Roman

Beim »Vater der Fünfhundert«


Beim »Vater der Fünfhundert«

Zwei Menschen, ganz allein in der weiten Wüste! Die Sonne brennt so glühend hernieder, daß man sich wie gebraten fühlt und, um nicht geblendet zu werden, die Kapuze des Haïk weit über das Gesicht ziehen muß. Zu sprechen giebt es nichts; man hat sich ja längst ausgesprochen. Zudem liegt die Zunge zu schwer in dem trockenen Munde, daß man, auch wenn Unterhaltungsstoff vorhanden wäre, doch lieber schweigen würde. Vorn, hinten, rechts und links Sand! Die Kamele gehen ihren Schritt, mechanisch wie aufgezogene Maschinen. Sie besitzen nicht das Temperament des edlen Rosses, welches dem Reiter zeigt, daß es sich mit ihm freut und auch mit ihm leidet. Der Herr kann mit seinem Rosse eins sein, mit dem Kamele aber nie, selbst wenn es das kostbarste Hedschihn wäre. Dies spricht sich schon äußerlich durch die Art und Weise aus, wie er auf dem ersteren und wie auf dem letzteren sitzt.

Der Reisige umarmt den Leib seines Rosses mit den Beinen; er hat »Schluß« und macht dadurch die Sage vom Centauren wahr. Diese Umschlingung bringt die Glieder, die Muskeln und Nerven des Mannes mit denen des Pferdes in innige Berührung. Das Roß fühlt die Absichten des Reiters, noch ehe dieser sie äußerlich zur Andeutung bringt. Es gewinnt ihn lieb; es wagt mit ihm; es fliegt mit ihm, und es geht mit vollem Bewußtsein dessen, was es thut, mit ihm in den Tod.

Ganz anders beim Kamele. Auf hohem Höcker im Sattel sitzend, berührt der Reiter das Tier nur, indem er seine Füße über den Hals kreuzt. Es giebt nicht den mindesten »Schluß«, keine äußere und also auch keine innere Vereinigung. So hoch er auf oder über ihm thront, so tief bleibt es im geistigen Verständnisse für ihn zurück. Ist es gutmütig, so gehorcht es ihm wie ein Sklave, ohne die Spur einer eigenen Individualität zu zeigen; ist es aber bösartig und störrisch, wie die meisten sind, so steht es mit ihm in einem immerwährenden Kampfe, welcher ihn ermüden und endlich gar mit Widerwillen erfüllen muß. Wirkliche Liebe für seinen Herrn wird man bei einem Kamele nur äußerst selten beobachten.

Das ist es, was einen einsamen Ritt durch die Wüste noch einsamer macht. Man fühlt ein lebendes Wesen unter sich und kann sich doch nicht mit ihm beschäftigen. Das Pferd giebt durch Wiehern, Schnauben, durch die Bewegung der Ohren und des Schwanzes, durch verschiedene Modulationen des Ganges seine Gefühle zu erkennen; es spricht mit dem Reiter; es teilt sich ihm mit. Das Kamel schreitet gleichmäßig weiter und weiter; es trägt seinen Herrn tage- und wochenlang, lernt ihn aber trotzdem nicht kennen.

Dann wird ein solcher Ritt durch die Einöde zur wahren Pein, und mit Freuden begrüßt man die kleinste Unterbrechung, welche einem ein günstiger Zufall entgegenschickt.

Unsere beiden Hedschihn gehörten zur Klasse der gutwilligen Kamele. Hatten wir uns aufgesetzt, so begannen sie zu laufen »wie die Schneider«, sagt der Deutsche, und sie liefen wie die Schneider und immer weiter, immer in einem und demselben Tempo, ohne sich zu weigern, ohne einmal anzuhalten, ohne die leiseste Spur irgend einer selbständigen Willensregung zu zeigen. Das war entsetzlich langweilig; man verlor zuletzt selbst den Willen; man schlief innerlich ein und behielt nichts als nur das öde Bewußtsein, daß man in einer endlosen geraden Linie durch den Sand getragen werde.

Da weckte mich ein scharfer Schrei aus dem Zustande der seelischen Erschlaffung, in welchen ich gesunken war. Auch Ben Nil fuhr auf und blickte empor in die Luft, in welcher der Schrei erklungen war.

»Schahin!« sagte er, mit der Hand nach oben deutend; dann sank er wieder in sich selbst zusammen. Ja, es war ein Schahin, ein Falke, dessen Schrei wir gehört hatten. Er kreiste hoch über uns. Das Erscheinen dieses Vogels schien für Ben Nil gar nicht beachtenswert zu sein; ich aber hatte sofort meine ganze Energie wieder gewonnen.

»Aufpassen! Es kommt jemand!« sagte ich.

Ben Nil richtete sich wieder empor und sah sich um. Als er innerhalb des Gesichtskreises keinen Menschen erblickte, meinte er:

»Hat mir denn die Sonne die Sehkraft geraubt! Ich sehe niemand, Effendi.«

»Ich auch nicht; aber wir werden jedenfalls bald eine Begegnung haben. Ein Falke schlägt nur lebende Beute; er frißt niemals Aas. Wenn er sich hier in der Wüste befindet, welche keine Lebewesen beherbergt, so muß er einer Karawane gefolgt sein.«

»Oder er hat sich verflogen oder befindet sich auf der Reise.«

»Ein Falke, hier, sich verfliegen? Nein. Passen wir auf, wie dieser Vogel sich verhält.«

Die Blicke auf den Falken gerichtet, beobachteten wir ihn. Er schwebte noch immer über uns, um uns zu beobachten. Da hörten wir wieder einen Schrei, und ein zweiter Falke kam geflogen, von Westen her, und gesellte sich zu dem ersten; sie kreisten miteinander einigemale über uns und flogen dann wieder fort, der Richtung entgegen, aus welcher sie gekommen waren.

»Das war wohl Männchen und Weibchen,« meinte Ben Nil.

»Ja,« antwortete ich, indem ich mein Kamel anhielt und das Fernrohr ergriff, um mit demselben den Flug der Vögel zu verfolgen. »Bleib‘ auch halten! Es ist immer gut, zu wissen, was geschehen wird.«

»Hier kannst du doch nicht eher etwas wissen, als bis du es siehst.«

»Ich habe es ja schon gesehen, nämlich die Falken. Sie sind in gerade westlicher Richtung fort; ich sehe sie deutlich – – jetzt beginnen sie wieder im Bogen zu fliegen; sie kreisen.« Und nachdem ich die Vögel vielleicht zwei Minuten lang beobachtet hatte, fuhr ich fort: »Sie ziehen noch immer ihre Kreise, bewegen sich aber dabei nach Süden. Daraus ziehe ich den Schluß: Da drüben bewegt sich eine Karawane. Sie kommt von nordwärts her und bewegt sich nach Süden, und zwar so langsam, daß ich fast vermuten möchte, daß Fußgänger dabei sind!«

»Woher weißt du, daß sie sich so langsam bewegt?«

»Die Falken schweben über der Karawane; das Tempo der Vögel ist auch dasjenige der Menschen.«

»Effendi, du weißt wirklich Dinge aus Gedanken hervorzuzaubern! Werden wir auf diese Leute treffen?«

»Ja, wenn wir sie nicht absichtlich vermeiden wollen. Sie sind so weit von uns entfernt, daß ein Fußgänger den Weg in einer Stunde zurücklegen kann.«

»W’allah! Wie kannst du das denn so genau wissen? Das haben dir die Falken doch jedenfalls nicht gesagt!«

»Wer sonst als sie! Man weiß doch wohl, wie schnell ein Falke fliegt; ich weiß auch, wie lange diese beiden brauchten, um von uns wieder dort hinüberzukommen; aus diesen beiden Zahlen ist die Entfernung sehr leicht zu berechnen.«

»Ist es möglich, sie zu beobachten, ohne daß sie uns sehen können?«

»Durch das Fernrohr allerdings. Wollen einmal hinüber. In einer Viertelstunde werden wir sie erblicken.«

Es war mit unserer geistigen Müdigkeit vorbei. Der Schrei des Falken hatte uns wachgerufen. Wir lenkten nach Südwest, und ich behielt, indem wir dieser Richtung folgten, die Falken scharf im Auge. Dies that ich, um die Entfernung abzuschätzen und der Karawane nicht etwa so nahe zu kommen, daß wir von ihr aus mit dem unbewaffneten Auge gesehen werden konnten. Der Boden war nämlich eben; wir konnten uns nicht verstecken. Der Charakter der Wüste mußte sich erst gegen Abend verändern, um welche Zeit wir an das Nid en Nil zu gelangen dachten, ein langes und stellenweise sehr breites Regenbette, welches um diese Jahreszeit viel Wasser enthielt. Ich hatte von diesem Nid en Nil sagen hören, daß es sogar in der trockensten Jahreszeit Wasser enthalte und, da es eigentlich niemals austrockne, den Aufenthalt von Nilpferden bilde. Daß diese Tiere soweit nördlich vorkommen könnten, hatte ich bisher nicht gedacht.

Nach ungefähr einer Viertelstunde waren mir die Falken im Fernrohre so nahe gekommen, daß ich es für gut fand, anzuhalten und das Rohr nun gegen die Erde zu richten. Ich versuchte es erst mit dem bloßen Auge; da war nichts zu sehen. Aber durch das Perspektiv – wirklich, da ritten und da liefen sie, eine lange Reihe von Tieren und Menschen. Ich hatte mich also nicht geirrt. Als ich genug gesehen hatte, gab ich Ben Nil das Rohr. Er mußte lange suchen, ehe er die Karawane fand; dann beobachtete er sie ebenso lange und sagte endlich:

»Effendi, du hattest Recht. Es ist eine Karawane. Ich hätte das nicht erraten und wenn noch so viele Falken gekommen wären. Es sind zwanzig Reiter und fünfundvierzig Fußgänger. Was für eine Karawane mag dies sein? Man geht doch nicht zu Fuß durch die Wüste! Es wird doch nicht etwa eine Sklavenkarawane sein!«

»Beinahe undenkbar! Wo sollen hier die Sklaven herkommen? Und eine Sklavenkarawane am weißen Nile, welche von Nord nach Süd zieht, das wäre jedenfalls höchst sonderbar. Die entgegengesetzte Richtung ist die gewöhnliche: die Sklavenjäger holen ihre Ware aus dem Süden und schaffen sie nordwärts.«

»Was für ein Land liegt denn in der Gegend, aus welcher diese Leute zu kommen scheinen?«

»Das Land der Takaleh. Doch warte! Bei der Nennung dieses Namens fällt mir ein, daß die Takaleh, trotzdem sie Muhammedaner sind, die verwerfliche Gewohnheit haben, ihre Kinder zu verkaufen.«

»Allah! Welch eine Sünde und welch eine Schande! Wer wird seinen Sohn oder seine Tochter um Geld verschachern! Diese Takaleh sind gewiß Neger!«

»Sie sind nicht ganz schwarz, und man darf sie nicht etwa für tiefstehende und unbefähigte Menschen halten. Als Ägypten den Sudan eroberte, haben die Takaleh am längsten widerstanden. Sie sind tapfere Krieger und durch den Kampf mit den Ägyptern sehr berühmt geworden. Das Land Takaleh zeichnet sich aus durch seine reichen Kupferminen und durch die Gastfreundschaft, welche seine Bewohner gegen jeden Fremden, welcher bei ihnen einkehrt, üben. Dies letztere darf aber nicht dazu verleiten, ihnen außerhalb der Gastverhältnisse eine allzu große Freundlichkeit zuzutrauen. Sie stehen unter einem Mek, welcher das Recht hat, diejenigen Unterthanen, welche ihm nicht gehorchen oder ihm sonst aus irgend einem Grunde mißliebig geworden sind, als Sklaven zu verkaufen. Kriegsgefangene können auch, wenn sie nicht, wie der alte Gebrauch vorschreibt, alle niedergemetzelt werden, verkauft werden.«

»Dann ist es sehr leicht möglich, daß diese Karawane aus solchen Verkauften besteht. Meinst du, daß wir, wenn wir diesen Leuten begegnen, etwas von ihnen zu befürchten haben?«

»Wohl nicht. Es giebt ja weder bei uns noch bei ihnen ein Interesse, sich an dem andern zu reiben.«

»Wollen wir hinüber zu ihnen?«

»Nein. Wenn wir sie auch nicht zu scheuen haben, so giebt es auch keinen Grund, sie gerade aufzusuchen. Wir wollen noch vor Abend am Nid en Nil sein und machen dort Lager. Treffen sie da auf uns, nun so sind sie eben da; aber geradezu aufzusuchen brauchen wir sie nicht.«

Wir schwenkten wieder nach Süden ein. Die Monotonie des Rittes war glücklich unterbrochen worden, und die Erwartung, ob wir eine Begegnung mit der Karawane haben würden oder nicht, ließ es nicht wieder zu dem Zustande innerlicher Versenktheit kommen, in welchem wir uns vorher befunden hatten.

Der Nachmittag verging, und gegen Abend bemerkten wir, daß wir uns dem heutigen Ziele näherten. Der südliche Horizont, welcher bis dahin mit dem Himmel verschwommen gewesen war, stach jetzt dunkel gegen denselben ab, und da diese dunkle Linie hier in dieser Gegend unmöglich einen Bergzug bedeuten konnte, mußten wir sie als das Anzeichen eines Waldes nehmen.

Wir erreichten denselben an einer Stelle, wo er nur schmal war, weil das Nid en Nil hier eine so tiefe Einsenkung bildete, daß das Wasser desselben die hohen Ufer fast nie berühren und befruchten konnte. Die Steilung, hüben hinab und drüben wieder hinauf, war so bedeutend, daß wir sie unmöglich mit unsern Kamelen passieren konnten. Darum mußten wir solange am Ufer hinreiten, bis wir eine zum Übergange geeignete Stelle fanden.

Dieses Nid en Nil ist ein Regenbette, welches im Charif jedenfalls eine reiche Menge Wassers führt; jetzt aber war die Stelle, an welcher wir auf dieses Bett gestoßen waren, schon vollständig trocken. Nach einer Viertelstunde jedoch verflachten sich die Ufer und bildeten einen Maijeh oder vielmehr eine Art See, dessen Wasser so hell und klar war, daß er nicht wohl ein Sumpf genannt werden konnte. Er war so breit, daß man das andere Ufer nicht sehen konnte. Das unsrige war mit hohen Bäumen besetzt.

Da wir hier nicht hinüber konnten, mußten wir weiter reiten. Der See machte bald eine Krümmung nach links und ging dann in einen schmalen Arm stehenden Gewässers Über, welcher ihn mit einem zweiten, noch größern See verband. Das Wasser dieses Armes konnte nicht tief sein, denn es ragten zahlreiche, stark bewipfelte Bäume aus demselben empor; jedenfalls trocknete es noch vor der heißen Jahreszeit vollständig aus. Hier war es wohl nicht schwer, hinüberzukommen; darum beschloß ich, an dieser Stelle Halt und Lager zu machen.

Wir stiegen also ab, ließen die Kamele von dem ziemlich reinen Wasser trinken und banden sie dann an die Sträucher, welche am Ufer unter den Bäumen standen. So konnten sie von den saftigen Zweigen derselben fressen. Als wir nachher beschäftigt waren, dürres Geäst für ein Feuer zu suchen, um uns gegen die am Wasser stets vorhandenen Stechmücken zu schützen, sahen wir die Karawane kommen, welche wir vorhin beobachtet hatten. Die voranreitenden Männer, bei denen sich ein wahrer Goliath befand, hielten an und betrachteten uns von weitem. Dann kam der Riese auf uns zu, musterte uns aufmerksam und mit finstern Blicken, ritt auch an die Sträucher, um zwischen dieselben hinein- und über sie hinwegzublicken, und fragte dann, ohne vorher zu grüßen:

»Was thut ihr hier an der Mahada ed Dill?«

Dieser Name bedeutet Furt des Schattens, schattige Furt; wir hatten also richtig eine Stelle getroffen, an welcher man über das Nid en Nil kommen konnte. Wenn im Oriente jemand bei irgend einer Begegnung nicht grüßt, so ist das stets ein schlechtes Zeichen. Dieser Mann machte überhaupt keinen Vertrauen erweckenden Eindruck. Darum antwortete ich kurz:

»Wir ruhen aus, wie du siehst.«

»Werdet ihr des Nachts hier bleiben?«

»Das kommt darauf an, ob es uns hier gefällt und ob wir ungestört sein werden.«

»Seid ihr allein?«

»Frage nicht uns, sondern deine Augen!«

»Dir scheint man die Vorzüge der Höflichkeit nicht beigebracht zu haben!«

»Ich besitze sie; aber ich pflege sie nur dann zu zeigen, wenn man auch gegen mich höflich ist. Du hast uns den Gruß versagt.«

»Ich kenne euch nicht; sage, wer du bist!«

»Erst dann, wenn ich deinen Namen und Stand erfahren habe.«

»Ich stehe höher als du, folglich mußt du mir zuerst Auskunft geben. Wisse, ich bin Schedid, der tapferste Krieger des Königs der Takaleh!«

»Und ich bin der Mudir von Dscharabub. Hoffentlich kennst du diesen Ort!«

Wie mir dieser Name auf die Zunge kam, das hätte ich damals ebensowenig sagen können, wie ich es heute sagen kann.

Der Ort ist bekannt, weil der berühmteste muhammedanische Orden der Neuzeit dort gegründet wurde; aber einen Mudir giebt es da nicht und hat es nie gegeben. Ich legte mir diesen Rang bei, um dem Takaleh zu imponieren. Wer und was ich war, wollte und durfte ich ihm aus naheliegenden Gründen nicht sagen. Eine Unwahrheit ist wohl ein geringeres Verbrechen als eine Aufrichtigkeit, durch welche man nicht nur zum Selbstmörder wird, sondern auch das Wohl oder gar das Leben Anderer auf das Spiel setzt.

»Ich habe von diesem Orte noch nie etwas gehört,« antwortete er in wegwerfendem Tone. »Deine Mudirieh wird wohl eine von den Termiten zernagte sein!«

»Allah verzeihe dir diese Unwissenheit! Hast du denn noch nie von Sihdi Senussi gehört?«

»Allah durchbohre dich! Wie kannst du einen frommen Gläubigen mit dieser Frage beleidigen! Alles, was auf der Erde lebt, weiß, daß Sihdi Senussi der größte Prophet ist, welcher das Wort des Islam predigt. Kennst du die Orte Siwah und Farafrah?«

»Natürlich!«

»Sie leuchten wie die Sterne vor allen Orten der Erde, denn dort befinden sich die Universitäten, in denen die Schüler und jünger von Sihdi Senussi gebildet werden.«

»Das weißt du und kennst doch Dscharabub nicht, welches noch viel heller leuchtet? ja, in Dscharabub residiert Sihdi Senussi; in Siwah und Farafrah befinden sich nur seine Schulen. Alle drei Orte aber gehören zu meiner Mudirieh. Von ihnen geht das reinste Licht des Islam aus, vor welchem die Schatten aller Irrlehrer weichen müssen. Mein Haus und dasienige des Sihdi haben miteinander ein einziges Thor; wir leben unter einem Dache und trinken aus demselben Schlauche. Nun sage mir, wer höher steht, du oder ich? Wehe dem, der mir den Gruß verweigert! Es wird ihm ergehen wie dem Lästerer, von welchem die hundertvierte Sure spricht: ›Er wird hinabgeworfen in Hutama. El Hutama aber ist das angezündete Feuer Allahs, welches über die Frevler zusammenschlägt!‹ Jetzt brüste dich weiter, o Schedid, der du nichts als nur der Diener eines Menschen bist!«

Da ließ er sein Kamel vor mir niederknieen, stieg ab, verneigte sich tief und sagte:

»Laß die Sonne deiner Verzeihung über mir aufgehen, o Mudir! Ich konnte doch nicht ahnen, daß du der Freund und Gefährte dieses heiligen Senussi bist. Euer Orden wird die ganze Welt umfassen, und vor eurer Macht werden sich beugen alle Menschen, welche leben und noch leben werden. Wie soll ich deinen jungen Gefährten nennen?«

»Die Zahl seiner Jahre beträgt nicht viel, aber die Vorzüge seines Geistes haben ihn schon berühmt gemacht. Er wurde auf der Universität von Farafrah gebildet und ist mit mir ausgezogen, um den Glanz unsers Ordens auch in diesem Lande hier leuchten zu lassen. Er ist Chatib. Nenne ihn so!«

Das wäre etwas für Selim, den Aufschneider, gewesen! Dieser hätte gewiß sofort eine fulminante Rede gehalten, welche von Eigenlob übergeflossen wäre. Ben Nil aber sagte nur, und zwar im würdevollsten Tone, der ihm möglich war:

»Du hast dich gegen uns vergangen, weil du uns nicht kanntest. Wir verzeihen dir.«

Daß er als Muhammedaner die Unwahrheiten, deren ich mich schuldig gemacht hatte, bestätigte, war ein Zeichen, wie lieb er mich hatte. Der Takaleh befand sich in einer sichtbaren Verlegenheit. Ich sah es ihm an, daß er gern in unserer Nähe lagern wollte, dies aber mit der Hochachtung, welche er uns schuldig zu sein glaubte, nicht für vereinbarlich hielt. Er blickte nach seiner Karawane, welche halten geblieben war, zurück und sagte:

»Wir wollten bis morgen hier an dieser Stelle bleiben; nun aber werden wir uns wohl einen andern Ort suchen müssen, weil wir es doch nicht wagen können, in der Nähe so heiliger Männer zu lagern.«

»Vor Allah sind alle Menschen gleich. Ich erlaube euch also, hier bei uns Platz zu nehmen,« antwortete ich.

»Ich danke dir, o Mudir, und gebe dir die Versicherung, daß meine Leute sehr andachtsvolle Zuhörer eurer Reden sein werden.«

»Glaube nicht, daß wir euch Predigten halten. Alles zu seiner Zeit und am rechten Orte. Das Wort darf nur dann vom Munde fließen, wenn der Geist im Innern mächtig wird.«

Es konnte mir natürlich nicht einfallen, hier als muhammedanischer Missionar aufzutreten. Ich hatte imponieren wollen und weiter nichts, und das war mir gelungen, wie das völlig veränderte Benehmen dieses Takaleh bewies. Aber trotz seiner gezeigten tiefen Ehrerbietung stieß er mich in einer Weise ab, daß ich ihn am liebsten weit von mir fort gewünscht hätte. Seine Züge waren regelmäßig, und seine Stimme hatte einen kräftigen, wohllautenden Klang; daß er mir trotzdem so sehr unsympathisch war, hatte keine äußeren, sondern innere Gründe, über welche ich mir freilich selbst keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Er winkte seinen Leuten, herbeizukommen. Wir hatten uns nicht geirrt; es waren gerade so viele Personen, wie wir gezählt hatten. Jetzt konnten wir, was vorhin durch das Rohr nicht möglich gewesen war, auch die beiden Geschlechter unterscheiden. Die Hälfte der Fußgänger waren nämlich eigentlich Fußgängerinnen; allen aber waren, was wir erst jetzt bemerkten, die gefesselten Hände an einem langen Seile befestigt; sie waren also Gefangene.

Die Reiter brachten sie getrieben. Schedid rief ihnen einige Worte zu, auf welche hin man uns mit großer Demut grüßte. Nachdem die ersteren abgestiegen waren, versorgten sie erst ihre Tiere und führten dann die Gefangenen zum Wasser, damit auch sie trinken sollten. Dann mußten die letzteren, welche gar nicht losgebunden wurden, sich in unserer unmittelbaren Nähe niederlegen. Sie gehorchten in einer Weise, daß man sah, sie hatten sich in ihr Schicksal vollständig ergeben.

Was mir auffiel, war, daß zwischen den Gefangenen und ihren Begleitern nicht der geringste Unterschied im Typus zu entdecken war; sie schienen zu demselben Volke und Stamme zu gehören. Ihre Farbe war nicht schwarz, sondern schwärzlich braun, ihr Bart schwach und ihr Haar nicht gekräuselt, sondern starr. Der Anführer erteilte fünf von seinen Leuten die besondere Aufgabe, auf die Gefangenen zu achten, und sagte zu den übrigen:

»Öffnet eure Augen, ihr Leute, und seht hier zwei Männer, deren Gebete euch den Himmel zu öffnen vermögen! Hier sitzt der berühmte und heilige Mudir von Dscharabub, welcher ein Oberster der Senussi ist und mit Sihdi Senussi in einem Hause wohnt, und neben ihm erblickt ihr einen frommen Jüngling, dem trotz seiner Jugend die Gabe gegeben ist, die reinen Lehren des Kuran zu verkündigen. Beugt euch vor ihnen, und laßt es euch nicht einfallen, ihnen durch unbedachte Worte lästig zu werden!«

Diese letztere Mahnung konnte auch in andern Worten lauten: »Seid klug und vorsichtig, und verratet nicht durch unbedachte Reden, daß wir schlechte Kerle sind!« Sie verschlangen die Arme über der Brust und beugten sich dann fast bis zur Erde nieder. Nachher setzten sie sich so nahe zu uns, daß sie uns zwar nicht lästig fielen, aber alles, was wir sprachen, hören konnten. Sie nahmen ihre Speisevorräte aus den Säcken, um einen Imbiß zu halten, aber die Gefangenen bekamen nichts. Darum fragte ich Schedid:

»Meinst du nicht, daß die andern auch Hunger haben?«

»Was geht es mich an, wenn sie hungern?« antwortete er. »Sie bekommen täglich einmal zu essen und zu trinken. Wenn sie jetzt Hunger haben, so mögen sie schlafen. Sie sind Requiq und haben übrigens heute schon mehr erhalten, als sie erwarten können, denn sie haben hier getrunken.«

»Wasser aus dem See, während ihr aus den Schläuchen nahmt!«

»Für Requiq ist Wasser Wasser. Wenn es ihnen nicht schmeckt, so kann ich es nicht ändern.«

»Sie sind also Sklaven. Wo hast du sie gekauft?«

»Gekauft? O Mudir, wie sind die Heiligen, welche alle Himmel kennen, doch so unerfahren auf der Erde! Ein Takaleh kauft niemals Requiq, sondern er macht sie sich.«

»So sind diese Sklaven deine Stammesgenossen?«

»Natürlich!«

»Was haben sie gethan, daß man sie zu Requiq gemacht hat?«

»Gethan? Eigentlich nichts. Der Mek braucht Geld; darum verkauft er sie.«

»Kann er alle seine Unterthanen verkaufen?«

»Alle, welche ihm ungehorsam sind oder ihm aus sonst einem Grunde nicht mehr gefallen. Jeder Vater kann seine Kinder, jeder Mann seine Weiber und jeder Mächtige diejenigen verkaufen, über welche er zu gebieten hat.«

»Was würdest du dazu sagen, wenn der Mek auch dich verkaufte?«

»Ich müßte mich fügen.« Aber so leise, daß nur ich es hörte, fügte er hinzu: »Ich würde es nicht dulden, sondern ihn erwürgen!«

Der Umstand, daß er mich für einen Heiligen hielt, hinderte ihn gar nicht, mir diese Wahrheit anzuvertrauen. Entweder galt ihm selbst ein Oberster der Senussi weniger, als er sich vorhin den Anschein gegeben hatte, oder es war ihm überhaupt nichts heilig. Daß dieses letztere der Fall war, zeigte sich Sofort, als ich ihn fragte:

»Hast du auch schon Requiq verkauft?«

»Schon oft. Auch bei diesen hier sind ein Weib und zwei Töchter von mir.«

»Warum verkaufst du sie?«

»Weil ich mir ein anderes Weib genommen habe, und weil es besser ist, man bekommt die Töchter bezahlt, als daß man sie ernähren muß.«

Er sagte das mit einer vollständig unbegreiflichen Gefühllosigkeit und in einem Tone, als ob er mit seinen Worten ganz selbstverständlich nicht nur seine eigene, sondern die Ansicht aller Menschen überhaupt ausgesprochen habe.

»Haben sie sich gutwillig gefügt?« erkundigte ich mich.

»Was wollten sie dagegen thun? Sie haben gefleht und geweint; aber was bedeutet die Thräne einer Frau? Das Weib hat keine Seele und kann also auch nicht in den Himmel kommen.«

»Wohin führst du diese Sklaven?«

»Nach Faschodah zu einem Manne, weicher mir meine Requiq regelmäßig abnimmt.«

Er hatte mir eine andere Antwort, vielleicht eine genaue Auskunft geben wollen, sich aber unterbrochen. Er traute mir also doch nicht ganz.

»Warst du schon oft in Faschodah?« fragte ich weiter.

»Ich ziehe nach jedem sechsten Monate hin, um Requiq zu verkaufen. Wohin wird denn dich deine jetzige Reise führen, o Mudir?«

»Zunächst nach Makhadat el Kelb, wo ich über den weißen Nil setzen werde, um das Volk der Fungi, dem ich predigen will, aufzusuchen.«

»Wirst du auch nach Faschodah kommen?«

»Jetzt nicht, vielleicht aber später.«

Nun hatte die Sonne scheinbar den Horizont berührt, und also war die Zeit des Mogreb-Gebetes gekommen. Die Leute, welche gesessen hatten, selbst auch die aneinander gebundenen Gefangenen, erhoben sich auf die Kniee, und aller Augen richteten sich auf mich. Der Vornehmste hat nämlich stets das Gebet zu sprechen, und die andern fallen nur an gewissen Stellen ein. Das war ein kritischer Augenblick für mich. Ich hatte schon sehr oft mit Muhammedanern gebetet, aber natürlich nicht laut und nicht zu Allah und den Propheten; aber jetzt so vielen Leuten die verschiedenen Verbeugungen vorschreiben und die Fathha, die vorgeschriebenen Kuranverse, den Gruß an Muhammed und den Erzengel vorbeten, das war unmöglich; das wäre eine große, große Sünde gewesen. Aus dieser Verlegenheit zog mich Ben Nil, indem er sagte:

»Mudir, du hast stets nur die drei Tagesgebete gesprochen und mir die beiden Gebete des Abends überlassen. Erlaubst du, daß es auch heute so geschieht?«

»Ja, bete vor, o Chatib, du Liebling des Propheten,« antwortete ich. »Deine Worte gehen denselben Weg wie die meinigen und werden das Ziel, nach welchem jedes Gebet gerichtet ist, ebenso erreichen, als ob sie aus meinem eigenen Munde kämen.«

Als das Mogreb gesprochen war, aß ich mit Ben Nil. Die Takaleh wendeten dabei ihre Gesichter zur Seite, um mich nicht essen zu sehen, wie es einem vornehmen oder frommen Manne gegenüber die Höflichkeit vorschreibt. Da ich mich darauf schweigsam verhielt, wagte Schedid es nicht, zu sprechen; auch die andern waren vollständig still, denn sie hielten mich und meinen jungen »Prediger« für in fromme Gedanken versunken, in denen man uns nicht stören dürfe.

Dann ging der Mond auf und warf die Schatten der Baumwipfel über uns. Zu meiner Rechten lag die sterile, erbarmungslose Wüste, und zu meiner Linken glänzten wie winzige Elfenleiber die Blüten jener ewig ruhelosen Pflanze auf dem Wasser, welche nicht im Boden wurzelt und deshalb immerwährend ihren Standort ändert. Sie kommt besonders im Tsadsee in großen Mengen vor, und die Bewohner von Bornu und Baghirmi singen ein Ruderlied, eine allerliebste Gondeliera von ihr, welche deutlich beweist, daß auch jene Völker poesiereich sind. Das Lied würde, frei ins Deutsche übersetzt, lauten:

»Es treibt die Fanna heimatlos
Auf der bewegten Flut,
Wenn auf dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.
Er breitete die Netze aus
Im klaren Mondesschein,
Sang in die stille Nacht hinaus
Und träumte sich allein.
Da rauscht es aus den Fluten auf,
So geisterbleich und schön;
Er hielt den Kahn in seinem Lauf
Und ward nicht mehr gesehn.
Nun treibt die Fanna heimatlos
Auf der bewegten Flut,
Wenn auf dem See gigantisch groß
Der Talha Schatten ruht.«

Anstatt in die Tiefe des Islam versunken zu sein, dachte ich beim Anblicke der hellen Blüten der »heimatlosen Fanna« an dieses Lied und den Schauplatz desselben, wo nächtlicherweile Löwen, Elefanten, Nashörner und Nilpferde, die Riesen der Tierwelt, friedlich einander am Ufer begegnen; friedlich, aber nur aus Furcht, dem gewaltigen Gegner unterliegen zu müssen. Da unterbrach einer der Takaleh die Stille, indem er, hinaus in die Wüste deutend, rief.-

»Ein Mann, ein Reiter; wer mag er sein?«

Es kam wirklich jemand geritten, und zwar gerade auf die »Furt des Schattens« zu. Er mußte sie genau kennen. Er schien aus Nordost, also vom Nile herzukommen, während unsere Richtung eine nordwestliche gewesen war. Sein heller Burnus glänzte im Mondesscheine. Unser Feuer brannte; er mußte es sehen. Daraus, daß er trotzdem so unbedenklich näher kam, ließ sich vieles schließen. Erst als er sich ganz nahe befand, hielt er sein Kamel an und grüßte:

»Allah gebe euch hunderttausend solche Nächte! Erlaubt ihr mir, meine Ruhe bei euch zu halten?«

Da ich schwieg und Ben Nil ebenso, antwortete Schedid, der Anführer der Takaleh:

»Steig ab und setze dich! Du bist willkommen.«

Der Mann sprang aus dem Sattel, ließ sein Kamel ans Wasser laufen und trat an unser Feuer, um sich zwischen Schedid und Ben Nil niederzusetzen. Da die Gefangenen nicht so nahe am Feuer, sondern mehr im Schatten lagen, hatte er sie nicht deutlich erkennen können; jetzt aber sah er, daß diese Personen an ein Seil gebunden waren. Sein Gesicht nahm sofort einen merklich befriedigten Ausdruck an, und sein Ton klang wie erleichtert, als er sagte:

»Allah hat mich gerade zur richtigen Zeit nach der Furt des Schattens geführt, denn ich vermute, daß diese Gefangenen zum Volke der Takaleh gehören. Habe ich richtig geraten?«

»Ja,« antwortete der Anführer.

»So muß sich auch Schedid, der oberste Diener des Königs, hier befinden. Welcher von euch ist es?«

»Ich selbst bin es. Wer aber bist du, daß du meinen Namen kennst?«

»Ich bin ein Ben Baqquara und wohne an der Mischrah Omm Oschrin. Ich bin der Freund eines Mannes, den auch du kennst, Ibn Asl.«

»Hat deine Bekanntschaft mit ihm etwas mit deinem jetzigen Ritte zu thun?«

»Ja, denn ich bin als sein Bote an dich gesandt.«

»Er sendet dich zu mir? Nicht dahin, wo ich wohne, sondern hierher an diese Stelle, wo es so sehr zweifelhaft ist, ob und wann ich da angetroffen werden kann? Das muß einen ganz außerordentlichen Grund haben!«

»Den hat es auch. Er war aber gar nicht ungewiß darüber, daß ich dich hier finden würde. Er sagte, daß du jährlich zweimal dein Land verließest, um nach Faschodah zu gehen, und daß diese Reisen zu ganz bestimmten Zeiten von dir unternommen werden.«

»Das ist wahr.«

»Er kennt die Tage deiner Abreise und deiner Ankunft genau und kann also ziemlich leicht berechnen, wo du dich an einem gewissen Tage befindest. Er sagte, daß ich dich ganz sicher morgen oder übermorgen hier an der Furt treffen würde.«

»Er hat sich um einen Tag geirrt, weil ich diesmal um einen Tag eher aufgebrochen bin. Welche Botschaft ist es, die du mir bringen sollst?«

»Es ist eine Warnung. Du sollst dich während des Marsches nicht dem Nile zu weit nähern und die Requiq diesmal nicht direkt nach Faschodah bringen, sondern die Leute in der Nähe verstecken und dann zu Ibn Mulei, dem Sangak der Arnauten, gehen, um ihm zu sagen, wo sie zu finden sind.«

»Wozu diese Umstände?«

»Weil es einen fremden Effendi giebt, welcher sich in dieser Gegend umhertreibt, um die Sklavenhändler zu fangen und an den Reïs Effendina abzuliefern.«

»Allah vernichte diesen Hund!«

»Er ist noch dazu ein Christ!«

»So möge Allah ihn nicht vernichten, sondern ihn in alle Ewigkeit im schrecklichsten Winkel der Hölle aufbewahren! Was hat dieser Christenhund sich um die Sklavenhändler zu kümmern!«

»Ich soll dir sagen, daß er sich jetzt höchst wahrscheinlich mit dem Reïs Effendina auf der Nilfahrt nach Faschodah befinden wird. Da diese Leute öfters an das Land steigen, könnten sie dich leicht entdecken und ergreifen, falls du dich dem Strome zu nahe hältst. Aus diesem Grunde sendet mich Ibn Asl, um dich zu warnen.«

»Das war nicht nötig. Was gehen mich die Gesetze des Vicekönigs an! Ich diene meinem Könige. Unser Gesetz erlaubt es, Menschen zu verkaufen. Wenn ich darnach handle, kann kein Mensch mir etwas thun. Zudem haben wir einen mächtigen Beschützer in Ali Effendi el Kurdi, dem Mudir von Faschodah, welcher dem Reïs Effendina schon manchen Fang vor der Nase weggeschnappt hat. Was hätten wir also zu fürchten? Ich werde meinen gewöhnlichen Weg nicht ändern, eines verfluchten Christen wegen erst recht nicht. Es sollte mich im Gegenteile freuen, auf ihn zu treffen; ich würde ihn hier zwischen meinen Fäusten zermalmen!«

Er rieb die gewaltigen Hände gegeneinander, wobei der Ausdruck seiner sonst nicht unangenehmen Züge ein ganz anderer geworden war. Man kann sich leicht denken, mit welchem Interesse ich Zeuge dieses Gespräches war. Dabei freute es mich, zu hören, daß weder Schedid noch der Bote etwas von der kürzlichen Absetzung des Mudirs Ali Effendi el Kurdi zu wissen schien; ebenso froh war ich, zu erfahren, daß der Sangak der Arnauten wirklich derjenige war, als welchen ihn uns der Oberlieutenant des Sklavenjägers bezeichnet hatte. Ich wußte nun mit Sicherheit, an welche Person ich mich wenden mußte. Die Worte Schedids bewiesen ein großes Selbstvertrauen; dies konnte mir nur lieb sein, denn je sicherer er sich fühlte, desto mehr arbeitete er mir in die Hände. Und doch ahnte ich jetzt noch nicht, was ich alles noch hören würde! Der Bote eiferte gegen dieses Selbstvertrauen, indem er warnte:

»Fühle dich da nicht so sicher! Meinst du, daß Ibn Asl mich zu dir gesandt hätte, wenn er nicht vollständig überzeugt wäre, daß dies notwendig sei? jener christliche Effendi soll viel gefährlicher sein, als der Reïs Effendina selbst!«

Da stand Schedid auf, reckte seine mächtige Gestalt in die Länge und Breite und rief:

»Schweig lieber davon, und schau mich einmal an! Sehe ich aus, als ob ich mich vor einem Menschen, noch dazu vor einem Christen zu fürchten hätte? Ich schlage fünf oder zehn solche Hunde auf einmal nieder!«

»Ja, du bist stark; das sagte mir Ibn Asl; aber er meinte dennoch, daß dieser Christ ebenso stark, vielleicht noch stärker sei als du.«

»Als ich?! Wie kann Ibn Asl mich auf diese Weise beleidigen wollen! Ich bin noch von keinem Menschen besiegt worden!«

»Er hat dich nicht beleidigen wollen, denn er meinte wohl nicht nur die Körperkraft, sondern auch diejenige Stärke oder denjenigen Vorteil, welchen ein listiger Mann vor seinem Gegner besitzt. Dieser Giaur soll nämlich ein Ausbund von Verschlagenheit sein. Er vermag alles, selbst das Geheimnisvollste, zu erraten, und stets ist derjenige, der ihm eine Falle stellte, selbst hineingefallen. Ibn Asl hat mir einiges erzählt. Er hatte nicht viel Zeit; aber das wenige, was er mir über den Christen berichtete, müßte dich zur größten Vorsicht bewegen.«

»So erzähle einmal! Ich möchte mit meinen eigenen Ohren hören, warum ein gläubiger Moslem sich vor einem ungläubigen Hunde fürchten soll.«

Er setzte sich wieder nieder, und der Bote erzählte unsere Abenteuer. Obgleich dies nur in kurzen Umrissen geschah, meinte, als er geendet hatte, doch der Takaleh:

»Dieser Hund scheint wirklich äußerst gefährlich zu sein. Man hat sich vor ihm in acht zu nehmen. Da er mich aber nicht kennt und auch ganz und gar nichts von mir weiß, so habe ich ihn nicht zu fürchten.«

»Kannst du behaupten, daß er nichts von dir weiß? Er hat die Leute Ibn Asls gefangen. Wenn es ihm nun gelungen ist, einen dieser Leute zum Sprechen zu bewegen!«

»Das ist wahr!«

»Und selbst wenn er nichts von dir erfahren hätte, er würde dich doch anhalten, wenn du ihm mit deinen Requiq begegnetest.«

»Ich würde ihn besiegen!«

»Vielleicht, ja, wenn es ihm einfiele, dich offen anzugreifen; aber du hast ja gehört, wie vorsichtig und listig er ist. Weiche ihm also aus, so sehr du kannst!«

»Gut, ich werde dies thun, aber nicht, weil ich mich fürchte, sondern weil Ibn Asl es wünscht. Wo befindet sich dieser jetzt?«

»Es war gestern mittag, als er auf seiner Kamelstute nach der Mischrah Omm Oschrin kam. Ich bin dann sofort aufgebrochen und jetzt hier angekommen. Da kannst du rechnen, daß er heute abend schon weit über Makhadat el Kelb hinaus ist.«

»Will er ganz bis Faschodah reiten?«

»Ja.«

»Und, da alle seine Leute gefangen sind, wo will er neue Männer für den Sklavenfang hernehmen?«

»Er will Schilluks und Nuehrs anwerben, vielleicht auch Dinkas, ganz wie er die Gelegenheit findet. Das muß aber bald geschehen, denn der Reïs Effendina ist hinter ihm her. Er muß sich in Faschodah verstecken, weil er auf dich warten will. Und da fällt mir ein, daß er mich beauftragt hat, dir besonders einen dieser Sklaven an das Herz zu legen. Ich soll dir sagen, es sei derjenige, den er vor sechs Monaten bei deiner letzten Reise bestellt hat.«

»Also Hafid Sichar! Dort liegt er. Er ist der erste am Seile.«

»Es war Ibn Asl ganz besonders darum zu thun, diesen Mann wieder zu bekommen. Du sollst ihn auf das strengste beaufsichtigen lassen.«

»Ich werde auf ihn achten und nicht unvorsichtig sein. Aber gerade die Hauptsache hat Ibn Asl vergessen. Das, worauf es am meisten ankommt, hat er mir nicht sagen lassen. Wie nun, wenn ich diesem christlichen Effendi begegne?! Ich kenne ihn nicht und kann also sehr leicht, wenn nicht seiner Stärke, so doch seiner List verfallen. Ibn Asl hat ihn gesehen und sogar mit ihm gesprochen. Wie konnte er vergessen, mir durch dich eine Beschreibung dieses Hundes zu senden!«

»Allah! Was bin ich für ein Bote!« rief der Mann, indem er sich mit der Hand gegen die Stirn schlug. »Nicht er hat, sondern ich habe es vergessen. Er gab mir sogar eine sehr genaue Beschreibung und fügte auch noch einen Namen bei, welcher Ben Nil lautet.«

O wehe! Ich griff unwillkürlich mit der Hand nach dem Revolver, denn das Gespräch begann eine für mich unerquickliche Wendung zu nehmen. Wenn dieser Mann unser Signalement genau behalten hatte, so war ich verraten. Ben Nil hatte ganz denselben Gedanken und warf mir einen besorgt forschenden Blick zu.

»Ben Nil?« fragte Schedid. »Wer ist das?«

»Ein junger Mensch, welcher, obgleich er Moslem ist, sich stets an der Seite dieses Effendi befindet. Allah zerreiße ihn! Nie ist der eine ohne den andern zu sehen. Darum hat Ibn Asl mir eine Beschreibung von beiden gegeben.«

»So gieb sie nun mir!«

»Dieser Ben Nil ist ungefähr achtzehn Jahre alt und ohne Bart, von schmächtiger Gestalt, besitzt aber bedeutende Körperkraft. Haare und Augen sind dunkel, die Wangen voll. Die Kleidung, welche er zuletzt trug, bestand aus – –«

Er hielt inne, musterte Ben Nil mit erstaunten Augen und rief dann aus:

»Welch ein Wunder! Die Beschreibung, welche ich von diesem abtrünnigen jungen Moslem erhalten habe, paßt ganz und genau auf diesen Jüngling, welcher da an meiner Seite sitzt!«

»Du irrst, oder es ist ein Zufall.«

»Ich sage dir aber, es stimmt genau, sehr genau.«

»Das ist möglich, da du jenen Ben Nil nicht gesehen hast. Dunkle Haare und Augen, schmächtige Gestalt und volle Wangen besitzen tausend junge Leute. Dieser Jüngling aber ist über jeden Zweifel erhaben, denn er ist ein berühmter Chatib, vom heiligen Orden des Sihdi Senussi.«

Der Bote kreuzte die Arme über die Brust, verneigte sich gegen Ben Nil und sagte:

»Dann irre ich mich allerdings; aber ich habe diesen frommen Chatib, den Allah segnen wird, nicht beleidigen wollen.«

Gott sei Dank! Die kleinere Hälfte der Gefahr war überstanden! Wie würde es aber mit der anderen, größeren Hälfte werden! Um dies zu erfahren, hatte ich gar nicht lange zu warten, denn Schedid sagte:

»Dieser Ben Nil ist überhaupt eine Nebenperson für mich. Die Hauptsache ist doch die Beschreibung des Effendi. Du wirst sie mir so genau wie möglich geben.«

Ich wünschte im stillen, daß sie so ungenau wie möglich ausfallen möge; aber leider war dies keineswegs der Fall. Ibn Asl hatte seinem Boten meinen »Steckbrief« auf das sorgfältigste eingeprägt. Kaum war meine Gestalt, mein Gesicht und ein Teil meiner Kleidung beschrieben, so erging es dem Sprecher wie vorhin bei der Beschreibung Ben Nils: Er hielt inne, fixierte mich betroffen und fuhr dann fort:

»Allah ist groß! Sollte man es für möglich halten! Da sitzt ja derjenige, den ich beschreiben soll, in eigener Person! Er ist’s, er ist’s! Da ist gar kein Zweifel möglich!« – Man kann sich denken, welches Aufsehen diese Worte erregten. Alle blickten auf mich; sogar die Gefangenen erhoben ihre Köpfe, und einer von ihnen rief.

»Hamdulillah! Vielleicht bin ich nun gerettet!«

Glücklicherweise schenkte niemand diesen Worten Aufmerksamkeit, weil die letztere ausschließlich auf mich gerichtet war. Nur ich allein achtete auf sie, weil ich mich mit dem, der sie gesprochen hatte, schon seit einiger Zeit eingehend beschäftigt hatte. Er war nämlich von Schedid Hafid Sichar genannt worden, und so hieß der, den ich eifrig suchte, nämlich der verschollene Bruder des Führers von Maabdah. Sollte es dieser sein? Ibn Asl hatte durch seinen Boten sagen lassen, daß man auf ihn ganz besonders aufmerksam sein sollte. Er mußte ihm also wichtig sein. Ich neigte mich sehr der Ansicht zu, daß ich, so vieles auch dagegen sprach, den Gesuchten hier gefunden hatte. Und in dieser Ansicht wurde ich durch den Ausruf bestärkt, den ich jetzt von ihm gehört hatte. Die Erzählung des Boten war von ihm verstanden worden; er mußte mich für einen unternehmenden und unerschrockenen Menschen halten; er glaubte, wenn ich der gefürchtete fremde Effendi sei, könne mich nur die Absicht, die Gefangenen zu befreien, hierher geführt haben, und darum entführen seinen unvorsichtigen Lippen die Worte, daß er nun vielleicht gerettet sei. Ich hatte jetzt natürlich nicht mehr Zeit, auf ihn zu achten, sondern ich mußte meinen äußern und innern Menschen ausschließlich der Gefahr widmen, in welche ich selbst geraten war.

Ein kurzer Blick auf Ben Nil beruhigte mich. Dieser zeigte sich keineswegs erschrocken, sondern auf seinem Gesichte lag ein so überlegen lächelndes Staunen, als sei er ganz gewiß und sicher derjenige, für den ich ihn ausgegeben hatte, und wundere sich nun über die Möglichkeit, für einen andern gehalten zu werden. Ich konnte mich auf ihn verlassen und in Beziehung auf sein Verhalten vollständig ruhig sein.

Was nun mich selbst betraf, so blickte ich dem Boten wie fragend in sein erregtes Gesicht und sagte kein Wort. Ich that so, als ob ich nicht imstande sei, das, was er gesagt hatte, zu verstehen. Schedid sah bald ihn und bald mich an. Er war überzeugt worden, daß meine Person genau mit dem Signalement stimme; aber die würdevolle Ruhe, welche ich bewahrte, machte ihn irre.

»Was sagst du?« fragte er den Boten. »Dieser Mann, welcher hier an meiner rechten Seite sitzt, soll jener ungläubige Effendi sein?«

»Ja, er ist’s! Er kann kein anderer sein.«

»Du irrst dich abermals. Dieser heilige Mann ist der Mudir von Dscharabub, der Vertraute und beste Freund des Sihdi Senussi.«

»Ist das wahr? Kannst du das beweisen?« fragte der Bote.

»Ich weiß es von ihm selbst.«

»Von ihm selbst, von ihm selbst!« lachte der Baqquara-Araber. »Wenn du es von keinem andern, von keinem sicherern Manne weißt, so ist es um deinen Beweis sehr schlecht bestellt. Habe ich dir nicht erzählt, daß der Giaur sich schon öfters einen falschen Namen gegeben hat?«

»Allah! Ich habe es gehört. Sollte – – !«

Er sah mich mit Augen an, in denen das Vertrauen mit dem Mißtrauen um den Sieg rang. Ich antwortete mit einem festen, verwunderten Blicke und fragte:

»Was sagt dieser Mann? Spricht er von mir?«

»Natürlich meint er dich!« antwortete Schedid. »Hast du denn nicht verstanden?«

»Hätte ich ihn verstanden, so müßte ich ihn für toll halten; lieber will ich annehmen, daß ich falsch gehört habe.«

»Er behauptet, du seist der christliche Effendi, von welchem er gesprochen hat.«

»Allah sei ihm gnädig! Also hat er es wirklich gesagt! Sein Geist ist krank. Er mag Tücher ins Wasser tauchen und sie sich um die Stirne legen, dann wird ihn das Fieber verlassen.«

»Ich bin nicht krank; ich weiß, was ich sage!« rief der Baqquara. »In einer einzelnen Person mag man sich irren, aber in zwei Menschen zugleich, das ist unmöglich. Der junge Mann stimmt ganz genau auf Ben Nil und der andere genau auf den Effendi. Sie sind es! Was haben sie für Kamele? Ihn Asl sagte, daß sie auf grauen Hedschihn reiten.«

»Das ist richtig,« antwortete Schedid.

»Richtig? Also ein neuer Beweis, daß ich mich nicht irre! Laß dich nicht betrügen, o Schedid! Untersuche den Fall genau!«

Schedid war jetzt doppelt bedenklich geworden. Er meinte zu mir:

»Du hörst, was er sagt. Ich hege alle Ehrerbietung für deine Heiligkeit; aber ich habe keinen Beweis, daß sie richtig ist. Also bitte ich dich, mir dazu zu verhelfen, daß ich dir vertrauen kann.«

»Also du mißtraust mir wirklich?« fragte ich in scheinbar maßlosem Erstaunen. »Ich soll beweisen, daß ich der bin, der ich bin! Sage mir doch, wo wir uns befinden!«

»Nun, hier an der Machada ed Dill.«

»Und wo ist jener Effendi, wie Ibn Asl selbst gesagt hat?«

»Unterwegs auf dem Nil.«

»Kann ich also er sein?«

»Das, was Ibn Asl gesagt hat, ist ja nur eine Vermutung. Wenn nur einer von euch mit der Beschreibung übereinstimmte, so wäre ein Irrtum denkbar, da aber euere beiden Personen stimmen, so steht es sehr schlimm um dich. Wenn du jener Effendi bist, muß ich dich töten.«

»Aber ich bin es nicht!«

»Das ist nicht erwiesen. Hast du einen Beweis bei dir, daß du die Wahrheit sagst?«

»Der einzige und beste Beweis bin ich selbst.«

»Dann muß ich dich festnehmen und bei mir behalten, um dich Ibn Asl zu zeigen!«

»Das wirst du nicht thun, denn dadurch würde unser heiliges Werk gestört werden.«

»Wenn du mich nicht in den Stand setzest, an dieses heilige Werk glauben zu können, kann ich es nicht berücksichtigen.«

»Du wirst es berücksichtigen, denn ich bin überzeugt, daß du weißt, im Besitze welcher Mächte und Geheimnisse mein Orden sich befindet. Ich würde dieselben gegen dich in Anwendung bringen.«

In der Bevölkerung jener Gegend herrscht der finsterste Aberglaube; darum riefen diese Worte den heilsamen Schreck hervor, den ich beabsichtigt hatte. Schedid befand sich in einer schlimmen Lage. War ich der Effendi, so mußte er mich töten oder wenigstens festnehmen; war ich aber wirklich der Senussi, für den ich mich ausgab, so war ich nicht nur ein heiliger Mann, sondern auch ein Zauberer, welcher, um sich zu rächen, alle guten und alle bösen Geister auf die Beine bringen konnte. Vor diesen meinen Zauberkräften hatte er eine heillose Angst, doch hetzte ihn der Bote durch weitere Bemerkungen immer mehr gegen mich auf, daß er endlich zu mir sagte:

»Ich weiß nicht, was ich thun soll. Ich möchte dir nicht Mißtrauen, und du kannst dich doch nicht legitimieren. Aber du kannst auf zweierlei Art meine Zweifel beseitigen. Wirst du darauf eingehen?«

»Sprich zuerst!«

»Du hast gehört, daß dieser Effendi ein sehr starker Mann sein soll. Kämpfe mit mir, damit ich erfahre, ob du die Kraft besitzest, welche er haben soll.«

Das war nun freilich eine Pfiffigkeit und Findigkeit von ihm, die ihm keine Prämie eintragen konnte. Der gute Mann schien es gar nicht für möglich zu halten, daß ein Starker sich verstellen könne. Ich wäre sofort auf seine Forderung eingegangen, wenn ich nicht die Ehre meines angenommenen geistlichen Standes zu wahren gehabt hätte; darum antwortete ich:

»Du sagst, ich könne mich doppelt legitimieren, zunächst durch den Zweikampf mit dir. Wir sind ausgezogen, um zu predigen, nicht aber um zu kämpfen. Vergleiche deine Gestalt mit der meinigen! Wollte ich mit dir kämpfen, so müßte ich unterliegen; das ist sicher.«

»Es kommt nicht immer nur auf die Gestalt an.«

»Ja,« stimmte der Bote des Sklavenjägers bei. »Der fremde Effendi besitzt, wie ich von Ibn Asl vernommen habe, auch nicht die Figur eines Riesen, und doch hat er eine Körperkraft, welcher kein anderer, kein einzelner gewachsen ist. Bist du dieser Giaur, so kannst du Schedid hier wohl überwinden. Besiegst du ihn nicht, so ist dies dann ein Beweis, daß du der Effendi nicht bist.«

»So ist es,« nickte Schedid. »Hast du ein gutes Gewissen, so ringe mit mir. Thust du dies nicht, so nehme ich an, daß du befürchtest, dich durch deine Körperstärke zu verraten. Also entscheide dich!«

Der Rolle, welche ich spielen mußte, getreu, stand ich zwar auf, als ob ich bereit sei, sagte aber in bedenklichem Tone:

»Wenn man in Dscharabub erführe, daß ich mit dir gerungen habe und besiegt worden sei, würde die Achtung, welche ich zu fordern habe, zum größten Teile verloren sein.«

Da kam mir mein pfiffiger Ben Nil sehr klug zu Hilfe, indem er meinte:

»Wer soll es verraten, o Mudir? Von diesen Männern hier wird wohl keiner jemals in unsere Heimat kommen, und meiner Verschwiegenheit kannst du, wie du weißt, vollständig sicher sein.«

»Du hörst es,« sagte jetzt Schedid. »Falls ich dich überwinde, wird deine Würde keinen Schaden nehmen. Dieses dein Bedenken ist also gegenstandslos geworden, und ich fordere dich noch einmal auf, dich zu entscheiden.«

»Nun wohl, es mag geschehen. Unter welchen Bedingungen soll der Kampf vor sich gehen?«

»Wir legen die Oberkleider ab und umarmen uns. Derjenige, welcher den andern in dieser Stellung emporhebt und dann niederwirft, ist der Sieger. Bist du einverstanden?«

»Ja, ich habe nichts dagegen,« antwortete ich, indem ich ebenso wie er den seinigen, meinen Haïk auszog.

Natürlich nahm ich mir vor, mich von ihm werfen zu lassen. Doch durfte ich ihm auch nicht zu wenig Widerstand entgegensetzen, da dies seinen Verdacht hätte erregen müssen. Aufrichtig gestanden, hätte ich mich sehr gern im Ernste mit diesem Goliath gemessen, um zu erfahren, ob es mir möglich sei, ihn niederzuringen; leider aber durfte ich nicht.

Wir standen bereit. Er trat auf mich zu und legte seine gewaltigen Arme um mich, ich die meinigen um ihn. Nun versuchte er, mich emporzuheben. Ich setzte ihm den Widerstand eines kräftigen Mannes entgegen. Zweimal hob er mir die Füße aus, doch wurde es mir nicht schwer, den Boden wieder zu gewinnen. Beim drittenmale aber nahm er alle seine Kraft zusammen, hob mich empor, griff, während er den linken Arm an meinem Oberkörper ließ, mit der Rechten nach meinen Schenkeln, so daß er mich nun wagrecht an sich hatte, und legte mich dann auf die Erde nieder. Indem ich dies geschehen ließ, hegte ich die Überzeugung, daß ich) wenn ich nur wollte, ganz dasselbe mit ihm thun konnte.

»Er ist nicht schwach,« sagte er; »sondern er hat ganz gute Kräfte; aber außergewöhnlich sind sie nicht.«

»Ich wußte, daß ich besiegt werden würde,« meinte ich, indem ich aufstand. »Einem Manne wie dir kann ich unmöglich gewachsen sein. Ich habe verspielt.«

Dabei that ich, als ob ich vor Anstrengung außer Atem sei.

»Ja, zweimal gelang es dir, die Erde wieder zu erreichen; aber dafür geht nun auch deine Brust auf und nieder, als ob du lange Zeit Galopp gelaufen seist. Du bist kein Riese. Die erste Probe hast du bestanden. Jetzt werden wir die zweite vornehmen.«

»Welche?«

»Es soll Christen geben, welche den Kuran kennen, so vollständig auswendig aber wie ein Moslem kann kein Giaur ihn lernen. Ich bin überzeugt, daß wenn man einem Ungläubigen die Sure EI Kuiffar vorbetet, er sie nicht richtig nachsprechen kann. Kennst du sie?«

»Ja.«

»Kannst du sie auch ohne Fehler hersagen?«

»Vielleicht, wenn du sie mir richtig und deutlich vorsprichst.«

Ich brauchte sie mir nicht vorsagen zu lassen, denn ich konnte und kann sie auswendig. Sie ist die hundertneunte Sure und soll Muhammed geoffenbart worden sein, als einige Araber von ihm verlangten, er solle ein Jahr lang ihre Götter verehren, dann wollten sie ebensolang seinen Gott anbeten. Sie ist sehr kurz, nur einige Zeilen lang, aber ihrer eigenartigen Wortstellung wegen selbst für einen Araber nicht leicht fehlerfrei zu recitieren. Darum wird sie besonders dann angewendet, wenn man einen im Verdacht hat, betrunken zu sein, da es einem Betrunkenen geradezu unmöglich ist, sie ohne Anstoß zu Ende zu bringen. Ganz dasselbe setzte Schedid auch bei einem Christen voraus.

»Wollen sehen!« meinte er mit einem überlegenen Lächeln. »Ich werde sie dir also vorbeten. Übrigens hast du dich schon verraten, indem du verlangst, daß ich sie vorsagen soll. Ein guter Senussi, und noch dazu ein Mudir, ein hervorragendes Glied dieser heiligen Bruderschaft, muß diese Sure unbedingt, ohne sie vorher zu hören, aufsagen können.«

Er stellte sich in Positur, neigte den Kopf, faltete die Hände und begann:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: O ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was ihr verehret, und ihr verehret nicht, was ich nicht verehre, und ich werde auch nie verehren das, was ihr nicht verehret, und ihr werdet verehren – – nicht verehren das, was ich nicht – – was ich verehre, denn ihr habt meine Religion, und ich – ich – ich habe – – ich habe nicht – nicht – – nicht ––«

Er hielt inne, denn er sah jetzt ein, daß er sich verfahren hatte. Die falsche Satzstellung abgerechnet, hatte er schon zweimal das Wort »nicht« und einmal das Wort »meine« gebraucht, ohne daß sie in der Sure enthalten sind.

»Nun!« lächelte ich. »Bist du kein Moslem oder bist du betrunken?«

»Keins von beiden!« rief er ärgerlich. »Diese Sure ist wirklich die schwierigste, welche es giebt. Du aber als Senussi mußt sie unbedingt ohne Anstoß sagen können!«

»Wenn ich mich nur ein einziges Mal verspreche, sollst du alles erhalten, was ich besitze!«

»Wirklich? Ich nehme dich beim Wort. Übrigens brauchst du mir dieses Versprechen gar nicht zu machen, denn wenn du nur den geringsten Fehler begehst, nehme ich an, daß du ein Christ oder gar jener Effendi bist. Dann hast du das Leben verwirkt, und alles, was du bei dir hast, ist mein Eigentum.«

»Wirst du denn beurteilen können, ob ich Fehler mache oder nicht? Du hast es ja selbst nicht fertig gebracht, und was man begutachten will, muß man doch wohl auch selbst können und verstehen.«

»Ich kenne die Sure, wenn ich sie auch nicht ohne Anstoß aufsagen konnte. Also sprich!«

Ich kam dieser Aufforderung nach, indem ich so schnell, daß sein Ohr wohl kaum zu folgen vermochte, recitierte:

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes! Sprich: O ihr Ungläubigen, ich verehre nicht das, was ihr verehret, und ihr verehret nicht, was ich verehre, und ich werde auch nie verehren das, was ihr verehret, und ihr werdet nie verehren das, was ich verehre. Ihr habt eure Religion, und ich habe die meinige.«

In der deutschen Übersetzung klingt diese Sure nur schwülstig; im Arabischen aber ist es noch ganz anders. Die Beugung des Wortes »ihtaram« = verehren, ist da eine so eigenartige, daß es wirklich schwierig ist, die Affirmation nicht mit der Negation und die erste Person der Einzahl nicht mit der zweiten Person der Mehrzahl zu verwechseln. Als ich geendet hatte, sagte Schedid:

»Wahrhaftig, er kann es, so schnell und ohne den geringsten Anstoß! Er kann kein Ungläubiger sein!«

»Aber,« fiel der Bote ein, »ich erinnere mich, von Ibn Asl gehört zu haben, daß der ungläubige Effendi die arabische Sprache und den Kuran so genau kennt, als ob er hier bei uns geboren sei und beim besten Muderri in Kahira studiert habe. Nimm dich in acht! Fälle dein Urteil nicht zu früh, denn du könntest dich leicht irren!«

»Meinst du? Wie sollte ich ihn denn noch auf die Probe stellen?«

Das klang für mich gefährlich. Dieser Bote war wirklich der festen Meinung, daß ich der Effendi sei; unter seinem Einflusse konnte die gute Ansicht, welche Schedid jetzt von mir zu haben schien, sich leicht in ihr Gegenteil verwandeln.

Es war geraten, dies nicht abzuwarten; darum sagte ich, indem ich mich stellte, als ob ich zornig sei:

»Noch mehr auf Probe? Das fällt mir nicht ein! Weißt du, was ein Mudir von Dscharabub zu bedeuten hat? Dennoch habe ich mich herbeigelassen, nicht nur mit dir zu ringen, sondern auch die Sure EI Kuiffar herzusagen. Das war mehr als genug. Soll ich mich noch weiter vor euch demütigen? Nein! Wer einen Mudir der Senussi und einen Chatib dieser frommen Brüderschaft in solcher Weise beleidigt, der darf nicht erwarten, längere Zeit in die Angesichter solcher Leute schauen zu dürfen. Wir sind gastfreundlich gegen euch gewesen und haben euch erlaubt, in unserer Nähe zu sein; nun aber verlassen wir diesen Ort und kehren euch den Rücken, um – –«

»Nein, das dürft ihr nicht!« rief der Bote, indem er mich unterbrach. »Wir lassen euch nicht fort!«

»Nicht?« fragte ich, indem ich ihn stolz und von oben herab fixierte. »Wie willst du uns hindern, von hier zu gehen?«

»Ich halte euch mit Gewalt zurück!«

»Du willst dich an uns, an den Männern Allahs vergreifen?«

»Ja; setze dich!«

Er streckte die Hand nach mir aus, um mich niederzudrücken; ich trat einen Schritt zurück und donnerte ihn an:

»Halt, Unvorsichtiger! Soll ich dir den Fluch entgegenschleudern, unter welchem dein Körper vertrocknen und deine Seele verschmachten würde? Wenn du versuchen willst, ob der Lani Allah in unsere Hände gegeben ist oder nicht, so habe ich nichts dagegen; aber ich sage dir, daß dein Leben dann ein entsetzliches und dein Ende voller Schrecken sein wird. Wer uns zurückhalten will, der halte uns! Wessen Hand wagt es, uns zu berühren?!«

Ich blickte rundum. Alle schwiegen; sie standen oder saßen unbeweglich, erschrocken nicht nur über meine Worte, sondern wohl noch mehr über den Ton, in welchem ich sie gesprochen hatte. Ich ging an das Gesträuch und band mein Kamel los. Ben Nil that dasselbe mit dem seinigen. Wir stiegen auf und trieben die Tiere in das Wasser, ohne daß es nur einem einfiel, uns zu hindern oder auch in gutem zu bitten, dazubleiben. Kein Wort wurde gesprochen; kein Ruf des Abschiedes scholl hinter uns her. Ich war froh darüber.

Das Wasser war, wie ich vermutet hatte, an dieser Stelle nicht tief, es reichte den Kamelen noch nicht einmal an den Leib. Drüben am andern Ufer gab es zunächst einiges Gesträuch, dann folgte Graswuchs, jedenfalls soweit, wie die Feuchtigkeit des Nid en Nil zu dringen vermochte.

Sobald ich annehmen konnte, daß man uns nicht mehr zu sehen vermochte, wendete ich mich nach links nach dem See. Ben Nil war bis jetzt still gewesen, nun aber sagte er:

»Du reitest ja nach Osten, Effendi! Unser Weg führt uns ja nach Süden! Warum weichest du von ihm ab?«

»Aus zwei Gründen. Erstens sollen die Takaleh unsere Fährte nicht sehen. Wären wir weiter geritten bis dahin, wo das Gras aufhört und der Sand wieder beginnt, so würden in dem letzteren unsere Spuren morgen früh zu finden sein, im Grase aber nicht, denn dieses wird sich bis zum Morgen wieder aufgerichtet haben. Es giebt Wasser in der Nähe, auch wird Tau fallen, und infolge dieser Feuchtigkeit richtet sich das von unsern Kamelen niedergetretene Gras schon nach einigen Stunden auf.«

»Hast du die Takaleh im Verdachte, daß sie uns verfolgen wollen.«

»Nicht nur im Verdachte, sondern ich weiß es ganz genau. Sie werden uns Hafid Sichar wieder abnehmen wollen.«

»Hafid Sichar? ja, dieser Name wurde genannt. Er fiel mir auf. Er ist der Name des Bruders des Führers in der Höhle von Maabdah. Denkst du etwa, daß er sich hier bei den Takaleh befindet?«

»Ich bin fast überzeugt davon.«

»Und du willst ihn befreien?«

»Ja. Und das ist der zweite Grund, weshalb ich jetzt ostwärts nach dem See einbiege.«

»Allah! Das giebt wieder ein Abenteuer! Effendi, wer mit dir reitet, darf um Ereignisse, Unterbrechungen und sogar Gefahren keine Sorge tragen. Fast wurde es mir angst um uns, als man vorhin erriet, wer wir sind. Warum hast du dich erniedrigt und dich prüfen lassen!«

»Weil dies das klügste war. Wüßte Schedid bestimmt, daß ich der christliche Effendi bin, so würde er nicht nach Faschodah gehen und überdies einen Eilboten dorthin senden, Ibn Asl und auch den Sangak der Arnauten warnen zu lassen. Unser Ritt nach Faschodah würde dann umsonst und erfolglos sein. Wir haben ja soviel gehört; das weiß und das überlegt sich Schedid ebensogut wie wir.«

»Das ist wahr, Effendi. Also wir reiten jetzt ostwärts, um die Takaleh irre zu führen, und biegen dann aber nach Süden ein?«

»Nein. Wir reiten am diesseitigen Ufer des Sees zurück, bis wir an die schmale und steile Vertiefung kommen, über welche wir vorhin die Kamele nicht hätten bringen können. Dann bleibst du hüben bei den Tieren zurück, und ich klettere hinüber, um Hafid Sichar zu holen.«

»Was willst du mit ihm anfangen?«

»Er muß natürlich mit nach Faschodah.«

»Dazu bedarf er eines Kameles!«

»Ich werde den Takaleh eines abnehmen.«

»Hm! Hafid Sichar vom Seile losmachen, ohne daß jemand es bemerkt, und dann auch noch die kostbare Zeit auf die Habhaftwerdung eines Kamels verwenden, das ist zu viel für eine Person.«

»Ich hätte nichts dagegen, dich bei mir zu haben, wenn nicht der wilden Tiere wegen jemand bei den Kamelen bleiben müßte.«

»Glaubst du, daß es hier welche giebt?«

»Wo Wasser ist, da giebt es Leben, und wo es hier Leben giebt, findet man auch sicher reißende Tiere.«

»Glaubst du, daß ich die Kamele gegen Löwen zu verteidigen vermag? Wenn du mit ja antwortest, werde ich dir sehr dankbar für das Vertrauen sein, welches du mir dadurch erweisest; aber ich glaube nicht, daß ich demselben entsprechen könnte. Daß ich mich nicht fürchte, daß weißt du ja; aber einen Löwen zu erlegen, dazu gehört mehr als bloße Furchtlosigkeit. Du würdest bei deiner Rückkehr mich und auch die Tiere zerrissen vorfinden. Darum ist es auf alle Fälle besser, du nimmst mich mit.«

Er hatte recht, und darum zeigte ich mich bereit, seinen Wunsch zu erfüllen. Es war ja richtig, daß ich in die Lage kommen konnte, einen Gehilfen zu brauchen.

Wie schon bereits beschrieben, hatte das Nid en Nil an der Stelle, an welcher wir es erreicht hatten, aus einer schmalen, wasserleeren Schlucht bestanden. Dann hatten wir uns rechts gewendet und waren an zwei seeartigen Erweiterungen des Nid vorübergekommen, worauf wir erst dann die Furt erreicht hatten. Wir waren da an der Nordseite hingeritten. Jetzt aber ritten wir an der Südseite des einen Sees zurück, kamen dann an den zweiten und langten nachher an der trockenen Schlucht an, gerade gegenüber der Stelle, an welcher wir auf das Nid en Nil gestoßen waren. Der Weg war gar nicht schwierig, denn es schien der Mond. Dennoch wäre es mir lieber gewesen, wenn wir Finsternis gehabt hätten. Mein Vorhaben war derart, daß der Mondschein mir gefährlich werden konnte.

Wir hielten an, stiegen ab und banden die Kamele an Baumstämme fest. Die Gewehre hätte ich gern zurückgelassen; aber wir konnten leicht einem größeren Raubtiere begegnen, gegen welches mit Messern und Revolvern nichts zu machen war; darum nahmen wir sie mit.

Nun kletterten wir diesseits in die Schlucht hinab und jenseits wieder hinauf. Dann verfolgten wir denselben Weg, auf welchem wir bei unserem Kommen die Furt erreicht hatten. Natürlich ging dies jetzt langsamer als vorher, wo wir zu Kamele gesessen hatten.

In der Nähe der Furt bemerkten wir, daß dort kein Feuer mehr brannte. Das war mir lieb, denn es bewies, daß die Takaleh nun schliefen. Ich ließ Ben Nil unter einem Baume zurück und schlich nun allein weiter. Ungefähr hundert Schritte vom Lagerplatz entfernt, legte ich mich nieder, um zu kriechen.

Der Mond stand schon tief und ließ die Schatten der Bäume auf den Platz fallen, was mir außerordentlich nützlich war. Die Takaleh hatten aber einen Wächter ausgestellt, wohl nur ihrer Sklaven wegen, denn er schritt da, wo diese lagen, langsam auf und ab. Ich sah ihn zwar nicht, aber ich hörte seine leisen Schritte. Bevor ich etwas Direktes unternehmen konnte, mußte ich mich ganz genau orientieren; darum umkroch ich das ganze Lager in einem Bogen. Ich fand alles so, wie ich es verlassen hatte. Die Gefangenen lagen da, wo sie vorher lagen; die andern ebenso. Um zu demjenigen zu kommen, den ich für Hafid Sichar hielt, mußte ich den Wächter unschädlich machen. Die Sättel lagen in zwei Haufen nebeneinander. Die Kamele lagen teils an der Erde, teils standen sie mit gefesselten Vorderbeinen am Wasser hin bei den Büschen oder im Grase, um zu fressen. Nach dieser Lage der Dinge galt es zu handeln. Ich kehrte also zunächst zu Ben Nil zurück, um diesen zu holen. Er schlich sich dann mit mir so nahe heran, wie es bei seinem Mangel an Übung geraten war; dann mußte er das Lager umgehen, um jenseits desselben, wo sich die Kamele befanden, auf mich zuwarten. Ich bezeichnete ihm einen Baum, hinter dessen Stamm er sich zu verstecken hatte. Dann kroch ich wieder zu den Gefangenen hin.

Als mich höchstens noch zehn Schritte von denselben trennten, hielt ich an und lauschte. Sie schienen alle zu schlafen, was freilich kein Wunder war, da sie, schlecht genährt und schlecht getränkt, während des ganzen Tages im Sonnenbrande marschiert waren. Nichts regte sich, und nichts bewegte sich; nur der Wachtposten schritt noch immer hin und her. Er bewegte sich immer auf einer und derselben Linie. Ich näherte mich derselben soweit wie möglich, ließ ihn an mir vorüber, sprang dann auf, packte seine Kehle von hinten mit der linken und gab ihm mit der rechten Faust einen Hieb auf den Kopf. Er breitete die Arme aus und sank nieder. Auffälliges Geräusch war dabei nicht zu hören gewesen. Ich ließ die Linke vorsichtig locker. Er blieb still; er war besinnungslos. Ich hob ihn auf und trug ihn zu Ben Nil, der ihn bewachen sollte. Als ich dabei über eine vom Monde beschienene Stelle kam, fiel das Licht für einen Augenblick auf sein Gesicht, und ich sah zu meiner Verwunderung, daß es kein Takaleh, sondern der Baqquara-Araber war, der Bote, den Ibn Asl an Schedid gesandt hatte. Das war mir aus mehreren Gründen außerordentlich lieb.

»Wen bringst du da?« fragte Ben Nil leise, als ich zu ihm kam. »Ist es Hafid Sichar?«

»Noch nicht. Es ist der Baqquara, welchen die Takaleh als Wächter zu den Gefangenen gestellt haben.«

»Er war schlimm gegen uns und muß zum Schweigen gezwungen werden. Soll ich ihn erstechen?«

»Nein. Wir nehmen ihn mit. Er ist ein Verbündeter Ibn Asls. Indem wir ihn an den Reïs Effendina ausliefern, erfüllen wir unsere Pflicht.«

»Wenn wir ihn erstechen, erfüllen wir sie noch weit besser.«

»Dann aber kann Schedid sich leicht sagen, wer hier gewesen ist. Nehmen wir ihn aber mit, so kommt er in den Verdacht, Hafid Sichar befreit und mit sich fortgenommen zu haben.«

»Das ist sehr wahr, Effendi. Aber dann müssen wir auch gerade seinen Sattel und gerade sein Kamel haben!«

»Das ist nicht nötig. Je besser die Kamele und die Sättel sind, welche wir mitnehmen, desto größer ist gegen ihn der Verdacht, sein geringes Eigentum mit Absicht gegen besseres vertauscht zu haben. Laß mich nur machen. Wir können uns Zeit nehmen; die Takaleh schlafen fest.«

Der Baqquara wurde gebunden und bekam einen Knebel in den Mund. Dann kroch ich wieder zu den Gefangenen. Hafid Sichar, den ich suchte, war der vorderste am Seile gewesen, ein Umstand, welcher mir sehr günstig war. Ich hatte mir die Stelle, wo er lag, genau gemerkt und fand sie sehr leicht. Die Gefangenen lagen, noch immer an das Seil gefesselt, im Kreise. Sie schliefen, als wären sie tot. Nur einer schlief nicht, nämlich gerade derjenige, den ich suchte. Als ich, mit meinem Kopfe bei dem seinigen angekommen, ihn mit dem Finger leise berührte, flüsterte er:

»Effendi, bist du es?«

»Ja.«

»Allah! Ich habe dich erwartet. Mein Herz hämmerte vor Sorge, daß du vielleicht nicht derjenige seist, von dem ich Rettung erwarten kann.«

Der Kreis der Gefangenen war so gebildet, daß sie mit den Füßen nach innen und mit den Köpfen nach außen lagen. Da ich mich, wie selbstverständlich, außerhalb dieses Ringes befand, lag ich, wie schon erwähnt, mit meinem Kopfe vor dem seinigen, und er konnte mich nicht sehen. Ich erhob den Oberkörper, schob mein Gesicht über das seinige und raunte ihm zu:

»Wie heißest du?«

»Hafid Sichar aus Maabdah.«

»Wie heißt dein Bruder?«

»Ben Wasak.«

»So bist du wirklich derjenige, den ich haben will. Ich grüße dich von deinem Bruder!«

»O Himmel, o Allah! Was will – –!«

»Pst, still! Nicht so laut! Schlafen deine beiden Nachbarn?«

»So fest, wie du es nur wünschen kannst.«

»So liege still; ich werde machen.«

Ich untersuchte mit den tastenden Fingern, auf welche Weise er gefesselt und dann an das Seil gebunden war; darauf gab es einige Schnitte mit meinem Messer, und er war los. Aber frei noch nicht. Falls er versuchte, aufzustehen, konnte er leicht einen seiner Nachbarn wecken. Ich ergriff ihn also unter den Armen und zog ihn aus dem Kreise heraus, langsam und vorsichtig, so daß er weder rechts noch links anstieß. Dann mußte er hinter mir her zu Ben Nil kriechen. Dort angekommen, wollte er sich in Danksagungen ergehen, ich aber schnitt ihm das Wort ab:

»Jetzt still! Später kannst du sprechen, soviel es dir beliebt. Wir müssen uns beeilen.«

Ich untersuchte den Araber. Er kam eben jetzt zu sich. Er versuchte, seine Fesseln zu zerreißen und zu schreien; es gelang ihm aber weder das eine noch das andere. Die ersteren hielten fest, und das, was ein Schrei, ein Hilferuf sein sollte, kam als leises, röchelndes Stöhnen aus der Nase. Ben Nil setzte ihm das Messer auf die Brust und drohte:

»Noch einen solchen Laut, und ich stoße dir die Klinge in das Herz!«

Das half; der Baqquara blieb still und bewegte sich von jetzt an nicht wieder, als bis wir ihn später in Sicherheit hatten.

»Nun zwei Kamele, Effendi,« meinte Ben Nil. »Für jeden eins.«

»Wir brauchen drei,« antwortete ich. »Da wir jetzt mehr Wasser haben müssen als vorher, so müssen wir ein Tier haben, welches die Schläuche trägt. Auch einige Schläuche müssen wir von hier mitnehmen, denn wir haben jetzt nur zwei.«

»Erlaube mir, die Kamele auszusuchen, Effendi! Ich kenne unsere Tiere,« sagte Hafid Sichar. »Ich werde die drei besten wählen.«

Er huschte, ehe ich ihn halten konnte, fort, und so blieb uns freilich nichts anderes übrig, als zu warten, bis er zurückkehren würde. Natürlich war ich mit seiner Entfernung ganz und gar nicht einverstanden; er konnte uns alles verderben. Glücklicherweise aber war dies nicht der Fall. Nach ungefähr einer Viertelstunde, welche mir aber wie eine ganze Stunde vorkam, kehrte er zurück und sagte:

»Ich bin fertig, Effendi. Wir können aufbrechen.«

»Fertig? – Womit?«

»Ich habe nach und nach drei Sättel und auch drei Schläuche über die Furt getragen. Hast du es nicht gesehen?«

»Nein. Du mußt sehr vorsichtig gewesen sein.«

»Das war notwendig. Und die drei besten Kamele stehen auch bereit. Wir können gehen.«

»Hast du nicht bemerkt, ob einer der Schläfer aufgewacht ist?«

»Sie schlafen alle. Kommt, und folgt mir getrost.«

»Nimm zuvor dieses Messer und diese Flinte! Ich habe beides dem Baqquara abgenommen. Du mußt ja nun auch Waffen haben.«

Ich warf den Baqquara über die Schulter, um ihn zu tragen. Hafid Sichar führte uns nach der Furt. Dort hatte er die drei Kamele angebunden. Wir durften sie nicht besteigen, da sie dabei geschrieen hätten. Ben Nil und Hafid führten die Tiere; ich trug den Baqquara, und so stiegen wir in das Wasser, welches mir bis an den Gürtel ging.

Als wir drüben ankamen, löste ich dem Baqquara die Beinfesseln, damit er laufen könne. Die Sättel wurden den Kamelen im Stehen nur lose aufgelegt, was sie sich ruhig gefallen ließen; dann ging es vorwärts, an der Südseite des größeren Sees hin. Jeder von uns führte ein Tier, ich auch noch den Baqquara, während Ben Nil und Hafid die Wasserschläuche trugen.

Als wir die geeignete Strecke zurückgelegt hatten, hielten wir an, um die Kamele richtig zu satteln. Jetzt mochten sie Lärm machen, sie konnten von den Takaleh nicht mehr gehört werden. Sie mußten niederknieen. Ich stieg auf und nahm den Baqquara quer vor mir über; als auch die beiden andern saßen, ging es im scharfen Schritte fort, auch an dem andern See vorüber und dann nach links, wo wir unsere Tiere gelassen hatten.

Würden wir sie noch finden? ja, sie waren noch da. Wir stiegen ab und banden die mitgebrachten drei Tiere in der Nähe an, nachdem wir sie von den Sätteln befreit hatten. Wir lagerten uns unter einem Baum, an welchen der Baqquara befestigt wurde. Ich nahm ihm den Knebel aus dem Munde und fragte ihn dann:

»Ben Baqquara, weißt du nun genau, wer ich bin?«

Er gab keine Antwort.

»Ich weiß, daß du nicht taub bist, und bin gewöhnt, eine Antwort zu bekommen, wenn ich frage. Ist dir der Mund jetzt geschlossen, so kann er mit der Peitsche wohl leicht geöffnet werden. Also antworte!«

»Ja, ich weiß es!« stieß er zornig hervor. »Du bist der Effendi und dein Begleiter ist Ben Nil.«

»Der Effendi soll doch aber so ungeheure Körperkräfte besitzen, und ich bin von Schedid besiegt worden?«

»Du hast dich verstellt. Ich ahnte es.«

»Aber ich habe doch die Sure Kuiffar ohne Anstoß hersagen können! Wir kann ich da jener christliche Effendi sein!«

»Du kannst alles!«

»Nicht alles, aber viel. So kann ich zum Beispiel sehr leicht einen Baqquara-Araber unter einer Schar Takaleh herausholen, um ihn nach Faschodah zu schaffen und dort dem Reïs Effendina zur Bestrafung auszuliefern.«

»Weshalb sollte man mich bestrafen? Was habe ich gethan?«

»Du besitzest noch weniger Gedanken, als das Krokodil Federn hat; aber ich werde dafür sorgen, daß du Gedanken bekommst! Der Reïs Effendina – –«

»Den fürchte ich nicht!« fiel er mir in höhnischem Tone in die Rede.

»Ich weiß wohl, warum. Du meinst, daß der Mudir von Faschodah dir gegen ihn beistehen wird.«

Er gab dies, wenn auch nicht direkt aber doch indirekt zu, indem er antwortete:

»Was ist ein Effendi gegen einen Mudir! Welche Macht besitzt ein Effendi?«

»So kann nur ein Dummkopf, ein Mensch fragen, welcher nichts gelernt hat, nichts weiß und nichts versteht. Dein Kopf gleicht einem ausgelaufenen Ei, von weichem nur noch die Schale übrig geblieben ist. Ich sage dir, daß die großherrlichen Prinzen, die Söhne des Sultans, Effendi tituliert werden. Die Minister nennen sich Effendi, und auch der Vicekönig von Ägypten sieht es gern, wenn man ihn Effendi nennt. Was aber ist der Mudir von Faschodah gegen diese mächtigen Herren! Kennst du denn überhaupt diesen Mudir?«

»Ja.«

»So sage mir seinen Namen!«

»Er ist auch ein Effendi, denn er heißt Ali Effendi el Kurdi.«

»Das ist nicht wahr.«

»Wie kannst du mich der Lüge strafen, du, ein Fremder, der dieses Land und seine Verhältnisse unmöglich kennen kann!«

»Es scheint, daß ich das alles doch besser kenne als du, denn der Mudir von Faschodah heißt anders. Ist dir vielleicht der Name Ali Effendi Abu Hamsah Miah bekannt?«

»Ja.«

»So höre weiter. Der berühmte General Musah Pascha ist infolge der Wünsche des Reïs Effendina jetzt in Faschodah gewesen, um el Kurdi ab- und Abu Hamsah Miah einzusetzen. EI Kurdi wurde als Gefangener nach Chartum geschafft. Das ist auf Veranlassung des Reïs Effendina geschehen. Nun leugne noch, daß dieser nicht so mächtig sei als dein untreuer und verräterischer Mudir el Kurdi!«

Er schwieg. Jedenfalls erschreckte ihn das, was er von mir hörte. Ich fuhr fort:

»Jetzt weißt du, wie sehr du dich auf deinen el Kurdi verlassen kannst. Diesem ist es nun nicht mehr möglich, ausgesprochene Verbrecher in seinen Schutz zu nehmen; er würde jetzt Allah danken, wenn er selbst jemand hätte, der für ihn sprechen wollte. Wenn ich dich dem Reïs Effendina überantworte, wird er dich zum neuen Mudir bringen, und dann wirst du erfahren, daß dieser seinen Namen mit vollstem Rechte trägt. Das soll heißen: Der Vater der Fünfhundert wird dir sofort als Einleitung zum ersten Verhöre fünfhundert Hiebe geben lassen.«

»Mir, einem freien Araber!«

»Dir, einem Boten des Sklavenjägers! Was oder wer du sonst noch bist, das geht uns nichts an.«

»Da will ich dich darauf aufmerksam machen, daß dich die Rache aller Stämme der Baqquara treffen wird! Werde ich geschlagen, so ist das noch viel schlimmer, als wenn man mich tötet. Das merke dir!«

»Deine Stämme, und wären es ihrer hundert oder tausend, können mir nichts thun. Sie haben ebensowenig Macht über mich, wie sie dich jetzt beschützen können. Dennoch, und obgleich ich sie nicht im geringsten fürchte, bin ich bereit, dich morgen freizugeben, doch knüpfe ich eine Bedingung daran.«

»Welche?«

»Du sagst mir der Wahrheit gemäß, auf welche Weise du Ibn Asl kennen gelernt hast. Auch beantwortest du mir alle Fragen, welche ich in Beziehung auf ihn sonst noch an dich richten werde.«

»Das thue ich nicht!«

»So sind wir miteinander fertig. Wenn du jetzt, wo ich dich mit der Freiheit dafür belohnen würde, nicht reden willst, so wird dir später der ›Vater der Fünfhundert‹ den Mund öffnen.«

Da fiel Hafid Sichar ein:

»Effendi, wenn du die Bosheit dieses Ibn Asl kennen lernen willst, so bin ich der richtige Mann, dir ein Beispiel von derselben zu erzählen.«

»Ich möchte dich allerdings darum bitten. Vorher aber mußt du ein weniges über mich erfahren, denn –«

»O, Effendi,« unterbrach er mich, »ich kenne dich schon; ich habe genug über dich gehört von dem Baqquara, als vorhin Schedid von dir erzählte. Ich lag in der Nähe und hörte alles. Ich hatte keine Ahnung davon, daß du meinen Bruder kennst, aber es war mir, als ob Allah mir eine Stimme sende, welche mir heimlich zuflüsterte: Dieser Effendi hat schon soviele andere befreit; wenn er und der Mann, welcher dort sitzt, einer und derselbe ist, so ist er wohl gekommen, um auch dich zu retten. Darum war ich so unbedacht, meinen Namen zu nennen und dazu Worte der Hoffnung auszusprechen. Hätte Schedid sie gehört, so wäre es mir schlimm ergangen.«

»Es war sehr gut, daß du deinen Namen nanntest, denn nur dadurch wurde meine Aufmerksamkeit auf dich gelenkt und du bist schon jetzt frei. Übrigens wärest du später in Faschodah auch in den Besitz der Freiheit gelangt, denn ich hatte mir vorgenommen, dort den Mudir auf euch aufmerksam zu machen. Du kennst mich aus der Erzählung dieses Baqquara einigermaßen, und ich habe nur weniges hinzuzufügen. Ich kam nach Maabdah, um die dortige berühmte Krokodilhöhle zu sehen. Dein Bruder führte mich in derselben herum und schenkte mir dann die Hand einer weiblichen Mumie – –«

»Die Hand einer weiblichen Mumie?« fiel er rasch ein. »Beschreibe sie mir!«

Als ich dieser Aufforderung nachgekommen war, rief er aus.

»Effendi, da mußt du ihm einen sehr großen Dienst erwiesen haben!«

»Gar nicht!«

»Nicht? Nun, so hast du einen so guten Eindruck wie noch kein anderer auf ihn gemacht. Es ist die Hand einer Pharaonentochter, einer altägyptischen Prinzessin. Ich weiß, welchen Wert mein Bruder auf dieselbe legte, und freue mich außerordentlich darüber, daß es dir so schnell gelungen ist, sein Wohlwollen zu erwerben.«

»Dieses Wohlwollen ist ein gegenseitiges, wie ich dir versichern kann. Ich habe die Hand noch bei mir und kann sie dir zeigen, sobald es hell geworden ist. Sie befindet sich in meiner Satteltasche. Als dein Bruder hörte, daß ich nach Chartum wollte, erzählte er mir von deinem Verschwinden, welches er sich nicht zu erklären vermochte, und bat mich, nach dir zu forschen.«

»Hatte er dies denn nicht auch schon vorher gethan?«

»Natürlich hat er sich alle Mühe gegeben, dich zu finden, leider aber vergeblich. Wir mir schien, hat er dabei einen sehr großen Fehler begangen, indem er dem Kaufmanne Barjad el Amin, eurem Geschäftsfreunde, zu viel Vertrauen geschenkt hat. Dieser durfte gar nicht wissen, daß man nach dir suchte. Ich habe ihn sehr stark im Verdachte, daß er mit deinem plötzlichen Verschwinden in Verbindung steht.«

»Natürlich, ganz natürlich!« rief Hafid Sichar aus. »Er ist es ja, welcher mich an Ibn Asl ausgeliefert hat!«

»Ah, dachte es mir! Als dein Bruder mir von ihm erzählte, kam mir einiges nicht recht sauber vor. Barjad führt zwar den Beinamen el Amin, der ehrliche, kam mir aber nicht sehr ehrlich vor. Er wollte dir das viele Geld ausgezahlt haben, behauptete aber, weiter gar nichts von dir und über dich zu wissen. Das erschien mir als eine Unmöglichkeit. Ich nahm diesen Menschen sofort aufs Korn; ich wollte ihn heimlich beobachten, ihn, ohne daß er es merkte, ausforschen. Leider aber drängten mich dann meine Reiseerlebnisse so seitwärts, daß ich bis heute noch nicht nach Chartum gekommen bin.«

»Und zwar zu meinem Glücke! Wärest du uns heute nicht begegnet, so hätte ich die Freiheit niemals wiedererhalten.«

»Diese Voraussetzung ist vielleicht doch trügerisch. Ibn Asl war in dem Geschäft von Barjad el Amin thätig gewesen. Als ich das hörte, vermutete ich sofort, daß dein Aufenthalt oder Schicksal bei ihm am sichersten zu erfahren sei. Dann kamen weitere Gründe dazu, diesen Menschen zu verfolgen, um seiner habhaft zu werden. Dies mußte uns früher oder später gelingen, und dann hätte er mir unbedingt und unter allen Umständen gestehen müssen, was aus dir geworden war.«

»Dennoch preise ich Allah, daß ich es dir schon jetzt und selbst erzählen kann. Ich hätte nie geglaubt, daß mir ein solches Unglück widerfahren könne, und weiß wirklich nicht, wie ich es verdient habe.«

»Was dieses letztere betrifft, so sind alle Menschen, auch du und ich, Sünder, welche nur von Allahs Gnade und Barmherzigkeit leben. Jedes Ereignis, wenn wir es ein Unheil nennen, haben wir reichlich verdient, und dennoch fügt es Allah, daß dieses Unheil, wenn wir es in der rechten Weise auf uns wirken lassen, uns zum Heile und Segen wird. Sprich also nicht vom Verdienen! Es war eine Prüfung, von Allah gesandt, vielleicht um dein Herz zu läutern, deinen Sinn nach innen und nach oben zu lenken.«

Er antwortete nicht; es entstand eine längere Pause. Dann ergriff er meine Hand und sagte, indem er sie mir herzlich drückte:

»Effendi, du hast mit deinen Worten das Richtige getroffen. Ich habe im Elende mit Allah gehadert; ich habe mein Leben verflucht und die Menschheit verwünscht. Zuweilen kamen bessere, lichtere Gedanken, doch verschloß ich ihnen die Thüre meines Herzens. Jetzt aber, wo ich wieder in das Leben trete und mein Inneres vor Wonne bebt, wo du von Läuterung redest und von dem Gerichtetsein des Sinnes nach innen und oben, da überkommt mich wie ein heller Blitzstrahl die leuchtende Erkenntnis, daß du recht hast. Wer und wie ich früher gewesen bin, davon werde ich dir später erzählen. Heute stehe ich plötzlich, ohne daß ich selbst eine Vorahnung davon hatte, als ein Neuer auf. Ja, ich habe nicht umsonst gelitten. Allah sei gelobt dafür!«

»Es freut mich aufrichtig, solche Worte aus deinem Munde zu hören. Du hast Monate und Jahre deines Lebens verloren, dafür aber innere Schätze gefunden, deren Wert nicht wie die Zeit vergänglich ist. Und was dir an Hab und Gut genommen wurde, das, hoffe ich, werde ich dir später zurückgeben können.«

»Du?« fragte er verwundert. »Bist du so reich, Effendi?«

»O nein; ich bin sogar arm. Aber ich weiß, daß Ibn Asl sehr viel Geld bei sich führt. Erwische ich ihn, ehe er es ausgegeben hat, so muß er dir und deinem Bruder alle eure Verluste ersetzen.«

»Dazu bedarf es Ibn Asls nicht. Er ist mir nicht so sicher wie Barjad el Amin.«

»So hat auch dieser von dem Verbrechen profitiert?«

»Natürlich! Barjad war arm, aber brav. Mein Bruder wußte dies und gab ihm das Geld, welches zur Errichtung eines Geschäftes in Chartum gehörte. Später lieh er ihm eine noch höhere Summe, um sein Geschäft zu vergrößern. Dann, als die Zeit kam, in welcher diese Beträge zurückzuzahlen waren, reiste ich nach Chartum, um sie in Empfang zu nehmen. Ich kam zu Barjad el Amin. Er war ein anderer geworden. Er hatte einen Gehilfen, welcher Ibn Asl hieß, in sein Geschäft genommen und war von diesem auf die hohe Erträglichkeit des Sklavenfanges aufmerksam gemacht worden. Es gelüstete ihn nach den Reichtümern, welche auf diesem Wege zu erlangen sind; die Habgier hatte in seinem Herzen Einzug gehalten. Aber zum Sklavenfange gehört, wenn er kaufmännisch betrieben werden soll, Geld, sehr viel Geld. Wenn er soviel an mich zu zahlen hatte, blieb ihm nicht genug. Da raunte ihm der Teufel zu: Gieb es ihm nicht, oder noch besser, gieb es ihm, verlange Quittung, und nimm es ihm dann wieder! Er gehorchte dieser Teufelsstimme. Ich hatte keine Ahnung davon. Ich wurde freundlich empfangen, bekam das Geld und quittierte. Ich wohnte dann noch einige Tage bei ihm. Am Tage vor meiner Abreise verabschiedete ich mich von den andern Bekannten in Chartum, denn die Dahabijeh, mit welcher ich nilabwärts zu fahren beabsichtigte, sollte schon beim Morgengrauen ihre Fahrt beginnen. Ich legte mich zeitig schlafen und erwachte von einem Schlage, den ich auf den Kopf erhielt; ich sage, erwachte, um aber die Besinnung sogleich wieder zu verlieren. Als ich dann wieder zu mir kam, fühlte ich schaukelnde Bewegungen unter mir. Lag ich in einem Schiffe? Nein, denn in dieser Weise schaukelt höchstens ein kleiner Kahn, aber kein Schiff. Ich öffnete die Augen; es war dunkel. Ich wollte aufstehen, mich bewegen; ich war gebunden. Da rief ich laut um Hilfe, aber nur, um eine drohende Stimme unfern von mir sagen zu hören, daß man mich peitschen werde, falls ich nicht vollständig ruhig sei.«

»Du befandest dich wohl auf einem Kamele?«

»Ja. Es war Nacht, aber ich sah keine Sterne, denn ich lag, wie ich beim Anbruch des Morgens sah, in einem Tachtirwahn, einer Frauensänfte, welche von einem Kamele getragen wurde und mit dicken Decken verhangen war. Denke dir, man hatte mir, wie ich später bemerkte, Frauenkleider angezogen und sogar einen mehrfachen Schleier über das Gesicht befestigt. Ich sollte bei einer etwaigen Begegnung als Weib gelten. Du weißt ja, daß sich niemand um die Insassin eines Tachtirwahn kümmern darf. Am Vormittage wurde Halt gemacht. Das Kamel kniete nieder, und man nahm mich aus der Sänfte. Wir befanden uns in der Steppe. Fünf Reiter waren meine Begleiter. Vier davon kannte ich nicht; den fünften aber kannte ich desto besser; es war – – Ibn Asl.«

»Wie? Er wagte es, vor dein Angesicht zu treten?«

»O, er wagte noch viel mehr. Er hatte die Stirn, mir alles zu sagen. Ohne diese geradezu unvergleichliche Frechheit und ohne seine Anwesenheit damals wüßte ich heute noch nicht, wie damals alles gekommen ist. Er erzählte mir mit lachendem Munde, daß man meines Geldes zum Sklavenfange bedürfe, daß er und Barjad el Amin Compagnons seien und den Ertrag der Jagden teilen würden. Er selbst sei dafür gewesen, daß ich getötet würde, aber Barjad habe die Schwachheit besessen, dies nicht zuzugeben, weil er meinem Bruder große Gefälligkeiten zu verdanken habe. Da ich aber unschädlich gemacht werden müsse, wolle man dafür sorgen, daß ich niemals einem Bekannten begegnen und auch nie zurückkehren könne. Was man damit meinte, erfuhr ich erst am Ende der Reise, als wir in das Land der Takaleh kamen und ich dem Mek dieses Volkes als Sklave übergeben wurde. Er brauchte nichts für mich zu bezahlen, hatte aber dafür zu sorgen, daß mich niemand, dem ich vielleicht bekannt sei, sehen könne. Ich hörte noch, daß Ibn Asl mit dem Mek den Vertrag abschloß, daß der letztere ihm jährlich zweimal an ganz bestimmten Terminen Sklaven nach Faschodah zu senden habe, welche sofort mit gewissen Waren zu bezahlen seien. Dann wurde ich fortgeschafft.«

»Wohin?«

»An einen schrecklichen Ort, welchen ich seit jenem Tage nur verlassen habe, um jetzt nach Faschodah transportiert und Ibn Asl wieder ausgeliefert zu werden. Weißt du vielleicht, daß es bei den Takaleh berühmte Kupferbergwerke giebt?«

»Das ist mir allerdings bekannt.«

»Nun, in eine solche Grube wurde ich geschafft, um, angefesselt, in derselben zu arbeiten. Ich habe von jenem Tage an die Sonne nicht mehr gesehen. Und als man mich vor kurzem von der Kette löste, sagte mir einer, der wenig Erbarmen mit mir hatte, daß man mich jetzt dem Tode entgegenführe.«

»Wieso dem Tode?«

»Beim letzten Sklaventransporte hat Ibn Asl mich zurückverlangt. Er ist mit Barjad el Amin uneinig geworden und führt nun sein Geschäft auf seine eigene Rechnung fort. Er hat auf die Wünsche seines frühern Compagnons nicht mehr Rücksicht zu nehmen und glaubt sich sicherer, wenn ich nicht mehr lebe. Er könnte zwar dem Mek sagen, daß derselbe mich töten lasse, traut ihm aber nicht. Darum hat er meine Auslieferung verlangt, welche für mich mit dem Tode gleichbedeutend ist. Soll ich dir erzählen, was ich erlitten und ausgestanden habe? jetzt nicht, aber vielleicht später einmal. Und soll ich dir nun sagen, welche Wonne ich jetzt empfinde, da ich gewiß bin, der bisherigen Sklaverei und dem auf mich wartenden sicheren Tode entgangen zu sein? Ich sehe in dir einen Engel, von Allah gesandt, welchem ich – –«

»Sprich nicht so!« fiel ich ihm in die Rede. »Allah hat es gefügt. Ihm allein hast du zu danken. Fühlst du dich stark genug, den Ritt nach Faschodah auszuhalten?«

»Ja. Hätte ich doch sonst durch die Wüste dahinmarschieren müssen! Die schwere Arbeit hat meine Muskeln gestählt. Du brauchst um mich keine Sorge zu tragen. Wann werden wir in Faschodah sein?«

»Ich hoffe, in vier Tagen dort anzukommen.«

»Und Ibn Asl ist dort?«

»Sehr wahrscheinlich.«

»Dann wehe ihm! Ich werde mich rächen. Ich werde ihn nicht etwa dem Mudir übergeben, sondern ich will – –«

»Erlaube, daß ich dich unterbreche! Zerbrich dir nicht den Kopf mit dem Gedanken, wie du dich an ihm rächen willst. Du bist nicht der einzige, der mit ihm abzurechnen hat. Ich werde dir davon erzählen. Jetzt wollen wir ruhen. Wir haben einen weiten Ritt vor uns, und ich denke, daß besonders du des Schlafes nicht entbehren darfst.«

»Ich schlafen? Effendi, welch ein Gedanke! Einer, der tot war und wieder lebend wurde, soll im Augenblicke des Erwachens an den Schlaf denken! Nein, nein! Wenn ich auch wollte, ich könnte nicht schlafen. Schlaft aber ihr. Ich will hier sitzen, still und ohne mich zu regen, und die Seligkeit durchkosten, das Firmament und den Himmel Allahs über mir zu haben und tausend und abertausend Sterne in mir aufgehen zu fühlen.«

»Nun wohl, ich sehe allerdings ein, daß du viel, viel lieber wachen als schlafen willst. So wache; aber wecke uns beide, kurz ehe der Tag zu grauen beginnt, später ja nicht, damit wir die Takaleh beobachten können. Und paß gut auf diesen Baqquara auf; er darf uns ja nicht etwa entkommen.«

»Effendi, was das betrifft, so kannst du dich auf mich verlassen. Er ist der Gesandte Ibn Asls, der mein Teufel war. Wer von diesem Menschen kommt, der hat von mir keine Nachsicht und kein Erbarmen zu erwarten. Ich würde mich eher töten als ihm die Freiheit geben.«

Nach dem, was er durchgemacht hatte, mußte ich freilich überzeugt sein, daß ich für den Baqquara keinen bessern Wächter haben könne; darum legte ich mich nieder, hüllte mich in meinen Haïk und schlief ohne Sorgen ein. Er war sehr pflichtgetreu, denn als er mich und Ben Nil weckte, war es noch nicht Morgen, sondern die Sterne begannen eben erst zu erbleichen.

Im Einschlafen war mir ein Gedanke gekommen, den ich jetzt zur Ausführung brachte. Ich wünschte, die Takaleh zu belauschen, um zu wissen, was ich von ihnen zu denken und zu erwarten hatte. Zu Lande war dies, wenn vielleicht auch möglich, aber doch höchst gefährlich; es mußte also zu Wasser geschehen. Aber wie? Selbst wenn es einen Kahn hier gegeben hätte, hätten wir uns desselben nicht bedienen dürfen, also mußte ein Floß gewählt werden, aber ein solches, welches die Augen nicht auf sich zog. Es durfte keine künstliche, sondern es mußte eine natürliche Gestalt haben. Ich beschloß, eine kleine, schwimmende Insel zu bauen, was gar nicht schwer war, denn Material dazu war mehr als genug vorhanden. Um mir dasselbe auszuwählen, ging ich mit Ben Nil näher an das Wasser.

Da sah ich die borstig behaarten Triebe und gefiederten Blätter zahlreicher Ambagsträucher emporragen. Dieser Ambag giebt das vortrefflichste Material zu Flößen. Das Holz ist so leicht, daß ein Floß, welches drei Männer hält, sehr leicht von einer Person getragen werden kann. Da das Wasser mit der Zeit in das Mark, welches sehr schwammig ist, eindringt und dann das Floß zum Sinken bringt, ist ein solches Fahrzeug für eine längere Fahrt freilich nicht zu gebrauchen; für kürzere Zeit aber oder gar für meinen Zweck konnte ich gar nichts Geeigneteres finden. Eine Eigentümlichkeit dieses Ambag ist übrigens, daß er stets die Papyrusstaude begleitet.

Daneben stand zähgrasiges Andropogon giganteus und auch Hibiscus cannabinus, beides ganz vortrefflich, die drei bis vier Meter langen Ambagstämme zu verbinden. Um dem Floße ein inselartiges Aussehen zu verleihen, besetzten wir es rundum mit hohen Omm-Sufah-Büscheln. Einige starke Äste, an welche wir Schilf breit banden, mußten als Ruder dienen. Diese Arbeit war so leicht und ging so schnell, daß wir fertig waren und das Floß im Wasser hatten, noch ehe es völlig Tag geworden war. Dieses Fahrzeug trug mich und Ben Nil mit Leichtigkeit. Hafid Sichar mußte bei den Kamelen und dem Baqquara bleiben.

Beim Grauen des Tages konnte ich mich zu meiner Freude davon überzeugen, daß sich auf unserer Fährte das Gras vollständig wieder aufgerichtet hatte. Der Platz, an welchem wir geschlafen hatten, lag hinter Büschen gut versteckt, und so konnte ich überzeugt sein, daß die Takaleh, selbst wenn sie nach uns suchen würden, uns nur durch einen bloßen Zufall finden konnten.

Wir bestiegen das Floß und ruderten es zunächst über den kleinen See, der eigentlich nur ein Teich zu nennen war. Als wir den größeren erreichten, mußten wir vorsichtig sein, denn wir näherten uns dem Lagerplatze der Takaleh. Wir ruderten das Floß so langsam vorwärts, daß es schien, als ob es nur von dem Morgenwinde getrieben werde. Wer nicht besonders und sehr scharf acht auf dasselbe gab, bemerkte gar nicht, daß es sich bewegte. Auch die Ruder waren nicht zu sehen, denn wir hatten die Omm-Sufah-Büschel so angebracht, daß sie dieselben verdeckten.

Die Takaleh schienen eine sehr schlafsüchtige Gesellschaft zu sein. Wir näherten uns ihrem Lagerplatze mehr und mehr und hörten doch nicht das mindeste von ihnen. Es war schon ganz hell. Dennoch wagten wir es, uns bis an das Ende des Sees zu rudern, wo der Nid en Nil, plötzlich enger werdend, die Furt des Schattens bildete. Dort legten wir an. Wären wir hier ausgestiegen, so hätten wir mit fünfzig oder sechzig Schritten das Lager erreichen können, und dennoch war es, die verschiedenen Tierstimmen natürlich nicht in Mitrechnung gezogen, rundum so still, als ob kein Mensch vorhanden sei. Wir lugten zwischen den Schilfbündeln hindurch, vergeblich; es war auch niemand zu sehen. Eben wollte ich aufstehen, um einen besseren Überblick zu bekommen, da wurde es plötzlich laut und lebendig. Ich hörte eine Stimme erschrocken rufen:

»Erwacht, ihr Schläfer, erwacht; es ist ein Unglück geschehen!«

Einige Augenblicke der Stille traten ein; dann folgte ein Gewirr von vielen Stimmen; man lief fort, nach allen Richtungen; man kehrte zurück; man rief, schrie, fluchte, fragte und antwortete. Es war schwer, das, was einzelne sagten, deutlich zu unterscheiden; ich konnte nur soviel entnehmen, daß man die Flucht Hafid Sichars, das Fehlen des Baqquara und das Nichtvorhandensein der drei Kamele bemerkt hatte. Jeder schien eine andere Meinung darüber zu haben und gerade diese zur Geltung bringen zu wollen. Der Lärm, welcher dadurch entstand, konnte mit nichts besser als mit einer Spatzenkirmes verglichen werden, welcher nur dadurch ein Ende gemacht wurde, daß der Hauptspatz, nämlich Schedid, in donnerndem Tone rief.

»Still, ruhig, ihr Schwätzer! Redet keine Dummheiten, sondern laßt uns diesen sonderbaren Fall mit Scharfsinn und Ruhe untersuchen.«

Nun, ich war neugierig, zu welchem Resultate es der Scharfsinn dieser Leute bringen werde. Der Baqquara war fort; man rief nach ihm, aber er kam nicht. Hafid Sichar war fort; man rief nach ihm, aber er kam nicht. Die drei Kamele waren fort; man suchte nach ihnen, aber man fand sie nicht. Da diese beiden Menschen und diese drei Tiere zu gleicher Zeit als abwesend entdeckt worden waren, so war man der Ansicht, daß sie auch zu gleicher Zeit miteinander fortgegangen seien. Da aber Kamele Menschen nicht zu entführen pflegen, sondern gewöhnlich der umgekehrte Fall stattfindet, so nahm man auch hier an, daß die Kamele von den beiden fehlenden Männern fortgeschafft worden seien. Der eine von diesen zweien war frei, der andere gefangen, angebunden gewesen. Dieser letztere hatte ohne die Hilfe des ersteren nicht fortgekonnt, folglich mußte der Baqquara Hafid Sichar losgebunden haben, um ihn zu befreien und mit Hilfe der Kamele fortzubringen.

»Dieser Verräter, dieser Hund!« schrie Schedid zornig. »Darum bot er sich selbst und freiwillig an, Wache zu halten!«

»Er ist vielleicht gleich in der Absicht, Hafid Sichar zu befreien, hierher gekommen,« meinte ein anderer.

»Natürlich!« stimmte ein dritter bei. »Was er gesagt hat, war alles Lüge, alles Flunkerei.«

»Er war ein Schurke,« behauptete ein vierter; »die beiden Senussi aber waren brave Leute.«

»Sie waren sogar heilige Männer!« schrie ein fünfter. »Wie haben wir den frommen und gelehrten Mudir beleidigt, und zwar um eines solchen Schuftes willen! Er wird die Strafe Allahs auf uns herniederrufen.«

»Das hat er schon gethan,« ließ sich eine sechste Stimme hören, »und eben darum hat Allah uns diesen schweren Verlust gesandt. Hätten wir diesen heiligen Männern geglaubt, so wäre das Unglück nicht geschehen.«

»Mir fehlt mein Schlauch!« schrie plötzlich einer.

»Seht nach, ob noch andere Sachen fehlen!« gebot Schedid.

»Mein Schlauch fehlt auch!« rief ein anderer.

»Auch meiner, und mein Kamel dazu!«

»Mein Kamel ist auch fort, und das deinige ebenso, o Schedid!« brüllte es zornig von weiter her.

»Was?« fragte der Anführer. »Mein Kamel soll fehlen, mein teures Abu Havas-Hedschihn?«

»Ja. Da haben wir die Tiere alle zusammengetrieben. Sieh her! Du kannst sehen, daß du gerade die drei besten Kamele nicht siehst.«

»O Allah, o Hölle, o Teufel! Das Verderben über diesen verfluchten Baqquara! Seine Spur müssen wir zu entdecken suchen.«

»Ja, lauft, sucht, ihr Männer!« befahl Schedid. »Sucht nach allen Seiten, diesseits und jenseits der Furt! Nur drei oder vier mögen da bleiben, um die Sklaven zu bewachen!«

Man gehorchte diesem Befehle, und darum wurde es für einige Zeit still.

»Effendi,« kicherte Ben Nil mir zu, »wenn wir das gewußt hätten, so hätten wir alle Gefangenen und alle Kamele entführen können. Wir sind viel, viel zu vorsichtig gewesen.«

»Ja, wir hätten alles fortschaffen können. Aber warum uns damit schleppen, da Schedid es uns gewiß nach Faschodah bringen wird! Es ist uns alles über Erwarten geglückt. Nun bin ich neugierig, ob sie, wenn sie mit Suchen fertig sind, ihre irrige Ansicht ändern werden.«

»O nein, denn diese Leute scheinen mit Blindheit geschlagen zu sein.«

Er hatte Recht. Die nach allen Richtungen ausgesandten Männer kehrten zurück, und das Resultat war, daß keiner etwas gefunden hatte. Nördlich vom Wasser, welche Richtung der Baqquara, falls er wirklich an der Mischrah Omm Oschrin wohnte, eingeschlagen haben mußte, war keine Spur von ihm zu finden gewesen. Er mußte also nach Süden geritten sein. Aber diejenigen, welche nach dieser Richtung gesucht hatten, behaupteten, daß auch dort keine Fährte zu entdecken sei. Darum watete Schedid selbst durch die Furt, um darüber nachzuforschen. Er kehrte nach einiger Zeit wetternd und fluchend zurück und erklärte:

»Es ist wirklich nichts zu finden. Was wird der Mek und was wird In Asl sagen, wenn wir ihnen sagen müssen, daß gerade dieser Hafid Sichar entkommen ist! O Allah, wie werden wir von diesen beiden empfangen werden!«

Da meinte einer, der jedenfalls der klügste von allen war.

»Während so kurzer Zeit verwischt sich keine Spur; das solltest du bedenken, o Schedid!«

»Was willst du damit sagen?« fragte der Genannte.

»Wo keine Spur ist, da ritt kein Kamel. Ist rundum keine Fährte zu sehen, so ist der Baqquara noch gar nicht fort, sondern irgendwo versteckt mit Hafid Sichar und den Kamelen. Du wirst doch zugeben, daß er sehr schlau gehandelt hat. Die Frömmigkeit und Heiligkeit der beiden Senussi war ihm im Wege; er hielt sie für gefährlich für sich; darum klagte er sie an; darum erfand er ein Märchen, um sie für sich unschädlich zu machen. War das nicht klug, nicht schlau?«

»Sehr listig sogar!«

»Nun, so darfst du ihm zutrauen, daß er später ebenso schlau gehandelt hat. Er mußte sich sagen, daß wir seine Spur entdecken würden; darum machte er lieber keine, indem er in der Nähe blieb und sich versteckte, um zu warten, bis wir fort seien.«

»Allah akbar! Daran habe ich gar nicht gedacht. Du kannst sehr recht haben. Auf, ihr Männer, um nach dem Verborgenen zu suchen. Forscht überall, aufwärts und abwärts, rechts und links, hüben und drüben vom Wasser!«

Jetzt wurde die Sache für uns etwas weniger angenehm. Blieben wir mit unserem Floße hier liegen, so konnte ein kleiner Zufall uns verraten. Wir hatten übrigens genug gehört; darum stießen wir ab und ruderten zurück, aber so langsam, daß nur einer, welcher den Blick minutenlang auf uns gerichtet hielt, bemerken konnte, daß unsere Insel sich bewegte. Und daß man derselben eine so scharfe Aufmerksamkeit widmen werde, das stand nicht zu erwarten, denn es gab in dem See mehrere wirkliche, mit Schilf bewachsene Inseln, wodurch das Dasein der unserigen weniger auffällig wurde.

Wir sahen mehrere Takaleh wieder durch die Furt gehen. Man suchte an beiden Ufern. Wenn man die Nachforschung auch nach dem andern See, an dessen Ende unser Lagerplatz war, hin erstreckte, konnte dieser letztere noch entdeckt werden. Aber zu fürchten brauchten wir diesen Fall ganz und gar nicht. Wurden wir bemerkt, dann doch jedenfalls nur von einigen wenigen Männern, vor denen sich zu fürchten die reine Lächerlichkeit gewesen wäre. Ehe sie die übrigen herbeibrachten, waren wir auf unseren Tieren schon soweit fort, daß wir uns in vollster Sicherheit befanden. Lieber freilich war es mir, wir wurden nicht entdeckt. Es paßte sehr gut in meinen Plan, daß man der Geschichte von dem fremden Effendi keinen Glauben mehr schenkte; dies mußte aber sofort anders werden, wenn man erkannte, daß der Baqquara nicht unehrlich gehandelt habe, sondern mit Hafid und den Kamelen selbst entführt worden sei.

Unsere Fahrt ging über den größeren See nur langsam von statten; aber als wir den kleineren erreicht hatten, waren wir den Takaleh aus den Augen und ruderten schneller. Bald legten wir bei dem Lagerplatze an und stiegen aus. Wir waren lange fort gewesen; darum hatte Hafid Sichar sich in Unruhe wegen uns befunden; er war froh, als er uns jetzt zurückkehren sah. Wir erzählten ihm, was wir gesehen und gehört hatten, und dann stieg ich, um eine etwaige Annäherung zeitig bemerken zu können, auf einen nahen Baum, dessen dichtes Blätterwerk mich vollständig verbarg und mir aber doch den Ausguck nach allen Richtungen erlaubte.

Nach einiger Zeit sah ich drüben am nördlichen Ufer zwei Takaleh, welche suchend an demselben hinschritten. Sie konnten nicht herüber, uns also nicht gefährlich werden. Aber bald darauf kamen diesseits drei andere, welche von Busch zu Busch, von Baum zu Baum schritten und hinter jedes Strauchwerk blickten. Wenn sie nur noch zwei Minuten in dieser Weise fortsuchten, mußten sie uns finden. Ich glitt schnell vom Baume herunter, verließ unsern Lagerplatz und ging ihnen, natürlich ohne mich sehen zu lassen, eine kurze Strecke entgegen. Es gab da ein dichtes Gebüsch, bis zu dessen Spitzen sich scharfes Dornwerk rankte. Aller Erwartung zufolge mußten sie da vorüberkommen; ich kroch also hinein.

Es dauerte nicht lange, so kamen sie, sahen erst in ein benachbartes Gesträuch und wendeten sich dann nach meinem Versteck.

»Es ist vergebens,« sagte einer von ihnen. »Hier hüben sind sie nicht. Kehren wir wieder um!«

»Nur noch einige Schritte, bis dort zu der Ecke, an welcher der Subakh steht!« lautete die Antwort.

O weh! Auf jenem Subakh hatte ich soeben gesessen, und hinter dieser Ecke befand sich unser Lagerplatz! Jetzt waren sie nur noch fünf Schritte von meinem Buschwerk entfernt. Ich griff in die schwachen Stämmchen, bewegte sie, als ob ein Tier sich da, wo ich mich befand, vom Boden erhebe, und versuchte, jenes knurrende Pfauchen nachzuahmen, welches ein in seiner Ruhe gestörtes Raubtier hören läßt. Dann rollte ich mit der Zunge in möglichst tiefem Tone, röchelte dazu durch die Nase und stieß darauf einen kurzen, heiseren Schrei aus, bei welchem der Wüstenbewohner, wenn er ihn hört, in den Stoßseufzer ausbricht:

»Der Löwe ist erwacht. Allah beschirme uns vor dem Würger der Herden!«

Ich hatte auf einsamen Ritten aus Langeweile oft versucht, das Gebrüll des Löwen nachzuahmen. Es richtig wiederzugeben, dazu sind die menschlichen Stimmwerkzeuge unfähig, aber eine Ähnlichkeit läßt sich doch erreichen. Das war auch jetzt der Fall. Die drei Takaleh prallten, als sie mich hörten, ganz entsetzt zurück.

»Eine Löwe, ein Löwe!« schrie einer von ihnen. »O Allah, o Beschützer, o Erhalter des Lebens, bewahre uns vor – –«

Die Fortsetzung dieser Worte konnte ich nicht hören, weil der Kerl, während er in dieser Weise zeterte, so schnell davon rannte, daß er bei dem letzten Worte schon nicht mehr zu sehen war. Und seine beiden Gefährten, welche noch flinkere Beine besaßen, waren ihm sogar schon weit voran. Da hörte ich hinter unserer Ecke Ben Nils lachende Stimme:

»Effendi, die kommen nicht wieder! Was bringst du doch alles fertig! jetzt hast du dich sogar in einen Löwen verwandelt! Das zornige Knurren und Pfauchen voran war vortrefflich. Es klang ganz genau so, als ob ein Löwe aus dem Schlafe gestört worden sei. Aber dann das Brüllen war weniger gut. Man hörte, daß es aus keinem Löwenrachen kam.«

»Weil du wußtest, wer dieser Löwe war!«

»Jawohl. Den Takaleh aber ist es ganz naturgetreu erschienen. Sie werden sich nun hüten, den Subakh und unsere Ecke zu untersuchen. Als du fortgingst und dort in das Loch krochst, dachte ich, daß uns dies gerade verraten könnte. Ich wußte ja nicht, daß du den ›Herrn mit dem dicken Kopfe‹ spielen wolltest. Nun aber bin ich froh, daß du es gethan hast. Wie bist du denn auf diesen Gedanken gekommen, Effendi?«

»So, wie einem in der richtigen Lage der richtige Gedanke kommen muß: ganz unerwartet und ohne langes Suchen.«

Ich war inzwischen zurückgekehrt und sah, daß Ben Nil sein Messer in der Hand hatte. Auf meinen fragenden Blick erklärte er:

»Als die Takaleh kamen, sagte ich diesem Baqquara, daß ich ihn, falls er den leisesten Laut hören lasse, sofort erstechen werde. Nun sind sie fort. Wollen wir nicht aufbrechen?«

»Nein. Ich will sie erst fortlassen.«

»Aber wir versäumen damit eine kostbare Zeit. Du weißt, wie eilig wir es haben, nach Faschodah zu kommen!«

»Diesen Zeitverlust holen wir mit unseren guten Kamelen bald wieder ein. Ich muß wissen, wie wir zu reiten haben, damit diese Takaleh nicht auf unsere Fährte stoßen. Da sie einen Löwen in ihrer Nähe vermuten, werden sie sich nicht lange mehr an der Furt aufhalten, denn sie müssen annehmen, daß das Raubtier diese Furt als Wechsel benutzt. Ich werde sie beobachten.«

Um dies zu thun, stieg ich wieder auf den Baum und nahm dieses Mal mein Fernrohr mit. Ich konnte mit Hilfe desselben über beide Seen hinwegblicken; aber die Bäume und Sträucher der Ufer, hinter denen sich die Karawane befand, verhinderten mich, zu beobachten, was die Leute thaten.

Nach vielleicht einer halben Stunde bemerkte ich eine Bewegung oben an der Furt, und dann sah ich den Zug am diesseitigen Ufer unter den Bäumen hervorkommen und sich südwärts hinaus in die Wüste wenden. Eine Abteilung der Reiter war voran, die andern hinterdrein; die Gefangenen marschierten in der Mitte. Ich verfolgte die Karawane mit dem Rohre, bis sie am Horizonte verschwunden war. Dann richtete ich das Teleskop ohne eine bestimmte Absicht, ganz unwillkürlich, nach Norden und nach Osten. Dort, in letzterer Richtung, bewegten sich einige Punkte. Waren das Tiere oder Menschen? Sie näherten sich, aber nicht gerade auf uns zu, sondern in südwestlicher Richtung, so daß dieselbe mit derjenigen der Karawane im Süden von uns zusammenstoßen mußte. Die Gestalten waren selbst durch das Rohr zu klein, als daß ich hätte bestimmen können, wer oder was sie seien. Und sie wurden noch kleiner und immer kleiner, bis ich sie gar nicht mehr sehen konnte. Jetzt stieg ich vom Baume herab.

Gestern abend hatte ich die Züge Hafid Sichars nicht deutlich erkennen können; jetzt am Tage sah ich, daß er eine große Ähnlichkeit mit seinem Bruder besaß. Er bat mich, ihm die Mumienhand zu zeigen, und als ich dieser Aufforderung nachgekommen war, erklärte er, daß er sie erkenne, und daß sie wirklich die Hand der Pharaonentochter sei, die er gemeint habe. Darauf öffnete ich meinen wasserdichten Gürtel, nahm die beiden unadressierten Briefe heraus, welche sein Bruder mir in Siut gegeben hatte, und sagte:

»Diese Briefe brachte mir Ben Wasak in den Palast des Pascha nach Siut. Er sagte mir, daß ich sie nach meiner Ankunft in Chartum öffnen solle.«

»So sind sie dein Eigentum,« sagte er, indem er sie in die Hand nahm, um sie zu betrachten. »Stecke sie wieder ein, und öffne sie, wenn du nach Chartum kommst!«

»Ich hätte lieber Lust, sie dir jetzt zum Öffnen zu übergeben. Ich glaubte damals, und infolgedessen dein Bruder auch, daß ich direkt nach Chartum gehen würde. Es ist aber anders gekommen. Ich mußte nach dem Lande der Fessarah; es ist inzwischen eine nicht unbedeutende Zeit vergangen, und wer weiß, welchen wichtigen Inhalt diese Briefe haben. Es ist vielleicht besser, wenn wir ihn kennen lernen.«

»So öffne sie jetzt!«

»Nein, du! Ich bin noch nicht in Chartum.«

»So werde ich sie aufmachen. Es könnte doch etwas darin stehen, was uns zu wissen Vorteil bringt.«

Er öffnete die Umschläge. Sie enthielten je einen offenen Empfehlungsbrief und eine Anweisung auf ein Chartumer Haus.

»Hat mein Bruder dich gekannt, ehe du zu ihm nach Maabdah kamst?« fragte Hafid Sichar.

»Nein.«

Er sah mich mit einem langen, großen Blicke an, und seine Augen glänzten feucht, als er dann sagte:

»Das, das that mein Bruder für mich, und ich glaubte, er habe mich ganz aufgegeben. Diese Anweisungen sagen Mehr, als du denkst. Sie sind von hohem Betrage. Er muß vorher alles mögliche, mich zu entdecken, aufgeboten haben. Er sah dich zum erstenmale und gab dir solche Briefe mit! Du mußt ihm als ein sehr ehrlicher und vertrauenswerter Mann erschienen sein. Bedenke, daß du ein Christ und ihm vollständig Fremder warst! Was hättest du mit dem vielen Gelde gemacht?«

»Dir gegeben, sobald ich dich fand. Stecke die Empfehlungen und Anweisungen ein; sie gehören dir! Wir werden zusammen bleiben, bis du zu deinem Bruder kommst, und falls ich etwas bedarf, werde ich es dir sagen.«

»Gut! Unter dieser Bedingung werde ich die Papiere behalten. Aber wohin soll ich sie stecken, da ich keine Taschen habe?«

Es war wahr; er hatte keine einzige Tasche, da er, der reiche Mann, nur mit einem, noch dazu ziemlich defekten Lendenschurze bekleidet war.

»Du wirst gleich Taschen haben,« antwortete ich. »Dieser Baqquara ist von deiner Statur. Ihr werdet eure Anzüge wechseln. Du nimmst den seinigen, und er bekommt den deinigen.«

»Wage das!« fuhr mich der Baqquara an. »Ich bin ein freier Ben Arab und gehe nicht nackt!«

»Vorher war er gefangen, und du warst frei; darum ging er nackt, und du trugst Kleider. Jetzt bist du gefangen, und er ist frei; folglich wechselt auch die Kleidung.«

»Ich dulde es nicht!«

»Ben Nil, schneide Stöcke ab zur Bastonnade!«

»Schlagen, mich schlagen?« schrie der Baqquara auf. »Mir die Bastonnade, mir? Wer giebt dir das Recht dazu?«

»Der Vicekönig. Ich stehe hier an Stelle des Reïs Effendina. Aber selbst wenn dies nicht der Fall wäre, würde ich thun, was mir beliebt. Du bist ein Verbündeter meines Todfeindes, der mir nach dem Leben trachtet. Du selbst hast gestern abend direkt gegen mich gesprochen und gehandelt. Mit welchem Rechte? So frage ich dich ebenso, wie du nach meinem Rechte fragst. Mit dem Rechte des Stärkern! Nach dem Gesetze der Wüste und Steppe. Ich rate dir: Wenn dir deine Fußsohlen lieb sind, so füge dich freiwillig meinem Befehle! Ich habe dir die Freiheit gegen ein offenes Geständnis geben wollen; du bist nicht auf meinen Vorschlag eingegangen und hast es dir also nur selbst zuzuschreiben, wenn die Folgen davon dich nicht gerade in Entzücken versetzen. Herunter mit dem Anzuge!«

Ben Nil wollte ihm den Haïk ausziehen, aber er wehrte sich. Da machte ich nun Ernst. Er wurde vor dem Baume auf den Bauch gelegt und mußte die Unterschenkel von den Knieen an aufwärts heben. Sie wurden an den Stamm gebunden, so daß er sich nicht bewegen konnte. Dann setzte Hafid Sichar sich ihm auf den Rücken, damit er liegen bleiben mußte, und Ben Nil schnitt einen fingerstarken Stock vom Busche. Gleich beim ersten Hiebe schrie der Gezüchtigte grell auf; beim zweiten jammerte er:

»Laß ab, laß ab, Effendi! Ich will gehorchen. Diese Bastonnade kann kein freier Arab Baqquara aushalten!«

»Du konntest sie dir ersparen. Laß dir die beiden Streiche zur Lehre dienen!«

Er wurde losgebunden, und nun ging der Kleiderwechsel ohne weiteres von statten. Dann rüsteten wir uns zum Aufbruche. Für die Menschen war noch Wasser vorhanden; für die Kamele wurden die Schläuche aus dem Nid en Nil gefüllt. Dann stiegen wir auf und verließen den Ort, von welchem ich nicht geahnt hätte, daß ich an demselben den von seinem Bruder so lange vergeblich gesuchten Hafid Sichar finden würde.

Wie schon erwähnt, sollten die Takaleh unsere Fährte nicht sehen; deshalb hatte ich sie voranziehen lassen. Dennoch folgten wir zunächst der ihrigen, um später von derselben abzubiegen. Als wir ungefähr eine Viertelstunde geritten waren, sahen wir von links her eine zweite Fährte kommen. Sie stammte jedenfalls von denjenigen Wesen, welche ich als kleine Punkte durch das Fernrohr am östlichen Horizonte gesehen hatte, und hier war der Punkt, an welchem sie auf die Spuren der Takaleh gestoßen war.

»Wer mag das gewesen sein?« meinte Ben Nil. »Es sind so kleine Stapfen.«

Ich stieg ab und hieß auch ihn absteigen, denn er sollte sich im Fährtelesen üben. Was er von und bei mir lernte, konnte ihm später wohl von Nutzen sein. Ich wußte gleich beim ersten Blicke, woran ich war, doch forderte ich ihn auf:

»Sieh dir diese Spuren genau an! Von weichen Tieren können sie eingetreten worden sein?«

»Das – das sind wohl Esel gewesen?« sagte er, mich fragend anblickend.

»Ja, Esel,« nickte ich ihm befriedigt zu. »Und wie viele?«

»Vier oder fünf.«

»Nein, sondern nur drei. Wenn man die Zahl der Tiere wissen will, muß man sein Augenmerk nur auf die Summe der Eindrücke eines bestimmten Beines richten. Wer die Spuren aller Hufe zählt, wird irre. Nehmen wir zum Beispiel den rechten Vorderhuf. Du erkennst den Eindruck an mehreren Zeichen, vor allen Dingen daran, daß er nach außen, also nach rechts, mehr konvex ist als nach innen, nach links. Zieh dann die Verschiedenheit der Eindrücke dieser rechten Vorderhufe zu Rate, so wirst du die Zahl der Tiere haben.«

»Ja, es waren nur drei Esel,« sagte er, nachdem er die Spur von den gegebenen Gesichtspunkten aus noch einmal genau betrachtet hatte.

»Was trugen die Esel? Reiter oder Lasten? Oder ging einer von ihnen vielleicht frei?«

»Woran erkennt man es?«

»An der Tiefe der Eindrücke, an der Regelmäßigkeit des Ganges und aus andern, mehr durch den Zufall gegebenen Zeichen. je schwerer ein Tier beladen ist, desto tiefer drückt sich sein Fuß in den Sand. Ein Lasttier wird meistenteils vorn leichter als hinten gehen. Ein Reittier hat einen unregelmäßigeren Gang als ein Saumtier, weil es mehr von dem Willen seines Reiters abhängig ist, während das Lasttier ruhig seinen Gang fortgeht. Komm ein Stück auf dieser Fährte weiter, so siehst du, daß jeder der Esel einmal rechts, einmal links, einmal in der Mitte gegangen ist. Das kommt bei Saumtieren nicht oder nur höchst selten vor; sie haben also Reiter getragen. Was für Reiter mögen das gewesen sein?«

»Wie kann ich das wissen! Ich habe sie nicht gesehen, und da sie im Sattel saßen, konnten sie von sich keine Spuren zurücklassen.«

»Und doch ist nichts leichter als das. Auf Eseln reitet hier nur eine ganz bestimmte Art von Leuten.«

»Meinst du, es seien Dschellab gewesen?«

»Ja, da nur ein Dschellabi, ein Händler, sich in dieser Gegend des Esels bedient. Also soviel wissen wir. Wo kamen sie her? Das interessiert uns nicht; aber wohin sie wollen, das möchten wir wissen, da wir sie vor uns haben und sie vielleicht einholen werden.«

»Kannst du auch das aus den Spuren lesen?«

»Nein, wenigstens jetzt noch nicht, da ihre Fährte sich von hier aus mit derjenigen der Takaleh vereinigt hat. Gehen wir weiter!«

Wir nahmen unsere Kamele bei den Halftern und führten sie; die beiden andern waren im Sattel geblieben und folgten uns. Nach einiger Zeit erweiterte sich die Spur zu einer breiten, sehr zertretenen Stelle, um dann in der bisherigen Schmalheit und Weise wieder fortzugehen.

»Hier haben die Dschellab die Takaleh eingeholt,« erklärte ich, »und die letzteren sind eine Weile halten geblieben, um die ersteren zu empfangen und auszufragen. Vielleicht erzählt uns diese breite Stelle noch mehr. Ich will sie einmal genauer untersuchen.«

Mir schien nämlich, als ob die Mehrzahl der Takaleh nicht halten geblieben, sondern ohne Unterbrechung fortgeritten sei. Ich zählte und verglich die einzelnen Eindrücke, fand sogar die Spuren mehrerer menschlicher Füße und erklärte dann den andern:

»Es sind nur fünf Takaleh halten geblieben; die andern ritten weiter. Diese fünf sprachen längere Zeit mit den Dschellab, wobei die letzteren von ihren Eseln gestiegen sind. Dann ritt man in Gemeinschaft den Vorausgegangenen nach. Diesen Halt hier nahm man vor, um sich gegenseitig zu begrüßen und auszufragen.«

»Werden die Dschellab nicht von den Takaleh feindlich behandelt werden?« fragte Ben Nil.

»Bis jetzt giebt es. noch keinen Anhaltspunkt, welcher uns veranlassen könnte, auf Feindseligkeit zu schließen; aber die Takaleh befinden sich jedenfalls in keiner guten Stimmung, und so haben die Händler, wenn es nicht noch andere Gründe geben sollte, wenigstens deshalb wohl Ursache, vorsichtig zu sein. Gehen wir noch ein Stück weiter, ehe wir aufsteigen.«

Eben wendete ich mich wieder vorwärts, als Ben Nil, mit der Hand nach derselben Richtung deutend, sagte:

»Schau, Effendi, da vorne, seitwärts von der Fährte, sitzt eine Hyäne.«

»Und daneben haben zwei andere sich in den Sand gelegt,« fügte Hafid Sichar hinzu.

Ich beschattete die Augen mit der Hand, um besser sehen zu können, und rief, ein Unglück ahnend, im nächsten Augenblicke:

»Das sind keine Hyänen, sondern Menschen. Die fünf Takaleh werden doch nicht etwa über die Händler hergefallen sein! Kommt schnell fort von hier und mit hin!«

Wir eilten weiter, die beiden Reiter im Schritte und wir zwei Fußgänger im Trabe. Derjenige, welchen Ben Nil von weitem für eine sitzende Hyäne gehalten hatte, kehrte uns den Rücken zu. Es war kein Wunder, daß mein junger Begleiter sich aus einer solchen Entfernung hatte täuschen können, denn der Mann hatte die Ellbogen auf die Kniee gestemmt und den Kopf in die beiden Hände gelegt, als ob er Kopfschmerzen habe. Als er das Geräusch, welches wir bei unserer Annäherung verursachten, hörte, wendete er das Haupt nach uns um. Uns sehend, machte er eine Anstrengung, sich zu erheben, was ihm aber nicht gelang. Sein Auge fiel, da die beiden Reiter uns um einige Schritte voran waren, zunächst auf den Baqquara; da nahm sein Gesicht den Ausdruck des Schreckens an, und er rief:

»Ich bin verloren! Das ist ja Amr el Makaschef, der Scheik der Baqquara!«

Ich hatte diesen Namen schon einigemale gehört. Es war derjenige eines Baqquarahäuptlinges, welcher als außerordentlich kriegerisch und gewaltthätig bezeichnet wurde. Damals spielte er seine Rolle noch innerhalb engerer Grenzen, später aber trat er aus denselben heraus. Er war ein Verwandter des Mahdi, und am 6. April 1882 sandte der Mudir von Sennaar an den Vicegouverneur eine Depesche, welche lautete: »Der Baqquara-Scheik Amr el Makaschef, ein Vetter des Mahdi, nähert sich mit mehreren tausend Baqquarakriegern meiner Stadt, um dieselbe für den Mahdi einzunehmen. Sende mir so schnell wie möglich Hilfe!« Dieser Mann war also jetzt mein Gefangener. Es mußte mich stutzig machen, daß ein Häuptling sich zu Botendiensten hergegeben hatte. Sein Verhältnis zu Ibn Asl konnte nicht eine bloße Bekanntschaft, sondern mußte ein festeres, tieferes sein. Dies bestätigte sich durch die Antwort, welche er gab; denn kaum hatte er die Worte des Mannes gehört, so rief er in abwehrendem Tone aus:

»Du irrst. Ich gehöre zwar zu den Baqquara, bin aber nicht ein Scheik derselben.«

»Warum verleugnest du dich?« fragte der Händler. »Wie oft bin ich bei euch, bei dir gewesen! Du kennst mich und weißt, daß auch ich dich sehr genau kenne.«

»Schweig! Du redest irre. Ich sehe, daß du verwundet bist, und da wird das Fieber dir die irrigen Worte eingegeben haben.«

Daß er während dieser Worte seinen Blick mit einem besorgten Ausdrucke auf mich warf, gab mir die Überzeugung, daß er die Unwahrheit sagte. Er wollte für einen gewöhnlichen Mann gelten, um in Faschodah eine möglichst milde Behandlung zu finden. Der Händler aber blieb bei seiner Überzeugung, indem er behauptete:

»Ich weiß nicht, aus welchem Grunde du dich verleugnest; ja, ich bin verletzt, aber das Fieber hat mich noch nicht ergriffen, und ich weiß, was ich sage. Wir haben diesen sklavenhandelnden Takaleh nichts gethan, und ich bitte dich um Allahs willen, nicht zu glauben, daß ich ein Gegner der Leute bin, welche Sklaven fangen. Schone mich, o Scheik!«

Da fragte ich ihn:

»Warum hältst du diese Erklärung für notwendig? Meinst du, daß dieser Scheik Amr el Makaschef auch ein Sklavenfänger ist?«

Er hatte mich noch nicht beachtet. Jetzt musterte er mich mit verwundertem Blicke und antwortete:

»Wie kannst du eine solche Frage an mich richten! Du gehörst jedenfalls zum Scheik und mußt also noch besser wissen als ich, daß er ein Freund und Abnehmer von Ibn Asl, dem berühmtesten Sklavenjäger, ist.«

»Das ist nicht wahr; das ist eine Lüge!« rief der Baqquara. »Ich bin ja gar nicht derjenige, für den er mich hält!«

»Sei still!« gebot ich ihm. »Ich weiß sehr genau, was ich von dir zu denken habe, und alle Mühe, mein Urteil irre zu leiten, ist vergeblich. Du bist viel zu dumm, mich zu hintergehen.«

Und mich zu dem Händler wendend, fuhr ich fort:

»Ich gehöre nicht zu ihm. Ich bin ein Fremder, kein Moslem, sondern ein Christ. Siehe dir den Scheik doch besser an! Hast du noch nicht bemerkt, daß er keine Waffen trägt? Hast du die Leine noch nicht bemerkt, mit welcher er an das Kamel gebunden ist?«

Der Mann hatte bisher den Kopf noch stets in den beiden Händen gehalten; jetzt hob er ihn, um den Scheik genauer zu betrachten, und rief dann verwundert aus:

»Allah thut Wunder! Er ist gefesselt! Habt ihr etwa mit ihm gekämpft, ihn gefangen genommen?«

»Du sollst es erfahren. Vor allen Dingen aber will ich dich und deine beiden Gefährten, welche für tot daliegen, untersuchen.«

»Sie sind tot; man hat sie erschossen. Du siehst ja die große Pfütze des Blutes, in welcher sie liegen.«

»Hat man auch auf dich geschossen?«

»Nein. Ich war der erste, an dem sie sich vergriffen. Sie schlugen mich mit dem Kolben des Gewehres auf den Kopf. Als ich erwachte, sah ich meine Gefährten tot. Wir sind beraubt worden, und man hat uns alles genommen und auch unsere Esel fortgeführt.«

»Nein; dieses letztere ist nicht geschehen. Die Esel sind noch da. Ich werde sie holen. Vorher aber zeige mir deinen Kopf!«

Dieser war stark angeschwollen, doch zeigte sich zum Glücke für den Verletzten kein Schädelbruch. Man hatte nicht mit der Schärfe, sondern mit der Breite des Kolbens zugeschlagen. Die beiden andern waren allerdings tot, durch die Brust geschossen. Ich nahm ihnen die Kopftücher ab, um dem noch Lebenden einen nassen Umschlag aufzulegen, welcher ihm so wohlthat, daß er aufstehen und mit weniger Anstrengung als vorher sprechen konnte. Er schien noch immer Angst vor dem Scheik zu haben; darum beruhigte ich ihn:

»Du befindest dich bei Freunden und dieser Häuptling der Baqquara kann dir nichts thun. Er ist ein Freund der Takaleh, welche euch überfallen haben; er war am Nid en Nil bei ihnen, und ich sage dir, daß du gar keinen Grund hast, dich vor ihm zu fürchten oder ihn zu schonen. Hast du vielleicht von dem Reïs Effendina gehört?«

»Ja, o Herr.«

»Nun, ich bin ein Freund desselben und habe diesen Baqquara gefangen genommen, um ihn zum Reïs Effendina nach Faschodah zu bringen. Du kannst also ruhig sein und offen mit mir sprechen. Aus welcher Gegend seid ihr gekommen, und wo wolltet ihr hin?«

»Wir waren drüben im Dar Famaka, wo wir alle unsere Waren verkauften und nur Thibr dafür bekamen. Dann gingen wir über den weißen Nil, um nach Gojak am Bahr el Arab zu reiten, wo wir unser Thibr gegen Straußfedern umtauschen wollten, welche wir dann nach Chartum gebracht hätten. Wir wären eines großen Gewinnes sicher gewesen, wenn uns die Takaleh nicht hier beraubt hätten. Nun bin ich ärmer als jemals vorher. Allah verfluche sie!«

Der erwähnte Thibr ist Gold, welches in der Gegend, von welcher er gesprochen hatte, in Gestalt von Körnern oder als Staub in kleinen Blättchen aus dem Alluvium gewonnen wird. Dieser Thibr dient dort als fast alleiniges Tauschmittel, so daß die sonst überall gangbaren Maria-Theresienthaler wenig beliebt sind. Er wird zur besseren Handhabung in Ringe eingeschmolzen oder in ganz kleinen Quantitäten, als Scheidemünze, in Zeug- oder Lederstückchen eingebunden.

»Ich vermute, daß ihr von den Takaleh nicht gleich von vorne herein feindselig behandelt worden seid?« fragte ich.

»Sie waren sogar sehr freundlich,« antwortete er. »Als wir auf sie stießen, ließ der Anführer die Karawane weitergehen, bis wir sie nicht mehr sehen konnten, und blieb mit noch vier anderen bei uns halten, um uns auszufragen. Er that dies in einer Weise, daß es ganz unmöglich war, Mißtrauen zu hegen, und gab uns dann die Erlaubnis, uns ihm anzuschließen. Wir ritten fort, der Karawane nach; aber als wir hier diese Stelle erreichten, wurde ich plötzlich niedergeschlagen. Das übrige weißt du schon.«

»Hast du den Thibr erwähnt, den ihr bei euch hattet?«

»Ja. Sie fragten uns, womit wir die Straußfedern bezahlen wollten, und da mußte ich von dem Goldstaube sprechen!«

»Das hättest du unterlassen sollen. Du siehst, welche Früchte diese Vertrauensseligkeit getragen hat. Die fünf Takaleh sind nach dem Goldstaube begierig geworden, und um denselben nicht mit ihren Kameraden teilen zu müssen, haben sie die Karawane bis außer Sichtweite fortgelassen und sind dann über euch hergefallen. Aus ganz demselben Grunde haben sie euch alles andere gelassen, sonst hätten sie euch alles bis auf den bloßen Leib genommen. Dadurch wäre der Raub verraten worden, und sie hätten teilen müssen. Infolgedessen nahmen sie auch eure Esel nicht mit, sondern jagten sie fort, wie ich da aus den Spuren ersehe.«

»Warum ließ man sie nicht da? Warum gab man sich die überflüssige Mühe, sie so weit fortzutreiben, daß man sie nicht sehen kann?«

»Aus Vorsicht. Die Mühe war gar nicht so überflüssig, wie du meinst. Ihr drei lagt, platt am Boden und waret also aus der Ferne nicht zu entdecken. Hätte man die Esel bei euch stehen lassen, so konnten dieselben von weitem gesehen werden und irgend jemand herbeiziehen, durch welchen die Mordthat entdeckt worden wäre. Du bist zwar nicht tot, wärest aber jedenfalls zu Grunde gegangen, wenn wir nicht gekommen wären und dich nur deshalb gefunden hätten, weil wir mit Absicht den Spuren der Takaleh folgten.«

»Was aber soll nun geschehen, Herr? Wir müssen den Mördern nach. Ich will mich rächen und ihnen ihren Raub abnehmen.«

»Du wirst erhalten, was sie euch abgenommen haben; das verspreche ich dir. Dazu aber bedarf es gar nicht der Verfolgung der Karawane und des Kampfes mit derselben. Meinst du etwa, du seist in deinem Zustande fähig, es mit ihnen aufzunehmen? Ich werde jetzt nach den Eseln suchen, und dann schließest du dich uns an.«

»Wohin reitet ihr?«

»Nach Faschodah, wie ich dir bereits gesagt habe. Die Takaleh wollten auch dorthin, und da sie Fußgänger bei sich haben, werden wir eher dort sein als sie und sie gleich bei ihrer Ankunft durch die Polizei des Mudirs in Empfang nehmen lassen.«

Die Spuren der Esel führten gerade ins Weite hinaus; einer war dem andern nachgelaufen. Nach einer Viertelstunde fand ich sie nebeneinander liegend, die Sättel auf dem Rücken. Ich bestieg den einen, um zurückzureiten; die beiden andern folgten mir freiwillig, ohne daß ich sie zu führen brauchte.

Wir begruben die beiden Toten so gut, wie es uns möglich war; dann wurde der Verletzte auf das Kamel, welches die Wasserschläuche getragen hatte, gesetzt, und wir ritten weiter. Die hinter uns hertrabenden Esel waren ledig und konnten uns also leicht folgen.

Wir befanden uns ungefähr dreißig geographische Meilen von Faschodah entfernt. Wäre ich mit Ben Nil allein gewesen, so hätten wir diese Strecke mittels eines beschleunigten Rittes in zwei Tagen zurückgelegt, unter den gegenwärtigen Verhältnissen aber war dies nicht möglich. Hafid Sichar hatte zu lange Zeit in der Kupfergrube unter der Erde gesteckt; zum Gehen war er kräftig genug gewesen; nun aber zeigte es sich ‚ daß ihn das schnelle Reiten, das Schaukeln auf dem Rücken des Kameles mehr angriff, als er erwartet hatte. Der Händler kühlte seinen Kopf fortwährend mit Wasser, doch fühlte er in demselben jeden Schritt des Kameles so schmerzlich, daß wir gezwungen waren, unsere bisherige Schnelligkeit zu mäßigen. Der Fährte der Takaleh wurde nicht weiter gefolgt. Wir hielten uns weit östlicher als sie, überholten sie schon im Laufe des ersten Vormittages und kamen am Morgen des vierten Tages bei Faschodah an, welches eigentlich nichts als ein großes Hüttendorf ist, das sich jedoch infolge der mit Mauern umgebenen Regierungsgebäude, der Kaserne und der Wohnung des Mudir, von außen ziemlich stattlich ausnimmt. Doch verschwindet der gute Eindruck sofort, wenn man den Ort betritt.

Auf den Mauern stehen Kanonen und des Nachts zahlreiche Wachtposten, eine Vorsichtsmaßregel, welche wegen der rebellisch gesinnten Schilluk keine ganz überflüssige ist.

Um die Regierungsgebäude liegen armselige Häuser und zahlreiche Tukul, welche auf einer Ziegelunterlage errichtet sind, weil es wegen der früheren vielen Verheerungen, welche das Feuer anrichtete, jetzt verboten ist, diese dürftigen Hütten ganz aus Stroh zu bauen. Diese Tukul wurden teils von Schilluk, teils von Soldaten, welche ihre Weiber und Kinder bei sich haben, bewohnt. Die Straßen und Gassen, falls man sich ja dieser Ausdrücke bedienen will, bestehen aus Löchern, Schmutzlachen, Unrathaufen und Schlammgebirgen, zwischen, durch und über welche man, um nicht stecken zu bleiben, wie ein Seiltänzer sich bewegen muß.

Faschodah ist ein Verbannungsort, gerade so wie früher Dschebel Gasan und Fassoql, doch wächst die Zahl der Verbrecher nie stark an, da die Fremden an dem ungesunden Klima schnell zu Grunde gehen.

Da dieser Platz der letzte befestigte Grenzposten am weißen Nile ist, so hat er eine Besatzung von fast tausend Soldaten; das sind schwarze Fußtruppen und eine Anzahl Arnauten, die unter ihrem Sangak stehen und wegen ihrer bekannten Unbotmäßigkeit und Gewaltthätigkeit außerordentlich schwer zu regieren sind. Daß ihr Sangak ein heimlicher Verbündeter von Ibn Asl war, ist bereits erwähnt worden.

Man darf ja nicht denken, daß wir so mir nichts dir nichts gleich unsern Einzug gehalten hätten; das wäre geradezu unverantwortlich gewesen. ich konnte annehmen, daß Ibn Asl bereits angekommen sei. Auch der Türke Murad Nassyr mit seiner Schwester, der Muza’bir und der Mokkadem der heiligen Kadirine, meine rachsüchtigen Feinde, waren hier zu suchen. Dazu kam, daß ich mich vor dem Obersten der Arnauten in acht zu nehmen hatte, da demselben von den andern Genannten jedenfalls schon alles von mir erzählt worden war. Sie kannten mich persönlich: ich durfte mich nicht sehen lassen, wenn ich meinen Zweck ganz und voll erreichen wollte. Darum sagte ich nicht, daß wir in, sondern daß wir bei Faschodah angekommen seien.

Wir hüteten uns nämlich, uns der Stadt allzuweit zu nähern, sondern hielten ungefähr eine Stunde vor derselben an einem Orte an, welcher zu einem einstweiligen Verstecke sehr geeignet war. Es gab da nämlich eine aus Sunut-, Hegelik- und anderen Hochbäumen bestehende Waldung, zwischen deren Stämmen Kittr- und Vabaqbüsche standen, welche durch die Ranken des Cyssus quadrangularis dicht verwoben waren. In diesem Walde machten wir Halt und suchten uns einen Platz, an welchem wir nur durch den reinen Zufall aufgefunden werden konnten.

Von hier aus wollte ich dem Mudir einen Boten senden. Am liebsten hätte ich meinen Ben Nil geschickt, was ich aber nicht wagen konnte, da derselbe einigen, denen er in Faschodah leicht begegnen konnte, bekannt war. Darum vertraute ich Hafid Sichar die Botschaft an und gab ihm den Empfehlungsbrief des Reïs Effendina mit. Natürlich unterrichtete ich ihn sehr genau darüber, wie er sich zu verhalten und was er zu sagen hatte. Nach seiner Entfernung warteten wir volle vier Stunden; dann kehrte er zurück und brachte einen Mann mit, der die hierzulande übliche Kleidung eines gewöhnlichen Mannes trug. Ich hatte erwartet, daß der »Vater der Fünfhundert« mir einen seiner vertrauten Beamten senden werde, und vernahm jetzt zu meiner Überraschung, daß dieser so einfach gekleidete Mann der Mudir selbst sei. Der strenge Mann charakterisierte sich gleich im ersten Augenblicke der Begegnung:

»Du hast lange warten müssen, Effendi,« sagte Hafid Sichar zu mir. »Dieser hohe Herr ist – –«

»Schweig!« donnerte ihn der andere zornig an. »Ich habe dich freundlich behandelt, weil mich dein trauriges Schicksal erbarmte, aber du darfst deshalb nicht denken, daß ich deinesgleichen bin. Wie kannst du es wagen, mich dem Effendi vorstellen zu wollen! Und wie darfst du dich erdreisten, dich zu entschuldigen, daß er gewartet hat! Bin ich ein Hund, der immer da sein muß, wenn ihm gepfiffen wird, du Halunke?«

»Na,« dachte ich im stillen, »das kann gut werden! Das ist der ›Vater der Fünfhundert‹ selbst. Wenn er gegen euch sich in dieser Weise benimmt, wie mag er da erst mit Verbrechern umspringen!«

Jetzt wendete er sich zu mir und musterte mich mit neugierigem Blick, wobei sein Gesicht nicht die geringste Spur eines freundlichen Zuges entdecken ließ. Ich war aufgestanden, hielt seinen forschenden Blick gelassen aus und fragte:

»Wer bist du? jedenfalls Ali Effendi selbst?«

»Ali Effendi?« meinte er streng. »Weißt du nicht, wie man einen Mudir zu titulieren hat?«

»Ich weiß es und werde die Pflicht der Höflichkeit erfüllen, sobald ich mit einem Mudir zu sprechen komme.«

»Das ist schon jetzt der Fall, denn ich bin der Mudir von Faschodah.«

Ein Orientale hätte die Arme gekreuzt und sich zur Erde gebeugt, ich aber senkte nur den Kopf, reichte ihm die Hand und sagte, allerdings im höflichsten Tone:

»Allah gebe dir tausend Jahre, o Mudir! Ich freue mich, dein Angesicht zu sehen, denn es ist dasjenige eines gerechten Mannes, unter dessen Verwaltung sich diese Provinz erheben und von allem schlimmen Gesindel reinigen wird.«

Er zögerte, meine Hand anzunehmen, gab mir einen verwunderten Blick in das Gesicht und antwortete:

»Nach dem, was ich von dir gelesen und gehört habe, bist du ein ganz tüchtiger Kerl; aber ein Freund von großen Komplimenten scheinst du nicht zu sein?«

»Jeder Mensch hat seine eigene Art und Weise und ist nach derselben zu nehmen, o Mudir.«

»So habe ich meine Diener auch nach ihrer Art und Weise zu nehmen! Allah erbarme sich! Da würde ich weit kommen! Ihr Christen seid sonderbare Menschen, und da will ich dich nun freilich so nehmen, wie du bist, nämlich sehr wacker und sehr grob. Setzen wir uns!«

Ich lächelte in mich hinein, von ihm, der verkörperten Grobheit, als grob bezeichnet zu werden. Wir setzten uns. Er zog ein Streichholzkästchen und eine Ledertasche voller Cigaretten hervor, brannte sich, ohne mir eine anzubieten, eine derselben an, blies den Rauch behaglich durch die Nase, legte Cigaretten und Zündhölzer zum weiteren bequemen Gebrauche neben sich und begann:

»Also du bist ein Diener des Reïs Effendina. Wo und wie hat er dich denn eigentlich kennen gelernt?«

»Ob er mich kennen gelernt hat oder ob ich ihn kennen lernte, das ist ein Unterschied, mit dem wir uns jetzt freilich nicht zu beschäftigen haben; aber wenn du meinst, daß ich sein Diener sei, so irrst du dich.«

»Nun ja, er nennt dich in dem Briefe seinen Freund; aber ich kenne das. Es ist nur eine Form und gehört zur Empfehlung. Du bist ein mutiger, ja ein verwegener Mann, auch nicht dumm scheinst du zu sein, aber als Christ kannst du doch niemals der Freund eines Moslem werden.«

»Warum nicht? Wenn ich einen Menschen so achte und so liebe, daß ich ihn meiner Freundschaft für würdig halte, so hindert mich der Umstand, daß er Moslem ist, nicht, sie ihm anzutragen.«

»Ah!« machte er erstaunt. »So hast du, du sie ihm angetragen und nicht er sie dir?«

»Von wem das erste Wort ausgegangen ist, das ist Nebensache; es genügt und muß auch dir genügen, daß wir eben wirkliche Freunde sind. Willst du es nicht glauben, nun, so ist es mir auch egal.«

»Wie? Es ist dir gleichgültig, ob dir der Mudir von Faschodah Glauben schenkt oder nicht? So ein Mann ist mir noch nicht vorgekommen!«

»Es giebt in meinem Vaterlande ein Sprichwort, welches lautet: Wie du mir, so ich dir. Ich befolge es gern.«

»Das ist stark, sehr stark! Höre, wenn das ein anderer wagte, bei Allah, ich ließe ihm auf der Stelle fünfhundert aufzählen!«

»Ja, das ist das gewöhnliche Deputat, und darum pflegt man dich Abu Hamsa Miah zu nennen. Ich aber bin vor dem Empfange dieser allerliebsten Liebesgabe sicher.«

»Sicher? Das glaube ja nicht! Wenn ich wollte, wer oder was könnte mich abhalten, auch dir fünfhundert geben zu lassen?«

»Meine Nationalität und mein Konsul.«

»Auf die pfeife ich auch.«

»Nun, dann diese hier. Auf die würdest du gewiß nicht pfeifen.«

Ich hielt ihm bei diesen Worten die Faust so nahe vor die Nase, daß er, mit dem Gesicht schnell zurückweichend, ausrief.

»Mann, willst du etwa zuschlagen?«

»Nein, solange nämlich auch du nicht zuschlagen willst. Doch, wir haben nun genug gescherzt und wollen von nötigeren Dingen sprechen. Wir sind – –«

»Wer hat hier zu bestimmen, wovon gesprochen werden soll, du oder ich?« unterbrach er mich.

»Ich, denn du bist bei m i r. Hast du keine Lust, dich nach mir zu richten, so kannst du gehen. Ich komme auch ohne dich durch die Welt und durch diese Gegend.«

Da blickte, nein, starrte er mich förmlich an, warf den Rest der Cigarette fort und rief:

»Allah ist groß, nein, er ist größer, nein, er ist noch viel größer, er ist am allergrößten; du aber bist der größte Grobsack, der mir vorgekommen ist! Welche Wonne, wenn ich dir fünfhundert aufzählen lassen könnte! Aber ich denke, daß ich noch dazu komme!«

»Und ich hoffe es auch, um dir nämlich beweisen zu können, daß dir meine Kugel durch das Gehirn fahren würde, noch ehe du den betreffenden Befehl vollständig ausgesprochen hättest.«

»Fresse dich der Teufel! Ich glaube, mit dir kommt man am allerbesten aus, wenn man höflich ist.«

Er brannte sich wieder eine Cigarette an. Ich antwortete.

»So mache den Anfang, indem du mir erlaubst, auch eine Cigarre zu rauchen.«

Ich griff zu, nahm mir eine, brannte sie an und fügte, als ich sah, daß er darüber zornig werden wollte, schnell hinzu:

»Das war schon vorhin deine Pflicht, als du die erste anbranntest. Du hast das unterlassen und doch mich ermahnt, höflich zu sein. Was soll ich von dir denken? Mir ist es gleichgültig, ob du mich grob oder freundlich behandelst. Ich habe nicht die geringste Gefälligkeit für mich von dir zu erbitten; ich komme vielmehr, um dir zu helfen, deine Pflicht zu erfüllen. Gleiches gegen gleiches; das ist das Gesetz der Wüste: Leben gegen Leben, Blut gegen Blut und – Grobheit gegen Grobheit. Lerne mich kennen, dann wirst du anders von mir denken. Du hast mir sogar deine Hand verweigert. Ich habe mit noch höheren Männern gesprochen, als du bist, und bin von jedem höflich behandelt worden.«

Er warf die kaum angebrannte Cigarette wieder fort, ballte die Faust und wollte zornig losbrechen, doch beherrschte er sich; die Zornesfalten seiner Stirn glätteten sich; sein Blick wurde milder und milder; dann aber kehrte der Grimm plötzlich zurück; er warf einen wütenden Blick auf die Umgebung, deutete auf den am Boden liegenden Scheik Amr el Makaschef und fuhr diesen an:

»Ich sehe, daß du gefesselt bist. Bist du der Baqquara, welcher die Botschaft von Ibn Asl nach dem Nid en Nil gebracht hat?«

»Ja,« bekannte der Gefragte.

»Du Hund und siebenfacher Hundesohn, du verkehrst mit den Sklavenjägern? Ich werde dir fünfhundert aufzählen lassen; so sicher fünfhundert, wie ich fünf Finger an jeder Hand habe. Du bekommst wöchentlich hundert und kannst dann laufen, wohin es dir beliebt, um zu erzählen, wie dir dein Besuch bei Abu Hamsah Miah gefallen hat. Leider kann ich dich nicht köpfen, du Schuft, da du nur dieses Botenganges zu überführen bist; aber habe keine Sorge! jeder einzelne Hieb von den fünfhundert soll dir im Gedächtnisse flimmern, bis dir der Teufel ein ganzes Feuerwerk in der Hölle abbrennen läßt!«

Mit diese ‚ m Ausbruche schien sein Zorn verflogen zu sein, denn er wendete sich jetzt mit plötzlich ganz freundlicher Miene zu mir, gab mir endlich die Hand und sagte:

»Effendi, du mußt mit dabei sein, wenn dieser Hund seine Hiebe erhält. Es wird deine Seele erquicken und dein Herz stärken, deinen Sinn erleichtern und deinen Geist erfrischen. O, es giebt keine größere Lust, als solche Übertreter unserer guten und gerechten Gesetze heulen, jammern und wimmern zu hören! Nun aber erzähle mir vor allen Dingen, was alles geschehen ist, seit dich der Reïs Effendina kennen lernte – oder,« fügte er sich verbessernd mit einem Lächeln hinzu, »oder seit du ihn kennen gelernt hast!«

»Das würde eine lange Geschichte werden, welche anzuhören man viel Zeit haben muß.«

»Es gehört zu meinem Amte, diesen Bericht zu hören, und für die Erfüllung meiner Pflichten habe ich immer Zeit genug.«

»So erlaube, daß Ben Nil erzählt!«

»Warum nicht du selbst?«

»Du wirst, wenn er fertig ist, meinen Grund wissen, ohne daß ich ihn dir zu sagen brauche.«

»Gut, so mag er reden!«

Ben Nil erzählte. Ich griff in die Cigarettentasche und nahm mir eine zweite heraus.

Dann legte ich mich lang hintenüber, hielt die Hände unter den Kopf und ließ Ben Nil sprechen. Er that dies kurz und doch ausführlich genug. Man hörte aus jedem seiner Worte, wie sehr und aufrichtig er mich liebte. Der Mudir mochte schon einiges von Hafid Sichar gehört haben; verschiedenes war jedenfalls auch in dem Empfehlungsbriefe des Reïs Effendina angedeutet worden; nun aber vernahm er Dinge, von denen er keine Ahnung gehabt hatte und die sein ganzes und vollstes Interesse, welches sich von Zeit zu Zeit in den lebhaftesten, originellsten Ausrufen äußerte, beanspruchten. Dann griff er, als Ben Nil fertig war, nach dem Streichholzkästchen und der Cigarettentasche, schüttelte den Inhalt beider über mich aus und rief:

»Rauche, rauche, Effendi, rauche nur zu! Du hast es verdient, ja, bei Allah und dem Propheten, du hast es verdient! Und wenn du zu mir kommst, sollst du noch mehr haben, eine ganze große Kiste voll, obgleich sie schändlich teuer sind, jawohl, schändlich teuer!«

»Wieviel zahltest du?« fragte ich, neugierig nach dem Preise dieser Cigaretten, die sich auf irgend eine Weise nach dem Sudan verirrt hatten.

»Einen ganzen Piaster für das Stück.«

»Das ist zu teuer. Hast du nichts abgehandelt?«

»Abgehandelt?« fragte er in grimmigem Tone. »Ist mir gar nicht eingefallen! Ich pflege nicht zu handeln; ich bezahle ehrlich, voll und gleich: jeder Piaster ein Hieb. Als der Kerl fünfzig Hiebe hatte, lief er davon, ließ mir die Ware und erklärte heulend, er sei bezahlt und verzichte auf das übrige. Also rauche, Effendi; laß es dir schmecken! Du bist ein Teufelskerl, und der Reïs Effendi muß ganz entzückt sein, dich kennen gelernt zu haben. Ihr Christen seid eigentlich doch nicht so ganz übel, und ich will nun glauben, daß er dich in Wirklichkeit als seinen Freund betrachtet. Ich bin Mudir, und das ist, bei Allah, nichts Geringes, aber ich bitte dir dennoch meine frühere Geradheit ab. Aber dafür mußt du mir nun auch einen Gefallen thun. Du darfst ihn mir nicht abschlagen!«

»Ich weiß doch noch nicht, ob ich im stande sein werde, deinen Wunsch zu erfüllen?«

»Du kannst es!«

»Nun, in diesem Falle – – ja!«

Da drückte er mir beide Hände und rief freudig aus-

»Hamdulillah! Das giebt Hiebe, Hiebe, fünf- oder sechstausend Hiebe oder gar noch mehr! Du sollst Ibn Asl fangen, aber nicht für den Reïs Effendina, sondern für mich.«

»Gut!«

»Und diesen dicken Türken, welcher Murad Nassyr heißt.«

»Schön!«

»Und den Muza’bir mit dem allerliebsten Mokkadem der heiligen Kadirine.«

»Auch diese beiden!« nickte ich.

»Ich danke dir; ich danke dir! Das wird ein Fest, wie ich noch keines erlebt habe. Ich lasse sie alle hängen; vorher aber bekommt jeder seine wohlgezählten fünfhundert auf die Fußsohlen, auch die Schwester des Türken, ja, bei Allah, auch sie!«

»Sie ist ein Mädchen, o Mudir! Welches Verbrechens willst du sie denn zeihen?«

»Des allergrößten, welches es giebt. Sie hat Ibn As], den Sklavenjäger, heiraten wollen.«

»Wollen? Davon ist keine Rede. Sie hat gemußt. Diese Verheiratung ist nichts weiter als die Besiegelung einer Geschäftsverbindung.«

»Rede mir nicht darein!« gebot er eifrig. »Hier hat niemand zu besiegeln als nur ich allein, und ich besiegle stets mit fünfhundert. Aber fangen mußt du sie mir alle; du hast es mir versprochen.«

»Ich werde Wort halten. Einen aber brauche ich nicht zu fangen, weil er sich bereits in deinen Händen befindet, den Sangak deiner Arnauten.«

»Ibn Mulei? Er hat mein Vertrauen bis zu diesem Augenblicke besessen. Glaubst du wirklich, daß er Ibn Asl kennt?«

Ach bin überzeugt davon.«

»Dann, dann soll er auch seine fünfhundert – –«

Er hielt inne. Es war ihm ein Gedanke gekommen. Er sann demselben nach und fuhr dann fort:

»Der also, der ist der Adressat! Darum also habe ich mir fast den Kopf zerbrochen und mich vergeblich angestrengt! Effendi, ich möchte fast glauben, daß du recht hast und daß ich mein Vertrauen einem Unwürdigen geschenkt habe.«

»Ich könnte darauf schwören, daß dieser Ibn Mulei ein Verbündeter des Sklavenjägers ist.«

»Das ist allerdings sehr wahrscheinlich, denn die Stellen des Briefes, welche mir dunkel waren, passen nur auf ihn, wie ich jetzt erst erkenne.«

»Darf ich wissen, von welchem Briefe du sprichst?«

»Ja. Du mußt es sogar wissen. Meine Leute fingen gestern oben an der Bringhi Seribah einen Nuehr-Neger auf, welcher ihnen verdächtig vorkam. Als sie ihn untersuchten, fanden sie einen Brief in seinem Haarschopfe. Der Mann riß sich los und wollte entspringen; da schossen sie ihn tot. Heute früh brachten sie mir den Brief. Er ist aus der Seribah Aliab, welche oben am Bahr el Dschebel liegt. Derjenige, der ihn empfangen sollte, hatte ihn zu lesen und an Ibn Asl zu geben.«

»Ah! Sollte diese Seribah In Asl gehören?«

»Das weiß ich nicht, da ich mich erst seit kurzer Zeit hier befinde.«

»Fast möchte ich es annehmen. Darf ich den Brief sehen und lesen?«

»Ja, natürlich! Und, Effendi, da kommt mir ein Gedanke, ein kostbarer Gedanke! Der Arnaute muß den Brief bekommen.«

»Ganz richtig! Dadurch überführen wir ihn auf die leichteste Weise. Aber wer soll ihm denselben bringen?«

»Du.«

»Ich? Ich darf mich bei dem Sangak und überhaupt in Faschodah jetzt noch nicht sehen lassen.«

»Warum nicht? Diejenigen, vor denen du dich jetzt noch verbergen willst, sind doch nicht da!«

»Wenn nun aber einer heimlich kommt und geht?«

»Das ist unmöglich. Es stehen Tag und Nacht Wachen an den Ufern. Du giebst dich für den Boten von der Seribah Aliab aus, und wenn er den Brief behält, ist er überführt, und ich lasse ihn solange peitschen, bis er alles gesteht und wir von ihm erfahren, wie wir die andern fangen können.«

»Aber ich bin kein Neger. Und selbst wenn ich mich färbte, würde der Schnitt meines Gesichtes verraten, daß ich nicht zu den Nuehr gehöre. Ist der Bote in dem Briefe erwähnt?«

»Mit keinem Worte.«

»Dann wäre es vielleicht auszuführen; besser aber er scheint es mir, ihm den Brief durch einen andern, aber sichern Mann zuzustellen.«

»Und ich mag eben keinen andern als nur dich damit beauftragen. Erstens ist diese Sache so gefährlich, daß nur ein Mutiger sie zu stande bringt, und zweitens handelt es sich doch nicht nur darum, den Brief zu übergeben, sondern der Arnaute muß von dem Boten ausgehorcht werden. Nur du allein kannst das zu stande bringen.«

Ich hätte auf diesen seinen Plan nicht eingehen sollen. Er kam mir nicht nur unpraktisch, sondern sogar gefährlich vor, und es zeigte sich dann später, daß er dies wirklich auch war. Aber der Mudir war mir, schon ehe ich ihn gesehen hatte, wegen seiner Gerechtigkeitsliebe sympathisch gewesen, und daß er so rasch nach einer so unfreundlichen Begrüßung, wie die unserige gewesen war, ein solches Vertrauen zu mir äußerte, das schmeichelte mir; die liebe, alberne Eitelkeit trübte meinen Blick, und ich griff eine Sache, die gar nicht zu verderben war, gerade bei derjenigen Seite an, wo ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit verderben konnte. Nur »ich allein« konnte es zu stande bringen! War ich es da nicht ihm und auch mir schuldig, ihm zu beweisen, daß er sich nicht in mir täuschte? Ich antwortete:

»Gut, ich werde es übernehmen. Wo und wann bekomme ich den Brief?«

»Wo und wann du willst.«

»Wo wohnt der Arnaute?«

»Er bewohnt ein ganzes Haus neben der Kaserne. Willst du dir den Brief holen, oder soll ich ihn dir schicken?«

»Nicht holen. Ich darf mich am Tage nicht sehen lassen, kann also erst nach Einbruch der Dunkelheit kommen, und wenn ich da erst noch zu dir gehen müßte, würde mir eine Zeit verstreichen, die ich anders anzuwenden habe. Schicken aber auch nicht, da du einen Boten haben müßtest, welcher mich hier aufzusuchen hätte, wo ich verborgen bleiben will. Ich werde dir diesen meinen Hafid Sichar wieder mitgeben, dem du den Brief anvertrauen kannst.«

»Er soll ihn bekommen, und ich sende dir durch ihn auch einigen frischen Proviant, damit ihr essen könnt.«

»Bis wir die Stadt betreten dürfen, sind wir noch mit Proviant versehen. Nötiger wäre mir ein Anzug, welcher für meine Gestalt paßt. Ich bin dem Arnauten jedenfalls beschrieben worden, und dabei sind auch die Kleidungsstücke, welche ich trage, in Erwähnung gekommen. Er würde mich sofort erkennen, und darum muß ich mich anders kleiden. Auch meine Waffen darf ich nicht mitnehmen.«

»Es ist aber doch hier jedermann bewaffnet!«

»So sende mir eine alte, lange Flinte, ein altes Messer und eine alte Pistole! Für was ich mich ausgebe, weiß ich noch nicht, auf keinen Fall aber für einen reichen oder gar hochgestellten Mann. Darum müssen Anzug und Bewaffnung so einfach wie möglich sein.«

»Dein Wunsch soll erfüllt werden. Was aber thun die andern, während du in der Stadt bist?«

»Sie warten hier.«

»Warum. das? Sie mögen zu mir kommen. Am Abende ist es dunkel, so daß niemand sie sehen kann. Und vom Arnauten weg begiebst auch du dich sogleich zu mir.«

»Es soll aber doch verborgen bleiben, wer wir sind und was wir beabsichtigen. Ich gebe mich für einen Sklavenfänger aus und kann als solcher unmöglich bei dir wohnen.«

»Dein Bedenken ist hinfällig. Wir haben es jetzt zunächst nur mit dem Arnauten zu thun, mit dem du heute fertig wirst, worauf du keinen Grund mehr hast, dich zu verstecken. Nein, ihr werdet bei mir wohnen. Ich freue mich darauf und sage dir, daß ich viel, sehr viel mit dir zu reden habe. Ich möchte mich bei dir nach den Verhältnissen und Einrichtungen des Abendlandes und nach vielem anderen erkundigen und mag dich also nicht hier im Walde stecken lassen. Übrigens hast du den Gefangenen, diesen Hund von Baqquara bei dir. Warum sollst du dich mit ihm quälen? Du nimmst ihn mit, und während du bei eurer Ankunft sogleich zu dem Arnauten gehst, bringen ihn die andern zu mir. Ich lasse ihn einsperren, und sobald du dann erscheinst, will ich dir das Vergnügen machen, dabei zu sein, wenn er die ersten hundert bekommt.«

»Wie du willst, Mudir. Du bist hier der Gebieter, und ich thue, was du für richtig hältst. Wie aber kommen wir über das Wasser?«

»Ich werde, sobald es dunkel ist, zwei verschwiegene Diener an das Ufer postieren; dem einen übergebt ihr die Kamele, die er einem zuverlässigen Schilluk in Pflege giebt, und der andere rudert euch nach der Stadt und zeigt euch in derselben den Weg zu mir. Wenn du dann vom Arnauten zu mir kommst, können wir alles weitere ausführlicher besprechen als hier. Ich bin jetzt länger bei dir geblieben, als ich vermuten konnte, und muß aufbrechen, weil ich mich heimlich und verkleidet entfernt habe und meine Leute, wenn sie mich vermissen, in Sorge kommen und einen Lärm verursachen würden.«

»So habe ich nur noch die Takaleh zu erwähnen. Du bist doch bereit, dich ihrer zu bemächtigen?«

»Allah! Welche Frage! Natürlich werden sie gepackt! Die Sklaven erhalten ihre Freiheit, und die andern bekommen ihre Strafe; die fünf Mörder sogar mit dem Tode. Denke dir, daß jeder fünfhundert bekommt, und rechne dir aus, wieviel Hiebe das in Summa macht. Ein solches Gaudium hat Faschodah noch nicht erlebt. Welch ein warnendes Exempel wird das für den ganzen ägyptischen Sudan sein! Ein Entzücken aller Gerechten und ein Zittern aller Ungerechten! Ich habe dir sehr zu danken, Effendi, denn nur du bist es, der mich in den Stand setzt, ein solches Beispiel zu statuieren. So etwas konnte ich nicht erwarten. Ich habe mich in dir geirrt, was du mir aber nicht nachtragen darfst. Wann denkst du, daß die Takaleh hier ankommen werden?«

»Vor übermorgen nicht; dann aber sind sie zu jeder Stunde zu erwarten.«

»Sie sollen empfangen werden, wie es sich gebührt. Dieser ihr Freund aber soll die Bastonnade noch eher schmecken als sie. Ich lasse ihn hauen, daß man sein Geheul unten in Kahira und oben bei Emin Pascha hören wird.«

Er war aufgestanden und versetzte dem Scheik einen Fußtritt, daß dieser auf die Seite flog. Darauf entfernte er sich mit Hafid Sichar, kehrte aber nach wenigen Augenblicken wieder zurück und sagte:

»Ich nehme keine Sigara mit; rauche sie, und laß sie dir schmecken, Das Täschchen und Kästchen behalte als einstweiliges Andenken an mich. Allah behüte dich, bis wir uns abends wiedersehen!«

Natürlich teilte ich die Cigaretten mit Ben Nil. Wir saßen einige Zeit rauchend und schweigsam da. Das Unternehmen, zu welchem ich mich verpflichtet hatte, kam mir jetzt, da der Mudir fort war, gar nicht mehr so geheuer vor wie vorher; ich begann zu bereuen, mich darauf eingelassen zu haben, konnte aber leider nun nicht mehr zurück. Der Baqquara wälzte sich von einer Seite auf die andere; der Fußtritt des Mudirs hatte ihn so getroffen, daß er Schmerzen fühlte. War er vorher vielleicht der Ansicht gewesen, daß man ihn schonen werde, weil er die Würde eines Scheikes trug, so hatte er jetzt erkannt, daß dies nicht der Fall sei. Er sah ein, daß ihm die bekannten fünfhundert sicher seien. Fünfhundert Hiebe auf die Fußsohlen! Und nicht auf einmal, sondern wöchentlich hundert! Wenn die aufgeplatzten Sohlen zu heilen beginnen, hundert neue Streiche darauf! Und dabei also fünf Wochen lang eingesperrt, wer weiß, in was für einem Loche! Es wurde ihm angst und bange. Man sah es ihm im Gesichte an. Er begann nachzudenken, wie er wohl dieses Unheil von sich abwenden könne, und kam zu dem Resultate, daß dies nur durch mich zu erreichen sei. Er mußte versuchen, mich zu gewinnen. Dieser Gedankengang offenbarte sich dadurch, daß er sich mit einem Vorschlage an mich wendete:

»Effendi, darf ich mit dir sprechen?«

Ich hatte ihn während des Rittes möglichst wenig beachtet und that auch jetzt so, als ob ich seine Worte nicht gehört hätte.

»Effendi, ich habe dir etwas zu sagen!«

»Schweig!« gebot ich ihm, obgleich ich ahnte, daß das, was er vorbringen wollte, für mich von Interesse sein werde. Er verstummte für eine Weile, begann aber bald von neuem:

»Du wirst es bereuen, wenn du mich nicht sprechen lässest. Das, was ich dir zu sagen habe, ist wichtig für dich.«

»Ich mag nichts hören. Du willst von den fünfhundert loskommen, eine Sache, welche jedenfalls von ungeheurer Wichtigkeit für deine Fußsohlen ist.«

»Aber ich biete dir auch viel dafür.«

»Was denn?« begann ich einzulenken.

»Nachrichten über die Seribah Aliab, von welcher ihr vorhin gesprochen habt. Ich habe alles gehört und denke mir, daß es dir willkommen sein muß, über die dortigen Verhältnisse unterrichtet zu werden.«

»Das ist allerdings der Fall. Sind dir diese Verhältnisse vielleicht bekannt?«

»Vielleicht? Ganz gewiß sogar, und sehr genau.«

»Wem gehört die Seribah?«

»Soll ich diese Frage wirklich beantworten? Meinst du, daß ich es ohne Gegenleistung thun werde?«

»Ja. Ich denke, daß du für fünfzig oder sechzig Hiebe diese Geheimnisse gern verkaufen wirst.«

»Nein, nein! Effendi, nur nicht die Bastonnade! Bitte mich beim Mudir von den fünfhundert los, so teile ich dir alles mit, was ich über die Seribah Aliab weiß.«

»Du wirst nicht viel wissen.«

»Nicht viel? Alles, alles weiß ich. Ich bin ja selbst dort gewesen.«

»In welcher Absicht? Bei welcher Gelegenheit?«

»Das kann ich dir nur dann sagen, wenn du mir versprichst, beim Mudir für mich zu bitten. Auch darf das, was ich dir jetzt sage, mir keinen Schaden bringen.«

»Dies Versprechen kann ich dir geben. Ob aber das erstere von Erfolg sein würde, ist sehr zu bezweifeln.«

»Ich zweifle nicht. Ich habe gehört, was von dir erzählt wurde und was infolgedessen der Mudir von dir denkt. Er hält so viel von dir, daß deine Fürbitte ganz gewiß von Erfolg sein wird.«

»Wahrscheinlich irrst du dich, doch will ich dir versprechen, ein gutes Wort für dich einzulegen. Ich mache dich aber darauf aufmerksam, daß ich mich nicht betrügen lasse. Wenn du etwa meinst, durch eine bloße Flunkerei von der Bastonnade loszukommen, so befindest du dich in einem gewaltigen Irrtume. Was weißt du über diese Seribah?«

»Sie gehört Ibn Asl.«

»Dachte es mir! Das, was ich jetzt wissen will, soll dir, wie ich versprochen habe, in keiner Weise schaden; also sage mir aufrichtig: du hast mit diesem Manne Sklavenraub getrieben?«

»Ja, Effendi. Das mußt du aber dem Mudir verschweigen.«

»Ich glaube nicht, daß ich diesen Umstand mit Stillschweigen zu übergehen vermag, aber ich verspreche dir, daß er dir auf keinen Fall angerechnet werden wird. Ich kann mich in deine Lage denken. Du hast als Moslem die Sklaverei für erlaubt und das Verbot derselben für einen Eingriff in eure uralten, angestammten Rechte gehalten.«

»So ist es, so ist es, Effendi! Denke, daß wir Baqquara nur von unsern Herden leben, und daß eine einzige Seuche, welche unter denselben ausbricht, uns leicht zu Grunde richtet. Da war es der Sklavenhandel, welcher uns bei solchen Fällen die Mittel gab, zu leben und, bis unsere Herden wieder gewachsen waren, nicht zu darben. Wir gaben den Sklavenjägern unsere Krieger als Asaker mit und bekamen für jeden gefangenen Schwarzen einen bestimmten, festgesetzten Lohn. Dieser wurde uns in Sklaven ausgezahlt, die man uns billig berechnete, wir aber verkauften sie zu einem weit höheren Preis. Das gab einen Gewinn, welcher uns willkommen war.«

»Und du hast nicht nur deine Krieger hergegeben, sondern bist persönlich mitgewesen?«

»Ja. Wir fuhren nach der Seribah Aliab, von weicher aus dann die Jagd unternommen wurde.«

»Wer gebietet dort, wenn Ibn Asl abwesend ist?«

»Ein Feldwebel, welcher Ben Ifram heißt. Ein Schuß hat ihm ein steifes Bein gebracht. Deshalb kann er an der Jagd nicht mehr teilnehmen. Daheim aber ist er sehr tüchtig, und da Ibn Asl sich auf seine Treue verlassen kann, so hat er ihm das Kommando anvertraut.«

»Für jetzt weiß ich genug. Es kann aber leicht möglich sein, daß ich später mehr von dir erfahren muß.«

»Später? Ich hoffe, daß der Mudir mich auf deine Fürbitte hin freigiebt und ich zu den Meinen zurückkehren kann.«

»Auch ich denke das. Aber du weißt ja, was wir wollen. Es ist möglich, daß Ibn Asl sich schon nicht mehr hier befindet. In diesem Falle müssen wir ihm nach. Jedenfalls ist diese Seribah Aliab sein Ziel, und da du dieselbe so genau kennst, würdest du uns als Führer dienen müssen.«

»Allah mag das verhüten! Was sollen meine Leute denken, wenn ich monatelang fern bleibe! Und soll ich euern Führer gegen Ibn Asl machen, welcher mein Freund ist und mir ein so großes Vertrauen schenkt!«

»Das ist ein Bedenken, welches uns jetzt noch gar nicht zu beschäftigen braucht. Ich habe diesen Fall nicht als sicher vorauszusehen betrachtet, sondern von ihm nur als von einer Möglichkeit gesprochen. Schweigen wir jetzt, und warten wir das Kommende ruhig ab!«

»Ruhig!« seufzte er. »Ja, du kannst ruhig sein. aber ich – ich – –!!«

Er hatte recht gehabt; seine Mitteilung war von großer Wichtigkeit für uns, da wir nun wußten, wo Ibn Asl auf alle Fälle zu finden sein werde. Zunächst aber hoffte ich, daß er noch in Faschodah sei.

Nach ungefähr drei Stunden kehrte Hafid Sichar zurück. Er war schwer bepackt; brachte einen Anzug, die verlangten Waffen, zwei gebratene Hühner, anderes Fleisch, Teigkuchen und eine volle Flasche Raki. Wir aßen und ließen auch dem Baqquara sein Teil zukommen, wie er auch schon während des Rittes in jeder Beziehung, die Freiheit natürlich ausgenommen, uns vollständig gleichgestellt gewesen war.

Dabei war es Nachmittag geworden, vier Uhr nach unserer Zeit. Eine Stunde hatten wir bis zum Nile; um sechs Uhr wurde es Abend, also bereiteten wir uns vor, das Versteck zu verlassen. Ich hatte es in guter Absicht aufgesucht, ahnte nun aber, daß dies sehr wahrscheinlich vergeblich gewesen sei. Nach einer Stunde brachen wir auf. Ich hatte mich umgekleidet und sah nun in dem Anzuge und mit dem sonnverbrannten Gesicht und den ebenso braunen Händen wie ein echter Sklavenjäger aus. Freilich, das Gesicht war nicht in ein anderes zu verwandeln; es konnte mich verraten.

Hafid Sichar hatte von dem Mudir die Uferstelle bezeichnet erhalten, an welcher wir die beiden auf uns wartenden Diener treffen sollten. Zugleich hatte mir der letztere die größte Vorsicht gegen den Sangak der Arnauten anraten lassen, da dieser ein sehr starker und gewaltthätiger Mensch sei.

Natürlich hatte ich den Brief aufmerksam durchgelesen und die Überzeugung gewonnen, daß derselbe von dem Feldwebel auf der Seribah Aliab geschrieben worden sei. Er war nicht versiegelt, sondern mit einem Mehlteige verklebt gewesen, was es mir ermöglichte, ihn wieder so zu verschließen, daß es, wenigstens am Abende, schwer zu erkennen war, daß man ihn geöffnet hatte.

Es wurde dunkel, noch ehe wir an das Ufer kamen.

Wir fanden die Diener; der eine nahm die Kamele in Empfang und führte sie fort; der andere trug die Satteltaschen in das Boot und ruderte uns hinüber nach der Stadt. Zu bemerken ist der Vollständigkeit wegen, daß der Händler noch bei uns war und seine drei Esel sich bei unsern Kamelen befanden.

Als wir drüben ausgestiegen waren, führte uns der Diener zunächst nach der Kaserne, um mir dort das Haus des Arnauten zu zeigen; dann brachte er die andern nach der Wohnung des Mudirs weiter. Meine Aufgabe, die ich mir als nicht leicht vorstellte, begann.

Soviel ich in der Dunkelheit bemerken konnte, bestand das Gebäude nur aus dem Erdgeschosse und hatte nur zwei kleine, schießschartenähnliche Fenster, zwischen denen sich die schmale, niedrige Thüre befand. Dieselbe war mit Eisenblech beschlagen. Einen Thürdrücker, ein Schloß schien es nicht zu geben, sondern ich fühlte das aus der Thüre zwei Zoll hervorragende Ende eines kleinen Hebels, mit dessen Hilfe man die jenseits befindliche Klinke emporheben konnte. Ich versuchte dies und fühlte, daß die Klinke sich hob; aber die Thüre ließ sich dennoch nicht öffnen. jedenfalls hatte man noch einen Riegel vorgeschoben. Ich klopfte also. Nach kurzer Zeit hörte ich zunächst Schritte und dann eine fragende Stimme:

»Wer ist draußen?«

»Ein Bote an den Sangak von Bahr el Dschebel.«

»Komm wieder! Er ist nicht da.«

»Ich bin hier fremd. Laß mich ein! Ich will warten, bis er kommt.«

Es blieb still. Der Mann schien sich zu besinnen; dann sagte er:

»Bleib stehen! Ich will fragen.«

Er entfernte sich. Nach einiger Zeit hörte ich wieder Schritte, und eine andere Stimme fragte:

»Ist deine Botschaft denn so notwendig?«

»Ja. Ich habe einen Brief.«

»So gieb ihn mir! Ich werde die Luke aufmachen.«

»Das kann ich nicht. Ich darf den Brief nur an Ibn Mulai, den Sangak der Arnauten, übergeben.«

»So komm herein!«

Ein schwerer, eiserner Riegel klirrte; dann wurde die Thüre geöffnet. Ich sah in einen schmalen, stubenartigen Flur, welcher von einer Öllampe erleuchtet wurde. Der Mann, welcher dieselbe in der Hand hielt, trug den bekannten Anzug der Arnauten. Seine Bewaffnung bestand selbst jetzt im Innern des Hauses aus zwei Pistolen, zwei dolchähnlichen Messern und einem krummen Säbel. Aus seinem bösartigen Gesichte blitzten mich zwei dunkle Augen scharfforschend an, und in mißmutigem Tone forderte er mich auf:

»Näher herbei mit dir! Warum kommst du bei Nacht? Hättest du nicht früher kommen können?«

»Niemand kann eher kommen, als er da ist. Ich muß noch in dieser Nacht wieder fort, und übrigens ist mir anbefohlen worden, den Brief sofort abzugeben.«

»Du bedienst dich eines sehr kurzen Tones, Bursche. Ich bin ein Arnaut, und meine Messer stecken niemals fest. Verstanden! Folge mir!«

Ich war eingetreten, und er verriegelte die Thüre. An den Wänden rechts und links hingen Gewehre, was dem kleinen Raume das Aussehen einer Wachtstube gab. Gegenüber dem Eingange gab es eine zweite, jetzt offen stehende Thüre, durch welche er mich führte. Dahinter lag ein größeres Zimmer, von dessen Decke ein vierarmiger, thönerner Leuchter herniederhing, welcher mit seinen qualmenden Ölflammen den Raum nur spärlich beleuchtete. Jede der vier Wände hatte eine Thüre. Ein Fenster gab es nicht. Unter dem Leuchter lag eine Schilfmatte, auf welcher vier wilde Gesellen hockten, die mich mit höchst unfreundlichen Blicken neugierig betrachteten. Sie würfelten. Mein Führer kauerte sich zu ihnen nieder, um das unterbrochene Spiel fortzusetzen, und warf mir dabei die Worte zu:

»Hier wartest du, bis unser Gebieter kommt. Aber schweig, und störe uns nicht, sonst schließen wir dir das Maul!«

Man kann sich denken, daß ich von meiner Lage nicht allzusehr erbaut war. Ich befand mich an dem Orte, welcher sehr wahrscheinlich der Versammlungsort aller meiner Todfeinde war, hinter lauter eisenbeschlagenen Thüren und von fünf Kerlen bewacht, welche zur denkbar wildesten Soldateska gehörten, dazu mit so armseligen Waffen, daß ich geradezu wehrlos war und mich vorkommenden Falles nur auf meine Körperkraft verlassen konnte. Meine eigenen Waffen, meinen Anzug, die Uhr, kurz mein ganzes Eigentum hatte ich Ben Nil in Verwahrung gegeben.

Daß diese Arnauten unendlich roh waren, hörte ich aus einem jedem Worte, welches sie sprachen. Ihre Ausdrücke waren mit Flüchen gespickt, und bei jedem Wurfe gerieten sie in Streit und dabei wiederholt in eine solche Aufregung, daß ich oft glaubte, daß sie die Entscheidung ihren Messern oder Pistolen anheimstellen würden. Ich wurde gar nicht beachtet, was mir freilich sehr lieb war. So verging die Zeit, eine viertel, eine halbe Stunde nach der andern. Da ich keine Uhr bei mir hatte, so wußte ich nicht genau, wie spät es war, aber ich hatte ganz gewiß drei volle Stunden in dieser Höhle gesessen, als endlich donnernd an die Thüre geklopft wurde.

»Der Sangak!« rief der Arnaute, welcher mir geöffnet hatte und Unteroffizier zu sein schien, da ihm mein Anliegen von dem andern gemeldet worden war.

Er stand auf, um seinem Vorgesetzten zu öffnen; auch seine Kameraden erhoben Sich, ließen aber die am Boden liegenden Würfel liegen. Der Sangak durfte sehen, was sie getrieben hatten.

Der Riegel wurde zurück- und dann wieder vorgeschoben; dann hörte ich eine leise Stimme. Der Unteroffizier meldete meine Anwesenheit; dann traten sie ein, der Sangak natürlich voran. Es giebt menschliche Gesichter, welche mit gewissen Tiertypen eine täuschende Ähnlichkeit haben; der Betreffende besitzt dann gewöhnlich die hervorragenden Eigenschaften des bezüglichen Tieres. Als ich in das Gesicht des Sangak sah, mußte ich unwillkürlich an einen Stier denken, welcher mit gesenkten Hörnern und heimtückisch blickenden Augen zum Angriffe schreitet. Er warf mir nur einen kurzen Blick zu und befahl mir:

»Komm!«

Er schritt geradeaus durch die Thüre, welche ihm der Unteroffizier aufstieß, und ich folgte ihm. Wir befanden uns im Dunkeln. Er öffnete eine andere Thüre, rechts, aus welcher Lichtschein drang, und rief mit dröhnender Baßstimme hinein:

»Heda, aufgepaßt! Als ich kam, schien es mir, es stände ein Kerl draußen vor dem Eingange, um zu horchen. Steigt doch einmal über die hintere Mauer, und geht in zwei Abteilungen rechts und links um das Haus nach vorn. Er verschwand, als er mich kommen hörte. Sollte er wieder zurückgekehrt sein, so nehmt ihr ihn fest und bringt ihn mir herein!«

Dann wendete er sich links, wo wir in ein sehr gut erleuchtetes Zimmer traten, welches sein Semalük zu sein schien.

Ein Polstergestell zog sich an drei Wänden entlang, und in der Mitte lag ein Teppich. Er blieb auf demselben stehen, drehte sich nach mir um und fragte:

»Einen Brief hast du?«

»Ja. Von dem Feldwebel Ben Ifram.«

»Her damit!«

Er bekam den Brief, behielt ihn in der Hand, ohne ihn anzusehen, betrachtete mich prüfenden Auges und fragte dann:

»Dein Name?«

»Iskander Patras.«

Ich wählte diesen griechischen Namen, weil ich europäische Gesichtszüge hatte und sich unter den im Sudan verwendeten Soldaten und den sich dort herumtreibenden Zivilisten viele Levantiner, also Leute auch griechischer Abkunft befanden.

»Also ein Grieche!« sagte er. »Wo her?«

»Ich wurde griechischen Eltern in Kahira geboren.«

»Christ?«

»Ja.«

»Ist mir gleichgültig. Was treibst du in der Seribah Aliab?«

»Ich bin Dolmetscher. Habe mich lange bei den Negern herumgetrieben und verstehe ihre Mundarten.«

»Das bringt Geld ein, ohne daß du Pulver zu riechen brauchst,« meinte er verächtlich. »Will sehen, was mir dieser Ben Ifram zu sagen hat.«

Jetzt erst warf er einen Blick auf den Brief. Mir klopfte das Herz. Das Zimmer war sehr gut erleuchtet. Wenn er sah, daß er schon geöffnet worden war, so durfte ich Schlimmes erwarten. Glücklicherweise war seine Neugierde größer als seine Bedachtsamkeit; er riß den Umschlag auf, und mir wurde leichter. Er las, von mir abgewendet, steckte den Brief in die Tasche, drehte sich wieder zu mir um und fragte:

»Kennst du den Inhalt des Schreibens?«

»Der Feldwebel hat ihn mir nicht mitgeteilt.«

»Aber du weißt, wer ihn bekommen soll?«

»Doch du!«

»Aber ich soll ihn Ibn Asl, deinem Herrn, geben. Der Feldwebel scheint, da er dir dies verschwiegen hat, kein großes Vertrauen zu dir zu haben!«

»Wäre dies wahr, so hätte er mich nicht nach Faschodah gesandt.«

»Hm! Aber für eine Plaudertasche hält er dich gewiß. Auf welche Weise hast du die Reise gemacht?«

»Bis in den See No in einem kleinen Boote. Dort traf ich auf einen Noker aus Diakin, welcher nach Chartum will und mich mitgenommen hat.«

»Wann kam er hier an?«

»Gleich nach Sonnenuntergang.«

»Sonderbar! Ich war doch oben im Flusse und habe von einem Noker nichts gemerkt!«

»Man wollte mich hier nicht einlassen,« fiel ich schnell ein, um ihn von diesem für mich gefährlichen Gedanken abzubringen. »Ich wartete drei Stunden auf dich.«

»So wirst du Hunger haben. Du sollst zu essen bekommen und mir dabei von der Seribah erzählen.«

Er ging hinaus, indem er mir winkte, mich niederzusetzen. Hätte er mir doch lieber gewinkt, fortzugehen! Ich wußte ja genug, ich hatte nun erfahren, daß er die Seribah und den Feldwebel kannte und also zweifellos mit Ibn Asl in Beziehung stand. Aber konnte, durfte ich gehen? Nein; ohne seine Erlaubnis war es auch ganz unmöglich, aus dem Hause zu kommen. Ich mußte mich fügen und das Kommende meinem guten Glücke überlassen.

Freilich verursachten seine letzten Worte mir jenes Gefühl, welches einen zwingt, sich mit der Hand hinter dem Ohre zu kratzen. Ich sollte »essen und ihm dabei von der Seribah erzählen«. Essen, nun, davor war es mir nicht im geringsten angst; diesen Gefallen konnte ich ihm ganz nach Wunsch erweisen; aber das Erzählen, das leidige Erzählen! Was wußte ich von der Seribah! Der Scheik der Baqquara hatte sie mir beschreiben wollen. Hätte ich ihn doch nicht gehindert! Aber auch das wäre nicht hinreichend gewesen. Dieser Arnaut konnte hundert Fragen an mich richten, zu deren Beantwortung man notwendig selbst dort gewesen sein mußte.

Nach kurzer Zeit kehrte der Sangak zurück, eine brennende Pfeife im Munde. Ihm folgte ein Arnaut, welcher auf einem Brette einen riesigen Knochen brachte, um welchen noch einige Fleischfetzen hingen. Das waren die Reste eines »rindernen« Hinterviertels. Sie sahen aus, als ob Hunde sich um dieselben gestritten hatten. Der Mann legte das Brett auf die Mitte des Teppichs und entfernte sich dann; der Sangak befahl mir:

»Setz dich, und laß es dir schmecken!«

In Beziehung auf das Setzen konnte ich ihm gehorchen; aber die zweite Hälfte seines Befehles war nicht so leicht auszuführen; dennoch versuchte ich es, indem ich mein Messer zog und mich über den Knochen hermachte. Indem ich denselben zunächst an allen Seiten betrachtete, um zu erforschen, in welcher Richtung und Weise seinen sehnigen Anhängseln am besten beizukommen sei, fragte der Arnaut:

»Seit wann befindest du dich auf der Seribah?«

»Seit zwei Jahren,« antwortete ich, indem ich mit Anstrengung aller Kräfte arbeitete, um eine verdauliche Flechse loszubringen.

»Wer engagierte dich?«

»Ibn Asl selbst in der Mischrah Omm Oschrin. – Amr el Makaschef, der Scheik der Baqquara, hatte mich ihm gelegentlich warm empfohlen.«

»Dieser? Das spricht für dich, denn der Scheik ist ein zuverlässiger Bekannter von uns. Wie geht es dem Feldwebel?«

»Nicht gut. Die Wunde seines Beines ist aufgebrochene,

»Allah! Da wird er wohl sterben müssen! Was habt ihr unternommen, während In Asl jetzt so lange Zeit abwesend war?«

»Die Asaker haben fleißig geübt; ich aber war nicht da.«

»Nicht? Du gehörst als Dolmetscher doch auf die Seribah! Wo befandest du dich denn?«

»Ein Dolmetscher ist besser zu verwenden als nur zum Exerzieren. Ich war oben bei den schwarzen Völkern der Rohl und Schur, um einen guten Fang vorzubereiten. Ich habe dabei sehr schöne Erfolge gehabt. Der Feldwebel hat mir jetzt schon wieder einen ähnlichen Auftrag überwiesen.«

»Jetzt? Wohin sendet er dich?«

»Zu den Takaleh.«

»Das ist ja die entgegengesetzte Richtung! Allerdings bekommen wir von dort jährlich zweimal Sklaven. Getraust du dich denn zu diesen Leuten?«

»Getrauen? Ich war schon mehrere Male dort. Der Mek will mir wohl, und sein Vertrauter, den du ja auch kennst, ich meine nämlich Schedid, hat. sogar innige Freundschaft mit mir geschlossen.«

»Wie? Du kennst auch Schedid, den Starken, und bist sogar sein Freund? Dann bist du allerdings ein für uns sehr brauchbarer Mann. Wie lange bleibst du hier?«

»Ich darf mich gar nicht verweilen, denn der Noker, mit dem ich bis zur Insel Metarieh fahren will, geht noch vor Mitternacht von hier ab.«

»So iß schnell, damit du nicht zurückbleibst! Nimm dich aber unterwegs vor dem Schiffe des Reïs Effendina in acht, und weiche ganz besonders einem christlichen Hunde, einem fremden Effendi aus, welcher von hier bis hinab nach Chartum jetzt sein Wesen treibt.«

»Ein Christ? Ich bin ja auch Christ und habe also keine Ursache, ihm auszuweichen.«

»Alle, alle Ursache hast du dazu, alle! Er ist ein Verbündeter des Reïs Effendina und scheint es nur auf unsere Leute abgesehen zu haben. Du scheinst noch nichts von ihm gehört zu haben, und so muß ich dir von ihm erzählen.«

Wie froh war ich über diese Wendung des Gespräches! Es war mir gelungen, dem Arnauten Vertrauen zu mir einzuflößen; er glaubte mir. Ich hatte auch erreicht, daß er mich selbst aufforderte, schnell zu essen und dann zu gehen, um nicht die Abfahrt zu versäumen. Jetzt wollte er selbst erzählen, und ich war also der Gefahr enthoben, nach Dingen gefragt zu werden, von denen ich nichts wußte. Konnte es besser gehen? Nein! Bis zu diesem Augenblicke hatte mich das Glück begünstigt; nun aber drehte es mir plötzlich den Rücken.

Es erhob sich nämlich vorn vom Eingange her ein großer Lärm. Stimmen schrieen; Thüren wurden auf- und zugeschlagen; dann trat ein Arnaut herein und meldete:

»Herr, wir haben den Kerl, welcher draußen lauschte.«

»Bringt ihn herein!«

»Als wir ihn ergriffen, kam gerade der fromme Herr mit seinem Freunde dazu; sie wollten zu dir und scheinen ihn zu kennen.«

Er ging nach seinen Worten hinaus. Es beschlich mich eine böse Ahnung. Ein »frommer« Herr war da? Hm! Und wer war der Fremde, den man ergriffen hatte und den der »Fromme« kannte? Doch nicht etwa gar mein Ben Nil? Es war ja möglich, daß ihn wegen meines langen Ausbleibens die Sorge um mich hierher getrieben hatte und –

Dann wurde die Thüre geöffnet, und man brachte – ihn, den eben Genannten, Ben Nil, den armen Teufel!

Ich war aufgestanden und in die Ecke getreten, wo ich von der Thüre aus nicht sogleich bemerkt wurde. Vier, fünf Kerle hatten Ben Nil gepackt; acht, neun andere folgten. Hinter diesen trat – der Mokkadem der heiligen Kadirine mit dem Muza’bir ein. Beide hatten uns bisher vergeblich nach dem Leben getrachtet; nun aber stand es schlimm um uns. Was war zu thun?

Fünf Arnauten hielten Ben Nil; er konnte nicht los; neun andere, dazu den Sangak, den Muza’bir und den Mokkadem, also zwölf Personen, mußte ich auf mich nehmen, wenn ich durchkommen wollte. Draußen in den andern Zimmern und Räumen gab es jedenfalls noch mehr Arnauten. Dazu die eisernen Thüren, meine Unbekanntschaft mit dem Innern des Hauses und die Unbrauchbarkeit meiner Waffen. Indem ich in einem einzigen Augenblicke dies alles genau abwog, wußte ich, was ich zu thun hatte.

»Wer bist du, Hund?« schnauzte der Sangak Ben Nil an. »Warum treibst du dich bei meinem Hause herum?«

Der Gefragte hatte mich noch nicht gesehen. Vielleicht glaubte er, sich durch eine einfache Lüge retten zu können, denn er antwortete:

»Herr, ich hatte nichts Unrechtes vor. Ich bin Matrose auf einem hier ankernden Schiffe und – –«

»Lüge, Lüge!« fiel ihm der Mokkadem in die Rede. »Glaube es ihm nicht, o Mudir! Wir kennen ihn.«

»So? Dann sagt, wer er ist.«

»Herr, wie frohlockt unser Herz, und wie wirst du staunen! Wir haben den Freund und Genossen unseres grimmigsten Gegners, den Allah verfluchen möge, gefangen.«

»Welches Gegners?«

»Des Effendi, des Christenhundes! Dieser junge Mensch ist nämlich Ben Nil, von dem wir dir erzählt haben, Ben Nil, der treue Begleiter des Effendi. Wo der eine ist, ist auch der andere, und da wir Ben Nil hier gefunden haben, so steht mit Sicherheit zu erwarten, daß auch sein Herr in Faschodah ist.«

»lst’s möglich? Ben Nil soll das sein?« rief der Sangak im Tone des Zweifels aus.

»Ja, ja! Wir irren uns nicht; wir kennen ihn ganz genau. Laß ihn hauen, laß ihn peitschen, bis er uns sagt, wo sich sein Herr befindet!«

»Das ist nicht nötig,« sagte ich, indem ich aus der Ecke hervortrat. »Ich kann es euch selbst sagen, wo ich bin.«

Der Eindruck, den diese Worte machten, war ein ganz anderer, als ich erwartet hatte. Ich wollte mich ohne Gegenwehr ergeben, da ich dieselbe für unsinnig hielt; ich rechnete dabei auf spätere bessere Umstände. Ich glaubte, man würde sich sogleich auf mich werfen und mich niederreißen; aber es fand das gerade Gegenteil statt.

»Der Effendi, der Effendi selbst!« schrie der Muza’bir. »Er ist mitten unter uns! Allah beschütze uns! O Allah, Allah!«

Die erschrockenen Menschen standen steif wie die Marmorbilder. Einige sperrten die Mäuler auf; keiner aber machte eine Bewegung, sich an mir zu vergreifen. Das mußte ich benutzen. Zwei Sprünge brachten mich zu Ben Nil. Ich riß ihn los und schleuderte ihn zur Thüre hinaus, so daß die Arnauten nach links und rechts zurückflogen. Nun auch mir mit Fausthieben und -stößen Bahn brechend, drang ich ihm nach. Ich kam hinaus. Hinter mir hatte man sich gefaßt.

»Heraus, Arnauten, heraus!« rief die gewaltige Baßstimme des Sangak. »Haltet die Flüchtlinge, haltet sie!«

Ben Nil war vor der Thüre niedergestürzt und hatte sich noch nicht erhoben. Ich stolperte über ihn. Uns gegenüber wurde die Thüre aufgestoßen und mir an den Kopf geschlagen. Arnauten kämen heraus. Hinter uns drängten die andern. Mir flimmerte es vor den Augen; der Schlag der Thüre hatte mich an einer empfindlichen Stelle getroffen. Ich fühlte mich ergriffen; ich rang mit zehn, mit zwanzig Fäusten; ich stieß und schlug um mich; ich trat mit den Füßen nach rechts und links, nach hinten und vorn – vergeblich. Wir wurden niedergerungen und in das Empfangszimmer geschleift, wo man uns fesselte.

Der Auftritt ließ sich unmöglich beschreiben. Ich kochte vor Anstrengung, Ben Nil ebenso; aber auch die Arnauten standen keuchend und mit fliegendem Atem um uns herum. Der Sangak schob sie auseinander, so daß er zu uns konnte, wirbelte mit den Händen seinen langen Schnurrbart rechts und links in die Luft hinaus und rief in höhnischem und zugleich triumphierendem Tone:

»Welch ein Tag! Welch eine glückliche Stunde! Welch eine Überraschung! Haben meine Ohren denn recht gehört? ja, denn dieser Mann würde nicht versucht haben, zu entfliehen, wenn er nicht derjenige wäre, als welcher er bezeichnet wurde.«

»Pah!« antwortete ich ihm. »Ich habe ja selbst zugegeben, daß ich es bin.«

»Also doch! Und welch eine Frechheit, welch eine Unverschämtheit, es auch noch zuzugeben! Hebt die Kerle auf und stellt sie an die Wand! Ich muß sie mir jetzt einmal näher betrachten.«

Man folgte diesem Gebote. Als wir nun wie Schaustücke an der Mauer lehnten, stellte sich der Sangak vor mich hin und sagte schließlich, nachdem er, wie um sich zur Rache anzuspornen, alles, was er von mir gehört hatte, der Reihe nach, wie es geschehen war, aufgezählt hatte:

»Und was wolltest du jetzt bei mir? Du bist doch jedenfalls nicht ohne Absicht zu mir gekommen?«

»Allerdings nicht.«

»So antworte! Was führtest du gegen mich im Schilde?«

»Vielleicht sage ich es dir nachher, jetzt aber noch nicht.«

Da wendete er sich an den Mokkadem und den Muza’bir:

»Dieser verfluchteste der Giaurs ist noch viel schlimmer und gefährlicher, als ihr ihn mir beschrieben habt. Denkt euch nur, er kam vorhin zu mir, nannte sich Iskander Patras und gab sich für den Dolmetscher der Seribah Aliab aus. Er brachte mir einen Brief, den er wahrscheinlich selbst geschrieben hat, und nun frage ich euch, welche Absicht er dabei wohl gehabt haben mag!.«

»Eine schlimme jedenfalls,« antwortete der Mokkadem. »Wenn er es dir nicht sagen will, so laß ihn prügeln, bis er es vor Schmerzen gesteht.«

»Das werde ich allerdings thun, und zwar sofort.«

»Dann lieferst du ihn uns aus. Wir bringen ihn zu Ibn Asl, wo ihn das Schicksal ereilen wird, welches ihm schon wiederholt vorhergesagt worden ist.«

»Ja,« fiel ich ein. »Es sollen mir alle Glieder einzeln vom Leibe gerissen werden. Aber damit hat es noch gute Weile. Um zu erfahren, was ich bei dir wollte, o Sangak, brauchst du mich nicht peitschen zu lassen. Du hast ja gehört, daß ich es dir sagen will. Ich kam zu dir, um dich zu warnen vor Ibn Asl und seinen Leuten.«

»Welch eine Warnung!« lachte er höhnisch auf. »Bist du toll!«

»Dann müßte der Mudir es auch sein, denn er ist es, der mich zu dir geschickt hat.«

»Der? Lüge, dreifache Lüge!«

»Frage Ben Nil, meinen Begleiter! Wir wohnen bei dem Mudir, und er hat mich zu dir geschickt, um von Ibn Asl mit dir zu reden.«

Ich sah, daß er erschrak, denn er veränderte die Farbe.

»Hund, sage die Wahrheit!« gebot er Ben Nil. »Wo wohnet ihr?«

»Beim Mudir,« antwortete der Genannte.

»Hat er von mir gesprochen?«

»Ja, wie mein Effendi bereits gesagt hat.«

»Ihr habt euch besprochen; ihr lügt!«

»Denke, was du Willst; ich aber will die Reihe meiner Thaten, welche du vorhin aufzähltest, um noch eine verlängern. Du wirst von Ibn Asl erfahren haben, daß er Amr el Makaschef, den Häuptling der Baqquara, in die Wüste gesandt hat. Ich habe den Häuptling ergriffen und mit nach Faschodah gebracht, um ihn dem Mudir zu übergeben. Das ist geschehen, ehe ich zu dir kam. Der Scheik steckt nun im Gefängnisse und wird seine berühmten ›fünfhundert‹ erhalten, wenn ihm nicht noch Schlimmeres bevorsteht.«

»Mensch, was thust du uns für Schaden! Ich möchte dich zermalmen!«

»Das wirst du bleiben lassen, denn wenn ich nicht bis Mitternacht zum Mudir zurückgekehrt bin, wirst du eingesperrt. Darauf kannst du dich verlassen.«

»Glaube ihm nicht! Er lügt, um sich zu retten!« warnte ihn der Mokkadem.

»Ich werde binnen wenig Minuten wissen, woran ich bin.«

Bei diesen Worten ging der Sangak hinaus. Als er zurückkam, zog er sich mit dem Mokkadem und dem Muza’bir in die entfernteste Ecke zurück, wo sie leise, aber äußerst lebhaft miteinander verhandelten. Dies dauerte solange, bis ein Arnaut eintrat.

»Nun?« fragte ihn der Sangak laut.

»Der Scheik der Baqquara steckt an Ketten im Gefängnisse. Ich habe ihn gesehen,« meldete der Mann.

»Legt die Gefangenen wieder nieder, und packt euch dann alle hinaus!«

Wir wurden wieder glatt auf den Boden gelegt. Die drei standen in der Ecke und stritten sich. Wir konnten zwar nichts verstehen, sahen aber ihre äußerst lebhaften Gesten und Gebärden. Endlich gingen auch sie hinaus. Vorher aber trat der Sangak zu mir und sagte:

»Das hast du sehr fein angelegt, aber es soll dir doch nichts helfen. Wir sehen uns niemals wieder. Der Scheitan fresse euch, ihr Hunde!«

Er spuckte uns an und ging. Wir lagen für kurze Zeit allein in dem Zimmer. Was sollte ich thun? Meinem braven Ben Nil dafür, daß ihn die Sorge um mich zu einer Dummheit getrieben hatte, Vorwürfe machen? Das fiel mir nicht ein. Ich hätte übrigens dadurch unsere Lage nicht zu ändern vermocht. Er fing selbst davon an, indem er in gepreßtem Tone sagte:

»Effendi, ich habe eine große Unvorsichtigkeit begangen, die du mir unmöglich verzeihen kannst. Gieße deinen Zorn über mich aus! Das ist mir lieber als dieses Schweigen, welches meine Seele bedrückt.«

»Ich zürne dir nicht,« antwortete ich. »Du hast nur dich selbst in Schaden gebracht, nicht aber mich.«

»Nein, auch dich! Wäre ich nicht gekommen und ergriffen worden, so befändest du dich jetzt in Freiheit und könntest zu uns zurückkehren.«

»Du irrst. Ich wäre auch ohne deine Anwesenheit erkannt worden.«

»Aber du hättest allein leichter fliehen können als zu zweien.«

»Schwerlich. Wie die Verhältnisse hier liegen, war ein Entkommen mit dir nicht schwerer, als wenn ich mich allein befunden hätte.«

»Wenn dies wirklich deine Ansicht ist, so bin ich wenigstens in Beziehung auf deinen Zorn beruhigt, wenn auch nicht betreffs dessen, was uns nun erwartet. Man wird uns ganz gewiß töten; auf keinen Fall dürfen wir hoffen, diesen Leuten, welche einen so grimmigen Haß gegen uns hegen, diesesmal zu entkommen.«

»Ich hege diese Hoffnung und habe keine Lust, sie aufzugeben. Ich habe mich in noch viel schlimmern Lagen befunden, ohne den Mut zu verlieren, und auch du; als du so verlassen im tiefen Brunnen bei Siut stecktest, um elend zu verhungern, hattest du eigentlich weniger Veranlassung als jetzt, auf Rettung zu hoffen. Ich bin überzeugt, daß uns hier in Faschodah nichts geschieht. Man wird uns jedenfalls dorthin schaffen, wo Ibn Asl sich befindet. Wir müssen es abwarten. Ich bin froh, daß ich meine Waffen und mein sonstiges Eigentum nicht bei mir hatte. Es wäre mir abgenommen worden, und ich hätte im Falle einer heimlichen Flucht darauf verzichten müssen und alles verloren. Wie steht es denn mit deiner Habe?«

»Ich besitze nichts. Die Flinte und meine Pistolen hatte ich bei dem Mudir abgelegt, und da er von meinem Vorhaben nichts wissen durfte und ich mich unbemerkt fortschleichen mußte, so habe ich nur das Messer bei mir gehabt, und dieses allein ist mir abgenommen worden.«

Jetzt kamen vier Männer herein, welche lange und breite Bastmatten und Stricke trugen. Wir erhielten Knebel in den Mund; man verband uns die Augen, und dann wurden wir in die Matten gewickelt, welche man darauf mit den Stricken umschlang. So bildeten wir zwei steife, walzenförmige Pakete, welche aufgenommen und fortgetragen wurden. Unsere Köpfe ragten über die Matten heraus, so daß wir wenigstens an Luft keinen Mangel litten.

Natürlich konnten wir nicht sehen, wohin man uns schaffte. Ich fühlte, daß es über Schmutzhaufen und Schlammlöcher ging; dann hörte ich Wasser plätschern und man ließ uns auf eine harte Unterlage nieder.

»Jetzt fort, schnell und vorsichtig!« hörte ich eine befehlende Stimme sagen.

Dann vernahm ich das Geräusch der in das Wasser getauchten Ruder, wir lagen also jedenfalls in einem Boote. Tiefe Stille herrschte um uns. Sie wurde nur von Zeit zu Zeit durch eine flüsternde Stimme unterbrochen, deren Worte ich nicht verstehen konnte. Später, als man Faschodah im Rücken hatte, wurde lauter gesprochen, doch nichts, was uns über das Ziel unserer Fahrt Aufklärung geben konnte. Was ich vernahm, waren nur kurze Kommandoworte, welche sich auf das Rudern und den Gebrauch des Steuers bezogen.

Es verging eine lange, lange Zeit. Wie viele Stunden es waren, das nur zu raten, war mir unmöglich. Als man endlich anlegte, war es mir, als ob die Fahrt einen ganzen Tag gedauert hätte.

»Wer ist da?« rief eine Stimme, aus der Höhe, wie mir schien.

»Leute des Sangak,« lautete die Antwort.

»Ist Ibn Asl da?«

»Nein. Doch kommt herauf!«

Wieder verging eine Weile, während welcher man über uns leise sprach. Auch jetzt konnte ich nichts verstehen, aber es waren Töne freudiger Verwunderung, die sich in das Geflüster mischten. Dann band man uns an Seile, um uns emporzuziehen. Wir wurden hart niedergeworfen und dann aus unsern Hüllen gewickelt. Man nahm uns die Knebel und die Augenbinden weg, und nun sah ich, daß wir auf dem Decke eines Schiffes lagen. Ungefähr zwanzig Männer standen um uns. Ich konnte ihre Gesichter deutlich sehen, denn der Mond schien hell. Man hatte also nicht einen ganzen Tag, sondern noch nicht einmal bis zum Anbruche des Morgens gerudert. Freilich war es kein Wunder, daß mir diese Zeit so lang geworden war.

