigen Augenblicken erklang die Stimme Jonathan Meltons. Er hielt eine lange, sich in den stärksten Ausdrücken ergehende Philippica, welche sich auf uns bezog. Er erzählte, wir seien bei ihm im Pueblo gewesen und hätten auf die Mogollon geschimpft und dabei gesagt, daß wir zu den Nijoras wollten, um sie zu einem Kriegszuge gegen die ersteren aufzustacheln. Da er ein Freund der MogolIons sei, habe er sich sofort auf das Pferd gesetzt, um sie vor der drohenden Gefahr zu warnen. Wie gut er es meine, könnten sie aus dem Umstande ersehen, daß er auf einem vollständig abgehetzten Pferde angekommen sei. Jetzt höre er, daß ein Zug gegen die Nijoras beschlossen worden sei, der aber erst nach vier Tagen angetreten werden solle. Dies sei vollständig falsch, da sie höchst wahrscheinlich bis dahin von den Nijoras überfallen würden. Man müsse vielmehr sofort aufbrechen, zumal es heute Dunker gelungen sei, zu entkommen. Er habe gehört, daß man gegen die Nijoras ziehen wolle, und man könne annehmen, daß er zu diesen eilen werde, um sie zu benachrichtigen.

Der Mensch brachte noch andere Gründe und lügenhafte Angaben in so scharfsinniger Weise vor, daß ich, noch ehe er seine Rede geendet hatte, überzeugt war, die Beratung werde ihm beistimmen. Wirklich ging auch, als er sein letztes Wort gesprochen hatte, ein beifälliges Murmeln durch die Reihen der Roten; es trat eine kurze Stille ein, und dann hörte ich den Häuptling sagen:

„Mein weißer Bruder hat bewiesen, daß er ein Freund unseres Stammes ist. Wir danken ihm; er mag mir jetzt nur noch einige Fragen beantworten. Waren Winnetou und Old Shatterhand noch in dem Pueblo der weißen Squaw, als du von dort fortrittest und weißt du, wann sie es verlassen werden?“

„Nein.“

„Wissen sie, wohin du geritten bist?“

„Nein.“

„So steht auch nicht zu erwarten, daß sie dir augenblicklich gefolgt sind. Vielleicht befinden sie sich jetzt noch dort?“

„Das ist freilich möglich.“

An diesem Falle können wir sie hindern, die Nijoras gegen uns aufzuhetzen. Wir brauchen ihnen nur eine Anzahl unserer Krieger entgegenzusenden, um sie festzunehmen; dann können sie nicht zu den Nijoras gelangen.“

„Aber wenn sie sich nun schon dort befinden?“

„Dann müßten wir morgen früh aufbrechen. Wenn die Nijoras uns wirklich angreifen wollen, so müssen sie durch das Tikh Nastla kommen, wenn sie nicht einen Umweg von mehreren Tagen machen wollen. Dort können wir sie erwarten und vollständig aufreiben. Ich werde jetzt, wenn die alten Krieger einwilligen, fünfzig Männer absenden, welche sofort aufbrechen und Winnetou und Old Shatterhand entgegenreiten, um sie zu fangen. Die andern Krieger ziehen dann morgen mit mir nach dem Tikh Nastla, wo wir den Erfolg abwarten können. Ich habe gesprochen. Laßt uns über den Vorschlag beraten!“

„Kommt, wir wollen fort!“ flüsterte ich Dunker zu.

„Jetzt noch nicht!“ antwortete er. „Wenn wir einmal lauschen, müssen wir doch bis zu Ende warten, das Wichtigste kommt erst nach.“

„Was denn?“

„Die Entscheidung darüber, was sie anfangen werden.“

„Die kenne ich schon jetzt. Übrigens sind so viele Krieger hier versammelt, und das Zelt Meltons steht leer, Ich muß fort, ehe die Versammlung aufgelöst wird. Also kommt, Master! Wir legen bei dem sechsten Zelte an, und ich gehe an das Ufer.“

Wir machten uns wieder flott und schwammen weiter. Das Zelt stand ebenso nahe am Ufer, wie die andern; es warf seinen Schatten über die Büsche und auf das Wasser herab. Als wir den Schatten erreicht hatten, legten wir wieder an. Ich forderte Dunker auf:

„Bleibt hier liegen, bis ich zurückkehre, und steigt auf keinen Fall ans Land!“

„Aber wenn Ihr nicht wiederkommt, Sir?“

„Dunkles Thal.“

„Dann werdet Ihr Winnetou schießen hören.“

„Und wenn er nicht schießt?“

„Er wird! Ich werde mich ohne Gegenwehr nicht ergreifen lassen. Der Lärm, welcher dabei entsteht, wird dem Apatschen sagen, daß ich in Gefahr bin, und Ihr könnt Euch darauf verlassen, daß er dann nicht ruhig auf seinem Posten liegen bleibt. Wenn Ihr seine Schüsse hört, ergreift Ihr die Flucht. Ihr schwimmt mit Eurer Insel den Fluß hinab, bis Ihr den untersten Posten passiert habt, und kehrt zu Sir Emery zurück.“

„Und Ihr? Was wird dann mit Euch?“

„Das laßt nur meine und Winnetous Sache sein.“

„Sir, das ist leicht gesagt. Ich soll ausreißen, wenn Ihr Euch in Gefahr befindet?“

„Ja. Eure Hilfe könnte mir nichts nützen; sie würde mir nur schaden. Übrigens wird der Fall, von dem wir sprechen, gar nicht eintreten. Wartet also, ich bin gleich wieder hier!“

Well! Aber ich sage Euch, daß ich zittere, nicht für mich, sondern für Euch!“

Ich befestigte meine Insel an den Busch, bei dem ich jetzt lag, und kroch darunter hervor, wobei ich natürlich untertauchen mußte. Dann schob ich mich vorsichtig zwischen den Sträuchern hindurch, die Böschung des Ufers hinauf. Dabei war gar nichts zu riskieren, denn hinter mir konnte es keinen Beobachter geben, zu beiden Seiten hatte ich das Gebüsch und vor mir das Zelt. Auf der Uferhöhe angekommen, blickte ich mich um. Es war kein Mensch zu sehen.

Nun kam es darauf an, zu erfahren, ob sich jemand in dem Zelte befand oder nicht. Ich kroch ganz hinan und lauschte. Es war nichts zu hören. Ich zog einen Pflock aus der Erde und hob den untern Saum des Zelttuches vorsichtig empor. Gerade mir gegenüber war der Eingang; er stand halb offen. Der Schein eines Feuers fiel herein, und ich sah, daß das Zelt leer war.

Mir klopfte das Herz. Melton hatte das geraubte Erbe in einer Ledertasche bei Sich, diese aber nicht mit auf der Versammlung gehabt; sie mußte sich also in seinem Zelte befinden. Ich sah sie aber nicht. Darum hob ich die Zeltleinen noch höher und kroch hinein. Die Tasche war nicht zu sehen. Sollte er sie vielleicht dem Häuptlinge in Verwahrung gegeben haben? Das hielt ich nicht für wahrscheinlich. Darum kroch ich nach der Lagerstätte, welche aus Laub, abgeschnittenem Gras und einigen Decken bestand, steckte die Hand unter diese und suchte. Da – da fühlte ich sie. Meine Hand zitterte. Ich zog sie zurück und überlegte, obgleich meine Lage keine solche war, daß ich Zeit zu langem Nachdenken gehabt hätte; sie war im Gegenteile höchst gefährlich.

Ich befand mich in einer großen Aufregung. Da lagen die Millionen, welche wir haben wollten! Durfte ich sie nehmen? Es wirbelte mir vor den Augen und vor den Ohren. Wie muß es erst einem Einbrecher zu Mute sein, der unter Lebensgefahr seine Hand nach unrechtem Gute ausstreckt! Ich zwang mich zur innern Ruhe.

Nahm ich die Tasche, so wurde sie jedenfalls sehr bald von Melton vermißt; er machte Lärm; man suchte, fand meine Spur, suchte die Umgegend weiter ab und traf dann auch auf unsere andern Spuren; dadurch gerieten wir in große Gefahr, und wenn wir derselben auch entgingen, so hatte ich wohl das Geld, aber nicht den Dieb.

Die Tasche durfte ich also nicht mitnehmen. Aber sie öffnen, auspacken, – auch mußte ich etwas anderes hineinthun, um Melton glauben zu machen, daß der Inhalt noch vorhanden sei; das erforderte eine Zeit, die mir nicht zu Gebote stand. Aber es mußte gewagt werden. Wurde ich überrascht, nun, dann kam Melton vielleicht allein in das Zelt, und mit dem würde ich schon fertig! Ich nahm also die Tasche unter den Decken hervor. Vielleicht hatte er den wertvollen Inhalt herausgenommen und zu sich gesteckt. In diesem Falle setzte ich mich der gegenwärtigen Gefahr ganz unnütz aus.

Es war eine Ledertasche mit eisernem Bügel; sie war voll und – verschlossen. Wie fatal! Ich zog mein Messer und sprengte das Schloß auf. Das war eine sehr leichte Arbeit, welche ich aber ungern unternahm, weil es fraglich war, ob ich das Schloß ebenso leicht wieder zubringen würde. Der Bügel ließ sich öffnen, und ich griff hinein. Ich fühlte weiche Gegenstände und kleinere Sachen; das war es nicht, was ich suchte. Dann kam eine starke, dicke Brieftasche in meine Hand; weiter gab es dann nichts. Ich nahm sie heraus. Um das vorige Volumen wieder herzustellen, schnitt ich mit dem Messer einen Streifen von der untern Lagerdecke, legte ihn viereckig zusammen, und schob ihn dahin, wo die Brieftasche gesteckt hatte. Hierauf zwang ich die Bügel wieder zusammen und gab an der Stelle, wo sich das Schloß befand, einen starken Druck – es schnappte; wie das möglich war, das konnte ich mir nicht erklären, aber das vorhin aufgesprengte Schloß war wieder zu.

Nun galt es, den Rückzug zu ergreifen, was freilich nicht so leicht war und so schnell ging, wie man meinen sollte, denn ich hatte meine Spur zu verwischen.

Meine Kleidung war naß gewesen, doch war von der Nässe gewiß nicht so viel, daß es auffallen mußte, in das Zelt gekommen. Ich nahm die Brieftasche zwischen die Zähne, selbstverständlich nachdem ich die Bügeltasche wieder unter das Lager gesteckt hatte, kroch aus dem Zelte und steckte den Pflock wieder an seine Stelle. Indem ich mich nun auf den Knieen rückwärts nach dem Wasser hinabbewegte, richtete ich die niedergedrückten Gräser sorgfältig mit den Händen auf. Wenn heute Nacht der Tau auf die Stelle fiel, war morgen früh von der Spur jedenfalls nichts mehr zu bemerken. Das Aufrichten des Grases mußte sehr sorgfältig geschehen, es nahm viel Zeit in Anspruch. Als ich endlich unten ankam, hörte ich Dunkers Stimme leise aus seinem Verstecke hervorklingen:

„Dem Himmel sei tausend Dank! Was war das für ein ewiges Warten! Mir sind aus lauter Sorge für Euch soviel Gänsehäute übergelaufen, daß ich ein steinreicher Kerl würde, wenn ich einen Käufer für sie fände.“

„Und doch müßt Ihr noch eine kleine Weile warten,“ antwortete ich.

„Noch länger! Warum?“

„Ich habe etwas geholt, was ich mitnehmen muß und doch nicht naß werden lassen darf. Ich muß es also auf meiner Insel befestigen, daß es trocken liegt.“

„Was ist es?“

„Einige Millionen Dollars.“

„Was! Etwa das geraubte Geld!&

„Ja.“

„Glückspilz, der Ihr seid! Wohl in einer Tasche?“

„Ja.“

„So befestigt sie ja recht sorgfältig, damit sie nicht verloren geht!“

„Ich bringe hinten auf meiner Insel eine zweite Erhöhung an. Auf diese habt Ihr von jetzt an zu achten, auf sonst weiter nichts, indem Ihr hinter mir her schwimmt.“

Ich mußte Holz haben und durfte doch keine Äste von den Büschen schneiden, weil die weißen Schnittflächen zu Verrätern geworden wären; es gab glücklicherweise genug abgebrochene Zweige, welche mir hinreichendes Material zu der beabsichtigten Vorrichtung lieferten. Als die Tasche sicher untergebracht worden war, schlüpfte ich wieder unter meine Insel, und wir schwammen weiter. Beim vierten Zelte hielten wir an, und ich kroch wieder hervor.

„Nehmt Euch in acht!“ warnte mich Dunker. „Es ist anzunehmen, daß die Lady sich nicht allein in dem Zelte befindet!“

„Dann sitzt sie wohl außerhalb,“ gab ich zur Antwort.

„So! Warum?“

„Weil eine solche Dame solange wie möglich gute Luft genießt, anstatt sich mit alten Squaws in einem stinkenden Zelte zusammenzupferchen.“

Ich schob mich am Ufer empor. Richtig! Meine Vermutung bestätigte sich. Etwa drei Schritte vor mir stand das Zelt, und daneben sah ich Martha sitzen, nur zwei Schritte von mir entfernt. Sie hatte ihren Platz seitwärts vom Zelte genommen, weil davor mehrere indianische Weiber saßen; ob zwei oder drei, das konnte ich nicht sehen. Jetzt galt es sie anzureden, ohne daß sie erschreckte. Das geschah am besten mit ihrem Vornamen und in deutscher Sprache.

„Martha!“ flüsterte ich hinter ihr.

Sie zuckte zusammen und drehte sich erschrocken um, glücklicherweise ohne einen Ruf auszustoßen. Ich erhob den Kopf, sodaß sie mein vom zwischen den Zelten herüberleuchtenden Feuer beschienenes Gesicht sehen konnte und raunte ihr rasch zu:

„Still! Lassen Sie nichts hören! Haben Sie mich erkannt?“

Ja,“ hauchte sie, indem sie ein wenig zur Seite rückte, sodaß wir besser leise Worte tauschen konnten. Die Indianerinnen hielten ihre Aufmerksamkeit aufwärts nach der Stelle gerichtet, wo die Beratung der Krieger noch immer nicht zu Ende war.

„Ich komme nur, um Ihnen zu sagen, daß ich in der Nähe bin,“ fuhr ich fort.

„Gott sei Dank!“ flüsterte sie, indem sie die Hände faltete. – „Aber welch eine Verwegenheit ist dies von Ihnen!“

„Es ist gar nicht gefährlich. Sagen Sie vor allen Dingen, wie Sie behandelt werden.“

„Ganz leidlich.“

„Ans Leben scheint es also nicht gehen zu sollen?“

„Vielleicht doch! – Wenn Jonathan Melton – doch Sie können ja gar nicht wissen, was wir –“

„Ich weiß alles,“ unterbrach ich sie. „Dunker, Ihr Führer –“

„Der ist entkommen!“ schalt sie schnell ein.

„Und auf mich und Winnetou getroffen. Er steckt jetzt hinter mir im Wasser.“

„Himmel, diese Gefahr! Und Franz, mein Bruder?“

„Ist in Sicherheit. Er befindet sich bei den Nijora-Indianern.“

„Da ist er nicht sicher; denn diese sollen von den MogolIon überfallen werden. Melton sagte mir auch, daß er den Zug mitmachen wird, um Sie zu fangen.“

„So erwartet er also, daß wir kommen?“

„Wie es scheint. Er hat mir gedroht. Wenn er erst Sie, Winnetou und Emery hat, sollen wir alle ausgelöscht werden; so drückte er sich aus.“

„So wissen Sie, daß Ihnen wenigstens augenblicklich nichts geschehen wird; Sie können also ruhig sein. Was den Zug gegen die Nijoras betrifft, so werden wir dafür sorgen, daß er verunglückt; also auch um Ihren Bruder brauchen Sie keine Angst zu haben.“

„Aber schonen Sie doch auch sich! Wie haben Sie sich hierherschleichen können, und wie kommen Sie wieder fort? Ich möchte vor Bangigkeit vergehen!“

„Leiser, leiser; die alten Indianerinnen hören Sie sonst! Ich bin so sicher wie ein eingeschriebener Brief im Postbeutel. Ich kann Sie augenblicklich noch nicht befreien; darum komme ich jetzt, um Ihnen wenigstens zu sagen, daß die Gefangenschaft nur kurz sein wird. Wo befindet sich Murphy, der unvorsichtige Advokat?“

„Weiter drüben, Auf Veranlassung Meltons wird er sehr scharf bewacht. Wie ist es denn Ihnen ergangen? Sie scheinen das Schloß, welches Sie suchten, nicht gefunden zu haben?“

„Wir fanden es. Später mehr davon; jetzt kann ich natürlich nicht erzählen. Harry Melton ist tot; sein Bruder Thomas befindet sich in unserer Gewalt, und nur Jonathan ist uns entwischt; aber in höchstens einigen Tagen werden wir auch ihn festhaben.“

„Und das Vermögen? Wie steht es mit diesem?“

„Habe ich vielleicht schon.“

„Haben Sie – –“

„Leiser, viel leiser“, unterbrach ich ihre erstaunten Worte. „Ich habe schon zu viel gesprochen und mich zu lange hier verweilt. Ich will Ihnen nur noch sagen, daß ich da oben in Meltons Zelt gewesen bin. Ich schlich mich vorhin hinein und habe, da es leer stand, seine Brieftasche erbeutet, die wahrscheinlich alles enthält, was wir haben wollen. Das ist die Hauptsache; den Spitzbuben bekommen wir dann auch noch. Jetzt will ich fort. Haben Sie also keine Sorge, und erfüllen Sie mir, sobald ich jetzt fort bin, eine Bitte!“

„Wie gern! Aber welche?“

„Steigen Sie dann einigemal hier zum Wasser nieder, um meine Spur zu verwischen. Wenn man das niedergedrückte Gras bemerkt, muß man denken, Sie seien es gewesen.“

„Ich werde es sehr gern thun; aber gewähren auch Sie mir eine Bitte! Setzen Sie Ihr Leben nicht zu sehr auf das Spiel! Wenn man Sie tötet, bin auch ich verloren!“

„Nein, denn da sind Winnetou und Emery noch da. Aber ich versichere Ihnen, daß ich nicht zu viel wage und daß mir nichts geschieht. Also zagen Sie nicht; halten Sie sich stramm, und seien Sie überzeugt, daß wir Sie sicher herausholen werden, denn – –“

Ich hielt inne, weil in diesem Augenblicke ein lauter schriller Schrei durch das Lager ertönte. Die alten Weiber vor dem Zelte sprangen auf und entfernten sich neugierig einige Schritte, sodaß sie uns nicht mehr so leicht wie vorher bemerken konnten.

„Was war das? – Was hat das zu bedeuten?“ fragte Martha.

„Es ist der Sammelruf der Indianer. Der Häuptling ruft seine Posten zusammen. Daraus ersehe ich, daß man nach den Vorschlägen Meltons handeln wird. Jedenfalls wird sehr bald eine Abteilung aufbrechen, um uns zu fangen. Ich muß fort. Also Mut! Und leben Sie wohl!“

Wir hatten ein großes Glück gehabt, solange und so ungestört miteinander sprechen zu können. Sie reichte mir die Hand; dann rutschte ich in das Wasser hinab. Eben wollte ich unter meine Insel kriechen, da hörte ich, wo ich mich soeben noch bei Martha befunden hatte, eine mir bekannte, laute Stimme sagen:

„Mrs. Werner, ich komme, um mich von Euch zu verabschieden. Zwar bin ich überzeugt, daß Euch das Scheiden von mir sehr schwer fällt, aber ich kann Euch den Trost erteilen, daß wir uns recht, recht bald wiedersehen werden.“

Jonathan Melton war es, der so gesprochen hatte, und zwar in einem so niederträchtig höhnischen Ton, daß ich am liebsten hinaufgesprungen wäre, um ihn zu fassen und mit mir herunter in das Wasser zu ziehen. Ich hätte das wahrscheinlich auch gethan, denn wie die Sachen jetzt standen, wäre es wohl möglich gewesen, mit ihm aus dem Lager zu kommen, da die Posten zusammengerufen worden waren, aber ich hatte nicht nur auf Martha, sondern auch auf Murphy und – auf die Brieftasche Rücksicht zu nehmen. Darum kroch ich vollends in mein Versteck hinein und lauschte. Er fuhr fort:

„Ich bin’s nicht allein, der sich entfernen muß, sondern auch Ihr werdet das Lager verlassen.“

Ah, dachte ich, wenn sie nur jetzt klug wäre! Wenn sie nur jetzt nicht schweigen, sondern ihm antworten wollte. Und sie war klug; sie mochte sich sagen, daß ich, der ich ja wohl noch nicht fort war, gern hören würde, was er weiter sprach. Sie fragte:

„Ich hier fort? Wann denn?“

„Schon mit Anbruch des Tages und zwar mit den Indianern, die gegen die Nijoras ziehen. Ich will Euch beweisen, wie wenig ich Euch und Eure sauberen Freunde fürchte. Meine Offenheit soll Euch sagen, daß Ihr schon jetzt nicht mehr für mich vorhanden seid. Der rote Winnetou und der sogenannte Old Shatterhand sind uns nachgeritten, um uns zu fangen. Ihr und Euer kluger Advokat habt das Resultat nicht abwarten können, und seid ihnen gefolgt. Das war eine große Albernheit von euch allen, denn die Meltons haben euch schon wiederholt bewiesen, daß ihr mit all eurer Klugheit nicht an sie kommt. Ihr befindet Euch mit dem Advokaten jetzt in meiner Gewalt, und ich reite schon in einer Viertelstunde mit einer Abteilung von fünfzig Mogollon ab, um Old Shatterhand, Winnetou und den Engländer dazu zu holen. Befinden sie sich noch auf dem Schlosse, wohin Ihr wolltet, so werden wir bis dorthin reiten und sie überrumpeln; sind sie aber schon fort, so treffen wir sie unterwegs. In beiden Fällen ist es schon jetzt so gut, als ob wir sie fest hätten. Euch und den Advokaten aber nehmen die Roten am Morgen mit, damit ich nicht so weit zurückzureiten habe. Ich werde in einer sehr schönen Gegend, welche man das dunkle Thal nennt, auf sie und also auch auf Euch treffen. Was meint ihr wohl, was dann geschehen wird?“

„Ihr laßt uns frei?“

„Frei? Das kann nur ein Weib sagen. Ich bin der Erbe des alten Hunter; hört Ihr es, ich! Es darf keinen andern Erben geben! – Wißt Ihr, was das heißt?“

„Wollt Ihr uns etwa töten!“

„Töten? Ah, ja, jetzt redet Ihr viel vernünftiger als vorher. Ihr seid der Wahrheit so nahe, daß Ihr sie beim Schopfe habt.“

„Sir, es kann ganz anders kommen, als Ihr denkt, wenn Ihr gar nicht auf Winnetou und Old Shatterhand trefft!“

„Das ist unmöglich. Entweder befinden sie sich noch im Pueblo, dann stecken sie in der Falle, denn ich kann unbemerkt in die Festung gelangen, ohne daß sie es ahnen, oder sie sind mir schon nachgeritten, und da giebt es nur einen einzigen Weg, auf dem sie uns begegnen müssen. Die sonst so klugen Kerle werden übrigens gar nicht vorsichtig sein, weil sie nicht ahnen können, daß ich, der Flüchtling, auf den Gedanken komme, wieder umzukehren.“

„Dann ist es wenigstens möglich, daß die Nijoras sich nicht überfallen lassen, sondern die Mogollon besiegen. Dann falle ich den Siegern in die Hände, aber nicht Euch.“

Pshaw, Weibergedanke! Die Nijoras haben keine Ahnung, daß wir gegen sie ziehen. Wir werden sie überrumpeln, wie der Habicht auf die Tauben fällt. Ich habe befohlen, Euch und den Advokaten keinen Moment aus den Augen zu lassen. Man wird euch auf Pferde binden. Vielleicht ist’s auch möglich, daß der Häuptling auf den milden Gedanken kommt, Euch in Euern Wagen zu stecken, weil Ihr nicht reiten könnt und also den Zug hemmen würdet. Auf keinen Fall aber werdet Ihr Gelegenheit zur Flucht finden, und auf keinen Fall dürft Ihr denken, daß es Euern Freunden gelingen wird, mir zu entkommen und Euch zu retten, Geht jetzt in Euer Zelt! Die Wächterinnen sind angewiesen, Euch bis zum Morgen nicht herauszulassen.“

Sie schien dem Befehle zu gehorchen, denn es war nichts mehr zu hören. Wir warteten noch ein Weilchen und stießen dann vom Ufer ab, um weiterzuschwimmen. Ich konnte zwar annehmen, daß alle Posten dem Sammelrufe ihres Häuptlings gefolgt seien, und es war auch wirklich keiner am Flusse zu sehen, dennoch schwammen wir zu unserer Sicherheit so weit hinab, daß wir uns nun auf alle Fälle außerhalb der Postenkette befanden, und stiegen dann aus dem Wasser. Als ich die Tasche zu mir nahm, war sie vollständig trocken.

Wir sahen trotz der nächtlichen Dunkelheit, in welche Richtung wir uns zu wenden hatten, denn oben auf der Höhe brannte noch das Feuer. Es diente uns als Wegweiser, da Emery dahinter auf uns wartete.

„Sir,“ meinte Dunker, indem wir nebeneinander nach dieser Richtung schritten, „das war ein Abenteuer, an welches ich mit Lust denken werde. Besser konnte es doch gar nicht gelingen!“

„So seid Ihr also zufrieden?“

Well! Und wie! Was Ihr mit der Lady vorher gesprochen habt, das war so leise, daß ich es nicht hören konnte; aber zuletzt hat Melton uns alles verraten. Es war kostbar, daß er in seinem Hohne und seiner Sicherheit alles so herausplauderte. Was meint Ihr, daß wir nun thun werden?“

„Darüber haben wir beide nicht allein zu entscheiden. Daß wir so viel erfahren haben, ist ganz gut; noch lieber aber ist mir die Brieftasche. Melton wird in kurzer Zeit aufbrechen; es steht also gar nicht zu erwarten, daß er seine Ledertasche untersucht und den Verlust bemerkt. Daß ich so leicht zu dem Gelde kommen könnte, das habe ich nicht für möglich gehalten. Für die, denen es gehört, ist nun auf alle Fälle gesorgt.“

„Steckt denn das Geld auch wirklich drin?“

„Ich müßte mich sehr irren, wenn es anders wäre. Wenn es Tag geworden ist, werden wir ja sehen.“

Ich hielt inne, denn es war mir, als ob ich nicht weit vor uns eine dunkle Gestalt gesehen hätte. Das konnte ein Mogollon sein. Da aber hörten wir Winnetous Stimme:

„Meine Brüder mögen näher kommen! Es ist kein Feind, der lauernd auf sie wartet.“

Er hatte meinen Stutzen in der Hand und sagte:

„Meine Brüder stiegen oben in das Wasser; sie mußten abwärts schwimmen; daher stellte ich mich unten her, weil das der Punkt war, an welchem ich ihnen am besten beistehen konnte. Sie mögen mit mir zu Emery kommen.“

„Werden wir auf keinen Posten treffen?“

„Nein. Die Wächter sind alle in das Lager gegangen, als der Ruf erscholl.“

Emery war nicht wenig froh, als er uns heiler Haut zurückkommen sah. Wir rangen unsere Kleider aus, so gut es ging, zogen die abgelegten Stücke an, steckten alles, was wir weggethan hatten, wieder zu uns und erzählten dabei, was wir erfahren hatten. Als ich sagte, daß ich die Brieftasche erwischt hätte, wurde der Apatsche bedenklich. Er meinte:

„Mein Bruder hätte sie auf keinen Fall nehmen sollen. Melton wird den Verlust entdecken!“

„Mag er!“

„Und ahnen, daß wir hier gewesen sind!“

„Vielleicht öffnet er die Tasche erst heute, erst morgen, erst nach einigen Tagen. Und wenn er sehr bald merkt, daß das Geld fort ist, muß er da gleich denken, daß wir es sind, die es geholt haben? Kann ihn nicht ein Mogollon bestohlen haben, als er die Tasche so leichtsinnig in dem Zelte liegen ließ? Wer weiß, seit wann er sie schon vorher nicht geöffnet hat. Er kann auch wohl denken, daß das Geld ihm schon früher herausgenommen worden ist. Und wenn er es bald bemerkt, und seinen Verdacht auf uns lenkt, so ist es doch jedenfalls besser, wir haben das Geld, nach welchem wir so lange vergebens gejagt haben, als daß es sich noch länger in seinen Händen befindet und da allen Zufälligkeiten ausgesetzt ist. Schließlich könnte es so weit kommen, daß er, wenn wir ihn fangen, das Geld nicht mehr besitzt.“

„Vielleicht gebe ich meinem Bruder recht, wenn er mir weiter erzählt.“

Ich folgte der Aufforderung, indem ich ihm noch berichtete, was Jonathan Melton der Sängerin alles gesagt hatte. Als ich fertig war, sagte er im Tone der Verwunderung:

„Winnetou hielt diesen Menschen für klüger, als er sich jetzt gezeigt hat. Der Hohn ist ein Verführer, dem man niemals folgen sollte. Also er bricht mit fünfzig Mann auf, um uns entgegenzureiten! Was sagt mein Bruder Shatterhand dazu?“

„Das, was jeder vernünftige Mensch sagen würde. Es ist eine Dummheit, die gar nicht größer sein kann. Wenn er einmal annimmt, es sei möglich, wir hätten erfahren, wohin er geritten ist, und seien ihm gefolgt, so kann er auch annehmen, daß das sehr bald geschehen ist. In diesem Falle können wir, da er schon so bald am Tage hier angekommen ist, doch auch schon hier oder doch wenigstens nahe sein. Darum ist es ein ungeheurer Fehler von ihm, jetzt aufzubrechen, um uns entgegenzugehen. Es ist dunkel; er kann unsere Spur nicht sehen und muß beinahe sicher annehmen, daß er uns verfehlen wird. Er dürfte diesen Ort nur am Tage verlassen und müßte erst die Umgegend sorgfältig nach uns absuchen.“

„Mein Bruder hat richtig gesprochen. Und dann, wenn es Tag geworden ist, werden die Mogollon gegen die Nijoras aufbrechen? Sind sie dann schon gerüstet? Der Zug sollte doch drei Tage später begonnen werden!“

„Zum Gerüstetsein einer Indianertruppe gehört weniger als zu dem eines großen Heeres von weißen Soldaten.“

„Old Shatterhand muß daran denken, daß man nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Proviant ausgerüstet sein muß. Sind die Mogollon genugsam damit versehen? Haben meine Brüder bemerkt, daß sie Fleisch gemacht haben?“

„Nein, ich habe keine Riemen oder Leinen bemerkt, an denen Fleisch zum Trocknen hing.“

„Das ist ein großer Fehler, denn unterwegs und dort, wohin sie wollen, werden sie kein Fleisch finden.“

„Giebt es in der Gegend des dunklen Thales kein Wild?“

„Entweder keins oder doch wenig. Und haben Krieger, welche in jedem Augenblicke angegriffen werden können, Zeit, auf die Jagd zu gehen und Fleisch zu machen?“

„Nein. Doch wenn die Mogollons solche Fehler begehen, kann es uns nur lieb sein. Kennt der Häuptling der Apatschen das dunkle Thal?“

„Ja.“

„Wie weit ist es von hier?“

„Wenn ein gewöhnlicher Reiter früh aufbricht und unterwegs Nachtlager macht, wird er es um die Mitte des nächsten Tages erreichen. Ich werde meine Brüder führen.“

„Es liegt auch der Gedanke nahe, hier zu bleiben, um die Gefangenen zu befreien, wenn die Krieger fort sind. Dies würde für uns eine leichte Sache sein.“

„Hat mein Bruder auch an die Folgen gedacht?“

„Ja. Man muß sich eben alles überlegen. Jetzt wissen sie nicht genau, wo wir sind; dann aber werden sie es sicher erfahren.“

„Ja; es würden sofort Boten den Kriegern nacheilen, um zu melden, was geschehen ist. Aber es würden auch noch andere Folgen eintreten, weil wir auf unsere Schnelligkeit verzichten müßten.“

„Freilich würden die Lady und der Advokat uns arg hindern.“

„Doppelt hindern, denn wir könnten erstens nicht den Nijoras zu Hilfe kommen und den Mogollons zweitens nicht ausweichen, welche nach Ankunft der Boten augenblicklich eine Schar von Kriegern aussenden würden, uns zu fangen. Denkt mein Bruder etwa, daß den Gefangenen hier in Abwesenheit der Krieger etwas Schlimmes geschehen wird?“

„Nein. Erst nach Rückkehr Meltons ist für sie zu fürchten.“

„So können sie hier bleiben; sie sind uns da sicherer, als wenn wir uns mit ihnen schleppen und sie gegen eine übermächtige Schar von Feinden verteidigen müssen. Wir reiten zu den Nijoras, um ihnen gegen die Feinde beizustehen. Sind diese geschlagen, so zwingen wir sie, uns nicht nur die Lady und den Advokaten, sondern auch Melton auszuliefern.“

„Gut! Wann brechen wir auf!“

„Wenn Melton mit seiner Schar fort ist. Wenn wir eher ritten, würden sie, wenn sie hinter uns kämen, unsere Fährte sehen und Verdacht schöpfen.“

„Können wir nicht einen andern Weg einschlagen?“

„Ja, aber ist es nicht besser, wir bleiben, um uns zu überzeugen, daß sie wirklich fort sind und daß Melton sich gewiß bei ihnen befindet?“

„Nein. Ich bin vollständig überzeugt davon, daß es so ist und so geschieht, wie er gesagt hat. Und wenn wir erst nach ihnen reiten, müssen wir hinter ihnen bleiben, was uns ungeheuer aufhalten würde, denn sie reiten jedenfalls nicht so schnell, wie wir reiten müssen, wenn wir die Nijoras rechtzeitig benachrichtigen wollen, weil sie doch unterwegs sich nach uns umsehen müssen. Ich schlage also vor, wir verlassen entweder diesen Ort sofort, oder wir bleiben da, um die Gefangenen zu befreien, wenn am Morgen die Krieger fortgezogen sind.“

„Mein Bruder Old Shatterhand hat recht. Was sagt mein Bruder Emery dazu?“

„Sofort aufbrechen,“ antwortete dieser. „Das Geld haben wir, nun müssen wir unbedingt den lieben Jonathan bekommen. Den Gefangenen geschieht in der nächsten Zeit nichts. Werden die Mogollons besiegt, so zwingen wir sie, sie uns auszuliefern, und sollte der Kampf wider Erwarten einen andern Ausgang nehmen, so können wir immer noch heimlich hierher zurückkehren, um das nachzuholen, was wir jetzt unterlassen.“

Dunker wurde auch gefragt, freilich mehr aus Höflichkeit, als weil wir ihm eine entscheidende Stimme hätten zutrauen mögen. Er stimmte bei, machte aber die nicht ganz unbegründete Bemerkung:

„Wir müssen uns aber vor den Roten in acht nehmen, welche zu meiner Verfolgung ausgeschickt worden sind.“

„Sind die nicht zurückgekehrt?“ fragte Emery.

„Ich weiß es nicht, möchte aber mit nein antworten. So lange es Tag ist, sind sie meiner Spur gefolgt. An der Quelle, wo wir zusammengetroffen sind, werden sie bemerken, daß ich da auf mehrere Reiter gestoßen und dann mit diesen nach dem weißen Felsen zurückgekehrt bin. Mit dieser Botschaft kommen sie heim; was sie für ein Aufsehen erregen wird, läßt sich leicht denken.“

„Sie werden diese Botschaft gar nicht bringen,“ bemerkte ich. „Beachtet nur das Wetter, Master Dunker! Seit einer Viertelstunde geht ein hohler Wind, und es beginnt bereits, von oben zu nässeln. Dazu müßt Ihr nehmen, daß es schon zu dunkeln begann, als wir die Quelle verließen. Eure Verfolger waren noch nicht dort, und ehe sie hinkommen konnten, ist es Nacht geworden. Um Eure Spur nicht zu verlieren, haben sie da halten müssen, wo sie von der Dunkelheit überrascht worden sind, und wenn sie den Fehler gemacht hätten, trotzdem nach der Quelle zu reiten, vielleicht weil sie Euch dort vermuteten oder weil es dort Wasser für ihre Pferde gab, so konnten sie unsere Spuren doch nicht erkennen. Feuer haben sie nicht mitgehabt oder wenigstens nicht angezündet. Dazu kommt, daß das Pferd, auf welchem Ihr entflohen seid, das beste und schnellste des ganzen Lagers ist, wie ich vermute, und daß sie sich also wohl sagen müssen, es sei unmöglich, Euch einzuholen. Es ist also zweierlei anzunehmen: Entweder sind sie umgekehrt und befinden sich jetzt schon wieder im Lager, weil sie die Verfolgung aufgegeben haben, oder sie befinden sich noch jetzt auf Eurer Fährte, doch lagernd, können ihr aber nicht folgen, weil, bis der Tag anbricht, der Regen, welcher immer stärker wird, sie verwischt und verwaschen haben wird.“

Well, das ist sehr richtig, Sir.“

„Ich denke also, daß wir auf die Leute gar keine Rücksicht zu nehmen brauchen.“

„Es ist so, wie mein Bruder Shatterhand gesagt hat,“ stimmte mir Winnetou bei. „In einer Viertelstunde werden wir starken Regen haben. Und das ist sehr gut, denn derselbe wird auch die Spuren, welche wir hier gemacht haben, unkenntlich machen. Wir wollen zu Pferde steigen.“

„Kann uns Winnetou so führen, daß uns die Mogollons nicht hinter die Fersen kommen?“

„Ja. Sie werden den Weg reiten, welchen wir gestern bis an die Quelle eingehalten haben. Wenn wir uns ein wenig weiter nach rechts halten, werden sie von uns nichts verspüren.“

Er meinte also, wir sollten so reiten, daß unser Weg parallel mit dem der Mogollons ging, und dieser Gedanke wurde ausgeführt. Es konnte zwei Uhr nachts sein, als wir aufstiegen und die Gegend verließen, in welcher wir die interessante Schwimmpartie ausgeführt hatten. Der Ritt schien freilich kein angenehmer werden zu wollen, denn der Wind war stärker geworden und es regnete bald so stark, daß wir schon nach kurzer Zeit bis auf die Haut naß waren. Dunker und mir konnte das gleichgültig sein, denn bis gerade so weit waren wir ja schon vorher naß gewesen, und tiefer konnte es unmöglich dringen. – –

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Ein Brudermord

Ein Brudermord

Es fiel uns natürlich gar nicht ein, nach dem Punkte am Canadian zurückzukehren, wo wir Jonathan Melton zuletzt gesehen hatten; wir hätten damit nur unnütz Zeit vergeudet; wir ritten vielmehr, soweit das Terrain uns das erlaubte, gerade unter der Luftlinie, die nach Albuquerque führte. Wir erlebten unterwegs nichts, was erwähnt werden müßte, und kamen gegen Abend des vierten Tages am Ziele an.

Die Stadt Albuquerque hat ihren Namen nach dem Herzoge gleichen Namens, welcher Vizekönig von Mexiko war, erhalten. Albuquerque bedeutet Weiß-Eiche (alba quercus). Sie zerfällt in zwei verschiedene Teile, die einander vollständig unähnlich sind, nämlich in die alte spanische und in die junge amerikanische Stadt. Ein breiter, unbebauter Raum trennt die beiden Stadtteile voneinander. Der alte spanische Typus hat sich hier in jeder Beziehung rein erhalten, und nirgends stellt sich diesem das Neuamerikanische ablehnender gegenüber als hier. Das neue Albuquerque hatte genau das Aussehen anderer amerikanischer Pilzstädte: sehr schlechte, ungepflasterte Gassen und Straßen mit Holzsteigen an den Seiten für die Fußgänger. Die Häuser waren meist Bretterbauten mit Läden aller Art und Trinklokalen jeden Genres. Die Stadt liegt am linken Ufer des Rio Grande del Norte; am rechten Ufer breitet sich das große Dorf Atrisco aus.

Selbst wenn wir nicht besser unterrichtet gewesen wären, hätten wir gewußt, daß die Gesuchten, falls sie noch anwesend waren, nicht in dem spanischen, sondern im amerikanischen Stadtteile zu finden seien. Wir wußten aber, daß das Zusammentreffen im Salon von Plener hatte stattfinden sollen. Freilich hüteten wir uns, das Etablissement sofort zu dreien aufzusuchen, vielmehr hielten wir vor einem andern sogenannten Hotel an, das aber diesen Namen nicht verdiente. Hier blieb ich mit Winnetou; dann ritt Emery zu Plener, um sich dort einzuquartieren. Er von uns dreien fiel dort am wenigsten auf, und hatte die Aufgabe, sich dort möglichst wenig sehen zu lassen und dafür aber desto genauere Erkundigungen einzuziehen.

Es war, wie gesagt, gegen Abend, als wir ankamen. Wir waren ziemlich ermüdet und wollten zeitig schlafen gehen. Als ich das dem Aufwärter beim Abendessen sagte, meinte er:

„Daran thut ihr sehr unrecht, Gentlemen. Ich sage Euch, Albuquerque ist ein trauriges Nest, und wenn einem einmal so etwas geboten wird, soll man es genießen, anstatt sich ins Bett zu legen.“

„Was giebt es denn? Ihr seid ja ganz begeistert, Master!“

„Es ist auch darnach! Ihr solltet die Spanierin nur sehen, Sir!“

„Habe schon manche Spanierin gesehen! Was ist sie denn?“

„Sängerin. Ich sage Euch, das ganze Albuquerque ist verrückt auf sie. Sie wollte nur einen Abend singen, hat aber, einen solchen Anklang gefunden, daß sie sich entschloß, noch zwei Abende zuzugeben. Heute singt sie zum letztenmal.“

„Wie ist denn der Name dieses außerordentlichen Wesens?“

„Pajaro.“

„Ein schönklingender Name!“

„Echt spanisch. Und eine echte Spanierin ist sie, obgleich sie am liebsten deutsche Lieder zu singen scheint.“

„Wie? Eine Spanierin, welche deutsche Lieder singt?“

„Ja. Wundert Euch das? Sie wird gewiß wissen, warum sie das thut. Man mag von diesen Deutschen denken und sagen, was man will; aber Leder haben sie, Lieder und Melodien wie kein anderes Volk. Und Sennora Marta Pajaro weiß diese Lieder zu singen! Dann müßt Ihr ihren Bruder auf der Geige hören! Ich sage Euch, es giebt keinen zweiten Violinvirtuosen, wie er einer ist, dieser Francisco Pajaro!“

„Also Marta Pajaro und Francisco Pajaro? Ihr macht mich neugierig. Ich werde doch vielleicht gehen, um die beiden Leute zu hören. Wo ist das Konzert?“

„Im Salon hier gegenüber. Es sind keine Billets mehr zu haben. Alles verkauft und vergriffen. Nur ich habe noch einige. Der Platz kostet eigentlich einen Dollar; wenn Ihr zwei Dollars bezahlt, könnt Ihr ein Billet haben.“

„Ah, Ihr wollt hundert Prozent verdienen! Meinetwegen! Gebt zwei Billets her!“

Warum ich mir die Billets kaufte trotz des doppelten Preises? Sehr einfach: Pajaro heißt Vogel; die Geschwister hießen Martha und Franz. Mußte ich da nicht an meine alten Bekannten aus der Heimat denken, an die Leute, wegen deren Erbschaft ich mit Winnetou nach Ägypten und Tunis gegangen und jetzt wieder nach Amerika gekommen war? Eine Spanierin, die deutsche Lieder singt, war mir nicht recht einleuchtend. Es war weit eher denkbar, daß die Sängerin eine Deutsche war, die jetzt, hier in Neu-Mexiko, einen spanischen Namen trug. Ich sagte das Winnetou, und er war sofort bereit, mit in das Konzert zu gehen.

Es war nur noch eine halbe Stunde bis zum Beginn desselben; wir mußten uns also sputen und gingen hinüber. Der Aufwärter hatte nicht zu viel gesagt, wenigstens was das Publikum betraf. Auch der „Saloon“ war ein Brettergebäude; er hatte einen solchen Umfang, daß wohl sechshundert Menschen sitzen konnten, und doch waren nur noch wenige Stühle frei, welche ganz hinten standen. Wir setzten uns auf zwei derselben.

Schon nach wenigen Minuten waren auch die übrigen besetzt, und die vielen Menschen, welche dann noch kamen, mußten in den Zwischenräumen und Gängen stehen. Es war keine Bühne vorhanden; man hatte ein Podium errichtet, auf welchem ein Flügel stand. Daneben war ein kleiner Raum durch Vorhänge für die Künstler abgesondert.

Als das Zeichen zum Beginn gegeben wurde, traten letztere auf das Podium. Ja, sie waren es, Franz Vogel mit seiner Schwester, der einstigen Punktiererin. Er hatte die Violine in der Hand, und sie setzte sich an das Instrument, ihn zu begleiten. Er spielte ein Bravourstück, und ich hörte, daß er gegen früher ganz bedeutende Fortschritte gemacht hatte. Martha saß so, daß ich sie im Profile sah. Sie hatte sich jetzt vollständig entwickelt und war noch schöner geworden. Der Kummer, die Leiden der letzten Jahre hatten ihr Gesicht durchgeistigt und ihren Zügen einen wehmütigen Ernst aufgeprägt, der mich mit Wehmut erfüllte. Beide zogen sich nach dem ersten Stücke zurück.

Die zweite Nummer war für Martha, und Franz begleitete. Sie sang eine spanische Romanze, und zwar so vortrefflich, daß sie dieselbe wiederholen mußte. Sie hatte keinerlei Toilettenkünste angewendet und trug ein langes, schwarzes Kleid, welches hoch und eng am Halse anschloß. Ihr ganzer Schmuck bestand aus einer einzigen Rose im Haare. Die Geschwister teilten sich in das Programm, wechselten einander nach jeder Nummer ab und begleiteten sich gegenseitig.

Martha sang hernach zwei Hochlandslieder, eine spanische Serenade, und dann folgte das prächtige deutsche Lied:

„Ich sah dich nur ein einzig Mal,

Da war’s um mich geschehen; Ich fühlte deiner Augen Strahl Durch meine Seele gehen.“

Ja, das war deutsche Innigkeit und Gemütstiefe. Solche Lieder kann nur Deutschland haben. Der größte Teil des Publikums verstand kein Wort des Textes, und doch folgte ein Applaus, daß das Gebäude zu zittern schien. Die Sängerin mußte zwei Strophen wiederholen.

Winnetou hatte natürlich Franz Vogel erkannt. Er fragte mich jetzt:

„Will mein Bruder nicht einmal hingehen, um zu fragen, wo sie wohnen? Wir müssen doch mit ihnen reden.“

Er hatte recht. Die Künstler traten heute zum letztenmal auf; vielleicht reisten sie schon morgen ab; ich mußte mit ihnen sprechen. Ich stand also von meinem Stuhle auf, um zu ihnen zu gehen. Dabei mußte ich mich durch die auf dem Gange stehende Menge drängen, was die Augen auf mich zog. Da hörte ich den erschrockenen, halblauten, aber doch vernehmlichen Ausruf:

All devils! Du, das ist ja Old Shatterhand!“

Ich blickte nach der Stelle, wo die Worte erklungen waren. Da saßen zwei Männer nebeneinander, welche breite Sombreros trugen. Unter den riesigen Krämpen waren nur die dunklen Vollbärte zu sehen, und als sie bemerkten, daß ich hinsah, drehten sie sich auf die Seite. Das fiel mir auf; aber die Nennung meines Namens hatte vieler Blicke auf mich gerichtet; das genierte mich, und darum ging ich weiter.

Die Geschwister befanden sich während der Pausen hinter dem Vorhange. Ich blieb vor demselben stehen und fragte deutsch:

„Ist es einem Bekannten erlaubt, Zutritt zu nehmen?“

Da wurde der Vorhang geöffnet; ich trat hinein und stand vor ihnen.

„Wer – wer – was – – Sie, Sie sind es?“ fragte Franz, indem er vor Überraschung zwei Schritte zurückwich.

„Herr Doktor!“ schrie Martha auf. Es war mir, als ob sie wankte; ich machte eine Bewegung, sie zu stützen; da faßte sie meine Hände und küßte sie, ehe ich es zu verhindern vermochte, und brach dabei in ein lautes Schluchzen aus. Ich führte sie zum Stuhle, drückte sie sanft auf denselben und sagte zu ihrem Bruder:

„Wie froh bin ich, zu sehen und zu hören, daß Sie sich hier befinden. Ich habe Ihnen Wichtiges zu sagen, darf Sie aber jetzt nicht stören, sondern will Sie nur fragen, wo Sie wohnen.“

„Im letzten Hause vor der Stadt am Flusse,“ antwortete er.

„Darf ich Sie nach dem Konzerte dorthin begleiten?“

„Ja, ja, wir bitten Sie sehr darum.“

„Gut! Ich werde also hierher kommen, um Sie abzuholen. Winnetou ist auch hier.“

Martha hielt die Hände vor das Gesicht und weinte; ich ging, um die Aufregung abzukürzen. Als ich an die Stelle kam, wo mein Name genannt worden war, wollte ich die beiden Männer schärfer als vorher ins Auge fassen; ihre Stühle waren leer; sie waren fort. Wäre ich doch vorhin nicht weiter gegangen!

Es dauerte jetzt eine längere Weile, ehe die Geschwister wieder erschienen. Martha mußte sich beruhigen, bevor sie sich zeigen konnte. Ihr Bruder trug ein Konzertstück vor; dann sang sie. Als der rauschende Beifall verklungen war, zeigte sich das Publikum so begeistert, daß sich niemand entfernen wollte; es dauerte sehr lange, ehe der Saal sich leerte. Winnetou ging auch; er wollte mich allein mit den Geschwistern lassen, und das war mir nicht unlieb, denn wir hätten doch deutsch gesprochen, und das verstand er nicht vollständig. Als ich glaubte, annehmen zu dürfen, daß keiner der begeisterten Zuhörer mehr willens sei, der Sängerin belästigend in den Weg zu treten, begab ich mich in ihr kleines Kabinett, um sie abzuholen. Sie sagte nichts, und auch ich schwieg. Ich bot ihr den Arm, und wir verließen das Lokal- Ihr Bruder konnte nicht gleich mitkommen, da er mit dem Wirte geschäftlich zu thun hatte.

Der Abendhimmel war von jener Bläue, welche Neu-Mexiko, wo es oft während eines ganzen Jahres nicht regnet, eigen ist. Man konnte, obgleich der Mond nicht am Himmel stand, fast wie am Tage sehen. Das Haus, in welchem die Geschwister für die kurze Zeit ihres hiesigen Aufenthaltes Logis genommen hatten, lag noch eine Strecke weiter nahe am Flusse. Die Wirtin war eine Witwe spanischer Abstammung. Martha hatte nicht in einem der öffentlichen Gasthäuser wohnen wollen. Dieselben wurden zwar Hotels genannt, boten aber keine Bequemlichkeit, waren überteuer und dabei Lokale, in denen alle möglichen Menschen und Existenzen verkehrten, so daß man seiner Bequemlichkeit und Ruhe, ja selbst wohl auch seines Lebens nicht sicher war,

Der schmale, ausgetretene Pfad, den wir gingen, führte hart am Ufer des Flusses hin. Da stand allerlei Gebüsch, hinter dem dichtes Schilf aus dem Wasser ragte. Die Wirtin öffnete; sie hatte auf die Heimkehr der Geschwister gewartet und zeigte ein einigermaßen verwundertes Gesicht, als sie ihre Mitbewohnerin mit einem fremden Manne erblickte; doch sagte sie nichts und leuchtete uns eine schmale Treppe hinauf in das kleine Obergeschoß, in welchem die dreizimmerige Wohnung der beiden lag. Häuser mit einem solchen Geschoß sind in Albuquerque äußerst selten. Nachdem sie eine Lampe angezündet hatte, entfernte sie sich, doch nicht, ohne daß sie vorher von Martha erfahren hatte, daß ihr Bruder gleich nachkommen werde.

Nun saßen wir einander gegenüber. Es mußte gesprochen werden; darum wollte ich es sein, welcher begann:

„Sie wissen natürlich, daß Ihr Bruder drüben bei mir in der Heimat gewesen ist, um mir mitzuteilen, wie es bei Ihnen stand?“

„Ja. Ich bin es ja eigentlich gewesen, welcher ihm den Mut gemacht hat, sich an Sie zu wenden.“

„Gehörte solch ein Mut dazu?“

„Gewiß. Er meinte, sie würden wohl kaum bereit sein, nach allem, was früher vorgekommen war, sich unser noch einmal anzunehmen.“

„Da bin ich freilich von ihm nicht so beurteilt worden, wie es mir lieb sein würde. Übrigens war es ja wohl Winnetou, der Sie auf mich lenkte. Oder nicht?“

„Ja. Der herrliche Mann wurde uns geradezu von Gott gesandt. Er errettete uns aus tiefer Not, und nur den Mitteln, mit denen er uns unterstützte, haben wir es zu verdanken, daß wir die Konzerttournee, auf welcher wir uns jetzt befinden, beginnen konnten.“

„Darf ich wissen, wie das geschäftliche Ergebnis ausgefallen ist?“

„Ausgezeichnet! Wo wir zum erstenmal auftreten, werden wir mit sichtbarem Zweifel empfangen; stets aber sind wir dann stürmisch aufgefordert worden, dem ersten Konzerte mehrere folgen zu lassen. So war es auch hier.“

„Und wohin reisen Sie nun?“

„Wir gehen nach Santa Fé und dann nach dem Osten.“

„Ah! Sie sind mit Ihren bisherigen Erfolgen nicht zufrieden? Sie wollen Millionärin werden!“

Sie senkte die Augen, und ihr Gesicht nahm einen viel ernsteren Ausdruck als vorher an, als sie antwortete:

„Millionärin? Ich mag es nicht wieder sein, wenigstens nicht um den Preis, den ich damals dafür bezahlen mußte. Ich sah sehr bald ein, daß ich verblendet gewesen war. Und von meinen Erfolgen sprechen Sie? Glauben Sie ja nicht, daß die im stande sind, mich trunken zu machen! Sie wissen, daß ich schon damals lieber daheim, als öffentlich singen wollte. Mein Ideal war nicht das einer Sängerin, die jeder hören darf, der das Entree bezahlt. Und noch viel lieber wäre es mir heute, wenn ich damals von dem Kapellmeister nicht entdeckt worden wäre. Er nahm mich unter einen Zwang, dem nur sehr schwer zu widerstehen war. Hätte er das nicht gethan, so wäre ich eine arme Punktiererin geblieben und – –“

Sie zögerte, weiterzusprechen; da ich aber nichts sagte, fuhr sie fort:

„Und wäre vielleicht trotzdem glücklich geworden oder vielmehr so glücklich geblieben, wie ich zu jener Zeit war.“

„Hoffentlich darf ich Sie nicht zu den Unglücklichen rechnen!“

Da schlug sie die Augen wieder auf, blickte sinnend über mich hinweg und antwortete-

„Was heißt Glück und was Unglück? Man darf Glück nicht mit immerwährender Wonne und Unglück nicht mit einem fortgesetzten Seelenschmerze vergleichen. Fragen Sie mich aber, ob ich – zufrieden bin, dann antworte ich mit einem ja, wenn ich mich dazu – zwinge.“

Das Gespräch schien eine etwas peinliche Wendung zu nehmen; darum war es mir lieb, daß jetzt ihr Bruder kam. Er hatte ein Paket unter dem Arme, legte es auf den Tisch, deutete mit der Linken darauf, reichte mir die Rechte und sagte in frohem Tone:

„Herzlich willkommen, Herr Doktor! Wer hätte so etwas ahnen können! Ich war starr vor Erstaunen, aber auch vor Freude, als ich Sie erblickte. Nun wollen wir aber auch das Willkommen feiern. Dazu habe ich etwas mitgebracht. Raten Sie, was!“

„Wein jedenfalls?“

„Ja, aber was für welchen? Da, lesen Sie!“

„Riedesheimer Berg!“ las ich.

„Ja,“ nickte er lachend, indem er mir die Flasche noch näher hielt. „Nun wundern Sie sich wohl?

„Nein, gar nicht. Ich ärgere mich vielmehr.“

„Worüber?“

„Weil er falsch ist.“

„Erst kosten, erst kosten!“

„Ist nicht nötig, denn sogar die Etikette ist gefälscht, denn der Ort heißt Rüdesheim, nicht aber Riedesheim.“

„Ah!“ machte er enttäuscht, indem er die Etikette genauer betrachtete. „Das habe ich gar nicht bemerkt.“

„Ein famoser, orthographischer Schnitzer! Wenn die Etikette hier hüben gedruckt worden ist, wo mag dann da erst der Wein zusammengequirlt worden sein! Wieviel haben Sie für die Flasche bezahlt?“

„Fünfzehn Dollars.“

„Zwei Flaschen?“

„Eine!“

„So! Da geht es noch. Es giebt Rüdesheimer, für welchen man sogar drüben an der Quelle weit mehr bezahlt. Die dreißig Dollars lassen sich verschmerzen. Also versuchen wir den famosen Rüdesheimer!“

Er hatte drei Gläser gefüllt. Wir stießen an und führten sie an den Mund. Die beiden Geschwister nahmen einen Schluck und machten dann unheimliche Gesichter. Ich trank aber gar nicht, denn ich hatte schon von dem Geruche genug. Das war ja der reine Essig- und Rosinenmoder! Wir setzten die Gläser auf den Tisch, und Franz Vogel schimpfte.

„Darüber lassen Sie sich ja keine grauen Haare wachsen!“ sagte ich. „Ich bin nicht zu Ihnen gekommen, um zu trinken. Schütten Sie das Zeug weg, und setzen Sie sich! Wir haben von etwas Besserem zu sprechen.“

„Ja, von Ihren Erfolgen drüben in Ägypten!“ meinte er, indem er mich in großer Spannung anblickte. „Die Aufgabe war zu schwer. Ich bin überzeugt, daß Sie nichts ausgerichtet haben. Es wäre ja dem klügsten Menschen der Erde unmöglich, den Gesuchten auf die wenigen und nebelhaften Anhaltepunkte hin, welche es gab, zu finden.“

„Hm! Im Nebel rennen oft Leute ganz zufällig zusammen, welche sich bei reiner, klarer Luft wahrscheinlich nicht gesehen hätten!“

„Wie – was?! Sagen Sie so? Das läßt vermuten, daß Ihre Reise doch nicht ganz vergeblich gewesen ist?“

„Das läßt vermuten, daß ich Ihre Frau Schwester zu etwas zwingen werde, was ihr sehr zuwider zu sein scheint.“

„Zu was?“

„Sie behauptete vorhin, als Sie noch nicht hier waren, daß sie keine Lust habe, wieder Millionärin zu werden.“ ‚

„Millionärin?! Ist es etwa das, wozu Sie sie zwingen wollen?“

Aa. Ich nehme meine Worte in vollstem Ernste.“

„Das wäre ja mehr als erstaunlich, mehr als wunderbar!“ rief er aus, indem er von seinem Sitze aufsprang.

Auch seine Schwester richtete ihre Blicke in größer Spannung auf mein Gesicht, sagte aber nichts.

„Es ist gar nichts Wunderbares an der Sache,“ fuhr ich fort. „Wunderbar könnte man nur das eine nennen, daß sie noch immer nicht zu Ende ist.“

„So sagen Sie schnell, wie war es denn eigentlich? Sie waren damals der Ansicht, daß der Reisebegleiter von Small Hunter ein Betrüger sei und Jonathan Melton heiße.“

„So ist es.“

„Haben Sie ihn getroffen?“

„Ja, und Small Hunter auch, den einen tot und den andern lebend.“

„Welcher war es, der lebte?“

„Melton; Small Hunter ist tot.“

„Mein Himmel! So sind wir die Erben des riesigen Vermögens!“

„Der Millionen!“ fügte ich hinzu.

Er legte sich die Hände auf den Kopf und rief aus:

„Wer das glauben könnte! Welche Freude! Schon um unserer Eltern willen! Jetzt fühle ich es, daß man vor Freude vom Schlage getroffen, oder gar wahnsinnig werden kann. Kommen Sie, kommen Sie; ich muß Sie umarmen, Sie einziger, einziger Mensch!“

Er wollte mich von meinem Stuhle aufziehen. Ich wehrte ab und versuchte, seine freudige Aufregung dadurch zu dämpfen, daß ich ihn bat:

„Mäßigen Sie sich! Die Angelegenheit ist noch nicht bei dem Punkte angelangt, an welchem sie stehen müßte, wenn Sie Grund hätten, vor Freude wahnsinnig zu werden. Ja, es ist richtig, daß Sie die Erben sind; aber das Vermögen ist leider nicht mehr da. Jonathan Melton hat es.“

„O Himmel! Dann hat es ihm der Rechtsanwalt Fred Murphy übergeben?“

„Derselbe,“ entgegnete ich und erzählte ihm den Zusammenhang.

„So muß Melton das Geld augenblicklich herausgeben! Wo steckt der Halunke? Ich reise sofort von hier ab, um ihn aufzusuchen und zur Zurückgabe zu zwingen!“

Er nahm bei diesen Worten eine so drohende Stellung an, und machte dabei ein so grimmiges Gesicht, daß es Melton, wenn er es gesehen hätte, sicherlich angst geworden wäre.

„Nun!“ fuhr er fort, als ich nicht augenblicklich antwortete. „Wo steckt dieser Mensch?“

„Hier in Albuquerque,“ antwortete ich ruhig.

„Was? Hier – in – Albuquerque?“

Ja. Begreifen Sie das nicht? Ich bin doch ausgezogen, den Menschen zu entlarven; ich bin seiner Spur gefolgt; also ist doch, wenn ich mich hier befinde, nicht allzu schwer zu denken, daß seine Spur mich hierher geführt hat.“

„Ah, so! Das ist freilich richtig! Also hier ist er, hier! Ich werde – –“

„Halt!“ unterbrach ich ihn, weil er sich schon nach der Thür wendete. „Warten Sie noch ein Weilchen! Er steht nämlich nicht draußen auf der Treppe, um Ihnen gemütlich in die Arme zu laufen. Ich wollte vorhin sagen: er ist entweder hier oder wenigstens hier gewesen, und zwar vor ganz kurzer Zeit, vor längstens zwei Tagen.“

„Da sind wir ja schon länger hier! Und haben keine Ahnung von seiner Anwesenheit! Und Sie wissen nicht, ob er noch hier, oder schon wieder fort ist? Konnten Sie denn nicht erfahren, wo er seinen Aufenthalt hier nehmen wollte?“

„Ich habe es erfahren. Wahrscheinlich ist er in Pleners SaIon abgestiegen.“

„Pleners Salon! Da bin ich täglich mehreremal gewesen! Vielleicht habe ich mit ihm sogar an einem Tische gesessen!“

„Die Möglichkeit ist allerdings vorhanden.“

„Und nichts davon gewußt! Aber daran bin doch ich nicht schuld, denn ich bin ohne alle Ahnung gewesen! Sie, Sie, Sie tragen die Schuld! Haben Sie sich denn nicht sofort, als Sie hier ankamen, nach ihm erkundigt?“

„Erkundigt? Fällt mir nicht ein! Ich will sehr gern die Schuld auf mich nehmen, vorsichtig gewesen zu sein. Konnte ich mich bei ihm sehen lassen? Wenn er mich bemerkte, machte er sich heimlich von dannen.“

„Das ist freilich wahr; entschuldigen Sie! Die Millionen machen mich ganz verwirrt.“

„Sammeln Sie sich! Sie können überzeugt sein, daß von mir keine Vorsichts- oder sonst irgendwo gebotene Maßregel versäumt worden ist. Dieser Mensch hat es uns sehr schwer gemacht; er ist uns immer wieder entwischt, nicht etwa, weil wir große Fehler begangen hätten, sondern weil er viel Glück gehabt hat. Setzen Sie sich wieder ruhig her, und lassen Sie sich erzählen!“

Ich zog ihn auf seinen Sitz nieder und berichtete unsere Erlebnisse. Natürlich drängte es Mich, dabei die Thätigkeit Winnetous und des Englishman hervorzuheben. Man kann sich sehr leicht denken, mit welcher Aufmerksamkeit die Geschwister meiner Erzählung folgten. Ich wurde von hundert und wieder hundert Fragen, Ausrufen und dergleichen unterbrochen, sodaß es lange dauerte, bis ich fertig wurde. Endlich war ich mit meinem Berichte bei der gegenwärtigen Stunde angekommen und konnte mich an der Verwunderung weiden, welche die beiden erfüllte.

Der Bruder fiel mit überschwänglichen Ausdrücken des Lobes über mich her; ich wehrte ihn mit der Bemerkung ab:

„Sagen Sie das nicht mir, sondern Sir Emery und Winnetou, die Sie ja bald sehen werden. Die beiden haben alles Lob verdient, wenn es uns gelingen sollte, die Angelegenheit zum guten Ende zu bringen.“

Die Schwester gab mir stumm die Hand, sie sagte nichts, und das war mir lieber als die überlaute Anerkennung ihres Bruders. Dieser ging aufgeregt im Zimmer hin und her, brummte, schüttelte den Kopf, stieß unverständliche Worte aus, drohte mit den Fäusten, als ob er Melton vor sich habe, bis ich diesem Gebaren durch die Bemerkung ein Ende machte:

„Zanken Sie sich nicht mit der Luft, mein lieber Freund! Dadurch erreichen Sie nichts. Nun ich Ihnen alles erzählt habe, werde ich nach meinem Hotel gehen. Jedenfalls ist Emery schon dagewesen, oder noch da, uni zu berichten, wie es in Pleners Salon steht. Befindet sich Jonathan Melton noch dort, so entkommt er uns gewiß nicht wieder. Ist er aber schon fort, so reiten wir ihm morgen früh nach. Und was seinen Vater und seinen Oheim anbetrifft, so – hm, so möchte ich fast behaupten, daß sie hier sind, ja, daß ich sie sogar gesehen habe.“ Und ich berichtete die Scene im Konzertsaal.

„Die beiden Männer trugen Sombreros?“ meinte er nachdenklich. „Sagen Sie mir, von welcher Gestalt die beiden alten Meltons sind!“

„Lang und hager; die Höhe wird wohl bei beiden gleich sein.“

„So habe ich sie wahrscheinlich vorhin, als ich kam, gesehen!“

„Und wo?“

„Zwischen hier und dem ersten Hause, auf unserm Fußwege am Flusse.“

„Ah! Sollten Sie es auf mich abgesehen haben?“

„Schwerlich! Sie wissen ja nicht, daß Sie sich hier befinden.“

„Denken Sie das nicht! Die Meltons sind sehr erfahrene Westmänner. Nehmen wir an, daß sie mit den beiden Personen im Konzerte identisch sind. Sie haben mich gesehen und erkannt; sie haben sich sofort gesagt, daß ich nur ihretwegen hier bin; darum sind sie schleunigst fortgegangen.“

„Aber hierher? Sie konnten doch nicht wissen, daß Sie zu uns gehen würden!“

„Das ist richtig; aber sie sind auch nicht direkt von dort hierher gegangen, sondern sie haben sich in der Nähe des Konzertlokales versteckt, um zu erfahren, wo ich mich aufhalte, wo ich wohne. Sie haben gesehen, daß ich mit Ihrer Schwester den Weg nach hier eingeschlagen habe, sind uns gefolgt und wollen nun auf mich warten, wahrscheinlich um mich unschädlich zu machen. Wurden Sie von ihnen gesehen?“

„Natürlich! Ich mußte an ihnen vorüber. Und jetzt fällt mir ein, daß sie zu erschrecken schienen, als sie meine Schritte hinter sich hörten und sich nach mir umdrehten.“

„Es ist so hell draußen, daß man alles sehen kann. Haben Sie bemerkt, wie die beiden bewaffnet waren?“

„Nach Messern, Pistolen oder Revolvern habe ich nicht geschaut; ich war zu schnell an ihnen vorüber; aber Gewehre hatten sie in den Händen.“

„Das ist der sicherste Beweis, daß sie schießen wollen. Niemand schleppt jetzt Gewehre in der Stadt herum. Im Konzerte haben sie die Flinten nicht mitgehabt, folglich haben sie sich dieselben geholt, weil sie etwas vorhaben, wobei sie ihrer bedürfen. Und was sie vorhaben, das ersehe ich daraus, daß sie sich in der Nähe Ihrer Wohnung aufgestellt haben. Es gilt ohne allen Zweifel mir.“

Da bat Martha, indem sie schnell meine Hand ergriff:

„Um des Himmels willen, gehen Sie nicht fort! Sie müssen hier bleiben!“

„Das ist unmöglich, weil Winnetou und Emery auf mich warten.“

„Sie mögen warten bis morgen früh!“

„Bis dahin kann gar manches geschehen, wobei meine Gegenwart notwendig ist. Jedenfalls warten Sie schon jetzt mit Ungeduld auf mich. ich muß fort, wirklich fort.“

„Und ich lasse Sie nicht fort!“ rief sie, indem sie sich auch meiner andern Hand bemächtigte. „Man will Sie erschießen, bedenken Sie doch, was das heißt!“

„Das heißt, daß schon mancher Mann auf mich hat schießen wollen und auch wirklich geschossen hat, und Sie sehen mich trotzdem heil und gesund hier bei Ihnen.“

„Diesmal aber ist die Gefahr zu groß. Draußen stehen zwei Mörder, hören Sie, zwei Mörder!“

„Das wäre nur dann gefährlich, wenn ich es nicht wüßte. Nun ich aber davon unterrichtet bin, hat es gar kein Bedenken. Es sind zwei Fälle möglich, und in beiden giebt es keine Gefahr für mich. Der eine Fall ist, daß die Meltons annehmen, daß Sie mich von ihrer Gegenwart am Flusse benachrichtigen. Sie sind also fortgegangen, weil Ihr Hinterhalt unnütz ist, da ich gewarnt worden bin.“

„Und der andere Fall?“

„Sie befinden sich trotz der Begegnung noch draußen. Um mich zu überraschen, müssen sie sich verbergen; sie stecken also im Gebüsch des Ufers, ich aber werde mich ganz selbstverständlich hüten, diese Richtung einzuschlagen. Ich mache einen Umweg.“

„Das sehen sie, eilen Ihnen nach und schießen Sie nieder! Nein, Sie bleiben da; ich bitte, bitte!“

Ihre Bitte war dringend; ich sah, daß sie sich wirklich ängstigte, durfte aber nicht nachgeben; darum antwortete ich, indem ich meine Hände aus den ihrigen befreite:

„Versuchen Sie nicht, mich zu halten; ich muß fort, wirklich fort, denn – –“

Ich hielt mitten in der Rede inne, denn draußen fiel ein Schuß und gleich darauf ein zweiter. Dann rief eine Stimme:

„Da drüben war es! Drauf, auf die Strauchdiebe!“

Das war Emerys Stimme. Ich nahm die Lampe, drückte sie Franz Vogel in die Hand und sagte:

„Leuchten Sie mir! Schnell, schnell! Ich muß fort!“

Martha wollte mich am Arme zurückhalten; ich riß mich aber los, und eilte aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Unten konnte ich die Thüre nicht öffnen, da ich den Mechanismus nicht kannte. Darum mußte ich warten, bis Vogel nachkam. Als ich dann draußen vor derselben stand und mich umblickte, konnte ich trotz der ungewöhnlichen Helligkeit nichts sehen. Droben an der Treppe stand Martha und rief herab:

„Bleiben Sie doch! Sie haben ja gehört, daß es Ernst ist!“

„Für mich nicht mehr. Für mich ist die Gefahr vorüber, denn die Kerle sind vertrieben worden, aber wenn ihre Schüsse getroffen haben, so ist es mir um meinen Winnetou leid.“

„Winnetou?“ fragte Vogel. „Sie meinen, daß er hier gewesen ist?“

„Ja. Ich habe Bothwells Stimme erkannt; dieser hat nicht gewußt, daß ich hier bin; er kann es nur von Winnetou erfahren haben, und der hat ihn auf keinen Fall allein gehen lassen, sondern ihn ganz gewiß begleitet.“

„Und um Winnetou thut es Ihnen leid?“

„Ja, denn dieser ist’s, der eine Kugel erhalten hat, falls nämlich wirklich einer getroffen wurde. Emery ist, wie ich aus seinem Ausrufe höre, den Attentätern nach; die Stimme des Apatschen aber haben wir nicht gehört; er muß – – ah, Gott sei Dank, da drüben kommen zwei Gestalten! Das macht mir das Herz so leicht, so leicht! Sie sind’s; sie sind’s, und keiner scheint verletzt zu sein!“

Die beiden kamen schnell über das freie Feld herübergelaufen. Winnetou und Emery waren es. Ich sprang ihnen in meiner Freude entgegen und fragte:

„Wurde einer von euch getroffen?“

„Nein,“ antwortete Emery. „Die Kugeln waren zwar sehr gut gemeint, aber um so schlechter gezielt. Wer weiß, wer die Schufte gewesen sind! jedenfalls ein paar hiesige Elendsritter, welche es auf andere Leute abgesehen hatten und uns mit diesen verwechselt haben.“

„Denkt das nicht! Es war auf mich abgesehen. Die Strauchritter waren die alten Meltons, wenn mich nicht alles täuscht.“

„Wetter! Ist das möglich?“

„Nicht nur möglich, sondern sogar mehr als wahrscheinlich.“

„Der Tausend! Wenn das wirklich so wäre, ärgerte ich mich tot! Warum glaubst du, daß sie es waren?“

„Das sollst du erfahren; aber um keinen Fehler zu begehen und nichts zu versäumen, muß ich wissen, wohin die beiden Halunken geflüchtet sind.“

„Fort sind sie, fort!“

„Und ihr habt sie nicht eingeholt? Winnetou ist doch ein großer Läufer!“

Da erklärte der Apatsche:

„Winnetou war schnell hinter ihnen her; fast hatte er sie ereilt; aber da standen zwei Pferde, sie sprangen auf und galoppierten fort.“

„Ah, ist’s so? Und da ihr eure Büchsen nicht mit hattet, konntet ihr ihnen keine Kugeln nachsenden. Der Plan war gar nicht schlecht ausgedacht; sie sind fort und werden nicht zurückkehren.“

„Meinst du?“ fragte Emery. „Wenn sie umkehren und sich heranschleichen, geraten wir abermals in Gefahr.“

„Sie sind fort; ich weiß es sicher. Nun sie auch euch gesehen und wenigstens Winnetou erkannt haben, werden sie sich hüten, sich nochmals hierher zu wagen. Kommt mit herauf! Die Sennora wird es gestatten!“

Es war mir lieb, daß ich die beiden Gefährten hier hatte, wir konnten so ohne Weitläufigkeit mit Franz Vogel das weitere besprechen. Und Martha war natürlich hocherfreut, die beiden Männer, denen sie soviel zu verdanken hatte, bei sich zu sehen. Als wir uns wieder im Zimmer befanden, forderte ich zunächst Emery auf:

„Erzähle vor allen Dingen, wie sich der Vorfall jetzt draußen abgespielt hat!“

„Schlecht hat er sich abgespielt, herzlich schlecht!“ zürnte er. „Hätte ich geahnt, daß die beiden Kerls da draußen im Felde lagen, so –“

„Im Felde?“ unterbrach ich ihn.

„Ja. Wo sonst?“

„Nicht in den Büschen am Flusse?“

„Nein. Warum fragst du?“

„Nachher! Erzähle nur weiter!“

„Ich ging in euer Hotel, um mit euch zu reden, und traf nur Winnetou, der mir sagte, wen du gefunden hattest. Wir warteten auf dich. Du kamst nicht; da gingen wir zu dir.“

„Aber Winnetou kannte doch dieses Haus nicht!“

„Unsinn! Wir sind doch keine Kinder, die nicht wissen, wie man etwas erfährt, was man wissen will! Wir haben natürlich nach der Wohnung der Herrschaften gefragt. Wir schlenderten am Flusse her, um zu erfahren, ob vielleicht etwas Unangenehmes der Grund deines langen Ausbleibends sei, da erhoben sich plötzlich zwei Gestalten rechts von uns im Felde, höchstens vierzig bis fünfzig Schritte von uns. Wir sahen, daß sie die Gewehre auf uns anlegten und warfen uns nieder, gerade als die Schüsse aufblitzten. Dann sprangen wir auf und eilten auf sie zu. Die Halunken drehten um und schossen davon, was ihre Beine nur laufen konnten. Winnetou war mir voran; du weißt, daß er besser läuft, als ich; er kam ihnen näher und näher; da standen plötzlich, wie aus der Erde hervorgezaubert, zwei Pferde, auf welche sie sprangen; fort ging’s im Galopp. So ist’s geschehen.“

Winnetou fügte hinzu, indem ein leichtes Lächeln über sein schönes Gesicht glitt:

„Winnetou war dem einen sehr nahe und kam gerade recht, den Schwanz seines Pferdes zu erfassen und ihn beim ersten Sprunge des Tieres wieder loszulassen.“

„Ihr habt doch Revolver mit. Warum habt ihr nicht geschossen?“

„Weil wir nicht wußten, wer es war,“ antwortete Emery. „Hätte ich geahnt, wen wir vor uns hatten, so wäre es jedenfalls anders geworden!“

„Mein Bruder mag nicht so sprechen,“ sagte der Apatsche. „Wir haben nicht klug, sondern wie Knaben gehandelt, welche keine Erfahrung besitzen. Sie schossen; sie waren Mörder, und Mörder läßt man nicht entlaufen. Wir hätten, als wir uns niederwarfen, liegen bleiben sollen; sie hätten geglaubt, wir seien getroffen worden und verwundet, oder gar tot. Sie wären zu uns gekommen, um nachzusehen, und wir hätten dann – weiß mein Bruder Emery, was wir dann gethan hätten?“

„Alle Wetter!“ rief Bothwell begeistert. „Natürlich weiß ich es! Wir hätten sie gepackt und nicht wieder fortgelassen. Wir sind doch zwei Kerle, die es mit solchen Menschen aufnehmen dürfen. Ja, du hast recht, wir haben wie Schulbuben gehandelt. Wie konnten wir nur so dumm sein! Sage mir das einmal, Charley!“

„Das ist leicht zu sagen,“ antwortete ich. „Ihr ginget unbefangen und ahnungslos eures Weges und mußtet also sehr betroffen sein, als ihr, so nahe der Stadt dazu, plötzlich mit Gewehren angefallen wurdet. Es ist ein Zeichen außerordentlicher Geistesgegenwart, daß ihr sofort niedergefallen seid. Mehr kann kein Mensch selbst vom gewandtesten und berühmtesten Westmanne verlangen.“

Well! Das beruhigt mich. Dennoch wäre es besser gewesen, wenn wir Winnetous List in Anwendung gebracht hätten. Aber das ist nun vorüber; sprechen wir nicht mehr davon, da uns das nur zum Ärger gereichen würde!“

„Ja, sprechen wir lieber von der Meldung, welche du uns in das Hotel bringen wolltest! Hattest du uns etwas Wichtiges zu sagen?“

„Ja. Jonathan Melton ist hier gewesen und mit seiner Braut bei Plener abgestiegen.“

„Wann?“

„Gestern vormittags. Die beiden haben mit einander gespeist, neue Pferde eingetauscht und sind dann gleich wieder fortgereist.“

„Zu Wagen?“

„Ja. Vorher hat ihnen Plener einen Führer besorgen müssen, welcher mit ihnen abgeritten ist. Sie fahren über Acoma nach dem kleinen Colorado hinüber.“

„Wenn man das glauben darf! Es könnte darauf angelegt sein, uns irre zu führen.“

„Dann müßte Plener mit Jonathan unter einer Decke stecken!“

„Ist nicht nötig. Jonathan kann ihn belogen haben, um uns von ihm täuschen zu lassen.“

„Möglich! Plener macht den Eindruck eines geriebenen Hoteliers, aber ein Schurke ist er sicher nicht. Und warum sollte sich Jonathan mit solchen Vorsichtsmaßregeln abgeben? Er wird das nicht für nötig halten, da er sehr wahrscheinlich überzeugt ist, daß wir da drüben im Thale des Todes von den Komantschen umgebracht worden sind.“

„Es ist möglich, daß er das denkt und sich also ziemlich sicher fühlt. War das alles, was du zu sagen hattest?“

„Nein. Plener selbst wollte ich nicht weiter fragen und belästigen, konnte aber von seinen Leuten nichts weiteres erfahren, sodaß ich mich heute abend wieder an ihn wendete. Da sind heute vormittag zwei Männer in seinen Salon gekommen, haben eine gute Zeche gemacht und ihn gefragt, ob ein Sennor mit einer Sennora zu Wagen bei ihm vorgesprochen habe. Er hat ihnen der Wahrheit nach die Auskunft gegeben, wie mir; dann sind sie fort.“

„Sie kamen zu Fuß?“

„Ja. Und jetzt fällt mir ein, daß er mir so nebenbei bemerkte, sie hätten sehr große Sombreros gehabt.“

„Also Vater und Onkel Melton! Sie sind so vorsichtig gewesen, nicht bei Plener abzusteigen, sondern nur für kurze Zeit bei ihm einzukehren.“

„Aber warum sind sie bis heute abend hier geblieben und nicht sofort ihrem lieben Jonathan gefolgt?“

„Wahrscheinlich weil sie ermüdet waren, und auch ihren Pferden Ruhe gönnen mußten.“

„Wenn sie nicht ihre müden Pferde gegen frische umgetauscht haben! Geld werden sie wahrscheinlich haben.“

„Natürlich. Jonathan hat sie gewiß damit versorgt. Sie sind von New-Orleans aus einen andern Weg, als den seinigen hier heraufgeritten, der Vorsicht halber. Heut abend besuchten sie das Konzert, um sich zu unterhalten, und sahen mich. Sie vermuteten ganz selbstverständlich, daß ihr bei mir seid, schlichen sich hinter mir her und warteten am Flusse, um auf mich zu lauern. Da kam hier Master Vogel an ihnen vorüber. Sie wußten, daß er der Bruder der Dame ist, bei der ich mich befand, und vermuteten, daß er mich warnen werde.“

„Und doch entfernten sie sich nicht? Man sollte meinen, sie hätten sich darauf gleich aus dem Staube gemacht.“

„Ist ihnen nicht eingefallen. Ich war allein und hatte kein Gewehr bei mir; das wußten sie; es war also sehr leicht, mit mir anzubinden. Sie brauchten mich ja nur von weitem niederzuschießen; meine Revolver konnten mir in die Ferne nichts nützen. Und wie pfiffig haben sie es angefangen!“

„Pfiffig? Ich meine im Gegenteile, daß sie nicht dümmer handeln konnten.“

„O nein. Es war wirklich pfiffig, daß sie sich nicht am Flusse versteckten. Ich war ja gewarnt und wußte, daß sie dort standen. Darum war anzunehmen, daß ich den Rückweg über das Feld einschlagen würde. Das hatte ich mir auch wirklich vorgenommen. Sie legten sich also ins Feld auf die Lauer, und zwar nicht allzu weit vom Flusse weg, um mich auch dann treffen zu können, falls ich den dortigen Weg einschlagen sollte. Da kamt ihr, und sie erkannten euch.“

„Auch mich?“

„Natürlich. Winnetou ist nicht zu verkennen, selbst dann nicht, wenn es nicht so hell ist, wie heute abend. Sie hatten mich gesehen; sie sahen Winnetou und wußten nun auch, wer du bist. Ihr waret ihnen ebenso gefährlich, wie ich es bin; darum schossen sie auf euch. Wir müssen Gott danken, daß ihnen der Anschlag nicht gelungen ist.“

„Allerdings. Eigentlich war es nur auf dich abgesehen, dann aber standen wir näher dem Tode als du, denn als die Kugeln um uns pfiffen, befandest du dich hier in vortrefflicher Sicherheit. Wie sie aber nur auf den Gedanken gekommen sind, ihre Pferde bereit zu halten?“

„Weil sie mich im Konzerte gesehen haben. Vielleicht haben sie dann auch, ehe sie gingen, Winnetou bemerkt. Sie sagten sich, daß wir sie suchen würden, und waren auf ihre Flucht bedacht. Als sie mir bis hierher gefolgt waren, holten sie oder einer von ihnen ihre Pferde und hielten dieselben bereit, um, sobald die tödlichen Schüsse auf mich gefallen seien, ihres Weges zu reiten.“

„Wohin?“

„Wahrscheinlich in ganz derselben Richtung, welche Jonathan eingeschlagen hat. Sie haben sich doch jedenfalls vor ihrer Trennung in New-Orleans mit ihm darüber besprochen.“

„Aber wie sie bis hierher anders geritten sind, als er, so können sie sich auch jetzt in gleicher Weise verhalten!“

Da bemerkte Winnetou:

„Das Schloß der weißen Squaw, wohin sie wollen, liegt, wie wir wissen, zwischen dem kleinen Colorado und der Sierra Blanca. Dorthin giebt es nur einen guten Weg, wie jeder weiß, der einmal in jener Gegend gewesen ist; dies ist der Weg, den das Bleichgesicht Jonathan einschlägt. Warum sollen sein Vater und sein Oheim einen weitern und schlechtern Weg einschlagen?“

„Das denke auch ich,“ stimmte ich bei. „Die alten Meltons sind sehr erfahrene Bösewichter; die geben sich gewiß nicht mit großen Beschwerden ab, wenn das nicht unbedingt notwendig ist. Ich bin vollständig überzeugt, daß sie auch über Acoma reiten. Morgen, sobald es Tag geworden ist, folgen wir ihnen auf demselben Wege.“

„Und ich reite mit!“ rief Franz Vogel begeistert aus.

„Sie?“ lachte ich. „Wollen Sie in der wilden Sierra Blanca Konzerte geigen?“

„Ja. Es verlangt mich, diesen Meltons eine Melodie vorzugeigen, an welcher sie genug haben sollen!“

„Das überlassen Sie am besten uns, lieber Freund. Sie sind ein sehr tüchtiger Musiker, aber Ihre Noten stehen nicht da draußen in den Kanons des Colorado. Wir reiten den Meltons nach, um ihnen ihren Raub abzujagen; dabei können Sie uns gar nichts nützen. Wir werden nicht lange fort sein. Gehen sie inzwischen nach Santa F&, um einige Konzerte zu geben; wir suchen Sie dort auf und legen Ihnen Ihre Millionen in den Schoß.“

„Nein, nein! Sie wollen den Spitzbuben, den Mördern nach, um mich reich zu machen, und ich soll inzwischen Konzerte geben? Ich wäre nicht im stande, einen Bogenstrich zu thun! Thun Sie mir nicht das Zuleide, daß Sie mich hier sitzen lassen! Ich müßte ja gar keine Ehre im Leibe haben, wenn ich darauf eingehen wollte!“

Er hatte eigentlich recht. Wir sollten uns für ihn in Gefahr begeben; es war nicht mehr als billig, daß er an ihr teilnahm. Das mochte auch Emery denken, denn er fragte ihn:

„Können Sie denn leidlich reiten?“

„Nicht nur leidlich. Das lernt man hier zu Lande bald.“

„Und mit Waffen umgehen?“

„Ein Meisterschütze bin ich freilich nicht; aber geschossen habe ich doch schon zuweilen, und wenn ich bis auf drei Schritte an den Kerl herangehe, den ich treffen will, schieße ich gewiß nicht an ihm vorbei. Sie sehen, daß ich entschlossen bin, mich auf alle Fälle zu beteiligen. Also ist es am besten, Sie nehmen mich mit sich.“

„Hm! Was meinst du, Charley? Er ist nicht übel couragiert!“

Ich zuckte die Achsel, sprach aber nicht dagegen. Es giebt auch eine Courage, welche ihren Grund in der Unkenntnis der Verhältnisse und Gefahren hat, denen man entgegengeht. Eine Fliege summt dreist in das Lampenlicht, weil sie nicht weiß, daß sie in der Flamme umkommen wird.

Jetzt begann auch Martha zu bitten, ihren Bruder doch mitzunehmen. Sie hatte mein Achselzucken bemerkt und wendete sich an Emery. Der ritterliche Englishman war eigentlich ein wenig Damenherr; er konnte den Bitten der schönen, jungen Sängerin nicht widerstehen und fragte mich schließlich:

„Hast du etwa großartige Gründe dagegen, Charley?“

„Nein. Sprich mit Winnetou darüber; er mag entscheiden.“

Wenn ich Winnetou sprechend hier aufgeführt habe, so muß ich bemerken, daß wir ihm das Vorhergehende immer übersetzen mußten. Wir sprachen ja deutsch. Als Emery ihm die Angelegenheit vorgetragen hatte, erklärte er:

„Winnetou würde ganz dagegen sein, denn der junge Mann wird uns mehr stören und schaden, anstatt nützen können; aber ihm soll der Raub gehören, den die Diebe bei sich haben, und so dürfen wir ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Er mag aber ja nicht denken, daß es ein Vergnügen ist, mit uns zu reiten. Wir werden volle acht Tage im Sattel sitzen müssen, um an das Ziel zu gelangen.

„Ich werde das gern aushalten!“ versprach Vogel in englischer Sprache.

„Wenn mein junger Bruder sich bis zum Anbruch des Tages hier ein gutes Pferd mit Sattel und Zaum kaufen kann, dazu ein Gewehr mit Munition, so wird er mit uns reiten‘ können, sonst aber nicht, denn wir haben keine Zeit, auf ihn zu warten.“

Da nahm mich Vogel beim Arm und bat:

„Helfen Sie mir, bester Herr Doktor! Pferde giebt es hier, Gewehre und Munition auch, wenn auch zu hohen Preisen. Die meisten Stores sind noch offen. Wollen Sie?“

„Gern. Wir können damit bald fertig sein, und haben dann noch einige Stunden für den Schlaf.“

Da geschah etwas, was ich nicht erwartet hatte. Nämlich Martha fragte mich:

„Meinen Sie, daß die Jüdin mit Jonathan Melton glücklich dort ankommen wird?“

„Wahrscheinlich.“

„Dann bitte, kaufen Sie zwei Pferde und einen Damensattel!“

„Verstehe ich Sie recht? Sie wollen ein Pferd für sich?“

„Ja, ich reite mit Ihnen.“

„Das ist unmöglich, ganz und gar unmöglich!“

„Gewiß nicht! Die Jüdin bringt dasselbe fertig.“

„Die sitzt im Wagen- Das ist etwas anderes.“

Sie ließ sich aber von mir nicht zurückweisen; Emery mußte innerlich über ihren Wunsch lachen, blieb aber äußerlich ernst und höflich; er wollte nicht Nein sagen, und so wiesen wir sie an Winnetou, indem wir überzeugt waren, daß es ihm besser als uns gelingen werde, ihr ihre Bitte abzuschlagen, ohne sie dadurch zu beleidigen. Und das gelang ihm auch.

Der Angriff der jungen, unternehmungslustigen Frau war also siegreich abgeschlagen. Winnetou, Emery und ich nahmen von Martha Abschied; die beiden ersteren begaben sich heim; ich aber ging mit Vogel noch auf die späte Suche nach einem Pferde und den anderen Gegenständen, welche er brauchte. Wir mußten verschiedene Misters, Masters und Sennores aus dem Schlafe wecken, und wegen der Störung der Nachtruhe verschiedene Dollar und Piaster mehr bezahlen. Besondere Mühe verursachte uns das Pferd. Alte, abgetriebene Ziegenböcke konnten wir genug und überall bekommen, aber kein Tier, wie wir es brauchten. Erst als wir die achte, neunte oder zehnte Thür fast eingeschlagen und die Bewohner vom Lager aufgeklopft hatten, kamen wir zu einem braven Manne, welcher uns, weil er sah, daß wir Not darum hatten, einen zwar alten, aber sonst noch ganz gelenkigen Braunen, welcher vierzig Dollars wert war, für „lumpige“ achtzig überließ. Vogel zögerte gar nicht, den Preis zu zahlen. Seine Konzerte hatten soviel eingebracht, daß er sich die Ausgabe gestatten konnte.

Dabei war es so spät geworden, daß ihm, da er noch Vorbereitungen zu treffen hatte, keine Zeit zum Schlafe übrig blieb. Eine Stunde nach Tagesanbruch holte er uns ab; wir ritten über den Fluß nach Atrisco hinüber, und dann südwestlich dem Rio Puerco zu.

Es ist nicht nötig, die Einzelheiten des Rittes zu beschreiben; erwähnt sei nur, daß Vogel als Reiter sich recht leidlich hielt, wenn wir auch seinetwegen langsamer reiten mußten, da sein Pferd mit unsern Komantschenrossen nicht immer gleichen Schritt zu halten vermochte. Hier und da gab es Stellen, denen die Fährte zweier Pferde deutlich eingeprägt war; das war jedenfalls die Spur der Brüder Melton. Sie hatten den Vorsprung einer ganzen Nacht vor uns; aber gewisse untrügliche Anzeichen verrieten, daß wir uns ihnen zwar langsam, aber unausgesetzt näherten. Hätten wir Vogel nicht bei uns gehabt, so wären wir durch einen Parforceritt schnell an sie herangekommen.

Am Abend des zweiten Tages erreichten wir Acoma, ein altes Indianerpueblo, wo die Meltons gewiß auch angehalten hatten.

Unter Pueblos versteht man die festen, burgartigen Städte der alten seßhaften Bevölkerung des Landes; man zählt ihrer in Neu-Mexiko nur noch etwa zwanzig; die bedeutendsten sind Taos, Laguna, Isleta und Acoma. Man darf sich unter den alten Städten oder Dörfern nicht Ortschaften mit einzelstehenden Häusern oder Häuserreihen und Gassen denken. Sie wurden, um Schutz gegen feindliche Überfälle zu bieten, als Burgen errichtet; sie sind auch Burgen, aber in architektonischer Beziehung nicht in unserm Sinn des Wortes. Sie sind schwerfällige Lehm- oder Felsenbauten, je nachdem dieses oder jenes Material vorhanden war, ohne Stil und äußere Gliederung, wenn man nicht das Gliederung nennt, daß jedes höhere Stockwerk über dem untern zurücktritt.

Man denke sich zwei weit auseinanderstehende Felsenwände, zwischen denen einst größere oder kleinere Blöcke lagen. Die Blöcke wurden nebeneinander gewälzt und mit Lehm verbunden, bis eine Mauer entstand, welche von der einen Felsenwand bis an die andere reichte und die Höhe eines Stockwerkes hatte. In der Mauer gab es weder Thür- noch Fensteröffnung. Der Raum zwischen ihr und den Felswänden wurde durch weitere Lang- und Querwände aus Lehm in eine beliebige Anzahl von Vierecken zerlegt, und dann das Ganze mit einer dicken Lehmschicht zugedeckt. In der Lehmdecke befanden sich Löcher, welche als Eingang in die Vierecke und Wohnungen dienten. Über dem Erdgeschoß wurde aus demselben Materiale und in derselben Weise ein erstes, zweites, drittes usw. Stockwerk errichtet, doch so, daß jedes höhere Stockwerk einige oder mehrere Meter zurückweicht, und also in der Decke des tieferliegenden einen freien, balkonartigen Raum vor sich liegen hat. Oft haben auch diese terrassenförmig übereinander liegenden Geschosse weder Thür noch Fenster, sondern nur Löcher in der Decke. Man muß also, um in eine Wohnung zu gelangen, in das höhere Stockwerk hinauf- und dann durch das betreffende Loch wie in einen Keller hinuntersteigen. Das Erdgeschoß ist stets nur durch eine Leiter zu erklettern, welche außen an die öffnungslose Mauer gelehnt ist. Wird sie auf das platte Dach gezogen, so ist der Zutritt für einen Feind zwar nicht unmöglich gemacht, aber doch außerordentlich erschwert und mit Gefahren verbunden. Zuweilen sind die Lehmmauern, welche dann von einem Stockwerk zum andern führen, treppenartig abgestuft, so daß man hinaufsteigen kann; meist aber werden auch die höheren Geschosse nur durch angelehnte Leitern verbunden, welche je, den Augenblick hinaufgezogen werden können. Man sieht leicht ein, daß der Gedanke, welcher den Bauwerken zu Grunde liegt, in Beziehung auf die Verteidigung des Platzes bei der Art der damaligen Angriffswaffen ein ganz vortrefflicher ist. Waren alle Leitern der verschiedenen Stockwerke emporgezogen, so mußte der angreifende Feind mit Hilfe mitgebrachter Leitern zunächst die Plattform des Parterres ersteigen, wobei er sich den Geschossen aller oberen Terrassen aussetzte und auch noch in Gefahr stand, vom Innern des untern Stockwerkes aus angegriffen zu werden. Hatte er nach mörderischem Kampfe die erste Plattform in seinen Besitz gebracht, so mußte er mit denselben Schwierigkeiten und Gefahren die zweite ersteigen und erkämpfen; dabei mußte er frei und ohne allen Schutz kämpfen, während die Verteidiger über ihm infolge des terrassenartigen Baues stets gute Deckung hatten.

Diese Beschreibung gilt einem Pueblo der regelmäßigsten Bauart; solche sind aber sehr selten. Die andern sind ein unregelmäßig zusammengeschachtelter Komplex von verschiedenartigen Lehmzellen, welcher meist in einer trostlosen Umgebung liegt und den Eindruck eines häßlichen Trümmerhaufens macht. Und in diesen künstlichen hohlen Lehmwürfeln wohnten einst Hunderte und Tausende von Menschen zusammen, deren Verkehr nur dadurch ermöglicht wurde, daß man aus einer Zelle über die platten Dächer der unteren Herbergen durch ein Loch in die andere stieg! jetzt kann man freilich nicht mehr von „tausend“ sprechen.

Die Bewohner der Pueblos dürfen keineswegs mit den thatkräftigen freien Indianern verglichen werden. Sie sind gutmütige, genügsame, ganz unwissende Menschen, wahrscheinlich verkümmerte Abkömmlinge der alten Azteken. Meist Katholiken, sind sie doch eigentlich keine Christen. Sie beten noch immer heimlich zu ihrem Manitou und hängen an alten, heidnischen Gebräuchen, welche dem Christentume widerstreben. Daran trägt die alte, iberische Indolenz die Schuld, welche alles gehen läßt, wie es eben geht, das Auftreten und Umsichgreifen der Scheinheiligkeit begünstigt, es aber nicht zu einem wahren, begeisterten und überzeugungstreuen Glauben kommen läßt. Beschimpfe man die heilige Religion, der Puebloindianer wird ruhig bleiben und lachen; greift man ihn aber bei seinem Aberglauben an, den er aus der heidnischen Zeit überkommen hat, so kann der sonst so harmlose Mann sich in einen rachsüchtigen und gefährlichen Starrkopf verwandeln.

Diese Indianer treiben ein wenig Ackerbau, ein wenig Viehzucht und ein wenig Hausindustrie, doch das alles auf der niedrigsten Stufe. Die kleinen Äcker liegen gewöhnlich in der Nähe des Pueblo, und werden mit geradezu kindisch einfachen Werkzeugen bestellt. Das Neue und Praktische wird beharrlich zurückgewiesen; es stimmt nicht mit ihren Überlieferungen zusammen. Lieber ernten sie Hunger vom steinigten Lande, als daß sie es düngen und anders, als mit einem einfachen Stocke oder hölzernen Haken bearbeiten. Ebenso steht es mit der Viehzucht. Man sieht einige magere Hühner, einige Schweine und viele Hunde. Sonderbarerweise laufen die bissigen Köter frei umher, während die Schweine – sollte man es denken! – – an Ketten liegen.

Ihre Kunstfertigkeit besteht in der Anfertigung von Körben, Beuteln und verschiedenen Geflechten. Sie brennen Krüge und Urnen, welche keinen Kunstwert besitzen. Aus Thon stellen sie allerlei Figuren her, welche geradezu lächerlich sind. Der Sinn für schöne Formen ist ihnen vollständig versagt. Die Figuren werden bei uns von vierjährigen Kindern viel besser auf der Schiefertafel gezeichnet; sie dienen meist als Spielwerkzeuge; oft haben sie auch eine geheim religiöse, heidnische Bedeutung. In diesem Falle werden sie in der „Estufa“ aufgestellt. Dies ist ein kleiner Raum, welcher von niedrigen, nur drei Fuß hohen Mauern eingefaßt wird, zwischen denen stets zwei hohe Stangen stehen. Vielleicht sollen -diese ein Fingerzeig gen Himmel sein. Es wird sehr darauf gesehen, daß diese Estufa von keinem Unberufenen berührt oder gar betreten wird.

Also wir kamen gegen Abend in Acoma an und fragten nach dem Governor, unter welchem man sich freilich nicht einen Gouverneur nach unserm Sinne, einen hochgestellten Beamten, sondern eine Art Dorfschulzen vorzustellen hat. Da, wo man spanisch spricht, hat selbst der kleinste Beamte einen hohen, volltönenden Titel, und spanisch verstehen die meisten Puebloindianer mehr oder weniger geläufig zu reden. Die ganze Bevölkerung war zusammengelaufen und betrachtete uns mit nicht eben freundlichen Augen. Das mußte einen besondern Grund haben. Wir wollten nichts fordern und verlangen, und fragten nur deshalb nach dem Governor, weil wir beabsichtigten, ihn um Auskunft über die drei Meltons zu bitten. Als wir abgestiegen waren, zeigte sich niemand bereit, unsere Pferde zu halten, uns Wasser zu zeigen und uns zum Governor zu führen. Eigentümlicherweise war kein junges Mädchen zu sehen, aber einige sehr hübsche Knaben bemerkte ich.

Da sich niemand unser annehmen wollte und sich alle so zurückhaltend, ja feindselig gegen uns verhielten, waren wir auf uns selbst angewiesen. Wir befestigten also die Zügel unserer Pferde an Felsstücken und gingen aus, um Wasser zu suchen, wobei wir mit finstern Blicken betrachtet wurden.

Ich kam mit Emery an ein kleines Gärtchen, in welchem ein armseliges Gemüse und einige Blumen standen. Emery bückte sich, um sich einen Rettich anzueignen, den er natürlich gut bezahlt hätte; da sprang einer der hübschen Knaben herbei und faßte ihn von hinten, um ihn wegzuziehen. Emery schüttelte ihn kräftig von sich ab und griff wieder zu; da nahm ich den Freund beim Arme und zog ihn mit mir fort. Gerade vor uns sahen wir die Estufa. Emery trat hinzu, sah über die niedrige Mauer und schlug ein lautes Gelächter auf. Es standen da ein Dutzend der oben erwähnten Figuren, welche allerdings höchst lächerlich waren, breitbeinige Kerls mit wurstartigen Armen, die sie in unmöglichen Haltungen vorstreckten. Köpfe und Stirn ohne Nase, mit zwei Löchern von oben als Augen, und einem großen Loche unten als Mund. Es gab sitzende Gestalten mit ungeheuerlichen Bäuchen und drei Köpfen, einen oben, einen auf dem Rücken und einen auf der Brust; die Ohren waren länger als die Arme. Emery griff zu, um eine dieser Figuren wegzunehmen und zu betrachten, ich zog ihn abermals zurück und erklärte ihm die Bedeutung dieser thönernen Gestalten. Er lachte und ging weiter. Die Menge folgte ihm; nur der Knabe blieb zurück, sah mich mit ungewissen Blicken an, brach dann mit einer raschen Bewegung eine Blume aus dem winzigen Gärtchen, reichte sie mir hin und sagte: „Ich danke! Der Rettich wuchs für meinen Vater; es ist der einzige.“

Das war keine Knaben-, sondern eine Mädchenstimme, und nun fiel mir ein, daß in einigen Pueblos sich die Mädchen wie Knaben kleiden. Sie tragen Hosen und scheiteln sich die kurzgeschnittenen Haare auf der Seite, was die Verwechslung sehr begünstigt. Ich wollte ihr gern ein Gegengeschenk machen, aber was? Da fiel mir ein, daß ich das kleine, neusilberne Etui eines verloren gegangenen Bleistiftspitzers noch im Gürtel hatte. ich nahm es heraus, schraubte es auf und wieder zu, um ihr zu zeigen, wie es zu handhaben sei und hielt es ihr dann hin.

„Nimm das für die Blume, schöne Puebla!“

Sie sah mich staunend an und wagte nicht, zuzugreifen.

Das kleine Büchschen war ja ein kostbares Kunstwerk, ein unerreichbarer Gegenstand für sie.

„Hier, nimm für die Blume; es ist dein!“ wiederholte ich.

„Mein?“ fragte sie zweifelnd, aber mit strahlenden Augen.

„Ja. Deine Blume ist mir lieber, als diese kleine Kaja.“

„Und mir deine Kaja viel lieber, als meine Blume! Ich danke dir! Du bist gut, sehr gut; ich habe es dir gleich angesehen!“

Sie nahm das Büchschen, küßte mir schnell die Hand und sprang mit einem lauten Jauchzer davon, um die Leiter zu ihrer Wohnung hinanzusteigen und dort ihren großen Schatz zu verbergen. Mit wie wenigem man doch einen Menschen glücklich machen kann! Und wie reich sich oft ein einziges freundliches Wort belohnt! Ich sollte das sehr bald erfahren.

Jetzt kam Winnetou, um uns zu holen. Er hatte Wasser gefunden. In der Nähe des Pueblo befand sich eine Art Cisterne, in welcher das wenige Regenwasser des Jahres gesammelt wurde. Wir führten unsere Pferde dorthin und schickten uns an, mit Hilfe des dazu vorhandenen Thongefäßes, das an einem Stricke hing, Wasser zu schöpfen; da kamen die Indianer unter lautem Geschrei herbei, um uns daran zu verhindern. Wasser mußten wir haben; das war gewiß, denn morgen kamen wir, wie wir wußten, durch eine Gegend, in welcher es keinen Tropfen gab; darum griffen Winnetou und Emery und infolgedessen auch Vogel zu ihren Gewehren, um sich den Trank für sich und die Pferde mit Gewalt zu verschaffen. Die Pueblos wichen zurück, da sie sehr wohl wußten, daß sie, obgleich in solcher Überzahl, nichts gegen die Gewehre auszurichten vermochten; ihre Waffen waren gar zu erbärmlich.

Es war klar, daß die armen Leute ein Recht auf ihr weniges Wasser hatten, und darum erschien es mir hart, es ihnen abzuzwingen. Etwas wenigstens mußten sie dafür haben; darum bat ich meine Gefährten, von ihrem feindseligen Verhalten abzulassen und gab den Leuten einige kleine Silberstücke, indem ich ihnen erklärte, daß ich damit das Wasser bezahlen wolle. Sie änderten darauf sofort ihr Verhalten und ließen uns schöpfen.

Da der Abend nahte, mußten wir einen Ort suchen, an welchem wir die Nacht zubringen wollten. Die feindselige Haltung der Indianer ließ den Gedanken nicht aufkommen, in ihrer Nähe oder gar in dem Pueblo selbst zu schlafen. Zwar trauten wir ihnen keineswegs ein für uns gefährliches Beginnen zu, aber Widerwärtigkeiten konnten uns doch bereitet werden, und so führten wir unsere Pferde eine ansehnliche Strecke von ihnen fort und legten uns da draußen im Freien nieder. Es verstand sich ganz von selbst, daß wir die Nacht reihum wachen wollten.

Es mochte ungefähr zwei Stunden nach Einbruch der Dunkelheit sein, als wir eine Gestalt bemerkten, welche sich vom Pueblo her uns langsam näherte; sie blieb in einiger Entfernung von uns stehen. Wir riefen sie an und forderten sie auf, vollends herbei zu kommen. Da antwortete sie:

„Ich will mit dem guten Sennor sprechen.“

Es war die Stimme des Mädchens, welches mir die Blume gegeben hatte.

„Geh hin!“ forderte mich Emery auf. „Denn jedenfalls bist du gemeint.“

Ich folgte der Aufforderung. Als ich die Indianerin erreicht hatte, sagte sie:

„Wir müssen leise sprechen, denn ich bin heimlich gekommen, weil ich nicht haben will, daß dir etwas Böses geschehe.“

„Von wem?“

„Von den beiden Weißen, welche heute bei uns angekommen sind.“

„Ah, ihr habt sie also gesehen! Wann ist das gewesen?“

„Drei Stunden vorher, ehe ihr kamt.“

„Wie lange haben sie sich hier bei euch aufgehalten?“

Da trat sie ganz an mich heran und sagte noch leiser als bisher:

„Sie sind noch hier!“

„Noch hier? Das ist für uns eine sehr wichtige Botschaft, für welche ich dir großen Dank schuldig bin.“

„Du bist mir keinen Dank schuldig, sondern ich will dir danken, indem ich dir dies sage. Die beiden Männer sprachen von euch; sie benachrichtigten uns, daß ihr hinter ihnen kommen würdet.“

„Und forderten euch auf, uns feindlich zu behandeln?“

„Ja. Sie sagten uns, daß ihr unsere Estufa zerstören und die Figuren der Götter vernichten wollet.“

„Das fällt uns ja gar nicht ein! Was sagten sie noch von uns?“

„Daß ihr gefährliche Männer seid, die schon viele Mordthaten begangen haben, und Diebe, welche gekommen sind, uns auszurauben.“

„Das ist eine ungeheure Lüge! Ich sage dir, daß es umgekehrt ist. Die beiden Männer sind Räuber und Diebe, welche schon manchen Mord und viele Unthaten auf dem Gewissen haben. Darum jagen wir hinter ihnen her, um sie zu fangen und bestrafen zu lassen. Wir sind ehrliche Leute.“

„Ich glaube es, Sennor. Du siehst nicht aus wie ein so böser Mann und bist freundlich mit uns gewesen. Darum habe ich mich fortgeschlichen, um dich zu retten.“

„Zu retten?“ Danach müssen wir in einer Gefahr schweben?“

„Ja, ihr befindet euch in Gefahr. Inwiefern, das weiß ich nicht genau; aber die beiden Männer sind noch hier.“

„Ah! Wo? Kannst du mir das sagen?“

„Ich könnte es sagen, aber ich darf nicht, weil ich nicht zur Verräterin an meinen Leuten werden will.“

„Gut, so will ich dich nicht danach fragen; aber sagen darfst du mir wohl, worin die Gefahr besteht, welche uns von den Leuten droht?“

„Der Tod, glaube ich. Was wirklich geschehen soll, das wissen nur wenige Männer von uns; den Frauen und Kindern aber ist gar nichts verraten worden. Aber diese Verschwiegenheit läßt mich vermuten, daß man gegen euch nichts Geringes und nichts Gewöhnliches im Sinne hat.“

Mit diesen Worten huschte sie eiligst fort, so daß ich ihr nicht einmal Dank sagen konnte. Ich erfuhr hier wieder einmal, wie schnell sich oft das Gute ganz von selbst belohnt. Wir waren zwar mißtrauisch, keineswegs aber um unser Leben besorgt gewesen. Das Mädchen hatte uns wahrscheinlich vom Tode errettet.

„Meine Gefährten waren nicht wenig erstaunt, als ich ihnen sagte, was ich erfahren hatte. Emery wollte sofort nach dem Pueblo, um die Bewohner desselben zur Rechenschaft zu ziehen; Winnetou aber entgegnete ihm:

„Mein Bruder mag nicht zu schnell handeln. Die roten Leute haben die Lügen geglaubt, welche man ihnen gesagt hat. Wollen wir sie deshalb töten?“

„Sie verdienen es, weil sie uns auch an das Leben wollen!“ antwortete der Englishman.

„Das wissen wir nicht gewiß. Übrigens sind ihrer viele, und wir sind nur vier.“

„Ich fürchte mich nicht vor ihnen!“

„Mein Bruder wird gewiß nicht glauben, daß Winnetou sich fürchtet; aber vier Personen können kein Pueblo angreifen, sie mögen noch so tapfer sein, wenigstens nicht offen.“

„Aber wir können doch die Leute zwingen, uns die Meltons auszuliefern!“

„Zwingen? Also Kampf mit ihnen? Das ist’s ja eben, was wir verhüten müssen. Wenn wir sie angriffen, würden die Meltons ihnen helfen oder die Zeit des Kampfes zur Flucht benutzen. Wir können das, was mein Bruder haben will, nur durch List erreichen. Wir warten, bis sie kommen. Sie wissen wahrscheinlich, wo wir uns jetzt befinden; darum werden wir eine andere Stelle aufsuchen, an welcher wir in der Nacht bleiben. Man wird uns suchen. Jedenfalls haben wir dies von den Meltons zu erwarten, welche wir festnehmen, sobald sie kommen.“

Er hatte recht, und wir handelten nach seinem Vorschlage, indem wir unsern Lagerplatz in noch größere Entfernung verlegten. Nun, da wir gewarnt waren, konnten wir uns nur darüber freuen, daß die Meltons hier geblieben waren. Wir brauchten sie nicht erst einzuholen. Wir hatten sie hier, und es bedurfte keiner großen Selbstüberschätzung, um unsererseits sagen zu können, daß sie in unsere Hände fallen würden.

Wir richteten uns auf die Weise ein, daß zwei von uns schliefen, während die beiden andern wachten, und wechselten darin ab. Ich hatte mit Vogel zu wachen. Als wir Winnetou zum zweitenmale ablösten, war die Nacht schon fast vergangen, ohne daß wir irgend etwas Verdächtiges bemerkt hatten; das mußte uns auffallen.

„Wer weiß, ob man überhaupt etwas gegen uns vorgehabt hat,“ meinte Emery. „Das Mädchen kann sich geirrt haben!“

„Schwerlich!“ antwortete ich.

„Aber es kommt j a niemand!“

„Weil man uns nicht gefunden hat, und wohl auch weil die Roten eingesehen haben, daß es gefährlich ist, sich uns zu nähern.“

„So müssen wir warten, bis es Tag geworden ist; dann aber bestehe ich darauf, die Pueblos zu zwingen, uns die Meltons auszuliefern.“

„Sie würden das nicht können, weil die Meltons dann nicht mehr da sein werden. Wenn es sich herausstellt, daß bis zum Anbruche des neuen Tages nichts gegen uns unternommen werden kann, werden sie keinen Augenblick zögern, sich aus dem Staube zu machen.“

„Das möchte ich nicht als so sicher hinstellen. Ebenso wahrscheinlich ist es, daß sie bleiben. Sie werden von den Pueblos unterstützt.“

„Das wäre die größte Dummheit, welche sie begehen könnten. Blieben sie hier, etwa um uns mit Hilfe der Pueblos anzugreifen, so wären sie sicher, in unsere Hände zu geraten oder von unsern Kugeln zu fallen. Die Halunken sind schlau genug, dies zu wissen. Auch kennen sie die Pueblo-Indianer jedenfalls gut genug, um sich sagen zu können, daß diese sich nicht sehr nahe an uns wagen werden, weil unsere Gewehre weitertragen, als alle ihre Waffen. Ich bin überzeugt, daß sie fortgehen.“

„So haben wir das Nachsehen!“

„Allerdings. Aber dem könnte ja wohl vorgebeugt werden, indem wir unsern Standort abermals verlassen und uns westlich vom Pueblo lagern. Das ist die Richtung, welche sie einzuschlagen haben. Vielleicht hören wir sie, falls sie nicht allzu weit an uns vorüberreiten.“

Auch Winnetou war der Ansicht, und so veränderten wir zum zweitenmale unsern Lagerplatz. Als das geschehen war, setzte ich mich mit Vogel nicht etwa zu den beiden andern, welche sich wieder schlafen gelegt hatten, sondern wir trennten uns, indem wir uns ein Stück von ihnen entfernten, ich rechts und Vogel links von ihnen. Dadurch, daß wir uns so weit auseinander befanden, lag für unser Gehör eine viel größere Strecke offen, als wenn wir zusammen geblieben wären. Um noch besser und weiter hören zu können, legte ich mich mit einem Ohre auf die Erde.

So warteten wir still und unbeweglich eine lange Zeit, bis es ungefähr drei Viertelstunden vor Tagesanbruch sein mochte. Da vernahm ich ein Geräusch. Es erklang aus der Gegend her, in welcher Vogel lag, und wenn ich mich nicht täuschte, so war es der Hufschlag zweier Pferde, welche von dem Pueblo herkamen und dann in die Ebene hinausliefen. ich stand auf, ging zu Vogel und fragte:

„Haben Sie nicht etwas gehört?“

„Ja, Schritte von Menschen.“

„Wie viele können es gewesen sein?“

„Wer kann mit den Ohren zählen! Es waren viele. Sie kamen vom Pueblo her und dann an uns vorüber, aber weit von hier.“

„Das ist dasselbe, was ich auch gehört habe; aber Sie irren sich. Das waren keine Menschen, sondern Pferde.“

„Ich möchte aber doch wetten, daß es Menschen gewesen sind. Und über zehn waren es ganz gewiß.“

„Sie sind nicht so geübt wie ich. Es waren zwei Pferde, welche mit ihren Hufen die Erde so treffen, daß ein Unerfahrener allerdings denken kann, es seien über zehn Menschen. Wir müssen Winnetou und Sir Emery wecken, denn ich bin überzeugt, daß es die Meltons gewesen sind.“

Als die Genannten erwachten und meine Meldung hörten, waren sie gleicher Meinung mit mir. Emery sagte:

„Ja, sie waren es; sie sind fort, und wir müssen ihnen augenblicklich nach.“

„Nein,“ entgegnete Winnetou. „Meine Brüder müssen mit mir warten, bis es hell geworden ist, damit wir die Spuren sehen können.“

„Das brauchen wir nicht. Wir kennen ja die Richtung, in welcher sie reiten.“

„Nein, die kennen wir nicht,“ antwortete ich. „Winnetou hat recht. Wir müssen unbedingt warten.“

„Wir wissen doch, daß sie nach dem kleinen Colorado reiten. Wenn wir das auch thun, müssen wir auf ihre Spur treffen.“

„Aber es ist möglich, daß sie von jetzt an eine andere Richtung einschlagen, um uns irre zu führen.“

„Da müssen sie sich doch sagen, daß das vergeblich sein dürfte!“

„O nein. Sie haben keine Ahnung davon, daß wir ihr Ziel kennen; sie sind später in Albuquerque angekommen, als ihr sauberer Jonathan, und er hat ihnen also nicht erzählen können, was geschehen ist, seit sie sich von ihm getrennt haben. Sie glauben also, wir folgen ihnen und wissen nichts von ihm und dem Orte, an welchem sie ihn treffen wollen. Darum ist es sehr leicht möglich, daß sie auf den Gedanken kommen, uns in eine andere Gegend zu locken.“

Well! Aber was schadet das? Wir reiten eben nach dem Colorado, um ihren Jonathan zu fassen. Wenn sie von dieser Richtung abweichen, so lassen wir sie laufen.“

„Wir wollen aber auch sie haben!“

„Wir bekommen sie sicher bei ihrem Jonathan. Wenn wir diesen haben, so warten wir, bis sie kommen. Und kommen werden sie.“

„Das ist gar nicht sicher. Ich möchte lieber das Gegenteil behaupten. Und wenn sie wirklich kommen, so werden sie dies mit solcher Vorsicht thun, daß es gewiß außerordentlich schwer sein wird, sie zu erwischen.“

„Das behauptest du mit solcher Sicherheit?“

„Ja. Ich habe meine Gründe dazu. Frage Winnetou! Er wird mir beistimmen.“

„Warum sollten sie sich später noch mehr in acht nehmen, als jetzt?“

„Das ist doch so einfach! Sie wollen uns fortlocken. Wenn sie bemerken, daß wir ihnen nicht folgen, so müssen sie natürlich annehmen, daß wir nach dem Schlosse der Jüdin seien, und zwar ihnen voran. Sie müssen auch hin, und da versteht es sich ganz von selbst, daß sie, wenn sie kommen, dies nur mit äußerster Vorsicht thun werden.“

„Hm! Das ist allerdings nun zu begreifen.“

„Dazu kommt, daß wir dann leicht zwischen zwei Feuer kommen können, vor uns haben wir Jonathan Melton und hinter uns die beiden.“

Pshaw! Jonathan ist gar nicht zu fürchten!“

„Richtig! Aber du vergissest, daß er eine Anzahl von Indianern bei sich hat, welche mit der Jüdin und ihrem verstorbenen Manne, ihrem Häuptlinge, aus der Sonora herübergezogen sind. Mit diesen Leuten haben wir doch unbedingt zu rechnen.“

„Das ist richtig. Du meinst also, daß wir den Meltons nachreiten, selbst wenn sie einen andern Weg einschlagen?“

„Ja. Wir müssen sie haben. Darum können wir nicht eher von hier fort, als bis es Tag geworden ist und wir ihre Spuren sehen können.“

„Auch müssen wir warten, um unsere Pferde noch einmal zu tränken,“ bemerkte Winnetou. „Sie haben zwar gestern abend Wasser bekommen, aber wir wissen nicht, wohin es geht und ob wir heute und morgen wieder welches finden.“

Wir blieben also sitzen, bis der erste Schimmer des Tages im Osten erschien und wir das Pueblo sehen konnten. Wir ritten hin und bemerkten, daß alle Bewohner wach waren. Das war ein Beweis, daß sie in der Nacht etwas gegen uns vorgehabt hatten. Als sie sahen, daß wir nach der Cisterne wollten, kam einer von ihnen auf uns zu und sagte:

„Wenn ihr eure Pferde tränken wollt, müßt ihr wieder bezahlen!“

„Wer bist du denn, daß du dies zu verlangen hast?“

„Ich bin der Häuptling des Pueblo.“

„Ah so! Wir wollten gestern mit dir reden und haben nach dir gefragt. Warum antwortete man uns nicht?“

„Weil ich nicht hier war.“

„Das ist eine Lüge, denn ich erinnere mich ganz genau, dein Gesicht gesehen zu haben. Wann bist du denn von hier fortgegangen?“

„Gestern früh.“

„So bist du also vorgestern und auch die vorigen Tage hier gewesen?“

„Ja.“

„Dann wirst du uns wohl sagen können, ob in der Zeit Fremde hier gewesen sind.“

„Es war niemand hier.“

„Aber gestern sind doch zwei weiße Reiter zu euch gekommen?“

„Nein. Als ich heimkam, hat man mir nur von euch erzählt. Wären noch andere dagewesen, so hätte man es mir auch gesagt.“

„Es sind zwei Reiter da gewesen. Sie haben uns in der Nacht gesucht, um uns zu töten!“

Er erschrak und antwortete:

„Sennor, wie könnt Ihr so etwas behaupten! Wir sind ehrliche und friedliche Leute, die nichts Böses thun!“

„Wäret ihr wirklich so ehrliche Leute, so würdest du uns nicht belügen. Eigentlich sollten wir euch dafür züchtigen; aber wir wollen das nicht thun, denn wir sind Christen. Wir wissen, daß die beiden Männer, von denen ich spreche, vor kaum einer Stunde fortgeritten sind. Da wir aber sie nicht fürchten und euch verachten, werden wir so thun, als ob nichts geschehen sei und euch sogar euer Wasser bezahlen.“

Er bekam die verlangte Summe; wir tränkten unsere Pferde, tranken auch selbst und ritten dann fort, zunächst nach Spuren gar nicht suchend. Aber dann, als wir außer Sicht der Indianer waren, trennten wir uns, um nach der Fährte zu forschen. Der Apatsche fand sie zuerst. Sie hatte zunächst eine westliche Richtung, machte dann aber einen Bogen nach Nordwest.

„Siehst du!“ sagte ich zu Emery. „Die von mir angedeutete Möglichkeit wird zur Wirklichkeit. Die Kerle sind vom richtigen Wege abgewichen.“

„Das ist fatal! Wer weiß, wie weit sie uns mit sich fortschleppen und wie lange Zeit wir brauchen, um wieder auf den rechten Weg zu kommen!“

„Ja, wenn wir ihnen im Galopp folgen könnten, so hätten wir sie bald eingeholt!“

„Warum thun wir dies denn nicht?“

„Vogels Pferd kommt nicht mit fort.“

Als ich das sagte, stieg Winnetou ab, betrachtete die Spur sehr aufmerksam und fragte dann Vogel:

„Mein junger Bruder hat nicht gelernt, eine Fährte zu lesen?“

„Nein,“ antwortete der Gefragte. „Wenn die Stapfen nicht ganz deutlich sind, finde ich sie nicht.“

„So dürfen wir ihn nicht allein zurücklassen, weil er uns nicht finden und sich verirren würde. Die Meltons reiten gute Pferde; dennoch können wir sie bald einholen, um sie zu fangen. Winnetou wird jetzt mit Old Shatterhand die Verfolgung beginnen. Wir beide genügen, diese Menschen festzunehmen. Mein Bruder Emery mag mit dem jungen Manne auf unserer Fährte folgen.“

Das Gesicht des Englishman bewies, daß er nicht sehr darüber erbaut war, daß er zurückbleiben sollte, doch sagte er nichts dagegen. Wir ritten im Galopp fort, und er blieb mit Vogel hinter uns.

Der Vorsprung, welchen die Meltons vor uns hatten, betrug ungefähr eine Stunde. Selbst wenn sie, wie Winnetous Meinung gewesen war, gute Pferde hatten, mußten wir sie mit unsern vortrefflichen Komantschenrossen noch vor Mittag eingeholt haben, falls es zu einem Wettrennen kommen sollte. War das nicht der Fall, so erreichten wir sie noch viel früher. Es kam ganz darauf an, ob sie uns zeitig genug bemerken würden oder nicht.

Wir ritten über die öde Steppe. Der Boden war steinhart; doch sorgten wir dafür, daß eine deutliche Fährte hinter uns blieb. Die Spur der Meltons war dagegen nur von Zeit zu Zeit zu erkennen. Sie hatten sich in acht genommen; wir sollten im Aufsuchen derselben möglichst viel Zeit verlieren. Es gehörte also keine geringe Aufmerksamkeit dazu, ihr im Galopp zu folgen, ohne sie zu verlieren. Hier bewährte sich, wie schon so oft, die Meisterschaft des Apatschen.

Nach und nach ging die Ebene in eine wellenförmige Gegend über. Es gab Erhebungen und Senkungen, welche je länger desto bedeutender wurden. Nach zwei Stunden konnte man schon von Bergen reden. Das waren die südlichen Ausläufer der Sierra Madre.

Es ging immer in gerader Richtung fort, bergauf und bergab, doch gab es dabei keine Schwierigkeit, weil die Höhen weder sehr hoch noch auch sehr steil waren. Sie zeichneten sich durch den gänzlichen Mangel der Vegetation aus. Die dritte Stunde war vorüber; wir hatten eine Kuppe erreicht und konnten das vor uns liegende Thal und den jenseits sich erhebenden Berg überblicken. Da sahen wir die Meltons deutlich vor uns. Sie hatten das Thal bereits hinter sich und ritten drüben die Berglehne hinan. Um ihnen, ehe sie uns bemerkten, möglichst nahe zu kommen, jagten wir im schnellsten Tempo ins Thal hinab. Sie konnten den Hufschlag unserer Pferde nicht hören. Doch drehte sich, als wir noch nicht unten angekommen waren, der eine von ihnen um. Er sah uns, machte seinen Bruder auf uns aufmerksam, und nun trieben sie ihre Pferde mit einer Schnelligkeit den Berg empor, daß Winnetou lächelnd sagte:

„Das werden ihre Pferde nicht lange aushalten. Diese Menschen sind uns sicher.“

„Wie denkst du, daß wir uns ihrer bemächtigen?“ fragte ich.

„Durch Drohung,“ antwortete er. „Wir reiten ihnen so nahe, bis sie unsere Stimmen hören können, und gebieten ihnen, anzuhalten, abzusteigen und ihre Waffen abzulegen. Wenn sie nicht gehorchen, so müssen wir schießen. Wir werden sie nicht töten, sondern nur verwunden, denn wir wollen sie lebendig haben.“

„Wahrscheinlich werden sie, wenn sie uns nahe genug sehen, auch auf uns schießen wollen.“

„Dann werden wir schneller sein als sie und ihnen eine Kugel in den Arm geben.“

Er sprach so zuversichtlich, und doch sollte es anders kommen, als er dachte. Als wir auf der jenseitigen Höhe anlangten, sahen wir die Meltons unten im Thale. Sie trieben ihre Pferde zur größten Eile an und sahen sich von Zeit zu Zeit nach uns um. So ging es bergauf und bergab, und so oft wir eine Höhe erreichten, bemerkten wir, daß wir ihnen wieder näher gekommen waren. Ihre Pferde begannen zu ermüden, während die unserigen noch nichts davon merken ließen.

Als wir uns abermals auf einer Kuppe befanden, sahen wir zwei Höhenzüge vor uns liegen, welche sich vor unsern Augen lang gegen West erstreckten. Zwischen ihnen lag ein schmales, ebenes und schnurgerades Thal, dessen Sohle stellenweise ganz mit Steintrümmern bedeckt war. Das Ganze hatte das Aussehen, als ob ein Geschlecht von Giganten hier einen riesigen Graben, einen Kanal gebaut hätte, der nun ausgetrocknet war. Auf diesen Kanal jagten die Meltons zu, und wir folgten ihnen. Die Hetze konnte höchstens noch eine Viertelstunde dauern.

Da geschah etwas, was uns vor Grauen die Haare emporziehen wollte. Die beiden Brüder, welche wir von hinten und in der Entfernung nicht zu unterscheiden vermochten, galoppierten über eine Stelle, in welcher Geröll und größere Steintrümmer lagen. Da stolperte das Pferd des einen und stürzte, den Reiter unter sich begrabend. Der andere sah es, hielt an und sprang ab, um trotz der Gefahr, welche jedes Verweilen mit sich brachte, dem Bruder aufzuhelfen. Später sahen wir, daß der Gestürzte Thomas Melton war.

Sein Bruder Harry wollte das Pferd aufzerren, brachte es aber nicht empor, weil es den Vorderfuß gebrochen hatte. Es gelang ihm nur, es zur Seite zu ziehen, wodurch Thomas frei wurde; dieser sprang auf, und wir sahen an ihren heftigen Gestikulationen, in welcher ungeheuren Aufregung sie sich befanden. Es war nur ein Pferd da; nur einer konnte auf demselben weiter fliehen; der andere mußte in kürzester Zeit von uns eingeholt werden.

„Zwei Reiter und ein Pferd! Wir haben sie sicher!“ rief Winnetou.

Wir stürmten eng nebeneinander auf den Riesenkanal zu. Da geschah das Entsetzliche. Harry Melton, welchem das unverletzte Pferd gehörte, wollte es wieder besteigen; sein Bruder hinderte ihn daran; er wollte auch hinauf. Sie stritten sich um das Pferd, freilich nur wenige Augenblicke lang, denn das ganze, grausige Ereignis ging viel schneller vor sich, als man es zu erzählen vermag. Harry drängte seinen Bruder von sich ab und setzte den Fuß in den Steigbügel, um sich aufzuschwingen; da holte hinter ihm Thomas mit dem Gewehre aus und versetzte ihm einen solchen Kolbenhieb auf den Kopf, daß der Getroffene zu Boden stürzte. Wir sahen, daß der andere sich eine kurze Weile zu ihm niederbeugte, dann sich wieder aufrichtete, auf das Pferd sprang und fortgaloppierte. Was er im Niederbücken gethan hatte, konnten wir erst später sehen. Von dem Augenblicke an, in welchem das Pferd gestürzt war, bis zu demjenigen, in welchem Thomas Melton davonritt, waren nicht zwei Minuten vergangen, und in dieser kurzen Zeit war es uns nicht möglich gewesen, bis auf Schußweite heranzukommen.

Wir trieben unsere Pferde noch mehr an als bisher und kamen so bald an die Stelle, an welcher Harry Melton und das Pferd seines Bruders lagen. Letzteres schlug mit den drei gesunden Beinen um sich, gab sich alle Mühe, sich aufzurichten, fiel aber immer wieder nieder. Melton aber lag bewegungslos im Steingeröll.

Wir hielten an und stiegen ab. Er blutete aus einer tiefen Wunde in der linken oberen Brust.

„Brudermörder!“ rief der Apatsche grimmig aus.

„Ja, ein Brudermörder!“ stimmte ich bei, indem ein Grauen mir durch und über den ganzen Körper zitterte.

„Reiten wir weiter, um ihn zu fangen?“

„Nein. Er bleibt uns gewiß. Wir haben es hier wahrscheinlich mit einem Sterbenden zu thun; da müssen wir bleiben. Vielleicht ist er auch noch zu retten.“

Winnetou widersprach nicht, obgleich er einen sehnsüchtigen Blick vorwärts warf, wo der davoneilende Mörder noch deutlich zu sehen war. Wir rissen dem Verwundeten, der außerdem von dem Kolbenhiebe betäubt war, den Rock herunter und die Weste auf. Das unter derselben liegende Hemd war ganz mit Blut getränkt. Wir mußten die Weste auch entfernen und den ganzen Oberkörper entkleiden. Das Blut floß reichlich, doch nicht so stark, daß eine sehr schnelle Verblutung zu befürchten war.

Der Mann holte Atem; daß das Blut nicht stoßweise mit jedem Atemzuge aus der Wunde floß, war ein beruhigendes Zeichen. Wir versuchten, letztere zu verbinden, und waren nicht ganz ohne Erfolg dabei. Leider hatten wir kein Wasser.

Nun saßen wir lange Zeit bei Harry Melton, um auf sein Erwachen zu warten. Es verging lange Zeit, ehe er die Augen öffnete. Er griff mit beiden Händen nach dem Kopfe und stierte uns ausdruckslos an. Dann schien ihm die Besinnung zu kommen; er erkannte uns, stieß einen Fluch aus und wollte aufspringen, sank aber gleich wieder nieder.

„Bleibt liegen, Master!“ sagte ich. „Der Tod steckt Euch in der Brust, und je mehr Ihr Euch bewegt, desto schneller wird er mit Euch fertig.“

Er sah an sich herab, bemerkte das Blut, den notdürftigen Verband und fragte mit leiser, stockender Stimme:

„Blut – Blut – wo – woher?“

„Aus Eurer Brust!“

„Von – von wem?“

„Der Messerstich ist von Eurem Bruder.“

„Von – von – von Thomas – von meinem Bruder!“

Er schloß die Augen, um den ungeheuerlichen Gedanken auszudenken; dann öffnete er sie wieder und ein wilder Grimm ging über sein noch immer diabolisch schönes Gesicht, als er zähneknirschend hervorstieß:

„Gott verdamme ihn, den Mörder, den Judas Ischariot! Er hat mich Euch ausgeliefert!“

„Das würde das Geringste noch sein. Wahrscheinlich hat er Euch nicht nur uns, sondern auch dem Tode ausgeliefert. Macht Eure Rechnung mit dem Leben!“

„Wo – ist er?“

„Fort, auf Eurem Pferde.“

„Ja, ja, jetzt weiß ich es. Sein Pferd stürzte, und ich stieg ab, ihm zu helfen. Er wollte dann auf dem meinigen fort; wir stritten uns, und ich stieg auf. Mehr weiß ich nicht.“

Er hatte das natürlich nicht hintereinander, sondern nur mit Unterbrechungen sagen können. Ich berichtigte ihn:

„Ihr seid nicht aufgestiegen; er hinderte Euch daran, indem er Euch mit dem Gewehrkolben niederschlug. Dann sahen wir, daß er sich auf Euch niederbückte; da hat er Euch das Messer in die Brust gestoßen.“

„Niederbückte?“ fragte er und fügte dann schnell hinzu:

„Wo ist mein Rock?“

„Da liegt er.“

„Gebt her, gebt her!“

Ich gab ihm denselben hin, der auch blutig war. Er suchte mit zitternden Händen nach der Brusttasche. Es war nichts drin.

„Leer!“ stöhnte er. „Leer! Er hat sie genommen!“

„Was?“

„Die Brieftasche mit dem Gelde! 0 der Judas, der Judas! Und ich bin sein Bruder!“

„Wem gehörte das Geld?“

„Mir, mir!“

„Aber es war gestohlenes, geraubtes?“

Er schwieg, und erst als ich meine Frage noch zweimal wiederholt hatte, antwortete er:

„Das geht euch den Teufel an, ihr, ihr –!“

Er sah sein Messer, welches wir ihm aus dem Gürtel gezogen hatten, neben sich liegen, griff nach demselben und zückte es gegen mich. Es bedurfte trotz seiner Verwundung keiner kleinen Anstrengung, es ihm aus der Hand zu winden.

„Gebt Euch keine Mühe, uns von Eurer Gesinnung zu überzeugen,“ sagte ich ihm; „wir kennen sie, auch ohne daß Ihr Euch vergeblich mit dem Messer bemüht.“

Das kurze Ringen mit mir hatte ihn angestrengt; das Blut floß stärker aus der Wunde; er schloß die Augen. Während ich mich bemühte, die Blutung zu stillen, sprach er wie abwesend, langsam, in Pausen und mit leiser Stimme:

„Gefangen – ergriffen! Winnetou – Shatterhand, die Hunde! – Beraubt – erstochen – von Thomas – verdammter Judas – verdammter Ischariot! O Rache, Rache – Rache!“

Er schien sich in einem halbwachen Zustande zu befinden, was ich benutzte, um vielleicht etwas zu erfahren, indem ich sagte:

„Er hat Euch Euern Anteil an Hunters Geld genommen, der Schurke!“

„Ja – Hunters Geld!“ nickte er, ohne die Augen zu öffnen.

„Und er hatte doch ebensoviel!“

„Ja, gerade soviel!“

„Das übrige hat alles Jonathan!“

„Jonathan – – alles! Rache – – Rache!“

„Die wird ihm werden! Wir reiten ihm nach bis – –“

Ich wartete mit Spannung, was er sagen würde.

„Bis an den Flujo blanco – Whitefork –“ hauchte er.

„Wo die Jüdin ihr Schloß hat?“

„Ihr Schloß – – ihr Pueblo.“

Dann riß er plötzlich die Augen auf, starrte mir ins Gesicht und schrie mich an:

„Wer bist du?“

„Ihr kennt mich doch!“

„Ja, ich – kenne Euch. Old Shatterhand – – Winnetou, die beiden Teufel – Teufel – Teufel! Was fragst du mich? Laßt mich in Ruh!“

„Ich denke, wir sollen Euch an Eurem Bruder rächen?“

„Rächen –! Ja – ja – ja! jagt ihm nach – schießt ihn nieder -nehmt ihm das Geld, und bringt – –“

Dann ballte er plötzlich beide Fäuste und fuhr fort:

„Nein, nein – ich sage nichts, gar nichts! Mag Thomas kommen! Ihr seid – seid – Ihr erfahrt nichts – nichts – nichts von mir! Geht in die Hölle – Hölle – Hölle!“

Er sank hintenüber und war still. Das Blut floß reichlicher; da er sich aber nicht mehr bewegte, gelang es uns, es abermals zu stillen. Er fiel in Schlaf.

Winnetou war bisher still gewesen; er ließ sein Auge forschend auf dem Gesichte des Schlafenden ruhen und sagte dann:

„Er wird diesen Ort hier nicht wieder verlassen.“

„Dann wollen wir hoffen, daß er noch bereut, ehe er stirbt!“

„Möchte es bald zu Ende sein, damit wir aufbrechen können, um seinen Bruder zu verfolgen. Du hast Mitleid mit ihm?“

„Ja.“

„Er verdient es nicht. Er war schlimmer als ein Tier. Weit mehr Mitleid verdient das Pferd hier, welches nie gesündigt hat. Winnetou wird seinen Schmerzen ein Ende machen.“

Das Pferd mühte sich, vor Schmerz schnaubend, noch immer vergeblich ab, sich aufzurichten. Der Apatsche hielt ihm die Mündung seiner Silberbüchse an den Kopf, und gab ihm die erlösende Kugel. Als der Schuß krachte, fuhr Melton mit dem Oberkörper empor, blickte erschrocken und mit weitaufgerissenen Augen umher und fragte:

„Wer hat geschossen? Galt das dem – dem – –“

Ohne die Frage ganz auszusprechen, sank er wieder nieder und blieb nun stundenlang so liegen. Zuweilen flüsterte er etwas, was wir nicht verstehen konnten. Diese äußerliche Ruhe schien Schlaf zu sein, war es aber nicht. Seine Seele war wach; das sahen wir an den verschiedensten Ausdrücken, welche unaufhörlich über sein Gesicht glitten.

„Jetzt wissen wir genau, wo das Schloß der Jüdin liegt,“ bemerkte ich zu Winnetou.

„Ja, am Flujo blanco; er hat es verraten.“

„Kennt mein Bruder diesen Fluß?“

„Ich war nicht dort, aber in der Nähe und werde ihn sehr leicht finden. Er kommt von der Sierra Blanca herab und wird von den Yankees White-Fork genannt.“

Um die Mittagszeit kam Emery mit Vogel nach. Als der Abend angebrochen war, kam das Ende. Melton sprang mit einem Male auf, stieß den Namen seines Bruders mit Verwünschungen aus, welche man unmöglich niederschreiben kann, und fiel dann tot zu Boden. Sein Ende war schmerzloser, als er es verdient hatte; leider aber hatte für seine Seele nichts geschehen können. Am nächsten Morgen begruben wir ihn unter Steinen, die seinen Körper vor den Schnäbeln und Fängen der Geier schützten. Dann verließen wir den traurigen Ort. –

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Gerettete Millionen

Gerettete Millionen

Der Ritt, den wir vorhatten, hieß unsern Pferden sehr viel zumuten; aber sie konnten es nicht besser haben als die Herren. Sie hatten im Pueblo ausruhen können, während wir gezwungen gewesen waren, wach zu bleiben. Dann hatten wir unterwegs am Berge, wo wir von den Indianern der Jüdin überfallen werden sollten, nur ganz wenig geschlafen, heute wieder gar nicht, und ob wir bei der Eile, welche notwendig war, in nächster Nacht zur Ruhe kommen würden, das fragte sich auch noch. Der Regen hatte sein Unangenehmes, doch auch seinen Nutzen. Er durchnäßte uns, hielt aber die Pferde frisch; die Reiter fühlten sich freilich etwas zu sehr erfrischt und befanden sich nicht so recht bei guter Stimmung. Wenn die Witterung schon auf den Stubenhocker einen solchen Einfluß ausübt, daß er bei schönem Wetter sich in guter, bei schlechtem Wetter aber in weniger angenehmer Laune befindet, so kann man sich denken, daß Leute, die in der Wildnis direkt dem Sturme und Regen ausgesetzt sind, diesen Einfluß auch wohl kennen lernen. Darum ritten wir still und ziemlich verdrossen hinter dem Apatschen her, welcher trotz des Regens, bei dem man während der Nacht nicht fünf Schritte weit zu sehen vermochte, nicht ein einzigesmal anhielt, um sich zu orientieren. Um mich zu erinnern, daß er sich überhaupt einmal verirrt habe, wenn er gesagt hatte, daß er die Gegend kenne, hätte ich wohl sehr lange und doch vergeblich nachdenken können.

Als es Tag wurde, befanden wir uns auf einer weiten Prairie. Winnetou deutete nach links, nach Osten, und sagte:

„Dort drüben giebt es, doch eine halbe Stunde entfernt, den Weg, welchen wir gestern geritten sind, ehe wir unsern Bruder Dunker trafen. Nun ist es hell, und wir wollen schneller reiten.“

Wir thaten dies nicht übermäßig, nämlich so, daß wir in einer Stunde eine gute deutsche Meile zurücklegten. Zu unserer Genugthuung ging am Vormittage der Wind zur Ruhe; der Regen hörte auf; die Wolken zerteilten sich und wurden von der Sonne dann ganz vertrieben. Die Wärme that uns wohl; der Regen hatte seine Schuldigkeit gethan, indem unsere Spuren von ihm ausgelöscht worden waren. Noch lange vor der Mittagzeit deutete Winnetou abermals nach Osten, wo wir nichts sahen, und sagte:

„Eine Stunde von hier liegt der Wald, an dessen Rande wir den Häuptling der Nijoras trafen. Meine Brüder werden zugeben, daß wir sehr gut geritten sind.“

Der östlich von uns gelegene Wald schien sich nach Süden herumzuziehen, denn wir sahen ihn bald darauf in dieser Richtung vor uns liegen. Wir erreichten ihn, ritten wohl bis Mittag durch und hielten am jenseitigen Rande an, um die Pferde verschnaufen zu lassen. Nachdem sie fast zwei Stunden lang ausgeruht und gegrast hatten, setzten wir den Ritt fort, doch nicht mehr in der bisherigen Richtung, denn Winnetou wendete sich südöstlich. Über die Ursache befragt, antwortete er:

„Wir sind weit vorangekommen und haben nun nicht mehr zu befürchten, daß die Mogollons heute auf unsere Spur treffen werden; darum lenke ich jetzt nach dem Wege hinüber ein, den sie einschlagen müssen, denn es kann von Nutzen sein, daß meine Brüder ihn kennen lernen.“

Wenn hier das Wort Weg gebraucht wird, so ist natürlich niemals ein gebahnter Pfad gemeint. Wir kamen jetzt über eine Hochsteppe, auf welcher es viel Sand und Gestein und nur wenig Gras gab. Zuweilen gelangten wir an eine Höhe, welche wir umritten; wirkliche Berge waren nicht zu sehen, obgleich wir nordwestlich das Mogollongebirge und nordöstlich die Sierra Blanca im Rücken hatten. Wir bewegten uns eben, ohne daß wir es bemerkten, abwärts, dem Gebiete des obern Gila zu, ohne aber einen Wasserlauf anzutreffen.

Erst gegen Abend deutete eine kleine Hochprairie an, daß wir in eine feuchtere Gegend gelangten. Bald sahen wir einzelnes Buschwerk; am Fuße einer Anhöhe rieselte Wasser aus der Erde, und es gab da einen Platz, welcher gar nicht geeigneter zum Lagern sein konnte.

„Halten wir hier?“ fragte Emery.

„Nein,“ antwortete Winnetou.

„Aber wir können doch die Pferde tränken!“

„Das wird Winnetou nicht verwehren; dann aber reiten wir weiter, um noch vor Einbruch der Dunkelheit durch den Wald zu kommen, welchen ihr dort im Süden liegen seht – uff! Schnell von den Pferden herab.“

Da er von dem südwärts liegenden Walde sprach, hatte er, gerade so wie wir, seine Augen dorthin gerichtet; da sahen wir fünf Reiter, welche auf die Stelle zukamen, an der wir uns befanden. Sie hatten uns jedenfalls noch nicht bemerkt, denn sie waren noch sehr entfernt von uns, und wir hielten im Gebüsch, welches die Quelle umgab. Wir sprangen von den Pferden und nahmen die Gewehre zur Hand, obgleich wir vor den wenigen Menschen keine Sorge zu haben brauchten. Hinter dem Gesträuch versteckt, erwarteten wir sie.

Sie ritten sehr gute Pferde, hatten keine Gewehre, dafür aber, wie es schien, volle Proviantbeutel hinter sich aufgeschnallt.

„Kundschafter,“ sagte ich infolgedessen.

„Der Nijoras,“ nickte Winnetou dazu. „Sie tragen keine Farben, doch können sie zu keinem andern Stamme gehören. Sie sind unsere Freunde, dennoch müssen wir ihnen eine Lehre geben.“

Er hatte recht. Kundschafter müssen zehnfach vorsichtig sein. Und diese? Selbst als sie nahe genug gekommen waren, bemerkten sie nicht, daß Leute sich an der Quelle befanden. Uns selbst zwar konnten sie nicht sehen, aber wir waren doch zuletzt über grünes Land gekommen, und für ein scharfes Auge war unsere Fährte trotz der Niedrigkeit des Grases wie ein dunkler Strich zu sehen. Wenigstens das durfte ihnen nicht entgehen. Sie aber kamen in einer so sichern Haltung heran, als ob sie sich in der nächsten und sichern Umgebung ihres Lagerdorfes befänden. Als sie noch ungefähr zwanzig Schritte entfernt waren, steckten wir unsere Gewehre durch die Büsche, und Winnetou rief ihnen in dem Dialekte, welchen die Mogollons sprechen, entgegen:

„Halt! Keinen Schritt vorwärts, und aber auch keinen zurück, sonst schießen wir!“

Sie parierten erschrocken ihre Pferde und starrten ratlos auf das Gebüsch.

„Wer von euch sein Pferd wendet, erhält die erste Kugel!“ drohte Winnetou. „Steigt ab und werft eure Messer weg!“ Sie sahen unsere Läufe; ich hatte sogar alle beide Gewehre vorgestreckt. Da fragte der eine:

„Wer ist’s, der hinter den Sträuchern verborgen steckt?“

„Wir sind zehn tapfere Krieger der Mogollons. Wir haben sehr gute Gewehre. Ihr seid verloren, wenn ihr nicht gehorcht! Ihr könnt weder vorwärts noch zurück; unsere Kugeln treffen sicher!“

„Uff! Der große Manitou hat uns verlassen. Er will, daß wir Gefangene der Mogollons werden sollen; aber unsere Brüder werden uns befreien!“

Der Sprecher stieg vom Pferde, zog sein Messer und warf es hinter sich; die andern folgten seinem Beispiele. Nun standen sie vor ihren Pferden und warteten ergeben auf das, was ihre Feinde thun würden, da trat Winnetou vor. Er hielt sein Gewehr, aber gesenkt, in den Händen und sagte in strafendem Tone:

„Sind Leute, welche dem Tode so blind entgegenlaufen, Krieger zu nennen? Sind sie gar als Kundschafter zu gebrauchen?“

„Uff, Uff!“ rief einer. „Winnetou, der Häuptling der Apatschen!“

„Ihr sollt erkunden, was die Mogollons thun und haltet die Augen verschlossen, und reitet so blind vorwärts!“

„Wir wissen, daß die Mogollons erst in drei Tagen ausziehen wollen,“ suchte er sich zu entschuldigen.

„Ist das ein Grund, blind zu sein? Wenn auch die Scharen der Mogollons noch nicht hier sein können, so müßt ihr doch daran denken, daß sie auch Kundschafter aussenden. Ihr handelt wie Knaben, welche noch keine Anleitung erhalten haben. Wenn wir wirklich Feinde wären, so würdet ihr nie zu den Eurigen zurückkehren; wir würden euch erschießen, oder ihr müßtet mit uns gehen, um an dem Marterpfahle zu sterben.“

„Unser großer Bruder mag uns augenblicklich töten! Das ist besser, als die Worte zu hören, welche er zu uns spricht!“

Das war nicht etwa eine Redensart, sondern sein voller Ernst. Von Winnetou, dem weltberühmten Krieger, auf einer solchen Nachlässigkeit ertappt und zurechtgewiesen zu werden, noch dazu als Kundschafter, das war eine große Schande! Die armen Teufel blickten außerordentlich niedergeschlagen zu Boden. Das erbarmte den Apatschen, und er antwortete in milderem Tone:

„Winnetou ist nicht euer Häuptling; er will euch nicht schelten, sondern euch nur darauf aufmerksam machen, daß man, auch im Frieden, selbst in der Nähe des eigenen Zeltes stets die Augen offen zu halten hat. Wer hat euch auf Kundschaft gesandt?“

„Der schnelle Pfeil, unser Häuptling.“

„Hat er jemand mitgebracht?“

„Ein junges Bleichgesicht und einen weißen Gefangenen, den unsere Krieger sehr streng bewachen müssen.“

„Wißt ihr, wer ihm diese übergeben hat?“

„Ja,“

„So wißt ihr auch wohl, wer sich hier bei mir, da hinter den Büschen befindet?“

„Old Shatterhand und noch ein sehr tapferer weißer Krieger.“

„Du hast richtig geraten. Es ist außerdem noch ein Krieger bei uns, der es versteht, die verborgensten Pfade zu finden. Hebt eure Messer wieder auf, und kommt mit euern Pferden zu uns zum Wasser!“

Sie folgten der Aufforderung. Als sie uns drei andern sahen, grüßten sie mit ehrfurchtvollen Handbewegungen und standen mit gesenkten Blicken, erwartend, wie wir sie empfangen würden. Sie waren beschämt; ich wollte sie aufrichten, reichte also einem nach dem andern die Hand und sagte:

„Meine Brüder sind uns willkommen; sie mögen sich zu uns setzen und uns sagen, welche Weisungen sie von ihrem tapfern und klugen Häuptlinge erhalten haben!“

Mein freundlicher Ton und der Umstand, daß Emery und Dunker ihnen auch die Hände gaben, wirkten ermunternd auf sie. Sie gaben ihre Pferde zum Grasen frei, und der Sprecher antwortete für sich und die übrigen:

„Unsere Augen erblicken die tapfersten Jäger und Krieger, deren Ruhm in dem Gebirge und auf der Savanne erschallt; wir dürfen nicht an ihrer Seite lagern; sie mögen uns gestatten, uns fern von ihnen an das Wasser zu setzen, um ihre Angesichter zu schauen und die Weisheit ihrer Stimmen zu hören!“

„Meine Brüder werden bald auch berühmte Männer sein; sie mögen immer nahe bei uns sitzen, sonst würden wir annehmen, daß sie uns als Feinde betrachten!“

Jetzt durften sie sich nicht länger weigern. Wir nahmen am Wasser Platz, und sie setzten sich in der ehrerbietigen Entfernung von mehreren Schritten uns gegenüber. Winnetou wiederholte meine Frage nach dem Auftrage, den sie von ihrem Häuptlinge erhalten hatten. Derjenige, welcher bisher gesprochen hatte, erklärte:

„Der schnelle Pfeil hat uns keine besonderen Befehle gegeben. Wir sollen nach dem weißen Felsen reiten oder, wenn die Mogollons schon aufgebrochen sein Sollten, sie zu finden suchen und ihm Nachricht über sie erteilen.“

„Sollt ihr beisammen bleiben?“ erkundigte ich mich.

„Ja. Es soll nur immer einer von uns die Nachricht überbringen, sodaß, bis die Mogollons das dunkle Thal erreichen, nacheinander fünf Botschaften dort angekommen sind.“

„Die Boten gehen nur bis zum dunklen Thale, und nicht bis in euer Lagerdorf?“

„Ja. Der Häuptling wartet dort.“

„Mit vielen Kriegern?“

„Jetzt noch mit wenigen; die andern sind noch zurück, um Fleisch zu machen und ihre Kriegsmedizinen herzustellen. Der schnelle Pfeil sagte, daß unsere berühmten Krieger vielleicht kommen und mit uns kämpfen würden.“

Da er mich bei diesen Worten fragend ansah, antwortete ich:

„Wir sind allerdings unterwegs zu den Söhnen der Nijoras. Wir wollten euch Nachricht bringen, und euch unser Wissen und unser Können leihen, denn wir haben mit dem schnellen Pfeile die Pfeife der Freundschaft geraucht. Nun wir aber euch getroffen haben, ist es vielleicht nicht nötig, daß wir nach dem dunklen Thale gehen. Es kann einer von euch gleich jetzt zurückkehren, um dem Häuptlinge das zu melden, was wir ihm zu sagen haben; die andern vier aber werden bei uns bleiben, um uns später als Boten an ihn zu dienen. Wir wenden unsern Weg und reiten wieder nach Norden, um die Mogollons aufzusuchen und zu belauschen. Wieviel Krieger zählt ihr, wenn ihr alle beisammen seid?“

„Viermal hundert.“

„Wenn ich richtig beobachtet habe, erreichen die MogolIons nicht diese Zahl. Ich kenne das dunkle Thal, in welchem sie empfangen werden sollen, nicht, aber wenn der schnelle Pfeil diesen Ort als Platz des Kampfes gewählt hat, so muß er sich wohl dazu eignen.“

„Er eignet sich sehr gut, aber nicht unter den gegenwärtigen Umständen. Die Mogollons wollen sich dort auch festsetzen; sie werden also Kundschafter voraussenden, welche die Gegend ganz genau absuchen müssen; darum ist es besser, sie schon vorher anzugreifen, wenn sie noch nicht erwarten, auf den Feind stoßen zu können.“

„Kennst du einen solchen Ort?“ fragte ich.