Derjenige, welcher mir am nächsten stand, war Murad Nassyr, der dicke Türke, mit welchem ich hatte reisen sollen, um sein Compagnon im Sklavenhandel zu werden. Als ich ihn jetzt vor mir stehen sah, mußte ich an die Abschiedsworte denken, welche er mir in Korosko zugerufen hatte. Sie waren drohend genug, doch hatte ich vor diesem dicken Türken weit weniger Respekt als vor seinen Verbündeten, welche viel mehr Energie besaßen und weit gefährlicher waren als er. Er sprach mit einem Manne, welcher wohl zu denen gehörte, die mich auf das Schiff gebracht hatten. Ich hörte, daß er ihn fragte:

»Wo sind der Muza’bir und der Mokkadem? Konnten sie nicht gleich mitkommen?«

»Sie haben Faschodah auf dem Landwege verlassen, um zu den Dinka zu gehen, bei denen sich Ibn Asl befindet. Sie wollen ihn von der Gefangennahme der beiden Männer benachrichtigen.«

»Dann werden sie ihn vielleicht nicht mehr dort antreffen. Ich erwarte ihn in jedem Augenblicke mit den angeworbenen Dinka. Kommt er eher als sie, so müssen wir ihretwegen hier liegen bleiben und die kostbare Zeit versäumen.«

Diese Worte bewiesen, daß Murad Nassyr kein Übermaß von Klugheit besaß. Es war ein Fehler von ihm, in meiner Gegenwart hören zu lassen, daß Ibn Asl im Begriff stand, eine Schar von Dinka zum Sklavenfange anzuwerben. Er war dazu gezwungen, weil wir alle seine Leute ergriffen hatten. Jetzt wendete sich Murad Nassyr zu mir, indem er mich in giftigem Tone fragte:

»Kennst du mich noch, du Hund? Reichen deine Gedanken soweit, jetzt noch zu wissen, wer ich bin?«

Da ich nicht antwortete, fuhr er fort:

»Denke an Korosko und an die Worte, welche ich dir dort zurückließ!«

Und als ich auch jetzt nichts sagte, fügte er hinzu:

»Ich drohte dir damals: Sollte ich dich wiedersehen, so zerschmettere ich dich! Dieses Wiedersehen findet jetzt statt. Bereite dich auf den Tod vor. Du bist verloren und hast bei uns keine Barmherzigkeit zu erwarten.«

Er mochte denken, daß ich nun antworten werde. Als dies nicht geschah, trat er mich in die Seite und fuhr mich an.

»Willst du wohl dein Maul öffnen, du schmutzige Kröte! Hat der Schreck, die Angst dich stumm gemacht?«

Da lachte ich laut auf und antwortete:

»Die Angst? Etwa vor dir? Lieber Dicker, laß dich doch nicht auslachen! Vor dir erschrickt kein Mensch, ich aber am allerwenigsten. Du kannst wohl Pillau mit Schafschwanz verschlingen, mich aber nicht.«

»Hund, verhöhnst du mich auch noch! Ich werde dafür deine Qualen verdoppeln!«

»Laß mich in Ruh‘! Du spielst mit dieser Drohung eine so lächerliche Figur, daß man dich nur auslachen kann. Du kennst mich schon von Algier her und mußt doch wissen, daß deine Prahlerei auf mich keinen Eindruck macht. Lege dich also aufs Ohr und schlafe; das ist jedenfalls besser als ein so verunglückter Versuch, mich bange vor dir zu machen!«

Da versetzte er mir einen zweiten Fußtritt und rief:

»Das will ich dir gedenken! Ich weiß, daß du bereits erfahren hast, welche Qualen dir beschieden sind; sie sollen nun noch entsetzlicher werden, als du bisher wußtest. Glaube ja nicht, auch diesmal zu entkommen! Ich selbst werde dich bewachen und dich, bis Ibn Asl kommt, nicht aus meinen Augen lassen. Hebt die Hunde auf und folgt mir mit ihnen!«

Er begab sich nach dem Vorderteile des Verdeckes, und man trug uns hinter ihm drein, öffnete eine von zwei Thüren, welche ich nebeneinander sah, trat in einen Raum, der jedenfalls seine Wohnung bildete, und untersuchte da unsere Fesseln. Dies geschah beim Scheine einer Lampe, welche hier brannte. Als er sich überzeugt hatte, daß wir festgebunden waren und nicht loskommen konnten, gab er die zu unserer Unterkunft nötigen Befehle.

Der Raum, in welchem wir uns befanden, hatte nicht etwa Holzwände; er glich vielmehr einem Zelte. Man hatte Stangen über dem Vorderteil des Schiffes angebracht und Matten auf dieselben gebreitet. Das war ein Sonnendach, von welchem mehrere Stücke Leinwand, welche als Wände dienten, herniederhingen. Die vordere Wand bestand aus zwei Stücken; das waren die von mir erwähnten beiden Thüren. Eine Querwand schied den Raum in zwei Teile. In demjenigen rechter Hand befanden wir uns. Aus dem links liegenden Teile hörte ich weibliche Flüsterstimmen klingen, was mich auf die Vermutung brachte, daß dort die Schwester des Türken mit ihren Dienerinnen untergebracht sei. Hinten gab es wieder eine Querleinwand, welche jetzt aufgehoben wurde. Dort war das Innere der Schiffsspitze, ein sechs Fuß langer, vier Fuß schmaler Raum, in welchem verschiedenes Gepäck und Gerümpel lag. Man schaffte dieses letztere fort, um Platz für uns zu bekommen. Dann wurden starke Eisennägel in die Diele geschlagen, an welche man uns festband, eine Vorsicht, die gar nicht überflüssig war, denn falls es uns gelang, uns unserer Fesseln zu entledigen, brauchten wir nur die Matte, welche die Decke bildete, emporzuheben, um über Bord kommen zu können.

Als wir in dieser Weise befestigt waren, sagte Murad Nassyr.

»Jetzt könnt ihr euch nicht rühren. Nun versucht doch einmal, mir zu entfliehen! Ibn Asl kommt jedenfalls bis Nachmittag zurück; dann wird euer Schicksal entschieden. Ich wohne gleich nebenan und kann jedes eurer Worte hören. Vernehme ich das Geringste, was mir nicht gefällt, so erhaltet ihr die Peitsche. jetzt gebe euch Allah eine angenehme Ruhe und noch angenehmere Träume!«

Er sprach diesen Wunsch in höhnischem Tone aus und entfernte sich dann mit seinen Leuten. Wir sahen das Licht durch die dünne Leinwand scheinen und seinen Schatten sich an derselben bewegen. Dadurch wurde uns verraten, was er that. Er hob die Seitenleinwand auf und verschwand hinter derselben. Dann hörten wir flüstern und erkannten seine und die Stimme eines weiblichen Wesens, welches, wie ich vermutet hatte und dann bald erfuhr, seine Schwester war.

Bald darauf kam er in sein Gemach zurück und setzte sich nieder. Nach abermals einem Weilchen zeichnete sich ein weiblicher Schatten an der Leinwand ab. Die Schwester war zu ihm getreten. Sie flüsterten miteinander; dann stand er auf und ging mit ihr hinaus auf das Deck.

Kaum war dies geschehen, so wurde wieder eine weibliche Gestalt sichtbar, welche aus der Seitenabteilung trat. Sie näherte sich der Leinwand, hinter welcher wir lagen, hob dieselbe ein wenig empor und sagte leise:

»Effendi, wo bist du?«

»Hier!« antwortete ich. »Wer bist du?«

»Ich bin Fatma, die du kennst.«

Also Fatma, die Lieblingsdienerin der Schwester des Türken! In welcher Absicht kam sie? jedenfalls in keiner schlechten.

»Was wünschest du von mir?« fragte ich sie.

»Meine Herrin sendet mich. Sie hat von dem Herrn erfahren, daß du gefangen bist und zu Tode gemartert werden sollst. Das thut ihrem Herzen weh.«

»Allah segne sie für das Mitgefühl!«

»Ja, sie ist gut, Effendi. Sie will dich retten.«

»Hamdulillah! In welcher Weise?«

»Leider kann sie gar nicht viel thun; aber was sie kann, das soll geschehen. Du hast, als ihr Haar zu schwinden begann, ihr die Zierde ihres Hauptes wiedergegeben. Das kann sie nicht vergessen. Sie will dir dafür danken, und ich soll dich bitten, mir zu sagen, welch einen Wunsch du hast.«

»Wo ist sie?«

»Draußen auf dem Deck. Sie hat ihren Bruder beredet, mit hinaus zu gehen, damit ich mit dir reden kann.«

»Aber wenn er nun plötzlich zurückkehrt und sieht, was du thust!«

»Sie will ihn draußen festhalten, bis ich ihr ein Zeichen gebe, daß ich ihren Auftrag ausgerichtet habe.«

»Das ist gut. Bringe mir schnell ein scharfes Messer.«

Sie ging, brachte das Messer und reichte es mir zu.

»Ich kann es nicht fassen, denn meine Hände sind gefesselt. Du mußt mir die Liebe erweisen, sie loszuschneiden.«

»Allah, was verlangst du von mir! Meine Hände zittern vor Angst; aber ich werde es dennoch thun, da du der Wohlthäter meiner Herrin bist.«

Ich fühlte allerdings, daß ihre Hände zitterten, als sie den Strick durchschnitt. Dann nahm ich das Messer, drückte ihr die Hand und sagte:

»Ich danke dir, Fatma, du Lieblichste unter den Töchtern; Allah möge es dir vergelten! Weißt du, wie viel Männer sich auf diesem Schiffe befinden?«

»Zwanzig und ein paar. Sie liegen draußen und schlafen.«

»Wo sind die Leute, welche uns gebracht haben? Wieder nach Faschodah zurück?«

»Nein. Sie liegen bei unsern Leuten.«

»So hängt also ihr Boot noch an dem Schiffe?«

»Ja.«

»Das ist es, was ich wissen will. Du kannst nun gehen und brauchst das Zeichen gar nicht zu geben, denn deine Herrin wird ohne dasselbe in einigen Minuten erfahren, daß du deinen Auftrag gut ausgeführt hast. Wahrscheinlich sehen wir uns wieder. Dann werde ich dir ausführlicher danken, als es jetzt geschehen kann.«

Sie zog sich zurück.

»Welche Wonne, Effendi!« sagte Ben Nil. »Du hattest doch recht. Man soll die Hoffnung niemals aufgeben. Wir sind gerettet, wenn man uns nicht aufhält!«

»Aufhält? Wenn ich im freien Besitze meiner Glieder bin und ein Messer in meiner Hand habe, lasse ich mich von zwanzig und einigen Männern nicht aufhalten. Darauf kannst du dich verlassen. Es ist ganz so, als ob wir schon frei wären.«

Da ich die Hände frei hatte, war es nicht schwer, mir auch die Füße frei zu machen und mich von dem Nagel loszuschneiden. Dasselbe that ich dann auch mit Ben Nil. Wir standen jetzt aufrecht. Ich hob die Matte, welche die Decke bildete, ein wenig in die Höhe und sah hinaus.

Noch schien der Mond. Wir lagen am rechten Ufer des Flusses. Unweit vom Schiffe sah ich die phantastischen Gestalten von drei nebeneinander stehenden Armleuchtereuphorbien. Das mußte mir später als Merkmal dienen. Auf dem Deck lagen die Schläfer. Der Türke stand mit seiner Schwester hinten am Steuer und blickte mit ihr, über das Geländer gebeugt, in die Flut hinab. Das Boot mußte auf der Wasserseite hängen. Das Schiff war mit einem Bug- und einem Quarteranker befestigt. Die Kette des ersteren hing an einem starken Eisenringe, welcher an der innern Bugwand, also an unserm Gefängnisse angebracht war.

»Es steht alles sehr gut,« sagte ich. »Wir klettern an dieser Kette über Bord. Kein Mensch achtet auf uns. Haben wir das Wasser erreicht, so schwimmen wir nach dem Boote.«

Ich schob die Matte über uns ganz weg und schwang mich über die Brüstung, um jenseits an der Kette hinabzuklettern. Ben Nil folgte mir. Es war gar keine Kunst, hinunter zu kommen. Daß wir naß wurden, konnte uns in diesem Klima nur lieb sein.

Wir hielten uns im Schwimmen natürlich so nahe wie möglich an die Schiffswand, damit man uns nicht von oben sehen könne. Auch hüteten wir uns, zu plätschern. Das Boot, welches wir suchten, hing hinten an der dem Wasser zugekehrten Seite des Schiffes. Nun fragte es sich, ob man die Ruder liegen gelassen hatte. Als wir es erreichten, sahen wir zu unserer Freude, daß sie darin lagen. Wir stiegen ein.

»Nun schnell fort, Effendi!« meinte Ben Nil. »Wir sind wieder frei und wollen uns keinen Augenblick hier aufhalten.«

Er setzte sich auf die Ruderbank und wollte den Riemen gegen die Schiffswand stemmen, um von dem Schiffe abzukommen, als man uns bemerkte.

»Der Effendi ist los!« schrie Murad, »er will entkommen! Da unten ist er im Boote. Auf, ihr Männer, zur Verfolgung! Tausend Piaster jedem, der ihn mir bringt!«

Vom Deck ertönten wirre Stimmen. Man beeilte sich, in das Boot zu kommen, welches zum Schiffe gehörte und jedenfalls hinten am Steuer hing, so daß wir es nicht gesehen hatten.

»Schnell, schnell!« schrie er. »Zweitausend, dreitausend Piaster, wenn ihr ihn wieder fangt!«

»Zehntausend Piaster demjenigen, der mich ergreift!« lachte ich als Antwort. Dann tauchte ich die Ruder ein, Ben Nil folgte meinem Beispiele, und unser Boot flog, wie von einer Sehne geschnellt, flußabwärts. Es verstand sich ganz von selbst, daß man uns flußaufwärts geschafft hatte. Also mußten wir, um nach Faschodah zu kommen, die entgegengesetzte Richtung einschlagen. Wir konnten schon nach kurzer Zeit das Schiff nicht mehr sehen.

Ben Nil war ein ausgezeichneter Ruderer; auch ich hatte gelernt, einen Riemen zu gebrauchen, und so hatten wir keine Sorge, daß man uns einholen werde. Schon nach einer Viertelstunde ließen wir in unserer Anstrengung nach, da es gar nicht nötig war, eine solche Schnelligkeit zu entfalten.

Nach meiner Ansicht war es, als man uns bei dem Sangak gefangen nahm, ungefähr zehn Uhr abends gewesen. Ein Blick nach dem Himmel zeigte, daß es jetzt vielleicht morgens drei Uhr sei. Waren wir eine Stunde auf dem Schiffe gewesen, so hatte die Fahrt nach demselben vier Stunden gedauert, eine Zeit, welche mir wie eine Ewigkeit vorgekommen war. Da man flußabwärts schneller vorwärts kommt, rechnete ich drei Stunden auf unsere Fahrt; also mußten wir Faschodah gegen sechs Uhr erreichen.

Man kann sich leicht denken, in welcher Stimmung wir uns befanden. Ben Nil jubelte zuweilen laut auf. Ich blieb zwar still, doch war meine Freude nicht geringer als die seinige. Und wem hatten wir unsere Rettung zu verdanken? Der Auflösung eines einfachen, wohlbekannten Salzes, mit welcher ich einst die kahle Stelle auf dem Kopfe der Schwester des Türken befeuchtet hatte. Damals dachte ich nicht, daß mich dieses später aus solcher Not erlösen werde. Die Schwester war doch ein gutes, dankbares Mädchen. Ich nahm mir vor, alles aufzubieten, um zu verhindern, daß sie Ibn Asls Frau werde.

Als der Morgen graute, hatten wir uns Faschodah soweit genähert, daß wir es liegen sahen. Ein kleines Segelboot kreuzte auf dem Flusse hin und her, welches nur einen Mann trug. Als dieser uns bemerkte, hielt er auf uns zu, ließ das Segel fallen und fragte:

»Woher kommt ihr?«

»Von da oben,« antwortete ich, indem ich rückwärts deutete. »Wir wollen nach Faschodah.«

»Wer seid ihr?«

»Warum fragst du? Bist du ein Beamter des Mudir?«

»Nein. Aber ich suche einen fremden Effendi und einen jungen Mann, welcher Ben Nil heißt, die seit gestern abend spurlos verschwunden sind. Der Mudir läßt nach ihnen suchen. Da ihr zwei seid und ich euch nicht kenne, auch die Beschreibung stimmt, so glaube ich, die Gesuchten gefunden zu haben.«

»Kennst du den Sangak der Arnauten?«

»Ich habe ihn gesehen, aber noch nie mit ihm gesprochen.«

»Hassest oder liebest du ihn?«

»Herr, diese Frage ist gefährlich; da ich aber weder etwas Gutes noch etwas Böses von ihm zu erwarten habe, so will ich sie beantworten. Ich hasse ihn nicht, und liebe ihn nicht; er ist mir gleichgültig, obgleich er viel Einfluß und Macht besitzt.«

»So will auch ich aufrichtig sein, obgleich ich eigentlich Grund habe, dir die Wahrheit zu verschweigen. Wir sind diejenigen, welche du suchst.«

»Wirklich? Ist’s wahr?« fragte er in freudigem Tone. »Hamdulillah! So bin ich es, der sich das viele Geld verdient!«

»Welches Geld?«

»Die hundert Piaster, welche der Mudir für dich zahlen will.«

»Du sollst sie bekommen, obgleich er uns auch ohne dich wiedergesehen hätte.«

»Hätte er das?« fragte er enttäuscht. »Allah! So erhalte ich das Geld nicht!«

»Er wird es dir geben. Verlange es nur!«

»Fällt mir nicht ein, Effendi. Ich würde an Stelle der Piaster fünfhundert Hiebe erhalten.«

»Du bekommst das Geld. Ich gebe dir mein Wort. Und wenn er sich weigert, so werde ich es dir geben. Aber ich knüpfe die Bedingung daran, daß du uns zu dem Mudir bringst, ohne daß wir von dem Sangak oder einem seiner Arnauten gesehen werden.«

Er blickte mich verwundert an und fragte:

»Effendi, sind diese Arnauten an euerm Verschwinden schuld?«

»Das kann ich dir nicht sagen, weil ich dich nicht kenne.«

»O, du darfst mir vertrauen. Ich bin ein armer Fischer und liefere das, was ich fange, nur in die Küche des Mudirs, welcher mich dafür bezahlt, während ich von dem Sangak nichts bekommen würde.«

»Wo wohnest du?«

»Hier vor der Stadt. Du siehst meine Hütte dort links am Ufer. Sie steht weit entfernt von allen andern Hütten und Häusern.«

Ich erzählte ihm, was uns geschehen war, und fuhr dann fort:

»Erfährt der Sangak, daß wir wieder da sind, so findet er vielleicht Zeit zur Flucht, ehe der Befehl, ihn zu ergreifen, gegeben werden kann.«

»Effendi, ich würde über das, was ich da höre, staunen, wenn ich nicht wüßte, was für ein gewaltthätiger Mann dieser Sangak ist. Wenn es so ist, so hast du recht. Du mußt unbemerkt zum Mudir kommen. Ich werde dich jetzt nach meiner Hütte bringen, wo ihr wartet, bis ich beim Mudir gewesen bin, dem ich sagen will, was du mir anbefiehlst.«

»Gut, ich bin einverstanden.«

»Aber ihr dürft mir jetzt nicht im Boote folgen, denn das würde auffallen. Man darf nicht sehen, daß ich zwei Männer bei mir habe, denn man würde sogleich ahnen, daß ihr es seid. Steig zu mir herein. Ich werde dich erst allein nach meiner Hütte rudern. Dann hole ich auch Ben Nil ab, der hier ans Ufer legen und da auf mich warten mag.«

Ich sprang zu ihm hinüber und wurde von ihm nach der Hütte gebracht, welche die äußerste der Stadt war. Sein Weib, eine Negerin, war daheim und erhielt von ihm den Befehl, uns verborgen zu halten und keinen Menschen in die Hütte zu lassen. Dann holte er Ben Nil. Als dieses geschehen war und er von mir genaue Instruktion erhalten hatte, begab er sich zum Mudir. Es dauerte fast eine Stunde, bis er zurückkehrte. Er brachte Anzüge, einen weiblichen für Ben Nil und den eines Eunuchen für mich. Ich hatte mir das Gesicht zu schwärzen. Zwar hätte ich in weiblicher Kleidung viel weniger erkannt werden können, als in derjenigen eines Haremwächters, aber meine Figur paßte nicht zu einer solchen Maskerade.

Als wir diese Anzüge angelegt hatten, bestiegen wir das Boot wieder und der Fischer ruderte uns, nachdem er seinem Weibe die strengste Verschwiegenheit anbefohlen hatte.

Ben Nil war tief eingehüllt. Ein Schleier bedeckte sein Gesicht, so daß er vollständig einer Frau glich. Die Verkleidung belustigte ihn außerordentlich und er kicherte in einem fort vor sich hin, weniger über sich als über mein schwarzes Gesicht, zu welchem der Bart gar nicht passen wollte.

Als wir ausstiegen, war kein Mensch zu sehen. Vielleicht aus Zufall, vielleicht auch deshalb, weil so viele Leute auf der Suche nach uns waren, um sich die hundert Piaster zu verdienen. Wir erreichten sogar das Regierungsgebäude, ohne von jemandem beobachtet worden zu sein, und wurden dort von einem Bediensteten, welcher auf uns gewartet hatte, zu seinem Herrn geführt. Dieser hatte dafür sorgen lassen, daß uns im Innern des Gebäudes niemand begegnete.

Er saß rauchend auf einem seidenen Diwan. Über sein ernstes, ja strenges Gesicht ging, als wir eintraten und sein Auge auf uns fiel, ein heiteres Lächeln. Ja, es schien, als ob er sich Mühe geben müsse, nicht laut aufzulachen.

»Allah thut Wunder!« rief er aus. »Wer hat schon einmal einen Neger, einen Hüter der Frauen, mit einem solchen Barte gesehen! Hat man dich erkannt, Effendi?«

»Nein. Wir sind von keinem Menschen beachtet worden.«

»Das ist gut. Setzt euch, und nehmt die Pfeifen, welche ich für euch bereit legen ließ. Du aber wartest draußen vor der Thür, um zu erfahren, ob ich dir das Geld geben werde oder nicht!«

Die letzten Worte waren an den Fischer gerichtet, welcher dem Befehle nicht sofort gehorchte, sondern in bittendem Tone antwortete:

»Verzeihe meine Kühnheit, o Mudir, und erlaube mir, dir

ZU – –

»Schweig, sonst bekommst du sofort fünfhundert!« unterbrach ihn der Mudir mit Donnerstimme. »Hinaus mit dir!«

Ich hatte mich mit Ben Nil zu ihm gesetzt. Wir steckten unsere Pfeifen an, und dann mußte ich erzählen. Der Statthalter verzog während meines Berichtes keine Miene und ließ auch kein Wort hören. Als ich geendet hatte, schwieg er immer noch eine Weile; dann brach er los, aber nicht so, wie ich erwartet hatte, sondern beinahe leise und in sehr ruhigem Tone. Aber gerade diese Ruhe ließ auf die Größe seines Grimmes, den er gewaltsam niederzwang, schließen.

»Gestern,« sagte er, »als du mir mitteiltest, daß dieser Hundesohn ein Verbündeter des Sklavenjägers sei, wollte ich es nicht glauben. Jetzt hast du mir die Wahrheit deiner Worte bewiesen. Er soll – –«

Er hielt mitten im Satze inne und blickte vor sich nieder. Er war empört und tief aufgeregt und hielt es nicht für seiner Würde angemessen, dies so merken zu lassen. Nach einer Weile klatschte er in die Hände. Ein Diener trat herein und erhielt den Befehl:

»Gehe zum Sangak der Arnauten und sage ihm, daß ich mit ihm zu sprechen wünsche. Es betrifft ein Geheimnis; er soll also keinen Menschen wissen lassen, zu wem er geht. Da versteht es sich von selbst, daß du diesen Auftrag so ausrichtest, daß nur er allein deine Worte hört. Sende mir den Abu Chabit herein!«

Der Mann entfernte sich, und kurze Zeit darauf trat ein schwarzer, außerordentlich robuster Kerl herein, welcher beide Hände auf die Brust legte und sich fast bis auf den Boden verneigte.

»Es giebt zu thun,« sagte der Mudir zu ihm. »Ein Hund aller Hunde soll fünfhundert erhalten und dann nicht wieder gesehen werden. Besorge das Nötige!«

»Wo?« fragte der Schwarze, wobei ein Grinsen über sein Gesicht ging. Er freute sich auf die Ausübung seines Amtes.

»Da,« antwortete der Mudir, indem er mit dem Daumen über die Achsel nach einer Thüre zeigte, welche sich hinter ihm befand. Der »Vater der Prügel« verbeugte sich abermals und ging dann rückwärts wieder hinaus. Als wir uns allein befanden, sagte der Mudir:

»Weißt du, warum der Sangak heimlich kommen soll?«

Ach denke es mir. Wegen deiner Sicherheit.«

»Allah! Du hast es erraten!« rief er erstaunt.

»Das ist ja nicht schwer. Ich kenne die Arnauten zur Genüge. Sie sind äußerst schwer im Zaume zu halten. Wenn du den Sangak richtest und seine Soldaten erfahren es, so hast du eine Empörung zu erwarten.«

»So ist es! Er soll seine Strafe erhalten, ohne daß man es ahnt. Als du gestern nicht kamst, sandte ich zu ihm. Er ließ mir sagen, daß niemand bei ihm gewesen sei. Später ging ich selbst zu ihm und bekam dieselbe Behauptung zu hören. Dann erfuhr ich gar, daß auch Ben Nil verschwunden sei, und erteilte sofort den Befehl, daß überall nach euch gesucht werde. Dieser Hund hat mich an der Nase führen wollen; er ist ein Begünstiger des Sklavenhandels, ein Verräter und Mörder. Du wirst hören und sehen, was ich mit ihm spreche und mit ihm thue. Begebt euch jetzt dort hinein, wo ihr alles findet, was ihr braucht. Ihr werdet die Aussage des Sangak vernehmen und im geeigneten Augenblick hereinkommen.«

Er hatte nach einer zweiten Thür gedeutet. Wir folgten seiner Aufforderung und kamen in ein Zimmer, wo ich mein ganzes Eigentum liegen sah. Es gab da auch alles Nötige, mich von der schwarzen Farbe zu befreien, was ich natürlich schleunigst that. Dann kleidete ich mich um. Ben Nil mußte den Frauenanzug noch anbehalten, weil der seinige sich in den Händen des Fischers befand. Eben war ich mit der Toilette fertig, als ich Schritte hörte. Der Sangak trat bei dem Mudir ein. Wir konnten alles hören, denn das, was ich eine Thüre genannt habe, bestand aus einem die Thüröffnung bedeckenden Teppiche.

»Du hast mich rufen lassen, o Mudir!« hörte ich den Arnauten sagen.

»Ja, heimlich. Wer weiß noch von deinem Kommen?«

»Kein Mensch.«

»Setz‘ dich!« antwortete der Mudir. »Hast du gehört, ob man von den verschwundenen Männern vielleicht eine Spur gefunden hat?«

»Man hat bis jetzt nichts entdeckt.«

»Das ist schlimm! Ich werde nicht eher ruhen, als bis ich sie gefunden habe.«

»Auch ich habe alles gethan, was möglich ist. Meine Arnauten sind alle fort, um zu suchen, obgleich sie nicht begreifen können, wie ich von ihnen verlangen kann, daß sie, die Rechtgläubigen, der stinkenden Fährte eines Christen nachforschen sollen.«

»Ich will diesen Christen haben; das muß dir und ihnen genügen. Hast du bei dir selbst aufmerksam gesucht?«

»Ja, doch vergebens.«

»Sonderbar! Der Effendi ist zu dir gegangen und seine Begleiter haben ganz deutlich gehört, daß er bei dir klopfte.«

»Das mag sein. Es ist auch geöffnet worden, aber man hat niemand gesehen. Später hat der Wächter bemerkt, daß fremde Gestalten um die Thüren geschlichen sind. Wer weiß, in welcher Absicht der Christ gekommen und warum er so plötzlich wieder verschwunden ist.«

»Er hat mir seine Absichten mitgeteilt. Es gab für ihn keinen Grund, zu verschwinden. Wohl aber gab es für einige hiesige Personen Grund, ihn verschwinden zu lassen!«

»So rate ich dir, diese Personen zu fragen!«

»Das habe ich gethan, aber sie leugnen, etwas zu wissen.«

»Laß ihnen fünfhundert aufzählen; dann werden sie gestehen!«

»Da du es mir rätst, werde ich es thun, und du sollst dabei sein dürfen.«

»Ich danke dir, o Gebieter! Du weißt, daß ich die Gerechtigkeit liebe und stets gern dabei bin, wenn du sie an denen, welche gegen sie gesündigt haben, übest. Es wird mir eine Wonne sein, das Geheul dieser Hunde zu hören. Nun aber möchte ich dich nach dem Geheimnisse fragen, welches der Grund ist, daß du mich zu dir kommen ließest.«

»Du sollst es sofort hören. Ja, es ist ein Geheimnis, dessen Aufklärung mir sehr am Herzen liegt, und du bist der richtige Mann, mir dabei behilflich zu sein. Ist dir vielleicht ein Muza’bir, ein Gaukler aus Kahira, bekannt?«

»Nein.«

»So kennst du aber vielleicht einen gewissen Abd el Barak, welcher Mokkadem der heiligen Kadirine ist?«

»Auch nicht.«

»Diese beiden Männer befinden sich jetzt in Faschodah. Ich will und muß sie finden, weil sie Verbündete des Sklavenjägers Ibn Asl sind.«

»Soll ich nach ihnen suchen? Wenn sie wirklich hier sind, werde ich sie ganz gewiß entdecken.«

»Sie sind hier. Man hat sie noch gestern abend gesehen. Sie sollen an deiner Thüre geklopft haben.«

»Allah! Was könnten sie bei mir gewollt haben? Das muß ein Irrtum sein. Solche Leute werden doch nicht so wahnsinnig sein, sich zu mir zu wagen!«

»Es giebt Wahnsinnige, welche zuweilen sehr gut bei Sinnen sind. Noch eine Frage. Hast du vielleicht einmal mit einem Türken gesprochen, welcher Murad Nassyr heißt?«

»Nie. Was ist’s mit ihm?«

»Davon nachher. Ich muß dich noch nach einer andern Person fragen. Es ist dies ein Takaleh, welcher Schedid heißt.«

»Ich kenne ihn nicht. Wie kommt es, daß du mir so viele unbekannte Namen nennst?«

»Ich thue es, um dir die Entdeckung des Geheimnisses zu erleichtern. Ich habe dir bereits ein wenig vorgearbeitet, und du sollst die Sache zum Schlusse führen. Es liegt nämlich vier Ruderstunden aufwärts von hier ein Schiff, welches Ibn Asl gehört.«

»Allah, Allah!«

Der Sangak hatte bis jetzt schnell und unbefangen geantwortet; den letzten Ausruf that er in erschrockenem Tone.

»Auf diesem Schiffe,« fuhr der Mudir fort, »befindet sich jener Türke, nach welchem ich dich fragte. Er hat eine Schwester mit, welche das Weib Ibn Asls werden soll.«

»Woher weißt du das?« erklang es in gepreßtem Tone.

»Nachher, nachher! Vorher mußt du wissen, daß Ibn Asl sich jetzt bei den Dinka befindet, um eine Schar ihrer Krieger zu einem Sklavenzuge anzuwerben. Man hat dieses Schiff bewacht und heute früh bemerkt, daß ein Boot anlegte, in welchem zwei lange runde Pakete lagen, die an Bord geschafft wurden. Kannst du vielleicht erraten, was sich in diesen Paketen befunden hat?«

»Wie könnte ich das wissen!«

»So suche es zu erfahren. Das eben ist das Geheimnis, welches ich so gerne aufgeklärt wissen möchte. Du bist schlau, sehr schlau, und ich denke, daß es dir nicht schwer fallen wird, das Richtige zu entdecken.«

Während dieses Gespräches hatte ich den Teppich ein wenig zur Seite geschoben, um die beiden zu beobachten. Der Mudir saß mit dem Gesichte, der Sangak mit dem Rücken nach uns gerichtet. Jetzt glaubte ich den richtigen Augenblick gekommen und flüsterte Ben Nil zu:

»Geh leise hinein, und bleib neben der Thüre stehen!«

Ich schob ihn hinein und sah, daß über das Gesicht des Mudirs beim Anblicke meines verkleideten Gefährten ein Lächeln der Befriedigung glitt. Der Sangak fühlte sich jedenfalls nicht übermäßig behaglich. Er schien nachzudenken, was er in diesem Augenblicke von dem Mudir zu halten habe, denn es dauerte eine kleine Weile, ehe er antwortete:

»Ich werde es entdecken, Herr. Ich werde sofort aufbrechen und das Schiff ausfindig machen. Die Pakete müssen doch noch vorhanden sein.«

»Vielleicht auch nicht, doch kommt es nicht darauf an; ich will aber erfahren, was sie enthalten haben. Dies ist mir außerordentlich wichtig, so wichtig, daß ich dir für die Entdeckung dieses Geheimnisses eine Belohnung zugedacht habe, von deren Größe du jetzt keine Ahnung hast.«

»Mudir, ich bin der treueste deiner Diener,« versicherte der Arnaut geschmeichelt. »Mein Glück besteht nur in deiner Güte und Gnade!«

»Ja, du bist der treueste von allen. Darum habe ich dir als Beweis meiner Huld ein Weib ausersehen, ein Weib, mit dem sich keine Houri des Paradieses vergleichen kann.«

»Ein Weib?!« rief der Sangak erstaunt und enttäuscht.

»Ja, ein Weib; ein Vorbild der Schönheit und Tugend, ein Muster der Lieblichkeit. Damit du schon jetzt erkennst, welchen großen Schatz du erhalten wirst, sollst du diesen Engel aller Engel schon jetzt sehen dürfen. Tritt herbei, du Einzige, und enthülle dein Angesicht, damit dieser brave Sangak der Arnauten, hingerissen von dem Glanze deiner Augen und den Wundern deiner Seele, dir zu Füßen sinke!«

Er winkte Ben Nil, und dieser ging langsam näher. Der Sangak sprang auf. Er hatte schon ein Weib. Daß ihm noch ein zweites angeboten wurde, befremdete ihn, zumal er dasselbe sehen sollte, was doch eigentlich verboten ist. Er starrte die tief verhüllte Gestalt mit großen Augen an und sagte:

»Ein Weib, wahrhaftig ein Weib! Welche Überraschung! War sie schon die Frau eines anderen, oder ist sie noch ein Mädchen? Welche Farbe hat sie? Weiß oder schwarz?«

»Beantworte dir diese Fragen selbst. Sieh und staune!«

Der Mudir stand auch auf und entfernte den Schleier. Der Erfolg war ganz derselbe, den ich erwartet hatte: Der Arnaut stieß einen unartikulierten, heiseren Schrei des Schreckens aus.

»Nun, wie gefällt sie dir? Bist du nicht entzückt?« fragte der Mudir, indem er mit Bedacht eine solche Stellung annahm, daß der Sangak, der sich umgedreht hatte, mir wieder den Rücken zukehren mußte.

Dies benutzte ich, um auch unbemerkt von dem letztern einzutreten. Er antwortete nicht. Sein Gesicht war fahl geworden. Es schien, als ob er sich gar nicht bewegen könne.

»Du bist sprachlos vor Wonne,« höhnte der Mudir. »Wenn das bei dem Anblicke des einen Paketes geschieht, wie groß wird deine Seligkeit erst sein, wenn du auch das andere erblickst. Siehe dich um!«

Der Arnaut gehorchte wie mechanisch dieser Aufforderung. Sein Auge fiel auf mich, und mein Anblick gab ihm sofort seine Fassung zurück.

»Bei der Hölle!« schrie er auf. »Man hat mit mir gespielt, aber man soll nicht weiterspielen. Der Scheitan vernichte euch alle drei!«

Er wendete sich nach der Thüre, um schleunigst zu entkommen; aber ich vertrat ihm den Weg.

»Fort mit dir, Hund!« fuhr er mich an. »Du bist mir widerlich.«

»Vielleicht darum sagtest du mir gestern abend, daß wir uns nicht wiedersehen würden,« antwortete ich ihm. »Ich aber war überzeugt, dich wiederzufinden, da ich mit dir abzurechnen hatte.«

»Fort! Zur Seite, oder ich mache mir den Weg!.«

Er zog das Messer und zückte es zum Stoße. Da schlug ich ihm von unten herauf an den Ellbogen, daß er es fallen ließ, packte ihn, hob ihn empor und warf ihn zu Boden, daß ich glaubte, er habe das Genick gebrochen. Er hatte die Augen offen, rührte sich aber nicht.

»Allah, Allah!« rief der Mudir. »So verfährst du mit diesem Riesen! Das ist es, was mir der Reïs Effendina berichtet hat, und was ich nicht glauben wollte. Ist er tot?«

»Nein,« antwortete ich. »Er wird sich sogleich bewegen, ganz plötzlich, um – –«

Ich sprach nicht weiter, denn was ich erwartet hatte, das geschah: der Sangak fuhr plötzlich mit der Hand in den Gürtel und riß eine Pistole heraus, um sie auf mich zu richten, wobei er den Oberkörper aufschnellte. Seine Unbeweglichkeit war eine Finte gewesen. Ben Nil stand hinter ihm, bückte sich rasch nieder und ergriff die Hand, welche die Pistole hielt; zugleich versetzte ich ihm einen Fußtritt gegen den Magen, daß er wieder hintenüberflog und die Waffe fallen ließ. Er wollte sich aufrichten, um die Gegenwehr fortzusetzen; der Fußtritt aber hatte ihn unfähig dazu gemacht. Mit halberhobenem Körper streckte er mir die geballte Faust entgegen und stieß dabei einen Fluch aus, welcher unmöglich wiedergegeben werden kann.

»Laßt ihn!« gebot der Mudir. »Der Schurke ist nicht wert, von euern Händen berührt zu werden. Effendi, du hast gehört, was ich meinem ›Vater der Prügel‹ geboten habe. Ist einmal ein solcher Befehl gegeben, so ist auch dafür gesorgt, daß wir den Betreffenden sicher haben. Ihr braucht euch nicht mit ihm zu bemühen.«

Er klatschte in die Hände, und auf dieses Zeichen traten von zwei Seiten Schwarze herein, welche den Sangak ergriffen und vom Boden aufzogen. Er sah den »Vater der Prügel« und ahnte, was man mit ihm vorhatte.

»Willst du mich etwa schlagen lassen?« brüllte er den Mudir an.

»Ich beabsichtige nur, deinen eigenen Willen an dir zu erfüllen,« antwortete dieser. »Du hast mir vorhin den vortrefflichen Rat der Bastonnade gegeben, und er wird nun an dir selbst ausgeführt.«

»Weißt du, was das bedeutet?«

»Nichts weiter, als daß ein Hund geprügelt wird.«

»Aber dieser Hund hat Zähne! Nur ein kleiner Wink von mir, und meine Arnauten fallen über dich her! Du kennst mich noch nicht!«

»Ich kenne dich genau. Ich habe dir vorhin die Namen deiner Freunde genannt; das überhebt mich der Mühe, dir dein Sündenregister vorzuhalten. Wenn du meinst, daß ich dich noch nicht kenne, so weiß ich um so sicherer, daß du mich kennst. Man nennt mich Abu Hamsah Miah. Du bekommst fünfhundert!»

»Fünf-hun-dert!« schrie der Arnaute. »Das kostet dein Leben!«

»Drohe nicht noch! Bitte Allah, daß er dich sicher über die Brücke des Todes geleite, damit du nicht hinab in die Feuer der Dschehenna stürzest!«

Der Arnaut zuckte zusammen, warf einen unbeschreiblichen Blick auf den Mudir und fragte stockend:

»Brücke – des – Todes! So willst – du mich – totpeitschen –- lassen?!«

»Du bekommst fünfhundert und wirst nicht mehr gesehen. So habe ich dem ›Vater der Prügel‹ befohlen, und was ich gesagt habe, das geschieht!«

»Noch nicht, noch nicht! Noch habe ich Arme und Hände, um mich zu wehren und dich zu zerreißen!«

Er wollte sich von den Schwarzen losmachen) um sich auf den Mudir zu werfen. Die Gehilfen des »Vaters der Prügel« aber besaßen Übung. Sie drückten ihn nieder, hielten ihn fest, und im Handumdrehen wurde ihm ein Leder um Kopf und Kinn geschnallt, durch welches der untere Kiefer so fest gegen den oberen gezogen wurde, daß er ihn nicht bewegen und also auch nicht schreien konnte. Dann trugen sie ihn hinaus.

»Er bekommt, was er verdient,« meinte der unerbittliche Statthalter. »Wir werden als Zeugen dabeistehen.«

»Ich nicht,« antwortete ich. »Ich verzichte darauf, bei einem solchen Auftritt zugegen zu sein.«

»Besitzest du schwache Nerven? Die darf ein Beamter hier nicht haben, wenn er der Gerechtigkeit die Wege bahnen will. Ich zwinge dich nicht, zugegen zu sein. Warte hier, bis ich zurückkehre.«

»Bleib‘ noch einen Augenblick, O Mudir! Ich habe dir noch Wichtiges zu sagen.«

»Was?«

»Vertraue mir eine Schar Asaker und einige schnelle Boote an! Wir müssen uns beeilen, das Schiff Ibn Asls wegzunehmen, sonst entkommt er uns.«

»Ich habe nichts dagegen, doch mußt du der Arnauten wegen, die dich nicht sehen dürfen, noch einige Stunden warten. Wenn sie dich bemerken und dann ihren Sangak vermissen, ahnen sie den Zusammenhang. Ich befinde mich zu kurze Zeit hier, um kräftig genug gegen sie sein zu können. Nicht der Mudir hatte bisher hier zu befehlen, sondern sie waren es, welche durch die Angst, die sie einflößten, regierten. Ich werde sie zähmen, doch geht das nicht so schnell, wie ich es wünsche.«

»Aber wie willst du es anfangen, daß ich mit Militär absegele, ohne daß die Arnauten es bemerken?«

»Ich schicke sie fort. Flußabwärts, um Steuer einzutreiben, wozu sie sich mit großen Freuden bereitfinden lassen werden. Ich will den Befehl dazu sofort erteilen.«

Er entfernte sich durch die Thüre, durch welche der Sangak geschafft worden war. Ich ging zu der anderen, wo der Fischer noch stand, mit Ben Nils Anzug auf dem Arm. Mein Gefährte nahm denselben, um sich umzukleiden. Dann setzten wir uns wieder zu den Pfeifen, um rauchend die Rückkehr des Mudir zu erwarten.

Während wir so still dasaßen, hörten wir ganz deutlich die Hiebe, welche genau nach dem Takte im Nebenzimmer fielen. Sie wurden erst von einem Stöhnen begleitet, welches nach und nach leiser wurde und dann ganz aufhörte. Das Gefühl, welches ich dabei hatte, ist nicht zu beschreiben. Ich hätte den Mudir hassen mögen und mußte doch einsehen, daß seine eiserne Strenge hier ganz am Platz sei.

Als er zurückkehrte, nahm er bei uns Platz und brannte sich auch seine Pfeife an. Gesprochen wurde nicht. Er lauschte mit seitwärts gebogenem Kopfe auf das klatschende Geräusch, welches mir durch Mark und Bein fuhr. Endlich wurde die Thüre geöffnet; der »Vater der Prügel« steckte den Kopf herein und meldete:

»Fünfhundert!«

»Und der Sangak?« fragte der Mudir.

»Wird nicht mehr gesehen, o Gebieter.«

»Fort mit ihm!«

Der Kopf des Schwarzen verschwand, und ich fragte:

»So ist der Arnaut tot?«

»Ja.«

»Wo wird er begraben?«

»Im Magen der Krokodile; die plaudern nichts aus. Jetzt wird der Baqquara an die Reihe kommen. Ich habe nach ihm geschickt. Ich versprach dir, ihn in deiner Gegenwart peitschen zu lassen. Dieses Mal bist du doch dabei?«

»Nein, ich danke.«

»Es ist nicht so schlimm, wie du denkst, Effendi. Nur dann, wenn der Betreffende nicht wiedergesehen werden soll, wird er so geschlagen, daß er daran sterben muß. Der Baqquara wird seine Hiebe in fünf Raten erhalten und dann zu seinem Stamm zurückkehren.«

»Ich bitte dennoch um Erlaubnis, fern bleiben zu dürfen!«

»Zwingen kann ich dich nicht. Horch, es beginnt bereits!« Die Schläge waren wieder zu hören. Da niemand sprach, mußte ich sie unwillkürlich zählen. Wie lange, wie unendlich lange dauerte es, bis der »Vater der Hiebe« seine »hundert« meldete! Und die hatte ein freier Baqquara, ein Verwandter des späteren Mahdi, bekommen! Er wurde in den Kerker zurückgeschafft, um die übrigen vierhundert in vier wöchentlichen Raten ehrlich verabreicht zu erhalten.

Nun erinnerte ich den Mudir an den Fischer, welcher noch immer auf seine hundert Piaster wartete. Er ließ ihn hereinkommen und fragte ihn:

»Erwartest du vielleicht, die Prämie zu bekommen, welche ich bekannt machen ließ?«

»Wenn deine Güte mir erlaubt, diese Hoffnung zu hegen, so thue ich es, o Gebieter,« antwortete der Mann in demütigem Tone.

»Meine Güte erlaubt dir nichts. Du hast nichts zu hoffen.«

»Aber ich habe dir doch den Effendi und auch Ben Nil gebracht!«

»Sie wären auch ohne dich gekommen. Ich stelle dir die Wahl: Entweder erklärst du, bezahlt zu sein, oder du bekommst fünfhundert. Was ist dir angenehmer?«

»Herr, ich bin bezahlt!«

»So kannst du gehen!«

Der »Vater der Fünfhundert« war ein Freund der Gerechtigkeit selbst auf die Gefahr hin, unmenschlich zu sein, aber den Beutel zu ziehen, das schien nicht zu seinen Passionen zu gehören! Der beste Mensch hat seine Schwächen! Der Fischer wendete sich zum Gehen, drehte aber unter dem Eingange den Kopf noch einmal um und fragte mich:

»Effendi, wirst du Wort halten? Ich bin ein armer Mann.«

»Was ist’s? – Welches Wort sollst du halten?« fragte mich der Mudir.

»Ich versprach ihm, daß er die hundert Piaster bekommen werde,« antwortete ich, indem ich in die Tasche griff.

»Und da willst du sie ihm geben? Was fällt dir ein! Du bist mein Gast und hast nichts zu bezahlen. Hörtest du nicht, daß er sie erhalten hat?«

»Gehört habe ich es, aber nicht gesehen. Erlaube mir, sie ihm zu geben!«

»Nein! Wenn du darauf bestehst, so soll er sie von mir bekommen. Aber Geld habe ich nicht. Die Steuern werden in Gestalt von Tieren und Früchten entrichtet, und so kann ich auch nur in dieser Weise bezahlen. Er mag zu meinem Schäfer gehen und sich drei Schafe geben lassen. Und nun fort mit ihm!«

Als ich mich am nächsten Tage erkundigte, erfuhr ich zu meiner Befriedigung, daß der Mann die Schafe wirklich erhalten hatte. Er schien dessen auch jetzt schon ganz sicher zu sein, denn er bedankte sich durch drei tiefe Verneigungen, wobei sein Gesicht vor Freude glänzte.

Kaum war er fort, so wurde gemeldet, daß die Arnauten abgezogen seien. Ihr Ziel war die Gegend von Kuek. Wehe den armen Menschen, bei denen diese Soldaten einzogen, um die Steuer zu erheben! Es war nicht nur diese zu zahlen, sondern auch der ganze Unterhalt für die Arnauten zu liefern, und den hatten diese selbst zu bestimmen. Was da für Ungerechtigkeiten vorkommen, kann man sich denken. Gewöhnlich ergreifen die Bewohner, sobald sie hören, daß sich die Steuersoldaten nahen, mit Weib und Kind, mit Hab und Gut die Flucht, um erst dann wieder zurückzukehren, wenn sie erfahren, daß die Asaker wieder fort sind.

Nun wurde eine Anzahl von Segelbooten aufgetrieben, welche fünfzig wohlbewaffnete Soldaten aufnahmen. Natürlich schloß ich mich mit Ben Nil dieser ebenfalls verspäteten Expedition an. Als wir aufbrachen, war der Mittag schon vorüber. Gegen fünf Uhr langten wir bei den drei Armleuchtereuphorbien an – das Schiff war fort.

Ich ging an das Ufer, um dasselbe zu untersuchen, und fand die Spuren vieler Menschen, welche an Bord gegangen waren. Sie waren alle barfuß gewesen; ihre Anzahl war unmöglich zu bestimmen; die Zeit aber konnte ich mit ziemlicher Sicherheit erraten. Die Eindrücke waren wenigstens fünf Stunden alt. Das Schiff konnte nicht eingeholt werden, und wir mußten unverrichteter Sache nach Faschodah zurückkehren.

Nach diesem Fehlschlag hoffte ich wenigstens, daß mir etwas anderes gelingen werde, nämlich die Ergreifung der fünf Takaleh, welche die drei Händler überfallen und zwei von ihnen ermordet hatten. Der dritte war wieder hergestellt.

Schedid, ihr Anführer, war mit dem Sangak der Arnauten bekannt. Es stand zu erwarten, daß er sich in der Nähe von Faschodah verbergen und dann einen Boten an den Arnauten senden werde. Da dieser Bote jedenfalls sich direkt nach der ihm bekannten Wohnung des Arnauten begab, so konnte er am besten dort erwartet und ergriffen werden. Darum ersuchte ich den Mudir um die Erlaubnis, die Wohnung mit Ben Nil und dem dritten Händler beziehen zu dürfen, was mir auch sehr gern gewährt wurde. Hafid Sichar, den wir von den Takaleh befreit hatten, zog auch zu uns, da er sich von mir nicht trennen wollte. Dazu kamen einige Soldaten zu unserer Bedienung. Sie hatten den Eingang zu bewachen und erhielten den Befehl, jeden, der nach dem Sangak fragen werde, sofort zu mir zu bringen.

Es war am Spätabende des ersten Tages, als wir einzogen. Der nächste Tag verging, ohne daß der erwartete Bote eintraf, kaum aber war der dritte Tag angebrochen, so hörten wir es draußen klopfen, und der Erwartete kam. Er wurde zu mir geführt und war nicht wenig betroffen, anstatt den Sangak mich zu sehen. Ich sagte ihm, daß ich allerdings der fremde Effendi, keineswegs aber der Mudir von Dscharabub, noch viel weniger ein Senussi sei. Auch teilte ich ihm mit, daß ich es gewesen sei, der ihnen Hafid Sichar und den Scheik der Baqquara entführt hatte. Das machte ihn noch viel ängstlicher, und er wollte nicht mit der Sprache heraus. Als ich ihm aber mit der Bastonnade drohte und, da auch das nicht half, die Vorbereitung dazu treffen ließ, bequemte er sich, mir den Ort zu sagen, an welchem sich Schedid mit seiner Karawane befand. Es war derselbe, etwa eine Stunde von Faschodah liegende Wald, in welchem wir die Rückkehr unseres Boten erwartet hatten. Als ich dies dem Mudir meldete, stellte er mir fünfzig Soldaten seiner Garnison, keine Arnauten, zur Verfügung, um die Karawane aufzuheben. Wir marschierten ab und nahmen den Boten mit, damit er uns die betreffende Stelle, welche er uns nicht genau hatte beschreiben können, zeigen solle. Er hatte zwischen Ben Nil und Hafid Sichar zu gehen, welche ihm bedeuteten, daß sie ihn beim geringsten Versuch eines Verrates töten würden.

Die Vorsicht veranlaßte uns, einen Umweg zu machen. Es war anzunehmen, daß Schedid in der Richtung nach Faschodah aufpassen werde und also unsere Annäherung bemerken müsse, falls dieselbe in gerader Richtung geschehe. Wir schlugen also einen Bogen, um anstatt von Osten her von Süden auf den Wald zu treffen.

Als wir denselben erreichten, drangen wir unter den Bäumen langsam vor. Da zeigte es sich, daß es dem Boten, eben weil wir aus anderer Richtung kamen, unmöglich war, die Stelle, an welcher seine Genossen lagerten, zu finden. Wir blieben also halten, und ich allein ging rekognoscieren.

Der Zufall führte mich schnell nach dem richtigen Orte. Hinter Bäumen wohl versteckt, konnte ich die Karawane beobachten. Sie lagerte auf einem Platze, welcher für uns sehr günstig war, denn er wurde auf zwei Seiten von Büschen eingefaßt, welche uns eine unbemerkte Annäherung gestatteten. Ich holte meine Soldaten herbei und stellte sie hinter diesen Sträuchern auf. Dann machte ich mir den Spaß, allein eine kurze Strecke zurückzukehren und mich dann von der andern Seite offen der Karawane zu nähern. Die Takaleh sprangen, als sie mich sahen und erkannten, überrascht auf.

»Der Senussi, der Senussi, der Mudir von Dscharabub!« riefen sie aus.

Ich trat so furchtlos, als ob es keine Differenzen zwischen uns gegeben hätte, zu ihnen heran und grüßte sie.

»Du bist hier, hier in der Gegend von Faschodah?« fragte der Schedid mit finsterer Miene. »Wie kommst du denn hierher?«

»Auf meinem Kamele.«

»Wo ist dein Begleiter, der junge Chatib der Senussi?«

»In der Nähe.«

»Was wollt ihr denn in Faschodah? Du kommst mir verdächtig vor. Warum habt ihr uns nicht gesagt, daß ihr nach Faschodah wollet?«

»Weil ihr uns zwar nach unserer Herkunft, nicht aber nach dem Ziele unserer Reise fragtet.«

»Seid ihr erst jetzt hier im Walde angekommen?«

»Nein. Wir waren schon früher hier. Wir wohnen in der Stadt bei dem Sangak der Arnauten, oder vielmehr in seinem Hause.«

»Bei diesem? Du weißt, daß ich ihn kenne. Ich habe einen Boten an ihn gesandt. Ist er zu Hause?«

»Jetzt nicht mehr. Er befindet sich im Himmel oder in der Hölle.«

»Allah w‘ Allah! So ist er wohl gar gestorben?«

»Ja, gestern.«

»An welcher Krankheit?«

»An der Bastonnade.«

»O Allah, O Muhammed, o Prophet! Willst du mit deinen Worten sagen, daß er totgeprügelt worden sei?«

»Allerdings.«

»Ein Sangak der Arnauten! Totgeprügelt! Das kann doch nur auf Befehl des Mudirs geschehen sein, und der war ja sein Gönner – sein Freund!«

»Der frühere, ja, nicht aber der jetzige.«

»Giebt es denn jetzt einen andern?«

»Ja. Ali Effendi el Kurdi wurde abgesetzt, weil er den Sklavenhandel begünstigte. Der neue Mudir heißt zwar auch Ali Effendi, ist aber ein ganz anderer Mann. Er rottet die Sklavenhändler aus und wird Abu Hamsah Miah genannt, weil er jedem Sklavenfänger, den er ergreift, fünfhundert aufzählen läßt.«

»So stehe uns Allah bei! Unsere Berechnung ist zu schanden. Unser Bote müßte längst zurück sein. Es wird mir angst um ihn. Wenn der Mudir ihn ergreift, wird er sagen müssen, weshalb er nach Faschodah gekommen ist.«

»Das schadet nichts.«

»Nichts? Soeben sagtest du, daß jeder Sklavenfänger fünfhundert Hiebe bekomme, und wir sind doch hier, um Sklaven zu verkaufen.«

»Die habt ihr aber nicht gefangen, sondern sie sind das Eigentum eures Mek, der dich mit ihnen nach Faschodah sandte. Du mußt die Befehle deines Gebieters erfüllen. Übrigens ist bei euch das Sklavenmachen ein Recht des Königs, welches der Mudir ihm nicht nehmen kann. Der letztere kann dich also nicht bestrafen, aber er wird dir verbieten, die Sklaven zu verkaufen.«

»Allah sei Dank, denn diese Worte erleichtern mein Herz; ich brauche nicht so um mich besorgt zu sein wie du um dich.«

»Ich um mich? – Wieso?«

»Du bist nicht derjenige, für den du dich ausgabst. Erst als du fort warst, kamen mir verschiedene Punkte deiner Aussagen verdächtig vor, und je länger ich über dieselben nachdachte, desto sicherer erschien es mir, daß du nicht aus Dscharabub bist. Jetzt läufst du mir wieder in die Hände, und ich will die Wahrheit wissen. Belüge uns nicht abermals, sonst kenne ich genug Mittel, die Wahrheit aus dir heraus zu bringen!«

»Pah! Was kann dir daran liegen, genau zu wissen, wer ich bin!«

»Viel liegt mir daran, denn ich habe dir in meiner Leichtgläubigkeit, in meinem vorschnellen Vertrauen, Dinge mitgeteilt, welche eigentlich niemand außer uns wissen darf. Wenn du jener verdammte fremde Effendi wärst!«

»Hm! Das ist wahr; aber du kannst es nun nicht ändern.«

»Nicht ändern?« fragte er, mich mit einem betroffenen Blicke musternd. »Was soll das heißen?«

»Es heißt, daß ich allerdings jener ›verdammte‹ Effendi bin.«

»Hund! Das wagst du mir zu sagen?!«

»Warum nicht! Ich sehe kein Wagnis dabei. Ich will dir sogar noch mehr sagen. Als wir von euch fort waren, verschwand der Baqquara, und auch ein Sklave Namens Hafid Sichar kam euch abhanden?«

»So ist es.«

»Diesen Hafid Sichar habe ich, während ihr schliefet, befreit; ich schnitt ihn von dem Seile los. Und den Baqquara nahm ich gefangen, um ihn in Faschodah bestrafen zu lassen. Er ist zu fünfhundert Hieben verurteilt, von denen er bereits hundert erhalten hat.«

»Welche Verwegenheit, mir das zu sagen!« rief Schedid aus, indem er beide Hände nach mir ausstreckte, als ob er mich ergreifen wolle. Er ließ sie aber wieder sinken, so perplex war er über meine vermeintliche Kühnheit. Ich fuhr unbeirrt fort:

»Das, was du mir über den Sangak mitteiltest, ist ihm freilich verderblich geworden, denn ich habe ihn angezeigt, worauf er die Bastonnade erhielt, an welcher er gestorben ist.«

»Du, also du bist schuld an seinem Tode! Und dessen rühmst du dich auch noch! Das soll auf der Stelle gerochen werden. Ich zermalme dich mit diesen meinen Fäusten!«

Er wollte mich jetzt in Wirklichkeit packen. Ich wich zurück und warnte ihn:

»Wage es nicht, mich zu berühren! Ich habe mich am Nid en Nil nur zum Scheine von dir besiegen lassen; im Ernste aber würdest du den kürzeren ziehen!«

»Es ist Ernst, vollständiger Ernst. Nun zeige mir den kürzeren, den ich ziehen soll!« schrie er, indem er auf mich eindrang.

»Ben Nil, herbei!« rief ich, indem ich dem riesigen Takaleh in raschen Wendungen auswich. Er drang mir immer ungestümer nach und achtete weder auf meine Worte noch auf das, was darauf geschah. Er hatte nur Augen für mich. Er hörte das Geschrei seiner Leute, bezog dasselbe aber auf seinen Kampf mit mir. Ich wich in der Weise vor ihm zurück, daß er den Seinen den Rücken zukehrte. Dabei stolperte er über eine Wurzel, und ich benutzte das, ihn zu packen und vollends niederzuwerfen. Er wollte wieder auf; ich hielt ihn aber fest, bis Ben Nil mit einigen Asakern herbeikam und ihn band.

Er knirschte vor Grimm. Seine Augen waren rot unterlaufen. Er hatte immer noch nur mich im Sinne und schrie mit heiserer Stimme: »Hund, du wagst es, mich zu binden! Der Tod des Sangak soll zehnfach über dich kommen!«

»Bist du denn plötzlich erblindete« antwortete ich ihm. »Sieh doch um dich, was geschehen ist! Wer soll dich denn frei machen? Etwa deine Leute?«

Die Takaleh waren vollständig überrumpelt worden. Unser Angriff war natürlich nicht auf die an das Seil befestigten Sklaven gerichtet, und es fiel diesen auch gar nicht ein, sich an dem kurzen Kampfe zu beteiligen. Und was die freien Krieger betraf, so hatten sie sich so wenig eines Überfalles versehen, daß sie leicht und schnell niedergerissen und entwaffnet worden waren. Sie bildeten jetzt eine enge Gruppe, um welche die Soldaten mit schußfertigen Gewehren standen. Als Schedid das sah, schrie er auf:

»Soldaten hier! Wir sind überfallen worden?! Lügner, Verräter, Betrüger! Ich glaubte, du seiest allein im Walde.«

»Das war sehr unklug von dir. Du wirst mir nach Faschodah zu dem Mudir folgen.«

»Was soll ich bei ihm? Du selbst hast mir ja soeben versichert, daß er mir nichts anhaben könne!«

»In Beziehung auf deine Absicht, diese Sklaven zu verkaufen, kann er dir allerdings nichts thun; aber es giebt einen anderen, weit triftigeren Grund, welcher mich veranlaßt hat, euch hier so freudig zu überraschen. Giebt es vielleicht einen oder mehrere unter euch, welche Goldstaub aus dem Dar Famaka bei sich tragen?«

»Goldstaub? Aus Famaka? Wir sind ja nie in jenem Lande gewesen,« antwortete er, indem er sichtlich verlegen wurde.

»O man kann Thibr von dorther besitzen, ohne jene Gegend jemals gesehen zu haben. Man kann durch Tausch und auch durch Diebstahl oder durch Raub in seinen Besitz gekommen sein.«

»Was willst du damit sagen? – Ich verstehe dich nicht.«

»Ich will damit meine Ansicht aussprechen, daß fünf von euch solchen Staub bei sich tragen.«

Er erschrak, schwieg eine Weile und behauptete dann:

Ach weiß nichts davon.«

»So weiß ich mehr als du und werde dir diese fünf genau bezeichnen. Sind euch nicht nördlich vom Nid en Nil drei Händler begegnet, welche auf Eseln ritten?«

»Nein,« würgte er mühsam hervor.

»Lüge nicht! Du hast sie begrüßt und ausgefragt. Dann ließest du die Karawane vorausgehen und bliebst mit noch vieren bei den Händlern zurück, um sie zu ermorden, und wegen dieses Mordes bist du jetzt festgenommen worden.«

Und mich an seine Leute wendend, fuhr ich fort:

»Euer Anführer hat euch betrogen, ihr müßt zugeben, daß euch die drei Händler begegnet sind. Schedid erfuhr, daß sie viel Goldstaub besaßen, und beschloß, ihnen denselben abzunehmen. Er schickte euch voran und behielt nur vier bei sich, mit deren Hilfe er die Händler überfiel. Die fünf nahmen den Goldstaub an sich und haben euch jedenfalls die That verschwiegen, um nicht mit euch teilen zu müssen. War das kameradschaftlich gehandelt? Konnte nicht jeder von euch einen Anteil beanspruchen? Ihr wißt, wer die vier, welche mit dem Anführer zurückblieben, gewesen sind, und ich fordere euch auf, sie mir zu bezeichnen. Nur die Thäter trifft die Strafe; die andern können unbehelligt in ihre Heimat zurückkehren. Schweigt ihr aber, so macht ihr euch der That mit schuldig. Das gebe ich euch zu bedenken.«

Schedid versuchte den Folgen meiner Worte vorzubeugen, indem er in befehlendem Tone ausrief:

»Wir sind keine Räuber, keine Mörder. Wir haben keinen Händler getötet und besitzen keinen Goldstaub. Meine Leute sind mutige Takaleh, und keiner von ihnen wird sich erniedrigen, dir, dem Ungläubigen, eine Antwort zu geben.«

Die Takaleh waren vorhin bei meiner Rede unruhig geworden; sie hatten gegeneinander gemurrt; die Unschuldigen hatten im Begriffe gestanden, sich von den Schuldigen zu scheiden, das hatte ich wohl bemerkt. Jetzt aber gaben sie diese Absicht auf; sie sagten nichts und bewegten sich auch nicht von ihren Plätzen. Ich hatte den von uns geretteten Händler mitgenommen und ihm verboten, sich zunächst sehen zu lassen. Er stand noch hinter dem Gebüsch, und ich rief ihn jetzt herbei. Er erhob seine Stimme schon ehe er mich erreicht hatte:

»Effendi, sie sind da, alle fünf. Ich habe sie sogleich erkannt.«

Er deutete auf den Schedid und noch vier andere, die ich sofort auch binden ließ. Wir untersuchten ihre Taschen, fanden aber nichts. Da ließ ich mir ihre Kamele zeigen, um die Decken, Sättel und Sattelsäcke zu durchsuchen. Das war von Erfolg. Jeder hatte seinen Anteil auf schlaue Weise versteckt, doch wurde alles gefunden. Erst nun hielten die Unschuldigen es an der Zeit, sich zu erklären. Einer von ihnen nahm das Wort:

»Effendi, Allah weiß es, daß wir unschuldig sind. Verlange jeden Eid; wir sind bereit, ihn zu leisten. Wir wissen nichts von der That. Wir sind betrogen worden!«

»Ich glaube dir und wiederhole meine Versicherung, daß euch nichts geschehen wird. Zwar muß ich auch euch zum Mudir bringen, doch wird er euch nicht festhalten. Nur wenn ihr euch weigert, mitzugehen, wird euch Strafe treffen.«

Ich hatte einen guten Grund, schon hier im Walde nach dem Goldstaube zu suchen und dies nicht später in Faschodah geschehen zu lasen. Wenn nämlich der Mudir den Staub in die Hände bekam, so stand zu erwarten, daß ein Teil davon, vielleicht gar alles in denselben kleben bleiben werde. Das wollte ich mit Rücksicht auf den armen Händler verhüten. Ich nahm denselben also, während zum Aufbruche gerüstet wurde, beiseite und fragte ihn:

»Kennst du vielleicht die Familien deiner beiden ermordeten Gefährten?«

»Natürlich kenne ich sie. Wir drei waren nahe verwandt und sind stets nur miteinander gereist. Du hast den Staub gefunden, Effendi. Was wird mit demselben geschehen? Besinnst du dich, daß du die Gnade hattest, mir zu sagen, daß ich wahrscheinlich wieder zu meinem Eigentum kommen werde?«

»Ja, ich weiß es. Ich halte dich für einen ehrlichen Mann, der seine Verwandten nicht betrügen wird. Hier hast du den Staub. Du wirst erfahren haben, wo eure drei Esel sich befinden; hole sie dir, und mache dich auf und davon, damit dir nichts genommen werde!«

Er hielt die fünf Päckchen in den Händen, blickte bald sie, bald mich an und fragte mit vor Glück zitternder Stimme:

Ast es möglich? Meinst du das wirklich so! Ich soll alles haben? Du willst nichts für dich behalten?«

»Nein. Ich habe kein Recht dazu, und wenn ich es hätte, würde ich nichts behalten.«

»O, Effendi! Da sind die fünf Pakete; nimm wenigstens eins, nimm zwei!«

Er hielt sie mir hin.

»Ich wiederhole, daß ich nichts nehme.«

»Aber wie soll ich dir deine Güte vergelten? Ich weiß, daß der Mudir sehr zornig auf dich sein wird.«

»Mag er; ich mache mir nichts draus. Sorge nur dafür, daß er nicht etwa deiner habhaft wird!«

»O, er wird mich nicht zu sehen bekommen. Ich werde laufen, gleich jetzt laufen und nicht eher ausruhen, als bis ich weit, sehr weit von Faschodah entfernt bin. Allah segne dich! Du bist ein Christ, Effendi; wären doch alle Moslemim solche Christen!«

Er drückte meine Hand an seine Lippen und eilte fort. Es fiel ihm nicht ein, mit uns zurück zu marschieren, und ich nahm ihm das auch gar nicht übel.

Der Aufbruch verursachte dadurch einige Schwierigkeiten, daß Schedid sich sträubte, mitzugehen oder sich fortschaffen zu lassen. Er war zwar gefesselt, besaß aber eine so ungewöhnliche Körperstärke, daß er uns selbst in diesem Zustande zu schaffen machte. Er konnte nur durch Ben Nils Peitsche zur bessern Einsicht gebracht werden; dann gaben wir ihm die Füße frei und banden ihn mittels eines Strickes an den Schwanz eines Kameles. Wollte er sich nun nicht schleppen lassen, so mußte er wohl oder übel laufen.

Seine vier Mitthäter waren klug genug, sich fügsamer zu zeigen. Die übrigen folgten freiwillig, wie sie es versprochen hatten.

Unser Zug erregte, als wir in Faschodah ankamen, kein geringes Aufsehen. Alt und jung lief uns nach, bis wir hinter der Thüre des Mudirgebäudes verschwanden. Als ich dem »Vater der Fünfhundert« meine Meldung machte, war seine erste Frage nach dem Goldstaube, ganz so, wie ich es erwartet hatte. Wie fuhr er auf, und wie blickte er mich an, als ich ihm mitteilte, wem ich denselben gegeben hatte. Er wurde grob, ja sehr grob und beehrte mich mit verschiedenen Namen, für deren Wiedergabe ich kein Bedürfnis besitze; er rannte gestikulierend im Zimmer umher, blieb endlich vor mir stehen und schnaubte mich an:

»Ich werde diesen Händler holen lassen. Er ist ganz gewiß noch da, wo eure Kamele und Esel untergebracht wurden, zu finden. Ich lasse ihn arretieren; ich sperre ihn ein; er bekommt die Peitsche; ich muß den Goldstaub haben, – ich muß! Verstehst du mich!«

»Wenn der Mann aber schon fort ist?«

»So laß ich ihn verfolgen, und wenn ich ihm meine ganze Garnison nachschicken sollte.«

»Und wenn auch das vergeblich ist?«

»So jage ich dich zum Teufel; hörst du, dich!«

»Kommst du dadurch zu dem Golde?«

»Nein, leider nein! Aber ich habe dann doch wenigstens eine Rache, eine – – ah, Rache! Dabei fallen mir die fünf raubmordenden Takaleh ein. Wehe ihnen, wenn der Goldstaub nicht zu erlangen ist! Sie sollen es mir büßen, schwer büßen!«

Damit war sein Zorn von mir ab und auf Personen gelenkt, denen es mehr als mir zu gönnen war. Er befahl, die ganze Sippschaft, Schuldige und Unschuldige, einzusperren und auf das strengste zu bewachen, und sandte dann Boten aus, welche den Händler samt seinem Golde herbeischaffen sollten. Ich zog mich in das mir zugewiesene Gemach zurück und ließ mich nicht eher sehen, als bis er mich gegen Abend zu sich rufen ließ. Er war noch immer sehr erregt und knurrte mich an:

»Er ist fort, über alle Berge, dieser Hund, und mit ihm der Goldstaub, welcher in die Kasse der Regierung gehört. Kein Mensch kann erfahren, wohin er sich gewendet hat. Er hat die Esel abgeholt und ist dann verschwunden wie ein Tropfen, welcher in das Wasser fällt. Allah vernichte ihn! Ich werde aber eine Entschädigung haben. Was ich an Goldstaub eingebüßt habe, werden die Takaleh an Schlägen mehr erhalten; das wird mein Herz erquicken und meine Seele beruhigen. Ich habe nach diesen Hunden gesandt, um sie holen zu lassen. Ich will jetzt Gericht halten und du mußt als Zeuge dabei sein. Komm!«

Er führte mich hinab in den Hof, wo sämtliche Takaleh unter militärischer Bewachung aufgestellt waren. Ben Nil und Hafid Sichar waren auch schon da. In einer Ecke stand ein barrenartiges Gestell, dessen Seitenteile durch breite Gurte und schmale Riemen mit Schnallen verbunden waren. Neben demselben lag ein Haufen fingerdicker Stöcke, und daneben saß der »Vater der Prügel«. Dies sagte mir, welchem freundlichen Zwecke das Gestell gewidmet sei. Das zahlreich anwesende Publikum nahm über die Hälfte des Hofes ein.

Es würde überflüssig sein, die »Gerichtsverhandlung« zu beschreiben. Schedid wurde mit seinen vier Mitschuldigen verurteilt zu »fünfhundert Hieben und dann nicht mehr sehen zu sein«. Die übrigen wurden freigesprochen, erhielten aber dafür, daß sie mit den Raubmördern eines Stammes waren, durch die Bank weg jeder zehn Hiebe zudiktiert, auch die Sklaven nicht ausgenommen. Diese letzteren wollten auf keinen Fall in ihre Heimat zurückkehren, wo sie die Gewißheit erwartete, doch noch einmal verkauft zu werden. Sie fragten mich um Rat, und ich verwies sie auf den Reïs Effendina, dessen Ankunft bald zu erwarten war. Er brauchte Leute zur Aufbringung der Sklavenjäger, und da die Takaleh den Ruhm tapferer Leute besitzen, so hegte ich die Überzeugung, daß er sie engagieren werde.

Als der Richterspruch gefällt worden war, begann der »Vater der Prügel« seine Arbeit. Die Takaleh wurden, einer nach dem andern, auf die erwähnte Stellage geschnallt, und jeder bekam seine zehn Streiche aufgezählt. Die dabei nötige Arbeit wurde so fabrikmäßig vollführt, und die Delinquenten nahmen ihre zehn mit – wie Uhland sagen würde – einem so schlichten Heldentume hin, daß mir das Zusehen beinahe eine spaßhafte Unterhaltung war. Als dann aber der erste Raubmörder eingeschnallt wurde, entfernte ich mich. Zehn oder fünfhundert Hiebe, das ist ein Unterschied. –

Der Reïs Effendina war wider Erwarten in Chartum und auch unterwegs aufgehalten worden. Er hatte sich so verspätet, daß er erst am sechsten Tage meines Aufenthaltes in Faschoda ankam. Er engagierte die Takaleh und versah sein Schiff mit Munition und frischen Vorräten. Dann begannen wir die Fahrt, von der wir erwarteten, daß sie uns sicher zum Ziele führen werde. Leider war der Vorsprung von sechs Tagen, welchen Ibn Asl vor uns hatte, nicht so leicht und schnell, wie wir gern wünschten, einzuholen. – – –

Die Seribah Aliab


Die Seribah Aliab

Eine Fahrt auf dem weißen Nile wird bis zur Eimündung des Sobat, wenn man aufwärts segelt, dadurch erleichtert, daß bei Anbruch des Tages sich regelmäßig ein guter Nordwind erhebt, welcher während des ganzen Tages kräftig in den Segeln liegt und erst am Abend einschläft, um am nächsten Morgen seine Arbeit von neuem zu beginnen. Hat man aber den erwähnten Fluß erreicht, so verliert sich der Wind entweder, oder man kann ihn wegen der unzähligen Krümmungen des Flusses nicht mehr recht benutzen. Man segelt dann nur, wenn der Nil die dazu geeignete Richtung hat, und muß in den Zwischenzeiten versuchen, mit Hilfe des Zugseiles und der Stoßstangen vorwärts zu kommen. Das ist eine schwere und mühselige Arbeit. Ist das Ufer so fest und trocken, daß die am Seite ziehenden Leute dort gehen können, dann ist man schon zufrieden. Bildet es aber Sümpfe, in denen man versinken würde, so müssen die Boote vorgespannt werden, welche das Schiff zu ziehen haben. Selbst dies ist dann nicht möglich, wenn die ganze Oberfläche des Flusses, was sehr häufig vorkommt, mit Omm Sufah-Strecken bedeckt ist, durch welche man nicht zu rudern vermag. Dann kann man nur bei den Stoßstangen Hilfe suchen. Oft bedarf man eines ganzen Tages, um das Fahrzeug durch ein einziges Omm Sufah-Feld zu bringen. Dann segelt man eine halbe Stunde lang über eine freie, offene Stelle des Stromes, um nachher auf eine noch längere und dichtere Schilfstrecke zu stoßen. Das ist außerordentlich, ja fast unausstehlich langweilig.

Dazu kommt die veränderte Scenerie der Ufer. Der Nil ist hier nicht der durch dürres Wüstenland gehende Fluß, dessen Feuchtigkeit nur dem nahen Ufergelände erlaubt, eine allerdings reiche Vegetation zu tragen, sondern er greift in vielen Haupt- und Nebenarmen über ein weites, niedriges, sumpfiges und meist dicht bewaldetes Gebiet. Dort herrscht das Fieber; dort werden die Stechfliegen zur entsetzlichen Plage; dort liegen riesige Krokodile zu hunderten im Schlamme; Nilpferde weiden auf dem Grunde des Flusses, und zahlreiche größere und kleinere Raubtiere bevölkern die dichten, oft undurchdringlichen Wälder. Man kann tagelang fahren, ohne einen einzigen freien Ausblick zu genießen. Das Wasser ist fast ungenießbar; das erlegte Wildbret fault schon nach zwei Stunden; der mitgenommene Proviant verdirbt, man möchte bezweifeln, daß Menschen hier zu existieren vermögen, und doch leben sie da, in ganzen Völkern, ganzen Stämmen, oft streng voneinander getrennt, oft eng vermischt und dennoch ihre charakteristischen Eigenschaften treu bewahrend.

Diese Menschen, die Bewohner, keineswegs aber die Herren des »schwarzen« Erdteils, sind alle mehr oder weniger von dunkler Farbe – Neger – – das vielgesuchte Wild der Sklavenjagden.

Der Weiße kommt, befreundet sich mit einem Negerstamme, erhält durch List oder für einen lumpigen Preis ein Gebiet abgetreten und errichtet auf demselben eine Niederlassung, Seribah genannt. Er ist im Besitze größerer Kenntnisse und überlegener Waffen; seine anfängliche Freundlichkeit verwandelt sich bald in Strenge; die Schwarzen fürchten ihn, während sie ihn vorher liebten.

Er läßt andere Weiße kommen, die er angeworben hat, Auswürfe aller Gegenden und Bevölkerungsklassen des Orients. Sie bringen Flinten und Pulver mit, suchen nebenbei durch schlechtes Baumwollenzeug, Branntwein, Tabak, Glasperlen die Schwarzen zu ködern. Sie sind gekommen, um Elfenbein zu suchen, weißes in Gestalt von Elefantenzähnen und schwarzes in – menschlicher Gestalt.

Der Scheik des schwarzen Stammes wird mit seinen Leuten gewonnen, indem man einen Anteil der Beute verspricht. Der Raubzug beginnt. Die weißen Teilnehmer nennen sich Asaker; sie sind Offiziere, Unteroffiziere und gewöhnliche Asaker; sie wagen am wenigsten und nehmen den Löwenanteil des Raubertrages für sich. Die Schwarzen sind nicht Soldaten; sie müssen die schwersten Arbeiten verrichten, Kundschafterdienste thun, sich den größten Gefahren aussetzen, die vordersten beim Angriffe sein und erhalten so viel oder so wenig, daß die ihnen gewährten armseligen Vorschüsse sich mit dem ihnen zufallenden Anteile gewöhnlich aufheben oder gar der Rest in Schulden besteht.

Bei größeren und besser organisierten Jagdgesellschaften giebt es auch schwarze Soldaten, die aber gegen die Weißen immer im Nachteile sind. Der Besitzer einer Seribah zahlt den Sold vom Raube aus, mag derselbe nun in Menschen oder Rinderherden bestehen. Die schwarzen Asaker bekommen die alten oder kranken Sklaven und Kühe, von denen sie keinen Nutzen haben.

Und wie wird eine solche Ghasuah, eine solche Sklavenjagd arrangiert und ausgeführt? Nun, ganz genau in derselben Weise, wie ein Einbrecher verfährt, welcher sich mit fremdem Gute bereichert und früher oder später dem Zuchthause verfällt. Nur ist der Sklavenjäger ein ganz klein wenig schlimmer als der Einbrecher, da er Menschen stiehlt, ganze, große Dörfer verheert und entvölkert, und während er hundert Sklaven macht, wenigstens ebensoviel Greise und Kinder als für sich unbrauchbar umbringt. –

Seit unserer Abfahrt von Faschodah waren drei Wochen vergangen, und wir lagen am Einflusse des Rohl in den Bahr el Dschebel. Den Verhältnissen Rechnung tragend, konnten wir mit unserer Fahrt zufrieden sein. Der »Falke« war scharf gebaut; er gehorchte dem Winde, dem Zugseile und den Stoßstangen viel williger als ein schwerfälliger Noquer und ging leichter als ein solcher durch die vielen Schilffelder, welche wir zu durchschneiden hatten. Seine innere Einrichtung bot mehr Bequemlichkeit als diejenige eines Sklavenschiffes. Unsere Vorräte hatten sich gut erhalten. Wir fingen Fische, schossen täglich Wild, hatten eine gute Schiffsapotheke und besaßen Mosquitonetze für alle Mannen. Unser Gesundheitszustand war darum ein verhältnismäßig ganz vortrefflicher.

Leider hatten wir im See No eine kleine Havarie erlitten, welche uns drei volle Tage aufgehalten hatte, und es fehlte uns ein Lotse, welcher die Gegend kannte. Der eigentliche Steuermann des »Falken« und der alte Abu en Nil, sie kannten beide den Fluß nur bis zu dem See No. Seit wir aus demselben in den Bahr el Dschebel eingebogen waren, befanden wir uns in beinahe vollständiger Unkenntnis derjenigen Flußverhältnisse, mit denen wir in Betracht unserer Aufgabe wenigstens ebenso vertraut wie Ibn Asl hätten sein müssen.

Wir suchten die Seribah Aliab. Wo lag dieselbe? Mehrere unserer Leute hatten behauptet, sie leicht finden zu können; aber jetzt zeigte es sich, daß sie sich zu viel zugemutet hatten. Da, wo wir jetzt lagen, begann die Landschaft Aliab. Die daselbst wohnenden Nuehr-Neger nennen sich Aliab; eine Seribah Aliab aber war schlechterdings nicht zu entdecken. Hier und da war uns ein einsam rudernder Neger begegnet, und wir hatten uns erkundigt, leider aber nichts erfahren.

Unsere Bemannung bestand aus den eigentlichen Matrosen, den gemieteten Takaleh und hundert Soldaten, welche unter einem Hauptmann standen. Mochte die Mannschaft Ibn Asls noch so stark sein, wir fürchteten uns nicht.

Der Strom war hier am Einflusse des Rohl sehr breit. Die Sonne brannte förmlich nieder, und kein bewaldetes Ufer bot Schatten. Es gab nur Schilf und nichts als Schilf. Die Leute hatten sich mit den Stoßstangen anstrengen müssen und waren ermüdet; darum hatten wir Anker geworfen, um auszuruhen und die größte Hitze vorüber zu lassen. Das war mir zu langweilig, und ich beschloß, das kleine Boot zu besteigen, um irgend etwas Eßbares zu schießen. Ich wurde nämlich als Proviantmacher des Schiffes betrachtet, da ich meist im Boote voraus war, um zu jagen.

Ben Nil begleitete mich wie gewöhnlich. Ich nahm ihn gern mit, da man nicht gut stets schußfertig sein kann, wenn man das Ruder zu führen hat. Zuweilen bat mich der kleine Djangeh-Knabe, ihn mitzunehmen, und ich erfüllte ihm dann und wann die Bitte, weil er sich kindlich über alles freute, was ich schoß. Dieser Knabe und seine Schwester waren, wie bereits früher erwähnt, ihrem Djangeh-Stamm geraubt und nach Kairo gebracht worden, wo sie im Dienste des Mokkadem arbeiten, ihm alles Geld abliefern mußten und dafür Hunger zu leiden hatten und Prügel bekamen. Ich hatte sie aus dieser Sklaverei befreit und auf den »Falken« gebracht, wo sie sich jetzt noch befanden. Sie wurden ihren Kräften angemessen beschäftigt, gut verpflegt und mit Liebe behandelt. Da sie mir ihre Befreiung zu verdanken hatten, war es kein Wunder, daß sie mir eine ganz besondere Zuneigung erwiesen. Wir hegten die Absicht, sie ihrem Stamme zurückzubringen, hatten aber noch keine Gelegenheit dazu gefunden.

Jetzt schlief der Knabe, weshalb ich nur Ben Nil aufforderte, mich zu begleiten. Wir stiegen in das Boot und stießen vom Schiffe ab. Der Bahr el Dschebel hatte mir schon viele Beute geliefert, darum steuerte ich jetzt dem Rohl entgegen, um zu sehen, ob ich auf diesem Nebenflusse ebenso glücklich sein werde.

Leider war die Zeit nicht günstig. Die Hitze war zu groß und die Tierwelt lag wie zum Tode erschöpft. Um die Glut ohne Schaden auszuhalten, mußten wir uns von Zeit zu Zeit Kopf und Brust befeuchten. So glitten wir wohl eine Stunde lang zwischen Omm Sufah-Inseln aufwärts; dann meinte Ben Nil, daß es wohl geraten sei, nun umzukehren. Ich wollte aber nicht ohne Beute zurückkommen und stand im Boote auf, um besser Umschau halten zu können. Da sah ich oberhalb der Stelle, an welcher wir uns befanden, einen Gegenstand, welcher sich abwärts auf uns zu bewegte. Oben hell und unten dunkel, konnte er aus solcher Entfernung für einen großen Schwimmvogel mit dunklern Körper und weißem Kopf und Hals gehalten werden. Ich setzte mich schnell wieder nieder, um nicht gesehen zu werden, und gebot Ben Nil, das Boot an eine Schilfinsel anzulehnen, wo wir hinter den hohen Stengeln versteckt waren.

Ich nahm das Gewehr in die Hand, bereit, dem Vogel einen Schuß zu geben, ganz gleich, zu welcher Art er gehöre.

Nach einiger Zeit hörten wir ein schnell sich näherndes Plätschern. Ich legte an. Der Vogel erschien, und zwar gerade in Schußlinie. Herrgott, fast hätte ich abgedrückt! Es war kein Vogel, sondern ein Mensch, ein Schwarzer. Der Neger saß in einem leichten, dunklen Kahne und war nur mit einer westenartigen Leinwand bekleidet, welche seine schwarzen, muskulösen Arme frei ließ. Den Kopf hatte er in ein weißes Tuch gehüllt. Darum hatte er in seinem Kahne, von vorn gesehen, einem Vogel mit weißem Kopfe und Hals geglichen.

»Ein Mensch, ein Neger!« flüsterte Ben Nil. »Wollen wir ihm nach?«

»Natürlich! Vielleicht erfahren wir von ihm etwas über die Seribah Aliab. Lege dich in das Zeug! Er rudert schnell, und wir müssen ihn einholen.«

Ben Nil griff in die Riemen. Wir schossen hinter der Schilfinsel hervor und dann im Fahrwasser des Schwarzen dahin. Ben Nil war, wie bereits erwähnt, ein tüchtiger Ruderer; wir näherten uns dem Neger so schnell, daß er bald das Geräusch hörte. Er drehte sich um, sah uns, erschrak und begann nun, zu rudern, als ob er fliehen wolle. Er wollte uns entkommen. Das war verdächtig.

Von jetzt an kamen wir ihm nicht näher. Wir vertauschten daher die Plätze. Ich nahm die Ruder, und Ben Nil setzte sich an das Steuer. Ich war kräftiger als er. Die Ruder bogen sich unter meinem Drucke.

»Wir holen ihn, Effendi, wir holen ihn! Mach‘ so fort!« meinte Ben Nil.

Nach einer Minute sagte er, daß die Entfernung nur noch die Hälfte betrage. Darauf aber rief er:

»Er will zur Seite entkommen, zwischen die Schilfinseln hinein!«

»Nimm mein Gewehr, und schieß den rechten Lauf ab! Aber triff ihn nicht etwa!«

Der Schuß krachte und fast gleichzeitig hörte ich einen Schrei vor uns. Ben Nil hielt das Gewehr noch angelegt und berichtete mir, da ich mit dem Rücken nach vorn saß:

»Er hält an; er sieht mich schußbereit; er hat Angst und zieht die Ruder ein.«

»So laß mich wieder an das Steuer! Ich will selbst mit ihm sprechen.«

Wir wechselten die Plätze wieder. Der Neger hatte die Ruder im Boote liegen und erwartete uns. Sein nicht unhübsches Gesicht drückte halb Furcht, halb Trotz aus.

»Zu welchem Volke oder Stamme gehörst du?«

»Ich bin ein Bongo,« antwortete er.

»Wo willst du hin?«

»Nach Faschodah. Ich möchte gern Soldat werden und habe gehört, daß man dort Asaker braucht.«

»Das ist sehr wahr. Du wirst wohl angenommen werden.«

»Denkst du, o Herr? – Kennst du vielleicht diese Stadt?«

»Ja. Ich komme von dort her.«

Er wollte etwas sagen, verschluckte es, öffnete aber doch noch den Mund, um es hören zu lassen:

»Kennst du den Sangak der Arnauten?«

»Sehr gut.«

»Lebt er noch?«

»Warum sollte er tot sein?«

»Weil – weil – weil – –!«

Er stockte. Ich nahm das Steuer in die rechte, das Gewehr in die linke Hand und sagte ihm in strengem Tone:

»Bursche, du belügst uns. Du bist kein Bongo, denn da würdest du eine braunere Farbe haben; du aber bist tiefschwarz. Auch hat ein Bongo die Stirne niemals so tätowiert wie du. Wir werden uns näher kennen lernen. Da unten liegt unser Schiff. Du kannst es von hier aus nicht sehen. Rudere langsam vor uns her; wir folgen dir. Sobald du einen Versuch machst, uns zu entweichen, schieße ich dich durch den Kopf.«

Der Mann sah ein, daß Widerstand vergeblich sei, tauchte sein Ruder in das Wasser und bewegte sich langsam stromabwärts. Wir folgten ihm in demselben Tempo. Als wir den »Falken« erreichten, mußte er, so wie wir mit dem unsrigen thaten, sein Boot anbinden und dann mit uns das Deck besteigen. Er that dies mit der Miene eines Mannes, der sich seiner Unschuld bewußt ist, doch bemerkte ich gar wohl die besorgten Blicke, welche er um sich warf. Er war keineswegs so unbefangen, wie er sich den Anschein geben wollte. Der Reis Effendina, welcher bekanntlich von seinen Untergebenen Emir genannt wurde, erkundigte sich, warum ich ihn an Bord gebracht habe. Ich teilte es ihm mit. Er musterte den Neger und meinte dann:

»Er hat ein ganz harmloses Aussehen. Warum sollte er sich für einen Bongo ausgeben, wenn er keiner ist?«

»Aus irgend einem Grunde, den wir gewiß erfahren werden. Betrachte sein Gesicht! Die Tätowierung ist ganz eigenartig: in der Mitte der Stirn ein senkrechter Schnitt, von welchem nach beiden Seiten Linien, welche aus lauter Punkten bestehen, sich bogenförmig nach dem Scheitel und den Schläfen ziehen. In dieser Weise tätowieren sich, wenn ich mich nicht irre, die Dinka, aber niemals die Bongo. Er hat mich belogen, und das muß natürlich einen Grund haben. Daß er Soldat werden will, ist nicht wahr, und daß er mich nach dem Sangak der Arnauten fragte, muß den Verdacht natürlich nur noch erhöhen. Ich habe große Lust, ihn für einen Boten zu halten, welchen irgend jemand zu dem Sangak sendet.«

»Doch nicht etwa Ibn Asl?!«

»Entweder dieser oder ein anderer Sklavenhändler.«

»Wäre das richtig, so hätte dieser Schwarze für uns einen hohen Wert. Wollen ihn doch noch einmal vornehmen.«

Er gebot dem Neger, die Wahrheit zu sagen, und bedrohte ihn für den entgegengesetzten Fall mit schwerer Strafe, bekam aber ganz dieselben Antworten, welche ich vorher erhalten hatte. Nun wurde der Mann untersucht. Man fand nichts bei ihm, obgleich sich die Nachforschung sogar auf sein Haar erstreckte. Dasselbe war bis auf einen dünnen Büschel auf dem Scheitel glatt geschoren, was man auch nur bei den Dinkastämmen findet. Auch in seinem Boote fand man nichts.

Was war zu thun? Der Verdacht, welchen ich gegen diesen Neger hegte, war meiner vollsten Überzeugung nach ein sehr wohlbegründeter, aber wir konnten ihm nichts beweisen und hatten also kein Recht, ihn festzuhalten. Als ihm eröffnet war, daß er seine Kahnfahrt fortsetzen könne, fragte ich ihn, ob er wisse, wo die Seribah Aliab liege. Da überflog er mit einem forschenden Blicke unser Schiff, den Emir und mich und antwortete:

»Ja, ich weiß es.«

Dieser sein Blick war sehr beredt gewesen: ich schloß aus demselben, daß der Schwarze wußte, auf welchem Fahrzeuge er sich befand und welche Personen er vor sich hatte. Wenn ich mich damit nicht in einem Irrtume befand, mußte er auf uns aufmerksam gemacht worden sein, und zwar von wem? Doch nur von Ibn Asl. Daraus war die Veranlassung zu ziehen, seine Aussagen nur mit Vorsicht aufzunehmen.

»Nun, wo liegt sie?« fragte ich.

»Da oben,« meinte er, indem er mit der Hand den Hauptfluß aufwärts deutete, »in der Gegend, welche Bahita genannt wird, vier Tagereisen weit.«

»Was für Leute wohnen dort?«

»Ein Stamm des Schur-Volkes.«

Er gab diese Antworten langsam. Man sah und hörte, daß er sich jedes Wort, ehe er es aussprach, überlegte. Dabei besaß er nicht die nötige Gewalt über sein Gesicht, einen Zug wohlgefälliger Pfiffigkeit zu unterdrücken. Er freute sich innerlich über den Bären, welchen er uns aufzubinden meinte. Ich that so, als ob ich ihm glaube und fragte:

»Weißt du das genau? Bist du vielleicht dort gewesen?«

»Ich war dort,« behauptete er, indem er in die Falle ging, welche ich ihm mit meiner letzten Frage gestellt hatte.

»So! Dann weißt du also ganz bestimmt, was du sagst. Wie aber kommt es denn, daß nicht die Schur, sondern die Tuitsch jene Gegend bewohnen?«

»Die Tuitsch?« sagte er verlegen. »Die sind nicht dort.«

»O doch! Sie sind am rechten Ufer des Flusses, während am linken die Kytsch ihre Hütten haben. Das Gebiet der Schur beginnt viel, viel weiter westlich. Und die Entfernung soll nur vier Tagesfahrten betragen? Das sagst du, um uns bereitwilliger zu machen, nach Bahita zu segeln. Ich aber kenne die richtige Entfernung. Wir würden Bahita, selbst wenn wir stets günstigen Wind hätten, nicht unter fünfundzwanzig Tagen erreichen. Du bist unvorsichtig gewesen, denn deine Lüge war zu grob, zu handgreiflich.«

»Ich lüge nicht, Effendi!« beteuerte er.

»Effendi? Du gibst mir diesen Titel? Also kennst du mich?«

Seine Verlegenheit wuchs, doch antwortete er schnell:

Ach nenne jeden vornehmen Weißen so.«

»Also hältst du mich für einen vornehmen Mann und bildest dir dennoch ein, klüger zu sein als ich? Du irrst. Du willst uns in die Irre führen; wir aber werden uns hüten, uns nach deinen Unwahrheiten zu richten.«

»Herr,« rief er aus, »ich habe nichts als die Wahrheit gesagt!«

»Von allem, was du gesagt hast, ist nur das Eine wahr, daß du die Seribah kennst. Du willst haben, daß wir sie nicht finden, und hast daher eine falsche Richtung angegeben. Ich nehme gerade das Gegenteil für wahr an. Die Seribah liegt nicht am Haupt-, sondern am Nebenflusse, nicht am Bahr el Dschebel, sondern am Rohl, welchen du herabgerudert kamst. Sage mir doch, wem die Seribah Aliab gehört! Da du dort gewesen bist, mußt du es wissen.«

»Sie gehört – gehört – –« stotterte er verlegen – – »einem Weißen, dessen Namen ich vergessen habe.«

»Sage lieber, dessen Namen du nicht nennen willst, weil du nicht wünschest, von uns für einen Bekannten von ihm gehalten zu werden. Er heißt Ibn Asl. Erinnerst du dich?«

»Ja,« gab er zögernd zu.

»Schön! Du kennst diesen Mann. Du warst bei ihm. Du gehörst zu den Dinka, welche er unten am weißen Nile angeworben hat. Er sandte dich mit einer Botschaft an den Sangak der Arnauten in Faschodah und hat dich darauf aufmerksam gemacht, daß du uns möglicherweise unterwegs begegnen wirst. Er hat dir unser Schiff, den Reis Effendina und auch mich beschrieben und dir gesagt, wie du dich verhalten sollst, falls du mit uns zu sprechen kommst. Willst du so frech sein, dies abzuleugnen?«

Sein Verstand reichte nicht zu, einzusehen, daß ich nur durch eine ganz einfache, natürliche Logik zu diesen Behauptungen gekommen war. Er sah mir betroffen in das Gesicht, blickte dann zu Boden und – schwieg.

»Antworte!« forderte ich ihn im scharfen Tone auf.

»Es ist nicht so, wie du denkst,« versicherte er. »Ich bin ein Bongo und will nach Faschodah, um Soldat zu werden. Das habe ich dir schon gesagt und kann auch jetzt nichts anderes sagen.«

Diese Hartnäckigkeit hätte mich wohl in einige Verlegenheit gebracht, wenn nicht in diesem Augenblicke etwas ganz Unerwartetes geschehen wäre. Der Djangeh-Knabe, welcher, wie bereits erwähnt, geschlafen hatte, war erwacht und kam mit seiner Schwester auf die Gruppe zu, welche sich um den Emir, mich und den Neger gebildet hatte. Als sein Blick auf diesen letzteren fiel, blieb er wie versteinert stehen, starrte ihn mit großen, weitgeöffneten Augen an und schrie dann mit gellender Stimme auf:

»Agadi, Aba-charang!«

Diese Worte waren nicht arabisch, sondern aus dem Dialekte des Stammes, welchem die beiden Negergeschwister angehörten. Sie bedeuteten: Agadi, mein Vatersbruder! also: mein Oheim. Der Angeredete hatte die Kinder nicht bemerkt. Als er seinen Namen hörte, wendete er sich schnell zu ihnen um. Sie eilten auf ihn zu und er erkannte sie. Seine Überraschung war so groß, daß er sich, ohne sich zu bewegen, von ihnen umschlingen ließ. Sie weinten, nein, sie heulten vor Freude und kletterten an ihm empor. Da löste sich seine Erstarrung in einem schrillen Schrei des Entzücken. Er drückte sie an sich; er tanzte mit ihnen über das ganze Deck und brüllte dazu Worte, welche ich nicht verstand, weil sie nicht der arabischen, sondern der Dinkasprache angehörten, von welcher mir nur einige Worte und Redensarten bekannt waren. Nach einiger Zeit wurde er ruhiger und setzte sich mit ihnen nieder. Sie führten ein buntes, sehr lebhaftes Gespräch, welches wohl eine halbe Stunde währte.

Wir störten sie natürlich nicht und warteten das Ergebnis dieser Unterredung ruhig ab. Als er alles erfahren hatte, stand er auf, kam mit freudestrahlendem Angesichte auf mich zu, machte mir eine tiefe, sehr ehrerbietige Verbeugung und sagte, jetzt natürlich in arabischer Sprache:

»Effendi, verzeihe mir! Ich wußte nicht, daß diese Kinder hier seien und was du an ihnen gethan hast. Du bist ein guter, ein sehr guter Herr und kein so schlechter, böser Mann, wie ich vorher dachte.«

»Ah, also hast du mich doch gekannt?«

»Ja. Als ich euch da oben auf dem Flusse begegnete, wußte ich nicht, wer du warst; aber als ich das Schiff sah, erkannte ich, wen ich vor mir hatte.«

»Ich habe also vorhin richtig vermutet, wir sind dir beschrieben worden?«

»Ja, und zwar so genau, daß ich mich jetzt wundere, dich nicht sogleich erkannt zu haben. Ibn Asl that es.«

Zu dessen Kriegern du gehörst?«

»Ja, ich gehöre zu den Djangeh, welche er gemietet hat, ich bin sogar der Anführer derselben.«

»Du sollst eine Botschaft nach Faschodah bringen?«

»So ist es. Einen Brief an den Sangak der Arnauten, welcher Ibn Mulei heißt.«

»Wir haben ihn nicht gefunden. Du mußt ihn sehr gut versteckt haben. Wo ist er?«

»Effendi, ich habe Ibn Asl mein Wort gegeben, ihn nur an den Sangak abzuliefern.«

»Du bist ein ehrlicher Mann; Ibn Asl ist aber ein Schurke, der dich wahrscheinlich betrügen will.«

»Mich betrügen? – Wieso?«

»Du bist der Anführer der Djangeh-Krieger, und er kann dich als solchen unmöglich missen. Wenn er dich dennoch entfernt hat, so ist zu vermuten, daß er gegen deine Leute Absichten hegt, welche keine ehrlichen sind. Hatte er keinen andern, keinen Weißen, den er senden konnte? Deine Leute sollen führerlos sein. Verstanden?«

Er blickte sinnend und finster vor sich nieder. Dann sagte er:

»Ibn Asl sagte, daß es gerade ein großer Beweis seines Vertrauens sei. Er kann nichts Schlimmes gegen meine Djangeh vorhaben, denn er bedarf ihrer; ohne sie kann er keine Sklaven jagen.«

»Das ist wahr. Er wird mit ihrer Hilfe Sklaven fangen. Aber dann, wenn er sie nicht mehr braucht – –?! Wie nun, wenn er ihnen dann nicht nur ihren Lohn nicht auszahlt, sondern sie selbst zu Sklaven macht?«

Er sah mich erschrocken an. Er brauchte Zeit, sich ein solches Verhalten als möglich zu denken. Dann rief er aus:

»Effendi, kann denn so etwas überhaupt geschehen?«

»Ibn Asl ist jede, auch die größte Schlechtigkeit zuzutrauen. Und was für Menschen hat er bei sich? Frage deine jungen Verwandten, den Knaben und das Mädchen!«

»Sie haben mir alles, alles gesagt. Du hast sie errettet. Du hast schon viele andere Sklaven erlöst. Du weißt alles vorher. Dein Auge schaut in die Zeit, welche erst später kommt. Solltest du auch hier richtig gesehen haben! Dann wehe Ibn Asl! Wenn ich nur erfahren könnte, ob du recht hast!«

»Das ist sehr leicht zu erfahren. Es steht jedenfalls in dem Briefe geschrieben. Gieb ihn mir.«

»Aber – aber – –!«

Seine Ehrlichkeit sträubte sich, das ihm Anvertraute in unsere Hände gelangen zu lassen. Er kämpfte mit sich. Endlich entschied die Sorge um sich und die Seinen, und er entschied:

»Effendi, der Mensch darf nicht nur ehrlich sein, sondern er muß auch klug sein. Hat Ibn Asl Schlimmes gegen uns vor, so hilft meine Ehrlichkeit nichts dagegen.«

»So sage, wo du den Brief hast!«

Ich war neugierig, das Versteck zu erfahren, da wir ihn und sein Boot auf das genaueste durchsucht hatten, ohne etwas zu finden. Er antwortete:

»Das Schreiben steckt in einem kleinen Thongefäße, welches unten am Boden meines Bootes befestigt ist.«

Das Boot, welches sehr leicht war, wurde an Bord gezogen. Am Kiele desselben hing ein kleines, phiolenartiges Thonfläschchen, dessen Öffnung mit Harz verschlossen war. Wir schnitten es ab und zerbrachen es. Der Inhalt bestand in einem beschriebenen Papierblatte. Der Emir nahm das letztere, um es zu lesen, schüttelte den Kopf, betrachtete es abermals, schüttelte wieder den Kopf und fragte mich dann.

»Verstehst du persisch, Effendi?«

»Ja. Aber wie käme Ibn Asl zur Kenntnis dieser Sprache? Und auch der Sangak, welcher den Brief doch lesen soll, müßte sie verstehen. Ist der Brief denn persisch geschrieben? Zeig her!«

Er gab mir den Brief. Ich betrachtete die Zeilen, welche mit Tinte und Feder geschrieben waren; aber das war weder arabisch noch persisch. Ich konnte die Worte zwar lesen, fand sie aber vollständig unverständlich, bis ich auf die Idee kam, daß Ibn Asl sich wahrscheinlich einer bekannten Vorsichtsmaßregel bedient habe, damit der Brief, falls er in falsche Hände kommen sollte, nicht gelesen werden könne.

Das Arabisch wird bekanntlich von rechts nach links geschrieben; ich versuchte also, von links nach rechts zu lesen, und siehe da, es ging. Der Brief lautete:

»Ich sende dir Agadi, den Anführer meiner Dinkakrieger. Ich habe ihm gesagt, daß wir zu den Rohl ziehen, um sie zu Sklaven zu machen. Mein Zug ist aber gegen die Gohk gerichtet, was er jetzt noch nicht wissen darf, da dieselben zu den Dinkavölkern gehören. Sende mir sofort fünfzig oder mehr Asaker, welche weiß sein müssen, nach. Sie mögen mich auf der Seribah Aliab erwarten. Wenn ich von meinem Zuge dorthin zurückkehre, so werde ich mit Hilfe dieser Weißen die hundertfünfzig Dinkakrieger auch zu Sklaven machen. Dann brauche ich sie nicht zu bezahlen und werde noch Geld für sie bekommen. Ich entfernte den Anführer, damit sie nur mir zu gehorchen haben, und beauftrage dich, dafür zu sorgen, daß er nicht zu mir zurückkehrt. Ich erfuhr, daß der christliche Effendi bei dir war, und konnte doch nicht kommen, weil er uns entfloh und wir deshalb sehr schnell fort mußten. Da ich deine Klugheit kenne, bin ich überzeugt, daß dir sein Entkommen keinen Schaden bereitet hat. Er weiß nichts von der Seribah Aliab und wird uns also nicht finden, so viel er auch nach uns sucht. Und falls er davon erfahren hat, wird er diesem Dinka Agadi begegnen, dem ich Unterricht gegeben haben, ihn irre zu führen.«

Das war der Inhalt des Briefes, welcher weder Auf- noch Unterschrift hatte. Ich las ihn dem Emir vor. Der Djangeh hörte es und fragte, als ich fertig war:

»Wer ist der Dinka, von welchem die Rede ist?«

»Du selbst bist es und mit den Dinkakriegern sind deine Leute gemeint. Hast du hundertfünfzig Mann bei dir?«

»Ja. Wir sollen mit gegen die Rohl ziehen, um sie zu Sklaven zu machen.«

»Du hast aber gehört, daß der Zug nicht gegen diese, sondern gegen die Gohk gerichtet ist.«

»Das sind unsere Brüder. ich gebe es nicht zu!«

»Du bist doch nicht mehr dort und kannst also nichts dagegen thun. Seit du fort bist, haben deine Leute Ibn Asl zu gehorchen, und er wird ihnen sagen, daß du mit dem Zuge gegen die Gohk einverstanden bist. Kommen sie dann zurück, so werden sie zu Sklaven gemacht und verkauft, anstatt ihren Lohn zu erhalten. Und du, nun, du wirst in Faschodah sterben, falls du hingehst und diesen Brief abgiebst.«

Er sah mich mit ungläubigen Augen an. Er, der Neger, der Heide, konnte eine solche Schlechtigkeit nicht begreifen. Ich kam ihm zu Hilfe, indem ich ihm in kurzen Worten erzählte, was ich von Ibn Asl wußte, und das war mehr als genug, dem Manne zu zeigen, in welche Hände er geraten war. Als ich zu Ende gesprochen hatte, rief er aus:

»Effendi, erlaube mir, das Schiff zu verlassen! Ich muß fort, augenblicklich nach der Seribah zurück, um meine Leute zu warnen und mich an Ibn Asl zu rächen!«

Er wendete sich hastig von mir ab; ich hielt ihn am Arme zurück und antwortete:

»Bleib! Du kannst zwar gehen, wenn es dir beliebt, denn du bist frei und nicht mehr unser Gefangener, aber ich rate dir, bei uns zu bleiben. Du vermagst nun wohl nichts mehr zu ändern und gehst dem sichern Tode entgegen.«

»Ich werde Ibn Asl töten, nicht aber er mich!<

»Du kennst ihn nicht. Was bist du gegen ihn! Und – würdest du ihn denn noch auf der Seribah treffen?«

»Nein, denn er wollte die Ghasuah sofort beginnen. Ich muß ihm nach. Den Weg, den er eingeschlagen hat, werde ich auf der Seribah erfahren.«

»Du irrst. Man würde dich dort festnehmen und ermorden. Du allein vermagst nichts, gar nichts. Darum rate ich dir eben, bei uns zu bleiben. Mit uns kommst du wohl noch schneller nach der Seribah, als wenn du dich auf deine Ruderkraft verlassen mußt. Dann stehst du unter unserm Schutze. Wir eilen Ibn Asl nach und nehmen ihn und alle Weißen gefangen. Dann sind deine Djangeh gerettet.«

»Du hast recht, Effendi. Wenn ihr es erlaubt, werde ich bei euch bleiben. Wer hätte das gedacht! Ihr wurdet uns als die größten Feinde der schwarzen Völker beschrieben, und ich nahm mit Freuden den Auftrag, euch im Falle der Begegnung zu täuschen, an. Jetzt sind die Feinde zu Freunden und die Freunde zu Feinden geworden. Ich gab euch einen falschen Weg an. Ihr solltet den Bahr el Dschebel aufwärts segeln. Nun aber werde ich euch den Rohl aufwärts führen, um euch nach der Seribah Aliab zu bringen.«

»Wieweit liegt sie von hier?«

»Wir werden wahrscheinlich fünf oder sechs Tage brauchen.«

»Kennst du die Lage der Seribah genau?«

»Natürlich! Sie liegt am rechten Ufer des Flusses, uns also, wenn wir kommen, zur linken Hand.«

»Giebt es dort Berge?«

»Nein. Die Gegend ist vollständig eben. Wald und nichts als Wald. Die Seribah ist ganz von einem Dickicht umgeben, durch welches kein Mensch dringen kann. Als sie von Ibn Asl angelegt wurde, hat er viele Bäume umhauen lassen, die noch am Boden liegen. Zwischen ihnen sind andere emporgewachsen, dazwischen Sträucher und Schlinggewächse, wodurch der Wald um die Seribah einer Mauer gleicht, durch die man nicht zu kommen vermag.«

»Doch nur auf drei Seiten. Die Flußseite muß offen sein.«

»Sie ist ebenso verschlossen, und nur an einer einzigen Stelle befindet sich ein Eingang, welcher mit Balken und Dornen versetzt werden kann.«

»So ist diese Seribah ja die reine Festung!«

»Ja. Ibn Asl behauptet, daß sie von zehn Männern leicht gegen mehrere Hundert verteidigt werden könne.«

»Wenn die letzteren kein Geschick haben, ja. Wie ist das Innere beschaffen?«

»Es ist ein großer, viereckiger Platz, auf welchem wohl zwanzig runde Tokuls aus Schlamm und Schilf stehen. Sie sind sehr fest. Einen Tokul bewohnt Ibn Asl selbst, in zweien befinden sich die Vorräte, und in den übrigen halten sich die Asaker auf.«

»Natürlich wohnen die jetzigen Gäste Ibn Asls auch in solchen Hütten. Du hast diese Personen doch gesehen?«

»Alle. Sie befanden sich ja mit auf dem Schiffe, welches uns nach der Seribah brachte. Da gab es einen Weißen, welcher Abd el Barak hieß – –«

»Das ist der Mokkadem der Kadirine, aus dessen Händen ich die Kinder deines Bruders befreite. Weiter!«

»Ein anderer wurde Muza’bir genannt, und ein dritter war ein Türke, ein sehr dicker Mann. Bei ihm befand sich seine Schwester, welche von zwei weißen und zwei schwarzen Mädchen bedient wurde.«

»Weißt du, weshalb diese Türkin mitgekommen ist?«

»Um das Weib In Asls zu werden.«

»Die Hochzeit sollte auf der Seribah gefeiert werden. Ist sie schon vorbei?«

»Nein. Man will damit warten bis nach der Rückkehr von dem Sklavenzuge.«

»Weißt du, wer und wie viele sich an demselben beteiligen?«

»Alle, außer dem Türken, welcher seine Schwester nicht verlassen wollte, und zehn weißen Asakern, über welche ein alter, lahmer Feldwebel das Kommando führt. Aber Effendi, das könnte ich euch alles unterwegs sagen. Warum verliert ihr die Zeit, indem ihr hier liegen bleibt? Seht ihr nicht, daß der Wind die Wasser des Nils kräuselt?«

»Du hast recht, wir müssen den Anker lichten. Aber gut war es, daß wir hier liegen blieben, sonst wären wir den Bahr el Dschebel hinaufgesegelt und hätten dich nicht getroffen.«

Man lichtete den Anker, raaete die Segel in den Wind, und dann ging der »Falke« von seinem bisherigen Kurse rechts ab und in den Rohl hinein.

Dieser Nebenfluß war nicht so breit wie der Bahr el Dschebel, führte aber doch eine Wassermenge, welche weit größere Schiffe, als das unsere war, zu tragen vermochte. Ich habe schon gesagt, daß es in dieser Gegend nur Schilf und nichts als Schilf gab. Wir fuhren bis gegen Abend immer nur zwischen Omm Sufah-Inseln hin. Dann besäumten sich die Ufer mit grünen Büschen; der Baumwuchs stellte sich wieder ein, und dann gab es rechts und links nur Wald, dichten, geschlossenen Wald. Dabei wurde der Strom frei vom Schilfe, und wir hatten eine leichtere Fahrt. Nach Sonnenuntergang leuchteten die Sterne. Wir konnten weit sehen, und so war es uns möglich, die ganze Nacht hindurch zu fahren.

Dieses Glück begünstigte uns auch in den nächsten Tagen, sodaß wir eine außergewöhnlich rasche Fahrt machten und unser Ziel eher erreichten, als zu vermuten gewesen war. Schon am Abende des vierten Tages erklärte uns der Djangeh, die Seribah liege uns so nahe, daß wir sie in einer Stunde zu erreichen vermöchten. Wir mußten also stoppen und legten am rechten Ufer des Flusses an.

Jetzt galt es die Frage, was gethan werden solle. Sollten wir morgen, am hellen Tage, offen bei der Seribah anlegen? Das war nicht geraten, weil der Zugang zu derselben so leicht zu verteidigen war. Die Besatzung konnte uns trotz ihrer lächerlich geringen Zahl sehr zu schaffen machen. Übrigens war es doch noch nicht so sehr gewiß, ob Ibn Asl die Niederlassung schon verlassen hatte; es konnte sehr leicht ein Grund zur Verzögerung eingetreten sein. Darum hielt ich es für geraten, noch während dieses Abends eine Rekognoscierung vorzunehmen, und der Emir stimmte mir bei. Er hätte sich gern daran beteiligt, hielt es aber für seine Pflicht, auf dem Schiffe zu bleiben.

Ich brauchte zwei auf dem Wasser erfahrene Leute und suchte mir infolgedessen Ben Nil und seinen Großvater Abu en Nil aus. Natürlich mußte uns der Djangeh begleiten, da nur er wußte, wo die Seribah lag. Es war vielleicht neun Uhr abends, als wir vom Schiffe stießen.

Ben Nil und sein Großvater ruderten. Ich saß am Steuer, und der Djangeh hatte sich am Buge des Bootes niedergekauert. Die Sterne funkelten am Himmel und die Wasser strahlten ihre leuchtenden Bilder wider. In einer halben Stunde hatten wir den Aufgang des Mondes zu erwarten.

Wir hielten uns zunächst auf der Mitte des Flusses. Als wir aber eine halbe Stunde gerudert waren und uns der Seribah näherten, hielten wir auf das Ufer zu, um in den Schatten der Bäume zu kommen. Der Djangeh versicherte zwar, daß während seiner Anwesenheit kein Posten den Eingang bewacht habe, aber jetzt, wo sich nur noch zehn Mann da befanden, stand zu erwarten, daß der alte Feldwebel vorsichtiger sein werde. Wir mußten uns also so nähern, daß wir von einem etwaigen Wächter nicht bemerkt werden konnten.

Jetzt wurden die Sterne bleicher, denn der Mond ging auf, war aber noch nicht zu sehen, da er hinter dem Walde stand, der, indem wir leise an ihm vorüberglitten, einer dunklen Mauer glich, in welcher es keine wenn auch noch so kleine Lücke gab. Der Djangeh machte den Kommandanten des Bootes. Er deutete im leisesten Tone an, wie gerudert und wie gesteuert werden sollte. Die Ruder wurden dabei so vorsichtig eingetaucht und bewegt, daß sie kein hörbares Geräusch verursachten. Endlich flüsterte der Neger:

»Hier ist die Mischrah. Wir müssen anlegen.«

»Aber nicht an der Mischrah selbst, sondern vorher, an einem Baume!« verbesserte ich ihn.

Mischrah ist Landeplatz. Dorthin durfte das Boot nicht kommen, da es in diesem Falle von einem etwaigen Posten gesehen werden mußte. Wir konnten in der dichten Wand des Waldes eine Lücke bemerken, welche ungefähr zwanzig Schritte breit war. Das war der Landeplatz. Er stieg vom Wasser, immer schmäler werdend, zur Höhe des Ufers empor und endete an den Balken und Dornen, mit denen der Eingang zur Seribah verschlossen war.

Ich steuerte das Boot nach einem Baume, welcher halb im Wasser, halb am Ufer stand. Der Djangeh erhob sich vorn im Boote, um dasselbe am Baume zu befestigen, welcher aber eine lange, starke Wurzel in das Wasser herausstreckte. Sie war, vorzüglich hier im Schatten, nicht zu sehen; das Boot streifte auf und legte sich auf die Seite; der Djangeh verlor das Gleichgewicht, stürzte in den Fluß und stieß dabei einen sehr lauten Schreckensruf aus, da er wußte, daß es an dieser Stelle des Flusses Krokodile gab. Er ging unter, kam wieder empor und wurde von Ben Nil beim Arme ergriffen und festgehalten. Weiter oben gab es einige Sand- oder Schlammbänke. Ein dunkler Streifen zog sich von dort her schnell auf uns zu. Der Djangeh, weicher ängstlich um sich blickte, sah denselben und rief, im höchsten Grade erschrocken:

»Ein Krokodil, ein Krokodil! Hebt mich hinein!«

Er befand sich allerdings in größter Gefahr. Ich sprang vom Steuer auf, faßte ihn beim andern Arme, ein Ruck von mir und Ben Nil, und der Bedrohte flog herein in das Boot, welches dabei so ins Schwanken kam, daß es zu kentern drohte. Schon verschwand der Rand unter dem Wasser; da stieß das Krokodil mit dem Kopfe gegen denselben, zu unserm Glücke, denn das Boot wurde dadurch wieder aufgerichtet. Ben Nil versetzte der Bestie einen Ruderhieb auf die Schnauze, daß es unter der Oberfläche verschwand.

Nun wurde das Boot an dem Stamme befestigt, und wir blieben wohl zehn Minuten lang still sitzen, um zu lauschen. Als sich nichts regte, nahmen wir an, daß der Schrei und die Worte des Negers nicht gehört worden seien, und ich schickte mich an, auszusteigen.

»Nicht du allein!« flüsterte Ben Nil mir zu. »Nimm mich mit, Effendi!«

Da wir einen solchen Lärm verursacht hatten, hielt ich es für besser, zu zweien zu sein, und erteilte ihm also die erbetene Erlaubnis. Wir stiegen aus, da wo die Ecke des Waldes an das Wasser und an die Mischrah stieß. Ich hatte kein Gewehr mitgenommen und war nur mit dem Messer und den beiden Revolvern versehen.

Sobald unsere Füße den Boden berührten, kauerten wir uns nieder, um abermals eine Weile zu lauschen. Es herrschte das tiefste Schweigen um uns her, und nichts Verdächtiges war zu hören. Eben stieg der Mond über den Bäumen empor und ergoß sein Licht über den freien Raum der Mischrah. Wir konnten dieselbe überblicken. Sie lag so hell vor uns, daß selbst eine darüber hinweghuschende Maus unsern Blicken nicht zu entgehen vermocht hätte. Wir standen also auf, um hinaufzusteigen und zu untersuchen, in welcher Weise der Eingang zur Seribah verschlossen war. Der Verschluß bestand aus starken Pfählen, welche durch sehr dichtes Dorngeflecht verbunden waren, und hatte eine Höhe von gewiß zwölf Fuß.

»Da ist nicht durchzukommen, Effendi,« flüsterte Ben Nil mir zu. »Wir müssen umkehren.«

»Es war auch gar nicht meine Absicht, in die Seribah einzudringen,« antwortete ich ihm ebenso leise. »Laß uns sehen, ob diese Pfähle in die Erde gerammt sind. Die Leute müssen doch einen bequemen Durchgang haben, falls dieser Verhau sich als gar zu fest erweist, muß ich annehmen, daß hier irgendwo ein Schlupfloch vorhanden ist.«

Ich bückte mich nieder, um den unteren Teil der Pfähle zu untersuchen. Da ertönte neben mir ein Schrei von Ben Nils Stimme. Ich wollte mich rasch aufrichten, bekam aber einen Hieb auf den Kopf, daß ich die Besinnung verlor. – –

Als ich wieder zu mir kam, war ich mit Stricken geschnürt wie eine ägyptische Mumie mit Leinwandbinden und lag in einem Tokul, in welchem ein Feuer brannte, dessen Rauch durch eine im Dache gelassene Öffnung zog. Neben mir lag Ben Nil, ebenso gefesselt wie ich. Als er sah, daß ich die Augen öffnete, sagte er:

»Allah sei Dank, daß du erwachst! Ich hielt dich für tot, Effendi.«

Mein Kopf schmerzte mich. Es flimmerte mir vor den Augen, und um die Ohren summte es wie ein Bienenschwarm. Ich sah, daß wir uns allein befanden, und antwortete:

»Hat man dich auch niedergeschlagen wie mich?«

»Nein.«

»So kannst du erzählen, wie es zugegangen ist, daß wir uns hier befinden, wahrscheinlich in einem Tokul der Seribah.«

»Leider ja. Wir befinden uns da, trotzdem du sagtest, daß es gar nicht deine Absicht sei, hier einzudringen. Nun, eingedrungen sind wir freilich nicht, aber eingedrungen worden. Du hattest diese Worte eben ausgesprochen, als ich von hinten gepackt wurde. Ich schrie laut auf, denn ich wendete den Kopf und sah hinter dir einen Menschen stehen, welcher mit einem Ruder ausholte, um dich auf den Kopf zu schlagen. Der Hieb fiel, und du brachst wie tot zusammen. Es waren drei oder vier starke Kerle, welche mich hielten; sie wollten mich niederreißen; ich wehrte mich aus Leibeskräften, doch vergeblich.«

»Hoffentlich haben unsere beiden Genossen bemerkt, was geschehen ist.«

»Ich habe dafür gesorgt, daß sie es hörten, denn während ich mit den Angreifern rang, bin ich nicht still gewesen, sondern habe sie angeschrieen, damit mein Großvater es hören sollte.«

»Er wird mit dem Djangeh sofort nach dem Schiffe zurückgekehrt sein, um Hilfe zu bringen. Erzähle weiter.«

»Du hattest von einem Schlupfloche gesprochen, Effendi, und mit dieser Vermutung das richtige getroffen. Als man mich niedergerungen und einstweilen mit einer Schnur gebunden hatte, wurde ein Strauch zur Seite geschoben, und es entstand dadurch eine Lücke, durch welche ein Mann in gebückter Stellung kriechen konnte. Wir wurden durch diese Öffnung gebracht und hierher getragen, wo man mich noch besser fesselte und auch dich mit Stricken ganz umwickelte.«

»War Murad Nassyr, der dicke Türke, dabei?«

»Nein. Ich sah lauter unbekannte Gesichter.«

»Gut. Zunächst möchte ich wissen, was die Leute, welche uns überfielen, eigentlich da draußen zu thun hatten. Standen sie etwa Posten? Das thut nur einer.«

»Ich weiß es, Effendi. Ich entnahm es aus ihren Reden. Sie haben Fische stechen wollen. Du weißt, daß dies nur des Nachts geschieht. Man brennt am Ufer, oder auf einem Boote ein Feuer an, dessen Schein die Fische anlockt. Sie werden mit der Lanze gestochen. Die Männer waren eben durch das Schlupfloch gekrochen, um sich an das Wasser zu begeben, als sie unsern Djangeh schreien hörten. Sie blieben stehen, horchten und sahen uns beide kommen. Wir kamen an der linken Seite der Mischrah herauf, sie zogen sich in den tiefen Schatten der rechten Seite zurück und ließen uns ganz herankommen, um uns dann festzunehmen. Einer von ihnen hatte ein Ruder. Er war es, der dich mit demselben schlug. Meinst du, daß wir wieder loskommen werden?«

»Ich hoffe stets, also auch jetzt. Der Emir ist ja da.«

»Aber wenn man uns umbringt, noch ehe er kommt!«

»Mit diesem Gedanken haben wir allerdings zu rechnen. Wir sind unsern Feinden schon wiederholt entkommen, und um dies jetzt zu verhüten, können sie leicht auf den Gedanken geraten, uns sofort das Leben zu nehmen. Es ist zu verwundern, daß sie uns so allein lassen und keinen Wächter herstellen. Still, man kommt!«

Wir hörten Schritte. Die Matte, welche die Thüre bildete, wurde entfernt, und dann traten einige Männer ein, voran der dicke Murad Nassyr, hinter ihm der alte Feldwebel, wie ich an seinem hinkenden Gange erkannte. Der erstere stellte sich vor mich hin, strich sich behaglich den Bart und sagte in höhnischem Tone:

»Bist du wieder da? Hoffentlich wirst du uns deinen Besuch jetzt länger schenken. Oder beabsichtigst du auch heute, so schnell wieder zu verschwinden?«

Ich antwortete nicht; er wendete sich an den Feldwebel:

»Sieh, das ist der Christenhund, von welchem wir euch erzählt haben. Diese verdammte Kreatur setzt uns sogar bis hierher nach. Dies soll aber der letzte Weg sein, den er in seinem Leben macht. Ich schwöre bei Allah, daß er von hier nicht fortkommen soll! Er und sein Gefährte müssen sterben!«

»Ich habe nichts dagegen,« antwortete der Feldwebel. »Du bist an Ibn Asls Stelle jetzt Gebieter hier, und so bin ich dir Gehorsam schuldig. Wollen wir sie sofort hinausführen und erschießen?«

»Erschießen? Das wäre ein viel zu schneller Tod. Sie sollen langsam, sehr langsam sterben und mehrere Todesarten zu gleicher Zeit erleiden. Das ist eine längst beschlossene Sache. Wir müssen Todesarten finden, an denen noch niemand gestorben ist, Todesarten, bei denen es Schmerzen giebt, welche noch kein Mensch erduldet hat. Jetzt ist es Nacht. Ich will ihre Qualen sehen; ich will jeden Zug ihrer heulenden Gesichter beobachten. Das kann erst am Tage geschehen. Warten wir also, bis es licht geworden ist.«

»Sollen sie bis dahin hier liegen bleiben?«

»Nein, sondern wir werfen sie in die Dschura ed dschaza, wo sie so tief und sicher liegen, daß wir sie gar nicht zu bewachen brauchen. Indessen können wir den unterbrochenen Fischfang wieder aufnehmen. Unser Fleisch ist zu Ende; wir müssen Fische haben. ist das Boot der beiden Hunde in Sicherheit gebracht worden?«

»Ja. Es hing am äußersten Baume der Mischrah. Wir zogen es an das Ufer und können es nun gleich mit zum Fischestechen benutzen.«

»Das ist gut. Zwei Boote geben doppelten Fang. Wir sind zehn Asaker, der Feldwebel und ich. In jedes Boot fünf Männer, können zwei in der Seribah bleiben, um sie zu bewachen, was übrigens gar nicht nötig ist.«

»Ich halte es im Gegenteile für sehr nötig,« meinte der Feldwebel. »Meinst du, daß die beiden Feinde sich allein hier befinden? Könnten sie nicht auf dem Schiffe des Reis Effendina gekommen sein?«

»Ich werde sie fragen, und wehe ihnen, wenn sie mir nicht antworten, oder mir gar die Unwahrheit sagen!«

Er wendete sich jetzt wieder mir zu, trat mich mit dem Fuß auf den Leib und erklärte mir, indem er sein Messer zog.-

»Jedes Schweigen auf meine Fragen kostet dir einen Finger. Das merke dir. Ich scherze nicht. Sieh hier das Messer! Giebst du nicht sofort Antwort, so schneide ich. Du hast, als ihr bei Faschodah uns entkamt, mich laut verhöhnt; das wird dir nun vergolten. Ich werde dir beweisen, daß ich Herr über dich, über dein Leben und über alle deine Glieder bin! Bist du allein hierher gekommen?«

Dieser Türke machte Ernst. Es konnte mir nicht einfallen, zu schweigen; aber noch viel weniger fiel es mir ein, ihm die Wahrheit zu sagen, da es mein Leben galt. Eins war mir noch unerklärlich. Man hatte unser Boot gefunden und sich desselben bemächtigt; aber man sprach nicht von Abu en Nil und dem Djangeh, welche sich doch darin befunden hatten. Wohin waren die beiden geraten? Sie hatten des Boot verlassen. Zu welchem Zwecke? Um uns zu retten? Ich traute dem alten Steuermann keinen so männlichen Entschluß zu. Auch war er wohl kaum der Mann, denselben auszuführen. Es wäre für die beiden am klügsten gewesen, sofort nach dem Schiffe zurückzukehren und dasselbe noch während der Nacht herbeizuholen.

Daß der Türke in unserer Gegenwart vom Fischfange sprach, war eine Dummheit von ihm. Wir wurden dadurch mit der Situation bekannt, und es konnte sich uns doch immerhin eine Gelegenheit bieten, dieselbe auszunützen. Ich antwortete auf seine Frage:

Ach bin nur mit Ben Nil hier.«

»Wo ist der Reis Effendina?«

Ich that, als ob ich mit der Sprache nicht gern heraus wollte, da bückte er sich zu mir nieder, ergriff meinen linken Daumen, setzte das Messer an denselben und drohte:

»Antworte, sonst schneide ich! Wo ist er?«

»Er ist drüben im Bahr el Dschebel und sucht nach euch.<,

»Warum bist du nicht bei ihm?«

»Weil ich nicht glaubte, daß eure Seribah da drüben sei.«

»Wer es hat euch denn gesagt, daß sie drüben am Bahr el Dschebel liegt?«

»Ein Bongo-Krieger, Agadi.«

»Ah, also doch! Wohin wollte er?«

»Nach Faschodah, um Soldat zu werden.«

»Ihr habt ihn wohl auf euer Schiff genommen und ihn durchsucht?«

»Ja. Aber wir fanden nichts.«

»Fragtet ihr nach unserer Seribah?«

»Nein, denn wir kannten deren Namen nicht; aber wir fragten ihn nach Ibn Asl, und da sagte er, daß er ihn kenne, Ibn Asl habe eine Seribah Aliab droben in der Gegend, welche Bahita heißt.«

»Ihr glaubtet es?«

»Der Reis Effendina glaubte es, ich aber traute dem Manne nicht; darum nahm ich, als der Reis Effendina im Bahr el Dschebel aufwärts segelte, das Boot und ruderte mit Ben Nil den Rohl empor, um nach euch zu suchen.«

»Ich habe gehört, daß du bei Ibn Mulai, dem Sangak der Arnauten, warst. Wie geht es diesem?«

»Gut. Dieser Kerl ist schuld, daß ich Faschodah verlassen mußte. Ich hatte entdeckt, daß er es mit den Sklavenjägern hält; er hatte mich gefangen genommen und zu euch schaffen lassen. Es gelang mir, zu entkommen. Ich zeigte ihn in Faschodah an; aber er besaß das Vertrauen des Mudir in einem solchen Grade, daß dieser nicht mir, sondern ihm glaubte. Ich mußte fort und war froh, daß ich nicht die Bastonnade bekam.«

»Dir ist sehr recht geschehen,« lachte der Türke. »Wenn es dir leid thut, dort keine Prügel bekommen zu haben, so kannst du dich trösten, denn wir werden das hier nachholen. Also der Bongo-Krieger Agadi wollte in Faschodah Soldat werden? Hatte er Hoffnung, angenommen zu werden?«

»Ja. Er wollte sich direkt an den Sangak der Arnauten wenden.«

»Ihr seid albern, außerordentlich albern! Ihr seid die Söhne und Enkel der Dummheit und des Unverstandes. Ihr dünkt euch klug und weise zu sein und seid doch so albern, daß es einen erbarmen möchte. Weißt du, wer dieser Bongo eigentlich war?«

»Nun?«

Der dicke Türke hatte einen sehr überlegenen, triumphierenden Ton angenommen. Er glaubte, daß wir überlistet worden seien, und das that ihm, den Allah nicht mit einem hervorragenden Verstand begabt hatte, außerordentlich wohl. Er antwortete in stolzem Tone auf meine kurze Frage:

»Er ist gar kein Bongo, sondern ein Dinka. Wir haben hundertfünfzig Dinka gemietet, und er ist der Anführer dieser Krieger.«

»Alle Teufel!« rief ich aus, indem ich mich überrascht stellte.

»Ja,« lachte er. »Ihr seid in eine prächtige Falle gegangen. Er hatte einen sehr wichtigen Brief bei sich. Hättet ihr diesen erwischt, so hätte es uns schlimm ergehen können. Ihr seid aber viel zu dumm, hinter so etwas zu kommen. Er war auch angestellt, euch irre zu leiten. Er sollte euch in den Bahr el Dschebel schicken.«

»Nun, mich hat er doch nicht irre geführt!«

»Aber die andern!«

»Ich habe euch gefunden!«

»Was nützt euch das? ihr beide werdet morgen früh hingerichtet. Der Reis Effendina braucht einen ganzen Monat, um hinauf nach Bahita zu kommen. Es sind von heute an wenigstens fünfzig Tage nötig, bevor er, nachdem er seinen Irrtum eingesehen hat, uns hier finden kann. Dann ist Ibn Asl längst zurück und wird ihn so willkommen heißen) daß er das Fortgehen für alle Zeiten vergißt.«

»Allah, Allah!« rief ich aus. »Dieser Dinka ist ein großer Schurke gewesen!«

»Ein gescheiter Kerl war er, zehnmal klüger als ihr alle zusammengenommen! Du bist so verrückt gewesen, die Tollkühnheit zu besitzen, zu zweien eine feindliche Seribah aufzusuchen. Jetzt kommt der Lohn; jetzt kommt die Strafe. Du bist in den sichern Tod gelaufen. Und nun sage mir doch einmal, wie war es dir denn auf dem Schiffe der Faschodah möglich, aus meiner Kajüte hinunter in das Boot zu kommen?«

»Ich hatte zwei Messer mit,« log ich, da ich seine Schwester nicht verraten durfte. »Ihr hattet das eine nicht gefunden. Es fiel mir aus der Tasche, und so war es uns Möglich, einander die Fesseln zu durchschneiden. Dann kletterten wir an der Ankerkette hinab in das Wasser und schwammen nach dem Boote, welches noch am Schiffe hing.«

»So, also so ist es zugegangen! Nun, da wollen wir uns heute doch besser vorsehen. Man sagte mir zwar, daß euch alles abgenommen worden sei, aber ich werde euch doch lieber noch einmal durchsuchen lassen, und dann werdet ihr in die Dschura ed dschaza geworfen, welche ihr erst früh verlassen werdet, um in den Tod zu gehen.«

Dschura ed dschaza heißt zu deutsch Grube der Strafe. Die Asaker bei den Sklavenfängern sind nämlich sehr unbotmäßige, verwilderte Menschen, denen es nicht darauf ankommt, sich zuweilen gegen ihre Herren aufzulehnen. Aus diesem Grunde sind Gefängnisse nötig. Da sich aber ein Tokul, ein so leichtes Bauwerk, wie es in jenen Gegenden ganz ausschließlich giebt, nicht dazu eignen würde, so gräbt man einfach fünf oder mehr Meter tiefe senkrechte Gruben, in welche die Verbrecher geworfen werden. Sie können da nicht entfliehen, weil die glatten, senkrechten Wände unmöglich zu erklettern sind. Eine solche Grube wird Dschura ed dschaza, Grube der Strafe, genannt.

Da die Seriben fast alle am Nil liegen und die Gruben tief sind, so kann man sich denken, daß der Grund derselben feucht, moderig, ja schlammig ist, daß allerhand Unrat da abgeworfen wird, allerhand Ungeziefer dort sein Wesen treibt und ich mich nicht gerade begeistert fühlte, als ich hörte, daß ein solches Loch uns zum Aufenthalte dienen sollte.

Wir wurden noch einmal sehr genau durchsucht und dann hinaus ins Freie und nach der Grube geschleift, neben der eine Art Leiter lag. Die Länge derselben ließ erraten, daß das Loch ungewöhnlich tief sei. Man legte diese Leiter hinein, ließ uns auf derselben hinabgleiten und zog sie dann empor.

»Schlaft wohl!« rief uns von oben herab der Türke noch höhnisch zu. »Allah gebe euch angenehme Ruhe und noch angenehmere Träume!«

Das waren dieselben Worte, welche mich schon einmal hatten ärgern sollen und die ich dann wieder zurückgegeben hatte. Würde ich sie auch heute ihm wiedergeben können? Wohl schwerlich! ja, wenn der alte Steuermann mit dem Dinka auf das Schiff zurückgekehrt wäre, dann hätten wir auf Rettung hoffen können. Doch gab ich den Mut nicht ganz auf.

Die Sklavenjäger hatten sich entfernt. Die Sterne leuchteten zu uns herab, und um uns raschelte und kribbelte und krabbelte es. Wir waren nicht die einzigen lebenden Wesen in diesem nächtlichen Aufenthalte, was aber leider kein Trost für uns war.

Wir glaubten, ohne Beaufsichtigung zu sein; aber nach einiger Zeit rief uns eine Stimme von oben zu:

»Wie befindet ihr euch, ihr Hunde? Habt ihr mit den Skorpionen und Ratten schon Brüderschaft gemacht?«

Wir antworteten nicht. Es war Unsinn, uns einen Wächter zu geben, denn selbst wenn wir ungefesselt gewesen wären, hätten wir nicht hinauf gekonnt. Wir hatten gehört, daß zehn Personen fischen gehen wollten. Zwei waren zurückgeblieben. Einer saß hier bei uns; der andere befand sich jedenfalls vorn am Eingange der Seribah. Nach wenigen Minuten hörten wir unsern Wächter wieder sprechen.

»Wer kommt da?« fragte er.

Er erhielt eine Antwort; wir vernahmen sie zwar, konnten aber die Worte nicht verstehen.

»Habt ihr euch denn anders angezogen?« fragte er dann. »Ich kenne euch doch nicht. Es ist ein Schwarzer dabei. Bleibt stehen, sonst – – o Allah, Allah!«

Dieser letztere Ruf erstickte in einem Röcheln. Wir hörten ein Stampfen und Strampeln; es wurde still; dann fragte eine halblaute Stimme in die Grube herab:

»Effendi, seid ihr da unten?«

»Ja,« antwortete ich. »Wer ist’s?«

»Ich, der Steuermann, Abu en Nil. Allah sei Dank, daß wir dich haben! Ist mein Enkel bei dir?«

»Ja. Leg die Leiter an und komme herab, um uns die Stricke loszuschneiden!«

»Gleich, gleich!«

Er schob die Leiter herein und kam herabgestiegen. In wenigen Sekunden befanden wir uns wieder in dem Besitze unserer Freiheit.

»Wunderst du dich nicht, mich hier zu sehen?« fragte er. »Wir sind – –«

»Jetzt nicht erzählen!« unterbrach ich ihn. »Erst hinauf! Eher fühle ich mich nicht sicher.<,

Ich stieg hinan. Großvater und Enkel folgten mir. Oben angekommen, sah ich unsern Wächter am Boden liegen. Der Dinka kniete bei ihm und hatte beide Hände um seinen Hals geschlungen.

»Ist er tot?« fragte ich.

»Nein,« antwortete der Schwarze. »Er bewegt noch die Beine.«

Und der Steuermann fügte hinzu:

»Wir wollten ihn nicht ganz erwürgen, weil er uns sonst keine Auskunft erteilen kann.«

»Das war sehr klug von euch. Laßt ihn los! Wollen sehen, ob wir ihn zum Sprechen bringen.«

Der Dinka nahm seine Hände weg, und ich kniete bei dem Manne nieder, nur seinen Arm ergreifend, damit er nicht plötzlich aufspringen und fortlaufen könne. Er holte wieder frei Atem, bewegte den Kopf, öffnete die Augen und sah mich an.

»Weißt du, wer ich bin?« fragte ich.

»Der Effendi,« stieß er, noch mühsam sprechend, hervor.

»Wo ist der Murad Nassyr, der Türke?«

»Fischen, unten gleich an der Mischrah.«

»Wo ist der Feldwebel?«

»Auch fischen mit acht Asakern.«

»So ist noch ein Askari hier in der Seribah. Wo befindet er sich?«

»Am Eingange. Wenn ich pfeife, so kommt er.«

»Wo sind die Sachen, welche man uns abgenommen hat?«

»Im Tokul des Türken, da rechts, der zweite von hier.«

»Der Tokul ist sehr groß. Wohnt die Schwester des Türken mit bei ihm?«

»Ja, mit ihren Dienerinnen.«

»Sind die Männer, welche fischen gegangen sind, mit Pistolen und Flinten bewaffnet?«

»Nein. Sie haben nur ihre Messer und die Fischlanzen mit. Gewehre und Pistolen befinden sich in dem Tokul, den wir zehn bewohnen. Es ist die erste Hütte links hier.«

Ich hatte den Mann gar nicht darauf aufmerksam gemacht, uns nur die Wahrheit zu sagen, Er antwortete in solcher Angst, daß man seinem Tone anhörte, er getraue sich nicht, eine Lüge zu ersinnen. Ich nahm ihm alles, was er bei sich hatte, ab, gebot meinen drei Gefährten, sich einstweilen hinter die nächste Hütte zu verstecken, und befahl dem Askari, als sie fort waren:

»Nun pfeif deinem Kameraden!«

Er that es und bekam vom Eingange her einen Pfiff zur Antwort.

»Jetzt schnell hinab in die Grube mit dir!« gebot ich ihm. »Schnell, sonst werfe ich dich hinunter! Und wenn du einen Laut von dir giebst, ist es um dich geschehen!«

Er stieg eiligst hinab. Ich glaubte, die Leiter noch emporziehen zu können, fand aber keine Zeit mehr dazu, denn ich sah den zweiten Askari schon kommen. Ich setzte mich nieder, damit er nicht meine ganze Gestalt sehen und an derselben erkennen könne, daß er es mit einem andern zu thun habe.

Er sah das Ende der Leiter aus der Grube ragen, was seine Aufmerksamkeit von mir ablenkte. Er war noch fünfzehn Schritte entfernt, da rief er schon:

»Was ist das? Du hast ja die Leiter angelegt! Sollen die Gefangenen entkommen? Heraus damit!«

Er sprang herbei und faßte die Leiter an. Da schnellte ich auf und nahm ihn bei der Kehle, riß ihn nieder und gebot ihm:

»Schweig! Keinen Laut, sonst bist du des Todes!«

Der Schreck war ihm in die Glieder gefahren; er bewegte sich nicht. Als ich ihm den Hals frei gab, starrte er mich an und murmelte.

»Der Effendi! O Allah, Allah!«

Ich winkte meinem Gefährten herbei. Wir leerten dem Manne den Gürtel und die Taschen; dann mußte auch er in die famose Dschura ed dschaza hinab und wir zogen die Leiter heraus.

Jetzt galt es zunächst, uns der Waffen der Asaker zu versichern, weshalb wir uns in den uns bezeichneten Tokul begaben. Der Dinka war hier bekannt. Er suchte im Finstern nach der Stelle, an weicher, wie er wußte, kienene Späne lagen, und eilte dann nach dem Tokul, in welchem ich von meiner Betäubung erwacht war. Dort brannte das Feuer wahrscheinlich noch. Er kehrte mit dem brennenden Spane zurück, und wir hatten also die nötige Beleuchtung. Außerdem fanden wir eine thönerne Lampe, welche mit Palmöl gefüllt war.

An der kreisrunden Wand hingen zehn Gewehre und noch mehr Pistolen, alle geladen. Wir nahmen diese Waffen an uns und gingen dann nach dem Tokul, welcher uns als Wohnung des Türken bezeichnet worden war. Ich freute mich darauf, dort seine Schwester zu sehen. Als wir in die vordere Abteilung traten, war es in derselben finster; aber durch den Mattenvorhang schimmerte aus der zweiten, hintern Abteilung Licht. Ich schob ihn zurück und trat hinein. Die »Damen« saßen beim Kaffee. Kumra, zu deutsch die Turteltaube, die Schwester des Türken, saß in der Mitte der Abteilung auf einem Teppiche; daneben kauerten die vier Dienerinnen um einen thönernen Topf, in welchem Holzkohlen brannten. Auf demselben stand ein zweiter Topf mit kochendem Wasser, in welchen Fatma soeben die zerstampften Bohnen schüttete. Alle fünf starrten mich wortlos an, so erschrocken waren sie über mein Erscheinen.

Ich bin sonst gern so rücksichtsvoll wie möglich gegen Damen, jetzt aber war ich äußerst rücksichtslos, was mir aber, wie ich aufrichtig gestehe, selbst heutigen Tages noch keine Gewissensbisse macht. Erstens kam ich nicht zur vorgeschriebenen »Visitenzeit«; zweitens betrat ich einen Harem, was bekanntlich streng verboten ist, und drittens war meine Erscheinung so wenig salonfähig, daß ich jetzt, wo ich dies niederschreibe, die Augen, allerdings nur für zwei Sekunden, niederschlage. Hatte mein Anzug schon während der langen Fahrt und der vorherigen Erlebnisse bedeutend gelitten, so war ihm nun vorhin in der schlammigen Grube der »letzte Rest« gegeben. Mein Aussehen war nichts weniger als gentlemanlike. Dazu meine Bewaffnung! Ich hatte nämlich von den Waffen, welche wir an uns genommen hatten, drei Flinten überhängen und vier Pistolen im Gürtel stecken – ein Rinaldini in Lehm! Trotz dieser für einen Damenbesuch wenig geeigneten Äußerlichkeiten kreuzte ich die Hände auf der Brust, verbeugte mich und sagte:

»Muhammed, der Prophet der Propheten, verleihe eurem Tranke die Wohlgerüche des Paradieses! Meine Seele dürstet nach Erquickung. Darf ich euch um einen Findschahn bitten?«

Da bekam die Turteltaube ihre Sprache.

»Der Effendi!« rief sie, indem sie aufsprang. »Ich denke, du liegst im Loche gefangen!«

»Wie du siehst, ist dies nicht mehr der Fall.«

»Ich wollte – wollte – – wollte dich gern befreien, wußte aber nicht, wie ich es dieses Mal anfangen könne.«

»Ich danke dir, du lieblichste und beste unter den Jungfrauen! Du hast mir schon einmal die größte der Wohlthaten erwiesen; heute durfte ich nicht wieder auf dich rechnen. Ich bin gekommen, um eine andere Bitte an dich zu richten, die nämlich, diesen Harem nicht eher zu verlassen, bis ich dir gesagt habe, daß du die vordere Abteilung des Tokuls wieder betreten darfst.«

»Warum?«

»Es könnte dich oder deine Dienerinnen eine Kugel treffen.«

»Allah, eine Kugel! Du willst kämpfen? Mit wem?«

»Mit dem Feldwebel und seinen Asakern.«

»Also auch mit meinem Bruder?«

»Ja, wenn er sich wehren sollte.«

»Allah, Allah! Du bist ein starker und ein kühner Mann. Du wirst ihn sicher besiegen; du wirst ihn töten!«

»Nein. Meine Dankbarkeit verbietet mir, dein Herz zu betrüben. Ich werde deinen Bruder schonen. Das kann ich aber nur dann, wenn ihr euch vollständig ruhig verhaltet.«

»Wir werden es, Effendi, wir werden es! Wir werden hier bleiben. Wir gehorchen. Ich verspreche es dir, Effendi!«

Sie hob die Hände beteuernd zu mir empor. Sie vergaß, daß sie unverschleiert war, und so hatte ich zum zweitenmal die »Wonne«, ihr Angesicht schauen zu dürfen, dies wunderlich verkniffene Gesicht, welches mich, wie bereits einmal gesagt, so lebhaft an die sächsische Löffelhändlerin aus Beierfeld bei Schwarzenberg erinnerte. Selbst heute noch muß ich, wenn von orientalischer Frauenschönheit die Rede ist, ganz unwillkürlich an die Züge jener Turteltaube denken.

Auf dem Serir, einem überzogenen Holzgestell, welches zum Sitzen, Liegen und zu anderen Zwecken dient, stand eine brennende Thonlampe, ganz derjenigen ähnlich, welche wir vorhin im Tokul der Asaker gefunden hatten. Ich ergriff sie und trat in die vordere Abteilung zurück, wo zu meiner Freude alles lag, was man mir und Ben Nil abgenommen hatte. An der Wand hingen einige gute Gewehre, mehrere Pistolen und zwei Säbel. Wir nahmen auch diese Waffen an uns und begaben uns, nachdem ich die Lampe zurückgetragen hatte, wieder hinaus in das Freie.

»Bis jetzt ist alles gut gegangen,« meinte Ben Nil. »Jetzt fragt es sich, wie wir die zehn Menschen in unsere Gewalt bekommen, ohne daß wir uns in große Gefahr begeben.«

»Das allerbeste ist, wir schießen sie nieder,« antwortete sein Großvater. »Waffen haben wir genug dazu.«

»Das werden wir nur im Notfalle thun,« entgegnete ich. »Ihr wißt, daß ich nicht gern Blut vergieße. Begeben wir uns zunächst nach dem Eingange, um zu sehen, was die Leute machen.«

Als wir an die erwähnte Stelle kamen, zeigte mir der Steuermann den Busch, welcher das Schlupfloch verbarg. Ich schob ihn zur Seite und sah hinaus. Die beiden Boote, dasjenige, welches zur Seribah gehörte, und jenes, welches man uns weggenommen hatte, hingen gerade vor mir unten an der Mischrah. Man hatte sie durch einige Querhölzer verbunden, auf denen ein Feuer brannte, welches seinen Schein eine Strecke über das Wasser hinwarf und die Fische anlockte. In den Booten standen die Männer, um die Beute mit den Speeren, welche mit Widerhaken versehen waren, anzustechen.

»Wir haben Zeit zum Überlegen,« sagte ich. »Jetzt, da wir sicher sind, wenigstens nicht wieder in die Hände dieser Menschen zu geraten, könnt ihr uns nun sagen, wie es euch gelungen ist, in die Seribah zu dringen und uns aus der ›Grube der Strafe‹ zu holen. Ihr hattet natürlich das Geschrei Ben Nils gehört?«

»Ja,« antwortete der alte Steuermann. »Wir hörten nicht nur, sondern wir sahen auch. Der Mond war heraufgekommen und schien so hell, daß wir alles genau beobachten konnten. Die Kerle krochen mit euch durch das Loch. Als wir das sahen, besann sich Agadi auf dieses Schlupfloch. Er hatte es, als er hier war, gesehen, und auch oft benutzt, uns aber nichts davon gesagt. Er forderte mich auf, mich durch dieses Loch mit ihm in die Seribah zu schleichen, um zu versuchen, euch zu befreien. Er behauptete, daß nur ganz wenig Asaker in die Seribah seien, und so stimmte ich bei. Wir stiegen aus dem Boote, huschten die helle Mischrah hinauf und krochen durch das Loch. Als wir uns jenseits derselben befanden, schien der Mond uns gerade in das Gesicht. Wir eilten also weiter, um in den Schatten der Bäume zu kommen. Wir sahen, daß man euch aus einem Tokul brachte und in die Grube gleiten ließ. Dann sahen wir zehn Personen die Seribah verlassen. Ein elfter setzte sich bei der Grube nieder, um euch zu bewachen. Da verloren wir keine Zeit und gingen auf den Kerl zu. Er rief uns an; er befahl uns, stehen zu bleiben; aber der Dinka schnellte auf ihn zu, drückte ihn nieder und preßte ihm, die Gurgel zusammen. Was nachher geschah, das wißt ihr ja selbst. Jedenfalls giebst du zu, daß wir unsere Sache ziemlich gut gemacht haben, Effendi?«

»Ja, ich erkenne es dankbar an und werde es euch nie vergessen.«

Wir hatten während dieses Gespräches hinter dem Busche gesessen, und ich schob denselben von Zeit zu Zeit mit dem Gewehre zur Seite, um die Fischenden zu beobachten. Der Türke besaß keine Übung, stieß stets fehl und hatte deshalb sein Boot verlassen, um sich am Ufer niederzusetzen und dem Fange zuzusehen. Das schien ihm nach und nach langweilig zu werden, denn er stand auf und kam langsam die Mischrah emporgestiegen.

»Vielleicht kommt er herein!« flüsterte Ben Nil.

»Wahrscheinlich,« antwortete ich. »Lauf schnell nach der Grube! Dort liegen noch die Stricke, mit denen wir gebunden waren. Und in dem Tokul der Asaker liegen, wie ich gesehen habe, auch welche. Ihr andern weicht zur Seite, damit er euch nicht gleich sieht, wenn er den Kopf in die Öffnung steckt.«

Sie gehorchten dieser Aufforderung. Ich selbst drückte mich neben dem Busche hart an die natürliche Umfriedung und legte die Flinten, welche mich hinderten, weg.

Der Türke kam, bog das Gezweig weg und schob sich herein, was nur in gebückter Haltung geschehen konnte. Noch ehe er sich aufrichtete, hatte ich ihn gepackt, zog ihn vollends herein und drückte ihn auf den Boden nieder. Er konnte nicht schreien, wollte sich aber wehren, doch griffen Abu en Nil und der Dinka schnell mit zu und hielten ihm die Arme und Beine fest.

»Ein Laut von dir, und ich töte dich!« raunte ich ihm zu, indem ich, ihn mit der Linken noch haltend, mit der Rechten das Messer zog und es ihm auf die Brust setzte. Dann wagte ich es, ihm die Kehle frei zu geben. Er holte tief Atem, sah mich mit Entsetzen an und – schwieg. Er hatte Angst. Die beiden andern kauerten neben ihm und hielten auch die Messer in den Händen.

»Wenn du still bist, geschieht dir nichts,« versicherte ich ihm mit leiser Stimme. »Gehorchst du aber nicht, so fährst du augenblicklich in die Dschehenna!«

Bald kam Ben Nil mit den Stricken, und der Türke wurde gebunden. Kaum war das geschehen, so hörte ich wieder Schritte und ein kurzer Blick hinaus belehrte mich, daß zwei Asaker kamen. Sie trugen ein größeres Thongefäß, welches einen Teil des bisherigen Fanges enthielt. Es war gefüllt und sollte in der Seribah geleert werden. Jetzt galt es, die zwei zu ergreifen, ohne daß sie dabei laut werden konnten.

Das war nicht leicht. Das Schlupfloch war zu eng, als daß sie zugleich herein konnten. Ich raffte eine Flinte auf, stellte mich auf die eine Seite des Loches, schob Ben Nil auf die andere und raunte ihm zu:

»Zieh den Mann weg, sobald ich ihn getroffen habe!«

Jetzt waren die beiden Asaker da. Der erste kam herein, und zwar verkehrt, um das Gefäß hinter sich herein zu ziehen. Ich traf ihn mit dem Kolben auf den Kopf, daß er niederstürzte. Ben Nil riß ihn zur Seite, ergriff dann einen Henkel des Gefäßes und zog. Der draußen stehende Askari schob und drängte sich dann nach. Sobald sein Kopf innen erschien, bekam auch er einen Hieb. Er stürzte und blieb in der Öffnung liegen. Wir zogen ihn herein.

Beide waren betäubt. Sie wurden gebunden und neben den Türken gelegt, welcher zugeschaut hatte, ohne zu wagen, die Asaker durch einen Zuruf zu warnen. Wir hatten nun fünf Personen unschädlich gemacht und es noch mit sieben zu thun. Ben Nil fragte:

»Wollen wir die andern in gleicher Weise abfangen, Effendi? Allemal könnte es doch nicht so glücken!«

»Ganz richtig; aber warten wir noch ein bißchen!«

Wir hatten ja Zeit und brauchten uns nicht zu übereilen. Es hatte auf einem jeden Boote ein solches Gefäß gestanden. Das zweite war bald auch gefüllt. Die Träger wurden zurückerwartet. Sie kamen nicht. Ich hörte, daß der Feldwebel einen Befehl gab, auf welchen zwei Asaker das Gefäß aus dem Boote schafften und sich mit demselben dein Eingange näherten. Wir hatten Glück, denn es gelang uns, sie ebenso still zu überwältigen wie die beiden vorigen.

Nun war ich neugierig, was die andern draußen anfangen würden. Sie wußten nicht wohin mit den Fischen. Sie warfen sie in die Boote, konnten es aber nicht vermeiden, darauf zu treten. Sie richteten ihre Blicke wiederholt nach dem Eingange, da sie ihre Kameraden mit dem leeren Kruge zurückerwarteten. Der alte Feldwebel steckte mehreremale die Finger in den Mund, um einige scharfe, schrille Pfiffe hören zu lassen. Als dies keinen Erfolg hatte, verließ er sein Boot und kam fluchend heraufgehinkt. Nachdem er den Busch mit dem Arme zur Seite gedrängt hatte, schob er Kopf und Schultern nach und wurde augenblicklich beim Halse genommen. Ben Nil und sein Großvater hatten bereits Übung bekommen; sie und auch der Dinka unterstützten mich so vortrefflich, daß es eine Lust war, diese sonst so schwierige Arbeit zu verrichten.

»Das geht ja so leicht und ordnungsgemäß wie das Aufrollen eines Taues!“ lachte der Steuermann. »Nun haben wir nur noch vier zu besorgen.«

»Mit denen wir es kürzer machen,« antwortete ich. »Ich gehe jetzt hinaus und stelle mich in den Schatten. Dann rufst du ihnen zu, daß sie schnell heraufkommen sollen.«

»Sie werden hören, daß es eine fremde Stimme ist, Effendi!«

»Nebensache! Sie kommen doch! Ihr drei nehmt die Gewehre in die Hand; da müssen sie sich, sobald sie eingetreten sind, ergeben.«

»Wenn sie nun nicht hereinkommen? Wenn der erste, welcher kommt, uns hier vor sich sieht, wird er die andern warnen.«

»Deshalb gehe ich jetzt hinaus. Ich lasse sie nicht zurück und treibe sie herein.«

Nachdem ich mich mit zwei Flinten versehen hatte, kroch ich hinaus und stellte mich in den Schatten der Bäume, wahrscheinlich gerade da, wo die Asaker auch gestanden hatten, bevor sie mich und Ben Nil gefangen nahmen. Nun steckte der Steuermann den Kopf durch den Busch und forderte die Leute auf, schnell in die Seribah zu kommen. Er hatte nicht nötig, den Ruf zu wiederholen. Daß nun bereits fünf Personen, den Türken nicht gerechnet, davongegangen waren, ohne wiederzukommen, das sagte ihnen, daß da oben irgend etwas geschehen sei. Sie sprangen aus den Booten und kamen herbeigeeilt, an mir vorüber. Der erste kroch hinein; der zweite schob sich sofort nach. Drin gab es einen Schrei. Der dritte folgte, wollte wieder zurück, bekam aber vom vierten einen Stoß, der ihn nach innen brachte. Abermals ein Warnungs- oder Schreckensruf! Der vierte wich zurück. Er hatte gesehen, was drin passierte, und drehte sich um. Da stand ich mit angelegter Flinte vor ihm und befahl:

»Hinein, sonst jage ich dir eine Kugel durch den Kopf!«

»O Himmel! Der Effendi!« rief er aus.

»Ja, der Effendi! Vorwärts, wenn dir dein Leben lieb ist!«

Ich trat näher an ihn heran und setzte ihm die Mündung auf die Brust. Er hätte das Gewehr zur Seite schlagen können; das fiel ihm aber gar nicht ein; er drehte sich um, kroch durch das Loch, und ich folgte ihm. Da standen Ben Nil, der Steuermann und der Dinka mit erhobenen Gewehren und vor ihnen die Asaker in so trauriger Haltung, daß es mir nicht möglich war, den Ernst zu bewahren. Ich lachte lustig auf. Meine Gefährten stimmten ein, und Ben Nil rief:

»Ja, ja, ihr tapfern Männer, hier werden andere Fische gefangen, als da unten im Wasser. Die Fische seid ihr selbst. Werft eure Messer weg, sonst schießen wir!«

Sie gehorchten, und wir banden ihnen die Hände hinten zusammen. Nun untersuchte ich die vier Träger, welche meine Kolbenhiebe empfangen hatten. Sie lagen still, waren aber ganz wohl bei Besinnung. Die letzten vier Asaker waren nicht an den Füßen gebunden, so daß sie nach der »Grube der Strafe,< gehen konnten, die übrigen wurden hingetragen. Wir legten die Leiter an, und ließen einen nach dem andern hinabgleiten. Den Türken und den Feldwebel behielt ich bis zuletzt zurück. Ich zog mein Messer und sagte zu dem ersteren:

»Murad Nassyr, jedes Schweigen auf eine meiner Fragen kostet dich einen Finger. Ich zahle gern mit gleicher Münze heim. Antworte also schnell und der Wahrheit gemäß! Seit wann ist Ihn Asl von hier fort?«

»Seit fünf Tagen,« beeilte er sich zu sagen, »mit über zweihundert Leuten.«

»Kennst du den Dinka, welcher da neben mir steht?«

»Ja.«

»Nun wirst du wohl ahnen, daß ich nicht so dumm war, mich von ihm betrügen zu lassen. Wir haben euern Brief gelesen, und der Reis Effendina befindet sich nicht drüben im Bahr el Dschebel, sondern liegt mit seinem Schiffe in solcher Nähe von hier, daß ich ihn fast mit meiner Stimme herbeirufen könnte. Morgen früh wird er kommen und dann wirst du gerichtet. Du wirst sterben, und zwar eines so qualvollen Todes, wie noch nie ein Mensch gestorben ist.«

»Erbarmen, Effendi, Erbarmen!« rief er aus.

»Sprich nicht von Erbarmen! Du hättest mit mir auch keines gehabt. Leben um Leben, Blut um Blut, Gleiches um Gleiches. Du wirst gerade so behandelt, wie du mich behandeln wolltest.«

»Ich hätte dir verziehen!«

»Verziehen? Was hattest du mir zu verzeihen? Wer ist’s, der zu verzeihen hat? Bist du es, oder bin ich’s? Wie oft hast du geglaubt, über mich triumphieren zu können, und hast doch stets die Übermacht des Guten fühlen und erfahren müssen. Ich hatte Geduld mit dir, nun aber ist meine Nachsicht zu Ende. Mit dir ist’s aus. Sobald es Tag geworden ist, wird die Sonne deinen Tod bescheinen!«

»Sage das nicht! Effendi, sprich nicht solche Worte! Du bist ein Christ!« jammerte er.

»Ein Christenhund! So habt ihr mich und so hast du mich noch vorhin genannt. Erwarte von einem Hunde kein Erbarmen! Ein Hund kämpft gegen seinen Feind, und wenn er stärker ist als dieser, zerreißt er ihn. Ihr beruft euch auf unsere milden Lehren nur dann, wenn sie euch von Nutzen sind. Ich habe mit dir nichts zu schaffen und wiederhole nur: Mit dir ist’s aus!«

»Effendi, denke an meine Schwester! Was soll aus ihr werden, wenn man mich getötet hat!«

»Ihr Los wird jedenfalls ein besseres sein als dasjenige, welches du ihr zugedacht hattest. Ibn Asls Weib zu sein, ist das schrecklichste Schicksal, welches ich mir denken kann. Werft ihn hinab; ich habe nichts mehr mit ihm zu schaffen!«

Ich richtete diese Aufforderung an meine Gefährten, welche ihn auf die Leiter legten und in die Grube gleiten ließen. Der Feldwebel wurde ihm nachgeschickt. Es war nicht Hartherzigkeit, nicht Rachsucht, daß ich in dieser Weise mit ihm redete, sondern ich wurde von der besten Absicht geleitet. Er sollte in sich gehen; er sollte jetzt in der Grube einige böse Stunden verbringen; er sollte Todesangst ausstehen, um dadurch vielleicht zur Erkenntnis zu kommen.

Nun hatten wir sie alle zwölf da unten. Welch ein Unterschied gegen vorhin, als ich mit Ben Nil unten lag! Dieser letztere, welcher trotz seiner Jugend sehr bedächtig, sogar umsichtig war, machte mich aufmerksam:

»Hast du vielleicht vergessen, daß die zwei Asaker, welche wir zuerst hinabschafften, nicht gefesselt waren? Wenn sie nun die andern losbinden, vermögen sie sich zu befreien. Wenn drei sich aufeinander stellen, kann der oberste heraus!«

»Wir halten Wache. Durch jeden Kopf, der hier am Rande der Grube erscheinen sollte, schicken wir eine Kugel. Mögen sie sich losbinden; heraus kommt keiner.«

Es galt nun, den Emir zu benachrichtigen. Ich gab dem Steuermanne den Auftrag, dies zu thun, weil er fahren konnte. Ich begleitete ihn an die Mischrah, wo die Boote noch zusammenhingen; das Feuer war erloschen. Wir warfen die letztgefangenen Fische in das zur Seribah gehörige Boot und machten das unserige von demselben los. Er stieg ein und steuerte auf die im Mondesstrahle glänzende Mitte des Stromes hinaus. Ich ging in die Seribah zurück, um nun die »Turteltaube« wieder aufzusuchen.

Sie empfing mich wie vorhin, unverschleiert. Sie gab mir die Versicherung, daß ihr aus Sorge um den Bruder der Kaffee nicht geschmeckt habe.

»Was hast du mit ihm gemacht?« fragte sie. »Wo ist er? Warum kommt er nicht? Hast du mit ihm gekämpft?«

»Ja, aber ich habe ihn nur niedergeworfen und gebunden. Nun ist er unser Gefangener und wird sehr ruhig schlafen in der Dschura ed dschaza.«

»Dort? Mein Bruder in der Dschura ed dschaza? So ein Mann! So ein vornehmer und hoher Herr!«

»Hältst du mich für einen gewöhnlichen Mann?«

»Nein, Effendi. Das bist du nicht, ganz und gar nicht. Wirst du kein Christ, so würde man dich für noch vornehmer und höher als meinen Bruder halten.«

»Und dennoch warf er mich in dieses Loch! War ich nicht zu vornehm für die Grube, so ist er es nun auch nicht. Ich habe stets getrachtet, auf dem Wege des Gesetzes zu wandeln; er aber ist ein Verbrecher.«

»Ist denn der Sklavenfang wirklich ein Verbrechen?«

»Eines der schrecklichsten, die es giebt.«

»Das habe ich nicht gewußt. Ich habe stets geglaubt, der Weiße habe das Recht, den Schwarzen zu fangen und zu verkaufen. Kann mein Bruder bestraft werden?«

»Er muß sogar bestraft werden.«

»Allah, Allah! Doch nicht etwa mit dem Tode? Ich weiß, daß der Reis Effendina ihn fangen will und daß du ein Freund desselben bist. Ist dieser entsetzliche Mann vielleicht mit da?«

»Er ist da und du wirst ihn am Morgen sehen.«

»So sage mir schnell eins, nur eins! Man hat mir erzählt, daß der Reis Effendina alle Sklavenhändler tötet. Ist das wahr?«

»Ich kann dir nicht verschweigen, daß ich es erlebt habe, daß er eine Schar von Sklavenjägern erschießen ließ.«

»Welch ein Schreck, welch ein Entsetzen für meine Seele! Er wird doch meinen Bruder nicht auch erschießen lassen?«

»Ich befürchte sehr, daß er diese Absicht hat.«

»Dann mußt du ihn retten, Effendi! Hörst du, du mußt! Ich habe dich ja auch gerettet!«

Sie hob, wie vorhin, die Hände flehend zu mir empor.

»Ja, du hast mich aus der Gefangenschaft befreit, und bin kein undankbarer Mann. Ich werde den Emir bitten, ihm das Leben zu schenken.«

»Dann ist ja alles, alles gut! Ich danke dir, Effendi, und ich werde mir nun nochmals Kaffee kochen. Den vorigen verbitterte mir die Angst; diesen aber werde ich mit ruhigem Herzen genießen, und sein Duft wird die Freude, die du mir bereitet hast, erhöhen. Ich erinnere mich, daß du vorhin auch eine Tasse haben wolltest?«

»Ich bat dich allerdings darum, du antwortetest mir aber nicht.«

»Ich war von Angst und Sorge beklemmt; jetzt aber bin ich getröstet. Du sollst Kaffee haben.«

»Koch‘ einen großen Topf voll! Ich habe zwei Gefährten, welche sich geradeso wie ich sehnen, von deiner Güte bedacht zu werden. Fatma, dein Liebling, mag uns den Trank und die Tassen hinaus an die ›Grube der Strafe‹ bringen.«

»Dürfen wir denn jetzt den Harem verlassen?«

»Ja. Ich will mein Verbot zurücknehmen. Nur mußt du mir versprechen, nicht etwa einen Versuch zur Befreiung deines Bruders zu machen. Wenn du dies wagtest, würde der Reis Effendina dich augenblicklich erschießen lassen.«

Ich ging. Eine unverfälschte Orientalin! Ihr Bruder war gefangen; was man mit ihm vornahm, welche Verluste ihn erwarteten, das ging sie nichts an; er durfte leben bleiben und so kochte sie sich noch einen Kaffee! Und die Schwester dieses indolenten Wesens hätte meine Frau werden sollen, falls ich bereit sein würde, Sklavenjäger zu werden!

Dann saß ich mit Ben Nil und dem Dinka draußen, um den arabischen Trank zu erwarten. Als Fatma ihn brachte, folgten ihr die beiden schwarzen Dienerinnen, welche uns Tabak und Pfeifen brachten, natürlich Eigentum des Türken. Wir bekamen den Kaffee nicht fertig zubereitet, sondern kochendes Wasser und die zerstoßenen Bohnen. Ich bereitete mir eine Tasse, trank sie aus, brannte eine Pfeife an und ging dann, um im Mondenschein den Umfang der Seribah kennen zu lernen. Derselbe war bedeutender, als ich gedacht hatte. Der hintere Teil war von dem vordern durch nebeneinander eingerammte Pfähle abgesperrt und zur Aufnahme der Herden bestimmt, weiche bei jedem Sklavenzuge mit den Schwarzen zugleich geraubt und weit fortgetrieben werden. Jetzt war dieser Platz leer.

Die übrigen Stunden der Nacht vergingen schnell. Als der Tag graute, erhob sich der gewöhnliche Morgenwind, welchen der Emir benutzen konnte, um heranzusegeln. Ich ließ den Dinka als Wächter an der Grube zurück und ging mit Ben Nil, um beim Lichte des Tages die Tokuls zu untersuchen.

Die meisten waren leer, da die Bewohner sich auf der Sklavenjagd befanden. Doch entdeckten wir noch Waffen und Munition. Eine Hütte enthielt Vorräte aller Art, auch eine Kiste mit Kleidungsstücken, unter welchen sich ein Anzug befand, welcher mir leidlich zu passen schien. Ben Nil fand auch einen, der ihm behagte. Der Umtausch wurde bewerkstelligt, und als wir die Hütte verließen, hatte ich mich so zu meinem Vorteile verändert, daß mir der Gedanke kam, der Turteltaube einen nun auch in Beziehung auf das Kostüm würdigen Morgenbesuch zu machen, um ihr für den Kaffee und die Pfeifen Dank und Anerkennung auszudrücken. Leider aber belehrte mich, als ich die vordere Abteilung betrat, ein höchst energisches Schnarchquintett, daß wenigstens innerhalb des Tokuls die Sonne noch nicht aufgegangen war. Ich mußte also darauf verzichten, meine neuen äußeren Vorzüge anerkannt und bewundert zu sehen.

Ich hatte mir vorgenommen, noch vor Ankunft des Schiffes den Türken abermals zu vernehmen. Ich gedachte, von ihm manches zu erfahren, was uns wichtig sein mußte. Darum verfügte ich mich wieder zu der Grube. Als ich hinabblickte, sah ich, daß die Gefangenen allerdings von ihren Fesseln sich befreit hatten; aber ein Fluchtversuch war von ihnen nicht gewagt worden. Sie lagen nebeneinander im Schmutze, schliefen jedoch nicht. Murad Nassyr sah mich stehen und rief mir zu-

»Effendi, ich bitte dich um eine Gnade! Laß mich nur für eine Minute zu dir hinauf! Ich habe mit dir zu sprechen.«

»Du bist es nicht wert; aber komm!«

Wir ließen die Leiter hinab, und er kam heraufgestiegen. Er war so angegriffen – wohl mehr innerlich als äußerlich – daß er nicht stehen blieb, sondern sich wie schwer ermüdet niedersetzte.

»Du hast mir böse, böse Stunden bereitet!« seufzte er, indem er den Ellbogen auf das Knie stemmte und den Kopf in die Hand legte.

»Ich? Du selbst bist schuld daran. Du ganz allein! Wir Christen haben ein Sprichwort, welches sagt: Thue nichts Böses, so widerfährt dir nichts Böses!«

»Ich habe doch nichts gethan, was meinen Tod rechtfertigen kann!«

»Ich hatte gar nichts Böses, sondern nur Gutes gethan, und doch seid ihr fest entschlossen gewesen, mich umzubringen.«

»Das ist nun vorüber, vollständig vorüber, Effendi! Ich sehe ein, daß es die größte Dummheit meines Lebens war, mich so tief in den Sudan hineinzuwagen. Wie gerne kehrte ich zurück, augenblicklich zurück!«

»Um dort den Sklavenhandel fortzusetzen!«

»Nein. Es giebt andere Waren, welche man kaufen und verkaufen kann. Effendi, laß mich fort, so schwöre ich dir bei Allah, beim Propheten und bei der Seligkeit aller meiner Ahnen und Nachkommen, daß ich niemals wieder einen Sklaven verkaufen werde!«

»Dieses Versprechen genügt mir nicht, weil es keine hinreichende Bezahlung ist für das, was ich dir vorzuwerfen habe.«

»Was verlangst du denn noch?«

»Eigentlich nichts, gar nichts weiter als dein Leben.«

Er legte das Gesicht in beide Hände und schwieg. Nach einer Weile sah er zu mir auf und sagte:

»So mach es kurz, und schieß mich hier auf der Stelle nieder!«

Was war das für ein Gesicht! Der Mann schien in diesen wenigen Stunden zehn, fünfzehn Jahre älter geworden zu sein. Es sah wirklich aus, als ob Falten in seine vollen Wangen gefallen seien. Das freute mich; das hatte ich gewollt. Darum sagte ich in einem weniger strengen Tone:

»Murad Nassyr, denke an die Stunde, in welcher wir uns in Kahira trafen. Ich kannte dich nicht; du aber hattest mich in Algier gesehen und auch von mir gehört. Du erzähltest mir das und ludst mich zu dir ein. Ich fand Wohlgefallen an dir und zeigte mich bereit, mit dir nach Chartum zu gehen. Wir wurden Freunde. Da erfuhr ich, daß du Sklavenhändler seist, was du mir verschwiegen hattest. Du machtest mir sehr günstige Anträge, die ich aber unmöglich annehmen konnte. Wir mußten scheiden. Eigentlich waren wir nun fertig miteinander, du aber warfst Haß und Rache auf mich und wurdest ein grimmiger Feind von mir. Das war nicht wohlgethan; das war nicht klug. Du kanntest mich als einen Mann, der seine eigenen Wege geht und seine eigene Art und Weise hat, der außer Gott nichts fürchtet und auch vor keiner List die Segel streicht. Eines solchen Mannes Feind hättest du schon aus bloßer Klugheit, aus reiner Berechnung nicht werden sollen. Du bist es trotzdem geworden, hast Karte um Karte verloren und sitzest nun heute mit leeren Händen vor mir, der ich dir sämtliche Trümpfe abgenommen habe. Du dauerst mich. Ich bin dein Freund gewesen und habe das nicht vergessen können; ich kann es auch jetzt, in diesem Augenblicke, nicht vergessen und möchte dir die Hand zur Hilfe reichen. Aber nicht ich, sondern der Reis Effendina hat über dich zu bestimmen. Er wird deinen Tod verlangen. Wenn ich mir dein Leben von ihm erbitte, muß ich ihm dafür mehr bieten können als das Versprechen, welches du mir soeben gabst.«

»So sage, was!«

»Den klaren, sichern Beweis, daß es dir Ernst ist, mit dem Sklavenhandel zu brechen. Sage dich von Ibn Asl los! Das ist der Beweis, welchen ich von dir verlange.«

»Das forderst du? Weiter nichts?« fragte er, indem sein Auge wieder Glanz bekam. »Nichts leichter als das! Ich habe eingesehen, daß dieser Mann mein böser Dämon gewesen ist, daß er mein böser Geist bleiben will. Warum verlangte er meine Schwester? Warum nimmt er sie nicht, da ich sie ihm bringe? Warum lockt er mich mit ihr weiter und immer weiter in die Wildnis hinein? Welchen Zweck kann das haben?«

»Jedenfalls einen für dich und deine Schwester schlimmen.«

»Erst sollte die Hochzeit in Chartum sein, dann in Faschodah, dann hier in Aliab. Und nun wir hier angekommen sind, zieht er wieder weiter fort und läßt uns allein mit Menschen, welche ich nicht kenne und zu denen ich kein Vertrauen fassen kann!«

»Du besitzest nicht den Scharfblick, welcher nötig ist, diesen Teufel zu durchschauen. Ich an deiner Stelle wüßte längst, was er mit mir will. Ich hätte ihm Fallen gestellt, in die er sicherlich geraten wäre. Ich durchschaute dich bereits in Kahira, ohne daß du es ahntest. Du mußtest mir sagen, was ich wissen wollte, ohne daß du wußtest, daß ich dich dazu zwang. Auf ganz dieselbe Weise hätte auch Ibn Asl sich mir mitteilen müssen. Denke an den höllischen Verrat, den er gegen die armen Dinka beabsichtigt! Sie sind seine Verbündeten; er hat ihnen Lohn versprochen, und doch will er sie später, nachdem sie für ihn gearbeitet und ihr Blut vergossen haben, zu Sklaven machen und verkaufen! Ist so ein Mensch nicht fähig, ebenso schlecht und vielleicht gar noch schlechter gegen dich zu handeln? Er hat Hafid Sichar überfallen und verkauft, um zum Vermögen dieses Mannes zu kommen. Auch du bist reich; er hat viel, fast alles verloren; er braucht Geld. Warum zieht er dich hinter sich her? Warum entfernt er dich von den Gegenden und Orten, wo man dein Verschwinden, deinen Tod bemerken würde?«

»Effendi!« schrie er auf. »Meinst du so etwas?«

»Jawohl! Etwas anderes nicht!«

»Vielleicht hast du recht. Ja, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr will es mir scheinen, daß dein Scharfsinn, wie sonst stets, so auch hier das Richtige trifft.«

»So kehre um! Weißt du, wohin Ibn Asl ist?«

Zu den Gohk.«

»Kannst du mir den Weg, den er eingeschlagen hat, beschreiben?«

»Ich habe ihm geschworen, kein Wort darüber hören zu lassen.«

»Einen solchen Schwur zu halten, ist Sünde. Wir wollen den bedrohten Negern zu Hilfe kommen. Das ist uns nur dadurch möglich, daß du aufrichtig bist. Schweigst du, so kommen alle Mord- und andere Thaten über dich. Ich verlange Offenheit. Dies ist der Beweis, von welchem ich vorhin sprach und an welchem dein Schicksal, dein Leben hängt. Dein Schwur war eine Unvorsichtigkeit und wird zum Verbrechen werden, wenn du ihn hältst.«

»Bedenke doch, Effendi, ich habe beim Barte des Propheten geschworen!«

»Unsinn!« rief ich ärgerlich. »Euer Prophet hat gar keinen Bart gehabt!«

»Wie? Was? Keinen Bart? Muhammed – hat – – kei – –«

Die Worte blieben ihm im Munde stecken; er sah mir wie geistesabwesend in das Gesicht.

»Na, beruhige dich! Vielleicht hat er einen!«

»Vielleicht? Effendi, du weißt so vieles, was andere nicht wissen, und da du gerade behauptest, er habe keinen – kei – o Himmel!«

»Diese Worte sind mir ja nur im Ärger entfahren.«

»Er hat also einen Bart?«

»Wahrscheinlich.«

»Allah sei Dank! Ich habe noch nie eine Person gesehen oder gehört, welche am Barte des Propheten zweifelte.«

»Nun, gesehen hat ihn niemand, wenigstens kein jetzt lebender Mensch, und im Kuran steht auch nichts davon. Wenn du nun bei einer so zweifelhaften Sache schwörst, so hat dieser Eid in meinen Augen gar keinen Wert. Du hast ihn in der Übereilung abgelegt. Nimm ihn zurück! Ich rate es dir. Es ist zu deinem Besten.«

»Kannst du mir nicht eine Bedenkzeit geben?<&

»Auch darauf will ich eingehen; aber nur eine sehr kurze Zeit. Der Reis Effendina wird deine Entscheidung verlangen, und er kann nun jeden Augenblick hier ankommen.«

»Eigentlich habe ich dir schon genug gesagt, Effendi, indem ich dir mitteilte, daß Ibn Asl zu den Gohk will!«

»Das wußte ich schon vorher, aus seinem Briefe. Die Gohk sind das westliche Dinka-Völk. Sie grenzen mit den Schur zusammen, haben ein großes Gebiet inne und besitzen eine Anzahl reicher Dörfer. So ein Sklavenzug ist nun stets gegen ein besonderes, bestimmtes Dorf, gegen einen genau angegebenen Ort gerichtet, und diesen Ort müssen wir unbedingt wissen, wenn wir den beabsichtigten Erfolg haben wollen. Er ist dir doch jedenfalls bekannt und du kennst auch den Weg, welchen Ibn Asl einschlagen will?«

»Ich kenne ihn. Ibn Asl hat Karten über alle Gegenden des oberen Nils, sehr genaue Karten, welche er sich nach den zuverlässigen Angaben seiner Agenten zeichnet. Ich habe mit ihm dieselben studiert und war dabei, als er nach ihnen den Weg bestimmte, den er gegangen ist.«

»So bist du also im stande, uns die beste Auskunft zu geben. Weigerst du dich, das zu thun, so hast du vom Reis Effendina keine Schonung zu erwarten. Kehre jetzt in die Grube zurück. Ich habe dir gesagt, was ich dir zu sagen hatte; was du thun wirst, das ist deine Sache.«

»Vorher noch eins, Effendi! Wie verhältst du dich zu meiner Schwester? Behandelst du sie auch als Feindin?«

»Nein. In dieser Beziehung kannst du ruhig sein. Ich werde so für sie sorgen, daß sie dich nicht vermissen wird. Wie ich weiß, trinkt sie fleißig Kaffee, und solange ein Weib dies thun kann und thut, ist der Einsturz des Himmels nicht zu befürchten.«

Er stieg hinab, und wir zogen die Leiter wieder zurück. Ich stopfte mir eine neue Pfeife, setzte sie in Brand und stieg dann zur Mischrah hinab. Kaum war ich dort angekommen, so erschien der »Falke«, die vollen Segel vor dem Winde blähend. Es war ein prächtiger Anblick, diesen scharfen Segler zu sehen. Vorn am Buge stand der Emir. Er sah mich und rief mir zu: »Holla! Da steht ja der Welteroberer und raucht die Siegespfeife! Die Gefangenschaft scheint dir nicht übel bekommen zu sein!«

»Sie war so kurz,« antwortete ich, »daß sie mich weit mehr unterhalten als belästigt hat.«

»Habe es gehört. Abu en Nil hat es mir erzählt Nun will ich aber auch dich hören. Ich komme gleich!«

Der »Falke« rauschte näher; die Segel sanken. Von der Stetigkeit weiter getrieben, kam das Schiff vollends bis an die Mischrah und ließ da den Anker fallen. Der Landungssteg wurde ausgelegt, und der Reis Effendina eilte als erster an das Ufer, streckte mir die beiden Hände entgegen, schüttelte die meinigen kräftig und sagte mit seinem biedern, treuherzigen Lachen:

»Vier Männer, wobei noch dazu ein Neger, eine ganze, große Seribah erobert, und gar vorher erst gefangen gewesen, das ist schon etwas, worauf man stolz sein kann. Ich gratuliere dir. Nun sollen die Hunde aber über die Klinge springen, alle vom ersten bis zum letzten, den dicken Türken nicht ausgenommen.«

»Langsam, langsam! Ich möchte das nicht so für sicher und gewiß aussprechen hören.«

»Was?« meinte er, indem er die Brauen finster zusammenzog. »Willst du mir wohl wieder mit einer deiner menschenfreundlichen Bitten kommen?«

Sein erst so frohes, heiteres Gesicht hatte einen ganz anderen Ausdruck angenommen, als er jetzt in beinahe barschem Tone fortfuhr:

»Daraus wird nichts. Es ist schon fest beschlossene Sache. Solche Brut darf nicht leben bleiben. Kommt mit hinauf in die Seribah!«

Wir stiegen die Mischrah empor und krochen durch das Schlupfloch. Dann führte ich ihn herum, ohne daß wir zunächst einen Tokul betraten. Dann setzte ich mich auf einen daliegenden Baumstamm und forderte ihn auf.

»Laß dich hier mit nieder! Ich will dir erzählen.«

»Gut. Vorher aber will ich dir sagen, daß Ibn Asl es verstanden hat, eine Seribah anzulegen. Das ist ja eine wahre Festung! Durch diese Waldmauer kann man nicht dringen. Er durfte die Verteidiger nur an die Mischrah stellen, so hätte man sich die Köpfe einlaufen müssen. Zwölf Mann in Summa hast du angetroffen? Selbst diese hätten, wenn sie hinreichend mit Munition versehen waren, meinen hundert Asakern und wenigen Takaleh zu schaffen gemacht.«

»Sie waren versehen. Ich habe einen guten Vorrat von Pulver und Blei vorgefunden.«

»Dann nur ein umsichtiger, aufmerksamer Kommandant, und ich hätte unverrichteter Sache abziehen müssen. Wir hätten Blut, viel Blut gelassen, und zwar vergebens. Und das hast du bekommen ohne einen Schuß, einen einzigen Messerstich! Effendi, du hast ein ungeheures Glück, ein solches Glück, daß es mir angst und bange um dich werden möchte. Wenn es dich einmal verläßt, wird es dir um so trauriger ergehen. Nimm dich in acht und wage in Zukunft nicht mehr so viel wie bisher! Doch erzähle mir nun!«

Die Thatsachen wußte er bereits durch den Bericht des alten Steuermannes, sodaß ich mich kurz fassen konnte und nicht viel hinzuzufügen brauchte. Die Hauptsache war mir, ihn für den Türken günstiger zu stimmen. Ich that mein möglichstes, hielt ihm eine lange Rede und raffte alle möglichen Gründe zusammen, die den Gefangenen zu entschuldigen vermochten. Er hörte mich an, ohne mich nur einmal zu unterbrechen, und blickte, als ich zu Ende war, eine ganze Weile finster und wortlos vor sich hin. Dann sagte er.-

»Ich bin dir zu Dank verpflichtet, und du hast so eine eigene Art, dies für deine falsche Humanität nutzbar zu machen. Einen deiner Gründe will ich gelten lassen, aber auch nur einen einzigen, nämlich den: Er ist ein Sklavenhändler aber kein Sklavenjäger; er hat mit Schwarzen gehandelt, aber noch keinen direkt gefangen. Eigentlich ist der Händler nicht besser als der Jäger, denn wenn es den ersteren nicht gäbe, könnte auch der letztere nicht existieren; aber man nimmt es bei jenem doch nicht so genau wie bei diesem. Und er hat die Schwester mit, die wir dann auf dem Halse hätten. Was würden wir mit dem Mädchen und den vier Dienerinnen thun? Wir können sie doch unmöglich in den Nil werfen, um sie nur los zu werden!«

»Nein,« antwortete ich, auf seine gegenwärtige Laune eingehend. »Wenn wir ihm diese vier Frauenzimmer lassen, ist er bestraft genug.«

»Oho! Soll er sonst ganz frei ausgehen? Und da muß ich dir ein Bedenken, ein schweres Bedenken mitteilen. Die zehn Asaker und ihr Feldwebel müssen doch unbedingt bestraft werden?«

»Dies zu bestimmen ist deine, aber nicht meine Sache.«

»Winde dich mir nicht aus der Hand! Natürlich müssen sie bestraft werden. Ich bin entschlossen, sie erschießen zu lassen. Wie kann ich aber das thun, wenn ich Murad Nassyr freilasse! Du siehst wohl ein, daß mir deine Bitte außerordentlich unbequem sein muß!«

»Ich sehe es ein und werde dir ihre Erfüllung um so höher anrechnen.«

»Sprich nur nicht von Anrechnung! Deine Dankbarkeit wird einfach darin bestehen, daß du mir bei der nächsten Gelegenheit abermals in die Quere kommst. Da kenne ich dich. Wenn dieser Türke wenigstens aufrichtig sein wollte!«

»Ich hoffe es.«

»Er kann uns auch falsch berichten. Ist er dann einmal fort, so können wir uns nicht mehr an ihn halten.«

»Dagegen giebt es ein ausgezeichnetes Mittel: Wir lassen ihn eben nicht fort.«

»So müssen wir seine fünf Frauenzimmer auch behalten.«

»Das läßt sich arrangieren. Stecke sie auf das Schiff, welches wir doch irgendwo zurücklassen müssen! Wir können doch nicht per Schiff über das Land fahren.«

»Das ist wahr. Und ihn nehmen wir mit. Stellt es sich dann heraus, daß er uns belogen hat, so bekommt er die Kugel.«

»Ich meine, daß wir schon jetzt im stande sind, seine Aussagen zu kontrollieren. Der Dinka wollte uns auch irre führen, und es ist ihm nicht gelungen. Ich durchschaute ihn und habe ihm alles, was er uns verheimlichen wollte, auf den Kopf zugesagt. Gerade so ist’s auch mit dem Türken. Erinnerst du dich jenes Malaf, der mir zwischen Bir Murat und dem heimlichen Brunnen begegnete?«

»Ja. Du warst ganz allein und nahmst ihn und seine Begleiter doch gefangen. Er durfte zwar laufen, aber die Kerle mußten dir alles übergeben, was sie bei sich hatten. Er war der Anführer von Ibn Asls Vorhut.«

»Du hast es dir sehr gut gemerkt. Von allen den Waffen und sonstigen Gegenständen, welche ich diesen Leuten abnahm, habe ich nichts für mich beansprucht als einige Karten, welche mich interessierten. Es waren höchst genaue Zeichnungen derjenigen Gegenden, in denen Ibn Asl zu jagen pflegt. Das Land der Gohk ist auch dabei. Ich habe diese Karten noch. Sie befinden sich auf dem Schiffe, und ich werde sie holen. Wenn die Angaben des Türken mit diesen Aufzeichnungen stimmen, dürfen wir ihm getrost Glauben schenken.«

»Das ist freilich wahr.«

»So bist du also bereit, Gnade gegen ihn walten zu lassen?«

»Nicht so schnell! Du hast mich zwar schon fast überredet, aber ich will ihn doch erst selbst hören. Es soll auf sein Verhalten ankommen, was ich über ihn beschließe. Holen wir die Karten. Ich werde meine Asaker ausschiffen und dann die Gefangenen vernehmen.«

Wir kehrten auf das Schiff zurück, wo er den Soldaten die Erlaubnis gab, an das Land zu gehen. Die Pfähle, mit denen der Eingang der Seribah verschlossen war, wurden mit dem daranhängenden, dornigen Flechtwerke aus der Erde gezogen; dann marschierten die Asaker mit übergenommenen Gewehren in geordneter Kolonne ein und bildeten um die »Grube der Strafe« einen Kreis. Die Leiter wurde angelegt, und die Gefangenen mußten heraufkommen.

Wie erschraken sie, als sie die uniformierten Asaker des Vizekönigs erblickten! Sie kannten ihr Schicksal, den fast sicheren Tod, und knickten vor Angst beinahe in die Kniee. Murad Nassyr stand bei ihnen und wagte kaum, aufzusehen. Seine Schwester wartete verschleiert mit ihren Dienerinnen vor dem Tokul. Was sie jetzt dachte und fühlte, weiß ich nicht. Vielleicht interessierte sie der Anblick der Truppen mehr als das Schicksal ihres Bruders, welches jetzt entschieden werden sollte. Es war mir immer, als ob sie kommen und den Emir fragen müsse, ob sie ihm eine Tasse Kaffee kochen dürfe.

Der Reis Effendina musterte den Türken einige Augenblicke und fragte ihn dann: »Weißt du, wer ich bin?«

Der Gefragte verbeugte sich tief und schweigend.

»Und du bist ein Sklavenschinder, dem ich eigentlich das Fell vom Leibe schneiden sollte, ein giftiges Ungeziefer, welches man zertreten und ausrotten muß. Gestehe, handelst du mit Sklaven?«

»Bisher, ja.«

»Du warst mit Ibn Asl verbündet?«

»Ja.«

»Damit hast du dein Todesurteil ausgesprochen.«

»Emir, ich kannte ihn nicht genau!« stammelte der Türke erschrocken.

»Desto schlimmer für dich! Einem Unbekannten läuft man nicht bis in den tiefen Sudan nach! Wohin ist er jetzt?«

Zu den Gohk.«

»Welchen Weg hat er eingeschlagen?«

»Zunächst zu Schiffe bis Aguda.«

Murad Nassyr dachte jetzt nicht an seinen Eid, nicht an den Bart des Propheten. Er zitterte vor Angst. Der Ton, in welchem der Emir zu ihm sprach, ließ keinen Versuch des Widerstandes, kein Bedenken aufkommen. Er beantwortete jede Frage sofort und ohne eine Sekunde verstreichen zu lassen. Ich zog die Karte hervor, um seine Angaben mit derselben zu vergleichen.

»Welchen Ort will er denn überfallen?«

»Wagunda.«

»Warum diesen?«

»Der dortige Gebieter hat bedeutende Elfenbeinvorräte aufgestapelt, und seine Unterthanen besitzen große Herden. Auch sind die Neger jener Gegend als kräftig bekannt.«

»Bringen also, wenn man sie verkauft, einen guten Preis! O, ihr Hundesöhne! Elfenbein, Herden und Neger! Der Scheitan soll euch durch alle Lüfte führen! Giebt es noch andere Orte in der Gegend von Wagunda?«

»Thuat, Agardu, Akoku und Foguda liegen in der Nähe.«

»Wann gedachte Ibn Asl dort einzutreffen? Hat er es sich ausgerechnet?«

»Wir haben alles genau überlegt. Er glaubte nicht länger als zwanzig Tage zuzubringen.«

Der Emir warf mir einen fragenden Blick zu, und ich nickte, um ihm meine Überzeugung anzudeuten, daß der Türke die Wahrheit gesagt habe. Die Folge davon war, daß er in einem bedeutend milderen Tone fortfuhr:

»Ich will dir Glauben schenken. Du hast in deinen Antworten nichts beschönigt; das rettet dich. Der Effendi hat mich um Gnade für dich gebeten, und ich will einmal versuchen, dieser Bitte Folge zu leisten. Kennst du den geraden, kurzen Weg zu den Gohk?«

»Ja. Er geht von hier stromaufwärts bis zum Maijeh Semkat, den man am dritten Tage erreicht. Dort kann man das Schiff lassen und muß von da an sechs Tage lang nach Westen über Land.«

»Kennst du den Landweg? Kannst du uns führen?«

»Leider nein, denn ich war noch niemals dort.«

Da rief einer der gefangenen Asaker, ein noch ziemlich junger Mann, schnell:

»Sei gnädig, o Reis Effendina, und gestatte mir, zu sprechen! Ich kenne diesen Weg. Ibn Asl schickte Malaf hin, um eine Karte zu machen. Dieser nahm mich mit. Wir sind überall herumgewandert, um jeden Wald und jedes Wasser kennen zu lernen.«

Malaf war eben derjenige, von dem ich meine Karten hatte. Der junge Mann war zu gebrauchen. Ich gab dem Emir einen Wink. Er verstand mich und wollte weiter sprechen, doch wurde seine Aufmerksamkeit ab und nach einem Punkte gelenkt, an welchem der Kreis unserer Asaker in Unordnung zu geraten schien. Man sah, daß jemand sich durchdrängen wollte. Er öffnete sich auch wirklich. Und wer erschien?

Hatte ich es mir doch gedacht! Kumra, die Turteltaube, den Schleier vor dem Gesichte und einen rauchenden Wassertopf in den Händen! Hinter ihr kam Fatma, der Liebling, den zerstoßenen Kaffee tragend. Dann die zweite weiße Dienerin mit dem Findschahn aus Porzellan. Und darauf die schwarzen Mädchen, das eine mit der Pfeife und das andere mit dem Tabakskruge. Ich hätte laut auflachen mögen! Der Emir machte ein finsteres Gesicht und rief den Schönen entgegen: »Was wollt ihr hier? Fort mit euch! Ihr gehört in den Harem, nicht aber in diesen Kreis!«

Aber die Demoiselles waren nun einmal losgelassen und nicht zurückzuhalten. Sie ließen sich nicht irre machen, nahten in wackelnder Prozession und hielten vor ihm still.

»Wir gehören wohl hierher, o Gebieter!« sagte die Turteltaube. »Wie bieten dir Erquickung nach der Reise; Kaffee, frisch und warm, wie die Lippen der Mädchen, und Tabak, die Wonne des Geruches, köstlicher Wohlgeschmack des Paradieses. Trinke, rauche und gieb mir dafür meinen Bruder frei, den ich nicht – –«

Sie kam nicht weiter. Ihre Arme hatten gleich von Anbeginn eine ganz eigentümliche Lage, ihre Hände eine ebenso eigenartige Haltung gehabt; der rauchende Topf kippte bald nach rechts, bald nach links; bald ließ sie, während sie sprach, ihn sinken, bald hob sie ihn krampfhaft wieder empor; ihr Oberkörper bückte sich nach vorn, richtete sich wieder auf, wand sich herüber, dann wieder hinüber – man sah die Katastrophe kommen. Die gute Turteltaube entbehrte nämlich jenes wohlthätigen Händeschutzes, den die Araberin Tandscharaja, die Deutsche aber einen Topflappen nennt. Das Wassergefäß war zu heiß für ihre zarten Finger; lange, lange hatte sie den Schmerz ertragen, nun aber ging es beim besten Willen nicht mehr; sie warf den Topf mitsamt dem Wasser dem Emir an die Beine und schrie, indem sie davoneilte:

»Geduld, Geduld, o Herr; ich koche sogleich anderes!«

Ihre vier dienstbaren Geister glaubten, dem Beispiele ihrer Gebieterin folgen zu müssen. Sie warfen ihre Requisiten zu dem nun leeren Topfe und wackelten ihr schleunigst nach. Ich biß mich in die Lippen. Der Türke stieß einen zornigen Fluch aus. Der Emir sah an seinen nassen Beinen nieder, richtete dann seine Augen auf mich, bemerkte das nicht zu unterdrückende, krampfhafte Zucken und Arbeiten meiner Gesichtsmuskeln und – – brach in ein lautes, herzliches Gelächter aus. Ich stimmte sofort ein, denn ich war froh, mir Luft machen zu können. Ben Nil und sein Großvater fielen auch ein, und das wirkte ansteckender und schneller als der gefährlichste Komma-Bacillus: das Gelächter ging rundum; es lachte der ganze Kreis unserer Soldaten.

Nun war es unmöglich, die vorige Strenge wieder aufzunehmen. Der Emir nahm mich beim Arme und zog mich aus dem Kreise. Außerhalb desselben hin und her gehend, besprachen wir uns. Der Wassertopf hatte ihn wohlwollender gestimmt; ich that natürlich mein möglichstes, und das Resultat war, daß er in den Kreis zurückkehrte und mit lauter Stimme sein Urteil verkündete:

»Im Namen und Auftrage des Vicekönigs, welchem Allah tausend Jahre verleihen möge! Diese Seribah Aliab ist seit ihrem Bestehen ein Schauplatz des Verbrechens gewesen; sie soll von der Erde verschwinden, indem noch heute am Vormittage an alle Tokuls Feuer gelegt wird. Murad Nassyr, der bisherige Sklavenhändler, hat zu schwören, daß er diesem Handwerke für immer entsagt. Darauf begleite er uns auf unserm Zuge nach Wagunda. Hat er uns die Wahrheit gesagt, so wird ihm verziehen und all sein Eigentum bleibt unangetastet. Stellt es sich aber heraus, daß er uns belogen hat, so bekommt er die Kugel und alles, was ihm gehört, verfällt der Kasse der Asaker. Während seiner Abwesenheit werden seine Niswan auf meinem Schiffe wohnen. Die elf Soldaten des Sklavenjägers haben den Tod verdient, doch dieser Effendi hat für sie gebeten, und Allah will ihnen Gelegenheit zur Besserung geben. Sie dürfen mit uns ziehen. Kämpfen sie tapfer an unserer Seite, so sei ihnen verziehen und sie mögen, wenn sie wollen, zu uns gehören; zeigt sich aber auch nur einer von ihnen ungehorsam, so werden alle erschossen. Sie mögen darum auf einander Achtung geben.«

Er hatte ausgesprochen. Es entstand fast eine minutenlange, stumme Pause; dann sprang der alte Feldwebel vor, schwang beide Arme hoch in die Luft und rief:

»Allah segne den Reis Effendina heute, immer und ewig.«

»Iljaum, daiman, abadi!« wiederholten im Chore alle Stimmen.

Der Türke kam zum Emir, verbeugte sich und leistete den verlangten Schwur; dann gab er mir die Hand und sagte:

»Das habe ich nur dir zu verdanken und werde es dir nie vergessen. Ich schwöre dir, daß du deine Fürbitte nie bereuen wirst!«

Damit der allgemeinen Freude auch die pikante Würze nicht fehle, kam das Ewigweibliche jetzt wieder gewallfahrtet. Turteltaube hatte einen andern, aber auch dampfenden Topf in den Händen. Die Hände aber waren dieses Mal nicht in Gefahr, verbrannt zu werden, denn sie hatte, – – ihre Pantöffelchen darübergesteckt. Die Not ist zuweilen eine sehr scherzhafte Lehrmeisterin.

Ich eilte hinzu, ergriff sie – nicht etwa am Arme, nein, das durfte ich nicht, sondern bei ihrer Umhüllung und zog sie nach dem Tokul ihres Bruders, in dessen Vorderabteilung sie dem Emir und mir den festlichen Trank kredenzen durfte, wobei es dieses Mal keine nassen Hosen gab.

Nun begann in der Seribah ein sehr lebendiges Regen und Bewegen. Die erst feindlichen Asaker wurden als Freunde behandelt und halfen fleißig bei der Arbeit. Alles Brauchbare, was die Tokuls enthielten, wurde entweder gleich verteilt oder auf das Schiff gebracht, und als sie dann leer waren, wurde die »Hand des Feuers« an sie gelegt. Wir blieben wachend dabei, um zu verhüten, daß der Brand auf den Wald überging. Indessen wurde mit Hilfe von Stangen und Matten für den Harem eine kleine Kajüte auf dem Deck des Schiffes errichtet. Zur Mittagszeit lag die Seribah in rauchenden Trümmern; dann schifften wir uns ein, hoben die Anker und segelten mit geschwellter Leinwand dem Süden zu.

Welche Sorge hatte uns vorher die Seribah Aliab gemacht! Und nun hatte nur die Hälfte eines Tages dazu gehört, sie in unsere Gewalt zu bringen und vollständig zu zerstören! – –

Gefangen


Gefangen

Von dem Brunnen, an welchem das letzte Ereignis sich zutrug, bis zur Dschesireh Hassanieh ist eine Strecke von fast dreißig geographischen Meilen zurückzulegen. Unsere vortrefflichen Kamele legten diesen Weg in zwei Tagen zurück, waren aber dann, als wir uns dem Ziele näherten, so ermüdet, daß wir sie langsam gehen lassen mußten. Ich glaubte, die Richtung ganz genau genommen zu haben, war aber doch etwas zu weit nach links geraten, denn es stieg gerade vor uns der Dschebel Arasch Quol auf, welcher ziemlich weit nördlich von Hegasi liegt.

Es war gegen Abend, als wir dort ankamen. Hegasi ist eine armselige Helle welche aus wenigen Hütten besteht, und liegt auf dem hohen Ufer des Nils, ziemlich gut gegen die Überschwemmungen des Flusses geschützt. Von der Helle führt ein Weg hinab zum Flusse nach der Stelle, an welcher die Fahrzeuge landen und die Tiere getränkt werden. Dieser Weg sowohl wie auch die Tränk- oder Landestelle wird am oberen Nile Mischrah genannt.

Ich freute mich beim Anblicke des Flusses, den ich seit dem Zuge zu den Fessarah nicht wieder gesehen hatte. Die Bewohner des Dorfes kamen herbei, um uns nach dem Woher und Wohin und nach unserm Begehr zu fragen. Ich hütete mich natürlich, ihnen sofort Auskunft zu erteilen, und ging ihren Erkundigungen durch Gegenfragen aus dem Wege.

Zunächst führten wir unsere Kamele zum Flusse, um sie trinken zu lassen; dann brachten wir sie hinauf nach einer grasigen Stelle, deren Eigentümer uns gegen geringes Entgelt die Erlaubnis gab, sie da weiden zu lassen.

Auf der Höhe der Mischrah saß ein Mann, welcher nicht in das Dorf zu gehören schien. Er war vollständig bewaffnet und besser gekleidet als die Bewohner der Helle. Als ich mich bei einem der letzteren nach ihm erkundigte, antwortete er*

»Wir kennen ihn nicht. Er ist schon seit gestern hier und sitzt stets auf derselben Stelle, um flußabwärts zu blicken.«

»Erwartet er vielleicht ein Schiff?«

»Wahrscheinlich; aber er hat uns nicht geantwortet, als wir ihn danach fragten. Vor dem Dorfe hält ein gesatteltes Pferd, welches er sich von unserm Scheik el Beled geliehen hat.«

»Wann hat er es geritten?«

»Noch gar nicht; aber es steht bereit, so lange er sich hier befindet.«

»Wohin will er reiten?«

»Das wissen wir nicht; dem Scheik el Beled wird er es wohl gesagt haben, da dieser ihm sonst sein Pferd nicht gegeben hätte.«

Der Fremde war mir auffällig. Es war klar, daß er nach irgend etwas ausschaute und dann, wenn es erschien, sofort davon reiten wollte, um Meldung davon zu machen. Gern hätte ich gewußt, wohin er diese letztere bringen wollte; aber den Scheik fragen, das wäre wohl zu auffällig gewesen. Darum erkundigte ich mich bei dem Manne:

»Wann ist das letzte Schiff stromaufwärts hier vorübergekommen?«

»Gestern früh.«

»Und wann kam der Mann in das Dorf?«

»Zur selben Zeit, denn er kam von diesem Schiffe. Er wurde in einem Boote an die Mischrah gebracht.«

»Das Boot blieb nicht hier?«

»Nein; es wurde wieder zum Schiffe gerudert.«

»Wem gehörte das Schiff?«

»Das weiß ich nicht.«

»Was hatte es geladen?«

»Auch das kann ich nicht sagen.«

»Kannst du mir auch seinen Namen nicht nennen?«

»Es hieß Hardaun (Eidechse) und war keine Dahabijeh, sondern ein Noquer.«

»Wann kam das vorhergehende Schiff vorüber?«

»Einen Tag vorher, also vorgestern. Es war auch ein Noquer; er war leer und ging nach Süden, um Waren zu holen.«

»Ist nicht ein Schiff vorübergekommen, welches weder eine Dahabijeh noch ein Noquer war und ein sehr fremdes Aussehen hatte?«

»Nein.«

Diese Antwort beruhigte mich, denn sie sagte mir, daß der Reïs Effendina den gefährlichen Ort noch nicht passiert hatte. Sein »Falke« war so ungewöhnlich gebaut und aufgetakelt, daß er jedem hiesigen Auge auffallen mußte.

Ben Nil hatte sich in das Gras gelegt und sah dem Thun und Treiben der Dorfbewohner zu. Ich schritt langsam auf den Fremden zu, welcher mich scharf beobachtet hatte, setzte mich an seiner Seite nieder und grüßte:

»Allah schenke dir einen glücklichen Abend!«

»Glücklichen Abend,« antwortete er kurz.

Ich hatte den Gruß vollständig ausgesprochen, was man nur dann thut, wenn man besonders höflich sein will. Mit seiner Kürze wollte er mir jedenfalls sagen, daß ihm an meiner Gesellschaft nichts liege; ich that aber, als ob ich das gar nicht herausgefühlt habe, und fuhr fort.

»Ich habe kein Netz bei mir, um mich gegen die Mücken des Flusses zu schützen; darum kann ich nicht im Freien schlafen. Giebt es hier in diesem Dorfe eine Hütte, in welcher ich Aufnahme finden kann?«

»Ich weiß nicht; ich bin nicht von hier.«

»So bist du auch fremd? Allah sei mit dir auf deiner Reise!«

»Sein Segen sei auch mit der deinigen! Wo kommst du her?«

»Von Chartum,« antwortete ich, gezwungen, die Unwahrheit zu sagen.

»Wo steht das Zelt, welches dein Eigentum ist?«

»Ich bewohne kein Zelt, sondern ein Haus. Es steht in Suez.«

»Was bist du?«

Ich machte ein möglichst pfiffiges Gesicht und antwortete:

»Ich handle mit allem möglichen, am liebsten aber mit – –«

Ich hielt inne und machte eine Handbewegung, welche sagen sollte, daß es nicht geraten sei, den angefangenen Satz zu vollenden.

»Mit verbotener Ware?« sagte er an meiner Stelle.

»Wenn es so wäre, dürfte ich es eingestehen?«

»Mir könntest du es sagen. Ich würde dich gewiß nicht verraten.«

»Das Schweigen ist auf alle Fälle besser als das Reden.«

»Nicht auf alle Fälle. Wenn ein Kaufmann ein Geschäft machen will, muß er doch von demselben sprechen.«

»In diesem Falle pflege ich natürlich auch zu reden. jetzt aber liegt ein Geschäft nicht vor.«

»Vielleicht doch, falls ich dich nämlich recht verstanden habe. Ihr seid auf Kamelen gekommen. Wo wollt ihr hin?«

»Einkaufen.«

»Was?«

»Das!« nickte ich, ihn im unklaren lassend.

Er war nicht bloß freundlicher, sondern, wie man sich auszudrücken pflegt, warm geworden. Er hielt mich für einen Sklavenhändler, und ich war überzeugt, in ihm einen Untergebenen des Sklavenjägers Ibn Asl, den ich suchte, vor mir zu haben. Es galt, ihn in seiner Ansicht zu bestärken, ohne doch sofort einzugestehen, daß dieselbe die richtige sei, denn ein Sklavenhändler sagt nicht dem ersten besten Menschen, was er ist und was er treibt. Jedenfalls hatte der Mann die Aufgabe, das Erscheinen des Reïs Effendina hier abzuwarten und dann weiter zu melden. Der Noquer »Eidechse« gehörte in diesem Falle Ibn Asl und konnte nicht weit entfernt von hier, wahrscheinlich an der Dschesireh Hassanieh liegen.

»Du bist verschwiegen, und das freut mich sehr,« meinte der Mann. »Nur mit verschwiegenen Leuten kann man sich auf Geschäfte einlassen.«

»Ah, auch du treibst also diese Dinge, welche nicht jedermann zu wissen braucht?«

»Wenn es nun so wäre?«

»So paßten wir zusammen.«

»Wirklich? Weißt du auch, daß es ein sehr gefährliches Geschäft ist, Requiq zu machen?«

»Pah! Ich möchte wissen, wieso gefährlich. Man zieht nach einem Dorfe der Schwarzen, umzingelt es, steckt es in Brand und nimmt die Neger in Empfang, wenn sie aus den brennenden Hütten gesprungen kommen. Die Alten und Schwachen sticht oder schießt man nieder, und mit den andern geht man fort. Wo ist da die Gefahr?«

»Dabei allerdings nicht; sie beginnt erst mit dem Transporte.«

»Man darf sich nicht erwischen lassen und muß die Sklaven an Ort und Stelle verkaufen.«

»Das kann man nicht, denn es ist kein Käufer da.«

»So nimmt man einen mit, welcher die Schwarzen sofort nach der Jagd kauft und bezahlt und dann die Gefahren des Transportes auf sich nimmt.«

»Wo wäre ein solcher Mann zu bekommen?«

»Wo? Hm!« brummte ich bedeutungsvoll.

»Wer ist er?« fragte er.

»Das wird dich wohl nicht sehr interessieren, denke ich.«

»Mehr als du denkst. Ist der Mann reich?«

»Er besitzt soviel, wie er braucht.«

»Auch mutig muß er sein!«

»Das ist er. Er war mehreremal in Abessinien, um Sklaven dort zu kaufen. Dazu gehört doch schon etwas.«

»Allerdings. Wo befindet er sich jetzt?«

»Am weißen Nile, vielleicht gar nicht weit von hier.«

»Du bist wirklich außerordentlich vorsichtig. Meinst du dich selbst?«

»Das sage ich natürlich nicht.«

»Mir darfst du es sagen, denn – –«

»Denn – – ? Warum redest du nicht aus?«

»Weil ich auch vorsichtig sein muß. Aber wenn ich mich in dir nicht irre, so könnte ich dir vielleicht sagen, bei wem du Requiq kaufen kannst.«

»Nun, bei wem?«

»Bei Ibn Asl.«

»Allah! Bei diesem berühmten Sklavenjäger? Wo befindet er sich?«

»Wo sich dein Händler befindet, nämlich am weißen Nil.«

»In welcher Gegend?«

»Vielleicht gar nicht weit von hier,« antwortete er, indem er meine vorigen Worte wiederholte.

Ich that, als ob ich sehr freudig überrascht sei, und rief aus:

»Das ist gut; das ist sehr gut! Ich hörte von ihm sprechen. Ein türkischer Händler, den ich kenne, sagte mir, daß er viel von ihm gekauft habe.«

»Meinst du Murad Nassyr? Den kennst du also?«

»Sehr gut. Ich habe oft Requiq von ihm gekauft.«

»Ah, endlich gestehst du ein, daß du es selbst bist, von dem du sprachst!«

»Allah w’Allah! Es ist mir so herausgefahren.«

»Sei unbesorgt! Es schadet nichts, denn nun kann auch ich offen sein. Ich sage dir, daß ich bei Ibn Asl im Dienst stehe.«

»Ist das wahr? Oder willst du mich nur versuchen?«

»Es ist die Wahrheit. Welchen Grund könnte ich haben, mich fälschlicherweise für einen Diener des Sklavenjägers auszugeben?«

*Um mich zu fangen. Du könntest leicht im Dienste des Khedive stehen.«

»Selbst wenn dies der Fall wäre, könnte ich dir jetzt nicht schaden. Ich müßte dich auf der That ertappen. Also, aufrichtig! Sage mir, ob du Requiq kaufen willst!«

»Nun gut, ich will es wagen und dir Vertrauen schenken, obgleich ich dich noch nie gesehen habe. Ja, ich kaufe Sklaven, sobald ich sie bekommen kann.«

»Wo wolltest du von hier hin?«

»Nilaufwärts, noch weit über Faschodah hinaus, bis ich auf irgend einer Seriba finde, was ich suche.«

Unter einer Seriba versteht man eine Niederlassung von Sklavenjägern. Diese Niederlassungen sind nach dortigen Begriffen festungsartig angelegt. Sie bestehen aus Hütten, welche teils zur Unterkunft der Sklavenjäger, teils als Vorratshäuser dienen und mit einer oft mehrfachen, dichten Stachelhecke umgeben sind.

»Du hast gar nicht nötig, so aufs Geratewohl zu reisen,« meinte der Mann zutraulich. »Hast du Geld mit?«

»Genug.«

»So will ich dich zu In Asl bringen.«

»Dafür würde ich dir herzlich dankbar sein und dir später ein gutes Bakschisch geben. Aber hat Ibn Asl jetzt Sklaven?«

»Noch nicht. Wir wollen eben jetzt eine Fahrt nach Requiq unternehmen. Murad Nassyr will Sklaven haben, und wenn uns das Glück wie immer begünstigt, so bleiben für dich mehr übrig, als du brauchen kannst.«

»So ist Murad Nassyr bei Ibn Asl?«

»Nein. Er ist nach Faschodah voraus.«

Das war mir ungeheuer lieb. Ich hegte den kühnen Gedanken, Ibn Asl aufzusuchen, also mich in die Höhle des Löwen zu begeben. Er kannte mich ja nicht, denn am Wadi el Berd hatte er mich nur von weitem gesehen. Wäre aber Murad Nassyr bei ihm gewesen, der mich kannte, so hätte ich mich unmöglich sehen lassen können; es wäre einfach um mich geschehen gewesen. Freilich konnten auch der Mokkadem und der Muza’bir bei dem Sklavenjäger sein. Die beiden Schurken kannten mich ebenso genau wie der Türke. Es galt also, unauffällig eine diesbezügliche Erkundigung einzuziehen.

»Weißt du, weshalb der Türke jetzt eigentlich gekommen ist?« fuhr der Mann, welcher ganz zutraulich geworden war, fort.

»Nein.«

»Kennst du seine Familie?«

»Ich weiß nur, daß er zwei Schwestern hat.«

»Das stimmt. Und daraus ersehe ich auch, daß du die Wahrheit redest und wirklich derjenige bist, für den du dich ausgiebst. Er hat Ibn Asl eine dieser Schwestern zum Weibe gebracht. Auf einer Seriba am obern weißen Nile wird die Hochzeit sein. Wenn du mit uns ziehst, kannst du das Fest mitmachen. Ibn Asl ist bei solchen Gelegenheiten außerordentlich freigebig. Auch sein Vater ist dabei.«

»Er hat einen Vater?« fragte ich, indem ich mich verstellte.

»Ja, sein Vater lebt noch. Er zieht als frommer Fakir am Nile auf und ab, um unter dieser Maske die Geschäfte seines Sohnes zu fördern.«

»Ist er schon jetzt bei ihm?«

»Eigentlich ja. Für kurze Zeit aber ist er abwesend, mit einer Schar unserer Sklavenjäger in die Steppe gezogen, um Gericht zu halten.«

»Gericht?«

»Ja, um einen fremden Giaur, welcher uns großen Schaden bereitet hat, zu bestrafen.«

»Du machst mich neugierig!«

»Ibn Asl mag es dir selbst erzählen, wenn es ihm beliebt. Ich weiß nicht, ob ich zu dir von ihm sprechen darf. Der Christ ist ein Schurke, ein Teufel, den wir vernichten müssen.«

Wenn er gewußt hätte, daß ich selbst dieser Schurke, dieser Teufel war! Er fuhr fort:

»Er ist von Kahira aus verfolgt worden bis hierher, aber vergebens. Selbst dem Mokkadem ist er entgangen, als er – –«

»Dem Mokkadem?« fragte ich. »Welchen Mokkadem meinst du?«

»Den der heiligen Kadirine.«

»Welcher Abd el Barak heißt? Ah, den kenne ich sehr gut. Ich habe ihn in Kahira getroffen.«

»Wirklich? So freue ich mich um so mehr, daß ich dir hier begegnet bin. Du wirst Freunde finden. Der Mokkadem ist nämlich auch mit Murad Nassyr nach Faschodah. Er hat einen Muza’bir bei sich, und beide wollen unsern Sklavenzug mitmachen.«

Da wußte ich ja auf einmal, was ich wissen wollte. Es befand sich kein Bekannter von mir bei Ibn Asl, und so konnte ich es wagen, zu ihm zu gehen. Eben jetzt berührte die Sonne den westlichen Horizont, und es galt, das Mogreb, das Gebet des Sonnenunterganges, vorzunehmen. Da ich für einen Moslem zu gelten hatte, so war ich gezwungen, wenigstens die äußeren Bewegungen mitzumachen. Ich ging also zu Ben Nil und kniete neben ihm, der bereits im Beten war, nieder.

Ich hätte bei dem Fremden bleiben können, hatte aber meinen guten Grund, das scheinbare Gebet bei meinem Gefährten zu verrichten. Dieser mußte doch erfahren, was ich mit dem andern gesprochen und verhandelt hatte; er hätte sonst sehr leicht einen Fehler begehen und durch irgend eine Äußerung das Gelingen meines Planes zunichte machen können. Eine lange Rede durfte ich da freilich nicht halten. Der Fremde konnte sich uns nähern, und dann mußte Ben Nil schon unterrichtet sein. Darum sagte ich ihm, als das Gebet beendet war:

»Merke auf! ich bin ein Sklavenhändler aus Suez und heiße Amm Selad. Du bist mein Diener und nennst dich Omar. Wir kennen Murad Nassyr, von dem ich Sklaven gekauft habe, und auch den Mokkadem. Wir sind nilaufwärts und kommen jetzt von Chartum.«

»Schön, Effendi!« nickte der Jüngling.

»Um Allahs willen, sag‘ das Wort Effendi jetzt nicht wieder, außer wenn du ganz sicher weißt, daß wir allein sind. Du hast Herz. Ich habe etwas vor, wozu Mut gehört. Es ist ein großes Wagnis. Willst du nicht mitthun, so bin ich dir nicht gram darüber, und du kannst hier im Dorfe die Ankunft der Asaker erwarten.«

»Herr, gehe wohin du willst, ich gehe mit! Und wenn es in den Tod wäre. Wenn es sich um eine Gefahr handelt, werde ich dich um so weniger verlassen.«

»Gut! Du bist ein braver, treuer Kerl. In Asl befindet sich nämlich hier, und ich gehe zu ihm, um seine gegen den Reïs Effendina gerichteten Absichten zu erfahren und dieselben zu durchkreuzen. Ich thue, als ob ich mich ihm auf dem Sklavenzuge, den er bald antreten wird, anschließen will, um von ihm Schwarze zu kaufen.«

Ich konnte nicht weiter sprechen, denn der Fremde trat zu uns und sagte:

»Du fragtest mich, ob du in einer Hütte des Dorfes schlafen könntest. Du wirst aber nicht hier schlafen können, denn ich werde dich nach dem Abendgebete zu Ibn Asl führen.«

»Warum erst dann?«

»Ich erwarte noch ein Schiff. Du weißt, daß Schiffe gewöhnlich des Nachts nicht fahren, sondern an das Ufer legen. Im höchsten Falle fährt man bis eine Stunde nach Sonnenuntergang. Bis dahin muß ich also hier warten. Dann aber, wenn es noch nicht gekommen ist, weiß ich, daß es heute überhaupt nicht mehr kommt, und kann meinen Posten verlassen.«

»Was ist es für ein Schiff?«

»Darf dieser junge Mann alles hören?« gegenfragte er, indem er auf Ben Nil deutete.