„Ja. Es ist eine Stelle, welche die Platte des Cañons genannt wird und zwei Reitstunden vor dem dunklen Thale liegt. Die Platte ist ein Dreieck, dessen Boden aus hartem Felsen besteht. Die eine Seite bildet ein tiefer Cañon, dessen Wände so steil sind, daß niemand hinuntergelangen kann. Auf der andern Seite steigt der Felsen hochauf wie eine Mauer, über welche man zwar klettern kann, aber kein Reiter kommt hinüber. Auf die Platte gelangt man durch einen rasch ansteigenden Hohlweg, der so schmal ist, daß nur zwei Reiter nebeneinander Platz haben. Ist man oben angekommen, so hat man den tiefen Cañon rechts neben sich, die Felsenhöhen schräg vor sich und zur linken Hand die dritte Seite des Dreiecks. Diese besteht aus einem Walde, dessen Saum sehr dicht mit Büschen bewachsen ist. Wer von der Platte hinab will, muß am Cañon hinreiten bis dahin, wo die Felsenmauer sich ihm zuneigt. Zwischen ihm und ihr mündet ein zweiter, ebenso schmaler Pfad, welcher jenseits hinab und dann nach dem dunklen Thale führt. Mein Bruder Scharlieh wird zugeben, daß die Platte sich außerordentlich gut zur Einschließung und Bezwingung der Feinde eignet.“

„Ich stimme bei,“ antwortete ich. „Ich kenne weder die Platte noch das dunkle Thal, weiß also nicht, welchem von beiden Orten der Vorzug gebührt; aber wenn mein roter Bruder die erstere empfiehlt, so bin ich Überzeugt, daß sie sich besser als das letztere eignet. Welchen Vorschlag in Beziehung auf unser Verhalten wird Winnetou uns nun machen?“

„Es geht einer von den Nijorakriegern, welche hier sitzen, zu seinem Häuptlinge zurück, um ihm zu sagen, daß die Mogollons nicht im dunklen Thale, sondern auf der Platte des Cañons empfangen werden sollen. Er hat ihnen also bis dorthin entgegenzurücken und die Hälfte seiner Krieger im Walde, die andere Hälfte aber hinter den hohen Felsen zu verstecken.“

„Dann dürfen die Leute aber nicht beritten sein.“

„Nein; sie lassen die Pferde unter der Aufsicht einiger Männer zurück. Die andern dreihundert ersteigen die Platte, wo sie sich teilen; hundertfünfzig verstecken sich im Walde, und hundertfünfzig verbergen sich hinter der Felsenmauer, welche sie ersteigen können, weil sie zu Fuße sind. Dann haben die Mogollons, wenn sie auf die Platte gelangen, links Feinde neben sich, vor sich auch Feinde und rechts den tiefen Cañon, in welchen sie nicht fliehen können.“

„Richtig! Wenn sie vorwärts gehen, reiten sie in ihr Verderben; aber – können sie nicht etwa zurück, den Hohlweg hinab?“

„Nein, das können sie nicht.“

„Warum?“

„Das fragt mein Bruder? Sollte er den Grund nicht erraten?“

„Ich kann es mir allerdings denken, denn Winnetou hat von dreihundert Kriegern der Nijoras gesprochen, während doch, wie wir vorhin erfahren haben, vierhundert vorhanden sind. Das vierte Hundert soll also wahrscheinlich sich unten vor dem Hohlwege verstecken, um dafür zu sorgen, daß die Mogollons, wenn sie einmal hinauf sind, nicht wieder zurück, also nicht wieder herunter können.“

„Mein Bruder hat mich verstanden; aber meint er, daß die hundert sich erst kurz vor der Ankunft der Feinde dort verstecken sollen?“

„Nein; sie könnten durch ihre Spuren verraten werden. Übrigens denke ich, daß es von großem Vorteil sein würde, wenn wir sie bei uns haben könnten.“

„Das ist es, was ich meine. Wir reiten jetzt doch zurück, um die Mogollons zu beobachten. Da lassen wir dem schnellen Pfeile sagen, daß er uns die hundert Krieger nachsenden soll. Wir können sie vielleicht sehr gut brauchen.“

„Ich stimme bei. Aber sie dürfen nicht etwa den Weg reiten, auf welchem die Mogollons kommen werden; denn sie kämen dabei in die Gefahr, unerwartet auf diese zu stoßen oder wenigstens sich ihnen durch die Spuren zu verraten.“

„Das ist auch sehr richtig. Sie müssen einen andern Weg einschlagen.“

„Und wir haben ihnen einen Ort anzugeben, an welchem wir sie treffen wollen.“

„Daran habe ich auch schon gedacht.“ Und zu den fünf Nijoras gewendet, fragte er: „Ist meinen roten Brüdern der Pinun-Tota bekannt?“

„Ja,“ antwortete derjenige, welcher bisher den Sprecher gemacht hatte. „Der Pinun-Tota ist eine Höhe, welche viele Windungen wie eine Schlange macht; daher wurde sie der Schlangenberg genannt.“

„Dorthin soll der schnelle Pfeil die hundert Krieger senden, und zwar gleich nachdem der Bote bei ihm angekommen ist. Habt ihr alles verstanden, was ich sagte?“

„Ja.“

„So mag einer von euch als Bote aufbrechen, um den Häuptling zu benachrichtigen!“

Da Winnetou mit seinen Mitteilungen fertig zu sein schien, fügte ich hinzu:

„Der Bote mag dem schnellen Pfeil sagen, daß die MogolIons schon unterwegs sind. Es ist also keine Zeit zu verlieren. Wir werden hinter ihnen herkommen, sobald wir auf eure hundert Krieger gestoßen sind, und ihnen, sobald sie die Platte des Cañons erreicht haben, den Rückweg verlegen. Wie heißt der Ort, an welchem wir uns jetzt befinden?“

„Die Quelle des Schattens.“

„So muß der Häuptling erfahren, daß ihr uns an der Quelle des Schattens getroffen habt, damit er die Zeit genau zu berechnen vermag. Auch muß ich ihn daran erinnern, daß er den Gefangenen, den ich ihm übergeben habe, ja sehr scharf bewachen lassen möge. Wenn er entkäme, würde es uns jedenfalls viele Mühe machen, ihn wieder zu ergreifen. Wie weit ist es übrigens von hier aus nach dem Schlangenberge?“

„Mit unsern Pferden würden wir nur drei Stunden reiten,“ antwortete Winnetou.

„In welcher Richtung?“

„Nordöstlich.“

„Und wir kommen aus Nordwesten. So liegt der Schlangenberg von hier aus also wohl in der Richtung nach dem Pueblo, in welchem wir gewesen sind?“

„Ja.“

„Und Jonathan Melton will mit fünfzig Kriegern nach dieser Richtung reiten, um uns abzufangen. Hm! Da kommt mir ein Gedanke. Wie weit ist es nach dem dunklen Thale, wo sich der schnelle Pfeil befindet?“

„Man kann es in fünf Stunden reiten.“

„So brechen wir sofort nach dem Schlangenberge auf. In fünf Stunden ist der Bote bei seinem Häuptlinge; eine Stunde rechne ich auf die Vorbereitungen zum Aufbruche der hundert Nijoras; sie können also in elf Stunden hier an der Quelle des Schattens und in vierzehn Stunden bei uns am Schlangenberge sein.“

„Warum wünscht mein Bruder eine solche Eile?“ fragte Winnetou.

„Weil es dann möglich ist, Jonathan Melton mit seinen fünfzig Begleitern zu fangen.“

„Da müßten wir ihm bis an das Pueblo nachreiten,“ bemerkte Emery.

„Wieso? Du meinst, daß er dorthin reitet?“

„Natürlich! Er will uns fangen; er reitet uns entgegen, und da er uns nicht trifft, wird er bis zum Pueblo reiten und dort freilich erfahren, daß wir längst fort sind. Wenn er dann umkehrt, sind wir mit den Mogollons fertig und können ihn erwarten. Erst dann werden wir ihn fassen können, eher aber nicht.“

„Du hast die Jüdin vergessen.“

„Diese? Hm! Die ist höchst wahrscheinlich nach dem Pueblo zurück.“

„Das glaube ich nicht. Eher nehme ich an, daß sie nach dem weißen Felsen ist.“

„So denkst du also, daß ihre Begleiter sie gefunden haben?“

„Ganz gewiß. Sie hatte sich vorgenommen, Melton nachzureiten; sie war nicht nur schon unterwegs, sondern es gab auch zwei triftige Gründe für sie, nicht zurückzukehren. Erstens hatte sie einen so guten Teil des Weges bereits zurückgelegt, daß der Rückweg ebenso weit gewesen wäre, wie der Weg nach dem weißen Felsen. Und zweitens weiß sie ganz genau, daß wir zu Melton wollen. Es ist ihr angst um ihn; sie wird ihn unbedingt warnen wollen. Darum nehme ich an, daß sie ihren Ritt fortgesetzt hat und nicht umgekehrt ist.“

„Nun, und weiter?“

„In diesem Falle trifft Melton unterwegs mit ihr zusammen. Er erfährt, daß wir nach dem weißen Felsen Sind, und wird schleunigst umkehren, um den Mogollons das mitzuteilen. Giebst du mir da recht oder nicht?“

„Hm, ich möchte dir da freilich nicht widersprechen. Weiter!“

„Wenn meine Ansicht richtig ist, so können wir Melton noch treffen, ehe er die Mogollons erreicht hat. Sind dann die hundert Krieger der Nijoras bei uns, so können wir ihn und seine fünfzig Roten mit Leichtigkeit abfangen. In diesem Falle haben wir zwei Vorteile errungen: Die Mogollons sind um fünfzig Mann geschwächt, und Melton befindet sich in unserer Hand.“

„Das klingt ganz schön, und du magst auch, was dir ja meist passiert, vollständig recht haben; ob aber das, was du Vorteile nennst, auch welche sind, das möchte ich doch bezweifeln. Denn wenn wir die fünfzig Mogollons fangen, so haben wir nicht etwa nur die Feinde, sondern auch uns selbst geschwächt, weil wir eine tüchtige Anzahl von uns zur Bewachung der fünfzig Gefangenen abgeben müssen.“

„Gut, zugestanden. Und was noch?“

„Und welchen Vorteil bringt es uns, wenn wir Jonathan Melton einen Tag früher bekommen? Wenn wir ihn morgen noch laufen lassen, wird er mit den Mogollons nach der Platte des Cañons reiten und dort mit ihnen von uns eingeschlossen werden. Das ist doch viel besser, als wenn wir ihn und seine Fünfzig einen Tag eher bekommen, uns aber wegen ihrer Bewachung schwächen und abmühen müssen.“

„Was du da vorbringst, das hat allerdings Hände und Füße; aber ob dieser Mensch wirklich mit nach der Platte reitet, wenn er seine Jüdin bei sich hat, das ist nicht so gewiß, wie du es annimmst. Er ist uns so oft entschlüpft, daß ich zugreife, je eher es möglich ist.“

„Aber du hast selbst zugegeben, daß wir uns dadurch schwächen!“

„Nicht so sehr, wie du denkst. Hundert Kriegsgefangene, die man entwaffnet hat, kann man recht gut mit dreißig Mann bewachen. Da bleiben uns immer noch siebzig Krieger.“

„Und du denkst, daß dieselben ausreichen?“

„Mehr als genug. Unsere Aufgabe ist ja nur, die MogolIons, wenn sie auf der Platte angekommen sind, an der Rückkehr zu hindern. Da ihnen die Flucht nur durch einen Hohlweg möglich ist, welcher die Breite von zwei Reitern hat, könnten, wenn es Ernst würde, von uns höchstens sechs Mann, nie aber siebzig zum Schusse kommen. Ich kenne die Örtlichkeit nicht, aber nach der Beschreibung, welche Winnetou uns von derselben gegeben hat, mache ich mich anheischig, den Hohlweg mit zehn oder zwölf Mann gegen alle Mogollons zu verteidigen. Von der großen Schwächung unserer Kräfte kann also keine Rede sein.“

„Mein Bruder hat gut gesprochen,“ stimmte mir Winnetou bei.“Wir werden sogleich nach dem Schlangenberge reiten, und die Krieger der Nijoras mögen uns schleunigst dorthin nachkommen. Vielleicht werden wir dem schnellen Pfeile noch einen oder einige Boten senden; er mag dann genau das thun, was wir ihm sagen lassen.“

Die Worte des Apatschen waren entscheidend. Einer der Nijoras ritt fort, um seinem Häuptlinge die ihm anvertrauten Weisungen zu übermitteln.

Es mag auffällig erscheinen, daß ich noch nichts von der Tasche erwähnt habe, welche ich aus Meltons Zelt geholt hatte. Ich war allerdings außerordentlich neugierig, den Inhalt derselben zu sehen; aber es widersprach mir, sie zu öffnen, ohne daß der rechtmäßige Besitzer gegenwärtig war. Meine Begleiter schienen ebenso zu denken, denn sie hatten bisher geschwiegen. Jetzt aber, als die Pferde tranken und wir unbeschäftigt bei ihnen standen und auf sie warteten, sagte der lange Dunker: „Sir, wir denken an alles und haben für alles gesorgt. Eins aber haben wir vergessen, und das eine ist doch gerade die Hauptsache.“

„Was?“ fragte ich.

„Die Brieftasche. Wir hätten sie doch öffnen sollen.“

„Ihr Inhalt geht uns nichts an.“

„Das ist richtig; aber Ihr hättet doch wenigstens nachsehen sollen, ob Ihr nicht vielleicht eine falsche Tasche erwischt habt. Melton kann sein Geld an einen ganz andern Ort versteckt haben.“

„Hm! Diese Möglichkeit ist allerdings vorhanden.“

„Wenn Ihr das eingesteht, so ergiebt sich daraus die Notwendigkeit, wenigstens einmal nachzusehen, ob Ihr nicht vielleicht einen nutzlosen Fang gemacht habt.“

„Ich möchte aber gern dem Besitzer sagen können, daß wir die Tasche nicht geöffnet haben.“

„Warum? Mister Vogel wird uns doch nicht etwa für Spitzbuben und Halunken halten? Seid doch gescheit, und guckt hinein! Wenn ich eine Nuß in der Tasche habe, so will ich doch auch wissen, ob sie taub ist oder einen gesunden Kern enthält. Ich setze den Fall, Ihr hättet die unrechte Tasche erwischt, welchen Schaden kann es da bringen, wenn Ihr sie nicht öffnet! Ihr müßt doch unbedingt wissen, woran Ihr seid, Sir! Ihr tragt vielleicht gar allerhand Firlefanzereien sorgfältig mit Euch herum, während Euch dann der richtige Schatz entgeht. Händigt Ihr darauf später Euerm Mister Vogel die wertlose Tasche aus, so wird er Euch wenig Dank wissen, daß Ihr Euch für ihn aufgeopfert und sogar Euer Leben gewagt habt.“

Er hatte vollständig recht, und alle anderen waren derselben Ansicht. Ich zog die Tasche hervor und machte sie auf. Sie war nach Art der Banknotentaschen gefertigt und im Innern vollständig trocken. Jedes einzelne Fach enthielt ein ledernes Couvert, welches mit einem Riegel aus demselben Stoffe verschlossen war. Ich zog die Riegel aus den Einschnitten. Da fand ich, nach den verschiedenen Ländern in die Couverts geordnet, amerikanische, englische, deutsche, französische und andere Staats-und Bankpapiere mit außerordentlich hohen Ziffern. Es war ein Vermögen, wie es wohl selten ein Mensch voll in den Händen gehabt hat, ausgenommen natürlich die Krösusse der Banken; das sah ich, ohne daß ich die Pakete zu öffnen brauchte.

All devils!“ rief Dunker, indem er ungeheuer große Augen machte. „Das müssen allerdings Millionen sein! Was würde meines Vaters Sohn darum geben, wenn der alte Hunter mein Onkel oder Vetter gewesen wäre! Laßt uns doch einmal zählen!“

„Nein,“ antwortete ich. „Wir sehen, daß ich die richtige Tasche erwischt habe. Das ist genug. Der Eigentümer soll der erste sein, welcher zählt.“

Ich brachte die Ledercouverts wieder in die Fächer zurück, machte das Portefeuille zu und steckte es wieder ein. Ich hatte in einem Fache außer dem dahingehörigen Couverte auch einige Papiere bemerkt, dieselben aber nicht herausgenommen, sondern sie verheimlicht, weil ich der Neugierde Dunkers nicht recht traute. Er hätte meine Gutmütigkeit noch vielleicht dazu verleitet, sie zu öffnen und den Inhalt zu erfahren.

Jetzt verließen wir die Quelle des Schattens, indem wir von derselben aus nach Nordost ritten. Winnetou machte den Führer. Über die Gegend, durch welche wir kamen, ist nichts zu sagen. Es wurde Nacht; der Apatsche aber war, wie gewöhnlich, seiner Sache so sicher, daß er keinen Schritt, weder nach rechts oder nach links, von der geraden Richtung abwich.

Heute war der Himmel sternenhell und die Luft so rein, daß man ziemlich weit zu sehen vermochte. Nach der angegebenen Zeit von drei Stunden, während welcher wir sehr scharf geritten waren, sahen wir eine hohe, dunkle Masse vor uns aufsteigen.

„Das ist der Schlangenberg,“ sagte der Apatsche, indem er vorwärts deutete.

Wir machten einen Bogen um den östlichen, niedrigen Ausläufer des Berges herum, erreichten die nördliche Seite desselben und hatten nun den Berg und seine bewaldeten Lehnen zur linken Hand. Der Wald sandte verschiedene Ausläuferzacken in die Ebene, welche wir umritten, um zu der Quelle zu gelangen, wo wir lagern wollten. Eben machte Winnetou die Bemerkung, daß wir derselben schon nahe seien, da hielt er plötzlich sein Pferd an.

„Still! Keinen Laut!“ flüsterte er.

Sofort bogen wir uns nach vorn und legten den Pferden die hohlen Hände an die Mäuler, um zu verhüten, daß sie schnaubten.

„Was giebt’s?“ fragte ich leise. „Hast du etwas gesehen?“

„Nein, gerochen.“

Er sog die Luft prüfend ein und sagte: „Ich rieche Feuer.“

„Welche Richtung?“

„Gerade vor uns. Es muß an der Quelle sein. Meine Brüder mögen auf mich warten.“

Er stieg ab und übergab mir den Zügel seines Pferdes.

„Ist die Quelle so nahe, daß man das Schnauben unserer Pferde dort hören würde?“

„Ein scharfes Ohr würde es vielleicht vernehmen. Reitet also lieber ein kleines Stückchen zurück!“

Nach diesen Worten verschwand er im Gebüsch, welches wir soeben hatten umreiten wollen. Wir kehrten um und hielten an, als wir glaubten, uns weit genug entfernt zu haben. Es dauerte eine geraume Weile, ehe Winnetou zurückkehrte. Ich hatte wirklich nichts gerochen; er, der Naturmensch, aber besaß so scharfe und geübte Sinne, daß ich mich darüber oft gewundert hatte. Da kam er, und zwar in aufrechter Haltung, ein Zeichen, daß es eine Gefahr nicht zu befürchten gab.

„Meine Brüder werden sich freuen, zu erfahren, wen ich gesehen habe.“ meldete er.

„Nun, wen?“ fragte Dunker, der neugierigste von uns allen.

Die Jüdin, welche Judith heißt.“

„Alle Wetter! Die möchte ich auch gern sehen. Ihr habt mir so viel von der sonderbaren Lady erzählt, daß es mich außerordentlich gelüstet, sie in Augenschein zu nehmen.“

„Das werdet Ihr, Master Dunker,“ sagte Emery. „Ihr werdet sie nicht nur sehen, sondern sogar mit ihr sprechen können.“

Wieso sprechen?“ erkundigte ich mich.

„Nun, wir nehmen dieses Weibsbild doch endlich einmal gefangen?“ meinte er. „Wenn sie ihre Freiheit behält, kann sie uns großen Schaden machen.“

„Schwerlich. Wir wollen doch wohl unsern lieben Jonathan endlich einmal fangen?“

„Natürlich!“

„Soll ich dir denn wirklich wiederholen, was ich schon gesagt habe! Melton will uns entgegen. Wenn er unterwegs niemand trifft, denkt er, wir befinden uns noch im Pueblo und reitet dorthin. Wenn wir ihn so weit fortlassen, kann er uns leicht entgehen, ja da entkommt er uns sogar mit größter Wahrscheinlichkeit. Trifft er aber auf seine Judith, so erfährt er von ihr, daß wir hier sind, und reitet nicht nach dem Pueblo, sondern bleibt hier, um uns mit Hilfe der Mogollons gefangen zu nehmen. Siehst du das nicht ein?“

„Es könnte eingesehen werden, wenn deine Voraussetzung, daß er sie treffen wird, in Erfüllung geht. Ist das aber denn gewiß?“

„Freilich nicht.“

„Also ist es besser, wir nehmen das Frauenzimmer fest.“

„Nein,“ entgegnete ihm Winnetou. „Wir dürfen uns nicht an ihr vergreifen, denn sie wird mit Melton zusammentreffen.“

Er sagte das mit einer solchen Bestimmtheit, daß selbst ich mich darüber verwunderte und ihn deshalb fragte:

„Mein Bruder scheint nicht daran zu zweifeln? Ich habe zugegeben, daß es unsicher ist.“

„Wenn Jonathan nicht blind ist oder wenn seine fünfzig Mogollons Augen haben, müssen sie auf die weiße Squaw treffen. Ich habe schon gesagt, daß der Weg nach dem Pueblo eine halbe Stunde von hier vorüberführt. Die Gegend ist eben, und es steht auf der Ebene weder ein Fels noch ein Busch oder Baum. Die weiße Squaw aber hat dort an der Quelle ein so großes Feuer brennen, daß man einen großen Büffelstier daran braten könnte. Das Feuer ist so stark und lodert so hoch, daß man es viel weiter als eine halbe Stunde sehen muß.“

„Ganz gut! Wenn Melton da vorüberkommt oder sich schon in der Nähe befindet, wird er es also sehen. Wenn er aber noch nicht da oder schon vorüber ist, was dann?“

„Vorüber kann er noch nicht sein. Wir sind zwar weit gewesen, bis an die Quelle des Schattens und von dort zurück hierher; aber wir haben gute Pferde, und wir hatten Eile. Melton ist nicht so gut beritten, und seine Mogollons sind es auch nicht. Nichts treibt sie an, ihre Pferde anzustrengen. Wenn sie, wie ich vermute, den gewöhnlichen Indianerschritt geritten sind, so können sie nicht weiter gekommen sein, als bis in diese Gegend. Und weil die Quelle, an welcher die Jüdin mit ihren Roten lagert, das beste Wasser im Umkreise besitzt und die Mogollons gerade zur Lagerzeit in diese Gegend kommen, so ist es sogar wahrscheinlich, daß sie sich nach der Quelle wenden, um dort über Nacht zu bleiben.“

„Das wäre ein Gaudium!“ meinte der Englishman. „Wir würden die ganze Sippschaft auf einmal gefangen nehmen, die Judith, den Jonathan, die Yuma- und auch die Mogollon-Indianer!“

„Still,“ unterbrach ich ihn. „Zunächst sind diejenigen, welche du fangen willst, noch nicht hier, und es ist auch immerhin sehr fraglich, ob sie überhaupt kommen.“

„Ja, was soll denn aber geschehen? Was wollen wir thun?“ fragte er.

„Es abwarten, sollt Ihr! Zunächst will auch ich mich einmal nach dem Feuer schleichen. Winnetou war schon dort, kennt also den Ort und wird mich führen. Sind wir zurückgekehrt, so können wir die Frage, was geschehen soll, eher beantworten.“

„Wir bleiben einstweilen hier?“

„Nein; wir reiten zunächst noch eine Strecke weiter zurück. Man weiß nie, was geschehen kann, und es ist also besser, wir wählen einen sichern Ort.“

Wir wendeten uns also rückwärts, bis wir den östlichen Vorsprung des Schlangenberges erreicht hatten. Er wurde umritten, und nun, als wir uns wieder auf der südlichen Seite des Berges befanden, hielt ich uns für sicher. Wir stiegen von den Pferden. Emery und Dunker hatten mit den vier Nijora-Kundschaftern hier zu bleiben, und wir beide, Winnetou und ich, wendeten uns wieder hinüber nach der andern Seite.

Als wir den Punkt beinahe erreicht hatten, an welchem dem Apatschen der Brandgeruch aufgefallen war, folgte er der Richtung, welche er dann eingeschlagen hatte, nicht: er drang nicht geradeaus in die Büsche ein, sondern wendete sich links nach dem steilen Fuße des Berges, wo Bäume standen. Als wir da angekommen waren, gab es keine leuchtenden Sterne mehr über uns, sondern nur dichte Finsternis um uns her. Wir tasteten uns weiter, indem der Apatsche voranschritt und ich ihm folgte. Das dauerte wohl eine Viertelstunde, denn wir mußten sehr vorsichtig sein und kamen nur Zoll um Zoll weiter.

Endlich sahen wir den Schein des Feuers uns zwischen den Bäumen entgegendringen. Jetzt konnten wir besser sehen und uns also rascher bewegen. Aber wir konnten auch leichter bemerkt werden und mußten also noch vorsichtiger sein als bisher. Wir krochen am Boden hin und hielten uns dabei nur in dem Schatten, welchen die Bäume warfen. Dabei drehte, als ich mich einmal dem Apatschen ganz nahe befand, dieser den Kopf zu mir um und flüsterte:

„Mein Bruder wird sich über die Stelle freuen, an welche ich ihn führe, weil er noch selten einen Ort gefunden haben wird, der so zum Lauschen geeignet ist wie dieser.“

Er hatte recht. Wir befanden uns, von dem Lagerplatze aus gerechnet, vielleicht vier Ellen hoch an der Lehne des Berges. Das Wasser floß unten aus dem Felsen, und von dem Punkte aus, an welchem wir standen, schien es unmöglich zu sein, hinabzukommen; aber es schien eben auch nur so, denn da standen Fichtenbäume, einer neben dem andern, bis hinab; sie breiteten ihre dichten Äste weit über den Boden aus und bildeten für uns ein Versteck, wie es gar nicht besser sein konnte.

Winnetou verschwand unter den niedersten Zweigen, und ich folgte ihm. Indem wir uns unten an den Stämmen festhielten, ließen wir uns, immer mit den Füßen voran und immer uns unter den dichten Fichtenzweigen befindend, langsam die Böschung hinab, bis wir die Tiefe erreicht hatten und ganz wohlgedeckt unter den letzten Bäumen lagen.

Neben uns, zur linken Hand, kam die Quelle aus dem Felsen; rechts stieg das Gestein gleich hoch bergan. Der Ort, an welchem wir uns befanden, schien unmöglich einen Menschen oder nun gar zwei beherbergen und verstecken zu können. Die Quelle bildete, bevor sie ihr Wasser weiter sendete, ein kleines Becken, welches höchstens drei Ellen breit war. Jenseits desselben saß – die schöne Judith vor einer Art Hütte, welche die Yuma-Indianer ihr aus schräg zusammengestellten Ästen und darübergeflochtenen Zweigen errichtet hatten, ein Luxus, welchen sich zu bieten nur einer Dame, nicht aber einem Manne einfallen konnte.

Neben ihr kauerte ein Roter, mit welchem sie sich im Gespräch befand. Weiterhin brannte das Feuer so breit und so hoch, daß Winnetou vollständig recht gehabt hatte: man konnte einen Büffelochsen, ohne ihn zu zerlegen, darüber braten – eine Unvorsichtigkeit, welche nur den Yumas, die nicht mehr an ihren ursprünglichen Gebräuchen festhielten, zuzutrauen war. Sie saßen rund um die hochlodernde Flamme, welche bis gen Himmel zu lecken schien. Die Jüdin sprach nicht etwa sehr laut mit dem Roten, doch konnten wir alles recht gut hören, weil wir uns nur in Manneslänge von ihr befanden. Der Kerl war unser früherer Wirt, in dessen unweit des Pueblo gelegenen Hause wir früher überfallen worden waren.

„Ist der Ort nicht schön und gut?“ flüsterte Winnetou mir zu.

„Vortrefflich! Kanntest du ihn denn?“

„Nein. Ich lag vorhin jenseits des Feuers im Gesträuch. Da sah ich die Fichten und sagte mir, daß sie ein sicheres Versteck abgeben würden. Die Quelle kannte ich wohl von früher her, doch als ich vor Jahren hier war, standen die Bäume noch nicht so hoch und üppig.“ ja, unser Platz war wie zum Lauschen künstlich angelegt; aber eine große Gefahr brachte er uns doch: Die Äste, unter deren Schutz wir herabgekommen waren, wuchsen so niedrig am Stamme, daß es geradezu eine Kunst war, sich darunter herabzuschleichen, ohne sie zu bewegen und sich dadurch zu verraten. Der Meisterschaft Winnetous war eben alles möglich.

Also in Beziehung auf unsern Lauscherposten hatten wir Glück gehabt, und wir sollten auch in Beziehung auf das, was wir zu sehen und zu hören bekamen, noch mehr, noch weit mehr Glück haben. Zunächst bestand es darin, daß die Jüdin und der Rote gerade jetzt von uns sprachen. Wir hörten den letzteren, das angefangene Gespräch fortsetzend, sagen:

„Sennor Melton hatte es falsch gemacht. Die Hunde sollten nicht bei mir angegriffen werden. Das Haus gewährte ihnen Schutz; sie konnten sich verteidigen und wußten nun, daß sie sich zu hüten hatten. Dadurch waren sie vorsichtig geworden.“

„Wir wollten sie eben lebendig fangen.“

„Das war falsch. Sie sollten doch getötet werden! Warum da nicht lieber gleich?“

„Du hast recht. Ich habe es nachher auch bereut. Durch die große Vorsicht, zu welcher wir sie verleiteten, sind sie uns entkommen. Kämen sie mir noch einmal so nahe, so sollte es mir nicht wieder passieren!“

„Es würde doch wieder geschehen, wie es schon wieder geschehen ist, vorgestern abend, dort am Felsen. Wie schön paßte es, sie wegzuschießen! Aber die andern wollten warten, bis sie schliefen. Das war ein großer Fehler. Es war vollständig dunkel, und der Sturm heulte so laut, daß man unsere Annäherung hätte weder sehen noch hören können. Wir konnten uns ganz gut bis auf wenige Schritte heranschleichen, und dann wäre keine von unsern Kugeln fehlgegangen. Das aber unterließen wir aus unnützer Vorsicht. Dann waren die Hunde klüger als wir; sie entdeckten uns.“

„Thaten euch aber nichts; sie hätten euch erschießen können.“

„Dazu haben sie zu viel Angst; sie können kein Blut sehen.

„Ich hoffe, daß wir sie wiedersehen werden, denn sie sind sicher nach dem weißen Felsen, und wir reiten auch dorthin. Dann mögen die andern sagen, was sie wollen; ich kehre mich nicht daran und hole mir die Skalpe Winnetous und seiner Bleichgesichter!“

Er zog bei diesen Worten sein Messer und schwenkte es mit grimmiger Gebärde durch die Luft. Es war ihm vollständig ernst. Was hatten wir ihm denn gethan? Nichts. Die einzige Ursache seiner Feindschaft konnte nur darin zu suchen sein, daß wir damals drüben in der Sonora dem Haziendero und den deutschen Emigranten gegen die Yumas beigestanden hatten. Seitdem war aber eine lange Zeit vergangen; wir hatten die Yumas in mehr als zarter Weise geschont und dann sogar Frieden mit ihnen geschlossen. Dieser Mensch war selbst über den indianischen Durchschnitt roh, und als ich jetzt sein hämisches Gesicht vor mir sah, begriff ich es, daß seine Squaw nicht länger hatte bei ihm bleiben wollen.

„Die wirst du wohl schwerlich bekommen,“ antwortete seine Herrin, welche in Beziehung auf Gewissenlosigkeit ihn beinahe erreichte.

„Warum nicht?“ fragte er.

„Dazu sind andere da. Wenn wir nur erst nach dem weißen Felsen kommen und ich Sennor Melton und den Mogollons gesagt habe, daß sie uns entkommen und nun zu ihnen geritten sind, so wird gewiß sofort eine große und allgemeine Hetze entstehen, bei welcher die Hunde sicher gefangen werden. Dann werden sich die Mogollons die Skalpe nehmen.“

„Mir auch recht, wenn ich nur die Besitzer der Skalpe am Marterpfahle sehe! Ich wünsche, daß –“

Er kam in seiner Rede nicht weiter; er wurde unterbrochen, denn:

„Uff, uff, uff!“ erklang es da vorn am Feuer. Die Yumas, welche daran lagerten, waren aufgesprungen und starrten, erst erschrocken, dann aber erfreut, einen Mann an, welcher aus den Büschen getreten war. Auch wir sahen ihn, es war –Melton.

„Jonathan!“ rief die Jüdin, indem sie vom Boden aufsprang.

„Judith!“ antwortete er.

Sie flogen einander in die Arme. Dann ging ein schnelles Fragen und Antworten herüber und hinüber:

„Wo kommst du her?“ fragte er.

„Vom Pueblo,“ antwortete sie. „Und du?“

„Vorn weißen Felsen. Wo willst du hin?“

„Zu den Mogollons. Und du?“

„Nach dem Pueblo, zu dir, wie du dir denken kannst.“

„Warum das? Warum willst du wieder zurück, da du so glücklich entkommen bist?“

„Weil ich eben die haben will, denen ich entkommen bin.“

„Die sind nicht mehr dort; sie sind nach dem weißen Felsen.“

„Alle Wetter! Sind sie vor euch oder hinter euch?“

„Vor uns.“

„Also eher vom Pueblo fort als ihr?“

„Ja.“

„Wie lange?“

„Wir sind sehr schnell hinter ihnen her gewesen, denn es wurde mir angst um dich.“

„Das ist gut, denn wenn sie keinen Vorsprung haben, können sie noch nicht beim weißen Felsen angekommen sein.“

„Sie haben einen Vorsprung gewonnen, einen sehr großen. Sie ergriffen mich unterwegs und schleppten mich in die Wildnis, wo sie mich verließen. Ich kannte die Gegend nicht und irrte den ganzen Tag umher; dann lag ich eine ganze Nacht einsam im Freien – es war schrecklich – bis mich endlich glücklicherweise unsere Yumas fanden. Das muß den Feinden einen Vorsprung von über einen Tag eingebracht haben.“

„Da können sie ja schon heute früh am weißen Felsen angekommen sein! Wer hat das denken können! Wir haben keine Spur von ihnen gesehen. Du mußt mir alles ausführlich erzählen. Sage mir nur vorher: Vogel ist doch noch im Gange des Pueblo versteckt?“

„Nein; sie haben ihn gefunden und befreit.“ Da stampfte er die Erde mit dem Fuße und rief ergrimmt:

„Da muß ihnen der Teufel den Weg gezeigt haben, oder du bist unvorsichtig gewesen!“

Ach habe es an keiner List fehlen lassen. Du glaubst nicht, wie ich, eine Lady, eine Dame, behandelt worden bin! Sie entdeckten den Gang, der aus meiner Küche in die Tiefe führt, und auch das Wasser.“

„So muß ich sie fangen; ich muß, ich muß! Sie müssen mit diesem Geheimnisse sterben, sonst giebt es selbst an dem einzigen Orte, an welchem ich versteckt sein kann, keine Sicherheit für mich! Warum aber ist mein Vater nicht bei dir?“

„Der ist bei ihnen. Sie haben ihn in seiner Wohnung überrascht, gebunden und geknebelt und dann mit sich fortgeschleppt.“

„Das ist – ist – freilich ein – ein Unglück, auf welches ich -ich nicht gefaßt gewesen bin!“ knirschte er. „Ein Glück ist aber noch dabei, daß der Vater auf den Gedanken kam, sein Geld in den Stiefeln zu verbergen.“

„Das haben sie auch gefunden,“ gestand sie ihm.

„Dann – dann stehen die Schurken mit allen – allen bösen Geistern im Bunde! Ich – ich muß mich setzen!“

Daß das Geld entdeckt worden war, griff ihn sichtlich weit mehr an als der Umstand, daß wir seinen Vater festgenommen hatten. Judith führte ihn zu der Hütte. Er setzte sich davor nieder, und sie nahm an seiner Seite Platz, ohne daß er darauf achtete. Er stemmte die Ellbogen auf die Kniee, und legte das Gesicht in die Hände. Sie redete ihm zu, sich zu fassen; er antwortete nicht und bewegte sich nicht.

Da näherte ich meinen Kopf demjenigen des Apatschen und flüsterte ihm zu:

„Wollen wir ihn fassen? Es ist nicht schwer. Wir springen aus unserm Versteck hervor, nehmen ihn beim Kragen und verschwinden mit ihm im Walde, wo man uns nicht findet. Der Schreck wird ihn und alle starr machen.“

„Ja, es ist nicht schwer; es würde gelingen; aber wir dürfen es dennoch nicht thun.“

„Warum nicht?“

„Weil wir uns überhaupt noch nicht zeigen dürfen. Wenn die Mogollons erfahren, daß wir uns in ihrem Rücken befinden, werden sie vorsichtig, und unser Plan, sie einzuschließen, gelingt dann nicht.“

„Das ist leider wahr. Wir müssen also verzichten, und hätten ihn doch so schön und sicher haben können.“

„Wir werden ihn sehr bald bekommen! Winnetou weiß schon, wie und wo. Wir werden dann nicht ihn allein, sondern seine fünfzig Mogollons auch mit haben. Oder denkt mein Bruder, daß er sich ohne sie hier befindet?“

„Das denke ich freilich nicht. Es ist so gekommen, wie du vorher gesagt hast. Er kam mit ihnen in diese Gegend, hat das Feuer gesehen und – horch!“

Melton hatte sich während unserer leisen Wechselrede von seiner Niedergeschlagenheit erholt. Er ließ sich von Judith erzählen, was auf dem Pueblo geschehen war, nachdem er es verlassen hatte. Sie erging sich, wenn sie von uns sprach, in Ausdrücken und Reden, welche unmöglich wiederzugeben sind. Er hörte ihr zu, ohne ein Wort zu sagen, aber mit Augen, als ob er alles, was aus ihrem Munde kam, verschlingen wolle. Als sie geendet hatte, sagte er unter hörbarem Zähneknirschen:

„Du hast gethan, was du thun konntest; ich kann dich nicht tadeln. Die Halunken sind eben Menschen, mit denen man ganz anders rechnen muß, als mit anderen Leuten. Wir, nämlich der Vater, der Onkel und ich, haben falsch gehandelt, sonst könnten wir dies große Vermögen jetzt in aller Ruhe und Sicherheit verzehren. Konnten wir diesen Menschen in Tunis nicht beikommen, so mußten wir doch später alles aufbieten, mit ihnen quitt zu werden. Der Apatsche hat in England krank gelegen; wir wußten das. Konnten wir nicht hinüberfahren und –? Um die Kerls hätte dort kein Hahn gekräht. Und selbst später, wenn wir in New Orleans geblieben wären und anders gehandelt hätten! Die Hauptsache war, unter allen Umständen den Deutschen und den Apatschen auf die Seite zu schaffen. Den Engländer hätten wir dann weniger, oder wohl gar nicht zu fürchten. Daß wir das nicht gethan haben, rächt sich jetzt!“

„Sag‘ das noch nicht!“ ermutigte sie ihn. „Was ist denn eigentlich jetzt verloren? Noch nichts, noch gar nichts!“

„Wenn nicht schon mehr, so doch die Summe, welche mein Vater bei sich hatte!“

„Auch diese nicht. Fallen die Schelme in deine Hände, so bekommst du auch das Geld wieder zurück, welches sie deinem Vater geraubt haben. Du mußt ihn befreien, du mußt!“

Da sah er sie mit einem ganz eigentümlichen Blicke an, und fragte:

„Liegt er dir denn gar so am Herzen?“

„Er nicht, aber du und das Geld.“

„Das ist das Richtige! Mit ihm mögen sie machen, was sie wollen; ich würde mich gar nicht grämen. Meinst du, daß ich mich bei ihm sicher fühle?“

„Nicht?“ fragte sie im Tone der Verwunderung.

„Nein! Er hat es mir zwar nicht gestanden; er schiebt die That auf Shatterhand und Winnetou; aber ich weiß doch, daß er seinen Bruder ermordet hat, um sich zu retten und dessen Geld zu bekommen. Ein Brudermörder aber ist auch im stande, seinen Sohn umzubringen.“

„Himmel!“ rief sie aus. „Das hältst du für möglich?“

„Ja. Er ist im stande, mir das Geld abzunehmen und zu verschwinden. Das wäre freilich ein Diebstahl, ein Raub; darum bin ich mit dir gefahren, aber nicht mit ihm geritten; daher hat er im Pueblo nicht wissen dürfen, wo das Geld versteckt lag; ich könnte, wenn ich mit ihm zusammenlebte, keine Stunde ruhig schlafen. Er aber würde nicht nur einen Raub, sondern, wenn es sich um sein Leben handelte, auch einen Mord begehen, ohne zu fragen, ob es sich dabei um seinen eigenen Sohn handelt. Ich werde ihn also befreien, weil dies so nebenbei geschieht, wenn ich unsere Gegner erwische; aber dann trenne ich mich von ihm. Er wird soviel bekommen, daß er davon leben kann, darf aber keine Gelegenheit finden, sich mehr zu nehmen. Doch davon jetzt genug! Die Hauptsache ist, daß unsere Verfolger nach dem weißen Felsen sind. Wie gut ist es da, daß wir den Advokaten und die Sängerin mitgenommen haben!“

„Welchen Advokaten? Welche Sängerin?“

„Du fragst – ach ja, du kannst es doch nicht wissen! Denke dir, Murphy ist uns nachgekommen!“

„Dieser? Ist er toll?“

„Er muß es sein, sonst würde er sich nicht nach dem wilden Westen wagen. In Albuquerque hat er Vogels Schwester getroffen und sie mitgenommen.“

„Und sie ist mitgegangen? Hast du die beiden denn getroffen?“

„Ja. Sie sind den Mogollons in die Hände gefallen. Natürlich werden sie nicht nach dem Osten zurückkehren. Sie sollten erst während des Kriegszuges bei dem weißen Felsen zurück.“

„Kriegszug?“ unterbrach sie ihn.

„Ja. Die Mogollons befinden sich auf einem Zuge gegen die Nijoras unterwegs; die Alten, Frauen und Kinder sind natürlich zurückgeblieben. Auch die beiden Gefangenen, die Sängerin und der Advokat sollten zurückbehalten werden; ich habe es aber soweit gebracht, daß sie doch noch mitgenommen worden sind. Sie können also nicht von Winnetou und seinen Kumpanen befreit werden, wenn diese nach dem weißen Felsen kommen. Sie besaßen einen Wagen, als sie von den Mogollons ergriffen wurden. In diesen sind sie wieder gepackt worden. Der Häuptling willigte äußerst ungern darein, that mir aber endlich doch noch den Gefallen. Der starke Wind muß überhaupt ein sehr guter Freund deines Mannes gewesen sein; das ersehe ich aus der vortrefflichen Aufnahme, die mir nur auf deine Empfehlung hin geworden ist. Er ist eigentlich nicht der Mann, der für mich und meine Pläne paßt; er scheint vielmehr eine treue, ehrliche Rothaut zu sein, und ich konnte ihn gegen Winnetou und Shatterhand nur dadurch feindlich stimmen, daß ich sie als Freunde und Helfer der Nijoras, seiner Gegner, hinstellte.“

„So wird er sie also nicht beschützen, wenn sie in seine Hände fallen?“

„Nein. Es hat mich freilich viel Phantasie und Erfindung gekostet, ihn zum Hasse gegen sie zu bringen. Weiß der Teufel, diese beiden Kerls sind selbst bei feindlichen Stämmen so hochangesehen, daß sie viel mehr wagen können, als andere Leute. Ich fand bei dem Häuptlinge allerdings eine gewisse Unzufriedenheit vor, welche mir aber nicht genügen konnte; darum habe ich mir einige hübsche Geschichten ausgesonnen und ihm erzählt; sie haben, wie ich überzeugt sein kann, die beabsichtigte Wirkung gethan. Ob sie mir nachkommen würden, das wußte ich natürlich nicht gewiß; aber wie man weiß, sind die Kerls so ungemein glücklich im Auffinden von Fährten, daß ich doch annahm, sie könnten wohl auch auf die meinige geraten und nach dem weißen Felsen reiten. Ich mußte folglich dafür sorgen, daß sie dort nicht als Freunde aufgenommen würden, und das habe ich auch nach Kräften gethan.“

„Wie ich dir erzählt habe, wissen sie, daß du dort bist. Was werden sie thun, wenn sie dich nicht dort finden?“

„Mir nachreiten.“

„Sie wissen doch nicht, wohin du bist!“

„Nicht? Wenn du das denkst, befindest du dich in einem gewaltigen Irrtume. Es giebt keine Spione und Kundschafter wie diese beiden.“

„Du meinst, daß sie sich bei den Mogollons im Lager erkundigen?“

„Fällt ihnen gar nicht ein, denn in diesem Falle würde sich sofort einer der letzteren, und wenn er auch nur ein Knabe wäre, aufmachen, um dem Häuptlinge nachzueilen und zu benachrichtigen, wer im Lager gewesen ist. Die Kerls brauchen keinen Menschen zu fragen. Ein Grashalm, ein Steinchen, ein abgebrochener Zweig oder eine ausgetretene Wasserlache sagt ihnen alles, was sie wissen wollen; darauf kannst du dich verlassen; das hat man mehr als hundertmal gehört. Und dazu kommt, daß der lange Dunker vielleicht gar auf sie gestoßen ist.“

„Der lange Dunker? Wer ist das?“

„Ein bekannter Scout oder Pfadfinder, den Murphy bei sich hatte. Er wurde auch mit gefangen, aber so schlecht beaufsichtigt, daß es ihm gelungen ist, am hellen Tage das beste und schnellste Pferd des ganzen Lagers zu erwischen und darauf zu fliehen. Die Verfolger waren zwar schnell hinter ihm her, kamen aber gegen Mitternacht unverrichteter Sache zurück. Wenn dieser Mensch mit ihnen zusammengetroffen ist, hat er ihnen sicher alles erzählt. In diesem Falle sind sie wohl gar nicht nach dem weißen Felsen gegangen, sondern werden sich nach Süden gewendet haben.“

„Um die Mogollons zu verfolgen?“

„Nein, denn gegen eine solche Übermacht könnten sie doch nichts machen, obgleich sie Kerls sind, von denen man weiß, daß sie sich vor niemand fürchten. Sie sind, immer vorausgesetzt nämlich, daß sie Dunker getroffen haben, zu den Nijoras geritten, um sie zu benachrichtigen, daß die MogolIons im Anzuge sind.“

„Du meinst, daß sie damit etwas erreichen?“

„Etwas nur? Ich sage dir, daß es ihnen dadurch möglich würde, vieles und sogar alles zu erreichen, nämlich wenn ich so dumm wäre, mich nicht in acht zu nehmen und nun meinerseits nicht die Mogollons zu warnen. Sie wollen mich fangen, und den Advokaten und die Sängerin befreien. Bei der Zahl der Mogollons können sie das aber nicht ohne zahlreiche fremde Hilfe thun. Die werden sie bei den Nijoras finden. Glücklicherweise können sie sich nicht schnell bewegen, weil sie meinen Vater als Gefangenen bei sich haben, der ihnen selbstverständlich so viele Hindernisse wie möglich bereiten wird. Oder meinst du, daß sie sich seiner vielleicht entledigt haben? Du mußt ja wissen, wie er von ihnen im Pueblo behandelt worden ist.“

„Sehr streng; aber da sie selbst im Kampfe ungern einen Feind töten, so glaube ich nicht, daß sie ihn ermordet haben.“

„Lieber wäre es mir, wenn sie es gethan hätten; da wäre ich ihn los und bekäme sein Geld für mich, wenn sie dann in meine Hände fallen. Auch Old Shatterhands Gewehre muß ich haben. Man sagt, daß sie, wenigstens für den Westmann, ein Vermögen bedeuten. Mag aber mein Vater noch leben oder nicht, ich muß gleich mit dem Morgengrauen von hier fort, um die Mogollons zu warnen. Ihr reitet natürlich mit, sonst muß ich gewärtig sein, daß ihr den Feinden in die Hände fallt. Dann würde wohl nicht bloß ein Führen in die Irre deine Strafe sein.“

„Kennst du den Weg, den die Mogollons eingeschlagen haben?“

„Ja. Sie sind nach dem tiefen Wasser, und werden morgen abend bei der Quelle des Schattens lagern. Dort hole ich sie ein.“

„Aber du weißt nicht, wo die Quelle liegt. Du bist noch niemals in dieser Gegend gewesen.“

„Meine Mogollons wissen es; da brauche ich es nicht zu wissen. Der Häuptling hat mir fünfzig Krieger mitgegeben, um Winnetou und seine Gefährten zu fangen, falls ich sie sehen sollte. Sie befinden sich nicht weit von hier. Wir wollten an der Quelle übernachten, und sahen euer Feuer. Da hielten wir an und schickten einen Späher her. Als er zurückkehrte, sagte er, er habe eine weiße Squaw mit wenigen roten Kriegern gesehen. Ich dachte natürlich gleich an dich und ging allein nach hier, um nachzusehen, ob meine Vermutung richtig sei. Nun werde ich zu den Mogollons zurückkehren, um sie herzubringen.“

Er stand auf; sie that dasselbe und sagte dabei:

„Hole sie! Also du wirst von ihnen wirklich als Freund behandelt?“

„Ja.“

„So ist bei ihnen auch dein Eigentum sicher.“

„Natürlich.“

„Das viele Geld! Es kann selbst Indianer verführen!“

Da schlug er mit der Hand an die Ledertasche, welche er umhängen hatte – es war dieselbe, welcher ich das Portefeuille entnommen hatte – und sagte getrosten Tones:

„Hier stecken die Millionen! Das weiß natürlich keiner der Mogollons, denn ich habe mich gehütet, es zu sagen; ich habe vorsichtigerweise einige hineinblicken und sie nur einige alte Sachen sehen lassen, die ihnen nicht von Nutzen sind. Also ich gehe jetzt, und bin in zehn Minuten wieder hier.“

Er entfernte sich. Die beiden hatten englisch gesprochen und sich, obgleich viel Geheimes verhandelt worden war, vor den Yumas nicht geniert. Sie mußten wissen, daß diese des Englischen nicht so mächtig seien, um das Gesprochene zu verstehen. ich stieß Winnetou an und fragte ihn:

„Wollen wir fort?“

„Nein,“ flüsterte er zurück. „Wir warten, bis die fünfzig Mogollons kommen. Dann giebt es Lärm, und niemand sieht hierher.“

Er hatte recht. Der unvergleichliche Mann dachte an alles und verstand es wie kein zweiter, sich jeden Gegenstand, jede Lage und jedes Verhältnis nutzbar zu machen. Bald darauf hörten wir Pferdegetrappel; die Mogollons erschienen, und da gab es solches Leben am Feuer, daß wir uns unter den Fichten emporziehen konnten, ohne befürchten zu müssen, daß ein scharfes Auge ein Zeichen davon sehen werde.

Wir gingen den Weg unter den Bäumen zurück, den wir gekommen waren. Als wir den Wald und die Büsche hinter uns hatten und im Freien längs des Berges hinschritten, fragte ich Winnetou:

„Hat mein Bruder alles verstanden?“

„Alles“ nickte er.

„Die beiden waren offener gegeneinander, als ich es für möglich hielt.“

„Ja. Jonathan hat der weißen Squaw sogar alles erzählt, was in Tunis geschehen ist. Er gleicht der Klapper eines Kindes, welche immerfort spricht, ohne eine Seele zu haben.“

„Und sie ist ebenso schlecht, wie er!“

„Noch schlechter, denn wenn eine Squaw Böses thut, so sieht das Böse viel häßlicher aus, als wenn ein Mann es thut. Es ist aber gut für uns, daß sie sich heut und hier getroffen haben.“

„Ja, es ist ganz genau nach der Voraussagung meines Bruders Winnetou geschehen. Die Mogollons haben hier lagern wollen, und das Feuer gesehen. Du sagtest, daß wir sie alle fangen würden. Denkst du auch jetzt noch, daß dies geschehen wird?“

„Ja, am tiefen Wasser.“

„Wo ist das?“

„Du wirst es sehen. Wir müssen dort sein, ehe sie dort ankommen.“

„Aber wir müssen doch hier auf unsere Nijoras warten! Da versäumen wir viel Zeit, und Jonathan Melton will schon mit dem Tagesgrauen reiten.“

„Das thun wir auch. Wir werden sogar noch eher aufbrechen, und den Nijoras entgegenreiten. Wenn ihr Häuptling unsere Weisungen befolgt, werden wir zur rechten Zeit auf sie treffen und noch vor Melton am tiefen Wasser ankommen.“

„Dieses Wasser scheint ein See zu sein?“

„Es hat ein Berg dort gestanden, welcher Feuer gespieen hat; es giebt in Neu-Mexiko und Arizona ja heut noch viele solche Berge. Er ist versunken, wohl bei einem Erdbeben, und hat ein Loch zurückgelassen, in welchem sich das Wasser sammelt.“

„Liegt der See so in der Richtung nach der Quelle des Schattens, daß die Mogollons an ihm vorüber müssen?“

„Er liegt so; dennoch könnten sie rechts oder links abweichen, werden es aber nicht thun, denn sie finden auf ihrem Wege bis zur Quelle des Schattens kein Wasser, an dem sie ihre Pferde tränken können; sie werden ganz gewiß hinreiten.“

„Können wir uns dort so verbergen, daß sie uns nicht vorzeitig bemerken?“

„Ja. Mein Bruder wird das sehen, wenn wir hinkommen.“

Wir waren an die Spitze des östlichen Ausläufers des Schlangenberges gekommen und wollten eben um sie biegen, als uns zwei Männer entgegen kamen. Es war hell genug, zu erkennen, wer sie waren – Emery und Dunker. Auch sie erkannten uns, und der erstere rief, allerdings in gedämpftem Tone.

„Gott sei Dank, daß ihr da seid! Wir bekamen Angst um euch.“

„Und wolltet wohl gar kommen?“ fragte ich ihn. „Ihr werdet alles erfahren. Kommt mit zum Lagerplatze!“

Die Nijora-Kundschafter waren bei den Pferden geblieben. Als wir dort angelangt waren, setzte ich mich nieder und wollte erzählen; da aber meinte der Apatsche, welcher an alles dachte und höchst selten etwas versäumte:

„Mein Bruder mag noch warten. Nötiger als sein Bericht ist das, was ich diesem jungen Krieger zu sagen habe.“

Er wendete sich an einen der Kundschafter:

„Mein junger Bruder kennt den Weg, auf dem seine hundert Krieger, die wir erwarten, hierherkommen werden?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„Er mag ihnen augenblicklich entgegenreiten. Es ist so hell, daß er sie trotz der Nacht sehen kann. Sobald er ihnen begegnet, mag er ihnen sagen, daß sie so schnell wie möglich reiten sollen, denn wir brauchen sie, um fünfzig Mogollons zu fangen. Wir werden noch vor Tagesanbruch den Berg verlassen, und ihnen entgegenreiten; sie mögen also wissen, daß sie unterwegs auf uns treffen werden. Wenn mein junger Bruder mit ihnen gesprochen hat, mag er schnell weiter zu seinem Häuptlinge reiten und ihm melden, daß die Krieger der Mogollons morgen abend an der Quelle des Schattens lagern werden. Sie werden also übermorgen am Vormittage auf der Platte des Cañons ankommen. Der schnelle Pfeil muß sich also schon vorher mit seinen dreihundert Leuten dort heimlich aufgestellt haben. Das ist die Botschaft, welche wir ihm senden. Howgh!“

Der Kundschafter wendete sich still um, trat zu seinem Pferde und ritt davon, in die sternenhelle Nacht hinein und zwar nach Südwest, woher wir gekommen waren.

Nun erzählte ich den beiden Gefährten, was wir gesehen und erfahren hatten. Sie waren sehr erfreut darüber, daß Winnetou die ganz bestimmte und feste Zuversicht hegte, morgen Jonathan Melton in die Hände zu bekommen.

Heute war uns der Schlaf außerordentlich notwendig. Die Kundschafter hatten nicht wie wir mehrere Nächte die Ruhe zu entbehren gehabt; wir übergaben also ihnen den Sicherheitsdienst und legten uns schlafen. Vorher deutete Winnetou demjenigen von ihnen, der gegen Morgen die Wache hatte, nach dem Stande der Sterne die Zeit an, an welcher er uns ganz sicher wecken sollte.

Ich schlief so fest, wie selten vorher; der Nijora, welcher mich weckte, sagte mir später, daß er mich habe einigemal rütteln müssen. Wir hatten noch lange nicht ausgeschlafen, denn es war fast zwei Stunden vor Tage, als wir aufstanden. Nach einem kurzen Imbiß stiegen wir auf, um den Weg, auf welchem wir hergekommen waren, zurückzuverfolgen.

Als es Morgen wurde, hatten wir gewiß gegen drei deutsche Meilen zurückgelegt; nun ließ Winnetou sein Pferd langsamer gehen. Nach einer Stunde hielt er an und sagte, indem er nach rechts deutete:

„Dort drüben liegt das tiefe Wasser. Wir dürfen nicht weiter reiten und müssen die Nijoras hier erwarten.“

„Und wenn sie zu spät kommen?“ fragte Emery.

„So entgehen uns die Mogollons doch nicht, denn wir fallen zwischen dem tiefen Wasser und der Quelle des Schattens über sie her. Aber Winnetou ist überzeugt, daß sie kommen werden.“

Und er hatte wieder recht; sie kamen. Wir hatten ungefähr eine halbe Stunde gewartet, so tauchte im Südwesten von uns eine Reiterschar auf, welche uns galoppierend näher kam. Das waren die Erwarteten. Wir kannten sie zwar nicht, aber die Kundschafter sagten es uns. Sie spornten ihre Pferde noch mehr an, kamen wie im Sturmwinde auf uns zu und hielten dann wenige Schritte vor uns, eine gerade Linie bildend, mitten in der Carriere an. Einer von ihnen lenkte sein Pferd näher heran und sagte:

„Ich bin scharfes Auge, der jüngere Bruder des schnellen Pfeiles. Der Häuptling sendet Winnetou und Old Shatterhand die hundert Krieger, welche meine berühmten Brüder von ihm verlangt haben.“

„Scharfes Auge ist ein tapferer Krieger,“ antwortete Winnetou würdevoll. „Wir würden sehr gern die Pfeife des Willkommens mit unsern Brüdern rauchen, haben aber keine Zeit dazu, weil wir fünfzig Mogollons fangen wollen. Haben meine Brüder das erfahren?“

„Ja. Der Kundschafter hat uns getroffen und es uns gesagt. Die Hunde der Mogollons werden uns bereit finden.“

„Ja, wir werden sie ergreifen, und dann ist es auch noch Zeit, das Kalumet zu rauchen. Kennen meine Brüder den See, welcher tiefes Wasser heißt?“

„Ja. Er liegt da drüben, gerade gegen Sonnenuntergang von hier.“

„Sie mögen uns dorthin folgen, und scharfes Auge mag an meiner Seite bleiben!“

Das war eine Auszeichnung für den Unterhäuptling der Nijoras, welche dieser wohl zu schätzen wußte, denn er ritt zwar neben Winnetou, hielt sich aber um die Länge eines Pferdekopfes zurück. Seine Leute sahen ungemein kriegerisch und unternehmend aus, und als ich sie mit einem prüfenden Blicke überflog, bemerkte ich, daß sie gar nicht übel bewaffnet waren. Die meisten von ihnen kannten Winnetou, hatten uns jedoch noch nicht gesehen; daher die verstohlenen Blicke, mit denen sie uns beobachteten. Als wir uns in Bewegung gesetzt hatten, lenkten sie hinter uns ein, um uns im Gänsemarsche zu folgen. Das geschieht auf Kriegszügen stets, weil da eine nur schmale Fährte gebildet wird und ein Feind, wenn er auf die Spur trifft, nicht genau zu sagen vermag, wieviel Reiter er vor sich hat. Je tiefer die Fährte ausgetreten ist, von desto mehr Pferden wurde sie verursacht. Doch auch bei Beurteilung solcher Spuren habe ich oft Gelegenheit gehabt, den scharfen Blick Winnetous zu bewundern. Selbst in solchen Fällen irrte er sich selten um einige Pferde.

Ich ritt ihm jetzt zur rechten Seite; das „scharfe Auge“ hielt sich zu seiner linken Hand. Der Apatsche sprach nicht; es war nicht seine schwache Seite, so kurz nach einer solchen Begegnung viele Worte zu machen. Wenn das Sprechen notwendig war, so überließ er es lieber mir; ich als Weißer war nicht zu der ernsten, würdevollen Schweigsamkeit der roten Krieger verpflichtet. Da es auch jetzt so manches gab, was wir erfahren mußten, so unterbrach ich nach einiger Zeit die Stille, indem ich mich an den Unterhäuptling der Nijoras wendete:

„Mein Bruder Winnetou hat das scharfe Auge vorhin einen tapferen Krieger genannt. Ich weiß, daß alle Nijoras tapfer sind; darum ist es gewiß, daß sie die Mogollons besiegen werden. Sind sie noch immer damit beschäftigt, ihre Medizinen herzustellen?“

„Nein,“ antwortete er. „Die Feierlichkeiten wurden sofort beendet, als der Bote erschien, welchen meine berühmten Brüder zu uns sandten.“

„Das ist recht. Die Herstellung der Medizinen erfordert lange Zeit, und die Zeit, welche uns zugemessen ist, ist kurz und wertvoll, denn die Mogollons werden heute abend schon an der Quelle des Schattens sein. Kennt scharfes Auge die Botschaft, welche wir seinem Bruder, dem Häuptlinge, gesandt haben?“

„Ja.“

„Wird der Häuptling darnach handeln?“

„Er weiß, daß Winnetou und Shatterhand große und kluge Krieger sind; darum wird er thun, was sie ihm vorgeschlagen haben.“

„Wann wird er auf der Platte des Cañons eintreffen?“

„Morgen früh, sobald es Tag geworden ist.“

„Wenn er das thut, werden alle Feinde in seine Hand fallen.“

„Wir wissen es. Der Hund von Mogollon, welcher sich nicht ergiebt, wird erschossen.“

„Und was geschieht mit denen, welche sich ergeben?“

„Sie kommen an den Marterpfahl.“

„Wieviel Pfähle werden meine Brüder da brauchen? Es sind mehr als dreihundert Mogollons, mit denen wir es zu thun haben. Will der schnelle Pfeil wirklich ein so großes Morden über diesen Stamm ergehen lassen?“

Der Unterhäuptling blickte finster vor sich hin. Er hätte lieber gar nicht geantwortet; aber da das eine Beleidigung für mich gewesen wäre, sagte er:

„Die Mogollons sind unsere Feinde! Haben sie etwas anderes verdient? Wir standen in Frieden mit ihnen; wir ritten zu ihnen, und sie kamen zu uns. Da plötzlich gruben sie die Beile des Krieges aus, ohne daß wir sie beleidigt oder ihnen sonst etwas gethan hatten.“

„Wenn das geschieht, was mein Bruder sagt, wird man die Platte Platte des Mordens nennen können. Hat mein Bruder jemals gehört, daß Winnetou und Old Shatterhand Freunde vom Blutvergießen sind?“

„Das weiß jeder rote und jeder weiße Mann, der einmal von diesen beiden großen Kriegern gehört hat.“

„So wird man dir auch gesagt haben, daß wir niemals unsern Arm und unsere Hilfe einem Stamme leihen, welcher die Absicht hat, grausam mit den gefangenen Feinden umzugehen. Was den Kampf auf der Platte des Cañon betrifft, so werde ich darüber mit deinem Bruder, dem schnellen Pfeile sprechen; mit dir aber muß ich jetzt reden von dem Überfalle, welchen wir gegenwärtigbeabsichtigen. Es werden fünfzig Mogollons nach dem tiefen Wasser kommen; bei diesen befinden sich ein weißer Mann, eine weiße Frau und einige Yuma-Indianer, welche nicht eure Feinde sind. Willst du mir helfen, diese Leute festzunehmen?“

„Old Shatterhand wünscht es, und so mag es geschehen. Aber die Mogollons werden unser sein?“

„Unter der Bedingung, daß ihr sie nicht tötet, wenn es nicht notwendig ist. Ich will heute der Anführer sein; denn ich habe mit euerm Häuptling die Pfeife des Friedens geraucht; ich bin sein Bruder; ich habe euch von ihm erbeten, und er hat euch mir gesandt; darum fordere ich, daß ihr thut, was ich für richtig halte. Nur unter dieser Bedingung werde ich euch die fünfzig Mogollons, welche wir erwarten, überlassen.“

Er zog die Stirne in Falten, hielt den Blick gesenkt und antwortete nicht. Meine Forderung war weder nach seinem Willen, noch nach seiner Ansicht über das, was recht und billig ist.

„Warum schweigt mein Bruder? Warum sagt er nichts?“ drängte ich ihn.

Da machte er eine Bewegung, als ob er etwas von sich verscheuchen wolle, und fragte:

„Da Old Shatterhand es ehrlich mit den Kriegern der Nijoras meint, so will auch ich ehrlich sein und dir sagen, daß mein Bruder, der Häuptling, mir geraten hat, dir und Winnetou, dem großen Apatschen, zu gehorchen.“

„So werdet ihr heute und morgen zwei große Siege gewinnen, ohne daß ihr eure Krieger dabei opfert. Die Klugheit ist stärker als die Gewalt, und die Milde mächtiger als der Mord.“

„Ist aber Winnetou damit einverstanden? Ich soll nicht bloß dir, sondern auch ihm gehorchen.“

Da antwortete der Apatsche:

„Was mein Bruder Shatterhand sagt oder thut, das ist ganz so, als ob ich es gesagt oder gethan hätte. Meine Brüder mögen einig sein und nicht eher über die Sache weitersprechen, als bis Old Shatterhand das tiefe Wasser gesehen hat.“

Er hatte jedenfalls einen guten Grund, dies Verlangen an uns zu stellen; darum war ich nun still. Ich hatte übrigens meine Absicht erreicht, zu erfahren, was von der Grausamkeit oder Humanität der Nijoras zu halten war, natürlich soweit das Wort Humanität auf Indianer in Anwendung gebracht werden kann.

Die lange Schlange unseres Zuges bewegte sich schnell und ohne Windungen über nackten Felsenboden hin. Es war ringsum kein Halm zu sehen. Darum erstaunte ich, als ich plötzlich einen Wald oder richtiger gesagt, ein Wäldchen vor uns auftauchen sah, dessen Form ein länglicher Kreis zu sein schien.

„Das ist das tiefe Wasser,“ sagte Winnetou, indem er nach dem Walde deutete.

„Es liegt inmitten des Wäldchens?“ fragte ich.

„Ja.“

„So ist die Stelle, wie es scheint, allerdings der Überrest eines früheren Kraters.“

Wir kamen von Osten her. Da machte Winnetou einen Bogen, in der Absicht, von Süden her an das Wäldchen zu kommen.

„Weshalb diesen Umweg?“ fragte ich ihn.

„Weil die Mogollons von Norden kommen werden, und nicht gleich unsere Spuren sehen sollen.“

Es war ganz eigentümlich, daß die äußeren Bäume des Wäldchens ohne allen Übergang vom Grase zur Staude, zum Strauche und Baume, gleich hoch aufgestiegen waren. Es gab eine so scharfe Vegetationsgrenze, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Da, wo wir den Wald erreichten, gab es eine Lücke in demselben. Winnetou stieg vom Pferde und sagte:

„Diese Lücke führt nach dem tiefen Wasser. Unsere Pferde dürfen nicht mit hinein, aber auch nicht hier bei den Bäumen bleiben, weil sie uns verraten würden. Zehn von den Kriegern der Nijoras mögen mit ihnen soweit nach Süden reiten, bis sie von hier aus nicht mehr gesehen werden können. Dort müssen sie warten, bis wir sie herbeirufen lassen.“

„Scharfes Auge“ bestimmte zehn Männer, welche der Weisung zu folgen hatten; die übrigen drangen durch die Lücke ein. Das Innere des Platzes verwunderte mich noch mehr, als das Äußere.

Ich sah einen kleinen, kreisrunden See von ungefähr fünfzig Ellen Durchmesser. Das Wasser war hell und durchsichtig wie Kristall. Sein Spiegel lag nicht zu unsern Füßen, sondern tiefer unten; die Tiefe mochte wohl zehn bis zwölf Ellen betragen. Dort gab es rund um das Wasser einen breiten, mit dichtem Grase bewachsenen Rand, von welchem eine sanft ansteigende Böschung, die ebenso grasig war, herauf zu uns führte. Rundum gab es hier oben wieder einen breiten, grünen Rand, welchen das Wäldchen umsäumte. Das Ganze hatte eine Ähnlichkeit mit einer doppeltgeränderten Schüssel, welche nur bis zum untern Rande mit Wasser gefüllt ist. Alles Gras, oben und unten, war niedergetreten. Winnetou machte mich darauf aufmerksam und fragte:

„Weiß mein Bruder, wer hier gewesen ist und das Gras so zerstampft hat?“

„Der starke Wind natürlich mit seinen Mogollons.“

„Seit wann kann er fort sein?“

Ich untersuchte das Gras und antwortete:

„Seit wenig über eine Stunde.“

„Das ist richtig. Wir sind nicht zu spät, aber auch nicht zu früh gekommen. Wir haben vor uns Mogollons, und hinter uns Mogollons. Die letzteren müssen hier unser werden. Mein Bruder Shatterhand mag bestimmen, in welcher Weise das geschehen soll!“

Die Aufgabe war so leicht, daß ein Kind sie lösen konnte. Es verstand sich von selbst, daß die Mogollons, wenn sie mit Jonathan Melton kamen, ihre Pferde tränken würden; sie mußten also mit ihnen hinab zum Wasser, auf den untern Rand der Vertiefung. Wenn sie sich da unten befanden, konnten sie nicht über den zehn Ellen höheren oberen Rand blicken. Wenn wir uns in dem Wäldchen versteckten, bis sie kamen, und dann warteten, bis sie ihre Pferde hinunter zum Wasser geführt hatten, so brauchten wir nur hervorzutreten und unsere Gewehre über den oberen Rand hinabzuhalten, um ihrer vollständig Herr zu sein. Widerstand von ihrer Seite konnte nur ein Blödsinniger für ratsam halten. Sie waren wenig über fünfzig und wir beinahe hundert; es kamen also auf jeden von ihnen zwei Schüsse von uns. Und dazu standen sie frei und schutzlos da unten vor unsern Läufen, während sie, wenn wir uns niederlegten, von uns nur die Gewehre zu sehen bekamen. Die Sache war, wie gesagt, reines Kinderspiel, und ihnen unsere Kugeln hinabzusenden, wäre, wenn sie nicht so wahnsinnig waren, auf uns zu schießen, mehr als nur Mord gewesen. Darum sagte ich zu dem Unterhäuptlinge, welcher bei mir und Winnetou stand:

„Mein Bruder ist ein mutiger Krieger; aber seine Tapferkeit wird hier nicht auf die Probe gestellt werden. Ich bitte dich, deine Leute einen Kreis um den See bilden zu lassen. Wenn das geschehen ist, mag jeder von seinem Orte aus sich rückwärts in den Wald verbergen und da stecken bleiben, bis die Mogollons kommen. Diese werden ihre Pferde hinab zu dem Wasser führen. Da trete ich wahrscheinlich unter den Bäumen hervor; unsere Krieger aber müssen noch stecken bleiben; sie sehen mich. Sobald ich den Arm erhebe, kommen auch sie heraus, legen sich auf den obern Rand des Sees, sodaß sie einen Kreis bilden, und zielen mit ihren Gewehren auf die unten befindlichen Feinde. Aber schießen dürfen sie nicht, auch dann noch nicht, wenn ich oder Winnetou schießen sollte. Erst wenn ich ihnen den lauten Befehl dazu zurufe, dürfen sie es thun, und dann sollen sie nur auf die Feinde schießen, welche herauf nach ihnen zielen. Es darf kein Mogollon, der sich nicht wehrt, verletzt werden. Wer gegen diesen Befehl handelt, den kann ich zwar nicht bestrafen, aber wir werden dafür sorgen, daß er bei seinem Stamme als ein Feigling gilt. Ist dir das recht?“

„Mein Bruder hat es gesagt, also ist es recht,“ antwortete er.

„Das Leben der Mogollons soll euch heilig sein; aber alles, was sie bei sich haben, auch ihre Medizinen, soll euch als Beute gehören.“

„Und ihr? Was nehmt ihr für euch?“

„Nichts. Wir ziehen nicht aus, um Krieg zu führen und Beute zu machen.“

Da leuchteten seine Augen auf. Ein Indianer verliert lieber sein Leben, seinen Skalp als seine Medizin, welche das größte Heiligtum ist, welches er besitzt. Ich setze da voraus, daß man weiß, was unter der Medizin eines Indianers zu verstehen ist, nämlich nicht etwa das, was dieses Wort bei uns bedeutet, ein Heilmittel, sondern einen Gegenstand, den er nach langen Prüfungen und Kämpfen als Panier erwählt und mit seinem letzten Blutstropfen verteidigt. Wer seine Medizin verliert, wird solange für ehrlos gehalten und aus dem Stamme geschieden, bis er sich dafür die Medizin irgend eines berühmten Feindes erobert hat.

Daher die Freude des „scharfen Auges“, als ich ihm sagte, daß ihm und seinen Kriegern die Medizinen der Mogollons gehören sollten. Das war ihm lieber, als wenn ich ihm ihr Leben und ihre Kopfhäute zugesprochen hätte.

„Ich sehe, daß mein Bruder es ehrlich mit uns meint,“ rief er entzückt aus. „Die Hunde der Mogollons sind ausgezogen, uns zu zerreißen; sie werden heulen vor Scham und Entsetzen, wenn sie ohne ihre Medizinen in die Löcher zurückkehren müssen, aus denen sie hervorgekrochen sind! Was haben wir noch zu thun?“

„Nichts, was ich jetzt schon bestimmen könnte; der Augenblick muß es ergeben. Sage aber deinen Kriegern, daß sie auf mich achten und jedes laute Wort, welches ich ihnen zurufe, befolgen sollen! Du selbst wirst in meiner Nähe bleiben.“

Er rief seine Leute zusammen und teilte ihnen meine Anordnungen mit, welche sofort befolgt wurden. Bald hatten sie sich so in dem Wäldchen versteckt, daß keiner von ihnen zu sehen war. Wie nach Süden, so gab es auch nach Norden eine Lücke zwischen den Bäumen, durch welche man herein zum Wasser kommen konnte. Von dieser Seite waren die MogolIons zu erwarten. Sonst gab es keine Stelle, an welcher ein Reiter herein konnte. Damit an diesen beiden Eingängen sichere Leute zu stehen kamen, besetzte Winnetou mit Emery den südlichen, ich mit Dunker und dem „scharfen Auge“ den nördlichen, Daß unsere Spuren uns verraten würden, war nicht zu befürchten, denn wir hatten das Gras nicht noch mehr niedergetreten, als es schon vorher zu Boden gestampft gewesen war.

Wenn vorhin Winnetou gesagt hatte, wir seien weder zu spät noch zu früh gekommen, so hatte er recht gehabt, denn jetzt, da unsere Vorbereitungen getroffen waren, sah ich, als ich am nördlichen Eingange durch die Bäume lugte, eine Reiterschar über die Ebene auf das Wäldchen zukommen. Sie war noch so weit entfernt, daß man die einzelnen Reiter nicht zu unterscheiden vermochte, doch konnten es nicht viel mehr und auch nicht viel weniger als fünfzig sein; es waren also die, welche wir erwarteten. Darauf rief ich so laut, daß jeder es hören konnte:

„Sie kommen. Daß ja kein Nijora sich vor der Zeit sehen läßt!“

Winnetou und Emery, welche bis jetzt noch außerhalb der Bäume gestanden hatten, verschwanden darunter. Dunker, der neben mir durch den Ausgang blickte, sagte zu mir:

„Sie kommen sehr schnell näher. Man kann sie schon deutlich erkennen. Die Lady reitet mit Melton voran. Nun werden sie halten bleiben, um einen Kundschafter herzusenden.“

Pshaw! Dazu sind sie zu unvorsichtig. Auch wäre es zu spät, da sie, wenn sich Feinde hier befänden, nun doch von diesen schon bemerkt sein würden.“

Well! Meint Ihr, daß wir etwa keine Feinde von ihnen sind? Ich denke doch, und zwar was für welche!“

„Sie werden es sehr bald erfahren. Doch kommt; wir müssen uns nun auch verstecken!“

Wir krochen mit dem scharfen Auge unter die Bäume und zogen uns da so weit zurück, daß wir von draußen nicht gesehen werden, aber doch alles sehen konnten.

Jetzt hörten wir schon das Getrappel der Pferdehufe. Sie kamen; sie waren da. Sie hielten draußen, weil der Eingang zu schmal war, alle schnell hereinzulassen. Wir sahen sie hereinkommen, die Mogollons und Yumas, einen nach dem andern. Sie stiegen ab und führten, wie wir vermutet hatten, die Pferde hinunter an das Wasser, von wo wir ihre Stimmen laut heraufklingen hörten.

Zuletzt kam Melton mit der Jüdin. Sie waren zuvor vorangeritten, dann aber draußen halten geblieben, um die andern erst hereinzulassen. Er stieg von seinem Pferde und half ihr von dem ihrigen herab.

„Bist du müde?“ hörte ich ihn fragen.

„Nein, ich habe mit meinem Häuptling tagelang zu Pferde gesessen.“

„Als er noch dein lieber Roter war; später dann aber wohl nicht mehr!“ lachte er. „Bleib oben; ich will dein Pferd mit hinunternehmen. Die Tiere müssen hier trinken, weil wir nicht lange hier bleiben und bis zur Quelle des Schattens kein Wasser wieder finden.“

Er stieg mit den Pferden die sanfte Böschung hinab; sie blieb stehen; sie war die einzige Person, welche sich noch oben befand. Das Wasser lag so tief, daß sie von dort aus nicht gesehen werden konnte. Jetzt war es Zeit für mich. Ich kroch unter den Bäumen hervor und stand, den Henrystutzen in der Linken, hinter ihr.

„Guten Morgen, Sennora!“ sagte ich.

Sie fuhr herum. Als sie mich erblickte, sah ich, daß sie einen Schrei des Schreckens ausstoßen wollte; er blieb aber in ihrem Munde zurück. Ihre Augen waren vor Entsetzen weit geöffnet.

„Sie staunen mich an wie einen Fremden? Hoffentlich haben Sie die Güte, sich meiner noch zu erinnern. Es ist doch noch gar nicht so lange her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.“

„Old – Old – Shatter – hand!“ stammelte sie.

„Ja, so heiße ich. Es freut mich, daß Sie meinen Namen noch nicht vergessen haben.“

„Was – was wollen – Sie – Sie hier?“

„Sie will ich, Sie und Ihren geliebten Jonathan.“

„Das – das ist ja Wahnsinn! Sie sind unser Feind. Wissen Sie, daß wir fünfzig und noch mehr Indianer bei uns haben!“

Sie stieß das sehr schnell und drohend hervor, aber doch nicht laut, weil der Schreck noch jetzt nachwirkte.

„Freilich weiß ich das!“ sagte ich.

„Sie sind verloren, passen Sie auf!“

Sie ergriff meinen Arm, um mich festzuhalten, damit ich nicht entfliehen könne, wendete sich nach dem Wasser um und wollte einen Ruf ausstoßen; aber ehe derselbe über ihre Lippen kam, hielt ich ihr die Mündung des Stutzens vor den Kopf und drohte:

„Kein Wort, Sennora, sonst bekommen Sie augenblicklich eine Kugel! Mister Dunker!“

Der Gerufene kam hervorgekrochen und fragte:

„Was soll ich, Sir?“

„Auf die Lady Achtung geben, damit sie uns nicht spazieren geht. Behandelt sie mit liebevoller Teilnahme, Mister!“

Well, soll mir eine Freude sein! Seht Ihr dies Messer, Mylady? Sobald Ihr den kleinsten Schritt von der Stelle thut, schneide ich Euch beide Ohren ab. Ich nenne mich Will Dunker und halte Wort!“

Er hielt ihr sein Messer vor das Gesicht. Ich wendete mich ab und hob den Arm in die Höhe. Da kamen rundum die Nijoras unter den Bäumen hervorgekrochen und thaten, was ihnen befohlen worden war. Sich am Rande der Böschung niederstreckend, legten sie ihre Gewehre auf die Untenstehenden an. Da hörte ich Meltons laute Stimme:

„Tausend Wetter! Was ist das! Gewehre rundum! Wer ist da oben?“

Er hatte heraufsteigen wollen und die auf ihn gerichteten Läufe bemerkt. Ich trat so weit vor, daß er mich sehen konnte, und antwortete:

„Hundert geladene Flintenläufe, Sir! Das ist ein Morgengruß, den ich Euch bringe.“

„Old Shatterhand! Old – –“

Er sprach den Namen zum zweitenmal nicht ganz aus, riß sein Gewehr, welches er über die Schulter hängen hatte, los, legte es auf mich an und drückte ab. Ich hatte aber Zeit, mich niederzuwerfen; die Kugel machte ein Loch in die Atmosphäre. Dann war ich schnell wieder auf, richtete den Stutzen auf ihn und rief:

„Wirf das Gewehr weg, Canaille, sonst schieße ich!“

Er behielt es in den Händen und starrte mich an.

„Weg damit, sonst gebe ich dir die Kugel! Eins – zwei – –“

Er ließ es fallen. Der Schuß war für alle seine Roten wie ein Signal gewesen, nach oben zu blicken. Sie sahen mich und sahen auch die Gewehre. Die Mogollons kannten mich nicht; aber einige Yumas riefen meinen Namen. Er wurde überall gehört.

„Ja, ich bin Old Shatterhand,“ rief ich. „Dort steht Winnetou, der Häuptling der Apatschen“ – Winnetou hatte, wie die andern, im Grase gelegen; jetzt stand er auf, um sich den Feinden zu zeigen – „und rundum stehen die Krieger der Nijoras. Erhebt euch aus dem Grase!“

Sie standen auf und bildeten rundum eine ununterbrochene Kette von Männern, welche die Läufe ihrer Gewehre nach unten gerichtet hielten. Da ertönte drüben neben Winnetou eine Stimme:

„Soll ich denn allein im Grase hocken bleiben! Hier steht Emery Bothwell, der Englishman. Ich werde euch zeigen, wie man es zu machen hat!“

Er stieg langsam und gemächlich hinab zu den Mogollons, ergriff die Flinte des ihm Nächststehenden, hielt sie einem Nijora empor, damit dieser sie nehmen solle und befahl mit lauttönender Stimme:

„Die Mogollons mögen ihre Gewehre hinaufgeben und ihre Messer hinaufwerfen, wenn sie nicht augenblicklich erschossen sein wollen!“

Und sich einem andern zuwendend, der ihn wie eine Geistererscheinung anstierte, schnauzte er denselben an:

„Na, wird es bald! Hinauf mit der Flinte, sonst –“

Er zog den Revolver und hielt ihn dem Roten vor die Brust. Sofort gab dieser sein Gewehr hinauf. War es das Beispiel des letzteren oder das kühne Auftreten des Englishman, waren es die vielen, drohend nach unten gerichteten Gewehre, that es die Überraschung oder wirkte das alles zusammen, kurz und gut, die Mogollons wagten es nicht, zu widerstehen; noch weniger aber wagte einer von ihnen einen Schuß. Sie reichten ihre Gewehre herauf und warfen dann auch ihre Messer nach oben; sie schienen keinen Willen zu haben als nur den, zu gehorchen. Es war eine Panik über sie gekommen. Desto wilder gebärdete sich Melton. Er rief ihnen zu, nicht zu gehorchen; er befahl ihnen, zu schießen; er zeterte und schimpfte; er nannte sie Feiglinge; aber seine Flinte aufzuheben, selbst Widerstand zu leisten, das wagte auch er nicht. Emery, welcher sich noch unten befand, ging hin zu ihm, hob das Gewehr auf, hielt ihm den Revolver vor das Gesicht und drohte:

„Schweig, dummer Junge, sonst bringe ich deine Zunge zur Ruhe! Noch ein Wort, so ist es aus mit aller Rede, die du halten willst! Gieb her das Zeug, welches du nicht wieder brauchen wirst!“

Er nahm ihm die andern Waffen aus dem Gürtel und kam dann herauf zu mir gestiegen.

„Alles in Ordnung, Charley,“ sagte er. „Entwaffnet ist die Bande. Was soll nun geschehen?“

Fesseln. Sie dürfen einzeln, nacheinander herauf, um gebunden zu werden.“

Well! Wer nicht kommt, erhält eine Kugel.“

Er stieg wieder hinab. Winnetou und Dunker folgten ihm, nachdem der letztere die Jüdin einem Nijora übergeben hatte. Auch scharfes Auge ging hinab, um die Zaudernden durch Drohungen zu veranlassen, Gehorsam zu leisten. Übrigens handelten die meisten Mogollons klug; sie sahen ein, daß Widerstand aussichtslos war, und ergaben sich in die Gefangenschaft. Die weniger Verständigen mußten schließlich diesem Beispiele folgen. Das Binden ging außerordentlich schnell. Jeder bekam seinen eigenen Lasso um die Arme und Beine geschnürt und wurde dann ins Gras gelegt.

Der letzte, den wir uns aufgehoben hatten, war Jonathan Melton. Er hatte erst wilde, unternehmende Blicke um sich geworfen und ganz das Gebaren eines Mannes gezeigt, der nach einem Auswege zur Flucht sucht; er wäre aber blind gewesen, wenn er nicht bemerkt hätte, daß jeder Versuch nur sein Leben in Gefahr bringen mußte. Ein einzigesmal machte er drei, vier rasche Schritte an der Böschung herauf; da aber rief ihm Judith voller Angst zu:

„Bleib unten; bleib unten; sie schießen sonst auf dich! Ergieb dich drein! Ich sehe es hier oben besser als du, daß keine Rettung ist. Diese Menschen sind schrecklich!“

Da machte er die wenigen Schritte zurück, setzte sich nieder und sah dumpf vor sich hin in das Wasser. Nach einer Weile stand er auf, holte einen Stein, welcher in der Nähe lag, und setzte sich wieder nieder. Was wollte er mit dem Steine? Das fragte ich mich, ohne aber eine Antwort zu finden. Ihn als Gegenwaffe, als Wurfgeschoß zu gebrauchen? Lächerlich!

So hatte er gesessen, bis der letzte Yuma und der letzte Mogollon gebunden war. Da trat Emery zu ihm und fragte zu mir herauf:

„Der Halunke soll doch auch gefesselt werden?“

„Natürlich.“

„Und wenn er sich wehrt?“

„Schlägst du ihn mit dem Gewehrkolben nieder; dann wird er schon gehorchen!“

Da fuhr Melton schnell in die Höhe, sprang einige Schritte von Emery zurück und rief mir zu:

„Binden soll ich mich lassen?“

„Ja, Master. Ich habe es befohlen, und da wird es wohl nicht anders werden. Ergebt Ihr euch nicht drein, so machen wir Euch ein wenig besinnungslos; ein guter Hieb bringt das schnell fertig. Wenn Ihr dann erwacht, seid Ihr gefesselt!“

„Die Mogollons werden mich befreien!“

„Bildet Euch das nicht ein! Es stehen schon vierhundert Nijoras bereit, sie zu empfangen. Ihr seht ja hier bei mir hundert Gegner in ihrem Rücken.“

„Das ist dein Werk, du Satan!“ zischte er. „Was habt Ihr mit mir vor?“

„Wir bringen Euch zur Polizei, die so große Sehnsucht nach Euch hat.“

„Wo ist mein Vater?“

„Auch bereits unterwegs zu ihr.“

„Und sein Geld?“

„Hat Mister Vogel, dem es gehört.“

„Tausendmal die Verdammnis über Euch!“

Das schrie er mit einer überschnappenden Stimme, wie so wütend ich noch keine gehört hatte. Dann machte er zwei Schritte nach dem Wasser zu, als ob er sich hineinstürzen wolle, um sich zu ersäufen, fuhr aber wieder zurück, wohl weil er keinen Mut dazu hatte, riß die Tasche, welche er am Riemen um die Schulter trug, herab, machte sie auf, ehe es Emery verhindern konnte, that den Stein hinein, schloß sie zu und schleuderte sie, ein Gelächter verzweiflungsvollen Hohnes ausstoßend, weit hinaus in das Wasser, wo sie sofort unterging. Als dies geschah, stieß Judith einen durchdringenden Schrei aus, schlug die Hände vor das Gesicht und stöhnte:

„Fort, fort, verloren! Für immer und ewig verloren!“

Dann rannte sie wie eine Wütende zu ihm hinab und brüllte ihn an:

„Feigling! Verräter! Betrüger! Das gehörte auch mit mir! Das war auch mit mein! Nun ist es fort, unwiederbringlich fort!“

„Ja, fort – fort!“ wiederholte er wie geistesabwesend.

„Und es war mein Eigentum geradeso wie das deinige! Du hattest es mir versprochen! Er war der Preis, der Kaufpreis meines Herzens! Meinst du denn, daß ich dich geliebt hätte ohne das Geld? Und du wirfst es fort, du Wicht, du elender Schwächling, du – –!“

Sie faßte ihn bei den Armen und schüttelte ihn hin und her. Da stieß er sie von sich fort und rief:

„Weg von mir, Schlange! Nur du hast mich in das Verderben getrieben! Wäre ich dir nicht nach deinem Pueblo gefolgt, so hätte ich jetzt alles, wonach mein Herz geschmachtet und getrachtet hat, auch die Freiheit, die ich nun verloren habe. Ich bin gefangen – gefangen – gefangen!“

„Recht so, recht so!“ rief sie, ihn wieder fassend und schüttelnd. „Nun du mich um das Geld betrogen hast, hasse ich dich. Ich freue mich deiner Gefangenschaft und werde entzückt sein, wenn ich höre, daß der Scharfrichter, hörst du, der Scharf – –“

Sie konnte nicht weiter; er schnürte ihr mit der Hand die Kehle zu und schrie in höchster Wut.

„Vorn Scharfrichter redest du, von meinem Tode! Da sollst du doch, ehe mir die Hände gefesselt werden, mir vorangehen! Fahre hin, du Satansweib; fahre hin in die Hölle, aus welcher du gekommen bist!“

Er schleuderte sie mit Anspannung aller seiner Kräfte von sich und hinein in das Wasser des grundlosen Sees, beugte sich weit über das Ufer hinaus und rief ihr im Tone eines Wahnsinnigen nach:

„Da unten, unten ist die Tasche! Suche sie! Ich habe sie dir versprochen; nun hast du sie. Gratuliere, gratuliere!“

Ich rannte hinab, um dem Weibe nachzuspringen; da aber stürzte sich schon Winnetou hinein. Nach einigen Sekunden kam er mit ihr empor, und die Hände mehrerer Indianer streckten sich aus, sie ihm abzunehmen. Melton blickte gar nicht hin; er hatte mich beim Arme gefaßt und zischte mich an:

„Ihr seid mir nach, um mein Geld, mein Geld, das viele Geld zu bekommen! Ist es nicht so, Sir?“

„Ja,“ antwortete ich ruhig.

„So springt hier hinein, und holt es Euch aus dem See. Ich habe es hineingeworfen!“

„Das ist nicht wahr!“

„Nicht wahr? Nicht wahr? Sir, ich hatte es in der Tasche, in der Tasche, welche vorhin im Wasser verschwunden ist. Verschwunden – verschwunden! Wißt ihr, was das heißt? Man giebt seine Ehre, sein Gewissen, seine Ruhe, seine Seligkeit dafür hin; man tritt die Gesetze mit Füßen; man – man -man thut alles, um es zu gewinnen. Und wenn man es erlangt hat, muß man sich in der Wildnis verbergen, wo man es nicht genießen kann, rennt hinter einem verruchten Weibe her, welches das Geld, aber nicht die Qualen des Gewissens mit einem teilen will, und wirft es, um es nicht hergeben zu müssen, in das Wasser – ins Wasser – ins Wasser! Wißt Ihr, Sir, was das heißen will?“

Es war eine Scene von solcher Häßlichkeit, daß sich die Feder sträubt, sie zu beschreiben. Ich schüttelte den Kerl von mir ab, bat Emery, ihn doch nun binden zu lassen, und ging nach der Stelle, an welcher die Jüdin lag. Es war nur eine Ohnmacht, welche sie umfangen hielt; tot konnte sie nicht sein; dazu war sie viel zu kurze Zeit im Wasser gewesen. Ich nahm ihre Hand, um den Puls zu fühlen; er ging langsam und schwach, aber doch bemerkbar. Sie lebte, und ich brauchte also um sie keine Sorge zu haben; ja, ich war so hartherzig, mir zu sagen, daß das Wasserbad ihr gar nichts schaden könne. Ich ließ sie also liegen, um mich um Dinge zu bekümmern, welche notwendiger waren.

Zunächst galt es, die Nijoras zu benachrichtigen, daß wir jetzt die Mogollons gefangen hatten. Ich schickte also einen der Kundschafter ab, welcher seinem Häuptlinge die Botschaft überbringen sollte. Dabei schärfte ich ihm ein, sich ja nicht von den Mogollons sehen zu lassen. Diese waren nach der Quelle des Schattens unterwegs, und er mußte also nicht nur sie und die Quelle umreiten, sondern auch dafür sorgen, daß dahinter seine Spuren unsichtbar blieben, denn, wenn sie von den Feinden gesehen wurden, stand zu befürchten, daß sie Verdacht schöpften.

Nun wollte ich gerne erfahren, ob die Mogollons ihre beiden Gefangenen mitgenommen oder am weißen Felsen zurückgelassen hatten; das mußte mir die Fährte sagen. Am tiefen Wasser konnten wir dieselbe nicht ansprechen, da der Boden ganz zertreten war; ich ging also mit Winnetou fort, um das Gebüsch zu umkreisen. Richtig! Auf der westlichen Seite desselben – wir waren von der östlichen gekommen -entdeckten wir die Spur des Wagens; dort hatte er gestanden. Aus den Stapfen ersahen wir, daß die Pferde ausgespannt worden waren, um getränkt zu werden. Dann führte die Spur um den Platz herum, wo sie sich wieder mit der breiten Fährte der fortgezogenen Mogollons vereinigte.

Daß diese die Sängerin und den Advokaten mitgenommen hatten, deutete auf ihre Überzeugung, die Nijoras vollständig überrumpeln und besiegen zu können. Darauf wies Winnetou hin, als er kopfschüttelnd sagte:

„Der starke Wind muß seines Sieges ganz sicher sein, sonst hätte er die beiden Bleichgesichter nicht mitgenommen. Aber warum er sie überhaupt mitgenommen hat? Sie können ihm nur hinderlich sein. Aber vielleicht hat er keinen Nutzen, sondern nur die Verhütung eines Schadens beabsichtigt.“

„Du meinst ihre Flucht?“

„Ja. Er hat alle zuverlässigen Krieger mitgenommen und nur die Alten, Weiber, Knaben und Mädchen im Lager zurückgelassen. Diese Leute aber taugen nichts zur Bewachung von Gefangenen. Wie leicht konnten sie also fliehen!“

„Dies ist allerdings der einzige Grund, den ich aufzufinden vermag, kann aber selbst ihn nicht als vollwichtige Ursache gelten lassen, weil das Mitschleppen des Wagens und seiner Insassen Beschwerden und Störungen bereiten muß. Auch wenn er sie bei sich hat, muß er sie Tag und Nacht beobachten lassen. Wären sie aber, und einige Krieger mit ihnen, im Lager beim weißen Felsen zurückgeblieben, so befanden sie sich unter guter Obhut, und er konnte sich auf dem Kriegszuge, den er angetreten hat, frei bewegen.“

„Mein Bruder hat sehr richtig gesprochen; aber dieser Grund ist der einzige, den man sich denken kann, obgleich es nicht klug ist, danach zu handeln.“

„Dazu kommt das Terrain, auf welchem die Mogollons sich bewegen müssen. Denke doch an den Hohlweg, welcher auf die Platte des Cañons hinauf- und jenseits wieder hinabführt! Wie können sie da mit dem Wagen fortkommen!“

„Vielleicht kennen sie den Weg nicht genau und haben geglaubt, daß man da auch mit einem Wagen fahren kann.“

„Dann sind sie außerordentlich unvorsichtige Leute. Wenn man einen feindlichen Stamm überfallen will, bekümmert man sich doch um die Wege, welche dahin führen. Wie du mir die Gegend beschrieben hast, können sie mit dem Wagen gar nicht viel weiter als bis zu der Quelle des Schattens kommen. Dort werden sie diese Nacht lagern. Meinst du nicht, daß es notwendig ist, sie da zu beobachten?“

„Es ist notwendig.“

„Kann aber nur in der Dunkelheit des Abends geschehen?“

„Nahe an sie herankommen kann man freilich nur des Nachts; besser aber ist es, wenn ich ihnen schon am Tage nachreite. Mein Bruder Scharlieh mag mir später folgen und es so einrichten, daß er in der Dunkelheit dort ankommt.“

„Schön. Wie und wo treffen wir uns?“

„Du warst schon mit an der Quelle und kennst sie also. Ich werde dir soweit entgegenreiten, bis ich mich zehn Büchsenschüsse von der Quelle entfernt habe; da warte ich auf dich. Wenn du soweit herangekommen bist, lässest du deinen Bärentöter einmal sprechen, und ich antworte mit meiner Silberbüchse. Wir kennen die Stimmen unserer Gewehre genau und werden uns leicht zusammenfinden.“

„Gut! Jedenfalls kehren wir dann nicht wieder nach hier zurück?“

„Nein. Die Unsrigen müssen nachkommen. Sie mögen noch während der Nacht mit den Gefangenen aufbrechen und es so einrichten, daß sie eine Stunde nach Anbruch des Tages zu uns stoßen. Dann werden die Mogollons schon von der Quelle aufgebrochen sein. Ich tränke jetzt mein Pferd, und dann reite ich fort.“

„So sag den Nijoras, daß sie auch die andern Pferde bringen mögen.“

Er entfernte sich südwärts, wohin wir unsere Pferde geschickt hatten, und diese wurden gebracht. Als er das seinige getränkt hatte, ritt er davon. Er war der beste Kundschafter, welchen ich den Mogollons nachsenden konnte.

Da wir nun so lange am tiefen Wasser lagern mußten, machten wir es uns daran so bequem wie möglich. Weniger bequem hatten es die Gefangenen, weil sie alle gefesselt waren. Auch Judith wurde gebunden, als sie aus ihrer Ohnmacht erwachte. Das besorgte der lange Dunker, welcher mit ihr nicht viel Federlesens machte. Er war so malitiös, sie neben ihren gefesselten Jonathan ins Gras zu legen. Als ich ihn darüber zur Rede setzte, fragte er mich:

„Meint Ihr etwa, daß uns das schaden könnte, Sir?“

„Ja. Läßt man solche Gefangene gern miteinander sprechen? Sie können doch einen Plan zur Flucht miteinander bereden oder sich über Ausreden und sonstige falsche Aussagen einigen.“

„Mögen sie! Wir brauchen ihre Aussagen nicht; wir haben ja Beweise genug. Seht Ihr denn nicht ein, weshalb ich sie zu einander gebracht habe?“

„Aus Bosheit, aus reiner Bosheit, Master Dunker. Oder nicht?“

„Nein, nicht aus Bosheit. Höchstens könnte man es eine kleine Schalkhaftigkeit nennen. Nach dem, was geschehen ist, nehme ich an, daß sie nicht sehr zärtlich miteinander sprechen werden. Ich möchte, daß sie einander ärgern. Seht doch einmal hin! Die Blicke, welche sie sich gegenseitig zuwerfen! Die giftigen Mienen, die sie ziehen! Well, ich muß hin zu ihnen, um einmal zuzuhören.“

Er näherte sich ihnen und setzte sich dann zu ihren Häupten nieder, sodaß sie ihn nicht sehen konnten. Das Gesicht, welches der alte Schabernack dann schnitt, sagte mir sehr deutlich, daß er sich über die Reden, welche sie sich zuwarfen, köstlich amüsierte. Ich aber legte mich in den Schatten unter die Bäume und schlief ein, denn es stand zu erwarten, daß die nächste Nacht mir nicht viel Schlaf bieten werde.

Man war so verständig, mich ungestört schlafen zu lassen. Als man mich endlich weckte, fühlte ich mich genugsam gestärkt, denn es war zwei Stunden vor Untergang der Sonne. Vielleicht hätte man mich gar noch länger schlafen lassen, wenn nicht jonathan Melton und die Jüdin eifrig nach mir verlangt hätten. Als ich zu ihnen kam, rief mir die letztere zornig zu:

„Herr, warum bringt man mich hier mit diesem Menschen zusammen? Dieser Mörder, dieser Halunke, welcher aus Furcht das viele Geld in das Wasser geworfen und mich darum betrogen hat, muß weg, muß fort von hier, wenn ich nicht aus lauter Wut ersticken soll.“

„Sonderbar! Gestern sprachen Sie noch ganz anders erst von ihm und dann auch mit ihm.“

„Was wissen Sie davon!“

„O, ich weiß alles.“

„Alles? Nichts, gar nichts wissen Sie! Wo bin ich denn gestern abend gewesen?“

Sie fragte das in höhnischem Tone; ich antwortete lächelnd.

„An der Quelle des Schlangenberges. Man hatte Ihnen hart an der Quelle eine Hütte gebaut. Vor derselben saßen Sie erst mit dem braven Yuma, welcher uns als Wirt so liebenswürdig behandelt hat. Ich weiß sogar, daß Sie von mir und von anderen gesprochen haben, was zu wiederholen ich keine Lust habe. Dann kam Ihr lieber Sennor Jonathan.“

„Der? – Woher?“

„Vom weißen Felsen. Er war mit den Mogollons ausgeritten, uns zu fangen; da er aber kein Geschick dazu hat, ist das Gegenteil erfolgt: wir haben ihn erwischt. Wollen Sie das, was ich jetzt erzähle, leugnen?“

„Ja. Sie raten nur; Sie schlagen auf den Busch.“

„Gar nicht. Sennor Jonathan hatte mit den Mogollons an der Quelle lagern wollen und Ihr Feuer gesehen, welches förmlich haushoch brannte. Da ließ er die Roten zurück und kam zunächst allein, um zu erkunden, wer an der Quelle lagerte. Sie werden nicht wieder in eine solche Lage kommen, sonst würde ich Sie darauf aufmerksam machen, daß es eine unverzeihliche Unvorsichtigkeit ist, so große Feuer lodern zu lassen. Man wird dadurch entdeckt. Sie erinnern sich jedenfalls, wie außerordentlich freundlich Sie ihn empfingen, als er kam.“

„Da – da – da haben Sie uns wohl belauscht?“ gestand sie endlich ein, wenn auch nur indirekterweise. „Wo steckten Sie denn?“

„Unter den Bäumen jenseits des Wassers, gerade Ihnen gegenüber. Ich hörte jedes Wort, welches gesprochen wurde, und nahm mir natürlich vor, Ihnen heute hier einen freundlichen guten Morgen zu sagen.“

Da bäumte sie sich halb empor und sandte mir einen wütenden Blick zu. Melton war erbost, daß Judith sich hatte übertölpeln lassen und machte ihr heftige Vorwürfe. Dann sagte er zu mir:

„Mir kommt kein Lauscher so weit zu nahe, daß er hören kann, was ich spreche.“

„Da irrt Ihr Euch sehr, Mister Melton. Ich könnte Euch das Gegenteil beweisen.“

„Thut es doch!“

„Habe keine Zeit dazu. Nur auf einen Fall will ich Euch aufmerksam machen. Damals auf dem Schiffe nach Tunis hat Winnetou in Eurer Gegenwart Euern Koffer geöffnet, um uns Eure heimlichen Papiere zu bringen, die wir in unserer Koje gelesen haben. Er hat Euch zu diesem Zwecke den Schlüssel aus der Tasche genommen, aus einem Kleidungsstücke, welches Ihr auf dem Leibe trugt.“

„Nicht möglich!“

„Nein, nicht möglich, sondern wirklich! Er hat die Papiere dann wieder in den Koffer gethan und Euch den Schlüssel in die Tasche gesteckt. Ist das nicht schwerer als bloßes Lauschen? Ich könnte Euch, wie gesagt, noch mehr erzählen, will es aber unterlassen. Ihr kennt uns noch lange nicht so, wie Ihr uns eigentlich kennen solltet.“

„O, ich kenne Euch mehr als genug. Ihr seid Teufel in Menschengestalt, die weder Gnade noch Erbarmen haben; es ist Euch bisher alles geglückt; aber werdet nur nicht etwa übermütig, denn Ihr werdet gewiß auch noch Euern Meister finden.“

„Etwa Euch?“

„Nein. Mit mir ist’s aus; das sehe ich jetzt ein.“

„Wirklich? Seht Ihr das ein?“ fragte ich.

Er sah allerdings ungemein niedergeschlagen aus, ganz so wie ein Mensch, welcher alle Hoffnung aufgegeben hat. War dies Wahrheit oder Täuschung? Wollte er mich vielleicht nur sicher machen?

„Ja.“ antwortete er. „Ich weiß, daß mein Spiel nun zu Ende ist. Ich bin Euch einigemal glücklich entgangen, immer je später desto schwerer. Aus dem Pueblo da unten entkam ich nur mit Mühe und Not, und ich sagte mir, daß ich verloren sei, wenn es Euch gelingen sollte, mich noch einmal zu ergreifen. Das ist jetzt geschehen.“

„Warum könnt Ihr nicht auch diesmal entkommen? Es ist alles möglich!“

„Nun nicht mehr! Ich sehe den langen Dunker bei Euch. Er ist uns entflohen und zu Euch gekommen. Er wird Euch gesagt haben, wen die Mogollons mit ihm gefangen genommen haben. Nicht?“

„Allerdings.“

„Auch daß die Mogollons gegen die Nijoras ziehen wollen?“

„Ja. Und wir haben diese gewarnt.“

„Den Erfolg sehen wir schon jetzt hier vor uns. Ihr habt hundert Nijoras bei Euch. Ihr werdet die Mogollons überfallen und die Sängerin und auch den Advokaten befreien?“

„Natürlich!“

„Wie könnt Ihr da von der Möglichkeit sprechen, daß ich Euch entkommen kann! Ich weiß, daß ich nichts mehr zu hoffen habe.“

„Memme!“ zischte sie ihn an.

„Schweig!“ gebot er ihr. „Du bist mir zum Unglück in den Weg gelaufen! Hätte ich dich nicht kennen gelernt, so stände es jetzt anders um mich! Nun bin ich verloren! Aber einen Trost habe ich, einen Trost und eine Freude. Ich habe meiner Beute entsagen müssen; aber es giebt keinen Menschen, dem sie in die Hände fallen wird.“

„Irrt Ihr Euch nicht?“ fragte ich.

„Irren? Pshaw! Habt Ihr nicht gesehen, daß ich die Millionen in den See geworfen habe!“

„Wären sie nicht herauszuholen?“

„Aus diesem Wasser, dessen Grund noch kein Mensch gefunden hat?“

„Unsinn! jedes Wasser hat einen Grund.“

„So taucht doch einmal da hinab! Ich weiß nicht, wie tief der Mensch zu tauchen vermag; aber wenn Ihr wirklich bis hinunter kämt, wenn Ihr auch so oft tauchen könntet, bis Ihr die Tasche findet, dann sind die Papiere verdorben, sie sind wertlos geworden.“

„Das glaube ich nicht.“

„Nicht? Ihr denkt, das Wasser kann nicht in die Tasche dringen?“

„Es dringt hinein, nicht nur in die Tragtasche, sondern auch in die Brieftasche, welche in der ersteren steckt und in der sich die Papiere befinden.“

„Brieft – Briefta – Brieftasche? Was wißt Ihr von einer Brieftasche?“ fragte er betroffen.

„Ich habe Euch schon gesagt, daß ich alles weiß. Ich habe alles erfahren, obgleich Ihr sagtet, es sei unmöglich, Euch zu belauschen. Master Melton, Ihr seid ein unvorsichtiger, ein außerordentlich unvorsichtiger Mensch! ihr wußtet nicht, was Ihr in Eurer Tasche hattet oder vielmehr, Ihr wußtet nicht, was Ihr nicht in der Tasche hattet.“

„Ich verstehe Euch nicht.“

Ach kenne jeden einzelnen Cent, den ich einstecken habe. Ihr hattet Millionen bei Euch und habt Euch nicht so um dieses Geld bekümmert, wie ich mich um meine wenigen Dollars und Cents bekümmere.“

„Wo wollt Ihr mit diesen Worten hinaus?“

„Befand sich das geraubte Geld wirklich in der schwarzen Ledertasche, welche Ihr umhängen hattet?“

„Ja. Ich kann es jetzt getrost sagen, denn es ist nun weg, und niemand wird es bekommen.“

„Das ist nicht wahr! Das Geld liegt nicht da unten im See.“

„Wo denn?“

„Hier in meiner Tasche.“

Ich klopfte bei diesen Worten auf die Brust.

„Oho! Laßt Euch nicht auslachen! Ihr wollt mich ärgern; denkt aber ja nicht, daß Euch das gelingen wird!“

Es wird mir gelingen. Ich habe das Geld!“

„So zeigt es doch einmal her!“

„Gut! Kennt Ihr dieses Portefeuille?“

Ich zog die Brieftasche hervor und hielt sie ihm nahe. Als sein Auge auf dieselbe fiel, rief er aus:

Alle Wetter! Das ist – das ist – ja, das ist meine –“

„Eure Brieftasche,“ ergänzte ich seine Rede.

„Nein, nein! Das kann nicht sein; das darf nicht sein!“ schrie er auf. „Es ist eine Brieftasche, welche der meinigen ähnlich sieht. Ich lasse mich nicht täuschen!“

„Ich will es Euch beweisen, daß ich die Wahrheit rede.“

Ich öffnete die Brieftasche und zeigte ihm den Inhalt jedes einzelnen Faches. Er sah, daß es wirklich die Millionentasche war. Man hatte ihn an Händen und Füßen gebunden; dennoch fuhr er mit einem einzigen Rucke auf, fiel aber sofort wieder nieder. Dabei schrie er wie ein Wahnsinniger:

„Sie ist’s, sie ist’s! Es ist meine Tasche! Es sind meine Millionen! 0 du Teufel, du tausendfacher Teufel! Wie ist das Geld in deine Hände gekommen?“

Ich konnte ihm nicht antworten, wenn ich auch gewollt hätte, denn die Jüdin stimmte in sein Geschrei ein. Das viele Geld gerettet und in meinen Händen zu sehen, schien die beiden dem Wahnsinne nahe zu bringen. Sie schrieen nicht mehr; sie brüllten förmlich; sie wälzten sich zu mir her, faßten mich mit den Fingern ihrer gefesselten Hände bei den Füßen. Das Weib kreischte:

„Heraus mit dem Gelde, heraus! Gieb es her, du Dieb, du Räuber, du Gauner, gieb es heraus!“

Es war ein widerlicher Anblick. Sie gebärdeten sich nicht wie Menschen. Ich stieß sie mit den Füßen von mir; sie rollten sich aber immer wieder heran, und ich war gezwungen, sie so binden zu lassen, daß sie sich nicht von der Stelle bewegen konnten. Sie sträubten sich wie Irrsinnige dagegen. Das Gesicht Meltons war gar nicht zu beschreiben. Seine Augen traten weit hervor und waren mit Blut unterlaufen; er schrie und brüllte nicht mehr, sondern er heulte geradezu wie ein wildes Tier. Ich mochte es nicht länger ansehen und ging fort, um mein Pferd für den Ritt, den ich vorhatte, fertig zu machen. Doch als ich in den Sattel stieg und er dies sah, rief er mir zu, noch einmal zu ihm zu kommen.

Ich that es. Er sah mit dem Ausdrucke des grimmigsten Hasses zu mir auf und fragte, indem er sich zu einem ruhigen Tone zwang:

„Sir, wo habt Ihr die Tasche her? Wann ist sie in Eure Hand gekommen?“

„In der Nacht vor Eurem Aufbruche vom weißen Felsen.“

„Durch wen?“

„Durch mich selbst.“

„Das ist nicht wahr!“

„Pah! Während Ihr alle um den Häuptling saßet, um den Zug gegen die Nijoras zu beraten, hörte ich Euch zu.“

„Das ist unmöglich! Wie wäret Ihr mitten in das Lager gekommen? Wie hättet Ihr zuhören können, ohne bemerkt zu werden?“

„Es ist eben sehr dumm von Euch, zu glauben, daß ich Euch nicht belauschen kann. Ich habe sogar mit der Sängerin gesprochen.“

„Das wäre nur dann möglich, wenn Ihr Euch unsichtbar machen könntet!“

„Laßt Euch nicht auslachen! Ich steckte im Wasser. Ich bin den Fluß hinabgeschwommen, bis ich mich in der Mitte des Lagers befand. Ein guter Westmann weiß, wie er so etwas anzufangen hat. Eure Unvorsichtigkeit kam mir dabei zu statten.“

„Aber Ihr müßt doch in meinem Zelte gewesen sein!“

„Natürlich habe ich Eure Tasche genau untersucht und das Portefeuille herausgenommen.“

„O Teufel, Teufel! Könnte ich, wie ich wollte, ich zerrisse Euch in tausend Stücke!“

Er zerrte bei diesen Worten mit Gewalt an seinen Fesseln.

„Bemüht Euch nicht, Master! Die Riemen halten fest. Übrigens erkennt Ihr nun wohl, daß unsereiner nicht auf den Kopf gefallen ist. Hätte ich mich nicht in das Lager der MogolIons geschlichen und mir das Geld geholt, so – –“

„So läge es jetzt unten im See!“ unterbrach er mich wütend.

„O nein, das wollte ich nicht sagen. In diesem Falle wäre es Euch wahrlich nicht gelungen, die Tasche in das Wasser zu werfen. Ich stand ja ganz in der Nähe, als ihr das thatet. Hätte ich das Geld noch nicht gehabt, so wäre ich augenblicklich hinzugesprungen, um Euch daran zu verhindern. So aber konnte ich mit heimlichem Vergnügen der vermutlichen Vernichtung der Millionen zusehen. Ihr sagtet vorhin, daß niemand sie bekommen werde; es bekommt sie doch jemand, und das sind die rechtlichen Erben.“

„Der Satan vernichte Euch! Ich war des Portefeuilles so sicher, daß ich in den letzten Tagen gar nicht nach demselben gesehen habe. Sind – sind – sind außer dem Gelde auch noch andere Gegenstände drin?“

„Ja, Briefe, wie es scheint.“

„Habt Ihr sie schon gelesen?“

„Nein, sie gehören den Erben; diese sollen sie zuerst lesen.“

„Tod und Verdammnis! Sir, hört, was ich Euch sage! Das Geld ist noch da, und ich bin auch noch da! Denkt ja nicht, daß ihr es so sicher habt! Nun ich die Brieftasche gesehen habe, gebe ich das Spiel noch nicht auf. Es handelt sich um Millionen, versteht Ihr, um Millionen, und darum werde ich kämpfen, bis zum letzten Atemzuge!“

„So kämpft, Mister Melton, kämpft mit wem Ihr wollt! Zunächst wird Euch das nicht sehr leicht werden, und wir werden dafür sorgen, daß Ihr Euer Heldentum nicht weiter mehr entwickeln könnt. Ihr habt recht- es handelt sich um Millionen; die habe ich endlich in meinen Händen, und auch Euch habe ich erwischt; ich gebe Euch mein Wort, daß ich weder das Geld noch Euch wieder loslassen werde!“

Ich ritt zu Emery und Dunker und schärfte ihnen die größte Aufmerksamkeit auf die Gefangenen ein.

„Habt keine Sorge, Sir,“ sagte der letztere. „Ich selbst werde die ganze Nacht mit dem Messer in der Hand bei ihnen wachen.“

„Darauf verlasse ich mich. Melton hat mir soeben gesagt, daß er alles daran setzen will, das Geld wieder zu bekommen; dabei ist natürlich die Flucht vorausgesetzt. Ich muß leider jetzt fort, denke aber, daß ich ihn in sichern Händen zurücklasse.“

„Sir, nur der Tod kann ihn uns nehmen. Ihr könnt ruhig gehen.“

Da Emery mir dieselbe Versicherung gab, brauchte ich wirklich keine Sorge zu haben. Ich rief noch den Unterhäuptling herbei, um ihm die Zeit des Aufbruches anzudeuten, und ritt dann von dem Orte fort, der dem falschen Erben so verhängnisvoll geworden war.

Wenn ich zu der von Winnetou bestimmten Zeit an das Stelldichein gelangen wollte, so mußte ich mich sputen. Doch hatte ich ein gutes und jetzt ausgeruhtes Pferd und kannte, wenn auch nicht den Weg, so doch die Richtung genau, in der ich den Apatschen zu suchen hatte. Bemerken muß ich noch, daß ich einen Nijora mitgenommen hatte, welcher auch gut beritten war; er sollte mir als Bote dienen, um seinem Häuptlinge zu melden, wie wir die Mogollons treffen würden. – – –

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Im Pueblo

Im Pueblo

Es wäre unnütz und auch Zeitverschwendung gewesen, wenn wir jetzt noch den Spuren Thomas Meltons hätten folgen wollen. Es stand fest, daß er sich jetzt auf dem kürzesten Wege zu seinem Sohne befand, darum wendeten wir uns südwestlich, um den Umweg, welchen wir gestern hatten machen müssen, einzuholen. Diese Richtung führte uns zwischen der Sierra Madre und den Zunibergen hindurch.

Sonderbar! Als wir die Berge hinter uns hatten, gab es sofort eine ganz andere Witterung als bisher. Der ewig heitere Himmel umzog sich täglich einigemale mit schweren, dunklen Wolken, und sandte einen heftigen Gewitterregen herab, um sich schnell wieder aufzuklären. Wir befanden uns im Quellgebiete des kleinen Colorado, in welcher Gegend um diese Jahreszeit solche heftige Regen mit heiterem Himmel täglich wiederholt abwechseln. Dies war uns in einer Beziehung lieb, in der andern aber nicht. Die Feuchtigkeit lockte ein lebhaftes Grün hervor; es gab überall Wasser und genug Futter für die Pferde; aber unsere Kleider wurden Tag und Nacht nicht trocken, und ein solcher Zustand konnte so plötzlich nach der großen Hitze, welche wir hinter uns hatten, für unsere Gesundheit gefährlich werden. Wir waren, Vogel natürlich ausgenommen, gewohnt, bei größter Hitze oder Kälte im Freien zu kampieren; jetzt aber wäre uns ein trockenes Obdach des Abends recht willkommen gewesen.

Gegen Abend des dritten Tages nach dem Tode Harry Meltons erklärte uns Winnetou, daß wir morgen in der Nähe des Flujo blanco ankommen würden. Es regnete heftig; das war kein Regen mehr, sondern ein herabstürzender See, welcher einen beinahe vorn Pferde herunterschlug. Es that mir nur leid um den armen Franz Vogel, welcher so etwas nicht gewohnt war und die Unbilden dieses Wetters doch mit möglichster Ergebung zu tragen versuchte.

Wir befanden uns in einer Gegend, in der es hier und da ganze Gruppen von Bäumen und Sträuchern gab, was auf Quellen und Wasserläufe schließen ließ. Südlich von uns lag die Sierra Blanca, welche wir freilich in dem Regen nicht sehen konnten.

Dann waren die Wolken wie weggeblasen, und der blaue Himmel lachte über uns, aber freilich auf wie lange! jetzt hatten wir wieder freie Aussicht. Droben auf der Sierra schien es fortzuregnen; je weiter herunter aber, desto klarer und durchsichtiger war die Luft. Hatte man noch vor nur fünf Minuten keine zehn Schritte weit durch den Regen zu sehen vermocht, so konnte man jetzt – ah, sogar den Mann sehen, welcher da oben auf der Höhe stand, auf welche wir zuritten. Da oben war es kahl; es gab keinen Baum. Der Mann mußte schon im Regen da oben gestanden haben und demselben ganz schutzlos preisgegeben gewesen sein. Jetzt bewegte er sich. Er kam herabgestiegen und erreichte den Fuß des Berges gerade, als wir dort vorüber wollten. Er war ein Indianer in den mittleren Jahren, halb in Leder, halb in Callico gekleidet und machte in der Freundlichkeit, mit welcher er uns grüßte, einen gar nicht üblen Eindruck. Waffen hatte er nicht bei sich. Er betrachtete uns mit neugierigen Blicken und schien gar zu gern mit uns sprechen zu wollen. Darum fragte ich ihn:

„Zu welchem Stamme gehört mein roter Bruder?“

„Ich bin ein Zuni,“ antwortete er. „Woher kommt mein weißer Bruder?“

„Von Acoma herüber.“

„Und wo will er hin?“

„An den Colorado und dann noch weiter. Ist mein Bruder in der Gegend bekannt?“

„Ja. Ich wohne hier in der Nähe mit meinem Weibe.“

„Giebt es vielleicht einen Ort, an welchem man die Nacht lagern kann, ohne vom Regen weggespült zu werden?“

„Es giebt einen, und wenn es meinen Brüdern recht ist, will ich sie in das Haus, in welchem ich wohne, führen.“

„Ah, es giebt hier ein Haus?“

„Ja. Meine Brüder mögen kommen und es sich ansehen. Wenn es ihnen gefällt, können sie bei mir bleiben. Kein Regen dringt durch die Decke, und das Feuer brennt während der ganzen Nacht.“

Er schritt uns voran, und wir folgten ihm.

„Ein Zuni? Was sind das für Leute?“ fragte mich Emery. „Bist du schon einmal mit einem oder mehreren von ihnen zusammengekommen?“

„Ja. Die Zuni sind die zahlreichsten unter allen Puebloindianern, und haben früher gar keine unbedeutende Rolle gespielt. Sie sind friedliebend und gelten für begabter, als die andern Pueblos.“

„Der Mann sieht nicht verdächtig aus. Ich bin neugierig, was das für ein Bauwerk ist, welches er als sein Haus bezeichnet. Es wäre gar nicht übel, wenn wir eine Nacht unter Dach und Fach zubringen und dabei unsere Kleider einmal trocknen könnten.“

Der Zuni führte uns über eine große Grasfläche, durch welche sich ein schmaler Bach schlängelte. Am Ende derselben stand das „Haus“, ein großer Mauerwürfel, in welchem es nur eine einzige Öffnung gab, durch die man in das Innere gelangen konnte. Die Mauern bestanden aus Lehm, aus weiter nichts, das Dach aus Schilf, welches außen und innen auch mit Lehm beworfen war. Die vier Wände umschlossen einen einzigen Raum, welcher allen Zwecken zu dienen schien. In einem Winkel lagen verschiedene Früchte als Erträgnisse der Bodenarbeit des Indianers. In der andern Ecke befand sich eine Lagerstätte, welche aus Laub und Fellen bestand. In der Mitte der Hinterwand, der Thür gegenüber, stand ein Herd, eine einfache Erhöhung des Fußbodens, welcher auch aus Lehm bestand. Daneben lag Vorrat von Holz, das zum Gebrauche zugerichtet war. Die Thüröffnung konnte mit Hilfe einiger Felle verhangen werden. Das Interessanteste für uns waren große Stücke geräucherten Wildpretes, welche an der Decke hingen. Der Zuniindianer war wahrscheinlich ein großer Jäger vor dem Herrn.

Als wir in das Haus traten, erhob sich von dem Lager eine Frau, welche uns neugierig anschaute und sich dann entfernte, ohne sich zunächst wieder sehen zu lassen.

„Dies ist mein Haus,“ sagte der Indianer. „Wenn es meinen Brüdern gefällt, mögen sie bleiben, solange es ihnen beliebt.“

Ein Blick Winnetous belehrte mich, daß er nichts dagegen habe, hier zu bleiben; darum antwortete ich dem Zuni:

„Wenn uns mein Bruder ein Feuer anbrennen lassen will, damit wir unsere Kleider trocknen können, werden wir bei ihm bleiben.“

„Das Feuer wird sofort brennen.“

Er kauerte sich an den Herd nieder, um anzuzünden, was mich einigermaßen wunderte, weil er doch eine Frau besaß, welche diese Arbeit übernehmen konnte. Gewöhnlich ist ein Indianer zu stolz für solche Beschäftigungen.

Für die Pferde gab es draußen einen eingepfählten Raum, in welchen wir sie trieben, nachdem wir ihnen die Sättel abgenommen hatten; die letzteren sollten uns als Kopfkissen dienen. Während der Zuni Feuer machte, erkundigte ich mich bei ihm:

„Wie lange wohnt mein Bruder schon in dieser Gegend?“

„So lange ich lebe,“ antwortete er.

„So kennt er auch das Wasser, welches Flujo blanco genannt wird?“

„Ja, es ist nicht weit von hier.“

„Ob dort wohl Menschen wohnen?“

Diese Frage hatte für uns die größte Wichtigkeit, und ich war neugierig, was und wie er darauf antworten würde. Er entgegnete ganz unbefangen.

„Ja, es giebt dort rote und weiße Menschen.“

„Seit wann?“

„Seit mehreren Jahren.“

„Befindet sich etwa ein Pueblo dort?“

„Ja, ein Pueblo, welches seit undenklichen Zeiten den Zunis gehörte. Da kamen einst mehrere Indianer aus Mexiko, aus der Sonora herüber, als die Gegend noch zu Mexiko gehörte; sie fanden Gold an dem Wasser und kauften den Zunis das Pueblo ab. Die Bezahlung bestand in Waffen, welche sie später brachten. Seitdem gehörte das Pueblo einem Häuptling der Yumaindianer. Vor einigen Jahren kam der Enkel desselben an das Wasser. Er brachte eine sehr schöne weiße Squaw und mehrere Krieger und deren Frauen und Kinder mit. Sie wohnten in dem Pueblo. Der Häuptling ging mit seiner Frau oft fort, nach der großen Stadt, welche Frisko heißt, und kam nur selten einmal zurück. Dann starb er, und ich sah seine weiße Squaw eine lange Zeit nicht mehr. Seit einigen Tagen aber ist sie wieder dort mit einem weißen Mann.“

„Kamen sie geritten?“

„Gefahren. Sie saßen in einer alten Postkutsche. Ein Kutscher war dabei und ein Führer aus Albuquerque, welcher auf seinem Pferde nebenher ritt. Gestern in der Nacht kam noch ein Weißer. Ich habe gehört, daß er der Vater des Weißen ist, den die Squaw mitgebracht hat.“

„Von wem erfuhrst du das?“

„Von ihm selbst.“

„Wann?“

„Als er bei mir einkehrte.“

„Hm! Er kam mitten in der Nacht und ist bei dir eingekehrt? Das ist doch seltsam! Wer dein Haus des Nachts findet, muß es genau kennen. Ist er denn schon früher bei dir gewesen?“

„Nein. Aber mein Feuer brannte, und ich hatte die Thür offen; da leuchtete es weit in die Gegend hinaus; er sah es und kam herbei, um mich nach dem Pueblo zu fragen. Er wartete bei mir, und als es Tag geworden war, habe ich ihn hingeführt.“

„Wie weit ist es bis dorthin?“

„Wer schnell reitet, der kommt in zwei Stunden hin.“

„So bist du also befreundet mit den Weißen und Roten, die dort wohnen?“

„Ja.“

„Hat man dir denn nicht gesagt, daß wir kommen würden?“

„Nein. Ihr wollt auch hin?“

„Ja. Würdest du uns den Weg zeigen, wenn es morgen früh hell geworden ist?“

„Gern.“

„Ist er schwierig zu finden?“

„Wer den Ort nicht genau kennt, der reitet am Eingange zum Pueblo vorüber, ohne etwas zu bemerken. Der Flujo fließt durch ein Thal, welches dort von sehr steilen und sehr hohen Felsenwänden eingeschlossen ist. Auf der linken Seite des Flusses sind die Felsen ein klein wenig auseinandergetreten, und dadurch wurde ein enger Gang gebildet, welcher nach dem Pueblo führt.“

„Wir möchten die Bewohner desselben überraschen. Sie wissen zwar, daß wir kommen, aber nicht wann. Könntest du uns hinbringen, ohne daß wir unterwegs bemerkt werden?“

„Sehr leicht. Ich werde euch so leiten, daß kein Mensch euch sehen kann.“

„Ist das Pueblo groß?“

„Nein, aber außerordentlich fest und sicher. Kein Feind könnte es ersteigen, wenn die Bewohner sich verteidigen. Wenn man von dem Flusse aus durch den engen Weg geht, gelangt man in ein weites, rundes Loch, welches rings von Felsen umgeben ist, die so steil sind, daß kein Mensch hinangelangen kann. Der Boden des Loches ist grün; es stehen da viele Bäume, Sträucher und andere Pflanzen. Da können die Pferde weiden, und da bauen die Yumaindianer ihre Kürbisse, Zwiebeln und andere Früchte, welche sie brauchen. Ganz vorn, gerade da, wo der Weg in das Loch mündet, ist das Pueblo an dem Felsen emporgebaut. Es ist schmal, aber sehr hoch, obgleich es nicht ganz bis zur Zinne der Felsen reicht. Da wohnte die weiße Squaw mit ihrem Yumahäuptlinge, und da wohnt sie jetzt wieder mit dem Weißen und seinem Vater.“

Das erzählte der Mann in aller Aufrichtigkeit. Es war klar, daß er uns nicht für Feinde der Bewohner des Pueblo hielt, sonst hätte er sich wohl gehütet, so offen mit uns zu sein. Am wenigsten aber hätte er uns die Örtlichkeit so genau beschrieben. Es war also meines Erachtens nach kein Grund vorhanden, Mißtrauen gegen ihn zu heben, und Winnetou war auch meiner Ansicht; das ersah ich aus seiner Miene, ohne daß ich ihn zu fragen und er es mir besonders zu sagen brauchte.

Und dennoch war ich von diesem Zuniindianer nicht vollständig befriedigt. Ich vermochte mir freilich nicht gleich zu sagen, warum; aber als ich länger darüber nachdachte und ihn weiter beobachtete, kam ich auf den Grund des Argwohnes, der trotz alledem in mir lag. Es war die große Freundlichkeit, welche er gegen uns zeigte. Der Indianer ist in jeder Beziehung zurückhaltend; ganz besonders aber zeigt er sich gegen Fremde erst dann wohlwollend, wenn er sie näher kennen gelernt hat. Von dem Zuni aber wurden wir wie alte, liebe Bekannte behandelt, und er war von einer geradezu erstaunlichen Aufrichtigkeit gegen uns. Er hatte mit der Jüdin und den Meltons gesprochen; sollten ihm diese denn wirklich nicht gesagt haben, daß von ihrem Hiersein möglichst niemand etwas erfahren solle?

Dazu kam noch ein Zweites. Sein Weib hatte das Haus verlassen und war nicht wiedergekommen. Draußen donnerte und blitzte es wieder, und der Regen strömte abermals, wie aus Schüsseln gegossen, herab. Was that die Frau in diesem Wetter draußen? Die Ursache, die sie im Freien hielt, mußte eine sehr wichtige sein, besonders da ihr Mann Arbeiten verrichtete, die sonst der Squaw obzuliegen pflegen.

Zu diesen Arbeiten gehörte auch die Speisung seiner Gäste. Er spendete uns aus seinem Vorrate ein geräuchertes Wildviertel, welches er für uns zerlegte, ohne aber mitzuessen. Als wir ihn dazu aufforderten, erklärte er, kurz vorher gegessen zu haben.

Das glaubte ich ihm nicht. Er hatte da oben auf dem Berge gestanden, im strömenden Regen, wie ein Wächter, der seinen Posten nicht verlassen darf. Als er uns gesehen hatte, war er heruntergekommen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto auffälliger kam mir dieser Umstand vor. Es war ja beinahe so, als ob er von da oben aus nach uns ausgeschaut hätte! Kurz und gut, ich nahm mir vor, vorsichtig zu sein. Ich trug infolgedessen die Gewehre, welche wir abgelegt hatten, in den einen Winkel und legte auch die Sättel da nieder. Als Winnetou dies sah, zog er seine Brauen ein ganz klein wenig empor. Das war nach seiner Weise gerade Soviel, als ob er zu mir gesagt hätte: „Warum das? Hegst du etwa Verdacht? Nun, da wollen wir uns freilich vorsehen.“

Der Zuni hatte auch Waffen, nämlich eine Flinte, welche aber nicht viel zu taugen schien, und einen Bogen mit Köcher und Pfeilen. Diese Gegenstände hingen an einem Pflocke, welcher in die Wand geschlagen war. Während wir aßen, hockte er nach Indianerart in unserer Nähe und schien sich darüber zu freuen, daß es uns so vortrefflich schmeckte. Wir fragten ihn nach dem Wildreichtum der Gegend, und da klagte er über die Gilenno-Apatschen, welche oft herüberkämen und dann alles Wild vertilgten.

„Diese Hunde haben hier nichts zu suchen!“ sagte er. „Warum bleiben sie nicht drüben auf dem Gebiete, welches ihnen niemand streitig macht! Ich hasse überhaupt alle Apatschen.“

„Alle! Warum? Man hat doch nie gehört, daß die Zunis Krieg gegen sie geführt haben!“

„Weil wir zu schwach gegen sie sind. Sie nehmen uns weg, was uns gehört, ohne daß wir uns wehren können. Sie sind alle Diebe und Räuber, welche man von der Erde vertilgen sollte!“

„Alle? Es giebt viele wackere und berühmte Männer unter ihnen!“

„Das glaube ich nicht. Mein Bruder mag mir doch einmal einen nennen!“

„Nun zum Beispiel Winnetou!“

„Schweig auch von diesem! Wenn ich euch morgen nach dem Pueblo bringe, werdet ihr von den dortigen Yumaindianern hören, was für ein räudiger Schakal er ist.“

„Ist er denn jemals ein Feind der Yumas gewesen?“

„Stets! Einmal aber hat er sie in so große Verluste gebracht, daß sie es ihm nie vergessen werden. Wehe ihm, wenn er einmal in ihre Hände fiele!“

„Große Verluste? Wie ist das gewesen?“

„Sie hatten eine Hazienda überfallen und kostbaren Raub davongetragen; um diesen hat er sie gebracht. Und dann standen ihre Krieger bei einem alten Bergwerke, in welchem fremde Bleichgesichter arbeiten sollten. An dem Ertrage hatten auch die Yumas teil; Winnetou aber hat sie auch darum betrogen.“

„Wie ist das möglich? Er ist doch ein einzelner Mann. Wie kann er einem ganzen Stamme solchen Schaden zufügen?“

„Er war nicht allein, sondern es befand sich ein zweiter bei ihm, welcher noch viel, viel schlimmer ist als der Häuptling der Apatschen, ein Bleichgesicht, Old Shatterhand geheißen.“

„Hm, der Westmann! Da besinne ich mich. Wenn ich mich nicht irre, habe ich von dieser Angelegenheit gehört. War es nicht die Hazienda del Arroyo, und das Bergwerk hieß Almaden alto, um welche es sich damals handelte?“

„Ja.“

„Hatten denn die Yumas Ursache, die Hazienda zu überfallen, auszurauben und in Brand zu stecken?“

„Das – das weiß ich nicht,“ antwortete er verlegen.

„Es ist nur die Raublust gewesen; ich weiß es gewiß. Und bei dem Bergwerke handelte es sich um ein noch größeres Verbrechen.“

„Das ist nicht wahr!“

„Doch! Man hatte eine große Anzahl von Bleichgesichtern ins Land gelockt und sperrte sie in das Quecksilberbergwerk ein. In demselben sollten sie als Gefangene ohne Lohn arbeiten, bis ein qualvoller Tod sie von ihren Leiden erlöste.“

„Was ging das Winnetou und Old Shatterhand an?“

„Die armen Menschen waren Landsleute von Old Shatterhand; darum errettete er sie.“

„Und trat dabei als Feind der Yumas auf! Wunderst du dich nun noch darüber, daß sie ihn und Winnetou hassen?“

„Ja, denn wenn ich mich recht erinnere, haben die beiden Männer dann Frieden mit den Yumas geschlossen.“

„Der gilt nichts mehr. Ich sage nochmals, wehe ihnen, wenn sie den Yumas einmal in die Hände fallen sollten!&

Der Zuni sprach jetzt, ganz entgegengesetzt von seiner vorherigen Freundlichkeit, mit einer Erbitterung, welche mir unerklärlich war. Darum sagte ich:

„Du scheinst ein sehr guter Freund der Yumas zu sein, denn du sprichst gerade so zornig, als ob du selbst einer wärst.“

Ach bin ihr Freund, und ihre Feinde sind auch die meinigen!“ gestand er ein.

„Du scheinst aber von ihnen falsch unterrichtet worden zu sein. Winnetou und Old Shatterhand haben damals sehr mild gegen die Yumas gehandelt; sie haben die Roten mehreremale besiegt und ganz in ihrer Gewalt gehabt, sind aber trotzdem ungemein nachsichtig mit ihnen verfahren. Schweigen wir von der Sache!“

„Ja, schweigen wir, denn wenn ich daran denke, möchte ich den Apatschen und seinen weißen Freund nicht anders, als am Marterpfahle sehen!“

Er wendete sich von uns ab, lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und starrte düster in das Feuer. Seine Freundlichkeit war zu Ende. Winnetou warf mir einen bezeichnenden Blick zu.

Hätte der Zuni gewußt, daß wir die beiden waren, die er so gern an dem Marterpfahle sehen wollte! Eigentlich war es auffällig, daß er nicht auf diesen Gedanken kam. Er mußte es doch dem Apatschen ansehen, daß er ein Indianer war. Warum fragte er ihn nicht, zu welchem Stamme er gehörte? Winnetou wäre viel zu stolz gewesen, seinen Namen zu verleugnen. Und dann die Silberbüchse und mein Henrystutzen! jedermann kannte die beiden Gewehre, wenn auch nur vom Hörensagen. Dort lehnten sie in der Ecke, und der Schein des Feuers fiel hell auf sie. Wenn der Zuni nur einen Blick hinwarf, mußte er wissen oder wenigstens ahnen, wen er vor sich hatte. Der Mann wurde mir immer unbehaglicher.

Da endlich kam seine Frau wieder. Sie war so durchnäßt, daß ihre Kleider sich eng an ihren Körper legten. Ohne einen Blick auf uns zu werfen, ging sie an uns vorüber und nach dem Lager, auf welchem sie bei unserer Ankunft gesessen hatte; dort setzte sie sich wieder hin. Sie war nicht häßlich, hatte aber ein unstätes, verschüchtertes Wesen und schien mehr die Sklavin ihres Mannes zu sein.

„Wo mag sich das arme Weib in solchem Wetter herumgetrieben haben!“ meinte Emery in deutscher Sprache, da es möglich war, daß der Zuni ein wenig englisch verstand. „Welchen Grund kann es geben, jetzt da hinaus zu gehen und stundenlang draußen zu bleiben!“

„Einen sehr triftigen,“ antwortete ich. „Wie weit, sagte vorhin der Zuni, daß es nach dem Flujo blanco sei?“

„Zwei Stunden zu reiten.“

„Und wie lange ist die Frau ungefähr abwesend gewesen?“

„Gewiß über vier Stunden, und – ah, meinst du etwa, daß sie bei den Meltons gewesen ist?“

„Ich halte es für sehr möglich, um unsere Ankunft zu melden.“

„Deinen Scharfsinn sonst in allen Ehren, Charley, diesmal aber verrechnest du dich!“

„Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Ich möchte behaupten, daß der Zuni uns sofort erkannt hat, als er uns kommen sah, und daß seine Freundlichkeit nur Maske war.“

„Das wäre! Wenn du recht hättest, könnte es für uns unangenehm werden! Wir sollen hier abgefangen werden?“

„Wahrscheinlich.“

„Dann müssen wir augenblicklich fort!“

„Nein, wir bleiben!“

„Mensch, willst du dich hier ergreifen lassen?“

„Nein.“

„Aber dies wird ganz gewiß geschehen, wenn du wartest, bis sie kommen!“

„Zu warten brauchen wir nicht, denn sie sind, wenn ich mich nicht überhaupt irre, jedenfalls schon da.“

„Meinst du?“

„Ja. Sie sind wahrscheinlich gleich mit der Frau gekommen.“

„Und stehen draußen?“

„Ja.“

„Wetter! Und wir sitzen hier bei offener Thür am hellen Feuer! Einige Schüsse, und man ist mit uns fertig!“

„Keine Sorge! Die Meltons wollen uns lebendig haben, und werden uns darum nicht bekommen!“

Um für den Notfall gleich einige Kugeln versenden ZU können, ging ich nach der Ecke und holte meinen Stutzen. Bei dieser Gelegenheit trat ich auch an die Thür und zog die Felle so vor, daß nur ein schmaler Streifen offen blieb, durch welchen der Rauch abziehen konnte. Nun war es unmöglich, uns von draußen am Feuer sitzen zu sehen. Damit war aber der Zuni nicht zufrieden.

„Warum verschließest du die Thür?“ fragte er mich. „Willst du, daß wir hier ersticken?“

„Der Rauch zieht auch jetzt noch ab; kein Mensch erstickt, antwortete ich.

„Aber die Thür muß offen sein!“

Er stand auf.

„Ich bitte dich, sie zuzulassen, weil man uns von draußen sehen kann.“

„Wer soll draußen sein!“

„Vielleicht weißt du es.“

„Es ist niemand da, und die Thür wird wieder geöffnet!“

Er wollte hingehen, um die Felle zu entfernen. Diese Hartnäckigkeit ließ meine Vermutung als Gewißheit erscheinen.

„Bleib stehen, sonst schieße ich!“ rief ich ihm zu, indem ich den Stutzen auf ihn anlegte.

Er drehte sich herum zu mir und erschrak, als er das Gewehr auf sich gerichtet sah.

„Du willst auf mich schießen?“ rief er aus.

„Ja, wenn du dich nicht sofort hin zu deiner Squaw setzest.“

„Warum dorthin?“

„Frage nicht, sondern gehorche!“

„Das Haus gehört mir und nicht euch!“

„In diesem Augenblicke ist es unser. Es kommt ganz auf dich an, ob es dir wieder gehören wird.“

„Ihr seid meine Gäste; ich habe euch zu mir gebracht. Behandelt man seinen Wirt in dieser Weise?“

„Ja, weil er uns nur eingeladen hat, um uns zu verderben. Also setze dich augenblicklich, wenn du nicht eine Kugel haben willst!“

Er that, als ob er gehorchen wolle, und näherte sich dabei der Stelle, an welcher seine Flinte hing. Ich stand schnell auf, stellte mich vor dieselbe, deutete nach dem Lager und sagte:

„Nicht hierher, sondern dorthin sollst du gehen. Und nun mache schnell, sonst ist’s mit meiner Geduld zu Ende!“

Er stand vor mir und blitzte mich wütend mit seinen dunklen Augen an.

„Schnell!“ wiederholte ich. „Ich bin Old Shatterhand und hier sitzt Winnetou, von denen du vorhin gesprochen hast. Du willst uns nur am Marterpfahle sehen, wirst uns aber wohl auch so betrachten müssen!“

Da ließ er ein verächtliches Lachen hören und sagte:

„Glaubst du, daß ich über eure Namen erschrecken soll? Das fällt mir nicht ein! Ich habe schon, als ich euch kommen sah, gewußt, wer ihr seid!“

„Dachte es!“

„Ihr kamt hierher, um zu töten, seid aber selbst dem Tode in die Arme gelaufen. Weißt du, wer ich bin?“

„Nun?“

„Kein Zuni, sondern einer jener Yumakrieger, welche mit ihrem Häuptlinge und seiner weißen Squaw hierhergezogen sind. Heute wirst du die Rache für die Hazienda del Arroyo und für Almaden alto erfahren!“

Er wendete sich von mir und schritt nach dem Lager zu, machte aber plötzlich eine Wendung und sprang, den Fellvorhang beiseite schiebend, zur Thür hinaus. Ich hätte ihn durch einen Schuß daran hindern können, wollte dies aber nicht gern thun. Seine Frau richtete sich langsam auf; wir sollten es nicht bemerken. Sie wollte auch plötzlich fortspringen. Da fragte ich sie:

„Sehnst du dich vielleicht nach deinem Manne?“

Sie antwortete nicht.

„Wenn du ihm folgen willst, so thue es; wir halten dich nicht.“

Sie sah mir mit ungewissem Blicke ins Gesicht und fragte:

„Was werdet ihr mit mir thun, wenn ich lieber bleibe?“

„Nichts, wir kämpfen nicht mit Frauen. Bleib also getrost sitzen und thue, was dir gefällt; nur darfst du uns auch nicht stören in dem, was wir thun werden.“

„Sennor, du bist gut! Ich werde hier bleiben und nichts thun, was euch mißfallen kann.“

Nachdem wir den verschobenen Thürvorhang wieder zugezogen hatten, versahen sich auch die andern drei mit ihren Gewehren. Ich setzte mich wieder an das Feuer. Emery und Winnetou folgten meinem Beispiele; Vogel aber sagte in ängstlichem Tone:

„Um des Himmels willen, setzen Sie sich doch nicht wieder dorthin!“

„Warum nicht?“ fragte ich.

„Weil man dort von den Kugeln, die durch die Thür kommen, getroffen wird! Die Feinde schleichen sich an die Thür und sehen unter dem Vorhange herein.“

„Das gerade ist’s, was wir wollen.“

„Daß sie dann schießen?“

„Dazu kommen sie nicht. Wir sind schneller als sie. Wenn wir uns hinter die Wand versteckten, könnten sie uns nicht sehen und würden also auch nicht zu schießen versuchen; wir kämen also um das Vergnügen, ihnen eine Lehre zu geben. Setzen Sie sich nur getrost mit her! Sie haben nichts zu fürchten. Sie können sich auf unsere Augen verlassen, nur müssen Sie sich hüten, selbst auch die Thür zu beobachten. Die Kerle da draußen würden dies bemerken. Blicken Sie also überall hin, nur nicht nach der Thür!“

„Aber wenn sie nun auf den Gedanken kommen, das Haus zu stürmen?“

„Wie wollen sie das anfangen?“

„Indem sie sich plötzlich zur Thür hereinstürzen.“

„Das werden sie bleiben lassen! Sie wissen genau, daß in diesem Falle alle unsere Gewehre auf sie gerichtet sein würden. Dem Schnellfeuer meines Stutzens entkäme keiner von ihnen. Sie sind auch gar nicht so zahlreich, daß sie sich nicht zu schonen brauchten.“

Er setzte sich nieder, mit dem Rücken nach der Thür gerichtet, zog aber von Zeit zu Zeit ganz unwillkürlich die Schultern in die Höhe; es war ihm jedenfalls ganz so zu Mute, als ob er jeden Augenblick von draußen eine Kugel zu erwarten habe. Wir unterhielten uns mit Absicht laut, um die draußen über unsere Wachsamkeit zu täuschen. Scheinbar uns gar nicht um den Fellvorhang bekümmernd, hatten wir denselben aber dennoch scharf im Auge. Er wurde zuweilen von dem draußen gehenden Winde hin und her bewegt; das machte unsere Beobachtung natürlich schwer.

Da sah ich zwischen seinem untern Rande und dem Erdboden die Mündung eines Gewehres erscheinen; sie wurde höchstens zwei Zoll weit hereingesteckt; da flog aber auch schon die Silberbüchse an Winnetous Wange; sein Schuß krachte und draußen erscholl ein Schrei. Die Gewehrmündung wurde zurückgezogen.

„Der das versucht hat, kommt nicht wieder,“ lachte Emery. „Die Kerle sind wirklich Prügel wert! Uns hier fangen zu wollen!“

„Meinen Sie, daß ihnen dies nicht gelingt?“ fragte Vogel.

„Keine Rede davon! Wir brauchen uns nur an die Thür zu legen und das Feuer ausgehen zu lassen, daß sie uns nicht sehen können, so putzen wir einen nach dem andern von ihnen weg.“

„Noch besser ist’s, wir steigen auf das Dach,“ bemerkte ich. „Da haben wir Aussicht nach allen Seiten.“

Winnetou nickte. Die Decke war nicht mehr als fünf Ellen hoch. Man konnte, um die unserigen zu schonen, mit der Flinte des Indianers ein Loch hineinstoßen. Doch mußten wir vorher das Feuer ausgehen lassen, sonst hätte dasselbe zum Loch hinausgeleuchtet und unsere Absicht verraten. Als es nicht mehr brannte, nahm Emery die Flinte von der Wand und begann zu arbeiten. Winnetou sollte ihm helfen, ihn ablösen. Ich ging zur Thür, um etwaige Überraschungen fernzuhalten.

Ich lag auf dem Boden und schob den Kopf langsam zwischen der Mauer und dem Ledervorhange hinaus. Vor der Thür war niemand. Ich blickte nach rechts, an der äußeren Mauer hin – niemand war zu sehen! Nach links – – ah, da kam einer geschlichen, langsam, leise, nach echter Indianerweise. Ich wartete, bis er nur noch drei Fuß von der Thür entfernt war, fuhr dann blitzschnell hinaus, nahm ihn mit der linken Hand bei der Brust, gab ihm mit der Rechten acht, zehn, zwölf schallende Ohrfeigen rechts und links und schleuderte ihn dann weit fort, wo er zu Boden flog. Es war ein Indianer; er hatte sein Gewehr, welches er in der Hand hielt, fallen lassen; ich hob es auf und nahm es mit ins Haus. Der Mann kam gewiß auch nicht sogleich wieder. Hätte es sich nicht um mehr gehandelt, so wäre mir die Ohrfeigenscene höchst spaßhaft erschienen. Übrigens hatte es aufgehört, zu regnen, und der Himmel begann, sich wieder aufzuklären. Nach kurzer Zeit war in der Decke ein so großes Loch entstanden, daß wir durchsteigen konnten. Wir drei andern kamen von Emerys Schultern leicht auf das Dach, und der letztere wurde dann heraufgezogen. Natürlich standen wir nicht aufrecht da oben, sondern bewegten uns nur kriechend, sonst wären wir beim Scheine der jetzt wieder sichtbaren Sterne bemerkt worden. Wir verteilten uns. Ich nahm die vordere, Winnetou die hintere, Emery die rechte und Vogel die linke Giebelseite des Hauses.

Als ich mich vor die Kante geschoben hatte und da hinabblickte, sah ich fast gerade unter mir zwei Kerle stehen. Um ihnen nicht lebensgefährlich zu werden, schickte ich ihnen nur zwei Revolverschüsse hinab. Sie schrieen vor Schreck über den unerwarteten Angriff laut auf und rannten eiligst davon. Auf der hintern Seite fiel jetzt ein Schuß aus Winnetous Silberbüchse, und dann ertönte seine sonore Stimme durch die Nacht:

„Fort von den Pferden, sonst trifft der nächste Schuß gerade in den Kopf!“

Da hinten lag nämlich am Hause der eingefriedigte Platz, auf welchem wir unsere Pferde untergebracht hatten. Eben als der Apatsche seine Wache begann, hatte man sie fortschaffen wollen. Auch auf den beiden andern Seiten wurde geschossen. Die Kerle schlichen eben um das ganze Haus herum; nun aber zogen sie sich so weit wie möglich von demselben zurück. Ihre Absicht, sich unser zu bemächtigen, war schmählich mißglückt. Es wagte sich keiner mehr heran, und als es Tag geworden war, ließ sich kein Mensch in der weiten Umgebung sehen.

Wir stiegen wieder hinab. Da lag die Frau noch da, wo sie gestern abend gelegen hatte. Sie schien mit keiner großen Zuneigung an ihrem Manne zu hangen. Winnetou ging zu ihr hin und fragte:

„Warum ist meine rote Schwester nicht hinaus zu ihrem Manne gegangen?“

„Weil sie nichts mehr von ihm wissen will,“ antwortete sie. „Sennores, schenkt mir ein wenig Geld, damit ich zu meinem Stamme zurückkehren kann!“

„Du willst nach der Sonora hinab?“ fragte ich erstaunt.

„Ja, Sennor.“

„Und wahrscheinlich ganz allein den weiten Weg mitten zwischen so viele fremde Stämme hindurch!“

„Ich fürchte die Stämme nicht. Eine arme Squaw hat keinen Feind.“

„Das ist wahr. Kein Krieger wird dir ein Leid thun. Warum aber willst du denn fort von deinem Manne?“

„Weil er mich gezwungen hat, unsern Stamm zu verlassen und mit hierher zu gehen. Ich habe die Eltern und Brüder daheim, und hier sterbe ich vor Sehnsucht langsam hin.“

„Ist dein Mann nicht freundlich mit dir?“

„Er ist ein böser Mensch. Ich hasse ihn!“

„Gut! Wir werden dir soviel geben, daß du unterwegs überall bezahlen kannst, was du brauchst.“

Ich gab ihr, so viel ich konnte, Emery leistete das Zehnfache; Vogel spendete einige Dollars, und Winnetou langte ein Goldkorn aus seinem Gürtel, um es ihr zu schenken. Da rief sie aus:

„Sennores, ich danke euch! Ihr solltet hier euer Verderben finden und übt doch Barmherzigkeit an mir. Wie freue ich mich, daß der Anschlag gegen euch nicht gelungen ist!“

„Welche Absicht hatte man denn eigentlich?“ erkundigte ich mich.

„Ihr solltet hier bei uns schlafen und im Schlafe ergriffen werden.“

„Von wem stammt der Plan?“

„Von den beiden Weißen, welche Vater und Sohn sind. Der Sohn kam zuerst mit der weißen Squaw hier an; er hat euch für tot gehalten; dann kam sein Vater und erzählte, ihr befändet euch hart hinter ihm und hättet seinen Bruder ermordet und ausgeraubt. Da mußten wir auf den Berg steigen, um nach euch auszuschauen und euch einzuladen, in unser Haus zu kommen. Als ihr angekommen waret, mußte ich trotz des Wetters nach dem Flujo blanco reiten, um die beiden Sennores dort zu benachrichtigen. Sie ritten sofort mit mir und nahmen alle ihre Krieger mit.“

„Konntest du uns nicht warnen?“

„Nein. Mußte ich euch nicht für böse Menschen halten? Aber als du so freundlich zu mir sprachest, erkannte ich, daß wir getäuscht worden waren. Nun habt ihr mich gar so reichlich beschenkt; ich wollte, ich könnte euch dankbar sein!“

„Das kannst du, wenn du uns die Auskunft erteilst, um welche wir dich bitten werden.“

„Frage nur, Sennor! Ich werde dir gern alles sagen, was ich weiß.“

„Ich will dir vertrauen, denn dein Auge hat einen guten und ehrlichen Blick. Dein Mann hat uns gestern abend die Lage eures Pueblo beschrieben. Denkst du, daß er uns da nicht getäuscht, sondern die Wahrheit gesagt hat?“

„Er hat euch nicht belogen, denn es war ihm von dem Vater der weißen Sennores befohlen worden, die Wahrheit zu sagen.“

„Aber wir sollten doch hier in dem Hause festgehalten werden!“

„Das war der Anfang des Planes. Falls das nicht gelingen sollte, wollte man euch in eine zweite Schlinge locken.“

„Kennst du diese?“

„Ja, denn jeder und jede von uns mußte sie kennen, und alle waren froh, Rache wegen damals an euch nehmen zu können.“

„Hoffentlich werden wir von dir etwas über die Schlinge erfahren!“

„Ich sage es dir. Mein Mann mußte euch das Pueblo beschreiben, denn wenn der Anschlag hier Mißlang, wollte man euch dorthin locken.“

„Es bedarf keiner Lockung, denn wir sind fest entschlossen, das Pueblo unter allen Umständen aufzusuchen.“

„Das würde euer Ende sein, wenn ich euch jetzt nicht warnen könnte. Da ihr hier nicht überrumpelt worden seid, so werden alle unsere Leute, welche in der Nacht hier waren, nach dem Pueblo reiten und dabei recht deutliche Spuren machen, damit ihr den Weg leicht finden könnt. Es geht in das Thal des Flujo blanco hinab, über diesen hinüber und dann eine Strecke am linken Ufer hinauf, bis das Thal so eng wird, daß nur noch der Fluß und ein einziger Reiter Platz findet. Gerade an dieser Stelle öffnet sich der Felsen; ein schmaler Weg führt hinein und nach dem Pueblo; zu beiden Seiten sind hohe Felsen, welche kein Mensch erklettern kann. Da hinein will man euch haben. Die Hälfte unserer Leute erwartet euch in dem Felsenwege; die andere Hälfte hat sich unterwegs in einen Hinterhalt gelegt, um euch vorüberzulassen und dann zu folgen. Zwischen diese beiden Abteilungen sollt ihr kommen.“

„Kein übler Plan! Eine Felsenenge, die uns zwingt, einzeln hintereinander zu reiten, rechts und links senkrechte Felswände und vorn und hinten eine Feindesschar!“

„So ist es Sennor. Der Alte hat den Plan ausgedacht.“

„Wie gesagt, nicht übel; aber er hat einen Fehler oder gar gleich mehrere, denn wenn du uns auch nicht gewarnt hättest, würden wir in die Falle niemals gegangen sein. Wir lassen uns von diesem Alten nichts vormachen. Wenn er uns fangen will, muß er es listiger anfangen und nicht so plump wie hier. Sein erster Versuch ist mißglückt, auch ohne daß wir gewarnt worden sind; sein zweiter würde noch viel weniger gelingen. Also die eine Hälfte eurer Leute soll sich in einen Hinterhalt legen und uns vorüberlassen, während die andere Hälfte uns voran nach dem Pueblo reitet?“

„So ist es, Sennor.“

„Und dabei sollen auch noch deutliche Spuren gemacht werden? Meine Schwester mag glauben, daß wir nicht blind sind. Wir würden die Spuren zählen und sofort bemerken, daß die Hälfte derselben plötzlich fehlt. Ja, diese Hälfte würde nicht einmal fehlen; sie kann doch nicht in der Luft verschwinden; wir würden an der Fährte erkennen, daß eine Hälfte dahin und die andere dorthin geritten ist. Wir würden von den Pferden steigen, dem Hinterhalte heimlich folgen und ihn vernichten.“

„Aber wie wolltet ihr dann durch die Enge kommen?“

„Vielleicht gingen wir gar nicht hinein, und selbst wenn wir es thäten, hätten wir keine Feinde hinter uns, sonder nur vor uns. Die Feinde müßten ebenso einzeln hintereinander halten wie wir; es könnte also von jeder Seite nur der vorderste kämpfen, und da würde von euch wohl niemand übrig bleiben, um die Leichen eurer Gefallenen zu zählen.“

Ich sah, daß sie durch diese Darlegung in große Bestürzung geriet. Sie rief bittend aus:

„Sennor, thut dies nicht! Ich will nicht, daß durch meine Warnung unsere Leute getötet werden. Lieber würde ich mich selbst töten!“

„Beruhige dich! Wir betrachten die Yumas nicht als unsere Feinde. Wir haben damals Frieden mit ihnen geschlossen und wollen an ihnen wie an Freunden handeln. Wenn es auf uns ankommt, wird keinem von euch ein Leid geschehen. Wir wollen nur die beiden Weißen haben, die euch doch gar nichts angehen; das ist alles. Wir werden versuchen, unsern Zweck durch List zu erreichen, so daß es gar nicht zum Kampfe kommt. Sag mir also, ist die Felsenenge der einzige Weg, welcher in das Pueblo und aus demselben herausführt?“

„Ja; es giebt keinen zweiten.“

„Kann man nicht die Felsen ersteigen, durch welche rings das Loch gebildet wird?“

„Nein; das ist unmöglich, denn sie sind so gerade und steil wie die Mauern dieses Hauses. Wenn du es wünschest, kann ich es euch zeigen.“

„Wann? Wo?“

„Gleich jetzt. Der Fluß liegt tief und die Ebene hoch. Wer da weiß, wo das Pueblo liegt, der kann bis an seinen obern Rand reiten und von da aus auf die Wohnungen niederblicken.“

„Das müssen wir freilich sehen. Willst du uns führen?“

„Ja. Steigt auf eure Pferde und reitet von hier aus gerade nach Süden, bis ihr an einen großen alleinliegenden Felsen kommt; dort erwartet mich. Ich muß einen Umweg machen, damit meine Spur nicht mit der eurigen zusammenfällt.“

Wir trugen unsere Sättel hinter das Haus und legten sie unseren Pferden auf. Der angebliche „Zuni“ besaß zwei Pferde; auf dem einen war er fort; das andere stand mit den unsrigen in der Umpfählung; die Frau wollte auf demselben nachkommen.

Wir ritten in der angegebenen Richtung fort und sahen nach einer halben Stunde den Felsen vor uns liegen, an welchem wir warten sollten. Schon nach kurzer Zeit kam die Squaw; sie ritt uns voran, und wir folgten ihr, jetzt nach Westen zu.

Es war ein buschiges Land, durch welches wir kamen, eine Hochebene, in welche sich die Wasserläufe tief eingeschnitten hatten. Es ging im Trabe wohl eine Stunde lang über dieses Hochplateau dahin, bis wir an einen Busch kamen, über welchen die Kronen vieler Bäume emporragten. Er besaß eine bedeutende Ausdehnung, welche eine hufeisenförmige Gestalt zu haben schien. Hier stieg die Squaw ab und band ihrem Pferde die Vorderbeine zusammen, sodaß es nicht weit fortzulaufen vermochte. Wir thaten mit unsern Pferden dasselbe und folgten ihr dann in den Busch hinein. Sie führte uns quer durch denselben, blieb nach einer Weile stehen und sagte:

„Noch einige Schritte, und wir befinden uns an dem Rande des tiefen Loches, in welchem ihr das Pueblo sehen werdet. Nehmt euch in acht, damit man euch nicht zufällig von unten erblickt!“

Infolge dieser Warnung legten wir uns auf die Erde nieder und krochen zwischen den letzten Büschen hindurch, bis wir plötzlich vor uns hatten, was wir sehen wollten. Es gähnte uns eine Tiefe entgegen, welche so senkrecht hinunter fiel, daß es einen fast schwindeln konnte. Der Boden bestand aus einer grasigen Matte, auf welcher vielleicht zwanzig Pferde und einige hundert Schafe weideten. Letztere waren jedenfalls bestimmt, ihr Fleisch zur Nahrung der Bewohner herzugeben. Aus dem Grase erhoben sich hohe Bäume, welche aber, von unserm Standorte aus betrachtet, wie kleine Gewächse erschienen.

„Wieder ein Thalkessel!“ sagte Winnetou, der neben mir lag.

Der Apatsche hatte wohl Grund, diese Worte auszusprechen. Ja, wieder einmal so ein Thalkessel! Während unserer Kreuz- und Querzüge hatten solche Kessel wiederholt eine bedeutende Rolle für uns gespielt. Wie oft waren diese Örtlichkeiten für unsere Gegner verhängnisvoll geworden, während wir uns stets gehütet hatten, unsern Aufenthalt in einer derartigen Falle zu nehmen! Und wenn dies einmal nicht zu umgehen gewesen war, so hatten wir es fast immer zu bereuen gehabt.

Und der Kessel, welchen wir jetzt vor uns hatten, konnte denen, welche darin wohnten, zu einem wahren Gefängnisse werden, da es, wie wir deutlich sahen, nur einen einzigen Weg gab, auf dem sie ihn verlassen konnten, nämlich die schmale Felsenenge, von welcher die Squaw gesprochen hatte.

Der Kessel hatte eine beinahe kreisrunde Form, und seine Felsenwände stiegen gerade wie Mauern völlig lotrecht in die Höhe. Es gab da keinen Absatz oder Vorsprung, welcher zu erklimmen war, keinen Riß, in dem man in die Höhe klettern konnte. Das Ganze kam mir vor wie ein riesiger Bärenzwinger, der so gebaut ist, daß die Bewohner unten auf dem Boden bleiben müssen.

Wir lagen dem Eingange schräg gegenüber und sahen nun freilich, wie eng er war. Ein einzelner Reiter hatte eben Platz, hindurchzukommen. Neben dem Eingange, welcher hinaus zum Flujo blanco, zum Flüßchen führte, erhob sich der Bau, den die Jüdin ihr „Schloß“ genannt hatte. Und sie hatte gar nicht so unrecht gehabt, dem Baue diese Bezeichnung zu geben.

Das Schloß war ein Pueblo, gerade so in terrassenförmig übereinander liegenden Stockwerken gebaut, wie es früher beschrieben worden ist. Man sah, daß sich in früheren Zeiten eine große Steinmasse vom Felsen losgelöst hatte und in die Tiefe gestürzt war; die Brocken derselben hatte man zum Baue des Pueblo verwendet. Dasselbe lehnte sich mit seiner hintern Seite eng an die Felsenwand und zählte acht sich deutlich von einander unterscheidende Stockwerke, welche ebensoviele Terrassen oder Plattformen bildeten, da jedes höher liegende immer ein Stück hinter dem nächst tiefern zurücktrat. Das Ganze glich einer regelmäßigen vierseitigen Pyramide, welche, senkrecht durchschnitten gedacht, mit der einen Hälfte im Freien lag, während die andere Hälfte in den Felsen hineingebaut zu sein schien. Acht Leitern lagen an, an jedem Stockwerke eine. Wenn auch nur die unterste weggenommen wurde, konnte kein Fremder den Bau ersteigen, der mit seinen übereinander liegenden Felsenstücken den Eindruck einer uneinnehmbaren Zwingburg machte.

Bei den Verhältnissen jener Zeit, in welcher das Pueblo errichtet wurde, hatte es seinen Zweck gewiß vollkommen erfüllt. Es war schon an und für sich uneinnehmbar gewesen, wozu dann noch der Umstand kam, daß es nicht draußen im Freien, sondern hier in der Verborgenheit lag, in die man nur durch den so überaus schmalen Eingang dringen konnte, den zu verteidigen einige wenige Männer genügten. Die Festung war nur durch Überrumpelung, nicht einmal durch Aushungern zu nehmen gewesen, denn wenn die Thalsohle gärtnerisch verwertet gewesen war, so hatte sie an Gemüsen und Früchten gewiß so viel geliefert, wie die Bewohner zum Leben brauchten, und Wasser war auch mehr als genug da; es glänzte uns aus einem ziemlich großen Becken entgegen, welches kreisförmig in die Mitte des Erdgeschosses eingebaut worden war. Wahrscheinlich wurde es von einer unterirdischen Quelle gespeist.

Was uns am meisten interessierte, waren die Menschen, welche wir sahen. Vor dem schmalen Eingange lagerte eine Anzahl von Indianern, welche ihn, mit Gewehren bewaffnet, zu verteidigen hatten. Ihr Anführer – denn dies schien er zu sein – saß über ihnen auf der ersten Plattform des Pueblo, und zwar in schöner Gesellschaft, nämlich Jonathan Meltons und der Jüdin. Der erstere hatte ein Gewehr in der Hand.

„Siehst du, Sennor, daß es so ist, wie ich gesagt habe?“ fragte mich die Indianerin. „Die Krieger am Eingange warten auf euch. Und die andern Krieger haben sich draußen am Flusse in Hinterhalt gelegt, um euch durch die Enge hereinzutreiben.“

„Wo ist der Vater des jungen Weißen, welcher da unten sitzt?“

„Draußen bei dem Hinterhalte. Er macht dort und sein Sohn hier den Anführer. Sie glauben, daß sie euch ganz gewiß fangen werden.“

Da meinte der Englishman:

„Wie schön könnten wir den Jonathan hier wegputzen! Soll ich ihm eine Kugel hinunterschicken?“

„Ja nicht!“ antwortete ich. „Erstens wollen wir ihn doch lebendig haben und zweitens würdest du ihn wohl kaum treffen.“

„Oho! Meinst du, daß ich nicht schießen kann!“

Pshaw! Du weißt, daß ich deine Fertigkeit kenne; aber ein Schuß von hier oben herab in die Tiefe ist allemal eine höchst unsichere Sache. Auch ich wage es nicht zu behaupten, daß ich ihn treffen würde.“

Well! Und drittens?“

„Drittens würden wir durch den Schuß verraten, wo wir uns befinden, und uns damit den größten Schaden thun. Es könnte das ganze Gelingen unserer Absichten dadurch vollständig in Frage gestellt werden.“

„Gut, also nicht schießen. Aber was denn thun? Wollen wir hier hinabspringen, um den lieben Jonathan beim Schopfe zu nehmen?“

„Hinab? Vielleicht ja, wenn auch nicht springen. Schau hinüber zum Pueblo! Wie weit ist es wohl von hier oben, also von der Kante der Felswand, bis hinunter auf seine oberste Plattform?“

„Ich schätze wenigstens vierzig Ellen.“

„So weit ist es allerdings.“

„Willst du etwa eine so lange Leiter bauen?“ lächelte er.

„Wenn du Witze machen willst, so sieh zu, daß sie geistreicher ausfallen!“

„Hm, ja, die Sache ist freilich ernst. In das Pueblo müssen wir unbedingt, und da es unmöglich ist, da vorn durch den Eingang hereinzukommen, so müssen wir freilich hier hinunter.“

„Von einer Unmöglichkeit will ich nicht gerade sprechen. Ich habe schon der Squaw erklärt, auf welche Weise wir uns den Zugang erzwingen könnten. Aber das Erzwingen setzt einen offenen Angriff voraus, und wenn wir auch wirklich den Thalkessel da unten unverletzt erreichten, so könnte man uns von den Terrassen des Pueblo aus ganz gemächlich wegputzen. Nein, ich meine, daß es auch möglich ist uns hereinzuschleichen, natürlich des Nachts. Da müßten wir aber die feindlichen Wachen leise überwältigen und wohl gar erstechen, und das möchte ich vermeiden. Es bleibt uns also doch nichts übrig, als von hier oben aus hinunter zu kommen.“

„Wohl mit Hilfe unserer Lassos?“

„Ja.“

„Du, das ist gefährlich, weil wir die Lassos gekauft haben. Hätten wir sie selbst gemacht, so wäre uns ihre Festigkeit garantiert; aber an gekauften Riemen sich in eine solche

Tiefe hinabzulassen, ist mehr als das Leben gewagt; man kann fast sicher sein, daß sie reißen.“

„Sie werden halten, denn sie sind mit Fett getränkt und dann geräuchert worden.“

„Dennoch möchte ich mich ihnen nicht anvertrauen. Denkst du auch daran, daß sie bei der Tiefe ins Schwingen kommen müssen?“

„Ja. Ich werde dein Mißtrauen dadurch zerstreuen, daß ich mich zuerst herablasse; ich ziehe dann die Lassos unten straff an, so daß ihr herunterklettern könnt, ohne ins Schwingen zu geraten.“

„Well! Versuche es, und wenn es gelingt, will ich gern nachkommen. Doch frage vorher die Squaw, ob –“

„Nein, nein!“ unterbrach ich ihn. „Die Frau darf nichts davon wissen, daß wir hier herab wollen. Ich glaube zwar, daß sie es ehrlich mit uns meint, aber es ist auf alle Fälle besser, wenn sie nichts erfährt. Sie kann, selbst wenn sie entschlossen ist, nichts zu verraten, sich doch ihrem Manne oder einem andern Yuma gegenüber verschnappen.“

„Dann ist es gut, daß wir jetzt deutsch gesprochen haben. Wo mag der Apatsche hingegangen sein?“

Winnetou war nämlich nach rechts hin zwischen den Büschen verschwunden. Ich ahnte seine Absicht und antwortete also:

„Es ist wirklich sonderbar, mit welcher Übereinstimmung Winnetou und ich bei solchen Angelegenheiten zu denken pflegen. Ich bin überzeugt, er ist da hinüber, um, gerade über dem Pueblo liegend, hinabzuschauen und dabei zu überlegen, wie wir hinunterkommen könnten.“

Ich hatte das Richtige getroffen. Winnetou kehrte nach kurzer Zeit zurück und sagte:

„Es giebt nur einen Weg, der uns ohne Blutvergießen zum Ziele führt. Wir müssen uns auf die Plattform hinunterlassen.“

Er bediente sich bei diesen Worten der Siouxsprache aus demselben Grunde, der uns veranlaßt hatte, deutsch zu sprechen.

„Meinst du, daß unsere Lassos dazu ausreichen?“ fragte ich ihn.

„Ja.“

„Und daß sie nicht zerreißen?“

„Sie werden festhalten. Unsere drei Lassos sind so lang, daß sie, wenn wir sie zusammenbinden, bis hinunter auf die oberste Plattform des Pueblo reichen werden.“

„Wie aber befestigen wir sie oben?“

„Es steht ein Baum hart am Rande, dessen Wurzeln so fest sind, daß er uns halten wird. Hoffentlich stimmt mein Bruder meinem Vorschlage bei, heute abend hinunter zu klettern?“

„Ja; ich stand ja im Begriffe dir denselben Vorschlag zu machen. Was thun wir aber bis zu der Zeit, in welcher wir ihn ausführen können?“

„Kann sich mein Bruder die Frage nicht selbst beantworten?“

„Vielleicht. Es gilt vor allen Dingen dafür zu sorgen, daß die Feinde nicht erraten, war wir zu thun beabsichtigen.“

Winnetou nickte mir einverstanden zu und sagte:

„Ja, wir müssen ihre Aufmerksamkeit von hier oben ablenken. Wie denkt mein Bruder, daß das am besten geschehen kann?“

„Wir müssen sie zu der Ansicht bringen, daß wir sie unten am Flusse angreifen werden.“

„Richtig! Sie müssen glauben, daß wir uns durch die Enge an das Pueblo schleichen wollen. Um diese Absicht zu erreichen, müssen wir hinab zu ihnen.“

„Jetzt schon?“ fragte Emery.

„Ja,“ antwortete der Apatsche. „Sie sollen und müssen uns doch sehen, oder wenigstens müßten sie bemerken, daß wir uns da unten aufhalten.“

„Das ist aber viel zu gefährlich. Wenn wir uns ihnen zeigen, werden sie uns einfach wegschießen.“

„Das können sie nur dann, wenn wir ihnen so nahe kämen, daß uns ihre Kugeln erreichen könnten. Das werden wir aber nicht thun.“

„Es liegt ja ein Teil von ihnen im Hinterhalte; diese Leute müssen uns kommen sehen, während wir nicht wissen, wo sie stecken; wir können ihnen also geradezu in die Hände laufen.“

„Nein, denn wir haben Augen und auch Ohren. Und vielleicht weiß die Frau, wo der Hinterhalt zu suchen ist.&

Als wir uns darauf bei ihr erkundigten, antwortete sie:

„Wenn ihr wieder mit nach unserm Hause zurückkehrt und der Fährte folgt, welche da gemacht worden ist, damit ihr sie leichter sehen Sollt, so kommt ihr an einen kleinen Bach, welcher sich in den Flujo blanco ergießt. Dort wollten sie sich trennen. Die eine Abteilung wollte am Flujo abwärts nach dem Pueblo gehen, und die andere sollte dem Bache soweit folgen, daß sie von euch nicht gesehen werden kann; sie liegt zwischen Büschen versteckt.“

„Und wartet wahrscheinlich jetzt mit Schmerzen auf uns,“ fügte ich hinzu; „denn die erste Abteilung ist am Pueblo angekommen; wir sehen die Krieger da unten liegen. Wollen wir die Herrschaften noch länger auf uns warten lassen?“

„Nein, wir reiten jetzt hinunter nach dem Flusse,“ meinte Winnetou. Und sich zu der Frau wendend, fuhr er fort:

„Meine Schwester wird es ehrlich mit uns meinen?“

„Ja,“ antwortete sie einfach und mit einem Gesicht, dem man es ansah, daß sie die Wahrheit sagte.

„Da sollst du belohnt werden. Wenn wir die beiden weißen Männer durch List und ohne Kampf in die Hände bekommen, so geben wir dir noch mehr Gold, als du schon erhalten hast. Werden wir aber durch dich verraten, so wird die erste Kugel, welche wir abschießen, dich treffen. Das glaube mir! Wir belohnen gern; wir wissen aber auch zu bestrafen!“

„Ich will heimlich fort von hier, aber den Meinen nicht schaden. Ihr wollt sie nicht töten, sondern schonen, und ihr gebt mir Gold, daß ich leichter nach der Sonora kommen kann; darum habe ich euch freiwillig gesagt, was ihr wissen wolltet, und werde euch nicht verraten.“

„So mag meine Schwester jetzt nach ihrem Hause zurückkehren.“

Sie wollte der Aufforderung folgen, aber wir wußten doch noch etwas nicht, was von großer Wichtigkeit war; selbst der sonst so umsichtige Winnetou hatte vergessen, sich darnach zu erkundigen; darum fragte ich sie:

„Du kennst wohl die Räume des Pueblo genau?“

„Alle.“

„Weißt du, wo die weiße Squaw wohnt, welche mit dem Wagen angekommen ist?“

„In der ersten Etage des Pueblo.“

„Wo ist der Eingang zu ihr?“

„Auf der zweiten Terrasse von unten. Es ist ein Loch, durch welches eine Leiter hinunterführt. Das Loch befindet sich in der Mitte der Plattform.“

„Also in der ersten Etage. Da wohnen die Indianer wohl unter ihr in dem Erdgeschosse?“

„Nein,“

„Zu was wird dasselbe benutzt?“

„Zur Aufbewahrung der Vorräte, des Maises und der andern Früchte und Gemüse, die im Thale erbaut werden. Auch ist der Brunnen dort.“

„Ich sehe ihn. Es ist eine Cisterne?“

„Nein; das Wasser kommt vom Flusse hereingelaufen.“

„So steht die kleine Wasserfläche, welche wir von hier aus sehen, also mit dem Flujo blanco in Verbindung?“

„Ja. Das Wasser versiecht nie, weil der Fluß nie ganz austrocknet.“

„Wo wohnen denn nun die Deinen, die Yumaindianer?“

Art den oberen Etagen.“

„Und weißt du vielleicht, wo sich die beiden Weißen aufhalten, der Vater und der Sohn, die wir haben wollen?“

„Der Sohn wohnt in der ersten Etage.“

„Und der Vater? Wo wohnt der?“

„In der Etage über seinem Sohne.“

„Wie kann die weiße Squaw sich hier in der Wildnis wohl fühlen? Es muß ihr doch alles fehlen, was eine Weiße nötig hat, um zufrieden zu sein!“

„Es fehlt ihr nichts, denn der Häuptling hat alles, was sie wünschte, damals angeschafft. Es war sehr schwer, die vielen Sachen durch die Wildnis herbeizuschaffen; aber sie hatte ihn so verblendet, daß ihm keine Anstrengung für sie zu groß erschien. Unsere Männer waren immer nach Prescott oder Santa Fé unterwegs, um zu holen, was sie sich bestellte.“

„Besaß denn euer Häuptling den Reichtum, welcher nötig war, so außerordentliche Wünsche zu erfüllen?“

„Darnach darfst du mich nicht fragen, denn ich kann nicht darüber sprechen. Kein roter Mann und keine rote Squaw wird sagen, wo das Gold und Silber liegt, welches die Weißen so gern haben wollen.“

„Gut! Ich weiß nun alles, was ich wissen wollte. Du kannst heimkehren. Aber vergiß ja nicht, was Winnetou dir gesagt hat. Bist du unehrlich, so bekommst du eine Kugel; bist du aber treu, so wirst du noch mehr Gold von uns erhalten.“

„Wann, Sennor?“

„Sobald wir die beiden Weißen in unsern Händen haben.“

„Und wo?“

„In deinem Hause. Höchst wahrscheinlich kommen wir daran vorüber, wenn wir diese Gegend verlassen.“

„So bitte ich euch, es ja niemand sehen zu lassen, wenn ihr mir etwas gebt.“

„Keine Sorge! Wir werden dich für den Nutzen, den wir von dir haben, doch nicht in Schaden bringen?“

Sie stieg wieder auf ihr ungesatteltes Pferd und ritt davon. Wir setzten uns auch auf. Sie verschwand nach Nordosten, denn dies war die Richtung, in welcher ihr Haus lag. Wenn man von dort aus nach dem Flujo blanco wollte, mußte man sich gerade westlich wenden; wir mußten also, um von dem Punkte, an welchem wir uns befanden, dorthin zu gelangen, nordwestlich reiten. Wie weit, das war nicht schwer zu berechnen, da wir wußten, wieviel Zeit wir gebraucht hatten, um hierher zu kommen. Von dem Hause bis an den Flujo waren zwei Reitstunden; wir brauchten jedenfalls kaum die Hälfte der Zeit, zumal wir unsere Pferde schnell laufen ließen.

Nach drei Viertelstunden erreichten wir die Fährte, welche die Yumas für uns so deutlich zurückgelassen hatten, und alle Anzeichen verrieten, daß der Fluß jetzt nahe war. Da erkundigte sich Emery bei dem Apatschen:

„Was habt ihr denn nun eigentlich vor? Ihr wollt euch den Yumas zeigen. Aber wo und in welcher Weise das geschehen Soll, davon habe ich noch kein Wort gehört.“

Mein Bruder hat es noch nicht gehört, weil er nicht darnach gefragt hat. Wir werden den Hinterhalt aufsuchen, in welchem die zweite Abteilung steckt und auf uns lauert.“

Offen aufsuchen?“

„Nein, heimlich.“

„Aber ich denke, sie sollen euch sehen; da dürft ihr doch nicht heimlich vorgehen!“

„Ja, sie sollen uns sehen, aber erst dann, wenn wir bei ihnen sind.“

„Ah! Also angeschlichen! Da können wir aber unmöglich die Pferde mitnehmen!“

„Nein. Wir lassen sie zurück. Unser Bruder Vogel wird bei ihnen bleiben; er könnte ja überhaupt nicht mit uns gehen, weil er das Anschleichen nicht versteht und uns nur schaden würde.“

„So müssen wir vor allen Dingen ein gutes Versteck für ihn und die Pferde suchen, damit er uns nicht etwa gar samt ihnen abhanden kommt.“

Ein solcher Ort war bald gefunden, eine weit ausgestreckte Gruppe von Büschen, welche wir rechts von uns erblickten. Dorthin ritten wir, stiegen ab, versteckten da unsere Pferde und gaben Vogel alle Anweisungen, welche wir unter den gegenwärtigen Verhältnissen für nötig hielten. Er sah es gar nicht gern, daß wie ihn nicht mitnahmen, mußte aber doch zugeben, daß er zu dem, was wir vor hatten, nicht das nötige Geschick besaß und uns wenigstens keinen Vorteil bringen konnte.

Als wir ihn in guter Sicherheit wußten, kehrten wir nach der Spur der Yumas zurück und folgten ihr weiter. Das geschah von jetzt an so vorsichtig wir möglich, da anzunehmen war, daß sie uns, weil wir nicht gekommen waren, aus lauter Ungeduld einen Kundschafter entgegengeschickt hatten. Wir nahmen uns jeden einzelnen Baum oder Busch zur Deckung und verließen ihn nicht eher, als bis wir uns überzeugt hatten, daß sich kein Feind vor uns befand.

Auf diese Weise kamen wir nach einiger Zeit in die Nähe des tiefen Felsenthales, welches der Flujo in die Hochebene eingeschnitten hatte. Das Thal bildete einen Cañon, auf welchen wir uns senkrecht zubewegten; das heißt, die Linie, in welcher er verlief, bildete mit derjenigen, der wir folgten, zwei rechte Winkel.

Plötzlich senkte sich das Terrain abwärts. Es war wie eine Art schmaler Hohlweg, welcher hinunter zum Flusse führte. Wir stiegen ihn nicht hinab, denn Winnetou, der an alles dachte, sagte:

„Ehe wir dem hohlen Wege folgen, müssen wir erst sehen, wohin er führt. Gehen wir also seitwärts von ihm weiter, bis wir den Rand des Cañons erreichen.“

Das geschah. Bald kamen wir auf der hohen Felsenkante an, von der aus wir hinab zum Flusse blicken konnten. Wir sahen die Stelle, an welcher der Hohlweg auf ihn mündete. Der Stelle gegenüber am andern Ufer befand sich die Mündung eines Baches, jedenfalls desselben, von welchem die Squaw gesprochen hatte. Er kam zwischen den Felsen herausgeflossen und ließ zwischen diesen und sich so viel Platz, daß man längs seiner Ufer gehen und auch reiten konnte. Emery deutete in diese Richtung und sagte:

„Also da drin steckt der Hinterhalt! Wie wollen wir hinankommen, ohne bemerkt zu werden? Wenn wir am Bache aufwärts gehen, müssen uns die Kerle kommen sehen!“

„Müssen wir daran aufwärts gehen?“ fragte ich ihn. „Es muß doch einen andern Weg geben, und wenn er nicht hier zu finden ist, so werden wir ihn uns anderswo suchen.“

„Ah! Du willst den Roten von hinten kommen?“

„Ja. Sie erwarten, daß wir ihnen bachaufwärts folgen, nicht aber, daß wir von drüben her bachabwärts kommen; wir werden sie also wahrscheinlich überrumpeln.“

„Dann müssen wir aber über den Fluß hinüber, über den Cañon, über die Felsen, ohne daß wir fliegen können!“

„Können wir nicht fliegen, so steigen wir. Kommt jetzt zum Hohlwege! Wir kennen nun das Terrain, und ich denke, daß wir unsern Zweck erreichen werden.“

Wir gingen also die kurze Strecke bis zum Hohlwege zurück und stiegen denselben hinab, natürlich mit der Vorsicht, die in solchen Verhältnissen geboten war. Unten am Flusse angekommen, sahen wir, daß die Spur der Yumas sich teilte; die eine Hälfte war aufwärts geritten, die andere über den Fluß und den Bach hinaufgegangen. Das hätten wir gesehen, auch wenn wir nicht von der Squaw unterrichtet gewesen wären‘. Wie die beiden Meltons uns eine solche Blindheit hatten zutrauen können, war mir geradezu unbegreiflich. Jedem Menschen wäre die Spur aufgefallen, und nun erst einem Winnetou!

Auch wir gingen über den Fluß, folgten aber nicht etwa dem Bache, weil da oben die Yumas auf uns warteten, sondern schritten dem Flujo blanco entlang abwärts weiter, bis wir eine passable Stelle des Ufers fanden, wo wir hinaufstiegen. Nun standen wir auf der Hochebene jenseits des Flusses und gingen auf derselben weiter, schräg links nach dem tiefen Bette des Baches zu, wo wir auch bald eine Stelle fanden, wo wir hinuntersteigen konnten.

Die Yumas erwarteten uns von links her, am Bache aufwärts kommend; wir aber befanden uns nun rechts von ihnen und schlichen uns abwärts auf sie zu. Das geschah natürlich mit noch viel größerer Vorsicht, als wir bisher angewendet hatten. Emery schien noch immer nicht im klaren über die Absicht zu sein, die Winnetou und ich verfolgten. Als wir einmal an einer gutgedeckten Stelle anhielten, fragte er mich: „War es denn eigentlich notwendig, diese Anstrengung zu machen, Charley?“

„Ja,“ antwortete ich. „Die Yumas erwarten, daß wir kommen. Kämen wir nicht, so würden sie uns suchen; sie fänden unsere Fährte, die nach dem Pueblo führt, und wenn es ihnen auch wahrscheinlich nicht gelänge, uns zu überfallen, so wäre unsere Absicht doch verraten und mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß man uns empfangen würde, wenn wir uns abends an den Lassos in den Thalkessel hinabließen.“

„Hm, mag so sein; aber wir konnten uns an einem andern Ort verstecken, um den Abend abzuwarten!“

„Hätte nichts gefruchtet, Emery. Wir müssen sie irre machen; sie müssen denken, daß wir durch die Flußenge nach dem Pueblo wollen. Und dann, denke doch, wie hübsch wir sie täuschen! Sie schauen und horchen den Bach hinunter, weil sie denken, daß wir am Flusse aufwärts gehen oder, wenn wir die zweite Fährte entdecken sollten, am Bache hinauf kommen; in beiden Fällen würden wir ihnen gerade in die Arme laufen. Nun aber befinden wir uns über ihnen und kommen von einer Seite, von der sie uns nicht erwarten.“

„Nun, und dann, was haben wir davon?“

„Was wir davon haben?“ fragte ich erstaunt. „Welche Frage?“

„Du wunderst dich über sie? Du willst den Roten doch nichts thun! ja, wenn wir sie erschießen wollten oder dürften, so hätte es doch einen Zweck, hier in der Hitze herumzuklettern und unter Lebensgefahr herumzuschleichen. Wenn ihnen aber nichts geschehen soll, so können wir sie nur erschrecken und müssen sie dann laufen lassen.“

„Ja, sie, aber einen andern nicht, den alten Melton. Den werden wir fassen, falls es möglich ist; dann haben wir heut abend nur noch seinen Sohn zu ergreifen. Bist du nun zufriedengestellt?“

„Wenn es so ist, ja. Daß es dem alten Melton gelte, davon habt ihr nichts gesagt.“

„Weil es sich von selbst verstand. Nun aber weiter, sonst werden die Kerle ungeduldig und sind imstande, ihr Versteck zu verlassen.“

Wir schlichen weiter, jetzt nicht mehr gehend, sondern auf dem Boden kriechend; jeder Augenblick konnte uns die Gesuchten zeigen.

„Uff!“ hörte ich da auf einmal den Apatschen im Tone des Erstaunens sagen.

Er war uns einige Schritte voran, hatte sich erhoben, stand an einem dichten Strauche und deutete daran vorüber nach dem lichten Platze, der vor ihm lag. Wir huschten zu ihm hin und wurden von gleicher Verwunderung oder vielmehr Enttäuschung ergriffen. Das Gras des Platzes war niedergetreten; hier hatten die Yumas gesteckt, aber keiner von ihnen war zu sehen.

„Fort!“ meinte Winnetou.

„Ja, wenn es nämlich keine Finte ist,“ warnte ich. „Es ist möglich, daß sie unser Kommen bemerkt und sich nur zurückgezogen haben, um uns mit ihren Kugeln zu empfangen.“

„Wollen sehen,“ meinte der Apatsche. „Meine Brüder mögen hier ein wenig warten.“

Er ging eine Strecke zurück, sprang dann über den Bach und kam dann auf der andern Seite wieder herangekrochen. Dort gab es so viel Gesträuch und Gestrüpp, daß die Yumas, falls sie vor uns steckten, ihn nicht sehen konnten. Er kam wie eine Schlange drüben vorüber und verschwand dann auf ungefähr zehn Minuten. Dann kehrte er zurück. Er ging dabei aufrecht, ein Zeichen, daß er keinen Feind gesehen hatte.

„Fort,“ rief er uns schon von weitem zu. „Über den Fluß. Ich konnte ihre Spuren sehen, bis sie im Wasser verschwanden.“

„Fatal!“ zankte da Emery. „Sie sind jedenfalls hinauf nach dem Pueblo, weil ihnen die Geduld ausgegangen ist. Mit der Ergreifung des alten Melton ist es also nichts.“

„Wenn es nur das wäre, wollte ich es loben!“ meinte ich.

„Nur das? Was weiter könnte den geschehen sein?“

„Sie sind über den Fluß; wenn sie da unsere Fährte sehen, so ––“

„Alle Wetter, ja! Dann sind sie derselben nach. Sie werden also am Ufer abwärts gehen, das Ufer ersteigen und, gerade so wie wir, nach dem Bache kommen. Wir brauchen also nur hier sitzen zu bleiben und sie in Empfang zu nehmen! Glücklicher konnte man sich das ja gar nicht lenken!“

„Ich bin nicht so froh wie du. Ja, wenn sie unsere Spur gesehen haben, so sind sie ihr gewiß gefolgt; aber es fragt sich nur, wie! Wenn sie rückwärts gegangen, woher wir gekommen sind, so müssen sie Vogel und unsere Pferde finden.“

„Das wäre das größte Pech, welches wir haben könnten!“

„Mehr als Pech! Wir müssen schnell weiter, um zu erfahren, wohin sie sich gewendet haben.“

Wir eilten den Bach hinab und an den Fluß. Schnell ging es durch das seichte Wasser, und da sähen wir denn auf dem Boden, da wo der Hohlweg in den Fluß mündete, viel mehr Spuren, als wir vorhin gesehen hatten. Ich betrachtete sie, konnte aber nicht klug werden; Emery ging es ebenso, und auch Winnetou schüttelte den Kopf. Er betrachtete die Eindrücke, maß sie mit den Fingern aus, schüttelte wieder den Kopf und sagte endlich:

„Vielleicht sind die Yumas schon wieder zurück. Meine Brüder mögen mir schnell zu unseren Pferden folgen!“

Wir rannten den Hohlweg hinauf. Oben angekommen, wo es Gras gab, sahen wir zu unserem Schrecken allerdings, daß die Yumas hier gewesen waren; sie hatten unsere Fährte gesehen und waren ihr gefolgt, aber leider nicht vorwärts, wohin wir gegangen, sondern zurück, woher wir gekommen waren. Jetzt gab es einen Dauerlauf nach den Büschen, wo wir Vogel mit unsern Pferden gelassen hatten. Es fiel uns nicht ein, vorsichtig zu sein; es galt unserm Gefährten und unsern Pferden. Wir brachen laut, wie gehetztes Wild, durch die Büsche, die Gewehre in der Hand, um sofort zuschlagen oder schießen zu können.

Jetzt waren wir da – – aber unsere Pferde waren fort und Vogel mit ihnen. Der Rasen war nicht zerstampft, keine Spur eines Kampfes war zu sehen. Unser berühmter Violinvirtuos war ganz regelrecht überrumpelt worden. Die Spuren gingen von hier aus in einem Bogen zurück nach dem Hohlwege. Wir so erfahrenen, wir klugen, wir überklugen Menschen hatten eine ganz armselige, eine ganz beschämende Schlappe erhalten.

Emery hätte vor Wut platzen mögen; er fuhr uns an:

„Da steht ihr nun und starrt einander an! Wo ist denn der alte Melton, den ihr fangen wolltet? Wäret ihr mir gefolgt, so ständen wir nicht da wie Schuljungen, die Prügel bekommen haben!“

„Hat mein Bruder Emery noch keinen Fehler gemacht?“ fragte Winnetou in seiner ruhigen Weise.

„Genug, genug!“ antwortete der Englishmann in possierlicher Aufrichtigkeit. „Aber wir dürfen uns hier nicht aufhalten; wir müssen fort; wir müssen ihn befreien; kommt also rasch, kommt!“

Er rannte fort. Als er aber sah, daß wir ihm nur langsam folgten, blieb er stehen und rief uns zu:

„So kommt doch nur, kommt! Es ist keine Zeit zu verlieren!“

„Wohin denn?“ fragte ich. „Nach dem Pueblo?“

Nach dem – – ah, du meinst, daß sie ihn dorthin geschleppt haben? Dann geht es freilich nicht so schnell, wie ich dachte!“

„Gewiß können wir nicht jetzt, am hellen Tage, hin und die Festung erstürmen. Wir würden uns doch nur die Köpfe einrennen.“

„Was aber thun wir bis zur Nacht?“

„Warten – weiter nichts.“

„So kommt! Wir wollen wieder nach dem Rande über dem Pueblo, wo wir heut abend hinab wollen. Von dort aus können wir sehen, was sie mit unsern Pferden und mit Vogel machen!“

„Und wenn die Yumas nach uns suchen, finden sie auch diese Spur, kommen uns nach und vereiteln unser Rettungswerk! Dann bekommen wir nicht nur die beiden Meltons nicht, sondern auch Vogel ist verloren – von unseren Pferden gar nicht zu reden.“

„Aber wo wollen wir sonst die lange Zeit zubringen?!“

„Ich werde es euch zeigen,“ sagte Winnetou. „Meine Brüder mögen mir folgen!“

Er schritt voran, nach dem Hohlwege zu, und setzte sich, als er bei demselben angekommen war, hinter den Büschen nieder.

„Ist es meinen Brüdern so recht, hier zu sitzen?“ fragte er.

„Mir nicht!“ antwortete Emery mürrisch. „Da sitzen wir den Feinden ja gerade vor der Nase!“

„Das ist doch das einzig richtige,“ erklärte ich ihm. „Weil die Yumas ganz bestimmt wieder hier herkommen werden, sobald sie Vogel nach dem Pueblo gebracht haben.“

„Werden sich hüten!“

„Wenigstens werden die Meltons einen oder einige Kundschafter senden, um zu erfahren, wo wir sind und was wir thun.“

„Und wenn die Kerle kommen! Was dann?“

„Wir schicken sie nach dem Pueblo zurück und lassen die Meltons grüßen. Auf diesem Wege erlangen wir die Sicherheit, daß unserm Gefährten kein Leid geschieht.“

„Hm, ja; das will ich gelten lassen. Der arme Teufel befindet sich in einer Gefahr, die gar nicht größer sein kann!“

„So gar groß ist sie nicht! So lange wir noch da sind, braucht er nichts zu fürchten.“

„Oho! Denke doch an die Erbschaft!“

„Nun? Weiter!“

„Wenn er ihnen das sagt, bringen sie ihn auf der Stelle um!“

„Er wird doch nicht so dumm sein, ihnen das zu sagen!“

„Warum nicht! Ich denke gerade, daß er es in seiner Angst, in seinem Ärger sagt.“

„Er wird es sagen,“ behauptete Winnetou in seiner ruhigen Weise. „Er wird es sagen, und gerade darum hat Winnetou sich hierher gesetzt.“

Jetzt passierte mir etwas Seltenes; nämlich ich erriet nicht, was der Apatsche mit diesen Worten meinte. Als er sah, daß ich ihn fragend anblickte, fuhr er fort:

„Glaubt mein Bruder Scharlieh, daß die Meltons sich vor uns fürchten?“

„Ja.“

„Werden sie denken, daß sie uns hier fangen und vernichten können?“

„Nein. Ich bin im Gegenteile überzeugt, sie wissen, daß ihre Rolle wahrscheinlich bald zu Ende gespielt ist.“

„Ja, überfallen und töten lassen wir uns nicht von ihnen; Vogel haben sie fangen können, uns aber nicht. Wir haben ihr Nest entdeckt. Sollten sie entkommen, so sind wir immer wieder hinter ihnen her und lassen ihnen keine Ruhe, bis wir sie ergriffen haben. Das wissen sie. Auf einmal fällt Vogel in ihre Hände, wirft ihnen ihre Verbrechen vor und sagt, daß er der einzige und richtige Erbe ist. Was werden sie thun?“

„Ihn sofort umbringen!“ antwortete Emery im Tone der Überzeugung.

„Ist mein Bruder Scharlieh derselben Überzeugung?“

„Nein,“ erwiderte ich, denn ich wußte nun, was Winnetou gemeint hatte. „Der Mord könnte ihre Lage nicht verbessern, sondern er würde sie nur verschlimmern, weil die Mörder dann bei uns auf kein Erbarmen mehr rechnen dürften.“

„Mein Bruder hat recht; denn wenn sie ihn nicht töten, sondern ihn als Geisel gebrauchen, ist Rettung für sie möglich.“

„So meint mein Bruder Winnetou, daß, wenn wir hier sitzen bleiben, bald ein Kundschafter und dann ein Unterhändler kommen wird?“

„Ja.“

„Mein Bruder ist der Scharfsinnigste von uns dreien. Er irrt sich nie, und ich bin jetzt auch überzeugt, daß seine Vermutung sich erfüllen wird.“

„Ich zweifle sehr daran,“ brummte Emery unwillig. „Und selbst wenn es sich bewahrheiten sollte, würdet ihr mit diesen Menschen in Unterhandlung treten?“

„Ja. Man thut, was klug ist. Es gilt zunächst, dafür zu sorgen, daß dem jungen Manne kein Leid geschieht, und dies können wir nur dadurch erreichen, daß wir scheinbar auf die Vorschläge, welche uns etwa gemacht werden, eingehen oder sie wenigstens in Überlegung ziehen. Wir sind heute unvorsichtig und dadurch unglücklich gewesen, doch ist bei dem Unglücke ein großes Glück, welches mich mit dem Unfalle vollständig auszusöhnen vermag.“

„Welches Glück?“

„Daß wir unsere Lassos bei uns haben. Hätten wir sie bei den Pferden zurückgelassen, so wären sie uns verloren, und ich wüßte nicht, wie wir Vogel befreien wollten.“

Pshaw! Heraus muß er auf jeden Fall; eher ruhe ich nicht!“

„Aber unter welcher Vermehrung der Gefahren und Schwierigkeiten! So aber bin ich überzeugt, daß er schon morgen früh wieder frei sein wird. Ich hoffe nämlich, daß –“

Winnetou unterbrach mich durch einen Wink, den er mir gab. Er lag so, daß er ein Stück in den Hohlweg hinein- und hinabblicken konnte; ich sah seine Augen funkeln; dann hörte ich Schritte; es kam jemand, langsam und vorsichtig, wie einer, der seiner Sache nicht sicher ist. Wir schoben uns noch weiter ins Gebüsch hinein; da kam er – ein Indianer. Er sah nach links und rechts, und als er rundum niemand erblickte, trat er vollends aus dem Hohlwege heraus und begann, die Spuren zu mustern, welche sich von uns und seinen Leuten hier im Grase befanden.

Jetzt kehrte er uns den Rücken zu. Winnetou erhob sich und stellte sich leise hinter ihn; auch ich stand leise auf, und Emery folgte geräuschlos unserm Beispiele. Jetzt fragte der Apatsche laut:

„Was sucht mein roter Bruder hier im Grase?“

Der Yuma fuhr herum, sah uns und ließ vor Schreck seine Flinte fallen. Winnetou schleuderte sie schnell mit dem Fuße fort und fügte hinzu:

„Hat mein Bruder etwas verloren?“

Ich sah es wie einen blitzartigen Entschluß über das braune Gesicht des Yuma gehen und schnellte mich mit drei Schritten vor den Hohlweg hin. In demselben Augenblicke that er das Gleiche. Er flog mir gerade in die Arme, die ich fest um ihn schlang; er machte zwar einen Versuch, sich loszureißen, als ihm dieser aber nicht gelang, verhielt er sich still und ließ sich von Winnetou vollends entwaffnen. Als ich ihn dann aus dem Hohlwege zur Seite führte, wo wir gesteckt hatten, und ihm befahl, sich niederzusetzen, gehorchte er ohne Widerstreben. Winnetou legte sich so, daß er hinter dem Busche hervor den Hohlweg überblicken konnte, und sagte dann zu dem Gefangenen:

„Weiß mein Bruder, wer wir sind?“

Der Gefangene nickte.

„Er mag unsere Namen sagen!“

„Winnetou und Old Shatterhand; das andere Bleichgesicht kenne ich nicht.“

„Dieser weiße Mann ist ein berühmter Jäger, der sich noch nie vor einem Feinde gefürchtet hat. Mein Bruder hat unsere Namen richtig genannt. Wo hat er sie gehört, oder hat er uns vielleicht selbst kennen gelernt?“

„In der Sonora, bei der Hazienda del Arroyo und in Almaden alto habe ich euch gesehen.“

„Wenn mein Bruder sich erinnert, was dort geschehen ist, so wird er auch wissen, daß wir nicht Feinde der Yuma sind, denn wir haben Frieden mit ihnen geschlossen. Warum treten die Yumas hier gegen uns auf?“

Der Gefragte antwortete nicht.

„Wir haben damals Hunderte von Yumas besiegt, und jetzt seid ihr so wenige. Meint ihr, daß ihr diesmal glücklicher sein werdet?“

„Wir wohnen in einem Pueblo, in das kein Feind kommen kann!“

„Mein Bruder irrt sich. Der Felsen von Almaden alto war viel fester und viel schwerer zu ersteigen, als euer Pueblo; wir sind dennoch hineingekommen und haben den Besitzer sogar gefangen herausgeschafft. Und Almaden alto wurde von vielen Yumas bewacht, und hier mein Bruder Shatterhand hat es ganz allein erobert. Wie leicht ist es uns da, in euer Pueblo zu gelangen! Ihr könnt alle wachen; wir werden uns doch, wenn wir wollen, ungesehen durch die Flußenge und den schmalen Eingang schleichen. Wenn wir dies thun, seid ihr verloren; daher rate ich euch, es nicht so weit kommen zu lassen!“

Diese Worte nahmen dem Yuma einen Stein vom Herzen. Er war gefangen; wir konnten ihn töten; jetzt aber antwortete er schnell:

„Warum giebt der Häuptling der Apatschen einen Rat, der nicht befolgt werden kann?“

„Nicht befolgt? Warum?“ fragte Winnetou, obgleich er den Roten recht gut verstanden hatte.

„Weil die, an welche er gerichtet ist, den Rat nicht hören können.“

„Wir werden dich zu ihnen senden.“

Da hellte sich das Gesicht des Yuma noch mehr auf und er sagte:

„So laß mich gehen! Ich werde meinen Brüdern sagen, welchen Rat du mir gegeben hast.“

„Warte noch! Seit wann schämen sich rote Krieger nicht, Sklaven eines Weibes, einer weißen Squaw zu sein?“

„Wir sind nicht ihre Sklaven.“

„Ihr seid es. Ihr fangt um ihretwillen sogar Feindschaft mit drei berühmten Kriegern an, von denen ihr wißt, daß sie euch, sobald sie nur wollen, vernichten werden. Um dieses Weibes willen nehmt ihr Menschen in Schutz, welche Diebe und Mörder sind und nicht einmal zu einem Stamme der roten Männer gehören. Man sollte euch verachten!“

Das Auge des Yuma blitzte zornig auf. Er beherrschte sich aber und sagte:

„Die Weiße war die Squaw unseres Häuptlings; nur deshalb dienen wir ihr noch.“

„Welcher rote Krieger hat jemals der Squaw seines Häuptlings gedient und noch dazu nach dem Tode desselben? Mein Bruder mag seinen Gefährten sagen, was Winnetou von ihnen denkt, wenn sie die weiße Frau und deren beiden Freunde noch länger beschützen. Ihr habt einen jungen Weißen gefangen, der unser Freund ist; ihr habt uns unsere Pferde geraubt; ihr habt uns gestern abend überfallen, um uns zu fangen und zu töten. Das alles fordert unsere Rache heraus, und diese wird euch unvermeidlich treffen, wenn ihr euch nicht zu der Sühne versteht, welche ich von euch fordere.“

„Was verlangt Winnetou von uns?“

„Unsere Pferde, den jungen Mann, von dem ich eben sprach, und die beiden Weißen, welche bei der Squaw im Pueblo wohnen.“

„Das ist sehr viel verlangt! Und was bietet uns Winnetou dafür?“

„Alles! Das Leben!“

Man sah es dem Yuma an, daß er einen großen Respekt vor Winnetou hatte, dennoch zuckte es ironisch um seine dünnen Lippen, als er hierauf antwortete:

„Wenn man uns das Leben nehmen will, werden wir es auch zu verteidigen wissen. Oder meint der Häuptling der Apatschen, daß ihn keine Kugel trifft?“

„Ja. Hier bei euch bin ich vor jeder Kugel sicher; ich weiß das so genau, weil ich euch kenne. Also du weißt, was ich verlange: Den Vater und seinen Sohn, die bei euch wohnen; den jungen Weißen, den ihr ergriffen habt, und unsere Pferde.“

„Und was wird geschehen, wenn unsere Krieger nicht in deine Forderungen willigen?“

„Das sage ich nicht; aber ihr werdet es bald erfahren. Jetzt kannst du gehen. Wir bleiben noch hier, bis die Sonne zehn Hände breit vom westlichen Horizonte entfernt ist. Habt ihr dann noch nicht geantwortet, so entscheidet der Tomahawk zwischen uns, und wir kommen in der Dunkelheit am Flusse hinauf, schießen jeden weg, der uns im Wege liegt, dringen in euer Pueblo ein und holen uns alles, was ihr uns verweigert. Dann werden eure Frauen und Kinder ein Heulen und Schreien beginnen über den Tod, der ihre Männer und Väter hinweggerafft hat!“

„Winnetou ist ein großer Krieger; aber die Yumas sind keine Mäuse, welche furchtsam aus ihren Löchern fliehen, wenn sie den Feind kommen hören!“

„Ihr werdet ihn gar nicht hören. Er wird mitten unter euch sein, ehe ihr es denkt.“

„So haben wir unsere Messer, sie ihm ins Herz zu stoßen!“

„Das könnt ihr nicht, weil ihr ihn gar nicht sehen werdet. Mein Bruder mag jetzt gehen und in sein Pueblo zurückkehren, um uns Antwort zu bringen. Je eher wir dieselbe bekommen, desto besser wird es für die Yumas sein.“

„Darf ich mein Gewehr mitnehmen?“

„Nein. Ein Gefangener bekommt seine Waffen erst dann, wenn Friede geschlossen ist, nicht eher.“

Der Yuma stand auf und verschwand stolzen Schrittes und erhobenen Hauptes im Hohlwege. Sein Stolz ließ nicht zu, uns merken zu lassen, wie froh er war, uns so heiler Haut entkommen zu sein. Als er fort war, fragte Emery:

„Ist mein Bruder Winnetou vielleicht der Ansicht, daß die Yumas uns aus Angst die drei Personen und unsere Pferde ausantworten werden?“

„Nein,“ antwortete der Apatsche; „aber Winnetou weiß genau, wie es nun kommen wird.“

„Ich bin wirklich neugierig, dies zu hören!“

„Der Yumakrieger ist ausgesandt worden, zu erkunden, wo wir uns befinden, aber nicht etwa, weil man uns angreifen will, denn nun, da unser Gefährte gefangen worden ist, weiß man, daß wir doppelt vorsichtig sein werden. Er kehrt jetzt zurück und erzählt den Meltons, wo er uns getroffen hat, daß wir ihn überwältigt und was ich ihm alles aufgetragen habe. Was von mir verlangt worden ist, werden wir nicht bekommen, sondern man wird uns anderes anbieten.“

„Was?“

„Den Gefangenen und unsere Pferde. Außerdem wird man dem ersteren einen Teil der Erbschaft versprechen und dafür verlangen, daß wir uns entfernen und nie wieder etwas gegen die beiden Meltons vornehmen. Meine Brüder glauben nicht, was ich sage? Sie werden bald erfahren, daß ich recht habe, daß ich mich nicht irre. Wir werden nicht lange zu warten haben, bis eine Botin kommt.“

„Eine Botin?“ fragte Emery erstaunt.

„Ja. Die Meltons werden sich hüten, selber zu kommen, und was sie uns zu sagen haben, das können sie keinem Yuma anvertrauen; da giebt es nur eine Person, welche sie senden können, und das ist die weiße Squaw, von der sie wohl auch glauben, daß wir uns von ihrem schönen Gesicht betrügen lassen werden.“

Ich hatte alle Achtung vor dem Scharfsinne des Apatschen; wie oft war ich von der Untrüglichkeit seines Instinktes förmlich betroffen worden; jetzt aber war ich doch der Ansicht, daß er zu viel behaupte, gab aber dem Gedanken keine Worte. Er schien zu ahnen, was ich dachte, denn er sagte zwar auch nichts, aber sein Auge ruhte mit jenem, ich möchte sagen, überlegen lächelnden Ausdrucke auf mir, den ich immer an ihm beobachtet hatte, wenn er seiner Sache sicher, ich aber anderer Meinung gewesen war und sich seine Behauptung dann doch bewahrheitet hatte.

Wir warteten wohl über eine Stunde lang. Wir lagerten jetzt so, daß wir alle drei in den Hohlweg blicken konnten. Da sahen wir einen Roten kommen; es war der Yuma, mit welchem wir vorhin gesprochen hatten.

„Nun, Winnetou, ist’s etwa die weiße Squaw?“ fragte Emery.

„Noch nicht,“ antwortete der Gefragte in gleichmütigem Tone.

„Es wäre auch wenigstens sonderbar, wenn sie uns ein Weib als Unterhändler senden wollten; es war das eine Unglaublickeit.“

„Mein Bruder wird wohl noch manches als Wahrheit erkennen müssen, was er vorher für unglaublich gehalten hat. Hören wir, was der Mann uns zu sagen hat!“

Der Yuma kam langsam zu uns heran, setzte sich zu uns, als ob sich das von selbst verstehe und dabei für ihn keine Gefahr vorhanden sei, und wartete, bis wir ihn anreden würden. Winnetou war zu stolz, das zu thun; mir fiel es auch nicht ein, das erste Wort zu sagen, und Emery schien wohl Lust dazu zu haben, weil er neugierig war, ich bat ihn aber durch einen Blick, zu schweigen. So war also der Yuma doch gezwungen, das Wort zu ergreifen. Er that dies, indem er fragte:

„Meine Brüder haben wohl nicht gedacht, daß ich so schnell zurückkehren werde?“

„Wir haben gar nicht mehr an dich gedacht,“ antwortete Winnetou. „Ob du wiederkommen würdest oder nicht, das war wohl für euch von großer Wichtigkeit, uns aber konnte es sehr gleichgültig sein.“

„Ich habe deine Botschaft ausgerichtet.“

Er glaubte, es werde nun eine neugierige Frage kommen, da dieselbe aber ausblieb, fügte er hinzu:

„Ich habe sie den beiden Männern gesagt, welche bei der weißen Squaw wohnen.“

„Und nicht den Yumakriegern?“ entfuhr es dem Englishman.

„Auch ihnen; es haben sie also alle gehört. Der Vater dessen, welcher der Mann der weißen Squaw geworden ist, hat mich zu euch gesandt, um euch die Antwort zu sagen.“

„Und die lautet?“

„Die weiße Squaw soll zu euch gehen, um mit euch zu sprechen.“

Über Winnetous Gesicht ging ein leises, aber siegbewußtes Lächeln; der Englishman aber fuhr zornig auf:

„Die weiße Squaw? Meinst du, daß wir mit Weibern zu verhandeln pflegen?“

„Der Mann, der mich geschickt hat, war der Ansicht, daß ihr gern mit ihr sprechen würdet.“

„Warum ist er nicht selbst gekommen?“

„Weil er keine Zeit dazu hat.“

„So mag er seinen Sohn schicken!“

„Auch dieser wird nicht kommen. Sie denken, daß ihr sie nicht wieder fortlassen würdet.“

„Könnte möglich sein! Hätten auch alle Veranlassung dazu!“

Dies hatte Emery in seinem grimmigsten Tone gesagt; da aber meinte Winnetou:

„Wenn ein Unterhändler zu uns kommt, so halten wir ihn nicht zurück, wenn er wieder gehen will, er mag sein, wer er will. Der Häuptling der Apatschen ist nicht gewohnt, mit einem Weibe zu verhandeln; damit aber die Krieger der Yumas erfahren mögen, daß wir so freundlich wie möglich mit ihnen sein wollen, gebe ich die Erlaubnis, daß die Frau kommen darf. Geh also nach dem Pueblo und sage es ihr!“

Er entfernte sich, und wir warteten nun mit Spannung auf die Ankunft der Angehörigen des zarten Geschlechtes, welche nach allem, was geschehen war, die Stirn hatte, mit uns sprechen zu wollen.

„Nun,“ meinte der Apatsche zu Emery, „hat mein Bruder die Erfahrung gemacht, daß selbst das Unmögliche möglich werden kann?“

„Das ist allerdings der Fall! Wie die Person es wagen kann, zu uns zu kommen, ist mir unbegreiflich. Bin neugierig, was sie uns mitteilen wird!“

„Das, was ich gesagt habe. Winnetou wird ihr kein Wort gönnen; meine Brüder mögen mit ihr reden.“

„Ich nicht, denn ich befürchte, so grob zu werden, daß ich alles verderben würde. Charley, willst du das Amt übernehmen?“

„Auch mich widert es an; aber ich sehe, daß ich den Umständen Rechnung tragen muß. Sprich mir aber nicht darein; du könntest unserer Angelegenheit dadurch Schaden bringen.“

Man war im Pueblo jedenfalls von unserer Einwilligung überzeugt gewesen, denn wir hatten noch nicht lange gewartet, so sahen wir die Jüdin unten im Hohlwege erscheinen. Sie hatte eine junge Indianerin bei sich, welche einen aus Rohr und Schilf geflochtenen leichten Sessel trug.

Die Judith hatte Toilette gemacht, hier in der Wildnis an der Grenze zwischen Neu-Mexiko und Arizona! Als sie sich uns näherte, nahm ihr Gesicht ein siegreiches Lächeln an; sie nickte uns grüßend zu, gab der Indianerin einen Wink, den Stuhl uns gegenüber zu setzen, nahm Platz und sagte:

„Ich bin erfreut, Sennores, Sie so wohl zu sehen. Der weite Ritt scheint auf Ihre Gesundheit keinen nachteiligen Einfluß ausgeübt zu haben; darum hoffe ich, daß Ihr Wohlbefinden auf unsern Gegenstand von guter Wirkung sein werde!“

Wir waren weder aufgestanden, noch hatte sie einen Gruß von uns empfangen. Mein Gesicht war gewiß kein freundliches, als ich ihr antwortete:

„Keine Redensarten! Bleiben wir streng bei der Sache, welche uns zusammenführt! Sie wohnen jetzt mit dem sogenannten Small Hunter und mit seinem Vater im Pueblo?“

„Ja.“

„Sie wußten in New-Orleans noch nicht, daß dieser Mann sein Vater war. Wann haben Sie es erfahren?“

„Hier, als der Vater ankam.“

„So kennen Sie nun wohl auch den richtigen Namen Ihres Bräutigams?“

Sie schwieg, und erst als ich meine Worte wiederholte, fragte sie:

„Muß ich Ihnen das sagen?“

„Sie müssen nicht; Sie können es leugnen; aber wir würden wohl eher einig werden, wenn Sie die Wahrheit sagten. Schämen werden Sie sich wahrscheinlich nicht, das zu thun.“

Sie errötete nicht und erbleichte nicht; sie antwortete lachend:

„Mir wurde gesagt, daß ich mich vor Ihnen weder zu schämen noch zu fürchten hätte. Sie sind uns ungefährlich; darum kann ich Ihnen ohne besondere Angst sagen, daß ich den Namen meines Verlobten allerdings kenne.“

„Jonathan Melton und sein Vater heißt Thomas Melton. Nicht wahr?“

„Sehr richtig.“

„Und sein Oheim?“

„Harry Melton.“

„Wissen Sie, wo der letztere sich gegenwärtig befindet?“

„Das werden Sie wohl besser wissen als jeder andere! Sie haben ihn ja erstochen.“

„Von wem wissen Sie das?“

„Von seinem Bruder. Einem so gewaltthätigen Menschen, wie Sie sind, ist alles, selbst so ein Raubmord zuzutrauen.“

„Hm! Sie halten mich also für gewaltthätig?“

„Natürlich, denn ich habe alle Ursache dazu! Oder haben Sie mich nicht schon einmal durchpeitschen lassen wollen?“

„Allerdings, und ich gestehe ihnen, daß es mich jetzt eine gewaltige Anstrengung kostet, nicht gewaltthätig zu sein. Bleiben wir aber ruhig; das ist besser. Da Sie den Namen ihres Verlobten kennen, wissen Sie auch, weshalb ich mich hier befinde?“

„Ja. Er hat es mir aufrichtig gesagt.“

„Und Sie gestehen es ebenso aufrichtig zu! Sie wissen also, daß er ein Betrüger ist?“

„Betrüger? Was der eine so nennt, nennt der andere anders. Jonathan ist ein Pfiffikus, und es fällt mir nicht ein, ihn darum zu tadeln.“

„Ich begreife das. Sie haben abgewirtschaftet; Sie besitzen nichts mehr, als den Stein- und Lehmhaufen, den Sie so hochtrabend Ihr Schloß nannten und den Ihnen jeder Indianer streitig machen kann. Nun ist es Ihnen sehr willkommen, daß Ihr Jonathan ein großes Erbe angetreten hat, welches Sie mit verzehren wollen. Habe ich recht?“

„Warum sollte ich Ihnen unrecht geben! Es würde doch zu nichts führen!“

„Aber bedenken Sie, daß Sie dadurch zur Mitschuldigen werden!“

„Was ist Schuld, Sennor! Schuld ist alles, was das Gewissen beschwert; das meinige aber ist leicht.“

„Um diese Leichtheit beneide ich Sie nicht. Da Sie mit einer geradezu verblüffenden Aufrichtigkeit sprechen, will ich ebenso offen sein, Ich bin gekommen, Ihren Jonathan zu fangen.“

„Das wissen wir,“ lachte sie.

„Und da Sie sich als Mitschuldige bekennen, habe ich große Lust, auch Sie festzunehmen!“

Jetzt änderte sie doch die Farbe und fragte schnell und in unsicherm Tone:

„Sennor, ich bin Parlamentärin. Wollen Sie mich etwa gleich hier behalten?“

„Das könnte ich!“

„Nein, denn das wäre doch wohl gegen alles Völkerrecht!“

„Völkerrecht! Wo es sich um so große, so schauderhafte Verbrechen handelt! Habe ich Ihnen versprochen, Sie nach dem Pueblo zurückkehren zu lassen?“

„Nein, aber das verstand sich doch ganz von selbst!“

„Es war nicht so selbstverständlich, wie Sie meinen; doch will ich Sie beruhigen. Es fällt mir nicht ein, Sie zurückzuhalten. Sie können ungehindert in Ihre ehrenwerte Gesellschaft zurückkehren. Wenn es mir noch nötig erscheinen sollte, mich Ihrer Person zu versichern, so werde ich das so spät wie möglich thun.“

„Eine sehr freundliche Rücksicht für mich!“ lächelte sie mich an.

„O nein; es hat einen ganz andern Grund. Ich mag Sie nicht bei mir haben, und darum will ich Sie so lang wie möglich von mir fern halten. Das ist die wahre Ursache.“

„Sie halten Ihr Versprechen, Sennor. Sie sind ebenso aufrichtig mit mir, wie ich mit Ihnen. Ich habe Sie gehaßt vom ersten Augenblicke, an dem ich Sie sah!“

„Danke! So eine wirkliche, wahre und echte Ehre ist mir lange nicht widerfahren.“

„Und darum,“ fuhr sie schnell fort, „ist es mir ein wahrer Hochgenuß, jetzt mit Ihnen verhandeln zu können – doch, vom Verhandeln kann eigentlich keine Rede sein! Ich bin nur gekommen, mir einen hohen Genuß zu bereiten, indem ich Ihnen sage, daß Sie sich hier ganz vergeblich bemühen. Sie bekommen weder einen Menschen in die Hand, noch einen Pfennig von dem Gelde, das Sie haben wollen! Sind Sie denn wirklich so verrückt, zu glauben, daß Sie in unser Pueblo dringen können?“

„Und wenn es mir dennoch gelänge, in den Felsenkessel zu gelangen?“

„Das ist eben unmöglich. Ich weiß zwar von damals her, daß Sie es verstehen, sich glatt und unbemerkt wie eine Schlange durchzudrängen, aber bei der hiesigen Örtlichkeit ist das unmöglich. Sie müßten über unsere Wächter wegsteigen.“

„Das ist doch nicht schwer! Es giebt gewisse Griffe und gewisse Stiche, welche einem über fünf und über zehn Wächter weghelfen. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich, wenn ich nur will, ganz gewiß in Ihr Thal komme!“

„Ja, die gewissen Griffe. und Stiche sind Ihnen freilich zuzutrauen. Es ist nur gut, daß Sie davon sprechen; da kann man doch seine Vorbereitungen treffen. Aber selbst wenn Sie wirklich in unsern Thalkessel gelangten, was hätten Sie davon? Sie wären dann noch immer nicht im Pueblo.“

„Das würde man ersteigen.“

„Bilden Sie sich nicht ein, allmächtig zu sein! Und wären Sie im Pueblo, so hätten Sie noch niemand von uns fest, Wir sind bewaffnet und würden Sie wahrlich nicht schonen! Und noch weniger Hoffnung hätten Sie, das Geld zu bekommen!“

„Ich bin im Gegenteile überzeugt, daß ich es mir doch hole!“

„Keinen Pfennig! Aber, Sennor, Ihre verrückte Idee hat Ihnen bisher so viel Mühe gemacht, daß wir Mitleid mit Ihnen haben und Ihnen etwas zukommen lassen wollen.“

„Was denn wohl, meine gütige Sennora?“

„Sie wissen wohl, wo Vogel sich gegenwärtig befindet?“

„Ja.“

„Das ist wieder ein eklatanter Beweis, daß es mit Ihrer vielgerühmten Klugheit nicht allzuweit her ist. Welcher vernünftige Mensch kommt auf die Idee, einen solchen unerfahrenen Knaben mit hierher zu nehmen! Was hindert uns, ihn unschädlich zu machen?“

„Das hätte nicht den geringsten Vorteil für Sie!“

„Nicht? Wirklich nicht?“

„Durch den Tod des einen Erben, der noch mehrere Nebenerben hat, werden Sie noch lange nicht der rechtliche Besitzer der Erbschaft. Das Verbrechen bleibt Verbrechen. Sie werden sich wohl hüten, den jungen Mann zu ermorden.“

„Ich? Nun ja, mir ist es sehr gleichgültig, ob er stirbt oder ob er leben bleibt. Aber Jonathan und sein Vater werden ihn gewiß töten, wenn ich unverrichteter Sache von Ihnen zurückkehre.“

„Unverrichteter Sache! Sie haben uns also gewisse Anträge zu Stellen, gewisse Vorschläge zu machen?“

„Ja. Wir sind bereit, Ihnen gewisse Vorteile abzulassen –“

„Und verlangen dafür noch größere Vorteile für sich selbst!“

„Wohl kaum! Hören Sie, was ich Ihnen alles biete! Sie bekommen Ihre Pferde wieder, auch den jungen Menschen, der sich Vogel nennt und mit Hunter verwandt gewesen zu sein behauptet –“

„Schön!“

„Vogel erhält hunderttausend Dollars in guten Wertpapieren und Sie bekommen zehntausend Dollars in ebenso sichern Papieren.“

„Für mich?“

„Ja. Bedenken Sie, was das heißt, da Sie dem Onkel Melton, als Sie ihn erstachen, sein Geld abgenommen haben. Sie gelangen also in den Besitz eines Vermögens!“

„Sehr richtig, Sennora!“

„Dafür verlangen wir weiter nichts, als daß –“

Sie stockte und sah mich forschend an, was ich zu dem Folgenden wohl sagen würde.

„Nun, als daß – ?“ fragte ich.

„Als daß Sie die Verfolgung Jonathans und seines Vaters aufgeben, nie wieder gegen irgend einen Menschen von dieser Angelegenheit sprechen –“

„Natürlich, natürlich!“

„Und Vogel und seine Verwandten bestimmen, sich mit den hunderttausend Dollars zufrieden zu geben und ebenso verschwiegen zu sein, wie Sie sein werden.“

„Welch eine Bescheidenheit, welch eine wirklich großartige Bescheidenheit!“

„Nicht wahr? Für das viele Geld ein wenig Verschwiegenheit! Kann man etwa weniger verlangen?“

„Nein, auf keinen Fall.“

„Sie sind also einverstanden?“

„Ja.“

„Das freut mich! Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie so verständig sein würden, so schnell Ihren Vorteil zu erkennen. Wenn Sie alle drei einverstanden sind, so –“

„Wir sind einverstanden,“ unterbrach ich sie, „vollständig einverstanden. Nur haben Sie sich noch nicht erkundigt, auf welchen Punkt sich das Einverständnis bezieht.“

„Nun, auf welchen?“

„Darauf, daß die Meltons die allergrößten Schurken sind, welche es unter der Sonne giebt.“

„Das gehört doch nicht hierher!“

„Gehört vielleicht auch die andere Wahrheit, über welche wir gleichfalls so einverstanden sind, nicht hierher, nämlich die, daß Sie eine ebenso große Schurkin sind wie die beiden Meltons zusammen?“

„Sennor, wozu die Redensarten! Wollen Sie unser schönes Übereinkommen zerstören?“

Sie mochte wirklich geglaubt haben, daß ich auf ihren Vorschlag eingehen wolle, denn ich hatte so ruhig und gleichmütig gesprochen, wie es trotz meiner Empörung möglich war. Erst jetzt schien sie zu bemerken, daß eine Ironie des Grimmes aus mir gesprochen hatte. Sie war bei ihren letzten Worten aufgestanden, als ob sie sich im Zorne entfernen wolle. Ich erhob mich nun auch aus dem Grase und antwortete:

„Unser Übereinkommen? Haben Sie denn in Wirklichkeit annehmen können, daß ich mit Ihren mehr als wahnsinnigen Forderungen einverstanden sei?“

„Wahnsinnig nennen Sie dieselben? Wahnsinnig?“ rief sie aus. „Überlegen Sie sich doch, was ich Ihnen biete!“

„Ich brauche es mir nicht zu überlegen! Vogel wird ohnehin alles bekommen, alles, außer dem natürlich, was bis jetzt schon von dem Gelde verschwunden ist!“

„Das zu sagen, ist Wahnsinn. Greifen Sie zu?“

„Nein.“

„So bekommen Sie Ihre Pferde nicht wieder!“

„Ich hole sie mir!“

„Und Vogel stirbt!“

„Wird ihm auch nur ein Haar gekrümmt, so bezahlen Sie es mit Ihrem Leben, Sennora Judith! Merken Sie sich das! Es ist mein bitterster Ernst!“

„Möchte wissen, wie und wann Sie an mich kommen wollten!“

„Das werden Sie erfahren! Ich dächte, Sie hätten allen Grund, nicht allzu zuversichtlich zu sein. Sie haben Winnetou und Old Shatterhand ja kennen gelernt!“

„Dafür werden Sie uns nun auch kennen lernen. Also gehen Sie auf meine Vorschläge ein?“

„Nein und wieder nein!“

„So sind wir fertig!“

„Für diesen Augenblick, nicht aber für später. Ich denke vielmehr, unser neues und schönes Verhältnis wird erst jetzt beginnen!“

„Drohen Sie immerhin; ich lache Sie doch aus!“

Sie gab der Indianerin, die während unserer Unterhaltung fern gestanden hatte, einen Wink, den Sessel aufzunehmen, und schritt dem Hohlwege zu. Dort angekommen, blieb sie stehen, blickte eine kurze Zeit sinnend nieder, kehrte dann um, kam wieder zu mir und sagte:

„Sennor, ich will Sie trotz alledem noch einmal warnen. Trauen Sie sich wirklich zu, in unser Felsennest einzudringen?“

„Ja. Es ist nicht eine Spur von Gefahr dabei!“

„Und ich sage Ihnen, daß wir uns bis auf den Tod verteidigen werden!“

„Ist mir gleichgültig. Ich habe noch ganz andere Gegner vor mir gehabt, als die Meltons sind. Sie selbst rechne ich natürlich gar nicht.“

„O, ich bitte, mich doch zu rechnen, und zwar sehr! Wenn es Ihnen trotz aller Erwartung durch irgend einen günstigen Zufall gelingen sollte, in meine Nähe vorzudringen, würde ich Sie ohne Gnade niederschießen!“

„Thun Sie das, Sennora!“

„Ja, ich werde es thun; darauf können Sie sich verlassen. Ich kämpfe um einen Preis, der mir hoch genug ist, einen Mord zu begehen. Ich habe mich an den Reichtum gewöhnt; ich kann und mag ohne ihn nicht leben; er wird mir jetzt wieder geboten, und Sie wollen mir ihn rauben. Nehmen Sie sich also auch vor mir in acht!“

Sie machte eine Bewegung, sich wieder fort zu wenden, besann sich aber und fügte noch hinzu:

„Wir glaubten, Sie würden auf meine Vorschläge eingehen, dennoch –“

„Dann wäre ich ein Subjekt, welches Ihnen und den Meltons gleichgestellt werden müßte,“ unterbrach ich sie.

Sie fuhr, ohne auf meine Worte zu achten, weiter fort:

„Dennoch dachten wir auch daran, daß Sie sich doch vielleicht weigern könnten. Für diesen Fall erhielt ich den Auftrag, Ihnen bis morgen mittag eine Frist zur Überlegung zu geben.“

„Sehr freundlich von Ihnen!“

„Allerdings, denn es ist eine Gnadenfrist. Morgen mittag werde ich wieder hierher kommen. Werden Sie hier sein?“

„Jedenfalls, nämlich wenn wir uns nicht schon vorher wiedergesehen haben.“

„Das werden Sie nicht fertig bringen!“ lachte sie. „Also morgen mittag. Leben Sie wohl, Sie großer Held und Retter von Leuten, die Sie nichts angehen!“

„Nicht so schnell, nicht so schnell, Sennora! Wir gehen ein Stückchen mit.“

„Warum?“ fragte sie verwundert, indem sie stehen blieb.

„Weil wir als Caballeros wohl wissen, was sich schickt, wenn man den Besuch einer Dame erhalten hat. Wir bringen Sie zu den Ihrigen.“

„Da wird man auf Sie schießen!“

„Höchstens auf Sie, nicht aber auf uns!“

„Nein, nein, auf Sie! Bleiben Sie, bleiben Sie ja!“

„Pah! Gehen Sie nur; wir fürchten uns nicht.“

„Nun, wenn Sie erschossen werden wollen, so habe ich nichts dagegen; es kann mir nur lieb sein. Also machen Sie, was Sie wollen!“

Sie ging mit ihrer Indianerin den Hohlweg hinab; ich schritt dicht hinter ihr; dann folgten mir Winnetou und Emery, die wohl nicht gleich begriffen, was ich eigentlich für eine Absicht verfolgte. Unten am Flusse angekommen, wendete sich die Jüdin links, in den engen Cañon hinein. Als sie sah, daß ich ihr auch da auf der Ferse blieb, hielt sie den Schritt an und sagte erregt:

„Ich glaube gar, daß Sie weitergehen wollen!“

„Natürlich will ich das!“

„Aber ich sagte Ihnen schon, daß die Indianer, welche da oben auf mich warten, auf Sie schießen werden!“

„Meine teuere Sennora, haben Sie doch uni uns keine Angst! Sie sehen ja, daß wir ganz dicht hinter Ihnen gehen. Sobald jemand auf uns schießt, wird er Sie treffen, doch nicht uns. Sie sind unser Schild!“

Sie erschrak.

„Gehen Sie; gehen Sie! Kehren Sie zurück!“ rief sie aus. „Ich gehe sonst keinen Schritt weiter!“

„Nicht? Nun, Sie werden mit sich sprechen lassen. Es war eine große Thorheit von den Meltons, Sie zu uns zu schicken. Wir sind zwar anständig genug, Sie zurückkehren zu lassen, ja, wir werden Sie sogar zwingen, zurückzukehren, aber wir gehen mit.“

„Nein, nein, Sie bleiben!“ zeterte sie.

„Fällt uns gar nicht ein! Es ist Ehrensache für uns, Sie zu begleiten. Sie lachten mich aus, als ich sagte, daß es uns sehr leicht sein würde, durch die Felsenenge zu kommen; nun muß ich Ihnen doch beweisen, daß wir von Ihnen unschuldigerweise verlacht worden sind. Sie werden heute wieder erfahren, daß Winnetou und Old Shatterhand sehr genau wissen, wie man etwas anzufangen hat. Also bitte, gehen Sie weiter!“

„Ich gehe nicht!“

„So zwinge ich Sie! Zürnen Sie mir nicht, schönste Sennora, wenn Ihr Schwanenhals ein wenig mit meiner Faust in Berührung kommen sollte.“

„Wagen Sie es, Unverschämter!“

„Pah! Vorwärts, Fräulein Silberberg!“

Ich nahm sie hinten beim Genick; da ließ sie sich niedersinken und blieb sitzen, indem sie ausrief.

„Und wenn Sie mich töten, bringen Sie mich nicht fort!“

„Sie Spaßvogel! Töten werde ich Sie nicht, und dennoch werden Sie gehen. Also vorwärts, ich habe keine Lust, mich an dem, was ich thun will, von einer Person Ihres Schlages hindern zu lassen. Auf mit Ihnen!“

Ich nahm sie nur bei dem einen Oberarme, aber mit einem Drucke, unter welchem sie sofort mit einem Schmerzensschrei auffuhr. Sie schritt weiter. Wenn sie den Schmerz nicht mehr fühlte, blieb sie Stehen; sobald ich aber die Hand wieder zusammenschloß, ging sie schnell vorwärts. Winnetou und Emery folgten eng hinter mir. Der erste hielt seine Büchse auf der rechten und der andere auf der linken Seite an mir vorüber schußbereit. So konnten sie schießen, während jeder, der uns eine Kugel senden wollte, Judith treffen mußte.

Es war mit keineswegs angenehm, so verfahren zu müssen, denn die Jüdin mochte moralisch noch so tief stehen, sie war doch ein Weib; aber es handelte sich nicht nur um die Befreiung Vogels, sondern um das Gelingen unseres ganzen Planes; da konnte ich mich nicht von zarten Bedenken abhalten lassen.

Der Cañon wurde immer enger. Bald sahen wir Indianer, welche hinter einem Strauche an einem Felsen auf der Lauer lagen. Auch sie sahen uns. Die junge Indianerin war mit dem Stuhle vorausgeeilt und hatte sie benachrichtigt. Sie konnten nicht schießen, ließen uns aber so nahe kommen, daß ich meinen Revolver zog und, die Jüdin immer vor mich herschiebend, einige Schreckschüsse abgab. Da rissen sie aus. So trieben wir sie von Strecke zu Strecke immer weiter zurück, bis ich einen nach dem andern seitwärts verschwinden sah, und zwar, wie wir dann wohl bemerkten, in der Felsenenge, welche aus dem Cañon des Flujo blanco nach dem Felsenkessel des Pueblo führte.

Wir kamen bei dieser Enge an. Das war die Stelle, welche uns heute früh so gefährlich hatte werden sollen. Darum sagte ich zu Judith:

„Hier sollten wir erdrückt werden. Die Hälfte der Yumas wollte uns in der Enge erwarten, und die andere Hälfte, welche unten am Bache im Hinterhalte lag, hatte die Aufgabe, uns dann von hinten zu drängen. Sie sehen, daß es nicht so leicht ist, mit uns Komödie zu spielen, während es uns gar nicht schwer geworden ist, dahin zu gelangen, wohin wir wollten.“

„Sie sind ein Teufel, ein wahrer Teufel!“ zischte sie mich an. „Dem widerspreche ich nicht, Sennora. Ich gestehe sogar sehr gern, daß es mir allerdings ein wirkliches Vergnügen machen wird, jedem eine Kugel entgegenzuschicken, der es wagen sollte, das Pueblo durch diese Felsenenge zu verlassen. Da drinnen stecken jetzt alle Ihre Leute beisammen; sie sind eingeschlossen. Wir setzen uns jetzt vor den Eingang und lassen niemand heraus. Wir sind zwar nur drei Personen, aber bedenken Sie, daß wir außer unsern Gewehren sechs Revolver haben, wozu mein Stutzen kommt, von denen der alte Melton Ihnen einige Stückchen erzählen kann. Wir haben in Summa über sechzig Schüsse, ohne daß wir zu laden brauchen. Sagen Sie das Ihren Leuten! Sagen Sie ihnen auch, daß wir keinen Pardon geben, wenn dem Gefangenen etwas geschieht! Und vergessen Sie nicht, auch zu erwähnen, daß wir ein sehr scharfes Gehör besitzen! Wollte sich jemand trotz alledem herausschleichen, so würden wir ihn schon von weitem hören, und eine tödliche Kugel wäre ihm sicher. Und nun gehen Sie hinein! Wir brauchen Sie nicht mehr. Aber da Sie uns für morgen mittag bestellt haben, werden wir zu dieser Zeit noch hier sitzen. Haben Sie uns dann wieder etwas zu sagen, so bin ich gern bereit, zu erfahren, ob Sie noch so stolz sprechen, wie Sie heute gesprochen haben. Der große Held und Retter sagt Ihnen lebewohl!“

Ich ließ ihren Arm los, und sie verschwand augenblicklich in der Enge. Wir setzten uns, die Gewehre schußfertig haltend, vor derselben nieder. Es war schon nicht mehr sehr hell hier im tiefen Cañon; der Tag neigte sich zur Rüste.

„Alle Wetter, Charley, war das ein Gedanke von dir!“ flüsterte Emery. „Wer hätte geglaubt, daß es möglich sei, am hellen Tage mit heiler Haut bis hierher zu kommen!“

„Pah! Der Gedanke war einfach genug; er lag so nahe, daß man jeden, der ihn nicht gefaßt hätte, für einen Idioten halten müßte.“

„Obgleich du das sagst, glaube ich nicht, daß ich auf ihn gekommen wäre. Nun haben wir gewonnen! Das Pueblo ist unser!“

„Noch lange nicht. Aber ich denke, daß die Meltons fliehen werden.“

„Alle Wetter! Dann könnten wir ihnen wieder, wer weiß wie weit, nachlaufen!“

„Daran dachte ich. Es lag also nahe, ihnen die Flucht abzuschneiden, den Weg zu verlegen. Es gibt nur einen einzigen Weg, vor welchem wir jetzt sitzen. Sie wissen, daß wir da sind, daß wir auf jeden schießen werden, der sich aus der Enge wagen wollte; sie werden sich hüten, das zu thun; wir haben sie also fest.“

„Wenn das nur so sicher wäre! Es ist doch denkbar, daß sie alle zugleich einen Ausfall machen.“

„Alle zugleich! Wie wäre das möglich? Es kann ja nur immer einer heraus. Für zwei ist kein Platz. Wie sie nacheinander kämen, würden wir sie empfangen. Wir brauchen gar nicht drei zu sein; es genügt einer von uns, den Ausgang zu bewachen.“

„Hm, hast recht. Die Kerle stecken jetzt in ihrer eigenen Falle. Aber wir können doch nicht ewig hier sitzen; wir müssen hinein!“

„Natürlich! Wenn es dunkel geworden ist, schleichen wir uns fort. Leider haben wir keine Pferde. Wir müssen also den weiten Weg zum Felsenrand hinauf zu Fuß machen.“

„Dann wird aber hier der Ausgang frei!“

„Ja, aber das wissen sie nicht. Sie denken, wir bleiben hier, und wagen sich nicht heraus.“

„Aber wenn wir uns oben herabgelassen haben, dann sehen sie uns und werden hier heraus fliehen.“

„Das kann der Fall sein, ist aber nicht zu verhindern.“

„O doch. Einer von uns muß hier bleiben.“

„Hm! Das ließe sich wohl machen. Was sagt mein Bruder Winnetou dazu?“

„Unser Bruder Emery hat recht,“ antwortete der Apatsche. „Er mag hier zurückbleiben. Mit seiner Doppelbüchse und seinen zwei Revolvern kann er alle, die herauswollen, zurückhalten.“

„Ja, das werde ich,“ stimmte der Englishmann bei. „Ich bin zudem kein großer Turner und Kletterer; die Partie an den Lassos herab wäre mir sehr schwer gefallen. Hier aber habe ich nichts zu thun, als loszudrücken, wenn jemand die Nase heraussteckt.“

„Aber werden wir zwei alles, was es im Pueblo zu thun giebt, fertig bringen?“ fragte ich Winnetou.

„Ja“ nickte er.

„Die beiden Meltons ergreifen?“

„Ja; ich den einen und du den andern.“

„Und uns gegen die Yumas wehren, die uns daran hindern wollen?“

„Sie hindern uns nicht. Sie werden gar nicht im Pueblo sein. Sie liegen gewiß da drin vor der Enge, wo sie in den Felsenkessel mündet. Wie wir hüben wachen, daß sie nicht heraus können, so wachen jene drüben, damit wir nicht hinein können.“

„Ich gebe es zu. Aber es ist immerhin ein kühner Gedanke, wenn nur zwei Männer es wagen, sich von einem so hohen Felsen in einen so tiefen Kessel hinabzulassen, in welchem sich so viele Feinde befinden. Die dümmste Kugel wirft den Tapfersten über den Haufen.“

„Die Yumas werden gar nicht schießen. Sie befinden sich nicht im Pueblo, sondern am Ausgange des Kessels. Im Pueblo sind nur die beiden Meltons und die Jüdin. Mit diesen Dreien werden wir wahrscheinlich fertig, ohne daß die Yumas etwas davon merken. Dann kann uns niemand etwas anhaben, da die Meltons uns, wie vorhin die Jüdin, dann als Schutz und Schirm dienen werden. Mein Bruder Scharlieh stellt sich die Sache viel schwerer vor, als sie ist.“

So etwas hatte Winnetou mir noch nicht gesagt. Ich wußte, daß er nicht an meinem Mute zweifelte, und doch war es mir, als ob ich mich zu schämen hätte. Die Ausführung unsers nächtlichen Unternehmens kam mir eben schwerer und gefährlicher vor, als ihm. Das Pueblo hatte einen für den Angreifer gefährlichen Bau. Wer in eine Wohnung wollte, mußte durch ein in der Decke derselben befindliches Loch steigen. Ehe man da den Fußboden erreichte, konnte man zehn Kugeln oder Messerstiche erhalten haben. Und vorher die Passage an den Lassos herab! Es gab wahrscheinlich Sternenschein. Wie leicht konnten wir, oben am Lasso hängend, unten gesehen werden! Dann wurden wir wahrscheinlich „abgeschossen“, wie zum Beispiel auf der Vogelwiese zu Tiegelhausen oder Pfannenstadt von der löblichen Schützengilde alljährlich zur schönen Sommerzeit ein hölzerner Vogel „abgeschossen“ wird.

Als ich das dem Apatschen erklärte, ließ er sein bekanntes Lächeln sehen und sagte:

„Mein Bruder hat eine viel zu hohe Meinung von den Männern, welche sich jetzt da drin beim Pueblo befinden. Die Yumas bewachen die Felsenenge. Werden sie das im Dunkeln thun?“

„Nein. Sie werden sicher ein Feuer anzünden. Sie müssen jeden Augenblick gewärtig sein, daß wir von hier aus eindringen. Im Dunkeln könnte uns das gelingen; bei einem Feuer aber nicht.“

„Sie werden bei diesem Feuer sitzen. Das blendet aber ihre Augen so, daß sie nicht sehen können, was oben an der dunkeln Felsenwand geschieht. Sie werden uns nicht bemerken.“

„Aber wenn die Meltons und vielleicht auch Judith im Dunkeln oben auf der Plattform sitzen! Die können uns sehen.“

„Ja, die könnten uns sehen, werden es aber nicht. Mein Bruder darf nicht vergessen, daß sie uns auch dann noch hier an dieser Stelle vermuten. Ihre Aufmerksamkeit wird also stets nach dieser Gegend, nach dem Eingange gerichtet sein. Nach der Felswand aber werden sie gar nicht schauen.“

Ich sah ein, daß er recht hatte, und fühlte mich beruhigt. Ich war so bedenklich gewesen, weil meiner Ansicht nach der entscheidende, der letzte Schlag heute fallen sollte. Mißglückte uns dieser, so stand zu befürchten, daß wir dann nichts mehr thun konnten.

Emery hatte sich die Worte des Apatschen von dem Feuer zu Herzen genommen. Er stand auf und entfernte sich, um dürres Holz zusammenzusuchen; ich half ihm dabei. Es war besser, wenn er ein Feuer hatte, das zweierlei Nutzen zugleich gewährte. Erstens diente es zur Beleuchtung, und zweitens war es, wenn es nicht außerhalb, sondern innerhalb der Felsenenge angezündet wurde, ein Hindernis für jeden, der aus derselben heraus wollte.

Als es dunkel geworden war, kamen leichte Rauchwolken durch die Enge zu uns herausgedrungen. Die Yumas hatten also drinnen ihr Feuer angezündet. Wir häuften nun auch Holz in dem Eingange zusammen und steckten es in Brand. Wir hatten soviel Feuermaterial zusammengelesen, daß die Flamme die ganze Nacht hindurch genährt werden konnte.

Nun wäre es ein großer Fehler gewesen, hätte Emery in der Nähe des Feuers sitzen bleiben wollen. Er suchte sich einen Platz im Gebüsch, wo er im Dunkeln saß, gerade dem Feuer gegenüber. So konnte er über das letztere hinweg ein Stück in die Enge hineinblicken und schon beizeiten jeden sehen, der etwa herausdringen wollte. Nun war es für Winnetou und mich Zeit, zu gehen. Ich ließ mir den Lasso des Engländers geben, weil wir ihn brauchten. Er hatte ihn, gerade so wie wir, in Schlingen gebunden von der rechten Achsel auf die linke Hüfte herunterhängen.

„Ja hast du ihn,“ sagte er. „Ich will hoffen, daß er nicht zerreißt. Wann werdet ihr oben ankommen?“

„Frühestens in fünf Viertelstunden, weil wir nicht reiten können.“

„Ist es euch nicht möglich, mir ein Zeichen zu geben, wenn ihr unten seid?“

„Nein, denn das Zeichen würde uns wahrscheinlich verraten,“

„Aber ich möchte euch doch gern helfen, wenn es zum Kampfe kommen sollte!“

„Hoffentlich brauchen wir dich nicht.“

„Und wenn aber doch?“

„So horche nach der Felsenenge. Giebt es gewöhnliche Schüsse oder sonstigen Lärm, so bleibst du auf deinem Posten und lässest niemand heraus. Hörst du aber den starken tiefen Knall meines Bärentöters, der sicherlich bis hier herausdringen wird, so befinden wir uns in Gefahr und du kommst über und durch die beiden Feuer hinein in den Felsenkessel. Sobald ich dich erscheinen sehe, werde ich dir zurufen, was du thun sollst.“

Well! so mag es sein. Hoffentlich giebt’s keine Schrammen oder gar Löcher in unsern Personen zu flicken. Heute haben wir die beiden Halunken endlich fest, und ich glaube nicht, daß sie uns wieder entkommen werden.“

Ich war derselben Meinung, als ich ihm nun die Hand gab, um mich mit dem Apatschen zu entfernen.

Es war jetzt hier im Cañon so dunkel, daß ein gewöhnlicher Mann die Hand vor dem Auge nicht hätte sehen können. Unsere Sehwerkzeuge aber waren so geübt, daß wir wenigstens nicht an die Bäume rannten, nicht in das Wasser strauchelten und auch leidlich schnell fortkamen. Als wir dann das Thal des Flusses und nachher auch den Hohlweg hinter uns hatten, wurde es besser, denn die Sterne leuchteten uns zur Genüge.

Wir schritten so rasch wie möglich vorwärts, und zwar ohne uns zu unterhalten, da es nichts Wichtiges zu sprechen gab. Dennoch dauerte es über eine Stunde, ehe wir oben auf der Hochebene am Rande des Thalkessels ankamen. Winnetou führte mich zu dem Baume, an welchem die Lassos befestigt werden sollten.

Unten brannte da, wo die Felsenenge in den Kessel mündete, ein großes Feuer; sonst war alles dunkel. Tiefe Stille herrschte. Wenn die Yumas sich unterhielten, wenn irgend ein Pferd schnaubte oder es sonst ein Geräusch in der Tiefe gab, so hörte man hier oben nichts davon.

„Denkt mein Bruder, daß wir gleich hinuntergehen?“ fragte Winnetou.

„Ja.“

„Aber die Yumas sind jetzt noch zu wachsam. Es wäre wohl besser, wenn wir noch warteten.“

„Ganz wie mein Bruder will.“

Wir legten uns also nieder und trafen zunächst unsere Vorbereitungen, deren es nicht viele gab. Wir hatten nur die Lassos zusammenzubinden, weiter nichts. Als dann vielleicht eine Stunde vergangen war, machten wir uns ans Werk. Da gab es zunächst einen kurzen Streit. Jeder wollte der erste sein, weil das gefährlich war. Winnetou behielt schließlich die Oberhand, indem er sagte:

„Der erste darf nicht hinunterklettern, sondern er muß hinabgelassen werden, und da du stärker bist als ich, so mußt du oben bleiben und den zweiten machen.“

Wir hatten das eine Ende der zusammengebundenen Lassos an den Stamm des Baumes befestigt; er schlang sich das andere über Brust und Rücken und unter den Armen hindurch, hing seine Büchse über und kniete am Rande des Abgrundes nieder. Ich nahm das Riemenseil in die Hände, stemmte die Füße fest ein und ließ es langsam durch die Finger gleiten. Da das Seil über die Felsenkante ging, so trug dieselbe einen Teil der Last mit, und ich brauchte mich fast gar nicht anzustrengen. Die Lassos waren noch nicht ganz abgelaufen, so merkte ich, daß Winnetou unten angekommen war. Er zog sie fest an, daß ich nicht in Schwingung geraten sollte. Ich hatte es nun freilich schwerer, als er. Sich an einem starken Seile vierzig Ellen hinabzulassen, das ist leicht, aber sich an einem dünnen Lasso so tief hinabzugreifen, das ist schwer. Man kann, wenn man nicht die Füße zu Hilfe nimmt, das Fleisch von den Händen verlieren. Es ging also langsam; aber als ich unten bei Winnetou anlangte, waren meine Hände zwar glühend heiß, doch Schmerzen hatte ich nicht. Meine beiden Gewehre hatte ich natürlich, über den Rücken gehängt, mitgebracht.

Wir befanden uns auf der obersten Plattform. Gar nicht weit von uns lehnte die Leiter, und wenige Schritte davon sahen wir ein offenes Loch, den Eingang zu der unter uns liegenden Etage, auf dessen Decke oder Dach wir standen.

„Hast du etwas Verdächtiges bemerkt?“ fragte ich den Apatschen.

„Nein,“ antwortete er.

„Vielleicht ist jemand unter uns. Wir müssen in das Loch horchen.“

„Das ist nicht nötig, denn es ist niemand da. Befände sich irgend wer unter uns, so würde die Leiter nicht außen an- , sondern nach innen im Loche liegen.

„Das ist richtig. Steigen wir also auf die nächste Plattform hinab!“

Wir krochen nach der Leiter und stiegen nicht von Sprosse zu Sprosse, sondern rutschten gleich an derselben hinab, weil das viel schneller ging. Auch hier gab es ein Loch, welches offen stand, und auch hier lehnte eine Leiter außen an. Es befand sich also auch niemand in der Etage, auf deren Plattform wir jetzt standen. Winnetou deutete nach dem Feuer hinab und sagte:

„Da unten sitzen die Krieger alle, welche, wie wir gehört haben, die obersten Stockwerke bewohnen; dieselben sind also leer.“

Schon stand ich im Begriff, ihm beizustimmen, als wir unter uns die Stimme eines kleinen Kindes hörten.

„Was ist das!“ flüsterte der Apatsche. „Es sind also dennoch Menschen hier!“

„Still!“ warnte ich. „Wir haben nur an die Krieger, also an die Männer gedacht, die Frauen und Kinder aber vergessen. Wir müssen außerordentlich vorsichtig sein und dürfen nicht das geringste Geräusch verursachen, sonst kommen die Squaws heraus, um nachzusehen.“

„Das können sie nicht, weil die Männer, als sie nach unten stiegen, die Leitern mit nach außen genommen haben. Die andern Familienglieder können also nicht eher heraus, als bis die Krieger wieder heraufkommen und die Leitern in die Löcher hinablassen.“

So huschten wir unhörbar von einer Terrasse immer auf die nächst tiefere herab, bis wir auf der vierten angekommen waren, an welcher die Leiter zu unserm Leidwesen nicht außen lehnte; sie steckte in dem Loche.

„Das ist gefährlich,“ raunte mir Winnetou zu. „Es kann jeden Augenblick jemand heraufkommen und uns sehen. Wir müssen fort!“

„Wieder aufwärts?“

„Nein, auf die nächste Plattform hinunter.“

„Aber wie? Es giebt ja keine Leiter da, und aus dem Loche ziehen können wir sie doch unmöglich, weil man das sofort bemerken würde. Wir holen uns die vorige her, auf welcher wir soeben herabgekommen sind.“

„Nein. Es könnte jemand hier aus der Wohnung kommen, die Leiter sehen, welche gar nicht hergehört, Verdacht schöpfen und Lärm machen.“

„So müssen wir ohne Leiter hinab!“

„Aber wie?“

„Wir helfen einander. Komm!“

Die Etagen waren nicht viel über vier Ellen hoch; man konnte also notgedrungen auch ohne Leiter hinab, aber freilich nicht springen, weil dies Lärm verursacht hätte. Wir krochen nach der Kante unserer Plattform vor. Aus dem Eingangsloche der tieferen Terrasse glänzte ein sehr matter, kaum bemerkbarer Lichtschein zu uns herauf.

„O weh!“ flüsterte ich dem Apatschen zu. „Da unten liegt die dritte Plattform, also die Decke des zweiten Stockwerkes, in welchem Melton der Vater wohnt. Er ist in seiner Wohnung und hat Licht. Das ist höchst gefährlich für uns, zumal wir keine Leiter haben und also befürchten müssen, Geräusch zu verursachen.“

„Um so schneller müssen wir hinab. Ich werde meinen Bruder an seinem langen Bärentöter hinunterlassen; dann mag er sich hart an die Mauer stellen, damit ich auf seine Schultern steigen kann.“

Ich gelangte auf die angegebene Weise glücklich hinunter. Winnetou stieg von oben auf meine Schultern. Um ihm dann mit meinen verschlungenen Händen eine weitere, tiefe Stufe zu geben, mußte ich das Gewehr weglegen; ich lehnte es an die Mauer neben mich. Der Apatsche trat in meine Hände und wollte von da den einen Fuß auf den Boden setzen; der Schritt war aber zu weit; er strauchelte, stieß an den schweren Bärentöter, und dieser stürzte, einen lauten, schweren Schlag verursachend, um. Und das gerade über der Wohnung des alten Melton!

„Schnell fort und an das äußerste Ende der Terrasse!“ flüsterte ich. „Dann niederducken; denn er wird höchst wahrscheinlich kommen!“

Wir huschten auf dem Dache hin und bis zum Ende desselben, wo wir uns platt niederlegten. Kaum war dies geschehen, so sahen wir den Alten erscheinen. Er kam mit dem ganzen Oberkörper aus dem Loche, und fragte im Pueblodialekte laut: „Payu ti-i – ist wer hier?“

Als er keine Antwort bekam, stieg er vollends heraus und schritt langsam über die Plattform hin, glücklicherweise in uns entgegengesetzter Richtung. Er hatte Verdacht geschöpft. Als er auf jener Seite nichts sah, kam er auf diese, doch nicht soweit, daß er uns sehen konnte. Dann kehrte er an das Loch zurück und stieg hinab. Als seine Gestalt verschwunden war, krochen wir hin und blickten vorsichtig hinab. Da das Loch nur so groß war, daß ein starker Mann hindurch konnte, so war von dem unter uns liegenden Raume nicht viel zu sehen. In die viereckige Stelle, welche wir überblickten, ragten zwei Beine eines Stuhles herein; das war alles, was sich unsern Augen bot. Das Licht brannte jedenfalls nicht unter uns, sondern in einem nebenanliegenden Gemache. Ein leises Hüsteln ließ sich von Zeit zu Zeit vernehmen, sonst war es still. Thomas Melton befand sich jedenfalls allein da unten.

„Was thun wir?“ fragte ich den Apatschen leise.

„Wir müssen ihn haben,“ antwortete er. „Er hat niemand bei sich; besser können wir ihn nicht bekommen.“

„Aber wie! Wollen wir hinab?“

„Nein. Ehe einer von uns hinunter käme, hätte er ihn bemerkt und machte Lärm oder griff gar zu den Waffen, was noch schlimmer wäre.“

„So muß er herauf!“

„Ja. Ruf ihn! Aber nicht mit lauter Stimme, sonst merkt er, daß es eine fremde ist.“

„Gut, ich werde ihn täuschen. Nimm du ihn bei der Kehle, aber gleich so, daß er keinen Laut ausstoßen kann. Das übrige thue dann ich.“

Ich beugte mich in das Loch hinab und rief in jenem unterdrückten, hastig heimlichen Tone, bei welchem fast alle Stimmen sich ähnlich klingen:

„Vater, Vater, bist du unten?“

„Ja,“ antwortete er, und ich hörte ein Geräusch, wie wenn jemand von einem Stuhle aufsteht. „Was willst du!“

Er hielt mich also, wie ich beabsichtigt hatte, für seinen Sohn.

„Komm herauf, schnell, schnell!“

„Warum?“

„Mach nur, mach schnell!“

„So rede doch laut! Oder soll es niemand hören?“

Bei diesen Worten hörte ich ihn kommen. Ich zog schnell den Kopf zurück, und Winnetou hielt die Hände griffbereit. Wir knieten beide an der Seite des Loches, der er, wenn er die Leiter heraufkam, den Rücken zukehren mußte. Wir hörten ihn steigen. Jetzt erschien sein Kopf, sein Hals; die Schultern kamen aus dem Loche hervor.

„Was ist’s denn? Wo bist – –“

Weiter kam er mit seiner Frage nicht, denn Winnetou hatte ihm die Finger wie eiserne Klammern um den Hals gelegt. Zwei Faustschläge von mir gegen seinen Kopf, dann griff ich ihm rasch unter die Arme, um ihn zu halten, sonst wäre er hinuntergestürzt, denn seine Füße hatten den Halt verloren; sie waren von der Leitersprosse abgeglitten.

„Er ist ohnmächtig,“ flüsterte Winnetou mir zu. „Laß ihn los, damit er an der Leiter hinunterrutscht!“

„Nein, denn das würde einen lauten Fall geben, und sein Sohn wohnt unter ihm. Ich halte ihn fest; steige du hinter ihm hinab und unterstütze ihn; da kommt er ohne Geräusch auf den Boden zu liegen.“

Das war eher gesagt, als gethan. Das Loch war nicht weit genug für zwei, und die Gestalt Meltons nahm die ganze Leiter ein, sodaß die Füße des Apatschen nur schwer die Sprossen treffen konnten. Doch endlich war er unten und nahm den leblosen Körper in Empfang. Ich stieg nach.

Als ich unten angekommen war, zog ich zunächst die Leiter zu uns herab, damit wir nicht gestört werden konnten; dann sah ich mich schnell um. Wir befanden uns zwischen vier kahlen Lehmwänden, die nichts einschlossen als nur die Leiter und den alten Holzstuhl, dessen zwei Hinterbeine ich vorhin gesehen hatte. Rechts und links führten Thüröffnungen weiter. Ich warf einen Blick nach rechts hinein, wo Melton vorhin gesessen hatte. Ebenso vier kahle Wände, ein alter Tisch, zwei Holzstühle und ein Lager, welches aus mehrfach übereinander gelegten Fellen und Decken bestand. Das sah sehr triste aus, war aber für einen Mann wie Thomas Melton mehr als genug. Ich zog mein Messer, schnitt eine Lagerdecke in lange Fetzen und kehrte dann zu Melton zurück, um ihm Hände und Füße zu binden. Ein Stück der Decke bekam er auf den Mund gebunden, daß er nicht laut werden konnte. Nun hatten wir Zeit, wenn auch nicht lange, uns umzusehen. Auf dem Tische stand eine primitive Thonlampe, welche mit schlechtem Öl gespeist wurde; diese mußte uns leuchten.

Es lagen sechs Räume nebeneinander, die nur ganz spärlich das hatten, was man Möbel nennen könnte. Man sah, daß alles mit dem Beile gefertigt war. In einer der Stuben, die aber nicht Stuben zu nennen waren, denn sie hatten keine Fenster und durch die Thüröffnungen konnte auch kein Licht dringen, fanden wir die Waffen des Alten. Wie ließen sie liegen. Zu unserer Beruhigung diente der Umstand, daß die Etage durch kein Innenloch mit der tieferen verbunden war. Von da unten, wo Jonathan Melton mit der Jüdin wohnen sollte, konnte also während unserer Abwesenheit niemand herauf und den Alten befreien. Wir kehrten zu diesem zurück und zogen ihn in die Stube, in welcher die Lampe gestanden hatte. Dort legten wir den Tisch um, mit der Platte nach unten und den Beinen nach oben; dann schoben wir den Körper des Gefangenen zwischen die vier Beine hinein, und banden ihn an dieselben fest. Nun konnte er unmöglich von selbst loskommen. Darauf löschten wir die Lampe aus, legten die Leiter an, stiegen auf die Plattform zurück und zogen die Leiter empor, um mit Hilfe derselben auf die nächst tiefere Etage, derjenigen Jonathan Meltons, zu kommen.

Das Thürloch derselben war auch offen, und hier drang ein sehr heller Lichtschein nach oben. Nachdem wir die Leiter herabgelassen und an derselben niedergestiegen waren, schlichen wir uns nach dem Loche und horchten zunächst. Zwei Personen sprachen miteinander, eine männliche und eine weibliche; ich erkannte Jonathans und Judiths Stimmen. Auch hier führte eine Leiter hinab, weshalb draußen an der Terrasse keine lag. Das Loch war fast noch einmal so groß als die, welche wir bisher gesehen hatten; darum lag, als ich hinunterblickte, ein größerer Raum als beim alten Melton vor mir. Ich sah außer der Leiter freilich nichts als wieder Füße, und zwar vier; diesmal waren es keine Stuhlbeine, sondern zwei mit Männerstiefeln und zwei mit kleinen Pantoffeln bekleidete Füße. Jonathan und Judith schienen auf einer Bank nebeneinander zu sitzen. Eben hörte ich die letztere sagen:

„Du denkst also, daß die drei Menschen draußen vor unserm Eingange halten bleiben?“

„Ja,“ antwortete er. „Um uns zu bewachen!“

„Und wir können sie nicht verjagen?“

„Nein. Es giebt leider nur diesen einen Weg nach außen. Und wenn hundert und noch mehr Mann hier beisammen wären, so könnten wir nichts machen, weil die Passage durch die Enge nur einzeln möglich ist. Die ersten würden von ihnen erschossen, und würden mit ihren Leibern für die andern den Weg verstopfen. Mein einziger Trost ist der, daß wir hier Proviant für Monate, und Wasser für eine ganze Ewigkeit besitzen. Bis dahin wird den drei Halunken wohl die Geduld ausgegangen sein!“

„Solange brauchen wir nicht zu warten. Komm, mein Lieber, ich will dir etwas zeigen!“

„Was?“

„Das wirst du sehen. Wir steigen nach unten.“

Nach unten steigen? Da mußten sie doch höchst wahrscheinlich zur Leiter heraufkommen. Wir entfernten uns also schleunigst von dem Loche und legten uns in der entferntesten Ecke der Terrasse nieder, um nicht gesehen zu werden. Wir warteten aber vergeblich; sie kamen nicht. Es schien, man konnte aus der ersten Etage von innen nach dem Erdgeschosse gelangen, Wir krochen also bis an die Kante der Plattform vor und blickten vorsichtig hinab, sahen aber nichts. Wir hätten gern gewußt, was die Jüdin ihrem Jonathan zu zeigen hatte; jedenfalls hing es mit der Frage des Entkommens zusammen. Erst nach längerer Zeit wagten wir uns zum zweitenmal an das Loch. Die beiden saßen wieder unten und spannen das Thema, welches sie vorhin abgerissen hatten, weiter. Gleich der Anfang ihres nunmehrigen Gespräches ließ vermuten, daß es einen für uns sehr wichtigen Inhalt haben werde, denn sie sprachen von der Möglichkeit der Flucht, des Entkommens aus dem Thalkessel. Ich beugte den Kopf tiefer hinab, um ihre Worte leichter verstehen zu können; da aber faßte Winnetou leider meinen Arm, zog mich zurück und flüsterte mir zu:

„Rasch fort; da oben kommt jemand; ich höre es!“

Wir befanden uns, wie bereits erwähnt, auf der zweiten Terrasse, von unten herauf gerechnet, also in so unbedeutender Höhe über der Sohle des Thales, daß wir, wenn wir aufrecht standen, von dem Scheine des Feuers, welches am Eingange brannte, getroffen wurden. Wir durften uns also nicht aufrichten und schoben uns kriechend von dem Loche weg, wo wir uns im Lampenlichte befunden hatten. Ich hatte kein Geräusch gehört, konnte mich aber auf die scharfen Sinne des Apatschen verlassen. Als wir uns eine kleine Strecke von dem Loche entfernt hatten, hielten wir an, um zu lauschen. Es war nichts zu hören. Darum fragte ich Winnetou mit leiser Stimme:

„Was für ein Geräusch hat mein Bruder vernommen?“

„Neben uns Schritte und auch eine Stimme.“

„Aber es kommt niemand. Es wird nicht auf der nächsten, sondern auf einer noch höheren Plattform gewesen sein.“

„Nein; es war gleich über uns. Ich weiß ganz genau, daß – –“

Er hielt inne, denn gerade über uns hörten wir eine leise, und zwar männliche Stimme sagen:

„Komme doch weiter! Warum bleibst du hier stehen?“

„Weil ich etwas gesehen habe, was mir auffällt,“ wurde ebenso leise geantwortet, doch hörten wir es.

„Was?“

„Zwei Köpfe waren da unten über dem Loche,“

„Das ist doch nicht auffällig!“

„Zwei Köpfe, welche lauschten? Das soll nicht auffällig sein?“

„Nein. Es werden die Dienerinnen dagesessen haben.“

„Nein. Es waren Männer.“

„Rote? Es sind Krieger von uns gewesen.“

„Nein. Es war ein Indianer, dessen Kopf nur mit seinem langen Haare bedeckt war, und ein Weißer, der einen Hut trug.“

„Also ein Krieger von uns, und vielleicht der Vater des jungen Bleichgesichtes.“

„Auch das nicht, denn der Vater besitzt einen andern Hut. Es waren Fremde!“

„Das ist unmöglich!“

„Ich würde das auch denken, wenn ich sie nicht, gerade als ich den Rand hier erreichte, ganz deutlich gesehen hätte.“

„Nun lege dich nieder! Wir wollen einmal hinabsehen.“

Wir hörten am Geräusche, daß sie sich niederlegten und über die Kante der Terrasse herabblickten. Wir befanden uns gerade unter ihnen. Ein Glück, daß wir nichts Helles an unsern Anzügen hatten! Dennoch mußten sie, wenn sie scharfe Augen besaßen, uns sehen. Darum vergingen für uns einige Minuten großer Spannung; dann hörten wir die Frage:

„Siehst du etwas?“

„Nein.“

Ach auch nicht. Du wirst dich jedenfalls getäuscht haben. Wie sollen Fremde in unser Thal und gar herauf auf die Plattform kommen!“

„Das kann ich mir auch nicht erklären.“

„Der Eingang ist doch von unsern Kriegern besetzt.“

„Sie sind aber dennoch da!“

„Ich glaube es nicht. Steigen wir also weiter, und sehen wir einmal nach! Du wirst finden, daß kein Mensch vorhanden ist.“

„Ja, sehen wir nach!“

Wir hörten, daß sie aufstanden und nach der Stelle gingen, an welcher wir vorhin die Leiter angelegte hatten.

„Sie kommen herab!“ flüsterte Winnetou. „Eilen wir nach der andern Seite!“

Wir huschten schleunigst nach dem linken Ende der Terrasse, während die beiden Roten an der rechten Seite derselben herabgestiegen kamen. Dort legten wir uns nieder und drückten uns eng an die Lehmmauer.

„Wir glaubten, daß nur Frauen und Kinder da oben in den Wohnungen seien, haben uns aber geirrt,“ flüsterte Winnetou. „Hoffentlich sehen uns die beiden nicht!“

„Und wenn sie uns aber sehen, was thun wir da?“ fragte ich.

„Wir fassen sie.“

„Sie dürfen aber nicht laut werden!“

„Nein. Wir nehmen sie mit der linken Hand bei der Gurgel und stoßen ihnen mit der rechten das Messer ins Herz.“

„Nein, töten wollen wir die armen Teufel nicht.“

„Dann ist es fraglich, ob es uns gelingen wird, sie so zu überwältigen, daß sie nicht schreien können.“

„O wir haben den Griff nach dem Halse schon so oft geübt!“

„Er kann auch einmal mißlingen.“

Er hatte ganz recht; aber das Mißlingen war auch beim Gebrauche der Messer möglich, und so war es jedenfalls besser, das Leben der beiden zu schonen.

Da sie aufrecht gingen und also vom Lichte des Feuers getroffen wurden, konnten wir sie sehen. Sie waren die Leiter herabgestiegen und kamen nun langsam und das Terrain vorsichtig prüfend von der rechten Seite der Plattform nach der linken gegangen. Aus der Sorgfalt, mit der sie dabei verfuhren, schlossen wir, daß sie ganz gewiß bis zu unserm Winkel kommen würden.

Und so geschah es auch; sie kamen näher und näher. Sie befanden sich noch zehn, acht, sechs, vier Schritte von uns. Ich hoffte, daß sie noch weiter herankommen würden; dann wären wir rasch aufgesprungen, um sie zu packen. Sie blieben aber stehen und starrten mit vorgebeugten Körpern zu uns her.

„Was liegt dort?“ fragte der eine.

„Das ist ein Mensch,“ antwortete der andere.

„Nein, es sind zwei. Wer seid ihr?“

Diese Frage richtete er in lautem Tone an uns. Wir antworteten nicht, weil wir dachten, daß sie dann näher herankommen würden.

„Was wollt ihr hier?“

Ich sah, daß er ein Messer zog, und der andere folgte dem Beispiele. Jetzt durften wir nicht zögern, obgleich die Partie nicht so gut für uns stand, wie wir erwartet und gewünscht hatten; ihre Messer konnten uns gefährlich werden. Wir sprangen also auf und warfen uns auf sie. Ich gab demjenigen, auf den ich meinen Angriff richtete, einen Schlag auf den Arm, daß er das Messer fallen ließ, und wollte ihn dann beim Halse nehmen; aber er trat schnell einen Tritt zurück und streckte die beiden Hände vor, um mich abzuhalten. Dadurch gingen einige Augenblicke verloren. Der Schein des Feuers fiel gerade auf mein Gesicht; er erkannte mich und rief, so laut er konnte:

„Zu Hilfe, zu Hilfe! Hier oben ist Old Shatterhand!“

Da schlug ich ihm die Faust auf den Kopf, daß er niederstürzte, bückte mich schnell nieder, legte ihm das Knie auf den Leib und die Hände uni den Hals. Er brachte kein Wort mehr heraus, aber hinter mir hörte ich den andern brüllen:

„Auch Winnetou ist hier! Kommt schnell herauf! Zu Hilfe, Hilfe, Hil – –!“

Der dritte Hilferuf erstickte in einem ersterbenden Stöhnen. Mein Yuma war überwältigt; er bewegte sich nicht, und als ich mich nun nach Winnetou umsah, lag dieser auf seinem Gegner und bearbeitete den Kopf desselben mit der Faust.

„Was thun wir mit ihnen?“ fragte er mich. „Sie zu fesseln, haben wir keine Zeit.“

„Wir werfen sie über den Rand auf die erste Terrasse hinab. Schnell, schnell!“

In der nächsten Sekunde flogen die beiden Körper hinunter; da konnten sie uns nicht schaden. Wir aber eilten hin zu dem Loche. Ein Kopf war in demselben erschienen, der Kopf Jonathan Meltons, welcher auf der Leiter stand und aus dem Loche sah, um nach der Ursache der Hilferufe zu forschen. Er sah uns kommen und rief im Tone des größten Schreckes:

„Winnetou und Old Shatterhand! Alle tausend Teufel! Die sind – – “

Weiter hörten wir nichts, denn er verschwand, und als wir das Loch erreichten, war es zu spät, ihn zu fassen. Er war bereits unten angekommen, und man zog soeben die Leiter unten weg, sodaß wir nicht hinuntersteigen konnten. Die Überrumpelung des jungen Melton war uns also nicht gelungen. Das brauchte uns aber nicht zu ärgern, denn er konnte nicht zum Thale hinaus und war uns also sicher.

Die Hilferufe hatten das ganze Pueblo alarmiert. Über uns kamen die Weiber und Kinder aus den Löchern, und schrieen zu ihren Männern und Vätern hinab. Diese waren unten an ihrem Feuer aufgesprungen. Einige standen dort, ganz bewegungslos vor Staunen; andere kamen herbeigerannt, um die Terrassen zu ersteigen und uns anzugreifen. Da erhob Winnetou seine weithin schallende Stimme und rief:

„Ja, hier stehen Old Shatterhand und Winnetou. Die Krieger der Yumas mögen sich nicht heraufwagen, denn sowie ihre Köpfe auf der ersten Leiter erscheinen, schießen wir unsere Kugeln hindurch! Auch mögen sie nicht versuchen, durch die Felsenenge zu fliehen, denn auch draußen am Ausgange erwartet sie der sichere Tod. Und die Squaws da oben mögen mit ihren Kindern schnell wieder in ihre Löcher kriechen und sich dort still verhalten, sonst werden sie erschossen!“

Auf diese Worte trat tiefe Stille ein. Was über uns, in den höheren Etagen vorging, konnten wir nicht sehen, aber die dort eingetretene Ruhe ließ vermuten, daß die Weiber dem Befehle des Apatschen gehorcht hatten. Und auf die Männer war er von derselben Wirkung gewesen, denn es wagte keiner, die zur ersten Etage führende Leiter zu ersteigen. Denen, die das beabsichtigt hatten, rief Winnetou zu:

„Kehrt augenblicklich zum Feuer zurück! Wer nicht sogleich gehorcht, bekommt eine Kugel!“

Die Yumas kannten den Apatschen; sie hatten einen solchen Respekt vor ihm und seiner Silberbüchse, daß sie eiligst nach dem Feuer liefen. Als sie alle wieder dort standen, warf ich ihnen die Frage zu:

„Wer ist euer Anführer? Er mag einige Schritte vortreten, denn Old Shatterhand möchte mit ihm reden!“

Es dauerte eine kleine Weile, ehe ein Roter einige zögernde Schritte machte und uns zurief:

„Einen Häuptling giebt es hier nicht mehr; es gilt der eine soviel wie der andere, doch will ich hören, was Old Shatterhand uns zu sagen hat.“

„Höre und siehe erst etwas anderes! Blicke nach dem Holzaste, welcher dort rechts aus dem Feuer ragt; er wird sofort verschwinden.“

Ich legte den Bärentöter an und zielte; es war bei der flackernden, unsichern Beleuchtung ein schlechter Schuß, doch drückte ich getrost ab, und der Ast wurde von der Kugel getroffen und so zerschnitten, daß die aus dem Feuer ragende Spitze desselben gegen den Felsen flog.

„Uff, uff!“ erklangen die Stimmen der erstaunten Roten.

„Habt ihr gesehen, wie sicher unsere Kugeln gehen?“ rief ich ihnen dann zu. „Ebenso sicher werden wir auch eure Herzen und Köpfe treffen, wenn ihr nicht thut, was wir von euch verlangen!“

„Was fordert mein weißer Bruder von uns?“ fragte der Yuma.

„Sehr wenig. Wir sind nicht als eure Feinde gekommen. Wir wollen euch weder töten oder verwunden, noch uns an dem vergreifen, was euer Eigentum ist. Wir wollen nichts von euch haben als die beiden Bleichgesichter, welche sich hier bei euch versteckt haben.“

„Warum wollt ihr sie fangen?“

„Weil sie mehrere große Verbrechen begangen haben, welche Strafen finden müssen.“

„Das können wir nicht zugeben, weil wir ihnen versprochen haben, sie euch nicht auszuliefern.“

„Ich verlange nicht, daß rote Krieger ein Versprechen, welches sie gegeben haben, brechen sollen. Was habt ihr ihnen noch versprochen?“

„Nichts.“

„So sage ich euch, daß ihr euer Wort halten sollt, denn ihr werdet sie nicht ausliefern, sondern wir holen sie uns selbst. Oder seid ihr die Verpflichtung eingegangen, sie zu verteidigen, falls es uns gelingen sollte, hier heimlich einzudringen?“

„Von diesem Falle ist nichts erwähnt worden, weil wir ihn gar nicht für möglich gehalten haben, und wenn du – uff, uff, uff!“

Er unterbrach seine Rede mit diesem Ausrufe des Schreckes, weil in diesem Augenblicke etwas geschah, worüber man allerdings leicht erschrecken konnte. Nämlich Emery hatte meinen Schuß gehört; ich hatte ihn durch denselben eigentlich nicht herbeirufen wollen, denn wir brauchten seine Hilfe nicht; er war aber doch in die Felsenenge eingedrungen, kam aus derselben heraus und mit einem kühnen Sprunge über das brennende Feuer geflogen, und zwar mitten unter die Roten hinein, welche ganz erstarrt über das so plötzliche Erscheinen des kühnen Englishman waren. Er sandte natürlich seinen Blick nach oben, sah uns stehen und rief zu uns herauf, indem er sein Gewehr schwang:

„Charley, was soll ich thun? Soll ich die Kerle ein wenig totschlagen?“

„Nein, das ist nicht nötig, denn wir werden uns in Güte einigen. Komm aber herauf zu uns!“

„Daß ich von ihnen hinterrücks erschossen werde, während ich die Leiter ersteige!“

„Es wird keiner schießen, denn wenn es einer nur wagen wollte, seine Flinte zu erheben, würde ihn sofort meine Kugel treffen. Also komm!“

Er kam der Aufforderung nach und wurde von den Roten nicht daran gehindert. Waren sie erst so erschrocken darüber gewesen, daß Winnetou und ich uns so plötzlich mitten im Pueblo befanden, so hatte das Erscheinen Emerys sie nun vollständig verblüfft. Sie dachten gar nicht daran, von ihren Gewehren Gebrauch zu machen, die übrigens so schlecht waren, daß wir sie jetzt, des Nachts, gar nicht zu fürchten brauchten. Als Emery unsere Terrasse erreicht hatte, sagte er:

„lch sehe, daß ihr glücklich herabgekommen seid. Wo stecken die Meltons? Wißt ihr das?“

„Ja. Doch warte, ich muß erst mit den Roten da unten fertig werden,“ antwortete ich ihm. Und mich an diese wendend, fuhr ich weiter zu ihnen fort:

„Meine roten Brüder haben gesehen, daß wir uns nicht vor ihnen fürchten, daß sie sich vielmehr ganz in unserer Gewalt befinden. Ebenso wissen sie, daß wir nur die beiden Bleichgesichter fordern. Werden sie uns unbelästigt damit abziehen lassen?“

„Du verlangst also gar nichts von uns?“ fragte der Sprecher.

„Nichts!“

„Verlangst du etwa die weiße Squaw, welche hier wohnt?“

„Nein.“

„Sie war die Squaw unsers Häuptlings, die wir beschützen müßten!“

„Wir mögen sie nicht haben und werden euch das große Glück, sie beschützen zu dürfen, nicht rauben.“

„Und was ihr gehört, das laßt ihr ihr auch?“

„Ja. Was ihr rechtmäßiges Eigentum ist, werden wir nicht anrühren.“

„So sind wir bereit, mit euch Frieden zu schließen. Wo soll die Pfeife des Friedens geraucht werden?&

„Hier oben bei uns.“

„So sollen wir alle hinaufkommen?“

„Nein. Es genügt, daß du allein kommst; du hast für deine Brüder gesprochen und wirst auch für sie handeln. Also komm, und bring dein Kalumet mit!“

Es konnte mir nicht einfallen, alle Yumas heraufzulassen; das wäre eine große Unvorsichtigkeit gewesen. Er kam allein und nahm die alte schmierige Pfeife vom Halse, an welchem er sie mittels eines Riemens hängen hatte. Tabak hatte er in einem Beutel, der in seinem Gürtel steckte. Wir setzten uns nieder und ließen die Pfeife in die Runde gehen. Obgleich wir dabei die sonst gebräuchlichen Ceremonien möglichst abkürzten, konnten wir dann, als die Pfeife leer geraucht war, doch überzeugt sein, daß die Yumas unser Übereinkommen respektieren würden. Das bekräftigte auch der Sprecher, der am Schlusse aufstand und in beteuerndem Tone sagte:

„Es ist also Friede geschlossen zwischen uns und euch, und wir werden ihn halten. Ihr seid nur drei Krieger, und wir sind unser so viele; dennoch sind wir ganz in eure Hände gegeben, denn wir haben kein solches Zaubergewehr, wie Old Shatterhand besitzt. Werden meine Brüder wirklich ihr Wort halten und uns nichts thun und nichts nehmen?“

„Ja,“ antwortete ich. „Wir haben noch nie unser Wort gebrochen.“

„So werde ich euch beweisen, daß auch wir es ehrlich meinen. Unsere Krieger sollen alle ihre Flinten und Messer heraufsenden und sie hier bei euch niederlegen. Dann seid ihr sicher, daß wir wirklich friedlich gesinnt sind.“

„Mein roter Bruder mag den Befehl dazu erteilen. Dann wünschen wir, daß ihr das Feuer bis zum Anbruche des Tages unterhaltet und daß keiner von euch sich davon entfernt. Willigst du ein?“

„Ja.“

„Und sodann wirst du uns sagen, wie wir den jungen Weißen, den wir haben wollen, am leichtesten in unsere Hand bekommen?“

„Nein, das werde ich nicht sagen, weil wir versprochen haben, ihn und seinen Vater nicht an euch auszuliefern; es würde aber soviel wie eine Auslieferung sein, wenn ich thun wollte, was du jetzt von mir verlangst.“

„Das gebe ich zu. Aber dafür wirst du mir etwas anderes sagen: Wo befinden sich unsere Pferde?“

„Sie weiden oder schlafen da drüben unter den Bäumen, wo es dunkel ist.“

„Man hat die Satteltaschen leer gemacht?“

„Ja.“

„Wer besitzt die Gegenstände, welche sich in denselben befanden?“

„Die beiden Weißen, welche ihr gefangen nehmen wollt.“

„Ihr habt mit unsern Pferden ein junges Bleichgesicht ergriffen. Ist es verwundet?“

„Nein.“

„Wo befindet es sich?“

„Das junge Bleichgesicht ist hier im Pueblo eingesperrt worden.“

„Wo?“

„Das weiß ich nicht.“

„Soll ich das glauben? Du mußt es doch wissen!“

„Nein. Man hat es uns nicht gesagt. Wir haben nur gesehen, daß er zwei Leitern ersteigen mußte.“

„Also bis auf diese Terrasse?“

„Ja und dann mußte er hier durch das Loch hinuntersteigen in die Wohnung der weißen Squaw.“

„Giebt es dort Räume, welche sich zum Einsperren eines Gefangenen eignen?“

„Nein, denn die Räume sind lauter Wohnungen. Vielleicht hat man ihn eine Leiter tiefer geschafft.“

„Das müßtet ihr doch gesehen haben!“

„Nein, denn von diesem Stockwerke aus führt auch von innen ein Loch in das Erdgeschoß hinab.“

„Wo ist dieses Loch?“

„Ganz am Ende der rechten Seite, in dem hinteren Raume, wo die weiße Squaw ihre Küche hat.“

„Wo pflegt sie zu schlafen?“

„In dem vorletzten Gemache auf derselben Seite. Jetzt hast du alles erfahren, was ich sagen darf. Nun will ich die Waffen bringen lassen.“

Er entfernte sich, um den betreffenden Befehl zu erteilen. Die freiwillige Auslieferung der Gewehre und Messer wäre im stande gewesen, alles Mißtrauen, wenn wir ja noch welches gehegt hätten, zu zerstreuen. Es verstand sich ganz von selbst, daß wir dem Loche, welches den Eingang zu der Wohnung Judiths bildete, unsere unausgesetzte Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Wir befanden uns ganz in der Nähe desselben, und es war doch immerhin die Möglichkeit vorhanden, daß Jonathan Melton zur Leiter heraufkommen und uns eine Kugel zusenden könne. Zu bemerken wäre noch, daß die beiden Indianer, welche wir auf die Plattform des Erdgeschosses hinabgeworfen hatten, schon längst eiligst von derselben hinabgestiegen waren und sich den ihrigen dort am Feuer beigesellt hatten. Sie waren ohne Schaden davongekommen.

Jetzt wurden die Waffen gebracht, die wir in unserer Nähe niederlegen ließen. Als sich die Träger entfernt hatten, befanden wir uns wieder allein und konnten nun darangehen, Vogel zu befreien und Jonathan Melton zu ergreifen.

Zunächst erzählte ich dem Englishman, daß wir mit Hilfe des Lassos glücklich von der Höhe auf das Pueblo gekommen waren und Melton, den Vater, schon in die Hände bekommen hatten.

„Das habt ihr gut gemacht!“ sagte er. „Hoffentlich ist es nicht schwerer, nun auch seinen saubern Sohn festzunehmen.“

„Nicht schwerer? Ich meine, daß es ganz im Gegenteil gefährlich, und zwar sehr gefährlich ist, weil wir durch das Loch hinabsteigen müssen.“

„Allerdings. Was weiter?“

„Willst du uns etwa voransteigen?“

„Ja, sofort!“

Er schickte sich auch wirklich an, dies augenblicklich zu thun. Ich zog ihn aber schnell zurück und warnte:

„Halt doch! Kannst du dir nicht denken, daß Melton mit seinem Gewehre und seinen Revolvern unten steht, um uns gemütlich das Lebenslicht auszublasen?“

„Ah, Wetter, das ist wahr! Wir müssen eben hinunter, und da das Licht unten brennt, so ist das, was du Vorsicht nennst, ganz unmöglich.“

„Sie ist möglich. Du wirst schon sehen. Vorher aber müssen wir bestimmen, wer von uns hier oben zu bleiben hat.“

„Du meinst, es ist notwendig, daß einer hier bleibt?“

„Unbedingt. Es handelt sich um unsere Sicherheit. Was mich betrifft, so muß ich hinab. Und weil es da unten voraussichtlich Heimlichkeiten zu entdecken giebt, worin Winnetou Meister ist, so schlage ich vor, daß er mit mir geht.“

„Hm, ich muß mich fügen, obgleich ich auch große Lust besitze, mir das Innere des Schlosses einmal anzusehen.“

„Das kannst du später mit weit mehr Muße thun. Wir lassen dir unsere Gewehre hier.“

„Was? Die wollt ihr nicht mitnehmen?“

„Nein. Es wird da wahrscheinlich zu steigen und zu klettern geben, wobei sie uns nur hinderlich sein würden.“

„Aber wenn es zu einem Kampfe mit Jonathan kommen sollte!“

„So brauchen wir die Gewehre sicher nicht. Wir sind zwei gegen einen und haben die Messer und Revolver. Also hier sind meine Gewehre, und nun will ich zunächst sehen, wie es da unten steht.“

Ich legte den Hut ab, steckte den Kopf in das Loch, hielt mich am Rande desselben fest und ließ mich leise und langsam, soweit die Arme reichten, tiefer sinken. Man hatte von innen die Leiter weggenommen. Winnetou und Emery hielten mich draußen fest, sodaß ich nicht hinabstürzen konnte. So kam ich mit dem Kopfe nach unten soweit, daß ich den Raum überblicken konnte. Ich sah die Bank, auf welcher Judith und Jonathan vorhin gesessen hatten, einen Tisch und zwei Stühle. Über dem Tische hing ein Spiegel. Dieses unter andern Verhältnissen höchst einfache Möblement war für das Pueblo fein zu nennen. Die beiden Thüröffnungen, welche nach rechts und links führten, waren durch bunten Kattun verhängt. Also hinter dem Vorhange rechts wohnte Judith und links Jonathan. Da sah ich, daß sich der erstere bewegte; es erschien eine Frauenhand mit einem Revolver; ich zog schnell den Kopf zurück, da knallte auch schon der Schuß. Natürlich war ich im nächsten Augenblicke außerhalb des Loches.

„Wetter, das war gefährlich! Wer hat geschossen?“ fragte Emery.

„Judith!“

„Da konntest du jetzt das schönste Loch im Kopfe haben. Wo steht sie denn?“

„Hinter dem Vorhange in einem Nebengemache.“

„Und Jonathan?“

„Den habe ich nicht gesehen. Wahrscheinlich steht er auf der andern Seite auf der Lauer.“

„Das ist eine fatale Lage. Wir können nicht hinab.“

„O doch! Ich springe hinab.“

„Da schießt man von beiden Seiten auf dich!“

„Das muß ich freilich riskieren; wahrscheinlich aber bin ich rascher, als die beiden Belagerten. Die Lampe, welche unten brennt, steht auf dem Tische; wenn ich sie schnell ausblasen kann, bin ich ziemlich sicher, nicht getroffen zu werden. Holt dort die Leiter her! Wenn ich von unten rufe, steckt ihr sie in das Loch, und Winnetou kommt hinunter.“

„Aber bedenkst du auch, daß du außerdem den Hals brechen kannst, wenn du hinabspringst!“

„Da müßte es etwas tiefer sein. Also jetzt, es sei gewagt!“

Die Ausführung meines Vorsatzes, hinabzuspringen, war nur dadurch möglich, daß das Loch doppelt so weit war, als die andern Eingänge, die wir gesehen hatten. Ich stellte mich gerade darüber, das eine Bein hüben und das andere drüben. Um gleich bewaffnet zu sein, zog ich den Revolver. Indem ich die Füße hüben und drüben von der Kante des Loches abgleiten ließ, fiel ich in aufrechter Stellung hinunter und kam auf die Zehen zu stehen. Ein schneller Schritt zur Lampe, die ich ausblies, zwei ebenso rasche Schritte wieder zurück und nach der andern Seite – da knallte auch schon der Revolver; die Jüdin hatte auf mich geschossen und sie hätte mich sicher getroffen, wenn ich nur einen Moment länger dort am Tische bei der Lampe stehen geblieben wäre. Jetzt mußte ich zur List greifen. Ich warf mich nieder, und zwar so, daß man es hören mußte, und begann, zu stöhnen. Ich wollte dadurch Jonathan herbeilocken. Zunächst aber machte sich nur Judith bemerkbar!

„Himmel, ich habe ihn getroffen! Sind Sie verwundet?“

Ich antwortete mit einem weitern Stöhnen und Röcheln.

„Er stirbt, er stirbt! Ich habe ihn erschossen! Licht her, Licht!“

Das klang ja ganz so, als ob es gar nicht ihre Absicht gewesen sei, mich zu treffen. Ich glaubte, sie würde hereinkommen, um die ausgelöschte Lampe anzubrennen, hörte aber, daß sie sich nach innen entfernte. Da stand ich wieder auf und huschte in den zweiten Raum, in welchem sie gestanden hatte. Weiter hinten, mehrere Zimmer weiter, gab es einen Lichtschein, welcher durch die Vorhänge drang. Er kam näher und wurde heller und stärker. Der Kattun der nächsten Thür wurde auseinandergezogen, und da stand sie, die Jüdin, eine zweite Thonlampe in der Hand und mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrend; sie ließ den Revolver, welchen sie in der andern Hand trug, fallen.

„Guten Abend, Sennora!“ grüßte ich. „Sie verzeihen doch, daß ich Sie in ihrer Häuslichkeit störe? Da Sie wahrscheinlich nicht hinaufgekommen wären und ich Sie doch sprechen mußte, war ich gezwungen, herunterzukommen.“

„Da – da – da stehen Sie ja!“ rief sie aus.

„Allerdings! Oder meinen Sie, daß ich mich setzen darf?“

„Sie – Sie – Sie lagen doch da draußen. Ich hörte Sie fallen!“

„Das habe ich auch gehört!“

„Ich glaubte Sie im Sterben, und nun – nun – stehen Sie hier vor mir! Sind Sie denn nicht verwundet?“

„Nein.“

„Aber warum röchelten Sie da so entsetzlich?“

„Ich habe die Angewohnheit, nur zu meiner Unterhaltung zu röcheln.“

„Und ich war so erschrocken darüber! Ich hatte Sie ja nur erschrecken wollen.“

„Sonderbar! Und das soll ich glauben?“

Sie können es glauben! Sie sollten nicht herunterkommen.“

„Und als ich unten war, schossen Sie doch noch auf mich! Sennora, darüber werden wir später sprechen. Jetzt bitte ich, mir zu sagen, wo Mr. Jonathan Melton sich befindet; ich habe mit ihm zu sprechen.“

„Er ist nicht hier!“

„Sie verleugnen ihn? So muß ich ihn mir suchen!“

„Suchen Sie!“

„Das werde ich freilich thun, und Sie haben die Güte, mir dazu zu leuchten!“

„Ich bin nicht Ihre Dienerin. Hier haben Sie die Lampe!“

Sie hielt mir das kleine, vasenartige Gefäß hin; ich schüttelte den Kopf und antwortete:

„Sie sind hier daheim, und ich bin unbekannt; ich muß Sie also bitten, mich zu führen!“

„Und ich thue es nicht.“

„Sie werden es thun!“

„So kommen Sie! Sie sind im stande, eine Dame zu maltraitieren und vielleicht gar zu schlagen!&

„Das ist mir allerdings unter Umständen zuzutrauen! Also bitte, gehen Sie voran! Ich bleibe hart hinter Ihnen. Sollte es irgend jemanden hier geben, der einen Angriff auf mich beabsichtigt, so dienen Sie mir als Schild und müssen außerdem gewärtig sein, daß Ihnen mein Messer in den Rücken dringt. Sie haben zweimal auf mich geschossen; ich habe also gar keine Veranlassung, Sie zu schonen!“

„Es ist niemand hier. Kommen Sie!“

Sie sagte das in einem Tone, der mich irre machte. Das klang so glaubhaft, und doch mußte Melton sich hier befinden. Sie führte mich nach rechts, durch die Räume, welche sie selbst bewohnte. Die Ausstattung ließ, die Verhältnisse und die Örtlichkeit in Betracht gezogen, nichts zu wünschen übrig. Hinter jedem Thürvorhang glaubte ich, auf Melton zu treffen; er war nicht da!

Dann kehrten wir um; sie führte mich auf die linke Seite, also in seine Wohnung hinüber. Dieser sah man es an, daß sie früher der Aufenthalt eines Indianerhäuptlings gewesen war. Der Gesuchte war auch hier nicht zu sehen!

„Nun, haben Sie ihn?“ fragte sie mich im Tone und mit einem Blicke des Triumphes.

„Bis jetzt noch nicht. Er ist irgendwo hier versteckt, und ich werde nicht eher ruhen, als bis ich ihn gefunden habe.“

„So thut mir’s um Ihre Ruhe leid, zu welcher Sie niemals kommen werden. Mr. Melton ist seit mehreren Stunden fort.“

„Wohin?“

„Weiß ich es? Er ist nicht mehr hier, nicht mehr im Pueblo und überhaupt nicht mehr in der Gegend desselben.“

„Und vor einer halben Stunde habe ich ihn noch gesehen!“

„Das ist nicht wahr!“

„Ich hörte ihn sogar mit Ihnen sprechen, vorn auf der Bank unter dem Eingange. Kehren wir jetzt dorthin zurück! Sie werden noch andern Besuch bekommen.“

„Wen?“

„Winnetou.“

„Herrlich!“ meinte sie in spöttischem Tone. „Ich bin begierig, ob zwei so berühmte Westmänner die Spur finden werden!“

„Ich hab‘ sie schon, Sennora! Da, wo die Leiter jetzt liegt, welche an Ihrem Eingange fehlt, nachdem ich sie kurz vorher noch dort gesehen habe.“

„Und wo liegt sie jetzt?“ fragte sie mich spöttisch.

„Ich werde sie Ihnen zeigen.“

„Da müßten Sie allwissend sein. Ich weiß, was für eine Spürnase Sie besitzen, aber so lang ist sie doch nicht, wie sie sein müßte, wenn Sie mit ihr an die Leiter stoßen wollten!“

„Werden sehen. Kommen Sie jetzt mit nach dem Eingange!“

Als wir dort anlangten, rief ich Winnetou. Die Leiter, natürlich eine andere, als die, von der wir jetzt gesprochen hatten, wurde herabgelassen, und dann kam der Apatsche herniedergestiegen. Er würdigte die Jüdin keines Blickes, blickte besorgt an mir hernieder und fragte:

„Jonathan Melton?“

„Nicht zu sehen.“

„Werden suchen.“

Jetzt nahm ich der Jüdin die Lampe aus der Hand und leuchtete. Sie ging neugierig hinter uns her. Wir begaben uns zunächst hinüber nach der linken Seite, der Männerwohnung. Die Beschreibung derselben hat kein Interesse. Es gab auch hier niemals Tageslicht, und wo die Außenluft Zutritt fand, das hätte ich auch nicht sagen können. Wir fanden nichts und begaben uns also nach der rechten Seite.

Was mir dort, ohne daß ich es erwähnte, aufgefallen war, das bemerkte der Apatsche sofort auch. Der Indianer hatte uns gesagt, daß die weiße Squaw im letzten Raume auf dieser Seite zu kochen und im vorletzten zu schlafen pflege. Es gab ganz hinten allerdings eine Küche. In der hintersten Ecke war eine Art Herd aus Lehm errichtet und darüber ein Loch durch die Decke gebrochen, durch welches der Rauch abziehen konnte. Auch Teller, Tassen, Schüsseln und anderes Geschirr gab es, dazu einen großen irdenen Wasserkrug.

In der andern Ecke stand oder vielmehr lag das Bett, bestehend aus einer Art Matratze, mehreren Fellen und Decken. In dem vorletzten Raume hingen Kleidungsstücke; auf jedem Tische befanden sich mehrere Toilettengegenstände, und auf der Erde, dem Fußboden, lagen verschiedene andere Sachen. Man sah es, daß dieselben absichtlich so hingeworfen worden waren.

„Nun?“ fragte sie jetzt. „Der große und berühmte Häuptling der Apatschen ist auch da. Was haben Sie gefunden? Nichts!“

„Allerdings nichts,“ antwortete ich.

„Und Sie behaupten doch, die Spur zu haben!“

„Die haben wir und das Finden wird sofort beginnen.“

Wir standen im vorletzten Raume. Winnetou brachte es doch nicht fertig, auch jetzt noch zu schweigen; er war zwar zu stolz, sich direkt an die Jüdin zu wenden, sagte aber, daß sie es hörte, zu mir:

„Wenn die Squaw ein Mann wäre, würde Winnetou ihr eine Antwort geben. Mein Bruder reiche mir die Lampe her!“

Ich gab sie ihm. Er bückte sich nieder und leuchtete auf den Boden, indem er mich fragte:

„Glaubt mein Bruder, daß die Sachen stets hier liegen?“

„Nein. Sie sind vor ganz kurzer Zeit hergeworfen worden.“

„Wozu?“

„Um den Raum zu füllen. Man soll nicht sehen, was hier eigentlich fehlt.“

„Mein Bruder hat sehr richtig gesprochen. Er blicke in diese Ecke. Was ist da zu bemerken?“

„Ein langes Viereck, welches von dem andern Teil des Bodens absticht.“

„Wie lang und breit ist dieses Viereck?“

„Gerade so lang und breit wie das Bett, welches jetzt draußen in der Küche liegt.“

„Richtig! Das Bett hat also stets hier gelegen; die Squaw hat hier geschlafen. Warum hat sie ihr Bett so plötzlich hinüber neben den Herd geschafft?“

„Um damit etwas zu verdecken, was wir nicht sehen sollen.“

„So ist es. Old Shatterhand mag also mit in die Küche gehen.“

Als wir drüben standen und Winnetou nach den Decken griff, um sie wegzunehmen, rief Judith:

„Sennores, was soll das heißen! Hoffentlich ist Ihnen die Ruhestätte einer Dame heilig!“

„Allerdings,“ antwortete ich. „Darum wollen wir sie wieder dorthin schaffen, wo sie sich stets befunden hat. Hier in der Küche haben Sie nie geschlafen.“

„Stets!“

„Auf der Leiter?“

„Auf der Leiter! Was meinen Sie?“

„Ich meine natürlich die Leiter, welche wir suchen. Übrigens habe ich Ihnen eine sehr wichtige Frage noch nicht vorgelegt. Wo steckt der junge Sennor, welcher hier gefangen ist?“

„Ich weiß es nicht. Um Männerangelegenheiten habe ich mich nicht gekümmert.“

„Er hat aber in Ihre Wohnung herabsteigen müssen!“

„Davon weiß ich nichts.“

„Wenn Sie es wirklich nicht wissen, werden wir es Ihnen sagen; er steckt unter Ihrem Bette.“

Da legte sie sich plötzlich auf die Decken nieder und rief:

„Hieran darf sich kein Mensch vergreifen! Es ist eine Roheit, eine Gemeinheit, welche Sie begehen wollen!,

„Stehen Sie auf, Sennora!“

„Nein! Ich werde nur der Gewalt weichen. Sie haben mich ja schon prügeln wollen. Thun Sie es doch jetzt!“

Es widerstrebte mir, Gewalt anzuwenden, aber was wollte man mit dem obstinaten Frauenzimmer anders thun? Da kam mir Winnetou zu Hilfe, welcher trotz seines ernsten Charakters doch zuweilen den Schalk im Nacken hatte; er sagte:

„Wer nicht freiwillig geht, wird weggeschwemmt!“

Er nahm das große, thönerne Wassergefäß vom Boden auf, welches so schwer war, daß er es kaum zu tragen vermochte, und näherte sich damit dem Bette.

„Himmel! Er will das Wasser auf mich schütten!“ rief Judith und sprang auf.

Winnetou hatte das Gefäß noch nicht wieder an seinen Ort gestellt, so hatte ich schon alles, was zu dem Bette gehörte, auf die Seite gerissen. Da sahen wir denn, was wir erwartet hatten. Ein Loch führte von hier in das Erdgeschoß hinab; es war zugedeckt, und die Decke bestand aus Rundhölzern, welche aus starken Ästen zugeschnitten und mit Riemen zusammengebunden waren.

„Nun, Sennora, meinen Sie nicht, daß die gesuchte Leiter gleich hier zum Vorscheine kommen wird?“ fragte ich.

Sie antwortete nicht.

Wir hoben die Decke weg und leuchteten in das Loch hinab. Da lehnte die Leiter.

„Hier ist sie. Sie sehen also, Sennora, daß ich vorhin garwohl wußte, wo die Spur zu suchen sei. Wollen Sie die Güte haben, uns voranzusteigen!“

„Fällt mir nicht ein! Gehen Sie nur immer allein!“

Ach muß darauf bestehen, daß Sie mitgehen! Sie könnten, wenn wir Sie allein hier oben ließen, uns irgend einen Streich spielen. Man weiß nicht, wie die Tiefe da unten beschaffen ist, und ob wir dann wieder heraufkönnten.&

Ach gehe nicht mit!“

„Da zwingen Sie mich wirklich, Sie wieder beim Arme zu nehmen, denn hinunterschwemmen können wir Sie doch unmöglich.“

Ich streckte den Arm nach ihr aus; da schritt sie auf das Loch zu und sagte wütend:

„Rühren Sie mich nicht wieder an! Mich schmerzt der Arm noch jetzt, den Sie mir am Tage so übel zugerichtet haben. Sie sind ein entsetzlicher Mensch. Ich steige ja hinab!“

Und sie stieg hinab. Ich folgte ihr mit der Lampe, und Winnetou kam hinter mir. Als wir die letzte Sprosse hinter uns hatten, umfing uns eine feuchte, modrige Luft. Wir befanden uns in einem langen, schmalen Gange, und zwar am Ende desselben.

„Wohin führt der Gang, Sennora?“ erkundigte ich mich.

„Sehen Sie selbst nach!“ antwortete sie kurz.

„Giebt es vielleicht rechts oder links Zimmer?“

„Suchen Sie!“

Die beiden Wände des Ganges bestanden aus Lehm; es gab keine einzige Öffnung in denselben. Als wir ihn halb durchschritten hatten, kamen wir an eine Stelle, wo der Boden nicht aus Erde, sondern aus starken, dicken Hölzern bestand, welche nebeneinander lagen, ungefähr in der Weise, wie man Senk- oder andere Gruben zu bedecken pflegt. Ich kniete nieder und entfernte zwei oder drei von diesen Hölzern. Ein tiefer liegender Wasserspiegel schimmerte von da unten herauf. Ich nahm eins der Hölzer und hielt es in das Wasser hinab, um dasselbe zu sondieren. Es war nicht ganz zwei Ellen tief, und der über dem Wasser bis zum Fußboden liegende Raum mochte eine Elle betragen.

„Uff!“ sagte der Apatsche im Siouxdialekte. „Mein Bruder hat die Cisterne gesehen, welche sich draußen vor dem Pueblo befindet, gerade in der Mitte desselben?“

„Ja.“

„Wir stehen gerade in der Mitte des Ganges, welcher die Breite des Pueblo einnimmt. Sollte das Wasser mit der Cisterne in Verbindung stehen?“

„Wahrscheinlich.“

„Dann kommt es aus dem Flusse, und wenn man in dies Loch steigt und in dem unterirdischen Wasser weitergeht, kann man in den Flujo blanco hinausgelangen.“

„So ist es; so ist es! Und der junge Melton ist uns auf diesem Wege entwischt.“

„Das wäre außerordentlich zu beklagen. Wir müssen die Squaw zwingen, es uns zu sagen!“

„Ob sie sich zwingen läßt!“

„Sie muß, und wenn – horch! Hat mein Bruder nicht einen Seufzer gehört?“

„Nein.“

„Es war da hinten im Gange. Wir wollen einstweilen weitergehen.“

Ich brachte die Hölzer wieder an ihre Stelle, und dann setzten wir unsere Nachforschung fort. Ja, jetzt hörte auch ich einen Seufzer oder vielmehr ein röchelndes Stöhnen. Wir beschleunigten unsere Schritte und kamen an das Ende des Ganges, ohne darauf zu achten, daß die Jüdin zurückblieb. Ich mußte an Vogel denken, den wir suchten; darum die Eile und darum auch die erwähnte Achtlosigkeit. Und richtig, da lag er, mit Riemen gefesselt und an einen in den Boden getriebenen Pfahl gebunden. Man hatte ihm ein altes Tuch mehrfach über Mund und Nase befestigt, sodaß er nicht schreien und rufen, sondern nur stöhnen und kaum atmen konnte. Der Knebel wurde natürlich zuerst entfernt. Da that er einen tiefen Atemzug und rief:

„Dem Himmel sei Dank! Ich sah Sie da hinten im Gange erscheinen und hatte Angst, daß Sie nicht ganz bis hierher kommen, sondern wieder umkehren würden. Bitte, machen Sie die Riemen los!“

Sie wurden durchschnitten; er konnte also aufstehen. indem er sich reckte und streckte, fragte ich ihn:

„Haben Sie viel Angst ausgestanden?“

„Natürlich!“

„Sie konnten sich doch sagen, daß wir kommen würden!“

„O, daß Sie in das Pueblo dringen würden, das traute ich Ihnen schon zu, aber daß Sie diesen Ort finden würden, das konnte ich kaum glauben. Ich habe um mein Leben gebangt!“

„So ist es, wenn man Pferde bewachen soll und dabei einschläft!“

„Ich konnte nicht dafür. Ich war eigentlich gar nicht müde, sondern nur die Langeweile war es, welche mich eingeschläfert hat. Als ich plötzlich aufgeweckt wurde, war ich auch schon gefesselt. Ich wurde durch den Cañon und die Felsenenge nach dem Pueblo geschafft und da verhört.“

„Von wem?“

„Von den beiden Meltons und der Jüdin. Sie haben das Weib bisher nur für leichtsinnig gehalten; sie ist aber schlecht, ebenso schlecht wie die Meltons, denn sie weiß, daß der Reichtum, den Jonathan besitzt, die Frucht des Betruges, des Verbrechens ist. Ich geriet in Wut, und die machte mich unvorsichtig.“

„Sie sagten, daß Sie der rechtmäßige Erbe sind?“

„Ja. Sie können sich das Staunen und die darauffolgende Freude denken! Man sagte mir, daß ich sterben müsse, und schaffte mich hierher.“

„Es war nicht so schlimm gemeint. Man wollte Ihnen Angst machen, um Sie mürbe werden zu lassen. Es ist uns ja ein Angebot gemacht worden, welches ich abgeschlagen habe. Später mehr davon. Sagen Sie uns jetzt, ob man Sie nach unsern Absichten ausgefragt hat!“

„Natürlich hat man dies gethan! Die Meltons wollten wissen, welchen Plan Sie verfolgten, um zum Ziele zu gelangen; ich habe aber nichts gesagt.“

„Das war gut. Doch wollen wir nicht länger hier verweilen. Wir können oben besser miteinander reden. Kommen Sie. Wie ich sehe, ist die Jüdin schon voraus.“

Wir kehrten durch den Gang zurück. Als wir an das Ende gelangten und die Leiter emporsteigen wollten, war sie fort. Wir sahen einander an.