»Ja. Er ist der treueste und verschwiegenste meiner Diener, und ich habe kein Geheimnis vor ihm.«

»Du hast von dem Reïs Effendina gehört?«

»Ich habe ihn sogar in Kahira gesehen.«

»Du weißt auch, welche Aufgabe er zu vollbringen hat?«

»Das weiß jedermann. Er soll den Sklaven-Jägern und –Händlern nachspüren und sie fangen. Ich hörte, daß er ganz besondere und außerordentliche Vollmachten überkommen hat.«

»So ist es allerdings. Allah verdamme diesen Hund! Er hat schon viel Unheil über die Jäger gebracht und erst kürzlich im Wadi el Berd eine ganze Schar unserer Kameraden hingemordet.«

Wenn er gewußt hätte, daß ich nicht nur dabei gewesen war, sondern sogar diese Schar aufgespürt und festgenommen hatte!

»Das wird er nicht Mord, sondern Strafe nennen,« sagte ich.

»Willst du ihm das Wort reden?«

»Nein. Ich als Sklavenhändler kann doch unmöglich sein Freund sein. Wenn er so fortfährt, wie er es bisher getrieben hat, wird bald kein Sklave mehr zu kaufen sein.«

»Der Giaur, von dem ich dir vorhin sagte, ist sein Freund und Gehilfe. Bald wird dem einen wie dem andern das Handwerk gelegt sein. Der Giaur wird sich jetzt wohl schon in den Händen der Unserigen befinden, und auf den Reïs Effendina warten wir stündlich.«

»Es ist also sein Schiff, welches du hier sehen willst?«

»Ja. Er kommt, und Ibn Asl liegt im Hinterhalte.«

»Will er das Schiff des Reïs Effendina angreifen?«

»Das kann ihm nicht einfallen. Das Schiff ist so gebaut und bewaffnet, daß wir trotz unserer Überzahl sehr leicht den kürzern ziehen könnten. Wozu überhaupt kämpfen, wobei es selbst auf der Seite des Siegers Verwundete und Tote giebt! Man kann einen Feind auf andere Weise unschädlich machen.«

»Wie denn, zum Beispiele?«

»Man nimmt zum Beispiel – –«

Ich war außerordentlich gespannt, das Folgende zu hören. Wenn der Mann diesen Satz aussprach, so erfuhr ich alles, was ich wissen wollte, und brauchte mich gar nicht zu Ibn Asl und in Gefahr begeben. Leider aber hielt er schon beim vierten Worte inne, legte sich, wie erschrocken, die Hand auf den Mund und fügte dann hinzu:

»Fast hätte ich da mehr gesagt, als ich wohl verantworten kann. Du hast ein so Vertrauen erweckendes Gesicht, daß ich dir alles sagen könnte, ohne zu fragen, ob ich auch wohl das Recht dazu habe. Ich will aber schweigen. Ibn Asl mag es dir selbst mitteilen, und ich bitte dich, ihn ja nicht merken zu lassen, daß ich so gesprächig gegen dich gewesen bin.«

»Ich bin nicht sehr mitteilsam. Du kannst ruhig sein. Weißt du denn gewiß, daß der Reïs Effendina kommen wird? Der Mann soll nicht nur schlau, sondern auch sehr vorsichtig sein.«

»Was das betrifft, so ist der Giaur, der christliche Effendi, noch weit mehr zu fürchten, wie uns gesagt worden ist. Ibn Asl hat dem Reïs Effendina eine Falle gestellt, in welche er sicher gehen wird.«

»Kennst du diese Falle?«

»Ja. Eigentlich sollte ich nicht davon sprechen; aber du bist ein Sklavenhändler und wirst mit uns ziehen, und da du schon soviel weißt, kannst du das auch noch erfahren. Wir haben ihm nämlich auf eine Weise, daß er es glauben muß, weisgemacht, daß ein großer Sklaventransport bei der Dschesireh Hassanieh über den Nil gesetzt werden soll. Er kommt also ganz gewiß, um denselben abzufangen, und wird dabei in sein Verderben laufen.«

Damit war das Gespräch zu Ende, wenigstens so weit es für mich Wichtigkeit hatte. Ich hätte zwar gar zu gern noch erfahren, auf welche Weise der Reïs Effendina unschädlich gemacht werden solle, denn wußte ich das, so wußte ich eben alles, und brauchte ihm nur entgegenzugehen, um ihn zu warnen; aber ich durfte nicht weiter in den Mann dringen; er hätte leicht mißtrauisch werden und Verdacht schöpfen können.

Wir saßen noch eine Stunde lang beisammen, unsere Aufmerksamkeit nilabwärts gerichtet. Ich war vielleicht noch mehr gespannt als der Wächter, denn wenn der Reïs jetzt vorüber kam, ohne daß ich ihn auf irgend eine Weise zu warnen vermochte, so war er verloren. Glücklicherweise aber blieb er noch aus.

Nun kam das Aschia, das Abendgebet, eine Stunde nach Sonnenuntergang, und dann konnten wir aufbrechen. Ich hatte nicht gefragt, in welcher Weise das geschehen sollte, erfuhr es aber jetzt, denn der Mann sagte:

»Wir werden reiten. Wir gehen zu dem Scheik el Beled, um uns für euch Pferde geben zu lassen.«

»Wird er sie uns geben, da er uns doch nicht kennt?«

»Er würde sich nicht weigern, da ja eure Kamele hier bleiben, und das sind, wie ich gesehen habe, keine wertlosen Tiere. Aber er thut es auch Ibn Asl zuliebe.«

»Kennt er ihn?«

»Er ist unser heimlich Verbündeter. Du weißt, daß wir Sklavenjäger überall Helfer haben müssen, welche uns beraten oder warnen; er ist einer von ihnen. Ich werde ihm, wenn ich vor Tagesanbruch zurückkehre, die Pferde wiederbringen.«

Der Scheik war allerdings bereit, uns die Tiere zu borgen; er wies sogar die Bezahlung, welche ich ihm bot, zurück. Wir stiegen auf und ritten davon, in die finstere Nacht hinein, denn der Schein der Sterne hatte noch nicht die spätere Stärke erreicht.

Es ging wohl eine Stunde lang gerade südwärts, wie ich merkte, in die Steppe hinein; dann bogen wir östlich nach dem Flusse um. Einzelne Bäume erschienen. Sie wurden nach und nach dichter, bis wir uns im Walde befanden. Wir mußten da unter einem großen Baume halten bleiben, während unser Führer sich entfernte, um, wie er sagte, Ibn Asl von unserer Ankunft zu benachrichtigen und ihn zu fragen, ob er uns ihm bringen dürfe. Wir stiegen ab.

»Hast du Angst, Effendi?« flüsterte Ben Nil mir zu.

»Nein, aber gespannt bin ich sehr.«

»Ich auch. Wenn man uns erkennt, so ist’s um uns geschehen.«

»Es ist ja niemand dabei, der uns gesehen hat. Dennoch müssen wir in höchstem Grade vorsichtig sein. Auf keinen Fall aber dürfen wir uns auseinander bringen lassen, damit, wenn es nötig ist, einer dem andern helfen kann.«

»Ob es weit von hier ist?«

»Wohl nicht. Wir werden nicht allzulange zu warten haben.«

Das war sehr richtig, denn schon nach vielleicht zehn Minuten kehrte unser Führer zurück und sagte:

»Mein Herr ist bereit, euch zu empfangen. Nehmt die Pferde an die Hand, und folgt mir langsam und vorsichtig. Ihr werdet nun gleich abwärts schreiten müssen.«

Es war stockdunkel um uns her; aber die Bäume standen nicht nahe beisammen. Schon nach wenigen Schritten senkte sich das Terrain abwärts, und dann sahen wir mehrere Feuer brennen, deren Schein uns trefflich zu statten kam. Sie flammten hart am Ufer des Stromes, dessen Wasser sie goldig färbten.

Dort stand kein Baum. Es war eine Omm Sufah-Strecke gewesen, aber das Gras war abgeschnitten worden und lag nun in mehreren Haufen oberhalb des Platzes. Omm Sufah ist nämlich Sumpfgras, eine Sacharum-Art, welche am obern Nile in ungeheuern Mengen vorkommt. Es wächst am Ufer, im seichten, sumpfigen Wasser, wird von den Wellen losgerissen und von einer Stelle zur andern getragen. Es sammelt sich in den Buchten an, wird da wieder fortgespült und bildet dann Inseln, welche abwärts schwimmen. Oft ist die ganze Breite des Stromes mit Omm Sufah bedeckt, und dann müssen die Schiffer mühsam arbeiten, um mit den Fahrzeugen durchzukommen.

Als wir unter den Bäumen hervortraten, sah ich gegen hundert Männer um die Feuer liegen oder kauern, ganz oder halb bekleidet, viele auch nur mit dem Lendenschurze. Es waren alle Gesichtsfarben bis zum tiefsten Mohrenschwarz vertreten, innerlich war aber jedenfalls einer so schwarz wie der andere. Da, wo die Omm Sufah-Haufen lagen, standen sechs große Fässer, und oberhalb dieser Stelle erhob sich die Gestalt des Noquer aus dem Wasser, welches hier so tief war, daß das Fahrzeug sich mit der ganzen Seite dicht an das Ufer schmiegte. Dort brannte, abgesondert von den andern, ein kleines Feuer, an welchem drei Männer saßen, zu denen wir geführt wurden. Sie standen bei unserem Näherkommen auf .

Der eine war von mittlerer aber breiter Statur, hatte einen schwarzen Vollbart und trug einen weißen Haïk. Ich erkannte ihn augenblicklich. Das war der Mann mit dem weißen Dschebel Gerfeh-Kamele, den ich am Wadi el Berd verfolgt hatte, ohne ihn einholen zu können, Ibn Asl, der berüchtigtste der Sklavenjäger. Er musterte uns mit scharfem Blicke, und auch die beiden andern ließen ihre Augen streng, beinahe finster, auf uns ruhen.

»Sallam,« grüßte ich und wollte weiter sprechen; er aber winkte mir mit der Hand Schweigen und fragte:

»Dein Name?«

»Amm Selad aus Suez.«

»Dieser junge Mann?«

»Omar, mein Gehilfe.«

Diener wollte ich doch nicht sagen, weil da Ben Nil wohl nicht hätte bei mir bleiben dürfen.

»Wieviel Sklaven willst du kaufen?«

»Soviel ich bekommen kann.«

»Und wohin lieferst du?«

Sollte ich mich in dieser Weise ausfragen lassen? je bescheidener ich mich verhielt, desto geringer war jedenfalls meine Sicherheit. Er durfte nicht denken, einen untergeordneten Charakter vor sich zu haben. Darum antwortete ich diesmal in kurzem Tone:

»Dahin, wo ich Geld bekomme. Meinst du, daß ich jedermann sofort meine Geschäftsgeheimnisse offenbare?«

»Amm Selad, du trittst sehr zuversichtlich auf!«

»Hast du es von einem Manne meines Berufes anders erwartet? Wie ist denn dein Auftreten? Fragt man einen Gast, ohne ihm einen Platz anzubieten, sogleich in dieser Weise aus?«

»Wer hat gesagt, daß du mein Gast sein sollst?«

»Niemand; aber ich halte es natürlich für ganz selbstverständlich.«

»Das versteht sich nicht so ganz von selbst. Unsereiner hat vorsichtig zu sein.«

»Ich ebenso. Wenn ich dir nicht gefalle, so brauche ich mich auch nicht zu bemühen, Wohlgefallen an dir zu finden, und kann wieder gehen. Komm, Omar!«

Ich drehte mich um, und Ben Nil that ebenso. Da trat In Asl schnell zu mir, legte mir die Hand an den Arm und sagte:

»Halt! Du kennst deine Lage nicht. Wer hier an diesem Orte zu mir kommt, der darf nicht wieder fort.«

Ich sah ihm lächelnd ins Gesicht und antwortete:

»Und wenn ich dennoch gehe?«

»So werde ich dich festzuhalten wissen.«

»Versuche es!«

Bei diesen Worten ergriff ich Ben Nil bei der Hand und sprang, ihn hinter mich herziehend, unter die Bäume hinein. Glücklicherweise war er so geistesgegenwärtig, sogleich dieselbe Schnelligkeit wie ich zu entfalten. Das hatte In Asl nicht erwartet; wir waren fort, ehe er eine Bewegung gemacht hatte, mich festzuhalten. Dann aber schrie er laut:

»Haltet sie fest, ihr Männer! Auf, hinter ihnen her!«

Was Beine hatte, rannte in den Wald, Ibn Asl selbst auch und die beiden andern. Ich hatte nur zwanzig Schritte weit gemacht und mich dann in einem kurzen Bogen wieder zurückgewendet, dahin, wo die Omm Sufah-Lichtung aufhörte. Dorthin drang der Schein des Feuers nicht, und dort zog ich Ben Nil mit mir in das Schilf hinein, wo wir uns niederduckten. Hinter uns erklangen die Zurufe der vergeblich nach uns Suchenden.

»Warum. liefst du denn nicht weiter?« fragte mich Ben Nil. »Sie hätten uns nicht eingeholt!«

»Weil ich gar nicht fort will!«

»Du willst hier stecken bleiben?«

»Nein. Ich wollte Ibn Asl nur zeigen, daß ich mir nichts befehlen lasse. Jetzt sind sie alle unter den Bäumen verschwunden. Komm!«

Wir krochen aus dem hohen Schilfe heraus und schnellten uns nach dem Feuer hin, an welchem Ibn Asl gesessen hatte. Dort setzten wir uns nieder. Drei Flinten und drei Tabakspfeifen lagen da, und daneben stand ein thönernes Gefäß mit Rauchtabak. Wir stopften uns schnell jeder eine Pfeife und steckten sie in Brand. Da erscholl hinter uns ein Ruf der Verwunderung: »Dort sitzen sie ja, dort am Feuer!«

Dieser Ruf ging von Mund zu Mund weiter, und man kehrte ebenso schnell, wie man davongelaufen war, zurück. Wir saßen ruhig da und rauchten. Die Männer wußten nicht, was sie dazu sagen sollten. Sie riefen, schrieen und lachten durcheinander. Ibn Asl mußte sich Bahn brechen, um zu uns zu gelangen.

»Allah akbar – Gott ist groß!« rief er aus. »Was fällt euch ein! Wir suchen euch, und ihr sitzt hier!«

»Ich wollte dir nur zeigen, daß ich mich entfernen kann, wenn ich mich entfernen will. Ihr hättet uns gewiß nicht einholen können. Aber ich bin gekommen, um ein Geschäft mit dir zu machen, und werde nicht eher fortgehen, als bis es zustande gekommen ist.«

Ich sagte das in einem so zuversichtlichen Tone, daß sein vorher so finsteres Gesicht sich zu einem Lächeln verzog und er kopfschüttelnd sagte:

»Amm Selad, einen Mann wie du bist, habe ich noch nicht gesehen. Du bist außerordentlich keck; da mir das aber gerade gefällt, so will ich dir den Schabernack, den du uns gespielt hast, nicht anrechnen. Kehrt an eure Plätze zurück!«

Dieser Befehl galt seinen Leuten, welche denselben sogleich befolgten. Er setzte sich zu meiner Rechten nieder, und die beiden andern folgten diesem Beispiele. Ja, keck war ich gewesen, und nun galt es, abzuwarten, ob es gute Folgen haben werde. Wir waren weder gegrüßt noch willkommen geheißen worden, und solange dies unterblieb, durften wir uns nicht sicher fühlen. Ibn Asl nahm die dritte Pfeife, stopfte sie, zündete sie an und sagte dann, mir den Rauch fast gerade in das Gesicht blasend:

»Was soeben geschehen ist, habe ich wirklich noch nicht erlebt. Entweder bist du ein leichtsinniger Spaßvogel oder ein vielerfahrener Händler.«

»Das erstere nicht, sondern das letztere,« antwortete ich. »Ich bin durch viele Gefahren gegangen und fürchte mich nicht, wenn jemand mich empfängt, ohne mich sofort willkommen zu heißen.«

»Kann ich dir ›Marhaba‹ sagen, ohne daß ich dich kenne?«

»Ja und auch nein. Jeder thut nach seiner Art. Ich heiße jeden willkommen, der mich aufsucht.«

»Und wenn er ein schlechter Mensch ist?«

»So habe ich stets noch Zeit, ihn wieder fortzujagen.«

»Nachdem du den Schaden erlitten hast! Nein, erst die Prüfung und dann die Entscheidung!«

»So prüfe! Mir soll es angenehm sein. Aber ich sage dir, daß ich sehr ermüdet bin. Wir sind heute weit geritten und bedürfen des Schlafes. Habe also die Gewogenheit, deine Prüfung nicht etwa über die ganze Nacht auszudehnen!«

Er sah die beiden andern und diese blickten wieder ihn an. Sie wußten nicht, ob sie lustig oder grimmig dreinschauen sollten, bis Ben Nil mit sehr ernsthafter Miene hinzufügte:

»Und Hunger haben wir auch!«

Da lachte Ibn Asl laut auf und antwortete.

»Bei Allah, ihr seid sonderbare Menschen! Aber ich will einmal von meinen Gewohnheiten abweichen und euch Vertrauen schenken.«

»Das kann dir doch gar nicht schwer fallen,« sagte ich. »Eigentlich wäre es viel schwerer für mich, Vertrauen zu dir zu hegen. Wir haben das Wagnis unternommen, dich aufzusuchen. Ist das nicht der beste Beweis, daß wir es ehrlich meinen?«

»Ich sollte das eigentlich denken!«

»Denke es, so wirst du dich nicht irren! Ich war sehr erfreut, als ich hörte, daß du hier bei der Dschesireh seist. Ich wollte hinauf nach dem Bahr el Ghasal oder gar bis zum Bahr el Dschebel, um dort irgend eine Seriba aufzusuchen. Das wäre eine weite Reise ins Ungewisse hinein gewesen. Jetzt kann ich, wenn du es erlaubst, mich zu dir halten und bin überzeugt, daß wir in immerwährender Geschäftsverbindung bleiben werden.«

»Es fragt sich, welche Preise du bezahlst.«

»Wie die Ware, so der Preis. Ich kaufe den Requiq gleich frisch vom Fange weg und transportiere ihn selbst.«

»Du hast aber doch keine Leute dazu!«

»Die werbe ich später an. Ich denke, daß ich bei den Schilluk oder Nuehr genug Krieger bekommen kann.«

»Das erfordert viel Geld, das heißt viel Ware, denn da oben wird nur mit Ware bezahlt!«

»Die kaufe ich in Faschodah. Geld habe ich.«

»Dann wagest du freilich viel. Wie nun, wenn ich dich töte, um dir das Geld abzunehmen?«

»Du bist zu klug, dies zu thun.«

»Nennst du es Klugheit von mir, dir dein Geld zu lassen?«

»Ja. Beraubtest du mich jetzt, so hättest du einen einmaligen Gewinn; bist du aber ehrlich, so kannst du oft und viel mehr von mir verdienen.«

»Du rechnest richtig. Es wird dir bei mir nichts geschehen.«

»So freut es mich, daß ich mich in dir nicht getäuscht habe. Was mich betrifft, so wird Murad Nassyr für mich bürgen.«

»Das ist es, was mich bewogen hat, dich zu mir zu lassen. Du kennst ihn; du hast von ihm gekauft, und so will ich annehmen, daß ich mit dir werde zufrieden sein können. Ich habe nichts dagegen, daß du mit mir ziehst.«

»Wohin wird dein Zug gerichtet sein?«

»Davon später. Jetzt wollen wir uns nur erst kennen lernen. Ich heiße dich willkommen, dich und deinen Gehilfen. Ihr sollt bei mir schlafen und jetzt auch mit uns essen.«

Von den andern Feuern drang ein sehr appetitlicher Bratenduft herbei. Man hatte, wie ich erfuhr, am Nachmittage ein Rind geschlachtet. Es war in Streifen zerschnitten worden, welche man jetzt röstete. Wir erhielten unsern Anteil und aßen wacker mit. Dabei wurde gesprochen, das heißt, ich mußte sprechen. Ibn Asl fragte mich aus. Er wollte soviel wie möglich von mir hören, mich, meine Vergangenheit, meine Verhältnisse so eingehend wie möglich kennen lernen. Ich gab ihm den ausführlichsten Bescheid. Natürlich war alles, was ich erzählte, ersonnen. Ich dachte mir einen Sklavenhändler in Suez, malte mir die Umstände aus, in welchen er sich befinden konnte, kalkulierte über die möglichen Geschäftsverbindungen, dachte nach, welche Reisen er gemacht haben könne, und brachte, da ich die betreffende Scenerie zur Genüge kannte, mit leidlichem Glück ein Bild fertig, für welches Ibn Asl sich mehr und mehr zu interessieren begann. Der Mann taute auf und teilte mir später auch verschiedenes aus seinem Leben mit.

Was ich da hörte, machte mich grauen. Dieser Mensch hatte nie ein Herz, ein Gewissen gehabt. Seine Seele schien gar nichts Menschliches zu haben. Er hatte eine wahre, wirkliche Lust am Bösen, und je mehr und je länger er erzählte, desto größer wurde der Abscheu, welchen er mir einflößte. Er hingegen schien immer mehr Wohlgefallen an mir zu finden; seine Aufrichtigkeit wuchs. Er erzählte mir schließlich von mir selbst, von dem Schaden, den ich ihm durch die Befreiung der Frauen und Mädchen der Fessarah bereitet hatte. Er schilderte mich, natürlich von seinem Standpunkte aus, und aus jedem seiner Worte sprach ein Haß, ein Grimm gegen mich, der einen andern als mich vielleicht zum Zittern gebracht hätte. Er teilte mir mit, daß er mir Leute entgegengesandt habe, welche mich in der Steppe aufheben sollten, und schloß mit den Worten:

»Diesen Leuten habe ich meinen Vater zum Anführer gegeben, und bin also sicher, daß nichts versäumt werden wird, seiner habhaft zu werden.«

»Man kann ihn aber doch leicht umgehen,« meinte ich. »Kennt man denn die Richtung, in welcher er kommt?«

»Ziemlich genau. Er wird sich ganz gewiß von den Fessarah einen Führer mitgeben lassen, und wir wissen, welchen Weg die Fessarah einschlagen, wenn sie nach Chartum reisen. Diesmal ist es ihm unmöglich, uns zu entkommen, und dann sollst du an ihm sehen, wieviel hundert Schmerzen und Qualen ein Mensch zu ertragen vermag, bevor er stirbt.«

»So willst du ihn zu Tode martern?«

»Ja. Er soll jedes Glied einzeln verlieren. Ich werde ihm die Nase, die Ohren, die Lippen, die Zunge, die Augen nacheinander nehmen.«

»Und was geschieht mit den Asakern, die ihn begleiten?«

»Ich habe den Befehl erteilt, dieselben einfach über den Haufen zu schießen. Man wird mir ihn also ganz allein bringen. Mein Vater kann in jedem Augenblicke zurückkehren.«

Also jedes Glied, jedes Sinnesorgan sollte mir einzeln abgeschnitten, ausgestochen oder herausgerissen werden! Das war ein außerordentlich tröstlicher Gedanke für mich für den Fall, daß man entdeckte, wer ich war! Die Haare hätten mir zu Berge steigen mögen! Dennoch wagte ich es, eine Erkundigung einzuziehen, die mir leicht verderblich werden konnte. Ich nannte nämlich den Fakir el Fukara und fragte ihn, ob er denselben kenne.

»Freilich kenne ich ihn,« antwortete er. »Er ist doch auch Sklavenjäger gewesen.«

»Gewesen? Jetzt also nicht mehr?«

»Nein. Er ist fromm geworden und bereitet sich auf die Zukunft vor.«

»Hat er irgend einen besondern Plan für dieselbe?«

»Das ist möglich; er redet nicht davon. Er liest viele Bücher, weltliche und geistliche, und es kommen und gehen bei ihm Leute, die man nicht kennt und mit denen er lange und geheime Unterredungen hält. Vielleicht will er ein großer Marabut oder ein Wanderprediger des Islam werden. Vielleicht aber ist das auch nur eine Maske, unter welcher er ganz andere Absichten verbirgt. Er haßt den Vicekönig, welcher ihn aus dem Amte gejagt hat, und wird sich wohl auf irgend eine Weise an ihm rächen wollen.«

Sollte es diesem Manne mit seiner Mahdischaft wirklich ernst sein? Wenn das der Fall war, so hatte ich eigentlich die Verpflichtung, die Regierung zu warnen. Er hatte davon gesprochen, daß der Mahdi sich mit einem höheren ägyptischen Offizier verbünden werde. Vielleicht hatten die Besuche, welche er empfing, unter anderm auch den Zweck, eine solche Verbindung anzuknüpfen oder gar schon zu pflegen. Ich nahm mir vor, zuerst dem Reïs Effendina Mitteilung zu machen, welcher diese Angelegenheit leichter zu beurteilen vermochte als ich. Erst viel später, als der Aufstand im Sudan im Gange war, hörte ich, daß mit jenem Offiziere wohl Arabi Pascha gemeint gewesen sei, doch steht es sehr zu bezweifeln, daß er damals schon mit ihm in irgend einer Beziehung gestanden habe.

Leider konnte ich noch immer nicht das erfahren, was zu wissen mir am notwendigsten war. Ihn Asl brachte das Gespräch nicht wieder auf den Reïs Effendina. Ich hütete mich zwar, die Rede direkt auf denselben zu lenken, aber ich gab mir alle Mühe, ihn indirekt und ohne daß er es bemerkte, auf diesen Gegenstand zu leiten, doch vergeblich. Es verging die Zeit bis nahe an Mitternacht, und dann erklärte er, daß er nun schlafen wolle, und forderte mich auf, ihn zu begleiten.

»Wohin?« fragte ich.

»Auf das Schiff. Dort haben wir mehr Schutz vor den Mücken, und ich werde dir ein Mückennetz geben. Du schläfst bei mir. Daraus kannst du ersehen, daß ich Wohlgefallen an dir gefunden habe.«

Ich glaubte ihm das letztere, obgleich er mich auch leicht aus dem Grunde, mich unter seiner besondern Aufsicht zu behalten, zu sich einladen konnte.

»Ich möchte dir nicht lästig fallen,« wand ich ein. »Ich bin gewöhnt, auf meinen Reisen mit Omar, meinem Gehilfen, zu schlafen. Erlaube, daß er bei mir bleibt!«

»Ich habe nur Platz für mich und dich. Er soll auch eine gute Stelle erhalten, denn er wird bei meinen Offizieren schlafen, welche auch eine eigene Kajüte haben.«

Eine weitere Einwendung durfte ich nicht machen, da ein solches Beharren auf meinem Willen ihn sehr leicht stutzig hätte machen können. Darum mußte ich mich fügen. Übrigens glaubte ich keinen Grund zu haben, auf das Beisammensein mit Ben Nil zu dringen. Es war bisher ja alles sehr gut abgelaufen, und ich hatte nicht die mindeste Ursache, anzunehmen, daß uns bis zum Morgen irgend eine Gefahr drohe.

Im Verlaufe unseres Gespräches hatte ich beobachtet, daß viele der Sklavenjäger an Bord gegangen waren, um, jedenfalls der lästigen Mücken halber, im Schiffe zu schlafen. Das Innere desselben schien also jetzt leer zu sein, da es so viele Schläfer fassen konnte. Es führte eine Art Leiter, an welcher wir emporstiegen, vom Ufer auf das Deck. Dort angekommen, wendeten sich die beiden andern, die er als seine Offiziere bezeichnet hatte, nach vorn; sie nahmen Ben Nil mit; ich fand keine Zeit, ihm irgend welche Verhaltungsmaßregeln zu erteilen. Ibn Asl ging mit mir nach hinten.

Der Unterschied zwischen einer Dahabijeh und einem Noquer besteht darin, daß der letztere ein offenes Verdeck hat, wenigstens ist der mittlere Teil des Fahrzeuges frei. Vorn befindet sich gewöhnlich die Schiffsküche, welche einige Sklavinnen zu bedienen haben, und hinten giebt es ein kleines Verdeck, einen Verschlag, in welchem der Herr des Schiffes oder der Reïs, zu wohnen pflegt.

Ob die »Eidechse« diese Einrichtung auch besaß, das konnte ich trotz des jetzt ziemlich hellen Sternlichtes nicht erkennen. Daß sich hinten eine Kajüte befand, das erfuhr ich allerdings, denn Ibn Asl führte mich in dieselbe. Sie bestand aus zwei Abteilungen, einer vorderen, kleineren, und einer hinteren, größeren. Er blieb in der erstern stehen und brannte eine Lampe an. Beim Scheine derselben sah ich, obgleich ich nur wenig Zeit zur Umschau hatte, daß rechter Hand ein Sitzkissen lag, während zur linken ein Holzkasten stand, in welchem allerlei Handwerkszeuge, wie sie auf einem Schiffe zu jeder Zeit gebraucht werden, sich befanden. Dieser letztere Umstand wurde mir später sehr wichtig.

»Tritt schnell ein, damit keine Mücken mit hineinkommen!« forderte er mich auf, indem er eine Matte, welche die beiden Abteilungen voneinander schied, zur Seite schob. Ich folgte seiner Aufforderung, und als er dann die Lampe an einer an der Decke befestigten Schnur aufgehangen hatte, konnte ich die Einrichtung der Kajüte sehen. Sie bestand nur aus einigen Kissen, welche an den Holzwänden lagen, und einer höchst unkünstlerisch bemalten Kiste, die seinen Kleiderbehälter bilden mochte. Er nahm aus derselben zwei Mückennetze, von denen er mir das eine gab. Ich wickelte mich kunstgerecht hinein, und er that mit dem seinigen dasselbe.

War ich der Meinung gewesen, daß wir nun schlafen würden, so hatte ich mich geirrt. Er sagte mir vielmehr, daß er Lust habe, sich weiter zu unterhalten, bis das Öl der Lampe ausgebrannt sei. Das war mir gar nicht unlieb, denn auf diese Weise konnte ich vielleicht doch noch das erfahren, was ich bis jetzt vergeblich hatte wissen wollen.

»Du hast zwar gesagt, daß du müde seist,« meinte er; »aber du kannst ja in den Tag hinein schlafen, solange es dir beliebt.«

Mit diesen Worten gab er mir eine vortreffliche Handhabe, weiche ich auch sofort benutzte, indem ich ihm bemerkte:

»Wenn du noch nicht schläfrig bist, will ich sehr gern noch mit dir plaudern; aber ausschlafen werde ich wohl nicht können.«

»Warum?«

»Weil du den Reïs Effendina erwartest, mit dem es doch, wie ich vermute, zum Kampfe kommen wird.«

»Fürchtest du dich davor?«

»Fällt mir nicht ein! Ich habe schon sehr oft Pulver gerochen, bin kein ganz schlechter Schütze und wünsche sogar, mit dabei sein zu dürfen, wenn es losgeht.«

»Es wird nicht viel Pulver zu verknallen geben, denn die Sache soll in möglichster Stille vor sich gehen. Aber wenn du Lust hast, die Schädel einiger Asaker einzuschlagen, so habe ich gar nichts dagegen.«

»Also nicht geschossen, sondern geschlagen und gestochen soll werden? Mir gilt das gleich; ich bin auf alle Fälle gern dabei. Aber wie kommen wir von deinem Noquer aus auf das Schiff des Reïs Effendina?«

»Dies zu besteigen, werden wir uns sehr hüten. Feuer ist besser als Pulver.«

»Ah! Du willst das Schiff des Reïs Effendina verbrennen? Das wird dir schwer werden. Hast du vielleicht einen Mann bei ihm an Bord, der es anzündet?«

»Nein. Auf diese Weise würde ich meinen Zweck nicht erreichen, denn der Brand würde bald bemerkt und gelöscht werden, und ich hätte das Nachsehen. Ich fange die Sache ganz anders an, und zwar so, daß kein einziger Mann entkommen kann und auch kein Span des Schiffes übrig bleibt.«

»Mir unerklärlich.«

»Ja, du hast schon sehr viel erlebt und manches erfahren, was andere nicht kennen lernen, aber der richtige Schick und Kniff, der fehlt dir noch. Ein Sklavenjäger darf keine Schonung kennen. Es handelt sich hier um Sein oder Nichtsein. Es muß entweder der Reïs Effendina oder ich zu Grunde gehen, und da ich nicht dazu Lust habe, so mag es ihn treffen, aber auch gleich so, daß Rettung für ihn die reine Unmöglichkeit ist.«

»Recht hast du da. Nach allem, was ich von dir erfahren habe, würde ich an deiner Stelle ebenso energisch handeln. Nur sehe ich nicht ein, durch welches Mittel du so sicher und so schnell zum Ziele gelangen willst.«

»Du könntest es eigentlich erraten, doch will ich es dir sagen. Hast du die Omm Sufah-Haufen gesehen?«

»Natürlich; sie sind ja groß genug.«

»Ich habe die Omm Sufah niederschneiden lassen, um erstens Platz zum Lagern und zweitens Material zum Feuer zu bekommen. Hast du die Fässer bemerkt, welche in der Nähe stehen?«

»Ja.«

»Sie sind mit dem Stoffe gefüllt, welcher den Reïs vernichten wird. Es ist nämlich Gaz darin.«

»Gaz? Ah, ich beginne zu begreifen. Aber wie bringst du dieses gefährliche Öl auf sein Schiff?«

»Auf? Ich brauche es doch nicht auf, sondern nur an dasselbe zu bringen. Die Sache ist viel leichter, als du denkst. Ich bin überzeugt, daß er in Hegasi halten wird. Dadurch gewinne ich Zeit zu meiner Vorbereitung. Du weißt, daß ich in Hegasi einen Wächter habe. Dieser kommt, sobald der Reïs dort anlangt, hierher geritten, um es mir zu melden. Der Nil wird durch die Dschesireh in zwei Arme geteilt, von welchem der, auf dem wir uns jetzt befinden, der ruhigere und sichere ist, und der Reïs wird also nach dieser unserer Seite steuern. Ich bilde aus meinen Leuten drei Abteilungen. Die erste bleibt bei den Fässern; die zweite besetzt das Ufer bis möglichst weit hinab und die dritte drüben den Rand der Insel. Auf diese Weise wird der Flußarm, den der Reïs benutzen muß, an beiden Seiten von meinen Kriegern eingefaßt, welche sich natürlich nicht sofort sehen lassen dürfen. Wenn sich das Schiff soweit genähert hat, daß es nicht mehr entfliehen kann, werfen die bei den Fässern Stehenden das Petroleum in den Fluß und die dürre, schnell angebrannte Omm Sufah dazu. Das Öl wird sich über das Wasser verbreiten und um das Schiff ein Feuermeer bilden, aus welchem es nicht zu entkommen vermag. Was sagst du zu diesem Plane?«

Mich schauderte vor diesem Manne, doch zwang ich mich, in bewunderndem Tone zu antworten:

»Er ist herrlich, einzig! Entstammt er deinem eigenen Kopfe oder einem andern?«

»Ich selbst habe ihn mir ausgedacht,« meinte er mit hörbarem Stolze.

»So bewundere ich dich. Ich wäre niemals auf einen solchen Gedanken gekommen. Höchstens hätte ich dem Reïs irgendwo aufgelauert, um ihm heimlich eine Kugel zu geben.«

»Und sein Anhang wäre leben geblieben? Nein, sie müssen alle, alle zur Hölle!«

»Wie nun, wenn sie Zeit finden, das Schiff an das Ufer zu steuern?«

»Sie mögen es versuchen! Bedenke doch, daß sie sich binnen wenigen Augenblicken mitten in Flammen befinden, daß sie unbedingt ersticken müssen. Das Schiff wird sofort lichterloh brennen. Dennoch habe ich auch an den Fall gedacht, daß sich einige in das Wasser werfen werden, um das Ufer zu erreichen. Sollten sie, was ich für eine Unmöglichkeit halte, dem Feuer und den Krokodilen entgehen, so stehen ja meine Leute hüben und drüben am Wasser, von denen sie mit den Gewehrkolben erschlagen werden. Du siehst wohl ein, daß kein einziger entkommen kann.«

»Kann das Feuer nicht deinem eigenen Noquer gefährlich werden?«

»Nein.«

»Aber welche Folgen wird es für dich haben! Du wirst von den Soldaten des Vicekönigs gehetzt werden, bis sie dich haben, und dann dreimal wehe dir!«

»Wird man erfahren, wie das Feuer entstanden ist?«

»Vielleicht. Es ist ja möglich, daß es sich bis Hegasi hinab verbreitet. Man wird natürlich sehen, daß es vom Öle stammt, und sich fragen, wer dasselbe in den Fluß gegossen hat.«

»Mag man das immerhin fragen; niemand wird es beantworten!«

»Bist du deiner eigenen Leute sicher?«

»Ja. Keiner von ihnen wird plaudern.«

»Dann mache ich dich, da ich es gut mit dir meine, noch auf eins aufmerksam. Wie nun, wenn außer dem Reïs noch ein anderes Schiff erscheint?«

»So geht es mit zu Grunde.«

»Oder wenn von oben herab ein Fahrzeug kommt. Dieses würde anhalten und Zeuge des Schauspieles sein. Damit wärst du verraten.«

»Hoffentlich kommt dieser Fall nicht vor; sollte es aber doch geschehen, nun, so kann ich es nicht ändern. Ich würde dieses Schiff auf irgend eine Weise zum Anlegen bewegen und dann doch thun, was ich mir vorgenommen habe. Ich kann nicht dafür, wenn mein Petroleum zufälligerweise sich entzündet und der Reïs Effendina so dumm ist, sich mit seinem Fahrzeuge in das Feuer zu wagen. Wer kann mich da bestrafen?«

»Hm! Wollen wünschen, daß lieber gar keine Störung dazwischen kommt!«

»Und wenn sie käme, ich mache mir nichts daraus. Bin ich nicht schon jetzt verfolgt genug? Darf ich mich in Chartum sehen lassen? Werde ich nicht schon heute gejagt? Ich bin vogelfrei. Niemand als nur ich allein weiß, wo ich eigentlich wohne. Ich bin gegen die Gesetze, und sie sind gegen mich. Ich habe hier noch mehreres auszuführen, und dann werde ich verschwinden. Es kann mir also sehr gleichgültig sein, ob man es erfährt, daß der Reïs durch mich umgekommen ist. Schade nur, daß sein Schiff verbrennt, ohne daß ich die geringste Beute machen kann! Aber was mir da entgeht, das wird mein Sklavenzug mir einbringen; ich werde eine Ghasuah unternehmen, wie es noch keine gegeben hat; das sollst du erfahren. Sprechen wir jetzt nicht davon. Die Lampe verlöscht, und wir wollen nun schlafen.«

Es war nicht viel Öl in der Lampe gewesen. Das Flämmchen wurde kleiner und kleiner und verlöschte endlich ganz; es wurde dunkel in dem kleinen Raume.

Was hatte ich erfahren! War es denn möglich, daß ein Mensch auf einen so teuflischen Gedanken kommen konnte! Die Ausführung dieses schrecklichen Planes mußte verhindert werden. Aber wie? Das einfachste und beste war, mich mit Ben Nil vom Schiffe zu schleichen und nach Hegasi zurückzukehren, um den Reïs zu warnen. Aber wo war Ben Na, und lag es in der Möglichkeit, ihn von seinen beiden Mitschläfern, ohne daß sie es bemerkten, fortzubekommen? Es mußte versucht werden, konnte aber natürlich nicht eher geschehen, als bis Ibn Asl eingeschlafen war.

Ich wartete mit Schmerzen auf diesen Augenblick. Minuten vergingen, lange, lange Minuten. Endlich hörte ich seinen leisen, regelmäßigen Atemzügen an, daß er schlief. Ich wickelte mich aus dem Netze und kroch zu ihm hin. Das Ohr seinem Gesichte nähernd, horchte ich. Ja, das war das Atmen eines wirklich Schlafenden. Er verstellte sich nicht. Dennoch ergriff ich eines seiner Beine und schüttelte es leise. Er erwachte nicht davon; er schlief also fest. Ich kroch hinaus in den vorderen Raum. Dort hatte ich abgelegt, ließ aber meine Sachen liegen, da sie mich beim heimlichen Suchen nach meinem Gefährten gehindert hätten.

Als ich das offene Verdeck erreichte, blieb ich zunächst im tiefen Schatten der Kajüte stehen, um mich umzusehen. Die meisten Sklavenjäger hatten den Schiffsraum aufgesucht. Dort war die Luft zwar schwüler als im Freien, aber man hatte nicht soviel von den lästigen Stechmücken zu leiden. Ein einziges Feuer, das vom Schiffe entfernteste, brannte noch. An demselben lagen, durch den Rauch gegen die Insekten geschützt, einige Schläfer.

Hatte man Wachen ausgestellt? Ich sah und hörte keine. Auf dem Deck, welches im Halbdunkel des Sternenscheines dalag, gab es keine Bewegung. Ich legte mich nieder und kroch nach hinten. Ich kam an der nach unten führenden Luke und an dem Mast vorüber, ohne jemand zu erblicken. Auch weiterhin gab es keinen Menschen.

So gelangte ich ganz nach vorne und sah, daß es da allerdings auch eine Kajüte gab. Die Küche stand nämlich auf der Mitte des Vorderteiles und nicht, wie es sonst zu sein Pflegt, in dem Winkel des Schiffsschnabels. Aus diesem letzteren war vielmehr auch ein Verschlag gebildet worden, aus welchem ich halblaute Stimmen erklingen hörte. Ich kroch ganz an die dünne Bretterwand und lauschte. Die beiden Offiziere und Ben Nil schliefen noch nicht; sie sprachen miteinander und schienen noch ganz munter zu sein. Ich konnte ihre Worte ziemlich deutlich verstehen und erkannte aus denselben, daß Ben Nil sich bestrebte, die beiden auszufragen. Der Eifer des jungen Mannes, mir nützlich zu sein, war So groß, daß er den Schlaf opferte und seine Genossen auch munter zu erhalten suchte. Das machte mir einen dicken Strich durch die Rechnung. Sie konnten noch lange, lange sprechen. War es dann noch möglich, uns zu entfernen, ohne gesehen zu werden? Die Vogelwelt des Nils erwacht schon vor dem Anbruch des Tages. Wurden die Stimmen derselben laut, so erwachten die Schläfer, und es war zur Flucht zu spät.

Übrigens hörte ich es am Schalle der Stimmen, daß die drei Sprechenden für meinen Zweck nicht günstig lagen. Ben Nil lag nämlich hinten, und der Raum war so klein, daß er, selbst wenn die andern geschlafen hätten, sich nicht entfernen konnte, ohne über sie hinwegzusteigen. Dabei mußte er sie aber wecken. Wenigstens war dies mehr wahrscheinlich als unwahrscheinlich.

Was aber thun? Ben Nil war nicht herauszubekommen; aber ohne ihn konnte ich unmöglich fort, denn das wäre der sichere Tod des braven Kerls gewesen. Ich mußte also auch bleiben. Aber die fürchterliche Gefahr, welcher der Reïs Effendina ahnungslos entgegenging! Sie mußte unbedingt abgewendet werden, und zwar sogleich. Er konnte schon am frühen Morgen angesegelt kommen, und dann war es zu spät. Ja, wenn es sich um einen Angriff, einen Überfall, nicht aber um dieses höllische Petroleum gehandelt hätte! Ich mußte es unschädlich machen. Wenn dann der Reh kam, so verbrannte er wenigstens nicht und konnte sich, falls er angegriffen wurde, verteidigen.

Sollte ich hinabsteigen und die Fässer in das Wasser wälzen? Nein, denn das hätte Geräusche verursacht. Ich konnte nicht wissen, wieweit sie fortschwammen. Wurden sie bald wieder an das Ufer gespült und da vom Schilfe festgehalten, so ließ Ibn Asl sie holen und führte seinen Plan dann trotzdem aus. Sie mußten also stehen bleiben, und doch sollte das Petroleum fort. Anbohren? Ah! Mir fiel der Werkzeugkasten ein. Vielleicht lag ein Bohrer darin. Das war der einzige Weg, auf welchem ich das Verderben von dem Reh und seinen Asakern abwenden konnte.

Aber was würde Ibn Asl sagen, wenn er früh bemerkte, daß die Fässer leer seien? Mir gleichgültig! Ich durfte nicht an mich denken und mußte es eben darauf ankommen lassen, daß ich für den Thäter gehalten wurde.

Ich kehrte also so rasch wie möglich in die hintere Kajüte zurück. Ibn Asl atmete wie vorher; er schlief noch ebenso fest. Nun langte ich in den Kasten und nahm ein Werkzeug nach dem andern aus demselben. Das hatte seine großen Schwierigkeiten, da ich jedes, auch das kleinste Geräusch vermeiden mußte. Es gelang; ich fand einige Bohrer. Mehrere waren zu stark. Das Loch oder vielmehr die Löcher sollten nicht so groß sein, daß man sie sogleich bemerkte. Fast ganz unten auf dem Boden lag einer, welcher nicht ganz die Dicke eines Bleistiftes hatte; dieser paßte mir. Ich steckte ihn ein und legte die Werkzeuge leise wieder in den Kasten. Dann lauschte ich abermals auf den Atem des Schläfers und huschte endlich hinaus und über das Deck hinüber nach der Stelle, an welcher die Leiter lehnte.

Dort lugte ich erst vorsichtig über Bord, ob vielleicht ein Posten unten stehe, und stieg, als dies nicht der Fall war, hinab. Die kurze Strecke bis hin zu den Fässern war bald zurückgelegt, und ich begann die Arbeit. Jedes Faß mußte zwei Löcher bekommen, eins oben, um den Zutritt der Luft zu vermitteln, und eins unten zum Abflusse des Öles. Ich brachte sie an solchen Stellen an, auf welcher meiner Ansicht nach das Auge nicht gleich fallen würde. Dabei mußte ich mich hüten, mit dem ausfließenden Öle in Berührung zu kommen. Durch Ölgeruch oder gar Ölflecke wäre ich verraten worden.

Die Fässer standen, um schnell aufgeschlagen und in den Fluß geworfen zu werden, ganz nahe am Wasser. Die Flüssigkeit hatte nur drei oder vier Fuß zu laufen, um das letztere zu erreichen. Nach nicht ganz einer Viertelstunde war ich fertig, spülte den Bohrer im Flusse rein, wischte ihn im Schilfe sorgfältig ab und stieg dann wieder an Bord. In der Kajüte angekommen, legte ich ihn in den Kasten und kroch dann wieder in mein Moskitonetz.

Das Herz war mir unendlich leicht. Ich hatte vielen Menschen das Leben erhalten und einen Bubenstreich verhütet, wie er nichtswürdiger gar nicht gedacht werden kann. Aber die Folgen für mich! Nun, die konnte ich unter den gegebenen Umständen nicht von mir abwenden und mußte eben ruhig warten, was geschehen werde. Die Aufregung, in welcher ich mich denn doch befunden hatte, legte sich, und ich schlief ein. Als ich erwachte, geschah dies nicht von selbst, sondern Ibn Asl weckte mich.

»Steh auf, Amm Selad!« sagte er. »Du wirst ausgeschlafen haben, denn es ist spät am Morgen, und es wird bald zu thun geben; der Reh Effendina kommt.«

Ich war natürlich sofort vollständig munter und sprang empor. Mein erster Blick galt seinem Gesichte. Es war nichts darin, was mich hätte vermuten lassen, daß meine That bereits entdeckt worden sei. Seine Augen glänzten unternehmend; er nickte mir sogar freundlich zu und fuhr fort.

»Ja ja, du staunst? Die Stunde ist gekommen. Geh heraus; der Kaffee steht für dich bereit!«

Draußen vor der Kajüte lag ein Polster, auf weiches ich mich setzen sollte. Eine alte, häßliche Negerin brachte mir den erwähnten Morgentrunk. Die Sklavenjäger lagerten am Ufer, ganz so, wie ich sie gestern angetroffen hatte. Darum fragte ich:

»Der Reïs kommt, sagst du? Aber deine Leute befinden sich noch nicht auf ihren Posten.«

»Das ist jetzt noch nicht notwendig. Ich erhielt soeben erst die Nachricht, daß er in Hegasi angekommen sei und bei der dortigen Mischrah angelegt habe. Nun weiß man nicht, wie lange er dort liegen bleibt. Es können Stunden vergehen, ehe er abfährt. Darum habe ich wieder einen Posten ausgesandt, welcher auf halbem Wege zwischen hier und Hegasi aufzupassen hat. Erst wenn dieser zurückkehrt, ist es Zeit, daß jeder seine Stelle einnimmt.«

»Es wird doch kein anderes Schiff dazukommen!«

»Aufwärts nicht, sonst hätte mein Wächter es gesehen. Und abwärts – – bei der Hölle, es wäre fatal, wenn da jetzt eins käme!«

»Du würdest es vorüber lassen?«

»Gewiß nicht, ganz gewiß nicht. Die Bemannung würde im Vorüberfahren uns und den Noquer sehen und dem Reïs davon Meldung machen.«

»Das ist nicht so ganz gewiß. Die Leute würden vielleicht bei ihm vorübersegeln, ohne mit ihm zu reden.«

»Da kennst du diesen Hund nicht. Er redet jedes ihm begegnende Schiff an, läßt es halten und zwingt es, sich nach Sklaven untersuchen zu lassen. Er würde ganz sicher erfahren, daß hier ein Noquer hält, und das müßte ihm auffallen; er würde Verdacht schöpfen, sich in acht nehmen, und mit meinem schönen Plane wäre es aus. Nein, kommt jetzt ein Fahrzeug von oben, so wird es angehalten und muß warten, bis die Sache vorüber ist. Um für alle Fälle gesichert zu sein, werde ich auch stromaufwärts einen Posten aufstellen. Die Zeit zum Handeln ist da, und ich lasse mich durch kein Dazwischenkommen irre machen.«

Er ging an das Land, um einen Mann fortzusenden. Während dieser Zeit kam Ben Nil zu mir. Es befand sich niemand in unserer Nähe; darum konnten wir ungestört und ohne Scheu miteinander sprechen.

»Du hast sehr lange geschlafen, Herr,« sagte er. »Fast wollte es mir bange werden. Hast du denn nicht an das gedacht, was auf dem Spiele steht?«

»Ich habe nicht nur gedacht, sondern auch gethan, mehr als du denkst.«

»Und ich habe gar nicht geschlafen. Ich konnte vor Angst um unsern Reïs Effendina kein Auge schließen.«

»Ich natürlich auch nicht.«

»Die beiden Offiziere wurden gestern abend noch gesprächig und erzählten mir, daß der Reïs verbrannt werden soll. Denke dir!«

»Mit dem Petroleum da unten in den Fässern.«

»Du weißt es?«

»Ja. Ich erfuhr es von Ibn Asl.«

»Herr, was thun wir? Der Reïs Effendina naht, und dort ist das Petroleum. Es ist schrecklich, unendlich schrecklich! Und dabei hast du geschlafen und dich um nichts bekümmert!«

»Zanke nicht! Es ist nicht ganz so schlimm, wie du denkst. Ich habe die Fässer während der Nacht angebohrt. Das Öl ist abgelaufen.«

»Allah’l Allah! Ist das wahr?«

»Ja. Es ist mir nicht leicht geworden. Ich wollte fliehen und dich mitnehmen, hörte euch aber reden. Du lagst hinten im Verschlage und konntest nicht vor. Da mußte ich auf dich verzichten und allein handeln.<,

»Drum roch es, als ich aufstand, nach Petroleum! Die Leute schrieben das der Ausdünstung der Fässer zu. Und im Schilfe lagen einige tote Fische.«

»Weiter unten wird es jedenfalls mehr abgestandene Fische und anderes Getier geben. War das Wasser etwa gefärbt?«

»Nein.«

»So ist das Öl entweder sehr rein gewesen, oder der kräftige Morgenwind hat die Rückstände hier fortgespült. Das ist vortrefflich für uns.«

»Ich sehe gar nichts Vortreffliches, Herr. Wenn man es entdeckt, wird der Verdacht natürlich auf uns fallen.«

»Sehr wahrscheinlich. Aber wer kann uns etwas beweisen?«

»Nach Beweisen fragen diese Menschen nicht. Wir müssen fort; wir müssen augenblicklich fort.«

»Es wäre allerdings am allerbesten für uns, wenn wir uns entfernen könnten; aber es giebt einige Bedenken dagegen.«

»Welche denn?«

»Erstens können wir es nicht unbemerkt thun. Und sieht man, was wir wollen, so hält man uns auf, und wir haben verlorenes Spiel.«

»Wir machen es wie gestern abend: wir laufen davon.«

»Da ruft man uns an, und wenn wir nicht gehorchen, schickt man uns Kugeln nach.«

»Das hat man gestern nicht gethan!«

»Es war Abend und dunkel, jetzt aber ist es Tag und hell. Das ist ein Unterschied; bedenke das! Gestern abend hätten wir entkommen können, weil es finster war. Niemand konnte auf uns zielen; jetzt aber hätten wir jeder sehr bald einige Kugeln in dem Leibe. Und wohin wollen wir die Flucht richten? Nach Hegasi, durch die offene Steppe, wo jeder Verfolger leicht auf uns zielen kann?«

»Wir schießen doch auch!«

»Ja, aber wenn wir schießen wollen, müssen wir stehen bleiben und geben dadurch den Verfolgern Zeit, in Masse an uns zu kommen. Nein, nein, damit ist’s nichts! Und unsere Flucht soll doch einen doppelten Zweck haben, nämlich uns aus der Schlinge zu ziehen, in welche wir die Köpfe freiwillig gesteckt haben, und zugleich dem Reïs zu Diensten zu sein. Reißen wir jetzt aus, so kommt er ahnungslos herbei. Man kann ihn nun zwar nicht mehr durch das Feuer vernichten, ihm aber doch irgend einen Hinterhalt, eine Falle legen, welche ihm zum Verderben gereicht. Bleiben wir aber da, so können wir dies durch List verhüten oder ihn wenigstens warnen.«

»Warnen? Sobald wir ihm zurufen, sind wir verloren.«

»Pah! Die Warnung kann durch ein Gewehr geschehen, welches wie durch ein Versehen losgeht.«

»Aber in dem Augenblicke, in welchem man entdeckt, daß die Fässer leer sind, wäre es doch wohl jedenfalls für uns am besten, wenn wir nicht mehr hier wären!«

»Das gebe ich ganz gern zu. Laß mich überlegen! Vielleicht kommt mir ein Gedanke.«

»Der müßte aber schnell kommen, sonst geht die kostbare Zeit verloren.«

Er setzte sich zu mir nieder, um auf die »Ankunft« meines Gedankens zu warten. Leider aber passiert es dem Menschen sehr Oft, daß er gerade dann, wenn er eine Idee sehr notwendig braucht, keine finden kann. So ging es mir auch jetzt. Ich sann und sann vergebens. Es vergingen fünf, Zehn, fünfzehn Minuten. Ibn Asl stand unten bei seinen Leuten und sprach sehr eifrig mit einem von ihnen. Es schien mir, als ob sie dabei oft herauf nach uns blickten. Dann kam er an Bord. Sein Gesicht war so freundlich wie vorher, als er zu mir sagte:

»Amm Selad, du hattest recht, als du meintest, daß das Petroleumfeuer mein eigenes Schiff in Gefahr bringen könne. Ich werde es eine Strecke weiter aufwärts ziehen lassen. Hoffentlich kommt der Reïs Effendina indessen nicht.«

Also deshalb hatten die Leute ihre Augen so auf das Schiff gerichtet! Die Blicke hatten nicht unseren Personen gegolten. Es kamen eine Anzahl Männer an Bord, um den Mast aufzurichten.

Das befremdete mich, da das Zugseil doch auch recht gut anderwärts angebracht werden konnte. Bei dieser Veranlassung näherten sie sich uns und – – warfen sich plötzlich auf uns, um uns festzunehmen. Das geschah so unerwartet und schnell, daß ich, als mir die Ellbogen auf dem Rücken und auch die Beine zusammengebunden waren, noch keine Zeit gefunden hatte, ein Glied zu meiner Verteidigung zu rühren. Ich lag neben Ben Nil auf dem Boden. Was war geschehen? Warum hatte man uns so feindselig überrumpelt? Es mußte irgend ein Verdacht gegen uns entstanden sein.

Ibn Asls Gesicht war plötzlich ein ganz anderes geworden. Während seine Leute zwei oder drei Schritte weit von uns zurückgewichen waren, trat er nahe an mich heran und sagte in drohendem Tone:

»Das hattest du wohl nicht erwartet! Du scheinst ein schlauer Kopf zu sein, und darum mußte auch ich es klug anfangen; ich mußte dich täuschen und schnell über dich kommen.«

»Ich erstaune!« antwortete ich. »Aus welcher Veranlassung sind wir in dieser Weise überfallen worden?«

»Ja, du weißt allerdings nichts, nämlich davon, daß das, was ihr vorhin miteinander gesprochen habt, gehört worden ist.«

»Das konnte gehört werden,« antwortete ich schnell gefaßt und in zuversichtlichem Tone. »Wir haben nichts gesprochen, was dir Veranlassung zu diesem plötzlichen feindseligen Verhalten geben könnte.«

»So! Meinst du denn wirklich, Ibn Asl täuschen zu können? Da bist du viel zu dumm dazu. Dieser Mann« – dabei deutete er auf den Menschen, welcher mich zuerst gepackt hatte – »lag auf dem Dache der Kajüte, ohne daß ihr es wußtet. Er hörte alles und kletterte, um von euch nicht gesehen zu werden, hinten am Taue, an weichem das Boot hängt, herab, um mir es mitzuteilen. Willst du es etwa leugnen?«

»Fällt mir nicht ein! Aber von was haben wir gesprochen?« Ich verließ mich darauf, daß der Mann wohl nicht alles genau verstanden hatte. Wir hatten zwar nicht leise gesprochen, aber auch nicht lauter als zwei Personen sprechen, welche bei einander sitzen und von Dingen reden, welche nicht jedermann zu hören braucht.

»Von vielerlei,« antwortete Ihn Asl, »zumeist aber von Falschheit und Verrat.«

»Beweise uns das doch einmal!«

»Beweise verlangst du? Ist es denn an dir, Beweise zu fordern? Habt ihr etwa nicht vom Petroleum gesprochen?«

»Allerdings. Warum sollte ich das leugnen? Du hast mir ja selbst davon gesagt!«

»Aber du hast behauptet, es sei keins drin. Wie kommst du dazu, eine solche Dummheit auszusprechen?«

»Es war natürlich nur ein Scherz,« antwortete ich, sehr erfreut über die Art und Weise, in welcher ich zur Hälfte falsch und zur andern gar nicht verstanden worden war.

»Du wirst sehr bald erfahren, daß es kein Scherz, sondern Ernst ist! Und dann habt ihr von Flucht gesprochen? Warum wollt ihr fliehen, wenn ihr ein gutes Gewissen habt?«

»Wir haben von Flucht vor dem Feuer gesprochen, falls dieses dein eigenes Schiff ergreifen sollte. Sind wir gestern abend geflohen? Habe ich dir nicht vielmehr bewiesen, daß ich bei dir bleiben will, daß mir gar nichts daran liegt, von hier fortzukommen?«

»Du scheinst ein Meister der Ausrede zu sein! Was aber wirst du mir denn antworten, wenn ich dich frage: Warum soll dein Gewehr losgehen, wenn der Reïs Effendina erscheint?«

»Soll? Es soll eben nicht! Und mein Gewehr, das meinige? Ich habe von allen Gewehren, von den Gewehren im allgemeinen gesprochen. Ich befürchtete eine Unvorsichtigkeit, eine Hastigkeit, durch welche der Reïs gewarnt werden könnte. Du postierst deine Leute weit am Ufer hinab, und da sagte ich: Wenn nur nicht etwa aus Versehen irgend ein Gewehr losgeht. Dieser Mann hat zwar gelauscht, aber unvollständig oder verkehrt gehört. Ich rate ihm, ein anderes Mal die Ohren besser zu öffnen.«

Ibn Asl ließ seinen Blick prüfend zwischen mir und dem Lauscher hin und her schweifen. Meine edle Dreistigkeit imponierte ihm. Es war klar, daß er irre wurde und mir Glauben zu schenken begann. Doch fragte er noch:

»Ihr hattet aber doch Angst um den Reïs Effendina?«

»Da hat dein wackerer Berichterstatter mich wieder falsch verstanden. Nicht um, sondern vor dem Reïs hatte ich Angst.«

»Wie stimmt das damit, daß du gestern zu mir sagtest, du hättest keine Angst?«

»Da wußte ich noch nicht, was geschehen soll. Jetzt kenne ich aber deine Absichten, und als ich mit meinem Gehilfen über dieselben sprach, hatte ich Sorge, daß dieselben vereitelt werden könnten. Das habe ich gemeint.«

»Vereitelt? Wer könnte sie vereiteln?«

»Der Reïs. Er ist in Hegasi an das Land gegangen. Ihr habt ihn hierhergelockt, indem ihr ihn fälschlicherweise wissen ließet, daß hier ein Sklavenzug über den Nil gehen werde. Er muß also wissen, daß sich Händler oder gar Jäger hier befinden. Meinst du, daß er nun in aller Gemütlichkeit gefahren kommt wie einer, der spazieren segelt?«

»Was denn?«

»Ich halte es für sehr möglich, daß er sein Schiff in Hegasi läßt und seine Asaker auf dem Landwege hierher und euch in den Rücken führt. Während wir die Augen nach dem Flusse richten, schleicht er sich von der Steppe herbei und fällt über uns her. Darum hatte ich vor ihm Angst, keineswegs aber um ihn.«

»Allah! Das ist richtig, sehr, sehr richtig. Daran habe ich nicht gedacht. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit auch landeinwärts richten und – –«

Er wurde unterbrochen. Der stromaufwärts stehende Posten kam herbeigerannt und meldete ein Schiff, welches sich von dorther nähere. Sofort wurde das Boot bemannt und unter der Führung eines der beiden Offiziere diesem Fahrzeuge entgegengeschickt, um dasselbe zum Anlegen zu veranlassen.

Ich hatte Hoffnung, jetzt wieder losgebunden zu werden. Da fragte er mich:

»Woher weißt du denn, was wir dem Reïs Effendina haben sagen lassen?«

Leider hatte mich der Posten in Hegasi gestern gebeten, ihn nicht zu verraten. Ich war dem Manne für seine Mitteilungen zu Dank verpflichtet und wollte ihm keinen Schaden bereiten; darum antwortete ich:

»Es wurde gestern am zweiten Feuer erwähnt. Wir saßen am ersten; ich hörte es aber doch.«

Diese Unwahrheit entsprang aus einer ganz guten Absicht, fand aber sofort ihre Bestrafung, denn er antwortete:

»Das ist eine Lüge, denn an dem Feuer konnte das nicht gesagt werden. Es wissen nur vier Personen um das, was ich dem Reïs Effendina wissen ließ, nämlich ich, die zwei Offiziere und der Posten von Hegasi. Von diesen hat es dir keiner gesagt. Von wem kannst du es wissen? Etwa gar von dem Reïs selbst? Ich wollte dir mein Vertrauen wieder schenken; jetzt aber sehe ich ein, daß deine Ausreden sehr spitzfindig und zweideutig waren. Ehe ich dich freilasse, werde ich diese Sache genau untersuchen, und wehe dir, wenn ich nur den geringsten verdächtigen Flecken an dir finde! Jetzt habe ich keine Zeit dazu. – Ihr bleibt unter Bewachung einstweilen hier liegen.«

Er wendete sich von uns ab, denn seine Aufmerksamkeit wurde oberhalb unserer Ankerstelle, wo jetzt das betreffende Fahrzeug erschien, in Anspruch genommen. Es wurde von dem entgegengesandten Boote angesprochen und trat in Unterhandlung mit demselben. Dann sahen wir einen Mann über Bord und hinab in das Boot steigen, welches mit ihm zurückkehrte; das Schiff aber wurde gegen das Ufer gesteuert, um dort anzulegen.

Bei mir und Ben Nil stand ein Wächter, der uns scharf im Auge hielt. Mir war gar nicht bange. Ich meinte, annehmen zu dürfen, daß die von mir vorgebrachten Ausreden doch noch die beabsichtigte Wirkung haben würden. Beweisen konnte man uns nichts. Gravierend war nur das, was der Lauscher gegen uns vorgebracht hatte, und diesem war der wirkliche Zusammenhang entgangen; er hatte nur einzelne Punkte vernommen, aus und mit denen eine Überführung nicht zu konstruieren war. Bedenken konnte mir eigentlich nur der Augenblick erregen, an welchem entdeckt wurde, daß die Fässer leer seien. Da man einmal mißtrauisch geworden war, stand zu erwarten, daß der Verdacht dann auf uns fallen werde. Doch war es auch hier unmöglich, uns die Schuld zu beweisen. Leider aber sollte es anders, ganz anders kommen.

Das Boot legte an, und die Leute stiegen mit dem Manne, den sie brachten, an Bord. Man denke sich meinen Schreck, als ich in demselben Abu en Nil erkannte, den Steuermann der Dahabijeh Es Semek, auf welcher ich das bekannte nächtliche Abenteuer in Gizeh erlebt hatte! Diese Dahabijeh war für den Sklavenhandel bestimmt gewesen und in der Nacht von dem Reïs Effendina konfisziert worden. Ich hatte den Steuermann aus Mitleid entfliehen lassen, ihm einiges Reisegeld gegeben und von ihm die Versicherung erhalten, daß er sich nordwärts nach seiner Heimat wenden werde. Und nun sah ich ihn hier oberhalb Chartums im tiefen Süden!

Der Mann kannte mich ganz gewiß noch; er mußte mich ja kennen, zumal ich sehr oft die Erfahrung gemacht hatte, daß mein Gesicht ein solches ist, welches man nicht so leicht und rasch vergißt. Ich war von Leuten, welche mich nur einmal und ganz vorübergehend gesehen hatten, noch nach Jahren sofort wieder erkannt worden. Noch schlimmer aber war der Umstand, daß dieser Steuermann Abu en Nil der Vater oder vielmehr der Großvater meines Begleiters Ben Nil war. Es war vorauszusehen, daß er, uns beide erblickend, augenblicklich zu uns eilen und uns verraten werde.

Ben Nil lag nicht wie ich auf dem Rücken, sondern auf der Seite, von dem Bord, an welchem die Leute heraufgestiegen waren, abgewendet; darum hatte er seinen Großvater nicht gesehen. Ich mußte ihn vorbereiten und wendete mich daher zu ihm, ihm zuflüsternd:

»Erschrick nicht, und bleibe so liegen, wie du liegst! Dein Großvater ist gekommen.«

Ich sah es, daß er eine Bewegung der Überraschung machen wollte, aber er beherrschte sich doch. Es dauerte eine kleine Weile, dann fragte er.

»Ich habe beide Großväter noch. Du meinst doch den Steuermann?«

»Ja, Abu en Nil, den früheren Steuermann der Dahabijeh Es Semek.«

»O Allah, welche Freude!«

»Nein, welches Unglück für uns! Er wird uns verraten.«

»Himmel! Das ist allerdings wahrscheinlich. Wie kommt er hierher? Was thut er hier?«

»Er befand sich auf dem Schiffe, welches Ibn Asl gezwungen hat, anzuhalten. Der Offizier hat ihn mitgebracht, jedenfalls damit er Verhaltungsbefehle bekommen soll.«

»Wo steht er?«

»Dort rechts am Rande des Schiffes. Er hat uns noch nicht gesehen. Ibn Asl spricht mit ihm.«

»Können wir ihm nicht ein Zeichen geben, daß er schweigen möge?«

»Wenn wir nicht gefesselt wären, dann würde es möglich sein, ja; so aber müssen wir das Unglück über uns ergehen lassen. Wie mag er nach dem weißen Nil gekommen sein! Er wollte ja nach Gubator gehen!«

»Ursprünglich, ja; aber es ist anders geworden. Habe ich dir denn nicht erzählt, daß ich ihn in Siut traf?«

»Ah, daran habe ich jetzt nicht gedacht!«

»Ich verlor ihn dort wieder, denn ich wurde von dem alten Abd Asl in den unterirdischen Brunnen gelockt, wo ich verschmachten sollte, aus welchem du mich aber rettetest. Wenn er doch um Allahs willen vorsichtig wäre und nicht sagte, daß er uns kennt!«

»Meinst du, daß ihm eine solche Geistesgegenwart zuzutrauen sei?«

»Wohl nicht. Die Freude, mich zu treffen, und dabei der Schreck darüber, daß ich gefesselt bin, das wird so auf ihn einwirken, daß er wohl die Unvorsichtigkeit begeht, unsere Namen zu nennen. Drehe dich auf die Seite, damit er dein Gesicht nicht sieht!«

Ich folgte dieser Aufforderung, obgleich ich nicht glaubte, daß dies die beabsichtigte Wirkung haben werde. Der alte Steuermann hatte sich damals auf der Dahabijeh nicht so verhalten, daß ich ihm so viel Selbstbeherrschung, wie hier nötig war, hätte zutrauen können.

Unser Wächter hatte darauf, daß wir miteinander sprachen, nicht geachtet. Seine Aufmerksamkeit war mehr auf Abu en Nil, als auf uns gerichtet. Ibn Asl sprach laut mit diesem letzteren, doch hatte ich, weil ich mit Ben Nil redete, den Inhalt des Gespräches nicht verstehen können. Jetzt, da wir schwiegen, hörte ich den alten Steuermann sagen:

»Aber ich sehe immer noch keinen Grund, weshalb wir die Fahrt unterbrechen sollen. Wir sind euch doch nicht im Wege!«

»Doch! Wartet nur kurze Zeit, höchstens einige Stunden, so könnt ihr weiter fahren.«

»Warum jetzt nicht?«

»Das brauche ich euch nicht zu sagen.«

»Du wirst es uns doch wohl sagen müssen, sonst gehen wir sofort wieder unter Segel.«

»Das wirst du bleiben lassen, denn, wenn ich sehe, daß du nicht gehorchen willst, so behalte ich dich hier, bis die Zeit gekommen ist.«

»Dazu hast du kein Recht.«

»Meinst du? Ich bin der Reïs Effendina, von dem du wohl gehört haben wirst.«

»Nein, der bist du nicht. Ich habe nicht nur von ihm gehört, sondern ihn sogar gesehen und mit ihm gesprochen.«

»So! Nun, dann will ich dir sagen, daß ich sein Lieutenant bin. Ob dies oder ob er selbst, das bleibt sich gleich. Du hast zu gehorchen.«

»Beweise mir, daß du die Wahrheit sagst! Die Leute des Reïs Effendina tragen Uniformen, die deinigen aber nicht. Ich habe gesehen, daß dein Schiff ›Eidechse‹ heißt; das Schiff des Reïs Effendina aber heißt ›Der Falke‹. Deine Worte sind also Lügen.«

»Lügen? Hüte dich, mich zu beleidigen! Der Reïs Effendina kommandiert allerdings den ›Falken‹; da aber dieses Schiff für seine Zwecke nicht ausreichte, so hat er die ›Eidechse‹ dazu gemietet und mir den Befehl über dieselbe übergeben. Es ist dir wohl erklärlich, daß gemietete Leute keine Uniformen tragen können.«

»Wenn es so ist, wie du sagst, mußt du eine schriftliche Vollmacht von dem Reïs Effendina haben. Ich bin dir nicht eher Gehorsam schuldig, als bis ich dieselbe gesehen habe.«

»Und mir fällt es nicht ein, dir dieselbe zu zeigen. Du hast mir auf das Wort zu glauben und mir zu gehorchen.«

»Und ich werde zurückkehren und weiter fahren!«

»Halt, Alter, nicht so schnell! Ohne meine Erlaubnis kommst du nicht vom Schiffe. Du bist der Steuermann des angehaltenen Fahrzeuges. Wie ist dein Name?«

»Himjad el Bahri.«

Da ich mich umgewendet hatte, konnte ich den Alten nicht mehr sehen, doch hörte ich, daß er fort gewollt hatte, aber festgehalten worden war. Himjad el Bahri! Er nannte sich also jetzt anders als früher, jedenfalls weil er dem Reïs Effendina entflohen war und sich nun unter einem falschen Namen sicherer wähnte. Das war mir lieb, denn nun konnte er Ben Nil nicht für seinen Enkel ausgeben. Kaum aber hatte ich diese Hoffnung geschöpft, so wurde sie mir von unserm Wächter wieder zu schanden gemacht. Dieser trat nämlich, als er den Namen hörte, einige Schritte vor und rief Ibn Asl zu:

»Das ist nicht wahr; dieser Name ist falsch. Ich kenne den Alten. Ich habe ihn früher in Kahira und auch anderswo gesehen. Er ist ein sehr bekannter Steuermann und wird, weil er den Fluß wie selten ein anderer kennt, Abu en Nil genannt.«

»Abu en Nil!« wiederholte Ibn Asl im Tone der Überraschung. »Ist das wahr? Kennst du ihn wirklich?«

»Ganz genau, ich kann mich gar nicht irren.«

»Ah, Alter, du hast mich täuschen wollen; du bist ein Betrüger! Giebst du zu, daß du der Steuermann Abu en Nil bist?«

»Nein. Ich heiße Himjad el Bahri und habe nie einen andern Namen gehabt.«

»Das ist eine Lüge!« behauptete der Wächter. »Ich kenne ihn ganz genau und kann noch zwei Zeugen bringen, welche ihn auch kennen.«

Er nannte zwei Namen, und die Träger derselben, zwei Untergebene von Ibn Asl, welche sich am Lande befanden, wurden herbeigerufen. Sie bestätigten sofort die Aussage des Wächters; sie sagten dem Alten sogar in das Gesicht, wo und wann sie ihn gesehen hatten. Ich konnte nicht recht begreifen, warum der Umstand, daß der Alte einen falschen Namen tragen sollte, eine solche Wirkung auf Ibn Asl hervorbrachte. In jenen Gegenden und jenen Verhältnissen kommt es nicht selten vor, daß ein Mensch seinen Namen ändert. Hat zum Beispiel ein gewisser Maluf sich lange vergeblich nach einem Sohn und Erben gesehnt und diese Sehnsucht wird ihm endlich erfüllt, so wird er, falls er dem Kinde den Namen Amal giebt, sich aus Freude über sein Vaterglück von jetzt an Abu Amal, Vater des Amal nennen. Freilich hatte der alte Steuermann geleugnet, daß er früher anders geheißen habe, und das mußte auffallen oder gar Verdacht erwecken. Aber nicht der Umstand war es, welcher den Grund zu Ibn Asls Verhalten bildete, denn ich hörte ihn jetzt in höhnischem Tone sagen:

»Du bist überführt; du giebst dich für einen andern aus, als du wirklich bist. Das muß gerochen werden!«

»Ich habe nicht gelogen. Vielleicht sehe ich diesem Abu en Nil ähnlich. Es kann dir übrigens ganz gleichgültig sein, welchen Namen ich trage. Wenn ich wirklich dieser Abu en Nil wäre, so könntest du doch wohl gar nichts dagegen haben!«

»Allerdings nicht, gar nichts, ganz und gar nichts! Ich würde mich im Gegenteil freuen, diesen Mann gefunden zu haben. Und da du es wirklich bist, wie diese drei Männer bezeugt und bewiesen haben, so freue ich mich aber jetzt ganz außerordentlich. Hast du einen Sohn, welcher Ben Nil heißt?«

»Nein.«

»Dann wohl einen Enkel?«

»Auch nicht.«

»Leugne nicht, Alter, sonst werde ich dich zwingen, die Wahrheit zu sagen! Es giebt einen jungen Menschen, einen Matrosen, welcher Ben Nil heißt, und wenn jemand sich Abu en Nil nennt, so muß dieser jemand der Vater oder Großvater des Ben Nil sein!«

»Meinetwegen! Da ich aber nicht Abu en Nil, sondern Himjad el Bahri heiße und weder einen Sohn noch einen Enkel habe, so laß mich mit deinem Ben Nil ungeschoren!«

»Komm mir nicht in diesem Tone, Alter!« drohte Ibn Asl. »Es könnte dich gereuen!«

»Wieso? Ich habe keinen Grund, Furcht vor dir zu haben.«

»Das denkst du jetzt. Aber wenn du wüßtest – –!«

»Was –? Wenn ich was wüßte – –?«

»Daß ich – ein ganz anderer bin,« entfuhr es Ibn Asl.

»Ein ganz anderer? So habe ich also doch richtig gedacht! Nun, so brauche ich erst recht keine Furcht zu haben!«

»Meinst du? Es kommt darauf an, was für ein oder welcher andere ich bin!«

»Sei wer du willst, mir machst du nicht angst!«

»Du sprichst sehr zuversichtlich. Ich bin Ibn Asl, der Sklavenjäger.«

»Allah! Ist das wahr? Ibn Asl, der berühmte Negerfänger?«

»Ja. Wie wird dir nun zu Mute?«

Wenn er der Meinung gewesen war, daß der Alte bei Nennung dieses Namens erschrecken werde, so hatte er sich sehr geirrt. Der Steuermann hatte Grund, sich vor dem Reïs Effendina zu fürchten, weil er diesem entflohen war; sich aber vor Ibn Asl zu entsetzen, dazu hatte er als früherer Sklavenhändler gar keine Ursache. Dies zeigte sich auf der Stelle, denn anstatt sich erschreckt zu zeigen, rief er in frohem Tone aus:

»Ibn Asl! Da wird mir sogar sehr wohl zu Mute, vorausgesetzt, daß du mich nicht abermals täuschest.«

»Ich sage dir die Wahrheit. Allah und der Prophet können mir bezeugen, daß ich Ibn Asl bin.«

»Wenn du so schwörst, so kann ich es glauben. Und nun hast du gar keinen Grund, mich feindlich zu behandeln. Ich werde dir jetzt gern meinen wirklichen Namen sagen.«

Der gute Alte hatte gar keine Ahnung, daß er jetzt im Begriff stand, einen ungeheuren Fehler zu begehen. Hätte ich ihm doch winken können!

»Es ist natürlich der, den du vorhin verleugnet hast?« fragte Ibn Asl.

»Ja. Ich bin Abu en Nil.«

»Also doch, doch, doch! Mann, weißt du auch, was du da gesagt hast?«

»Ja. Ich habe dir damit bewiesen, daß ich nicht ein Feind, sondern ein Freund von dir bin.«

»Wunder über Wunder! Ein Freund von mir! Wieso?«

»Hast du vielleicht von einer Dahabijeh gehört, welche Es Semek hieß?«

»Ja. Der Reïs Effendina hat sie weggenommen.«

»Der Reïs Effendina, weicher dein größter Feind ist! Ich aber war der Steuermann dieses Schiffes. Ich war dabei, als er sie durchsuchte und dabei entdeckte, daß die Dahabijeh ein Sklavenschiff sei. Er konfiszierte sie und nahm die ganze Bemannung gefangen.«

»Dich auch mit?«

»Ja, aber es gelang mir, zu entkommen. Es war ein fremder Effendi auf dem Schiffe –«

»Ah, ein fremder Effendi!« unterbrach ihn Ibn Asl.

»Ja. Dieser Mann hatte Erbarmen mit mir, gab mir Geld und verhalf mir zur Flucht.«

»Warum gerade dir?«

»Weil – das weiß ich nicht.«

Er wußte es gar wohl, wollte aber dem berüchtigten Sklavenjäger nicht sagen, daß er auf meine Aufforderung ein aufrichtiges Geständnis abgelegt hatte.

»Jedenfalls ist es aus Freundschaft gegen dich geschehen. Das macht dich verdächtig!«

»Freundschaft? Davon kann nicht die Rede sein, da ich ihn noch nie gesehen hatte.«

»Aber später hast du ihn jedenfalls wieder gesehen?«

»Nein.«

»Lüge nicht! Du hast zugegeben, daß du Abu en Nil bist; du gestehst nun wohl auch ein, daß du einen Sohn hast, welcher Ben Nil heißt?«

»Nicht mein Sohn, sondern mein Enkel heißt so.«

»Gut, sehr gut! Wo hast du ihn zuletzt gesehen?«

»In Siut.«

»Das stimmt; das stimmt ja ganz genau! Du brauchst nun nur noch einzugestehen, bei wem dein Enkel sich als Diener befindet.«

»Das weiß ich nicht. Er ist niemals der Diener eines Menschen gewesen.«

»Nicht, wirklich nicht? Nun, so ist er es jetzt, und zwar der Diener was für eines Menschen!«

»Ich verstehe dich nicht. Ich begreife dich nicht. Warum sagst du das in einem so zornigen Tone zu mir?«

»Ah, du hörst es also, daß ich zornig bin? Aber begreifen kannst du es nicht? Wirklich nicht?«

»Ich habe keine Ahnung, warum der Name meines Enkels dich in solchen Grimm versetzen kann.«

Ibn Asl war, das hörte ich seinem Tone an, überzeugt, daß Abu en Nil alles wisse. Darum freute er sich, den Alten in seine Hände bekommen zu haben. Er antwortete höhnisch:

»Gut, ich werde es dir sagen, nur um dir zu zeigen, daß dir deine Verstellung gar nichts nützen kann. Allah hat dich zu mir geführt, und bald wirst du auch deinen Sohn bei mir sehen und diesen fremden Effendi, dem, das schwöre ich dir zu, alle Glieder einzeln vom Leibe faulen werden!«

»Allah kerihm! Was hat er dir gethan?«

»Hund, glaube nicht, daß du mich täuschen kannst! Du stehst mit ihm im Bunde. Du weißt alles; du kennst alle seine Thaten und wirst mit ihm gleiches Schicksal haben. Meinst du wirklich, daß ich dir sagen Soll, was geschehen ist? Ich habe jetzt weder Lust noch Zeit dazu. Bindet ihn, und werft ihn zu den beiden anderen, die schon dort bei der Kajüte liegen!«

»Was, mich binden?« rief der Alte aus. »Ich weiß von nichts. Ich bin in Faschodah gewesen und –«

»Schweig, sonst bekommst du die Peitsche!« donnerte ihn Ibn Asl an. Ach mag nichts mehr hören. Später wirst du erfahren und – auch fühlen, was geschieht!«

Abu en Nil wurde von mehreren Männern gepackt und trotz seiner Gegenwehr niedergerissen und gebunden. Dann brachte man ihn zu uns geschleift. Schon glaubte ich, Hoffnung hegen zu dürfen, daß die befürchtete Erkennungsscene ohne Gefahr für uns vorübergehen werde, denn er schien nur mit sich selbst beschäftigt zu sein und vor Zorn gar nichts als nur seine Gegner zu sehen. Da fiel sein Auge auf mich; sein Gesicht nahm einen ganz andern Ausdruck an, und:

»Effendi, du?« rief er laut. »Ist’s möglich, du bist auch gefangen?«

Ibn Asl hatte sich schon abgewendet. Er hörte diese Worte und drehte sich schnell wieder um. Aber es kam noch schlimmer, denn der Alte erblickte auch seinen Enkel und schrie auf.

»Ben Nil, mein Sohn, mein Kind, Sohn meines Sohnes! O Allah, Allah, Allah! Was ist geschehen? Was ist’s mit dir, daß du gefesselt bist?«

Da, ja, da hatten wir es! Da war das Unglück fertigt Das waren die Folgen meiner Gutherzigkeit! Ich gestehe, daß ich in diesem Augenblick nichts sehnlicher wünschte, als in Gizeh diesen alten Plauderhannes seinem Schicksale überlassen zu haben. Der Eindruck, den seine Worte machten, war ganz so, wie ich erwartet hatte. Ibn Asl kam nicht herbeigeschritten, sondern geradezu herbeigesprungen und rief:

»Effendi? Ben Nil? Allah akbar – Gott ist groß! Was höre ich!«

»Schweig, Schwätzer! Du bringst dich und uns ins Verderben!« hatte ich dem Steuermann noch zuraunen können; dann standen alle, die sich auf dem Deck befunden hatten, bei uns und vor uns.

»Sag’s noch einmal! Wiederhole es!« gebot Ibn Asl dem Alten. »Wer sind diese beiden Menschen?«

Meine Warnung hatte doch gefruchtet. Der Gefragte antwortete nicht. Ich sah ihm an, daß er überlegte, was er sagen solle.

»Sprich! Wer sind sie?« wiederholte der Sklavenhändler.

»Wer?« fragte Abu en Nil, jedenfalls um Zeit zu gewinnen.

»Diese beiden, deren Namen du nanntest.«

»Die? Die zwei hier? Die kenne ich ja gar nicht!«

»Und soeben hast du den einen als Effendi und den andern als deinen Enkel Ben Nil bezeichnet! Ich habe es mit meinen eigenen Ohren gehört.«

»Die Namen habe ich genannt, aber diese beiden Männer nicht damit gemeint.«

»Das redet dir der Teufel vor! Wie kämst du dazu, von dem Effendi und von Ben Nil zu sprechen, wenn diese es nicht wären!«

»Das war nur ein Ausruf des Schmerzes und der Reue. Weil ich von dem Effendi und von meinem Enkel gesprochen habe, hast du mich binden lassen. Darum wiederholte ich ihre Namen.«

»Du hast aber gefragt: Was ist’s mit dir, daß du gebunden bist! Wie kämst du zu solchen Worten?«

»Ich habe damit ja mich selbst gemeint.«

»Hältst du mich für wahnsinnig, du Sohn eines Hundes und Enkelhund eines Hundesohnes? Holt die Peitsche! Wir wollen ihm den Mund öffnen!«

In diesem Augenblicke erklang vom Ufer der laute, erschrockene Ruf herauf:

»O Wunder, wie sonderbar, die Fässer sind leer!«

Ibn Asl sprang an den Schiffsrand und sah hinab. Da ich lag, war mir kein Blick nach unten möglich.

»Die Fässer sind leer,« wiederholte man von unten herauf.

»Seid ihr toll!« rief er hinab. »Sie waren ja voll.«

»Jetzt sind sie aber leer!«

Ich hörte einen hohlen Ton, als wenn leere Fässer umgeworfen würden.

»Maschallah – Wunder Gottes!« schrie Ibn Asl. »Sie sind leer, wirklich leer! Wer hat das gethan! Wartet, ich komme hinab!«

Ich sah ihn vom Deck verschwinden, aber im nächsten Augenblicke erschien er mit dem Kopfe wieder, um unserm Wächter zu befehlen:

»Laß die Hunde nicht miteinander sprechen! Schlage sie auf die Mäuler, wenn sie es wagen sollten, sie aufzuthun!«

Dann stieg er vollends hinab. Der Mann, dem dieser Befehl gegolten hatte, ergriff ein starkes Stück Tau und ließ es vor unsern Gesichtern schwingen, als nicht mißzuverstehende Andeutung, daß er den löblichen Auftrag ganz wörtlich erfüllen werde. Wir schwiegen also. Ich hätte überhaupt nicht gewußt, was ich sagen sollte, um den Fehler, den der Alte begangen hatte, wieder gut zu machen.

Die Leute schienen sich unten bei den Fässern zu versammeln, wie aus einem Gewirr von vielen Stimmen zu entnehmen war. Dann wurde es momentan still. Man schien zu untersuchen, zu beraten. Nach einiger Zeit kehrte Ibn Asl zurück; ihm folgten alle seine Leute, so daß das ganze Deck sich füllte. Aller Augen waren auf uns gerichtet, drohend, haßerfüllt und auch, wenn ich mich nicht irrte, bewundernd neugierig. Er trat zu mir, stieß mich mit dem Fuße an und sagte, indem seine Augen mich wütend anblitzten:

»Rede die Wahrheit, du räudiger Schakal, sonst reiße ich dir die Zunge aus! Wo bist du während der Nacht gewesen?«

Nicht zu antworten, das wäre dumm gewesen. Hätte ich auch nur eine Hand frei gehabt, so hätte ich ihm mit der Faust geantwortet. So aber mußte ich, um Mißhandlungen zu entgehen, reden:

»Natürlich bei dir in der Kajüte.«

»Du bist aber einmal fort und bei den Fässern gewesen.«

»Das müßte im Traume geschehen sein.«

»Willst du es leugnen?«

»Was man nicht gethan hat, kann man nicht leugnen.«

»Die Fässer haben Löcher!«

»Das weiß ich auch. Ich habe noch kein Faß ohne Loch gesehen.«

Er versetzte mir wieder einen Fußtritt und schrie:

»Willst du etwa gar Witze machen! Du bist es gewesen, der die Löcher in die Fässer gebohrt hat. Kein anderer kann es gewesen sein!«

»Laß mich in Ruh‘ mit deinen Fässern! Ich möchte wissen, weshalb ich mich mit ihnen hätte beschäftigen sollen!«

»Um den Reïs Effendina zu retten. Nun ist mein ganzer herrlicher Plan zu schanden gemacht! Gestehe es auf der Stelle, sonst zertrete ich dich unter meinen Füßen!«

Er holte mit dem Beine zum Stoße aus. Es ist keine angenehme oder gar ehrenvolle Situation, vor so vieler Augen am Boden zu liegen und völlig widerstandslos allen möglichen Mißhandlungen ausgesetzt zu sein. Diesen Menschen hatte ich haben wollen und nun hatte er mich! Meine Lage bei ihm war eine ganz andere, als die seinige bei mir gewesen wäre. Er war nicht nur ein Verbrecher, ein Unmensch, sondern er war – gemein. Hatte ich denn gar keine Waffe gegen ihn? Giebt es überhaupt gegen Gemeinheit eine Waffe, wenn man nicht eben auch gemein sein will? Und wenn ich der geschickteste Fechter bin, kann ich mich mit einem anständigen Floret gegen einen Menschen wehren, der mich mit der – Düngergabel aufspießen will? Mein ganzes Selbstgefühl bäumte sich gegen den Gedanken auf, mich nun noch durch Leugnen retten zu wollen. Ja, vielleicht konnte es mir gelingen, ihn durch List von mir abzubringen oder wenigstens Zeit zu gewinnen; ihn zu übertölpeln, das wäre keine Schande gewesen; aber er hätte wenigstens jetzt, in diesem Augenblicke, gedacht, daß ich Angst vor ihm habe, und das sollte er sich ja nicht einbilden. Angst! Meine Lage war eine schlimme, aber noch keineswegs eine verzweifelte. Es fiel mir nicht ein, mich schon verloren zu geben; aber selbst auf die Gefahr hin, daß es mich sofort mein Leben kosten werde, antwortete ich:

»Gestehen? Nur Verbrecher, nur Sünder haben Geständnisse abzulegen. Was ich that, war keine Sünde, kein Verbrechen.«

»So giebst du zu, es gethan zu haben?«

»Ja.«

Er sah mir starr in das Gesicht. Das hatte er doch nicht erwartet.

»Ah, hört ihr’s, hört ihr’s?« rief er dann. »Er ist’s gewesen; er giebt es zu! Mensch, weißt du, daß du damit dein Todesurteil gesprochen hast? Warum hast du das Öl auslaufen lassen?«

»Diese Frage hast du schon selbst beantwortet.«

»Um den Reïs Effendina zu retten?«

»Ja. Ich bin sein Freund!«

»Der fremde Effendi?«

»Ja.«

»Und dieser, den du deinen Gehilfen Omar nanntest, ist Ben Nil?«

»Er ist es.«

Er trat, ganz betroffen über die Offenheit dieses Geständnisses, zwei Schritte zurück. Er war überzeugt, daß jeder andere fortgeleugnet hätte, denn seiner Meinung nach konnte in meiner Lage Rettung nur im Leugnen liegen. Er wendete sich von mir ab und seinen Leuten zu und sagte.

»Hört ihr abermals? Er bekennt es, daß er der Effendi ist. Ah, wir haben ihn; wir haben ihn! Allah sei Preis und Dank gesagt!«

Dies benutzte Ben Nil, mir zuzuraunen:

»O, Effendi, warum hast du es gestanden! Nun ist alles, alles verloren!«

»Noch nicht. Sei nur guten Mutes, und laß mich machen!«

Die Leute drängten sich näher herbei, um mich recht genau in Augenschein nehmen zu können. Er trat wieder ganz zu mir heran und sagte, indem er mir höhnisch zunickte:

»Du bist ein verwegener Mensch, Effendi, ein höchst verwegener Mensch; aber du hast doch noch nicht gewußt, was es heißt, dich in meine Nähe zu wagen!«

»Pah! Was soll das weiter heißen! Ich habe noch ganz andere Dinge gewagt. Wenn dir nicht der Zufall günstig gewesen wäre, hättest du nicht entdeckt, wer ich bin. Oder bildest du dir etwa ein, daß du es deinem Scharfsinne, deiner Klugheit zuzuschreiben hast?«

»Ungeziefer, wagst du, mich zu schmähen!« rief er, indem er mir abermals einen Fußtritt versetzte.

»Jetzt magst du mich treten; ich bin gefesselt; aber ich sage dir, daß du mir jeden Fußtritt bezahlen wirst!«

»Dir? Wann denn? Du willst dich rächen? Bist du toll?«

»Ich spreche mit vollster Überzeugung. Wie lange glaubst du mich wohl bei dir zu haben?«

»So lange, bis du vermodert bist!«

»Darüber lache ich. Bedenke, daß sich der Reïs Effendina hier befindet!«

»Verlässest du dich auf den? Hoffst du, daß er dich retten werde?«

»Allerdings.«

»So hoffe, bis du verendest! Ich kann diesen Hundesohn nun freilich nicht verbrennen, aber – –«

Er wurde unterbrochen. Es entstand vom Schiffsrande her ein Gedränge. Zwischen den Leuten hindurch schob sich der Posten, den er gegen Hegasi hin ausgestellt gehabt hatte. Der Mann war ganz außer Atem und meldete:

»Herr, mit dem Petroleumfeuer wird es nichts, denn der Reïs Effendina kommt nicht auf dem Flusse.«

»Wo denn?«

»Allah sei Dank dafür, daß er mir den Gedanken eingab, weiter vorzugehen, als du mir geheißen hattest! Ich stand da auf einer Stelle des Ufers, welche so hoch war, daß ich nicht nur den Fluß sehen, sondern auch über die Bäume hinweg in die Steppe blicken konnte. Und da sah ich ihn kommen.«

»Weißt du denn, daß er es war?«

»Wer könnte es sonst gewesen sein? Sie waren weit, sehr weit entfernt von mir, aber ich erkannte doch, daß sie in Uniformen gekleidet waren.«

»So sind sie es gewesen, Wie viele Köpfe zählten sie?«

»Das weiß ich nicht. Sie gingen zu zweien, und es war eine lange, lange Reihe.<,

»Und wann können sie hier sein?«

»Sie müssen vorsichtig verfahren und werden also längere Zeit als sonst brauchen; auch bin ich sehr schnell gelaufen; aber in einer halben Stunde können sie hier eintreffen.«

»So müssen wir fort. Dieser Hund hat uns das Öl genommen, welches uns nun freilich auch nichts nützen könnte. Wollten wir kämpfen, so würden wir siegen, aber gewiß viele unserer Kameraden verlieren. Das müssen wir vermeiden. Ich werde, um den Reïs Effendina durch List in meine Gewalt zu bringen, einen andern Plan erdenken. Also auf, ihr Männer, an die Arbeit! Nehmt die Masten empor, und öffnet die Segel! Der Wind ist uns günstig und wird uns rasch aufwärts führen.«

Was sich am Ufer befand, wurde schnell an Bord geschafft; die leeren Petroleumfässer warf man in das Wasser; dann richtete man die Masten auf. Der Noquer hatte nämlich außer dem Hauptmast vorn noch einen kleineren Mast. Das Fahrzeug war überhaupt anders eingerichtet, wie die Noquer es gewöhnlich sind. Der Wind begann die Segel zu blähen, wir stießen vom Lande und wurden aufwärts gegen den Strom geführt.

Da jedermann beschäftigt war, hatte man auf uns wenig acht. Auch unser Wächter hielt seine Aufmerksamkeit mehr auf die Bewegung des Schiffes als auf uns gerichtet. Darum konnten wir es wagen, wenn auch nur leise, wieder miteinander zu sprechen. Wir kamen eben an dem Schiffe vorüber, welches Ibn Asl zum Anlegen gezwungen hatte; da sagte Abu en Nil:

»Meinst du, Effendi, daß ich meine Leute jetzt rufe?«

»Um Allahs willen, nein! Du würdest dadurch unsere Lage nur verschlimmern, deinen Zweck aber nicht erreichen.«

»Aber ich muß doch auf meinen Posten zurück und kann unmöglich mit diesem entsetzlichen Ibn Asl fahren!«

»Dem fällt es nicht ein, dich zu fragen, ob du kannst oder willst; du mußt!«

»Aber was soll aus mir werden?«

»Ganz dasselbe, was aus uns beiden wird.«

»Nun, was wird das sein?«

»Allah weiß es, ich aber nicht. Du allein trägst die Schuld, daß du dich in dieser Lage befindest.«

»Ich war so erschrocken und konnte doch nicht wissen, daß ich eure Namen nicht nennen durfte.«

»Wir waren gefangen; das mußte dir genug sagen.«

Noch hatten wir die Dschesireh Hassanieh zur Linken. Rechts am Ufer traten die Bäume weit auseinander. Es gab eine freie Stelle, und man konnte hindurch und hinaus auf die Steppe sehen. Trotzdem ich lag, erblickte ich einen Reiter, welcher auf einem Kamele saß und im scharfen Gange durch diese Lichtung nach dem Flusse strebte. Als er das Schiff sah, richtete er seinen Oberkörper auf, wie einer thut, der etwas scharf ins Auge nehmen will. Dann winkte er, indem er sein Gewehr schwang, und schlug auf sein Tier ein, um das Ufer schnell zu erreichen. Eben stand Ibn Asl in unserer Nähe. Ich hörte ihn sagen:

»Seht! Das ist Oram, welcher uns als Bote gesendet wird! Wir können ihn nicht einnehmen; wir dürfen nicht halten, sonst werden wir von dem Reïs Effendina eingeholt.«

Er legte die beiden Hände hohl an den Mund und rief durch dieses Sprachrohr nach dem Ufer, an welchem der Reiter jetzt hielt, hinüber.

»Maijeh es Saratin, Maijeh es Saratin!«

Der Reiter hatte ihn verstanden; er drehte sein Kamel um und ritt schnellstens wieder von dannen.

Ein Maijeh ist ein sumpfiger Nebenarm eines Flusses, die Einbuchtung eines Stromes, deren Wasser still steht, also ganz dasselbe, was der Anwohner des Mississippi einen Bayou nennt. Im weiteren Sinne wird Maijeh auch jeder Sumpf genannt. Es Saratin heißt »der Krebse«. Der Mann war also nach dem Krebsarm. oder Krebssumpf gewiesen worden, jedenfalls einer Einbuchtung des Niles, in welcher es viele Krebse gab und an deren Ufer er das Schiff erwarten sollte. Er war ein Bote. Von wem? Ich hatte sein Gesicht nicht deutlich sehen können, und dennoch war er mir wie bekannt vorgekommen.

Doch, was kümmerte mich dieser Mann! Ich hatte jetzt genug mit mir zu thun. Es verstand sich ganz von selbst, daß ich mich freute, den Reïs Effendina gerettet zu haben; nun aber stak ich selbst im Pech. Konnte ich Hilfe von ihm erwarten? Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Er wußte jedenfalls nicht genau, wo er die Vögel, welche nun ausgeflogen waren, zu suchen hatte. Fand er das verlassene Lager, so forschte er wahrscheinlich weiter nach ihnen. Und erfuhr er von Abu en Nils Schiffsleuten, daß der Noquer aufwärts gefahren sei, so kehrte er nach Hegasi zu seinem Schiff zurück, um ihn zu verfolgen. Dabei mußte die kostbare Zeit verloren gehen, und Ibn Asl erhielt einen Vorsprung, welcher nicht rasch einzuholen war. Der »Falke« des Reïs Effendina war zwar ein Schnellsegler und der »Eidechse« weit überlegen, aber wenn diese sich in einen versteckten Maijeh verkroch, so segelte der »Falke« vorüber, ohne sie zu finden.

Auf den Reïs Effendina konnte ich mich also nicht verlassen; ich mußte Rettung einzig und allein bei mir selbst suchen. Das erklärte ich meinen beiden Mitgefangenen. Ben Nil hatte alles Vertrauen zu mir; sein Großvater wollte aber alle Hoffnung sinken lassen. Er erzählte uns in aller Kürze, daß er, als er von Ben Nil getrennt worden war, ein Schiff gefunden hatte, welches nach Faschodah bestimmt gewesen war. Der Reïs, welcher ihn zufälligerweise kannte, hatte ihn mitgenommen und ihm später die Stelle des Steuermannes anvertraut. Auf der Rückfahrt begriffen, waren sie heute früh von dem Boote des Sklavenjägers angehalten worden. Ibn Asl hatte sagen lassen, daß eine gewaltige, neu angeschwemmte Omm Sufah-Insel den Nilarm unpassierbar gemacht habe. Der Kapitän hatte sein Schiff nach dem Ufer dirigiert und den alten Steuermann im Boote des Sklavenhändlers vorangehen lassen, um die Strecke zu untersuchen. Anstatt einer Omm Sufah-Insel aber hatte der letztere die Gefangenschaft gefunden. Nun klagte er alle Welt und Allah an und fragte, wie es gekommen sei, daß Ibn Asl eine solche Rache auf uns habe. Als sein Enkel ihm diese Frage in kurzer Weise beantwortet hatte, jammerte er.-

»O Allah, o Himmel! Wer hätte das gedacht! Nun sind nicht mehr meine Jahre und Tage, sondern meine Stunden gezählt, denn dieser Sklavenjäger wird uns ermorden. Ich werde die Meinen nicht wiedersehen und ein Ende mit tausend Schrecken finden.«

»Jammere nicht!« ermahnte ihn Ben Nil. »Du fällst mit deinen Klagen dem Effendi beschwerlich. Sei still, und gieb ihm Ruhe zum Nachdenken, so wird er sich sicher einen Weg aussinnen, der uns zur Freiheit führt! Übrigens können nur wir beide verloren sein. Du hast Ibn Asl nichts gethan, und so kann er nicht grausam gegen dich sein.«

»Hast du denn nicht gehört, was er sagte? Er glaubt, daß ich euer Verbündeter sei, und hat mir ganz dasselbe Schicksal wie euch bestimmt.«

Der alte Mann wollte mir als ein rechter Egoist erscheinen. Er dachte nur an sich und sprach nur von sich, nicht aber von seinem Enkel, welcher sich doch in noch viel größerer Gefahr als er befand. Aber ich hatte mich geirrt. Er war, wie ich schon damals in Gizeh gesehen hatte, kein Held, und daß er plötzlich in eine so fatale Lage gekommen war, das hatte ihn vollständig verwirrt. Denn als sein Enkel ihm jetzt vorwarf. »Merkst du denn nicht, daß du den Effendi belästigest? Deine Klagen müssen ihn doch beleidigen!« antwortete er, zu mir gewendet:

»Verzeihe, Effendi! Ich weiß vor Schreck nicht, was ich thue und was ich sage. Man warf mich so plötzlich nieder und band mir die Arme und die Beine. Das hat mich so angegriffen, daß ich mich selbst kaum mehr kenne. Ich weiß, was ich dir zu verdanken habe, und ich wünsche, dir beweisen zu können, daß ich dir gern danken möchte. Sage mir, was ich thun soll.«

»Klage nicht, sondern füge dich still in dein jetziges Schicksal! Das ist es, was ich von dir begehre.«

Wir waren jetzt an der Insel vorübergekommen und segelten im ungeteilten Strome. Kein Schiff war vor oder hinter uns zu sehen. Da ließ Ibn Asl die beiden vorn am Buge in einem spitzen Winkel aufeinander stoßenden Bretter, auf denen der Name des Schiffes stand, wegnehmen, umdrehen und wieder dort befestigen. War da erst die »Eidechse« zu lesen gewesen, so stand nun auf den andern Seiten der Name »Karnuk« geschrieben. Karnuk heißt Kranich, speziell der Kronkranich. Er wird nach seiner Stimme so genannt. Das »Kar – nuk – nuk – nuk« der Kronkraniche pflegt am obern Nile das Herannahen des Morgens zu verkünden.

Ibn Asl hatte also mehrere Namen für sein Schiff. Zu welchem Zwecke, das läßt sich sehr leicht denken. Es stand zu erwarten, daß der Reïs Effendina die »Eidechse« verfolgen werde; unter dem Namen »Kranich« konnte sie Hoffnung haben, ihm zu entkommen. Vielleicht bedienten auch andere Sklavenschiffe sich derselben List.

Ich sah zu meinem Leidwesen, daß der »Kranich« ein sehr guter Segler war; dennoch ließ Ibn Asl auch noch mit Stoßbäumen arbeiten, und um die Schnelligkeit des Schiffes in noch höherem Grade zu vermehren, wurde das Boot an einem Taue vorgespannt. Es saßen zwölf Männer drin, welche aus Leibeskräften ruderten und halbstündlich abgelöst wurden. Das geschah, um einen möglichst großen Vorsprung vor dem »Falken« des Reïs Effendina zu bekommen.

Da die Fahrt nun glatt im Gange war, hatte Ibn Asl wieder Zeit, sich mit uns zu beschäftigen. Er kam mit seinen beiden Offizieren, von denen der eine Oberlieutenant und der andere Lieutenant genannt wurde, zu uns. Sie standen längere Zeit da, um uns, ohne ein Wort zu sprechen, mit höhnischen, triumphierenden Blicken zu betrachten; dann fragte er mich:

»Wer war der Mann, welcher mich am Wadi el Berd verfolgte?«

»Ich war es,« antwortete ich.

»Du? Ah, du selbst! Hast du mich erwischt?«

»Blähe dich nicht auf! Daß ich dich nicht einzuholen vermochte, das hast du nicht einem Vorzuge von dir, sondern der Schnelligkeit deines Dschebel-Gerfeh-Kameles zu verdanken. Du hast nicht mich, sondern dein Tier hat das meinige besiegt.«

»Meinst du, daß ich dich nicht auch besiegen würde, elender Wurm, der du bist!«

»Sei ohne Fesseln, und nimm ein Messer in die Hand; mir aber binde die Hände hinten los und vorne zusammen, ohne daß ich ein Messer habe; dann wollen wir kämpfen. Da wird es sich zeigen, wer ein Wurm und elend ist, du oder ich!«

»Schweig!. Du hast Glück gehabt; das macht dich übermütig; aber dieser Übermut soll sich sehr bald in das Gegenteil verkehren. Ich habe mich bisher vergeblich gesehnt, dich in meine Gewalt zu bekommen; nun es endlich doch geschehen ist, sollst du erfahren, wie ein Gläubiger mit einem räudigen Christenhunde verfährt. Dir wäre besser, wenn du nicht geboren wärest! Ich werde –«

»Erspare dir die Drohungen! Ich weiß schon, was du mit mir thun willst.«

»Nun, was?«

»Zunächst die Zunge herausreißen, dann die Augen, die Ohren, die Nase und Ä Glieder einzeln abschneiden.«

»Wirklich, du weißt es! Wer hat es dir gesagt?«

»Einer, welcher wiederholt erfahren hat, daß ich keine Furcht kenne und mich selbst aus der schlimmsten Lage zu retten weiß.«

»Wer?«

»Abd Asl, dein Vater.«

»Ja, dem bist du schon einigemal entgangen. Der Scheitan hat dich beschützt. Aber das war er, nicht ich. Mir wirst du nicht entkommen. Eher fällt der Himmel ein, als daß ich dich aus den Händen lasse!«

»Das bilde dir nicht ein! Wenn mir je ein Mensch Angst zu machen vermöchte, du aber ganz gewißlich nicht.«

»Hund, du wirst schon in einigen Minuten mich um Gnade und Erbarmen anheulen!«

»Versuche es!«

»Meinst du, daß ich scherze?«

»Nein; aber du drohst nur, doch hast du nicht den Mut, es auszuführen.«

»Daß dich der Scheitan fresse! Ich will dir zeigen, daß ich wohl den Mut habe. Herbei, ihr Männer! Ihr sollt sehen, wie dieser Christenhund im ersten Grade gemartert wird.«

Die Menschen alle, welche nichts zu thun hatten, kamen herzu. Er trat in die Kajüte.

»Effendi, was fällt dir ein!« meinte Ben Nil. »Du reizest ihn. Ich kenne dich, den vorsichtigen Mann, nicht mehr. Du verschlimmerst unsere Lage!«

»Nein. Ich will ihm nur zeigen, daß wohl ich ihn in Furcht zu setzen vermag, nicht aber er mich.«

Jetzt kam Ibn Asl zurück. Er hatte eine Zange geholt, hielt dieselbe empor und rief:

»Diesem Sohne einer verfluchten Hündin sollen jetzt zunächst die Nägel von den Fingern gerissen werden, zuerst an den Daumen. Wer will das thun?«

»Ich, ich, ich, ich!« schrieen mehrere.

Ein kräftiger Kerl drängte die andern zurück, langte nach der Zange und bat.

»Gieb sie mir, Herr! Du weißt, daß ich es verstehe. Es ist nicht das erste Mal, daß ich jemand dadurch zum Singen gebracht habe.«

»Ja, thue es. Du hast Übung darin!«

Der Mensch erhielt die Zange, stellte sich zähnefletschend vor mich hin und klappte sie abwechselnd auf und zu, um mir zunächst einen idealen Vorgeschmack der späteren Schmerzen zu geben. Dann bückte er sich über mich nieder, um mich umzuwenden, da ich die Hände auf dem Rücken hatte. Darauf hatte ich gewartet. Dieser Kerl rühmte sich, schon viele durch Schmerz zum »Singen« gebracht zu haben! Ihm konnte eine Lehre gar nichts schaden. Und wenn er daran starb, so war es umso besser. Ich zog also schnell meine Kniee an mich und schnellte ihm dann beide Füße so gegen den Leib, daß er empor und kopfüber unter die andern flog, mehrere von ihnen niederriß und dann wie tot liegen blieb. Das Blut drang ihm aus dem Munde; ich nahm an, daß er sich durch den Fall in die Zunge gebissen habe.

Alles schrie, fluchte und drohte. Ibn Asl gebot Ruhe und untersuchte den Getroffenen, welcher kein Lebenszeichen gab. Er ließ ihn forttragen, ballte die Faust gegen mich und knirschte:

»Das sollst du büßen, zehnfach, hundertfach büßen! Nun sollen deine Qualen noch ganz anders sein, als ich vorher beschlossen hatte. Haltet ihn fest, damit er sich nicht bewegen kann, und dann herunter mit den Nägeln!«

Sechs, acht Kerls warfen sich auf mich. Ich wehrte mich nicht im geringsten. Einer holte die Zange, welche weit fortgeflogen war, und schickte sich an, die Operation zu vollziehen.

»Halt, vorher ein Wort, Ibn Asl!« rief ich jetzt. »Thue mit mir, was du willst; du wirst keinen Laut des Schmerzes hören. Aber was mit mir geschieht, genau dasselbe wird mit Abd Asl, deinem Vater, geschehen!«

»Mit – meinem – – Vater?« fragte er erstaunt.

»Ja. Und nicht nur mit ihm allein, sondern auch mit jedem seiner Leute, die er bei sich hat.«

»Was weißt du von meinem Vater? Wo ist er?«

»Mir entgegen, um mich zu fangen.«

»Das – ist – – richtig. Du bist ihm abermals entgangen. Er hat dich nicht getroffen.«

»Allerdings. Er hat mich nicht getroffen; aber ich habe ihn getroffen, und zwar in der Weise, daß er nun wohl nicht wieder wünschen wird, mir zu begegnen.«

»Kullu Schejatin! Alle Teufel! Sagst du die Wahrheit?«

»Glaube es, oder glaube es nicht. Mir ist es gleich.«

»Wo hast du ihn getroffen?«

»Am Brunnen.«

»An welchem?«

»Das sage ich nicht.«

»Ich muß es wissen!«

»Fällt mir nicht ein! Zunächst bleibt es mein Geheimnis.

Binde uns los, so werden wir dich zu ihm führen. Wo nicht, so hast du ihn und seinen ganzen Trupp auf dem Gewissen!«

»Das will ich gern,« lachte er. »Du willst dich durch eine Lüge retten.«

»Lüge? Woher könnte ich wissen, daß er mir entgegen ist?«

Er sah ein, daß dieser Einwand begründet war, denn er fragte:

»Sie waren zu Fuße?«

»Nein, zu Kamele.«

»Wieviel Mann?«

»Pah, meinst du, daß ich Lust habe, mich wie einen Buben ausfragen zu lassen? Es ist genug, daß du erfährst: Sie sind alle gefangen und werden dasselbe erleiden, was du mit uns thust.«

»So sind sie in der Nähe?«

»Nein. Wir sind auf Eilkamelen weit voran,«

»Warum bliebst du nicht bei ihnen?«

»Sie befinden sich in sicheren Händen. Ist dir einer bekannt, welcher sich Fakir el Fukara nennt?«

»Freilich ist er mir bekannt. Wir haben ja schon gestern abend von ihm gesprochen. Was willst du mit ihm?«

»Der kam zufällig dazu und wollte sie retten.«

»Ist es ihm gelungen?«

»Wäre ich dann hier? Er hat sein Unternehmen büßen müssen, denn er ist nun selbst gefangen. Ich begreife nicht, wie es dir einfallen kann, Leute auszusenden, welche mich fangen sollen. Es ist euch noch nicht gelungen und wird euch auch niemals gelingen.«

»Allah! Redest du irr? Du bist ja eben jetzt mein Gefangener!«

»Nein, denn du wirst mich wieder frei geben; das weiß ich sehr genau.«

»Eher soll mich der Scheitan – –«

»Halt! Fluche und schwöre nicht! Du weißt nicht, was du thust.«

»Und du bist listiger als der Fuchs. Niemand darf dir trauen. Du ahnst nur, daß wir dich fangen wollten, und thust nun so, als ob du alles genau wüßtest.«

»Kann ich auch ahnen, daß dein Vater der Anführer ist?«

»Nein. Aber warum bist du nach der Dschesireh Hassanieh gekommen?«

»Um mit dir zu unterhandeln.«

»Wer hat dir gesagt, daß ich mich dort befand?«

»Dein Vater. Das ist der allerbeste Beweis, daß ich mit ihm gesprochen habe.«

»Über was wolltest du mit mir verhandeln?«

»Über die Loslassung meiner Gefangenen.«

»Wieso? Wolltest du ein Lösegeld haben?«

»Darüber sprechen wir später.«

»So begreife ich nicht, daß du nicht schon gestern abend davon gesprochen hast.«

»Da hätte ich dir sagen müssen, wer ich bin, und es wäre mir unmöglich gewesen, den Reïs Effendina zu retten.«

»Wußtest du denn, daß ich auf ihn wartete?«

»Ja, von deinem Vater.«

»Das ist unmöglich, Effendi! Mein Vater wird dir doch nicht solche Dinge mitgeteilt haben!«

»Er hat es gethan, ohne es zu wissen.«

»Das begreife ich nicht.«

»Du wirst, wenn du mir auch fernerhin nach dem Leben trachtest, noch manches andere ebensowenig begreifen!«

»Du sprichst in einem höchst stolzen Tone und liegst doch gebunden und hilflos vor mir!«

»Hilflos? Irre dich nicht! Wenn ich nicht bis zu einer gewissen Zeit zu meinen Leuten zurückgekehrt bin, ergeht es allen unseren Gefangenen und auch deinem Vater gerade so wie denen, welche der Reïs Effendina im Wadi el Berd erschießen ließ. Sogar der Fakir el Fukara muß sterben.«

Es trat eine Pause ein, während welcher er den Eindruck meiner Worte verarbeitete. Dann fragte er:

»Wie viele von meinen Leuten sind euch entkommen?«

»Keiner.«

»Du lügst doch, trotz der Bestimmtheit, mit welcher du sprichst, und trotz des ehrlichen Gesichtes, welches du zeigst.«

»Ich sage die Wahrheit!«

»Und ich kann dir beweisen, daß du gelogen hast! Hast du vielleicht den Reiter gesehen, welcher vorhin an das Ufer kam?«

»Ja.«

»Es war Oram, einer meiner Leute. Er befand sich bei meinem Vater.«

»Dann aber sicher nicht zu der Zeit, in welcher ich deinen Trupp überfiel. Vielleicht wurde er irgend wohin gesandt, fand bei seiner Rückkehr seine Kameraden gefangen und machte sich schleunigst weiter, dir dieses zu melden.«

»Kann ich erfahren, wie es gekommen ist, daß es dir gelang, meine gegen dich ausgesandten Leute zu fangen?«

»Ich habe nichts dagegen, daß du es hörst; aber es selbst zu erzählen, dazu habe ich keine Lust.«

»So mag dieser alte Abu en Nil es erzählen!«

»Er weiß nichts davon, denn er war nicht dabei. Seit ich ihm damals in Gizeh zur Flucht verhalf, habe ich ihn nicht wiedergesehen als erst heute, da er dein Schiff bestieg.«

»Ist das wahr?«

»Frage mich nicht immerwährend, ob das, was ich sage, wahr ist! Du wirst es doch wohl begreifen, daß das eine Beleidigung für mich ist.«

»So! Wer nannte sich denn gestern Amm Selad aus Suez und entpuppte sich heute als der gesuchte Effendi? War das etwa keine Lüge?«

»Nein, eine Kriegslist.«

»Ihr Christen scheint nicht zu wissen, was man unter Lüge zu verstehen hat!«

»Und ihr Moslemin gebt euch gar nicht erst mit Kriegslisten ab, sondern ihr mordet lieber gleich. Danke Allah, daß ich mich gestern für einen andern ausgegeben habe, als ich bin! Hätte ich das nicht gethan, so trügst du nun mit dir ein Gewissen herum, welches mit einem hundertfachen Mord beschwert wäre. Ben Nil war dabei. Er mag dir erzählen.« Die Leute drängten sich noch weiter heran. Jeder wollte den interessanten Bericht hören und kein Wort desselben verlieren. Da ich vorhin die Örtlichkeit verheimlicht hatte, so war Ben Nil so klug, über dieselbe auch zu schweigen. Als er davon sprechen wollte, daß ich gelauscht hatte, verbot ich es ihm. Daß ich alles wußte und doch niemand sagen konnte, wie ich es erfahren hatte, das gab der Sache einen rätselhaften, geheimnisvollen Anstrich, welcher mir nur nützlich sein konnte. Man hörte mit fast atemloser Spannung zu, bis der Erzähler geendet hatte. Dann rief Ibn Asl aus:

»Soll man es wirklich glauben! Den Löwen von EI Teitel hast du getötet, Effendi?«

»Wie du gehört hast!«

»Dann hast du es gethan, weil du nicht wußtest, was du dabei wagtest!«

»Mein Leben wagte ich. Was sonst?«

»Ist das nicht genug? Kann ein Mensch mehr verlieren als sein Leben?«

»Jawohl, viel, viel mehr.«

»Was?«

»Das, was du schon längst verloren hast, nämlich die Ehre, den guten Namen, das Wohlgefallen bei Gott und den Menschen.«

»Effendi!« brauste er auf. »Denke ja nicht, daß ich plötzlich langmütig geworden bin! Bedenke, daß ich jetzt dein Herr und Besitzer bin! Dein Leben steht in meiner Hand!«

»Allerdings. Aber mit dem meinigen auch dasjenige deines Vaters, des Fakir el Fukara und deiner Leute.«

»Du bist gekommen, dieser Leute wegen mit mir zu verhandeln. Gieb sie frei! Was verlangst du dafür?«

»Deinen Schwur, vom Sklavenhandel abzulassen, meine Freiheit und diejenige von Ben Nil und seinem Großvater natürlich.«

»Würde mein Schwur dir genügen?«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht. Es ist möglich, daß ich Sicherstellung verlange.«

»Warum nimmst du an, daß ich falsch schwören könne?«

»Weil ich mehrere Moslemin kenne, welche falsch geschworen haben.«

»Dann sind sie keine wahren, echten Söhne des Propheten.«

»Nun, ich kann dir beweisen, daß der Fakir el Fukara und auch dein Vater, welcher für einen sehr heiligen Fakir gehalten wird, bei Allah und beim Barte des Propheten geschworen und dabei doch gelogen haben.«

»Warst du es, dem sie den Schwur leisteten?«

»Ja.«

»So thaten sie keine Sünde, denn du bist ein Ungläubiger.«

»Ah, ist es so? Also wenn ein Moslem einem Christen einen falschen Eid schwört, so ist das erlaubt, so ist das kein Meineid?«

»Es ist, als hätte er nichts gesagt.«

»Und da verlangst du, daß ich dich schwören lassen und dir glauben soll? Du hast dich selbst gefangen, und ich verzichte nun darauf, den menschenfreundlichen Vorschlag auszusprechen, den ich dir machen wollte.«

»So sind wir also fertig?«

»Trotzdem noch nicht. Ich mache dir ein anderes Anerbieten.«

»Laß es hören!«

»Du giebst uns drei hier frei, und ich gebe dir dafür deinen Vater und den Fakir el Fukara. Die andern Gefangenen liefere ich an den Reïs Effendina aus.«

»Welch eine Verwegenheit!« lachte er höhnisch grimmig auf. »Dieser Giaur befindet sich in unserer Gewalt und redet genau so, als ob er uns Befehle erteilen könne! – Warum erhebe ich nicht die Hand, um dich zu zerschmettern!«

»Weil du nicht kannst; sie ist dir gebunden. Sterbe ich, so stirbt dein Vater auch, und zwar vielleicht eines schlimmeren Todes als ich.«

»Das weißt du so genau?«

»Ja. Er ist so unvorsichtig gewesen, zu sagen, in welcher Weise ich von dir gemartert werden soll. Kehre ich nun zur bestimmten Stunde nicht zurück, so wird man ohne allen Verzug ihn ganz genau denselben Martern unterwerfen, und nicht nur ihn, sondern alle und jeden einzelnen Gefangenen. Laß die kostbare Zeit nicht verstreichen!«

»Wann mußt du zurück sein?«

»Das brauchst du nicht zu wissen. Je schneller du dich entschließest, desto weniger läuft dein Vater Gefahr.«

»Also euch drei Personen soll ich gegen nur zwei ausliefern! Ist das richtig gerechnet?«

»Ja, denn Abu en Nil zählt nichts, da er euch nichts gethan hat.«

»Und wie hoch schätzest du dich?«

»Bei diesem Handel bin ich nur eine Ziffer. Zwei Männer gegen zwei Männer. Der Steuermann hier geht nebenbei.«

»Ist dies dein fester, letzter Vorschlag?«

»Ja.«

»So will ich dir auch den meinigen sagen. Ihr gebt alle eure Gefangenen frei, und ich liefere dafür Abu en Nil und Ben Nil aus.«

»Und ich?«

»Du bleibst bei uns.«

»Danke! Allah ist groß. Er hat dich mit einer Klugheit begnadet, vor welcher ich, wenn ich nicht schon am Boden läge, in Demut auf den Knieen kriechen würde!«

»Und deine Weisheit ist grenzenlos, denn – – sie hat noch gar keinen Anfang gehabt! Wie kann ich dich frei geben! Denke zurück an alles, was du gegen uns begangen hast! Und dort liegt der Mann, den du vorhin ermordet hast!«

»Ermordet?«

»Ja. Er bewegt sich noch immer nicht.«

»Er wird besinnungslos sein. Untersucht ihn nur!«

»Wir haben keinen Hekim an Bord. Aber – du bist ein Fremder, ein Effendi. Alle fremden Effendi sind Ärzte. Bist du auch einer?«

»Ja.«

»So untersuche ihn!«

»Ich bin ja gefesselt.«

»Wenn ich dir die Hände frei gäbe, so würdest du einen Fluchtversuch machen!«

»Nein.«

»Wer kann dir trauen! Du bist stark, verwegen und schnell.«

»Meinst du, daß ich Lust habe, in den Nil zu springen und mich von den Krokodilen fressen zu lassen? Und selbst wenn ich so tollkühn sein wollte, so gebe ich dir mein Wort, daß ich ohne diese meine Mitgefangenen das Schiff auf keinen Fall verlasse. Gieb mir also die Hände frei! Und wenn ich den Mann untersucht habe, lasse ich sie mir ruhig wieder fesseln.«

»Gut! Aber ich nehme meine Pistole in die Hand und schieße dich bei der geringsten falschen Bewegung über den Haufen.«

Man brachte den Menschen zu mir her und löste mir die Hände. Die Füße blieben zusammengebunden. Hätte ich mein Wort brechen wollen, so wäre es mir leicht gewesen, einen Streich auszuführen, der uns gewiß von Nutzen gewesen wäre. Der Mensch, welcher ohne Bewegung vor mir lag, hatte das Messer in seinem Gürtel. Es herausziehen und meine Fußfessel durchschneiden, wäre in einem einzigen Augenblicke geschehen gewesen; ein zweiter Moment hätte genügt, Ibn Asl zu packen. Dieser hatte zwar die Pistole in der Hand, aber den Hahn nicht gespannt; er hielt sie auch nicht auf mich gerichtet, sondern niederwärts. Hätte ich ihn gefaßt und mit in die Kajüte, neben welcher wir uns befanden, gerissen, so wäre ich sein Herr gewesen und hätte ihm diktieren können, was mir beliebte. Aber ich hatte mein Wort gegeben und mußte es halten, obgleich ich überzeugt war, daß jeder dieser Menschen, von Ibn Asl an bis zum letzten seiner Leute herunter, nicht gezaudert hätte, mir den heiligsten Schwur zu brechen.

»Nun?« fragte er, als er sah, daß ich fertig war. »Hat er nur die Besinnung verloren?«

»Ja, er hat nur die Besinnung verloren und wird sie für diesmal auch nicht wieder bekommen. So ist es, wenn man unbesonnen handelt und sich darauf freut, einem Menschenkinde die Nägel auszureißen!«

»Was? – Er ist tot?«

»Ja. Er wird nie wieder einen Menschen zum ›Singen‹ bringen. Mein Fußtritt hat ihm innere Organe verletzt oder gesprengt; ferner hat er sich die Zunge zerbissen; und endlich ist er so gefallen, daß ihm das Genick gebrochen ist.«

»Allah kerihm! Du bist sein Mörder!«

»Ich nicht. Zwei andere sind es gewesen, nämlich du und er selbst.«

»Nein, du warst es, denn du hast ihm den Fußtritt versetzt. Du hast von Stunde zu Stunde immer mehr zu büßen. Denke ja nicht daran, daß ich dich frei geben kann!«

»Nein, sterben muß er!« rief der Oberlieutenant.

»Sterben, sterben!« stimmten zwanzig, dreißig, fünfzig andere ein.

»Bedenke, daß dann auch dein Vater stirbt!«

»Bedenke,« lachte er ingrimmig, »daß ich bis jetzt nur dich gehört habe und auch noch Oram hören muß! Wahrscheinlich giebt das, was er mir zu sagen hat, der Sache eine Wendung, welche dich erbeben macht. Mag es aber kommen, wie es will, dich, dich gebe ich nicht frei!«

»So willst du deinen Vater opfern?«

»Mag er sterben! Er hat lange genug gelebt. Dir habe ich nachgestrebt, ohne dich fassen zu können. Jetzt bist du mir freiwillig in die Hände gelaufen, und diese werden dich festhalten, um dich erst dann wieder zu lassen, wenn der letzte Seufzer deines Atems mit dem letzten Tropfen deines Blutes davongegangen ist. Bringt die drei Hunde fort, mir aus den Augen, hinunter in den Raum! Riegelt sie dort ein, und laßt einen Wächter bei ihnen stehen!«

Wir wurden gepackt und über das Deck nach der Luke geschleift. Dort ließ man uns über die Stiege hinabfallen, ohne zu fragen, ob wir mit heilen Gliedern unten ankommen würden. Unten war es dunkel. Man nahm uns auf und trug uns fort, ob nach vorn oder hinten, das konnte ich nicht beurteilen. Ich hörte einen Riegel gehen; er war nicht von Eisen, sondern von Holz. Wir wurden niedergeworfen; eine Thüre fiel zu; der Riegel klapperte wieder; dann sagte einer der Kerls:

»Viel zu viel Rederei mit diesen Hunden! So kurz wie möglich; das Messer ins Fleisch; das ist das beste. Allah verbrenne sie! Wer bleibt da?«

»Ich!« antwortete eine Stimme, welche mir bekannt vorkam.

»Gut! Dann löse ich dich ab. Aufzupassen giebt es eigentlich nichts. Sie sind gebunden, und wie wollten sie auch vom Schiffe kommen!«

Schritte entfernten Sich; dann wurde es draußen still. Ich fühlte, daß wir auf einer Holzdiele lagen, und horchte auf das Geräusch des Wassers, um beurteilen zu können, ob wir uns im Vorder- oder Hinterteile befanden. Es war nichts zu hören. Da man den Sog unbedingt gehört hätte, so war anzunehmen, daß wir im Vorderteile lagen. Wir lagen ganz trocken, folglich hatte man uns nicht in den eigentlichen Kielraum gebracht.

Abu en Nil wollte sprechen; ich verbot es ihm. Jetzt war die Hauptsache, sich zu orientieren. Es mußte auf jedes, selbst das geringste Geräusch geachtet werden. Draußen hörte ich ein leises Tappen und Schleichen. Es entfernte sich und kam dann wieder zurück. Dann wurde an unsere Thüre geklopft, so vorsichtig, daß man es nur wenige Schritte weit hören konnte. Wir antworteten nicht. Es klopfte wieder, diesmal etwas stärker, und als wir auch jetzt schwiegen, erklang es leise:

»Effendi, hörst du mich?«

»Ja,« antwortete ich.

»Ich bin mit Fleiß als Wächter geblieben. Wirst du mich verderben?«

»Verderben – Wer bist du denn?«

»Der, mit dem du gestern in Hegasi gesprochen hast.«

Ah, Gott sei Dank! Da begann uns ja ganz unerwartet ein Stern zu leuchten! Zwar kaum wahrnehmbar jetzt, aber wenn man es richtig anfing, konnte er sich zu einem hellen Doppelstern entwickeln und vielleicht gar zum Rettungssterne werden. Der Mann hatte Angst; er glaubte, daß ich im Zorne vielleicht mein ihm gegebenes Wort vergessen und plaudern werde. Diese Sorge kam mir sehr gelegen. Wenn Ibn Asl erfuhr, was er mir alles gesagt hatte, so stand ihm jedenfalls eine sehr harte Strafe bevor.

Ich hatte mich, falls alles andere mißglückte, auf meine Körperkraft verlassen. Wahrscheinlich war es mir möglich, den Palmfaserstrick, der meine Hände hinten vereinigte, zu zerreißen oder an einer scharfen Ecke oder Kante zu zerscheuern, Das übrige hätte sich dann gefunden. Bequemer aber war es jedenfalls, die sich jetzt bietende Gelegenheit zu benutzen. Der Mann konnte uns nicht nur ein scharfes, schneidendes Werkzeug liefern, sondern uns auch diejenigen Auskünfte erteilen, ohne welche die Flucht schwer oder gar unmöglich war. Ich kroch ganz nahe zur Thüre hin und fragte leise:

»Hast du gehört, daß mir die Nägel herausgerissen werden sollten?«

»Ja, Effendi.«

»So weißt du, was man gegen mich vorhatte, und wie es uns noch ergehen soll.«

»Ihr werdet wohl sterben müssen!«

»Aber dann Abd Asl auch mit allen seinen Leuten!«

»O, Ibn Asl läßt seinen Vater sterben, nur um dich martern zu können.«

»Was sagen seine Leute dazu?«

»Viele sind dafür. Viele wollen aber, daß ihr frei gegeben werden Sollt, falls unsere Kameraden, welche ihr gefangen habt, dadurch ihre Freiheit auch erhalten.«

»Welche Partei ist zahlreicher?«

»Das kann ich jetzt nicht sagen. Aber ich bitte dich um Allahs Willen, nichts von dem, was du von mir erfahren hast, an Ibn Asl zu verraten! Er würde mich einfach niederschießen oder den Krokodilen vorwerfen lassen.«

»Dann thut es mir leid, daß ich dich nicht schonen kann.« »Nicht? Allah kerihm – Allah ist gnädig! Willst du nicht auch Gnade üben, da du ein Christ bist?«

»Ein Christ liebt sein Leben nicht weniger als ein Moslem.«

»Aber du kannst es dir doch dadurch, daß du plauderst, gar nicht retten!«

»Da irrst du dich. Du hast mir manches gesagt, was ich zu meinem Vorteile benutzen kann.«

»Aber du hast mir ja Schweigen gelobt!«

»Soviel ich mich erinnere nur in Beziehung auf einen einzigen Punkt. Und auch dieses Gelöbnis ist hinfällig, denn ich habe es nur unter der Voraussetzung gegeben, daß ich für den gehalten würde, für den ich mich ausgegeben habe. Das ist nun aber anders geworden. Deine Mitteilungen geben mir die letzte und wichtigste Waffe in die Hand.«

»O Allah, o Prophet! So bin ich verloren!«

Er schwieg, und ich sagte auch nichts. Es galt, nun zuerst die Wirkung meiner Drohung abzuwarten. Diese fiel günstiger, viel günstiger aus, als ich für so kurze Zeit hatte erwarten können. Nach einer Weile klopfte er wieder leise und fragte:

»Effendi, höre, wenn du fliehen könntest!«

»Das wäre freilich gut, auch für dich, denn da wäre ich nicht gezwungen, von dir zu sprechen.«

»Es ist aber unmöglich, vollständig unmöglich! Du bist gefesselt, es wird stets eine Wache hier stehen. Und drittens, wenn das alles nicht wäre, wie wolltet ihr vom Schiffe kommen?«

»Hast du noch andere Bedenken?«

»Nein, nur diese drei, und das ist jedenfalls mehr als genug«

»O nein! Diese drei Punkte genieren mich ganz und gar nicht. Nur würde ich einen brauchen, der mir behilflich ist.«

»Das ist gefährlich, Effendi!«

»Ganz und gar nicht. Kein einziger Mensch würde etwas merken oder erfahren.«

»Was hätte der Mann zu thun?«

»Zweierlei, wovon das eine ebenso leicht und ungefährlich ist wie das andere. Er müßte mir zunächst ein scharfes, spitzes Messer hereingeben.«

Es trat eine Pause ein. Er überlegte. Dann erklärte er zu meiner Freude:

»Du sollst ein Messer haben.«

»Wann?«

»Sobald unser Gespräch zu Ende ist. Es steht dort hinten eine offene Kiste mit Messern und andem Werkzeugen, die man immer braucht. Und was ist das zweite, was du verlangst?«

»Auskunft, weiter nichts. Giebst du uns diese und das Messer, so hast du alles gethan, was ich verlange, und ich verspreche dir, kein Wort von dir zu reden.«

»So frage! Ich werde dir antworten, denn es ist – – halt, still, man kommt!«

Die Stiege knarrte. Es kam jemand herabgestiegen, blieb unten stehen und brannte ein Licht an. Ich sah den Schein desselben durch viele Ritzen, welche sich in der Wand unseres Gefängnisses befanden. Die Hitze des Sudans hatte die Bretter ausgedörrt; sie waren zurückgegangen und hatten Lücken zwischen sich geöffnet, von denen mehrere breiter als ein starker Messerrücken waren. Sofort kam mir der Gedanke an den Riegel. Ich suchte ihn mit dem Auge und fand ihn sehr leicht. Er war in der Mitte der Thüre angebracht, wohl eine Elle lang und vielleicht vier Zoll breit. Er lag gerade zwischen zwei Brettern auf und verdeckte eine Spalte, welche mit zu den breitesten gehörte.

Das Herz schlug mir vor Freude. Wenn man die Messerklinge durch die Spalte schob und mit der Spitze in den Riegel stieß, konnte man denselben bewegen, also von innen öffnen. Zu dieser Beobachtung hatte ich nur zwei oder drei Sekunden gebraucht, und da stand der Mann auch schon an der Thüre und öffnete dieselbe.

Ibn Asl war’s. Er hatte ein Thonlämpchen in der Hand und leuchtete herein. Ich lag auf dem Rücken und hielt scheinbar die Augen geschlossen, doch hatte ich die Lider ein ganz klein wenig geöffnet, um unser gegenwärtiges Tuskulum zu betrachten. Es war niedrig wie ein Taubenschlag, zwei Eilen hoch, drei Ellen breit und ein wenig mehr lang. Außer uns Insassen war es vollständig leer; nicht einmal ein Haken oder ein Nagel war zu sehen.

»Nun, wie gefällt es euch hier?« höhnte der Sklavenjäger. »Zeig deine Fesseln! Wollen sehen, ob sie etwa zu locker sind.«

Er setzte die Lampe nieder und untersuchte meine Stricke. Nun, er konnte zufrieden sein. Man hatte mich so fest gebunden, daß mir an den betreffenden Stellen das Blut stocken wollte.

»Hast du weiter über deinen prächtigen Vorschlag nachgedacht?« fragte er.

Ich antwortete nicht.

»Oder willst du mir wohl sagen, wann die Zeit, nach welcher man dich erwartet, abgelaufen ist?«

»Gerade dann, wann ich komme,« lautete mein Bescheid.

»Dann ist’s eine Ewigkeit, denn die Hunde, die zu dir gehören, werden dich niemals wiedersehen. Halte gut Wache, und wenn diese struppigen Schakals etwa miteinander sprechen, so nimm die Peitsche, und haue sie ihnen um die Köpfe!«

Diese letzteren Worte galten dem Wächter. Ibn Asl nahm die Lampe wieder auf, spuckte mich an und verschloß die Thüre. An der Stiege verlöschte er die Lampe, um sie dort irgend wohin zu setzen, und stieg dann empor. Unser Verbündeter wagte erst nach einer Weile wieder zu klopfen.

»Er ist fort, und wir sind sicher, Effendi,« sagte er. »Was hast du mich zu fragen?«

»Sage zunächst, was das für ein Raum ist, in welchem wir uns befinden.«

»Es ist das Sidschn el Bahriji, in welchem diejenigen von uns, welche diese Strafe verdient haben, krumm geschlossen werden.«

»Wo schlaft ihr des Nachts?«

»Hier in diesem Raume und auch unten im Kielraume, wenn wir keine Menschenladung haben.«

»So müßten wir mitten durch die Schlafenden hindurch?«

»Ja.«

»Das ist freilich schlimm!«

»Die Mannschaft befindet sich des Abends am Ufer und legt sich erst spät im Schiffe nieder, gewöhnlich um dieselbe Zeit wie gestern.«

»Kennst du den Maijeh es Saratin?«

»Sehr genau. Wir sind schon oft dort gewesen, um uns zu verstecken.«

»Wo liegt diese Bucht des Niles?«

»Am linken Ufer jenseits des Dorfes Qaua. Ihr Eingang ist so verwachsen, daß einer, der sie nicht kennt, sie gar nicht findet. Und wenn man hineinkommt, so kann der Rumpf des Schiffes sich unter den überhängenden Ästen, Zweigen, Büschen und Schlingpflanzen vollständig verstecken.«

»Dort wird Oram, der Kamelreiter, euch heute erwarten?«

»Ja.«

»Wann erreichen wir den Maijeh?«

»Wohl noch vor Mitternacht, da wir uns solche Mühe geben, schnell vorwärts zu kommen. Wir fahren nach Mittag an der Insel Mohabileh und, wenn es Abend geworden ist, an Qaua vorüber.«

»Kannst du es nicht so einrichten, daß du, wenn wir den Maijeh erreichen, die Wache wieder hast?«

»Sehr leicht. Aber, wollt ihr etwa da entweichen?«

»Nein. Dadurch würden wir ja dich ins Unglück bringen. Wir gehen erst später, wenn du fort bist; aber das muß sein, wenn sich die Leute noch am Ufer befinden. Wenn sie sich hier im Raume zum Schlafen niedergelegt haben, ist es zu spät. Giebt es einen unter deinen Kameraden, einen recht bösen, schlechten Halunken, den du nicht leiden magst?«

»O, mehrere!«

»Könntest du es nicht so einrichten, daß ein solcher Kerl nach dir die Wache bekommt?«

»Wenn ich es schlau genug anfange, kann ich es vielleicht fertig bringen.«

»Versuche es wenigstens! je schlimmer dieser Mensch, desto lieber ist es mir, da er, wenn uns die Flucht gelingt, jedenfalls bestraft wird. Und nun die Hauptsache: Du mußt uns sagen können, wo sich unsere Waffen befinden, ohne welche ich nicht gehen möchte.«

»Ibn Asl hat sie in seiner Kajüte. Er betrachtet sie als seine Beute.«

»So passe genau auf, ob sie dort bleiben oder vielleicht an einen andern Ort geschafft werden. Ich muß das unbedingt wissen. Machst du deine Sache zu meiner Zufriedenheit, so werde ich dich nicht nur nicht verraten, sondern dir noch extra ein Geschenk geben. Man hat uns alles gelassen, was sich in unsern Taschen befindet. Das ist für uns kein gutes Zeichen, sondern ein Beweis, daß man uns ganz sicher zu haben glaubt. Im letzten Augenblicke, wenn ich überzeugt bin, daß die Flucht glückt, werde ich, ehe wir vom Schiffe gehen, dir deine Belohnung an eine Stelle legen, welche du mir jetzt bezeichnen magst.«

»Wenn du mir etwas schenken willst, Effendi, so giebt es keinen bessern Ort, als dort unter der Stiege. Dort liegen einige alte Palmenmatten, unter welche du es stecken kannst.«

»So hole es sofort, wenn wir fort sind, damit es nicht etwa ein anderer zufällig findet.«

»Wie aber weiß ich denn, daß ihr fort seid? Es darf ja kein Mensch eure Entfernung hören oder sehen.«

»Ich werde dir ein Zeichen geben. Es giebt in den hiesigen Wäldern kleine Meerkatzen. Hast du einmal das zornige Kreischen eines solchen Affen, wenn er von einem andern in seiner Nachtruhe gestört wird, gehört?«

»Sehr oft.«

»Gut! Das ist ein Geräusch, welches nicht auffallen kann. Damit du aber weißt, daß ich es bin, der es verursacht, und nicht ein wirklicher Affe, werde ich es dreimal wiederholen, erst mit einer längern und dann mit einer sehr kurzen Pause. Sobald du das gehört hast, gehst du an Bord, wo du unter den Matten das Geschenk finden wirst.«

»Effendi, ich wünsche von ganzem Herzen, daß ich es finde, einesteils um es zu bekommen und andernteils weil es die Gewißheit giebt, daß eure Flucht geglückt ist. Was habe ich noch zu thun?«

»Ich möchte sehr gern wissen, was der Kamelreiter euch zu berichten hat; es ist aber für uns unmöglich, es zu erfahren, weil wir, wenn das Gespräch mit ihm zu Ende ist, schon fort sein müssen.«

»Vielleicht könnte ich euch wenigstens etwas davon sagen.«

»Auf welche Weise denn und wo?«

»Hier unten.«

»In Gegenwart des Wächters?«

»Ja, denn ich werde thun, als ob ich es diesem erzählen will. Ihr könnt doch nicht sogleich fort, wenn wir ans Land legen; Oram aber wird sofort erzählen. Ich höre zu. Euer Wächter kann diese Neuigkeit nicht hören, weil er sich im Schiffe befindet, und so gehe ich zu ihm, um sie ihm zu bringen. Ihr hört, was ich mit ihm spreche, und wißt also, woran ihr seid.«

& »Das ist ein wirklich vortrefflicher Gedanke! Mein Geschenk wird um so größer sein, je mehr ich mit dir zufrieden bin. Jetzt habe ich dir nichts mehr zu sagen. Ich weiß genug und will mit dem übrigen dein Gewissen nicht in Unruhe versetzen.«

Das Gespräch war zu Ende, und unser Verbündeter holte mir das Messer. Es war scharf und spitz, so wie ich es brauchte, scharf zum Durchschneiden der Stricke und spitz, um es als Stichwaffe zu gebrauchen. Denn ich war fest entschlossen, jeden, der sich uns entgegenstellen sollte, zu töten, und glaubte, mir kein Gewissen daraus machen zu müssen.

Welch ein Glück, daß dieser Mann eine solche Angst hatte, von mir verraten zu werden! Ich war beinahe überzeugt, daß wir um Mitternacht frei sein würden. Er hatte eine Stunde Wache zu halten und wurde dann abgelöst. Im Laufe des Nachmittages kam mir der Gedanke, einmal nachzusehen, ob nur die Innenwände unsers Gefängnisses Ritzen und Lücken besaßen. Dazu mußte ich mich aufrichten, was mir nach einiger Mühe auch gelang.

Ich hatte alle Ursache, mit dieser Untersuchung zufrieden zu sein. Das Schiff ging, da es nicht beladen war, nicht tief im Wasser. Die Gegend der äußern Wand, welche gewöhnlich unter dem Wasser, jetzt aber über demselben lag, war von den Sonnenstrahlen ausgetrocknet worden; das Pech war aus den Plankenritzen gelaufen, und indem ich den Griff des Messers zwischen die Zähne nahm, konnte ich mit der Spitze desselben so viel Werg nach außen stoßen, daß an einigen Stellen Öffnungen entstanden, welche groß genug waren, dem Auge einen Blick ins Freie zu gestatten. Das konnte besonders am Abend von großem Vorteil für uns sein. Jetzt sah ich das Boot noch immer vorgespannt. Man hatte auf demselben sogar, um die Ruderer zu unterstützen, einen kleinen Mast errichtet, welcher ein Segel trug. Dies war allerdings nur durch den steifen Luftzug, welcher wehte, ermöglicht worden, sonst hätte das Boot, da es am Schlepptau zog, leicht kentern können.

Gegen Abend kam Ibn Asl abermals, um nach meinen Fesseln zu sehen. Er schien nur mich für gefährlich zu halten, da er die Stricke der andern nicht untersuchte. Das Messer bemerkte er nicht; es lag in der hintersten Ecke bei dem alten Steuermanne, welcher dort hockte. Da ich im Besitze dieses Instrumentes war, hätte ich uns leicht die Fesseln lockern können; aber ich verzichtete darauf, es zu thun, da ich annahm, daß Ibn Asl nochmals kommen und wenigstens die meinigen wieder untersuchen werde.

Ich lehnte mich an die Außenwand und sah durch die von mir gemachten Löcher hinaus auf den Nil. Wir waren längst an der Dschesireh Mohabileh vorüber und mußten bald das Dorf Qaua passieren. Die Schatten des linken Ufers lagen über der ganzen Breite des Flusses, ein Zeichen, daß die Sonne im Sinken sei. Bald wurde es Abend, und da ich nun nichts mehr zu sehen vermochte, legte ich mich wieder nieder.

Es mochte nach abendländischer Zeitrechnung gegen acht Uhr sein, als unser Verbündeter die Wache wieder übernahm. Er sprach nur kurze Zeit mit uns. Er hatte seine Gesinnung nicht geändert und teilte uns mit, daß nach ihm einer kommen werde, dem es zu gönnen sei, daß er wegen unserer Flucht bestraft werde.

»Und wann werden wir den Maijeh erreichen?« fragte ich.

»Kurze Zeit nachdem meine Wache zu Ende ist,« antwortete er. »Das paßt vortrefflich für unsere Absichten. Ich werde da gleich mit an das Land gehen, und wenn etwas Unerwartetes geschehen sollte, so kann ich euch warnen. Übrigens liegen eure Waffen bei Ibn Asl in der Vorkajüte.«

Die Zeit verging, und er wurde abgelöst. Wir sprachen leise miteinander. Sein Nachfolger hörte es, öffnete die Thüre und schlug mit der Peitsche herein, die er sich zu diesem Zwecke mitgebracht hatte. Dabei ließ er es an »Giaurs« und »Christenhunden« nicht fehlen. Nun, dem Manne sollte meine Anerkennung recht bald werden. Kurze Zeit später ertönten laute Kommandorufe über uns; wir hörten Taue über das Deck streifen; man nahm die Segel ein. Der Maijeh mußte sich also in der Nähe befinden. Dann vernahmen wir das Knarren der Stemmbäume gegen die Bordkanten. Man schob das Schiff aus dem Flusse in den Maijeh.

Ich erhob mich und sah hinaus. Es war ganz dunkel; ich konnte den Himmel nicht erkennen. Das Schiff befand sich also schon unter den Wipfeln der Bäume des Maijeh. Dann aber wurde es hell. Ein Feuer brannte am Ufer, und bei demselben stand ein Mann, welcher rief. »Hierher! Werft das Tau herab; ich winde es um den Baum.«

Man hielt es für überflüssig, den Anker fallen zu lassen. Es wurde vielmehr vom Vorder- und Hinterteile je ein Tau ausgeworfen, mit denen man das Fahrzeug ganz ans Ufer ziehen und dort an zwei Bäumen befestigen konnte. Zu diesem Zwecke wurde, als das Vorderteil angehängt war, die Leiter hinabgelassen, über welche mehrere Männer an das Und stiegen.

Die Wand, an welcher ich lehnte, lag nach dem Ufer zu, so daß ich, wenigstens so weit mein enger Gesichtskreis reichte, sehen konnte, was dort geschah. Das übrige mußte ich erraten. Als das Schiff vollständig fest lag, gingen auch die andern an das Land. Es stand zu erwarten, daß Ibn Asl dies auch thun, uns aber vorher noch einen Besuch abstatten werde. Darum ließ ich mich wieder niedergleiten. Kaum war dies geschehen, so knarrte die Stiege, die Lampe wurde angesteckt, und ich hörte seine Stimme:

»Nun, ist alles in Ordnung?«

»Alles,« antwortete der Wächter. »Die Hunde bellten miteinander; da habe ich sie mit der Peitsche zur Ruhe gebracht.«

»Recht so! Hau nur tüchtig zu!«

Er öffnete die Thüre, leuchtete mit der einen Hand herein, untersuchte mit der andern meine Fesseln und sagte dann, mir höhnisch zugrinsend:

»Jetzt werde ich mit dem Manne sprechen, und euer Schicksal wird sich entscheiden. Mache dich gefaßt! Deine Martern beginnen schon am heutigen Abend.«

»Du redest wie ein Kind,« antwortete ich. »An meinem Schicksale kannst du nichts ändern. Es hat sich schon entschieden. Du vermagst uns nichts anzuhaben.«

Er schlug ein lautes Gelächter auf und rief:

»Die Angst hat dich verrückt gemacht! In einer Stunde wirst du anders singen.«

»Du hast heute erfahren, wie es denen ergeht, welche mich singen machen wollen.«

»Das konnte nur einmal geschehen; zum zweitenmale wird es dir aber nicht gelingen.«

Er verriegelte die Thüre, löschte die Lampe aus und ging. Ich stand auf und blickte wieder hinaus. Man schnitt das am Ufer wachsende Schilf ab, um Lagerplätze zu gewinnen, und brannte noch einige Feuer an. Ich konnte sie zwar nicht sehen, vermutete es aber aus der vermehrten Helligkeit und weil die Baumstämme nicht nur einen, sondern mehrere Schatten warfen.

Jetzt war die Zeit gekommen, uns von den Fesseln zu befreien. Ich schob also mit dem Fuße das Messer aus dem Winkel vor, wälzte mich dann um und nahm es in die Hand. Ben Nil mußte sich mit seinem Rücken gegen den meinigen legen, so daß ich die Klinge in die Fesseln seiner Hände stecken konnte. Ich mußte vorsichtig sein, um ihn nicht zu schneiden oder zu stechen; es ging nicht leicht, aber es ging doch. Bald hatte er die Hände frei. Nun nahm er das Messer, um zuerst seine Füße frei zu bekommen und dann auch uns von den Stricken zu erlösen. Das geschah alles so geräuschlos, daß der Wächter es nicht hören konnte.

Darauf warteten wir, ob unser Verbündeter Wort halten könne und kommen werde. Erst nach einer halben Stunde knarrte die Stiege wieder, und wir hörten seine Stimme:

»Wenn du herauf und herauskommen könntest! Es giebt soviel zu hören.«

»Willst du mich ärgern?« antwortete der Wachthabende. »Der Teufel hat es dem Lieutenant eingegeben, gerade mich und gerade jetzt hier herunterzustellen. Was giebt es denn?«

»Der ungläubige Effendi hat wirklich die Wahrheit gesagt. Unsere Kameraden sind gefangen und acht von ihnen mit dem Kolben erschlagen worden!«

»Allah vernichte die Brut dieses Reïs Effendina! Um diesen verdammten christlichen Effendi aber ist es nun ganz gewiß geschehen! Wie ist denn Oram entkommen? Er hat sich wohl gar nicht ergreifen lassen?«

»O doch! Aber die Asaker haben ihn nicht fest gebunden gehabt. Gegen Morgen ist es ihm gelungen, sich loszumachen. Er hat sich davongeschlichen und sogar ein Kamel mitgenommen. Natürlich ist er sofort in einer Tour nach der Hassanieh geritten, um uns zu benachrichtigen, aber einige Minuten zu spät gekommen.«

»Warum kam er nicht bei unserm Lagerplatze, sondern weiter oben an den Nil?«

»Weil er nicht konnte. Er sah die Asaker des Reïs Effendina sich nach dem Platze wenden. Unsere gefangenen Kameraden werden nicht nach Chartum, wie eigentlich beschlossen war, sondern nach Hegasi gebracht, wo die Asaker von dem christlichen Effendi erwartet werden sollen.«

»Er wird sie niemals wiedersehen, und sie werden von uns in der gehörigen Weise empfangen werden, denn ich hoffe doch, daß Ibn Asl alles thun wird, unsere Gefährten zu retten!«

»Das ist selbstverständlich.«

»Aber es ist keine Zeit zu verlieren! Wenn ich nur unten sein könnte. Willst du nicht die Wache für mich thun? Ich gebe dir dafür gern – –«

»Fällt mir gar nicht ein!« unterbrach ihn der andere. »Ich habe soeben erst zwei Stunden hier gestanden.«

Die Stiege knarrte wieder. Er ging. Er hatte Wort gehalten, und das, was er mir auf diese Weise mitgeteilt hatte, war von sehr hohem Werte für uns. Darum sollte er die ihm versprochene Gratifikation erhalten. Er war zwar unser Feind und außerdem ein schlechter Mensch, aber ich mußte Wort halten. Er sollte mich, den Christen, nicht einen Betrüger nennen können.

Übrigens war das Gespräch auch von noch anderem Vorteile für uns gewesen. Das Öffnen des Riegels mit Hilfe des Messers mußte nämlich ein, wenn auch geringes, aber doch immerhin ein Geräusch verursachen, welches den Posten leicht aufmerksam machen konnte. Außerdem hatte der letztere an der Angelseite gestanden, so daß, wenn wir die Thüre öffneten, er uns im Wege stand und wir sie nicht ganz aufbringen konnten. Er hätte also hinter derselben gestanden, und es wäre nicht leicht gewesen, so schnell an ihn zu kommen, wie es nötig war, wenn man ihn unschädlich machen wollte, ohne daß er um Hilfe zu rufen oder gar Widerstand zu leisten vermochte.

Diesen Übelständen war nun Abhilfe geschafft worden. Der Mann war nämlich, um den andern besser verstehen zu können, mehrere Schritte nach der Stiege zu gegangen; er hatte also die Thüre frei gegeben. Während sie laut miteinander sprachen, steckte ich die Spitze des Messers durch die Ritze in das Holz des Riegels und schob den letzteren zurück. Das gab ein Geräusch, welches der Wächter aber nicht hörte. Ich stieß die Thüre auf und kroch hinaus. Die andern beiden folgten. Um ihnen Platz zu machen, mußte ich avancieren und kam hart hinter dem Wächter zu stehen, als er eben seinen Kameraden aufforderte, für ihn die Wache zu übernehmen. Als dieser nun ging, drehte er sich um und stieß an mich. Im Nu hatte ich ihn mit beiden Händen am Halse. Er brach aus Mangel an Luft, vielleicht auch mit vor Schreck, unter meinem Griffe zusammen, wurde mit seinem Gürtel gebunden und bekam den Fez, welchen er auf dem Kopfe hatte, in den Mund gesteckt.

Nun ging ich zur Stiege und stieg sehr vorsichtig, damit sie nicht knarren möge, hinauf, um zunächst zu rekognoszieren. Was ich sah, erfüllte mich mit großer Freude, denn die Umstände konnten uns gar nicht günstiger sein. Die am Ufer brennenden Feuer konnte ich zwar nicht sehen, aber sie verbreiteten einen Schein, welcher sogar das Deck genugsam erleuchtete. Ich sah, daß sich kein Mensch auf demselben befand, und stieg wieder hinab.

Dort nahm ich von meinem Gelde soviel heraus, wie ich für angezeigt hielt, und legte es unter die unterste Palmenmatte. Dann kehrte ich, natürlich von meinen beiden Gefährten begleitet, auf Deck zurück. Aufrichten durften wir uns nicht, da wir da möglicherweise gesehen werden konnten. Wir krochen nach der Kajüte, um unsere Waffen zu holen. Das war die Hauptsache. Es war zwar dunkel in dem Vorraume, aber mit Hilfe des Tastsinnes fanden wir schnell, was wir suchten.

»Was aber nun?« flüsterte Ben Nil. »Es ist natürlich gefährlich, die Leiter hinabzusteigen.«

»Da haben sie uns beim Kragen, noch ehe wir mit den Füßen den Boden erreichen,« stimmte sein Großvater bei.

»Aber es giebt keinen andern Weg! Am besten ist’s, wir steigen nicht, sondern wir springen hinab, mitten unter sie hinein. Sie werden erstaunen, erschrecken, und ehe sie sich besinnen können, sind wir fort.«

»Werden meine alten Beine einen solchen Sprung aushalten?«

»Sorge dich nicht!« tröstete ich ihn. »Wir werden weder steigen noch springen, sondern klettern. Wir steigen in das Boot des Schiffes, das nach dem Flusse zu hängt, und rudern davon.«

»Allah, Wallah, Tallah! Das ist ein prächtiger Gedanke! Aber – es wird dennoch nicht gehen.«

»Warum?«

»Weil das Boot hinten am Schiffe hängen wird. Da liegt es im Scheine der Feuer, und wir können also nicht hinein.«

»Ich vermute, daß es am Vorderteile hängt. Es ist ja vorgespannt gewesen, und so wird man, als nach dem Maijeh. eingelenkt wurde, das Bugsiertau, an welchem es hing, einfach eingezogen haben. Man hatte die Segel einzunehmen und die Masten niederzulegen. Da gab es, zumal es dunkel war, soviel zu thun, daß man sich nicht die Zeit nehmen konnte, das Boot von vorn nach hinten zu bringen. Kommt, ihr werdet sehen!«

Wir krochen nach vorn, nach der dem Wasser zugewendeten Seite des Schiffes. Da unsere Feinde sich auf der andern Seite befanden, konnten wir, ohne von ihnen gesehen zu werden, uns aufrichten und über die Brüstung blicken. Ja, da hing das Boot an einem Tau, welches so stark war, daß der schwerste Mann sich demselben getrost anvertrauen konnte. Es lag im Schatten; wir konnten also nicht sehen, ob die Ruder sich darin befanden; jedenfalls aber hatte man sie nicht an Bord genommen; wenigstens sahen wir sie nicht hier oben liegen. Etwas Helles lag im Boote.

»Was mag das sein?« fragte Ben Nil.

»Wahrscheinlich das Segel, welches ich heute während der Fahrt aufgerichtet gesehen habe. In diesem Falle liegt auch der Mast dabei, und das ist sehr gut, da wir uns mit Rudern nicht sehr anzustrengen brauchen.«

Wir befanden uns in der Nähe des kleinen Vordermastes. Dort hatte ich heute früh ein Bündel Palmfaserfackeln liegen sehen, wie sie in jenen Gegenden bei verschiedenen Gelegenheiten im Gebrauche sind. Ich kroch hin. Sie lagen noch da; ich nahm einige, kehrte an die Brüstung zurück und warf sie hinunter in das Boot.

»Wozu willst du Fackeln mitnehmen?« fragte Ben Nil.

»Davon später. Jetzt haben wir genug gesprochen und gezögert. Jetzt wollen wir über Bord. Steig du zuerst hinab; dein Großvater wird folgen, und ich mache den letzten.«

Er warf seine Flinte am Riemen über den Rücken und stieg über die Brüstung, um sich am Taue hinabzuturnen. In diesem Augenblicke hörte ich die Stimme Ibn Asls rufen:

»Bringt auch einen Krugvoll Raki mit!«

Raki ist Schnaps, den die Muhammedaner trinken dürfen. Die Worte sagten mir, daß mehrere, wenigstens zwei Männer, unterwegs nach dem Decke seien. Ich drehte mich um. Wirklich, da kam einer gestiegen, hinter ihm ein zweiter.

»Schnell, schnell!« raunte ich Abu en Nil zu. »Noch haben sie uns nicht gesehen!«

Ich kauerte mich nieder, um ihnen nicht sofort in die Augen zu fallen. Aber der alte Steuermann mußte über die Brüstung; ihn mußten sie bemerken. Und da kam auch noch ein dritter hinterher gestiegen. Der erste, vorderste sah den Alten und infolgedessen auch mich. Er begriff die Situation auf der Stelle und schrie:

»Auf, herbei ihr Männer! Die Gefangenen sind los! Sie wollen fort!«

Er stürzte herbei; die beiden andern folgten. Ich blieb kauern, um nicht erraten zu lassen, was ich beabsichtigte. Als der erste noch drei Schritte bis zu mir hatte, schnellte ich mich auf und rannte ihm den Gewehrkolben in der Weise gegen den Leib, daß er zurück- und niederflog; den zweiten, welcher eben den Arm nach mir ausstreckte, schlug ich über den Kopf: er brach auch zusammen. Der dritte war mir auch schon nahe. Er war klüger als die beiden vorigen, denn er zog sein Pistol und drückte es auf mich ab. Ich sprang zur Seite und wurde nicht getroffen; desto sicherer aber warf ihn in der nächsten Sekunde mein Kolben nieder.

Die drei Kerls hatten aus Leibeskräften gebrüllt. Jetzt lagen sie lautlos da. Unten antwortete man. Es schrie, wer schreien konnte. Natürlich eilte man herbei; in wenigen Augenblicken konnte es zu spät für mich sein. Gleich nach dem letzten Kolbenhiebe wendete ich mich um. Der alte Abu en Nil war weg. Ein Sprung nach der Brüstung, hinauf, hinüber, das Tau fassen, hinunter ins Boot, das Messer ziehen und das Tau zerschneiden – da erklang oben die brüllende Stimme Asls:

»Wo sind sie? Sucht, sucht! Sie haben uns diese drei erschlagen. Ich sehe sie nicht. Sie werden in der Kajüte stecken, die Hunde. Greift sie; schnell, schnell!«

Schon hatte ich das Boot vom Schiffe abgedrängt und das Steuer ergriffen. Die Ruder lagen da.

»Setzt euch!« gebot ich mit leiser Stimme. »Ibn Asl ahnt nicht, wo wir sind. Nur erst aus dem Bereiche seiner Augen; dann mag er meinetwegen schießen. Nehmt die Ruder. Macht aber leise und im Takt!«

Sie gehorchten. Die Spitze des Bootes richtete sich im rechten Winkel vom Schiffe ab. Ich durfte nicht anders steuern; ich mußte in dem tiefen Schatten bleiben, welchen der Noquer auf das Wasser warf. Als wir uns in guter Entfernung befanden, ließ ich halten. Kein Mensch befand sich mehr am Ufer. Alle, alle waren an Bord geeilt, um nach uns zu suchen. Das gab ein Schreien und Brüllen, daß ein einzelnes Wort gar nicht verstanden werden konnte. Jedenfalls hatte man den Wächter gefunden, uns aber nicht. Dann trat eine plötzliche Stille ein. Unser vollständiges Verschwinden war ihnen unerklärlich. Sie berieten, wie es schien, denn während sie vorher bunt durcheinander gerannt waren, standen sie jetzt ruhig beieinander. Wir waren nur ungefähr dreißig Bootslängen von ihnen entfernt und konnten ihre Gestalten sehen.

»Jetzt kannst du die Stimme des Affen nachahmen,« meinte der Steuermann. »Wir sind frei.«

»Ich werde auf diese Nachahmung verzichten,« antwortete ich, »und direkt mit Ibn Asl reden.«

»Da hören sie, wo wir uns befinden. Viele seiner Leute haben die Gewehre in den Händen. Es ist zwar dunkel, aber wenn sie schießen, können wir aus Zufall doch getroffen werden.«

»Ich führe sie irre, und das wird dir Spaß machen.«

Mich nicht gegen das Schiff, sondern wasseraufwärts wendend, hielt ich die hohlen Hände an den Mund und rief durch dieses Sprachrohr, indem ich die Silben langsam ausdehnte: »Ibn Asl, Ibn Asl, komm, hole uns!«

Der hohe und dichte Wald, welcher das Wasser einfaßte, machte, daß es so klang, als ob die Worte weit oben im Maijeh gerufen worden seien. Meine Stimme war deutlich zu erkennen.

»Das ist er, der Hund, der Hundesohn!« schrie Ibn Asl. »Da droben sind sie, auf dem Wasser! Sie müssen unser Boot haben!«

Wir bemerkten, daß man sogleich nach dem Boote sah.

»Ja, wir haben es!« antwortete ich in derselben Weise. »Jetzt laß mich doch einmal singen!«

»Hört ihr’s, hört ihr’s!« brüllte er wütend. »Sie sind mit dem Boote fort. Da oben, vielleicht achtzig Schritte von hier. Schießt, schießt, ihr Männer!«

Viele Schüsse krachten westwärts, während wir uns in südlicher Richtung befanden. Auf die gegebene Örtlichkeit rechnend, wendete ich jetzt das Gesicht nach Osten, lachte so schallend wie möglich auf und fügte hinzu:

»Fehlgeschossen! Wo sucht ihr uns denn?«

Das klang von der entgegengesetzten Seite her. Alle drehten sich um, und Ibn Asl gebot:

»Nicht da oben, sondern dort unten sind sie. Schießt dorthin, dorthin!«

Man gehorchte ihm, natürlich ohne allen Erfolg. Ich wendete mich wieder nach der vorigen Richtung und ließ ein möglichst höhnisches Gelächter hören. Sofort wendeten sie sich wieder um.

»Er hat den Teufel!« schrie Ibn Asl.«Ich hab’s gewußt, daß er den Teufel hat! Nun ist er wieder dort oben!«

Meine Absicht, sie irre zu führen, war geglückt, und wir konnten nun ohne Sorge vor ihren Kugeln die Flucht fortsetzen. Das war nicht etwa etwas ganz Leichtes. Keiner von uns kannte den Maijeh. Wo befand sich der Eingang desselben, welcher, wie wir gehört hatten, durch Pflanzenwuchs maskiert war? Ich hatte keine Ahnung davon, und den beiden andern ging es ebenso. Wir konnten uns nur die ungefähre Richtung denken.

Dazu kam, daß diese stehenden Flußarme gewöhnlich von Krokodilen, weiter südwärts auch mit Nilpferden bevölkert sind. Der Maijeh es Saratin lag am linken Nilufer; das war alles, was wir wußten. Glücklicherweise kannte Abu en Nil den Fluß sehr genau. Ich fragte ihn:

»Welche Richtung hat der Nil oberhalb des Dorfes Qaua?«

»Er fließt nach Nordnordwest.«

»So wollen wir versuchen, ihn zu finden. Rudert langsam.«

Ich hielt noch mehr von dem Schiffe ab, fast bis an das andere Ufer hinüber, und wendete dann nach links. Wir sahen die Sterne über uns. Der Himmel bildete einen schmalen Streifen, welchem wir zu folgen hatten. Dieser Streifen wurde immer schmäler, bis er vor uns zu Ende ging. Das Laubdach des Waldes nahm uns auf.

»Zieht die Ruder ein!« riet ich. »Wir müssen in der Nähe des Einganges sein. Vielleicht giebt es eine wenn auch nur geringe Strömung da. Wir wollen das Boot treiben lassen.«

»Das ist gefährlich,« warnte der Steuermann. »Wenn wir anstoßen und kentern, werden wir von den Krokodilen gefressen.«

»Wir werden nicht anstoßen.«

Ich zog das Feuerzeug, brannte eine Fackel an und gab sie Ben Nil, um sie am Vorderteile des Bootes zu befestigen. Ob Ibn Asl das Licht sah, das mußte uns gleichgültig sein.

Beim Scheine der Fackel bemerkten wir, daß wir uns unter Sunutbäumen befanden, welche, wie wir mit dem Ruder maßen, gegen zwei Ellen unter Wasser standen. Das war der Eingang zum Maijeh natürlich nicht. Wir legten an einem Stamm an, und ich warf einige Blätter in das Wasser. Sie bewegten sich; sie wurden fortgeführt. Wir folgten langsam nach, links ab von der bisher eingehaltenen Richtung. Da wurde das Wasser tiefer, so tief, daß wir den Grund selbst mit unserm Maste nicht erreichen konnten. Es bewegte sich auch schneller, aber kreisförmig.

»Wir fahren irre,« behauptete Ben Nil. »Wir müssen zurück.«

»Nein,« widersprach sein Großvater. »Wir sind richtig. Das Wasser läuft hier im Kreise, weil in der Nähe der Nil vorübergeht. Er ist durch die Pflanzen verdeckt. Wir müssen hindurch.«

Hindurch! ja, aber wo denn? jedenfalls geradeaus. Zu beiden Seiten gab es Bäume. Das sahen wir. Die Wipfel dieser Bäume waren von Schlingpflanzen durchwuchert, welche sich von Gipfel zu Gipfel zogen und eine bis in das Wasser niederhängende Pflanzenbrücke bildeten. Da, wo diese Brücke sich links von uns aus der Flut erhob, waren die Ranken derselben vielfach zerrissen. Auf diese Stelle deutend, sagte ich:

»Dort muß es sein. Dort sind von dem Noquer, als er hindurch geschoben wurde, die Pflanzen zerrissen worden. Nehmt die Ruder wieder. Wir wollen es wenigstens versuchen.«

Wir hielten auf die Stelle zu. Die Ranken hingen viel höher über uns, als es vorhin den Anschein gehabt hatte. Wir kamen ganz leicht hindurch, und plötzlich lag der Wald hinter uns, der offene Fluß vor uns und der mit Sternen übersäte Himmel über uns.

»Allah sei Dank!« seufzte der Steuermann. »Es wollte mir beinahe bange werden. Hätten wir den Ausgang nicht entdeckt, so wären wir vielleicht doch von In Asl aufgegriffen worden.«

»Unmöglich!« antwortete ich. »Hätten wir den Fluß nicht gefunden, so wären wir an das Ufer gegangen und es sollte Ibn Asl wohl schwer werden, uns da zu finden und gar zu fangen. So aber ist es doch noch besser. Wir sind frei und haben offene Fahrt zum Reïs Effendina.«

»Wo suchst du ihn? Meinst du, daß er sich noch unten an der Dschesireh Hassanieh befindet?«

»Um das zu wissen, müßte ich allwissend sein. Zunächst gilt es, möglichst schnell zu sein. Was haben wir für Luft?«

»Des Nachts hier meist aus Süd.«

Wir prüften den hier am Ufer nur leise fühlbaren Luftzug und fanden, daß er uns günstig war. Darum richteten wir den Mast auf und befestigten das Segel daran. Da der Steuermann der älteste von uns war und sich nicht so sehr anstrengen sollte, übergab ich ihm nun meinen bisherigen Platz und griff mit Ben Nil zu dem Ruder.

»Soll ich nach der Mitte des Stromes halten?« fragte der Alte.

»Nicht ganz.«

»Warum nicht? Wir haben dort ja vollern Wind.«

»Das ist wahr; aber wir könnten da den Reïs Effendina verfehlen.«

»So meinst du also doch, daß er jetzt aufwärts kommt?«

»Nein; aber er kann irgendwo am Ufer liegen. Mag er sich befinden, wo er will, jedenfalls hält er scharfe Wache. Darum habe ich die Fackeln mitgenommen. Er soll uns bemerken und anrufen, damit wir nicht an ihm vorüberfahren.«

»So bitte ich dich, mich nach meinen Gedanken steuern zu lassen. Ich kenne die Bahn, welche die Schiffer einzuhalten pflegen, und auch diejenigen Stellen, wo man anlegen und den Fluß beobachten kann.«

Ich konnte nichts Klügeres thun, als ihm seinen Willen zu lassen. Hätte ich nur gewußt, wo der Reïs Effendina zu suchen war! Er hatte die Vögel ausgeflogen gefunden; er hatte jedenfalls mit den Leuten des Schiffes, welches angehalten worden war, gesprochen und da genug erfahren, um wissen zu können, in welcher Richtung er die Gesuchten finden könne. Ich nahm an, daß er mit seinen Asakern schleunigst nach Hegasi zurückgekehrt sei und dort seinen »Falken« bestiegen habe, um südwärts zu segeln. Traf dies zu, so mußten wir ihm entweder unterwegs begegnen oder er hatte beim Anbruche des Abends irgendwo angelegt, und zwar an einer Stelle, wo er jedes vorüberkommende Fahrzeug sehen konnte.

Unsere jetzige Nachtfahrt ging freilich schneller als die heutige Aufwärtsfahrt. Wir hatten drei Motoren, das Gefälle des Flusses, den Wind und die Ruder. Leider war das Boot sehr groß; mit einem kleinern wären wir noch viel rascher vorwärts gekommen. Dennoch war seit dem Augenblicke, an welchem wir den Maijeh verlassen hatten, noch nicht eine Stunde vergangen, als wir an die Helle Qaua gelangten. Dieses Dorf war damals das Regierungs-Depot am weißen Nile. Es lagen da ganz bedeutende Getreide- und andere Vorräte, und jedes südwärts segelnde Schiff versah sich da mit den noch notwendigen Bedürfnissen, welche von da an um so teurer werden, je weiter man nach Süden kommt.

Wir legten hier für kurze Zeit an, um uns bei dem Haris el Mischrah zu erkundigen, ob das Schiff des Reïs Effendina gesehen worden sei. Die Antwort war eine verneinende, und so segelten und ruderten wir weiter.

Eine Nacht auf dem Nile! Welch ein Sujet für einen Dichter! Mir aber war gar nicht sehr poetisch zu Mute. Ich hatte eine ganze Reihe von Nächten nur wenig geschlafen, war infolgedessen sehr abgespannt und mußte doch – rudern. Mit meinem Ben Nil war es nicht anders. Ich glaube, er ruderte zuweilen, ganz so wie ich, mit geschlossenen Augen, halb oder gar dreiviertel im Schlafe. Der alte Abu en Nil war ebenso einsilbig wie wir. Er hatte keine solchen Anstrengungen hinter sich, und so vermutete ich, daß seine Schweigsamkeit einen ganz besondern Grund haben müsse. Nach demselben befragt, antwortete er mir:

»Müde bin ich nicht im geringsten, Effendi. Die Sorge ist’s, die mir die gute Laune raubt. Ich bin ein Flüchtling.«

»Ah, du hast Angst vor dem Reïs Effendina?«

»Natürlich! Ich wurde damals von ihm auf dem Sklavenschiffe ergriffen und wäre sicherlich sehr streng bestraft worden, wenn du mich nicht hättest entfliehen lassen. Und jetzt soll ich diesem strengen Herrn geradezu in die Hände segeln. Es wird mir schwer, die Bitte auszusprechen, aber, Effendi, gieb mich noch einmal frei! Erlaube mir, an der ersten, besten Stelle das Boot zu verlassen!«

»Willst du nicht wieder auf dein Schiff zurück?«

»Ehe ich es erreiche, bin ich gefangen.«

»Aber du bist einsam und mittellos. Du hast nichts bei dir. Was willst du anfangen?«

»Ben Nil, mein Enkel, wird ja bei mir sein!«

»Nein,« antwortete dieser. »Du bist der Vater meines Vaters, und es ist Allahs Gebot, daß ich dich achten und ehren soll. Das thue ich auch. Aber jetzt bin ich der Diener dieses meines Effendi, und nichts kann mich vermögen, ihn zu verlassen.«

»Sohn meines Sohnes, wer hätte das von dir gedacht! Willst du das Blut verleugnen, welches in deinen Adern fließt? Willst du gegen die Gesetze handeln, die in der Brust eines jeden Menschen vorhanden sind?«

»Nein. Die Liebe zu dir und die Treue für meinen Effendi lassen sich wohl miteinander vereinigen. Du brauchst das Boot nicht zu verlassen. Ich kenne den Effendi. Er wird dich in seinen Schutz nehmen.«

»Das kann er nicht!«

»Zweifle doch nicht daran! Er kann alles, was er will.«

»Wenigstens will ich nur das, was ich kann,« bemerkte ich. »Abu en Nil, du brauchst dich nicht zu fürchten. Der Reïs Effendina wird dir das Vergangene verzeihen.«

»O, Effendi, wenn das wahr wäre! Ich wollte ihm auf meinen Knieen dafür danken. Ich ‚bin kein so schlimmer Mensch, wie es den Anschein hatte!«

»Das weiß ich, und das wußte ich; darum ließ ich dich entkommen.«

»Und niemals wird man mich wieder an Bord eines Sklavenhändlers sehen!«

»Auch das glaube ich dir, und darum werde ich den Reïs Effendina bitten, dir das, was vergangen ist, zu vergeben.«

»Effendi, du träufelst Balsam in die Wunde, welche ich selbst meinem Gewissen geschlagen habe. Wenn der Reïs Effendina mir vergiebt, so kann auch ich selbst mir verzeihen. Dann habe ich nichts und niemand mehr zu fürchten, kann mich vor jedermann sehen lassen und auch in die Heimat gehen, ohne denken zu müssen, daß mich der Rächer wieder von den Meinen reißt.«

»Sei getrost! Ich sage dir, daß alles vergeben und vergessen sein wird.«

»Ich will dir glauben. Du hast mich schon damals gerettet und würdest mich nicht mit zum Reïs Effendina nehmen, wenn du nicht überzeugt wärest, daß es ohne Schaden für mich geschehen kann. Was aber soll ich ihm antworten, wenn er mich fragt, in welcher Weise ich damals die Flucht ergriffen habe?«

»Belüge ihn nicht, sondern sage ihm die Wahrheit!«

»Dann würde er dir sehr zürnen.«

»Das denke nicht. Übrigens hat dein Enkel hier ihm einige gute Dienste geleistet, und so gebietet ihm die Dankbarkeit, dir die Bitte um Verzeihung zu erfüllen.«

Das beruhigte ihn vollends, und nun war das Schweigen gebrochen. Sein Herz war ihm leicht geworden, und darum wurde ihm auch die Zunge leicht. Er begann, mir seine Erlebnisse zu erzählen, und er hatte soviel erlebt, daß es uns um Stoff für die Unterhaltung während der einsamen Fahrt nicht bange zu sein brauchte. – – –

Am Sumpf des Fiebers


Am Sumpf des Fiebers

Die angeregte Unterhaltung, welche wir während unserer nächtlichen Thalfahrt im Boote führten, that unserer Aufmerksamkeit keineswegs Abbruch. Wir paßten sehr gut auf, hielten auch einigemale an, wenn ein phantastischer Uferschatten die Gestalt eines Schiffes zeigte, sahen uns aber allemal getäuscht. Wir verbrannten nach und nach alle sechs Fackeln, die ich in das Boot geworfen hatte, und mußten endlich ohne Licht fahren. Gegen morgen wurde der Wind stärker und infolgedessen unsere Schnelligkeit größer. Natürlich hatten wir nicht ohne Unterbrechung gerudert, denn das wäre nicht auszuhalten gewesen. So oft wir uns in guter Strömung befanden, hatten wir ausgeruht.

Es war noch nicht fünf Uhr früh, als wir die Stelle erreichten, an welcher die »Eidechse« geankert hatte. Eine kleine Strecke weiter oben hatte Abu en Nils Schiff gelegen; es war fort. Wir stiegen am Lagerplatze aus, in der Hoffnung, jemand zu finden. Es war vergeblich. Nun hieß es, noch bis Hegasi zu segeln. Traf ich den Reïs Effendina auch dort nicht, so hatten wir ihn entweder heute nacht umgangen oder er war nach Chartum zurückgekehrt. In diesem Falle war ich in Beziehung auf die Sicherung unserer Karawane nur auf mich selbst angewiesen.

Als wir uns Hegasi näherten, glänzte uns ein kleines Licht entgegen. Die Sterne begannen bereits zu erbleichen, demnach sah ich, daß das Licht zu einem Schiffe gehörte, welches an der Mischrah lag. Ich erkannte den scharfen, eleganten Rumpf und die drei schiefen Masten. Es war der »Falke«, den wir suchten. Das Licht kam aus der Laterne, welche am Mittelmaste brannte. Wir hielten natürlich auf das Fahrzeug zu, demnach rief uns, noch bevor wir es erreicht hatten, vom Verdecke eine Stimme an:

»Boot, hier an der Seite anlegen!«

Zum Scherze gab ich dem Alten die Weisung, etwas abzufallen, als ob wir dem uns erteilten Befehle nicht gehorchen wollten. Wir nahmen also eine mehr seitwärtige Richtung; da aber rief der Mann:

»Halt, ich schieße!«

Zu gleicher Zeit ertönten die scharfen Klänge einer kleinen Glocke. Es war die Alarmglocke des »Falken«. Gab die Deckwache mit ihr das Zeichen, so standen gewiß binnen einer Minute alle Mannen, und wenn sie im tiefsten Schlafe gelegen hätten, gefechtsbereit. Ich durfte den Scherz nicht weiter treiben, denn ich wußte, daß man sonst auf uns geschossen hätte. Darum steuerten wir auf das Fahrzeug zu.

»An Backbord anlegen,« gebot die Wache, »und ruhig halten bleiben!«

Wir gehorchten diesem Befehle. Droben wurde es lebendig und nach sehr kurzer Zeit wurde herabgefragt:

»Wem gehört das Boot?«

Ich erkannte die Stimme des Reïs Effendina. Damit er mich nicht an der meinigen erkennen sollte, sagte ich Ben Nil die Antwort vor, welche er an meiner Stelle gab:

»Der Eidechse.«

Als er diese Antwort hörte, rief er in erregtem Tone.

»Steigt herauf, sofort herauf!«

Er hatte natürlich erfahren, daß das Schiff, welches kurz vor seiner Ankunft die Dschesireh Hassanieh verlassen hatte, die »Eidechse« gewesen war, und glaubte nun Aufschluß über dasselbe zu erhalten. Es waren eben mehrere Laternen angebrannt worden. Scherzhafterweise forderte ich den alten Steuermann auf, als der erste die Strickleiter, welche man herabgeworfen hatte, hinaufzusteigen.

Er gehorchte, ohne meine Absicht zu durchschauen. Als er oben ankam, hörte ich den Reïs Effendina rufen:

»Das ist der erste. Doch halt, dieses Gesicht müßte ich kennen! Wer ist denn das? Höre, Patron, wo haben wir uns denn schon gesehen?«

Abu en Nil war über diesen Empfang so erschrocken, daß er vergaß, eine Antwort zu geben.

»Wenn ich mich nicht irre, so ist dein Name Abu en Nil. Gestehe es sofort!«

»Ja, Effendi, ja!« gab der Steuermann angstvoll zu.

»War es nicht in Gizeh, wo wir uns sahen?«

»In Gizeh, ja, Effendi.«

»Nenne mich Emir! Du weißt von damals her recht gut, daß ich so genannt werde! Wenn ich mich nicht irre, so bist du der Steuermann der Dahabijeh es Semek, welche ich damals konfiszierte?«

»Ich bin es.«

»Ich nahm euch alle gefangen. Du aber entkamst mir wieder. Willkommen heute und hier! Ich freue mich, das damals Versäumte nachholen zu können. Bindet den Kerl, und schließt ihn in die Gefängniskoje.«

»Nein, nein, Emir, nicht binden!« rief der Alte. »Ich bin ja nicht dein Feind; ich bin freiwillig gekommen!«

»Freiwillig? Und doch hat euch meine Wache mit Schießen drohen müssen? Das ist eine Lüge. Wo ist dein Schiff, die Eidechse?«

»Im Maijeh es Saratin.«

»Den kenne ich nicht. Was macht sie dort?«

»Sie hat sich dort vor dir versteckt.«

»Also hat sie ein böses Gewissen! Was wollte sie an der Dschesireh Hassanieh?«

»Dich fangen.«

»Mich – – fangen – –?« rief er aus. »Beim Scheitan, du bist aufrichtig, im höchsten Grade aufrichtig! Wer ist der Reïs dieser Eidechse, die mich fangen will?«

»Sie hat keinen Reïs, denn ihr Herr, Ibn Asl, kommandiert sie selber.«

Dieser Name, so kurz er war, brachte eine bedeutende Wirkung hervor.

»Ibn Asl, Ibn Asl!« klang es laut von allen Lippen, und auch der Reïs Effendina gab seinem Erstaunen Ausdruck.

»Höre ich recht? Ibn Asl sagst du? Der berüchtigte Sklavenräuber befindet sich also auf der Eidechse? So geht mir jetzt ein Licht auf. Dieser Hundesohn hat mir eine Falle legen wollen. Ist es so? Gestehe es augenblicklich!«

»Ja, Emir, du hast es erraten. Du solltest samt deinem Schiffe mit Petroleum verbrannt werden.«

»Allah kerihm – Gott ist gnädig! Er gab mir den Gedanken des Mißtrauens ein. Wie gut, wie gut, daß ich den Landweg einschlugt Darum also die Fässer! Ich werde augenblicklich aufbrechen, und du sollst mich nach dem Maijeh es Saratin führen! Mich verbrennen, mich und mein Schiff, also alle meine Leute! Als Vorgeschmack dessen, was dich erwartet, werde ich dir jetzt einstweilen die Bastonnade geben lassen. Binde ihm die Füße zusammen, Aziz, und gieb ihm zwanzig Hiebe auf die Sohle!«

Aziz war sein Liebling, der junge Mann, welcher stets die Nilpferdpeitsche bei sich trug, immer bereit, die von seinem Herrn befohlenen Exekutionen zu vollführen. Abu en Nil kannte ihn von damals her nur zu gut. Er hob erschrocken beide Hände auf und schrie: »Nicht die Bastonnade, nicht schlagen, Emir; ich bin ja ganz und gar unschuldig!«

Jetzt eilte Ben Nil, sein Enkel, die Strickleiter hinauf, zu dem Emir hin und sagte: »Du darfst ihn nicht schlagen lassen! Er ist mein Großvater und hat dir keine Lüge gesagt.«

»Was, du hier, Ben Nil? Wie kommst du hierher und in die Gesellschaft eines Steuermannes der Sklavenjäger?«

»Das ist er nie gewesen. Einen Sklavenhändler hat er auf kurze Zeit gesteuert, aber keinen Sklavenjäger. Mein Effendi wird dir ganz dasselbe sagen.«

»WO ist er denn, dein Effendi?«

»Kommt schon!« antwortete ich, indem ich über die Schanzbekleidung sprang. »Hier ist er.«

Ein allgemeiner Ruf freudiger Überraschung ließ sich hören. Der Emir trat einen Schritt zurück, starrte mich für einen Augenblick wie betroffen an, öffnete dann die Arme und kam mit den Worten auf mich zu: »Effendi, du hier, du? Welch eine Freude! Eingetroffen aus dem Lande der Fessarah! Komm an mein Herz; laß dich umarmen!«

Seine Freude war eine ebenso große wie aufrichtige; sie ehrte mich, weil sie mich beglückte. Sein Oberlieutenant und Lieutenant, der alte Onbaschi und viele der andern kamen herbei, um mir die Hände zu drücken. Einer hatte bisher von fern gestanden; jetzt drängte er seine lange, dürre Gestalt mit den unendlichen Gliedern durch die Menge und jauchzte mir schon von weitem zu:

»Effendi, o Effendi, meine Seele ist ganz Wonne, und mein Herz springt vor Freude, daß mein Auge dich jetzt wieder sehen darf! Du hast mir gefehlt, wie ein geliebtes Weib ihrem Manne. Ohne dich ist mir das Leben dunkel gewesen wie eine zugedeckte Feueresse, in welche man von unten blickt und wie ein Stiefel, den man am falschen Fuße trägt. Kein Mensch hat sich um mich gekümmert; keiner hat auf meine Worte geachtet. Meine Tapferkeit ist dahingestorben und mein Heldenmut ist eingetrocknet wie ein Teerfleck auf dem Ärmel meines Gewandes. Nun aber kommt neue Wonne über mich, und meine Vorzüge und Geschicklichkeiten werden wieder wachsen und in allen herrlichen Farben spielen wie die Blase der Seife, welche unter dem sanften Hauche des Mundes sich vergrößert.«

»Und dann zerplatzt!« fügte ich hinzu, indem ich ihm die Hand reichte und einen Schritt zurücktrat, denn er hatte eigentlich in höchst vertraulicher Weise seine ewig langen Arme um mich schlingen wollen. Ich glaube, sie hätten ausgereicht, sie mir nicht nur einmal, sondern zweimal um den Leib zu wickeln. »Wenn niemand auf dich geachtet hat, so bist jedenfalls nur du selbst schuld daran.«

Dieser lange Mensch war natürlich kein anderer als Selim, mein zweiter Diener, den ich bei dem Reïs Effendina gelassen und nicht mit zu den Fessarah genommen hatte, weil er alles verkehrt zu machen und mich aus einer Fatalität in die andere zu bringen pflegte. Er antwortete auf meine letzten Worte:

»Effendi, da verkennst du mich, wie so oft. Ich habe redlich teil an allen ihren Sorgen und Leiden genommen, bin ihnen in allem als leuchtendes Beispiel vorangegangen und habe ihnen ein Muster gegeben, welches sie freilich während ihres ganzen Lebens nicht erreichen können.«

»Im Essen, ja!« rief einer. »Sonst aber hat er weiter nichts gemacht. Essen, trinken, rauchen, schlafen und prahlen!«

»Schweig!« donnerte ihn der Lange an. »Dein Mund ist eine Quelle, aus welcher ungenießbares Wasser fließt. Effendi, du hättest mich zum Beispiele nur gestern sehen sollen, als wir nach der Dschesireh Hassanieh zogen, um die Sklavenjäger zu fangen! Meine Gestalt ragte über alle empor, und in meinem Herzen brannte die Glut einer Kampfbegierde, welcher kein Mensch widerstehen konnte. Als das die Sklavenjäger sahen, liefen sie auf und davon; wir trafen sie nicht mehr an, und ihr Schiff war fort. Das hat der Emir ganz allein meiner siegreichen Anwesenheit zu verdanken.«

»Fange nicht gleich jetzt beim ersten Zusammentreffen an, schon wieder aufzuschneiden!« warnte ich ihn. »Wir haben andere Dinge zu hören, als das oft gehörte Lob eines Ruhmes, den du gar nicht besitzest.«

»Das ist wahr,« stimmte der Emir bei. »Es müssen wichtige Dinge geschehen sein, daß du nach Hegasi anstatt nach Chartum kommst. Warum finde ich dich in der Gesellschaft eines Steuermannes der Sklavenhändler? Und wo hat du deine Asaker?«

»Sie sind noch zurück und werden dir eine Schar Sklavenjäger von Ibn Asl bringen, die ich gefangen habe.«

»Schon wieder hast du welche ergriffen? Und von In Asl? Effendi, was bist du für ein glücklicher Mann! Ich habe seit dem Wadi el Berd nichts, gar nichts gefangen.«

»So freue dich, denn morgen wirst du, wenn mich nicht alles täuscht, Ibn Asl selbst in deine Hand bekommen.«

»Wirklich, wirklich? Wo befindet er sich?«

»Im Maijeh es Saratin, wie dir dieser Abu en Nil vorhin gesagt hat.«

»Wo liegt der Maijeh?«

»Oberhalb des Dorfes Qaua.«

»Da oben warst du? Wie ist das zu begreifen?«

»O, ich war gestern auch, bevor du kamst, in Hegasi und in der Dschesireh Hassanieh. Ibn Asl hatte mich gefangen genommen.«

»Gefang – –« das Wort blieb ihm im Munde stecken. »Effendi, scherzest du?«

»Nein.«

»Ich vermute dich in der westlichen Steppe, und du bist doch hier und schlägst dich mit Ibn Asl herum, den anzutreffen ich mir alle vergebliche Mühe gegeben habe!«

»Die Sache ist sehr einfach. Ich werde dir erzählen. Gebiete aber deinen Leuten, ruhig zu sein! Es ist für unsere Zwecke besser, wenn hier in Hegasi niemand erfährt, was hier geschieht und was wir beschließen werden, weil Ibn Asl hier Spione hat. Der hiesige Scheik el Beled zum Beispiel ist sein Verbündeter.«

»Kannst du das beweisen?«

»Ja. Er wußte es, daß Ibn Asl dir hier einen Hinterhalt legte; er ist ihm dabei sogar behilflich gewesen, denn er hat einem Sklavenjäger, welcher dir aufpassen sollte, ein Pferd zur Verfügung gestellt, damit deine Ankunft auf das schleunigste gemeldet werden könnte.«

»Das alles weißt du! Ich sterbe vor Begierde, deine Erzählung zu hören. Komme mit in die Kajüte. Diesen alten Steuermann der Sklavenhändler aber wollen wir binden und in das Gefängnis stecken.«

»Nein, Emir! Er ist ein guter und ehrlicher Mann, den ich deinem Wohlwollen empfehle. Ich werde dir auch das erklären. Laß ihn bei Ben Nil, seinem Enkel, und befiehl, daß man beiden zu essen und zu trinken gebe. Wir haben seit gestern nichts genossen.«

»So hast auch du Hunger? Komm, du sollst haben, was dein Herz begehrt!«

Als ich noch dafür gesorgt hatte, daß alle Lichter außer der Mastlaterne ausgelöscht wurden, gingen wir in seine prächtig eingerichtete Kajüte. Aziz, sein Liebling, bediente uns dort. Es wurde aufgetragen, was die Vorräte zu bieten vermochten. Auch einige Flaschen Wein waren dabei, denn der Emir hatte sich von dem Verbote des Rebensaftes emanzipiert. Während des Essens erzählte ich, und es läßt sich denken, daß der Emir Effendina mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörte. Er konnte nicht sitzen bleiben, lief erregt hin und her und unterbrach meinen Bericht oft durch die kräftigsten Ausrufeworte. Ich hatte keine Zeit, so ausführlich zu sein, wie ich es eigentlich gern gewesen wäre. Meine Erzählung hatte nicht mehr als fünf Minuten in Anspruch genommen. Als ich geendet hatte, wollte er ausführlichere Details erfahren; ich aber sagte:

»Nicht jetzt. Die Zeit ist kostbar. Wir, du, ich und Ben Nil, müssen fort, noch ehe es Tag geworden ist.«

»Wohin?«

»Wir steigen in das Boot, auf welchem ich gekommen bin, und fahren eine Strecke den Fluß hinauf. Da werde ich dir alles sagen. Ich habe einen Plan, zu dessen Ausführung es gehört, daß du sofort mit mir gehst. Eigentlich sollten wir niemand mitnehmen; aber da ich und Ben Nil zu ermüdet sind und ich auch von dir nicht verlangen kann, zu rudern, so mögen uns zwei deiner Matrosen begleiten.«

»Nun gut! Du bist außerordentlich geheimnisvoll; da ich aber weiß, daß du nichts ohne gute Gründe thust, so will ich mit dir gehen. Wärst du es nicht, der mich dazu auffordert, so würde ich es nicht thun, sondern glauben, daß man mich auf diese Weise Ibn Asl in die Hände spielen wollte.«

»Vertausche deine glänzende Uniform, wenigstens den Waffenrock, mit einem einfacheren Kleidungsstück. Je weniger man dich bei deiner Rückkehr bemerkt, desto leichter wird unser Plan gelingen.«

Er zog den Rock aus und an dessen Stelle einen dunkeln Burnus an; ich steckte für mich und Ben Nil einige Mundvorräte ein, welche ich vom Tische nahm. Dann brachen wir auf.

Im Osten zeigte sich das erste, fahle Morgenlicht, als wir mit unserm Boote von dem »Falken« abstießen. Zwei Matrosen ruderten. Ich saß neben Ben Nil, der Emir uns gegenüber. Es war leicht erklärlich, daß er sich in einer außerordentlichen Spannung befand. Ich ließ ihn nicht lange warten, sondern lieferte ihm, während wir am linken Nilufer langsam aufwärts glitten, den gewünschten ausführlichen Bericht. Jetzt konnte ich ohne Schaden für meinen Plan alle seine Fragen beantworten, und deren waren so viele und eingehende, daß, als er sich endlich befriedigt fühlte, wir an die Stelle gekommen waren, an welcher die »Eidechse« gehalten hatte. Dort legten wir an, stiegen aus und setzten uns unter einem Baume nieder. Den beiden Matrosen befahl ich, nun zu Lande nach Hegasi zurückzukehren und sich dabei möglichst wenig sehen zu lassen. Sei gingen; der Reïs Effendina aber fragte erstaunt:

»Du wirst immer rätselhafter. Kehren wir denn nicht im Boote zurück?«

»Ich und Ben Nil, ja, du aber nicht.«

»Warum? Soll auch ich laufen?«

»Ja. Den Grund will ich dir nachher mitteilen. Jetzt aber möchte ich zunächst von dir hören, welchen Gedanken du über diese Ereignisse hegst.«

»Zunächst bin ich ganz und gar Erstaunen. Effendi, du bist wirklich ein Mann – –«

»Still davon!« unterbrach ich ihn. »Was du von mir denkst, das ist jetzt Nebensache.«

»Aber wir alle haben dir unser Leben zu verdanken, und da kannst du doch nicht verlangen, daß – –«

»Daß du jetzt wenigstens einstweilen darüber schweigst? ja, das verlange ich allerdings. Die Zeit ist so kostbar, daß wir uns nur mit dem Notwendigsten beschäftigen dürfen. Natürlich hast du die Absicht und auch die Hoffnung, Ibn Asl diesmal ganz gewiß zu ergreifen?«

»Natürlich! Ich schwöre bei Allah, daß ich ihn heute oder morgen – –«

»Schwöre nicht! Der Mensch ist nicht Herr der Ereignisse. Ein kleiner Fehler, ein unbedeutender Zufall kann alles verderben. Auf welche Weise denkst du ihn zu fassen?«

»Auf die allereinfachste: Wir segeln nach dem Maijeh es Saratin und greifen ihn dort an.«

»Er ist gar nicht mehr dort. Ich bin überzeugt, daß er kurz nach unserer Flucht den Maijeh verlassen hat, und zwar aus zwei verschiedenen Gründen. Erstens fühlt er sich dort nicht mehr sicher, weil ich nun dieses Versteck kenne, und zweitens muß er sich beeilen, seinen Vater und seine Untergebenen zu befreien. Er ist hinter uns her nilabwärts gesegelt.«

»So brauchen wir ihm ja nur entgegen zu gehen, um – –«

»Um ihn nicht zu sehen und zu treffen,« fiel ich ein.

»Wir durchsuchen jeden Winkel des Ufers!«

»Ja, und während wir dies thun, marschiert er mit seinen Leuten schon durch die Steppe und unsern Asakern entgegen!«

»So schnell bringt er das nicht fertig!«

»Warum nicht? Er weiß, daß du ihn suchst und daß ich dir jedenfalls entgegen bin, um dich nach dem Maijeh zu bringen. Er hat die Nacht benutzt, diesen Ort zu verlassen und möglichst weit stromabwärts zu kommen. Dort legt er an irgend einer ihm bekannten, sonst aber versteckten Stelle an, läßt einige Mann zur Bewachung des Fahrzeuges zurück und marschiert mit den andern unsern Asakern entgegen.«

»Das leuchtet mir freilich ein. Ich muß mit meinen Leuten schnell aufbrechen, um die Karawane zu beschützen. Du begleitest uns natürlich.«

»Ich bleibe nicht, sondern ich reite der Karawane mit Ben Nil entgegen, während du Ibn Asl einen Hinterhalt legst.«

»Warum wollen wir ihr denn nicht gleich zusammen entgegen gehen?«

»Weil wir in diesem Fall Ihn Asl nicht bekommen würden. Er befindet sich mit seinen Leuten oberhalb von uns; wir haben also einen Vorsprung; er kommt hintendrein und findet unsere Spur, wird dadurch aufmerksam gemacht und – bleibt zurück.«

»Aber wenn er seinen Vater retten will, muß er uns doch folgen und uns angreifen!«

»Fällt ihm nicht ein! Seine eigene Sicherheit ist ihm wertvoller als das Leben seines Vaters und als dasjenige aller seiner Leute. Das habe ich erfahren und dir erzählt. Ja, vielleicht ließe er uns durch seine Sklavenjäger angreifen, aber daß er selbst uns nicht in die Hände fallen könne, dafür würde er gewiß Sorge tragen. Oder, was noch viel wahrscheinlicher ist, würde er sich auf irgend eine List verlegen, die uns allen sehr gefährlich werden dürfte, da wir von derselben keine Ahnung haben können.«

»Also sollen nicht wir voranziehen? Soll ich etwa ihn voran lassen? Dann überfällt er unsere Karawane und ich komme zu spät.«

»Für die Karawane wäre in diesem Falle wenig oder nichts zu befürchten, da ich ja bei derselben sein würde. Er könnte sie also nicht, wie er die Absicht hat, überrumpeln. Aber ich beabsichtige etwas ganz anderes. Ich habe schon sehr oft durch List sehr leicht und sehr vollständig erreicht, was mir bei Anwendung aller Gewalt nicht gelungen wäre. Du selbst hast Beispiele davon erlebt. Mit einer solchen List werde ich, wenn du es erlaubst, Ibn Asl zu fassen suchen, und wenn dabei kein Fehler unterläuft, so bin ich des Gelingens vollkommen sicher.«

»Was willst du thun?«

»Ihm ein Fußeisen legen, in welchem er sich fangen wird. Es erleichtert den Sieg ganz bedeutend, wenn man den Kampfplatz genau kennt. Versteht es ein Feldherr, den Feind nach dem Platze zu locken, wo schon alles zum Empfange des Gegners vorbereitet ist, so ist ihm der Sieg selbst bei ungleichen Kräften beinahe sicher. Ziehst du hinaus in die offene Steppe, so weißt du nicht, wo du Ibn Asl treffen wirst und unter welchen Umständen der Kampf erfolgen wird. Um das zu vermeiden, wollen wir einen Ort bestimmen, an welchem wir auf ihn warten werden.«

»Aber ob er kommen wird!«

»Er kommt. Dafür laß nur mich sorgen.«

»Hast du einen bestimmten Ort im Sinne?«

»Ja, einen sehr passenden. Er muß natürlich so nahe wie möglich derjenigen Richtung liegen, aus welcher unsere Karawane kommen wird und in welche also Ibn Asl zu ziehen hat. Der Dschebel Arasch Qol ist der geeignetste Ort für meinen Plan. Warst du oft dort?«

»Fünfmal. Ich habe damals die ganze Umgebung durchstrichen.«

»Das ist mir lieb, denn dann brauche ich dich wahrscheinlich nicht heimlich hinzubegleiten, um dir die Örtlichkeiten, welche ich im Auge habe, zu zeigen. Es giebt zwei Maijehs dort, zwei Sümpfe, welche durch einen Wasserarm mit dem Nile in Verbindung stehen. Der nördlichere ist größer und weit länger als der südliche. Kennst du sie?«

»Ja. Der große Maijeh wird Maijeh el Humma genannt; den Namen des kleineren kenne ich nicht.«

»Diesen Sumpf des Fiebers meine ich. Er zieht sich lang und schmal hart am Fuße des Berges hin. Man muß über vier Stunden gehen, um von einem Ende an das andere zu gelangen. Ungefähr in der Mitte seiner Länge tritt ein Busen vor, weit in den Berg hinein. Er ist sehr tief, mit trügerischem Omm Sufah bedeckt und an seinem Rande mit hohen, dicht belaubten Gafulbäumen bewachsen, welche mir außerordentlich in die Augen fielen, weil keine Art des Gaful sonst eine solche Höhe zu erreichen pflegt.«

»Ich kenne sie. Ihr außerordentlich lieblicher Duft erfüllt die ganze Gegend und macht den Gestank des Sumpfes weniger empfindlich. Ein Fußgänger kann da wohl bequem vorüberkommen; ein Kamelreiter aber muß sich sehr in acht nehmen. Der Felsen ist tief eingebuchtet und steigt fast senkrecht himmelan. Diese Bucht ist von dem Busen des Maijeh angefüllt; zwischen dem Wasser und dem Felsen gibt es einen nur sehr schmalen Streifen Weges, auf welchem große Steinstücke zerstreut liegen, die von oben herabgefallen sind und besonders den Kamelen das Gehen erschweren. Dieser Weg rund um den Busen des Maijeh hat schon vielen Menschen Unheil gebracht und wird darum Darb el Musibi genannt.«

»Ganz richtig. Und er soll für Ibn Asl so ein richtiger, echter Unglücksweg werden.«

»Wie willst du den Mann dorthin locken?«

»Daß ich ihn sicher hinlocken werde, weiß ich ganz genau; die Art kenne ich selbst noch nicht; der Augenblick wird sie ergeben. Der Unglücksweg liegt am westlichen Ufer; kennst du auch das östliche Ufer des Maijeh?«

»Ebenso genau.«

»So kennst du wohl den dichten Hegelikwald, welcher am südlichen Ende desselben steht?«

»Ja. Dieser Wald ist beinahe undurchdringlich, da der Raum zwischen den Stämmen der Bäume fast ganz mit Nabak-Büschen ausgefüllt ist.«

»Er soll euch zum Verstecke dienen.«

»Uns? Sollen wir etwa Ibn Asl dort erwarten?«

»Ja. Jetzt kommt die Hauptsache für dich, Emir. Merke sie dir wohl! Du fährst, wenn du nach Hegasi zurückkommst, sogleich von dort ab, suchst aber vorher den Scheik el Beled zu sprechen.«

»Diesen Hund, diesen Verräter, den ich streng bestrafen werde!«

»Das wirst du später thun. Heute aber wirst du noch sehr freundlich mit ihm sein und dir den Anschein geben, als ob er dein vollstes Vertrauen besitze. Du sagst ihm, daß du hier an der Hassanieh Sklavenhändler gesucht aber nicht gefunden habest, du seist jedenfalls von Ibn Asl irre geführt worden; dieser befindet sich sehr wahrscheinlich in Chartum, und du kehrest schnell dorthin zurück, um nach ihm zu forschen und ihn zu bestrafen.«

»Warum soll ich dies gerade dem Scheik el Beled sagen?«

»Weil er in meinem Plane eine bedeutende Rolle spielt. Er soll Ibn Asl das Fußeisen legen, ohne selbst eine Ahnung davon zu haben. Er ist sein Verbündeter, und Ibn Asl kommt jetzt ganz gewiß entweder selbst, natürlich heimlich, zu ihm oder schickt ihm einen Boten, um sich zu erkundigen, wo du bist oder wie die Verhältnisse stehen. Der Scheik sagt ihm oder läßt ihm sagen, daß du zurück nach Chartum bist, und so wird Ibn Asl sich vor dir ganz sicher fühlen.«

»Auch vor dir?«

»Ja, denn auch ich werde mit dem Scheik sprechen. Du kehrst jetzt zu Fuß nach Hegasi zurück und lässest dich unterwegs wo möglich von niemand sehen. Damit man dich nicht von weitem erkenne, bat ich dich, deinen Waffenrock umzutauschen. Wenn du von dort fort bist, komme ich mit Ben Nil angesegelt –«

»Wie willst du wissen, daß ich fort bin?«

»Das laß meine Sorge sein! Ich werde schon Ausguck halten. Also dann komme ich mit Ben Nil angesegelt und suche den Scheik el Beled auf. Ich thue so, als ob ich soeben erst vom Maijeh komme, und erzähle ihm, was da oben und vorher an der Dschesireh Hassanieh geschehen ist.«

»Sagst du ihm da, wer du wirklich bist?«

»Natürlich! Er wird es ja doch dann von Ibn Asl erfahren. Hätte ich ihn in Beziehung auf meinen Namen belogen, so würde er auch das, was ich ihm außerdem sage, nicht glauben, und mein Plan käme in Gefahr, zu verunglücken. Ich werde ihm das größte Vertrauen zeigen. Als Scheik el Beled ist er eine obrigkeitliche Person, deren Hilfe ich scheinbar in Anspruch nehmen werde. ich übergebe ihm das Boot zur Aufbewahrung und sage ihm, daß du es später abholen werdest.«

»Du kommst nur mit Ben Nil nach Hegasi; er aber wird erfahren, daß Abu en Nil auch dabei gewesen ist. Wie willst du das Fehlen dieses letzteren erklären?«

»O, der ist, als er während unserer Flucht in das Boot klettern wollte, in das Wasser gefallen und, falls Ibn Asl ihn nicht wieder erwischt hat, von den Krokodilen gefressen worden.«

»Warum lässest du ihn bei mir? Du könntest ihn doch mitnehmen?«

»Nein; es fehlt mir an einem Reittiere. Du weißt ja, daß ich nur zwei Kamele in Hegasi stehen habe.«

»Wohin sagst du, daß du reiten wolltest?«

»Meiner Karawane wieder entgegen. Ich habe dieselbe verlassen, um dich zu warnen. Jetzt höre ich, daß du gerettet bist, und kann sie also wieder aufsuchen. Das ist ein Coup, welcher sicher von Erfolg sein wird. Ibn Asl wird unendlich ergrimmt darüber sein, daß ich ihm entkommen bin; er zieht unserer Karawane entgegen, um unsere Gefangenen zu befreien; wenn er nun hört, daß ich wieder bei derselben bin, wird er darüber ganz entzückt sein, denn dies giebt ihm die Hoffnung, mich abermals ergreifen zu können. Er wird dann also erst recht entschlossen sein, uns anzugreifen, und uns mit doppelter Sicherheit in die Falle gehen.“

»Du weißt aber noch nicht, wie du es anfangen wirst, ihn in die Falle zu locken.«

»Bis soeben wußte ich es noch nicht; nun aber ist mir ein Gedanke gekommen. Ich mache dem Scheik el Beled eine Bemerkung, auf welche hin Ibn Asl den Dschebel Arasch Qol ganz gewiß aufsuchen wird. Ich erzähle im folgendes: Ich habe das Leben meiner Gefangenen geschont, obgleich diese Halunken den Tod schon mehrfach verdient haben. Nach dem aber, was jetzt geschehen ist, kann ich nicht länger Milde walten lassen. Solches Ungeziefer muß ohne Erbarmen ausgerottet werden. Man hat mich zu Tode martern wollen; nun wohl, jeder Untergebene von Ibn Asl, der in meine Hände fällt, muß sterben, vor allen Dingen zunächst die Gefangenen, denen ich entgegen reite. Ich werde sie nach dem Dschebel Arasch Qol führen, um sie dort in den Maijeh el Humma werfen zu lassen. Wenn In Asl dies hört, wird er sich sofort dorthin wenden, um auf uns zu warten und sie zu retten. Meinst du nicht auch?«

»Ja, gewiß! Ich denke, daß diese Berechnung dich nicht trügen wird. Aber wie willst du ihn verleiten, dort eine Stellung einzunehmen, welche uns den Sieg sichert?«

»Das wird der Augenblick ergeben. Er ist eher dort als ich und wird die Örtlichkeit, falls er sie noch nicht kennen sollte, sehr sorgfältig in Augenschein nehmen. Hat er nur einigermaßen offene Augen, so wird er auf den Gedanken kommen, mir ganz dieselbe Falle zu stellen, in welcher ich ihn fangen will, das heißt, mich von hinten und von vorn anzugreifen, während ich mich auf dem engen Pfade zwischen dem Felsen und dem Wasser befinde. Glückt ihm dies, so bin ich seiner Ansicht nach verloren.«

»Und wirst du in diese Falle gehen?«

»Vielleicht ja, natürlich aber nur, um ihn mit hinein zu ziehen und drin zu verderben. Du fährst von Hegasi ab, hältst in gleicher Breite mit dem Dschebel Arasch Qol an, versteckst dein Schiff und lässest es unter der Bewachung nur weniger Leute zurück. Mit den übrigen Matrosen und Asakern marschierst du nach dem Maijeh el Humma, um dich am Südende desselben in dem erwähnten Hegelikwalde zu verstecken. Dort erwartest du, natürlich ohne dich sehen zu lassen, Ibn Asls Ankunft und auch die meinige. Es ist möglich, daß ich, bevor der Schlag ausgeführt wird, dich dort aufsuche, um dir noch nähere Mitteilungen zu machen. Sollte dies aber nicht der Fall sein, sollte ich nicht kommen, so ist das, was du zu thun hast, außerordentlich einfach. So bald du schießen hörst, kannst du annehmen, daß ich, von Norden kommend, mich ‚ auf dem engen Kampfplatze befinde und von Süden her von Ibn Asl angegriffen werde; natürlich befindet sich dieser mit seinen Leuten auf demselben engen Raume. Du brichst schnell aus dem Walde hervor, um ihm in den Rücken zu kommen. Gelingt das, so steckt er zwischen dir und mir fest, kann nicht ausweichen und muß entweder sich ergeben oder sich in den Maijeh drängen lassen, wo er unter der trügerischen Omm Sufah-Decke ein unerbittliches Grab finden wird.«

»Effendi, dieser Plan ist gut, ist ausgezeichnet! Dennoch aber habe ich ein sehr großes Bedenken; du hast nur zwanzig Mann bei dir!«

»Brauche ich mehr Leute, so hole ich sie mir von dir.«

»Wenn du Zeit dazu findest!«

»Mag sein! Dieses Bedenken ist allerdings nicht ganz unbegründet.«

»Das zweite auch! Ihr habt die Gefangenen zu bewachen. Wie viele Männer bleiben dir da zum Kampfe übrig? Und es ist sehr wahrscheinlich, daß Ibn Asl dich nicht nur von Süden her angreift, sondern dir im Norden der verhängnisvollen Stelle einen Hinterhalt legt. Du willst ihn zwischen zwei Feuern haben; er wird betreffs deiner ganz dasselbe beabsichtigen.«

»Davon bin ich schon, bevor du mir dies mitteiltest, überzeugt gewesen. Einen Hinterhalt wird er mir natürlich legen, zumal er mehr als ausreichend Zeit dazu hat; aber da ich dies weiß, liegt in diesem Umstande gar keine Gefahr für mich. Weiß man, daß an einer gewissen Stelle eine Mine liegt, so geht man entweder nicht hin oder sorgt dafür, daß sie vorzeitig zur Explosion gelangt. Dann kann sie keinen Schaden machen. Da ich aber allerdings viel weniger Leute als du bei mir habe und von diesen die Gefangenen zu bewachen sind, so kannst du mir ja zwanzig Mann zu Hilfe senden.«

»Und wohin schicke ich sie, damit sie dich auch sicher treffen?«

»Die Leute dürfen vom Feinde nicht gesehen, müssen aber von mir leicht gefunden werden können. Mit ist eine Stelle bekannt, welche sich außerordentlich gut für unsern Zweck eignen würde. Ich habe einst an derselben gelagert. Das war an der Nordseite des Dschebel Arasch Qol. Es führt ein sehr schmales, trockenes Regenbett in den Berg hinein. Ist man fünf Minuten lang aufwärts gegangen, so erweitert sich dieses Bett zu einem kleinen Kessel, welcher mit dichten Büschen angefüllt ist.«

»Das ist ein Kittr-Gesträuch.«

»Ah, du kennst den Ort?«

»Ja. Ich bin einmal diesem Regenbette gefolgt, weil ich nach Trinkwasser suchte.«

»Es giebt keines dort, da der Regen sofort ab- und in den Maijeh fließt. Was von dem Wasser in dem Kessel zurückbleibt, wird schnell faulig und ungenießbar und dient nur zur Erhaltung der Kittrsträucher. Es ist mir sehr lieb, daß du das Regenbett kennst, da auf diese Weise ein Versehen ausgeschlossen ist. Sende mir die zwanzig Mann dorthin!«

»Wann sollen sie dort sein?«

»Es ist nicht gut, wenn sie sehr lange vor meiner Ankunft dort eintreffen. In diesem Falle könnten sie von Ibn Asl leicht entdeckt werden. Stimmt meine Berechnung, so stoße ich schon heute auf unsere Karawane – –

»Das ist unmöglich, denn sie hat fünf Tagereisen zu machen, und heute ist erst der dritte Tag.«

»Bedenke, daß dieser Oram entflohen ist, welcher gestern abend Ibn Asl das Geschehene meldete. Unsere Asaker müssen sich sagen, daß er jedenfalls. zu Ibn Asl ist; infolgedessen werden sie sich beeilen und wohl nur vier Tage brauchen, anstatt fünf. Heute abend sind sie also eine Tagereise weit von hier, und da ich bis dahin wenigstens auch einen vollen Tagesritt zurücklege, werde ich sie sehr wahrscheinlich in dieser Entfernung von hier und um diese Zeit treffen. Morgen früh brechen wir dann nach dem Dschebel Arasch Qol auf, doch reite ich nicht ganz bis zu ihm, sondern mache Nachtlager, ehe wir ihn erreichen. Ich will den Überfall natürlich nicht des Nachts haben, sondern ihn für übermorgen früh aufsparen. Vielleicht suche ich dich während der Nacht auf. Jedenfalls aber kannst du, wenn ich bis eine Stunde nach Mitternacht nicht bei dir bin, die zwanzig Mann absenden. Sie können um den Maijeh marschieren und sich in dem Kessel des Regenbettes verstecken, wo ich sie dann treffen werde. Ich lasse, wenn ich ankomme, dreimal das tiefe Gelächter einer Hyäne hören. Dies wiederhole ich, indem ich am Waldesrande hinschreite. Der Posten, welcher dies zuerst hört, kann zu mir kommen, um mich zu dir zu führen. jetzt bin ich mit meiner Unterweisung zu Ende.«

»So will ich jetzt nach Hegasi aufbrechen. Vorher aber, Effendi, muß ich dir danken für das, was – –«

»Jetzt nichts davon, Emir! Willst du mir über deine Rettung je eine lange Rede halten, so habe ich nichts dawider, aber ich bitte dich, dies später zu thun. Jetzt haben wir keine Zeit dazu.«

»Nun wohl, ich gehe, doch wird die Rede, von welcher du sprichst, dir keinesfalls erspart bleiben. Ich will hoffen, daß unser nächstes Wiedersehen ein fröhliches und siegreiches sein möge!«

Er gab mir und Ben Nil die Hand und ging. Wir warteten, bis wir annehmen konnten, daß er in Hegasi angekommen sei; dann stiegen wir in das Boot und ruderten uns zum gegenüberliegenden Ufer. Dort wurde das Boot im Schilfe versteckt, und wir gingen soweit abwärts, bis wir Hegasi drüben liegen sahen.

Wir hielten uns so, daß wir von dort aus nicht gesehen werden konnten. Der »Falke« lag noch an der Mischrah; aber als wir ungefähr eine halbe Stunde gewartet hatten, wurden die Segel aufgezogen, er steuerte hinaus auf die Höhe des Flusses und richtete den Bug nach Norden. Wir kehrten nach unserem Boote zurück, warteten noch eine Viertelstunde und ruderten uns dann nach der Mitte des Niles. Dort richteten wir den Mast auf und öffneten das Segel. Der Wind war nicht günstig; wir lavierten also langsam auf Hegasi zu.

Ben Nil war Zeuge unsers Gespräches gewesen, und so waren für ihn, da er alles gehört hatte, nicht noch erst besondere Verhaltungsmaßregeln nötig. Er brannte, ganz ebenso wie ich, vor Verlangen, die Scharte, welche man uns gestern geschlagen hatte, auszuwetzen. Die Hauptsache war jetzt, daß wir den Scheik el Beled daheim trafen. In dieser Beziehung konnten wir es nicht besser treffen, denn als wir uns der Mischrah näherten, sahen wir ihn unten am Wasser stehen und neugierig nach uns ausschauen. Wir ließen das Segel fallen, brachten uns mit einigen Ruderschlägen an das Ufer, stiegen aus und befestigten das Boot. Er kam sogleich auf uns zu und sagte im freundlichsten Tone:

»Sallam aaleikum! Wie kommt es, daß ihr zurückkehrt? Ich glaubte, ihr wolltet mit der ›Eidechse‹ nach Faschodah fahren. Eure Kamele konntet ihr ja später bei der Rückkehr mitnehmen.«

»Ich danke! Nach Faschodah hat man von hier aus fast zehn Tage zu fahren. Eine so lange Abwesenheit konnten wir nicht beabsichtigen. Beinahe aber wären wir zu einer solchen, ja zu einer noch viel längeren gezwungen worden.«

»Wieso?«

Er gab sich Mühe, ein möglichst unbefangenes Gesicht zu zeigen, konnte aber die außerordentliche Spannung, in welcher er sich befand, nicht ganz beherrschen.

»Ich werde es dir sagen,« antwortete ich. »Aber komm mit uns ein wenig auf die Seite! Es ist sehr Wichtiges geschehen, was wir nur dir allein erzählen möchten.«

»Du erfüllst meine Seele mit Wißbegierde, Herr,« meinte er, indem er uns seitwärts folgte. »Was kann hier in diesem kleinen Hegasi so sehr Wichtiges geschehen!«

»Du wirst dich wundern, wenn du es hörst. Kanntest du den Mann, welchem du die Pferde borgtest?«

»Näher nicht. Er sagte, daß er zur &Eidechse< gehöre, weiche an der Dschesireh Hassanieh lag.«

»weiß du, was das für ein Schiff ist?«

»Ein Handelsschiff aus Berber, sagte mir der Mann.«

»Hast du ihn nicht gefragt, wie der Besitzer desselben heißt?«

»Warum sollte ich fragen? Was ging mich das Schiff an? Ich bin weder Kapitän noch Wächter eines Hafens. Warum sollte ich mein Gedächtnis mit den Namen aller hier vorüberkommenden Schiffe und ihrer Herren belästigen?«

»Du hat recht. Aber ich bedaure, daß du dies nicht thust, denn du hättest uns jedenfalls gewarnt und wir wären nicht in die Gefahr gekommen, unser Leben zu verlieren.«

»Euer Leben?« fragte er, indem er sich sehr erschrocken stellte. »Allah’l Allah! Habt ich euch in einer solchen Gefahr befunden?«

»Allerdings, denn wisse, daß diese ›Eidechse‹ das Schiff des größten Verbrechers und Sklavenräubers ist, den es nur geben kann. Kannst du dir denken, wen ich meine?«

»Ich weiß nicht, ob ich es zu erraten vermag. Für den schlimmsten aller Sklavenräuber halte ich Ibn Asl, den Allah verdammen möge; aber dieser kann es doch nicht wagen, sich hier sehen zu lassen!«

»Er hat es gewagt.«

»Wirklich, wirklich? Allah! Hätte ich das gewußt, so hätte ich alle Männer und Jünglinge von Hegasi aufgeboten, ihn zu ergreifen und dem Reïs Effendina auszuliefern.«

»Kennst du den Reh des Vizekönigs?«

»Natürlich kenne ich ihn. Es ist kaum eine Stunde her, daß ich mit ihm gesprochen habe.«

»So war er da?« fragte ich, indem ich mich überrascht stellte.