„Was sagt mein Bruder dazu?“ fragte Winnetou, indem ein halb lustiges Lächeln um seine Lippen spielte.

„Dummköpfe sind wir gewesen!“

„Wir können nicht hinauf!“ klagte Vogel. „Wir sind also gefangen!“

„Nein,“ antwortete Winnetou. „Und wenn wir gefangen wären, dann aber nur für kurze Zeit. Wir müssen zunächst sehen, ob wir oben den Deckel öffnen können.“

„Wir können ja nicht hinauf; es ist keine Leiter da!“

„Es ist eine da,“ antwortete ich. „Wir selbst sind die Leiter. Können Sie ein wenig klettern? Sind Sie Turner?“

„Ja.“

„Stellen Sie sich auf Winnetous Schultern; ich kniee nieder, und Winnetou tritt auf die meinigen. Dann reichen Sie bis oben an die Decke und können versuchen, ob der Deckel sich heben läßt.“

Die Probe wurde gemacht, doch ohne guten Erfolg. Judith war emporgestiegen, hatte die Leiter nachgezogen und den Deckel auf das Loch gelegt. Auf welche Weise sie ihn so fest oder schwer gemacht hatte, daß Vogel ihn nicht heben konnte, das wußten wir nicht.

„Was ist da zu thun?“ fragte der letztere. „Ich bin kaum frei und schon wieder ein Gefangener.“

„Sir Emery wartet oben. Wenn wir nicht kommen, so holt er uns.“

„Aber wenn auch er überlistet wird!“

„So haben wir den Weg durch das Wasser.“

„Welches Wasser?“

„Wissen Sie nicht, daß sich in der Mitte des Ganges Wasser unter dem Boden befindet?“

„Nein.“

„Das Wasser scheint mit dem Flusse draußen in Verbindung zustehen. Wir vermuten sogar, daß Jonathan Melton uns vorhin auf diesem Wege entkommen ist.“

„Was? Wie? Wann dürfte das wohl gewesen sein?“

„Vor wenig über einer Stunde.“

„Ah, um die Zeit ungefähr sah ich hier ein Licht herabkommen und hörte leise sprechen. Verstehen konnte ich die Worte nicht; ebensowenig vermochte ich die Personen zu erkennen; es schienen mir zwei zu sein. Sie kamen bis in die Mitte des Ganges, wo das Licht eine Zeit lang stehen blieb, bis es sich wieder entfernte.“

„Das ist die Jüdin mit Jonathan Melton gewesen; er ist uns entkommen! So fatal das ist, so bildet es doch auch ein Glück für uns, weil wir nun einen Ausweg wissen. Wir werden gar nicht warten, bis Sir Emery uns vermißt, sondern den Wasserweg sofort antreten. Jetzt haben wir noch Öl genug hier in der Lampe, denselben zu erleuchten; später müßten wir ihn im Finstern zurücklegen, was weit schwieriger ist, da wir ihn nicht kennen. Stimmt mir mein Bruder Winnetou bei?“

Der Apatsche war ganz meiner Meinung, und der Violinvirtuos hatte uns gegenüber keinen Willen. Winnetou und ich machten uns nicht das mindeste daraus, wenn wir ein wenig naß wurden, und Vogel mußte sich notgedrungen in das kleine Übel ergeben. Wir gingen also in die Mitte des Ganges zurück und nahmen die Hölzer weg. Nachdem wir uns das Schuhwerk ausgezogen und die Revolver und sonstigen Sachen, welche nicht feucht werden durften, verwahrt hatten, stiegen wir in das Wasser, welches mir nicht einmal bis an die Brust reichte.

Ich mußte dabei lebhaft an einige frühere Ereignisse denken, welche dem jetzigen zwar ähnlich, aber viel gefährlicher gewesen waren. Um ein geraubtes Mädchen aus dem Harem zu retten, war ich einst in Ägypten in einen Kanal gedrungen, welcher aus dem Nile unterirdisch in den Hof des betreffenden Hauses führte. Der Kanal war nur durch Zertrümmerung eines starken Holzgitters und nach Lossprengung eines sehr festen Blechsiebes zu passieren gewesen, und während der Arbeit hatte ich mich, auch mit dem Kopfe, ganz unter Wasser befunden. Ich war auf eine halbe Sekunde dem Tode des Erstickens, des Ertrinkens nahe gewesen. Ein ganz ähnliches Ereignis hatte ich im Norden der Vereinigten Staaten erlebt, wobei der Ort von allen Seiten von feindlichen Indianern umgeben gewesen war, Wie ungefährlich war dagegen unsere heutige Lage!

Ich ging mit der Lampe voran. Wir mußten uns bücken, um nicht oben anzustoßen. Vor wieviel hundert Jahren war der Kanal wohl gebaut worden! Er bestand aus einer Art von Ziegeln, welche sich sehr gut erhalten hatten. Die Luft war schlecht, doch nicht so sehr, daß wir belästigt worden wären. Wenn mich meine Berechnung nicht trog, ging der Kanal durch die Felsenenge hinaus nach dem Flusse. Wir mußten also unter dem Wege hinaus, auf dem Emery vorhin in den Thalkessel und nach dem Pueblo gekommen war.

Der Weg war keineswegs kurz. Endlich bemerkten wir, daß die Luft mit jedem Schritte besser wurde, und dann fiel der Schein unserer Lampe auf dichte Zweige, welche vor mir niederhingen. Ich löschte das Licht aus, schob die Zweige auseinander, ging noch zwei Schritte vorwärts und stand -im Flusse, dessen Wasser gerade so tief wie dasjenige im Kanale war. Die Zweige gehörten einem Schlinggewächse an, welches die Mündung des Kanales vollständig verdeckte und verbarg.

Winnetou und Vogel traten hinter mir auch ins Freie; dann erstiegen wir das Ufer und befanden uns im Cañon des Flujo blanco neben der Felsenenge.

„Hier ist Melton auch herausgekommen,“ sagte Winnetou leise. „Meint mein Bruder, daß er sich vielleicht noch in der Nähe befindet?“

„Nein. Er ist jedenfalls fort. Er hat sich wohl keinen Augenblick aufgehalten.“

„Unser Bruder Emery muß nicht aufgepaßt haben, sonst hätte er ihn sehen oder hören müssen!“

„Ich glaube vielmehr, als Melton hier aus dem Kanale kam, ist Emery schon bei uns drin auf dem Pueblo gewesen.“

Das Feuer, welches bei dem Englishman hier gebrannt hatte, war ausgegangen. Wir schritten über die Asche desselben in die Felsenenge hinein. Am jenseitigen Ende derselben brannte das Feuer der Yumaindianer, über welches Emery hinweggesprungen war. Es blieb uns nichts übrig als denselben Sprung zu thun. Ich voltigierte als der vorderste über die Flammen hinweg und riß zwei oder drei von den Yumas, welche jenseits saßen, über den Haufen. Die Roten sprangen erschrocken auf und starrten mich an. Da kam auch Winnetou geflogen. Das war ihnen dann doch zu rätselhaft! Sie wußten uns droben im Pueblo, und jetzt kamen wir wie von einer Sehne geschnellt, über das Feuer herein in den Thalkessel geflogen. Sie rissen die Augen und die Mäuler auf und brachten vor Erstaunen nicht einmal einen Ausruf hervor.

Jetzt kam auch Vogel gesprungen. Das war für sie noch wunderbarer. Das junge Bleichgesicht steckte ja als Gefangener hinter den starken Mauern des Terrassenbaues, und jetzt war er nicht nur frei, sondern er kam aus dem Freien herein zu ihnen!

„Uff, uff, uff!“ erklang es endlich doch rundum, und derjenige, mit welchem wir die Friedenspfeife geraucht hatten, fügte hinzu:

„Thut der große Winnetou heute ein Wunder? Oder besitzen unsere Brüder zwei Leiber, daß sie dort im Pueblo und auch jetzt hier bei uns sein können?“

„Das mag sich unser roter Bruder einmal überlegen,“ antwortete ich. „Wenn er keine Erklärung des Wunders findet, wird sie ihm vielleicht einmal im Traume kommen.“

Wir gingen zu der Leiter, welche am Erdgeschosse des Pueblo lag, und stiegen diese und auch die nächste empor. Es läßt sich denken, mit welchem Erstaunen uns Emery kommen sah! Er stand oben am Eingange zu der Wohnung der Jüdin Wache. Er erwartete uns natürlich aus diesem Loche zurück, und nun kamen wir aus dem Thale herauf! Er kam uns bis an die Leiter entgegen und rief mit lauter, verwunderter Stimme:

„Ihr hier! Und Master Vogel auch, von dem ich denke, daß er-“

„Still!“ unterbrach ich ihn. „Schrei nicht so! Die Jüdin soll nichts hören. Hast du sie gesehen, seit wir von dir fort sind?“

„Ja, unten in ihrer Wohnung. Ich blickte zuweilen hinunter und habe sie da hin und her gehen sehen.“

„Ist dir nichts dabei aufgefallen?“

„Nein. Sie hat die Lampe wieder angesteckt, welche du vorhin ausgelöscht hast.“

„Und ist dir denn unser Ausbleiben nicht als zu lang vorgekommen?“

„Ein wenig wohl; aber ihr konntet ja zu thun haben. Was ist denn geschehen? Es muß einen heimlichen Weg aus dem Thale geben, den ihr entdeckt habt!“

„So ist es. Die schöne Judith hatte es bös mit uns vor; sie glaubt uns in der Falle, und es sollte mich wundern, wenn sie nicht versuchte, nun auch dich zu überlisten.“

Ich erzählte ihm, was wir erlebt hatten, und fügte dann hinzu:

„Wir werden uns nicht sehen lassen. Ich bin überzeugt, sie hat etwas gegen dich vor und wird bald heraufkommen, um es auszuführen. Bin neugierig, wie sie es anfangen wird, auch dich in ihre Gewalt zu bringen.“

Hierauf ging ich mit Winnetou und Vogel nach der Stelle, an welcher die Gewehre der Yumas lagen. Wir stellten sie zu Pyramiden zusammen und setzten uns dahinter, sodaß wir von dem Loche aus nicht gesehen werden konnten.

Wie gedacht, so geschehen. Nach einiger Zeit kam Judith die Leiter heraufgestiegen und sah sich nach Emery um. Er stand in einiger Entfernung von ihr.

„Sennor!“ rief sie. „Der Anführer der Yumas soll mit noch drei Indianern herauf und in meine Wohnung kommen.“

„Wer hat das befohlen?“

„Sennor Shatterhand. Er ist unten bei Sennor Melton.“

„Warum schickt Old Shatterhand Sie? Er konnte es mir doch selbst sagen!“

„Er hat keine Zeit. Die Sennores haben sehr wichtige Dinge zu besprechen. Sie reden, glaube ich, von der Erbschaft.“

„Was sollen die Roten dabei?“

„Ich weiß es nicht. Shatterhand läßt sagen, Sie sollen sich beeilen!“

„Gut! Sagen Sie ihm, daß die Roten bald kommen werden!“

Sie stieg wieder hinab. Emery kam zu uns und fragte:

„Was mag sie im Schilde führen?“

„Das ist doch sehr leicht zu erraten. Sie glaubt, uns fest zu haben, und will sich nun auch deiner bemächtigen. Sie läßt also die Roten kommen, um sie zu überreden, dich festzunehmen.“

„Aber welchen Zweck verfolgt sie dabei? Was kann es ihr denn nützen, wenn sie uns fest hat?“

„Viel, sehr viel! Sie sendet ihrem Jonathan einen Boten nach, der ihn zurückbringen soll. Stecken wir dann fest, so ist sein Spiel gewonnen.“

„So müßte sie doch wissen, wohin er ist!“

„Natürlich weiß sie das.“

„Ah, wenn wir es erfahren könnten!“

„Wir erfahren es durch List.“

„Wie?“

„Indem ich mich für Melton senior ausgebe.“

„Sie kennt dich ja! Sie wird dich doch nicht etwa mit ihm verwechseln!“

„Sie wird mich für ihn halten. Sie weiß noch nicht, daß er gefangen ist; sie wird ihn unter allen Umständen benachrichtigen wollen, wohin sein Sohn ist. Bei dieser Gelegenheit erfahre ich es.“

„Und doch begreife ich nicht, wie du das anfangen willst!“

„Komm mit herunter zu ihr! Bin neugierig, was sie für ein Gesicht machen wird, wenn sie mich sieht. Sag zunächst zu ihr, daß du mich sprechen willst!“

Wir stiegen die Leiter hinab und horchten. Sie schien in dem Zimmer zu sein, in dem die Kleider hingen. Emery ging voran, und ich folgte ihm bis zum letzten Vorhange. Er schob denselben auseinander und trat zu ihr ein.

„Sie sind es, Sennor?“ hörte ich sie sagen. „Ich erwartete die Indianer. Wann kommen sie?“

„Ich habe ihnen noch nichts gesagt.“

„Warum nicht? Sennor Shatterhand hat es sehr eilig.“

Ach möchte vorher mit ihm sprechen. Wo befindet er sich?“

„Drüben auf der andern Seite. Aber warum thun Sie nicht sofort, was er haben will? Warum wollen Sie erst mit ihm reden?“

„Weil mir die Sache verdächtig vorkommt. Wozu braucht er Indianer? Er hat ja mich und Winnetou, der sich bei ihm befindet!“

„Ja, ich weiß es nicht.“

„Aber ich will es wissen! Führen Sie mich zu ihm!“

„Das darf ich nicht. Er hat jede Störung verboten.“

„Störung? Pshaw! Ich, sein Freund, störe ihn nie; die Indianer aber würden ihn stören! Also, wo ist er?“

„Drüben auf der andern Seite, wie ich schon sagte.“

„Und Sie wollen mich nicht zu ihm hinüberbringen?“

„Nein, denn es ist mir verboten worden.“

„So gehe ich allein!“

„Sie werden ihn nicht finden!“

„Sofort finde ich ihn, sofort. Soll ich es Ihnen beweisen?“

„Ja,“

„Gut, Sennora! Hier haben Sie ihn!“

Er schob den Vorhang auseinander, nahm meine Hand und zog mich hinein. Als sie mich erblickte, stand sie vor Schreck sprachlos.

„Sie sehen, Sennora,“ sagte ich, „ich werde nicht nur schnell gefunden, sondern ich finde mich auch selbst schnell zurecht. Kaum unter uns in der Unterwelt eingesperrt, sehen Sie mich wieder hier oben, ohne daß Sie die Güte gehabt haben, mir die Leiter hinabzulassen. Sie freuen sich doch jedenfalls darüber, mich so wohl wiederzusehen?“

„Ja, ja, ich freue mich; ganz, ganz außerordentlich freue ich mich!“ rief sie aus, indem sie die Fäuste ballte und die Zähne zusammenbiß.

„So will ich Ihre Freude durch die Mitteilung verdoppeln, daß auch Winnetou und Sennor Vogel sich an der Oberwelt befinden. Der unterirdische Kanal hat nicht nur Ihren Verlobten, sondern auch uns an die Freiheit geführt.“

Da fuhr sie mich wie eine Katze an:

„Sie haben tausendmal mehr Glück, als Sie Verstand besitzen! Aber freuen Sie sich nur nicht zu sehr! Den schönsten, den gelungensten Streich habe doch ich Ihnen gespielt!“

„Welchen denn?“

„Eben den, daß ich Melton fortgeholfen habe. Er ahnte von dem Kanale nichts. Kein Mensch wußte, daß man durch das Wasser aus dem Pueblo gelangen kann; ich wußte es allein. Mein Mann, der Häuptling, hat mir das Geheimnis für etwaige Notfälle mitgeteilt.“

„Und ein solcher Notfall war heute eingetreten!“

„Ja. Ich zeigte ihm erst heute den Rettungsweg, und kaum eine halbe Stunde später hörten wir Ihre Namen rufen. Sie waren da. Jonathan aber beeilte sich, Ihnen zu entkommen, und er – er ist Ihnen auch entkommen!“

„Mag er! An seiner Person liegt mir gar nichts. Das Geld hat er doch dagelassen.“

„Meinen Sie? Meinen Sie das wirklich? Wie klug Sie sind! Und für wie dumm sie ihn halten! Sie denken, hier nur zuzugreifen zu brauchen! Aber da irren Sie sich gewaltig. Er hat das Geld mitgenommen.“

„Nur einen Teil desselben!“

„Nein, das ganze, das ganze! Es war eine ganze Ledertasche voller Staats- und Wertpapiere!“

„Alle Wetter! Das ist freilich Pech! Und sein Alter ist auch fort!“

Ich sagte das in möglichst zornigem Tone.

„Auch?“ fragte sie, indem ihre Augen vor Vergnügen funkelten. „Woher wissen Sie das?“

„Sein Nest ist leer.“

„Haben Sie denn sein Nest gekannt?“

„Es liegt eine Etage über Ihnen. Wir sind nicht durch die Felsenenge gekommen, sondern an mehreren zusammengeknüpften Lassos in das Thal heruntergeklettert, und gerade als man uns bemerkte und um Hilfe rief, ist der alte Melton unten am Feuer bei den Wächtern gewesen und zur Felsenenge hinaus entwischt.“

„Herrlich, herrlich!“ jubelte sie. „Gleich darauf ist sein Sohn durch den Kanal geflohen, und sie haben sich jedenfalls getroffen und sind miteinander fort.“

„Wohin?“

„Wohin? Ja, ja, das fragen Sie! Das möchten Sie wohl gar zu gern wissen?“

„Natürlich. Ich bin in diesem Falle ebenso -neugierig wie Sie. Sie möchten doch wohl auch gern wissen, wohin Ihr Geliebter Ihnen entwischt ist?“

„Mir entwischt, mir, hahaha!“ lachte sie.

„Lachen Sie nur! Sie täuschen mich doch nicht. Er ist auch Ihnen entwischt. Sie werden ihn und sein Geld niemals wiedersehen.“

„Niemals? Sennor, ich sage ihnen, daß ich ihn wiedersehen werde, sobald ich nur will!“

„Unsinn! Sie wissen nicht, wohin er sich gewendet hat.“

„Ich weiß nicht nur das, sondern ich weiß sogar auch, wo er auf mich warten wird.“

„Und Sie wissen das allein? Ich weiß es auch!“

„Sie? Ich glaube, Sie phantasieren! Den Ort kennen nur zwei, nämlich er und ich.“

„Drei! Rechnen Sie mich auch dazu. Ehe ich das Pueblo verlasse, werde ich Ihnen den Namen sagen.“

„Nichts werden Sie, gar nichts! Ich höre wohl, was Sie wollen. Sie wollen es machen, wie die Kinder, wenn sie gern etwas erfahren wollen, und Sie meinen, ich sei so dumm, mich von Ihnen soweit bringen zu lassen, daß ich im Ärger herausplatze. Da verrechnen Sie sich aber ungeheuer! Es ist heute überhaupt ein Tag des falschen Rechnens für Sie. Jonathan ist Ihnen mit seinem Gelde entkommen, und sein Vater ist auch fort mit dem Gelde, welches er bei sich hatte. Ja, wenn Sie wenigstens den erwischt hätten! Dem brauchten Sie nur die Stiefel auszuziehen. Er hat seinen Anteil zwischen den Doppelschäften stecken.“

„Donnerwetter!“ stieß ich, der ich niemals fluche, jetzt absichtlich hervor. „Zwischen den Doppelschäften! Und den konnte ich schon mehreremale erwischen! Das ist doch ein Pech, ein riesenhaftes Pech!“

„Ja, das ist freilich Pech, und Sie glauben gar nicht, wie sehr ich mich darüber freue! Ich hasse Sie mit jeder Ader, in jeder Fingerspitze; darum freut es mich unendlich, daß Sie wie der Fuchs vor dem leeren Hühnerstalle stehen. Und das Beste dabei ist, daß Sie die Meltons niemals wiedersehen werden.“

„Oho! Ich hefte mich an ihre Fersen, bis ich sie habe!“

„Nie, nie wird das geschehen; dafür ist gesorgt! Der Hühnerstall ist leer, für immer leer, Sennor!“

„O nein, Sie befinden sich ja noch darin!“

„Ich? Was haben Sie an mir! Ich bin arm; ich besitze fast gar nichts mehr. Dazu kommt, daß Sie überhaupt die Hand von mir lassen müssen.“

„Ich muß nicht, sondern es kommt nur auf meinen Willen an.“

„Auf Ihren Willen! In Beziehung auf mich haben Sie gar keinen Willen und gar keine Macht. Was habe ich denn gethan, was Ihnen das Recht giebt, sich an mir zu vergreifen? Haben Sie überhaupt das Recht jemals besessen, jemand Gewalt anzuthun? Ich glaube vielmehr, Sie haben sich stets nur mit fremden Angelegenheiten beschäftigt und in fremden Gewässern gefischt. Hoffentlich haben Sie da für sich soviel zusammengeangelt, daß Sie nun endlich einmal aufhören können! Das nennen Sie aber wohl, sich ihrer hilfsbedürftigen Mitmenschen annehmen, Sie Unikum von einem Menschenfreunde Sie?“

„Ja, ich habe schon viel geangelt und werde auch noch mehr angeln. Zunächst werden Sie an meinem Haken hängen bleiben. Ich werde mich Ihrer Person versichern.“

„Aus welchem Grunde, mit welchem Rechte?“

„Nur mit dem Rechte des Stärkern. Ich könnte sagen, Sie sind Mitschuldige der beiden Meltons. Aber das hat mir nicht ein. Ich halte Sie fest und lasse Sie bewachen, bis ich hier fertig bin. Dann können sie meinetwegen laufen, wohin Sie wollen, sogar hinter Ihrem Jonathan her. Neugierig bin ich jetzt nur, wie Sie in Ihrer Küche das Loch so fest verbarrikadiert haben, daß wir nicht heraus konnten.“

Ich nahm die Lampe und leuchtete in die Küche. Das Bett lag wieder auf dem Loche, und auf dem Bette stand die Leiter, so fest gegen die Decke gestemmt, daß wir den Deckel allerdings unmöglich hätten heben können.

„Das haben Sie gut gemacht!“ sagte ich. „Wenn der Kanal nicht gewesen wäre, hätten wir bis zum jüngsten Tage da unten stecken können. Wir werden Sie von jetzt an streng bewachen, damit Sie, solange wir hier bleiben, nicht wieder auf solche Anschläge kommen können. Emery, du bleibst jetzt hier, bis du abgelöst werden wirst, und behältst diese schöne Sennora gut im Auge.“

Er blickte mich einigermaßen verwundert an; ich gab ihm aber einen von ihr unbemerkten Wink, welcher ihm sagte, daß ich eine ganz bestimmte Absicht verfolgte. Sie rief mir, als ich ging, nach:

„Ich danke Ihnen, Sennor, daß Sie mir den Herrn hier lassen. Befänden Sie sich an seiner Stelle, vermöchte ich es nicht auszuhalten. Erfüllen Sie nun aber auch das Versprechen, das Sie mir gegeben haben!“

„Welches?“ fragte ich mit Absicht, indem ich stehen blieb.

„Sie wollten mir sagen, wohin Jonathan entwichen ist, und wo ich mit ihm zusammentreffen werde.“

„Gut, ich halte Wort!“

Ich stieg hinauf auf die Plattform und bat Winnetou, nun endlich mit zu dem alten Melton zu gehen. Wir mußten also eine Terrasse höher, nahmen die Leiter, mit deren Hilfe wir hinauf gelangten, mit an das Loch, stellten sie hinein und stiegen hinab. Ich wußte, wohin ich die Lampe gestellt hatte, und steckte sie an. Noch ehe aber der Docht Licht faßte, hörten wir, daß Melton voller Leben war. Der Tisch bewegte sich, an den wir ihn gebunden hatten.

Als wir Licht hatten, gaben wir ihm zunächst den Mund frei. Er stieß einen wüsten Fluch aus und rief.

„Also habe ich doch richtig gehört! Old Shatterhand und Winnetou, diese Namen wurden gerufen!“

„Ja, Ihr habt Euch nicht getäuscht, Master Melton“ antwortete ich. „Wir sind ja nur aus dem Grunde, euch dies zu beweisen, hierher gekommen.“

„Wäret Ihr doch beim Teufel geblieben!“

„Hätten wir das gethan, so säßen wir da draußen im Steingeröll bei Euerm Bruder, den Ihr ermordet habt. Er war ein Teufel, ein Satan im wahrsten Sinne des Wortes. Ihr habt ihm seinen Lohn gegeben und werdet auch den Eurigen erhalten.“

„Haltet Euer Lästermaul! In solcher Lage kann vom Morde keine Rede sein. Wenn es auf Tod und Leben geht, ist ein jeder sich selbst der Nächste.“

„Und da schlägt und sticht man seinen eigenen Bruder nieder? Wißt Ihr, wie er Euch genannt hat?“

„Wie?“

„Judas Ischariot. Und diesen Namen hat Euch auch Krüger-Bei und haben Euch noch andere gegeben. Eure Seligkeit scheint zu sein, Eure Wohlthäter zu verraten und mit Undank zu belohnen. Wo steckt das Geld, welches Ihr Eurem Bruder abgenommen habt?“

„Ich habe keines.“

„Ihr habt es ihm genommen! Wir sahen es, und er sagte es dann auch.“

„Hat er denn noch gesprochen?“

„Ja. Sein letztes Wort war ein Fluch für Euch. Also, wo habt Ihr das Geld?“

„Das geht Euch nichts an!“

„Es geht uns sogar viel an, denn es gehört dem rechtmäßigen Erben des alten Hunter.“

„Bringt mir doch diesen Erben!“

„Das könnte man wohl thun!“

„Ja, man könnte, aber man kann doch nicht,“ lachte er schadenfroh.

„Man kann! Master Vogel ist frei! Wir haben ihn aus dem Gange, an dessen Ende er an den Pfahl gebunden war, geholt.“

„Was? Habt Ihr! Wirklich?“ rief er aus, indem er an den Fesseln zerrte. „Wer hat Euch den Ort verraten?“

„Niemand. Haben ihn selbst gefunden.“

„Das ist nicht wahr. Jemand muß es Euch gesagt haben!“

„Wir brauchen keinen Verräter Eures Gelichters. Unsere Gedanken reichen allein für so etwas aus.“

„Ihr habt doch nur durch Judiths Wohnung hinunter gekonnt! Wie steht es mit der Jüdin?“

„Sehr wohl.“

„Und mit Jonathan, meinem Sohne?“

„Auch so gut. Die beiden haben sich so unendlich lieb, daß man sie nächstens am Galgen trauen wird.“

„Wie? Ist Jonathan etwa gefangen?“

„Verlangt Ihr, daß er es besser haben soll, als Ihr?“

„Gefangen, gefangen!“ stöhnte er. Und dann fuhr er knirschend fort:

„Ihr waret aber doch nur vier Personen!“

„Sogar nur drei, denn einen hattet Ihr gefangen.“

„Die Hölle hat Euch geholfen! Aber das Geld werdet Ihr doch nicht bekommen! Es ist so gut versteckt, daß Ihr es selbst mit dem Teufel nicht zu finden vermöchtet.“

„Wir werden es schon noch bekommen!“

„Nie, nie! Außer Ihr seid klug und mäßigt Euch in Euren Absichten und Forderungen. Nehmt das an, was wir Euch durch Judith anbieten ließen, sonst bekommt Ihr gar nichts! Mein Sohn hat das Geld so gut verborgen, daß Ihr es unmöglich finden könnt. Und niemand weiß den Ort, als nur er.“

„Und Ihr!“

„Ja, ich!“

„Und Judith!“

„Ich glaube nicht, daß er ihr es gesagt hat. So etwas ist nichts für Weiber.“

„O, die Liebe ist mitteilsam!“

„Das ist Nebensache. Die Hauptsache ist, daß Ihr nichts finden werdet. Was habt Ihr davon, wenn Ihr uns fangt und der Polizei ausliefert und doch nichts bekommt.“

„Das wäre freilich nicht sehr tröstlich.“

„Also! Habt Verstand! Laßt uns los, und nehmt Geld an! Ihr habt die Wahl. Entweder habt Ihr uns, aber kein Geld, oder Ihr gebt uns frei und bekommt Geld.“

„Wieviel?“

„Ich biete Euch das Doppelte von dem, was wir Euch durch Judith bieten ließen.“

„Dann bekommt der Erbe nur einen Pappenstiel, und Ihr habt immer noch Millionen und die Freiheit dazu. Das ist denn doch ein schlechter Handel. Und meint Ihr etwa, daß ich Euch der Polizei übergebe? Ich werde mich hüten, Euch so lange und so weit mit mir herumzuschleppen!“

„Was wollt Ihr denn thun?“

„Euch einfach eine Kugel geben.“

„Sir, das wäre Mord!“

„Nein, sondern nur gerechte Strafe. Ihr habt noch mehr verdient. Denkt an Eure Thaten! In Fort Uintah habt Ihr einen Offizier und zwei Soldaten ermordet, in Fort Edward den Schließer, drüben in Tunis den echten Small Hunter. Wie oft habt Ihr dann mir nach dem Leben getrachtet! Ich habe das volle Recht, Euch den Garaus zu machen. Und Euer Sohn hat nichts Besseres verdient. Dabei habe ich den Brudermord noch ganz vergessen. Ihr seid ein Scheusal, und der Mensch, der Euch vernichtet wie ein wildes Tier, verdient einen Gotteslohn.“

„Was hilft Euch der Lohn, wenn er nicht in Geld besteht!“

„Es giebt noch andere, bessere Reichtümer als Geld; nur habt Ihr keine Ahnung davon. Ihr seid mir so oft zum Schaden anderer Menschen entkommen; jetzt habe ich Euch fest, und Ihr werdet die Freiheit nicht wieder sehen. Wir werden über Euch beraten. Sehr wahrscheinlich wird mit dem kommenden Morgen Euer letzter Tag anbrechen.“

„Das werdet Ihr unterbleiben lassen, denn Ihr seid nicht meine Richter!“

„Wir sind es. Wir befinden uns im wilden Westen und handeln nach den Gesetzen desselben. Selbst wenn wir früheres gar nicht erwähnen wollen, so habt Ihr uns in letzter Nacht überfallen und uns dann am Tage einen Hinterhalt gestellt. Das ging uns ans Leben. Leben gegen Leben, so heißt das Gesetz der Prairie!“

„Nehmt doch Verstand an, Sir! Wir wollen teilen.“

„Nein. Wir wollen alles!“

„Das bekommt ihr nicht. Ich habe mein letzte Gebot gethan. Ihr bekommt entweder die Hälfte oder nichts!“

„Wir bekommen mehr!“

„Nichts bekommt Ihr, gar nichts!“ schrie er wütend. „Ermordet uns; tötet uns; es ist mir nun egal! Ich werde mit dem frohen Gedanken sterben, daß Ihr dann arme Teufel seid und bleibt, denn das Geld werdet Ihr niemals, niemals, niemals finden.“

Das dreifache Niemals brüllte er förmlich heraus. Ich antwortete um so ruhiger:

„Ereifert Euch nicht! In Beziehung auf das Geld irrt Ihr Euch. Ich weiß, was ich weiß. Die Ledertasche, in welcher Euer Sohn das seinige stecken hat, kenne ich.“

„Leder – – ?“ fragte er atemlos. „Habt Ihr sie gesehen?“

Er sah mich dabei an, als ob sein Leben von meiner Antwort abhängig sei.

„Gesehen! Pshaw! Was nützte es mir, wenn ich sie nur gesehen hätte!“

„Sir, Master, Mensch, Ihr habt sie vielleicht schon?!“

„Hm! Das ist die Tasche Eures Sohnes; die geht Euch nichts an. Aber Ihr habt auch Geld, Euren Anteil und den Eures Bruders, den Ihr ihm abgenommen habt.“

„Ja, das habe ich, das habe ich!“ brüllte er außer sich. „Aber das werdet Ihr nicht bekommen. Wenn Euch der Teufel Jonathans Geld in die Hand gespielt hat, so sagt eben dem Teufel Euren Dank dafür; mein Geld aber, meins, das meinige, davon werdet Ihr Eure Hände lassen!“

„O, ich brauch sie nur darnach auszustrecken!“

Ich legte bei dem Worte meine beiden Zeigefinger auf seine Füße. Er zuckte zusammen und fragte, indem ihm die Augen aus den Höhlen treten zu wollen schienen:

„Hierher? Meint Ihr, daß ich so dumm gewesen bin, es in die Strümpfe zu verstecken und mir dadurch eine Schar von Hühneraugen zu holen?“

„In die Strümpfe nicht, aber in die Stiefel.“

Er schluckte und brachte dann mühsam hervor:

„In die Stiefel? Zieht sie mir doch einmal aus, und schaut hinein! Ihr könnt sie solange ausschütten und ausschütteln, wie Euch beliebt; es fällt kein elender Cent heraus!“

„Das hat seinen guten Grund, weil das Geld nicht in den Stiefeln, sondern zwischen den Doppelschäften steckt.“

Da fiel sein Kopf weiter nach hinten; er schloß die Augen und wiederholte mit ersterbender Stimme:

„Zwischen – den – – Doppel – – schäften – – !“

Dann aber bäumte er sich unter seinen Fesseln zwischen den Tischbeinen empor und brüllte, indem sein Gesicht sich blaurot färbte:

„Wage es, meine Füße anzurühren, elender Hund, wage es! Ich zersprenge meine Banden und reiße euch, dich und deinen roten Halunken von Winnetou in tausend Stücke!“

„Elender Wurm! Deine Drohung ist verrückt! Wir werden dir das Geld noch lassen, natürlich nur so lange, wie es uns beliebt. Jetzt binden wir dich los; du wirst mit uns gehen.“

„Wohin?“ fragte er bedeutend ruhiger, da wir ihm die Stiefel nicht auszogen.

„Das wirst du sehen. Aber sei gehorsam, und verhalte dich ruhig, sonst hast du auch nicht die allergeringste Schonung von uns zu erwarten!“

Wir banden ihn vom Tische los und gaben ihm die Füße frei. Er mußte mit aus dem Loche kletterni dann auf die nächste Terrasse hinunter und in die Wohnung der Jüdin steigen. Dort banden wir ihm die Beine und Füße wieder fest zusammen und legten ihn in den Raum, welcher an denjenigen stieß, der unter dem Loche lag. Es war finster in demselben. Judith befand Sich, von Emery bewacht, drei Räume davon entfernt.

Ich ging zu ihr. Sie saß auf einem Stuhle, drehte Emery den Rücken zu und that, als ob sie mein Kommen gar nicht bemerke.

„Soll ich dich bald ablösen lassen?“ fragte ich den Englishman, indem ich die Augen schloß, den Kopf auf die Seite neigte und die Hand an denselben legte.

Das war die Pantomime des Schlafens. Emery verstand mich sofort und antwortete:

„Ich bin freilich müde; ich muß ein wenig schlafen.“

„Ja, wer soll dich ablösen? Ich habe zu thun; Winnetou ist ebenso beschäftigt, und Vogel möchte ich einen so wichtigen Posten nicht anvertrauen.“

„Wichtig? Er wird doch wohl auf ein Frauenzimmer aufpassen können!“

„Das könnte er; aber ich habe noch einen andern Gefangenen gebracht, den älteren Melton.“

Da fuhr Judith mit einem schnellen Rucke herum und sagte:

„Ich denke, der ist Ihnen entkommen? Sie sagten es doch vorhin!“

„Er ist uns doch noch in die Hände gefallen.“

„Sie sind ein Teufel, wirklich ein Teufel! Was werden Sie mit ihm thun?“

„Zunächst nehmen wir ihm die Stiefel, um einmal in die Doppelschäfte zu blicken. Sie sehen, Sennora, daß Ihre Freude vorhin eine sehr verfrühte und Ihr Hohn ein sehr schlecht angebrachter war!“

„Hätte ich doch geschwiegen! Hätte ich doch nichts gesagt! Nun ist das viele Geld verloren, und ich habe sogar geplaudert, ohne dazu veranlaßt oder aufgefordert worden zu sein!“

„Sie irren sich. Sie sind von mir veranlaßt worden.“

„Ich wüßte nicht!“

„O doch! Ich will aufrichtig sein und Ihnen sagen, daß der alte Melton sogleich, als wir kamen, in unsere Hände fiel, noch ehe Sie wußten, daß wir hier waren. Wir überrumpelten ihn in seiner Wohnung und fesselten ihn. Geld hatte er; das war sicher. Wir hätten nun gar zu gern gewußt, wo es steckte, und das konnten wir am leichtesten von Ihnen erfahren.“

Da stand sie vom Stuhle auf, kam einen Schritt näher und fragte erregt:

„So haben Sie mich getäuscht?“

„Allerdings. Ich sagte Ihnen, daß er uns entkommen sei, und machte dazu ein möglichst enttäuschtes Gesicht. Sie gerieten, wie ich erwartet hatte, in helles Entzücken; ich schob mit noch einigen Redensarten nach; Sie fühlten sich erhaben über uns und platzten voller Hohn mit seinen Stiefelschäften heraus. Ich hatte meine Absicht also auf die glanzvollste Weise erreicht.“

Sie stand einige Sekunden wie in tiefster Verlegenheit; dann fuhr sie plötzlich auf mich los, krallte mir mit den zehn gekrümmten Fingern vor dem Gesichte herum und schrie in giftigem Tone:

„Lügner, Schwindler, Ungeheuer! So also betrügen Sie die Menschen! Sie verbergen unter dem ehrlichsten Gesichte, welches man sich denken kann, eine Hinterlist, eine Heimtücke, die gar nicht zu beschreiben ist! Ich möchte Ihnen das Gesicht zerkratzen.“

Sie macht die Hände abwechselnd auf und zu, und zeigte dabei ein verzücktes Gesicht, um anzudeuten, welche außerordentliche Wonne es ihr gewähren würde, wenn es ihr möglich wäre, ihre Drohung mit dem Zerkratzen in die Wirklichkeit zu übersetzen. Ich lächelte ihr ruhig entgegen und antwortete:

„Ich brauche nur zu wollen, so begehen Sie eine noch viel größere Dummheit als die war, von welcher wir sprachen.“

„Nein, nie, niemals!“ beteuerte sie zornig. „Die Freude, von Ihnen überlistet worden zu sein, mache ich Ihnen gewiß nicht wieder! So durchtrieben wie Sie bin ich auch! Denken Sie denn, ich wisse nicht, was Sie wieder vorhaben? Sie wollen wieder irgend etwas aus mir herauslocken, und haben mir zu diesem Zwecke eine großartige Lüge gesagt!“

„Eine Lüge? Darf ich erfahren, welche Lüge?“

„Die, daß Sie den alten Melton gefangen haben!“

Die Antwort war gerade diejenige, welche ich haben wollte. Sie ahnte nicht, daß sie jetzt von mir auf ein Eis geführt wurde, welches gar nicht glatter und gefährlicher sein konnte. Sie befand sich auf dem besten Wege, die zweite und noch größere Dummheit, welche ich ihr vorhergesagt hatte, zu machen.

„Das soll eine Lüge sein?“ meinte ich. Ach möchte wissen, welchen Zweck ich mit dieser Unwahrheit verfolgen könnte!“

„Sie wissen es, und ich weiß es auch. Oder können Sie mir beweisen, daß Sie mir die Wahrheit gesagt haben?“

„Ja.“

„Wo befindet sich Melton? Zeigen Sie mir ihn doch!“

„Ich kann ihn nicht bringen; er ist gefesselt.“

„Leere Ausrede! Ich kann doch zu ihm gehen. Das werden Sie mir aber natürlich nicht erlauben!“

„Warum nicht? Von Herzen gern!“

„So kommen Sie!“

„Ja, kommen Sie!“

Ich nahm die Lampe und ging mit ihr hinaus, nach der Stube, in welcher er lag. Als sie ihn erblickte, rief sie erschrocken aus:

„Es ist wahr, wirklich wahr! Sennor, Sennor, wie konnten Sie sich fangen lassen!“

„Sind Sie denn nicht auch gefangen?“ fragte er zornig.

„Das ist etwas anderes! Sie sind ein Mann; Sie hatten Ihre Waffen; ich aber bin – –“

„Still!“ unterbrach ich sie. „Ich habe Ihren Wunsch erfüllt und Ihnen den Gefangenen gezeigt; aber ich kann nicht dulden, daß Sie mit Ihm sprechen. Er bleibt bis früh hier liegen. Wenn es hell geworden ist, werden wir uns den Spaß machen, seine Stiefel einer kleinen Besichtigung zu unterwerfen. Kommen Sie jetzt!“

Ich drehte mich um und ging, mit aller Absicht ihr voran. Ich gab mir dabei den Anschein der größten Unbefangenheit, bemerkte aber doch, daß sie ihm hinter mir ein Zeichen gab. Dieses Zeichen konnte natürlich nichts anderes bedeuten, als daß sie, wenn es möglich zu machen sei, zu ihm kommen wolle. Sie dazu zu verführen, war eben meine Absicht. Ich wollte von ihr erfahren, wohin Jonathan geflohen war, und das sagte sie dem Alten ganz gewiß, wenn sie zu ihm gelangen konnte.

„Nun, halten Sie mich noch immer für einen Lügner?“ fragte ich sie, als wir wieder in dem Zimmer angekommen waren.

„Diesmal haben Sie die Wahrheit gesagt, aber ich werde mich dennoch doppelt in acht nehmen. Mir stellen Sie keine Falle wieder!“

„Warten Sie nur! Und dich, Emery, bitte ich, ja recht aufmerksam zu sein; die beiden Gefangenen dürfen nicht zusammen kommen. Die Sennora wäre wohl gar im stande, dem Alten zur Flucht zu verhelfen. Nach zwei Stunden komme ich, um dich abzulösen; eher ist es mir nicht möglich.“

Well, werde meine Pflicht thun, obgleich ich verteufelt müde bin.“

Ich gab ihm einen Wink und ging; infolgedessen begleitete er mich hinaus bis zum Eingange. Dort fragte er leise:

„Was ist’s mit dem Schlafen? Weshalb soll ich müde sein?“

„Ich will haben, daß sie zu dem Alten geht. Sprich jetzt vielleicht zehn Minuten möglichst laut mit ihr, damit sie nicht hört, was hier vorn vorgeht; dann schläfst du scheinbar ein, und wachst nicht eher auf, als bis ich wiederkomme!“

„Und wenn sie fortgeht?“

„So hinderst du sie nicht.“

„Aber sie macht den Alten dann vielleicht wirklich los?“

„Nein; ich schaffe ihn fort und lege mich an seiner Stelle hin.“

„Uff, würde Winnetou sagen! Famoser Gedanke! Bin außerordentlich neugierig, wie der Streich enden wird.“

Er kehrte zu der Jüdin zurück, und ich holte Winnetou, welcher sich inzwischen nach oben entfernt hatte, wieder herab. Wir verbanden dem alten Melton wieder den Mund und die Nase, und schafften ihn hinüber in die linke Abteilung der Etage; dann mußte Winnetou mich genau so binden, wie Melton gefesselt war und mich an dessen Stelle legen. Er hatte mir den Gürtel abgenommen, und auch in Beziehung auf den Anzug und sonst hatten wir die möglichste Ähnlichkeit hergestellt.

Als der Apatsche darauf wieder nach oben gestiegen war, wartete ich mit großer Spannung auf das Ergebnis dieser Veranstaltung. Von ihrem Kommen war ich vollständig überzeugt; ob sie mir aber das sagen würde, was ich wissen wollte, das war höchst ungewiß.

Ich hörte sie mit Emery sprechen; nach einiger Zeit verstummte das Gespräch. Nun verging eine Viertelstunde und noch eine, sogar noch eine dritte; dann fühlte ich ein leises Wehen wie von Frauenkleidern; sie kam. Eine Hand tastete nach mir und traf mich an das Bein. Ich zuckte mit demselben wie einer, welcher erschrickt; da hörte ich eine leise Stimme warnend sagen:

„Still, ganz still, Sennor Melton! Ich bin es!“

„Wer?“ flüsterte ich ebenso leise. Im Flüstern klingen tausend Stimmen gleich.

„Ich, Judith! Wollen Sie fort?“

„Wetter! Wenn ich könnte!“

„Sie können, denn ich helfe Ihnen. Haben Sie vorhin meinen Wink bemerkt?“

„Ja.“

„Shatterhand ist ein alberner Wicht, dem ich mit wahrer Freude diesen Streich spiele. Ich habe mir vorhin Ihre Fesseln angesehen. Heben Sie die Hände auf, ich habe ein Messer mit.“

Ich folgte der Aufforderung; sie durchschnitt die Armfessel und dann auch die an den Füßen; ich richtete mich in sitzende Stellung auf, und verursachte dabei mit Absicht einiges Geräusch. Sie sollte mich zur Vorsicht mahnen, damit ihr dann meine kurzen Antworten nicht auffallen könnten. Viele Worte durfte ich nicht machen, weil sie mich sonst wohl gar erkennen konnte.

„Leise, leise!“ warnte sie. „Sonst wacht mein Wächter auf!“

„Wächter?“ fragte ich.

„Ja. Er ist eingeschlafen, ein Glück für Sie, denn morgen will man Ihnen Ihr Geld nehmen, und mit Ihrer Freiheit und Ihrem Leben steht es ebenso schlimm. Sie müssen fort zu Jonathan.“

„Wo ist er?“

„Auch entflohen. Ich habe ihm fortgeholfen. Er geht hinauf zu den Mogollonindianern, deren Häuptling Bitsil-Iltscheh heißt. Er war ein Freund meines Mannes und wird Jonathan gern bei sich aufnehmen und ihm allen Schutz gewähren. Wenn Sie nachfolgen und dem Häuptling sagen, daß ich Sie schicke, werden Sie dieselbe Aufnahme finden. Ich komme später nach.“

„Wann?“

„Wenn die vier Menschen fort sind, welche sich hier wie die Herren der ganzen Welt gebärden. Ich muß bleiben, um zu erfahren, was sie dann thun, und wohin sie sich wenden. Dann komme ich nach und werde Jonathan am Klekie-Tse treffen, wo er mich erwartet. Nun machen Sie sich fort, doch hüten Sie sich, daß Sie nicht erwischt werden. Hier ist das Messer, nur ein Tischmesser, aber Sie haben ja keine andere Waffe!“

Sie entfernte sich. Ich wartete noch eine Weile und stand dann auf, um auf die Terrasse zu steigen. Dort saß Winnetou. Ich fragte ihn:

„Kennt mein Bruder Bitsil-Iltscheh, den Häuptling der Mogollonindianer?“

„Ja,“ antwortete er. „Er ist ein tapferer Krieger und hat noch nie sein Wort gebrochen.“

„Giebt es in seinem Gebiete einen Ort, welcher Klekie-Tse genannt wird?“

„Ja; ich kenne ihn. Warum fragt mein Bruder nach dem Häuptlinge und nach diesem Orte?“

„Weil Jonathan Melton dorthin ist.“

„Uff! Woher weiß das Old Shatterhand?“

Ich erzählte es ihm. Da meinte er, leise vor sich hinlachend:

„Mein Bruder ist nicht nur klug wie ein Fuchs, sondern sogar klüger wie eine Squaw, was Winnetou nicht von sich sagen kann. Wir werden nach dem weißen Felsen reiten.“

Als die gegen Emery erwähnten zwei Stunden vergangen waren, stieg ich hinab, scheinbar, um ihn abzulösen. Er saß auf einem Stuhl, hielt den Kopf gesenkt und stellte sich schlafend. Judith saß auf einem zweiten Stuhle; ihr Blick traf herausfordernd und triumphierend den meinigen.

„Ah, was ist denn das!“ rief ich aus. „Ich glaube gar, du schläfst!“

Er that, als ob er erwache, zog eine verlegene Miene und antwortete:

„Ah, wirklich! Ich war doch eingeschlafen, aber das kann nur einige Minuten gewesen sein.“

„Einige Minuten?“ lachte Judith. „Sennor, Sie haben fast zwei Stunden lang in einem Atem geschlafen.“

„Was haben Sie denn gethan, während Sir Emery schlief?“ fragte ich.

„Verschiedenes. Ich bin sogar ein wenig durch die Räume gegangen.“

„Waren Sie etwa auch bei Melton?“

„Natürlich! Ich kann Ihnen sogar sagen, daß Sie sein Gefängnis leer finden werden.“

„Leer? Sind Sie bei Sinnen?“

„Sogar sehr. Er ist seinem Sohne nach.“

„Da muß ich doch gleich – –“

Ich stellte mich höchst aufgeregt, nahm die Lampe und rannte hinaus; sie kam rasch hinterher, um sich an meinem Ärger zu weiden. Emery aber folgte überaus gemächlich nach. Ich war natürlich wütend, als ich die zerschnittenen Fesseln sah.

„Es hat ihm jemand geholfen!“ rief ich aus. „Er selbst konnte sich unmöglich selbst die Fesseln zerschneiden. Wüßte ich, wer – – ah, Sennora, ich glaube, Sie wissen am besten, wer es gewesen ist!“

„Meinen Sie?“ fragte sie mit lächelnder Überlegenheit. &Nun ich will aufrichtig sein und nicht leugnen. Ja, ich war es, Sennor.“

„Sie, Sie haben ihn befreit! Sie haben das gewagt?“

„Ja, ich, kein anderer Mensch! jetzt sehen Sie wohl, wer Dummheiten macht, ich oder Sie! Wo ist nun die zweite, noch größere Dummheit, welche Sie so zuversichtlich von mir erwarteten? Erfüllen Sie mir doch Ihr Versprechen, mir zu sagen, wo Jonathan Melton zu finden ist! Ja, ja – –“ und dabei lachte sie aus vollem Halse – – „so ein Gesicht wie das Ihrige, ist das Ideal der Albernheit. Gehen Sie hin, und bessern Sie sich, Sennor!“

„Hm, ja, ich will hingehen; aber bitte, gehen Sie mit, Sennora, damit Sie sehen, wie ich mich bessere!“

„Das sei Ihnen gewährt. Schreiten Sie gefälligst voran!“

Es war kein Zweifel, sie fühlte sich als Siegerin, als mir weit überlegen. Ich führte sie hinüber nach der Stube, in welche wir Melton geschafft hatten. Emery kam hinter uns her, einen ganz unbeschreiblichen Ausdruck im Gesicht. Als wir beim Vorhange angekommen waren, sagte sie:

„Also hier wollen Sie mir Ihre Besserung zeigen? Na, so öffnen Sie!“

„Ja, Sennora, meine Besserung, und zu gleicher Zeit aber auch die zweite Dummheit, welche ich Ihnen prophezeit habe. Da sehen Sie sie liegen!“

Ich schob die Vorhänge auseinander. Sie trat ein, warf einen Blick in den Raum, fuhr zurück und schrie:

„Melton! Da liegt ja Melton!“

Ihr Auge irrte ratlos zwischen ihm und mir hin und her.

„Ja, Melton,“ antwortete ich. „Ganz natürlich! Wen haben Sie denn zu sehen erwartet?“

„Melton, Melton!“ wiederholte sie. „Das ist doch unmöglich! Das ist Zauberei! Darf ich mit ihm sprechen, Sennor?“

„Nein. Folgen Sie mir wieder in Ihre Wohnung hinüber.“

Dort angekommen, warf sie sich auf einen Stuhl und sah mich fragend an. Das überlegene Gesicht von vorhin war verschwunden.

„Ich pflege Wort zu halten, Sennora,“ begann ich. „Ich wollte Ihnen sagen, wohin Jonathan Melton geflohen ist. Er befindet sich unterwegs zu dem Starken Winde, dem Häuptling der Mogollonindianer. Später wollen Sie ihm folgen, um ihn am weißen Felsen zu treffen. Ist es so richtig oder nicht?“

Da sprang sie vom Stuhle auf und fragte:

„Wer hat das verraten? Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Sie selbst sind es, die es mir gesagt hat.“

„Ich – ich – – ?“

„Ja. Erinnern Sie sich gefälligst Ihrer Worte: Dieser Shatterhand ist ein alberner Wicht, dem ich mit wahrer Freude diesen Streich spiele! Mir ist es außerordentlich lieb, daß Sie sich eine solche Freude bereitet und mir einen solchen Streich gespielt haben. Ich wünsche, mir würden stets so schlimme Streiche gespielt!“

Sie sah mich ganz fassungslos an und stotterte schließlich: Ach – ich – ich verstehe Sie nicht!“

„So muß ich Ihnen zu Hilfe kommen. Wissen Sie, wem Sie die Fesseln zerschnitten haben?“

„Doch Melton?“

„Nein. Sie haben ihn ja soeben gefesselt drüben liegen sehen. Sie sind so gütig gewesen, mich, verstehen Sie wohl, mich aus der Gefangenschaft zu befreien.“

„Sie – Sie – ?“

„Ja. Und nun kommt die Dummheit, die Sie nie wieder begehen wollten. Jonathan Melton ist fort, der Hauptthäter, mit dem ganzen Gelde. Sie wissen, wohin er ist, und ich mußte es erfahren. Ich brachte Ihnen also seinen Vater, schaffte ihn aber gleich wieder fort, ließ mich binden und legte mich an seine Stelle. Daß Sie kommen würden, wußte ich, denn ich hatte gesehen, daß Sie ihm einen Wink gaben. Sir Emery mußte sich schlafend stellen. Sie schlichen sich fort, kamen zu mir, schnitten meine Fesseln entzwei und hatten die zarte Aufmerksamkeit für mich, mir alles zu sagen, was ich wissen wollte. Jetzt wissen Sie hoffentlich, warum vorhin mein Gesicht immer dümmer geworden ist. Sie thun mir leid, und es ist keineswegs angenehm, einer Dame solche Dinge sagen zu müssen. Wir wollen also davon abbrechen, und ich schließe nur die Bemerkung daran, daß ich Sie binden lassen Muß, weil Ihnen sonst wohl gar der Gedanke kommen könnte, den wirklichen Melton wirklich zu befreien.“

„Binden, mich binden? Das dulde ich auf keinen Fall!“ rief sie aus. „Wollen Sie sich der ungeheuern Roheit schuldig machen, sich an einer Dame zu vergreifen und ihr Fesseln anzulegen? Zuzutrauen ist es Ihnen freilich!“

„Regen Sie sich nicht auf. Ihr Verhältnis zu Jonathan verstößt gegen die Strafgesetze. Sie wissen, daß er ein Gauner, ein Mörder ist, und leisten ihm doch Vorschub; Sie wollen an dem Genusse seiner Beute teilnehmen; das macht Sie zu seiner Mitschuldigen. Ich habe es also gar nicht mit einer Dame, sondern mit einer Gaunerin zu thun, und wenn ich diese verhindere, uns noch weiteren Schaden zu thun, so ist das kein Akt der Roheit, sondern eine wohlberechtigte Maßregel, die ich nicht umgehen kann, und welche Sie sich selbst zuzuschreiben haben.“

„Aber ich kann Ihnen doch nicht mehr schaden!“

„O doch! Ich könnte sie allerdings unschädlich machen, ohne daß ich Sie fessele, und ich bin auch bereit dazu, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir einige Fragen der Wahrheit gemäß beantworten.“

„Gut; fragen Sie!“

„Vorher mache ich Sie darauf aufmerksam, daß es Ihnen nicht gelingen wird, mich zu täuschen. Ich werde es bemerken, wenn Sie lügen, und dann, das sage ich Ihnen, haben Sie doppelte Strenge zu erwarten.“

„Ich werde aufrichtig sein.“

„Das hoffe ich um Ihretwillen. Also sagen Sie, ob Melton ein Pferd hat!“

„Er hat eines aus dem Hause, wo Sie eine Nacht zugebracht haben.“

„Ist Melton bewaffnet?“

„Er hat Gewehr, Messer und Revolver mitgenommen.“

„Aber er ist, soviel ich weiß, noch nie in dieser Gegend gewesen. Wird er den Weg zu den Mogollonindianern finden?“

„Ja. Er braucht nur dem Flujo blanco aufwärts zu folgen und sich dann nach der Sierra Blanca zu wenden, deren Berge er vor sich liegen sieht; da trifft er ganz gewiß auf sie.“

„Und wo liegt der weiße Felsen, an welchem Sie mit Jonathan Melton zusammentreffen wollen?“

„Auch in der Sierra Blanca.“

„Wie ist Melton denn eigentlich auf den Gedanken gekommen, zu den Mogollons zu fliehen?“

„Ich habe es ihm gesagt und ihm auch den Felsen als Stelldichein vorgeschlagen. Aufrichtiger könnte ich gar nicht sein!“

„O doch!“

„Wieso? Ich weiß, daß Sie ihn verfolgen werden und habe Ihnen dennoch gesagt, wohin er geht und wo er auf mich wartet. Ich bringe ihn also in die Gefahr, von Ihnen festgenommen zu werden. Können Sie von mir mehr verlangen?“

„Ja. Ich habe bereits mehr von Ihnen verlangt. Ich habe die Wahrheit verlangt und Sie haben mich belogen.“

„Das ist nicht wahr! Es ist wahr, daß er zu den Mogollons ist und am weißen Felsen auf mich warten wird!“

„Ja, das ist wahr. Das konnten Sie weder leugnen noch verschweigen, weil Sie es mir schon gesagt haben, als Sie meine Fesseln zerschnitten und mich für den alten Melton hielten. Daß Sie diese Aussage notgedrungen wiederholt haben, dürfen Sie sich nicht als Verdienst anrechnen. Aber Ihre Angaben, wo die Mogollons wohnen und wo der weiße Felsen zu suchen ist, waren falsch.“

„Nein; sie sind richtig!“

„Pah! Sie täuschen mich nicht! Sie haben mir sagen müssen, wohin Melton geht, mir aber eine falsche Richtung, gerade die entgegengesetzte, angegeben, damit wir Zeit verlieren sollen und er welche gewinne, um uns zu entkommen. Auf und an der Sierra Blanca wohnen die Nijora-Apatschen, zu denen wir kommen würden, wenn wir den von Ihnen angegebenen Weg einschlügen, uns also vom Flujo blanco aus ostwärts wendeten. Wir müssen im Gegenteile westlich gehen, dann kommen wir an die Mogollonberge, von welchen die Indianer, zu denen Melton will, ihren Namen haben. Sie sehen, daß ich mich nicht täuschen lasse.“

„Wenn Sie recht haben, Sennor, dann bin ich selbst falsch unterrichtet!“

„Lügen Sie nicht weiter! Sie wollen uns irre führen, haben also meine Warnung nicht beachtet und werden nun gefesselt.“

„Das werden Sie nicht thun!“ schrie sie auf. „Ich dulde es nicht!“

Da sagte Emery:

„Was machst du nur so viele Worte mit ihr! Dort hängen Riemen. Komm, binde sie!“

Er trat mit einem raschen Schritte hinter sie, ergriff ihre Arme und drückte ihr die Ellbogen auf dem Rücken zusammen. Sie war über diese schnelle Handlungsweise so verblüfft, daß es ihr gar nicht beikam, sich zu wehren. Ich schlang ihr einen Riemen um die Vorderarme und einen zweiten um die Fußgelenke; dann legten wir sie auf den Boden nieder. Nun war es ihr unmöglich, den alten Melton aufzusuchen und ihm irgend welchen Beistand zu leisten, und es brauchte sich von uns niemand zu ihr zu setzen, um sie zu bewachen. Ich stieg mit Emery hinauf zu Winnetou, welcher oben saß und mir auf mein Befragen sagte, daß der „weiße Felsen“ nicht in der Sierre Blanca, sondern in den Mogollonbergen liege. Wir hatten der Jüdin also nicht unrecht gethan.

Auf der Plattform warteten wir, bis der Morgen anbrach. Die Yumas ließen ihre Feuer ausgehen, kamen aber nicht herauf zu uns, sondern blieben unten sitzen. Sie betrachteten uns als Herren des Pueblo. Nun wurde der alte Melton zu uns heraufgeholt. Es verstand sich ganz von selbst, daß er kein Wort davon erfahren durfte, daß uns sein Sohn entkommen war und wohin er sich gewendet hatte. Wir wollten ihm die Stiefel ausziehen; er brüllte vor Wut darüber und stieß mit den gefesselten Beinen so um sich, daß wir ihm die Möglichkeit, diese zu bewegen, nehmen mußten. Wir legten eine Leiter auf die Terrasse und banden ihn auf derselben fest; die Oberschenkel wurden bis zu den Knieen hüben und drüben festgeschnürt. Auch jetzt noch wälzte er sich mitsamt der Leiter schreiend hin und her, sodaß Winnetou und Emery auf ihn knien mußten, um ihn festzuhalten; erst dann brachte ich die Stiefel herab.

Sie waren mit dünnem Leder gefüttert, und ich fühlte gleich beim ersten Antasten, daß etwas zwischen den Schäften und dem Futter steckte. Die Naht, welche das letztere an dem Oberleder festhielt, war neu; das Geld war also wohl erst vor kurzem in den Stiefeln versteckt worden. Wahrscheinlich war die Jüdin beim Nähen behilflich gewesen, und so kam es, daß sie wußte, wo Melton seinen Raub verborgen hielt.

Ich trennte mit dem Messer das Futter los. Melton schrie nicht mehr; er hatte sich darein gefunden, aber seine Augen waren mit haßglühenden Blicken auf meine Hände gerichtet. Der eine Stiefel enthielt ein dünnes Papierpaket, wie ein Couvert geformt, der andere aber deren zwei. Ich öffnete die letzteren. Der Inhalt bestand je aus zehntausend Pfund Sterling (200 000 Mk.) in Noten der Bank von England. Dem dritten Umschlag entnahm ich fünfzehntausend Dollars (60 000 Mk.) in guten Bankpapieren.

„Master Melton, wollt Ihr uns wohl sagen, wie Ihr zu dem Gelde kommt!“ forderte ich ihn auf.

„Hole Euch der Teufel!“ brüllt er mich an. „Von mir erfahrt ihr nichts.“

„Denkt das nicht! Es giebt Mittel, Euch zum Sprechen zu bringen, und da wir unbedingt wissen müssen, welcher Herkunft die Summen sind, werden wir sie in Anwendung bringen, wenn Ihr uns die Auskunft verweigert.“

„Versucht es doch!“

„Das werden wir. Ich mache Euch aber vorher darauf aufmerksam, daß es für einen frühern tunesischen Offizier gar keine Ehre ist, Prügel zu bekommen.“

„Prügel? Ihr wollt mich prügeln?“

„Ja. Also wollt Ihr uns Auskunft erteilen?“

„Nein, und wenn ihr mich totschlagt, ihr Halunken!“

„Laßt Euch doch nicht auslachen! Eigentlich brauchen wir gar keine Auskunft. Wir sind klug genug, sie uns selbst zu geben; aber die Bestätigung wollen wir von Euch hören, und wenn Ihr sie uns verweigert, so werden wir Euch die Zunge lösen.“

„Nun, wenn ihr so klug seid, so sagt es doch einmal!“

„Ihr und Euer Bruder habt je fünfzigtausend Dollars als Anteil an der ergaunerten Erbschaft bekommen; sie sind Euch von Jonathan in englischem Gelde ausgezahlt worden.“

„Fünfzigtausend Dollars! Lumperei, wenn es sich um Millionen handelt! Meint Ihr, daß wir damit zufrieden gewesen wären?“

„Nein, das meine ich nicht. Ihr sollt jedenfalls noch mehr bekommen und habt, da Ihr fliehen und Euch dabei von Jonathan trennen mußtet, diese Summe einstweilen auf Abschlag erhalten.“

„Seht doch einmal, wie gescheit Ihr seid, Master Shatterhand! Wo kommen dann aber die übrigen fünfzehntausend Dollars her?“

„Die gehörten Euerm Bruder. Er hat stets Geld besessen, natürlich nur unrechtlich erworbenes. Ihr habt ihm die Fünfzehntausend mit dem andern Gelde abgenommen.“

„Da seid Ihr auf dem Holzwege. Das Geld ist mein; es hat nicht ihm gehört.“

„Kann mir gleichgültig sein. Wir werden Euch das Sprechen lehren. Hier steht der Erbe, den ihr betrogen habt; er mag Euch die Zunge lösen. Master Vogel, steigt doch einmal die Terrassen hinab, und holt Euch von den Büschen da drüben einige recht hübsche, biegsame Stöcke.“

Vogel ging; als er mit den Stöcken zurück kam, hatten wir Melton von der Leiter gebunden und schnürten ihn wieder so darauf, daß seine Rückseite nach oben kam.

„Nun, wollt Ihr sprechen?“ fragte ich ihn.

„Schlagt zu!“ knirschte er. „Aber ich sage Euch, daß es Euch das Leben kosten wird!“

„Pah! Macht Euch doch nicht durch solche alberne Drohungen lächerlich! Wer soll uns denn das Leben nehmen? Ihr befindet Euch doch in unsern Händen.“

„Aber mein Sohn nicht!“

„Täuscht Euch nicht!“

„Leugnet immerhin! Er ist fort. Wenn Ihr ihn bekommen hättet, wäre er sicher hier, und Ihr würdet Eure Fragen nicht an mich, sondern an ihn richten.“

„Möglich! Aber da wir sie nun einmal an Euch richten, werdet Ihr sie uns auch beantworten. Haut zu, Master Vogel!“

Der Violinvirtuos begann den soeben vom Busch geschnittenen Bogen aus Leibeskräften zu streichen, doch ohne Erfolg. Melton biß die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Da sagte Emery:

„Das ist nichts. Unser kleiner Master Vogel hat kein rechtes Mark in den Knochen. Gebt einmal einen Stock her! Ich möchte wetten, daß er bei mir zum Sprechen kommt.“

Melton stieß gleich beim ersten Hiebe des Englishman einen Schrei aus, denn das Fleisch war auseinander gesprungen; der zweite und dritte Schlag hatte denselben Erfolg, und als die nächsten Hiebe ins rohe Fleisch schnitten, konnte er die Schmerzen doch nicht ertragen und schrie:

„Haltet an! Ich will es sagen!“

„Nun, die zehntausend Dollars?“ fragte ich.

„Sie sind von der Erbschaft,“ gestand er ein.

„Die einen Zehntausend habt Ihr Euerm ermordeten Bruder abgenommen?“

„Nein.“

Sofort erhielt er von Emery zwei so kräftige Hiebe, daß er brüllte:

„Ja, ja, sie sind von ihm!“

„Und die fünfzehntausend Dollars?“

„Die gehörten mir; ich habe sie in Tunis erspart.“

„Lüge! Weiter, Emery!“

Der Engländer schlug wieder zu, und da zeterte Melton endlich:

„Halt ein, halt ein! ja, sie sind von meinem Bruder. Nun wißt ihr alles. Haltet also ein!“

„Schön! Ihr habt nun erfahren, daß Ihr wohl zum Sprechen zu bringen seid, und es ist Eure Schuld, wenn Euch nachher nach unserm Aufbruche das Reiten einige kleine Unannehmlichkeiten bereitet.“

„Was? Ich soll mit Euch fort? Ihr habt doch nun das Geld und könnt zufrieden sein! Laßt mich hier!“

„Seid Ihr verrückt geworden, Master? Euch hier lassen!“

„Ihr habt ja, was Ihr wollt, und wißt auch, was Ihr wissen wolltet. Wozu kann Euch meine Person noch nützen!“

„Welche Frage! Ich habe Euch eines mehrfachen Mordes wegen durch den ganzen wilden Westen gejagt; ich habe Euch in Ägypten und Tunesien gesucht. Dort seid Ihr wieder zum Mörder geworden. Ihr wagtet Euch in die Vereinigten Staaten zurück, um eine Millionenerbschaft zu ergaunern, und ich folgte Euch über das Meer. Jetzt jagten wir Euch über die Prairien bis hierher, und nun wir Euch endlich, endlich ergriffen haben, mutet Ihr uns zu, Euch laufen zu lassen! Das ist doch mehr als nur verrückt!“

„Ihr wollt mich morden?“

„Nein; das werden wir dem Henker überlassen.“

„Alle Wetter! Ihr wollt mich etwa wieder ausliefern, wie damals in Fort Edward?“

„Allerdings. Und zwar werden wir hübsch dafür sorgen, daß Ihr nicht wieder entwischen könnt.“

„Nehmt Verstand an, Master! Was kann es Euch nützen, mich hängen zu sehen!“

„Nichts, gar nichts; das ist wahr. Aber trotzdem müßt Ihr hängen, denn nur Euer Tod kann mir die Überzeugung geben, daß Ihr unschädlich geworden seid.“

„Nun gut! Wenn Ihr mir nicht glaubt, so will ich mich mit sehr viel Geld loskaufen.“

„Ihr habt ja keines!“

„Wir haben doch die Erbschaft!“

„Unsinn! die bekommen wir auch ohne daß wir Euch laufen lassen! Ihr seid dem Strafgesetze, dem Scharfrichter verfallen, und wenn wir Euch laufen ließen, würden wir ein Verbrechen begehen. Nein, nein, wir nehmen Euch mit und liefern Euch dahin, wo Ihr hingehört!“

„So macht, was ihr wollt, ihr Hunde, und seid tausendmal verflucht!“

„Ja, wir werden thun, was uns beliebt, und Euer tausendfacher Fluch wird auf Euch selbst zurückfallen. Hier, Master Vogel, habt Ihr das viele Geld; es sind gegen dreimalhunderttausend Mark; sie gehören Euch.“

„Er mag dreimalhunderttausendmal daran ersticken!“ schrie mich Melton an.

Vogel erbleichte. Er hielt die drei Umschläge in der Hand und sagte, diesmal in deutscher Sprache, zu mir:

„Himmel, welch ein Geld! Das Blut will mir nach dem Herzen gehen, es ist zu viel, viel zu viel!“

Er wollte mit uns teilen, ich sagte aber:

„Sie werden hoffentlich noch mehr bekommen. Stecken Sie das Geld zu sich, und verwahren sie es gut!“

„Sie nehmen also nichts?“

„Nein!“

„Gut, so nehme ich es einstweilen zu mir. Später aber sprechen wir weiter darüber.“

Melton wurde von der Leiter gebunden. Es machte ihm Schmerzen, zu stehen. Wir gaben ihm die Beine frei, und er mußte mit uns von den Terrassen steigen, denn wir mußten fort.

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ZWEITES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

Yuma-Tsil

Wir mußten unsere Pferde ungewöhnlich ausgreifen lassen, denn der Weg, zu welchem sie herzu einen ganzen Tag gehabt hatten, mußte heute in viel kürzerer Zeit zurückgelegt werden. Der Häuptling hielt sich höflich mir zur Linken. Er machte ein nachdenkliches Gesicht; es fiel ihm nicht leicht, das, was seit gestern abend geschehen war, als endgültiges Faktum hinzunehmen. Hinter uns ritt der Mimbrenjo, So oft ich einen Blick zurück auf ihn warf, sah ich sein bronzenes Gesicht in stiller Heiterkeit strahlen. Er war mit dem so unerwarteten Ergebnisse unsers Rittes ebenso zufrieden wie ich und sagte sich mit vollem Rechte, daß er auch sein gutes, volles Teil zu diesem Erfolge beigetragen habe.

Das Pferd der „listigen Schlange“ war sehr gut ausgeruht, sonst wäre es hinter den unsrigen zurückgeblieben; es hielt sich so tapfer, daß wir, eben als die Sonne im Westen verschwand, die Stelle erreichten, wo wir mit den Wagen nach Norden abgewichen waren. Wir folgten dieser Richtung. Es wurde dunkel, und da bat ich den Häuptling, mit dem Mimbrenjo halten zu bleiben und erst nach einer halben Stunde nachzukommen. Ich wollte die Unseren überraschen. Darum ließ ich das Pferd und die Gewehre bei den beiden und ging zu Fuß weiter.

Ich hatte bis zum Lager wohl zehn Minuten zu gehen und war überzeugt, daß von Winnetou Posten ausgestellt worden waren. Ein brenzlicher Geruch sagte mir, daß ein Feuer brannte. Das war ein Zeichen, daß Winnetou sich ziemlich sicher fühlte. Da ich auf Kundschaft fort war, so wußte er, daß ich, falls uns eine Gefahr drohen sollte, gewiß kommen würde, um ihn zu benachrichtigen; also stand, solange ich abwesend blieb, wenigstens nichts Bedeutendes zu befürchten. Es war ganz dunkel; demnach konnte ich die Posten, an welchen ich gern unbemerkt vorüber wollte, nicht sehen und mußte mich auf mein Gehör verlassen. Da ich die Eigentümlichkeit des Apatschen kannte, so wußte ich ziemlich genau, in welcher Weise er die Posten aufgestellt hatte, und konnte sie also vermeiden. Um aber einen, der sich dennoch in meinem Wege befinden sollte, aus demselben zu bringen, bückte ich mich nieder und suchte mir mit Hilfe des Tastsinnes einige Steinchen zusammen. Von diesen warf ich, indem ich langsam vorwärts schlich, von Zeit zu Zeit einen seitwärts ins Gesträuch. Dies verursachte ein Rascheln, auf welches der Posten gewiß achtete und dem er nachging, um zu untersuchen, wodurch es verursacht worden sei; dadurch kam er mir aus dem Wege.

Auf diese Weise kam ich schnell und ganz unbemerkt nahe genug, um das kleine Feuer zu sehen, welches brannte. Nun mußte ich mich auf den Boden legen und schob mich zollweise weiter hinan. Winnetou hatte seine Vorkehrungen so gut getroffen, daß einer, dem seine Eigenheiten fremd waren, ihn unmöglich beschleichen konnte. Die Flamme brannte auf der Lichtung; um dieselbe lagen, um leicht bewacht zu werden, die Gefangenen; die Mimbrenjos hatten sich als Wächter in einem Ringe um dieselben gelagert. Rechts im Dunkel standen die Wagen mit den daran gebundenen Zugtieren. Links von mir saß der Apatsche, mit dem Rücken an einen Baum gelehnt; in seiner Nähe hatte sich der Yumatötet niedergelassen, und nicht weit davon, gerade vor dem Strauch, hinter welchem ich steckte, gab es eine Männergruppe, in welcher eine zwar nicht laute, aber desto lebhaftere Unterhaltung geführt wurde. Indem ich die anwesenden Mimbrenjos zählte, sah ich, daß nicht weniger als sechs von ihnen auf Posten standen. Das Wunder, unbemerkt zwischen ihnen hindurchgekommen zu sein, hatte ich nur dem Experimente mit den Steinchen zu verdanken.

In der erwähnten Gruppe saßen auch der alte Pedrillo und der sonderbare Don Endimio de Saledo y Coralba, der Juriskonsulto und der Haziendero. Der alte Pedrillo war eben daran, eines seiner in den Vereinigten Staaten erlebten Abenteuer zu erzählen. Er nahm dabei Gelegenheit, von der Schlauheit, deren man sich zu bedienen hat, um einen Feind des Nachts von sich abzuhalten, zu reden, und behauptete dabei:

„Ich habe da manchen Roten beschlichen; aber keinem von ihnen ist es gelungen, an mich zu kommen.“

„Was ist das weiter!“ meinte der Haziendero. „Man brennt kein Feuer an, so kann man nicht gesehen und gefunden werden.“

„Pah! Was versteht Ihr davon, Don Timoteo! Feuer oder nicht, das ist einem Roten ganz gleich. Nur muß man, wenn man ein Feuer hat, mehr aufpassen und tüchtig Posten stellen. Wir zum Beispiele haben sechs um unsere Büsche stehen; da ist es vollständig unmöglich, sich ungesehen heranzuschleichen.“

Winnetou hatte die Augen, als ob er schlafe, geschlossen gehalten; jetzt öffnete er sie, richtete seinen Blick auf den Sprecher und sagte:

„Der alte Pedrillo darf dies nicht behaupten. Es giebt Jäger, welche doch herankämen, rote und weiße. Wende dich um, und greif in den Busch, in welchem Old Shatterhand liegt!“

Wenn ich es vorhin ein Wunder nannte, daß ich ungesehen und ungehört so weit gekommen war, so muß man es ein zehnfaches Wunder heißen, daß Winnetou nicht nur bemerkt hatte, daß sich jemand hinter dem Strauch befand, sondern auch wußte, wer es war. Und doch hatte er, freilich nur scheinbar, die Augen geschlossen gehalten. Dies pflegte er zu thun, wenn er sein Gehör einmal mehr als sonst anstrengen wollte. Pedrillo drehte sich auch um und fuhr mit der Hand in den Busch; ich richtete mich auf und trat heraus, indem ich zu dem Apatschen sagte:

„Meinem Bruder Winnetou kann nichts entgehen; seine Augen und Ohren sind schärfer als die meinigen.“

Als ich so plötzlich vor dem tapfern Don Endimio de Saledo y Coralba auftauchte, fiel er vor Schreck hintenüber und stieß einen so markerschütternden Schrei des Entsetzens aus, als ob ihm der leibhafte Gottseibeiuns erscheine. Die Mimbrenjos dachten nicht an ihre wohlgepflegte Gewohnheit, selbst das unerwartetste Ereignis mit stoischer Ruhe hinzunehmen; sie sprangen vom Boden empor und starrten mich auch an wie einen Geist. Auch die gefangenen Yumas richteten sich so weit auf, wie ihre Fesseln es erlaubten. Sie wußten, daß ich nach Almaden geritten war, und meinten nun, durch mich zu erfahren, wie die Verhältnisse dort standen. Sie hatten wohl gehofft, daß ich nicht wiederkommen werde, sondern daß ihre dortigen Krieger mich ergreifen oder gar wegputzen würden.

Von dem ersten Wagen her erscholl ein Schrei. Dort hatte der Player gelegen, an den Händen gebunden und von einem Mimbrenjo bewacht. Er kam herbei, drängte sich mit den Ellbogen durch die mich umringenden Personen und rief mit einer Freude, welche sichtlich aufrichtig war:

„Gott sei Dank, Sir, daß Ihr unverletzt wieder hier seid! Ich habe schlimme Angst ausgestanden.“

„Angst? Warum?“ fragte ich ihn.

„Weil, wenn Euch ein Unglück geschehen wäre, man vielleicht behauptet hätte, daß ich schuld daran sei, weil ich Euch falsch berichtet habe. Und doch meine ich es ehrlich mit Euch!“

„Davon bin ich jetzt überzeugt. Was Ihr mir gesagt und beschrieben habt, hat sich alles als wahr herausgestellt.“

Ich erzählte, daß ich in seiner Höhle gewesen sei, Almaden ausgeforscht und mit Weller und Melton gesprochen habe – mehr sagte ich noch nicht.

„Dann sind hundert Engel bei Euch gewesen, die Euch beschützten,“ sagte er. „Welch ein Glück, daß es ohne Unfall abgelaufen ist! Diese Verwegenheit hätte Euch übel bekommen können, und dann wäre der Verdacht der Untreue auf mich gefallen.“

„Möglich! Aber ich bescheinige Euch hiermit vor allen diesen Zeugen gern, daß ich Euch von jetzt an vollständig trauen werde, und nehme Euch zum Beweise dafür Eure Handfesseln ab. Laßt Euch Eure Waffen geben, die ich Euch an der Hazienda abgenommen habe. Ihr seid frei!“

Die Freude des umgekehrten Verirrten war groß; aber der Haziendero rief mir zu:

„Was thun Sie da, Sennor! Sie lassen einen Mann frei, der bestraft werden muß. Es ist erwiesen, daß er an der Zerstörung meiner Besitzung beteiligt war! Ich befehle Ihnen, kraft meines Amtes, ihm die Fesseln wieder anzulegen!“

„Sie haben mir gar nichts zu befehlen! Ich aber befehle Ihnen, sich wieder niederzusetzen und den Mund zu halten. Wer Gefangener bleiben soll, das haben nicht Sie, sondern Winnetou und ich zu bestimmen. Das werde ich Ihnen beweisen, indem ich noch andere freigebe.“

Bei diesen Worten trat ich zu dem schnellen Fische, zerschnitt seine Fesseln und sagte:

„Mein roter Bruder ist frei; er mag aufstehen. Die Krieger der Mimbrenjos mögen den Kriegern der Yumas die Riemen abnehmen; ich gebe sie alle frei, denn ich habe mit der listigen Schlange, dem Häuptlinge der Yumas bei Almaden, Frieden geschlossen und das Kalumet geraucht.“

Ein vielstimmiger Schrei erscholl; die Mimbrenjos stießen ihn vor Verwunderung, die Yumas vor Entzücken aus. Die Wirkung meiner Worte war sogar bei Winnetou in einer Weise zu sehen, welche ich bisher für unmöglich gehalten hatte. Er erhob sich rasch, trat zu mir heran und fragte hastig:

„Das Kalumet geraucht?“

„Mit ihm und allen seinen Kriegern,“ antwortete ich.

„So sind die Yumas von Melton abgefallen?“

„Ja, und er und Weller sind gefangen. Die Bleichgesichter sind frei.“

„Wo befinden sie sich?“

„In Almaden bei ihren Freunden, den Yumakriegern. Morgen reiten und fahren wir alle hin, um das Fest des Kalumets zu feiern.“

Da legte er seine beiden Hände auf meine Achseln und rief aus:

„Habt ihr es gehört, ihr roten und ihr weißen Männer? Das, was wir mit vielen Kriegern nicht zu erzwingen glaubten, hat Old Shatterhand allein fertig gebracht. Er ist mehr als hundert, als zweihundert bewaffnete Männer!“

„O nein! Ich habe Glück, Glück gehabt, und das Wenige, was ich mir selbst zuschreiben darf, kommt auf die Rechnung Winnetous, der mein Lehrmeister gewesen ist.“

„Das sage mein Bruder nicht. Der Meister würde das nicht fertig bringen, was der Lehrling fertig gebracht hat.“

„Nein, nein! Du wirst erfahren, wie alles zugegangen ist, und mir dann recht geben, daß der Zufall dabei die größte Rolle gespielt hat.“

Während ich Rede und Gegenrede mit ihm wechselte, wurden die Yumas von ihren Banden erlöst. Das geschah natürlich nicht ohne Lärm, durch welchen die Posten herbeigelockt wurden, indem sie mit Recht annahmen, daß bei solchem Geschrei die Bewachung des Lagers eine Lächerlichkeit sei; sie mischten sich unter die andern. So kam es, daß man die Ankunft des Mirnbrenjo mit der „listigen Schlange“ erst bemerkte, als sie schon da waren und von den Pferden stiegen. Der wackere Knabe wurde von unsern Leuten, der Häuptling von seinen Yumas umringt, und nun gab es einen wahren Jahrmarkt von Ausrufen, Fragen und Antworten, daß es einem bei diesem wirren Durcheinander von Menschen und Stimmen hätte angst und bange werden mögen.

Ich schlich mich davon, um für mein und Winnetous Pferd zu sorgen und meine Gewehre wieder an mich zu nehmen. Darauf setzte ich mich zu dem Apatschen, um dem frohen Treiben zuzusehen und dabei etwas zu essen und einige Schlucke Wein zu trinken, von dem sich mehrere Flaschen in einem der Wagen befanden.

Es dauerte lange, ehe der Lärm sich minderte, und es wäre gewiß auch nicht sobald Ruhe eingetreten, wenn man nicht gewünscht hätte, zu erfahren, wie das große Ereignis der Aussöhnung mit den Yumas und der Gefangennahme Meltons und Wellers zu stande gekommen war. Mein kleiner Mimbrenjo mußte sich So setzen, daß alle ihn bei dem jetzt hochgeschürten Feuer sehen und auch hören konnten, und die Geschichte erzählen. Er that dies mit dem größten Vergnügen und wurde dabei durch die zeitweiligen Erläuterungen der „listigen Schlange“ unterstützt. Ich selbst sagte kein Wort dazu und unterbrach nur dann und wann den Erzähler durch eine warnende Handbewegung, wenn er in übermäßigem Eifer zu meinem Lobe sprach.

An einen der Anwesenden hatte ich nicht gedacht, weil ich ihn nicht sah. Erst während der Erzählung merkte ich ihn. Er hatte sich vorher ferngehalten, hing nun aber mit seinen Augen an dem Munde des Mimbrenjoknaben. Das war der Athlet, welcher natürlich vorzüglich von Judith hören wollte. Der Knabe hatte meine Unterredung mit ihr und ihrem Vater nicht gehört und unterließ es auch auf einen Wink von mir, die Bedingung, daß die Jüdin die Squaw des Häuptlings werden solle, zu erwähnen; darum erfuhr der Herkules nichts von dem Schlage, welcher seinem schwachen Herzen bevorstand. Später aber, als die Aufregung vorübergegangen und die Neugierde gestillt worden war und dieser und jener sich ein Plätzchen zur Nachtruhe suchte, that auch ich letzteres und kam dabei in seine Nähe. Das benutzte er sofort, mich auf die Seite zu führen und auszufragen. Es konnte mir nicht einfallen, diesen Riesen an Körper und Zwerg an Charakter schonend zu behandeln; ich hielt es vielmehr für geraten, ihm reinen Wein einzuschenken; vielleicht wurde er dadurch von der Krankheit oder vielmehr Verirrung seines Herzens geheilt. Wen Judith heiraten wolle, verschwieg ich noch, weil der hastige, entschlossen drohende Ton, in welchem er sprach, es mir rätlich erscheinen ließ. Der Verlobte Judiths befand sich bei uns und war unser Gast. Was ihm Schlimmes bei uns geschah, das hatten wir zu verantworten, und der Eifersucht des Riesen durfte ich keine Selbstbeherrschung zutrauen.

Später lag alles in tiefer, ungestörter Ruhe. Wir hatten keine Posten ausgestellt und konnten zum erstenmal ohne Furcht schlafen. Er aber fand wohl keinen Schlaf-, der Gedanke an die Untreue der einstigen Verlobten raubte ihm denselben. Desto lebhafter ging es am frühen Morgen her. Es wurde zum Aufbruche gerüstet, und als der Zug sich in Bewegung setzte, befand sich diesmal kein einziger gefesselter Mensch bei demselben.

Es ging schneller, als man bei der Schwerfälligkeit der Wagen hätte meinen sollen, da mit Hilfe von Lassos an jedem derselben mehrere Reiter ihre Pferde vorspannten. Dazu kam noch der Umstand, daß wir durch eine Wüste kamen, welche eben war und uns durch keinen Strauch oder Baum den Weg verlegte. Wir fuhren sehr oft im Galopp und kamen noch vor Abend am Yumalager vor Almaden an, wo wir von den Weißen wie von den Roten lebhaft bewillkommnet wurden.

Die durstig gewordenen Tiere mußten getränkt werden; zu fressen konnten wir ihnen aber heute leider nichts bieten. Dazu eignete sich am besten die Nebenhöhle, welche genug Wasser für alle enthielt. Der kleine Mimbrenjo mußte die Yumas hinführen, und diese staunten nicht wenig, als sie nach Wegräumung des Gerölles die Höhle sahen, von der sie keine Ahnung hatten, und dazu hörten, daß wir durch dieselbe in den Schacht gekommen seien.

Gleich nach unserer Ankunft trug sich ein Ereignis zu, welches von traurigen Folgen begleitet war. In den ersten Augenblicken bewegte sich alles durcheinander, so daß der einzelne nicht in die Augen fiel; dann aber, als sich ruhigere Gruppen gebildet hatten, hörte ich die Stimme Meltons, welcher dem entfernt von ihm liegenden Weller zurief:

„Weller, dort ist der Player, und nicht gefesselt wie wir! Wie geht das zu?“

„Wo?“ fragte der Angerufene. „Ah, dort! Ich sehe ihn. Sollte der Schuft den Verräter gemacht haben?“

„Natürlich! Anders kann es nicht sein, da er sonst gebunden wäre, wie wir gebunden sind. Hätte ich meine Hände und Füße frei!“

„Ja, hätten wir sie frei, wir würden ihm den Judasgroschen auszahlen. Player, he, Player!“

„Was giebt es?“ fragte der Genannte, als er den Ruf hörte.

„Komm doch einmal her! Ich muß dich um etwas fragen.“

Noch ein anderer hörte den Ruf, nämlich der Herkules.

„Ah, der alte Weller!“ hörte ich ihn sagen. „Der ist mein Mann.“

Er folgte dem Player nach der Stelle, wo Weller lag. Ich ging hinter ihm her, um möglicherweise eine Übereilung zu verhüten. Der Riese schien den Kolbenhieb des jungen Weller überwunden zu haben; aber ob er den Wunsch nach Rache ebenso überwinden werde, das war eine andere Frage. Ich hätte den nun zwischen Weller und dem Player stattfindenden Wortwechsel nicht zugeben sollen und auch leicht verhindern können, aber ich dachte, vielleicht noch etwas erfahren zu können, und es war ganz so, als ob das, was nun geschah, nicht anders hätte kommen können.

„Wie kommst denn du hierher?“ fragte Weller in einem keineswegs feindlichen Tolle.

„Ich wurde von Old Shatterhand überrumpelt und gefangen genommen.“

„So bist du sehr unvorsichtig gewesen! Dir scheint es aber besser zu gehen als mir und Melton, denn du bist frei. Wie kommt das? Wahrscheinlich hast du dich bei Old Shatterhand und Winnetou eingeschmeichelt. Wie?“

Der Gefragte überlegte einige Augenblicke, ob er die Wahrheit zugeben oder leugnen solle, und antwortete dann:

„Warum sollte ich nicht! Da wir Old Shatterhand und den Apatschen gegen uns hatten, so war fast mit Sicherheit vorauszusehen, daß wir den kürzern ziehen würden; sodann hatte ich, wie ich dir heute sagen will, gar wohl durchschaut, daß ihr beiden den Löwenanteil für euch behalten und mich mit einer Wenigkeit abfinden würdet, und endlich – –“

„Nun, endlich? Was weiter?“ fragte Weller, als der andere einen Augenblick innehielt.

„Endlich.“ fuhr dieser fort, „gingen mir auch die armen Teufel im Kopfe herum, welche so schmählich da unten im Schachte verkommen sollten. Sie thaten mir leid, und ich begann, einzusehen, daß das, was wir an ihnen verübt hatten und noch verüben wollten, ein sehr schweres Verbrechen sei.“

„Ah, so bist du wohl ganz plötzlich ein Betbruder geworden?“

„Das nicht, aber vielleicht werde ich es noch, um das, was ich mit euch begangen habe, unserm Herrgott abzubitten.“

„Kannst du sagen, was man mit uns vornehmen wird?“

„Ich befürchte, daß ihr keine Hoffnung habt, jemals wieder freizukommen.“

„Eigentlich hast du dasselbe Schicksal verdient wie wir, dennoch aber freut es mich, daß wenigstens einer von uns so gut gefahren ist. Wie steht es denn mit meinem Sohne? Ich habe euch gesucht, um zu erfahren, was mit ihm vorgenommen worden ist, euch aber nicht gefunden.“

„Willst du die Wahrheit hören?“

„Ich werde wohl nicht daran sterben. Also nur heraus damit! Du weißt, daß ich kein Schwächling bin.“

Letzteres mochte wahr sein, dennoch lag eine furchtbare Angst in dem fragenden Blicke, den er erwartungsvoll auf den Player richtete. Der Vater machte sich in ihm geltend. Als der Gefragte nicht sogleich antwortete, fuhr er fort:

„Also aufrichtig gesagt, ist er tot?“

„Ja.“

„Tot, also tot!,“ wiederholte er, indem er die Augen schloß. Man sah, welche Wirkung die Nachricht auf ihn ausübte. Die Wangen fielen nach innen, und sein Gesicht bekam für kurze Zeit das Aussehen eines Toten. Dann öffnete er die Augen wieder und erkundigte sich:

„Was für ein Tod? “

„Erwürgt durch – –“

„Durch mich!“ antwortete jetzt der Athlet. „Ihr Schurken glaubtet mich tot, aber mein Schädel war fester, als ihr dachtet. Ich bekam nur ein kurzes Fieber, und in diesem Fieber habe ich deinen Buben mit den Fäusten erwürgt, sowie ich dich bei voller Besinnung erwürgen möchte und auch noch erwürgen werde!“

Weller schloß die Augen zum zweitenmal und für längere Zeit als vorhin. Was mußte jetzt in ihm vorgehen! Als er sie öffnete, zeigte sein Gesicht das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte, nicht Haß, Grimm und Wut, sondern einen, fast möchte ich sagen, sanften und rührenden Zug der Ergebung. Und in einem solchen Tone wendete er sich an den Player:

„Du hast also Winnetou und Old Shatterhand mit ihren Mimbrenjos hierhergeführt?“

„Ja, ich leugne es nicht; aber sie hätten den Weg auch ohne mich gefunden.“

„Mag sein, doch war es von dir dennoch ein Verrat gegen uns, den du besser unterlassen hättest. Mit deiner Gefangennahme und deinem Übergange zu den Gegnern hat unser Pech eigentlich erst begonnen. Es wird wohl aus mit uns sein, und da habe ich einen Wunsch, der meine Hinterlassenschaft betrifft. Würdest du ihn mir als alter Kamerad erfüllen?“

„Wenn ich kann, ja.“

„Du kannst es, ohne ein Unrecht zu thun und ohne alle Mühe. Komm her zu mir!“

Der Player trat ihm einen Schritt näher und bog sich leicht zu ihm nieder. Eine plötzliche Regung in mir wollte mich veranlassen, ihn zu warnen; aber was konnte ihm Weller thun? Er war an den Füßen und Armen gefesselt und außerdem durch meinen Schuß an der Rechten so verwundet, daß er dieselbe nicht bewegen konnte.

„Noch leiser muß ich reden, noch leiser. Komm also näher; kniee da nieder!“

Der Player entsprach dieser Forderung, indem er sich auf das Knie niederließ, und ging damit in die ihm so schlau gestellte Falle des äußerlich so ergeben erscheinenden und innerlich doch von unbeschreiblicher Wut durchtobten Verbrechers. Dieser stemmte nämlich die Ellbogen fest auf die Erde und hob blitzschnell die Beine hoch empor, um sie ebenso schnell auf die Achseln des Players niederzusenken. Es muß dabei daran erinnert werden, daß nicht seine Beine, sondern unten seine Füße und zwar an den Fußgelenken, zusammengebunden waren; er konnte die Beine also in den Hüftgelenken hochheben und bei den Knieen soweit auseinandernehmen, daß zwischen ihnen eine Öffnung entstand, in welche der Kopf des Players zu stecken kam. Darauf preßte Weller die Kniee mit aller Kraft an dem Halse seines frühern Kameraden zusammen, sodaß sich dessen Gesicht sofort blau färbte, und schrie dabei jubelnd und in einem ganz andern Tone, als er vorhin gesprochen hatte:

„Habe ich dich überlistet, du zehnfacher Schurke? Und du hast meinem freundlichen Gesicht geglaubt, du hundertfacher Dummkopf! Rache will ich haben, Rache! Ist infolge deines Verrates mein Sohn erwürgt worden, so sollst nun du dafür auch erwürgt werden!“

„Ja, gieb es ihm, gieb es ihm!“ munterte ihn Melton unter teuflischem Lachen auf. „Laß ihn nicht los, ja nicht los!“

Man weiß, welche Kraft in den Knieen eines erwachsenen Mannes liegt. Dazu kam, daß die Füße durch die Riemen vereinigt waren und in dieser Vereinigung einen Halte- oder Hebelpunkt fanden, durch welchen die ursprüngliche Kraft der Kniee vervielfältigt wurde. Eine einzige Minute genügte, den Player zu erdrosseln. Ich sprang natürlich augenblicklich hinzu, um ihm zu helfen; der Goliath kam mir aber doch zuvor. Er warf sich nieder, klammerte seine Riesenhände um den Hals Wellers und rief:

„Du selbst wirst erwürgt werden, sowie ich deinen Sohn erwürgt und es dir soeben auch versprochen habe!“

Dies Verfahren, dem Bedrohten zu Hilfe zu kommen, war grundfalsch, denn als Weller der Atem auszugehen begann, krampfte die Todesangst seine Beine noch fester als vorher um den Hals des Players. Ich packte sie, um sie auseinander zu ziehen, doch vergeblich; ich besaß nicht Kraft genug, und kein Mensch hätte sie besessen, die fürchterliche Anspannung der Muskeln und Sehnen zu überwinden. Mein Angriff mußte sich gegen den erwähnten Hebelpunkt richten; ich riß also, selbst auch voller Angst, mein Messer heraus und schnitt die Fußriemen entzwei, worauf ich die Füße auseinander zwang und, mich zwischen dieselben klemmend, dann auch die Kniee zu öffnen vermochte. Der Kopf des Players bekam Raum und sank zur Erde nieder; der arme Teufel lag wie ein Toter da, rotblau angeschwollen im Gesichte. Dafür legten sich die Beine Wellers nun mit aller Gewalt um mich.

„Lassen Sie los!“ rief ich dem Athleten zu. „Sie ermorden ihn ja!“

„Ermorden?“ lachte er grimmig. „O nein, ich bestrafe ihn nur.“

Ich sah, daß er den bisherigen Druck seiner Hände verstärkte, und konnte es doch nicht hindern, obgleich ich ihn von hinten packte und wegreißen wollte. Endlich ließ er los, versetzte dem ohne Bewegung daliegenden Körper einen Fußtritt und sagte, tief Atem holend:

„So, es ist aus mit ihm! Der sperrt keinen Menschen mehr ein und überfällt auch keinen wieder im Schlafe. Nun, mögen die Geier ihn fressen, wie sie seinen Sohn fraßen und mich fressen sollten!“

Es machte mir Mühe, von den Beinen des Gewürgten loszukommen. Natürlich sah ich dann zunächst nach dem Player. Er begann schon leise nach Luft zu schnappen, lebte also noch und war gerettet; Weller aber war tot, erstickt unter den Fäusten des Riesen, der sich über sein grausiges Werk freute.

„Wissen Sie, daß Sie ein Mörder sind? Ich sollte Sie binden lassen und dem Richter übergeben!“ fuhr ich ihn in Gegenwart aller an, welche herbeigekommen waren, um dem Ausgange der grausigen Scene beizuwohnen.

„Ein Mörder?“ antwortete er. „Sie verwechseln die Begriffe, denn Sie haben mich keinem Richter zu übergeben, sondern ich selbst habe das Amt eines solchen ausgeübt.“

„Nein, sondern das Amt eines Henkers. Mir graut vor Ihnen!“

„Wirklich? Sagen Sie mir doch, wen Judith heiraten will; es zuckt mich gewaltig in den Fingern, den Kerl gleich auch beim Halse zu nehmen!“

Während er das sagte, sah er aus, als ob er die Drohung augenblicklich wahr machen würde; es konnte mir also nicht beikommen, ihm die gewünschte Auskunft zu geben. Er bekam sie aber von anderer Seite. Nämlich unter denen, welche sich herbeigedrängt hatten, stand auch Judiths Vater, welcher, als er die Worte des Herkules hörte, gleich antwortete:

„Das können Sie erfahren. Die Tochter meiner Seele hat nicht nötig, sich zu hängen an einen herumziehenden Gaukler; sie wird sein die Beherrscherin eines berühmten Indianerstammes und glänzen in Juwelen, Gold und Seide wie eine Königin.“

Der Athlet sah dem ebenso unvorsichtigen wie äffischen Alten beinahe verblüfft in das Gesicht, schüttelte den Kopf und fragte:

„Die Beherrscherin eines Indianerstammes? Wie soll ich das verstehen? “

„Das ist so zu verstehen, daß sie wird sein die bewunderte und angebetete Gemahlin der listigen Schlange, welcher Häuptling des Yumastammes ist.“

„Was? Indianerin will sie werden?“ lachte der Riese ungläubig. „Ihr wollt wohl Komödie spielen!“

„Nein, sondern wir wollen, daß die Komödie mit Ihnen endlich einmal ein Ende hat. Wir werden bei den Yumas bleiben, Judith und ich; Sie aber müssen mit nach Texas ziehen. Wir werden einen Palast und ein Schloß bekommen; Sie aber werden Klee ackern und Rüben pflanzen!“

Der andere fuhr sich mit der Hand nach dem Kopfe, stierte im Kreise umher, ließ dann seinen Blick auf mir haften und sagte:

„Herr, machen Sie diesem kindischen Tingel-Tangel ein Ende, indem Sie mir die Wahrheit berichten! Was habe ich von dem Kauderwelsch dieses alten Mannes zu halten?“

Es war jetzt unmöglich, es ihm länger zu verhehlen; darum antwortete ich:

„Sie haben die Wahrheit gehört; der Häuptling begehrt Judith zum Weibe und hat dies zu einer der Vorbedingungen des abgeschlossenen Friedens gemacht.“

„Der – – Häupt – – ling? Unglaublich! Dies Mädchen, dies Wunder von Schönheit will sich einem Roten an den Hals werfen? Sie treiben da einen Scherz mit mir, den ich mir verbitten muß!“

„Es ist Thatsache.“

„So bin entweder ich nicht bei Sinnen, oder Sie alle sind verrückt geworden. Sag, Judith, ist’s wahr, was ich höre? Du willst als Frau bei der roten Schlange bleiben?“

„Ja,“ nickte sie erhaben. „Ich werde Königin der Yumas sein.“

„Wirklich, wirklich? Es ist keine Lüge?“

Mir wurde himmelangst, denn ich sah, daß er sich in einer Aufregung befand, welche sich von Wort zu Wort steigerte. Auch konnte der Kolbenhieb, den er auf den Kopf erhalten hatte, vielleicht nicht ohne Wirkung auf sein Gehirn geblieben sein; ich wollte ihm eine beruhigende Antwort geben, aber das Mädchen, welches zur Unzeit herbeigekommen war, erwiderte schneller als ich:

„Deinetwegen mache ich keine Lüge. Ich habe mich mit dem Häuptling verlobt, und du kannst deines Weges gehen!“

Da traten seine Augen wild hervor; er ballte die Fäuste und blickte suchend nach dem Häuptling aus. Die Katastrophe war da. Er sah ihn unfern bei einer Gruppe von Yumas stehen, begann, sich den Weg durch die Umstehenden zu bahnen, und schnaubte:

„Also doch, doch, doch! Macht Platz, macht Platz! Ich muß mit dem Kerl reden, aber mit den Fäusten. Ich bin einmal beim Erwürgen; er soll der nächste sein und den Wellers folgen.,

Es stand fest, daß er seine Worte wahr machen würde, wenn es ihm gelang, den Häuptling zu erreichen; ich drang ihm also nach, hielt ihn von hinten fest und rief:

„Bleiben Sie, Sie Unglücksmensch! Die Sache ist nicht zu ändern; der Häuptling steht unter meinem Schutze, und wer ihn anrührt, dem gebe ich eine Kugel!“

Er wendete sich zu mir um, nahm mich mit einem vor Aufregung vollständig verzerrten Gesichte in die Augen und zischte mich zwischen den zusammengepreßten Zähnen heraus an:

„Kerl, laß mich, sonst nehme ich dich selbst zwischen die Finger! Oder meinst du, weil sich alle andern vor dir fürchten, daß du es auch mit mir aufnehmen kannst?“

Es war ihm jetzt jede That zuzutrauen. Die andern wichen von ihm zurück; ich zog meinen Revolver und antwortete:

„Solange wir Frieden halten, haben wir uns beide nicht vor einander zu fürchten; aber wenn Sie nur einen einzigen Schritt zu mir her oder nach dem Häuptlinge thun, bekommen Sie alle diese sechs Kugeln in den Kopf. Sie sind jetzt ein wütendes Tier und müssen als solches behandelt werden. Es giebt Millionen Mädchen auf der Welt. Schicken Sie sich in das Unvermeidliche; nehmen Sie Verstand an, und beruhigen Sie sich! “

Ich sprach diese Aufforderung in begütigendem Tone aus. Er verzog sein Gesicht zu einem unbeschreiblichen, krampfartigen Grinsen und meinte:

„Beruhigen! Ja, ich will mich beruhigen und vielleicht werden auch andere mit mir ruhig werden. Also, Sie sagen, die Sache ist nicht mehr zu ändern?“

„Es ist so, wie ich sage.“

„Es war Bedingung, daß Judith die Frau des Roten wird? Und Sie werden den Häuptling beschützen?“

„Nicht nur ich allein, sondern überhaupt alle, die sich hier befinden. Es wird Ihnen nicht gelingen, ihn zu erreichen, ihn auch nur zu berühren, denn jeder von uns ist bereit, Sie augenblicklich niederzustrecken. Es ist das unsere Pflicht. Wir können unmöglich zugeben, daß ein einzelner einer überspannten Neigung wegen den Frieden bricht und die Gefahr noch größer heraufbeschwört, als sie vorher gewesen ist. Wenn Sie den Häuptling töten oder auch nur verletzen, werden seine Leute augenblicklich über uns herfallen!“

„Und da fürchten Sie sich? Hört es, ihr Leute, der berühmte Shatterhand fürchtet sich; er hat Angst! Doch es ist ja ganz richtig so; eure Haut darf nicht geritzt werden; ihr dürft keinen Tropfen euers kostbaren Blutes verlieren, und auch von dem lieben Häuptlinge soll nicht soviel genommen werden, wie unter einem Fingernagel steckt. Ich aber, ihr Memmen, fürchte mich nicht vor dem Blute und werde euch dies beweisen. Der Rote soll, weil ihr euch so um ihn ängstigt, heilig gehalten werden, und ich werde ruhig sein, und Judith, seine Braut, soll ebenso ruhig werden. Her mit der Schlüsselbüchse, welche ihr doch nicht zu gebrauchen versteht, ihr Feiglinge!“

Der Juriskonsulto stand mit dem Haziendero in seiner unmittelbaren Nähe; der erstere war, wie schon erwähnt, ganz lächerlicherweise bis an die Zähne bewaffnet, auch mit einem Revolver, und der Haziendero trug auch einen solchen in seinem Gürtel. Mit einem schnellen Griffe bekam der Athlet diese beiden Waffen in seine Hände, richtete die eine auf Judith, die andere_ gegen seinen eigenen Kopf und drückte ab. Die meisten der Anwesenden schrieen vor Entsetzen auf. Ich hatte so eine Wendung der Scene mit in die Berechnung gezogen und mich sprungfertig gehalten. Daß er die Revolver bekam, konnte ich nicht verhindern; aber als er sie gegen sich und das Mädchen richtete, stand ich schon bei ihm und griff zu. Ich konnte nur seinen rechten Arm erlangen, welchen er nach Judith ausgestreckt hielt und schlug denselben in die Höhe, sodaß die Kugel über die Köpfe der Umstehenden hinwegflog. Er schoß mit dieser Hand noch ein zweites Mal und die Kugel nahm dieselbe Richtung; dann begann er zu schwanken, denn während es mir gelungen war, Judith zu beschützen, hatte er sich mit der Linken zwei Schüsse in die Schläfe gegeben. Seine Arme sanken herab; er drehte sich halb herum, und ich fing ihn in den Armen auf; seine Augen schlossen sich.

„Ruhig, ruhig!“ brachte er noch hervor; dann war es mit seinem Leben und mit seiner unglückseligen Liebe zu Ende.

Ich ließ ihn langsam niedergleiten und vermag nicht zu sagen, was ich dabei in meinem Innern empfand. Es erklangen alle zornigen und klagenden, alle tiefen und hohen Saiten desselben. Der Tote war ein charakterloser Schwächling, aber ein treuer und auch sonst guter Mensch gewesen, und die Untreue und Gefallsüchtigkeit der Jüdin hatte ihn erst in die Fremde und sodann in den Tod getrieben. Sie hatte für mich kein einziges Wort des Dankes dafür, daß ich ihr das Leben gerettet hatte; sie hatte auch kein Wort der Klage, des Bedauerns für den armen Teufel, dessen Selbstmord sie verschuldete; sie nahm ihren Vater bei der Hand und sagte:

„Wie häßlich und wie dumm von ihm! Das konnte er gescheiter machen. Er konnte mit nach Texas gehen, oder, wenn er sich das Leben nehmen wollte, dies wo anders thun, wo niemand dabei war. Ich mag ihn nicht sehen. Komm!“

Sie zog ihn fort. Ich konnte es nicht über mich gewinnen, ruhig zu bleiben, und rief ihr voller Empörung nach:

„Ja, gehen Sie, verschwinden Sie! Ich mag Sie auch nicht mehr sehen. Und wenn Sie sich noch einmal von mir erblicken lassen, so vergesse ich, daß Sie ein Mädchen sind, und lasse Ihnen einen guten, starken Lasso auf den Rücken geben, um wenigstens dort Gefühl hervorzurufen, da Sie keines im Herzen haben, Sie stolze Königin der Yuma-Indianer!“

Sie nahm die Drohung auch wirklich ernst und hütete sich, mir, solange wir noch mit den Yumas zusammen waren, vor die Augen zu kommen. Aber als ich sie später in anderer Umgebung und unter andern Umständen als reiche und vornehme Dame wiedersah, schien sie meine Anweisung auf einige Dutzend Lassohiebe vollständig vergessen zu haben.

Alle seine übrigen Gefährten bedauerten von ganzem Herzen den Toten, den das Schicksal so schnell und unerwartet neben Weller als Leiche hingestreckt hatte. Die Roten hatten, da zwischen uns deutsch gesprochen worden war, dies nicht verstehen können und wußten also nicht, weshalb er sich das Leben genommen hatte. Als ihr Häuptling kam, um sich nach dem Grunde zu erkundigen, berichtete ich ihm:

„Judith hatte ihm versprochen, seine Squaw zu werden, und er ist ihr aus Liebe über das Meer gefolgt. Nun er aber hörte, daß sie die deinige werden will, hat er sich den Tod gegeben.“

Ach hörte doch, daß er auf sie geschossen hat?“

„Er wollte auch sie töten, weil er sie dir nicht gönnte.“

„Und du hast sie gerettet? Ich danke dir! Die Bleichgesichter sind sonderbare Leute. Kein Indianer tötet sich, wenn ein Mädchen sich weigert, seine Squaw zu werden, Entweder zwingt er sie dazu, indem er sie raubt, oder er lacht sie aus und nimmt sich eine bessere. Haben denn die Bleichgesichter gar so wenig Mädchen, daß sie eines jungen Gesichtes wegen den Verstand verlieren können? Ich beklage sie!“

Wir hatten während dieser aufregenden Vorkommnisse nicht auf den Player achten können. Jetzt sahen wir, daß er sich von der Umschlingung Wellers leidlich wieder erholt hatte. Er saß noch an der Erde und war von da aus Zeuge des Geschehenen gewesen. Nun stand er auf, kam langsam zu mir und erkundigte sich-

„Weller ist tot, wie ich sehe. Er wollte mich erwürgen; ich weiß, daß mir der Atem ausging; es muß mich jemand gerettet haben. Wer ist das gewesen, Sir?“

„Ich habe Euch Wellers Beine vom Halse genommen.“

„Konnte es mir denken, denn als ich zu ihm trat, sah ich, daß Ihr Besorgnis hegtet und zur Hilfe bereit standet. Ich werde es Euch nie vergessen, daß ich Euch das Leben zu verdanken habe!“

„Vergeßt das immerhin, dagegen aber vergeßt niemals das eine, daß Ihr mir versprochen habt, ein guter Mensch zu werden!“

„Dies Versprechen werde ich halten. Ich befürchte nur, daß der Haziendero und sein Jurist auf eine Bestrafung dringen werden.“

„Das mögen sie thun; ich gebe nichts darauf, und Ihr wißt ja, daß ich mir von ihnen keine Vorschriften machen lasse. Hier aufhalten dürft Ihr Euch freilich nicht lange, weil es sonst geschehen könnte, daß man Euch festnimmt und zwischen vier unbequem enge Wände sperrt.“

„Das denke ich auch. Am liebsten ginge ich mit hinüber nach Texas.“

„Ihr könnt ja mit uns gehen, denn ich hoffe, daß wir mit Euch nicht etwa Unehre einlegen.“

„Glaubt nichts Böses mehr von mir! Ich werde an Euch denken, und das hält mich gewiß von allen Dummheiten ab. Vielleicht finde ich bei einem der Leute, die Ihr hinüberführt, Arbeit. Aber sie sind freilich zu arm, sich anzukaufen und Arbeiter zu dingen.“

„O, sie sind vorsichtig gewesen und haben noch soviel übrig, daß es für ein Stück Land ausreicht. Euch werden sie nicht zurückweisen, da Ihr Yankee seid und Land und Leute kennt; da könnt Ihr ihnen von Nutzen sein. Zum Spielen aber dürft ihr sie keineswegs verleiten, denn wenn ich sie einmal besuchte und so etwas von Euch hörte, würde ich Euch ein wenig zwischen die Fäuste nehmen.“

„Habt da keine Sorge, Sir! Das Spiel ist mir widerwärtig geworden, sonst wäre ich nicht mit hierher gegangen, um mich zwischen Indianer in die Einöde zu vergraben. Das Geld ist zwar leicht gewonnen, aber noch schneller wieder verschwunden; arbeite ich jedoch, so ist mir jeder Dollar lieb, den ich verdiene, und ich wende ihn zehnmal um und gebe ihn dann erst recht noch nicht wieder aus.“

„Seht da, was Ihr für gute Ansichten entwickelt! Wenn Ihr an denselben festhaltet, werdet Ihr es bald zu etwas bringen.“

„Darauf schwöre ich. Wenn ich erst hundert Dollars habe, dann arbeite ich doppelt und dreifach eifrig, daß rasch zwei und dann dreihundert draus werden. Damit könnte man es schon wagen, sich eine kleine Farm zu pachten.“

„Hm! Ich möchte doch wissen, ob Ihr das Geld wirklich dazu anwenden würdet.“

„Ganz gewiß!“

„So will ich Euch einmal etwas sagen. Ich habe gerade dreihundert Dollars übrig, die ich nicht brauche und die ich auf meinen Fahrten nicht gern mit mir herumschleppen möchte. Könntet Ihr sie mir nicht abnehmen? Ich möchte sie Euch borgen.“

„Mir, dem Player, dreihundert Dollars borgen! Sir, das ist kühn!“

„O nein, denn wie ich Euch jetzt beurteile, bin ich überzeugt, daß Ihr sie mir wiedergebt.“

„Aber wenn ich dann, wenn Ihr sie gerade braucht, nicht zahlen kann? Angelegte Gelder lassen sich nicht jeden Augenblick flüssig machen.“

„So warte ich. Ich bin Prairieläufer und an keine Zeit, an keinen Ort gebunden. Ich reise auch in andern Ländern und könnte keinen Kündigungstermin einhalten. Machen wir die Sache kurz. Wollt Ihr das Geld geborgt haben?“

„Ich nehme es gern.“

„So sollt Ihr es ohne Kündigung haben. Ihr gebt es mir wieder, wenn es Euch paßt und ich zufällig bei Euch bin. Soll darin eine Änderung eintreten, so werden wir uns leicht einigen. Sobald ich mit Euch über die Grenze komme, gebe ich Euch das Geld, und Ihr pachtet irgend ein Anwesen. Bin ich dann einmal wieder im Lande, so besuche ich Euch, und wir werden dann sehen, ob ich das Geld brauche oder nicht. So soll es sein, von Zinsen aber keine Rede. Seid Ihr damit einverstanden?“

„Welche Frage! Hier meine Hand. Ich danke Euch von ganzem Herzen. Und so lange ich lebe, werde ich immer daran denken, daß Ihr es seid, Sir, dem ich es zu verdanken habe, wenn ich ein glücklicher Mensch geworden sein werde, der ruhig schlafen kann und sich nicht vor den Folgen seiner Thaten zu fürchten braucht.“

Er hatte in einem wirklich herzlichen Tone gesprochen; es war ihm ernst mit dem Vorsatze, einen neuen Lebensweg einzuschlagen. Ich freute mich darüber, ihm das Geld geben zu können, welches ich natürlich von der Summe nehmen wollte, die ich Melton und Weller abgenommen hatte. Zwar war dieselbe für die Deutschen bestimmt, doch konnten sie die Wenigkeit schon missen, welche für die Partei höchstens zehn Dollars betrug. Als ich ihm die mir dargebotene Hand schüttelte, empfand ich im Innern eine frohe Genugthuung.

Er wollte in seinen Dankesworten noch nicht abbrechen, doch konnte ich ihm weiter keine Aufmerksamkeit schenken, denn dieselbe wurde auf eine bedeutende Pferdeschar gelenkt, welche, von mehreren roten Reitern geleitet, im Galopp von Norden her herangeflogen kam. Es waren die Rosse, nach denen die „listige Schlange“ einen Boten geschickt hatte. Sie kamen in der letzten Viertelstunde des Tages an, und als sie ringsum angepflockt waren, brach der Abend herein.

Die Führer dieser Pferdeherde waren so umsichtig gewesen, dürres Holz in Bündeln mitzubringen, so daß einige Feuer angebrannt werden konnten. Der in den Wagen befindliche Proviant ermöglichte es, ein Festmahl zu veranstalten, ein Festmahl freilich nach dortigen Begriffen, denn nach der Ansicht civilisierter Menschen war es sehr einfach und sogar fast knapp, da wir mit den Vorräten sparen mußten.

Nach demselben legte ich mich schlafen; meine Landsleute und die Mimbrenjos thaten dasselbe; die Yumas aber nahmen sich noch nicht die Zeit dazu, sondern sie gingen nach Almaden hinüber, um das Nest auszuplündern. Früh sah ich, daß sie sich nicht weniger als alles, was dort zu finden gewesen war, angeeignet hatten. Für den Indianer hat der geringste Gegenstand, den ein anderer als unnütz liegen lassen oder wegwerfen würde, noch immer seinen, und zwar vielleicht großen Gebrauchswert. Sie hatten auch die beiden alten Frauen mitgebracht. Das Schachtloch war von ihnen mit Steinen verschlossen und der Eingang zur Höhle verschüttet worden. Wahrscheinlich hat sich bis heute noch niemand gefunden, der die Mittel und den Mut besitzt, das wertvolle Innere des öden Felsens auszubeuten.

Ich war der erste, welcher früh erwachte, und weckte den guten Don Endimio de Saledo y Coralba nebst seinen Wagenführern. Ich ordnete das Geschäft mit ihnen, dann wurden die andern Schläfer geweckt, worauf die Arbeit des Verladens begann. „Listige Schlange“ leitete dieselbe, da ihm die Packpferde gehörten. Die Jüdin und ihr Vater waren nicht zu sehen; sie mochten in dem Zelte ihres Häuptlings stecken und Angst vor mir haben. Ich saß neben Winnetou und sah der Arbeit zu. Da näherten sich uns zwei Männer, denen man es ansah, daß sie sehr Wichtiges mit uns zu besprechen hatten – der Haziendero und der Juriskonsulto. Daß sie noch einmal kommen würden, um mir Forderungen und Vorwürfe zu machen, hatte ich gewußt. Seit gestern abend, wo ich Melton den Yumas überantwortet hatte, befand sich derselbe unter strenger Bewachung in einem der Zelte.

Die beiden grüßten höchst ceremoniell, der Juriskonsulto mit einer sehr strengen Amtsmiene; dann sagte der letztere:

„Ich sehe, daß Sie sich zur Reise rüsten, Sennor. Wohin soll es gehen?“

„Nach Chihuahua,“ antwortete ich.

„Das kann ich nicht zugeben! Ich muß darauf dringen, daß sämtliche Personen, welche sich hier befinden, mit mir nach Ures kommen!“

„Wahrscheinlich als Arrestanten?“

„So ähnlich!“

„So arretieren Sie uns!“

„Das möchte ich nicht gern, denn ich hoffe, daß die Amtswürde, in welcher ich mich befinde, Sie veranlassen wird, freiwillig mitzugehen.“

„Da ich noch nichts von dieser Würde bemerkt habe, kann sie mich auch zu nichts veranlassen. Übrigens denke ich, daß wir uns auf dem Gebiete der Yuma-Indianer befinden, und ich habe die feste Absicht, die Sitten und Gebräuche derselben mir als Gesetz dienen zu lassen. Und selbst wenn es anders wäre, worüber ich mich aber gar nicht mit Ihnen streite, so bin ich ein Deutscher und habe nach der Anweisung, welche Sie selbst mir gaben, ganz und gar nicht die Pflicht, mich nach ihrem Willen zu richten.“

„Ich? Ich selbst hätte Ihnen so etwas gesagt? Das ist nicht wahr!“

„Es ist wahr. Als ich bei Ihnen war, um Sie um Schutz für die deutschen Emigranten zu ersuchen, behaupteten Sie, daß Sie mit denselben nichts zu thun hätten, und verweigerten mir den erbetenen Schutz. Infolgedessen bin ich in die Berge geritten, um mich ihrer anzunehmen, und nun ich sie aus der fürchterlichen Lage befreit habe, in welche sie infolge Ihrer Weigerung gekommen sind, treten Sie vor mich her und behaupten, daß wir uns unter Ihre amtliche Gewalt und Würde zu stellen hätten. Damit richten Sie sich aber an eine sehr falsche Adresse, Sennor. Ich bin nicht der Mann, der nach Laune und Belieben mit sich schalten läßt.“

„Was gehen mich Ihre deutschen Arbeiter an! Befinden sie sich etwa allein hier? Es sind noch andere Leute auch da. Es sind auch Dinge geschehen, in meinem Amtsbereiche geschehen, welche ich gerichtlich verfolgen muß. Ich meine da den Überfall der Hazienda, die Morde hier und noch vieles andere, was ich nicht unbestraft lassen darf. Wo ist Melton?“

„Beim Häuptlinge der Yumas, der höchst wahrscheinlich die Absicht hat, ihn zu bestrafen.“

„Zu bestrafen habe nur ich!“

„Das machen Sie mit der listigen Schlange ab. Warum kommen Sie da zu mir?“

„Weil Sie Melton ihm ausgeliefert haben. Sie hatten ihn an mich zu liefern!“

„Schweigen Sie!“ unterbrach ich ihn zornig. „Ich habe Ihnen gegenüber gar keine Verpflichtung. Wenn Sie ein kluger Mann wären, würden Sie sich anders benehmen. Sie haben bis jetzt nur Dummheiten gemacht, und wenn Sie sich trotzdem hier noch als Herr und Gebieter aufspielen, so haben Sie nur den einen Erfolg, daß Sie ausgelacht werden. Ich mag von Ihnen kein Wort mehr hören!“

Mein Ton schüchterte ihn ein; er wagte es nicht, weiter zu sprechen, und blickte den Haziendero um Hilfe an. Darum nahm dieser an seiner Stelle das Wort:

„Sennor, treten Sie nicht in dieser Weise auf. Bedenken Sie, daß Sie sich auf meinem Grund und Boden befinden! Sie sind, sozusagen, nur als Gast an diesem Orte!“

„O, was das betrifft, so habe ich Ihre berühmte Gastlichkeit zur vollen Genüge kennen gelernt und danke für sie. Aber da Sie von Ihrem Grund und Boden reden, so behaupte ich, daß Sie ihn verkauft haben. Melton ist der Besitzer von Almaden.“

„Ich werde gegen ihn klagen und mein Eigentum wiederbekommen. Der Kaufvertrag, den ich mit ihm abgeschlossen habe, ist null und nichtig. Ich darf mich mit vollstem Rechte wieder als Eigentümer dieser Besitzung betrachten und verlange, daß jeder, der sich hier befindet, meinen Willen, der auch derjenige meines verehrten Freundes hier ist, respektiert.“

„Nun, was ist denn Ihr Wille?“

„Daß Sie mit nach Ures kommen. Sie sollen nicht nur gegen Melton zeugen, sondern wir haben Klage gegen Sie zu erheben.“

„Klage? Worüber?“

„Das werden Sie dort hören. Ich habe nicht nötig, schon jetzt darüber zu sprechen.“

„Gut, schweigen wir also! Auch ich habe nicht nötig, zu sprechen, weder mit Ihnen noch mit Ihrem verehrten Freunde, und will Ihnen nur das eine sagen, daß Sie, wenn Sie Melton haben wollen, sich nicht an mich, sondern an die listige Schlange wenden müssen.“

„Ich verlange ihn aber von Ihnen. Sie haben ihn festgenommen und durften ihn nicht ausliefern!“

Da erhob sich Winnetou vom Boden, zog seinen Revolver und fragte in seinem ruhigen und doch so nachdrücklichen Tone:

„Wissen die beiden Bleichgesichter, wer jetzt vor ihnen steht?“

„Winnetou,“ antwortete der Haziendero.

„Ja, Winnetou, der Häuptling der Apatschen,“ bestätigte der Juriskonsulto.

„Aber wissen die beiden Bleichgesichter auch, daß Winnetou das unnütze Reden nicht liebt und noch viel weniger ein lächerliches Auftreten vertragen kann? Ich will jetzt mit meinem Freunde Shatterhand allein sein. Ich werde bis drei zählen; wer sich dann noch hier bei uns befindet, wird erschossen!“

Er richtete den Lauf auf die beiden.

„Eins – –“

Da lief der Juriskonsulto davon.

„Zwei – –“

Da rannte auch der Haziendero von dannen.

„So brauche ich gar nicht drei zu sagen,“ lächelte der Apatsche. „Hätte mein Bruder ebenso gethan, so konnte er sich die vielen unnützen Worte ersparen.“

Jetzt standen die Memmen in sicherer Entfernung von uns und besprachen sich; dann gingen sie zum Häuptling, welcher vor seinem Zelte stand. Wir sahen, daß sie mit ihm sprachen, aber gar nicht lange, denn da zog er die Lanze, welche mit seinem Totem in der Erde steckte, heraus und schlug sie dem Juriskonsulto über den Rücken; der Getroffene lief schimpfend fort, und Don Timoteo folgte ihm schleunigst, um nicht auch erfahren zu müssen, welche Wirkung ein kräftiger Lanzenhieb hervorzubringen vermag.

Nach einem solchen Verhalten des Haziendero hatte ich keine Lust, ihm auch noch Geld zu geben, zumal das, was ich ihm gegeben hätte, nun den armen Deutschen zu gute kam. Doch ging ich, ehe wir aufbrachen, zu ihm hin und sagte:

„Sennor, hier ist der Kaufkontrakt, den Sie mit Melton unterzeichnet haben, und da sind auch mehrere Briefe, welche beweisen, daß er an der Einäscherung der Hazienda schuldig ist. Mehr brauchen Sie nicht, um wieder zu Ihrem Besitztume zu kommen, und mit Hilfe Ihres Freundes wird Ihnen wohl der Kaufpreis, den Sie erhalten haben, als Entschädigung zugesprochen. Leben Sie wohl, und seien Sie in Zukunft bescheidener und klüger, als Sie in der Vergangenheit und bis zum gegenwärtigen Augenblicke waren!“

Damit war ich mit ihm für immer fertig. Den Deutschen gab ich ihre Verträge auch zurück, welche von ihnen augenblicklich und mit Genugthuung zerrissen wurden. Dann stiegen wir zu Pferde und brachen auf. Als wir fortritten, standen der Haziendero, der Juriskonsulto, die Polizisten und Don Endimio de Saledo y Coralba bei den Wagen. Der alte Pedrillo rief uns ein lautes Lebewohl nach; seine Mitknechte stimmten ein; die andern schwiegen. Hoffentlich ist den ersteren ihr Trinkgeld ehrlich in Ures ausgezahlt worden!

Es läßt sich denken, mit welcher Wonne meine weißen Gefährten die Gegend verließen, in welche sie gebracht worden waren, um das Licht des Tages niemals wieder zu erblicken, und auch ich war herzlich froh darüber, daß das erst so gefährlich scheinende Unternehmen einen so glücklichen Ausgang genommen hatte. Zwar durfte ich als sicher annehmen, daß der „große Mund“ sich feindselig gegen uns, wenigstens gegen mich, verhalten werde, aber es wäre mir nicht eingefallen, ihn nun noch zu fürchten, selbst wenn wir nicht unter dem Schutze der „listigen Schlange“ gestanden hätten. Daß wir ihn wiedersehen, ihm begegnen würden, war gewiß, doch dachte ich, daß auch der „starke Büffel“ kommen werde; wann und auf welchem Wege, das war freilich nicht vorauszusagen.

Da wir zunächst nach Chihuahua wollten, so mußten wir erst einen Tag lang durch die Einöde reiten, kamen dann über einen schmalen Strich Landes, welcher den Yurnas noch gehörte, und dann in ein Gebiet, um welches diese sich mit den Mimbrenjos stritten. Auf letzterem mußten wir Widerwärtigkeiten erwarten, wenn überhaupt solche zu erwarten waren.

Voran ritten die der Gegend kundigsten Leute der Yumas. Ich hielt mich stets zu Winnetou, und meist war auch die „listige Schlange“ bei uns beiden. Die beiden jungen Söhne des „starken Büffels“, also der Yumatöter und sein noch namenloser jüngerer Bruder, waren stets in unserer Nähe zu sehen. Melton befand Sich, stark gefesselt, unter so guter Aufsicht, daß ihm jeder Gedanke an das Wiedererlangen der Freiheit vergehen mußte. Hinten, nur von einigen Yumas begleitet, ritten Judith und ihr Vater; ich richtete meine Blicke nicht auf sie, und sie hüteten sich gar wohl, sich mir bemerklich zu machen.

Der Vollständigkeit wegen sei noch erwähnt, daß wir vor dem Aufbruche Weller und den Athleten begraben hatten. Sie lagen beide nebeneinander in der Erde, die ihnen nicht gegeben hatte, was sie suchten, Reichtum dem einen und Liebe dem andern.

Gegen Abend des ersten Tages hatten wir die Einöde, da dieselbe von Almaden aus nach allen Seiten einen Tagesritt breit war, überwunden und lagerten am Rande derselben in einer grasigen Gegend, wo die Pferde die so notwendige Weide fanden. Am nächsten Tage kamen wir durch den erwähnten schmalen Landstreifen, welchen die Yumas für sich in Anspruch nahmen, und dann in die umstrittene Gegend, welche sehr bergig war. Die Yumas wollten nach einem weiten Becken, in dessen Mitte ein kleiner See lag, wo wieder gelagert werden sollte. Wir erreichten den Südrand des Beckens, als die Sonne hinter den westlichen Höhen verschwand.

Der erste Blick zeigte, daß es hier vor Zeiten eine größere Wasseransammlung gegeben hatte, deren Gestalt eine zwischen Nord und Süd länglich gestreckte gewesen war. Das Becken konnte in dieser Richtung eine halbe Wegstunde sein, während die Breite zwischen Ost und West nicht soviel betrug. Drei Thäler mündeten in dasselbe, eines von Nord, eines von Ost und das dritte von Süd. Durch das letztere kamen wir.

Zufälligerweise ritt ich, als wir aus diesem Thale hervorkamen, mit Winnetou bei den Führern an der Spitze des Zuges. Die Yumas hielten ihre Augen nach der Mitte des Beckens gerichtet, welche allerdings einen einladenden Anblick bot, da um den kleinen See dichte Bäume und Sträucher standen, um welche sich ein Ring saftigen Grases zog. Winnetou aber war ebenso wie ich gewöhnt, auf einem solchen Terrain zunächst und vor allen Dingen nach der persönlichen Sicherheit auszuschauen, und darum richteten sich unsere Blicke nach den Mündungen des nördlichen und des östlichen Thales. An der letzteren sah ich einen Reiter, welcher im Begriff stand, hervorzukommen, aber, als er uns erblickte, sofort wieder zurückwich. Um zu wissen, ob Winnetou dieselbe Beobachtung gemacht habe, sah ich diesen an, und gerade in demselben Momente wendete er mir sein Gesicht auch zu. Ein leichtes Augenblinzeln sagte mir, daß er den Reiter auch gesehen hatte.

Jeder andere Indianer hätte sofort Lärm geschlagen; der Gedankengang des Apatschen aber war ein so blitzschneller, daß er in dem Augenblicke, an welchem sein Auge auf den Reiter fiel, sich auch schon sagte, daß es besser sei, jetzt noch zu schweigen.

Unser Zug erlitt also keine Unterbrechung, bis wir bei dem See ankamen, wo wir abstiegen und zunächst die Pferde erst trinken und dann laufen ließen; die Indianer aber sorgten zuerst für sich und dann erst für die Pferde. Melton wurde an einen Baum gebunden, und für Judith richtete man ein Lager im Gebüsch her.

Bei der Verteilung des Proviants mußte ich zugegen sein, denn hätte ich dieselbe nicht geleitet, so wäre von den Roten wahrscheinlich alles auf einmal verzehrt worden. Während ich dadurch an den Ort gebunden war, entfernte sich der Apatsche, um nach seiner vorsichtigen Weise die See Oase zu umschreiten. Als er von diesem Gange zurückkehrte, sah ich ihm an, daß er etwas Wichtiges entdeckt hatte, und ging also hin zu ihm.

„Mein roter Bruder hat noch anderes entdeckt als nur den Reiter, den wir vorhin gesehen haben?“ fragte ich ihn.

„Ja,“ antwortete er. „Rund um den See grasen unsere Pferde, man kann sie weit sehen, da es noch nicht dunkel, die Gegend um das Wasser aber ganz eben ist. Ich schaute zunächst nach Ost, wo der Reiter verschwunden war; der Eingang des Thales war leer. Dann blickte ich nach Norden und sah Reiter kommen. Sie wollten auch nach dem See; aber als sie unsere Pferde sahen, zogen sie sich schnell zurück.“

„So haben wir es also mit zwei verschiedenen Trupps zu thun, welche jedenfalls nichts von einander wissen.“

„So ist’s,“ nickte er. „Der eine kommt von Norden, der andere von Osten her; beide wollen nach dem See und sind, als sie uns bemerkten, zurückgewichen.“

„Mein roter Bruder weiß, wer diese Leute sind?“

„Old Shatterhand weiß es auch.“

„Wenigstens kann man es sich leicht denken. Es ist der große Mund mit seinen Yumas und der starke Büffel mit seinen Mimbrenjos. Wo aber ist der eine und wo der andere? Wir wissen nicht, welcher von ihnen von Norden und welcher von Osten kommt.“

„Wir werden es bald erfahren, denn beide werden Kundschafter senden, sobald es dunkel geworden ist. Man muß ihnen zuvorkommen. Wohin will mein weißer Bruder gehen?“

„Hinüber nach Ost.“

„So gehe ich nach Nord. Wir brauchen nur zehn Minuten zu warten, dann ist es Nacht.“

Wir lagerten uns, um unsern Imbiß zu verzehren, und standen dann, als die schnelle Dämmerung vorüber war, wieder auf, um uns auf den Weg zu machen, die beiden Reitertrupps zu beschleichen. Daß wir uns entfernten, fiel nicht auf. Man glaubte wohl, daß wir nach unsern Pferden sehen wollten, zumal wir die Gewehre nicht mitnahmen. Sobald wir nicht mehr gesehen werden konnten, trennten wir uns. Winnetou ging nord- und ich ostwärts.

Es war anzunehmen, daß diejenigen, welche wir suchten, jetzt noch keine Kundschafter aussenden würden, doch war ich noch nicht weit gegangen, so vernahm ich vor mir ein Geräusch, wie wenn ein Fuß einen Stein von seiner Stelle stößt. Sofort legte ich mich nieder und wartete. Ich hörte die leisen Schritte eines Menschen, welcher gerade auf mich zukam. Jetzt sah ich ihn; Jetzt war er noch acht, noch sechs, noch vier Schritte von mir entfernt. Er bemerkte mich nicht, da er den Blick vorwärts und nicht zu Boden richtete. Als er noch einen Schritt gethan hatte, fuhr ich auf und nahm ihn mit beiden Händen beim Halse. Er ließ die Arme sinken; seine Beine schlotterten und suchten nach festem Halt auf der Erde. Ich zog, oder vielmehr ließ ihn nieder, nahm die rechte Hand von seinem Halse, hielt diesen aber mit der Linken fest und griff mit der Rechten in seinen Gürtel. Er hatte dort ein Messer stecken und sonst keine Waffe bei sich. Ein Kundschafter pflegt sich nicht mit schweren Gewehren zu belästigen. Ich zog das Messer heraus und nahm es zu mir, ließ ihm ein wenig Luft und sagte, natürlich nicht so laut, daß man es weit hören konnte:

„Von welchem Stamm bist du? Sprich die Wahrheit, sonst bekommst du dein eigenes Messer in den Leib. “

„Mim – bren – jo,“ antwortete er, nach Atem ringend, in abgerissenen Silben.

Da er mich auch belügen konnte, so fragte ich, um ganz sicher zu gehen:

„Wer führt Euch an?“

„Der starke Büffel.“

„Wohin wollt Ihr?“

„Nach Almaden zu Old Shatterhand und Winnetou.“

Da gab ich ihm den Hals ganz frei und sagte:

„Sprich ganz leise! Schau mir einmal ins Gesicht! Kennst du mich?“

„Uff! Old Shatterhand!“ antwortete er mir, nachdem er sein Gesicht ganz an das meinige gebracht hatte.

„Steh auf, und führe mich zu dem starken Büffel! Da hast du dein Messer wieder.“

Er erhob sich, kehrte um und ging neben mir her, ohne ein Wort zu sagen. Als wir in der Nähe des Thales angekommen waren, blieb er stehen und sagte:

„Old Shatterhand ist ein Freund der roten Männer und ein Meister in allem. Er muß nicht denken, daß jeder Krieger es ihm gleich thun kann. Wird er dem Häuptling sagen, daß er mich ergriffen und entwaffnet hat?“

„Ich sollte es thun, denn eure Sicherheit erfordert, daß nur der Fähigste zu solchen Diensten ausgewählt wird.“

„Dann wird man mich zu den Weibern schicken, und ich stoße mir das Messer in das Herz!“

„Dann will ich schweigen. Aber merke dir, daß man sich selbst von dem größten Schreck nicht überraschen lassen darf!“

Als wir ein kleines Stück in das Thal hinein gegangen waren, ließ sich das Zirpen einer Grille hören; mein Begleiter antwortete durch ein gleiches Zirpen, wodurch er sich vor dem Posten legitimierte. Bald sah ich trotz der Dunkelheit viele Männer beisammensitzen. Sie hatten natürlich kein Feuer angebrannt. Aus ihrer Mitte erhob sich einer und meinte:

„Zwei kommen! Wer ist der andere?“

„Old Shatterhand,“ antwortete mein Begleiter.

„Old Shatterhand, Old Shatterhand!“ hörte ich es weiter und weiter flüstern.

Der Frager war kein anderer als der „starke Büffel“ der Häuptling der Mimbrenjos. Er gab mir die Hand und sagte im Tone froher Überraschung:

„Mein berühmter weißer Bruder ist’s? Das macht mir das Herz leicht, denn ich habe große Sorge um ihn gehabt. Wie aber kommt er in diese Gegend, da wir ihn entweder tot oder in einer andern Gegend glauben mußten?“

Er hatte sich um mich wohl weniger gesorgt als um seine beiden Knaben, durfte sich aber nicht die Blöße geben, dies zu sagen. Um ihn gleich von vornherein zu beruhigen, antwortete ich:

„Tot? Alle, die sich bei mir befinden, sind wohlauf, und es ist keinem ein Leid geschehen. Die Krieger der Mimbrenjos, welche mich begleiteten, und die beiden Söhne des starken Büffels haben sich so tapfer gehalten, daß ich ihnen großes Lob zollen muß. Ich werde später von ihnen und ihren Thaten erzählen; jetzt muß ich vor allen Dingen hören, wieviel Krieger der starke Büffel mitgebracht hat.“

„Zweihundert und einige mehr,“ antwortete er.

„Er wollte die gefangenen Yumas, unter denen sich auch der Häuptling derselben, der große Mund, befand, zu den Marterpfählen führen. Sind sie mutig gestorben, oder haben sie vor Schmerzen ihre Stimmen erschallen lassen?“

Ich wußte längst, daß sie dem alten, groben, aber sonst ganz wackern Kerl entkommen waren, sprach die Frage aber dennoch aus, um ihn dafür zu bestrafen, daß er mir zugemutet hatte, ich wolle den „großen Mund“ absichtlich entfliehen lassen. Er zögerte auch lange mit der Antwort, bis er eingestand:

„Der große Geist hat nicht gewollt, daß wir uns über den Tod dieser Hunde freuen sollten. Es hatte sich einer von ihnen losgemacht und auch die Fesseln der andern geöffnet; sie entflohen und nahmen viele Pferde mit.“

„Das ist eine große Heldenthat von Euch gewesen. Die Yumas werden noch lange darüber lachen. Wie hat der starke Büffel gezürnt, wenn ich einmal mit dem großen Munde sprach! Nun hat er nicht nur ihn, sondern alle Gefangenen mit ihm laufen lassen!“

„Der große Geist hat es so gewollt. Er ließ einen so tiefen Schlaf über uns kommen, daß wir weder sahen noch hörten.“

„Das ist die Ansicht meines roten Bruders. Ich bin anderer Meinung. So oft ein Fehler von mir geschehen ist, habe ich niemals dem großen Geiste die Schuld gegeben, denn Manitou begeht keinen Fehler. Aber was vergangen ist, soll man als unvermeidlich betrachten und sich die beste Lehre daraus ziehen. Wissen die Krieger der Mimbrenjo, wo der große Mund sich jetzt befindet?“

„Nein; aber wir nehmen an, daß er auch hinauf nach Almaden ziehen wird. Als er uns entflohen war, habe ich mich beeilt, frische Pferde und Krieger zu holen, um ihn wieder zu fangen; diejenigen welche ich bei mir hatte, mußten ihn augenblicklich verfolgen. Sie werden hinter ihm her sein, und wenn ich mit diesen neuen Kriegern dazukomme, wird er sich zwischen zwei Haufen befinden, welche ihn erdrücken.“

„So hast du klug und umsichtig gehandelt. Deine erste Schar wird ihm die Herden, welche er sich holte, inzwischen wieder abgenommen haben. Übrigens kann ich dir sagen, daß er sich nicht weit von hier befindet, am nördlichen Ausgange des Thalkessels, in welchem wir lagern.“

„So müssen wir hin, um ihn anzugreifen!“

„Übereile dich nicht! Du mußt erst wissen, was geschehen ist und wie die Dinge jetzt stehen.“

Ich hatte nicht Zeit zu einem langen, ausführlichen Berichte und erzählte ihm also in Kürze, aber so, daß er alles erfuhr, was seit meiner Trennung von ihm vorgekommen war.

Seine Leute drängten sich herbei und lauschten atemlos. Obgleich ich nur Umrisse geben und keinerlei Malerei bringen konnte, ließ er doch von Zeit zu Zeit einen Ausruf des Erstaunens hören, und als ich fertig war, rief er aus:

„Nicht ganz fünfzig unserer Krieger haben das vollbracht! Hört ihr es, nicht ganz fünfzig! Und meine Knaben waren auch dabei!“

Ich hatte bei meinem Berichte weder von Winnetou noch von mir im einzelnen gesprochen, sondern stets das Fürwort „wir“ gebraucht. Dadurch wurde allerdings die Vorstellung erweckt, daß einer ganz denselben Ruhm zu beanspruchen habe wie der andere.

„Also der Häuptling listige Schlange lagert jetzt da draußen im Thale mit dreihundert Kriegern und unsern Brüdern?! Welch ein Zufall! Hättest du nicht Frieden mit ihnen geschlossen, so wären mit Tagesanbruch alle ihre Skalpe unser Eigentum!“

„Ich hoffe, daß ihr den Vertrag respektiert, den wir mit der listigen Schlange abgeschlossen haben. Euer Verlangen nach Skalpen wird vielleicht auf andere Weise erfüllt werden.“

„Wie?“

„Ich habe dir doch gesagt, daß der große Mund sich auch in der Nähe befindet. Zwar habe ich ihn noch nicht gesehen, aber er wird und muß es sein. Er wird in Zorn entbrennen, wenn er hört, daß die listige Schlange Freundschaft mit uns geschlossen hat, und ich denke, daß er sich weigert, dem Vertrage beizutreten. Dann kommt es unbedingt zum Kampfe.“

„Was denkt mein weißer Bruder, daß die listige Schlange dann thun wird?“

„Dieser Krieger ist ehrlich; er wird sein Wort gewiß halten. Aber von den dreihundert Männern, welche bei ihm sind, ist es nicht auch so gewiß, daß sie sich aller Falschheit enthalten werden. Wenigstens vermute ich in Beziehung auf die vierzig Mann, welche wir an der Fuente und den andern Posten festgenommen haben, daß sie deshalb heimliche Rachepläne gegen uns hegen. Man muß abwarten, was geschieht.“

„Nein, nicht abwarten, sondern ihnen zuvorkommen sollte man!“

„Mute mir das nicht zu! Eines Treubruches soll man Old Shatterhand und Winnetou niemals zeihen!“

„So sage, was zu geschehen hat! Sollen wir gleich jetzt mit hinüber nach euerm Lager reiten?“

„Nein. Ich will erst hören, was Winnetou sagt, der den großen Mund beschlichen hat. Da letzterer auch Kundschafter senden wird, so ist es besser, du schickst keinen Späher mehr hinüber, denn dieser könnte von dem Späher des Feindes gesehen werden.“

„Wie aber erfahre ich, was geschehen soll?“

„Durch einen Boten, den ich dir sende. Er wird zirpen, wenn er in eure Nähe kommt, und du wirst gewissenhaft das thun, was ich dir durch ihn sagen lasse. Mag es kommen, wie es will, wir sind den Yumas überlegen. Haben sie auch mehr Krieger als wir, so besitzen wir Schießwaffen, von denen sie nur wenige haben, und bei uns giebt es einzelne Männer, von denen jeder es mit zehn und noch mehr Feinden aufnimmt. Jetzt gehe ich. Haltet euch bereit!“

Ich ging. Als ich wieder in das Lager kam, war Winnetou schon da, obgleich er weiter zu gehen gehabt hatte, als ich. Ja, ich erfuhr, daß er noch viel weiter gegangen war, als ich dachte. Wir legten uns abseits nebeneinander, um nicht gehört zu werden, und ich sagte ihm, welchen Erfolg ich gehabt hatte. Als ich ihn dann nach dem seinigen fragte, antwortete er:

„Winnetou hat erst den großen Mund mit seinen Kriegern gesehen und dann auch die Mimbrenjos, die ihm folgen.“

„Was?“ fragte ich, im höchsten Grade überrascht. „Sind sie schon hier? Sind sie ihm so nahe?“

„Old Shatterhand weiß, daß sie hinter ihm her sind?“

„Ja; der starke Büffel sagte es mir. Er sandte, als die Yumas ihm entwischt waren, die Mimbrenjos hinter ihm her und eilte fort, um neue Krieger und neue Pferde zu holen. Hast du sie nur gesehen, oder auch mit ihnen gesprochen?“

„Gesprochen. Ich kam in das Thal und beschlich die Leute, welche sich dort befanden. Es war der große Mund. Als ich hinter einem Felsen lag, huschte ein anderer vorüber, welcher sie auch belauschen wollte. Ich hielt ihn fest. Er mußte, da er sich ihnen nicht zeigte, ein Feind von ihnen sein; darum nannte ich ihm meinen Namen. Da freute er sich und teilte mir mit, daß die Mimbrenjoschar, zu welcher er gehöre, am Nachmittage dem großen Munde ganz nahe gefolgt sei und nur tausend Schritte entfernt liege, um über ihn herzufallen. Ich ließ mich hinführen und sprach mit ihnen.“

„Was hast du ihnen geboten, daß sie thun sollen?“

„Sie sollen ihn nicht überfallen, sondern ruhig liegen bleiben, bis ich entweder selbst komme, oder ihnen einen Boten sende. Dann eilte ich zurück, um mit dir darüber zu sprechen.“

„Das war das Richtige. Wir müssen nun unser Verhalten ganz nach demjenigen des großen Mundes richten. Ist er zur Freundschaft geneigt, so soll es mich freuen, wo nicht, so mag er erfahren, daß wir ihn nicht fürchten.“

„Er wird den Frieden nicht anerkennen. Du hast seinen Sohn getötet. Selbst wenn er den Mimbrenjos die Hand zur Versöhnung bieten wollte, dir würde er sie verweigern.“

„Zu seinem eigenen Schaden, denn er wird, wenn der Tag anbricht, sehen, daß er rings umschlossen ist. Ich schlage vor, daß du noch einmal – –“

Ich wurde durch einen lauten Ruf unterbrochen, welcher sich in einiger Entfernung von uns hören ließ. Dort trat nämlich ein Indianer aus den Büschen und ging unter frohen Ausrufungen auf „listige Schlange“, welche am Wasser lag, zu. Der Mann war ein Kundschafter des großen Mundes, der ihn abgeschickt hatte, um zu erfahren, wer wir seien. Als er gesehen hatte, daß die meisten Anwesenden Yumas waren, kam er aus den Sträuchern, in denen er steckte, hervor, um den Häuptling zu begrüßen. Beide sprachen einige Zeit miteinander und kamen dann auf uns zu; deshalb standen wir auf. Der Kundschafter betrachtete uns mit finsterem Blicke. „Listige Schlange“ sagte:

„Der Krieger der Yumas meldet mir, daß der große Mund hier angekommen ist und wissen will, wer hier am Wasser liegt. Da er der oberste Kriegshäuptling unsers Stammes ist, muß ich ihn einladen, mit seinen Kriegern hierher zu kommen. Was sagen meine beiden Brüder dazu?“

„Hast du dem Kundschafter gesagt, daß wir Frieden geschlossen haben?“ antwortete Winnetou.

„J a.“

„Wir wissen, daß du dein Wort halten wirst, und müssen nun erst hören, ob der große Mund, dir zustimmt. Bis wir dies erfahren, müssen wir vorsichtig sein. Er mag mit seinen Leuten kommen und sich mit ihnen hier an das Wasser setzen. Die eine Hälfte desselben, bis zur großen Buche da, wo du gelegen hast, soll ihm und ihnen, die andere aber uns gehören. Wer über die Buche hinausgeht, wird erschossen. Brennt ein Feuer da drüben auf seiner Hälfte an, damit er sich gut umschauen kann! Ich habe gesprochen.“

„Listige Schlange“ gab dem Boten noch einige Erläuterungen, schickte ihn fort und versicherte uns dann:

„Mag der große Mund beschließen, was er will, meiner seid Ihr sicher!“

„Deiner Krieger auch?“

„Der meisten von ihnen. Mit diesen würde ich, wenn der große Mund Euch angreifen sollte, für Euch kämpfen.“

„So rufe, um zu erfahren, woran du bist, deine Leute alle zusammen und frage sie! Wir möchten die Antwort bald hören.“

Die Lage war jetzt eine höchst interessante und gespannte. Man denke sich einen kleinen See von vielleicht zweihundert Schritten Durchmesser, an dessen Südseite in der Mitte die erwähnte Buche stand. Die nach West gelegene Hälfte des Sees und der Ufer hatte Winnetou also den Yumas angewiesen; auf der andern, östlich von der Buche gelegenen Hälfte wollten wir bleiben. Hüben bei uns brannte das Feuer, welches ursprünglich angezündet worden war; drüben wurde jetzt ein zweites angebrannt. Warum der kluge, umsichtige Winnetou dies angeordnet hatte, wird sich bald zeigen. Die Yumas zogen sich nach drüben zurück; wir, das heißt Winnetou, ich, die Deutschen und die Mimbrenjos, blieben hüben. Die Lage war für uns nicht ganz ungefährlich. Drüben dreihundertvierzig Yumas, zu denen bald der „große Mund“ mit seinen Leuten kommen mußte, hüben bei uns die paar Mimbrenjos und die Weißen, welche nur notdürftig bewaffnet waren und Frauen und Kinder bei sich hatten! Aber wir wußten die Helfer hinter uns.

Zunächst galt es, sich unserer Pferde zu versichern, was gar nicht auffallen konnte, da dies ganz selbstverständlich war. Jeder holte also schnell sein Pferd; die Weißen hatten keine. Als wir die Tiere jenseits der Bäume, wo es dunkel war, zusammengebracht hatten, sagte der Apatsche:

„Old Shatterhand wird einige Leute nehmen, um mit ihnen die Pferde hinüber ins Thal zu dem starken Büffel zu bringen und kann in einer Viertelstunde wieder hier sein. Eher kommt der große Mund nicht. Zu den Mimbrenjos, welche hinter diesem auf der Lauer liegen, sende ich einen Boten. Der starke Büff6 mag die Pferde unter Bewachung im Thale lassen und, sobald der große Mund hierhergekommen ist, sich auch nähern. Er wird dabei auf den andern Haufen der Mimbrenjos treffen, welche mein Bote bringen wird, und mit den Leuten den ganzen See umstellen; sie müssen aber ihre Pferde zurücklassen und sich ruhig verhalten. Wir müssen ihnen ein Zeichen geben, welches nicht mißverstanden werden kann. Nehmen wir das Kriegsgeheul der Sioux. Sobald ich dies ausstoße, ziehen sich alle Mimbrenjos von außen her gegen das westliche Ufer zusammen, wo sich der große Mund befindet, und werfen sich auf diesen und seine Leute; denn wir und diejenigen Yumas, welche es mit uns halten, werden uns auf der östlichen Seite befinden. Ertönt aber das Kriegsgeheul nicht, so ist Friede und sie haben bis Tagesanbruch rund um den See und die Bäume liegen zu bleiben.“

Einen besseren Plan gab es nicht. Ich brauchte, um die Pferde fortzuschaffen, sechs oder sieben Mimbrenjos, bei denen sich auch die beiden jungen Brüder befanden, die freudig verwundert waren, als ich ihnen sagte, daß sie ihren Vater sehen würden. Als wir bei demselben ankamen und ich ihm die Lage der Sache erklärt hatte, wollte er sie nicht zurückkehren lassen; aber sie sträubten sich so lange gegen seinen Willen, bis er nachgab. Den Rückweg mußten wir natürlich zu Fuß machen.

Die Yumas ahnten nicht, daß unsere Pferde fort waren; sie glaubten, wir hätten sie nur herüber auf unsere Seite geholt. Wir befanden uns natürlich in der größten Spannung. Von großer Wichtigkeit war es, daß der Bote, den Winnetou fortgeschickt hatte, von den Leuten des „großen Mundes“ nicht gesehen wurde und seine Botschaft auch richtig ausrichtete.

Das neue Feuer jenseits der Buche brannte jetzt hell, während das unserige immer kleiner wurde. Winnetou wollte es ausgehen lassen. Letzterer hatte sich vom See entfernt, um ein Stück nordwärts vorzugehen und zu beobachten. Der „große Mund“ konnte auf den Gedanken kommen, die Verabredung nicht zu beachten und gleich über uns herzufallen. Diese Absicht mußte der Apatsche bei der Annäherung der Yumas erkennen, und wir konnten uns bei Zeiten darnach richten.

So verging die Zeit, bis wir das Getrappel zahlreicher Pferde und dann auch Menschenstimmen hörten. Zugleich kehrte Winnetou zu uns, die wir vorsichtig hinter Bäumen standen, zurück und meldete.

„Der große Mund ist da; er thut, was ich vorgeschlagen habe, und wird sogleich drüben erscheinen.“

Das Stimmengewirr währte nur kurze Zeit, bis jeder sich seines Pferdes entledigt hatte; dann begann es drüben auf der gegnerischen Seite des Sees von Yumas zu wimmeln. Von uns aber war keiner zu sehen, da wir es vorzogen, unter dem Schutze der Bäume zu bleiben und unser Feuer immer tiefer brannte. Drüben hingegen aber war es so hell, daß wir den „großen Mund“ deutlich erkannten, als er aus den Büschen trat und von der „listigen Schlange“ begrüßt wurde. Er schien den Unterhäuptling seinen Zorn hören zu lassen, denn seine Stimme klang überlaut zu uns herüber, wenn wir auch die Worte nicht deutlich verstehen konnten. Der andere aber verteidigte sich; wir hörten auch ihn sprechen, und zwar in einem kräftigen, energischen Tone, dem es anzuhören war, daß die Schlange ihre Handlungen mit ganz besonderem Nachdrucke vertrat.

Indessen kam der Bote Winnetous zurück. Er war nicht bemerkt worden, hatte die Mimbrenjos gefunden und herbeigeführt; dieselben waren dabei auf die neue Schar des „starken Büffels“ gestoßen und hatten, mit dieser vereint, einen weiten Ring von Menschen und Gewehren um das Grün des Sees gezogen, sodaß die Yumas eingeschlossen waren. Jetzt konnten wir das Kommende getrost erwarten, denn es mußte günstig für uns ausfallen.

Drüben hatten sich die beiden Häuptlinge in der Nähe des Feuers niedergesetzt und ihre ältesten Krieger um sich versammelt. Es sollte beraten werden. Wir hatten Zeit, zu warten. Dem „starken Büffel“ aber wurde die Zeit zu lang. Anstatt draußen bei seinen Mimbrenjos zu bleiben, kam er herbeigeschlichen, um zu erfahren, ob Krieg oder Friede zu erwarten sei. Ich zankte ihn tüchtig aus und jagte ihn fort, denn wenn sein bekanntes Gesicht von den Yumas gesehen wurde, mußten sie erwarten, daß er nicht allein gekommen war. Und das sollten sie nicht wissen.

Die Beratung dauerte wohl zwei Stunden; es ging sehr heftig bei derselben her. Dann sahen wir, daß die „listige Schlange“ drüben aufstand. Er kam zu uns herüber. Er wollte es nicht sehen lassen, daß er sich geärgert hatte, aber seine Augen blitzten, wie es oft noch lange nach einem Gewitter wetterleuchtet.

„Meine Brüder sollen hinüberkommen, um zu hören, was beschlossen worden ist,“ meldete er.

„Das kannst du uns hier ja sagen!“ warf ich ein.

„Ich soll nicht; der große Mund will es selbst sagen.“

„Dagegen haben wir nichts; er mag herüberkommen.“

„Haben meine Brüder Mißtrauen?“

„Natürlich!“

„Mir könnt ihr vertrauen, wenn auch dem großen Munde nicht.“

„Wieviel deiner Leute halten zu dir?“

„Der Hälfte bin ich sicher. Die andern hat mir der Zorn des großen Mundes abspenstig gemacht.“

„Meinst du, daß es zum Kampfe kommt?“

„Ja, wenn ihr nicht auf die Vorschläge des Mundes eingeht,“

„Wir sind bereit, sie zu hören, aber nachlaufen werden wir ihm nicht, zumal wir ihn nicht für einen ehrlichen Mann halten.“

„Herkommen will er auch nicht!“

„So mag er drüben sitzen bleiben, bis er klüger wird, worüber allerdings der Sommer und Winter gar viele vergehen können! Sage ihm das!“

Dieser Bescheid war ihm sehr unlieb. Man sah ihm das an; er sann nach und kam dann auf das Auskunftsmittel:

„Würdet ihr zur Hälfte gehen, wenn er zur Hälfte kommt?“

„Ja. Wir wollen uns dort unter der Buche treffen, doch ohne Waffen. Ich komme mit Winnetou, und er bringt dich mich. Von jeder Seite zwei; mehr dürfen es nicht sein.“

Er ging hinüber und stritt sich eine Viertelstunde mit dem großen Munde herum; dann kam er wieder, um uns zu sagen, daß derselbe bei seiner hohen Würde unmöglich zu zweien kommen könne; er müsse wenigstens sechs Begleiter haben.

„Zwei von hüben und zwei von drüben, mehr nicht. Sage ihm das! Wir gehen nicht davon ab und wenn ihm das nicht gefällt, so mag er sehen, was geschieht.“

Die „Schlange“ mußte noch zweimal hin und her, ehe sich der Alte entschloß, nachzugeben. Dann kam er mit ihm nach der Buche geschritten, unter welcher sie sich niedersetzten. Ohne Waffen, war ausgemacht; man weiß aber, daß selbst auch dann der Indianer wenigstens ein Messer in irgend einer Falte verborgen hat; darum behielten wir, als wir hingingen, jeder einen Revolver bei uns. Um einem Hinterhalte zu begegnen, hatten wir unsere Vorsichtsmaßregeln getroffen.

Der „große Mund“ nahm uns mit haßerfüllten Blicken in Empfang, und als ich mich bei ihm niederließ, zog er den Zipfel der Decke, in welche sein Oberkörper gehüllt war, rasch an sich, damit derselbe ja nicht mit mir in Berührung kommen möchte. Dann sah er finster vor sich nieder. Er mochte denken, daß wir zu beginnen hätten; aber wir wollten ihm infolge seiner „großen Würde“ den Anfang machen lassen und schwiegen also ebenso hartnäckig wie er. Von Zeit zu Zeit hob er den Kopf, um uns mit einem dolchähnlichen Blicke zu durchbohren; als wir uns aber weder durchbohren noch zum Reden bringen ließen, fuhr er uns, da er sich nicht länger halten konnte, ganz plötzlich und unerwartet an:

„Meine Ohren sind offen, also redet!“

Winnetou sagte nichts, und ich sagte nichts. Darum kam nach einiger Zeit die Drohung hervorgepoltert:

„Wenn ihr nicht redet, laß ich auf euch schießen!“

Da deutete Winnetou nach unserer Seite hinüber, welcher der Alte den Rücken zukehrte; er drehte sich um und sah sämtliche Mimbrenjos, die sich bei uns befanden, auf der Erde mit ihren Gewehren im Anschlage liegen.

„Uff! uff! Was ist das?“ rief er aus. „Wollt ihr mich erschießen lassen!“

„Nein,“ antwortete der Apatsche. „Die Gewehre sind so lange auf dich gerichtet, bis wir uns wieder dort bei unsern Kriegern befinden; mehr brauche ich dir nicht zu sagen.“

Es ist keineswegs angenehm, zu wissen, daß man einen Rücken hat, auf den über vierzig geladene Gewehre gerichtet sind. Es braucht nur ein Finger sich ein wenig zu fest an den Drücker zu legen, so ist das Unheil geschehen. Man sah es dem „großen Munde“ deutlich an, daß er sich von jetzt an nicht allzusehr behaglich fühlte. Um die ängstliche Situation abzukürzen, versuchte er nun nicht mehr, uns zum Reden zu bringen, sondern ging uns mit gutem Beispiele voran, indem er drolligerweise behauptete:

„Winnetou und Old Shatterhand sind in meine Hände geraten; der heutige Tag wird ihr letzter sein!“

Der Apatsche forderte mich durch einen stillen Blick auf, zu antworten; darum entgegnete ich:

„Und der große Mund ist uns in das Netz gegangen; er wird noch in dieser Stunde geschlachtet werden! Soll dieser Tag unser letzter sein, so schicken wir dich voran!“

„Zählt eure Männer und zählt die unserigen! Wer ist dem andern überlegen?“

„Winnetou und Old Shatterhand zählen niemals ihre Gegner. Ob einer oder zehn, ist ihnen gleich. Der große Mund mag zählen!“

„Wir werden euch erdrücken!“

„Wurden wir in Almaden erdrückt, wo über dreihundert gegen vierzig waren?“

„Da war ich nicht dabei und werde es genau untersuchen. Wer als Feigling handelt, wird aus der Reihe der Krieger gestoßen.“

Das ging gegen „listige Schlange“, welche sofort zornig ausrief:

„Wer ist feig? Verbünde dich nicht mit Verrätern, so kommen deine Krieger nicht in die Gefahr, mutlos zu erscheinen!“

„Schweig! Ich werde mit Melton sprechen und von ihm erfahren, was geschehen ist und wer die Schuld an allem trägt.“

„Du wirst nicht mit ihm sprechen! Das Bleichgesicht gehört mir und niemand darf ohne meine Erlaubnis mit ihm sprechen!“

„Auch ich, dein Häuptling nicht?“

„Nein. Du bist mein Häuptling nicht. Du bist ein Häuptling wie ich, und weil du der ältere bist, ist dir von den Stämmen der Yumas der Befehl übertragen worden; aber keiner braucht, wenn er nicht will, dir zu gehorchen. Darüber, daß du mich einen Feigling nennst, mag die Beratung der Ältesten entscheiden; sagst du es aber noch einmal, so steche ich dich augenblicklich nieder!“

Er sprach die Drohung in solcher Erregung aus, daß anzunehmen war, er werde sie zur Wahrheit machen. Jetzt hatte der Alte sogar von seinem eigenen Stammesgenossen einen kräftigen Hieb empfangen, that aber so, als ob er ihn nicht gefühlt habe, und wendete sich von der „Schlange“ ab zu mir:

„Ich wiederhole, daß ihr in meine Gewalt geraten seid. Alle, die sich bei euch befinden, sind verloren. Es giebt nur eine einzige Möglichkeit, sie zu retten, du lieferst dich und einen Sohn des starken Büffels an uns aus, damit ihr an dem Marterpfahle sterbt.“

„Wenn ich das thue, welche Folgen hat es für meine Genossen?“

„Sie können weiterziehen, ohne daß wir sie mit dem Finger berühren.“

„Warum soll gerade ich es sein?“

„Weil du meinen Sohn erschossen hast.“

„Und warum einer der beiden Knaben?“

„Weil sie schuld waren, daß du ihn erschossest. Ich habe gehört, daß der eine sich Yurnatöter nennt?“

„Ich selbst habe ihm den Namen gegeben, und ich hoffe, daß sein Bruder bald einen ähnlichen tragen wird.“

„Damit deine Hoffnung zu Schanden wird, verlange ich gerade diesen Knaben, obwohl ich erst den Yumatöter fordern wollte.“

„Was forderst du noch?“

„Alles, was deine Gefährten bei sich tragen, auch ihre Pferde und Winnetous Pferd und Silberbüchse.“

„Höre, mein geliebter roter Bruder, ich gestehe, daß ich mich in dir geirrt habe, denn ich habe dich bisher für einen Dummkopf gehalten, nun sehe ich ein, daß du ein pfiffiger alter Onkel bist. Aber nun frage uns doch auch einmal, was wir wollen.“

„Ihr? Was könntet ihr wollen?“

„Zunächst dich, der sich mit Melton gegen meine weißen Brüder, die jetzt bei mir sind, verbündet hat. Auch hast du die Hazienda del Arroyo niedergebrannt, weshalb ich auch ein Wort mit dir zu sprechen habe. Also dich wollen wir; dann können deine Leute weiterziehen, ohne daß wir sie anrühren.“

Da fuhr er mich an:

„Hat dir ein Geier den Verstand aus der Hirnschale gefressen? Wie könnt ihr Forderungen stellen, da ihr euch in meiner Hand befindet!“

„So ist alles Reden unnütz. Du denkst, du hast uns, und wir denken, wir haben dich. Die Beratung ist zu Ende.“

Dabei stand ich auf. Da rief er:

„Halt, noch sind wir nicht fertig! Hört noch ein Wort: Wenn ich in einer Viertelstunde nicht den Knaben und Old Shatterhand ausgeliefert bekommen habe, fallen wir über euch her und vernichten euch bis auf den letzten Mann!“

Winnetou war zu stolz, ihm darauf noch zu antworten, und mir fiel es auch nicht ein. Da aber stand der andere Häuptling auch auf und erklärte dem Alten:

„Ich bin Listige Schlange und habe noch nie mein Wort gebrochen; ich werde auch den Vertrag halten, den ich mit diesen Männern abgeschlossen habe.“

Da sah ihn der Alte groß an und fragte:

„Wie willst du ihn halten, wenn ich ihn für ungültig erkläre?“

„Das kannst du nicht. Ich bin’s, der ihn abgeschlossen hat, und ich bin’s, der zu sagen hat, ob er gelten soll oder nicht.“

Da stampfte der Alte, der sich auch erhoben hatte, mit dem Fuße auf den Boden und schrie:

„Und ich befehle aber, daß er nichtig ist! Wer wagt es, sich gegen den großen Mund zu empören?“

„Ich, die listige Schlange, wage es. Meine Krieger habe alle mit meinen Freunden das Kalumet geraucht, das Kalumet, dessen Thon ich unter vielen Gefahren und allen frommen Gebräuchen aus den heiligen Steinbrüchen geholt habe. Jeder Stoß des Rauches ist ein Schwur, welcher gehalten werden muß, und wer einen solchen Schwur bricht, kann nie in die ewigen Jagdgründe gelangen, sondern irrt als Schatten vor den Thoren derselben umher.“

Er hatte diese Worte so laut gerufen, daß sie weithin zu vernehmen waren. Der „große Mund“ fragte nun ebenso laut:

„Du nennst die Fremden also deine Freunde? Willst du sie etwa beschützen?“

„Ja. Wenn sie angegriffen werden, verteidige ich sie mit meinem Blute und mit meinem Leben!“

„Gegen mich und meine Krieger, die deine Brüder sind?“

„Wer mich zwingen will, meinen Schwur zu brechen und mein Kalumet zu entweihen, der ist mein Bruder nicht mehr, der beleidigt mich und beschimpft alle Männer meines Stammes. Hört es, ihr Krieger, deren Anführer ich bin! Der große Mund hat uns Feiglinge genannt. Wollt ihr das dulden? Er verlangt von uns, unsere Kalumets zu zerbrechen, welche das Kostbarste sind, was wir besitzen. Er fordert, daß wir unsere heiligen Medizinen durch Meineide beschimpfen. Wollt ihr ihm gehorchen?“

Tiefe Stille war die Antwort. Kein Ja und kein Nein ließ sich hören. Da fuhr er fort:

„Hier steht Winnetou, und hier steht Old Shatterhand. Habt ihr gehört, daß einer von ihnen jemals sein Wort gebrochen hat? Sollen sie von uns sagen, daß wir Lügner sind? Old Shatterhand hat mich aus dem Schachte geholt, in welchem ich verschmachten sollte; er that es, obgleich ich sein Feind war; soll ich nun zum Verräter an ihm werden, obgleich ich sein Freund bin? Soll euer Anführer ein Lügner sein oder ein ehrlicher Mann, auf dessen Wort ihr euch verlassen könnt? Entscheidet euch! Ich gehe jetzt mit Winnetou und seinem weißen Freunde. Wer ein ehrlicher Mann und ein tapferer Krieger ist, der mag herüber zu uns kommen; aber wer die Lüge liebt und es duldet, ein Feigling genannt zu werden, der mag drüben bei dem großen Munde bleiben. Ich habe gesprochen, und ihr mögt nach meinen Worten handeln. Hat der große Mund eine Rache gegen Old Shatterhand, so mag er selbst sie mit ihm auskämpfen, wenn er Mut besitzt. Ich habe gesprochen, und ihr habt es gehört. Howgh!“

Er nahm mich bei der Linken und Winnetou bei der Rechten und ging mit uns nach unserer Seite herüber. Die Wirkung war eine überraschende, eine weit bessere, als ich erwartet hatte, denn seine Leute folgten ihm alle; ich glaube nicht, daß einer fehlte. Das war wohl die Folge davon, daß der Alte ihn einen Feigling genannt hatte.

Der „große Mund“ stand wie versteint, als er dies sah; er starrte eine ganze Weile zu uns herüber, drehte sich dann um und kehrte zu seinem Feuer zurück, an welchem er sich bei den Ältesten niederließ. Während bei uns tiefes Schweigen herrschte, ging es drüben lebhaft her. Man sah den erregten Mienen und Bewegungen der Alten an, daß sie sich Mühe gaben, den „großen Mund“ zu irgend etwas zu bewegen, wozu er keine Lust hatte. Das dauerte wohl über zwei Stunden lang; dann kam einer der alten Krieger langsam nach der Buche geschritten, blieb dort stehen und rief mit lauter Stimme:

„Hört es, ihr Krieger der Yumas und der Mimbrenjos: Hier steht der lange Fuß, welcher viele Sommer und Winter durch das Leben geschritten ist und sehr wohl weiß, was ein tapferer Krieger in jeder Lage zu thun hat. Der große Mund, der berühmte Häuptling der Yumas, hat seinen Sohn, den kleinen Mund, durch die Kugel Old Shatterhands verloren. Dies Blut muß gerächt werden. Old Shatterhand hat ihm den Arm zerschossen; auch das muß gerächt werden. Hört weiter, ihr Krieger! Bei Old Shatterhand befindet sich ein Mimbrenioknabe, welcher Yumatöter genannt worden ist. Diese Beleidigung des ganzen Stammes kann nur mit dem Tode gesühnt werden. Wir müßten Old Shatterhand und den Knaben töten, wo wir sie immer finden. Aber sie haben die Friedenspfeife mit den Kriegern der listigen Schlange geraucht und sind also deren Brüder geworden; darum dürfen wir sie nicht töten, sondern ihre Thaten müssen im offenen Zweikampfe gerächt werden. Wir sind die Beleidigten und bestimmen also, mit welchen Waffen und in welcher Weise gekämpft werden soll. Da der große Mund einen verwundeten Arm besitzt und nicht zu kämpfen vermag, so muß ein anderer für ihn kämpfen; dafür erlauben wir auf der andern Seite dem Yunlatöter, daß er seinen kleinen Bruder für sich kämpfen lassen kann. Wer an die Stelle des großen Mundes treten will, der mag sich bei uns melden!“

Nach dieser höchst eigentümlichen Verkündigung kehrte er zum Feuer zurück. Es war also Zweikampf beschlossen worden, ohne daß man mich vorher gefragt hatte, ob ich einverstanden sei. Die Roten wollten auch die Waffen und die Kampfweise bestimmen, ohne daß ich etwas dazu zu sagen hatte. Daß der Bruder des Yumatöters für diesen eintreten durfte, das hatte jedenfalls der alte Häuptling bestimmt.

Die Wirkung dieser obrigkeitlichen Bekanntmachung war bei mir die, daß ich nach dem „starken Büffel“ schickte und ihn kommen ließ. Da ich aber wünschte, daß er von den zu uns übergegangenen Yumas noch nicht erkannt werde, ließ ich ihn nach einer ganz im tiefen Schatten liegenden Stelle bringen, wo man sein Gesicht gar nicht, seine Figur nicht deutlich sehen und ihn leicht für einen andern halten konnte. Als ich mich nach einiger Zeit nach der Stelle begab, lag er schon wartend da. Ich erzählte ihm, was sich ereignet hatte. Ich war der Meinung gewesen, daß er als Vater erschrecken werde; er aber sagte im ruhigsten Tone von der Welt:

„Das also war die laute Stimme, welche wir sprechen hörten! Sie drang zu uns hinaus, doch konnten wir die Worte nicht vernehmen.“

„Ich habe dich kommen lassen, um zu erfahren, ob dein Sohn die Forderung annehmen soll.“

„Natürlich soll er es! Darf ein Mimbrenjo von sich sagen lassen, daß er sich vor einem Yuma gefürchtet habe?“

„Aber deine Söhne sind noch so jung. Man wird ihm einen kräftigen und gewandten Gegner stellen!“

„Desto schlimmer für die Yumas, denn wir dürfen dann von ihnen sagen, daß sie feig sind, daß ihre erwachsenen Krieger mit Knaben kämpfen und von ihnen besiegt werden.“

„Bist du des Sieges so gewiß?“

„Kein Yurna besiegt einen meiner Knaben!“

„Und welcher soll kämpfen? Der Yumatöter oder sein Bruder?“

„Sein Bruder, damit er auch einen Namen bekommt.“

„Aber bedenke, daß er sich die Waffe und die Fechtweise, welche gewählt wird, gefallen lassen soll!“

„Meine Knaben haben alles gelernt; ich habe keine Sorge um sie, und daß sie dich und Winnetou begleitet haben, ist von großem Vorteile für sie gewesen. Aber wirst auch du die Forderung annehmen?“

„Kann ich anders? Wenn sie von einem Knaben angenommen wird, so darf Old Shatterhand doch nicht weniger mutig sein.“

„Deinen Mut bezweifelt niemand; aber wird der Bär mit einer Maus kämpfen?“

„Ah, so ist es gemeint! Nun, ja; er kämpft mit ihr. Wenn sie ihn beißen will, giebt er ihr die Tatze, das ist auch ein Kampf. Du wirst zusehen wollen. Bleib hier liegen, damit du nicht gesehen und erkannt wirst!“

Darauf begab ich mich zu den beiden Knaben, welche mit so unbefangenen Mienen bei einander saßen, als ob ganz und gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen oder zu erwarten sei.

„Ich sprach mit euerm Vater, dem Häuptlinge,“ sagte ich ihnen. „Was gedenkt ihr zu thun?“

„Kämpfen,“ antwortete der Kleine. „Ich will mir einen Namen holen; darum hat mein Bruder mir den Yuma abgetreten.“

Das war mehr als naiv. Der eine hatte dem andern den Yuma abgetreten; sie betrachteten denselben also schon als ihr Eigentum. Wenn ein erfahrener und bewährter Krieger eine solche Zuversicht besitzt, so ist’s begreiflich und auch zu loben; zeigt sie sich aber in so jugendlichem Alter und bei einer so ernsten Veranlassung, so möchte man es für Unverstand halten.

Auf unserer Seite herrschte tiefe Stille. Mann lag neben Mann im Grase, um das Kommende zu erwarten. Schon war es gegen Mitternacht, und es wurde fast ein Uhr, als der „lange Fuß“ wieder zu der Buche kam und verkündete:

„Im Rate der Alten ist folgendes beschlossen worden: Erst kämpft Old Shatterhand und dann der Mimbrenjoknabe. Der Kampf Old Shatterhands findet mit der Lanze statt. Noch hat sich kein Gegner gefunden; darum wird die Art und Weise später mitgeteilt werden. Der Mimbrenjo wird im Wasser mit dem Messer kämpfen. Sein Gegner ist der schwarze Biber. Beide kämpfen, bis einer tot ist; keiner darf vorher das Wasser verlassen.“

Wie schlau! Der Name „schwarzer Biber“ ließ vermuten, daß der Betreffende sehr geschickt im Schwimmen und Tauchen sei. Und ich sollte mit der Lanze kämpfen, mit einer Waffe, von welcher die Roten annahmen, daß sie mir am ungeläufigsten sei. Aber da befanden sie sich im Irrtume. Winnetou, der größte Meister im Lanzenwerfen und Lanzenfechten, hatte sich auch da so lange mit mir abgequält, bis wenigstens etwas sitzen geblieben war. Bei einem Westläufer giebt es eben keine freie Stunde; hat er nichts anderes zu thun, so übt er sich. Daher die staunenswerte Fertigkeit und Sicherheit, die man an solchen Leuten zu bewundern hat. Wer da nur zuschaut, hat keine Ahnung von der Mühe und Arbeit, welche dazu erforderlich war.

Also für mich hatte sich kein Gegner gefunden. Vielleicht fand sich überhaupt keiner; das konnte ich mir dann schon gefallen lassen. Aber um den kleinen Mimbrenjo wurde mir bange; es trieb mich zu ihm hin, ihm einige nicht nutzlose Andeutungen zu machen. Als er mich kommen sah, blickte er mir lächelnd entgegen; das Kerlchen fühlte ganz und gar keine Bangigkeit, und als ich ihn fragte:

„Ist mein junger Bruder ein guter Schwimmer?“ antwortete er:

„Ich bin stets sehr gern ins Wasser gegangen,“

„Einfach ins Wasser gehen, um zu baden, oder im Wasser mit dem Messer um sein Leben kämpfen, das ist zweierlei.“

„Mein Bruder und ich haben sehr oft mit den Messern gekämpft.“

„Sei nicht zu zuversichtlich! Dein Gegner hat einen für dich schlimmen Namen; er muß sehr gut tauchen können.“

Daran hatte er wohl nicht gedacht, denn er machte ein nachdenklicheres Gesicht.

„Man darf sich auch nicht allein auf die Fertigkeit verlassen; List ist oft besser als Geschicklichkeit. Dein Gegner wird wahrscheinlich viel kräftiger sein als du; das mußt du durch Schlauheit auszugleichen suchen. Vor allen Dingen darfst du dich nicht von ihm fassen lassen, sonst bist du verloren.“

„Fett!“ meinte er, indem er mir lächelnd zunickte.

Da hatte man es! Ich wollte ihm gute Lehren geben, und dies eine Wort „Fett“ sagte mir, daß er sich schon ganz pfiffig in seine Aufgabe hineingedacht hatte. Dennoch fuhr ich fort:

„Er wird natürlich drüben in das Wasser gehen, während du hier bei uns in dasselbe steigst. Voraussichtlich wird er sich auch drüben mehr aufhalten als hüben. Dort hast du ihn zu suchen.“

„Drüben brennt das Feuer; da ist es heller,“ warf er ein.

„Aber am Ufer nicht, welches ringsum mit Büschen bestanden ist. Kennst du die Pflanze, welche ihr Sika nennt?“

„Ja; sie steht hier in Menge am Ufer und zwischen den Büschen.“

„Ihr Schaft oder Stengel ist hohl; das giebt eine schöne Röhre; merke es dir!“

Er sah mich fragend an; er hatte mich nicht verstanden.

„Eine schöne Röhre zum Atemholen,“ erklärte ich ihm. „Ich wurde einst von Komantschen verfolgt und flüchtete in den Fluß. Da stand ich, während sie die Ufer absuchten, lange, lange Zeit unter dem Wasser und holte durch eine Sikaröhre Atem. Aber husten darf man nicht. Wenn du dich unter dem Wasser fest an das Ufer schmiegst und durch einen Sikastengel Atem holst, kannst du ruhig warten, bis er kommt. Du hast doch gelernt, die Augen im Wasser offen zu haben?“

„Ja. Man sieht, wenn das Wasser hell ist, mehrere Schritte weit.“

„So mag es genug sein. Es giebt zwar der Listen und Kniffe noch viele; aber man muß im Zweikampfe den Gegner ehrlich behandeln; ich gab dir nur deshalb einen Wink, weil du ein Knabe bist und dein Feind ein erwachsener Krieger sein wird.“

Als ich den Kleinen dann beobachtete, sah ich, daß er sich mehrere Sikas abschnitt. Dann verschwand er hinter den Büschen; sein Bruder folgte ihm bald, und als ich heimlich nachging, sah ich mit Vergnügen, daß er von letzterem mit Öl oder Fett eingerieben wurde. Beides oder wenigstens eins von beiden trägt jeder Indianer stets bei sich.

Wieder verging eine lange Zeit, ohne daß etwas geschah. Die alten Krieger liefen drüben emsig hin und her, wie man sah. Sie suchten jedenfalls nach einem Mann für mich; es fand sich aber keiner. Endlich schien aber doch ein Ergebnis erzielt worden zu sein, denn der „lange Fuß“ kam wieder nach der Buche und verkündete:

„Hört, ihr Krieger, was der Rat der Alten beschlossen hat! Das Blut, welches Old Shatterhand vergossen hat, ist das Blut eines Häuptlingssohnes, wofür doppelte Vergeltung geübt werden muß. Darum soll er nicht mit einem, sondern mit zwei Gegnern kämpfen, und zwar zu gleicher Zeit. Jeder erhält fünf Lanzen, und die Entfernung beträgt dreißig Schritte. Die Lanzen werden geworfen. Keiner darf die Stelle, auf welcher er steht, verlassen, doch ist es ihm erlaubt, beim Ausholen und Abwehren einen Schritt vor, hinter oder rechts und links neben sich zu treten. Schilde giebt es nicht. Wer seine fünf Lanzen versandt hat, muß, wenn der Gegner noch welche hat, stehen bleiben, bis diese geworfen sind. Wegen einer Wunde wird der Kampf nicht beendet, sondern derselbe hört nur mit dem Tode auf. Old Shatterhand wird mit langes Haar und starker Arm kämpfen. Er mag kommen, um seine Lanzen in Empfang zu nehmen.“

Ich blieb trotz dieser Aufforderung im Grase liegen, wo ich lag. Die Schufte thaten doch ganz so, als ob nur sie zu befehlen und wir nur zu gehorchen hätten. Drüben stellten sich zwei Rote auf, deren jeder fünf Lanzen in den Händen hatte. Sie waren also meine geehrten Gegner, welche sich der Aufgabe unterziehen wollten, die Erde von meiner Gegenwart zu befreien. Sie machten herausfordernde Armbewegungen und heulten dazu. Als mich auch dies nicht veranlaßte, hinüberzugehen, kam der „lange Fuß“ drüben an das Ufer getreten und rief herüber: „Warum kommt Old Shatterhand nicht? Hat die Angst ihm die Beine so steif gemacht, daß er nicht mehr gehen kann? Hier stehen die tapferen Krieger, welche ihn erwarten.“

Ich blieb ruhig liegen und rührte mich nicht. Er wartete vielleicht zehn Minuten lang und rief dann herüber-

„Es ist so, wie ich sagte: Old Shatterhand hat keinen Mut; er kriecht in das Gras und versteckt sich hinter das Gesträuch. Schande über ihn! Weiß er nicht, was sich für einen Krieger schickt?“

Da nahm, was ich auch gar nicht anders erwartet hatte, Winnetou sich meiner an, indem er hüben hart an das Wasser trat und hinüberrief.

„Welcher Frosch ist da drüben aus dem Wasser gestiegen, um sein Quaken hören zu lassen? Old Shatterhand ist der kühnste Krieger der Savanne; wer darf an seinem Mute zweifeln! Sein Name ist bekannt über die ganze Prairie und in allen Bergen und Thälern. Wer aber hat jemals von einem langen Fuß gehört? Wer ist der Mann, und was hat er gethan? Kann jemand es mir sagen? Wie darf dieser unbekannte Mensch sich unterstehen, Old Shatterhand zu sich zu rufen! Meint er, Old Shatterhand sei ein Hund, welcher gehorcht, weil er die Peitsche fürchtet? Was fällt euch ein, uns vorzuschreiben, mit wem wir kämpfen Sollen, und wie der Kampf zu verlaufen hat! Ist einer von euch so mutig gewesen, sich gegen Old Shatterhand zu melden? Kein einziger! Die Zähne klapperten euch vor Angst. Da habt ihr bestimmt, daß er gegen zwei zu kämpfen habe, und die Waffe hervorgesucht, welche er nicht zu führen versteht, denn niemand hat jemals gehört, daß er eine Lanze in der Hand gehabt habe. Scham und Schande über euch! Ihr errötet nicht bis hinter zum Rücken, mit einem Knaben zu kämpfen! Ihr seid wert, von den alten Weibern angespuckt und aus dem Lager getrieben zu werden. Wer sind die stinkenden Käfer, welche sich langes Haan und starker Arm nennen? Werden sie von ihren Müttern noch auf den Armen getragen, oder haben sie es schon soweit gebracht, am Boden hin und her zu rutschen? Und mit solchen Kindern soll Old Shatterhand kämpfen! Wer seid überhaupt ihr alle, daß ihr uns Vorschriften macht? Hier sind Häuptlinge, berühmte Männer, denen es nicht einfällt, sich durch die Berührung von Leuten zu beschmutzen, welche sich auf einen Berg stellen müssen, um einem Krieger wie Old Shatterhand bis an den Leib zu reichen. Ihr wißt noch nicht einmal, was einem Zweikampf vorherzugehen und was ihn zu begleiten hat. Sind wir etwa kranke Bisons, welche sich von einer Herde von Coyoten zerfleischen lassen müssen? Wollt ihr Rache, wollt ihr Kampf, so sei es; aber der Kampf muß ein ehrlicher sein. Zwei Häuptlinge mögen darüber wachen, nämlich der große Mund und ich. Ich will die Lanzen sehen und untersuchen, damit nicht einer die starken und elastischen, der andere aber die morschen und spröden bekommt. Diese Kniffe kennen wir; mit ihnen fangt ihr weder Winnetou noch Old Shatterhand. Und nicht drüben bei euch darf der Kampf stattfinden, sondern zwischen hüben und drüben, da, wo die Buche steht. Der große Mund und ich werden die dreißig Schritte abmessen; wir stehen neben den Parteien, und wenn einer gegen die Bestimmungen handelt, so schieße ich ihn augenblicklich nieder. So soll es sein. Ist euch diese ehrliche Weise nicht recht, so seid ihr feiges Gezücht. Der Häuptling mag mir sagen, ob ihr einverstanden seid, kein anderer, denn wer seine Stimme zu Winnetou erhebt, der muß ein Mann sein und darf nicht noch fünfzig Jahre zum Wachsen brauchen! Ich habe gesprochen, ich, der Häuptling der Apatschen. Nun mag der große Mund reden, falls ihm nicht die Knochen im Leibe vor Angst zusammenschlagen! Howgh!“

Das war eine lange, kraftvolle Rede, auf welche weder hüben noch drüben ein Laut erfolgte. Sie saßen am Feuer und berieten. Sollte denn die ganze Nacht vergehen, ehe man mit dieser Kinderei zu Ende kam! Da endlich sahen wir den „großen Mund“ sich erheben. Er rief herüber:

„Was Winnetou, der Häuptling der Apatschen, vorgeschlagen hat, ist angenommen worden. Er mag zur Buche kommen, wo ich mit ihm zusammentreffen werde!“

Jetzt, da die „listige Schlange“ zu uns übergegangen war, brauchten wir nicht mehr an Vorsichtsmaßregeln gegen eine etwaige Hinterlist zu denken. Winnetou ging hinüber, und der Häuptling kam zu ihm. Die fünfzehn Lanzen wurden gebracht. Hatte man vorhin für mich die schadhaftesten ausgesucht, so war dies nun nicht mehr möglich. Winnetou warf einige fort und ließ an deren Stelle bessere kommen; dann wurden sie geteilt und zu je fünf verlost. Hierauf wurde die Distanz abgeschritten und markiert. „Langes Haar“ und „Starker Arm“ kamen herbei und hielten sich in gleicher Entfernung von meinem Platze, drei Schritte voneinander entfernt. Der Häuptling stellte sich nicht weit von ihnen auf; er hatte eine Pistole in der Hand, um mir eine Kugel zu geben, falls ich gegen die Verabredung handeln sollte. Nun wurde ich gerufen, legte die Jacke ab und ging hin. Winnetou postierte sich mit seiner Silberbüchse in gemessener Entfernung neben mich. Das dumme Ding, welches diese Leute Kampf nannten, konnte beginnen.

Meine Gegner traten sehr zuversichtlich auf; hatte doch sogar Winnetou behauptet, daß noch niemand eine Lanze in meiner Hand gesehen habe.

„Wünschest du, daß ich ihnen eine Lehre gebe?“ fragte ich ihn leise.

„Ja; sie verdienen es. Du kennst meinen Doppelwurf; eine Lanze als Finte und sofort hinterher die nächste als Treffer.“

Ich nahm die fünf Waffen vom Boden auf, wo sie lagen; sie waren leicht und dünn, aber von zähem Holze, nur durch Absicht zerbrechlich. Ich konnte alle fünf zugleich umspannen und nahm sie als Bündel in beide Hände, sie zunächst wie ungefähr eine Balancierstange haltend. Bei dieser Haltung ist das Parieren, das Seitwärtsdirigieren der heransausenden Wurfgeschosse für den Anfänger freilich sehr schwer und sogar gefährlich, für den Geübten dafür aber dreifach leicht.

Jetzt gab Winnetou das Zeichen zum Beginne. Ich richtete mich zur Seite und sah scheinbar über den See hinüber, hatte aber in Wirklichkeit die Gegner, denen ich das linke Profil zukehrte, scharf im Auge. Hinter ihnen brannte ihr helles Feuer; hinter mir war es dunkel, da das unserige verlöscht war; ich befand mich also gegen sie im Vorteile, da ich ihre Speere, wenn sie dieselben warfen, viel deutlicher sehen konnte, als sie die meinigen; die ihren kamen aus dem Hellen, die meinen aus dem Dunkeln geflogen.

Auch sie bewegten sich nicht; sie warteten, daß ich beginnen Solle; das fiel mir aber nicht ein. Wer seine Lanzen verschossen hatte, mußte stehen bleiben und auf sich zielen lassen, bis der Gegner auch keine mehr hatte. So lautete das Übereinkommen, und das wollte ich benutzen; sie sollten Todesangst ausstehen.

So vergingen fünf Minuten und wieder fünf. Sie wurden ungeduldig. Sie mochten wirklich glauben, daß ich die Augen zur Seite und nicht auf sie gerichtet hielt, denn Langes Haan trat ganz plötzlich einen Schritt zurück, um auszuholen, und warf. Mir war zum Ausweichen auch ein Schritt erlaubt; ich that ihn, und das Geschoß flog an mir vorüber, ohne daß ich zu parieren brauchte. Dann warf der Starke Arm zweimal und Langes Haan noch einmal. Jeder hatte noch drei Lanzen. Ich hörte, daß sie einander Vorwürfe machten, schlecht gezielt zu haben, und rief ihnen zu:

„Die Krieger der Yumas sind Kinder, welche keine Gedanken und keine Erfahrung haben; sie zielen ganz leidlich, werden mich aber auf diese Weise niemals treffen.“

„Meint Old Shatterhand dies wirklich?“ höhnte der „starke Arm“. „Wir wissen, daß er vom Lanzenwerfen nichts versteht, obwohl er ein Meister im Gebrauche anderer Waffen ist. Mein nächster Wurf wird ihn durchbohren. Hat er vor seinem Tode noch etwas zu bestellen?“

„Ja. Gieb, sobald ich gefallen bin, dem langen Haan als Vermächtnis von mir zehn tüchtige Ohrfeigen, und laß sie dir dann von ihm wiedergeben, Das wiederholt ihr so zehnmale, bis jeder hundert hat!“

„Das werde ich sofort ausrichten, und zwar an dir, mit dieser Lanze. Da, hast du sie!“

Der Ärger vermehrte seine Kraft, nahm ihm aber die Sicherheit des Zielens und Wägens. Die Lanze sauste an mir vorüber und dann auch diejenige des „langen Haares“.

„Ich sagte es ja,“ lachte ich. „Ihr seid Kinder, die sich reizen lassen und weder Überlegung noch Berechnung haben. Ich will euch sagen, wie ihr es machen müßt. Warum seid ihr zu zweien? Warum werft ihr einzeln? Einer Lanze weicht man doch leichter aus als zweien!“

„Uff!“ rief das Lange Haar“, und „Uff!“ rief auch der „starke Arm“.

Sie sahen einander verwundert an, denn ein so einfacher, so selbstverständlicher Gedanke war ihnen nicht gekommen. Es war nicht klug von mir, sie darauf aufmerksam zu machen, aber ich fürchtete mich nicht, denn ich hatte, ebenso wie Winnetou, auch darin Übung, zwei Lanzen, die zu gleicher Zeit geworfen werden, zu entgehen. Die eine pariert man, und der andern weicht man durch einen Schritt zur Seite aus. Freilich dürfen sie nicht von Kennern geworfen werden, sonst ist man unbedingt verloren. Zielen beide nach demselben Punkte, dem Kopfe, oder der Brust, und wirft dabei der eine auch nur einen Moment später als der andere, so wird die erste wahrscheinlich pariert, die zweite trifft das Ziel aber gewiß.

Das wußten die beiden Yumas glücklicherweise nicht. Sie handelten zwar nach meiner Anweisung, sagten aber einander nicht, wohin zu zielen sei; ihre Lanzen nahmen nicht denselben Flug – ein Schlag mit den meinigen, ein schneller Seitentritt, ich wurde nicht getroffen. Der Ärger darüber verleitete sie, das Manöver sofort zu wiederholen, und zwar mit demselben Erfolge oder vielmehr Mißerfolge. Sie hatten nun keine Lanzen mehr, während ich die meinigen alle noch besaß.

Jetzt ging Winnetou von mir fort und näherte sich ihnen, um sie durch sein Gewehr zum Bleiben zu nötigen, falls sie die Absicht zeigen Sollten, sich meinen Würfen durch die Flucht zu entziehen. Ich aber nahm eine Lanze in die Rechte, die andern vier in die Linke und sagte:

„Jetzt werden die Krieger der Yumas erfahren, ob Old Shatterhand den Gebrauch dieser Waffe kennt. Ihr seid unehrlich gegen mich gewesen; es soll euch aber nichts nützen.

Selbst meinem Bruder Winnetou ist die Unehrlichkeit entgangen, obgleich jeder, der ein Auge oder ein Ohr besitzt, sie sogleich erkennen mußte.“

„Eine Unehrlichkeit?“ fragte der Apatsche. „Welche? Ich weiß von keiner!“

„Sind nicht zehn Speere gegen mich gewesen, zehn gegen einen, und ich habe nur fünf gegen zwei?“

„Uff! Das ist richtig!“ rief er verwundert aus.

„Rechne nach! Sie hatten zehn gegen mich; ich habe nur zwei und einen halben gegen den Mann, also waren sie viermal besser gegen mich gestellt, als ich gegen sie. Ist das gerecht?“

„Nein; aber niemand hat daran gedacht!“

„Ich dachte daran, sagte aber nichts, da ich die Ungleichheit ausgleichen werde. Jetzt der erste Wurf!“

Winnetou sah mich an und nickte bedeutungsvoll zur Seite. Damit fragte er, ob der erste Wurf, sowie wir zu thun pflegten, ein Versuch sein solle. Ich nickte wieder. Links hinter den Gegnern stand ein Baum, ich weiß nicht mehr, welcher Art, der hatte unter seinem ersten Aste einen Schwamm; den wollte ich treffen. Ich setzte den linken Fuß vor, wog und wägte den Speer in der Rechten, indem ich dieselbe auf- und niedergehen ließ, hob sie hoch empor, nahm den Schwamm scharf ins Auge, gab dem Speer durch eine Daumenbewegung die nötige Selbstdrehung und schleuderte ihn – er kam mitten in den Schwamm zu stecken. Die Yumas lachten hell auf, denn die Lanze war wenigstens vier Schritte weit an ihnen vorübergeflogen. Winnetou blickte nach dem Baume, nickte befriedigt über seinen Schüler und rief den Lachern zu:

„Worüber lachen die Yumas? Haben sie nicht soviel Verstand, einzusehen, daß dies nur ein Probewurf war? Old Shatterhand hat noch vier Speere; zwei davon werden dem langen Haare und dem starken Arme in die linke Hüfte fahren. Er könnte sehr leicht ihr Herz treffen, ihre Brust durchbohren, will sie aber nicht töten, weil er ein Christ ist und sein Manitou es ihm verbietet!“

Er hatte mir das Ziel gegeben und ich wußte, daß ich es treffen würde – mittels des Doppelwurfes. Der erste Speer muß nämlich die Aufmerksamkeit dessen, den man treffen will, auf sich lenken; der zweite folgt augenblicklich nach und geht, wenn man Übung hat, niemals fehl. Ich ließ zwei Speere fallen, nahm den dritten in die linke, den vierten in die rechte Hand und rief:

„Also in die linke Hüfte hat Winnetou gesagt. Zuerst den starken Arm. Er mag aufpassen!“

Das Auge des Genannten hing an meiner Rechten. Ich zielte nach seiner rechten Seite, wodurch er mir beim Ausweichen die linke bieten mußte, und warf; dieser Speer war noch nicht an dem Roten vorüber, so folgte schon der zweite, den ich aus der rechten in die linke gegeben hatte; es muß dies sehr schnell geschehen. Die Spitze fuhr bis an den Schaft in die linke Hüfte des Getroffenen, welcher einen Schrei ausstieß und niedersank.

„Nun kommt das lange Haar daran!“ kündigte ich rasch an, um dem Genannten keine Zeit zur Besinnung zu lassen. Das Experiment wiederholte sich. Langes Haar wurde von der Gewalt des Wurfes neben den starken Arm hingestreckt. Ich drehte mich um und ging. Hinter mir hörte ich Winnetou rufen:

„So wirft Old Shatterhand die Lanze; jetzt wißt ihr es. Nun mag der schwarze Biber mit dem Mimbrenjoknaben kämpfen!“

Mehrere Yumas eilten herbei, um ihren verwundeten Kameraden die Speere aus dem Fleische zu ziehen und sie fortzutragen; die andern heulten nach löblicher Indianersitte; ich aber hatte meine Aufgabe gelöst und legte mich wieder in das Gras. Im Osten begann bereits der Tag zu dämmern.

Für meinen kleinen Mimbrenjo schienen sich keine guten Aussichten zu eröffnen, denn der Mann, der jetzt an das Wasser trat, war ein starker, breitschulteriger Kerl, der es mit zwei oder drei andern aufnehmen konnte.

„Heult nicht, klagt nicht!“ schrie er, so laut er konnte. „Der schwarze Biber wird die Speerwunden rächen. Der Yumatöter hat, als er uns mit Old Shatterhand überfiel, meinen Bruder erschossen; dafür werde ich ihm den seinigen erstechen und ertränken. Der Mimbrenjowurm mag kommen, er wird sich in meinen Fäusten und unter meinem Messer winden, bis ich meine Rache vollendet habe!“

Er warf die große, breite Decke ab, die seinen nackten Körper umhüllte, und zeigte Formen, welche nicht nur eine ungeheure Körperkraft verrieten, sondern in ihm auch einen ausgezeichneten Schwimmer vermuten ließen. Winnetou stand noch bei dem „großen Munde“; sie sprachen mit einander. Dann ließ sich der Apatsche laut hören:

„Der Mirnbrenjo geht vorn bei uns, der schwarze Biber aber hinten bei den Yurnas in das Wasser. Sobald sie sich in demselben befinden, können sie thun, was sie wollen; aber nur einer, der Sieger, darf lebend heraus; der andere muß tot sein und seinen Skalp hergeben. Hier habe ich mein Gewehr, und auch Old Shatterhand mag seine Zauberbüchse mit den vielen Schüssen nehmen, um dafür zu sorgen, daß dem Sieger von der Partei des Besiegten nichts geschieht. Wer die Hand gegen ihn erhebt, wird erschossen. Winnetou hat gesprochen!“

Der Mimbrenjo trat nackt an das Ufer; er hatte sein Messer auch in der Hand. Um seine Hüfte wand sich ein dünner Faden, in welchem hinten zwei hohle Pflanzenstengel steckten, die also nur wir, nicht aber die Yumas sehen konnten. Seine Haut glänzte von Öl. Ich sah unter dem Dunkel eines Baumes hervor zwei Augen auf ihn gerichtet, zwei dunkle, jetzt ängstlich blickende Augen – die Augen seines Vaters, dem beim Anblicke des schwarzen Bibers jetzt doch bange geworden war.

Da gab Winnetou durch ein Klatschen seiner Hände das Zeichen, und die beiden Schwimmer gingen in das Wasser, doch in sehr verschiedener Weise. Der Biber stürzte sich in dasselbe, daß es hoch über ihn zusammenschlug, und kam dann, als ob er seinen Feind gleich im ersten Augenblicke packen wolle, mit mächtigen Schlägen der Arme und Beine gerade herübergeschwommen. Der Mimbrenjo aber stieg langsam und bedächtig hinab und ging ebenso langsam immer tiefer hinein, bis es ihm bis an den Hals reichte. Dann sah ich der Bewegung des Wassers an, daß er die Stengel hinten aus der Schnur nahm und letztere zerriß. Hierauf hob er die Beine und schwamm, nur diese bewegend und mit einer Hand steuernd, auf den Biber zu, welcher mit drohender Schnelligkeit sich ihm näherte. Das machte den Eindruck einer Ruhe, einer Überlegsamkeit, welche mir wohlthat.

Jetzt waren sie höchstens noch zehn oder zwölf Schläge auseinander, da tauchte der Mimbrenjo nieder; sogleich verschwand auch der Yuma. Jedermann stand am Ufer, einer an den andern gedrängt, um in atemloser Spannung das Ergebnis der nächsten Augenblicke zu erwarten. Eine volle Minute verging, dann kam der Mimbrenjo nach oben und sah sich um. Gleich darauf erschien auch, abgewendet von ihm, der Biber; sie waren ganz nahe beisammen, sahen sich aber nicht. Da rief einer der drüben am Ufer stehenden Yumas, indem er im Eifer beide Arme ausstreckte und sich dadurch kenntlich machte:

„Umdrehen, umdrehen, Biber! Er ist hinter dir!“

Kaum waren die Worte gesprochen, so krachte Winnetous Silberbüchse, und die nie fehlende Kugel warf den Verräter nieder. Dabei erscholl die drohende Stimme des Apatschen:

„So ergeht es jedem, der einem der Kämpfer hilft!“

Die Yumas heulten ob dieser kühnen That des Apatschen grimmig auf, wendeten aber ihre Aufmerksamkeit schnell von ihm ab und nach dem Wasser, wo die Folgen des Zurufes zu sehen waren. Der Biber hatte denselben befolgt, sich umgesehen und den Knaben bemerkt. Er hatte das Messer zwischen den Zähnen, schoß auf den Mimbrenjo zu und packte ihn mit beiden Händen. Der letztere bäumte sich sofort empor, warf, um zum Stoße nach unten Kraft zu bekommen, die Beine hoch empor und verschwand aus und unter den Händen seines Gegners, welcher ihn des schlüpfrig machenden Öles wegen nicht hatte festhalten können. Dieser tauchte nicht nach und mußte das schnell büßen. Wir hörten, daß er einen Schrei ausstieß und sich mit mehreren hastigen Schlägen entfernte. Dann warf er sich auf den Rücken, hielt sich mit den Beinen und einer Hand oben und untersuchte mit der andern seinen Unterleib, aus welchem er blutete. Er hatte von dem Mimbrenjo einen Stich bekommen und, wie sich bald herausstellte, vor Schreck darüber sein Messer aus dem Munde fallen lassen.

Noch tastete er an der Wunde herum, so stieß er abermals einen Schrei aus, denn er erhielt von unten in den Rücken einen zweiten Stich, schwamm nun weit fort und tauchte unter. Nun war er nur noch von Zeit zu Zeit zu sehen; er suchte unter dem Wasser nach seinem Gegner und kam nur herauf, wenn ihm der Atem ausging. Der Mimbrenjo aber ließ sich gar nicht mehr sehen.

Es verging weit über eine halbe Stunde; der Morgen brach darüber an; noch immer blieb der Mimbrenjo verschwunden, und noch immer tauchte der Biber nach diesem auf und nieder. Er kam nun doch zu der Ansicht, daß sich der Gegner irgendwo versteckt haben müsse, und das konnte nur am Ufer sein. Er näherte sich demselben also und schwamm langsam an ihm hin, jede Stelle genau untersuchend, wenn auch nicht mit den Händen, so doch mit den Augen. Ich folgte, wie jeder andere, seinen Bewegungen mit größter Spannung, jeden Augenblick erwartend, daß der Mimbrenjo auf ihn losfahren werde.

Da schien eine Stelle seine Aufmerksamkeit, seinen Verdacht zu erregen; er hielt an, um sie genauer zu betrachten, ruderte sich auch langsam näher. Da verschwand plötzlich sein Kopf, dann seine Arme, sein Oberkörper im Wasser; die Beine schlugen krampfhaft um sich und folgten dem Körper nach. Wellen schäumten auf, und es bildete sich ein Strudel; es fand ein Kampf unter der Oberfläche statt. Welchen Erfolg hatte man zu erwarten?

Da kam der Mimbrenjo nach oben. Er ruderte mit den Beinen und einem Arme dem Ufer zu und zog mit dem andern Arme etwas hinter sich her. Dann deckten ihn die Büsche, deren Gezweig tief herniederhing. Ich wendete mich zurück und rief mit halblauter Stimme:

„Er hat den Biber getötet und bringt ihn nach dem Ufer, um ihm dort den Skalp zu nehmen, was im Wasser sehr schwer sein würde. Haltet die Waffen bereit! Ich fürchte, daß die Yumas ihren Grimm nicht zu zähmen vermögen und losbrechen werden.“

Da kam der Knabe wieder unter den Büschen hervor und zu uns herübergeschwommen, erreichte das Land und stieg heraus.

„Halt!“ schrie drüben der große Mund. „Nur der Sieger darf heraus, und der andere muß tot sein!“

Da schwang der Knabe das Messer, welches er in der rechten und den Skalp, den er in der linken Hand gehalten hatte und rief antwortend:

„Der große Mund mag sich den Biber ansehen, der dort im Busche liegt, ob er noch lebt. Hier ist die Haut seines Schädels, die ich ihm genommen habe!“

Der kleine Sieger wurde von den Seinigen begrüßt. Er hatte nicht die geringste Verletzung oder gar Wunde. Die Yumas aber wußten sich vor Wut nicht zu fassen. Sie brüllten wie die wilden Tiere und rannten vom Wasser, an welchem sie gestanden hatten, weg, um ihre Waffen zu holen. Ich rannte auch, nämlich am Ufer hin zu Winnetou, der noch bei dem „großen Munde“ stand und die scharfen Augen offen hielt.

„Deine Krieger laufen zu den Waffen,“ sagte ich. „Verbiete es ihnen!“

„Das fällt mir nicht ein!“ antwortete er finster, indem er mit der Hand in den Gürtel nach der Pistole griff.

„Wenn ein einziger Schuß oder Hieb von ihnen fällt, seid ihr verloren!“

„Wollen sehen! Wir zählen ebenso viele Krieger wie ihr.“

„Nein. Komm, und sieh.“

Ich nahm ihn beim Arme und riß ihn zwischen den Büschen und Bäumen hindurch hinaus ins Freie, wo jetzt, am hellen Morgen, der Ring der Mimbrenjokrieger, welcher den See umschlossen hielt, deutlich zu sehen war.

„Was ist das! Wer sind die Leute?“ fragte er erschrocken.

„Es ist der starke Büffel mit seinen Hunderten von Kriegern. Während wir euch am Wasser haben, halten sie euch von außen eingeschlossen. Siehst du nicht ein, daß der Kampf euch den Untergang bringen muß? Sei klug! Hörst du deine Leute heulen! In einer Minute ist’s vielleicht schon zu spät!“

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als ob er seine Gedanken mit Gewalt zusammenstreichen müsse, und fragte:

„Giebt es für uns Gnade oder den Marterpfahl?“

„Gnade.“

„Ach vertraue dir. Komm schnell!“

Wir rannten durch das Gebüsch dem Wasser wieder zu, und es war hohe Zeit, daß wir kamen, denn die Yumas standen am obern Teil des Sees zum Angriffe bereit, der nur deshalb unterblieben war, weil sie ihren Häuptling nicht gesehen hatten. Er eilte zu ihnen hin, um sie über die Lage der Dinge aufzuklären, und ich schickte den „starken Büffel“ hinaus, seinen Leuten zu sagen, daß die Entscheidung jetzt auf einem Augenblicke stehe. Sie hatten bisher am Boden gelegen oder gekauert, standen nun aber auf und boten so einen weit mehr einschüchternden Anblick als vorher.

Der „große Mund“ mußte seine ganze Redekunst aufwenden, um seine Leute vom Losbruche zurückzuhalten. Sie ergaben sich erst dann in ihr Schicksal, als sie selbst die lebendige Mauer von Kriegern sahen, von welcher sie umgeben waren. Der „starke Büffel“ kam, als er seine Leute aufgeklärt hatte, wieder herein zu mir, deutete auf die Yumas und fragte:

„Denkst du, daß sie sich wehren werden?“

„Nein. Ich habe mit ihrem Häuptling gesprochen.“

„So ergeben sie sich?“

„Ich denke es. “

„So sterben sie nun doch am Marterpfahle!“

„Das glaube ich nicht. Denn bietest du ihnen nichts als den Marterpfahl, so werden sie sich nicht ergeben, sondern wehren bis auf den letzten Mann.“

„Das mögen sie thun!“

„So kostet es viel, sehr viel Blut.“

„Sprich doch nicht immer vom Blut! Mögen sie erschossen werden!“

„Und viele deiner Krieger auch!“

„Schwerlich! Der Kampf wird nur einige Augenblicke währen. Bedenke, welche Macht wir gegen sie haben. Ich mit meinen Mimbrenjos, Winnetou und du mit deinen Bleichgesichtern, und die listige Schlange mit dreihundert Kriegern, die zu dir halten!“

„Ja, sie werden zu mir halten, aber gegen dich.“

„Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, daß ich dem großen Munde sowie allen seinen Leuten Gnade versprochen habe.“

„Gnade? Wie durftest du das! Befanden sie sich in meiner Hand oder in der deinigen?“

„Zunächst in der meinigen. Willst du sie etwa wieder zum Marterpfahle führen und unterwegs entfliehen lassen? Öffne deine Augen, um zu sehen, wie es steht! Ich helfe nicht, sie niederzumetzeln, und Winnetou auch nicht; da kennst du uns. Der Häuptling listige Schlange wird, wenn er deine Absicht erkennt, augenblicklich dem großen Munde helfen. Denke ja nicht, daß er eines Zerwürfnisses wegen seinen bisherigen Feinden, den Mimbrenjos, hilft, seine Brüder, die Yumas abzuschlachten! Ein Friedensschluß aber bringt allen Segen, euch und ihnen, und du machst gute Beute dabei.“

„Beute? Hast du ihnen denn nicht auch versprochen, daß keine Beute gemacht werden solle? Das sollte mich sehr wundern!“

„Nur Gnade, also das Leben, habe ich ihnen versprochen, weiter nichts. Gegen das Beutemachen habe ich nichts einzuwenden, ja ich rate dir sogar dazu. Nimm ihnen ihre Waffen und Pferde, so sind sie geschwächt für lange Zeit. Was der große Mund in der letzten Zeit gesündigt hat, darf nicht ohne Strafe bleiben.“

„So sprich mit der listigen Schlange, was sie dazu sagt!“

Das that ich denn auch und fand den Boden dazu sehr gut vorbereitet. Ich hatte schon längst bemerkt, daß der junge und ehrliebende Häuptling eifersüchtig auf den alten war. Dazu kam die Kränkung, welche er während der vergangenen Nacht von ihm erfahren hatte, und die Trennung der Krieger des einen Stammes von denen des andern. Wenn die Mimbrenjos Beute nahmen, so wurde der „große Mund“ in seinem Vermögen und Ansehen schwer geschädigt; das sah „listige Schlange“ sehr wohl ein. Diejenigen, welche sich von dem Alten getrennt hatten, mußten dann ihm zufallen; sein Anhang wuchs, und es konnte leicht kommen, daß er bald an Stelle des „großen Mundes“ zum Kriegshäuptling ernannt wurde, was ihn, wie er wohl hoffte, auch in den Augen der Jüdin einige Stufen höher hob. Darum antwortete er, als ich ihn fragte, was er wohl meine, was mit dem „großen Munde“ und seinen Leuten geschehen werde:

„Thut, was ihr wollt, nur tötet sie nicht. Auch ihrer Gefangennahme würde ich mich widersetzen, denn sie sind meine Brüder.“

„Du weißt, was der große Mund begangen hat, und giebst wohl zu, daß er Strafe verdient hat?“

„Das geht mich nichts an, denn ich habe ihm bei dem, was du bestrafen willst, beistehen müssen. Nehmt ihm alles ab, und laßt ihn dann mit seinen Leuten laufen!“

Diesen Bescheid brachte ich dem „starken Büffel“, welcher mir die fatale Bitte vorlegte, zu dem Alten zu gehen und die Kapitulation abzuschließen. Es war mir aber interessant, ihn zu beobachten, wenn er jetzt sein Schicksal aus meiner Hand nehmen mußte, der ich von ihm auch schon für den Marterpfahl bestimmt gewesen war.

Als ich zu ihm kam, befand er sich inmitten seiner Krieger, welche mich mit nicht sehr freundlichen Blicken betrachteten. Sie hatten ihre Waffen noch; darum war es beinahe ein Wagnis, daß ich den „großen Mund“ nicht hatte zu mir kommen lassen, sondern zu ihm gegangen war.

„Du willst mir sagen, was beschlossen worden ist?“ fragte er.

„Zunächst will ich dir sagen, daß ich für euch gesprochen habe, obgleich du es nicht um mich verdient hast. Du stehst allein, denn listige Schlange hat sich von dir gewendet, weil du ihn einen Feigling nanntest. Der starke Büffel bestand darauf, euch an den Marterpfahl zu führen; ich redete es ihm aus. Dann wollte er euch wenigstens als Gefangene mit sich führen, um euch den Weibern der Mimbrenjos zu zeigen; auch darauf hat er verzichtet. Weiter aber darfst du nichts verlangen.“

„Die Freiheit aber bekommen wir?“

„Ja. Ihr könnt gehen, wann ihr wollt und wohin ihr wollt.“

„So werden wir augenblicklich fortreiten!“

„Reiten? Eure Pferde gehören den Siegern.“

„Sie wollen also Beute haben?“

„Natürlich! Oder meinst du, daß dir alles geschenkt werden muß, was du auf dem Gewissen hast? Die Yumas sind gute Menschen und wackere Krieger; das habe ich an der Listigen Schlange erfahren; aber wenn sie von ihrem obersten Häuptlinge auf falsche Wege geführt werden, so dürfen sie sich nicht wundern, daß mit seinem Zelte auch die ihrigen eingerissen werden. Raub, Mord, Brandstiftung, Verwüstung von Ländereien, gewaltsame Vergrabung vieler Menschen tief unter die Erde, das sind Dinge, die du dir gewiß nicht ungestraft gefallen lassen würdest. Da aber du sie begangen hast, sollen sie wohl belohnt werden? Du hörst, daß ich nicht im Hasse, im Zorne mit dir rede, sondern mit Freundlichkeit. Du bist alt; es thut mir wehe, zu sehen, daß deine letzten Tage keine schönen sein werden. Führe deine tapfern Krieger auf besseren Wegen, wie sie die listige Schlange geht; dann kannst du, wenn Manitou dich ruft, fröhlich nach den ewigen Jagdgründen gehen, und dann können deine Männer mit mehr Stolz und mit größerer Freude als jetzt auf ihr Leben und ihre Thaten blicken. Old Shatterhand meint es gut mit dir und ebenso gut mit ihnen. Der erste Schritt, den ihr vorwärts thut, wird euch freilich schwer werden, denn er besteht darin, daß ihr euch jetzt in das Unvermeidliche fügt. Der starke Büffel hat euch die Freiheit und das Leben geschenkt; soll er auch noch auf die Beute verzichten? Das könnt ihr nicht verlangen!“

„Er hat sie schon groß genug gemacht!“ murrte er.

„Wo denn und wie?“

„Du nahmst uns die Herden des Haziendero ab. Es gelang uns, zu entkommen, und wir holten sie uns wieder. Da wir hier herauf mußten, haben wir sie mit einigen Leuten zurückgelassen. Jetzt sehen wir, daß die Mimbrenjos uns gefolgt sind, und da ist es sicher, daß sie die Herden wieder haben. “

„Ich habe mit dem starken Büffel noch nicht darüber gesprochen; aber wenn es so ist, dann darfst du doch nicht von Beute sprechen, denn die Tiere gehören nicht den Mimbrenjos, sondern dem Haziendero und werden demselben zurückgegeben werden. Frage dich selbst, und gieb eine ehrliche Antwort, was du an Stelle des starken Büffels thun würdest. Du würdest nicht von der Beute lassen. Ja, du würdest keine Gnade geben, sondern die Gefangenen nach deinen Weideplätzen schleppen. Du verlangst also von ihm noch viel, viel mehr, als du selbst thun würdest, wenn du dich an seiner Stelle befändest. Seid also klug, denn wenn ihr euch weigert, nimmt er wohl gar das Wort zurück, welches er mir gegeben hat, und führt euch als Gefangene fort! Und noch eins: Ihr befindet euch auf streitigem Lande. Wie nun, wenn er jetzt von euch verlangt, daß es von jetzt an nur den Mimbrenjos gehören soll? Ihr müßtet euch fügen, denn ihr seid in seiner Gewalt. Laßt es also nicht noch zu solchen Forderungen kommen, sondern bringt lieber das kleine Opfer, um größern Schaden zu vermeiden.“

Eine so freundlich eindringliche Redeweise waren die rohen Menschen nicht gewöhnt; darum machte dieselbe einen desto tiefern Eindruck auf sie. Es war ein kleiner diplomatischer Zug von mir gewesen, den Zorn der Krieger auf ihren Häuptling zu lenken als auf denjenigen, der sie verführt hatte; das war eine gerechte Strafe für ihn und konnte meinem Freunde „listige Schlange“, der sich so treu erwiesen hatte, von Vorteil sein. Kurz und gut, ich brachte es dahin, daß sie sich wenigstens ohne äußern Widerstand darein fügten, ihr Eigentum in die Hände der Mimbrenjos übergehen zu lassen, und freute mich darüber, dem „starken Büffel“ dieses Resultat melden zu können. Sie gaben ihre Waffen ab und mußten dann zusehen, wie ihre Pferde zusammengetrieben wurden. Eine Milderung, welche der „starke Büffel“ auf meine Befürwortung hin noch eintreten ließ, lag darin, daß sie alles behalten konnten, was sie in den Taschen bei sich trugen. Dann hielten sie es für geraten, abzuziehen, wobei sich gleich zeigte, daß meine lobende Erwähnung der „listigen Schlange“ auf einen guten Boden gefallen war, denn viele von den Kriegern des Alten gingen nicht mit ihm, sondern traten zu der Schlange über und baten, von jetzt an zu seinem Stamme gezählt zu werden. Er sagte ihnen das zu, und ich brachte es soweit, daß sie ihre Waffen und Pferde wieder erhielten, worüber sie sich selbstverständlich außerordentlich freuten.

Der „große Mund“ war darüber sehr erbost; er sah seinen Einfluß schon jetzt schwinden und konnte sich sagen, daß derselbe in Zukunft wohl noch mehr abnehmen werde. Darum ging er nicht, wie ich erwartet hatte, ohne Abschied von dannen, sondern kam vor dem Abmarsche noch zu uns, um uns eine Rede zu halten, welche besonders an meine Adresse gerichtet war. Er brachte dabei seine Ältesten mit, um ihnen zu zeigen, daß er, wenn auch nicht mehr die materielle, so doch noch die innere Kraft besitze, sich als unsern Feind zu betrachten.

Als er mit seinen sechs oder sieben hervorragendsten Kriegern kam, saßen wir gerade bei der Beratung über die weitere Richtung unsers Zuges; es waren also die angesehensten Personen, die sich bei uns befanden, beisammen. Ich sah ihn kommen, dachte mir sogleich, was er wolle, und gab den Befehl, die beiden Söhne des „starken Büffels“ herbeizuholen und den Platz, sobald der Alte mit seinen Begleitern bei uns stehe, durch Mimbrenjos einzuschließen. Als er bei uns anlangte, lud ich ihn ein, sich zu uns zu setzen; er lehnte das aber durch eine abwehrende Bewegung seiner Hand ab, nahm die Haltung eines Redners an und sprach, während die Mimbrenjos den anbefohlenen Kreis um uns zu bilden begannen, in sehr erhobenem Tone:

„Das Glück des Krieges ist ein Weib, welches heute lacht, morgen weint und übermorgen wieder lacht. Das Weib ist dem großen Munde stets hold gewesen, so lange er es mit Feinden zu thun hatte, welche Söhne unsers Landes waren, die ich also kannte und von denen ich wußte, welche Waffen sie führten, wie sie sich verteidigen würden und wie ich also meine Angriffspläne zu entwerfen und auszuführen hatte. Ich wurde als großer Krieger bekannt; mein Ruhm wuchs von Tag zu Tag; meine roten und weißen Feinde fürchteten mich, und meine Freunde fühlten sich sicher und geborgen unter meinem Schutze. Da aber kamen fremde Männer, die nicht in dies Land gehören. Sie hatten kein Recht, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen; aber sie thaten es doch, Old Shatterhand und Winnetou. Man hätte die Eindringlinge sofort töten oder wenigstens über die Grenze treiben sollen. Sie führten Waffen bei sich, mit denen die unserigen nicht zu vergleichen sind. Wer kann gegen die Silberbüchse des Apatschen und den Bärentöter Old Shatterhands aufkommen! Und der letztere besitzt dazu gar noch ein Zaubergewehr, mit welchem er immerfort schießen kann, ohne laden zu müssen. Was sind dagegen unsere Pfeile und Lanzen, unsere Messer und die wenigen Flinten, welche die Yumas besitzen! Auch führen die Leute den Krieg in einer Weise, welche wir nicht kennen. Sie sind voller Heimtücke und List und treten immer gerade da auf, wo man sie am wenigsten erwartet. Sie stehen noch dazu mit bösen Geistern im Bunde, welche sich gegen die roten Männer feindselig verhalten, weil dieselben ehrliche und gute Menschen sind. Darum sind alle meine Pläne, seit diese beiden Menschen in das Land kamen, zunichte geworden; ich habe mich besiegen lassen müssen und muß jetzt die Füße nehmen, um ohne Pferde und Waffen heimzukehren. Aber Winnetou und Old Shatterhand werden nicht hier bleiben, und dann wird das Glück sich mir wieder zuwenden. Diejenigen, welche jetzt Sieger sind, werden dann die Besiegten sein und unter unsern Fäusten heulen wie die Hunde, welche sehen, daß sie geschlachtet werden sollen. Denn ich sage es, ich, der große Mund, der oberste Häuptling der Yumakrieger: Ich werde das, was jetzt geschehen ist, nicht vergessen und diejenigen, welche heute über mich triumphieren, unter meine Füße treten und vernichten. Und dann wird es keine Gnade und Barmherzigkeit geben, und diejenigen, welche mir heute abtrünnig geworden sind, werden die ersten sein, welche unter unsern Messern sterben. Old Shatterhand und Winnetou aber mögen sich hüten, jemals in meine Nähe zu kommen, denn ich würde sie ergreifen und bei lebendigem Leibe schinden lassen, so daß ihr Jammer und Wehklagen durch alle Thäler und über alle Berge tönen müßte. Die ältesten meines Stammes werden mir das bezeugen, denn sie sind mit mir einverstanden. Ich habe gesprochen, Howgh!“

„Howgh!“ riefen auch die Ältesten, um zu zeigen, daß sie wirklich seiner Ansicht seien.

Sie drehten sich um, um sich zu entfernen, sahen aber, daß sie eingeschlossen waren. Darum fragte der Alte in zornigem Tone:

„Warum hat man uns mit bewaffneten Kriegern umzingelt? Will man etwa Verrat gegen uns üben und den Vertrag nicht halten, den man mit uns abgeschlossen hat?“

„Wir sind keine Verräter,“ antwortete Winnetou. „Die Krieger, welche euch umgeben, sollen nur eine Aufforderung an euch sein, noch ein wenig zu verweilen, um das zu hören, was wir auf deine Worte zu erwidern haben. Mein Bruder Old Shatterhand mag sprechen, denn der Häuptling der Apatschen ist ein Freund der Thaten, aber nicht der Worte!“

Ich folgte der Aufforderung, indem ich aufstand und, zu dem Alten gewendet, sprach:

„Der große Mund hat uns eine Rede zu hören gegeben, welche voller Unvorsichtigkeit und Irrtum ist. Unvorsichtig ist er gewesen, indem er mißachtet hat, daß wir mit großer Schonung gegen ihn und seine Leute verfahren sind. Wir haben ihnen das Leben und die Freiheit geschenkt; aber er sagt uns in das Gesicht, daß er uns schinden werde. Ich habe vorhin sehr gute Worte zu ihm gesprochen und ihn ermahnt, bessere und freundlichere Wege einzuschlagen, und höre jetzt, daß die Mahnung keine Frucht tragen werde, denn er, der Besiegte, droht den Siegern damit, daß er nichts vergessen werde und sie unter seine Füße treten und vernichten wolle. Sieht er denn nicht, daß er sich noch in unserer Hand befindet, er und seine Ältesten, welche seiner Drohung beigetreten sind? Was hindert uns, unser Wort zurückzunehmen, da auch er sich wortbrüchig zeigt und den versprochenen Frieden nicht halten will? Er hat ein großes Lob über sich losgelassen, aber welches Lob sollen wir und sollen auch seine Leute ihm dafür zollen, daß er sein und ihr Leben durch seine unvorsichtigen Drohungen wieder in die größte Gefahr bringt?“

„Ihr müßt Wort halten!“ rief er mir dazwischen.

„Nein, wir müssen nicht! Old Shatterhand und Winnetou müssen überhaupt niemals müssen; das merke dir! Wir hätten das vollste Recht, dich infolge deiner Drohung sofort niederzuschießen, dich, deine Ältesten und alle deine Leute. Wir thun dies aber nicht, weil wir deiner lachen. Deine Drohungen sind wie das Quaken eines Wasserfrosches, welcher nur im Sumpfe leben kann und, wenn die Sonne diesen austrocknet, sterben muß. Du bist alt und schwach geworden, und die Wut über deine Ohnmacht läßt dich Worte reden, welche ein Mann nur deshalb nicht bestraft, weil sie kindisch sind und keine Thaten hervorbringen können. Wir werden euch also trotz eurer Drohungen laufen lassen, weil die Lächerlichkeit derselben uns nicht zu erzürnen vermag, wohl aber unser Mitleid erregt. – Und voller Irrtümer ist deine Rede gewesen, sagte ich. Du hast behauptet, Winnetou und ich gehörten nicht in dies Land. Weißt du denn nicht, daß er der berühmteste Häuptling der Apatschen ist, welche von Arizona oben bis hinauf zur großen Mapimi und dann hinunter bis über den Rio Pecos wohnen? Gehören die Mimbrenjos, welche du als deine Sieger hier siehst, nicht auch zu den Stämmen der Apatschen? Ist Winnetou nicht der vornehmste aller Apatschen, und du sagst, er sei ein Fremder im Lande! Ich sage dir, daß er ein größeres Recht besitzt als du, sich hier zu befinden. Und ebenso groß ist auch sein Recht, sich den Mimbrenjos vom großen Stamme der Apatschen, welche du befeindest, gegen dich anzuschließen. Wie kannst du verlangen, daß er über die Grenze getrieben werden soll! Wahr ist es, daß ihr gegen unsere Gewehre nicht aufkommen könnet; aber es sind das nur drei Stück. Wenn sich ein ganzer Stamm der Yumas vor drei Flinten fürchtet, so giebst du deinen Kriegern ein Zeugnis, dessen sie sich schämen müssen. Wie oft haben wir überhaupt die Gewehre gegen euch gebraucht? Haben wir euch mit ihnen besiegt? Nein, sondern mit ganz anderen Waffen. Auch das ist Lüge, daß wir mit bösen Geistern im Bunde stehen, und daß ihr ehrliche und gute Menschen seid. Das Gegenteil ist richtig. Ihr thut nichts als Böses; wir aber verteidigen das Gute, und darum stehen wir unter dem Schutze des großen, guten Manitou. Und letzteres ist die Ursache unseres Sieges, denn das Gute siegt stets, und das Böse muß untergehen. Daß wir stets das Gute gethan haben und nicht wie du zum Bösen hielten, hältst du für Hinterlist. Ja, wie haben euch überlistet, vielfach überlistet, aber das ist ein Beweis dafür, daß der Gute klug und der Böse dumm und unklug handelt. Wir zeigen uns auch jetzt wieder gut, indem wir euch trotz eurer Drohung laufen lassen, aber so ganz und gar straflos soll dieselbe denn doch nicht bleiben, denn eine Antwort muß auf deine Prahlereien folgen, sonst glaubst du am Ende gar, daß wir durch dieselben eingeschüchtert worden sind. Mein junger, roter Bruder mag zu mir kommen.“

Die Aufforderung war an den jüngeren Sohn des starken Büffels gerichtet. Er folgte derselben; ich nahm ihn bei der Hand und fuhr fort-:

„Der große Mund hat es uns zum Vorwurfe gemacht, daß wir einem Sohne des Häuptlings der Mimbrenjos den Namen Yumatöter gegeben haben; er hat dafür sogar den Tod von dessen Bruder verlangt und diesen mit dem schwarzen Biber kämpfen lassen. Der Jüngling, den ich hier an meiner Hand halte, hat mir große Dienste erwiesen; er ist treu, klug und auch kühn gewesen, und ich habe ihm viel von meinem Erfolge zu verdanken. Darum soll ihm jetzt der verdiente Lohn werden. Er soll einen Namen erhalten, der an seine Thaten erinnert, und damit in die Reihen der erwachsenen Krieger treten. Er hat den schwarzen Biber getötet und ihm den Skalp genommen; darum, und auch als Antwort darauf, daß der große Mund, uns den Namen Yumatöter so übelgenommen hat, erteile ich hiermit diesem meinem jungen, roten Bruder und Freunde den Namen Yuma-Tsill und bitte Winnetou und alle Krieger der Mimbrenjos, demselben ihre Beistimmung zu geben!“

Laute freudige Zurufe ertönten ringsum. Winnetou erhob sich, nahm die andere Hand des Knaben in die seinige und erklärte:

„Old Shatterhand hat mir aus dem Herzen gesprochen. Der junge, tapfere Krieger soll Yuma-Tsil heißen; er ist mein Bruder, und seine Freunde oder Feinde werden auch meine Freunde oder Feinde sein. Ich habe gesprochen.“

„So sind also die Wünsche der beiden Söhne unseres Freundes, des starken Büffels, erfüllt,“ fuhr ich fort. „Sie wünschten, Namen zu haben, und sind deshalb mit Winnetou und mir gegangen; sie haben gute, vortreffliche Namen bekommen, welche in Zukunft bekannt und berühmt sein werden bei allen Freunden und Feinden. Der alte große Mund aber mag jetzt mit seinen Ältesten fortgehen. Ob wir ihn und seine Leute fürchten, haben wir ihm dadurch gesagt, daß wir die beiden Söhne des Mimbrenjohäuptlings Yumatöter und Yumaskalp genannt haben. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Ich winkte; der Kreis öffnete sich, und die Yumas entfernten sich, jedenfalls wütend darüber, daß sie auf ihre Verabschiedung eine solche Antwort erhalten hatten.

Es versteht sich von selbst, daß dann die Namengebung durch ein allgemeines Rauchen des Kalumets und die sonstigen Gebräuche gefeiert und bekräftigt wurde. Die Knaben, welche nun zu den erwachsenen Kriegern zählten, waren unendlich glücklich und auch ganz besonders stolz darauf, daß sie ihre Namen Winnetou und mir zu verdanken hatten.

Ihr Vater fühlte sich ebenso stolz und glücklich wie sie, floß von Dankesworten über und bat um Verzeihung dafür, daß er zuweilen nicht nur grob, sondern sogar mißtrauisch gegen mich gewesen war. Um mir einen Beweis seiner Dankbarkeit zu geben, bat er mich, daß ich mich nicht mehr von der „listigen Schlange“ und deren Yumakriegern begleiten lassen möge, denn er selbst wolle mir für meine weißen Kameraden genug gute Reit- und Packpferde zur Verfügung stellen und uns mit einer Kriegerschar bis über die Grenze und dann noch soweit führen, wie ich nur immer wünschen möge.

Ich ging natürlich sehr gern auf diesen Vorschlag ein und traf noch heute die Vorbereitungen zum Aufbruche, welcher am nächsten Morgen erfolgte.

Von der listigen Schlange gab es einen herzlichen Abschied; seine Braut, die Jüdin, bekam ich dabei nicht zu sehen; sie blieb vor mir verborgen.

Nach einem langen und beschwerlichen Ritte erreichten wir die Grenze von Texas, und ich verteilte das Geld. Auch der Player bekam die Summe, welche ich ihm versprochen hatte. Damit war die traurige Vergangenheit für sie alle verschwunden, und sie konnten einer zwar einfachen, aber doch bessern und früchtereichen Zukunft entgegenblicken. – – –

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DRITTES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

Ein Millionär

Ehe ich weiter erzähle, muß ich auf ein früheres Ereignis zurückgreifen. Ich kehrte vor längerer Zeit von einer Reise nach Südamerika zurück, landete nach glücklicher Seefahrt in Bremerhaven und stieg in dem weitbekannten „Löhrs Hotel“ ab, um dort meine mitgebrachten Effekten für den Bahntransport umzupacken.

Beim Diner saß ein junger, vielleicht sechsundzwanzigjähriger Herr mir gegenüber, welcher sich mit keinem Worte an dem allgemeinen Gespräch beteiligte und dafür mir eine zwar stille, aber desto anhaltendere Aufmerksamkeit zu widmen schien. Er sah mich wiederholt prüfend an und senkte in den Zwischenpausen den Blick auf seinen Teller. Er dachte nach, schien aber mit mir oder über mich nicht ins reine zu kommen. Mir war es ganz so, als ob ich ihn schon einmal gesehen hätte, doch konnte das nur sehr vorübergehend gewesen sein, da ich mich seiner nicht deutlich zu erinnern vermochte. Endlich, beim Dessert, sah ich sein Auge hell werden; er nahm eine zufriedene Miene an und schien nun zu wissen, wohin in seiner Erinnerung ich gehörte. Dadurch wurde aber die Aufmerksamkeit, welche er mir schenkte, keineswegs vermindert. Sein Blick blieb an mir und an jeder Bewegung, welche ich machte, hängen.

Nach der Tafel setzte ich mich allein an einen kleinen Fenstertisch, um dort den Kaffee zu mir zu nehmen. Er spazierte im Speisesaale auf und ab. Ich merkte ihm an, daß er gern mit mir sprechen wollte und mit sich zu Rate ging, wie er das anzufangen habe. Endlich drehte er sich entschlossen um, kam auf mich zu und sagte unter einer Verbeugung, welche weniger gewandt als gut gemeint war:

„Verzeihung, mein Herr! Haben wir uns nicht schon einmal gesehen?“

„Wohl möglich,“ antwortete ich, indem ich aufstand, um seine Verbeugung zu erwidern. „Vielleicht erinnern Sie sich besser als ich des Ortes, an welchem das geschehen ist.“

„Drüben in den Vereinigten Staaten. Ich glaube, es ist auf dem Wege von Hamilton nach Belmont in Nevada gewesen. Sind diese Städte Ihnen bekannt?“

„Allerdings. Wann soll das gewesen sein?“

„Vor ungefähr vier Jahren. Wir waren eine Gesellschaft von Goldgräbern, befanden uns auf der Flucht vor einer Horde von Navajos und hatten uns dabei so gründlich verirrt, daß wir uns in dem Gebirge nicht mehr zurechtfinden konnten und sehr wahrscheinlich zu Grunde gegangen wären, wenn wir nicht ganz zufälliger- und für uns so glücklicherweise Winnetou getroffen hätten.“

„Ah, Winnetou!“

„So kennen Sie diesen berühmten Häuptling der Apatschen?“

„Ein wenig.“

„Ein wenig nur? Wenn Sie der Herr sind, für den ich Sie halte, müssen Sie ihn viel besser als nur ein wenig kennen. Er war damals nach dem Mariposa-See unterwegs, wo er mit einem Freunde oder vielmehr mit seinem besten Freunde zusammentreffen wollte, und erlaubte uns, mit ihm zu gehen, da wir jetzt entschlossen waren, uns über die Sierra Nevada nach Kalifornien zu wenden. Wir erreichten den See glücklich und trafen dort andere Weiße, denen wir uns nun anschließen konnten. Am letzten Tage vor unserm Weiterritte kam der Freund Winnetous. Beide wollten hinauf nach den Big Trees, um dort zu jagen, und verließen uns schon vor Anbruch des nächsten Morgens. So kam es, daß Sie nur einige kurze Stunden mit uns am Lagerfeuer saßen und sich mein Gesicht nicht genau gemerkt haben.“

„Ich?“ fragte ich, indem ich mich erstaunt stellte.

„Nun ja, Sie! Oder sind Sie nicht der Freund Winnetous gewesen? Sie trugen damals allerdings einen ganz andern Anzug als heute. Das ist auch der Grund, weshalb ich mich vorhin nicht so schnell erinnern konnte. Jetzt aber möchte ich behaupten, daß Sie der Bekannte des Apatschen sind.“

„Wie hieß denn der Mann, für den Sie mich halten?“

„Old Shatterhand. Habe ich mich geirrt, so verzeihen Sie die Störung!“

„Sie stören mich nicht; ich erlaube mir im Gegenteile die Frage, ob Sie nach Tisch Kaffee trinken?“

„Ich stand im Begriff, mir eine Tasse zu bestellen.“

„So bitte ich, ihn hier bei mir zu sich zu nehmen. Setzen Sie sich!“

Er folgte der Aufforderung, bekam den Kaffee, nahm einen Schluck und meinte dann:

„Es ist sehr freundlich von Ihnen, mich zu sich hier einzuladen; weniger freundlich aber ist es, mich in Ungewißheit zu lassen.“

„Na, dann will ich Ihr Gemüt beruhigen, indem ich Ihnen sage, daß Sie sich nicht geirrt haben.“

„Ah! So sind Sie also doch Old Shatterhand?“

„Ich bin’s. Aber schreien Sie doch nicht so! Es wird die Herren, welche sich hier befinden, weniger interessieren, wer ich bin und wie ich da drüben im Westen genannt werde.“

„Es war die Freude, welche mich so laut machte. Sie können sich doch denken, daß ich ganz entzückt darüber bin, hier hüben mit einem so – –“

„Still!“ unterbrach ich ihn. „Hier hüben in dem Meere von Civilisierten bin ich ein Tropfen, welcher verschwindet. Da lesen Sie meinen eigentlichen Namen!“

Wir wechselten unsere Karten. Auf der seinigen stand „Konrad Werner“. Als ich diesen Namen las, bemerkte ich, daß er mich dabei anblickte, als ob er erwarte, daß ich denselben kennen oder gar mich überrascht zeigen werde. Da aber diese Erwartung sich nicht erfüllte, fragte er:

„Haben Sie den Namen vielleicht schon einmal gehört?“

„Wahrscheinlich schon vielemale, denn der Werners giebt’s in Deutschland wohl nicht wenige.“

„Ich meine drüben, drüben!“

„Hm! Nicht daß ich wüßte. Es ist aber anzunehmen, daß ich ihn damals aus Ihrem Munde gehört habe.“

„Natürlich habe ich Ihnen gesagt, wie ich heiße, denn wir alle nannten unsere Namen. Aber ich meine es anders. Der Name Werner, Konrad Werner, wird jetzt drüben viel genannt. Wollen Sie nicht die Güte haben, einmal an Oil-Swamp zu denken!“

„Oil-Swamp? Hm! Es ist mir allerdings so, als ob ich den Namen, und zwar in besonderer Beziehung, gehört hätte. Ist’s ein Ort oder ein Sumpf?“

„Es war ein Sumpf, ist aber jetzt ein Ort, ein vielgenannter Ort. Ich weiß, daß Sie den Westen kennen wie nur wenige, und bin daher einigermaßen erstaunt, daß der Name Ihnen unbekannt ist.“

„Das hat seine guten Gründe. Seit wann spricht man denn von ihm?“

„Seit fast zwei Jahren.“

„Gerade solange bin ich in Südamerika gewesen, und zwar in Gegenden, wohin Frau Fama gar nicht oder nur sehr spät zu kommen pflegt. Halten Sie mich also wenigstens nicht ganz und gar für einen Tungusen oder Kalmücken!“

„O nein! Es freut mich desto mehr, Ihnen heute hier sagen zu können, was aus dem hilflosen Menschen, der ich damals war, geworden ist, denken Sie, ein Ölprinz!“

„Sie sind des Teufels! Ein Ölprinz? Dann muß ich Ihnen herzlich gratulieren!“

„Danke! Ja, ein Ölprinz bin ich jetzt. Daß ich ein solches Glück finden würde, dachte ich freilich nicht, als wir mit Ihnen und Winnetou beisammen waren. Eigentlich habe ich es dem Apatschen zu verdanken, denn er war es, der uns die Idee eingab, uns aus Nevada fortzumachen und nach Kalifornien zu gehen. Dieser gute Rat hat mich zum Millionär gemacht.“

„Wenn Sie das wirklich sind, so bitte ich Sie, nicht bös darüber zu sein!“

„Nein, nein!“ lachte er. „Wenn Sie wüßten, wer und was ich früher gewesen bin, so würden Sie auch wissen, wie überflüssig diese Ihre Bitte ist.“

„Nun, was waren Sie denn?“

„Ein Luftikus, ein Taugenichts!“

„Das sieht man Ihnen freilich nicht an!“

„Weil ich jetzt keiner mehr bin. Ich wurde im Armenhause geboren, war also ein Armenhäusler und befand mich auf dem richtigen Wege, ein Zuchthäusler zu werden.“

„Was Sie sagen! Wenn das so ist, so haben Sie jedenfalls mit diesen Erinnerungen gebrochen und es ist besser, darüber zu schweigen.“

„Es würde mir auch gar nicht einfallen, einem andern etwas darüber zu sagen, aber da Sie derjenige sind, der Sie eben sind, so will mir gern das Herz aufgehen. Sie sind ein Deutscher. Vielleicht ist Ihnen die Gegend bekannt, aus welcher ich stamme.“

Er nannte ein kleines erzgebirgisches Städtchen.

„Kenne ich ganz gut,“ antwortete ich. „Bin früher einigemal dagewesen. “

„So werden Sie auch die armen Verhältnisse kennen, welche dort herrschen, oder doch geherrscht haben. Jetzt ist’s vielleicht anders und besser geworden; damals aber that der Staat weniger, als er jetzt thut, und die Gemeinden waren auf sich selbst angewiesen. Denken Sie sich eine blutarme Bürgerschaft und dazu ein Armenhaus mit noch viel ärmeren Insassen! Diese waren wahrhaftig meist nur auf das angewiesen, was sie sich auf den umliegenden Dörfern erbettelten. Einige ungekochte Kartoffeln, einige Schnitte trockenes Brot, ein Stückchen harter Käse, das war es, was sie von den Bettelgängen heimbrachten. Klug waren die, welche sich davon ein Mahl bereiteten. Meine Mutter aber war leider nicht so klug.“

„Ihre Mutter? Die lebte auch im Armenhause?“

„Ja. Ich sagte Ihnen ja, daß ich in demselben geboren sei. Als ich nur ein paar Wochen zählte, trug sie mich auch schon auf den Dörfern herum; später schleppte sie mich neben sich her. Das erweckte Mitleid, denn ich ging, ebenso wie sie, in Lumpen und wurde von ihr fürs Betteln förmlich angelernt und einstudiert. Besonders streng sah sie darauf, daß ich, wenn wir ein Haus betraten oder auf der Straße jemand begegneten, vor Kälte oder Hunger wimmerte. Um dies zu können, brauchte ich mich freilich nicht zu verstellen, denn für einen tüchtigen und fortwährenden Hunger war stets gesorgt. Sie aß nämlich fast gar nicht und gab mir so wenig wie möglich. Was sie von mitleidigen Menschen bekam, wurde verkauft. Es gab Leute, welche gern bereit waren, für das eingebettelte Brot einige Pfennige zu geben. Von diesem Gelde kaufte sie sich Branntwein, der ihr über alles ging und auch über ihr Kind.“

„Das sind ja schreckliche Verhältnisse! Ich meine, wir schweigen lieber darüber. Nicht?“

„Nein! Wenn ich Ihnen solche Dinge von meiner Mutter erzähle, so dürfen Sie mich dennoch nicht für einen schlechten Menschen halten. Es geschieht nur, um den Gegensatz zwischen jetzt und damals deutlicher zu machen. Meine Mutter galt als rettungslos verloren, und ich wurde auf ihrem bergab führenden Wege fortgeschleppt, bis ich von Gemeinde wegen gezwungen wurde, bei einem Schuhmacher in die Lehre zu treten. Der Mann war nur ein Flickschuster, denn ein besserer Meister wollte mich nicht zu sich nehmen. Da bekam ich wenig zu essen und dazu der bessern Verdauung halber den Knieriem über den Rücken gezogen. Sie können sich denken, daß mir das nicht behagte; ich entfloh zu verschiedenenmalen, strich bettelnd umher, wurde aber immer wieder eingefangen und zurückgebracht. Das jedesmalige Willkommen können Sie sich auch denken! So vergingen zwei Jahre; ich lernte nichts und wurde immer nichtsnutziger. Eines schönen Weihnachtsabends bescherte der Meister seiner Familie. Er war ein armer Teufel und konnte nur wenig geben; aber jedes Kind bekam doch eine Kleinigkeit; das Allerwenigste wurde mir beschert, nämlich nichts. Als ich das nicht gelten lassen wollte, ging die Bescherung freilich los, und zwar mit dem Knieriem. Der Mann schlug mich so, wie er mich noch nie geschlagen hatte, und dann mußte ich mich mit blutrünstigem Rücken hinauf auf den kalten Dachboden legen, wo meine Schlafstatt war – ein Bündchen Stroh, welches nur noch Häckerling genannt werden konnte; eine Decke gab es auch nicht!“

„Und jetzt Ölprinz? Das ist freilich ein Unterschied!“

„Ein gewaltiger. Aber es liegen auch viele Leidensjahre dazwischen! Als ich da oben lag, der Hunger an mir nagte und die Kälte mich schüttelte, nahm ich mir vor, wieder auszureißen, und zwar soweit, daß man mich gar nicht wiederfinden könne. Ich schlich mich also leise hinab, zum Hause hinaus, um die Stadt herum und stampfte dann im tiefen Schnee und bei schrecklichem Gestöber dem Ziele, welches ich mir in den Kopf gesetzt hatte, entgegen.“

„Welches war das?“

„Natürlich Amerika!“

„Welche Tollheit!“

„Ja, es war toll; aber was verstand ich denn davon? Ich glaubte, man brauche, um nach Amerika zu kommen, nur so fort und fort zu laufen. Ich hatte gehört, daß man dort reich werden könne, und reich, steinreich wollte ich werden. Dann wollte ich heimkehren und den Meister blamieren, schrecklich blamieren. Ich wußte, daß er nur altes Schuhwerk zusammenflicken konnte, und wollte mir dann aber ein Paar funkelnagelneue Stiefel bei ihm bestellen; das sollte meine Rache sein. Die verdorbenen Stiefel wollte ich ihm mitsamt dem Gelde an den Kopf werfen und dann stolz nach Amerika zurückkehren.“

„Nun, das können Sie jetzt thun!“

„Ja, ich werde es thun; ich werde mich rächen, aber in anderer Weise. Wenn der arme Mann noch lebt, werde ich ihm unter die Arme greifen. Er soll für jeden Hieb, den ich von ihm erhalten habe – und Sie können sich darauf verlassen, daß es nicht wenige sind eine Mark oder meinetwegen einen ganzen Thaler erhalten.“

„Das laß ich mir gefallen, und ich wünsche herzlich, daß er noch lebt. Ihre Geschichte beginnt, mich zu interessieren; der Anfang aber wollte mich abstoßen.“

„Die nächste Fortsetzung wird nicht viel besser klingen. Eine alte Leinenjacke, leinene Hosen, eine noch ältere Mütze und ein paar Holzpantoffel, das war mein Anzug, in welchem ich mich bis in die Magdeburger Gegend gebettelt habe.“

„Lieber Himmel! Es ist doch fast unmöglich, daß Sie auf dem weiten Wege nicht ein einzigesmal von der Polizei gesehen und aufgegriffen worden sind!“

„O, ich war schlau; man sollte mich nicht erwischen. Wenn ich Gefahr witterte, ließ ich mich nicht sehen und hungerte lieber.“

„Fanden Sie denn immer Leute, die Ihnen zu essen gaben, ohne Sie festzuhalten?“

„Ja. Ich ging immer in die ärmlichsten Häuser; oft auch nahmen sich Handwerksburschen meiner an, die mich zwar auslachten, mich aber nicht verrieten und mir gute Lehren und ein Stück Brot gaben. Aber ich konnte dieses Leben, diese Wanderung doch nicht aushalten; es ging mir von Tag zu Tag schlimmer, bis ich hinter Magdeburg auf offener Straße liegen blieb; ich konnte vor Hunger und Entkräftung nicht weiter und kroch in eine Schneewehe, um da zu sterben; denn daß mich da der Tod des Erfrierens erwartete, das wußte ich. Ich schlief auch sofort ein. Ich erwachte, als unter mir schwere Räder im Schnee knarrten; über mir erblickte ich eine Wagenblahe, und ich lag in tiefem, warmem Stroh, mit zwei Pferdedecken überbreitet. Nach einiger Zeit schaute ein dickes, kälterotes Gesicht vorn herein, sah, daß ich die Augen offen hatte, und fragte:

„Du lebst wieder, Junge? Wo kommst du her?“

„Aus Sachsen.“

„Wo willst du hin?“

„Nach Amerika.“

„Famos! Was sagt denn dein Vater dazu?“

„Nichts. Ich habe keinen mehr.“

„Und deine Mutter?“

„Auch nichts. Die ist alle Tage betrunken.“

„Was bist du denn eigentlich?“

„Schusterlehrjunge.“

„Und wie ist dein Vorname?“

„Konrad.“

Gut! Merke dir, was ich dir jetzt sage! Dort neben dir hängt ein Kober mit Brot und Käse; davon kannst du essen, soviel du willst. Dann kriechst du tiefer ins Stroh und kommst nicht eher heraus, als bis ich dich heraushole!“

Nach diesen Worten verschwand das Gesicht wieder. Das mit dem Kober ließ ich mir nicht zweimal sagen. Er enthielt ein halbes Brot und einen großen, ganzen Käse; ich habe ihn leer gemacht. Dann kroch ich unter die Decken und tief ins Stroh hinein und schlief wieder ein. Als ich geweckt wurde, war es Nacht. Der Mann, welcher am Tage mit mir gesprochen hatte, steckte bei mir im Wagen, welcher vor einem Dorfe mitten auf der Straße hielt.

„Kerl, du hast aber einen Hunger gehabt!“ sagte er. „Und einen Schlaf dazu! Hast du denn nicht gemerkt, daß wir ein paarmal gehalten haben?“

„Nein.“

„Also nach Amerika willst du! Da hast du bei mir die beste Gelegenheit, denn ich fahre hinüber. Willst du mit?“

„Ja.“

„Aber du bist ohne Erlaubnis fort, bist den Deinen durchgebrannt. Wahrscheinlich hast du keinen Paß, keine Legitimation?“

„Ich habe nichts, als was ich auf dem Leibe trage.“

„Höre, das ist auch nicht viel! Aber du thust mir leid. Ich habe dich aus dem Schnee herausgepuddelt und bin bereit, für dich zu sorgen, wenn du mir zweierlei versprichst. Erstens mußt du mir gehorchen, und zweitens darfst du keinem Menschen erzählen, wer du bist, woher du kommst und wohin du willst.“

„Das werde ich gern thun.“

„Gut! So bleibst du bei mir, bis wir nach Amerika kommen. Du nennst mich Vetter. Dein Großvater war der Bruder von meinem Vater, und du bist aus Halberstadt. Ich habe dich zu mir genommen, weil deine andern Verwandten alle gestorben sind, und du bist nun schon ein Vierteljahr bei mir. Willst du immer nur so und nichts andres sagen?“

„Ja,“ sagte ich in meiner Bedrängnis.

„So wirst du es gut bei mir haben. Also abgemacht! Wir sind, während du schliefst, durch eine Stadt gekommen; da habe ich bei einem Trödler Stiefel und einen Anzug für dich gekauft. Zieh ihn an!“

Er zog die Wagenblahe ein Stück auf, sodaß ich sehen und den Anzug mit meinen Fetzen vertauschen konnte. Dann mußte ich mich mit ihm in die Schoßkehle setzen, und wir fuhren nach dem Dorfe, wo er am Gasthofe hielt, um da zu übernachten.“

„Der menschenfreundliche Retter war wohl ein Fuhrmann, der das Fuhrwesen als Gewerbe betrieb?“ unterbrach ich seine Erzählung.

„Ja. Es war ein sogenannter Harzer Landfuhrmann.“

„Ah, die kenne ich. Die Leute zogen mit ihren schweren Lastwagen früher von Land zu Land, nahmen überall Gelegenheitsfrachten auf und kehrten oft erst nach mehreren Jahren in ihre Heimat zurück. Ihre Pferde hatten sie mit sonderbaren Kummeten und Dachsfellen ausgeputzt. Sie waren ehrliche Leute, denen man ein ganzes Vermögen getrost anvertrauen konnte. Der Ihrige aber scheint nicht ehrlich gewesen zu sein, wenigstens mit Ihnen nicht, weil er behauptete, daß er auch nach Amerika wolle, was doch keinesfalls die Wahrheit war. Höchst wahrscheinlich hat er Sie nur ausnützen wollen.“

„Das ist richtig. Zunächst aber schenkte ich ihm mein volles Vertrauen und gewann ihn sogar lieb. Er rief mich Konrad, und ich nannte ihn Vetter. Ich fütterte und putzte die Pferde, schlief bei ihnen im Stalle und nahm ihm auch sonst nach Kräften die Arbeit ab. Dafür erhielt ich mein Essen und zuweilen ein altes, abgetragenes Kleidungsstück, weiter nichts. Als nach und nach Monate vergingen, ohne daß wir nach Amerika kamen, merkte ich freilich, daß er mich belogen hatte; aber das ungebundene Leben gefiel mir, und so blieb ich bei ihm, bis er einmal eine Gelegenheitsfuhre nach Otterndorf bekam. Der Ort liegt in der Nähe der See; die Lust nach Amerika erwachte plötzlich von neuem und mit aller Gewalt, und die Folge war, daß ich ihm davonlief nach Bremerhaven.“

„Ohne Geld?“

„Er dachte freilich, ich hätte keins, und das hatte ihn sicher gemacht. Aber ich hatte in der Zeit von anderthalb Jahren, die ich bei ihm war, manches Frachtstück ein- und wieder ausgeladen und zuweilen doch ein Trinkgeld bekommen. Diese kleinen Beträge verheimlichte ich ihm und hob sie heilig auf. So kam es, daß ich jetzt soviel hatte, daß ich, ohne betteln zu müssen, von Otterndorf nach Bremerhaven wandern konnte. Zu einem längern Aufenthalt dort hätte es freilich nicht gereicht. Darum fragte ich sofort nach einer Matrosenkneipe. Ich war während der Zeit klüger geworden und hatte verschiedenemale gehört, daß man in solchen Kneipen Gelegenheit bekommen könne, umsonst nach Amerika zu fahren. In der Kneipe, nach welcher ich gewiesen wurde, saßen viele Matrosen. Einer von ihnen machte sich über mich her und fragte mich aus. Ich sagte ihm soviel, wie ich für nötig hielt, und er erklärte mir, daß er mir helfen wolle. Er ließ mir Essen bringen. Dazu tranken wir Nordhäuser, Rum, Arak, Cognak, Punsch, bis ich den Verstand verlor. Als ich ihn wieder bekam, lag ich in einem engen Loche, kaum größer wie ein Hundestall, und es war finster um mich her. Über mir knarrte es; unter mir rauschte Wasser; dazwischen hörte ich eine befehlende Stimme erschallen. Ich tastete um mich, konnte aber keinen Ausgang finden und mußte also liegen bleiben. Es war mir herzlich schlecht zu Mute; mein Kopf brummte wie eine Baßgeige, und meine Glieder waren wie zerschlagen. Nach langer Zeit hörte ich Schritte; ein Riegel wurde zurückgeschoben; dann sah ich vor mir einen Menschen in Matrosentracht, welcher ein Licht in der Hand hatte. Es war der Matrose, mit welchem ich gestern beisammen gewesen war. Er ließ ein rohes Lachen hören und sagte:

„Heraus mit dir, Landratte! Der Kapitän will dich sehen. Aber rede manierlich mit ihm, und widersprich ihm nicht; er ist kein Guter.“

„Ich kroch mühsam aus dem Loche; es war, wie ich später erfuhr, das Arrestlokal für widerspenstige Matrosen. Ich folgte dem guten Freunde zwei sehr schmale und sehr steile Treppen hinauf und sah mich dann auf dem Verdecke eines Schiffes, welches unter vollen Segeln ging. Ringsum war nichts als Wasser zu sehen. Ich wurde nach hinten geführt, wo der Kapitän auf mich wartete. Er hatte sehr weite Hosen an, ein goldbetreßtes Käppi auf dem Kopfe und einen gewaltigen Schnurr- und Knebelbart. Er nahm mich bei den Armen, drehte mich einigemale um und um, befühlte meine Muskeln und Knochen, grinste mich dann an, wie eine Katze die Maus, die sie verschlingen will, und fragte:

„Woher bist du?“

„Ich sagte ihm bei dieser und weiteren Fragen ohne Zaudern die Wahrheit, denn bei dem Gesichte, welches der Mann machte, getraute sich kein falsches Wort über meine Lippen.“

„Scheinst ein sauberes Früchtchen zu sein; werden dich aber kurieren. Habe die Absicht, dich als Schiffsjunge mitzunehmen. Dort steht der Maat, dem du zu gehorchen hast. Bei jedem Widerspruch setzt es Prügel. Marsch, fort mit dir!“

„Der Maat, an den er mich wies, war ein Kerl, der noch grimmiger aussah als sein Kapitän. Er nahm mich am Arme, zog mich nach vorn, gab mir einen Topf mit Teer in die Hand und zeigte auf ein Tau, welches außen am Schiff niedergelassen werden sollte. Man mutete mir, der die See noch nie gesehen hatte, zu, da draußen zu hängen und die Außenplanken mit Teer zu bestreichen. Ich weigerte mich, wurde auf ein Brett geschnallt und so lange geprügelt, bis ich nicht mehr schreien konnte. Es ging mir so traurig wie noch nie im Leben, und das ist doch viel gesagt. Wir segelten nach Westindien. Die Fracht wurde aus- und neue eingeladen; ich aber durfte nicht ans Land, durfte auch mit keinem, der von dorther an Bord kam, verkehren. Von da ging es nach Boston, dann nach Marseille, von dort aus zunächst nach Southampton und dann wieder hinüber nach Amerika, diesmal nach New-York.“

„Liebster Herr, warum ließen Sie sich das alles gefallen?“

„Weil ich nicht totgeschlagen sein wollte.“

„Pah! Sie haben die Sache nicht verstanden. Auf See allerdings waren Sie dem Kapitän widerstandslos überliefert; in jedem Hafen aber mußten Sie Gelegenheit finden, freizukommen.“

„Auch wenn ich an Bord festgehalten wurde?“

„Auch dann. Es kommen verschiedene Beamte an Deck. Sie brauchten sich nur an einen derselben zu wenden, um Hilfe zu erhalten.“

„Das wagte ich nicht, weil ich ein Ausreißer war. Aber in New-York kam ich doch frei. Der Kapitän hatte sich den Haß zweier Matrosen zugezogen, welche klüger waren als ich; die gingen des Nachts heimlich mit der Jolle durch und nahmen mich mit. Die Flucht gelang, und ich betrat als freier Mann Amerika. Zunächst lief ich soweit wie möglich fort, damit mein Kapitän oder einer seiner Häscher mich ja nicht zu sehen bekomme. Am Morgen war Feiertag, an welchem nicht gearbeitet wurde. Ich fand einen Neubau, in welchen ich mich schlich, um ungestört einen langen Schlaf zu thun, denn diesen brauchte ich noch nötiger als Essen und Trinken. Als ich aufwachte und völlig munter wurde, war es schon wieder Abend. Ich hatte Hunger, blieb aber dennoch liegen, einmal, weil ich dem Kapitän auch jetzt noch nicht traute, und zum andernmal, weil mir der Gedanke gekommen war, ob ich auf dem Neubaue nicht vielleicht Arbeit finden könnte.“

„Das war brav gedacht. Nur Arbeit konnte Sie retten.“

„Ja, das sah ich gar wohl ein. Die Schule, welche ich durchgemacht hatte, war fürchterlich gewesen und hatte mich mürbe gemacht. Ich wartete also bis zum nächsten Morgen. Da kamen die Maurer und Zimmerleute. Ich sprach mehrere an; sie verstanden aber nicht deutsch, bis ich endlich doch den richtigen traf, einen Preußen aus der Gegend von Königsberg. Er hatte sich auch Amerika voller goldener Berge geträumt und war hier nun unter die – Ziegelträger gegangen. Durch seine Fürbitte brachte er es soweit, daß ich dieselbe Arbeit bekam. Sie war nicht leicht, aber es ging. Ich lebte außerordentlich sparsam und hatte mir gegen den Winter hin über hundert Dollars zurückgelegt, mit denen ich nach Philadelphia ging, um mein ursprüngliches Handwerk zu treiben.“

„Sie sagten aber doch, daß Sie nichts gelernt hätten!“

„Nach unsern Begriffen allerdings. Aber ich hatte inzwischen erfahren, was Arbeitsteilung ist. Ich trat in Philadelphia in eine Fabrik, in welcher jeder Arbeiter stets nur eine und dieselbe Arbeit zu machen hat. Dazu braucht man kein gelernter Schuhmacher zu sein. Ich habe ein ganzes Jahr lang immerfort nur Spitzen angesteppt. Dann besaß ich dreihundert Dollars, mit denen ich nach Chicago ging, um in eine gleiche Fabrik einzutreten. Dort blieb ich freilich nicht lange. Ich wollte etwas lernen, was aber bei dieser Arbeitsteilung nicht möglich war. Ich traf einen Irländer, welcher auch ein kleines Sümmchen besaß. Er kannte das Land besser als ich und machte mir den Vorschlag, als Pedlar, mit ihm nach dem Westen zu gehen; bei diesem Geschäft sei viel Geld zu verdienen. Ich stimmte bei. Wir gingen über den Missisippi, legten unser Geld zusammen, kauften Waren ein und zogen damit den Missouri hinauf. Nach zwei Monaten hatten wir ausverkauft und unser Geld verdoppelt. Wir unternahmen noch vier solche Reisen, bis mein Compagnon plötzlich mit seinem und meinem Gelde verschwunden war.“

„Aha! Nun konnten Sie wieder Stiefelspitzen ansteppen!“

Ich griff zu andern Dingen, zum nächsten, was sich mir bot, arbeitete fleißig, brachte es aber zu keinen Ersparnissen mehr. Aus Verzweiflung darüber ging ich unter die Goldsucher.“

„Um nichts zu finden!“

„So ist es. Wir trieben uns hungernd in den Gebirgen umher; es war kein einziger Westmann unter uns. Darum ging es uns bitter schlecht. Schließlich wurden wir gar von Navajos überfallen. Wir entkamen ihnen zwar, doch hätten sie uns gewiß wieder eingeholt, wenn wir nicht auf Winnetou getroffen wären, der uns sicher nach dem Mariposasee geleitete, wo wir auch Sie zu sehen bekamen.“

„Hätten Sie mir damals Ihre Erlebnisse so erzählt wie heute, so wäre ich mit einem guten Rat und wohl auch mit der That zur Hand gewesen.“

„Es hat nicht sein sollen. Mein immerwährendes Unglück hatte mich verschüchtert. Wie konnte ich, der nichts, gar nichts war, einen Old Shatterhand belästigen! Und diese Schüchternheit war gut, denn es fragt sich sehr, ob ich durch einen Rat von Ihnen zum Millionär geworden wäre.“

„Dieser Meinung bin ich freilich auch. Ich bin sogar der festen Überzeugung, daß ich es selbst niemals soweit bringen werde. Doch weiter! Was thaten Sie in Kalifornien?“

„Das Handwerk hatte mich zu nichts geführt und der Handel zu noch weniger; so versuchte ich es denn nun einmal mit dem Ackerbau. Ich wurde Knecht auf einer Estancia. Der Besitzer gewann mich bald lieb; ich hatte Lust zur Sache und bekam schnell höhern Lohn. Einmal verleitete mich der Teufel zum Spielen. Ich riskierte einen halben Jahreslohn und gewann, war aber besonnen genug, um aufzuhören. In zwei Jahren hatte ich fünfhundert Dollars zusammen. Um diese Zeit schickte mich der Herr nach Jone-City, um Einkäufe für ihn zu machen, und ich nahm mein Geld mit, um es an diesem Platze sicher anzulegen. Da traf ich auf einen Yankee, der mir ein Stück Land droben am obern Federnflusse anbot. Er schwor hundert Eide, daß es das vortrefflichste Land in ganz Kalifornien sei. Der Hafer stach mich. Ich war jetzt Knecht und konnte selbst Besitzer werden. Die Kameraden des Yankee redeten mir auch zu, und ich kaufte das Land.“

„Wie teuer?“

„Vierhundert Dollars, bar bezahlt.“

„War der Yankee wirklicher Besitzer, oder konnte sein Recht bestritten werden? Sie wissen, welcher Schwindel mit solchen Käufen getrieben wird. Ich weiß, daß Ländereien ver- und gekauft worden sind, die gar nicht existierten.“

„Das war bei mir nicht der Fall. Ehe ich den Kauf abschloß, ließ ich alles von der Behörde prüfen. Das Land existierte wirklich; es gehörte dem Yankee, und er konnte es verkaufen.“

„Warum aber verkaufte er es? Wenn er es so lobte, hätte er es doch besser selbst behalten sollen!“

„Dafür hatte er einen Grund. Er liebte das abenteuernde Leben und konnte es auf der festen Scholle nicht aushalten.“

„Hm! Einen Haken hat es doch wohl gehabt!“

„Allerdings. Denn kaum war der Handel abgeschlossen und ich hatte das Geld bezahlt, so wurde ich von ihm und seinen Gesellen ausgelacht. Sie sagten mir aufrichtig, daß ich einen Sumpf, einen völlig unbrauchbaren Sumpf gekauft habe.“

„Einen Sumpf, also einen Swamp? Ah, jetzt kommen wir also auf Ihren Oil-Swamp!“

„Allerdings. Als ich nach meiner Heimkehr meinem Herrn von dem Handel mitteilte, war er zornig über mich. Er verlor mich ungern und riet mir, mich um den Sumpf gar nicht zu bekümmern, sondern bei ihm zu bleiben, und die vierhundert Dollars als verloren zu betrachten. Er meinte, damit erspare ich die letzten hundert Dollars, welche ich auf die Reise verwenden müsse, und werde das verlorene Geld bei ihm bald wieder zusammengespart haben. Ich ließ mich aber nicht halten. Hatte ich Land gekauft, so wollte ich es wenigstens auch sehen; mochte das letzte Geld dabei zu Ende gehen. Ich brach also auf und bekam bald Reisegefährten. Ein Deutscher nämlich, Namens Ackermann, welcher in San Francisco wohlhabend geworden war, hatte da oben, ganz in der Nähe meiner sumpfigen Besitzung, Holzland angekauft und war hinaufgezogen, um eine Schneidemühle anzulegen. Das Werk war in seinen bescheidenen Anfängen schon im Gange und sollte später einen großartigen Umfang erhalten. Sein Sohn war aus geschäftlichen Rücksichten in San Francisco geblieben, hatte diese Geschäfte erledigt und reiste nun dem Vater nach. Wir trafen uns, weil wir denselben Weg zu nehmen hatten. Er war schon einmal, allerdings nur kurze Zeit, oben gewesen, ließ sich meine Karte und den Plan zeigen, schüttelte den Kopf und sagte:

„Ich sehe, daß Sie unser nächster Nachbar sind, und kann Ihnen keine Hoffnungen machen. Sie haben allerdings einen Sumpf gekauft. Es ist freilich für diesen Preis ein riesiges Stück Land, aber es taugt zu nichts, zu gar nichts geradezu.“

„Das war ein schlechter Trost. Als wir dann oben bei seinem Vater ankamen und dieser davon hörte, stimmte er seinem Sohne bei.“

„Sie besitzen,“ sagte er, „einen mächtigen Thalkessel, welcher nur aus Sumpf besteht und rundum von kahlen, unfruchtbaren Höhen umgeben ist. Höchstens sehen Sie hier oder da einmal einen einsamen Strauch stehen. Was ist da zu machen! Sie haben Ihr Geld zum Fenster hinausgeworfen.“

„Dann will ich mir den Swamp wenigstens einmal ansehen,“ meinte ich niedergeschlagen. „Das ist das einzige, was ich davon habe.“

„Allerdings das einzige. Ruhen Sie sich heute bei mir aus; morgen reiten Sie hin, und wenn es Ihnen recht ist, werde ich Sie begleiten.“

„Am andern Morgen brachen wir auf. Sein Sohn ritt auch mit. Es ging erst lange Zeit durch hohen Nadelwald, welcher ihm gehörte und seiner Schneidemühle ein fast unerschöpfliches Material zu liefern versprach. Dann ging es zwischen kahlen Höhen hin, welche sich plötzlich öffneten und eine weite Niederung umschlossen, welche ein allerdings trostloses Aussehen bot. Vor uns lag Sumpf und nichts als Sumpf. Am Rande desselben waren noch einige Büsche zu sehen. Dann kam Schilf, dann Moos, grünbraunes Sumpfmoos, zwischen welchem blöde Wasserlachen lagen. Jede andere Vegetation war erstorben, und auch das Tierleben hatte sich aus dieser traurigen Bodensenkung zurückgezogen.“

„Da haben Sie es!“ sagte der alte Ackermann. „Dieser Anblick ist so trostlos, daß ich, so oft ich hierher komme, gleich wieder umkehre.“

„Weiter drüben waren Sie also wohl noch nicht?“

„Nein.“

„Ich möchte aber doch gern hinüber, um zu sehen, ob es dort ebenso aussieht wie hier.“

„Natürlich ist’s nicht anders als hier. Das zeigt Ihnen doch der erste Blick.“

„Mag sein! Aber ich will mein Besitztum einmal rund umreiten. Habe ich es dann von allen Seiten gesehen, so ist der Genuß mit vierhundert Dollars bezahlt, und ich komme nicht wieder her.“

„Wie Sie wollen! Wir haben ja Zeit. Umreiten wir den Platz also einmal! Aber in acht müssen wir uns nehmen. Der Boden ist trügerisch, und man weiß nicht, wie tief man einsinkt.“

„Wir ritten einer hinter dem andern vorsichtig weiter. Die Luft kam uns entgegen und brachte einen ganz eigenartigen Geruch mit sich. Der Alte, welcher voran war, merkte das auch. Er hielt sein Pferd ein, sog die Luft durch die Nase und meinte:

„Was ist das nur für ein häßlicher, penetranter Gestank? Den habe ich noch nie bemerkt. Es riecht wie Sarg!“

„Wie Leiche!“ stimmte sein Sohn bei.

„Wie Kienöl!“ fügte ich hinzu.

„Dann ging es wieder weiter. Der Geruch wurde stärker. Wir kamen an eine Stelle des rechts von uns liegenden Sumpfes, an welcher die Decke desselben, das Moos, weit zurücktrat; es hatte auch ein ganz anderes Aussehen, gerade als ob es vergiftet sei. Das Wasser sah ölig fett aus; es war wie mit einer blau- und gelbblinkenden Haut überzogen. Da stieß der alte Ackermann einen lauten Ruf aus, sprang vom Pferde und schritt dem Wasser zu.“

„Um Gotteswillen, was wagst du, Vater!“ schrie sein Sohn voller Angst. „Bleib da, bleib da!“

„Ich muß nachsehen, nachsehen!“ antwortete der Alte in unbegreiflichem Eifer.

„Aber die Decke schwankt unter deinen Füßen!“

„Mag sie schwanken!“

Jetzt hatte er den Wasserrand erreicht; er stand bis an das Knie im Sumpfe und sank immer tiefer ein. Wir sahen, daß er mit beiden Händen Wasser schöpfte und es besah, dann auch beroch. Schon steckte er bis über das Knie im Schlamme; da arbeitete er sich mit einer energischen Anstrengung heraus und kam zu uns zurück. Er stieg nicht auf sein Pferd, sondern trat zu mir, und fragte:

„Sagten Sie nicht, daß Ihnen nur hundert Dollars geblieben seien?“

„Ja.“

„So will ich Ihnen diesen Sumpf abkaufen. Wieviel wollen Sie dafür?“

„Sonderbare Frage! Geben Sie mir die vierhundert Dollars, welche ich bezahlt habe?“

„Nein, ich gebe Ihnen mehr, viel mehr.“

„Wieviel?“

„Sehr viel. Sagen wir hunderttausend, sagen wir sogar eine halbe Million Dollars!“

Ich saß vor Erstaunen stumm in meinem Sattel, denn Spaß konnte es nicht sein. Ackermann war überhaupt kein Spaßvogel, und daß er auch jetzt keinen Scherz trieb, das zeigte sein Gesicht. Als ich nicht redete, fuhr er fort:

„Junger Mann, Sie sind ein Glückskind, ein wahrer Glückspilz! Das ist Wasser, auf welchem Petroleum schwimmt. Das Steinöl tritt hier zu Tage. Es muß unter der Erde in ungeheuren Massen vorhanden sein. Sie sind Millionär!“

„Mil – li – o – när!“ wiederholte ich, beinahe lallend. „Sie irren sich; Sie müssen sich irren!“

„Nein, gewiß nicht. Ich habe lange Jahre jenseits der neuen Staaten in der Ölregion gelebt und kenne das genau. Ich weiß, was Petroleum ist. Glauben Sie mir das!“

„Pe – tro – le – um! Mil – li – o – när!“ silbierte ich noch immer.

„Ja, Sie sind Millionär! Sie sind das, was man hier einen Ölprinz nennt. Das heißt, Sie sind es noch nicht, sondern Sie werden es sein. Es ist nicht genug, daß man den Boden besitzt, in welchem das Petroleum steckt; man muß es herausschaffen, um es zu Geld zu machen.“

„Herausschaffenl“

„Ja, mit Maschinen. Und die sind teuer.“

„So werde ich kein Millionär. Wo soll ich das Geld für die Maschinen hernehmen!“

„Liebster Nachbar, seien Sie doch nicht so kurzsichtig! Sie brauchen kein Geld, keinen Pfennig. Annoncieren Sie, und sofort werden sich hundert und noch mehr Geldmänner finden, welche Ihnen ihre Kasse zur Verfügung stellen.“

„Das ist wahr! Ja, das glaube ich.“

„Aber die Leute wollen ihren Nutzen haben. Sie müssen ihnen große, sehr große Vorteile abtreten. Ich kenne aber einen, der Sie nicht über das Ohr hauen wird, wie diese Menschen.“

„Wer ist das?“

„Ich bin es, ich, der alte Ackermann. Ich würde nur nachbarlich, nur freundschaftlich gegen Sie handeln. Wollen Sie es mit mir versuchen?“

„Warum nicht! Aber haben Sie soviel Geld dazu?“

„Ich werde es schon zusammenbringen; da brauchen Sie gar keine Sorge zu haben. Und wenn das Meinige nicht reicht, nehmen wir billigen Kredit zu Hilfe, während andere viel höhere Ansprüche an Sie machen würden. Überlegen Sie sich mein Angebot! Jetzt aber wollen wir weiterreiten, um ganz um den Sumpf zu kommen und zu sehen, was er verspricht.“

„Was wir zu sehen bekamen, befriedigte ihn dermaßen, daß er mir gleich auf der Stelle die vorteilhaftesten Vorschläge machte, auf welche ich kurz entschlossen einging. Ich will nicht ausführlich berichten, wie sich nun das Geschäft entwickelte; kurz gesagt, Ackermann war ehrlich und übervorteilte mich nicht, und bald ging die Kunde von unserm Oil-Swamp durch die Vereinigten Staaten und noch weit über dieselben hinaus. Das Großkapital stellte sich uns zur Verfügung; das Unternehmen wuchs zu riesiger Höhe, und jetzt nach Verlauf von noch nicht zwei Jahren werde ich Ölprinz genannt, zu den Millionären gezählt und bin herüber, um meine Mutter hinüberzuholen.“

„Lebt dieselbe noch?“

„Ich hoffe es; gewiß aber weiß ich es nicht. Das war der eine Grund, welcher mich nach Deutschland gezogen hat.“

„Haben Sie noch einen zweiten?“ fragte ich, da er nicht weiter sprach, sondern mich so anblickte, als ob er diese Frage erwarte.

„Ja. Ihnen werde ich ihn mitteilen, da Sie Amerika kennen und mich nicht auslachen werden. Ich will mir nämlich in Deutschland etwas suchen, etwas – etwas –“

„Nur heraus damit, mein Lieber! Sie brauchen sich nicht zu schämen. Wenn Sie sich genieren, das Wort auszusprechen, so will ich es Ihnen sagen: Sie wollen sich hier hüben eine Frau suchen?“

„Ja, so ist es!“

„Weil die Amerikanerinnen Ihnen nicht gefallen wollen?“

„Richtig! Was thue ich mit einer Frau mit kleinen Füßen und winzigen Händen, aber desto größern Ansprüchen? Ja, ich könnte diese Ansprüche leicht befriedigen, aber ich möchte mir auch einige erlauben, und das duldet eine Amerikanerin nicht. Ich habe nie, nie ein Familienglück gekannt; ich möchte es kennen lernen, möchte es selbst fühlen und empfinden, und hege die Ansicht, welche vielleicht nur ein Vorurteil ist, daß man es nur an der Seite einer deutschen Frau zu finden vermag.“

„Ihr Vorurteil ist auch das meinige. Aber bleiben wir bei unserem Thema. Wann sind Sie hier gelandet?“

„Gestern.“

„Wann reisen Sie ab?“

„Morgen.“

„Ich auch. Ich fahre über Leipzig; dies ist auch Ihre Tour. Wollen Sie sich mir anschließen?“

„Wenn Sie erlauben, herzlich gern.“

„Abgemacht! Wir fahren miteinander!“

„Ja, wir fuhren bis Leipzig zusammen. Dort trennten wir uns. Ich mußte nach Dresden, und sein Weg führte ihn über Zwickau ins Gebirge. Vor unserer Trennung aber versprach er mir, mich, sobald er könne, in Dresden aufzusuchen, um mir Nachricht von seiner Mutter zu bringen.

Er suchte mich eher auf, als ich gedacht hatte, schon nach zwei Tagen, und ich erfuhr da von ihm, daß sein Besuch in der Heimat vergeblich gewesen war; er hatte seine Mutter nicht mehr am Leben gefunden; sie war schon vor längerer Zeit am Säuferwahnsinn gestorben. Er erzählte mir das in einem so gleichgültigen Tone, als ob von einer ihm vollständig fremden Person gesprochen werde. Es war bei ihr zwar von keiner Mutterliebe die Rede gewesen, aber es hätte doch besser geklungen, wenn dabei etwas mehr Gemüt von ihm verraten worden wäre. Da die Mutter nicht mehr lebte, hatte er sich nach seinem frühern Lehrmeister gar nicht erst erkundigt und war von der einstigen Heimat fortgegangen, ohne irgend jemandem zu sagen, wer er sei. Diese Kälte ließ auf keine Tiefe des Gemütes schließen, und nun fiel es mir auf, daß er nicht gewußt hatte, ob seine Mutter überhaupt noch lebe. Er, der so schnell reich gewordene Mann, hatte ihr also weder eine Unterstützung geschickt noch ihr einmal geschrieben. So wenig mir das von ihm gefallen wollte, gab es doch Gründe, die ihn hinreichend entschuldigten.

Er wohnte im besten Hotel der Residenz und besuchte mich täglich, doch hatte ich keine Zeit, in der Weise, wie er wohl wünschte, mit ihm zu verkehren. Seine Person hatte als diejenige eines frühern Schusterjungen und jetzigen Ölprinzen ein gewisses Interesse für mich; das war aber auch alles. Ich nahm seine Besuche zwar aus Höflichkeit entgegen, fühlte aber keine Veranlassung, sie zu erwidern. Bald sollte ich mich eingehender mit ihm beschäftigen.

Ich hatte auf einem Ausfluge in das Erzgebirge in einem kleinen Dorfe einen Musikus Namens Vogel getroffen, welcher so vortrefflich Cello spielte, daß ich ein Gespräch mit ihm anknüpfte. Er war ein drolliger Mann, sprach den possierlichen Dialekt der dortigen Gegend und erzählte mir von einem Sohne und einer Tochter, die noch viel musikalischer seien als er selbst, der erstere „spiele Violini, grad wie Paganini“, und die letztere sei „auf jeden Fall eine sächsische Nachtigall“, eine so prächtige Stimme besitze sie. Dies machte mich so neugierig, daß ich ihn am nächsten Tage in seiner Wohnung aufsuchte. Ich fand die Familie in sehr ärmlichen Verhältnissen, doch hatte er wirklich nicht zu viel gesagt; die Kinder waren hochbegabt. Franz, der Sohn, geigte mir sofort alles nach, was ich ihm vorspielte, und Martha, die Tochter, hatte eine so vielversprechende Stimme, daß die Mittellosigkeit des Vaters aufrichtig zu bedauern war. Ich beschloß, mich der beiden anzunehmen, und trug, nach Dresden zurückgekehrt, den Fall einem mir befreundeten Musikdirektor vor, bei dem ich früher Generalbaßstudien getrieben hatte. Er ging zu meiner Genugthuung auf meine Gedanken ein; es gelang uns, einige wohlhabende Musikfreunde zu gewinnen, durch deren Freigebigkeit wir die Mittel zusammenbrachten, welche zur Ausbildung der beiden jungen Leute erforderlich waren. Wir holten sie nach Dresden; der Musikdirektor beteiligte sich selbst an ihrem Unterrichte, und auch ich ließ ihnen, so oft ich von meinen Reisen nach der Heimat zurückkehrte, merken, daß sich mein Interesse für sie nicht verringert habe. Sie machten unsern Empfehlungen alle Ehre; nicht lange, so trat Franz Vogel als erster Violinspieler in eine hervorragende Kapelle, und seine Schwester wurde der Liebling des feineren Konzertpublikums. Beide verdienten nun so viel, daß sie ihre armen Eltern und die alte Großmutter unterstützen konnten. Später gab Franz sein Engagement auf, um sich noch weiter auszubilden. Er wollte es zum Virtuosen bringen, wozu er die Begabung und auch den eisernen Fleiß besaß. Er rechnete dabei auf die Unterstützung der bisherigen Gönner und auf das Einkommen der Schwester, welche sich auch äußerlich zu einer Schönheit entwickelt hatte. Beide waren besonders mir, den sie ihren Entdecker nannten, sehr dankbar und gaben das, so oft ich nach Dresden kam, in wahrhaft rührender Weise zu erkennen.

Es konnte nicht fehlen, daß Martha Vogel von der jungen Herrenwelt angeschwärmt und angeschmachtet wurde; es wurden ihr Gelegenheiten geboten, glänzende Verbindungen einzugehen, doch wollte es keinem ihrer Bewunderer gelingen, dieses Ziel bei ihr zu erreichen; sie schien nur für ihre Eltern und ihren Bruder leben zu wollen.

Nebenbei bemerkt, hatte ich von ihrer Großmutter erfahren, daß ein Sohn derselben, also ein Onkel der Geschwister, nach Amerika gegangen und dort verschollen sei; er wurde, da man nie wieder etwas von ihm gehört hatte, für tot gehalten.

Als ich jetzt aus Südamerika zurückkehrte, war es mein erstes, die Geschwister aufzusuchen. Franz stand seinem Ziele nahe, und Martha war schöner noch als vorher; beide aber schienen mit Sorgen zu kämpfen. Ich erriet das nur; sie sagten nichts davon. Die beiden Gönner waren gestorben, und der Bruder hatte sich nur noch auf seine Schwester zu verlassen. Das hätte weniger zu bedeuten gehabt, wenn die Eltern die anspruchslosen Leute geblieben wären, die sie früher waren; aber besonders dem Vater war die Künstlerschaft seiner Kinder in den Kopf gestiegen. Er hatte das kleine Dorf verlassen, war in die Residenz gezogen und lebte da so anspruchsvoll, als ob das Einkommen seiner Tochter dasjenige einer Diva sei. Ich erfuhr das nicht von ihr, sondern von fremden Leuten, und nahm mir vor, ihn einmal recht ernstlich vorzunehmen, wurde aber durch einen ganz unerwarteten Umstand verhindert, dies zu thun.

Der „Ölprinz“ nämlich, welcher während einiger Tage nicht mehr bei mir gewesen war, suchte mich auf und teilte mir triumphierend mit, daß er gekommen sei, mich zu seiner Verlobung mit der Sängerin Martha Vogel einzuladen. Ich war weniger überrascht als vielmehr betroffen. Wie hatte das so schnell kommen können? Ich wußte zwar, daß er ihre Konzerte besuchte, war aber ohne Ahnung gewesen, welche Absichten er dabei verfolgt hatte. Liebte sie ihn? Ich konnte dies kaum glauben. Er war Millionär, ob aber eines solchen Mädchens wert, das bezweifelte ich. Ich besuchte die Sängerin sofort und fand sie in einer so heitern, freien Stimmung, daß ich die Absicht, meine Bedenken zu äußern, fallen ließ. Ich gönnte sie ihm nicht, weil ich ihn nicht für den Mann hielt, sie glücklich zu machen, hatte aber nicht das mindeste Recht, Einblicke in das Seelen- oder Herzensleben meines bisherigen Schützlings zu verlangen. Sie heiratete einen amerikanischen Ölprinzen, machte also, wie ihr Vater sagte, „eine ungemein großartige Partie“; dagegen ließ sich meinerseits nichts sagen, doch fand ich eine hinreichende Entschuldigung, daß ich bei der Verlobungsfeier nicht erscheinen könne.

Werner war als einstiger Durchbrenner eigentlich legitimationslos. Wie er so schnell in den Besitz der zur Trauung nötigen Papiere kommen konnte, das weiß ich nicht, doch fand die Hochzeit schon vier Wochen nach der Verlobung statt. Das sei ganz selbstverständlich, sagte man, da er bald nach Amerika zurück müsse. Ich wurde natürlich zur Vermählung geladen und ging auch, nicht seinet- sondern ihretwegen, da mein Nichterscheinen sie gekränkt hätte. Zwei Stunden nach der Trauung war Werner so – – betrunken, daß er verschwinden mußte. Er ließ sich erst nach einigen Stunden wieder sehen und setzte sich gleich wieder zum Champagner. Bald hatte er wieder einen Rausch, in welchem er sich in seiner wahren Gestalt zeigte. Er protzte mit seinen Millionen, prahlte mit den armseligen Verhältnissen seiner Jugendzeit, schüttete, um seinen Reichtum zu zeigen, Ströme von Sekt unter die Tafel, warf mit beleidigenden Ausdrücken um sich und beantwortete die dagegen gerichteten Bitten der Gäste so mit Hohn, daß sie sich, einer nach dem andern, mit ihren Damen entfernten. Auch ich wollte gehen, doch bat mich die junge Frau thränenden Auges so innig, doch zu bleiben, daß ich ihren Wunsch erfüllte. Wir waren bald allein, das neu vermählte Ehepaar, die Verwandten Marthas und ich. Werner trank und trank weiter. Die Sängerin sah mich flehend an. Ich verstand sie und nahm ihm mit einer scherzhaften Äußerung die Flasche weg. Er sprang auf, entriß sie mir wieder und schlug sie mir, ehe ich es hindern konnte, an den Kopf, wobei sein Mund von Schimpfworten überfloß. Nun ging ich doch fort, ohne ein Wort zu sagen. Am andern Tage erwartete ich, daß er kommen werde, mich um Verzeihung zu bitten; er kam nicht, schickte mir aber einen Brief des Inhaltes, er müsse mir vor seiner heutigen Abreise sagen, daß er sehr bedaure, mich kennen gelernt zu haben; er habe wohl gemerkt, daß ich gegen seine Verheiratung sei, und seiner Frau streng verboten, von mir Abschied zu nehmen.

Einige Tage später kam Franz Vogel zu mir. Er war nicht zu bewegen gewesen, mit nach Amerika zu gehen, hatte die Seinen bis nach Bremerhaven begleitet und brachte mir einige Zeilen seiner Schwester, in denen sie sich für alles bedankte, nicht zum mindesten auch dafür, daß ich am Hochzeitsabend so außerordentlich nachsichtig gegen ihren Mann gewesen sei.

Franz blieb in Dresden. Er wurde von seinem Schwager unterstützt, trotz der Millionen desselben aber, wie es schien, nicht in ausreichender Weise, und brachte mir zuweilen Grüße von drüben. Seinen gelegentlichen Äußerungen entnahm ich, daß seine Schwester sich nicht sehr glücklich fühle, was keineswegs geeignet war, meine Ansicht über Werner günstig zu verändern. Er war ein Lump, und ich machte mir Vorwürfe, daß ich keinen ernstlichen Versuch gemacht hatte, die Verbindung der braven Sängerin mit diesem Manne zu verhindern.

Geraume Zeit später ging ich wieder nach den Vereinigten Staaten, wurde von Frisko aus als Berichterstatter nach Mexiko geschickt, machte die in den vorigen Kapiteln erzählten Erlebnisse durch und kam nach denselben glücklich in Texas an, wo ich von dem Gelde, welches ich erbeutet hatte, den deutschen Emigranten und dem Player Ländereien kaufte. Ich blieb längere Zeit bei ihnen und ritt dann mit Winnetou durch den Llano estacado nach Neu-Mexiko und Arizona, um zu jagen und verschiedene Indianerstämme zu besuchen. Dann ging’s durch Nevada nach Kalifornien und San Franzisko, wo Winnetou den Goldstaub und die Nuggets, welche wir während dieses Rittes aus seiner verborgenen „Sparbüchse“ geholt hatten, in Geld umwandeln wollte.

Unser Aufenthalt dort war nur auf einige Tage berechnet. Wir waren schon oft in Frisko gewesen, kannten es fast ebenso gut wie ein dortiger Einwohner, und sagten uns, daß wir unsere Zeit weit besser anwenden könnten, als uns in einer bekannten Stadt herumzutreiben. Wir wollten hinauf in die Sierra, nach Nevada, Utah und Colorado, um uns dort zu trennen, denn von dem letzteren Staate aus wollte ich durch Kansas und Missouri nach dem Osten, um per Dampfer heimzukehren.

Unsere Geschäfte in Franzisko waren schnell erledigt; dann schlenderten wir durch die Stadt. Ich trug noch meine mexikanische Kleidung und er seinen Indianeranzug; dies zog aber den Blick keines einzigen Menschen auf uns, denn solche Erscheinungen, wie wir waren, gehörten dort zu den gewöhnlichen.

Am Nachmittage besuchten wir die berühmten Woodwards Gardens, welche sich leicht mit unsern botanischen und zoologischen Gärten vergleichen lassen. Eben wollten wir da ins Aquarium treten, als uns drei Personen entgegenkamen, die ich zufälligerweise gar nicht beachtete, welche aber, wie ich doch bemerkte, bei unserem Anblicke stehen blieben. Ich sah sie gar nicht an. Sie waren wohl Fremde, die sich für die charaktervolle Erscheinung Winnetous interessierten. Aber als wir vorüber waren, hörte ich die mehr als heimatlichen Worte:

„Sapperlot! Is das nich der Dres’ner Doktor, der meine Kinder nach Dres’en mitgenommen hat?“

Natürlich drehte ich mich um; da standen die drei, zwei Damen und ein Herr. Die eine der Damen war verschleiert; ich konnte ihre Züge nicht erkennen. Die andere Dame steckte in einem sehr noblen Kleide, welches ihr aber nicht recht stehen wollte; es sah aus, als gehöre sie nicht hinein. Ihr Gesicht kam mir bekannt vor; aber der Anzug und die fremde Gegend machten, daß ich mich nicht sofort auf sie besinnen konnte. Der Herr trug sich genau wie ein echter Yankee, sah aber dabei so lächerlich aus, daß ich, als ich ihm ins Gesicht sah, schmunzelnd ausrief:

„Was Teufel! Sind Sie es denn wirklich? Sie sind ja der reine Amerikaner geworden!“

Ja, es war der Celloist Vogel, der Vater von Franz und Martha aus dem Erzgebirge. Auf meine Worte richtete er sich um einen Zoll höher auf, warf sich in die Brust und antwortete:

„Nich nur Amerikaner, sondern ooch Millionärsch sind wir geworden; denken Sie sich nur, die reenen faktischen Millionärsch. Aber warum fragen Sie nich nach meiner Frau und Tochter hier? Kennen Sie sie etwa nich mehr?“

Also die ältere Dame in dem unpassenden Kleide war Frau Vogel und die andere – – Martha, die Schwester meines Schützlings. Sie schob den Schleier empor und reichte mir die Hand.

„Ja, ’s is meine Tochter, die Frau Ölprinzessin, die Millionärin!“ nickte ihr Vater wichtig. „Wissen Sie, drüben im Erzgebirge wohnen ooch noch Leute, aus denen so was Ordentliches werden kann! Aber ’s Zeug muß man dazu haben, ’s richtige, ordentliche Zeug!“

„Vater!“ bat da die Tochter. „Du weißt ja, daß wir alles eben nur diesem Herrn zu verdanken haben!“

„Na, eegentlich ja; wie man’s nimmt. Er hat uns mit der Nase droffgestoßen; aber daß wir nachher mit der Nase droffgeblieben sind, das war die Folge von unserer eegenen und angebotenen Pfiffigkeet. Doch darum keene Feindschaft nich. Zu was treiben denn Sie sich hier in Amerika herum?“

„Aus alter Gewohnheit. Sie wissen doch, daß ich öfters reise.“

„Ja. Und daran thun Sie sehr recht, denn wer eene große Reese macht, der kommt als gebildeter Mann heeme. Ich hab das an mir selber erfahren. Ich bin als een ganz anderer hier angekommen, als ich drüben war. Wissen Sie, man is ooch eener von die Großen mit geworden. Man kriegt ordentlich Respekt vor sich selber. Hier is alles anders, schöner, vornehmer und teurer. Aber unsere Einrichtung haben Sie noch nich gesehen, da müssen Sie gleich mit! So ‚was haben Sie noch nich gesehen. Wir wohnen wie die Ferschten oder Großherzoge. Kommen Sie! Sie setzen sich mit in unsere Eckipaasche. Sie brauchen keene Angst zu haben, wir haben Platz genug für Sie.“

„Thut mir leid; ich bin jetzt anderweit beschäftigt. Auch bin ich nicht allein. Hier steht mein Freund Winnetou, von welchem Sie, Frau Werner, doch auch gehört und gelesen haben.“

Sie hatte mit ihren Augen bis jetzt nur an mir gehangen und den Apatschen gar nicht beachtet. Jetzt wendete sie sich Winnetou zu, reichte ihm auch die Hand und fragte mich dann:

„Also keine Zeit haben Sie? Wie lange bleiben Sie hier?“

„Wahrscheinlich verlassen wir schon morgen San Franzisko.“

„Und da wollen Sie nicht mit uns kommen? Wissen Sie nicht, daß dies grausam ist? Kommen Sie mit! ich bitte Sie!“

„Und Ihr Herr Gemahl – –?“

„Wird sich herzlich darüber freuen. Wahrscheinlich aber ist er nicht daheim.“

„Gut, ich fahre mit. Erlauben Sie mir nur einen Augenblick, mich von meinem Freunde zu trennen.“

„Nein, das nicht. Ich habe von dem berühmten Häuptlinge soviel gelesen und auch gehört, daß ihm meine größte Hochachtung gehört. Bitten Sie ihn ja, mitzukommen!“

„Ja,“ nickte ihr Vater, „der Indianer muß ooch mit. Er braucht sich vor uns nich im geringsten zu fürchten; wir sind Leute, die keenen Wilden was zu leede thun. Aber fünf Personen gehen nich in unsere Eckipaasche; ich werde also mit meener Frau eene Droschke, oder wie man hier sagt, nehmen. Komm, Hanne, du gehst mit mir! Wir kommen schon ooch noch zur rechten Zeit eheeme.“

Er zog sie fort. Winnetou hatte natürlich von unserm Gespräch, welches deutsch geführt wurde, nur wenig verstanden; dennoch war weder ein Wort, noch ein Wink nötig. Als ich Martha meinen Arm bot, nahm er sofort an ihrer rechten Seite Platz und schritt so stolz und selbstbewußt neben ihr her, daß sie sich seiner ganz sicher nicht zu schämen brauchte.

Am Wagenplatze wartete die Equipage des „Ölprinzen“. Einen solchen Wagen und solche Pferde konnte sich allerdings nur ein Millionär leisten. Wir stiegen ein und setzten uns der Dame gegenüber, um dann mit der Geschwindigkeit des Windes davonzurollen.

Unser Zusammentreffen mit den Bekannten hier in Frisko war ein Zufall, über den ich mich nicht zu wundern brauchte; aber sie besaßen hier ein Haus oder gar einen Palast, und das kam mir verwunderlich vor. Warum wohnte Werner nicht droben in den Bergen bei seinem Ölwerke? Natürlich sprach ich diese Frage nicht aus; sie mußte sich in kurzer Zeit ganz von selbst beantworten.

Da hielt der Wagen vor einem Gebäude, welches mit vollem Rechte den Namen Palast verdiente. Wieviel mußte nur allein das herrliche Marmorportal gekostet haben! Über demselben waren große, echt vergoldete Buchstaben angebracht; ich fand nicht Zeit, dieselben zu lesen, denn wir mußten aussteigen, wobei uns zwei Neger behilflich waren, oder wenigstens Winnetou und mir behilflich sein wollten. Dann schritten sie vor uns her die Innenstufen empor nach einem prächtigen Vorsaale und öffneten eine Thür zu einem kleinen Gemache, welches fast wie ein Boudoir ausgestattet war. Kaum hatte die Hausherrin sich da auf dem Diwan niedergelassen, so begann dieses Boudoir sich nach oben zu bewegen; es war ein mechanischer Aufzug, ein durch Dampf getriebener Fahrstuhl in Gestalt eines reizend möblierten Zimmers. Ein anderer hätte einen Ausruf der Verwunderung oder gar des Schreckens ausgestoßen; Winnetou aber stand still und gleichmütig, als ob ihm diese Art, die Treppen zu vermeiden, etwas Alltägliches sei.

Wir kamen in das Empfangszimmer, welches im zweiten Stocke lag. Es war überreich ausgestattet. Man sah es ihm an, daß der Besitzer die Absicht hatte, zu prunken; aber verschiedene Kleinigkeiten und Anordnungen bewiesen, daß seine Frau bemüht war, diesen Eindruck zu mildern.

Jetzt, als wir den Fahrstuhl verlassen hatten, schien Martha sich erst ihrer selbst bewußt zu werden. Sie reichte mir und Winnetou beide Hände und sagte im herzlichsten Tone, den es nur geben kann:

„Hier sind wir daheim. Sie dürfen nicht so schnell wieder fort. Sie müssen hier bleiben, mehrere Tage, einige Wochen. Versprechen Sie mir das!“

Es war unmöglich, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, besonders um ihres Mannes willen, mit welchem ich nicht unter einem Dache sein mochte. Darum antwortete ich:

„Gern, wenn es möglich wäre, Frau Werner; aber wir müssen wirklich schon morgen fort.“

„O, Sie haben Zeit, sehr viel Zeit! Draußen in der Wildnis hätten Sie vielleicht einen Feind zu jagen, einen Menschen zu verfolgen, wobei freilich jede Minute kostbar ist; aber ich habe genug von Ihnen gelesen, um zu wissen, daß Sie unbeschäftigt sind, sobald Sie sich an einem Orte wie San Franzisko befinden.“

„Sie irren sich wirklich. Es giebt für uns sehr zwingende Gründe, welche –“

„Bitte, keine Ausreden!“ unterbrach sie mich. „Sprechen wir aufrichtig, ganz aufrichtig miteinander. Nicht wahr, mein Mann ist der Grund, daß Sie nicht bleiben wollen. Sprechen Sie nicht! Versuchen Sie keine Entschuldigungen! Ich werde Ihnen gleich beweisen, daß Sie ihm sehr willkommen sind. Ich werde ihn sofort aus seinem Bureau holen lassen. Gestatten Sie mir dazu einige Augenblicke!“

Sie entfernte sich. Winnetou wußte auch jetzt nicht, was gesprochen worden war; dennoch meinte er:

„Diese Squaw ist so schön, wie ich fast noch keine gesehen habe. Mein Bruder mag mir sagen, ob sie einen Mann hat!“

„Sie hat einen.“

„Was ist ihr Mann?“

„Ein armer Teufel aus meinem Vaterlande, welcher dadurch reich geworden ist, daß er eine Ölquelle entdeckt hat. “

„Wo hat er sie kennen gelernt?“

„Drüben, wo er geboren wurde. Sie ist ihm vor zwanzig Monden herüber gefolgt.“

Er dachte einige Augenblicke nach und fuhr dann fort:

„Das war die Zeit, in welcher Old Shatterhand auch in seiner Heimat gewesen ist. Mein Bruder hat sie drüben wohl gekannt?“

„Ja.“

„So hat der Mann diese Frau durch dich bekommen. Howgh!“

Wenn er das Wort Howgh aussprach, was stets am Schlusse einer Warnung oder Behauptung geschah, so war das ein Zeichen, daß er fest an die Wahrheit seiner Worte glaubte und sich durch nichts in seiner Überzeugung irre machen lassen werde. Ich staunte wieder einmal über seinen Scharfsinn, der gleich erriet, was ein anderer im ganzen Leben nicht erraten hätte.

Nun kehrte Martha zurück. Sie meldete mit sicht- und hörbarer Enttäuschung:

„Mein Mann ist leider im Bureau nicht anwesend, und ist dies der Fall, so darf auf ein baldiges Kommen nicht gerechnet werden. Das Geschäft nimmt ihn so sehr in Anspruch!“

Der Seufzer, den sie dabei hören ließ, schien mehr ihr selbst als dem Übermaße seiner Arbeit zu gelten.

„Das Geschäft?“ fragte ich. „Er hat doch jedenfalls seine Beamten, auf die er sich verlassen kann?“

„Das wohl; aber die Sachen sind oft so verworren und verwickelt; sein Compagnon nimmt sich derselben nicht genug an, und so kommt es, daß auf meinem Manne die größte Last der Arbeit liegt.“

„Verworren und verwickelt, sagen Sie? Das kann ich mir nicht denken. Und sein Cornpagnon Ackermann scheint nach dem, was ich von ihm gehört habe, ganz im Gegenteile ein sehr thätiger und unternehmender Mann zu sein.“

„Ackermann? Den meine ich nicht; der ist ja gar nicht mehr sein Compagnon. Sein jetziger Partner heißt Potter, der kein Deutscher, sondern ein Yankee ist.“

„Warum hat er mit dem zuverlässigen Deutschen gebrochen und sich –“

„Warum? fragen Sie,“ unterbrach sie mich. „Ah, da fällt mir ein, daß Sie noch gar nicht wissen werden, was geschehen ist. Haben Sie, als Sie aus dem Wagen stiegen, nicht die Firmenschrift über unserer Thür gelesen?“

„Nein.“

„Sie wissen also nicht, daß mein Mann jetzt der Mitbesitzer einer Länderei- und Handelsbank ist?“

„Habe keine Ahnung! Länderei- und Handelsbank? Hm! Aber den Oil-Swamp besitzt er nebenbei noch?“

„Nein. Er hat sich mit Ackermann und einem Konsortium auseinandergesetzt.“

„Aber warum, warum?“

„Sie fragen doch ganz ängstlich, Herr Doktor! Es gefiel ihm nicht mehr da oben am Sumpfe, und auch mir und meinen Eltern war es hier in der Stadt natürlich viel lieber. Wir lernten Potter kennen, der ein tüchtiger Geschäftsmann ist, obgleich er viele von seinen Arbeiten auf die Schultern meines Mannes legt, und folgten seinem Rate. Mein Mann trat seine Rechte am Oil-Swamp für drei Millionen Dollars ab. Wir zogen in die Stadt und gründeten mit diesem Gelde eben unsere Länderei- und Handelsbank.“

„Und welche Summe zahlte Potter ein?“

„Keine. Mein Mann giebt das Kapital und Potter die Kenntnisse. Sie wissen doch, daß Werner keine kaufmännischen Kenntnisse besitzen kann. “

„Warum hat er dann das Sichere aufgegeben und dafür das Unsichere eingetauscht?“

„Halten Sie unsere jetzige Lage denn für unsicher?“

„Ihr gegenwärtiges Geschäft kann ich nicht beurteilen, weil ich es nicht kenne; ich weiß nur, daß ich Ihrem frühern Nachbar Ackermann Vertrauen schenken würde.“

„Potter verdient es auch. Aber da höre ich meine Eltern kommen. Sprechen wir in ihrer Gegenwart nicht über diesen Gegenstand. Ich möchte ihnen nicht Sorgen bereiten, welche höchst wahrscheinlich grundlos sind.“

Der Fahrstuhl brachte die beiden Alten herauf.

„Da sind wir nun ooch!“ rief uns der einstige Celloer zu, indem er mit seiner Frau herantrat. „Ich kann mich noch immer nich in die englische Sprache finden, und da es so wenig Kutscher giebt, die deutsch verstehen, so sind wir wieder mal ewig in die Kreuz und Quere gefahren, ehe uns der Kerl vor der richtigen Thür abgeladen hat. Nun gehen wir aber nich gleich wieder fort!“

„Dennoch werdet Ihr unsern lieben Landsmann nur kurze Zeit genießen können,“ meinte Martha. „Er will schon bald wieder fort von uns.“

„Damit soll er uns nich kommen! Wen ich eenmal bei den Rockschößeln halte, den laß ich nich gleich wieder los.“

„Wir sprechen schon noch darüber. Zunächst wollen wir die Herren bitten, wenigstens bis zur Tafel hier zu bleiben. Dann kommt Werner und wird sie bewegen, länger unsere Gäste zu sein. Ich werde mit Mutter beschäftigt sein. Führe die Herren nach dem Rauchzimmer, Vater; vielleicht gelingt es dir, sie für diese kurze Zeit zu unterhalten.“

Es blieb uns nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Das Rauchzimmer war ebenso brillant eingerichtet wie die übrigen Räume, in Gold überladen, Der alte, gute Vogel fühlte sich gar nicht wohl zwischen diesen Möbeln, Bildern und Wandleuchtern; er wußte nicht recht, wohin mit den Armen und Beinen, und setzte sich schließlich in einen Schaukelstuhl, weil dieser der niedrigste und bequemste war. Er hatte in der heimatlichen Hütte ja meist nur auf Schemeln gesessen.

Ich nahm mir unaufgefordert eine Cigarre, und Winnetou folgte diesem Beispiele. Leider konnte er sich nicht an unserer Unterhaltung beteiligen.

„Itzt sind wir nun alleene,“ begann der Alte, „ganz alleene unter uns vernünftigen Menschen, und können also offrichtig mit eenander reden. Meenen Sie nich?“

„Gewiß,“ nickte ich.