»Heute, hier! Gestern ist er an der Hassanieh gewesen.«

»Als wir schon fort waren! Allah sei Lob und Preis gesagt! So ist es mir also gelungen, ihn zu retten! Ich glaubte nicht, daß er so unvorsichtig sein werde, zu kommen. Man wollte ihn in das Verderben locken.«

»Herr, du erschreckst meine Adern und meine Gebeine! Das Blut will mir erstarren! Den Reïs Effendina, dem Allah tausend Gnaden erweisen möge, in das Verderben locken! Wer denn, wer?«

»Ibn Asl.«

»Ist’s möglich? Die Zunge will mir den Dienst versagen! Erzähle doch, Herr, erzähle!«

»So will ich dich vorher fragen, ob du mich vielleicht kennst?«

»Nein. Ich habe dich noch nie gesehen und weiß auch nicht, wie du heißest.«

»Ich bin ein Effendi aus dem Lande der Christen und ein Freund des Reïs Effendina, welchen ich – –«

»Allah, Allah, Allah!« unterbrach er mich im Tone unbeherrschten Erstaunens oder vielmehr Erschreckens. »So bist du also der fremde Effendi, welcher schon so viele Sklaven befreit hat und – –«

Er hielt inne. Er erkannte, daß er zu weit gegangen sei und zu viel gesagt habe, denn er durfte doch eigentlich gar nichts von mir wissen. Ich that, als ob ich dies gar nicht bemerkte, und sagte:

»So hast du also schon von mir gehört? Das freut mich, denn nun brauche ich dir keine so lange Rede zu halten, wie es sonst wohl nötig gewesen wäre. Du weißt also, daß ich dem Emir ein wenig behilflich bin, seine Aufgabe zu erfüllen?«

»Ein wenig nur? Effendi, ich weiß, daß du erreicht hast, was der Emir nicht fertig gebracht hätte.«

»Nun, dann kannst du dir denken, daß Ibn Asl eine große Rache gegen mich hat.«

»Eine außerordentliche! Ich glaube, er haßt dich noch weit mehr, als den Reïs Effendina selbst.«

»Das ist wahr; ich habe es einige Male erfahren und gestern wieder. Ich muß es dir erzählen.«

Ich berichtete ihm von den früheren Ereignissen soviel, wie ich für nötig hielt, das gestrige Erlebnis aber auf das ausführlichste. Nur, daß ich den Emir getroffen hatte, das erwähnte ich natürlich nicht. Er spielte sich als den Ahnungslosen und also außerordentlich Erstaunten auf und rief, als ich geendet hatte, aus:

»O Allah, o Prophet der Propheten! Sollte man solche Dinge für möglich halten! Effendi, du bist ein Christ; aber Allah muß dir trotzdem unendlich gewogen sein, sonst wäre es dir nicht gelungen, den Händen dieser blutdürstigen Hyänen zu entschlüpfen! Aber wo ist denn dieser Abu en Nil? Du hast ihn nicht mit, und doch sagst du, daß er mit auf dem Deck gestanden habe.«

»Er ist beim Hinabklettern in den Nil gestürzt. Wir konnten uns nicht um ihn kümmern. Wenn die Schurken ihn nicht herausgefischt haben, so ist er von den Krokodilen gefressen worden.«

»Welch ein Unglück! Und ihr seid jetzt eben erst hier angekommen?«

»Ja. Wir wären früher da gewesen, wenn wir nicht die Zeit damit versäumt hätten, daß wir den Reïs Effendina suchten. Wir glaubten natürlich, daß er die ›Eidechse‹ verfolgen werde.«

»Verfolgen? Warum hätte er auf diesen Gedanken kommen können? Er hat die ›Eidechse‹ gar nicht im Verdachte gehabt. Er glaubt, daß er in Chartum von Ibn Asl geäfft worden ist. Dieser hat ihn durch eine falsche Nachricht von dort fortgelockt, höchst wahrscheinlich um Zeit und Raum zu einem guten Geschäft zu gewinnen.«

»Wer sagte dir das?«

»Der Emir selbst.«

»Wo ist er jetzt?«

»Nach Chartum zurück.«

»Das ist mir höchst unlieb. Er hätte das Boot hier, welches ich erbeutet habe, mitnehmen können. Was thue ich mit demselben?«

»Es fragt sich, was du überhaupt zu thun entschlossen bist. Wenn du nach Chartum willst, so kannst du das nächste Schiff, welches dorthin geht, besteigen und das Boot hinten anhängen.«

»Das geht nicht. Nach Chartum kann ich nicht. Du vergissest, daß meine Asaker mit den Gefangenen nach hier unterwegs sind. Ihnen will ich entgegen.«

»So kannst du das Boot hier lassen. Ich will es nach Chartum senden. Ich hoffe, daß du mich für den Mann hältst, dem du es anvertrauen kannst!«

»Was das betrifft, so habe ich keine Bedenken. Du bist die Obrigkeit, der Gebieter von Hegasi. Ich würde dir gern ein Vermögen von vielen Tausenden anvertrauen. Ich will es dir also übergeben. Aber du brauchst es nicht nach Chartum zu senden. Laß es liegen, bis der Reïs Effendina wiederkommt; da wird er es mitnehmen.«

»Kommt er bald wieder?«

»Das weiß ich nicht. Er hat nicht davon gesprochen. Er hätte wohl alle Ursache dazu. Er könnte Ibn Asl verfolgen, der jedenfalls nun unterwegs nach Faschodah und noch weiter hinauf ist. Der macht jedenfalls schleunigst, daß er uns aus den Augen kommt. Er wird wohl hinauf nach dem Bahr ed Dschebel oder dem Bahr es Seraf gehen, um Sklaven zu fangen. Es wäre zu langweilig und zu beschwerlich, ihm zu folgen; aber wenn er zurückkehrt, werden wir ihm auflauern, ihm die geraubten Sklaven abnehmen und die Schlußrechnung mit ihm halten. Dann soll es ihm genau so ergehen, wie es jetzt seinem Vater Abd Asl ergehen wird!«

»Wie? Was steht denn diesem bevor?«

»Der Tod. Ich hätte die Schufte alle sofort niederschießen lassen sollen, ganz so, wie der Emir es im Wadi el Berd mit ihren Genossen gethan hat. Ich war zu gütig; ich schonte sie und wollte sie ihm allerdings ausliefern. Aber ich bin anderer Meinung geworden und habe vom Reïs Effendina Gewalt über Leben und Tod.«

»Hat er dir solche Vollmachten geben dürfen, die sonst nur vom Khedive zu erlangen sind?«

»Ja. Er hat von dem Khedive die Erlaubnis erhalten, seine Rechte, wenn er es für nötig hält, für einige Zeit an andere abzutreten. Nur auf diese Weise werden Zeitverluste und sonstige Weiterungen vermieden; nur dadurch wird der Zweck erreicht, den Sklavenräubern ein schnelles Ende mit Schrecken zu bereiten. Ich habe von diesem überkommenen Rechte noch nicht Gebrauch gemacht und werde es nun zum erstenmale thun.«

»Du handelst richtig und bist nur zu loben, daß du es thust, aber bedenke auch die Verantwortung, welche du dann zu tragen hast!«

»Pah! Verantwortlich bin ich auch für alle Schandthaten, welche von diesen Kerls noch begangen würden, falls ich sie entkommen ließe. Hast du vielleicht Mitleid mit ihnen?«

»Effendi, welche Frage! je schneller sie ausgerottet werden, desto mehr werde ich mich darüber freuen. Ich wollte, ich könnte euch dazu behilflich sein!«

»Das kannst du leider nicht. Bedenke, was diese Menschen sich vorgenommen hatten! Sie wollten meine Asaker erschießen und mich langsam totmartern. Ich habe sie trotzdem geschont. Nun aber, da ich nur mit großer Not dem qualvollsten Tode entgangen bin, wäre ich geradezu ein Selbstmörder, wenn ich nicht die äußerste Strenge und Rücksichtslosigkeit walten ließe.«

»Willst du vielleicht hier in Hegasi Gericht über sie halten?«

»Nein; sie werden Hegasi gar nicht zu sehen bekommen.«

»Wo? Effendi, halte es nicht für eine gewöhnliche Neugierde, daß ich dich frage. Meine Seele ist so entrüstet über die Thaten dieser Verbrecher, daß ich zu gern genau wissen möchte, ob die Strafe sie auch wirklich ereilt.«

»Ich erkenne deine Gerechtigkeitsliebe an und habe keinen Grund, dir aus dem, was ich beabsichtige, ein Geheimnis zu machen. Kennst du den Dschebel Arasch Qol?«

»Wie sollte ich diesen nicht kennen! Ich bin schon sehr viele Male dort gewesen.«

»Auch den Maijeh el Humma, an welchem er liegt?«

»Auch diesen.«

»Hat der Maijeh viele Krokodile?«

»Unzählige! Ganz besonders wimmelt der Busen, weicher sich tief in den Berg hineindrängt, von ihnen.«

»Nicht wahr, um diesen Busen führt ein nur sehr schmaler Weg?«

»Ja. Auf der einen Seite steigen die Wände des Berges gerade in die Höhe, und auf der andern breitet sich auf dem Wasser schwimmende Omm Sufah aus, unter weicher die Krokodile in Massen wohnen. Der Weg ist wegen der Felsbrocken, welche auf ihm liegen, für Kamele kaum gangbar. Wer da nicht herunter- und den Krokodilen in den Rachen fallen will, muß absteigen und sein Tier langsam und vorsichtig hinter sich herführen.«

»Das weiß ich. Es giebt keinen Ort, der besser für meine Absicht paßt, als dieser Busen des Fiebersumpfes.«

Der Scheik el Beled erschrak; das war ihm anzusehen.

»Dort, also dort willst du deine Rache halten? O, Effendi, das wird ja entsetzlich, fürchterlich sein!«

»Jeder erntet, was und wie er gesäet hat. Und gar so entsetzlich, wie du meinst, ist es nicht. Mir sollten die Nägel von den Fingern gerissen werden; dann wollte man jedes Glied meines Körpers einzeln, nach und nach abschneiden; ich aber will diese Leute einfach in die Omm Sufah werfen, wo sie in wenigen Augenblicken von den Krokodilen verschlungen werden. Welcher ist fürchterlicher, ihr Tod oder derjenige, den ich sterben sollte?«

»Der deinige, Effendi. Aber wann wird das geschehen, Effendi?«

»Übermorgen früh, eine Stunde nach dem Gebete der Morgenröte werden wir den Dschebel Arasch Qol und den Maijeh des Fiebers erreichen.«

»Und das ist die Todesstunde dieser Männer?«

»Ja.«

»Wann brichst du von hier auf, Effendi?«

»Jetzt. Ich werde mir meine Kamele holen.«

Er begleitete mich zu dem Manne, bei welchem ich die Tiere untergestellt hatte und von dem ich sie gegen ganz geringe Futterkosten zurück bekam. Wir führten sie hinab zur Mischrah, um sie zu tränken, und dann wieder hinauf zur Höhe, wo sie gesattelt wurden. Eben stand ich im Begriff, den Sattelgurt festzuschnallen, da rief mir Ben Nil zu: »Effendi, schau dorthin!«

Er deutete hinaus auf die Steppe, über welche ein Kamelreiter geritten kam. Er war noch ziemlich weit entfernt, und doch erkannte ich ihn auf den ersten Blick. Es war Oram, der meinen Asakern entkommen war und Ibn Asl die Botschaft gebracht hatte. Ben Nil hatte ihn auch erkannt, denn er hob den Finger empor und meinte:

»Aufpassen, Effendi!«

Der Scheik el Beled stand dabei und hatte es gehört. Darum antwortete ich im gleichgültigsten Tone:

»Aufpassen? Wozu? Seit du mitgefangen gewesen bist, witterst du überall Gefahr. Dieser Reiter ist ein Reisender. Was weiter? Steig auf; wir müssen fort!«

Er gehorchte, warf mir aber dabei einen sehr erstaunten Blick zu. Ich reichte dem Scheik die Hand und verabschiedete mich von ihm. Er verneigte sich und sagte:

»Allah jihfazak – Gott bewahre dich! Werde ich dich nach dem Gericht am Maijeh wiedersehen?«

»Wahrscheinlich. Unser Wiedersehen bringe dir tausend Segen!«

Wir ritten fort in westlicher Richtung, während Oram, der erwähnte Reiter, von Süden gekommen war. Als er uns erblickt hatte, hatte er sein Tier angehalten und dann gar gewendet, um sich wieder zu entfernen. Jetzt wendete er sich im Sattel um und blickte zurück; er sah, daß wir fortritten und blieb halten. Nach einer Weile schien er sich sicher zu fühlen, denn er trieb sein Tier wieder dem Dorfe zu.

»Ich begreife dich nicht, Effendi!« meinte Ben Nil. »Der Reiter war doch Oram, der von In Asl kommt?«

»Natürlich!«

»Und du hast nicht gewartet, hast ihn nicht ergriffen!«

»Bedenke doch: alles, was ich dem Scheik gesagt habe, soll Ibn Asl erfahren; er wird es durch diesen Oram erfahren, und ich habe also alle Ursache, mich darüber, daß er gekommen ist, zu freuen. Statt dessen aber war es jedenfalls deine Ansicht, daß er festgenommen werden solle. Er wird nun von dem Scheik alles erfahren und Ibn Asl davon benachrichtigen; dieser marschiert dann ganz gewiß nach dem Dschebel Arasch Qol und geht uns in die Falle.«

»Allah gebe es! Hoffentlich verfehlen wir unsere Asaker nicht!«

»Davon kann keine Rede sein. Siehst du den dunklen Strich, der da im Grase vor uns herläuft?«

»Ja. Es ist eine Spur; aber weißt du, was für eine?«

»Es ist Orams Fährte. Er ist jedenfalls auf der unserigen geritten, welche, da er nur wenige Stunden hinter uns ritt, noch ganz frisch gewesen ist. Unsere Asaker sind ihm dann gefolgt, indem sie sich auf unserer und seiner Spur hielten. Wenn wir nun auf dieser letzteren zurückreiten, müssen wir mit unsern Gefährten zusammenstoßen. Laß dein Tier ausgreifen! je eher wir sie treffen, desto besser ist es.«

Unsere Kamele hatten ausgeruht und freuten sich darüber, daß sie tüchtig laufen durften. Zur Mittagszeit hielten wir eine kurze Rast. Später wurde die Fährte bedeutend undeutlicher, doch konnte ich sie noch leidlich unterscheiden, wenn Ben Nil sich auch vergebliche Mühe gab, sie zu entdecken.

Unter solchen Umständen war anzunehmen, daß auch unsere Asaker sie nicht mehr erkennen konnten und also sehr wahrscheinlich von ihr abgewichen seien. Was war zu thun? Südlich von unserer Richtung gab es einen Brunnen, welcher Bir Safi, der klare Brunnen, hieß. Der Fessarahführer kannte ihn und hatte die Karawane sehr wahrscheinlich dorthin geführt. Wir bogen also nach Süden ab. Wenn wir so schnell wie bisher ritten, konnten wir vor Sonnenuntergang dort sein.

Meine Vermutung trügte mich nicht. Die Sonne war nur noch drei ihrer Durchmesser vom westlichen Horizonte entfernt, da sahen wir Bäume und Gesträuch in der Ferne; das war der Bir Safi. Bald sahen wir Kamele liegen und Menschen sich bewegen; das war unsere Karawane.

»Was wird Abd Asl sagen, wenn wir kommen!« meinte Ben Nil.

»Und der Fakir el Fukara, welcher Mahdi werden will!«

»Die Kerle haben jedenfalls schon geglaubt, daß wir zu Grunde gegangen sind. Allah vernichte sie! Ich habe dem Alten das Leben geschenkt. Hätte ich gewußt, was unser an der Dschesireh Hassanieh wartete, so hätte ich es nicht gethan.«

»Ich hoffe, daß du dich nicht noch nachträglich an ihm vergreifst!«

»Du hast nichts zu befürchten, Effendi! Dieser alte, stinkende Schakal ist mir viel zu widerwärtig, als daß ich mich an ihm vergreifen möchte. Vor meiner Berührung ist er sicher.«

Jetzt waren wir dem Brunnen so nahe, daß die dort Befindlichen uns erkennen konnten.

»Der Effendi!« hörte ich eine Stimme rufen.

»Der Effendi! Und Ben Nil! Der Effendi, der Effendi! Preis Allah und Heil uns! Sie kommen, sie kommen!« so riefen zwanzig Stimmen durcheinander und ebenso viele Männer kamen uns entgegengerannt. Wir mußten noch vor dem Brunnen von den Kamelen herab. Man drückte uns die Hände; man rief und schrie in allen Tonarten, und ich ließ sie gern gewähren, denn ihre Freude konnte uns ja keinen Schaden bringen und war mir ein wohlthuender Beweis, daß ich ihren Herzen nicht fremd geblieben war. In dieser Weise war selbst ihr Vorgesetzter, der Reïs Effendina nicht bewillkommnet worden, als er im Wadi el Berd auf uns traf.

Natürlich sollten wir erzählen. Vorher aber mußte ich wissen, wie es bei ihnen gegangen war. Wir setzten uns nieder, und der alte Askari, dem ich das Kommando anvertraut hatte, sagte:

»Es ist alles nach der richtigen Regel gelaufen, Effendi Es giebt nur eins, was wir zu beklagen haben. Es fehlt einer: Oram. Er hat sich von den Fesseln losgemacht, euch ein Kamel genommen und ist ––«

»Uns nachgeritten,« fiel Ben Nil ein.

»Das ist ganz richtig! Wie aber könnt ihr es wissen?«

»Wir haben ihn gesehen.«

»Wo denn?«

»Das werden wir euch erzählen,« antwortete ich. »Vor allen Dingen möchte ich wissen, ob die Gefangenen gut gebunden sind.«

»Effendi, seit Oram uns entschlüpft ist, entkommt uns keiner mehr. Ich hoffe, daß du uns dessen Flucht nicht anrechnen wirst. Als er gefesselt wurde, warst du ja selbst noch da!«

»Nun, was das betrifft, so war der Mangel an Wachsamkeit wohl mehr schuld an seinem Entkommen als die ungenügende Fesselung. Ihr habt doch gewacht! Ihr habt einen Kreis um die Gefangenen gebildet. Da es ihm geglückt ist, aus demselben zu gelangten, so nehme ich an, daß ihr alle zusammen geschlafen habt.«

»Nein, Effendi, wir haben abwechselnd gewacht; aber dieser Hund muß einen Zauber besitzen und sich unsichtbar machen können.«

»So ist der Zauber bei mir und Ben Nil wirkungslos, denn wir haben ihn gesehen, und zwar mehreremale. Aber ich zürne euch nicht; ich habe sogar alle Veranlassung, mich über seine Flucht zu freuen. Sie hat uns Schaden bringen sollen, wird aber im Gegenteile von großem Vorteile für uns sein.«

»Ist das möglich!«

»Sehr! Heute konnten wir ihn fangen, wenn wir wollten; wir haben ihn aber laufen lassen, weil er uns, wenn er frei ist, mehr Nutzen schafft, als wenn er sich in Gefangenschaft bei uns befindet.«

Da rief der alte Abd, Asl unter höhnischem Gelächter herüber:

»Prahle nicht! Du redest solche Lügen, um uns zu ärgern; aber du täuschest uns nicht. Hättet ihr Oram gesehen, so hättet ihr ihn ergriffen. Da ihr das nicht gethan habt, habt ihr ihn auch nicht gesehen.«

»Dein Kopf ist der Brunnen aller Weisheit, o heiligster aller Moslemin,« antwortete ich ihm.

»Weißt du denn, wohin er gegangen ist?« fragte er lachend.

»Zu Ibn Asl, deinem Sohne, natürlich.«

»Wenn du ihn gesehen hättest, müßtest du bei Ibn Asl gewesen sein!«

»Wir waren bei ihm, waren sogar auf seinem Schiffe und haben mit ihm gesprochen.«

»Lüge! Lüge!«

»Nimm dich in acht, oder du bekommst die Peitsche. In deiner Lage hat man sich der Höflichkeit zu befleißigen.«

Da richtete sich der Fakir el Fukara in sitzende Stellung auf und sagte:

»Du forderst Höflichkeit? Behandelst du uns so, daß wir sie dir bieten können?«

»Ich behandle euch so, wie ihr es verdient habt.«

»Ich habe nichts gethan. Ich war euer Gast, und ihr habt mich gefesselt. Das ist ein Verbrechen, welches gar nicht vergeben werden kann.«

»Wer hat dich zu unserem Gaste gemacht? Habe ich das Wort Daif gegen dich gebraucht? Habe ich ›Habakek‹ oder ›Wasahlan‹, ›Marhaba‹ zu dir gesagt?«

»Nein; aber ich habe bei euch gesessen!«

»Und dich dann wieder weggesetzt! Ich habe, wie du zugeben mußt und auch eingestanden hast, dir das Leben gerettet, und dennoch wolltest du fort, um uns an Ibn Asl zu verraten!«

»Beweise es!«

»Ich weiß es, also ist es bewiesen! Diese Undankbarkeit hat dich in Fesseln gebracht, und wenn dir diese nicht gefallen, so zanke mit dir, aber nicht mit uns!«

»Ich verlange aber meine Freiheit und giebst du mir sie nicht sofort, so rufe ich den Fluch Allahs auf dich nieder!«

»Allah wird deinen Fluch in Segen verwandeln.«

»Und den Fluch des Propheten!«

»Dein Prophet geht mich nichts an!«

»Du wirst bald anders denken und anders sagen. Wenn du erfährst, welche Macht mir gegeben ist, wirst du mich um Gnade anwinseln!«

»Zunächst besitze ich die Macht, und zwar über dich. Über wen du später Macht ausüben wirst, ob über deinen Harem oder auch wohl über deine Hunde, das ist mir gleichgültig. Und nun schweig, sonst kommt die Peitsche über dich. Ich habe keine Lust, mich von einem Manne anbrüllen und verfluchen zu lassen, welcher sich so sehr von Allah und dessen Geboten entfernt hat, daß er sogar im stande ist, an seinem Lebensretter zum Verräter zu werden.«

»Gut, ich schweige; bald aber kommt die Zeit, und sie ist schon nahe, in welcher ich sprechen werde. Dann werden Millionen auf meine Stimme hören, und du wirst der erste sein, der vor mir im Staube kriecht!«

Er legte sich wieder nieder. Er sah doch ein, daß Schweigen klüger sei als Sprechen. Abd Asl aber konnte es nicht zu derselben Erkenntnis bringen; oder stand ihm die Vorsicht nicht so hoch wie die Begierde, zu erfahren, was ich während der Zeit meiner Abwesenheit gethan und erlebt hatte? Er hatte wohl geglaubt, daß ich in mein Verderben geritten sei; jetzt war ich wohlbehalten zurückgekehrt; wie konnte das geschehen? So fragte er sich. Er wollte und mußte Antwort haben, und anstatt ruhig zu warten, was ich thun oder sagen werde, fuhr er im Anschlusse an die letzten Worte des Fakir el Fukara auf:

»Ja, im Staube kriechen, und auch vor mir! Du hast keine Ahnung, in welcher Lage du dich befindest und welche Gefahren dich umschwirren. Mein Sohn wird als Rächer über dich kommen und dich vernichten, wie er den Reïs Effendina vernichtet hat!«

»Ja, den hat er allerdings vernichtet!« antwortete ich ernst, indem ich eine sehr trübsinnige Miene zeigte.

»Hat er? Hamdulillah, Allah sei Dank!« jubelte er. »Es ist gelungen. Die Feinde sind zermalmt und werden niemals wieder erstehen!«

»Zermalmt? Nein, sondern verbrannt sind sie worden.«

»Es ist geglückt, es ist geglückt! Hört ihr es, ihr Männer, ihr Freunde, ihr Gläubigen, es ist geglückt! Ich habe es euch mitgeteilt; ich habe es euch leise gesagt. Meine Seele war voller Erwartung, ob es gelingen werde. Nun ist der Teufel mit seinen Asakern zu Staub und Asche verbrannt, und der oberste der Teufel, welcher da vor uns sitzt und es uns erzählen muß, hat die Macht verloren und wird uns freigeben müssen, denn wenn er dies nicht thut, heute gleich thut, erwartet ihn ein Klappern der Zähne, welches ohne Ende ist!«

»Verrechne dich nicht!« warnte ich ihn im ruhigsten Tone. Darauf fuhr er, im höchsten Grade begeistert, fort:

»Mich verrechnen! Wie kann ich mich irren! Mein Sohn, der Tapferste der Tapfern, der Gefürchtetste der Gefürchteten, der Schrecklichste der Schrecklichen, hat den Reïs Effendina verbrannt und wird nun kommen, uns zu erlösen. Wehe euch, wenn er findet, daß einem einzigen von uns ein einziges Haar von seinem Haupte fehlt! Was an Qualen und Foltern nur zu erdenken ist, wird euch treffen, und ihr werdet heulen, wie die Verdammten heulen, welche auf dem tiefsten Grunde der Hölle wohnen. Frei will ich sein, frei, und zwar sofort! Du hast deine Ohnmacht eingesehen und deine Lächerlichkeit erkennen müssen, Effendi. Laß uns los, und eile fort; fliehe, soweit dich deine Füße und die Füße deines Kamels tragen, sonst kommt das Entsetzen über dich, wie der Löwe über das Schaf, welches sich gegen die Krallen des Mächtigen nicht zu wehren vermag!«

»Daß ich vor einem Löwen nicht fliehe, hast du erfahren; du kannst dir also denken, daß ich auch vor diesem deinem Entsetzen nicht davonlaufe. Dein Sohn mag kommen; er wird sehen, wie ich ihn empfange.«

»Er wird dich ebenso verbrennen, wie er den Emir mit Feuer vernichtet hat!«

Es läßt sich denken, welchen Eindruck diese Reden auf die Asaker machten. Ihr Emir verbrannt, mit seinen Soldaten ermordet. Sie sprangen auf und fielen mit Fragen über mich her. Ich gebot Stille und fügte hinzu:

»Ihr sollt alles erfahren, und ich will euch schon im voraus sagen, daß ihr ruhig sein könnt. Der Triumph dieses heiligen Moslem wird nicht lange währen. Ich ritt fort, um den Reïs Effendina zu retten, und was ich mir vorgenommen habe, das pflege ich, zumal wenn es etwas so Wichtiges ist, auch auszuführen. Der Emir lebt; er ist gerettet.«

»Allah sei Dank!« erklang es rundum. Abd Asl aber rief:

»Er lügt! Er will uns unsere Freude verkümmern; aber das soll ihm nicht gelingen. Er gönnt uns unsern Jubel nicht; aber wir werden weiter jubeln, bis der Retter erscheint, welchen wir alle Augenblicke erwarten können!«

»So warte, bis du schwarz wirst und dir das sündige Fell im Grimme der Enttäuschung zerplatzt!« rief ihm Ben Nil zu. »Du wirst sogleich hören, ob unser Effendi seine Ohnmacht hat einsehen und seine Lächerlichkeit hat erkennen müssen! Hört, ihr Männer, ihr Asaker des Emirs; der Effendi wird sprechen!«

Aller Augen waren auf mich gerichtet. Es gab keinen, bei den Asakern sowohl wie auch bei den Gefangenen, der sich nicht in der größten Spannung befand. Die Sonne versank soeben; es war also Zeit, das Mogreb zu beten; aber niemand dachte an die Erfüllung dieser Pflicht. Ich erzählte, und zwar berichtete ich alles ausführlich bis zum Augenblicke, an welchem wir drei die Flucht von der »Eidechse« ergriffen hatten. Bis hierher konnten, ja sollten die Gefangenen alles hören; das Spätere aber mußte ihnen verschwiegen bleiben. Hätten sie erfahren, welche Falle ich Ihn Asl stellen wollte, so konnte es ihnen durch irgend einen Zufall gelingen, mir meinen Plan zunichte zu machen. Man bestürmte mich zwar, weiter zu erzählen, doch that Ben Nil dem Drängen Einhalt, indem er sagte:

»Seid still! Ihr habt für heute genug erfahren. Der Emir ist errettet; wir waren bei Ibn Asl auf seinem Schiffe; er hat uns erkannt und in Banden geschlagen; mehr als hundert Männer waren bei ihm, dennoch sind wir entkommen. Als wir im Boote nicht weit von der ›Eidechse‹ hielten, konnten wir ihn leicht erschießen. Wir haben es nicht gethan; wir sind noch einmal gnädig mit ihm gewesen. Aber wehe ihm, wenn er sich wieder treffen läßt.«

»Aber was geschah dann, als ihr vom Schiffe wart?« fragte wieder einer. »Was habt ihr dann gemacht? Wo ist dein Großvater, der Steuermann, der doch bei euch war?«

»Deine Neugierde ist viel größer als mein Mund; dennoch will ich versuchen, sie zu befriedigen. Wir sind natürlich in dem Boote nach Hegasi gesegelt und von dort mit unsern Kamelen hierher geritten. Mein Großvater aber ist in Hegasi geblieben, um dort unsere Rückkehr zu erwarten.«

»Und der Reïs Effendina? Wo befindet er sich?«

»Auch in Hegasi, denn dorthin werden wir ihm diese Gefangenen liefern.«

»Warum hat er uns keine weiteren Asaker mitgesandt?«

»Weil, du Vater der Neugierde, keine Kamele zu haben waren, und weil wir Manns genug sind, diese feigen Kröten hier zu transportieren. Abd, Asl aber, der heiligste der Moslemin und die häßlichste der Kröten, mag nun fortfahren in dem Jubel, welchen er vorhin anstimmte und in dem er sich nicht unterbrechen lassen wollte!«

Das hatte Ben Nil nicht schlecht gemacht! Er hatte die Neugierde vollständig gestillt, ohne unsere weiteren Absichten auch nur mit einem Worte zu verraten. Es war jedenfalls besser, wenn selbst die Asaker noch nichts erfuhren. Eine unvorsichtige Äußerung, von einem Gefangenen gehört, hätte uns Schaden bringen können. Übrigens waren die ersteren froh, daß ich mich wieder bei ihnen befand. Sie hatten doch eine große Verantwortlichkeit zu tragen gehabt, und der alte Askari holte tief und erleichtert Atem, als ich ihm sagte, daß er nun nichts mehr zu verantworten habe. Ebenso befriedigt war der Fessarahführer davon, denn bei jedem vorkommenden Fehler hätte er auch einen Teil der Schuld auf sich zu nehmen gehabt.

Ich gab die Reihenfolge der Wachen an und legte mich dann zum Schlafen nieder. Ben Nil that ebenso, obgleich es noch nicht spät war. Wir hatten während der letzten Nacht gar nicht geschlafen. Früh weckte mich das Gebet der Morgenröte. In kurzem wurde aufgebrochen.

Es war ein ganz eigenartiges Geschäft, die Gefangenen auf die Kamele zu bringen, denn sie machten es uns so schwer wie nur immer möglich. Bei hartnäckigen Fällen mußte natürlich die Peitsche nachhelfen.

Da der Bir Safi südlich von der geraden Richtung lag und ich aus begründeter Vorsicht die letztere vermeiden wollte, hielt ich mich bis Mittag genau östlich und bog dann nach Süden ab. Auf diese Weise kamen wir fast streng aus Norden auf den Dschebel Arasch Qol zu, während wir sonst aus Nordwest gekommen wären. Ich hatte diese Richtung vermieden, weil der Scheik el Beled und infolgedessen auch Ibn Asl uns in derselben wußte. Möglicherweise konnte man auf den Gedanken gekommen sein, uns nicht erst am Maijeh, sondern schon vorher draußen auf der Steppe zu überfallen; dann befanden wir uns nicht in der Richtung, in welcher man uns suchte. Ibn Asl hatte wohl hundert Mann, ich aber nur zwanzig, ein Kampf auf offener Steppe hätte für uns leicht verhängnisvoll werden können.

Um der erste zu sein, der das Ziel erblickte, ritt ich den andern weit voran. Es war noch gar nicht spät am Nachmittage, als ich den Berg wie einen Nebelfleck im Süden liegen sah. Ich kehrte sogleich wieder um, um der Karawane, welche vielleicht eine englische Meile hinter mir gefolgt war, Halt zu gebieten. Ich that dies, damit keiner der Gefangenen den Dschebel Arasch sehen solle. Es war auf jeden Fall besser, wenn sie nicht wußten, wo sie sich befanden. Sie wurden von den Kamelen gehoben, und wir lagerten.

Die Asaker konnten sich den Grund nicht denken, warum dies schon so früh am Tage geschah. Es war nun Zeit, sie zu unterrichten. Erst wurden die Gefangenen gespeist und getränkt; dann führte ich die Soldaten weit zur Seite, ließ sie einen Kreis um mich bilden und teilte ihnen mit, was heute geschehen sollte. Kein Gefangener konnte es hören. Hätte ich ihnen gesagt, daß jeder von ihnen tausend Piaster erhalten solle, die Freude wäre auch nicht größer gewesen. Ibn Asl und alle seine Sklavenhändler in einer Falle fangen! Das war ein Gedanke, welcher sie begeisterte. Jeder wollte wissen, welche Aufgabe ihm dabei zufalle, welche Rolle er dabei zu spielen habe. Ich konnte es keinem sagen, denn es war vorher notwendig, zu rekognoscieren, und das konnte erst am Abend geschehen. Ibn Asl befand sich jedenfalls schon am Berge. Hätte ich mich demselben jetzt am hellen Tage genähert, ich wäre höchst wahrscheinlich bemerkt worden.

Die Asaker erhielten‘ den Befehl, selbst untereinander jetzt noch um keinen Preis ein Wort über unser Vorhaben zu sprechen, und bildeten dann, wie dies bisher täglich geschehen war, einen Kreis um die Gefangenen. Die Kamele lagerten, von einem Manne bewacht, außerhalb dieses Kreises.

Der Nachmittag verging, ohne daß auf der Steppe außer uns ein menschliches Wesen erblickt worden war. Die Sonne ging unter, und die Asaker beteten das Mogreb. Nun senkte sich schnell der Abend nieder, und ich konnte meine Rekognition beginnen. Es stand zu erwarten, daß ich mehrere Stunden, vielleicht sogar bis gegen Morgen, abwesend sein werde. Ich übergab trotz seiner Jugend Ben Nil den Befehl über die Karawane und unterrichtete ihn, wie er in jedem einzelnen Falle, welcher vorauszusehen war, sich zu verhalten habe. Dann bestieg ich mein Kamel und ritt dem Ziele entgegen.

Die Aufgabe, welche ich mir gestellt hatte, war nicht leicht. Ich wußte, wo der Hegelikwald lag, in welchem ich den Reïs Effendina finden sollte, nämlich am Südende der Ostseite des Sumpfes; aber bei der herrschenden Dunkelheit diesen Wald treffen, das war die Sache! ja, wenn ich nur diese eine Sorge gehabt hätte! Aber wo war Ibn Asl mit seinen Leuten? Wohl auch am Südende des Sumpfes. Aber wenn er sich vorgenommen hatte, seine Leute zu teilen, um mich in die Mitte zu bekommen, so war es für ihn weit bequemer, während der Nacht in der Mitte der östlichen Sumpfseite zu lagern. Dann konnte er am Morgen einen Teil seiner Leute rechts und die andere Abteilung links um den Sumpf schicken und mich auf diese Weise von vorn und von hinten packen. Lagerte er jetzt da, so mußte ich, um zu dem Emir zu kommen, an ihm vorüber und konnte, wenn er keine Feuer brennen hatte, ganz unerwartet mitten in sein Lager geraten. Er schien aber Freund von nächtlicher Helligkeit zu sein; wenigstens hatte er während der beiden Abende an der Hassanieh und am Maijeh es Saratin mehrere große Feuer brennen gehabt. Er wußte mich jetzt noch fern; er wußte ferner von der Anwesenheit des Emirs nichts; darum konnte er sich für sehr sicher halten, und es stand zu erwarten, daß er den Abend nicht im Dunkeln zubringen werde. In diesem Falle mußten seine Feuer mir sein Lager verraten, und ich konnte mich fern von demselben halten.

So ging es in raschem Schritte südwärts. Die Sterne waren aufgegangen, und ich konnte mich also nicht in der Richtung irren. Nach einer halben Stunde hatte ich das Sumpfgebiet erreicht, und es galt, auch wegen des trügerischen Bodens vorsichtig zu sein. Der Maijeh el Humma sendet mehrere Ausläufer in das Land, und darum war es geraten, möglichst weit ostwärts auszubiegen.

Eine Stunde und noch eine war ich geritten; es mochte nach unserer Zeit abends neun Uhr sein, da kam ich an einem einzelnen Baum vorüber, dessen Umrisse mir bekannt vorkamen, obgleich sie sich nur undeutlich gegen den Himmel abzeichneten. Ich ritt hin. ja, das war der Hegelik, unter welchem ich bei meiner frühern Anwesenheit Schutz gegen die Sonne gesucht hatte. Ich hatte damals diese mächtigen Formen bewundert und sie mir eingeprägt. Gar nicht weit von hier, nur einige hundert Schritte rechts, begann der Hegelikwald, den ich suchte.

Ich ritt hinüber und an seinem Rande hin. Er lag mir wie eine hohe, dunkle Wand zur Seite, als Vorposten einzelne Büsche aussendend, zwischen denen ich mich hindurchwinden mußte. Nirgends ein Feuer zu sehen oder zu riechen. Ibn Asl befand sich gewiß nicht in der Nähe. Ich ließ halblaut das bekannte tiefe Lachen der Hyäne hören. Es klingt wie »Ommu ommu« und ist trotzdem einem Gelächter ähnlich. Keine Antwort erfolgte. Im langsamen Weiterreiten wiederholte ich dieses Zeichen mehrere Male. Endlich, nach dem siebenten oder achten Mal hörte ich rechts unter den Bäumen eine Stimme:

»Effendi?«

»Ja,« antwortete ich, das Kamel anhaltend.

»Komm hierher!«

Ich ritt hin. Ein Mann trat auf mich zu, blieb vor dem Tiere stehen, sah mich an und sagte dann:

»Ja, du bist es. Steig ab! Ich werde dich zu dem Emir führen.«

»Ist es weit von hier?«

»Ziemlich! Wir haben eine lange Postenkette, damit dir das Auffinden des Emir nicht so schwer fallen sollte.«

»Führe mich zu dem Posten, welcher der nächste beim Emir ist. Derselbe mag mein Kamel halten.«

Während wir nebeneinander hinschritten, fragte ich ihn, ob sie Ibn Asl mit seinen Leuten bemerkt hätten.

»Ja,« antwortete er. »Sie kamen kurz nach Mittag an und lagerten ganz am südlichen Ende des Maijeh.«

»Habt ihr sie, seit es dunkel geworden ist, beobachtet?«

»Der Reïs Effendina war dort.«

»Brennen sie Feuer?«

»Ich weiß es nicht; ich konnte es nicht erfahren, da ich mich seit jener Zeit auf dem Posten befand.«

Wir kamen an mehreren Asakern vorüber, bis einer von ihnen mein Tier zu halten bekam. Mein Führer meinte, ich solle ihm nun tiefer in den Wald folgen; ich aber gab ihm den Auftrag, mir lieber den Emir zu holen. Ich hatte mich mehr angestrengt als der Emir, mußte mich vielleicht auch noch mehr anstrengen und wollte mir den Weg durch den Wald und die dichten Nabakbüsche, welche das Unterholz bildeten, ersparen. Der Mann ging also allein und brachte mir bald den Reïs Effendina geführt. Er war sehr erfreut, mich zu sehen, besonders, da ich nicht sicher hatte sagen können, ob ich kommen werde. Er begrüßte mich mit einem kräftigen Händedrucke und sagte:

»Sie sind da, schon seit der Mittagszeit. Sie lagern am Ende des Maijeh.«

»Brennen sie Feuer?«

»Sechs, jedenfalls schon um der vielen Stechfliegen willen, vor denen es dort am offenen Sumpfe ohne Feuer gar nicht auszuhalten wäre. Hier im dichten, ziemlich trockenen Walde sind wir glücklicherweise nicht sehr von ihnen geplagt.«

»Kennst du den Plan, den Ibn Asl morgen verfolgen will?«

»Nein. Wie soll ich ihn kennen?«

»Ich denke, du bist dort gewesen. Hast du nicht gelauscht?«

»Werde mich hüten! Soll ich etwa soweit hinangehen, bis ich sie sprechen hören kann? Dann kann ich auch gesehen und ergriffen werden!«

»Aber es giebt oft gewisse Anzeichen, aus denen sich Schlüsse ziehen lassen. Hast du nichts Derartiges bemerkt?«

»Nein. Sie saßen um die Feuer und aßen und schwatzten. Aber was sie sprachen, das verstand ich nicht, da ich nicht nahe genug war.«

»Hast du Ibn Asl gesehen?«

»Ja. Er saß an dem ersten Feuer, welches man von hier aus erreicht.«

»Wie weit ist’s bis dahin?«

»Fast eine halbe Stunde.«

»Ich muß hin. Willst du mich begleiten?«

»Sehr gern, wenn du nicht etwa verlangst, daß ich mich zu Ibn Asl setzen soll. Dir ist nämlich so etwas wohl zuzutrauen.«

Meinen hellen Haïk hatte ich in meinem Lager zurückgelassen; jetzt ließ ich auch die Gewehre hier, und dann gingen wir, immer zwischen einzelnen Büschen hindurch, bald rechts, bald links einer sumpfigen Lache, die sich durch phosphorescierenden Glanz verriet, ausweichend. Nach über einer Viertelstunde sah ich den Schein des ersten Feuers, dann noch eins und noch eins, bis ich auch sechs zählte. Es gab hier nur Gafulbäume, und zwar ohne Unterholz. Man lagerte ohne einen besonderen Plan, hier ein Feuer und dort eins, wie der Zufall oder Einfall es ergeben hatte. Wir standen hinter einem breiten Busch, wohl sechzig Schritte von dem ersten Feuer, an welchem ich Ibn Asl sitzen sah, entfernt. Es saßen außer ihm noch seine Offiziere und zwei Männer an demselben. Man hörte sie sprechen, ohne aber die einzelnen Worte verstehen zu können.

»Ich muß hin, unbedingt hin!« sagte ich mehr zu mir als zu dem Emir. Ach muß wissen, was sie reden.«

»Um Allahs willen, was fällt dir ein! Du würdest verloren sein. Man müßte dich ja sehen!«

»Nein. Ich habe mich schon unter ganz anderen Verhältnissen angeschlichen. Hier ist es geradezu ein Kinderspiel.«

»Ich sage dir, mich bringst du keinen Schritt weiter!«

»Das will ich auch nicht; ich gehe allein. Zwischen hier und dem Feuer stehen in gerader Linie zwei starke Bäume, deren Stämme einen ganz geraden, breiten Schatten hinter sich werfen. Krieche ich in diesem Schatten auf der Erde hin, so bin ich von dem Boden gar nicht zu unterscheiden. Dazu habe ich erst den ersten und dann den zweiten Baum als Deckung. Dieser letztere hat in Manneshöhe, auf der nach uns gerichteten Seite, einen starken Ast. Schwinge ich mich da hinauf, so sitze ich, hinter Zweigen und Blättern verborgen, höchstens fünfzehn Schritte vom Feuer entfernt und kann alles hören, was gesprochen wird.«

»Und wie kommst du dann zurück?«

»Auf demselben Wege, auf dem ich hingekommen bin.«

»Nein, Effendi, ich gebe es nicht zu! Ich will nicht haben, daß du dein Leben wagst.«

»Wage ich es nicht morgen, wenn wir kämpfen? Wagt es da nicht jeder? Warum also gerade jetzt nicht? Und wie nun, wenn dadurch, daß ich es jetzt wage, der Kampf vermieden werden kann?«

»Hältst du das für möglich?«

»Ja. Vielleicht erfahre ich etwas, was mich veranlaßt, eine Disposition zu treffen, nach welcher von seiten der Gegner jeder Widerstand vergeblich ist.«

Er griff nach mir, um mich zurückzuhalten; aber er war nicht schnell genug gewesen. Ich war rasch hinter dem Busche hervorgetreten, hatte mich niedergeduckt und kroch nun im dunkeln Schatten vorwärts. Es war gar keine Kunst. Um rechten Qualm zu erzeugen und die Stechfliegen abzuhalten, wurden feuchte Äste in die Feuer geworfen; dies gab einen Rauch, der zuweilen so dick war, daß man nicht hindurchzusehen vermochte. Er zog sich, da die Sumpfluft schwer und drückend war, zuweilen ganz nahe am Boden hin. Solche Augenblicke benutzend, kam ich an den ersten, dann an den zweiten Baum und saß oben in den Ästen und Zweigen desselben, bevor seit dem vergeblichen Griffe des Reïs Effendina zwei Minuten vergangen waren. Ich hatte es außerordentlich glücklich getroffen, denn eben hatte ich mich zurechtgesetzt und spitzte die Ohren, da hörte ich weiter vorn ein Rufen, welches meine Aufmerksamkeit sogleich auf sich zog.

»Der Scheik, der Scheik el Beled!« hörte ich sagen. »Er ist da! Endlich ist er angekommen!«

Wahrhaftig, da kam er, vom hintersten Feuer her, ein Kamel am Zügel führend. Man hatte ihm dort gesagt, wo er Ibn Asl finden werde. Die Disziplin hielt die Leute ab, ihm zu folgen. Er ließ sein Tier sich legen und trat an das Feuer, wo er mit sichtlicher Genugthuung bewillkommnet wurde. Ich ahnte, um was es sich handelte. Er hatte nach uns ausspähen müssen. Einer von Ibn Asls Leuten hätte dies nicht thun dürfen, denn hätte ich ihn gesehen, so hätte ich ihn auch erkannt und wäre mißtrauisch geworden. Begegnete uns aber der Scheik el Beled, so standen demselben mehrere Ausreden zu Gebote, denen ich wohl Glauben schenken konnte.

»Setz‘ dich, und berichte!« forderte ihn Ibn Asl auf. »Hast du sie gesehen?«

»Nein,« antwortete der Gefragte, indem er Platz nahm.

»Nicht? Dann hast du mich falsch berichtet. Sie kommen entweder später als morgen oder wohl gar nicht.«

»Sie kommen!« behauptete der Scheik mit Bestimmtheit. »Ich habe ihre Fährte gesehen.«

»Hat man die Fährte, so hat man bald auch den Mann. Du hättest nicht ruhen sollen, bis du sie wirklich sahst.«

»Es war zu spät, denn es wurde dunkel. Der Effendi hatte mit seinem Ben Nil eine sehr sichtbare Fährte gemacht. Ich folgte ihr. Sie lief immer schnurgerade fort und bog dann plötzlich mehr nach Süden. Er muß nach dem Bir Safi geritten sein. Heute früh paßte ich auf. Sie mußten kommen, aber sie kamen nicht. Ich wartete bis gegen Mittag, und da ich sie auch bis dahin nicht gesehen hatte, nahm ich an, daß sie ganz unerwartet eine andere Richtung eingeschlagen hatten. Dies konnte nur die nördliche sein. Wenn ich gerade nach Norden ritt, mußte ich also auf ihre Spur stoßen, da sie sich später doch östlich wenden mußten. So geschah es auch. Der Abend war nahe, als ich auf die Fährte traf, welche nach Osten führte.«

»Natürlich gerade auf den Dschebel Arasch Qol zu?«

»Nein, sonderbarerweise nicht. Wenn sie von da aus immer in gerader Richtung geritten sind, haben sie den Dschebel weit südlich von sich liegen lassen.«

»Warum das? Der Effendi hat bei dem Geringsten, was er thut, seine Absicht!«

»Hier liegt keine besondere Absicht vor. Sie haben sich einfach geirrt. Es ist ja niemand aus dieser Gegend bei ihnen. Der Fessarah, welcher ihnen als Führer dient, kann unser Gebiet unmöglich genau kennen.«

»Aber der Effendi selbst! Aus allem, was er dir gesagt hat, geht hervor, daß er den Dschebel und auch den Maijeh kennt.«

»Er ist ein Fremder, ein Christenhund, von soweit her, daß er wohl nur ein einziges Mal dort gewesen sein kann. Da ist es ja gar nicht zu verwundern, wenn ein Irrtum vorkommt. Sie werden schon noch nach Süden eingebogen sein.«

»Sie werden – –! Mir wäre es lieber, wenn du sagen könntest: Sie sind – –! Dann hätte ich Gewißheit. Du hättest ihnen weiter folgen sollen!«

»Das war unmöglich, denn ich hätte, da der Abend nahe war, ihre Spur nicht mehr sehen können. Auch mußte ich unbedingt hierher zu dir, da du auf Nachricht wartetest. Bedenke, welche Strecken ich in dieser kurzen Zeit habe zurücklegen müssen! Ein gewöhnliches Kamel hätte dies unmöglich leisten können. Es war nur gut, daß du mir erlaubtest, deine Dschebel-Gerfeh-Stute zu besteigen. Die ist wie ein Sturm mit mir über die Steppe gegangen.«

Also er hatte die berühmte weiße Kamelstute des Sklavenjägers geritten, die Stute, welcher Ibn Asl das Gelingen so vieler Unternehmungen zu verdanken hatte! War es ihm doch auch nur durch ihre unvergleichliche Schnelligkeit gelungen, mir damals am Wadi el Berd zu entkommen! Aber das Kamel, welches der Scheik jetzt mitgebracht hatte, besaß die gewöhnliche Farbe der ordinären Kamele. Wie war das zu erklären? Hatte er kurz vor seiner Ankunft hier die weiße Stute mit einem andern Hedschihn vertauscht? Ich wurde sogleich über diesen Punkt aufgeklärt, denn Ibn Asl fragte:

»Wenn der Giaur gewußt hätte, daß meine Kamelstute bei dir steht, daß ich stets, wenn ich zu Schiffe gehe, sie bei dir lasse, da ich sie dann unmöglich mitnehmen kann! Er hat sie doch nicht etwa gesehen?«

»Nein. Und wenn er sie gesehen hätte, so hätte er sie doch nicht erkannt, denn so oft du sie mir übergiebst, wird sie gefärbt, damit niemand weiß, welches berühmte Tier ich bei mir habe. Schau sie an! Ist sie von einem gewöhnlichen Hedschihn zu unterscheiden?«

»Allerdings! Ich würde mich schämen, wenn sie einem solchen ähnlich sähe. Siehe doch nur die Formen! Ein Kenner merkt doch sofort, welch ein Tier sie ist. Aber das ist jetzt Nebensache. Wir haben nicht von meinem Kamele, sondern von diesem Effendi und seinen Leuten zu sprechen. Warum soll übrigens die Stute hier hungrig liegen! Sie hat einen weiten Weg gemacht und mag fressen. Fesselt ihr die Vorderbeine kurz, damit sie sich nicht weit entfernen kann!«

Einer von den beiden Männern, weiche bei ihm saßen, stand auf, um diesen Befehl auszuführen. Die herrliche Stute durfte weiden. Ich beobachtete ihre Bewegungen fast mit noch mehr Aufmerksamkeit als derjenigen, mit welcher ich auf die Worte ihres Herrn hörte. Dieses Kamel, ah, es mußte mein werden! Lieber wollte ich Ibn Asl selbst entkommen als seine Stute laufen lassen!

Er war sichtlich von dem Resultate, welches der Scheik el Beled ihm brachte, enttäuscht. Er fuhr fort:

»Da du die Stelle nicht kennst, an der die Gefangenenkarawane lagert, so ist unser erster Plan nicht auszuführen. Jammerschade! Zwanzig Asakerhunde! Und wir zählen fünfmal mehr! Wie leicht hätten wir sie draußen auf der freien Steppe umzingeln können!«

Ah, da hörte ich es ja! Ich hatte ganz richtig gedacht. Wie gut, daß ich diesen Umweg nach Norden, Osten und endlich Süden gemacht hatte. Wären wir in gerader Richtung geblieben, so hätte Ibn Asl uns überfallen, heute abend schon, bevor wir den Dschebel Arasch Qol erreichten! Der Scheik antwortete auf den ihm gemachten Vorwurf:

»Wahrscheinlich ist es gut für uns, daß dies nicht geschehen ist. Du kennst den Effendi. Er ist wachsam und versäumt keine Vorsicht. Überraschen hätten wir ihn unmöglich können.«

»Aber eingeschlossen wäre er worden, eingeschlossen von hundert Mann! Bedenke das! Er hätte sich auf Gnade oder Ungnade ergeben müssen, ohne die Hand rühren zu können!«

»Glaube das nicht! Der und sich ergeben! Du kennst ihn ja noch besser als ich. Ich bin überzeugt, daß du an der Wahrheit deiner eigenen Worte zweifelst. Es wäre gewiß zum Kampfe gekommen. Rechne, daß jeder Askari nur einen von uns erschossen hätte! Auf den Effendi aber mußt du mehrere rechnen. Ich bin sogar überzeugt, daß der Giaur sich sofort persönlich gegen dich gewendet hätte.«

»Mich hätte er gar nicht gesehen. Ich weiß, was ich mir schuldig bin. Ich bezahle meine Leute gut; dafür müssen sie kämpfen. Meine Sicherheit aber ist allzu wichtig für sie, als daß sie verlangen könnten, daß ich mich selbst am Kampfe beteilige. Das ist nicht Mutlosigkeit, sondern Berechnung, Vorsicht von mir. Meinst du, ich hätte mich dahin gestellt, wo die Kugeln pfeifen mußten? Aber wenn sie wirklich kommen, so werden sie unser, ohne einen Schuß thun zu können.«

»So triff die Vorbereitungen ja nicht etwa zu spät. Der Effendi sagte, daß er eine Stunde nach dem Gebete der Morgenröte am Dschebel Arasch Qol ankommen werde, und er hält gewiß Wort. Also muß die Abteilung, welche du nordwärts senden willst, spätestens um Mittei nacht hier abgehen.«

»Ich sende sie schon vorher ab. Du bist also der Überzeugung, daß sich diese Leute im Regenbette verstecken können, ohne bemerkt zu werden?«

»Ja. Geht man nur einige Minuten in diesem Bette aufwärts, so erweitert es sich und ist da mit Kittr-Büschen angefüllt, die eine prächtige Deckung bieten. Wenn dann, wenn der Tag anbricht, einer auf den Felsen steigt, kann er die Karawane kommen sehen. Man läßt sie vorüber, um ihr dann langsam und unbemerkt zu folgen, bis sie sich zwischen den steilen Wänden des Dschebel und den Krokodilen des Maijeh auf dem schmalen Wege befindet. Diese unsere Abteilung befindet sich hinter der Karawane; unsere anderen Leute stehen schon vor derselben bereit, und gerade dann, wenn die Gefangenen in den Sumpf geworfen werden sollen, lasse ich als Führer der ersteren Abteilung den ersten Schuß hören. Das Ergebnis ist nicht zweifelhaft. Der Effendi muß einsehen, daß er von einer übermächtigen Anzahl Feinde eingeschlossen ist und daß Widerstand der reine Wahnsinn sein würde. Er wird sich ergeben. Um ihm dies zu erleichtern, kannst du ja auf Bedingungen eingehen, welche du dann nicht zu halten brauchst.«

Das war ja ganz vortrefflich! Dieser Scheik el Beled wollte nach demselben Regenbette, in welches ich mich in Hinterhalt hatte legen wollen. Die Falle, welche mir gestellt werden sollte, war genau diejenige, welche ich ihnen legen wollte. Wie gut, daß ich gegen den Willen des Emir herbeigeschlichen war, um zu lauschen.

»Wieviel Mann giebst du mir mit?« fragte der Scheik weiter.

»Wieviel brauchst du?«

»Die Hälfte von deinen hundert wäre eigentlich richtig, aber ich brauche sie nicht und begnüge mich mit weniger.«

»Ich gebe dir vierzig, so bleiben mir sechzig. Ihr marschiert eine Stunde vor Mitternacht ab, also vielleicht in einer Stunde. Ist es notwendig, daß wir in gegenseitiger Verbindung bleiben?«

»Nein. Es wäre überhaupt schwer, dieselbe zu unterhalten. Sie müßte um den langen Maijeh herum stattfinden, und das würde viel zu viel Zeit erfordern. Der Plan ist ja so einfach. Sobald es Tag wird, besetzest du die Südseite des Busens. Die Karawane kommt von Norden her, und ich folge ihr. Sobald ihr meinen Schuß hört, ist die richtige Zeit gekommen. Welch ein Glück, daß der Effendi zu spät nach Hegasi kam! Der Reïs Effendina war soeben fort. Hätten sie sich getroffen, so wäre der Emir dageblieben, und wir hätten es ruhig geschehen lassen müssen, daß dein Vater mit den übrigen Gefangenen in den Sumpf geworfen wurde. jetzt haben wir alles Nötige besprochen, und ich will versuchen, ein wenig zu schlafen, denn ich bin von dem langen Ritte ermüdet. Wecke mich, wenn meine Abteilung zum Marsche bereit steht!«

Er legte sich nieder, und ich konnte mich entfernen. Es war klar, daß ich nichts Wichtiges mehr zu hören bekommen würde. Darum benutzte ich einen Augenblick, in welchem zwischen meinem Baume und dem Feuer sich wieder eine Rauchwolke niedersenkte, schwang mich herab, legte mich zu Boden und kroch schnell zurück. Ich kam, ohne bemerkt zu werden, bei dem Emir an, welcher noch auf derselben Stelle hinter dem Busche stand.

»Effendi, ich habe fast um dich gezittert!« meinte er. »Diese Verwegenheit konnte dir ans Leben gehen.«

»O nein! Du wirst sogleich hören, daß sie mir außerordentliche Vorteile gebracht hat. Ich kenne den ganzen Plan der Leute.«

Ich teilte ihm mit, was ich erlauscht hatte. Als ich zu Ende war, flüsterte er mir erregt zu:

»Sie gehen in die Falle; sie gehen hinein, Effendi! Aber durch welche List bekommst du den Scheik mit seinen vierzig Mann vor dich, anstatt daß er dir folgt?«

»Durch die List ist da nichts zu erreichen. Ich muß sie gefangen nehmen.«

»Das ist gefährlich, da es nicht ohne Angriff und Gegenwehr geschehen kann!«

»Gar nicht gefährlich! Ich besetze den Platz, ehe diese Leute kommen. Sie müssen sich entweder ergeben oder bis auf den letzten Mann erschießen lassen.«

»Aber du hast nur zwanzig Asaker bei dir!«

»Diese brauche ich unter den jetzigen Verhältnissen freilich alle zur Bewachung der Gefangenen. Kannst du mir auch vierzig Köpfe mitgeben?«

»Ganz gern!«

»Dir bleiben immer noch genug. Wenn es Tag geworden ist, besetzt Ibn Asl den schmalen Paß. Du folgst ihm.. Ich komme, indem ich die Gefangenen unter guter Bewachung zurücklasse, von Norden her, und so haben wir die Gegner zwischen uns. Ich sage jetzt ganz dasselbe, was vorhin der Scheik sagte: Wenn du den ersten Schuß hörst, ist die Zeit gekommen.«

»Gut, dann werfe ich mich auf den Feind.«

»Aber eins muß ich dir sehr ans Herz legen: Ich hörte, daß Ibn Asl sich nie am Kampfe zu beteiligen pflegt. Vielleicht bleibt er auch hier zurück. Sorge ja dafür, daß er nicht entkommt. Beauftrage lieber eine kleine Abteilung von vielleicht zehn Mann, speziell auf ihn zu sehen und ihn nicht entwischen zu lassen!«

»Ich werde mein möglichstes thun. Wann soll ich dir die vierzig Männer geben?«

»Gleich! Gehe zurück und stelle sie mir bereit! Ich werde dir bald folgen.«

»Du willst nicht gleich mit mir gehen? Warum?«

»Weil ich mir die weiße Dschebel-Gerfeh-Stute des Sklavenhändlers holen will.«

»Laß sie doch! Du könntest dadurch alles verderben. Wenn man dich dabei erwischt, sind wir verraten.«

»Mich erwischen? Pah!«

»Aber wenn man merkt, daß sie fehlt, muß man auf einen Dieb, also darauf schließen, daß Menschen anwesend sind. Das muß doch jedenfalls Mißtrauen erwecken.«

»Man wird zunächst meinen, daß die Stute schlecht gefesselt worden und zu weit fortgelaufen ist, sich aber morgen leicht wieder finden lassen wird. Ich habe außer dem hohen Werte dieses Kameles noch einen andern triftigen Grund, mich seiner zu bemächtigen. Wenn nämlich Ibn Asl sich nicht direkt am Kampfe beteiligt, so kann er dir trotz aller Vorsicht, die du anwendest, entschlüpfen. Hat er dann die Stute, so kann kein Mensch ihn einholen; habe ich sie, so ergreife ich ihn, er mag dagegen machen und versuchen, was er will.«

»Das ist richtig; aber ich befürchte nur, daß du bemerkt wirst.«

Er widerstrebte nur noch kurz und entfernte sich dann. Ich schlich mich in einem Bogen jenseits des Feuers hinüber. Das Hedschihn stand im Dunkeln bei einem Busche, dessen Blätter es knusperte. Es ließ mich ganz ruhig herankommen. Dieser Ibn Asl verstand es nicht, ein solches Tier zu erziehen; es hätte bei meiner Ankunft fliehen oder wenigstens laut schnauben müssen. Ich band ihm die Vorderfüße los, schlang den Leitstrick vom Halfter und führte es fort. Es folgte so gutwillig, als ob es mir gehörte. Auf einem Umwege kehrte ich nach meinem früheren Standorte zurück und schritt dann dem Hegelikwalde zu, wo der Reïs Effendina mich in großer Spannung erwartete. Die vierzig Mann standen schon bereit.

»Allah! Es ist gelungen,« sagte er. »Effendi, du bist ein sehr gefährlicher Kameldieb; man sollte dich lebenslänglich einsperren lassen!«

»Verzeihe mir, hoher Vertreter der ägyptischen Gerechtigkeit; ich stehle nur bei Dieben und Räubern!« lachte ich. »Ich werde sofort aufbrechen. Aber, sind diese Leute mit Material versehen? Wir werden sehr wahrscheinlich vierzig Gefangene zu binden haben.«

»Es ist alles da. Wir haben das Nötige vom Schiffe mitgebracht.«

»So lebe wohl, und morgen früh ein siegreiches, fröhliches Wiedersehen!«

»Allah gebe es!«

»Laß Ibn Asl nicht entkommen!« warnte ich ihn noch; dann ging es vorwärts; einer der Asaker führte mein Kamel, ein anderer hatte das weiße Hedschihn am Halfter.

Erst den einzelstehenden Hegelik aufsuchend, schlug ich dann denselben Weg ein, den ich gekommen war. Natürlich ging es jetzt viel langsamer als vorher, da ich ritt. Es vergingen mehrere Stunden, ehe wir das Nordende des Sumpfes erreichten und dasselbe dann westlich umschritten. Jetzt sahen wir die dunkle, kompakte Masse des Berges vor uns liegen. Ich nahm meine Erinnerung zusammen, um das Regenbett nicht zu fehlen. Zweimal ging ich irre, fand es dann aber doch.

Jetzt galt es zunächst, die beiden Kamele, welche wir nicht weiter mitnehmen konnten, zu verstecken. Ich führte sie eine genügende Strecke fort, pflockte sie da fest und ließ einen Wächter bei ihnen zurück. Dann stiegen wir das Regenbett empor, bis wir den Kessel erreichten.

Die Wände desselben waren nicht allzu steil. Dreißig Mann mußten hinauf und sich dort rundum verteilen. Sie erhielten den Befehl, sich völlig laut- und geräuschlos zu verhalten, bis ich selbst den Angriff beginnen würde. Sie sollten möglichst hinter Steinen Deckung suchen, um, falls die Feinde sich verteidigen würden, von deren Kugeln nicht getroffen zu werden. Sollte einer der Gegner noch während der Dunkelheit hinaufgestiegen kommen, so war er von zweien oder dreien zu empfangen, am Halse festzuhalten, um nicht schreien zu können, und mit dem Messer unschädlich zu machen.

Mit den vierten Zehn ging ich eine kurze Strecke zurück und erstieg dann die halbe Höhe des Ufers des Regenbettes. Dort setzten wir uns nieder, um den Scheik el Beled mit seiner Schar vorüber zu lassen und dann zu folgen.

Elf Uhr nachts hatte er aufbrechen wollen; unser Marsch hatte kurz nach zehn Uhr begonnen. Wir hatten also höchst wahrscheinlich eine Stunde zu warten; aber es dauerte länger, viel länger. Er kam erst kurz vor Tagesgrauen. Er hatte sich nicht zu sehr beeilt, da er ja wußte, daß meine Karawane erst eine Stunde nach der Morgenröte kommen werde. Wir hörten sie an uns vorüberschreiten, stiegen dann leise von der Höhe herab und folgten ihnen. Nahe am Eingang des Kessels blieben wir halten. Die Sklavenjäger glaubten sich natürlich allein und sprachen laut miteinander. Sie lagerten sich um und zwischen die Büsche und bewiesen durch ihr munteres Lachen, daß sie sich in sehr guter, siegesgewisser Stimmung befanden.

Der Scheik war in Beziehung auf die Lustigkeit trotz der Würde, welche er eigentlich zu bewahren hatte, allen voran. Er scherzte übermütig und sprach von der Beute, welche zu machen sei, und von der Verteilung derselben. Wie ich später erfuhr, war ihm für seine Mitwirkung ein reicher Anteil versprochen worden. Der brave Mann hatte sich verspekuliert; er bekam etwas ganz anderes.

Der Tag mußte in ganz kurzer Zeit anbrechen, da hörte ich ihn sagen, daß er nach der Morgenröte ausschauen wolle. Ich glaubte, er werde innen, an der Wand des Kessels, emporsteigen, aber er kam durch den Ausgang heraus und auf uns zu.

»Bückt euch nieder!« raunte ich meinen Leuten zu, indem ich mich selbst schnell niederkauerte. Der Scheik sollte uns nicht zu früh bemerken. Er kam in langsamen Schritten heran; fast stieß er schon an mich, da fuhr ich vor ihm auf und nahm ihn mit beiden Händen am Halse.

»Nur die Hände binden, nicht die Füße!« befahl ich den Asakern. Sie gehorchten.

Ich drückte ihm den Hals nicht so fest zu, daß er die Besinnung verlor, und drohte ihm leise an das Ohr.

»Ein Laut von dir, und das Messer fährt dir in das Herz! Willst du schweigen, so nicke!«

Er nickte. Es war von ihm kein Widerstand zu fürchten; der Schreck war mächtiger als die Energie, und es zeigte sich später, daß er ein Feigling war, der nur für den Verrat, nicht für den Kampf paßte und die Führung der vierzig Sklavenjäger nur übernommen hatte, weil er überzeugt war, bei uns keinen Widerstand zu finden.

Acht Mann ließ ich stehen; zwei mußten mit mir den Scheik im Regenbette zurückführen, bis soweit, daß unsere Stimmen im Kessel nicht gehört werden konnten. Die beiden Asaker hielten ihn hüben und drüben fest. Ich hatte mein Messer in der Hand, ließ ihm die Spitze desselben auf der Brust fühlen und fragte ihn:

»Kennst du mich?«

»Ja. Du – du bist der – der Effendi,« stammelte er. »Warum behandelst du mich wie einen Feind? Du hast mir ja gesagt, daß du die Obrigkeit in mir achtest.«

»Und du hast das geglaubt! O du größter und oberster aller Dummköpfe! Nur ein so hirnloser Mensch wie du durfte glauben, daß er mich täuschen könne. Aber während du überzeugt warst, mich zu übervorteilen, habe ich dir einen Fuß gestellt, über den du nun stürzest.«

»Du bist nun im Irrtume, bei Allah, im Irrtume! Ich bin als dein Freund, als dein Gönner und Bewunderer gekommen.«

»Und die vierzig Männer, welche du bei dir hast, sind sie auch meine Bewunderer, Gönner und Freunde?«

»Ja. Ich habe sie in der Umgegend von Hegasi gesammelt und hierher geführt, um dir gegen deine Feinde beizustehen.«

»Gegen meine Gefangenen, willst du sagen! Gegen sie brauche ich keine Hilfe. Und warum versteckt ihr euch hier?«

»Nur um dich da zu erwarten. Ich weiß nicht, wie du auf den Gedanken kommst, diese Männer für Leute von Ibn Asl zu halten!«

»Schweig!« unterbrach ich ihn. »Dein Doppelspiel ist durchschaut. Mit dem heutigen Tage wird ihm ein Ende gemacht. Ich habe dich erkannt, sofort als ich dich sah. Du hattest keine Ahnung, daß ich dich täuschte. Du borgtest Ibn Asl dein Pferd; das hat dich verraten. Als ich mit Ben Nil im Boote zu dir kam, war ich schon vorher bei dem Reïs Effendina auf seinem Schiffe gewesen und hatte dich angezeigt. Er war dann ebenso freundlich zu dir wie ich; wir thaten das, um Ibn Asl durch dich hierher zu locken. Es ist uns gelungen, weil deine Dummheit fast noch größer ist als deine Schlechtigkeit. Jetzt ist Ibn Asl da, der Reïs Effendina aber auch. Dieser wird jenen ebenso nehmen, wie ich jetzt dich genommen habe. Wir schließen Ibn Asl mit seinen sechzig Männern gerade so auf dem Felsenwege ein, wie ihr mich einschließen wolltet. Ich habe gestern, ohne daß ihr es wußtet, mit bei euerm Feuer gesessen und alles gehört, deinen Bericht und auch das, was darauf besprochen wurde.«

»Das ist unmöglich!« entfuhr es ihm, ohne daß er daran dachte, daß in diesen Worten ein Geständnis enthalten sei.

»Ich will es dir beweisen. Du kamst auf der gefärbten Kamelstute; sie legte sich nieder. Ibn Asl befahl einem der beiden Männer, die außer ihm, dir und den Offizieren mit dort saßen, sie aufstehen zu lassen und ihr die Vorderbeine zu fesseln, damit sie fressen könne. Ist sie dann nicht vermißt worden?«

»Ja. Sie war fort; sie hat sich verlaufen.«

»Nein, sie hat sich nicht verlaufen, denn ich habe sie mitgenommen. Das werde ich dir gleich auch beweisen.«

Und mich an den einen der beiden Asaker wendend, fragte ich ihn: »Kannst du ein Kamel reiten?«

»Ganz gut, Effendi,« antwortete er.

»Im Norden von Maijeh lagern deine Kameraden mit den Gefangenen. Hole sie alle schnell herbei. Du gehst jetzt das Regenbett hinab, wendest dich links und wirst in einiger Entfernung auf die Wache treffen, welche ich bei den beiden Kamelen zurückgelassen habe. Findest du sie nicht gleich, so kannst du rufen. Du besteigst die Dschebel-Gerfeh-Stute des Sklavenhändlers und reitest gerade ostwärts, am Ende des Maijeh vorüber. Bis dahin ist es Tag geworden, und du wirst meine Spur sehen, welche dich genau nordwärts nach dem Lager führt. Spute dich, und treibe auch die andern zur größten Eile an!«

Er ging. Ich fuhr zu dem Scheik fort:

»Jetzt hast du gehört, wo unser Lager ist. Du wolltest es gestern erforschen, damit wir auf offener Steppe überfallen würden; ich aber ahnte das und schlug einen Umweg ein. Während du mich im Westen suchtest, war ich längst im Norden von hier. Daß der ehrliche Mann stets gescheiter ist und weiser handelt als der Verbrecher, das könnt und wollt ihr nicht eher glauben, als bis es euch zu eurem Schaden bewiesen wird. jetzt hast du genug gehört. Willst du noch leugnen?«

»Effendi, wie viele Asaker befinden sich jetzt hier bei dir?« fragte der Feigling.

»Mehr als genug, um euch zu vernichten. Wir kamen eine Stunde vor euch hier an und haben die Höhen und, wie du bemerkt hast, auch den Eingang des Kessels so besetzt, daß nicht ein einziger von euch zu fliehen vermag. Du, der Anführer, bist bereits gefangen. Wenn du deinen Leuten befiehlst, ihre Waffen auszuliefern und sich uns zu ergeben, so will ich meinen Einfluß bei dem Emir für dich verwenden, daß deine Strafe eine möglichst milde wird.«

»Allah ‚l Allah! Die Waffen abliefern. Sich ergeben! Vierzig Mann!«

»Ja, das klingt freilich anders als vorhin, da ihr so siegesgewiß bereits die Beute verteiltet! Beantworte meine Frage! Ich habe keine Zeit. Sage ja, so erhaltet ihr wenigstens das Leben; sage nein, so schießen wir euch alle über den Haufen!«

»Effendi, sei gütig, sei gnädig! Laß mich die Zahl deiner Leute sehen!«

»Du glaubst mir nicht? Ich lüge nicht; das muß dir genug sein.«

»O, du bist schlau! Was du nicht durch Gewalt fertig bringst, das suchst du durch List zu erreichen. So wird es auch hier sein, denn – – O Allah, o Muhammed! Da haben wir’s! Da geht es schon los!«

Vom Kessel herab erklang ein wüstes Geschrei. Schüsse knallten; dann wurde es ebenso plötzlich ruhig.

»Da hast du den Beweis der Wahrheit meiner Worte,« sagte ich. »Komm! Du wirst meinem Körper als Schild dienen. Wenn jemand auf mich schießt, trifft die Kugel dich. Das merke dir!«

Ich zog ihn mit mir fort, wieder das Regenbett hinauf. Am Eingange des Kessels standen die acht Asaker, die Gewehre schußbereit in den Händen. Der Tag graute; man konnte jetzt zur Genüge sehen. In jenen Gegenden bricht der Tag ebenso schnell herein wie die Nacht.

»Was hat’s gegeben; warum ist geschossen worden?« fragte ich.

»Da es hell geworden ist,« antwortete man mir, »wollten einige drin im Kessel emporklettern; unsere Leute verboten es von oben herab, und da nicht gehorcht wurde, so haben sie geschossen.«

»Wie steht es drin? Es ist ja schnell still geworden!«

»Die Sklavenjäger haben sich unter die Büsche verkrochen.«

»Da siehst du, welchen Mut deine Helden besitzen,« sagte ich zu dem Scheik. »Komm mit herein! Beim geringsten Anlasse aber stoße ich dir das Messer in den Leib.«

Ich hatte das Messer in der Rechten, nahm ihn mit der Linken beim Genick und schob ihn vor mir her, in den Kessel hinein. Auf einen Wink folgten mir die neun Asaker.

»Nun schaue einmal da hinauf, und sehe dir die Flinten an!« forderte ich den Scheik auf.

Die Asaker steckten hinter Felsen oder hatten Steine vor sich aufgebaut. Man sah von ihnen nichts als die Läufe der Flinten, welche von allen Seiten nach unten gerichtet waren. Ein Blick auf die Büsche brachte mich beinahe zum Lachen, obgleich meine Lage keine ungefährliche war. Wie leicht konnte einer auf mich schießen! Aber es gab keinen, welcher den Mut dazu hatte. Sie wußten übrigens noch gar nicht, von wem sie eingeschlossen waren; sie hatten nur die Gewehrläufe gesehen und sich sofort versteckt. Als ob die Büsche sie hätten schützen können! Hier sah ein Arm, ein Ellbogen, dort ein Schuh, ein nackter Fuß unter dem Grün hervor; sie alle lagen still; keiner regte sich.

»Wo hast du denn deine Helden?« fragte ich den Scheik. »Fordere sie doch einmal auf, hervorzukommen und sich zu verteidigen!«

»Der Effendi, der fremde Effendi!« klang es unter den Büschen heraus.

»Ich gebe dir nur eine Minute Zeit,« fuhr ich fort. »Hast du sie bis dahin nicht aufgefordert, die Waffen auszuliefern, so bekommst du das Messer bis an das Heft in den Leib.«

»Werde ich begnadigt?« fragte er.

»Ich verspreche dir Milde. Mehr kannst du nicht verlangen. Die Gnade steht beim Reïs Effendina. Schnell, schnell, ehe die Minute vergeht!«

Er wandte sich unter meinem Griffe hin und her; ich hob das Messer wie zum Stoße, da schrie er voller Angst:

»Laß mich los, Effendi! Ich werde thun, was du von mir forderst.«

»Von Loslassen ist keine Rede, denn du bist mein Gefangener. Befiehl deinen Leuten, einzeln hierher zu kommen, um die Waffen abzugeben und sich binden zu lassen, sowie du auch selbst gebunden wirst. Zeigt einer nur die geringste verdächtige Bewegung oder Miene, so bekommt er von den Leuten, welche da oben liegen, eine Kugel. Nun mach rasch; ich habe keine Zeit!«

Die Todesangst veranlaßte ihn, den betreffenden Befehl zu erteilen. Seine Leute gehorchten, indem einer nach dem andern unter dem Gesträuch hervorgekrochen kam. Nach Verlauf einer Viertelstunde waren sie alle entwaffnet und gefesselt. Der erste Akt des heutigen Dramas hatte sich ganz nach meiner Erwartung und ganz so, daß wir zufrieden sein konnten, abgespielt.

Nun galt es, die Ankunft meines Ben Nil mit der Karawane zu erwarten. Ich stieg das Regenbett hinab und setzte mich draußen nieder. Es verging fast eine Stunde, ehe ich sie kommen sah. Ben Nil ritt mit dem Boten, der auf dem Kamele saß, voran. Als sie mich erblickten, trieben sie ihre Tiere an, um noch vor der Karawane bei mir anzukommen.

»Effendi, wir hatten Sorge um dich,« meinte der treue Jüngling, als er sein Tier bei mir niederknieen ließ und aus dem Sattel sprang. »Du kehrtest bis zum Morgen nicht zurück, und da glaubten wir, es sei dir ein Unfall passiert. Sind die Feinde in deine Hände geraten?«

4a. Wissen eure Gefangenen davon?«

»Nein, denn dein Bote hat leise mit uns gesprochen. Aber sie haben die Dschebel-Gerfeh-Stute gesehen und müssen sich sagen, daß sie Ibn Asl, ihrem Herrn, abgenommen worden ist. Daraus können sie natürlich schließen, daß es ein Ereignis gegeben hat, welches demselben, wenn nicht gefährlich, so doch wenigstens unwillkommen gewesen ist. Wo sind die Leute, welche du ergriffen hast?«

»Sie stecken da oben in einer Schlucht. Wir werden deine Gefangenen zu ihnen bringen, die Kamele aber unter der Aufsicht einiger Leute hier unten lassen.«

Als die Karawane ankam, wurden die Gefangenen von den Kamelen gebunden; die Füße ließen wir ihnen frei, damit sie nach dem Kessel des Regenbettes laufen könnten. Man sah es ihnen an, daß der Anblick des Kameles sie mit Befürchtungen erfüllt hatte. Sie warfen auffällig forschende Blicke umher und tauschten leise Fragen und Antworten aus. Nur der Fakir el Fukara und Abd Asl gaben sich den Anschein, als ob sie nichts bemerkt hätten und sich ganz sicher fühlten.

»Effendi,« fragte der erstere, »warum werden wir hierher gebracht? Was sollen wir hier?«

»Ich will euch eine frohe Überraschung bereiten,« antwortete ich.

»Spottest du unser? Es scheint, daß wir etwas Frohes von dir nie zu erwarten haben. Ich bin durch die Schuld eines der obersten Teufel in deine Gewalt geraten, und obgleich ich dir nichts gethan habe, schleppst du mich wie ein wildes Tier mit dir herum. Du bist weder Herr meiner Person noch Besitzer meiner Rechte. Ich verlange, daß du mich losbindest und mir ein Kamel giebst, wie du mir versprochen hast, damit ich in meine Heimat reiten kann.«

»Wo ist diese Heimat?«

»Für jetzt in Chartum.«

»So gedulde dich nur noch eine kleine Weile; dann wirst du in Begleitung vieler deiner Freunde nach dort reiten können.«

»Ich mag keine Begleitung. Ich bin allein zu dir gekommen und will auch wieder allein gehen. Du mußt mich fortlassen, denn du hast keine Macht über mich.«

»Und über uns auch nicht!« behauptete Abd Asl.« Woher nimmt der Reïs Effendina die Erlaubnis, dir seine Rechte abzutreten? Und wenn er dies thun dürfte, warum schleppst du uns nach allen möglichen Richtungen hier in der Steppe herum? Ich verlange, nach Chartum gebracht zu werden!«

»Dieser Wunsch wird dir sehr bald in Erfüllung gehen,« sagte ich ihm.

»Wann aber denn? Heute haben wir einen Umweg hierher machen müssen. Meinst du etwa, daß dies klug von dir gehandelt ist? Wenn du meinem Sohne begegnest, was doch sehr leicht geschehen kann, so bist du unbedingt verloren.«

»Ich bin ihm schon wiederholt begegnet, ohne verloren gewesen zu sein.«

»Du hattest ein Glück, welches du gewiß nicht wieder haben wirst. Läufst du ihm noch einmal in den Weg, so bist du von Allah gerichtet! Du weißt, wie viele Krieger er bei sich hat. Hier in der Steppe könntest du nicht gegen ihn aufkommen. Er würde dich mit deinem Häuflein zerdrücken! Der Prophet kann unmöglich dulden, daß ein Christ sich ungestraft so über uns erhaben dünkt. Das Schwert seiner Rache flammt schon über dir. Wer weiß, nach wie wenigen Augenblicken schon es dich treffen und zerschmettern wird!«

»Ich werde dir zeigen, über wem es flammt. Folgt mir jetzt diesen Weg hinauf!«

Die Kamele waren abgesattelt worden und weideten im Grase. Drei Asaker blieben bei ihnen zurück. Die andern Soldaten nahmen die Gefangenen zwischen sich und führten sie hinter mir her das Regenbett empor. Es läßt sich denken, wie die letzteren erschraken, als sie, oben angekommen, vierzig Kameraden gefangen an der Erde liegen sahen. Abd Asl schrie vor Wut laut auf und überflutete mich dann mit solchen Grobheiten und Beleidigungen, daß mein Ben Nil sich sofort der Peitsche bediente, um ihn zum Schweigen zu bringen. Die andern verhielten sich still; sie wurden alle wieder an den Füßen gebunden und zu den übrigen gelegt.

Jetzt konnte ich aufbrechen. Die zwanzig Mann, welche ich mit bei den Fessarah gehabt hatte, blieben da, um die Gefangenen und die Kamele zu bewachen; die vierzig, welche mir der Reïs Effendina gestern mitgegeben hatte, begleiteten mich. Eigentlich sollte Ben Nil die ersteren befehligen; aber er bat mich so dringend, ihn mitzunehmen, daß ich ihm die Erlaubnis dazu gab. Ich konnte dem Fessarah-Führer und dem alten Asaker, welcher den Befehl über seine Kameraden schon einmal geführt hatte, gar wohl das nötige Vertrauen schenken. An eine Überrumpelung war nicht zu denken, und da die Gefangenen gut gefesselt waren, so gab es gar keinen Grund, die zwanzig Asaker, deren Treue unzweifelhaft war, noch durch einen besondern Vertrauensmann überwachen zu lassen. Sie hätten sich überhaupt dadurch beleidigt fühlen können.

Es war bestimmt worden, daß ich eine Stunde nach der Morgenröte den Dschebel Arasch Qol erreichen werde. Als wir jetzt aufbrachen, war es etwas später, was aber keineswegs von Nachteil sein konnte. Ich schärfte den zurückbleibenden Asakern auf das entschiedenste ein, gute Wache zu halten, gab ihnen für gewisse Fälle, deren Eintreten immerhin im Bereiche der Möglichkeit lag, bestimmte Verhaltungsmaßregeln und war nun überzeugt, daß keine Unregelmäßigkeit, kein Fehler, vorkommen werde. Es war mir undenkbar, damit einen Fehler begangen zu haben, und doch hatte ich mich, wie sich später zeigte, eines zu großen Vertrauens schuldig gemacht.

Während ich mich gestern auf der Ostseite des Maijeh gehalten hatte, marschierten wir jetzt auf seiner westlichen Seite nach Norden. Der Raum zwischen ihm und dem Berge war hier von der Breite einer Viertelstunde, doch gab es verschiedene Aus- und Einbuchtungen, durch welche diese Breite zeitweilig verringert oder vergrößert wurde. Der Berg war oben kahl und nur an seinem Fuße mit Grün bestanden. Je weiter wir kamen, desto höher stieg er an und desto steiler wurden seine Felsen, auch trat der Maijeh immer weiter zu ihm heran.

Nachdem wir längere Zeit gegangen waren, näherte sich der Sumpf von rechts her so weit, daß wir stellenweise nur zu zweien nebeneinander gehen konnten. Vor uns tauchten einzelne Laubbäume auf, deren Blätter unpaarig gefiedert waren. Ich erkannte sie schon von weitem. Es waren die Gafulbäume, welche uns andeuteten, daß wir uns der Stelle näherten, an welcher wir auf Ibn Asl und seine Leute zu treffen rechneten. Als ich Ben Nil, welcher neben mir ging, darauf aufmerksam machte, sagte er: »Wollen wir nicht halten bleiben, Effendi? Es muß einer heimlich vorkriechen, um zu erkunden, wo die Sklavenjäger stecken.«

»Das ist überflüssig. Es ist ja heller Tag.«

»Aber du hast dich auch schon bei Tage angeschlichen!«

»Weil das Terrain es mir erlaubte. Hier aber ist die Örtlichkeit, auf welcher man sich bewegen kann, zu schmal. Ibn Asl hat jedenfalls einen Posten ausgestellt. Dieser braucht nur auf den schmalen Weg zu achten, um einen etwaigen Kundschafter von uns sofort gewahren zu können. Nein, wir marschieren ruhig weiter.«

»Dann laufen wir ihnen doch gerade in die Hände!«

»Das will ich ja! Man wird keineswegs sofort auf uns schießen, sondern uns anrufen. Ibn Asl will mich lebendig haben; er hat jedenfalls Befehl gegeben, nicht auf mich zu schießen. Wenn ich also vorangehe, seid ihr sicher. Bleib mit den andern ein wenig zurück, und laß mich ungefähr dreißig Schritte weit vor euch herschreiten. Wenn ich stehen bleibe, so bleibt auch ihr solange halten, bis ich euch befehle, heranzukommen.«

»Ich muß dir leider gehorchen, möchte aber lieber an deiner Seite bleiben, denn die Entscheidung liegt ganz nahe vor uns.«

»Noch nicht. Ibn Asl wird sich nicht eher zeigen, als bis wir uns mitten in der eigentlichen Enge befinden, die wir noch gar nicht betreten haben.«

»Aber wenn der Reïs Effendina dann noch nicht zur Stelle ist!«

»So hätte es auch keine Gefahr für uns. Wir würden ihm Ibn Asl zutreiben. Zu befürchten wäre für uns nichts, da wir ja keinen Feind hinter uns haben. Es wäre nur der eine Nachteil zu befürchten, das Ibn Asl uns entkommen könnte.«

Wir setzten den Weg in der angedeuteten Weise fort. Ich ging allein voraus, und die andern folgten mir in der angegebenen Entfernung. Als ich die ersten Gafulbäume passiert hatte, bog der hier nun ganz schmal werdende Weg scharf nach rechts ab, denn die bereits erwähnte Bucht des Sumpfes begann hier an dieser Stelle. Sie trat von links her weit in den Felsen hinein. Dieser stieg senkrecht empor und bildete, um mich so ausdrücken zu dürfen, einen halben Hohlcylinder, an dessen Wand der Fuß eines Menschen unmöglich zu haften vermochte. Zu meiner linken Hand lag der Sumpf, vollständig mit Omm Sufah bedeckt, zwischen welcher einzelne freie, ölig glänzende Wasserstellen wie triefende Hexenaugen zu mir heraufstarrten. Von der obern Kante der Felsen waren Steine abgebrochen und heruntergestürzt. Sie lagen neben- und übereinander, von feuchtem Moose überzogen oder von verwesenden, stinkigen Pflanzenresten bedeckt, durch oder über welche der oft ausgleitende Fuß nur mit Vorsicht schreiten durfte.

Wer hier von vorn und zugleich von hinten angegriffen wurde, der konnte sich unmöglich wehren, der mußte sich ergeben. Rechts boten ihm die unersteiglichen Felsen keinen Weg zur Flucht, und links gähnte der Sumpf, aus dessen Schilf die widerlichen Köpfe unzähliger Krokodile glotzten. Es war so recht ein Ort des Schreckens, des Verderbens. Also ich allein sollte hier geschont werden, um für noch viel entsetzlichere Qualen aufgehoben zu sein; meine Asaker aber sollten in den Sumpf gedrängt, hineingeschleudert werden, ein Fraß für die Saurier, welche da unten in solcher Menge vorhanden waren, daß es schien, sie könnten nur dadurch das Leben fristen, daß die stärkeren die schwächeren verzehrten.

Wäre es unmenschlich gewesen, wenn ich den Sklavenjägern ganz das gleiche Schicksal bereitete? Wieviel Blut klebte an ihren Händen! Wieviele tausend und aber tausend Neger waren von ihnen unglücklich gemacht worden! Es schien mir, als sei es für sie keine zu harte, sondern nur eine sehr gerechte Strafe, sie in den Maijeh hinabzustoßen. Wie du mir, so ich dir, das ist das Gesetz der Wüste ebenso wie dasjenige der Prairie, der Savanne, der Pampas und Llanos Südamerikas, und wenn – – aber ich konnte diesen Gedanken nicht vollständig ausdenken, denn gar nicht weit von mir ertönte eine laute, gebieterische Stimme:

»Halt, keinen Schritt weiter, sonst schießen wir!«

Ich blieb stehen und blickte scharf nach vorn. Da standen zwei Gafulbäume nebeneinander, und vor denselben lagen einige große Felsstücke, hinter denen drei Männer versteckt sein mußten, denn ich sah ebensoviele Gewehrläufe, welche auf mich gerichtet waren – eine fatale Situation, denn es bedurfte dort nur eines Fingerdruckes, so fuhr mir das tödliche Blei in den Körper.

»Wer bist du denn?« fragte ich, indem ich that, als ob ich nur einen vor mir zu haben glaubte.

»Ich bin ein alter Bekannter von dir. Willst du mich sehen?« antwortete es.

»Natürlich!«

»Lege deine Waffen weg, dann trete ich hervor!«

»Daß ich ein Thor wäre!«

Ich that einen Sprung nach dem nächsten Baume, hinter dessen Stamm ich vollste Deckung fand. Diese Leute befanden sich jedenfalls in Verlegenheit. Sie waren zur rechten Zeit hier eingetroffen und warteten auf das Zeichen, welches ihnen der Scheik el Beled hatte geben wollen. Ich war ihnen auf den Leib gerückt; sie konnten mich unmöglich näher kommen oder gar vorüber lassen, und doch hatten sie sich erst dann sehen lassen sollen, wenn der Schuß des Scheiks gefallen war. Was nun thun? Durch Redensarten Zeit gewinnen? Fast schien es so, denn der Sprecher erwiderte:

»Wir können dich leicht zwingen, wenn wir nur wollen; aber du sollst auf friedliche Weise erfahren, was wir von dir verlangen.«

»So sage es!«

»So nicht. Laß deine Waffen zurück, und komm bis zu dem Steine, der mitten zwischen uns liegt! Ich werde dasselbe thun.«

»Gut, ich komme. Aber wenn ich nur die geringste Waffe, das kleinste Messer bei dir bemerke, fährst du dorthin, von wo du nicht wiederkommen kannst!«

Ich steckte die Revolver in die Hosentaschen, lehnte das Gewehr an den Stamm und legte das Messer daneben. Ich hätte die Revolver ruhig zurücklassen können, denn ich war meiner Sache vollständig sicher. Ein Blick nach rückwärts belehrte mich, daß meine Leute halten geblieben waren. Die Vordersten von ihnen, dabei Ben Nil, standen hinter einem Gebüsch, welches ein Eck bildete; sie konnten zwar von mir, nicht aber von dem, der mit mir sprach, gesehen werden. Wer dieser war, das wußte ich, denn ich hatte ihn an der Stimme erkannt. Es war der Oberlieutenant von Ibn Asl. Warum aber redete mich dieser nicht selbst an?

Ganz getrost hinter meinem Baume hervortretend, ging ich nach dem mir bezeichneten Steine und blieb dort stehen. Da ließ sich auch der Oberlieutenant sehen; er kam auf mich zu, blieb einige Schritte vor mir stehen und fragte in höhnischem Tone:

»Mich hast du hier wohl nicht erwartet?«

»Ja und auch nein,« antwortete ich ruhig. »Ich wußte, daß ich von euch hier erwartet werde. Und sage auch nein, weil ich glaubte, nicht von dir, sondern von Ibn Asl angeredet zu werden.«

»Allah! Du wußtest, daß wir hier auf dich warten?«

»Pah! Ich weiß noch mehr; ich weiß alles. Jetzt wartest du auf das Zeichen, welches der Scheik el Beled euch geben wollte. Oder ist’s nicht so, daß ein Schuß aus seiner Flinte euch den Beginn der Feindseligkeit andeuten sollte?«

»Allah ist allwissend. Er hört, sieht und kennt alles. Wie aber kannst du von dem Scheik und seiner Absicht wissen!«

»Das werdet ihr erfahren. Rufe Ibn Asl herbei!«

»Er ist nicht da.«

»Ich weiß, daß er sich hier befindet!«

»Du weißt es? So ist deine berühmte Allwissenheit doch nicht so bedeutend, wie du uns glauben machen willst. Wenn du wüßtest, wo Ibn Asl sich jetzt befindet, so würdest du dich weit weniger zuversichtlich, als du jetzt bist, zeigen!«

Diese Worte gaben mir zu denken. Hätte ich doch Ben Nil bei den Gefangenen zurückgelassen! Ich ahnte nämlich jetzt sofort, daß Ibn Asl seinen Plan, soweit es nämlich seine Person betraf, geändert habe. Er traute dem Scheik wohl nicht genug Umsicht zu und hatte darum das Kommando hier seinen beiden Offizieren übergeben und war nach dem nördlichen Ende des Maijeh gegangen, um die dortigen vierzig Sklavenhändler hinter mir herzuführen. Glücklicherweise war er zu spät dort angekommen. Wir hatten diese Leute gefangen genommen. Wenn ich mir nun auch sagte, daß er allein sie unmöglich befreien könne, so konnte er doch noch Leute bei sich haben, oder es konnte irgend ein Zufall ihm eine unvorhergesehene Gunst erweisen. Auf alle Fälle aber stand uns seine Gefangennahme nicht so sicher bevor, wie wir bisher geglaubt hatten. Natürlich ließ ich mir von meiner Besorgnis nichts merken, sondern antwortete mit einem überlegenen Lächeln:

»Wo er sich befindet, brauchst du mir nicht zu sagen. Er ist hier am Maijeh. Steht er nicht da vorn bei den sechzig Mann, so ist er zu den vierzig Mann gegangen, welche in dem Thalkessel des Regenbettes auf mich warten sollten.«

»Ja latif – du meine Güte! Er weiß es von dem Regenbette!« rief der Oberlieutenant. »Wer hat es dir verraten?«

»Ich weiß es; das ist genug. Ich habe dir schon gesagt, daß ich alles weiß. Ihr Dummköpfe solltet euch nun endlich doch einmal sagen, daß ihr mich nicht täuschen oder mir gar eine Falle, in der ich mich fange, stellen könnt. Die Falle, in welcher wir uns jetzt befinden, habe ich euch gestellt, nicht ihr uns.«

»Du? Und diese Falle?« lachte er höhnisch auf. »Ich will nicht sagen, daß Allah dich mit Blindheit geschlagen hat, denn du hast bisher nur mich sehen können; aber ich will dir mitteilen, daß du mit deinen zwanzig Asakern rundum eingeschlossen bist. Du hast uns vorhin Dummköpfe genannt, und doch ist mir noch nie im Leben so ein Dummkopf, wie du bist, vorgekommen!«

»Wirklich? Willst du mir das beweisen, du Klugkopf aller Klugköpfe?«

»Der Beweis ist sehr leicht. War es nicht die größte Dummheit, die es geben kann, daß du dem Scheik el Beled erzähltest, daß du die Absicht hattest, deine Gefangenen hierher zu führen, um sie den Krokodilen vorzuwerfen?«

»Eine Dummheit ist das gewesen? Mann, ich möchte vor Mitleid über dich weinen! Nicht eine Dummheit war es, sondern eine sehr schlaue Berechnung, welche sich in diesem Augenblicke als ganz richtig erweist.« Und nun erzählte ich ihm, wie ich es angefangen und was ich bereits erreicht hatte. Da schlug er die Hände zusammen und rief aus:

»O Allah, o Muhammed! Das – das – das soll man glauben?!«

»Wenn du es nicht glauben willst, wirst du es glauben müssen. Wo ist der Scheik mit seinen vierzig Männern? Warum giebt er nicht das verabredete Zeichen? Warum schießt er nicht?«

»Er kommt noch; er kommt ganz sicher noch! Und wenn er nicht käme, so dürftest du doch nicht triumphieren. Du hast nur zwanzig Mann bei dir; wir aber sind noch über sechzig Köpfe und werden – –«

»Nichts werdet ihr, gar nichts! Ihr könnt nichts anderes thun als euch auf Gnade und Ungnade ergeben.«

»Hältst du uns für wahnsinnig?«

»Da ihr so bereitwillig und unüberlegt in meine Falle gelaufen seid, sollte ich euch freilich für unsinnig halten. Aber du gehst mit dieser deiner Frage von einer sehr falschen Voraussetzung aus. Du glaubst, den Rücken frei zu haben; dies ist aber keineswegs der Fall, denn hinter euch steht jetzt der Reïs Effendina mit seinen Asakern.«

»Der – Reïs – Effen – dina?« stotterte er. »Du lügst!«

»Ich sage die Wahrheit. Und auch ich habe nicht zwanzig Köpfe, sondern viel, viel mehr bei mir. Zwanzig hatte ich erst, und ich habe dir ja gesagt, daß mir gestern abend der Reïs Effendina noch andere Leute mitgegeben hat. Ich fordere dich hiermit auf, die Waffen zu strecken. Wenn du dich dessen weigerst, wird mit euch geschehen, was ihr uns thun wolltet: wir werden euch den Krokodilen vorwerfen.«

»Effendi, was fällt dir ein! Du willst mich durch Lügen – –«

»Sei still, und beleidige mich nicht!« unterbrach ich ihn in strengem Tone. »Ich will die Gnade haben, dir die Wahrheit meiner Worte zu beweisen, damit unnützes Blutvergießen verhütet werde; – – Reïs Effendina –! Emir –!«

Ich rief diese beiden Namen, indem ich die beiden Hände hohl an den Mund legte, über den Busen des Sumpfes hinüber.

»Hier sind wir, Effendi, hier!« ertönte die Antwort, und zwar aus viel größerer Nähe, als ich sie zu hören geglaubt hatte.

»Nun?« fragte ich den Oberlieutenant. »Hörst du an dem Schalle, daß der Emir nicht zweihundert Schritte von mir steht?«

»War er das?«

»Wer sonst soll es gewesen sein? Mein Ruf hat ihm gesagt, daß ich da bin, und nun wird er vorwärts rücken. Ich rate dir, dich zu ergeben. Du sollst auch meine Leute sehen.«

Ich wendete mich rückwärts und winkte. Da brach Ben Nil mit seinen vierzig Asakern hinter dem Gesträuch hervor und kam schnell herbei. Die Leute hielten ihre Gewehre schußbereit. Zwar mußten sie hintereinander gehen; aber da der Weg einen Bogen machte, brauchten sie sich nicht bloß nach vorn zu richten, sondern konnten ihre Kugeln über den Busen hinüber und zu den Sklavenjägern senden. Als der Oberlieutenant diese meine Leute kommen sah, rief er aus:

»O Allah! Das sind ja fast hundert Mann! Ich lasse mich nicht von ihnen erwischen. Effendi, ich gehe, ich gehe!«

Er sprang nach den Bäumen, hinter welchen er gesteckt hatte und holte sein Gewehr. Dann eilte er noch weiter zurück, gefolgt von den beiden andern, die ihm dort Gesellschaft geleistet hatten. Wir avancierten eine kurze Strecke hinter ihm her, bis ich sah, daß es leidliche Deckung für uns gab. Ich glaubte nicht, daß es zum Kampfe kommen werde, dennoch stellte ich meine Leute so, daß sie hinter Steinen, Bäumen oder Büschen möglichst verborgen steckten.

Nun wartete ich, was geschehen werde. Ich war bereit und mußte vorerst erfahren, was auf der Seite unsers Emir geschah. Der Oberlieutenant hatte einen heilsamen Schreck erhalten. Er war von der langen Einzellinie meiner Leute so getäuscht worden, daß er sie für viel zahlreicher hielt, als sie waren. Das konnte mir nur lieb sein. Für je übermächtiger er uns hielt, desto größer mußte seine Besorgnis sein und also auch seine Bereitwilligkeit, sich zu ergeben.

Da hörte ich jenseits des Busens laute Stimmen; die Worte aber, welche gesprochen wurden, konnte ich nicht verstehen. Dann erdröhnte ein Schuß, noch einer, ein dritter und ein vierter. Menschen schrieen. Dann wurde es plötzlich wieder ruhig. Eine Viertelstunde verging. Da kam ein Mann um die Krümmung des Weges; er trug die Uniform der Asaker des Emirs. Ich trat hinter dem Baume, an welchem ich stand, hervor. Ich kannte ihn; ein Betrug war unmöglich. Als er mich sah, kam er schnell auf mich zu.

»Die Sklavenjäger haben dich durchgelassen?« fragte ich voller Hoffnung.

»Ja, Effendi; sie mußten, denn sie haben die Waffen gestreckt,« antwortete er.

»Gott sei Dank! Aber es fielen Schüsse!«

»Der Emir wollte ihnen zeigen, daß wir Ernst machen. Es sind vier von ihnen erschossen worden; dann erst baten die beiden Offiziere um Gnade. Nun sollst du mit deinen Leuten näher kommen, um mitzuhelfen, den Gefangenen die Hände zu binden.«

Auf diese Weisung hin marschierten wir vorwärts und stießen sehr bald auf die ersten Feinde. Diejenigen, welche ich sehen konnte, hielten ihre Gewehre noch in den Händen, machten aber keine Miene, sie gegen uns zu gebrauchen.

»Effendi!« hörte ich die Stimme des Emirs rufen.

»Hier!« antwortete ich.

»Die Gegner legen die Waffen nieder und werden, die Hände hinten gefesselt, immer einer an den andern gebunden, so daß sie eine Einzelreihe bilden und so auf dem schmalen Wege transportiert werden können. Laß keinen entkommen. Wir marschieren nach dem Regenbette.«

Dieses Arrangement war bei der Schmalheit des Weges das einzig richtige. Oft konnten nur zwei nebeneinander stehen. Die Stricke und Riemen zum binden, ebenso die erbeuteten Waffen, mußten von dem einen dem andern zugereicht werden. Als ich vorn fertig war und der Emir von sich dasselbe gemeldet hatte, setzten wir uns in Bewegung, zunächst meine Asaker voran, darauf die Gefangenen und dann der Emir mit seinen Leuten. Nachdem später der Weg breiter geworden war, bildeten wir aus der Einzelreihe der Sklavenjäger eine doppelte, neben welcher die Asaker hermarschierten, immer ihre Waffen zum Gebrauche bereit, um einen etwaigen Fluchtversuch zu vereiteln. Später konnten wir es uns noch bequemer machen, und da kam auch der Emir nach vorn, um mit mir zu sprechen. Er war natürlich ebenso wie ich über das Gelingen unseres Unternehmens erfreut, ärgerte sich aber auch in demselben Grade darüber, daß wir Ibn Asl nicht mit erwischt hatten.

»Wo mag er stecken?« fragte er.

»Hat der Oberlieutenant es dir nicht gesagt?«

»Er gestand mir, daß er nach dem Regenbette sei. Dieser Gedanke scheint ihm erst gegen Morgen gekommen zu sein. Vielleicht ergreifen wir ihn noch.«

»Schwerlich! Nämlich wenn er nicht schon ergriffen worden ist.«

»Von unseren Wächtern am Kessel des Regenbettes?«

»Nein, sondern von den Kamelwächtern. Ehe er den Kessel erreichen konnte, mußte er an diesen Leuten vorüber.«

»Wieviele sind es?«

»Solange ich dort anwesend war, hielt ich drei Personen für ausreichend; aber als ich fortging, befahl ich, daß noch zwei dazu kommen sollten.«

»Das genügt vollständig. Gegen fünf Mann hat Ibn Asl unmöglich etwas machen können.«

»Durch Gewalt wohl nicht, aber ob auch nicht durch List –?!«

»Welche List hätte er in Anwendung bringen können?«

»Hm! Ist er allen deinen Asakern persönlich bekannt?«

»Nein.«

»So steht zu erwarten, daß er sich für einen andern ausgegeben hat. Ist ihm Glauben geschenkt worden, so kann er uns wohl bedeutenden Schaden angerichtet haben.«

»Das ist wahr. Wollen uns beeilen!«

»Soll ich nicht lieber vorausgehen? je eher einer von uns ankommt, desto leichter ist ein etwa vorgefallener Fehler gut zu machen.«

»Ja, eile vor uns her, und nimm deinen Ben Nil mit, auf den du dich verlassen kannst! Wir kommen so schnell wie möglich nach.«

Es zeigte sich leider, daß meine Befürchtung nicht unbegründet gewesen war. Als ich mit Ben Nil an die Nordseite des Berges gelangte und da die weidenden Kamele erblickte, sah ich zugleich etwas, was mir bewies, daß nicht alles in Ordnung sei. Außerhalb des Platzes, auf welchem sich die Kamele befanden, standen fünf Wächter, und innerhalb dieses Halbkreises, da, wo das Regenbett in den Berg zu schneiden begann, gab es eine Gruppe von Menschen, welche sich nicht hier befinden durften, wenn nichts Regelwidriges geschehen war. Es waren fünf Personen. Zwei lagen an der Erde, und drei kauerten bei ihnen, indem sie sich mit ihnen beschäftigten. Als diese drei uns kommen sahen, sprangen sie auf und blieben stehen, um unser Nahen zu erwarten. Es war der Fessarahführer, der alte Askari, dem ich den Befehl übergeben hatte, und noch ein Soldat. Schon von weitem sah ich es ihnen an, daß sie sich in einer nicht ungewöhnlichen Verlegenheit befanden.

»Was ist denn geschehen?« fragte ich sie. »Warum liegen diese zwei, ohne sich zu bewegen, an der Erde?«

»Sie sind – – verwundet, Effendi,« antwortete der Alte.

»Von wem?«

»Von einem Fremden.«

»Wie ist das möglich gewesen? Kanntet ihr den Mann?«

»Nein. Ich habe ihn gar nicht gesehen, und dieser da,« – er deutete auf den Soldaten – »welcher mit Wache stand, hat ihn nicht gekannt.«

»Und die andern Wächter?«

»Ob diese den Mann gekannt haben, weiß ich nicht; ich kann sie nicht darnach fragen, da sie ohne Besinnung sind.«

»Aber das sind zwei, und dieser Soldat hier, das ergiebt drei; ich hatte aber doch befohlen, daß fünf bei den Kamelen sein sollten!«

»Effendi, es sind jetzt ja fünf Mann da!« meinte der Alte, indem er die Augen niederschlug.

»Fünf!« zürnte ich. »Jetzt sind in Summa zehn Mann hier; also befinden sich nur zehn, anstatt fünfzehn Personen droben bei den Gefangenen. Was ist das für eine Wirtschaft! Wenn du meinen Anordnungen nicht besser Gehorsam leistest, ist es freilich nicht zum verwundern, daß solche Dinge geschehen. Du bist der älteste der Asaker; aber hätte ich einem Kinde den Oberbefehl übergeben, so wären meine Weisungen jedenfalls gewissenhafter befolgt worden. Und diese beiden Männer sollen nur verwundet sein?«

»Ich denke es, Effendi; ich hoffe es, daß sie nur besinnungslos sind und bald wieder zu sich kommen.«

»Habt ihr euch mit ihnen beschäftigt?«

»Schon seit einer Stunde; sie wollen aber trotz unserer Bemühungen nicht erwachen.«

»Das glaube ich wohl. Sieh doch ihre Gesichter an! Das sind hippokratische Züge. Wollen einmal sehen!«

Ich kniete nieder, um die Verwundeten, welche in einer Blutlache lagen, zu untersuchen. Der eine war in den Hinterkopf und der andere in die Brust geschossen. Man hatte ihnen nicht einmal die Jacken geöffnet. Sie waren tot.

»Mensch,« fuhr ich den Alten zornig an, »hast du denn keine Augen gehabt! Diese beiden Leute sind nach den Schüssen, welche sie erhielten, sofort tot gewesen. Und nun will ich wissen, wie dieses Unglück geschehen konnte und wie es geschehen ist!«

»Effendi, frage den; der war dabei!«

Er deutete auf den Soldaten.

»Erzähle!« gebot ich diesem.

»Herr,« begann dieser zaghaft, »mich trifft keine Schuld; das glaube mir! Wir drei hatten eben die Wächter abgelöst – –«

»Ihr drei?« fiel ich ihm in die Rede. »Also sind es selbst nach der Ablösung trotz meines bestimmten Befehles nur drei Posten gewesen?«

»Ja; aber ich kann nicht dafür.«

»Das weiß ich, denn du warst es ja nicht, der zu bestimmen hatte. Weiter!«

»Also wir drei hatten eben die Wächter abgelöst, als wir einen Mann sahen, der um den Sumpf herum und über die Steppe kam. Seine eiligen Schritte waren gerade auf uns gerichtet; aber als er uns erblickte, blieb er wie erschrocken stehen. Dann kam er langsam auf uns zu.«

»Er war bewaffnet?«

»Ja. Ich stand ihm am nächsten und rief ihn an. Er gehorchte, blieb stehen und kam erst dann vollends heran, als ich ihm die Erlaubnis dazu erteilt hatte.«

»Das war ein Fehler. Entweder durftet ihr ihn gar nicht heranlassen, oder ihr mußtet ihn gefangennehmen.«

»Dieses letztere wollten wir ja auch, und nur darum erlaubten wir ihm, zu uns zu kommen.«

»Fragte er, wer ihr seid?«

»Ja.«

»Und du antwortetest?«

»Ja. Es gab doch keinen Grund, ihm zu verschweigen, daß wir Asaker des Reïs Effendina sind!«

»Es gab wohl Grund, und zwar allen, allen Grund! Du hast da eine Albernheit begangen, welche ganz unverzeihlich ist. Er wollte erfahren, wen er vor sich hatte, um darnach seine Antworten und Auskünfte einzurichten. Siehst du das nicht ein? Er war klüger als ihr. Ich muß unbedingt ganz genau erfahren, was geschehen ist; ich muß jedes Wort wissen, was gesprochen wurde, womöglich sogar die Reihenfolge der Fragen und Antworten. Besinne dich also, und gieb ehrlich Auskunft! Nur dadurch kannst du dir meine Verzeihung, welche du gar nicht verdient hast, erwerben. Also er fragte zuerst, was?«

»Wer wir seien. Ich sagte es ihm. Dann wollte er wissen, wo unsere Kameraden seien. Ich wollte es ihm nicht sagen, und da teilte er mir mit, daß er ein Freund des Emirs sei.«

»Das glaubtest du?«

»Nicht sofort. Ich war vorsichtig, Effendi, und sagte ihm in das Gesicht, daß seine Worte Lügen seien. Da aber begann er, sehr stolz zu sprechen. Er behauptete, ein Eilbote des Gouverneurs von Chartum zu sein; er sei an den Reïs Effendina abgesandt, um diesem höchst wichtige Befehle zu bringen.«

»Der Gouverneur von Chartum hat dem Emir nichts zu befehlen!«

»Das wußte ich nicht. Er gab sich für einen hohen Offizier, nämlich für einen Mir Alaj aus und sprach in einer so befehlshaberischen Weise zu uns, daß wir ihm Glauben schenken mußten.«

»Mußten? Wenn ein Hund dich anbellt, anstatt demütig zu winseln, mußt du ihn deshalb für einen Löwen halten? Doch weiter! Er hat sich jedenfalls nach allem erkundigt?«

»Ja. Er kannte auch dich und sprach so freundlich von dir, daß unser Mißtrauen völlig schwand. Er wollte wissen, wo du seist, wo die Gefangenen sich befänden; kurz, wir mußten ihm alles, alles sagen.«

»Daß die Gefangenen da oben im Kessel des Regenbettes sind?«

»Ja. Wir mußten ihm erzählen, wie die vierzig Mann heute früh in unsere Hände geraten seien.«

»So erfuhr er auch, daß der Reïs Effendina sich hier am Maijeh befindet und wieviel Asaker er bei sich hat?«

»Auch das.«

»Sagtet ihr auch, in welcher Weise wir In Asl fangen wollten?«

»Darnach fragte er uns ganz besonders und eindringlich.«

»Nun, da haben gerade die richtigen Kerle für ihn dagestanden. Er konnte sie sich gar nicht dümmer und leichtgläubiger wünschen! Wo habt ihr nur eure Köpfe und eure Gedanken gehabt! Diesem fremden Manne alles, alles zu sagen, anstatt ihn festzunehmen und ihm bis zu meiner Rückkehr alles zu verheimlichen, wie es eure Pflicht und Schuldigkeit war! Wie sah er aus?«

»Er trug einen weißen Haïk, Effendi.«

»Seine Gestalt?«

»Er war nicht lang, aber sehr breit.«

»Sein Gesicht?«

»Es war ganz von einem schwarzen Vollbart bedeckt.«

»Dachte es mir! Weißt du denn, du Sohn, Enkel und Urenkel eines Großvaters der Albernheit, mit wem du da gesprochen und wem du diese wichtigen Dinge verraten hast? Ibn Asl war es, der berüchtigte Sklavenjäger, der Anführer unserer Feinde in eigener Person!«

»Allah w’Allah! Wäre es möglich?!«

»Natürlich! Denn bei dir ist alles möglich, selbst die allerunmöglichste Kopflosigkeit, wie du ja bewiesen hast! Was that er denn, nachdem du ihm eine so schöne und ausführliche Auskunft erteilt hattest?«

»Er verlangte mit demjenigen zu sprechen, dem du das Kommando hier übergeben hättest.«

»Gut! Weißt du denn, was eigentlich nun geschehen mußte?«

»Was, Effendi? Ich glaube keinen Fehler gemacht zu haben.«

»Hättet ihr richtig gehandelt, so stände es jetzt hier anders. Während einer von euch hier bei den Kamelen blieb, mußten die beiden andern ihm die Waffen abfordern und ihn dann in die Mitte nehmen, um ihn zu dem Kommandierenden zu bringen. Habt ihr dies etwa gethan?«

»Nein, das nicht.«

»Und warum nicht?«

»Weil er befahl, es sollte einer von uns gehen, um den Kommandanten zu holen.«

»Und wer ging?«

»Ich.«

»Das hat dir das Leben gerettet. Drei waren ihm doch zu viel und zu gefährlich; darum schickte er einen fort, um mit den andern leichter fertig werden zu können. Erzähle weiter!«

»Ich ging. Ich hatte doch noch Verdacht gegen ihn und blieb, als ich mich zwischen den hohen Ufern des Regenbettes befand, stehen, um zu überlegen, ob es nicht vielleicht besser sei, ihn gleich mitzunehmen. Indem ich so darüber nachdachte, hörte ich zwei Schüsse schnell hintereinander fallen. Das war bei den Kamelen. Ich sprang auf das eiligste zurück und sah diesen Mann das weiße Hedschihn besteigen; meine beiden Kameraden aber lagen an der Erde. Wie du jetzt gesagt hast, sind sie von ihm erschossen worden.«

»Schossest du nicht nach ihm?«

»Natürlich! Ich legte mein Gewehr sofort auf ihn an und zielte nach seinem Kopfe; aber die Kugel ging leider fehl, und dann war er mit dem Kamele so schnell und so weit fort, daß ihn meine zweite Kugel gar nicht erreichen konnte.«

»Wohin ritt er?«

»Dahin, woher er gekommen war.«

»Also östlich?«

»Ja; er verschwand hinter dem Sumpfe.«

»Und dann?«

»Dann kam der Alte hier, denn er hatte die Schüsse auch gehört. Ich erzählte ihm, was geschehen war. Da stellte er fünf Wächter her, und wir gaben uns Mühe, die Toten aufzuwecken, haben aber, bis du kamst, keinen Erfolg gehabt.«

»Ja, jeder Dummkopf macht erst dann, wenn es zu spät ist, seine Fehler gut! Ihr seid schuld am Tode eurer Kameraden und an dem Entkommen des Sklavenjägers. Ich will nicht mit euch rechten, sondern dies dem Reïs Effendina überlassen. Ich will lieber versuchen, eure Thorheit ungeschehen zu machen, obgleich ich überzeugt bin, daß dies fast unmöglich ist. Helft mir schnell, mein und Ben Nils Kamel zu satteln; sie sind die schnellsten von allen. Wir werden Ibn Asl nachreiten. Du aber, Alter, kehre jetzt zu den Gefangenen zurück! Da du nur zehn Wächter bei ihnen gelassen hast, könnte zu dem ersten Unfalle leicht noch ein zweiter kommen. Dem Reïs Effendina melde, daß ich wohl nicht sehr lange fortbleiben werde.«

Zwei Minuten später saßen wir im Sattel und ritten nach dem Sumpfe, hinter dessen nördlichem Ende, wie wir gehört hatten, Ibn Asl verschwunden war.

Am Wadi el Berd, als ich und Ben Nil den Sklavenjäger auf seinem weißen Kamele verfolgten, hatten wir auf denselben Tieren gesessen, welche wir heute noch ritten. Es war uns damals unmöglich gewesen, die weiße Dschebel-Gerfeh-Stute einzuholen; sie war unsern Tieren noch heute ganz in derselben Weise überlegen. Da wird man nun mit gutem Grunde fragen, wie es kam, daß ich dennoch den Versuch machte, Ibn Asls habhaft zu werden. Ich wollte mich einfach nicht auf die unzulängliche Schnelligkeit meiner Kamele, sondern auf meine List verlassen. Ben Nil folgte dem soeben bezeichneten Gedankengange, als er, während wir zunächst langsam nebeneinander herritten, mich fragte.

»Effendi, meinst du wirklich, daß wir Ibn Asl einholen? Denke an damals, als wir ihn am Wadi el Berd verfolgten! Wir saßen auf den schnellsten Hedschihn, welche der Reïs Effendina aufzutreiben vermocht hatte, und doch verschwand Ibn Asl auf seinem weißen Kamele vor uns, wie eine Sternschnuppe hinter dem Horizonte verschwindet.«

»Das ist richtig; aber ich will ihn nicht verfolgen, sondern er soll mir in die geöffneten Arme laufen. Ich behaupte, er ist noch hier.«

Bei diesen Worten deutete ich hinaus in die nordwärts von uns liegende Steppe.

»Da wäre er der größte Thor, den ich mir denken kann!«

»O nein! Du hast die Erfahrung gemacht, daß meine Berechnungen, selbst wenn sie einmal kühner als gewöhnlich sind, meist stimmen.«

»Das ist wahr. Ob aber auch die jetzige?!«

»Ibn Asl schwamm schon im Siegesrausche, desto größer wird jetzt seine Enttäuschung sein. Er hat, als er hörte, was geschehen war, oder vielmehr was geschehen sollte, sich nicht in den Kessel des Regenbettes zu seinen gefangenen Genossen getraut; er sah ein, daß er verspielt habe und sein Heil nur in der Flucht suchen müsse. Entkommen konnte er aber nur durch die Schnelligkeit seines Kameles. Es war ihm gestern abhanden gekommen; aber er sah es vorhin hier bei den unserigen weiden. Da mußte ihm der Gedanke kommen, sich wieder in den Besitz desselben zu setzen. Es ist ihm gelungen, indem er die Wächter bethörte. Auf dem Rücken dieses unvergleichlichen Tieres weiß er sich nun vor jeder Verfolgung sicher, da kein anderer Reiter ihn einzuholen vermag. Aus diesem Grund braucht er es mit der Flucht nicht so eilig zu nehmen, sondern er kann das thun, was ihm nächst der Rettung seiner eigenen Person am meisten am Herzen liegen wird, nämlich nachforschen, was aus seinen Leuten geworden ist. Es liegt ja im Bereiche der Möglichkeit, daß sie nicht in unsere Hände geraten sind. In diesem Falle braucht er nicht zu fliehen, sondern kann uns im Gegenteile noch höchst gefährlich werden. Er wird unsere Rückkehr belauschen. Wenn unser Zug zwischen dem Sumpfe und dem Berge hervorkommt, um den letzteren nach dem Regenbette hin zu umbiegen, bietet er einen so offenen Anblick, daß ein heimlicher Beobachter sogleich erkennen muß, wie die Verhältnisse liegen.«

»Aber einen heimlichen Beobachter kann es doch da gar nicht geben, weil sich hier niemand verstecken kann.«

»Da täuschest du dich eben. Die offene Steppe bietet ein außerordentlich gutes Versteck, eben weil sie offen ist. Hinter einem Busche oder Baume kann man einen Lauscher vermuten und suchen; sage mir aber mit Sicherheit genau den Punkt, wo ich einen auf der Steppe verborgenen Menschen antreffen werde!«

»Du hast im allgemeinen recht; aber Ibn Asl hat ein weißes Kamel, welches ihn verraten würde.«

»Du ziehst nicht in Betracht, daß es jetzt gefärbt ist.«

»Ja, das hatte ich vergessen. Aber er trägt einen weißen Haïk, den man unbedingt sehen muß.«

»Den zieht er aus.«

»So giebt es aber doch noch einen Einwand, den du mir wohl nicht widerlegen wirst. Wenn er uns beobachten will, muß er doch so nahe herankommen, daß er uns deutlich sehen kann; dann sehen aber auch wir ihn.«

»Ich habe auf der ›Eidechse‹ ein Schiffsfernrohr gesehen; das hatte er mit, wie ich gestern abend, als ich ihn am Feuer beobachtete, bemerkt habe. Mit Hilfe desselben kann er uns aus einer Entfernung beobachten, welche für unsere bloßen Augen zu groß ist, als daß wir ihn da sehen könnten. Er hat dieses Rohr jedenfalls auch vorhin umhängen gehabt. Leider dachte ich nicht daran, mich darnach zu erkundigen. Also ich stelle mir das so vor: Er ist ein tüchtiges Stück fortgeritten und dann wieder umgekehrt, bis er dem Regenbette so nahe war, daß er es durch das Rohr beobachten kann. Dort stieg er ab; sein Kamel mußte sich legen, und er hält nun das Rohr auf die Gegend gerichtet, aus welcher unser Zug kommen muß.«

»Dann sieht er aber doch jetzt uns beide, Effendi!«

»Allerdings; jedoch das schadet nichts. Er ahnt ja nicht, was wir beabsichtigen. Nun fragt es sich, wohin er dann, wenn er uns beobachtet hat, seinen Ritt oder vielmehr seine Flucht wenden wird.«

»Jedenfalls nilaufwärts nach der Stelle, an welcher er sein Schiff liegen hat.«

»Das denke ich auch. Hier unten muß er seine Sache verloren geben. Er ist ganz allein und hat keine Leute, um uns die Gefangenen abzujagen. Er findet sein Heil nur in der schleunigsten Entfernung. Er wird zunächst sein Schiff aufsuchen und dann, entweder mit diesem Schiffe oder auf seinem viel schnelleren Kamele nach Faschodah gehen, wo Freunde und Verbündete auf ihn warten. Dort und in der Gegend Fanakama kann er neue Leute anwerben, um sein schmachvolles Handwerk weiter zu treiben. Daraus geht hervor, daß er von hier aus südwärts reiten wird, ungefähr in der Richtung nach Hegasi zu, woher er j a auch gekommen ist. Darauf gründe ich meinen Plan, bei dessen Ausführung du mir helfen sollst.«

»Ich werde alles, was du willst, gern thun, Effendi. Gieb mir nur deine Befehle!«

»Wenn er wirklich das thut, was ich erwarte, so kann ich mir ungefähr denken, an welcher Stelle er sich jetzt befindet. Unser Zug kommt zwischen dem Berge und dem Maijeh hervor und wendet sich dann links. Dieser Gegend gegenüber muß Ibn Asl Posto fassen, wenn er alles deutlich sehen will. Die Breite, in welcher sich sein Versteck befindet, kenne ich also, und die Länge ergiebt sich aus der Tragweite seines Fernrohres. Da, wo die Länge mit der Breite sich schneidet, habe ich ihn zu suchen.«

»Das verstehe ich nicht, und ich bitte dich also, es mir zu erklären!«

»Das ist nicht notwendig; du brauchst mich nicht so genau zu verstehen, da du ihn nicht aufsuchen sollst; das werde vielmehr ich thun. Ich umreite ihn, so daß er keinen Verdacht faßt, komme dann in seinem Rücken zurück und stöbere ihn auf. Er wird fliehen, und zwar in südlicher Richtung. Diese hast inzwischen du verfolgt. Du bist an einer Stelle, an welcher er voraussichtlich vorüberkommen muß, abgestiegen. Dein Tier liegt am Boden; du auch; er kann euch also nicht eher sehen, als bis es zu spät ist. Sobald er nahe genug ist, zielst du auf sein Kamel und schießest es nieder.«

»Warum nicht ihn?«

»Er mag noch so schlecht sein, bleibt aber doch ein Mensch. Und sein Kamel ist zwar kostbar, aber doch nur ein Tier. Es wird stürzen; er springt auf, um zu fliehen, und du steigst schnell in den Sattel. Dann haben wir ihn zwischen uns, denn du bist vor und ich bin hinter ihm; er muß sich ergeben.«

»Er wird auf uns schießen!«

»Glaube das nicht! Ich werde dafür sorgen, daß er das nicht wagt. Wollte er im Ernste ziele, so würde meine Kugel ihn treffen, bevor er abzudrücken vermag. Ich hoffe, du hast mich begriffen!«

»Ja. Aber wo ist die Stelle, an welcher ich anhalten soll, an welcher er deiner Ansicht nach vorüberkommen wird? Ich bin sehr begierig, zu erfahren, wie du das in der offenen Steppe bestimmen willst.«

»Es ist leichter als du denkst.«

»Wirklich, Effendi? Er reitet nach Süden, ja; aber wieweit er sich dabei östlich oder westlich hält, das kannst du nicht wissen.«

»Wenn ich es noch nicht weiß, so berechne ich es mir. Zu weit nach Osten kann er nicht gehen, weil das ein Umweg wäre und ihn zugleich in die Nähe des Niles bringen könnte, wo er gesehen würde; er wird sich also eher soweit wie möglich nach Westen halten. Da aber sendet der Sumpf einen langen, schmalen Arm in die Steppe hinein, über den er nicht kann, den er also umreiten muß. Er wird, das bin ich überzeugt, hart am Ende dieses Sumpfarmes vorüberkommen, und dort ist es, wo du ihn zu erwarten hast.«

»Ist das weit von hier?«

»Gar nicht. Wir befinden uns am nördlichen Ende des Sumpfes. Blicke nach Südost, so wirst du dort am Horizonte eine dunkle Linie sehen!«

»Ich sehe sie, Effendi.«

»Das sind die Büsche, welche diesen Arm des Sumpfes markieren. Da, wo links diese Linie aufhört, ist auch der Sumpf zu Ende, und dort hältst du an.«

»So weiß ich, was ich zu thun habe. Ich soll natürlich jetzt sogleich hin?«

»Ja. Aber mach keinen Fehler! Ziele gut, damit du keinen Fehlschuß thust.«

»Du weißt, daß ich nicht schlecht schieße, Effendi.«

Wir trennten uns. Er ritt nach Süden und ich nach Norden, in die Steppe hinaus. Wenn Ibn Asl wirklich ungefähr da lag, wo ich ihn vermutete, so mußte er, wie bereits erwähnt, mich sehen und sich also fragen, weshalb ich diesen Ritt unternahm. Höchst wahrscheinlich kam er nicht auf die Idee, daß derselbe ihm gelte; ich hielt ihn nicht für klug genug, mir eine solche Berechnung zuzutrauen; dennoch hielt ich mich mehr nach Westen, um ihm nicht allzu nahe zu kommen. Hätte er schon jetzt meine Absicht bemerkt, so wäre er geflohen, und ich hätte ihn nicht Ben Nil zutreiben können.

Als ich mich soweit, wie meiner Vermutung nach sein Fernrohr trug, von dem Berge entfernt hatte, mußte ich mich sehr wahrscheinlich in gleicher Breite mit ihm befinden, und hielt nun mehr östlich hinüber, aber nur nach und nach, damit es ihm nicht auffallen möge. Ich ritt noch einmal so weit, als ich bisher gekommen war, bog dann um und wendete mich zurück, nach Süden, auf die Gegend zu, welche mir nun einmal als sein Aufenthalt oder Versteck im Sinne lag. Ich trieb mein Tier zum schärfsten Gange an, um Ibn Asl so wenig wie möglich Zeit zu lassen, und nahm mein Gewehr vom Sattelknopfe. Vielleicht gelang es mir doch, ihn so zu überrumpeln, daß ich auf sein Tier zum Schusse kam.

Dabei rechnete ich darauf, daß er seine Aufmerksamkeit vorzugsweise nach der Richtung wenden werde, in welcher unsere Asaker erscheinen mußten. Ich war außerordentlich gespannt, zu erfahren, ob ich meine Berechnung in die Luft geschrieben hatte oder nicht. In die Steppe reiten, um einen Menschen zu fangen, der sich gar nicht in derselben befindet, das hätte mich denn doch geärgert und wohl auch ein wenig – blamiert.

Glücklicherweise sollte ich wenigstens dieser Blamage entgehen, denn plötzlich bemerkte ich da vorn vor mir eine Bewegung im Grase. Ich sah ein Kamel am Boden liegen; ein Mann sprang in den Sattel; das Tier schnellte sich auf und rannte fort.

Also war er doch dagewesen! Er hatte gerade und genau da gelegen, wo meine Vermutung ihn gesucht hatte. Jetzt schoß er gerade vor mir her, drehte sich nach mir um und schwang höhnisch die Flinte über dem Kopfe, gerade wie damals, als er mir am Wadi el Berd entfloh. Schießen konnte oder vielmehr wollte ich nicht; ich hätte ihn vielleicht noch treffen können, aber die Entfernung war doch zu groß, als daß ich meiner Kugel hätte sicher sein können.

Es fiel mir auf, daß er nicht in die Richtung floh, welche meiner Erwartung entsprochen hätte. Er hielt sich mehr rechts, als ob er gerade nach dem Regenbette reiten wolle. Die Ursache blieb mir nicht lange verborgen. Nämlich eben jetzt waren unsere Asaker zu sehen, welche mit ihren Gefangenen anmarschiert kamen. Er hielt gerade auf dieselben zu, um so viel wie möglich sehen zu können. Um mich schien er sich gar nicht zu kümmern.

Ich war überzeugt, daß er sich nur so weit an sie wagen werde, daß er noch außerhalb ihrer Schußweite blieb. Dann aber mußte er sich wieder nach links wenden, um an dem Sumpfe vorüberzukommen. Er hatte trotz der kurzen Zeit schon einen bedeutenden Vorsprung gewonnen und hielt jetzt sogar an, um besser beobachten zu können. So sehr verließ er sich auf die Schnelligkeit seines Tieres. Ich benutzte dies, um ihm später näher zu kommen; ich ritt nicht gerade auf ihn zu, sondern wendete mich mehr nach dem Maijeh. Ich konnte ihm dadurch den Weg freilich nicht abschneiden, aber doch die Entfernung zwischen uns verringern und dadurch vielleicht zum Schusse kommen.

Unsere Asaker sahen ihn; sie sahen auch mich und vermuteten, daß er ein Feind sei. Sie erhoben ein lautes Geschrei; er antwortete ihnen in derselben Weise und sah sich dann nach mir um. Da bemerkte er, daß ich ihm zuvorkommen wollte, und trieb sein Tier wieder an. Er kam jetzt schräg auf meine Richtung zu. Welch ein herrliches Kamel war diese Dschebel-Gerfeh-Stute! Sie warf die Distanzen nur so hinter sich! Ich kam nicht zum Schusse und trieb mein Hedschihn mit Schlägen zur äußersten Eile an. Es that sein möglichstes, aber von Schritt halten oder gar einholen konnte keine Rede sein.

Zu meiner Genugthuung hielt Ibn Asl jetzt ganz genau die Richtung ein, welche ihn zu Ben Nil führen mußte. Ich trachtete noch weiter nach links, um ihn zu veranlassen, mehr rechts zu bleiben und ihn also an das Ende der erwähnten Zunge des Sumpfes zu drängen. Dabei kam es darauf an, seine Aufmerksamkeit soviel wie möglich von vorn abzulenken, damit er Ben Nil nicht zu zeitig erblicken möge. Deshalb rief ich hinter ihm drein, gab ihm die gröbsten Schimpfnamen, kurz, machte einen Skandal, der weit über die Steppe hin zu hören war. Er wendete sich einigemale nach mir um und antwortete mit einem schallenden Gelächter. Dieser Lärm hatte zugleich die gute Wirkung, Ben Nil auf unsere Annäherung aufmerksam zu machen.

Wir ritten so schnell, daß es schien, als ob die Büsche, bei denen ich den letzteren wußte, auf uns zugeflogen kämen. Der Sklavenjäger war noch zwölfhundert, noch tausend, noch acht-, noch sechshundert Schritte davon entfernt. Er mochte dem Sumpfe doch nicht recht trauen, denn er bog mehr nach links ab, um ihm noch weiter auszuweichen. Er war auf vier-, auf dreihundert Schritte heran und bog immer weiter ab. Auf diese Weise kam er soweit von Ben Nil vorüber, daß dieser gar nicht treffen konnte.

Da sah ich diesen hinter den letzten Sträuchern hervorkommen und, das Gewehr in der Hand, gerade in die Steppe hinein- und auf Ibn Asl losrennen. Dieser sah ihn natürlich ebenfalls und faßte Verdacht. Er lenkte seitwärts, aber sein Kamel war so im Schusse, daß es noch eine Strecke geradeaus rannte, ehe es die Wendung zu machen vermochte. Zu gleicher Zeit blieb Ben Nil stehen, legte an und schoß. Ich sah den Rauch seines Gewehres, hörte den Schuß und sah, daß die weiße Stute mitten im Rennen hielt, als ob sie einen Schlag von vorn erhalten habe. Dann raffte sie sich auf und flog, von ihrem Reiter mit der Flinte angetrieben, davon, als ob sie aus einem Kanonenrohre geschossen worden sei. Da krachte Ben Nils zweiter Schuß hinter ihr her, doch ohne zu treffen. Ibn Asl jagte an der Sumpfzunge vorüber – – er war uns entkommen. Einige Sekunden später hatte ich Ben Nil erreicht und hielt bei ihm an.

»Effendi,« rief er, »ich kann nichts dafür; ich habe das Kamel getroffen. Hast du es nicht gesehen? Es blieb mitten im Laufe für einen Augenblick stehen.«

»Ich habe es gesehen,« antwortete ich, indem ich abstieg. »Dein erster Schuß traf, der zweite aber nicht.«

»Auch diesen hatte ich gut gezielt!«

»Zu spät abgedrückt!«

»Aus Überraschung, Effendi. Kann man ohne Erstaunen bleiben, wenn man genau weiß, daß man getroffen hat, und doch läuft das Tier ganz unverletzt davon. Ich weiß, daß ich getroffen habe. Das Tier muß in kurze ‚ r Zeit niederfallen. Ich habe gerade auf die Brust gezielt.«

»Wollen sehen, ob wir Blut finden.«

Wir folgten der Spur eine ganz bedeutende Strecke, doch ohne einen einzigen roten Tropfen zu bemerken. Der Reiter verschwand indessen am südlichen Horizonte. So schnell hätte das nicht geschehen können, wenn das Kamel schwer verletzt gewesen wäre.

»Vielleicht war es ein Streifschuß, der nur die Haut berührte,« sagte ich.

»Nein, Effendi; ich bin meiner Sache so sicher, daß ich bei Allah, dem Propheten und allen Kalifen schwören kann, daß ich die Brust getroffen habe. Bedenke, daß die Entfernung nur fünfzig, höchstens sechzig Schritte betrug! Wie wäre da ein Streifschuß möglich?«

»Aus Aufregung. Aber ich halte dies selbst auch nicht für möglich. Ein Streifschuß hätte dem Kamele nicht einen solchen Ruck nach hinten gegeben. Du mußt es voll getroffen haben. Laß uns einmal suchen! Vielleicht ist die Kugel an irgend etwas abgeglitten.«

Die Stelle war leicht zu erkennen, da das Kamel mit den Zehen den Boden aufgerissen hatte. Wir suchten im Grase, und wirklich, da glänzte uns etwas metallisch entgegen. Ich hob es auf, es war die plattgedrückte Kugel aus Ben Nils Gewehr.

»Wie schade, jammerschade!« rief dieser aus. »Sie muß an einem festen Gegenstande breitgedrückt worden sein.«

»So ist es,« bestätigte ich. »Ich habe gesehen, daß der Brustriemen des Kameles mit Platten und großen Knöpfen verziert war. Die Kugel ist an einen dieser Gegenstände aufgetroffen. Du siehst, wie gut es gewesen wäre, wenn du schnell zum zweitenmal geschossen hättest.«

»Verzeihe mir, Effendi! Ich war wirklich ganz betroffen, als ich das Tier nicht fallen sah.«

»Ärgere dich nicht über diesen wirklichen Schuß, sondern über den, den du dann nicht abgefeuert hast!«

Die Betrübnis verschwand allmählich aus seinem Angesichte. Er holte sein Kamel aus dem Gesträuch, in welchem er es versteckt gehabt hatte, hervor. Wir stiegen auf und ritten nach dem Regenbette. Wir sahen schon von weitem, daß dort ein sehr reges Leben herrschte. Man hatte die früheren und heute erst Gefangenen aus dem Kessel geholt und sie den neuen zugesellt. Sie saßen, nur an den Händen gefesselt, auf der offenen Steppe im Grase und waren von zahlreichen Wächtern umstellt. Nahe dabei lagerten die Asaker. Unweit von ihnen hatte sich der Emir mit seinen Offizieren niedergelassen, und hinter diesen Gruppen weideten die Kamele. Die Asaker waren sehr lustig und guter Dinge. Sie hatten gesiegt, ohne daß einer von ihnen verletzt worden war, und einen ausgezeichneten Fang gemacht, welcher ihnen reiche Prämiengelder einbringen mußte. Desto schweigsamer waren die Gefangenen. Sie warfen, als ich kam, finstere, haßerfüllte Blicke auf mich, und als ich nahe bei ihnen aus dem Sattel stieg, hörte ich, daß der alte Abd. Asl zu seinem Nachbar sagte:

»Nur diesem räudigen Giaur, diesem stinkenden Hunde haben wir das alles zu danken. Möge ihn Allah zerreißen und in alle Lüfte zerstreuen!«

Ich achtete nicht auf diese Worte. Der Reïs Effendina stand auf, kam mir entgegen und benachrichtigte mich:

»Ich habe während deiner Abwesenheit alles erfahren und werde die Schuldigen streng bestrafen. Dort liegen sie.«

Er deutete auf eine Stelle, welche ich noch nicht beachtet hatte. Dort lag der alte Askari, dem ich das Kommando anvertraut hatte, mit dem Posten, welcher gegen Ibn Asl so mitteilsam gewesen war und ihn hatte entwischen lassen. Beide waren gebunden. Dann fuhr er fort: »Man sagte mir, daß du mit deinem Ben Nil hast Ibn Asl nachjagen wollen. Wer war der Reiter, den du verfolgtest, als wir kamen? Ich sah ihn, konnte aber sein Gesicht nicht erkennen.«

»Eben Ibn Asl.«

Ich erzählte ihm, während wir uns zu seinen Offizieren setzten, den Hergang. Als ich geendet hatte, strich er sich nachdenklich den Bart und sagte, aber zu meiner Freude nicht mit dem von mir erwarteten ärgerlichen Ausdrucke:

»Hätten wir ihn erwischt, so wäre uns viele Mühe und Anstrengung erspart. Ich darf nicht ruhen, bis ich diesen Halunken in meine Gewalt bekommen habe. Ich werde ihn nicht zu Atem kommen lassen, sondern ihn hetzen, bis er vor meinen Füßen zusammenbricht. Dieser Mensch allein ist noch gefährlicher als alle seine Leute zusammengenommen. Es wäre ein Triumph, ein Glück, eine Genugthuung, wenn wir ihn gefaßt hätten; dennoch will ich nicht klagen, sondern einstweilen zufrieden sein. Denn sieh die Gefangenen, und zähle sie! Hundertsechzig Sklavenjäger! Ist jemals so ein Fang gemacht worden, Effendi?«

»Ich habe wenigstens noch nichts davon gehört.-

»Ja, es ist noch nie geschehen. Man kennt mich bereits. Von jetzt an aber wird mein Name von allen solchen Schuften mit doppelter Scheu genannt werden, und das habe ich dir zu verdanken.«

»Lange nicht in der Weise, wie du es denkst! Ich habe dich ein wenig unterstützen können, aber nur, weil mir der Zufall günstig gewesen ist.«

»Das nennst du ›ein wenig‹? Wer hat die Sklavenjäger im Wadi el Berd gefangen und die Fessarah-Frauen befreit? Du! Wer hat dann die sechzig Jäger dort am Brunnen der Steppe ergriffen? Du! Wem habe ich es zu verdanken, daß ich nicht mit meinem Schiffe und allen meinen Leuten verbrannt worden bin? Dir! Und wer hat mir den heutigen Fang in die Hände geliefert? Wieder du! Und von ›Zufall‹ darfst du gar nicht sprechen. Was du so nennst, ist nichts anderes als eine Folge deiner Schlauheit, deiner Verwegenheit, deiner scharfen Berechnungen, welche dich fast niemals täuschen. Also nicht mir, sondern eigentlich dir gebührt die Ehre, welche ich ernten werde. Aber du sollst erfahren und erkennen, daß ich dankbar bin. Die größte Dankbarkeit aber könntest du dir erwerben, wenn du mir eine Bitte erfüllest.«

»Welche?«

»Wann mußt du in deiner Heimat eintreffen?«

»Wann es mir beliebt.«

»So bleibe jetzt noch bei mir! Ich will dir etwas sagen; ich werde dir ein Versprechen geben: Wenn du mir hilfst, diesen Ibn Asl zu fangen, so bin ich bereit, dir dann – –«

»Halt, kein Versprechen!« unterbrach ich ihn. »Du hast mir erlaubt, dich als meinen Freund zu betrachten, und ich habe bewiesen, daß ich der deinige bin. Zwischen Freunden aber giebt es keinen Handel, kein Versprechen, keinen Preis und keinen Lohn. Ich habe Zeit. Warum soll ich sie dir nicht zur Verfügung stellen? Ich habe das Spiel mit Ibn Asl angefangen. Warum soll ich es nicht zu Ende führen, um es zu gewinnen? Die Sklavenfrage interessiert mich auf das höchste. Warum soll ich mich nicht praktisch mit ihr beschäftigen, da mir eine so passende Gelegenheit geboten wird! Das, was ich außerdem und früher beabsichtigte, kann ich gerade auf diesem Wege am besten erreichen. Ich bleibe also bei dir.«

»Bis wir den Hund haben!«

»Ja, bis er unschädlich gemacht worden ist.«

»Ich danke dir, Effendi! Nun erst bin ich sicher, daß ich ihn ergreifen werde. Wo denkst du, daß er von jetzt an zu finden sein wird? Wohin wird er sich von heute an wenden?«

Ich erklärte und begründete ihm meine Ansichten, über die ich vorhin schon mit Ben Nil gesprochen hatte. Er hörte aufmerksam zu und sagte, als ich fertig war: »Ich stimme dir vollständig bei. Er ist erst zu seinem Schiffe und wird dann nach Faschodah gehen, um seine dort auf ihn wartenden Freunde aufzusuchen. Was ist da zu thun?«

»Wir müssen ihm nach!«

»Natürlich! Aber leider muß ich erst nach Chartum, um die Gefangenen dort abzuliefern. Da muß ich mich mit Proviant und Munition für eine lange Fahrt versehen, denn es ist möglich, daß wir Ibn Asl bis weit hinauf in den Süden, bis in die Sumpfgegenden der Nilarme verfolgen müssen. Das nimmt mehrere Tage in Anspruch. Dann mußt du bedenken, daß ich eine Woche nilaufwärts bis Faschodah brauche. Wenn wir nach so langer Zeit dort ankommen, ist Ibn Asl bereits fort.«

»Könntest du nicht in Chartum einen Regierungsdampfer nehmen, welcher dich am Schlepptau in viel kürzerer Zeit nach Faschodah bringt?«

»Wenn sich eins dieser kleinen Waburat zufällig dort befindet, so werde ich es allerdings in Beschlag nehmen. Aber selbst dann würde Ibn Asl noch vor meiner Ankunft den Ort verlassen haben.«

»So folgen wir ihm; das ist doch einfach!«

»Für mich nicht so einfach wie wohl für dich. Wäre einer von uns eher oben in Faschodah, so könnte er Erkundigungen einziehen und Vorbereitungen treffen, so daß ich bei meiner Ankunft mich nicht aufzuhalten brauchte und wir sofort hinter ihm her sein könnten.«

»Daran habe auch ich schon gedacht. Ich hatte mir sogar schon einen Plan gemacht, den ich dir vortragen wollte. Unsere Ansichten harmonieren, und unsere Absichten begegnen sich in der glücklichsten Weise. Ich will voranreisen!«

»Hamdullilah! jetzt wird mir das Herz wieder leicht. Einen bessern Beweis deiner Freundschaft könntest du mir nicht geben als durch diesen so wertvollen Dienst. Ich nehme ihn mit Dankbarkeit an und werde dich mit allem, was du bedarfst, versehen. Wie aber willst du diesen Weg zurücklegen?«

»Das deinige natürlich ausgenommen, da dasselbe besser segelt, braucht jedes Schiff von hier aus, wenn es während der Nächte am Ufer liegt, volle elf Tage, bei ungünstigem Winde auch noch länger. Einer solchen Zeitverschwendung dürfen wir uns nicht schuldig machen, wenn wir Ibn Asl erwischen wollen.«

»Er braucht aber doch ebensolange!«

»Meinst du, daß er auf seiner ›Eidechse‹ fahren wird? Gewiß nicht. Er muß sich ja vor deinem ›Falken‹ fürchten. Ich bin vollständig überzeugt, daß er reitet. Er kann ja gar nicht besser thun, da er ein so unübertreffliches Kamel besitzt.«

»Ich gebe dir recht. Und so willst wohl auch du reiten?«

»Ja, vorausgesetzt, daß ich zu einem guten Kamele kommen kann.«

»Du hast ja eins, sogar zwei von ganz gleicher Güte. Oder bist du nicht mehr mit ihnen zufrieden?«

»Sie würden mehr als genügen. Es sind sehr vortreffliche Tiere. Bedenke, welchen Weg sie zurückgelegt haben! Und doch sind sie noch so frisch wie an dem Tage, an welchem ich sie bekam. Freilich sind sie sehr gut behandelt worden und haben bei den Fessarah längere Zeit ausruhen können. Aber du hattest sie requiriert. Mußt du sie nicht abliefern?«

»Ganz nach meinem Belieben. Der Vicekönig braucht sie; das ist für den Besitzer genug. Du kannst sie also getrost behalten.«

»Gut! Dann bin ich überzeugt, daß Ibn Asl keinen allzu großen Vorsprung vor uns erlangen wird.«

»Und wie nun, willst du allein reiten?«

»Das wäre freilich das beste. Ein Begleiter würde mir nur hinderlich sein. Darum denke ich, daß – –«

Ich wurde unterbrochen, und das hatte ich erwartet. Nämlich Ben Nil hatte sich mit zu uns setzen dürfen und also alles gehört. Jetzt fiel er mir in die Rede-

»Unzuverlässig ist nicht jeder, Effendi! Es giebt einen, der bereit ist, sein Leben für dich zu geben, und der dir nachlaufen wird, wenn du ihn nicht mitnimmst. Du hast zwei gleichschnelle Kamele. Wenn ich mich auf eins derselben setze, wirst du nicht zurückgehalten. Und wenn ich dir auch in Gefahren nicht viel nützen kann, so wirst du doch an mir einen Diener haben, welcher wenigstens zu den gewöhnlichen Handreichungen zu gebrauchen ist. Ich bitte dich inständig, nimm mich mit! Wirst du deinen Ben Nil zurückweisen?«

»Ich würde dich mitnehmen, wenn ich nicht an Abu en Nil, deinen Großvater, dächte.«

»Hindert dich dieser, mir die Erlaubnis zu geben?«

»Willst du dich denn abermals von ihm trennen, nachdem ihr euch ebenso unerwartet wie glücklich gefunden habt?«

»Ben Nil braucht sich nur kurze Zeit von ihm zu trennen,« sagte der Reïs Effendina. »Während ich von der Dschesireh Hassanieh bis hier herab fuhr, habe ich erkannt, welch ein brauchbarer Steuermann dieser Abu en Nil ist. Ich habe ihm alles Frühere verziehen und bin bereit, ihn bei mir anzustellen. Er wird dann mit mir nach Faschodah kommen und dort mit seinem Enkel vereinigt werden.«

Der alte Abu en Nil war nämlich ebenso wie Selim, der Aufschneider, nicht mit hierher nach dem Dschebel Arasch Qol gekommen, sondern auf dem Schiffe zurückgeblieben. Ben Nil wäre dem Emir vor Freude über dessen Worte am liebsten um den Hals gefallen. Er erging sich in den lebhaftesten und aufrichtigsten Dankesworten, und wenn ich nicht weniger freundlich als der Emir sein wollte, so mußte ich versprechen, ihn mitzunehmen. Dies hatte übrigens schon vorher in meiner Absicht gelegen. Ben Nil war trotz seiner Jugend zuverlässiger als jeder andere, und einen so langen Ritt in einem fremden Lande ganz allein zu unternehmen, ist auch nicht jedermanns Sache. Es war also ausgemacht, daß wir beide wie bisher zusammenhalten würden.

Nachdem dies besprochen war, sagte der Reïs Effendina:

»Ich weiß, daß du am liebsten gleich jetzt aufbrechen würdest, aber du wirst mich vorher doch bis an das Schiff begleiten müssen. Auf demselben befindet sich einiges, was ich dir mitzugeben habe, und dort findest du auch Munition und frischen Proviant, während du hier nur schlechte Reste bekommen könntest.«

»Dann würde es mir aber lieb sein, wenn wir uns hier nicht lange verweilten, Emir.«

»Wir werden sogleich abmarschieren, wenn ich einige Akte der Gerechtigkeit vollzogen habe.«

»Willst du hier Gericht halten?«

»Ja.«

»Wer sind die Betreffenden?«

Mir grauste schon, denn ich dachte an das Wadi el Berd und die Sklavenhändler, welche er dort so prima vista hatte erschießen lassen.

»Zunächst die beiden Asaker dort,« antwortete er. »Sie haben den Tod verdient.«

»Den Tod?« fragte ich, ganz erschrocken über diese Strenge. »Ihre kleinen Vergehen sind doch nicht schwere Verbrechen, welche man mit dem Tode bestraft!«

»Ungehorsam, zumal wenn er solche Folgen hat, wird mit dem Tode bestraft, wenigstens bei mir.«

»Der andere, welcher keinen Befehl zu führen hatte und nur Posten stand, ist aber jedenfalls nicht so strafbar.«

»Ebenso! Er hat ohne Erlaubnis alles ausgeplaudert; seine Dummheit hat ebenso den Tod seiner Kameraden wie das Entkommen Ibn Asls verschuldet. Bedenke, was für Menschen ich unter mir stehen habe! Die sind nur durch Strenge zu regieren.«

»Ich bin in Milde ganz gut mit ihnen ausgekommen!«

»Für so kurze Zeit, ja, da ist es möglich. Bald aber würden sie dir über den Kopf wachsen. Meine Asaker kennen mich, und diese beiden Missethäter wissen ganz genau, was ihrer wartet.«

»Also wirklich der Tod?«

»Ja; ich werde sie jetzt erschießen lassen.«

Vielleicht hatte er recht, vielleicht auch nicht; ich aber konnte mich nicht zwingen, eine solche Strenge für nötig zu halten. Die beiden armen Teufel dauerten mich; darum ließ ich mich nicht irre machen, sondern sprach solange auf ihn ein, bis er sagte:

»Gut, ich schenke dir das Leben dieser Kerle. Sie mögen laufen und mir nie wieder vor die Augen kommen!«

»Halt, Emir, so hatte ich es nicht gemeint! Was man thut, das soll man ganz und richtig thun. Schenkst du ihnen die Strafe und jagst sie fort, so ist das keine vollkommene Begnadigung.«

»Soll ich sie etwa gar im Dienste behalten?«

»Ja; ich bitte dich ganz besonders darum.«

»Ganz besonders? Daß du dir ihr Leben erbeten hast, war wohl gar nichts Besonderes?«

Ich lachte ihn an, hielt ihm die Hand hin und antwortete:

»Schlag ein; sie bleiben bei dir! Du bist kein so finsterer Barbar, obwohl du ein solcher scheinen willst. Ich sage dir, daß ein Gehorsam aus Liebe tausendmal mehr wert ist als ein Gehorsam aus Furcht und Angst. Ich kenne dich besser als du denkst und weiß genau, daß deine Asaker dich trotz deiner Strenge lieb haben.«

»So? Hast du das erfahren?« fragte er in sehr mildem Tone und indem ein beinahe sonniges Lächeln über seine Züge glitt.

»Nicht nur einmal, sondern oft. Also, Emir, wirst du mir meinen Wunsch erfüllen?«

»Du sollst es sogleich sehen und hören.«

Er befahl, die beiden Männer loszubinden und zu ihm zu bringen. Als sie dann vor uns standen, war es ihren Armesündergesichtern anzusehen, daß sie die strengste Strafe erwarteten. Er sagte ihnen:

»Ich wollte euch jetzt erschießen lassen, ihr Söhne des Ungehorsams; aber dieser Effendi bat für euch um Gnade, und da ich ihm seinen Wunsch erfüllte, verlangte er sogar, daß ich euch bei mir behalten soll. Ich habe ihm auch dies gewährt. Kniet vor ihm nieder, ihr Hunde, und dankt ihm im Staube! Denn seine barmherzige Hand hat euch vor der Pforte des Todes ergriffen und ins Leben zurückgeführt.«

Sie warfen sich wirklich vor mir nieder und küßten mir die Hände, zwei Muhammedaner einem Christen! Als sie sich dann entfernt und zu ihren Kameraden gesetzt hatten, sah ich die Blicke dieser sonst so gefühllosen Menschen mit dem Ausdrucke liebevoller Dankbarkeit auf mich gerichtet. Ich behaupte doch immer und immer wieder, daß die Liebe, die christliche Liebe, die größte Macht im Himmel und auf Erden ist, und daß es keinen einzigen Menschen giebt, dessen Herz sie sich nicht früher oder später zu öffnen vermöchte!

»Eigentlich freue ich mich, dir deinen Wunsch erfüllt zu haben,« meinte der Reïs Effendina, »denn das giebt mir die Sicherheit, daß du mich nun jetzt nach meinem Ermessen handeln lässest. Trotzdem sage ich dir jetzt vorher, daß meine Dankbarkeit und meine Freundschaft für dich, so groß auch beide sind, mich nicht veranlassen könnten, dir eine ähnliche zweite Bitte zu erfüllen. Ich ersuche dich also dringend, mich nicht in Verlegenheit zu bringen! Schafft den Fakir el Fukara herbei!«

Der Genannte wurde hergebracht. Er stand, an den Händen gefesselt, zwischen zwei Asakern als seinen Wächtern. Sein Blick ruhte trotzig auf dem Emir, welcher ihn verächtlich musterte und dann fragte:

»Wie ist dein Name?«

»Man nennt mich den Fakir el Fukara,« antwortete der Gefragte.

»Ich habe nach deinem Namen gefragt, aber nicht, wie man dich nennt! Also antworte!«

»Fakir el Fukara,« wiederholte der andere jetzt trotzig.

»Aziz, öffne ihm den Mund!«

Man wird sich erinnern, daß Aziz, der Liebling des Emirs, der junge Mann war, welcher die Nilpeitsche mit solcher Virtuosität zu führen wußte. Er war mit da und saß bei den Soldaten. Auf den Ruf seines Herrn sprang er auf, trat heran, zog die Peitsche aus dem Gürtel und knallte sie ihm so schnell fünf- oder sechsmal über den Rücken, daß der Gezüchtigte die Hiebe hatte, ehe er nur eine Bewegung der Abwehr machen konnte. Dann aber drehte er sich nach Aziz um, spuckte ihm in das Gesicht und schrie, indem sein dunkles Negergesicht sich zu einer wütenden Fratze verzog.

»Hund, du wagst es, mich zu schlagen, mich, den Heiligen der Heiligen, den Fakir el Fukara, vor welchem Millionen niederknieen werden, um ––«

»Aziz,« unterbrach der Emir mit donnernder Stimme diese Strafrede, »die Bastonnade!«

Der Fakir fuhr schnell zu ihm herum und rief:

»Mir die Bastonnade? Hat Allah sich denn soweit von dir abgewendet, daß du der Gottlosigkeit fähig bist, seinen Liebling–«

»Aziz, einen Knebel!« unterbrach ihn der Emir wieder.

Die Asaker, welche mit mir bei den Fessarah gewesen waren und sich so oft über diesen Mann geärgert hatten, freuten sich darüber, daß er jetzt endlich seinen Meister fand. Sie traten herbei und sorgten dafür, daß die Befehle des Emir auf das schnellste ausgeführt wurden. Der Fakir el Fukara wurde niedergerissen und erhielt, als er den Mund zum Schreien und Fluchen aufriß, den Zipfel seines eigenen Gewandes als Knebel in denselben. All sein Sträuben half nichts; es hielten ihn so viele Hände fest, daß er sich schließlich gar nicht mehr bewegen konnte. Man legte ihn auf den Bauch. Mehrere Männer setzten sich ihm auf die Oberschenkel, die Arme, den Leib und den Kopf. Noch andere hielten ihm die Unterschenkel empor, so daß seine entblößten Fußsohlen eine waagerechte Lage bekamen.

»Wieviel Hiebe, Emir?« fragte Aziz.

»Zwanzig auf jede Sohle,« lautete die Antwort.

Die vierzig Streiche wurden gewissenhaft aufgezählt, und als der letzte gefallen war, bildeten die Füße zwei geschwollene, hochrot gefärbte und aufgeplatzte Fleischmassen. jetzt nahm man ihm den Knebel wieder aus dem Munde und ließ ihn los. Er richtete sich stöhnend in sitzende Stellung auf und sah den Emir an, mit welchem Ausdrucke, das war bei seinen jetzt mit Blut unterlaufenen Augen nicht eigentlich zu bestimmen.

»Jetzt noch einmal: Wie ist dein Name?« fragte der Reïs Effendina.

»Mohammed Achmed,« gurgelte der Gefragte hervor.

»Hättest du das gleich gesagt, so wäre dir die Bastonnade erspart geblieben. Ich verlange Gehorsam. Daß du dich den Fakir el Fukara nennst, flößt mir nicht den geringsten Respekt ein. Dieser Effendi hat dir das Leben gerettet, indem er den Löwen tötete; du aber hast ihm mit Undank gelohnt. Du hast meine Asaker an Ibn Asl verraten wollen. Eigentlich sollte ich dich töten; aber ich verachte dich und will dir gar nicht die Ehre anthun, von mir gerichtet zu werden. Man schleife diesen Enkel der Undankbarkeit hinüber nach dem Sumpfe und lasse ihn an dem Rande desselben liegen! Dort mag er dem Ungeziefer, welches seinesgleichen ist, vom Mahdi erzählen, der er werden will, und stinkendes Wasser trinken, bis seine Füße es ihm erlauben, über die Steppe nach Hause zu wanken!«

Dieser Befehl wurde buchstäblich ausgeführt. Zwei Männer ergriffen den Fakir el Fukara und schleiften ihn nach dem Sumpfe. Mit welchen Gefühlen mag er später, als er es wirklich, wenigstens auf einem bestimmten Raume, zum Beherrscher der Gläubigen gebracht hatte, an diese nichts weniger als ehrenvolle Episode seines Lebens zurückgedacht haben!

Mir war es nicht eingefallen, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Mir schien, daß er die Züchtigung mehr als reichlich verdient habe. Mit dieser letzteren war der heutige Gerichtsakt noch nicht zu Ende, denn der Emir befahl, nun den alten Abd Asl vorzuführen.

Dieser hatte vorhin gewünscht, Allah möge mich zerreißen und in alle Winde streuen. Jetzt hätte er vielleicht gern ganz anders zu mir gesprochen. Wenigstens nahm ich dies an, obgleich er festen Schrittes und trotzigen Gesichtes dahergegangen kam. Ich dachte an die Höhle von Maabdah, bei welcher ich ihn zum erstenmal gesehen hatte. Wie fromm und ehrwürdig war er mir da erschienen! Und als wie einen ganz andern hatte ich ihn dann kennen gelernt! Er hatte mir ja gleich am nächsten Tage schon nach dem Leben getrachtet und mich von damals an bis heute mit einer geradezu diabolischen Feindschaft verfolgt. Man soll das Alter ehren, aber ein Mensch, welcher mit einer wahren Wollust die schwersten Verbrechen begeht, obgleich er schon mit einem Fuße im Grabe steht, ist doppelt strafbar. Das mochte auch der Emir denken und fühlen, denn sein Auge ruhte mit dem Ausdrucke des Ekels, des Abscheues auf dem Alten, als er ihm im strengsten Tone sagte:

»Dich habe ich lange gesucht, du heiligster aller Fakire. Du bist mir immer entwischt, nun aber werde ich Gericht über dich halten.«

»Ich verlange einen andern Richter!« antwortete Abd. Asl.

»Es giebt keinen, der dich streng genug zu verurteilen vermag. Sei ich’s oder sei’s ein anderer, keiner kann dich so bestrafen, wie du es verdient hast! Deine Schandthaten zählen nach hunderten; tausende von Menschen verdanken dir die Sklaverei, den Tod oder die Verarmung der Ihrigen. Wie viele Dörfer hast du ausmorden und ausbrennen lassen! Und dabei zeigtest du das Gesicht eines Heiligen, ließest die Gebete eines Ehrwürdigen hören und gabst dich für einen anbetungswürdigen Marabut aus. Diese Rolle ist zu Ende, und ich schicke dich dahin, wo du hingehörst, nämlich in die Hölle.«

»Du hast nicht das Recht, mich zu töten!« kreischte der Alte auf.

»Viele, sehr viele hatten es und haben es noch heute! Daß sie es nicht übten, war eine große Sünde, denn sie ließen dir dadurch Zeit zu immer neuen Missethaten. Ich will und darf nicht dieselbe Sünde begehen. Ich habe die heilige Pflicht, dich auszurotten, damit dein Hirn endlich einmal aufhört, Blutthat nach Blutthat zu gebären. Ich spreche dir das Urteil, und es lautet auf den Tod.«

Das waren Worte wie Hammerschläge. Hatte der Alte bisher auf Befreiung gehofft – und das hatte er ganz gewiß – so mußte er diese Hoffnung jetzt aufgeben. Er versuchte aber doch noch ein Mittel, sich zu retten, indem er, seine frömmste, ehrwürdigste Miene annehmend, drohte:

»Ich bin dennoch ein Heiliger, ein Marabut! Wenn du dich an mir vergreifst, verfluche ich dich. Dann werden dich alle Gläubigen meiden, und du wirst sein wie die Hyäne in der Wüste, welche verfolgt wird und das Aas fressen muß, bis sie vor Hunger stirbt.«

»Fluche immer zu! Der Fluch eines solchen Ungeheuers wird zum Segen. Deine Drohung kann dich nicht retten; sie ist lächerlich. Du mußt und wirst sterben. Aber wie? Es giebt keinen Tod, welcher gerecht genug für dich ist. Du und dein Sohn, ihr wolltet diesem Effendi die Zunge und jedes Glied seines Körpers einzeln ausreißen. Eigentlich sollte ich dich dieses Todes sterben lassen; aber du sollst von deinesgleichen sterben. Du bist ein Ungeheuer, und Ungeheuer werden dich verschlingen. Ich lasse dich in den Maijeh unter die Krokodile werfen.«

»O Allah!« schrie da der Alte auf. »Das darfst du nicht thun! Schone mich, Reïs Effendina!«

»Schonen? Denke doch zurück! Dieser Effendi schonte dich, dieser Ben Nil schenkte dir das Leben; dafür hat du immer von neuem nach dem ihrigen getrachtet. Du bist ein Teufel, in dessen Natur es liegt, Wohlthat mit Missethat zu vergelten. Es bleibt bei meinem Spruche: Du wirst den Krokodilen vorgeworfen!«

Es war der absoluteste Ernst, mit dem der Emir gesprochen hatte. Dennoch blickte Abd Asl ihn forschend an, ob er es doch vielleicht anders meine. Als er aber an den wie steinernen Zügen des Richters erkannte, daß dieser einen festen, unerschütterlichen Entschluß ausgesprochen habe, heulte er auf.

»Das ist nicht möglich! Das ist unmenschlich!«

»Schweig! Dir geschieht nur dein Recht. Wann hast du einmal menschlich gehandelt? Wehe dem, der wehe thut! Das ist mein Wahlspruch, an welchem du sterben wirst. Und dein Sohn wird auch an demselben untergehen. Bindet ihm auch die Füße zusammen und schafft ihn dann in den Sumpf! Sein Freund, der große Fakir el Fukara, mag Zeuge sein, wie er von den Krokodilen verschlungen wird.«

»Gnade, Gnade! Nur noch ein Wort!« zeterte der Alte, als man ihn ergreifen wollte.

»Was?« fragte der Emir, indem er mit der Hand ein Zeichen gab, noch zu warten. Abd Asl wendete sich an mich anstatt an ihn:

»Effendi, du bist ein Christ. Du darfst nicht dulden, daß man mich eines so schrecklichen Todes sterben läßt! Bitte mich frei; laß mich begnadigen! Ich weiß, daß der Emir auf deine Stimme hören wird.«

»Du hast es nicht verdient,« antwortete ich in der Überzeugung, daß mir der Emir eine solche Bitte nicht erfüllen werde.

»Muß ich es verdient haben? Ist deine Lehre nicht die Lehre der Liebe, Gnade und Barmherzigkeit? Du hast mir das gesagt und erklärt, als wir in Siut waren.«

»Ja, und nachdem ich es dir erklärt hatte, locktest du mich unter die Erde, wo ich elend verschmachten sollte!«

»Denke nicht daran, sondern denke jetzt nur an die Gebote deines Glaubens, damit dein Jesus, wenn er einst als Richter kommt, gnädig auch mit dir verfahre!«

»Schweig!« gebot ihm der Emir, welcher wohl glaubte, daß ich mich doch noch zu einer Fürbitte bewegen lassen werde. »Der Effendi kann nichts für dich thun, denn ich werde nicht auf seine Stimme hören. Bindet ihn!«

Der Alte wehrte sich mit den gebundenen Händen und mit beiden Füßen gegen die Ausführung dieses Befehles. Er brüllte dabei nicht wie ein Mensch, sondern wie ein wildes Tier. Man kann sich denken, daß diese Scene keineswegs meinen Beifall hatte. Der Unhold hatte den Tod verdient, und dieser mochte ihm auch werden; aber ihn den Krokodilen vorwerfen, das war nicht nötig: das konnte unterbleiben; das wenigstens wollte ich verhüten.

Dabei kam mir ein Gedanke. Ich dachte an den Führer in der Höhle von Maabdah, welchem ich versprochen hatte, nach seinem verschollenen Bruder zu forschen. Was ich seit damals erfahren hatte, ließ mich vermuten, daß Abd Asl das Schicksal kannte. Darum gebot ich jetzt: »Laßt noch einmal ab von ihm! Ich habe mit ihm zu sprechen.«

Man gehorchte mir, und der Alte rief mir zu:

»Ich danke dir, Effendi! Das war Hilfe in der größten Not. Du bist entschlossen, für mich zu bitten?«

»Vielleicht. Beantworte mir einige Fragen!«

»Frage mich, Effendi! Kann ich dir Auskunft geben, so soll es geschehen.«

»Du kennst Ben Wasak, den Führer in der Höhle zu Maabdah?«

»Ja. Du hast mich doch mit ihm sprechen sehen.«

»Hast du auch Hafid Sichar, seinen Bruder, gekannt?«

»Auch,« nickte er.

»Kennst du seinen jetzigen Aufenthalt?«

Er sah, anstatt zu antworten, mich eine kleine Weile forschend an und fragte dann: »Warum willst du das wissen?«

»Ich suche ihn, denn ich will ihn seinem Bruder zurückbringen.«

»Ja, ich kann dir sagen, wo er ist. Ich sage es dir, wenn ich dafür mit allen Gefangenen hier freigelassen werde.«

»Mensch, bist du toll!« rief der Reïs Effendina. »Das ist ein Verlangen, welches nur ein Wahnsinniger aussprechen kann.«

»Ich habe es aber gestellt und bleibe dabei!«

»So sage mir, Effendi, welche Bewandtnis es mit diesem verschollenen Hafid Sichar hat!«

Diese Aufforderung war an mich gerichtet. Ich antwortete:

»Er ist nach Chartum gereist, um sich dort von dem Kaufmanne Barjad el Amin eine große Summe Geldes auszahlen zu lassen. Er hat das Geld auch wirklich erhalten, ist aber seit jener Zeit verschwunden. Damals befand sich Ibn Asl im Geschäfte jenes Kaufmannes; er war arm, wurde aber nach dem Verschwinden Hafid Sichars plötzlich reich und begann den Sklavenhandel.«

»So hat er Hafid Sichar ermordet und ihm das Geld abgenommen.«

»Nein, Hafid Sichar ist nicht ermordet worden!« rief der Alte. »Ich sage dir, wo er lebt, wenn du uns frei giebst!«

»Das kann nicht geschehen. Aber aus Freundschaft für diesen Effendi will ich dir einen Vorschlag machen. Du giebst den Ort an, wo jener Verschollene lebt, und dafür will ich dich nicht den Krokodilen vorwerfen lassen. Du wirst erschossen.«

Da schlug der Alte ein hämisches Gelächter auf und antwortete:

»Wie gnädig du bist, o Emir! Meinst du, daß der Tod durch die Kugel kein Tod sei? Leben will ich, leben! Und soll das nicht sein, so erfahrt ihr auch mein Geheimnis nicht. Für die Verkürzung meines Todeskampfes um eine oder höchstens zwei Sekunden verlangt ihr die Befreiung dieses Hafid Sichar, den mein Sohn eigentlich hätte umbringen sollen? Dieser Preis ist mir zu teuer, viel zu teuer.«

»Nun wohl, so schafft ihn endlich fort!«

Jetzt wurde der Alte an den Beinen gebunden und fortgetragen; er verhielt sich dabei ganz ruhig. Auch wir waren still. Kein Mensch im Lager sprach ein Wort, bis vom Sumpfe her mehrere Rufe, ein jammerndes Winseln und endlich ein Schrei, welcher mir durch Mark und Bein ging, zu hören war. Der Alte hatte geendet. Als die Männer, die ihn fortgeschafft hatten, zurückkamen, sagte einer von ihnen:

»Erst that er, als ob er fest und furchtlos sei; als er die Bestien aber liegen sah, da heulte er. Die Teufel des Sumpfes haben ihn sofort zerrissen.«

Es schauderte mir. Und doch war es mir, als ob auch diese Strafe nicht zu hart bemessen gewesen sei. Der Reïs Effendina aber meinte sogar zu mir:

»Schade, daß es so schnell gegangen ist! Er hat einen viel, viel längeren Todeskampf verdient; aber wir müssen leider fort. Du wirst mir zürnen, Effendi, daß ich nicht auf sein Verlangen eingegangen bin.«

»Nein, das habe ich dir nicht übelnehmen können, denn was er forderte, war wirklich wahnsinnig. Er und alle frei! Und schließlich hätte er mich doch belogen. Aber ich habe doch wenigstens ein Resultat gehabt. Bis jetzt besaß ich nicht die mindeste Spur von dem Verschollenen; da sich aber der Alte zu den Worten hinreißen ließ: ›diesen Hafid Sichar, den mein Sohn hätte töten sollen‹, so weiß ich jetzt, wo ich volle Auskunft erlangen kann, nämlich bei Ibn Asl, welcher den Verschollenen jedenfalls ausgeraubt hat. Kennst du den Kaufmann Barjad el Amin in Chartum?«

»Ja. Ich bin oft bei ihm gewesen.«

»Ist er ehrlich oder nicht?«

»Die Ehrlichkeit selbst könnte nicht anders handeln als er.«

»Sollte mir lieb sein. Auch der Führer von Maabdah beschrieb ihn mir als einen ehrlichen Mann; aber es gab in dieser Beschreibung doch einige Punkte, welche noch der Aufklärung bedürfen. Wenn er eine Maske trägt, werde ich sie ihm vom Gesichte reißen, sobald ich nach Chartum komme, was leider nun nicht sobald geschehen wird. Wann brechen wir von hier auf?«

»Wir können es jetzt gleich thun.«

»Bist du heute fertig mit dem Gericht?«

»Ja. Es galt eigentlich nur dem Alten, welcher auf alle Fälle unschädlich gemacht werden mußte. Das mußte hier geschehen, und ich konnte es thun, weil ich glücklicherweise die Macht dazu besitze. In Chartum habe ich nicht Zeit, mich lange mit dem Schicksale dieser Leute zu befassen; ich muß sie dem dortigen Gerichte übergeben, und da war es sehr leicht möglich, daß man diesen Abd Asl gegen eine tüchtige Summe entkommen ließ.«

»Man sollte doch meinen, daß, besonders wenn es sich um einen solchen Fall handelt, von der Bestechung der Richter keine Rede sein kann!«

»Ja, meinen sollte man es, und was mich betrifft, so ließe ich mir die Gerechtigkeit meines Urteiles nicht für Millionen abkaufen; aber ich habe einmal gehört, daß es ein christliches Land giebt, in welchem die Göttin der Gerechtigkeit als blindes Weib dargestellt wird –«

»Das war ein heidnisches Land, nämlich Griechenland.«

»Ob christlich oder heidnisch – oder muhammedanisch, das bleibt sich gleich; es ist bei uns ganz dasselbe. Hast du vielleicht von dem Mudir von Faschodah gehört?«

»Ja. Er heißt Ali Effendi el Kurdi und ist auch in weiteren Kreisen bekannt durch die grausige Niederwerfung der Militärrevolte in Kassala.«

»Dort hat er zu viel Gerechtigkeit walten lassen, später desto weniger. Es war eine Schande! Man kannte unter ihm in Faschodah zwar das strenge Verbot des Sklavenhandels, aber man sah nichts davon. Die Sklavenjäger gingen ganz offen in seinem Hause ein und aus. Sie zahlten ihm für jeden Sklaven heimlich eine Kopfsteuer und fanden dafür bei ihm Schutz gegen das Gesetz. Ich kannte sie alle, konnte aber keinen fassen. Wenn ich kam, um einmal die Schlinge über einem solchen Schurken zuzuziehen, wurde sie mir von ihm zerschnitten. Wenn das der oberste Regent einer Provinz, der Mudir, thut, was kann man dann von den unteren und untersten Beamten erwarten! Faschodah war geradezu der Ausgangspunkt aller Sklavenraubzüge geworden. Die Sklavenjäger versammelten sich dort, um sich vorzubereiten, und wenn ich ein Wort darüber fallen ließ, wurde ich von dem Mudir entweder angebrüllt oder ausgelacht. Das durfte ich nicht länger dulden. Ich ging direkt zum Vicekönige, sagte es ihm, legte ihm die Beweise vor, und der Erfolg ist nun dieser Tage bekannt geworden. Ali Effendi el Kurdi ist ab- und ein neuer Mudir eingesetzt worden.«

»Wird dieser gerechter sein als der vorige?«

»Ja; ich bin überzeugt davon, denn ich kenne ihn; ich bin es, dem er dieses Amt zu verdanken hat, denn ich habe ihn zu demselben vorgeschlagen und freue mich außerordentlich, daß der Vicekönig dieser meiner Empfehlung Folge geleistet hat. Der neue Mudir heißt Ali Effendi und wurde von seinen bisherigen Unterthanen stets nur Abu Hamsah miah genannt.«

»Welchem Umstande hat er diesen Namen zu verdanken?«

»Einer sehr löblichen Gepflogenheit, durch welche er sich in großen Respekt gesetzt hat. Er ist nämlich der allgemeinen Bestechlichkeit und andern derartigen Schwächen vollständig unzugänglich und pflegt, wenn er zu Gerichte sitzt, jedem, den er für schuldig hält, fünfhundert Hiebe zu diktieren. Da er diese Gabe mit ganz derselben Güte an Arme und Reiche, Geringe und Vornehme austeilt, hat man eine heillose Angst vor ihm, und ich traue es ihm zu, daß er auch in Faschodah sehr bald reine Wirtschaft machen wird. Er ist mein Freund, und ich habe dich meist nur deshalb ersucht, jetzt mit nach dem Schiffe zu gehen, weil ich dir ein Empfehlungsschreiben an ihn mitgeben will, damit du auch während meiner Abwesenheit die nötige Unterstützung findest.«

»Ein solches Schreiben muß mir natürlich höchst willkommen sein, da es mir sehr wahrscheinlich manches erleichtern oder auch ermöglichen wird, was mir sonst schwer fallen oder gar unmöglich sein würde.«

Wir hatten während dieses ernsten, in unterdrücktem Tone geführten Gespräches natürlich auch ernste Gesichter gemacht; dies schien in den Gefangenen den Glauben erweckt zu haben, daß die Gerichtssitzung noch nicht vorüber sei und wir uns über die Bestrafung der übrigen unterhielten. In diesem angenommenen Falle wären natürlich die beiden Offiziere des Sklavenjägers zunächst an die Reihe gekommen. Dies schien sie in große Besorgnis zu versetzen, denn der »Oberlieutenant« sandte uns einen der Wächter her, um anfragen zu lassen, ob er mit uns sprechen dürfe, er habe uns eine sehr wichtige Mitteilung zu machen. Es wurde ihm natürlich gestattet. Als ihn zwei Asaker zu uns gebracht hatten und der Reïs Effendina ihn fragte, was er vorzubringen habe, antwortete er:

»Du hast das Urteil an Abd Asl vollstrecken lassen, o Emir. Wirst du nun auch über uns zu Gericht sitzen?«

»Erwartest du vielleicht, daß ich euch laufen lasse?«

»Nein. Wir kennen dich. Wir befinden uns in deinen Händen und dürfen also nicht hoffen, straflos auszugehen, aber wir bitten dich um die Gnade, mit uns zu machen, was dir gefällt, aber uns nur nicht auch den Krokodilen vorwerfen zu lassen. Wir kann der Erzengel Dschibraïl am Tage der Auferstehung unsere Gebeine finden, wenn sie von diesen Ungeheuern zermalmt und aufgefressen worden sind!«

»Schurke! jetzt, in der Todesangst, berufst du dich auf die Verheißungen des Kuran. Hast du auch bei deinen Missethaten an die Gebote der Religion gedacht?«

»Emir, der Sklavenfang war seit Jahrhunderten gestattet. Was hat die Religion damit zu thun, daß diese Erlaubnis von Menschen aufgehoben wurde?«

»Und was hat der Islam mit deinen Gebeinen zu thun? Wenn sie im Magen eines Krokodils schmoren, brauchen sie nicht später in der Hölle gebraten zu werden. Du mußt mir also dankbar dafür sein, daß ich dich Abd Asl jetzt unverzüglich folgen lassen werde.«

»Um Allahs willen, thue das nicht! Ich werde dir beweisen, daß ich nicht so schlimm bin, wie du denkst, und keinen solchen Tod verdiene.«

»So? Ich möchte wissen, wie du, der Anführer dieser tollen Hunde, einen solchen Beweis zu führen gedenkst.«

»Erlaube mir, ihn vorzubringen. Ich hörte vorhin, daß dieser Effendi sich nach einem Manne erkundigte, welcher verschwunden ist. Wenn ich über denselben Auskunft gebe, wirst du mich dann mit den Krokodilen verschonen?«

»Nein, denn du wirst irgend eine Lüge vorbringen, um dich zu retten.«

»Nein, Emir. Allah weiß es, daß ich die Wahrheit sagen werde! Nimm mich mit dir und halte mich gefangen, bis du dich überzeugt hast! Wenn du findest, daß ich dich belogen habe, so magst du mich den Krokodilen zu fressen geben oder, wenn es dir beliebt, eine noch entsetzlichere Todesart für mich erdenken.«

»Voraus kann ich dir nichts versprechen. Wir werden deine Worte prüfen. Finden wir sie wahr, so bin ich vielleicht bereit, dich nicht fressen zu lassen. Weißt du, wo jener Hafid Sichar sich befindet?«

»Ja, aber das Land und das Dorf weiß ich nicht.«

»Wie? Du kennst seinen Aufenthalt, weißt aber weder das Land noch das Dorf? Mensch, du redest ja Unsinn!«

»Es ist wirklich so, Emir.«

»Hast du etwa mit Ibn Asl oder seinem Vater darüber gesprochen? Haben sie dich in das Geheimnis gezogen?«

»Nein. In so vertraulicher Weise haben diese beiden nie mit uns verkehrt; aber ich hörte einmal, daß sie von diesem Hafid Sichar sprachen, und sie wußten nicht, daß ich mich in der Nähe befand.«

»Was sagten sie von ihm?«

»Die einzelnen Worte kann ich dir nicht mehr sagen, aber den Inhalt habe ich mir gemerkt. Du sollst ihn jetzt erfahren. Ibn Asl war früher arm und ist nur durch Hafid Sichar reich geworden. Er hat ihm eine große Summe abgenommen und sie mit einem andern geteilt.«

»Wer ist der andere?«

»Das weiß ich nicht; ich konnte es aus dem, was ich hörte, nicht entnehmen; es wurde weder sein Name noch sein Stand genannt. Ibn Asl hat Hafid Sichar töten wollen, um den Zeugen des Diebstahles aus der Welt zu bringen; dieser andere aber hat es nicht zugegeben. Mit dem geraubten Gelde wurde eine Ghasuah unternommen, und um Hafid Sichar unschädlich zu machen, schleppte man ihn mit und hat ihn tief im Süden an den Anführer eines wilden Stammes verkauft.«

»Welcher Stamm ist das?«

»Das eben weiß ich nicht, Emir. Du hast jetzt alles erfahren, was ich dir sagen konnte. Wirst du nun die Barmherzigkeit üben, mir meine Bitte zu erfüllen?«

»Wende dich an den Effendi, den diese Sache angeht! Vielleicht ist er geneigt, Fürbitte für dich einzulegen.«

Der Gefangene folgte dieser Weisung, indem er mich bat, für ihn zu sprechen. Ich mußte seine Todes- oder vielmehr Krokodilangst für meine Zwecke möglichst ausnutzen und antwortete ihm daher:

»Ob ich etwas für dich thue, hängt ganz von deiner weiteren Aufrichtigkeit ab. Hast du einmal den Namen Barjad el Amin gehört?«

»Ja. Dieser Mann ist Kaufmann in Chartum. Du hast vorhin schon Abd Asl nach ihm gefragt.«

»Steht Ibn Asl noch in Geschäftsverbindung mit ihm?«

»Nein. Wenigstens weiß ich nicht das Geringste davon.«

»So ist diese Sache erledigt. Aber weiter-. Hat Ibn Asl jetzt viel Geld bei sich?«

»Ja, fast sein ganzes Vermögen. Er wollte eine Sklavenjagd unternehmen, wie so groß es noch keine gegeben hat. Wo aber, das ist selbst für mich ein Geheimnis geblieben. Er behandelte diesen Zug sehr geheimnisvoll. Wohin er gerichtet sein werde, sollte ich erst in Faschodah erfahren.«

»Wolltet ihr lange dort bleiben?«

»Solange, bis unsere Ausrüstung beendet sein würde.«

»Wie ich gesehen habe, war euer Schiff, die ›Eidechse‹, leer. Sollte sie in Faschodah die nötigen Tauschwaren aufnehmen?«

»Ja, und die andern Schiffe auch.«

»Was? – Es sollten mehrere Schiffe ausgerüstet werden?«

»Ja. Wie viele aber, auch das wurde mir vorher nicht gesagt.«

»Ibn Asl muß in Faschodah sehr vertraute Geschäftsfreunde besitzen. Kennst du sie?«

»Er pflegt selbst gegen seine nächsten Untergebenen stets sehr vorsichtig und verschwiegen zu sein. In seine Freundschaften und Verbindungen hat er mich nie blicken lassen. Darum kenne ich in Faschodah nur einen einzigen Mann, von dem ich mit Sicherheit sagen kann, daß Ibn Asl mit ihm verkehrt, er heißt Ibn Mulei und ist Major der Arnauten, welche in Faschodah stehen.«

»Das genügt. Nun nur noch eins: Wo habt ihr euer Schiff gelassen, als ihr euch auf den Weg nach hier machtet?«

»Es liegt im rechten Arm des Niles bei der Dschesireh Mohabileh. Zehn Mann blieben zurück, um es zu bewachen.«

»Genug! Ich sehe dir an, daß du mir die Wahrheit gesagt hast, und bin mit dir zufrieden.«

»Ich danke dir, Effendi! Wirst du nun die Gnade haben, Fürbitte bei dem Emir einzulegen?«

Der letztere antwortete anstatt meiner:

»Da du uns nicht belogen hast, will ich dir hiermit versprechen, daß du vor den Krokodilen sicher bist; aber mehr kann ich nicht thun. Wehe dem, der wehe thut! Straflos könnet ihr unmöglich bleiben. Es ist gut!«

Der Oberlieutenant kehrte, wenigstens nun für den Augenblick beruhigt, an seinen Platz zurück, und es wurden jetzt die Vorbereitungen zum Abmarsche getroffen. Meine Erkundigungen hatten Erfolg gehabt, aber einen solchen, daß ich mir sagte, es werde wohl außerordentlich schwierig, wo nicht gar unmöglich sein, den Bruder des Führers von Maabdah aufzufinden. Es gab nur eine einzige Person, von der ich den Aufenthaltsort dieses unglücklichen Mannes erfahren konnte, nämlich Ibn Asl selbst. Und vorausgesetzt, daß es mir gelang, diesen zu ergreifen, so war es doch sehr zweifelhaft, ob es mir gelingen werde, ihm die gewünschte Auskunft abzuzwingen. Ich mußte mich eben auch in dieser Angelegenheit auf meinen guten Stern verlassen.

Der »Falke«, das Schiff des Reh Effendina, lag in gleicher Höhe mit dem Sumpfe am linken Ufer des Niles. Um es zu erreichen, mußte ein Fußgänger vielleicht zwei Stunden lang marschieren. Das konnten die Gefangenen sehr wohl aushalten. Sie sollten unter Deck gebracht werden. Da man die vorhandenen Kamele nicht verladen konnte, sollten dieselben auf dem Landwege nach Chartum transportiert werden, wozu zehn oder zwölf Asaker vollständig genügten.

Es war kurz vor Mittag, als wir aufbrachen. Der Emir hatte sich an die Spitze des Zuges gesetzt, und ich stieg mit Absicht zu allerletzt in den Sattel. Das geschah des Fakir el Fukara wegen. Er lag hilflos am Sumpfe, den Miriaden Stechfliegen, dem Hunger und dem Durste preisgegeben. Das erregte mein Mitleid, obgleich er es nicht verdiente. Ich besaß zwar einen Wasserschlauch, wollte ihn aber nicht opfern; darum hatte ich einen andern, ohne daß man darauf achtete, an mich genommen und an den Sattel gehängt; er war noch halb voll.

Als die letzten des Zuges sich schon eine Strecke entfernt hatten, ritt auch ich fort, aber nicht ihnen nach, sondern zum Maijeh. Ich wußte die Stelle nicht, wo der Fakir el Fukara sich befand und bei welcher man jedenfalls auch Abd. Asl in den Sumpf geworfen hatte, konnte sie aber gar nicht fehlen, weil eine sehr deutliche Spur zu ihr führte. Man hatte den Fakir ja nicht getragen, sondern über das Gras geschleift.

Ich sah ihn neben einem häßlichen Oscherbusche liegen, welcher ganz hart am Ufer stand. Der Sumpf war hier mit stinkendem Grün bedeckt, auf und in welchem riesige Krokodile in träger Ruhe lagen. Das waren die Totengräber und auch – die Gräber des Abd Asl!

Als der Fakir mich kommen hörte, wendete er den Kopf nach mir und stierte mich mit seinen blutunterlaufenen Augen an. Über sein tiefdunkles Gesicht ging ein beinahe tierisch zu nennendes Grinsen. Seinen Lippen entfuhren einige röchelnde Silben, jedenfalls Schimpfwörter, welche ich nicht verstand. Die Hände wahren ihm noch gebunden, und an den aufgesprungenen Füßen wimmelte es bereits von Insekten, welche seine Schmerzen vermehrten. Ich stieg ab und durchschnitt die Schnur, so daß er nun die Hände frei hatte; dann legte ich ihm den Wasserschlauch hin und fügte schließlich den Mundvorrat hinzu, den ich in dem Sattelbeutel bei mir führte. Es war genug für einige Tage. Er sah mir dabei zu, ohne ein Wort zu sagen.

»Hier hast du, damit du nicht verschmachtest,« bedeutete ich ihm. »Mehr kann ich nicht für dich thun.«

Er antwortete mir nur mit einem giftigen Zischen.

»Hast du einen Wunsch?«

Er schwieg.

»Nicht? Dann lebe wohl! Zwei Stunden von hier, gerade gegen Osten, liegt der Nil. Du wirst ihn, noch ehe der Proviant ausgeht, erreichen können.«

Ich stieg wieder auf. Als mein Kamel zu schreiten begann, ertönten hinter mit die dankbaren Worte:

»Allah verdamme dich. Fürchte die Rache, die Rache!«

Bald hatte ich den Zug erreicht und gesellte mich zu dem voranreitenden Emir. Es war gar nicht notwendig, daß wir bei dem ersteren blieben, da ein Unfall nicht zu befürchten stand. Wir waren nicht nötig und ritten darum voraus, um Zeit zu ersparen und eher bei dem Schiffe anzukommen. Dort begaben wir uns in die Kajüte, wo der Emir das erwähnte Empfehlungsschreiben anfertigte. Dann drückte er mir einen Beutel in die Hand, indem er sagte:

»Du wirst in Faschodah Ausgaben für mich zu machen haben. Verfüge über dieses Geld, als ob es dein Eigentum wäre! Ich nehme nichts davon wieder.«

Als der Zug anlangte, bekümmerte ich mich um nichts als um die Vorbereitungen, welche wir zu dem bevorstehenden Ritte zu treffen hatten. Wir wurden mit allem Nötigen reichlich versehen und verabschiedeten uns kurz nach dem Nachmittagsgebete, da wir heute noch eine tüchtige Strecke zurücklegen wollten.

Meine Löwenhaut nahm der Emir nach Chartum mit, wo sie zubereitet werden sollte und ich sie später abholen wollte. Unser Weg führte nicht am Nile hin, dessen Krümmungen wir vermeiden mußten, sondern wir suchten die freie Ebene auf, welche uns ein viel schnelleres Fortkommen bot. Um das, was wir erleben würden, sorgten wir uns nicht. – – –

Der Mahdi


Der Mahdi

Kordofan, dieses ganz eigenartige Land, ist von jeher das Durchzugsgebiet vieler wandernder Stämme und darum war die Bevölkerung desselben schon vor der Eroberung durch Mehemed Ali eine außerordentlich gemischte. Dann brachten die Fellahta und die Baschibozuks des Vicekönigs das Blut aller kleinasiatischen Rassen unter das Volk. Griechen, Levantiner, Armenier, Arnauten haben sich mit den schwarzen Stämmen des Südens vermischt und zwischen den Abkömmlingen derselben wohnen wieder die reinblütigen Enkel ganzer Nomadenstämme, weiche aus dem Hedschas herüberwanderten.

Kordofan gehört zu den Sudanländern. Da das Wort Sudan, allerdings schon im Mittelalter gebräuchlich, ein jetzt so viel gehörtes ist, so dürfte eine kurze Bemerkung über dasselbe am Platze sein. Beled es Sudan, das ist der vollständige Name. »Beled« heißt Land, und »es« ist der Artikel. Sudan ist der gebrochene Artikel von »aswad« = schwarz (Plural »sud«). Beled es Sudan heißt also das Land der Schwarzen. Der Ton wird nicht, wie man oft hört, auf die erste, sondern auf die zweite Silbe gelegt; man sagt also nicht Suhdan, sondern Sudahn.

Kordofan, ausgesprochen Kordofahn, bildet in seinem nördlichen und westlichen Teile eine ungeheure Savanne, welche in der trockenen Jahreszeit einer dürren Wüste gleicht, sich aber während der Regenzeit mit einer üppigen

Vegetation bedeckt. Die weiten, grasigen Strecken werden von Mimosenwäldern unterbrochen. In dieser Savanne giebt es ungefähr neunhundert Brunnen mit Dörfern in der Nähe. Dort weiden während der Regenzeit die vielen wandernden Stämme ihre Herden, um bei Beginn der trockenen Jahreszeit wieder fortzuziehen. Man trifft da Giraffen, Strauße, überhaupt Vögel der verschiedensten Arten, und ungeheure Antilopenherden.

Der südliche Teil des Landes hat mehr thonigen Boden, welcher das Wasser hält, daraus folgt eine wahrhaft bewundernswerte Fülle und Großartigkeit des Pflanzenwuchses. Kolossale Strecken sind mit Palmen, Cassien, Adansonien und Tamarinden bedeckt. Die Tiere vieler Ordnungen und Arten, welche diese Wälder bewohnen, werden von den Leoparden und dem Panther gejagt, und nur zu häufig hört man auch die Stimme des Löwen, des »alles Beherrschenden«, erschallen.

Das Wadi Melk wird schon mit zu Kordofan gerechnet, und da wir uns zwischen diesem und Es Safih befanden, so hatten wir Nubien hinter uns gelegt. Wie man sich erinnern wird, hatte ich die von dem Sklavenjäger Ibn Asl geraubten Beduininnen diesem abgenommen und in ihre Heimat nach dem Bir es Serir zurückgebracht; zwanzig Asaker begleiteten mich. Wir waren von den Angehörigen der Frauen und Mädchen mit Jubel aufgenommen und, wenigstens nach ihren Verhältnissen, reich bewirtet und beschenkt worden. Nach unserm Aufbruche hatten sie uns das Geleite bis zum Ende der zweiten Tagereise gegeben, und nun wollten wir auf dem kürzesten Wege nach Chartum, wo ich meine Asaker ihrem Kommandanten, dem Reïs Effendina Achmed Abd el Insaf zu übergeben hatte.

Es war noch nicht allzuspät nach der Regenzeit, darum stand die Savanne noch in saftigem Grün. Hätte ich nicht auf einem Hedschihn, sondern auf einem Pferde gesessen, so wäre es leicht gewesen, zu denken, daß der Ritt durch eine amerikanische Prairie gehe. Wenn in der trockenen Jahreszeit das Gras verdorrt ist, so hat man den Weg möglichst so zu legen, daß man Brunnen berührt; jetzt aber war das nicht nötig. Das Wandern von einem Brunnen zum andern kostet viele Zeit; gegenwärtig brauchten wir indessen bei der saftigen Grasweide für unsere Tiere kein Wasser, und für uns waren die Schläuche gefüllt; darum konnten wir eine schnurgerade Richtung einhalten, bis das Wasser zur Neige ging und wir dadurch gezwungen waren, wieder einen Brunnen aufzusuchen. Auf diese Weise gelangten wir einen vollen Tag eher, als wenn wir uns auf die erwähnten Umwege eingelassen hätten, an den Bir atschahn. Dieser Name bedeutet der »durstige Brunnen«, da der letztere während der heißen Jahreszeit kein Wasser enthält. Jetzt aber hatte er mehr als nötig war, um unsere Schläuche von neuem zu füllen. Er lag inmitten der ebenen Savanne, ohne von einem Felsen, einem Baume oder Strauche bezeichnet zu werden. Ich hätte ihn gewiß nicht gefunden, wenn uns nicht von unsern Gastfreunden ein kundiger Führer mitgegeben worden wäre, welcher uns nach Chartum bringen sollte und die Gegend ebenso genau wie die schlechten Eigenschaften seiner langen arabischen Flinte kannte.

Diese Flinte war sein Herzeleid, und doch schien er sie über alle Maßen zu lieben. Er hatte sie stets in der Hand und sprach gern von ihr. Auch jetzt, als er neben mir am Rande des Brunnens saß, hielt er sie liebevoll umfangen, ließ seinen Blick freundlich über sie gleiten und sagte:

»Hast du schon einmal so eine Arbeit gesehen, Effendi? Ist das nicht bewundernswert?«

Der Kolben des Gewehres war nämlich mit Elfenbein ausgelegt, doch bildete die Zeichnung eine Figur, welche mir ganz unverständlich war. Darum antwortete ich:

»Äußerst geschmackvoll, ja geradezu prächtig! Aber was soll es denn vorstellen?«

»Was es vorstellen soll? Welch eine Frage! Siehst du denn das nicht?«

Er hielt mir den Kolben vor die Nase und forderte mich auf: »Da, sieh genauer hin! Nun, was ist’s?«

Ich gab mir alle Mühe, das Ding zu enträtseln, doch vergeblich. Das war keine Schrift, kein Bild, kein »gar nichts«!

»Du bist blind,« meinte er; »möge Allah dein Auge erleuchten! Aber da du ein Christ bist, so ist es gar nicht zu verwundern, daß du die Figur nicht erkennst. Ein gläubiger Moslem sieht beim ersten Blicke, was sie zu bedeuten hat. Erkennst du nicht, daß es ein Kopf ist?«

Ein Kopf! Keine Spur davon! Man hätte es höchstens für den unförmlichen Kopf eines Hippopotamus halten können. Ich schüttelte also den meinigen.

»Nicht? Allah, Wallah, Tallah! Es ist sogar der Kopf des Propheten, der in allen Himmeln Allahs sitzt.«

»Unmöglich! Man sieht ja gar nichts von einem Kopfe! Wo ist denn die Nase?«

»Die fehlt, Effendi. Der Prophet braucht keine Nase. Er ist jetzt der reinste der Geister und besteht selbst aus zehntausend Wohlgerüchen.«

»Wo ist der Mund?«

»Der fehlt, denn der Prophet bedarf keines Mundes mehr, da er durch den Kuran zu uns redet.«

»Auch sehe ich keine Augen.«

»Wozu. Augen, da der Prophet nichts zu sehen braucht, weil vor Allah alles offenbar ist?«

»Die Ohren suche ich auch vergeblich!«

»Du kannst sie nicht finden, weil sie nicht da sind. Der Prophet braucht unsere Gebete nicht zu hören, da er uns die Worte derselben genau vorgeschrieben hat.«

»Wo ist der Bart?«

»Der ist nicht zu sehen. Wie durfte man ihn durch Elfenbein entheiligen, da der Schwur beim Barte des Propheten der höchste und allerheiligste ist!«

»Folglich ist von dem Kopfe nur die Stirn zu sehen?«

»Auch nicht. Da sie der Sitz des Geistes ist, kann man sie gar nicht abbilden.«

»So ist von dem Kopfe also gar nichts da?«

»Gar nichts,« nickte er. »Aber ich erkenne jeden Zug des Gesichtes!«

»Ohne den Kopf überhaupt sehen zu können? Das begreife, wer es kann!«

»Ja, ein Christ wird es freilich nicht begreifen. Ihr seid alle mit unheilbarer Blindheit geschlagen!«

»Du auch, doch ist deine Blindheit hellsehender als das gesündeste Auge. Du siehst einen Kopf, zu dem nichts als alles fehlt. Übrigens ist es doch bei euch verboten, einen Menschen abzubilden. Wie viel strafwürdiger muß da das Porträtieren des Propheten sein!«

»Der Künstler, welcher dieses Gemälde fertigte, hat dieses Verbot nicht gekannt.«

»Und muß doch den Propheten gesehen haben.«

»Im Geiste! Das Gewehr ist Uralt, wie du wohl siehst. Der Mann, welcher es fertigte, hat jedenfalls weit vor dem Propheten gelebt.«

»Das ist unmöglich, denn da gab es noch kein Pulver.«

»Effendi, beraube mich doch nicht des Glückes, ein so kostbares Gewehr zu besitzen! Wozu Pulver? Wenn Allah will, schießt man auch ohne Pulver aus der Flinte.«

»Ich gebe zu, daß Allah Wunder thut. Hier giebt es deren gleich zwei: erstens ein Schießgewehr aus einer Zeit, in welcher es noch kein Pulver gab, und zweitens das Bild des Propheten aus einer Zeit, in welcher er noch gar nicht lebte.«

»Ich sagte dir bereits, daß der Künstler ihn im Geiste gesehen hat. Es war eine Vision, und darum ist dieses Gewehr eine Visionsflinte.«

»Ah, Visionsflinte; das ist gut, das ist einzig!«

»Ja, einzig ist sie! Da hast du recht, vollständig recht, und es freut Mich, daß du endlich zur Einsicht gekommen bist. Es ist die einzige Visionsflinte, welche es giebt, und darum halte ich sie heilig und bin sehr stolz auf sie.«

»Wie bist du denn zu ihr gekommen?«

»Durch Erbschaft. Der Künstler hat sie auf Kind und Kindeskind vererbt. Du mußt wissen, daß ich sein Nachkomme bin und sie einst meinem ältesten Sohne vererben werde. Ja, sieh mich nur verwundert an! Ich bin in Wirklichkeit der Urenkelssohn des Urenkels eines Mannes, dem Allah die Gnade erteilte, den Propheten zu schauen, noch ehe derselbe geboren war.«

»So bist du der berühmteste Mann deines Stammes, und ich freue mich nicht bloß, sondern es ist mir auch eine unschätzbare Ehre, dich kennen gelernt zu haben.«

»Ja,« meinte er in vollstem Ernste, »es ist für jedermann eine Ehre, einen solchen Urenkel des Urenkels zu schauen. Ich bin gekannt, bis tief in den Sudan hinein, so weit es wahre Gläubige giebt, und mein Gewehr hat einen Ruf, welcher selbst in den Ländern der Heiden erschallt.«

»So schießt es wohl auch gut?«

»Leider nein. Es war Allahs Wille, daß, um die Vorzüge des Himmels zu erhöhen, auf dieser Erde nichts ganz vollkommen sein solle. Das ist auch in Beziehung auf meine Visionsflinte der Fall, wie ich leider der Wahrheit gemäß bekennen muß. Sie hat einige Eigenschaften, welche mein Herz mit Wehmut erfüllen.«

»Ich kenne alle Arten der Gewehre und bin in der Behandlung derselben wohl erfahren. Wenn du mir die Fehler nennst, kann ich dir vielleicht einen Rat erteilen.«

»Es sind ihrer mehrere. Zunächst hat das Gewehr die Eigenschaft eines wilden Ziegenbockes; es stößt entsetzlich. Es hat mir schon manche kräftige Maulschelle gegeben.«

»Das ist freilich nicht hübsch. Du mußt es beim Schießen so anlegen, daß es dich nicht beohrfeigen kann.«

»So stößt es mich wo anders hin, und das ist ganz dasselbe. Ferner schlingert es gewaltig.«

»Schlingern? Was verstehst du unter diesem Ausdrucke?«

»Damit meine ich, daß sich die Kugel nicht in gerader Richtung, sondern in Schlangenwindungen fortbewegt.«

»Unmöglich!«

»Effendi, zweifle nicht! Bei einer Visionsflinte ist alles möglich. Ich habe es genau beobachtet. Ich darf nie auf das Ziel halten, sondern je nach der Entfernung mehr nach rechts oder links oder höher oder tiefer.«

»Die Flinte ›schraubt‹ also, und es giebt, meines Wissens, kein anderes Mittel dagegen, als daß du einen neuen, bessern Lauf machen lässest.«

»Wie kannst du mir das zumuten! Dadurch würde das kostbare Gewehr vollständig verschimpfiert. All ah bewahre mich vor einer solchen Missethat! Die Flinte muß bleiben, wie sie ist.«

»So ist es überflüssig, mir ihre andern Eigenschaften auch noch aufzuzählen. Meiner Ansicht nach ist dasjenige Gewehr das beste, welches seinen Zweck am vollständigsten erfüllt.«

»Das thut es ja! Mein Visionsgewehr beweist, daß mein Urahne den Propheten gesehen hat, und das ist vollständig genug.«

»Wie es schießt, ist also Nebensache?«

»Ja.«

»Der Zweck des Schießens ist aber doch das Treffen!«

»Du bist kein Moslem und kannst dich also nicht mit der nötigen Ehrfurcht in diese Flinte hineindenken.«

»Nein, das kann ich nicht. Aber falls du in meiner Gegenwart einmal schießen solltest, so bitte ich dich, mein Leben zu schonen. Thue mir dann den Gefallen, auf mich zu zielen, da du mich dann sicherlich nicht treffen wirst!«

»Spottest du etwa, Effendi! Ich sage dir, daß –«

Er unterbrach sich, sprang auf und blickte, indem er mit der Hand die Augen beschattete, gegen Osten.

»Was ist’s?« fragte ich ihn. »Siehst du etwas?«

,»Ja, ich bemerke einen Punkt über dem Grase, welcher vorher nicht vorhanden war. Es muß ein Reiter sein.«

Nun stand ich auf, öffnete mein Fernrohr und gewahrte, durch dasselbe sehend, einen Mann, welcher auf einem Kamele saß und gerade auf den Brunnen zu geritten kam. Als er sich uns so weit genähert hatte, daß er uns sah, hielt er an, um uns zu betrachten; dann kam er herbei, blieb auf dem Kamele vor mir halten und grüßte:

»Sallam aaleikum! Wirst du mir erlauben, Herr, mein Kamel aus diesem Bir atschahn zu tränken und auch meinen eigenen Durst zu stillen?«

»Aaleikum sallam! Der Brunnen ist für jedermann da, und ich kann dich nicht hindern, zu thun, was dir beliebt.«

Ich gab, ohne ihn willkommen zu heißen, diese kühle Antwort, weil er keinen sympathischen Eindruck auf mich machte. Er war wie ein gewöhnlicher Beduine gekleidet und mit Flinte, Messer und Pistole bewaffnet. Sein Gesicht hatte keineswegs abstoßende Züge, aber der scharfe, forschende, ja stechende Blick, mit dem er uns musterte, gefiel mir nicht. Auch mußte es mir, der ich gewohnt war, auf alles, selbst auf die geringste Kleinigkeit zu achten, auffallen, daß er sich mit seiner Frage an mich wendete. Die Asaker trugen die Uniform des Vicekönigs; ich aber war, wie auch der Führer, in Civil gekleidet. Es wäre also den Umständen nach für ihn geboten gewesen, sich an die Soldaten zu wenden. Dieser Umstand und sein suchender Blick erfüllten mich mit einem leisen Mißtrauen, welches auch späterhin nicht weichen wollte, sondern sich vielmehr vergrößerte.

Er stieg ab und führte sein Kamel zur Seite, damit es grasen möge, nachdem. er ihm den Sattel abgenommen hatte. Dann schöpfte er sich Wasser, trank, setzte sich mir gegenüber und zog einen Tschibuk und einen Tabaksbeutel unter dem Haïk hervor. Nachdem er den ersteren gestopft und den Tabak angezündet hatte, reichte er mir den letzteren zu und sagte:

»Nimm, Herr, und stopfe dir auch! Es ist die Pfeife des Grußes, welche ich dir biete.«

»Deine Güte sei bedankt, ohne daß ich ihr entspreche,« antwortete ich ablehnend.

»So rauchst du nicht? Gehörst du zu einer der strenggläubigen Sekten, deren Anhängern der Tabak verboten ist?«

Sein Ton war derjenige eines Mannes, welcher zwar fragt, aber schon im voraus weiß, welche Antwort man ihm geben wird. Das fiel mir auf, und darum meinte ich fast noch zurückhaltender als vorher:

»Ich rauche auch; aber nicht an dir, sondern an mir war es, den Gruß zu bieten. Der vorher Anwesende hat den später Kommenden zu empfangen; das ist überall die Regel, und hier in der Chala wohl erst recht.«

»Ich weiß es und bitte dich um Verzeihung. Ich besitze den Fehler, das Herz auf der Zunge zu haben. Du gefielst mir gleich beim ersten Blicke, und es trieb mich, dir dies durch das Angebot des Tabakes zu zeigen. Darf ich fragen, woher du mit diesen Asakern kommst?«

»Darf ich vorher fragen, woher du weißt, daß ich zu ihnen gehöre?«

»Ich vermute es.«

»Dein Scharfblick ist bewundernswert; ich an deiner Stelle würde es nicht vermutet haben.«

»So bist du wohl fremd in der Chala, während ich sie öfters durchreite.«

»Nicht nur ich bin hier fremd, sondern auch die Asaker sind noch niemals hier gewesen. Um so anerkennenswerter ist es, daß deine Vermutung gleich das Richtige traf. Du hast mich zwar vorher gefragt, aber da ich mich vor dir hier befand, wird es dir also recht und billig erscheinen, wenn ich, bevor ich dir antworte, gern wissen möchte, wo du deine Reise angetreten hast.«

»Ich habe keinen Grund, es zu verschweigen. In der Chala oder gar in der Wüste muß jeder wissen, wer der andere ist und was derselbe treibt. Ich komme aus EI Feky Ibrahim am Bahr el Abiad.«

»Wo liegt das Ziel deiner Reise?«

»Ich will nach El Fascher hinüber.«

»Zwischen den Orten, welche du nennst, giebt es eine viel benutzte Karawanenstraße, welche über EI Awid und Fodscha geht. Warum benützest du sie nicht? Warum bist du so weit nördlich abgewichen?«

»Weil ich ein Händler bin und also die Bedürfnisse der Gegend kennen lernen muß. Ich will in EI Fascher Waren ein- und sie auf dem Rückwege wieder verkaufen; darum reite ich hier von Brunnen zu Brunnen, um von den da lagernden Leuten zu erfahren, was sie brauchen.«

»Du scheinst ein Anfänger im Handel zu sein.«

»Wieso, Herr?«

»Ein erfahrener Händler würde nicht leer nach EI Fascher gehen, sondern sich in Chartum mit Einfuhrwaren versehen haben, um dieselben auf dem Hinwege zu verkaufen und dabei ein Geschäft zu machen. Du aber willst nur auf dem Rückwege handeln und hast also auf die Hälfte des Gewinnes einer solchen Reise verzichtet. Das thut kein wirklicher Dschelabi

»Ich wollte rasch ans Ziel gelangen; darum belud ich mein Tier jetzt nicht mit Lasten.«

»Ein Handelsmann hat nur das eine Ziel, Gewinn zu machen. Übrigens reitest du kein gewöhnliches Hedschihn; ein Dschelabi aber pflegt sich nur eines Esels zu bedienen.«

»Jeder nach seinem Vermögen, Herr. Ich bin nicht ganz arm. Du hast nun meine Antworten gehört und wirst mir wohl auch Auskunft geben. Woher kommst du?«

Meine Fragen waren derart gewesen, daß er aus denselben mein Mißtrauen herausfühlen mußte; ja, sie waren sogar beleidigend für jeden ehrlichen Mann. Sein Auge hatte einigemale schnell und zornig aufgeblitzt, aber der Ton, in dem er mir antwortete, war stets ein höflicher und scheinbar unbefangener gewesen. Dieser Unterschied zwischen Blick und Ton verriet mir, daß er sich beherrschte, Beherrschung ist Verstellung; hatte der Mann Ursache, sich zu verstellen, so gab er mir damit allen Grund, vorsichtig gegen ihn zu sein.

Ihm zu glauben, daß er ein Dschelabi sei, fiel mir gar nicht ein; auch war ich fast überzeugt, daß er nicht aus EI Feky Ibrahim, sondern aus Chartum kam. Seine Begegnung mit uns schien ihn gar nicht überrascht zu haben; seine ganze Art und Weise ließ vielmehr beinahe vermuten, daß er erwartet habe, auf uns zu treffen. Wie war das zu erklären? Ich gab mich jetzt nicht mit Vermutungen ab; es galt, ihn zu beobachten. Er hatte mich belogen, darum hielt ich es für das beste, ihm nicht die ganze Wahrheit zu sagen, und antwortete auf seine Frage:

»Ich komme aus Badjaruja.«

»Dort waren auch die Asaker?«

»Nein. Ich traf hier auf sie, und sie erlaubten mir, den Brunnen zu benutzen.«

Um seine Mundwinkel spielte ein listiges Zucken, doch that er so, als ob er mir glaube, und fragte weiter:

»Woher kommen sie? Wo sind sie gewesen?«

»Ich weiß es nicht.«

»Du weißt es, denn du mußt doch mit ihnen gesprochen haben!«

»Ich bat sie um die Erlaubnis, mich hier niederlassen zu dürfen. Weiter habe ich nichts gesagt. Ich halte es auch für eine Unhöflichkeit, Unbekannte sofort nach der Begegnung nach allem möglichen auszufragen.«

»In der Wüste und Steppe ist die Neugierde eine Pflicht, welche man gegen sich selbst zu erfüllen hat. Darum bitte ich dich um die Erlaubnis, dich fragen zu dürfen, welcher Ort das Ziel deiner Reise ist.«

»Ich will nach Kamlin am blauen Nil.«

»So wirst du wohl bei EI Salayiah über den weißen Nil gehen?«

»Ja.«

»Und die Asaker, wohin reiten sie?«

»Das weiß ich nicht. Ich sagte dir bereits, daß ich sie nicht gefragt habe.«

Da machte er eine schnelle Wendung gegen den Führer, welcher an meiner Seite saß, und fragte ihn:

»Und wer bist du? jedenfalls ein Ben Arab?«

Ich hoffte, daß der Befragte mein Mißtrauen beobachtet habe und sich infolgedessen hüten werde, die richtige Auskunft zu erteilen, aber er gab gegen diese meine Erwartung zur Antwort:

»Ich bin allerdings ein Ben Arab, denn ich gehöre zu den Beni Fessarah.«

»Du kommst jetzt aus deiner Heimat?«

»Ja.«

»Wo weiden jetzt eure Herden?«

»Zwischen Bir es Serir und dem Dschebel Modjaf.«

»Ich habe von den Beni Fessarah gehört. Sie sind tapfere Männer, und das Glück wohnt unter ihren Zelten.«

Er wollte den Führer aushorchen. Nun dieser so unvorsichtig gewesen war, den Stamm, zu welchem er gehörte, zu nennen, konnte es mir gleich sein, was er für weitere Auskünfte gab. Ich streckte mich also lang aus, legte den Ellbogen in das Gras und den Kopf in die Hand und gab mir den Anschein der Gleichgültigkeit, wobei ich aber jedes Wort und jede Miene des angeblichen Dschelabi scharf beobachtete. Auf die letztere Bemerkung antwortete der Führer

»Ja, das Glück wohnte bei uns, hat uns aber verlassen.«

»Allah führe es zurück! Was ist denn geschehen?«

»Ibn Asl hat unsere Frauen und Töchter geraubt.«

»Ich weiß kein Wort davon.«

»Aber den Namen dieses Sklavenräubers hast du gewiß schon oft vernommen?«

»Gewiß! Seine Thaten sind derart, daß man wohl von ihm hören muß. Also er hat euch überfallen? Das ist ja ganz undenkbar. Ihr seid strenggläubige Moslemin, und so darf und kann er bei euch keine Sklavinnen suchen. Du irrst dich. Es muß ein heidnischer Stamm gewesen sein, der die That begangen hat.«

»Ich irre mich nicht; es ist vollständig erwiesen, daß es Ibn Asl war. Wenn du es nicht glaubst, kann ich es dir sehr leicht beweisen, denn dieser – –«

Ich sah es ihm an, daß er auf mich deuten und »dieser Effendi« sagen wollte, glücklicherweise blickte er dabei zu mir herüber, und ich gab ihm einen warnenden Wink. Er hielt infolgedessen inne und fuhr, sich verbessernd, fort:

»Denn dieser Vorfall kann mir von den Asakern bezeugt werden, welche bei uns waren und deren Führer ich bin.«

Er begann zu erzählen. Natürlich kam auch meine Person in seinem Berichte vor, doch war er so vorsichtig, mich stets den »fremden Effendi« zu nennen und mit keinem Blicke oder Fingerzeige zu verraten, daß ich derselbe sei. Als er geendet hatte, brach der Fremde in die erstaunten Worte aus-

»Sollte man eine solche Schandthat für möglich halten! Ibn Asl hat eure Frauen und Töchter überfallen; er hat diejenigen Personen, welche nicht zu verkaufen waren, ermordet! Das ist ein fluchwürdiges Verbrechen, für welches ihn die Strafe Allahs treffen wird.«

»Ja, Allahs Arm wird ihn zu finden wissen, und der Effendi und der Reïs Effendina haben ihm Rache geschworen.«

»O, er ist nicht bloß kühn, sondern auch listig, er wird ihnen entgehen!«

»Das glaube ich nicht. Der fremde Effendi ist ein Mann, der jeden findet, den er sucht.«

»Da müßte er allwissend sein!«

»Das ist nicht nötig; aber sein Auge sieht alles, und aus dem, was es gesehen hat, macht sich sein Scharfsinn den Zusammenhang klar. Er konnte den Weg, den die Frauenräuber einschlugen, nicht wissen, hat ihn aber so genau berechnet, daß es so stimmte, als ob sie es ihm mitgeteilt hätten.«

»Wo befindet er sich jetzt?«

»Er ist – ist – ist noch in unserm Dorfe,« antwortete der Gefragte zögernd.

»Noch in eurem Dorfe?« wiederholte der Fremde mit einem nicht ganz zu unterdrückenden Lächeln, bei welchem sein Blick mich kritisch streifte. »Ich möchte diesen Mann einmal sehen. Wenn ich Zeit hätte, würde ich nur zu diesem Zwecke nach Bir es Serir reiten; aber meine Stunden sind so gezählt, daß ich selbst hier nicht länger verweilen kann, sondern nun aufbrechen muß.«

Er erhob sich und ging zu seinem Kamele. Obgleich er von mir unausgesetzt beobachtet worden war, hatte ich auch das Tier betrachtet. Dabei war mir aufgefallen, daß es einen Fehler hatte, den man das »Rupfen« nennt. Ein solches Tier öffnet und schließt beim Laufen die Zehen abwechselnd, dabei rauft es die Grashalme aus, welche zwischen den Zehen stecken bleiben. Großen Schaden verursacht dieser Fehler freilich nicht, doch daß ich ihn bei diesem Tiere bemerkte, sollte mir großen Nutzen bringen und andern ihre bösen Pläne verderben.

Der Mann sattelte sein Hedschihn, stieg auf, trieb es zu uns herbei und sagte zu mir:

»Sallam, Herr! Du hast mir zwar gesagt, woher du kommst und wohin du gehst, aber ich glaube es dir nicht. Nicht gesagt hast du mir, wer du bist; ich denke aber, daß ich es errate und daß du mich bald kennen lernen wirst.«

Ich blieb, ohne mich zu rühren, in meiner vorhin beschriebenen Stellung liegen und antwortete ihm nicht. Er nickte mir höhnisch zu und ritt, mit der Hand verächtlich hinter sich nach mir winkend, von dannen.

»Was war das?« fragte der Führer.. »Was meinte er? Das war ja eine Beleidigung!«

Ich zuckte die Achsel.