„Was sagen Sie eegentlich zum Millionär, zu meinem Schwiegersohn?“

„Den kenne ich nicht.“

4ch denke, Sie haben ihn drüben kennen gelernt?“

„Nur kurze Zeit. Seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen und auch nichts wieder von ihm gehört.“

„Hm, ja! Er hätte Ihnen wenigstens ‚mal schreiben sollen; aber er is nicht gut off Sie zu sprechen. Wenn meine Tochter Sie manchmal erwähnt, da kann er fuchsteufelswilde werden.“

„Hat er dazu einen Grund?“

„Nee, keenen eenzigen. Aber er fängt gleich früh zu trinken an und is deshalb den ganzen Tag benebelt.“

„Was Sie sagen!“

„Ja, so is es! Er muß das von seiner Mutter geerbt haben, die ja ooch am Säuferwahnsinn gestorben is.“

„Was sagt Ihre Tochter dazu?“

„Was soll die sagen! Die hat gar nichts zu sagen. Wenn die will, daß er etwas nich machen soll, da braucht sie ihn nur zu bitten, daß er’s machen soll.“

„Steht es so? 0 weh! So ein Leben –“

„Grad wie Hund und Katze!“ fiel er ein. „Aber, wissen Sie, wir Millionäre können uns das leisten. Er wohnt unten und sie oben; sie reden den ganzen geschlagenen Tag keen Wort mitnander, höchstens wenn er mal zum Essen kommt.“

„Wurde es denn gleich im Anfange so gehalten?“

„Nee. Droben im Oel-Schwamp war es anders. Da lebten wir ganz so, als ob wir zusammen gehörten; aber seit dieser Mister Potter unser Compagnon geworden is, hat sich een ganz anderes und viel vornehmeres Leben eingestellt. Wissen Sie, diesen Potter kann ich sehr gut leiden. Er hält ooch große Stücke off meine Tochter.“

„Ihr Schwiegersohn habe soviel zu thun, klagt Ihre Tochter?“

„Unsinn! Glooben Sie doch das nich! Der Potter versorgt das ganze Geschäft. Der rennt und schreibt und arbeitet Tag und Nacht. Der Werner aber, der bummelt bloß. Der is Mitglied von Klubbs und andern Gesellschaften, wo tüchtig getrunken und gespielt wird. Er wär ooch een Esel, wenn er das nich thäte, denn er is ja Millionär und kann es machen. Der Potter mag nur immer für ihn arbeiten.“

In dieser Weise ging es fort und fort, weiter und weiter. Der Alte faselte das Blaue vom Himmel herunter, stützte sich nur auf die Millionen seines Schwiegersohnes und hatte keine Ahnung davon, daß er mir dabei einen Einblick in die geschäftlichen und familiären Verhältnisse des Hauses bot, bei welchem mir angst und bange wurde. Ob Martha ihren Mann liebte oder nicht, darüber konnte ich nicht klar werden. War es nicht der Fall, so bemühte sie sich, es zu verbergen. Das Paar hatte in der ersten Zeit recht gut gelebt; dann aber war Potter erschienen und hatte die Bekanntschaft Werners gemacht. Es kam mir ganz so vor, als ob dieser Yankee es auf das Vermögen Werners abgesehen habe. Werner schien ihm alles Vertrauen zu schenken und nach und nach in eine Falle zu gehen, in welcher er seinen geschäftlichen Ruin finden mußte. Am wahrscheinlichsten kam es mir vor, daß Potter ihn ruinieren wolle, um mit dem Vermögen auch die schöne, junge Frau zu erlangen.

Was konnte ich da thun? Zur Entlarvung des Menschen bedurfte es Zeit, höchst wahrscheinlich langer Zeit, und dann war es wohl schon zu spät. Ich mußte versuchen, einen Einblick in die Geschäfte zu gewinnen, und dagegen sträubten sich jedenfalls alle beide. Leicht konnte ich dadurch das Übel ärger machen. Während der Alte redselig erzählte, überlegte ich hin und her und kam zu dem Resultate, daß es am besten sei, mich in diese Angelegenheit nicht zu mischen.

Bald kam dann die Frau Vogels, um uns zum Essen zu rufen. Martha hatte keinen Diener geschickt, weil sie wünschte, daß wir ganz allein und freundschaftlich unter uns sein sollten. Es gab ein einfaches Mahl, und ich bemerkte gar wohl, daß die junge Frau sich nach langer Zeit wieder einmal innerlich wohl fühlte. Nach Tische durften wir uns im Speisezimmer wieder eine Cigarre nehmen, und Martha begab sich in den Nebenraum, welcher, wie ich bald hörte, das Musikzimmer war. Es erklangen einfache, einleitende Akkorde auf dem Pianino, und dann erscholl die herrliche Stimme der einstigen Sängerin; sie sang ein deutsches Lied.

Ich saß mit dem Rücken dem Eingange und mit dem Gesichte dem Musikzimmer zugekehrt. Winnetou saß mir gegenüber und lauschte mit angehaltenem Atem. Er verstand die deutschen Worte nicht, war aber ganz entzückt von dem Gesange. Da nahm sein Gesicht plötzlich einen ganz andern Ausdruck an; ich sah, daß er scharf nach der Thür blickte und eine Bewegung machte, als ob er vom Stuhle aufstehen wolle. Schnell drehte ich mich um. Hinter mir standen unter der geöffneten Thür zwei Männer, nämlich der Ölprinz und Potter, wie ich nachher hörte. Der letztere war ein junger Mann von gar nicht übler Figur; sein Gesicht hatte jetzt den Ausdruck lauernder Spannung. Werners stark gerötete Augen waren stier auf mich gerichtet. Er wankte hin und her. Man sah sofort, daß er betrunken war.

Da ich den mexikanischen Anzug trug, hatte er mich, ehe ich mich umwendete, nicht erkannt. Jetzt aber sah er mein Gesicht, ballte sofort beide Fäuste, taumelte auf mich zu und schrie:

„Das ist ja der Halunke, der mir meine Frau abspenstig machen wollte! Der ist da bei ihr? Und sie singt ihm dieses Lied? Alle tausend Teufel! Potter, greif zu! Dem hauen wir die Knochen weich!“

Potter folgte der Aufforderung; ich stand auf. Noch hatten sie mich nicht erreicht, so erschien Martha. Sie hatte die Stimme ihres Mannes gehört und darum das Lied unterbrochen. Sie flog herbei, stellte sich zwischen mich und die beiden, breitete die Arme aus und rief:

„Keinen Schritt weiter! Du beleidigst nicht nur mich und meine Ehre, sondern auch dich selbst!“

„Weg mit dir!“ fuhr er sie an. „Ich habe mit ihm zu reden. Mit dir spreche ich dann auch!“

„Ich weiche keinen Schritt! Ich bin dem Herrn Doktor ganz zufällig begegnet und habe ihn natürlich eingeladen. Willst du unsern Gast beschimpfen!“

„Gast? Gast?“ lachte er höhnisch. „Potter ist mein Gast. Den habe ich geladen! Diesem deutschen Tintenklexer aber werde ich den Kopf waschen. Potter, komm! Wir hauen ihn, bis er nicht mehr schreien kann! Weg mit dir, Weib!“

Er ergriff sie beim Arme, ließ denselben aber sofort wieder los, denn neben ihm stand Winnetou. Eine einzige gebieterische Handbewegung desselben genügte, die beiden Angreifer einige Schritte zurückweichen zu lassen.

„Wer von euch beiden ist der Mann, dem dieses Haus gehört?“ fragte der Apatsche im reinsten Englisch.

„Ich bin es,“ antwortete Werner, indem er sich Mühe gab, ohne Taumeln festzustehen.

„Ich bin Winnetou, der Häuptling der Apatschen. Hast du von mir gehört?“

„Alle Teufel! – Winnetou, Winnetou!“

„Ja, das ist mein Name. Ich höre, daß du ihn kennst. Aber ich weiß nicht, ob du auch meine Eigenschaften und meine Thaten kennst. Versuche nicht, sie kennen zu lernen! Höre auf die Worte, welche ich dir jetzt sage! Hier steht mein Freund und Bruder Old Shatterhand. Wir sind deiner Frau begegnet. Sie lud uns hierher ein, und wir folgten ihr, um dir die Ehre unserer Gegenwart zu erweisen. Wir haben hier gegessen, und sie hat ein Lied gesungen. Das ist alles, was geschehen ist. Wenn du sie das entgelten lässest, wird Winnetou sie rächen. Meine Macht reicht bis in die Mitte dieser großen Stadt und bis in den hintersten Winkel des tiefsten Kellers des entlegensten Hauses. Ich werde dich beobachten lassen. Sage nur ein zorniges Wort zu ihr, so wird einer meiner Apatschen dir mit seinem Messer antworten. Jetzt weißt du, was ich will. Handelst du nicht darnach, so ist es um dich geschehen!“

Dann griff er in seinen Gürtel, zog ein Goldstück heraus, legte es auf den Tisch und fügte hinzu:

„Hier ist der Preis für das, was wir bei dir gegessen haben. Old Shatterhand und Winnetou mögen nichts von dir geschenkt haben, denn sie sind reicher, als du bist. Ich habe gesprochen!“

Werner wagte nicht ein Wort zu erwidern. Er stand da wie ein Schulknabe, der eine Züchtigung bekommen hat. Potter schien sich darüber zu ärgern und dennoch heimlich Freude darüber zu empfinden. Ich legte meine Hand auf seinen Arm und fragte:

„Master, Ihr habt meinen Namen gehört und wißt also, wer ich bin?“

„Ja,“ antwortete er.

„Ich durchschaue Eure Absichten. Macht es gnädig mit Eurem Compagnon, sonst findet Ihr auch keine Gnade vor mir. Ich werde wiederkommen und Euch richten, nicht nach den Paragraphen Eurer Bücher und Akten, sondern nach dem strengen Gesetze der Prairie. Euer Compagnon wird Euch von mir erzählt haben. Glaubt ja nicht, daß er mich kennt! Und glaubt auch nicht, daß ich hier ebenso nachsichtig handeln würde, wie ich drüben gegen ihn gewesen bin. Und damit Ihr seht, daß es mein Ernst ist, will ich Euch Old Shatterhands Petschaft in die Muskeln drücken.“

Ich legte ihm die rechte Hand um den Oberarm und preßte denselben zusammen. Er stieß nicht etwa einen Schrei, sondern ein förmliches Geheul aus. Dann ging ich mit Winnetou nach der Thür. Wir schritten, ohne uns nur einmal umzusehen, zu derselben hinaus in das Empfangszimmer und traten in den Fahrstuhl. Ein Druck auf den Knopf setzte denselben nach unten in Bewegung; dann verließen wir den Palast, welcher nach meiner Ansicht dem Schicksale entgegensah, ein Haus des Elends zu werden.

Am nächsten Tage ritten wir von San Francisco fort, und drei Monate später nahmen wir am Hole in Rock für dreißig Monate Abschied voneinander. Er behielt das Pferd, welches ich geritten hatte, zurück, und ehe wir uns trennten, wurden, wie es auch früher stets gewesen war, der Ort und die Zeit genau besprochen, an welchem und zu welcher wir uns wieder treffen wollten.

Einige Monate blieb ich daheim; sodann ging es wieder fort, dieses Mal nach dem Orient, in welchem ich zwanzig Monate blieb. Nach meiner Rückkehr von dort versteckte ich mich für einige Zeit zwischen meine Bücher und kam nur wenig unter Menschen. Wöchentlich einmal aber besuchte ich einen Gesangverein, dessen Ehrenmitglied ich war und heute noch bin. Das war meine Erholung.

Eines Sonnabends saßen wir nach der Übungsstunde beisammen, um über ein Konzert zu milden Zwecken zu verhandeln, da kam der Wirt in unser separates Zimmer und teilte mir mit:

„Es sind zwei Herren da, welche mit Ihnen sprechen wollen.“

„Wer ist’s?“

„Ich kenne sie nicht. Der eine ist ein junger, sehr anständiger Herr, der andere aber ein ganz eigentümlicher dunkelfarbiger Mensch. Er spricht kein Wort, nimmt den Hut nicht ab und sieht einen mit seinen Augen an, daß man sich ganz unheimlich fühlt.“

„Scharlieh!“ rief es da unter der offen gebliebenen Thür.

Ich sprang schnell auf. Scharlieh pflegte Winnetou meinen deutschen Vornamen auszusprechen. Und da stand er unter der Thür! Winnetou, der berühmte Häuptling der Apatschen in Dresden! Und wie sah der gewaltige Krieger aus! Eine dunkle Hose, eine ebensolche Weste, um welche ein Gürtel geschnallt war, einen kurzen Saccorock; in der Hand einen starken Stock und auf dem Kopfe einen hohen Cylinderhut, der er nicht abgenommen hatte! Ich erzähle die Thatsache in einfacher, kurzer Weise, brauche aber wohl kaum zu versichern, daß meine Überraschung, mein Erstaunen, ihn hier zu sehen, wenigstens ebenso groß wie mein Entzücken darüber war.

Ich sprang auf ihn zu; er kam mir ebenso rasch entgegen; auf halbem Wege fielen wir uns in die Arme. Wir küßten uns wieder und immer wieder, betrachteten uns in den Zwischenpausen und brachen schließlich in ein herzliches Gelächter aus, was bei dem Apatschen noch nie vorgekommen war. Die Gestalt, in welcher er seinen Shatterhand vor sich sah, war gar so zahm, und die Figur, welche der tapferste Krieger der Apatschen bildete, war so friedlich und so drollig, daß ein Hexenmeister dazu gehört hätte, sich des Lachens zu enthalten.

Er hatte nicht auf die Rückkehr des ihn anmeldenden Wirtes gewartet, sondern war demselben gefolgt. Nun kam auch der junge Herr, der bei ihm gewesen war; das war kein anderer als – Franz Vogel, der frühere Schüler meines Kapellmeisters.

Die anwesenden Sänger kannten den Apatschen alle aus meinen Erzählungen. Welch ein Hallo, als ich seinen Namen nannte! Zunächst wollten sie es nicht glauben. Sie konnten sich ihn nicht anders denken, als in seiner bekannten Kleidung und mit der berühmten Silberbüchse. Ich ahnte, weshalb er den Hut nicht abnahm; er hatte die Fülle seines reichen, dunkeln Haares unter denselben verborgen. Ich nahm ihm den Cylinder ab; da wurde es frei und fiel ihm wie ein Mantel über die Schultern und weit auf den Rücken herab. Jetzt glaubten sie, daß es der Apatsche sei. Alle Hände streckten sich ihm entgegen, und als so ein begeisterter Bassist das „Dreimal hoch!“ anstimmte, fielen alle brausend ein.

Wie oft hatte ich Winnetou gebeten, einmal mit mir nach Deutschland zu gehen oder mich dort zu besuchen! Es war stets vergeblich gewesen. Daß er jetzt kam, so ganz unerwartet, mußte einen höchst wichtigen Grund haben. Er sah es mir an, daß ich denselben gern erfahren hätte, schüttelte aber den Kopf und sagte:

„Mein Bruder lasse sich nicht stören. Die Botschaft, welche ich bringe, ist wichtig; aber ist eine Woche und mehr darüber vergangen, so kann auch noch eine Stunde vergehen.“

„Wie aber hast du mich hier finden können?“

„Winnetou ist doch nicht allein. Das junge Bleichgesicht, welches Vogel heißt, ist mitgekommen. Dieser kannte deine Wohnung und führte mich hin. Wir hörten, du seist dorthin gegangen, wo gesungen wird; da wollte ich auch gern singen hören. Später kehren wir in deine Wohnung zurück, und dort werde ich dir sagen, aus welchem Grunde ich über das große Wasser gekommen bin.“

„Gut, ich gedulde mich also bis dahin, und du sollst nun deutschen Gesang zu hören bekommen.“

Als die Sänger von dem Wunsche des Apatschen hörten, waren sie natürlich gern bereit, denselben zu erfüllen. Wir setzten uns mit Vogel an einen abgelegenen kleinen Tisch und bestellten Bier, welches Winnetou sehr gern, aber auch sehr wenig trank. Dann begannen die Vorträge, welche nicht anders als Konzert genannt werden mußten. Die Leute waren stolz darauf, sich vor diesem berühmten Manne hören lassen zu dürfen.

Er hielt meine Rechte in der seinigen und ich seine Linke in der meinigen. Ich war ganz glücklich, ihn einmal bei mir in der Heimat zu haben, und er war ebenso glücklich darüber, mir dieses Glück bereiten zu können. Ich glaube, wir haben in den Augen der Zuschauer ein ganz rührendes Paar gebildet. Aber jeder, der uns drüben in der Savanne oder auf dem Gebirge begegnet war, hätte uns heute hier nicht wieder erkannt. Winnetou kam mir wie ein schwarzer Panther im Schafspelze vor, und ihm mochte es mit mir nicht viel anders gehen. Kleider machen auch hier wie überall Leute.

Es war wohl gegen Mitternacht, als der Apatsche erklärte, daß er nun genug gehört habe. Die eifrigen Notenbrüder hätten ihn noch gern bis morgen früh und auch noch länger unterhalten. Er bedankte sich bei ihnen, und dann gingen wir. Er sagte kein Wort über das, was er gehört hatte, aber da ich seine Eigenart kannte, wußte ich gar wohl, welch einen tiefen und unauslöschbaren Eindruck der deutsche Gesang in seiner Seele zurückgelassen hatte.

Als wir daheim bei mir angekommen waren, sah er sich sehr genau um, betastete jeden Gegenstand und schloß von Zeit zu Zeit die Augen, um sich alles tüchtig einzuprägen. Ich nahm zwei Friedenspfeifen von der Wand, stopfte sie und gab ihm eine. Vogel bekam eine Cigarre. Als ich dann mit dem besten, treuesten und edelsten meiner Freunde rauchend auf dem Sofa saß, sagte er:

„Wir kommen wegen der schönen weißen Squaw, die ich mit dir in San Francisco besucht habe.“

„Ah, von Martha, Ihrer Schwester?“

„Leider ja!“ antwortete Vogel. „Es ist nichts Erfreuliches, was wir Ihnen von ihr erzählen können. Ich war jetzt vier Monate drüben.“

„Eine kurze Zeit!“

„Ja, aber für mich lang genug, Diese Monate sind mir zu Jahren geworden, denn sie haben mir nichts als die bitterste Täuschung gebracht. Mein Schwager ist bankerott.“

„Ah! Meine Ahnung! Wie steht es mit Potter, dem Compagnon?“

„Der ist natürlich auch bankerott.“

„Das glaube ich nicht. Er hat Ihren Schwager ausgesogen und wird eine sehr erkleckliche Summe in Sicherheit gebracht haben. Ist der Bankerott etwa als ein betrügerischer anzusehen?“

„Nein. Es verliert kein Mensch einen Pfennig.“

„Niemand hat einen Pfennig verloren und doch ist das Fallissement erklärt worden? Also wurde das große Vermögen in dieser kurzen Zeit vollständig aufgewirtschaftet? Wie war das möglich?“

„Durch falsche Spekulationen, welche Potter gemacht hat. Mein Schwager hatte ihm alle geschäftlichen Bestimmungen allein überlassen.“

„Das war vorauszusehen. Potter schloß sich gleich von vornherein Ihrem Schwager in der Absicht an, ihn geschäftlich zu ruinieren. Wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, hätte das große Vermögen nicht in so sehr kurzer Zeit alle werden können. Er wird scheinbar alles verspekuliert, in Wirklichkeit sich aber einen vollen Beutel erwirtschaftet haben. Ich hoffe, daß der Mann aber noch zu packen sein wird.“

„Das glaube ich nicht, denn wäre dies der Fall, so hielt er sich nicht noch in San Francisco auf, sondern wäre verschwunden. Mein Schwager ist natürlich an den Bettelstab gebracht. Das Wenige, was ihm geblieben ist, hat er der Familie entzogen und in die eigene Tasche gesteckt. Damit geht er nun von Spelunke zu Spelunke und trinkt, bis er mit dem letzten Heller auch noch den Verstand vertrunken haben wird.“

„Und was thut die Familie nun?“

„Das ist eine schlimme Sache. Als ich hinüber kam, ahnte noch niemand etwas. Ich hatte mich auf Werner verlassen. Durch seine pekuniäre Unterstützung dachte ich, schnell vorwärts zu kommen. Da aber brach schon nach drei Wochen der Krach herein. Ich war nur gekommen, um ein Esser zu viel zu sein. Die Eltern und Geschwister wollten verzweifeln. Martha allein behielt die Besinnung und dachte über Mittel nach, sich zu retten. Ich half ihr. Wir kamen auf die Idee, Konzerte zu geben. Zunächst reichte das Geld, welches sie für ihre wenigen überflüssigen Sachen löste, für das Notwendigste aus. Wir dachten auch an Sie. Wir hatten Ihnen schon soviel zu verdanken. Wären Sie drüben gewesen, so hätten Sie sich unser gewiß mit Rat und That angenommen; aber Sie waren eben nicht da. Da führte uns Gott Winnetou in das Haus.“

„Wie? Er kam zu ihnen ins Haus?“

„Ja.“

„Das ist ein Wunder. Nach dem, was wir darin erlebt haben, stand nicht zu erwarten, daß er es jemals wieder betreten werde.“

„Es war nicht dasselbe Haus. Wir waren aus dem Palaste förmlich geworfen worden; wir hatten ein ganz kleines Logis bezogen. Glücklicherweise war der Apatsche nach San Francisco gekommen, hatte an uns gedacht, sich nach uns erkundigt, unsere neue Wohnung erfahren und kam nun, uns zu trösten. Fast schäme ich mich, es zu sagen: Er gab uns Geld. Wir zögerten, es zu nehmen; er aber versicherte uns, wir würden bald in die Lage kommen, es ihm wiederzugeben. Er sprach davon, daß er ein ernstes Wort mit Potter sprechen wolle, und ließ ihn von da an nicht aus den Augen. Da kam ein amtliches Schreiben aus New Orleans, daß unser Oheim dort gestorben sei; der Bruder meiner Mutter.“

„Ah, ich besinne mich. Ihre Großmutter hat mir erzählt, daß sie einen Sohn gehabt habe, der nach Amerika gegangen sei, ohne jemals wieder etwas von sich hören zu lassen. Sie war überzeugt, daß er unterwegs verunglückt und gestorben sei.“

„So ist es. Er war aber nicht tot, sondern nur undankbar. Er ist erst vor kurzem als ein Millionär gestorben. Wenigstens hat die Behörde mir das mitgeteilt.“

„Ich gebe nicht viel auf solche Reichtümer. Sie haben ja erfahren, welchen Wert sie besitzen, wenn sie in unrechte Hände kommen. Wie aber hat die Behörde in New Orleans Ihre Adresse in San Francisco wissen können?“

„Sie hat aus alten Schreibereien und Aufzeichnungen des Verstorbenen ersehen, woher er stammt, und infolgedessen in unsere Heimat geschrieben. Von dort her ist unsere Adresse mitgeteilt worden.“

„Nun, so ist Ihnen ja geholfen. Wenn die Beweise vorliegen, daß Sie die einzigen Erben sind und die Hinterlassenschaft Ihnen also nicht streitig gemacht werden kann, wird sie Ihnen sehr bald ausgefolgt werden.“

„Das wäre allerdings sehr gut; aber die Sache hat doch einen Haken. Wir sind nämlich die einzigen Verwandten und doch vielleicht auch nicht die einzigen. Der Verstorbene hat einen Sohn gehabt, welcher verschollen ist.“

„Das ist allerdings ein schlimmer Haken. Die Angelegenheit kann sich da gewaltig in die Länge ziehen.“

„Das ist’s ja eben!“

„Der Sohn muß in den Zeitungen aufgerufen werden, und erst wenn er sich nach einer gewissen Anzahl von Jahren nicht meldet, wird er als verstorben betrachtet. Da werden Sie leider warten müssen.“

„Ja, wir müssen warten. Wenn man uns nur wenigstens einen Teil auszahlen wollte!“

„Das geht nicht. Entweder alles oder nichts.“

„Und dazu kommt, daß in New Orleans sich ein Advokat des Verschollenen annimmt. Er ist ein Freund von ihm und behauptet, daß er jedenfalls noch lebe. Der Sohn des Verstorbenen hat einen sehr erfahrenen und zuverlässigen Reisebegleiter bei sich gehabt, und dieser, so behauptet der Advokat, würde es jedenfalls gemeldet haben, wenn der Verschollene nicht nur verschollen, sondern gestorben wäre. Der Rechtsanwalt nimmt nun umfangreiche Nachforschungen vor, zu denen er die Frist bekommen hat.“

„Das zieht die Sache noch weiter in die Länge. Was ist denn Ihre Mutter für eine Geborene?“

„Jäger war ihr Mädchenname.“

„Also hieß auch der alte Millionär Jäger. Was war er denn?“

„Ursprünglich Schuhmacher. Als Gesell ist er ausgewandert, hat dann in New York es zu einem Laden gebracht, wohl jedenfalls durch eine gute Heirat, und ist dann immer weiter vorwärts gekommen.“

„Schuhmachergesell? New York? Laden? Reiche Heirat? Ah, da kommt mir ein Gedanke, da fällt mir etwas ein!“

„Was? Was?“

„Warten Sie nur, warten Sie! Ich muß mich besinnen.“

Ich stand vom Sofa auf und ging eine Weile im Zimmer auf und ab. Ich dachte an den Brief, den ich unter Meltons Effekten gefunden hatte. Sein Neffe hatte ihn geschrieben. Ich ging nach meiner Bibliothek und nahm den Brief, den ich mir aufgehoben hatte, aus dem betreffenden Fache, um ihn zu lesen.

Ja, da stand es deutlich geschrieben. Sollte der Brief sich auf den Fall beziehen, den wir jetzt besprachen? Ich mußte Gewißheit haben und fragte deshalb weiter:

„Jäger brachte es also zu einem Schuhwarenladen in New York. Ist er denn nicht Armeelieferant geworden?“

„Ja.“

„Und hat da nicht nur Fußbekleidungen, sondern auch andere Bedarfsartikel in Auftrag bekommen?“

„Ja, ja. Dadurch hat er sich die Millionen verdient. Aber woher wissen Sie das? Was für ein Schreiben haben Sie da in der Hand?“

„Nachher! Sagen Sie mir noch, ob er stets nur seinen deutschen Namen Jäger geführt hat!“

„Nein, er hat ihn in das englische Hunter amerikanisiert.“

„Warum sagten Sie das nicht gleich! Warum nannten Sie nur den deutschen Namen!“

„Ich dachte, es käme nichts darauf an.“

„Es kommt sogar viel, sehr viel, womöglich alles darauf an! Wissen Sie, wie der verschollene Sohn geheißen hat?“

„Ja, Small. Ein sonderbarer Name! Nicht wahr?“

„Ja; aber das ist nur vorteilhaft für Sie, denn je sonderbarer er ist, desto weniger kann der Träger desselben mit einem andern Menschen verwechselt werden. Also Small Hunter. Er ist verschollen. Und wo? Natürlich im Oriente! Oder nicht?“

„Ja, im Oriente!“ rief Vogel ganz erstaunt aus. „Auch das wissen Sie, Herr Doktor?“

„Auch das! Sie sind an den rechten Mann gekommen, lieber Freund.“

„Das sagte auch Winnetou!“

„Aha. Er hat einen kleinen, winzigen Stapfen der Spur erkannt, welcher Sie folgen müssen, und dann gleich alles mögliche gethan, damit sie dem Auge ja nicht wieder entgehen möge. Setzen Sie ihn nur erst auf eine Fährte, dann ist er unermüdlich und zeigt eine unerreichbare Meisterschaft.“

„Sie haben also eine Spur von dem Verschollenen?“

„Ja. Aber vorher muß ich noch fragen: war denn in dem behördlichen Berichte nicht zu lesen, wo man ihn vermuten kann?“

„Doch! Ich besinne mich. Man hat einen Brief gefunden, welchen er von Kairo aus an seinen Vater geschrieben hat.“

„Das ist gut! Wie alt ist der Brief?“

„Das war nicht erwähnt.“

„Schade! Es ist gerade ganz nötig, die Zeit zu wissen, wann Small Hunter in Kairo gewesen ist.“

„Er hat dort im Hotel du Nil gewohnt, dessen berühmten Palmengarten er ausführlich beschreibt.“

„Ist noch etwas aus dem Briefe erwähnt worden?“

„Nein! Und aber doch! Ich besinne mich. Er bittet seinen Vater, die Antwort nach dem amerikanischen Konsulate zu adressieren.“

„Das ist wichtig, sehr wichtig! Die Spur haben wir. Der Gesuchte ist nun mit Sicherheit zu finden, aber freilich als Leiche.“

„Sie halten ihn für tot?“

„Ja. Und dennoch wird er sich zu der Erbschaft melden.“

„Ein Toter meldet sich doch nicht zu einer Erbschaft!“

„Manchmal doch! Allerdings nur unter ganz besondern Umständen, welche Sie erfahren werden, wenn ich erst mit Winnetou gesprochen habe.“

„Sie machen mich höchst wißbegierig!“

„Ich werde Sie nicht lange auf die Folter spannen und darum mit dem Apatschen nicht indianisch, sondern englisch sprechen. Verstehen Sie das?“

„Ganz gut. Von dem Tage an, an welchem meine Familie nach Amerika zog, habe ich sehr eifrig Englisch getrieben.“

„So hätten wir uns jetzt dieser Sprache anstatt der deutschen, von welcher der Apatsche nur wenig versteht, bedienen sollen. Ich brauchte mich nun nicht extra an ihn zu wenden. Aber sagen Sie mir doch, ob Sie nicht wissen, ob die Behörde in New Orleans sich an das Konsulat nach Kairo gewandt hat?“

„Die Behörde und auch der Advokat, von welchem ich vorhin sprach.“

„Welche Antwort ist erfolgt?“

„Noch keine; die Zeit ist zu kurz dazu.“

„So weiß ich jetzt alles, was ich wissen muß, um Ihnen den Rat geben zu können, den Sie von mir erwarten werden. Sie sind ja doch nur deswegen zu mir herübergekommen?“

„Ja; ich gestehe das offen. Meine Schwester machte uns darauf aufmerksam, da Sie den Orient kennen und – –“

Er stockte.

„Und – nun sprechen Sie weiter!“ forderte ich ihn auf. „Wenn Sie Rat und That von mir verlangen, müssen Sie vollständig aufrichtig zu mir sein.“

„Sie haben das Wort schon selbst ausgesprochen, als Sie von Rat und That redeten. Meine Schwester meint, Sie kennen den Orient und wären wohl der richtige oder gar der einzige, den Verschollenen lebendig oder tot nachzuweisen.“

„Hm! Ich bin Ihrer Schwester sehr dankbar für das Vertrauen, welches sie da in mich setzt. Also nicht bloß raten soll ich, sondern auch thaten! Wissen Sie, was das heißt?“

„Ja. Wir haben uns diese Frage beantwortet. Wir fordern Zeit und Mühe von Ihnen.“

„Vielleicht noch mehr, unter Umständen sogar das Leben.“

„Doch nicht?“ fragte er erschrocken.

„Ja, das Leben. Die Spur, welche wir haben, weist nämlich hin auf eine großartige Schurkerei, welche entweder schon geschehen ist oder noch geschehen soll. Der Reisebegleiter, welchen Small Hunter bei sich hat, ist ihm nämlich außerordentlich ähnlich, fast wie ein Ei oder ein Tropfen dem andern. Ich vermute aus sehr guten Gründen, daß diese Ähnlichkeit die Ursache zu einem Morde werden soll oder schon geworden ist.“

„Sie erschrecken mich!“

„Der Reisebegleiter ermordet Small Hunter, um, da er ihm so ähnlich sieht, an seiner Stelle als Small aufzutreten und den alten Hunter zu beerben. Der Reisebegleiter ist ein Verbrecher, und sein Vater und sein Oheim, an den dieser Brief gerichtet war, sind doppelte und dreifache Mörder. Ich werde Ihnen das noch ausführlich erzählen. Mit fester Bestimmtheit kann ich freilich noch nicht von einem Morde reden; aber wie ich die Betreffenden kenne, werden sie unbedingt auf den Gedanken kommen, den Tod des alten Hunter auf diesem gräßlichen Wege für sich auszunützen. Doch nun vor allen Dingen zu Winnetou.“

Dieser hatte, da wir bis jetzt deutsch gesprochen hatten, uns nur wenig verstanden, war aber unsern Mienen und Bewegungen mit großer Aufmerksamkeit gefolgt. Vorher war der Ausdruck der Spannung auf seinem Gesichte zu lesen gewesen; seit ich aber den Brief geholt hatte, war diese verschwunden, um einem Zuge der Befriedigung Platz zu machen. Als er sah, daß ich mich nun auch an ihn wenden wolle, kam er mir mit den Worten zuvor:

„Mein Bruder Old Shatterhand hat meine Vermutungen bestätigt gefunden. Das verschollene Bleichgesicht ist mit dem Neffen Meltons nach der Gegend gereist, welche die Weißen den Orient nennen.“

„Winnetou hat uns beide richtig beobachtet. Der Schärfe seines Auges bleibt nichts verborgen.“

„Dazu bedurfte es keiner großen Schärfe. Old Shatterhand hat mir damals den Brief gezeigt und vorgelesen; ich merkte mir ihn. Nun kam ich nach Francisco, um die schöne, junge Frau zu sehen, deren Mann uns damals so schwer beleidigte, daß ich die Drohung aussprach, an ihm Rache zu nehmen, wenn ich später seine Squaw im Unglücke finden sollte. Ich erfuhr von dem Unheile, welches sie betroffen hat, und ging zu ihr, um sie zu trösten. Sie hatte Vertrauen zu mir, weil ich dein Freund und Bruder bin, und erzählte mir alles. Sie las mir auch das Schreiben vor, welches sie aus New Orleans erhalten hat. Darin stand der Name Hunter und noch anderes, was mit dem Inhalte deines Briefes stimmte. Da war es leicht, auf die richtige Fährte zu kommen. Wer sie verfehlt hätte, wäre blind und taub gewesen. Die Squaw hat dir einst ihr Vertrauen geschenkt. Ich beschloß, ihr zu helfen. Du allein warst der Mann, durch den ich helfen konnte; darum mußte ich zu dir. Den jungen Mann habe ich mitgenommen, weil er die Angelegenheit kennt und die Sprache deines Vaterlandes versteht, deren ich nicht mächtig bin. Welche Gedanken beabsichtigt nun mein Bruder, zu befolgen?“

„Jonathan Melton schreibt, daß er seine Ähnlichkeit mit Small Hunter ausnutzen werde. Was meint Winnetou, worin diese Ausnutzung bestehen wird? Etwa nur in Fälschungen und Betrügereien?“

„Nein. Small Hunter wird sterben, wenn nicht rechtzeitig ein Retter erscheint.“

„Davon bin ich auch überzeugt. An seiner Stelle wird Jonathan Melton erscheinen und die Erbschaft heben. Es muß sogleich ein tüchtiger Mann nach Kairo, um beim Konsulate nachzufragen und die Spur dann weiter zu verfolgen.“

„Dieser Mann sind Sie!“ fiel da Vogel ein, indem er meine Hände ergriff. „Gehen Sie; reisen Sie; beeilen Sie sich, ehe es zu spät wird!“

„Hm! Die Sache interessiert mich allerdings ungeheuer; aber meinen Sie, daß ich nur so hier sitze, um auf irgend eine Veranlassung hin meine Arbeiten wegzuwerfen und mich da drüben jenseits des Mittelmeeres mit Verbrechern herumzuschlagen?“

„Thun Sie es dennoch, thun Sie es! Wenn Sie Small Hunter retten, wird er Sie reich belohnen. ist er aber schon tot und Sie entlarven seinen Doppelgänger, so sind wir gern bereit, Ihnen einen Teil der Erbschaft auszuzahlen.“

„Uff!“ rief der Häuptling zornig. „Old Shatterhand nimmt kein Geld, und solches Fährtenspüren kann überhaupt kein Mensch bezahlen!“

Ich milderte diesen Einwurf durch die Erklärung ab:

„Beruhigen Sie sich, ich war schon vorhin im stillen bereit, mich sogleich nach Kairo aufzumachen, wenn die Hindernisse, welche mir für heute und morgen entgegenstehen, beseitigt sind.“

Wie scharfdenkend und feinfühlend Winnetou war, zeigte er auch jetzt wieder, indem er mit einer mir sehr verständlichen Bewegung die Hand auf seinen Gürtel legte und dabei sagte:

„Winnetou bittet Old Shatterhand, keine Hindernisse gelten zu lassen. Wie ist der Weg nach Kairo?“

„Von hier mit der Bahn nach Brindisi und dann per Schiff nach Alexandrien.“

„Wie lange fährt man mit der Bahn, und wann geht das Schiff ins Meer?“

„Die Fahrten finden ganz regelmäßig an bestimmten Wochentagen statt. Wer morgen von hier abreist und übermorgen in Brindisi ankommt, kann schon am nächsten Tage mit dem Dampfer in See stechen.“

„So fahren wir morgen. Howgh!“

Ich hatte so etwas geahnt. Winnetou war nicht herübergekommen, um mich nach Afrika zu schicken und allein wieder heimzukehren. Dennoch frappierte mich der feste entschlossene Ton, in welchem er diese Worte sprach. Ich fragte:

„Aber Winnetou geht in ein Land, welches ihm fremd ist!“

„Mein Bruder kennt das Land um so besser. Er mag nicht versuchen, mich irre zu machen! Hast du mir nicht hundertmal erzählt, was du in jenen Ländern gesehen hast, und sodann gesagt, du wünschest, daß auch ich einmal hinkommen möge?“

„Ja.“

„Dieser Wunsch wird dir jetzt in Erfüllung gehen; also sprich kein Wort dagegen.“

Ein Apatschenhäuptling in Kairo! Welch ein Gedanke! So etwas war noch nie dagewesen. Ich freute mich darüber, denn erstens fand nun ich auch einmal Gelegenheit, seinen Lehrer zu machen, und zweitens lag für uns die Möglichkeit vor, in Lagen zu kommen, wo das Urteil dieses Scharfsinnigsten aller Scharfsinnigen mir von großem Nutzen sein konnte. Und drittens, und das war momentan die Hauptsache, hatte er die Hand auf seinen Gürtel gelegt. Ich befand mich nicht in der Situation, ein so bedeutendes Reisegeld, wie nötig war, vorrätig im Kasten liegen zu haben; der Hinweis auf den Gürtel aber sagte mir, daß in demselben des schnöden und doch so edlen Mammons genug vorhanden sei.

Die Freude Vogels über unsern Entschluß war groß. Er begann immer wieder, von neuem sich zu bedanken, bis wir ihm dies rundweg und streng verboten. Er wurde ins Hotel geschickt; der Apatsche aber schlief natürlich bei mir, doch nicht lange, denn schon zur frühen Morgenstunde mußten wir den Zug besteigen. Das machte uns aber keine Schmerzen, denn umfangreicher Reisevorbereitungen bedurfte es nicht, da ich alles, was dazu gehört, stets für den augenblicklichen Gebrauch beisammen habe.

Vogel war mit genügenden Mitteln zur Rückkehr nach San Francisco versehen. Er verabschiedete sich am Coupé von uns und erhielt noch ausführlich gesagt, wie er und seine Verwandten sich in gewissen Fällen zu verhalten hätten.

Großen Spaß gewährte mir die Aufmerksamkeit, welche die Erscheinung des Apatschen überall erregte. Ich scheue mich nicht, zu sagen, daß er für kurze und oberflächliche Blicke wie ein neugekleideter Stromer aussah. Aber wer auf seine Haltung und auf die edlen, stolzen und meist unbeweglichen Züge seines hellbronzenen Gesichtes achtete, der war gezwungen, auf den Gedanken zu kommen, daß er keinen gewöhnlichen Menschen vor sich habe.

Kleine Erlebnisse, oft interessanter und oft lustiger Art, welche uns auf der Reise begegneten, gehören nicht hierher; ich sage nur, daß Winnetou trotz seiner gewohnten indianischen Zurückhaltung nicht aus dem Staunen herauskam. Es gab gar viel Neues, Unbekanntes und Unerwartetes zu sehen. In Alexandrien kaufte er sich einen arabischen Anzug, der ihm ganz vorzüglich stand, aber um so unbequemer vorkam.

In Kairo angekommen, verfügten wir uns sofort nach dem Hotel du Nil, wo Small Hunter gewohnt hatte. Wir erfuhren, daß er vor ungefähr drei Monaten abgereist sei, und das stimmte auch mit den Angaben, welche man uns auf dem amerikanischen Konsulate machte. Dort hörten wir noch weiteres. Die Behörden von New Orleans hatten Erkundigungen eingezogen, ebenso auch der schon erwähnte Advokat. Briefe waren zuerst nach Alexandrien und dann später nach Tunis nachzusenden gewesen. Der Vermittler in der letztgenannten Stadt war ein jüdischer Handelsmann Namens Musah Babuam.

Diese Auskünfte bestimmten uns, nach Tunis zu gehen, und zwar Kairo schon morgen zu verlassen, denn es galt, keine Zeit zu verlieren. Zu unsrer Beruhigung aber hatte man uns gesagt, daß Small Hunter sehr wohl gewesen sei und mit seinem Reisebegleiter in einem sehr guten, sogar vertraulichen Einvernehmen gestanden habe; die Ähnlichkeit zwischen beiden sei geradezu frappant gewesen, zumal sie sich bis ins kleinste gleich gekleidet hätten.

Am Abende spazierten wir einmal nach dem Hotel d Orient, in welchem ich früher gewohnt hatte. Es führte mich keine besondere Absicht dorthin; man kehrt ganz unwillkürlich und gern an Orte zurück, welche man früher betreten hat. Wir traten in den hellerleuchteten Garten und setzten uns an einen leeren Tisch, um ein Glas Limonade zu trinken. Man hatte uns bemerkt, denn Winnetou mußte auffallen, da er sein Haar ganz aufgelöst im Nacken trug.

Es gab mehrere Tische und viele Gäste da, welche sich an der kühlen Abendluft erfreuten. In ziemlicher Entfernung von uns hatte ein muselmännisch gekleideter Mann gesessen, welcher bei unserm Erscheinen aufgestanden war. Er kam näher und immer näher und verwendete keinen Blick von uns. Es war wohl irgend einer, der mich früher einmal in dieser Gegend gesehen hatte; ich achtete nicht mehr auf ihn. Da zog er die Kapuze seines hellen Haik halb über das Gesicht herab, kam ganz herbei, legte mir die Hand auf die Schulter und grüßte mich im schönsten Tehua-Indianisch:

„Oseng-ge tah, mo Old Shatterhand!“

Das heißt so viel wie „guten Abend, Old Shatterhand!“ Dann legte er seine Hand auch auf des Apatschen Arm und wiederholte den Gruß, nur mit dem andern Namen:

„Oseng-ge tah, mo Winnetou!“

Der Araber kannte uns. Ich sprang überrascht auf und fragte in demselben Indianerdialekte:

„Toh-ah oh sse – wer bist du, Mann?“

Da antwortete er in englischer Sprache:

„Rate doch einmal, alter Löwentöter! Bin wirklich neugierig, ob du mich denn nicht an der Stimme erkennen willst!“

„Emery, Emery Bothwell!“ rief ich aus, riß ihm die Kapuze über den Kopf zurück und schlang die Arme um ihn. Er that dasselbe mit mir, drückte mich an seine mächtige Brust und sagte im Tone tiefer Rührung:

„Habe mich lange, lange gesehnt nach dir, alter Knabe! Bist aber nie, wenn ich unterwegs war, auf meiner Fährte zu finden gewesen. Jetzt bist du in diesem gesegneten Garten beinahe über mich weggestolpert. Das hat das Kismet gewollt, und auch ich werde einen Willen haben, nämlich den, daß wir uns nicht sogleich wieder trennen. Bist du einverstanden?“

„Gern, liebster Freund! Also du hast uns beide sogleich erkannt?“

„Dich sofort; aber der Häuptling machte mir zu schaffen. Wer durfte in diesem Gewande den größten und berühmtesten Krieger der Apatschen vermuten! Wer hätte es für möglich gehalten, Winnetou hier in der fernen Kahira zu sehen.

Ich bin so erstaunt darüber, daß ich es, wenn ich nicht so gute und treue Augen hätte, gar nicht glauben würde. Es muß ein ebenso seltsames wie wichtiges Geschäft sein, welches den Häuptling bewogen hat, den Llano estacado mit der lybischen Wüste und das Felsengebirge mit dem alten Mokattam zu vertauschen.“

„Das ist es auch. Nimm Platz, so wirst du es erfahren. .“

Er ließ sich durch den Kellner seinen Scherbet und seinen Stuhl bringen und setzte sich zu uns.

Wer hätte daran gedacht, diesem meinem guten, kühnen und geradezu unbesiegbaren Kameraden aus der Prairie und der Sahara heute hier zu begegnen! Und ich hatte allen Grund, mich über dieses Zusammentreffen zu freuen; das werden diejenigen Leser gern glauben, welche „Die Gum“ [Fußnote] gelesen haben. Es sei mir erlaubt, das zu wiederholen, was ich dort über seine Persönlichkeit gesagt habe:

„Drüben im Farwest habe ich einen Mann getroffen, der sich ebenso wie ich aus reiner Abenteurerlust ganz allein in die finstern und blutigen Gründe des Indianergebietes gewagt hatte und mir bei allen Fährlichkeiten ein treuer Freund und Maat geblieben war. Sir Emery Bothwell war ein Engländer vom reinsten Krystall, stolz, edel, kalt, wortkarg, kühn bis zur Verwegenheit, voll Geistesgegenwart, ein starker Ringer, ein gewandter Fechter, ein sicherer Schütze, und dabei voller Aufopferungsfähigkeit, wenn sein Herz einmal freundschaftlichen Regungen zugänglich geworden war. Neben diesen zahlreichen Vorzügen besaß der gute Emery allerdings einige kleine Eigentümlichkeiten, die ihn sofort als Engländer charakterisierten und einen Fremden wohl gar abstoßen mußten. Mir gegenüber hatten sie keinerlei Störung, sondern im Gegenteile öfters eine kleine, allerdings heimliche und unschuldige Belustigung verursacht.“

Ja, so, ganz so war Emery Bothwell, der dann mit mir und wenigen Männern in der Sahara eine ganze Raubkarawane vernichtet hatte. Daß er, der sonst so wortkarge Mann, uns mit so vielen Worten begrüßt hatte, war ein Zeichen der ebenso großen wie aufrichtigen Freude, welche er bei dem gegenwärtigen Wiedersehen empfand. Er kannte Winnetou ebensogut persönlich wie mich, da wir mit ihm den Südwesten der Vereinigten Staaten fast drei Vierteljahre lang durchstreift und dabei manches ungewöhnliche Vorkommnis erlebt hatten. Der Apatsche freute sich infolgedessen wohl in demselben Grade, wie ich über dieses ganz unerwartete Zusammentreffen, doch war es nicht seine Weise, sich dergleichen Regungen auffällig merken zu lassen.

Daß wir hier und in dieser Zeit mit ihm zusammentrafen, war mir im hohen Grade willkommen. Er stand sich so, daß er stets über seine Zeit verfügen konnte, und ich war sofort überzeugt, daß er sich uns anschließen werde. Es handelte sich darum, nach einem Verschollenen zu suchen, vielleicht gar ein Verbrechen zu entdecken oder wenigstens zu verhüten, und das war seiner Abenteurerlust eine hochwillkommene Aufgabe. Und da er alles Nötige besaß, sie zu lösen, so konnte ich keinen bessern Begleiter finden, als ihn. Und wenn die Gesuchten sich noch so schlau und sorgfältig versteckt hätten, mit Winnetou, dem berühmtesten Pfadfinder des Westens, und mit Emery, dem fast ebenso berühmten Behluwan-Bei der algerischen Wüste, mußten sie entdeckt werden.

Der letztere war jedenfalls in hohem Grade erstaunt, den ersteren in Kairo zu sehen. Er sagte sich, daß nur ein ganz außerordentlicher Umstand den Indianer zu dieser Reise veranlaßt haben könne. Winnetou hätte nicht gefragt, sondern gewartet; Emery aber war ein Weißer; er legte seiner Wißbegierde keine Schranken an und wendete, als er bei uns Platz genommen hatte, sich mit verschiedenen Fragen über das Woher und Wohin an mich.

„Ist’s möglich!“ rief er, „Ihr wollt nach Tunis? Ich auch!“

„Wann?“

„Wann es euch beliebt.“

„Schön! Wir reisen also zusammen. Was willst du dort?“

„Welche Frage! Abenteuer. Und ihr?“

„Wahrscheinlich finden auch wir Abenteuer. Ich meinte nur, es müsse eine nähere Ursache, -welche dich nach Tunis zieht, vorhanden sein.“

„Richtig! Die Ursache heißt Small Hunter.“

„Uff!“ rief der Indianer, dem dieser Name so überraschend kam, daß er dadurch ganz wider Willen aus seinem Schweigen gerissen wurde.

„Small Hunter?“ fragte auch ich schnell. „Ist das möglich? Kennst du ihn?“

„Yes. Du auch, wie es scheint?“

„Nein; aber ich suche ihn in Tunis.“

„Bist auf falscher Fährte. Er ist in Ägypten und zwar in Alexandrien.“

„Und von dorther kommen wir! Hätten wir das gewußt! Wir haben uns hier nach ihm erkundigt und da erfahren, daß er schon vor etwa drei Monaten nach Tunis abgereist sei.“

„Unsinn! Ist noch da.“

„Aber er hat Anweisung gegeben, ihm alle Postsachen nach Tunis nachzusenden, und es sind ihm auch schon Briefe nachgeschickt worden!“

„Thut auch nichts. Er ist doch noch da; aber er will fort, und zwar mit mir; er wartet in Alexandrien auf mich.“

„So bist du schon vorher mit ihm zusammengewesen?“

„Fragen und immer wieder Fragen! Soll ich dir etwa eine Erzählung machen?“

„Das wäre mir freilich das Liebste.“

„Well! Sie wird aber kürzer sein, als du denkst. Bin da unten in Neghileh mit ihm zusammengetroffen; haben miteinander einen Ausflug nach Berd Ain gemacht, zwei Monate lang. Hunter muß nun nach Tunis, und ich gehe mit. Bin aber vorher nach Kairo, um Kasse zu holen. Er wartet in Alexandrien auf mich.“

„Und du gehst nur seinetwegen nach Tunis?“

„Nein. Wäre auch ohne ihn hingegangen. Habe mit dir die algerische Sahara kennen gelernt und jetzt Ägypten angesehen. Will nun auch wissen, was dazwischen liegt; das ist Tunis und Tripolis.“

„So so! Wer war bei Hunter?“

„Niemand.“

„Wirklich niemand? Aber er hat ja einen Begleiter bei sich Namens Jonathan Melton.“

„Kenne den Mann nicht; habe ihn nicht gesehen.“

„Hat Hunter nicht von ihm gesprochen?“

„Kein Wort!“

„Hm! Sonderbar! Aber von seinen Verhältnissen hat er etwas verlauten lassen?“

„Keine Silbe. Ist mir nicht eingefallen, mich danach zu erkundigen.“

„Aber man pflegt doch nicht mit einem unbekannten Menschen zu reisen!“

„Unbekannt? – Pshaw! Hunter trat sehr anständig auf. Ist lange Zeit, wie ich mich überzeugte, im Oriente gewesen. Was willst du mehr!“

„So scheint es, daß ich ihn besser kenne als du, obgleich ich ihn noch nicht gesehen habe. Wir suchen ihn. Er soll nach Hause kommen, eine großartige Erbschaft machen. Sein Vater ist gestorben. In welchem Hotel sollst du ihn in Alexandrien treffen?“

„In keinem. Wohnt privat. Geht nach Tunis, um dort einen Freund zu besuchen, den Kalaf Ben Urik, Kolarasil bei den tunesischen Truppen.“

„Kalaf Ben Urik? Sonderbarer Name! So kann eigentlich weder ein Araber noch ein Maure oder Beduine heißen! Der Name kommt mir wie ein selbstgemachter vor!“

„Was kann dich das interessieren?“

„Mehr als du denkst. Weißt du vielleicht, wie alt Kalaf Ben Urik ungefähr ist?“

„Bei guten Jahren. Hunter erwähnte es zufällig. Er sagte auch, daß ich mit dem Kolarasi englisch sprechen könne.“

„Englisch? Ah! Wie kommt es, daß ein tunesischer Hauptmann das Englische versteht?“

„Weil er eigentlich ein Fremder ist. Hunter sagte mir, der Hauptmann sei vor acht Jahren zum Islam übergetreten, als er nach Tunis kam.“

„Woher kam er da?“

„Weiß es nicht. Aber da er englisch spricht, scheint der Master ein Landsmann von mir zu sein.“

Ein Engländer? Ich möchte ihn lieber für einen Amerikaner halten, weil Hunter, der doch ein Yankee ist, ihn besucht.“

„Mag sein. Ist mir auch lieber. Müßte mich darüber ärgern, wenn ein früherer Christ und jetziger Mohammedaner in meinem Old England geboren wäre. Aber was machst du für ein Gesicht? Worüber denkst du nach? Solche abwesende und doch stechende Augen habe ich nur dann bei dir gesehen, wenn du über eine Fährte nachdachtest.“

„So? Vielleicht befinde ich mich auch gerade jetzt auf einer Spur, und zwar auf einer außerordentlich interessanten und wichtigen. Sage mir nur eins: Hunter hat von seinen Verhältnissen also kein Wort gesagt. Hat er nicht doch einmal gesprächsweise erwähnt, daß er außer zu diesem Kolarasi zu noch einer Person in Tunis in Beziehung steht?“

„Ja. Er bekommt seine Briefe an einen dortigen Handelsmann nachgeschickt.“

„Kennst du den Namen desselben?“

„Er ist ein Jude, und wenn ich mich nicht irre, so nannte er ihn – hm, wie war doch der Name!“

„Musah Babuam?“

„Ja, richtig; so hieß der Mann! Aber wie kommt es, daß du dich nach solchen Nebendingen erkundigst, nach denen sonst kein Mensch zu fragen pflegt?“

„Weil die Nebendinge mich auf die Hauptsache bringen. Mir scheint, daß Hunter ein Betrüger ist.“

„Ein – Betrüger –?“ fragte Emery im höchsten Grade erstaunt. „Das – ist – ganz – unmöglich!“

„Es ist nicht nur nicht unmöglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich.“

Winnetou hatte bis jetzt kein Wort gesagt, aber, da wir englisch sprachen, alles verstanden. Jetzt meinte er mit der Betonung eines Mannes, der seiner Sache sicher ist:

„Mein Bruder Old Shatterhand ist auf der richtigen Spur. Dieser Small Hunter ist nicht der richtige Small Hunter, sondern ein falscher.“

„Ein falscher?“ fragte Bothwell. „Ihr meint, daß er nicht seinen echten Namen führt?“

„Ja, das meinen wir,“ antwortete ich. „Er heißt Jonathan Melton.“

„Den Namen nanntest du doch vorhin als denjenigen seines Begleiters?“

„Allerdings. Er ist eigentlich der Begleiter dessen, für den er sich ausgiebt.“

„Das sind mir Rätsel. Erkläre dich!“

Später konnte er alles vollständiger hören; jetzt erzählte ich ihm nur soviel, wie, um ihn zu unterrichten, nötig war. Er hörte mir mit sich immer mehr spannender Aufmerksamkeit zu und zeigte sich, als ich fertig war, mit dem, was er gehört hatte, nicht zufrieden; ich mußte ausführlicher sein und ihm alles erzählen, von meiner damaligen Reise in Mexiko an bis auf den heutigen Tag. Als ich geendet hatte, hätte ein anderer seinen Gedanken oder Empfindungen wohl sofort lauten Ausdruck gegeben, er aber saß lange wortlos da und blickte sinnend vor sich nieder. Dann, als er den Kopf hob, sagte er, indem seine Augen glänzten:

„Das wird eine hochinteressante Reise nach Tunis, weil du auf einer prächtigen Fährte bist. Mein Master Hunter ist wirklich kein anderer als Jonathan Melton, der Begleiter.“

„Woraus schließest du das?“

„Das fragst du noch! Ah, du willst meinen Scharfsinn auf die Probe stellen!“

„Und weißt du, wer jener Kolarasi, jener tunesische Hauptmann ist?“

„Thomas Melton, den du vor neun Jahren von Fort Uintah bis nach Fort Edward getrieben hast. Acht Jahre lang ist er in Tunis; es liegt also ein Jahr dazwischen, und das hat für ihn genügt, sich soviel Sprachfertigkeit anzueignen, daß er in das tunesische Militär eintreten konnte. Was meinst du dazu?“

„Ich bin ganz deiner Ansicht.“

„Warum läßt dieser Hunter, den ich kenne, seine Briefe an den Juden adressieren und nicht an den Kolarasi, den er doch kennt?“

„Weil er eben nicht Hunter, sondern Melton ist. Der wirkliche Hunter kennt den Kolarasi nicht; er hat seine Briefe also an einen Geschäftsmann richten lassen, von dem er wußte, daß er ihn in Tunis besuchen müsse. Aber weiter! Warum logiert Hunter in Alexandrien privat und nicht in einem Hotel?“

„Weil er sich nicht sehen lassen, sondern verborgen bleiben will.“

„Und warum ist er nach drei Monaten noch in Ägypten, während man hier die Überzeugung hegt, daß er sich in Tunis befindet?“

„Weil er sich für den echten Hunter ausgiebt, der in Wirklichkeit nach Tunis ist.“

„Nein! Hier in Ägypten hat er sich nicht für diesen ausgeben, sondern verborgen bleiben wollen; daß er deine Bekanntschaft gemacht hat, war von ihm eine Unvorsichtigkeit, welche er wahrscheinlich zu büßen haben wird.“

„Aber warum ist er hier geblieben? Warum hat er den echten Hunter, dessen Reisebegleiter er war, allein nach Tunis gelassen?“

„Das kannst du dir nicht erklären?“

„Wenigstens nicht vollständig.“

„Ich nehme unbedingt an, daß er den Tod des alten Hunter erfahren hat und dadurch auf den Gedanken gekommen ist, den er aber sehr wahrscheinlich schon früher gehabt hat, der Erbe des Verstorbenen zu werden. Das wird ihm durch den Umstand erleichtert, daß er eine außerordentliche Ähnlichkeit mit dem jungen Hunter besitzt und während des langen Beisammenseins mit diesem die Gelegenheit gefunden hat, die Verhältnisse desselben genau zu studieren. Es ist sogar zu denken, daß er sich Mühe gegeben hat, die Handschrift seines Reisegefährten genau nachzuahmen. Auf die Nachricht von dem Tode des Alten hat er den Jungen unter irgend einem Vorwande nach Tunis zu dem Kolarasi oder, um den richtigen Namen zu gebrauchen, zu seinem Vater Thomas Melton geschickt, wo derselbe aus dem Wege geschafft werden, also verschwinden soll. Jetzt fährt er nach, um an die Stelle des Verschwundenen zu treten, nach Amerika zu gehen und das Erbe einzuheimsen. Das sind meine Gedanken, und ich glaube nicht, daß sie mich trügen.“

„Mein Bruder Old Shatterhand hat recht,“ stimmte Winnetou bei.

Und auch Emery meinte:

„So wie du es darstellst, kann ich nicht anders als dir beipflichten. Aber sollte man so teuflische Pläne für möglich halten?“

„Denke an Harry Melton, den ich den Satan nenne und von welchem ich dir erzählt habe. Hat er nicht eben solche und noch schlimmere Pläne erdacht und auch ins Werk gesetzt? Es giebt, Gott sei es geklagt, Menschen, welche nur dem Namen nach Menschen sind, und zu diesen gehören die drei Meltons, Vater, Sohn und Oheim.“

„Ich bin, wie gesagt, ganz deiner Ansicht. Sollte sie die richtige sein, so ist es unsere Pflicht, den jungen Hunter zu retten, wenn das noch möglich ist. Aber wie?“

„Durch schnelles Eingreifen. Wir dürfen uns auf keinen andern, auch nicht auf die Behörde, verlassen, sondern müssen selbst handeln.“

„Also nach Tunis?“

„Ja. Den jungen Melton haben wir schon in Alexandrien in der Hand, und seinen Vater werden wir, denke ich, ebenso leicht bekommen.“

„Aber klug müssen wir sein!“

„Was das betrifft, so meine ich nicht, daß es großer Pfiffigkeit bedarf. Es ist nichts weiter als ein wenig Energie notwendig.“

„Aber ohne Unterstützung der tunesischen Behörde können wir doch nichts thun!“

„Die wird mir gern jeden Gefallen erweisen, den ich mir von ihr erbitte.“

„Ah,“ lächelte er, „du hast wohl mit Mohammed es Sadok Pascha, dem Gebieter von Tunesien, Brüderschaft getrunken?“

„Das nicht. Aber was noch besser ist, ich kenne seinen Herrn der Heerscharen sehr gut.“

„Herr der Heerscharen? Was für ein Titel ist das?“

„Mein Freund Krüger-Bei wird so genannt, weil er der oberste der Leibwache oder Leibscharen ist.“

„Krüger? Das ist doch kein tunesischer, sondern ein deutscher Name!“

„Krüger ist auch ein Deutscher von Geburt. Er hat eine Vergangenheit hinter sich, wie sie kein Romanschreiber sich phantastischer aussinnen könnte. Es ist eben das, was ich so oft behaupte: das Leben ist der fruchtbarste Romanschriftsteller, den es giebt. Von Krüger selbst ist zwar über sein früheres Leben soviel wie nichts zu erfahren, aber ich glaube, daß er aus der Mark Brandenburg stammt und wahrscheinlich Brauerbursche oder so etwas ähnliches gewesen ist. Auf der Wanderschaft nach Frankreich verschlagen, hat er sich in die Fremdenlegion anwerben lassen, ist in Algerien desertiert, über die tunesische Grenze entwichen und dort Sklave geworden. Infolge seiner Anstelligkeit steckte man ihn später unter das Militär; er hielt aus, avancierte, kam zur Leibwache und hat es schließlich bis zum Obersten derselben gebracht. Mohammed es Sadok Pascha schenkt ihm sein ganzes Vertrauen.“

„So ist er also ein guter Soldat?“

„Ein tüchtiger Soldat, ein treuer Beamter und ein guter Mensch. Leider ist er Mohammedaner geworden! Er hängt noch mit großer Liebe an seinem Vaterlande, mag aber von dem einzelnen Deutschen nichts wissen. Mit mir hat er eine Ausnahme gemacht und mir die beiden Male, an denen ich bei ihm war, eine wirkliche herzliche Zuneigung erwiesen.

„Wenn du ihn kennen lernst, wirst du ihn auch achten lernen und doch auch vielen Spaß über ihn haben.“

„Wieso?“

„Er hat die Eigenart, seinen jetzigen Glauben mit seinem früheren zu verquicken, Bibel und Kuran zu verwechseln und dabei allerlei Lächerlichkeiten an den Tag zu fördern. Das größte Meisterstück von ihm aber ist sein Deutsch. Da du der deutschen Sprache mächtig bist, wirst du die helle Freude an ihm erleben. Er hat nur den allernotdürftigsten Schulunterricht genossen und als Brandenburger schon als Kind mit dem Mir und Mich im Streite gestanden. In Frankreich eignete er sich einen kleinen Vorrat von Französisch an, und in Algier und Tunesien lernte er mit der Zeit arabisch sprechen. Da aber sein Sprachtalent bei weitem nicht ausreicht, die drei Sprachen auseinander zu halten und er besonders die Verschiedenheiten des Satzbaues nicht zu begreifen vermag, so leistet er im Syntax geradezu Unglaubliches. Arabisch hört er täglich sprechen und spricht es selber täglich; dies ist der Grund, daß er in dieser Sprache nicht nur die wenigsten Böcke schießt, sondern sich sogar eine außerordentlich bilderreiche, orientalische Ausdrucksweise angewöhnt hat. Deutsch hat er nur in der Jugend, und da auch nur im Dialekte und fehlerhaft gesprochen, später gar nicht mehr; daher ist diese seine Muttersprache am schlechtesten weggekommen. Das giebt ungeheuern Spaß, kann aber unter Umständen, gerade wenn es gilt, kurz und klar zu sprechen, zum Beispiel in der Nähe einer Gefahr, von großem Nachteile sein.“

„Diesen Krüger-Bei oder – hm, wie nanntest du ihn?“

„Herr der Heerscharen. So nennt er sich nämlich auch selbst, arabisch Raijis el Dschijusch. Sobald wir uns an die Behörde zu wenden haben, was höchst wahrscheinlich der Fall sein wird, werde ich mir seine Hilfe erbitten. Ich habe sogar die Absicht, ihn schon vorher aufzusuchen, und bin Überzeugt, daß er sich darüber freuen wird.“

„Willst du ihm vielleicht gleich den vermeintlichen Hunter übergeben?“

„Das wird wohl nicht nötig sein.“

„Vielleicht doch. Wenn dieser Mensch unsere Absichten durchschaut, wird er uns zu entkommen trachten. In diesem Falle müssen wir ihn in das Gefängnis stecken lassen, und zwar so lange, bis wir auch seinen Vater haben.“

„Wir dürfen uns eben nicht durchschauen lassen.“

„Nun, mir traut er keine Feindschaft zu; wie aber, wenn er zufällig errät, wer ihr seid? Man weiß ja, welche Rolle die Zufälle spielen.“

„Es wäre ein wirklich unbegreiflicher Zufall, der ihm verriete, daß wir Winnetou und Old Shatterhand sind!“

„So müßt ihr euch andere Namen geben. Es ist besser, wir wissen das schon jetzt. Je eher wir euch damit nennen, desto sicherer sind wir, uns nicht etwa zu versprechen.“

„Das ist richtig. Was mich betrifft, so möchte ich mich nicht für einen Deutschen ausgeben, denn er weiß gewiß, daß Old Shatterhand ein Deutscher ist.“

„Ja. Willst du vielleicht ein Landsmann von mir sein?“

„Ja, wenn du es erlaubst.“

„Gut! So sei ein Verwandter von mir, ein gewisser Mr. Jones, den ich zufälligerweise hier getroffen habe und der in Tunis Geschäfte hat. Und Winnetou? Für wen geben wir ihn aus?“

„Er wird es sich gefallen lassen müssen, einmal ein Afrikaner zu sein. Geben wir ihn für einen mohammedanischen Somali aus, Ben Asra.“

„Schön! Nur fragt es Sich, ob er nichts dagegen einzuwenden hat.“

Als der Apatsche diese Worte hörte, sagte er:

„Nennt Winnetou wie ihr wollt; er bleibt doch der Häuptling der Apatschen.“

„Das ist richtig,“ antwortete ich; „aber es ist keineswegs gleichgültig, für wen wir dich ausgeben, da du dafür zu sorgen hast, daß man dich auch wirklich für denselben hält. Ich werde dich also unterwegs darüber unterrichten, wer und was ein Somali ist und wie du dich als ein solcher zu benehmen hast. Wir geben an, daß du das Arabische nicht verstehst, was ja auch die Wahrheit ist, aber von Sansibar aus einige Jahre in Indien gewesen bist und dort Englisch gelernt hast. Wann reisen wir von hier ab?“

„Morgen früh,“ antwortete Emery. „Dann kommen wir gerade kurz vor der Zeit an, in welcher mein Mr. Hunter ein Schiff nach Tunis erwartet.“

„Was für eins?“

„Einen französischen Handelsdampfer.“

„Also nicht Messagerie? Das fällt mir auf. Er muß also von Tunis aus sehr wahrscheinlich über diesen Dampfer verständigt worden sein.“

„Das denke ich auch. Vielleicht gelingt es uns, etwas darüber zu erfahren.“

„Aber Winnetou und ich werden uns beim Kapitän desselben zu legitimieren haben!“

„Das überlaß nur mir! Ihr seid unterwegs um eure Papiere gekommen, und ich denke, daß es genügen wird, wenn ich meinen Paß vorzeige und für euch gutsage.“

„Sodann bin ich neugierig, wie Hunter sich legitimieren wird. Der wirkliche und berechtigte Träger dieses Namens hat doch, wenn wir uns überhaupt nicht verrechnet haben, seine Legitimationen jedenfalls mit nach Tunis genommen.“

„Werden sehen. Die Hauptsache ist, daß er keinen Verdacht schöpft. Du bist in Indien gewesen und hast dort Winnetou, also den reichen Somali Ben Asra getroffen. Jetzt geht ihr nach London, wo er Geschäftsbeziehungen anknüpfen will, und verweilt unterwegs kurze Zeit in Tunis, wo du irgend etwas zu thun hast. So ist die Sache. Alles weitere aber müssen wir abwarten.“

Man sieht, daß Emery sich unserer Angelegenheit ganz so annahm, als ob es die seinige sei. Wir saßen noch einige Zeit, und dann trennten wir uns, um uns am nächsten Morgen zur Abreise wieder zu vereinigen.

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ERSTES KAPITEL

Unter der Erde

Unsere Pferde hatten nicht leicht zu tragen, da uns die Vorsicht geboten hatte, uns für drei bis vier Tage mit allem zu versehen, was nötig war und was nötig werden konnte. Wir hatten nicht nur Proviant für uns und Futter für sie, sondern auch noch verschiedene Gegenstände mitgenommen, von denen anzunehmen gewesen war, daß sie uns von Nutzen sein würden. Dazu gehörte ein Paket Lichter und ein Bündel lange Wachsfackeln. Von beiden hatten wir in den Wagen einen ziemlich bedeutenden Vorrat vorgefunden; da diese Requisiten unter der Erde gebraucht wurden, hatte Melton sie bei dem Kaufmanne in Ures bestellt. Auch drei große Fässer mit Brennöl waren verladen worden. Wie schon vorher aus vielem anderem konnte man jetzt auch hieraus ersehen, daß Melton sein „Geschäft“ schon vorbereitet gehabt hatte, ehe er mit dem Haziendero den Kauf abschloß. So hatte er auch mit den Yumas alles Nähere vorher verhandelt und ihnen alles, was sofort gebraucht wurde, zum Transporte übergeben. Der Herkules hatte mir ja erzählt, daß die dreihundert Yumas über vierhundert Pferde gehabt hatten, also über hundert mehr, als sie für sich brauchten. Nahm ich an, daß von diesen sechzig für die Deutschen nötig gewesen waren, so hatte man noch über vierzig schwer beladene Packpferde gehabt, welche die sofort notwendigen Gegenstände in die Berge schleppen mußten.

Natürlich hatte ich mich vor unserm Fortreiten gegen Winnetou über mein Vorhaben soviel, wie notwendig war, ausgesprochen, damit er, wenn uns etwas passierte und wir nach vier Tagen noch nicht zurück waren, wußte, wo er uns zu suchen hatte. Vor allen Dingen und ganz selbstverständlich hatte er wissen müssen, daß ich die Höhle des Players und den Gang, welchen der Herkules entdeckt hatte, untersuchen wollte. Das gab den Anfang des Fadens, welchem er folgen mußte, falls er veranlaßt sein sollte, nach uns zu forschen.

Da wir gestern von unserer Richtung abgewichen waren, so mußte ich mit dem kleinen Mimbrenjo heute zunächst auf dem letzten Teile des gestrigen Weges zurück und bemerkte dabei zu meiner Genugtuung, daß die Wagen- und Pferdespuren schon nicht mehr zu sehen waren. Und wo es doch eine Stelle gab, welche die Eindrücke noch zeigte, war vorauszusehen, daß dieselben im Laufe des Tages verschwinden würden. Diese Bemerkung befriedigte mich für den Fall, daß Melton uns Kundschafter entgegenschicken sollte; ich konnte überzeugt sein, daß die Leute unsern Lagerplatz nicht finden würden.

Nachdem wir vielleicht vier Stunden lang südwärts geritten waren, lenkten wir nach Osten um und erreichten bald darauf die schon mehrmals erwähnte Grenze der Vegetation. Die Einöde begann. Da, wo das letzte Gras zu sehen war, hielten wir an, um den Pferden eine Stunde Erholung zu gönnen und sie das spärliche Futter abweiden zu lassen. Dann ging es weiter.

Es war ein Ritt, wie durch eine Wüste. Der Boden bildete lange, niedrige Wellen, zwischen denen seichte Vertiefungen lagen, und alles war Fels, war Stein, Geröll oder Sand. Kein Strauch, kein Grashalm war zu sehen. Dieses nackte Gestein saugte die Strahlen der glühenden Sonne auf, bis es von denselben gesättigt war; die nachfolgende Hitze konnte nicht mehr eindringen und lagerte nun wie eine vier oder fünf Fuß hohe, flimmernde oder zitternde Glutsee auf die Erde. Das Atmen wurde schwer, und der Schweiß drang mir aus allen Poren; aber es mußte ausgehalten werden; wir trabten fort, ohne Unterbrechung, weiter und immer weiter, denn wir mußten, wollten wir nicht einen ganzen Tag verlieren, Almaden noch vor Abend erreichen.

Gesprochen wurde fast gar nicht. Der Mimbrenjo erlaubte sich nicht, mich anzureden, und die Einförmigkeit des Rittes gab mir keine Veranlassung zum Reden. So verging die Zeit im tiefen Schweigen, bis ich mir sagte, daß Almaden nun nördlich von uns liegen müsse. Wir bogen also nach dieser Richtung um, hielten nun ein scharfes Auge nach vorn und betrachteten zugleich den Boden, ob derselbe vielleicht eine Fußspur zeigen werde.

Als die Sonne fast den Horizont erreichte, stieg vor uns in der Ferne ein niedriger und doch sich scharf vom Horizonte abzeichnender Felsen auf, welcher desto höher wurde, je mehr wir uns ihm näherten.

„Das muß Almaden sein,“ sagte ich. „Nun gilt es, doppelte Vorsicht zu üben.“

„Will unser großer Bruder Old Shatterhand nicht absteigen?“ antwortete der Knabe in bescheidenem Tone.

Ja, er hatte recht. Ein Reiter ist viel weiter zu sehen, als ein Fußgänger. Zwar wäre ich auch bald abgestiegen, aber daß er diese Bemerkung machte, freute mich, denn er bewies mir, daß er die wünschenswerte Bedachtsamkeit besaß. Wir setzten also, die Pferde hinter uns her am Zügel führend, unsern Weg zu Fuße fort.

Die vorhin erwähnten Bodenwellen hatten aufgehört. Wir schritten über ebenes Land, welches wie ein Ring um Almaden lag. Das war der Grund, daß wir sehr weit sehen konnten. Wir erblickten keinen Menschen, was uns natürlich nichts weniger als unlieb war.

Da begann der Boden plötzlich sich abwärts zu senken. Wir standen am Rande der Vertiefung, in deren Mitte Almaden sich erhob, oder vielmehr, wir standen am Ufer des einstigen Sees, dessen Mitte die Felseninsel eingenommen hatte, welche jetzt Almaden genannt wurde.

Ich hatte mich doch um ein weniges verrechnet, wohl infolge der Einförmigkeit der Gegend, welche eine genaue Schätzung schwer machte: Wir erreichten Almaden nicht von Süden, sondern von Südwesten her, was zwar gefährlicher war, weil ich die Indianer auf der Westseite glaubte, mir aber jetzt lieb sein konnte, da ich nun gleich die Stelle erblickte, welche ich sonst hätte suchen müssen, nämlich den Felsblock, von welchem der Player und der Herkules erzählt hatten.

Das riesige Felsenbollwerk, welches sich da drüben in der Mitte des einstigen Seebeckens erhob, war oben platt und bildete einen beinahe regelmäßigen Kubus, dessen Seiten fast genau nach den vier Winden lagen. Da wir vor der südwestlichen Ecke hielten, konnten wir die südliche und westliche Seite sehen. Die erstere stieg im allgemeinen auch senkrecht in die Höhe, hatte aber tiefe Risse und in der Mitte eine Schlucht, von welcher man gleich bei dem ersten Blicke sah, daß sie nach oben führte. Und das stimmte mit dem, was mir der Player gesagt hatte, nämlich, daß das Plateau von der südlichen und von der nördlichen Seite aus erstiegen werden könne.

Die westliche Seite bildete eine lotrechte Fläche, deren Regelmäßigkeit nur an ihrem unteren Teile, in der Mitte, unterbrochen wurde, denn dort lag der Block, welcher sich aus der Wand gelöst hatte und herabgestürzt war. Wir sahen ganz deutlich das Geröll, von dem die Lücke, welche zwischen ihm und der Wand lag, ausgefüllt wurde.

Um dorthin zu gelangen, hatten wir ungefähr zehn Minuten oder eine Viertelstunde zu gehen, durften dies aber nicht wagen, obgleich kein Mensch zu sehen war. Droben auf dem Plateau befanden sich jedenfalls Leute, und wenn einer von ihnen an der südlichen Kante stand, mußte er uns sehen, falls wir es wagten, uns zu nähern.

Zunächst war es notwendig, zu erforschen, wo die Indianer sich aufhielten. Das wollte natürlich ich tun, während der Mimbrenjo bei den Pferden blieb. Ich folgte dem Rande des einstigen Sees, indem ich mich nach Westen wendete. Da es keinerlei Deckung für mich gab, mußte ich die Augen offen halten, denn es war anzunehmen, daß, sobald ich einen Menschen sah, er mich in demselben Augenblicke auch sehen werde.

Schon war ich eine ziemliche Strecke gegangen, da bemerkte ich im Nordwesten kleine, dunstartige Wölkchen oder Wellen, welche langsam aufstiegen, sich ausbreiteten und verschwanden. Das war Rauch, und zwar der Rauch eines Indianerfeuers, welches mit nur ganz wenig Holz unterhalten wurde und also keinen dichten Rauch verursachte. Noch durfte ich eine kleine Weile aufrecht gehen; dann aber bückte ich mich auf die Hände nieder und lief genau wie ein Vierfüßler weiter.

Bald sah ich fünf oder sechs Zelte, bei denen sich Menschen bewegten. Als ich es gewagt hatte, mich noch mehr zu nähern, mußte ich mich ganz niederlegen und auf dem Bauche kriechen, sonst wäre ich gesehen worden. Es trennte mich jetzt nur eine so kurze Strecke von den Zelten, daß ich die Figuren erkennen konnte, mit denen sie gezeichnet waren.

Jeder Indianer pflegt sein Zelt, wenigstens sein aus Leinen gefertigtes Sommerzelt, mit seinem Namenszeichen oder mit einem Bilde, welches sich auf irgend einen hervorragenden Vorgang aus seinem Leben bezieht, zu versehen. Um eines dieser Zelte wand sich eine große, mit roter Farbe gemalte Schlange; auf einem andern war ein Pferd, auf dem dritten ein Wolf zu sehen. Zwischen ihnen gingen Indianer hin und her, oder sie saßen rauchend an der Erde. Vor dem Schlangenzelte standen zwei Lanzen; es schien das Zelt des Anführers zu sein.

Ich hatte genug gesehen, denn ich wußte nun, wo sich die Yumas befanden und welche Gegend ich infolgedessen zu meiden hatte, und wollte eben umkehren, als drei Personen aus dem genannten Zelte traten, zwei Männer und ein Frauenzimmer. Letzteres erkannte ich sogleich; es war Judith, die schöne Jüdin. Der eine der Männer war Melton und der andre ein Indianer, jedenfalls der Besitzer des Zeltes. Sie sprachen noch einige Augenblicke miteinander, dann verschwand der Indianer in seinem Zelte, und Melton ging mit der Jüdin fort, dem Bergwerke zu. Sie hing sich dabei an seinen Arm, eine Vertraulichkeit, bei welcher dem Herkules, wenn er sie gesehen hätte, das Blut in den Kopf gestiegen wäre.

Es war mir nicht unlieb, Melton sogleich bei meiner Ankunft zu sehen; aber dieser Umstand brachte mich in keine geringe Gefahr, denn die beiden kamen in einer so kurzen Entfernung von mir vorüber, daß mir hätte bang werden mögen. Ich lag auf lockerem Sande und warf so rasch wie möglich mit den Händen einen kleinen Haufen vor mir auf, welcher zwar nicht so hoch war, daß er hätte auffallen müssen, mir aber doch soviel Schutz gewährte, daß mich nur ein mißtrauisches Auge entdecken konnte.

Angst fühlte ich ganz und gar nicht. Wenn Melton mich sah, nun, so war trotzdem noch nichts verloren; ich wußte, was ich in diesem Falle zu tun hatte. Versicherte ich mich seiner Person, so war er eine Geißel, mit welcher ich mir die Roten vom Halse halten konnte. Doch war es besser, daß dieser Fall nicht eintrat; er ging mit Judith vorüber, ohne nur einmal dahin zu blicken, wo ich lag. Sie sprachen miteinander und lachten, waren also bei besserer Laune, als der Vater des Mädchens, welcher tief im Innern des vor mir liegenden Felsens steckte. Sie gingen nach der Nordseite desselben, um deren westliche Ecke ich sie verschwinden sah.

Nun konnte ich zurück; ich tat das so, wie ich gekommen war, erst auf dem Bauche kriechend, dann auf Händen und Füßen gehend und endlich, als man mich nicht mehr sehen konnte, aufrecht. Die Sonne war mittlerweile verschwunden, und die in jenen Gegenden so kurze Dämmerung begann. Als ich bei den Pferden ankam, stiegen wir auf und hatten nur noch wenige Augenblicke zu warten. Es mußte genau der Zeitpunkt benützt werden, an welchem es dunkel genug war, daß man uns nicht sehen konnte, aber auch noch hell genug für uns, um den Eingang zur Höhle ohne große Mühe zu entdecken.

Als dieser Moment gekommen war, galoppierten wir die Senkung hinunter und dann, unten auf dem Boden des früheren Sees angekommen, nach dem Blocke hinüber. Dort stiegen wir ab und erkletterten das Geröll, um dasselbe im Hintergrunde des Winkels von der Felswand zu entfernen.

Das ging rasch und bald bildete sich vor uns, zu unsern Füßen, ein Loch, welches desto größer wurde, je mehr Steine wir entfernten. Als es so erweitert war, daß ich hineinsteigen konnte, holte ich mir eine der Wachsfackeln und kletterte in das Innere der Höhle hinab. Das ging sehr leicht, weil das Geröll nach innen nur langsam abfiel.

Als ich den Boden erreicht hatte, fand ich den hohlen Raum ganz der Beschreibung des Players entsprechend. Er hatte weit über doppelte Manneshöhe und konnte leicht gegen hundert Menschen fassen. Die kleine Nebenhöhle enthielt sehr kaltes, jedenfalls kalkhaltiges Wasser. Den Hintergrund wollte ich später untersuchen, wenn wir die Pferde untergebracht hatten. Diese mußten natürlich auch herein in die Höhle, da wir sie draußen unmöglich stehen lassen konnten.

Wir sahen uns also genötigt, das Loch bis über Pferdehöhe zu erweitern, was keine angenehme Arbeit war, da wir nur die Hände dazu hatten und das lockere Geröll immer wieder nachrutschte. Als wir endlich soweit waren, holten wir die Pferde. Das war nun noch schwieriger. Andere Tiere hätten wir gewiß nicht in die Höhle gebracht, wenigstens nicht ohne einen Lärm, der uns verraten konnte; die beiden edlen Geschöpfe aber stiegen gehorsam auf den Geröllhaufen und wurden erst dann bedenklich, als es dann jenseits hinab in die Höhle gehen sollte. Das war ihnen doch nicht ganz geheuer. Ich bat und streichelte, doch vergeblich. Mein „Blitz“ wollte gehorchen; er setzte den Vorderfuß einige Male vor, zog ihn aber schnell wieder zurück, weil das Gestein unter demselben wich. Endlich kam er doch vertrauensvoll herab-, allerdings mehr geglitten als gestiegen.

Dann begann dieselbe Prozedur mit dem „Iltschi“ Winnetous, welcher noch schneller herabkam als der „Blitz“, indem er auf dem Schwanze Schlitten fuhr. Die guten Tiere durften zur Belohnung gleich Wasser trinken und bekamen ihre Portion Mais vorgelegt. Dann waren sie versorgt, und ich konnte den Hintergrund der Höhle untersuchen oder vielmehr besichtigen, da das Hinabblicken in einen Abgrund keine Untersuchung ist.

Ein Abgrund war es allerdings. Als ich einen Stein hinabwarf, dauerte es sehr lange und ich mußte scharf horchen, bis ein kaum hörbares Geräusch mir sagte, daß er aufgetroffen war. Wer da hinabfiel, war verloren.

Der Player hatte nicht gewußt, wie breit der Abgrund, die tiefe Felsenspalte war, da er nicht das nötige Licht zur Hand gehabt hatte. Meine Fackel leuchtete hell und weit genug, um mir, als ich hart an der diesseitigen Kante stand, die jenseitige zu zeigen. Ihn hatte die Finsternis getäuscht, ich aber sah, daß der Spalt nicht breiter als zehn oder elf Ellen war. Während ich da hinüberschaute, war der junge Mimbrenjo niedergekauert und machte sich mit dem Boden zu schaffen. Er untersuchte eine Stelle desselben erst mit dem Finger und begann dann, mit dem Messer zu graben.

„Will Old Shatterhand sehen, daß sich hier ein Loch befindet?“ sagte er dabei, indem er die Erde, die es verstopfte, mit der Klinge herauswarf.

„Es wird durch Wasser, welches früher von der Decke tropfte, gebildet worden sein,“ antwortete ich.

„Dann wäre dieses Loch rund; es hat aber Ecken.“

„So zeig her!“

Ich bückte mich nieder und half beim Graben. Wirklich! Es war ein mehr als fußtief in den Boden gemeißeltes viereckiges Loch von einer Männerspanne Durchmesser.

„Suchen wir, ob es das einzige ist,“ meinte ich, und bald hatten wir noch drei andere entdeckt. Als wir die Erde, mit welcher sie gefüllt waren, entfernt hatten, sah der Mimbrenjo mich fragend an. Darum forderte ich ihn auf:.

„Wenn mein junger Bruder etwas über die Löcher sagen will, so mag er sprechen.“

„Ich kann nichts sagen,“ antwortete er. „Man macht ein Loch, um etwas hineinzustecken. Was kann in diesen Löchern gesteckt haben? Old Shatterhand wird es gewiß wissen.“

„Es ist nicht schwer zu erraten, aber die Sprache meines Bruders hat kein passendes Wort dafür. Oder wüßtest du, was ein Bolzen oder eine Klammer ist?“

„Nein.“

„Ein Eisen oder ein Holz, welches in den Boden oder in die Wand geschlagen wird, um irgend einem Gegenstande oder einer Last Festigkeit und Halt zu geben. Die Last, um welche es sich hier handelt, ist eine Brücke über den Spalt. Wären wir drüben, so würden wir, wie ich vermute, vier ganz gleiche Löcher sehen.“

„Wo aber ist die Brücke?“

„Fort. Wahrscheinlich haben diejenigen, welche dieselbe zuletzt benutzten, sie in den Abgrund geworfen. Es hat verborgen bleiben sollen, daß man den Spalt mit einer Brücke überschreiten kann. Man hat die Löcher mit Absicht verstopft, damit Späterkommende sie nicht entdecken sollen. Die Augen meines jungen Bruders aber sind scharf gewesen.“

„Nicht die Augen, sondern ich fühlte die Erde, weil sie weicher als der Felsen war, mit der Spitze meines Fußes. Wäre die Brücke noch vorhanden, so könnten wir hinüber und dann weiterforschen.“

„Wir brauchen die Brücke nicht, denn wir werden in den Gang, welcher da drüben beginnt, auf andere Weise kommen. Er hat, wie ich vermute, ein Loch, in welches wir steigen werden.“

„Wann? – Heute abend?“

„Nein, sondern morgen. Das Loch ist zugemacht worden; ich würde es in der Dunkelheit nicht finden, und Licht dürfen wir draußen nicht anzünden; aber wenn es Tag geworden ist, werden wir in den Gang eindringen, um ihn zu untersuchen, jetzt wollen wir essen, und dann werde ich fortgehen, um die Gegend kennen zu lernen.“

„Wird Old Shatterhand mir erlauben, ihn zu begleiten?“

„Nein. Ich würde dich gern mitnehmen, aber du mußt um der Pferde willen bleiben.“

„Sie befinden sich hier in Sicherheit. Kein Yuma kann sie finden.“

„Das ist richtig; aber sie kennen die Höhle nicht; sie fürchten sich; sie verhalten sich ruhig, weil wir uns bei ihnen befinden. Ließen wir sie allein und im Finstern, so könnten wir sie später unten im Abgrunde suchen.“

Der Knabe mußte also bleiben, und ich ging, als wir unser frugales Abendessen verzehrt hatten, auf Entdeckungsreisen aus. Es hatte freilich nicht den Anschein, als ob große Entdeckungen zu machen seien, denn es war finster draußen; ich mußte warten, bis der Schein der Sterne heller wurde. Doch blieb ich nicht bei der Höhle stehen, sondern ging weiter, an der Felswand hin, bis ich die nördliche Ecke derselben erreichte. Dort setzte ich mich nieder, um zu warten.

Meine Absicht war, den auf das Plateau führenden Weg auszukundschaften, was bei der jetzigen Dunkelheit nicht nur erfolglos sein mußte, sondern mir überdies gefährlich werden konnte. Es war zwar nicht wahrscheinlich, aber doch möglich, daß jemand sich auf dem Wege befand und mich kommen hörte; in diesem Falle war vorauszusehen, daß mein Spaziergang einen für mich nicht sehr angenehmen Verlauf nehmen werde.

Da, wo ich saß, lagen mehrere Steine von verschiedener Größe. Auch das war ein Grund für mich, nicht weiter zu gehen, denn wenn es auf meinem Wege mehr solche Felsstücke gab, so mußte das beabsichtigte Schleichen in der Dunkelheit zu einem immerwährenden Stolpern und Stürzen werden.

So wartete ich wohl eine Stunde lang. Es herrschte tiefe Stille rings umher. Die erst so bleichen Sterne bekamen Glanz; ich konnte weiter sehen als vorher und stand eben im Begriff, von meinem Sitze aufzustehen und weiterzugehen, als ich Schritte hörte, welche näher kamen. Ich nahm natürlich an, daß der Nahende vorüber wolle, und duckte mich hinter einem der erwähnten Felsstücke nieder. Die Schritte kamen näher, gerade auf mich zu; ich sah die Gestalt eines Indianers, welcher nicht weit von mir stehen blieb und sich umsah. Als er niemand erblickte, ließ er einen halblauten Ausruf der Enttäuschung hören, kam noch näher und setzte sich auf einen Stein, welcher nicht weiter als drei Schritte vor mir lag.

Das war fatal, im höchsten Grade fatal! Die Steine lagen so, daß ich nicht zurückkonnte, ohne gehört zu werden. Vorwärts konnte ich auch nicht, denn da hätte ich gerade an ihm vorüber gemußt. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als geduldig zu warten, bis er wieder ging.

„Uff!“ hörte ich den Indianer nach langer Pause halblaut rufen. Er stand auf und trat einige Schritte vor. Es kam jemand – es war die Jüdin! Ich wurde Ohrenzeuge einer höchst interessanten Unterhaltung. Im Verlaufe derselben nannte er sich „Schlange“. Er war also der Inhaber des Zeltes, welches ich gesehen hatte, und der Anführer der hier liegenden dreihundert Yumas, ein Unterhäuptling des „großen Mundes“. Wie ich hörte, war sein englischer und spanischer Wortschatz ein für einen Yuma nicht gewöhnlicher; die Jüdin wußte nicht den zwanzigsten Teil davon und verstand kein Wort indianisch. Aus diesem Grunde konnten sie grammatikalisch einander das nicht sagen, was sie sagen wollten; aber sie verstanden einander doch, wenn es auch hier und da ein Mißverständnis gab, über welches man hätte aufschreien mögen. Wo Worte nicht ausreichten, wurde das Zeichen zu Hilfe genommen; kurz und gut, sie verstanden sich trotz aller sprachlichen Hindernisse, und ich verstand sie auch.

Er nahm sie, als sie kam, bei der Hand, führte sie zu dem Steine, auf welchem er gesessen hatte, und sagte:

„Schon glaubte die listige Schlange, daß die weiße Blume nicht kommen werde. Warum ließ sie ihn warten?“

Er mußte seine Frage mehrere Male wiederholen und ihr ein anderes Gewand geben, ehe sie dieselbe verstand und darauf antwortete:

„Melton hielt mich ab.“

Nun verstand er sie nicht; sie wiederholte ihre Worte und erklärte sie durch Zeichen.

„Was tut er jetzt?“ fragte die Schlange.

„Er schläft,“ antwortete sie weniger durch das Wort, als durch die Pantomime.

„Meint er, daß die weiße Blume auch schlafe?“

„Ja.“

„So ist er ein Tor, welcher betrogen wird, weil er selbst betrügen will. Die weiße Blume darf nicht glauben, was er sagt; er belügt sie und wird nicht halten, was er ihr versprochen hat.“

Jedem Satze folgte, da keiner sogleich verstanden wurde, eine mühevolle Pantomimenerklärung, wobei sie nach Worten suchten, welche gegenseitig bekannt waren. Mir machte dies Spaß; den Leser aber würde es langweilen, wenn ich die Unterhaltung so wiedergeben wollte, wie sie in Wirklichkeit geführt wurde; sie soll darum auf dem Papiere so glatt verlaufen, als ob die beiden der notwendigen Redeteile vollständig mächtig gewesen wären.

„Weißt du denn, was er mir versprochen hat?“ fragte sie.

„Ich denke es mir. Hat er nicht gesagt, daß er dir große Reichtümer geben will?“

„Ja. Er meint, daß er durch dies Bergwerk bald eine Million verdient haben werde. Dann soll ich seine Frau werden, Diamanten, Perlen und allerlei kostbares Geschmeide haben, ein Schloß in der Sonora und einen Palast in San Franzisco.“

„Du wirst keine Edelsteine, kein Gold, kein Schloß und keinen Palast haben, denn er wird zwar viel Geld verdienen, es aber doch nicht besitzen.“

„Wieso nicht?“

„Das ist Geheimnis der Yumas. Aber selbst wenn es so käme, wie er denkt, würde er dir nichts davon geben. Du bist die einzige Blume in dieser Einsamkeit; nur darum trachtet er nach dir. Wenn es später andre gibt, wird er dich wegwerfen.“

„Das sollte er wagen! Ich würde mich rächen und alles verraten, was er hier begangen hat!“

„Das wirst du nicht können. Man kann, wenn eine Blume welk geworden ist und gefährlich werden will, sie hier leicht zertreten, anstatt sie bloß wegzuwerfen. Glaube mir, daß bei ihm keine deiner Hoffnungen sich erfüllen wird!“

„Das sagst du, weil du mich auch haben willst. Beweise es mir!“

„Die listige Schlange kann beweisen, was sie behauptet. Sag mir, warum du zugegeben hast, daß dein Vater mit in das Bergwerk gegangen ist?“

„Weil er nicht arbeiten, sondern Aufseher sein und sich viel Geld verdienen soll.“

„Er ist angebunden wie jeder andere, muß arbeiten wie die andern und bekommt auch keine bessern Speisen als sie. Ich weiß, es ist ihm versprochen worden, daß er von Zeit zu Zeit herausgehen darf, um dich zu sehen und sich in der guten Luft zu erholen; aber das Versprechen wird man nicht halten.“

„Ich würde Melton zwingen, es zu halten!“

„Glaube das nicht! Über einen solchen Mann können die tausend schönsten Squaws der Erde keine Macht erlangen. Verlange, deinen Vater zu sehen! Er wird ihn nicht herauslassen.“

„So gehe ich fort und zeige ihn an!“

„Versuche das,“ meinte der Rote mit einem kurzen Lachen. „Er wird dich auch einsperren. Dann wird in kurzer Zeit deine Schönheit zerstört und dein Körper von dem Gifte des Quecksilbers zerfressen sein. Er ist ein Betrüger; ich wiederhole es; mein Herz aber ist aufrichtig gegen dich. Was er dir nur zum Scheine bietet, das biete ich dir in Wirklichkeit. Wenn ich nur will, so werde ich reicher, viel reicher als Melton sein.“

„Ein Indianer und reich!“ lachte sie.

„Zweifelst du daran? Wir sind die eigentlichen Besitzer des Landes, welches uns die Weißen genommen haben. Bei dem Leben, welches wir führen, bedürfen wir des Goldes und Silbers nicht. Wir wissen, wo es in den Bergen in großer Menge zu finden ist, sagen das aber den Bleichgesichtern nicht, obgleich wir es nicht brauchen. Aber wollte die weiße Blume in mein Zelt kommen und meine Squaw werden, so würde ich Gold und Silber haben, soviel sie haben will, und ihr alles geben, was Melton ihr versprochen hat und doch nicht geben wird.“

„Ist das wahr? Viel Geld, Geschmeide, ein Schloß, einen Palast, schöne Kleider und viele Diener?“

„Alles, alles das würdest du haben! Ich liebe dich sehr, wie ich kein rotes Mädchen lieben könnte. Ich könnte dich auch gegen deinen Willen zu meiner Squaw machen, denn wir roten Männer rauben die Mädchen, welche wir haben wollen und doch auf andere Weise nicht bekommen können. Aber du sollst freiwillig meine Squaw werden. Darum werde ich nicht Hand an dich legen, sondern warten, bis du sagst, daß du mir dein Herz geben willst. Kannst du das nicht jetzt sogleich sagen?“

Er stand auf, schlug seine Arme über der Brust zusammen und blickte forschend zu ihr nieder. Sie antwortete nicht. Ihr Leichtsinn war auf eine kleine Liebelei mit dem hübschen jungen Häuptlinge nicht ungern eingegangen; an die Folgen hatte sie nicht gedacht. Nun verlangte er von ihr, daß sie seine Frau werden solle! War es wahr, daß Melton sie betrügen wollte? War es wahr, daß der Indianer so reich sein konnte, wenn er wollte? Er stand wartend vor ihr und hielt den Blick scharf auf sie geheftet, als ob er die Gedanken sehen wolle, die sich jetzt in ihr bewegten. Als sie aber auch nach längerer Zeit noch mit der Antwort zögerte, unterbrach er das Schweigen:

„Ich weiß, was die weiße Blume denkt. Sie liebt den Reichtum, das Vergnügen, das Leben in den Städten der Bleichgesichter. Der rote Mann besitzt nichts als sein Zelt, sein Pferd und seine Waffe. Er lebt im Walde und auf der Savanne und versteht nichts von den Künsten und Genüssen der Bleichgesichter. Wie konnte die weiße Blume jemals den Gedanken hegen, die Squaw eines Indianers zu sein! Nicht wahr, es ist so?“

„Ja,“ antwortete sie.

„Es wird aber anders werden, sobald du nur willst. Sag ja, und ich gehe augenblicklich, um deine Wünsche zu erfüllen. Meine Hand soll die deinige nicht eher berühren, als bis ich dir soviel Gold gebracht habe, wie du brauchst, um alle deine Wünsche zu erfüllen!“

Das wirkte; denn sie rief aus:

„Könntest du das wirklich? So viel Gold mir bringen?“

„Ich kann es.“

„Und spielt Melton wirklich ein falsches Spiel mit mir?“

„Prüfe ihn, indem du verlangst, deinen Vater zu sehen; aber sag ihm nichts davon, daß du mit mir gesprochen hast!“

„Gut, ich werde ihn auf die Probe stellen, und hält er mir nicht Wort, so werde ich ihn augenblicklich verlassen und zu dir kommen.“

„Das wird er nicht zugeben, sondern dich zwingen, bei ihm zu bleiben.“

„Was hätte ich in diesem Fall zu tun?“

„Nichts weiter als zu warten, denn ich fordere dich von ihm. Er befindet sich in unsern Händen. Wenn er es wagte, dich ohne Erlaubnis auch nur zu berühren, würde ich ihn töten. Komm, bis du dich entschlossen hast, an jedem Abend um dieselbe Zeit hierher. Wenn du nicht erscheinst, nehme ich an, daß dir etwas geschehen ist, und werde augenblicklich zu ihm gehen, um dich von ihm zu fordern.“

„Wirst du aber auch Wort halten?“

„Die listige Schlange ist klug gegen alle Menschen; dich aber wird sie nie betrügen; du kannst dich auf mich verlassen. Howgh!“

Er wendete sich nach diesem indianischen Bekräftigungsworte zum Gehen, ohne ihr die Hand gegeben zu haben. Sie ließ ihn drei oder vier Schritte fort, da sprang sie auf, ihm nach, schlang die Arme um seinen Hals; ich hörte das Geräusch eines Kusses; dann kam sie schnell zurück und setzte sich wieder auf den Stein. War dies Berechnung, plötzliche Gefühlswallung oder eine Art Pränumerandodank für das Gold, welches er ihr versprochen hatte? Vielleicht ein weniges von allen dreien. Er blieb überrascht stehen, kehrte dann langsam zu ihr zurück und sagte:

„Die weiße Blume hat mir freiwillig gegeben, was ich mir jetzt noch nicht erbeten hätte. Sie mag bedenken, daß sie sich von jetzt an von keinem andern liebkosen lassen darf. Sobald es Tag geworden ist, stelle sie Melton auf die Probe, um sich zu überzeugen, daß er ihr nicht Wort halten wird. Morgen abend bin ich dann wieder hier, und wehe Melton, wenn er ihr ein Leid getan hat. Zum Dank aber für ihren Kuß will ich ihr etwas mitteilen, was sie sonst wohl nicht erfahren würde. Von den Bleichgesichtern, welche wir hierher führten, ist eins entkommen; es war ein hoher, starker Mann, den die weiße Blume kennen wird.“

„lch kenne ihn.“

„Ja, du kennst ihn, und zwar besser, als du die andern kanntest.“

„Woher weißt du das?“

„Das Auge, mit welchem er dich bewachte, hat es mir gesagt. Du hattest ihn lieb?“

„Nein. Er ist mir nachgelaufen.“

„Dann wird es dich nicht betrüben, wenn ich dir sage, daß er tot ist.“

„Tot? Woher weißt du das?“

„Die beiden Wellers haben ihn verfolgt und erschlagen. Die Geier werden seinen Leib nun schon gefressen haben. “

Sie saß eine Weile stumm; dann rief sie aus:

„Es ist so ganz recht gekommen. Er war mir widerwärtig, und nun bin ich ihn los!“

4a, er wird nicht zurückkehren; ich aber bin morgen wieder hier. Howgh!“

Er entfernte sich. Sie blieb sitzen, nachdenklich und ohne sich zu bewegen. Dann schnippste sie mit den Fingerspitzen, wie man es macht, wenn man eine Grille, einen unangenehmen Gedanken verjagt, und begann, leise vor sich hin zu trällern. Es war die Melodie eines alten Gassenhauers. Als sie aufstand und fortging, hätte ich ihr nur zu folgen brauchen, um den Aufstieg nach dem Plateau schnell kennen zu lernen; es fiel mir aber nicht ein, dies zu tun, denn ich kannte das Indianerleben zu genau, um nicht zu wissen, daß die „listige Schlange“ sich nicht ganz entfernt hatte. Er folgte ihr jedenfalls von fern, um sie heimlich zu begleiten, bis sie oben angekommen war. Er konnte sogar Veranlassung finden, oben zu bleiben, weshalb mir die Vorsicht gebot, heute lieber auf die Rekognoszierung zu verzichten, als mich und mein Unternehmen in Gefahr zu bringen. Ich kehrte also nach der Höhle zurück, auch so ganz zufrieden mit dem Ergebnisse meines kurzen, nächtlichen Schleichganges.

Wenn ich alles, was ich erfahren hatte, summierte und überlegte, welche Vorteile ich daraus ziehen konnte, so brachte ich jetzt einen viel größeren Nutzen mit, als ich bei dem Ausgange beabsichtigt hatte. Die Kenntnis des Weges konnte ich mir später auch holen; heute brauchte ich sie noch nicht; aber was ich gehört hatte, mußte, falls ich es richtig verwertete, mir ungeahnten Nutzen bringen. Wir konnten dadurch zum Ziele gelangen, ohne auf noch mehr Mimbrenjos warten zu müssen, um die Yumas zu besiegen. ja, wenn ich länger darüber nachdachte, so erschien mir etwas als sehr möglich, was ich vorher für eine absolute Unmöglichkeit gehalten hätte, nämlich, daß es mir gelingen werde, allein und ohne die Hilfe Winnetous und unserer Begleitung unsern Zweck zu erreichen, und zwar ohne jeden Kampf, auf friedlichem Wege.

Was war diese Judith für ein Geschöpf! Wie gelassen hatte sie die Nachricht von dem Tode ihres früheren Bräutigams aufgenommen! Mit einem Fingerschnippsen hatte sie die Kunde beantwortet, daß er von den Geiern aufgefressen worden sei! Armer Herkules! Freilich wurde ich mit diesem Leichtsinne einigermaßen dadurch versöhnt, daß ich mich in Bezug auf ihren Vater in ihr geirrt hatte. Er war nicht so ganz gefühllos von ihr verlassen worden, sondern sie glaubte ihn in einer erträglichen Lage. Das Benehmen der „listigen Schlange“ hatte mir eine gewisse Achtung abgewonnen; er war ein Charakter und jedenfalls ein besserer Mensch, als sein Name vermuten ließ. Man konnte mit Zuversicht wagen, mit ihm in Unterhandlung zu treten. Er liebte die Jüdin, die für mich jetzt eine wichtige Person, ein wertvolles Tauschobjekt geworden war. Ich gestehe nämlich aufrichtig, daß ich entschlossen war, etwas ganz Verdammenswertes zu treiben – ein wenig Menschenhandel! Ich wollte Judith festnehmen, um durch sie Macht über die „falsche Schlange“ und seine Yumas zu bekommen. Ich hätte mich ihrer gleich vorhin, nach seiner Entfernung, bemächtigt, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, daß er sich noch in der Nähe befand, und wenn ich auch über andere Dinge genügsam unterrichtet gewesen wäre.

Als ich in der Höhle ankam, wagte der Mimbrenjo nicht, mich zu fragen, und ich hielt es nicht für nötig, ihn über meine Erfolge zu unterrichten. Ich sagte ihm nur, daß wir jetzt schlafen würden, um schon bei Tagesgrauen aufzustehen; dann legte ich mich auf meine Decke und schlief nach dem anstrengenden und heißen Tage bis zur angegebenen Zeit, ohne ein einziges Mal aufzuwachen. Der Mimbrenjo war wohl noch ermüdeter gewesen, als ich, hatte es sich aber nicht anmerken lassen, denn ich mußte ihn wecken und brachte ihn nicht gleich aus dem Schlafe.

Es handelte sich jetzt darum, den Gang zu untersuchen. Nachdem wir die Pferde versorgt hatten, machten wir uns ans Werk. Draußen auf dem Geröll angelangt, war es zunächst unsere Sorge, dasselbe wieder vor dem Eingange so aufzuhäufen, daß derselbe verdeckt war. Der Zufall konnte doch einen Yuma herführen.

Dann stiegen wir hinab, um an der andern Seite des Felsblockes wieder emporzuklettern. Wir konnten von hier aus das Indianerlager sehen. Es zeigte sich noch keine Spur von Leben in demselben. Dennoch waren wir so vorsichtig, uns kriechend zu bewegen. Wir fanden die Windungen, von denen der Herkules gesprochen hatte, und hielten bei der von ihm bezeichneten an. Er war der Meinung gewesen, daß ich die Stelle sofort erkennen würde, und hatte recht gehabt. Er war in solchen Dingen ungeübt und hatte das Loch so zugedeckt, daß ein erfahrenes Auge sich gar nicht täuschen konnte. Der Ort war von dem Indianerlager aus nicht zu sehen; darum durften wir uns frei bewegen.

Wir räumten das Gestein vorsichtig weg; dadurch entstand eine Öffnung, in welche selbst ein starker Mann steigen konnte, so weit war sie. Wir sahen die Steine liegen, aus denen der Herkules Stufen gebildet hatte, und stiegen hinab. Sie waren behauen, was mich vermuten ließ, daß der Gang oder Stollen seinen Ursprung nicht Indianern zu verdanken hatte. Er lief nicht waagrecht, sondern geneigt in das Innere des Berges.

Zunächst untersuchten wir ihn nach rechts, also aufwärts. Das dazu nötige Licht hatten wir uns natürlich mitgebracht. Schon nach wenigen Schritten kamen wir an den Abgrund, jenseits dessen unsere Höhle lag. Die Pferde erkannten unsere Stimmen und kamen drüben herbei. Sie hatten die Nacht in der Höhle zugebracht und fürchteten sich nicht mehr, doch wollte ich sie nicht so nahe an dem Abgrunde haben und trieb sie durch Zurufe zurück. Als ich dann meinem Hatatitla befahl: „Iteschkosch – lege dich!“ gehorchte er, und Winnetous Pferd legte sich sogleich auch nieder. Ich war sicher, daß sie vor unserer Rückkehr nicht aufstehen würden.

Wir fanden an dem Rande des Spaltes vier mit den gestern gefundenen übereinstimmende Löcher; es war früher also wirklich ein künstlicher Übergang vorhanden gewesen. Dann wendeten wir uns zurück, um dem Gange abwärts, nach innen, zu folgen.

Er war ein wenig über mannshoch, so daß ich mich nicht zu bücken brauchte, und ungefähr drei Fuß breit. Die Wände zeigten Spuren des Spitzeisens oder der Spitzhacke und zuweilen auch Teile der Rundungen von Bohrlöchern. Man hatte die festeren Teile des Gesteins mit Pulver gesprengt; der Gang war also gewiß von Weißen angelegt worden. Er führte meist durch Fels. Wo er auf Spalten oder Klüftungen gestoßen war, hatte man behauene Steine angewendet.

Wir schritten tiefer hinein, ohne daß uns ein Hindernis entgegengestoßen wäre. Die Luft war wider alles Erwarten ganz erträglich. Dieser Umstand machte mich auf unsere brennende Fackel aufmerksam; die Flamme brannte nicht grad aufwärts, sondern wehte, wenn auch nur ganz leise und kaum bemerklich, in den Gang hinein, Es war also eine Zirkulation der Luft vorhanden. Die frische Luft kam hinter uns her und folgte dem Gange. Da sie sich bewegte, mußte sie irgend einen Abfluß haben. Sollte dieser Stollen mit dem Schachte in Verbindung stehen? Das war leicht möglich, da sein Lauf ostwärts gerichtet war, nach der Mitte des Felsens, wo sich, wie ich wußte, der Schacht befand.

Wir waren schon über dreihundert Schritte gegangen, als der Mimbrenio auf einen eingemauerten Stein zeigte.

„Eine Schrift!“ sagte er. „Aber es ist keine Indianerschrift.“

Als ich die Stelle mit der Fackel beleuchtete, konnte ich ganz deutlich lesen: Alonso Vargas of. en min. y comp. A. D. MDCXI Ich ergänzte mir die Abkürzungen zu „Alonso Vargas, oficial en minas y compa(eros, Anno Domini MDCXI“ oder zu deutsch: „Alonso Vargas, Bergsteiger, und Genossen, im Jahre des Herrn Eintausendsechshundertundelf.“ Es waren also bis heut mehr als zweihundertfünfzig Jahre vergangen, seit dieser spanische Bergmann den Stollen angelegt hatte. Ich notierte mir die Inschrift, denn es war mir neu, daß die Spanier damals soweit in die entlegenen Gegenden von Mexiko, welches sie Neuspanien nannten, vorgedrungen waren.

Dann ging es weiter, immer weiter, bis der Gang zu Ende war. Er wurde, so breit und hoch er war, durch eine aus Hausteinen errichtete Mauer verschlossen. Dennoch wehte die Flamme der Fackel nach vorwärts, nach dieser Mauer hin, obgleich keine Öffnung zu sehen war. Als ich die Wand daraufhin untersuchte, fand ich, daß sie eine Art Sieb bildete. Der Mörtel, welcher die Steine verband, war da, wo die Ecken derselben zusammentrafen, weggelassen worden, wodurch Löcher entstanden oder vielmehr geblieben waren, welche man nur dann bemerkte, wenn man, durch den Luftzug auf sie aufmerksam gemacht, nach ihnen suchte. Dabei bemerkte ich auf einem der Steine die mit einem spitzen Werkzeuge flüchtig eingegrabene Inschrift E. L. 1821. Das E. L. waren jedenfalls die Anfangsbuchstaben eines Namens; die Zahl sagte, daß der Gang im Jahre 1821 durch die Mauer verschlossen worden war, aus welchen Gründen, das konnte mir gleichgültig sein. jedenfalls hatte man da auch die über den Abgrund führende Brücke weggenommen und den Eingang der Höhle, welcher zugleich auch Eingang des Stollens war, mit dem Geröll verschüttet. Die Löcher waren in der Mauer gelassen worden, damit die Luft fortzirkulieren könne und, falls das Bergwerk später wieder in Bau genommen werden solle, beim Eindringen der Arbeiter das Leben derselben nicht durch tödliche Gase gefährdet sei.

Was nun tun? Wir lauschten. Hinter der Mauer machte sich kein Leben bemerkbar. Ich wagte zu klopfen, und erhielt keine Antwort. Dennoch pochte mein Herz vor Freude, denn ich war überzeugt, daß jenseits dieser Mauer meine Landsleute zu finden seien. Wenn ich mich in dieser Voraussetzung nicht täuschte, konnte ich sie wahrscheinlich ohne alle Gefahr für mich und sie befreien. Es galt also, durch die Mauer zu kommen. Wir mußten Steine aus derselben brechen. Aber womit? Wir hatten keine andern Werkzeuge als unsere Messer. Die Löcher bildeten gute Ansatzpunkte für dieselben; aber der Mörtel war eisenhart, und nach einem kurzen Probieren kamen wir zu der Überzeugung, daß wir wahrscheinlich den ganzen Tag zu arbeiten hätten, um nur einen Stein aus den Fugen zu lösen. Dennoch machten wir uns an die Arbeit; wir hatten ja nichts weiter zu tun, da wir am hellen Tage draußen nichts vornehmen konnten.

Wir arbeiteten, bis die beiden Fackeln, welche wir mitgenommen hatten, verbrannt waren, und dann noch einige Zeit im Finstern. Als wir von der Anstrengung so ermüdet waren, daß wir der Ruhe bedurften, kehrten wir nach der Höhle zurück, in welcher die Pferde noch genau so lagen, wie sie sich auf meinen Befehl hingelegt hatten. Sie durften aufstehen und bekamen eine kleine Portion zu fressen. Wir aßen auch und kehrten dann in den Stollen zurück, nachdem wir uns mit einigen Fackeln und mehreren Lichtern versehen hatten. Auch die Gewehre nahmen wir mit, weil wir sie als Hebel oder Brechstangen zu brauchen meinten.

Den Mörtel zwischen zwei Steinen herauszukratzen, scheint gar nicht schwer und anstrengend zu sein; wir mußten aber doch oft innehalten, um einige Minuten auszuruhen. Endlich – meine Uhr zeigte sieben Uhr nachmittags – hatten wir den ersten Stein los. Ich blickte durch das dadurch entstandene Loch. Jenseits der Mauer herrschte tiefes Dunkel und ebenso tiefe Stille. Der zweite Stein machte uns weniger Mühe; er folgte dem ersten schon nach zwei Stunden; nach wieder einer Stunde hatten wir den dritten los. Es war zehn Uhr. Um Mitternacht waren sieben Steine ausgewuchtet, und um ein Uhr konnten wir durch die Öffnung kriechen, was natürlich mit der größten Vorsicht und ohne Licht geschah. Wir hatten unsere Fackeln sogar ausgelöscht, da der Schein durch die Öffnung hinüberfiel.

Als sich nun nichts Verdächtiges regte, wagten wir es, eine Kerze anzubrennen und mit hinüberzunehmen. Da sahen wir denn zunächst, daß die Mauer auf dieser Seite, die kleinen Löchelchen abgerechnet, mit einem so gefärbten Mörtel überzogen worden war, daß man sie von dem angrenzenden Felsen nicht unterscheiden konnte.

Wir befanden uns in einem breiten und ziemlich hohen Gange, welcher von natürlichen Säulen, stehengelassenen Steinblöcken, getragen wurde. Er war abgebaut und gab also keinen Ertrag mehr. Daher die Stille, welche hier herrschte. Der Luftzug wollte uns nach rechts führen, dennoch wendeten wir uns erst nach links, um zu wissen, was wir hinter uns hatten. Wir kamen nicht weit, denn schon nach wenigen Schritten war der Gang zusammengestürzt. Die Schuttmassen geboten uns Halt; darum kehrten wir zurück, um dem Gange nach rechts zu folgen.

Da sahen wird denn bald eine Menge Werkzeuge längs der Wände liegen. Wir kamen, wie es schien, in eine begangene Gegend. Der Luftzug wurde auch wahrnehmbarer. Dann kamen wir an eine Erweiterung des Ganges, eine viereckige Kammer, in deren Mitte wir einen starken Holzkasten erblickten, welcher aus dem Boden und drei Wänden bestand. An seinen vier Ecken waren starke, aus Riemen zusammengedrehte Seile befestigt, welche mit den andern Enden an einer Kette hingen, die nach oben führte. Dort hinauf gab es eine Öffnung, welche einen etwas größeren Durchmesser als der Kasten hatte. Die Öffnung war jedenfalls der Schacht, denn die Luft stieg hier nach oben. Der Kasten bildete den Förderstuhl, welcher an der wandlosen Seite beladen wurde. Es lagen da herum noch verschiedene Gegenstände, denen ich jetzt keine Beachtung schenkte, weil meine Aufmerksamkeit von zwei Türen gefesselt wurde, welche aus schwerem, sehr roh bearbeitetem Holze bestanden und durch starke Riegel verschlossen waren. Die eine lag dem Gange gegenüber, aus welchem wir kamen, die andere uns zur rechten Hand. Wahrscheinlich führten sie nach dem jetzt in Abbau begriffenen Teile des Bergwerkes, da es sonst keinen Gang oder Stollen gab.

Wir wendeten uns zunächst nach der rechts von uns liegenden Tür und schoben die beiden Riegel zurück. Der Mimbrenjo hielt die Fackel. In dem Augenblicke, in welchem die Tür offen war, stürzte aus derselben eine weibliche Gestalt auf mich zu, krallte mir die zehn Fingernägel in den Hals und kreischte in deutscher Sprache:

„Elender Bösewicht! Bist du schon wieder da! Laß mich hinauf, oder ich erwürge dich!“

Die Begrüßung war keine sehr freundliche; ich nahm sie aber nicht Übel, da sie jedenfalls an eine andere Adresse gerichtet war, schob die Arme des wütenden Wesens, in welchem ich zu meiner Überraschung die Jüdin erkannte, von mir ab, hielt sie fest, um den Nägeln nicht Gelegenheit zu geben, meinen Hals abermals einer so eindringlichen Lokalinspektion zu unterwerfen, und antwortete:

„Bitte, Fräulein, wollen Sie bemerken, daß Sie sich in der Person irren! Ich komme nicht in der Absicht, von zarter Hand zu sterben.“

Der Mimbrenjo leuchtete mir ins Gesicht. Sie erkannte mich und rief aus:

„Sie sind es, Sie? Gott sei Dank! Sie werden mich nicht hier stecken lassen!“

„Nein. Ich werde Sie in die Freiheit führen. Wer hat Sie denn hier eingesperrt?“

„Melton, dieses Scheusal, dieser Teufel in Menschengestalt.“

„Wie hat er Sie denn hier heruntergebracht? Es kann doch nicht leicht sein, jemand, der sich wehrt, in die Tiefe zu schaffen.“

„Durch List. Ich bin ihm freiwillig gefolgt. Wir fuhren im Förderkasten herab.“

„So hat er Ihnen etwas weisgemacht, Ihnen vielleicht gesagt, daß er Ihnen Ihren Vater zeigen will?“

„Ja, das hat er gesagt; ich sollte meinen Vater heraufholen. Sie wissen, daß er hier eingesperrt ist?“

„Das weiß ich. Ich weiß überhaupt mehr, als Sie denken. So weiß ich zum Beispiele, daß die listige Schlange, der junge Häuptling der Yumas, gestern mit einer Dame redete, die ihn so in Entzücken versetzt hat, daß er ihr Edelsteine, Gold, ein Schloß, einen Palast, schöne Kleider und viele Diener zur Verfügung stellen wird.“

Sie errötete nicht, wie es sicher bei einem andern Mädchen der Fall gewesen wäre. Sie antwortete vielmehr ganz unbefangen:

„Haben Sie mit ihm gesprochen?“

„Nein.“

„War er bei Melton?“

„Das weiß ich nicht. Es steht aber zu erwarten, daß er noch zu ihm gehen wird, wenn er noch nicht bei ihm gewesen ist.“

„Ich warte auf ihn und dachte, als ich Sie erkannte, er hätte Sie geschickt, um mich herauszuholen. Erst hielt ich Sie für Melton, diesen Schurken.“

„Und doch haben Sie zu ihm gehalten!“

„Weil er mir große Versprechungen machte.“

„Ja, Gold und Geschmeide, ein Schloß und einen Palast. Haben Sie denn das wirklich glauben können? Der Umstand, daß er Ihre Landsleute hierher lockte, um sie einzusperren und für sich arbeiten zu lassen, mußte Ihnen doch unbedingt sagen, daß bei ihm von Ehrlichkeit keine Rede sein kann. Wie haben Sie sich die Zukunft der armen Menschen denn eigentlich gedacht?“

„Gar nicht schlimm. Sie sollten hier unten solange arbeiten, bis sie eine gewisse Anzahl von Zentnern Quecksilber zu Tage gefördert hatten; das hätte gar nicht lange gedauert; er wäre dadurch ein steinreicher Mann geworden, hätte sie dann freigelassen und jedem soviel Geld gegeben, daß auch sie nun ohne Arbeit hätten leben können.“

„Das haben Sie ihm geglaubt?“

„Ja.“

„Hm, dazu gehört sehr viel. Ich will Ihnen sagen, wie es gekommen wäre. Durch die hier unten herrschende Luft, die schlechte Nahrung und die eingeatmeten Quecksilberdämpfe wäre der Körper jedes Arbeiters in kurzer Zeit zerstört worden, und nach zwei oder drei Jahren hätte keiner mehr gelebt. Das wäre der entsetzlichste Massenmord gewesen, der sich denken läßt, und Sie wären dabei seine Mitschuldige geworden.“

„Zwei oder drei Jahre? Solange sollte es nicht dauern; es ist nur von einigen Monaten die Rede gewesen.“

„In so kurzer Zeit wird man nicht so reich, daß man so vielen Menschen soviel geben kann, daß sie ohne Arbeit leben können. War es denn Ihr Ernst, seine Frau zu werden?“

„Warum nicht?“

„Und nun wollen Sie die listige Schlange heiraten?“

„Ja, Melton zur Strafe!“

„Und Ihr einstiger Verlobter, der Ihnen so treu ergeben ist!“

„Was geht er mich noch an? Übrigens ist er jetzt tot.“

„Ja, von den Geiern aufgefressen! Sie scheinen fast ebensowenig Gewissen zu haben wie Melton, und fast hätte ich Lust, Sie wieder einzusperren und Ihrem Schicksale zu überlassen.“

Ich hatte ihre Arme längst losgelassen, so daß sie sich frei bewegen konnte. Sie stand noch zwischen mir und der Tür, drängte sich jetzt aber rasch an mir vorüber und rief aus:

„Das werden Sie nicht tun! Kein Mensch bringt mich wieder in dieses Loch!“

„Nun, es fällt mir auch nicht ein, meine Worte wahr zu machen. Sie werden frei sein.“

„Das würde ich auch, wenn Sie mich wieder einsperrten, denn der Häuptling käme ganz gewiß, um mich wieder herauszulassen.“

„Wenn er kann!“

„Meinen Sie, daß er verhindert werden könnte?“

„Ja, von Melton.“

„Der kann ihm nichts tun; er hat ihn in der Hand.“

„Das hat der Häuptling Ihnen gestern allerdings gesagt, aber es ist sehr möglich, daß Melton ihn viel eher in seine Hände nimmt. Und wenn dies geschieht, so tragen Sie die Schuld.“

„Wieso?“

„Das kann ich erst dann sagen, wenn ich weiß, was Sie mit Melton gesprochen haben. Die listige Schlange riet Ihnen, ihn auf die Probe zu stellen. Wie haben Sie das angefangen?“

„Sagen Sie mir erst, woher Sie alles so genau wissen! Sie behaupten, nicht mit dem Häuptling gesprochen zu haben, und können das, was Sie wissen, doch nur von ihm erfahren haben.“

„Ich lag hinter dem Steine, auf dem Sie mit ihm saßen, und belauschte Sie.“

„Das haben Sie gewagt, das? Wenn der Häuptling Sie bemerkt hätte, wären Sie von ihm erschossen oder erstochen worden.“

„Das geschieht nicht so schnell und leicht, wie Sie anzunehmen scheinen. Hätte er mich bemerkt, so wäre dies jedenfalls für ihn gefährlicher gewesen, als für mich. Nun sagen Sie mir, wie Sie es angefangen haben, Meltons Ehrlichkeit auf die Probe zu stellen.“

„So, wie der Häuptling mir geraten hat. Da Sie uns belauscht haben, müssen Sie es doch wissen.“

„Sie haben also Ihren Vater zu sehen verlangt?“

„Ja. Er antwortete, daß ich noch warten Solle, weil mein Vater notwendig hier unten gebraucht werde; ich ließ mich aber nicht damit von ihm abspeisen, sondern bestand auf meinem Verlangen und drohte schließlich, daß ich ihn verlassen würde.“

„Was antwortete er?“

„Er lachte und sagte, daß ich ohne den Vater doch gar nicht fortkäme. Dann drohte ich ihm mit dem Häuptlinge.“

„Ah, habe es mir doch gedacht! Damit haben Sie doch verraten, daß Sie mit dem Indianer im Einvernehmen stehen.“

„Was schadet das? Er mußte wissen, daß ich auch ohne den Vater nicht so sehr, wie er dachte, ohne allen Schutz und alle Hilfe dastehe.“

„Sie werden aber doch gleich einsehen, daß Sie damit keineswegs sehr pfiffig gehandelt haben. Ich vermute, daß Sie nicht nur den Namen des Roten als denjenigen Ihres Beschützers genannt, sondern noch mehr ausgeplaudert haben.“

„Warum sollte ich nicht antworten, wenn er mich danach fragte!“

„Aus Klugheit. Haben Sie ihm etwa gesagt, daß die rote Schlange Ihnen einen Antrag gemacht und Ihnen ganz dasselbe Glück und Wohlleben versprochen hatte, wie vorher Melton?“

„Ja.“

„Und daß er Melton packen will, falls dieser Ihnen irgend eine Gewalt antun würde?“

„Gerade das mußte ich besonders erwähnen.“

„Dann danken Sie Gott, daß ich gekommen bin! Denn die listige Schlange hätte Sie nicht aus diesem Schacht geholt.“

„O, er wäre ganz gewiß gekommen.“

„Er kann es nicht. Nachdem Sie so unvorsichtig gewesen sind, Melton alles mitzuteilen, weiß dieser, woran er mit dem Roten ist. Er kennt in demselben nun nicht nur einen Nebenbuhler, sondern weiß auch, daß er ihm mißtraut und jede an Ihnen etwa begangene Strenge rächen will.“

„Das schadet nichts, denn ich weiß, daß er sich in der Gewalt der Yumas befindet und sich vor Ihrem Häuptlinge fürchten muß.“

„Und ich weiß, daß es ihm ganz im Gegenteile gar nicht einfällt, sich zu fürchten. Sie selbst sind der Beweis dafür. Er hat Sie trotz allem, was Sie gesagt und womit Sie gedroht haben, eingesperrt. Das beweist doch, daß er sich vor dem Indianer nicht fürchtet.“

„Er wird sehr bald einsehen, daß er sich irrt, denn ich habe ihm gesagt, daß die listige Schlange mich heute erwartet und nach mir forschen wird, wenn ich nicht komme.“

„Ah, das meinen Sie, klug angefangen zu haben und doch ist’s das Törichtste, was Sie tun konnten, denn Melton ist nun vorbereitet und wird sich auf den Empfang Ihres roten Beschützers eingerichtet haben. Es steht zu erwarten, daß dieser nun selbst des Schutzes wenigstens ebenso bedarf wie Sie.“

„Denken Sie etwa, daß er sich an ihm vergriffen hat? Das brächte ihm doch den ganzen Stamm der Yumas auf den Hals, die sich an ihm rächen würden!“

„Glauben Sie doch das nicht! Melton, den Sie selbst einen Teufel in Menschengestalt nennen, ist nicht so dumm, das, was er tut und vielleicht schon getan hat, sie wissen zu lassen. Er kann den Häuptling unschädlich machen und beiseite schaffen, ohne daß sie es jemals erfahren. Sie haben, davon können Sie überzeugt sein, Ihren roten Anbeter durch Ihre Schwatzhaftigkeit in die größte Gefahr gebracht.“

„Wenn das wirklich der Fall sein sollte, so hoffe ich, daß Sie ihn aus derselben erretten werden! Unter den obwaltenden Umständen steht sehr zu erwarten, daß Melton gleich zu dem schlimmsten Mittel greift.“

„Wissen Sie übrigens, wo sich Ihre Landsleute befinden? Sie müssen doch mit Melton darüber gesprochen haben.“

„Wir haben oft von ihnen geredet, aber nicht so ausführlich.“

„Die Leute müssen doch essen und trinken. Wer versorgt sie mit Speise und Trank?“

„Melton sagte, daß Wasser unten sei; gefüttert werden sie einstweilen von zwei Indianern.“

„Was bekommen sie zu essen?“

„Nichts als Maiskuchen, die ich mit den Indianerinnen gebacken habe.“

„Da die Arbeiter nicht freiwillig hier sind, muß man sie gefangen halten und die notwendigen Maßregeln getroffen haben, daß sie nicht entfliehen und sich an denen, die sie zu versorgen haben, vergreifen können. Was für Vorkehrungen hat man da getroffen?

„Sie haben Hand- und Fußschellen.“

„Wie hat Melton hier in dieser Wildnis zu solchen Marterwerkzeugen kommen können?“

„Er hat sie mitgebracht. Die Indianer, welche uns transportierten, hatten alle notwendigen Gegenstände auf ihre Packpferde geladen.“

„Können die Bedauernswerten denn in ihren Fesseln arbeiten?“

„Wahrscheinlich; aber jetzt arbeiten sie noch nicht. Die Arbeit wird erst beginnen, wenn noch einige Weiße angekommen sind, auf welche Melton wartet. Diese sind teils Aufseher und teils Sachverständige.“

„Hat man sie einzeln eingesteckt, oder befinden sie sich beisammen?“

„Soviel ich weiß, stecken sie beisammen.“

„Sie werden jetzt von zwei Indianern versorgt. Diesen können sie doch trotz der Hand- und Fußschellen gefährlich werden!“

„Nein, denn es ist stets eine starke Tür dazwischen. Hoffentlich werden Sie dieselbe öffnen können?“

„Auf alle Fälle.“

„Dann lassen Sie die Gefangenen heraus?“

„Natürlich.“

„Und was geschieht mit Melton? Wollen Sie den vielleicht laufen lassen?“

„Den lasse ich nicht laufen, sondern hängen!“

„Ich will Ihnen sagen, wie Sie das anzufangen haben. Draußen im Freien dürfen Sie ihn nicht angreifen, denn er würde Sie niederschießen.“

„Das befürchte ich nicht.“

„O doch, denn er ist stets mit zwei Revolvern bewaffnet. Die legt er aber ab, sobald er sich daheim befindet. Sie müssen ihn also in seiner Wohnung aufsuchen.“

„Das beabsichtige ich allerdings, obgleich ich mich vor seinen Revolvern nicht fürchte.“

„Kennen Sie denn seine Wohnung?“

„Nein. Ich weiß nur, daß man in den Schacht steigen muß, um zu ihr zu gelangen; ich denke aber, daß Sie mir eine Beschreibung von ihr geben werden.“

„Das kann ich, denn ich kenne sie genau. Sie ist von einem gewissen Eusebio Lopez gebaut worden.“

„Eusebio Lopez? Ich habe vorhin die beiden Buchstaben E. L. gesehen; das werden die Anfangsbuchstaben dieses Namens sein. Die Wohnung ist zugleich ein Versteck, kann also wohl nicht sehr geräumig sein.“

„O, sie ist groß genug. Es hat oben auf dem Felsen eine Rinne gegeben, welche Lopez einfach zugemacht hat; dadurch ist ein verdeckter Gang entstanden, welcher im Schacht beginnt und nach der Wohnung führt. Die Rinne ist an ihrem Ende, an der Felsenwand, sehr breit gewesen, und Lopez hat sie durch Mauern abgeteilt, wodurch mehrere Stuben entstanden sind, die wir bewohnen. Die äußere Wand sieht gerade wie der Felsen aus, weshalb man von unten nicht bemerken kann, daß da oben eine Wohnung ist. Die Fenster sind Mauerlöcher, die in der Entfernung gar nicht auffallen können.“

„Wie tief steigt man in den Schacht, um in den Gang zu kommen?“

„Vielleicht zwanzig Stufen eine Leiter hinab.“

„Ich sehe aber hier einen Förderkasten, welcher an einer Kette hängt; da ist doch anzunehmen, daß es oben eine Welle, einen Göpel gibt, durch welchen man den Kasten in die Höhe zieht?“

„Ein solcher Göpel ist allerdings da.“

„So ist die Leiter eigentlich überflüssig.“

„Sie führt auch nicht bis ganz herab, sondern nur bis in den Gang. Wer von da aus herunter will, muß in den Kasten steigen.“

„Gut. Und nun die Wohnung!“

„Die besteht aus vier Stuben. Zwei liegen am Ende des Ganges und zwei an den Seiten desselben.“

„In welcher ist Melton zu finden?“

„Wenn Sie dem Gange folgen, so liegt rechts der Raum, in welchem die alten Indianerinnen wohnen; links wohnte ich. Dann haben Sie zwei Türen vor sich, die hart nebeneinander liegen. Rechts wohnen die Weller, und links befindet sich Melton.“

„Was für Schlösser haben die Türen?“

„Sie können keine haben, denn sie sind nicht von Holz, sondern bestehen aus Matten, welche von oben herabhängen.“

„Wie ist das Lager Meltons beschaffen?“

„Er schläft auf Decken in der ersten Ecke links.“

„Wer bewegt den Göpel, wenn der Förderkasten auf- und niedersteigen soll?“

„Die Indianer, welche im Förderhause wachen. Das sind –- horch!“

Sie wendete sich, indem sie sich unterbrach, in die Richtung des Schachtes. Dort klirrte die Kette, an welcher der Kasten hing; er bewegte sich; wir sahen, daß er aufgezogen wurde.

„Man ist oben noch wach,“ sagte ich. „Warum will man den Kasten oben haben? Ob jemand herunter will?“

„Jedenfalls,“ antwortete sie. „Sie werden jetzt erfahren, daß Sie vorhin unrecht hatten, denn der Häuptling wird jetzt kommen.“

„Das glauben Sie ja nicht! Wenn jemand kommt, so wird es entweder Melton oder der alte Weller sein.“

„Weller ist heute gar nicht da.“

„Wo befindet er sich?“

„Er ist mit mehreren Indianern fort, um Sie zu beobachten und es Melton zu sagen, wenn Sie kommen. Er scheint Sie nicht gesehen zu haben, sonst wäre er wieder zurück.“

„So ist er es also nicht, den wir jetzt hier unten zu erwarten haben. Melton wird es sein.“

„So haben Sie die beste Gelegenheit, ihn zu ergreifen!“

„Ob ich das tue, kommt auf die Umstände an. Man muß vorsichtig sein. Weller kann auch zurückgekehrt sein und mitkommen. Wir werden also abzuwarten haben, was geschieht. Darum muß ich Sie bitten, sich einstweilen wieder einriegeln zu lassen.“

„Einriegeln?“ fragte sie erschrocken. „Das werde ich nicht. Ich bin tausendfroh, daß ich heraus bin,

„Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich Sie sicher wieder herauslasse. Ich will wissen, wer da kommt und warum er kommt; er muß darum hier alles in Ordnung finden und darf nicht vermuten, daß jemand bei Ihnen gewesen ist.“

Sie wollte nicht, fügte sich aber endlich doch, wenn auch mit großem Widerstreben. Ich verriegelte hinter ihr die Tür, und dann kroch ich mit dem Mimbrenjo hinter einen Haufen von Hölzern, welche dort, wo der alte, verlassene Gang begann, aufgeschichtet waren. Natürlich hatten wir unser Licht ausgelöscht.

Ich hätte keine Minute länger mit der sich weigernden Jüdin verhandeln dürfen, denn wir hatten uns kaum versteckt, so kam von oben ein Geräusch, aus welchem wir entnahmen, daß der Kasten wieder nach unten unterwegs sei. Das Geräusch näherte sich; ein Lichtschein fiel von oben; der Kasten wurde sichtbar und erreichte den Boden. Melton stand darin; er hatte eine Laterne im Gürtel hängen. Er stieg aus, bückte sich in den Kasten zurück und zog aus demselben einen Gegenstand, in welchem ich, obgleich wir ziemlich entfernt steckten, einen gefesselten Menschen erkannte. Hier unten verstärkte sich der Schall an den engen Mauern; darum hörte ich ganz deutlich jedes Wort, als Melton zu dem Gefesselten in höhnischem Tone sagte:

„Du hattest solche Sehnsucht nach deiner weißen Blume. Darum habe ich dich hierher gebracht, um sie dir zu zeigen. Paß auf!“

Er trat zu der Tür, hinter welcher die Jüdin steckte, öffnete dieselbe und rief hinein:

„Kommen Sie heraus, Fräulein; haben Sie die Güte! Es steht Ihnen eine freudige Überraschung bevor.“

Sie kam heraus. Er führte sie zu dem auf dem Boden liegenden Indianer und fragte:

„Kennen Sie diesen? Hoffentlich erinnern Sie sich noch, wer er ist!“

„Die listige Schlange!“ rief sie betroffen aus. „Sie haben ihn überwältigt!“

„Ja, das habe ich! Sie sehen da, was für ein Held Ihr neuester Liebhaber ist. Er kam, um mich zur Rechenschaft zu ziehen und Sie zu befreien, und befindet sich nun selbst hierunter. Er wird die Sonne niemals zu sehen bekommen. Sie haben mir zu viel von ihm erzählt, als daß ich ihm das Leben schenken könnte.“

„Sie wollen ihn ermorden?“ fragte sie schaudernd.

„Ermorden! Welch ein Ausdruck! Muß man es denn geradezu einen Mord nennen, wenn ich ihn ein wenig unter die Erde grabe und ihm eine so hübsche Decke gebe, daß er rasch einschläft? Wenn er dann nicht wieder aufwacht, so ist das seine Sache.“

„Also lebendig begraben!“

„Ja, wenn es Ihnen Vergnügen macht, es so und nicht anders zu nennen.“

„Unmensch, der Sie sind!“

„Ereifern Sie sich nicht! Ich werde Ihnen gleich beweisen, daß ich kein Unmensch, sondern ein Mensch, und zwar ein sehr gutherziger, bin. Sie lieben den roten Gentleman, und er ist Ihnen zugetan. Sie sollen, ehe er stirbt, zwei oder drei Stunden beisammen sein. Geben Sie Ihre Hände her, damit ich sie Ihnen auf den Rücken binde, sonst könnten Sie meine Güte mißbrauchen und Ihren Anbeter losbinden.“

Sie zögerte und sagte:

Denken Sie ja nicht, daß Sie straflos tun können, was Sie wollen! Die Yumas werden ihren Häuptling rächen.“

„Fällt ihnen nicht ein. Sie wissen nicht, daß ich es bin, der ihn verschwinden läßt.“

„Sie wissen aber doch, daß er jetzt bei Ihnen ist. Die Wächter haben ihn zu Ihnen gehen sehen.“

„Sie werden ihn aber wieder fortgehen sehen. Es ist finster droben, so daß ich es leicht bewerkstelligen kann, daß sie mich für ihn halten; aber das ist gar nicht notwendig. Ich habe die Wächter, um jetzt herabgelassen zu werden, wecken müssen. Sie werden nachher weiter schlafen und müssen es glauben, wenn ich behaupte, daß der Häuptling inzwischen fortgegangen ist. Also her mit den Händen! Ich sage das zum letzten Mal!“

Er hatte einen Riemen in der Hand. Ich war wirklich neugierig darauf, was sie tun würde. Sie wußte, daß ich hier war und ihr helfen würde. Ebenso wußte sie aber auch, daß ich sie, wenn sie sich binden ließ, dann befreien würde. Mochte sie ihm gehorchen oder mich rufen, mir war es gleich. Sie reichte ihm die beiden Hände hin und sagte:

„Da, binden Sie mich! Ich will nicht mit Ihnen ringen, da es mir graut, Sie zu berühren. Aber der Strafe werden Sie nicht entgehen!“

„Wollen Sie Prophetin sein, Judith? Das ist ein schlechtes Geschäft, denn die jetzige Menschheit besitzt keinen Glauben.“

Er band ihr die Hände auf den Rücken und schob sie in den dunkeln Raum, in welchem sie gesteckt hatte. Sie ließ es ruhig geschehen. Sodann schleifte er den Indianer auch hinein, machte die Tür zu und schob den Riegel vor. Nun blieb er eine Zeitlang stehen und hielt das Ohr an die Tür, um zu lauschen. Der Schein seiner Laterne fiel auch auf sein Gesicht. Der Ausdruck desselben war ein teuflischer. Dann stieg er in den Kasten und gab mit einer herabhängenden Schnur ein Zeichen nach oben, auf welches man den Förderkasten aufwärts zu winden begann. Das Licht verschwand und mit demselben auch das Geräusch, welches der Kasten verursachte, indem er an die Wände des Schachtes stieß.

Ich hatte den Menschen für vorsichtiger und klüger gehalten, als er sich jetzt zeigte. Mir an seiner Stelle wäre Judiths gegenwärtiges Verhalten aufgefallen; es hätte mich mißtrauisch gemacht; ich hätte mir sogleich gesagt, daß irgend ein Grund für sie vorhanden sei, seinen jetzigen Besuch in solcher Ruhe hinzunehmen, und ich wäre bemüht gewesen, den Grund kennen zu lernen. Daß dies bei ihm nicht stattfand, ließ seinen Scharfsinn in keinem rühmlichen Lichte erscheinen.

Mein Mimbrenjo hatte, seit wir durch die Mauer gekrochen waren, kein Wort gesagt; jetzt aber wunderte er sich über mein Verhalten so sehr, daß er nicht zu schweigen vermochte, sondern, als wir uns hinter den Hölzern erhoben, zu mir sagte:

„Der Weiße, den wir haben wollen, war da. Wir konnten ihn ergreifen. Warum hat Old Shatterhand ihn fortgelassen?“

„Weil er mir sicher genug ist. Später wird sein Schreck ein doppelter sein.“

Ich steckte das Licht wieder an und ging wieder zu der Tür, um sie zu öffnen. Die Jüdin hatte dicht hinter derselben gestanden, um zu horchen. Sie trat rasch heraus, holte tief Atem und sagte:

„Gott sei Dank! Es war mir wirklich angst, ob Sie kommen würden!“

„Was ich verspreche, halte ich. Haben Sie mit dem Häuptling gesprochen?“

„Noch kein Wort. Ich konnte vor Sorge nicht reden. Sie haben gehört, was Melton sagte?“

„Alles.“

„Wie leicht konnte er Sie entdecken! Dann befand ich mich wieder in seiner Gewalt!“

„Nein, sondern er hätte sich in der meinigen befunden. Wenn Sie noch nicht mit der listigen Schlange gesprochen haben, so werde ich ihn aufklären. Wie gut, daß er von Melton überwältigt worden ist! Der Bösewicht hat mir dadurch einen Trumpf in die Hand gespielt, an dem seine Karte verloren gehen wird.“

Ich trat zu dem Indianer und durchschnitt seine Fesseln. Er richtete sich schnell auf und fragte die Jüdin:

„Wer ist das Bleichgesicht, welches sich in unserm Schachte befindet und doch nicht zu uns gehört?“

„Mein roter Bruder wird sogleich erfahren, wer ich bin,“ antwortete ich an des Mädchens Stelle. „Er hat nicht verstehen können, was Melton zu der weißen Tochter sagte, denn es wurde in einer ihm fremden Sprache gesprochen. Darum frage ich ihn, ob er weiß, was Melton mit ihm vornehmen will?“

„Ich weiß es. Ich sollte sterben; er wollte mich hierunten in die Erde graben.“

„Glaubt mein roter Bruder, daß er dies wirklich getan hätte?“

„Er hätte es getan, denn nur mein Tod hätte ihm Sicherheit gegeben.“

„Was wäre aus dem weißen Mädchen geworden, welches die listige Schlange zur Squaw begehrt?“

„Sie hätte hierunten sterben und verderben müssen, wie die andern Bleichgesichter, von denen keins wieder das Licht des Tages erblicken wird.“

„Darin irrt mein roter Bruder, denn sie alle werden das Licht schon des nächsten Morgens sehen. Ich werde sie aus dem Schachte führen.“

„Das wird Melton nicht zugeben!“

„Er wird es nicht zugeben können, weil ich ihn nicht um seine Erlaubnis frage. Ich bin gekommen, alle Gefangenen zu befreien, wie ich dich auch befreie.“

„Noch bin ich nicht frei, denn wie komm ich aus dem Schachte?“

„Das fragst du? Du brauchtest ja nur zu warten, bis Melton wieder herabkommt; es würde, da er nicht darauf vorbereitet ist, sehr leicht für dich sein, ihn zu überraschen und zu überwältigen. Aber das ist nicht nötig. Ich werde die listige Schlange und die weiße Tochter auf einem ihnen unbekannten Wege aus dem Schachte führen; dann kann mein Bruder sie zu seiner Squaw machen und ihr einen Palast und ein Schloß bauen.“

Meine Person, meine Anwesenheit und jedes meiner Worte war für ihn ein Rätsel; es machte mir Spaß, den Ausdruck zu sehen, mit welchem sein Blick unverwandt auf mich gerichtet war.

„Mein weißer Bruder kennt einen mir unbekannten Weg aus dem Schachte?“ fragte er. „Er weiß auch, daß ich die weiße Blume liebe, und was ich ihr versprochen habe? Wird er mir wohl sagen, wer er ist?“

„Mein Name heißt in der Sprache der Yuma Tave-schala.“

„Tave-schala, Old Shatterhand!“ fuhr er auf, indem er zwei Schritte zurückwich und mich wie ein Gespenst anstarrte. „Old Shatterhand hier, mitten unter uns, in unserm Schachte!“

Er traute seinen Ohren nicht.

„Wenn du es nicht glaubst, so frage die weiße Tochter. Ich habe sie und ihre Leute vom großen Wasser aus bis in die Berge begleitet, um zu erfahren, was Melton mit ihnen beabsichtigte, und sie aus seinen Händen zu befreien.“

„Old – – Shatter – – hand, der Feind unseres Stammes! Mitten in unserm Lager, mitten in Almaden!“

„Du irrst; ich bin nicht der Feind eures Stammes; ich bin stets ein Freund aller roten Stämme gewesen.“

„Aber du hast den kleinen Mun1, den Sohn unseres vornehmsten Häuptlings, getötet!“

„Er zwang mich dazu, weil er den jungen Mimbrenjokrieger, der vor dir steht, seinen Bruder und seine Schwester töten wollte.“

„Der große Mund hat dir den Tod geschworen!“

„Das weiß ich; aber ist das ein Grund für dich, auch mein Todfeind zu sein?“

„Ich muß dem großen Mund gehorchen!“

„Kein roter Krieger muß, und ein Häuptling, wie du bist, braucht erst recht nicht zu müssen. Der große Mund mag die Sache, welche er gegen mich hat, selbst mit mir ausfechten; er braucht keine Helfer dazu. Ich habe dich befreit und dadurch bewiesen, daß ich nicht ein Feind der Yumas bin. Wäre ich das, so hätte ich alle eure Krieger getötet, die ich von der Hazienda del Arroyo bis hierher getroffen habe. Es sind vierzig Mann, die ich alle gefangen genommen habe.“

„Alle – gefangen – genommen!“ wiederholte er erstaunt. „Wo befinden sie sich?“

„Bei unserer Mimbrenjoschar, mit welcher ich gekommen bin.“

„Hast du die Mimbrenjos hier bei dir?“

„Nein. Sie warten unter dem Befehle Winnetous, des großen Apatschen, auf meine Rückkehr. Sie stehen an einem Orte, wo ihr sie nicht finden könnt. Ich bin mit dem jungen Krieger ganz allein ausgeritten, um Almaden zu erkundschaften, und werde alle Bleichgesichter, welche sich hierunten befinden, befreien, ohne daß ich dazu der Hilfe noch eines andern Menschen bedarf.“

Der Ausdruck eines unbeschreiblichen Erstaunens war noch immer nicht aus seinem Gesichte gewichen. Er fand keine Worte zu dem, was ich sagte; ich fuhr fort:

„Es würde uns nicht schwer werden, die Yumas, welche Almaden bewachen, zu besiegen; aber ich wünsche nicht, ihr Blut zu vergießen. Die listige Schlange mag mir sagen, ob sie mein Feind bleiben oder mein Freund werden will!“

Der Indianer war mir schon gestern, als ich ihn mit der Jüdin reden hörte, als ein ehrlicher Mann erschienen, darum verhielt ich mich heut gegen ihn ganz anders, als ich mich sonst verhalten hätte, und auch sein jetziges Benehmen machte einen guten Eindruck auf mich. Er hatte ein ungemein treues und redliches Auge. Indem er den Blick fast unausgesetzt auf mich gerichtet hielt, überlegte er wohl einige Minuten lang; dann antwortete er:

„Es ist mir befohlen worden, Old Shatterhands Feind zu sein, und diesem Befehle muß ich gehorchen; aber er hat mich und die weiße Blume vom Tode errettet; darum drängt es mich, ihm meine Freundschaft zu schenken. Ich kann nicht tun, wonach mein Herz begehrt, und doch auch das nicht, was mir befohlen ist; ich bin nicht Old Shatterhands Freund und auch nicht sein Feind. Er mag mit mir tun, was ihm beliebt.“

„Gut! Mein Bruder hat da sehr verständig gesprochen. Wird er sich aber auch in das fügen, was ich über ihn bestimme?“

„Ja. Der Tod war mir hier gewiß; nimm mir das Leben, und ich werde mich nicht wehren!“

„Dein Leben begehre ich nicht, wohl aber deine Freiheit, wenigstens für einige Zeit. Willst du dich als meinen Gefangenen betrachten?“

„Ja.“

„Muß ich dich da wieder fesseln, um deiner sicher zu sein?“

„Du magst mich binden oder nicht, ich bleibe bei dir, bis du mir sagst, daß ich wieder frei bin. Weiter aber darfst du nichts von mir verlangen. Ich kann dir nicht behilflich sein und werde dir keine Auskunft erteilen.“

„Gut, so sind wir einig. Du bist mein Gefangener und gehorchst allen meinen Anweisungen. Zu dem, was ich vorhabe, bedarf ich deiner Hilfe nicht.“

Ich band nun auch der Jüdin die Hände vom Rücken los und ging an die Aufsuchung der andern Eingesperrten. Der Raum, in welchem Judith gesteckt hatte, war klein. Man hatte da einen Gang begonnen, ihn aber wieder verlassen, da man nach dieser Richtung nichts gefunden hatte. Die andern Gefangenen waren nur hinter der zweiten Tür zu suchen. Als ich dieselbe geöffnet hatte, befanden wir uns in einer Art ausgehauener Kammer, aus welcher drei Gänge nach drei verschiedenen Richtungen führten. Hier herrschte eine schlimme Luft. Es roch nach Schwefel; man atmete schwer. Zwei von den Gängen waren unverschlossen, Vor dem dritten befand sich eine Tür mit zwei Riegeln. In derselben war eine Klappe angebracht, wie man sie an Gefängnistüren findet. Ich öffnete sie, um hindurchzublicken, zog aber die Nase sehr schnell zurück, denn es drang mir ein Dunst entgegen, der kaum auszuhalten war. Als ich das Licht an die Öffnung hielt, schien es verlöschen zu wollen.

Noch fast schlimmer wurde es, als ich die beiden Riegel entfernte und dann die ganze Tür öffnete. Eine dicke Luft drang heraus und das, was man roch, war geradezu unbeschreiblich. Die Luft, welche früher im Zwischendecke berüchtigter Auswandererschiffe zu herrschen pflegte, war das reine Ozon und Parfüm dagegen. Die Tür war, dem Gange angemessen, den sie verschlossen hatte, viel niedriger als die andere. Um sich in demselben zu bewegen, mußte man sich bücken, wie ich sah, und doch beherbergte er so viele Menschen! Sie lagen gleich vorn, hinter der Tür, Männer, Frauen und Kinder, alle bunt durcheinander. Als der Schein unseres Lichtes auf sie fiel, erhoben sie sich, und es ertönte Kettengerassel, da die Hand- und Fußschellen durch Ketten verbunden waren. Die Kinder begannen vor Furcht zu weinen; die Frauen riefen nach Brot; die Männer fluchten und schrien mich zornig an und drängten sich herbei, um mich zurückzuschieben und aus ihrem engen Gewahrsam zu entkommen. Ich wurde gepackt; man erhob die Fäuste mit den Schellen und Ketten gegen mich; es war ein Augenblick der größten Aufregung. Aber es bedurfte nur einiger laut gerufener Worte von mir, so verwandelte sich der mir Gefahr drohende Grimm in das Gegenteil. Man jubelte; ich wurde trotz der Ketten umarmt. Jeder wollte mir die Hand drücken; einige küßten mich sogar, und viele weinten vor Freude. Es dauerte lange, ehe sie sich soweit beruhigt hatten, daß ich auf meine Erkundigungen Antworten bekam.

Der Häuptling hatte von fern zugeschaut. Als ich nicht mehr so eng umdrängt wurde, benützte er dies, um zu mir zu treten und mir zu sagen:

„Ich habe gesagt, daß Old Shatterhand keine Hilfe von mir zu erwarten habe; eins aber will ich ihm doch sagen: Dort in der Ritze der Mauer steckt der Schlüssel, mit welchem die Ketten geöffnet werden können.“

Obwohl ein halbwilder Mensch, konnte er dem Anblicke der Elenden nicht widerstehen; sein gutes Herz trieb ihn, mir die Mitteilung zu machen. Ich hätte den Schlüssel wohl auch ohnedies gefunden, da ich mir sagen konnte, daß man ihn in der Nähe des Ortes, wo die Leute eingesperrt waren, zu suchen habe. Einer half dem andern; in Zeit von noch nicht fünf Minuten waren die Ketten abgenommen und auf einen Haufen geworfen. Nun wollten die Befreiten sofort hinaus, hinauf ins Freie. Ich hatte Mühe, sie zu bewegen, ruhig zu sein. Der Lärm konnte leicht hinauf zu Melton dringen und ihn auf das, was unten geschah, aufmerksam machen. Da wir nicht wissen konnten, ob wir uns nicht vielleicht gegen einen Angriff zu verteidigen haben würden, ordnete ich an, daß die vorgefundenen Werkzeuge, Hämmer und Hauen, als Waffen mitgenommen werden sollten.

Hatten die Leute in den ersten Augenblicken der Freude über ihre Befreiung nicht auf den Häuptling geachtet, so schenkten sie ihm nun ihre Aufmerksamkeit. Sie kannten ihn; sie wußten, daß er der Anführer der Yumas war und welchen Anteil er an dem an ihnen verübten Verbrechen hatte. Sie wollten sich augenblicklich an ihm rächen, und ich hatte Mühe, sie abzuhalten, ihn auf der Stelle zu lynchen. Ich beruhigte sie aber, indem ich ihnen erklärte, daß er mir als Geisel diene und als solcher ihnen von großem Nutzen sein werde.

Wir traten den Weg nach unserer Höhle an. Da wir einzeln hintereinander gehen mußten, war der Zug, den wir bildeten, ziemlich lang; darum wurden alle Lichter angesteckt, welche wir übrig hatten, und dazu einige Schachtlaternen, welche an der Mauer hingen. Natürlich konnten wir des Abgrundes wegen nicht direkt nach der Höhle; wir mußten durch das schon beschriebene Loch erst ins Freie. Als ich als letzter aus demselben gestiegen war, wurde es zugeworfen; dann stiegen wir die Windungen hinab und jenseits des Felsblockes in die Höhle hinauf. Sie war geräumig genug, uns alle zu fassen.

Es war drei oder vier Uhr geworden, also höchste Zeit, uns Meltons zu versichern. Wir hätten uns gegenseitig viel zu sagen und zu fragen gehabt; das mußte aber aufgeschoben werden, denn ehe es hell wurde, mußten wir Almaden verlassen haben. Ich suchte zehn der kräftigsten Männer aus, welche mich und den Mimbrenjo begleiten sollten; den Zurückbleibenden schärfte ich ein, die Höhle ja nicht etwa zu verlassen, da dies zu unserer Entdeckung führen könne. Sie gaben mir ihr Wort, die Warnung zu befolgen. In Beziehung auf den Häuptling hatte ich keine Sorge; ich war überzeugt, daß er Wort halten werde. Und selbst für den Fall, daß ihm ein Fluchtversuch in den Sinn kommen sollte, konnte ich sicher sein, daß diejenigen, welche ihn in der Höhle in ihrer Mitte hatten, ihn lieber ermorden als entkommen lassen würden.

Den Aufstieg nach dem Plateau brauchte ich nicht zu suchen; jeder der zehn Männer, welche mich begleiteten, kannte ihn, da sie auf demselben hinaufgeschafft worden waren. Wir gelangten ganz gut hinauf. In Beziehung auf die oben befindlichen Wächter waren wir zu keiner besondern Vorsicht angehalten; sie konnten uns immerhin kommen hören, da mit Sicherheit anzunehmen war, daß sie uns gewiß für Freunde halten würden.

Das Schachthaus hatte neben der Tür- noch einige Fensteröffnungen. Durch dieselben drang uns ein Lichtschein entgegen; das war mir lieb, da wir da sehen konnten, wohin wir zu greifen hatten. Wir gingen gerade und mit lauten Schritten auf das Haus zu und drangen so schnell wie möglich alle in dasselbe ein. Die drei Indianer, welche da faul auf der Erde gelegen hatten, sprangen auf, wurden aber, ehe sie zur Gegenwehr schreiten konnten, wieder niedergerissen und mit ihren eigenen Gürteln gebunden. Jeder bekam einen Knebel in den Mund, damit sie nicht laut werden konnten. Sie wurden hinausgeschafft und so entfernt vor dem Hause niedergelegt, daß man sie von demselben aus nicht sehen konnte. Die zehn mußten sich bei ihnen niedersetzen. Diese Veranstaltung traf ich mit Rücksicht auf Melton, welcher nicht sofort sehen sollte, wie die Angelegenheit stand.

Um ihn festzunehmen, glaubte ich, keiner Hilfe zu bedürfen, doch nahm ich für alle Fälle den kleinen Mimbrenjo mit, auf den ich mich in solcher Lage mehr verlassen konnte, als auf die zehn weißen Begleiter alle miteinander, da diese in den Vorkommnissen des wilden Lebens unerfahren waren.

In dem Schachthause gab es auch einige kleine Laternen. Ich zündete eine davon an und befestigte sie am Knopfloche der Weste. So konnte ich sie mit der Jacke nach Belieben verdecken. Ich hatte erwartet, hier oben im Hause das Göpelwerk zu sehen; das war aber nicht der Fall; es mußte sich also unten befinden, weshalb, darüber brauchte ich mir den Kopf nicht zu zerbrechen. Die Leiter ragte mit einigen Sprossen aus dem Mundloche hervor. Ich stieg hinein, und der Mimbrenjo folgte mir.

Das Loch war viel weiter als unten in der Tiefe. Es konnten hier auch größere Gegenstände heruntergeschafft werden. Als die Leiter zu Ende ging, befanden wir uns in einer viereckigen Erweiterung des Schachtes. Hier stand der Göpel über dem weiter abwärts führenden Loche. Er war durch ein Schwungrad in Bewegung zu setzen, und eine Welle von riesigem Durchmesser nahm die Kette auf. Der Förderkasten hing noch oben. Drei Wände des Raumes waren mit allerlei hier brauchbaren Gegenständen behangen; in der vierten befand sich eine breite Öffnung; das war die Mündung des Ganges, den wir suchten. Wir horchten hinein; es war alles still in demselben; also stiegen wir ein und gingen mit leisen Schritten vorwärts.

Ich deckte die Laterne zu und ließ nur von Zeit zu Zeit einen Lichtstrahl auf die Strecke vor uns fallen. Der Gang war lang; er schien kein Ende nehmen zu wollen. Endlich sahen wir rechts eine Tür und links eine zweite; beide waren mit Matten verhangen. Man schien zu schlafen; aber darin hatte ich mich geirrt, denn als wir einige Schritte weitergegangen waren, hörte ich sprechen. Vor uns befanden sich zwei nahe aneinander liegende Türen; die Stimmen ertönten hinter der zur linken Hand, also aus Meltons Wohnung. Wir traten unhörbar heran, und ich zog die Decke, welche da hing, ein klein wenig zurück. Drin brannte eine Kerze, welche mir erlaubte, den ganzen Raum zu überblicken. Er war ziemlich groß. Ein aus Decken bestehendes Lager befand sich links in der Ecke. In der Mitte stand ein roh gearbeiteter Tisch, auf welchem zwei Revolver und ein Messer lagen; außerdem befanden sich da einige aus Aststücken zusammengenagelte Stühle oder vielmehr Schemel. An der Wand rechts hingen zwei Gewehre, daneben eine ziemlich große Ledertasche, welche sehr wahrscheinlich Patronen enthielt. Melton saß hinter dem Tische auf einem Schemel und sprach mit einer Indianerin, welche das Urbild menschlicher Häßlichkeit war; sie stand zwischen der Tür und dem Tische. Eben als mein erster Blick in die Stube fiel, sagte er, indem er sich des schon oft erwähnten Sprachengemisches bediente:

„Sie tut euch beiden wohl leid, da du dich so sehr darnach erkundigst, was ich mit ihr machen werde?“

„Leid Tun?“ antwortete sie mit schnarrender Stimme. „Wir freuen uns! Sie konnte uns nicht leiden und wir sie auch nicht.“

Jedenfalls war von Judith die Rede.

„So wird es euch noch mehr freuen, wenn ich dir sage, daß sie nie wieder heraufkommen wird. Ihr seid also wieder allein und Herrinnen über euch. Dient ihr mir treu, so werde ich euch gut belohnen.“

„Wir sind treu, Sennor, denn Sie haben uns soviel Schönes versprochen und werden Wort halten. Wenn Sie sich nur der Feinde, welche Sie erwarten, erwehren können!“

„O, vor denen ist mir gar nicht bange; sie sind rein toll, daß sie sich nach Almaden wagen. Sie werden es übrigens gar nicht erreichen, denn wir gehen ihnen, sobald wir durch die Kundschafter benachrichtigt worden sind, entgegen und schlagen sie bis auf den letzten Mann nieder.“

„Aber wir haben gehört, daß sich der große Winnetou und ein sehr verwegener weißer Krieger bei ihnen befinden. Diesen Krieger kenne ich nicht; aber Winnetou läßt sich nicht so leicht besiegen. Seine List geht über alles. Wenn er unsere Leute nun fortlockt und unterdessen nach Almaden kommt, welches dann unbeschützt liegt?“

„Das gelingt ihm nicht. Und sollte das Unmögliche zur Möglichkeit werden, so wißt ihr, was ihr zu tun habt. In den Schacht darf kein Fremder kommen; niemand darf die Gefangenen sehen; das Messer liegt für solche Fälle am Göpel ja stets bereit. Dazu wird es aber niemals kommen, denn selbst wenn wir vor Almaden besiegt würden, bildet unser Felsen eine Festung, welche niemand ohne unsern Willen besteigen kann. Und ganz besonders ist dafür gesorgt, daß weder Winnetou noch der Weiße, von dem du redest, einen Fuß heraufsetzt.“

Ich wollte nicht länger zuhören, weil uns die Zeit so kurz zugemessen war; darum schob ich den Vorhang jetzt beiseite, trat ein und sagte:

„Da irrt Ihr Euch sehr, Master Melton, denn wie Ihr seht, sind wir schon hier!“

Zu gleicher Zeit bemächtigte ich mich der Revolver und des Messers und stellte mich so, daß er an mir vorüber Mußte, wenn er zu den Gewehren wollte. Er fuhr wie vor einem Gespenst zurück.

„Old Shatterhand! Tausend Teufel!“ rief er aus. „Da ist auch Winnetou da. Hinaus, hinaus, und tu deine Pflicht, denn das ist der Weiße, den du meinst!“

Dieser Zuruf war an die Indianerin gerichtet. Sie wollte schnell fort, aber ich faßte sie und schleuderte sie zurück, so daß sie auf ihr Lager fiel. Zugleich kam der Mimbrenjo herein, um sie festzuhalten; sie versuchte, sich ihm zu entringen, und als ihr das nicht gelang, schrie sie nach der Tür hin wiederholt einige indianische Worte, von denen ich nur zwei verstand, nämlich Ala und Akva; das erstere war wohl ein weiblicher Name, und das letztere bedeutet Messer. Der Ruf galt wahrscheinlich der zweiten alten Indianerin, welche sich mit hier oben befand; dieselbe sollte das ausführen, woran wir die erste hier hinderten; ich konnte aber jetzt nicht auf sie und ihren Zuruf achten, weil ich meine ganze Aufmerksamkeit auf Melton zu richten hatte, der als einzige Waffe, die ihm zu Gebote stand, seinen Schemel ergriffen hatte und, ihn gegen mich schwingend, auf mich eindrang. Einen nicht wiederzugebenden Fluch ausstoßend, wollte er ihn mir auf den Kopf schlagen; ich unterlief ihn aber, hob ihn empor und warf ihn an die Mauer, daß er wie gebrochen zu Boden stauchte. Da antwortete draußen auf dem Gange eine zweite weibliche Stimme. Melton wollte sich aufraffen; ich hatte ihn aber fest beim Halse; er versuchte, mich mit den Knien von sich zu stoßen, was ihm aber nicht gelang. Ich brauchte gegen ihn keine Hilfe, doch kam der Mimbrenjo herbei; er hatte die Alte mit einem tüchtigen Hiebe betäubt und wollte mir beistehen. Im Winkel lagen einige Lassos; mit einem derselben band er Melton, während ich diesen festhielt, erst die Beine zusammen und dann auch die Arme um den Leib. Als wir den Kerl nun fest hatten, gebot ich meinem Begleiter:

„Bleib hier! Ich muß hinaus, denn da draußen scheint etwas zu geschehen.“

Eben als ich die Stube verließ, hörte ich vorn beim Göpel die Kette klirren. Meine Laterne erlaubte mir, rasch zu laufen; ich rannte vor. Als ich ankam, stand das zweite alte Weib beim Göpel, von dem die Kette in diesem Augenblick abgelaufen war. Ich sah mit einem schnellen Blicke, daß sie nicht direkt, sondern mittels eines starken, zusammengeflochtenen Riemens an die Welle befestigt war. Ehe ich es verhindern konnte, hatte die Alte den Riemen zerschnitten, und die Kette fiel mit schwerem Klirren in den Schacht hinab – niemand war imstande, sie wieder heraufzuholen.

Ich begriff nun die Bedeutung der Worte, welche Melton vorhin gesagt hatte: „Ihr wißt ja, was ihr zu tun habt.“ Die Weiber waren für den Fall, daß die Gefahr der Entdeckung groß erschien und niemand sonst es besorgen konnte, angewiesen, den Göpel schnell ablaufen zu lassen und dann den Riemen zu zerschneiden. Die Leiter führte nur bis zum Göpel; weiter hinab konnte man nur mit dem Förderkasten kommen; lag dieser mitsamt der Kette unten, so war es, wenigstens für lange Zeit, unmöglich, in die Tiefe zu gelangen; die Gefangenen mußten dort verschmachten und konnten später nicht erzählen, wer sie hinuntergebracht hatte. Solch eine teuflische Bosheit hatte ich Melton trotz all seiner Schlechtigkeit doch nicht zugetraut.

Ich schauderte. Wie gut, daß ich den Stollen gefunden hatte! Bei dem Gedanken, daß ohne diesen Ausweg sich die armen Teufel jetzt hilflos da unten befinden würden, überlief es mich kalt. Da sah ich, daß das Weib zur Leiter hinauf wollte; ich riß sie zurück, nahm sie beim Arme und zog die nur wenig Widerstrebende in den Gang hinein und nach der Stube, in welcher Melton lag. Als dieser uns kommen sah, warf er der Alten einen Blick gespannter Besorgnis entgegen und fragte:

„Ist die Kette unten?“

„Ja,“ nickte sie grinsend.

Da ließ er ein heiseres Lachen hören und wendete sich in höhnischem Tone gegen mich:

„Der Teufel weiß, wie Ihr hier heraufgekommen seid, Master. Ihr habt mich glücklich überrumpelt; aber Euer Zweck ist doch verfehlt.“

„Welcher Zweck?“ fragte ich, auf seine Absicht, mich zu ärgern, eingehend.

„Ihr kennt ihn noch besser als ich; ich werde mich natürlich hüten, Euch Worte zu sagen, welche später als Beweis gegen mich dienen können.“

„Ich suche die Arbeiter der Hazienda del Arroyo. Wo sind sie?“

„Ich weiß nichts von ihnen. Sucht sie doch nur! Sie sind nach Almaden unterwegs, aber noch nicht angekommen; ich bin ihnen vorausgereist.“

„Warum habt Ihr die Kette in den Schacht fallen lassen?“

„Ich? Ihr habt doch soeben gehört, daß die Frau es getan hat!“

„Weil Ihr es ihr befohlen habt.“

„Das wißt Ihr so genau? Fragt sie doch darnach! Sie wird Euch ganz gern alles sagen, was Ihr wissen wollt. Ich aber muß Euch strengstens ersuchen, mich freizulassen! Almaden gehört mir; ich bin hier der Herr; ich habe zu befehlen, und wenn Ihr mich nicht augenblicklich freigebt, habt Ihr die Folgen zu tragen!“

„Vor den Folgen fürchte ich mich nicht. Was mit Euch geschehen soll und ob Ihr jemals wieder freikommen werdet, das wird das Gericht entscheiden.“

„Das Gericht? Ihr seid toll! Wo gibt es hier ein Gericht?“

„Es ist schon unterwegs. Man wird einmal untersuchen, wer die Yumas gedungen hat, die Hazienda del Arroyo zu überfallen und einzuäschern. Man wird auch nach den Arbeitern forschen. Ich denke, daß sie, wenn wir sie finden, sehr viel Lobenswertes über Euch zu berichten haben werden.“

„Dann wünsche ich nur, daß Ihr sie findet,“ lachte er, „und daß Ihr darin glücklicher seid als ich, denn ich habe sie nicht wiedergesehen, seit ich mich auf der Hazienda von ihnen verabschiedet habe.“

„So sind sie also noch unterwegs, und da ich meinen Zweck hier erreicht habe und also nach der Hazienda zurückkehren kann, werde ich ihnen wohl begegnen. Da Ihr mich, wie sich ganz von selbst versteht, begleitet, so werdet Ihr das Vergnügen haben, sie auch begrüßen und Euch von ihrem Wohlergehen überzeugen zu können.“

Sein Gesicht zeigte den schon mehrfach beobachteten teuflisch höhnischen Ausdruck. Er war überzeugt, daß wir die Arbeiter unterwegs nicht sehen würden, da er sie tief unten im Schachte glaubte. Dort waren sie dem gewissen Tode überliefert und konnten nicht gegen ihn zeugen. Freilich war das „Geschäft“, welches er mit ihrer Arbeitskraft hatte machen wollen, nun zur Unmöglichkeit geworden, konnte aber, wenn er nur der Bestrafung entging, in anderer Weise und auf anderem Wege wieder aufgenommen werden. Dieser Gedankengang gab ihm die Antwort in den Mund:

„Soll mich freuen, Sir, denn mit Hilfe ihrer Aussagen werde ich dann den Beweis liefern, daß Ihr ganz ohne Grund und Recht hier eingedrungen seid und mich vergewaltigt habt. Die Folgen könnt Ihr Euch wohl denken!“

„Es kann nur eine einzige Folge geben, und die wird in einem Stricke um Euren Hals bestehen. Beweise gegen Euch stehen mir genug zur Verfügung; ich denke sogar, daß es mir gelingen wird, die Yumas zum Zeugnisse zu bewegen.“

„Versucht es doch!“ lachte er.

„Allerdings werde ich das versuchen. Ich meine, daß sich auch noch anderes finden wird. Da Ihr der Nachfolger des Haziendero seid, so hat er Euch jedenfalls die von meinen Landsleuten unterschriebenen Kontrakte ausgeliefert. Auch den mit Don Timoteo abgeschlossenen und in Ures unterzeichneten Kaufvertrag werdet Ihr hier bei Euch haben. Und hoffentlich gibt es noch andere Schriftstücke, Briefe und dergleichen, welche Euch unangenehm werden müssen, falls sie in meine Hände geraten. Ich darf Euch also wohl nicht auffordern, mir zu sagen, wo die Sachen sich befinden?“

„Fragt darnach, soviel Ihr wollt; ich habe nichts dagegen!“

„Ja, aber antworten werdet Ihr mir nicht; wir wollen also alles unnütze Reden darüber unterlassen und lieber gleich darnach suchen.“

„Sucht immerhin! Ich bin neugierig, wohin Ihr Euer naseweises Riechorgan stecken werdet, um es ohne Erfolg zurückzuziehen.“

Ich untersuchte zunächst die Kleidungsstücke, welche er trug, doch vergeblich, dann die Taschen der andern Sachen, welche er in der Nähe seines Lagers hängen hatte, ebenso ohne Erfolg. Die Hauptsache hob ich mir mit Absicht bis zuletzt auf und begab mich zunächst in die andern Räume. Da, wo die Wellers sich aufgehalten hatten, war ebensowenig etwas zu finden. In der Stube Judiths und in derjenigen der beiden Indianerinnen gab es Speisevorräte, welche uns zu statten kamen. Als ich unverrichteter Sache zu Melton zurückkehrte, fragte er spottend:

„Jetzt bringt Ihr wohl Euren Fund, Master? Es unterliegt gar keinem Zweifel, daß der berühmte Old Shatterhand stets auf das, was er sucht, sofort mit der Nase fällt!“

„Das ist so richtig, Sir, daß ich mir gar keine Mühe gebe, weiter nachzuforschen. Mein junger Begleiter mag das an meiner Stelle tun und ein wenig an die Wände klopfen. Vielleicht finden wir eine hohlklingende Stelle. Leute Eures Schlages pflegen dergleichen Verstecke zu haben.“

„Laßt ihn solange klopfen, wie Euch beliebt; mir wird es nur Spaß machen.“

Ich war überzeugt, daß er die erwähnten Schriftstücke und auch noch andere ihn gravierende Dinge mitgebracht hatte; es galt nur, sie zu finden. Das Suchen überließ ich jetzt dem Mimbrenjo, um Melton scharf beobachten zu können. jeder Kriminalbeamte weiß, daß bei einer Haussuchung der Gesichtsausdruck und die Augen des Betreffenden als beinahe sichere Wegweiser dienen. Mit einigen leisen Worten instruierte ich den Indianerknaben, nach hohlen Stellen der Wände und des Fußbodens zu suchen und dabei, falls ich mich räuspern sollte, sogleich von dem betreffenden Punkte abzulassen, um aber bald wieder zu demselben zurückzukehren. Er folgte der Anweisung. Ich hat so, als ob ich meine ganze Aufmerksamkeit ausschließlich auf seine Bewegungen richtete, behielt aber Melton fest im Auge. Damit er dies nicht bemerken solle, stellte ich mich so, daß mein Gesicht im Schatten lag.

Er beobachtete den Mimbrenjo mit sehr zuversichtlichen Blicken; aber diese Zuversicht schien desto geringer zu werden, je näher der Rote dem Lager kam. Als er dasselbe erreicht hatte, hustete ich leise. Er wendete sich ab, und sogleich nahmen die Züge Meltons den Ausdruck der Befriedigung an. Da dies sich einige Male wiederholte, war ich überzeugt, daß das Versteck in dem Lager oder in der Nähe desselben zu suchen sei. Darum räusperte ich mich nun nicht, als der Rote wieder zu demselben kam. Er nahm es auseinander und untersuchte die Decken. Ich sah, daß Melton besorgt geworden war und sich dann freute, als der Knabe nichts fand und also weiter ging.

Ich nahm mit Sicherheit an, daß ich nur im Boden unter dem Lager zu suchen brauchte, um das Gewünschte zu finden, und ließ nun nicht weiterforschen, denn ich hatte Gründe, zu wünschen, daß er das glückliche Resultat unserer Nachforschung nicht erfahren möge. Als er sah, daß der Mimbrenjo seine Bemühungen aufgab, begann er von neuem, uns zu verhöhnen; ich nahm mir aber nicht die Mühe, ihm Antwort zu geben, ließ ihn und seine beiden Alten unter der Bewachung des Knaben zurück und stieg hinauf ins Freie zu den zehn Männern, welche dort auf uns warteten. Einer von ihnen genügte, auf die roten Wächter aufzupassen; die andern mußten mir nach unten folgen, um Lebensmittel heraufzubringen. Wir brauchten dieselben unterwegs, da ich nur soviel mitgenommen hatte, wie für mich und den Mimbrenjo nötig war. Dann schafften wir die Wächter einen nach dem andern hinunter in die Stube der beiden Indianerinnen, worauf die zehn die Weisung erhielten, mit dem Proviante zur Höhle zurückzukehren, aber mit solcher Vorsicht, daß sie dieselbe unbemerkt erreichen würden. Ich schickte sie fort, weil Melton sie jetzt noch nicht sehen sollte.

Als dies geschehen war, trug ich die zwei alten Weiber zu den Wächtern und Melton in die Stube Judiths. Er mußte aus seinem Zimmer fort, um nicht zu sehen, daß wir in demselben weiter suchten, und allein tat ich ihn, daß er von den Wächtern nicht erfahren solle, daß ich Weiße bei mir gehabt hatte, von denen sie überrumpelt worden waren.

Nun ging es an die Untersuchung des unter dem Lager befindlichen Fußbodens. Er bestand aus festgetretener oder gestampfter Erde. Ich klopfte und hörte bald einen hohlen Ton. Als ich die Erde an dieser Stelle mit dem Messer entfernte, stieß ich bald auf einen platten Stein, den ich aufhob. Er war nicht groß und bedeckte ein Loch, in welchem ich fand, was ich suchte, nämlich eine lederne Brieftasche, welche zum Schutze gegen die Feuchtigkeit wieder in ein Stück Leder eingeschlagen war. Ich öffnete sie, um einen flüchtigen Blick hineinzuwerfen, da ich zur eingehenden Betrachtung mir nicht die Zeit nehmen wollte. Sie enthielt neben mehreren Briefen eine bedeutende Anzahl zusammengefalteter Papiere, die Kontrakte meiner Landsleute und den Kaufvertrag über die Hazienda. In einem besondern Fache steckte ein Paket Legal-Tendernoten, deren Betrag ein sehr ansehnlicher zu sein schien. Ich schob das Portefeuille in meine Tasche, machte das Loch wieder so zu, wie es vorher gewesen war, und breitete das Lager darüber. Hierauf trugen wir die Waffen Meltons ins Freie und gingen dann daran, ihn selbst auch hinaufzuschaffen. Er erhielt, um nicht laut werden zu können, einen tüchtigen Knebel in den Mund. Als er sich dem Transporte trotz seiner Fesseln widersetzte, banden wir ihn an einen Lasso, an welchem er hinaufgezogen wurde. Wir zogen auch die Leiter hinauf und machten sie mit Hilfe unserer Messer unbrauchbar. Dies geschah, um Zeit zu gewinnen. Wenn die Yumas mit Tagesanbruch das Fehlen der Wächter bemerkten, konnten sie nun nicht in den Schacht. Zwar konnten sie sich mit Lassos hinablassen, freilich nur bis zum Göpel; aber um ihnen das zu erschweren, ließen wir die Trümmer der Leiter so in das Mundloch fallen, daß sie sich in demselben einklemmten und die Passage hinderten. Die Leiterstücke mußten mühsam herausgeschafft werden, wodurch wir genug Zeit gewannen, uns soweit von Almaden zu entfernen, daß eine Verfolgung resultatlos sein mußte.

Nachdem wir Meltons Waffen zu uns genommen hatten, wollten wir mit ihm den Berg hinab und gaben ihm deshalb die Füße frei. Er weigerte sich, von denselben Gebrauch zu machen, doch brachten ihn einige tüchtige Kolbenstöße zu besserer Einsicht, und er ging mit uns bis hinab zur Felsenecke, an welcher ich die „listige Schlange“ mit Judith belauscht hatte. Hier fesselten wir ihn wieder und banden ihn an einen Stein so fest, daß er sich nicht rühren konnte. Ich wollte ihn nämlich hier liegen lassen, da er die geretteten Arbeiter und auch den von ihm betrogenen Häuptling noch nicht sehen sollte.

In der Höhle brannten die Lichter; ich fand die Landsleute beim Essen. Sie hatten Hunger gelitten und sich nach der Rückkehr der zehn sofort über die von diesen mitgebrachten Vorräte hergemacht. Ich sagte ihnen, daß es hohe Zeit sei, Almaden zu verlassen, da wir, wenn es Tag würde, schon weit entfernt sein müßten, und sie freuten sich darüber.

Zunächst wurden die Pferde herausgeschafft; sie waren bestimmt, abwechselnd einstweilen die schwächsten Leute zu tragen. Der Mimbrenjo sollte als Führer vorangehen, und ich wollte in einiger Entfernung mit Melton folgen. Der „listigen Schlange“ wurden die Arme auf den Rücken gebunden. Zwar schenkte ich dem Roten genug Vertrauen, um überzeugt zu sein, daß er keinen Fluchtversuch machen werde, doch war es auf alle Fälle besser, vorsichtig zu sein. Er wurde von den Deutschen in die Mitte genommen.

Natürlich schütteten wir, ehe wir aufbrachen, den Eingang zur Höhle zu. Als der Zug sich entfernt hatte, ging ich zu Melton, um auch ihn zu holen. Ich band ihn los, gab ihm die Füße frei, und da er die Kolbenstöße noch nicht vergessen hatte, so ging er ohne Widerstreben mit. Der Dunkelheit wegen schlang ich noch einen Extrariemen um seinen Arm, den ich mit dem andern Ende an den meinigen befestigte.

Ich hielt genau denselben Weg ein, den wir gekommen waren, ging also zunächst südwärts. Ich wußte, daß der Mimbrenjo sich ebenso sicher wie ich auf demselben halten und sich nicht verirren werde.

Während wir langsam dahinschritten, verging die Nacht, und der Tag begann zu grauen. Als es so hell geworden war, daß wir weit genug blicken konnten, war der Fels von Almaden längst nicht mehr zu sehen. Auch meine Kameraden vor uns sahen wir nicht. Ich war absichtlich so langsam gegangen, damit sie einen genügenden Vorsprung gewinnen sollten, denn Melton sollte durch ihren Anblick möglichst stark überrascht werden. Als wir noch über eine halbe Stunde bis zu dem Punkte zu gehen hatten, an welchem unser Weg sich westlich wendete, schlug ich diese Richtung schon jetzt ein und trieb den Gefangenen zu schnellerem Gehen an, weil ich den Gefährten vorauskommen wollte, damit er sie nicht vor sich sehen könne. Dies gelang mir ganz gut, weil die in dem Schachte an ihren Kräften heruntergekommenen Arbeiter nur langsam gehen konnten. Als wir die Ecke abgeschnitten hatten und unsere Route wieder erreichten, sah ich hinter uns eine lange, dunkle Linie mit zwei mehr hervortretenden Punkten. Diese Linie waren die Fußgänger, die beiden Punkte die Pferde mit ihren Reitern. Melton hielt die Augen vorwärts gerichtet und hatte sie also nicht bemerkt. Er war mir bis jetzt gefolgt, ohne ein Wort zu sagen; nun aber schien ihn das rasche Gehen anzustrengen, und er sagte:

„Wohin wollt Ihr mich denn eigentlich mit solcher Geschwindigkeit schleppen, Sir? Ich vermute, nach der Hazienda del Arroyo?“

„Allerdings, wertester Master,“ antwortete ich.

„Zu Fuße! Wann denkt Ihr wohl, daß wir da ankommen werden, zumal Ihr einen ganz falschen Weg einschlagt?“

„Es ist genau derselbe Weg, auf dem ich gekommen bin, und ich meine, daß es der richtige ist.“

„Nein, es ist ein Umweg. Wenn wir auf den geraden und richtigen kommen wollen, müssen wir uns viel weiter nördlich halten. So ein erfahrener Prärieläufer, wie Ihr seid, sollte das wissen!“

„Der gerade Weg würde für mich der falsche sein; das wißt Ihr ganz genau, und darum wollt Ihr mich verleiten, ihn einzuschlagen. Da oben im Norden halten Eure Yumas; dort geht ihre Postenlinie nach der Hazienda, und dort würden wir auch auf Weller treffen, weicher, und zwar jedenfalls nicht allein, sondern mit Indianerbegleitung, ausgeritten ist, um auszukundschaften, wo ich mich mit Winnetou befinde. Ihr seht, daß der Vogel nicht so dumm ist, auf Euren Leim zu gehen.“

Er sah sich durchschaut, ärgerte sich darüber und machte diesem Ärger durch den höhnischen Ausruf Luft:

„Also fürchtet sich Old Shatterhand, der sich sonst doch für einen so großen Helden ausgibt!“

Vorsicht ist noch lange nicht Furchtsamkeit, Master, und für einen Helden habe ich mich noch nie gehalten und auch noch nie ausgegeben. Ich gestehe Euch aufrichtig und unumwunden, daß ich zum Beispiel bei meinem gegenwärtigen Unternehmen ein Glück gehabt habe wie noch nie in meinem ganzen Leben. Ihr kennt den Umfang desselben noch gar nicht.“

„Ah,“ lachte er grimmig auf, „ich kenne ihn doch! Zwei Menschen dringen trotz der Bewachung von soviel Indianern in Almaden ein und holen mich heraus! Das ist allerdings ein ganz unbeschreibliches Glück. Ihr habt aber dabei doch auch Unglück gehabt, denn die Deutschen habt Ihr nicht gefunden und auch nicht das, was Ihr da oben in meiner Stube suchtet. Und noch viel weniger Glück werdet Ihr von jetzt an haben. Weller wird nicht eher ruhen, als bis er seinen Sohn befreit hat, und dann mit den Yumas über Euch herfallen. Ich rate Euch also an, es nicht mit mir zu verderben, denn Ihr geratet ganz gewiß in unsere Hände, und dann werde ich Euch genau mit demselben Maße messen, mit welchem Ihr mich jetzt behandelt.“

„Das mag Euch unbenommen bleiben, Sir. Ich gestehe Euch aber, daß Ihr mich mit Weller nicht ängstlich machen könnt. Seinen Sohn kann er nicht befreien, denn dieser ist von dem Herkules erwürgt worden, und wenn wir den Alten ergreifen, was ich mit Sicherheit erwarte, so werden wir wegen Mordversuches sehr kurzen Prozeß mit ihm machen. Hat er Euch erzählt, daß sein Sohn in unsere Hände geraten ist, so wird er Euch wohl auch gesagt haben, daß er mit ihm den Herkules ermorden wollte. Da dieser aber einen äußerst harten Schädel besitzt, ist ihm der Kolbenhieb ganz gut bekommen und er wartet mit Schmerzen darauf, mit dem Alten ebenso abrechnen zu können, wie er mit dem jungen abgerechnet hat.“

Melton sah mich eine ganze Weile betroffen an und rief dann aus:

„Der kleine Weller tot! Ihr wollt mir damit doch wohl nur einen krassen Bären aufbinden?“

„Ganz und gar nicht. Ich versichere Euch mit meinem heiligen Worte, daß er zwischen den gewaltigen Fäusten des Athleten entschlafen ist, und der Alte wird demselben Schicksale wohl schwerlich entgehen. Wenigstens befürchte ich nicht, daß er mit den Yumas über uns herfallen wird. Diese vortrefflichen Menschen werden wohl, wenn es nicht bereits geschehen ist, sehr bald zu der Einsicht gelangen, daß Eure Freundschaft eine verräterische und sehr gefährliche ist.“

„Möchte den Grund wissen!“ spottete er.

„Dieser Grund heißt listige Schlange.“

„Inwiefern? Er ist mein treuester Verbündeter und wird Weller alle seine Krieger gegen Euch zur Verfügung stellen.“

„Ihr meint, daß Weller dies von ihm verlangen wird?“

„Ja, sobald er mein Verschwinden erfährt.“

„So, so! Ich denke, daß im Indianerlager nicht nur von Eurem Verschwinden, sondern auch von demjenigen der listigen Schlange die Rede sein wird. Oder solltet Ihr noch nicht wissen, daß der Häuptling ganz plötzlich verschwunden ist?“

„Ich weiß kein Wort. Verschwunden? Wohin denn?“

„Hinunter in den Schacht!“

Er wendete mir bei diesen Worten sein Gesicht mit einem so scharfen Rucke zu, als ob er einen Schlag an den Kopf erhalten habe, sah mich mit großen, starren Augen und weit offenem Munde an und rief dann aus:

„In den Schacht? Wie meint Ihr das?“

„O, gar nicht anders, als wie es in Wirklichkeit geschehen ist. Er ist im Schachte unten eingesperrt und zwar von derselben Person, welche auch die schöne Judith unten eingeriegelt hat.“

„Judith?“ fragte er wie abwesend.

„Freilich, Judith. Sie verzichtete auf das Gold, die edlen Steine, den Palast und das Schloß, auch auf die schönen Kleider, welche ihr versprochen worden waren, weil ihr in Beziehung auf ihren Vater nicht Wort gehalten wurde und weil der Häuptling ihr das alles auch geben wollte. Da wurde sie in den Schacht gelockt und dort eingesperrt von einem gewissen Melton.“

„Mensch, seid Ihr bei Sinnen?!“

„Sogar sehr! Sie wurde eingesperrt, obgleich sie gedroht hatte, daß der Häuptling nach ihr suchen und sie von Euch fordern würde. Sie hatte sich nämlich am Abende vorher mit dem Häuptlinge verlobt und diesen auf Eure Absichten aufmerksam gemacht. Als die Jüdin verschwunden war, kam der Häuptling, um sich bei Euch nach ihr zu erkundigen. Er wurde überwältigt und auch in den Schacht geschafft.“

„Mann, Ihr redet da einen Roman, der geradezu unmöglich ist!“

„Es klingt allerdings wie ein Roman, wie eine phantastische Erfindung, wenn ich sage, daß er in dasselbe Loch gesperrt wurde, in welchem Judith steckte.“

„Ihr tut ja, als ob Ihr allwissend wäret!“

„Der Mensch braucht nicht allwissend zu sein, um von dem, was er gesehen und gehört hat, reden zu können.“

„Wie? Was?“ fragte er, indem seine Stimme einen angstvollen Ausdruck annahm und seine Augen aus ihren Höhlen treten wollten. „Ihr wollt das gesehen und gehört haben?“

„Ich will nicht nur, ich behaupte es nicht bloß, sondern es ist in Wirklichkeit so.“

„Dann müßtet Ihr doch unten im Schachte gewesen sein!“

„Das ist allerdings der Fall.“

Er blieb stehen, starrte mich abermals wie im Traume an und fragte:

„Wie wollt Ihr denn wieder heraufgekommen sein?“

Da es nicht meine Absicht war, ihm die Wahrheit zu sagen, antwortete ich:

„Kann ich nicht an der Kette des Förderkastens heraufgeturnt sein?“

„Nein, denn ich habe dann den Kasten ganz aufgewunden.“

„Ah, jetzt kommt’s! Ihr sagt daß Ihr den Kasten dann aufgewunden habt. Mit diesen Worten habt Ihr Euch soeben vergessen, ein Geständnis abzulegen!“

„Nun zum Henker, ja! Mag es meinetwegen ein Geständnis sein! Ich habe es nur zu Euch gesagt, werde es zu keinem andern wiederholen, und was Ihr behauptet, wird man nicht glauben. Übrigens werdet Ihr gar nicht zu einer solchen Behauptung kommen, denn Weller wird bald dafür sorgen, daß Euch die Lunge den giftigen Atem versagt. Ihr scheint mit dem Satan im Bunde zu stehen, denn nur dieser kann es sein, der Euch hinunter in den Schacht geführt hat. Aber verlaßt Euch nicht zu sehr auf ihn! Der Teufel ist ein schlechter Freund und läßt einen gerade dann im Stiche, wenn man seine Hilfe am nötigsten hat!“

„Ja, das habt Ihr wohl genügsam an Euch selbst erfahren, und gerade jetzt fühlt Ihr Euch ganz und gar von ihm verlassen,“ antwortete ich, indem ich mich von ihm abwendete, denn ich möchte behaupten, daß der Anblick seines Gesichtes mir geradezu körperliche Schmerzen verursachte. Die Regelmäßigkeit und männliche Schönheit seiner Züge war mit einem Male verschwunden; er sah häßlich, diabolisch häßlich aus.

„Ich mich verlassen fühlen!“ fuhr der Widerwärtige fort. „Da irrt Ihr Euch gewaltig! Ich bin Euch nicht so widerstandslos preisgegeben, wie Ihr denkt. Was wollt Ihr tun, wenn ich mich hier niedersetze und nicht von der Stelle zu bringen bin?“

Er warf sich bei diesen Worten auf die Erde nieder.

„Ihr habt den Kolben schon einmal gefühlt,“ antwortete ich. „Er wird Euch auch dieses Mal zum Gehorsam bewegen.“

„Versucht es doch! Stoßt mich, schlagt mich! Ich bleibe hier und laß mich lieber zu schanden schlagen, als daß ich weiter gehe. Wir sind noch nicht zu weit von Almaden und von meinen Yumas. Sie werden nach mir suchen; sie werden unsere Fährte finden und uns folgen; dann werden sie Euch erwischen und mich befreien.“

„Denkt Euch das letztere nicht gar so leicht! Daß dies so ist, werde ich Euch beweisen, indem ich Euch nicht zum Weitergehen zwinge. Wir werden also hier bleiben und die Ankunft Eurer Yumas erwarten. Es wird sich dann zeigen, ob sie sich um Euertwillen an mich wagen. Ich werde sogar darauf verzichten, Euch die Füße wieder zusammenzubinden, damit Ihr, wenn sie kommen, versuchen könnt, ihnen entgegenzulaufen.“

Ich setzte mich neben ihm nieder; er legte sich ganz hin, spuckte vor mir aus und wendete sich dann um, damit er mich nicht anzusehen brauche. Das war mir lieb, denn in dieser Stellung sah er die Nahenden nicht, welche, wie ich jetzt bemerkte, nun in der Ferne erschienen. Bald waren sie uns so nahe, daß ich ihre Gesichter erkennen konnte. Der Mimbrenjo schritt voran. Er hatte uns gesehen, ging aber ruhig weiter, ohne Vorsichtsmaßregeln zu treffen, denn sein scharfes Auge hatte mich erkannt. Melton hatte ihn bei mir gesehen, und so wunderte ich mich darüber, daß es ihm nicht eingefallen war, nach ihm zu fragen. Daß der Indianer sich nicht bei mir befand, hätte doch seine Aufmerksamkeit erregen müssen, da die Abwesenheit desselben einen Grund haben mußte.

Nun waren sie uns so nahe, daß wir ihre Schritte hörten.

Melton horchte auf, richtete sich dann rasch empor, so daß er zu sitzen kam, und drehte sich um. Im nächsten Augenblicke sprang er ganz auf, starrte die Nahenden an, als ob sie Gespenster seien, und rief aus:

„Alle Wetter, was sehe ich; wer kommt da!“

„Eure Yumas, die Euch befreien werden,“ antwortete ich. „Hoffentlich freut Ihr Euch, daß Eure Erwartung sich so schön und so bald erfüllt.“

„Verwünschter Kerl! Du stehst wirklich mit dem Teufel im Bunde!“

Indem er mir diese Worte entgegenzischte, versetzte er mir einen Fußtritt und rannte so schnell davon, wie es ihm mit gebundenen Händen möglich war. Der Fluchtversuch war lächerlich; ich stand ruhig auf und tat keinen Schritt, ihn zu verfolgen. Selbst wenn ich ihm hätte nachlaufen wollen, wäre dies gar nicht nötig gewesen, denn als die Befreiten, welche sich uns bis auf vierzig oder fünfzig Schritte genähert hatten, ihn erkannten und davonlaufen sahen, erhoben sie ein lautes Geschrei und rannten hinter ihm her, Männer, Frauen und Kinder; nur der Mimbrenjo blieb stehen und rief mir lachend zu:

„Der Vogel wird nicht weit kommen, denn die Flügel sind ihm gebunden.“

Den Verfolgern voran waren Judith und die listige Schlange. Die erstere war nicht eingekerkert gewesen, hatte keine Not gelitten und besaß also mehr Kräfte wie die andern. Ganz dasselbe war mit dem Häuptlinge der Fall. Zwar waren auch ihm die Hände gebunden, doch half der Grimm, welcher sich seiner beim Anblicke Meltons bemächtigte, ihm diesen Umstand überwinden. Er flog ihm förmlich nach und kam ihm näher und näher, bis er ihn erreicht hatte; dann eilte er absichtlich einige Schritte über ihn hinaus, machte eine Wendung und rannte dann mit solcher Kraft gegen ihn, daß Melton zu Boden stürzte und sich zweimal überschlug. Er kam gar nicht zu dem Versuche, sich aufzurichten, denn der Häuptling lag schon auf ihm und hielt ihn trotz seiner gefesselten Hände bei der Kehle. Sie rangen miteinander und wälzten sich dabei einigemal um und um, bis Judith kam und dem Roten half. Die Jüdin befand sich in einer Aufregung, welche allerdings nicht weiblich war. Sie schrie in einem fort und schlug dabei mit geballten Händen auf Melton ein, bis die andern kamen, denen sie Platz machen mußte. Nun gab es einen Knäuel von schreienden Menschen, welche Melton in der Mitte hatten. Ich fürchtete für sein Leben und eilte darum hin, um den Mißhandlungen Einhalt zu tun. Als ich mir durch die Leute Bahn gebrochen hatte, sah ich Melton an der Erde liegen; mehrere hielten ihn fest, und Judith bearbeitete mit Fäusten und Nägeln sein Gesicht in einer Weise, daß ich sie, empört über dieses mehr als häßliche Verhalten, wegriß und ihr zornig zurief-

„Was fällt Ihnen ein! Überlassen Sie den Menschen uns Männern! Sie sind ja gerade zur Furie geworden.“

„Der Halunke hat es verdient, daß ich ihm die Augen auskratze!“ keuchte sie atemlos. „Er hat mich betrogen, mich eingesperrt. Ich sollte da unten im Schachte verderben und sterben!“

Sie wollte wieder zu ihm hin; ich schleuderte sie aber fort und sagte, mich zu den andern wendend:

„Daß keiner von euch sich weiter an ihm vergreift! Er gehört jetzt mir und wird seiner Bestrafung nicht entgehen. Wer nicht gehorcht, bekommt es mit mir zu tun!“

Sie wichen zurück, und ich richtete Melton vom Boden auf. Von seinem äußeren Aussehen nicht zu sprechen, befand er sich in einem Seelenzustande, der ihn fast nicht mehr als Mensch erscheinen ließ. Er schrie wie ein Tier; seine Augen waren mit Blut unterlaufen, und seine geifernden Lippen brachten die Flüche und Verwünschungen, welche er mir entgegenwarf, nur undeutlich hervor. Es war das Lallen der größten Wut, des Grimmes in seinem höchsten Grade. Ich machte diesem Wüten dadurch ein Ende, daß ich ihm einen Knebel in den Mund stecken ließ. Er drohte zwar, zu ersticken, doch brachte die Angst, die ihm dies verursachte, ihn bald zur Ruhe.

Die „listige Schlange“ hatte Melton niedergeworfen und festgehalten, bis die andern hinzugekommen waren; dann hatte er von ihm gelassen. Sein Stolz ließ ihm nicht zu, sich an den Mißhandlungen zu beteiligen; aber in seinen dunkeln Augen glühte das Feuer der Rache und des unversöhnlichen Hasses. Er wendete sich, da rundum Ruhe eingetreten war, mit der Frage an mich:

„Was gedenkt Old Shatterhand mit diesem verräterischen und gefährlichen Bleichgesicht zu tun?“

„Das kann ich jetzt noch nicht sagen, denn ich muß es mit Winnetou beraten.“

„Das ist nicht nötig, denn der Häuptling der Apatschen wird alles gutheißen, was Old Shatterhand bestimmt. Beide sind wie einer, und was der eine will, das will stets auch der andere.“

„Zu welchem Zwecke spricht die listige Schlange diese Worte?“

„Eines Vorschlages wegen, den ich meinem weißen Bruder machen möchte. Old Shatterhand mag mit auf die Seite kommen, da ich mit ihm allein sprechen will.“

Ich tat ihm den Willen und entfernte mich mit ihm so weit, daß Melton uns nicht hören konnte, auf welchen es abgesehen war, da die Deutschen den Indianer doch nicht verstehen konnten. Dieser begann seinen Vorschlag mit der Frage:

„Wird Old Shatterhand mir aufrichtig sagen, ob er mich für einen Lügner hält?“

„Warum nicht? Der Name meines roten Bruders könnte Mißtrauen erwecken; dennoch glaube ich, daß listige Schlange die Wahrheit liebt und viel zu stolz und tapfer ist, sich eine Treulosigkeit zu schulden kommen zu lassen.“

„Mein Bruder hat recht; ich danke ihm. Ich will ihm mitteilen, daß ich Frieden mit ihm schließen möchte, nicht nur für mich selbst, sondern auch für meine Krieger.“

„Was wird euer Oberhäuptling, der große Mund, dazu sagen?“

„Er wird beistimmen.“

„Das bezweifle ich, denn er hat eine Blutrache gegen mich, weil ich seinen Sohn, den kleinen Mund, getötet habe.“

„Old Shatterhand ist ein Freund der roten Männer; er tötet keinen von ihnen, außer wenn er dazu gezwungen ist.“

„Das ist zwar sehr richtig, wird aber für den großen Mund kein Grund sein, seine Rache in Verzeihung, seine Feindschaft in Freundschaft umzuwandeln.“

„So mag er für sich allein handeln; ich habe mit seiner Rache nichts zu tun. Als wir den Zug nach Almaden unternahmen, haben wir ihn zu unserem Anführer gemacht; wir können den, welchen wir wählen, auch wieder absetzen, denn wir brauchen ihm nur so lange zu gehorchen, wie es uns beliebt. Die Yumas zerfallen in viele Stämme; er ist der Häuptling des seinigen, und ich bin der Häuptling des meinigen. Er ist nicht mehr, als ich bin. Er hat mir Kampf geboten, ich aber erkenne jetzt, daß Frieden besser ist. Darum bin ich bereit, mit Old Shatterhand im Namen meines Stammes, wenn auch nicht im Namen aller Yumas, die Friedenspfeife zu rauchen.“

„Wenn aber der große Mund dann dagegen ist?“

„So bin ich der Freund und Bruder von Old Shatterhand und werde ihn mit allen meinen Kriegern gegen den großen Mund verteidigen. Will mein weißer Bruder mir das glauben?“

„Ich glaube es. Mein roter Bruder wird den Frieden nur unter gewissen Bedingungen schließen wollen. Er mag mir diese mitteilen!“

„Es sind nur zwei. Mein erster Wunsch ist der, daß Old Shatterhand nicht dagegen ist, daß ich die weiße Blume, welche Judith heißt, zu meiner Squaw mache.“

„ich habe gar nichts dagegen, sondern bin im Gegenteile sehr überzeugt, daß kein Weißer für die Blume so gut paßt, wie mein roter Bruder. Darüber sind wir also einig. Welches ist nun der zweite Wunsch?“

„Ich will Melton haben!“

„Das dachte ich mir. Die Listige Schlange ist also der Ansicht, daß ich über die Person dieses Mannes verfügen kann?“

„Ja. Nach den Gesetzen der Bleichgesichter hat er ihn vielleicht abzuliefern, nach den Gesetzen der roten Männer aber gehört er ihm, und er kann mit ihm machen, was er will. Wir befinden uns hier auf dem Gebiete der roten Stämme, also kann, wenn Old Shatterhand nach unsern Regeln handelt, kein Bleichgesicht ihm darüber Vorwürfe machen.“

„O doch! Es befinden sich sogar schon weiße Polizisten in der Nähe, welche Melton fangen wollen; aber ich brauche nicht nach ihnen und ihren Absichten zu fragen; ich tue, was ich will, auch wenn es gegen die Gesetze dieser Leute ist. Mein roter Bruder kann also, wenn es mir beliebt, Melton bekommen. Hat er aber daran gedacht, daß auch ich Bedingungen machen werde?“

„Ja. Ich möchte sie hören.“

„Ich fordere zunächst Frieden zwischen deinem Stamme und allen Bleichgesichtern, welche sich hier bei uns befinden.“

„Listige Schlange ist einverstanden.“

„Sodann verlange ich, daß sich der Friede auf alle Mimbrenjos erstreckt, welche meine Freunde sind.“

„Dies zuzugestehen, ist viel schwieriger. Ich weiß, daß du Mimbrenjos bei dir hast; sie sind unsere Feinde; ich brauche nur zu befehlen, so fallen meine dreihundert Krieger über sie her, um sie zu töten. Wenn du verlangst, daß wir sie schonen, muß ich außer meinen zwei Bedingungen noch einige andere stellen.“

„Behalte sie für dich! Wie die Sachen stehen, können meine Mimbrenjos dir viel eher Vorschriften machen, als du ihnen; du hast vergessen, daß Winnetou ihr Anführer ist und daß auch ich bei ihnen bin. Wir haben deine dreihundert nicht gefürchtet und werden sie jetzt, da du mein Gefangener bist, erst recht nicht fürchten. Was hindert uns, nach Norden zu reiten und eure Pferde wegzunehmen?“

„Wißt ihr denn, wo diese sind?“ fragte er erschrocken.

„Wenn wir es nicht schon wüßten, würde Winnetou sie sicher finden. Übrigens bist du nicht der einzige, der in unsere Hände geraten ist. Wir haben alle vierzig Yumas gefangen, welche zwischen hier und der Hazienda postiert waren; der schnelle Fisch ist auch dabei. Sobald ihr uns bedroht, werden sie erschossen.“

Solche Nachrichten hatte er nicht erwartet. Er blickte eine Weile sinnend vor sich nieder und sagte dann:

„Was Old Shatterhand spricht, kann man glauben; folglich ist es wahr, daß du unsere Brüder gefangen hast. Das konnte nur dir und Winnetou gelingen!“

„Also wirst du wohl einsehen, daß wir gar nicht nötig haben, uns Bedingungen des Friedens vorschreiben zu lassen. Ihr könntet euch übrigens hier gar nicht halten, denn die Wagen, welche ihr aus Ures erwartet, sind mit allem Proviant und der sonstigen Fracht auch von uns weggenommen worden.“

„Uff! So gibt es hier nichts zu essen. Wir haben nur noch auf zwei Tage Vorrat; ist dieser zu Ende, müssen wir, wenn die Wagen nicht kommen, entweder hungern oder die Gegend verlassen, in der es kein Wild gibt!“

„Ja, ihr seid hilfloser, als du bis jetzt gedacht hast. Ich bleibe also bei meiner Forderung, daß der Friede, welchen wir schließen werden, sich auch auf die Mimbrenjos erstreckt.“

„Und wenn ich mich weigere?“

„So wird das, was wir begonnen haben, seinen Verlauf nehmen. Wir haben nur noch Weller zu fangen; dann nehmen wir euch die Pferde weg, warten, bis der starke Büffel mit mehreren hundert Mimbrenjos kommt, und vernichten deinen ganzen Stamm. Du selbst aber wirst, da du der Mitschuldige Meltons bist, mit ihm und Weller dem Richter überliefert. Deine Strafe wird im günstigsten Falle darin bestehen, daß man dich auf viele Jahre in das Gefängnis sperrt.“

Ein freier Indianer, und jahrelang eingesperrt! Entsetzlicheres kann es gar nicht geben! Der Schreck fuhr ihm in alle Glieder, und die Folge davon war, daß er sich schnell entschied:

„Ich sehe ein, daß mein Bruder recht hat; die Mimbrenjos sollen also auch mit eingeschlossen sein. Hat Old Shatterhand noch weitere Bedingungen?“

„Für jetzt nicht. Meine sonstigen Vorschläge werde ich während der Beratung machen, denn ich nehme natürlich an, daß listige Schlange das Kalumet nicht eher mit mir rauchen wird, als bis er mit seinen ältesten Kriegern gesprochen hat.“

„Ja, sie müssen zur Beratung gezogen werden. Wird Old Shatterhand mit mir zu ihnen gehen, oder wollen wir sie kommen lassen?“

„Wir werden das letztere tun.“

„So brauchen wir einen Boten. Wen wird mein weißer Bruder senden?“

„Den Mimbrenjoknaben. Er ist klug, treu und ehrlich; ich kann mich auf ihn verlassen.“

„Mein Bruder wird erfahren, daß ich ebenso ehrlich und treu bin. Ich werde ihm meinen Wampum mitgeben als Beweis, daß ich bei euch bin und daß alles, was er meinen Kriegern sagt, wahr ist. Er mag ihnen erzählen, was geschehen ist, und die fünf erfahrenen Krieger herbeibringen, deren Namen ich ihm nennen werde; sie sollen unbewaffnet kommen, um zu zeigen, daß sie ohne Arg im Herzen sind.“

Nichts konnte mir lieber und erwünschter sein, als gerade diese Wendung der Dinge, durch welche ich Gelegenheit fand, unsere Erfolge ganz zum Vorteile meiner armen Landsleute auszunützen, denn daß diese von den mexikanischen Gerichten weder eine Entschädigung noch sonst etwas zu erwarten hatten, davon war ich vollständig überzeugt. Lieferte ich Melton an den Juriskonsulto aus, so entging er wohl gar der Strafe und ich mußte auch die Brieftasche hergeben, deren Inhalt, obgleich ich in Beziehung auf denselben kein Verwendungsrecht besaß, ich für Besseres bestimmt hatte. Ich war also gesonnen, Melton dem Häuptling zu überantworten. Man mag mich da der Härte oder gar der Grausamkeit zeihen; ich mache mir keine Vorwürfe, denn dieser Teufel hatte alles andere verdient, aber nur keine Schonung.

Der Mimbrenjo übernahm den Auftrag schon deshalb gern, weil derselbe nicht ganz ungefährlich war; er erhielt ausführliche Anweisungen und ritt auf Winnetous Pferd davon. Die Gesellschaft lagerte sich in einem Kreise, in dessen Mitte Melton genommen wurde; ich aber ließ mich außerhalb desselben nieder, um nun unbemerkt von ihm den Inhalt seiner Brieftasche zu untersuchen. Zunächst zählte ich den Betrag der Banknoten. Der Mann war bedeutend reicher mit Geldmitteln versehen, als ich geglaubt hatte, denn die Summe betrug etwas über dreißigtausend Dollars. Ob das Geld sein Eigentum war oder den Wellers teilweise mit gehörte, oder auch aus der Mormonenkasse stammte, das ging mich nichts an. Sodann fand ich die schon erwähnten Kontrakte, auch den Kaufkontrakt über die Hazienda del Arroyo und endlich eine Anzahl Briefe, welche ich öffnete, um sie zu lesen. Die meisten stammten aus Utah, einige aus San Franzisko; alle aber bewiesen, daß er über die Grenze gekommen war, um im Interesse der Mormonen eine größere Landstrecke zu erwerben und so den ersten Schritt zur Verbreitung derselben auch in Mexiko zu tun. Zwei oder drei von ihnen enthielten Beweise darüber, daß er sich mit den Wellers verbunden hatte, die Erwerbung auf unehrlichem Wege vorzunehmen, um sich eine ansehnliche Summe für die eigenen Taschen zu verdienen.

Ein einziger Brief war andern Inhaltes. Das Couvert war nicht dabei, und da die Angabe des Datums und des Ortes fehlte, so wußte ich nicht, aus welcher Zeit und woher er stammte. Die Schrift hatte aber eine so frische, tief dunkle Färbung, daß ich annahm, dieser Brief sei erst in neuerer Zeit geschrieben worden. Er war „dear uncle“, also „lieber Onkel“ überschrieben und enthielt in seinem ersten Teile Mitteilungen ganz unverfänglicher Art, während am Ende folgende Zeilen meine Aufmerksamkeit erregten.

„Und fragst Du, wovon ich hier lebe, so kann ich Dich durch die Versicherung beruhigen, daß es mir sehr wohl geht. Ich habe im Spiele Glück und außerdem einen Freund gefunden, dessen wohlgefüllte Tasche mir stets offen steht. Erinnerst Du Dich noch des reichen einstigen Armeelieferanten, dessen Bekanntschaft Du in St. Louis gemacht hast? Er war ein geborener Deutscher, spielte sich aber gern als Yankee auf und hatte darum seinen ursprünglichen Namen Jäger in das englische Hunter verwandelt. Wie ich jetzt erfahren habe, ist er als Schustergeselle von drüben herübergekommen, hat trotz oder gerade wegen seiner Dummheit großes Glück gehabt und es durch eine Heirat zu einem Ladengeschäft in der William-Street, New York, gebracht. Während des Krieges gegen die Südstaaten lieferte er zunächst Schuhwerk, später auch Montierungsstücke und anderes für die Armee und hat da einen unendlichen Haufen Geld zusammengebracht. Jetzt arbeitet er nicht mehr, ist kränklich geworden und gibt sich Mühe, seine ungeheuren Zinsen immer wieder zum Kapital zu schlagen, obgleich er dies gar nicht nötig hat, da seine Frau gestorben ist und er nur ein einziges Kind, einen Sohn, besitzt, welcher als Universalerbe später gewiß genug zum Leben hat. Der Alte ist geizig im höchsten Grade, hat seinen armen Verwandten drüben noch nie einen Pfennig geschickt, besitzt dabei jedoch eine solche Affenliebe für den Jungen, daß dieser das Geld zum Fenster hinauswerfen kann, ohne den geringsten Vorwurf zu befürchten. Sein Vater hat ihm in Verleugnung seiner deutschen Abstammung den wunderbaren Vornamen Small gegeben. Er ist ein hübscher, junger Mensch, verzogen, ohne Charakter und Energie, sonst aber gar kein übler Kerl, besitzt nicht eine Spur von Menschenkenntnis und ist so vertrauensselig gegen jedermann, daß er alle die Blutegel, welche sich hier an ihn oder vielmehr an seinen Geldbeutel gehängt haben, für wahre Freunde hält. Es wird mir aber gelingen, ihm, natürlich nur zu meinem Vorteile, die Augen zu öffnen, denn ich habe dadurch, daß ich seine Schwächen poussiere, einen Einfluß auf ihn gewonnen, welcher von Tag zu Tag größer wird.

„Wie ich diesen Small Hunter, der für uns ein fetter Bissen werden kann, kennen gelernt habe, fragst Du? Auf eine höchst eigentümliche Weise. Ich wurde gleich am ersten Tage nach meiner Ankunft hier von einem Kellner mit Mister Hunter angeredet. Dies wurde von andern Personen wiederholt, und als ich dann während eines Konzertes diesem Mister Hunter vorgestellt wurde, standen wir, uns ganz erstaunt anstarrend, eine Weile gegenüber, ohne ein Wort zu sagen. Wir sind einander nämlich zur Verwechslung ähnlich, und zwar in Beziehung auf die Gestalt, die Gesichtszüge und die Stimme. Und wenn ich seinen etwas langsamen und schlotternden Gang annehme, wird sein vertrautester Bekannter sich täuschen. Das ist ein Zufall, den ich benutzen werde und der ihn veranlaßte, mir sofort seine Freundschaft zu schenken. Es macht ihm großen Spaß, mit mir verwechselt zu werden. Zunächst gewinne ich ihm im Spiele auf unauffällige Weise soviel und noch mehr ab, als ich brauche.

„Er hat sich mir vollständig an- und aufgeschlossen, behandelt mich wie einen Zwillingsbruder und mag nichts davon hören, wenn ich auch nur leise beginne, von Trennung zu sprechen. Er wünscht, daß ich ihn nächstens auf einer großen Reise begleite. Er reist nämlich leidenschaftlich gern, und sein sonst so geiziger Vater setzt dem, trotz der Summen, die es kostet, nichts entgegen. Seine liebste, ja fast einzige Lektüre sind Reiseschilderungen. So hat er die Vereinigten Staaten durchreist, war in Canada und Mexiko und ist sogar schon auch in Janeiro und England gewesen. Jetzt spukt der Orient in seinem Kopfe. Gelehrte, Fürsten, Prinzen reisen hin; warum soll der Sohn eines amerikanischen Millionärs nicht dasselbe können! Ich gehe natürlich nicht nur auf diese Marotte ein, sondern gebe mir alle Mühe, ihn darin zu bestärken. Es würde mir ja auf diese Weise möglich, meinen Vater zu sehen, welcher wegen Old Shatterhands, der auch so ein verwünschter Deutscher ist, aus dem Lande mußte und, wie Du weißt, die nötige Verborgenheit jenseits des Mittelmeeres gesucht hat.

„Nun sitzen wir von früh bis spät abends bei einander und studieren mit Hilfe zweier Lehrer eine türkische und eine arabische Grammatik, lesen Haremsgeschichten und zeichnen weiße Odalisken und dunkle Sklavinnen an die Wände. Da Small sehr gut veranlagt ist und seinen Reiseplan mit wahrem Feuereifer verfolgt, so macht er in den beiden Sprachen schnelle Fortschritte, und ich muß ihm wohl oder übel folgen. Noch einige Monate, und wir werden, vom Alten mit tüchtigen Checks versehen, über den Atlantischen dampfen.

„Ich schreibe Dir dies mit solcher Ausführlichkeit, weil ich Deine Findigkeit kenne und von Dir einen Rat erwarte, wie ich die Verhältnisse, besonders die wahrhaft verblüffende Ähnlichkeit, mir am besten einträglich machen kann. Deine etwaige Mithilfe würde mir natürlich nur willkommen sein. Schreib mir also bald, was und wie Du darüber denkst, doch ja nicht hierher, sondern an meine letzte Adresse, da ich in diesem Falle sicher bin, daß der Brief in keine falschen Hände kommt.

Dein Neffe Jonathan.“

Der Brief war für mich aus mehreren Gründen von großem Interesse, zunächst weil in demselben mein Name genannt wurde. Der Vater des Schreibers war durch mich gezwungen gewesen, aus dem Lande zu gehen. Das konnte kein anderer sein, als Meltons Bruder, den ich damals von Fort Uintah bis nach Fort Edward gejagt hatte. Es war ihm dort gelungen, zu entfliehen, und die Polizei hatte keine Spur von ihm zu finden vermocht. Jetzt erfuhr ich durch diesen Brief, daß er sich „Jenseits des mittelländischen Meeres“ befand. Aber wo? Ich nahm wohl mit Recht an, daß er weder Türkisch noch Arabisch verstanden hatte, aber es gibt in Alexandrien, Kairo, Tunis und Algier Engländer und Amerikaner, welche in der ersten Zeit dort ebenso nur des Englischen mächtig gewesen sind. Mochte er sich da oder dort befinden, mir konnte das gleich sein; es ging mich nichts an; aber es war mir, wie gesagt, sehr interessant, wieder von ihm zu hören oder vielmehr zu lesen.

Anders freilich war es mit Small Hunter, welcher sich in großer Gefahr befand, von seinem falschen Freunde betrogen zu werden. Er war der Sohn eines Deutschen, und ich hätte ihn wohl gern gewarnt. Aber dies zu tun, war unmöglich, denn ich befand mich jetzt im Innern von Nordmexiko, er aber in den Vereinigten Staaten, und ich wußte auch nicht den Ort, an welchem er sich aufhielt. Den Wohnsitz seines Vaters kannte ich ebensowenig. Dennoch steckte ich den Brief zu mir, um ihn für mich zu behalten, während ich die andern dem Juriskonsulto zum strafrechtlichen Gebrauche auszuantworten beabsichtigte.

Eben hatte ich das Portefeuille geschlossen und in meine Tasche zurückgeschoben, als Melton, den ich vorher von dem Knebel wieder befreit hatte, mich rief. Ich ging zu ihm, um zu hören, was er von mir wolle. Er sah geradezu abstoßend aus; sein geschlagenes und zerkratztes Gesicht begann zu schwellen.

„Sir, wohin habt Ihr den Indianerjungen geschickt?“ fragte er. „Ich will es wissen! Ich muß auch wissen, was Ihr mit dem Häuptlinge so heimlich auszumachen hattet!“

„Ihr tut ja genau so, als ob Ihr mich zwingen könntet, es zu sagen! Doch, warum soll ich es Euch verschweigen? Ihr werdet es ja so wie so sehr bald erfahren, daß Ihr Euch verrechnet habt, als Ihr glaubtet, Euch auf die Yumas verlassen zu können. Ich werde mit ihnen Frieden schließen.“

„Sie werden sich hüten!“

„Sie werden sich nicht hüten, denn die listige Schlange hat es mir freiwillig angeboten.“

„Hat sie das? Der Kerl verlangt wohl, freigelassen zu werden? Und Ihr wollt ihm diesen Wunsch erfüllen?“

„Ich werde so klug sein, nicht nur dies, sondern auch noch mehr zu tun.“

„Er verlangt noch mehr?“

„Ja. Judith zur Frau.“

„In Henkers Namen! Sie sind einander zu gönnen. Er ist ein rothäutiger Schurke, der die hellsten Lügen gegen mich aussagen wird, und sie hat alle möglichen Feinheiten, die denjenigen, welcher das Glück hat, ihr Mann zu sein, verrückt machen können. Mag sie Indianerin werden! Habt aber doch die Gewogenheit, ihm zu sagen, daß sie nur durch Prügel zu kurieren ist! Verlangt er etwa noch mehr?“

„Noch etwas, was gerade Euch interessieren wird. Ich soll Euch ihm ausliefern.“

„Das werdet Ihr doch nicht tun, Mister!“ rief er aus, indem er sich erschrocken halb aufrichtete, „dazu habt Ihr kein Recht!“

„Ob ich es habe oder nicht, das ist mir sehr gleichgültig; ich nehme es mir.“

„Unmöglich! Bedenkt, was Ihr tut, welche Verantwortung Ihr damit auf Euch ladet! Ihr habt doch sonst ein so zartes Gewissen, warum nicht auch?“

„Weil ich an Euch auch nichts Zartes bemerkt habe. Selbst wenn ich mir Skrupel machen wollte, könnte ich es leicht so einrichten, daß ich mein Gewissen nicht zu beschweren brauche. Es ist ja gar nicht nötig, daß ich Euch ihm ausliefere.“

„Gut, gut; das wollte ich wissen!“ meinte er befriedigt.

„Ich lasse Euch also laufen,“ fuhr ich fort. „Im nächsten Augenblicke aber wird der Häuptling Euch beim Schopf haben.“

„Wieso? Er ist doch Euer Gefangener! Wollt Ihr ihn etwa auch freilassen?“

„Ja.“

„Das geht nicht; das dürft Ihr auf keinen Fall, wenigstens nicht so schnell, nicht jetzt! Er darf erst los, wenn ich mich in Sicherheit befinde!“

„Mäßigt Euch, Sir! Ihr habt hier nichts zu befehlen. Bedenkt, in welcher Lage Ihr Euch befindet. Warum sollte ich Euch freilassen und ihn nicht? Ich soll Euch freilassen, der Ihr ihm und uns ans Leben gegangen seid, und ihn festhalten, der uns nichts getan hat? Lächerlich!“

„Für mich ist es gar nicht lächerlich, denn wenn er mit mir zugleich freikäme, würde er die Freiheit sofort dazu benutzen, sich an mir zu rächen.“

„Dazu hat er allen Grund und alles Recht, während ich nicht den mindesten Grund oder das geringste Recht besitze, Euch gegen ihn in Schutz zu nehmen.“

„So mag ich nicht frei sein, sondern verlange, daß Ihr mich dem Gericht ausliefert. Es ist ein Verbrechen von Euch, mich festzunehmen und mit Euch herumzuschleppen; aber ich will das gern dulden und nichts dazu sagen.“

„Wenn Ihr so sehr überzeugt seid, daß es ein Verbrechen ist, so werde ich mich hüten, eine so schlimme Tat zu begehen, und Euch lieber loslassen.“

„Aber vor dem Indianer?“

„Nein, nach ihm. Bald werden die hervorragendsten seiner Krieger erscheinen, um mit mir zu beraten. Sind sie zum Frieden geneigt, so rauchen wir das Kalumet, und ich gebe ihn frei.“

„So laßt mich jetzt los, damit ich gehen kann!“

„Wie kann ich das tun, da ich noch gar nicht weiß, ob ich mit den Yumas einig werde! Und gerade Eure Auslieferung ist die Hauptbedingung, auf welche sie dringen werden. Gebt Euch also keine weitere Mühe! Ich werde mich zwar nicht persönlich an Euch vergreifen, aber doch dafür sorgen, daß die Vergeltung ihre starken Hände an Euch legt.“

„So seid Ihr nicht mehr ein Mensch, sondern ein Teufel zu nennen! Ihr solltet und könntet Euch mit dem begnügen, was Ihr schon an uns getan habt!“

„An uns, sagt Ihr? Wen meint Ihr da?“

„Meinen Bruder, den Ihr ins Elend gebracht habt. Ihr habt ihn damals nach Fort Edward geschleppt!“

„Ach, jenen Spieler, welcher in Fort Uintah einen Offizier und zwei Soldaten erschoß? Der ist Euer Bruder? Das hättet Ihr lieber verschweigen sollen, denn eine solche Verwandtschaft kann unmöglich ein Grund sein, mich zur Nachsicht zu stimmen.“

„So nehmt die Sache doch einmal anders; dann kann sie Euch gar wohl veranlassen, bedenklich zu werden. Mein Bruder ist damals entkommen; ist das nicht auch bei mir möglich? Ihr waret damals auch überzeugt, daß man ihn festhalten werde; ebenso kann es jetzt und hier ganz anders kommen, als ihr erwartet. Denkt daran, daß mein Bruder schon nur um seinetwillen den grimmigsten Haß gegen Euch haben muß! Wenn er erfährt, wie Ihr Euch nun auch gegen mich verhaltet, so wird er nicht eher ruhen, als bis er sich und mich gerächt hat.“

„Ich fürchte seine Rache nicht; er ist verschwunden und verschollen.“

„Scheinbar! Er ist noch immer hier.“

„Wo?“

„Das habe ich Euch natürlich nicht zu sagen. Wo er sich befindet, weiß zwischen den Eskimos und den Feuerländern kein Mensch, als nur ich allein.“

„Noch zwei andere wissen es.“

„Wer wären diese?“

„Ich und Euer Neffe Jonathan.“

„Jon – –“ er brachte nur die erste Silbe dieses Namens hervor, stierte mir eine ganze, lange Minute in das Gesicht und fuhr dann stockend fort:

„Wer hat – – Euch gesagt – – daß ich – – einen – – Neffen habe?“

„Das ist gleichgültig; aber Ihr erseht daraus, daß es mit meiner Allwissenheit denn doch wohl besser steht, als Ihr dachtet. Eine Familie, wie die Eurige ist, behält man gern im Auge, um sich und andere vor Schaden zu bewahren.“

„Ihr wollt nur wichtig tun! Wenn Ihr nicht lügt, so sagt mir doch einmal, wo sich mein Bruder befindet4

„Jenseits des mittelländischen Meeres.“

„Des mittel – – ländischen? Was wollt Ihr damit sagen?“

„Daß Ihr Euren Bruder aus dem Oriente holen müßtet, wenn er Euch helfen oder sich überhaupt an mir rächen sollte. Doch fällt mir dabei ein, daß es gar nicht nötig ist, daß Ihr ihn selbst holt. Euer Jonathan will ja nach dem Oriente; dem könnt Ihr den Auftrag mitgeben.“

„Jonathan – nach dem Oriente? Es träumt Euch wohl?“

„Möglich! Nebenbei träume ich auch noch von einem gewissen Small Hunter, welcher sich mit türkischer und arabischer Grammatik beschäftigt und in naher Zeit mit einigen Checks seines geizigen Vaters über den Ocean dampfen will. Vielleicht findet sich der junge Master mit Eurem Neffen zusammen. Solche Zufälle sind ja nicht nur möglich, sondern kommen wirklich vor.“

Da gab es ihm einen Ruck, als ob er völlig aufspringen wolle, woran ihn aber die Fesseln hinderten; dann spuckte er mich wieder an und schrie, im höchsten Grade erbost:

„In dir stecken mehr als hundert Teufel. Mag dich die Hölle verschlingen!“

Dann warf er sich wieder nieder und drehte sich auf die Seite, um mich nicht ferner sehen zu müssen. Ich kehrte an meinen Platz zurück.

Wir waren von Almaden bis zu der Stelle, an welcher wir lagen, zwar länger unterwegs gewesen, doch nur infolge davon, daß wir uns erst südwärts gewendet hatten; wir befanden uns in Wahrheit jetzt nur eine Wegstunde von dem Lager der Yumas entfernt. Ich nahm an, daß der Mimbrenjo mit seinem guten Pferde nur eine Viertelstunde gebraucht hatte, um die Strecke zurückzulegen; eine halbe Stunde rechnete ich auf seine Besprechungen dort; er konnte also nach Verlauf einer Stunde wieder zurück sein, wenn er den Yumas voranritt, denn zu führen brauchte er sie nicht, da sie infolge seiner Fährte uns leicht finden konnten. Sie hatten keine Pferde bei sich und mußten also gehen; darum konnten sie nicht eher als sieben Viertelstunden nach dem Aufbruche des Mimbrenjo bei uns sein.

Die Stunde verging, ohne daß dieser sich sehen ließ; ich glaubte infolgedessen, daß er nicht eher kommen werde, sondern als Führer bei ihnen geblieben sei, hatte mich in Beziehung auf die Zeit auch nicht verrechnet, denn als nicht viel mehr an der zweiten Stunde fehlte, sahen wir fünf oder sechs Fußgänger von Norden her auf uns zukommen. Es waren die Indianer; aber der Mimbrenjo befand sich nicht bei ihnen. Warum kam er nicht? Wo war er geblieben? Ich war wirklich gespannt, dies zu erfahren.

Es war augenscheinlich, daß sie der Spur folgten, welche er bei seinem Hinritte verursacht hatte, denn sie gingen in gebückter Haltung und hielten die Augen zu Boden gerichtet. Als sie nahe genug gekommen waren, richtete sich die „listige Schlange“ auf, und ich tat ebenso; da sahen sie uns und kamen nun schneller herbei. Sie waren bewaffnet, ganz gegen den Befehl ihres Häuptlings, legten aber in einer Entfernung von vielleicht zweihundert Schritten ihre Messer, Bogen, Pfeile und Lanzen nieder und kamen dann vollends heran. Sie hatten die Waffen doch mitgenommen, aber nicht aus Hinterlist, sondern weil sie unterwegs infolge irgend eines Umstandes in die Lage kommen konnten, dieselben zu brauchen.

Sie taten so, als ob sie nicht sähen, daß der „listigen Schlange“ die Hände gebunden waren; sie wollten ihn möglichst wenig in Verlegenheit bringen, betrachteten mich mit großen, achtungsvollen Blicken, die keine Spur von zudringlicher Neugierde besaßen, und nahmen die Gruppe der Deutschen kurz in Augenschein; aber Melton schienen sie gar nicht zu sehen. Letzteres war ein gutes Zeichen für mich. Da sie ihn mit solcher Verachtung straften, durfte ich annehmen, daß der Mimbrenio sich seines Auftrages in bester Weise entledigt habe und daß sie von der Schuld und Treulosigkeit Meltons überzeugt worden seien. Vor allem andern mußte ich erfahren, warum der Indianerknabe nicht mitgekommen war. Darum nahm ich, um dem Häuptlinge zunächst mein Vertrauen zu zeigen, ihm die Fesseln ab und sagte dabei:

„Mein roter Bruder soll der Beratung als freier Mann beiwohnen; sie kann sofort beginnen, nachdem ich erfahren habe, weshalb mein Bote, der junge Mimbrenjo, nicht mitgekommen ist.“

Einer der Yumas übernahm als ältester von ihnen die Antwort:

„Er ist nach Westen geritten, um Weller getrieben zu bringen.“

„Weller?“ fragte ich. „Das ist eine große Unvorsichtigkeit, denn der war uns sicher; er mußte ihn mir überlassen.“

„Old Shatterhand ist ein berühmter Krieger; meine Taten aber sind klein; er mag verzeihen, daß ich nicht seiner Meinung bin. Weller stand im Begriff, für immer zu entkommen.“

„Wieso? Da er auf Kundschaft gegangen ist und also wiederkehren wird, muß er uns gerade in die Arme laufen.“

„Nun nicht mehr, denn er kehrte zurück, als der Mimbrenjo seine Botschaft ausgerichtet hatte.“

„Das ist freilich etwas anderes. Ihr habt ihm gesagt, um was es sich handelt?“

„Ja, denn er fragte, was der Mimbrenjo bei uns wolle.“

„Wie nahm er die Kunde auf?“

„Erst war er so erschrocken, daß er kaum sprechen konnte; dann wütete er vor Grimm und forderte uns auf, gegen Old Shatterhand und seine Bleichgesichter aufzubrechen. Das taten wir nicht, da listige Schlange uns benachrichtigt hatte, daß Friede geschlossen werden solle. Wir konnten nicht tun, was Weller wollte, weil wir unserm Häuptlinge zu gehorchen hatten.“

„Warum habt ihr ihn nicht festgehalten?“

„Durften wir das? Er ist jetzt noch unser Freund und Bruder; der Vertrag, welchen wir abgeschlossen haben, ist noch nicht zerrissen, und der Friede mit dir muß erst geschlossen werden. Darum konnten wir ihn nicht halten; wir hinderten aber auch den Mimbrenjo nicht, ihm nachzureiten.“

„War das Pferd, welches Weller ritt, ein gutes?“

„Ja; aber es hat durch die Wüste gemußt, war ermüdet und hatte Durst.“

„So wird der Mimbrenjo ihn sehr rasch einholen; es wird zwischen ihnen zum Kampfe kommen, was ich gern verhindern möchte und doch nicht verhindern kann. Ich kann aber auch nicht eher von hier fort, als bis ich mit euch abgeschlossen habe.“

Da antwortete der Häuptling:

„Wenn Old Shatterhand fort will, um dem Mimbrenjo zu helfen, so mag er getrost fortreiten. Er braucht nicht zu besorgen, daß wir eine Untreue begehen. Seine Bleichgesichter mögen die Waffen meiner Krieger an sich nehmen und uns bis zu seiner Rückkehr als ihre Gefangenen betrachten.“

Das war immerhin soviel, wie ich nur verlangen konnte, dennoch ging ich nicht darauf ein, sondern entschied:

„lch bleibe noch hier. Wenn wir uns beeilen, werde ich wohl noch zur rechten Zeit kommen.“

„Da muß ich meinen weißen Bruder darauf aufmerksam machen, daß man alles andere eher als eine Beratung oder gar einen Friedensschluß beeilen darf. Es gibt da vieles zu überlegen und zu besprechen, und wenn man das zu schnell tut, kann später leicht eine falsche Auslegung vorkommen. Also ist es besser, mein Bruder reitet fort und wir beraten uns, wenn er zurückgekehrt ist.“

Da fiel der vorige Sprecher ein:

„Er wird bleiben können, denn ehe der Mimbrenjo fortritt, hat er gesagt, daß er Weller getrieben bringen will, nicht aber, daß er zu kämpfen beabsichtigt. Er ist noch jung, aber er hat ein ausgezeichnetes Pferd und scheint an Verstand und Überlegung älter als an Jahren zu sein.“

Als ob sich die Wahrheit dieser Worte im Augenblicke bestätigen sollte, ertönte, als sie gesprochen worden waren, ein Schuß, und im Westen wurde ein Reiter sichtbar, welcher gerade südlicher Linie zu reiten schien. Bald bemerkten wir aber, daß die Linie doch keine gerade war, denn er lenkte bald nach dieser, bald nach jener Seite ab und näherte sich uns dabei immer mehr. Es war klar, daß er vor jemandem floh, der ihn uns zutreiben wollte.

Bald erblickten wir auch den zweiten. Er war kleiner als dieser erstere und hatte ein weit schnelleres Pferd. Wir hatten also Weller und den Mimbrenjo vor uns. Der erstere gab von Zeit zu Zeit, wenn er wieder geladen hatte, einen Schuß auf den Roten zurück, doch ohne zu treffen, und der letztere schoß auch hier und da, um Weller abzuhalten, rechts oder links auszubrechen. Auch seine Kugeln trafen nicht, obwohl er sich innerhalb Treffweite von dem Weißen befand. Daß keiner von ihnen traf, hatte seine guten Gründe. Der Mimbrenjo schoß mit Absicht daneben; er wollte Weller nicht töten, sondern ihn in unsere Hände treiben. Und daß dieser fehlschoß, hatte seinen Grund, wie sich später herausstellte, darin, daß er falsche Patronen eingesteckt hatte.

Ich mußte dem Mimbrenjo seine Aufgabe erleichtern, stieg deshalb in den Sattel und ritt den beiden entgegen. Als Weller das sah, strengte er sein Pferd aufs äußerste an, um südwärts zu entkommen, doch nach noch nicht zwei Minuten hatte ich ihn nicht nur eingeholt, sondern war über ihn hinaus, hielt mein Pferd an, nahm das Gewehr an die Wange und rief ihm zu:

„Herab vom Pferde, Master Weller, sonst wirft Euch meine Kugel herunter!“

Er ließ ein grimmiges Lachen hören, warf sein Pferd auf die andere Seite, um nach dort zu fliehen, und legte dabei sein Gewehr an, um mir eine Kugel zu geben. Der Mensch konnte bei der Bewegung, welche er machte, unmöglich sicher zielen; ich brauchte also, um nicht getroffen zu werden, nur ganz ruhig da sitzen zu bleiben, wohin seine Kugel bestimmt war. Sein Schuß krachte, aber von seiner Kugel fühlte ich nichts.

Er hatte sich verrechnet, denn als er gewendet hatte, sah er den Mimbrenjo vor sich, welcher sein Pferd auch angehalten hatte und ihm das Gewehr entgegenhielt. Der auf diese Weise zwischen zwei Feuer Genommene sah nun nur noch einen Ausweg vor sich, nämlich die Richtung, in welcher ihn der Mimbrenjo hatte haben wollen – nach unserm Platze zu. Er schlug dieselbe ein und spornte sein Pferd so an, daß wir es stöhnen hörten. Meine Landsleute trugen keine solche Waffen, mit denen sie ihn hätten anhalten können; der Mimbrenjo hielt weit zurück; ich war also auf mich angewiesen und folgte ihm. Ich hätte das Pferd leicht unter ihm wegschießen können, wollte das aber nicht. Warum ein unschuldiges Tier eines solchen Schurken wegen töten! Ich hätte auch ihm eine Kugel geben, ihn wenigstens durch eine Wunde aus dem Sattel werfen können, wollte ihn aber gern lebendig und unverletzt ergreifen. Auch erschien es mir nichts weniger als wacker, ihn, den abgehetzten Menschen, der mit meinen überlegenen Hilfsmitteln zu kämpfen hatte, durch eine Kugel zu bezwingen. Ich nahm mir also vor, ihn mit der Hand festzunehmen.

Er besaß einen Doppelläufer, dessen einer Lauf leergeschossen war; anstatt wieder zu laden, verließ er sich auf den zweiten Lauf. Ich jagte hinter ihm her, doch nicht gerade auf ihn zu. Ehe ich ihm so nahe kam, daß ich ihn packen konnte, mußte erst die Kugel aus seinem zweiten Laufe. Darum rief ich ihm abermals zu:

„Haltet an, Master, sonst schieße ich!“

Er ließ sich durch die Drohung verleiten, drehte sich um und schoß. Ich sah den Lauf genau auf meinen Oberkörper gehalten; der Schuß war dieses Mal nicht ins Blaue gerichtet; darum warf ich mich augenblicklich nach Indianerart auf die Seite des Pferdes herab, richtete mich, als die Kugel über mir weggeflogen war, wieder auf und jagte auf ihn zu. Da er nun keine Zeit zum Wiederladen hatte, warf er die jetzt nutzlose Flinte weg und zog den Revolver aus dem Gürtel. An diesen hatte ich nicht gedacht. Es wäre die allergrößte Albernheit gewesen, ihn trotz seines Revolvers noch packen zu wollen. Darum gebot ich ihm:

„Weg mit dem Revolver, sonst schieße ich nun wirklich!“

Er gehorchte nicht, sondern wartete nur, daß ich noch ein wenig näher kommen möchte, um sicherer treffen zu können. Mein Pferd galoppierte eben, dennoch stellte ich mich in den Bügeln auf, um einem etwaigen Stoße zu begegnen und sicherer zielen zu können, legte den Stutzen an und drückte ab. Weller stieß einen Schrei aus, ließ den Revolver fallen und den Arm sinken. Einige Sekunden später war ich an seiner Seite, warf den Stutzen auf den Rücken und streckte beide Arme nach ihm aus, indem ich mich zu ihm hinüberbog.

„Herunter mit Euch!“ rief ich ihm dabei zu. „Und wenn Ihr nicht freiwillig wollt, so werfe ich Euch herab!“

Ich faßte ihn, um ihn aus dem Sattel zu reißen. Da zog er mit der Linken einen zweiten Revolver hervor und antwortete hohnlachend:

„Das geht nicht so schnell, Master Shatterhand. Ihr habt nicht mich, sondern ich habe Euch!“

Er wollte abdrücken, kam aber nicht dazu, denn ich hieb ihm mit der linken Hand die Waffe aus der seinigen und schlug ihm die rechte Faust von unten her gegen das Kinn, daß ihm der Kopf in den Nacken flog. Zwei schnelle Griffe in meine und seine Zügel – die Pferde standen; sofort war ich aus dem Sattel und riß auch ihn herunter. Er fiel wie ein Sack zur Erde und blieb da liegen. Seine Augen waren geschlossen; aus dem halbgeöffneten Munde lief Blut hervor. Hatte ich ihm das Genick gebrochen?

Bevor ich ihn daraufhin untersuchte, versicherte ich mich seiner Person, indem ich ihm die Arme mit seinem Gürtel festband, und auch der Sachen, die er bei sich trug. Ich brauchte mich dadurch keineswegs für einen Räuber zu halten. Wer weiß, ob alles, was er bei sich hatte, sein rechtmäßiges Eigentum war. Vielleicht konnte mir etwas davon von Nutzen sein. Ich fand eine Brieftasche und eine aus starker Seide gehäkelte Börse, zwischen deren Maschen Goldstücke hervorglänzten, und steckte beides zu mir. Die Uhr und alles andere ließ ich stecken.

Da kam der Mimbrenjo, welcher vom Pferde stieg, um die weggeworfene Flinte und die beiden Revolver aufzunehmen. Jetzt begann sich das Gesicht Wellers zu beleben. Er öffnete die Augen und fuhr mich giftig an:

„Mensch, was habe ich mit Euch zu schaffen! Laßt mich in Ruhe; laßt mich los, sonst kann es Euch schlecht bekommen.“

Ich hörte es ihm an, daß er sich in die Zunge gebissen hatte; mein Hieb hatte ihm den unteren Kiefer gegen den oberen getrieben, und die Zunge war zwischen die Zähne gekommen.

„Redensart!“ antwortete ich. „Ich möchte wissen, auf welche Art und Weise Ihr mir schaden könntet. Steht auf, und kommt mit mir!“

„Fällt mir nicht ein! Ich bleibe hier liegen, bis Ihr mich losgebt!“

„Diesen Wunsch könnte ich Euch ganz gut erfüllen. Ich brauchte Euch nur auch noch die Beine zusammenzubinden und Euch liegen zu lassen, bis Ihr verschmachtet oder bei lebendigem Leibe von den Geiern zerrissen werdet. Ich will aber menschlicher an Euch handeln, wenn es auch gegen Euren Willen ist. Also auf vom Boden, sonst helfe ich nach!“

Er blieb dennoch liegen; als ihm aber der Mimbrenjo den Kolben zwischen die Rippen stieß, sprang er fluchend auf und folgte uns, die wir die drei Pferde an den Zügeln führten. Als wir ihn zum Platze brachten, machte es mir große Mühe, die ihm zugedachten Mißhandlungen von ihm abzuwenden.

Wir banden ihm die Füße und legten ihn nieder, doch nicht neben Melton, damit sich beide nicht durch Worte verständigen möchten.

Die Yumas waren aus nächster Nähe Zuschauer des ganzen Vorganges gewesen. Daß ich mich den Kugeln Wellers ausgesetzt hatte, übergingen sie mit Schweigen; zu dem kleinen Mimbrenjo aber sagte die „listige Schlange

„Mein junger Bruder wird ein tüchtiger Krieger werden. Es freut mich, mit ihm Frieden schließen zu können und mich aus seinem Feinde in seinen Freund zu verwandeln.“

Damit war die Beratung eingeleitet, welche nun beginnen konnte. Sie währte über zwei Stunden lang und führte zu einem Ergebnisse, welches mich vollständig befriedigen konnte. ich hatte Melton der „listigen Schlange“ auszuliefern und nichts dagegen zu tun, daß Judith das Weib des Roten wurde. Dafür erhielt ich alle Zugeständnisse, auf welche ich angetragen hatte. Einen solchen Erfolg hätte ich, als ich mit dem kleinen Mimbrenjo hier ankam, für geradezu unmöglich gehalten. Natürlich wurde die Vereinbarung durch die Pfeife des Friedens beraucht, und als wir damit fertig waren, brachen wir nach dem Lager der Yumas auf, damit aus Rücksicht auf meine Sicherheit jeder der dort anwesenden Roten auch einen Zug aus der Pfeife tun sollte. War das geschehen, so konnte ich überzeugt sein, daß alle Punkte unseres Abkommens von ihnen mit größter Treue gehalten werden würden. Erst als auch das vorüber war, konnten wir an weiteres denken.

„Was wünscht nun mein weißer Bruder, was jetzt geschehen soll?“ fragte die listige Schlange. „Wird der Häuptling der Apatschen mit denen, die bei ihm sind, zu uns kommen, oder werden wir zu ihm gehen?“

„Das letztere ist wahrscheinlicher. Ich muß erst mit meinen weißen Brüdern reden.“

Bevor ich dies tat, untersuchte ich die Brieftasche und die Börse Wellers. In der ersteren befanden sich fünftausend Dollars in denselben Papieren, welche auch Melton gehabt hatte, und in der letzteren nicht ganz fünfhundert Dollars in Goldstücken. Dann versammelte ich diejenigen männlichen Personen meiner Landsleute um mich, welche über das, was ich ihnen vorschlagen wollte, zu bestimmen hatten, nämlich die Familienväter und andern selbständigen Personen. Die übrigen sollten nicht hören, was ich vorzubringen hatte; wenigstens brauchten sie über den Geldpunkt nichts zu erfahren, denn dieser Punkt war ein für mich heikler, obgleich ich überzeugt war, das, was ich beabsichtigte, vor meinem Gewissen vollständig verantworten zu können. Natürlich durften auch Melton und Weller nichts davon hören.

Während sich diese Personen zusammenfanden, nahm ich Judith und ihren Vater auf die Seite und fragte die erstere:

„Ich weiß, was Sie da drüben an der Felsenecke mit dem Häuptlinge besprochen haben. Haben Sie Ihrem Vater etwas davon gesagt?“

„Ja,“ antwortete er an ihrer Stelle. „Die Tochter meines Herzens hat mir erzählt von der Ehre, welche ihr zu teil wird sein, zu werden die Häuptlingin und Herrscherin eines großen roten Volkes von der Nation der Indianer.“

„Sind Sie denn damit einverstanden?“

„Warum sollte ich nicht? Ist doch dabei zu machen ein großer Gewinn für sie und auch für meine Person, denn wir werden sein angesehene und bedeutende Leute in Mexiko und Amerika.“

„Sie scheinen sich nicht ganz die richtige Vorstellung von der politischen Bedeutung eines Indianerstammes und der sozialen Stellung eines Häuptlings zu machen. Ich habe die Pflicht, Ihnen zu sagen, daß –“

„Sagen Sie nichts, sagen Sie gar nichts!“ unterbrach er mich. „Ich bin der treue Vater meiner Judith und habe zu horchen nur auf das, was sie sagt und was sie will. Wir werden beherrschen einen Indianerstamm und meine Tochter kleiden können in Samt und Seide. Oder glauben Sie, daß der Häuptling sie mit dem Golde und den Edelsteinen belogen hat?“

„Nein. Es gibt hier zu Lande verborgene Schätze, welche die Nachkommen der alten Mexikaner mit ebenso großerTreue wie Verschwiegenheit hüten. Warum sollte der Häuptling nicht ein solches Geheimnis kennen? Er ist kein Lügner und wird sein Versprechen halten. Nur müssen Sie den richtigen Maßstab an dasselbe legen. Er ist ein Wilder und weiß wohl nicht recht genau, was er sich unter einem Schlosse oder einem Palaste vorzustellen hat. Wenn er von einer Elle redet, müssen Sie immer nur einen Zoll nehmen. Auch mangelt ihm diejenige Bildung, welche allein Ihrer Tochter die Sicherheit gewährt, daß – –“

„Bildung, Bildung! Was ist Bildung!“ unterbrach er mich wieder. „Warum soll er nicht haben Bildung, wenn er besitzt Geheimnisse über Gold und Edelsteine? Ist ein neues, seidenes Kleid keine Bildung? Hat derjenige, welcher einen Palast oder gar ein Schloß besitzt, nicht einen großartigen Verstand? Was steckt in einem Seminare, in einem Gymnasium, in einer Universität? Hölzerne Bänke zum Sitzen mit Tintenfässern zum Schreiben. Was ist das gegen die Möbel von Rokoko oder Renaissance, welche man in einem Schlosse findet? Nein, nein, der Häuptling besitzt eine Bildung, mit welcher ich als Schwiegervater außerordentlich zufrieden sein kann!“

„Wenn Sie so denken, will ich schweigen, zumal ich ihm versprochen habe, nicht gegen seine Absichten zu reden oder gar zu handeln. Ich wünsche Ihnen, daß Sie nicht enttäuscht werden. Was aber gedenken Sie vorerst zu tun? Ich stehe im Begriff, Ihren Gefährten den Vorschlag zu machen, die Sonora und überhaupt Mexiko zu verlassen.“

„Sie meinen, daß sie das tun werden?“

„Wenn sie klug sind, ja.“

„Warum wollen sie nicht bleiben? Soll ich mit Judith sein ganz allein unter den Indianern?“

„Was sollen die Leute bei den Yumas anfangen? Sollen sie verwildern? Es kann doch nicht jede die Frau und jeder der Schwiegervater eines Häuptlings werden! Sie haben gesehen, was sich dem deutschen Arbeiter hier bietet. Ich werde die Leute also über die Grenze nach den Vereinigten Staaten führen, und der Häuptling wird es nicht zugeben, daß Sie mitziehen.“

„Das ist ihm auch nicht zu verdenken. Wenn er hat Gold und Silber hier im Lande und kann haben dazu eine junge, schöne Frau von reizender Tournüre und einen Schwiegervater, den er kann achten mit aufrichtiger Verehrung, was soll er sie da lassen fort oder gar selbst ziehen mit über die Grenze, wo nicht zu finden ist das Gold, welches liegt in seiner Gegend.“

„So werden Sie also bei den Yumas bleiben; das wollte ich wissen. Wie ich erfahren habe, sind Ihre Gefährten alle arm und mittellos herübergekommen, allein den Herkules und Sie ausgenommen. Ich hörte, daß Sie eine Geldsumme mitgebracht haben. Ist das wahr?“

„Freilich ist es wahr,“ antwortete er eifrig. „Es war schönes, feines, echtes Geld in runden, schönklingenden Goldstücken, aufbewahrt in einer Börse, welche mir hat aus Seide gefertigt Judith, die Tochter meines Herzens.“

„Wie hoch war die Summe?“

„Vierhundertachtzig Dollars, um welche ich bin gekommen unterirdisch auf grausige Weise. Weller ist der Dieb, welcher ist Vater von Weller dem Sohne. Jetzt haben Sie den Dieb gefangen mit großer Tapferkeit; nun werden Sie haben die Güte, ihm abzuverlangen den Raub, durch welchen er mich hat gemacht elend in der Finsternis des Schachtes.“

„Ist dies die Börse?“ fragte ich, indem ich sie aus der Tasche zog und ihm hinhielt.

„Sie ist’s, sie ist’s!“ rief er jubelnd aus, indem er sie mir aus der Hand riß. „Ja, sie ist’s! Ich werde sofort zählen das Geld, um zu sehen, ob ich bin worden bestohlen um eins oder einige von den goldenen Stücken.“

„Schreien Sie nicht so! Weller weiß noch nicht, daß ich ihm das Geld abgenommen habe, und braucht dies auch nicht sofort zu erfahren.“

Er ging, ohne mir ein Wort des Dankes zu sagen, mit seiner Tochter zur Seite und kauerte sich dort mit ihr nieder, wo sie zu zählen begannen; ich aber wendete mich um zu den andern. Ich hielt ihnen eine kurze Rede des Inhaltes, daß sie nichts Besseres tun könnten, als so schnell wie möglich die Gegend verlassen, und fuhr dann fort:

„Ich werde mit Winnetou von hier aus nach dem Rio Peso gehen, also nach Texas. Dort gibt es zwar traurige Gegenden, aber auch gutes Land in Menge und ein gesundes Klima dazu. Ich erbiete mich, Sie mitzunehmen. Beraten Sie sich, und sagen Sie mir dann Ihren Entschluß.“

Ich entfernte mich für einige Zeit, damit sie sich über meinen Vorschlag bereden möchten. Als ich zu ihnen zurückkam, sagte derjenige, den sie zum Sprecher ernannt hatten:

„Ihr Vorschlag ist ganz gut, und wir würden ihn gern befolgen, aber das ist nicht möglich. Zunächst können wir nicht fort, weil gegen Melton und Weller ein langwieriger Strafprozeß entstehen wird, bei welchem wir doch jedenfalls als Zeugen dienen müssen.“

„Ist nicht nötig. Melton liefere ich an die Yumas aus; sie werden ihm den Prozeß auch ohne Zeugen machen. Was Weller betrifft, so weiß man nicht, was noch passiert. Ich habe ihm mit meiner Kugel die Hand und den Vorderarm zerschmettert, was in diesem Klima für einen Weißen stets gefährlich ist. Außerdem bringe ich Polizei und einen Oberbeamten aus Ures mit, welche auf uns warten. Wenn Sie vor diesen Leuten Ihr Zeugnis abgelegt haben, werden Sie nicht mehr gebraucht. Welche Hindernisse gibt es noch?“

„Die wilde Gegend, durch welche wir wahrscheinlich müßten. Halten unsere Frauen und Kinder eine solche Wanderung aus?“

„Gewiß, wenn sie sich nur erst von den hiesigen Leiden erholt haben. Es ist nicht so schlimm, wie Sie denken. Der Marsch wird nicht schneller gehen, als sie vertragen können. Pferde verschaffe ich Ihnen von den Indianern. Außerdem habe ich mehrere Wagen mit Proviant und andern nützlichen Dingen bei mir. Sie werden keinen Hunger leiden.“

„Das läßt sich freilich hören; nun aber bin ich neugierig, was Sie zu dem Hauptpunkte sagen werden. Dieser lautet nämlich: Geld und wieder Geld!“

„Das ist das wenigste; das macht ganz und gar keine Schwierigkeiten.“

Noch nie im Leben hatte ich in Beziehung auf diesen Punkt mit solchem Gleichmute und solcher Befriedigung reden können, und es tat mir ordentlich wohl, auch einmal die Miene eines reichen Erdensohnes annehmen zu können. Aller Augen richteten sich erstaunt auf mich, und der Sprecher rief verwundert aus:

„Ganz und gar keine Schwierigkeiten? Ihnen vielleicht nicht, uns aber desto mehr. So aus dem Vollen heraus, wie Sie, können wir nicht reden. Wir haben nichts, und müßten doch gleich heute schon Geld brauchen.“

„Heute? Wieso?“

„Nun, Sie reden von Wagen voller Lebensmittel. Die müßten wir doch kaufen, und niemand würde sie uns schenken.“

„O, ich schenke sie Ihnen!“

„Wirklich? Das ist freilich etwas anderes. Wie aber steht es mit den Pferden, welche wir reiten sollen? Die bekommen wir doch nicht so leicht geschenkt wie den Proviant!“

„Allerdings nicht. Aber wir borgen sie. Gegen eine kleine Entschädigung, einige Geschenke, bekommen wir sie von unsern roten Freunden gern geliehen.“

„Wer zahlt die Entschädigung, wer kauft die Geschenke?“

„Ich.“

„Wetter noch einmal! Sie sind plötzlich reich geworden! Und als Sie zu uns auf das Schiff kamen, sahen Sie ärmer aus als wir.“

„Ich verstellte mich bloß. Überhaupt kann man reich sein, ohne Geld zu besitzen; es gibt verschiedene Arten von Reichtum. Doch weiter! Noch ein anderes Hindernis?“

„Es kommt nun das größte. Wieder Geld für das Land, von dem Sie sprachen. Das müssen wir doch kaufen?“

„Allerdings. Sie werden von mir Geld dafür bekommen.“

„Sind Sie etwa ein heimlicher Rothschild?“

„Ausnahmsweise heute einmal.“

„Dann sind wir freilich aller Sorgen los. Wir gehen mit Ihnen; Sie geben uns das Geld zur Ansiedelung; wir arbeiten tüchtig, zahlen die Zinsen pünktlich und werden dann mit der Zeit wohl auch das Kapital zurückgeben können.“

„Zinsen? Kapital zurückgeben! Sie befinden sich auf dem Holzwege. Ich mag keine Zinsen haben, und von der Zurückgabe des Kapitals will ich erst recht nichts wissen!“

Der Mann sah mich erstaunt an, blickte im Kreise herum, richtete das Auge dann wieder auf mich und fragte:

„Ja, habe ich denn richtig gehört?“

„Wahrscheinlich.“

„Das ist doch undenkbar! – Das wäre ja nichts anderes, als ein Geschenk!“

„Das soll es auch sein; ich schenke Ihnen das Geld und verlange es nicht zurück.“

„Aber sind Sie denn wirklich so sehr reich, daß Sie soviel entbehren können?“

„Ich bin im Gegenteile so arm, daß ich gar nichts entbehre, wenn ich so ein halbes Hunderttausend Thaler oder anderthalb Hunderttausend Mark verschenke, befinde mich aber glücklicherweise in der Lage, gegen fünfzigtausend Thaler unter Sie verteilen zu können.“

„Fünfzigtausend Thaler! Himmel, welch ein vieles Geld! Wo haben Sie das denn so plötzlich her?“

„Das sollen Sie später erfahren, vorher aber einige Fragen

Sie sind alle arm gewesen, haben aber doch wenigstens ein kleines Eigentum gehabt. Nicht wahr?“

„Ja. Einige hatten ein kleines Häuschen, wenn es auch nicht viel wert war; die andern besaßen wenigstens soviel, wie zu einer Arbeiterwirtschaft gehört, Betten, einige Möbel, Kleider und so weiter.“

„Das haben sie natürlich, weil man Sie fortlockte, verkauft. Wieviel haben Sie dafür bekommen?“

„Fast gar nichts. Wenn die Leute wissen, daß man fort muß und doch nichts mitnehmen kann, bieten sie nichts. Und was wir drüben für unsere Habseligkeiten bekamen, ist unterwegs vollständig draufgegangen.“

„Sie sind also nicht nur um Ihre Heimat, sondern auch um Ihre Habe gebracht worden. Hier hat man Sie unter falschen Vorspiegelungen ins Land gelockt und in ein Bergwerk gebracht, in welchem Sie ohne Lohn arbeiten, hungern, dürsten und krank werden sollten und nach kurzer Zeit elend gestorben oder vielmehr wie die Tiere verendet wären. Fühlen Sie sich für Ihre Leiden und Entbehrungen entschädigt, wenn Melton und Weller ins Strafgefängnis kommen? Bekommen Sie dadurch Ihre Heimat, Ihr Eigentum zurück?“

„Freilich nicht!“

„Ja, kein Gericht wird Sie entschädigen, Ihnen Schmerzens- oder Angstgeld zahlen. Was würde wohl geschehen, wenn ich mich Ihrer nicht annähme?“

„Wir müßten hier sterben und verderben. Für die Hazienda sind wir engagiert; dort gibt es aber keine Arbeit; an andern Orten finden wir auch keine; betteln würden wir nicht, und –“

„Würden Sie nicht?“ fiel ich ihm in die Rede. „Sie müßten wohl, wenn Sie keine Arbeit hätten, denn Hunger tut weh; Sie würden aber nichts bekommen. Hier gibt es andere Verhältnisse und andere Menschen als drüben in der Heimat, wo man für die Armen sorgt und es überall tausend Menschen gibt, welche dem Bittenden eine Gabe reichen oder die hilfsbereite Hand entgegenstrecken. Ja, Sie würden hier sterben und verderben, und da ich selbst nichts übrig habe, ist mir die Hilfe für Sie nur dadurch möglich geworden, daß ich Dieb und Räuber geworden bin. Sie brauchen aber nicht vor mir zurückzuschrecken, denn ich habe nur Melton und Weller für Sie bestohlen, welche Sie in das Unglück gelockt haben. Nach dem Gesetze, welches ich in meinem Innern fühle, sind die beiden Menschen Ihnen volle Entschädigung und wohl auch noch mehr schuldig; sie hatten Geld bei sich; ich habe sie gefangen und müßte sie und ihr Geld nach den hier herrschenden Gesetzen dem Richter übergeben. Was würde die Folge sein? Das Geld würde verschwinden und die Schufte wahrscheinlich auch, um an andrem Orte wieder aufzutauchen und neuen Unfug zu treiben; Sie aber würden keinen Heller bekommen und hätten nichts, womit Sie Ihre Blöße bedecken und Ihren Hunger stillen könnten. Da ist mir denn das Gesetz in meinem Innern weit gerechter vorgekommen, als das andere, und ich habe nach den Paragraphen desselben die Sache für Sie in die Hand genommen, oder mit andern Worten, ich habe das Geld Meltons und Wellers in die Hand genommen, um Ihnen mit Hilfe desselben zu der Gerechtigkeit zu verhelfen, zu welcher ein anderer Richter Ihnen nicht verhelfen würde. Halten Sie das für unrecht?“

„Nein, nein, nein!“ antwortete es im Kreise.

„Gut! Melton und Weller wissen jetzt noch nicht, daß ich ihr Geld habe. Der erstere hatte es vergraben und wird im Leben nicht erfahren, daß es fort ist. Hätte ich es nicht gefunden, so würde es noch nach hundert Jahren dort liegen. Ich werde beide Summen unter Sie verteilen.“

„Wieviel ist’s, wieviel ist’s?“ hörte ich fragen.

„Weller hatte fünftausend und Melton eine Wenigkeit über dreißigtausend Dollars. Das ist etwas über neunundvierzigtausend Thaler oder hundertsiebenundvierzigtausend Mark.“

Rundum so tiefes Schweigen, daß man den Atem gehen hörte; dann wollte man in Freude aufjubeln; ich winkte aber energisch ab und sagte:

„Still! Kein Mensch außer Ihnen soll hören, was hier besprochen wird. Unsere Angelegenheit ist eine gerechte; aber andere würden sie wohl von einer Seite betrachten, in welcher sie in einem nicht so günstigen Licht erscheint. Auch der Jude braucht nichts davon zu erfahren. Er ist nicht so arm wie Sie; er hat sein Geld und wird bei den Yumas bleiben.“

„Er hat sein Geld?“ fragte der Sprecher. „Weller hat es ihm doch genommen!“

„Ich nahm es ihm wieder ab und habe es an Jakob Silberberg zurückgegeben. Sie sehen auch daraus, daß Weller das Geld raubte, daß das Eigentum dieser beiden Menschen sehr wahrscheinlich aus unlauteren Quellen stammt und wir uns keine Skrupel darüber zu machen brauchen, wenn Sie sich durch dasselbe entschädigen. Leider wird auf den Mann nicht soviel entfallen, wie Sie wohl denken werden und im stillen vielleicht schon ausgerechnet haben.“

„O, daran habe ich schon gedacht, und jeder von uns wird darüber ebenso denken, wie ich, daß Sie einen tüchtigen Anteil vorweg zu bekommen haben.“

„Ich? Dadurch wird die Summe um keinen Heller kleiner. Ich nehme nichts. Das wäre Diebstahl. Nein, es gibt andere Personen, welche wir auch bedenken müssen.“

„Andere? – Wer wäre das?“

„Der Haziendero. Er ist schwer geschädigt worden.“

„Er hat aber doch den Kaufpreis erhalten!“

„Einen lächerlich billigen Preis!“

„Und wird die Hazienda wiederbekommen, wenn er beweisen kann, daß der Käufer sie ihm niederbrennen ließ. Den Kaufpreis kann er dann als Entschädigung behalten. Ist das nicht genug für Ihn?“

„Wahrscheinlich. Es steht überhaupt noch nicht fest, daß ich ihm etwas geben werde; es kommt das ganz auf sein Verhalten an, welches mir bisher gar nicht gefallen hat. Dafür aber sind die andern Ansprüche, an welche ich denke, desto berechtigter. Melton hat nämlich bei einem Kaufmanne in Ures Waren bestellt, welche sich auf den von mir erwähnten Wagen befinden und von uns mitgenommen werden. Es ist bei der Ablieferung noch der Rest des Kaufpreises zu zahlen, und das werde ich tun, denn ich habe den Fuhrleuten versprochen, daß ihnen durch uns kein Schaden erwachsen soll; ich muß unbedingt Wort halten. Was noch übrig ist, das wird unter Sie verteilt.“

„Aber nach welchen Verhältnissen?“

„Wie ich denke, bilden Sie gegen dreißig verschiedene Parteien, von denen die eine zwar nur einen Kopf zählt, während die andere aus einer ganzen Familie besteht. Ein junger, alleinstehender Bursche kann unmöglich soviel beanspruchen, wie ein Familienvater mit Frau und mehreren Kindern. Wie gesagt, besprechen Sie sich darüber, und machen Sie mir dann Ihre Vorschläge. Aber behalten Sie diese Angelegenheit solange unter sich, bis wir diese Gegend, die Yumas und Mimbrenjos verlassen haben und uns in Chihuahua unter den Apatschen befinden. Wenn Sie nicht verschwiegen sind, kann uns leicht ein dicker Strich durch diese schöne Rechnung gemacht werden. Denken Sie, daß sehr wahrscheinlich jeder von Ihnen soviel bekommt, daß er sich drüben ankaufen und wohl auch, wenigstens für die erste Zeit, einrichten kann!“

Da trat der Sprecher zu mir heran, drückte mir herzlich die Hand und sagte:

„Was Sie da an uns tun, kommt uns so überraschend, daß wir Zeit brauchen werden, uns daran zu gewöhnen. Wie sollen wir Ihnen dafür danken!“

„Dadurch, daß Sie drüben fleißig arbeiten und Ihrer deutschen Abstammung Ehre machen. Ich habe keinen Dank zu erwarten, denn daß ich das Geld gefunden habe, hat der Zufall gefügt.“

Auch die andern reichten mir die Hände; von jetzt an gab es lebensfrohere Gesichter bei ihnen als bisher. Ich kehrte nun zu dem Häuptlinge zurück, welcher auf das Ende der Verhandlung gewartet hatte. Er wollte wissen, ob zu Winnetou geritten oder dieser geholt werden solle.

„Ich werde mit meinen Bleichgesichtern nach Chihuahua gehen,“ sagte ich ihm. „Kann mein roter Bruder mir Pferde für sie geben?“

„Soviel Old Shatterhand braucht. Wir haben viele Pferde mit, welche als Packtiere gingen.“

„Und werden wir unbeschadet durch des Gebiet der Yumas kommen?“

„Meine Krieger werden euch gegen die andern Stämme beschützen, wenn diese dem Vertrage, welchen ich mit dir geschlossen habe, nicht beitreten sollten. Aber es wird schwer sein, den Transport der Bleichgesichter ohne langen Aufenthalt auszuführen, weil es an Speise fehlen wird.“

„Ich sorge für Proviant. Ich habe dir ja gesagt, daß die Wagen in meine Hände geraten sind. Wie steht es mit dem großen Munde? Erwartest du ihn hier?“

„Er wollte kommen, wenn die Herden von der Hazienda in Sicherheit gebracht worden sind.“

„So haben wir ihn heute und morgen noch nicht zu erwarten und können zu dem Häuptling der Apatschen reiten.“

„Meine Krieger haben ihre Pferde nicht hier.“

„Das ist auch nicht nötig, da nur du allein mich und den Mimbrenjo begleiten sollst.“

„Der Mimbrenjo soll auch mit? So vertraust du deine Bleichgesichter und die beiden Gefangenen ganz meinen Kriegern an?“

„Ja, du siehst, wie starken Glauben ich dir schenke. Gibt es hier kein Pferd für dich?“

„Außer dem, von welchem du vorhin Weller gerissen hast, befinden sich hier zwei, welche für Melton und mich bestimmt waren. Sie sind bei einem Wasserpfuhle an der Ostseite des Felsens versteckt.“

„So sende hin, um dir das schnellste holen zu lassen, da wir baldigst aufbrechen müssen, wenn wir Winnetous Lager noch vor Nacht erreichen wollen. Auf dem anderen Rosse kannst du einen Boten zu den Kriegern senden, welche Eure Pferde bewachen, damit sie erfahren, was geschehen ist und was sie zu tun haben. Sie müssen morgen abend mit sämtlichen Tieren hier sein, weil ich übermorgen früh den Ritt nach Chihuahua beginnen werde.“

Er war einverstanden, und bald wurde ihm das Pferd gebracht. Ich erklärte den Deutschen, wie sie sich während meiner Abwesenheit gegen ihre früheren Feinde und jetzigen Freunde zu verhalten hatten; der Häuptling tat dasselbe seinen Leuten gegenüber und gebot ihnen besonders, die Gefangenen nicht aus den Augen zu lassen. Dann ritten wir fort, begleitet von den Abschiedsrufen unserer Leute. – – –

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FÜNFTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

Am Dschebel Magraham

Elatheh, die von mir gerettete Frau, hatte erklärt, nun stark genug zu sein, sich mit ihrem Kinde im Sattel halten zu können, und ritt eins der Pferde der Ayun. Sie schien keine Sorge mehr um sich selbst zu haben, da wir ihre Todfeinde, die Ayun, nicht als Freunde behandelt hatten.

Wir drei saßen natürlich auch zu Pferde und trieben unsere Fußgänger zu raschem Laufe an. Die Pferde der Ayun machten uns nicht viel zu schaffen. So feurig die Beduinenrosse sind, so sind sie doch wie Hunde, welche ihren Herren folgsam und willig nachlaufen.

Die Sonne hatte den Horizont noch nicht erreicht, als wir hier und da im Sande größere oder kleine Steine liegen sahen. Das „Warr“ begann, und je weiter wir kamen, desto größer und zahlreicher wurden die Steine. Endlich sahen wir sie südwärts in Massen vor uns liegen; ein nächtlicher Ritt durch ein solches Warr ist höchst unbequem, und so konnten wir den Entschluß Krüger-Beis, am Beginn desselben Halt zu machen, nur billigen.

Bald sahen wir denn auch das Lager vor uns, in welchem es sehr lebhaft zuging. Man sah uns kommen; man sah auch, daß wir nicht allein waren, und so kamen uns viele neugierig entgegen, die nicht wenig erstaunt waren, als sie hörten, was geschehen war, und die Kunde davon schnell durch das ganze Lager verbreiteten.

Natürlich stattete ich Krüger-Bei meinen Rapport ab. Er schien nicht sehr von demselben erbaut zu sein, denn er sagte:

„Sie haben da zu drei Personen eine Heldenthat vollbracht und außerdem vierzehn Personen gefangen genommen; aber anders wäre es mir viel lieber gewesen.“

„Anders? Wie meinen Sie das?“

„Weil diese Gefangenen mitschleppen zu müssen, große Unannehmlichkeiten zur Folge haben wird.“

„Ich denke gerade das Gegenteil.“

„Wodrum?“

„Weil sie uns in Beziehung auf die Uled Ayars von großem Nutzen sein können.“

„So wollen Sie mir gütigst mitteilen, worin dieser Nutzen besteht, was ich mit voller Zuverlässigkeit nicht einsehe!“

„Die Uled Ayars haben die Kopfsteuer verweigert. In welcher Weise wird dieselbe geleistet oder ausgezahlt? “

„Der Stamm hat so und so viel Köpfe, macht in Summa für den Stamm und seinesgleichen alle Köpfe zusammen so viel Pferde, Rinder, Kamele, Schafe oder Ziegen.“

„Die Kopfsteuer wird also in Vieh geleistet. Im Frühjahr sind die Regen ausgeblieben, und infolge der nachherigen Dürre gingen unzählige Tiere zu Grunde. Die Herden sind gelichtet, und mancher wohlhabende Nomad ist zum armen Manne, mancher arme Mann zum Bettler geworden. Die Leute müssen, wenn sie nicht rauben sollen, von ihren Herden leben; nun aber sind sie gezwungen, zu darben. Sie hegten die Hoffnung, daß Mohammed es Sadok Pascha ihnen deshalb die Kopfsteuer für dieses Jahr erlassen oder doch wenigstens herabmindern werde; sie sandten darum Boten zu ihm; er hat es aber nicht gethan. Sie sollen von ihren gelichteten Herden die Steuer, die volle Steuer entrichten und werden also in noch viel größere Not geraten, Das hat sie erbittert; deshalb haben sie sich empört. Nun kommen wir, sie zu zwingen, ihnen mit Gewalt das Verweigerte abzunehmen; das wird sie zur Verzweiflung bringen. Ich bin aber überzeugt, daß sie die Steuer entrichten würden, wenn sie nicht so große Verluste erlitten hätten. Sie nicht auch?“

„Sofern als auch!“ nickte er.

„Sie können sie nicht geben, ohne in noch größere Not zu geraten; sie werden sich also bis auf das Messer wehren. Die Uled Ayar sind uns an der Zahl der Krieger überlegen. Wenn sie uns besiegen, so sind wir unendlich blamiert und müssen mit Schande heimkehren. Das darf uns natürlich nicht passieren!“

„Es ist unmöglich, eine solche Schande zu ertragen, lieber mit der Waffe in der Faust sterben.“

„Ganz richtig, lieber sterben! Aber nun der andere Fall: wir siegen. Dann stürzen wir den ganzen Stamm in das tiefste Elend; der Hunger reibt ihn auf, und was dieser übrig läßt, das raffen die Krankheiten und Seuchen, welche eine Folge der Hungersnot sind, hin. Soll das geschehen?“

„Ungern. Aber warum soll nicht eintreten ein Auszug des Stammes nach Gegenden, wo die Herden mit gefundenen Weiden wieder Kraft und Fett und Fleisch erhalten?“

„Sie meinen, die Ayars sollen die Gegend wechseln, sollen gute Weiden aufsuchen, um ihre Herden sich wieder vermehren zu lassen? Dann ziehen sie hinüber ins Algerien oder gar über die Grenze von Tripolis; sie gehen also dem Pascha verloren, und er wird von ihnen nie wieder Steuer erhalten können, weil er ihnen diejenige eines einzigen kurzen Jahres nicht erlassen hat. Wünschen Sie das?“

„Entweder niemals oder auch nein!“

„Also Sie wünschen, daß weder wir noch die Uled Ayars besiegt werden!“

Er antwortete nicht sofort; er starrte mich ganz erstaunt an, dachte nach und kam da allerdings zur Einsicht, daß ich recht hatte, denn er meinte in verlegenem Tone:

„Das zu wissen, kann ich weder einsehen noch begreifen. Vielleicht können Sie mit beliebiger Scharfsinnigkeit nach Auseinandersetzung aller Gründe mir Hilfe leisten.“

„Ja, ich kann Ihnen einen Rat erteilen; ich weiß ein Mittel, den Uled Ayars die Zahlung der Kopfsteuer zu ermöglichen, ohne daß sie Schaden davon haben. Sie treiben dieselbe von den Uled Ayun ein.“

„Uled Ayun? Inwiefern?“

„Ich weiß, daß die Uled Ayun viel reicher sind, als die Uled Ayar; sie können einen Verlust viel leichter ertragen. indem ich ihren Häuptling und seine dreizehn Begleiter gefangen nahm, verfolgte ich einen doppelten Zweck; einmal wollte ich ihn für den Mord bestrafen, das andremal bekam ich durch ihn einen Trumpf in die Hände, welchen wir gegen oder vielmehr für die Uled Ayars ausspielen können. Es ist uns vielleicht gar möglich, letzteren die Entrichtung der Steuer zu ermöglichen und also sie mit dem Pascha auszusöhnen, ohne daß wir einen einzigen Schuß zu thun brauchen.“

„Das würde als ein Wunder vernommen werden.“

„Denken Sie daran, daß die Uled Ayar mit den Uled Ayun in Blutrache stehen. Es wird mir nicht schwer werden, festzustellen, wieviel Morde die letzteren an den ersteren begangen haben; dafür müssen sie die Blutpreise zahlen. Wir können sie zwingen, weil ihr Scheik sich in unsern Händen befindet.“

Da that Krüger-Bei trotz seines Alters und seiner hohen Würde einen Freudensprung und rief aus:

„Alhamdulillah! Allah sei Dank für diesen kostbaren Gedanken und diese unvergleichliche List, die Sie ausgesonnen haben! Sie sind ein kostbarer Kerl! Ihnen meine Freundschaft! Darauf können Sie sich verlassen von Zeit zu Zeit.“

Er schüttelte mir die Hände, und ich fragte ihn:

„Sie tadeln mich nun also nicht mehr darüber, daß ich den Scheik gefangen genommen habe?“

„Weder nicht noch nie!“

„So bitte, lassen Sie ihn mit seinen Leuten vorführen. Wir wollen ihn ins Gebet nehmen wegen der Blutrache. Auch habe ich eine persönliche Sache mit ihm zu ordnen.“

„Welcherlei Sache?“

„Er schimpfte mich wiederholt einen Hund, und ich habe ihm dafür Strafe angedroht. Er soll Prügel haben.“

„Prügel? Wissen Sie, daß ein freier Beduine die Prügel nur mit Blut abwäscht und die fürchterlichste Rache auf Tod und Leben nimmt?“

„Ich weiß es genau; ich weiß alles, was Sie sagen wollen. Auch ist’s nicht etwa allein der Hund, den er büßen soll, sondern er soll bestraft werden für die Bosheit und Gefühllosigkeit, welche dazu gehört, eine wehrlose Frau mit einem armen Kinde in geradezu teuflischer Weise zu behandeln. Die Blutrache geht mich nichts an; daß er den Greis ermordet hat, darüber bin ich nicht zum Richter berufen; aber ich sah das blinde Kind bei dem Kopfe seiner Mutter liegen, welcher um Hilfe schreiend aus der Erde ragte; ich sah die Geier um die Stelle versammelt, jeden Augenblick bereit, die Zerfleischung von Mutter und Kind zu beginnen. Diese Grausamkeit ging weit über die Blutrache hinaus, und dafür soll und muß er seine Strafe erhalten.“

„Und dennoch kann ich nicht umhin, Zweifel über ihre Berechtigung zu hegen!“

„Sagen Sie, was Sie wollen! Mein christliches Gefühl ist empört über die Unmenschlichkeit. Sie waren Christ, und ich weiß, daß Sie es im Herzen noch sind, obgleich Sie leider das Gewand eines Moslem tragen. Sie warnen mich nur vor den Folgen, um welche ich mich nicht schere, und geben mir doch innerlich recht. Ich wiederhole meine Bitte: Lassen Sie die Kerle kommen! Ich habe gesagt, daß er seine Strafe noch vor dem Abendgebete erhalten soll, und was ich sage, das gilt. Wenn Sie es nicht zugeben, werde ich ihn hinter Ihrem Rücken durchbläuen lassen!“

„Indem es Ihr fester Entschluß ist, daß er entweder hinter meinem Rücken oder auch vor demselben geprügelt werde, so soll es auf der Stelle Ihnen zuliebe ausgeführt werden.“

Nachdem er diese Zustimmung in seiner außerordentlich klaren Weise gegeben hatte, erteilte er den Befehl, die Gefangenen vor ihn zu führen. Er nahm vor dem Zelte, welches für ihn aufgerichtet worden war, Platz; ich mußte mich auf die eine Seite neben ihn setzen und Winnetou und Emery wurden aufgefordert, sich auf der anderen Seite niederzulassen.

Nach der Art, wie er seine Muttersprache ge- oder vielmehr mißbrauchte, durfte man den Beamten ganz und gar nicht beurteilen; er war in seinen gegenwärtigen Verhältnissen und für dieselben ein ganzer Mann.

Als die Truppen hörten, daß der Herr der Heerscharen mit den Gefangenen sprechen wolle, kamen sie herbei, um zuzusehen. Die Offiziere bildeten einen weiten Halbkreis um uns. Der Scheik der Uled Ayun wurde mit seinen Leuten gebracht. Er kannte Krüger-Bei und grüßte ihn, doch nur mit einer leichten Verneigung seines Hauptes. Der freie Beduine meint, auf den unfreien Beamten oder Soldaten des Pascha tief herabsehen zu müssen. Da kam er aber bei dem Obersten an den unrechten Mann; dieser hatte jetzt nicht deutsch, sondern arabisch zu sprechen und schnauzte ihn an:

„Wer bist du?“

„Du kennst mich doch!“ antwortete der Scheik in trotzigem Tone.

„Ich glaubte, dich zu kennen; dein hoheitsvoller Gruß sagt mir aber, daß ich mich geirrt habe. Bist du seine Herrlichkeit, der Großsultan von Stambul, welcher der jetzige Khalif aller Gläubigen ist?“

„Nein,“ antwortete der Scheik, welcher nicht wußte, wo der Oberst mit seinen Fragen hinaus wollte.

„Warum grüßest du mich da wie ein Sultan, zu dessen Angesicht ich meine Augen nicht erheben darf! Ich will hören, wer du bist!“

„Ich bin Farad el Aswad, der oberste Scheik aller Uled Ayun.“

„Ah, der! Allah öffnet mir die Augen, dich wieder zu erkennen. Also du bist ein Ayun, nichts als ein Ayun, und doch ist dein Nacken zu steif, den Herrn der Heerscharen des Pascha, dem Allah tausend Jahre schenken möge, in würdiger Weise zu grüßen. Ich werde dir den Nacken beugen lassen!“

„Herr, ich bin ein freier Ayun!“

„Ein Mörder bist du!“

„Kein Mörder, sondern ein Bluträcher; aber das geht keinen Menschen etwas an. Wir sind freie Männer, wir haben unsre eigenen Gesetze, nach denen wir leben; wir zahlen dem Pascha die Kopfsteuer, welche wir ihm versprochen haben; weiter hat er nichts zu fordern, und um das übrige hat er sich nicht zu kümmern.“

„Du thust, als ob du deine Rechte ganz genau kenntest, und ich werde sie dir nicht streitig machen; aber deine Pflichten scheinst du nicht zu kennen. Da ich dich bei deinen Rechten lasse, werde ich auch darauf sehen, daß du bei deinen Pflichten bleibst. Du siehst in mir den Vertreter des Pascha und hast ihn in mir zu achten und zu ehren. Ich werde euch jetzt zwanzig Schritte weit zurückführen lassen; dann naht ihr euch wieder und grüßt mich so, wie ihr es mir schuldig seid! Sonst bekommt ihr augenblicklich die Bastonnade!“

„Das darfst du nicht wagen!“ fuhr der Schwarze auf. „Wir sind freie Männer, wie ich bereits gesagt habe.“

„In der Wüste seid ihr frei; wenn ihr euch aber beim Pascha oder bei mir befindet, seid ihr Untergebene, denn ihr zahlt uns die Kopfsteuer. Und wo ich meinen Fuß hinsetze, da gelten die Gesetze des Pascha. Wer die nicht befolgt, wird bestraft. Also zwanzig Schritte zurück, und dann ordentlich gegrüßt! Fort mit euch!“

Sie sahen, daß es ihm Ernst war, und ich war auch überzeugt, daß er seine Drohung ausführen würde, falls sie ihm nicht gehorchten. Sie entfernten sich bis auf zwanzig Schritte, kamen dann wieder und grüßten, indem sie sich tief verbeugten und die rechte Hand auf Stirn, Mund und Brust legten. Dennoch fuhr Krüger-Bei sie an:

„Wo bleibt das Sallam? Seid ihr stumm geworden?“

„Sallam aaleïkum!“ grüßte der Scheik. „Allah verlängere dein Leben und schenke dir die Freuden des Paradieses!“

„Sallam aaleïkum! Allah verlängere dein Leben und schenke dir die Freuden des Paradieses!“ wiederholten seine dreizehn Begleiter einstimmig.

„Aaleik es Sallam!“ antwortete Krüger-Bei kurz. „Wie kommt ihr hieher?“

„Man hat uns gezwungen,“ antwortete der Scheik. „Weil wir ein Weib der Uled Ayar bestraften, mit denen wir in Blutrache leben.“

„Wer zwang euch?“

„Die drei Männer, welche an deiner Seite sitzen.“

„Und ihr seid vierzehn? Wie kannst du das sagen, ohne daß dein Angesicht errötet?“

„Wir brauchen nicht zu erröten, denn die Männer stehen mit dem Scheitan im Bunde; er hat ihnen Gewehre gemacht, gegen welche hundert Krieger nicht aufkommen können.“

„Sie halten es nicht mit dem Teufel, sondern sie fürchten Gott; aber sie sind tapfere Männer, welche schon in vielen Kämpfen gesiegt haben und weder Furcht noch Zagen kennen.“

„So kennst du sie noch nicht, uns aber haben sie gesagt, wer sie sind.“

„Nun, wer sind sie?“

„Der eine ist ein Nemsi, der andere ein Inglesi und der dritte ein Amierikani. Sie alle drei sind Ungläubige, welche in der Hölle wohnen werden. Was haben sie in unserm Lande zu suchen? Wer giebt ihnen das Recht, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen? Die Hunde haben uns –“

„Halt!“ gebot der Oberst ihnen in drohendem Tone. „Beleidigt sie nicht, denn sie sind meine Freunde und Gäste, und ihr beleidigt mich mit ihnen, Laßt also kein solches Wort wieder hören!“

Und in einem ganz anderen, merkwürdig freundlichen Tone fuhr er fort:

„Ihr habt Blutrache mit den Uled Ayar? Seit wann?“

„Seit fast zwei Jahren.“

„Ich ziehe jetzt gegen sie, um sie zu bekämpfen. Sie sind also meine Feinde ebenso, wie sie die eurigen sind.“

„Wir wissen es und hoffen also, daß du uns als Freunde behandeln wirst.“

„Für wen ist die Blutrache günstiger ausgefallen, für euch oder sie?“

„Für uns.“

„Wieviel Männer haben sie euch getötet?“

„Keinen.“

„Und ihr ihnen?“

„Vierzehn.“

Ich wußte, daß der plötzliche freundliche Ton des Obersten einen Grund haben müsse. Jetzt meinte er in ganz veränderter, strenger Weise:

„Das wird euch teuer zu stehen kommen! Denn ich werde euch den Uled Ayar ausliefern.“

„Das wirst du nicht!“ rief der Scheik erschrocken. „Sie sind doch deine Feinde!“

„Sie werden dadurch, daß ich euch ihnen gebe, meine Freunde werden!“

„O Allah! Sie werden Rache nehmen und uns töten! Aber du hast kein Recht, uns auszuliefern. Wir sind nicht deine Sklaven, die du nach Belieben verschenken kannst!“

„Ihr seid meine Gefangenen! Ich sage euch, der Ritt nach der Stelle, an welcher ihr das Weib eingegraben hattet, wird euch teuer zu stehen kommen!“

Der Scheik sah finster vor sich nieder; dann blickte er zu dem Obersten auf, sah diesem scharf und forschend in das Gesicht und fragte:

„Ist es dein Ernst, uns auszuliefern?“

„Ich beteure es bei meinem Namen und bei meinem Barte!“

Da ging ein Zug grimmigen Hasses über das Gesicht des Ayun, und in höhnischem Tone fuhr er fort:

„Du meinst wohl, daß sie uns töten werden?“

„Ja.“

„Du irrst, bei meiner Seele, du irrst! Sie werden uns nicht töten, sondern die Diyehl von uns nehmen. Einige Pferde, Kamele und Schafe werden ihnen lieber sein als unser Blut. Dann sind wir wieder frei und werden an dich denken! Wir werden dich – dich – –“

Er machte eine drohende Armbewegung. Der Oberst that, als ob er diese nicht gesehen habe, und sagte:

„Irrt euch nicht! – Es wird sich wahrscheinlich nicht nur um einige Stück Vieh, sondern um viel mehr handeln.“

„Nein. Wir kennen den Preis, welcher bei uns gebräuchlich ist, und können ihn recht wohl bezahlen.“

Da wendete sich der Oberst an mich und fragte:

Welcher Ansicht bist denn du, Effendi?“

Es ist allerdings gebräuchlich, die Höhe der Diyeh, des Blutpreises, nach den Verhältnissen der Person, welche ihn zu bezahlen hat, zu bestimmen. In diesem Falle war freilich anzunehmen, daß die Uled Ayun nicht soviel für die getöteten Ayar zu bezahlen hatten, wie die Kopfsteuer betrug, welche die letzteren entrichten sollten. Dies wußte der Oberst, und darum wendete er sich an mich in der Hoffnung, daß ich es verstehen würde, der Sache eine günstigere Wendung zu geben. Ich antwortete also in diesem Sinne:

„Du willst, o Herr, mit den Uled Ayar über die Auslieferung unserer Gefangenen verhandeln?“

„Ja.“

„So bitte ich dich um die Gewogenheit, zu erlauben, daß ich es bin, der die Verhandlung zu führen hat!“

„Die Bitte ist gewährt, denn ich weiß, daß ich keinen bessern Mann damit beauftragen kann.“

„In diesem Falle werden die Uled Ayun nun freilich viel mehr zu bezahlen haben, als sie jetzt denken.“

„Meinst du?“ fragte er erfreut.

„Ja. Der Scheik der Ayun hat mich einen Hund, einen Ungläubigen genannt; ich kenne aber den Kuran und die verschiedenen Auslegungen desselben besser als er. Ich werde ihm das dadurch beweisen und seine beleidigenden Ausdrücke dadurch bestrafen, daß ich für die Auslieferung der Gefangenen die Bedingung stelle, den Blutpreis für die getöteten Uled Ayar genau nach dem Kuran und seinen Kommentaren zu bestimmen.“

Da lachte der Scheik höhnisch auf und rief:

„Ein Nemsi, ein Ungläubiger, ein Christ will den Kuran besser kennen als wir, und nach dem heiligen Buche die Diyeh bestimmen! Dem Giaur ist der Hochmut in den Kopf gefahren und hat ihm den Verstand verwirrt!“

„Wahre dich!“ warnte ich ihn. „Noch ist das Abendgebet noch nicht gekommen und du nennst mich einen Giaur. Weißt du denn, was der Kuran und die Auslegung über die Diyeh berichtet?“

„Nein, denn es wird gar nichts berichtet, sonst müßte ich es wissen.“

„Du irrst, und ich werde deine Unwissenheit erleuchten. Also höre, und die deinen mögen auch hören: Abd. el Mottaleb, der Vatersvater des Propheten, hatte der Gottheit gelobt, wenn sie ihm zehn Söhne bescheren würde, ihr einen derselben zu opfern. Sein Wunsch wurde erfüllt, und um seinem Gelübde treu zu sein, befragte er das Los, welchen seiner zehn Söhne er zum Opfer bringen solle; es traf Abd-Allah, den nachherigen Vater des Propheten. Da nahm Abd el Mottaleb den Knaben und verließ mit ihm die Stadt Mekka, um ihn draußen vor derselben zu opfern. Inzwischen aber hatten die Bewohner der Stadt gehört, was er vorhatte; sie folgten ihm und stellten ihm vor, wie frevelhaft und grausam zu handeln er im Begriffe stehe. Sie versuchten sein Vaterherz zu erweichen, aber er widerstand allen ihren Reden und schickte sich an, das Opfer zu vollziehen. Da trat ein Mann zu ihm und bat ihn, ehe er handle, eine berühmte Wahrsagerin zu befragen. Abd el Mottaleb that dies, und sie erklärte, daß man rechts den Abd-Allah und links zehn Kamelstuten stellen möge und dann das Los werfen solle, wer zu töten sei, der Knabe oder die Stuten. Wenn das Los auf Abd-Allah falle, müsse man weitere zehn Kamelstuten bringen und wieder das Los befragen, und in dieser Weise fortfahren, bis es auf die Stuten falle, wodurch die Gottheit erkläre, wieviel Stuten das Leben und das Blut des Knaben wert sei. Es wurde auch in dieser Weise verfahren. Zehnmal fiel das Los auf den Knaben, sodaß bereits hundert Kamelstüten auf der linken Seite standen. Zum elftenmale traf das Los die Kamele, und Abd-Allah, der Vater des Propheten, wurde dadurch vom Opfertode erlöst. Seit jenem Tage und zum Andenken an denselben, wurde der Blutpreis eines Menschen auf hundert Kamelstuten festgestellt, und jeder wirklich gläubige Moslem darf sich nicht nach dem Brauche seiner Gegend, sondern er muß sich nach diesem geheiligten Brauche richten. Was sagst du nun?“

Diese Frage richtete ich an den Scheik. Er blickte einige Zeit finster vor sich nieder, warf mir dann einen grimmigen Blick zu und fragte:

„Welcher M’allim des Kuran hat die Todsünde begangen, dich, den Ungläubigen über die Geheimnisse des Islam zu unterrichten? Allah verbrenne ihn im glühendsten Feuer der Hölle!“

„Der Lehrer war auch ein Christ. Wir Christen kennen eure Lehre weit besser, als ihr selbst. Nun rechne einmal! Ihr habt vierzehn Uled Ayar umgebracht; das giebt vierzehnhundert Kamelstuten, welche ihr zu bezahlen habt, wenn ihr euer Leben retten wollt.“

„Und die Uled Ayar werden so verrückt sein, sie zu verlangen?“

„Ja. Oder vielmehr, sie würden verrückt sein, wenn sie es nicht thäten. Wir liefern euch nur unter der Bedingung an sie aus, daß sie es thun. Wir machen ihnen mit euch ein großartiges Geschenk, welches sie mit Freuden hinnehmen werden, da sie dann die Kopfsteuer bezahlen können und ihnen noch viele Tiere übrig bleiben, um die gehabten Verluste zu ersetzen!“

„Du redest wie ein ungeborenes Kind! Woher sollen wir vierzehnhundert Kamelstuten nehmen!“

„Hat denn nicht jedes Tier einen Preis, für welchen es zu haben ist? Besitzt nicht auch jede Kamelstute einen solchen?“

„Sollen wir Geld geben? Soviel bares Geld giebt es im ganzen Lande nicht. Wir bezahlen nicht, sondern wir tauschen. Aber das weißt du nicht, weil du ein Fremder, ein Giaur bist!“

„Giaur! Wieder eine Beleidigung! Sie wird zu den vorigen gerechnet und erhöht das Maß der Strafe, welche dich treffen wird. Habe ich übrigens gesagt, daß ihr Geld bezahlen sollt? Wenn es bei euch nur Tauschhandel giebt, und ich weiß sehr wohl, daß es so ist, so wird euch kein Mensch verwehren, die vierzehnhundert Kamelstuten im Tausche zu bezahlen. Ihr kennt den Wert eines Kameles, eines Rindes, eines Pferdes, eines Schafes und einer Ziege, und könnt euch also leicht berechnen, wieviel Pferde, Rinder, Schafe oder Ziegen ihr für die Stuten abzuliefern habt. Übrigens ist dies noch nicht alles, was ihr zu bezahlen habt.“

„Etwa noch mehr?“ fuhr er auf.

„Ja. Kennst du die Erklärungen des Kuran von Samakschari und Beidhawi?“

„Nein.“

„Ich habe sie studiert. Du siehst also abermals, daß ich, den du einen Giaur schimpfest, die Lehren, Gebote und Gesetze des Islam besser kenne als ihr, die ihr euch rühmt, gläubige und unterrichtete Anhänger des Propheten zu sein. Diese beiden Ausleger sind die berühmtesten von allen, und sagen übereinstimmend: Wer das Weib eines andern beschimpft, schändet, der tötet ihre Ehre und soll den halben Blutpreis bezahlen; wer sie aber mißhandelt, der tötet die Ehre ihres Mannes und muß die ganze Diyeh entrichten. Weißt du, was ich meine?“

„Allah verderbe dich!“ knirschte er.

„Ihr habt die Frau, die ich rettete, auf eine ganz unmenschliche Weise mißhandelt und dadurch die Ehre ihres Mannes getötet. Das kostet den ganzen Blutpreis, also hundert Kamelstuten, oder deren genauen Wert in andern Tieren. Ich will dabei so gütig sein und die Gefahr, in welche ihr auch das blinde Kind brachtet, nicht mit in Anrechnung bringen. Aber das schwöre ich euch zu, daß ihr euer Leben nicht rettet, außer ihr bezahlt neben den vierzehnhundert Stuten für die Ermordeten auch noch hundert an die Frau! Sie ist arm, und ich will, daß sie durch die Mißhandlungen, welche sie erdulden mußte, wohlhabend werde.“

Da konnte sich der Scheik nicht länger halten; er sprang zwei Schritte vor und schrie:

„Hund, was hast du zu wollen und zu gebieten! Was gehen dich, den Hundesohn, alle diese Dinge an! Du bist wahnsinnig, daß du dir einbildest, zwei große Stämme dieses Landes sollen sich nach deinen Wünschen richten! Wären mir nicht die Hände gebunden, so würde ich dich erwürgen. So aber nimm das! Ich speie dich an; ich speie dir ins Gesicht!“

Er führte seine wütende Drohung wirklich aus; ich aber warf, an der Erde sitzend, den Oberkörper schnell zur Seite, sodaß er mich nicht traf. Da rief Krüger-Bei:

„Führt die Hunde fort, sonst werden sie toll! Sie haben gehört, was wir wollen, und wir werden keinen Finger breit davon abgehen; sie werden ausgeliefert und müssen den Blutpreis nach dem Kuran und hundert Kamelstuten an die Frau zahlen, wenn sie nicht ihr Leben lassen wollen. Sind die Betreffenden nicht reich genug, so mag ihr Stamm für sie eintreten!“

Man schaffte sie fort, doch hielt man auf meinen Wink den Scheik zurück, welchen, da er sich unbändig gezeigt hatte, die Füße wieder gebunden wurden.

Jetzt ging die Sonne unter, und es war also die Zeit des Moghreb gekommen, des Gebetes, wenn die Sonne sich hinter dem Horizonte niedersenkt. Bei jeder Karawane, bei jedem Trupp, der sich unterwegs befindet, giebt es jemand, welchem das Amt des Vorbeters übertragen ist; ist’s kein moslemitischer Geistlicher, Derwisch oder Moscheebeamter, so ist’s ein Laie, der die zu beobachtenden Funktionen genau kennt. Hier bei uns war es mein Freund, der Feldwebel, der alte Sallam. Kaum berührte die Sonne den Horizont, so rief er mit lauter, weithin schallender Stimme:

„Hai alas Sallah, hai alal felah! Allahu akbar! Aschada anna la ilaha il Allah, aschadu anna Mohammad-ar-rasulullah – auf zum Gebete, auf zum Heile! Gott ist sehr groß! Ich bekenne, daß es keinen Gott giebt außer Gott. Ich bekenne, daß Mohammed der Gesandte Gottes ist!“

Darauf folgte der für dieses Gebet vorgeschriebene Lobpreis, welcher aus siebenunddreißig Versen oder Abschnitten besteht, und zu dem in den Moscheen Rauchwerk mit Laudanurn geopfert wird. Die Soldaten lagen alle auf den Knieen, die Gesichter gen Mekka gerichtet und verrichteten ihr Gebet mit einer Andacht und Hingebung, welche man manchem Christen wünschen möchte. Nur der Scheik konnte nicht beten, weil er doppelt gebunden war. Er verwendete fast kein Auge von mir, und ich bemerkte, daß er mich mit dem Ausdrucke der Verachtung und des Hohnes betrachtete. Der letzte Abschnitt des Moghreb lautet:

„Es ist kein Gott als der einzige, der ohne Gefährten ist. Sein ist die Herrschaft, und sein ist das Lob. Er belebt, und er tötet, und er stirbt nicht. In seiner Hand ist das Gute, und er ist über alle Dinge mächtig. Es ist kein Gott als Gott. Er hält, was er versprochen hat und steht seinen Dienern bei. Er erhöht sein Heer mit Ehre und vernichtet der Feinde Heere, er, der einzige. Es ist kein Gott als Gott, und wir dienen keinem andern als ihm, wir, seine Diener, die aufrichtigen, die treuen, wenn uns auch die Ungläubigen deshalb verabscheuen. Lob sei Gott, dem Herrn der Welten! Lobpreis ihm in der Morgen- und in der Abendzeit! Sein ist das Lob im Himmel und auf Erden, im Morgen- und im Abendrot, vormittags, nachmittags und mittags!“

Kaum waren diese letzten Worte verklungen und die Betenden hatten sich erhoben, so zischte mir der Scheik zu, daß alle, die sich in meiner Nähe befanden, es hören konnten:

„Nun, du Hund, wie steht es mit deinem Worte, mit deinem Schwure?“

Ich antwortete nicht.

„Du scheinst deine Drohung vergessen zu haben! Drohen kannst du leicht, zur Ausführung aber fehlt dir der Mut!“

Ich sagte immer noch nichts.

„Nun bist du ein Lügner, der sein Wort, nachdem er es herausgespieen hat, wieder frißt! Wolltest du mich nicht noch vor dem Abendgebete bestrafen? Nun ist es vorüber. Ich verachte dich!“

„Sallam!“ rief ich jetzt.

Der alte Feldwebel kam heran.

„Was hast du jetzt gebetet?“

„Das Moghreb.“

„Welches Gebet kommt dann, wenn es vollständig dunkel geworden ist?“

„Das Aschiah – das Abendgebet.“

„Gut. Rufe den Bastonnadschi!“

„Wer soll denn bestraft werden?“

„Der Scheik der Uled Ayun.“

„Wieviel Hiebe?“

„Hundert.“

„Herr, dann wird er uns Beschwerde verursachen, denn er wird mehrere Tage nicht gehen können.“

„Nicht Bastonnade, sondern Hiebe auf den Rücken.“

„Das ist etwas anderes! 0 Herr, Allah segne deine Gedanken! Jetzt werden wir endlich einmal wieder die Beschließerin beten können; das ist seit langer Zeit nicht vorgekommen: bei jedem Namen ein Hieb. Erlaubst du mir, die Namen herzusagen? Ich thue das so gern!“

„Meinetwegen!“

Er ging, um meinen Auftrag auszuführen. Bei welcher muselmännischen Truppe gäbe es keinen Bastonnadschi oder Kurbadschi! Der Mann, ein Unteroffizier, war schnell mit seinen Gefährten zur Stelle, und die Soldaten, voran die Offiziere, versammelten sich wieder bei dem Zelte des Obersten.

Dieser fand nichts mehr gegen die Exekution einzuwenden; ja er freute sich so darauf, daß er für sich und uns Pfeifen stopfen ließ, um ihr mit Hochgenuß beiwohnen zu können. Wir saßen noch am Eingange des Zeltes, und der Scheik lag vor uns. Es war nicht meine Absicht gewesen, so hart mit ihm zu sein; ich mag überhaupt dergleichen Szenen nicht gern leiden; aber er hatte die Hiebe durch die Mißhandlung der Frau verdient und sein nachheriges, besonders sein letztes Verhalten war nicht geeignet, uns zur Milde zu stimmen.

„Hundert Hiebe! Schöne Portion!“ meinte Emery. „Möchte sie nicht haben; danke! Wird er sie aushalten?“

„Jedenfalls.“ „Und Feldwebel dazu beten?“ „Ja.“

„Die Beschließerin? Eigentümliches Volk, die Mohammedaner. Zu den Prügeln einen hundertfachen Lobpreis Allahs!“

„Ich nehme das nicht als Gotteslästerung. Hundert Hiebe und hundert Namen Allahs; da verzählt man sich nicht. Ich habe einer derartigen Exekution noch nicht beigewohnt, aber man hat mir versichert, es komme häufig vor, daß der Exekutierte die Namen Allahs mitsage, oder vielmehr laut brülle, um seine Schmerzen zu betäuben.“

„Werden sehen und hören. Bin wirklich neugierig!“

Zu bemerken ist, daß das mohammedanische Schlußgebet, welches „die Beschließerin“ genannt wird, die hundert Namen Allahs enthält, welche unter Verbeugungen und Händeaufheben hergesagt werden. Da es auch für den Christen von großem Interesse ist, zu erfahren, wie Allah von den Bekennern des Islam genannt wird, so mag ein Teil der „Beschließerin“ hier folgen:

Allbarrnherziger! Allbesitzender! Allheiliger! Allfehlerfreier! Allbedeckender! Allgeehrter! Allherrlicher! Schöpfer! Allhervorbringer! Allnachsichtiger! Allzwingender! Allwissender! Allempfangender! Allausbreitender! Allerniedernder! Allerhöhender! Allbeehrender! Allherabsetzender! Allhörender! Allsehender! u. s. w.

Als der Scheik den Bastonnadschi kommen sah, starrte er mich wie abwesend an; dann belebte sich plötzlich sein Auge, und er fragte mich:

„Wer – wer ist dieser Mann?“

„Der Bastonnadschi,“ antwortete ich bereitwillig und nicht im geringsten gehässig. „Er soll seines Amtes walten bei dir.“

„Ich – ich soll – die hundert – die hundert Hiebe erhalten! Mensch! Giaur!“

„Schweig, sage ich dir, sonst werden es hundertfünfzig!“

„Ich bin ein freier Uled Ayun! Niemand darf mich schlagen!“

„Außer der Bastonnadschi!“

„Das fordert Blut – Blut – Blut!“

„Drohe nicht, denn bald wirst du jammern! Du sollst erfahren und fühlen, daß ich es leicht wage, meine Drohungen auszuführen.“

„Weißt du, daß es dich dein Leben kostet!“

„Schwatze nichtl Du wärst der Kerl, mein Leben zu gefährden! Wie gefährlich du bist, habe ich heute gesehen! Bastonnadschi, es kann beginnen!“

„Kräftig?“

„Thue deine Pflicht, aber ich will ihm nicht an das Leben.“

„So wird er nicht sterben, aber Allah mag mich bewahren, die Wonnen zu schmecken, welche ich ihm bereiten werde! Zieht ihn aus!“

Damit war nicht gemeint, dem Delinquenten etwa die Kleider auszuziehen, sondern seinen Körper auszuziehen, auszustrecken. Man nahm ihm den Haïk und band ihm die Hände los. Dann wurden ihm dieselben auseinandergestreckt an eine Lanze gebunden, welche zwei Soldaten ergriffen; zwei andere faßten ihn an den Füßen; alle vier zogen, und nun lag der Scheik lang ausgestreckt mit dem Bauche auf der Erde.

„Wir sind bereit, o Herr!“ meldete der Bastonnadschi, indem er mit der Rechten einen Stock aus dem Bündel nahm, welches er in der Linken hielt.

„Dann los!“ nickte ich.

Aber es ging noch nicht los, sondern alle sahen noch auf den alten Sallam. Dieser breitete die Arme aus und begann im Vorbetertone:

„Bismi-Ilahi ‚r rahmani ‚r rahim! la rabb, ia ddim. Groß und viel sind die Sünden dieser Welt und versteckt die Herzen der Boshaften. Aber die Gerechtigkeit ist wach, und die Strafe schlummert nicht. 0 Allah, o Mohammed, o alle ihr Khalifen! Hört, ihr Gläubigen, ihr frommen Lieblinge der Tugend die hundert heiligen Namen dessen, der keine Sünde hat und die ewige Gerechtigkeit und Vergeltung ist! Hört sie, aber hört nicht auf das Wimmern dieses Wurmes, dessen Sünden ihm jetzt auf die Fläche seines gottlosen Rückens verzeichnet werden! 0 Allbarmherziger! 0 Allerbarmender! 0 Allbesitzender –!“

Natürlich folgten bei diesen drei ersten Namen die drei ersten Hiebe. Dann kamen die andern alle langsam hintereinander. Beim „O“ holte der Bastonnadschi aus, und bei der nächsten Silbe fiel der Hieb. Der Scheik lag wie leblos; er biß die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Aber beim fünfzehnten Namen öffnete er stöhnend den Mund, und mit dem siebzehnten begann er in brüllendem Tone mitzuzählen:

„O Allbeteilender – o Alleröffnender – o Allwissender – o Allempfangender – o Allausbreitender –!“

Ich sah und hörte nun freilich, daß die „Beschließerin“ vortrefflich geeignet ist, das Geschrei oder Geheul eines Exekutierten in artikulierte Bahnen zu lenken. Der Mensch hatte seine Hundert wohl verdient; aber die Szene wurde mir immer widerwärtiger, und als er sechzig Hiebe empfangen hatte, ließ ich aufhören und ihn fortschaffen. Das moralische Wehe, welches ich ihm angethan hatte, war jedenfalls wenigstens ebenso groß wie das körperliche, und ich konnte vollständig überzeugt sein, mir in ihm einen grimmigen Feind gemacht zu haben, was mich aber nicht im geringsten aufregte.

Elatheh, die Frau, welche wir gerettet hatten, kam zu mir, um mir Dank für die Strafe zu sagen, welche ihren Peiniger getroffen hatte. Bei der Behandlung, die ihr bis jetzt geworden war, sah sie ein, daß sie für ihre Person nichts zu befürchten hatte. Sie wußte nicht, daß sie heimlich beaufsichtigt wurde. Es war ja immerhin der Fall möglich, daß sie, wenn auch nicht aus Undankbarkeit, entwich und, wenn sie auf die Krieger der Ihrigen traf, uns durch ihre ganz absichtslosen Mitteilungen verriet.

Wir legten uns zeitig schlafen, denn der morgende Weg durch das Warr war nicht nur beschwerlich, sondern wurde auch nach und nach gefährlich, je mehr wir uns den Ruinen näherten, wo wir die Feinde und unsere eingeschlossenen Leute vermuteten.