»Er glaubt dir nicht, und er errät, wer du bist! Begreifst du, was er will?«

»Wahrscheinlich mein Leben.«

»Allah ‚l Allah!«

»Und dasjenige der Asaker dazu.«

»Effendi, du erschreckst mich!«

»So steig auf dein Kamel, und reite heim! Wahrscheinlich wird es bald zu einem Kampfe kommen, und da dir deine Visionsflinte dabei wohl nicht gehorchen wird, so rate ich dir zu deinem eigenen Besten, dich in Sicherheit zu bringen.«

»Beschäme mich nicht! Ich habe dich nach Chartum zu bringen und werde dich nicht eher verlassen, als bis wir dort eingetroffen sind. Wie kannst du denn auf den Gedanken kommen, daß wir Feindseligkeiten zu erwarten haben? Die Stämme dieser Gegend leben gerade jetzt im tiefsten Frieden miteinander.«

»Der Dschelabi hat es mir gesagt.«

»Ich habe kein Wort gehört!«

»Er hat es mir weniger in Worten als vielmehr durch sein Benehmen gesagt. Hast du ihn wirklich für einen Dschelabi gehalten?«

»Natürlich! Warum sollte er sich für einen solchen ausgeben, wenn er keiner ist?«

»Um uns zu täuschen. Ein Kundschafter hat alle Veranlassung, zu verschweigen, was er ist.«

»Kund – – schaf – – Du hältst ihn für einen Kundschafter? Wer sollte ihn gesandt haben?«

»Vielleicht In Asl, der sich an mir rächen will.«

»Wie kann der wissen, daß du dich hier befindest?«

»Für ihn ist es wohl nicht allzu schwer gewesen, zu erfahren, daß ich die ihm abgenommenen Sklavinnen nach ihrer Heimat geleitet habe. Ebenso leicht ist es, zu erraten, daß ich nach Chartum kommen werde. Ich muß also auf der zwischen diesen beiden Orten liegenden Strecke zu finden sein.«

»Wenn du so redest, beginne ich, zu begreifen. Er hat eine große Rache gegen dich; ja ja, es ist schon denkbar. Er ist höchst wahrscheinlich nach Chartum, wo er viele Bekannte hat. Unter hier wohnenden Stämmen hat er zahlreiche Freunde, welche Nutzen aus seinem Geschäft ziehen und also zu ihm halten. Wenn er dich überfallen will, findet er genug Leute, welche bereit sind, ihm dazu beizustehen. Aber es soll ihm nicht gelingen; ich werde euch einen Weg zeigen, auf dem eine Begegnung ausgeschlossen ist.«

»Ich bin dir dankbar, kann mich aber nicht darauf einlassen.«

»Warum? Es geschieht zu deiner Sicherheit.«

»Wie könnte es mir einfallen, einem Menschen, den ich ergreifen will, aus dem Wege zu gehen! Nun ich mir fast mit Sicherheit sagen kann, daß man mir auflauert, wird man meiner nicht habhaft werden. Und wenn es ihrer hundert sein Sollten, bin ich mit meinen Erfahrungen und meiner List ihnen überlegen. Ich weiche ihnen nicht aus, sondern ich werde sie geradezu aufsuchen. Ich überlasse es natürlich dir, ob du dich der dabei allerdings unvermeidlichen Gefahr aussetzen willst.«

»Ich bleibe bei dir, Effendi. Sprich nicht mehr davon. Wir haben dir so Großes zu danken; wie könnte ich dich verlassen! Aber du sprichst vom Aufsuchen. Wir kannst du wissen, wo die Feinde sich befinden?«

»Hast du nicht selbst vorhin gesagt, daß ich die Sklavenjäger gefunden habe, obgleich ich nicht wissen konnte, welchen Weg sie eingeschlagen hatten? Hier ist es noch viel leichter als dort, denn ich habe einen Führer.«

»Meinst du mich? Ich habe keine Ansicht in dieser Sache; ich ahne nicht, wo wir zu suchen hätten.«

»Ich meine nicht dich, sondern den Dschelabi.«

»Den, den nennst du deinen Führer? Das verstehe ich nicht. Er ist nach EI Fascher, also nach Westen, während du nach Osten zu suchen mußt.«

»Er hat gelogen; er will gar nicht nach Ei Fascher. Sobald er aus dem Bereiche unserer Augen ist, wird er umkehren zu denen, welche ihn auf Kundschaft ausgesandt haben. Es ist also für uns nur nötig, uns von seiner Spur führen zu lassen, so finden wir, was wir suchen.«

»Wenn du dich nur nicht irrst, Effendi! Es ist doch immer die Möglichkeit vorhanden, daß das, was er gesagt hat, wahr ist.«

»Die Möglichkeit ist da, aber ich irre mich wohl nicht. Wie lange reitet man von EI Feky Ibrahim bis EI Fascher?«

»Ungefähr zwanzig Tage.«

»Kann man das ohne Wasserschlauch thun?*

»Nein.«

»Also will er gar nicht hin, denn er hatte keinen! Ferner: wenn Asl wirklich eine Feindseligkeit gegen uns beabsichtigt und die dazu bestimmten Leute selbst befehligt, wird er wohl glauben, daß ich mich auf meinem Wege eines Führers oder wohl auch mehrerer bediene?«

»Jedenfalls, da du ein Fremder bist.«

»Diese Führer müssen aber auch Leute sein, welche nicht nur mit, sondern auch in der Gegend bekannt sind. Wenn er uns nur Kundschafter entgegenschickte, welche hier ebenso bekannt wären, so würden sie unbedingt von meinen Führern erkannt werden.«

»Das ist richtig.«

»Was folgt daraus? Was für Leute müssen seine Spione sein?«

»Solche, die hier niemand kennt, also Fremde.«

»Ein Fremder kann sich verirren; es kann ihm noch anderes zustoßen. Schickt man einen solchen Mann ohne Wasser eine weite Strecke voran?«

»Nein.«

»Der angebliche Dschelabi war Spion; er hatte kein Wasser und sich folglich nicht weit von seinen Kameraden entfernen können. Dieselben sind in der Nähe. Sie werden in einer Linie, welche die unserige gerade durchschneidet, Posten aufstellen. Und wenn ein solcher Posten uns kommen sieht, wird man schnell die andern zusammenholen und uns auf unserm Wege einen Hinterhalt legen. Zu diesen Posten hat der Dschelabi gehört. Man lauert uns auf; die Linie, welche quer über unsern Weg gebildet worden ist, befindet sich nicht weit von hier; der Dschelabi wird umkehren und dieselbe alarmieren; die Gegner erwarten uns an einem Orte, auf welchen unsere gerade Richtung stoßen muß; reiten wir geradeaus, so werden wir unbedingt auf sie treffen. Da wir wohl die Richtung, aber nicht die genaue Entfernung ihres Hinterhaltes von hier kennen, so müssen wir jeden Augenblick gewärtig sein, von ihnen angegriffen zu werden. Das hätte auf offener Fläche keine Gefahr für uns, denn wir würden die Annäherung der Feinde bemerken. Darum werden sie sich eine Stelle, vielleicht ein Gebüsch, einen Wald, eine Felsengegend suchen, wo wir ihnen, ohne sie vorher zu bemerken, in die Hände laufen. Nun fragt es sich, ob es im Laufe des heutigen Tagesrittes und in unserer Richtung einen solchen Ort giebt. Das mußt du als Führer wissen.«

»Ich kenne die Strecke ganz genau. Jetzt ist es Mittag. Wenn wir sofort aufbrechen, werden wir anderthalb Stunden vor Sonnenuntergang einen Cassiawald erreichen.«

»So gebe ich dir mein Wort, daß die Leute in dem Cassiawalde stecken werden.«

Er blickte mich erstaunt an, schüttelte den Kopf und meinte:

»Das behauptest du so gewiß!«

»Allerdings, und du wirst erfahren, daß ich mich nicht irre. Wir werden erst der Spur des falschen Dschelabi folgen, bis wir die Linie der Kundschafter oder Posten erreichen, und dann – –«

»Wie willst du erkennen, daß wir uns bei derselben befinden?« unterbrach er mich.

»Das werde ich dir zeigen. Dann aber schlagen wir ganz gegen ihre Erwartung einen Bogen und kommen aus einer ganz anderen Richtung an den Wald, um ihnen, während sie westlich nach uns ausschauen, von Osten her in den Rücken zu fallen. Vorher aber muß ich wenigstens oberflächlich orientiert sein. Wie groß ist dieser Cassiawald?«

»Er ist ebenso breit wie tief. Man hat über eine Stunde zu reiten, um hindurch zu kommen.«

»Sind die Bäume hoch?«

»Mitunter sehr hoch.«

»Giebt es Unterholz?«

»Stellenweise viel. Es liegt ein Brunnen da, welcher viel Wasser spendet und zahlreiche Sträucher und Schlingpflanzen nährt.«

»Kann man mit den Kamelen durch?«

»Ja, wenn man die offenen und lichten Stellen des Waldes aufsucht.«

»So weiß ich einstweilen genug, und wir wollen aufbrechen.«

»Wollen wir nicht erst nach Westen reiten und dem Dschelabi folgen, um zu erfahren, ob er wirklich sich rückwärts wendet?«

»Das ist überflüssig; ich bin überzeugt, daß er es thut, und wir werden bald auf seine Fährte treffen.«

Er war, da er schnell ritt, unsern Augen längst entschwunden. Wir sattelten, stiegen auf und ritten östlich davon, ich mit dem Führer neben mir voran und die Asaker in der bekannten, bei Karawanen gebräuchlichen Einzelreihe hinterdrein. Diese letzteren hatten in unserer Nähe gesessen und alles gehört. Sie waren neugierig, ob meine Voraussetzungen sich bewähren würden, und brannten, falls dies der Fall sein sollte, darauf, ihren guten Flinten Arbeit zu geben.

Wir verließen den Brunnen auf der Fährte, welche der Dschelabi bei seinem Kommen gemacht hatte. Schon nach einer halben Stunde sahen wir eine andere Fährte von rechts herüberkommen und sich mit der ersten vereinigen. Ich stieg ab, um sie zu untersuchen. Der Führer gesellte sich mir aus Wißbegierde zu. Ich hatte sie in gebückter Haltung betrachtet; als ich mich aufrichtete, erklärte ich:

»Es war der Dschelabi, ganz so, wie ich vermutet habe.«

»Wie kannst du das behaupten, Effendi? Es kann doch auch ein anderer sein.«

»Nein, er ist es. Sieh auf der ersten Fährte das Gras! Es sind einzelne Halme ausgerauft. Bei der zweiten Spur kannst du genau dasselbe beobachten.«

»Das ist richtig, aber – –«

»Es giebt kein aber dabei. Das Kamel des Dschelabi hat empfindliche Ballen, und ›rupft‹. Die zweite Fährte zeigt deutlichere und nach hinten ausgeschleuderte Eindrücke. Daraus ist zu schließen, daß er jetzt viel schneller reitet, als er vorher geritten ist; er ist umgekehrt und hat Eile.«

Der Führer schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Wir stiegen wieder auf und ritten weiter, der jetzt doppelten Fährte nach. Als vielleicht eine Stunde vergangen war, kamen wir an eine Stelle, an welcher der Reiter gehalten hatte. Das Gras war in einem beträchtlichen Umkreise niedergetreten und niedergelagert. Geradeaus führte eine alte Spur von drei Kamelen und eine neue von einem Tiere nach Osten; rechts und links wich je eine Einzelfährte nach Süden und Norden ab. Als meine Begleitung die Sache nicht begreifen konnte, erklärte ich:

»Was ihr hier seht, ist der vollste Beweis dafür, daß meine Vermutungen ganz richtig gewesen sind. Da weit vor uns im Cassiawald liegen unsere Gegner, und der Anführer hat eine Postenlinie vorgeschickt. Drei Mann kamen hierher; zwei von ihnen lagerten sich, während einer, nämlich der Dschelabi, weicher am unternehmendsten war, weiterritt. Als er zurückkehrte, teilte er ihnen mit, daß er uns gefunden hatte, und ritt auf der dreifachen Fährte nach dem Walde zurück, um seinem Anführer dieselbe Meldung zu machen. Die beiden andern aber eilten, einer nördlich und der andere südlich davon, um die übrigen Posten nach dem Walde zu beordern. Seht euch diesen Platz mit dem niedergedrückten Grase an! Müssen die Kerle nicht denken, daß wir entweder blind oder Dummköpfe sind? Wenn sich hier ein Posten von drei Männern befand, so steht zu erwarten, daß die andern Posten ebenso stark gewesen sind. Da der eigentliche Kriegerhaufen stets größer ist als die sämtlichen Posten zusammen, so können wir auf die Anzahl der Männer schließen, mit denen wir es zu thun haben werden. Wir haben es mit einem zwar unvorsichtigen, wie die Spur beweist, aber auch sehr zahlreichen Feinde zu thun. Aus diesem Grunde will ich meine eigenen Wünsche zurückhalten und euch um eure Meinung befragen. Wollt ihr den Kampf aufnehmen, oder wollen wir demselben ausweichen, was nun, da die Gegner sich alle an einem Punkte versammelt haben, sehr leicht sein würde?«

»Kämpfen, kämpfen!« lautete die allgemeine Antwort.

»Gut, so gehen wir links ab, um von Norden her an den Wald zu kommen, während wir von Westen her erwartet werden. Da dies einen Umweg ergiebt, werden wir schneller als bisher reiten müssen.«

Jetzt ging es weiter, und zwar so schnell, wie unsere Kamele laufen konnten; die weniger raschen wurden mit den Stäben angetrieben. Nach einiger Zeit stießen wir abermals auf eine Fährte, dann auf eine zweite, dritte, vierte und fünfte. Die Spuren hatten alle eine mehr oder weniger südöstliche Richtung und liefen auf den Wald zu. Ich konnte, auch ohne abzusteigen, sehen, daß jede derselben aus den Hufeindrücken von drei Kamelen bestand.

»Ob das lauter Vorposten gewesen sind?« fragte der Führer, welcher wieder an meiner Seite ritt.

»Natürlich!« antwortete ich. »Du siehst, daß ich recht gehabt habe. Angenommen, daß die Spur des Dschelabi in der Mitte der Kundschafterlinie gelegen hat, so giebt es in Summa elf Fährten, jede von drei Reitern; das ergiebt dreiunddreißig Mann. Wie viele mögen da im Walde geblieben sein? Es ist anzunehmen, daß wir es wenigstens mit der doppelten Anzahl, also mit sechzig Gegnern zu thun haben werden.«

»Dann dürfen wir uns auf einen harten Kampf gefaßt machen.«

»Auf gar keinen; wir werden so klug sein, ihnen gar keine Zeit zur Gegenwehr zu lassen.«

»Du meinst, daß wir sie umzingeln und niederschießen, ehe sie dazu kommen, ihre Waffen zu gebrauchen?«

»Umzingeln werden wir sie wahrscheinlich, töten aber nicht. Ich will kein Blut vergießen. Überhaupt dürfen wir sie nicht eher angreifen, als bis wir ihnen beweisen können, daß sie es auf uns abgesehen haben.«

»Wie sollen wir diesen Beweis liefern?«

»Das laß meine Sache sein! Und selbst dann, wenn wir ihnen ihre feindlichen Absichten in das Gesicht sagen können, haben sie dieselben noch nicht ausgeführt, und wir sind nicht berechtigt, einem von ihnen das Leben zu nehmen. Selbst für den Fall, daß wir dieses Recht besäßen, würde ich sie möglichst schonen, um sie dem Reïs Effendina ausliefern zu können.«

»Das ist schade! Wir müssen dir freilich gehorchen, aber wenn ich daran denke, was in unsern Dörfern geschehen ist, so erfaßt mich ein Grimm, welcher von Schonung nichts wissen will.«

»Die Thäter sind bestraft; sie haben ihr Verbrechen mit dem Tode gebüßt, und du mußt bedenken, daß die Leute, welche wir vor uns haben, nicht diejenigen sind, welche eure Frauen und Töchter raubten.«

»Gut, aber ich mache dich darauf aufmerksam, daß du uns durch deinen Entschluß selbst in Gefahr bringst, uns und auch dich. Räumen wir mit unsern Kugeln plötzlich unter ihnen auf, so bleiben wir unverletzt; wie aber willst du dich ihrer lebendig bemächtigen, ohne daß sie sich wehren und verschiedene von uns töten oder doch wenigstens verwunden?«

»Was ich beschließen werde, kann ich jetzt noch nicht wissen; ich muß mich nach den Verhältnissen, welche wir vorfinden, richten. Du weißt, daß ich mich im Wadi el Berd der Sklavenräuber bemächtigt habe, ohne daß einem von uns die Haut geritzt worden ist.«

Er schüttelte bedenklich den Kopf, zog es aber vor, auf weitere Einwendungen, welche doch erfolglos gewesen wären, zu verzichten.

Wir hielten uns zunächst nordöstlich, dann gerade östlich und bogen nach ungefähr zwei Stunden nach Süden um, denn der Führer meinte, daß der Bogen uns nun gerade auf den Wald zuführen werde. Bald erblickten wir am Horizonte einen dunklen Streifen, welcher mehr rechts von uns lag. Wir waren also so schnell geritten, daß wir den Wald beinahe halb umgangen hatten. Dies brachte mich, da wir noch hinreichend Zeit bis zum Untergange der Sonne hatten, auf den Gedanken, nicht von der Seite, sondern vom Rücken her auf die Feinde zu kommen. Aus diesem Grunde hielten wir uns wieder mehr links, und zwar so lange, bis wir den Streifen, welcher den Wald bedeutete, westlich von uns liegen hatten. Und da stießen wir denn auch, wie ich im stillen vermutet hatte, auf einen breiten Streifen, welcher sich von Osten her auf den Wald zu zog. Das Gras war niedergetreten gewesen und hatte sich zwar wieder erhoben, stach aber mit seinen geknickten Spitzen sehr deutlich gegen die andere Fläche der Chala ab. Das war die Gesamtfährte unserer Feinde, welcher ich es ansah, daß die letzteren heute am frühen Morgen hier vorübergekommen sein mußten. Sie hatten sich dann im Walde gelagert und gegen Westen hin ihre Späher ausgesandt.

Wir bogen natürlich in dieselbe Richtung ein und erreichten den Wald an einer so lichten Stelle, daß auch ein größerer Zug als der unserige leicht passieren konnte. Nun galt es, die größte Vorsicht zu entwickeln. Ich stieg ab, um voranzugehen; der Führer, welcher mein Kamel am Halfter nahm, folgte mit den Asakern eine Strecke hinterdrein. Er hatte mir gesagt, daß die Quelle ungefähr in der Mitte des Waldes liege, und ich nahm als ganz selbstverständlich an, daß die von uns Gesuchten sich in der Nähe derselben befanden.

Der Wald bestand da, wo wir ihn durchquerten, aus hohen Cassien und Mimosen. Ich mußte nach einem Verstecke für unsere Kamele suchen und bog also zur Seite ab, wo dichte Büsche unter den Bäumen standen. Das Gesträuch bestand vorzugsweise aus Balsamodendron und stachelstämmigen Bauhinien, welche sich um die Stämme und Äste der Bäume rankten und dichte Festons von prächtig blühenden Zweigen herniederhängen ließen. Hinter diesen dicht verschlungenen Büschen konnte uns niemand sehen; meine Gefährten stiegen vor denselben ab, um ihre Kamele hineinzuführen und da auf meine Rückkehr zu warten, da ich nun rekognoszieren wollte.

Der treue Ben Nil bot sich mir zur Begleitung an; ich lehnte dieselbe aber ab. Auch der Führer wollte mit, und als ich ihn ebenso abwies, meinte er:

»Du kennst aber den Wald nicht und den Weg zur Quelle, Effendi; ich muß ihn dir zeigen.«

»Habe keine Sorge um mich! Ich weiß schon, was ich thue. Übrigens irrst du dich, wenn du etwa meinst, daß die Feinde am Wasser lagern.«

»Wo denn sonst?«

»Irgendwo, aber nur nicht dort. Ja, vorher haben sie sich jedenfalls dort befunden; nach Rückkehr der Posten aber sind sie wohl auf den Gedanken gekommen, den Platz frei zu geben.«

»Weshalb denn wohl?«

»Sie nehmen doch sicher an, daß wir den Brunnen aufsuchen. Dort ist die beste Gelegenheit, über uns herzufallen. Griffen sie uns unterwegs an, wo wir noch im Sattel sitzen und eine ziemlich lange Reihe bilden, so würden sie ihren Zweck nur schwer erreichen. Sie werden also warten wollen, bis wir uns gelagert haben, und darum ist ganz bestimmt anzunehmen, daß sie sich nicht mehr beim Wasser, sondern in der Nähe desselben befinden. Wie führt der Weg von hier aus nach dem Wasser? Macht er etwa viele Windungen?«

»Nein, sondern er bildet eine fast ganz gerade Linie.«

»Das ist vorteilhaft für mich. Ich gehe jetzt, und ihr habt nichts zu thun, als euch so still wie möglich zu verhalten.«

»Was thun wir aber, falls du nicht zurückkehrst?«

»Ich komme wieder!«

»Du sprichst sehr zuversichtlich, Effendi. Möge Allah dich geleiten!«

Da ich den hellen Haïk zurückließ, stach mein dunkelgrauer Anzug nicht von dem Grün der üppigen Vegetation ab. Ich hütete mich natürlich, auf der breiten Fährte zu gehen; dort konnte ich, da die Bäume weit auseinander standen, leicht gesehen werden; ich hielt mich vielmehr zur Seite, stets von Büschen gedeckt, der Fährte parallel.

Nach vielleicht einer Viertelstunde war es mir, als ob links vor mir jemand gesprochen hätte; rechts mußte der Brunnen liegen. Ich blieb stehen und horchte. Ja wirklich, das waren Stimmen! Man sprach nicht allzu laut, konnte sich also gar nicht weit von mir befinden. Ich legte mich nieder und kroch auf den Händen und Knieen weiter. Die Stimmen wurden, je weiter ich vorrückte, desto deutlicher, und sonderbarerweise kam mir eine derselben bekannt vor. Noch konnte ich die Worte, welche gesprochen wurden, nicht verstehen, aber dem Schalle nach mußten die Personen, welche redeten, sich hinter einem undurchdringlich scheinenden Sennesgebüsch befinden. Ich kroch hinzu und erkannte auch die andere Stimme; sie gehörte dem angeblichen Dschelabi, und derjenige, mit welchem dieser sprach, war, wenn ich mich nicht täuschte, kein anderer als – Abd Asl, der Vater des Sklavenjägers, der heilige Fakir, welcher mich im unterirdischen Brunnen bei Siut hatte verschmachten lassen wollen.

Das Sennesgestrüpp konnte nicht sehr breit sein, denn ich hörte und verstand die Worte jetzt so deutlich, daß ich annahm, die Entfernung zwischen mir und den beiden Genannten könne höchstens drei oder vier Ellen betragen. Aus verschiedenen Geräuschen und Tönen, welche an mein Ohr drangen, war zu vermuten, daß die zwei sich nicht allein befanden.

»Alle, alle müssen in die Hölle fahren; nur den Deutschen lassen wir leben!« sagte der Fakir, als ich nun in bequemer Stellung lag und lauschte.

»Warum das?« meinte der Dschelabi. »Gerade er müßte der erste sein, den unsere Kugeln oder Messer treffen.«

»Nein. Ihn will ich aufheben, um ihn meinem Sohne zu bringen. Er soll lange, lange Qualen erdulden. Es fällt mir nicht ein, ihn eines schnellen Todes sterben zu lassen.«

»Dann mußt du gewärtig sein, daß er dir wieder entwischt.«

»Entwischen? Unmöglich! Ich weiß, daß er ein Teufel ist; aber es giebt genug Mittel, selbst einen solchen Satan zu bändigen. Ich werde ihn wie ein reißendes Tier einsperren. Nein, entkommen, entkommen wird er mir nun und nimmermehr! Ginge es nach mir, so ließ ich auch die Asaker leben, um sie langsam zu Tode zu martern; aber da wir nicht lange Zeit zu verlieren haben, so müssen wir uns ihrer schnell entledigen. Wie wollte ich diese Halunken peinigen, welche unsere Genossen erschossen und meinen Sohn, also uns alle um einen so großen Gewinn gebracht haben!«

»Ja, für diese Fessarah-Sklavinnen wäre viel, sehr viel bezahlt worden. Man sollte diesen Menschen die Hände und die Zunge abschneiden, daß sie weder sprechen noch schreiben und also nichts verraten könnten. Dann müßte man sie an den grausamsten aller Negerfürsten verkaufen!«

»Der Gedanke ist nicht übel. Vielleicht führen wir ihn aus. Vielleicht ersinnen wir uns auch noch besseres. Es giebt keinen Schmerz, der für sie zu groß, zu schrecklich sein könnte; sie müssen täglich, stündlich sterben, ohne doch wirklich sterben zu können. Sie haben das verdient, besonders dieser fremde Hund, welcher alle, alle unsere Absichten zu erraten, alle unsere Pläne zu durchschauen weiß und mit der Hilfe des Teufels stets dann entwischt, wenn man ihn am sichersten zu haben meint.«

»Das ist es ja eben, was uns zur größten Vorsicht mahnt! Wenn er uns heute wieder entwischen sollte!«

»Habe da ja keine Sorge! Die Befehle, welche ich gegeben habe, sind so sorgfältig ausgedacht, daß ein Mißerfolg gar nicht eintreten kann. Den ersten Schuß gebe ich ab, und ich ziele auf das Bein des Deutschen. Ist er da verwundet, so kann er uns jetzt und auch später nicht entkommen. Ist dieser mein Schuß gefallen, so drückt auch ihr andern ab. Gegen siebzig Kugeln sind jedenfalls hinreichend, sie alle niederzustrecken.«

»Man sollte es denken. Eigentlich ist es eine Schande für uns, daß wir wegen zwanzig Asakern eine solche Anzahl von Kriegern aufgetrieben haben.«

»Das geschah nicht der Asaker, sondern des Effendi wegen. Unter seiner Führung sind zwanzig Männer so gut wie sonst hundert, und ich sage dir, daß wir nur durch das Unerwartete, durch die Plötzlichkeit des Überfalles siegen können. Wenn wir es zur Gegenwehr kommen ließen, so würde der Erfolg sicher zweifelhaft sein.«

Ich mußte leise lachen. Weder der Dschelabi noch der Fakir besaßen die Klugheit, welche zur Ausführung ihres Vorhabens unbedingt erforderlich war. Sie hatten nicht einmal jetzt eine Wache ausgestellt, um sich unsere Ankunft melden zu lassen; das vernahm ich aus ihren weiteren Worten. Auch hörte ich, daß der Ort, an welchem sie sich befanden, der Quelle so nahe lag, daß sie das Geräusch, welches sie von uns erwarteten, deutlich zu hören hofften.

Aus der Rede des Fakirs ging hervor, daß sein Sohn, der Sklavenjäger, dem Reïs Effendina eine Falle gestellt hatte. Das erfüllte mich mit Besorgnis, und ich nahm mir vor, hier schnell zu handeln und dann unsern Ritt zu beschleunigen, um möglichst rasch nach Chartum zu kommen und den Bedrohten zu warnen. Vor allen Dingen galt es, die Situation zu überschauen. Da, wo ich lag, war das Gebüsch so dicht, daß ich nicht hindurchblicken konnte. Ich kroch weiter, nach links, und fand dort eine lichte Stelle, welche mir die gesuchte Aussicht bot. Mein Auge fiel auf einen baumfreien Raum, auf welchem die siebzig Männer lagerten, viele nur halb bekleidet, aber alle gut bewaffnet. Ich sah Gesichter von hellbraun an bis zum tiefsten Schwarz. Die Kamele lagerten eins neben dem andern links und mir gegenüber am Rande der Lichtung. Der Fakir saß mit dem Dschelabi ein Stück von der Truppe entfernt am diesseitigen Rande, und es war ein günstiger Zufall gewesen, daß ich gerade auf diese Stelle getroffen war, sonst hätte ich sie unter vielen Schwierigkeiten aufzusuchen gehabt.

Die Leute saßen oder lagen nicht eng beisammen, sondern zu zweien oder dreien in einzelnen kleinen Gruppen auseinander. Dieser Umstand mußte uns den Überfall sehr erleichtern. Seitwärts von da, wo ich mich jetzt befand, war Platz genug, meine zwanzig Mann aufzustellen. Sie konnten da die Feinde sehen, und mir war es möglich, jedem einzelnen von ihnen seine besondere Instruktion zu erteilen. Denn jeder mußte für sich wissen, welchen Gegner er anzugreifen hatte, da andernfalls ein Wirrwarr zu befürchten war, bei welchem die Mehrzahl der Feinde Gelegenheit zur Flucht finden mußte.

Da ich nun weiter nichts zu sehen und zu hören brauchte, kehrte ich zu meinen Gefährten zurück, um ihnen den guten Erfolg meiner Rekognoszierung mitzuteilen. Keiner freute sich mehr über die Anwesenheit des Fakirs als Ben Nil, welcher, kaum daß ich geendet, mir zurief.

»Hamdulillah, der Fakir, der Fakir ist da! Effendi, den mußt du mir überlassen; auf den schieße ich!«

»Es wird gar nicht geschossen,« antwortete ich. »Wir werden die Leute nicht töten, sondern dem Reïs Effendina ausliefern.«

»Auch den Fakir, der doch jedenfalls mir verfallen ist?«

»Auch mir ist er verfallen; ich verzichte aber auf die Rache.«

»Ich verzichte aber nicht!«

»So sprechen wir später darüber; jetzt aber verbiete ich dir auf das allerstrengste, ihn zu töten.«

»Effendi, bedenke, daß du mich da in einem Rechte kränkst, das mir kein Mensch nehmen kann!«

»Das thue ich nicht, sondern ich beabsichtige nur einen Aufschub. Der Reïs Effendina befindet sich in einer Gefahr, welche ich nicht kenne; der Fakir kennt sie und soll mir Mitteilung machen. Wird er getötet, so erfahre ich nichts, und der Reïs ist verloren. Ich muß also unbedingt mit dem Fakir reden.«

»Wenn das ist, so will ich mich fügen; dann aber später wirst du nicht so ungerecht sein, mich zu verhindern, das Gesetz der Wüste auszuführen. Nun aber, Effendi, wie wollen wir diese siebzig Krieger überwinden, wenn wir sie nicht erschießen dürfen?«

»Wir schlagen sie mit den Gewehrkolben nieder. Stirbt einer von einem solchen Schlage, so ist es nicht zu ändern und wir werden ihn nicht beklagen. Ihr müßt aber so zuhauen, daß der Getroffene zusammenbricht und sich nicht wehren kann. Ich werde euch führen und einem jeden zeigen, nach welcher Gruppe er sich zu wenden hat, damit nicht einer den andern hindert. Ich selbst nehme den Fakir und den Dschelabi auf mich. Sobald ich durch das Gebüsch breche, folgt ihr mir. Es wird kein Kommando gegeben; keiner darf rufen oder schreien; es muß alles ganz still und lautlos geschehen, denn dann wirkt die Überraschung viel mehr, als wenn der Feind durch unzeitiges Gebrüll gewarnt wird. Bedenkt, daß jeder von euch drei oder vier Gegner niederschlagen muß! Ihr müßt also außerordentlich schnell arbeiten, und das ist nur dann möglich, wenn ihr euch dabei ganz stumm verhaltet. Die Kerle werden dann vor Schreck geradezu starr sein, während euer Kampfgeschrei sie sehr beweglich machen würde.«

Da unsere Kamele an den Beinen gefesselt waren, genügte ein einziger Mann zu ihrer Bewachung. Die andern gingen mit mir.

»Dein Plan gefällt mir, Effendi,« meinte der Führer, als wir aufbrachen. »Mit dem Schießen ist es bei mir nicht ganz sicher, nun aber werden diese Hunde den Kolben meiner Visionsflinte sehr zu kosten bekommen.«

Wir gelangten unbemerkt auf dem von mir ausersehenen Platze an. Es hatte sich dort nichts verändert. Nun verging eine Weile, bis ich jedem einzelnen meiner Leute gezeigt hatte, wohin er sich zu wenden habe; dann stellte ich mich an die lichte Stelle im Gebüsch, durch welche ich vorhin geschaut hatte. Die Gefährten hielten, die Augen auf ihre bestimmten Opfer gerichtet, mir zur linken Hand, wo das Gesträuch nicht schwer zu durchdringen war. Da ich sah, daß ein jeder bereit war, that ich einen Sprung durch das Gesträuch und auf die Lichtung hinaus, wendete mich rechts – zwei Kolbenhiebe, und der Fakir und der Kundschafter waren abgethan.

Hinter mir rauschte es wie Sturmwind im Gebüsch, denn meine Asaker folgten mir. Einige Schritte von den beiden genannten saßen vier Männer, welche über mein Erscheinen so entsetzt waren, daß sie mich bewegungslos anstarrten; ich hieb den ersten nieder, den zweiten; der dritte erhob zur Abwehr die Arme, ich traf ihn dennoch; der vierte wollte aufspringen, kam aber nicht dazu; ich schlug ihn zu den andern. Ich hatte aus Rücksicht auf die Getroffenen mit der breiten Seite und nicht mit der Kante des Kolbens zugeschlagen. Das betäubte nur, tötete aber nicht.

Sechs Mann – das war mein Pensum, und nun machte ich es mir zur Aufgabe, etwaige Flüchtlinge zurückzuhalten. Darum wendete ich mich gegen die Scene, welcher ich jetzt den Rücken zugedreht hatte, und legte den vielschüssigen Henrystutzen zum Schusse an.

Es war ein noch nie erlebter Anblick, der sich mir bot. Die Asaker hatten sich genau nach meiner Vorschrift gehalten; sie »arbeiteten« stumm, und die davon erwartete Wirkung blieb nicht aus; gerade dieses Schweigen vergrößerte den Schreck der Überfallenen; auch sie schienen stumm zu sein. Nur hier oder dort schrie einer auf oder sprang einer empor, um sich zu flüchten, was aber keinem gelang. Übrigens hätte ich jedem, dessen Flucht zu gelingen drohte, eine Kugel in das Bein gegeben, um ihn niederzuwerfen.

Abgesehen von dem Umstande, daß das Niederschmettern von Menschen kein Vorgang ist, über welchen man entzückt sein kann, war es für ein kampfesfrohes Auge eine Freude, die Asaker zu sehen. Am gewandtesten benahm sich Ben Nil; ich glaube, er streckte sechs oder sieben Gegner nieder. Von dem Augenblicke an, in welchem ich das Gebüsch durchdrang, bis zu dem Momente, in welchem ich den letzten Feind hintenüber fallen sah, waren wohl kaum anderthalb Minuten vergangen, und von Seiten der Gegner war nicht ein einziger Schuß oder Schlag gefallen. Das war die Folge der Überraschung, einer so vollständigen, erstarrenden Überraschung, wie ich bisher noch keine beobachtet hatte.

Selbst jetzt, als wir den vollsten Erfolg vor uns hatten, blieben die Asaker still. Sie blickten alle zu mir her, um zu erfahren, was nun zu geschehen habe.

»Bindet schnell alle,« rief ich ihnen zu, »mit Riemen, Schnüren oder Fetzen, die ihr ihnen von den Kleidern reißt! Das Schweigen ist zu Ende; ihr dürft reden.«

Reden? Wie kann man in einer solchen Situation einem afrikanischen Askari gegenüber von »Reden« sprechen! Hätte ich gesagt: »ihr dürft heulen«, so wäre der Erfolg noch lange nicht dem nahe gekommen, was ich jetzt zu hören bekam. Die zwanzig Stimmen brachen in ein geradezu übermenschliches Gebrüll aus; es war, als ob hundert Teufel jauchzten. Dabei versäumten sie aber nicht, meinen Befehl schnellstens auszuführen.

Ich wendete mich natürlich zunächst zu dem Fakir und seinem Kundschafter. Sie hatten die Lippen offen und röchelten; ich band ihnen die Hände hinten und auch die Füße zusammen. Material zum Fesseln war genug vorhanden; jeder Beduine trägt während eines Rittes Schnüre bei sich, da er deren sehr oft braucht. Außerdem ist jedes Kaffije und jede Kapuze mit einem Ukal, einer Schnur versehen, mit welcher die Kopfbedeckung befestigt wird, und so ein Ukal ist ein zum Fesseln höchst praktischer Gegenstand.

Es gab welche, die nur halb betäubt waren; sie waren an ihren Bewegungen zu erkennen und wurden natürlich zuerst gefesselt. In fünf oder höchstens zehn Minuten waren wir fertig und konnten nun daran gehen, zu untersuchen, ob einer oder der andere erschlagen worden sei. Leider waren die Asaker nicht so glimpflich wie ich verfahren; sie hatten mit der Schärfe des Kolbens zugeschlagen, und so gab es mehrere zerschmetterte Schädel. Es ergab sich zu meinem Leidwesen, daß acht Personen tot waren. Drei von ihnen hatte unser Führer auf dem Gewissen, denn er sagte zu mir, indem er das Blut von dem Kolben seiner Flinte wischte:

»Effendi, mein Visionsgewehr hat seine Schuldigkeit gethan, denn von den vieren, welche ich traf, wird nur ein einziger sich erheben.«

»War das deine Absicht?«

»Ja. Ich wollte auch den vierten töten.«

»Das hatte ich doch verboten!«

»Darf ich mir verbieten lassen, mich zu rächen? Oder habe ich dir versprochen, deinem Verbote zu gehorchen? Ich sah unsere Ermordeten im Sande des Bir es Serir liegen und habe jetzt eine Vergeltung geübt, welche nichts ist gegen das, was dort geschah. Du hast kein Recht, mir das meinige zu nehmen!«

Ich zog es vor, ihm nicht zu antworten, und kehrte zu dem Fakir zurück, welcher, wie ich sah, die Augen geöffnet hatte und nun den entsetzten Blick auf seine Umgebung richtete. Auch der Dschelabi war erwacht und schaute ebenso erschrocken wie der andere umher. Während die Asaker die Gefangenen und die Kamele nach Beute untersuchten, was ich ihnen nicht verwehren konnte, setzte ich mich neben dem Fakir nieder. Er schloß die Augen, ob aus Schwäche, vor Wut oder Scham, das war mir gleichgültig.

»Sallam, ia Weli el kebir el maschhur – sei gegrüßt, du großer, berühmter Heiliger!« sagte ich. »Ich freue mich, dich hier zu sehen, und hoffe, daß auch du dich glücklich fühlst, mein Angesicht zu schauen.«

»Sei verflucht!« knirschte er halblaut und ohne die Augen zu öffnen.

»Du hast dich versprochen. ›Sei gesegnet!‹ wolltest du sagen, denn ich weiß, wie groß deine Sehnsucht nach mir war. Du sandtest doch sogar Boten aus, welche meinen Aufenthalt erforschen sollten. Leider aber sollte deine Sehnsucht eine mir verderbliche sein, denn du wolltest meine Asaker erschießen und mir die Zunge und die Hände abschneiden lassen, um mich dann an den grausamsten Negerfürsten zu verkaufen.«

»Er ist allwissend!« entfuhr es ihm, indem er die Augen öffnete und diesen Ausruf gegen seinen Gefährten richtete. Der Blick des letzteren ruhte groß, offen und mit dem Ausdrucke tödlichen Hasses auf mir. Ich nickte ihm freundlich zu und sagte:

»Du hattest vollkommen recht, als du mir sagtest, daß ich dich bald wiedersehen und dich dann kennen lernen würde. Wir sind, obgleich du nach EI Fascher wolltest, schon nach so kurzer Zeit wieder bei einander. Ich bin ganz entzückt darüber, denn es ist der Beweis, daß ich dich ganz richtig beurteilt habe. Du bist es, der den Gedanken, mir die Zunge und die Hände zu nehmen, erfunden hat, und du täuschest dich nicht, wenn du die frohe Überzeugung hegst, daß ich dir meinen Dank für diese Erfindung nicht vorenthalten werde.«

»Ich verstehe dich nicht!« antwortete er. »Warum bin ich gebunden? Warum habt ihr uns überfallen? Was könnt ihr uns beweisen? Ich verlange, losgebunden zu werden.«

»Diesen Wunsch wird man dir auf das bereitwilligste erfüllen, und zwar in dem Augenblicke, in welchem man dich dem Henker übergiebt.«

Er machte eine hastige Bewegung des Widerspruches und öffnete die Lippen zu einer Entgegnung; ich ließ es aber nicht zu derselben kommen, indem ich schnell fortfuhr.

»Ereifere dich nicht, und gieb dir keine Mühe! Du bist viel zu dumm, mich zu täuschen. Ein Mensch wie du sollte daheim bleiben und ja nichts anderes thun als seine eigene Albernheit beweinen. Du warst, als du heute zu uns kamst, noch nicht vom Kamele gestiegen, so wußte ich schon, weß Geistes Kind du bist. Kennst du die Fabel von der Bakkal, welche den Bu husain überlisten wollte?«

»Was geht mich diese Fabel an, welche jedem Kinde bekannt ist!« fuhr er mich an.

»Sehr viel, denn du gleichst dieser Bakka, indem du auf den geradezu verrückten Gedanken gekommen bist, mich übertölpeln zu wollen. Das würde selbst einem tausendmal klügern Menschen nicht gelungen sein. Wie du, dessen Kopf nicht eine Spur von Gehirn enthält, annehmen konntest, daß es dir gelingen werde, mich zu täuschen, das kann ich mir nur durch deine unendliche Albernheit erklären. Du und einen deutschen Effendi überlisten! Das ist ganz genau so wie in der Fabel von der Bakka, welche sich an den Bu husain wagte.«

Es war nicht etwa Überhebung von mir, daß ich den Mund so voll nahm; eine weniger hochmütige Ausdrucksweise hätte ihren Zweck nicht erreicht. Der Erfolg blieb nicht aus, denn er antwortete im zornigsten Tone.

»Wie kann ein Giaur sich einem wahren Gläubigen gegenüber in dieser Weise überheben! Wärst du so klug, wie du dich dünkst, so würdest du längst von deinem Irrglauben abgewichen sein. Nimm uns sofort die Fesseln, welche durch deine Hände beschmutzt sind, ab, sonst – –«

»Schweig!« unterbrach ich ihn. »Wage nicht etwa, mir zu drohen; ich würde dir mit der Peitsche antworten! So hündisches Gezücht bekommt Hiebe, wenn es bellt. Und wenn du deine jetzige Lage so wenig begreifst, daß du es wagst, zu fordern anstatt demütig zu bitten, so werde ich sie dir auf eine Weise zur Erkenntnis bringen, daß dir der Hochmut schnell vergehen soll!«

»Das wirst du unterbleiben lassen, denn ich bin Scheik!« wendete er ein.

»Pah! Ein armseliger Beduinenscheik ist gegen das, was ich bin, gar nichts. Übrigens hast du behauptet, ein Dschelabi zu sein, und bist nebenbei Mitglied einer Mörderbande; danach wirst du behandelt.«

»Dann wehe dir! Du wärst verloren; mein Stamm würde euch alle vernichten!«

»Was, dieser Mensch ist so frech, dich zu bedrohen, Effendi?« rief Ben Nil aus, welcher hinzugetreten war und die Worte gehört hatte. »Soll ich ihm den losen Mund stopfen?«

»Thue es!«

Er wendete ihn mit dem Fuße um, so daß sein Rücken nach oben zu liegen kam, und zog die Peitsche aus dem Gürtel. Ich wendete mich ab. Mein Auge sträubte sich, Zeuge der Züchtigung zu sein; das Ohr sagte mir aber doch, daß Ben Nil seinem Zorne in einer Weise, welche nichts zu wünschen übrig ließ, Luft machte. Indessen erteilte ich den andern die Weisung, die Gefangenen und deren Tiere nach dem Brunnen zu schaffen. Als dies geschehen war, wurden auch unsere Kamele nach demselben gebracht.

Er lag an einer Stelle, von welcher man, um Platz zum Lagern zu bekommen, die Bäume und das Gesträuch entfernt hatte; es gab da Raum für noch mehr Leute, als wir nun zusammen waren; auch Wasser war genug vorhanden.

Meine Asaker hatten sehr gute Beute gemacht und befanden sich infolgedessen in ausgezeichneter Stimmung. Es kamen auf einen jeden die Kamele, Waffen und sonstigen Habseligkeiten von wenigstens drei Gefangenen. Ich beanspruchte natürlich nichts, und Ben Nil folgte, obgleich er ein armer Teufel war, diesem Beispiele. Als ich ihn nach der Ursache dieses Verzichtens fragte, antwortete er:

»Warum nimmst du selbst nichts, Effendi? Ist es nur aus Güte gegen die Asaker, damit diese deinen Anteil mit bekommen? Oder ist es Stolz? Ich weiß von dir, daß die Krieger des Abendlandes keine Beute machen. Auch ich verschmähe es, Gegenstände zu besitzen, welche sich in den schmutzigen Händen dieser Hundesöhne befunden haben.«

Das war eine sehr brave Gesinnung von ihm, und er verdiente es, daß ich seine mir erwiesene Anhänglichkeit durch ein beinahe freundschaftliches Verhalten erwiderte.

Es war geboten, dafür zu sorgen, daß die Gefangenen uns gesichert blieben; sie wurden in die Mitte genommen und sehr scharf im Auge behalten. Für die Nacht waren Wachen vorgesehen. jetzt war es noch Tag, doch durften wir den Anbruch des Abends in einer halben Stunde erwarten. Ich hielt es für geraten, noch vor dem Beginne der Finsternis die Umgebung des Brunnens abzuschreiten. Es war dies eine Vorsichtsmaßregel, deren Ausführung ich bei meinen Reisen nur in Fällen, in denen ich mich ganz sicher weiß, zu versäumen pflege. Darum schritt ich, um nach etwaigen Spuren zu suchen und mich überhaupt zu orientieren, den Umkreis langsam ab. Zugleich hatte ich einige Leute in den Wald nach Brennholz geschickt. Da die Zahl der Gefangenen dreimal größer als diejenige der Asaker war, mußten wir, um sie bewachen zu können, nicht ein, sondern mehrere Feuer haben. Material zu denselben wurde schnell und genug zusammengetragen. Ich kehrte von meinem Gange zurück, ohne etwas Verdächtiges gefunden zu haben. Dafür aber brachte mir einer der Holzleser zwei Gegenstände, welche unter einem Baume gelegen und notwendigerweise seine Aufmerksamkeit erregt hatten.

»Siehe doch einmal diese beiden Knochen an, Effendi,« sagte er. »Es scheinen die Überreste eines Kalbes zu sein, und da niemand ein lebendes Kalb, um es zu schlachten, mit in die Steppe nimmt, so müssen hier Leute, welche Rinderdiebe sind, gelagert haben.«

Ich nahm die Knochenstücke aus seiner Hand, um sie zu betrachten und erschrak. Das eine war ein halbes Schulterblatt und das andere der Fortsatz eines oberen Schenkelknochens.

»Das sind nicht Kalbs-, sondern Menschenknochen!« antwortete ich.

»Allah! So ist ein Mensch hier ermordet worden!«

»Nicht eigentlich ermordet, sondern zerrissen und aufgefressen.«

Sofort war ich umringt, und alle riefen auf mich ein, daß ich mich da wohl geirrt habe.

»Ich irre mich nicht, denn ich weiß die Knochen eines Menschen von denen eines Tieres wohl zu unterscheiden. Dieses Schulterblatt und die Schenkelröhre sind von den Zähnen eines sehr starken, wilden Tieres zermalmt worden. Sollte es in der Steppe oder etwa gar hier im Walde Löwen geben?!«

»Allah beschütze uns und segne uns mit seiner Gnade!« schrie da unser Fessarah-Führer auf »Das ist kein anderer Teufel gewesen als Chazzak ed Dschuma, der Löwe von EI Teitel!«

»Warum wird er nach diesem Orte genannt?«

»Weil er abwechselnd alle Brunnen, welche zwischen EI Teitel und dem Nile liegen, besucht.«

»Und welchem Umstande verdankt er den andern Namen?«

»Es vergeht keine Woche, in welcher er nicht einen Menschen zerreißt und frißt. Er ist schon seit länger als einem Jahr in dieser Gegend.«

»Hat man ihn denn nicht gejagt, nicht versucht, ihn zu erlegen?«

»Gejagt? Was fällt dir ein! Allah behüte jeden Menschen vor diesem gewaltigen Fresser, welcher größer als ein Ochse und stärker als ein Elefant ist!«

»Kennt man seinen Lagerplatz? Hat man ihn vielleicht mit einer Löwin oder mit jungen gesehen?«

»Nein. Darum besitzt er keine bestimmte Wohnung, schläft einmal hier und einmal dort und ist inzwischen von einem Brunnen zum andern unterwegs.«

»Ah, also ein Wahdani! Ich kenne diese einsamen, weil selbst gegen ihresgleichen feindseligen Tiere. Sie sind die allerschlimmsten. Wenn ein solcher einmal einen Menschen gefressen hat, so bleibt er bei dieser Nahrung und schlägt Tiere nur im Falle des allergrößten Hungers.«

»Das ist richtig, Effendi, und so ein Menschenfresser ist dieser Vagabund von EI Teitel. Es kommt sogar vor, daß er in einer Woche zwei verschlingt. Wann mag er hier gewesen sein?«

»Vor vier oder fünf Tagen, wie ich aus der Trockenheit dieser Knochenreste ersehe.«

»O Allah, das ist schlimm! So kann er heute wieder hier sein. Wenn er gestern oder vorgestern da gewesen wäre, befände er sich heute ganz sicher anderswo; nach so langer Zeit aber kann er seine Runde schon wieder beendet haben.«

»Das hängt davon ab, wie viele Brunnen er besucht und ob er inzwischen wiederum ein Opfer gefunden hat. Er kann einen Menschen auf einmal nicht verzehren und geht erst dann, wenn er den letzten Markknochen zerschnitten hat, von dannen. Vielleicht hat er volle drei Tage hier gelegen.«

»So ist Allah uns gnädig gewesen. Der Fresser hätte uns an einem unserer letzten Nachtlager überfallen können. Die Knochen sind vier Tage alt; drei Tage war er hier, also ist er erst einen Tag fort, und wir haben nichts zu befürchten.«

»Dieser Schluß scheint richtig zu sein, kann uns aber täuschen. Der Löwe zieht, wie jedes andere Raubtier auch, den Ort, an welchem er Fraß fand, denjenigen Stellen vor, die er vergeblich aufsuchte. Er kann also leicht rascher, als du denkst, zurückkehren.«

»Das mögen sämtliche Heiligen des Kalifates verhüten! Vielleicht befindet er sich gar noch hier und liegt in einem Hinterhalte!«

»In diesem Falle hätte ich seine Spur gesehen. Dennoch müssen wir vorsichtig sein, da diese Einsiedler verschmitzt und hinterlistig sind und ihre Annäherung nicht wie andere Löwen durch Gebrüll verkünden. Sie schleichen sich vielmehr heimlich wie Panther an und springen lautlos auf ihr Opfer ein. Ich habe einst einen solchen verstockten Sünder geschossen, welcher nur einmal, und zwar vor Freude kurz aufbrüllte, als er auf unsere Fährte traf, und sich dann aber vollständig lautlos näherte.«

»Was, Effendi, du hast auf einen Löwen geschossen?«

»Schon auf mehrere.«

»Und auch getroffen?«

»Meine Kugel traf nur, als ich Anfänger im Schießen war, ihr Ziel zuweilen nicht.«

»Und hast Löwen getötet?«

»Ja.«

»Mit wie vielen Schüssen?«

»Mit einem. Nur ein einziges Mal waren zwei Kugeln nötig.«

»O, Effendi, wie schön du lügst; nein, wie schön du lügst!«

Es fiel mir gar nicht ein, ihm diesen Ausruf übel zu nehmen, denn ich kannte ja die Art und Weise, in welcher die Wüsten- und Steppenbewohner den Löwen zu jagen pflegen. Ist sein Lager aufgespürt, so versammeln sich sämtliche Krieger eines Stammes oder auch mehrerer Stämme und reiten hin. Das Lager wird umstellt und mit Steinen beworfen; dabei brüllt jeder, so sehr und viel er kann, bis der aufgejagte Löwe erscheint. Jetzt krachen, ohne daß man es mit dem Zielen genau nimmt, alle Flinten. Die Kugeln gehen daneben; vielleicht trifft zufällig eine einzige, und das verwundete Tier springt brüllend auf die Menge ein, um einen Reiter oder zwei vorn Pferde zu reißen und zu töten. Die andern springen zurück, um zu laden, bleiben dann halten und schießen wieder – mit demselben Erfolge. Der Löwe geht abermals vor und zerfetzt einen dritten. In dieser Weise folgt Salve auf Salve, bis das Tier endlich mit völlig durchlöcherter Haut und nicht tödlich getroffen, sondern vom Blutverluste erschöpft, zusammenbricht, aber auch so und so viele Menschen den unrühmlichen Sieg mit ihrem Leben bezahlt haben. Die andern fallen jubelnd über die Leiche des »Wüstenkönigs« her, schlagen sie, treten sie mit Füßen, spucken sie an und bewerfen sie mit allen möglichen und unmöglichen Schandwörtern und Schimpfreden. Das geschieht nie in der Nacht, sondern stets am Tage. Daß aber ein einzelner Europäer in dunkler Nacht den Löwen an der Tränke erwartet oder aufsucht, um ihn durch einen Schuß in das Auge oder in das Herz zu erlegen, das ist für diese Leute eine Fabel, eine vollständige Unmöglichkeit; das glauben sie einfach nicht, und so nahm ich es dem Führer auch nicht übel, daß er glaubte, ich wolle ihn mit einer »schönen Lüge« unterhalten.

»Er hat Löwen getötet!« fuhr er lachend fort. »Mit einem Schusse! Des Nachts! Und er war ganz allein! O Allah, o Muhammed, welch ein gewaltiger Held doch dieser unser Effendi ist! Ich möchte ihn einmal so als Sijad es Saba sehen!«

»Wünsche dir das nicht,« warnte ich, doch nicht etwa in beleidigtem Tone. »Dieser dein Wunsch könnte nur dadurch, daß der Löwe käme, in Erfüllung gehen, und ich glaube nicht, daß du dich über dieselbe freuen würdest.<,

»Sogar sehr, sehr würde ich mich freuen,« meinte er, noch immer lachend. »Ich fürchte mich ebensowenig wie du vor ihm. Der Menschenfresser ist ein ungeheuer großes Tier, und wenn ich ihn nahe genug herankommen lasse, kann ich ihn gar nicht fehlen. Was ein Deutscher vermag, der nicht einmal hier geboren ist, das kann auch ich, der ich ein Sohn dieses Landes bin. Ich biete dir eine Wette an, daß ich, wenn der Löwe kommt, ganz dasselbe thue, was du unternimmst.«

»Gut! Um was wetten wir?«

»Setzest du deine Uhr und dein Fernrohr gegen meine Visionsflinte?«

»Ja.«

»Und du scherzest auch nicht?«

»Nein. Gehst du also die Wette ein?«

»Ja; ich schwöre es bei Allah und dem Barte des Propheten. Willst du etwa zurücktreten?«

»Nein. Du hast bei Allah und dem Barte des Propheten geschworen und kannst also auch nicht zurück. Erst widersprachst du mir aus Unglauben; dann kam dir das Verlangen nach der Uhr und dem Rohre. Du glaubst, dieser beiden Gegenstände sicher zu sein, da du überzeugt bist, daß ich, falls der Löwe ja erscheint, ganz hübsch und vorsichtig am Feuer sitzen werde. Aber du irrst dich.«

Er sah eine Weile vor sich nieder; dann sagte er:

»Ich will dich nicht beleidigen, aber ich glaube es dir nicht.«

»Und ich denke zwar nicht, daß das Tier kommen wird, aber falls es kommt, werde ich dir beweisen, daß du dich irrst. Die Wette gilt?«

»Ja; ich habe ja geschworen.«

»So bitte deinen Propheten, den Löwen fern zu halten. Wenn er dir diesen Wunsch nicht erfüllt, ist es um deine berühmte Visionsflinte geschehen. Jetzt wollen wir über unseren Gefangenen – –«

Ich wurde unterbrochen, denn es erschien am westlichen Rande der Lichtung ein Kamelreiter, welcher bei unserem Anblicke ziemlich betroffen halten blieb und uns betrachtete. Er schien im Zweifel darüber zu sein, ob es besser sei, an uns vorüber zu reiten oder nach dem Brunnen einzubiegen, doch entschloß er sich für das letztere, trieb sein Tier auf uns zu, stieg ab und sagte:

»Ehe ich den Sallam über meine Lippen gehen lasse, sagt mir, wer euer Anführer ist!«

»Ich bin es,« antwortete ich.

»Das sind Asaker; du aber scheinst kein Askari zu sein. Wie soll ich es mir da erklären, daß du dich deren Anführer nennst?«

»Macht die Uniform den Askari?«

»Nein. Ich will dir glauben. Warum habt ihr die Leute, welche hier am Boden liegen, gefesselt?«

»Sie sind Gefangene von uns, Sklavenjäger.«

»Das ist doch kein Verbrechen?«

»Nun, dann Menschenraub!«

»Sklaven, überhaupt Schwarze, sind keine eigentlichen Menschen. Du wirst diese Männer also frei lassen!«

Der Mann war wohl etwas über dreißig Jahre alt, hager und trug einen dunkeln, nicht sehr dichten Vollbart. Sein Gewand war weiß gewesen, jetzt aber nicht mehr von allzu reinlichem Aussehen. Der Ausdruck seines Gesichtes war streng, düster asketisch. Er stand gerade und stolz aufgerichtet vor mir, und seine Augen blickten mich fast drohend an, als ob er und nicht ich es sei, der zu befehlen hatte. Ich ahnte nicht, daß dieser Mann später als Mahdi eine so hervorragende Rolle spielen werde.

»Werde ich?« fragte ich ihn. »So! Mit welchem Recht und aus welchem Grunde erwartest du denn, daß ich dies thun werde?«

»Weil ich es sage, der Fakir el Fukara.«

»Schön! Und ich bin der Askari el Asaker und thue nur das, was mir beliebt.«

Fakir el Fukara ist Fakir der Fakire, also der beste, der vorzüglichste Fakir; darum nannte ich mich den Soldaten der Soldaten, also den vorzüglichsten Soldaten. Er schien diese Antwort nicht erwartet zu haben, denn er fragte:

»Kennst du mich denn nicht? Hast du noch nichts von dem Fakir el Fukara gehört?«

Indem er dies sagte, sah ich, daß er mit dem alten, »ehrwürdigen« Fakir, welcher gebunden am Boden lag, einen Blick des Einverständnisses wechselte. Sie kannten sich also, und so antwortete ich:

»Nein; aber meine Gefangenen kennen dich.«

»Woher weißt du das?«

»Du selbst hast es mir gesagt.«

»Ich weiß nichts davon. Wann denn?«

»Eben jetzt. Dein Auge sagte es mir. Du gabst diesem alten Abd Asl ein Versprechen, welches du nicht halten kannst.«

»Ich werde es halten. Frage deine Gefangenen, so werden sie dir sagen, daß ich mächtig bin und sehr wohl weiß, daß ich ein Versprechen, welches ich gegeben habe, auch zu halten weiß.«

»Frage sie vorher nach mir, so werden sie dir wohl mitteilen, daß in diesem Augenblicke ich es bin, der die Macht in den Händen hat. Wer und was du bist, das ist mir sehr gleichgültig. Ich stehe hier an Stelle des Reïs Effendina, also an Stelle des Khedive. Das wird dir genügen.«

»Das genügt mir keineswegs, sondern bringt eine ganz andere Wirkung hervor, als du beabsichtigt hast. Der Vizekönig ist ebenso wie der Reïs Effendina in meinen Augen nichts, und es fällt mir nicht ein, mich nach ihnen zu richten.«

Jetzt kannte ich seine Verhältnisse nicht; später erfuhr ich freilich, weshalb er sich dieses unehrerbietigen, ja geringschätzenden Ausdruckes bedient hatte. Für einige Zeit Steuerbeamter gewesen, hatte er sich gezwungen gesehen, sein Amt niederzulegen, und war Sklavenhändler geworden. Das wußte ich jetzt freilich nicht, antwortete ihm aber doch mit überlegenem Lächeln:

»Du wirst dich aber dennoch nach ihnen richten, indem du dich nach mir richtest, der ich ihre Befehle auszuführen habe.«

»Du wirst sogleich sehen, wie ich diese Befehle achte.«

Er zog sein Messer und bückte sich zu Abd Asl nieder.

»Halt!« gebot ich ihm. »Was willst du thun?«

»Diesen meinen Freund von seinen Fesseln befreien.«

»Das erlaube ich nicht.«

»Was frage ich nach deiner Erlaubnis!«

Er legte das Messer an den Riemen; ich aber legte auch, nämlich beide Hände von hinten und oben an seine Hüften, hob ihn aus seiner gebückten Haltung empor und warf ihn mehrere Schritte weit über die Gruppe der Gefangenen, bei denen Abd Asl lag, hinüber. Er hatte sein Messer festgehalten, raffte sich rasch wieder auf, erhob die Hand zum Stoße und drang auf mich mit den Worten ein:

»Du wagst, dich an dem Fakir el Fukara zu vergreifen? Da, nimm!«

Es fiel mir gar nicht ein, mich einer Waffe zu bedienen. Auch keinem der Asaker kam es bei, mir beizuspringen; nur Ben Nil fuhr mit der Hand in den Gürtel, blieb aber an seinem Platze stehen; sie wußten, daß ich mit dem Angreifer fertig werden würde. Ich gab ihm mit der Faust von unten her einen Stoß in die Achselhöhle des erhobenen Armes, und diese Parade war so kräftig, daß sie ihn aushob und wieder zu Boden warf. Jetzt zog ich den Revolver; als er wieder aufsprang, um mich von neuem anzugreifen, hielt ich ihm denselben entgegen und rief:

»Noch einen Schritt weiter, und ich schieße dich nieder!«

»Bleib stehen, sonst schießt er wirklich, denn er ist ein Giaur!« warnte ihn Abd Asl.

Der Fakir el Fukara zog den bereits erhobenen Fuß wieder zurück, ob aus Furcht vor meiner Waffe oder aus Betroffenheit darüber, mich einen Giaur nennen zu hören, das weiß ich nicht – wohl aus beiden Gründen zugleich, und fragte:

»Ein Giaur? Er ist kein Moslem?«

»Nein, sondern ein christlicher Effendi,« antwortete der Alte.

»Und dieser Hund wagt es, mich – –«

Im Nu stand Ben Nil mit der erhobenen Peitsche hinter ihm und fragte mich.

»Effendi, soll ich ihm die Haut in Streifen schlagen, da er dir den Namen eines verachteten Tieres giebt?«

»Dies eine Mal soll ihm verziehen sein, weil er in der Aufregung gesprochen hat,« antwortete ich. »Wenn er mich aber noch ein einziges Mal beleidigt, so erhält er die Bastonnade, daß er hier liegen bleiben und elend verkommen muß!«

»Allah! Mir die Bastonnade!« knirschte der Mann. »Von einem Christen! Welch ein Frevel, welch eine Kühnheit!«

»Von Kühnheit kann dir gegenüber keine Rede sein,« lachte ich ihm in das Gesicht. »Ich würde mich nicht fürchten, wenn ich zehn Personen deinesgleichen gegenüber stände; hier aber bist du allein und hast außer mir noch zwanzig Asaker gegen dich.«

»Aber sie sind doch Moslemin?!«

»Das sind sie allerdings.«

»So müssen sie doch für mich und nicht für dich sein! Wie kann ein Moslem dulden, daß einem andern Rechtgläubigen von einem Christen mit der Bastonnade gedroht wird, ja, daß dieser sich sogar an ihm vergreift und ihn zu Boden wirft?«

Da stellte sich Ben Nil vor ihn hin und antwortete an meiner Stelle:

»Höre, wir haben diesen unsern Effendi von Herzen lieb und sind bereit, für ihn gegen jedermann zu kämpfen. Zehn und hundert Fakire el Fukara wiegen ihn in unserer Achtung nicht auf, und ich sage dir, daß du nicht der erste wärst, der, weil er ihn beleidigte, die Peitsche bekommen hat. Nimm dich also sehr in acht! Die Bastonnade schwebt über deinem Haupte, und bei Allah, wenn du deinen Mund nicht hütest, senkt sie sich augenblicklich auf dich nieder!«

»Knabe!« fuhr ihn der Fakir an. »Hüte du selbst deine Zunge! Was bist du und was sind zwanzig Asaker gegen die Anhänger, welche zu mir eilen, wenn ich meine Stimme erhebe!«

»Erhebe Sie! Wir werden sehen, ob der Wald lebendig wird!«

»Das darfst zu sagen, weil ich heute niemand bei mir habe; später aber kann ich euch zerquetschen, wie man Würmer mit dem Fuße zertritt!«

Die Soldaten ließen ein zorniges Murmeln hören; er aber kehrte sich nicht daran und fuhr fort:

»Indem ihr einem Christen gegen diese Moslemin dient, verleugnet ihr den Propheten. Habt ihr ein Recht, diese Rechtgläubigen gefangen zu halten? Wenn sie Sklaven gefangen haben, wo steht denn im Kuran, daß der Sklavenhandel verboten ist?«

Seine Absicht war, die Asaker gegen mich aufzuwiegeln, und er glaubte vielleicht, daß ihm dies gelingen werde. Ich hatte gar nicht nötig, ihn durch Zwischenreden in der Ausführung dieses Vorhabens zu hindern, denn Ben Nil, welcher das Wort nun einmal für die andern ergriffen hatte, antwortete ihm:

»Du kennst die Lage der Sache nicht. Ibn Asl, der Sohn dieses alten Fakirs, hat die Beni Fessarah überfallen, viele von ihnen getötet und die jungen Frauen und Töchter davongeführt, um sie in die Sklaverei zu verkaufen. Wir aber haben sie ihm abgenommen und wieder in ihre Heimat geleitet. Aus Zorn und Rache darüber hat er uns seinen Vater mit diesen Männern entgegengesandt. Sie sollten uns hier auflauern und ermorden; dem Effendi aber sollten die Zunge und auch die Hände abgeschnitten werden. Ist es erlaubt, Rechtgläubige zu rauben und zu Sklaven zu machen?«

»Nein,« gestand der Fakir.

»Sind die Beni Fessarah Rechtgläubige oder Giaurs?«

»Rechtgläubige.«

»So hat sich Ibn Asl also einer Todsünde schuldig gemacht, und diese Menschen hier sind seine Mitschuldigen. Sie müssen dafür bestraft werden, gar nicht davon zu sprechen, daß sie Mörder sind, da sie das beabsichtigten, was ich dir mitgeteilt habe.«

Diese Mitteilung des Jünglings verfehlte ihren Eindruck nicht. Der Fakir el Fukara wendete sich an den alten Fakir Abd Asl und fragte:

»Ist das wirklich so, wie ich es jetzt gehört habe?«

»Man mag uns beweisen, daß wir diese Asaker töten wollten,« antwortete der Gefragte. »Es ist eine schändliche Lüge!«

»Leugne es nicht!« herrschte ich ihn an. »Ich habe es mit meinen Ohren gehört. Ich lag, um euch auszukundschaften, hinter dem Gesträuch, vor welchem du mit deinem angeblichen Dschelabi im Gespräch saßest.«

»Du hast dich geirrt,« meinte der Fakir el Fukara zu mir.

Ach habe richtig gehört, und es sind auch noch andere Beweise vorhanden.«

»Welche? Ich muß sie hören.«

»Du mußt? Wer hat dich zum Richter über mich gesetzt? Ich muß bloß das, was ich will, und meinen Willen werde ich dir sofort mitteilen. Ich will nämlich, daß du dich nicht weiter um diese Angelegenheit bekümmerst. Du hast dir in derselben die Hände schon so verbrannt, daß ich dir rate, dich vom Feuer fern zu halten. Du bist hier, ohne mich zu kennen, aufgetreten wie ein Gebieter. Ziehe deines Weges weiter oder lagere dich zu uns an den Brunnen, mir ist beides recht; aber sobald du fortfährst, dich in meine Obliegenheiten zu mischen, werde ich dir beweisen, daß ich infolge meiner Vollmachten der augenblickliche Gebieter an diesem Brunnen bin.«

»Wie willst du das beweisen?«

»Indem ich dich nicht länger dulde, sondern dich fortjage. Und nun kein weiteres Wort darüber! Tritt zurück! Du magst bei den Asakern lagern, bei den Gefangenen aber hast du nichts zu schaffen.«

Er sah es mir wohl an, daß ich Widerspruch nun wirklich nicht mehr dulden würde, und gehorchte; aber der Ingrimm lag wie eine wetterdrohende Wolke auf seinem Gesichte. Er sattelte sein Kamel ab und ließ es laufen, damit es weiden möge. Dann holte er sich Mundvorrat und einen Schöpfbecher aus der Satteltasche und ließ sich an dem Wasser nieder, um sein Abendbrot zu sich zu nehmen. Vorher aber holte er sein Abendgebet nach, welches er versäumt hatte, da zwischen seiner Ankunft und jetzt die Sonne untergegangen und also die Zeit des Mogreb, des vorgeschriebenen ersten Abendgebetes unbenützt verflossen war. Auch die Asaker beteten, da sie die gleiche Versäumnis begangen hatten.

Es waren vier Feuer angebrannt worden. Auf dem Raume zwischen denselben lagen die Gefangenen in voller Beleuchtung, damit wir die Bewegungen jedes einzelnen von ihnen leicht sehen konnten, und um diese herum bildeten die Asaker eine Kette, welche wieder von unsern an den Vorderbeinen gefesselten und in einem Kreise liegenden Kamelen eingefaßt wurde.

Auch ich setzte mich an den Brunnen, um zu essen. Ben Nil und der Fessarah-Führer gesellten sich zu mir. Der Fakir el Fukara saß so wenig entfernt von uns, daß er unser Gespräch hören und verstehen konnte. Ich hatte keine Veranlassung, heimlich gegen ihn zu thun; er hätte sonst vielleicht gar geglaubt, ich scheue oder fürchte mich vor ihm. Ich vermutete, daß Ben Nil nun die Gelegenheit ergreifen werde, seine Forderung in Betreff des alten Abd Asl wieder vorzubringen, und richtig, kaum hatte ich den letzten Bissen in den Mund geschoben, so sagte er:

»Effendi, ich mußte die Mahlzeit ehren; nun du aber fertig bist, hoffe ich, daß ich sprechen darf. Du hast mir den alten Fakir versprochen.«

»So ganz endgültig, wie du zu meinen scheinst, doch wohl nicht.«

»Jawohl! Du wolltest etwas von ihm erfahren, und dann sollte ich ihn bestrafen dürfen.«

»Ich habe es aber noch nicht erfahren, und es hat noch Zeit.«

»Nein. Bedenke, daß du die Auskunft, welche du von ihm haben willst, zu spät bekommen könntest. Ich weiß, du willst nicht seinen Tod, und darum zögerst du.«

»Allah wird ihn strafen!«

»Ja, aber durch mich!«

»Sieh hin! Er ist ein Greis, ein schwacher, wehrloser Mann. Kannst du es über das Herz bringen, ihm das Messer in die Brust zu stoßen?«

»Er hat es über das Herz gebracht, dich und mich in den Brunnen einzusperren, damit wir untergehen sollten. Und heute wieder war er zu einem mehr als zwanzigfachen Mord bereit. Wenn du ihn begnadigst, versündigst du dich gegen Allah, der doch auch dein Gott ist.«

»Das ist richtig,« stimmte der Führer bei. »Auch ich schwebte in Todesgefahr, jeder der Asaker ebenso. Wir alle haben also das Recht, das Blut dieses Massenmörders zu fordern!«

»Richtig! So ist es! Ganz genau so!« ertönten da die zustimmenden Rufe der Asaker.

»Hörst du es, Effendi?« fragte der Führer. »Willst du uns allen unser gutes Recht verkümmern? Dann mußt du gewärtig sein, daß wir es uns nehmen.«

Daran hatte ich auch schon gedacht. Die Soldaten waren wütend auf die Gefangenen. Nur die Achtung, in welcher ich bei ihnen stand, hatte sie vermocht, meinem Befehle zu gehorchen und die Überrumpelten nur zu betäuben, anstatt sie zu töten. Ich konnte ihnen keine Garantie dafür bieten, daß die Schuldigen ihre Bestrafung in Chartum wirklich finden würden, und wenn sie gegen meinen Willen Rache nahmen, was konnte ich dagegen thun? Sie mit Gewalt, durch Drohungen abhalten? Da wäre es mit meiner Autorität sofort vorüber gewesen. Besser, ich opferte einen einzelnen, als daß viele unter den Rächerstreichen fielen, und dieser eine mußte natürlich der alte Fakir sein. Schon war ich halb entschlossen, ja zu sagen, da trat der älteste der Asaker zu mir heran und meldete:

»Effendi, ich bin von meinen Kameraden beauftragt worden, dir eine Bitte vorzulegen.«

»So sprich!«

»Sage vorher, ob wir dir gehorsam gewesen sind und ob du mit uns zufrieden bist!«

»Ich kann vor dem Reïs Effendina jedem einzelnen von euch ein gutes Zeugnis geben.«

»Ich danke dir! ja, es ist wahr, daß wir stets thaten, was du fordertest, obgleich uns dein Wille sehr oft unbegreiflich war. Wir haben uns dann immer überzeugen müssen, daß du das Richtige getroffen hattest, und darum hast du dir unsere Ehrerbietung erworben. Einen Fehler aber haben wir an dir zu tadeln, wenn du uns das erlaubst. Du bist als Christ gegen unsere Feinde stets zu nachsichtig gewesen. Feinde muß man vernichten, um sich selbst zu erhalten. Ergreife ich heute meinen Todfeind und lasse ihn aus Barmherzigkeit wieder entwischen, so wird er morgen abermals über mich herfallen. Wir waren dem Tode geweiht; deine List und deine Umsicht haben uns gerettet; die Feinde sind in unsere Hand gegeben, aber du willst nicht, daß wir uns an ihnen vergreifen. Gut, wir gehorchen dir auch dieses Mal; wir wollen sie nach Chartum schaffen und dem Reïs Effendina übergeben; einer aber soll sterben, nämlich Abd Asl; darauf bestehen wir. Wir wollen uns nicht gegen dich erheben, aber wenn du uns diese kleine Bitte nicht erfüllst, kannst du nicht hindern, daß hier und da irgend ein Messer in irgend ein Herz gestoßen wird und viele von denen, welche zu retten willst, am Morgen nicht mehr am Leben sind. Entscheide dich!«

Das war allerdings energisch gesprochen! Was sollte ich antworten? War ich als Christ denn wirklich verpflichtet, Abd Asl, das Scheusal, du retten und dadurch viele andere in Gefahr zu bringen? Aber vielleicht konnte ich meinen Zweck durch List doch noch erreichen, indem ich mich auf das gute Herz Ben Nils verließ! Nur so lange kein Blut, als ich noch zu befehlen hatte. Was später geschah, das kam nicht auf meine Seele zu liegen. Darum antwortete ich, scheinbar auf die Forderung eingehend:

»Du hast nach euren Anschauungen ganz verständig gesprochen, aber wie kann ich über das Leben des Fakirs verfügen, da es mir nicht mehr gehört? Ben Nil ist derjenige, welcher das erste Recht zur Rache hat.«

»Aber du willst es ihm doch verkümmern, wie wir hören?«

»Nein. Er soll sein Recht haben, wenn ihr einverstanden seid und auf das eurige verzichtet.«

»Dann sind wir ja sofort einverstanden, Effendi.«

»Ihr legt also das Leben des Fakirs in Ben Nils Hände?«

»Ja.«

»So sind wir einig. Sage das den andern!«

Der Askari entfernte sich befriedigt, und Ben Nil reichte mir die Hand, indem er sagte.

»Ich danke dir, Effendi! Nun wird dem Gesetze der Wüste Genüge geschehen und zu den Schandthaten dieses Ungeheuers keine neue kommen.«

»So gehe hin, und stoße ihm, dem gefesselten Greise, das Messer in die Brust! Das ist eines tapfern Mannes würdig!«

Er senkte den Kopf und blickte vor sich nieder; ich sah, er kämpfte mit sich selbst. Dann hob er den Kopf und fragte:

»Der Alte gehört also wirklich mir und ich kann mit ihm ganz nach meinem Wohlgefallen verfahren?«

»Ja.«

»Gut, so werde ich Rache nehmen.«

Er stand auf und zog sein Messer. Da sprang auch der Fakir el Fukara auf, hielt ihn beim Arme zurück und rief:

»Halt! Das würde ein Mord sein, den ich nicht zugeben darf!«

Ben Nil schüttelte den Mann mit einer Kraft, welche ich ihm gar nicht zugetraut hatte, von sich ab und antwortete:

»Schweig! Was hast du hier zu befehlen! Ich kehre mich an deine Worte ebensowenig wie an das Summen einer Mücke!«

»Schweig du selbst, du armseliger Knabe! Wenn es mir beliebt, zerdrücke ich dich zwischen meinen Händen!«

»Versuche es doch!«

Ben Nil hatte, wie bereits erwähnt, sein Messer gezogen, und der Fakir el Fukara riß auch das seinige hervor. Ich schnellte mich zwischen beide, riß dem letzteren die Waffe aus der Hand und gebot ihm:

»Zurück, sonst hast du es mit mir zu thun!«

»Du aber auch mit mir!« rief er wütend.

»Pah! Du hast ja schon gesehen, was du gegen mich vermagst.«

»Das war Zufall. Willst du etwa mehr Mut und Geschicklichkeit haben, als ich besitze? Ein Fakir el Fukara fürchtet keinen Feind, auch den stärksten nicht, es mag sein, wer es wolle!«

Eben wollte ich antworten, da erklang ein Ton in der Ferne, infolgedessen die Entgegnung mir auf der Zunge liegen blieb. Es klang wie das ferne Rollen des Donners und doch zugleich wie das Gähnen einer in der Nähe sich befindenden und aus dem Schlafe erwachenden Hyäne. Ich kannte diesen Ton; ich hatte ihn wiederholt in ähnlicher Lage gehört, und dann hatte es sich allemal um Leben oder Tod zwischen mir und dem Könige der Tiere gehandelt.

»Fürchtest du auch diesen Feind nicht?« fragte ich den Fakir, indem ich mit der Hand nach der Gegend deutete, aus welcher das Rollen erklungen war.

»Nein, überhaupt keinen.«

»Und bist du bereit, es mit ihm aufzunehmen?«

»Ja,« lachte er. »Ich mache aber die Bedingung, daß du mich zu ihm führst.«

»So komme! Ich führe dich.«

Ich nahm meine Büchse und sah nach der Ladung derselben.

»Welch ein Held du bist!« rief er höhnisch. »Mit einer Hyäne zu kämpfen!«

»Eine Hyäne? Bist du taub oder hast du die Stimme des Herrn mit dem dicken Kopfe noch nicht gehört?«

»Des Herrn mit dem dicken Kopfe? Du meinst den Löwen?«

»Wen sonst?«

»Es war eine Hyäne. Du selbst bist taub oder so furchtsam, daß du eine Hyäne für einen Löwen hältst. Und wenn es der Herdenwürger wäre, den wir hörten, ich würde ihm mit dir entgegen gehen, um dir zu beweisen, daß – –«

Er hielt inne. Das Rollen erklang von neuem, nicht viel deutlicher als zum erstenmal. Das war ein Beweis, daß das Tier sich nur langsam näherte. Aber etwas besser war es doch zu hören gewesen, denn die Kamele begannen zu schnauben, und der Fessarah-Führer rief voller Schreck:

»Allah kerihm – Gott sei uns gnädig! Das war wirklich ein Löwe, der große Löwe von EI Teitel. Er wird uns fressen und verschlingen.«

»Ja, er hat unsere Spur gefunden und auch diejenige dieses kühnen Fakir el Fukara; darum hat er zweimal gebrüllt,« antwortete ich. »Nun aber wird er schweigen und sich heimlich nähern, um sich einen von uns zur Speise zu holen.«

»Allah bewahre uns vor den Listen dieses geschwänzten Teufels!«

»Ah, du hast Angst! Wie steht es mit unserer Wette?«

»O, Effendi, diese Wette!«

»Du wolltest doch thun, was ich thue!«

»Ja, das werde ich auch,« antwortete er; aber ich sah die Visionsflinte in seinen Händen beben.

»So komm! Dem Löwen entgegen.«

»Bist du toll!«

»Nein. Wenn ich ihm entgegen gehe, finde und töte ich ihn. Bleibe ich aber hier, so ist ein Mensch verloren.«

»Aber doch nicht gerade du oder ich!«

»Einer wird unbedingt gefressen, welcher, das bleibt sich gleich.«

»Das bleibt sich gar nicht gleich! Ob ich gefressen werde oder ob er einen andern frißt, das ist für mich ein großer Unterschied. Ich bitte dich, doch hier zu bleiben! Wenn sich jeder hinter ein Kamel versteckt, sind wir sicher.«

»Der Löwe holt sein Opfer auch hinter dem Kamele vor. Ich gehe, und dieser vortreffliche Fakir el Fukara wird mich auch begleiten.«

»Ist es dein Ernst, Effendi?« fragte der Fakir.

»Du wolltest ja mit mir zum Löwen gehen! Oder sollte ich, was du so stolz bezweifeltest, wirklich doch mehr Mut und Geschicklichkeit besitzen als du? Prahlen kann jeder Feigling; aber ein Fakir el Fukara sollte doch – –«

»Schweig!« unterbrach er mich. »Ich gehe mit.«

»So komm! Und du, Ben Fessarah?«

»Ich bleibe,« antwortete der Führer.

»Das wußte ich. Mit dem großen Maule bist du tapfer; aber ich werde deine Visionsflinte gewinnen.«

»O Allah! O Muhammed! O Abu Bekr und Osman! Meine schöne, berühmte Visionsflinte,« jammerte er.

»Wenn du zurückbleibst, ist sie verloren!«

»So – so – – so gehe ich mit, Effendi, immer hinter dir her. Geh nur voran; ich komme, ich komme!«

Er zitterte am ganzen Leibe, kam aber doch hinterdrein, doch ganz genau hinter mir, damit der Löwe nicht ihn, sondern mich erwischen möge. Er dauerte mich, und ich hätte ihn gern zurückgewiesen; aber er hatte eine Strafe verdient; außerdem war ich überzeugt, daß er schon nach wenigen Schritten abhanden kommen werde.

»Mehr Holz in die Feuer, damit die Flammen hoch steigen!« gebot ich noch; dann hatte ich den Kreis der Menschen und Kamele hinter mir.

Von den Asakern und den Gefangenen war kein Laut zu hören. Die Angst machte sie verstummen. Sie drängten sich, um Schutz zu suchen, jeder eng hinter den Leib eines Kameles. Innerlich war ich wohl der ruhigste von allen. Wenn der Augenblick der Gefahr da ist, hat jede vorher etwa vorhandene Bangigkeit aufzuhören, sonst ist man verloren. Der Fakir el Fukara hatte wohl nicht geglaubt, daß seine Großsprecherei solche Folgen haben werde; er war überzeugt gewesen, es nur mit einer Hyäne zu thun zu haben. Nun trieb ihn die Angst, für einen Feigling gehalten zu werden, hinter mir drein. Der Fessarahführer hatte ihm Platz gemacht und bildete nun den letzten. Er sah, als wir die Lichtung vielleicht halb überschritten hatten, am Rande derselben eine Bewegung im Gebüsch, duckte sich entsetzt hinter einem einzelnen Busch, an welchem wir vorüber kamen, nieder und schrie:

»Dort ist er, dort! O Allah, o Gnädiger, o Barmherziger! Ich bleibe mutig hier. Lauft fort, um euch zu retten!«

Ja, wir sollten weiter gehen, um vom Löwen gesehen und angesprungen zu werden, während er »mutig« hinter dem Strauche versteckt lag!

Auch ich hatte die Bewegung, durch welche er so in Schreck versetzt worden war, bemerkt, doch konnte sie unmöglich von dem Löwen verursacht worden sein; darum rief ich dem Feiglinge zu:

»Komm nur weiter mit, sonst ist deine Flinte verloren! Du mußt doch thun, was ich thue!«

»Nein, nein; ich bleibe hier und schieße ihn über den Haufen. Lauft nur, lauft! Und schreit recht laut, damit er Angst vor euch bekommt!«

Er forderte uns jedenfalls nur aus dem Grunde zum Schreien auf, daß wir die Aufmerksamkeit des Löwen auf uns ziehen sollten. Dieser aber konnte noch nicht da sein. Als er zum erstenmal brüllte, war er gewiß zwei englische Meilen entfernt gewesen. Darum hatte ich mir zu meinen ironischen Aufforderungen an die beiden Begleiter Zeit genommen. Jetzt mochte das Tier vielleicht drei Viertel dieser Entfernung zurückgelegt haben.

Da das Gebrüll aus Westen erklungen war, hatte ich mich natürlich nach dem dorthin liegenden Rand der Lichtung gewendet und blieb da stehen, um mir eine gute Position auszusuchen. Es war vorauszusehen, daß der anschleichende Löwe, um kein Geräusch zu machen, das Unterholz meiden werde. Da es nun hier auf dieser Seite nur eine von Büschen freie Stelle gab, so war vorauszusehen, daß er aus derselben hervorbrechen werde. Ich hatte mich also in die Nähe derselben zu postieren.

Es gab da zwei sehr starke Thalhabäume, deren Stämme dicht nebeneinander standen; ein üppiges Sunutgesträuch hielt den Schein der Feuer ab und warf einen tiefen Schatten auf die Stelle.

»Hier legen wir uns nieder,« sagte ich. »Das ist der beste Platz.«

»Warum hier?« fragte der Fakir, indem er sich zu mir niederkauerte.

»Weil der Löwe da, ungefähr zehn Schritte von uns, durchbrechen wird.«

»Allah kerihm! Warum so nahe! Wir müssen mehr zurück! Vielleicht auf fünfzig oder sechzig Schritte.«

»Nein. Je näher, desto besser und sicherer ist der Schuß.«

»Effendi, du hast den Verstand verloren.«

»Nein, aber ich habe mehr Mut als du. Ich höre deine Zähne klappern.«

»Kann ich dafür? Mein Kinn ist plötzlich ganz locker geworden.«

»Zittert auch deine Hand?«

»Ja; es geht eine große Kälte durch meine Arme.«

»So schieß ja nicht, wenn er kommt, sondern überlaß ihn mir! Du würdest schlecht oder gar nicht treffen und dadurch die Gefahr für uns verzehnfachen.«

»Wollte doch Allah, ich wäre nicht mitgegangen! Ich bin unverzagt, aber die Aufmerksamkeit des Menschenwürgers absichtlich auf sich zu lenken, das ist denn doch zu verwegen. Sprechen wir ja nicht mehr! Er könnte es hören.«

»Wir flüstern ja nur. Übrigens ist er noch gar nicht da.«

Der Fakir el Fukara hatte eine schreckliche Angst. Ich hörte ganz deutlich seine Zähne aufeinander schlagen, und als ich ihm jetzt die Hand auf den Arm legte, um zu fühlen, ob dieser auch so bebe, stieß er einen lauten Schreckensruf aus. Er hatte meine leichte Hand für die schwere und tödliche Tatze des Löwen gehalten.

Der Fessarah schien indessen irgend etwas vorzuhaben.

Ich sah ihn deutlich hinter seinem Strauche kauern. Von mir aus waren es vierzig Schritte bis zu ihm, achtzig bis zum Brunnen, bis wohin ich also, falls der Löwe dort einbrach, einen sichern Treffer senden konnte. Er hatte erst am Boden gelegen; jetzt kauerte er und machte sich mit seiner Visionsflinte zu schaffen. Dabei legte er den Kopf zur Seite, um hinter dem Busche hervorzulugen. Nun hob er das Gewehr und richtete den Lauf nach der Stelle, an welcher wir vorhin die Bewegung bemerkt hatten. Was hatte er vor? Wollte er etwa schießen? Durfte ich ihn durch einen lauten Zuruf daran hindern? Wenn ich dies auch hätte wagen wollen, es wäre zu spät gewesen, denn schon drückte er ab. Das Visionsgewehr krachte wie eine alte Donnerbüchse und schlug ihn mit dem Kolben so an den Kopf, daß er niederstürzte. Er fuhr aber schnell wieder und zwar ganz empor und schrie, indem er mit beiden Armen freudig um sich windmühlte, in jubilierendem Tone:

»Hamdullilah – Allah sei Preis und Dank! Ich habe ihn, ich habe ihn! Ich habe ihn geschossen und getroffen! Dort stürzte er zusammen; dort liegt er in seinem Blute, der Fresser, der Mörder, der Menschenverwüster und Herdentöter! jubelt, ihr Männer, ruft, schreit und singt zu seinem Ende, einem Ende ohne Ruhm und Ehre, einem Ende der Feigheit und der Schande! Effendi, komme, komme schnell herbei, damit ich ihn dir zeige!«

Das Gebaren des unvorsichtigen Menschen war fast wahnwitzig zu nennen; er gestikulierte wie ein Verrückter. Dort im Lager erhoben sich die Asaker, welche seinen Worten glaubten. Auf was hatte er denn wohl geschossen? Auf alles mögliche, aber nicht auf den Löwen, denn eben jetzt in diesem Augenblicke trug die Luft mir jenen untrüglichen scharfen, stechenden Geruch, welche den großen, wilden Arten der Katzenraubtiere zehnmal, zwanzigmal stärker zu eigen ist als den in Menagerien und zoologischen Gärten lebenden halbzahmen Exemplaren derselben.

»Er hat ihn erschossen. Wir müssen hin, Effendi!« meinte der Fakir el Fukara.

»Unsinn! Der Löwe kommt von entgegengesetzt her; wir haben ihn gerade vor uns. Ich rieche ihn schon.«

»O Allah, o Erbarmen, o Zuflucht und Trost der Gläubigen! Du irrst dich. Der Fessarah ist der Sieger, und ich begebe mich zu ihm.«

Er sprang auf und fort. Ich hätte ihn nicht halten können, selbst wenn ich gewollt hätte, denn ich besaß keine Zeit und auch keine Hand dazu. Der Löwe war da. Ich sah ihn unter den vordersten Bäumen der lichten Stelle erscheinen, fast tageshell von den hochflackernden Feuern beschienen, ein über einen Meter hohes, sicher zwei und ein halb Meter langes, ganz ungewöhnlich starkes, mächtiges Tier mit sehr langer und dichter, dunkel gefärbter Mähne.

Ich lag im Anschlage; er stand aber schlecht zum Schusse, und einen Fehlschuß durfte ich nicht wagen. Zu langen Erwägungen gab es keine Zeit, denn das Tier sah den fortrennenden Fakir el Fukara und machte eine Wendung, um ihm nachzuspringen. Ich schrie aus Leibeskräften, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Drehte er sich nach mir um, so hatte ich besseres Ziel. Aber er schien meinen Schrei gar nicht zu hören, wenigstens nicht zu beachten und schnellte hinter dem Fakir her, einen Satz, zwei Sätze, drei Sätze. Er wurde vom Lager aus erblickt; die Asaker heulten vor Entsetzen auf; auch der Fessarah zeterte, als ob er im Höllenfeuer brenne, und dadurch aufmerksam gemacht, blieb der Fakir el Fukara stehen und sah sich um. Als er das ihn verfolgende Raubtier erblickte, brach er vor Todesangst in die Kniee zusammen und hob, unfähig, einen Laut von sich zu geben, die gefalteten Hände empor. Noch drei Sprünge, und der Löwe hätte ihn erreicht.

Das waren nur Augenblicke, aber ich hatte sie benutzt. Meinen Bärentöter in der Rechten, war ich aus meinem Verstecke dem Würger der Herden nachgerannt, hatte mit der Linken den Revolver gezogen und drückte, dazu nicht schreiend, sondern brüllend, die sechs Schüsse nacheinander ab. Das half. Der Löwe hörte sie und warf sich herum. Ich ließ mich gedankenschnell auf das Knie nieder und legte das Gewehr an. Nun war den beiden andern geholfen; das wußte ich genau, denn der Löwe wirft sich unbedingt auf diejenige Person, welche auf ihn zielt; aber was stand nun mir bevor? Entweder er oder ich!

Er maß die Entfernung mit den Augen; in einem Sprunge konnte er mich nicht erreichen; er mußte also zwei thun, und sobald er nach dem ersten den Boden berührte, hatte ihn meine Kugel zu treffen, sonst fand ich keine Zeit mehr zu dem wahrscheinlich nötigen zweiten Schusse. Es waren höllische Momente, da die gewaltige Katze keinen Laut von sich gab. Jetzt schnellte sie in die Höhe, die Vorderpranken weit auseinander gestreckt; zwölf Schritte vor mir kam sie zur Erde nieder und erhielt den ersten Schuß. Ein Ruck, als ob er einen Stoß von vorn bekommen hätte, ging durch den Körper des Löwen; er war gut getroffen worden; aber die einmal angespannte Kraft des Willens und der Muskeln wirkte noch fort; der mächtige Körper flog wieder empor und auf mich zu, mußte genau mich erreichen. Aber bevor dies geschehen konnte, traf ihn meine zweite Kugel in der Luft, und ich warf mich weit zur Seite, indem ich das Gewehr fallen ließ und das Messer aus dem Gürtel zog. Dieses letztere zum Stoße zückend, drehte ich mich blitzschnell wieder um und sah, daß eine solche Verteidigung glücklicherweise nicht notwendig war. Der Löwe lag auf dem Rücken, bewegte sich, die Beine krampfhaft an den Leib gezogen, einmal nach der rechten und einmal nach der linken Seite, blieb da liegen und streckte dann, blutigen Schaum im halbgeöffneten Rachen, in einer letzten Bewegung die vier Pranken weit von sich. Er war tot, und ohne daß es der Bestätigung durch eine lange Untersuchung bedurfte, ersah ich aus diesem Erfolge, daß die beiden Kugeln da saßen, wohin ich sie bestimmt hatte, nämlich die erste durch das Auge in das Hirn und die zweite von unten herauf ins Herz. Dennoch wagte ich es noch nicht, das Tier zu berühren, denn es ist vorgekommen, daß ein scheinbar toter Löwe mit mehreren Kugeln im Kopf wieder aufgesprungen ist. Ich hob mein Gewehr wieder auf, lud es und stieß den Löwen dann mit den Läufen an. Hätte er noch Leben verraten, so konnte ich ihm auf diese Weise noch zwei Kugeln geben, ehe er aufzuspringen vermochte; aber er zuckte nicht; er war wirklich tot.

Das war alles so schnell gegangen, daß der Fakir el Fukara noch am Boden kniete und der Fessarah noch immer schreiend an seinem Busche stand. Die Asaker hatten ihr Heulen eingestellt, da sie sich nicht mehr bedroht sahen. Ich ging auf den ersteren zu, faßte ihn am Arme, um ihn aufzurichten, und sagte.

»Was kniest und betest du noch? Der Menschenfresser ist tot.«

»Tot?« ahmte er wie geistesabwesend das letzte Wort in meinem Tone nach.

»Ja, tot. Du hast nichts mehr zu befürchten.«

»Hamdulillah!«

Dieses eine Wort sprach er noch aus; dann stand er auf und ging fort, ohne sich um den Löwen zu bekümmern, in den Wald hinein, eine für mich gewiß sehr sonderbare Weise, sich mit dem Lebensretter abzufinden. Der Fessarah hatte meine Worte gehört und fragte:

»Ist es wirklich gewiß, daß er tot ist?«

»Ganz gewiß.«

»Kann man ihn besehen und befühlen?«

»Natürlich!«

»So werde ich die Asaker rufen, damit sie unsere Triumphe preisen mögen.«

»Unsere« Triumphe hatte er gesagt. Nun, ich war neugierig, den von ihm erlegten Löwen zu sehen! Zunächst wurde der meinige in Augenschein genommen; aber nicht eilig und in stürmischer Freude kamen die Gefährten herbei, sondern zögernd und still. Die Dimensionen des Löwenkörpers waren selbst noch im Tode so achtunggebietend, daß es meiner mehrmals wiederholten Versicherung bedurfte, ehe ein Askari es wagte, den Kopf der Tierleiche zu fassen und von einer Seite auf die andere zu legen. Als man sich auf diese Weise überzeugt hatte, daß allerdings keine Gefahr mehr vorhanden sei, verwandelte sich die zaghafte Stille in eine Scene übermütiger Lebhaftigkeit. Der Fessarah-Führer machte den Anfang dazu, indem er sich zum Redner aufwarf, den Körper des Löwen als Tribüne bestieg und folgendermaßen begann:

»Preis sei Allah und Heil dem Propheten! Dieser Tag ist ein Tag des Triumphes. Bestätigt es, ihr Gläubigen!«

»Ja, Heil, Preis, Triumph!« schrieen die Asaker, welche alle herbeigekommen waren. Nur Ben Nil, der pflichtbewußte, befand sich bei den Gefangenen, um dieselben zu überwachen.

»Ihr hörtet,« fuhr der Sprecher fort, »von dem Löwen von EI Teitel, welcher sein Maul aufsperrte und in jeder Woche einen Anhänger des Propheten verschlang. Bestätigt es, ihr Freunde und Geführten den beider Helden dieses Tages!«

»Wir bestätigen es!« erklang die Antwort.

Unter den beiden Helden waren jedenfalls ich und er gemeint. Er sprach weiter.

Am Bauche des Herrn mit dem dicken Kopfe liegen viele hundert Moslemin begraben. Vielleicht hat er auch zuweilen einen Ungläubigen verschluckt, was ihm wohl Beschwerden der Verdauung bereitete. Heute kam er nach diesem Brunnen, um seine Verbrechen fortzusetzen; da aber entbrannte der Zorn der Kämpfer und der Grimm der berühmtesten Recken in Afrika. Sie, nämlich der Effendi und ich, machten sich auf, dem Fresser entgegen. Ruft ihnen Heil und Ruhm zu, ihr Zeugen der Thaten!«

»Heil, Ruhm, Heil!« ertönte es ringsum.

»Der Würger der Lebendigen kam nicht allein, sondern er brachte sich einen gottlosen Geführten seiner Schandthaten mit. Dieser Gefährte, dessen Seele Allah in den Körper eines lahmen Hundes fahren lassen möge, hatte die Verwegenheit, sich mir gegenüber aufzustellen. Mich überkam die tapfere Begierde der Vertilgung dieses Ungeheuers, und ich vertrieb es aus dem Lande der Lebenden, denn ich legte meine Visionsflinte an und schoß es über den Haufen. Es liegt dort am Rande des Gebüsches, umleuchtet von den Strahlen meines Heldentumes, und ich werde es euch nachher zeigen, damit ihr rufen könnt: Schmach und Schande über ihn! Mich aber, den Sieger, preiset mit einem dreimaligen Triumphgeschrei!«

Seiner Aufforderung wurde Folge geleistet; dann fand er es für angemessen, sich auch mit meiner Person zu beschäftigen:

»Da ich das lebendige Grab so vieler Gläubiger erschossen habe, sind mir die Uhr und das Fernrohr zuzusprechen, denn ich habe sie gewonnen, da ich ganz dasselbe that, was der Effendi that; ich erlegte gerade so wie er einen vierfüßigen Herrn mit der Stimme, die dem Donner gleicht, ja, ich erlegte den meinigen sogar noch eher als er den seinigen. Dieser liegt hier unter meinen Füßen, hingestreckt in seiner eigenen Haut, welche ihm lebendig vom Leibe hätte gezogen werden sollen. Der Effendi brauchte zwei Schüsse, um ihn zu töten, während bei mir nur eine Kugel nötig war. Dennoch soll auch diesem Sieger die Belohnung werden. Ruft auch ihm ein dreimaliges Heil zu!«

»Heil, Heil, Heil!« wurde mir gebracht.

» So sind also nun die Helden und Sieger geehrt, und es ist das Recht der Besiegten, verhöhnt und angespieen zu werden. Schlagt diesen Mörder des Menschengeschlechtes; stoßt ihn, kneipt und zwickt ihn; zerrt ihn am Schwanze und bei den Ohren; sagt ihm die Namen, welche ihm gebühren, damit seine feige Seele in unendlicher Scham versinke und ersticke! Macht euch über ihn her; rauft ihm die Haare aus; zerreißt sein Fell, damit seinesgleichen sich ein warnendes Beispiel nehme und sich nicht mehr an die Anhänger des Propheten wage, sondern sich mit dem Fleische der Schafe und Ziegen begnüge! Ich habe gesprochen. Preis sei den Siegern! Heil, Heil, Heil!«

Er stieg, während die Asaker in seinen Ruf einstimmten, von dem Löwen herab, auf welchen sich nun alle warfen. Das tote Tier wurde mit Händen und Füßen so bearbeitet, daß ich gezwungen war, Einhalt zu gebieten, um das schöne Fell zu retten. Ich erreichte das am schnellsten dadurch, daß ich das allgemeine Geschrei mit meiner Stimme übertönte:

»Auf, auf, ihr Gläubigen! Diesem Würger von EI Teitel ist nun der Schande genug gebracht worden. Laßt uns jetzt den berühmten Löwen aufsuchen, welchem unser Ben Fessarah das Leben nahm! Meine Seele ist begierig, sich an seinem Anblicke zu erfreuen.«

»O, du wirst dich unendlich freuen, Effendi,« antwortete der Genannte. »Mein Löwe ist fast noch einmal so groß wie der deinige, denn sein Kopf ragte noch über die Büsche empor, in denen er steckte. Ich habe meine Wette gewonnen, und du wirst mich nicht um den Gewinn betrügen, wie auch ich dir den deinigen sofort ausgehändigt hätte. Ich stelle mich an eure Spitze, ihr Männer; folgt hinter mir, und bildet den Triumphzug nach dem Platze des Kampfes, an welchem mein Ruhm den ersten Preis gewonnen hat!«

Was die Wette betraf, so war ich um den Ausgang derselben gar nicht bange. Ich wußte, daß ich gewonnen hatte und daß der »preisgekrönte« Fessarah jetzt einer ebenso großen wie unvermeidlichen Blamage entgegen ging. Ich erriet jetzt, wer oder was sein Uwe war, dessen Kopf noch über die Büsche emporgeragt hatte. Unsere Kamele lagerten am Brunnen; aber dasjenige des Fakir el Fukara, welches frei gegrast hatte, war nicht mehr zu sehen. Es war, die jungen Zweige von den Büschen fressend, zwischen dieselben eingedrungen und von dem einen »Helden dieses Tages« für den Löwen gehalten und er- oder doch wenigstens angeschossen worden.

Der Zug setzte sich still in Bewegung. Man mußte wieder vorsichtig sein, da man noch nicht wußte, ob der zweite Löwe tot oder nur verwundet war. Je mehr man sich der Stelle näherte, desto langsamer schritt der Fessarah voran; er blieb endlich gar stehen und wendete sich rückwärts an mich:

»Effendi, du bist doch überzeugt von meiner Heldenhaftigkeit?«

»Vollständig, denn du hast das größte und berühmteste Tier der Wüste erlegt. Leider aber befürchte ich, daß der Fakir el Fukara dir nicht dafür danken wird.«

»Das erwarte ich auch gar nicht, da er nicht von meinem Löwen, sondern von dem deinigen bedroht wurde. Er mag seinen Dank also an dich richten. Dieser mein Löwe aber bedrohte den Brunnen mit allen Asakern und Gefangenen, und dies ergiebt für mich einen weit größeren und zahlreicheren Dank als denjenigen, den du nur allein von dem Fakir zu erwarten hast. Jetzt aber komm und schreite du voran! Ich weiß, daß du schärfere Augen hast als ich.«

»Du irrst. Ich sehe zu Zeiten sehr schlecht, und dann kann es mir leicht passieren, daß ich einen Löwen für ein Kamel halte. Welch eine Kränkung für dich, wenn mir gerade heute und hier ein solcher Irrtum widerführe! Du bist der Sieger; gehe nur du voran!«

Er mußte sich fügen; aber mit seinem Mute schien es Kap Finisterre zu sein, denn er bewegte sich in einer Weise vorwärts, als ob er auf Eiern gehe, von denen er keins zertreten dürfe. Schon nach sechs oder sieben Schritten blieb er wieder stehen, deutete vorwärts und meldete mit sehr unterdrückter Stimme:

»Allah kerihm! Dort liegt er. Ich sehe zwei seiner Füße, welche sich bewegen. Effendi, was ist da zu thun?«

»Nur immer drauf!«

»Aber er beißt! Er ist noch nicht tot, sondern wohl nur verwundet.«

»So tritt hinzu, und gieb ihm noch eine Kugel! Freilich verkürzt das deinen Ruhm, da du dann nicht mehr behaupten kannst, ich hätte eine Kugel mehr gebraucht als du.«

»Auf diesen Ruhm kommt es mir ja gar nicht an. Das will ich dir beweisen. Ich habe nur eine Kugel in meiner Flinte; dein Gewehr aber ist zweiläufig, du bist also weit besser als ich im stande, dem Fresser vollends den Garaus zu machen. Thue es, Effendi; ich räume dir den Vortritt ein!«

»Meine Bescheidenheit gestattet mir nicht, deinen Wunsch zu erfüllen.«

»Das ist sehr schön von dir, Effendi, aber – – O Allah, er bewegt die Beine wieder, und hörst du das Schnauben? Er ist zornig. Ich stelle mich hinten an!«

Er huschte an mir und den Asakern vorüber und suchte hinter denselben Sicherheit vor dem vermeintlichen Löwen.

Dieser hatte allerdings ein hörbares Lebenszeichen von sich gegeben, aber es war nicht das zornige Schnauben eines angegriffenen wilden Tieres, sondern das schmerzliche Röcheln eines verwundeten Kameles. Auch die Asaker wichen erschrocken zurück, Ich blieb stehen und sagte zu dem Fessarah:

»Gut, ich bin bereit, an deiner Stelle die Gefahr von euch abzuwenden, aber nur unter einer Bedingung. Ich werde ihn umschleichen und nach dir zu heraustreiben. Dann hast du, wenn er sich auf dich wirft, einen herrlichen Schuß.«

Ich that einige Schritte, als ob ich dieses Vorhaben ausführen wolle. Da schrie er auf.- »Um Allahs willen, thue das nicht; ich mag nichts davon wissen!«

»Aha, du fürchtest dich. Nun, so will ich dir zeigen, wie groß die Gefahr ist, welche es dabei giebt. Das sind nicht die Hinterpranken eines Löwen, sondern die Füße eines Kameles.«

»Du irrst dich, du irrst dich! Deine Augen sind schlecht. Du hast es ja selbst gesagt, daß du zuweilen einen Löwen für ein Kamel hältst!«

»Und du ein Kamel für einen Löwen. Du sollst sofort den Beweis dafür haben. Ja, dieses Tier war bedeutend höher als der Löwe, welchen ich geschossen habe; es war aber kein Löwe, sondern das Kamel des Fakir el Fukara! Da, schaut her!« Ich ging hin und schob mit dem Gewehre die Zweige auseinander. Da sahen sie das Kamel liegen; es war in das rechte Hinterbein geschossen. Nun war es mit der Angst der Asaker plötzlich vorüber. Sie drängten sich herbei und brachen in ein schallendes Gelächter aus.

»Welch ein Löwe, welch ein grausiges Untier!« rief einer von ihnen. »Hätte die Kugel des Fessarah ihn nicht niedergestreckt, so würde dieser Menschenfresser uns alle verschlingen. Ja, der Fessarah hat uns aus einer entsetzlichen Gefahr befreit; er hat uns allen das Leben gerettet; er ist der berühmteste Löwenjäger im ganzen Lande. Erhebt eure Stimmen, ihr Männer, um ihn zu preisen! Ruft dreimal Heil, Heil, Heil über ihn!«

»Heil, Heil, Heil!« lachten und jubelten sie.

Der Gepriesene antwortete nicht und entzog sich den weiteren Huldigungen, indem er davonrannte und sich in das Gebüsch versteckte. Das Kamel konnte nicht auf, denn der rechte Schenkelknochen war ihm zerschmettert; es mußte getötet werden. Eben kehrte sein Besitzer, der Fakir el Fukara, aus dem Walde zurück. Er kam zu mir, gab mir die Hand und sagte, so daß alle es hörten:

»Effendi, verzeihe mir, daß ich dich stehen ließ, ohne dir zu danken! Es war zu schrecklich. Ich hatte zu viel gewagt. Meine Glieder klapperten, und meine Seele zitterte mir im Leibe. Der Fresser hatte es auf mich abgesehen, und ohne dich wäre ich von ihm zerrissen worden. Das Entsetzen hatte mir die Sprache geraubt, so daß ich dir kein Wort sagen konnte. Ich entwich in das Dunkel des Waldes, um im stillen Allah zu preisen. Nun kann ich wieder reden und sage dir Dank. Du bist mein Freund und Bruder; die Feindschaft, mit welcher ich dich betrachtete, ist verschwunden, und ich wünsche, dir den Beweis geben zu können, daß meine Gesinnung gegen dich sich vollständig umgewandelt hat. Willst du mir verzeihen?«

»Gern,« antwortete ich, indem ich ihm die Hand schüttelte.

»So sage mir, wie ich dir dienen und dir einen großen Gefallen erweisen kann!«

»Dessen bedarf es nicht. Du wußtest es nicht, was es heißt, von dem Herrn mit dem dicken Kopfe angegriffen zu werden; ich habe es dir gezeigt und bin nun befriedigt. Würdest du es noch einmal wagen, dich einem Löwen entgegenzustellen?«

»Niemals, nie! Bei seinem Anblicke erstarrt einem das Blut im Leibe, und es ist, als ob einem alles Fleisch von den Knochen falle.«

»Das ist die Furcht, die Angst. Warum bin denn ich ganz ruhig geblieben? Hätte auch ich mich gefürchtet, so wäre es sehr schlimm geworden.«

»Ja, Effendi, es ist mir unbegreiflich, wie du es wagen konntest, den Löwen zu veranlassen, sich von mir zu wenden, um sich auf dich zu werfen und obendrein, nachdem ich mich so feindselig gegen dich verhalten hatte! Schreibt dir das etwa dein Glaube vor?«

»Nein, ein guter Christ wird allerdings seinem ärgsten Gegner gern verzeihen, denn Christus, der Sohn Gottes, hat uns sogar geboten, unsere Feinde zu lieben; aber daß ich, um einem Moslem das Leben zu retten, mich selbst von dem Löwen zerreißen lassen soll, das gebietet mir mein Glaube nicht. Ich habe hier weniger als Christ als vielmehr als Mann gehandelt, als ein Schütze, ein Jäger, den selbst der Würger der Herden nicht aus der Fassung bringen kann. Als unerschrockener Mann habe ich den Löwen erschossen; als Christ bin ich bereit, mich mit dir zu versöhnen. Das ist es.«

»Es bleibt sich gleich, ob du mich als Mensch oder als Christ errettet hast. Ich habe dir das Leben zu verdanken und bitte dich, mir zu sagen, wie ich diese große Schuld wenigstens einigermaßen abtragen kann.«

»Es ist von keiner Schuld die Rede. Ich hätte das Tier auf alle Fälle erlegt; daß ich es von dir ablenken mußte, um gut zum Schuß zu kommen, das war nur ein Zufall, welcher dich zu nichts verpflichtet. Ich werde mir das Fell des Löwen nehmen und bin mit diesem Lohne vollständig zufrieden.«

»Das ist mir nur dann begreiflich, wenn ich annehme, daß du nur aus Stolz den Dank eines Mannes, welcher dich beleidigt hat, verschmähst. Aber auch ich habe mein Ehrgefühl, welches mir verbietet, mich gänzlich abweisen zu lassen. Ich werde nachdenken und hoffe, eine Gelegenheit zu finden, dir einen Dienst zu leisten, den du anzunehmen gezwungen bist. Du weißt noch gar nicht, wen du gerettet hast. Später, wenn du weiteres von mir hörst, wirst du erkennen, daß dir All-Islam und der ganze Orient verbunden ist. Da liegt mein Kamel. Was ist mit ihm geschehen?«

»Der Fessarah hat es angeschossen, weil er es für einen Löwen hielt.«

»Dieser Dummkopf! Die Angst hat ihn blind gemacht. Ist es schwer verwundet?«

»Ja; es kann nicht auf, und wenn du es mir erlaubst, so werde ich es durch einen Schuß von seinen Qualen erlösen.«

»Warum willst du das kostbare Pulver und Blei verschwenden? Laß es liegen; es wird von selbst sterben.«

»Das würde grausam sein. Ein Tier ist ebenso Gottes Geschöpf wie der Mensch.«

»Thue, was du willst; ich habe nichts dagegen. Aber was fange ich nun ohne Reittier an? Soll ich laufen?«

»Nein. Ich werde dir eins von den erbeuteten Kamelen schenken. jetzt wollen wir den Löwen nach dem Brunnen schaffen, damit ich ihm das Fell nehmen kann.«

Ich gab dem Kamele den Gnadenschuß; dann gehörten acht Asaker dazu, den mächtigen Körper des Löwen fortzuschleifen. Er wurde nach einem der Feuer gebracht, wo ich ihm den gelbbraunen »Rock« auszog, wie Ben Nil sich ausdrückte. Natürlich sprach man nur von dem Löwen, und alles andere ruhte. Der Fessarah kam in sehr niedergeschlagener Haltung herbei und wurde mit ironischen Lobpreisungen überschüttet. Er ließ sie über sich ergehen, ohne ein Wort zu erwidern, und das war das beste, was er thun konnte. Er legte seine berühmte Flinte weg und sagte:

»Hier liegt sie; geben kann ich sie dir nicht, denn das wäre eine Versündigung an dem Urvater meiner Urahnen. Bist du wirklich so grausam, mich ihrer zu berauben, so nimm sie weg.«

»Ja, ich nehme sie, denn sie ist mein rechtmäßiges und wohlverdientes Eigentum.«

Er hatte auf meine Nachsicht gerechnet; als er sie jetzt in meinen Händen sah, schlug er die seinigen über dem Kopfe zusammen und wehklagte:

»O Allah, o Himmel, o tiefes Herzeleid meiner Seele! Nun bin ich des Ruhmes meiner Ahnen, des Vermächtnisses meiner Vorfahren beraubt und darf mich nie wieder in den Dörfern meines Stammes sehen lassen. Wo ich erscheine, wird man mit Fingern auf mich deuten und über mich rufen: Das ist der Mann, der das Kleinod seines Stammes verspielt und die Ehre seiner Vorfahren verwettet hat; Schande über ihn! Mir bleibt nichts übrig, als in Thränen zu zerlaufen und mich in Zähren aufzulösen. Mein Herz schwimmt in der Flut des Grames, und mein Leben taucht unter in das Wasser des Seelenschmerzes, O Allah, Allah, Allah!«

Es fiel mir nicht ein, die Flinte zu behalten; ich nahm sie nur für einstweilen weg, um ihn für seine Prahlereien ein wenig büßen zu lassen; das konnte ihm nichts schaden. Er streckte sich lang auf den Boden aus, verhüllte mit dem Kopftuche sein Gesicht und verhielt sich von jetzt an vollständig schweigend. Desto lauter und lebhafter waren die Asaker, welche nicht müde werden konnten, das Löwenabenteuer immer von neuem zu besprechen. Sie thaten das in ihrer überschwenglichen orientalischen Weise, und wenn ich nach ihren Ausdrücken beurteilt werden sollte, so war ich nicht nur der größte Held der Erde, sondern überhaupt ein Mann, wie es noch keinen gegeben hatte und auch später niemals einen geben könne. Als dann erst gegen Mitternacht dieses Thema erschöpft zu sein schien, hielt Ben Nil es für an der Zeit, auf das seinige zurückzukommen. Er verlangte die Bestrafung des alten Emirs Abd. Asl. Er war durch den Angriff des Löwen unterbrochen worden und drang nun darauf, daß die Angelegenheit erledigt werde. Als der Fakir el Fukara dies hörte, stand er auf und sagte zu mir:

»Effendi, vorhin trat ich auf, um das Leben dessen, den ihr richten wollt, zu verteidigen, denn er ist mein Freund. Wir kennen uns noch viel näher, als du wissen kannst und ahnst. Ich sehe aber ein, daß ich zu schwach gegen euch bin. Meine Gegenwehr würde ihm nichts nützen. Du bist ja, wie du auch gesagt hast, ganz allein im stande, es mit zehn Fukara el Fukara aufzunehmen. Ferner hast du mich vom Löwen errettet, und ich bin dir Dankbarkeit schuldig. Darum will ich dir nicht widerstehen. Ich mische mich also nicht in diese Angelegenheit; aber meine Augen dürfen nicht den Tod meines Freundes erblicken, und darum werde ich mich zurückziehen, bis es vorüber ist.«

Er ging fort, über den Kreis der Kamele hinaus, und setzte sich dort so nieder, daß er uns den Rücken zukehrte. Ben Nil stand, gerade so wie vorhin, mit dem Messer in der Hand vor mir und fragte:

»Also du erlaubst, daß ich jetzt Rache nehme, Effendi?«

»Ja. Ich antworte dir so, wie ich dir bereits geantwortet habe: Wenn du es für deiner würdig hältst, einen schwachen, sogar gefesselten Greis, der sich nicht wehren kann, niederzustechen, so thue es!«

»Ich weiß, was ich meiner Ehre schuldig bin, und werde dir zeigen, daß ich danach handeln werde.«

»Thue, was du willst! Der Alte ist in deine Hand gegeben; er gehört nur dir; kein anderer darf sich an ihm vergreifen. Darauf sind die Asaker eingegangen. Was du thust, ist endgültig. Das will ich hiermit nochmals in aller Bestimmtheit erwähnt haben. Aber ehe du Rache nimmst, habe ich noch mit ihm zu sprechen.«

Ich ging mit ihm zu Abd. Asl, welcher alles gehört hatte und also wohl wußte, was ihm drohte. Die Züge seines Gesichtes waren starr und unbewegt, so daß man nicht erraten konnte, was in ihm vorging, ob er Angst fühlte oder nicht.

»Du weißt, was dir bevorsteht,« sagte ich. »Mache deine Rechnung mit dem Leben und mit Allah ab!«

»Wer mich tötet, ist ein Mörder,« antwortete er in einem Tone, welcher wie das Zischen einer angegriffenen Schlange klang.

»Denke und sage, was du willst; es kann dich nicht retten, und du wirst in wenigen Augenblicken über Es Siret, die Brücke des Todes, gehen. Erleichtere dein Gewissen; dann wird dir Allah vielleicht gnädig sein.«

»Ich bedarf keiner Gnade; Ungläubige und deren Anhänger auszurotten, ist keine Sünde, sondern ein Verdienst, welches Allah belohnt.«

»Bleibe meinetwegen bei dieser deiner Ansicht! Wenn du den Tod durch das Messer für einen Lohn hältst, so kann ich nichts dagegen haben. Du hast nicht nur mir, dem Christen, sondern auch meinen Gefährten nach dem Leben getrachtet, und diese sind Moslemin. Ferner weißt du, daß der Reïs Effendina vernichtet werden soll. Das kannst du nicht vor Allah verantworten, und ich fordere dich auf, diese Schuld von dir fernzuhalten, indem du mir sagst, in welcher Gefahr er schwebt.«

Da ging ein höhnisches Grinsen über sein Gesicht. Er spuckte aus und antwortete:

»Ich speie dich und den Tod an, denn ich fürchte weder dich noch ihn. Meine Tage sind bei Allah verzeichnet, und ohne seinen Willen kannst du mir nicht eine Minute meines Lebens rauben; hat er bestimmt, daß ich jetzt, hier sterben soll, so kannst du es nicht verhüten. Es wird mir also nicht einfallen, dir ein Wort von dem zu sagen, was du wissen willst.“

»Ich kann dich zum Sprechen zwingen.«

»Versuche es doch! Wie ich dich verlache, werde ich dir beweisen, indem ich eingestehe: ja, der Reïs Effendina befindet sich in einer großen Gefahr. Er ist verloren und mit ihm alle, die sich bei ihm befinden. Nun weißt du genug!«

»Er wird der Gefahr zu entgehen wissen, wie wir euch entgangen sind.«

»Nein. Eine Rettung ist für ihn unmöglich. Er und seine Leute werden dafür vernichtet werden, daß er unsere Gefährten am Brunnen des Wadi el Berd niederschießen ließ. Ja, wenn du wüßtest, was ihm droht, du würdest ihm vielleicht helfen, denn du bist ein frecher Satan, der nur von Gefahren zu leben scheint. Aber du wirst es eben nicht erfahren.«

»Wie nun, wenn ich dich so lange peitschen lasse, bis du redest?«

»Ich werde dennoch schweigen.«

»O, die Schmerzen öffnen selbst den verschlossensten Mund!«

»Diesmal läßt dich deine berühmte Klugheit im Stiche. Lässest du mich schlagen, so werde ich dir irgend eine Antwort geben. Kannst du aber wissen, ob sie wahr ist oder nicht?«

»Ich denke, daß ich dies gar wohl zu beurteilen vermöchte; aber ich werde dennoch darauf verzichten, dich schlagen zu lassen. Ich würde mich schämen, einen alten, gebrechlichen Mann zu peinigen, welcher schon am Rande des Grabes steht.«

»Schmähe mich nicht! Ich bin nicht gebrechlich, und wenn ich nicht dein Gefangener wäre, so würde ich dir das beweisen. Tötet mich, ihr Hunde; aber ich werde schweigen!«

»Gut, er soll seinen Willen haben,« meinte Ben Nil. »Zu erfahren, was dem Reïs Effendina droht, dazu sind wir auch ohne die Mitteilung dieses alten Mörders klug genug. Er mag also zur Hölle fahren.«

Der Jüngling kniete neben ihm nieder, öffnete ihm vorn das Gewand und setzte ihm die Spitze des Messers auf die Brust. Abd. Asl schien nicht erwartet zu haben, daß man doch Ernst machen werde; er schrie jetzt freilich in erschrockenem Tone:

»Halt ein! Bedenke, daß ich ein heiliger Fakir bin, an dem sich niemand vergreifen darf! Allah würde diesen Mord mit den ewigen Qualen der Hölle an dir rächen.«

»Ein Heiliger willst du sein?« antwortete Ben Nil. »Ein Ungeheuer bist du, tausendmal schlimmer als der Löwe, welchen wir erlegt haben! Und wie kann Allah deinen Tod an mir rächen, da du gesagt hast, daß du nur mit seiner Erlaubnis sterben würdest? Wenn ich dich jetzt ersteche, so geschieht es mit seinem Willen und auf seinen Befehl. Also fahre hinab in die Hölle, wo alle Millionen Teufel dich mit Freude erwarten!«

Er stach ihm die Spitze des Messers langsam, langsam – nur durch die Haut, wie ich sah. Der Alte wälzte sich auf die Seite und heulte, nun seine ganze bisher verhaltene Todesangst zeigend:

»Nein, nein! Ich mag nicht sterben; ich will und kann nicht sterben. Verschone mich, verschone mich!«

»Schau, alter Feigling, wie du dich verstellen konntest! jetzt bricht das Entsetzen über dich herein,« sagte Ben Nil.

»Gnade, Gnade! Laß mich leben!«

»Vielleicht schenke ich dir das Leben. Nenne mir aber die Gefahr, welche dem Reïs Effendina droht!«

»Ich sage es dir – ich sage es!«

»Dann schnell, heraus damit, sonst stoße ich zu!«

»Er wird in Chartum vergiftet.«

»Von wem?«

»Von – von – – von dem Muza’bir.«

»Von dem Gaukler also, der unserm Effendi wiederholt nach dem Leben trachtete? Wie will er die That ausführen?«

»Er hat einen Askeri, welcher bei den Leuten des Reïs Effendina Farran ist, bestochen. Er giebt ihm Gift, welches der Farran in den Teig thut, wenn er für den Reïs Effendina Kisrah bäckt.«

»Willst du schwören, daß du damit die Wahrheit sagst?«

»Bei Allah, beim Propheten und bei dem Leben und Lehren aller Kalifen.«

»Sieh, wie schnell ich erfahren habe, was du uns nicht sagen wolltest! Nun werden wir sofort einen Eilboten absenden, um den Kommandanten zu warnen. Die Todesangst hat dir den verschlossenen Mund geöffnet. Aber ich will dir nun zu deinem Ärger sagen, daß du mir dieses Geständnis eigentlich gar nicht zu machen brauchtest, da es mir nicht einfällt, meine Ehre zu beschmutzen, indem ich einen alten, gefesselten Mann, der noch dazu ein solcher Feigling ist, ersteche. Ja, ich will Rache nehmen, aber den Gegner nicht abschlachten. Allah soll entscheiden zwischen mir und dir. Ich will kämpfen, doch nicht mit dir, denn ich bin jung und kräftig. Suche einen deiner Männer aus. Ich werde ihn losbinden und ihm ein Messer geben. Auch ich bewaffne mich mit dem Messer, dann kämpfen wir auf Leben und Tod. Besiegt er mich, so bist du gerettet; stoße aber ich ihn nieder, so sterbt ihr beide, denn er kämpft für dich und du hast sein Schicksal auch zu erleiden. Effendi, ich hoffe, daß du mir deine Erlaubnis nicht versagst.«

Das war brav, sehr brav von dem wackern Kerl! Aber der Ausgang des Duells! Ben Nil war mutig und für seine Jahre auch ungewöhnlich stark und gewandt; aber ob ich ihm den Sieg zutrauen dürfe, das wußte ich nicht. Es verstand sich von selbst, daß der Alte den besten Krieger auswählen werde. Aber durfte ich mich weigern, meine Zustimmung zu erteilen? Nein. Ben Nil konnte thun, was ihm beliebte. Ich machte ihm zwar eine halblaute Vorstellung, doch antwortete er:

»Sorge dich nicht um mich, Effendi! Ich weiß, was ich thue. Du hast mich noch nicht in einem solchen Kampfe gesehen und magst also für mich fürchten; ich sage dir aber, daß ich nicht eine Spur von Angst empfinde.« »Man wird dir den kräftigsten Mann gegenüberstellen. Bedenke das!«

»Das ist mir lieber, als wenn ich mich mit einem Schwächlinge messen soll. Also, stimmst du bei?«

, »Ja, halte dich wacker; sei nicht voreilig, und blicke ja nicht auf das Messer, sondern in das Auge deines Gegners. Suche dich auch so zu stellen, daß das Licht ihn vorn, dich aber hinten trifft!«

Was ich nicht erwartet hatte, der Alte wählte den angeblichen Dschelabi. Es gab unter den Gefangenen welche, die länger und stärker gebaut waren als er; vielleicht besaß er eine größere Gewandtheit und Erfahrung im Einzelkampf. Vielleicht auch hatten sie irgend eine Hinterlist verabredet. Sie lagen nebeneinander, und es war mir nicht entgangen, daß sie heimlich miteinander gesprochen hatten. Ich nahm mir vor, mich auf alle Fälle bereit zu halten.

Als dem Dschelabi die Fesseln abgenommen worden waren, bekam er ein Messer in die Hand. Er reckte und dehnte sich und rieb sich die Beine, um sie, die gebunden gewesen waren, wieder geschmeidig zu machen.

»Wir entkleiden uns und kämpfen nur in der Hose und mit nacktem Oberkörper,« sagte ihm Ben Nil.

»Warum? Bleiben wir doch, wie wir sind!«

»Nein; wie ich sagte, so wird es gemacht.«

Der Dschelabi widersprach noch einigemal, mußte sich aber fügen. Warum wollte er sich des Obergewandes nicht entledigen? Ohne dasselbe war doch leichter zu kämpfen. Wollte er fliehen? Ben Nil fuhr fort:

»Also wenn du mich tötest, erhält Abd Asl das Leben. Töte ich aber dich, so stirbt auch er sofort unter meinem Messer. Du hast also nicht nur dein Leben, sondern auch das seinige in der Hand. Also sage, ob du bereit bist.«

»Ich bin bereit; es kann beginnen.«

Sie standen mitten in unserm Kreise einander gegenüber. Bestimmte Regeln waren nicht gegeben worden, doch erteilte ich dem Dschelabi noch die kurze Warnung:

»Nimm deine Beine in acht!«

»Dies zu sagen, ist überflüssig,« lachte er. »Das Leben wohnt im Herzen; er wird mich also nicht in die Beine stechen wollen.«

Er beachtete es nicht, daß ich meinen Henrystutzen so an mich zog, daß ich ihn augenblicklich anlegen konnte.

»Also jetzt,« meinte Ben Nil. »Komm heran!«

Das fiel dem andern gar nicht ein. Keiner wollte den ersten Stich versuchen. Sie bewegten sich einigemal im Kreise, indem sie sich fest in den Augen behielten. Da sprang der Dschelabi auf Ben Nil ein, und dieser wich zur Seite, um dem Messerstoße zu entgehen; aber der Angriff war nur eine Scheinbewegung gewesen, denn kaum war Ben Nil zur Seite gewichen, so schnellte der Dschelabi an ihm vorüber, sprang über die Köpfe zweier ihm im Wege sitzenden Asaker weg und rannte zwischen den Kamelen hindurch, um den Wald zu erreichen. Meine Vermutung war also ganz richtig gewesen. Aber schon hatte ich das Gewehr angelegt und drückte ab, noch ehe er drei Vierteile des Weges zurückgelegt hatte. Er stürzte vornüber, raffte sich schnell auf, brach aber wieder zusammen. Ich hatte nach dem Beine gezielt und es getroffen. Erschießen wollte ich ihn nicht, weil ich überhaupt nicht töten wollte, und sodann aus einem noch andern, ganz bestimmten Grunde.

Die Asaker, und Ben Nil ihnen voran, waren ihm nachgesprungen, während ich ruhig sitzen blieb. Sie brachten den aus der Wunde Blutenden geschleppt, wobei sie freilich nicht sehr rücksichtsvoll mit ihm verfuhren. Als er vor mir niedersank, sagte ich:

»Du lachtest mich aus, als ich dich warnte. Und doch hatte ich recht, als ich dich aufforderte, auf deine Beine acht zu haben. Du erkennst von neuem, daß es nicht allzu leicht ist, einen christlichen Effendi zu überlisten.«

Ich untersuchte sein Bein. Die Kugel steckte nicht mehr drin; sie hatte das Schienbein zerschmettert. Ich gab ihm einen Notverband.

»Wir müssen den Hund doppelt festbinden und ihn in unserer Mitte behalten,« meinte Ben Nil.

»Nein,« antwortete ich. »Bald wird er das Wundfieber bekommen, und wenn er dann zu schwatzen beginnt, stört er uns im Schlafe. Tragt ihn da hinüber nach den beiden Kafalah-Bäumen, setzt ihn an dem einen nieder, und bindet ihn so mit dem Rücken an demselben fest, daß er auch den Kopf nicht bewegen kann! Indessen mag Abd Asl einen andern Mann bestimmen, welcher mit dir kämpfen kann.«

Dieser Befehl kam meinen Leuten wohl sonderbar vor, doch führten sie ihn aus, ohne eine Gegenbemerkung zu machen. Sie wußten, daß ich bei allem, was ich that, selbst wenn es scheinbar unerklärlich war, doch einen bestimmten Zweck verfolgte. Und weil ich einen solchen auch jetzt hatte, war meine Kugel nur in das Bein des Flüchtlings gerichtet gewesen.

Die Flucht dieses Mannes war mir sehr begreiflich. Er hatte Ibn Asl, den Sklavenräuber, den Sohn des Alten, aufsuchen sollen, um ihn zu benachrichtigen, daß der Angriff gegen uns verunglückt sei und er infolgedessen kommen und die Gefangenen befreien sollte. Der Alte war ergrimmt über das Nichtgelingen dieses Planes; das sah ich seinen Augen an. Er wählte einen andern Mann zum Kampfe aus, und dieser schien allerdings mehr zu fürchten zu sein als der Dschelabi, welcher vorhin nur erwählt worden war, weil er höchst wahrscheinlich ein guter Läufer war.

Der jetzige Gegner Ben Nils hatte fast die tiefdunkle Farbe eines Negers; seine Brust war breit und sein Knochenbau sehr kräftig. Trotzdem zeigte sich Ben Nil nicht im geringsten beunruhigt. Sie standen ungefähr fünf Schritte voneinander, ganz still und bewegungslos. Keiner ließ den Blick von dem Auge des andern. Da plötzlich that der Schwarze einen weiten, tigerartigen Sprung auf Ben Nil zu und holte zum Stoße aus. Er hatte ihn überraschen, vollständig überrumpeln wollen. Der Jüngling aber wich blitzschnell zur Seite, that einen kurzen Quersprung, kam dadurch, ehe dieser sich umdrehen konnte, hinter den Schwarzen und stieß ihm das Messer bis an das Heft in den Rücken. Der Getroffene stürzte da, wo er stand, nieder. Die Klinge war ihm, wie sich nachher zeigte, von hinten in das Herz getroffen.

»Afarihm, maschallah aldik – bravo, bravo!« schrieen die Asaker vor Freude laut. »Das war herrlich, das war prächtig!. Gleich der erste Stoß hat ihn gefällt. Wer konnte das dir, Ben Nil, du Sohn der Tapferkeit, zutrauen!«

Dieser wendete sich sehr ruhig an mich:

»Effendi, siehst du nun, daß du keine Angst um mich zu haben brauchtest? Ich hätte diesen Mann erlegt und wenn er doppelt größer und stärker gewesen wäre. Mein Auge ist scharf, meine Hand ist sicher, und mein Herz kennt keine Unruhe, welche den Blick verdunkelt. Gehört mir nun Abd Asl auch?«

»Ja,« antwortete ich, sehr wißbegierig, was er nun machen werde.

Im Falle, daß er ihn wirklich erstechen wollte, mußte ich um Aufschub bitten. Er beugte sich zu dem Schwarzen nieder und zog ihm das Messer aus dem Rücken. Die blutige Klinge betrachtend, schüttelte er leise den Kopf und sagte dann:

»Du hast recht, Effendi, es ist etwas sehr Verantwortliches, einen Menschen zu töten. Dieses Blut ist mir widerwärtig. Glaubst du, daß der Reïs Effendina den Alten, dessen Leben mir gehört, auch streng bestrafen würde?«

»Auf das allerstrengste natürlich!«

»So möchte ich ihm das Leben schenken. Dieser Schwarze hat für den Alten gekämpft und ist für ihn gestorben; darum will ich mich mit dem, was geschehen ist, begnügen. Bist du einverstanden?«

»Ganz und gar! Ich freue mich sehr, solche Worte von dir zu hören. Dein Entschluß macht dir mehr Ehre, als du von dem Tode Abd Asls haben würdest.«

»Aber ich verlange, daß er später auf das strengste bestraft wird!«

»Ich werde dafür sorgen, daß dies geschieht. Und damit er jetzt nicht wieder irgend einen Fluchtversuch veranlassen kann, schafft ihn hinüber zu dem Dschelabi, und bindet ihn an den zweiten Kafalah-Baum!«

Der Alte wurde von einigen Asakern fortgeschafft. Ben Nil aber fragte verwundert:

»Warum läßt du diese beiden Kerls dorthin bringen? Hier hätten wir sie doch sicherer.«

»Das ist wahr. Wir werden sie auch wieder holen; aber vorher will ich erfahren, was man gegen den Reïs Effendina vor hat.«

»Das weißt du doch!«

»Nein, denn das mit dem Gifte und dem Bäcker war eine Lüge. Gehe jetzt hin, und setze dich als Wächter zu ihnen. Ich werde mich hinter sie schleichen, und wenn ich dann in ihrem Rücken liege, entfernst du dich hierher. Dann glauben sie, allein zu sein, und werden miteinander sprechen.«

Er ging und setzte sich bei den beiden nieder. Die Kafalah-Bäume standen seitwärts von unserm Lager eng nebeneinander, und die zwei Gefangenen waren in der Weise, daß sie nach uns blickten, an die Stämme gebunden. Sie konnten jeden, der aufstand, deutlich sehen, nicht aber, wenn wir saßen, entscheiden, ob einer von uns fehlte oder nicht. Darauf baute ich meinen Plan.

Mehrere Asaker mußten um die Leiche des Schwarzen eine dichte Gruppe bilden und so thun, als ob sie sich über denselben unterhielten. Diese Gruppe bot mir Deckung zu meiner unbemerkten Entfernung. Als sich die Leute aufgestellt hatten, ging ich fort. Die beiden Gefangenen saßen rechts unter den Bäumen; ich entfernte mich nach links, und gerade in der Mitte standen die Asaker, so daß die ersteren mich unmöglich sehen konnten. Erst als ich den Wald erreicht hatte, setzten sich die Soldaten nieder, um bei meiner Rückkehr dasselbe Experiment zu wiederholen.«

Ich ging, gedeckt von Bäumen und Sträuchern, am Waldesrande hin, bis ich einen Halbkreis beschrieben hatte und den beiden Gefangenen also in den Rücken gekommen war. Dann schlich ich auf sie zu, erreichte sie und legte mich hinter ihnen nieder. Ben Nil hatte mich natürlich kommen sehen, denn er saß mit dem Gesichte mir entgegen. Als er sah, daß ich auf meinem Lauscherposten lag, stand er auf, ging einigemale hin und her und entfernte sich dann langsam wie einer, welcher aus Langweile einen kurzen Gang unternehmen will. Das fiel nicht auf und brachte die von mir beabsichtigte Wirkung hervor, denn der Dschelabi sagte zu Abd, Asl:

»Schnell, schnell, ehe er wiederkommt! Was haben wir zu besprechen?«

»Nichts, gar nichts,« knurrte der Alte ingrimmig.

»Aber wir müssen doch einen Plan fassen!«

»Ich weiß keinen. Allah verdamme diesen siebenmal verruchten Effendi in den tiefsten Abgrund der Hölle hinab! Wenn du nur entkommen wärst! Wie schnell konntest du bei der Dschesireh Hassaniah sein und meinen Sohn benachrichtigen. Er wäre mit seinen Leuten nilabwärts gefahren und uns von Makaui oder Katena aus, wo er das Schiff zurückgelassen hätte, entgegengekommen, um uns zu befreien. Jetzt ist das vorüber.«

»Sollte es denn keine andere Rettung geben? Denke doch an den Fakir el Fukara! Wie oft hat er Geschäfte mit uns gemacht und großen Gewinn dabei gehabt. Daß er zufällig hier am Wasser eintraf, ist vielleicht ein Glück für uns. Er wird alles mögliche thun, um uns zu retten.«

»Das ist vorbei. Der Christenhund hat ihm das Leben gerettet, und so wird er ihn in Ruhe lassen.«

»Persönlich und direkt wird er ihm nichts thun, aber auf mittelbare Weise kann er uns helfen. Wenn er wüßte, daß dein Sohn sich auf der Dschesireh befindet, ist zu erwarten, daß er ihn benachrichtigen würde. Du solltest mit ihm sprechen!«

»Man wird es nicht erlauben, und wenn es erlaubt wird, steht der Effendi jedenfalls dabei, um alles zu hören.«

»Was thut das? Zwei oder drei Worte in der Schilluksprache sind schnell gesagt. Der Effendi kennt diese Sprache jedenfalls nicht; der Fakir el Fukara aber kennt sie und weiß dann jedenfalls, woran er ist.«

»Das ist richtig, und ich werde also den Versuch machen. Gelingt derselbe, so ist Rettung möglich, aber der Reïs Effendina wird meinem Sohne entgehen.«

»Wieso?«

»Dieser hat ihn nach der Dschesireh gelockt. In der Nähe derselben giebt es tiefe, dunkle Sunutwälder, welche der Reïs Effendina nicht wieder verlassen soll. Gelingt dieser Anschlag, und wäre uns der Überfall geglückt, so würden wir diese beiden Menschen los sein und ebenso frei und ungestört wie früher jagen und handeln können. Die Anführer sind es, nicht aber die Asaker, die wir zu fürchten haben.«

»Wenn uns kein Rettungsweg offen bleibt, was meinst du, was uns dann in Chartum erwartet?«

»Nun, sehr schlimm wird es wohl nicht werden. Wir sollen dem Reïs Effendina ausgeliefert werden; dieser aber wird sich nicht dort befinden, sondern unter den Streichen meines Sohnes gefallen sein. Allzu strenge Richter haben wir also nicht zu erwarten, zumal unser Hauptankläger ein Franke, ein Christ ist. Wenn wir alles ableugnen, wird man uns hoffentlich mehr glauben als ihm.«

Die beiden sprachen noch weiter; aber ich nahm an, daß ihre ferneren Worte für mich von keiner Bedeutung sein würden, und zog mich also zurück. Als Ben Nil, welcher aufgepaßt hatte, dies sah, kehrte er nach den Kafalah-Bäumen zurück und die Asaker stellten sich wieder in eine Gruppe zusammen, um mir Deckung zu geben. Ich erreichte meinen Platz, ohne daß die beiden Belauschten ahnten, daß ich in ihr Geheimnis eingedrungen war. Kurze Zeit darauf kam Ben Nil, um mir zu melden, daß Abd Asl mit mir zu sprechen verlange. Der Versuch, mich zu hintergehen, sollte also schon jetzt gemacht werden. Ich ging hinüber zu den beiden und fragte den Alten, was er mir mitzuteilen habe.

»Du hattest mein Leben in die Hand deines Ben Nil gegeben,« sagte er; »dieser hat es mir geschenkt. Wird es mir nun erhalten bleiben?«

»Unsererseits hast du jetzt nichts mehr zu befürchten. Für später aber liegt die Entscheidung in den Händen des Reïs Effendina.«

»Und du wirst uns nach Chartum transportieren?«

»Ja. Warum fragst du?«

»Einer Angelegenheit wegen, welche mir sehr am Herzen liegt. Wenn du mich dem Reïs Effendina auslieferst, bin ich verloren. Du hast dir Mühe gegeben, mir wenigstens das Leben zu retten; er aber ist streng und unerbittlich, und ich weiß, daß er mich ohne Gnade und Barmherzigkeit erschießen oder aufhängen lassen wird.«

»Das ist allerdings sehr wahrscheinlich,« bestätigte ich.

»Du sagst es selbst, und so ist es auch sicher. Ich habe mich also auf den Tod vorzubereiten, und du wirst mir dazu behilflich sein, denn ich weiß, daß euer christlicher Glaube lehrt, von dieser Vorbereitung hänge die ewige Seligkeit ab.«

»Das ist richtig. Wer ohne Reue und Buße und gute Werke in seinen Sünden von hinnen fährt, der ist für ewig verloren.«

»Ich bereue und möchte besonders eine That, welche mir schwer auf dem Gewissen liegt, von meiner Seele wälzen. Du bist nicht ein Diener der Rache. Willst du mir dazu behilflich sein?«

»Gern,« antwortete ich, sehr neugierig darauf, was er vorbringen werde, um mich zu übertölpeln. Er fing die Sache sehr fromm und scheinbar in sein Schicksal ergeben an, was meinen Widerwillen gegen ihn nur verstärken konnte. Er machte ein höchst betrübtes Gesicht und fuhr im weichsten Tone, dessen seine Stimme fähig war, fort:

»Ja, eine große, schwere Sünde lastet auf meinem Gewissen. Ich möchte sie gern abwerfen und bin doch überzeugt, daß der Reïs Effendina mir die Gelegenheit dazu nicht geben wird. Darum wende ich mich an dich. Es ist ein Glück, daß der Fakir el Fukara gerade jetzt anwesend ist, denn nur er allein kennt die Verhältnisse so genau, wie es nötig ist, und darum ist er es allein, an den ich mich wenden kann. Würdest du mir erlauben, jetzt einmal mit ihm zu sprechen?«

»Hm!« machte ich mit bedenklichem Gesichte. »Du verlangst da etwas, was ich eigentlich nicht gestatten darf.«

»Es sind ja nur wenige Warte!«

»Ob viel oder wenig, das bleibt sich gleich. Du weißt selbst, wie gering mein Vertrauen zu dir sein kann.«

»Du kannst ja dabeistehen und alles hören!«

»Das beruhigt mich nicht. Wie nun, wenn du mich täuschen und dem Fakir el Fukara gewisse Winke geben Willst, welche darauf hinzielen, daß er dich befreien soll?«

»Das ist doch ganz unmöglich, wenn du dabei bist!«

»O, es ist sehr leicht möglich. Du brauchst ja nur die Worte so zu setzen, daß ich sie nicht verstehe, er aber den Sinn derselben doch begreift.«

»Ein solcher Wortkünstler bin ich nicht, Effendi. Laß dich erweichen! Du bist ein Christ!«

»Ja, jetzt berufst du dich auf meinen Glauben, früher aber hast du ihn verspottet. Ein Moslem würde sich freilich nicht erweichen lassen.«

»Aber du! Ich werde so langsam und deutlich sprechen, daß du jedes einzelne Wort wie auf einer Wage wiegen und abmessen kannst. Denke doch, daß es wie ein Testament ist, daß ich wie ein Sterbender bin, dem der sichere Tod die Arme entgegenstreckt! Was ich von dir erbitte, ist etwas so Einfaches und Leichtes. Du bist streng und unerschrocken, aber grausam nicht. Willst du es zum erstenmale sein? In Beziehung auf List, Klugheit und Umsicht kommt dir niemand gleich. Meinst du, daß du dich gerade heute und jetzt auf diese Vorzüge nicht verlassen kannst? Hätte ich Hintergedanken, so würdest du sie viel eher merken als der Fakir el Fukara, dem du an Scharfsinn ja weit überlegen bist.«

Er schmeichelte mir, um meine scheinbaren Bedenken zu besiegen. Ich erwies ihm nicht den Gefallen, so zu thun, als ob dieses Lob Eindruck auf mich mache, sondern antwortete:

»Was du da redest, ist überflüssig, denn ich kenne mich und meine Eigenschaften selbst am allerbesten. Es würde allerdings weder dir noch dem Fakir el Fukara gelingen, mich zu betrügen; dazu seid ihr beide viel zu dumm. Ich will dir also deinen Wunsch, der für mich ein vollständig ungefährlicher ist, erfüllen.«

»Ich danke dir!« meinte er ruhig und bescheiden, obgleich ich ihn dumm genannt hatte. »Du hast recht; es ist für euch gar keine Gefahr dabei, denn du wirst alles hören.«

»Ich werde nichts hören. Ich werde die gewünschte Unterredung nicht durch meine Gegenwart entweihen.«

»So darf ich ohne Zeugen und ohne Aufsicht mit ihm sprechen?« fragte er, indem er seine Freude nicht vollständig zu verbergen vermochte.

»Ja, wenigstens wird keiner von uns euch stören. Ob dieser sogenannte Dschelabi hier mit zuhören darf, das ist deine Sache. Ich werde dir jetzt den Fakir el Fukara senden und gebe dir volle zehn Minuten Zeit, mit ihm zu sprechen. Du siehst, wie rücksichtsvoll ich bin. Mißbrauche dies nicht, denn es würde dir schlecht bekommen. Ich würde ganz sicher bemerken, daß du mich hintergehen willst.«

»Sorge dich nicht, Effendi! Ich meine es ehrlich, und deine Güte rührt mich so, daß ich, wenn ich wirklich eine Heimtücke geplant hätte, jetzt von derselben absehen würde.«

»Gut, wenn es wirklich so ist. Hast du einmal von dem frommen und berühmten Marabut gehört, welchem ein Geist die Zungen von zwölf sprechenden Raben und die Ohren von zwölf jungen Adlern brachte?«

»Ja. Er mußte sie essen und redete dann die Sprachen aller Menschen und Tiere und hörte bis in die weiteste Entfernung alles, was seine Feinde gegen ihn berieten.«

»Nun wohl; ich sage dir, daß auch ich solche Zungen und Ohren gegessen habe. Nimm dich also in acht; ich höre alles!«

Ich ging und bekam dabei den Beweis, daß ich gar keine bezauberten Adlerohren zu essen brauchte, denn die meinigen waren scharf genug, noch zu verstehen, daß der Alte seinem Genossen schadenfroh zuraunte:

»Welch ein Glück; es wird gehen!«

Der Fakir el Fukara war nicht wenig verwundert, als ich ihm sagte, daß der Alte mit ihm reden wolle und ganz ohne Beaufsichtigung mit ihm sprechen dürfe. Er ging hinüber und setzte sich bei den beiden nieder. Auch die Asaker konnten sich mein Verhalten nicht erklären, und Ben Nil machte mir Vorstellungen. Ich wies dieselben mit dem Bemerken zurück, daß ich sehr wohl wisse, was ich thue.

Nach Verlauf der zehn Minuten sah ich, daß der Fakir el Fukara aufstand, um an seinen Platz zurückzukehren. Er hatte von seiner Dankbarkeit gesprochen, und nun konnte ich mich Überzeugen, ob er es mit derselben aufrichtig meine. Wenn er es mir vergelten wollte, daß ich ihm das Leben gerettet hatte, so mußte er mich über den Anschlag des Alten unterrichten. Doch hütete ich mich, ihm schon jetzt eine Gelegenheit dazu zu geben. Der Alte sollte sehen, daß ich mit seinem Vertrauensmann nicht sprach, und um so mehr darüber erschrecken, daß ich alles wußte. Darum ließ ich den Fakir el Fukara von rechts her nach seinem Platz zurückkehren und begab mich mehr linker Hand wieder zu den beiden Kafalah-Bäumen.

»Nun, ist der Fakir auf deine Bitte eingegangen?« fragte ich den Alten.

»Ja, Effendi. Er hat mir versprochen, den Fehler, welchen ich begangen habe, gutzumachen. Wie sehr, wie herzlich danke ich dir!«

»Und nun ist dir das Herz leicht geworden?«

»So leicht, wie es seit langer, langer Zeit nicht gewesen ist!«

»Das glaube ich und kenne auch den Grund.«

»Wie könntest du denselben wissen? Du hast doch keine Ahnung von der That, um welche es sich handelt.«

»Irre dich nicht! Ich habe dir gesagt, daß auch ich Adlerohren gegessen habe, und dich gewarnt. Es handelt sich allerdings um eine That, aber nicht um eine solche, welche du schon begangen hast, sondern um eine, welche der Fakir el Fukara erst noch vorzunehmen hat.«

»Effendi, da täuschest du dich. Ich verstehe dich nicht!«

»Verstelle dich nicht! Ich habe dir vorhin sehr offen gesagt, daß ihr zu dumm seid, mich zu betrügen. Ihr habt einen Anschlag gegen mich gesponnen.«

»Das ist nicht wahr. Welcher Anschlag könnte das sein?«

»Der Fakir el Fukara soll euch befreien helfen, indem er deinen Sohn Ibn Asl holt.«

»Kein Mensch, kein einziger hat daran gedacht, Effendi! Der Fakir weiß ja gar nicht, wo sich mein Sohn befindet.«

»Du hast es ihm mitgeteilt.«

»Nein. Wir haben gar nicht von ihm gesprochen.«

»Auch nicht von dem Reïs Effendina?«

»Nein.«

»Denke doch an die Adlerohren! Du hast ihm gesagt, in welcher Gefahr sich der Reïs Effendina befindet.«

»Nicht zu ihm, sondern zu dir habe ich davon gesprochen. Dir habe ich gesagt, daß er in Chartum vergiftet werden soll.«

»Ja, das hast du sogar beschworen und dabei einen Meineid geleistet, den Allah dir nicht vergeben wird.«

»Es war die Wahrheit!«

»So? Warum hast du da soeben dem Fakir el Fukara erzählt, daß der Reïs Effendina in die Sunutwälder bei der Dschesireh Hassaniah gelockt werden soll?«

»Allah, Allah!« rief er erschrocken aus, indem er mich anstarrte wie einer, vor dem plötzlich bei heiterem Himmel ein Blitz in den Erdboden gefahren ist.

»Du erschrickst? ja, dein Sohn befindet sich bei der Dschesireh Hassaniah, und der Fakir el Fukara soll schleunigst hin, um ihn zu benachrichtigen, daß euer Angriff auf uns verunglückt ist, und daß Ihr euch in unsern Händen befindet.«

»Ich – weiß – kein – Wort, kein – Wort – davon!« stammelte er.

»Das ist eigentlich nicht notwendig,« lachte ich. »Die Hauptsache ist, daß ich es weiß. Ich habe noch mehr gehört. Dein Sohn Ibn Asl soll mit seinen Leuten und seinem Schiffe bis Makaui oder Katena nilabwärts gehen und dann links in die Steppe marschieren, um uns zu überfallen und euch zu befreien. Du siehst, daß meine Adlerohren mir sehr gute Dienste leisten.«

»Du bist ein Teufel, ja, du bist der richtige und wirkliche Scheitan!« rief er jetzt in seinem grimmigsten Tone aus. »Gehört hast du nichts; das weiß ich genau; dennoch bist du von allem unterrichtet, und das kann nur die Folge davon sein, daß du mit der Hölle im Bunde stehst!«

»Oder mit Allah. Du bist ein schauderhafter Bösewicht; also kann die Macht, welche mir gegen dich beisteht, keine böse, sondern sie muß eine gute sein. Deine Anschläge sind entdeckt, und ich werde dafür sorgen, daß sie zunichte werden; deinem Sohne werde ich einen Besuch abstatten, ohne zu fragen, ob ich ihm willkommen bin, und wehe ihm, wenn ich finde, daß er dem Reïs Effendina auch nur ein Haar gekrümmt hat! Euch beide werde ich jetzt wieder hinüber zum Feuer schaffen lassen. Ihr habt zu wenig Gehirn, zu erraten, weshalb ich euch von den anderen absonderte. Hättet ihr euch Überlegt, daß, wie ihr nun schon oft erfahren habt, alles, was ich thue, einen bestimmten Zweck hat, so wäret ihr nicht in die Falle gegangen, welche ich euch damit stellte.«

Als sich die beiden wieder in der Nähe des Feuers befanden, nahm ich mich der Wunde des Dschelabi sorgfältiger an, als es vorhin geschehen war. Günstigen Falles blieb er für das ganze Leben lahm; da aber in jenen Gegenden die geringste Verletzung leicht einen gefährlichen Charakter annehmen kann, so war eine schlimmere Wendung gar nicht ausgeschlossen.

Nun war ich neugierig, wie der Fakir el Fukara sich verhalten werde. Teilte er mir den Plan des Alten mit, so war es gut; im andern Falle aber mußte ich ihn hindern, den ihm gewordenen Auftrag auszuführen. Er hatte sich wieder abseits von den übrigen gesetzt und gab mir, als die an der Wache nicht beteiligten Asaker sich zu schlafen niederlegten, einen Wink, zu ihm zu kommen. Als ich dieser Aufforderung gefolgt war, sagte er.

»Setze dich für einige Augenblicke zu mir, Effendi! Ich möchte über eine Angelegenheit, welche mir sehr wichtig ist, mit dir sprechen.«

Ich nahm in der Erwartung neben ihm Platz, daß er mir sein Gespräch mit dem Alten mitteilen werde, aber schon der Anfang zeigte, daß ich mich geirrt hatte, denn er begann:

»Du bist ein Christ. Kennst du euer Kitab el mukaddas genau?«

»Ja. Ich habe es mit besonderem Fleiße studiert.«

»Und kennst du auch die Erklärungen, welche eure Schriftgelehrten dazu gegeben haben?«

»Ja.«

»So sage mir, ob ihr Muhammed für einen Propheten haltet!«

»Nach unserer Überzeugung ist er kein Prophet, sondern nur ein gewöhnlicher Mensch.«

»So giebt es bei euch wohl gar keine Propheten?«

»O doch! Wir verstehen unter den Propheten diejenigen vom heiligen Geiste erleuchteten Männer, welche Gott zu seinem Volke sandte, um dasselbe über die ewigen Wahrheiten zu belehren und es auf den Weg des Heils zu leiten.«

»Das hat Muhammed doch auch gethan!«

»Nein. Der Weg, auf welchen er seine Anhänger wies, ist ein Irrweg.«

»So haltet ihr seine Lehre für durchaus falsch?«

»Ich möchte diese Frage freilich nicht mit einem kurzen ja beantworten. Er hat Richtiges und Falsches zusammengeworfen. Da, wo er lebte, gab es Juden und Christen. Von diesen lernte er den Inhalt unserer Bibel kennen und konstruierte sich aus derselben und aus allerlei heidnischen Anschauungen, welche er vorfand, die Lehre, welche ihr Islam nennt. Was davon aus unserer heiligen Schrift stammt, ist richtig, das übrige aber falsch. Da nun selbst die reinste Wahrheit, wenn sie mit der Lüge verquickt wird, nicht mehr Wahrheit ist, so muß der Kuran trotz vieler Stellen, mit denen wir einverstanden sind, verworfen werden.«

»Effendi, ihr begeht den großen Fehler, den Kuran zu verurteilen, ohne ihn zu kennen.«

»Das ist nicht wahr. Ich kann diese deine Behauptung mit vollem Rechte umdrehen. Giebt es eine einzige muhammedanische Medresse, an welcher die Schüler unsere Bibel kennen lernen?«

»Nein, denn es ist Lehrern und Schülern verboten, sich mit den Lehren Andersgläubiger zu beschäftigen. Sie würden eine große Sünde begehen, wenn sie dies thäten.«

»An unsern Medressen aber giebt es sehr gelehrte und sehr berühmte Männer, welche mit ihren Schülern den Kuran studieren und denselben wenigstens, ich sage wenigstens, ebenso genau kennen wie eure Professoren. Ihr könnt die Bibel gar nicht kennen und nennt uns dennoch Giaurs; wir aber kennen den Kuran und sind also sehr wohl im stande, über den Islam ein Urteil zu fällen.«

»Bist du auch der Schüler eines solchen Lehrers gewesen?«

»Ja, und zwar des berühmtesten. Er hat Abu ‚l feda, Beidhawi, Alis hundert Sprüche, Samachschari und andere eurer Gelehrten übersetzt. ich lernte bei ihm eure Sprache, den Kuran, die Sunna und die von euren Religionslehrern dazu gegebenen Erläuterungen kennen und bin bereit, dir über den Islam jede gewünschte Aufklärung zu geben.«

»Wunder über Wunder! Ein Christ will mir, dem gelehrten Fakir el Fukara, Erklärung des Kuran, der Sunna und aller heiligen Schriften geben! Sollte man so etwas für möglich halten! Du bist nicht nur in Thaten, sondern auch in Worten verwegen, Effendi!«

»Von einer Verwegenheit kann da gar keine Rede sein. Was ich sage, hat alles Grund und vollständige Berechtigung. Versuche es!«

»Nein. Ich werde mich hüten, mit einem Christen über den Islam zu disputieren. Du lässest dich doch nicht bekehren. Es waren nur einige wenige Fragen, welche du mir beantworten solltest. Selbst dem weisesten der Weisen ist es unmöglich, ein endgültiges Urteil über unsern Glauben zu fällen, denn Muhammed hat das Werk nur begonnen. Zu Ende führen wird es ein anderer.«

»Wer?«

»Das fragst du? Und doch behauptest du, den Kuran und alle seine Erläuterungen zu kennen! Durch diese Frage hast du bewiesen, daß du sie noch nicht kennst.«

»Du irrst dich abermals. Ich weiß, daß du den Paraklet, den Ma’dijj meinst, den viele von euch erwarten.«

Dieses Wort darf nicht Mahdi, sondern es muß Ma’diji geschrieben werden; es kommt von dem arabischen Verbum hahdaja her, welches »führen« heißt, und bedeutet: der auf den rechten Weg Geführte, der Helfer, der Vermittler. Doch werde ich dem einmal gewohnten Gebrauche folgen und Mahdi schreiben.

»Du, weißt das also doch?« fragte er. »Hast du gehört, daß ein Mahdi kommen wird?«

»Gehört und auch gelesen. Der Kuran erwähnt nichts von ihm, und auch den Kommentaren ist die Sendung eines Mahdi unbekannt; er lebt nur in der mündlichen Überlieferung, auf die ich nichts gebe.«

»Ich desto mehr. Allah wird einen Propheten senden, welcher das von Muhammed begonnene Werk zu vollenden hat. Dieser Prophet wird die Ungläubigen entweder bekehren oder, wenn sie sich nicht bekehren lassen, sie vernichten und dann die Güter dieser Erde so verteilen, daß ein jeder nach seiner Frömmigkeit erhält, was ihm gebührt.«

»Das sind mehr weltliche als religiöse Hoffnungen und Wünsche. Wäre ich Moslem, ich würde mich nur an den Kuran halten, nach dessen Lehren ein solcher Mahdi nicht erwartet werden kann.«

»Wieso? Wenn der Kuran nicht von einem Mahdi redet, so ist das doch kein triftiger Grund, anzunehmen, daß es keinen solchen geben kann und geben wird.«

»O doch, denn die Prophetologie des Kuran ist vollständig abgeschlossen. Nach Muhammeds eigenen Worten ist er der letzte Prophet, den Allah gesandt hat und senden wird; seine Lehre, der Islam, ist in sich vollendet und kann nicht durch Zusätze ergänzt oder gar verbessert werden, und nach ihm wird, wie er sagt, nur einer kommen, nämlich Isa Ben Marryam, und zwar am jüngsten Tage, an welchem er sich auf die Moschee der Ommijaden in Damaskus niederlassen wird, um zu richten die Lebendigen und die Toten. Ganz abgesehen davon, daß Muhammed da den Heiland der Christen als Weltenrichter hoch über sich selbst stellt, macht er damit eure Mahdi-Hoffnung ganz und vollständig zu schanden.«

»Das sprichst du als Ungläubigen«

»Nein, sondern als Kenner des Islam, als welcher ich mich in die Anschauung eines Moslem gedacht habe. Wenn jetzt ein Mahdi erstände, welcher beabsichtigte, die sogenannten Ungläubigen, falls sie sich nicht von ihm bekehren ließen, zu vernichten, so wäre das einfach lächerlich. Es giebt weit über tausend Millionen Menschen, welche nicht Muhammedaner sind; ich will aber nur von uns Christen sprechen. Wie wollte euer Mahdi es anfangen, uns zu vernichten?«

»Mit Feuer und Schwert!«

»Er mag kommen! Und das ist es ja eben, daß er gar nicht kommen kann, nämlich nicht zu uns. Kann eine Quelle der Wüste sich herausnehmen, zum Nile zu kommen, um ihn zu verschlingen? Kann sie die Wüste überwinden und dann die Felsenberge, durch welche sie vom Nile getrennt wird? Sie muß, sobald sie sich aus der Oase hervorwagt, schamrot im Sande verlaufen.«

»Allah wird ihre Wellen mehren und ihre Kräfte stärken, daß sie tausendmal breiter wird als der Nil!«

»Gott ist allerdings allmächtig; aber er läßt nicht der Überhebung eines Moslem zuliebe ein Meer aus dem dürren Boden quellen und die Höhen der Gebirge überfluten.«

»Ihr kennt uns nicht. Wir sind unwiderstehlich, wenn wir uns im Kriege über eure Länder ergießen!«

»Pah! Euer Strom würde elend versiechen, noch lange ehe er unsere Grenzen erreichte. Kennt ihr unsere Länder? Wo liegen sie? Kennt ihr unsere Völker, unsere Einrichtungen, unsere Heere? Ein Wüstenfloh hat den Gedanken, mit den Elefanten und Flußpferden des Sudan, den Büffeln und Bären Amerikas, den Löwen und Tigern Indiens anzubinden! Wahnsinn! Und kämt ihr zu Hunderttausenden, so hast du gar keine Ahnung, wie schnell wir mit euch aufräumen würden.«

»Allah’l Allah! Hast du einmal einen Moslem im Kampfe gesehen? Wir würden euch im Augenblick zermalmen!«

»Aber einen Augenblick vorher würdet ihr aus den Mündungen unserer Gewehre und Kanonen bis auf den letzten Mann den Tod getrunken haben. Ehe du vom Zermalmen redest, besuche die Länder der Christen, um da Umschau zu halten! Du redest wie der Fisch vom Wüstensturm; sobald er nur aus dem Wasser kommt, ist’s mit ihm vorbei. Zähle die Millionen und aber Millionen Krieger, welche wir haben. Und was sind das für Männer! Was sind zehn von euch gegen einen von ihnen! Du fragst mich, ob ich einen Moslem im Kampfe gesehen habe. Nicht einen, sondern viele sah ich schon. Ich selbst habe mit Moslemin gekämpft und wundere mich sehr, daß du mich so fragen kannst. Nimm doch das nächste Beispiel, welches dir zur Verfügung steht, nämlich mich selbst! Man wollte und will mich hier verderben. Ist es gelungen? Sind diese großen Helden nicht alle in ihre eigenen Gruben gefallen? Ich bin der einzige Christ unter euch. Sagt Abd Asl nicht selbst, daß ich mehr zu fürchten sei, als alle Asaker zusammen? Man wollte mich fangen. Was geschah? Ich habe diese sechzig tapfern Moslemin gefangen, und zwar hier, wo sie daheim sind und alle Verhältnisse kennen. Dein Mahdi mag kommen, um uns zu vernichten. Meinst du, daß wir uns gegen ihn zu wehren brauchten? O nein! Wir würden lachen, nur lachen, und vor dem Schalle dieses Spottgelächters würde er samt seinen Helden Hals über Kopf davonlaufen.«

»Du nimmst den Mund sehr voll, Effendi; aber wenn du ihn kommen sähest, so würden deine Zähne vor Entsetzen aufeinander klappen.«

»So? – Hat er ein so fürchterliches Angesicht?«

»Ja, du hast keine Ahnung davon, wie schrecklich er sein kann.«

»Aber du hast diese Ahnung? – So kennst du ihn?«

»Gerade weil du nicht glaubst, daß ein Mahdi kommen wird, gerade weil du über ihn spottest, will ich dir diese Frage beantworten: ja, ich kenne ihn.«

»So, ist er also schon da?«

»Er ist schon da und hat bereits von Allah die Weisung empfangen, sich auf die Eroberung der Erde und die Vernichtung der Ungläubigen vorzubereiten.«

»Willst du ihm einen guten Rat von mir überbringen?«

»Welchen?«

»Er mag in Ruhe und Frieden seine Herde weiden oder sein Feld bebauen, aber in Allahs Namen auf seine eingebildete Prophetie verzichten. Er ist in einer gewaltigen Selbsttäuschung befangen, in einem Selbstbetruge, welchen seine Anhänger, falls er welche fände, mit ihrem Eigentume, ihrem Leben bezahlen würden.«

»Du täuschest dich, aber nicht er sich! Seine Sendung ist ihm von Allah geworden, und er wird dem Befehle, der vom Himmel kam, gehorchen.«

»So will ich dir sagen, was er zu erwarten hat. Er wird sich zunächst gegen den Vicekönig empören. Vielleicht gelingt der Aufstand. Chartum ist weit von Kahira entfernt, und ehe der Khedive Truppen sendet, kann dem Mahdi die an den Nilarmen liegende Gegend zugefallen sein, aber gewiß nur für kurze Zeit; er wird sie bald wieder räumen müssen.«

»Gewiß nicht! Er verachtet den Khedive und wird ihn unterjochen. Dann wird er Mekka nehmen und hernach nach Stambul ziehen, um den Sultan abzusetzen und sich als den wahren Beherrscher der Gläubigen auszurufen.«

»Das wird er bleiben lassen! Du hast ja nicht die mindeste Ahnung von den Verhältnissen, mit denen er zu rechnen hätte und von den Hindernissen, auf welche er stoßen würde. Hier am obern Nile, ja, da könnte er ein wenig Krieg spielen; aber sobald er die Nase über die nubische Grenze steckte, würde man ihn darauf klopfen.«

»Wer?«

»Diejenigen Mächte, welche nicht zugeben können, daß der Vicekönig oder gar der Sultan abgesetzt wird. Es giebt noch ganz andere Kerle, als der Mahdi sein würde, welche es nicht gern sehen, daß der Sultan in Stambul sitzt. Da ist zum Beispiel der Kaiser von Rußland, welcher Stambul gern für sich haben möchte. Er hat gar nicht weit dorthin, denn sein Reich stößt an die Türkei; er besitzt mehrere Millionen Soldaten und nimmt Stambul doch nicht weg, und zwar nicht etwa aus Angst vor den Türken, den Muhammedanern, sondern weil andere, christliche Fürsten es nicht erlauben würden. Und was der große Zar nicht fertig bringt, das soll der Mahdi fertig bringen? Das wäre, wie wenn ein Kind die Hand nach dem Monde ausstreckt; es mag nach ihm verlangen, es mag jammern und schreien, aber es kann ihn eben auf keinen Fall bekommen. Sage also dem Manne, daß es nichts mit diesem Plan ist. Und auch hinter dem Khedive stehen Mächte, welche ihn nicht fallen lassen werden. Ein Mahdi würde höchstens bis Assuan kommen, dort aber auf europäische, also auf christliche Truppen stoßen, an deren Kanonen und Bajonetten seine Macht zerschellen müßte.«

»Wie aber nun, wenn er im Heere des Khedive einen Freund hätte, auf den er sich verlassen kann?«

»Da meinst du jedenfalls einen hohen Offizier, der bereit ist, sich in Kahira zu empören, sobald der Mahdi sich in Chartum erhebt?«

»Ja.«

»Selbst wenn dieser Offizier zunächst Glück hätte, es würde ihn sehr bald verlassen, denn es würden europäische Truppen landen, denen er mit seinen Anhängern nicht gewachsen wäre.«

»Wenn er sie nun aber nicht landen ließe?«

»Was kann er dagegen thun? Sie landen unter dem Schutze ihrer Schiffe.«

»Die zerstört er!«

»Womit? Wie denn? Das sind keine hölzernen Nilbarken, sondern ungeheure Riesenpanzer aus Stahl. Eure Kugeln prallen davon ab; ihre Kanonenkugeln aber, welche fast bis nach Kahira fliegen, säubern in einer Viertelstunde die ganze Gegend. Wollte dein Mahdi den Sudan erobern, um die heidnischen Schwarzen zum Islam zu bekehren, so hätte er es mit Menschen und Verhältnissen zu thun, die er vielleicht kennt, und es wäre am Ende ein Gelingen möglich; aber von anderen Eroberungen mag er die Hände lassen, wenn er nicht tüchtig darauf geklopft sein will. Ein Mahdi, welcher den Erdkreis erobern will, müßte die Summe aller gegenwärtigen europäischen Bildung nicht nur in sich tragen, sondern dieselbe sogar noch überragen. Wo giebt es hier einen solchen Mann?«

»Es giebt einen!« antwortete er in selbstbewußtem Tone, »welcher zehnmal gescheiter ist, als ihr Europäer alle miteinander.«

»Hm! Meinst du etwa dich selbst? Fast klingt es so.«

»Wen ich meine, das werde ich natürlich nicht sagen; aber Allah hat ihm den Geist, die Kenntnisse und alle Eigenschaften, welche zu einer so heiligen Sendung gehören, gegeben, und es wird gar bald die Zeit kommen, in welcher die Kunde von ihm in alle Länder erschallt und alle Kaiser, Könige und Fürsten Boten zu ihm senden, um ihm Geschenke zu geben und ihn um Frieden zu bitten. Darauf kannst du dich bei meinen heiligsten Schwüren verlassen!«

»Was das betrifft, so habe ich oft und auch heute wieder erfahren, was die Schwüre eines Moslems gelten. War dies alles, was du mir zu sagen hattest?«

»Ja. Ich wollte die Ansicht eines unterrichteten Christen über die Sendung des Mahdi hören.«

»Du hast sie gehört. Dann habe auch ich dich um etwas zu fragen. Wovon hast du mit dem alten Abd Asl gesprochen?«

»Von einem großen Fehler, den er einmal begangen hat. Er bat mich, denselben gut zu machen.«

»Wirst du das thun?«

»Ja.«

»Es fragt sich aber wohl, ob du das thun kannst.«

»Ich kann es, denn er hat mir die nötigen Anweisungen gegeben.«

»Darf ich davon erfahren?«

»Warum, Effendi? Es war die Beichte eines Sterbenden, und du selbst bist so zartfühlend gewesen, es nicht hören zu wollen. Willst du jetzt auf einmal diese Großmut bereuen?«

»Nein; aber ich befürchte, daß diese Angelegenheit mir nicht gleichgültig sein kann.«

»Sie geht dich ganz und gar nichts an.«

»Es wird nichts gegen mich geplant?«

»Wie kommst du zu dieser Frage? Du hast mir das Leben gerettet, und ich bin dir Dankbarkeit schuldig. Darum würde ich dich sicher warnen, wenn Abd Asl etwas gegen dich vorhätte.«

»Aber er ist dein Freund!«

»Meine Dankbarkeit gegen dich steht mir höher als diese Freundschaft. Ich bitte dich, mir zu vertrauen!«

»Ich traue nur dem, den ich vollständig kenne; dich aber habe ich heute zum erstenmal gesehen.«

»So thut es mir leid, daß du jetzt nicht Zeit finden wirst, mich besser kennen zu lernen. Ich habe ausgeruht und werde jetzt meine Reise nach Chartum fortsetzen. Ich bitte dich, mir eins der Kamele auszuwählen.«

»Das werde ich thun, doch erst beim Anbruch des Tages.«

»Jetzt nicht? Du hast es mir ja doch versprochen!«

»Allerdings, und ich werde mein Versprechen auch halten.«

»So kann es dir gleich sein, ob du mir das Kamel jetzt oder später giebst.«

»Dir ebenso.«

»Nein, denn ich muß jetzt fort.«

»Und ich bin überzeugt, daß du erst am Morgen abreisen wirst.«

»Ich sage dir aber, daß – –«

»Und ich sage dir,« unterbrach ich ihn in scharfem Tone, »daß mir das, was du sagst, sehr gleichgültig ist. Ich weiß ganz bestimmt, daß du hier bleibst, bis wir auch aufbrechen.«

»Effendi, was fällt dir ein! Ich weiß, was ich will. Oder sollte ich etwa nicht mehr Herr meines Willens sein?«

Ich war aufgestanden; auch er sprang auf und stellte sich mir drohend gegenüber.

»Ich lasse dich nicht fort.«

»Mit welchem Rechte?«

»Mit dem Rechte des Stärkern. Ich bin Gebieter an diesem Brunnen, und zu allem, was hier geschehen soll, habe ich meine Erlaubnis zu geben.«

Er hatte seine Flinte in der Hand. Ich hielt mich auf alles gefaßt, am meisten darauf, daß er plötzlich davoneilen werde. Da ich mein Gewehr an meinem Platze zurückgelassen hatte, konnte er der Ansicht sein, daß ihm die Flucht, ohne daß ihm eine Kugel folgte, gelingen werde.

»Du hast mir ein Kamel versprochen, damit ich weiterreiten kann,« sagte er in sehr bestimmtem Tone. »Ich verlasse mich auf dein Wort.«

»Du wirst es bekommen und kannst weiterreiten, doch wann, davon ist nicht die Rede gewesen. Du wirst in der Frühe mit uns aufbrechen.«

»Ich habe es aber so eilig, daß ich nicht auf euch warten kann!«

»Warum hast du das früher nicht gesagt? Da schienst du es nicht so eilig zu haben. Übrigens werden wir sehr schnell reiten, und du versäumst also nichts, wenn du bis zu unserm Aufbruche wartest.«

»Effendi, ich brauche keine Reisegesellschaft und keine Beschützer, denn ich reise allein viel sicherer, als in Begleitung eines Christen, dessen Gegenwart mich nur in Gefahr bringen kann.«

»Es sind Asaker dabei; das ist etwas ganz anderes. Ich muß wirklich darauf dringen, daß du wartest, bis wir mitreiten.«

»Mit welchem Recht behandelst du mich als deinen Gefangenen?« fuhr er auf.

»Mit dem Rechte, welches ein jeder besitzt, der auf seine Sicherheit, auf sein Leben bedacht sein muß.«

»Bedrohe ich etwa, indem ich fortgehe, deine Sicherheit oder gar dein Leben?«

»Ja.«

»Allah ‚l Allah! Mir das! Mir, dem Mahdi, vor welchem Millionen im Staube liegen werden!«

»Ah, jetzt bekennst du Farbe! Du also bist der Auserwählte, zu welchem Allah gesprochen hat! Du willst den Khedive und den Sultan absetzen? Du willst die Erde erobern und die Christen vernichten? Du willst die unvollendete Sendung des Propheten vollenden und das Schwert des Islam von einem Ende der Welt zum andern tragen?«

Bei jeder dieser Fragen ließ ich den Blick von oben herab und dann wieder von unten herauf über seine Gestalt schweifen, betonte das Wort Du sehr kräftig und fügte dann hinzu:

»Aufrichtig gestanden, du hast mir gar nicht das Aussehen eines Mannes, der auch nur zehn Asaker zu kommandieren vermag, und du willst die Gläubigen, ja sogar den ganzen Erdkreis beherrschen?!«

»Spotte nicht, denn es würde dir schlecht bekommen. Ich bin vom Geiste erleuchtet und weiß alle Dinge. Ich weiß, was geschehen ist und was geschehen wird und sehe die Scharen aller Sterblichen schon im voraus um mich versammelt.«

»So, du weißt also alles, was geschehen ist und kannst auch in die Zukunft blicken? Da hast du ja ganz dieselben scharfen Augen wie ich! Wir wissen also beide, daß du nicht nach Chartum, sondern zur Dschesireh Hassanieh willst, um Ibn Asl aufzusuchen. Weißt du denn auch, daß ich eher dort sein werde als du? Deine Dankbarkeit gegen mich ist wirklich groß, so groß, daß ich dich aus lauter Liebe gar nicht von mir lassen werde. Du wirst bei uns bleiben und – –«

Ich kam nicht weiter, denn er drehte sich plötzlich um und sprang davon, dem Rande der Lichtung zu. Ich war schnell hinter ihm her, ereilte ihn und faßte ihn am linken Arme. Er hatte die Flinte in der rechten Hand und holte aus, um mir den Kolben vor die Brust zu stoßen. Da riß ich ihn zur Erde nieder und kniete auf ihm, um ihn festzuhalten. Der Mann schäumte förmlich vor Wut und erging sich in Schimpfreden, welche eines zukünftigen Mahdi allerdings nicht würdig waren. Ich hatte überhaupt seine ganze Rede von der »Sendung« nicht für wirklichen Ernst genommen.

Die Asaker waren nicht wenig darüber erstaunt, daß ich so plötzlich den Fakir el Fukara als Feind behandelte; als ich sie aber über seine Absicht, uns an Ibn Asl zu verraten, aufklärte, hätten sie ihn, den Undankbaren, am liebsten umbringen mögen.

Unser Reiseziel mußte durch das, was ich erfahren hatte, ein ganz anderes werden. Es galt jetzt, dem Reïs Effendina beizustehen; er mußte, falls es noch Zeit dazu war, gewarnt, und wenn es zu spät war, aus den Händen Ibn Asls gerettet werden. Eile that not, und da der Transport der Gefangenen nicht so schnell vor sich gehen konnte, beschloß ich, voran zu reiten und zwar sofort, ohne vorher geschlafen zu haben.

Es war nicht geraten, ganz allein zu sein; aber wen sollte ich mitnehmen? Einen Askari? Nein. Ich ging Verhältnissen entgegen, welche sehr wahrscheinlich keine gewöhnlichen waren. Es war List, wohl auch Entschlossenheit und Mut erforderlich, und so bedurfte ich eines Begleiters, auf den ich mich in dieser Beziehung verlassen konnte. Zwar hätte ich gern Ben Nil das Kommando über die Asaker gegeben; ihm traute ich es zu, den Zug glücklich ans Ziel zu bringen, aber mir war er noch notwendiger. Besser, die Gefangenen entkamen, als daß dem Reïs Effendina ein Unglück geschah. Darum forderte ich Ben Nil auf, mit mir zu reiten, und übergab dem ältesten der Asaker den Befehl über dieselben. Er hatte einen erfahrenen Gehilfen an dem Fessarah-Führer, welcher die Karawane nach dem Dorfe Hegasi, welches in der Nähe der Insel Hassanieh liegt, bringen sollte. Dort wollte ich sie erwarten. Ich gab ihm seine berühmte Visionsflinte zurück, worüber er in außerordentliche Freude geriet.

»Effendi“, jubelte er, »deine Seele quillt vor Gnade über und deine Barmherzigkeit erquickt mein Herz. Verlaß dich auf mich, und habe keine Sorge; ich werde die Asaker samt den Gefangenen glücklich nach Hegasi führen. Reite also getrost, und Allah segne deine Pfade und beschütze dich!«—

In der Wüste

In der Wüste

Korosko! Ein berühmter, weit bekannter Name, und doch welch eine elende Ortschaft! Dieses nubische Dorf wird von Felsenbergen umgeben, deren nackte Abhänge wie Blechblenden die heißen Sonnenstrahlen sammeln und niederwerfen. Kein Mensch würde hier wohnen; aber bei diesem Orte verläßt der Nil – aufwärts gerechnet – seine bisherige Richtung und windet sich in einem mächtigen Bogen durch die felsige Gegend, welche Batn el Adschar, Bauch der Steine, genannt wird. In diesem Bogen giebt es mehrere Stromschnellen und Katarakte, welche die Schiffbarkeit des Stromes, wenn nicht unterbrechen, so doch sehr hemmen. Die Fahrzeuge müssen ausgeladen, an Seilen durch die Stromengen gezogen und dann wieder beladen werden, was nicht nur große Mühe, sondern auch bedeutenden Zeitverlust verursacht. Darum pflegt man von Korosko aus den großen Bogen, anstatt ihn zu Wasser mitzumachen, zu Lande abzuschneiden und so die Reise um ein Beträchtliches zu kürzen. Dieser Landweg ist ungefähr 400 Kilometer lang und führt durch die Atmur, wie die zwischen Korosko und Berber gelegene nubische Wüste genannt wird. Da der erstgenannte Ort der Ausgangspunkt dieser Wüstenreise ist, so hat man dort sein Gepäck zu ordnen, Kamele zu mieten, die letzten Einkäufe zu machen und vieles andere mehr. Dies giebt dem Orte einige Bedeutung, und dennoch besteht er nur aus höchstens fünfzehn elenden Hütten und einem Khan, in in welchem man übernachten kann. Auch eine Moschee giebt es da, deren Minaret wie ein Taubenhaus gebaut ist. Das sogenannte Postgebäude ist das einzige, welches sich einer verschließbaren Thüre zu rühmen vermag. Am Wasser stehen einige Schuppen, die mit Matten und alter Sackleinwand gedeckt sind. Das sind die Comptoire und Niederlagen der arabischen Händler, welche die Erzeugnisse des Sudans gegen diejenigen Europas umsetzen.

Der erwähnte Wüstenweg mündet bei Abu Hammed wieder auf den Nil. Er war ganz in Vergessenheit geraten. Da erteilte Mehemmed Ali einem kleinen Ababdeh-Häuptlinge den Auftrag, ihn wieder aufzufinden. Der Ababdeh löste diese schwierige Aufgabe ohne Kompaß und andere Instrumente, und dafür wurden er und seine Nachkommen zu Schechs des Wüstenstreifens ernannt. Sein Sohn hieß Hammed Khalifa und zeigte sich als absoluten Beherrscher der Wüste und Karawanen. Er erhob für jedes Kamel einen kleinen Zoll und bürgte dafür für die Sicherheit des Lebens und des Eigentumes der Reisenden. Aus diesem Grunde reiste man durch den Atmur bedenkenloser als durch andere Wüstenstrecken. Und doch reichte auch die Macht dieses Schechs nicht ganz hin, die garantierte Sicherheit zu einer vollständigen zu machen. – – –

Murad Nassyr, mein dicker Türke, war endlich mit seinem Sandal in Siut angekommen und hatte mich, Ben Nil und Selim an Bord genommen. Er erfuhr natürlich sofort, was wir erlebt hatten, und konnte gar nicht begreifen, daß der Haß Abd el Baraks so große Dimensionen angenommen hatte. Natürlich zeigte er sich sehr erfreut darüber, daß ich keinen Schaden davongetragen hatte. Als ich ihm mitteilte, daß ich die Bekanntschaft des Reïs Effendina gemacht hatte, schien er einigermaßen verstimmt darüber zu sein, und ich nahm mir vor, dieses Thema nicht wieder zu erwähnen.

Die Fahrt von Siut nach Korosko kam mir nicht langweilig vor. Es gab so viel zu sehen, zu hören, zu beobachten. Ich saß mit Murad Nassyr unter dem Zeltdache und mußte ihm, wenn er bei guter Laune war, von meinen Erlebnissen erzählen. Er schien es darauf abgesehen zu haben, meine Vergangenheit genau kennen zu lernen, und oft ruhte sein Blick mit einem Ausdrucke auf mir, welcher mich erraten ließ, daß er etwas Wichtiges mit mir vorhabe, aber noch nicht mit sich im reinen sei, ob er es mir mitteilen solle oder nicht.

Seine Schwester sah ich täglich öfters, allerdings nur tief verschleiert. Ihre zwei schwarzen Dienerinnen verhüllten die Gesichter nicht; die beiden weißen aber thaten es, wenn auch nicht mit der Strenge wie ihre Gebieterin. Einst, als der Wind den Schleier Fatmas, der Köchin und Lieblingsdienerin, zur Seite wehte, erblickte ich das Gesicht derjenigen, deren Haare ich im Pillaw gefunden hatte, und ich kann sagen, daß dasselbe ein sehr gewöhnliches war. Das Gesicht der Herrin aber hätte ich sehr gern einmal gesehen.

Wenn sie sich auf dem Deck erging und ich, dasselbe thuend, ihr begegnete, so durfte ich sie grüßen und erhielt einige Worte der Erwiderungvon ihr. Sie erlaubte und that dies, weil sie mir zur Dankbarkeit verpflichtet war. Ihr Bruder sagte mir, daß die Zierde ihres Hauptes wieder zu wachsen beginne. Mein Haarmittel hatte gewirkt. Ihre Stimme war ein sanfter, reiner, tiefer Alt, welcher sehr sympathisch klang.

Wenn ich geglaubt hatte, etwas Näheres über Murad Nassyrs Verhältnisse zu erfahren, so hatte ich mir dies leichter vorgestellt, als es war. Er hielt in dieser Beziehung sehr zurück und schien mich erst genauer kennen lernen zu wollen.

Als wir in Korosko ankamen, verließen wir das Schiff. Der Reïs sollte es über die Katarakte wegbringen, während wir die schnellere Landreise machen wollten. Wir waren zusammen neun Personen, nämlich Murad Nassyr, seine Schwester, ich, vier Dienerinnen, Ben Nil und Selim. Da der Sandal sofort weiter segelte, mußten wir im Orte Quartier nehmen. Wir zogen also in den Khan, wo die Damen vollständig abgesondert logierten.

Das waren langweilige Tage. Wir brauchten Kamele, und es wurden keine gebracht. Die Beduinen ließen uns warten, um recht hohe Löhne von uns zu erpressen. Um mir die Zeit zu vertreiben, schoß ich in den wenigen und sehr lichten Palmengärten nach Tauben oder setzte mich in den lieben Nilschlamm, um zu fischen, was in der Hitze jener Gegend keine Erholung ist. Abends saßen wir rauchend zusammen, um die Kühle zu genießen, und es ist wahr, die Nächte sind dort von einer solchen Temperatur, daß man einen wollenen Überrock recht wohl vertragen könnte.

Es war am dritten Tage des Abends. Wir saßen wieder beieinander, nämlich Murad Nassyr und ich, und ich hatte ihm einige Kapitel aus der biblischen Geschichte erzählt, wofür er sich zuweilen interessierte, da fragte er mich:

»Warum dürft ihr nicht mehrere Frauen nehmen?«

»Das ist sehr einfach. Weil Gott dem Adam nur eine gab.«

»Dürftest du eine Heidin oder eine Muhammedanerin beiraten?«

»Nein.«

»O Allah! Was ist den Christen nicht alles verboten! Wir fragen unsere Frauen nicht, was sie glauben, denn das Weib hat keine Seele. Wenn du nun eine Muhammedanerin liebtest? Würdest du auch diese nicht nehmen?«

»Vielleicht, ja; aber sie müßte Christin werden.«

»Das würde ihr nicht einfallen, sondern sie würde von dir verlangen, Moslem zu werden.«

»Das würde nun wieder mir nicht einfallen.«

»Wenn sie nun sehr schön wäre?«

»Auch dann nicht.«

»Und dazu sehr reich?«

»Nein.«

»Aber du bist doch arm!«

»Du irrst. In meinem Glauben bin ich reich. Ich tausche mit keinem Menschen.«

Er sah einige Zeit vor sich nieder, betrachtete dann mich eine Weile und fuhr nachher fort:

»Ich habe dir schon früher gesagt, daß ich dich gesehen habe und von dir sprechen hörte. Du bist ein Mann für mich, und ich wünsche, dich an mich zu fesseln. Erlaube, daß ich dir etwas zeige!«

Er zog ein Portefeuille aus der Tasche, öffnete es und hielt mir es dann hin. Ich sah ein ganzes Paket hoher Noten der englischen Bank.

»Weißt du, welchen Wert diese Scheine haben?«

»Es ist ein Vermögen.«

»Und trotzdem ist das nur ein kleiner Teil dessen, was ich besitze. Und nun will ich dir noch etwas zeigen. Aber von dem, was du jetzt zu sehen bekommst, sollst du ja nicht sprechen. Komm!«

Ich sah, daß die Entscheidung gekommen sei. Er wollte mich für sich gewinnen, wozu und zu welchem Zweck, das mußte ich abwarten. Wir verließen sein Gemach, in welchem wir uns befanden, traten in den Hof hinaus und gingen zu der Thüre, welche in die Räume führte, die von seiner Schwester und deren Dienerinnen bewohnt wurden. Er klopfte an; eine Schwarze öffnete. Er sagte ihr einige leise Worte, und wir wurden eingelassen. Er führte mich zu einer innern Thüre, zeigte auf dieselbe und sagte:

»Tritt ein! Ich werde dich hier erwarten.«

Unter Thüre darf man hier nicht das verstehen, was wir uns unter diesem Worte denken, sondern dicke Palmenmatten, welche beliebig fortgeschoben oder auch ganz weggenommen werden können. Ich schob die Matte zur Seite und trat ein. Was ich sah, das mußte mich in ein nicht geringes Staunen versetzen. Auf einigen übereinander gelegten Teppichen lag ein junges Mädchen von vielleicht siebzehn Jahren. Den linken Arm, in dessen Hand der Kopf ruhte, hatte sie auf ein Kissen gestemmt. Sie trug weite und bis an die Knöchel reichende Frauenhosen; die nackten Füße steckten in Samtpantoffeln; den Oberleib verhüllte eine Art Jäckchen, welches von roter Farbe und reich mit Gold gestickt war, und darüber fiel vom Halse bis auf die Füße ein schleierartiges Oberkleid. Das Haar, in welchem Perlen und goldene Münzen funkelten, war in lange Zöpfe geflochten. An allen Fingern glänzten Ringe. Die Wimpern und Brauen waren mit Khol gefärbt und die Fingernägel mit Hennah gerötet.

Das Gesicht – – ah, dieses Gesicht! Wenn von einer orientalischen Schönheit gesprochen wird, so stellt man sich, um mit dem Dichter zu sprechen, ein »nächtig-, mächtig-prächtiges« Wesen vor, mit den Zügen einer Kleopatra, Emineh oder Schefaka. Und hier – –? Auf den Jahrmärkten meiner Vaterstadt hielt gewöhnlich ein Mädchen aus dem erzgebirgischen Beierfeld Reibeisen und blecherne Löffel feil, welches ein ganz eigenartiges Gesichtchen hatte, so klein und zusam-mengedrückt, eine zwei Finger schmale Stirn, ein Näschen wie eine trockene Zwetschge, nur nicht schwarz, kleine, schmale Lippen, Öhrchen wie ein Mäuschen und Äuglein so klein und so lustig und listig wie – na wie eben auch ein Mäuschen. Ich hatte dieses Gesichtchen nie vergessen können. Und nun lag es da vor mir, dieses Beierfelder Mäuschen, aber in orientalischem Gewande. Es blickte mich aus dem unverschleierten Gesicht halb verschämt, halb erwartungsvoll an und sagte kein Wort.

Aufrichtig gestanden, ich war ein wenig das, was man perplex zu nennen pflegt. So eine Überraschung hatte ich nicht erwartet, und daher kam es, daß ich mich zu der nicht eben geistreichen Frage gedrängt fühlte:

»Wer bist du?«

»Kumra,« antwortete sie.

Dieser türkische Name bedeutet Turteltaube. Sie hatte ihn mit einer tiefen Altstimme ausgesprochen, was mich zu der zweiten Frage veranlaßte:

»Die Schwester Murad Nassyrs?«

»Ja, Effendi.«

»Wußtest du, daß ich kommen würde?«

»Mein Bruder sagte es mir.«

»Bist du wieder krank? Wünschest du, eine Arznei zu haben?«

»Nein. Du hast den Glanz meines Hauptes wieder hergestellt, und weiter fehlt mir nichts.«

»So sage mir, weshalb du mich sehen wolltest!«

»Wolltest? Ich sollte dich sehen. Mein Bruder wünschte es.«

»Nun, so sieh mich einmal an, aber so genau wie möglich!«

Ich stellte mich nahe vor sie hin und drehte mich schnell dreimal um meine eigene Achse. Es flog ein fröhliches Lächeln über ihr Gesichtchen, als sie sagte:

»O Effendi, ich habe dich ja schon so oft gesehen; ich wollte sagen, daß du mich sehen solltest, nicht ich dich.«

»Ah! Warum?«

»Mein Bruder wird es dir sagen.«

»So darf ich wohl fragen, ob die gegenwärtige Audienz zu Ende ist?«

»Ja, sie ist beendet. Er wird dich erwarten.«

Ich verbeugte mich auf orientalische Weise und trat wieder hinaus. Da stand Murad Nassyr, nahm mich beim Arme und führte mich wieder in seine Stube hinüber. Wir setzten uns wie vorhin neben einander, brannten unsere Pfeifen an, und dann entfuhr seinen Lippen das fragende Wörtchen:

»Nun – –?«

»Was – –?« fragte ich zurück, da mir nichts Besseres einfiel.

»Sahst du sie in all ihrer Schönheit und Lieblichkeit?«

Ich dachte an das Beierfelder Mäuschen und antwortete, leider vollständig gegen meine Überzeugung:

»Wunderbar!«

»Nicht wahr, sie ist herrlich?«

»Wie die Morgenröte!«

»Ein wahrer Sonnenstrahl! Noch kein unberufenes Auge hat ihr Angesicht geschaut. Du bist außer ihrem Bräutigam, welchem ich sie zuführe, der einzige, welchem eine solche Gnade zu teil wird.«

»Warum gerade mir diese Gnade?«

»Weil sie eine Schwester hat.«

»Ah – sie – hat eine – –?«

»Ja, eine Schwester, welche um ein Jahr jünger ist und ganz dieselben Züge besitzt, das schöne Näschen, die funkelnden Augen, alles, alles ist genau dasselbe. Hörst du, was ich sage?«

Er bemerkte jedenfalls, daß ich etwas nachdenklicher oder vielmehr, daß mein Gesicht bedeutend länger geworden war.

»Ich höre es,« antwortete ich.

»Und verstehst du es auch?«

»Deine Güte ist heute so unendlich groß, daß ich sie weder verstehen noch begreifen kann.«

»Das höre ich nicht gern. Es fällt mir nicht leicht, dir das zu sagen, was du nicht begreifst.«

»So sage es nicht. Du brauchst dir keine Schmerzen zu verursachen.«

»Aber du sollst und mußt es wissen, und wenn du es nicht errätst, so muß ich es dir doch sagen. Ich teilte dir bereits mit, daß ich dich an mich zu fesseln beabsichtige. Weißt du, daß meine Schwestern reich sind?«

»So ist Allah gegen dich freundlicher gewesen als gegen mich. Ich habe keine reichen Schwestern.«

»Die brauchst du auch nicht, da du eine sehr reiche Frau haben wirst.«

»Freund, das ist mir bisher unbekannt gewesen; habe ich doch noch nicht daran gedacht, mir ein Weib zu nehmen.«

»Auch das ist nicht notwendig. Du brauchst es dir nicht zu nehmen, denn du bekommst es von mir.«

»Behalte es, behalte es! Meine aufrichtige Freundschaft für dich verbietet mir, dich zu berauben.«

»Du beraubst mich nicht, denn ich gebe dir nicht eine von meinen Frauen, sondern meine jüngere Schwester.«

O weh! In was für eine Beißzange war ich da geraten! Ich fühlte es förmlich, wie er sie fester und fester zusammendrückte. Wie konnte ich mich befreien? Er handelte gegen alle orientalische Gewohnheit und Tradition, ob aus Freundschaft oder aus Eigennutz, das blieb sich gleich. Eine Abweisung war eine großartige Beleidigung und mußte ihn mir zum Todfeinde machen. Wäre dieser Unglückselige doch nicht auf diesen Gedanken gekommen! Er konnte die jüngere Schwester, meinetwegen auch die ältere und alle eventuellen übrigen dazu dem Großsultan zum Geburtstage schenken! Und dabei ließ er mich nicht aus den Augen, sondern er hielt den Blick unausgesetzt auf mein Gesicht gerichtet, um aus demselben meine Gedanken zu erraten. Als ich aber gar nichts that und sagte, fragte er:

»Darf ich deine Meinung hören?«

»Meine Meinung ist, daß man mit so ernsten und wichtigen Dingen nicht scherzen soll.«

»Wer sagt dir, daß ich scherze? Es ist mein Ernst.«

»Unmöglich! Weil ich ein Christ bin.«

»Eben daraus magst du erkennen, daß ich dich sehr hoch schätze. Du sollst meine Schwester zum Weibe haben, ohne deinen Glauben ändern zu müssen.«

»Dann müßte sie dem ihrigen entsagen!«

»Auch das ist nicht notwendig. Man läßt den Kadi kommen; du sagst ›Bu benum‹ zu ihr; er unterschreibt, und dann ist sie dein Weib.«

»Das ist mir als Christ verboten. Nur diejenige kann als das Weib eines Mannes gelten, welche ihm vom Priester angetraut wurde.«

Schon glaubte ich, ihm entwischt zu sein, da aber meinte er:

»So laß sie dir antrauen!«

»Das geht nicht, da sie keine Christin ist.«

Er senkte den Kopf, machte ein finsteres Gesicht und schüttelte unmutig den Kopf. Ich war überzeugt, daß er sein abenteuerliches Anerbieten jetzt zurücknehmen werde, ja, zurücknehmen müsse, hatte mich aber auch jetzt vollständig verrechnet, denn er hob plötzlich den Kopf, schlug wie unter einem raschen Entschlusse die Hände zusammen und rief:

»Nun wohlan, so mag sie Christin werden! Die Frauen haben keine Seelen; sie kommen weder in den Himmel noch in die Hölle; da ist es ganz gleichgiltig, ob sie Allah oder Gott, ob sie Muhammed oder Christus sagen.«

Der gute Mann that ja über alle seine, aber noch mehr über meine Kräfte! Ich hatte nicht das geringste verlangt, und er erklärte sich zu den schwersten Zugeständnissen bereit. Was war zu machen? Am liebsten wäre ich davongelaufen; aber ich mußte bleiben und ihm pfiffig kommen. Schon wollte ich den Mund zu einer Ausrede öffnen, da forderte er mich auf:

»Also sage mir aufrichtig, ob Kumra dir wirklith gefallen hat!«

»Hältst du es für möglich, daß jemand das Gegenteil behaupten könne?«

»Nein, denn sie ist die Krone der Lieblichkeit und das Vorbild der Schönheit. Ich habe sie dir gezeigt, um dir einen Begriff von ihrer jüngeren Schwester zu geben. Diese wird dir wenigstens ebenso gefallen, und da du siehst, daß ich dir in allem entgegen komme, so wirst du jetzt mit Freuden deine Einwilligung geben. Hier ist meine Hand. Schlag‘ ein!«

Er streckte mir wirklich die Hand entgegen; ich zögerte natürlich, ihm die meinige zu geben, und antwortete:

»Nicht so schnell! Es giebt noch Verschiedenes zu bedenken.«

»Was noch? Ich habe ja in alles gewilligt.«

»In alles Bekannte; aber es giebt noch Unbekanntes. Haben deine Schwestern noch Vater und Mutter?«

»Nein. Ich bin ihr einziger Herr und Gebieter, und sie müssen thun, was ich ihnen befehle.«

»So laß derjenigen, von welcher du sprichst, Unterricht im Christentum erteilen. Sie muß unsere Lehre genau kennen lernen, denn sie wird darin exarniniert. Wenn sie das Examen nicht besteht, so muß sie Moslema bleiben und kann also nicht meine Frau werden. Ich kann dir also nicht eher eine bestimmte Antwort erteilen, als bis sie ihr Examen gemacht hat.«

Da sprang er zornig auf, fuchtelte mit dem Tschibuk hin und her und rief:

»Da mag der Teufel ein Christ sein, ich aber nicht! Wenn es für euch so schwer ist, in die Ehe zu kommen, um wie viel schwieriger muß es da sein, in den Himmel zu kommen. Aber du sollst sehen, daß ich meinen Plan doch durchsetze. Meine Schwester ist ein kluges Mädchen; sie ist fast klüger als ich selber; sie wird sich schnell in eure Lehre finden und ein sehr gutes Examen bestehen. Da das für mich über allen Zweifel erhaben ist, so werde ich dich bereits jetzt als ihren Gatten behandeln und dich in mein Geschäft einweihen, in welches du eintreten sollst.«

Da, da brach es also doch noch herein, was ich gefürchtet hatte! Das ferne Donnergrollen war vorüber, und nun zuckte der Blitz hernieder, den ich hatte abwenden wollen. Ich ahnte, was er mir vorschlagen werde; ich kannte meine Antwort voraus und wußte, daß dieselbe mich mit ihm entzweien müsse. Es war mir nicht mehr möglich, unter falscher Flagge zu segeln; ich mußte Farbe bekennen, und das schadete eigentlich auch gar nichts, da der Bruch doch früher oder später kommen mußte.

Er setzte sich wieder nieder, schien nach einem passenden Anfange zu suchen und fragte dann:

»Weißt du, welches Geschäft unter allen Geschäften die meisten Zinsen bringt?«

»Ja. Das Geschäft eines Attar

»O, ich kenne eins, welches noch viel mehr und viel schneller lohnt. Auch der Apotheker muß seine Waren kaufen und bezahlen; bei dem Geschäft aber, welches ich meine, erhält man sie umsonst.«

»So meinst du den Diebstahl, den Raub?«

»Du wendest zu harte Worte an.«

»Nein. Übrigens ist dieses Geschäft das allerschlechteste, welches ich mir denken kann, denn man bekommt die Waren nicht, wie du irrig meinst, umsonst, sondern man muß sie viel, viel teurer als jeden andern Gegenstand bezahlen.«

»Womit denn?«

»Mit der Ruhe des Gewissens und mit der ewigen Seligkeit. Das ist doch weit, weit mehr als Geld.«

»Du sprichst als Christ; ich aber denke und fühle als Moslem. Auch rede ich nicht vom gemeinen Raube oder Diebstahle.«

»Ich weiß es. Du meinst die Sklaverei.«

»So ist es.«

»Weißt du noch, was du mir über diesen Gegenstand in Kahira gesagt hast?«

»Ja, ich weiß es noch sehr genau.«

»Du sagtest: ›Jch kann gar nicht die Absicht haben, Neger zu fangen.‹ jetzt aber scheinst du anderer Ansicht zu sein.«

»Ich denke jetzt gerade so wie damals. Laß mich zu dem, was ich sagte, einige Worte hinzufügen! Ich meinte: Ich habe gar nicht die Absicht, Neger zu fangen, aber ich bin entschlossen, welche zu kaufen.«

»Das ist sogar noch schlimmer. Warum wird der Hehler strenger bestraft als der Dieb? Weil er den letzteren zum Diebstahle verführt. So auch in dem angegebenen Falle. Wenn es keine Sklavenhändler gäbe, würde es auch keine Sklavenjäger geben.«

»Du vergissest ganz, daß die Sklaverei eine geheiligte Einrichtung ist. Schon die Erzväter haben Sklaven gehabt, und wir Moslemin, welche den Glauben und die Gebräuche derselben noch heute besitzen, können ohne die Sklaverei gar nicht existieren.«

»Darüber ließe sich streiten; ich will es aber nicht thun. Ich verurteile die Sklavenjagden; das ist alles, was ich sage.«

»Verurteile sie, so viel du willst; ich habe nichts dagegen. Du sollst ja gar nicht jagen. Wenn du den Vorschlag hörst, den ich dir zu machen habe, wirst du ganz anders über diese Sache denken.«

»Gewiß nicht!«

»So höre mich nur! Ich kenne dich von früher und habe dich für einen kühnen, unternehmenden Mann gehalten. Was du nun in den letzten Wochen erlebt und gethan hast, das ist mir ein Beweis, daß du jede Gefahr beherrschest und selbst aus den schlimmsten Lagen einen Ausweg findest. Darum mache ich dir meine Mitteilungen, die du erst später hören solltest, schon jetzt. Ich werde so kurz wie möglich sein.«

»Das ist mir lieb.«

»Also: ich kenne einen berühmten Sklavenjäger, welcher – –«

»Meinst du etwa Ibn Asl ed Dschasuhr?« unterbrach ich ihn.

»Wen ich meine, das kann ich dir nur in dem Falle sagen, daß du auf meinen Vorschlag eingehest. Mit diesem Manne bin ich in Verbindung getreten. Ich werde mich seiner und seiner Ehrlichkeit gegen mich dadurch versichern, daß ich ihm meine älteste Schwester zur Frau gebe.«

»Hat er sie verlangt?«

»Ja. Wir sind miteinander darüber einig geworden. Ich werde in der Nähe von Chartum einige Stationen gründen, heimlich natürlich, da der Sklavenhandel verboten ist. Unterdessen geht der Mann meiner Schwester auf die Jagd und bewahrt seine Beute an gewissen Stellen des Stromes auf. Es giebt da Inseln und Buchten, welche unzugänglich sind. Diese besuchst du, um die Sklaven dort abzuholen und mir zu bringen. Das ist deine Arbeit. Dafür bekommst du meine jüngere Schwester zur Frau und den dritten Teil des Gewinnes als Lohn. Außerdem habe ich dir schon gesagt, daß meine Schwestern reich sind.«

Ich hatte einen ähnlichen Antrag erwartet, aber doch nicht in dieser Weise. Ich war ganz starr und blickte Murad Nassyr an, als ob ich nicht sprechen könne.

»Nicht wahr, so ein reiches Anerbieten hättest du nicht erwartet!« lächelte er. »Ich weiß, daß du es annehmen wirst, denn du bist kein Thor, würdest aber einer sein, wenn du diese Gelegenheit, dein Glück zu machen, vorüber gehen ließest. Dennoch will ich dir bis morgen mittag Bedenkzeit geben,denn ––«

»Bedenkzeit brauche ich nicht,« unterbrach ich ihn. »Ich kann dir meine Antwort schon in diesem Augenblicke sagen.«

»So sprich! Ich bin überzeugt, daß du mit Freuden zustimmst.«

»Warte noch! Also drei sollen zu einem Compagniegeschäft zusammentreten, der Sklavenjäger, du, der Sklavenhändler, und ich?«

»So ist es; so meine ich es.«

»Du errichtest heimliche Niederlagen zum gelegentlichen Verkaufe oder Weitertransporte. Das ist nicht gefährlich, da du die Schuld stets auf andere wälzen kannst. Der Sklavenjäger hat auch nichts zu riskieren, da er sich bei dem Überfalle der Negerdörfer so fern vom Kampfe hält, daß er weder verwundet noch gar getötet werden kann. Zwischen euch beide habe ich zu treten. ich soll die Sklaven von den Seriben abholen und dir zuführen. Das geht durch wilde oder gar feindliche Gebiete, und außerdem habe ich mich der Soldaten der Regierung zu erwehren, welche förmlich Jagd auf mich machen werden.«

»Das ist alles wahr; aber gerade darum ist meine Wahl auf dich gefallen. Du bist der Mann, welcher für solche Gefahren wie geschaffen ist.«

»Es freut mich, daß du mich für einen mutigen Mann hältst; aber es freut mich ganz und gar nicht, daß du mich zugleich für fähig hältst, meinen Mut auf einem solchen Felde in Anwendung zu bringen. Die Sklaverei ist eine Schande für die gegenwärtige Menschheit, und die Sklavenjagd ist ein Verbrechen, welches zum Himmel schreit. Ich würde selbst eine kleine Sünde wissentlich nicht um vieles Geld begehen, um wie viel weniger werde ich diese Schande und solche Blutthaten auf mein Gewissen.Iaden. Wie du einem Christen, und zudem mir, einen solchen Antrag stellen konntest, das ist mir unbegreiflich.«

Er war vollständig enttäuscht; das sah man seinem Gesichte an, als er jetzt fragte:

»Ist das wirklich die Antwort, welche du mir geben willst?«

»So ist es.«

»Bedenke den Gewinn!«

»Ein ruhiges Gewissen ist mir lieber.«

»Und meine Schwester!«

»Gieb sie, wem du willst.«

»Verachtest du sie etwa?«

»Nein. Du hast sie mir angeboten und dabei gegen eure Gebote und heiligsten Gebräuche gehandelt; das könnte mich stolz machen; aber ich kann mir dieses Vorbild der Schönheit und Muster der Lieblichkeit leider nicht verdienen. Ich will dich nicht beleidigen. Du wirst mir verzeihen, daß ich nach den Geboten meiner Religion handle. Gehen wir in Frieden auseinander!«

Ich stand bei diesen letzten Worten auf. Auch Murad Nassyr erhob sich, warf den Tschibuk zornig fort und fragte:

»In Frieden? Wie wäre das möglich! Wenn wir jetzt scheiden, so sind wir Feinde, grimmige Feinde für das ganze Leben.«

»Ich kann die Notwendigkeit dazu nicht ersehen.«

»Sie liegt klar zu Tage. Du hast mir erzählt, was in den letzten Tagen geschehen ist. Du bist ein Freund des Reïs Effendina und willst ihn in Chartum aufsuchen. Du willst ferner den Sklavenhändler Ibn Asl finden und – –«

»Ah, so giebst du also zu, daß er derjenige ist, mit welchem du in Verbindung stehst!«

»Nichts gebe ich zu; gar nichts erfährst du von mir! Ich wollte nur beweisen, daß du nicht der Freund meiner Feinde sein kannst, ohne auch mein Feind zu sein. Du weißt nun zu viel von mir; scheiden wir, so bist du mir gefährlicher als alle andern. Darum überlege es dir noch einmal, ob du bei deinem Entschlusse bleiben willst!«

»Es bedarf keiner Überlegung.«

»Du wirst diesen Entschluß nicht ändern?«

»Nein.«

»Wohlan, so sind wir geschieden, und ich bedaure, daß ich dich mit Wohlthaten überschüttet habe.«

Sein Gesicht hatte einen ganz andern Ausdruck bekommen. Die biedere, ehrliche Aufrichtigkeit war verschwunden; sie hatte der Miene drohenden Hasses Platz gemacht. In seinen blitzenden Augen stand deutlich zu lesen, daß er von jetzt an mein unerbittlicher Feind sein werde.

»Mit Wohlthaten überschüttet?« fragte ich ruhig. »Ich aß und schlief bei dir, weil du mich so dringend einludest, daß es eine Unhöflichkeit gewesen wäre, es abzuschlagen. Nennst du das Wohlthat?«

»Ich bezahlte die Passage und gab dir außerdem noch Geld!«

Jetzt zeigte er sich als der gemeine Charakter, wie er zum Sklavenhändler geeignet ist. Ein anderer hätte ihm geantwortet, ihm die Wahrheit gesagt; ich that dies nicht; ich zog meinen Beutel, zählte den Betrag ab, welchen er ausgegeben hatte, warf denselben auf den Teppich und ging. Als ich mich unter der Thüröffnung befand, rief er:

»Halt noch einmal! Willst du wirklich nicht nach –«

Ich ging weiter, ohne auf seine Worte zu achten. Da brüllte er mir nach:

»So packe dich, du Hund, und nimm dich nun vor mir in acht!«

Von Schlaf war jetzt bei mir keine Rede; ich mußte zunächst meine innere Erregung zur Ruhe bringen. Darum verließ ich den Chan, ging an dem Wächter desselben vorüber und wendete mich durch den Ort der Wüste zu. Wie unverzeihlich unvorsichtig war ich gewesen, als ich mich in Kairo von diesem Murad Nassyr überreden ließ, bei ihm zu bleiben! jetzt hatte ich ihm sein Geld zurückgegeben und stand nun hier im fernen Nubien, ohne die ausreichenden Mittel zur Heimkehr zu besitzen! Doch das machte mich nicht bange; mich erregte nur die Enttäuschung, welche ich erfahren hatte. Für einen solchen Menschen hatte ich Murad Nassyr denn doch nicht gehalten.

Wohl über eine Stunde war ich gegangen, als ich von fern her ganz eigentümliche, seltsame Töne vernahm. Es war, als ob der Wind durch eine Äolsharfe strich. Das Gekling kam näher und wurde deutlicher. Ich unterschied weibliche Stimmen und den Klang von Saiten. Nun erschien ein Kamelreiter, dessen Lanzenspitze im Strahle des Vollmondes funkelte. Als er mich erblickte, bog er weit aus. Ihm folgten zwölf Kamele, welche Tachtirwans, trugen, aus denen die singenden, plaudernden und lachenden Stimmen erschallten. Hinterher kamen mehrere bewaffnete Männer. Wie Schatten flogen die hochbeinigen Kamele an mir vorüber. Man hätte an Freiligraths »Geisterkarawane« denken können.

Das war ein Transport junger Sklavinnen, welche heimlich nach Ägypten gebracht wurden. Man zwingt die Armen, unterwegs zu lachen, zu singen, zu scherzen, damit sie sich nicht vergrämen und infolgedessen ihren Wert verlieren. Der Zug kam wohl von Abu Hammed her, hütete sich aber, in Korosko zu halten und sich dort sehen zu lassen.

Ich kehrte um und legte mich, im Chan angekommen, zur Ruhe. Zu einem richtigen Schlafe aber brachte ich es nicht. Nicht daß der Verlust von Nassyrs Freundschaft oder gar die Angst vor ihm mich beunruhigt hätte, o nein; ich hatte an anderes zu denken.

Vor allen Dingen beschäftigte mich sein wahrscheinliches Verhältnis zu Ibn Asl, dem Sklavenjäger. Ich wollte den Aufenthalt dieses Mannes kennen lernen; um denselben zu erfahren, brauchte ich nur Murad Nassyr im Auge zu behalten. Hatte ich mich mit diesem Türken entzweit, so wollte ich nun um so nachdrücklicher für den Führer in Maabdah thätig sein, um womöglich dessen verschollenen Bruder aufzufinden.

Ich stand zeitig auf, setzte mich vor die Thüre des Chans und ließ mir von dem Chandschi Kaffee bringen. Indem ich über das erwachte Tierleben meine Betrachtungen anstellte, sah ich einen Reiter kommen. Er war noch so fern, daß man ihn kaum erkennen konnte, mußte aber ein ausgezeichnetes Tier reiten, denn er kam so rasch näher, daß er scheinbar aus der Erde wuchs. Als er nahe genug gekommen war, erkannte ich ihn. Es war zu meinem Erstaunen der Schiffslieutenant des Reïs Effendina. Ich stand natürlich auf, um ihn zu bewillkommnen. Er sah mich, lenkte sein Tier auf mich zu, ließ es knieen und sprang aus dem Sattel.

»Wie kommst du nach Korosko?« fragte ich ihn. »Ich mußte den Emir doch in Chartum glauben.«

»Er war auch dort. Wo er sich jetzt befindet, werde ich dir sagen, wenn ich mit dem Schech el Beled, gesprochen habe, den ich jetzt gleich aufsuchen muß.«

»Er ist auch schon wach. Ich sah ihn vorhin vor seiner Hütte knieen, um das Morgengebet zu beten.«

Ich zeigte ihm die Hütte, und er schritt derselben zu, um dem Schech seinen Auftrag auszurichten. Sein Kamel kniete in meiner Nähe. Es war ein herrliches, sehr teures Tier von mausgrauer Farbe, an welcher man die echten Reitkamele erkennt. Wie kam der Lieutenant zu einem solchen Eilkamele? Es giebt Tiere dieser Rasse, welche an einem Tage und ohne einmal anzuhalten über hundert Kilometer zurücklegen. Es war auch sehr wohl erzogen, denn als ich es streichelte, sah es mich mit den großen Augen zutraulich an und verfiel nicht in die gewöhnliche Unart der Kamele, welche Fremde beißen, treten oder auch wohl gar anspeien. Noch war ich mit dem Tiere beschäftigt, da trat Selim aus dem Thore. Er schien mich gesucht zu haben, denn er kam, als er mich erblickte, auf mich zu und sagte:

»Effendi, ich habe sehr, sehr Schlimmes vernommen und möchte infolgedessen eine große Bitte an dich richten, welche du mir vielleicht genehmigen wirst.«

»Was ist’s?«

»Du hast dich mit Murad Nassyr verfeindet?«

»Wer sagte es dir?«

»Er selbst und verbot mir streng, mit dir zu reden.«

»Und da kommst du als sein treuer Haushofmeister sofort zu mir, um sein Gebot zu übertreten?«

»Ja, das thue ich, denn du weißt, daß ich dich viel lieber habe als ihn.«

»Natürlich,« antwortete ich, obgleich mich seine Dummheiten sehr oft geärgert hatten. »Welche Bitte willst du mir denn zu hören geben?«

»Ich mag nicht länger bei Murad Nassyr bleiben.«

»Ah! Warum? Hast du es nicht gut bei ihm? Bist du unzufrieden mit ihm?«

»Ich habe es gut und bin auch zufrieden; aber seit wir von Siut unterwegs sind, redet er von Dingen, welche mir ganz und gar nicht gefallen.«

»Von welchen Dingen?«

»Ich stehe noch in seinem Dienste und weiß also nicht, ob ich es dir verraten darf.«

»Meinst du etwa den Sklavenhandel?«

»Richtig, sehr richtig! Wie ich höre, weißt du auch schon, daß er ein Sklavenhändler ist.«

»Das weiß ich allerdings.«

»So bin ich also kein Verräter, wenn ich mit dir davon rede. Er verlangt von mir, daß ich in seinem Dienste bleiben soll. Wenn ich dies thue, und wir werden erwischt, so kann es mir schlecht ergehen.«

»Fürchtest du dich schon wieder einmal!«

»Fürchten? Nein. Du weißt, daß ich der größte Held aller Beduinen bin und es mit tausend Kriegern aufnehme. Ich will auch gerne bei passender Gelegenheit den Heldentod sterben, aber als Sklavenhändler möchte ich mich doch nicht gerne aufknüpfen lassen.«

»Das ist sehr ehrenwert von dir gedacht.«

»Du giebst mir also recht?«

»Ja.«

»So werde ich meinen Dienst auf der Stelle verlassen. Aber was soll ich dann anfangen? Wenn ich dich nicht so lieb hätte, würde ich gar nicht fragen; so aber geht es mir zu Herzen, von hier zu scheiden, und da möchte ich dir eine Vorstellung machen.«

»Rede nur!«

»Schau, Effendi, du bist ein kluger Mann; du kennst alle Wissenschaften und dringst in die Tiefen aller Geheimnisse; aber einen Fehler hast du doch.«

»Welchen?«

»Dir fehlt ein Diener, wie ich einer bin. Man würde dich zehnmal mehr als bisher respektieren, wenn man sähe, daß ich dir zur Seite stehe.«

»Du möchtest also bei mir bleiben?«

»Ja, Effendi.«

»Das geht nicht, denn deine immerwährende Tapferkeit gefällt mir nicht; sie kann leicht Mord und Totschlag über mich bringen.«

»O, was das betrifft, so darfst du keine Sorge haben. Wenn ich in meinem überschäumenden Mute mit jemand einen Kampf beginne, so fechte ich ihn auch selber aus; da kennst du mich ja zur Genüge. Du hättest also gar nicht nötig, dich meinetwegen in eine Gefahr zu begeben; im Gegenteile würde ich jeden Augenblick bereit sein, mich und meine Heldenenergie für dich aufzuopfern.«

»Es würde für mich und dich nützlicher sein, wenn du sie behieltest, anstatt sie aufzuopfern.«

»Ganz wie du befiehlst; ich werde dir gerne gehorchen. Was wirst du nun zu meinem Vorschlage sagen?«

»Ich werde ihn mir überlegen.«

»Effendi, da giebt es ja gar nichts zu überlegen. Es kann gar keinen Menschen geben, der so wertvoll für seinen Herrn ist, wie ich.«

»Möglich; aber ich habe schon einen Diener.«

»Ben Nil? Was nützt dir dieser junge Mensch? Welche Schlachten hat er geschlagen und welche Siege errungen?«

»Er ist noch jung und kann leicht ein noch viel größerer Held werden, als du jetzt bist.«

»Das glaube ich nicht. Er nimmt keine Lehre an; er hört mir nicht zu; er widerspricht mir stets. Wer nichts lernen will, aus dem kann nie etwas werden.«

»Du als der Erfahrene und Verständige mußt Nachsicht haben. Es wäre mir lieb, wenn du dich seiner annehmen wolltest.«

»Wenn du es wünschest, werde ich es sehr gerne thun. Ich will seine Schwächen ertragen und seine Dummheiten mit Gleichmut und Geduld schonen.«

»So suche ich ihn jetzt auf, und sage ihm, daß du bei mir bleiben willst. Was er mir dann rät, das werde ich thun.«

»Wie? Du, ein so berühmter Effendi, willst dich von dem Willen eines Dieners abhängig machen?«

»Abhängig nicht, aber berücksichtigen will ich ihn, da Ben Nil es ist, der mit dir zu verkehren hat.«

»Was das betrifft, so muß er es als eine große Ehre schätzen, den Glanz meiner Gegenwart genießen zu dürfen. Aber da du es wünschest, werde ich mit ihm sprechen und dir dann melden, daß er hochbeglückt von meiner Nachricht ist.«

Er ging. Ich hätte dieser Unterredung gerne als Lauscher beigewohnt. Es hatte sich nämlich zwischen den beiden Dienern ein ganz eigentümliches Verhältnis entwickelt. Sie hatten einander lieb gewonnen, und doch lagen sie einander vom Morgen bis zum Abend in den Haaren. Selim besaß trotz seiner Fehler ein sehr gutes Gemüt und war in allen seinen Besorgungen, wobei kein Mut von ihm gefordert wurde, höchst zuverlässig und aufmerksam. Man mußte ihm seine krankhafte Idee, als Helden gelten zu wollen, verzeihen. Ben Nil hatte mein ganzes Interesse erweckt. Er war ernst und still und entwickelte trotz seiner Jugend Ansichten, welche mancher Alte nicht besaß. Sein Scharfsinn war bewundernswert, und die Energie, welche er bisher freilich nur in gewöhnlichen Dingen hatte zeigen können, ließ mit Recht darauf schließen, daß er dann, wo es gelte, auch den gehörigen Mut zeigen werde.

Wenn die beiden Leute aneinander gerieten, so gab es stets eine heitere Scene. Das brachte Abwechslung in die oft unangenehme Eintönigkeit, und darum war ich gerne bereit, Selim bei mir zu behalten. Was er mich kostete, nun, das mußte eben aufgebracht werden.

Jetzt sah ich den Lieutenant aus der Hütte des Schechs treten. Dieser kam auch heraus und rannte, ganz seiner dorfoberhäuptlichen Würde entgegen, dem Flusse zu. Der erstere kam herbei, zog seinen Tschibuk aus der Kameltasche, stopfte ihn und setzte sich dann zu mir nieder. Ich gab ihm Feuer.

»Du reitest ein sehr vortreffliches Kamel,« sagte ich ihm. »Es muß eine Wonne sein, auf seinem Rücken durch die Wüste zu fliegen.«

»Du wirst diese Wonne kennen lernen,« antwortete er, »denn du sollst es reiten. Der Emir hat es für dich geliehen.«

»Wirklich? Wie kommt er auf den Gedanken, mir ein Kamel zu senden?«

»Er sendet dir nicht nur das Kamel, sondern nebenbei eine Bitte, welche ich dir vortragen soll. Bist du bereit, sie zu hören?«

»Ja.«

»Du bist schon oft in der Wüste gewesen und verstehst es, alle Spuren der Menschen und der Tiere zu lesen. Darum läßt er dich fragen, ob du – –«

Er hielt mitten in der Rede inne, und zwar warum?

In der Nähe der schon beschriebenen Lagerschuppen war eine Anzahl von Beduinen erschienen, welche Kamele bei sich hatten. Sie stammten jedenfalls aus der Umgegend und wollten versuchen, sich und ihre Tiere für die Tour durch die Wüste zu vermieten. Murad Nassyr hatte sie vom Hofe aus erblickt und kam heraus, um mit ihnen zu reden. Da wir neben dem Thore hart an der Mauer saßen, sah er uns nicht, ging an uns vorüber und winkte den Leuten, herbeizukommen. Sobald der Blick des Lieutenants auf ihn fiel, schwieg dieser und betrachtete ihn mit einem finster forschenden Blicke.

Jetzt drehte sich der dicke Türke um und sah uns. Kein Anzeichen verriet, daß er den Lieutenant kenne. Dieser stand auf, stellte sich in die Mitte des Einganges, um Nassyr zum Stehen zu zwingen, und sagte:

»Mir scheint, es steht mir eine große Überraschung bevor. Haben wir uns nicht schon einmal gesehen?«

»Ich dich? Niemals,« antwortete der Türke stolz, indem er einen wegwerfenden Blick auf den Lieutenant warf. Man sah es ihm an, daß er nicht log, sondern die Wahrheit sagte.

»Möglich, daß du mich nicht bemerkt hast, aber ich habe dich gesehen.«

»Das ist mir gleichgültig. Mich haben viele Leute gesehen. Was habe ich mit dir zu schaffen? Laß mich vorüber!«

»Warte noch ein Weilchen! Ich habe mit dir zu reden, denn ich möchte gerne deinen Namen erfahren.«

»Frage andere! Ich habe dir nicht zu antworten.«

»Irre dich nicht! Weißt du vielleicht, was ein Reïs Effendina ist?«

Über das Gesicht des Türken ging ein plötzliches Zucken; der Blick, welchen er jetzt auf den Sprecher, der die gewöhnliche Kleidung eines Nubiers trug, warf, war ein ganz anderer als vorher.

»Das weiß ich gar wohl; das weiß ja ein jeder,« antwortete er bedeutend höflicher als vorher.

»So wirst du wohl auch wissen, daß der Reïs Effendina mit gewissen Vollmachten ausgerüstet ist, welche ihm oft mehr Macht erteilen, als mancher Mudir besitzt.«

»Auch dies weiß ich.«

»Ich bin der Lieutenant des Emirs und interessiere mich sehr lebhaft für dein Gesicht. Nun wirst du mir wohl Rede stehen?«

»Beweise mir vorher, daß du wirklich derjenige bist, für den du dich ausgiebst!«

»Verlangst du das wirklich? Da magst du mit zum Schech el Beled kommen; aber dann wird unsere Unterredung eine amtliche sein, während ich hier höflich mit dir gesprochen hätte.«

»Nun, ich bin ebenso wie du ein Freund der Höflichkeit. Frage also!«

Der Türke schien also doch Grund zu haben, eine amtliche Vernehmung zu scheuen. Der Lieutenant meinte lächelnd: »Ich wiederhole meine Frage nach deinem Namen.«

»Ich heiße Murad Nassyr.«

»Woher?«

»Aus Nif bei Ismir.«

»Was bist du?«

»Bazirgijan.«

»Kauf- und Handelsherr! Womit handelst du?«

»Mit allem möglichen. Jetzt will ich nach Chartum, um Senna, Gummi und Elfenbein einzukaufen.«

»Hast du nicht auch schon andere Ware ge- und verkauft?«

»Oft.«

»Ich meine lebendige Ware – Sklaven?«

»Das ist mir niemals eingefallen. Ich bin ein gehorsamer Unterthan des Großherrn und werde nichts gegen seine Gesetze und gegen die Befehle des Khedive thun.«

»Wohl dir, wenn dem so ist. Kennst du vielleicht den Ort Kauleh, welcher am Bahr el Abiad liegt?«

»Nein.«

»Sonderbar! Ein solcher Handelsmann sollte diesen Ort nicht kennen? Das kommt mir verdächtig vor! Vor wenig über einem Jahre wurden Sklaven von Karanak nach Kauleh über den Nil geschifft; sie sollten nach Messalamieh gebracht werden. Wir befreiten sie, indem wir die Treiber überfielen. Der Führer, welcher uns entkam, sah dir so ähnlich, wie du dir selbst. Ich fragte einen der Treiber, der in unsere Hände geriet, nach dem Namen dieses Führers, und er nannte ihn mir; er klang ganz anders als dein jetziger.«

»Das beweist doch, daß ich nicht derjenige bin, für den du mich hältst.«

»Das kann auch beweisen, daß du verschiedene Namen führst. Ich habe damals dein Gesicht gesehen und es nicht vergessen.«

»Herr, ich bin ein ehrlicher Händler! Das kann mir der Effendi bezeugen, neben dem du sitzest. Er kennt mich genau und will mit mir nach Chartum gehen.«

Das war mehr als kühn; das war frech!

»Ist das wahr? Kennst du ihn?« fragte mich der Lieutenant.

»Ich kenne ihn so, wie er sich genannt und gegeben hat.«

»Wie nannte er sich dir?«

»Genau so, wie er dir vorhin antwortete.«

»Hat er nicht von Sklavenjagden zu dir gesprochen?«

»Allerdings, gestern abend wieder.«

»Was sagte er?«

»Er bot mir seine Schwester zum Weibe an, wenn ich gewillt sei, ihm beim Sklavenhandel die Hand zu reichen.«

»Erzähle es ausführlich, Effendi!«

Ich kam dieser Aufforderung nach, denn es gab keinen Grund, im Interesse des Türken zu schweigen oder gar Lügen zu machen. Er preßte die Zähne zusammen und sah mich mit einem Blicke an, welcher mir sagte, daß er sich bei gegebener Gelegenheit blutig an mir rächen werde.

»Nun, was sagst du dazu?« fragte ihn der Lieutenant, als ich geendet hatte.

»Herr, ich hatte einen sehr triftigen Grund, so zu sagen. Dieser Effendi, welcher nichts kann, nichts besitzt und nichts taugt, wollte mich zwingen, ihn umsonst als Begleiter mitzunehmen. Er hat mich von Siut bis hierher viel Geld gekostet, und um ihn los zu werden, machte ich ihm weis, daß ich ein Sklavenhändler sei. Es half auch sofort, denn er bekam Angst und trennte sich von mir.«

»Und vorhin behauptetest du, daß er mit dir nach Chartum reisen wolle.«

»Ich hatte mich nur versprochen.«

»Du bist mir sehr verdächtig. Kannst du es beweisen, daß du dieser Murad Nassyr aus Nif bist?«

»Ja. Ich habe zwei Pässe bei mir, einen vom Großherrn und den andern vom Khedive unterzeichnet.«

»Zeige sie mir!«

»Da muß ich dich ersuchen, mit in mein Gemach zu kommen.«

Der Lieutenant ging mit hinein, und ich war neugierig, was erfolgen werde. Er kam nach einiger Zeit allein zurück und teilte mir mißmutig mit:

»Die beiden Pässe sind in schönster Ordnung-, er reist mit seiner Schwester nach Chartum. Ich habe seine Sachen untersucht; es ist ihm nichts anzuhaben, und doch bin ich überzeugt, daß er jener Sklavenhändler ist.«

»Und ich könnte beschwören, daß er mir den Antrag, welchen er mir stellte, im vollsten Ernste gemacht hat.«

»Das glaube ich ganz gern, denn ich weiß, daß du klüger bist, als er, und dich von ihm nicht übertölpeln lassen würdest. Aber ich muß ihn laufen lassen, doch nur für heute. Wir werden, ohne daß er es bemerkt, ein wachsames Auge auf ihn haben. Jetzt können wir in dem Gespräche, welches er unterbrach, fortfahren.«

»Nicht hier; wir sind zu gestört. Laß dein Hedschihn in den Khan bringen, und dann spazieren wir zum Flusse, wo wir allein sind und von niemand gehört werden können.«

Er folgte dieser Aufforderung, übergab dem Khandschi das Kamel, und dann gingen wir nach dem Wasser. Dort sah ich ein Boot, in welchem ein einzelner Ruderer Saß, der mit Anstrengung aller Kräfte schnell stromaufwärts strebte.

»Das ist mein Bote, welchen der Schech el Beled auf meinen Befehl nach Derr gesendet hat,« sagte der Lieutenant.

»In welcher Angelegenheit? – Darf ich das erfahren?«

»Du mußt es sogar wissen. Von Derr aus geht ein zweiter Bote nach Abu Simbel, von da aus ein dritter nach Wadi Halfa, von dort aus ein vierter nach Semneh, und so weiter, bis das ganze Nilthal alarmiert ist.«

»So muß etwas ganz Außergewöhnliches geschehen sein!«

»Etwas Ungeheuerliches, ein Sklavenraub, wie er seit Menschengedenken nicht vorgekommen ist. Wenn Schwarze überfallen werden, so ist das etwas Gewöhnliches; beim Raube von Nubiern und Nubierinnen drückt man noch ein Auge zu; wenn aber Araber, welche noch dazu rechtgläubige Moslemin sind, in die Sklaverei geschleppt werden, so ist das eine Sünde gegen den Kuran, welcher über alle Grenzen geht.«

»Wo hat man so etwas gewagt?«

»Hast du von dem Bir es Serir gehört, welcher im Westen von Es Safih liegt?«

»Ja. Dieser Brunnen befindet sich südöstlich vom Dschebel Modjaf, einen vollen Hedschihn-Ritt vom Wadi Melk entfernt. Er gehört, wenn ich mich nicht irre, den Fessara-Arabern.«

»Du bist gut unterrichtet. Die Abteilung der Fessara, welche ihre Herden an diesem Brunnen tränkt, feierte ein Fest. Alle Männer zogen nach dem Dschebel Modjaf, um dort eine großartige Fantasia auszuführen; die Frauen blieben daheim. Als die Männer am andern Tage zurückkehrten, lagen die Kinder und alten Weiber erschlagen da; die jungen Frauen und die Mädchen aber hatte man entführt. Die Herden waren zerstreut; es gab über vierzig Leichen am Platze.«

»Das ist ja schrecklich! Die Mädchen und Frauen der Fessara sind wegen ihrer Schönheit berühmt. Hat man denn keine Spuren gefunden?«

»Nein. Am Morgen war ein Sturm erwacht, der alle Fährten der Wüste und der Steppe verweht hat.«

»Wann ist die That geschehen?«

»Heute vor zwanzig Tagen. Du weißt, wie groß die Entfernung ist, und wirst dich nicht wundern, zu erfahren, daß wir erst vor drei Tagen die Nachricht erhielten.«

»O, es wundert mich, daß es so schnell gegangen ist.«

»Wohin glaubst du, daß die Thäter sich gewendet haben?«

»Weder nach Westen noch nach Süden, denn dort würden sie die Geraubten nicht verkaufen können. Ich meine, es ist nur eine einzige Richtung denkbar, nämlich diejenige nach dem roten Meere, um die Sklavinnen nach Ägypten und der Türkei zu bringen.«

»Ganz genau so dachte auch der Reïs Effendina. Aber da sind nun wieder mehrere Wege denkbar.«

»Nur zwei.«

»Welche?«

An der Nähe des Wadi Melk nach der Bajuda-Wüste und in die Gegend von Berber, und von da aus auf möglichst gerader Route nach Suakin. Der zweite Weg würde sein durch das Wadi Melk und das Wadi el Gab nach Dongola und quer durch die nubische Wüste bis in die Gegend von Ras Rauai am roten Meere.«

Es war ein Blick des Erstaunens, den der Lieutenant auf mich warf, als er sagte:

»Effendi, der Reïs Effendina kennt dich genau; er hatte auch gerade diese beiden Gedanken und sagte, daß du gewiß seiner Ansicht sein werdest.«

»Das freut mich. Was aber hat meine Ansicht mit dieser Angelegenheit zu thun?«

»Sehr viel, mehr als du denkst. Die beiden Wege müssen verlegt werden, aber ganz im stillen, so daß kein Mensch etwas davon erfährt und es den Frauenräubern verraten kann. Der Reïs Effendina hat sich also in Chartum Soldaten geben lassen und bringt dieselben auf seinem Schiffe nach der Gegend von Berber, um mit ihnen die Straße nach Suakin zu verlegen. Mich aber sendet er mit der ursprünglichen Besatzung des Schiffes hierher, um den andern Weg zu bewachen.«

»Das wären also vierzig Mann. Wo befinden sie sich?«

»Draußen in der Wüste, weil niemand sie sehen soll. Wir haben Kamele requiriert, für dich und mich zwei echte Hedschihn, um große Strecken abreiten zu können, für die andern und für das Wasser und den Proviant gewöhnliche Tiere.«

»Warum auch für mich ein Hedschihn?«

»Das errätst du nicht? Kennst du denn die hohe Meinung, welche der Reïs Effendina von dir hat, nicht? Er glaubt, dein Rat könnte mir nützlich sein, und da er mit ziemlicher Sicherheit annehmen konnte, daß du jetzt in Korosko seist, befahl er mir, hierher zu reiten und dich zu bitten, dich uns anzuschließen. Wirst du mir diese Bitte erfüllen?«

Meine Lage war eine eigentümliche. Ich befand mich in Beziehung auf die Reisekosten in Verlegenheit und konnte nicht nach Kairo umkehren. Von dem Emir konnte ich Hilfe erwarten; ich hatte ihm überhaupt versprochen, ihn in Chartum aufzusuchen, und durfte ihm die Erfüllung des Wunsches, welchen er jetzt durch den Lieutenant aussprechen ließ, nicht versagen. Übrigens mußte ich auch wegen meines dem Führer in Maabdah gegebenen Versprechens nach Chartum gehen, und endlich sagte ich mir, daß in dem Vertrauen, welches der Reïs Effendina mir zeigte, eine große Ehre für mich liege. Darum antwortete ich:

»Wie könnte ich eine solche Bitte abschlagen! Dein Herr hat mir so zahlreiche Gefälligkeiten erwiesen, daß ich mit Freuden die Gelegenheit ergreife, ihm nützlich zu sein.«

»Effendi, ich danke dir! Ich muß dir sagen, daß der Reïs Effendina allerdings bestimmt erwartete, daß du einwilligen werdest; aber da die Aufgabe, welche wir zu lösen haben, eine so gefährliche ist, so glaubte ich das Gegenteil. Er meinte freilich, du seist nicht der Mann, dich vor einigen Sklavenjägern zu fürchten, und so erfreut es meine Seele, daß du seine Voraussetzung nicht zu Schanden werden lässest. Was wir auszuführen haben, ist mit großen Schwierigkeiten verknüpft; aber nun ich weiß, daß mir dein Rat zur Seite steht, bin ich überzeugt, daß ich wenigstens keine großen Fehler begehen werde.«

»Du hast nicht nur auf meinen Rat, sondern auch auf meine That zu rechnen. Sind dir besondere Instruktionen geworden, von denen du jetzt noch nicht gesprochen hast?«

»Nein. Mir wurde im allgemeinen befohlen, jeden Sklavenjäger oder Sklavenhändler aufzuheben und ihn mit seinem Raube dem Emir zuzuführen. Natürlich habe ich meine Aufmerksamkeit zunächst den entführten Frauen und den Töchtern der Beni Fessara zuzuwenden und soll mich, wie ich dir aufrichtig mitteile, mehr auf dich als auf mich verlassen.«

»Dieses letztere ist mir keineswegs lieb, weil es niemals von Vorteil ist, wenn zwei Stimmen maßgebend sein sollen. Es treten da leicht Meinungsverschiedenheiten ein, welche das Gelingen in Frage stellen.«

»O, was das betrifft, so kannst du sicher darauf rechnen, daß ich mich stets deinem Willen fügen werde. Das ist mir anbefohlen worden, wie ich dir gleich beweisen werde. Der Emir hat mich beauftragt, dir, sobald ich dir die Verhältnisse erklärt habe, diesen Zettel zu übergeben.«

Er zog ein kleines, zusammengefaltetes Papier hervor, öffnete es und gab es mir. Ich las die wenigen, aber inhaltsreichen Worte:

»Du bist der erste, er ist der zweite.«

Das war genug und ein weiterer, noch größerer Beweis des Vertrauens, welches ich seitens des Emirs genoß. Wenn ich bedachte, welche Macht er infolge seiner Ausnahmestellung besaß, so hätte ich leicht stolz darauf sein können, daß er einen so bedeutenden Teil derselben in meine Hände legte.

»Bist du nun beruhigt?« fragte der Lieutenant.

»Ja,« antwortete ich. »Ich bin nicht nur beruhigt, sondern ich habe nun die Überzeugung, daß wir die Frauenräuber, falls sie den nördlichen der beiden vorhin erwähnten Wege eingeschlagen haben, treffen werden.«

»Überzeugt? Wirklich? Ist das nicht zuviel behauptet, Effendi?«

»Nein, denn ich weiß sehr wohl, was ich sage.«

»Aber bedenke, wie groß die Wüste ist! Wir brauchen von hier aus vier Tage, um den Brunnen Murat zu erreichen, welcher nicht ganz in der Mitte derselben liegt. Der ganze Weg ist neun Tagereisen lang. Selbst wenn wir diese große Strecke besetzen könnten, würde es für die Räuber viele, viele Lücken geben, durch welche sie, zumal des Nachts, uns entkommen könnten.«

»Du mußt mit der Beschaffenheit der Wüste rechnen, welche sie zu durchqueren haben. Vom Nile bis zum roten Meere, an welchem doch wohl ihr Ziel liegt, sind zwanzig Kameltagemärsche. Sie können sich unmöglich für eine so lange Zeit mit Wasser versehen und sind also gezwungen, Brunnen aufzusuchen, an denen wir sie treffen werden.«

»Verlaß dich nicht zu sehr darauf! Hast du einmal davon gehört, daß es geheime Brunnen giebt?«

»Ja. Ich habe in der großen Sahara oft solche geheime Brunnen entdeckt und aus ihnen getrunken.«

Er sah mich an, schüttelte den Kopf und meinte:

»Ich habe freilich gehört, daß die Franken in vielen Dingen viel, viel klüger sind als wir, aber der Bewohner der Wüste muß dieselbe doch besser kennen als ein Abendländer, der sich zum erstenmale darin befindet!«

»Warte bis später! Ich will dir jetzt keine Erklärung geben; die That soll dir beweisen, daß ich recht habe.«

»Du spannst meine Erwartungen, und ich bin begierig darauf, zu erfahren, in welcher Weise du mich überzeugen willst, daß du dich nicht verrechnest. Für jetzt kann ich dich nur fragen, ob es also wirklich sicher ist, daß du mit mir reitest?«

»Es ist sicher.«

»So habe ich dir noch etwas vom Emir zu übergeben. Allah hat gefügt, daß der Mensch ohne Geld nicht bestehen kann. Selbst in der Wüste ist es dem Wanderer nötig, weil er nicht in die Zukunft zu blicken vermag und also seine Bedürfnisse und Ausgaben nicht vorher kennen kann. Der Emir hat mich also beauftragt, dir diese Kasse zu übergeben, über welche du nach deinem Ermessen verfügen sollst. Besonders sollst du hier alles kaufen, was für dich selbst nötig ist.«

Er brachte einen Lederbeutel zum Vorscheine, welcher, als er ihn schüttelte, einen sehr erfreulichen, hellen Klang hören ließ. Ich öffnete und sah ihn mit ägyptischen Thalern (Rijal masri) und ägyptischen Viertelpfund-Goldstücken gefüllt. Die Summe betrug nach unserm deutschen Geld beinahe achthundert Mark. Das war für einige Wochen mehr als genug, zumal ich erfuhr, daß die Soldaten mit allem, was sie voraussichtlich brauchen würden, versehen seien. Ich zögerte keineswegs, den Beutel einzustecken, bemerkte aber dabei:

»Für jetzt habe ich keine Bedürfnisse und werde das Geld, falls es nötig ist, für euch verwenden und dann dem Emir Rechnung ablegen. Wann brechen wir auf?«

»Sobald es dir gefällt. Nur möchte ich vorher das Kamel tränken. Es hat seit zwei Tagen kein Wasser bekommen.«

»Es wird auch noch zwei Tage, und vielleicht noch länger, keins erhalten.«

»Warum, Effendi?«

»Weil ich etwaige verborgene Brunnen entdecken will.«

Er warf mir einen Blick zu, aus welchem ich ersah, daß er meine Antwort nicht begriff, und sagte, indem er abermals mit dem Kopfe schüttelte:

»Ich verstehe dich nicht, Effendi. Wir müssen, um verborgen zu bleiben, die Brunnen meiden, und unsere Kamele sind also zum Dürsten gezwungen. Hier befinden wir uns am Ufer des Niles, und darum solltest du die Gelegenheit ergreifen, dein Tier recht tüchtig trinken zu lassen.«

»Ich werde es im Gegenteile recht tüchtig dürsten lassen.«

»Ist das nicht Grausamkeit? Gebietet dir die Lehre des Christentumes nicht, für deine Tiere zu sorgen?«

»Meine Lehre ist den Tieren noch viel freundlicher als die deinige; aber es ist besser, ein Kamel dürstet, als daß viele Menschen leiden. Sobald ich erfahren habe, was dieser Türke Murad Nassyr zu thun gedenkt, werden wir aufbrechen. Da muß ich dich aber vorher fragen, wie wir zu deinen Leuten kommen wollen, da du nur ein Kamel bei dir hast?«

»Ich habe deren zwei, dieses hier und noch eins, welches ich mit gefesselten Füßen zurückgelassen habe. Ich wollte nicht sehen lassen, daß ich gekommen bin, dich abzuholen.«

»Das war klug gehandelt. Wo befindet es sich?«

»Gar nicht weit von hier am Ufer des Niles. Man kann, wenn man geht, in einer halben Stunde hinkommen.«

»So steige auf und reite hin. Tränke dein Tier, aber das meinige nicht. Ich komme nach.«

»Du wirst mich nicht finden!«

»Habe keine Sorge, ich finde dich.«

»Aber du kennst ja die Stelle nicht!«

»Ich brauche sie nicht zu kennen; es giebt eine Führerin, welche mich ganz sicher zu dir bringt.«

»Wer könnte das sein?«

»Deine Spur.«

»Verstehest du es denn wirklich so gut, die Spur zu lesen?«

»Sie ist für mich so deutlich wie die Schrift des Kurans für deine Augen.«

»So will ich dir gehorchen und werde sehen, ob du mich wirklich findest.«

Er kehrte zu der Stelle zurück, an welcher das für mich bestimmte Hedschihn lag, stieg auf und ritt davon. Ich wartete noch eine Weile. Da kamen die Araber, welche Murad Nassyr gerufen hatte, und gingen zum Flusse, um ihre Kamele zu tränken. Daraus ersah ich, daß er sie gemietet hatte und sofort aufbrechen wollte, was ihnen jedenfalls nicht lieb war, da sie gewohnt waren, jede Reise am Nachmittag anzutreten. Nun ging ich langsam nach dem Khan. Am Thore stand der Türke; ich mußte hart an ihm vorüber. Dabei fuhr er mich an:

»Du Hund, du Verräter! Nun bleibst du hier sitzen, und der Teufel des Hungers wird dich stückweise auffressen. Sollte das nicht geschehen, sollte ich dich wiedersehen, so zerschmettere ich dich!«

Ich achtete dieser Worte nicht und ging in den Hof. Als ich an der Thüre vorüber wollte, durch welche er mich zu seiner Schwester geleitet hatte, hörte ich deren tiefe Stimme, welche mir zuraunte:

»Effendi, bleib‘ stehen, aber blicke dich nicht nach mir um!«

Was wünschest du?« fragte ich, ihr den Rücken zukehrend und mir den Anschein gebend, als ob ich in der Betrachtung des Khans versunken sei.

»Ich sah dich jetzt kommen und eilte an die Thüre, um nochmals mit dir zu sprechen. Mein Bruder hat mir erzählt, daß du meine Schwester verachtest.«

»Ich verachte sie nicht; aber ich bin ein Christ und als solcher ein Feind aller Sklavenhändler. Ich muß mich also von Murad Nassyr trennen.«

»Das betrübt mich sehr! Du hast mir die Zierde meines Hauptes wiedergegeben, und ich wollte dir gerne dafür dankbar sein; nun aber ist dies unmöglich. Aber ich werde immer an dich denken.«

»Auch ich werde mich deiner gern erinnern. Lebe wohl, o Blume des Glückes, o Abglanz der Lieblichkeit!«

»Lebe wohl, Effendi! Ich zürne dir nicht.«

Ich ging weiter, in meine Stube, welche eigentlich nur ein Loch zu nennen war. Da saßen Selim und Ben Nil und stritten sich, wie ich hörte, wieder einmal über die Tapferkeit des ersteren. Bei ihrem Anblicke fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, den Lieutenant auf diese beiden aufmerksam zu machen. Ich teilte ihnen mit, was ich ihnen zu sagen für nötig hielt, und sah sie darüber erfreut, daß sie nun mit dem Türken nichts mehr zu thun hatten. Ich aber befand mich um ihretwillen in einer kleinen Verlegenheit. Wie sollten sie mit mir fortkommen?

In dieser Bedrängnis fiel mir der Schech el Beled ein. Der Lieutenant war bei ihm gewesen, und daraus schloß ich, daß er diesen und den Reïs Effendina kenne. Als ich bei ihm eintrat, begrüßte er mich als den fremden Effendi, von dem der Lieutenant mit ihm gesprochen habe. Ich trug ihm mein Anliegen vor, und er antwortete:

»Herr, du bist ein Freund des Emirs, und ich stehe dir sehr gerne zu Diensten. Willst du Reit- oder Lastkamele?«

»Tiere zum Reiten, aber sie müssen gut und schnellfüßig sein.«

»Die sind teuer. Kannst du sie denn bezahlen?«

»Den Preis für zwei Reitkamele habe ich freilich nicht bei mir.«

»So kannst du sie nur leihen?«

»Auch das geht leider nicht. Ich müßte den Besitzer mitnehmen und kann zu dem, was ich vorhabe, keinen solchen Mann gebrauchen.«

»Das thut nichts. Du leihst sie ja für den Emir, und ich sage gut für dich und ihn. Du hast sogar nicht nötig, die Miete voraus zu bezahlen. Ihr übergebt die Tiere dem Ababdeh-Schech in Abu Hammed; dieser sendet sie mir zu, und wenn dann später der Emir einmal nach Korosko kommt, werde ich die Rechnung mit ihm machen.«

»Das ist mir sehr lieb. Aber sind denn gute Reitkamele schnell zu haben? Es giebt, wie ich sehe, hier nur einige Lastkamele, welche der Türke, mit dem ich gekommen bin, gemietet hat.«

Er zog ein schlaues Gesicht und antwortete:

»Du bist zwar ein Franke, aber vielleicht weißt du dennoch, wer mächtiger ist als selbst der mächtigste Fürst.«

»Das weiß ich. Du meinst eine Hand, welche offen ist?«

»Ja; eine offene Hand vermag alles.«

Ich zog einige ägyptische Thaler heraus; als ich sie ihm hinreichte, griff er schnell zu, steckte sie ein und sagte:

»Effendi, du bist der klügste unter den Weisen, und deine Güte fließt über von Erbarmen. Du stehst hier an Stelle des Emir, welcher schnell und gut bedient wird. Die Verleiher lassen ihre Tiere nicht sehen, um hohe Mieten zu erzielen; du aber sollst, wenn du jedem der Besitzer noch ein Bakschisch von einem Thaler giebst, in der kürzesten Zeit zwei Reitkamele haben, welche ebenso schnell laufen, wie dasjenige, auf welchem der Lieutenant gekommen ist.«

»Dieses Bakschisch will ich gern zahlen.«

»So gehe ich sofort, um mit den Männern zu sprechen, und dann werden wir die Tiere bringen.«

Er eilte fort, und ich kehrte in den Khan zurück. Dort war der Türke beschäftigt, die von ihm gemieteten Kamele beladen zu lassen. Eins von denselben bekam einen Tachtirwan zu tragen, eine Frauensänfte, welche für die Schwester Murad Nassyrs bestimmt war. Zwei andere trugen den Proviant und die vollen Wasserschläuche; zwei weitere wurden mit je zwei Körben behangen, in welche die vier Dienerinnen zu sitzen kamen; ein sechstes bestieg der Türke und ein siebentes der Führer, dem die Kamele gehörten. Der letztere gab das Zeichen zum Aufbruche, indem er rief:

»Ia Schech Abd el Ka-a-der!«

Der Heilige der Kadirine ist nämlich nicht nur der Patron der Schiffer, sondern auch der Kameltreiber und Karawanenführer, und wird infolgedessen auch von diesen bei jedem Aufbruche angerufen. Der kleine Zug setzte sich in Bewegung. Bevor der Türke durch das Thor ritt, drehte er sich nach mir um und rief:

»Du hast mir Selim abspenstig gemacht, du schmutzigster unter allen Unreinen. Merke dir, was ich dir schon sagte: Sollte ich dich wiedersehen, so zerschmettere ich dich!«

Ich zog es auch jetzt vor, nicht zu antworten. Ich wußte ja, daß sehr bald eine viel bessere Gelegenheit dazu kommen werde. Diese ließ nicht lange auf sich warten, denn kaum war eine Viertelstunde vergangen, so kam der Schech el Beled mit zwei Männern, von denen jeder ein Reitkamel am Halfter führte. Ich erschrak beinahe, als ich diese beiden gesattelten Tiere erblickte. Das waren keine gewöhnlichen Reitkamele, und es stand zu erwarten, daß der Emir für dieselben eine so hohe Miete zahlen müsse, daß ich dieselbe nicht verantworten könne. Als ich dieses Bedenken gegen den Schech aussprach, antwortete er:

»Laß dir das Herz nicht schwer werden, Effendi! Nicht wir bestimmen die Höhe der Miete, sondern der Reïs Effendina sagt, wieviel er geben will. Er ist der Abgesandte des Vizekönigs und braucht eigentlich nichts zu bezahlen. Du hast jetzt nichts zu thun, als mir zu bescheinigen, daß du diese Kamele von uns empfangen hast.«

Ich gab die schriftliche Bescheinigung und zahlte zwei Thaler Trinkgeld; dann verabschiedete ich mich von dem Schech und den beiden Männern. Selim und Ben Nil stiegen auf; ich reichte ihnen meine Effekten hinauf, bezahlte den Khandschi, denn der Türke hatte, obgleich ich sein Gast und Begleiter gewesen war, nichts für mich entrichtet, und verließ dann stolz zu Fuß Korosko, während meine Diener auf ihren prächtigen Tieren thronten. Würde in Deutschland jemand einem Fremden zwei solche Kamele geliehen haben?

Da ich beobachtet hatte, welche Richtung von dem Lieutenant eingeschlagen worden war, so fiel es mir nicht schwer, seine Fährte draußen vor dem Orte aufzufinden. Wir folgten derselben. Sie führte erst vom Nile ab und dann in einem Winkel auf denselben zu. Da ich gut ausschritt, erreichten wir nach wenig über einer Viertelstunde das Ufer. Er saß da unter Sträuchern, von deren saftigen Spitzen sein Reitkamel knusperte. Das meinige lag mit gefesselten Füßen entfernt vom Wasser, gegen welches es sehnsüchtig die weit offenen Nüstern richtete. Es that mir leid, dieses Tier fasten lassen zu müssen, aber ich wußte, daß dies für uns von großem Nutzen werden könne.

Der Lieutenant war überrascht, mich in Begleitung kommen zu sehen. Da er aus meinem Berichte meine jüngsten Erlebnisse kannte, vermutete er, wer die beiden seien.

»Ich habe lange auf dich warten müssen,« sagte er, »und glaubte schon, daß du meine Spur nicht gefunden hättest. Ist dieser Jüngling vielleicht Ben Nil, von dem du mir erzählt hast?«

»Ja.«

»Und der andere ist Selim, der Held der Helden?«

»Ja, der bin ich,« nahm der Genannte mir die Antwort aus dem Munde. »Wenn du mich kennen gelernt hast, wirst du staunen.«

»Ich staune schon jetzt, aber nur darüber, daß du mir antwortest, während ich doch nicht dich, sondern den Effendi gefragt habe. Wollen diese beiden etwa mit uns reiten?«

Er richtete diese letzten Worte wieder an mich, und ich beeilte mich, ihm die nötige Aufklärung zu geben. Als ich fertig war, meinte er:

»Wollen hoffen, daß diese Leute es verdienen, von solchen Kamelen getragen zu werden! Du bist der erste, und ich bin der zweite. Du kannst thun, was dir beliebt, und ich wünsche nur, daß du keinen Fehler begangen hast. Füllen wir jetzt unsere Schläuche, um dann aufzubrechen.«

An jedem Sattel hing ein Wasserschlauch, welcher gefüllt wurde; dann stiegen wir auf, um den Ritt zu beginnen. Mein Tier war schwer vom Ufer wegzubringen; es wollte trinken; als wir aber den Nil einmal im Rücken hatten, gehorchte es willig der Führung, und bald zeigte es sich, daß es besser und edler als die andern drei war.

Wir bogen zunächst nach der Karawanenstraße ein, welche erst südwestlich führte und sich dann genau nach Süden bog. Sie folgte einem Chor. So werden die Flußbette genannt, welche nur während der Regenzeit Wasser führen und außer derselben trocken liegen. Die Gegend war wild und öd; es gab zur Seite nur kahle, nackte Felsen, und die Kamele schritten über scharfes, unfruchtbares Steingeröll.

Der erste Teil des Wüstenpfades führt durch bergiges Terrain; die eigentliche Sandwüste beginnt erst nach der zweiten Tagereise und wird Bahr bela mah, Meer ohne Wasser genannt. Diese Bezeichnung ist nicht selten; sie kommt öfters in der großen Sahara und auch drüben jenseits des roten Meeres vor. Der Araber, der Beduine, der Berber, der Tuareg, sie alle pflegen jene Sandwüsten, welche einem Meere gleichen, Bahr bela mah zu nennen.

Unsere Tiere schritten trotz des schlechten Weges wacker aus. Der Kamelstrott ist sehr ausgiebig, und mit einem Reitkamel kommt selbst ein echt arabischer Renner auf die Dauer nicht fort. So kam es, daß wir schon nach Verlauf von zwei Stunden die langsam dahinziehende Karawane Murad Nassyrs vor uns sahen. Als er uns kommen hörte, drehte er sich um und war nicht wenig erstaunt, mich zu sehen. Im Vorüberreiten rief ich ihm zu:

»Jetzt siehst du mich wieder; nun zerschmettere mich!«

Er antwortete mit einem Fluche. Selim hielt bei ihm an und sagte:

»Du wirst nicht dein Ziel erreichen, sondern in der Wüste umkommen, da ich nicht mehr dein Beschützer bin.«

»Geh‘ zum Teufel!« fuhr ihn sein früherer Herr zornig an.

»Vielleicht treffe ich dich dort, wenn ich zu ihm komme.«

Als wir dem Türken aus den Augen waren, bogen wir von der Straße rechts ab, weil der Lieutenant seine Soldaten in dieser Richtung gelassen hatte. Er war kein Wüstenreisender, und so wäre es wohl möglich gewesen, daß er sich in der Richtung irrte; aber die so verschieden gestalteten Felsen und Berge gaben genug Anhaltspunkte, in denen man sich kaum irren konnte. Als ich in dieser Beziehung eine Frage aussprach, antwortete er:

»Hier ist es ganz unmöglich, sich zu verirren; es giebt zwar keinen eigentlichen Weg oder Steg, aber ich habe mir die Gestalt der Höhen, an denen ich vorübergekommen bin, so eingeprägt, daß ich mich nicht irren kann. Anders ist es in der Sandebene, in welcher ich mich nicht zurechtfinden kann.«

»Wie hast du da Korosko gefunden? Ihr habt ja durch die Sandwüste gemußt.«

»Habe ich dir nicht gesagt, daß der Emir uns einen vortrefflichen Führer mitgegeben hat? Dieser Mann ist ein alter Korporal, welcher öfters im Sudan gekämpft hat und ganz besonders diese Wüste kennt. Er hat uns geleitet und ist bei den Soldaten zurückgeblieben, nachdem er mir die genaue Richtung nach Korosko angegeben hat. Du wirst ihn als einen sehr brauchbaren Menschen kennen lernen.«

Nach einiger Zeit erreichten wir abermals ein trockenes Chor; dies war der Ort, an welchem die Soldaten die Rückkehr des Lieutenants erwarteten. Wir fanden sie nicht alle; es waren nur zehn da, und zwar ohne Kamele. Der Lieutenant erschrak und erkundigte sich nach dem Verbleib der andern und der sämtlichen Tiere. Wir erfuhren, daß der alte Korporal auf den Gedanken gekommen war, die Abwesenheit des Anführers zu einem Schnellritte nach dem Nile zu benutzen, um die Kamele, welche wohl für längere Zeit des Wassers zu entbehren hatten, zu tränken und dabei die Schläuche mit frischem Wasser zu füllen. Dieses eigenmächtige Handeln erfüllte den Lieutenant mit Besorgnis; ich versuchte, ihn zu beruhigen; er aber meinte zornig:

»Nimm ihn nicht in Schutz, Effendi! Wir sind keine gewöhnlichen Reisenden, sondern Soldaten, und da muß auf strenge Disziplin gehalten werden. Dieser Onbaschi durfte ohne meine Erlaubnis diese Stelle nicht verlassen.«

»Er hat es gut gemeint.«

»Das mag sein; aber mancher hat eine Dummheit begangen, indem er es gut meinte. Es soll uns niemand sehen, und doch reitet dieser Mensch mit dreißig Männern und über vierzig Kamelen nach einer Gegend, in welcher er unbedingt gesehen werden muß!«

»So hast du ihn mir also ganz falsch geschildert.«

»Wieso?«

»Du nanntest ihn einen brauchbaren Mann, scheinst ihn aber, wie ich jetzt höre, für unzuverlässig zu halten.«

»Das ist er eigentlich nicht; nur hätte er mich fragen sollen. Wie leicht kann er Leuten begegnen, welche ihn und uns an diejenigen verraten, die wir fangen wollen!«

»Du sagst, daß er die Wüste kennt; er wird also wohl einen Weg einschlagen, auf welchem er niemand begegnet.«

»Dennoch kann eine solche Begegnung stattfinden, weil der Nil noch zu nahe liegt.«

»Wenn er von hier aus gerade reitet, so trifft er zwischen Toschkeh und Tabil auf den Fluß und wird voraussichtlich von niemandem gesehen. Und sieht er unterwegs jemand kommen, so wird es ihm, wenn er wirklich so erfahren ist, wie du sagtest, leicht sein, auszuweichen. Warten wir ruhig seine Rückkehr ab.«

»So meinst du nicht, daß wir ihm nachreiten sollen?«

»Nein, denn wir würden dadurch eine etwaige Unvorsichtigkeit nicht ungeschehen machen können.«

Wir lagerten uns bei den Gepäckstücken, welche am Boden lagen. Die zehn Soldaten hielten sich in ehrerbietiger Entfernung. Aus den Blicken, welche sie auf mich warfen, ersah ich, daß sie sich über mein Eintreffen freuten. Sie kannten mich ja vom Schiffe her und mochten mich für einen Mann halten, dessen Anwesenheit ihnen nützlich sein könne. Ben Nil, welcher bescheiden war, setzte sich zu ihnen. Selim hätte, wie ich ihm ansah, gerne den Herrn gespielt und sich bei mir und dem Lieutenant niedergelassen; dieser letztere aber blickte ihn in einer Weise an, daß er sich abwendete und zu den Soldaten trat. Er musterte sie von oben herab und sagte: »Also ihr seid Asaker, des Reïs Effendina, den wir mit unserer Hilfe zu beglücken beabsichtigen? Ich hoffe, daß ich mit euch zufrieden sein kann. Kennt ihr mich?«

»Nein,« antwortete einer, welcher ebenso wie die andern den Sprecher neugierig erstaunt betrachtete. Sie wußten nicht, ob er im Verhältnisse zu ihnen ein Gleich- oder Höherstehender war.

»So seid ihr also vollständig fremd in diesem Lande, in welchem jedes Kind über meine Heldenthaten berichtet. Mein berühmter Name ist so lang, daß er von hier bis Kahira reichen würde, doch will ich euch gestatten, mich einfach Selim zu nennen. Ich bin der größte Krieger aller Völker und Stämme des Orientes, und meine Abenteuer werden allüberall erzählt und in tausend Büchern beschrieben. Meine mächtige Hand ist der Schirm, in dessen Schatten ihr sicher und ruhig wohnen könnt all euer Lebelang.«

Er breitete dabei seine beiden Arme über sie aus und nahm dabei eine fast unnachahmlich hoheitsvolle Haltung an. Die Soldaten wußten sichtlich nicht, was sie von ihm denken und zu seinen Worten sagen sollten. Sie sahen zu mir herüber und bemerkten mein Lächeln. Ben Nil zuckte die Achsel und meinte »Timm el kebir«, was so viel wie Großmaul, Prahler bedeutet. Infolge dieser Worte und meines Lächelns fühlten sie sich orientiert, und einer von ihnen, ein noch junger Mensch, welcher, wie ich später erfuhr, der Lustigmacher war, antwortete, indem er sich erhob, und eine tiefe Verbeugung machte, in salbungsvoll-ehrerbietigem Tone:

»Wir sind, o Selim aller Selime, beglückt und entzückt von den Strahlen deiner Gegenwart. Du bist, wie wir hören, der Inbegriff aller erhabenen Vorzüge und Eigenschaften und wir setzen das feste Vertrauen in dich, daß du uns das Licht derselben leuchten lassen werdest.«

»Das werde ich,« meinte Selim ohne Ahnung, daß er im Begriff stehe, in eine Falle zu gehen. »Ich bin zu jeder Zeit bereit, euch in alle meine Erhabenheiten einzuschließen.«

Sein Gegner wollte antworten, mußte aber seine Aufmerksamkeit auf den Horizont richten, an welchem jetzt eine lange Reihe von Kamelreitern erschien. Es war der alte Onbaschi, welcher mit seinen Asakern von der Tränke zurückkehrte. Die Kamele hatten sich förmlich dick getrunken und sahen wohl und kräftig aus. Das war ein Vorteil für unser Unternehmen, zumal der Alte auch alle Schläuche mitgenommen und gefüllt hatte. Dadurch war die Sorge um Wasser für mehrere Tage hinausgeschoben, und ich bat den Lieutenant, dem Korporal die für uns ganz und gar nicht nachteilige Eigenmächtigkeit zu verzeihen. Der Alte hörte diese meine Worte, reichte mir dankend die Hand und sagte:

»Effendi, deine Güte thut meinem Herzen wohl. Wir sind von keinem Menschen gesehen worden, und mit durstigen Tieren würden wir das nicht vollbringen, was wir nun erreichen werden. Du bist der erste Gebieter und wirst einen gehorsamen und treuen Diener an mir haben.«

Jetzt war es Zeit, das Gepäck zu untersuchen. Munition gab es mehr als genug, auch an Proviant war kein Mangel. Jeder Mann hatte einen Becher, und außerdem sah ich einige Schüsseln und einen eisernen Kessel, in welchem das Essen gekocht werden sollte. Der Emir war in seiner Fürsorge so weit gegangen, für den Lieutenant und mich ein Zelt mitzugeben. Ein schweres Paket enthielt Ketten und Handfesseln für unsere eventuellen Gefangenen.

Da die Leute hungrig waren, ich aber keine Zeit verlieren wollte, wurden sie mit getrockneten Datteln gespeist. Dann galt es, uns über den festzustellenden Plan zu beraten. Das geschah zwischen dem Lieutenant, dem Onbaschi und mir. Die gewöhnlichen Soldaten hatten natürlich keine Stimme. Dabei erkannte ich, daß leider noch niemand darüber nachgedacht hatte, in welcher Weise unsere Aufgabe am besten auszuführen sei.

Sie war nicht leicht. Wir hatten eine Strecke von wenigstens dreihundert Kilometern zu überwachen, und diese Strecke war eine Wüste, in welcher es nur einen einzigen Brunnen gab, welcher außerhalb der Regenzeit ein leidlich genießbares Wasser liefert, nämlich der schon erwähnte Bir Murat. Andere Brunnen, welche auf der Karawanenstraße liegen, wie z. B. Bir Absa, geben in der trockenen Jahreszeit kaum einen Tropfen. Aber gerade dieser Umstand war mir willkommen.

Wenn diejenigen, welche wir suchten, wirklich durch die nubische Wüste wollten, hatten sie vom Nile aus bis zur Karawanenstraße, welche sie kreuzen mußten, vielleicht acht Tagereisen weit; sie waren also unbedingt auf den Bir Murat angewiesen. Da aber ein Kamel nicht acht volle Tage dürsten kann, mußte angenommen werden, daß diese Leute heimliche Brunnen kannten, über welche sie ihre Richtung nehmen mußten. Infolge dessen zerfiel unser Auftrag eigentlich in zwei Aufgaben. Wir mußten nämlich den Bir Murat bewachen, aber so, daß wir nicht bemerkt wurden, und zweitens galt es, die verborgenen Brunnen zu entdecken und bei denselben die Erwarteten zu beobachten. Das erstere war verhältnismäßig leicht, das letztere aber sehr schwer, und das Schwierigere wollte ich selbst übernehmen.

Als ich dies den beiden vorstellte, gaben sie mir recht. Auch der Onbaschi war überzeugt, daß es heimliche Brunnen geben müsse, nur meinte er, daß es unmöglich sei, einen solchen zu entdecken.

»Das überlaß mir,« sagte ich. »Falls ich auf einen solchen treffe, werde ich gewiß nicht vorüberreiten.«

»Wie aber willst du bemerken, daß es dort Wasser giebt? Weißt du, wie ein solcher Brunnen beschaffen ist?«

»Ja. Man gräbt den Sand so weit auf, bis man auf das Wasser kommt, legt einige Speerschäfte oder sonstige Hölzer darüber und breitet auf diese ein Fell, eine Matte oder irgend eine Decke. Dann wird der Sand wieder aufgeschüttet und mit der Umgebung ausgeglichen. Die Stelle ist auf diese Weise für das Auge unbemerkbar gemacht.«

»So kannst also auch du sie nicht entdecken.«

»Ich nicht, aber mein Kamel.«

»Dein – – Kamel? Hat das schärfere Augen als du?«

»Nein, aber empfindlichere Geruchsnerven. Du vergissest, daß solche Stellen, bevor man sie zu Brunnen macht, auch schon nur durch die Kamele entdeckt werden. Ein durstiges Reitkamel ist außerordentlich empfindlich für die Feuchtigkeit des verborgenen Wassers; es rennt streckenweit dem betreffenden Orte zu, um mit den Vorderfüßen den Boden aufzuscharren. Aus diesem Grunde habe ich das meinige nicht trinken lassen.«

»Allah ist groß; er verleiht jedem Wesen eine besondere Gabe! Was du sagst, leuchtet mir ein. Also du willst nach den Bijar es Sirr forschen. Du reitest doch nicht allein?«

»Nein.«

»Wer soll dich begleiten?«

»Das ist jetzt noch unbestimmt. Vorher möchte ich wissen, ob man sich auf dich und deine Ortskenntnis verlassen kann.«

»Frage den Lieutenant, ob ich ihn nicht trefflich geführt habe! Ich kenne diese Wüste ebenso gut wie ein hiesiger Karawanenführer.«

»Auch die Bajudawüste jenseits des Nils?« »Auch.« »Kennst du die Widian derselben?«

»Alle. Ich nenne dir das Wadi Mokattem, Uscher, Ammer, Abu Runi Laban und Argu.«

»Und das große Wadi im Westen dieser Wüste?« »Du meinst das Wadi Melk?«

»Ja. ich vermute, daß die Räuber, wenn sie den nördlichen Weg einschlagen, sich in der Nähe dieses Wadi halten. Dasselbe stößt in der Nähe von Abu Gusi auf den Nil. Glaubst du, daß die Leute dort über den Nil gehen werden?«

»Auf keinen Fall, denn Abu Gusi liegt Alt Dongola gegenüber, und da ist die Gegend zu belebt, also zu gefährlich für sie.«

»Wo sollten sie sich denn hinwenden?«

»Weiter nördlich, das Wadi el Gab entlang, vielleicht bis nach Tura und Moscho, wo es einsam ist und die Insel Argo den Übergang erleichtert. Stimmst du mir nicht bei?«

»Ganz dasselbe, was du jetzt sagtest, habe ich schon dem Lieutenant als meine Ansicht erklärt. Ich halte an derselben fest und legte dir diese Frage nur vor, um dich zu prüfen.«

Es war ein sehr wohlgefälliges und selbstbewußtes Lächeln, mit welchem er mich fragte:

»Habe ich die Prüfung bestanden?«

»Ja. Ich sehe, daß du die Gegend kennst. Die Hauptsache aber ist, daß du hier in Atmur ebenso orientiert bist.«

»Das bin ich. Von Korosko aus kommt man über Ugab, Abu Rakib, Merischa, Bir Murat, Bir Absa, Tabun und Abu Schurwut nach Abu Hammed an den Nil.«

»Das ist vollständig richtig. Nun wünsche ich nur noch, daß du die Lage des Bir Murat genau kennst.«

»Das ist sehr der Fall, Effendi. Ich war öfters dort und bin weit in der Gegend umhergestreift. Von der Seite von Korosko her kommt man durch ein Dumpalmenthal in das Thal des Brunnens, welches von hohen, steilen Felswänden umschlossen ist. Jenseits desselben giebt es eine sehr beschwerliche Schlucht, welche nach und nach wieder in ebene Gegend führt.«

»Es stimmt. Welche Zeit würdest du brauchen, um von hier aus dorthin zu kommen?«

»Drei Tage, mehr nicht, da unsere Kamele frisch getränkt sind.«

»Und würdest du dich getrauen, die Asaker allein, ohne den Lieutenant und mich, in die Nähe des Brunnens zu führen?«

»Warum nicht? Es würde das doch nicht schwerer sein, als wenn ihr dabei wäret.«

»Gut, so schlage ich folgendes vor: Der Lieutenant reitet mit mir, um die Brunnen aufzusuchen und anderweit zu rekognoszieren, und du bringst die Asaker nach dem Bir Murat, aber ja nicht bis ganz zum Brunnen, da du nicht gesehen werden darfst.«

»Soll ich dort auf euch warten?«

»Ja. Aber wie lange, das ist unbestimmt.«

»Was sollen wir indessen dort thun?«

»Nichts, gar nichts. Ihr geht nicht zum Brunnen und weicht auch jeder andern Begegnung aus.«

»Aber ich setze den Fall, wir sähen die Räuber kommen. Da müssen wir sie natürlich angreifen!«

»Nein.«

»Nicht? Effendi, mache ja keinen Fehler! Wenn wir diese Gelegenheit nicht benützten, würden sie uns entgehen.«

»Gewiß nicht. Ihr müßtet sie vorüberlassen, ohne daß sie euch bemerkten. Du kannst sicher sein, daß ich hinter ihnen kommen würde.«

»Ich verstehe dich nicht, aber ich muß dir gehorchen. Wie aber willst du mit Genauigkeit den Ort bestimmen, an welchem wir auf euch warten sollen? Das ist in der Wüste unmöglich.«

»Es ist möglich. Du selbst sagst, daß die Räuber voraussichtlich zwischen Tura und Moscho über den Nil gehen werden. In welcher Richtung von Bir Murat liegen diese beiden Orte?«

»Gerade südwestlich.«

»Also mußt du dich genau südwestlich von Bir Murat postieren, und zwar eine halbe Tagreise von diesem Brunnen entfernt; das wird also ungefähr an der Westseite des alleinstehenden Dschebel Mundar sein.«

»Das stimmt genau. Ich sehe, daß du diese Gegend ebenso kennst, wie ich sie kenne, Effendi. Jetzt weiß ich genau, wo ich zu halten habe, und bin überzeugt, daß du uns gewiß finden wirst. Nur fragt es sich, ob der Lieutenant, als mein nächster Vorgesetzter, mir die Asaker anvertrauen wird.«

Der Genannte hatte bisher geschwiegen. Er sah ein, daß der Onbaschi hier erfahrener war, als er selbst. Vielleicht freute er sich im stillen darüber, daß seine Verantwortlichkeit auf mich übergegangen war, und hütete sich nun, etwas zu sagen, was dies ändern könne. Jetzt, da er direkt zum Sprechen aufgefordert war, antwortete er:

»Natürlich thue ich das. Ich habe nichts gegen das, was der Effendi bestimmt. Er ist der erste, und ich bin der zweite; was er thut, das ist wohlgethan. Aber wohin werden wir reiten? Es ist doch ganz unmöglich, zu wissen, wo die heimlichen Brunnen liegen.«

»Es ist nicht unmöglich. Mit einigem Nachdenken kann man wenigstens die Richtung erraten. Wir vermuten, daß die Räuber bei der Insel Argo über den Nil gehen und dann ihre Richtung nach dem Bir Murat nehmen; da sie dieses Ziel nicht ohne Wasser erreichen, haben wir die heimlichen Brunnen nur auf dieser Linie zu suchen.«

»Und du kennst den Weg?«

»Es giebt keinen Weg, aber ich werde mich nicht verirren. Da die Sklavenjäger von Westen kommen, werden wir westlich von der Karawanenstraße und parallel mit derselben gerade südwärts reiten. Auf diese Weise müssen wir, wenn sie ja schon vorüber sein sollten, auf ihre Fährte stoßen. Treffen wir auf keine Spur, so sind sie noch nicht da, aber wir können sie für jeden Augenblick erwarten. Vor allen Dingen muß ich streng bestimmen, daß der Onbaschi mit seinen Asakern nichts unternimmt, bevor wir zu ihm stoßen.«

Das waren die Grundzüge meines Planes; es brauchte nur noch Nebensächliches besprochen zu werden; dann konnten wir aufbrechen. Wir wurden auch in diesen Dingen einig. Der Onbaschi bekam sehr genaue Instruktionen, und dann fragte es sich nur noch, was mit Ben Nil und Selim geschehen solle. Der erstere erklärte, daß er mein Diener sei und mich nicht verlassen werde; der andere sagte dasselbe. Es schien diesem unheimlich bei den Asakern zu werden, da sie nicht an seine Vorzüge glauben wollten. Mir konnte seine Gegenwart nichts nützen, dem Onbaschi aber noch viel weniger. Ritt er mit diesem nach dem Brunnen, so mußte ich gewärtig sein, daß er Dummheiten machen und meinen Plan vereiteln werde. Mir wagte er nicht zu widerstreben, und so sagte ich ihm, daß er auch mit mir reiten könne.

So waren wir also vier Personen. Jeder nahm einen Wasserschlauch und den nötigen Proviant zu sich auf das Reitkamel, und dann ging es gerade nach Süden vorwärts. Die Asaker hatten zunächst dieselbe Richtung einzuhalten, mußten sich aber später mehr nach links, also ostwärts halten, um parallel mit der Karawanenstraße zu bleiben.

Man rechnet von Korosko bis zum Bir Murat vier Tagereisen. Ich wollte diese Strecke, das heißt bis auf die gleiche Breite mit demselben, in zwei Tagen zurücklegen. Das gab eine starke Leistung für unsere Kamele, der sie aber, zumal das meinige, gewachsen waren.

Unangenehm war dabei, daß wir nur am Tage reiten konnten. Gewöhnliche Karawanen pflegen mit Sonnenaufgang aufzubrechen und bis ungefähr elf Uhr zu marschieren. Dann ruht man während der größten Tageshitze bis zwei Uhr, um nachher bis zum Abend wieder unterwegs zu sein. Nach Sonnenuntergang wird eine Stunde zum Abendessen Rast gemacht, und dann geht es im Mond- oder Sternenscheine bis Mitternacht weiter. Wir aber wollten Spuren finden, Spuren der Sklavenjäger, welche sich von West nach Ost quer über unsere Richtung ziehen mußten; die konnten wir des Nachts nicht sehen, und darum mußten wir auch in den heißen Mittagsstunden im Sattel bleiben.

Die Gegend war zunächst noch bergig. Die Lastkarawane erreicht das Sandmeer gewöhnlich erst am dritten Tage. Was sich unsern Blicken bot, war lauter Öde und Trostlosigkeit; kein Baum, kein Strauch, nicht einmal ein einzelner Grashalm war zu sehen. In diese Einsamkeit brachten außer uns nur hier und da ein Geier oder ein Rabe Leben, welche über unsern Häuptern dahinzogen. Beide sind die einzigen Vögel der nubischen Wüste. Dieser Geier ist der weißköpfige (Vultur fulvus); er und der Rabe wagen sich nicht an lebende Tiere, infolgedessen man unterwegs oft Scenen vor sich hat, welche einem im Herzen weh thun.

Wenn nämlich ein Lastkamel ermattet und nicht mehr fort kann, so sinkt es nieder und ist weder durch gute Worte noch durch Anwendung von Gewaltmitteln zum Aufstehen zu bewegen. Man läßt es dann einfach liegen und bürdet seine Last den andern Tieren auf. Es ist nicht tot, aber es hat keine Kraft mehr, sich zu erheben. So liegt es noch Tage lang, bewegt ein Bein oder das andere, hebt den Kopf, und rundum sitzen die Geier und Raben, um zu warten, bis es nach und nach verschmachtet, und es dann zu zerreißen. Der Wüstenbewohner geht gefühllos an solchen armen Tieren vorüber; seine Kamele sehen das Bild ihres einstigen Schicksales und schreiten kläglich brüllend vorbei; ich aber habe stets, wenn ich ein noch lebendes Kamel liegen sah, die Leiden desselben durch eine Kugel geendet. Die Raben und Geier nagen das Fleisch bis auf die Knochen ab, und die Gerippe bleiben liegen, bleichen in der Sonne und bezeichnen den Weg, den die Karawane ziehen muß. Zuweilen sieht man seitwärts vom Pfade einige aufeinander gelegte Steine. Das sind die Stellen, an denen ein Mensch verschmachtete oder auf irgend eine andere Weise vom Leben zum Tode kam.

Wir bekamen während unsers Rittes kein einziges dieser Todeszeichen zu sehen, da wir uns in der wilden Wüste und nicht auf dem Karawanenwege befanden. Die Ordnung, welche wir innehielten, war sehr einfach. Ich ritt mit dem Lieutenant voran, und Ben Nil und Selim folgten. Über die Richtung konnte ich nicht im Irrtume sein, selbst der Kompaß war nicht nötig. Ein Blick auf die Uhr und auf den Stand der Sonne genügte zur genauen Orientierung. Des Nachts dienen die Sterne, besonders das südliche Kreuz, den Dewalil als Merkzeichen; da aber dieses Sternbild in jenen Breiten zeitig untergeht, kommt es vor, daß der beste Führer sich einmal verirrt.

Die felsige Wüste zu beschreiben, ist eine undankbare Aufgabe; darum will ich nur sagen, daß wir, als die Sonne untergegangen war, ungefähr in gleicher Breite mit dem Nildorfe Serah Halt machten und uns lagerten. Wir waren so schnell geritten, daß wir zwei Kameltagereisen hinter uns gebracht hatten.

Unser Abendessen bestand aus Datteln und Wasser. Wir konnten uns nicht einmal einen Mehlbrei bereiten, da es uns an Feuermaterial fehlte. Die Karawanen sammeln den auf dem Wege liegenden Kamelmist, um denselben als Feuerungsmaterial zu benützen; auf unserm einsamen Wege aber war davon nichts zu finden gewesen. Wir hätten uns übrigens auch nicht die Mühe des Sammelns geben können, da unsere Zeit zu kostbar war.

Meine drei Begleiter waren nicht nur solcher Parforcetouren, sondern überhaupt des Kamelreitens nicht gewöhnt; darum fühlten sie sich angegriffen. Der Lieutenant besaß zu viel Stolz, als daß er geklagt hätte; auch Ben Nil war still; aber Selim jammerte sehr.

Mit dem Morgengrauen erwachten wir und setzten den Ritt fort. Die Berge wurden bald seltener, und die Felsen machten dem Sande Platz, dessen Fläche sich wie ein endloses, unbewegtes, gelbes Meer vor uns ausdehnte. Ich trieb mein Kamel an, und die andern mußten folgen, obgleich die gestrige Anstrengung ihnen noch in den Gliedern lag.

Die Sonne stieg an dem wolkenlosen Himmel höher und höher und sandte ihre Strahlen herab, welche die Attnosphäre mit steigender Glut erfüllten. Um die Mittagszeit war es, als ob wir Feuer atmeten. Der Lieutenant wurde stiller und stiller, Ben Nil ebenso; desto lauter klagte Selim. Er wollte in jeder Viertelstunde anhalten, um abzusteigen und sich niederzulegen. Ich redete ihm zu, vergebens. Ich nahm ihn bei der Ehre, indem ich sagte:

»Ich habe bisher geglaubt, du seist vom Stamme der Fessara; das scheint aber nicht wahr zu sein.«

»Es ist wahr.«

»Aber die Fessara sind doch wohl die berühmtesten Kamelreiter zwischen Darfur und dem Nile?«

»Auch das ist richtig,« antwortete er in stolzem Tone. »Ich bin der größte Held ihres Stammes.«

»Dann würdest du dich nicht in dieser Weise über einen leichten Ritt beklagen. Du jammerst ja wie ein Kind. Ist das eines Helden würdig?«

»Nein; aber in diesem Augenblicke bin ich kein Held, sondern ein zerschlagener und ausgedorrter Mann, den die Strahlen der Sonne fressen. Ich muß unbedingt absteigen und mich ausruhen.«

»Jetzt, wo die Versäumnis eines Augenblickes genügt, unsern Plan unausführbar zu machen? Bedenke, daß wir die geraubten Weiber und Töchter der Fessara, also deines Stammes, retten wollen!«

»Was gehen mich alle Weiber und Töchter der Erde an, wenn ich ihretwegen zu Grunde gehen soll!«

»Du bist kein guter Mensch, Selim. Um anderen Gutes zu erweisen, muß man ein Opfer bringen, und hier handelt es sich um die Freiheit und das Glück sehr vieler Personen!«

»Ich mag von ihnen nichts wissen.«

»So bist du geradezu ein schlechter Kerl!«

»Richtig, sehr richtig! Aber mein Leben muß mir lieber sein als dasjenige hundert anderer. Ich bin ein Held, ein tapferer, verwegener Kämpfer und Krieger; ich fürchte mich selbst vor dem Teufel und vor Gespenstern nicht, wie ich dir glanzvoll bewiesen habe, aber von der Sonne gebraten zu werden, das ist zuviel, das braucht sich kein Held gefallen zu lassen. Ich halte an und steige ab.«

»Thue es; ich habe nichts dagegen,« antwortete ich zornig.

»Ich danke dir, Effendi! Ich wußte, daß du doch noch verständig handeln werdest. Wir werden also hier ausruhen!«

»Wir? Nein, sondern nur du. Wir reiten natürlich weiter.«

»Weiter reiten?« fragte er besorgt. »So soll ich hier allein bleiben?«

»Jawohl, da es dir so beliebt. Ich steige nicht eher ab, als bis ich unser heutiges Ziel erreicht habe. Wer nicht mit will, der mag zurückbleiben und sich von den Geiern fressen lassen. Gehen dich die Frauen der Fessara, welche deine Verwandten sind, nichts an, so habe auch ich mit dir nichts mehr zu schaffen.«

Ich trieb mein Kamel weiter, zornig über den Mann, der sich so gefühllos gegen seine Stammesangehörigen zeigte. Er sah ein, daß er verloren war, falls er zurückblieb, und folgte. Überdies wäre ihm das Absteigen wohl nicht sehr leicht geworden, da sein Kamel, wenn wir andern weiter geritten wären, sich geweigert hätte, anzuhalten.

Auf diese Eigentümlichkeit der Kamele bauend, hielt ich mich stets voran. Noch am Vormittage hatten wir die Höhe von Abu Rakib erreicht, und nach Mittag kamen wir in diejenige von Wadi Merischa. Während dieser ganzen Zeit hatte ich den Boden unausgesetzt im Auge gehabt, um eine Spur zu entdecken, aber nichts dem ähnliches gefunden.

Und weiter ging es, immer weiter. Die vier Kamele warfen die langen Beine ohne Ermüden vorwärts; es waren wirklich ausgezeichnete Tiere. Wenn nur die drei Reiter ebenso ausdauernd gewesen wären. Von Selim war gar nicht zu reden; er war ein Schwächling in jeder Beziehung; die beiden andern hatten Charakter, aber sie waren die Wüste nicht gewöhnt und mußten sich zu sehr anstrengen. Sie sprachen kein Wort und folgten mir, weil sie mir folgen mußten.

Ich will nicht sagen, daß dieser Ritt mir leicht geworden sei, o nein. Auch ich empfand die entsetzliche Hitze, welche mein Gesicht verbrannte, so daß an mehreren Stellen, auch an den Händen, die Haut sich löste; aber wir hatten eben ein Ziel vor uns und mußten es unbedingt erreichen. Hat der Mensch einmal ein Muß erkannt, so soll er alle Kräfte einsetzen, demselben gerecht zu werden.

Gegen Abend tauchte eine Hügelkette vor uns auf; die Höhen zogen sich quer über unsere Richtung und waren nicht bedeutend. Ich irrte mich nicht, als ich annahm, daß dies die Hügelkette sei, welche sich vom Dar Sukkot quer durch die nubische Wüste zieht. Zu ihr gehören auch die Felsen, zwischen denen der Bir Murat liegt. Wir befanden uns also mit demselben parallel, und nun galt es, doppelt scharf aufzupassen. Ich mußte den Sand nach Spuren untersuchen, was bei der Schnelligkeit unseres Rittes nichts Leichtes war, und zugleich die Hügel betrachten, um aus der Form und Lage derselben auf etwa vorhandenes Wasser zu schließen.

Da plötzlich hielt mein Kamel im Schreiten inne; es blieb stehen und sog die Luft durch die Nüstern. Dann wendete es sich nach rechts und rannte, fast möchte ich mich des Ausdruckes bedienen, zu gleichen Beinen davon. Ich ließ das Halfter so locker wie möglich; es fiel mir gar nicht ein, das Tier zu verhindern, seinem Instinkte oder vielmehr seinem Geruche zu folgen – es hatte Wasser gespürt.

Die andern Tiere folgten mit derselben Schnelligkeit. Der Sand flog rechts und links und hinter uns in Wolken empor; wir schossen zwischen zwei Hügeln hindurch, welche im Hintergrunde durch einen dritten verbunden wurden, so daß ein kleiner, vorn offener Thalkessel vor uns lag. In der Mitte desselben angekommen, blieb mein Kamel stehen und wollte mit den Vorderhufen den Sand aufscharren. Ich sprang, ohne es erst niederknieen zu lassen, aus dem hohen Sattel herab, nahm es beim Kopfe und riß es zurück. Es sträubte sich; es zerrte, schrie, schlug und biß nach mir – vergeblich; es mußte zurück, und dann legte ich ihm die Fesseln so eng um die Beine, daß es nicht von der Stelle konnte. Über meinen Widerstand wütend, warf es sich zu Boden und blieb da bewegungslos, wie tot, liegen. Dieselbe Not hatte ich auch mit den drei andern Tieren, obgleich dieselben gestern sich toll und voll getrunken hatten; auch sie wurden gefesselt.

In meine drei Begleiter war Leben gekommen. Sie sahen, daß der Ritt für heute zu Ende sei, und das gab ihnen die Kräfte und die Lebenslust zurück.

»Effendi, du hast wirklich recht gehabt,« sagte der Lieutenant voller Freude. »Nach dem Verhalten unserer Kamele muß es hier Wasser geben.«

»Es giebt welches; darauf könnte ich schwören.«

»Ist es nicht möglich, daß du dich irrst?«

»Seht ihr nicht die feinen Spuren von Kamelmist? Es sind Kamele, folglich auch Menschen hier gewesen. Und wo Menschen so fern von den Karawanenwegen in der Wüste verkehren, da muß es Wasser geben. Laßt uns nachgraben! Übrigens hätte ich, selbst wenn ich allein, ohne Kamel, hierher gekommen wäre, aus der Lage und Gestalt dieses Hügelkessels auf Wasser geschlossen.«

Wir knieten nieder, um den Sand wegzuräumen; er war nicht fest, und acht kräftige Arme förderten die Arbeit. Bei drei Fuß Tiefe wurde er feucht, bei vier Fuß naß; dann stießen wir auf ein Leder, welches aus einigen zusammengenähten Gazellenhäuten bestand, und als wir dasselbe entfernt hatten, sahen wir noch eine Elle tiefer das klare Wasser; einige Holzstäbe steckten quer darüber, um das Leder zu tragen.

»Allah sei Preis und Dank!« rief Selim. »Hier giebt es frisches Wasser. Laßt uns auf die Hitze des Tages trinken, damit wir neue Kraft bekommen!«

Er machte die Gürtelschnur los, um seinen Becher an dieselbe zu binden und von dem Wasser zu schöpfen.

»Halt!« sagte ich. »Recht, dem Recht gebührt. Erst soll der Finder trinken.«

»Der Finder? Der bist du!«

»Nein, mein Kamel; es hat vier Tage lang gedürstet und soll nun seinen Lohn erhalten.«

»Aber der Mensch kommt vor dem Tiere!«

»Nicht in allen Fällen. Hier haben wir einen Fall, wo es umgekehrt ist. Mein Kamel kommt vor mir; ich habe getrunken, dasselbe aber nicht, obgleich es mich tragen mußte und ich sicher auf seinem Rücken saß.«

»Ihr Christen seid sonderbare Leute, und wir, die wahren Gläubigen, müssen darunter leiden. Soll dein Kamel etwa dieses frische Wasser saufen, während dann wir uns mit dernjenigen in unsern Schläuchen, welches bereits stinkt, begnügen müssen?«

»Nein. Es bekommt das Wasser zweier Schläuche, welche wir dann hier von neuem füllen. So ein geheimer Brunnen ist nicht etwa so ausgiebig wie der Bir Murat. Wir können jetzt, wie ich sehe, nur zwei Schläuche füllen, und es kann wohl einen Tag währen, bis sich wieder ebenso viel gesammelt hat.«

»Und wie soll dein Kamel saufen, da dieser Brunnen zu eng ist und wir auch kein Gefäß haben?«

»Aus diesem Leder, dessen Ecken ihr emporhaltet, so daß in der Mitte eine Vertiefung entsteht.«

Die drei faßten das Leder in der bezeichneten Weise an, und ich goß das Wasser aus zwei Schläuchen hinein. Dann nahm ich dem Tiere die Fesseln ab; es sprang auf und trank mit großer Begier, bis der letzte Tropfen verschwunden war. Nun füllten wir die entleerten Schläuche aus dem Brunnen, welcher eigentlich ein sehr seichtes Wasserloch war, und schöpften ihn damit vollständig aus. Dann wurde er wieder zugedeckt, damit die heiße Luft nicht eindringen könne.

Wir hatten jeder von dem frischen Wasser getrunken und fühlten uns außerordentlich erquickt. Mittlerweile hatte die Sonne den Horizont erreicht, und die drei Muhammedaner knieten nieder, um das Aschia zu beten. Es muß erwähnt werden, daß sie auch unterwegs die vorgeschriebenen Gebete nicht vergessen hatten und auch später nicht versäumten. Es wurde zur betreffenden Zeit abgestiegen, niedergekniet und gebetet.

Nach dem Aschia nahmen wir das Abendbrot ein, welches aus Datteln und getrocknetem Fleische bestand. Die Kamele bekamen eine kleine Portion Negerhirsen zu fressen. Hierauf gingen wir schlafen. Die drei lagerten sich an der Quelle; ich aber stieg die westliche Höhe hinan, auf deren Gipfel ich mich niederlegte – als Wächter gegen etwaige Überraschungen. Die Sklavenjäger konnten ja möglicherweise auch des Nachts kommen. Sehr bald drang das Schnarchen der Gefährten zu mir herauf, und auch ich schlief ein, doch ohne Sorgen, denn ich wußte, daß mein Schlaf ein so leiser war, daß ein lauter Kamelschritt mich gewiß geweckt hätte.

Als ich erwachte, graute der Tag; der Osten begann sich zu färben, und ich weckte die drei, damit sie das Fagr beten sollten. Fagr heißt Morgenröte; darum wird das für die Zeit des Sonnenaufganges vorgeschriebene Gebet so genannt. Sie standen auf, sprachen ihr Gebet, und dann sahen wir nach dem Wasser. Es hatte sich während der Nacht so viel gesammelt, daß wir wieder zwei Schläuche füllen konnten; das alte Wasser bekamen die Kamele. Dann aßen wir einen Brei, welcher aus Durrhamehl, in kaltem Wasser eingerührt, bestand. Der ärmste deutsche Bettler würde diese Speise für ungenießbar erklären; die Wüste aber nimmt keine Rücksicht auf den verwöhnten Gaumen eines Menschen.

Ich hatte über meine ferneren Absichten geschwiegen, und meine Gefährten schienen überzeugt zu sein, daß ich hier an dem Brunnen die Sklavenjäger abfangen wolle, denn der Lieutenant meinte, während wir aßen.

»Effendi, deine Berechnung ist wirklich richtig gewesen. Ich bin überzeugt, daß dieser Brunnen genau in Richtung zwischen Bir Murat und der Insel Argo liegt. Wenn die Räuber wirklich dort über den Nil gehen, müssen sie uns hier in die Hände laufen. Wir erwarten sie in aller Ruhe und Bequemlichkeit, und wenn sie kommen, so – so – so – –«

»Nun, was dann?« fragte ich.

»Dann – dann – – ja, was wirst du denn dann thun?«

»Meinst du wirklich, daß wir sie hier in solcher Bequemlichkeit erwarten?«

»Ja.«

»Wenn sie dann kommen, sind sie höchst wahrscheinlich viele Köpfe stark, während wir nur vier Männer sind. Ich fürchte mich zwar nicht, aber es ist besser, für irgend einen guten Zweck zu leben als für denselben zu sterben. Wir würden also einen Kampf nicht aufnehmen, sondern uns schnell, ehe sie uns bemerkt hätten, zurückziehen.«

»Wohin?«

»Auf unsere Asaker, welche heute abend am Dschebel Mundar eintreffen. Bis dahin ist eine halbe Tagereise. Uebrigens werden wir gar nicht in die Lage kommen, uns schon heute mit den Asakern zu vereinigen. Wir sind noch nicht am Ziele.«

»Noch nicht? Wohin willst du denn?«

»Südwärts. Wir haben bis hierher keine Spur gefunden; es ist aber möglich, daß die Erwarteten weiter oben, also südlich, in die Wüste eingedrungen sind. Man muß so sicher wie möglich gehen. Welch ein Ärger, wenn wir hier ruhig sitzen blieben und dann hörten, daß sie inzwischen zum Beispiele nach Dschebel Daraweb und dem Bir Absa vorüber seien! Wir müssen also sofort weiter.«

»Allah! Ich will dir gestehen, daß ich einen solchen Ritt nicht mehr aushalte.«

»Ich auch nicht!« stimmte Selim bei. »Ich mag weder weiter reiten noch wieder riechen.«

Ben Nil schwieg. Es war ihm nicht besser zu Mute als den beiden andern, aber er war trotzdem bereit, meinem Willen zu folgen. Der brave Junge dauerte mich. Ich hatte einen Ritt vor, welcher an Anstrengung den gestrigen noch übertreffen mußte; wenn ich es mir recht überlegte, so konnten mich die andern nur hindern, und da ich einmal wenigstens einen von ihnen hier als Posten zurücklassen mußte, so war es jedenfalls am klügsten, keinen von ihnen mitzunehmen und lieber allein zu reiten.

Als ich ihnen dies mitteilte, waren sie einverstanden. Nur der treue und besorgte Ben Nil meinte.

»Effendi, ist es nicht besser, ich reite mit? Du könntest leicht in irgend eine Gefahr geraten, in welcher ich dir, wenn es Allahs Wille ist, vielleicht beizustehen vermöchte.«

»Wenn es Allahs Wille ist, würde ich eine solche Gefahr auch allein bestehen. Ihr bedürft einen Tag der vollen Ruhe, und es ist besser, daß alle drei sich hier befinden, denn ich bin beinahe überzeugt, daß die Sklavenjäger doch durch diese Gegend kommen. Ich würde selbst hier warten, aber Pflicht und Vorsicht gebieten, daß ich andere Möglichkeiten auch mit in Berechnung ziehe.«

»Aber wenn dir ein Unglück begegnet, sind wir hier, ohne dir helfen zu können und ohne zu wissen, was wir thun sollen.«

»Wenn ich bis morgen mittag noch nicht hier bin, so – –«

»So weit und so lange willst du fort?« unterbrach er mich.

»Wie weit ich reite, weiß ich noch nicht. Also, wenn ich bis dahin nicht zurückgekehrt bin, eilt ihr zu den Asakern und reitet nach Süden, wo ihr auf die Fährte der Räuber treffen werdet. Ich kehre nämlich nur dann nicht zurück, wenn ich auf diese Leute treffe und dabei verunglücken sollte.«

»Allah möge es verhüten! Mir wird angst und bange, Effendi. Ich werde dich doch lieber begleiten!«

»Nein. Ich bin überzeugt, daß mir nichts geschieht, und dein Arm ist hier vielleicht nötiger als bei mir. Es gilt, gut und aufmerksam Wache zu halten. Hier unten am Brunnen habt ihr Schatten, und ich bin gar nicht dagegen, daß ihr hier lagern bleibt, einer von euch aber muß sich stets auf dem Hügel, wo ich geschlafen habe, befinden, um Ausschau nach Südwest zu halten. Wenn ihr während meiner Abwesenheit die Räuber kommen seht, so werft euch schleunigst auf die Kamele und eilt zu den Asakern, um ihnen zu sagen, daß sie sich zurückziehen und die Sklavenjäger vorüber lassen sollen.«

»Da entkommen diese ja!«

»Nein. Ich will nicht haben, daß ihr in meiner Abwesenheit einen Angriff auf sie unternehmt. Darum sollt ihr sie lieber vorüber lassen. Sie reiten auf alle Fälle nach dem Bir Murat, und dort fassen wir sie nach meiner Rückkehr.«

»Aber wenn sie dort nicht lange bleiben?«

»So reiten wir ihnen nach. Wir kommen doch jedenfalls schneller vorwärts als ein Sklavinnentransport und werden sie also auf alle Fälle einholen. Also, komme ich zurück und finde euch nicht mehr vor, so weiß ich euch bei den Asakern und suche euch bei diesen auf. Geschieht aber nichts, so bleibt ihr bis morgen mittag hier!«

Es wurden zwar noch allerlei Einsprüche erhoben, doch ich blieb bei meinen Bestimmungen, welche ich für die den Umständen am angemessensten hielt. Mein Tier hatte sich heute sehr anzustrengen, darum gab ich ihm ein doppeltes Quantum Negerhirsen und einige Hände voll Datteln. Nachdem ich meinen Wasserschlauch hinter dem Sattel befestigt hatte, schärfte ich den dreien noch einmal Vorsicht ein und stieg dann auf. Es war acht Uhr morgens, als ich den Brunnen verließ.

Es ging wieder, wie während der zwei letzten Tage, gerade südwärts. Bald war die Hügelkette im Norden verschwunden, und es gab nun rund um mich das gelbe, öde, abwechslungslose Bahr bela mah, das Meer ohne Wasser. Ist die Einöde schon erdrückend, wenn man Begleiter bei sich hat, so ist sie es noch weit mehr, wenn man sich ganz allein befindet. Es kommt eine Art Grauen über einen. Man fühlt sich der Unendlichkeit gegenüber klein und machtlos – ein hilfloser Wurm der gerade in ihrer Einförmigkeit und Unfruchtbarkeit gewaltigen Natur gegenüber. Auch mich überkam ein Gefühl, als ob die Wüste sich hebe und der Himmel sich senke und ich zwischen beiden zerquetscht, zermalmt werden sollte. Da ich kein Leben sah, mußte ich es hören – ich begann zu pfeifen, wie furchtsame Schulknaben zu pfeifen pflegen, wenn sie sich im Dunkeln grauen. Und doch war es so hell, so licht um mich.

Mein Kamel spitzte die Ohren und verdoppelte seine Schnelligkeit. Die Wirkung, welche das Pfeifen auf die Kamele ausübt, ist wirklich erstaunlich. Mag das schwerbeladene Schiff der Wüste noch so ermüdet sein, sobald sein Führer die eigens dazu konstruierte Pfeife an die Lippen setzt, kommt es wie neue Kraft über das abgetriebene Tier. Auch ein frisches, also nicht ermüdetes, Kamel nimmt das Pfeifen für eine Aufforderung zu größerer Schnelligkeit.

Während der beiden letzten Tage hatte ich meine Begleiter schonen müssen; heute brauchte ich diese Rücksicht nicht zu nehmen. Ich wollte sehen, welche Schnelligkeit mein grauer Schnellläufer entwickeln könne; darum trieb ich ihn durch Liebkosungen, Zurufe und Pfeifen an – ich flog nur so dahin. Der beste arabische Renner hätte nicht Schritt halten können. So ging es über eine Stunde lang, ohne daß das Tier Schweiß oder Ermüdung zeigte oder durch Schnauben kund gab, daß es ihm an Atem mangele. Das Tier hatte seine Freude an diesem Dauerlauf, denn als ich es zügelte, mußte ich Gewalt anwenden, um ihm Einhalt zu thun.

Stunde um Stunde verging. Zuweilen kam ich quer durch ein Chor, wo ein einsamer, blattloser Sidr-Strauch, eine Mimosenart, stand, ein trauriger Rest der spärlichen Vegetation, welche sich während der Regenzeit in so einem Chor entwickelt. Es wurde Mittag und Nachmittag, ohne daß ich eine Kamelspur zu finden vermochte. Die Sonne senkte sich tiefer und tiefer; ich befand mich sicher in gleicher Breite mit dem Nildorfe Tinareh und hielt nun an. Weiter südlich hatte ich die Sklavenjäger, wenn sie überhaupt den nördlichen Weg einschlugen, nicht zu suchen. Ich stieg also ab, um meinem braven Tiere eine Stunde der Ruhe zu gönnen; es erhielt auch einige Becher Wasser aus dem Schlauche und eine Handvoll Datteln.

Als die Sonne verschwunden war, stieg ich wieder auf, um zurückzukehren. Das war ein Ritt! So ganz allein, wirklich mutterseelenallein! Und doch nicht allein. Unten ist die Öde, der Tod; droben aber glänzt das Leben; da leuchten die Sterne und erzählen mit flammenden Worten von dem, der ewig war, ewig ist, ewig bleibt und den Menschen mit liebender Vaterhand selbst durch das Grauen der Wüste leitet. Die Gedanken des Menschen in einer solchen sternenhellen Wüstennacht, wer wollte sie nachdenken oder gar beschreiben!

Natürlich ging die Rückkehr nicht so schnell wie der Ritt am Tage. Ich hatte sorgfältig darauf zu achten, daß ich nicht aus der Richtung kam. Die Sterne leuchteten hell genug, um mich, wenigstens von Zeit zu Zeit, meine Fährte erkennen zu lassen. Dieselbe war sehr deutlich, weil mein Kamel während des Eillaufes den Sand tief aufgegriffen hatte. Das vortreffliche Tier schien selbst jetzt nicht ermüdet zu sein, und um mich dafür dankbar zu erweisen, pfiff ich ihm alle mir geläufigen Melodien vor, nur dann eine kurze Pause machend, wenn mir die Lippen weh thaten. Als der erste Tagesschein im Osten erwachte, fühlte ich mich zwar körperlich ermüdet, aber geistig so frisch wie gestern, da ich vom Brunnen aufgebrochen war. Ich hatte den Mittag als die späteste Zeit meiner Rückkehr bezeichnet und brauchte mich nicht zu beeilen. Darum ließ ich mein Tier in gemächlichem Schritte gehen und freute mich der Genauigkeit, mit welcher ich während der Nacht auf meiner eigenen Spur geritten war; sie zog sich auch jetzt noch sichtbar gerade gen Norden.

Es mochte gegen neun Uhr sein, als ich die Hügelkette vor mir erblickte. Bald erkannte ich auch die drei Höhen, hinter denen der verborgene Brunnen lag. Wie mochte es dort stehen? War etwas geschehen oder nicht? Ich trieb mein Tier unwillkürlich zu größerer Eile an. Bald darauf aber hielt ich es so kräftig an, daß es stehen blieb. Es war etwas geschehen, ganz gewiß! Ich sah nämlich von links her eine breite Fährte kommen, welche hinter den drei Hügeln verschwand und dann rechts von denselben wieder erschien, um da gegen Nordost weiter zu gehen. Es war also jemand da gewesen und wieder fortgeritten. Dieser jemand aber mußte aus mehreren Reitern bestehen, wie ich aus der Breite der Fährte bemerkte.

Nun trieb ich mein Kamel wieder vorwärts, legte das Gewehr über den Sattel und nahm den einen Revolver in die Hand. So ritt ich um den linken Hügel herum, stieg da ab und schlich mich vorsichtig weiter bis dahin, wo ich zwischen den beiden Hügeln hindurch nach dem Brunnen sehen konnte. Ich bemerkte mit dem ersten Blicke, daß derselbe zugeschüttet und seine Oberfläche mit der Umgebung ausgeglichen war. Ein Mensch befand sich nicht da.

Die Fährte deutete auf fünf Reiter. Waren meine drei Gefährten, als sie dieselben kommen sahen, sofort davon geritten, um den Onbaschi aufzusuchen? Ich sah die fünffache Fährte nach dem Brunnen führen und untersuchte nun die andere, welche wieder heraus- und nach Nordosten weiter ging. Sie zeigte die Hufeindrücke von acht Kamelen. Das stimmte. Erst waren meine drei Leute fort und dann später die fünf Fremden. Später? O nein! Die Spuren waren gleich alt, keine auch nur eine halbe Stunde jünger als die andere. Die acht Kamele hatten zu gleicher Zeit den Brunnen verlassen. Mir wurde angst, und doch beruhigte es mich, aus den noch scharfen, nicht eingefallenen Sandrändern der Hufeindrücke zu ersehen, daß nach dem, was hier geschehen war, höchstens eine Stunde vergangen sein konnte. Also war es mir, falls meine Leute sich in Gefahr befinden sollten, wohl möglich, ihnen noch Hilfe zu bringen.

Ich ging nun zum Brunnen. Da sah ich an dem Fuße der linken Anhöhe einen Sandhaufen, welcher vorher nicht dagewesen war, wohl vier Ellen lag, zwei breit und eine hoch, fast wie ein Grab. Der Sand war locker; ich begann, ihn aufzuwühlen. Dabei bemerkte ich unweit von mir eine rotgefärbte Stelle. Hier war also Blut geflossen! Wer lag unter dem Haufen? Ich arbeitete fast krampfhaft weiter. Ein nackter Fuß kam zum Vorscheine und dann noch einer.

Sollte ich den Körper nach und nach von seiner Sanddecke befreien? Das ließ meine Ungeduld nicht zu. Ich faßte also beide Füße, zog und zog und riß endlich den ganzen Körper mit einem gewaltsamen Rucke aus dem Sande.

Gott sei Dank, es war weder der Lieutenant, noch Ben Nil, noch Selim! Es war ein mir fremder, bärtiger, sonnverbrannter Mann mit halb arabischem und halb negerartigem Gesichte. Man hatte ihm die Kleider genommen; er war ganz nackt, und in seiner Brust klaffte eine breite Stichwunde. Der Messerstoß hatte unbedingt das Herz getroffen.

Wer war der Mann? Wer hatte ihn erstochen? Es trieb mich fort, die Fährte schleunigst aufzunehmen, aber die Überlegung sagte mir, daß ich ruhig und bedachtsam sein müsse und hier nichts versäumen dürfe. Ich hatte hier unten genug gesehen und konnte mir den Vorgang erklären. Fünf Reiter waren gekommen; meine Gefährten hatten sich gewehrt und einen von ihnen getötet; man hatte sie aber überwältigt und gefangen genommen. Dann war der Tote begraben, der Brunnen verdeckt und jede Spur des Geschehenen verwischt worden. Nur die blutige Stelle hatte man gelassen; sie sollte um Rache zum Himmel schreien.

Es war klar, daß meine Kameraden sich in Lebensgefahr befanden; dennoch folgte ich ihnen nicht sofort, sondern stieg zunächst auf den Hügel, auf welchem ich geschlafen hatte, und hielt Umschau. Es war ja möglich, daß ich von diesem Standpunkte aus noch irgend etwas bemerkte, was mir von unten entgangen war. Und richtig, ich hatte mich nicht geirrt! Ich entdeckte etwas, sogar etwas sehr Wichtiges.

Nämlich ungefähr tausend Schritte von den drei Hügeln, zwischen denen sich der Brunnen befand, lag eine einzelne Anhöhe; in halber Entfernung sah ich einen Mann, welcher langsam und zögernd, ja ängstlich näher kam. Er war sehr lang, sehr dürr, trug einen weißen Haik und einen riesigen Turban von derselben Farbe. Das war ja mein Aufschneider, mein Großprahler, der alte Schlingelschlangel!

»Selim, Selim, ich bin es!« rief ich ihm zu. »Komme schnell; du hast nichts zu befürchten!«

»Tamahm, tamahm ketir – richtig, sehr richtig!« brüllte er als Antwort. Dann setzte er seine langen, »tapfern« Beine in so eilige Bewegung, daß er in Zeit einer halben Minute vor mir stand, der ich inzwischen rasch wieder zu der Leiche hinabgestiegen war.

»Allah sei Lob, Preis und Dank gesagt, daß du gekommen bist, Effendi!« begrüßte er mich. »Jetzt ist alles, alles gut, denn ich hoffe, daß du mir helfen wirst, den Lieutenant und Ben Nil zu retten. Solltest du dich aber fürchten, so werde ich es ganz allein unternehmen.«

»Prahle nicht! jedenfalls bist du wieder einmal feig gewesen, sonst ständest du nicht hier.«

»Feig? O, Effendi, warum verkennst du mich doch stets und immer! Ich habe mit einer Klugheit gehandelt, welche du loben solltest. Ich habe mich bewahrt, um unsere Freunde retten zu können.«

»Hättest du sie sofort gerettet! Wohin sind sie denn?«

»Dorthin.«

Er deutete in die Richtung, welche die Fährte zeigte.

»Auch das brauchst du mir nicht zu sagen. Mit wem denn?«

»Das weiß ich nicht.«

»Du mußt doch wissen, wer die fünf Männer waren, welche euch überfielen? Ihr müßt doch mit ihnen gesprochen haben!«

»Ich war nicht da.«

»Wo warst du denn?«

»Dort hinter der Anhöhe.«

Er zeigte dahin, woher er eben jetzt gekommen war.

»Ah, du bist geflohen?«

»Nein. Ich nahm nur eine andere Stellung ein, welche sich besser zur Verteidigung eignete. Leider waren die beiden andern nicht klug genug, meinem leuchtenden Beispiele zu folgen.«

»Ich verstehe schon. Ausreden und Beschönigungen sind bei mir nicht angebracht. Saht ihr denn die Fünf nicht kommen?«

»Nein.«

»So habt ihr keine Wache ausgestellt?«

»O doch. Ich hatte die Wache.«

»Und du sahst die Menschen nicht, als sie kamen!«

»Effendi, ich konnte sie doch nicht sehen. Es war die Zeit des Morgengebetes, und ich kniete da oben, mit dem Gesichte, wie es vorgeschrieben ist, nach Osten, gegen Mekka gewendet; da nun diese Fünf aus Westen kamen, konnte ich sie nicht sehen.«

»Lüge nicht! Die Spuren sagen mir, daß der Überfall nach der Zeit des Morgengebetes geschehen ist. Hättest du da oben gekniet, so wärest du schon von weitem gesehen worden und den Feinden nicht entkommen!«

»Was ich sage, ist wahr, Effendi. Ich war allzu tief in das Gebet versenkt.«

»In den Schlaf! Geschlafen hast du! Gestehe es!«

Mein Ton war nicht eben ein freundlicher, wie sich leicht denken läßt; das schüchterte ihn ein. Er blickte verlegen vor sich nieder und antwortete:

»Ist es dir nicht auch schon geschehen, daß du betend eingeschlafen bist? je tiefer die Andacht, desto näher der Schlummer.«

»Um keine Zeit zu verlieren, will ich dieses halbe Geständnis für ein ganzes nehmen. Also du bist auf dem Posten eingeschlafen. Als du erwachtest, was gab es da, was sahest du?«

»Ich sah nichts, sondern ich hörte unten am Brunnen laute, drohende Stimmen. Ich kroch herzhaft und verwegen bis an den Rand der Höhe vor, um hinabzublicken. Was aber sah ich da!«

»Nun was?«

»Es war grauenhaft! Der Lieutenant lag am Boden und wehrte sich gegen zwei Männer, und drei andere hatten Ben Nil gepackt. Hier lagen unsere Kamele und draußen fünf fremde.«

»Laß die Kamele! Ich will wissen, was die Menschen thaten.«

»Ben Nil stieß einem der Angreifer das Messer in das Herz, so daß derselbe niedersank, wurde dann aber von den beiden übrigen niedergerissen.«

»Und du, was thatest du?«

»Was ich zu thun schuldig war, Effendi. Meine Leidenschaft für alles Kühne und Verwegene trieb mich zwar, mich hinab und auf die Gegner zu stürzen, aber ich sah ein, daß es schon zu spät war, sie zu vernichten. Ich nahm meine Zuflucht zu der Kühlheit meines Verstandes und zu der Überlegenheit des Nachdenkens und sagte mir, daß meine Einmischung den Gefährten nicht Nutzen, sondern nur Schaden bringen könne. Ich mußte mich erhalten, um ihnen später desto sicherere Hilfe bringen zu können. Auch mußte doch jemand hier bleiben, um dich zu benachrichtigen, und das konnte doch nur ich sein. Hatte ich recht oder nicht, Effendi?«

»Es ist wahr, dein Verstand war außerordentlich kühl und bedächtig. Erzähle jetzt nur weiter!«

»Ich war nicht gesehen worden und rannte jenseits die Höhe hinab. Du weißt ja, wie ich laufen kann, wenn es gilt, Freunde zu bewahren oder zu beschützen.«

»Ja, du hast es schon gezeigt!«

»Ich begab mich nach dem Hügel, von welchem du mich kommen sahst.«

»Du begabst dich hin? Ich denke, du wirst gerannt sein wie ein gehetzter Schakal!«

»Natürlich war ich so schnell und behend wie möglich, da es die Rettung meiner Gefährten galt. ich versteckte mich dort auf der andern Seite, wo ich nicht bemerkt werden konnte. Später sah ich die Halunken mit den beiden Gefangenen abziehen.«

»Waren sie gebunden?«

»Wahrscheinlich. Sehen konnte ich es nicht, da die Entfernung wohl über tausend Schritte beträgt. Ich sah nur, daß der Trupp aus sechs Reitern und zwei ledigen Kamelen bestand. Nun wartete ich natürlich auf dich. Ich sah einen einzelnen Reiter kommen. Er ließ sein Tier niederknieen, stieg ab und schlich sich vorsichtig nach dem Brunnen. Ich konnte die Züge seines Gesichtes nicht erkennen, aber seine Kleidung und seine Gestalt ließen erraten, daß du es seist. Ich kam herbei und sah dich auf dem Hügel stehen, von wo aus du mich riefst. Jetzt weißt du alles und wirst mir das Zeugnis geben, daß ich als Held und Mann gehandelt habe!«

Er sagte das in so zuversichtlichem Tone, daß es mit meiner Selbstbeherrschung nun endlich zur Neige ging. Ich war ergrimmt über diesen Menschen und fuhr ihn an:

»Als Held und Mann? Weißt du, was du bist? Du bist der allergrößte Feigling und Schafskopf, der mir jemals vorgekommen ist!«

Man nehme mir diesen Ausdruck nicht übel. Gegen die geradezu haarsträubenden Schimpfreden, deren sich der Araber bedient, ist das Wort Schafskopf die reine Schmeichelei. Dennoch rief Selim betroffen aus:

»Wie nennst du mich? Habe ich das verdient? Ich hatte Lob und Anerkennung erwartet, und – –

»Anerkennung?« unterbrach ich ihn. »Ich erkenne nur an, daß du ein Nichtsnutz bist, ein Taugenichts, der stets das große Wort führt, aber vor der Nase einer Maus erschrickt. Hättest du gehandelt wie ein Mann, o, nicht wie ein Mann, sondern nur wie ein leidlich mutiger Knabe, so säßen der Lieutenant und Ben Nil jetzt als Sieger hier am Brunnen. Dann wollte ich es gelten lassen, wenn du von Mut und Tapferkeit redetest!«

»Effendi, ich verstehe dich nicht!«

»So will ich mich verständlicher machen. Du hast nicht gewacht, sondern geschlafen; um so mehr war es deine Pflicht, die Folgen deiner Unachtsamkeit möglichst auf dich zu nehmen. Da unten rangen deine beiden Gefährten, welche jedenfalls auch im Schlafe überfallen wurden, denn sonst hätten sie sich ihrer Schußwaffen bedient, mit den fünf Gegnern. Ben Nil, der noch fast ein Knabe ist, stieß den einen nieder. Und was thatest du? Du befandest dich hier oben auf einem Punkte, welcher das Thal beherrschte. Du hattest deine Waffen bei dir, denn du trägst sie ja noch jetzt. Hättest du auf die Kerls geschossen, dort von deinem sichern Standpunkte aus, an welchem dir die Feinde gar nichts anhaben konnten, so wäre der Verlauf des Kampfes ein ganz anderer geworden, denn die Gefährten hätten Luft bekommen. Aber anstatt dies zu thun, bist du feig davongerannt, hast sie ihrem Schicksale überlassen und brüstest dich nun mit der Kühlheit deines Verstandes. Wenn mich nicht deine unendliche Dummheit erbarmte, so würde ich jetzt dafür sorgen, daß es deinem Verstande etwas wärmer würde. Und da wagst du, mir zu sagen, daß du die Gefangenen allein retten wolltest, wenn ich nicht den Mut dazu besitze! Was hast du denn verdient? Was soll ich denn eigentlich mit dir thun? Sag‘ mir das einmal!«

Er stand in zusammengeknickter Haltung und mit niedergeschlagenen Augen wie ein ausgescholtener Schulbube vor mir und hatte nicht den Mut zu antworten.

»Nun, rede doch! Sage, wie habe ich gesprochen, falsch oder richtig?«

»Tamahm, tamahm ketir – richtig, sehr richtig, Effendil« entfuhr ihm, jedenfalls ganz wider Willen, seine gebräuchliche Redensart.

Das klang so sonderbar, daß mein Zorn schnell verschwand. Was konnte er auch dafür, daß er das Herz eines Hasen bekommen hatte! Und seine Aufschneidereien? Nun, die allgemeine Erfahrung lehrt, daß die größten Feiglinge mit dem Munde gern die größten Helden sind. Darum fuhr ich in milderem Tone fort:

»Das war endlich einmal ein richtiges, ein wahres Wort von dir, und ich hoffe, daß es der Anfang einer nachhaltigen Besserung ist!«

»O, Effendi, ich bin doch nicht so schlimm, wie du denkst!«

»Davon wollen wir jetzt nicht sprechen. Schlimm ist zunächst die Lage, in welcher sich Ben Nil und der Lieutenant befinden. Wir müssen ihnen Hilfe bringen.«

»Natürlich, natürlich; das versteht sich ja ganz von selbst! Aber wie?«

»Wie lange sind sie schon fort?«

»Wenig über eine Stunde.«

»Was für Kamele hatten die Feinde? Lastkamele?«

»Nein, leichte Reitkamele.«

»So ist keine Zeit zu versäumen. Ich muß fort.«

»Du? Nicht auch ich?«

»Ja, du meinetwegen auch. Eigentlich sollte ich dich fortjagen, aber ich will ein Nachsehen haben und dir erlauben, mir zu folgen.«

»Ich habe doch kein Kamel! Diese Halunken haben das meinige mitgenommen.«

»Daraus schließe ich, daß ihre Klugheit keine große ist. Sie haben zwei Gefangene. Aus dem Umstande, daß es drei Hedschihn mit Sätteln gab, hätten sie ersehen können, daß ein dritter Reiter anwesend sei, und nach dir suchen sollen. Du bist freilich sehr erfreut darüber, daß sie das unterlassen haben.«

»O nein. Ich hätte mit ihnen gekämpft bis aufs Blut und – –«

»Schweig‘! Was ich von deinem Kampfesmute halte, das weißt du längst. Darum ist es mir lieb, daß ich dich jetzt nicht mitnehmen kann. Du würdest mir ja doch alles verderben. Ich reite den Leuten nach, und du kommst zu Fuße hinterdrein.«

»Das ist unmöglich, Effendi! Wie soll ich dich einholen!«

»Nichts ist einfacher als das. Die Kerle sind seit einer Stunde fort; in zwei Stunden hole ich sie ein und warte dann auf dich.«

»Damit ich mitkämpfen soll?«

»Sei nicht so dumm! Wenn du kommst, bin ich längst mit ihnen fertig. Du wirst, um an die Stelle zu gelangen, an welcher ich sie in zwei Stunden einhole, wenigstens fünf Stunden rasch gehen müssen. Meinst du, daß ich sie, deiner berühmten Tapferkeit zuliebe, drei volle Stunden festhalten soll? Übrigens hoffe ich, daß du dich sputest. Ich habe weder Zeit noch Lust, allzu lange auf dich zu warten. Du hast die Schnelligkeit und Ausdauer deiner langen Beine gerühmt; nun setze sie, da es einmal wirklich notwendig wird, in den Stand, zu beweisen, daß sie diese Lobrede verdienen!«

Ich war während dieser letzten Worte zu meinem Kamel gegangen. Als ich Miene machte, aufzusteigen, meinte Selim in kläglichem Tone:

»Du reitest also wirklich ohne mich fort? Wie kannst du mich so allein in der Wüste lassen!«

»Hättest du dein Kamel verteidigt, so besäßest du es noch. Ich weiß es, du fürchtest dich, so allein in der Wüste zu sein. Nimm es als Aufmunterung zur Besserung hin.«

»Ich fürchte mich nicht, gewiß nicht; aber, darf ich nicht hinter dir aufsteigen und mitreiten?«

»Meinetwegen,« antwortete ich schadenfroh. »Aber ich sage dir, daß ich mitten unter die Feinde reiten werde und weder Tod noch Wunden scheue, um die Gefährten zu befreien. Die Feinde werden sich wehren.«

»Das wäre mir gleich, aber,« lenkte er um, »aber ich sage mir, daß dein Kamel, wenn es auch mich noch tragen soll, nicht rasch genug laufen kann, und da ist es sehr leicht möglich, daß die Feinde dir entwischen. Darum reite lieber allein, und ich werde so schnell wie möglich nachkommen.«

»Gut!« lachte ich. »Du bist wirklich unverbesserlich. Verlaufen kannst du dich nicht. Die Fährte ist so deutlich, daß ein Blinder sie mit den Füßen fühlen würde. Halte deine Waffen bereit! Es giebt Löwen und Panther hier!«

Ich war aufgestiegen und hörte ihn im Fortreiten hinter mir schreien.

»Löwen und Panther! Allah kerihm – Gott sei mir gnädig! Ich fürchte mich gewißlich nicht, aber mit Tieren, welche nur des Nachts auf Raub ausgehen, wird ein wahrer Held aus Mitleid nicht am Tage kämpfen. Effendi, nimm mich mit, nimm mich mit!«

Ich schaute mich um und sah ihn in solcher Eile hinter mir dreinspringen, daß sein Haïk wie eine Fahne ihm im Rücken wehte. Natürlich hörte ich nicht auf sein Rufen, sondern trieb mein Tier zur größten Eile an, um die Entfernung zwischen mir und den Gesuchten so rasch wie möglich zurückzulegen.

Wenn man bedenkt, daß das Kamel seit gestern früh unterwegs gewesen war, so muß man eine solche Leistung als fast unglaublich bezeichnen; aber einem echten Reitkamel wird, wenn es not thut, zuweilen noch mehr zugemutet. Dafür wird es dann sorgfältig geschont und mit einer Aufmerksamkeit gepflegt, als ob es ein Kind des Besitzers sei.

Es entwickelte dieselbe Schnelligkeit wie gestern, und dabei war sein Tritt so leicht und sicher, daß ich sanft, wie in einem Schaukelstuhle, hin und her gewiegt wurde und von den Unebenheiten des Bodens nichts empfand. Und solcher Unebenheiten gab es genug, mehr als mir lieb war. Ich befand mich zwischen den Dar Sukkot-Höhen. Die Gegend war ein immerwährender Wechsel zwischen Sandstrecken und Hügeln, welche, je weiter ich kam, immer steinigter wurden. Glücklicherweise war die Spur so deutlich, daß ich selbst da, wo der Sand aufhörte, mich nicht irren konnte. Anderthalb Stunden waren vergangen; ich legte eben den Weg zwischen zwei niedrigen Höhen hin, da erblickte ich die Gesuchten vor mir auf einer größeren offenen Sandstrecke. Ich zog das Fernrohr aus der Satteltasche und richtete es im Jagen auf die Gruppe. Es ist ein gewisses Geschick erforderlich, von einem laufenden Kamele aus durch das Rohr zu sehen. Das Glas brachte mir die Personen näher. Zwei Personen ritten voran, und zwei, welche die beiden ledigen Kamele neben sich führten, hinterdrein; in der Mitte befanden sich die Gefangenen.

Jetzt galt es. Ich lockerte die beiden Revolver und das Messer und nahm das Gewehr zur Hand. Jetzt tausend, dann neunhundert, nun achthundert Schritte war ich von ihnen entfernt. Einer der Voranreitenden sah sich zufällig um und erblickte mich. Er mochte den andern sagen, daß ein Reiter hinter ihnen her komme, denn sie drehten sich auch um. Ich war ein einzelner Mann, den sie, wie sie glaubten, nicht zu fürchten hatten; sie hielten an, um mich herankommen zu lassen, griffen aber als vorsichtige Leute zu den Waffen.

Sie besaßen lange Beduinenflinten, welche nur in der Nähe gefährlich sind. Die Gefangenen waren gefesselt; von ihnen hatte ich keine Unterstützung zu erwarten. Ich mußte mich auf mich allein verlassen. Die Entfernung zwischen ihnen und mir, der ich mein Kamel auch angehalten hatte, betrug wohl gegen dreihundert Schritte. So weit reichten die Flinten nicht; ich aber war sicher, daß meine Kugeln die Stelle, auf welche sie gerichtet waren, genau treffen würden. Dadurch war ich ihnen überlegen. Nun kam es auf das Verhalten der beiden Gefangenen an. Verrieten sie durch Worte oder Zeichen, daß sie mich kannten, daß ich komme, um sie zu befreien, so wurde mir die Ausführung meines Vorhabens ganz beträchtlich erschwert.

Der eine von den vieren winkte mir, heranzukommen; ich gab ihm denselben Wink nach mir her. Er sprach mit seinen Gefährten einige Worte, kam dann auf mich zugeritten und blieb in einer Entfernung von vielleicht hundert Schritten von mir halten.

»Wer bist du?« rief er mir zu.

»Ein Sajih aus Kahira,« antwortete ich.

»Willst du etwas von uns?«

»Ja. Ich habe eine Bitte und werde, wenn du sie mir erfüllst, auch dir einen Wunsch erfüllen.«

»Ich habe keinen!«

»Du wirst einen haben, sobald du mein Verlangen erfüllst. Komme näher!«

»Nein, komme du!«

Wenn ich meinen Zweck erreichen wollte, so mußte ich dieser Aufforderung Folge leisten, doch that ich das in einer besonderen Weise, welche ihn zwang, mich im Vorteile zu belassen. Ich ritt nämlich nicht zu ihm hin, sondern ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und ging langsam auf ihn zu. Die Wüstenregel gebot ihm nun, dasselbe zu thun. Er stieg also auch von seinem Tiere und kam mir würdevoll entgegen. Als er mich erreichte, blieb er stehen, sah mir scharf und forschend in das Gesicht, reichte mir die Hand und sagte:

»Sallam aaleikum! Sei mein Freund!«

»Aaleik sallam! Ich werde dein Freund sein, sobald du der meinige bist. Du weißt nun, was ich bin und woher ich komme. Darf ich auch erfahren, zu welchem Stamme du gehörst und wo der Ausgang deiner Reise liegt?«

Ein Messer und zwei Pistolen sahen mit ihren Griffen aus seinem Gürtel. Er stützte sich auf seine Flinte wie einer, der seiner Sache sicher ist und nichts zu fürchten hat, und antwortete:

»Auch wir sind Reisende und kommen aus dem Dar Sukkot.«

»Dein Herz ist der Brunnen der Herablassung, und deine Gnade erleichtert meine Seele.«

Dabei setzte ich mich nieder, doch so, daß ich seine Leute im Auge hatte. Er mußte sich nun auch niederlassen und that dies so, daß er mir gegenüber, also mit dem Rücken nach den Gefangenen, saß. Meine Worte frappierten ihn; er wußte nicht, was ich meinte, und sagte darum:

»Der Wille deiner Zunge ist mir verschlossen. Warum redest du von Herablassung?«

»Weil du dich vor mir verbirgst und erniedrigst wie Harun al Raschid, welcher einst als Armer die Straßen von Bagdad, seiner Stadt, durchwandelte.«

»Du irrst. Ich bin kein Sultan und auch kein Emir.«

»Aber ein hoher Beamter des Vicekönigs, dessen Tagen Allah noch tausend zuzählen möge.«

»Wie kommst du auf diesen Gedanken?«

»Ich sehe Gefangene bei dir, also mußt du ein Memur el insaf, sein. Sind es wichtige Verbrecher, welche du ergriffen hast?«

»Ich bin kein Mernur, und die Hunde, welche ich gebunden habe, werden Kahira nicht zu sehen bekommen, sondern eines baldigen Todes sterben, weil sie einen meiner Gefährten ermordet und beraubt haben. Sie sind Räuber und Kameldiebe. Doch das wird dich nicht interessieren. Du sprachst von einer Bitte und von einem Wunsche, welchen du mir dann erfüllen willst. Darf ich deinen Wunsch vernehmen?«

»Ja, denn ich bin nur deshalb, ihn dir vorzutragen, hierher gekommen.«

»Zu mir? Wußtest du denn, wo ich zu suchen sei?«

»Deine Spur sagte es mir.«

»Wo trafst du auf dieselbe?«

»Auf meinem Lagerplatze, über den ihr geritten seid.«

»Du irrst dich schon wieder. Wir sind durch kein Lager geritten.«

»O doch!«

»Wo denn?«

»Es befand sich bei dem geheimen Brunnen, welchen wir geöffnet hatten. Du hast ihn wieder geschlossen.«

Jetzt schien ihm unheimlich zu Mute zu werden. Er schob sein Messer und seine Pistole hin und her, zog die Brauen zusammen und meinte.

»Dort bist du gewesen? Ich habe dich nicht gesehen.«

»Ich war in die Wüste geritten, um die Schnelligkeit meines Kamels zu üben. Als ich heimkehrte, waren meine Diener fort, und an deren Stelle sah ich das Grab einer fremden Leiche.«

»Hast du es geöffnet?«

»Ich mußte es doch öffnen, um zu sehen, ob der Tote vielleicht einer meiner Diener sei. Nachdem ich ein fremdes Gesicht gesehen hatte, setzte ich mich auf mein Eilkamel, um deinen Spuren zu folgen, dir meinen Wunsch zu sagen und dann auch den deinigen zu erfüllen.«

»Welcher Wunsch ist das?«

»Gieb mir meine Diener zurück!«

Er zuckte mit keiner Miene; sein Gesicht blieb ganz dasselbe; es wurde weder heller noch finsterer, als er sich erkundigte:

»Und welchen Wunsch soll dann ich wohl haben?«

»Den, daß ich dich ungehindert weiterziehen lasse.«

Jetzt freilich nahm sein Gesicht einen äußerst hohnvollen Ausdruck an. Er sah mit einer unendlichen Geringschätzung zu mir herüber und fragte:

»Wenn ich den deinigen nicht erfülle, was wirst du dann thun?«

»Ich werde dir die Erfüllung des deinigen verweigern.«

»Du willst uns anhalten?«

»Nein; das ist gar nicht nötig, da ich es schon gethan habe. Du bist ja von mir angehalten worden.«

»Aber ohne allen Erfolg. Ich werde gehen, wenn es mir beliebt.«

»Du wirst es versuchen, aber nicht weit kommen.«

»Du bist allein, und wir sind vier. Du aber sprichst, als ob du hundert gegen uns hättest!«

»Die habe ich auch.«

»Wo denn?«

»Hier. Ich allein bin so viel wie hundert euch gegenüber.«

»Du bist ein verrückter Mensch!« fuhr er mich an. »Wenn du wüßtest, wer wir sind, würdest du vor uns im Staube kriechen!«

»Du hast dich einen Reisenden genannt, und ich bin auch ein solcher. Sei sonst, was dir beliebt; jetzt aber sind wir Reisende und stehen einander gleich. Erhebt sich aber ein Streit zwischen uns, so ist derjenige der höhere und bessere, der ihn zu seinem Vorteile zu entwickeln weiß. Ob ich verrückt oder bei gesunden Sinnen bin, wirst du bald erkennen.«

»Trotze nicht etwa auf deine Waffen; es sind diejenigen der Europäer, welche in deinen Händen wertlos sind.«

»Jetzt irrst du dich auch einmal, denn ich weiß sehr gut mit ihnen umzugehen; ich bin ein Europäer.«

»Ein Europäer? Aus welchem Lande?«

»Aus Almanja.«

»Also ein Christ! Allah verdamme dich! Wie kannst du, ein Giaur, es wagen, mich hier anzuhalten und mir Vorschriften zu machen!«

»Du wünschest, daß Allah mich verdammen möge, und ich wünsche, höflich gegen dich, daß er dich behüten möge. Ich habe guten Grund zu diesem Wunsche für dich, denn wenn du noch ein einziges Schimpfwort sagst, so tritt das Ende deiner Tage augenblicklich ein!«

»Du willst mir sogar drohen, du – –«

Er hielt inne und griff nach einer Pistole, denn ich hatte einen Revolver gezogen.

»Weg mit der Hand!« donnerte ich ihn an. »Sobald deine Waffe sich im Gürtel auch nur leise bewegt, bist du eine Leiche! Du überschätzest dich; ich aber bin wirklich wie hundert gegen euch!«

Er sah meinen Revolver drohend auf sich gerichtet und zog die Hand zurück; um einen Trumpf auszuspielen, sagte er:

»Bilde dir das nicht ein! Ich brauche nur meine Leute zu rufen, so bist du verloren!«

»Versuche es! Rufe sie! Beim ersten lauten Worte, welches man zwanzig Schritte von hier vernehmen kann, bekommst du die Kugel in das Herz!«

»Das ist Verrat, schändlicher Verrat!« meinte er ergrimmt, aber mit nun vorsichtig gedämpfter Stimme.

»Wieso?«

»Ich bin zu dir gekommen, weil du mir winktest, und habe mich niedergesetzt, weil ich deinem Beispiele folgen mußte. Das ist der Brauch der Wüste. Nach diesem sind wir beide frei und können auseinander gehen, ohne daß der eine den andern halten darf. Du aber willst die Heiligkeit dieses Gesetzes entweihen.«

»Wer hat dir das gesagt? Ich habe in Freundlichkeit und Güte mit dir sprechen wollen, und jede Hinterlist war und ist mir fern. Wenn du mich aber beschimpfest und deine Leute rufen willst, so brichst du die Ordnung der Wüste und ich kann zu meinem Schutze thun, was mir beliebt.«

»So laß mich gehen.«

»Erst dann, wenn ich mit dir gesprochen habe.«

»Ich mag nichts hören!«

»Gut, so geh‘!«

»Wirst du etwa auf mich schießen, wenn ich dir im Gehen den Rücken zukehre?«

»Nein, denn ich bin ein Christ und kein Meuchelmörder. Aber ich sage dir, daß ich meine Diener haben will; eher kommt ihr nicht von der Stelle!«

»Wie willst du uns zwingen, sie auszuliefern? Bei der geringsten Feindseligkeit von deiner Seite töten wir sie.«

»Thue, was dir beliebt!«

»Du auch! Deine Worte klingen wie die eines Herrschers, uns aber halten sie nicht einen Augenblick lang.«

»So werden meine Kugeln euch länger halten, als du jetzt denkst. Wer den Platz, auf welchem ihr euch befindet, eher verläßt, als bis ich meine Diener wieder habe, der wird auf demselben begraben!«

»Du selbst wirst in wenig Augenblicken eine Leiche sein.«

Er ging langsam fort, stieg auf sein Kamel und ritt den Seinen zu. Auf die Ehrlichkeit meines Wortes schien er doch zu bauen, denn er drehte sich nicht ein einziges Mal um. Ich hätte ihm leicht eine Kugel durch den Rücken in das Herz geben können.

Ich konnte auf das, was ich erreicht hatte, gar nicht stolz sein. Lag es an dem Feinde, an den örtlichen Verhältnissen oder an mir, kurz und gut, die Lage der Gefangenen war jetzt schlimmer als vorher, da ich gekommen war. Infolgedessen konnte ich es nicht ändern, daß die Entscheidung meinem Gewehre übergeben war. Menschen töten ist grauenhaft, aber wenn sie einen dazu zwingen, so ist man wenigstens entschuldigt. – Uebrigens hegte ich die Überzeugung, es mit einem Vortrabe der Sklavenjäger zu thun zu haben. Solche Leute zu meinem eigenen Schaden zu schonen, wäre beinahe lächerlich gewesen. In diesem Augenblicke kam mir die Tötung eines Sklavenjägers fast wie ein Verdienst vor, weil durch dieselbe mehreren oder auch vielen Negern die Freiheit und das Leben erhalten würde.

Jetzt hatte der Mann die Gruppe erreicht und blickte sich nach mir um. Er sah mich nicht, denn ich war während seines langsamen Entfernens nicht unthätig gewesen. Ich hatte mir eine mehr als ellenhohe und ebenso breite Sandwelle zusammengescharrt“ hinter welcher ich nun verborgen lag; sie gewährte mir eine leidliche Deckung. In einer engen Vertiefung lag der Lauf meines Gewehres, so daß selbst beim Zielen mein Kopf nicht zu sehen war, und um schnell laden zu können, hatte ich mir mehrere Patronen handgerecht zur Seite gelegt.

Der Mann sprach mit seinen Leuten. Darauf folgte ein vierstimmiges, überlautes Hohngelächter. Man hielt meine Drohungen für leeren Schall und glaubte, mein Gewehr nach ihren Flinten beurteilend, nicht, daß dasselbe bis hin zu ihnen tragen werde. Sollte ich wirklich einen oder zwei von ihnen, vielleicht alle erschießen? Schade wäre es nicht um sie gewesen; aber jetzt im letzten Augenblicke, dachte ich daran, daß sie ihre Gefangenen, die sie doch leicht töten konnten, geschont hatten. Zwar war davon die Rede gewesen, daß sie sterben müßten, dennoch fühlte ich mich zur Milde gestimmt. Einige Kamele aber mußten fallen. Dabei konnte ich ganz leicht die unseren schonen, denn zwei von ihnen trugen den Lieutenant und Ben Nil, und das dritte wurde am Halfter ledig nebenher geführt. Die Fremden saßen auf ihren eigenen Tieren.

Sie setzten sich jetzt in Bewegung, schüttelten die Fäuste gegen mich und sandten mir ein abermaliges Gelächter zu. Sie hielten die bereits beschriebene Ordnung ein. Voran ritt derjenige, mit dem ich gesprochen hatte, jedenfalls der Anführer, mit noch einem, und hinter den Gefangenen folgten der dritte und der vierte. Ich zielte und drückte auf das Kamel des Anführers ab; es brach mit ihm zusammen; der zweite Schuß traf mit ganz demselben Erfolge das Tier seines Nebenmannes. Laute Rufe und Flüche schollen zu mir herüber. Die augenblickliche Verwirrung gab mir mehr als genügend Zeit zum Wiederladen. Die beiden nächsten Schüsse streckten die Kamele der hintern Reiter nieder. Nun gab es nur noch ein fremdes Kamel und unsere drei Hedjihn. Ich lud natürlich abermals. Die Kerle hatten Respekt bekommen; ihr Gebaren war kein herausforderndes mehr, sondern ein erschrockenes. Hätten sie hinter ihren Gefangenen Deckung suchen können, so wären sie vor meinen Schüssen sicher gewesen und konnten versuchen, mich mit ihren Kugeln zu treffen; aber diese Deckung war glücklicherweise nicht mehr vorhanden, nicht mehr möglich.

Durch die vier Schüsse, das Stürzen der getroffenen Tiere und das Geschrei der unter die letzteren geratenen Reiter scheu gemacht, waren die vier noch unverletzten Kamele mit den beiden gefesselten Gefangenen durchgegangen; ich sah sie linksab hinaus in die Wüste rennen. Die Fremden hatten sich unter ihren Kamelen hervorgearbeitet, blickten ratlos zu mir herüber und dann den fliehenden Kamelen nach, sprachen einige Worte mit einander und ließen mich dabei durch ihre Gesten erraten, daß sie fliehen wollten. Da sprang ich auf, legte das Gewehr auf sie an und rief ihnen zu:

»Stehen bleiben, sonst schieße ich!«

Sie hatten zu ihrem Schaden erfahren, daß mit meinen Kugeln nicht zu spaßen sei, und folgten meiner Aufforderung.

»Werft die Flinten weg! Wer die seinige in der Hand behält, wird erschossen!« fuhr ich fort.

Auch diesem Befehle wurde Gehorsam geleistet, und nun ging ich mit angeschlagenem Gewehre auf sie zu. Ich hätte sie laufen lassen können, aber ich war beschimpft worden, ohne sofort Vergeltung zu üben, und wollte nun Abbitte haben. Bei ihnen angekommen, legte ich das mir lästige Gewehr ab und nahm den Revolver in die Hand, um sie bezüglich ihrer Messer und Pistolen in Schach zu halten. Die Kerle machten Gesichter, als ob sie träumten; das finsterste war dasjenige des Anführers.

»Zweimal habt ihr mich verlacht,« sagte ich zu ihm, »wollt ihr es nun zum drittenmale thun?«

Keine Antwort.

»Siehst du nun ein, daß ich so gut wie hundert gegen euch war? Hundert Männer hätten es auch nicht besser machen können. Ich habe euch sogar gefangen, ohne euch zu verletzen, und ihr habt ganz und gar vergessen, euch zur Wehr zu stellen. Was meint ihr wohl, daß ich nun mit euch thue, ihr tapfern Reiter ohne Kamele?«

Keiner antwortete; sie blickten ingrimmig vor sich nieder. Darum fuhr ich fort:

»Seht diese kleine Waffe an! Es sind sechs Kugeln darin, also mehr als genug für euch. Ich werde euch die Freiheit geben, da ich solche armselige Menschen nicht zu fürchten brauche; vorher aber verlange ich unbedingten und augenblicklichen Gehorsam. Eure Waffen bleiben hier, damit ihr nicht andern schaden könnt. Ich werde sie euch abnehmen. Hebt die Hände über die Köpfe empor! Wo nicht, so schieße ich. Rasch!«

Drei folgten dieser Weisung sofort, der Anführer aber nicht; er fuhr mit der Hand nach dem Gürtel und rief:

»Beim Propheten, das ist zu viel! Du sollst nicht sagen, daß – –«

Er kam nicht weiter; er hatte nach der Pistole gegriffen, dafür aber eine Kugel in die Hand bekommen.

»Hände auf!« fuhr ich ihn drohend an.

Ich hörte das Knirschen seiner Zähne, aber er gehorchte doch. Mit der Rechten die Waffe schußbereit, leerte ich mit der Linken ihre Gürtel und warf die Pistolen und Messer hinter mich.

»So, das ist geschehen. Nun nur noch eins. Du hast mir die Verdammung gewünscht und mich einen Giaur genannt; ich verlange, daß du mich um Verzeihung bittest und »Samih’ni« (vergieb mir) sagst. Zögerst du, so ist meine Kugel schneller als dein Wort. Also –!«

Ich richtete den Lauf gegen seine Brust. Er schluckte und schluckte, das Wort wollte nicht heraus; aber endlich kam es doch, heiser und durch die geschlossenen Zähne gestoßen. Der Schweiß des unterdrückten, maßlosen Grimmes stand ihm im ganzen Gesicht.

»Wir sind fertig, außer dem guten Rate, den ihr noch anhören mögt. Hütet euch in Zukunft, einen Europäer, zumal einen Christen, gering zu achten, denn er ist euch auf alle Fälle überlegen. Kommt ihr je mit ihm in Zwist, so rechnet weit mehr auf seine Güte als auf eure Macht und Tapferkeit. Ich habe mich in Freundlichkeit mit euch vergleichen wollen; ihr antwortet mit Hohn und habt nun die Folgen. Ich will nicht genauer nachforschen, wer und was ihr seid, doch tretet ihr mir zum zweitenmale feindlich entgegen, so kommt ihr nicht so leichten Kaufs davon wie jetzt. Nun könnt ihr gehen, wohin euch beliebt, aber schnell. Ich schieße eure Gewehre ab, und ihr könntet leicht durch eure eigenen Kugeln verwundet werden.«

Sie wendeten sich schweigend um und entfernten sich eiligen Schrittes. Ich schoß hinter ihnen ihre Pistolen ab, um ein etwaiges Unglück beim Transporte derselben zu vermeiden, und dann auch die Gewehre. Den Lauf der ersten Flinte richtete ich gegen die Erde. Der Schuß streute. Das fiel mir auf. Ich grub mit dem Messer nach und fand, daß die Ladung aus Nägeln und gehacktem Blei bestanden hatte. Dasselbe war auch mit den andern Flinten der Fall. Ich hatte es mit sehr gefährlichen, gefühl- und rücksichtslosen Menschen zu thun gehabt und war mehr als froh, in dieser Weise davongekommen zu sein. – Mein Kamel kniete noch ruhig an der Stelle, wo ich abgestiegen war. Ich trug die erbeuteten Waffen hin, band sie mit einer Kamelleine zusammen und befestigte das Bündel am Sattel. Dann stieg ich auf und ritt nach links ab, um Ben Nil und den Lieutenant zu suchen. Ein anderer hätte das wohl schon eher gethan, aber mir war aus verschiedenen und leicht ersichtlichen Gründen daran gelegen gewesen, den Sklavenjägern, als welche sie sich später wirklich herausstellten, den Unterschied zwischen ihnen und einem Europäer auf das allernachdrücklichste zu zeigen. Das konnte unter Umständen dann andern Christen von großem Nutzen sein. Das Aufsuchen der Gefangenen konnte für diese kurze Zeit aufgeschoben werden. Ich war überzeugt, sie sehr bald zu finden.

Die Spur ging in schnurgerader Richtung in die Wüste hinein, und zwar gar nicht weit. Schon nach fünf Minuten sah ich die Reiter in der Ferne still nebeneinander halten; ganz in der Nähe hatten sich die beiden ledigen Kamele hingelegt.

Die Freude des Lieutenants und Ben Nils war, als sie mich kommen sahen, natürlich sehr groß. Der erstere rief mir schon aus der Ferne zu:

»Allah sei gepriesen, daß du endlich kommst! Seit unserer Gefangennahme bis zu dem Augenblicke, an welchem du erschienst, haben wir nicht so viel Angst ausgestanden, wie während der kurzen Zeit hier in der Wüste. Wir wußten nicht, ob du gesiegt habest oder unterlegen seiest, und ob man uns hier suchen und auch finden werde. Wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätten wir, mit den Kamelen zusammengebunden, elendiglich untergehen müssen.«

»Ihr seht, daß ich Sieger bin,« antwortete ich. »Aber da fällt mir eben, und am Ende zu spät ein, daß ich vielleicht etwas Wichtiges unterlassen habe. Ehe ich euch losbinde, muß ich erfahren, wo euer Eigentum ist, welches man euch jedenfalls abgenommen hat.«

»Es befindet sich alles am Sattel und in der Satteltasche von Selims Kamel, welches dort am Boden kniet. Die Gewehre hängen am Sattelknopfe; alles andere steckt in der Tasche. Sie wollten gleich teilen, wurden aber nicht einig und beschlossen darum, die Teilung später vorzunehmen.«

»Das ist gut; es freut mich, daß ihr nichts eingebüßt habt. Wir haben im Gegenteile Beute gemacht, diese Waffen, ein gutes Kamel, und bei den toten Kamelen wird auch wohl noch manches zu finden sein. Nun sollt ihr vor allen Dingen frei werden; dann schnell zum Kampfplatze zurück. Ich traue diesen Halunken zu, daß sie, wenn sie sehen, daß ich mich entfernt habe, wiederkommen, um ihre Sachen zu holen. Was zu reden ist, können wir für nachher aufheben.«

Man hatte die beiden Kamele mit den Köpfen zusammen – und die Gefangenen dann an den Sätteln festgebunden. Ich löste die Leinen, holte den beiden ihre Waffen, und dann kehrten wir, die zwei ledigen Kamele mit uns führend, nach dem »Schlachtfelde« zurück.

Noch hatten wir nicht die Hälfte des Weges hinter uns, da sah ich draußen, weit vor uns vier sich bewegende Punkte. Das waren die Sklavenjäger, welche, wie ich vermutet hatte, zurückkehren wollten. Als sie uns bemerkten, lenkten sie um und liefen eiligst von dannen, in nordöstlicher Richtung, was für mich wichtig war, da ich daraus erkannte, daß sie nach dem Bir Murat wollten.

Bei den von mir niedergestreckten Kamelen angekommen, sah ich, daß eins derselben noch lebte; ich tötete es mit einem Revolverschusse in das Auge. Dann untersuchten wir den Inhalt der Satteltaschen. Es gab da vielerlei, was für mich nutzlos, für einen Askeri aber brauchbar war. Auch der Anzug dessen, den Ben Nil erstochen hatte, war vorhanden. Die wertvollste Beute fand ich bei dem Kamele des Anführers, nämlich einige große Papierbogen, auf welche die Gebiete der sudanesischen Stämme, der Lauf der Flüsse, die Lage hunderter von Ortschaften, die Karawanen- und Sklavenjägerwege und vieles sonst noch Wichtige sehr sorgfältig und mit großem Fleiße gezeichnet waren. Diese Karten steckte ich als das einzige, was ich von der Beute in Anspruch nahm, zu mir. Alles andere sollte auf das ebenso erbeutete Kamel geladen und dann später verteilt werden.

Nun mußten wir auf Selim warten und hatten also Zeit, uns über das Geschehene auszusprechen. Ich erfuhr, daß der Schlingelschlangel allerdings an dem Unglücke schuld sei; er hatte wachen sollen, aber geschlafen. Die beiden andern hatten, da jeder von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang vier Stunden auf Wache gewesen war, sich nach dem Morgengebete wieder niedergelegt und waren plötzlich mit Gewalt geweckt worden. Die Augen öffnend, hatten sie sich in den engen Umschlingungen der Feinde gesehen. Beide hatten sich gleich kräftig gewehrt, aber nur Ben Nil war es gelungen, sein Messer zu ziehen und einen Gegner niederzustechen. Das hatte den Grimm der Sklavenjäger im höchsten Grade erregt, und einer von ihnen war der Ansicht gewesen, daß der Mörder sofort zu töten sei; die andern aber, unter ihnen der Anführer, hatten gemeint, die Rache müsse aufgeschoben werden, um dann desto fürchterlicher zu sein. Darauf war die Leiche entkleidet und eingescharrt worden. Man hatte die Tiere aus dem Brunnen getränkt und diesen nachher zugeworfen. Gleich darauf war der Aufbruch erfolgt.

»Wie hat man euch dann unterwegs behandelt?« fragte ich.

»Gar nicht, weder gut noch schlecht,« antwortete der Lieutenant. »Man sprach nicht mit uns; es war, als ob wir für sie gar nicht vorhanden seien.«

»Aber unter sich sprachen sie doch?«

»Sehr wenig und nur von ganz gewöhnlichen Dingen.«

»Habt ihr nicht aus diesem Wenigen zu erraten vermocht, wer und was sie sind und woher sie kommen oder wohin sie wollen?«

»Nein. Sie nannten sich nicht einmal beim Namen.«

»Das ist sehr geheimnisvoll; sie sind außerordentlich vorsichtig gewesen, und gerade daraus läßt sich schließen, daß sie alle Ursache haben, heimlich und vorsichtig zu sein. Haben sie denn nicht gefragt, wie ihr an den Brunnen gekommen seid, wie ihr ihn entdeckt habt?«

»Das fragten sie freilich, aber wir sagten es ihnen nicht. Sie wollten noch mehr, ja alles wissen, aber wir schwiegen hartnäckig und haben keine ihrer Fragen beantwortet. So erfuhren sie nichts von deiner und Selims Anwesenheit; wir hielten es eben für das allerbeste, von gar nichts zu reden, um uns nicht deinen Tadel zuzuziehen.«

»Das war sehr klug gehandelt, denn nun bleibt uns freies Spiel. Von großer Wichtigkeit wäre es mir, zu erfahren, ob sie den heimlichen Brunnen gekannt haben oder nur zufällig in jene Gegend gekommen sind.«

»Sie kannten ihn und waren sehr zornig darüber, daß er so wenig Wasser enthielt, weil wir es für uns verbraucht hatten.«

»So weiß ich nun, für was ich sie zu halten habe. Durch diese Kenntnis des Brunnens haben sie sich verraten. Sie sind die von uns erwarteten Sklavenjäger.«

»Unmöglich, Effendi! Sie hatten ja keine Sklavinnen bei sich, und wir sind gerade gekommen, um dieselben zu befreien.«

»Diese fünf Männer bilden nur die Vorhut. Sie sollen, sozusagen, Quartier machen, für Wasser sorgen und auf alles bedacht sein, was zur Sicherheit des Sklaventransportes nötig ist.«

»Wenn das so ist, so hast du einen großen Fehler begangen, indem du sie entkommen ließest. Du hättest sie festhalten und ausfragen sollen. Wie nützlich würde uns das gewesen sein!«

»Nützlich? Ich bin da ganz anderer Meinung. Ich pflege in so wichtigen Momenten mit Überlegung zu handeln und die Folgen dessen, was ich thue, zu berechnen. Wäre es mir eingefallen, diese Männer auszufragen, so hätte ich nichts erfahren. Ich bin überzeugt, daß sie mir alles mögliche, aber nur nicht die Wahrheit gesagt hätten. Und da es mir unmöglich gewesen wäre, ihnen die Lüge sofort zu beweisen, so war es jedenfalls klüger, sie laufen zu lassen. Nun können sie sich wenigstens nicht einbilden, mich falsch berichtet zu haben. Es fällt mir nicht ein, solche Uute auch nur für wenige Stunden denken zu lassen, daß ich von ihnen überlistet worden sei.«

»Aber nun sind sie fort, und wir sind nicht weiter und nicht klüger als vorher!«

»Gerade weil sie fort sind, werden wir sehr bald klüger sein, denn sie werden mir alles sagen, was ich wissen will und was sie mir jetzt jedenfalls verheimlicht hätten.«

»Wie? Sie werden dir dies alles mitteilen? Wann denn und wo denn? Wie willst du sie dazu veranlassen?«

»Sie werden es mir sagen, ohne zu wissen, daß ich es höre. Ich habe sie laufen lassen, um sie später am Bir Murat zu belauschen. Ichwerde nochvor ihnen dort ankommen.Von hier aus ist es eine halbe Tagereise nach dem Brunnen. Da sie keine Kamele haben und also gehen müssen, werden sie erst am Abend dort ankommen, und das giebt mir Gelegenheit, sie nicht nur zu beobachten, sondern sogar zu belauschen, ohne daß sie mich bemerken.«

»Effendi, sie müßten ja blind und taub sein, wenn sie dich nicht sähen und hörten!«

»Das laß meine Sorge sein. Ich verstehe es, mich so anzuschleichen, daß ich unsichtbar und unhörbar bleibe.«

»Aber wenn sie dich dennoch bemerken, so bist du verloren. Sie werden nicht allein am Brunnen sein, denn es vergeht kein Tag, an welchem nicht eine Karawane dort lagert; oft sind es auch mehrere. Diese Leute sind niemals Gegner des Sklavenhandels und werden also gegen dich sein.«

»Das weiß ich. Ich bin sogar überzeugt, daß ich einen unversöhnlichen Feind dort treffen werde, einen Feind, welcher gegebenen Falles sogar auf meinen Tod dringen wird, Murad Nassyr, den Türken, meinen früheren Reisegefährten.«

»Das ist wahr. Er wird nun bei dem Brunnen angekommen sein oder denselben spätestens heute abend erreichen. Du hast dich also doppelt in acht zu nehmen, und ich warne dich. Gehe ja nicht allein, sondern nimm mich und einige meiner Asaker mit!«

»Das werde ich bleiben lassen. Allein bin ich viel sicherer als in Begleitung deiner Soldaten. Ihre Gegenwart hätte nur zur Folge, daß man uns, das heißt also mich, bemerken würde.«

»So sollen sie am Dschebel Mundar bleiben?«

»Nein. Wir reiten zu ihnen, um sie abzuholen. Dann begeben wir uns in eine gesicherte Stellung in der Nähe des Brunnens, von wo aus ich später meinen abendlichen Gang unternehme.«

Der Lieutenant blickte kopfschüttelnd vor sich nieder. Das Unternehmen, welches ich plante, schien ihm zu gefährlich, wohl auch überflüssig zu sein, denn er meinte nach einer Weile:

»Sage, was du willst, ich bin doch überzeugt, daß du dich nicht in diese Gefahr zu begeben brauchtest, wenn du die Kerls, welche ganz in deine Hand gegeben waren, ausgefragt hättest.«

»Das kann man nur dann, wenn man genau weiß, was die Wahrheit ist. Was hätte ich machen wollen, wenn sie behaupteten, daß ihre Aussagen wahr seien?«

»Hm! Diese Entschuldigung hat etwas für sich; aber weißt du denn, ob sie, wenn du sie belauschest, gerade von dem, was du hören willst, reden werden?«

»Ich warte so lange, bis sie davon sprechen.«

»Und wenn inzwischen der Tag anbricht? Du darfst doch nicht so lange bleiben.«

»Was das betrifft, so bin ich überzeugt, daß ich nicht so lange zu warten habe. Nach Dingen, wie die sind, welche hier geschahen, kann man sicher darauf rechnen, daß von ihnen gesprochen wird.«

»Nun, ich habe dir nichts zu befehlen, sondern ich bin beauftragt, mich in allem dir zu fügen; aber eins muß ich doch noch erwähnen. Du hast nach heimlichen Brunnen gesucht, weil du glaubtest, die Sklavenjäger da zu treffen. Du hast auch einen solchen gefunden. Warum sollen wir ihn verlassen? Warum willst du die Asaker nach dem Bir Murat führen, da du doch wissen mußt, daß die Gesuchten denselben vermeiden werden? Auf diese Weise können sie uns sehr leicht entgehen.«

»Sie werden uns in die Hände laufen.«

»Aber du sagtest selbst, daß du überzeugt seiest, daß die fünf Männer, von denen du uns befreitest, die Vorhut der Sklavenjäger seien. Folglich kommen die letzteren nach; sie werden den heimlichen Brunnen aufsuchen, und wir können sie dort abfangen. Nun aber führst du uns fort, und zwar gerade dahin, wohin sie nicht kommen werden.«

Der Mann war so bedenklich, weil er mich nicht kannte. Doch überzeugten mich seine Einwendungen von seiner Vorsicht und von dem Ernste, welchen er der Sache widmete; darum zwang ich mich zur Geduld und erklärte ihm in ruhigem Tone:

»Deine Betrachtungen sind gerade nach vorn, nicht auch nach rechts und links gerichtet. Auf Selim können wir uns nicht verlassen; wir sind also nur drei Personen. Aus wie vielen Köpfen aber werden die Sklavenjäger bestehen? Wie nun, wenn sie so bald kämen, daß uns nicht Zeit bliebe, die Asaker kommen zu lassen? Könnten wir uns an sie wagen und sie gar, was wir doch thun sollen, gefangen nehmen? Ja, ich bin überzeugt, daß sie den heimlichen Brunnen aufsuchen; aber sie werden, weil es dort kein Wasser für sie giebt, ihn schnell wieder verlassen und vielleicht einige Reiter mit Schläuchen nach dem Bir Murat senden, um von dort Wasser zu holen. Am geheimen Brunnen dürfen wir sie nicht erwarten.«

»So brauchten wir denselben ja gar nicht aufzusuchen!«

»Du gehst zu weit! Ich wollte dort auf die Spur der Sklavenräuber kommen und habe diese Absicht vollständig erreicht. Du solltest mich also loben, anstatt mich zu tadeln. Nun ich die Fährte habe, werde ich sie nicht wieder verlieren. Es giebt zwei Wege, zwischen denen wir wählen können. Entweder lassen wir die Räuber an uns vorüber und folgen ihnen, um, falls es paßt, über sie herzufallen, oder wir reiten ihnen voraus, um uns ein zum Kampfe geeignetes Terrain zu suchen und sie dort zu erwarten. Dieses letztere halte ich für das bessere.«

»Dann müßten wir ihre Richtung wissen.«

»Die werde ich am Abend erfahren.«

»Und wenn nicht, was dann?«

»In diesem Falle können wir immer noch den erstbezeichneten Weg einschlagen.«

»Ich würde ihn überhaupt sofort wählen, denn er ist sicherer als der andere. Ich begreife nicht, daß du auf das Belauschen so versessen sein kannst.«

»Weil ich aus Erfahrung weiß, welche Vorteile es bringen kann. Es ist leicht möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß ich viel mehr höre, als was ich erfahren will. Das, was ich erhorche, kann von großer Wichtigkeit sein. Ich bitte dich, nicht mehr zu widersprechen, denn deine Einwendungen haben keinen Erfolg. Übrigens müssen wir unser Gespräch abbrechen, denn ich sehe da draußen einen kommen, der kein anderer als Selim sein kann.«

Es tauchte nämlich jetzt am westlichen Horizonte ein weißer Punkt auf, welcher sich uns näherte. Bald erkannten wir einen Fußgänger, welcher so eilig lief, daß sein weißer Burnus wie eine Fahne hinter ihm her wehte. Es war Selim, welcher froh war, uns eingeholt zu haben, und sich darüber freute, daß mir die Befreiung der Gefangenen gelungen war. Wir brachen auf.

Unsere Gegner hatten die nordöstliche Richtung, welche direkt nach dem Bir Murat führte, eingeschlagen. Da sie nicht erfahren sollten, daß wir dasselbe Ziel hatten, hielten wir uns mehr östlich und ritten dann, als wir gewiß waren, sie überholt zu haben, auf den Dschebel Mundar zu.

Es war zur Zeit des Asr, des Nachmittaggebetes, als wir am Fuße desselben anlangten, und es fiel mir nicht schwer, den alten Onbaschi mit seinen Asakern, trotzdem sie sich versteckt hielten, aufzufinden. Er hatte dies nicht für möglich gehalten und darum einige Posten ausgestellt; ich aber traf sein Versteck, ohne auf einen dieser Leute gestoßen zu sein.

Es wurde einige Zeit ausgeruht und bei dieser Gelegenheit die Beute verteilt. Ich behielt die Karten. Was mit dem übrigen geschah, war mir gleichgültig; nur bestimmte ich, daß Selim nichts bekommen solle. Das war die Strafe für seinen Mangel an Wachsamkeit und für die Feigheit, welche er dann gezeigt hatte. Der alte Schlingel that mir eigentlich leid, doch konnte ihm diese Lehre gar nichts schaden. Eine Stunde nach Asr stiegen wir wieder auf, um, diesmal natürlich in Begleitung der Asaker, bis in die Nähe des Bir Murat zu reiten.

Es wurden über die Lage desselben schon einige Andeutungen gegeben. Wer ihn von Norden her erreichen will, der kommt durch ein Thal, welches von einem Dumpalmen-Walde bestanden ist. Nach einem langen Ritte durch die öde, dürre Wüste ruft der Anblick desselben das Entzücken des Wanderers hervor. Durch diesen Wald mußte auch Murad Nassyr gekommen sein oder noch kommen.

Der Brunnen selbst liegt in einem kleinen Thale, welches von steilen Felswänden eingeschlossen wird. Er hat sechs Löcher, welche ungefähr drei Meter tief in den lehmigen Boden gegraben sind. Das Wasser ist keineswegs rein; es schmeckt wie eine Lösung von englischem Salze und hat auch ganz dieselbe Wirkung. An dieser Stelle haben einige Beduinen ihre Zelte aufgeschlagen, um im Auftrage des Schechs den Brunnen zu bewachen und eine Abgabe zu erheben. Sie sehen elend und leidend aus und sind dürr, fast wie Skelette – eine Folge des Wassers, welches sie genießen müssen.

Der Weg von Bir Murat nach Süden führt stundenlang über Felsen und Steingeröll eine beschwerliche Schlucht aufwärts. In der Nähe dieser Schlucht hielten wir, als wir kurz vor Sonnenuntergang dort ankamen. Es gab da Plätze genug, welche uns zum Verstecke dienen konnten. Ich ging, ehe es dunkel wurde, rekognoszieren. Ich mußte später, wenn es Nacht geworden war, in die Schlucht hinabklettern und über eine halbe Stunde lang derselben folgen; das war, da ich nicht gehört werden durfte, keine leichte Aufgabe.

Der Lieutenant riet mir noch einmal von meinem Vorhaben ab, natürlich vergeblich. Als ich von meinem Orientierungsgange zurückkam, aß ich einige Datteln und ein Stück getrocknetes Fleisch, welches ich durch zwei oder drei Schluck Wassers aus dem Schlauche verdaulicher machte; dann war es dunkel geworden, und ich brach auf. –

Die Sklavinnen

Die Sklavinnen

Der treue Ben Nil bat, mich begleiten zu dürfen, doch durfte ich ihm das nicht erlauben. Ich hätte ihn gern mitgenommen, denn er war nicht nur mutig, sondern auch klug und vorsichtig, und vier Augen und Ohren konnten jedenfalls mehr sehen und hören als nur zwei; aber das Terrain war zu schwierig, und er hatte im Schleichen nicht die notwendige Übung. Ein falscher Schritt konnte uns verraten.

Ich brauchte aus dem angegebenen Grunde wohl eine halbe Stunde, ehe ich von der Kante der Schlucht hinab auf die Sohle derselben kam. Die Sterne leuchteten noch nicht, und infolgedessen war das Klettern beinahe halsbrecherisch zu nennen. Dann schlich ich mich in der Schlucht abwärts, sehr oft zweifelhafte Stellen des Weges erst mit den Händen untersuchend, ehe ich den Fuß vorwärts setzte. Endlich sagte mir ein Lichtschein, daß ich dem Ziele nahe sei.

Wie bereits erwähnt, war der graue Anzug, den ich in Kairo getragen hatte, durch den Besuch der Höhle von Maabdah und der vermeintlichen Königsgräber so defekt geworden, daß ich mir in Siut einen andern gekauft hatte. Dieser war von derselben Farbe. Den hellen Haïk hatte ich im Lager gelassen. Zur Bedeckung des Gesichtes hatte ich das Kaffije bei mir, ein Kopftuch, welches zum Gebrauche für Männer ungefähr die Größe eines Quadratmeters besitzt. Es wird einmal zusammengeschlagen, so daß es zwei aufeinander liegende Dreiecke bildet, und dann mit dem Ukal, einer Schnur, so auf den Tarbusch (Fez) befestigt, daß die lange Seite nach vorn kommt und der hinten herabfallende Zipfel den Nacken schützt. Wenn es sehr heiß ist, wird unter dem Fez noch ein Schweißkäppchen getragen. Arme Leute tragen wollene oder halbwollene Kaffijen; reiche bedienen sich seidener Tücher, welche in Kairo zwölf Mark und höher pro Stück zu stehen kommen. Diese seidenen Kaffijen werden meist in Zuk und Beirut gefertigt und zeigen gewöhnlich ein blaues oder rotes Muster auf goldfarbigem oder weißem Grunde. Mein Kaffije war dunkel. Von Waffen hatte ich das Messer und die Revolver bei mir; ein Gewehr wäre mir nur hinderlich gewesen. Im Falle einer Gefahr mußte ich zunächst nach dem Messer greifen; des Revolvers durfte ich, da ich Lärm so viel wie möglich zu vermeiden hatte, mich nur notgedrungen bedienen.

Also, ich sah einen Lichtschein vor mir. Er ging von einem Feuer aus, welches durch getrockneten Kameldünger unterhalten wurde – das einzige und ausschließliche Feuermaterial in dieser Wüste. Man geht sehr sparsam mit demselben um und läßt es nie zu einer wirklich hellen Flamme kommen. Das war natürlich ein Vorteil für mich, denn ein helles Feuer hätte mich, da das Thal des Brunnens nicht breit ist, leicht verraten können.

Das Feuer glimmte nur; daß ich es trotzdem sah, war mir ein Beweis, daß ich mich nicht weit von demselben befand. Ich band mir das Kaffije so um den Kopf, daß außer den Augen das ganze Gesicht bedeckt war, legte mich auf den Boden und kroch nun weiter.

Die bisher engen Felsenwände traten jetzt mehr auseinander, und nun sah ich vor mir und zur rechten Seite noch zwei Feuer glimmen, während das zuerst erblickte sich jetzt links von mir befand. Wohin sollte ich mich wenden? Aus den drei Feuern war zu schließen, daß drei Trupps hier kampierten. Ich wollte die Sklavenjäger belauschen; sie konnten jetzt noch nicht wohl da sein, doch war ihre Ankunft sehr bald zu erwarten. Wohin würden sie sich lagern? Jedenfalls in die Nähe des Wassers, denn es war anzunehmen, daß sie von der Fußwanderung durch die heiße Wüste sehr durstig geworden seien. Vor allen Dingen und zunächst mußte ich wissen, wer jetzt schon da war. Auf die Anwesenheit Murad Nassyrs konnte ich fast mit Gewißheit rechnen.

Ich kroch zunächst nach links hinüber, wo sich in diesem Augenblicke der leise Ton einer Rababa, einer einsaitigen Geige hören ließ. Nach wenigen Augenblicken fielen die Klänge einer Kamandscha ein. Das ist eine zweisaitige Geige, deren Schallkörper aus einer Kokosnußschale besteht. Diesen beiden Instrumenten gesellten sich eine Zammara und eine Schabbabi bei, eine Pfeife und eine Flöte von einfachster Konstruktion.

Was man vortrug, war nach unserm Begriffe keine Musik zu nennen. Es gab weder Takt noch Melodie und Harmonie. Jeder der vier Künstler strich oder blies ganz nach Belieben; aber die vier Instrumente erklangen zu gleicher Zeit, und das war für diese Leute genug, um als Konzert zu gelten. Die Dissonanzen beleidigten mein Ohr, waren mir aber dennoch sehr willkommen, da sie ein etwa von mir verursachtes Geräusch verdeckten.

Als ich näher kam, sah ich formlose Massen an der Erde liegen. Das waren Kamele und die Lasten, welche sie getragen hatten. Am Feuer saßen wohl ein Dutzend Männer; vier von ihnen gaben sich dem musikalischen Verbrechertume hin; zwei waren beschäftigt, einen Mehlbrei als Abendessen zu bereiten, und die andern sahen und hörten zu, mit großem Vergnügen, wie es schien.

Diese Leute konnten mich nicht interessieren; ich kroch also nach rechts, wo ich bald einige Zelte erblickte. Die nähere Untersuchung belehrte mich, daß es diejenigen der Ababdeh-Beduinen seien, denen die Beaufsichtigung des Brunnens anvertraut war. Auch hier hatte ich nichts zu suchen, und so schob ich mich auf den Knieen und Fingerspitzen nach dem dritten Feuer. Dieses glimmte vor einem Zelte, in dessen Nähe ein zweites stand. Zwei weibliche Gestalten hockten daran: auch sie waren mit der Bereitung des Abendessens beschäftigt. Eben bückte sich die eine nieder, um das fast verlöschende Feuer anzublasen; dadurch wurde ihr Gesicht beleuchtet. Das war Fatma, die Lieblingsdienerin und Köchin, deren Haare ich im Pillaw gefunden hatte! Die beiden Zelte gehörten also meinem feindlichen Freunde Murad Nassyr. Das eine war für seine Schwester und deren Dienerinnen bestimmt, und in dem andern wohnte jedenfalls er selbst. Als ich mich demselben näherte, sah ich ihn mit seinen Kameltreibern, welche er in Korosko gemietet hatte, vor dem Eingange sitzen.

Auch hier hatte ich nichts zu schaffen, denn was er mit seinen Führern sprach, konnte mir sehr gleichgültig sein. Wohin also nun? Ja, wenn ich gewußt hätte, ob die Erwarteten am Brunnen bleiben würden! Dieser lag in der Nähe des zweiten Feuers. Am besten schien es mir, mich dorthin zu wenden. Schon drehte ich mich um, diesen Vorsatz auszuführen, als ich den Schritt eines nahenden Kameles vernahm.

Der Reiter desselben schien die Örtlichkeit genau zu kennen, sonst wäre er in der Finsternis wohl langsamer geritten. Jedenfalls wollte auch er zum Brunnen. Aus dem Schalle der Huftritte hörte ich, daß er schneller war, als ich es sein konnte. Es war mir unmöglich, den Brunnen vor ihm zu erreichen und mich dort zu verstecken; ich befand mich gerade auf seinem Wege und sah mich also gezwungen, zur Seite auszuweichen. Aber wohin? Hinter Murad Nassyrs Zelt, welches ganz nahe an dem Felsen stand. Ich schnellte mich also zur Seite, und da ertönte auch schon die Stimme des Ankömmlings: »Heda, Wächter! Wo ist eure Leuchte?«

Diese Stimme kam mir bekannt vor. Wo hatte ich sie gehört? Es fiel mir nicht sofort ein. Ich wußte, daß man den Mann mit Licht empfangen werde, und mußte mich auf das schnellste unsichtbar machen. Ich schlich mich also hinter das erwähnte Zelt, fühlte mich da aber, wenigstens zunächst, gar nicht gut aufgehoben. Zwischen dem Zelte und der nahen Felsenwand gab es nämlich ein dichtes Strauchwerk, und als ich unter dasselbe kroch, bemerkte ich, daß es stachelige Mimosen waren. Aber ich war nun einmal da und mußte, wenn ich sicher sein wollte, immer tiefer hinein. Das war zunächst unangenehm, denn die spitzen Stacheln drangen durch mein Gewand, durch das Gesichtstuch und stachen mich auch in die nackten Hände, aber außerdem auch gefährlich, denn es waren hier Skorpionen zu vermuten. Vielleicht gab es da sogar Assalehs, welche die giftigsten Schlangen der Wüste sind. Der Biß einer solchen wäre unter den gegenwärtigen Verhältnissen für mich absolut tödlich gewesen. So geht es, wenn man zum Besten fremder Menschen in der Wüste und in den Oasen herumkriecht, zumal des Nachts!

Jetzt war ich gut versteckt und konnte um das Zelt bis zu Murad Nassyr blicken. Auf den Ruf des Neuangekommenen hatten die Brunnenwächter eine aus Palmenfaser und Harz gefertigte Fackel geholt; sie wurde an dem angeblasenen Feuer angezündet und dann, als sie brannte, emporgehalten. Die Flamme beleuchtete einen weiten Kreis, glücklicherweise aber das Mimosengestrüpp nicht mit. Der Reiter stieg ab. Er wendete mir den Rücken zu. Die Wächter kreuzten die Arme und verbeugten sich tief. Er mußte ein sehr vornehmer oder sehr frommer Mann sein. Jedenfalls war es auffällig, daß er keinen Führer, keinen Begleiter hatte, und des Nachts allein durch die Wüste ritt. Jetzt drehte er sich zur Seite. Murad Nassyr erblickte sein Gesicht, sprang sofort auf und rief: »Abd Asl! Bei Allah ist alles möglich; aber wie konnte ich ahnen, dich hier zu sehen?«

Der andere drehte sich bei diesem Rufe vollends um, und nun sah auch ich seine Züge. Wahrhaftig, es war Abd Asl, der »heilige Fakir«, welcher mich und Selim in den Brunnen bei Siut gelockt hatte, um uns in demselben umkommen zu lassen! Es zuckte in meinen Armen und Beinen, zu ihm hinzueilen, um Abrechnung mit ihm zu halten; aber das durfte ich nicht. Also darum war mir vorhin seine Stimme bekannt vorgekommen!

»EI Ukkazi!« antwortete er im Tone des Erstaunens. »Sehen meine Augen recht? Du bist hier beim Bir Murat? Allah hat dich hergeführt, denn ich habe mit dir zu sprechen.«

Er schritt auf Murad Nassyr zu und reichte ihm die Hand. Dieser schüttelte sie und entgegnete:

»Ja, Allah fügt dieses Zusammentreffen. Meine Seele freut sich deines Angesichtes. Du bist allein, und ich habe Dienerinnen bei mir. Sei mein Gast, und setze dich zu mir!«

Der Fakir nahm diese Einladung an. Er befahl den Wächtern, seinem Kamele den Sattel abzunehmen und es zu tränken, und ließ sich an der Seite des Türken nieder. Ich hatte jetzt doppelt Ursache, mich zu wundern. Erstens war sein Kamel, wie ich beim Scheine der Fackel sah, ein noch wertvolleres Reitkamel als das meinige. Wie kam dieser Fakir, der als solcher doch ein Armer war, zu einem so kostbaren Tiere? Und zweitens hatte er den Türken nicht Murad Nassyr, sondern EI Ukkazi genannt. Ukkazi heißt Krücke und wird auch in der Bedeutung von Krüppel gebraucht. Woher hatte der Türke diesen Beinamen? Er besaß doch ganz gesunde Glieder!

Er ging selbst in das Zelt, um dem Fakir einen Tschibuk zu holen. Dieser hatte mir in Siut gesagt, daß er niemals rauche; jetzt aber nahm er die Pfeife an und qualmte bald wie einer, der auf Kontrakt zu rauchen hat. Jetzt war ich dem stacheligen Gebüsch nicht mehr gram. Ich lag höchstens fünf Schritte von den beiden entfernt und durfte hoffen, Interessantes zu hören.

Sie wechselten zunächst die allgebräuchlichen Redensarten; dann wurde gegessen, und die Kameltreiber zogen sich zurück. Als das Mahl eingenommen worden war, sah der Fakir sich forschend um und sagte:

»Was ich mit dir zu sprechen habe, ist nicht für jedermanns Ohr. Du hast ein Harem bei dir; können unsere Worte in demselben gehört werden?«

»Die Tochter meines Vaters bewohnt das Zelt; sie kann alles hören; aber ihre Sklavinnen sind bei ihr, und so ist es besser, wenn wir in das meinige gehen.«

Sie begaben sich in das Zelt, hinter welchem ich lag. Drin war es vollständig dunkel. Die Brunnenwächter hatten die Fackel wieder verlöscht; nun war es auch im Freien wieder finster, doch begannen die Sterne nach und nach heller zu glänzen. Ich schob mich bis an das Zelt und horchte. Sie sprachen drin, aber nur halblaut, und die Leinwand ließ ihre Worte nicht deutlich zu mir dringen. Ich wollte und mußte aber hören; darum versuchte ich, die Zeltwand zwischen zwei Pfählen emporzuheben. Es ging, und zwar so gut, daß ich den Kopf hindurchstrecken konnte. Zu sehen vermochte ich die beiden nicht, ihren Stimmen aber entnahm ich, daß ich sie mit dem ausgestreckten Arme hätte erreichen können. Schade, daß ich den Anfang ihres Gespräches nicht gehört hatte, denn kein anderer als ich selbst war der Gegenstand desselben! Das hörte ich sofort aus den Worten des Fakirs:

»Da muß ich dich vor einem Menschen warnen, welcher mit dem Reïs Effendina im Bunde steht und zu ihm hinauf nach Chartum will, um Sklavenhändler abzufangen.«

»Solltest du denselben meinen, den auch ich kenne?« fragte Murad Nassyr. »Ich weiß einen, vor dem ich auch dich zu warnen habe.«

»Wer ist er?«

»Ein Giaur aus Almanja.«

»Allah! Es ist derselbe, von dem ich sprechen wollte. Wo hast du ihn kennen gelernt?«

»In Kahira sah ich ihn wieder; aber ich habe ihn schon vorher in Dschezair, gesehen. Daß und wie du mit ihm zusammengetroffen bist, das weiß ich ganz genau, denn er selbst hat es mir in Siut erzählt.«

»So trafst du ihn nicht bloß in Kahira, sondern auch dann in Siut?«

»Er wartete in Siut auf mich, denn er sollte mich nach Chartum und von da aus weiter den Bahr el Abiad hinauf begleiten. Er ist ein kluger und verwegener Kerl und wäre für uns so unbezahlbar gewesen, daß ich ihm die jüngere Tochter meines Vaters angeboten habe.«

»Allah kerihm! Wie konntest du das thun! Nun ist er dein Freund und Schwager, und ich darf mich nicht an ihm rächen.«

»Nichts ist er, gar nichts weiter, als mein ärgster Feind, Er hat mein Anerbieten abgeschlagen.«

»Ist das möglich! Das wäre ja eine Beleidigung, welche nur mit Blut abgewaschen werden kann!«

»Ja, das ist sie, und dreimal wehe ihm, wenn er in meine Hand gerät! Doch vor allen Dingen muß ich dir genau und ausführlich erzählen, wie und warum ich ihn an meine Seite gezogen habe.«

Sein Bericht umfaßte alles Geschehene bis zu unserer Entzweiung in Korosko. Als er bei den Versprechungen ankam, welche er mir gemacht hatte, meinte der Fakir zornig:

»Dein Kopf ist krank gewesen! Wie konntest du ihm beides versprechen, deine Schwester und Reichtum! Keins von beiden gehört ganz dir! Mein Sohn hat teil an allem, was dir gehört. Du bringst ihm jetzt die ältere Tochter deines Vaters. Wie konntest du da die jüngere diesem räudigen Giaur versprechen, den Allah verbrennen und verdürsten lassen möge! Wie darf ein solcher Hund die Schwester eines Weibes haben, welches meinem Sohne gehört!«

»Bedenke seine Eigenschaften!«

»Was gehen sie mich an, wenn er ein Giaur ist!«

»Ich stellte ihm ja die Bedingung, zum Islam überzutreten!«

»Das zu thun, fällt diesem Schakale niemals ein. Ich bin ihm von Gizeh aus gefolgt, ohne daß er es ahnte. Die Kadirine hatte ihn in meine Hand und in die Hand des Gauklers gegeben. Dein Selim, welcher kein Hirn besitzt, war, ohne es zu wissen, unser Verbündeter. Dieser Mensch sollte schon in Maabdah zu Grunde gehen; aber da der Stallmeister des Pascha sich bei ihm befand, mußte ich eine andere Gelegenheit herbeiführen. Selim hatte zu viel erfahren und mußte also auch zum Schweigen gebracht werden. Darum lockte ich beide in den alten Brunnen und war, ebenso wie der Gaukler, überzeugt, daß sie denselben nie wieder verlassen würden. Aber der Scheitan scheint mit ihnen im Bunde zu stehen und ihnen einen uns unbekannten Ausweg gezeigt zu haben. Sie entkamen, und ich mußte schleunigst fliehen, um ihrer Rache zu entgehen. Die Konsuls dieser fremden Hunde sind mächtiger als der Khedive selbst. Erst nach einiger Zeit wagte ich es, nachzuforschen, und erfuhr, daß der Giaur mit Selim auf einem Sandal, welcher Et Tahr heißt, nilaufwärts gefahren sei.«

»Das war mein Schiff; ich hatte es gemietet.«

»Das wußte ich nicht. Ich hatte überhaupt keine Ahnung davon, daß du dich schon wieder in Ägypten befindest. Du wolltest die Tochter deiner Mutter viel später bringen.«

»Und ich ahnte bisher nicht, daß du zur Kadirine gehörst. Darum freute ich mich, daß es diesem Giaur gelang, mich von den Gespenstern zu befreien.«

»Das war ein Eingriff in unsere Geheimnisse. Dann wurde auf seine Veranlassung unsere Sklavendahabije konfisziert. Beides mußte er mit dem Leben büßen. Er entkam uns. Wenn er erzählt, was geschehen ist, können wir uns auf Schlimmes gefaßt machen; er muß also verschwinden. Dazu kommt, daß er auch dich tödlich beleidigt hat. Ich werde ihn zerschmettern!«

»Ganz dasselbe habe auch ich ihm angedroht; er aber hat mich verlacht.«

»Laß ihn lachen! Wir werden ihn erreichen. In kurzer Zeit wird er sich zwischen mir und dem Gaukler befinden und sicher einem von uns in die Hände laufen. Jener folgt ihm auf dem Nile, und ich ließ mir von einem Freunde das schnellste Reitkamel geben, um nach Abu Hammed zu gehen. Dort erwarte ich ihn; der Gaukler treibt ihn mir zu.«

»Da täuschest du dich. Wie kannst du denken, daß er sich auf meinem Sandal befinde! Er hat mich beleidigt; wir sind Todfeinde; meinst du, daß ich ihm da erlauben werde, mein Schiff zu benutzen?«

Das Gesicht des Fakirs zeigte jetzt sicher den Ausdruck größter Enttäuschung; ich konnte es nicht sehen; dafür hörte ich ihn im Tone tiefer Betroffenheit sagen:

»Wie! Er ist nicht auf dem Sandal! So befinden wir uns also auf falscher Fährte?«

»Ja. Er ist euch abermals entgangen. Du hast recht; dieser Giaur steht mit dem Scheitan im Bunde.«

»Aber wohin ist er? Weißt du es vielleicht?«

»Ich weiß es nicht, kann es auch nicht erraten; aber ich glaube, daß er eher als du in Abu Hammed sein wird – wenn er überhaupt dorthin zu gehen beabsichtigt. Es hatte den Anschein, als ob er von Korosko nach Korti wolle, um von dort aus durch die Bajuda-Wüste direkt nach Chartum zu gehen.«

»Woraus schließest du das? Hat er vielleicht ein unbedachtes Wort darüber fallen lassen? Warst du bei seiner Abreise zugegen?«

»Nein. Ich ritt eher fort als er; aber er kam mir sehr bald nach. Es war mir das unerklärlich. Er saß mit dem Lieutenant des Reïs Effendinavor dem Thore des Chans und – –«

»Mit wem?« unterbrach ihn der Fakir. »Der Reïs Effendina hat seinen Lieutenant nach Korosko geschickt?«

»Ja. Der Lieutenant nahm mich vor und behauptete, mich zu kennen. Er hatte recht, doch leugnete ich. Meines Bleibens konnte keinen Augenblick länger sein, und so mietete ich die ersten besten Kamele und machte mich aus dem Staube. Bald darauf kam der Giaur mit dem Lieutenant nach. Sie ritten Prachtkamele und hatten Selim und Ben Nil bei sich.«

»Ben Nil? Allah, Allah! Ich kannte einen dieses Namens, der ist aber tot.«

»Ein Matrose aus Gubator?«

»Ja. Wie kommst du dazu, diesen Ort zu nennen?«

»Weil ich von demjenigen spreche, den du für tot hältst. Du hast ihn, wie er mir selbst erzählte, in den Brunnen gelockt; aber dieser deutsche Ungläubige hat ihn befreit und mit sich genommen.«

»Das – ist – – nicht möglich!« hörte ich den Fakir beinahe lallend sagen.

»Es ist ganz genau so, wie ich es dir erzähle. Ben Nil ist der Diener des Giaur geworden.«

»Allah kerihm! Das ist zu viel! Da sind ja alle drei, welche sterben sollten, beisammen! Und wir hatten doch alle Vorsichtsmaßregeln getroffen? Das ist schon wieder einer mehr gegen uns. Aber noch fürchte ich mich nicht. Ich habe die Macht in den Händen, sie alle zu verderben, und ich schwöre bei dem Propheten und seinem Barte, daß ich es thun werde. Ich werde ihnen folgen; ich werde sie jagen, und sollte ich bis an den Bahr el Ghazal gehen. Ich suche meinen Sohn auf, und finde ich selbst sie nicht, so gebe ich sie in seine Hände. Hast du denn gar keine Ahnung, wo sie zu treffen sind?«

»Nein. Sie folgten der Karawanenstraße nur eine kurze Strecke weit; dann sind sie, wie die Spuren zeigten, nach rechts abgeritten.«

»So muß ich mich beeilen, nach Abu Hammed zu kommen. Sind sie nicht dort, so sende ich Boten nach Berber, nach Korti und auch nach Debbeh. An einem von diesen Orten muß ich wenigstens eine Spur von ihnen finden.«

»Das ist mir leid. Ich freute mich, als ich dich sah, denn ich glaubte, daß wir nun miteinander reisen würden.«

»Das ist nicht möglich. Du hast das Harem bei dir und kannst nur langsam reisen; mir aber thut nun die höchste Eile not. Wann sind sie von Korosko fort?«

»Arn Montag früh.«

»Und heute ist Donnerstag. Du sagtest, daß sie gute Reitkamele ritten; da haben sie einen großen Vorsprung, den ich unbedingt einholen muß. Ich – –«

Seine folgenden Worte konnte ich nicht hören, denn es ließ sich wieder Hufschlag hören, und eine laute Stimme rief-

»Auf, ihr Wächter, ihr Bewahrer des Brunnens! Zündet die Leuchte an, denn wir brauchen Wasser!«

Ich zog den Kopf unter dem Zelte hervor und versteckte mich wieder in das Gesträuch. Die Sterne leuchteten heller als vorhin, und ihr Schein war hinreichend, mich sehen zu lassen, daß nicht nur ein Kamelreiter, sondern ein ganzer Trupp angekommen war. Sie ließen ihre Tiere niederknien und stiegen im Finstern ab. Es wurde eine Fackel angebrannt, und nun konnte ich sieben Männer Zählen, welche auf fünf Tieren gekommen waren. Dieses Verhältnis der Zahl der Reiter zu derjenigen der Kamele befremdete mich anfangs, doch konnte ich es bald erklären, denn ich erkannte – – die vier Sklavenjäger, welchen ich die Freiheit gelassen hatte.

Die andern drei waren von der Haupttruppe der Sklavenjäger abgeschickt worden, um auf fünf Kamelen beim Bir Murat Wasser zu holen, und hatten unterwegs ihre verunglückten Kameraden getroffen. Nun war es gewiß, daß ich mich nicht geirrt hatte; die vier gehörten zu den Frauenräubern, welche wir suchten. Die letzteren hatten wirklich den nördlichen Weg eingeschlagen und mußten uns nun in die Hände fallen.

Das freute mich natürlich; um so weniger befriedigte mich meine gegenwärtige Situation. Ich war gekommen, um die Sklavenjäger zu belauschen, und steckte nun hier hinter dem Zelte fest. Sie hielten sich jedenfalls nicht lange auf, und ich fand höchst wahrscheinlich keine Gelegenheit, mich ihnen zu nähern. So dachte ich; aber glücklicherweise gestalteten sich die Umstände günstiger, weit günstiger, als ich hoffen durfte.

Murad Nassyr war nämlich mit dem Fakir aus dem Zelte getreten, um einen Blick auf die Ankömmlinge zu werfen. Da rief der erstere überrascht:

»Allah, Allah! Abermals ein Wunder! Das ist ja wieder ein Freund, den meine Augen erblicken!«

Und der andere stimmte bei:

»Ja, es ist ein Freund, den wir hier unmöglich erwarten konnten. Malaf, nahe dich uns, um aus unserm Becher zu trinken und eine Pfeife des Willkommens mit uns zu rauchen!«

Malaf drehte sich zu ihnen um. Es war der Anführer der Leute, denen ich ihre Gefangenen abgenommen hatte.

»EI Ukkazi und Abd Asl, der Vater unsers Gebieters!« rief er erstaunt. »Allah gebe euch Gnade und Glück zu jedem eurer Schritte! Erlaubt eurem Diener, euch zu begrüßen!«

Er trat zu ihnen und machte eine sehr respektvolle Verneigung.

»Bist du zufällig hier?« erkundigte sich der Fakir.

»Nein. Wir holen Wasser für eine Karwan er Reqiq

»So befiehl deinen Leuten, die Schläuche zu füllen, und komme, während sie dies thun, zu uns in das Zelt! Ich möchte dich nach meinem Sohne fragen.«

Diese Worte waren mir lieber, als wenn mir jemand tausend Mark geschenkt hätte, denn ich war nun überzeugt, nicht nur das, was ich ursprünglich wissen wollte, sondern auch noch andere Dinge von höchster Wichtigkeit zu erfahren.

Die Fackel brannte noch und wurde während des Füllens der Schläuche wohl auch nicht ausgelöscht. Das hätte leicht störend wirken können, allein ich bemerkte zu meiner Freude, daß das Gestrüpp dicht und auch breit genug war, mich vollständig zu decken. Ich konnte den Kopf wieder unter die Zeltwand stecken, ohne daß man meinen Körper von außen dabei zu sehen vermochte.

Malaf gehorchte der an ihn ergangenen Aufforderung; er gab seinen Männern die betreffende Anweisung und kam dann in das Zelt. Als ich mit dem Kopfe in das Innere desselben gelangte, stand er im Begriff, sich niederzusetzen. Ich konnte alle drei ziemlich deutlich erkennen, da die Eingangsmatte offen stand und von der Fackel ein Lichtschein hereindrang. Als Malaf Platz genommen hatte, sagte der alte Fakir:

»Ich glaubte euch jetzt am obern weißen Nil. Ist der Fang so schnell gegangen und war der Transport so leicht, daß ihr jetzt schon hier sein könnt?«

»Wir waren gar nicht am Bahr el Ghazal, sondern haben die Richtung nach Westen eingeschlagen.«

»Also nach Kordofan? Dort giebt es doch nichts zu holen!«

»Wir waren weiter.«

»Nach Dar-fur also? Wie kommt das? Wer kauft Sklaven, welche dort geboren sind? Früher, ja, aber jetzt nicht mehr.«

»Wir waren weder in Kordofan noch in Dar-fur, sondern wir haben arabische Frauen und Mädchen geholt.«

»Allah! Arabische Beduininnen?«

»Ja.«

»Aber das sind doch Anhängerinnen des wahren Glaubens, welche nicht verkauft werden dürfen?«

»Frage sie,« lachte Malaf, »und sie werden dir sagen, daß sie den Islam gar nicht kennen.«

»So ist es recht! Ihr seid kluge Geschäftsleute. Die Furcht vor der Strafe wird sie, wenn es gilt, zu Heidinnen machen. Aber von welchem Stamme habt ihr sie geholt?«

»Von demjenigen, welcher seiner schönen Frauen wegen berühmt ist, nämlich von dem der Fessarah.«

»Beim Barte des Propheten, das war sehr viel gewagt. Die Krieger der Fessarah sind als sehr tapfere Männer bekannt, und der Raub ihrer Frauen und Mädchen wird euch das Leben vieler Leute gekostet haben.«

»Es ist kein einziger verwundet oder gar getötet worden. Ihre Krieger waren alle nach dem Dschebel Modjaf geritten, um eine große Fantasia dort abzuhalten, und die Frauen befanden sich also mit den Kindern und Greisen ganz unbeschützt im Duar. Wir umzingelten denselben, suchten gegen sechszig der Schönsten aus und töteten alle übrigen, damit niemand über uns berichten könne.«

»Und unterwegs? Habt ihr da auch Glück gehabt?»

»Ganz ebenso. Wir hatten schon auf dem Hinzuge stets gute Kundschafter vor uns, um alle Begegnungen zu vermeiden, und thaten das auf dem Rückwege ebenso. Ein Wüstensturrn verwehte unsere Spuren, so daß jetzt kein Mensch weiß, wer die Jäger gewesen sind.«

»Wer hat diesen Plan ausgesonnen?«

»Wer anders als Ibn Asl ed Dschasuhr, dein Sohn, unser Gebieter.«

»Ja, das konnte ich mir denken. Er ist der berühmteste Sklavenjäger, und ich bin stolz auf ihn. Aber wie kam er auf den Gedanken, Beduininnen zu holen? Es ist dies das größte Wagnis, welches er bisher unternommen hat. Wenn entdeckt wird, daß er es war, treten nicht nur die weltlichen Richter, sondern auch die Religionslehrer gegen ihn auf, und dann kann es ihm schlimm ergehen.«

»Es wird nichts verraten werden. Unsere Leute erhalten einen so guten Anteil, daß keiner von ihnen den Mund öffnet, um den Anführer zu bezeichnen. Einer unserer Abnehmer in Stambul bat um Araberinnen. Er schrieb, Negerinnen seien zu häßlich und die Cirkassierinnen ständen jetzt nicht in der Mode. Araberinnen hat man noch nicht in den Handel gebracht, und da die Töchter der Wüste etwas so seltenes sind, stand ein sehr lohnendes Geschäft zu erwarten.«

»Nach Stambul also! Welchen Weg werdet ihr nehmen?«

»Wir sind durch das Wadi Melk und Wadi el Gab gekommen, bei der Insel Argo über den Nil gegangen und wollen nun nach dem Vorgebirge Rauai, Dschidda gegenüber. Dort wird das Schiff unsers Abnehmers anlegen und die Ware in Empfang nehmen.«

Diese Worte bestätigten auf das Genaueste meine Vermutungen. Gegen sechzig Sklavinnen! Und darüber ging der alte Fakir mit der größten Ruhe hinweg. Wie hatte mir in Maabdah und Siut sein ehrwürdiges Gesicht gefallen. Er wurde als Heiliger verehrt und war doch ein Scheusal. Ein Fakir, ein Marabut, und doch billigte er ohne den geringsten Vorbehalt den Raub von sechzig Muhammedanerinnen! Da steckte ein Teufel in der Maske eines Heiligen.

»Jetzt aber die Hauptsache,« fuhr er fort. »Mein Sohn ist doch bei euch?«

»Ja. Er reitet mit bis Ras Rauai, um dort das Geld in Empfang zu nehmen.«

»Nach dem Bir Murat kommt er nicht?«

»Nein, denn er soll am allerwenigsten gesehen werden. Du weißt, daß wir einige geheime Brunnen in der Wüste haben; das erleichtert es uns, unbemerkt zu bleiben. Aber sechzig Sklavinnen, fünfzig Begleiter und die dazu gehörigen Tiere bedürfen viel Wasser. Dennoch hätten wir uns nicht hierher zu wenden gebraucht, wenn unser letzter geheimer Brunnen nicht von andern entdeckt und geleert worden wäre.«

»Wie kann man einen solchen Brunnen entdecken!«

»Auch ich habe es für sehr schwierig gehalten. Der Zufall muß diesem Christenhunde günstig gewesen sein.«

»Einem Christen? Du hast einen Giaur in der Wüste am Brunnen getroffen?«

»Einen verfluchten Schakal mit seinen Begleitern. Aber dieser Schakal war nicht feig, sondern verwegen wie ein hungriger Panther. Er hat uns nicht nur die beiden Gefangenen, sondern auch alles, was wir nicht auf dem Leibe trugen, abgenommen.«

»Ich verstehe dich nicht; ich entnehme aus deiner Rede nur, daß euch ein seltsamer Unfall widerfahren ist. Erzähle also, was geschehen ist!«

Malaf gehorchte. Er hielt sich ganz genau an die Wahrheit und sagte kein Wort zu wenig oder zu viel. Er stellte meine Unerschrockenheit ins Licht, freilich nicht aus Gerechtigkeit, sondern aus Klugheit. je höher er mich ernporhob, desto geringer wurde die Veranlassung, ihm Vorwürfe zu machen. Ibn Asl ed Dschasuhr war an dem heimlichen Brunnen angekommen und hatte dort kein Wasser gefunden. Darum hatte er Leute mit Kamelen und Schläuchen nach dem Bir Murat gesandt, und diese waren auf Malaf und dessen Begleiter getroffen. Nun wollten sie hier schöpfen und mit Anbruch des Morgens fortziehen.

Die beiden Zuhörer hatten den Erzähler nicht unterbrochen; jetzt fragte Murad Nassyr:

»Wie viele Männer hatte der Giaur bei sich?«

»Zwei.«

»Wer waren sie? Woher kamen sie, und wo wollten sie hin?«

»Auch das kann ich nicht sagen, denn die Schurken haben keine meiner Fragen beantwortet.«

»Sollte es der deutsche Giaur gewesen sein? Beschreibe ihn und die beiden andern einmal genau!«

Malaf kam dieser Aufforderung nach; er beschrieb erst den Lieutenant, dann Ben Nil und endlich mich.

»Er ist’s, er ist’s!« rief der Fakir aus, und der Türke stimmte ihm bei. »Es kann kein anderer sein; ein Irrtum ist unmöglich. Und die beiden andern waren Ben Nil und der Lieutenant des Reïs Effendina. Da fehlt aber Selim. Wo mag er geblieben sein?«

»Die Frage ist sehr leicht zu beantworten,« meinte Murad Nassyr. »Selim ist ausgerissen; er hat sich versteckt. Der Halunke nennt sich den obersten der Helden und ist doch der größte Feigling, den man sich denken kann.«

»Sollte er sich wirklich in der Nähe befunden haben?«

»Ganz gewiß, denn sein Kamel war ja da und ist mit erbeutet worden. Nur der Deutsche war abwesend, ist später an den Brunnen zurückgekehrt und dann den Spuren gefolgt. Vielleicht hat Selim ihn erwartet und ihm das Geschehene mitgeteilt. Das alles ist mir sehr klar; was aber hat der Ungläubige mitten in der Wüste am geheimen Brunnen zu suchen? Das möchte ich wissen.«

»Ich will es dir sagen,« antwortete der Fakir. »Er weiß, daß wir ihm nach dem Leben trachten, und reitet nicht den gewöhnlichen Karawanenweg, um sich unsern Nachforschungen zu entziehen.«

»Was aber will der Lieutenant bei ihm?«

»Dieses Zusammentreffen ist ein reiner Zufall und ebenso ihr Halten am Brunnen.«

»Woher hat er so schnell die guten Kamele für sich, Selim und Ben Nil bekommen?«

»Das ist mir freilich ein Rätsel. Zu bekommen sind sie nicht schwer, wenn man gut bezahlen kann; aber das kann er nicht, denn er hat kein Geld. Er hat dir das, was du ihm schenktest, zurückgeben müssen.«

»Das ist richtig, und ich weiß, daß er nicht mehr besaß, als zur Rückkehr in seine Heimat nötig ist. Dazu kommt noch ein anderes. Wer Kamele borgt, muß den Besitzer oder einen Beauftragten desselben mitnehmen; es war aber niemand dabei, folglich sind die drei Kamele nicht geliehen. Aber gekauft kann er sie noch viel weniger haben.«

»Vielleicht hat er sie von der Weide geholt, also gestohlen!«

»Nein. Der Kerl ist ein Hund, ein Christ, aber er würde lieber sterben als stehlen. Ich halte ihn sogar für einen Mann, welcher lieber hundert Piaster giebt, als daß er sich einen ohne Gegenleistung schenken läßt. Daß er sich in dem Besitze dreier Reitkamele befindet, und zwar so kurze Zeit, nachdem ich nur Lasttiere bekommen konnte, das ist mir unbegreiflich . Doch mag dem sein, wie ihm wolle, ich kann nur zur Vorsicht raten. Wir müssen deinen Sohn warnen.«

»Das halte ich für unnötig. Meinst du, daß der Deutsche es wagen würde, mit dem berühmten Ibn Asl ed Dschasuhr anzubinden?«

»Warum nicht? Er hat noch ganz anderes gewagt.«

»Aber er ahnt von der Gegenwart meines Sohnes nicht das mindeste!«

»Täusche dich nicht! Ich hörte in Dschezair von ihm erzählen, und er selbst hat mir manches Erlebnis mitgeteilt, freilich kurz und schlicht, aber ich konnte zwischen den Worten lesen. Dieser Mensch hat einen Geruch wie ein Geier und ein Auge wie ein Adler.«

»So besitzt er also auch Glück im Erraten.«

»Nein; er errät nichts, sondern er berechnet alles. Ihm kommen Gedanken, die ein anderer niemals haben würde. Wenn ich mir diesen Halunken, sein Wesen, seine ganze Art und Weise vergegenwärtige, so möchte ich schwören, daß er jetzt irgendwo sitzt und über uns lacht. Er hat es sich ausgerechnet, daß eine Sklavenkarawane im Anzuge ist, und weiß vielleicht sogar, wo dieselbe jetzt hält.«

»Das ist unmöglich. Und selbst wenn er es wüßte, was könnte es schaden! Oder meinst du, daß es ihm einfallen könne, der Karawane zu folgen?«

»Warurn. nicht? Dieser Hund fängt eben alles anders an als wir.«

»Vier Personen gegen fünfzig. Es wäre lächerlich!«

»Nein. Nehmen wir den Fall an, daß er der Karawane heimlich folgen will. Er würde sehr bald bemerken, daß Ras Rauai ihr Ziel ist. Wenn er dann schnell voranreitet, nach Dschidda überfährt und die dortigen Christen-Konsule benachrichtigt, so werden deinem Sohne die Sklavinnen weggenommen, und ihm bleibt, um der Strafe zu entgehen, kein anderer Weg als nur die Flucht.«

»Bei allen Teufeln des Abgrundes, da hast du recht! Ich muß meinen Sohn warnen, denn so etwas ist diesem Giaur zuzutrauen, und wenn er es auch nur thäte, um sich an mir zu rächen.«

»An dir? Wie konnte er dabei an dich denken!«

»Er weiß ja, daß ich der Vater des berühmten Sklavenhändlers bin. Es entfuhr mir, daß Ibn Asl jetzt der größte Sklavenhändler sei. Das war auf dem Wege nach dem Brunnen, in welchem er verschmachten sollte. Ich war also der Überzeugung, daß meine Mitteilung keine Folgen haben könne. Nun hat er gewiß erfahren, daß ich Abd Asl heiße. Abd Asl und Ibn Asl, diese beiden müssen unbedingt Vater und Sohn sein; das ist ganz selbstverständlich.«

»Dann hast du freilich allen Grund, deinen Sohn zu warnen, und zwar so schnell wie möglich. Auch ich muß mit ihm reden. Er ahnt nicht, daß wir uns in seiner Nähe befinden und daß ich seine zukünftige Sitti bei mir habe. Er will schon früh aufbrechen und muß sich nun erst recht beeilen. Darum müssen wir noch in dieser Nacht mit ihm reden. Ich muß wissen, wohin ich meine Schwester führen soll, und habe außerdem eine Bestellung auf Sklaven mit ihm zu besprechen. Wo lagert er?«

»Nicht allzuweit von hier, gegen Norden, am Rande des Palmwaldes,« antwortete Malaf, an den diese Frage gerichtet war.

»Und ihr sollt bis früh hier bleiben?«

»Bis zum Morgengrauen. Dann verlassen wir den Brunnen südwärts, wenden uns aber bald nach Nordost, wo wir in der Richtung auf Wadi el Berd mit Ibn Asl zusammentreffen.«

»Soll in diesem Wadi gelagert werden?«

»Ja. Wir wollen es morgen abend erreichen. Es giebt dort Wasser.«

»Und ich habe dieses Wadi stets für wasserlos gehalten,« meinte der Fakir.

»Das ist es nicht, freilich nur für den Kenner. Es giebt ungefähr in der Hälfte seiner Länge an einer Felsenwand ein Loch, welches noch lange nach der Regenzeit Wasser hält. Wir haben es mit einer Steinplatte zugedeckt und Geröll darauf geworfen, so daß ein Fremder es nicht entdecken kann. Einer von unsern Leuten fand es vor mehreren Jahren. Er. sah drei Gaziah-Bäume stehen und schloß aus deren Vorhandensein auf Wasser. Sie stehen noch, aber da wir oft dort verkehren, so haben unsere Kamele die Zweige und die Rinde abgefressen, und die Bäume sind verdorrt.«

Diese Mitteilung wurde nur so nebenbei gemacht, war aber für mich von außerordentlicher Wichtigkeit. Sie konnte die Grundlage meines Kampfplanes bilden. Hätten die drei geahnt, daß ich hinter ihnen lag und alles hörte!

»Ich bin unruhig und auch besorgt geworden,« wendete der Fakir sich an Malaf. »Willst du uns jetzt sofort zu meinem Sohne führen?«

»Das geht nicht an. Wollten wir drei den Brunnen auf eine längere Zeit verlassen, so würde dies auffallen, und das muß ich vermeiden. Wir haben zwar von Seite derer, die hier lagern, gar nichts zu befürchten, aber es ist auf alle Fälle viel besser, wenn von unserer Karawane gar nicht gesprochen, ja gar nichts vermutet wird.«

»Wie lange soll ich warten?«

»Bis man schläft. Dann hole ich euch ab, und wir schleichen uns heimlich fort. Es kann schon Aufmerksamkeit erregen, daß ich jetzt so lange bei euch bin; darum werde ich mich entfernen und zu meinen Leuten gehen.«

»Thue es; aber sage uns vorher, ob du vielleicht bemerkt hast, daß der Deutsche euch folgte!«

»Wir sahen von weitem, daß er sich mit den zwei befreiten Gefangenen niedersetzte. Dann gingen wir, um möglichst schnell Bir Murat zu erreichen, wo, wie wir wußten, unsere Wasserholer uns treffen würden. Ich bin überzeugt, daß er sich gar nicht weiter um uns bekümmert hat.«

»Aus welchem Grunde?«

»Weil er uns nicht festhielt. Hätte er irgend eine Absicht mit uns oder auf uns, so wären wir nicht von ihm entlassen worden. Und wäre er uns später gefolgt, so hätte er uns, die wir zu Fuße waren, mit seinen guten Kamelen sehr bald eingeholt. Der Mann ist, wie ich ja selbst erfahren habe, ein sehr verwegener Kerl, für uns aber nun gänzlich ungefährlich.«

Er ging. Jetzt hörte man draußen eine laute Stimme, welche einen Vortrag zu halten schien.

»Das ist der Besitzer meiner Kamele,« sagte Murad Nassyr. »Er erzählt ein Märchen; ich hörte noch nie einen so guten Erzähler wie diesen Mann. Wir haben jetzt nichts Notwendiges mehr zu verhandeln; laß uns hinausgehen und ihm zuhören!«

Der Orientale ist unermüdlich im Anhören von Märchen; Abd, Asl war sofort einverstanden und folgte dem Türken hinaus und hinüber an den Brunnen, wo sich schnell ein Kreis Neugieriger um den Erzähler bildete. Ich zog den Kopf aus dem Zelte zurück und überlegte, was zu thun sei. Ich konnte von dem, was ich gehört hatte, höchst befriedigt sein, und doch wäre ich sehr gerne noch länger geblieben. Es war jedenfalls höchst wichtig, zu erfahren, wie der Sklavenjäger sich zu der beabsichtigten Warnung verhalten werde. Aber konnte ich auf die Rückkehr Murad Nassyrs und des Fakirs warten? Wohl kaum. Jetzt wurden jedenfalls noch stundenlang Märchen erzählt; dann dauerte es lange, ehe alle schliefen, und nachher war vorauszusehen, daß die beiden Genannten von Ibn Asl vielleicht gar bis gegen Morgen zurückgehalten würden. Eine so lange Zeit hier im Gebüsch zu bleiben, konnte ich nicht wagen und war auch zu unbequem. Bis jetzt war alles prächtig abgelaufen; ein kleiner Zufall konnte alles wieder verderben; ich mußte den Rückzug antreten, welcher mir durch den Märchenerzähler erleichtert wurde. Was Ohren hatte, stand oder saß bei ihm; sogar die Frauen hatten sich dem Kreise genähert, um an dem Genusse teilzunehmen. Dadurch war mir der Weg frei geworden, und ich konnte binnen fünf Minuten so weit kriechen, daß ich mich dann erheben und aufrecht gehen durfte.

Bald lag das Thal des Brunnens hinter mir, und ich trat in die Schlucht ein. Da war kein Lauscher zu erwarten, aber dennoch beobachtete ich dieselbe Vorsicht wie bisher. Die Sterne funkelten am Himmel; hier in der Tiefe aber war es fast stockdunkel. Indem ich lautlos vorwärts ging, drang ein schwaches Geräusch an mein Ohr; es kam von vorn und war über mir. Ich blieb stehen und lauschte. Tiefe Stille rings umher, wohl fünf Minuten lang. Ich schlich also weiter, Da rollte ein Steinchen von oben herunter; mehrere folgten; dann schien eine Gerölllawine loszubrechen.

»Allah kerihm!« kreischte eine Stimme.

Das Gepolter wurde ärger; ich mußte zur Seite springen, um von dem Gestein nicht getroffen zu werden, gelangte aber aus dem Regen in die Traufe, denn etwas Großes, Schweres aber nicht so Hartes wie Stein krachte auf mich nieder und riß mich zu Boden. Ich wollte schnell wieder auf, mußte mir aber Zeit nehmen. Ich war an Kopf und Schulter schwer getroffen worden und fühlte in der letzteren einen lähmenden Schmerz. Vor mir lag das lange, dunkle Ding, welches auf mich herabgesaust war. Ich streckte die Hand aus, um es zu betasten, und fühlte eine Nase. Also ein Mensch! Wer war der Mann? Er bewegte sich nicht. War er tot oder nur ohnmächtig? Ich nahm ihn beim Kopfe, um nach der Schläfenschlagader zu fühlen; diese Berührung war von unerwartetem Erfolge; der Mann schrie laut, sprang auf und rannte fort, glücklicherweise nicht nach dem Brunnen zu, sondern nach der entgegengesetzten Richtung. Ich eilte ihm natürlich nach. Die Sprünge, welche er mit seinen langen Beinen machte, schienen echt »Selim’sche« zu sein. Da strauchelte er über einen Stein und stürzte nieder; sofort warf ich mich auf ihn und hielt ihm die Kehle zu, damit er nicht schreien könne. Er regte sich nicht und wehrte sich nicht; ich betastete sein Gesicht, da es hier zu dunkel war, als daß ich seine Züge mit dem Auge hätte erkennen können. Richtig, ich hatte mich nicht geirrt. Ich nahm die Hand von seinem Halse und gebot ihm:

»Sprich leise, Selim! Bist du verletzt?«

Beim Klange meiner Stimme sprang er schnell wieder auf und antwortete:

»Du selbst bist es, Effendi? Da brauche ich mich nicht tot zu stellen!,«

»Wo kommst du her?«

Von da oben herunter.« Er deutete an der Felsenwand empor.

»Sage Allah Dank, daß du mich trafst! Ich fühle mich zwar wie zerschlagen, aber wenn du direkt auf das Gestein stürztest, so lägst du jetzt tot oder mit gebrochenen Gliedern da. Was hattest du denn da an der Schlucht zu suchen?«

»Ich wollte herabklettern, um dich zu retten.«

»Unsinniger! Ich befand mich ja gar nicht in Gefahr.«

»Du bliebst so lange weg, und da wurde man besorgt um dich. Als tapferster der Helden schlich ich mich natürlich fort, dich zu befreien. Im Herabsteigen rutschte plötzlich der Boden unter meinen Füßen weg, und infolgedessen kam ich viel rascher herab, als es in meiner Absicht liegen konnte.«

»Das ist nun wieder einer deiner Streiche. Befände ich mich wirklich in Gefahr, so wärest du der allerletzte, der mich retten könnte.«

»Aber, Effendi, ich bin ja zu solchen Thaten geboren!«

»Das brauchst du mir gar nicht erst zu versichern; ich weiß auch ohnedas und schon längst, daß du nur für unsinnige Streiche im Buche des Kismet verzeichnet stehst. Du könntest mir und uns allen den größten Schaden bereiten! Aber ich habe Eile und also keine Zeit zum Zanken; kannst du steigen?«

»Ja, das Steigen ist mir angenehmer als das Fallen.«

»So folge eng hinter mir. Ich bin hier herab; diese Stelle ist am leichtesten zu passieren.«

Ich wäre schnell hinauf gekommen; aber dieser Schleuderer der Knochen war zwar ein schneller Läufer, jedoch ein desto schlechterer Kletterer; ich zog ihn mehr, als daß er stieg, und als wir endlich oben anlangten, mußte ich stehen bleiben, um Atem zu schöpfen.

Er hatte eigentlich eine tüchtige Strafrede verdient, aber ich wußte vorher, daß dieselbe erfolglos sein werde; er war unverbesserlich. Seine Anwesenheit wurde zu einer fortgesetzten Gefahr für mich; aber ich hatte ihm versprochen, ihn bei mir zu behalten, und mußte mein Wort halten. Dazu kam, daß er sich aus Sorge um mich wirklich in die Schlucht gewagt hatte. Das machte mich irre an ihm. Ich hatte ihn für absolut und unheilbar feig gehalten; sollte er doch zuweilen Mut fühlen? Oder war es nur Leichtsinn, das Unvermögen, die Folgen seines Thuns sich vorherzusagen?

Als wir das Lager erreichten, fand ich die Gefährten nicht allein um mich, sondern noch viel mehr um Selim, den man vermißt hatte, in Besorgnis; unser Erscheinen beruhigte sie indessen schnell. Selim hatte nichts eiligeres zu thun, als sein Abenteuer zu erzählen. Er war natürlich nicht gefallen, sondern, mich in Gefahr sehend, mit unvergleichlicher Kühnheit in die tiefe Schlucht hinabgesprungen, so daß sämtliche Feinde entsetzt die Flucht ergriffen hatten.

Der Lieutenant empfing mich in der Überzeugung, daß mein Gang vollständig vergebens gewesen sei; ich belehrte ihn eines bessern, indem ich ihm und dem Onbaschi erzählte, was ich erlauscht und erfahren hatte. Die beiden schlugen eine Beratung vor; ich lehnte aber ab und riet, sofort nach dem Wadi el Berd aufzubrechen, damit wir unsere Vorbereitungen dort zeitig treffen könnten. Sie sahen ein, daß ich recht hatte, und stimmten mir bei.

Der Onbaschi war glücklicherweise schon einmal im Wadi el Berd gewesen und versicherte, daß er sich trotz der Nacht nicht in der Richtung irren werde. Die Kamele wurden also gesattelt; wir stiegen auf und begannen den nächtlichen Ritt.

Gleich beim Beginne desselben fand sich ein böses Hindernis. Wir mußten nämlich über die Schlucht hinüber, und da dies selbst am Tage auf dem Rücken der Kamele fast unmöglich gewesen wäre, so sahen wir uns zu einem weiten Umwege gezwungen. Wir ritten so lange südwärts, bis die Schlucht sich verflachte und wir sie zu überschreiten vermochten. Drüben angekommen, schlugen wir die nordöstliche Richtung ein, welche uns nach dem Wadi bringen mußte.

Ich hatte mein Kamel sehr anstrengen müssen; vielleicht standen ihm und mir noch weitere außergewöhnliche Leistungen bevor; ich wollte es also schonen und hatte mich auf ein anderes gesetzt. Der Weg war während der Nacht sehr beschwerlich. Wir befanden uns zwischen den Dünen oder vielmehr Hügeln, welche nach Dschebel Schigr hinüberlaufen, und kamen erst beim Anbruche des Tages aus denselben heraus. Nun freilich ging es besser. Wir konnten sehen und hatten die ebene, offene Wüste vor uns. Zu Mittag hatten wir den Bir en Nabeh im Süden zu unserer Rechten, so daß drei Vierteile des Weges hinter uns lagen, und eine Stunde nach dem Asr, also ungefähr vier Uhr nachmittags, sahen wir einen niedrigen Höhenzug, welcher sich von Nordost nach Südost hinzog, vor uns liegen. Der alte Onbaschi behauptete, daß wir hinter demselben das Wadi el Berd finden würden. Es stellte sich heraus, daß er recht hatte und ein guter Führer gewesen war.

Nun galt es, doppelt vorsichtig zu sein. Wir waren es schon bisher gewesen, indem wir uns weiter rechts, also mehr östlich gehalten hatten, als der Weg der Sklavenkarawane zu vermuten war. Es stand also zu erwarten, daß dieselbe nicht auf unsere Fährte stoßen werde. Da die ihrige aber in der Nähe des Wadi sich leicht mit der unserigen vereinigen konnte, so ritten wir jetzt im Gänsemarsche, und das letzte Kamel mußte meine an zwei Stricke gebundene Zeltleinwand hinter sich herziehen. Dieselbe war mit den Zeltstangen beschwert, und indem sie auf dem Sande hinschleifte, löschte sie unsere Spuren aus.

Der erwähnte Höhenzug bestand aus einzelnen niedrigen Felsenhügeln, welche direkt aus dem Sande aufstiegen und das Wadi vor dem Eindringen desselben schützten. Unter Wadi hat man hier eigentlich ein Flußbett zu verstehen, welches in der Regenzeit mehr oder weniger Wasser führt und sonst ein trockenes Thal bildet. Dieses Regenbett war von unregelmäßiger Breite, senkte sich hinter dem Höhenzuge ziemlich schroff in die Tiefe und wurde jenseits von einer ähnlichen Hügelreihe eingefaßt. Es war nicht überall möglich, hinabzukommen, sondern wir mußten uns eine geeignete Stelle suchen, um auf die Sohle des Thales zu gelangen.

Dort fand sich, wie schon erwähnt, kein Sand, sondern nur lockeres Steingeröll. Der Sand, welchen das Wasser der Regenzeit mit sich geführt hatte, lag tiefer als das Geröll, und so hinterließen wir, wenigstens für die ungeübten Augen derer, mit denen wir es zu thun hatten, keine Spuren.

Nun fragte es sich, wo der heimliche Brunnen zu suchen sei, ob nach rechts oder links, ob ab- oder aufwärts. Der Lieutenant und der Onbaschi stimmten für rechts, ich aber war der entgegengesetzten Meinung und erklärte ihnen den Grund derselben:

»Die Sklavenkarawane macht gewiß keinen Umweg und hält sicher gerade auf den Brunnen zu. Da wir uns nun rechts von ihrer Richtung befinden, müssen wir uns nach links wenden. Das ist doch klar.«

»Aber wenn du dich irrst, Effendi?« meinte der Lieutenant.

»So ist es noch immer Zeit, rechts zu gehen. Ich denke aber, daß ich richtig vermute.«

Wir folgten also dem Thale nach Nordwest, und schon nach einer halben Stunde ergab es sich, daß ich recht gehabt hatte. Wir sahen an einem Felsen, welcher stufenähnlich zur Höhe stieg, die erwähnten dürren, zweiglosen GaziahBäume stehen. Wir hielten bei denselben an. Die unterste Stufe des Felsens hatte die doppelte Höhe eines Mannes, und da die andern, welche sich übrigens sehr unregelmäßig übereinander bauten, viel weniger hoch waren, so konnte man, wenn man einmal auf ihr stand, unschwer zur Höhe gelangen, das heißt, zum andern Ufer als demjenigen, von welchem wir gekommen waren. Ich muß das erwähnen, damit das später folgende leichter erklärlich wird. Die unterste, höchste Stufe stand so weit vor, daß jemand, der auf derselben nicht stand, sondern lag, von den Gaziahstumpfen aus nicht gesehen werden konnte.

Also diese Gaziah-Bäume hatten wir gefunden; wo aber war das Wasser? Es sollte im Felsen ein Loch geben, welches jetzt natürlich verschüttet war. Wir untersuchten mit unseren Blicken die ganze Umgebung, doch vergebens. Der Boden ließ nicht die mindeste Feuchtigkeit erkennen, und es war auch keine Spur einer künstlichen Aufschüttung oder Ausfüllung zu sehen. Da mußte ich mich wieder an mein Kamel wenden. Es lag bei den andern. Ich holte es herbei; es senkte den Kopf, blies die Nüstern auf und begann, mit dem Vorderhufe neben den Bäumen im Boden zu wühlen. Die Stelle lag hart am Felsen. Es wurde wieder weggeführt, und wir gruben nach. Schon in einer Tiefe von drei Fuß stießen wir auf eine Steinplatte. Ihr Durchmesser war so groß, daß wir wohl eine Viertelstunde brauchten, um sie frei zu machen. Als sie entfernt worden war, standen wir vor einem Loche, welches bis herauf an den Rand mit hellem, kühlem Wasser gefüllt war. Ich kostete es und fand, daß es bedeutend besser als dasjenige des Bir Murat schmeckte. Es hatte keinen Natrongehalt. Aus diesem Grunde wurde es für uns bestimmt, während die Kamele das in den Schläuchen befindliche bekommen sollten. Wir hatten einige geleerte Daruf, und konnten sechs derselben füllen, bevor das Loch so weit ausgeschöpft war, daß der Bodensatz trübe wurde.

Nun hatten wir gutes Wasser, eine Hauptsache in der Wüste, und uns mußte dies doppelt willkommen sein, da wir dadurch der Sklavenkarawane gegenüber eine größere Überlegenheit erlangten.

»Was thun wir nun?« fragte der Lieutenant. »Du meinst, daß die Sklavenjäger noch heute kommen?«

»Sie kommen gewiß,« antwortete ich.

»Und willst du sie hier erwarten?«

»Das kann mir nicht einfallen. Kommt die Karawane droben am Ufer an und wir befinden uns hier unten, so können uns diese Kerle mit größter Leichtigkeit wegschießen, ohne daß uns eine fruchtbare Gegenwehr möglich ist. Nein, wir müssen das Verhältnis umkehren. Wir steigen hinauf, und unsere Gegner müssen herab. Wir verstecken uns hinter eine Höhe des nördlichen Ufers. Vorher decken wir den Brunnen wieder zu. Haben sie sich dann hier unten gelagert, so greifen wir sie von zwei Seiten an. Sie haben dann vor sich und hinter sich die Felsen, rechts und links uns und müssen uns in die Hände fallen.«

»Das ist sehr richtig. Wann steigen wir hinauf?«

»Je eher desto besser. Wir haben hier nichts mehr zu suchen, und so ist es geraten, uns so bald wie möglich zu entfernen. Man weiß nicht, was geschehen kann. Es ist möglich, daß sie wieder einige Reiter voranschicken, und wir dürfen von denselben auf keinen Fall gesehen werden. Deckt also den Brunnen wieder zu, aber so, daß man nicht sehen kann, daß jemand hier gewesen ist; ich werde inzwischen auf- und abwärts je eine Stelle suchen, an welcher wir vom hohen Ufer zum Angriffe leicht herabgelangen können!«

Erfreulicherweise gab es zwei solche Stellen in der Nähe. Die eine lag ungefähr tausend Schritte auf- und die andere fast ebensoweit abwärts vom Brunnen. Wenn wir uns heute abend teilten und an diesen beiden Punkten herniederstiegen, mußten wir die lagernde Karawane zwischen uns bekommen.

Zum Wasserloche zurückgekehrt, fand ich dasselbe verschüttet und ebnete den Boden selbst, um ganz sicher zu sein, daß keine Spur von unserer Anwesenheit vorhanden sei. Dann entfernten wir uns, indem wir an der einen der angegebenen Stellen unsere Kamele hinauf zum Ufer führten. Ich ging hinterher, um etwaige Huf- oder Fußeindrücke auszulöschen. Oben angekommen, mußten wir uns nach einem Verstecke umsehen, welches uns hinreichend verbarg und nicht allzuweit entfernt sein durfte. Ich ging rekognoszieren und fand ganz in der Nähe einen vortrefflich geeigneten Platz. Eine Anhöhe, welche hart an den Rand des Wadi trat, hatte auf ihrer andern, dem Regenbette abgewendeten Seite eine Einbuchtung, welche hinreichend Raum für uns und unsere Tiere bot. Dort lagerten wir uns.

Das erste war natürlich, daß ich einen Posten auf diese Höhe sandte. Er hatte dort einen so freien und weiten Ausblick, daß sich niemand dem Wadi nähern konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden. Ich that dies aus angewohnter Vorsicht, nicht aber, weil ich es für unbedingt nötig hielt. Am Tage war in dieser einsamen Gegend kein Wanderer zu erwarten, und die Karawane kam jedenfalls erst am Abend, wo sie von dem Posten nicht gesehen werden konnte. Und doch war es gut, daß ich diese Maßregel getroffen hatte, denn wir waren noch nicht ganz zur Ruhe und in Ordnung gekommen, so meldete der Posten von oben herab:

»Effendi, ich sehe im Süden drei Reiter.«

»Welche Richtung haben sie?«

»Das kann ich noch nicht erkennen. Es sind drei kleine, weiße Punkte, und ich weiß nicht, wohin sie sich bewegen.«

»Ich komme selbst hinauf.«

Ich stieg zu ihm empor und nahm das Fernrohr mit. Ja, es waren drei Karnelreiter; durch das Glas sah ich ganz deutlich, daß sie aus Süden kamen und schnurgerade auf den Brunnen zuhielten. Da kam mir natürlich bedenklich vor.

»Sie scheinen den verborgenen Brunnen zu kennen,« sagte ich. »Das ist doch höchst sonderbar!«

»So gehören sie wohl zu der Sklavenkarawane!« meinte der Posten.

»Das glaube ich nicht, da diese ja aus Südwesten kommt. Ich vermute aber, daß sie Bekannte oder Freunde der Sklavenjäger sind, da die letzteren das Geheimnis des Brunnens gewiß keinem Fremden verraten. Lege dich nieder, damit sie dich nicht sehen!«

Er hatte aufrecht gestanden und legte sich nun neben mich auf die Erde. Der Lieutenant war neugierig; er kam auch herauf und kauerte sich zu mir nieder. Ich gab ihm das Rohr; er sah hindurch und sagte dann kopfschüttelnd:

»Da weiß man nicht, was man denken soll. Hier können doch, wie zu erwarten steht, nur die Leute des Ibn Asl verkehren, da ein Fremder den Brunnen ganz gewiß nicht kennt. Sollte er doch einen andern Weg eingeschlagen haben, als wir vermuteten?«

»Das Rätsel wird gelöst werden, sobald die Reiter hier angekommen sind. Sie nähern sich, und zwar in einer Weise, welche vermuten läßt, daß sie sich nicht zum erstenmale in dieser Gegend befinden. Warten wir das weitere ab.«

Ich hatte das Fernglas wieder an mich genommen und hielt es auf die drei Reiter gerichtet. Sie saßen auf sehr guten Tieren und kamen rasch näher. Schon konnte ich die Haltung, die Bewegungen ihrer Arme unterscheiden; nun sah ich auch ihre Gesichter.

»Alle tausend Wetter!« entfuhr es mir in der Überraschung, obgleich ich mich sonst vor solchen Ausrufen zu hüten pflege.

»Was giebt’s?« fragte der Lieutenant.

»Es sind alte Bekannte von mir. Der Voranreitende ist Abd el Barak, der Mokkadem der Kadirine, von dem ich dir erzählt habe, mein guter Freund von Kahira her. Der zweite ist der Muza’bir, der Gaukler, der mich wiederholt verfolgt hat.«

»Allah! Irrst du dich nicht?«

»Nein, denn ich sehe ihre Gesichtszüge so deutlich, als ob sie hier vor mir ständen.«

»Und der dritte?«

»Den kenne ich nicht. Er scheint ein Scheik zu sein, denn er hat die Kapuze seines Chram nach hinten geworfen, und so sehe ich, daß er an seinem Fez die el Arabs-Troddel trägt.«

»Es wird der Führer sein.«

»Das glaube ich nicht. Der Mokkadern kennt jedenfalls den Brunnen; er macht den Führer; er reitet ja auch voran. Der Scheik ist wohl der Kamelverleiher.«

»Das ist möglich, ja wahrscheinlich. Wie aber kommen deine beiden Feinde nach diesem Wadi, und was wollen sie hier?«

»Das weiß ich freilich nicht, werde es aber erfahren. Ich werde sie belauschen, wozu das Terrain sehr geeignet ist, vorausgesetzt, daß sie den Brunnen aufsuchen.«

»Wo sollten sie anders halten!«

»Man muß alle Umstände in Betracht ziehen. Es ist auch möglich, daß sie das Wadi und den Brunnen gar nicht kennen und nur ganz zufällig hier vorüber kommen. Wir müssen warten, ob sie bleiben oder weiter reiten.«

Jetzt hatten die drei den jenseitigen Rand des Wadi erreicht und ritten an einer dazu geeigneten Stelle in dasselbe hinab. Ich konnte von meinem Standpunkte aus nicht in die Tiefe sehen und wartete ungefähr fünf Minuten. Als sie da noch nicht diesseits erschienen waren, konnte ich annehmen, daß sie unten abgestiegen waren, um zu lagern. Ich gab also dem Posten den Befehl, ferner scharf aufzupassen, ohne sich aber sehen zu lassen, und stieg mit dem Lieutenant von der Höhe hinab; er war oben überflüssig und konnte lieber aufmerken, daß seine Leute keine Dummheiten begingen. Von da aus verließ ich unsern Schlupfwinkel und begab mich nach dem Ufer des Wadi und zwar an diejenige Steile, welche oberhalb des Brunnenfelsens lag. Ich hatte dem zuverlässigen Ben Nil gewinkt, mir zu folgen, und gebot ihm jetzt:

»Setze dich hier nieder, und warte! Sobald du einen scharfen Pfiff von mir hörst, springst du schnell in unser Lager und holst einige bewaffnete Männer, mit denen du eiligst hinab zum Brunnen kommst. Ich bedarf dann eurer.«

»Du begiebst dich schon wieder in Gefahr, Effendi,« meinte er. »Nimm mich doch lieber rnit!«

»Nein; ich bin allein viel sicherer als in Begleitung anderer; aber wenn ich pfeife, mußt du dich beeilen.«

»Wäre es da nicht besser, die Leute gleich jetzt zu holen und hier mit ihnen zu warten? Wir sind dann schneller bei dir, als wenn ich sie erst holen muß.«

»Sehr wahr. Aber sorge dafür, daß sie sich ruhig verhalten!«

Er ging zurück, und ich stieg an dem Felsen nieder. Ich hatte kein Gewehr mit, da die Revolver mir genug Sicherheit gaben. Ich mußte sehr vorsichtig sein, denn es war heller Tag, und ich konnte sehr leicht gesehen werden. Auch durfte ich kein Steinchen ins Rollen bringen.

Die obern Felsenabsätze waren so niedrig, daß ich leicht von einem auf den nächst untern gelangen konnte. Als ich den halben Weg zurückgelegt hatte, hörte ich unter mir Stimmen. Die Sprechenden befanden sich bei dem Brunnen, ganz nahe am Felsen, und konnten mich also nicht sehen.

Ich hätte nur dann bemerkt werden können, wenn sie weiter hinüber nach der Mitte des Wadi gegangen wären.

So gelangte ich unbemerkt auf der untersten Felsenstufe an, welche, wie bereits bemerkt, ungefähr doppelte Manneshöhe hatte. Dort legte ich mich nieder und schob mich so weit vor, daß mein Gesicht gleich mit der Kante lag. Ich sah vorsichtig hinab. Die Kamele lagen mit gefesselten Beinen in der Nähe, und die drei Männer knieten an der Erde, um den Brunnen auszugraben. Ich hörte, was sie sprachen.

»Weißt du auch wirklich gewiß, daß es hier Wasser giebt?« fragte der fremde Beduine, den ich für einen Scheik gehalten hatte.

»Ganz gewiß,« antwortete Abd el Barak. »Ich bin heute nicht zum erstenmale hier. Aus diesem verborgenen Wasserloche kann man in der jetzigen Jahreszeit wohl sieben oder acht Schläuche füllen.«

»Allah gebe es, denn wir haben keinen einzigen Schluck mehr!«

»Habe keine Sorge! Du wirst trinken, so viel du willst, und deine Kamele werden auch bekommen. Und selbst wenn es hier kein Wasser gebe, bedürfte es nur eines Tagrittes, um den Bir Murat zu erreichen. Verdursten kannst du also nicht!«

»Verdursten oder getötet werden, eins von beiden; ich hätte die Wahl. Ihr wißt ja, daß der Bir Murat den Ababdehs, den Feinden meines Stammes, gehört. Es ist eine Rache zwischen uns, und ich als Scheik des Monassirstammes müßte sterben; sie würden mir nicht erlauben, mich durch Zahlung des Blutpreises loszukaufen.«

Also dieser Scheik war der Anführer der Monassir, welche später im Mahdikriege den Adjutanten Gordons, den Obersten Stewart, ermordeten und aus Strafe dafür dann von General Earle überfallen werden sollten. Die Monassir sind ritterlich gesinnte, kriegerische Leute, welche auch heute noch ihre Unabhängigkeit mit größter Eifersucht bewachen. Sie zeigen ihren Haß offen und ehrlich, und sind mir infolgedessen sympathischer als jene Stämme, welche sich kriechend unterwerfen und später hinter dem Rücken des Siegers Heimtücke üben.

Die drei gruben sehr fleißig weiter. Sie hatten leichte Arbeit, da wir vor ihnen den Boden gelockert hatten; das fiel ihnen aber nicht auf. Endlich erreichten sie die Platte und schoben sie zur Seite. Ein dreifacher Ausruf der Enttäuschung war zu hören.

»Allah sei uns gnädig und barmherzig!« klagte der Scheik. »Das ist ja kein Wasser, sondern eine Brühe, welche selbst ein Kamel nicht genießen kann!«

»Wohl wahr!« antwortete der Muza’bir betroffen. »Welch ein Unglück!«

»Schweig‘!« fuhr der Mokkadem ihn an. »Von einem Unglück ist keine Rede. Wir brauchen nicht einmal den Bir Murat aufzusuchen. Wenn wir bis morgen früh warten, ist das Loch wieder voll.«

»Aber wir treffen Ibn Asl nicht, weil er schon hier war.«

»Nein! Nach dem, was wir erfahren haben, kann er dieses Wadi noch gar nicht erreicht haben.«

»Das ist doch der Fall, wie ich dir gleich beweisen werde. Kennt außer Ibn Asls Leuten und Freunden noch jemand diesen Brunnen?«

»Nein.«

»Hält das Loch Wasser?«

»Stets. Selbst im dürrsten Monate kann man vier, auch fünf Schläuche füllen.«

»Es ist aber leer, folglich ist es geleert worden, und zwar von Ibn Asl selbst, den wir hier erwarten wollten. Er ist also vorüber.«

»Der Teufel giebt dir diese Rede ein, magst du nun recht haben oder nicht. Wenn Ibn Asl schon hier gewesen ist, so sind auch seine Verfolger hinter ihm her, und er ist verloren.«

Der Scheik hatte diesen Wortwechsel mit einem Gesichte, in weichem sich das größte Erstaunen aussprach, angehört; jetzt, da der Mokkadem schwieg, sagte er:

»Der Sinn eurer Worte ist mir dunkel. Ihr sprecht von Ibn Asl. Meinst du etwa Ibn Asl ed Dschasuhr, den Sklavenjäger?«

»Ja.«

»Allah! Warum habt ihr mir das verschwiegen! Warum habt ihr mir nicht die Wahrheit gesagt!«

»Wir haben sie gesagt! Wir mieteten deine Kamele, um einen Freund hier zu treffen; dieser Freund ist Ibn Asl. Ist das etwa die Unwahrheit gesprochen?«

»Nein, aber die Wahrheit verschwiegen!«

»Bist du denn ein Feind von ihm?«

»Ja. Er hat auf einem seiner Züge die besten Kamele meines Stammes gestohlen.«

»Das ist doch kein Grund, über uns zornig zu werden! Wir wissen von jenem Diebstahle nichts; vielleicht irrst du dich!«

»Nein. Er ist mit unsern Kamelen gesehen worden.«

»So hast du jetzt die beste Gelegenheit, mit ihm quitt zu werden. Wenn er hier ankommt, kannst du mit ihm sprechen; er wird dir die Kamele bezahlen.«

»Mit einem Messer oder einer Kugel!«

»Nein, denn du stehst unter unserm Schutze.«

»Wohl mir, wenn ich das glauben darf! Warum habt ihr unterwegs so oft leise miteinander gesprochen? Ich habe dennoch verschiedenes verstanden.«

»Was hörtest du?«

»Ich hörte von einem fremden Effendi, welcher getötet werden Soll, und von Soldaten, die bei ihm sind.«

»So hast du falsch verstanden,« fiel der Muza’bir ein.

»Nein, er hat richtig gehört!« widersprach der Mokkadem.