Am andern Morgen wurde zeitig aufgestanden, gegessen, die Pferde und Kamele gefüttert, und dann brachen wir auf. Noch im letzten Augenblicke kam Winnetou zu mir geritten und sagte:

„Mein Bruder mag mit mir kommen. Ich habe ihm etwas zu zeigen.“

„Etwas Gutes?“

„Vielleicht Böses.“

„Ah! Was?“

„Winnetou hat, wie mein Bruder weiß, die Gewohnheit, vorsichtig zu sein, auch wo dies nicht notwendig zu sein scheint. Ich bin hinaus und um das Lager geritten und habe da eine Spur gesehen, welche meinen Verdacht erweckt.“

Er nahm mich, während die andern fortritten, die Gefangenen auf Pferde gefesselt, mit nach Südosten, und da sahen wir denn im Sande, der zwischen den Steinblöcken lag, allerdings eine menschliche Fährte, welche zunächst vom Lager fort und dann in dieses wieder zurückführte. Wir folgten ihr und kamen an eine zwischen großen Felsbrocken gelegene Stelle, wo der Mann, der die Spur verursacht hatte, mit einem andern zusammengetroffen war; der andere war zu Pferde gewesen. Allem Anscheine nach hatten sie längere Zeit miteinander gesprochen.

Die Spuren waren unserer Ansicht nach wenigstens acht Stunden alt, und die Zusammenkunft hatte also um die Mitternachtszeit stattgefunden. Wir konnten jetzt nichts weiter thun, als der Spur des Reiters folgen. Sie führte ohne Unterbrechung nach Südost, also aus der Richtung, welcher unser Zug folgte, weit ab. Dies beruhigte uns einigermaßen, und wir kehrten nach einer halben Stunde um, um die Gefährten einzuholen.

Natürlich teilten wir, als dies geschehen war, Krüger-Bei und Emery unsere Beobachtungen mit. Der erstere nahm sie leicht und machte sich keine Sorge; der andere aber nahm sich mit uns vor, heute abend ganz gehörig aufzupassen. Ursache hatten wir dazu. Emery erkundigte sich:

„Der Reiter war nicht vielleicht im Lager während wir schliefen?“

„Nein.“

„So hat er Ursache gehabt, sich nicht sehen zu lassen. Und wer sich nicht sehen lassen darf, der ist kein Freund, sondern ein Feind.“

„Und wer nächtlicherweise heimlich mit einem Feinde verkehrt, ist ein Verräter. Wir haben also einen Verräter unter uns,“ sagte ich.

„Well, bin auch der Meinung; aber wer mag das sein? Wenn wir heut abend aufmerksam sind, werden wir ihn wahrscheinlich erwischen. Wie lange reiten wir noch bis zu den Ruinen?“

„Bis morgen nachmittag.“

„Dann ist zu erwarten, daß der Reiter heut abend wiederkommt, um sich neue Nachrichten zu holen. Den halten wir fest und seinen Kumpan dazu.“

Leider sollte diese Erwartung nicht in Erfüllung gehen, denn es waren Dinge geschehen, weiche wir, wenn sie uns vorhergesagt worden wären, wohl kaum geglaubt hätten, trotzdem wir wußten, daß der Kolarasi Kalaf Ben Urik ein Schurke sei. Er war zu den Feinden übergegangen und befand sich mit diesen viel näher, als wir dachten. Der nächtliche Reiter war wirklich ein Spion der Uled Ayar gewesen, und der, mit welchem er gesprochen hatte, war kein anderer als der Führer, dem wir unvorsichtigerweise soviel Vertrauen schenkten.

Das Warr hinderte unser Fortkommen sehr. Wir konnten nicht in geschlossener Kolonne reiten, sondern mußten uns teilen und viel mehr Kundschafter und Seitenpatrouillen aussenden, als sonst nötig gewesen wäre. Doch mittags, als wir einen kurzen Halt machten, tröstete uns der Führer mit der Bemerkung, daß das Warr nach nicht viel über drei Stunden zu Ende und in eine wieder offene Steppe übergehe, auf welcher erfreulicherweise Gras zu finden sei.

Eine Stunde nach Mittag brachen wir wieder auf, und eine halbe Stunde später kam der Führer zu uns und meldete dem Obersten, mit welchem wir ritten:

„Da drüben liegt die Stelle, an welcher der Mulassim Achmed ermordet wurde.“

Er deutete nach rechts, also nach Südwest hinüber.

„Der Mulassim Achmed?“ fragte Krüger-Bei erstaunt.

Ja.“

„Der ist ermordet worden?“

„Ja. Ich habe es dir doch gesagt, o Herr!“

„Kein Wort!“

„Verzeih, o Herr! Ich weiß ganz genau, daß ich es dir berichtet habe. Wie hätte ich so etwas Wichtiges vergessen oder verschweigen können!“

„Sollte ich es überhört haben? Da müßte ich an etwas anderes und sehr Wichtiges gedacht und dabei nicht auf deine Worte geachtet haben. Achmed tot! Ermordet! Von wem?“

„Von mehreren Ayar drüben an einem kleinen Wasser.“

„Sind die Mörder erwischt worden?“

„Ja. Wir haben sie ergriffen und erschossen. Es waren ihrer drei.“

„Und Achmeds Leiche –?“

„Die haben wir da, wo er gefallen ist, begraben.“

„Erzähle!“

„Wir ritten genau denselben Weg, auf welchem wir uns jetzt befinden. Der Mulassim hörte, daß dort, zehn Minuten von hier, Wasser sei, und ritt hin, denn sein Pferd war erkrankt, und er wollte es laben. Wir zogen weiter, hörten aber bald einen Schuß. Der Kolarasi sandte sofort zehn Mann, bei denen ich mich befand, aus, um zu erfahren, wer geschossen habe, Als wir an das Wasser kamen, lagerten da drei Uled Ayar, welche keine Ahnung davon hatten, daß wir in solcher Nähe vorüberzogen; sie hatten den Mulassim erschossen. Wir ergriffen sie und brachten sie dem Kolarasi. Dieser ließ den Zug halten. Es wurde kurzer Prozeß gemacht; sie bekamen die Kugel. Dann ritten die Offiziere mit einiger Mannschaft nach dem Wasser. Der Mulassim wurde begraben. Wir deckten ihn mit Steinen zu und schossen darüber dreimal unsere Gewehre ab.“

„Achmed, der brave, tapfre Achmed! Ich muß sein Grab sehen! Zeig es uns!“

Ich kann es mir heute noch nicht erklären, warum ich damals so außerordentlich unvorsichtig war und dem Führer glaubte. Seine Erzählung war so unwahrscheinlich! Er wollte Krüger-Bei Bericht erstattet haben, und dieser wußte nichts davon! Ich hätte doch an den nächtlichen Reiter denken sollen. Aber der war nach Südost davongeritten, während wir nach Südwest zogen.

Wir folgten also dem Führer, nämlich Krüger-Bei, Emery und ich. Winnetou ritt nicht mit, wohl nur deshalb, weil er an unserm Gespräch nicht teilnehmen konnte. Ehe wir den Zug verließen, befahl der Oberst, daß derselbe sich indessen langsam fortbewegen solle.

Wir ritten immer zwischen Felsblöcken, und es dauerte freilich weit über zehn Minuten, ehe wir an Ort und Stelle kamen. Dieser Zeitunterschied hätte mir auffallen sollen.

An einem großen Felsblock gab es allerdings eine kleine Wasserlache, deren Inhalt spärlich aus der Erde zu sickern schien. Zur Seite waren kleinere Steine aufeinander gehäuft. Auf diese deutend, sagte der Führer:

„Das ist das Grab.“

„Da muß ich das Gebet der Toten verrichten,“ meinte der Oberst, indem er abstieg.

Auch wir stiegen ab und ließen unsere Gewehre an den Sätteln hängen. Es war hier außer uns kein Mensch zu sehen und zu vermuten. Krüger-Bei kniete nieder und betete. Ich und Emery falteten die Hände, blieben aber stehen. Der Führer war nicht abgestiegen, was uns unbedingt hätte auffallen müssen.

Als der Oberst sein Gebet vollendet hatte, erhob er sich und fragte:

„Wie liegt der Mulassim? Doch mit dem Gesicht nach Mekka gerichtet?“

„Ja, Herr,“ antwortete der Führer.

Ohne daß ich mir etwas Böses dabei dachte, sagte ich doch:

„Das ist wohl unmöglich. Mekka liegt gegen Osten; die Länge dieses Haufens aber geht von Nord nach Süd.“

„Das ist wahr! Allah! Man hat ihm eine falsche Lage gegeben!“

„Und,“ fügte ich hinzu, jetzt aufmerksamer werdend, „was ist denn das? Der Steinhaufen müßte doch zwei Wochen alt sein; das ist er aber nicht.“

„Ja, das ist er nicht,“ stimmte mir Emery bei.

„Warum?“ fragte der Oberst.

„Schau, wie der dünne, mehlfeine Sand sich bewegt, obgleich man kaum einen Luftzug spürt! Der Sandstaub wird in jede Spalte und in jede Ritze getrieben; man sieht das an den andern Steinen überall. Hier aber bei, an, in und auf dem Steinhaufen bemerkt man nicht eine Spur des Sandes. Der Haufen ist nicht vierzehn Tage alt. Ja, ich möchte behaupten, daß er nicht drei, nicht zwei Tage alt ist. Vielleicht ist er gar erst heute errichtet worden, um – Have care! ’sdeath!“

Emery unterbrach sich und stieß diese englischen Alarmrufe aus, weil es in diesem Augenblicke ganz plötzlich von wilden Gestalten um uns wimmelte, welche sich auf uns und unsere Pferde warfen, sodaß wir nicht zu den Tieren und unsern Gewehren konnten. Ich riß zwar schnell meine Revolver aus dem Gürtel, wurde aber ebenso rasch von sechs, acht, neun Männern von hinten und vorn, von den Seiten und an den Armen gepackt. Ich wendete meine ganze Kraft an und machte mir auch wirklich die Arme frei. Schon glaubte ich schießen zu können; zwölf Revolverkugeln mußten mir unbedingt Luft machen; da aber riß mir einer, der sich gebückt hatte, die Füße nach hinten; ich stürzte nieder und hatte sofort die ganze Rotte auf mir liegen. Es kamen noch mehrere. Sie entwanden mir die Revolver; sie zogen mir das Messer aus dem Gürtel; sie banden mich – ich war gefangen.

Im Niederstürzen hatte ich gesehen, daß unser Führer frei davongaloppierte, und nun wußte ich mit einem Male, daß er uns verraten hatte. Rechts von mir lag Krüger-Bei und noch näher Emery, beide ebenso gefesselt, wie ich. Der letztere rief mir englisch zu:

„Wir sind Esel gewesen; der Führer ist der Verräter. Aber nur getrost! Man will uns, wie es scheint, nicht an das Leben. Das giebt uns Zeit. Winnetou wird sich auf unsere Spur werfen und nicht von ihr lassen, bis er bei uns ist!“

Es waren wohl an die fünfzig Menschen, welche uns überrumpelt hatten; sie waren hinter den umliegenden Felsblöcken versteckt gewesen, ohne daß wir die leiseste Spur von ihnen bemerkt hatten. Einer von ihnen, wohl der Anführer, sagte zu Krüger-Bei:

„Du bist es, den wir wollten; aber die beiden andern nehmen wir auch mit, und morgen fangen wir dein ganzes Heer, um es zu vernichten, wenn der Pascha uns nicht Kamele, Pferde, Schafe und andere Nahrung für das Leben der Soldaten giebt. Fort mit ihnen, schnell, ehe sie vermißt werden!“

Man zwang uns, auf unsere Pferde zu steigen und band uns auf dieselben fest; dann ging es fort, nach Südwest, immer zwischen Felsen hindurch, bis nach über zwei Stunden das Warr zu Ende war.

Ich hätte mich am liebsten ohrfeigen mögen; aber einesteils waren mir die Hände gebunden und andernteils pflegt man eine solche Selbstzüchtigung doch lieber zu unterlassen. Meine Waffen, meine schönen, guten Waffen waren fort. Dort, der Anführer, ein Kerl, der das Gesicht eines Affen hatte, hatte sie an sich genommen. Es stand fest, daß es Uled Ayar waren, die uns festgenommen hatten.

Emery hoffte auf Winnetou. Ja, ich traute dem Apatschen mehr als jedem andern und dazu alles mögliche zu, aber was konnte er thun, da er des Arabischen nicht mächtig war! Es gab ja keinen Menschen, mit dem er sich verständigen konnte. Aber dennoch fiel es mir nicht ein, das Spiel verloren zu geben. Emery hatte recht; man schien unser Leben schonen zu wollen, denn keiner der Angreifer hatte von irgend einer Waffe Gebrauch gemacht. Das mußte uns beruhigen. Dann gab es einige gute Trümpfe, welche wir ausspielen konnten: Elatheh, die wir gerettet hatten, und die gefangenen Uled Ayun, welche wir ihren Todfeinden ausliefern wollten; durch sie kamen die letzteren ja zu dem, was sie, wie ich gehört hatte, zu haben wünschten.

Unlieb war mir nur, daß man uns drei getrennt hatte. Ich wurde vorn, der Oberst in der Mitte und Ernery am Ende des kleinen Zuges gehalten, sodaß wir nicht miteinander sprechen konnten. Ich blickte fleißig nach Ost hinüber, wo unsere Leute sich bewegen mußten, konnte aber, obgleich die Gegend eben und jetzt von Felsen vollständig frei war, nichts von ihnen bemerken. Jedenfalls waren wir ihnen zu lange weggeblieben, und sie hatten Halt gemacht, um nach uns zu suchen. Leider war ich überzeugt, daß der Führer sein möglichstes thun werde, sie zu täuschen und irre zu leiten.

Wie der letztere ganz richtig vorausgesagt hatte, gab es jetzt keine Sand- oder Steinwüste mehr; die Ebene war mehr eine Steppe zu nennen, denn es wuchs, wenn auch höchst spärlich, Gras auf derselben. Es wurde jetzt östlich eingelenkt und Galopp geritten. Erst Südwest und dann nach Osten; es war klar, daß man einen Umweg gemacht hatte, um etwaige Verfolger irre zu führen.

Die Sonne senkte sich dem Westen zu; in vielleicht drei Viertelstunden war die Dämmerung zu erwarten. Da hob sich nach und nach der Boden, und rechter Hand tauchten Höhen auf. Zwei von ihnen traten besonders charakteristisch hervor, obgleich sie weit hinten lagen. Das mußten mächtige Bergstöcke sein, das heißt, was man hier in einem so ebenen Lande so nennen kann. Täuschte ich mich nicht, so waren es die beiden Berge von Magraham. Da führte aber unser Weg nicht nach den Ruinen, welche unser Ziel gewesen waren. Die Uled Ayar mußten dieselben verlassen und sich nach der Gegend von Magraham gewendet haben.

Wir hatten einen großen Bogen gemacht, und wenn ich richtig vermutete, so lag das Warr, in welchem wir uns noch vorhin befunden hatten, nicht weiter als eine gute Reitstunde nördlich von uns. Das war mir von Bedeutung. Es kommt überhaupt unter Umständen sehr viel darauf an, sich die Gegend genau einzuprägen, und dies that ich denn auch sehr sorgfältig.

Nun sahen wir eine ganz eigenartige Berggestaltung vor uns. Eine kompakte Masse stieg rechts und links allmählich zu bedeutender Höhe an und war in der Mitte tief bis herunter auf die Steppe eingeschnitten. Es sah aus, als ob ein Riese, ein gigantisches Wesen sich ein Brot gebacken, es hierher gelegt und dann mit einem mehrere Kilometer langen Messer bis ganz nach unten durchschnitten und nachher die beiden Hälften ein wenig auseinander gerückt habe. Die beiden Seiten waren leicht zu ersteigen, die zwischen ihnen liegende Kluft oder der zwischen ihnen liegende Paß aber schwerlich, denn ich sah ganz deutlich, daß die Wände desselben fast lotrecht abfielen.

„Der Paß wird von großer Bedeutung für euch werden.“

So sagte ich mir gleich, als ich ihn erblickte, und die Vermutung sollte schon in der nächsten Nacht zur Wahrheit werden. Die Uled Ayar ritten auch gerade auf denselben zu.

Noch ehe wir ihn erreichten, drehte ich mich um und musterte den Gesichtskreis nach der Richtung, aus welcher wir gekommen waren. Irrte ich mich nicht, so gab es da draußen, weit draußen, einen kleinen, hellen Punkt, welcher nur die scheinbare Größe einer Erbse hatte. Das war jedenfalls ein Haïk, ein heller Burnus, und eine Ahnung, welche sich später bewahrheitete, sagte mir, daß dies Winnetou sei. Er war unserer Spur gefolgt, hatte also ganz denselben Umweg gemacht als wir und mußte uns besser sehen als ich ihn, da wir fünfzig Männer waren, die alle weiße Burnusse trugen. Daß er, hier angekommen, höchst vorsichtig sein und sich auf keinen Fall sehen lassen werde, davon konnte ich bei einem Manne, wie der Apatsche war, vollständig überzeugt sein. Es ahnte mir, daß er uns oder doch wenigstens mich, trotz aller Gefahr, welche dabei unvermeidlich war, sehr bald herausholen werde.

Jetzt gelangten wir in den Paß, und ich erkannte allerdings, daß die Wände wie mit einem Messer glatt geschnitten waren. Da hinauf konnte wohl niemand klettern. Wir waren kaum fünf- oder sechshundert Schritte da hineingeritten, so tauchte das eigenartige Treiben eines kriegerischen Beduinenlagers vor uns auf.

Ich sah Zelte, zwischen denen sich viele Gestalten bewegten. Hier und da war dürres Holz aufgeschichtet, um am Abende zu Feuern verwendet zu werden. Hunderte und noch mehr Menschen kamen uns entgegengerannt, um ihre siegreichen Stammesgenossen mit echt orientalischem, das heißt überschwenglichem Jubel zu begrüßen. Hinter den Zelten lagerten Soldaten, welche, wie ich bemerkte, von Wachen beaufsichtigt wurden, und noch weiter hinten erblickte ich eine große Menge von Pferden. Nur Männer waren zu sehen, kein einziges weibliches Wesen. Wir befanden uns also wirklich in einem Kriegslager, und die Soldaten, welche da hinten bewacht wurden, waren Gefangene, gehörten zu der umzingelten Schwadron, welche, wie ich nun wußte, sich hatte ergeben müssen. Ich war nun auch darauf gefaßt, den Kolarasi Kalaf Ben Urik oder, wie er eigentlich hieß, den falschen Spieler und Mörder Thomas Melton zu sehen. Daß er mich als Gefangenen sehen sollte, ärgerte mich gewaltig, doch tröstete ich mich mit der Beruhigung, daß er ebenfalls Gefangener sei. Da aber hatte ich mich freilich ganz gehörig geirrt.

Geradezu unbegreiflich war es mir, daß die Uled Ayar hier in dem engen Passe ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wie ich zu meinem Schaden überzeugt worden war, kannten sie die Annäherung unserer Truppen ganz genau. Wie nun, wenn diese sich teilten und zu gleicher Zeit von vorn und von hinten in den Paß eindrangen? In diesem Falle waren die dazwischen sich befindenden Ayar verloren, da sie doch nicht, um sich zu retten, die steilen Felswände hinauflaufen konnten. Ich sollte aber gleich nachher hören, warum sie sich hier so sicher fühlten.

Es läßt sich leicht denken, welche Blicke uns von allen Seiten zugeworfen wurden, und noch schlimmer waren die Schimpf- und Hohnrufe, welche wir zu hören bekamen. Es war am besten, gar nicht darauf zu achten.

Hart an der linken Wand der Schlucht stand ein ungewöhnlich großes Zelt, welches mit einem Halbmonde und andern Zieraten geschmückt war, jedenfalls das Zelt des Scheikes. Nach diesem wurden wir von sechs Reitern, während die andern zurückblieben, gebracht. Die sechs stiegen, dort angekommen, von den Pferden, banden uns los und forderten uns auf, auch abzusteigen. Vor dem Zelte saß auf einem Teppiche ein alter Mann mit langem, grauem Barte, der ihm ein sehr ehrwürdiges Aussehen verlieh. Indem er uns beobachtete, that ich dasselbe mit ihm. Sein Auge blickte scharf aber offen, und sein Gesicht war dasjenige eines Mannes, dem man Vertrauen schenken, ja den man vielleicht auch lieben kann. Daß er in hohem Ansehen bei den Seinen stand, bewies die respektvolle Scheu seiner Krieger, welche in ehrfurchtsvoller Entfernung standen, um uns zu betrachten, Er hatte eine lange Pfeife in der Hand, aus welcher er rauchte.

Der Kerl mit dem Affengesichte übergab ihm meine Waffen, auch diejenigen von Emery und Krüger-Bei, welche andere getragen hatten, und schien ihm dann Bericht zu erstatten, denn sie sprachen längere Zeit halblaut miteinander. Während dieser Pause standen wir wartend da. Als dieselbe zu Ende war, entfernte sich der Berichterstatter mit den fünf andern Beduinen; sie nahmen die Pferde mit. Nun wollte Krüger-Bei nicht länger stehen und trat auf den Scheik zu, indem er sagte:

„Wir beide kennen uns. Du bist Mubir Ben Safa, der oberste Scheik der Uled Ayar. Ich grüße dich!“

Der Scheik antwortete:

„Ja, ich kenne dich, aber ich grüße dich nicht. Wer sind die beiden andern?“

„Das ist Kara Ben Nemsi aus dem Belad el Alman, und dieser ist der Behluwan-Bei aus dem Belad el Inkelis.“

„Du hast noch so einen Fremden bei dir gehabt aus dem Belad el Amierika?“

„Ja. Woher weißt du das?“ fragte der Oberst erstaunt.

„Ich weiß alles, aber woher, das geht dich nichts an. Wo ist dieser Amierikani?“

„Bei meinen Leuten.“

„Das ist schade! Es ist jemand hier, der ihn sehr gerne sehen wollte.“

Damit war natürlich Melton gemeint, welcher sich, wie ich vermutete, hinten bei den gefangenen Soldaten befand. Aber die Vermutung war falsch, denn soeben kam mit schnellen Schritten ein langer, hagerer Beduine daher, dem der Scheik entgegenrief:

„Ist er begraben?“

„Noch nicht ganz,“ antwortete der andere. „Das Loch ist noch zuzuschütten; ich bin so früh davongelaufen, weil ich hörte, daß der Streich, den ich dir vorgeschlagen habe, geglückt sei. Wo ist der Fremde aus dem Lande Amierika?“

„Er ist nicht mit dabei.“

Jetzt trat der Mann heran. Kaum erblickte ihn Krüger-Bei, so rief er in höchster Überraschung aus:

„Kalaf Ben Urik, mein Kolarasi! Du bist gefangen?“

„Nicht gefangen, sondern frei!“ meinte der andere stolz.

„Frei? Dann werde auch ich sofort frei sein, denn ich vermute, daß –“

„Schweig!“ fiel ihm der Verräter in die Rede. „Erwarte keine Hilfe von mir! Mit dir habe ich nichts mehr zu schaffen, denn –“

Er hielt mitten in der Rede inne und fuhr einige Schritte zurück. Sein Auge war auf mein Gesicht gefallen. Er erkannte mich, sowie ich ihn erkannt hatte, aber er traute seinen Augen nicht, sondern fragte den Scheik fast atemlos:

„Hat dieser Gefangene dir seinen Namen gesagt?“

„Ja. Er heißt Ben Nemsi aus dem Belad el Alman.“

Da platzte er in englischer Sprache los:

„All devils! So habe ich doch richtig gesehen, obgleich es geradezu unglaublich ist! Old Shatterhand! Ihr seid Old Shatterhand?“

Ich lächelte ihm ruhig entgegen und antwortete zunächst nicht. Er fuhr fort:

„Old Shatterhand! Ist so etwas zu glauben? Und doch! Man sprach ja schon damals davon, daß Shatterhand auch in der Sahara gewesen sei. Mann, wenn ich Euch nicht für einen Feigling halten soll, so redet! Seid Ihr der Mann, dessen dreimal verfluchten Namen ich soeben genannt habe?“

Er legte mir dabei die Hand auf die Achsel. Ich schüttelte sie ab und antwortete:

„Thomas Melton, mäßigt Eure Wonne! So oft Old Shatterhand auf Eure Fährte geraten ist, hat es für Euch keinen Grund zum lauten Jubel gegeben!“

Also Ihr seid Old Shatterhand! Und Ihr seid mit Krüger-Bei, dem alten, verrückten deutschen Landstreicher, gekommen, die Uled Ayar zur Raison zu bringen! Na, freut Euch! Euch soll es so wohl wie möglich werden! Denkt Ihr noch zuweilen an Fort Uintah?“

„Sehr oft!“ antwortete ich mit einer Miene, als ob mir soeben gesagt worden sei, daß ich die allerschönste Tochter des großen Moguls zur Frau bekommen solle. „Wenn ich mich recht besinne, so mußtet Ihr Euch aus gewissen und auch sehr triftigen Gründen dort ein wenig unsichtbar machen.“

„Und denkt Ihr dann auch an Fort Edward?“

„Ebenso. Wie mir scheint, habe ich Euch dort oder so dort herum einmal liebevoll beim Schopfe genommen.“

„Ja, Ihr habt mich durch die Wälder und Prairien dahingejagt wie einen tollen Hund, den man erschießen und dann so tief wie möglich einscharren muß. Das war eine Hetze! Aber Ihr begingt die Dummheit, mich nicht selbst abzuurteilen und gleich aufzuknüpfen! ihr liefertet mich menschenfreundlich der Polizei aus, und diese war dann auch so christlich gesinnt und so kindlich naiv, mir ein Loch zu lassen, durch welches ich kriechen konnte. Seit jener Zeit ist mir Euer heißgeliebter Anblick entzogen worden. Ich habe nach ihm geschmachtet zum Herzbrechen, und Ihr könnt Euch denken, mit welcher Wonne ich Euch hier so plötzlich wie durch ein Wunder wiedersehe und wie innig und liebevoll ich Euch in meine Arme schließen werde. Ich sage Euch, Sir, Ihr sollt vor lauter unbeschreiblichem Glück vergehen wie ein Baum im Savannenbrande. Ich bin Euch noch viel mehr Dank schuldig, als Ihr meint, daß ich weiß. Könnt Ihr Euch vielleicht auf meinen Bruder Harry besinnen?“

„Ja. Ich kenne Eure liebe Familie überhaupt besser, als Ihr ahnt und als es für sie wünschenswert ist.“

„Well, wollen das abwarten! So denkt Ihr wohl zuweilen an die Hazienda del Arroyo zurück?“

„Die Euer Bruder anzünden und verwüsten ließ? Ja.“

„Wohl auch an das Bergwerk Almaden alto?“

„Wo ich Euern Bruder gefangen nahm? Ja.“

Er hat damals durch Euch sein ganzes Vermögen verloren. Er hatte es versteckt, und als er später wiederkam, war es nicht mehr da. Ein vermaledeiter Indianer muß es im alten Schachte gefunden haben!“

„Da irrt Ihr Euch. Ich habe es damals gleich mitgenommen und an die armen deutschen Emigranten verteilt, denen er so übel mitgespielt hatte.“

„Thunder-storm! Ist das wahr? Na, ich werde es Euch so reichlich danken, daß es Euch in allen Gliedern reißen soll. Wäre doch mein Bruder hier! Welche Seligkeit für ihn, Euch hier gefangen und in meiner Gewalt zu wissen! Aber am Ende habt Ihr ihn bisher für tot gehalten?“

„Allerdings.“

„Seid doch so gut, und laßt Euch nicht auslachen! Ihr hattet ihn den Indianern überantwortet, die mit ihm kurzen Prozeß machen sollten, sowie Ihr mir heute von den Uled Ayar ausgeliefert werdet; aber er entkam ihnen doch und befindet sich jetzt so wohl und munter, daß es Euch gewiß herzlich freuen wird, es jetzt von mir zu erfahren. Nebenbei bemerkt, müßt Ihr Euch recht rasch freuen, denn es ist Euch nur wenig Zeit geboten. Spätestens morgen werdet Ihr ein toter Mann sein.“

„Pshaw!“ lachte ich so herzlich wie möglich.

Ich that dies, um ihn zu reizen, denn ich hoffte, von ihm etwas über den Kriegsplan der Uled Ayar zu hören. Wenn es mir gelang, ihn aufzuregen, vergaß er sich vielleicht.

„Lacht nicht!“ warnte er. „Ich sprach im Ernste!“

„Und dennoch lache ich, denn ich bezweifle noch sehr, daß ich mich in Eurer Gewalt befinde. Und selbst wenn dies der Fall wäre, würde das, was Ihr Euch einbildet, nicht so leicht oder billig auszuführen sein.“

„Wohl weil Ihr Old Shatterhand seid und ich mich vor Euch fürchte?“

„Nein, obgleich ich zugebe und auch schon oft bewiesen habe, daß Old Shatterhand noch mit ganz andern Verhältnissen, als die heutigen sind, und auch mit ganz andern Menschen, als Ihr seid, fertig geworden ist. Ich brauche zu meiner Befreiung nichts zu thun, denn die Truppen, mit denen ich gekommen bin, werden für mich sorgen.“

„Und ich sage Euch: Ehe sie kommen, seid Ihr tot!“

„Dann werden sie mich an Euch rächen, denn ich bin vollständig überzeugt, daß sie siegen werden.“

Da schlug er ein lautes Gelächter auf und rief-

„Welch eine Treuherzigkeit und Arglosigkeit!“

„Lacht nur. Unsere Soldaten werden euch zu Paaren treiben!“

„Oho! Als ob ich die Memmen nicht besser kennte als Ihr! Ich will Euch sagen, wie es kommen wird.“

Jetzt war er da, wo ich ihn haben wollte. Dennoch unterbrach ich ihn, natürlich nur, um ihn zu reizen:

„Behaltet es für Euch! Ich weiß es besser als Ihr. Ihr seid so unverantwortlich leichtsinnig gewesen, Euch hier in dieser Schlucht, die eine wahre Falle ist, festzusetzen. Morgen, spätestens Mittag, werden unsere Truppen kommen und Euch in derselben einschließen; da giebt es dann kein Entkommen!“

„Das sagt Ihr mir? Seht Ihr denn nicht ein, was für eine ungeheuerliche Thorheit Ihr begeht, wenn Ihr mir das sagt? Gesetzt, wir wären wirklich so unvorsichtig gewesen, so blind in die Falle zu gehen, wie Ihr denkt, so hättet Ihr mich doch durch Eure Bemerkung auf die Gefahr, in welcher wir schwebten, aufmerksam gemacht, und wir würden uns derselben schleunigst entziehen.“

„Zounds!“ stieß ich hervor und machte dabei ein Gesicht wie einer, welcher soeben einsieht, daß er einen gewaltigen Pudel geschossen hat.

„Ah, ich sehe, daß Ihr erkennt, was für ein Pfiffikus Ihr seid. Aber sorgt nicht um uns! Wir sind in die Schlucht gegangen, weil wir da versteckt liegen und nicht gesehen werden können. Auch können wir hier unsere Feuer brennen, ohne daß es unserer Sicherheit Schaden bringt. Aber morgen früh werden wir die Stelle verlassen, nämlich nur die Hälfte von uns, denn die übrigen werden bleiben und sich so weit nach hinten in den Paß ziehen, daß sie nicht gesehen werden.

Die andern aber verlassen, wie gesagt, die Schlucht und verbergen sich draußen, außerhalb derselben. Dann kommen Eure tapfern Soldaten und reiten in die Schlucht, die nun für sie zur Falle wird, denn sobald sie in dieselbe eingedrungen sind, kommen ihnen die außen postierten Uled Ayars nach und drängen sie auf ihre im Hintergrunde wartenden Gefährten. Ein Kind muß einsehen, daß es dann für Eure Leute keine andere Rettung giebt als Ergebung auf Gnade und Ungnade!“

Jetzt wußte ich, was ich wissen wollte, doch stellte ich mich überzeugt und machte ein möglichst verlegenes Gesicht. Dann ließ ich es schnell wieder hell werden und sagte:

„Die Berechnung würde ganz gut sein, wenn es gewiß wäre, daß die Soldaten auch in die Falle reiten.“

„Sie werden es; darauf könnt Ihr Euch verlassen; es ist dafür gesorgt! Der Führer, nach dessen Weisungen Ihr Euch mit so großem Vertrauen gerichtet habt, steht mit mir im Bunde. Er hat Euch heute nach dem Wasser gebracht; ich war gestern abend bei Eurem Lager und habe ihm das befohlen, um Eure Truppe führerlos zu machen. Ebenso wird er dieselbe morgen in die Schlucht bringen.“

„Wetter! Aber Ihr seid doch Offizier und solltet zu Krüger-Bei halten!“

„Unsinn! Ich habe mich lange Zeit vor ihm geduckt und um seine Gunst gebuhlt, habe jetzt aber wichtigere Dinge vor und ganz andere Aussichten. Ich gehe nach den Vereinigten Staaten zurück und will die Gelegenheit benutzen, eine gut gefüllte Tasche mitzunehmen. Ich habe mich mit Absicht umzingeln lassen; ich habe mit voller Überlegung dem Scheik der Uled Ayar meine Soldaten zugeführt; ich habe durch meinen Boten Krüger-Bei mit seinen drei Schwadronen herbeigelockt. Die Soldaten gehören dem Scheik; der Pascha mag sie auslösen. Krüger-Bei gehört mir und soll mir für seine Freiheit eine tüchtige Summe bezahlen. Hier steht ein Engländer, und bei Euern Truppen befindet sich ein Amerikaner. Beide müssen mir Lösegeld bezahlen. Und in Euch habe ich durch Zufall den allerwertvollsten Fang gemacht; aber Ihr sollt mir kein Geld einbringen, sondern Ihr werdet sterben – und wie! Alles was Ihr an mir und meinem Bruder verübt habt, wird nun mit einem Male über Euch kommen. Und wißt ihr, warum ich Euch dies alles mit solcher Aufrichtigkeit sage?“

„Nein. Ich finde Eure Offenherzigkeit geradezu unbegreiflich.“

„Um Euch zu beweisen, daß ich meiner Sache vollständig sicher bin. Es giebt keinen Gedanken an Rettung für Euch.“

„Dann aber auch für diesen Engländer und jenen Amerikaner nicht, noch weniger für Krüger-Bei.“

„Wieso?“

„Sobald Ihr das bare Lösegeld oder die Wechsel in den Händen habt, werdet Ihr sie töten oder töten lassen, um nicht von ihnen verraten zu werden.“

„Seht, wie klug Ihr plötzlich geworden seid!“ grinste er mich an. „Was ich thun oder mit ihnen vereinbaren werde, braucht Ihr nicht zu wissen; das ist meine und ihre Sache. Was sie mir zahlen sollen, ist nur ein hübsches Reisegeld. Drüben werde ich dann Geld in Masse finden; dafür ist gesorgt.“

„Wohl durch eine Erbschaft?“ entfuhr es mir halb unfreiwillig und doch auch halb mit Bedacht.

Er lachte mir heiter ins Gesicht und antwortete, ohne zu ahnen, daß ich alles wußte:

„Ja, durch eine Erbschaft, werter Sir! Und nun soll es genug sein mit meiner Aufrichtigkeit. Der Oberst mag bei dem Scheik bleiben; Ihr aber und der Englishman geht mit nach meinem Zelte, wo ich euch so sorgfältig und sicher aufbewahren werde, daß Ihr erstaunen werdet, wie fest meine Riemen und Stricke sind. Nur noch ein Wort zum Scheik.“

Er wendete sich an diesen:

„Krüger-Bei gehört dir einstweilen. Verwahre mir ihn gut! Diese beiden aber nehme ich mit zu mir; sie sind mein Eigentum ebenso wie der Oberst, den ich dir einstweilen lasse, damit du mit ihm über die Bedingungen sprechen kannst, unter denen du seine Soldaten freigeben wirst.“

Emery hatte an meiner Seite gestanden und jedes Wort des Halunken gehört. Dieser nahm jetzt mit der einen Hand ihn und mit der andern Hand mich beim Arme, um uns fortzuführen; da aber forderte ihn der Scheik auf:

„Halt! Du scheinst mit den beiden Männern fertig zu sein, ich aber bin es noch nicht mit dir.“

Das Gesicht des Sprechers hatte einen finstern, fast möchte ich sagen drohenden Ausdruck angenommen. Ich ahnte, er werde es nicht zugeben, daß wir von dem Amerikaner fortgeführt würden, und dies konnte uns nur lieb sein. Für unser Leben war ich zwar keineswegs schon jetzt besorgt, aber es stand fest, daß wir bei ihm mehr auszustehen haben würden, als dann, wenn der Scheik uns bei sich behielt. Um unser Leben hatte ich aus zwei Gründen keine Angst. Ich konnte mich zwar auf Krüger-Bei nicht verlassen, glaubte aber annehmen zu dürfen, daß ich mit Emery gewiß eine Art finden würde, uns zu befreien. Und selbst wenn mich diese Hoffnung getäuscht hätte, so war Winnetou da, auf den ich mich verlassen konnte.

War dieser wirklich da? Ich hoffte es, ja, ich hätte darauf schwören mögen, so genau kannte ich diesen besten und bewährtesten aller meiner Freunde und Genossen. Ich war vollständig überzeugt, daß er der weiße Punkt, den ich gesehen hatte, gewesen war und konnte leicht von dem, was ich an seiner Stelle thun würde, auf das schließen, was er that. Unsere beiderseitigen Ansichten und Gedanken pflegten in solchen Lagen stets dieselben zu sein.

Er hatte unbedingt wahrgenommen, daß wir in den Engpaß einbogen, welcher den Berg in zwei Hälften, eine östliche und eine westliche durchschnitt. Winnetou kam, wie wir, von Westen her; jedenfalls hielt er diesen Paß für ebenso bedeutsam, wie ich ihn, als ich ihn bemerkte, gleich gehalten hatte. Er mußte sehen, wer sich in demselben befand und was in demselben vorging, und hatte auf alle Fälle zu diesem Zwecke seine Richtung geändert und unsere Spur verlassen, um hinauf auf den Berg zu reiten und von der Höhe herab in den Paß herabzublicken. Es war mir, als ob ich ihn dort sehen müsse, wenn ich meinen Blick nach oben richtete. Ich that dies, und wirklich, kaum hob ich das Gesicht empor, so richtete sich da oben, ganz an der Kante des lotrecht abfallenden Felsens, eine Gestalt auf, machte einige augenfällige Armbewegungen und ließ sich dann schnell wieder niederfallen. Er schien in dieser Höhe nur die Größe eines Knaben zu haben, aber ich habe ihn dennoch erkannt. Er war es und hatte mir durch seine Bewegung ein Zeichen gegeben, daß sein Adlerauge uns sah und alles beobachtete. Ich war nun vollständig beruhigt; ich wußte, daß er trotz aller Gefahr, die es für ihn dabei gab, kommen werde, um uns zu befreien. Er blieb ganz bestimmt so lange da, bis er sah, wohin wir geschafft wurden.

„Da oben liegt Winnetou und schaut zu uns herab,“ flüsterte ich Emery zu. „Wenn es hier ruhig geworden ist, wird er kommen.“

„Well,“ antwortete er, ohne sein Auge nach oben zu richten. „Famoser Kerl! Wird uns herausholen!“

Der verräterische Kolarasi hatte sich mit dem Ausdrucke des Erstaunens nach dem Scheik gewendet und denselben gefragt:

„Was hast du mir noch zu sagen?“

„Das, was du nicht zu wissen scheinst, nämlich, daß du dich in einem Lager der Uled Ayar befindest, und daß ich der Anführer dieser Krieger bin.“

„Das weiß ich.“

„Warum benimmst du dich da so, als ob du der Anführer seist? Warum bestimmst du über unsere Gefangenen, als ob sie die deinigen seien?“

„Das sind sie doch auch!“

„Nein. Sie sind von meinen Kriegern ergriffen worden. Wer den Vogel fängt, dem gehört er. Die beiden Männer bleiben ebenso hier bei mir, wie der Herr der Heerscharen hier bleiben wird.“

„Das kann ich nicht zugeben!“

„Ich frage nicht nach dem, was du zugiebst oder nicht. Hier gilt nur mein Wille.“

„Nein! In diesem Falle gilt der meinige!“

Und auf mich deutend, fuhr er fort:

„Du weißt nicht, welches Interesse ich an den Männern habe. Dieser da ist ein entsprungener Verbrecher, welcher viele Mordthaten und andere Sünden auf dem Gewissen hat. Er wollte auch mich und meinen Bruder töten, was ihm aber glücklicherweise nicht gelungen ist. Ich habe also eine Blutrache mit ihm; er ist mir verfallen und gehört nicht euch, sondern mir.“

Da trat ich auf ihn zu, stieß ihm, da ich ihn mit meinen gefesselten Händen nicht züchtigen konnte, mit dem Fuße, daß er hintenüber und zur Erde flog und rief:

„Schurke, du drehst die Verhältnisse um. Du selbst bist der Flüchtling und Mörder, und ich verfolgte dich, um dich der Gerechtigkeit zu überliefern!“

„Hund!“ schrie er, indem er aufsprang und auf mich losstürzte. „Du wagst es, eine solche Lüge gegen mich –“

Er kam nicht weiter. Um mich fassen zu können, mußte er an Emery vorüber, und dieser versetzte ihm ebenfalls einen so gewaltigen Tritt, daß er wieder zur Erde flog, und die Besinnung verlor. Dies geschah so schnell, daß kein Mensch Zeit fand, ihn daran zu hindern. Es hatte aber überhaupt gar nicht den Anschein, als ob, selbst wenn Zeit dazu gewesen wäre, irgend jemand Lust gehabt hätte, dem Kolarasi diese mehr als verdiente Züchtigung zu ersparen.

Ich wollte mich hierauf an den Scheik wenden und eben zu sprechen beginnen, da gab er mir ein Zeichen zu schweigen, und sagte:

„Still! Ich mag nichts hören von dem, was du mir sagen willst. Daß ihr diesen Menschen mißhandeln durftet, ohne daß ich euch dafür bestrafe, mag euch genug sein. Ihr erseht daraus, was ich von ihm denke. Er nennt dich einen Flüchtling und Mörder. Du siehst nicht aus wie ein entflohener Verbrecher, und der Herr der Heerscharen würde keinen solchen in seiner Nähe und an seinem Herzen dulden. Du bist ein Almani, also wohl ein Christ?“

„Ja.“

So kennst du das Leben eures Heilandes, den auch wir für einen Propheten halten?“

„Ja.“

„Er hatte zwölf Jünger und Schüler. Einer davon verriet und verkaufte ihn. Weißt du, wie dieser hieß?“

„Judas Ischariot.“

„Gut! So ein Ischariot ist der Kolarasi, denn er hat seinen Freund und Herrn, den Obersten der Heerscharen, verraten und verkauft. Er scheint eine große Rache auf euch zu haben und würde euch wohl gar töten. Ich kenne ihn. Er ist ein Mörder; ich kann das beweisen, denn erst heut hat er einen Mann erschossen, dessen Freund er war. Euch soll dies nicht geschehen; ich liefere euch ihm nicht aus. Ihr seid nicht seine, sondern meine Gefangenen.“

„Soll ich dir erzählen, warum er meinen Tod wünscht?“

„Jetzt nicht, denn ich habe keine Zeit dazu. Was mit euch geschehen wird, werdet ihr erfahren. Damit ihr nicht entfliehen könnt, werde ich euch gut bewachen lassen, und damit ihr nicht miteinander reden möget, werde ich euch trennen. Jeder von euch kommt in ein anderes Zelt zu liegen. Der Herr der Heerscharen wird hier in dem meinigen bleiben.“

„Ich habe dir aber einige sehr wichtige Dinge mitzuteilen, welche ganz geeignet sind, dir zu beweisen –“

„Jetzt nicht, jetzt nicht,“ unterbrach er mich. „Später, wenn wir mehr Zeit haben, kannst du mir sagen, soviel du willst.“

Er rief zwei seiner Beduinen herbei, erteilte ihnen einige leise Weisungen, und dann wurden wir von ihnen fortgeschafft. Der eine brachte mich in ein Zelt, wo er mir nun auch die Füße band. Dann schlug er einen Pfahl tief in die Erde und befestigte mich mit Stricken an denselben. Dann setzte er sich draußen vor dem Eingange nieder, um mich zu bewachen.

Die Trennung von meinen beiden Gefährten war mir freilich nicht lieb; es ließ sich aber nichts dagegen thun.

Mittlerweile wurde es dunkel und immer dunkler. Der Abend brach herein. Nach dem Abendgebete brachte mir mein Wächter einige Schluck Wasser; zu essen bekam ich nichts. Bemerken muß ich noch, daß er mir alles abgenommen hatte, was sich in meinen Taschen befand.

Durch die Leinwand meines Zeltes bemerkte ich, daß mehrere Feuer brannten, doch ließ man sie bis auf ein einziges, welches während der ganzen Nacht unterhalten werden sollte, bald wieder ausgehen. Der Lärm des Lagers verstummte zeitig; man legte sich früh schlafen, weil morgen noch vor Tagesanbruch der Paß verlassen werden sollte.

Mein Wächter verließ von Zeit zu Zeit seinen Platz vor der Thür und kam herein, um sich zu überzeugen, daß ich noch da sei, und um meine Fesseln zu betasten. Wie es schien, wollte er dies die ganze Nacht so durchführen.

Ich arbeitete mit Eifer an meinen Handfesseln herum und hatte alle Hoffnung, noch vor dem Morgen die Hände aus denselben zu bekommen. Wenn mir dies gelang, war ich gerettet. Aber dessen bedurfte es gar nicht, denn noch war es nicht Mitternacht, als ich ein leises Geräusch an der hintern Seite des Zeltes hörte. Es war so dunkel, daß ich unmöglich etwas erkennen konnte, aber ich sagte mir gleich, daß Winnetou es sei, von dem dieses Geräusch herrührte. Ich horchte.

„Scharlieh, Scharlieh!“ flüsterte es da ganz in meiner Nähe.

Ja, es war Winnetou, denn in dieser Weise pflegte er meinen Vornamen auszusprechen.

„Hier bin ich,“ antwortete ich ebenso leise.

„Natürlich gefesselt?“

„Gefesselt und noch an einen Pfahl gebunden.“

„Kommt dein Wächter herein?“

„Von Zeit zu Zeit.“

„Wie seid ihr gefangen genommen worden?“

Ich erzählte es ihm in kurzen Worten, erklärte ihm auch den Verrat des Kolarasi und fügte hinzu:

„Krüger-Bei ist im Zelte des Scheiks. Wo Emery steckt, werden wir bald erfahren.“

„Ich weiß es, denn ich sah, wohin man ihn schaffte. Er befindet sich auf der entgegengesetzten Seite des Lagers.“

„So schneide mich ab! Wir müssen uns beeilen, die beiden freizumachen.“

„Nein, das werden wir nicht, weil wir damit alles verderben würden. Die Uled Ayar dürfen nicht merken, daß ihr fort seid! Sie würden sofort annehmen, daß wir unsere Soldaten holen, und das würde sie zum sofortigen Aufbruche veranlassen. Also müßt ihr hier bleiben. Sieht das mein Bruder Old Shatterhand ein?“

„Ja. Aber dann muß ich darauf rechnen, daß unsere Soldaten ganz gewiß kommen!“

„Du darfst nicht bloß darauf rechnen, sondern du sollst sie selbst holen.“

„Aber ich darf doch nicht fort! Mein Wächter würde es bemerken und Lärm schlagen.“

„Er wird nichts bemerken, denn ich bleibe an deiner Stelle hier.“

„Winnetou!“ hätte ich beinahe ganz laut ausgerufen. „Welch ein Opfer!“

„Es ist kein Opfer. Wenn ich allein gehe, kann ich nicht mit den Soldaten sprechen. Wenn du mitgehst, entdeckt man es, und der Fang gelingt uns nicht. Wenn aber ich hier bleibe und du gehst, ist es ganz sicher, daß wir sie fangen, denn du wirst sie noch während der Nacht einschließen, sodaß sie am Morgen nicht aus der Schlucht können. Für mich ist keine Spur von Gefahr dabei, daß ich hier bleibe.“

Er hatte recht. Man könnte mich wohl dafür, daß ich dieses sein Anerbieten annahm, verurteilen; aber wir kannten uns und wußten, daß wir uns aufeinander verlassen konnten.

„Gut, ich willige ein,“ erklärte ich. „Bist du bei den Unserigen gewesen, seit wir gefangen genommen worden sind?“

„Nein; ich hatte keine Zeit dazu. Ich mußte vor allen Dingen dich heraus haben.“

„Wie will ich sie finden, da ich nicht weiß, wo sie sind?“

„Wenn du gerade gegen Norden reitest, mußt du auf sie stoßen. Sie haben jedenfalls da, wo die Felsen aufhören, Halt gemacht.“

„Am südlichen Ende des Warr? Das denke ich auch. Du sprichst vom Reiten. Natürlich meinst du auf deinem Pferde?“

„Ja. Wenn du aus der Schlucht kommst, gehst du tausend Schritte gegen Norden; da habe ich es angehobbelt. Meine Waffen hängen am Sattel; nur das Messer habe ich mit.“

„Das behältst du auch, um für alle Fälle etwas zur Verteidigung zu haben. Wie aber, wenn der Wächter hereinkommt und dich anspricht! – Du kannst ja nicht antworten!“

„Ich werde schnarchen, damit er denkt, ich schlafe.“

„Gut! Hoffentlich dauert es nicht lange, bis ich wieder da bin. Soll ich dir vielleicht ein Zeichen geben?“

„Ja. Drei Schreie eines Geiers.“

„Gut! Also binde mich los! Dann fessele ich dich; aber so, daß du dir die Hände leicht frei machen kannst.“

Dies geschah; dann verabschiedete ich mich von dem Apatschen und kroch zum Zelte hinaus. Das war nicht schwer. Die Leinwand war mit Hilfe von Schnüren unten an der Erde an die Zeltstangen festgebunden. Winnetou hatte zwei Schnüre aufgelöst und die Leinwand so weit emporgehoben, daß er hatte ins Zelt kriechen können. Ich kam auf dieselbe Weise hinaus und band die Schnüre wieder fest. Ich war frei, ohne daß mein Wächter eine Ahnung davon hatte.

Nun, eigentlich frei war ich allerdings noch nicht, denn ich hatte erst noch einen großen Teil des Lagers zu durchschleichen; aber ich wußte doch, daß es niemanden gelingen werde, mich zu fangen.

Der junge Mond stand am Himmel, obgleich ich ihn hier in der tiefen Schlucht nicht sehen konnte. Es war ziemlich hell, doch sah ich keinen Menschen, der noch wach und munter war. Die Schläfer lagen in Gruppen, welche leicht zu vermeiden waren, beisammen. Ich kroch schlangengleich auf der Erde hin und hatte schon nach einer Viertelstunde die letzten Uled Ayar hinter mir. Da stand ich auf und lief.

Die Beduinen fühlten sich wirklich vollständig sicher. Sie hatten nicht einmal am Ausgange des Passes einen Wachtposten aufgestellt. Nun tausend Schritte nordwärts. Schon nach achthundert Schritten sah ich das Pferd, denn hier im Freien war es bedeutend heller, als drin in dem tiefen Engpasse. Ich stieg auf und ritt davon, indem ich mich erst jetzt vollständig sicher fühlen konnte, da ich ein Pferd und Winnetous vortreffliche Waffen hatte.

Nun ging es im Galoppe immer weiter nach Norden. Der Mond stand im Anfange des ersten Viertels, schien aber so hell, daß ich eine ziemlich weite Aussicht hatte. Nach einer Stunde erreichte ich die ersten Felsblöcke, welche den Beginn des Warr bedeuteten. Es galt, unser Lager zu finden, was hier zwischen den Felsen weit schwerer war, als auf der offenen Steppe. Ich nahm die Silberbüchse des Apatschen und gab einen Schuß ab, nach einer kleinen Weile einen zweiten. Als ich nun horchte, hörte ich nach vielleicht einer halben Minute zwei Schüsse als Antwort; sie fielen westlich von mir. Ich schlug diese Richtung ein und traf bald auf mehrere Soldaten. Als man im Lager meine Schüsse gehört hatte, war man der Ansicht gewesen, daß Winnetou zurückkehre. Man hatte auch zweimal geschossen, um ihm die Richtung anzudeuten, und außerdem noch Leute ausgesandt, ihm entgegenzugehen. Sie erstaunten, an seiner Stelle mich zu sehen, doch unterließ ich es, ihnen Auskunft zu geben, denn meine Zeit war kostbarer, als daß ich sie damit hätte vergeuden mögen.

Im Lager wurde ich jubelnd empfangen. Ich fragte sofort nach dem Führer; er wurde gerufen und zeigte, als er kam, nicht eine Spur von Angst, oder auch nur Verlegenheit.

„Du weißt, wie wir gefangen genommen worden sind?“ fragte ich ihn.

„Ja, o Herr. Ich war ja dabei.“

„Was mag wohl der Grund gewesen sein, daß gerade nur du entkamst?“

„Daß ich auf dem Pferde sitzen geblieben war. Es trug mich schnell davon.“

„Hm, ja! Was thatest du dann?“

„Ich meldete eure Gefangennahme.“

„Und dann?“

„Suchten wir euch im Warr.“

„Warum denn da?“

Es war anzunehmen, daß die Uled Ayar sich mit euch in demselben verstecken würden.“

„Und ihrer Spur folgtet ihr nicht?“

„Das wäre überflüssig gewesen, weil dein Freund, welcher Ben Asra heißt, dies schon that.“

„Ah, darum hieltet ihr es für überflüssig! Wenn einer ein gutes Werk thut, dürfen andere dasselbe nicht auch thun, weil es überflüssig ist. Du hast sonderbare Gründe. Aber der eigentliche Grund ist ein anderer. Wo hatten die Uled Ayar wohl gesteckt, als sie uns überfielen?“

„Hinter den Felsen.“

„Dort hatten sie auf uns gewartet. Sie mußten also wissen, daß wir kommen würden. Sie erfuhren es von einem, der es gewußt hat, daß du uns an das Wasser führen würdest. Wer hat es noch gewußt?“

„Niemand!“

„Ja, niemand außer dir. Folglich bist du es gewesen.“

„Ich? Allah, Allah! Welch ein Gedanke! Habe ich nicht bewiesen, daß ich treu bin! Bin ich nicht nach Tunis geritten, um Hilfe zu holen?“

„Du willst sagen, um den Uled Ayar noch mehr Soldaten in die Arme zu treiben! Wer war der Reiter, mit dem du gestern um Mitternacht in der Nähe unsers Lagers gesprochen hast?“

Diese Frage hatte er nicht erwartet. Er blieb vor Schreck stumm.

„Antworte!“ befahl ich ihm.

„Herr, auf – auf eine – auf eine solche Frage – kann ich nicht antworten,“ stotterte er.

„Du kannst antworten! Wer war es?“

„Ich habe mit niemanden gesprochen. Ich habe das Lager nicht verlassen.“

„Lüge nicht! Du hast mit dem Kolarasi Kalaf Ben Urik gesprochen und mit ihm beredet, uns den Uled Ayar auszuliefern.“

„Maschallah! Herr, sage mir, wer mich in dieser Weise verleumdet hat, damit ich ihn auf der Stelle niederschieße!“

„Sprich nicht vom Schießen, denn du selbst wirst es sein, der erschossen wird. Die Kriegsgesetze verlangen deinen Tod.“

„Herr, ich bin unschuldig! Ich weiß –“

„Schweig!“ herrschte ich ihn an. „Du hast nach unserm Verschwinden als Führer die Nachforschungen geleitet, und mit Absicht nicht auf unsere Spuren geachtet. Der Kolarasi hat mir selbst gesagt, daß er mir dir im Bunde steht.“

„Der Schurke! Er ist –“

„Still! Du bist ein Verräter und wolltest uns alle ans Messer liefern. Entwaffnet den Halunken und bindet ihn! Der Herr der Heerscharen wird ihm morgen sein Urteil sprechen.“

Die Leute waren so erstaunt, den Unteroffizier, welcher bisher ein so großes Vertrauen genossen hatte, eines solchen Verbrechens angeklagt zu sehen, daß sie versäumten, meinen Befehl auszuführen. Dies machte er sich zunutze, indem er ausrief.

„Mein Urteil? Eher soll das deinige gesprochen werden, und zwar jetzt gleich, du verfluchter Giaur!“

Er zog sein Messer und wollte es mir in die Brust stoßen, um dann zu entrinnen. Ich hatte Winnetous Gewehr in der Hand, parierte mit demselben den Stoß und griff nach dem Verräter. Er huschte mir aber unter dem Arme weg und eilte davon, der Stelle zu, an welcher die Pferde standen. Die Anwesenden waren alle so perplex, daß es keinem einfiel, ihn zu verfolgen. Auch ich blieb stehen; aber ich legte die Silberbüchse zum Schusse an.

An dem Manne lag mir ganz und gar nichts. Er hätte immerhin entkommen mögen; aber es war mit Sicherheit anzunehmen, daß er sich direkt nach der Schlucht zu den Uled Ayar wenden würde und das mußte unbedingt verhindert werden. Die Felsblöcke verhinderten die Aussicht auf die Pferde; aber wenn er aufstieg, saß er so hoch, daß seine Gestalt über die Felsen ragen mußte. Darauf wartete ich. Das Schnauben eines Tieres war zu hören, dann Hufschlag. Er war aufgestiegen. Da drüben ritt er hin. Ich sah seinen Kopf und seine Schultern; ich zielte auf die rechte Schulter und drückte ab. Der Schuß krachte; ein Schrei ertönte, und der Reiter verschwand.

„Ich habe ihn vom Pferde geschossen,“ sagte ich, indem ich das Gewehr absetzte. „Eilt hin, und holt ihn her zu mir!“

Viele rannten fort. Als sie ihn brachten, war er ohnmächtig.

„Der Hekim mag ihn verbinden; dann wird er gefesselt,“ gebot ich. „Er darf nicht aus den Augen gelassen werden.“

„Warum fesseln?“ ertönte da eine Stimme hinter mir. „Der Mann schien brav zu sein und hat sich gut geführt. Wer wird eines Verdachtes wegen einen Menschen erschießen!“

Diese Worte waren in englischer Sprache gesprochen worden, und als ich mich umdrehte, stand der falsche Hunter da. Der kam mir eben recht!

„Sie tadeln mich?“ fragte ich ihn in derselben Sprache. „Dazu haben Sie kein Recht.“

„Haben Sie Beweise für die Schuld dieses Unteroffiziers?“

„Ja.“

„So mußten Sie ihn anzeigen, damit er vor ein Kriegsgericht gestellt werde! Sie hatten auf alle Fälle kein Recht, auf ihn zu schießen!“

„Pshaw! Ich weiß stets, was ich thue. Ich werde das, was ich gethan habe und noch thun werde, vor Krüger-Bei verantworten. Wie kommt es, daß Sie sich eines Verräters so warm annehmen?“

„Es muß bewiesen werden, daß er einer ist!“

„Es ist schon erwiesen. Ich habe allerdings in letzter Zeit bemerkt, daß Sie eine ganz besondere Neigung zu diesem Manne gefaßt und sich besonders in heimlicher Weise viel mit ihm beschäftigt haben. Jetzt verteidigen Sie ihn, ohne dazu berufen worden zu sein. Können Sie mir den Grund dazu angeben?“

„Ich habe mich vor Ihnen nicht zu rechtfertigen! Was ich lasse oder was ich thue, das geht Sie gar nichts an!“

„So! Das ist Ihre Meinung; die meinige klingt aber anders. Soll ich Ihnen sagen, warum Sie eine ebenso heimliche wie innige Freundschaft mit diesem Verräter geschlossen haben?“

„Dies zu sagen, würde Ihnen wohl sehr schwer werden!“

„Kinderleicht! Er macht das Bindeglied zwischen Ihnen und dem Kolarasi Kalaf Ben Urik, den Sie befreien wollen.“

„Wenn es das ist, so bedaure ich es jetzt sehr, Sie in mein Vertrauen gezogen und ihnen soviel mitgeteilt zu haben!“

„Dann bedauern Sie vielleicht das noch mehr, was ich von andern außerdem noch weiß, daß Sie einen gewissen Thomas Melton kennen.“

„Tho – mas – Mel – ton!“ stieß er silbenweise hervor.

Wenn es Tag gewesen wäre, hätte ich gewiß gesehen, daß er leichenblaß geworden war.

„Ja. Sie leugnen doch nicht, diesen Mann zu kennen, wenigstens von ihm gehört zu haben?“

Wenn ich diesen Namen brauchte und eine solche Frage aussprach, mußte ich allerdings etwas wissen. Daß ich aber alles wußte, hielt er natürlich für unmöglich. Abzuleugnen wäre ein großer Fehler gewesen; darum antwortete er:

„Es kann mir gar nicht einfallen, in Abrede zu stellen, daß ich diesen Namen gehört habe. Aber was geht das Sie an?“

„Nur sehr wenig, wie Sie gleich hören werden. Wissen Sie, wer Thomas Melton war?“

„Ja, ein Westmann.“

„Und nebenbei ein falscher Spieler und ein Mörder.“

„Mag sein; mich kümmert das nicht.“

„Das wundert mich, denn ich weiß, daß Sie die famose Geschichte vom Fort Uintah kennen.“

„Und Sie kennen sie auch?“ fragte er unbedacht, denn er gab damit zu, daß er sie in Wirklichkeit kannte.

„Ein wenig,“ fuhr ich fort. „Er hatte auch damals falsch gespielt und wurde ertappt; es kam zum Streite, und er erschoß infolgedessen einen Offizier und zwei Soldaten. War es nicht so?“

„Ich denke,“ antwortete er mit scheinbarer Gleichgültigkeit.

„Dann tauchte er in Fort Edward auf, wie Sie wohl auch wissen?“

„Was fragen Sie nur! Ich habe nicht das mindeste Interesse an dem Manne!“

„Ich desto mehr. Und auch das Ihrige wird sich steigern, wenn ich Ihnen die Mitteilung mache, welche ich auf dem Herzen habe. Wenn ich mich nicht irre, wurde er dort als Gefangener eingeliefert, und zwar von einem Westmanne, welcher – welcher – hm, wie hieß er doch gleich?“

„Old Shatterhand!“

„Ja, richtig; jetzt fällt es mir ein! Old Shatterhand! War das nicht ein Schotte oder Irländer?“

„Nein, sondern ein Deutscher, der überall seine schmutzige Hand im Spiele hatte.“

„Ja, ja, er mengte sich gern in alles! Dabei fällt mir etwas anderes ein, eine Geschichte, in welcher Old Shatterhand auch sein Wesen trieb. Hatte Thomas Melton nicht einen Bruder, welcher Harry hieß, und nach Mexiko, in die Sonora ging, um sich eine Besitzung zu erwerben?“

„Ich hörte davon.“

„Wurde er nicht auch von Old Shatterhand aus derselben vertrieben?“

„Ja.“

„Und Thomas Melton hat einen Sohn, welcher Jonathan heißt?“

„Alle Wetter! Wie kommen Sie auf den?“

„So, wie man eben aus Langerweile auf irgend etwas kommt. Jonathan Melton ging als Reisebegleiter nach Europa, und dann gar nach dem Orient?“

„Wo – wo – woher wissen – wissen Sie das?“ fragte er stockend.

„Ich habe es ganz zufällig erfahren. Er ging als Begleiter mit einem Amerikaner, welcher – hm, wie hieß er doch nur gleich! Wissen Sie das nicht?“

„Nein.“

„Nicht? Das wundert mich außerordentlich, denn ich lasse mir auf der Stelle den Kopf abschlagen, wenn dieser Amerikaner nicht genau so hieß, wie Sie, nämlich Small Hunter. Ist’s nicht so?“

„Ich weiß es nicht. Lassen Sie doch diese Fragen; sie sind mir zuwider!“

„Mir nicht, denn die Sache ist wirklich höchst interessant. Und wissen Sie, was das Allerinteressanteste dabei ist?“

„Ich mag es nicht wissen!“

„O doch! Denn jetzt kommt die Hauptsache. Nämlich ich selbst habe damals eine Rolle, und zwar keine Nebenrolle, mitgespielt. Ich heiße nicht Jones, sondern Old Shatterhand.“

„Old – Shat –!“

Er brachte vor Schreck den Namen nur halb über die Lippen und fuhr zurück, als ob der Blitz vor ihm in die Erde geschlagen habe.

„Ja, so heiße ich. Und diesen Namen haben Sie ja vorhin genannt, als Sie sagten, ich hätte meine schmutzige Hand überall mit im Spiele. Vielleicht spiele ich auch heute mit, mit Ihnen und mit Ihrem Kolarasi Kalaf Ben Urik.“

Er überhörte den letzten drohenden Hohn und sagte wie abwesend:

„Old Shatterhand! Sie wollen dieser Mann sein, Sie? Unmöglich!“

„Später wird Ihnen das Licht darüber heller aufgehen. Fragen Sie Emery, welcher mich genau kennt und mit mir im wilden Westen gewesen ist! Und fragen Sie Krüger-Bei, welcher ganz genau weiß, daß ich ein Deutscher bin und da drüben Old Shatterhand genannt werde! Übrigens will ich Ihnen noch eine weitere Überraschung bereiten. Mein zweiter Begleiter ist nämlich kein Somali und heißt nicht Ben Asra, sondern er ist ein sehr berühmter Apatschenhäuptling, und wird Winnetou genannt.“

„Win – ne – tou!“ wiederholte er, als ob ihm der Atem stocken wolle. „Er ist’s wirk – wirk – wirklich?“

„So wahr, wie ich Old Shatterhand bin. Wenn Sie von uns gehört haben, so wissen Sie wohl, daß wir beide unzertrennlich sind.“

„Das weiß ich. Aber was wollen Sie denn hier in Tunis?“

„Wir suchen jenen Thomas Melton.“

„Donnerwetter!“ fluchte er.

„Wir waren erst in Ägypten, fanden aber anstatt diesen Thomas seinen Sohn Jonathan, der im Begriff stand, nach Tunis zu gehen, und da wir uns sagten, daß er da jedenfalls seinem Vater einen Besuch abstatten werde, so gingen wir mit.“

„Und – und – und –?“

„Und haben uns nicht geirrt. Wir haben Thomas Melton gefunden in der Gestalt Ihres lieben Kolarasi Kalaf Ben Urik. Ich habe Ihnen etwas höchst Interessantes versprochen; habe ich nicht Wort gehalten?“

„Lassen Sie mich in Ruhe! Was gehen mich alle die Leute an! Ich bin Small Hunter und habe nichts mit Ihnen zu schaffen.“

Er wollte sich abwenden; ich hielt ihn aber beim Arme zurück und sagte:

„Bitte, warten Sie noch, Sir! Ich glaube sehr gern, daß Sie nichts mit mir zu schaffen haben wollen; jetzt und hier aber ist die Frage, ob ich noch mit Ihnen zu schaffen habe. Ich kann Sie nicht gehen lassen, ganz und gar nicht. Ja, ich habe die Absicht, Sie bei mir zu behalten, mögen Sie nun wollen oder nicht. Ich behalte Sie bei mir, bis ich mit dem jungen Amerikaner gesprochen habe, welcher den Zug hierher mit dem Kolarasi Melton gemacht hat.“

„Kenne ich nicht; weiß kein Wort von ihm!“

„So? Und doch ist er eine Persönlichkeit, an welcher Sie den lebhaftesten Anteil nehmen müssen. Er nennt sich gerade so wie Sie, nämlich Small Hunter.“

„Unmöglich!“

„Nein, wirklich! Sie sehen, der Mann bringt Sie in Gefahr, für einen falschen Small Hunter gehalten zu werden.“

„Sie denken doch nicht etwa –!“

„Ich denke, daß Sie der echte, der wirkliche Small Hunter sind, denn ich bin überzeugt, daß Sie das beweisen können. Ich weiß das sehr genau.“

„Woher?“

„Aus Ihrem Notizbuche.“

„Notizbuch? Was wissen Sie von meinem Buche? Kein Mensch hat in dasselbe gesehen, als nur ich allein.“

„Da irren Sie. Ich habe auch hineingesehen. Und nicht ich allein, sondern Winnetou und Sir Emery auch.“

„Das wollen Sie mir doch nicht etwa weismachen!“

„Weismachen nicht, sondern es ist wirklich so. Sie erinnern sich, daß Winnetou auf dem Schiffe mit in Ihrer Kabine gewohnt hat. Wir wollten wissen, woran wir mit Ihnen waren; da machte Winnetou seine Augen auf, und die sind scharf. Er sah, daß Sie Ihr Portefeuille mit großer Sorgfalt behandelten und versteckten. Als Sie schliefen, machte er den Taschendieb. Sie schliefen infolge Ihres außerordentlich guten Gewissens sehr fest, und es gelang ihm darum, den Schlüssel aus Ihrer Tasche und das Portefeuille aus dem Koffer zu bringen. Natürlich kam er mit demselben zu uns hinüber in unsere Kabine, und wir beeilten uns, Einsicht zu nehmen. Dann brachte er es an die Stelle zurück, woher er es genommen hatte. Sie begreifen also nun wohl, warum ich überzeugt bin, daß Sie der echte, wirkliche Small Hunter sind.“

„So bin ich also von Ihnen bestohlen worden!“

„O nein, denn Sie haben Ihr Eigentum zurückerhalten. Sie können uns höchstens das Eine vorwerfen, daß wir ein wenig neugierig gewesen sind. Auch jetzt will ich Sie nicht bestehlen. Ich gebe zwar zu, daß ich das Portefeuille brauche; aber ich werde es Ihnen nicht im Schlafe nehmen; o nein, das fällt mir nicht ein, sondern Sie werden die Güte haben, es mir im vollen Wachen jetzt zu geben.“

„Das werde ich nicht!“ schrie er mich an.

„Sie werden!“ sagte ich in einem sehr bestimmten Tone. „Wenn Sie es nicht herausgeben, werde ich Sie zu zwingen wissen!“

„Ich habe es nicht mit mir! ich habe es bei dem Pferdehändler von Zaghuan im Koffer gelassen.“

„Sie irren. So einen wichtigen Gegenstand läßt man nicht bei so fremden Leuten liegen. Sie haben während unsers Rittes das Portefeuille oft in der Hand gehabt, und es immer wieder in die Brusttasche zurückgesteckt. Hier ist es; ich fühle es.“

Bei diesen Worten klopfte ich ihm an die Brust, wo das Buch steckte. Er wich zurück und rief:

„Rühren Sie mich nicht an; ich dulde das nicht!“

„O, Sie werden noch mehr als das erdulden. Passen Sie auf!“

Ich wendete mich, natürlich nicht in englischer Sprache, an die umstehenden Offiziere, welche kein Wort unsers Gespräches verstanden, aber doch bemerkt hatten, daß der Inhalt desselben für Jonathan Melton kein angenehmer sein könne. Es kostete nur einige Bemerkungen, so wurde er ergriffen, niedergeworfen und gebunden. Ich nahm das Portefeuille; was er sonst bei sich hatte, wurde ihm gelassen. Dann schaffte man ihn zu den gefangenen Uled Ayun, mit denen er streng bewacht wurde. Nun konnte er sich nicht mehr darüber im Zweifel befinden, daß er von mir durchschaut worden war.

Wir hatten, wie schon längst erwähnt, drei Schwadronen Kavallerie. An der Spitze einer jeden standen ein Kolarasi (Rittmeister), ein Ober- und ein Unterlieutenant. Mit diesen neun Offizieren hielt ich einen kurzen Kriegsrat, nachdem ich ihnen erzählt hatte, wie die Sachen standen.

Die erste Schwadron sollte sich mit ihrem Kolarasi vor den Eingang des Engpasses legen. Mit der zweiten wollte ich selbst den Berg umreiten, um den hintern Ausgang zu besetzen. Die dritte sollte hinauf auf den Berg, um die beiden Felsenränder des Passes zu belegen und nötigenfalls von da oben herabzuschießen. Diese Schwadron mußte sich also teilen; die eine Hälfte unter dem Kolarasi sollte die rechte und die andere unter dem Oberlieutenant die linke Seite des Berges nehmen. Da hinten, wo ich Posto fassen wollte, waren, wie früher erwähnt, die Pferde, und dort lagerten auch die zu der gefangenen Schwadron gehörigen Soldaten, welche von Uled Ayar-Kriegern bewacht wurden. Wenn es mir gleich anfangs gelang, die Gefangenen zu befreien, bekamen wir hundert Mann mehr für uns.

„Und wann soll der Angriff erfolgen?“ fragte einer der Offiziere.

„Einen eigentlichen Angriff wird es nicht geben. Die erste Schwadron hat nichts zu thun, als die Feinde zurückzuweisen, wenn dieselben die Schlucht verlassen wollen; die zweite Schwadron hat die gleiche Aufgabe, falls die Ayar hinten ausbrechen wollen. Nur werde ich mit einem Teil derselben vorher über die Wächter herfallen, um eure gefangenen Kameraden zu befreien. Das wird wohl nicht ohne Geschrei und einige Schüsse abgehen, ist aber noch kein Kampf zu nennen, und so dürfen sich die andern Abteilungen nicht etwa dadurch zu einem voreiligen Handeln verleiten lassen. Wir wollen die Feinde nicht töten, sondern gefangen nehmen. Hütet euch also vor Blutvergießen! Je mehr Uled Ayar fallen, destoweniger giebt es dann, von denen der Pascha die Kopfsteuer bezahlt bekommt.“

„Aber der Augenblick, an welchem du über die Wächter unserer gefangenen Kameraden herfallen willst, muß doch bestimmt werden, damit wir wissen, woran wir sind!“

„Das ist richtig. Ich werde den Augenblick des Fagr, des Morgengebetes, dazu benutzen.“

„Das geht nicht.“

„Warum?“

„Weil wir doch auch beten müssen, und da haben wir keine Zeit, auf den Feind zu achten. Du bist ein Christ und meinst vielleicht, daß wir nicht zu beten brauchen.“

„Das meine ich nicht; ihr sollt beten und dennoch gerüstet sein. Ihr vergeßt, oder vielleicht wißt ihr es nicht, daß die Uled Ayar ihr Morgengebet nach den Regeln der Hanofisekte verrichten. Ihr betet, wenn der erste schwache Lichtschimmer im Osten erscheint. Bei den Hanofi aber beginnt das Fagr ein wenig später, nämlich wenn el Isfirar, der gelbe Schimmer, zu sehen ist. Ihr seid also, wenn sie beginnen, schon fertig, und eure Morgenandacht wird euch nicht verhindern, eure Pflicht zu thun. Sobald die Ayar zu beten beginnen, werde ich schnell vorrücken, um die Gefangenen zu befreien. Sie werden überhaupt durch unser Erscheinen so überrascht sein, daß sie, wenigstens für den ersten Augenblick, die Gegenwehr vergessen; dann aber ist die gefangene Schwadron schon frei, und wir können den Feind ruhig an uns kommen lassen.“

Es waren noch einige weitere Bemerkungen nötig; dann brachen wir auf, um nach dem Engpasse zu reiten. Nach Verlauf von anderthalber Stunde waren wir in seiner Nähe angekommen, und wir trennten uns. Die erste Schwadron ritt nach dem Eingange, nachdem sie einige Kundschafter zu Fuß vorausgesandt hatte. Die zweite ritt rechts und links von dem Engpasse den Berg hinan, und ich ritt mit der dritten um den letzteren herum, bis wir seine hintere, die südliche Seite erreichten, wo der Paß wieder ins Freie trat. Dort ließ ich halten und ging, um zu rekognoscieren.

Die Uled Ayars waren von einer geradezu unbegreiflichen Unvorsichtigkeit. Sie hatten auch hier keine Posten, und ich drang wohl zweihundert Schritte in die Schlucht ein, ohne auf irgend jemand zu stoßen.

Bis hierher war beim Scheine des Mondes alles recht gut von statten gegangen; aber er hatte seinen Lauf schon tief gesenkt und mußte in einer halben Stunde verschwinden. Das schadete jedoch nichts, denn wenn wir nichts sahen, so wurden auch wir nicht gesehen.

Ich legte beide Hände hohl an den Mund und ließ dreimal hintereinander den Schrei des Geiers hören. Er drang in die Schlucht hinein, und ich war überzeugt, daß Winnetou ihn vernommen hatte.

Nun galt es, bis zum Morgen zu warten. Ich hatte einige Posten in die Schlucht vorgeschoben; die andern lagerten draußen vor derselben. Meiner Weisung gemäß verhielten sie sich vollständig ruhig. Es war nichts als nur zuweilen das Schnauben eines Pferdes zu hören.

Die Zeit verging; der Mond war längst verschwunden, und die Sterne verloren ihren Glanz. Dann färbte sich der Osten mit einem leisen Scheine.

„Herr, sollen wir beten?“ fragte mich der Kolarasi.

„Ja, aber natürlich ganz leise.“

Sie knieten alle nieder und verrichteten die vorgeschriebene Andacht. Darüber wurde der Schein heller und heller, bis er sich gelb färbte. Das konnte man im Innern der Schlucht nicht sehen; dennoch drang jetzt aus derselben der laute, wohltönende Ruf.

„Hai alas Sallah, hai alal felah; es Sallah cher min en nohm – auf zum Gebete, auf zum Heile; das Gebet ist besser als der Schlaf!“

Es war so hell geworden, daß wir sehen konnten. Ich huschte rasch in die Schlucht hinein und ging so weit, als ich gehen konnte, ohne befürchten zu müssen, bemerkt zu werden. Schon gestern hatte ich gesehen, daß der Paß keine Krümmung machte, sondern fast schnurgerade verlief; ich konnte sie nahezu völlig überblicken.

Gar nicht weit von mir befanden sich die Pferde, eine große Menge. Hinter denselben lagen die gefangenen Soldaten; sie waren nicht gefesselt und wurden von ungefähr zwanzig bewaffneten Uled Ayar bewacht. Dann kam ein freier Raum, hinter welchem das eigentliche Lager begann. Alle Menschen, welche ich dort erblickte, knieten betend an der Erde, die Gefangenen mit ihren Wächtern auch. Ich eilte zurück und holte mir dreißig Mann.

„Seid ganz still,“ gebot ich ihnen. „Sagt kein Wort. Je weniger Lärm wir machen, desto größer ist die Überraschung und desto eher werden wir fertig sein. Es sind zwanzig Wächter da. Schießt nicht, sondern haut sie mit den Kolben nieder! Dann geht es schnell wieder zurück.“

Es ging mit raschen Schritten in die Schlucht hinein. Die Stimme des Vorbeters wechselte mit dem Chore der Nachbetenden ab. Da kamen wir zu den Pferden. Wir rannten um dieselben herum und zwischen ihnen hindurch und warfen uns mit hochgeschwungenen Kolben auf die Wächter. Sie waren vor Schreck ohne Bewegung. Hieb fiel auf Hieb. Zwei oder drei rafften sich doch auf und rannten schreiend davon; die andern wurden niedergeschlagen.

„Auf, ihr Männer!“ rief ich den Gefangenen zu. „Ihr seid frei. Eilt zu den Pferden; nehmt deren so viel ihr könnt bei den Zügeln und kommt mit ihnen hinaus, wo eure Befreier warten!“

Sie folgten diesem Rufe. Sie sprangen auf und zu den Pferden. Jeder warf sich auf den Rücken eines derselben und nahm ein anderes oder gar zwei bei den Zügeln; ein kurzes Drängen durcheinander, und dann trieb alles dem hintern Ausgange zu. Vom Lager her aber erschollen Rufe des Zornes, des Schreckens; es fiel keinem ein, weiter zu beten. Jeder ergriff seine Waffen und kam schreiend nach hinten gerannt. Aber die Befreiten waren mit den so schnell annektierten Pferden schon hinaus ins Freie; sie hatten keine Waffen und mußten also zunächst zurück. Mit den andern ging ich vor. Wir füllten in vielen Gliedern hintereinander die ganze Breite des Passes und gaben eine blinde Salve. Da wichen die Heranstürmenden zurück, oder sie blieben wenigstens stehen und schrieen einander unter den lebhaftesten Gestikulationen an. Ihr Schreck war so groß, daß sie zunächst nicht wußten, was sie thun sollten. Dann ertönte die Stimme des Scheiks. Er brachte Ordnung in das Gewirr, wenigstens notdürftig, und dann sahen wir, daß sich die Uled Ayar vorn nach dem Eingange drängten. Da krachten ihnen auch Schüsse entgegen, und von beiden Seiten oben herab blitzte es auch. Ein einziges großes Wut- oder Wehegeheul der Ayar erfüllte den Engpaß; sie gingen auch da vorn zurück und drängten sich in der Mitte der Schlucht zusammen. Da sandte ich einen Lieutenant zu ihnen. Er war schon vorher instruiert und schwang ein Tuch zum Zeichen, daß er als Unterhändler komme. Ich ließ durch ihn den Scheik bitten, zu mir zu kommen und gab ihm das Versprechen, daß er, sobald es ihm beliebe, zu den Seinen zurückkehren könne. Doch sollte er seinen Uled Ayar den Befehl geben, daß sie sich bis zu seiner Rückkehr jeder Feindseligkeit zu enthalten hätten.

Ich sah den Boten im Gedränge der Feinde verschwinden. Es dauerte wohl zehn Minuten; dann öffnete sich die Menge, und er erschien wieder; an seiner Seite kam der Scheik geschritten. Er hatte also das Vertrauen zu mir, daß ich mein Versprechen halten würde. Als er näher gekommen war, ging ich ihm der Höflichkeit halber eine kleine Strecke entgegen, legte beide Hände auf die Brust, verbeugte mich und sagte:

„Sei willkommen, o Scheik der Uled Ayar! Du wolltest mich gestern, als ich dein Gefangener war, nicht zu dir sprechen lassen. Darum bin ich aus deinem Lager gegangen, um dich jetzt als freier Mann zu bitten, heute mit mir zu reden.“

Er verbeugte sich ebenfalls und antwortete:

„Ich grüße dich! Du hast mir freies Geleit geboten und wirst dein Versprechen halten?“

„Ja. Du kannst gehen, sobald du willst, denn ich bringe dir den Frieden.“

„Dafür willst du Steuern!“

„Nein.“

„Nicht?“ fragte er erstaunt. „Seid ihr nicht deshalb als Feinde zu uns gekommen, um uns das, was uns von unsern Herden übriggeblieben ist, vollends zu nehmen?“

„Ihr habt Mohammed es Sadok Pascha versprochen, die Kopfsteuer zu zahlen, aber nicht Wort gehalten. Es ist sein Recht, das, was ihr ihm verweigert, mit Gewalt zu nehmen; ihr werdet also zahlen müssen; aber ich bin nicht dein Feind, sondern dein Freund und will dir sagen, wie du die Steuer bezahlen kannst, ohne daß du ein einziges Haar eurer Herden anzurühren und wegzugeben brauchst.“

„Allah ist groß und barmherzig! Wenn deine Worte wahr sind, so bist du allerdings mein Freund und nicht ein Feind von uns!“

„Ich habe die Wahrheit gesprochen. Habe die Güte, dich zu mir zu setzen, so wirst du hören, welchen Vorschlag ich dir zu machen habe.“

„Deine Rede duftet wie Balsam. Die Erde, auf welcher du sitzest, soll auch meinen Gliedern Ruhe geben.“

Es wurden zwei Gebetsteppiche nebeneinander gelegt; er setzte sich auf den einen, ich mich auf den andern. Der Beduine überstürzt nichts. Unsere Würde erforderte, zunächst eine Pause zu machen. Während derselben musterte ich die Schlucht mit allem, was sie enthielt; er aber verwendete kein Auge von mir und begann endlich:

„Der Herr der Heerscharen hat mir gestern von dir erzählt, Effendi. Ich habe erfahren, was du erlebt und gethan hast; aber er hat mir nicht gesagt, daß du auch ein Meister in der Zauberei bist.“

„Wieso?“

„Du lagst gefesselt und angebunden in deinem Zelte. Dein Wächter ist in dieser Nacht zwölfmal in demselben gewesen und hat dich und deine Fesseln betastet, um zu wissen, daß du noch vorhanden seiest. Nur ganz kurze Zeit vor dem Morgengebete war er zum letztenmale bei dir. Und jetzt sitzest du hier und redest zu mir als freier Mann! Ist das nicht Zauber?“

„Nein. Hat der Wächter denn gewußt, daß ich es war, den er bewachte?“

Dieser Zauber war sehr leicht zu erklären. Ich hatte Winnetou die Hände nicht fest zusammengebunden. Als er mein Zeichen hörte, hatte er die Fesseln abgestreift, sich vom Pfahle losgemacht und in seiner unvergleichlichen Weise aus dem Lager geschlichen. Jedenfalls befand er sich jetzt vorn am Eingange der Schlucht bei der ersten Schwadron. Da ich es nicht für nötig hielt, dem Scheik diese Erklärung mitzuteilen, ließ ich ihn bei seinem Wunderglauben und sagte:

„Du magst daraus ersehen, daß es besser gewesen wäre, – wenn du mir schon gestern dein Ohr gegönnt hättest. Ist jemand von euch von den Schüssen unserer Soldaten verwundet oder getötet worden?“

„Nein.“

„Das ist gut! Ich hatte Befehl gegeben, in die Luft zu schießen. Erst wenn meine Unterredung mit dir vergeblich sein sollte, werden wir euch unsere Kugeln geben. Doch hoffe ich, daß du uns nicht zwingen wirst, die Frauen und Kinder deines Stammes zu Witwen und Waisen zu machen. Wie steht ihr euch mit den Uled Ayun?“

„Wir haben Blutrache mit diesen Hunden!“

„Wie viele Männer haben sie euch getötet?“

„Dreizehn! Allah sende die Ayun in die Hölle!“

„Sind sie ärmer oder reicher als ihr?“

„Reicher. Schon früher waren sie reicher; aber nun wir unsere Herden verloren haben, ist der Unterschied noch viel größer als vorher, denn sie haben keine Verluste gehabt. Sie weiden ihre Tiere im Wadi Silliana, in welchem es nie an Wasser mangelt.“

„Wie bist du dazu gekommen, mit dem Kolarasi Kalaf Ben Urik einen Vertrag abzuschließen?“

„Er bot mir denselben an, als wir ihn umzingelt hatten.“

„Konnte er sich denn nicht anders retten?“

„O doch! Seine Soldaten hatten viel bessere Waffen als wir. Sie hätten sich durchschlagen können und dabei gewiß sehr viele von uns getötet. Er aber zog es vor, einen Vertrag mit mir abzuschließen und sich dann zu ergeben. Ich sollte die Soldaten bekommen, welche er bei sich hatte, und auch die, welche er noch herbeilocken wollte.“

„Und was verlangte er dafür?“

„Seine Freiheit und den Herrn der Heerscharen, den er zwingen wollte, ihm ein großes Lösegeld zu bezahlen.“

„Du weißt nicht, mit was für einem Menschen du den Vertrag abgeschlossen hast!“

„Er ist ein Ischariot; das habe ich dir schon gesagt.“

„Und er ist noch mehr. Ich werde dir später von ihm erzählen; jetzt ist die Zeit dazu zu kurz und zu wichtig, denn ich möchte auch einen Vertrag mit dir abschließen, aber einen viel bessern, der dich nicht in Widerstreit mit deinen Pflichten bringt und dir auch die Rache des Pascha nicht zuziehen wird.“

„So sprich! Ich lausche deinen Worten, o Effendi.“

„Zunächst will ich dir sagen, was ich von dir verlange, nämlich die Freiheit des Herrn der Heerscharen und des Engländers, welche sich noch bei dir befinden. Sodann die Auslieferung des Kolarasi und endlich den vollen Betrag der Kopfsteuer, welche wir eintreiben sollen.“

„Effendi, das letztere kann ich dir nicht leisten; es ist unmöglich!“

„Warte nur! Ich will dir doch auch sagen, was du von uns erhältst, wenn du in meine Forderungen einwilligest. Du erhältst vierzehnhundert Kamelstuten oder deren Wert.“

Er sah mich mit weit geöffneten Augen an, schüttelte den Kopf und sagte dann:

Ach kann unmöglich richtig gehört haben, Effendina, und bitte dich also, es noch einmal zu sagen!“

„Gern! Du sollst vierzehnhundert Kamelstuten oder deren Wert bekommen.“

„Aber wofür? Bedenke, Effendina, daß ich gar keine Forderungen an euch stellen kann.“

„Ja. Du magst daraus ersehen, daß es viel besser ist, einen Christen als einen Moslem zum Gegner zu haben. Was dir noch unerklärlich ist, werde ich dir erklären. Es giebt bei euch ein junges Weib, welches Elatheh heißt?“

„Ja. Sie ist der Liebling des ganzen Stammes. Aber Allah hat sie mit den Augen ihres Kindes betrübt, denn ihr Söhnchen ist blind geboren. Darum ist sie mit einem ehrwürdigen Greise nach einem heiligen Orte gepilgert, um Allah zu bitten, die Augen des Kindes sehend zu machen. Sie wird nun bald heimkehren.“

„Sie ist bei mir. Sie fiel unterwegs den Uled Ayun in die Hände, welche den Greis töteten und die Frau bis an den Kopf in die Erde eingruben.“

„Allah ‚l Allah! Schon wieder ein Mord! Das ist der vierzehnte! Das viele Blut schreit um Rache bis zum Himmel hinauf. Und die Hunde verschonen nicht ein Weib, welches sich auf der Wallfahrt befindet! Welch eine Qual, und welch ein Tod! Bis an den Kopf eingegraben! Da kommen die Geier und hacken die Augen aus!“

„Fast wäre es so geworden; aber Allah hatte Erbarmen mit der Frau. Er führte mich zu ihr, und ich habe sie ausgegraben. Vorher aber habe ich etwas gethan, worüber du dich freuen wirst: Ich habe Farad el Aswad gefangen genommen.“

„Farad el Aswad? Wer heißt denn noch so? Denn den Scheik der Uled Ayun kannst du doch nicht meinen!“

„Warum nicht?“

„Weil dies für mich die größte der Wonnen wäre, und Wonnen giebt es für mich nicht mehr. Und auch weil dieser Scheik nicht ein Mann ist, der sich so leicht gefangen nehmen läßt.“

„Pah! So hältst du ihn für einen tapfern Mann? Ich habe ihn freilich ganz anders gesehen. Ich hatte nur zwei Männer bei mir, Wir drei haben den Scheik Farad el Aswad nebst dreizehn Ayuns gefangen genommen, ohne daß sie es wagten, sich zu wehren. Und doch hatten sie ihre Waffen bei sich und saßen auf vortrefflichen Pferden.“

Da fuhr er von dem Gebetsteppiche auf und jubelte:

„O Allah, Allah, ich danke dir! Das macht alles wieder gut! Daß diese Hunde ergriffen worden sind, ist Himmelslust für meine Seele; aber daß es ihrer vierzehn waren, die sich von drei Personen festnehmen ließen, das verlängert mein Leben um mehrere Jahre! Welche Schande – welche Schande! Du mußt mir erzählen, wie das gekommen ist, Effendina. Vorher aber sag mir, was du mit den Hunden gemacht hast, als sie in deine Hände gefallen waren! Hast du sie getötet?“

„Nein. Ein Christ darf selbst seinen ärgsten Feind nicht töten; die Rache ist allein Gottes. Sie leben noch, sind gefesselt und befinden sich bei mir.“

„Sie leben noch und sind bei dir! Was wirst du mit ihnen thun? Sag es mir – sag es mir schnell!“

Er zitterte fast vor Verlangen, meine Antwort zu hören.

„Ich übergebe sie dir.“

Kaum hatte ich diese vier Wörtchen ausgesprochen, so sank er wieder nieder, vor mir auf die Kniee, ergriff meine Hände und fragte, vor Aufregung fast brüllend:

„Ist das wahr – ist das wahr? Ist das dein fester Wille?“

„Ja, ich liefere sie aus; aber natürlich nur dann, wenn du die Bedingungen erfüllst, welche ich vorhin gestellt habe.“

„Ich erfülle sie – ich erfülle sie! 0 Allah, o Muhammed! Wir bekommen vierzehn Uled Ayuns, vierzehn Ayuns, und der Scheik ist selbst dabei! Wir können unsere Rache sättigen! Sie müssen ihr Leben hergeben! Ihr Blut wird fließen –“

„Halt!“ fiel ich ihm in die begeisterte Rede. „Ihr Leben darf nicht gefährdet werden; das muß ich unbedingt verlangen!“

„Wie?“ fragte er ganz betroffen. „Wir haben vierzehn Morde zu rächen, bekommen vierzehn Todfeinde in die Hände und sollen uns doch nicht an ihnen rächen? Das ist unmöglich! So etwas würde noch niemals geschehen sein, und alle Einwohner des Landes würden uns verlachen und uns für Menschen halten, welche keine Ehre besitzen und sich Mord und Beleidigung gefallen lassen.“

„Nein, das wird niemand von euch sagen, denn man wird erfahren, daß ihr wegen des Blutpreises darauf verzichtet habt, das Blut eurer Feinde zu vergießen.“

„Effendi, das ist eine Bedingung, auf die wir wohl schwerlich eingehen können!“

„Nicht? Dann bekommt ihr die Uled Ayuns auf keinen Fall.“

„Du vergissest, daß dann auch die Wünsche, welche du ausgesprochen hast, nicht erfüllt werden!“

„Ich vergesse nichts. Aber du hast vergessen, daß ihr euch in unserer Gewalt befindet. Dreihundert Soldaten stehen vorn und hinten an diesem Passe. Ihr könnt also nicht heraus. Und hundert Mann halten da oben auf der Höhe. Ihr könnt sie mit euern Kugeln nicht erreichen; die oben werden einen nach dem andern von euch wegputzen, ohne daß ihr dies zu verhindern vermögt. Ich brauche nur ein einziges Zeichen zu geben, so krachen hinter und über euch alle Gewehre. Was wollt oder könnt ihr dagegen thun?“

Er blickte eine kleine Weile finster vor sich nieder und antwortete dann:

„Nichts, gar nichts! Wir sind unvorsichtig gewesen; wir hätten nicht hier in der Schlucht bleiben sollen.“

„Ja, ihr wolltet uns in derselben fangen und steckt nun selbst in dieser Falle, aus welcher ihr gegen unsern Willen nicht zu entkommen vermögt. Ich habe auch nicht lange Zeit, gegen deine Bedenken mit unnützen Redensarten anzukämpfen. Ich gebe dir also fünf Minuten Zeit, dich zu entscheiden. Also merke wohl: Ich verlange den Engländer und den Herrn der Heerscharen frei; dazu gebt ihr alles heraus, was den beiden und mir abgenommen worden ist. Ferner verlange ich die Auslieferung des Kolarasi Kalaf Ben Urik.Dafür übergebe ich euch die vierzehn Uled Ayun unter der Bedingung, daß ihr auf die Zahlung des Blutpreises eingeht. Und außerdem laß ich euch aus der Schlucht heraus und sorge für einen guten Friedensschluß zwischen euch und dem Pascha.“

„Dem wir aber die Kopfsteuer bezahlen müssen?“

„Allerdings. Ich gebe ihm recht, daß er auf dieselbe nicht verzichten will, denn sie gehört zu seinem Einkommen, von welchem er leben muß. Er ist kein Beduine, der von seinen Herden lebt.“

„Aber sie ist doch für uns zu hoch! Unsere Herden müssen sich erst erholen.“

„Du vergißt wieder etwas, nämlich den Blutpreis von vierzehnhundert Kamelstuten, von welchem ihr die Steuer bezahlen könnt.“

„Allah ist groß! Vierzehnhundert Kamelstuten! Das ist freilich viel mehr, als wir an den Pascha zu zahlen haben. Wir würden eine ganze Menge von diesen Tieren übrig behalten und mit denselben unsere gelichteten Herden vermehren können!“

„Ja. Du siehst, wie gut ich es mit euch meine. Und da die Frau, welche Elatheh heißt, der Liebling eures Stammes ist, so soll sie für die Angst und Qual, welche sie ausgestanden hat, entschädigt werden. Sie ist arm, ich aber habe ihr versprochen, sie wohlhabend zu machen. Die Uled Ayun sollen ihr auch hundert Kamelstuten geben.“

„Effendi, deine Güte ist groß, und deine Hände werden zum Segen für jeden, den sie berühren! Aber das würden fünfzehnhundert Stuten sein; das ist eine ungeheure Zahl!“

„Für die Uled Ayun nicht zu viel, denn sie sind reich.“

„Aber dies Opfer wird ihren Reichtum außerordentlich vermindern!“

„Das will ich eben! Sie verlieren, ihr aber gewinnt an Macht.“

„Das ist richtig; aber eben darum bezweifle ich, daß sie auf einen so hohen Preis eingehen werden.“

„Sie müssen, denn sie haben nur die Wahl zwischen ihm oder dem Tode, und jedermann giebt lieber sein ganzes Eigentum als sein Leben her. Ich werde den Unterhändler zwischen euch und ihnen machen, und du kannst dich darauf verlassen, daß ich um keine einzige Stute herabgehen werde.“

„So werden sie ja sagen, aber nicht Wort halten!“

„Wie kommst du auf diesen Gedanken, der doch ganz unbegründet ist? Die vierzehn Uled Ayun werden jedenfalls nicht eher freigelassen, als bis die Diyeh ohne allen Abzug bei euch eingegangen ist.“

„Da kennst du diese Leute nicht. Sie werden die Zahlung hinausschieben, sich während derselben rüsten und dann über uns herfallen, um die Gefangenen zu befreien und dann nichts zu bezahlen.“

„Nein, das werden sie nicht, denn sie müssen sich sagen, daß es ihnen nicht gelingen würde, die Gefangenen zu befreien. Letztere befinden sich doch als Geißeln in euern Händen, und ihr würdet sie selbstverständlich eher töten, als sie euch abnehmen lassen.“

„Das ist freilich richtig.“

„Und außerdem mußt du an einen Umstand denken, den du zu übersehen scheinst. Ich verhelfe Euch zu dem außerordentlich hohen Blutpreise, damit ihr die Steuer bezahlen könnt. Wir gehen mit unsern Truppen nicht eher fort, als bis dieselbe entrichtet ist. Wir werden also warten, bis die Uled Ayun die Diyeh bezahlt haben. Bis zu dieser Zeit sind wir bei euch, sind eure Gäste, welche unter Umständen mit und für euch kämpfen werden. Es liegt in unserm Interesse, den Uled Ayun nur eine kurze Zahlungsfrist zu geben; sie werden also keine Zeit finden, sich zu einem Angriffe zu rüsten. Und wenn sie trotz alledem so thöricht wären, euch überfallen zu wollen, so würden wir mit unsern Truppen im Kampfe an eurer Seite stehen. Dann würden die Ayun vernichtet oder doch wenigstens so geschwächt, daß sie für lange Jahre an keine Feindseligkeit gegen euch mehr denken könnten.“

„Effendi, was du da vorbringst, giebt mir die Gewißheit, daß du es gut und ehrlich mit uns meinst, und daß diese für uns so wichtige Angelegenheit auch wirklich so verläuft, wie du denkst und sagst.“

„Du gehst also auf meine Bedingungen ein?“

„Ich für meinen Teil, ja. Aber du kennst unsere Sitten und Gewohnheiten und wirst also wissen, daß ich nicht die Macht habe, solch hochwichtige Frage allein zu entscheiden. Ich muß vorher die Dschemma, die Versammlung der Ältesten, zusammenrufen. Und du? Hast denn du die Macht der Entscheidung? Du bist ein Fremder hier im Lande, und dies ist doch eine Angelegenheit des Pascha.“

„Der Herr der Heerscharen befindet sich an der Stelle des Pascha hier; was er thut, wird dieser gutheißen, und ich bin überzeugt, daß Krüger-Bei meinen Forderungen und Bedingungen seine Einwilligung nicht versagen wird.“

„Effendi, ich achte deine Worte, aber noch lieber wäre es mir, wenn ich sie auch aus dem Munde des Herrn der Heerscharen vernehmen könnte.“

„Gut, das sollst du. Schicke ihn her, damit ich mit ihm reden kann.“

„Willst du nicht lieber zu ihm gehen, mit mir kommen? Du könntest da erst mit ihm und dann auch in unserer Dschemma sprechen. Wenn du meinen Ältesten alles erklärst, wird es einen bessern und tiefern Eindruck machen, als wenn ich es bin, der ihnen so große und so schöne Versprechungen bringt und solche Vorteile verheißt, an die sie kaum zu glauben vermögen.“

„Giebst du mir freies Geleite?“

„Ja. Du hast es mir auch gegeben.“

„Und ich kann mich auf dich verlassen?“

„Wie auf dich selbst. Ich schwöre dir beim Barte des Propheten, bei dem meinigen und bei der Seligkeit aller meiner Vorfahren, daß du frei und ganz nach deinem Belieben kommen oder gehen kannst!“

„Ich glaube dir und hoffe, daß deine Krieger diesen deinen Schwur respektieren werden.“

„Sie werden es!“

„Dennoch könnte es einen oder einige geben, welche dies nicht thun. Für diesen Fall sage ich dir, daß, wenn von eurer Seite ein einziger Schuß fällt oder wenn ein einziger von euch die Hand feindselig nach mir ausstrecken sollte, ich augenblicklich das Zeichen zum Beginn des Kampfes geben würde. Gleich unsere erste Salve würde euch dreihundert Kugeln bringen.“

„Das wird nicht geschehen; ich versichere es dir!“

Trotz dieser Versicherung gab ich, so daß er es hörte, den Befehl, daß die Soldaten, sobald ein Schuß fallen würde, augenblicklich in der Schlucht vordringen sollten. Ich war überzeugt, daß in diesem Falle auch die andern Abteilungen von uns die Feindseligkeiten sofort beginnen würden. Dann brach der Scheik auf, und ich begleitete ihn.

Als wir die Uled Ayar erreichten, waren es sehr feindselige Blicke, welche von allen Seiten auf mich geworfen wurden. Der Scheik suchte eine erhöhte Stelle, von welcher aus er von allen gesehen wurde und rief den sich Zusammendrängenden zu:

„Hört, ihr Männer, was ich euch zu sagen habe. Der fremde Effendi, Kara Ben Nemsi genannt, bringt uns den Frieden, bringt uns Reichtum und bringt uns Ehre. Er bietet uns Gaben, über welche ihr euch freuen werdet wie die Lämmer, wenn sie frische Weide finden. Ich habe ihm freies Geleite versprochen; er kann unangefochten wieder gehen, sobald es ihm beliebt. Er ist wie ich, und ich bin, wie er. Mein Blut ist sein Blut, und seine Ehre ist die meinige. Er steht unter meinem Schutze und ebenso auch unter dem eurigen. Die Dschemma mag zusammentreten, um zu erfahren, welche Freude und welches Glück uns widerfahren wird!“

Diese Worte brachten einen außerordentlichen Eindruck hervor. Die vorher so finstern und drohenden Gesichter wurden freundlicher; es entstand eine allgemeine Bewegung, ein Rauschen von fragenden und antwortenden Stimmen. Da klang eine derselben über alle andern hinweg:

„Halt! Das kann ich nicht zugeben! Der Giaur war unser Gefangener und ist uns entflohen. Wer darf ihm da freies Geleit erteilen! Ich fordere, daß man ihn auf der Stelle wieder in Fesseln legt!“

Der Sprecher drängte sich herbei; es war der Kolarasi Thomas Melton. Sein rot und blau und grün angeschwollenes Gesicht bot einen widerlichen Anblick. Die Geschwulst war eine Folge der Fußtritte, welche Emery ihm gestern versetzt hatte. Er stellte sich vor mich hin und fuhr, zu dem Scheik gewendet, fort:

„Ich habe dir bereits gesagt, daß dieser Mann mir gehört!“

„Was du sagst und behauptest, geht mich nichts an,“ antwortete dieser. „Der Effendi steht unter meinem Schutze.“

Ich war auf irgend eine schnelle That des Kolarasi gefaßt und hielt Winnetous Silberbüchse, welche ich mitgenommen hatte, zur Abwehr bereit, doch so unauffällig wie möglich.

„Unter deinem Schutze?“ fragte er ergrimmt. „Wie kommst du dazu, meinen Todfeind in Schutz zu nehmen!“

„Er bringt uns Glück und Segen. Wir werden Frieden mit dem Pascha schließen.“

„Frieden? Und wo bleib ich? Was wird aus unsern Vereinbarungen?“

„Die gelten nicht mehr. Du siehst, daß wir von allen Seiten eingeschlossen sind. Wir haben nur zwischen dem Frieden und dem Tode zu wählen.“

„Ah! Und da greift ihr Feiglinge nach dem Frieden! Und der deutsche Hund soll mir nicht ausgeantwortet werden?“

„Nein. Er ist der Beschützte!“

„So beschütze ihn, wenn du kannst!“

Er zog mit einer gedankenschnellen Bewegung sein Messer; es blitzte gegen meine Brust, aber noch ehe es dieselbe erreichte, rannte ich ihm den Gewehrkolben unter das Kinn, daß sein Kopf in das Genick knickte und er selbst in einem weiten Bogen zur Erde flog. Da blieb er liegen; ein Blutstrom entquoll seinem Munde.

„Effendi, ich danke dir für diesen Stoß!“ sagte der Scheik. „Du hast mit demselben das tödliche Messer von dir abgewehrt. Hätte es dich getroffen, so wäre mein Eid, mit dem ich dir Sicherheit verhieß, gebrochen gewesen und zu einem Meineide geworden, und das hätte mein graues Haupt mit ewiger, unauslöschlicher Schande bedeckt. Ist er tot?“

Diese Frage galt einigen Uled Ayar, welche sich zu Melton niedergebückt hatten.

„Er bewegt sich nicht, scheint aber nicht tot zu sein,“ lautete die Antwort.

„So bindet ihm die Hände und Füße, damit er bei seinem Erwachen nicht etwa noch größeren Schaden verursachen kann! Du aber, 0 Effendina, magst die Güte haben, in mein Zelt zu treten, wo du den Herrn der Heerscharen finden wirst!“

Ich folgte der Aufforderung und fand Krüger-Bei an einen Pfahl befestigt.

„Ihnen hier, Ihnen!“ rief er mir erfreut entgegen. „Ich denke, daß Sie ebenso wie ich mit Fesseln angebunden gewesen sind!“

„Wie Sie sehen, bin ich frei und werde auch Sie gleich losbinden.“

„Gott sei Dank! So sind Sie wohl gar nicht gefangen und gefesselt zu betrachten gewesen?“

„O doch! Ich war ebenso wie Sie gefangen, bin aber entflohen.“ Und ich erzählte ihm schnell das Notwendigste, nachdem ich ihn losgebunden hatte. Er hörte mir mit großer Spannung zu, und die Spannung verdoppelte sich, als ich ihm die Vorschläge, welche ich dem Scheik gemacht hatte, und deren Gründe auseinandersetzte. Als ich geendet hatte, rief er aus:

„Maschallah! Was sind Sie für ein Mensch!“

„Wie meinen Sie das? Stimmen Sie mir bei oder nicht?“

„Sowohl ja, niemals nein!“

„Das freut mich. Ich war überzeugt, ganz in Ihrem Sinne gehandelt zu haben. Sie verlangen also von den Uled Ayar nicht mehr, als ich von ihnen gefordert habe und gewähren ihnen alles, was ich ihnen versprochen habe?“

„Ja und Amen.“

„Gut, so kommen Sie heraus! Draußen werden die Ältesten beisammensitzen und auf mich warten. Oder wollen Sie zu ihnen sprechen?“

„Um meines Ranges willen, weil ich des Paschas Vertretung habe, will ich lieber selbst zu ihnen reden.“

„Ich stimme Ihnen bei. Sie befinden sich an Stelle des Paschas von Tunis hier, und es macht also einen tiefern Eindruck, wenn Sie selbst zu der Dschemma sprechen. Ich kann Sie ja erinnern, wenn Sie etwas auslassen sollten.“

Wir traten aus dem Zelte, vor welchem die Alten in einem Kreise saßen. Sie zeigten keine Spur von Erstaunen darüber, daß ich den Herrn der Heerscharen losgebunden hatte, und machten ihm bereitwillig Platz, als er sich anschickte, in die Mitte ihres Kreises zu treten. Den Kolarasi Melton sah ich nicht; er war fortgeschafft worden.

Natürlich waren alle Uled Ayar äußerst gespannt auf das Resultat der Versammlung, von welcher Krieg und Frieden, Tod und Leben abhing. Sie hatten sich neugierig in die Nähe zusammengezogen, hielten sich aber in respektvoller Entfernung. Bei den Beduinen wird einer Dschemma die größte Ehrerbietung erwiesen, und mancher junge Civilisations-Fant könnte von diesen ungebildeten Leuten lernen, wie man das Alter zu achten und zu ehren hat.

Die Rede des Herrn der Heerscharen war ein Meisterstück wie immer, wenn er sich seiner deutschen Muttersprache nicht bediente. Er bestätigte alles, was ich dem Scheik versprochen hatte, und wollte, als er zu Ende war, sich zurückziehen, um der Dschemma Zeit zur Beratung zu lassen; da aber erhob sich der Scheik und sagte:

„Deine Worte, o Herr, waren wie Rosen, deren Duft das Herz verjüngt. Du willst dich entfernen, damit wir uns beraten mögen? Das ist nicht nötig. Wozu ist eine Beratung notwendig, da du uns Bedingungen stellst, die wir durch dieselbe weder erleichtern noch verbessern können? Ich stimme jedem deiner Worte bei und fordere alle meine Gefährten auf, dasselbe zu thun. Wer ein Wort dagegen zu sagen hat, mag seine Stimme erheben!“

Keiner folgte der Aufforderung, und so fuhr er fort:

„Und wer mit dem, was der Herr der Heerscharen gesagt hat, einverstanden ist, der stehe auf!“

Nicht einer blieb sitzen.

Darauf bestieg der Scheik einen hohen Stein, von welchem aus er von allen Uled Ayar gesehen werden konnte, und verkündete denselben mit weithin schallender Stimme, welches Übereinkommen jetzt getroffen worden war und nun mit der nötigen Feierlichkeit besiegelt werden sollte. Darob erhob sich ein lauter, allgemeiner Jubel. Und als der Scheik darauf zu mir kam, mir die Hände drückte und mit ebenso lauter Stimme wie vorhin sagte, daß der frohe Ausgang dieses vorher so gefährlichen Streites nur mir zu verdanken sei, so folgten alle, welche zur Dschemma gehörten, seinem Beispiele, und dann drängten sich noch viele andere herbei, um dasselbe zu thun. Ich hatte. mehrere Hundert Hände zu drücken, und die vorher mir so feindlichen Gesichter und Augen hatten jetzt einen ganz andern Ausdruck angenommen.

Das allererste, was ich nun that, war natürlich, Emery zu befreien. Er hatte den Lärm, die lauten Stimmen gehört und daraus geschlossen, daß etwas Wichtiges im Werke sei; aber daß dies ein Friedensschluß sein werde, welcher seine augenblickliche Befreiung zur Folge habe, das war ihm nicht in den Sinn gekommen. Um so größer war sein Erstaunen und seine Freude, als ich in das Zelt, in dem er steckte, trat, um ihn loszubinden.

Das war die erste Folge unsers Friedensschlusses; die zweite war, daß wir unsere Waffen und alles, was man uns abgenommen hatte, wieder bekamen; es fehlte nicht der unbedeutendste Gegenstand.

Nun ließ ich mir sagen, wo der Kolarasi zu finden sei. Man hatte ihn in sein Zelt geschafft und ihn dort angebunden, so wie wir vorher angebunden gewesen waren. Als ich hineinkam, sah ich, daß er die Augen offen hatte; er schloß sie aber sogleich und stellte sich, um Spottreden zu entgehen, ohnmächtig. Er hatte Blut gespuckt, und zwei Zähne, welche in demselben lagen, bewiesen, daß mein Kolbenstoß nicht gerade die Wirkung einer Liebkosung gehabt hatte. ich überzeugte mich, daß er sich nicht befreien konnte, und ging fort.

Es wurde ausgemacht, daß die Uled Ayar die Schlucht verlassen sollten, um draußen vor derselben ihr Lager aufzuschlagen. Vorher aber mußte der Friedensschluß förmlich vollzogen werden, was unter dem Absingen der heiligen Fathha und anderer Gebete zu geschehen hatte. Dabei genügte die Anwesenheit Krüger-Beis und Emerys. Ich zog es vor, mich dieser langweiligen Handlung zu entziehen, und begab mich also zu meinen Soldaten, um ihnen das Übereinkommen mitzuteilen.

Dann setzte ich mich zu Pferde und ritt, dieses Mal nicht um den Berg herum, sondern geraden Weges durch die Schlucht und durch die Schar unserer bisherigen Feinde, nach der Nordseite des Passes, wo die erste Schwadron aufgestellt war. Die Leute wunderten sich nicht wenig, als sie mich dieses Weges, gerade von den Feinden her, kommen sahen. Natürlich nahmen sie die Kunde, welche ich ihnen brachte, auch mit Freude auf. Sie waren zwar überzeugt gewesen, daß wir unbedingt siegen würden, aber falls es zum Kampfe gekommen wäre, hätte es auch auf unserer Seite Tote und Verwundete gegeben, und da war es auf alle Fälle besser, daß ein Kampf hatte vermieden werden können.

Wie schon gesagt, hatte ich angenommen, daß Winnetou sich bei dieser Abteilung befand, und dies traf zu. Noch ehe ich bei meinem Kommen den Mund öffnen konnte, trat er mir entgegen und fragte.

„Mein Bruder hat mit den Kriegern der Uled Ayar Friede geschlossen?“

„Ja. Es ist so gut gegangen, wie ich es nur denken konnte; es hat keinen Tropfen Blutes gekostet, und das habe ich nur dir allein, meinem besten Freunde und Bruder, zu verdanken. Du hast viel gewagt, indem du dich an meiner Stelle gefangen legtest.“

„Winnetou hat keinen Dank verdient, denn mein Bruder Scharlieh hätte ganz dasselbe für mich gethan. Auch war keine Gefahr dabei; ich war nicht festgebunden und konnte also in jedem Augenblicke fort. Was ist mit Thomas Melton, dem Mörder und Verräter, geworden?“

„Er liegt gefesselt in seinem Zelte. Die Uled Ayar werden den Engpaß verlassen und hier außerhalb desselben ihr Lager aufschlagen. Wir lagern uns ganz in ihrer Nähe und wollen alle unsere Truppen zusammenrufen.“

Der Kolarasi dieser Schwadron sandte Boten aus, und eine halbe Stunde später war unsere ganze Kavallerie an der Nordseite des Berges vor der Schlucht versammelt. Die gefangen gewesene Schwadron Meltons bekam später von den Beduinen ihre Pferde und ihre Waffen wieder.

Es war vier Uhr nach arabischer Zeit, nach abendländischer ungefähr zehn Uhr vormittags, als die Zeremonien des Friedensschlusses vorüber waren; die Uled Ayar kamen, ihren Scheik, Krüger-Bei und Emery an der Spitze, aus dem Engpasse geritten und wurden von drei Salven einer Abteilung unserer Kavallerie begrüßt; auch sie schossen zur Erwiderung ihre Gewehre ab, unregelmäßig und jeder nach Belieben, wie es ihre Gewohnheit ist. Emery hatte dafür gesorgt, daß der Kolarasi Melton mitgebracht wurde. Da dieser sich jetzt nicht mehr bewußtlos stellen konnte, nahm er eine andere Maske vor, wie man gleich sehen wird. Er sah schrecklich aus. War sein Gesicht schon durch die Fußtritte Emerys verschimpfiert worden, so kamen jetzt die Folgen meines Kolbenhiebes dazu. Dieser hatte zwar den Kiefer nicht verletzt, sondern nur den Verlust einiger Zähne herbeigeführt, aber die untere Hälfte war doch jetzt ebenso sehr oder noch viel mehr als vorher schon die obere geschwollen. Auch die Zunge schien in Mitleidenschaft gezogen worden zu sein, denn das Sprechen fiel ihm schwer; das hörte ich sehr bald, denn er wurde zu mir geführt und mir von dem Scheik nun förmlich übergeben, wie unsere Friedensbedingungen das mit sich brachten. Der Scheik that dies in einigen kurzen Worten. Als Melton dies hörte, fuhr er ihn grimmig an:

„Was? Du lieferst mich diesen Menschen aus?“

„Ich muß,“ antwortete der Beduine. „Es war das eine Bedingung des Friedensschlusses.“

„Aber du hast mir vorher die Freiheit versprochen! Als ich mich und meine Truppen dir übergab, machte ich die Bedingung, daß ich nicht gefangen, sondern frei sein sollte. Hältst du so dein Wort? Wenn du dies nicht thust, bist du ein schandbarer Lügner, ein ehrloser Verräter, der seinen Verbündeten mit Undank lohnt!“

Eigentlich hatte er recht; das mußte sich der Scheik auch sagen, und daher erklärte ich mir die Ruhe, mit welcher der letztere die Beleidigung hinnahm. Ich sollte mich aber leider später überzeugen, daß ein anderer Grund vorlag. Aber hätte der Scheik jetzt auch antworten wollen, so wäre er doch nicht dazu gekommen, denn als Melton seine letzten Worte gesprochen hatte, fuhr Krüger-Bei ihn zornig an:

„Das wagst du zu sagen, Halunke? Du wagst, von schandbarer Lüge und ehrlosem Verrate zu sprechen? Wer ist ein Lügner und wer ein Verräter? Du wirfst dem Scheik vor, als Verbündeter schlecht an dir gehandelt zu haben. Was aber bin ich, ich dir gewesen? Etwa nur ein Verbündeter? Ich war dein Gönner, dein Beschützer, dein Freund; ich habe wie ein Vater an dir gehandelt. Und wie hast du es mir nun vergolten! Du hast mich von Tunis hierher gelockt, damit man mich gefangen nehmen solle, was ja auch geschehen ist.“

„Das ist eine Lüge!“ verteidigte sich der Angeschuldigte in frechster Weise.

„Hund, willst du mich zu alledem auch noch zu einem Lügner machen!“

„Dich nicht, sondern denjenigen, welcher dir das weisgemacht hat, was du jetzt sagtest.“

„Das wäre hier mein Freund Kara Ben Nemsi? Den nennst du einen Lügner? Höre, du Sohn, Enkel und Urenkel von Vorfahren, welche alle in der Hölle wohnen, wie auch du in derselben braten wirst, das ist eine Gottlosigkeit, welche ich fast nicht begreifen kann. Deine ganze Seele ist aus Lügen zusammengesetzt! Wie konnte Allah es zugeben, daß ich einen solchen Menschen beschützte! Ich werde dich aufhängen lassen. Schafft den Judas fort!“

„Halt!“ bat ich. „Wenn du ihn als deinen Gefangenen betrachtest, so muß ich geltend machen, daß ich frühere Rechte habe.“

„Die sind aber nicht größer als die meinigen!“

„Das mag sein; aber ich habe ihn noch wegen wichtiger Dinge vorzunehmen!“

„Das werde ich nicht verhindern.“

„Gut! Dann bitte ich dich aber, ihn so fest binden und so gut bewachen zu lassen, daß er uns vollständig sicher ist.“

„Habe keine Sorge! Der Hund soll mir nicht entgehen; darauf kannst du dich verlassen! Schnürt ihn fest und bindet ihn dann an einen Pfahl!“

Der Befehl wurde dem alten Sallam gegeben, und dieser beeilte sich, ihn auszuführen. Dabei sagte nun Scheik Mubir Ben Safa zu Krüger-Bei:

„Herr, du hast recht, wenn du den Hund als Ischariot bezeichnest; auch ich habe ihn schon so genannt.“

„Hattest auch du Veranlassung dazu? Ist er auch gegen dich nicht ehrlich gewesen?“

„Mich hat er nicht betrügen können, obwohl ich nicht sagen mag, daß er mich nicht noch betrogen hätte. Aber er hat dich verraten, dich in meine Hände geliefert. Du warst mein Feind; du kamst, uns zu bekriegen; darum bin ich auf den Vorschlag, den er mir machte, dich zu fangen, eingegangen. Das war mir von großem Nutzen, der mich aber nicht verhindern konnte, ihn für einen Judas Ischariot zu halten und aus tiefstem Herzen zu verachten. Aber er hat noch an einem anderen ebenso oder gar noch schlimmer gehandelt.“

„An wem?“

„An seinem Begleiter.“

Da fiel ich schnell ein:

„Dieser ist es, nach welchem ich fragen muß. Ich kenne ihn und fürchte nur zu sehr, daß seine Reise hierher für ihn verhängnisvoll geworden ist. Wo befindet er sich?“

„Dort in der Schlucht.“

„In der Schlucht? Himmel! Kein Mensch ist mehr in derselben, wenigstens kein lebender! So ist er tot?“

„Ja,“

„Ermordet?!“

„Ich denke es.“

„Von dem Kolarasi?“

„Natürlich!“

„Wie hieß der Mann?“

„Seinen eigentlichen Namen kenne ich nicht. Der Kolarasi nannte ihn seinen Freund; er sprach ihn stets mein Freund an.“

„Aber ihr müßt ihn doch bei irgend einem Namen genannt haben!“

„Das haben wir. Wie du weißt, besitzen wir die Gewohnheit, fremde Leute, welche wir nicht kennen oder deren Namen wir schwer auszusprechen vermögen, nach irgend einer Eigenschaft, durch welche sie sich vor andern auszeichnen, zu benennen. Wir haben diesem jungen Fremdlinge auch einen solchen Namen gegeben, Abu tnasch Ssabil.“

„Aus welchem Grunde? Hatte er etwa zwölf Zehen an seinen Füßen, was ja bei manchen Menschen vorgekommen ist?“

„Ja. Wir umzingelten die Soldaten bei den Ruinen, in deren Nähe eine Quelle liegt. Die Soldaten wurden natürlich als Gefangene betrachtet, der Kolarasi aber und sein Freund waren frei. Der letztere trank an der Quelle und wusch sich dann das Gesicht, die Hände und die Füße, und dabei hat einer unserer Leute bemerkt, daß er an jedem Fuße sechs Zehen hatte.“

„Das ist mir von großem Interesse; das kann von höchster Wichtigkeit werden! Ich sage jetzt, was selbst mein Freund, der Herr der Heerscharen, noch nicht weiß, daß ich gekommen bin, den Vater der zwölf Zehen vom Tode zu erretten.“

„Wie?“ fragte Krüger-Bei. „Du wußtest, daß er ermordet werden sollte?“

„Ich ahnte es. Es handelte sich um einen verbrecherischen Plan, welcher ebenso raffiniert wie eigenartig ins Werk gestellt worden ist. Hört!“

Ich erzählte dem Herrn der Heerscharen und dem Scheik, was sie zu wissen brauchten. Der erstere rief, als ich fertig war:

„Welch eine That, welche Berechnung, welche bodenlose Schlechtigkeit! Hättest du eher gesprochen, so hätten wir uns beeilt und wären eher hier angekommen. Da wäre der Vater der zwölf Zehen noch nicht tot gewesen!“

„Glaube das nicht! Wir haben uns beeilt und hätten gar nicht schneller reiten können. Und wäre es uns möglich gewesen, einen Tag früher hier zu sein, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß dadurch der arme Small Hunter am Leben geblieben wäre.“

„Dennoch behaupte ich, daß du hättest reden sollen!“

„Ich durfte nicht. Wenn ich dich in die Angelegenheit einweihen wollte, so mußte ich dir doch sagen, daß der Kolarasi ein Verbrecher, ein entsprungener Mörder sei? Nicht?“

„Allerdings.“

„Er war aber dein Liebling. Erinnerst du dich unsers Gespräches im Bardo? Ich fing an, von ihm zu sprechen; ich klopfte bei dir an; aber bei dem ersten Worte, mit welchem ich dein Vertrauen zu dem Kolarasi zu erschüttern versuchte, wurdest du zornig, nahmst mir das Wort und schnittest mir das weitere in einer Weise ab, welche mich augenblicklich zum Schweigen brachte.“

„Du hättest dennoch nicht schweigen sollen. Du bist mein Freund, und ich hätte dich doch vielleicht angehört!“

„Nein, denn deine Erregung war zu groß. Und wenn du mich angehört hättest, so wäre es mir dadurch doch nicht gelungen, dir dein Vertrauen zu diesem Menschen zu nehmen. Ja, ich behaupte sogar, daß es für mein Unternehmen gefährlich war, dich dennoch ins Vertrauen zu ziehen.“

Er senkte den Kopf, schwieg eine Weile und sagte dann:

„Die Aufrichtigkeit zwingt mich, einzugestehen, daß ich wahrscheinlich etwas gethan hätte, was dir hinderlich gewesen wäre. Ich gebe ja zu, daß ich für den Halunken eingenommen war.“

„Du bist also bereit, mein Gewissen zu beruhigen?“

„Ja. Du hast nichts gethan und nichts unterlassen, wodurch das, was nun geschehen ist, geändert worden wäre.“

„Ich danke dir! Und nun, o Scheik, sage uns, was du über den Tod des Vaters der zwölf Zehen weißt. Wurde er von dem Kolarasi schlecht behandelt?“

„O nein! Derselbe war sehr freundlich mit ihm. Das lag ja in dem Plane, den er gegen ihn hegte; er mußte ihn sicher machen. Wir lagerten in der Schlucht. Vorgestern nach dem Abendgebete gingen beide aus dem Lager fort bis an eine Stelle, welche zwischen den gefangenen Soldaten und den Pferden lag. Da hörten wir einen Schuß, keinen starken, sondern einen schwachen, wie er aus den winzigen fremden Pistolen kommt, welche man drehen kann; sie haben sechs Kugeln, aber nur einen Lauf. Dann kehrte der Kolarasi in das Lager zurück und brachte mir die Nachricht, daß sein Freund sich soeben erschossen habe.“

„Gab er einen Grund an?“

„Ja. Er sagte, sein Freund habe es aus Schwermut, aus Trübsinn, aus Lebensüberdruß gethan.“

„Habt ihr eine Spur dieser Schwermut an ihm bemerkt?“

„Nein. Er hatte die wenigen Tage über, welche er bei uns war, stets ein heiteres Gesicht und brachte uns durch seine Reden, die oft scherzhaft waren, gern zum Lachen.“

„Das stimmt freilich mit dem angeblichen Trübsinn nicht zusammen!“

„Der Kolarasi behauptete aber, daß sein Freund schon lange Zeit des Lebens überdrüssig gewesen sei und schon einige Selbstmordversuche gemacht habe; das sei auch der Grund, daß er ihn so wenig aus den Augen lasse.“

„Weiter! Was thatet ihr bei der Nachricht von dem angeblichen Selbstmorde?“

„Ich ließ eine Palmenfaserfackel anzünden; dann begaben wir uns nach der Stelle, an welcher der Tote lag.“

„War er wirklich tot? Hast du dich selbst davon überzeugt?“

„Nein, weil wir nach unserm Glauben durch die Berührung einer Leiche verunreinigt werden. Hätte der Tote zu uns gehört, so wäre es etwas anderes gewesen; aber er war ein Fremdling, warum sollten wir da unsere Hände an ihm beflecken?“

„Hm! Er wurde begraben?“

4a, von dem Kolarasi.“

„Es half ihm niemand dabei?“

„Niemand, eben der Verunreinigung wegen. Auch hat er keinen Menschen um Hilfe dabei gebeten.“

„Wann war das?“

„Gestern. Als man euch als Gefangene zu mir brachte, erschien doch der Kolarasi bei euch und mir. Er kam von dem Grabe; er war noch nicht fertig mit demselben und hat es dann später vollendet, als wir euch in die Zelte gesteckt hatten.“

„Sahst du die Wunde, welche die Kugel gemacht hat?“

„Ja. Das tödliche Metall ist in das Herz gedrungen. Hältst du solche Nebendinge für wichtig, daß du mich nach denselben fragst?“

„Für außerordentlich wichtig. lch muß das Grab sofort aufsuchen und bitte dich, mich zu begleiten.“

Er war natürlich dazu bereit, nachdem er vorher in Betreff des zu errichtenden Lagers einige notwendige Anordnungen gegeben hatte. Krüger-Bei, Winnetou und Emery gingen mit. Unterwegs erkundigte ich mich noch bei ihm:

„Ging nicht aus deinen Worten vorhin hervor, daß du nicht an einen Selbstmord glaubst?“

„Ich zweifle allerdings an demselben, weil es mir unmöglich erscheint, daß der Vater der zwölf Zehen so lebensüberdrüssig gewesen ist, daß er sich selbst den Tod gegeben hat. Und sodann ist der Kolarasi ein Mensch, dem man alles zutrauen kann. Er bewachte den Fremden förmlich; es war ganz so, als ob derselbe sein Gefangener sei.“

Als wir während dieses Gespräches den großen Teil der Schlucht durchschritten hatten, zeigte uns der Scheik die Stelle, an welcher sich das Grab befand. Von einem Grabe im eigentlichen Sinne war freilich keine Rede; es bestand nicht aus einer Grube, sondern aus einem Steinhaufen, mit welchem die Leiche zugedeckt worden war. Melton hatte sich die Arbeit leicht gemacht. Der Steinhaufen war nicht hoch; wir hatten ihn in einigen Minuten entfernt. Da lag der Tote. Sein Anblick machte den Eindruck, den ich erwartet hatte.

„Heavens!“ rief Emery aus. „Welch eine Ähnlichkeit!“

„Uff!“ meinte Winnetou, ohne aber noch ein Wort hinzuzufügen.

„Maschallah, Gottes Wunder!“ ließ sich der Herr der Heerscharen vernehmen. „Das ist ja der Mann, den du von Tunis mitgenommen hast!“

„Du findest die Ähnlichkeit also groß?“

„So groß, wie ich sie niemals für möglich gehalten hätte!“

„Sie ist es ja, welche das Gelingen des Planes dieser Menschen allein möglich machen konnte! Durchsuchen wir zunächst die Kleider sehr genau!“

Ich hatte schon manchen Toten gesehen; dieser aber machte einen ganz besondern Eindruck auf mich, und nicht etwa allein infolge der Umstände, die ihm das Leben gekostet hatten, sondern auch wegen des Ausdruckes, den sein Gesicht zeigte. Es lächelte so friedlich, ich möchte sagen, so selig, als ob er schlafe und ein glücklicher Traum durch seine Seele gehe. Er sah so wenig wie ein Toter aus, daß ich mich wirklich erst mit den Händen überzeugen mußte, um zu glauben, daß er nicht mehr lebe.

In seinen Kleidern und Taschen fand sich nicht der geringste Gegenstand. Aber bei der Untersuchung derselben fiel mir auf, daß seine linke Hand verbunden war.

„Was ist das?“ fragte ich den Scheik. „Weißt du vielleicht, weshalb er den Verband angelegt hat?“

„Natürlich weiß ich es. Er ist verwundet worden von einer Kugel. Als wir eure Reiter umzingelten, geschah dies so schnell und vollständig, und der Kolarasi dachte so wenig an eine Verteidigung, daß von unserer Seite nur ein einziger Schuß gefallen ist. Und die Kugel hat den Fremden getroffen, der gar nicht unser Feind war, sondern nur hierher gelockt worden ist. Sie hat ihm das vordere Glied des linken Daumens halb weggerissen, sodaß es vollends mit dem Messer entfernt werden mußte.“

„Ah? Das muß ich sehen.“

Ich wickelte die Binde, welche aus dem Stück eines Kopftuches bestand, ab und überzeugte mich, daß allerdings die Spitze des Daumens fehlte. Da trat Winnetou näher heran, besah sich die Wunde und sagte:

„Mein Bruder mag nun das Herz entblößen!“

Ich that es. Ja, gerade da, wo das Herz lag, war die Revolverkugel eingedrungen; sie hatte schnelle und auch saubere Arbeit gemacht, denn die Wunde und ihre Umgebung war so rein, als ob sie abgewaschen worden wäre. Auch an der Kleidung war kein Blutflecken zu sehen.

Winnetou legte den Finger auf die Stelle, wo die Kugel eingedrungen war, drückte einigemal darauf und meinte dann:

„Wird mir mein Bruder Scharlieh erlauben, die Kugel und ihren Weg zu suchen?“

„Natürlich! Komm her!“

Ich machte ihm an der Leiche Platz; er zog sein Messer und begann die traurige Arbeit, vor welcher ich mich zwar gescheut, die ich aber doch auch vorgenommen hätte. Nämlich ich wußte, was er dachte; ich hatte denselben Gedanken wie er. Es sollte Selbstmord vorliegen; dieser hätte nur mit der Rechten vorgenommen werden können, da es dem jetzt Toten unmöglich gewesen wäre, mit der verletzten und verbundenen linken Hand zu schießen. Es kam also darauf an, welcher Richtung die Kugel im Körper gefolgt war, woraus sich dann schließen ließ, ob ein Schuß mit der rechten Hand als Thatsache angenommen werden könne.

Winnetou war ein erfahrener und außerordentlich geschickter Chirurg. Er operierte mit seinem langen, starken und scheinbar ungefügen Bowiemesser so zart, so vorsichtig, wie ein studierter Arzt es mit den feinsten Instrumenten nicht besser hätte machen können. Das ging freilich langsam; erst nach einer halben Stunde kannten wir den Weg, den die Kugel eingeschlagen hatte; sie saß hinten an der letzten rechten wahren Rippe. Der etwas abwärts gehende Schuß konnte also unmöglich mit der rechten Hand abgegeben worden sein. Der Apatsche richtete sich auf, hielt uns seine Hand mit der Kugel entgegen und sagte nur das eine Wort:

„Mord!“

„Well!“ stimmte Emery bei. „Hier liegt kein Selbstmord vor. Eine solche Richtung nimmt die Kugel nur, wenn mit der linken Hand geschossen wird, und mit dieser hat Small Hunter unmöglich schießen können.“

„Also ist Melton der Mörder!“ fügte ich hinzu. „Das habe ich sogleich gedacht, und ihr seid wohl alle derselben Meinung gewesen. Es ist eine traurige Arbeit, der wir uns hier zu unterziehen haben. Es schaudert mich; aber wir dürfen uns ihr nicht entziehen. Es muß unbedingt festgestellt werden, wer der Tote ist. Ziehen wir ihm die Schuhe aus; wir müssen die Zehen sehen!“

Dies geschah. Ja, er hatte an jedem Fuße sechs, anstatt einer kleinen deren zwei, die beide ganz richtig ausgebildet waren, nur daß der zweiten der Nagel fehlte. Sonst fanden wir am ganzen Körper nichts, kein Mal, kein sonstiges Zeichen, welches zur Feststellung der Persönlichkeit hätte dienen können.

Damit hatten wir unserer Pflicht nach ihrer, sozusagen kriminellen Seite hin genügt; es galt nun, den Toten zu begraben, was mit größerer Sorgfalt geschah, als Melton es gethan hatte. Wir gaben den aufgeschichteten Steinen die Gestalt eines Kreuzes und beteten dann leise für das ewige Heil des Toten, der so ohne alle Vorbereitung aus dem 1 eben geschieden war.

Dann aber drang der Scheik sofort darauf, daß wir uns reinigen mußten. Es geschah dies in der Weise, daß wir uns Hände und Gesicht mit Sand wuschen, wobei er mit leiser Stimme einige kurze Gebete murmelte. Dann sagte er:

„Nun seid ihr wieder rein, und niemand braucht sich zu scheuen, euch zu berühren. Kehren wir jetzt nach dem Lager zurück!“

„Warte noch!“ bat ich. „Der Ort und das Grab liegt auf dem Gebiete, welches den Uled Ayars gehört, deren oberster Scheik du bist. Kannst du uns versprechen, daß die Stätte von euch geachtet und nicht beschädigt wird?“

„Ich schwöre es euch bei Allah und dem Propheten zu! Doch warum bist du so besorgt um das Grab eines Mannes, der für dich ein Fremder gewesen ist?“

„Weil es möglich ist, daß es später noch einmal geöffnet werden muß. Ihr vergegenwärtigt euch doch alles, was ihr hier gesehen habt?“

„Ja.“

„Wir müssen eine Schrift darüber aufsetzen, welche drüben in Amerika gerichtliche Geltung hat. Du als Scheik des Stammes, welchem der Ort gehört, mußt sie unterschreiben, wir als Zeugen auch, und wenn der Herr der Heerscharen seinen Namen daruntersetzt, so ist alles geschehen, was unter den hiesigen und gegenwärtigen Verhältnissen geschehen kann. Für jetzt aber muß ich dich, Mubir Ben Safa, bitten, mir eine wichtige Frage zu beantworten: Wo sind die Sachen, welche diesem Toten gehörten?“

„Sein Pferd befindet sich mit bei unsern Pferden. Seine Waffen hatte der Kolarasi zu sich genommen; aber als er selbst gebunden in seinem Zelte lag, habe ich sie mir holen lassen. Ich werde sie euch zeigen, und ihr könnt sie haben.“

„Und das sonstige Eigentum? Der Tote hat doch jedenfalls noch viele andere Gegenstände besessen, wie Ringe, eine Uhr, verschiedene Dinge, welche zu einer Reise hierher notwendig waren, vor allen Dingen seine Beglaubigungen. An der Leiche aber haben wir nichts von alledem gefunden. Natürlich hat der Kolarasi ihm die Sachen auch alle abgenommen?“

„Das weiß ich nicht!“

„Nicht? fragte ich erstaunt, ja fast betroffen. „Du mußt es doch wissen. Du hast ihm doch jedenfalls alles abgenommen, was er bei sich hatte?“

„Seine Waffen habe ich, denn er ist jetzt gefangen und darf sie also nicht besitzen, aber was sich in seinen Taschen befand, ist ihm geblieben. Ich habe streng verboten, ihm irgend etwas davon zu nehmen.“

„Warum?“

„Infolge der Übereinkunft, welche ich mit ihm abschloß, ehe er sich uns ergab. Ich mußte versprechen, daß sein Eigentum nicht angetastet werde.“

„So hat er auch alles, was dem Toten gehörte, noch bei sich stecken?“

„Jedenfalls, denn ich bin überzeugt, daß keiner meiner Krieger sich daran vergriffen hat.“

„Gut, werde nachsehen! Gehen wir!“

„Ja, gehen wir! Was ihr mit dem Kolarasi und seinem Eigentume macht, kann mich nicht kümmern; ich habe ihm nur mein Versprechen zu halten, und dabei war nicht gesagt, daß ich ihn gegen euch in Schutz nehmen soll. Seit ich ihn euch vorhin ausgeliefert habe, könnt ihr mit ihm machen, was ihr wollt, und ich habe nicht mehr mit ihm zu sprechen oder zu verkehren.“

Nach diesen Worten handelte er. Als wir aus der Schlucht kamen und das Lager erreichten, trennte er sich von uns. Es konnte uns gar nicht auffallen, daß er nicht Lust hatte, sich vor einem Manne sehen zu lassen, der sein Verbündeter gegen uns gewesen war. Krüger-Bei wurde von einigen militärischen Obliegenheiten in Anspruch genommen; wir übrigen drei suchten Melton auf. Er war streng gefesselt und außerdem an einen in die Erde gerannten Pfahl gebunden. Zwei Soldaten hielten bei ihm Wache. Er wendete, als er uns kommen sah, den Kopf zur Seite, zum Zeichen, daß er nichts von uns wissen wolle.

„Master Melton,“ sagte ich, „wir kommen, um einige Fragen an Euch zu richten. Ich denke, Ihr werdet so klug sein, sie uns zu beantworten.“

Er sagte nichts, sah uns auch nicht an. Ich fuhr fort:

„Die erste Frage ist: Wer war der Fremde, der sich von Tunis bis hierher bei Euch befand?“

Er antwortete nicht. Da gebot ich einem der Soldaten:

„Hole den Bastonnadschi! Er mag dem Manne die verlorene Sprache wiedergeben.“

Da wendete Melton sein Gesicht schnell herum und schrie mich an:

„Wage es nicht, mich schlagen zu lassen! Ich bin nicht so ohnmächtig, wie du denkst! Heute mir und morgen dir! Merke dir das!“

„Pshaw, macht Euch doch nicht lächerlich! Es sollte Euch wohl schwer werden, die Macht zu entfalten, mit welcher Ihr mir droht. Übrigens, habt Ihr Euch den Mann schon angesehen, welcher da neben mir steht?“

Er stieß einen häßlichen Fluch aus.

„Jedenfalls habt Ihr von Winnetou, dem Häuptling der Apatschen, gehört?“ fuhr ich fort.

Er wiederholte seinen Fluch.

„Daß wir beide uns bei Euch befinden, mag Euch an die Rechnung erinnern, welche Ihr drüben in den Staaten noch auszugleichen habt. Von ihr sprechen wir wohl später; jetzt aber ersuche ich Euch allen Ernstes, unsere Fragen zu beantworten. Seht, da kommt der Bastonnadschi mit seinen Gehilfen! Ich gebe Euch mein Wort, daß Euch jede Weigerung, zu sprechen, auf jede nackte Sohle zehn Hiebe eintragen wird. Also, wer war der Fremde, nach welchem ich soeben fragte?“

Er warf einen langen Blick in mein Gesicht, als ob er alle meine Gedanken erraten und durchschauen wolle, und antwortete dann:

„Was habt Ihr denn nach diesem Manne zu fragen!“

„Ich interessiere mich für ihn.“

„Fangen wollt Ihr mich, fangen! Ich kenne Euch! Wer weiß, was für Absichten und Pläne Ihr jetzt in Euerm Schädel stecken habt!“

„Das will ich Euch gern sagen. ich habe die feste Absicht, Euch peitschen zu lassen, wenn Ihr nicht endlich antwortet. Also, wer ist der Fremde?“

Der Bastonnadschi stand meines Winkes gewärtig; darum zog Melton es doch vor, zu antworten:

„Er ist mein Sohn.“

„Euer Sohn? Ah! Das ist doch sonderbar! Habt Ihr ihn bei den Uled Ayars nicht als Euern Freund ausgegeben?“

„Ist ein Sohn kein Freund? Mußten die Wilden alles wissen?“

„Hm! Es kommt allerdings ganz auf Euch an, wie Ihr Euern Sohn nennen wollt. Aber er ist plötzlich fort. Wo steckt er jetzt?“

„Verstellt Euch nicht! Ihr wißt es doch, daß er gestorben ist. Die Beduinen werden es Euch gesagt haben.“

„Wie aber ist Euer Sohn denn auf den unglücklichen Gedanken gekommen, sich das Leben zu nehmen?“

„Melancholie, Lebensüberdruß!“

„Und dieses Selbstmordes wegen kommt Euer Sohn von Amerika herüber nach Tunis? Er hat Euch den Gefallen thun wollen, dabei zu sein? Da scheint es, er hat eine ungeheuer zärtliche Liebe zu Euch gehegt!“

„Spottet nur! Kann ich dafür, daß solche Melancholiker auf so dumme Gedanken kommen!“

„Ihr scheint Euch aber nicht viel daraus zu machen; wenigstens ist Euch keine Betrübnis anzusehen. Aber dennoch nehme ich Anteil an diesem traurigen Falle. Ich hörte, daß er sich in Eurer Gegenwart erschossen hat?“

„Ja, mit seinem Revolver.“

„Nicht mit dem Eurigen?“

„Laßt die dummen Witze! Ich habe keinen. Ein tunesischer Kolarasi führt keine Revolver.“

„Aber wie konnte Euer Sohn mit einem Revolver umgehen? Er war doch verwundet und konnte infolgedessen die Hand nicht brauchen!“

„Da Ihr so klug seid und alles wißt, werdet Ihr doch wohl auch wissen, daß nur seine linke Hand verletzt war.“

„Ach so! Hoffentlich habt Ihr den Toten beerbt?“

Wieder sah er mich forschend an, um zu erraten, wo hinaus ich wolle, und als ich die Frage wiederholt hatte, antwortete er:

„Selbstverständlich, wenn Ihr nämlich meint, daß ich alles, was mein Sohn bei sich trug, zu mir genommen habe.“

„Das freut mich ungemein, denn ich möchte den Nachlaß gern einmal sehen. Da Ihr verhindert seid, in die Taschen zu greifen, werde ich Euch der Mühe entheben, indem ich es an Eurer Stelle thue.“

„Thut es!“

Diese Worte waren in zornigem Tone gesprochen, und doch klang auch, wie mir schien, ein gut Teil Hohn und Schadenfreude heraus. Ich leerte seine Taschen und untersuchte seinen Anzug auf das genaueste. Es konnte mir nichts verborgen bleiben, und doch fand ich nur Gegenstände, welche, wie sich herausstellte, ihm gehörten; es war nichts dabei, was das Eigentum Small Hunters gewesen war.

„Was macht Ihr denn für ein Gesicht, wertester Sir?“ lachte er mich aus. „Könntet Ihr Euch jetzt im Spiegel sehen, so würdet Ihr darauf schwören, der geistreichste Mensch der Erde zu sein. Und ich Esel habe Euch stets für den größten Dummkopf gehalten! Ihr seht, wie man sich irren kann!“

Er hatte mir die Enttäuschung, welche ich fühlte, angesehen; ich nahm mich zusammen und sagte in einem Tone, welchem er meinen Mißmut nicht anhören konnte:

„Das ist also alles, was Ihr besitzt und was Euer Sohn besessen hat?“

„Ja,“ nickte er mit freundlichem Grinsen.

„So bedaure ich Euch und ihn! Ein tunesischer Kolarasi sollte doch kein so armer Teufel sein, und Euer Sohn scheint sich auch nicht viel erspart zu haben.“

„Erspart? Wo? Bei wem?“

„Bei Small Hunter.“

„All divers!“ fuhr er auf. „Small Hunter! Was wißt Ihr von Small Hunter?“

„Daß er ein angenehmer junger Master ist, der sich das Vergnügen macht, den Orient kennen zu lernen.“

„Den Orient?“

„Ja. Und zwar reist er nicht allein, sondern hat einen Begleiter bei sich, welcher ein ebenso interessanter junger Mann ist. Wenn ich mich nicht irre, wird er Jonathan Melton genannt.“

„Ich verstehe nicht!“

„Es geht mir selbst fast so, daß ich mich nicht verstehe. Ich habe gemeint, daß die beiden, nämlich Small Hunter und Jonathan Melton, sich in Ägypten befinden, und nun erfahre ich hier zu meinem Erstaunen, daß der letztere hier gewesen ist und sich vor Euern Augen erschossen hat!“

Er musterte mich zum drittenmal mit einem seiner langen Blicke. Es schien ihm jetzt ein Licht aufzugehen, daß ich nicht zufällig hier sei, sondern mehr über seine Pläne wisse, als ihm lieb sein konnte.

„Könnt Ihr mir vielleicht eine Erklärung geben?“ fragte ich.

„Denkt gefälligst selber nach!“ stieß er hervor.

„Meint Ihr? Nun, ich will einmal Euern Rat befolgen. Indem ich dies thue und also nachdenke, komme ich auf die Euch jedenfalls sonderbar erscheinende Idee, daß Ihr Euch in der Person Eures Sohnes geirrt habt.“

„Ein Vater soll sich in der Person seines Sohnes irren!“

„Warum nicht? Nehmen wir zum Beispiel an, es liege eine große Ähnlichkeit vor. Das ist doch ein Fall, der nicht zu den Unmöglichkeiten gehört.“

Er horchte auf und brach dann ungestüm los:

„Verwünscht sei Euer Ziehen, Zerren und Dehnen! Ihr habt etwas auf dem Herzen! Ihr wollt mir irgend einen Hieb oder Stoß versetzen! Was zögert Ihr doch! Hervor damit!“

„Einen Hieb oder Stoß? Da irrt Ihr Euch. Ich spreche aus reiner Teilnahme zu Euch. Der beste Trost für Euch wäre nun freilich der Beweis, daß Ihr Euch vergeblich grämt, daß Euer Sohn nicht gestorben ist, sondern noch lebt.“

„Laßt mich mit Euern Romanen in Ruh‘! Ich kann gar nicht begreifen, wie Ihr auf solche Gedanken kommt!“

„Wie? Auch das will ich Euch sagen. Wieviel Fußzehen hat wohl jeder Mensch?“

„Zehn natürlich!“ grollte er heraus. „Ihr müßt wahrhaftig nicht recht im klaren sein, daß Ihr mir so dumme Fragen vorlegen könnt!“

Der Ton, in welchem er diese Worte aussprach, war mir ein sicherer Beweis, daß er den abweichenden Bau des Fußes bei Small Hunter nicht kannte. Darum fuhr ich weiter:

„Die Fragen sind gar nicht so verrückt, wie Ihr anzunehmen scheint. Es ist bekannt, daß Small Hunter an jedem Fuße sechs Zehen hat, oder vielmehr hatte.“

„Wie? Sechs Zehen?“ fragte er ganz betroffen und indem er mich mit großen Augen ansah. Der Fall war ja von außerordentlicher Wichtigkeit für ihn.

„Ja, sechs an jedem Fuße! Und da er Euerm Jonathan so außerordentlich ähnlich sah und Ihr ihm nur ins Gesicht blicktet, aber nicht auf die Zehen, so habt Ihr Euch ganz unnützerweise über den Tod Eures Sohnes gehärmt. Ihr habt die Leiche selbst begraben. Ist es Euch denn dabei entgangen, daß sie zwölf Zehen hatte?“

Er stieß einen Fluch aus.

„Ja, sonderbar! Ihr habt nichts davon gewußt; den Uled Ayars aber ist dieser seltene Überfluß an Zehen recht wohl bekannt gewesen, denn sie haben den Toten unter sich nicht anders als Abu tnasch Sabi, Vater der zwölf Zehen, genannt.“

Er drängte die Ausrufe des Erstaunens, des Zornes, welche ihm auf den Lippen schwebten, zurück und machte seinen Gefühlen nur durch ein Kopfschütteln Luft.

„Und nicht nur in dem Manne selbst habt Ihr Euch geirrt,“ fuhr ich fort, „sondern auch in Beziehung auf den Tod, den er gestorben ist. Es liegt nämlich ganz bestimmt kein Selbstmord vor. Wir haben die Leiche ausgegraben und seciert. Die Kugel ist von links nach rechts unten durch das Herz gegangen und an der siebenten Rippe, da wo diese am Wirbel sitzt, stecken geblieben. Einen solchen Schuß kann ein Selbstmörder nicht mit der Rechten, sondern nur mit der Linken gethan haben. Die linke Hand des Toten war aber in der Weise verletzt, daß er mit derselben keinen Revolver zu handhaben vermochte; folglich hat er sich nicht selbst getötet, sondern er ist von einem andern getötet, also ermordet worden.“

„Wer sollte ihn denn ermordet haben?“

„Der, welcher im betreffenden Augenblick bei ihm war.“

„Das war ich!“

„Ihr? Hm, Master Melton, das wirft freilich kein gutes Licht auf Euch!“

„Unsinn! Meint Ihr wirklich, daß ich im stande bin, meinen Sohn, meinen einzigen Sohn zu töten?“

„Er war nicht Euer Sohn!“

„Aber ich habe ihn dafür gehalten!“

„Habt Ihr? Wirklich? Vielleicht irrt Ihr Euch auch da! Aber selbst wenn es so wäre, würde ich Euch, da ich Euch kenne, unbedenklich auch einen Kindsmord zutrauen. Jedoch ihr erklärt mit sehr glaubhafter Miene, es nicht gethan zu haben, und da muß ich mich also nach einem andern umschauen, der es gewesen sein kann. Ich denke da an den Schreiber eines Briefes, welcher aus Tunis nach Ägypten gegangen ist. In diesem Briefe wurde Small Hunter angeblich von seinem Freunde, dem Advokaten Fred Murphy, eingeladen, nach Tunis zu kommen. Wißt Ihr vielleicht etwas von diesem Briefe?“

„Nein, nein, nein!“ brüllte er mich förmlich an, vor Grimm und vor Verlegenheit.

„Oder kennt Ihr einen Juden Namens Musah Babuam, an welchen gewisse Schriftstücke adressiert werden sollten?“

„Nein, nein!“

„Oder den Pferdehändler Bu Marama im Dorfe Zaghuan, bei dem Euer Sohn bis zu Eurer Rückkehr heimlich logieren soll?“

Er bäumte sich unter seinen Fesseln auf, fiel aber wieder zurück und rief mir, vor Wut schäumend, zu:

„Du stehst mit allen Teufeln im Bunde! Du ersinnst dir Lüge über Lüge, nur um mich zu quälen; aber ich werde dir nicht länger Rede stehen und nicht mehr antworten, und wenn du mich totpeitschen lassen solltest! Geh in die Hölle, wohin du gehörst!“

Jetzt endlich hatte er eingesehen, daß ich alles wußte. Um ihm noch vollere Klarheit zu geben, ging ich, seinen Sohn zu holen, der sich gut bewacht bei unsern Truppen befand und seinen Vater noch nicht gesehen hatte. Ich band ihm die Füße los, so daß er gehen konnte, und führte ihn nach der Stelle, an welcher sein Vater auf der Erde lag. Ich war überzeugt, daß die Überraschung beide zu unvorsichtigen Äußerungen bringen werde, hatte mich aber darin getäuscht, denn als sie einander erblickten, sprach keiner von ihnen ein Wort, gerade als ob sie es so verabredet hätten.

Jonathan Melton, der Sohn, hatte sich natürlich sagen können, daß man ihn seinem Vater gegenüberstellen werde, und also vollständig Zeit gehabt, sich das dabei zu beobachtende Benehmen zurechtzulegen. Er hatte für Small Hunter gelten wollen; auch sein Vater hegte die Absicht, ihn für diesen auszugeben, und er war entschlossen, bei dieser Rolle so lange wie möglich zu bleiben. Zwar hatte er von mir erfahren, daß er und sein Plan durchschaut worden waren, doch hielt er es für besser, bei der Lüge zu bleiben, als ein Geständnis abzulegen. Und was Thomas Melton, den Vater betraf, so war dieser zu erfahren, zu hart gesotten und für alle Sättel so gerecht, daß er nicht durch die Überraschung zu einer Unvorsichtigkeit verleitet werden konnte, zumal er sich nach dem Gespräch mit mir recht gut sagen mochte, daß ich auf irgend eine Art zu seinem Söhne in Beziehung stehen mußte, weil ich über Dinge unterrichtet war, die ich nur von diesem erfahren haben konnte.

Also sie sahen sich erstaunt an, sagten aber dabei kein Wort.

„Nun, kennt ihr euch?“ fragte ich.

„Natürlich kennen wir uns,“ antwortete Thomas Melton, indem sein geschwollenes Gesicht sich zu einem triumphierenden Grinsen verzerrte.

„So? Das ist gut! Also sagt mir doch einmal, wer ist dieser junge Mann?“

„Das ist Small Hunter, mit welchem mein Sohn einige Zeit gereist ist.“

„Schön! Und Ihr, junger Mann, sagt mir nun, wer dieser Gefangene ist!“

„Das ist Thomas Melton, der Vater meines früheren Reisebegleiters,“ antwortete der Gefragte.

„Das habt ihr beide sehr gut gemacht! Vom Standpunkte der Schurkerei muß ich euch das lobendste Zeugnis ausstellen. Nur schade, daß ich hier dieses besitze. Der Inhalt wirft eure ganze List und Festigkeit über den Haufen.“

„Was ist’s?“ fragte der Alte.

Ich hatte das Portefeuille des Jungen aus der Tasche genommen und vorgezeigt und antwortete:

„Das werdet Ihr schon noch erfahren, Thomas Melton. Und alles, was Ihr Euch von Small Hunter angeeignet habt, werde ich Euch bald zeigen.“

„Zeigt es doch!“ lachte er.

„Ich finde es noch!“

„So sucht, soviel und wo Ihr wollt! Mich aber laßt nun endlich mal in Ruhe mit diesen Euern Dummheiten!“

Er drehte sich um, und ich sah ein, daß es allerdings Zeit war, abzubrechen. Aber zusammenlassen durfte ich die beiden nicht, da sie sich sonst ganz gemütlich hätten besprechen können; der junge Melton wurde wieder fortgeführt.

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