Der Muza’bir blickte ihn erstaunt fragend an; der andere aber fuhr, sich an den Scheik wendend, gleichmütig fort-

»Da du so viel gehört hast, ist es besser, du erfährst das andere auch. Bist du ein Gegner der Sklaverei?«

»Was geht mich die Sklaverei an! Ich bin ein freier Monassir und bekümmere mich nicht um die Schwarzen.«

»So ist es recht! Du bist also auch nicht prinzipiell Gegner von Ibn Asl?«

»Nein. Er ist ein kühner Mann, und ich achte und lobe den Mut; aber unsere Kamele soll er nicht stehlen!«

»Er wird sie dir ersetzen. Sprechen wir jetzt nun von der Hauptsache! Der Khedive hat den Sklavenfang verboten. Er hat einen Reïs Effendina gesandt, welcher die Sklavenschiffe und Sklavenhändler abfangen soll. Zu diesem Reïs Effendina gehört ein Franke, ein Christenhund, den der Teufel verschlingen möge. Dieser Mensch glaubt nicht an Allah und lästert den Propheten; er befindet sich, wie wir erfahren haben, in Korosko. Nun ist Ibn Asl mit einer Sklavenkarawane unterwegs; der Reïs Effendina hat das erfahren und befindet sich mit vielen Asakern in der Gegend von Berber, um den Transport dort abzufangen. Die Karawane kann sich auch nördlicher wenden; darum hat der Reïs Effendina einen Lieutenant und einen Trupp Asaker nach Korosko zu dem Giaur gesandt, welcher diesen Weg verlegen soll. Ich weiß nun ganz genau, daß Ibn Asl diesen Pfad einschlägt und bin daher mit diesem Begleiter schleunigst aufgebrochen, um ihn vor dem ungläubigen Hunde zu warnen. Ist das etwas Unrechtes?«

»Nein. Was hat ein Franke, ein Christenhund sich um die Angelegenheiten dieses Landes zu bekümmern? Mag er in die Hölle fahren! Ich habe nichts gegen das, was ihr thut oder was ihr beabsichtigt; ich fürchte auch Ibn Asl nicht, denn ich habe ihn nicht beleidigt, sondern er hat vielmehr mich zu fürchten, weil er der Räuber unserer Kamele ist. Wenn er kommt, so bin ich bereit, mich mit ihm zu versöhnen, falls er sich bereit erklärt, die gestohlenen Tiere zu bezahlen.«

»Er wird es thun, denn ich werde für dich sprechen.«

»Thue es, und ich will dir danken! Aber meinte der Muza’bir nicht, daß Ibn Asl schon vorüber sei?«

»Er meinte es, hat aber jedenfalls unrecht. Das Wasser ist ausgeschöpft worden. Hätte das die Sklavenkarawane gethan, so würde man die Spuren des Lagers hier sehen. Ich weiß, daß Ibn Asl stets Kundschafter voraus sendet; diese sind hier gewesen und haben das Loch geleert; die Karawane wird nachkommen, und bis dahin wird das Loch sich wieder gefüllt haben.«

»So laßt uns den Stein wieder darauf legen, damit die Wärme der Sonne nicht hineindringen kann. Dann hauen wir einen dieser Bäume um, um ein Feuer brennen zu können.«

»Das dürfen wir nicht,« widersprach der Mokkadem. »Die drei Bäume sind die Merkmale des Brunnens und sollen nicht verletzt werden. Wenn du ein Feuer haben willst, so brauchst du nur im Wadi nach Kameldünger zu suchen.«

Der Scheik nahm sein am Boden liegendes Gewehr auf und entfernte sich. Ich war überzeugt, daß im ganzen Wadi keine Spur von Kamelmist zu finden sei. Der Mokkadem mußte einen Grund haben, den Scheik jetzt zu entfernen; ich ahnte denselben und bekam ihn auch sehr bald zu hören, denn als der Beduine den Augen der beiden entschwunden war, meinte der Muza’bir in zornigem Tone:

»Welche Unvorsichtigkeit, diesem Scheik alles so aufrichtig zu sagen! Brauchte er zu wissen, was wir vorhaben?«

Sie saßen neben dem Wasserloche, und ihre langen Flinten lehnten am Felsen. Der Mokkadem antwortete:

»Wie kannst du es wagen, mich eines Fehlers zu zeihen! Wer hat dir erlaubt, in diesem Tone mit mir zu reden! Darf ich dem Führer etwa nicht sagen und erzählen, was mir beliebt?«

»Ich habe nichts dagegen; aber wie wird Ibn Asl es aufnehmen?«

»Mit der größten Zufriedenheit. Der Führer kann alles wissen; er wird nichts verraten, da sein Mund bald für ewig schweigen wird.«

»Du meinst, daß er sterben wird?«

»Er wird sterben, weil er sterben muß, denn er kennt nun das Geheimnis dieses Brunnens. Sobald nun die heimlichen Brunnen verraten sind, kann jeder,welcher kommt, sich Wasser nehmen, und dann ist es für Ibn Asl nicht mehr möglich, seine Sklavenkarawane zu tränken; er muß das Geschäft aufgeben. Darum hat er jedem Fremden, welcher einen der geheimen Brunnen entdeckt, den Tod geschworen. Sein Gruß an diesen Scheik der Monassir wird eine Kugel sein.«

»Dann wird freilich alles, was du demselben anvertraut hast, verschwiegen bleiben. Aber war es recht, ihn hierher zu führen? Du wußtest doch vorher, daß es ihn das Leben kosten werde!«

»Konnte ich anders? Wir brauchten schnell Kamele, und zwar Eilkamele. Er war der einzige, welcher solche hatte und wollte sie uns nur unter der Bedingung leihen, den Ritt mitmachen zu dürfen. Er mißtraute uns. Nun hat er die Folgen zu tragen. Ich habe ihn nach Kamelmist gesandt, um dir dies sagen zu können, ohne daß er es hört. Indem ich aufrichtig mit ihm gewesen bin, habe ich sein Vertrauen zu uns gestärkt, und er wird desto sicherer in den Tod gehen, der ihm beschieden ist. Glaubst du noch immer, daß ich unvorsichtig gehandelt habe?«

»Jetzt nicht mehr. Aber du wirst zugeben, daß du nicht immer vorsichtig gewesen bist!«

»So! Wann hätte ich es denn an der nötigen Klugheit fehlen lassen?«

»Schon oft. Denke an die Nacht in Kahira, als dich der Giaur als Gespenst erwischte!«

»Erinnere mich nicht daran!« rief der Mokkadern zornig aus. »Die Stunde, während welcher ich mich in der Hand dieses Hundes befunden habe, ist die unglücklichste meines Lebens, und ich ruhe nicht eher, als bis ich es ihm vergolten habe. Aber du hast kein Recht, mich zu tadeln. Bist du etwa klüger als ich gewesen? Hast du nicht in Gizeh vor ihm vom Schiffe fliehen müssen? Und ist er euch nicht dann entgangen, als ihr ihn ganz sicher in dem alten Brunnen von Siut wähntet?«

»Schweig‘ davon! Wenn ich daran denke, so will der Ingrimm mich übermannen. Dieser Giaur hat ein Glück, wie noch kein wahrer Gläubiger es besessen hat. Er macht alle unsere Pläne zu Schanden, und wenn wir ihn fest zu haben meinen, entschlüpft er uns durch die Finger.«

»Dieses Mal entkommt er uns nicht!«

»Vielleicht doch! Bedenke, welche Zahl von Asakern er bei sich hat!«

»Die Asaker fürchte ich nicht. Er allein wird uns mehr zu schaffen machen, als sie alle. Ibn Asl hat jedenfalls genug Krieger bei sich, um die Asaker in Schach zu halten. Wenn es uns gelingt, ihn zu warnen, richtet sich die Waffe des Giaur gegen ihn selber. Er will die Sklavenkarawane überfallen und wird dann selbst von ihr überrumpelt. Ein wahres Glück, daß ich in Berber unter den Asakern dieses Reïs Effendina unsern Ben Meled erblickte, welcher mich sofort erkannte und mir dann alles verriet. Ich wollte eigentlich direkt und schnell nach Chartum, aber ich bereue diesen Zeitverlust und Umweg nicht, da mir dadurch der Giaur in die Hand geraten muß.«

Eben jetzt kehrte der Scheik zurück. Er hatte die letzten Worte gehört und meinte, indem er ein verdrießliches Gesicht zeigte:

»Wir müssen auf das Feuer verzichten, denn es war kein Brennmaterial zu finden. Ich will dir wünschen, daß deine Hoffnung, diesen Ungläubigen zu fangen, nicht ebenso vergeblich ist. Ist’s nur, weil er sich gegen Ibn Asl auflehnt oder hast du eine persönliche Rache gegen ihn?«

»Das letztere ist der Fall.«

»So erzähle es mir! Ich bin euer Dalul und kann euch für die Erreichung eures Zweckes wohl nützlich sein.«

Er lehnte sein Gewehr zu den ihrigen und setzte sich zu ihnen nieder. Der Mokkadem erfüllte ihm seinen Wunsch, aber in einer Weise, daß mir die Haare hätten zu Berge stehen mögen. Er erzählte schreckliche Geschichten, deren Held ich gewesen sein sollte, und schilderte mich als einen Inbegriff aller Laster und Schlechtigkeiten.

»Allah!« rief der Scheik am Schlusse aus. »So ein Mensch ist eigentlich gar kein Mensch. Aber daran ist der Teufel schuld. Als Allah den Adam geschaffen hatte, wollte der Teufel es ihm nachmachen und schuf ein Wesen, weiches zwar menschliche Gestalt hatte, aber die Seele eines Teufels besaß. Von diesem Wesen stammen die Christen ab, während Adam der Urahne der gläubigen Moslemin geworden ist. Man möchte sich fürchten, von diesem Giaur zu sprechen und zu hören. Behüte mich Allah vor diesem dreimal gesteinigten Satan! Wenn ihr ihn fangt, werde ich ihn nur von weitem betrachten; aber so ein Teufel ist schwer zu fangen. Ich glaube nicht, daß ihr ihn in eure Hände bekommt.«

»Dieses Mal ganz gewiß!« meinte der Muza’bir. »Welch eine Wonne wird das für uns sein! Und wehe, tausendfach wehe dann ihm! Ich wollte, ich hätte ihn schon jetzt in meiner Hand; ich wollte –- –« Er kam in seiner Rede nicht weiter, denn ich richtete mich oben auf der Stufe empor, sprang herab und fiel ihm in das Wort:

»Ich will dir deinen Wunsch erfüllen. Hier hast du mich!«

Ich hatte den Sprung in der Weise gethan, daß ich jetzt zwischen ihnen und ihren Gewehren stand. Sie saßen neben dem Loche, ohne sich zunächst zu bewegen, und starrten mich an, als ob ich ein Gespenst sei. Ich zog die beiden Revolver hervor, richtete die Läufe auf sie und fuhr fort:

»Wenn man den Teufel an die Wand malt, so kommt er; ihr habt mich als Teufel beschrieben, und so bin ich da.«

Der Mokkadem faßte sich zuerst. Er griff nach seiner Pistole, zog sie aus dem Gürtel und schrie:

»Ja, du bist kein Mensch, sondern ein Teufel. Fahre zur Hölle, wohin du gehörst!«

Er wollte die Waffe auf mich richten; ich stieß sie ihm mit dem Fuße aus der Hand, daß sie weit fortflog und trat ihm, als er aufspringen wollte, mit demselben Fuße so gegen den Leib, daß er niederstürzte und sich überschlug. In diesem Augenblicke schnellte der Muza’bir empor; er war zehnmal gewandter und geschmeidiger als der Mokkadem; aufspringen und auf mich schießen war bei ihm das Werk einer Sekunde. Ich fand kaum Zeit, mich auf die Seite zu werfen. Die Kugel flog an mir vorüber, und fast in demselben Moment traf ihn meine Faust so gegen die Schläfe, daß er besinnungslos zusammenbrach.

Inzwischen hatte sich der Mokkadern wieder aufgerafft und das Messer gezogen. Er drang mit demselben auf mich ein. Was hinderte mich, diesen Menschen niederzuschießen?

Ich that es nicht, sondern parierte seinen Stoß durch einen von unten herauf gegen seinen Ellenbogen geführten Hieb, wodurch ihm das Messer aus der Hand geschleudert wurde; dann warf ich ihn nieder und drückte ihm mit beiden Händen die Kehle zusammen. Er schlug einige Augenblicke mit den Armen und Beinen um sich und lag dann auch bewegungslos. Ich nahm zwei Finger in den Mund und stieß einen schrillen Pfiff aus; dann hob ich die beiden Revolver auf, welche ich weggeworfen hatte, um den Gegner zu fassen.

Das war alles weit schneller geschehen, als man es erzählen kann, und doch hatte ich dabei mein Auge auch mit auf den Scheik haben müssen. Dieser aber war noch zu keiner Bewegung gekommen. Er saß wie eine Statue da und starrte mich an. Das unendlich verblüffte Gesicht, welches er zeigte, hätte mich, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, zum Lachen bringen können.

»Allah akbar, Gott ist groß!« brachte er jetzt hervor, indem er langsam aufstand und mit dem Zeigefinger auf die beiden andern zeigte. »Wer bist du, und was haben dir diese Männer gethan, daß du sie mit der Faust erschlägst, wie Kaled seine Hunde?«

»Wer ich bin?« antwortete ich. »Ich habe es doch schon gesagt. Ich bin derjenige, von dem sie dir erzählten.«

»Der Gi – – der – Christ?«

»Ja.«

»Udschubi Allah – Wunder Gottes! Wie kannst du es wagen, diese Männer in meiner Gegenwart zu – –«

Er wollte nach seiner Flinte greifen; darum trat ich ihm schleunigst in den Weg und fiel ihm dann in die Rede:

»Ereifere dich nicht! Du kannst an dem, was geschehen ist und noch geschehen wird, nichts ändern.«

»O doch! Gieb mir mein Gewehr!«

»Das bleibt einstweilen in meiner Verwahrung.«

»So habe ich hier – – –«

Er griff mit beiden Händen nach dem Gürtel unter seinem Übergewande. Da legte ich die meinigen um seinen Leib, hielt ihm die Arme fest und rief Ben Nil, welcher jetzt mit acht Asakern gelaufen kam, zu:

»Bindet zunächst diesen Scheik der Monassir; aber thut ihm nicht wehe, denn er wird sehr bald aus einem Feinde ein Freund für uns werden!« .

Er wollte sich sträuben, doch ohne Erfolg; er wurde entwaffnet und so gebunden, daß er die Arme gar nicht und die Füße nur in kleinen Schritten bewegen konnte. Desto thätiger war seine Zunge. Er rief alle möglichen Rachearten vom Himmel und Allah auf uns herab. Wir ließen ihn aber ganz getrost schimpfen.

Während der Mokkadem und der Muza’bir auch, und zwar viel fester und sorgfältiger gefesselt wurden, rief vom Rande des Wadi eine Stimme herab:

»Haut sie nieder; schlagt sie tot! jagt ihnen alle Kugeln durch die Köpfe, und stoßt ihnen die Messer in die Leiber! Seid ihr fertig? Ist es gelungen?«

Selim war natürlich dieser Schreier.

»Schweig’« antwortete ihm Ben Nil. »Warum stehst du da oben? Es läßt dich doch nur die Angst nicht herab!«

Aus diesen Worten entnahm der Schleuderer der Knochen, daß keine Gefahr mehr vorhanden war. Er kam mit beiden Beinen zugleich herabgesprungen und schrie, als er die drei Gefangenen erblickte:

»Sieg, Triumph, Ruhm und Ehre! Die Schlacht ist geschlagen und der Feind überwunden.«

»Schweig, Prahler!« antwortete Ben Nil. »Dich wird kein Mensch preisen, denn du bist nur beim Essen der erste, wo es Mut gilt, aber stets der letzte, und beim Kampfe habe ich dich noch nie gesehen. Hier, nimm diesen Scheik, und führe ihn hinauf in das Lager!«

»Den Scheik? Das fällt mir nicht ein. Ich nehme den Muza’bir, der mich in dem Brunnen verschmachten lassen wollte. Meine Rache wird entsetzlich sein.«

»Du wagst dich an ihn, weil er gebunden ist. Ich habe nichts dagegen.«

Der Muza’bir war wieder zu sich gekommen, ebenso der Mokkadem. Sie sollten nach dem Lager geschafft werden, und damit wir sie nicht tragen müßten, wurden ihnen die Fußfesseln so locker gelassen, daß sie gehen konnten. Selim richtete beide auf, nahm dann den ersteren beim Arm und sagte:

»Vorwärts, Halunke! Du bist in meine gewaltige Macht gegeben, und ich werde dich so stolz vernichten, wie der Elefant einen Wurm zertritt.«

Der Muza’bir konnte nicht die Arme, sondern nur die Füße bewegen, dennoch sprang er auf ihn ein, riß ihn zu Boden und setzte ihm, da sein Grimm kein andres Werkzeug besaß, die Zähne an die Gurgel. Er biß wie ein wütender Hund, konnte aber glücklicherweise nur die Haut verletzen. Selim streckte, ohne sich zu wehren, Arme und Beine aus, so erschrocken und feig war er, und schrie und blökte geradezu wie ein Kalb, weiches geschlachtet werden soll. Ich nahm den Muza’bir beim Genick, riß ihn auf und gab ihm einige Ohrfeigen, von denen ihm die Nase blutete. Das war vielleicht unanständig, für diesen frechen und brutalen Patron aber ganz geeignet. Selim stand auf, griff an seinen Hals und jammerte:

»Er hat mich erbissen; er lag auf mir wie ein Tiger. Effendi, du bist der berühmteste aller Ärzte des Weltalls und des Firmamentes; untersuche mich einmal, ob ich sterben muß!«

Es war ihm nur die Haut geschürft worden, dennoch machte ich ein bedenkliches Gesicht und erklärte:

»Die Luftröhre, die Leber und die Milz sind zwar unverletzt, aber die Zähne eines wütenden Menschen sind giftig; darum ist höchst wahrscheinlich eine Simm ed Damm zu befürchten.«

»Eine Simm ed Damm? Von dieser Krankheit habe ich noch nie gehört. Allah sei mir gnädig! Wie verläuft sie, Effendi?«

»Die Wunde schwillt an, und die Anschwellung läuft bis zum Herzen; der Magen wird weiß, die Lunge grün, das Gesicht schwarz mit gelben Strichen; die Beine und Arme fallen ab, und der Körper löst sich los, so daß endlich nur der Kopf übrig bleibt, der aber schon nach einigen Wochen auch zu Grunde geht.«

»O Muhammed, o ihr heiligen Kalifen! Das ist die Simm ed Damm! Ich bin verloren; dieser Muza’bir hat mich ermordet! Giebt es kein Mittel gegen dieses entsetzliche Übel?«

»Es giebt eins; es ist sehr einfach, aber ich glaube nicht, daß ich es bei dir anwenden kann.«

»Sage mir nur, was ich thun soll, mein lieber, lieber, mein guter und verehrungswürdigster Effendi! Ich werde alles thun, alles, und wenn es noch so schwer sein sollte.«

»Gut, ich will versuchen, dich zu retten; aber du mußt gehorchen.«

»Ich gehorche wie der niedrigste der Sklaven. Gieb mir nur schnell deine Befehle!«

»Zunächst muß ich dich mit meinem Ruh el Umo einreiben, und von diesem Augenblicke an darfst du nur durch die Nase atmen; du darfst also den Mund nicht öffnen, also vor allen Dingen nicht sprechen.«

»Allah! Das ist sehr schlimm! Wie lange dauert das?«

»Bis die Gefahr vorüber ist; ich werde es dir sagen.«

»Aber ich muß doch essen und trinken, und Allah weiß es, daß man das nicht durch die Nase thun kann!«

»Beim Essen und Trinken ist es gestattet, den Bissen oder den Schluck in den Mund zu nehmen, aber ja nicht dabei atmen oder gar sprechen!«

»Ich werde es thun, Effendi, ja, ich werde es thun. Ich will lieber einige Zeit lang schweigen als an dieser fürchterlichen Simm ed Damm zu Grunde gehen. Welch ein schauderhaftes Ende, die Arme, die Beine und den Körper zu verlieren und dann noch wochenlang nur mit dem Kopfe zu leben. Nein, das könnte ich nicht aushalten! Ich schwöre dir bei allen Bärten aller Kalifen, daß ich kein Wort sprechen werde.«

»Gut, ich will es einmal mit dir versuchen. Du bist ein willensstarker Mann und wirst meiner Kunst und Wissenschaft wohl keine Schande machen.«

»Richtig, sehr richtig! Du wirst deine Freude an mir haben, nur wünsche ich, daß ich auch meine Freude an deinen Vorschriften erlebe. Allah ist groß; er giebt Leben und Tod; aber wenn er dem wahren Gläubigen gestattet, den Tod durch die Kunst des Schweigens zu überwinden, so sehe ich nicht ein, warum ich dieser schauderhaften Simm ed Damm zuliebe sprechen und sterben soll!«

Die drei Gefangenen und deren Kamele wurden hinauf in unser Versteck gebracht. Wir mußten das Wasserloch wieder schließen, und ich sorgte dafür, daß von dem Geschehenen keine Spuren zurückblieben. Dann mußte ich den Lieutenant und den alten Onbaschi für den heutigen Abend instruieren.

Es war vorauszusehen, daß ich die Karawane belauschen werde; darum mußten die beiden Abteilungen, welche wir bei dem Überfalle zu bilden hatten, von den beiden Genannten angeführt werden. Ich zeigte ihnen also, nachdem ich Selims Hals mit Salmiakgeist eingerieben hatte, die Stellen, an denen sie ihre Abteilungen hinab in das Wadi zu führen hatten; das darauf Folgende mußte sich aus den Umständen ergeben. Ich selbst stieg noch einige Male die Felsenstufen auf und ab, um mit der Örtlichkeit so vertraut zu werden, daß in der Dunkelheit kein Fehltritt zu erwarten war, und kehrte nachher befriedigt nach dem Lager zurück, befriedigt ganz besonders deshalb, weil zwei meiner ärgsten Feinde, von denen der eine, Abd el Barak, der eigentliche Anstifter aller gegen mich unternommenen Angriffe war, in unsere Hände gefallen waren.

Was aber mit ihnen thun? Das fragte ich mich selbst, und das fragte mich auch der Lieutenant, als ich bei ihm und dem Onbaschi Platz genommen hatte. Die Gefangenen lagen, um unser Gespräch nicht hören zu können, unter der Obhut zweier Wächter, genügend von uns entfernt. Selim kauerte in derjenigen Haltung, welche der Araber Rahat el A’da nennt, also mit untergeschlagenen Beinen neben Ben Nil, welcher sehr fleißig auf ihn einsprach. Der junge Mann machte dabei ein so unternehmendes Gesicht, daß ich seine Absicht erriet. Er wollte Selim zum Sprechen bringen; dieser aber ließ sich nicht verleiten, gegen meine hinterlistige Verordnung zu handeln, und hielt mit großer »Tapferkeit« sein Schweigen fest.

»Es ist ganz eigentümlich, Effendi, daß deine Entschlüsse stets den besten Erfolg haben,« meinte der Lieutenant. »Du weißt ja, daß ich oft anders dachte als du und auch gegen deine Ansichten gesprochen habe; aber ich sehe jetzt wieder ein, daß es immer geraten ist, dir zu folgen. Wir haben dadurch jetzt einen sehr guten Fang gemacht, und ich bin überzeugt, daß es uns auch gelingen wird, diesem Ibn Asl die gefangenen Frauen abzujagen.«

»Damit wäre ich nicht zufrieden,« antwortete ich. »Ich will ihm nicht nur die Sklavinnen abnehmen, sondern auch ihn und seine Leute festnehmen, um sie dem Reïs Effendina zu überliefern.«

»Das wäre ein Streich, ein großer Ersatz, durch welchen vielen Hunderten von Schwarzen die Freiheit oder das Leben erhalten bliebe. Aber es wird Blut kosten!«

»Wahrscheinlich; aber eine Wahrscheinlichkeit ist noch keine Gewißheit, keine Notwendigkeit. Man darf sich nicht immer nach den gegebenen Verhältnissen richten, sondern man muß suchen, dieselben zu beherrschen, sie zum eigenen Vorteile umzuändern.«

»Ich möchte einmal sehen, wie das anzufangen ist. Die heutigen Verhältnisse sind doch so, daß Ibn Asl kommen und an dem Brunnen lagern wird; wir überfallen seine Krieger, kämpfen mit ihnen, töten so viel wie möglich von ihnen und nehmen die übrigen gefangen. Wie ist es möglich, dies anders zu machen und es gar so anzufangen, daß seine fünfzig Männer ohne Kampf und Blutverlust überwältigt werden?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht. Ich halte das Leben eines Menschen für das höchste irdische Gut desselben, und darum soll man es schonen. Kann ich ohne Blut zum Zwecke kommen, so thue ich es. Es ist möglich, daß wir mit List unser Ziel erreichen. Es ist ein stolzes Gefühl, einen Feind mit der Waffe in der Hand besiegt zu haben, und jede Wunde, jede Narbe bringt dem Manne Ehre; aber einen schlauen, übermächtigen, heimtückischen Feind überlistet zu haben, das ist auch nicht gering zu schätzen; ich weiß das aus eigener Erfahrung. Für jetzt freilich müssen wir an dem einfachsten Plane festhalten: Ich steige zum Felsen hinab, um zu lauschen, und ihr begebt euch rechts und links vom Brunnen auch hinunter, um im Dunkeln zu warten, bis ihr von mir das Zeichen des Angriffes erhaltet.«

»Welches Zeichen?«

»Hast du einmal einen Aasgeier im Schlafe oder Traume krächzen gehört?«

»Ja.«

»Ich werde diesen Laut nachahmen; er ist selbst in der Wüste so gewöhnlich, daß er Ibn Asl oder seinen Wächtern gar nicht auffallen kann.«

»Aber wir können nicht alle hinab; wir müssen bei den Kameln und Gefangenen einige Wachen zurücklassen.«

»Natürlich! Zwei oder drei Leute werden genügen. Die Gefangenen behalten ihre Fesseln, bis auf den Scheik. Er ist unschuldig, hat uns nichts gethan und hegt wohl auch keine bösen Absichten gegen uns. Wir wissen nicht, ob er und sein Stamm uns nicht noch dienlich sein kann, und so ist es geraten, milder als mit den beiden andern mit ihm zu verfahren.«

»Da stimme ich dir bei. Was aber hast du in Beziehung auf den Mokkadem und den Muza’bir beschlossen?«

»Die überbringen wir dem Reïs Effendina. Es hat sich herausgestellt, daß sie in Verbindung mit dem Sklavenjäger stehen.«

»Du willst dich nicht an ihnen rächen? Sie haben dir doch nach dem Leben getrachtet!«

»Darüber richte nicht ich; meine Religion verbietet mir die Rache.«

Ben Nil hatte dies gehört und sagte: »Aber ich bin kein Christ, Effendi. Der Muza’bir war der Verbündete des heiligen Fakir und auch der Mokkadem gehört zu ihnen. Man hat mich in den Brunnen gelockt, um mich zu verderben. Wärest du nicht gekommen, so hätte ich den elenden Tod des Verschmachtens sterben müssen; diese beiden Gefangenen gehören also nicht dem Reïs Effendina, sondern mir.«

»Willst du sie töten, – ermorden?« fragte ich.

»Nein,« antwortete der Jüngling in stolzem Tone. »Seit ich bei dir bin, ist dein Sinn der meinige geworden. Ich töte keinen wehrlosen Menschen, selbst wenn er mein ärgster Feind wäre; aber dennoch muß und will ich mich rächen. Ich werde mit ihnen ehrlich kämpfen. Du giebst ihnen ihre Waffen zurück, und dann mag Allah über uns entscheiden.«

»Ich werde es mir überlegen.«

Dies sagte ich natürlich, um ihn zu beruhigen, hatte aber keineswegs die Absicht, seinen Wunsch zu erfüllen. Das wackere Kerlchen war mir zu wert, als daß ich ihm hätte erlauben mögen, sich einer Gefahr auszusetzen, welcher er, wie ich glaubte, nicht gewachsen war.

Nun ließ ich den Scheik der Monassir zu mir holen. Er mußte sich zu uns setzen und that dies, indem er sogleich und in strengem Tone fragte:

»Was habe ich euch gethan, daß ihr mich wie einen Feind behandelt?«

»Du bist der Gefährte unserer Feinde; das ist meine selbstverständliche Antwort auf deine Frage. Übrigens wirst du wohl gehört haben, daß ich befahl, gegen dich nicht streng zu sein.«

»Ich hörte es; aber dennoch bin ich noch gebunden wie ein Gefangener. Deine Worte klingen gut, aber dein Verhalten ist dasjenige eines wortbrüchigen Christen.«

»Laß dir raten, auf deinen Vorteil bedacht zu sein! Durch beleidigende Reden wirst du mich nicht bestimmen, dich besser zu behandeln als diejenigen, welche meine Feinde sind. Du bist ihr Genosse; sie haben mir nach dem Leben getrachtet, und nach dem Gesetze der Wüste könnte ich sie, und dich mit ihnen, sofort töten. Aber während du mit ihnen sprachst, befand ich mich in eurer Nähe und hörte eure Worte; ich weiß also, daß du ihnen die Kamele vermietet und sonst keinen Teil an ihnen hast. Die Gerechtigkeit, welche mein Glaube mir gebietet, befiehlt mir, dich ihre Thaten nicht entgelten zu lassen. Darum sollst du frei sein, wenn du bereit bist, die Bedingungen zu erfüllen, welche ich dir stellen werde.«

»Nenne sie!«

Der finstere Ausdruck seines Gesichtes wollte sich nicht ändern. Er war ein starrer Moslem und als solcher ein Gegner aller Andersgläubigen. Zudem glaubte er das, was Abd el Barak ihm von mir vorgelogen hatte. Ich erzählte ihm also kurz das Geschehene und fügte dann hinzu:

»Du wirst nun wohl einsehen, daß ich der Teufel nicht bin, als welcher ich dir beschrieben wurde. Ich bin dir nicht feindlich gesinnt und weiß, daß die Monassir tapfere Krieger sind, welche niemals ein gegebenes Wort brechen. Darum mache ich dir folgenden Vorschlag: du versprichst mir beim Barte des Propheten, diesen Ort ohne meine Erlaubnis nicht zu verlassen und auch nicht mit dem Mokkadern und dem Muza’bir zu sprechen; thust du das, so lasse ich dir die Fesseln abnehmen, gebe dir sogar deine Waffen zurück und du wirst, so lange wir hier bleiben, unser Gast anstatt unser Gefangener sein.«

»Und dann, wenn ihr von hier fortreitet?«

»Dann bist du ganz frei und kannst thun, was dir beliebt.«

»Ist das eine Hinterlist oder die volle Wahrheit?«

»Ich lüge nicht.«

»So gebe ich dir mein Wort.«

»Sprich es richtig und vollständig aus!«

»Ich schwöre beim Barte des Propheten, daß ich deine Forderungen streng erfüllen werde!«

Es war ihm anzusehen, daß er sein Wort halten werde; ich nahm ihm also die Fesseln ab, gab ihm seine Waffen und sagte:

»So magst du von jetzt an als Freund und Gast bei un sitzen. Danke übrigens Allah, daß ich ein Christ bin, und daß er dich zu mir geleitet hat! Ohne mich würdest du morgen nicht mehr leben.«

Er sah mich mit einem mißtrauischen Blicke von der Seite an und fragte:

»Wieso? Wer könnte mir nach dem Leben trachten? Doch nur du!«

»Ich am allerwenigsten. Meine Gefährten werden dir sagen, daß ich das Leben selbst meines ärgsten Feindes zu schonen trachte. Weißt du, warum du vorhin fortgeschickt wurdest, um nach Kameldünger zu suchen?«

»Natürlich weiß ich das. Es sollte ein Feuer angezündet werden.«

»Wenn du das denkst, so besitzest du ein sehr vertrauensseliges Herz. Wo soll hier am Wadi el Berd der Dünger herkommen!«

»Von den Kamelen der Sklavenkarawanen, welche heimlich hier verkehren.«

»Wie viele solcher Karawanen kommen jährlich hierher? Der Brunnen ist nur den Leuten Ibn Asl’s bekannt, und wenn diese im Jahre zwei- oder dreimal an demselben halten, so ist das viel. Wie viel Dünger giebt das? Und ich denke, daß kein Karawanen-Ältester den Dünger seiner Kamele liegen läßt; dieser Stoff wird so nötig gebraucht, daß man ihn auf das sorgfältigste sammelt. Du wirst also einsehen, daß Abd el Barak sehr genau wußte, daß dein Suchen vergeblich sein werde.«

»Weshalb sollte er mich denn sonst fortgeschickt haben?«

»Um, ohne daß du es hörtest, mit dem Muza’bir von dir reden zu können. Ich habe, als du fort warst, jedes Wort vernommen. Es handelte sich um deinen Tod.«

»Allah! Beweise mir die Wahrheit deiner Worte!«

»Ibn Asl ed Dschasuhr, der Sklavenjäger, kann seine Karawanen nur so lange, als seine Brunnen unentdeckt bleiben, durch diese Wüste senden. Sobald die geheimen Wasserlöcher entdeckt werden, ist es aus mit dem Geschäft und dem Gewinne, den er macht. Kommt zufällig ein anderer hinter das Geheimnis, so frage ich dich, was Ibn Asl höher stehen wird, das Leben dieses Mannes oder die hohen Summen, welche ein Sklavenjäger verdient?«

»Das Geld natürlich. Aber ich bin ja mit nach dem Wadi genommen worden; ich habe mich nicht in das Geheimnis gedrängt!«

»Das bleibt sich gleich; es ist verraten, und um es zu wahren, muß Ibn Asl dich töten.«

»Das sagte Abd el Barak?«

»Ja. Oder meinst du, daß ich dich belüge?«

»Nein. Ich glaube, daß du die Wahrheit sprichst. Welche Schlechtigkeit aber ist es da von diesen beiden Männern, mich mit nach dem Wadi zu nehmen!«

»Du selbst trägst die Schuld. Du hast ihnen deine Kamele nicht anvertrauen wollen; du hast verlangt, mitgenommen zu werden.«

»Das ist wahr. Und ich sehe ein, daß sich mich auf die Gefahr, welcher ich mich dadurch aussetzte, nicht aufmerksam machen konnten; sie sind also weniger schuldig, als ich glaubte, und da ich nun unter deinem Schutze nichts mehr zu befürchten habe, will ich ihnen verzeihen.«

»Ich höre, daß Allah dir ein versöhnliches Herz gegeben hat. Deine Milde ist diejenige eines Christen, was mich um so mehr erfreut, als ich dich für einen strengen Gegner meines Glaubens halten mußte.«

»Das bin ich auch und werde es immer bleiben. Das wird dich aber wohl nicht veranlassen, mir das Gebet zu verbieten?«

»Ich habe weder das Recht, es zu erlauben, noch dasjenige, es zu untersagen.«

»So wisse, daß die Zeit des Gebetes des Sonnenunterganges gekommen ist, und mein Gebetsteppich befindet sich bei meinem Kamele. Darf ich ihn mir holen?«

»Du darfst. Das Kamel, der Teppich und all dein Eigentum gehört dir; wir sind keine Diebe oder Räuber.«

Er holte sich seinen Sidschschadi, wie der Araber seinen Teppich des Gebetes nennt, und schloß sich der Andacht der andern an. Die Sonne tauchte eben hinter den westlichen Horizont hinab, und die Stimmen der Betenden erschallten laut über das Wadi hinüber und in die Wüste hinaus. Dann wurde es schnell Nacht, da es in jenen Gegenden keine Dämmerung giebt.

Nach dem Gebete wurde gegessen. Dabei kam mir ein scharfer Geruch in die Nase. Ich sah mich um und gewahrte einen Askari, welcher mit dem Bauche an der Erde lag und aus Leibeskräften in ein kleines, glimmendes Feuer blies. Ich sprang hin und drückte es aus.

»Was fällt dir ein!« schalt ich ihn aus. »Wer hat dir das erlaubt?«

»Ich wollte ja nur ein Feuerchen machen, Effendi!« entschuldigte er sich in sehr kindlicher Weise.

»Das sehe ich eben! Wie es scheint, hältst du das für erlaubt?«

»Ja, Effendi.«

»Ich habe es nicht verboten, weil ich nicht glaubte, daß einer von euch Dünger bei sich hat. Woher hast du ihn?«

»Ich sammelte ihn, indem ich heute stets hinter den andern herritt und dann allemal abstieg.«

»So hast du dir sehr viel Mühe ganz umsonst gemacht. Siehst du denn nicht ein, daß es für uns gefährlich ist, ein Feuer anzuzünden? Ein solches Feuer riecht man weit, selbst wenn man es nicht sieht. Wenn jetzt Ibn Asl käme und da unten Lager machte, könnte es uns ihm leicht verraten.«

»Daran habe ich nicht gedacht. Verzeihe mir!«

Dieses kleine, an und für sich ganz unwichtige Intermezzo sollte mir später großen Vorteil bringen.

Wir Männer lagerten in der Einbuchtung des Hügels; auch die beiden Gefangenen befanden sich da. Draußen vor der Bucht lagen die Kamele, welche von zwei Asakern bewacht wurden. Auf dem Hügel stand der Posten, welcher seine Aufmerksamkeit scharf nach Südwest zu richten hatte. Da ich gewohnt war, mich mehr auf mich selbst als auf andere zu verlassen, so stieg ich zu ihm hinauf, und später kam der alte Onbaschi nach; er kannte die Wüste und glaubte, mich unterstützen zu können. Nach einiger Zeit ging der Mond auf und warf seinen Schein auf die gegenüberliegenden Felsenhöhen. Wir konnten die tiefen, dunkeln Stellen derselben von den hellen, höheren leicht unterscheiden. Es mochte gegen zehn Uhr sein, als ich drüben eine Bewegung wahrnahm. Ich sah helle Gestalten an dem dunkeln Hintergrunde erscheinen und vorübergleiten. Das waren die weißen Haïks der Sklavenjäger. Ich stieg also in das Versteck hinab, meldete dem Lieutenant die Ankunft der Erwarteten, empfahl ihm große Stille und Vorsicht, ließ den beiden Gefangenen den Mund verbinden, damit sie die Sklavenkarawane nicht durch laute Rufe warnen konnten und stieg dann die Felsenstufen hinab, um noch vor Ibn Asl auf meinem Lauscherposten zu sein.

Der Mond konnte nicht in die Tiefe des Wadi gelangen, und der Schein der Sterne war zu schwach, das hier herrschende Dunkel zu durchdringen. Meinen hellen Haïk hatte ich natürlich zurückgelassen; ich konnte nicht gesehen werden.

Da klang es vom jenseitigen Ufer wie Schwalbengezwitscher herüber, welches zuweilen von einem tiefern Tone unterbrochen wurde. Das Gezwitscher waren die hellen, fernen Stimmen der Sklavinnen, und der zuweilen dreinklingende Baß war die kommandierende Stimme des Führers, welcher die Richtung des abschüssigen Pfades angab.

Die Stimmen kamen näher; die Karawane erreichte die Tiefe des Wadi und wendete sich dann ganz genau dem Punkte zu, an welchem das Wasserloch lag. Ich sah die Haïks der Reiter und die hellen Zeltdächer der Frauensänften sich bewegen; alles andere blieb in dem tiefen Dunkel unsichtbar. Nun erklang die tiefe Stimme des Führers:

»Halt! Danket Allah und dem Propheten, denn wir sind glücklich bei dem Wasser der Erquickung angekommen!«

Nun war es, als ob mehrere hundert Stimmen antworteten. Männer riefen, schrieen oder fluchten; Frauenstimmen schwirrten wirr durcheinander; Kamele blökten und brummten. Da wurde es hell; zwei Fackeln brannten, und nun konnte ich sehen, was sechs Ellen unter mir vorging. Das war wirklich eine ansehnliche Karawane. Es wurden mehrere Palmfaserfackeln angebrannt, und beim Scheine derselben zählte ich fünfzehn Lastkamele, welche Tachtirwahns trugen. Die Formen dieser Frauensänften sind sehr verschieden, aber stets phantastisch, ja grotesk; am seltensten nehmen sie sich natürlich im Lichte des Feuers oder wie hier, der Fackeln aus. Außer diesen Sänftenkamelen gab es noch andere Lasttiere, welche die Wasserschläuche, Vorräte und Zelte trugen. Reitkamele gab es wohl fünfzig; ich konnte sie nicht sofort und genau zählen.

Das war wohl eine Viertelstunde lang ein Wirrwarr, der kaum zu lösen schien; dann kam Ordnung in die Menge. Es wurden die Frauenzelte aufgeschlagen, welche Arbeit die Sklavinnen selbst verrichteten; die Männer nahmen den Kamelen ihre Lasten ab, und einige kamen mit einer Fackel nach der Stelle des Brunnens, um die Bedeckung desselben zu entfernen.

Mir war ganz eigentümlich zu Mute. Ich hatte den Orient kennen gelernt, aber doch noch kein so ganz und gar fremdartiges Bild vor Augen gehabt wie dasienige, welches sich da unter mir entrollte. Dabei wirkte natürlich am meisten das Bewußtsein, daß die gegenwärtige Scene sich sehr bald in eine blutige verwandeln werde.

Die Anordnung des Lagers war leicht zu erkennen. Ich befand mich gerade über dem Brunnen. Rechts von demselben breiteten die Männer ihre Decken und Tücher aus; links erhoben sich die Frauenzelte; hinter diesen lagen die Pack- und Reitsättel mit den Lasten, und weiterhin wurden sämtliche Kamele gezwungen, sich in das scharfe Steingeröll zu legen. Dieser Plan war ganz und gar nicht geeignet, die Ansicht zu bekräftigen, welche ich bisher über den berühmten oder vielmehr berüchtigten Ibn Asl ed Dschasuhr gehegt hatte. Ein solcher Mann muß vor allen Dingen um- und vorsichtig sein; dieses Lager aber war noch leichtsinniger als das Nest einer Amsel angelegt. Jedenfalls war man allzu fest der Überzeugung, daß die weite Wüste außer der Karawane keinen Menschen berge. Unter mir wurde das Loch aufgegraben. Die dabei be schäftigten Leute arbeiteten mit den Händen. Bei ihnen stand ein langer, sonnverbrannter und schwarzbärtiger Kerl, welcher ihnen zuschaute und zuweilen nach rechts oder links einen lauten, kurzen Befehl hinüber rief. Dieser Mann war also der Anführer, Ibn Asl, der Sklavenjäger. Er hatte nicht die mindeste Ähnlichkeit mit seinem Vater, dem scheinbar ehrwürdigen und sehr heiligen Fakir Abd Asl.

Jetzt waren die Brunnengräber bis an die Steinplatte gelangt; sie hoben sie weg, und der Anführer ergriff die Fackel und kniete nieder, um hinabzuleuchten. Er stieß einen mehr als kräftigen Fluch aus und fügte im Tone der Enttäuschung hinzu:

»Da giebt es ja kaum zwei Fuß Wasser. Da hat der Teufel den Regen nach einer andern Richtung gelenkt, und wir können nicht einen einzigen Schlauch füllen, denn dieses Wasser hier müssen wir den Sklavinnen geben, um sie frisch und gesund zu erhalten. Allah schnüre diesen Frauen, derentwegen wir dürsten müssen, die Kehlen zu!«

»Es wird sich vielleicht welches nachsammeln,« bemerkte einer der Männer.

»Das weiß ich auch, du Sohn und Neffe der Überklugheit. Aber wie lange wird das währen? Können wir tagelang hier warten?«

»Verzeihe! Wir müssen doch ohnedies hier warten, bis die andern nachgekommen sind.«

»Die kommen natürlich schon morgen, und dann muß sofort aufgebrochen werden.«

»Aber sie bringen Wasser vom Bir Murat mit.«

»Sauf du es, wenn es dir schmeckt! Ich habe keinen Tropfen von dem getrunken, welches Malaf heute früh brachte. Holt die Weiber herbei, daß sie schöpfen! Ich werde sie selbst beaufsichtigen, damit kein Tropfen verloren gehe.«

Diesem Beispiele wurde Folge geleistet. Es kamen mehrere Frauen, welche wortlos schöpften und dann mit ihren Gefäßen unter den Zelten verschwanden. Sie befanden sich in gedrückter Stimmung oder fürchteten den Anführer so, daß sie in seiner Nähe nicht zu sprechen wagten.

Er setzte sich, als das Loch leer geworden war, neben dasselbe auf die Erde, stemmte den Ellbogen auf das Gestein und legte den Kopf in die Hand. In dieser Stellung sah er dem Treiben der andern zu.

Ich that dasselbe wie er und beobachtete alles so genau wie möglich. Mir fiel vor allen Dingen auf, daß keiner der Männer eine Flinte oder Pistole bei sich hatte; sie trugen alle nur das Messer im Gürtel. Sie hatten, wie ich später bemerkte, die ihnen jetzt unbequemen Schußwaffen hinter den Frauenzelten bei dem Gepäck abgelegt.

Der Indianer ist weit vorsichtiger. Er giebt, wenn er sich nicht in seinem Wigwam befindet, die Waffe nie aus der Hand und hat sie sogar während des Schlafens im Arme liegen. Dies war auch mir zur Gewohnheit geworden. Bei den Beduinen aber kann man oft sehen, daß sie die Langgewehre auf einen Haufen legen und ruhig schlafen, ohne daran gedacht zu haben, eine Waffenwache auszustellen.

Jetzt drang der Rauch von angebranntem Kamelmist unter den Zelten hervor. Die Frauen bereiteten ihr Abendessen. Die Männer brachten einige Wasserschläuche und Dattelsäcke und lagerten sich in der Nähe des Anführers, um ihren frugalen Imbiß zu verzehren. Es war eine zusammengewürfelte Gesellschaft, und ich sah alle Farben vom tiefsten Schwarz bis zum sonngedunkelten Hellbraun vertreten.

Sie sprachen leise miteinander; auch sie schienen nicht den Mut zu besitzen, in Anwesenheit des Anführers laut zu werden. In den Zelten sprachen die Frauen; aber ich konnte nichts verstehen. Diejenigen, welche ich, als sie Wasser geholt hatten, gesehen hatte, bestätigten den Ruhm, welchen die Frauen der Fessarah wegen ihrer Schönheit besitzen. Ich hatte, da sie nicht verschleiert waren, die Regelmäßigkeit ihrer Gesichtszüge deutlich bemerkt.

Da kam von den Kamelen her einer gegangen, welcher sich neben den Anführer setzte und, ohne diesem ein Wort zu sagen, ein Stück Trockenfleisch hervorzog und zu essenbegann. Er war noch jung, aber jedenfalls im Kampfe viel erfahren, denn sein Gesicht war so voller Narben, als ob es durch ein Hackebrett zerfleischt worden sei. Als er den letzten Bissen in den Mund gesteckt und verschlungen hatte, sagte er zu dem Anführer:

»Nun, wie ist’s heute? Soll sie endlich gehorchen oder nicht?«

Seine Stimme klang rauh und krächzend; sie war fast ebenso häßlich wie sein Gesicht.

»Marba!« rief anstatt der Antwort der Anführer in lautem Tone. Aller Augen richteten sich nach einem der Zelte; aber die Gerufene kam nicht.

»Marba!« wiederholte er, doch mit demselben Mißerfolge.

Er winkte zweien seiner Leute; diese standen auf, verschwanden unter dem Zelte und brachten ein junges Mädchen aus demselben; sie führten es vor den Anführer und setzten sich dann wieder nieder. Marba war vielleicht sechzehn Jahre alt und ein sehr schönes Mädchen. Ihr Gesicht zeigte nicht die mindeste Spur jener Schärfe, welche älteren Beduinenfrauen eigentümlich ist. Sie ging barfuß; ihr Körper war ganz in ein dunkles, kaftanartiges Gewand gehüllt, und ihr dunkles Haar hing in zwei dicken, langen Zöpfen über dem Rücken hinab. Ihr Gesicht war starr und unbewegt, und ebenso starr blickte ihr dunkles Auge, welches auf den Anführer gerichtet war und den andern gar nicht zu sehen schien. Der erstere deutete auf den letzteren und gebot dem Mädchen:

»Du hast ihn beleidigt und mußt es sühnen. Küsse ihn!«

Sie hörte diesen Befehl, aber gehorchte nicht; sie bewegte nicht den Fuß, nicht die Hand, nicht die Lippen und nicht einmal die Wimpern.

»Küsse ihn!« rief der Anführer lauter als vorher. »Sonst –!«

Er richtete sich empor und zog die Nilpeitsche aus dem Gürtel. Sie stand wie ein steinernes, lebloses Bild, sah ihm starr in das Auge und rührte sich nicht. Da trat er auf sie zu, holte aus, schlug sie und wiederholte seinen Befehl abermals. Sie nahm die schmerzhaften Streiche hin, ohne zu zucken.

»Haue sie, bis sie gehorcht!« rief der Narbige zornig, indem er aufsprang.

»Das darf nur In Asl. Warte, bis er morgen kommt! Aber fühlen soll sie es doch, daß ich heute zu befehlen habe.«

Er gab ihr noch mehrere Streiche und setzte sich dann nieder; der Häßliche folgte seinem Beispiele; das Mädchen drehte sich um und schritt langsam auf das Zelt zu, hinter dessen Vorhang sie verschwand.

Wie gerne wäre ich herabgesprungen, um diesem Menschen seine eigene Peitsche zu kosten zu geben! Leider mußte ich für jetzt darauf verzichten, nahm mir aber vor, ihm die verdiente Züchtigung nicht zu schenken. Seine letzten Worte waren von großer Wichtigkeit für mich. Er hatte gesagt, daß Ibn Asl erst morgen kommen werde; also war er nicht Ibn Asl selbst, sondern wohl nur dessen Unteranführer. Wo aber befand sich der Sklavenhändler? Vorhin war davon die Rede gewesen, daß »andere« noch zurück seien und morgen vom Bir Murat Wasser nachbringen würden. Sollte sich Ibn Asl bei diesen Männern befinden? Aus welchem Grunde war er zurückgeblieben, war er nicht bei seiner Karawane?

Ich brauchte gar nicht lange auf die Beantwortung dieser Frage zu warten, denn die beiden unter mir setzten das unterbrochene Gespräch fort, indem der Häßliche sagte:

»Hätte Ibn Asl diese Tochter des Scheiks der Fessarah nicht so in seinen Schutz genommen, weil er denkt, gerade für sie einen sehr hohen Preis zu erzielen, so würde ich, indem ich auf alles andere verzichtete, sie als meinen Anteil verlangen und dann die Unverschämte zur Strafe totpeitschen. Mich den verfluchtesten Teufel zu nennen und mir in das Gesicht zu spucken! Wäre sie eine Negerin oder auch eine braune Nubierin, so hätte ich ihr, ohne Ibn Asl zu fragen, die Kehle durchschnitten. Schade, daß er dieses Mal selbst bei der Karawane ist und nicht uns, wie es stets geschah, den Transport anvertraut hat! Er konnte heimziehen und wäre dann auch nicht in die Gefahr geraten, von diesem fremden, ungläubigen Effendi aufgehoben werden zu sollen.«

»Sorge dich nicht um ihn! Die Gefahr wird ihren Rachen jetzt diesem Giaur zugewendet und ihn verschlungen haben.«

»Dieser Überzeugung bin ich nicht. Übrigens ist es gar nicht gewiß, ob er sich an uns wagen wird!«

»Abd Asl sagte es, und der Türke Murad Nassyr war derselben Meinung. Beide kennen den Fremden und wissen wohl recht gut, was derselbe machen wird. Ich habe der ganzen Unterredung beigewohnt. Was die beiden noch nicht wußten, das hat der Scharfsinn unseres Herrn erraten und ergänzt. In Chartum weiß man gewiß von unserem Überfalle der Fessarahweiber, und der Reïs Effendina lauert also am Nile auf uns. Den Lieutenant hat er in gleicher Absicht abgesandt, und dieser ist sicher nicht allein gekommen, sondern hat eine Schar Asaker mitgebracht. Er ist mit dem fremden Effendi in Korosko gesehen worden; daraus folgt, daß die beiden auf uns lauern. Aber wehe diesem Christenhunde, wenn er sich an Ibn Asl wagt! Der Herr hat mir mitgeteilt, was er mit ihm machen wird.«

»Zu Tode peitschen?«

»Nein, sondern noch viel schlimmer. Er fängt ihn, schneidet ihm die Zunge heraus, um von ihm nicht verraten werden zu können, und verkauft ihn als Sklaven an einen schwarzen Stamm des Bahr-el-Ghasal-Landes.«

»Das wäre eine wohlverdiente Rache. Die fränkischen Christen mögen in ihrem Lande bleiben und sich nicht in unsere Angelegenheiten mischen. Was für ein Recht haben sie, uns den Sklavenhandel zu verbieten? Nicht das mindeste! Hoffentlich gelingt es Ibn Asi, diesen Ungläubigen zu ergreifen.«

»Ich zweifle nicht daran, denn er hat Malaf bei sich behalten und auch die andern, welche den Giaur gesehen haben, als er ihnen ihre Gefangenen abnahm. Sie kennen ihn also sehr genau und werden den Herrn auf ihn aufmerksam machen. Ibn Asl war ergrimmt über sie, daß sie sich von diesem einzelnen Manne besiegen ließen; darum werden sie nun alles aufbieten, den Fehler, welchen sie begangen haben, quitt zu machen.«

»Bringt der Herr, wenn er morgen kommt, seine Braut mit?«

»Nein. Er müßte sie ja mit nach Ras Rauai schleppen, was weder für sie, noch für ihn oder für uns bequem wäre. Ihr Bruder, der Türke, ist mit ihr heute früh von Bir Murat fort, und Abd Asl begleitet ihn, um sie nach Faschodah zu bringen.«

Ich hatte genug gehört und brauchte nichts weiter zu erlauschen. Der Sklavenhändler war beim Brunnen Murat zurückgeblieben, um mich zu fassen; Murad Nassyr und der heilige Fakir waren von dort fort; morgen wollte der Sklavenhändler nachkommen. Weiterer Nachrichten bedurfte ich nicht, um einen Plan, welcher mir soeben beigekommen war, ausführen zu können. Dieser Plan war, ganz offen in das Lager der Karawane zu gehen und den Überfall in der Weise vorzubereiten, daß ein blutiger Kampf möglichst verhindert wurde. Ich kehrte jetzt also nach unserm Verstecke zurück und teilte dort meine Absicht dem Lieutenant und dem Onbaschi mit. Sie waren beide ganz und gar dagegen.

»Das wage ja nicht, Effendi!« sagte der erstere. »Du riskierst das Leben. Der kleinste Zufall kann zur Entdeckung führen.«

»Wenn ich es nicht dumm anfange, kann von einem solchen Zufalle keine Rede sein.«

»Und wenn man trotzdem merkte, wer du bist?«

»So hätte ich meine Arme, meinen Kopf, der mich noch nie verlassen hat, und meine Waffen.«

»Fünfzig gegen dich, das ist zu viel!«

»Es ist besser, ein einzelner wagt etwas, als daß beim Überfalle viele getötet werden.«

»Aber wenn dieser einzelne derjenige ist, dessen Kopf und Arme die andern brauchen, so ist es besser, es unterbleibt.«

»Das mag wahr sein; aber ich habe stets Glück gehabt und hoffe, daß ich es auch heute haben werde.«

»Nun, so muß ich es dir mitteilen, obgleich ich noch nicht davon gesprochen habe: Der Reïs Effendina hat mir zwar geboten, dir zu gehorchen, aber er hat mir auch befohlen, mich zu widersetzen, wenn du dein Leben wagen solltest. Und heute, jetzt, widersetze ich mich.«

»Wie willst du das anfangen? Wenn ich gehen will, kannst du mich doch nicht mit Gewalt zurückhalten!«

»Doch! Ich halte dich zurück.«

»So mache ich Lärm und alles ist verdorben. Die Karawane wird uns entgehen.«

»Das wirst du doch nicht thun!«

»Ich führe es aus; ich gebe dir mein Wort darauf, und du weißt, daß ich mein Wort nie breche.«

»Allah, Allah,« meinte er ratlos, »was ist zu thun?«

Wir standen neben Ben Nil und Selim, welche noch immer bei einander saßen. Der letztere interessierte sich, ob beistimmend oder abgeneigt, das wußte ich nicht, in der Weise für meinen Plan, daß er aufsprang und ausrief:

»Effendi, du mußt heute – –«

Schweig‘, Unglückseliger!« herrschte ich ihn an. »Willst du an der schauderhaften Simm ed Damm sterben? Habe ich dir nicht das Reden verboten!«

Er sank sofort, tief erschrocken, wieder zur Erde nieder, zog das bejammernswerteste aller Gesichter und hielt sich beide Hände an den Mund, um anzudeuten, daß er denselben nicht wieder öffnen werde.

»Du siehst ein,« fuhr ich, zu dem Lieutenant gewendet, fort, »daß ich mich von meinem Vorsatze nicht abbringen lasse, und ich rate dir, mir kein Hindernis in den Weg zu legen.«

»Aber, Effendi, wenn dir ein Unglück passiert, wie soll ich es da vor dem Reïs Effendina verantworten?«

»Indem du ihm sagst, daß es mein Fatum, mein Kismet gewesen sei. Das ist doch sehr einfach.«

»Das ist wahr; du beruhigst mich, Effendi. Thue, was dir beliebt; ich habe nun nichts mehr dagegen, denn ich weiß, daß du doch auf meine Warnungen nicht hörst.«

»Ich bin für jede begründete Warnung dankbar; aber die deinige ist so allgemein und unbestimmt, daß ich sie unmöglich gelten lassen kann. Übrigens stürze ich mich nicht etwa kopfüber in die Gefahr, sondern ich gehe ihr mit vollem Bedachte entgegen; das vermindert ihre Größe und vermehrt meine Sicherheit.«

»Aber wer willst du denn sagen, daß du bist?«

»Ein Abgesandter des Mokkadem, welcher mich schickt, um Ibn Asl vor dem fremden Effendi zu warnen.«

»So willst du diese Leute also vor dir selbst warnen!«

»Damit sie doppelt leicht in unsere Hände fallen. Ich habe gar nicht zu fürchten, für einen Franken gehalten zu werden. Mein Kismet ist heute, dir die Sklavenkarawane in das Netz zu liefern.«

»So sage mir, was ich thun soll!«

»Du mußt scharf aufpassen. Wenn du den schlaftrunkenen Schrei des Geiers hörst, brecht ihr von hier nach beiden Seiten auf und kommt hinunter in das Wadi. Wenn ihr unten anlangt, bleibt ihr lautlos halten, bis ich euch hole.«

»Wenn sie dich aber festhalten, so daß du uns nicht holen kannst?«

»In diesem Falle würde ich das Zeichen nicht geben. Sollte ich, wenn das Kreuz des Südens vom Himmel verschwunden ist, das Zeichen noch nicht gegeben haben, so bin ich gefangen, und ihr kommt hinab, um die Männer zu überfallen und mich zu befreien. Und außerdem die allgemeine Regel: Wenn ihr drei dünne Revolverschüsse hinter einander fallen hört, so befinde ich mich in Gefahr, und ihr müßt euch beeilen, mir beizustehen. Für alle Fälle aber mußt du hier bei den Kamelen und den beiden Gefangenen eine sichere Wache lassen. Versäume das ja nicht, da sonst leicht alles verdorben werden kann.«

»Auf mich kannst du dich verlassen, Effendi. Ich werde nichts versäumen, was zu deiner Sicherheit und zum Gelingen deines Planes notwendig ist.«

»Das erwarte ich freilich ganz bestimmt, denn die Gefahr, welcher ich vielleicht entgegen gehe, kann mir nur dann schädlich werden, wenn du fehlerhaft handelst. Meine Gewehre lasse ich bei dir zurück; es sind abendländische und sie würden mich verraten; ich nehme dafür deine lange arabische Flinte mit.«

Diese letzteren Worte waren an Ben Nil gerichtet; er stand auf und antwortete:

»Effendi, willst du nicht lieber die Flinte Selims nehmen? Ich brauche die meinige zu deiner und meiner Verteidigung; ich gehe natürlich mit dir, denn es ist sehr leicht möglich, daß du der Hilfe eines zweiten bedarfst.«

»Ich bin mir selbst genug und will niemand in Gefahr bringen.«

»Ja, so bist du stets und immer; aber das dulde ich nicht mehr, wenigstens heute nicht. Ich habe dich lieb und bin als dein Diener mit dir gegangen. Soll der Diener sich pflegen, wenn sein Herr das Leben wagt?«

»So schlimm ist es nicht.«

»Es ist so, genau so, wie ich sage. Du hast mir das Leben gerettet, und mein Herz gebietet mir, dir dankbar zu sein. Es ist grausam von dir, mich jeder Gelegenheit dazu zu berauben.«

»Ich kenne deine Gesinnung, Ben Nil, und das genügt mir vollständig.«

»Mir aber nicht. Du bist mein Vorbild geworden und so werde ich deinem jetzigen Beispiele folgen und genau so gegen dich handeln, wie du dich zu dem Lieutenant verhalten hast. Er wollte dich nicht fortlassen, und da drohtest du, Lärm zu machen; nun wohl, wenn du mich nicht mitnimmst, so zwinge ich dich. Ich laufe hinter dir her, und wenn die Sklavenjäger dann Verdacht schöpfen, so hast du es dir, nicht aber mir zuzuschreiben.«

Es war mir, als ob ich diesen Widerstand eigentlich nicht dulden dürfe; aber der liebe, kleine Kerl handelte aus reiner Zuneigung und Dankbarkeit; ich durfte ihn nicht kränken und entschied darum, indem ich ihm die Hand drückte:

»Nun wohl, so geh‘ mit. Zwar wird mein Plan dadurch eine Änderung erleiden, aber ich denke, daß es keine unglückliche sein wird.«

Ich ging mit ihm zum Scheik der Monassir und fragte diesen:

»Hast du daheim einen Sohn?«

»Mehrere,« antwortete er.

»Vielleicht einen im ungefähren Alter dieses meines Dieners?«

»Ja.«

»Wie heißt er?«

»Ben Menelik, wie ich.«

»Kennt dich Ibn Asl, oder kennst du einen seiner Leute?«

»Auch nicht. Warum legst du mir diese Fragen vor, Effendi?«

»Das werde ich, da ich jetzt keine Zeit dazu habe, dir vielleicht später erklären.«

Jetzt ging ich zu dem Askeri, welcher vorhin ein Feuer hatte anzünden wollen, und ließ mir seinen Kamelmist geben, welcher mir jetzt sehr zu statten kam. Dann sattelte ich mein Kamel und Ben Nil das seinige. Als imitirter Muselmann mußte ich einen Gebetsteppich mitnehmen, und außerdem versah ich mich mit den Vorräten, welche ein Wüstenreisender bei sich führen muß. Ich that dies für den Fall, daß man mir keinen Glauben schenken und uns und unsere Kamele untersuchen werde. Alles, was mich verraten konnte, Papier, Bleistift und dergleichen, gab ich dem Lieutenant zur Aufbewahrung; die Revolver aber nahm ich mit, weil sie mich wehrhaft machten und ich ihren Besitz leicht auf irgend eine Weise zu erklären vermochte.

Nun brachen wir auf. Indem wir, die Kamele am Zügel führend, neben einander herschritten, erklärte ich Ben Nil meinen Plan und sagte ihm, wie er sich dabei zu verhalten habe. Er sollte mich Saduk el Baija, Saduk den Händler, aus Dimiat (Damiette) nennen und ja nicht Effendi, sondern Sihdi zu mir sagen. Ich traute ihm gern diejenige Vorsicht und Aufmerksamkeit zu, welche notwendig war, um Fehler zu vermeiden. Dem Lieutenant hatte ich gesagt, daß er sich an einen oder einige Flintenschüsse, welche bald fallen würden, ja nicht kehren solle. Ungefähr tausend Schritte von unserm Lager entfernt, lag die von mir untersuchte Stelle, an welcher man leicht in das Wadi hinabgelangen konnte. Wir schritten langsam hinunter, verbanden aber vorher unsern Kamelen die Mäuler, damit sie, falls ihre Nasen ihnen die Anwesenheit anderer Kamele verrieten, nicht laut werden konnten.

Unten angekommen, wendeten wir uns nach links und gingen vielleicht noch tausend Schritte weiter. Dann machte das Wadi eine leichte Krümmung, hinter welcher wir anhielten. Wir nahmen unsern Kamelen ihre Sättel ab und hießen sie, sich legen. Ich schoß die Flinte ab und lud sie wieder; dann setzten wir uns nieder. Zwei auf einander gelbe Steine bildeten einen kleinen Herd. Ich wartete ungefähr zehn Minuten und schoß noch einmal.

Die Sklavenjäger mußten die Schüsse gehört haben; sie sandten sicher einige Leute aus, um die Ursache derselben zu erforschen. Jetzt legte ich den mitgenommenen Kameldünger auf die Steine und brannte ihn an. Ein Napf wurde mit Wasser gefüllt, in welches ich Mehl rührte, und über das Feuer gesetzt. Dann brannte ich mir den Tschibuk an, legte mich mit dem Rücken an den Felsen und wartete der Dinge, die da kommen sollten.

Es dauerte gar nicht lange, so sagte mir mein Ohr noch mehr als das Auge, daß die Kundschafter kamen. Das waren freilich nicht die völlig unhörbaren Schritte eines Indianers. Man hörte den Steingrus knacken. Nach dem Geräusch zu urteilen, rührte es von wahrscheinlich drei Personen her. Wenige Augenblicke später sah ich, daß mein Ohr mich nicht getäuscht hatte. Wir saßen an einer vom Monde beschienenen Stelle des hier breiten Wadi; ich hatte dieselbe mit Absicht gewählt; man sollte uns leicht finden und deutlich erkennen. Drüben im Schatten der Felsen schlichen drei Gestalten und hockten sich gerade gegenüber nieder, um uns zu beobachten. Die dummen, ungeschickten Kerle trugen ihre Haïks, deren helle Farbe grau aus dem Schatten hervortrat.

Jetzt begann ich, mit Ben Nil zu sprechen, und zwar so laut, daß sie uns drüben hören konnten. Sie sollten uns für Leute ansehen, welche sich für vollständig allein hielten und von der Anwesenheit der Karawane keine Ahnung hatten. Wir nannten uns dabei mit den erdichteten Namen, und zwar deutlich genug, um verstanden zu werden. Nach einigen Minuten bewegten sich die Lauscher wieder zurück und verschwanden hinter der Biegung des Wadi.

»Sie sind fort!« meinte Ben Nil in enttäuschtem Tone. »Sie kamen nicht herüber. Nun ist unsere Absicht vereitelt!«

»O nein. Diese drei waren nur die Kundschafter; sie machen jetzt ihre Meldung, und dann wird man kommen, um mit uns zu reden.«

Wir warteten zehn Minuten, und dann aßen wir unsern Mehlbrei, natürlich in echt orientalischer Weise, indem wir mit den Fingern in den Napf fuhren und uns das kleisterartige Zeug liebreich auf die herausgestreckte Zunge, welche dann die Weiterbeförderung zu besorgen hatte, strichen. Wir thaten das, um für ganz und gar unbefangene Leute gehalten zu werden. Ein gut gebratenes Haselhuhn mit nachfolgendem »Fürst Pückler« wäre mir freilich lieber gewesen, aber ländlich, sittlich, und da der Negerhirsenbrei hier ländlich war, so durfte ich ihn nicht für unsittlich halten. Da kamen sie, dieses Mal noch viel weniger leise als vorher. Es waren volle zehn Mann; sie trugen alle ihre Waffen, bogen um die Krümmung des Wadi, kamen auf uns zu, blieben bei uns stehen, und der Voranschreitende grüßte mit seiner tiefen Baßstimme, die mir schon bekannt war.

»Mesalcher – guten Abend.«

Es war der Anführer, welcher Marba, die gefangene Scheikstochter, gepeitscht hatte. Ich sprang scheinbar erschrocken auf und antwortete:

»Allah jumessik bilcher! Wie bin ich erschrocken! Wer seid ihr, und was thut ihr hier?«

Auch Ben Nil war empor gefahren; er hatte den Napf ergriffen, so thuend, als ob er den kostbaren Inhalt für sich retten wolle, strich sich den Mund voll Brei und erwiderte dann auch den Gruß, doch war kein Wort zu verstehen. Er spielte seine Rolle ausgezeichnet. Der Anführer bedeutete ihm lachend:

»Ängstige dich nicht; wir nehmen dir dein Essen nicht!« Und sich an mich wendend, fragte er:

»Du heißt Saduk el Baija?«

»Ja,« antwortete ich erstaunt. »Woher weißt du das?«

»Und dein Begleiter heißt Ben Menelik?«

»Ja; aber woher weißt du das? Ich kenne dich nicht.«

»Ich weiß alles, und nichts, was in der weiten Wüste geschieht, kann mir verborgen bleiben,« antwortete er stolz. »Was thut ihr hier?«

»Wir – wir – wir essen, oder vielmehr wir aßen,« antwortete ich befangen.

»Das sehe ich! Aber ich will wissen, welche Absicht euch in das Wadi geführt hat.«

»Allah weiß es, frage ihn.«

Ich hatte so thun müssen, als ob das plötzliche Erscheinen dieser Leute mich überrascht habe, aber es lag ganz und gar nicht in meinem Plane, für einen furchtsamen Mann gehalten zu werden; darum gab ich jetzt diese kurzen Antworten.

»Allah zu fragen, ist schwer,« antwortete er rauh. »Dich zu fragen, ist leicht, und du hast mir zu antworten.«

»Wer will mich zwingen, zu sprechen, wenn ich schweigen will?«

»Ich!«

»Wer bist du?«

»Das geht dich nichts an!«

»So geht dich auch meine Person nichts an. Geh‘ also dorthin, wo du hergekommen bist!«

Ich riß Ben Nil den noch nicht ganz geleerten Napf aus der Hand, setzte mich nieder und zog mir so ruhig, als ob gar nichts geschehen sei, mittels der krumm gebogenen Finger, mit denen ich den Napf auswischte, den Rest des Kleisters zu Gemüte. Das imponierte. Als ich dann nach edler Beduinenart das Gefäß gar auszulecken begann, rief der Mann aus:

»Beim Propheten, so ein Mensch ist mir noch gar nicht vorgekommen! Höre, du Saduk el Baija, dein Leben hängt an einem einzigen dünnen Haare!«

»Das ist Kismet. Ich kann nichts hinzuthun und nichts wegnehmen. Allah weiß es!«

»Wenn du mir nicht Rede stehst, wirst du erschossen!«

»Wenn es im Buche vorgezeichnet ist, erschieße ich dich, anstatt du mich.«

»Wie willst du das fertig bringen?« lachte er. »Wir sind zehn Männer gegen einen Mann und einen Knaben.«

Er hatte den Kolben seines Gewehres auf die Erde gesetzt und stützte sich mit den Armen auf den Lauf desselben. Seine Gefährten standen in genau derselben malerischen Haltung hinter ihm. Ben Nil handelte nach der ihm vorher erteilten Weisung. Er war weniger als ich beobachtet worden und hatte sich ganz in das tiefe Dunkel des Felsens zurückgezogen, an einer Spalte, bis wohin der Schein des Mondes nicht dringen konnte. Dort stand er mit angelegter und genau auf die Brust des Sprechers gerichteter Flinte.

»Lache nicht,« antwortete ich; »es ist mein Ernst. Macht nur ein einziger von euch Miene, sein Gewehr zu heben, so bist du eine Leiche, denn in diesem Falle wirst du augenblicklich die Kugel meines tapfern Ben Menelik, den du einen Knaben nennst, in das Herz erhalten.«

Jetzt sahen sie nach Ben Nil hin.

»Allah!« rief der Anführer. »Ich schieße dieses Kind über ––«

»Halt!« unterbrach ich ihn, da er sein Gewehr aufnehmen wollte, in befehlendem Tone, indem ich rasch aufsprang und mein bereit liegendes Gewehr auch auf seine Brust richtete. »Zucke ja nicht mit dem kleinsten Gliede! Zwei Kugeln sind dir gewiß! Ich glaube, es ist nicht mein, sondern dein Kismet, heute zu sterben. Ihr seid an den Unrechten gekommen. Ich bin nicht gewöhnt, zu gehorchen, wo ich befehlen kann. Laß deine Flinte fallen, und befiehl deinen Leuten, dasselbe zu thun! Ist das, bis ich drei sage, nicht geschehen, so kann im nächsten Augenblicke der Teufel deine Seele in der Dschehennah suchen. So wahr ich ein gläubiger Sohn des Propheten bin, ich halte Wort! Eins – zwei –– !«

Man meint, daß solche oder ähnliche Scenen nur in Romanen vorkommen können; das ist sehr richtig, denn – – das Leben ist der fruchtbarste und phantasiereichste Romanschreiber, welcher nicht, um eine unmögliche Situation zu ersinnen, ein dutzend Gänsefedern zerkauen muß. Mein Ton und meine Haltung waren wohl der Art, daß kein Zweifel über die Schnelligkeit unsers Handelns aufkommen konnte; die beiden Flintenläufe wirkten überzeugend; wir brauchten nur den Zeigefinger am Drücker zu krümmen – kurz und gut, das Gewehr des Anführers entglitt seiner Hand und fiel nieder, und die langen Flinten seiner Leute folgten diesem Beispiele.

»So!« nickte ich. »Nun tretet zehn Schritte zurück!«

Sie gehorchten so exakt, als ob sie darauf eingeschult worden seien. Ich folgte ihnen und fuhr, als ich dann zwischen ihnen und ihren Gewehren stand, fort, doch ohne meine noch immer auf die Brust des Anführers gerichtete Flinte sinken zu lassen:

»Jetzt wirst du es sein, der mir einige Fragen beantwortet. Wenn einer von euch es wagt, nach der Pistole zu greifen, oder wenn du mit deinen Antworten nur zwei Sekunden zögerst, schieße ich, und die Kugel meines Ben Menelik wird den nächsten treffen. Also antworte schnell: Seid ihr allein in diesem Wadi?«

»Nein,« antwortete er ohne Pause. Vielleicht meinte er, daß mir bei der Nachricht, daß er noch mehr Leute zur Verfügung habe, der Mut sinken werde.

»Wo befinden sie sich?« fragte ich weiter.

»Nicht fern von hier.«

»Waret ihr schon öfters im Wadi el Berd?«

»Ja.«

»Giebt es eine Stelle, an welcher drei verdorrte Gaziahbäume stehen?«

Er zögerte in Hinsicht auf den heimlichen Brunnen mit der Antwort.

»Schnell, schnell, sonst schieße ich!« drängte ich ihn.

»Es giebt drei solcher Bäume da, wo wir lagern.«

»Im nasib, im adschibi – o Schickung, o Wunder!« rief ich im Tone des Erstaunens aus. »Kommt ihr über den Nil herüber vom Bir Murat?«

»Ja.«

Sofort ließ ich die Flinte sinken, gebot Ben Nil, dasselbe zu thun, trat auf den Anführer zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte in freudigem Tone:

»Fast hätte ich dich erschossen. Dank sei dem Propheten, daß ich es nicht gethan habe, denn dein Tod hätte mich bis an das Ende meiner Tage betrübt. Aber du trugst die Schuld, weil du mir drohtest, und ich bin das nicht gewöhnt. Da ihr bei den Gaziahbäumen lagert, seid ihr diejenigen, welche ich suche.«

Er nahm meine Hand nicht, behielt sein finsteres Gesicht bei und sagte:

»Du uns suchen? Das ist eine Lüge! Niemand weiß, daß wir uns hier befinden.«

»Daß du mich einen Lügner nennst und ich dir trotzdem nicht sofort eine Kugel gebe, mag dir beweisen, daß ich die Wahrheit gesprochen habe und mich als euern Freund betrachte. Ich bin überzeugt, daß ihr zu Ibn Asl ed Dschasuhr gehört. Habe ich recht?«

»Darauf darfst du keine Antwort erwarten. Wir kennen dich nicht.«

»Du wirst mir dennoch Auskunft erteilen, wenn ich dir sage, daß ich zu euch gesandt bin, um euch zu warnen vor dem Lieutenant des Reïs Effendina und vor einem ungläubigen Effendi, den ihr in die Dschehennah wünschen werdet.«

»Allah! Woher weißt du von diesen Leuten?«

»Von denen, die mich geschickt haben, Abd el Barak, der Mokkadem der Kadirine, und sein Begleiter, welcher el Muza’bir genannt wird.«

»Sie sind Freunde von uns, aber sie können unmöglich wissen, daß wir uns hier befinden. Wo hast du sie getroffen, und wie können sie dich nach dem Wadi el Berd senden, um uns zu warnen? Ich begreife das nicht.«

»Du wirst es sofort begreifen, nachdem ich es dir erklärt habe. Nehmt eure Gewehre, und setzt euch für kurze Zeit her zu uns! Wir haben nichts voneinander zu befürchten und werden vielmehr die besten Freunde sein.«

Ich setzte mich an meinen kleinen, improvisierten Herd, auf welchem das Feuer ausgegangen war, und Ben Nil ließ sich neben mir nieder. Es war wirklich spaßhaft, die Art zu sehen, in welcher diese zehn Sklavenjäger meiner Aufforderung Folge leisteten. Sie schämten sich jedenfalls, daß ich ihnen trotz ihrer größeren Zahl überlegen geworden war; es schien ihnen unmöglich, in mir, dem Unbekannten, einen Freund oder gar Verbündeten sehen zu müssen, und doch trat ich mit einer Sicherheit auf, welche sie überzeugen mußte. Das erteilte ihrem Thun, ihren Bewegungen das gerade Gegenteil davon, nämlich eine Unsicherheit, welche ihnen, den bis an die Zähne bewaffneten Menschenräubern, ganz eigentümlich zu Gesichte stand. Sie nahmen langsam und wie zögernd ihre Gewehre auf und hockten sich dann zu uns nieder. Da ich nicht sofort sprach, begann der Anführer:

»Deine Worte sind Rätsel für uns. Wir kennen deinen Namen und wissen, daß du ein Händler bist; aber wo wohnst du, wo bist du her?«

»Ich bin aus Dimiat. Doch, bevor ich weiter spreche, erkläre mir erst den Zwiespalt, welcher darin liegt, daß ihr unsere Namen wißt, und doch behauptet, mich nicht zu kennen!«

»Wir hörten Schüsse, und ich sandte Kundschafter aus. Sie kamen hierher, sahen euch und hörten eure Unterredung. Ihr nanntet euch bei den Namen und spracht von den Preisen schwarzer, brauner und cirkassischer Sklavinnen.«

»Das stimmt, und diese Erklärung befriedigt mich. Dort am Felsen stand ein Tier; ich schoß auf dasselbe; es zog sich zurück, kam aber wieder und verschwand erst dann, als ich ihm eine zweite Kugel sandte. Kennt ihr einen Mann, welcher auch Händler ist und Murad Nassyr heißt?«

»Ja, den kennen wir.«

»Er ist aus Nif bei Ismir und ein sehr guter Geschäftsfreund von mir. Euch kann ich es mitteilen, daß auch ich heimlich mit Requiq handle. Ihr werdet mich nicht verraten; ich hoffe vielmehr, noch manches gute Geschäft mit euch zu machen. Murad Nassyr war nach Ägypten gekommen, um große Einkäufe zu machen, und suchte mich in Dimiat auf, fand mich aber nicht, da ich verreist war. Ich ging ihm nach Kahira nach; er war schon fort; ich folgte ihm nach Siut, ohne ihn zu finden, und hörte, daß sein Schiff, der Sandal Et Tehr, nach Korosko gefahren sei.«

»Das stimmt, das stimmt,« nickte der Befehlshaber. »Er hat einen Sandal, welcher Et Tehr heißt, gemietet.«

»Das weißt du?«

»Ja. Ich habe es in letzter Nacht von ihm selbst erfahren. Er war am Bir Murat bei uns und hat uns sehr seltsame Erlebnisse erzählt.«

»So habt ihr ihn getroffen? Ich hatte nicht dasselbe Glück. Ich brauchte Sklaven und mußte ihn unbedingt einholen, hörte aber in Korosko, daß der Sandal schon wieder fort sei. Ihm folgend, holte ich ihn in Handak ein und hörte zu meinem Leidwesen von dem Reïs, daß Murad Nassyr in Korosko ausgestiegen sei, um zu Karnele nach Abu Hammed zu gehen. Ich fuhr also noch bis Dugmitt und ritt von da aus auf einem gemieteten HedschIbn nach Berber hinüber, um dort auf Murad Nassyr zu warten.«

Das Gesicht des Anführers hatte sich während des Vortrages meiner Fabel bedeutend aufgeheitert; er begann, Vertrauen zu mir zu fassen, und seine Leute warfen gar beinahe freundliche Blicke auf mich. Leider hatte diese Fabel eine sehr wunde Stelle, was ich aber unmöglich vermeiden oder ändern konnte. Nämlich wenn Murad Nassyr von Korosko aus den kurzen Landweg nach Abu Hammed eingeschlagen hatte und ich erst nach ihm in Korosko angekommen und die viel, viel längere Strecke auf dem Nile heraufgefahren war, konnte ich ganz unmöglich vor ihm in Berber angekommen sein und mich nun gar infolge eines sehr langen Retourrittes durch die Wüste heute hier im Wadi el Berd befinden. Es lag da eine Zeitdifferenz von über einer Woche, also eine sehr grobe Finte vor. Meine Zuhörer ahnten das glücklicherweise nicht; sie rechneten nicht nach, und ich ging, um sie nicht zum Nachdenken kommen zu lassen, mit größter Eile über diesen heiklen Punkt hinweg, indem ich fortfuhr:

»In Berber stieß ich zu meiner Freude auf zwei Freunde von mir. Ich bin Mitglied der heiligen Kadirine und besuchte ein Kaffeehaus, welches unserer Verbrüderung sehr warm empfohlen ist. Da traf ich den Mokkadern und den Muza’bir. Sie freuten sich natürlich, mich zu sehen, doch war diese Freude eine so große, daß ich einsah, sie müsse noch einen ganz besonderen, anderen Grund haben. Diesen Grund erfuhr ich denn auch sehr bald. Sie erzählten mir von euerm Sklavenzuge nach dem Duar der Fessarah; ihr hattet große Beute gemacht und – – –«

»Aber woher wußten sie von diesem Zuge?« wurde ich unterbrochen.

»Laßt mich nur erzählen! Ihr werdet es sogleich hören. Euer Raubritt hatte ein ungeheueres Aufsehen erregt, und der Reïs Effendina trachtete darnach, euch abzufangen. Er wollte euch den Weg durch den Ahmur verlegen und sandte zu diesem Zwecke einen Lieutenant mit einer Schar Asaker nach Korosko zu einem fremden, christlichen Effendi, der sein Verbündeter ist; er selbst legte sich in Berber auf die Lauer und ließ sich Asaker aus Chartum kommen. Glücklicherweise befand sich unter diesen ein Mitglied der Kadirine; der Mann heißt Ben Meled und – –«

»Das stimmt, das stimmt wieder!« rief der Anführer. »Dieser Ben Meled wird von uns bezahlt und hat uns schon oft sehr gute Dienste geleistet. Ich erkenne, daß wir dir alles Vertrauen schenken dürfen. Du bist wirklich ein Freund von uns, und jetzt will ich dich gerne willkommen heißen.«

Er reichte mir seine Hand, und dann mußte ich auch die Hände der anderen drücken. Wie gut war es gewesen, daß ich, als ich am Nachmittage den Mokkadem und den Muza’bir belauschte, diesen Namen Ben Meled gehört hatte! Es war wirklich nicht gar so leicht, die Namen, welche ich erfahren hatte, und die wenigen Umstände, welche ich kannte, zu einer Erzählung zu vereinigen, mit welcher ich mir das Vertrauen dieser außerordentlich vorsichtigen und mißtrauischen Leute erwerben wollte. Sie rückten enger zusammen und näher zu mir heran, als ich nun weiter berichtete:

»Der Mokkadem kennt euern geheimen Wüstenweg; er wollte und mußte euch warnen, hatte aber keine Zeit dazu, da er in Chartum erwartet wurde. Dieser fremde Effendi muß ein höchst gefährlicher Mensch sein, wie mir der Mokkadem erzählte. Der letztere weiß, daß ich Sklaven suche, und gab mir den sehr guten Rat, dieselben nicht mehr durch Murad Nassyr, sondern direkt von euch, von Ibn Asl, zu beziehen. Er riet mir, Ibn Asl sofort aufzusuchen, um ihm zu sagen, daß sich der Giaur, der Effendi, hier in der Wüste befindet, um ihm aufzulauern. Ich war natürlich gern bereit dazu. Er beschrieb mir dieses Wadi und sagte, daß ich euch ganz sicher bei drei Gaziahbäumen, welche hier stehen, treffen würde. Da ich aber die Wüste nicht kenne, mietete ich mir von Menelik, dem Scheik der Monassir ––«

»Von dem habe ich gehört,« fiel der Anführer ein. »Er ist ein sehr strenger Moslem, ein Feind der Christenhunde und billigt den Sklavenraub.«

»Das zu hören, ist mir lieb, denn dieser mein Führer ist sein Sohn, Ben Menelik. Er gab ihn mir mit, weil er mich nicht selbst begleiten konnte und der Sohn schon einigemal mit ihm durch dieses Wadi geritten ist.«

»So fällt auch dies zu unserer Zufriedenheit aus. Wenn dieser Jüngling der Sohn des Obersten der tapferen Monassir ist, so brauchen wir nicht zu sorgen, daß er uns verraten wird. Es liegt in unserm Vorteile und in unserer Absicht, mit seinem Stamme ein Freundschaftsbündnis zu schließen, und so heißen wir ihn ebenso aufrichtig willkommen wie vorhin dich, o Saduk el Baija.«

Jetzt war Ben Nil es, welcher zehn Hände zu drücken hatte. Er that es mit dem Ernste und dem Anstande eines jungen Beduinen, dessen Vater der Kriegsherr eines großen und berühmten Beduinenstammes ist. Er löste seine schwierige Aufgabe zu meiner vollsten Zufriedenheit, ja weit über mein Erwarten. Wenn er mir in den nächsten Stunden ebenso wacker und umsichtig zur Seite stand, so konnte ich die vollste Überzeugung hegen, daß mein Plan gelingen werde. Um meine Erzählung endlich zum Schlusse zu bringen, bemerkte ich noch kurz:

»Wir versahen uns mit allem nötigen und schlugen die Richtung über den Brunnen Nedschm und den Dschebel Schizr ein. Als wir am Nachmittag das östliche Wadi erreichten, verfolgten wir es nach Westen, um die drei Gaziahbäume zu suchen. Es wurde dunkel, bevor wir sie fanden, und so hielten wir hier an, um zu lagern und morgen weiter zu forschen. Das weitere wißt ihr, und ich habe also nichts hinzuzufügen, als daß ich ganz glücklich bin, euch gegen alles Erwarten hier getroffen zu haben. Fast wäre dabei Blut geflossen, aber der Prophet hat dieses Unglück verhütet; ihm und den heiligen Kalifen sei Dank gesagt!«

Ich war natürlich über den Verlauf dieser Unterredung äußerst befriedigt. Allem Anscheine nach war meinen Angaben voller Glaube geschenkt worden, und so durfte ich annehmen, daß meine Absicht wenigstens auf keine unüberwindlichen Schwierigkeiten stoßen werde. Diese Absicht war, wie bereits erwähnt, anstatt durch Gewalt, durch List an das Ziel zu gelangen. Wie dies anzustellen sei, das konnte ich jetzt freilich noch nicht wissen; mein Verhalten mußte sich nach demjenigen der Sklavenhändler richten, nach deren Lager wir uns nun begaben. Während ich meinem Kamele den Sattel auflegte und Ben Nil mit seinem Tiere dasselbe that, wobei wir uns in einiger Entfernung von den andern befanden, flüsterte er mir zu:

»Welch eine List, Effendi! jetzt glaube ich, daß du dich vor keinem Feinde zu fürchten brauchst. Deine Verschlagenheit ist noch viel größer als deine Tapferkeit. Ich bin überzeugt, daß wir allen Gefahren gewachsen sind.«

Nun folgten wir, unsere beiden Kamele am Halfter führend, den Sklavenjägern nach dem Brunnen. Dort war alles dunkel, doch wurden nach unserer Ankunft einige Fackeln angebrannt. Jetzt galt es vor allen Dingen, das Verhalten des Anführers zu beachten. Hieß er uns in der üblichen Weise und in ausführlichen Worten willkommen, so hatten wir keine Hinterlist zu befürchten. Nach der in der Wüste herrschenden Sitte mußte er uns dabei einen Imbiß reichen und auch selbst von demselben nehmen. Sei es auch nur eine einzige Dattel, welche der Beduine mit seinem Gaste teilt, sobald jeder die Hälfte der Frucht gegessen hat, ist an einen Verrat nicht mehr zu denken. Der Kommandant befahl, unsere Kamele zu den übrigen zu schaffen, und lud mich dann ein, mich am Brunnen bei ihm niederzusetzen. Da er dabei Ben Nil nicht erwähnte und mir dadurch Veranlassung gab, für die Sicherheit desselben zu befürchten, fragte ich ihn:

»Und Ben Menelik, mein Begleiter? Wo soll dieser lagern?«

»Er mag sich zu meinen Leuten setzen,« antwortete er in beinahe wegwerfendem Tone.

»Das möchte ich ihm nicht zumuten,« erwiderte ich. »Er ist mir während unseres Rittes mehr Freund als Diener gewesen, und darum möchte ich, daß er auch jetzt bei mir bleiben darf.«

»Das geht nicht. Ich bin der Kolarasi dieser Karawane, also ein Offizier, und darf bei keinem sitzen, der unter mir steht.«

»Dann bitte ich dich, zu bedenken, daß Ben Menelik der Sohn des Scheikes eines großen und berühmten Stammes ist!«

»Was ist das weiter? Mir steht er trotzdem nicht gleich, und ich will dir aufrichtig sagen, daß ich mich schon herablasse, indem ich dir, der du nur ein Händler bist, erlaube, bei mir zu sein. Also setz‘ dich nieder und sprich mir nicht dagegen!«

Es zuckte mir in der Hand, ihm eine Ohrfeige zu geben; aber ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen. Verfeindete ich mich mit ihm, so brachte ich nicht nur meinen Plan, sondern sogar mein Leben in Gefahr. Es kam zunächst darauf an, von ihm die Zeichen der Gastfreundschaft, also der Sicherheit zu erhalten, und das wäre jetzt durch fernern Widerspruch verhindert worden. Wartete ich aber bis dahin, so gelang es mir höchst wahrscheinlich, die Gefahr, in welcher sich Ben Nil ohne allen Zweifel befand, von ihm abzuwenden. Darum schwieg ich und setzte mich nieder, und zwar neben den schon erwähnten häßlichen Menschen, welchen ich mit dem Anführer an dem Brunnen belauscht hatte. Letzterer nahm einige Datteln, teilte sie mit mir, füllte einen kleinen Flaschenkürbis mit Wasser, reichte mir das Gefäß, nachdem er einige Schlücke getrunken hatte, gab mir die Hand und sagte:

»Willkommen; iß, trink; du bist mein Gast!«

Ich trank schnell einen Schluck, steckte eine Dattel in den Mund und gab Ben Nil, welcher uns scharf beobachtend in der Nähe stand, einen Wink. Er verstand die Situation vollkommen, trat rasch herbei, nahm den Kürbis und eine Dattel von mir, trank, schob die Dattel in den Mund und sagte, sich zu dem Anführer wendend:

»Ich esse und trinke deine Gaben; nun sind deine Flügel über mich gebreitet, und jeder deiner Freunde oder Feinde ist auch der meinige.«

Das war so schnell geschehen, daß der Anführer gar nicht Zeit gefunden hatte, es zu verhindern. Er fuhr mich zornig an:

»Warum hast du es weiter gegeben? Habe ich es dir befohlen?«

Da ich nun sein Gast geworden war und nichts mehr für mich zu fürchten hatte, brauchte ich nicht mehr so zurückhaltend wie vorher zu sein und antwortete infolgedessen:

»Ich habe Ben Menelik gegeben, weil er zu mir gehört und also ganz selbstverständlich ebenso dein Gast ist, wie ich es bin. Befohlen hast du es mir allerdings nicht, weil deine Klugheit und Einsicht es dir verbot.«

»Meine Einsicht? Wieso?«

»Wieso?« wiederholte ich im Tone des Erstaunens seine Frage. »Weil du mir nichts zu befehlen hast.«

»Du irrst dich. Ich bin hier der Anführer und Gebieter!«

»Aber nicht der unserige. Der Sohn eines Scheikes erkennt keinen Gebieter über sich, und was mich betrifft, so bin ich zwar jetzt in diesem Augenblicke und während dieser Reise ein Händler, sonst und im übrigen aber der Reïs el Beledije von Dimiat. Was das heißt, wirst du wohl wissen, und nun bist du es, der stolz darauf sein kann, daß er bei mir sitzen darf. Ben Menelik, laß dich an meiner Seite nieder! Du bist ein treuer und geschickter Führer und ein freier Krieger vom Stamme der Monassir. Es beleidigt meine Würde nicht, wenn der Zipfel deines Gewandes den Zipfel des meinigen berührt.«

Der junge Mann kam dieser Aufforderung natürlich nach, freilich sehr gegen den Willen des Anführers. Auf diesen schien der »Bürgermeister von Dimiat« zwar einigen Eindruck gemacht zu haben, doch beabsichtigte er trotzdem, mir zu imponieren, denn er sagte:

»Du verfährst sehr selbständig, o Saduk el Baija. Wenn du wüßtest, wer ich bin, würdest du wohl weniger zuversichtlich sein.«

»Ich bin während meines ganzen Lebens noch niemals ohne Zuversicht gewesen; da du mir aber deinen Namen noch nicht gesagt hast, so hoffe ich, ihn jetzt zu erfahren.«

»Ich bin Ben Kasawi, der Unterhauptmann unsers Herrn.«

Ben Kasawi heißt Sohn der Grausamkeit, gewiß ein ominöser Name. Als der Mann ihn aussprach, sah er mich an, als ob er erwarte, mich erschrecken zu sehen; ich aber antwortete ihm in ruhigem Tone:

»Und mich benennt man in Dimiat mit dem Beinamen Abu Machuf, woraus du wohl ersehen wirst, daß ich ein Mann bin, der wohl Furcht und Angst verbreitet, sie aber niemals selbst empfindet. Den Beweis hast du an dir selbst erfahren, als ihr uns gefangen nehmen wolltet und es dabei doch so anders wurde, daß euer aller Leben in unsere Hände gegeben war. Dürfen deine Freunde, auch euer Herr, davon wissen, oder soll ich schweigen?«

Jetzt hatte ich ihn in die Enge getrieben. Ich hörte es dem Tone seiner Stimme an, als er antwortete:

»Was vorüber ist, soll man ruhen lassen, und so denke ich, daß dein Mund verschlossen bleiben wird. Wenn Ibn Asl morgen kommt, werde ich ihm berichten, daß ich euch getroffen habe; von den nähern Umständen braucht er nichts zu wissen. Die Leute, welche hier sind, werden schweigen, denn sie fürchten mich. Nun ist alles in Ordnung, und wir wollen uns zur Ruhe legen. Deine Nacht sei glücklich!«

»Deine Nacht sei gesegnet!« antwortete ich.

»Wir sind sehr schläfrig. Deine Nacht sei ohne Sandflöhe!« sagte Ben Nil.

Dieser kleine Kerl grüßte trotz der sehr bedenklichen Lage, in welcher er sich befand, mit einer Ironie, welche mich überzeugte, daß er sich der Gefahr, in welcher er schwebte, sehr wohl bewußt war, sie aber nicht fürchtete. In der Wüste hat man gar wohl Veranlassung, den Sandfloh zu scheuen. Dieses Insekt wird dadurch nicht nur unangenehm, sondern oft sogar gefährlich, daß sich das Weibchen unter den Nägeln der Zehen eingräbt, um dort Eier zu legen. Diese schwellen zur Größe eines Schrotkornes an und verursachen eine böse Entzündung, welche durch die auskriechenden Maden noch verschlimmert wird. Es giebt da keine andre Hilfe, als die Eier mit dem Messer auszugraben. Der Wunsch, des Nachts von diesem Ungeziefer verschont zu bleiben, ist also ein sehr berechtigter, doch hörte ich ihn als Nachtgruß hier zum erstenmal. Die Nacht war still. Die müden Kamele schliefen und die Menschen ebenso, doch bei den letztern gab es wohl einige Ausnahmen. Vier von ihnen waren, selbst als über eine halbe Stunde vergangen war, gewiß noch munter, nämlich ich, mein braver Ben Nil, der Anführer und der Häßliche.

Daß die beiden letzteren meinen Gefährten nicht als ihren Gast und Schützling betrachteten, glaubte ich annehmen zu dürfen. Infolgedessen hatten sie jedenfalls etwas gegen ihn vor. Ich als ihr erklärter Hamiji durfte nicht erfahren, was sie beabsichtigten. Was sie thun wollten, das mußte heimlich geschehen, also während der Nacht, und voraussichtlich schon während dieser Nacht. Darum nahm ich an, daß sie nicht schliefen. Es galt aufzupassen.

Sie gaben sich den Anschein, fest zu schlafen, und bewegten sich nicht. Ich holte tief und regelmäßig Atem wie ein Schlafender, und zwar so, daß sie es hörten. Ben Nil schnarchte sogar ein wenig, doch war ich überzeugt, daß auch er sich verstellte. Wir vier lagen so nahe nebeneinander, daß zwei nicht miteinander flüstern konnten, ohne daß es von den andern, wenn sie wachten, bemerkt worden wäre; aber sehen konnten wir uns nicht. Zwar schienen die Sterne, aber ihr Licht war hier unten am tiefen Fuße des Felsens nicht einmal hinreichend genug, die Haïks von dem hellen Sande und Steingrus unterscheiden zu lassen. Die beiden Sklavenjäger mußten sich miteinander verständigen; da dies nicht hier so nahe bei uns geschehen konnte, so war zu vermuten, daß sie sich entfernen würden, und das konnte vorsichtigerweise nur nach der von mir und Ben Nil abgelegenen Seite geschehen. Ich beschloß also, mich nach dieser Seite zu machen, um ihre Entfernung beobachten zu können.

Ich schob mich zu Ben Nil hin, legte ihm den Mund an das Ohr und flüsterte ihm die beiden Worte »bleib‘ liegen!« zu. Er antwortete nicht, berührte aber meine Hand mit der seinigen, um mir anzudeuten, daß er wach sei und mich verstanden habe. Dann kroch ich in einem Bogen weiter, bis ich an der andern Seite der beiden Sklavenjäger zu liegen kam. Dort sprang eine Kante des Felsens vor, hinter welcher ich es mir bequem machte. Ich hatte eine Weile zu warten; dann hörte ich, bevor ich etwas sah, ein leise knirschendes Geräusch.

Es bewegte sich jemand. Dann kamen sie an mir vorüber, nicht gegangen, sondern sie wälzten sich, um auf diese Weise zunächst so weit fort zu kommen, bis ihre Schritte nicht mehr zu hören waren. Ich schob mich hinter ihnen her. Bald standen sie auf und gingen. Ich folgte ihnen in der Weise eines vierfüßigen Tieres, indem ich mich auf Händen und Füßen fortbewegte. Glücklicherweise blieben sie nicht innerhalb des Kreises der Schläfer stehen, was das Belauschen natürlich sehr erschwert hätte, sondern sie gingen über denselben hinaus; dort setzten sie sich nebeneinander nieder.

Ich fragte mich, warum sie sich setzten und nicht stehen blieben. Einen aufrecht stehenden Menschen sieht man leichter als einen sitzenden. Wollten sie selbst auch von den Ihrigen nicht gesehen werden? Dann hatten sie die Absicht, ihr Vorhaben allein und ohne Zeugen auszuführen. Das war, wie ich bald erfuhr, ganz richtig vermutet. Den für mich günstigen Umstand, daß sie sich gesetzt hatten, benutzend, kroch ich so nahe zu ihnen heran, daß mein Kopf sich nur zwei Ellen vor ihnen befand. Da sie nicht laut sprachen, sondern flüsterten, durfte ich, um sie zu verstehen, nicht hinter, sondern vor ihnen liegen, was allerdings doppelt gefährlich war. Ich vertraute aber meinem guten Glücke, der herrschenden Finsternis und vor allen Dingen der Ähnlichkeit der Farbe meines Anzuges mit derjenigen der Umgebung. Sollte ich dennoch von ihnen bemerkt werden, so mußte ich entweder den Umständen nach schnell handeln oder eine Ausrede hervorsuchen.

Bei dem leisen Tone, in welchem sie sprachen, gingen mir viele ihrer Worte verloren, doch hörte ich so viel, daß ich mir den Zusammenhang zu konstruieren vermochte. Sie sprachen zunächst von mir; ich hörte den »Sohn der Grausamkeit« sagen:

»Ich stieß dich an, mir zu folgen, weil wir äußerst vorsichtig sein müssen. Was sagst du zu diesem Saduk el Baija?«

»Daß er kein gewöhnlicher Mann sein kann,« antwortete der Häßliche. »Zum Bürgermeister einer Stadt, wie Dimiat ist, macht man nur einen Menschen, welcher sich viel ausgezeichnet hat. Und daß man ihn dort Vater des Entsetzens nennt, ist ein Beweis, daß er mit seinen Untergebenen sehr streng verfährt.«

»So sind diese Beamten alle, gegen ihre Untergebenen streng und hart; sie selbst aber kümmern sich wenig um die Gesetze. Der Bürgermeister handelt mit Sklaven, was doch verboten ist. Aber darum fragte ich dich nicht; ich meinte es anders. Dieser Mann bekleidet zwar jetzt eine Civilstellung, ist aber jedenfalls Offizier gewesen. Das ist aus der Art und Weise zu ersehen, wie er sich gegen uns verhielt, als wir Ibn überrumpelten.«

»Nun, überrumpeln hat er sich ja gar nicht lassen; wir liefen, anstatt ihn zu überraschen, ihm in die Arme. Allah weiß es, das wir uns vor ihm schämen müssen. Es war ein Glück, daß er uns suchte; im andern Falle hätte er uns niedergeschossen, denn gegen so einen fränkischen Revolver kann man mit Messern und einläufigen Flinten nicht aufkommen. Er ist ein geistesgegenwärtiger und verwegener Kerl, was uns aber nur lieb sein kann, da er unser Freund und Verbündeter ist. Aus diesem Grunde müssen wir auch darüber hinsehen, daß er den hiesigen Brunnen kennen gelernt hat; aber der Knabe, welcher ihn begleitet, sollte von diesem Geheimnisse nichts wissen.«

»Das ist es, worüber ich mit dir reden will. Dieser Sohn der Monassir wird seinen Leuten natürlich mitteilen, daß es hier Wasser giebt, und sie werden infolgedessen hier so oft lagern, daß der Ort, ohne welchen wir nicht bestehen können, für uns verloren geht. Das muß verhütet werden.«

»Ganz richtig! Aber wie?«

»Sage du es!«

»Meinst du, daß wir ihn schwören lassen, das Geheimnis zu bewahren?«

»Das genügt nicht. Selbst wenn er den Schwur halten sollte, würde er für seine Person den Brunnen zuweilen benutzen, und das darf nicht geschehen, gar nicht davon zu sprechen, daß er dabei zufällig beobachtet werden kann, wodurch unser Geheimnis in noch viel größere Gefahr kommen würde. Der Schwur ist ein Schloß vor dem Munde; aber jedes Schloß ist zu öffnen. Man hat nur dann die volle Sicherheit, wenn der Mund für immer stumm gemacht worden ist.«

»Aber dieser Ben Menelik ist doch unser Gast! Er hat mit uns Wasser getrunken und deine Dattel gegessen!«

»Aber nicht von meiner Hand. Die Gabe des Willkommens bindet mich nur an denjenigen, dem ich selbst sie gereicht habe. Was andere thun, kann mich nicht verpflichten. Wenn der Bürgermeister dem Knaben das Wasser und die Datteln gereicht hat, so bin nicht ich es, sondern er ist es, welcher Freundschaft mit ihm geschlossen hat. Dieser Ben Menelik ist uns also gerade noch so fremd wie vorher, und wir haben nicht die mindeste Ursache, ihn zu schonen. Habe ich recht oder nicht?«

»Ich bin jetzt ganz derselben Meinung. Der Knabe muß schweigen; mit Sicherheit aber schweigt nur ein Toter, und darum soll er sterben.«

»Das habe ich von dir erwartet, und darum führte ich dich hierher, um mit dir zu reden. Wir beide müssen es allein thun. Es giebt unter unsern Männern doch welche, die den Knaben in Schutz nehmen würden, weil er den Willkommen, wenn auch nicht direkt von mir, erhalten hat.«

»Das war klug, und ich bin bereit zu handeln. Du willst also wohl nicht warten, bis unser Herr ankommt?«

»Nein, denn er würde über eine solche Zögerung zornig werden. Wer schnell handelt, handelt richtig.«

»So sage, wie wir es anzufangen haben! Es wird uns nicht leicht werden, den Burschen ohne alles Geräusch stumm zu machen. Und was wird der Bürgermeister sagen, wenn er sieht, daß sein Begleiter ermordet worden ist!«

»Ermordet? Um diesen Gedanken in ihm zu erwecken, müßten wir es sehr verkehrt anfangen. Mit dem Messer dürfen wir den Knaben nicht töten. Es wird ihn eine Assaleh, die giftigste Schlange der Wüste, beißen.«

»Wo soll die herkommen?«

»Denke doch an den Sahm es Samm, welchen mir der Takali-Häuptling schenkte! Der Mensch, welchem mit der Spitze dieses Pfeiles die Haut nur ganz leise geritzt wird, ist unbedingt verloren. Da du jünger und gewandter bist als ich, so gebe ich dir nachher den Pfeil, und du schleichst dich an den Knaben. Da er nur Sandalen trägt, so – –«

»Trägt er nicht Schuhe?« unterbrach ihn der Häßliche.

»Auch möglich. Aber einem Schlafenden ist der Schuh leicht auszuziehen, ohne daß er es bemerkt. Du stichst ihn mit der Pfeilspitze in die Zehe.«

»Er wird erwachen und schreien!«

»Nein, denn du brauchst ihn ja nur leicht zu ritzen. Er wird meinen, es habe ihn ein Sandfloh gestochen. Nach kurzer Zeit schwillt sein Körper an; das Bewußtsein schwindet ihm, und wenn am Morgen der Bürgermeister erwacht, sieht er ihn tot neben sich liegen und muß nach allen Anzeichen glauben, daß ihn eine giftige Schlange gestochen habe. Auf diese Weise ist es gar nicht möglich, daß ein Verdacht auf uns fällt, und der ›Vater des Entsetzens‹ wird nur froh sein, daß die Schlange nicht zu ihm gekommen ist.«

»Ja, so muß es gehen; so wird es gemacht. Der Gedanke ist ausgezeichnet. An den Giftpfeil habe ich gar nicht gedacht. Hole ihn! Ich werde deinen Auftrag sofort ausführen.«

»So schleiche dich jetzt zurück, und lege dich nieder! Ich komme nach und bin bald wieder bei dir.«

Sie erhoben sich, um den Platz zu verlassen. Das durfte ich nicht zugeben. Wenn ich es so weit kommen ließ, daß Ben Kasawi zu seinem Sattel kam, so setzte er sich in den Besitz des Giftpfeiles, einer Waffe, welche uns im Falle des Handgemenges äußerst gefährlich werden konnte.

Ich war in England und Amerika Zeuge von Kämpfen zwischen Preisboxern gewesen und hatte mich, um auch dies kennen zu lernen, bei einem namhaften Trainer im »Milling« geübt. Darum kannte ich den sogenannten Knock-down-blow jenen erfolgreichsten aller Boxerschläge, welcher mitten auf den Kopf geht und, gut geführt, den Gegner sofort zu Boden streckt. Dabei kommt es freilich vor, daß der Gegner bei Besinnung bleibt. Besser ist der Hieb gegen die Schläfe, welchen ich von dem Indianerhäuptling Winnetou gelernt hatte; nur ist aber die Schläfe eine so empfindliche Stelle, daß man einen Menschen, den man nur betäuben will, leicht erschlagen kann. Die beiden Sklavenjäger mußten betäubt werden; aber wenigstens Ben Kasawi war nicht mehr jung, und ich glaubte, bemerkt zu haben, daß sein Schädel keineswegs der starkknochige eines Indianers sei; darum gedachte ich, um ihn nicht etwa zu erschlagen, den Knock-down-blow anzuwenden. Ich lag so, daß sie an mir vorüber mußten. Ben Kasawi ging voran, ich wollte ihn vorüber lassen, um von hinten an ihn zu kommen und dann den ihm folgenden Häßlichen gleich griffrecht zu haben; aber sein Auge war zufälligerweise zu Boden gerichtet; er blieb schon beim zweiten Schritte stehen und sagte, ebenso leise wie immer bisher-.

»Was ist das? Hier liegt etwas. Das scheint ein Mensch zu sein, der uns behorcht hat. Ergreife den Kerl, und – –«

Weiter kam er nicht. Er hatte sich im Sprechen niedergebückt, um mich besser sehen zu können, und diese seine Stellung war für meine Absicht so bequem, daß ich sie augenblicklich benutzte. Er erhielt den Hieb und krachte förmlich zusammen. Im nächsten Augenblicke war ich vollends auf und hatte seinen Kumpan bei der Kehle. Auch er gab keinen Laut von sich – ein kurzes, krampfhaftes Schlingern der Arme und Beine, dann ließ ich den Besinnungslosen neben dem Anführer niedergleiten. Nun legte ich die beiden Hände mit den innern Flächen zusammen, hielt sie an den Mund und trillerte ein halblautes, aber trotzdem weithin hörbares »Krrraaaaärrr« hinein. Das klang ganz genau so wie die verschlafene Stimme eines halb aus dem Traume erwachten Geiers, das erwähnte Zeichen für den Lieutenant und den alten Onbaschi, mit ihren Leuten herab zu kommen. Dann kniete ich nieder, um mich der beiden Männer ganz zu versichern. Zu diesem Zwecke nahm ich ihnen die Tücher von den Köpfen, schob ihnen den einen Zipfel derselben als Knebel in den Mund und band die andern Ecken hinten zusammen; dann knüpfte ich ihnen die Hände hinten fest. Eben war ich damit fertig, als ich den Sand klingen hörte. Ich drehte mich um und gewahrte eine Gestalt, welche sehr vorsichtig herbeigekrochen kam. Wahrscheinlich war es Ben Nil; aber ich mußte als vorsichtiger Mann auch mit der Möglichkeit, es könne ein anderer sein, rechnen. Darum schnellte ich mich hin zu ihm, warf mich auf ihn, hielt ihm mit der Linken den Hals fest zu und befühlte mit der Rechten sein Gewand, um zu erfahren, wer er sei. Ja, es war Ben Nil. Er bäumte sich unter mir. Damit er nicht etwa in der Angst einen lauten Ruf ausstoße, drückte ich ihn noch kräftiger zu Boden, hielt ihn da fest, ließ ihm etwas mehr Luft und raunte ihm zu:

»Ich bin es. Schweig‘; sei ganz still!«

Seine Gegenwehr hörte sofort auf. Ich nahm das als ein Zeichen, daß er mich verstanden hatte, und gab seinen Hals frei. Um ganz sicher zu sein, fuhr ich ihm mit der Hand über den Kopf und das Gesicht, und als ich nun vollständig überzeugt war, daß es wirklich Ben Nil sei, ließ ich ihn vollends los und fragte:

»Warum kommst du mir nach, anstatt dort auf mich zu warten?«

»Ich hörte das Zeichen,« antwortete er.

»Ein anderes Mal aber hast du dich genau nach meinen Weisungen zu richten. Der Ungehorsam bleibt nicht immer so ohne Folgen wie jetzt. Bist du stark genug, einen Menschen zu tragen?«

»Ja, wenn er nicht gerade ein Riese ist.«

»So nimm diesen Kerl und folge mir.«

»Wer ist es? Was ist mit ihm geschehen, Effendi?«

»Davon später. Jetzt haben wir keine Zeit zum Plaudern.« Ich nahm Ben Kasawi auf und ging voran; Ben Nil folgte mir mit dem Häßlichen. Zunächst mußten wir leise gehen; je weiter wir uns aber entfernten, desto bequemer konnten wir es uns machen. So kamen wir an die Stelle, an welcher der Lieutenant rechts von der Höhe herab erscheinen mußte. Wir legten da unsere Lasten ab, um zu warten. Ich erzählte Ben Nil nun, was ich erlauscht hatte. Er nahm es, ohne zu erschrecken, auf und sagte nur:

»So hast du mir also das Leben abermals gerettet, und meine Schuld wird immer größer. Was gedenkst du nun zu thun? Bist du noch immer entschlossen, die Mörder mit List zu behandeln? Wäre es nicht besser, sie zu überfallen und einfach niederzuschießen oder zu erstechen? Wir werden mit ihnen fertig sein, ehe sie Zeit zur Gegenwehr gefunden haben.«

»Das mag sein; aber ich morde nicht. Es ist bis jetzt so gut gegangen, daß ich gar keinen Grund habe, mich plötzlich anders zu entschließen. Nun der Anführer sich in unserer Gewalt befindet, werden wir auch die andern bekommen.«

Jetzt ließ sich das Geräusch nahender Schritte von oben herab vernehmen, und als ich an dem Felsen hinauf gegen den Sternenhimmel blickte, sah ich die Asaker, welche einer hinter dem andern herabgestiegen kamen. Ich wartete, bis sie in guter Hörweite waren, und rief sie dann an, um ihnen mitzuteilen, daß ich hier sei, sonst hätten sie vielleicht, uns gewahrend, Lärm gemacht. Bald standen sie neben uns. Sie hatten sich sehr in acht genommen, und ich war überzeugt, daß das Geräusch, welches sie trotz aller Vorsicht hatten verursachen müssen, in dem Lager der Sklavenjäger nicht gehört worden sei.

»Wir haben dein Zeichen vernommen und sind sofort gekommen, Effendi,« meinte der Lieutenant. »Ich nehme an, daß du durch List nichts zu erreichen vermochtest und uns nun den Überfall erlauben wirst.«

»Du irrst. Die List hat Erfolg gehabt und wird uns, wie ich hoffe, ohne Kampf zum Ziele führen. Mein Plan wird nur dann mißlingen, wenn ihr unvorsichtig seid. Hier liegen zwei Gefangene. Es ist Ben Kasawi, der Unteranführer von Ibn Asi, welcher morgen nachkommen wird, und einer seiner Leute.«

»Wie? Du hast Ben Kasawi gefangen? Wie konntest du das fertig bringen, ohne daß seine Leute ihm beistanden?«

»Durch die List, zu welcher du kein Vertrauen hast. Später wirst du alles erfahren; jetzt müssen wir handeln. Ist der Onbaschi auch unten?«

»Ja; er brach zu gleicher Zeit mit mir auf und wird sich nun jenseits des Lagers befinden, um deine Befehle zu erwarten.«

»Wer ist oben geblieben?«

»Dein Selim und zwei Kamelwächter.«

»O weh, was hast du da gethan? Das durftest du nicht wagen.«

»Ich habe nichts gewagt. Oder sind zwei Männer zur Beaufsichtigung der Kamele nicht genug?«

»Gewiß. Aber ich denke jetzt nicht an diese Tiere, welche übrigens nicht davonlaufen würden, auch wenn kein Wächter bei ihnen wäre; ich sorge mich vielmehr um die Gefangenen.«

»Die sind uns sicher, denn Selim sitzt bei ihnen. Ich weiß, daß er zuweilen Dummheiten macht und habe ihn daher nicht mitgenommen; er hätte leicht alles verderben können.«

»So! Seines Leichtsinnes wegen schlossest du ihn aus, aber die wichtigen Gefangenen vertrautest du ihm an? War das klug gehandelt? Es ist aber nicht zu ändern, da wir keine Zeit verlieren dürfen. Ich werde euch erklären, was zu geschehen hat; tretet also herbei, damit ich nicht zu laut zu sprechen brauche!«

Nachdem sie einen Kreis um mich geschlossen hatten, fuhr ich fort:

»Die beiden Gefangenen, welche ihr hier liegen seht, sind gefesselt und geknebelt; sie hatten das Bewußtsein verloren, werden nun aber wieder zu sich gekommen sein. Einer von euch bleibt bei ihnen zurück, um sie zu bewachen. Ich gebe ihm die Erlaubnis, beide sofort zu erstechen, falls sich nur einer von ihnen bewegen sollte. Die übrigen von euch folgen mir nach dem Lager der Feinde. Diese sind so unvorsichtig gewesen, keine Posten auszustellen. Das Lager befindet sich nicht ganz fünfhundert Schritte von hier, und ich muß es euch beschreiben. Wenn man sich demselben von hier aus nähert, kommt man zunächst an den Brunnen, an welchem ich und Ben Nil mit diesen zwei Gefangenen lagen; jetzt befindet sich niemand dort. Am Felsen weiterhin haben die Sklavenjäger alle ihre Flinten abgelegt, was von ihnen sehr albern war, für uns aber ganz vortrefflich ist. Rechts davon, mehr nach der Mitte des Wadi hin, lagern sie ungefähr in einem Kreise, innerhalb dessen sich die Sklavinnen befinden. Jenseits dieses Kreises liegen die Kamele. Die Hauptsache ist, daß wir uns der Gewehre bemächtigen, und das ist gar nicht schwer. Haben sie keine Flinten, so sind sie ganz in unsere Hand gegeben, denn mit ihren Messern oder Pistolen können sie uns, die wir sie einschließen, nicht erreichen. Um zum Zwecke zu gelangen, legt ihr hier euere Gewehre ab, die euch hinderlich sein würden; ich gehe voran; Ben Nil folgt mir; dann kommt der Lieutenant, und hinter diesem gehen die andern, jeder zwei Schritte nach seinem Vordermanne. Wenn ich mich niederlege, um zu kriechen, habt ihr diesem Beispiele zu folgen und alles Geräusch zu vermeiden. Lange ich als der vorderste bei den Flinten an, so nehme ich dieselben einzeln weg, um sie euch zuzureichen; ihr gebt sie weiter nach hinten, bis jeder zwei Stück hat oder drei; dann werden sie alle sein. Dann erhaltet ihr von mir das Zeichen zur Rückkehr; ihr dreht euch um und schleicht euch, einer hinter dem andern, in umgekehrter Reihe als vorher von dannen. Was dann zu geschehen hat, werdet ihr noch erfahren.«

Das war so deutlich, daß mich keiner mißverstanden hatte. Ich suchte einen Mann aus, welcher die hier zu lassenden Gewehre und die Gefangenen zu bewachen hatte. Bevor wir aufbrachen, fragte der Lieutenant:

»Du hast etwas Wichtiges vergessen, Effendi. Was soll geschehen, wenn wir entdeckt werden?«

»Sehen kann uns niemand; nur ein Geräusch könnte uns verraten. In diesem Falle würde der Betreffende näher kommen, um nachzusehen, wodurch dasselbe verursacht worden ist, und ich als der vorderste von euch würde ihn auf mich nehmen, und zwar so, daß es ihm unmöglich wäre, Lärm zu schlagen. Auf alle Fälle aber habt ihr euch vor Kampf zu hüten. Sollte etwas Unberechenbares geschehen, so eilt ihr schnell nach hier zurück. Jetzt vorwärts hinter mir!«

Ich glaube, dieser heimliche Gänsemarsch nach dem feindlichen Lager erschien den Leuten viel interessanter als ein Überfall desselben. Sie gaben sich die möglichste Mühe, meinen Weisungen nachzukommen, und ich muß sagen, daß ich aufpassen mußte, wenn ich den Sand unter ihren Füßen knirschen hören wollte. In der Entfernung von fünfzig Schritten vom Lager legte ich mich nieder und begann, zu kriechen; als ich mich umsah, lag Ben Nil auch am Boden und die folgenden jedenfalls ebenso. Ich hielt mich hart links an die Felsenwand. Es war eine wahre Freude, wie still und geräuschlos die Asaker sich hinter mir durch das Dunkel bewegten. Wir kamen am Brunnen vorüber, und nun galt es, doppelt und zehnfach vorsichtig zu sein, denn zu unserer Rechten lagen die nächsten Schläfer. Und nun, endlich, endlich! kam ich zur Stelle, an welcher die Flinten lagen. Ich ergriff eine nach der andern und gab sie Ben Nil, welcher sie weiter reichte. Als ich ihm die letzte gegeben hatte, flüsterte ich ihm zu:

»Jetzt zurück; sage es weiter! Ich komme später nach.«

»Du gehst nicht mit, Effendi? Wohin willst du?«

»Zu dem Onbaschi, um ihm zu sagen, wie er sich zu verhalten hat.«

»Mitten durch die Feinde! Effendi, das ist höchst gefährlich. Darf ich mit?«

»Nein; ich kann dich nicht brauchen. Deine Begleitung würde die Gefahr für mich erhöhen. Sorge lieber dafür, daß die andern nichts Dummes begehen!«

»Ich gehorche, Effendi; aber nimm dich ja sehr in acht, und laß uns nicht allzu lange auf dich warten!«

Der gute Junge sorgte sich um mich! Er gab meinen Befehl weiter; die Reihe machte Kehrt und bewegte sich mit den erbeuteten Waffen zurück. Mir fiel es natürlich nicht ein, meinen Weg mitten durch das Lager zu nehmen, vielmehr bewegte ich mich eine kleine Strecke zurück und wendete mich dann hinüber nach der andern Seite des Wadi. Das Ufer des Thales bestand auch dort aus steilen Felsen, und ich fand es so, wie ich vermutet hatte: die Sklavenjäger lagerten nicht bis ganz hinüber, so daß es zwischen inen und dem Felsen einen freien Raum gab, welchen ich ohne Gefahr zu passieren vermochte. Als ich nun das Lager im Rücken hatte, ging ich weiter, um auf den Onbaschi zu treffen; es gab auch da ungefähr fünfhundert Schritte zurückzulegen. Als ich etwas über vier Fünfteile dieses Weges hinter mir hatte, ließ ich das erwähnte Zeichen hören, damit der alte Korporal meine Annäherung erfahren und mich ja nicht für einen Feind halten und Lärm machen solle. Er hatte auch sofort, als er es hörte, gewußt, woran er war, denn er kam mir eine kleine Strecke entgegen und sagte, als er auf mich traf:

»Bist du es, Effendi? Es ist gut, daß du das Zeichen gabst, sonst hätten wir dich feindlich empfangen. Wie stehen die Dinge? Können wir zum Angriffe schreiten?«

Ich machte ihn mit der Lage der Sache bekannt und gab ihm dann meine Anweisungen. Ich führte ihn und seine Leute soweit vor, daß zwischen ihnen und dem Lager ein Raum von höchstens hundert Schritten blieb. Dort mußten sie dasselbe in einer Reihe halb umfassen, und zwar so, daß der rechte Flügelmann dicht am Felsen stand und die andern, einen Viertelkreis bildend, nach links hinüber reichten. In derselben Weise wollte ich die Leute des Lieutenants jenseits aufstellen, so daß der äußerste Mann desselben mit dem äußersten des Onbaschi Fühlung bekam. Dann bildeten die Asaker einen Halbkreis, welcher das Lager vollständig umschloß und dessen Durchmesser der unersteigliche Felsen war, an dessen Fuße der Brunnen lag. So konnte uns keiner der Sklavenjäger entwischen, und ich gab Befehl, auf jeden, welcher den Versuch machen werde, durchzubrechen, zu schießen.

Jetzt hätte ich eigentlich direkt zu dem Lieutenant zurückkehren sollen, aber ich dachte an die Sklavinnen und an ihre Angst, falls geschossen werden sollte. Es war nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich, daß sie fliehen und dadurch meinen Leuten arg zu schaffen machen würden. Darum hielt ich es für geraten, sie zu benachrichtigen; ein wenig gefährlich war das wohl, aber nicht gar sehr. Ich kroch also dem Lager zu und nahm als Ziel die Stelle, wo das Zelt stand, von dem ich gesehen hatte, daß sich in demselben Marba, die Tochter des Scheiks der Fessarah, befand.

Es galt, den Kreis der Sklavenjäger zu durchbrechen, und ich fand bald eine Lücke, welche mir hinlänglich Raum gewährte. Diese Leute mußten sich hier für sehr sicher halten, denn sie schliefen wirklich wie die Ratten. Ich kam glücklich durch und gelangte bis an das betreffende Zelt. Eigentlich hätte doch wenigstens vor jedem Zelte ein Wächter sein müssen, aber auch das war nicht der Fall.

Die Matte, welche die Thüre bildete, war herabgelassen; ich hob sie ein wenig empor und horchte hinein. Ich hörte atmen, und zwar schien es, als ob sich eine beträchtliche Anzahl Schläferinnen hier befänden. Ein Geräusch sagte mir, daß sich eine derselben umwendete; bald hörte ich es wieder, und dieses Mal war es von einem Seufzer begleitet. Ich erriet, daß die Scheikstochter infolge der erhaltenen Schläge nicht schlafen konnte und sich vor Schmerzen von einer Seite auf die andere warf.

»Marba!« sagte ich zwar leise, doch so, daß sie es hören mußte. Da niemand antwortete, so wiederholte ich das Wort mehreremale, bis ich eine unterdrückte Stimme fragen hörte:

»Wer ruft? Wer ist da?«

»Jemand, der euch die Freiheit bringt. Komme näher; ich muß mit dir reden.«

»Die Freiheit? O Allah, Allah! Wer bist du?«

»Sei ohne Sorge! Ich gehöre nicht zu den Sklavenjägern; ich bin ein Fremder und habe mich in das Lager geschlichen, um dir zu sagen, daß ihr wenig später als mit Tagesanbruch frei sein werdet.«

»Das ist Lüge! Hier in diesem Wadi verkehren nur unsere Peiniger, und kein Mensch wird es wagen, sich mitten unter diese Leute zu schleichen.«

»Ich spreche die Wahrheit; du wirst es erfahren.«

»Wenn ich dir glauben Soll, so schwöre bei dem Barte des Propheten!«

»Das thue ich nicht, denn ich bin ein Christ und schwöre nicht.«

»Ein Christ? O Allah! Bist du etwa der fremde Effendi, der jenseits des Bir Murat ganz allein Malaf und seine Begleiter besiegt und ihnen ihre Gefangenen abgenommen hat?«

»Ja, der bin ich allerdings.«

»So glaube ich dir. Warte, ich komme, ich komme!«

Es entstand im Innern des Zeltes eine anhaltende Bewegung; es rauschte und knisterte da und dort; leise, ganz leise Worte wurden gewechselt: Marba weckte ihre Gefährtinnen.

»Es könnte zufällig jemand kommen und mich hier sehen. Im Zelte ist es für mich sicherer. Erlaubt, daß ich hinein komme!«

Indem ich diese Worte sagte, kroch ich auch schon unter der Matte hinein und blieb hinter derselben sitzen.

»Um Allahs willen, thue das nicht!« antwortete Marba. »Kein Mann darf das Zelt der Frauen betreten!«

»Dieses Gesetz erleidet im jetzigen Falle eine Ausnahme. Wenn ich entdeckt und ergriffen werde, kann ich euch nicht befreien.«

»Du hast recht, und da du ein Christ bist, so dürfen wir dir vertrauen. Sage uns nur vor allen Dingen, ob es wahr ist, daß du uns befreien willst!«

»Es ist wahr. Wir haben die Spur Ibn Asl’s gefunden und das Lager mit unsern Asakern eingeschlossen. Nun warten wir, bis der Tag anbricht und die Schläfer erwachen.«

»Hat mein Vater euch gesandt?«

»Nein. Wir kommen im Auftrage des Khedive, welcher den Sklavenhandel verboten hat. Aber du nanntest mich den fremden Effendi. Hat man in deiner Gegenwart von mir gesprochen?«

Sie war herbei gekommen; sie saß neben mir; ich hörte das, als ihre Antwort ganz nahe bei mir erklang:

»Man wußte nicht, daß ich es hörte. Es war gestern, als mehrere Männer in unser Lager kamen; der eine war ein Türke und der andere ein Fakir. Wir lagerten am Palmenwalde des Bir Murat, und ich lehnte an dem Stamme einer Palme; da kamen sie, stellten sich in meiner Nähe auf und sprachen von dir.«

»Was sagten sie?«

»Daß ein Mann, welcher Reïs Effendina heißt, seinen Lieutenant zu dir gesandt hat, wozu, das konnte ich nicht verstehen, aber ich merkte, daß sich alle vor dir fürchteten. Die beiden Ankömmlinge erzählten einiges von dir und sprachen lauter Böses.«

»So wirst du mich wohl auch für einen bösen Menschen halten?«

»O nein, Effendi, denn wenn böse Menschen über einen andern bös reden, so ist er gewiß gut, und wenn sie sich gar vor ihm fürchten, so muß er doppelt gut sein.«

»Aber ich bin ein Christ. Darfst du einen Andersgläubigen gut nennen?«

»Warum nicht? Die Fessarah sind nicht so starre Muhammedaner, wie du denkst. Es sind schon einigemal Franken bei uns gewesen, welche Christen waren, und sie alle waren sehr kluge und sehr gute Menschen. Diejenigen aber, welche uns geraubt haben, sind Muhammedaner. Welche Religion ist da die bessere?«

»Die christliche; das kannst du mir glauben. Der Christ kennt keine Sklaverei; er ist ein Sohn der ewigen Liebe und befleißigt sich der Geduld, Sanftmut, Freundlichkeit und Barmherzigkeit; euch aber hat man nicht nur geraubt, sondern sogar geschlagen.«

Sie schwieg, aber ein leises Knirschen ihrer Zähne sagte mir, welche Seite in ihr ich berührt hatte.

»Ich werde Ben Kasawi und seinen Genossen dafür züchtigen,« fuhr ich fort; »sie können uns nicht entgehen, und auch Ibn Asl selbst wird in unsere Hände fallen.«

»So mußt du ihn hier erwarten, denn er blieb mit einigen Männern zurück, um am Bir Murat auf dich zu lauern und dich aus dem Hinterhalte zu erschießen.«

»Er kommt, wie ich gehört habe, heute hier an; ich werde Ihn empfangen.«

»So bitte ich, dich vor Libban sehr zu hüten!«

»Wer ist Libban?«

»Ein früherer Askari, welcher lange Zeit im Sudan gelebt und da gelernt hat, mit Pfeil und Bogen umzugehen. Er trifft sehr genau. Vor einiger Zeit haben mehrere Sklavenjäger von einem Takali-Häuptlinge Giftpfeile geschenkt bekommen; außer demjenigen von Ben Kasawi, welcher den seinigen behalten hat, sind diese Pfeile alle an Libban abgegeben worden, weil dieser der beste Schütze ist, und jetzt ist er mit Ibn Asl, um einen solchen Pfeil auf dich zu schießen. Ibn Asl sagte, eine Kugel werde unter Umständen nur verwunden, ein Giftpfeil aber sei auf alle Fälle tödlich.«

»Das ist sehr gut gemeint von diesem lieben Mann, und ich werde mich dafür bei ihm bedanken.«

»Thue es, thue es, Effendi! Nach dem, was ich von dir gehört habe, bist du der richtige Mann, uns zu rächen. Du weißt nicht, was wir erduldet haben. Jetzt will ich nicht davon sprechen, aber später werde ich es dir erzählen. Schade, daß es dunkel ist! Ich würde mich sehr darüber freuen, dein Angesicht sehen zu können. Könntest du uns unsern Vätern und Brüdern wiederbringen, wir würden mit Jubel empfangen, und niemals, niemals würden die Beni Fessarah den Namen des Mannes vergessen, welcher ihre Frauen und Töchter vor der Schande der Sklaverei bewahrt hat.«

»Ich hoffe mit Zuversicht, daß ihr die eurigen wiedersehen werdet!«

»Und die Gräber der Ermordeten! Effendi, wirst du die Mörder unsern Kriegern überliefern?«

»Diese Frage kann ich jetzt noch nicht beantworten, da das Schicksal der Räuber nicht von mir allein abhängt. Auch muß ich mich jetzt entfernen. Ich kam nur für einen Augenblick, um euch mitzuteilen, daß Helfer in der Nähe sind. Ihr würdet, falls es zum Kampfe kommen sollte, jedenfalls sehr erschrecken; nun aber wißt ihr, was es giebt, und ich bitte euch, ganz ruhig in euern Zelten zu bleiben, was meinen Leuten ihre Aufgabe sehr erleichtern wird.«

»Allah sei Dank! Die Räuber werden mich nicht mehr schlagen, und auch keinen andern Menschen mehr wird ihre Peitsche treffen.«

Sie sagte das in einem hastigen und entschlossenen Tone, als ob sie es sei, die über das Schicksal dieser beiden Männer zu bestimmen habe. Ich fragte sie noch, an welchem Orte die Fackeln aufbewahrt würden, und erfuhr, daß sich zwei oder drei hier in dem Zelte befanden; diese ließ ich mir geben und nahm dann Abschied. Marba reichte mir die Hand, und auch die andern kamen herbeigehuscht, um dasselbe zu thun; dann kroch ich hinaus. Ich kam unbemerkt durch die Schläfer und suchte nun den Lieutenant auf. Bei demselben angekommen, gab ich ihm meine Weisungen, und er ging mit seinen Leuten ab, um in die bereits beschriebene Stellung einzurücken. Ich blieb mit Ben Nil und dem Askeri, welcher die beiden Gefangenen bewacht hatte, bei denselben zurück.

Wir befanden uns hinter einer so plötzlichen Windung des Wadi, daß man uns von dem Lager aus, selbst wenn ein Feuer brannte, nicht sehen konnte. Darum steckte ich eine Fackel an, um die Gefesselten zu sehen. Sie hatten, wie mir der Wächter sagte, sich zuweilen nur ganz leise zu bewegen gewagt. Ich ließ ihnen die Knebel abnehmen, zog das Messer, drohte ihnen mit demselben und sagte: »Kein lautes Wort! Wer einen Ruf ausstößt, bekommt sofort das Messer! Ihr könnt zu mir sprechen, aber nur ganz leise.«

Sie sahen mich starr an. Mich hier zu sehen, das hatten sie nicht erwartet. Sie wußten noch gar nicht, wer derjenige, der sie niedergeschlagen hatte, gewesen war.

»Du bist es, du?« stieß Ben Kasawi hervor. »Was fällt dir ein. Wie kannst du uns, deine Gastfreunde, in dieser Weise behandeln!«

»Wer mein aufrichtiger Freund ist, wir auch derjenige meines Begleiters sein.«

»Das sind wir ja.«

»Nein. ihr wolltet ihn töten. Ich habe jedes eurer Worte gehört. Sein Mund sollte zum Schweigen gebracht werden, und ihr glaubtet, ich würde die Spitze eines Takali-Pfeiles für den Zahn einer Giftschlange halten. Solche Leute, solche Meuchelmörder können nicht meine Freunde sein. Allah vergilt jede That des Menschen, und auch ihr werdet nach eurem Thun gerichtet werden.«

»So ist Allah der Richter, aber du bist es nicht. Gieb uns frei! Wenn Ibn Asl kommt, wird er sehr zornig über unsere Behandlung sein.«

»Allerdings! Aber sein Zorn wird sich mehr gegen euch als gegen mich richten. Er wird es wohl nicht für möglich halten, daß solche Männer, wie ihr sein wollt, sich auf eine so leichte Weise fangen lassen.«

»Ich verstehe dich nicht. Du hast doch nur einen allerdings zu weit gehenden Scherz mit uns getrieben?«

»Scherz? O nein! Mit Leuten eures Gelichters scherze ich nicht.«

»Aber du willst doch Geschäfte mit uns machen; du willst Sklaven von Ibn Asl nehmen!«

»Das ist sehr wahr. Nehmen will ich sie, aber nicht etwa bezahlen. Ich nehme Sklaven und gebe Flintenkugeln dafür.«

»Du scherzest immerfort. Rede doch vernünftig, damit wir wissen, woran wir sind! Und binde uns los, sonst wird es dir von Ibn Asl schlimm ergehen!«

»Pah! Auch ihr hattet es schlimm mit mir vor, und was war die Folge! Ihr seid jetzt zum zweitenmal in meine Hand geraten. Und euern Ibn Asl fürchte ich nicht mehr als euch. Ich kenne Ihn und auch seine Absichten. Er hält sich am Bir Mutat verborgen, um mir durch Libban einen Giftpfeil geben zu lassen.«

»Libban! Was weißt du von ihm? Ich habe ja gar nicht von ihm gesprochen. Und der Pfeil ist doch nicht für dich bestimmt.«

»Natürlich für mich!«

»Nein, sondern für den fremden Effendi, den Christenhund.«

»Also doch für mich!«

»Für – –!«

Er brachte nur dieses erste Wort hervor und starrte mich, ebenso wie der Häßliche, voller Entsetzen an. Dann nach einer Weile stotterte er:

»Wie? Du – du wärst dieser – dieser Effendi?«

»Natürlich!«

»Und hättest dich so verwegen mitten unter deine Feinde gewagt?«

»Allerdings! Du bist ein Dummkopf sondergleichen. Du hattest von mir gehört; als ich euch, zehn Mann stark, ganz allein im Schach hielt, hättest du sofort vermuten sollen, daß ich dieser Effendi sei. Der Reïs Effendina hat mich aufgefordert, euch zu fangen und euch die Sklavinnen abzunehmen. Jetzt lauert der berühmte Ibn Asl am Brunnen Murat auf mich, und während Allah ihm die Augen blendet, befinde ich mich hier und nehme den ganzen Trupp, die ganze Karawane gefangen.«

»Das soll dir schwer werden! Meine Leute werden sich wehren.«

»Wehren? Sie schlafen alle. Ich habe meine Asaker an den Brunnen geführt, um die Gewehre zu holen, die ihr so einfältigerweise zusammengelegt hattet. Da, schau her!«

Die Flinten lagen in der Nähe; ich ließ den Schein der Fakkel auf sie fallen.

»O Allah, O Prophet, o ihr Kalifen!« rief Ben Kasawi aus. »Das sind unsere Gewehre, wirklich unsere Gewehre!«

»Ja, sie sind es. Und nun haben meine Asaker euer Lager umstellt und warten nur auf mein Zeichen, um über dasselbe herzufallen. Es sind ihrer mehr als genug, um mit euch fertig zu werden. Übrigens habe ich es Marba gesagt, daß wir gekommen sind, sie und ihre Gefährtinnen zu befreien. Die Sklavinnen wissen sich also unter unserm Schutze, und ihr habt sie nun als Feindinnen, welche jeden Widerstand gegen uns erschweren werden, in eurer Mitte.«

»O Allah, behüte uns vor dem Teufel und allen seinen Gehilfen! Wer hätte das gedacht; wer konnte das auch nur leise ahnen! Du hast uns belogen, schändlich belogen, Effendi. Deine Heimtücke – –«

»Schweig! Schimpfe nicht, sonst bekommst du die Peitsche! Wenn Menschenjäger, Räuber und Mörder von Heimtücke sprechen, so schlägt man sie auf das Maul. Mit räudigen Hunden verfährt man anders als mit den edlen Wächtern des Zeltes. Mit Leuten, welche Tausende ihrer Nebenmenschen ins Elend jagen und, um dies zu erreichen, ebenso Tausende morden, welche Dörfer verwüsten, Palmenhaine umhauen, sogar rechtgläubige Dijaüberfallen und hundert andere Schändlichkeiten begehen, ich sage, mit solchen Leuten verfährt man nicht nach den Gesetzen und Vorschriften, nach denen man ehrliche Leute behandelt. Ich habe euch überlistet; das ist alles; von Heimtücke kann keine Rede sein. Wenn ein Panther eure Herden lichtet, und ihr beschleicht Ihn, um ihn zu töten, ist das Heimtücke von euch? Nein, es ist nur Notwehr. Sklavenjäger aber stehen noch tief, tief unter dem wildesten Tiere. Es liegt in der Natur des letzteren, sich durch Raub zu ernähren; der Mensch aber soll ein Abbild Gottes sein, welcher die ewige Liebe ist. Ein reißendes Tier tötet seine Beute mit einem einzigen Schlage seiner Tatze; ihr aber bringt diejenigen, welche in eure ruchlosen Hände fallen, in ein Elend, welches erst nach vielen Jahren endet. Ihr seid keine Menschen mehr, sondern die verächtlichsten und verworfensten Kreaturen, welche die Erde trägt. Darum ist es die Pflicht eines jeden braven Mannes, euch auszurotten, und wenn man dies durch List versucht und auch erreicht, so ist das keineswegs verdammlich, sondern im Gegenteile sehr löblich gehandelt.«

»Nun,« knirschte Ben Kasawi, »wenn du uns mit wilden Tieren vergleichst, so fürchte unsere Tatzen! Du hast zwar die Flinten meiner Leute gestohlen, aber sie haben noch ihre Messer und Pistolen.«

»Was können sie damit gegen unsere Gewehre ausrichten? Und sie schlafen ja. Ein einziges Wort von mir, und ihr Schlaf verwandelt sich in den Tod.«

»Wage das nicht! Ibn Asl würde sich entsetzlich rächen.«

»Wie denn? Sobald er kommt, läuft er mir in die Hände.«

»Selbst wenn du ihn ergreifst, hast du noch viele andere, mächtigere zu fürchten. Denke nur an den Mokkadem der heiligen Kadirine und an den Muza’bir, welche schon längst deine Feinde sind! Sie halten zu uns, und was du uns thust, das ist, als ob es ihnen geschehen sei.«

»Das gebe ich zu, und darum sollen sie mit ganz demselben Maße gemessen werden, nach welchem ihr von uns zu messen seid. Ihr seid gefangen und seht eurer Bestrafung entgegen; ganz dasselbe ist auch mit ihnen der Fall.«

»Mache mir das nicht weis. Du würdest niemals wagen, deine Hand an den Mokkadem zu legen.«

»Ich habe dieses ›Wagnis‹ nun nicht mehr nötig, weil es bereits geschehen ist. Gerade die beiden, welche du nanntest, liegen da oben auf dem Felsen, genau ebenso gefesselt wie ihr.«

»Das ist – – das ist – –«

»Wahr, vollständig wahr!« fiel ich ein und erzählte ihm den Sachverhalt ausführlich. Die Kerle fühlten sich tief beleidigt, aber auch ebenso tief beschämt. Sie wußten, daß ich ihnen jetzt die volle Wahrheit mitgeteilt hatte; sie waren überzeugt, daß wir uns wirklich in dem Besitze des Mokkadem und des Muza’bir befanden. Wenn ich es gewagt hatte, mich an dem erstern zu vergreifen, nun, so war keine Hoffnung vorhanden, daß ich mich vor ihnen selbst fürchten und sie schonen würde. Diesen Eindruck vertiefte ich durch die Hinzufügung:

»Was soll ich nun mit all dem Ungeziefer thun, welches ich gefangen habe und noch fangen werde? Es von der Erde vertilgen, wie es die Menschenpflicht mir vorschreibt! Als Sklavenjäger steht ihr unter einem andern Richter; aber ihr habt meinen Gefährten vergiften wollen; darauf setzt das Gesetz der Wüste und die Sorge für unsere Sicherheit den Tod. Ihr habt sehr wenig Zeit, euch auf denselben vorzubereiten. Ich werde kurzen Prozeß mit euch machen.«

»Das könntest du nicht verantworten!« fuhr Ben Kasawi auf. »Wir sind Unterthanen des Khedive, du aber bist ein Fremder!«

»Ihr handelt gegen die Gesetze des Khedive und erkennt ihn also nicht als euern Herrn und Regenten an; folglich ist nur nach Wüstenrecht mit euch zu verfahren. Ihr werdet zertreten wie die Mistkäfer, auf welche die Füße der Kamele treffen.«

»So willst du, ein Christ, Menschenblut vergießen? Du sagtest vorhin, daß der Christ ein Diener der ewigen Liebe sei!«

»Aber er ist auch zugleich ein Diener der ewigen Gerechtigkeit.Jetzt, wo es dir an das Leben geht, nimmst du deine letzte Zuflucht zu meinem Glauben, zu meiner Lehre; vorhin aber nanntest du mich einen Christenhund. Nun wird der ›Hund‹ dein Richter sein.«

»Wir wissen, daß du im Auftrage des Reïs Effendina handelst; du hast uns also an ihn auszuliefern!«

Ah, er hatte also Angst; er glaubte, daß ich seinen Tod wolle. Die sonst gewiß gefürchtete Auslieferung an den Reïs Effendina schien ihm jetzt die einzig mögliche Rettung zu bieten. Das war mir sehr lieb, denn nun brauchte ich ihm keine großen Versprechungen zu machen, um ihn zu bewegen, seine Leute vom Widerstande abzuhalten. Ich durfte nun hoffen, daß kein Blut fließen werde, mußte aber leider sofort erfahren, daß diese Hoffnung eine trügerische war, denn eben jetzt ertönte eine überlaute, schnarrende Stimme von der Felsenhöhe herab:

»Halt an, halt an; bleib hier, bleib hier!« Das war die Stimme Selims, des »Schleuderers der Knochen«. Ich erriet sogleich, was seine Worte zu bedeuten hatten. Einer der Gefangenen war entflohen; vielleicht waren beide fort. Der Lärm mußte die Sklavenjäger wecken. Jetzt brüllte der Kerl mit einer wahren Löwenstimme von oben herab:

»Effendi, Effendi, paß auf! Der Mokkadem und der Muza’bir sind fort!«

So ein Unglücksmensch! Ich war wütend auf ihn. Also ich sollte aufpassen; er aber hatte nicht aufgepaßt. Wer sollte die Entflohenen in dieser Finsternis sehen, verfolgen und ergreifen? Das war ganz unmöglich. Man mußte sie laufen lassen. Aber in anderer Beziehung galt es, rasch zu handeln. Ich gebot dem Wächter:

»Du bleibst mit Ben Kasawi hier und haftest mit deinem Kopf für ihn. Sollte einer der Entflohenen hier herabkommen, So schießest du ihn nieder!«

Und zu dem Häßlichen mich wendend, fuhr ich fort:

»Dich werde ich jetzt durch die Linie meiner Asaker, welche euer Lager umschließt, bringen. Du sagst deinen Leuten, daß sie umzingelt sind. Ich habe Befehl gegeben, jeden von euch, welcher sich aus dem Lager wagt, zu erschießen. Teile das deinen Genossen mit, und warne sie! Wenn sie dieser Warnung gehorchen, werde ich vielleicht Milde walten lassen.«

Ich löste seine Fesseln, nahm ihn beim Kragen und schob ihn vor mir her. Ben Nil ging mit. Bei unserer Linie angekommen, ließ ich den Menschen los, und er machte sich schleunigst aus dem Staube. Nun war abzuwarten, für welches Verhalten die Sklavenjäger sich entschließen würden. Die Asaker mußten sich zu Boden legen, weil sie, gegen den Himmel blickend, da jeden Annähernden leichter erkennen konnten. Ich aber gab Ben Nil mein Gewehr zum halten und kroch auf das Lager zu.

Der Häßliche hatte vorhin von mir erfahren, wie oft ich Lauscher gewesen war. Besaß er nur einigermaßen Klugheit, so mußte ihm der Gedanke kommen, daß ich vielleicht auch jetzt wieder horchen werde, und konnte seine Maßregeln danach treffen. Dennoch wagte ich mich weit und weiter vor, bis ich das erste Zelt erreichte. in der Nähe desselben standen die Jäger in einem dunklen Haufen. Ich hörte, daß der Häßliche auf sie einsprach, und konnte nur einzelne Worte oder Silben verstehen; das reichte aber hin, mir über ihre Absicht klar zu werden. Während einige Männer bei den Zelten zurückbleiben sollten, wollten die andern nach der Seite ausbrechen, in welcher sich Ben Kasawi befand, und diesen holen. Gelang es, ihn zu befreien, so hatte ich einen Trumpf weniger in den Händen.

Es gab einen Gegencoup. Wir konnten die Kerle passieren lassen und uns dann ganz leicht des Lagers bemächtigen; aber das wäre sehr fehlerhaft gewesen, da ich nicht nur das Lager, sondern auch die Sklavenjäger haben wollte. Ich beschloß also, die letzteren gar nicht durchzulassen. Sie waren gewarnt; griffen sie uns dennoch an, nun, so hatten sie die Verantwortung der Folgen zu tragen.

Ich kehrte also schnell zurück und zog die Hälfte meiner Leute an einem Punkte zusammen, welcher die Ausfallsrichtung beherrschte; sie knieten, die Gewehre schußfertig haltend, eng nebeneinander nieder. Kaum war das geschehen, so hörte ich die Feinde kommen; bald sahen wir sie; sie kamen gekrochen. Unsere Läufe senkten sich; ein Ruf von mir – sie krachten; das Echo erscholl von dem Felsen zurück, und in dasselbe mischte sich das Geschrei der Getroffenen und der – Fliehenden.

Ja, sie flohen; sie wichen zurück; sie hatten den Mut verloren. Daraus schloß ich, daß ihr Verlust kein ganz unbedeutender sei. Ich hatte nicht geschossen, sondern dies nur im Falle der Not thun wollen. Die so eng zusammengetretenen Asaker kehrten wieder jeder in seine vorherige Stellung zurück, damit der Halbkreis ein geschlossener bleibe.

Jetzt kam von rückwärts einer gelaufen; ich ging ihm entgegen. Noch hatten wir einander nicht erreicht, so blieb er stehen und rief.

»Effendi, Effendi, wo bist du? Ich suche dich!«

Selim war es, der unglückliche Selim. Dieser alte Schlingel konnte doch nichts, gar nichts anders als geradezu verkehrt machen!

»Halte den Mund!« antwortete ich ihm. »Was fällt dir ein, so zu schreien!«

»Damit du es hörst, Effendi.«

»Unsinn! Denkst du denn nicht daran, daß es auch die Feinde hören!«

»Das schadet nichts, denn meine Stimme bringt selbst den mutigsten Feind zum Zittern.«

»Schneide nicht auch noch auf! Fast hättest du uns durch dein Geschrei alles verdorben; jedenfalls trägst du die Schuld an dem Blute, welches geflossen ist.«

»Allah kehrim – Gott sei uns gnädig! Ich hörte die Felsen widerhallen. Sind unsere Asaker erschossen?«

»Ja, alle, bis auf den letzten Mann; nur ich allein bin übrig.«

»So laß uns fliehen. Schnell, schnell, komm, Effendi!«

Er nahm meinen Arm, um mich fortzuziehen.

»Bleib nur, alte Memme! Wir haben geschossen, und die Feinde sind vor uns zurückgewichen.«

»Hamdulillah! Ich wußte es, meine Stimme hat sie erschreckt. Sobald ich sie erhebe, reißen alle Helden und Völker aus, denn es ist die Stimme des kühnsten und verwegensten Kriegers vom mächtigen Stamme der Fessarah.«

»Nein, sondern es ist die Stimme des größten Esels, den ich jemals gesehen habe, und vor einem Esel nimmt kein Frosch, keine Maus Reißaus. Kerl, bitte doch Allah, daß er dir, wenn auch nur ein allereinziges Mal in deinem ganzen Leben, einen Gedanken schenke, welcher wenigstens nicht ganz und gar verkehrt ist. Die Gefangenen sind fort?«

»Der Scheik der Menassir hat sie fortgelassen.«

»Der Scheik? Waren sie denn ihm anvertraut?«

»Nein, mir, aber ich werde erzählen, damit du erkennst, daß ich unschuldig bin und vielmehr alles gethan habe, um diese Sklavenjäger, unsere Feinde, in Angst und Schrecken zu versetzen. Ich saß oben bei den Gefangenen, und der Scheik war dabei. Ich überlegte, was ein tapferer Krieger in meiner verantwortungsreichen Lage zu thun habe. Es konnte hier unten zum Kampfe kommen; meine zwei Gefangenen konnten einen Fluchtversuch unternehmen; in beiden Fällen war es höchst nötig, gerüstet zu sein. Ich lud also, um die Feinde hier im Wadi und die Gefangenen da oben in Schach zu halten, zwei Kugeln in die Pistole und drei in das Gewehr.«

»Auch doppeltes Pulver?«

»Dreifaches sogar, denn je mehr Kugeln, desto mehr Pulver; das ist eine alte wohlbekannte Heldenregel.«

»Mensch, bist du toll? Dein Jammerrohr wäre beim Schießen zerplatzt, und du hättest nur dich selbst verwundet!«

»Keineswegs! Man trifft bekanntlich nur den, auf den man zielt, und du wirst einem so bewährten Helden wie ich bin, doch nicht zumuten, daß er auf sich selbst zielt!«

»Drei Kugeln in den Lauf! Das hast du nur aus Angst gethan. Die Gefangenen sollten Furcht vor dem Gewehre bekommen, weil sie höchst wahrscheinlich vor dir selbst keine Angst hatten. Du hast aber gerade das Gegenteil erreicht, denn als du vor ihren Augen ludest, sahen sie zu ihrer Genugthuung, daß das Gewehr nur dir, aber nicht ihnen gefährlich sein werde.«

»Das ist grundfalsch, obgleich auch der Scheik es behauptete.«

»So, hat er es gesagt? Bei welcher Gelegenheit?«

»Als ich auf die Flüchtlinge schießen wollte.«

»Ah, ich begreife! Sie waren aber doch gebunden!«

»Allerdings, und ich war so vorsichtig, ihre Fesseln von Zeit zu Zeit zu untersuchen. Die Halunken lachten darüber; da aber bekanntlich nur alberne Menschen lachen, so hüllte ich mich in die Würde einer tief ergreifenden Schweigsamkeit. Sie sprachen sehr viel mit dem Scheik.«

»Leise oder laut?«

»Leise natürlich! Anfänglich forderte ich sie zwar auf, verständlich zu sprechen, da ich als ihr Wächter wissen möchte, was sie sich mitzuteilen hatten; aber sie machten mich glücklicherweise darauf aufmerksam, daß ein lautes Sprechen hier unten von den Feinden gehört werden könne. Das aber hätte deinen Plan verdorben, und so gab ich sehr gern zu, daß sie heimlich sprachen. Ich hoffe, deinen Plan dadurch sehr wesentlich gefördert zu haben!«

»Da nichts mehr zu ändern ist, will ich dir mein Urteil darüber lieber vorenthalten. Nun will ich aber wissen, wie die Flucht vor sich gegangen ist!«

»Vor sich gegangen? Sehr schnell. Der Scheik zog nämlich sein Messer, zerschnitt den Gefangenen, ehe ich es verhindern konnte, die Fesseln, und sie sprangen auf und davon.«

»Der Scheik! Ah, wie konnte er das thun! Er ist mit fort?«

»Fällt ihm gar nicht ein! Er sitzt noch oben, da, wo er vorher gesessen hat.«

»Hat er dir gesagt, was ihn zu der That bewogen hat?«

»Nein; aber dir will er es sagen. Als die Halunken fortliefen, legte ich das Gewehr an, um ihre Körper mit den drei Kugeln zu durchbohren; er aber nahm es mir weg und sagte, daß der Lauf platzen werde. Da der Lauf nun doch vielleicht eine schadhafte Stelle haben konnte und du meines Lebens und meines Schutzes noch so sehr bedarfst, so gab ich ihm recht und begnügte mich damit, dir das Geschehene vom Felsen hinab zu melden.«

»Nach welcher Richtung haben sie sich gewendet?«

»Wer kann bei der jetzigen Dunkelheit eine Richtung erkennen? Sie sind fort; wohin, das weiß nur Allah und der Prophet. Hätte der Scheik nicht die Fesseln zerschnitten, so säßen sie noch oben unter dem Schutze meiner scharfen Augen, denen nichts entgehen kann. Nun sage mir, was ich thun soll! Soll ich die Sklavenjäger angreifen, um sie zu überwinden?«

»Nein, nein! Am besten ist’s, du thust gar nichts; dann sind wir am sichersten vor dir. Da du aber so kühn vom Kampfe sprichst, wo hast du denn deine Flinte?«

»Die liegt oben.«

»Warum hast du sie nicht mitgebracht?«

»Wegen der schadhaften Stelle. Ich könnte, wenn der Lauf platzt, leicht einen guten Freund verletzen, und werde mich daher beim Kampfe lieber auf den niederschmetternden Eindruck meiner Stimme verlassen.«

»Und ich ersuche dich allen Ernstes, zu schweigen! Ich mag weder deine Stimme hören noch dich hier länger sehen. Steig also wieder hinauf, und setz dich zu den Wächtern der Kamele! Ich möchte nur wissen, welch unglückliches Zeichen am Tage deiner Geburt am Himmel gestanden hat!«

»Ich bin im Zeichen ›es Saba‹ geboren, Effendi.«

»Nein, nein, sondern wahrscheinlich im Zeichen ›es Saratan‹. Darum wiederhole ich: Lauf‘ rückwärts, und mach‘, daß du zu den Kamelen kommst. Hoffentlich wirst du ihnen nicht auch Unglück bringen.«

Er wollte mir widersprechen, doch ging ich fort und ließ ihn stehen. Zunächst mußte ich unsere Truppe um drei Mann vermindern, welche ich Selim nachsandte. Es stand zu erwarten, daß die Entflohenen sich noch in der Nähe befanden, um sich der für die Flucht so nötigen Kamele zu versichern; darum mußten die Wachen verstärkt werden. Dann erst fand ich Zeit, mit dem Lieutenant zu sprechen. Er war natürlich über das Entkommen des Mokkadem und des Muza’bir ebenso erzürnt wie ich, doch konnten wir weder es ungeschehen machen noch an eine Verfolgung denken. Es war Nacht, und wir brauchten unsere Leute so notwendig, daß wir auch nicht eine einzige Person entbehren konnten.

Die Nacht verging, ohne daß die Belagerten den Versuch, auszubrechen, wiederholten. Als das Dunkel des Wadi dem anbrechenden Tage zu weichen begann, sahen wir sie bei den Zelten lagern. Man merkte ihnen an, daß sie während der ganzen Nacht eines Angriffes gewärtig gewesen waren.

Wer jetzt die Situation überblickte, der mußte finden, daß wir uns sehr im Vorteile befanden; sie hatten zwar mehr Deckung als wir, aber keine Flinten. Ich ließ Ben Kasawi holen, um mit ihm zu reden. Sein Gesicht zeigte einen gehässig finstern Ausdruck, und als er den Plan überblickte, verdüsterte es sich noch mehr.

»Was sagst du dazu?« fragte ich ihn. »Wer wird wohl unterliegen, wir oder ihr?«

Er musterte unsere Leute und ihre Bewaffnung und warf dann einen spähenden Blick das Wadi hinauf und hinab.

»Wen suchen deine Augen? Etwa Ibn Asl? Der kann noch nicht hier sein. Oder den Mokkadern mit dem Gaukler? Die können euch keine Hilfe bringen; sie haben keine Waffen und auch keine Kamele und werden von den Leuten, welche ich ihnen nachsende, schnell eingeholt werden.«

»Allah’l Allah! Wer kann gegen das Kismet!« murmelte er.

»Niemand,« antwortete ich. »Und dein Kismet ist der Tod.«

»Wann soll ich sterben?«

»In einer Viertelstunde.«

»Erschießen?«

»O nein; eine Kugel ist viel zu ehrenvoll für deinesgleichen. Du bekommst einen Strick um den Hals und wirst von einem Kamele zu Tode geschleift.«

»O Muhammed, o Abu Bekr! Wie darf ein Gläubiger durch einen Strick umgebracht werden!«

»Klage nicht! Schuft ist Schuft, gleichviel ob er sich einen Moslem, einen Juden oder einen Heiden nennt. Du bekommst das, was dir gebührt.«

»Ein jeder wandelt den Weg, welcher ihm vorgezeichnet ist, und keiner kann anders, als ihm beschieden ist. Darum trifft keinen Menschen eine Schuld.«

»Das ist eine sehr billige Beruhigung, und ich glaube nicht, daß sie dir die Schlinge des Strickes erweitern wird. War es aber dein Kismet, die Freuden und Einkünfte eines Sklavenjägers zu genießen, so gebietet dir dasselbe Kismet, das traurige Ende eines solchen durchzukosten. Du hast nur noch zehn Minuten zu leben.«

»Nicht so schnell, nicht so schnell! Schenke mir das Leben, so gebe ich dir die Sklavinnen!«

»Du hast keine Menschen zu verschenken; sie sind nur Gottes Eigentum.«

»So nimm unsere Kamele!«

»Die gehören mir schon; ich brauche nur die Hand auszustrecken.«

»Nimm alle meine Leute, und töte sie, aber gieb mich frei!«

»Mensch, du bist nicht nur ein Bösewicht, sondern auch ein Feigling ohnegleichen. Du hast vielleicht Tausende von armen Negern töten helfen, aber deinen eigenen Tod fürchtest du mit Entsetzen. Fühlst du denn nicht, wie gottlos und teuflisch selbstsüchtig der Vorschlag ist, welchen du mir machst! Um einen einzelnen nicht der gerechten Strafe zu überliefern, soll ich fünfzig Menschen töten? Mir graut vor dir!«

»Laß dir grauen! Mir graut nicht vor mir, sondern nur vor dem Tode. Ich will leben, leben, leben! Schenke mir das Leben, und ich thue alles, was du von mir forderst.«

Der Kerl wimmerte fast vor Todesangst. Es war zum Ekel. Um mir diese mehr als unangenehme Empfindung abzukürzen, antwortete ich:

»Wirst du es halten, wenn ich dich beim Worte nehme?«

»Ich schwöre es dir bei allem, was du willst!« antwortete er, von neuem aufatmend.

»Gut! Ich will milder sein, als du es verdienst. Ich erinnere mich deiner Forderung, dich dem Reïs Effendina zu übergeben, und bin bereit, sie zu erfüllen, wenn du thust, was ich befehle.«

»Befiehl nur, Effendi, und ich gehorche!«

»Ich will nicht haben, daß noch weiteres Menschenblut vergossen werde. Wir sind alle unverletzt; ihr aber habt Tote und Verwundete; das ist die Folge davon, daß dein Mitgefangener die ihm gewährte Freiheit schändlicherweise dazu benutzte, deine Leute zum Kampfe aufzureizen. Damit aber mag es genug sein. Dein Auge wird dir sagen, daß es euch unmöglich ist, uns zurückzuweisen. Entweder schießen wir euch mit unseren weittreffenden Flinten einzeln weg, oder ihr wagt einen Gesamtangriff und fallt unter unsern Kugeln, ehe ihr mit euern Messern uns erreichen könnt. Ergebt euch freiwillig, so verspreche ich, euer Leben zu schonen und euch dem Reïs Effendina auszuliefern.«

Sein Gesicht erheiterte sich schnell. Er kannte die Mängel der ägyptischen Strafrechtspflege, zumal hier oben in dieser Gegend. Einem hiesigen Gericht überliefert zu werden, heißt so viel, wie sich loskaufen können. Vielleicht hielt er auch die Gerechtigkeit des Reïs Effendina für käuflich, denn er antwortete sofort:

»Ich gehe darauf ein.«

»Hast du aber so viel Macht über deine Leute, daß sie dir gehorchen?«

»Ich habe sie, denn dem geringsten Ungehorsam folgt bei uns der Tod. Ohne diese Strenge würde es keine Sklavenjäger geben.«

»Wie aber willst du ihnen den Befehl zugehen lassen?«

»Darf ich hinüber?«

»Nein.«

»So erlaube mir, einen zu rufen, mit dem ich mich verständigen werde!«

»Ich erlaube es, aber diese Verständigung muß in meiner Gegenwart geschehen.«

Es wurde bereits erwähnt, daß unsere Asaker eine ganze Ladung von Sklavenketten bei sich führten; ich schickte einen der Leute nach oben, um sie auf einem Kamele herabzubringen. Auf den Ruf Ben Kasawis, welcher drüben verstanden wurde, kam ein Mann herüber, welcher sich zu ihm setzte. Der Anführer gab ihm seinen Entschluß zu erkennen und erklärte ihm die Gründe desselben. Der Mann sah mich, als er aufgestanden war, mit finsterem Blicke an und sagte:

»Effendi, du hast uns die Flinten weggenommen und kannst uns nun niederschießen, wie es dir beliebt; das wissen wir, und darum willigen wir in die Ergebung. Halte dein Wort, uns auszuliefern! Aber glaube ja nicht, daß man uns töten wird. Diese Freude macht kein ägyptischer Richter einem Christen. Vielleicht sehen wir uns später wieder, und dann wirst du es sein, der sich ergeben muß!«

Er ging, und da brachte der nach den Ketten fortgeschickte Asaker sein Kamel geführt. Er war mit dem Tiere an derselben Stelle ins Thal gekommen, welche ich gestern mit Ben Nil benutzt hatte, als wir mit unsern zwei Kamelen in das Wadi niederstiegen, um die Sklavenjäger zu täuschen. Jede dieser Ketten war mit einer Fuß- und zwei Handschellen versehen; wer mit einer solchen gefesselt war, den hatte man sicher, zumal hier in der Wüste, wo ein Gefangener nicht an Flucht denken konnte, ohne sich der Gefahr des Verschmachtens auszusetzen. Die Ketten wurden abgeladen und für die Sklavenjäger bereit gelegt.

Diese standen, wie wir sahen, um den Bevollmächtigten versammelt; er sprach sehr dringlich auf sie ein, und dann entwickelte sich eine lebhafte Debatte zwischen ihm und ihnen. Sie schienen nicht auf seinen Auftrag eingehen zu wollen. Es schien ihm aber doch zu gelingen, sie zu überzeugen, denn sie wurden nach und nach ruhiger, und als er dann zurückkehrte, konnte er mir melden, daß sie bereit seien, sich uns zu ergeben. Als er die Ketten erblickte, fühlte er sich unangenehm überrascht und fragte:

»Da liegen Fesseln von Eisen. Sind sie etwa für uns bestimmt?«

»Ja,« antwortete ich.

»Das können wir uns unmöglich gefallen lassen!«

»Ihr werdet euch doch darein finden müssen!«

»Keinesfalls! Wir sind freie Männer und lassen uns nicht binden.«

»Freie Männer? Ihr befindet euch in unserer Gewalt, und ich habe euch als meine Gefangenen dem Reïs Effendina zu übergeben. Nennst du das frei sein?«

»Aber wozu die Fesseln? Du sagtest selbst, daß wir uns in eurer Gewalt befinden; da sind die eisernen Ketten gar nicht nötig.«

»Wenn auch nicht nötig, so wird es doch zur Beruhigung meines Herzens dienen, euch mit ihnen geschmückt zu sehen. Ihr transportiert eure Sklaven, wenigstens die männlichen, stets auch in gefesseltem Zustande, obgleich ihr wißt, daß sie euch in der Wüste nicht entrinnen können. Es wird zur Bereicherung euers Wissens dienen, einmal zu erfahren, wie es ist, wenn man Ketten zu schleppen hat. Wenn ich euch das Leben schenke, so ist das eine ganz unverdiente Gnade, und ihr habt nicht den mindesten Grund, euch dieser Ketten wegen zu beschweren.«

»Die Leute werden sich weigern, sie sich anlegen zu lassen!« »Das ist mir gleichgültig. Wer widerstrebt, bekommt die Kugel.«

»Effendi, bedenke, daß wir noch nicht gefangen sind und uns wehren können!«

»Versucht es doch einmal! Wenn ihr Widerstand leistet, kommt keiner mit dem Leben davon.«

»So muß ich noch einmal hinüber, um es ihnen vorzustellen. Bin ich in einer Viertelstunde noch nicht zurück, so ist das das Zeichen, daß wir uns wehren werden.«

»Es wird das Zeichen euers Unterganges sein. Ich werde dich zu euerm eigenen Wohle mit einigen Kugeln unterstützen. Ist die Viertelstunde vorüber, so werde ich diejenigen, welche am meisten widerstreben, lahm machen, indem ich sie in das rechte Knie schieße. Seht ihr dann, wie sicher wir treffen, so werdet ihr euch doch noch entschließen, euch mit den Ketten zu befreunden.«

Er entfernte sich zögernd. Das Lahmschießen kam ihm unheimlich vor. Als er bei seinen Leuten angekommen war und sie hörten, um was es sich handelte, erhoben sie ein zorniges Geschrei. Ich trat einige Schritte vor, um mir diejenigen zu merken, welche durch die Heftigkeit ihrer Gestikulationen bewiesen, daß sie am meisten widerstrebten. Es entspann sich eine Debatte, deren Resultat der Entschluß war, uns anzugreifen. Ich sah das, ohne ihre Worte und Reden verstehen zu können, denn sie lockerten die Messer und sahen nach ihren Pistolen, um sich zu überzeugen, daß dieselben in Ordnung seien.

Die Viertelstunde war vorüber. Ich legte das Gewehr an und nahm einen der ärgsten Schreier auf das Korn. Er that, als ich abgedrückt hatte, einen Luftsprung und fiel dann zu Boden; ich hatte ihm die Kniescheibe zerschmettert. Ein wütendes Geheul antwortete mir, und einer trat vor und schwang sein Messer gegen mich. Ich stand noch im Anschlage und gab ihm die zweite Kugel; auch er stürzte nieder, genau an derselben Stelle wie der vorige getroffen. Abermaliges und verdoppeltes Geheul! Ich lud schnell wieder. Derjenige, welcher den Unterhändler gemacht hatte, wich eine kleine Strecke von den andern zurück. Die Angst vor meinen Kugeln trieb ihn, mir damit anzudeuten, daß er nicht mit ihnen einverstanden sei. Er machte ihnen Vorstellungen, welche sie aber übel aufnehmen wollten, denn es trat einer zu ihm hin und fuchtelte ihm mit dem Messer vor dem Gesichte hin und her. Er fuchtelte nicht lange, denn meine dritte Kugel warf ihn nieder.

Dieses Mal schrie man nicht. Vielleicht hatte man vorher angenommen, es sei Zufall, daß ich so genau traf; die dritte Kugel aber gab den Beweis, daß man sich geirrt hatte. Das wirkte. Die Verwundeten krümmten sich an der Erde. Wem galt meine nächste Kugel? So fragten sie sich wohl. Der Bevollmächtigte sprach hastig und dringend auf sie ein, und als ich das Gewehr wieder hob, um zu zielen, machte er eine abwehrende Handbewegung und rief mir zu:

»Schieß nicht, Effendi, sondern warte noch!«

»Nur eine einzige Minute!« antwortete ich, indem ich das Gewehr absetzte.

Sonderbarerweise fiel es den Kerlen nicht ein, hinter den Zelten Deckung zu suchen, was ihnen freilich nur einen kurzen Aufschub gewährt hätte. Als die kurze Frist verstrichen war und ich den Lauf wieder hob, wollte keiner derjenige sein, welcher getroffen wurde. Sie warfen ihre Waffen weg, und der Unterhändler rief unter einer bittenden Bewegung seiner Arme:

»Halt! Sie ergeben sich. Schieß nicht; schieß nicht!«

»So kommt herüber, aber einzeln und unbewaffnet! Bei wem wir eine Waffe finden, der wird aufgehängt.«

Er machte den ersten. Bei mir angekommen, sagte er-

»Effendi, du bist ein schrecklicher Mann, und deine Kugeln muß der Teufel gegossen haben. Ich glaube, du würdest uns, einen nach dem andern, alle lahm machen. Da wollen wir uns doch lieber fügen. Hier sind meine Hände; laß mir die Kette anlegen!«

Dieser Wunsch wurde ihm sofort erfüllt. Dann rief er seine Leute einzeln bei den Namen, und sie kamen, wie sie gerufen wurden, herüber und erhielten die Schellen angelegt. Keiner sprach ein Wort; aber die Blicke, welche sie mir zuwarfen, waren beredt genug. Wehe mir, wenn ich später einmal einem von ihnen in die Hände fallen sollte! Der Häßliche machte den letzten, und er war der einzige, welcher es nicht fertig brachte, sich schweigend in sein Schicksal zu fügen. An mir vorübergehend, zeigte er mir die Faust und drohte:

»Heute mir, später aber dir. Wir rechnen ab!«

»So wirst du nachher das Draufgeld erhalten,« antwortete ich ihm.

Die Verwundeten hatten natürlich nicht kommen können; wir mußten zu ihnen hin. Als wir dies thaten, wurden die Zelte geöffnet, und die befreiten Sklavinnen strömten uns entgegen. Es folgte eine Scene, welche man sich gar nicht lebhafter vorzustellen vermag.

Man behauptet, daß das schöne Geschlecht dem starken in Beziehung auf Zungenfertigkeit weit überlegen sei; ob ich mich zu dieser Theorie bekenne, das ist Nebensache, hier aber würde dem ausgesprochensten Gegner derselben die Überzeugung gekommen sein, daß sie wenigstens in Beziehung auf die Fessarah ihre volle Berechtigung habe. Diese Thätigkeit der Sprachwerkzeuge war wirklich beinahe beängstigend! Wir wurden mit Lobpreisungen so überschüttet, daß wir den Schwall derselben stumm und widerstandslos über uns ergehen lassen mußten. Ich wurde umringt; alle drängten und sprachen auf mich ein; hundert Hände streckten sich mir entgegen; eine jede rief, sprach, flötete, zirpte und klarinettierte auf mich ein. Ich spreizte die Beine aus, um wie ein Fels im Meere zu stehen, wurde aber hin und her geschoben, so daß es mir schwer wurde, mich aufrecht zu halten.

Eine einzige machte eine Ausnahme, Marba, die Tochter des Scheiks. Sie stand von fern, ohne sich an dieser gegen mich gerichteten Brandung zu beteiligen, und ließ ihre Gefährtinnen gewähren. Als sie dann bemerkte, daß es mir schließlich angst und bang wurde, stieß sie einen schrillenRuf aus, infolgedessen die Schönen sofort zurückwichen und sich hinter ihr aufstellten. Da kam sie auf mich zu, reichte mir die Hand, sah mich mit einem großen, ernsten Blicke an und sagte:

»Also das bist du; so siehst du aus, Effendi! Wir haben dich beobachtet und es gesehen, wie du den Widerstand unserer Peiniger überwunden hast. Wir danken dir und bitten dich, uns zu erlauben, zur Feier unserer Befreiung eine Fantasia aufzuführen.«

Der Beduine hat eine Leidenschaft für Fantasias und läßt gewiß keine Gelegenheit zu einer solchen vorübergehen. Es wäre hart von mir gewesen, meine Genehmigung zu versagen; aber ich hatte keine Zeit, jetzt eine solche Feierlichkeit über uns ergehen zu lassen. Eine Fantasia dauert wenigstens mehrere Stunden, oft sogar einige Tage lang, und nun gar eine Frauenfantasia! Diese guten Damen brauchten wenigstens den halben Tag, nur um sich zu derselben zu schmücken. Sodann die Reigen und Tänze, die unendlichen und stets wiederkehrenden »Lululululu«-Gesänge! Nein, nur das heute nicht! Darum antwortete ich:

»Wir werden uns freuen, dieser Fantasia beiwohnen zu dürfen, wenn eure Befreiung vollendet ist. Wir haben Ibn Asl noch nicht ergriffen, und so lange dieser frei ist, dürfen wir nicht an eine solche Feier der Errettung denken.«

»Aber, Effendi, ich weiß, daß du ihn nicht zu fürchten brauchst. Hast du seine sämtlichen Leute überwunden, ohne daß einem von euch ein Haar gekrümmt worden ist, so wirst du auch mit ihm, dem einzelnen, leicht fertig werden.«

»Ich widerspreche dir nicht; aber ehe ich mit ihm fertig werde, sind wir eben noch nicht fertig. Er wird bald kommen, und zwar nicht allein, denn er hat Krieger bei sich. Außerdem sind uns zwei wichtige Gefangene entflohen, welche ich wieder ergreifen will. Ich muß aufbrechen, um sie zu verfolgen. Darum bitte ich dich, mir Zeit zu gönnen.«

»Du hast recht, Effendi. Aber dann, wenn das erledigt ist, wirst du uns erlauben, euch die Gesänge und Tänze des Ruhmes und Dankes zu bringen?«

»Dann sofort. Jetzt muß ich zunächst nach den Verwundeten sehen.«

Ich wollte fort. Sie hielt mich an der Hand zurück und antwortete:

»Warte noch einen Augenblick! Diese Leute verdienen nicht, daß du dich ihrer annimmst. Wenn sie an ihren Verletzungen zu Grunde gehen, so haben sie es nicht anders gewollt.«

»Sie sind aber doch Menschen!«

»Nein, sondern reißende Tiere, und ehe ich dich zu ihnen lasse, bitte ich dich, mir zu sagen, was mit uns und ihnen geschehen soll.«

»Wir führen euch von hier nach Berber. Dort befindet sich der Reïs Effendina, welcher euch in eure Heimat bringen lassen wird.«

»Du mußt mit, damit unsere Väter und Brüder dir danken können. Und was wird mit den Räubern geschehen?«

»Ich übergebe sie dem Reïs, damit sie bestraft werden.«

»Von wem?«

»Von den Richtern des Khedive.«

Sie machte eine geringschätzende, verächtliche Handbewegung und meinte:

»Die Gerechtigkeit dieser Männer ist bekannt! Ibn Asl hat nicht das Gericht, sondern unsern Stamm beraubt, also hat nicht das Gericht, sondern unser Stamm über die Räuber zu urteilen. Ich verlange, daß sie nach den Dörfern der Fessarah gebracht werden!«

»Ich meinesteils hätte nichts dagegen, doch ist es mir leider unmöglich, dir diesen Wunsch zu erfüllen.«

»Wird der Reïs Effendina ihn erfüllen?«

»Nein; die Gesetze verbieten es ihm.«

»So sind diese Gesetze ungerecht gegen uns; und wir brauchen sie nicht anzuerkennen. Denke, was diese Räuber gethan haben! Soll ich es dir aufzählen? Was wird ihre Strafe sein? Unsere Mütter, unsere Kinder liegen erschlagen im Sande der Wüste. Was mußten wir unterwegs erdulden! Haben wir nicht das größte Recht auf Rache? Effendi, ich bitte dich, aufrichtig und wahr gegen mich zu sein. Werden unsere Krieger sich rächen dürfen? Werden die Missethäter uns ausgeliefert werden?«

»Nein.«

»Ich danke dir; es ist gut!«

Ihr Auge flammte bei diesen Worten drohend auf; sie trat zurück, und ich wendete mich zu den drei Verwundeten. Sie verbissen ihre Schmerzen und würdigten mich, als ich sie mit Hilfe Ben Nils verband, keines Blickes. Da, wo wir in der Nacht den Ausfall zurückgeschlagen hatten, lagen fünf Leichen, und bei den Kamelen fand ich mehrere Schwerblessierte, welche von ihren Genossen verbunden worden waren.

Nun wollte ich einen Blick in die Zelte werfen, doch wurde meine Aufmerksamkeit in eine andere Richtung gezogen. Ich hörte nämlich eine Stimme erschallen, gegen welche diejenige Stentors, welcher bekanntlich fünfzig Männer überschrie, das reine Zephyrsäuseln war. Mich umdrehend, gewahrte ich Selim, welcher mit fliegendem Gewande und windmühlenflügelartig kreisenden Armen gelaufen kam und dabei in einem brüllte:

»Heil, Preis, Ruhm und Ehre! Wir haben sie besiegt. Sie sind niedergeworfen und zerschmettert. Speit die Hunde an, die feigen; speit sie an!«

Er rannte auf die Gefangenen zu, blieb, eben als ich auch dort ankam, bei ihnen stehen und schrie sie, obgleich er ganz außer Atem war, an:

»Haben wir euch endlich, ihr Unwürdigen, ihr Elenden! Die Geier werden euch fressen und die Schakale und Hyänen eure Gebeine verzehren. Die Macht meines Armes hat euch niedergeworfen und der Glanz meines Ruhmes euch in Ketten gelegt. Erhebt eure Augen zu mir, und fühlt, wie eure Herzen zittern beim Anblicke des Helden aller Helden, des größten und berühmtesten Kriegers vom Stamme der Fessarah!«

Diese Aufforderung hatte einen ganz andern Erfolg als den erwarteten. Die Frauen sahen und erkannten ihn, und eine von ihnen rief erstaunt-.

»Selim el Fallah, el Dschabani – Selim, der Ausreißer, der Feigling! Wie kommt er hierher? Was hat er bei diesen tapferen Männern zu suchen?«

Er wendete sich der Sprecherin zu und antwortete ihr, sie mit stolzem, verächtlichem Blicke messend:

»Schweig, du Tochter der Verleumdung; ich kenne dich! Dein Maul ist eine niemals schweigende Trompete, vor welcher selbst der kühnste Held von dannen läuft. Richte deine Augen auf mich, und erblicke in mir Selim, den Sieger vieler Schlachten, das unüberwindliche Schwert des Gefechts, das strahlende Vorbild aller Krieger, das Muster und Beispiel der tapfersten Männer aller Völker, Stämme und Dörfer!«

Das allgemeine Gelächter der Frauen wurde ihm als Antwort.

»Ihr lacht?« rief er empört. »Wißt ihr, daß ich euch dafür bestrafen kann? Soll ich diesen Menschenräubern die Ketten abnehmen und sie freilassen, damit sie euch in die Sklaverei fortschleppen, von welcher ich euch errettet habe? Hier sind meine Hände, denen ihr die Erlösung zu verdanken habt. Ihr solltet sie drücken und küssen; anstatt dessen beschimpft ihr mich und wollt den Glanz meines Ruhmes und die Fackel meiner Ehre verdunkeln. Stimmt lieber ein in den Lobgesang meiner Thaten und in den Preis meines Heldentumes! Und du, Effendi, sage diesen Töchtern des Geschwätzes, wen sie vor sich haben; belehre sie über die Vorzüge meiner Eigenschaften, und gebiete ihnen, die Gestalt meines Körpers mit Hochachtung und Ehrfurcht zu umringen!«

Als er sich mit dieser Aufforderung an mich wendete, fragte mich die vorige Sprecherin:

»Effendi, gehört dieser Mann zu dir? Trifft ihn vielleicht die unverdiente Gnade, in deinem Schatten zu wandeln?«

»Er ist mein Diener,« antwortete ich.

»Sein Diener, Freund und Beschützer,« verbesserte mich Selim.

»Welches Wunder!« rief sie aus. »Du und dieser Selim, welcher wegen Feigheit aus dem Stamme gestoßen wurde!«

»Schweig, du Posaune der Lästerung!« gebot er ihr. »Nicht ausgestoßen wurde ich, sondern ich ging im Drange meiner Kühnheit, um Heldenthaten zu verrichten, zu denen ich bei euch keine Gelegenheit fand. Nun kehre ich zurück, umstrahlt von hundert Sonnen der Ehre, und in den Dörfern der Fessarah wird man Denkmäler errichten, um meinen Namen der Nachwelt zu überliefern.«

Er wendete sich um und trat mit einer so stolzen Haltung ab, als ob er wirklich ein zweiter Cid oder Bayard sei.

Also ausgestoßen war er worden! Es that mir leid, daß ihm dies so in das Gesicht gesagt worden war, aber er hatte sich die Schuld selbst zuzuschreiben. Warum konnte er sein Mundwerk nicht in Ruhe halten!

Es galt nun zunächst, den Mokkadem und Muza’bir zu verfolgen. Das konnte ich keinem andern überlassen. Zwar wäre meine Anwesenheit hier im Lager auch notwendig gewesen, aber ich glaubte, mich auf den Lieutenant verlassen zu können. Als ich ihm dies sagte, machte er dennoch ein ziemlich bedenkliches Gesicht und sagte:

»Effendi, ich gestehe dir offen, daß es mir weit lieber wäre, wenn du bliebst. Diese Menge der Gefangenen zu transportieren und dabei sechzig Frauenzimmer in Ordnung zu halten, das ist vielleicht mehr, als ich vermag.«

»Die Gefangenen sind ja gefesselt, und die Frauen folgen dir gern. Was könntest du also für Not haben?«

»Das weiß man nicht. Wer kann ein Weib beherrschen, und hier sind ihrer ein ganzes Schock! Effendi, thue mir nicht das Leid an, sie mir allein aufzubürden! Ich weiß ja noch nicht einmal, welchen Weg ich mit ihnen einzuschlagen hätte.«

»Nach dem Bir Murat natürlich, wohin sich jedenfalls auch die Flüchtlinge gewendet haben. Sie wissen, daß Ibn Asl von dorther kommt, und sind ihm entgegen, da sie nur durch ihn vor dem Verschmachten in der Wüste bewahrt werden können.«

»So reitest du voran, ihnen nach, und ich soll dir folgen?«

»Ja.«

»Wenn du ihn aber nicht triffst, und er stößt auf uns!«

»Was weiter! Hast du nicht genug Asaker bei dir? ihn werden höchstens vier oder fünf Männer begleiten.«

»O, das ist es nicht, was ich fürchte. Ich würde kurzen Prozeß machen und sie alle niederschießen lassen; aber die Frauen, die Frauen, die machen mir Sorge, große Sorge!«

»Das begreife ich nicht. Du ladest sie in die Tachterwahns und reitest fort. Was giebt es da zu sorgen! Und die Gefangenen werden auf die Kamele gebunden.«

»Sie sollen reiten?«

»Natürlich! Wenn sie gehen müßten, würdest du den Bir Murat erst nach zwei Tagen erreichen, und indessen ging dir das Wasser aus. Reiten sie aber, so kommst du schon in nächster Nacht am Brunnen an.«

»Du reitest doch nicht allein voran?«

»Nein, sondern ich nehme Ben Nil mit.«

»Ist das genug, falls Ibn Asl dir begegnet?«

»Mehr als genug. Ich getraue mich, ihn und seine Leute auf mich allein zu nehmen. Um ganz sicher zu gehen, will ich einmal nachforschen, ob die Spuren der Flüchtlinge zu finden sind.«

Unser Lager, aus welchem sie geflohen waren, lag am nördlichen Ufer des Wadi, dennoch stieg ich jetzt zum südlichen hinauf, weil in dieser Richtung der Bir Murat lag. Ich war überzeugt, daß sie das Wadi überschritten hatten. Auf der Höhe angekommen, schritt ich zunächst ein Stück gerade in die Wüste hinein und wendete mich dann rechts, um, parallel mit dem Wadi gehend, den Sand abzusuchen. Ich brauchte gar nicht lange zu forschen, so fand ich die Spuren, welche vom Wadi herkamen und in südlicher Richtung in die Wüste hineinführten. Dann kehrte ich zurück.

Als ich gestern Zeuge war, daß Marba geschlagen wurde, hatte ich in meiner Empörung über diese Mißhandlung beschlossen, Ben Kasawi und den Häßlichen dafür zu züchtigen; sie sollten die Peitsche bekommen, und das wollte ich jetzt, vor meiner Entfernung, geschehen lassen. Dieser Vorsatz konnte aber nicht ausgeführt werden. Als ich nämlich von der Höhe in das Thal hinabstieg, bemerkte ich im Lager eine Aufregung, deren Veranlassung ich nicht erkennen konnte. Die Frauen frohlockten in den üblichen Gutturaltönen, und dazwischen hinein wetterte die zornige Stimme des Lieutenants. Was war geschehen? Ich beeilte mich, hinab zu kommen. Als ich die Sohle des Wadi erreichte und der Lieutenant mich sah, kam er mir entgegen gelaufen und rief mir schon von weitem zu:

»O, Effendi, ich bin nicht schuld; ich kann nichts dafür!«

»Was ist denn vorgegangen?«

»Ich konnte es nicht verhindern; es geschah allzu schnell. Wärst du doch nicht fortgegangen, sondern da geblieben!«

»So rede doch! Was hat es gegeben?«

Aber anstatt meine Frage zu beantworten, klagte er:

»Und da soll ich ohne dich mit diesen Weibern durch die Wüste ziehen! Das ist nur eine gewesen; was soll ich aber beginnen, wenn die Wut sie alle faßt!«

»Mann, antworte doch nur! Ich will wissen, was sich zugetragen hat!«

»Ein Mord, ein Mord, ein Doppelmord! Komm, und siehe!«

Er nahm mich beim Arme und zog mich fort, hin, wo die Asaker und die Frauen um die gefangenen Sklavenjäger einen Kreis bildeten. Dieser öffnete sich, als ich kam, und hineintretend sah ich Ben Kasawi und den Häßlichen in ihrem Blute liegen. Sie waren tot, genau in das Herz gestochen. Niemand sprach, und aller Augen waren auf mich gerichtet, zu erfahren, was ich thun und sagen werde. Ich wußte sofort, woran ich war. Mein Blick suchte Marba. Sie stand mir gegenüber und hielt das blutige Messer noch in der Hand. Mich fast trotzig anblickend, rief sie mir zu:

»Bestrafe mich, Effendi! Sie haben mich geschlagen. Die Striemen können nur mit Blut abgewaschen werden. Ihr wollt sie meinem Stamm nicht ausliefern; da habe ich Gericht gehalten. Die andern schenke ich dir; diese beiden aber mußten unbedingt mir gehören. Ich wiederhole es: Bestrafe mich!«

Sie kam auf mich zu und reichte mir das Messer.

»Wem gehört es?« fragte ich.

»Mir,« antwortete Ben Nil.

»Sie hat es dir entrissen?«

»Nein, Effendi, sie bat mich darum, und ich habe es ihr gegeben.«

»Sagte sie, wozu sie es haben wolle?«

»Ja, und ich verweigerte es ihr nicht, da ich das Gesetz der Wüste achte. Die Missethäter haben hundertfach den Tod verdient; der Richter wird Geld nehmen und sie laufen lassen. Vielleicht bekommen einige die Bastonnade; wenn es hoch kommt, wird man diesen oder jenen für einige Zeit einsperren; das ist alles! Der Mokkadem und der Muza’bir waren mir verfallen, du aber sträubtest dich gegen meine Rache. Ich hätte sie getötet, und Allahs Auge würde, wenn es sich jetzt zur Erde richtet, durch den Anblick zweier Schufte weniger beleidigt werden. Nun aber sind sie entflohen, und es fragt sich, ob es uns gelingt, sie wieder zu ergreifen. Das sind die Folgen deiner Nachsicht gegen Leute, welche man ohne Gnade und Barmherzigkeit von der Erde ausrotten muß. Es ist gut für ein Volk, Gesetze zu haben; wenn aber derjenige, welcher die Ausübung derselben zu überwachen hat, die Mörder laufen läßt, so ist es Pflicht des Rächenden, die Bestrafung in seine eigene Hand zu nehmen. Wenn du Marba bestrafst, so bestrafe auch mich, der ich teil an dem Blute dieser beiden Missethäter habe!«

Er stellte sich neben das Mädchen. Was konnte ich thun? Wie die Sache lag, ging sie mich nichts an; ich sagte mir vielmehr im stillen, daß das Schicksal der Getöteten wohl von heilsamer Wirkung auf die andern Gefangenen sein werde. Ich ging also zu Ben Nil hinüber, gab ihm sein Messer zurück und sagte:

»Ich lege die Entscheidung, ob ihr schuldig seid, in Allahs Hand; er mag euch richten; ich habe kein Recht dazu.«

Da erhoben die Frauen ihre jubelnden Stimmen; der Gefangene aber, welcher vorhin den Unterhändler gemacht hatte, rief mir zornig zu:

»Das ist Untreue und Verrat, Effendi! Du hast uns versprochen, uns nicht zu töten, sondern dem Reïs Effendina auszuliefern. Dieses Mädchen hat einen Doppelmord begangen, und der Knabe ist ihr dazu behilflich gewesen. Ich verlange, daß sie beide bestraft werden. Leben um Leben; Blut um Blut; das ist das Gesetz der Wüste. Da ihr euch auf dasselbe beruft, müssen wir es auch für uns in Anspruch nehmen!«

»Du schweigst!« gebot ich ihm. »So weit es in meinen Kräften steht, werde ich mein Wort halten. Was hinter meinem Rücken und gegen meinen Willen geschieht, das habe ich nicht zu verantworten. Ben Kasawi und der andere haben Marba geschlagen; sie wollten Ben Nil töten, durch einen vergifteten Pfeil umbringen; das Gesetz der Wüste bestimmt für beides den Tod; dieser ist erfolgt, und also ist der Gerechtigkeit volle Genüge geschehen. Übrigens will ich mich herbeilassen, die Anforderungen eures Glaubens zu berücksichtigen. Man begrabe die Toten im Sande, in sitzender Stellung, und mit dem Gesicht nach Mekka gerichtet. Die vorgeschriebenen Suwar, mag der Onbaschi beten.«

Jetzt hatte der Lieutenant noch weniger Mut als früher, den Transport der Frauen auf sich allein zu nehmen. Er fürchtete, daß die Beduininnen auch den Tod der andern Gefangenen fordern würden, und fühlte sich einer Empörung dieser »Teufelinnen«, wie er sie nannte, gegenüber zu schwach. Es gelang mir aber, ihn zu beruhigen.

Darauf gebot ich Ben Nil, unsere Kamele, welche noch unten bei denen der Sklavenjäger lagen, zu satteln. Selim wollte mit uns reiten, doch schlug ich ihm diese Bitte ab. Ich hatte gestern mein Fernrohr oben im Lager zurückgelassen und stieg hinauf, um es mir zu holen. Ohne daß ich eigentlich eine wirkliche Veranlassung dazu hatte, zog ich das Rohr aus, um nach der Richtung zu sehen, in welcher der Mokkadem und der Muza’bir fortgegangen waren. Drüben gegen Südwest glänzte etwas; es war ein weißer Punkt, auf welchen die Sonne schien, vielleicht eine ausgetrocknete, natronsumpfige Stelle. Ich schenkte derselben weiter keine Beachtung und stieg wieder hinab.

Während des Abstieges hatte ich das Wadi bis zu der Krümmung, hinter welcher ich gestern mit Ben Nil die Sklavenjäger angelockt hatte, vor mir liegen. Mein Blick fiel dort hinüber, und da sah ich zu meinem Erstaunen zwei Kamelreiter, welche um die Ecke bogen und, unser Lager erblickend, schnell wieder hinter den Felsen zurückwichen. Ich blieb stehen und richtete das Rohr nach der Stelle. Nach einigen Augenblicken erschien ein Mann zu Fuße, sich eng an den Felsen drückend, damit er nicht gesehen werde, und sehr aufmerksam zu uns herüberschauend. Ich hätte ihn schon an seinem reichen, goldgestickten Anzuge erkannt, auch ohne sein Gesicht so deutlich vor mir im Glase zu haben. Welch eine Überraschung; es war der Reïs Effendina!

Er war an die tausend Schritt entfernt und hätte meinen Ruf nicht hören können. Darum eilte ich vollends hinab und auf die Stelle zu, an welcher er sich befand. Er sah mich kommen, erkannte mich und trat vor.

»Effendi, das ist gut!« rief er mir zu. »Ich glaubte schon, die Sklavenjäger vor mir zu haben.«

»Das ist auch der Fall,« antwortete ich, indem ich ihm die Hand bot, denn ich hatte ihn erreicht. »Wir haben sie gefangen genommen.«

»Und die Sklavinnen?«

»Sind dabei, sie sind frei.«

»Allah ‚l Allah! Effendi, ich erstaune; ich bin im höchsten Grade verwundert! Wie hast du das angefangen? Wo hat der Lieutenant dich getroffen?«

»In Korosko.«

»Ich dachte es; ich schickte ihn dahin. Also so weit dort unten. Wie konntest du da den Weg der Räuber entdecken?«

»Das werde ich dir erzählen. Aber du bist jedenfalls nicht allein gekommen. Wo sind denn deine Leute?«

»Hier hinter dem Felsen. Ich ritt voran und sah das Lager. Da ich glaubte, die Räuber vor mir zu haben, wich ich schnell zurück und stieg vom Kamele, um heimlich zu beobachten. Da kamst du gelaufen.«

»Ich sah zwei Reiter um die Ecke biegen und wieder verschwinden. Ich sah durch das Fernrohr und erkannte dich. Ich mußte dich natürlich in Berber vermuten und bin ganz erstaunt, dich hier zu sehen.«

»Du sollst nachher erfahren, warum ich Berber verlassen habe; laß uns nur vor allen Dingen jetzt nach dem Lager gehen!«

Auf seinen Ruf kamen seine Leute hinter der Felsenecke hervor. Es waren über vierzig wohlbewaffnete Reiter, alle auf schlanken Kamelen sitzend, Asaker, welche er von Chartum nach Berber beordert hatte. Wir schritten ihnen voran, dem Lager zu.

Dort hatte mein Gebaren Aufmerksamkeit erregt. Man hatte mich laufen sehen und sah mich nun mit so vielen Menschen kommen. Als unsere Soldaten ihren Gebieter erkannten, kamen sie uns entgegen,ihn mit lautem Jubel zu empfangen.

Nun gab es zu erzählen. Unsere Asaker machten sich an die seinigen, um ihnen ihre Erlebnisse zu berichten. Der Reïs bekümmerte sich zunächst gar nicht um die gefangenen Sklavenjäger und die befreiten Frauen. Ich mußte mich mit dem Lieutenant und dem alten Onbaschi zu ihm setzen, denn er wollte vor allen Dingen über den Stand der Dinge unterrichtet sein. Ich überließ die Erzählung den beiden andern, und ich kann sagen, daß sie von meinem Lobe so überflossen, daß ich ihnen oft Einhalt thun mußte.

Es verging fast eine Stunde, ehe sie alles erzählt hatten; denn sie thaten das mit der Gründlichkeit des Orientalen, für welchen die Zeit wenig oder gar keinen Wert besitzt. Endlich hatte er alles bis auf das Kleinste und Unbedeutendste erfahren. Er drückte mir die Hand und sagte:

»Ich glaubte, dich zu kennen, kannte dich aber noch lange nicht, Effendi. Ich war überzeugt, meinen Leuten in dir einen guten Berater zu geben; aber daß du ein gar so schlauer und verschmitzter Mann seist, das wußte ich doch nicht. Ich muß sagen, daß das, was ich höre, über alle meine Erwartungen geht. Ich glaubte, mit den Räubern kämpfen zu müssen und finde die Arbeit schon ohne Kampf gethan.«

»So wußtest du, daß du sie hier treffen würdest? Von wem?«

»Es gab unter meinen Leuten einen Verräter, einen Anhänger der Kadirine, welcher – –«

»Du meinst Ben Meled?«

»Wie, du kennst ihn?«

»Ja, denn er ist derjenige, welcher dem Mokkadem deinen Plan mitteilte.«

»Er hat seinen Lohn. Er plauderte gegen einen andern; dieser war treu und sagte es mir. Ich erfuhr also, daß der Mokkadem mit dem Muza’bir nach diesem Wadi sei, um da auf Ibn Asl zu treffen. Ich requirierte schnell Kamele und brach auf, nachdem der Verräter die Bastonnade in der Weise bekommen hatte, daß er der Kadirine wohl nicht mehr viel Nutzen bringen wird. Wir sind über Nacht geritten und suchten vom Morgen an den Brunnen, bis wir nun hier ihn und dich gefunden haben.«

»Allah sei Dank dafür!« seufzte der Lieutenant. »Da du selbst gekommen bist, ist mir die große Sorge um die Weiber abgenommen. Ich will lieber gegen hundert Feinde kämpfen, als sechzig solche Teufelinnen geleiten. Diese Marba sticht wie ein wilder Sudanese um sich! Sie ist eine der jüngsten und Schönsten; wie verwegen mögen da erst die andern sein! Ich konnte den Mord unmöglich verhindern.«

»Ich selbst hätte ihn nicht verhindert. Wehe dem, der wehe thut!« meinte der Reïs Effendina in ernstem Tone, indem er sich seines bekannten Wahlspruches bediente. »Jetzt bin ich unterrichtet und will mir das Lager und die Menschen ansehen.«

Er ging mit uns zu den Zelten, vor denen die Frauen saßen. Sie hatten schon gehört, wer er war, und harrten neugierig, wie er sich gegen sie verhalten werde. Die Ermordung Ben Kasawis und des Häßlichen schien ihnen nun doch bedenklich zu sein. Sie erhoben sich vor ihm. Er musterte sie mit freundlich ernstem Blicke; ich mußte ihm Marba zeigen. Er trat zu ihr hin und fragte:

»Du hast zwei Männer erstochen?«

»Verzeihe es, Herr! Der Effendi hat es auch verziehen.«

»Ich habe nichts zu verzeihen, denn du hast recht gehandelt. Wehe dem, der wehe thut! Ihr werdet alles, was euch geraubt wurde, soweit es vorhanden ist, wiederbekommen. Ich gebe euch zwanzig Asaker mit, welche euch in eure Heimat bringen, und da der Effendi hier euch befreit hat, so mag er der Anführer eurer Karawane sein.«

Er wendete sich ab und ging zu den Gefangenen hinüber. Auch sie hatten gehört, daß er der Reïs Effendina sei; sie wußten also, daß sich ihr Schicksal schon jetzt entscheiden werde. Er blickte ihre Reihe streng und finster durch. Er befand sich im Besitze außerordentlicher Vollmachten und ich kann sagen, daß ich auf seine Entscheidung mehr als neugierig war. Ich mußte ihm den Unterhändler zeigen, an den er sich in scharfem Tone wendete:

»Du magst mir im Namen aller antworten! Ibn Asl ist euer Anführer?«

»Ja.«

»Ihr habt die Töchter der Fessarah geraubt und entführt?«

»Ja.«

Diese beiden »Ja« klangen nicht so zuversichtlich, wie er vorhin mir geantwortet hatte. Es lag in dem Tone und dem ganzen Wesen des Emirs etwas, was nicht sehr Hoffnung erweckend war und eine lange Antwort oder gar Verteidigungsrede vollständig ausschloß.

»Dabei habt ihr viele Menschen getötet?« lautete die dritte Frage.

»Ja – – leider – – ging es nicht anders,« würgte der Mann hervor.

»Dann als ihr euch diesem Effendi ergeben solltet, habt ihr ihm gedroht: heute ihr, das nächste Mal er?«

»Ja.«

»Nach welchem Gesetze wollt ihr gerichtet sein, nach demjenigen der Wüste oder nach dem meinigen?«

»Nach dem deinigen,« antwortete er, jetzt leicht aufatmend.

»Ihr sollt mein Urteil hören, und es wird auch sofort vollzogen. Wehe dem, der wehe thut!«

Er wendete sich ab, zog mich auf die Seite und fragte:

»Effendi, wie würdest du sie bestrafen?«

»Durch das Gericht.«

»Das bin jetzt ich. Ich habe das Recht sowohl des Urteiles, als auch des Vollzuges erhalten und möchte deine Meinung hören. Haben diese Menschen den Tod verdient?«

»Ja; aber bedenke, daß Gott gnädig ist!«

»Allah ist gnädig, das ist wahr; er mag ihnen also gnädig sein. Du bist ein Christ und richtest deine Augen gerne hinauf zur ewigen Gnade. Ich aber soll vor allen Dingen gerecht handeln und – –«

»Halt, was ist das?« unterbrach ich ihn. »Da oben liegt ein Mensch.«

Er hatte bei seinen Worten »hinauf zur ewigen Gnade« den Arm gen Himmel erhoben, und mein Auge war unwillkürlich dieser Richtung gefolgt. Da sah ich ein Gesicht, welches sich über den Rand des Felsens vorbeugte und, als ich aufwärts blickte, sofort verschwand.

»Ein Mensch?« fragte er. »Wer könnte das sein? Etwa der Muza’bir oder der Mokkadem?«

»Nein. Diese beiden werden sich hüten, hier in der Nähe zu bleiben. Aber kurz bevor du kamst, sah ich draußen am Horizonte einen weißen Punkt, den ich für eine leuchtende Salzlache hielt. Vielleicht ist es ein Mann mit weißem Burnus gewesen.«

»So eile hinauf, und sieh ihn dir an. Ben Nil mag mitgehen, denn er ist klug und mutig, und du kannst dich auf ihn verlassen!«

Ich rief Ben Nil, nahm mein Gewehr und stieg so schnell wie möglich nach oben. Unterwegs überlegte ich mir, daß dies nicht geschehen konnte, ohne daß der betreffende Lauscher es von oben sah. Es war vorauszusehen, daß er fliehen werde; darum schickte ich, um ihn verfolgen zu können, Ben Nil zurück, um unsere beiden HedschIbn zu holen. Ich kam gerade zur rechten Zeit oben an, um sehen zu können, daß ein Mann sein Kamel bestieg und davonritt. Er hatte einen reinen, weißen Burnus an, und sein Tier war auch von weißer Farbe. Gern hätte ich es niedergeschossen, um des Reiters habhaft zu werden, aber mein Kennerauge machte mir einen Strich durch die Rechnung. Als es auf das Kamel fiel und die Formen und Bewegungen des Tieres erblickte, fühlte ich mich so enthusiasmiert, daß ich das Schießen vergaß. Ja, das war ein HedschIbn! Zehn vom Werte des meinigen wogen es nicht auf! Ich stand mit angelegtem Gewehre da, und als ich meiner Bewunderung Meister geworden war, hatte es spielend schon eine solche Strecke zurückgelegt, daß meine Kugel es nicht mehr erreichen konnte. Der Reiter drehte sich um und schwang sein Gewehr höhnisch gegen mich.

Ich glaubte, es müsse fast eine Stunde verflossen sein, als Ben Nil mit den Kamelen bei mir ankam. Wir stiegen auf und jagten fort, dem Reiter nach.

Wir hatten, wie schon oft erwähnt, ganz vortreffliche, ja ausgezeichnete Tiere und schlugen sie mit dem Metrek, dem dünnen Stabe, mit welchem man die Kamele leitet, so um die Ohren, daß sie gleich im Anfange ihre größte Schnelligkeit entwickelten, doch vergebens. Ich mußte schon nach zehn Minuten einsehen, daß es unmöglich sei, den weißen Reiter einzuholen. Der Vorsprung, den er hatte, wuchs von Schritt zu Schritt; seine Gestalt wurde kleiner und immer kleiner, und als er am Horizonte nur noch wie ein scheinbar haselnußgroßer Punkt zu sehen war, hemmte ich den Lauf meines Kameles, um nach dem Wadi umzukehren. Ben Nil folgte mir mißmutig. Hätten wir gewußt, wer dieser Reiter war, so hätten wir uns schon jetzt über die Maßen geärgert.

In der Nähe des Wadi angekommen, hörte ich ein dumpfes Getön, welches aus demselben drang; es klang wie Donner, aber heller und nicht ganz so stark. Sollte das Gewehrfeuer sein? Wir hatten, um hinab zu können, mit den Tieren einen Umweg zu machen, welcher in einer Rinne hinunterführte; darum konnten wir nicht eher etwas sehen, als bis wir die Tiefe des Wadi erreicht hatten.

Was ich da erblickte, machte mir beinahe das Blut stocken. Sämtliche Sklavenjäger, nur einen einzigen ausgenommen, lagen am Felsen hin in einer langen Reihe tot am Boden, und diesen Leichen gegenüber stand noch jetzt die Reihe der Asaker, welche die Exekution vollzogen hatten. Der Emir selbst war mit dem Lieutenant beschäftigt, die Hingerichteten zu untersuchen, ob vielleicht in einem von ihnen noch Leben vorhanden sei. Die Salve der Asaker war es also gewesen, welche wir gehört hatten.

Als der Reïs Effendina mich kommen sah, trat er mir entgegen und sagte, indem er auf die Leichen deutete:

»Da liegen sie, welche nicht nach dem Gesetze der Wüste, sondern nach dem meinigen gerichtet sein wollten. Sie glaubten, sich dadurch retten zu können; aber ich bin gekommen, um zu strafen, um Gerechtigkeit walten zu lassen, nicht aber, um diesen zehn- und hundertfachen Mördern Gelegenheit zu geben, sich mit Gold und Silber loszukaufen.«

»Warum aber alle?« fragte ich, der ich ein Grauen nicht abzuwehren vermochte. »Du konntest die Verführer strafen und gegen die Verführten Milde walten lassen!«

»So? Konnte ich das?« fragte er unter einem grimmigen Lachen. »Meinst du wirklich, daß es hier Verführer und Verführte gab? So kennst du diese Verhältnisse nicht genau oder bist als Christ gewöhnt, auf alle Fälle einen Grund zur schwächlichen Barmherzigkeit ausfindig zu machen. Wehe dem, der wehe thut! Nach diesem Spruche habe ich zu handeln. Vergegenwärtige dir doch, was diese Scheusale begangen und auf ihren Gewissen hatten! Denke an die Härtigkeit ihrer Herzen, an die Verruchtheit ihrer Gesinnung! Sie würden die Schwäche des Richters verspottet haben. Ich werde die Sklavenjäger mit dem Schwerte, dem Messer, der Kugel ausrotten. Das geht viel schneller, und Allah wird mir nicht zürnen, wenn ich durch unbeugsame Gerechtigkeit das schnell zu erreichen suche, was durch Milde erst nach langen, langen Jahren, vielleicht auch niemals erreicht werden kann. Giebst du mir recht oder nicht?«

»Ja, ich gebe dir recht, denn das Christentum lehrt nicht nur die Liebe, sondern auch das Gericht. Auch bei uns wird der Verbrecher bestraft, doch nehmen wir an, daß er sich bessern kann.«

»Ein Ibn Asl bessert sich nie. Aus Rücksicht auf dich habe ich dir vorher nichts gesagt und die Exekution in deiner Abwesenheit vornehmen lassen. Nur den Jüngsten habe ich leben lassen, damit er Ibn Asl aufsuchen kann, um ihm zu erzählen, was geschehen ist. Dann wird die Kunde von meiner unbeugsamen Strenge überall, wo Sklavenjäger sind, erschallen, und die Furcht vor mir wird ebenso viel wirken, wie ich selbst vermag,«

»Warum diesen Mann Ibn Asl nachsenden, da wir denselben doch bald ergreifen werden!«

»Bist du denn wirklich so sicher, ihn zu erwischen?«

»Ich halte es für nicht allzu schwer, obgleich er von dem, was sich hier ereignet hat, bald benachrichtigt sein wird.«

Ich erzählte ihm von dem weißen Reiter. Seine Aufmerksamkeit war auffallend groß, warum, das erfuhr ich sofort, denn als ich geendet hatte, fragte er in gespanntem Tone:

»Weißt du genau, daß sein HedschIbn weiß war? Hatte es nicht vielleicht nur eine hellgraue Farbe?«

»Nein; es war so weiß wie eine Schimmelstute vom Dschebel Tumtum el Mukkeny.«

»Und er trug einen weißen Burnus?«

»Einen vollständig hellen Haïk, dessen Kapuze über den Kopf gezogen war.«

»So konntest du sein Gesicht nicht sehen?«

»Die Kapuze verhüllte nur die Stirne, dennoch konnte ich seine Züge nicht genau erkennen, da die Entfernung sehr bedeutend war.«

»Hatte er einen Bart?«

»Einen dichten, schwarzen Vollbart.«

»Und seine Statur?«

»Er war nicht hoch, aber breitschulterig.«

»Himmel! Er war es; er ist es gewesen!«

»Wer?«

»Ibn Asl selbst. Deine Beschreibung stimmt ganz genau. Und sein Kamel ist weit und breit berühmt. Es ist ein schneeweißes Dschebel-Gerfeh-HedschIbn, dem kein anderes gleicht. Es ist schnell wie ein Pfeil und ausdauernd wie die Nässe in der Regenzeit; kein anderes Tier kann es einholen.«

»O weh! So hätte ich also den Mann vor mir gehabt, ohne ihn fassen zu können!«

»Ja, so ist es! Er war da; er hat sich bis an das Wadi gewagt.«

»Welche Kühnheit!«

»Wie ich dich kenne, würdest du ganz dasselbe wagen. Übrigens führt er ja den Beinamen el Dschasuhr, der Kühne. Er ist unterwegs nach hier gewesen und hat den Mokkadem und den Muza’bir, welche euch entflohen sind, getroffen. Die haben ihm erzählt, daß ihr die Karawane überfallen habt, und er schickte sie mit seinen Begleitern weiter und kam zum Wadi, um zu sehen, wie die Sachen stehen. Er hat uns beobachtet und eingesehen, daß er uns die Sklavinnen nicht wieder abnehmen kann. Nun ist er zurück, um auf neue Streiche zu sinnen.«

»Die wir ihm wohl vereiteln können! Mag sein Kamel noch so schnell sein, er hat Leute bei sich, welche nicht so schnell reiten können wie er. Es müssen sogar mehrere von ihnen zwillings reiten, da unsere Flüchtlinge zu Fuße waren. Darum kommt er nur langsam fort, und ich mache mich anheischig, ihn einzuholen.«

»Ich traue es dir zu, aber es ist nicht notwendig. Du mußt die Sklavinnen in ihre Heimat bringen.«

»So eile du ihm nach!«

»Fällt mir nicht ein! Ich muß nach Chartum und werde ihn dort oder wenigstens in der dortigen Gegend fassen.«

»Wenn er sich fassen läßt! Heute hast du die beste Gelegenheit dazu, während er nun gewarnt ist und sich also hüten wird, dir dort in die Hände zu laufen.«

»Denke doch an deinen Türken Murad Nassyr! Dieser will seine Schwester dem Sklavenjäger zum Weibe geben; er geht nach Chartum und wird irgendwo mit Ibn Asl zusammen kommen. Wenn ich ihn nicht aus dem Auge lasse, kann er mir gar nicht entgehen.«

»Diese Rechnung stimmt allerdings. Vorausgesetzt ist dabei freilich, daß Mura Nassyr deine Absicht nicht bemerkt.«

»Glaube nur, daß auch ich pfiffig und vorsichtig sein kann! Reite also getrost nach den Dörfern der Beni Fessarah, wo du den Lohn deiner Thaten ernten wirst. Wenn du dann nach Chartum kommst, wirst du erfahren, daß ich keinen Fehler begangen habe.«

»Wo treffe ich dich da?«

»Auf meinem Schiffe, und wenn es nicht dort liegt, so wirst du von dem Reïs el Mina erfahren, wo ich mich befinde.«

»Soll ich mich bei keinem höheren Beamten erkundigen?«

»Nein, denn ich werde bei keinem vorsprechen. Da ich ungewöhnliche Vollmachten besitze, bin ich diesen Leuten unangenehm. Ich pflege mich auf mich selbst zu verlassen, ganz so wie du. Ich weiß von dir, daß du dich auch nur gezwungenermaßen an einen Vertreter deines Landes wendest.«

Da hatte er freilich sehr recht. Zu dem, was man selbst thun kann, soll man keine Unterstützung fordern. Es war also beschlossene Sache, daß ich die Töchter der Fessarah heimbringen sollte und ich bekam zwanzig Asaker als Begleiter.

Wie freuten sich die Frauen und Mädchen, als ich den Befehl zum Packen gab. Ben Nil blieb natürlich bei mir; ihn hätte ich nicht missen mögen. Selim aber konnte ich nicht brauchen; er sollte mit dem Reïs Effendina reiten. Als ich ihn, allerdings zum Scherze, aufforderte, sein Kamel zu satteln, antwortete er:

»Effendi, laß mich mit nach Chartum gehen, wo ich auf dich warten werde! Die Beni Fessarah, zu denen du gehst, sind nicht wert, den tapfersten der Helden bei sich zu sehen. Mein Schutz wird dir zwar sehr fehlen, aber ich werde zu dem Propheten beten, daß er über dich wacht und dich mir glücklich wiederbringt. Dann wird deine Freude, mich zu sehen, unbeschreiblich sein.« – –

Ein Chajjal

Ein Chajjal

Die Siegreiche,»EI Kähira«und»Bauwaabe el bilad esch schark«, das Thor des Orientes, so nennt der Ägypter die Hauptstadt seines Landes. Wenn die erstere Bezeichnung längst nicht mehr am Platze ist, so besteht die zweite doch zu vollem Recht. Kairo ist wirklich die Pforte des Ostens. Als solche ist diese Stadt dem Andrange occidentaler Einflüsse am meisten ausgesetzt, und die einst»Siegreiche«ist so altersschwach geworden, daß sie demselben kaum mehr zu widerstehen vermag. Sie wird von Jahr zu Jahr fränkischer, und da, wo ein hochgestellter Europäer einfach niedergestochen wurde, nur weil er behauptete, daß der Sultan die Aja Sofia in Stiefeln betrete, da kann heutzutage jeder Giaur die fünfhundertdreiundzwanzig Moscheen Kairos besuchen, ohne gezwungen zu sein, seine Füße zu entblößen.

Shepheards Hotel, das»Neue Hotel«, das Hotel d’Orient, das Hotel du Nil, das Hotel des Ambassadeurs und zahlreiche öffentliche Kosthäuser, Cafés und Restaurants bieten dem Fremden vollständige Befriedigung aller Bedürfnisse, welche die Heimat ihm anerzogen hat; aber viel, sehr viel muß er dafür bezahlen, und wer, wie ich, nicht gerade über die Einkünfte eines englischen Lords verfügt, dem ist anzuraten, sich von diesen Versammlungsorten europäischer Krösusse möglichst fern zu halten.

Freilich ist dieser Rat viel leichter gegeben, als er befolgt werden kann, denn wer als Fremder die angegebenen Häuser meiden und doch in Kairo leben will, der ist gezwungen, sich bei Eingebornen einzumieten und muß, wenn er sich nicht täglich und stündlich betrügen lassen will, die Verhältnisse des Landes genau kennen und wenigstens leidlich gut arabisch sprechen. Auf die Ehrlichkeit der Dolmetscher und Diener darf niemand sich verlassen. Ja, man kann einem Diener ein Vermögen anvertrauen und wohl darauf rechnen, daß er nichts entwendet; dafür aber wird er bei jedem kleinen Einkaufe, den er zu besorgen hat, seinen Herrn um einige Para oder gar Piaster betrügen, und solche Verluste, so unbedeutend sie im einzelnen sind, ergeben mit der Zeit eine ansehnliche Summe.

Mit den Dolmetschern ist es noch schlimmer. Geht einer, der die Sprache nicht kennt, mit seinem Dragoman auf den Bazar, so kann er annehmen, daß der letztere mit jedem Verkäufer gemeinschaftliche Sache machen und seinen Gewinnanteil sich später holen werde. Wird doch selbst der Landeskundige höchstens die Hälfte oder gar den dritten Teil der Summe, welche man von ihm fordert, bieten. Um dies zu erproben, nahm ein Franzose, welcher sehr gut arabisch sprach, dies aber verheimlichte, einen Dragoman mit in einen Waffenladen. Er war kaum eingetreten und hatte die gebräuchliche Tasse Kaffee noch nicht erhalten, so hörte er den Händler zu dem Dolmetscher sagen: »Bruder, aber wollen wir dieses christliche Schwein betrügen! Er soll schlechte Sheffielder Ware bekommen und dennoch die Preise von Damaskus zahlen. Den Gewinn teilen wir.« Wie erstaunten beide, als der Franzose ihnen nun im schönsten Arabisch erklärte, daß er weder ein Schwein sei, noch überhaupt die Absicht gehabt habe, hier etwas zu kaufen!

Zwar schreibt ein berühmter Reisender:

»Früher mußte man selbst für alle Bedürfnisse sorgen und wie eine Köchin Reis und Erbsen, Rauchfleisch, Hühner und tausenderlei andere Viktualien, welche in schaudererregender Weise von den Reisehandbüchern aufgezählt werden, einkaufen. Seit Jahren übernimmt der Dragoman alles das und noch weit mehr. Man macht mit ihm einen Kontrakt, nach welchem er sich verpflichtet, so und so viel Gänge für Frühstück und Mittagsmahl und außerdem Licht und Wäsche, Bedienung und Beförderungsmittel zu liefern. Die Verträge werden auf dem Konsulate der Nation, welcher man angehört, geschlossen, und das ist nicht nur für die Sicherheit beider Teile, sondern auch deswegen vortrefflich, weil der gewinnsüchtige Führer sehr wohl weiß, daß er infolge schlechter Erfüllung seiner Obliegenheiten durch den Konsul, bei dem man sich stets, bevor man sich ihm anvertraut, nach seinem Rufe erkundigt, in seiner fernern Thätigkeit gefährdet, ja selbst ruiniert werden kann. Offener Betrug kommt fast niemals vor, während die verschmitzten Araber bei der Schließung des Kontraktes Vorteile zu erringen und Verpflichtungen von ihren eigenen auf die Schultern der Reisenden mit einer Klugheit zu übertragen verstehen, die eben nur ihrer Rasse eigen ist.«

Aber er giebt mit den letzten Worten die Pfiffigkeit dieser Leute zu, und es ist meines Erachtens ganz gleichgültig, ob ich gleich beim Eingehen des Kontraktes oder später über das Ohr gehauen werde. Übrigens ist derjenige, welcher einen solchen Vertrag abschließen kann, wohl zu beneiden, denn es müssen ihm Mittel zur Verfügung stehen, die nicht jeder andere Reisende besitzt. So und so viele Gänge für Frühstück und Mittagsmahl, Hühner und tausenderlei andere Viktualien, Wäsche und Licht! Wohl dem, der in dieser Weise reisen kann! – –

Ich war bei meiner Ankunft im Hotel d’Orient abgestiegen und hatte mir das billigste Zimmer geben lassen; es sollte mir nur für heute als Wohnung dienen. Dann ging ich aus, um mich nach einem Privatlogis umzusehen. Das Hotel liegt an der Esbekijeh, dem schönsten freien Platze der Stadt. Dieser bildete früher zur Zeit der Nilüberschwemmung eine weite Wasserfläche. Mehemed Ali ließ ihn, um das Wasser von der Mitte fern zu halten, mit einem Kanale einfassen, an dessen Ufern man Bäume pflanzte. Ismail Pascha befahl, den ganzen Raum mit Erde zu bedecken, so daß er nun ebenso hoch liegt wie die übrige Stadt. Ein Teil wurde mit Gebäuden besetzt und der andere in einen Garten mit Kaffeehäusern, Theatern und Grotten umgewandelt. Nachmittags finden hier oft Konzerte statt. Auf der Ostseite liegen die Paläste der Ministerien des Äußern, des Innern und der Finanzen; auf der Südseite erblickt man das Theater und das Opernhaus. Dieser Garten hat eine Fläche von 32000 Quadratmetern, und wer auf diesem weiten Raume die Unzahl der vorhandenen Restaurants, Bierhallen, Liqueur- und Eisbuden, Musikhäuser, Kaskaden und Gaskandelaber erblickt, der würde nicht glauben, sich an der »Pforte des Orients«zu befinden, wenn er nicht durch die überall grünenden und blühenden kostbaren Pflanzen der südlichen Zone daran erinnert würde.

Ich wendete mich südöstlich nach der Muski. Dies ist das alte Frankenviertel, wo, und zwar unter Saladin, die Christen zuerst die Erlaubnis zum Wohnen erhielten. Hier sind die meisten und größten europäischen Läden; hier ist der Verkehr am regsten und infolge dessen das Gedränge am dichtesten. Die Straße ist freilich ziemlich eng und dumpfig, aber ehe die drei »fashionablen« Stadtteile, die nordwestliche Esbekijeh, das westliche Ismailia und das südliche Abdin entstanden, war sie die einzige erträglich breite Straße in ganz Kairo. Hier hat noch alles einen europäischen Anstrich; nur einige alte, arabische, flache Dächer, der echt ägyptische Schmutz und der überall wahrnehmbare Trümmer- und Wüstengeruch erinnern einen, wo man sich befindet.

Will man den unverfälschten Orient sehen, so muß man sich in eines der arabischen Viertel begeben, und dazu bedarf es keines weiten Weges. Ich erinnerte mich meines frühern Aufenthaltes in Kairo und bog in eine enge Seitengasse ein. Sie mündete in eine andere Gasse, und als ich diese erreichte, winkten mir von der alten Lehmmauer eines niedrigen Hauses die vier Inschriften entgegen:

Beer-house
Cabaret à bière
Birreria
Bira, ingliziji we nimsawiji,

also englisch, französisch, italienisch und arabisch. Die vierte Zeile war natürlich in arabischer Schrift geschrieben. Ich blieb stehen und betrachtete das Lokal. Das Aussehen desselben stieß mich ab, aber das Wort Bier zog mich an. Das Haus hatte weder Thüre noch Fenster. Die vordere Seite desselben bestand aus zehn hölzernen, vielfach zersprungenen Säulen, welche den obern Teil der Wand trugen. Hinter diesen Säulen lag das also nach der Straße offene Bierlokal. Man sah die wenigen Gäste rauchend auf Stroh- und Bastmatten sitzen oder auf hölzernen Marterfallen hocken, welche höchst wahrscheinlich Stühle sein sollten. Ein unendlich dicker Kerl, welcher auf einem solchen Sitze schwitzte, sah, daß ich mich bedachte; er winkte mit beiden Händen, grinste mir höchst freundlich zu und rief:

»Gel tschelebi, gel tschelebi! Arpa suju pek eji, pek eji – kommen Sie, Herr, kommen Sie! Das Bier ist sehr gut, sehr gut.« – Das war türkisch; der Mann war also ein Osmanli. Als ich seiner Aufforderung nicht sofort folgte, hielt er mir mit der linken Hand die Flasche entgegen und winkte mit der rechten so angelegentlich, daß sein schwerer, faßförmiger Leib in schütternde Bewegung kam; das konnte der Stuhl, welcher ohne Lehne war und schusterschemelartig nur aus drei dünnen Beinen und einem dünnen Sitze bestand, nicht aushalten; er knackte zusammen, und der Dicke fuhr mit einem lauten Krach zur Erde nieder. »O jarik, o göküm, o babaiarim, o tenim, o azalarim, o bukalim – o wehe, o mein Himmel, o meine Väter, o mein Leib, o meine Glieder, o meine Flasche!« zeterte er, indem er die Linke hoch empor hielt, aber keinen Versuch zum Aufstehen machte.

Ich sprang hinzu und konnte mich zunächst nur davon überzeugen, daß sein letzter Ausruf »o meine Flasche!« sehr begründet war. Er hatte sie an einer der erwähnten Säulen zerschlagen und hielt nur noch den leeren Hals in der Hand. Der Inhalt hatte sich über sein Gesicht und seinen ganzen Anzug ergossen. Die andern Gäste blickten lächelnd herüber, aber keiner von ihnen machte Miene, herzukommen, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein.

»Zarar onlarinwar – sind Sie verletzt?« fragte ich ihn, indem ich ihm den Flaschenrest aus der Hand nahm und ihn mit meinem Taschentuche abtrocknete.

»Azalarim dschümle kyrmysch – alle meine Glieder sind zerbrochen!« antwortete er, indem er, auf dem Rücken liegend, beide Arme und beide Beine emporhielt.

»Das glaube ich nicht,« tröstete ich ihn; »wären Sie an den Gliedern verletzt, so könnten Sie nicht diese für Sie so schwierige Stellung einnehmen. Versuchen Sie doch, einmal aufzustehen!«

Ich nahm ihn bei den Händen und zog – zog – zog mir fast das Leben heraus, vergeblich! Da kam ein junger, schwarzer Mensch herbei, jedenfalls der Sufratschil; er hatte ein Kohlenbecken in der Hand, mit dessen glühendem Inhalte er die Tschibuks der Gäste in Brand zu setzen pflegte. Der junge besaß ein Gesicht wie einer, der zu jedem tollen Streiche geneigt ist. Er faßte mit der Zange eine brennende Kohle und hielt sie dem Dicken so nahe unter die Nase, daß der Schnurrbart hörbar zu sengen begann. Im Nu war der Türke auf und langte dem Knaben ein solches Bakschisch hinter die Ohren, daß dieser das Becken fallen ließ und schreiend im Hintergrunde verschwand.

»Sakalim, Byjykym güzel – mein Bart, mein schöner Schnurrbart!« schrie der Dicke ingrimmig, indem er die maltraitierte Zierde mit beiden Händen liebkoste. »Wie kann dieser Neger sich an dem Schmucke meiner Männlichkeit vergreifen! Allah brate ihn dafür im tiefsten Winkel der Hölle!«

Jetzt, da er aufgerichtet vor mir stand, konnte ich ihn genau betrachten. Er war nicht zu hoch, aber, wie bereits gesagt, von desto größerem Körperumfang. Sein Gesicht zeigte eine tiefere Röte als nur diejenige der Gesundheit; es hatte den Ausdruck der Ehrlichkeit, und wenn seine Augen jetzt auch zornig funkelten, so schienen sie doch geeignet zu sein, bei anderer Stimmung freundlicher blicken zu können. Sein Alter schätzte ich auf höchstens fünfunddreißig Jahre. Sein Anzug glich genau dem meinigen, weite türkische Schalwar, eine Weste und kurze Kubaran mit Stehkragen, Fez, ein Halstuch unter dem Hemdenkragen und ein Gürteltuch, an den Füßen leichte Stiefeletten, nur daß meine Kleidung von mittelgrauer Farbe, die seinige aber dunkelblau und mit vielen goldenen Tressen und Schnüren verziert war. Er hatte das Aussehen eines Mannes, der mit dem Inhalte seines Beutels nicht zu geizen braucht.

Jetzt betastete er seinen Körper hinten und vorn, von oben bis unten, und als er erkannte, daß er mit heiler Haut und einigen versengten Schnurrbarthaaren davongekommen sei, erheiterte sich sein Gesicht. Er streckte mir die Hand entgegen und sagte, indem er mir die meinige herzlich schüttelte:

»Allaha schücke, szagh im! Bu wakyt n’asl idiniz – Gott sei Dank, ich bin gesund! Wie ging es Ihnen diese Zeit?«

»Diese Zeit?« fragte ich erstaunt. »Sie kennen mich, wie es scheint?«

»Und Sie mich nicht?«

»Ich kann mich wirklich nicht erinnern.«

»Ich glaube es, denn Sie haben damals nicht mit mir gesprochen. Setzen wir uns! Sie sind ein Deutscher und werden gern ein Glas Bier trinken. Ich habe Sie gerufen, und Sie müssen die Güte haben, mein Gast zu sein.«

Er setzte sich auf einen festern Stuhl, und ich nahm ihm gegenüber Platz. Welch ein Zufall! Kaum hatte ich in Kairo den Staub des Dschebel Abu Tartur von mir geschüttelt, so traf ich einen Türken, welcher mich kannte und gar nicht übel von mir zu denken schien! Ich war äußerst neugierig, zu erfahren, wer er war und wo er mich gesehen hatte.

»Ja walad, dschib schischaten – he, Junge, bringe zwei Wasserpfeifen!« rief er nach hinten.

Der Negerknabe kam zaudernd herbei und stellte die Pfeifen mit möglichst langen Armen auf den Tisch; er hatte Angst vor einer Wiederholung der Ohrfeige, welche er erhalten hatte. Als er sah, daß der Türke keine zornige Notiz von ihm nahm, faßte er Mut, uns Kohlen zu reichen. Die Köpfe waren mit Tembek gefüllt, einem schweren persischen Tabake, welcher nur aus dem Nargileh geraucht wird.

»A’tina kizazaten bira nimsawijii – gieb uns zwei Flaschen österreichisches Bier!« lautete nun der weitere Befehl. Das war eine Höflichkeit gegen mich; ich als Deutscher sollte österreichisches und kein englisches Bier trinken. Desto unhöflicher verhielt er sich gegen den jungen, denn kaum hatte dieser die Flaschen und die beiden Gläser vor uns hingestellt, so bekam er eine so kräftig verbesserte Auflage der ersten Kaffl, daß er wie eine Forelle blitzschnell quer durch den Raum und hinten zur Thüre hinausflog.

»Bu-war partschasi – der hat seinen Teil!« sagte der Türke lachend, indem er die Flaschen öffnete, um sich und mir einzugießen. Der Mann trank jedenfalls nicht zum ersten Male mit einem Abendländer, denn er stieß ganz regelrecht mit mir an. Es war Pilsener Bier, ja wirklich Pilsener, und wenn ich mich nicht irre, aus der bürgerlichen Brauerei! Liebster Orient, es wird mir langsam angst um dich! Aber trinke nur weiter, trinke immer Bier; das ist besser als der scharfe Araki, der dir das Blut vergiftet und die Nerven tötet, obgleich Muhammed ihn nicht so wie den Wein verboten hat!

Als wir getrunken hatten und die Pfeifen sich in Gang befanden, musterte der Türke mich mit einem Blicke, welcher von freundlicher Hochachtung zeugte, und sagte dann:

»Sie kennen mich nicht; darum muß ich Ihnen meinen Namen sagen. Ich heiße Murad Nassyr und wohne in Nif bei Ismir‘. Ich bin Bazirgijan und habe mehrere Schiffe gehen. Mein Mekteb befindet sich in Ismir; meine Niederlagen aber sind in Nif. O, Effendi, ich habe da schöne, sehr schöne und wertvolle Sachen, an denen sich mancher Pascha erfreut!«

Bei diesen Worten legte er die Spitzen des Daumens und des Zeigefingers an den Mund, küßte sie, schloß die Augen und schnalzte mit der Zunge, als ob er an etwas außerordentlich Schönes denke. Dann fuhr er fort:

»Aber ich bin nicht nur Bazirgijan, sondern auch Krieger. Ich habe auf meinen Reisen oft die Waffen zu führen, und es giebt keinen Menschen, der sich rühmen könnte, mich jemals besiegt zu haben. Mein Name wird Ihnen das schon sagen.«

Er hatte das mit großem Stolze gesprochen und sah mich nun erwartungsvoll an, was ich dazu sagen würde.

»Ihr Name?« fragte ich. »Meinen Sie Murad oder Nassyr?«

»Nassyr natürlich.«

»Nun, dieses Wort hat ja gar nichts mit Tapferkeit zu thun, denn es bedeutet eine Verhornung der Zehenhaut, eine Krankheit der Zehen, welche oft so schmerzhaft ist, daß man Gesichter schneidet, die gar nicht heldenhaft sind.«

Das türkische Wort bedeutet nämlich das liebliche deutsche Hühnerauge.

»Allah, Allah!« rief er aus. »In was für einem Irrtume befinden Sie sich! Das Wort bedeutet ja Sieger!«

»Das arabische Nassyr ist Sieger, nicht aber das türkische Nassyr. Sie müßten Ghalib, Fatih oder Genidschi heißen.«

»Effendi, wollen Sie mich beleidigen oder meine Wangen schamrot machen? Wie können Sie als Deutscher den Namen eines Mannes, dessen Ahnen unter den berühmtesten Sultanen ruhmvoll gekämpft haben, besser beurteilen können, als er selbst.«

»Nun gut, so irre ich mich,« lenkte ich höflich ein. »Verzeihen Sie meine Unwissenheit!«

»Ich verzeihe,« antwortete er befriedigt. »Und nun will ich Ihnen auch sagen, wo ich Sie gesehen habe. Es war in Dschezaïr, wo mein Schiff vor Anker lag. Kennen Sie dort einen französischen Kaufmann Namens Latréaumont?«

»Allerdings.«

»Sie saßen in einem Kaffeehause der Straße Bab-Azoun. Auch ich kam hin und bemerkte, daß Sie von den Anwesenden unausgesetzt betrachtet wurden. Man sprach leise von Ihnen, und als Sie fort waren, erkundigte ich mich. Ich erfuhr, daß Sie der Deutsche seien, der den Sohn Latréaumonts, welcher überfallen und tief in die Sahara geschleppt worden war, mitten aus der Schar der Henker herausgeholt hatte. Ich habe mir Ihr Gesicht genau gemerkt und Sie, als ich Sie vorhin erblickte, sofort erkannt.«

»Ich kann nicht leugnen, daß ich allerdings dieser Deutsche bin; doch hat man das, was ich that, durch das Churdebin, betrachtet.«

»Nein, denn ich weiß, daß Sie die ganze große Gum vernichtet haben; es ist Ihnen nicht ein einziger der Imoscharh oder Tuareg entkommen.«

»Ich war ja nicht allein!«

»Ein Engländer und zwei Diener waren mit Ihnen; das ist alles. Ich mußte später in Geschäften zu Latréaumont, und er hat mir die Geschichte ausführlich erzählt. Effendi, wo kommen Sie jetzt her?«

Vom Bir Haldeh im Gebiete der Uelad Ali.«

»Und wo wollen Sie hin?«

»Nach Hause.«

»Nach Deutschland? Werden Sie dort erwartet, oder haben Sie dort notwendige Geschäfte? Ein Effendi wie Sie kann aber doch keine Geschäfte haben!«

Er erwartete meine Antwort mit dem Ausdrucke großer, offen gezeigter Spannung im Gesicht.

»Nun, Geschäfte habe ich freilich nicht, und gerade mit Ungeduld erwartet mich auch niemand.«

»So bleiben Sie hier; bleiben Sie, und reisen Sie mit mir!«

»Wohin?«

»Nach dem Sudan, nach Chartum.«

Welches Anerbieten! Eine Reise da hinauf wäre die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches gewesen, aber leider konnte ich keinen andern Bescheid geben als:

»Ich kann nicht; es ist mir unmöglich, zu bleiben; ich muß heim.«

»Warum aber, da weder ein Geschäft noch ein Mensch Sie ruft?«

»Dieser hier treibt mich fort,« antwortete ich, indem ich auf die Tasche schlug und den Lederbeutel zog, um ihm denselben vor der Nase zu schütteln. »Soll ich Ihnen die Krankheit, an welcher diese Börse leidet, türkisch oder arabisch nennen? Es ist die Sill, die Zajyflanmal, ein Übel, welches nur in der Heimat geheilt werden kann. Das heißt mit anderen Worten, daß mein Geld nur noch zu einem kurzen Kamelritt nach Suez und dann zur schleunigen Heimkehr reicht.«

Ich erwartete natürlich ganz bestimmt, daß er nun die Angelegenheit auf sich beruhen lassen werde, hatte mich aber geirrt, denn er meinte:

»O, Ihnen kann es nicht am Gelde fehlen. Wenn Sie zur Bank von Ägypten in der Muski, zu Oppenheim und Compagnie in der Esbekijeh oder zu Tod, Rathbone und Compagnie am Rosette-Garten gehen, so bekommen Sie sofort, was Sie verlangen. Ich kenne diese Leute.«

»Aber sie kennen mich nicht!«

»So gebe ich Ihnen ein Kiaghat mit!«

»Ich danke! Ich borge nicht. Ich bin nicht so reich wie Sie und kann nicht weiter reisen, als meine Kasse reicht.«

»Sie wollen also wirklich nicht?«

»Nein.«

»Schade, jammerschade!« meinte er, indem sein Gesicht den Ausdruck des aufrichtigsten Bedauerns zeigte. »Sie wären der Mann gewesen, den ich brauchen könnte. Ich freute mich als ich Sie sah, und nahm mir sofort vor, wenn Sie nichts anderes vorhätten, um Ihre Begleitung zu bitten.«

»Sie hätten mich brauchen können?«

»Ja.«

»wozu?«

»Allahl Das fragen Sie noch? Ich will nach Chartum, um meine Schwester ihrem Nischanly zuzuführen. Sie hat einige Dienerinnen bei sich, und ich muß mir Leute mieten, auf welche ich mich verlassen kann. Denken Sie, die lange und gefährliche Fahrt auf dem Nile und die halbwilden Araberstämme, durch deren Gebiet wir kommen! Ein Mann wie Sie, der es mit der Gum, mit einer ganzen Schar blutgieriger Tuareg aufgenommen hat, der fürchtet sich nicht. Haben Sie die Gewehre mit, welche Sie damals bei sich hatten?«

»Ja.«

»Nun, so überlegen Sie es sich! Die Reise soll Ihnen keinen Para kosten; ich werde für alles sorgen. Bezahlung, wie einen Diener, darf ich Ihnen freilich nicht bieten; aber ich werde da oben Geschäfte machen, gute Geschäfte, welche viel Geld einbringen, und wir wollen beraten, welchen Teil des Gewinnes Sie erhalten sollen.«

Das war ein Wort! Ich gestehe aufrichtig, daß ich am liebsten gleich ja gesagt hätte, doch erkundigte ich mich:

»Welche Geschäfte sind es, die Sie im Sinne haben?«

Er zwinkerte mit den Augen, und sein Gesicht nahm einen so listigen Ausdruck an, wie ich ihm gar nicht zugetraut hätte.

»Können Sie sich das nicht denken?«

»Nein.«

»Etwa Reqiq machen?«

Er blickte mir mit gespannter Erwartung in das Gesicht. Reqiq heißt Sklaven. Ich antwortete schnell:

»Dazu würde ich meine Hand niemals bieten; ich bin ein Christ! Übrigens sind die Sklavenjagden vom Khedive jetzt verboten.«

Sein Gesicht nahm den früheren unbefangenen Ausdruck an, als er antwortete:

»Ein professionierter Sklavenjäger fragt nicht nach dem Verbote des Khedive; aber ich bin keiner und kann auch gar nicht die Absicht haben, Neger zu fangen. Ich habe vielmehr mein Augenmerk auf Straußfedern, Gummi, Weihrauch, Sennesblätter, Büffelhörner und Elfenbein gerichtet. Von dem allen giebt es in Chartum große Vorräte, und ich habe die Absicht, bedeutende Einkäufe zu machen. Halten Sie das für eine Sünde, für gegen Ihre Religion?«

»Ganz und gar nicht.«

»So reisen Sie mit. Schlagen Sie ein!«

Er hielt mir seine Hand entgegen.

»Die Zeit ist zu kurz, und wir kennen uns nicht,« bemerkte ich.

»Ich kenne Sie und wiederhole: Sie sind der Mann, den ich brauche. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie keinen Schaden davon haben werden. Sie werden ganz im Gegenteile bei Ihrer Rückkehr in die Heimat dann einen stark gefüllten anstatt einen leeren Beutel mitbringen.«

Dieses Argument war, wenn nicht gerade maßgebend, so doch aufmunternd. Wenn nur nicht der gar so pfiffige Blick gewesen wäre, mit welchem er vorhin meiner Antwort entgegengesehen hatte! Dieser hatte mich trotz des ehrlichen Gesichtes des Türken mißtrauisch gegen ihn gemacht. Es war mir ganz so, als ob es ihm sehr recht gewesen wäre, wenn ich mich nicht als Gegner des Sklavenhandels zu erkennen gegeben hätte. Darum gab ich ihm jetzt den Bescheid:

»Die Sache eilt nicht so sehr. Geben Sie mir Bedenkzeit!«

»Ganz gern, Effendi. Aber ich denke, Sie wollen nach Suez, falls wir nicht einig werden. Wann würden Sie dahin gehen?«

»Uebermorgen oder den Tag darauf.«

»Nun, so haben wir ja Zeit. Darf ich fragen, wo Sie wohnen?«

»Eigentlich wohne ich noch gar nicht. Ich habe meine wenigen Effekten im Hotel liegen und ging jetzt aus, mir ein Privatlogis zu suchen.«

»Und Sie haben noch keins gefunden?«

»Weder gefunden noch überhaupt gesehen, da Sie gleich bei Beginn meiner Entdeckungsreise die Güte hatten, mich hierher zu winken.«

»Das ist sehr gut; das ist vortrefflich, denn ich habe eine Wohnung für Sie; es fragt sich nur, welche Ansprüche Sie machen.«

»Wenig oder gar keine. Ich brauche eine einfache Stube, mit einem Teppich oder auch nur mit ganz gewöhnlichen Decken belegt. Nur reinlich muß sie sein. Und wenn es einen kleinen, freien Hofraum, in welchem man einen Mund voll frische Luft nehmen kann, dabei giebt, so bin ich mehr als zufriedengestellt.«

»Das sind freilich sehr geringe Ansprüche!«

»Wer gewöhnt ist, auf seinen Reisen unter freiem Himmel zu schlafen, der kann hier in der Stadt seine Bedürfnisse leicht mäßigen.«

»Das ist gar nicht notwendig. Sie können wohnen wie ein Pascha. Das Logis, welches ich Ihnen empfehlen will, ist ein sehr feines. Sie können drei Zimmer haben, mit denen ein Minister höchst zufrieden sein würde.«

»Danke sehr! Ich bin kein Minister und lebe auch nicht auf dem Fuße eines solchen. Gerade weil die Wohnung, weiche Sie mir empfehlen, eine so feine ist, paßt sie nicht für mich und – – für meinen Beutel.«

»O, sie paßt ganz gut, denn Sie haben nicht einen Piaster zu bezahlen.«

»Pah! Wer vermietet drei Zimmer, ohne Bezahlung zu verlangen?«

»Wer? Ich, Effendi, ich!«

»Sie selbst? Besitzen Sie denn ein Haus in Kairo?«

»Nein; aber ich habe mir eins gemietet. Aus Geschäftsrücksichten und wegen der Vorbereitungen zur Reise war ich gezwungen, wenigstens drei Wochen in Kairo zu bleiben. Und weil ich den Harem meiner Schwester bei mir habe, konnte ich weder in einem Hotel noch in einem Privathause sein, welches noch von andern Leuten bewohnt wird; ich mußte mir also ein ganzes Haus mieten, was eine sehr schwere Aufgabe war. Endlich fand ich ein passendes Gebäude, zwei Straßen von hier. Der Besitzer ist ein sehr reicher Mann gewesen und hat seine ganze, prächtige Einrichtung zurückgelassen.«

»Und da haben Sie drei Zimmer übrig?«

»Noch mehr, wenn Sie wollen. Das Haus ist groß und weit, und ich bewohne es ganz allein; da giebt es Stuben, welche wir nie betreten. Es ist ein eigentümliches Gefühl, ein so weitläufiges Gebäude allein zu bewohnen; darum würden Sie mir einen wahren Gefallen erweisen, wenn Sie zu mir ziehen und auch an meinen einsamen Mahlzeiten teilnehmen wollten.«

»Hm! Dieser Vorschlag kommt mir nicht unannehmbar vor. Darf ich mir die betreffenden Zimmer einmal ansehen?«

»Ganz gern! Wenn es Ihnen recht ist, werden wir sofort aufbrechen. Junge, ich will bezahlen!«

Er rief diese letzten Worte nach hinten. Der Negerknabe steckte den Kopf zu der dort befindlichen Thüre herein und zog ihn wieder zurück. Er befürchtete eine nochmalige Wiederholung der Züchtigung und kam nicht, sondern schickte den Wirt. Der Dicke hatte für die Flasche Bier sieben Piaster, also über zwölf Groschen zu bezahlen; er murrte aber nicht über diesen Preis, sondern ließ dem Knaben noch einen Piaster Bakschisch einhändigen. Er schien ein Liebhaber des deutschen Gerstensaftes zu sein und meinte, daß wir dann, wenn ich die Wohnung angesehen hätte, wieder nach hier zurückkehren könnten.

Unterwegs erfuhr ich, daß er seine ganze freie Zeit in diesem Bierhause zuzubringen pflege, weil das Getränk ein ausgezeichnetes und der Verkehr vor dem Hause ein sehr unterhaltender sei. Die Straße verbreiterte sich nämlich dort auf eine kurze Strecke, was zur Folge hatte, daß der echt orientalisch laute Handel und Wandel sich besser entwickeln konnte. Man hatte von dem Bierhause aus einen sehr interessanten Blick auf das Treiben der bunten Masse; das mochte Murad Nassyr angezogen haben.

Wir kamen in die Gasse, in welcher er wohnte. Es war eine Sackgasse, wie es deren viele in Kairo giebt. Die Häuser derselben sahen gar nicht sehr einladend aus, was aber keineswegs auf das Innere schließen ließ. Es giebt Gebäude, welche auf der Straßenseite fast Ruinen gleichen und im Innern wahre Paläste sind. Der Orientale verheimlicht, ganz im Gegensatze zu dem Abendländer, alles, was sich auf seine Häuslichkeit und sein Familienleben bezieht. Das mag seine guten Seiten haben, läßt aber keine soziale Entwicklung, keinen bürgerlichen Zusammenhalt, kein gesellschaftliches Vorwärtsstreben aufkommen.

Viele Häuser waren ganz fensterlos. Wo es aber Fenster gab, da waren sie ganz unregelmäßig und scheinbar gedankenlos angebracht und dazu mit dicken Holzgittern versehen. Lange Fensterreihen mit blinkenden Glasscheiben, welche dem Außenlichte freien Zutritt gewähren, darf man im Oriente nicht suchen. Eine solche Fülle des Lichtes würde höchst störend wirken.

Das Gebäude, welches die Gasse abschloß, also querüber stand, war dasjenige, in welchem der Türke sich eingemietet hatte. Die Thüre war zwar sehr hoch, aber schmal. Ein Reiter konnte hindurch, mußte aber die Füße eng an den Leib des Pferdes legen, um nicht rechts und links anzustreifen. Sie war verschlossen; neben derselben hing an einer Schnur ein hölzerner Hammer, mit welchem Nassyr klopfte.

Erst nach längerer Zeit wurde geöffnet, und zwar von einem Menschen, über dessen Gestalt ich beinahe in Schreck geraten wäre. Indem er so vor mir unter der Thüre stand und mich mit neugierigen Augen musterte, war er um mehr als einen Kopf länger als ich; aber um so schmaler war sein Körper. Seine Brust war nur anderthalb Spannen breit; aber aus jedem Arme hätte ich, die Länge derselben gerechnet, zwei für mich machen können. In diesem Verhältnisse war sein Leib, war jedes Glied und auch das Gesicht gestaltet, lang, ewig lang, aber erschreckend schmal. Seine Nase war wenigstens sechs Zoll lang und dabei so scharf, daß man sie als Schnitzmesser hätte gebrauchen können. Das Gesicht war glatt rasiert. Auf dem Kopfe saß ein Turban von einer solchen Breite, wie ich sie selbst bei den Kurden, welche doch bekanntlich die breitesten Turbans tragen, nicht gesehen hatte. Vom Halse bis nach ganz unten, so daß man die Füße nicht sehen konnte, hing ein hemdartiger Talar von weißer Farbe herab; aber was für ein Weiß!

»Dieser Mann ist Selim, mein Haushofmeister,« sagte der Türke, indem er den langen, gespensterähnlichen Kerl zurück- und mich demselben nachschob. Wir traten ein, und der geisterhafte Selim verriegelte die Thüre hinter uns. Wir befanden uns in einem engen Hausgange, aber nicht in der Mitte, sondern auf der rechten Seite des Parterres, da die Thüre auf derselben angebracht war. Sämtliche Räume lagen also links von uns. Zunächst führte Nassyr mich hinaus in den Hof, dessen Einrichtung eine wirklich kostbare gewesen, jetzt aber sehr verfallen war. Wir gingen auf Marmor. In der Mitte des Hofes befand sich ein Bassin aus demselben Stoffe, aber ohne Wasser. Die vier Seiten wurden von dem Gebäude gebildet, welches den Hof rundum einschloß. Da standen ringsum Säulen, welche das obere Geschoß trugen und zwischen oder hinter denen ich die Thüren sah, welche in die Gemächer führten. Der Türke machte eine kreisförmige Bewegung mit der ausgestreckten Hand und sagte:

»Da liegt rings die ganze frühere Herrlichkeit. Hier hat es einen köstlichen Springbrunnen gegeben, welcher Kühle spendete, sich aber längst nicht mehr in Thätigkeit befindet. Denken Sie, wie viele Zimmer es hier giebt, oben und unten! Wer soll sie alle in Gebrauch nehmen!«

Er hatte türkisch gesprochen. Der Haushofmeister, welcher seitwärts von uns stand, verbeugte sich zustimmend und sagte arabisch: »Richtig, sehr richtig!«

Aber was für eine Verbeugung war das! Ich hatte noch nie eine solche gesehen und werde auch niemals wieder eine zu sehen bekommen, denn ein Haushofmeister Selim existiert nur einmal auf dieser Erde. Als er den Oberleib senkte, geschah das so plötzlich und mit solcher Gewalt, daß es schien, als ob derselbe von der Stellage der langen Beine ab- und zu Boden geschleudert werden solle. Dabei wackelte jedes Glied an dem Menschen. Er glich einer Espe oder Zitterpappel, durch deren Zweige und Blätter ein plötzlicher, starker Windstoß fährt. Dabei wurde der lange Kaftan in einer ganz eigenartigen, unbeschreiblichen Weise bewegt, ungefähr wie im Theater auf der Bühne das Tuch, mit dessen Hilfe die Wellenbewegung des Meeres dargestellt wird. Es war, als habe jede Rippe, jeder einzelne Knochen dieses Mannes sich aus dem Körperverbande gelöst und schieße nun auf eigene Rechnung allerlei Sprünge und Purzelbäume, welcher ausgelassenen Bewegung die betreffenden Stellen des Kaftans zu folgen hatten.

»Jetzt werde ich Ihnen auch den Garten zeigen,« fuhr der Türke fort. »Kommen Sie!«

Wir schritten über den Hof hinüber. Hinter mir hörte ich abermals ein »Richtig, sehr richtig!« und als ich mich umblickte, sah ich Selim in einer zweiten Verbeugung begriffen, welche so tief war, daß sein Leib mit den Beinen einen spitzen Winkel von sechzig Graden bildete.

Auf der anderen Seite des Hofes führte eine mit keiner Thüre versehene Maueröffnung in den Garten, der sehr groß war, natürlich im Verhältnisse zu dem Umstande, daß er mitten in der Stadt lag. Die drei anderen Seiten waren von einer doppelt manneshohen Mauer umgeben, welche an einigen Stellen altersschwache Breschen zeigten. Aber Grasplätze oder gar Blumen gab es nicht, sondern nur eine einzige Wildnis von allerlei Unkraut und Giftpflanzen, ein Bild des Orientes, wie es treffender gar nicht sein konnte.

»Das zeige ich Ihnen, damit Sie sich orientieren,« meinte Nassyr. »Nun sollen Sie Ihre Zimmer sehen.«

Wir kehrten in den Hof zurück. Dort stand Selim, auf uns wartend, noch immer an derselben Stelle und führte, als wir an ihm vorüberschritten, eine so waghalsige Verbeugung aus, daß mich die ernstliche Besorgnis überlief, seine überschlanke Taille werde sich aus der Hüfte drehen. Dann folgte er uns mit würdevollen Schritten, um uns die erste Thüre des Parterres zu öffnen, wobei er sich wieder so tief verneigte, daß die Spitze seiner Nase fast den Boden berührte.

Wir betraten eine Art Vorzimmer, welches mit einem großen Palmenfaserteppich belegt war. Die Wände waren, wie auch die Decke, weiß getüncht. Von hier aus kamen wir in einen zweiten größeren Raum, welcher jedenfalls als Empfangszimmer benutzt worden war. Rundum waren rotsamtne Kissen gelegt; ein Smyrnateppich bedeckte den Boden, und an den Wänden sah ich Kuransprüche, in Gold auf blauen Grund gemalt. Das nächste Zimmer war zum Schlafen bestimmt. Von der Mitte der Decke hing eine farbige Glasampel herab. In der einen Ecke lag ein kostbarer Gebetsteppich; in der anderen stand der Waschapparat, welcher, wie ich später sah, aus echt chinesischen Porzellangefäßen bestand, und gegenüber befand sich das Bett, ein niedriges Gestell, mit mehreren hohen, weichen Kissen belegt, auf welchen einige mit Seide überzogene Decken ausgebreitet waren.

Dann gelangten wir in ein kleines Gemach, welches als Herrenzimmer eingerichtet war. An der einen Wand hing eine ganze Pfeifensammlung; in einer Nische standen Nargilehs und kupferne Tabaksgefäße, und eine zweite Nische war als Bücherschrank eingerichtet. Die Bücher lagen noch auf den Brettern. Ich sah zwei geschriebene Kurans und noch eine Anzahl anderer frommer Werke. Der Besitzer mußte ein sehr unterrichteter und zugleich gläubiger Moslem gewesen sein.

Eine Thüre führte weiter; wir öffneten dieselbe aber nicht, sondern Nassyr erklärte:

»Nun kommen die Räume, welche ich bewohne; diejenigen, welche Sie bis jetzt gesehen haben, sind für Sie bestimmt. Wollen Sie hier wohnen?«

»Ich bin bereit dazu, doch nur unter einer Bedingung.«

»Welche könnte das sein?«

»Mein Einzug in diese Räume darf mich nicht etwa verpflichten, Ihr Reisebegleiter zu werden.«

»Zugestanden, Effendi! Sie ziehen hier ein und sind in jeder Beziehung mein Gast; in allem übrigen können Sie ganz nach Ihrem Gutdünken handeln. Doch hoffe ich, daß Sie mir die Freude machen werden, Teil an meiner Fahrt nach Chartum zu nehmen. Aber ehe Ihr Entschluß, hier zu wohnen, Gültigkeit erlangt, will ich Ihnen eine Mitteilung machen, die ich für notwendig halte. Selim, bring‘ Pfeifen!«

Der Haushofmeister stand noch unter der letzten Thüre, welche er uns geöffnet hatte. Er verbeugte sich in der bereits beschriebenen Weise, wobei alle seine Glieder schlotterten und die Arme bis zum Fußboden niederhingen, und antwortete:

»Richtig, sehr richtig! Aber das ist nicht meine, sondern Sache des Negers. Ich werde ihn senden.«

Der sonderbare Schlingelschlangel hielt sich für zu hochgestellt, als daß er sich zu dem von ihm geforderten Dienst hätte herbeilassen mögen. Er verschwand, und bald darauf erschien ein alter Neger, welcher zwei Pfeifen von der Wand nahm, sie stopfte, indem er sich des in den Kupfergefäßen befindlichen Tabaks bediente, dieselben in Brand steckte und sie uns dann knieend darreichte. Dann entfernte er sich, um draußen vor der Thüre auf weitere Befehle zu warten. Indessen hatten wir uns nebeneinander auf das Polster gesetzt und uns unterhalten. Ihn nach seiner Schwester zu fragen, verbot mir der Gebrauch des Orientes, obgleich ich, da ich aufgefordert worden war, mit ihr zu reisen, ein lebhaftes Interesse für sie hegen mußte. Eine Dame, welche von Smyrna nach Chartum gebracht wird, um dort vermählt zu werden, das ist gewiß ein Fall, welcher ebenso selten ist, wie er seine ganz besonderen Gründe haben muß. Ich erfuhr nur so nebenbei, daß sie vier Dienerinnen bei sich habe, zwei weiße und zwei schwarze.

Auf die Mitteilung, welche Nassyr mir zu machen hatte, war ich sehr gespannt. Wie ich aus seinen Reden hatte entnehmen können, mußte dieselbe sich auf die Wohnung beziehen und es hatte geklungen, als ob er sie mir aus ehrlicher Gesinnung machen müsse. Handelte es sich irgend etwa um einen Grund, welcher mich veranlassen konnte, auf die Wohnung zu verzichten, trotzdem ich weder für das Logis noch für das Essen zu zahlen brauchte? Ich sollte nicht sehr lange im Zweifel sein, obgleich der Türke in orientalischer Weise seine Mitteilung nicht ganz direkt machte, sondern sie durch eine Reihe von Vorfragen einleitete.

»Sie sind ein Christ,« begann er, »und ich kenne Ihre Religion zu wenig, um zu wissen, was dieselbe lehrt. Glauben Sie an die Seligkeit und an die Verdammnis und daß die Seele nach dem Tode fortbesteht?«

»Natürlich.«

»Wissen Sie, wohin die Seele kommt, welches der Ort ist, an welchen sie sofort nach dem Tode gelangt?«

»Nein. Nur Gott allein kann das wissen.«

»Kann eine abgeschiedene Seele auf Erden als Gespenst erscheinen? Antworten Sie auf Ihr Gewissen!«

»Als Geist wohl, aber als das, was ich unter dem Worte Gespenst verstehe, gewiß nicht.«

»So irren Sie sich. Es giebt Gespenster.«

»Wenn Sie das glauben, so will ich nicht mit Ihnen streiten, obgleich ich Ihre Ansicht nicht teile.«

»Sie werden meiner Ansicht werden. Sie werden schon morgen glauben, daß es Gespenster giebt, denn wir haben einen Chajjal hier im Hause.«

Er blickte mich dabei scharf an, wohl in der Erwartung, daß ich erschrecken werde. Gegen seine Voraussicht aber blieb ich ruhig und antwortete lächelnd:

»Da es überhaupt das nicht giebt, was das Volk Gespenster nennt, so kann sich auch hier kein solches befinden.«

»Ich versichere Ihnen aber, daß ich die Wahrheit sage!«

»So beruht das auf einem Irrtume. Sie haben irgend etwas ganz Natürliches, vielleicht einen Schatten, für ein Gespenst gehalten.«

»O nein. Ein Schatten ist dunkel. Das Gespenst aber ist hell.«

»Wie ist es gestaltet?«

»Es nimmt alle möglichen Gestalten an, bald die eines Menschen, dann die eines Hundes, eines Kameles, eines Esels –«

»Dann trifft es,« fiel ich ein, »seine Auswahl auf keine geistreiche Weise. ich möchte nicht für ein Kamel oder einen Esel gehalten werden.«

»Scherzen Sie nicht, Effendi! Ich spreche in vollstem Ernste. Eigentlich ist es mir nicht leicht geworden, Ihnen diese Mitteilung zu machen, denn ich befürchtete, daß Sie dann auf diese Wohnung verzichten würden.«

»Das haben Sie ganz und gar nicht zu befürchten; im Gegenteile wird gerade Ihre Mitteilung mich bestimmen, das Logis von Ihnen anzunehmen. Ich habe so oft von Gespenstern gehört, aber leider noch kein einziges zu sehen bekommen. Da sich jetzt mir die Gelegenheit dazu bietet, werde ich sie mit Freuden benutzen. Ich bleibe also nun erst recht hier in diesem Hause.«

»Effendi, Sie lästern die Geisterwelt!«

»Fällt mir gar nicht ein! Ich bin nur wißbegierig und hoffe, von dem Gespenst gute Auskunft über die Geisterwelt zu erhalten, glaube aber leider nicht, daß es derselben angehört.«

»Es gehört ihr an, denn es kommt und verschwindet ganz nach Belieben.«

»Treibt es etwa Allotria? Oder verhält es sich wie eine ruhige Person in gesetztem Alter?«

»Sie spotten immer, werden aber anders denken lernen. Das Gespenst geht durch alle Thüren.«

»Sind sie verschlossen?«

»Nein.«

»Nun, das kann ich auch, ohne ein Gespenst zu sein.«

»Es klirrt wie mit Ketten; es heult, saust und braust wie ein Sturm; es bellt wie ein Hund, wie ein Schakal; es schreit wie ein Esel, wie ein Kamel.«

»Das alles kann ich auch nachmachen.«

»Auch das plötzliche Verschwinden?«

»Ganz gewiß, nachdem ich beobachtet habe, wie das Gespenst selbst es anstellt, um nicht mehr gesehen zu werden. Also Sie haben es gesehen und gehört?«

»Ja.«

»Wer noch?«

»Alle, alle; meine Schwester, ihre Dienerinnen, der Haushofmeister, meine beiden Neger. Es ist in ihre Stube gekommen und hat an ihrem Bett gestanden, auch an dem meinigen.«

»Auch an demjenigen Ihrer Schwester?«

»Nein, denn diese hat durch ihre Dienerinnen die Thüren des Harems verbarrikadieren lassen.«

»So haben wir es also mit einem Gespenst zu thun, welches nicht durch verrammelte, sondern nur durch offene Thüren gehen kann. Das bringe ich auch fertig.«

»O bitte, unsere Thüren sind zwar nicht verschlossen, aber doch verriegelt. Es giebt in diesem Hause keine Schlösser, sondern nur Riegel.«

»Hm! Hat das Gespenst eine gewisse Stunde, in welcher es erscheint?«

»Allerdings. Sie wissen vielleicht, daß die Geisterstunde um Mitternacht beginnt.«

»Kommt es täglich?«

»Ja, und es bleibt eine volle Stunde hier.«

»Das will ich ihm nicht verdenken, denn wenn den Gespenstern eine volle Stunde gegeben ist, so läßt es sich denken, daß ein richtiges Gespenst sein Recht ausnutzt. Hat jemand mit ihm gesprochen und was hat das Gespenst geantwortet?«

»Nichts.«

»Dieses Gespenst ist also kein gesprächiges, sondern ein stillvergnügtes Wesen. Das erwirbt ihm meine Achtung, da ich Schwatzhaftigkeit nicht liebe. Seit wann hat es sich denn an dieses Haus gewöhnt?«

»Seit langer Zeit, Es ist schon vor uns jedem Bewohner dieses Gebäudes erschienen.«

»Auch dem Besitzer desselben?«

»Nein, denn das Gespenst ist eben der Geist des letzten Besitzers.«

»Ah! Hat es das durch irgend eine gültige Legitimation bewiesen?«

»Bitte, Effendi, lassen Sie den Scherz! Es ist genau so, wie ich sage. Seit dem Tode des Besitzers, welcher im Heere des Vizekönigs Major gewesen ist, hat es keinen Bewohner dieses Hauses gegeben, welcher länger als eine Woche hier geblieben ist. Das Gespenst hat sie alle vertrieben.«

»Und wie lange wohnen Sie schon hier?«

»Eine Woche. Und ich will Ihnen aufrichtig gestehen, daß ich in einigen Tagen ausziehen würde, wenn ich Sie nicht gefunden hätte, denn ich denke, daß Sie das Gespenst vertreiben werden!«

»Das ist ein sehr offenherziges Geständnis, und ich bin Ihnen sehr dankbar für dasselbe. Meine Dankbarkeit werde ich Ihnen dadurch beweisen, daß ich Ihren Erwartungen entspreche. Ich hoffe, ein so eindringliches Wort mit diesem Geiste sprechen zu können, daß er nicht wiederkommen wird.«

»Allah, Wallah, Tallah!« rief er erschrocken aus. »Nehmen Sie sich das nicht vor! Er wird fortbleiben, ohne daß Sie mit ihm sprechen.«

»Meinen Sie?«

»Ja. Ihre einfache Anwesenheit wird ihn bestimmen, nicht wiederzukommen.«

»Sie meinen, daß er sich so sehr vor mir fürchte?«

»Das nicht, aber – – Effendi, werden Sie es mir übelnehmen, wenn ich aufrichtig spreche?«

»Nein. Reden Sie getrost.«

»Sie haben dort aus den Büchern ersehen, daß der Major in der letzten Zeit seines Lebens ein sehr frommer Mann gewesen ist, und daraus ist mit Sicherheit zu schließen, daß auch sein Geist fromm ist. Ein rechtgläubiges Gespenst aber, das Allah und den Propheten fürchtet, wird sicher ein Haus meiden, in welchem ein Christ, ein Ungläubiger, wohnt.«

»Ah,« lachte ich, »was Sie für ein Schlaukopf sind! Also darum haben Sie mir die Freiwohnung angeboten?«

»Nicht darum allein, sondern auch weil ich viel von Ihnen gehört habe und darum wünsche, daß Sie mich begleiten. Denken Sie sich in meine Lage! Dieses Haus ist die einzig passende Wohnung für mich und für meine Schwester; muß ich es wegen des Gespenstes verlassen, so finde ich keine zweite, welche unseren Ansprüchen in dieser Weise entspricht. Darum sind Sie mir so willkommen, denn ich weiß, daß der tote Major sein Haus nicht betreten wird, so lange Sie sich in demselben befinden. Meine Schwester fürchtet sich fast bis auf den Tod; sie will fort. Meine Diener haben mir gesagt, daß sie mich verlassen werden, wenn ich hier bleibe. Sie alle werden sich beruhigt fühlen, wenn ich ihnen sage, daß Sie unser Hausgenosse geworden sind.«

»So machen Sie ihnen diese Mitteilung schleunigst! Es freut mich herzlich, zu erfahren, daß die muhammedanischen Gespenster solche Angst vor uns Christen haben, und wenn der tote Major ein kluges Gespenst ist, so unterläßt er gleich von heute an seine Besuche. Wie viel zahlen Sie denn für dieses verrufene Haus?«

»Wöchentlich fünfzig Piaster. Denken Sie, wie billig!«

»Doch wegen des Gespenstes!«

»Ja. Ganz Kairo weiß, daß es hier umgeht, und niemand zieht herein. Es kann nur noch an Fremde vermietet werden, und auch diese bleiben nur einige Tage, höchstens eine Woche da.«

»Und wer ist der jetzige Besitzer?«

»Die Witwe des Verstorbenen; aber auch sie hat es nicht aushalten können und ist zu ihrem Bruder gezogen, welcher Teppichhändler in der Muski ist.«

»Hm! Ich halte es sehr unrecht von dem Geiste, so schlecht an seinem Weibe zu handeln. Wenn er ihr das Haus hinterlassen, sie also zu seiner Erbin eingesetzt hat, so ist es ihm gar nicht zu verzeihen, daß er sie nun in dieser Weise aus dem Erbe treibt.«

»O, er hat es ihr ja nicht vermacht, sondern der Kadirine, der frommen Bruderschaft des Seyd Abd el Kader el Djelani. Die Witwe hat das Recht, es bis zu ihrem Tode zu bewohnen; dann fällt es der Bruderschaft anheim.«

»Ah so! Diese fromme Kadirine darf das Haus bis zum Tode der Witwe nicht benutzen, und da geht der tote Major als Gespenst um! Gehen Sie zu Ihrer Schwester, und sagen Sie derselben, daß der Geist sie höchstens noch einmal belästigen wird!«

»Sie sind also meiner Meinung geworden? Sie geben mir recht? Das freut mich außerordentlich. Ja, ich werde jetzt gleich zu ihr gehen, um ihr diese frohe Botschaft zu verkündigen. Aber nicht das allein wird sie entzücken. Ich habe ihr damals von Ihnen erzählt, und wenn ich ihr sage, daß ich Sie wiedergesehen habe, daß Sie sich hier befinden, und daß Sie vielleicht mit uns nach Chartum gehen werden, so wird ihre Besorgnis wegen der gefährlichen Reise sofort verschwinden. Überhaupt habe ich ihr auf alle Fälle Ihre Anwesenheit zu melden, weil Sie bei uns essen werden.«

Er stand auf und ging. So war ich denn gleich in den ersten Stunden meiner Anwesenheit in Kairo mitten ins schönste Abenteuer geplatzt. Hoffnung auf freie Reise nach Chartum, und außerdem die beste Aussicht, den Geist eines ägyptischen Majors beim Schopfe nehmen zu können. Herz, was willst du mehr!

Was das Gespenst betrifft, so war mir, als ich die näheren Umstände vernahm, ein ähnlicher Gespensterfall in den Sinn gekommen, ein Fall, welcher sich in einem Dorfe nahe meiner Heimat und zuletzt gar vor dem Strafrichter abgespielt hatte. Ein reicher Bauer war gestorben und hatte im Testamente bestimmt, daß eine alte Verwandte das kleine Hinterhaus bis zu ihrem Tode zur Verfügung haben solle. Bald nach dem Begräbnisse begann der Verstorbene zu spuken, und zwar sonderbarer Weise im Hinterhause. Die alte Frau glaubte aber nicht an Gespenster, sie war klüger als die Majorswitwe in Kairo und ließ heimlich einige handfeste Männer kommen, welche sich versteckten und den Geist erwarteten. Er wurde ergriffen und des Betttuches, welches er umhängen hatte, entledigt; es war der Erbe, der Sohn des Verstorbenen, welcher der alten Frau das Hinterhaus nicht gegönnt hatte.

Sollte, wenn nicht der gleiche, doch ein ähnlicher Fall in Ägypten vorkommen können? Ich war jetzt allein und trat zur Thüre, um sie zu untersuchen. Alles war leicht zu erklären, nur das eine nicht, daß der Geist verriegelte Thüren hatte passieren können. Meine Stube hatte drei Thüren; durch die eine waren wir gekommen; die zweite führte nach den Gemächern des Türken, und die dritte ging hinaus auf die Säulenhalle, welche den Hof umschloß. Die erste wollte ich nicht öffnen, weil der Neger draußen wartete; der Riegel befand sich bei mir auf der Zimmerseite. Bei der zweiten gab es bei mir keinen Riegel, sondern dieser war jedenfalls an der andern Seite der Thüre angebracht; aber ich bemerkte drei nebeneinander gebohrte Löcher. Die dritte, nach der Säulenhalle führende Thüre hatte den Riegel innen auf der Stubenseite; als ich sie öffnete und draußen untersuchte, sah ich ähnliche drei Löcher, und zwar genau an der Stelle, an welcher innen der Riegel befestigt war. Diese Riegel waren nicht von Eisen, sondern von Holz. Zu bemerken ist noch, daß alle rund um den Hof gehende Stuben durch Thüren miteinander verbunden waren, so daß man aus einer in die andere gelangen konnte; jede hatte aber auch noch eine nach der Halle führende Thüre. Es war klar, daß das Gespenst mit Hilfe eines dünnen spitzen Nagels oder Drahtes von außen jede Thüre öffnen konnte; der Nagel brauchte nur in eines der Löcher gesteckt zu werden; dann griff er in den weichen Holzriegel und schob ihn zur Seite. Diese Entdeckung wollte ich Nassyr nicht mitteilen, sondern sie lieber für mich behalten.

Nach einiger Zeit kehrte er zurück, um mir zu sagen, daß ich der Dame außerordentlich willkommen sei; sie hege großes Verlangen, mich zu sehen; da es sich aber nicht schicke, daß sie mich besuche, und ein Mann auch nicht den Harem betreten dürfe, so müsse sie sich leider gedulden, bis die Reise Gelegenheit zur Begegnung gebe; aber da ich erst heute hier angekommen sei und mich im Hotel nur kurze Zeit aufgehalten habe, so sei ich jedenfalls hungrig und solle erlauben, daß man diesem Ungemach abhelfe.

Dem Dicken war es nicht beigekommen, daran zu denken, daß ich Hunger haben könne. Was das betrifft, so sind die Frauen der ganzen Welt, auch diejenigen des Orientes, umsichtiger als die Männer. Nassyr schien noch etwas auf dem Herzen zu haben; ich sah es ihm an und forderte ihn auf, es mir mitzuteilen.

»O,« meinte er, »ich mag Sie nicht belästigen; es betrifft nur die eine Negerin.«

»Was ist es?«

»Sie hat wütende Zahnschmerzen, und Sie sind Arzt, wie ich ganz sicher annehme.«

Wenn ein Deutscher im Oriente reist, so hält man ihn entweder für einen Arzt oder für einen Gartenkünstler.

»Darf ich sie denn sehen?« fragte ich.

»Eine schwarze Dienerin? Gewiß!« »So schicken Sie nach ihr!«

Er klatschte in die Hände, worauf der Neger eintrat, welcher den Befehl erhielt, die Schwarze zu holen. Sie war noch sehr jung und hatte nicht die eingedrückte Nase und die wulstigen Lippen der eigentlichen Neger. Ihre rechte Wange war dick angeschwollen; sie öffnete den Mund und zeigte mir mit dem Finger nach einander vier Zähne, von denen sie jeden für den schmerzenden hielt. Es war klar, daß ich es mit einem neuralgischen Zahnschmerz zu thun hatte, denn die Zähne waren alle kerngesund. Ich versprach ihr, sofort zu helfen, nahm eine geheimnisvolle Miene an, strich ihr, indem ich die Lippen bewegte, als ob ich leise Worte sagte, mit zwei Fingern einigemale über die Wange und schickte sie dann mit der Weisung fort, heute die Stube nicht zu verlassen.

Das war keine Charlatanerie, Der Zahnschmerz war nur symptomatisch; mit der eigentlichen Krankheit hatte ich nichts zu thun, und ich kannte den Einfluß, welchen der bloße Glaube, das Vertrauen äußert. Die Berührung eines weißen Arztes war bei dieser Negerin jedenfalls von größerer Wirkung als Bergmannsche Zahnseife oder Odontine. Daß ich, oder vielmehr, daß das Vertrauen dieser Negerin sie von ihren Schmerzen befreite, rettete mir später das Leben. Bald darauf kam der alte Neger herein und brachte auf einer Platte ein kaltes Huhn, welches von großen, dicken Rinderbratenstücken umgeben war. Dazu gab es dünne Fladenschnitte, welche die Stelle des Brotes vertraten. Gabeln waren nicht dabei. Ich zog mein Messer, der Dicke das seinige auch. Als ich ein Stück Braten gegessen hatte, waren hinter den glänzenden Zähnen Nassyrs die andern acht Stücke verschwunden. Ich nahm mir ein Bein vom Huhn; aber mein Mund vergaß die Arbeit, als ich sah, mit welcher Virtuosität mein Gastfreund die knusperige Henne von ihrem Skelette befreite und sich das Fleisch in großen Stücken zwischen die Kinnladen schob. Dieser Türke schien gar nicht zu kauen. Er schlang und schluckte und schluckte und schlang, bis es nichts mehr zu schlingen gab. Eben als er die Platte von sich schob, war ich auch mit meinem Beine fertig, dessen Knochen ich zu dem übrigen Skelette legte.

»So, das wäre gethan,« meinte er befriedigt, und in für mich tröstlicher Weise fügte er hinzu: »Heute giebt es mehr. Jetzt aber wollen wir wieder nach dem Bierhause gehen. Wir haben da eine bessere Unterhaltung als hier in dem einsamen Hause.«

Ich wäre lieber da geblieben, um einen längern Blick in die Bücher des verstorbenen Majors zu thun. Als ich eins derselben in die Hand nahm, meinte Murad Nassyr:

»Lassen Sie doch! Was können, da Sie Christ sind, diese Bücher Ihnen nützen; sie haben nicht einmal der Seele des Majors über die Brücke des Todes geholfen. Er soll auf dem Zuge nach Sennar große Grausamkeiten begangen haben, welche später sein Gewissen beschwerten. Darum ist er in seinen letzten Jahren fromm geworden und hat sein Vermögen der Bruderschaft vermacht. Lassen Sie aber die unnützen Bücher hier, und kommen Sie mit mir. Eine Flasche Bira nimsawiji ist besser als alle Weisheit der Gelehrten.«

Ich war gezwungen, mich vor dieser Philosophie zu beugen, und that dies, der Pilsener Brauerei zuliebe, nicht ungern. Draußen stand Selim, der Haushofmeister. Er eilte uns voran, um die Thüre zu öffnen.

»Dieser Effendi ist mein Gast,« erklärte ihm sein Herr. »Er wird bei uns wohnen und den Geist vertreiben.«

Selim öffnete den Mund, schob den Riesenturban in den Nacken und starrte mich wie abwesend an; dann schien er sich seiner Pflicht zu erinnern, riß die Thüre auf, warf den Oberkörper in tieferer als wagerechte Stellung nieder und antwortete:

»Richtig, sehr richtig! Aber wie will er das fertig bringen?«

Er behielt seine Körperlage bei, indem er die Antwort erwartete.

»Dadurch, daß er es klüger anfängt als du,« antwortete Nassyr.

Da richtete sich der Dürre so rasch auf, als ob sein Leib durch Federkraft emporgeschnellt worden sei, und sagte im Tone beleidigter Würde:

»Habe ich nicht abends und auch während der ganzen Nacht alle meine Waffen bei mir getragen?«

»Ja, das hast du.«

»Habe ich nicht unaufhörlich die heilige Fathha und auch die Sure des Kampfes gebetet?«

»Ich will es glauben, daß du das gethan hast.«

»So habe ich alles gethan, was ein gläubiger und frommer Moslem gegen diesen bösen Geist thun kann, und es darf mich kein Vorwurf treffen. Ich bin klug und tapfer. Man zählt mich zu den Helden meines Stammes, und ich habe bereits so viel Blut vergossen, wie Wasser sich im Nile befindet. Ich bin bereit, es mit allen Feinden des Weltalls aufzunehmen, aber soll ich etwa mit einem Geiste kämpfen, durch dessen Leib die Kugeln gehen, ohne ihn zu verletzen, und dessen Gestalt weder mein Säbel noch mein Messer treffen kann, während es von ihm nur eines kleinen Willens bedarf, um mir das Gesicht in den Nacken zu drehen?«

»Nein, das sollst du nicht, denn ein Gespenst kann man weder erschießen noch erstechen. Ich bin zufrieden mit dir.«

»Richtig, sehr richtig!« rief der Held seines Stammes, indem er zu seiner tiefsten Verbeugung zusammenknickte, um dann die Thüre zu schließen.

»Ein seltsamer Mensch, dieser Selim!« meinte ich, indem wir weiter schritten. »Ist er schon lange bei Ihnen?«

»Nein. Ich habe ihn erst hier gemietet.«

»Was und wo war er vorher?«

»Er war längere Zeit Führer nach den Pyramiden, ist aber dabei mit einem Engländer in Streit geraten und hat sich darüber so geärgert, daß er beschloß, sich auf andere Weise zu ernähren. Er versieht sein Amt bei mir mit großem Fleiße und ich habe nicht über ihn zu klagen.«

»Soll er Sie nach Chartum begleiten?«

»Ja; ich habe ihn zu dieser Reise gemietet, da er behauptet, die Gegend bis da hinauf genau zu kennen.«

»So gratuliere ich Ihnen. Wenn er wirklich ein so großer Held ist, wie er sagt, so wird er Sie gegen alle Angriffe und Fährlichkeiten beschirmen, und es ist ganz unnötig, daß Sie mich mitnehmen.«

»Ja,« nickte der Türke, »er hat seine Tapferkeit und Unüberwindlichkeit während des ganzen Tages auf den Lippen. Sie werden ihn noch kennen lernen. Sein Mund läuft von Ehrerbietung über, und die Verbeugungen, welche er mir tagüber macht, sind nicht zu zählen; aber an seinem Mute darf man nicht zweifeln, sonst kann er sogar grob werden. Ich bin auch überzeugt, daß es im gegebenen Falle bei ihm nicht bloß bei Worten bleibt.«

»Hm! Leute, welche so gern von ihrer Tapferkeit sprechen, sind gewöhnlich feig; ich habe diese Erfahrung schon oft zu machen gehabt.«

»Bei Selim ist es gewiß anders. Er hat mir einige seiner Erlebnisse erzählt, aus denen hervorgeht, daß er nicht nur ein furchtloser Streiter ist, sondern auch eine große Übung im Gebrauche der Waffen besitzt. Den Engländer, den ich soeben erwähnte, hat er so geohrfeigt, daß er für tot liegen geblieben ist.«

»Haben Sie das gesehen?«

»Nein; ich weiß es nur aus seinem Berichte.«

»So nehme ich das Gegenteil an. Der Engländer wird ihn geohrfeigt haben, so daß ihm die Lust, länger Fremdenführer zu sein, vergangen ist. Wäre es wirklich so, wie Selim sagt, so hätte es nur eines Wortes des englischen Konsuls bedurft, ihn in schwere Strafe zu bringen.«

Wir hatten jetzt das Bierhaus erreicht und nahmen wieder an einem Tische Platz. Um aber nicht wieder parterre zu geraten, hielt Murad Nassyr es für angezeigt, seinen Sitz, ehe er sich auf denselben niederließ, sehr eingehend auf dessen Festigkeit zu prüfen. Nachdem er sich befriedigt hatte, bestellte er zwei Flaschen Bier. Der Junge brachte sie und dazu zwei Wasserpfeifen. Dabei blinzelte er, ohne dieses Mal Furcht zu zeigen, den Dicken von der Seite so vertraulich an, daß es mir heimlich Spaß machte. Der Negerbube war ein höchst aufgewecktes Kerlchen. Er trug das Haar ganz glatt geschoren und war trotz seiner Jugend schon tätowiert. Er hatte einen tiefen Einschnitt zwischen den Augenbrauen, von welchem, als dem Centralpunkte, kreisförmige, punktierte Linien sich nach dem Scheitel und den beiden Seiten der Stirne hinzogen, eine Art der Tätowierung, die bei allen Stämmen der Dinkaneger, und zwar sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen gebräuchlich ist. Wie ich sehr bald erfuhr, befand sich der kleine Kellner in einem immerwährenden Kriege mit dem Dicken. Der letzte Angriff von seiner Seite war gegen den Schnurrbart des Feindes erfolgt und hatte ihm die erwähnten »Katzenköpfe«, aber auch einen Piaster Bakschisch eingetragen.

Es war ein wunderbar eigenartiges Treiben, welches sich davor dem Hause auf der breiten Gasse entwickelte. Von unserm Sitze aus konnten wir es in aller Bequemlichkeit beobachten, zumal es uns möglich war, die Straße eine ziemlich große Strecke auf- und abwärts zu überblicken.

An der Ecke der Seitengasse, durch welche ich vorher gekommen war, hielten einige Hammars, Eseljungen, welche den Beruf in sich fühlen, hier die oft undankbare Rolle der Berliner Schusterjungen zu spielen. Der Esel ist im Süden ein ganz anderes Tier als im Norden, wo er als ein struppiges, verdrossenes Sinnbild der Borniertheit betrachtet wird. Ein ägyptischer Esel ist ein unermüdlicher, stets munterer Diener seines Herrn, der ihn mit wenig Futter und vielen Schlägen oder gar Fußtritten belohnt. Selbst mit dem schwersten Reiter auf dem Rücken trabt er Stunden weit, ohne zu ermüden und verfällt trotz dieser Last von Zeit zu Zeit in die mutwilligsten Capriolen. Hinterher rennt schwitzend und pustend der Hammar, schlägt ihn, stößt ihn, versetzt ihm Fußtritte, oder wirft ihn mit Steinen, um seinen Lauf noch mehr zu beschleunigen. Diese Hammars sind wahre Menschenkenner; sie wissen auf den ersten Blick, ob sie einen Engländer, Franzosen, Italiener oder Deutschen vor sich haben. Von den Sprachen aller dieser Völker verstehen sie einige Worte und Redensarten; sie scheinen sogar einige Kenntnisse von der Geographie und Geschichte der betreffenden Länder zu besitzen, wie die Art und Weise, in welcher sie zum Gebrauche ihrer Langohren auffordern, beweist. »Hier ist ein schöner Bismarck!« schreit der eine, der einen Fremden kommen sieht, den er für einen Deutschen hält. Mit dem Bismarck ist natürlich sein Esel gemeint. »Here is a fine general Grant!« ruft ein zweiter einem Yankee zu, und ein Engländer hört sich angeschrieen: »Here is a good beefsteak, a celebrated Palmerston,« während ein gut republikanisch gesinnter Franzose hören muß: »Monsieur, voilà le plus grand Napoléon; j’ai l’animal, le plus préférable de la France!«

Soeben setzten sich gerade vor uns zwei arabische Gaukler mitten auf der Straße nieder, um ihre Kunststücke zu zeigen. Einige Schritte von ihnen entfernt hatte ein Muhad’dit, einen Kreis Neugieriger um sich versammelt, um für zwei oder drei der kleinsten Münzen einige schon tausendmal gehörte Märchen vorzutragen. In der Nähe tanzte ein Negerjunge auf Stelzen und blies dazu auf einem flötenartigen Instrumente. Zwischendurch drängt sich ein langer Zug tief verhüllter Frauen, die auf Eseln reiten. Dann kommen hohe, schwerbeladene Kamele die Straße herauf, jedes mit einem Strohseile an den Schwanz des voranschreitenden gebunden. Dahinter keuchen Hammals, Lastträger, mit schweren Päkken und Kisten auf den Köpfen; sie singen dabei, um nicht aus dem Takte zu kommen, mit dumpfer Stimme einige immer wiederkehrende Worte. Jetzt kommt ein Pfeifenreiniger mit einigen Bündeln langer, mit Werg umwickelter Drähte in den schmutzigen, nach Tabaksaft duftenden Händen; dann ein Sakkah hemali, ein Wasserhändler, welcher ein großes irdenes Gefäß mit sich schleppt, um für eine geringe Entschädigung die Durstigen zu erquicken. Auf der anderen Seite der Straße wird der Beweis geliefert, daß hier selbst die intimsten Geschäfte öffentlich und mit möglichst großem Lärm abgemacht werden. Die Vorderfronten der Häuser sind offen, so daß man in jeden Laden, in jede Wohnung blicken kann. Da sitzt ein ehrwürdiger Bürger auf der Matte, hält einen zappelnden Buben zwischen den Beinen und befreit den Haarwald desselben höchst eifrig von jenem Wilde, an welchem Ägypten schon zur Zeit der Pharaonen reich gewesen sein soll. Von einer daneben wohnenden Alten wird etwas auf die Straße geworfen; es ist eine Katze, welche soeben die Augen für immer geschlossen hat, vielleicht vor Hunger. Der Leichnam wird auf der Straße verwesen, ohne daß ein Mensch sich um den dadurch entstehenden Gestank bekümmert; reitet doch der Pascha, welcher soeben erscheint, über den Kadaver weg, ohne in der Anwesenheit desselben etwas Ordnungswidriges zu finden; auch sein Gefolge würdigt denselben nicht der mindesten Aufmerksamkeit, und der voranschreitende Läufer hält es nicht der Mühe wert, ihn durch eine Bewegung des Fußes hinwegzuräumen. Gerade da, wo der erwähnte Alte den Kopf seines Enkels »entvölkert«, sitzt ein weißbärtiger, ehrwürdiger Greis, mit dem Rücken an die hölzerne Tragsäule gelehnt. Still, wie in Verzückung und mit geschlossenen Augen, läßt er die Perlen seiner Gebetkette durch die dürren, zitternden Finger gleiten. Seine Lippen bewegen sich im Gebete. Er sieht und hört nicht, was vor ihm und um ihn geschieht; er ist der Erde entrückt und wandelt im Geiste in den Gefilden des Paradieses, welches Mohammed den Gläubigen verheißen hat.

Da ertönt der laute Ruf: »Unser Morgen sei weiß!« Es ist ein Milchverkäufer, welcher in dieser Weise auf seine Ware aufmerksam macht. »Tröster der Schmachtenden, fließend vor Saft!« ruft ein anderer, welcher Melonen feilbietet. »Sie entsproß aus dem Schweiße des Propheten,- o Duft aller Düfte!« ertönt die Stimme eines Rosenhändlers, und der Scharbetti oder Rosinenwasserverkäufer verkündet: »Länge des Lebens, fliehender Tod; es reinigt das Blut!« Dem Bierhause gegenüber steht ein kleines, vielleicht achtjähriges Negermädchen, welches ein Körbchen an einer Schnur um den Hals hängen hat und zuweilen in verzagtem Tone ruft: »Feigen, Feigen, süßer als meine Augen!«

Wer hat dieses arme Kind hierhergestellt und demselben diesen Ruf vorgeschrieben? Gewiß ein berechnender Geschäftsmann, denn die dunklen Augen der Kleinen mit dem traumverlorenen Blicke sind allerdings süß. Es ist ein schönes Kind, wenngleich von schwarzer Farbe. Die ängstlich bittende Stimme und die flehend ausgestreckten Händchen müßten eigentlich jeden Vorübergehenden veranlassen, einige Para gegen Feigen umzutauschen. Ich konnte den Blick kaum von der Kleinen wenden. Ihre feine Stimme hatte einen so ängstlichen Ton, und das »Feigen, Feigen« klang wie ein Hilferuf an mein Ohr. ich nahm mir vor, ihr beim Fortgehen ein gutes Bakschisch zu geben. Ich hatte bemerkt, daß ich nicht der einzige war, welcher sich von dem Kinde angezogen fühlte. Der Kellnerjunge war in der Zeit von einer Stunde dreimal zu ihr hinübergegangen, um sich eine Feige zu kaufen. War er ein Leckermaul oder that er das aus kindlicher Sympathie? Wenn er sich ihr näherte, so leuchteten ihre Augen auf, und ihr Gesichtchen nahm den Ausdruck hervorbrechender Liebe an. Dies geschah auch allemal, wenn sie hinüberblickte und ihr Auge dem seinigen begegnete.

Jetzt eben hatte er nichts zu thun; er hockte, halb abgewendet von uns in einer Ecke und – – ja wahrhaftig, er weinte; ich sah, daß er mit der äußern Handfläche immer und immer wieder die hervorquellenden Thränen trocknete. Konnte der naseweise Junge auch traurig sein? Dann war es kein gewöhnliches, kindisches Herzeleid, welches ihn bewegte und ihm hier in dieser Umgebung, in dieser Öffentlichkeit das Wasser in die Augen trieb.

Der Blick der Kleinen entdeckte ihn in seinem Winkel; sie sah ihn weinen, und sofort fuhr auch sie mit den beiden Händen nach den Augen. Es mußte irgend ein zärtliches Verhältnis zwischen den beiden schönen Kindern bestehen. Wie es eigentlich kam, und warum ich es that, das vermag ich nicht zu sagen, aber ich war aufgestanden und ging in die Ecke. Als der Junge mich vor sich sah, stand er auf und wollte, ein leises Schluchzen unterdrückend, sich entfernen. Ich hielt ihn am Arme fest und fragte in vertrauenerweckendem Tone:

»Warum weinst du? Magst du mir das sagen?«

Er sah mir ins Gesicht, wischte sich die Augen thränenleer und antwortete:

»Weil niemand von Djangeh kauft.‹,

»Meinst du die kleine Feigenverkäuferin da drüben?«

»Ja.«

»Nun, du kaufst ihr doch ab; ich sah es schon einige Male.«

Er schien zu meinen, daß ich ihn damit der Leckerhaftigkeit anklagen wolle, denn er antwortete lebhaft und wie entrüstet:

»Ich habe die Feigen nicht gegessen; ich gebe sie ihr wieder, wenn der Gebieter vorüber ist. Ich habe nur gekauft, damit sie Geld bekommt, denn wenn sie am Abend nicht fünf Piaster bringt, so bekommt sie Schläge und nichts zu essen und wird mit den Händen und Füßen krumm an den Pfahl gebunden. Ich muß acht Piaster bringen. Heute habe ich schon vier als Bakschisch bekommen; der Herr des Bierhauses giebt mir täglich drei, so brauche ich für heute nur noch einen. Den wird mir schon noch jemand schenken, und so habe ich Djangeh zwanzig Para für Feigen gegeben.«

»An wen mußt du denn die acht Piaster entrichten?«

»An unsern Gebieter.«

»Der auch derjenige von Djangeh ist?«

»Ja; sie ist doch meine Schwester.«

»Und wer ist euer Gebieter?«

»Er ist ein böser Mann und heißt Abd el Barak.«

»Hat er euch denn von eurem Vater gemietet?«

»Nein, unser Vater und unsre Mutter wohnen weit von hier. Er hat uns gekauft von dem Manne, welcher unser Dorf überfiel, unsere Hütten niederbrannte und uns dann mit vielen anderen gefangen nahm, um uns zu verkaufen.

»So seid ihr Sklaven, ihr Armen! Wie heißt das Land, in welchem ihr gewohnt habt?«

»Das weiß ich nicht, es hat keinen Namen. Der Fluß heißt Bahr el Abiad.«

»Aber wie dein Volk heißt, das kannst du mir sagen?«

»Ja; unsere Männer nennen sich Dongiol.»

»Weine nicht wegen heute; es soll euch nichts geschehen. Hier hast du zehn Piaster, welche du mit Djangeh teilen magst; sie soll zu essen haben und nicht krumm angebunden werden.«

Als ich ihm das Geld in die Hand legte, schossen ihm die Freudenthränen in die Augen; er wollte sprechen, sich bedanken; seine Lippen bebten, aber er brachte die Worte nicht heraus. Eine Bewegung, welche er gegen die Straße machte, verriet mir, daß er gleich hinüber zu seiner Schwester wolle, um ihr das Geld zu geben; aber er besann sich und murmelte:

»Nein, jetzt nicht, sondern erst dann, wenn der Gebieter vorüber ist.«

»Warum?«

»Weil er sehen würde, daß sie nicht für so viel verkauft, sondern das Geld als Bakschisch bekommen hat. Geschenke aber müssen wir abgeben, ohne daß er sie uns anrechnet.«

»So kommt er wohl oft hierher, um zu sehen, welche Geschäfte Djangeh macht?«

»Ja. Er kommt einmal am Vor- und einmal am Nachmittag, um das Geld zu holen. Ich verstecke es vor ihm und gebe ihm nur die acht Piaster; auch gebe ich zuweilen Djangeh etwas, wenn sie zu wenig hat. Das übrige vergrabe ich. Wenn ich genug habe, so kaufe ich mich und Djangeh frei und gehe dann mit ihr nach dem Bahr el Abiad zu den Dongiol.«

Das war eine sehr vertrauliche Mitteilung; er hielt mich für einen Menschen, dem er dieses Geheimnis anvertrauen könne, ohne von ihm verraten zu werden.

»Wie viel hast du denn schon gespart?« erkundigte ich mich.

»Schon fast vierzig Piaster.«

»Und wie lange bist du bei Abd, el Barak?«

»Viele, viele Wochen, und noch viel mehr Tage!«

»Ist’s ein Jahr?«

»Das weiß ich nicht.«

Der Knabe verstand es nicht, die Zeit zu bestimmen; darum fragte ich ihn:

»Wie oft hast du schon den Aufbruch der Pilgerkarawane von hier nach Mekka gesehen?«

»Zweimal.«

»So bist du schon zwei Jahre bei ihm; merke dir das! Du siehst mich nicht zum letzten Male! Ich werde noch oft hier Bier trinken, und vielleicht kann ich dir einen guten Rat geben oder euern Gebieter bitten, euch freizulassen.«

Ich kehrte, gefolgt von seinem dankbaren Blicke, an meinen Platz zurück. Hätte ich ihm die Wahrheit sagen sollen, daß er eigentlich frei sei, weil der Vizekönig den Sklavenfang verboten habe? Nein, denn er hätte diese Mitteilung doch nicht ausnützen können. Also Geschwister waren sie! Ich war bewegt. Welche Liebe und Anhänglichkeit! Er unterstützte sie, um sie nicht leiden sehen zu müssen! Er hatte sein Land, sein Volk und seine Eltern nicht vergessen. Er wollte zu ihnen zurück; nur darum sparte er. Und wie beschreibt man diese Schwarzen? Auf welche Stufe stellt man sie? Hätte ein weißer Knabe im Alter dieses Negerjungen besser fühlen, denken und handeln können? Gewiß nicht! Wer den Neger nicht für erziehungsfähig hält, wer ihm die besseren Regungen des Herzens abspricht, der begeht eine große Sünde nicht nur gegen die schwarze Rasse, sondern gegen das ganze Menschengeschlecht.

Und dieser Abd el Barak, zu deutsch Diener des Segens! Wie wenig harmonierte sein Name mit seinen Thaten! Ich hatte mich eigentlich näher nach ihm erkundigen wollen, aber das wäre hier aufgefallen. Wenn ich ihm seine Unbefangenheit ließ, war es eher möglich, etwas für die Kinder zu thun. Denn daß ich mich der Geschwister in irgend einer Weise annehmen würde, das stand fest. Ich, der Fremde, der kaum das nötige Reisegeld besaß, um in seine Heimat zu gelangen? Warum nicht! Abd el Barak hatte kein Recht, die Kinder als sein Eigentum zu behandeln und sie für seinen Beutel arbeiten zu lassen. Das stand fest. Er mußte sie hergeben, und wenn ich bis zum Gouverneur oder gar ins Ministerium gehen sollte.

Welchem Volke die Kinder angehörten, darüber konnte es keinen Zweifel geben; sie waren Dongiols, und dieser Stamm gehört zur Dinkanation, welche sich auch Djangeh nennt. Diese letztere Bezeichnung war hier in Kairo der Name des Mädchens geworden. Die Dinka sind unbedingt der schönste Menschenschlag am weißen Nil; sie sind schlank und von hoher Statur, und ihr Gesichtsausdruck zeigt mehr Milde und Intelligenz, als derjenige anderer Völker. Da war es kein Wunder, daß der Knabe nicht das stumpfsinnige, teilnahmlose Wesen anderer Negerkinder besaß. Hätte er in einer deutschen Volksschule sitzen können, er wäre gewiß gegen keinen der andern Schüler zurückgeblieben.

Solchen stillen Betrachtungen gab ich mich hin, bis dem Türken mein Nachsinnen unbequem wurde. Er erkundigte sich nach der Ursache dieser Wortlosigkeit, und ich erzählte ihm, was ich von dem kleinen Gegner seines Schnurrbartes gehört hatte. Er blickte lange, ohne eine Meinung zu äußern, vor sich nieder, so daß ich ihn endlich fragte:

»Nun, was sagen Sie dazu?«

»Daß ich Ihnen nicht rate, sich in diese Angelegenheit zu mischen. Sie würden nicht nur Mühe und Ärger, sondern noch Schlimmeres davon haben.«

»Pah! Die Sklaverei ist abgeschafft.«

»In den Büchern und Verträgen; in der Wirklichkeit besteht sie aber noch, in der Türkei und in Ägypten, und es fragt hier keine Behörde darnach, ob mein Neger mein Diener oder mein Sklave ist.«

»Aber wenn ich einen bestimmten Fall zur Anzeige und dazu die Beweise bringe, so ist diese Behörde gezwungen, einzuschreiten.«

»Ja; aber wie wird sie einschreiten! Nehmen wir den Haushalt des höchsten Mannes in Ägypten als Beispiel an. Hat der Khedive nur Diener und Dienerinnen und keine Sklaven und Sklavinnen mehr? Antworten Sie mir nicht mit Umschreibungen, sondern kurz mit ja oder Nein!«

Ich schwieg. Was hätte ich sagen können?

»Ich höre keine Antwort, und das ist deutlich genug. Denken Sie, der Sudan liefere seit dem Verbote keine Sklaven mehr? Oder denken Sie, es sei nicht allgemein bekannt, auch der Behörde, daß jährlich noch Tausende von Schwarzen auf dem Nile bis herunter ins Delta schwimmen? Man drückt die Augen zu, weil man selbst Neger braucht. Man hat Diener, Haremswächter und Dienerinnen für die Frauen nötig, und weil man sie auf keine andre Weise bekommen kann, so kauft man sie. Ich rate Ihnen, die Hand davon zu lassen.«

Leider konnte ich ihm nicht so ganz unrecht geben, aber dennoch fühlte ich mich gegen ihn verstimmt. Freilich war er kein Christ, sondern ein Muhammedaner und als solcher gewiß kein Gegner der Sklaverei. Er hatte dieselbe von Jugend auf als eine längst zu Recht bestehende und notwendige Institution gekannt und verdiente also Entschuldigung. Fast wäre ich wieder in mein vorheriges Grübeln verfallen, wenn nicht eine neue, interessante Erscheinung mein Auge auf sich gelenkt hätte. Es erschien nämlich am Ausgange der Seitengasse ein Mann, welcher unmöglich unbemerkt bleiben konnte. Im kräftigsten Mannesalter stehend, war er von hoher, breiter Figur. Man sah auf den ersten Blick, daß er große Körperkraft besitzen müsse. Das bezeugte auch die Bildung seines Gesichtes, die stark entwickelten Kiefer, die wulstigen Lippen, die hervortretenden Backenknochen und die breite, scharfkantige Stirn. Das Gesicht besaß einen dunkelbronzenen Glanz, ein sicheres Zeichen, daß er Negerblut in den Adern hatte. Trotz dieses Beweises sudanischer Abstammung trug er grüne Pantoffel und einen Turban von derselben Farbe. Das wollte sagen, daß er ein Abkömmling des Propheten sei. Seine Gestalt war in einen feinen, glänzend weißen Kaftan gehüllt; in jeder Hand hielt er eine Gebetskette, und an einer um den Hals gelegten goldenen Schnur hing ein Futteral mit dem Hamaïl; das ist ein Kuran, welcher in Mekka geschrieben und dort während der Pilgerfahrt gekauft worden ist. Hoch aufgerichtet, trat er mit stolzen langsamen Schritten aus der Nebengasse hervor und kam auf das Bierhaus zu. Seine Haltung, seine Miene, sein ganzes Wesen sagte mit größter Deutlichkeit-. Hier bin ich; wer kommt mir gleich? In den Staub mit euch vor mir!

Dieser Mensch war mir augenblicklich im höchsten Grade widerwärtig. Er hatte das, was der Deutsche ein Ohrfeigengesicht nennt, das heißt ein Gesicht, bei dessen Anblick es einem in den Händen zuckt, obgleich man den Mann zum erstenmale sieht und also von ihm noch gar nicht beleidigt worden sein kann. Ich ahnte in diesem Augenblicke nicht, wie gerechtfertigt dieser mein instinktiver Widerwille war, und konnte noch viel weniger wissen, daß es ihm und mir beschieden war, wiederholt und höchst ernstlich aneinander zu geraten.

Als er herzugetreten war, erhoben sich, mit nur einigen Ausnahmen, die Anwesenden von ihren Sitzen, um sich tief zu verneigen und dabei die Hände auf Herz, Mund und Stirne zu legen. Er antwortete nur mit einem kaum wahrnehmbaren Neigen seines Kopfes, ging zwischen ihnen hindurch und verschwand durch die mehr erwähnte hintere Thüre, nachdem er vorher dem kleinen schwarzen Kellner einen Wink gegeben hatte. Ich sah, daß das Gesicht des Knaben einen angstvollen Ausdruck angenommen hatte; er blickte hinüber zu seiner Schwester, welche darauf zögernd zu ihm kam. Ich sah Thränen in ihren Augen; ich bemerkte sogar, daß sie zitterte. Er nahm sie bei der Hand und ging mit ihr zu derselben Thür hinaus.

Sollte dieser Mann vielleicht Abd, el Barak sein? Gewiß! Er kam, um die Einnahmen der Kinder zu revidieren. Ich horchte gespannt nach hinten; es war, als sagte mir eine Ahnung, daß ich jetzt gebraucht werde. Ich fragte mich nicht, ob ich ein Recht oder gar eine Pflicht besäße, mich gegebenen Falls einzumischen; es war wie ein Naturgesetz in mir, dem ich mich zu überlassen hatte.

Da drang etwas wie ein ängstliches Wimmern an mein Ohr. Ich sprang auf und stand im nächsten Augenblicke unter der Thüre. Hinter derselben lag ein winzig kleiner Hof. Da stand dieser Mensch; er hatte Djangeh mit beiden Händen bei den Haaren gepackt und hielt sie in die Höhe; sie wagte nicht, ihren Schmerz lauter als durch ein nur mit Mühe unterdrücktes Wimmern zu äußern. Vor ihm kniete der Knabe und rief flehend.

»Laß sie los; laß sie los; ich will für sie bezahlen!«

Der Kerl schwang dennoch das Mädchen an den Haaren hin und her und fragte dabei ihren Bruder, indem ein höhnisches Grinsen sein Gesicht verzog:

»So hast du also doch mehr Geld, als du sagtest? Ich dachte es mir. Her damit! Und wenn du – –«

Er hielt inne, denn er sah mich, weil ich schnell herbeigetreten war. Indem er das arme Kind noch immer nicht sinken ließ, fuhr er mich an- »Wer bist du? Was willst du hier?«

»Gieb das Kind los, und zwar augenblicklich!« antwortete ich.

Er fletschte die Zähne wie ein Raubtier, doch ich beachtete das gar nicht, sondern versetzte ihm, da er meiner Forderung nicht schnell nachkam, einen Fausthieb gegen die Brust, daß seine Finger sich öffneten und das Mädchen zu Boden fiel, wo sie liegen blieb, weil sie vor Angst sich nicht zu bewegen wagte. Er trat zwei Schritte zurück, duckte sich nieder, ballte die Fäuste und wollte sich auf mich werfen.

»Halt!« rief ich ihm zu. »Darf ein Nachkomme des Propheten sich bei einer Balgerei betreten lassen?«

Das wirkte im Moment. Er fuhr aus seiner zusammengezogenen Stellung empor; aber was für ein Gesicht sah ich da vor mir! Es spottete der Beschreibung. Das Blut war aus demselben gewichen, und darum hatte sich seine ursprüngliche Färbung in eine schmutzig graue verwandelt. Seine Lippen waren geöffnet und ließen zwei Reihen langer, gelber Zähne sehen; seine Augen funkelten, und sein Atem drang fast röchelnd aus der Kehle.

»Hund!« zischte er mich an. »Du hast dich an einem Scherif vergriffen. Kennst du mich?«

»Nein,« antwortete ich ruhig, aber vorsichtiger Weise das Auge nicht von ihm lassend.

»Ich bin der Scherif Hadschi Abd el Barak, Mokkadem der heiligen Kadirine des Seyid Abd el Kader el Djelani!«

Ah, das war mir hochinteressant! Er war also das Oberhaupt der hiesigen Mitglieder derjenigen frommen Verbrüderung, welche Erbin des jetzt nächtlich als Gespenst spukenden Majors geworden war. Wenn ein solches Oberhaupt von dem Gründer der Verbrüderung abstammt, wird es Scheik oder Schech, sonst aber Mokkadem (Wächter) genannt. Dieser vor mir stehende Mokkadem hatte erwartet, daß die Nennung seines Namens mich niederschmettern würde; aber das war keineswegs der Fall. Als Christ war ich gefühllos gegen die höchsten islamitischen Würden, und überdies war dieser Abd el Barak auch in moralischer Beziehung nicht der richtige Mann, mir zu imponieren. Darum antwortete ich gelassen:

»Ich glaube es; aber warum handelst du nicht wie ein Sohn des Propheten und wie das würdige Oberhaupt einer so frommen und berühmten Bruderschaft?«

»Was weißt du von meinem Wandel und von meinen Handlungen! Hast du nicht gesehen, daß da draußen alle ihre Häupter vor mir erniedrigten? Nieder also auch mit dir! Du hast mich geschlagen, und ich werde dir sagen, durch welche Bußen du Vergebung erlangen kannst!«

»Ich kniee vor keinem Menschen; ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«

Da war es, als ob er noch einmal so hoch und breit werden wolle.

»Ein Christ, ein Giaur, ein räudiger Hund?« brüllte er mich an. »Und doch hast du dich unterstanden, den Scherif Abd el Barak zu berühren! Dir wäre besser, deine Mutter hätte dich bei der Geburt erstickt, denn ich werde dich in Ketten schlagen und ––«

»Still, prahle nicht!« unterbrach ich ihn. »Jede Drohung aus deinem Munde ist mir lächerlich. Bilde dir nichts ein! Du bist nicht mehr, als ich auch bin, und hast nicht die geringste Macht über mich. Mein Konsul ist’s, der mich zu richten hat, wenn ich mich eines Vergehens schuldig gemacht habe, was aber gar nicht der Fall ist. Mein Konsul fragt nicht danach, ob du ein Scherif, ein Hadschi oder ein Mokkadem bist. Vor seinem Gesetze stehst du nicht höher als jeder Lastträger oder Pfeifenputzer!«

»Hund! Sohn eines Hundes und Enkel eines Hundesohnes! Das wagst du mir zu sagen!«

Da trat ich hart an ihn heran, so daß nur einige Zoll Raum zwischen uns verblieb, und warnte:

»Laß diese Beleidigungen! Wiederholst du noch einmal dieses Wort, so schlage ich dich nieder und mache es dann vor Gericht anhängig, daß du Sklaven kaufst, um sie als Kellner zu verleihen oder als Verkäuferinnen an die Straßenecken zu stellen. Dann wird man erfahren, ob der Wandel eines Mannes, welcher arme Kinder peitscht und hungern läßt und krumm bindet, wenn sie ihm nicht genug Geld bringen, Allah wohlgefällig sein kann!«

Diese Worte schüchterten ihn ein; er fuhr zurück und fragte:

»Wer, wer hat dir das gesagt, wer hat es verraten? Dieser Knabe, dieser Schakal war’s; kein anderer kann es gewesen sein. Wehe ihm, wenn er heute abend nach Hause kommt!«

»Du wirst ihm nichts thun; dafür werde ich sorgen!«

»Du willst dafür sorgen? Willst du mir Gesetze vorschreiben, du, ein Christenhund, den Allah verderben wird in ––«

Er kam nicht weiter; er hatte das beleidigende Wort wiederholt, und ich war es mir und allen Christen schuldig, ihm zu geben, was ich ihm für diesen Fall angedroht hatte. Ich holte aus und schlug ihm die Faust gegen den Kopf, daß er hintenüber zu Boden stürzte und da liegen blieb. Der Wirt hatte an der Thüre gestanden und den letzten Teil unseres Streites angehört; er kam im höchsten Schreck herbei und rief, die Hände zusammenschlagend:

»O Allah, Allah, Allah! Du hast ihn ermordet!«

»Nein; er ist nur betäubt und wird bald erwachen. Schaff‘ ihn an einen Ort, wo es keine Zeugen seiner Demütigung giebt!«

»Ich werde es thun; aber fliehe, fliehe augenblicklich, Herr, sonst wirst du unter den Füßen der erzürnten Gläubigen zertreten!«

»Ich fürchte mich nicht; aber wenn bekannt wird, was geschehen ist, wird der gute Ruf deines Hauses verloren sein. Darum will ich mich aus Rücksicht für dich entfernen.«

»Ja, thue es, schnell, schnell! Gehe nicht zurück, wo dich die Gäste sehen, sondern hier über den Hof und durch die kleine Pforte; da kommst du in den Garten eines eingefallenen Hauses und über die Trümmer desselben in eine andere Gasse. Aber beeile dich, beeile dich!«

Er faßte den Besinnungslosen unter den Armen und schleppte ihn fort, ohne weiter auf mich zu achten. Ich nahm den Knaben an die rechte, das Mädchen an die linke Hand und sagte.

»Kommt, geht mit mir! Euer Gebieter soll euch nicht mehr peinigen.«

Da riß sich der Knabe los, eilte in die Ecke zu einem Erd-und Scherbenhaufen, wühlte in demselben, nahm sein dort verstecktes Geld zu sich und war nun bereit, mit mir zu gehen. Ich schlug den mir vom Wirte gezeigten Weg ein. Lieber wäre ich zu meinem türkischen Gastfreunde zurückgekehrt, aber es war auf jeden Fall besser, es nicht zu thun. Was wäre aus mir geworden, wenn dieses Ereignis vor zwanzig, ja noch vor zehn Jahren stattgefunden hätte! Der Wirt hätte alle Gäste herbeigerufen und ich wäre an Ort und Stelle gelyncht worden. Jetzt aber war er schon so einsichtsvoll, zu erkennen, daß es auch in seinem eigenen Interesse liege, eine solche Scene zu vermeiden.

Was nun geschehen sollte, das fragte ich mich nicht; ich hatte gehandelt, wie der Augenblick es erforderte, und wie ich es für richtig und meiner würdig hielt; die Folgen mußte ich natürlich auf mich nehmen, doch war mir vor ihnen nicht allzu bange.

Ich kam in den bezeichneten Garten und sah die Schutthaufen und Mauerreste des eingestürzten Hauses vor mir. Nachdem wir über dieselben weggeklettert waren, lag eine schmale, wenig belebte Gasse vor uns; sie lief parallel mit derjenigen, zu welcher das Bierhaus gehörte, und es war also nicht schwer, die Wohnung meines Türken zu finden. An der Thüre derselben angelangt, klopfte ich. Der Haushofmeister öffnete. Ich sah es ihm an, daß er erstaunt war, mich nicht mit seinem Herrn, sondern in Begleitung der Negerkinder zurückkehren zu sehen, machte aber seiner Neugierde ein schnelles Ende, indem ich fragte:

»Selim, kennst du das Bierhaus, in welchem Murad Nassyr zu trinken pflegt?«

»Sehr genau, Effendi,« antwortete er.

»Er sitzt wahrscheinlich noch dort und weiß nicht, wo ich mich befinde. Suche ihn schnell auf und sag‘ ihm, daß ich hier bin. Aber thue das so, daß niemand es bemerkt. Am besten ist’s, du bleibst von fern und winkst ihn heimlich fort.«

»Richtig, sehr richtig!« antwortete er, indem er mir eine so halsbrecherische Verbeugung machte, wie man sie eigentlich nur einem Kautschukmanne zumuten darf. Dann begab ich mich in die mir angewiesenen Zimmer, Djangeh und ihren Bruder mit mir nehmend.

Die Kinder waren mir schweigend gefolgt; jetzt aber wurden sie sprachselig und legten mir hundert und mehr Fragen vor. Es war mir nicht möglich, ihnen dieselben nach Wunsch zu beantworten; aber ich erkannte aus diesen Erkundigungen, welch ein gutes Herz und welch ein gesundes Begriffsvermögen die kleinen Schwarzen besaßen. Es war nicht viel über eine halbe Stunde vergangen, so ging die Thüre auf und Murad Nassyr trat herein. Als er die unerwartete Einquartierung erblickte, fragte er verwundert:

»Was hat das zu bedeuten? Diese Neger befinden sich hier? Sie sind mit Ihnen gekommen? Warum sind Sie ohne mich heimgegangen? Sie liefen so plötzlich davon, zur Thüre hinaus, und sind nicht wieder zurückgekehrt. Warum das?«

»So wissen Sie nicht, was hinter jener Thüre geschehen ist?«

»Nichts, gar nichts weiß ich. Man hörte da draußen Stimmen sprechen, wohl etwas lauter als gewöhnlich. Ich wollte Ihnen nach; aber da der Wirt dann unter der Thüre stand, so glaubte ich, er werde dafür sorgen, daß Ihnen nichts geschehe. Ich wartete also, bis jetzt Selim kam und mich von weitem zu sich winkte. Nun aber werde ich wohl erfahren, was sich zugetragen hat?«

»Das werden Sie. Setzen Sie sich zu mir, und hören Sie mir ruhig zu.«

Ich erzählte ihm den Vorgang mit der Ausführlichkeit, die ich für nötig hielt. Er war so entsetzt darüber, daß er in eine vollständige Lautlosigkeit verfiel und meinen Bericht zu Ende hörte, ohne ein Wort zu sagen. Aber als ich fertig war, brach er in desto wortreichere Klagen aus. Da er sich dabei der türkischen Sprache bediente, verstanden die Kinder glücklicherweise nicht, was er sagte. Ich hörte ihn ruhig an, ließ den ganzen angstvollen Wortschwall über mich ergehen und fragte ihn am Schlusse desselben:

»Aber fürchten Sie sich denn gar so gewaltig vor diesem Abd el Barak? Nach meiner Ansicht vermag er Ihnen nicht den mindesten Schaden zu thun.«

»Nicht?« antwortete er erstaunt. »Der Vorsteher einer solchen Verbrüderung, eines so mächtigen Bundes!«

»Was geht dieser Bund Sie an? Sind Sie Mitglied desselben?«

»Nein; aber haben Sie denn nicht bemerkt, mit welcher Hochachtung er behandelt wurde? Er besitzt einen Einfluß, der uns sehr gefährlich werden kann.«

»Die Komplimente, welche ihm von andern gemacht wurden, gehen mich nichts an. Mir ist die Hauptsache die Behandlung, welche er von mir erfahren hat, und da wird niemand sagen können, daß sie sehr hochachtungsvoll gewesen ist. Sie haben ihm nichts gethan und brauchen ihn also nicht zu fürchten. Nur ich allein bin es, welcher Veranlassung hätte, ihn zu scheuen, und da ich trotzdem nicht die mindeste Sorge hege, so haben Sie noch viel weniger, also gar keinen Grund, sich zu ängstigen.«

»Aber Sie sind mein Gast; Sie wohnen bei mir, und darum bin ich für alles, was Sie thun, verantwortlich!«

»Dem ist sehr leicht abzuhelfen, indem ich mir ein anderes Logis suche, und das werde ich sofort thun.«

Ich stand von meinem Sitze auf und gab mir den Anschein, als ob ich mich entfernen wolle. Das war gegen seine Pläne. Er erhob sich auch schnell, ergriff mich beim Arme und fragte: »Sie wollen doch nicht etwa fort? Bleiben Sie, bleiben Sie!«

»Das kann ich nicht, weil Sie behaupten, daß ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten werde.«

»Nein, nein, sondern Sie können mir ganz im Gegenteile von großem Nutzen sein. Vielleicht können wir bezüglich dieser Negerkinder ein Abkommen treffen, daß ich keinen Schaden habe.«

»Das können wir. Ich verspreche Ihnen hiermit, alles, aber auch alles auf mich zu nehmen. Ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich nicht nur das Recht, sondern sogar die Verpflichtung habe, mich ihrer anzunehmen. Auf diese Erklärung hin können Sie mich und sie getrost hier behalten. Sollten Sie dadurch mit der Behörde in Berührung kommen, so werden Sie sich auf diese meine Erklärung berufen und damit jede Art von Verantwortlichkeit von sich ab- und auf mich wälzen.«

»Aber ich werde dennoch viel Störung und auch Ärger haben. Wenn man entdeckt, daß Sie die Kinder mit zu mir genommen haben, wird man sich zunächst nicht an Sie, sondern an mich halten. Es ist möglich, daß meine Abreise dadurch verschoben wird, und das macht mir Schaden, da ich an einem ganz bestimmten Tage in Chartum erwartet werde.«

»Ich bin bereit, Sie zu entschädigen.«

»Wodurch, womit?«

»Wenn Sie die Kinder hier behalten, verspreche ich Ihnen, mit nach Chartum zu gehen. Eine Liebe ist der andern wert.«

Da verklärte sich sein Gesicht, und er erkundigte sich:

»Ist dieses Versprechen im Ernst gemeint?«

»Im vollsten Ernste.«

»So gehe ich darauf ein. Hier ist meine Hand. Schlagen Sie ein! Die Kinder bleiben da; aber Sie übernehmen die Verantwortung für alles, was daraus entstehen kann, und begleiten mich dann auf meiner Reise.«

»Gut, abgemacht; hier meine Hand. Und nun mag Ihr Selim nach meinem Hotel gehen, um meine Effekten zu holen. Ich werde ihm zu seiner Legitimation einen Zettel mit einigen Zeilen mitgeben.«

»Ich will ihm den Befehl dazu erteilen und dann für das Abendessen sorgen, für welches es nun Zeit geworden ist.«

Die in Ägypten nur kurze Dämmerung war indessen eingebrochen, und nachdem Nassyr das Zimmer verlassen hatte, kam Selim, um unter einer tiefen Verbeugung um den Zettel zu bitten. Hinter ihm erschien der Schwarze, um die Lampe anzubrennen. Als beide sich entfernt hatten, kam Nassyr wieder. Er war wegen des Abendessens im Harem gewesen und hatte da den Auftrag erhalten, mir folgende Botschaft mitzuteilen:

»Herr, du bist ein großer Arzt. Dein Mittel hat geholfen; die Zahnschmerzen sind vollständig verschwunden und nicht wiedergekehrt. Kannst du auch andere Krankheiten heilen?«

»Ja. Hast du noch einen Patienten im Hause?« antwortete ich.

»Leider! Meine Schwester ist es.«

»Woran leidet sie?«

»An einer Krankheit, von welcher eine Frau oder ein Mädchen nicht gern spricht. Aber du hast ihr Vertrauen errungen, und so hat sie mich beauftragt, aufrichtig mit dir zu sein. Sie verliert nämlich seit einiger Zeit die Zierde ihres Hauptes.«

»Das Haar? Dann mußt du mir freilich einige Fragen beantworten, die man sonst nicht ausspricht, zu denen aber der Arzt sehr wohl berechtigt ist.«

»Frage getrost! Ich werde dir Auskunft erteilen.«

»Wie alt ist deine Schwester?«

Er zögerte doch, mir Auskunft zu geben, da diese Frage im Oriente eigentlich die größte Rücksichtslosigkeit enthält; vielmehr erkundigte er sich:

»Ist es denn unumgänglich notwendig, das zu wissen?«

»Allerdings.«

»Nun, so will ich dir sagen, daß Letafa, im zweimal zehnten Jahre steht.«

Im Oriente ist ein Mädchen mit zwanzig Jahren schon alt, dennoch war der Name geeignet, den Schluß zu ziehen, daß diese Dame sich im Besitze anziehender Eigenschaften befinde, denn Letafa bedeutet die Liebenswürdige. Um so nüchterner mußte meine Frage klingen:

»Ist’s wirkliche Kahlköpfigkeit, an welcher sie leidet?«

Aufrichtig gestanden, sprach ich diese Worte nur aus, um zu sehen, welchen Eindruck sie auf ihn machen würden. Er schlug die Hände zusammen, machte ein Gesicht, als ob er eine Ohrfeige erhalten habe, und rief aus:

»O Allah, Allah, welch eine Frage! Wie unglücklich müssen sich die Frauen der Franken fühlen, da sie von ihren Ärzten gezwungen werden, solche Auskünfte zu erteilen!«

»Wer Heilung finden will, muß aufrichtig sein.«

»So kannst du nicht helfen, ohne zu wissen, wie viel Haare meine Schwester verloren hat?«

»Nein, ganz gewiß nicht.«

»So muß ich dir sagen, daß sich gerade mitten auf ihrem Haupte eine runde, haarlose Stelle befindet, welche fast die Größe eines Maria-Theresien-Thalers hat.«

»Und ist die Patientin einmal von einer schweren, langwierigen Krankheit befallen gewesen?«

»Nie.«

»Dann kann ich vielleicht helfen, aber ich muß die kahle Stelle des Kopfes sehen.«

»Bist du toll!« rief er aus. »Kein Anhänger des Propheten darf ein Mädchen sehen, und du bist gar ein Christ!«

»Ich will nicht das Mädchen, nicht das Gesicht sehen, sondern nur die kleine Stelle des Kopfes.«

»Das ist noch schlimmer. Ein Weib wird einem Manne lieber ihr ganzes Gesicht, als eine kahle Stelle ihres Kopfes zeigen.«

»Hier bin ich nicht Mann, sondern Arzt. Wer Hilfe finden will, darf sich nicht vor meinen Augen scheuen.«

»Nun gut! Die Hände zu zeigen, das ist allenfalls erlaubt. Die sollst du zu sehen bekommen.«

»Das führt zu nichts. Nicht die Hände sind krank, sondern der Kopf ist es; ich muß unbedingt die betreffende Stelle sehen. Da dies aber nicht geschehen kann, so ist es mir unmöglich, der Patientin die Zierde ihres Hauptes wiederzugeben.«

»Herr, das ist grausam und ganz gegen unsere Gebräuche!«

»Ich gebe das zu, muß aber auf meinem Verlangen bestehen. Entweder geht deine Schwester auf dasselbe ein, oder sie behält den kahlen Fleck, der sich immer mehr vergrößern wird, bis er den ganzen Kopf einnimmt.«

»O Unglück, o Herzeleid! Was ist da zu thun? Wenn der Bräutigam diesen Mangel erblickt, wird er mir die Schwester zurückschicken. Das darf nicht sein; sie wird sich vielleicht fügen. Ich werde hinauf zu ihr gehen und sie fragen.«

Er wendete sich zur Thüre. Schon hatte er dieselbe geöffnet, da drehte er sich um und fragte:

Muß es wirklich und auf alle Fälle sein?«

»Unbedingt!«

»So muß ich diesen bösen Auftrag auf mich nehmen.«

Er ging. Ich war schon überzeugt, daß es sich um eine sogenannte kreisförmige Kahlheit handle; aber ich wollte mit voller Absicht mein Verlangen erfüllt haben. Nassyr sollte erfahren, daß es schwer sei, mir etwas abzudingen. Nach einiger Zeit kehrte er zurück und meldete.

»Herr, es ist mir gelungen. Letafa geht auf deinen Wunsch ein. Zwar darf sie dich nicht oben bei sich empfangen, und es ist ihr auch verboten, einen Raum zu betreten, welcher von einem Manne bewohnt wird; aber ihr werdet euch in einem Zimmer treffen, welches neutral ist, weil niemand es bewohnt. Wenn sie ihre Vorbereitungen getroffen hat, wird sie es uns wissen lassen.«

Jetzt kehrte Selim mit meinen Sachen aus dem Hotel zurück. Er trat mit großer Hast herein, vergaß ganz, seine Verbeugung zu machen, und meldete mir:

»Effendi, es ist ein großes Unglück in der Nähe! Zwei Polizeisoldaten suchen dich.«

»Mich? Suchen sie mich denn hier?«

»Ja. Sie langten zu gleicher Zeit mit mir draußen vor dem Hause an.«

»Wie könnte die Polizei mich kennen! Haben sie dir einen Namen genannt?«

»Nein. Sie fragten nach dem Manne, welcher mit zwei schwarzen Kindern hier eingetreten ist.«

»Damit bin freilich ich gemeint. Hast du ihnen gesagt, daß ich hier bin?«

»Ja.«

»Dummkopf!« schrie ihn sein Herr an. »Das solltest du nicht sagen. Das ist im höchsten Grade albern von dir!«

Selim bog den Rücken, daß er mit den Beinen einen rechten Winkel bildete, und antwortete im Tone der Zerknirschung-

»Richtig, sehr richtig!«

»Zanken Sie nicht!« beschwichtigte ich den Türken. »Man hat mich jedenfalls gesehen; die Polizisten wissen, daß ich hier bin, und das Leugnen hätte also nur die Folge, daß die Angelegenheit sich für mich verschlimmerte. Die beiden Beamten wollen also wohl mit mir sprechen?«

»Ja, sogleich!« antwortete der Haushofmeister.

»So bringe sie herein!«

Selim ging, und Murad Nassyr meinte in ängstlichem Tone:

»Ich entferne mich! Man muß denken, daß ich von dieser Sache nichts weiß, daß ich mit derselben gar nichts zu schaffen habe.«

»Nein; es ist besser, Sie bleiben hier.«

»Warum?«

»Damit Sie hören, wie ich mich und Sie aus der Schlinge ziehe. Man soll weder mir noch Ihnen nachsagen, daß wir uns vor der Polizei fürchten. Ich habe ganz nach Recht und Gesetz gehandelt, und Sie dürfen mich nicht verleugnen, sondern Sie müssen durch Ihre Anwesenheit erklären, daß Sie mit mir einverstanden sind.«

»Meinen Sie? Nun gut; es ist möglich, daß Sie recht haben, und ich will also bleiben. Aber die Kinder wollen wir verbergen.«

»Wozu? Ich habe doch nicht die Absicht, zu verheimlichen, daß sie sich hier befinden, also kann ich sie auch sehen lassen. Setzen Sie sich ruhig zu mir nieder! Ich bin begierig, zu erfahren, in welcher Weise diese Polizisten die Angelegenheit zum Vortrag bringen.«

Im Laufe des Gespräches waren uns die Pfeifen ausgegangen. Da der Neger nicht sofort bei der Hand war, steckten wir sie uns selbst wieder an und sahen nun in möglichst würdevoller Haltung dem Eintritte der Beamten entgegen. War ich der Ansicht gewesen, daß sie nicht sehr vertrauenerweckend aussehen würden, so hatte ich mich nicht geirrt. Es waren Arnauten, bis an die Zähne bewaffnet. Es fiel ihnen gar nicht ein, ein Wort des Grußes zu sagen oder gar sich zu einer Verbeugung zu erniedrigen. Sie ließen ihre Blicke durch das Zimmer schweifen, und dann fragte der eine, indem er den Schnurrbart wirbelte und einige Schritte auf mich zutrat:

»Sind das die Neger?«

Natürlich antwortete ich nicht; ich that ganz so, als ob ich ihn gar nicht gesehen und gehört hätte.

»Ob das die Neger sind!« fuhr er mich an, indem er auf die Kinder deutete.

Ich verharrte auch jetzt noch in meinem Schweigen; da trat er nahe zu mir her, stieß mich mit dem Fuße an und fragte in zornigem Tone:

»Bist du taub und blind, daß du weder siehst noch hörst, wer sich bei dir befindet?«

Da fuhr ich empor und gebot ihm:

»Zurück, Unverschämter! Wie darfst du es wagen, einen fremden Effendi mit deinem schmutzigen Fuße zu berühren?«

Mein Gesicht war jedenfalls kein allzu freundliches, denn der Mann wich schnell bis zu seinem noch an der Thüre stehenden Kollegen zurück, hielt es aber der Würde seines Amtes für angemessen, mich zu warnen:

»Hüte deine Zunge! Du hast mich unverschämt genannt! Weißt du, was ich bin?«

»Ein Sabtieh, das heißt, ein niedriger Beamter der Polizei, mit dem ich als Fremder nichts zu thun habe. Wünscht man von mir etwas, so mag man sich an meinen Konsul wenden, der mir einen seiner Khawassen senden wird!«

»Das wird man thun. Vorher aber müssen wir die Sache untersuchen.«

»Dagegen habe ich nichts, wenn es in der richtigen Weise geschieht. Ihr seid hier eingetreten, wie man in einen Stall tritt. Wißt ihr nicht, was ein Gruß ist?«

»So meinst du, daß wir einen Verbrecher auch noch höflich grüßen müssen?« fragte er höhnisch.

»Verbrecher! Wen meinst du mit diesem Worte? Etwa einen von uns beiden?«

»Dich!«

»Mich? Bin ich eines Vergehens oder gar Verbrechens überwiesen? Ich werde mich durch meinen Konsul bei euerm Vorsteher über euch beschweren. Kein Kadi, kein Richter darf, bevor das Urteil gefällt ist, einen Menschen einen Verbrecher nennen, und ihr seid nur niedrige Polizisten, während ich ein hochbeschützter Effendi bin. Sogar den einfachen Gruß habt ihr uns verweigert. Ich werde euch Höflichkeit lehren lassen, und wenn ich mich direkt an den Khedive wenden soll. Bis ihr ehrerbietiger geworden seid, haben wir nichts mit euch zu schaffen. Verlaßt also diese Wohnung, und kommt erst dann wieder, wenn ihr eingesehen habt, was es zu bedeuten hat, einen Europäer mit Füßen zu treten!«

Ich öffnete die Thüre. Sie sahen einander an, ohne meiner Weisung Folge zu leisten.

»Hinaus!«

Dieses Wort rief ich ihnen in einer Weise zu, daß Murad Nassyr erschrocken von seinem Sitze auffuhr. Die Polizisten erschraken nicht weniger; sie schoben sich zur Thüre hinaus, welche ich hinter ihnen zumachte.

»Um Allahs willen, was ist Ihnen eingefallen!« meinte der Türke. »Es wird Ihnen schlecht ergehen!«

»Mein Verhalten wird im Gegenteile die besten Folgen haben,« antwortete ich ihm.

»Irren Sie nicht! So etwas darf nicht einmal ich wagen, der ich doch ein Unterthan des Großherrn bin!«

»Da haben Sie sehr recht. Aber was kein Unterthan des Großherrn wagen darf, das kann ein Franke sich erlauben, für den nicht eure Gesetze, sondern diejenigen seines Landes gelten. Wer zu mir kommt, muß grüßen, sonst jage ich ihn hinaus, und wer mich mit dem Fuße stößt, dem schlage ich eigentlich die Hand ins Gesicht, was ich aber aus Rücksicht für Sie unterlassen habe. Setzen wir uns ruhig nieder!«

»Ruhig!« lamentierte er. »Ich meine, daß es bald sehr unruhig bei uns werden wird. Sie sind zu kühn gewesen und werden es zu bereuen haben!«

»Schwerlich! Es ist nicht zum ersten Male, daß ich solchen Leuten Höflichkeit empfehle. Ich kenne sie. Je mehr man sich von ihnen gefallen läßt, desto protziger werden sie, während sie, wenn sie den richtigen Mann finden, den Mut verlieren. Ich bin überzeugt, daß –«

Ich wurde unterbrochen, um zu erfahren, daß ich die Sabtiehs ganz richtig beurteilt hatte, denn es geschah gerade das, was ich hatte sagen wollen. Die Thüre wurde langsam geöffnet; die Polizisten kamen wieder herein, verneigten sich und grüßten mit einem Sallam. Meine Drohung, nötigenfalls mich sogar an den Khedive zu wenden, hatte die erwartete Wirkung hervorgebracht. Übrigens hatte ich diesen Erfolg mehr meinem Glücke als meinem Scharfsinn zu verdanken, wie sich bald herausstellen sollte.

»Sallam!« antwortete ich, und Murad Nassyr erwiderte den Gruß mit demselben Worte.

»Effendi,« begann derjenige, welcher bisher den Sprecher gemacht hatte, »wir sind beauftragt, uns zu erkundigen, wo sich die beiden jungen Neger befinden, welche du aus dem Bierhause mitgenommen hast.«

»Wie ihr seht, befinden sie sich hier bei mir.«

»Das sind sie also?« fragte er, indem er auf Djangeh und ihren Bruder deutete.

»Ja, sie sind es.«

»So werden wir sie mit uns nehmen, zu ihrem Herrn, Abd el Barak, dem berühmten Vorsteher der Verbrüderung des heiligen Abd el Kader el Djelani.«

»Und der hat euch geboten, sie ihm zu bringen? Ist er euer Vorgesetzter?,‹

»Nein.«

»So habt ihr keine Befehle von ihm zu empfangen.«

»Wir warnen dich, Effendi! Du bist fremd und kennst die Gesetze dieses Landes nicht.«

»Ich scheine sie besser zu kennen als ihr.«

»Du hast dich an Abd el Barak vergriffen!«

»Gerade so, wie du dich an mir, nur mit dem Unterschiede, daß du mich mit dem Fuße tratest, obgleich ich dir nichts gethan hatte, während ich den Vorsteher niederschlug, weil er mich trotz meiner Warnung wiederholt beleidigte.«

»Aber welches Recht hast du an diesen beiden Negerkindern?«

»Dasselbe Recht, welches Abd el Barak an ihnen hat: Ich habe sie engagiert, um mir zu dienen.«

»Sie sind aber doch seine Diener!«

»Nein, nicht mehr, da sie entschlossen sind, von jetzt an bei mir zu bleiben.«

»Das ist nicht möglich, weil er sie nicht entlassen hat. Er bedarf dazu einer Aufsagefrist.«

»Ah, so klug fängt er es an! Es kann ihm das aber keinen Nutzen bringen. Haben diese Kinder sich ihm vermietet?«

»Wir wissen es nicht.«

»Oder sind sie ihm von ihrem Vater übergeben worden?«

»Auch das können wir nicht sagen.«

»So mag er beweisen, daß er ein Recht besitzt, sie von mir zurückzuverlangen. Als Dienstherr muß er beweisen können, daß er sie gemietet hat. Vielleicht besitzt er einen Kontrakt, oder hat er Zeugen, welche ihm den Beweis ermöglichen?«

»Dessen bedarf es nicht; sie haben bei ihm gewohnt und ihm gedient; darum gehören sie ihm.«

»Und jetzt wohnen und dienen sie bei mir; darum gehören sie zu mir.«

»Wir haben aber den Befehl, sie nötigenfalls mit Gewalt von hier zu ihrem Herrn fortzuschaffen!«

»Habt ihr diesen Befehl von eurem Vorsteher erhalten?«

»Nein. Wir handeln im Auftrage Abd el Baraks.«

»Es ist keine Anzeige über mich gemacht worden?«

»Noch nicht; Abd. el Barak will sie aber unbedingt erheben, falls du ihm die Kinder nicht auslieferst!«

»Schön! Warten wir also, bis er das thut. Dann mag der Richter entscheiden, wem die Kinder gehören. Woher wißt ihr denn, daß ich mich hier befinde?«

»Ich sah dich mit den Kindern in diese Gasse einbiegen und in dieses Haus treten. Du führtest sie an den Händen, was hier so auffällig ist, daß es meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Dann kam ich an dem Bierhause vorüber, gerade als Abd0 el Barak aus demselben trat. Er nahm mich mit zu sich, um mir den Auftrag zu erteilen, zu dessen Ausführung ich noch einen Kameraden mitgenommen habe.«

»Jetzt ist mir alles klar, und nun will ich dir eine sehr wichtige Frage vorlegen. Kennst du die Gesetze dieses Landes?«

»Natürlich kenne ich sie.«

»Ist die Sklaverei erlaubt?«

»Nein.«

»Weißt du, aus welcher Gegend diese Kinder stammen?«

»Abd el Barak teilte mir mit, daß sie Abkömmlinge der Dongiol seien.«

»Das ist richtig. Aber sie sind nicht etwa hier in Ägypten, sondern in der Heimat dieses Stammes geboren. Sie wurden vor ungefähr zwei Jahren, als die Sklaveniagd längst verboten war, geraubt, und Abd el Barak hat sie gekauft. Sie sind nicht seine Diener, sondern er hat sie zu Sklaven gemacht und an andere Leute vermietet. Den Lohn steckte er in seine Tasche; sie aber bekamen statt des Essens Schläge, wenn sie nicht genug Geld zu ihm brachten. So steht die Sache. Will Abd el Barak die Kinder haben, gut, so mag er einen Prozeß mit mir beginnen und sich an die Behörde wenden. Ich werde beweisen, daß er sie gekauft hat, und ihn bestrafen lassen. Es wird kein besonderer Ruhm für den Vorsteher einer so frommen Verbrüderung sein, wenn ihm nachgewiesen wird, daß er Sklaven hält und sie des Nachts krumm schließt, wenn sie ihm nicht genug verdienen. Ihr aber seid Wächter des Gesetzes und solltet euch hüten, eure Hände dadurch zu besudeln, daß ihr sie einem Sklavenhalter zur Verfügung stellt. Ich will vergessen, wie grob ihr gegen mich gewesen seid, will auch annehmen, daß ihr euch nicht länger mit dieser Angelegenheit entehren werdet. Darum lasse ich meine frühere Absicht, mich über euch zu beschweren, fallen und will euch sogar einen Bakschisch geben, damit eure Mühe nicht ganz umsonst gewesen ist.«

Ich holte einige Silberstücke hervor, welche sie sofort in ihren Taschen verschwinden ließen, wobei der eine meinte-.

»Herr, du hast Worte des Verstandes und der Weisheit gesprochen, und ich werde Abd el Barak mitteilen, daß es klug von ihm gehandelt sein wird, wenn er es aufgiebt, dir die Kinder wiederzunehmen. Allah gebe dir fröhliche Tage und ein langes Leben!«

Er kreuzte die Arme über die Brust und verbeugte sich höflich; sein Gefährte folgte diesem Beispiele, und dann verschwanden sie.

Mein dicker Türke hatte vor Erstaunen über diese Wendung der Angelegenheit seine Pfeife ausgehen lassen. Er blickte mich mit großen Augen an, schüttelte sehr nachdrücklich den Kopf und meinte:

»Ist das möglich? Sie scheinen trotz Ihrer Grobheit gewonnen zu haben, Effendi!«

»Nicht trotz, sondern wegen meiner Grobheit. Man muß diese Leute zu behandeln wissen. Der Bakschisch hat dann dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Ich sage Ihnen, die hiesigen Beamten haben vor einem europäischen Konsul viel mehr Angst als vor dem Großsultan. Unsere Herrscher verstehen ihre Unterthanen zu schützen, während der Wille des Padischah hier fast gar keine Geltung hat.«

»Aber ob die Sache wirklich zu Ende ist, das fragt sich noch!«

»Nein, sie ist noch nicht zu Ende. Abd ei Barak wird es nicht wagen, sich vor Gericht über mich zu beschweren; aber dafür wird er heimlich Rache nehmen. Ich muß von jetzt an sehr vorsichtig sein.«

»So weiß ich nicht, ob ich Ihnen hier in dieser Wohnung Schutz bieten kann!«

»Sie vermögen es nicht. Ich muß mir einen andern Ort suchen.«

»Aber wo? Im Hotel oder vielleicht bei Ihrem Konsul?«

»Im Hotel bin ich nicht sicher, und den Konsul will ich nicht belästigen. Ich werde morgen die Stadt verlassen.«

»Die Stadt, also mich verlassen? Also auch mich? Das kann ich nicht zugeben. Wir würden uns nicht wiedertreffen.«

»O doch. Ich benutze ein Nilboot oder ein kleines Segelboot, um mit den Kindern eine Strecke nilaufwärts zu fahren, und erwarte Sie dort, um, wenn Sie kommen, zu Ihnen an Bord zu steigen.«

»Kann ich mich darauf verlassen?«

»Gewiß; ich halte mein Wort. Ihr langer Selim mag noch heute hinab nach dem Hafen gehen, um sich zu erkundigen, wann ein Boot abgeht. Ich selbst mag mich heute nicht sehen lassen.«

»Und die Kinder wollen Sie mitnehmen?«

»Ja, denn ich hoffe, in Chartum Gelegenheit zu erhalten, sie zu den Dongiol schicken zu können. Ich habe mich ihrer einmal angenommen und will nicht bei dem Anfang stehen bleiben. Einen Schaden werden wir davon nicht haben; ich bin vielmehr überzeugt, daß wir an ihnen während der Fahrt sehr treue und aufmerksame Diener besitzen werden.«

»Das gebe ich zu und werde dafür sorgen, daß es ihnen unterwegs an nichts gebricht. Eigentlich aber bin ich auch noch jetzt der Ansicht, daß es besser gewesen wäre, wenn Sie sich gar nicht mit ihnen eingelassen hätten.«

Er sagte das in einer Weise, welcher ich entnahm, wie ernst gemeint es war. Er war einmal nicht Gegner der Sklaverei; ich konnte das nicht ändern.

Bald darauf kam der Neger, um uns mitzuteilen, daß die Herrin uns erwarte. Draußen stand die schwarze Dienerin, welche ich vom Zahnschmerz befreit hatte. Sie leuchtete uns die schmale Treppe empor und führte uns in ein Zimmer, welches vollständig leer und unmöbliert war. Nur ein kleiner Teppich war in der Mitte ausgebreitet. Nachdem die Dienerin dem Dicken die Lampe übergeben und sich entfernt hatte, trat eine tief verhüllte, weibliche Gestalt ein, Letafa, die Schwester meines Türken. Ihre Erscheinung harmonierte nicht im mindesten mit dem lieblichen Namen, den sie trug. Ich sah einen weißen Kleiderballen, aus welchem unten zwei kleine Pantoffel hervorschauten. Der Knäuel bewegte sich langsam nach der Mitte des Zimmers und ließ Sich, ohne einen Laut von sich zu geben, dort auf den Teppich nieder. Dann fuhr unter der dichten Hülle eine Hand nach oben, und da, wo ich der Notwendigkeit nach den Kopf vermutete, wurde der Zipfel eines Tuches ein klein wenig zurückgezogen.

»Jetzt!« nickte mir Murad Nassyr zu. »Wollen Sie es sich ansehen?«

Er näherte sich der Gestalt, um zu leuchten, wendete aber das Gesicht seitwärts, damit sein Auge nicht auf den Flecken in der Zierde des Hauptes seiner Schwester fallen könne. Ich aber sah mir denselben genau an. Ja, es gab da mitten im starken, dichten Haar eine runde, ganz kahle Stelle, welche durch mikroskopische Pilze entstanden war.

»Werden Sie es heilen können?« fragte Nassyr.

»Ich hoffe es. Wahrscheinlich wird die Zierde dieses Hauptes schon in einigen Wochen wieder erschienen sein.«

»Allah gebe es! Und ich werde es Ihnen danken. Wie heißt das Mittel, welches man anzuwenden hat?‹,

»Sie finden es hier in Kairo in jeder Apotheke. Man nennt es da EI Milh el hamid, und für einen halben Piaster wird für die ganze Kur ausreichen. Man löst es in einer Flasche voll Wasser auf und betupft damit täglich einmal die kahle Stelle. Das Mittel hat schon vielen geholfen, ist aber bei einem vollständigen Kahlkopfe freilich ohne Wirkung.«

Diese Worte erregten die Freude der Dame in der Weise, daß sie jetzt ihre Stimme vernehmen ließ.

»Meinen Dank; ich danke Ihnen!« hörte ich sie leise sagen; dann erhob sie sich und verließ mit Bewegungen, welche die Bezeichnung elegant freilich nicht verdienten, das Zimmer.

Der verbeugungssüchtige Haushofmeister erhielt, als wir wieder nach unten kamen, den Befehl, da er nach dem Hafen mußte, das Mittel gleich mitzubringen, und einige Zeit später wurde uns das Abendessen aufgetragen. Es bestand aus einer großen Platte mit einem ellenhohen Berg von fettem Pillaw und aus einer zweiten Platte mit Kebab, an Hölzern gebratenen Fleischstückchen. Ich schätzte diese Bratenstücke auf gewiß sechs Pfund und dachte dabei der orientalischen Sitte, daß die Diener bekommen, was die Herren übrig lassen. Das Ganze sah höchst appetitlich aus und war jedenfalls von den weißen Händchen Letafas, der »Liebenswürdigen«, zubereitet worden. Das erhöhte meinen Appetit; ja, ich hatte beinahe Hunger, da mir vorher nur ein Hühnerbein zu teil geworden war. Man kann sich also denken, daß ich mich gar nicht nötigen ließ. Gabeln gab es nicht und Löffeln noch viel weniger. Wir aßen also orientalisch; das heißt, wir langten mit den Händen in den Haufen, ballten den Reis zu Kugeln und führten diese in den Mund. »Führten«, das kann ich allerdings nur auf mich beziehen, denn der Dicke führte nicht, sondern er warf. So oft er eine Kugel geformt hatte, öffnete er den Mund, warf sie hinein, klappte ihn zu, ein Druck, ein Schluck, und sie war hinunter. Ich war neugierig, zu sehen, daß er das Ziel einmal verfehlen werde, mußte aber einsehen, daß seine Geschicklichkeit eine viel zu große sei; er traf die Öffnung stets auf das genaueste. Zum öfteren Reinigen der Hände waren an Stelle der Servietten halb aus einander geschnittene Citronen vorhanden. Ich beeilte mich so sehr wie möglich, konnte es aber meinem Partner nicht gleichthun. Wenn ich eine Reiskugel überwältigt hatte, waren bei ihm vier oder fünf verschwunden. Glücklicherweise bin ich kein starker Esser und hatte also bei der Größe des Reisberges die gerechteste Hoffnung, satt zu werden. Eben nahm ich wieder eine halbvolle Hand davon, fühlte aber, daß ich Widerstand fand. Ich zog und zog – – ein, zwei, drei, vier lange, dunkle Frauenhaare aus dem Pillaw. Dabei mochte sich mein Gesicht auch etwas in die Länge ziehen, denn Nassyr wurde aufmerksam und fragte:

»Was ist’s? Haben Sie sich die Lippen verbrannt?«

»Nein. Ich habe eine wichtige Entdeckung gemacht.«

Ich zeigte ihm die Haare hin. Er zog sie mir aus der Hand, betrachtete sie mit freundlicher Hingebung und meinte:

»Was ist’s weiter? Allah läßt beides wachsen, den Reis und auch die Haare. Aus seiner Hand kommt alles.«

»Aber er läßt den Reis zum Essen und das Haar zum Schmucke wachsen! Gedenken Sie der kahlen Stellen vieler Köpfe! Bedeuten dieselben ein Wunder, wenn man das, was auf den Kopf gehört, im Pillaw findet? Soll ich die Haare essen, gegen deren Verschwinden ich EI Milh el hamid verordnet habe?«

»Wallah, Tallah! Ich hoffe nicht, daß Sie die Absicht haben, das Haupt meiner Schwester zu beleidigen! Diese Haare waren nicht von ihr, sondern von Fatma, der vorzüglichsten Köchin des ganzen großen Sultanreiches.«

»Wer ist diese Fatma?«

»Die Lieblingsdienerin meiner Schwester. Sie ist Meisterin in allen feinen Speisen, und der Wohlgeschmack ihrer Limonaden kommt demjenigen der Paradiesesquelle gleich. Sie werden während der Reise täglich von ihren Speisen essen und also reichlich Gelegenheit finden, ihre Kunst zu preisen.«

O weh! Von dieser Fatma essen, deren erster Pillaw mich so vollständig um meinen schönen Hunger gebracht hatte. Das war eine Aussicht, für welche ich mich nicht zu begeistern vermochte. Natürlich brachte ich meine Zunge nicht wieder mit diesem Reise in Berührung; ich hielt mich an den Kebab und mußte da aber sehr behend sein, da der Dicke es für eine Ehrenpflicht zu halten schien, mich nicht an einer Magenüberfüllung ersticken zu lassen. War er in anderer Beziehung ebenso auf seinen Vorteil bedacht, so hatte ich es später sicher zu bereuen, ihm meine Zusage zur Mitreise gegeben zu haben. Damit es meinen kleinen Negern nicht ebenso wie mir ergehen möge, warf ich ihnen einige Fleischstücke zu und formte fleißig Reisklöße, welche sie mit großer Geschicklichkeit auffingen und ebenso geschickt sich einverleibten. Wahrhaftig, die Platten wurden leer! Was der Dicke nicht zu bemächtigen vermochte, das verzehrten die Kinder, welche sich seit langer Zeit nicht ordentlich satt gegessen hatten und deren Augen mir aus Dankbarkeit für meine Fürsorge freudig entgegenstrahlten. Ich sah es ihnen an, daß ich ihre vollste Liebe gewonnen hatte. Sie waren des Arabischen zwar noch nicht sehr mächtig, hatten aber von meinem Gespräch mit dem Polizisten genug verstanden, um zu wissen, wie sehr ich mich geweigert hatte, sie ihrem grausamen Herrn zurückbringen zu lassen.

Nach dem Essen hob Nassyr den Zeigefinger, machte zu dieser Pantomime ein sehr geheimnisvolles Gesicht und sagte:

»Jetzt kommt das Allerbeste. So lange ich mich noch in Kahira befinde, werde ich mir diesen Wohlgeschmack so oft wie möglich gönnen, da ich später auf denselben verzichten muß.«

Er klatschte in die Hände, und der Schwarze brachte vier Flaschen Bier, welche der Dicke ohne mein Wissen hatte holen lassen. Nun, wenigstens dieser heimatliche Trank sollte mir nicht zu Wasser werden. Ich goß mir also fleißig in die Schale und war infolgedessen ebenso schnell mit zwei Flaschen fertig wie mein Türke.

Dieser begann jetzt, an das heutige Erscheinen des Gespenstes zu denken, oder vielmehr an dessen Nichterscheinen; denn er war wirklich überzeugt, daß es sich durch die Anwesenheit eines Ungläubigen abschrecken lassen werde. Von ihm um eine Meinung befragt, erklärte ich:

»Auch ich glaube nicht, daß der Geist kommen wird, denn er fürchtet sich vor mir.«

»Fürchten? O nein! Ein Geist kennt keine Furcht. Er wird nicht kommen, weil Sie als Christ ihm für unrein gelten.«

»Dann rate ich ihm freilich, sich nicht an mir zu besudeln, denn ich würde ihn und sein Andenken so verunreinigen, daß sein Name für alle Moslemirn zum Gelächter würde. Es könnte ihm niemals einfallen, wiederzukommen.«

»Sie scheinen wirklich keine Angst zu haben?«

»Nein. Ich habe mich schon, als ich ihn zum erstenmale sah, nicht vor ihm gefürchtet.«

»Wie? Sie haben ihn bereits gesehen?«

»Ja. Wenigstens vermute ich es. Entweder er oder sein Obergespenst ist mir schon einmal hier in Kahira erschienen.«

»Allah! Und wann denn?«

»Davon später. Sie würden es mir doch nicht glauben.«

»Ich glaube es sofort. Er ist ja mir auch erschienen. Warum sollten ihn andere nicht ebenso gesehen haben?«

»Andere, ja, aber nicht ich, der ich ein Ungläubiger bin. Sie sind ja der Ansicht, daß er sich von mir fernhalten werde. Ein Ungläubiger bin ich nicht; kein Christ ist ein Giaur, denn unser Gott ist derselbe Gott, welchen Sie Allah nennen. Wir glauben sogar mehr als Sie, denn wir beten in Isa Ben Marryam, den Sie nur als Propheten verehren, den Sohn Gottes an. Aber in Beziehung auf Gespenster bin ich der ungläubigste Mensch, den es geben kann. Pflegen Sie des Nachts im Finstern zu schlafen?«

»Nein, sondern gerade des Gespenstes wegen brennen wir alle Licht.«

»Und es kommt dennoch?«

»Es kommt dennoch; es kommt durch die verriegelten Thüren und wandelt durch die erleuchteten Zimmer, an uns vorüber. Es ist grauenhaft! Daß ich noch nicht entflohen bin, mag Ihnen beweisen, daß ich meinen Namen Nassyr, welcher Sieg bedeutet, mit vollem Rechte trage.«

»Auch die Hausthüre ist verriegelt?«

»Natürlich, und zwar mit zwei großen, schweren Riegeln, welche man gar nicht so leicht bewegen kann.«

»Und wo schläft Selim, der tapfere Haushofmeister, welcher es mit allen Helden des Weltalls aufnimmt?«

»Hinter der Hausthüre, wo er sich täglich ein Lager bereitet.«

»Und auch er hat den Geist gesehen?«

»Täglich, alle Abende hat er ihn erblickt. Sie mögen daraus erkennen, daß er wirklich kein furchtsamer Mensch ist. Heute werden wir zum erstenmale der Ruhe pflegen können, welche uns bisher versagt gewesen ist. Ich bin müde und bedarf des Schlafes. Gute Nacht!«

Er gab mir die Hand und ging in seine Wohnung. Ich hörte, daß er die Thüre hinter sich verriegelte. Natürlich glaubte ich ihm sehr gern, daß er der Ruhe bedürfe. Starke Esser pflegen nach der Mahlzeit ermüdet zu sein. Aber daß ihn das Gespenst heute nicht stören werde, darüber war ich anderer Überzeugung. Ich hätte darauf schwören mögen, daß gerade heute der Geist kommen werde, wenn auch nicht mir zuliebe, aber doch gerade meinetwegen.

Es mochte nach unserer Zeit gegen elf Uhr sein, und ich hielt es für geraten, meine Vorbereitungen zu treffen, welche höchst einfach waren. Zunächst hatte ich die Kinder in Schlaf zu bringen. Sie mußten sich in eine Ecke auf das Polster legen, und ich deckte sie mit meinem Mantel, den Selim aus dem Hotel mitgebracht hatte, so zu, daß ihre Gesichter unter demselben steckten; sie sollten das Gespenst nicht sehen. Dann trat ich leise hinaus in den Säulengang, um nach der nächtlichen Beleuchtung zu sehen. Es gab keinen Mondschein; aber die Sterne schimmerten so hell hernieder, daß man wenigstens zehn Schritte weit zu sehen vermochte.

Zur Hausthüre kam das Gespenst nicht herein; das war gewiß, weil dieselbe mit Riegeln verschlossen war, und weil Selim dort lag. Ich war überzeugt, daß dieser Schlingel sich gerade denjenigen Ort, an welchem sich die Erscheinung nicht sehen ließ, zur Ruhestätte erwählt hatte. Der Geist stieg unbedingt über die Gartenmauer, in welcher es die schon erwähnten Breschen gab. Dort konnte man ihn kommen sehen. Trotzdem zog ich es vor, mich nicht in dem Garten zu postieren, denn vielleicht befand der Geist sich schon draußen, hätte mich bemerkt und auf seinen heutigen Rundgang verzichtet. Nun ging ich nach dem Hausflur, um nach Selim zu sehen. Er war noch nicht da, kam aber soeben die Treppe herab, mit einer kleinen Lampe in der Hand, welche ihn und die Umgebung matt beleuchtete. Alle Wetter, hatte dieser Held sich für die Geistererscheinung vorgesehen! Von jeder Schulter hing ihm eine Flinte herab; an der linken Seite schleppte ein mächtiger Sarras neben ihm her; sein langes, weißes Gewand war mit einem Tuche umgürtet, aus welchem die Griffe von einigen Messern und Pistolen blickten; in der Linken trug er die Lampe und in der Rechten ein starkes Holz, welches jedenfalls die Stelle einer Keule vertreten sollte. Als er mich erblickte, fuhr er vor Schreck so zusammen, daß ihm die Lampe entfallen wäre, wenn ich sie nicht ergriffen und festgehalten hätte.

»Laß mich in Ruh‘, laß mich in Ruh‘, o böser Geist, o Teufel!« rief er, indem die Keule seiner Hand entglitt.

»Schrei‘ nicht so, Selim!« antwortete ich. »Ich glaube gar, du hältst mich für den Geist!«

Dabei hob ich die Lampe zu meinem Gesichte empor. Als er dasselbe erkannte, meinte er im Tone größter Erleichterung und indem er tief Atem holte:

»Preis sei Allah, daß du es bist, o Effendi! Denn wenn es der Geist gewesen wäre, so hätte ich ihn auf der Stelle erschlagen!«

»Wohl mit der Keule, welche du hier weggeworfen hast?«

»Ja, mit ihr. Sie entfiel mir, als ich eben ausholen wollte. Ist der Herr schon schlafen gegangen?«

»Ja.«

»Die andern auch, und ebenso wollte ich hier mein Lager aufsuchen.«

Er nahm mir die Lampe aus der Hand und leuchtete nach der Thüre, -wo er eine alte Strohmatte ausgebreitet und darauf eine große Decke gelegt hatte, in welche er sich so einhüllen konnte, daß ganz gewiß weder er den Geist noch dieser ihn zu sehen vermochte.

»Und wo befindet sich der Neger?« fragte ich.

»Droben im Vorzimmer der Frauen, wo er sich mit ihnen verrammelt hat. Warum wandelst du hier herum, wo doch jeden Augenblick der Geist erscheinen kann?«

»Ich suchte dich. Ich wollte dich fragen, ob du nicht einige starke Schnüre oder Stricke hast.«

»Ich habe welche und werde sie gleich holen.«

Er brachte mir das Verlangte und riet mir dann, mich schlafen zu legen. Ich kehrte in meine Wohnung zurück, zunächst in das hintere Zimmer, welches erleuchtet war, und wollte nach den Kindern sehen. Sie schliefen fest. Dann ging ich in die nebenanliegende, dunkle Stube und öffnete die Thüre, welche auf die Säulenhalle des Hofes führte. Da setzte ich mich auf den Boden nieder und wartete mit großer Spannung, ob es dem Gespenst belieben werde, heute zu erscheinen.

Offen gestanden, wünschte ich, daß es kommen möge, denn ich wollte gern wissen, ob ich mit meiner Ahnung, daß es ein Mitglied, vielleicht gar der Vorsteher der Verbrüderung sei, das Richtige getroffen hätte. War es Abd el Barak, den ich, wie schon gesagt, für einen starken Menschen hielt, so galt es, vorsichtig und dabei sehr schnell zu sein. Er mußte überrascht werden. Ich wollte ihn im erleuchteten Zimmer erwarten, um zu erfahren, was er, wenn er mich erkannt hatte, machen werde. So saß ich lange Zeit; die Minuten wurden mir zu Viertelstunden. Ich hielt die Augen nach dem in den Garten führenden Durchgang gerichtet. Da hörte ich ein leises Geräusch aus jener Richtung, und von dem Dunkel der mir gegenüber liegenden Säulenhalle hob sich eine schmale, lichtere Stelle ab, welche sich bewegte. Es war eine jetzt in der Nacht grau erscheinende, also wohl weiß gekleidete Gestalt. Sie trat aus der Halle hervor und auf den offenen Hof. Aber sie war nicht allein; eine zweite und eine dritte Gestalt folgten ihr. Gab es etwa drei Gespenster? Dann war mein Verfahren nicht ganz ungefährlich. Die erste Gestalt wendete sich nach links von mir, wo die Zimmer des Türken lagen. Sie hob einen Arm empor, ein Zeichen für die beiden andern, welche sofort einen Lärm begannen, welcher dem Heulen und Pfeifen eines starken Sturmes glich. Dazu reichte der Mund nicht aus; sie mußten Instrumente haben. Ihr Treiben war für mich jetzt Nebensache; ich mußte mein Augenmerk auf den ersten richten. Dieser befand sich hinten bei der letzten Thüre. Jedenfalls schob er jetzt in der von mir vermuteten Weise den Riegel derselben zurück, um in das Zimmer zu treten. Von diesem aus wollte er die anderen Räume des Türken durchschreiten und mußte dann auch in meine Wohnung kommen. Er sollte mich dort auf dem Lager finden. Darum stand ich auf und kehrte schnell, die Thüren hinter mir verriegelnd, in mein erleuchtetes Zimmer zurück, wo ich mich auf das Kissen legte und die Decke so über mich breitete, daß mein Gesicht frei blieb. Die Negerkinder schliefen noch fest. Die Stricke hatte ich mit unter die Decke genommen.

Ich brauchte nicht lange zu warten; der entscheidende Augenblick war da. Ich hörte ein Geräusch an der zu Murad Nassyr führenden Thüre; sie wurde geöffnet, und der Geist trat ein. Er drehte sich zunächst zurück, und beim hellen Schein des Lichtes sah ich in seiner Hand einen dünnen, spitzen Gegenstand, welchen er in die schon erwähnten Löcher steckte, um den jenseitigen Riegel zuzuschieben. Der Kerl mußte seiner Sache sehr sicher sein, daß er es nicht einmal für nötig hielt, sich erst bei mir umzusehen. Ich hielt die Lider so, daß die Augen geschlossen zu sein schienen, ich aber dennoch alles deutlich sehen konnte. Dabei atmete ich ruhig wie ein Schlafender, dafür sorgend, daß meine Brust sich leicht, aber sichtbar hob und senkte.

Ich hätte mich in die Seele Murad Nassyrs hinein ärgern oder schämen mögen! Dieser Geist hatte ganz und gar nicht das landläufig angenommene Aussehen eines Gespenstes. Er war in einen langen, bis auf den Boden reichenden Burnus von weißer Farbe gehüllt, hatte die Kapuze desselben über den Kopf gezogen, und außerdem hing ihm über das Gesicht ein helles Tuch herab, in welches für die Augen zwei Löcher geschnitten waren. Das war doch kein Geist, kein Gespenst, sondern ein Mensch, welcher ganz genau die Gestalt des Abd el Barak hatte.

Draußen hatte sich das Geräusch des Sturmes in das Nachäffen von allerlei Tierstimmen verwandelt, eine wirklich kindische Art und Weise, Gespensterfurcht zu erwekken. Das konnte ich jetzt nicht beachten, denn mein Gespenst hatte sich von der Thüre weg in das Zimmer gewendet, sah sich in demselben um und kam langsam auf mich zu. Es blieb eine kleine Weile vor mir stehen, wahrscheinlich, um mich zu betrachten. Ich hätte sein Gesicht sehen mögen! Aber das war nicht möglich, weil es verhüllt war und weil ich die Augenlider nicht so weit öffnen durfte. Ich konnte durch die Wimpern nur bis dahin schauen, wo sich seine Hände unter dem Burnus befanden. Hielt er mich wirklich für schlafend? Das wäre kein gutes Zeichen für seine Intelligenz gewesen, denn der Lärm, den seine Mitgespenster draußen vollführten, hätte jeden Schläfer aufwecken müssen. Jetzt verließ er mich und ging leise zu den Kindern. Er bückte sich nieder und hob den Zipfel meines Haïk empor. Er sah die beiden Schwarzen, und ich bemerkte eine Bewegung der Überraschung, welche er nicht zu unterdrükken vermochte. Dies gab mir die Überzeugung, daß ich Abd el Barak vor mir hatte.

Er ließ den Zipfel sinken und kehrte völlig geräuschlos zu mir zurück. Er beugte sich über mich, so daß das sein Gesicht verhüllende Tuch senkrecht niederhing und ich nun sein Kinn und auch seinen Mund sehen konnte. Seine rechte Hand kam aus dem Burnus hervor; die Klinge eines Messers blitzte in derselben. Das war gefährlich, und es galt, keinen halben Augenblick zu zögern. Sorge brauchte ich nicht zu haben, denn selbst wenn er stärker als ich war, mußte mir der Schreck zu Hilfe kommen. Ich sprang nicht etwa auf, nein, denn das wäre ein Fehler gewesen, der mich gerade an sein Messer gebracht hätte; vielmehr wälzte ich mich blitzschnell vom Polster herab vor seine Füße und hob dieselben aus, so daß er nach vorn niederstürzte. Das Messer flog aus seiner Hand; er kam mit Kopf und Brust quer auf das Polster zu liegen. Im nächsten Augenblicke war ich über ihm, legte ihm die linke Hand an die Kehle, drückte dieselbe fest zusammen und gab ihm mit der rechten Faust einige Hiebe auf den Hinterkopf. Er machte eine schwache, krampfhafte Bewegung, die ihn nicht befreien konnte, und blieb dann einige Sekunden, die mir aber erlaubten, ihm den einen Strick um den Oberkörper und die Arme zu winden, still liegen. Nun schlug er mit den Beinen aus; ich band sie mit dem anderen Stricke zusammen, so daß er nun vollständig gefesselt und in meine Hand gegeben war. Danach riß ich das Tuch weg und blickte, ganz wie ich erwartet hatte, in das Gesicht Abd el Baraks.

Seine Augen glühten mir förmlich entgegen, doch sagte er kein Wort, was mir sehr lieb war, da ich wünschte, daß die Kinder jetzt noch weiter schlafen möchten. Ich mußte hinaus, und er sollte sie nicht etwa durch Drohungen bewegen können, ihn von den Stricken zu befreien. Aus demselben Grunde mußte ich ihm einen Knebel geben; darum preßte ich ihm mit der einen Hand abermals die Kehle zusammen; er machte, um Luft zu bekommen, den Mund weit auf, und ich schob ihm den zusammengeballten Zipfel des Tuches hinein.

Nachdem ich ihn noch weiter von den Kindern weggezogen hatte, damit er sich nicht leicht zu ihnen hinrollen könne, begab ich mich hinaus in den Säulengang, aber nicht durch die Thüre des erleuchteten Zimmers, weil ich da von den Gespenstern gesehen worden wäre, sondern durch die dunkle Nebenstube. Ich nahm meine schwere Büchse mit, um zuschlagen zu können.

Die beiden sauberen Patrone verführten noch denselben Lärm wie vorher. Ich sah, daß sie, um für Tiere gehalten zu werden, sich auf Hände und Füße gestellt hatten. Mich so tief wie möglich niederduckend, schlich ich mich näher. Mein Anzug war dunkel genug, um nicht leicht vom Boden unterschieden werden zu können. Als ich dem Nächsten auf sechs oder sieben Schritte nahe gekommen war, sprang ich auf ihn zu und schlug ihn mit einem Kolbenhiebe nieder. Er stieß einen heulenden Schrei aus, blieb aber liegen. Der andere wurde durch diesen Schrei gewarnt und richtete sich auf. Er sah mich und wendete sich zur Flucht. Ich eilte ihm nach, an dem leeren Wasserbassin vorüber. Aus der Umfassung desselben war ein Stein gefallen; ich sah denselben nicht und stolperte über ihn hinweg, wobei mir mein Gewehr so zwischen die Beine kam, daß es mir aus der Hand geprellt wurde. Ich ließ es natürlich liegen und rannte weiter, hinter dem flüchtigen Chajjal her. Er war leider mit der Örtlichkeit vertrauter als ich und hatte, als ich den Garten erreichte, einen Vorsprung gewonnen, welcher mich zur verdoppelten Eile antrieb. Es ging quer durch den Garten, über Schutthaufen und durch Unkrautgestrüpp der Mauer zu. Er wollte hinauf; ich kam zur rechten Zeit, erwischte ihn am Beine und riß ihn herab. Das geschah mit solcher Gewalt, daß ich das Gleichgewicht verlor, niederstürzte und unter ihn zu liegen kam. Er hatte sein Messer gezogen und holte zum Stoße aus. Durch eine schnelle Wendung erreichte ich, daß der Stoß fehlging; die Klinge fuhr mir zwischen Brust und Oberarm hindurch. Ich stieß ihm die Faust von unten gegen die Nase und versuchte, seinen bewaffneten Arm festzuhalten. Der Schmerz, den ihm der Nasenstöber verursachte, verdoppelte seine Kräfte; er riß sich los. Ich warf mich, um einem abermaligen Stiche zu entgehen, einige Schritte fort und sprang dann auf; er hatte aber auf einen weiteren Gebrauch seines Messers verzichtet; das Entkommen schien ihm wichtiger zu sein, als mich zu verwunden; er schnellte, ehe ich die entstandene Distanz wieder einzuholen vermochte, sich auf die Mauer und sprang drüben herab; dann hörte ich ihn im Galopp davonrennen.

Mochte er entkommen! Ich war froh, seinem Messer entgangen zu sein, und kehrte in den Hof zurück. Dort lag das Gespenst Nummer Zwei noch so, wie mein Kolbenhieb es niedergestreckt hatte. Ich untersuchte den Gürtel des Menschen; es steckte ein Messer darin, welches ich zu mir nahm; dann begab ich mich in den Hausgang, wo der tapfere Selim lag. Als er mich kommen hörte, brach er vor Entsetzen in das bekannte Gebet der Mekkapilger aus.

»O Allah, behüte mich vor dem dreimal gesteinigten Teufel; bewahre mich vor allen bösen Geistern, und verschließe die Tiefen der Hölle vor meinen Augen!«

»Wimmere nicht, sondern stehe auf!« gebot ich ihm. »Ich bin es ja!«

»Du bist es? Wer denn?« klang es unter der Decke hervor, in welche er sich gewickelt hatte. »Ich weiß, wer du bist. Gehe an mir vorüber, denn ich bin ein Liebling des Propheten, und du hast keine Gewalt über mich.«

»Unsinn! Erkennst du mich nicht an der Stimme? Ich bin der fremde Effendi, welcher als Gast bei euch wohnt.«

»Nein, der bist du nicht. Du hast seine Stimme angenommen, um mich zu täuschen. Aber die Hände der heiligen Khalifen sind ausgebreitet zu meinem Schutze, und im Paradiese bewegen sich Millionen Lippen zum Gebete für meine Rettung. O Allah, Allah, Allah, laß meine Sünden so klein werden, daß du sie nicht sehen kannst, und hilf mir, den bösen Geist überwinden, der seine Krallen um meinen Nacken schlägt!«

Der Mann, der sich vermessen hatte, es mit allen Helden des Weltalls aufzunehmen, war eine Memme allererster Sorte. Zureden half da nichts. Ohne alle Sorge, daß er Gebrauch von seinem Waffenarsenale machen werde, wickelte ich ihn auf und zerrte ihn hinaus in den Hof, wohin er mir wimmernd folgte. Aber als er da beim Sternenscheine mich erkannte, richtete er sich stolz auf und sagte:

»Effendi, was hast du gewagt!«

»Nichts, gar nichts!«

»Sehr viel, o sehr viel! Preise Allah, daß du noch am Leben bist! Ich habe dich sofort an der Stimme erkannt. Hätte ich dich aber für den Geist gehalten, so wäre deine Seele wie Rauch aus deinem Leibe gefahren, denn ich bin fürchterlich in meinem Zorne und entsetzlich in meinem Grimme!«

»So fürchtest du dich also nicht vor einem Gespenste?«

»Ich mich fürchten? Das kannst du fragen! Ich nehme es mit allen Geistern und Drachen der Hölle auf.«

»Das ist mir außerordentlich lieb, denn du sollst mir den Geist in meine Stube tragen helfen.«

»Den Geist?« fragte er, indem er plötzlich um eine Viertelelle kleiner wurde. »Du scherzest! Wer kann einen Geist tragen?«

»Ich kann es, und du kannst es auch. Dort liegt er; schau hin! Wir wollen ihn in das Zimmer bringen.«

Er folgte mit seinem Blicke meiner ausgestreckten Hand und sah die hell gekleidete Gestalt liegen.

»Hilf uns, O Herr, begnadige uns mit deinem Segen!« rief er aus, indem er beide Hände abwehrend von sich streckte. »Kein Befehl des Padischah, kein Gebot und kein Gesetz kann mich dorthin zu der Stelle bringen, an welcher dieser oberste der bösen Geister liegt.«

»Es ist ja gar kein Geist, sondern ein Mensch!«

»Aber du nanntest ihn ein Gespenst!«

»Er hat Gespenst gespielt, um euch in Furcht zu jagen.«

»So sage mir vorher, wie er heißt, wo sein Stamm wohnt und weichen Namen sein Vater und der Vater seines Vatersvaters trägt! Eher kann ich ihn nicht für einen Menschen halten.«

»Das ist alles Unsinn! Er ist ein Mensch. Ich habe ihn besiegt und mit dem Gewehre niedergeschlagen. Und drin in meiner Stube liegt ein zweiter, dem es ebenso ergangen ist.«

»So bist du verloren. Sie haben sich nur zum Schein besiegen lassen und werden über dich und deine Seele herfallen, um sie in Stücke zu zerreißen und in alle Winde zu zerstreuen!«

»So gehe wieder zu deinem Lager und stecke dich unter deine Decke! Sage mir aber niemals wieder, daß du der berühmteste Held deines Stammes seiest!«

Ich ließ ihn stehen, ging zu dem Geiste Nummer Zwei, nahm ihn auf die Achsel und trug ihn fort, nach meinem Zimmer, wo ich ihn niederlegte. Meine letzten Worte waren doch nicht ohne alle Wirkung auf Selim geblieben. Er kam mir, wenn auch zögernd, nach und blickte vorsichtig durch die halb offen gelassene Thür. In der Nähe derselben lag Abd el Barak. Selim erkannte dessen Gesicht. Sehr bedächtig, einstweilen nur den einen Fuß in die Stube setzend, fragte er erstaunt:

»Ist das nicht Abd el Barak, der Vorsteher der heiligen Kadirine? Wie kommt er hierher, und wer hat ihn in Banden geschlagen?«

»Ich, weil er der Geist ist, welcher in diesem Hause spukte. Er kam zu mir herein und wollte mich erstechen. Da habe ich ihn unschädlich gemacht. Er hatte noch zwei Geister mit, diesen hier, den ich niedergeschlagen habe, und einen andern, der mir über die Gartenmauer entkommen ist.«

Jetzt schien dem »größten Helden seines Stammes« ein Licht aufzugehen. Er kam vollends herein, stellte sich vor mich hin und sagte:

»Effendi, du bist zwar kein rechtgläubiger Moslem, aber Allah scheint dich doch in seinen ganz besonderen Schutz genommen zu haben, sonst wärst du jetzt eine Leiche und lägest draußen, starr wie ein Klotz, niedergestreckt von meiner tapfern Hand, welche unüberwindlich ist.«

Und als ich lächelnd die Achsel zuckte, fuhr er fort:

»Bezweifelst du das etwa? Du bist draußen im Hofe gewesen. Wehe dir, wenn ich dich gesehen und für den Geist gehalten hätte! Deine Gebeine wären zertrümmert unter meinen gewaltigen Streichen, und deine zermalmte Seele wäre von hinnen gegangen wie ein zusammengeknilltes Stück Papier. Kein Schöpfer hätte dich in dieser Gestalt wieder erkannt, und es wäre dir keine Stätte geworden im Lande des jenseitigen Lebens. Allah hat dich behütet, und darum solltest du das Christentum verlassen und den wahren Glauben annehmen, welcher seine Bekenner zu Helden macht, die jeden Gegner überwinden.«

»Um ein Held wie du zu werden, braucht niemand einen anderen Glauben anzunehmen. Gehe jetzt, um deinen Herrn herbeizuholen! Ich will ihm zeigen, welcher Art die Gespenster sind, die ihn aus diesem Hause vertreiben wollten.«

»Ich werde ihn rufen. Vorher aber muß ich selbst mit diesem Manne sprechen, welcher uns weismachen wollte, daß er in das Reich der abgeschiedenen Seelen gehöre.«

Er dachte jetzt nicht daran, daß Abd el Barak als Vorsteher der Kadirine eine bedeutende Macht besaß; das Renommieren war ihm zur zweiten Natur geworden, und da sich ihm jetzt eine Gelegenheit dazu bot, fiel es ihm nicht ein, dieselbe ungenützt vorübergehen zu lassen. Er streckte die geballte Hand gegen Abd el Barak aus und sagte:

»In diese Hand warst du schon längst gegeben. Ich durchschaute dich und hätte, wenn es mein Wille gewesen wäre, dich zerdrücken können, wie man einen Schwamm zusammendrückt. Aber ich war zu stolz dazu. Du warst nicht würdig, von meiner Hand berührt zu werden. Darum hob ich dich für diesen Effendi auf, der dich überwunden hat, wenn auch nicht so leicht und schnell, wie ich mit dir fertig geworden wäre. Du bist für mich wie eine tote Kröte, wie ein abgestandener Fisch, den man nicht riechen mag. Du wirst keine Nachkommen haben, und deiner Vorfahren wird kein Mensch gedenken. Aber wenn du gestorben bist, wird deine Seele als Geist spuken müssen in alle Ewigkeit. Das wird der Lohn deiner Thaten sein, während man die meinigen verzeichnen wird in das Buch der Helden und in die Gedichte der Sieger und Eroberer!«

Kein Theaterheld hätte mit größerem Aplomb hinter den Coulissen verschwinden können, als Selim jetzt durch die Thüre verschwand, um Murad Nassyr zu rufen. Abd el Barak sah ihm mit einem Blicke nach, welcher nichts Gutes weissagte. Ich konnte mich jetzt nicht mit ihm, sondern ich mußte mich mit seinem Nebengespenste beschäftigen, denn der Mann regte sich noch immer nicht. Hatte ich ihn vielleicht totgeschlagen? Es wurde mir doch ein wenig angst. Ich untersuchte seinen Schädel; er war geschwollen, aber nicht zerbrochen. Das Herz schlug fühlbar und regelmäßig. Ah! sollte der Mann sich verstellen, um, wenigstens einstweilen, der Demütigung zu entgehen? Ich nahm ihn beim Halse und drückte. Sofort riß er voller Angst, daß ich ihn erwúrgen wolle, die Augen auf und gurgelte:

»Zu Hilfe, zu Hilfe, o Gott, zu Hilfe! Ich ersticke; ich sterbe!«

Ich zog die Hand von seinem Halse und drohte:

»Wer sich tot stellt, der mag sterben. Behalte die Augen offen, wenn du nicht willst, daß ich sie dir für immer schließe! Gespenster finden bei mir keine Gnade.«

Es versteht sich ganz von selbst, daß die schwarzen Geschwister jetzt aufgewacht waren. Sie saßen in ihrer Ecke und betrachteten mit ängstlich aufgerissenen Augen die für sie furchterweckende Scene; aber einige Worte von mir genügten, sie zu beruhigen.

Jetzt nun konnte ich Abd. el Barak den Knebel aus dem Munde nehmen. Hätte ich bisher noch besorgt, daß er mir wegen der im Bierhause stattgefundenen Scene gefährlich werden könne, so war nun jede Veranlassung zu dieser Befürchtung verschwunden; ich hatte den Mann in meiner Hand und durfte annehmen, daß er sich hüten werde, etwas gegen mich zu unternehmen, nämlich offen; seine heimliche Gegnerschaft stand mir noch immer und nun erst recht bevor. Selim war nach der Säulenhalle gegangen, um von da aus durch Klopfen Einlaß bei Murad Nassyr zu begehren. jetzt erschien er unter meiner Verbindungsthüre, um mir zu sagen, daß sein Herr mich erst zu sprechen begehre, bevor er die gefangenen Gespenster sehen wolle.

»So mußt du einstweilen hier bleiben,« beschied ich ihn.

»Richtig, sehr richtig,« antwortete er, indem er mir seit vorigem Tage die erste Verbeugung machte. Er hatte bei der Aufregung der letzten Stunde die altgewohnte Höflichkeit ganz außer acht gelassen.

»Ich hoffe, daß ich dir diese Gefangenen anvertrauen darf?«

»Mit vollstem Rechte, Effendi. Ich werde sie erwürgen, sobald sie nur ein Wort sagen oder eine falsche Bewegung machen. Du darfst versichert sein, daß ich zum Hüter solcher Missethäter wie geschaffen bin. Ein einziger Blick aus meinem Adlerauge genügt, sie in die größte Angst und Bangigkeit zu versetzen. Erlaube mir aber, vorher meine Waffen zu holen!«

»Das ist ja gar nicht nötig; sie sind doch gefesselt!«

Der andere Geist war nämlich auch gebunden worden.

»Das weiß ich sehr wohl, Effendi; aber die Waffen verdoppeln die Würde des Mannes und geben seinen Geboten den Nachdruck, den sie haben müssen.«

Es war klar, er fürchtete sich, mit diesen beiden hilflosen Männern allein zu sein; er brachte also sein ganzes Arsenal geschleppt, und dann ging ich zu Murad Nassyr, dessen Wohnung ich jetzt zum erstenmale betrat. Sie war ebenso fein und bequem eingerichtet wie die meinige. Er stand erwartungsvoll in seiner Schlafstube und begann mit den Worten:

»Was ist geschehen, Effendi? Ich kann nicht glauben, was ich gehört habe. Selim hat mir von seinen Heldenthaten berichtet, aber in einer Weise, daß ich über das meiste im unklaren geblieben bin.«

»Nun, was hat er denn erzählt?«

»Acht Gespenster sind dagewesen; zwei haben Sie gefangen; eins ist Ihnen entkommen, und mit den fünf übrigen hat er gekämpft.«

»Und sie natürlich besiegt?«

»Leider nicht, denn er hat sie entfliehen lassen müssen, woran Sie schuld sind.«

»Ich? Warum?«

»Gerade als er dem Siege nahe gewesen ist und sie ihn um Gnade gebeten haben, sind Sie gekommen, um ihn zu Ihrer Unterstützung in den Hof zu holen.«

»Das ist ein Roman, den er sich ausgesonnen hat. Seine fünf Gespenster leben nur in seiner Einbildung oder vielmehr in seiner Lügenhaftigkeit; es hat nur drei gegeben, und mit diesen habe ich es allein zu thun gehabt.«

»Und Abd el Barak befindet sich wirklich unter ihnen?«

»Ja.«

»Unglaublich! Wer hätte so etwas denken können?«

»Ich habe es gedacht, wie Sie sich erinnern werden.«

»Mir ist nichts erinnerlich.«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß der Geist sich vor mir fürchten werde, daß ich ihn schon gesehen habe? Ich meinte damit Abd el Barak. Ich vermutete, daß er es sei, der dieses Haus unsicher mache, um die Wirtin und dann auch die Mieter zu vertreiben, damit es desto eher der Bruderschaft anheimfalle.«

»Das haben Sie vermutet? Ich hätte es mir nie denken können. Es ist schrecklich! Aber nun erzählen Sie mir, wie es zugegangen ist, denn Selims Worten darf ich doch wohl keinen Glauben schenken.«

»Allerdings nicht, da seine Phantasie den größten Beitrag leistet.«

Ich berichtete ihm das Geschehene so kurz und einfach wie möglich; dennoch hatte ich Mühe, ihn zu bewegen, mir Glauben zu schenken. Daß ein Mann wie Abd el Barak sich zu einer solchen Rolle verstehen könne, war ihm fast undenkbar. Ich forderte ihn auf, sich doch durch den Augenschein zu überzeugen; da antwortete er:

»Ehe ich mich zu diesem Manne begebe, muß ich erst wissen, was wir mit ihm und seinem Gehilfen thun werden. Meinen Sie, daß wir sie laufen lassen?«

»Hm! Eigentlich müßten wir die Sache zur Anzeige bringen.«

»Davor möge Allah uns behüten! Die Behörde von diesem Gespensterspiele zu benachrichtigen, würde nichts anderes heißen, als uns die ganze Kadirine zum Feinde zu machen, und das muß ich auf alle Fälle vermeiden, weil ich den größten Schaden davon haben würde. Meine Geschäftsverbindungen mit Ägypten würden in kurzer Zeit wie abgebrochen sein, und nicht nur mit Ägypten, da die Kadirine sich über ganz Nordafrika und sogar bis tief in den Sudan erstreckt. Und auch Sie dürfen eine so mächtige Verbindung sich nicht zur Feindin machen. Ich bin überzeugt, daß Sie ihr Vaterland nicht wiedersehen würden.«

»Ich muß Ihnen leider beistimmen. Also bestrafen dürfen wir die Thäter nicht lassen. Es ist nicht einmal rätlich, die Sache in anderer Weise an die Öffentlichkeit zu bringen. Aber die Kerle einfach freigeben, geht doch auch nicht, denn sie würden sich auch in diesem Falle an uns zu rächen suchen. Wir müssen irgend eine Sicherheit vor dieser Rache in die Hand bekommen.«

»Das könnte doch nur in Form einer Unterschrift sein?«

»Allerdings, ein schriftliches Bekenntnis, von Abd, el Barak unterschrieben. Wir würden von demselben Gebrauch machen, falls er sich direkt feindlich gegen uns verhält oder uns Veranlassung giebt, zu glauben, daß er uns die Kadirine auf den Hals gehetzt habe.«

»Richtig! Ich überlasse es Ihnen, dieses Schriftstück zu entwerfen. Papier und alles dazu Nötige ist da.«

Nachdem noch einige nähere Bemerkungen über diesen Gegenstand ausgetauscht worden waren, begaben wir uns in meine Schlafstube, wo Selim mit geschultertem Gewehre und drohendem Gesicht vor den Gefangenen stand. Eben als wir eintraten, hörte ich ihn sagen:

»Also dürft ihr ja nicht denken, daß ihr euch hier an ihm rächen könnt. Er ist viel zu klug dazu, indem er den guten Rat befolgt, den ich ihm gegeben habe.«

»Von wem redest du?« fragte ich ihn, da mir diese großsprecherischen Worte auffielen. Sie schienen sich auf mich zu beziehen, auf irgend einen Beschluß von mir, welchen mir angeraten zu haben er sich fälschlicherweise rühmte. Er machte ein ziemlich verlegenes Gesicht und zögerte mit der Antwort.

»Heraus damit!« gebot ich ihm. »Hast du etwa von mir gesprochen?«

Ich fühlte mich zu dieser Frage besonders dadurch veranlaßt, daß ich die Augen Abd el Baraks mit einem höhnischen Blick auf mich gerichtet sah.

»Nein, nicht von dir,« antwortete er endlich. »Von Murad Nassyr, meinem Herrn. Er geht unter meinem Schutze nach Chartum und hat also die Rache dieser Leute nicht zu befürchten.«

»Du bist ein Faselhans und solltest dich im Schweigen üben, anstatt jedermann Geschichten zu erzählen, welche doch ganz anders verlaufen, als du die Meinung hast. Gehe hinauf an die Thüre des Harems, und melde dem Neger, was geschehen ist, damit die Bewohner wissen, woran sie sind, wenn sie bemerken, daß wir nicht schlafen!«

Ich schickte ihn fort, damit er nicht Zeuge unserer Verhandlung mit Abd el Barak sei. Wenn dieser Mensch sich von seiner Plauderhaftigkeit hatte hinreißen lassen, zu erzählen, daß ich morgen mit den Negern Kairo verlassen wolle, konnte ich mich auf alle möglichen Hindernisse oder gar Fährlichkeiten gefaßt machen. Er war am Hafen gewesen, um ein Schiff für mich zu suchen; ich hatte aber keine Gelegenheit gefunden oder vielmehr es im steten Denken an den Geist außer acht gelassen, ihn nach dem Ergebnisse seiner Nachforschung zu fragen. Als er fort war, band ich Abd el Barak los, so daß er seine Glieder wieder bewegen und sich aufsetzen konnte. Dann zeigte ich ihm den Revolver und drohte:

»Zunächst bist du noch ein Gespenst, auf welches ich schießen werde, wenn es eine Bewegung macht, zu welcher ich meine Erlaubnis nicht gegeben habe. Ich erwarte also, daß du genau in deiner jetzigen Stellung verbleibst.«

Er sah mich mit einem Blicke an, in welchem nichts als tierische Wut zu finden war; dann zuckte ein überlegenes Grinsen um seinen aufgeworfenen Mund, und er antwortete:

»Wenn du für den mächtigen Mokkadem der heiligen Kadirine irgendwelche Befehle hast, so sprich!«

»Ich habe dir ebensowenig etwas zu befehlen wie du mir, doch stehe ich im Begriffe, dir einige Vorschläge zu machen.«

»Ich höre!«

Er schlug die Arme stolz übereinander und nahm die Haltung und Miene eines Regenten an, welcher einem tief stehenden Unterthan in Gnaden Audienz erteilt. Am liebsten hätte ich ihm einen Faustschlag versetzt, um ihm in Erinnerung zu bringen, daß er hier nicht der Gebietende sei, mußte aber leider in Anbetracht der vorliegenden Umstände meine Empörung beherrschen. Hier gab es einen frappanten Anlaß, den Einfluß des Islam mit demjenigen des Christentumes zu vergleichen. Welche Liebe, Sanftmut, Demut und milde Freundlichkeit beobachtet man bei den Angehörigen christlicher Kongregationen, und wie hochmütig, verstockt und frech trat dieser Mitleiter einer moslemitischen Verbrüderung auf! Und so sind sie alle, diese unwissenden Moslemim, deren Frömmigkeit sich meist nur im gedankenlosen Herleiern einiger Gebete bethätigt, verbissene und verständnislose Menschen, welche mit Verachtung selbst auf ihre Glaubensgenossen herabsehen, falls diese nicht Mitglieder einer Verbrüderung sind.

»Ich höre!« Das klang so oberherrlich, als ob dieser Gespensterspieler der zur Erde niedergestiegene Geist des Propheten selber sei. Es verursachte mir nicht geringe Überwindung, ihm ruhig zu antworten:.

»Kennst du die Kutub el Kadirine, welche in vielen geschriebenen Heften durch alle Länder gehen, in denen es Anhänger eurer Verbrüderung giebt?«

»Ich kenne sie,« nickte er.

»Wer schreibt dieselben?«

»Jeder, der ein Schriftsteller ist, kann so ein Heft verfassen.«

»Nun wohl, ich bin ein Muallif und möchte ein solches Heft schreiben.«

»Du?« lachte er. »Du bist ja ein Giaur!«

»Sprich dieses Wort nicht wieder aus! Du hast erfahren, wie ich solch eine Beleidigung bestrafe. Wenn ich es schreibe, wird es gelesen werden; dafür laß mich sorgen! Der Titel wird lauten: Abd, el Barak, el Dschinni, Abd el Barak, das Gespenst, und jeder Leser wird erfahren, welch eine jämmerliche Rolle der berühmte Mokkadem der frommen Kadirine heute abend hier gespielt hat.«

»Wage es!« fuhr er mich zornig an.

Ich erkannte daraus, daß meine Berechnung richtig war. Aus einer Drohung mit der Obrigkeit machte er sich voraussichtlich weniger, als aus einer solchen Beschämung vor den Genossen seiner Verbrüderung. Nur auf diesem Wege ließen sich Zugeständnisse von ihm erlangen.

»Ich wage dabei gar nichts,« erklärte ich kaltblütigen Tones. »Ich mache dich vor allen deinen Genossen zu schanden und du wirst nicht die mindeste Macht besitzen, dich an mir zu rächen. Aber aus Rücksicht für die braven Mitglieder eurer Verbrüderung möchte ich es unterlassen, die Kadirine durch dich zu beschimpfen. Ich bin vielleicht bereit, auf mein Vorhaben zu verzichten, wenn du mir beweisest, daß du das Geschehene bereust und auf alle Rache gegen uns verzichtest.«

Bei der Erwähnung der Reue zuckte es grimmig über sein Gesicht; er überwand aber seinen Zorn und fragte in verhältnismäßig ruhigem Tone:

»Worin soll dieser Beweis bestehen?«

»Erstens darin, daß du allen Rechten auf diese Negerkinder entsagest.«

»Ich entsage,« antwortete er sofort mit einer wegwerfenden Bewegung seiner Hand. Meine Drohung hatte also einen solchen Eindruck gemacht, daß ihm diese Bedingung als etwas sehr geringes erschien.

»Damit ich ganz sicher bin, wirst du mir eine schriftliche Quittung darüber geben, daß ich dir das Geschwisterpaar abgekauft habe!«

»Du sollst sie haben.«

»Ferner fertigst du mir einen Empfehlungsbrief aus, des Inhalts, daß alle Mitglieder der Kadirine mir Schutz und Unterstützung zu erweisen haben.«

»Ich werde ihn schreiben.«

Das sagte er ebenso schnell wie seine vorherigen Antworten. Ich glaubte, viel verlangt zu haben. Durfte ich seiner so raschen Zusage Vertrauen schenken? Er sah mich in einer Weise, welche mich bedenklich machte, von der Seite an. Dieser versteckte Blick schien einen Hinterhalt zu bedeuten. Doch hatte ich keine Zeit zum Überlegen, was jetzt auch zu nichts führen konnte, und fuhr also fort: »Und endlich setzen wir eine kurze Schrift auf, welche die Erzählung dessen enthält, was heute hier geschehen ist. Diese Schrift hast du zu unterzeichnen.«

Da fuhr er ergrimmt auf:

»Beim Leben des Propheten, das thue ich nicht!«

»Schwöre nicht bei Muhammed, denn du wirst und kannst diesen Schwur nicht halten!«

»Ich halte ihn, Warum soll ich mich unterschreiben? Was willst du mit dieser Schrift machen?«

»Wenn du dich nicht feindlich zu uns verhältst, wird kein Mensch sie zu sehen bekommen; aber wenn du uns zu schaden trachtest, werden wir Gebrauch von derselben machen.«

»Was werdet ihr machen, wenn ich es nicht thue?«

»Es giebt hier in Kahira noch andere Verbrüderungen, deren Mokkadems ich sofort kommen lassen werde. Diese Männer sollen dich hier sehen und von uns erfahren, auf welche Weise du zu uns gekommen bist. Dann wird man bald allüberall erfahren, daß deine Frömmigkeit im Nachahmen der Gespenster besteht.«

Das war der letzte aber auch der höchste Trumpf, den ich auszugeben hatte, und die erwartete Wirkung blieb nicht aus. Er starrte eine Weile vor sich nieder, dann rief er aus:

»Ich muß mich erheben; ich kann jetzt nicht sitzen bleiben!«

Er sprang auf und schritt in großer Erregung im Zimmer hin und her. Dann blieb er vor mir stehen und fragte:

»Und wenn ich das alles thue, was ihr von mir fordert, werdet ihr uns beide dann ungehindert gehen lassen?«

»Ja.«

»Und die letzte Schrift erst dann vorzeigen, wenn ihr die Bemerkung gemacht habt, daß ich euch zu schaden trachte?«

»Ja.«

»Bei meiner Seele und bei den Seelen meiner Ahnen, du bist ein Mensch, vor dem man sich zu hüten hat.«

»Du zählst deine Ahnen bis hinauf zum Propheten, denn du trägst den grünen Turban, außer wenn du Gespenster machst. Du würdest, falls du dich weigertest, auf meine Forderungen einzugehen, den Gesandten Allahs beschimpfen. Hüte dich!«

»Der Tag deiner Geburt ist ein Unglückstag für mich. Ich werde mich fügen und deinen Wünschen nachkommen. Schreibe also, was du zu schreiben hast! Ich werde meinen Namen dazu setzen.«

Mit diesem Entschlusse ging seine Aufregung zu Ende; er setzte sich wieder nieder. Ich that dasselbe, und Murad Nassyr brachte mir Papier, Tinte und eine Rohrfeder. Es dauerte einige Zeit, bis ich Abd el Barak die drei Schriftstücke vorlegen konnte. Er unterschrieb sie, ohne sie durchzulesen, gab sie mir zurück und rief tief aufatmend, indem er sich von seinem Sitze erhob:

»So, jetzt sind wir fertig. Nun bindet diesen Mann hier los, und laßt uns fort!«

Wir befreiten das Gespenst Nummer Zwei von den Stricken und begleiteten die beiden bis hinaus an die Hausthüre, deren Riegel Selim zurückschob. Als Abd el Barak den Fuß auf die Gasse gesetzt hatte, drehte er sich zu uns um, machte mir eine Verbeugung und sagte in spottendem Tone:

»Gott behüte dich, Gott bewahre dich; hoffentlich sehe ich dich in kurzer Zeit wieder!«

Dann schritt er mit dem anderen »Gespenste« von dannen. Ich kehrte in mein Zimmer zurück, und Nassyr begab sich hinauf zu seiner Schwester, welche jedenfalls außerordentlich gespannt auf seine Erzählung war. Die Papiere steckte ich zu mir, denn es fiel mir gar nicht ein, sie dem Türken in Verwahrung zu geben. Ich traute ihm nicht die nötige Umsicht zu, und aus dem Verhalten Abd el Baraks, ganz besonders aber aus der Art seines ironischen Abschiedes war zu schließen, daß er allerlei Hintergedanken hegte, welche uns zur Vorsicht mahnten. Dann kam Selim, um sich zu erkundigen, ob ich ihn noch brauche oder er sich wieder niederlegen dürfe.

»Einige Fragen sollst du mir beantworten,« entgegnete ich ihm. »Hast du ein Schiff für mich gefunden, welches heute von Bulak nilaufwärts geht?«

»Ja; ich habe das beste und schnellste ausgesucht, Effendi, und für dich und die Neger Platz bestellt.«

»Das hast du gar nicht klug gemacht. Man braucht nicht schon jetzt zu wissen, ob ich allein komme oder nicht. Hast du gesagt, wer ich bin?«

»Ich mußte es sagen, da der Kapitän mich danach fragte.«

»Was ist’s für ein Schiff?«

»Eine Dahabijeh, welche sehr schnell zu segeln scheint, da man ihr den Namen ›Semek‹ gegeben hat.«

»Und nun noch eins, die Hauptsache! Während du die Gefangenen bewachtest, hast du mit Abd el Barak gesprochen. Da hast du ihm erzählt, daß ich heute mit diesem ›Semek‹ die Stadt verlassen werde?«

»Nein, ich habe kein Wort gesagt.«

»Sei aufrichtig! Es hängt vielleicht sehr viel davon ab, daß du mir die Wahrheit sagst. Ich werde dir nicht zürnen, falls du geplaudert hast.«

Er legte beide Hände auf das Herz und versicherte im Tone der größten Aufrichtigkeit:

»Effendi, beleidige nicht meine fromme Seele, indem du glaubst, daß ich dich belüge! Du bist der Freund meines Herrn, und darum diene ich dir ebenso treu wie ihm. Warum hätte ich plaudern sollen? Ich bin als Sohn der Verschwiegenheit geboren, und aus meinem Munde gehen nur solche Reden, welche Allah und den heiligen Kalifen wohlgefällig sind. Ich schwöre dir zu, daß ich kein Wort gesagt habe!«

»Gut!« meinte ich, obgleich ich seine Wahrheitsliebe sehr bezweifelte. »Wann wird die Dahabijeh den Ankerplatz verlassen?«

»Um drei Uhr. Du weißt wohl, daß dies die Aufbruchszeit jedes gläubigen Moslem ist.«

»Und wo liegt sie? Giebt es ein Kaffeehaus in der Nähe, von welchem aus man sie sehen kann?«

»Gar nicht weit von der Stelle, an welcher sie angehängt ist, befindet sich ein Kaffeehaus, vor welchem man sitzen und ihr Deck leicht überblicken kann. Willst du vielleicht dorthin gehen? Ich werde es dir zeigen.«

»Nein, ich habe diese Absicht nicht. Ich bedarf deiner nicht mehr. Ich hoffe, daß du die Wahrheit gesagt hast, und gebe dir zu bedenken, daß man einem Lügner nur schwer wieder Vertrauen schenkt!«

»Richtig, sehr richtig!« stimmte er mir bei, indem er den Kopf so tief verneigte, daß der Außenrand seines Riesenturbans fast den Boden berührte; dann ließ er mich allein.

Nach einiger Zeit suchte mich Nassyr noch einmal auf. Er hatte das Bedürfnis, das Geschehene von neuem durchzusprechen, und dabei zeigte es sich, daß er geneigt war, Abd el Barak jetzt für unschädlich zu halten.

»Er hat gesehen, wie ernst es uns ist,« sagte er; »er hat sich unterschrieben und wird sich hüten, uns zu zwingen, von den Waffen, welche wir gegen ihn in den Händen haben, Gebrauch zu machen.«

»Das denke ich nicht. Zunächst wird er sich Mühe geben, sie uns wieder zu entwinden. Er ist zu allem fähig. Haben Sie nicht den Ton beachtet, in welchem er von uns Abschied nahm?«

»Das war Ärger.«

»Nein, sondern Hohn. Auch fällt mir die Leichtigkeit und Schnelligkeit auf, mit welcher er sich zur Unterschrift des Empfehlungsbriefes bereit erklärte. Jedenfalls hat er sich dabei in einen Hinterhalt gelegt, welchen wir vielleicht noch kennen lernen werden. Zudem bin ich überzeugt, daß Selim ihm mitgeteilt hat, daß ich heute Kahira verlassen werde. Es gilt die Dahabijeh zu beobachten, ob Abd el Barak sie vielleicht besucht.«

»Wer soll das übernehmen?«

»Ich nicht, da es sich ja um mich handelt. Selim ist nicht zuverlässig, und Ihren Neger können wir auch nicht damit betrauen.«

»So muß ich selbst gehen; das wird das beste sein.«

»Allerdings. Das Schiff heißt ›Semek‹ und kann von einem nahe liegenden Kaffeehause leicht überblickt werden. Die Aufgabe erfordert Wachsamkeit, und darum möchte ich Ihnen raten, jetzt wieder zur Ruhe zu gehen. Es giebt keine Gespenster mehr, und unser Schlaf wird nun wohl nicht wieder unterbrochen werden.«

Nassyr verabschiedete sich, und auch ich legte mich wieder nieder, nachdem ich meine beiden Pflegebefohlenen zur Ruhe gebettet hatte. Das Licht wurde diesmal ausgelöscht. Als ich erwachte, war der Vormittag schon fast vorüber. Selim brachte uns das Frühstück und benachrichtigte mich, daß sein Herr schon zeitig ausgegangen sei und verschiedene Gegenstände für mich nach Hause geschickt habe. Er brachte mir dieselben, und ich erkannte, daß der dicke Türke doch nicht ganz so selbstsüchtig war, wie ich vorher geglaubt hatte. Er hatte nicht nur Proviant, sondern auch noch anderes, um mir die Nilfahrt zu erleichtern, für mich eingekauft. Nun handelte es sich vor allen Dingen um das Passagegeld. Hatte ich dasselbe zu entrichten, so entstand dadurch ein Loch in meiner Kasse, welches sehr bedenklich war. Nassyr kam zur Mittagszeit nicht heim; er war pflichtgetreu und blieb so lange wie möglich auf seinem Posten. Erst um zwei Uhr ließ er sich sehen, und nun war es Zeit zum Aufbruche für mich. Durch die Einkäufe des Türken hatten sich meine wenigen Sachen so vermehrt, daß ich einen Packträger holen lassen mußte. Sogar einen hübschen Tschibuk und einen gestickten Tabaksbeutel fügte er hinzu. Kurz bevor wir gingen, wurde Siut als Haltepunkt für mich bestimmt. Ich durfte mich nicht zu weit entfernen, aber wegen Abd el Barak auch nicht zu nahe bei Kairo bleiben. Nassyr konnte bereits bestimmen, daß er genau nach einer Woche mit dem Sandal Tehr, die Stadt verlassen werde. Nach dieser Angabe war leicht zu berechnen, zu welcher Zeit ich ihn in Siut erwarten konnte. Was die Beobachtung der Dahabijeh betrifft, so hatte Nassyr nichts Verdächtiges wahrgenommen. Er war sogar selbst an Bord gewesen, um die Passage für mich zu entrichten, was glücklicherweise nicht meinen Beutel, desto mehr aber mein Herz erleichterte, und hatte auch da nichts bemerkt, was ihm hätte auffallen können. Er behielt seine Ansicht bei, daß meine Vorsicht und Besorgnis ganz überflüssig sei. Ich aber hatte sehr oft erfahren, daß ein Südländer nicht leicht eine Beleidigung verzeiht, und in Beziehung auf Abd el Barak hatte es sich um weit mehr als um eine persönliche Kränkung gehandelt.

Die Sitte des Ostens verbot es mir, Letafa, der »Liebenswürdigen«, lebewohl sagen zu lassen; die haarspendende Fatma ließ ich sehr gern zurück. An der Hausthüre verabschiedete ich mich von Selim mit dem guten Rate:

»Sollte während meiner Abwesenheit der Geist wiederkommen, so wimmere nicht und schlage lieber tüchtig zu. Und halte nicht wieder drei Gespenster für acht! Zu einem ›größten Helden seines Stammes‹ gehört unbedingt, daß er nicht mehr Feinde erblickt, als wirklich vorhanden sind.«

»Richtig, sehr richtig!« antwortete er, indem er mir seine lebensgefährlichste Verbeugung machte und dabei meine Hand an seine Lippen zog. Ein arabischer Moslem, der die Hand eines Ungläubigen küßt, wie oft mag das wohl vorkommen! Der Mann schien mich trotz der kurzen Zeit doch schon ein wenig in sein Herz geschlossen zu haben, und ich nahm mir vor, in Zukunft zu seinen Eigentümlichkeiten ein Auge zuzudrücken. – –

Der Reïs Effendina

Der Reïs Effendina

Murad Nassyr begleitete mich und die Kinder. Der Packträger ging voran. Als wir das Schiff erreichten, war die Bemannung desselben gerade mit dem Nachmittagsgebete zu Ende und machte sich nun daran, das große Segel zu entrollen. Ich drückte Nassyr die Hand, sagte ihm Dank und sprang, gefolgt von den Schwarzen, an Bord. Der Packträger stand, nachdem er meine Sachen da niedergelegt hatte, schon wieder am Ufer. Nach kurzer Zeit legte sich der Wind ins Segel, und die Dahabijeh wendete ihren Bug der Mitte des Stromes zu. Einige Abschiedswinke von seiten meines dicken Türken, welche ich erwiderte, dann wendete ich mich dem Decke zu, um den Reïs, zu begrüßen. Er kam mir entgegen, verbeugte sich sehr höflich, hieß mich willkommen und reichte mir sogar die Hand. Dann führte er selbst mich, während der Steuermann dem Schiffe Richtung gab, in die für mich bestimmte Kabine. Sie lag im Hinterteile des Schiffes unter einem Bretterverschlage und wurde anstatt einer Thüre durch eine herabhängende Strohmatte von dem offenen Deck getrennt. Ich sah eine Art Matratze daliegen; Decken hatte Nassyr mir mitgegeben, also konnte ich es mir mit meinen kleinen, schwarzen Begleitern bequem machen. Raum dazu war genug, wenn auch nicht überflüssig vorhanden. Zu meiner Verwunderung waren längs der Bordwand zwei Dutzend Flaschen aufgestellt. Der Reïs sagte mir, daß sie von dem Türken geschickt worden seien. Es war Bira nimsawiji, österreichisches Bier. Meine Sympathie für den Dicken wuchs mehr und mehr.

Eben hatte der Reïs mich verlassen, und ich war an die kleine, winzige Kajütenluke getreten, um einen kurzen

Blick hinaus auf den segelbelebten Strom zu werfen, da hörte ich hinter mir eine Stimme:

»Effendi, erlaubst du mir, deine Sachen zu bringen, welche noch vorn liegen, wo der Hammal sie hingelegt hat?«

Ich drehte mich nach dem Sprecher um. Er stand unter dem Eingange meiner Koje in so höflicher, ja demütiger Haltung, daß man ihm wohl eine freundliche Antwort hätte gönnen mögen; aber ich brachte es nicht dazu. Sein Auge blickte so scharf und spitz unter den buschigen Brauen hervor; seine schmalen Lippen waren an den Mundwinkeln breit niedergezogen, als ob er im Begriffe stehe, ein Hohngelächter aufzuschlagen, und seine Nase – – ja diese Nase! Sie war dick angeschwollen und gelb, rot, grün und blau gefärbt. Was hatte der Mann nur gemacht, sich sein Gesicht in dieser Weise zu verschimpfieren! Ich mußte ganz unwillkürlich an den Geist Nummer Drei denken, mit dessen Nase meine Faust heute nacht in so kräftige Berührung gekommen war. Es stieg ein Verdacht in meiner jetzt sehr zum Mißtrauen gestimmten Seele auf. Als man vorhin das Segel löste, war dies unter dem singenden Rufe der Matrosen »Ah ia sidi Abd el Kader« geschehen. Dies ist der beliebte Ausruf aller zur Kadirine gehörigen Moslemin. Sollte der Reïs dieses Schiffes und mit ihm die Bemannung desselben Mitglieder dieser Verbrüderung sein? Sollte Abd el Barak, der jawohl von Selim den Namen der Dahabijeh erfahren hatte, dem Reïs den Befehl erteilt haben, meinen Geist Nummer Drei an Bord zu nehmen? Das war höchst bedenklich! Es galt, vorsichtig und klug zu sein. Ich verriet meine Gedanken durch keine Miene und überraschte den Mann durch die schnelle Frage:

»Wie ist dein Name?«

Er hatte auf seine Erkundigung von meiner Seite gewiß nichts anderes als ein zustimmendes Ja erwartet; er zögerte mit der Antwort. Warum? Hatte er Veranlassung, seinen Namen zu verschweigen?

»Nun, antworte!« drängte ich ihn in scharfem Tone.

»Ich heiße Ben Schorak,« meinte er jetzt.

Er hatte das in einer Weise gesagt, als ob er den ersten besten Namen, der ihm einfiel, über die Lippen gehen lasse. Und Ben Schorak, also Schoraks Sohn. Das genügte nicht. Dieser Mann war gegen fünfzig Jahre alt und mußte also einen eigenen Namen haben, hinter welchen dann allerdings Ben Schorak zu setzen war. Ich hielt mich aber nicht lange bei meinem Bedenken auf und erkundigte mich weiter:

»Warum meldest du dich zu dieser Arbeit?«

»Weil ich die Kajütenpassagiere zu bedienen habe.«

»Ah so! Bist du ein Araber?«

»Ja, vom Stamme der Maazeh.«

»Wie lange dienst du schon auf diesem Schiffe?«

»Seit über einem Jahre.«

»Gut! Hole die Sachen! Bin ich mit dir zufrieden, so wird dich mein Bakschisch erfreuen.«

Jjetzt galt es, diesem Manne keine Zeit zu lassen, die mir gegebenen Antworten draußen mitzuteilen. Ich ging also hinaus. Der Reïs stand hinten beim Steuermann; ich trat zu ihnen und zog einige unverfängliche Erkundigungen ein, welche sich auf meine Rechte und Pflichten als Passagier bezogen. Dann fragte ich, ob mir nicht ein Mann zu kleinen Dienstleistungen angewiesen werden könne. Der Reïs antwortete ahnungslos:

»Dieser Mann ist bereits bestimmt. Er hat schon deine Sachen in die Kajüte getragen und befindet sich noch in derselben.«

»Wie heißt er?«

»Barik.«

»Ein Beduine?«

»Nein. Er stammt aus Minieh.«

»Ist er treu und zuverlässig? Wie lange befindet er sich auf dieser Dahabijeh?«

»Schon seit vier Monaten.«

Ich wußte genug; ich war von diesem Gespenst Nummer Drei belogen worden. Er hatte noch nicht die Vorsicht gehabt, mit der Bemannung des Schiffes die notwendigen Personalien zu verabreden. Er befand sich meinetwegen hier. Mir fiel es auf, daß er sich noch immer in meiner Kajüte aufhielt. Was hatte er in derselben zu suchen? Ich näherte mich in einer Weise, daß er mich nicht bemerken konnte, und trat dann schnell ein. Da saßen die beiden Kinder und knabberten an einigen Datteln, mit denen er ihre Aufmerksamkeit gefangen genommen hatte; er aber hatte seine Hand in der Innentasche meines Haïks, natürlich um den Inhalt derselben zu untersuchen. Ich that, als ob ich das nicht bemerkte, und erteilte ihm irgend einen kleinen Auftrag, infolgedessen er sich zu entfernen hatte.

Wie wohlbegründet waren meine Befürchtungen gewesen! Nun fragte es sich, welchen Auftrag dieser Mann von Abd el Barak empfangen hatte. Mich zu ermorden? Wohl möglich, aber ganz so Schlimmes wollte ich doch nicht vermuten. Wahrscheinlicher war es, daß seine Aufgabe darin bestand, mir die Unterschriften zu entwenden. Vielleicht hatte er soeben in der Haïktasche nach ihnen gesucht. Aber sei dem, wie ihm wolle, ich befand mich in keiner angenehmen Lage und hätte lieber, wenn dies möglich gewesen wäre, die Dahabijeh sofort verlassen. Dies konnte später leicht geschehen, denn diese Schiffe legen des Abends fast regelmäßig am Ufer an, und es stand wohl nicht zu befürchten, daß es mir schon heute an den Kragen gehen solle. Ich gab zunächst alles Grübeln auf und machte mich an die Einrichtung meiner kleinen, schwimmenden Häuslichkeit. Man reist mit dem Nilboote sehr langsam, und ich hatte mich also auf eine Reihe von Tagen einzurichten. Da galt es vor allen Dingen, mein Eigentum, besonders die mitgenommenen Lebensmittel, vor den Ratten zu schützen, welche eine wahre Plage auf diesen Booten sind. Dabei kam mir auch ein Paket Rauchtabak in die Hände. Ich öffnete dasselbe und fand ein zusammengelegtes Papier obenauf liegen, auf welchem geschrieben stand: Ihr Reisegeld bis Siut. Das Papier war schwer; als ich es auseinandergeschlagen hatte, blinkten mir zwanzig Sovereigns entgegen. Das waren nach türkischer Ausdrucksweise zwanzig Inglis liraszy, über vierhundert Mark nach deutschem Gelde. Mein dicker Murad Nassyr war gar kein übler Türke. Leider hatten wir in Beziehung auf den Glauben sehr verschiedene Meinung; aber in Hinsicht auf Geldangelegenheiten schien zwischen uns die erfreulichste Harmonie zu bestehen. Nur fragte es sich, zu welcher Art von Diensten er mich dadurch verpflichten wollte. Es bestand noch immer eine leise Ahnung in mir, daß seine Geschäfte doch nicht ganz von derjenigen Gattung seien, zu welcher ich mich bedenkenlos verstehen durfte. Über sein sonst so ehrliches Gesicht war zuweilen ein Zug gegangen, wie man ihn nur bei Personen bemerkt, denen jeder Weg recht ist, falls er sie nur zum Ziele führt. Sein Verhalten zu mir war ganz gewiß auch mit die Folge eines gewissen Wohlwollens; das gab ich gerne zu; der eigentliche Grund desselben lag aber sicher in einer selbstsüchtigen Berechnung, die ich ihm freilich nicht übelnehmen konnte, da wir Menschen ja alle mehr oder weniger Egoisten sind, wie jeder Aufrichtige gestehen wird.

Ich baute, um die Ratten abzuhalten, von den Flaschen eine Unterlage, auf welche sämtliche Effekten und Vorräte zu liegen kamen. Dabei halfen mir meine beiden Neger, und es stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß sie recht geschickt waren und ein gutes Fassungsvermögen besaßen. Freilich hätte ich mir diese Arbeit ersparen können, aber ich ahnte nicht, daß mein Aufenthalt auf der Dahabijeh nicht einmal einen Tag währen werde.

Wie in dieser Jahreszeit fast immer, herrschte Nordwind, und das Segelboot machte eine ziemlich schnelle Fahrt, bis die Sonne im Westen verschwand und das Moghreb, gebetet wurde. Dann aber ließ der Reïs halbe Luft nehmen; die Dahabijeh ging langsamer, und ich sah, daß das Steuer nach dem linken Ufer des Stromes gelegt wurde. Ich ging infolgedessen zum Reïs und fragte ihn nach der Ursache dieses Manövers.

»Wir legen in Giseh an,« antwortete er mir.

»Aber warum das? Unsere Fahrt hat ja eben erst begonnen. Aus welchem Grunde soll sie schon unterbrochen werden? Es ist ja noch nicht finster, und bald werden die Sterne erscheinen, bei deren Licht wir recht gut noch bis Atar en Nebi und Der et Tin oder gar bis Menil Schiba und Der Ibn Sufgan segeln können!«

»Woher kennst du diese Orte?« fragte er verwundert. »Wer hat dir von ihnen erzählt?«

Es lag in meinem Interesse, ihn wissen zu lassen, daß ich nicht so unerfahren sei, wie er vielleicht denken mochte; darum antwortete ich ihm:

»Hast du mich für einen Neuling gehalten? Ich bin nicht zum erstenmale hier und habe schon die Katarakte befahren.«

»Dann wirst du wissen, daß jedes Schiff bei hereinbrechender Dunkelheit ans Ufer gelegt wird.«

»Bei wirklicher Dunkelheit, ja. Aber es ist noch nicht Nacht und wird heute überhaupt nicht dunkel werden, da wir den schönsten Sternenschein zu erwarten haben. Auch das Wasser leuchtet. Wir können recht wohl die ganze Nacht durch segeln.«

»Das thut kein erfahrener und vorsichtiger Reïs.«

»O doch! Ich habe es selbst erlebt. Wir sind sehr oft im Mondschein oder wenn die Sterne am Himmel standen, während der Nacht unter Segel gewesen. Wenn du schon in Giseh anlegen willst, war es ganz überflüssig, die Fahrt heute überhaupt zu beginnen. Ich möchte nicht, daß du anlegst, und du weißt, daß jeder verständige Reïs sich nach den Wünschen der Passagiere richtet.«

»Es giebt darüber keine Vorschrift. Ich bin der Gebieter dieser Dahabijeh und handle ganz nach meinem Wohlgefallen.«

»So mußt du gewärtig sein, daß ich deine Ungefälligkeit bekannt gebe und dann von den Franken, welche die besten Passagiere und Zahler sind, kein einziger wieder mit dir fährt.«

»Sie mögen es bleiben lassen. Ich brauche sie nicht!«

Er drehte sich um und ging fort. Damit war die Sache abgemacht. Das zeitige Anlegen in Giseh mußte einen besonderen Grund haben, die Folge einer ganz bestimmten Absicht sein, welche jedenfalls mit der Anwesenheit meines Gespenstes Nummer Drei zusammenhing. Es sollte etwas vor sich gehen, was man nicht aufschieben, sondern noch in der Nähe von Kairo geschehen lassen wollte. Was aber konnte das sein? Rache an mir nehmen? Die beiden Neger entführen? Mir die Unterschriften Abd el Baraks entreißen? Wahrscheinlich waren die drei Vermutungen sämtlich richtig, da diese Punkte in innigem Zusammenhange miteinander standen.

Was Giseh betrifft, so ist es der Landungsplatz aller Reisenden, welche von Kairo aus die Pyramiden besuchen, welche in einer Entfernung von acht Kilometern liegen. Zur Zeit der Überschwemmung, während welcher man auf den sich aus dem Wasser erhebenden Dämmen einen bedeutenden Umweg zu machen hat, beträgt diese Entfernung fast das Doppelte. Der Ort ist wegen seiner künstlichen Brutöfen bekannt, und es führt da eine eiserne Drehbrücke über den Nil. Gegenüber der Insel Roda liegt der Haremsgarten und der Park des Selamlik. Sonst giebt es nur verfallene Bazars und Ruinen alter Landhäuser der Mameluken, auch einige Cafés, welche aber der Fuß des Europäers nur ungern betritt. Giseh konnte mir also gar nichts bieten, und darum nahm ich mir vor, nicht am Lande zu übernachten, sondern an Bord zu bleiben. Aber ich hatte Grund, mich zu verstellen und so zu thun, als ob ich das Segelboot verlassen wollte. Darum warf ich, als die Dahabijeh ans Ufer befestigt worden war, meinen Haïk. über, nahm die beiden Neger bei den Händen und gab mir den Anschein, als ob ich aufzubrechen beabsichtige. Da kam der Reïs schnell herbei und fragte:

»Was hast du vor? Willst du etwa aussteigen, Effendi, um während der Nacht in Giseh zu schlafen?«

»Ja.«

»Du wirst kein Nachtlager finden!«

»Warum nicht? Man wird mich, da ich gut bezahle, gern in jedem Hause aufnehmen.«

»Aber wir werden sehr zeitig absegeln, und wenn du das verschläfst, so bleibst du hier sitzen!«

»Das ist unmöglich, denn ich werde dich benachrichtigen lassen, wo ich mich befinde, so daß du mich holen lassen kannst.«

»Holen lassen kann ich dich nicht. Ich muß mich nach dem Morgenwinde richten und sofort absegeln, wenn er zu wehen beginnt.«

»Mir vorher einen Boten zu senden, das würde doch nur eine Versäumnis von wenigen Minuten nach sich ziehen!«

»Selbst diese wenigen darf ich nicht versäumen.«

»Warum bist du plötzlich so eilig, während du hier angelegt hast, obgleich du weitersegeln konntest?«

»Ich bin Reïs und brauche dir meine Gründe nicht mitzuteilen. Wenn du gehen willst, so gehe; aber ich werde dich nicht rufen lassen. Wenn ich sehe, daß die Sterne hell genug scheinen, werde ich sogar noch vor Mitternacht abfahren. Dann magst du zusehen, ob du uns einzuholen vermagst.«

»So muß ich mich in deinen Willen fügen und hier bleiben. Allah vergelte dir die Freundlichkeit, mit welcher du deine Passagiere behandelst!,

Ich sagte das in unwilligem Tone und zeigte dabei absichtlich ein mißvergnügtes Gesicht. Über das seinige aber glitt eine sichtbare Genugthuung, welche zu bemerken ich mir jedoch nicht den Anschein gab. ich hatte meinen Zweck erreicht und wußte nun, woran ich war. Ich sollte nicht von Bord gehen; man beabsichtigte also das, was man gegen mich vorhatte, in dieser Nacht auszuführen. Das war mir lieb. Wenn gleich hier der Handel zu Ende ging, hatte ich nicht für längere Zeit in Ungewißheit zu schweben.

Die Matrosen bekamen die Freiheit gewährt, welche mir versagt wurde; sie durften an das Land gehen. Ich beobachtete ihre Entfernung; sie gingen alle, und nur drei Personen blieben zurück, nämlich der Reïs, der Steuermann und der famose Kajütendiener mit der Karfunkelnase. Ich konnte mir sehr wohl denken, weshalb es den Leuten erlaubt worden war, von Bord zu gehen. Man wollte sich aller unnötigen Zeugen entledigen.

Bald kam der Diener zu mir in die Kajüte, um mich zu fragen, ob ich irgend einen Wunsch habe. Ich verlangte Wasser und eine Lampe, um immer Feuer für die Pfeife zu haben. Er brachte mir beides, und bei dieser Gelegenheit bemerkte ich ihm so nebenbei, daß ich mich unwohl fühle und infolgedessen die Kajüte nicht verlassen werde. Dabei zog ich meine Brieftasche aus der Jacke, öffnete sie so beiläufig und ließ sehen, daß sie Papiere enthielt. Das that ich, um die Sache abzukürzen und die guten Leute auf den Leim gehen zu lassen. Daß ich das Richtige gedacht und getroffen hatte, erfuhr ich sofort, denn der Mann antwortete mir in freundlich besorgtem Tone:

»Das machest du recht, Effendi. Bleibe in der Kajüte. Die Nachtluft ist für den Fremden äußerst schädlich, und schon mancher hat sich eine unheilbare Augenentzündung geholt, weil er abends im Freien geblieben ist. Schone also das Licht deiner Augen! Wirst du heute meiner noch einmal bedürfen?«

»Nein. Ich speise jetzt einige Datteln, rauche noch zwei Pfeifen und lege mich dann zur Ruhe.«

»So will ich gehen, um dich nicht zu stören. Deine Nacht sei glücklich!«

Er machte mir eine Verbeugung, wenn auch keinen so halsbrecherischen Katzenbuckel wie der lange Haushofmeister meines dicken Türken, und entfernte sich, wobei er die Strohmatte herabließ, um meine Koje gegen das Deck hin zu verschließen. Kaum hatte er das gethan, so blies ich die Thonlampe aus, um den Raum zu verdunkeln, damit ich nicht gesehen werden könne, hob die Matte ein wenig empor und blickte ihm nach. Ich ahnte nämlich, daß er die anderen Biedermänner sofort von dem, was ich gesagt hatte, benachrichtigen werde.

Es brannte auf dem ganzen Deck kein Licht. Das Heer der Sterne war noch nicht erschienen; nur einzelne Vorboten desselben standen am Himmel und vermochten nicht, das gegenwärtige Dunkel zu lichten. Meine geübten Augen waren wohl schärfer als diejenigen der Araber. Ich sah den Diener nach der Mitte des Schiffes gehen, kroch unter der Matte hinaus und folgte ihm nach. Zwar konnte ich nicht so weit sehen, aber ich hatte bemerkt, daß dort mehrere große, in Bastmatten gehüllte Tabaksballen standen, welche wohl nach dem Süden bestimmt waren. Dorthin kroch ich auf den Händen und Knieen so rasch wie möglich. Meine Voraussetzung bewährte sich, denn als ich in die Nähe kam, hörte ich sprechen. Rechts an die Ballen gelehnt, saß ein Mann; ein anderer stand neben ihm. Ich schob mich also nach links hinüber und legte mich lang und eng an die andere Seite der Tabakskolli. Dabei hörte ich, daß der eine zu dem andern sagte:

»Warte noch! Man soll eine Sache nicht zweimal erwähnen, wenn man sie nur einmal zu sagen braucht. Der Reïs wird gleich zurückkommen.

»Wo ist er?«

»Am Ufer, um dort die Laterne zu befestigen, damit der Muza’bir, sich zurechtfinden kann, wenn er kommt.«

Diese beiden Männer waren der Steuermann und mein Kajütendiener. Also es wurde am Lande eine Laterne als Zeichen angesteckt, und zwar für einen Gaukler. Wozu dieser Kerl? War er aus Giseh oder aus Kairo? Kam er meinetwegen oder um die Fahrt mitzumachen und das Schiffsvolk zu belustigen? Solchen Leuten pflegt man als Bezahlung ihrer Kunststücke das Passagiergeld zu schenken.

Da ich am Boden lag und der Rand des Deckes beinahe Brusthöhe hatte, konnte ich das Ufer und also auch die Laterne nicht sehen; dafür aber meinte der Diener, welcher aufrecht stand:

»Jetzt brennt sie. Er hat eine Stange in die Erde gesteckt und sie daran befestigt. Nun wird er zurückkehren.«

Ich lag nach der Fluß- und der Reïs mußte von der Landseite das Schiff betreten; darum durfte ich hoffen, von ihm nicht bemerkt zu werden. Ich befand mich ungefähr in der Lage eines Indianer beschleichenden Prairiejägers. Nun, darin hatte ich leidliche Übung, und so war ich überzeugt, irgend etwas Wichtiges zu erfahren.

Jetzt kam der Reïs an Bord und quer über das Deck gegangen. Er wurde mit einem »Pst!« herbeigerufen, sah die beiden und fragte, indem er bei ihnen stehen blieb:

»Nun, was thut dieser Giaur, den Allah ewig brennen lassen wird?«

Das war freilich etwas ganz anderes als die Höflichkeit, mit welcher er mich bei meiner Ankunft empfangen hatte!

»Er sitzt in seiner Kammer und raucht,« antwortete der Geist Nummer Drei.

»Wird er nicht herauskommen?«

»Nein. Er fühlt sich unwohl, will zwei Pfeifen rauchen und dann schlafen. Außerdem habe ich ihm gesagt, daß er die Augenentzündung bekommen werde, wenn er herausgeht.«

»Das ist sehr klug von dir gewesen. Möge dieser Hund an seinem Tabake ersticken! Wie kann so ein stinkender Kadaver es wagen, sich an unserm frommen Mokkadem zu vergreifen und ihm seine Sklaven zu stehlen! Die Hand, mit welcher er das gethan hat, soll verdorren und nie wieder gesund werden! Warum hat der Mokkadem, den Allah beschirmen möge, dir den Tod dieses Ungläubigen nicht anbefohlen?«

»Nur aus dem Grunde, dich nicht in Gefahr zu bringen, denn man weiß, daß er auf deine Dahabijeh gestiegen ist, und würde, wenn er verschwände, dich zur Rechenschaft ziehen.«

»Das ist wahr. Aber ich könnte sagen, daß er unterwegs ausgestiegen sei, und alle meine Leute würden es, wie ich hoffe, mir bezeugen.«

»Du hast einige dabei, denen nicht zu trauen ist, weil sie noch nicht lange bei dir sind. Darum habe ich dir geraten, sie jetzt vom Schiffe zu entfernen. Sie brauchen nicht zu wissen, daß der Muza’bir an Bord kommt.«

»Es war gar nicht nötig, mir ihn zu schicken. Ich habe seinetwegen hier anlegen müssen, was dem Christen aufgefallen ist. Glücklicherweise scheint er nichts zu ahnen. Ein gläubiger Diener des Propheten hätte sofort bemerkt, daß er sich in Gefahr befinde. Müßten wir nicht auf den Muza’bir warten, so hätten wir weiter fahren können, und du hättest an seiner Stelle die Papiere stehlen können, um sie dem Mokkadem zu bringen.«

»Allah, Wallah! Was traust du mir zu! Der Giaur ist ein starker Kerl; ich habe es fühlen müssen. Er hat den Mokkadem, der doch die Kraft eines Löwen besitzt, besiegt, seinen Diener niedergeschlagen und hätte auch bald noch mich ergriffen. Ich werde die Spuren seiner Faust noch einen Monat lang im Gesichte tragen. Daß er mir den Glanz meines Daseins in dieser Weise geschändet hat, dafür mag der Teufel seinen Leib in tausend Stücke zerreißen und seine Seele durch das stärkste Feuer verzehren lassen! Ich fürchte mich nicht, und mein Herz ist voller Kühnheit wie dasjenige des Panthers, aber des Nachts Papiere unbemerkt aus der Tasche eines solchen Totschlägers zu holen, das kann ich nicht, das habe ich nicht geübt; das kann nur der Muza’bir, welcher tausend Kunststücke kennt und zugleich der berühmteste Taschendieb ist. Darum ist er uns von dem Mokkadem nachgeschickt worden. Er wird kommen, die Papiere nehmen und dann verschwinden. Der Giaur mag, wenn er sie vermißt, thun, was ihm beliebt; auf der Dahabijeh sind sie nicht zu finden.«

»Weißt du denn, ob er sie auch wirklich bei sich hat?«

»Er hat sie ganz gewiß!«

»Du kannst dich irren. Ebenso gut kann Murad Nassyr, der Türke, sie in Aufbewahrung genommen haben.«

»Nein. Ich bin ganz der Ansicht, welche unser frommer Mokkadem ausgesprochen hat. Der Giaur ist klüger, vorsichtiger und stärker als der Türke und wird ihm also nicht so wichtige Dinge anvertrauen, sondern sie auf alle Fälle selbst behalten. Außerdem sah ich, als ich jetzt bei ihm war, eine Brieftasche in seiner Hand, in welcher sich Briefe und viele andere Papiere befinden. Die drei Unterschriften werden gewiß dabei sein.«

»Ich hoffe es! Aber es ist keine leichte Sache, sie ihm abzunehmen. Wenn er dabei erwacht, wird es mißlingen.«

»Der Muza’bir hat eine leichte Hand und noch weit Schwereres vollbracht. Du kannst dir doch denken, daß der Mokkadem nicht einen ungeschickten Mann senden wird, sondern einen, der den Streich gewiß vollbringt.«

»Mag sein; aber dennoch wäre es besser gewesen, den Ungläubigen zu töten! Da hätte auch nicht der leiseste Zweifel über das Gelingen vorhanden sein können.«

»Ein Zweifel ist ja auch jetzt nicht da.Der Mokkadem muß seine Papiere auf alle Fälle haben und hat dem Muza’bir jedenfalls die genaueste Unterweisung gegeben. Dieser ist natürlich mit einem Messer versehen. Erwacht der Christ nicht, nun gut, so bleibt er einstweilen noch am Leben, damit dir nichts geschehen kann; wacht er dabei auf, so stößt ihm der Muza’bir das Messer in das Herz.«

»Einstweilen noch am Leben? Also sterben soll er später doch?«

»Ja, aus Strafe für das, was er gegen den Mokkadem gesündigt hat.«

»Wann und wo?«

»Das ist noch unbestimmt. Wie ich dir schon sagte, wird er jetzt nur um deinetwillen geschont, weil du ein treues Mitglied der Kadirine und ein Schützling Abd el Baraks bist; aber auf Thaten, wie die seinigen sind, muß der Tod erfolgen. Für heute behält er sein Leben, aber es hängt an einem dünnen Haare, welches bei der nächsten Gelegenheit zerrissen wird.«

»Wohl in Siut, wo er aussteigen und auf den Türken warten will?«

»Das kann ich nicht sagen, denn man muß sich nach den Umständen richten, und wir wissen nicht, ob sie dort günstig für uns sein werden.«

»Dann entgeht er euch, da er euch dort aus den Augen ist.«

»O nein. Du weißt doch, daß es noch unbestimmt ist, wie weit du mich mitzunehmen hast. Ich will offen sein und dir sagen, daß ich den Befehl habe, bei dem Giaur zu bleiben.«

»Du sollst ihn beobachten?«

»Ja. Ich darf ihn nicht aus den Augen lassen. Ich muß so höflich und aufmerksam gegen ihn sein, daß ich sein Vertrauen erwerbe; dann wird es mir nicht schwer fallen, ihn so weit zu bringen, daß er mich als Diener bei sich behält.«

»Der Plan ist gut, und ich werde dich ihm sehr empfehlen. Aber sollst auch du es sein, der ihn dann tötet?«

»Nein. Der Mokkadem hat den Wunsch, ihn sterben zu sehen, um ihm in seinem letzten Augenblicke den Fluch eines gläubigen Moslem nachschleudern zu können.«

»Aber der Mokkadem befindet sich doch hier in Kahira!«

»Heute, ja; aber er wird auch nach dem Süden gehen, nach Chartum und noch weiter.«

»Wohl im Interesse der heiligen Kadirine?«

»Ja. Er hat einen Brief erhalten, welcher diese Reise zur Notwendigkeit macht. Es giebt dort einen außerordentlich frommen und gelehrten Fakih (muhammedanischer Mönch), welcher in die Kadirine getreten ist und einen großen Plan ausgedacht hat, den heiligen Islam über die ganze Welt zu verbreiten. Er heißt Schech Mohammed Achmed oder Achmed Suleimani; ich weiß es nicht mehr genau, und sein Plan soll von so großer Wichtigkeit sein und, wenn er zur Ausführung kommt, unsere Kadirine zu solchem Glanze bringen, daß der Mokkadem sich entschlossen hat, dem Ruf dieses Mannes zu folgen und ihn zu besuchen, um alles weitere mit ihm zu besprechen. Du siehst also, daß Abd el Barak nicht in Kahira bleiben, sondern auch nach Chartum gehen und dort diesen Christenhund treffen wird. Vielleicht begegnet er ihm schon früher. Ich werde dafür sorgen, daß es geschieht, denn ich weiß, mit welchem Schiffe der Mokkadem fahren wird.«

»Was ich da höre, ist von großer Wichtigkeit. ja, nun begreife ich, daß es nicht nötig ist, diesen Giaur hier auf meiner Dahabijeh umzubringen. Da oben im Süden haben die fremden Konsuls nicht die Macht wie hier, und es bekümmert sich kein Mensch um das Verschwinden eines ungläubigen Hundes. Der Mokkadem wird sicherlich in Siut anlegen und aussteigen. Wenn du den Giaur so lange festhalten kannst, so wird es dir leicht sein, ihn in die Hände Abd el Baraks zu liefern, und ich hoffe, daß es ihm nicht gelingen wird, der Rache desselben zu entkommen. Aber sage, darfst du davon sprechen? Die drei Schriften, welche ihm abgenommen werden sollen, müssen von großer Wichtigkeit sein. Kennst du ihren Inhalt?«

»Nein. Der Muza’bir wird ihn kennen, da er die Papiere zu lesen und zu prüfen hat, ob es die richtigen sind. Mir aber hat der Mokkadem nichts anvertraut, denn ––«

Er wurde unterbrochen. Es kam ein Mann, welcher eine Laterne in der Hand hielt, an Bord, jedenfalls der eben erwähnte Muza’bir, der erwartete Gaukler und Taschendieb. Er hatte die Laterne unten weg- und mit an Bord genommen. Mit derselben umherleuchtend, erblickte er die drei, kam auf sie zu und grüßte:

»Massik bilchair!«

»Ahla wa sahla wa marhaba!«, antwortete der Reïs.

»Marhaba!« fielen die beiden andern ein.

Man pflegt gewöhnlich nur das Wort Marhaba zu sagen, welches dann »Willkommen« bedeutet. Daß der Kapitän sich der ausführlichen Formel bediente, ließ erraten, welchen Respekt er vor diesem »größten Taschendieb« Ägyptens hatte. Ich mußte mir den Gaukler und Gauner betrachten und schob den Kopf ein wenig vor. Er setzte die Laterne auf den nächsten Tabakballen, und das Licht derselben fiel hell auf sein Gesicht und seine Gestalt. Er stand in dem Alter des Mokkadem, hatte dieselbe Farbe und denselben negerartigen Typus des Gesichts und war nicht ganz so hoch, aber weit breitschulteriger als er. Dieser Mensch war wenigstens ebenso stark, gewiß aber viel gewandter als Abd el Barak, sein ehrenwerter Auftraggeber. Gekleidet war er in ein langes, dunkles Hemde, um welches ein Strick geschlungen war, in dem ein Messer steckte. An den Füßen trug er Strohsandalen. Das war der Anzug eines armen Mannes; aber in den Ohren hingen schwere, dicke Goldringe, und an den dunklen Fingern glänzten wenigstens zehn wertvolle Reife mit funkelnden Steinen. Seine Stimme klang stolz und selbstbewußt, als er sich erkundigte:

»Meine Ankunft ist euch gemeldet?«

»Ja, Herr, wir erwarteten dich,« antwortete der Reïs.

»Befindet sich der Hund hier oder ist er ausgestiegen?«

»Er liegt in der Kajüte.«

»Mit Licht?«

»Ja; aber vielleicht löscht er es vor dein Einschlafen aus. Die Negerkinder sind bei ihm.«

»Mag er es auslöschen oder brennen lassen, mir ist es gleich. Mein Werk wird vollbracht, selbst wenn er sich in die Finsternis des Grabes hüllen öder hundert Flammen brennen sollte. Ich habe nicht Lust, lange zu warten, und werde bald beginnen. Da ich aber die Örtlichkeit nicht kenne, werdet Ihr sie mir beschreiben und mir auch die Lage jedes Gegenstandes, welcher sich bei ihm befindet, sagen.«

Da der Geist Nummer Drei bei mir gewesen war, so übernahm er die geforderte Beschreibung. Ich hielt es für geboten, diese nicht mit anzuhören, sondern mich zu entfernen. Der Taschendieb hatte es eilig, und auch mir lag daran, die Spannung, in welcher ich mich ganz natürlich befand, möglichst abzukürzen. Darum kroch ich fort, der Kajüte zu.

Der erste Teil dieses wenn auch kurzen Weges, war nicht leicht zurückzulegen, da die Laterne brannte. Glücklicherweise standen der Reïs und der Muza’bir so, daß ihre Schatten zusammenfielen und einen langen, dunklen Strich auf das Deck warfen. Es gelang mir, denselben zu erreichen, und indem ich mich in diesem Dunkel hielt und nicht vor-, sondern rückwärts kroch, um die vier Männer fest im Auge zu behalten, gelangte ich glücklich an die Strohmatte und unter derselben durch in meine Koje.

Noch mit dem letzten Blicke, den ich nach vorn warf, sah ich, daß der Gaukler die Laterne auslöschte. Wäre er so vorsichtig gewesen, dies eher zu thun, so hätte ich mir sein Äußeres nicht einprägen können, was, wie ich später erfuhr, von den schlimmsten Folgen für mich geworden wäre. Man sieht, selbst der berühmteste Taschendieb Ägyptens macht Fehler. Zunächst brannte ich meine Lampe wieder an, was nicht schwer war, da ich mit einem guten Vorrat von Schwefelhölzern, welche im Süden selten und teuer sind, versehen war. Ich wollte mich nämlich nicht im Dunkeln, was für mich gefährlicher war, sondern bei Licht bestehlen lassen.

Sodann nahm ich die drei Unterschriften und einige mir wichtige andere Papiere aus der Brieftasche und versteckte sie, während ich das Portefeuille wieder in die Brusttasche meiner Jacke steckte. Der Diener hatte vorhin gesehen, daß ich es dort aufhob, und es war als sicher anzunehmen, daß er dies dem Gauner sagen werde. Warum wollte ich die Spitzbüberei zur Ausführung kommen lassen? Nur des Beweises halber? Wenn ich aufrichtig sein will, so geschah es wohl auch ein wenig mit, um diesen Menschen zu beweisen, daß sich in dem Kopfe eines Christenhundes auch Gehirn befindet, und daß ich weder blind noch taub war. Mein Vorhaben war gar nicht so ungefährlich für mich. Es konnte dem Muza’bir doch aus irgend einem Grunde belieben, mir das Messer zu geben; aber ich glaubte, mich auf meine Augen und meine Schnelligkeit verlassen zu können.

Die Kinder hatten schon vorher zu essen bekommen. Sie lagen bei einander, schliefen aber noch nicht. Ich teilte ihnen mit, daß ein Mann kommen und mir in die Tasche greifen werde, bat sie aber, keine Angst zu haben und sich nicht zu bewegen, sondern so zu thun, als ob sie schliefen. Sie versprachen es mir, und ich war überzeugt, daß sie das Versprechen halten würden. Dann legte ich beide so, daß sie dem Eingange den Rücken zukehrten.

Ich selbst legte mich auf die rechte Seite, so, daß die Lampe mein Gesicht beschien. Eigentlich hätte ich dasselbe im Dunkel lassen sollen; aber der Spitzbube sollte gleich im ersten Augenblicke überzeugt sein, daß ich schlafe. Die Jacke öffnete ich, so daß er, da ich mit der linken Seite nach oben lag, auf das leichteste mit der Hand in meine Brusttasche greifen konnte. Je weniger schwer ich ihm die Sache machte, desto mehr verringerte ich die Gefahr, in welcher ich mich dabei befand. Um aber auf alles vorbereitet zu sein, schob ich mir einen meiner beiden Revolver so unter den Nacken, daß ich ihn mit der rechten Hand, auf welcher ich den Kopf liegen hatte, schnell ergreifen und spannen konnte. Nun war ich bereit und wünschte sonst nichts, als daß ich nicht allzu lange zu warten haben möge.

Dieser Wunsch ging in Erfüllung. Ich hielt die Augen so weit geschlossen, daß ich durch die Wimpern die Strohmatte sehen konnte. Sie wurde bewegt, ganz unten in der einen Ecke, leise, ganz leise, einen Zoll hoch, zwei, drei, vier, sechs Zoll hoch. Der Kerl sah herein. Nach einiger Zeit räusperte er sich. Ich atmete ruhig wie ein tief Schlafender fort. Nun hustete er, nicht laut, aber doch so, daß ich es hören und davon erwachen Mußte, falls mein Schlaf ein leichter war. Ich regte mich auch jetzt nicht. Es wurde mir doch angst, nicht um mich, sondern um die Kinder, denn wenn eins derselben im kritischen Augenblicke die Mahnung vergaß, so konnte es um mich und dann natürlich auch um sie, wenigstens um ihre Freiheit geschehen sein. Ich begann einzusehen, daß ich die Sache denn doch ein wenig zu leicht genommen hatte.

Wie ich später erfuhr, hatten die Kinder das Räuspern und Husten zwar gehört, aber geglaubt, daß es von mir ausgehe. Sehen konnten sie den Muza’bir nicht, und was er that, geschah vollständig geräuschlos, daß sie es nicht hörten und, als er sich entfernt hatte, gar nicht wußten, daß der betreffende Mann schon dagewesen sei.

Er hatte jetzt die Überzeugung gewonnen, daß ich in festem Schlafe liege, und kam herein, indem er erst den Kopf, die Schulter, dann den Leib unter der Matte vorschob und endlich die Beine nachzog. In der Rechten hielt er das Messer. Seine Augen wichen nicht von meinem Gesichte; sie glichen den Augen eines wilden Tieres vor dem tödlichen Sprunge auf die Beute. Als er den ganzen Körper diesseits der Matte hatte, richtete er sich knieend auf und räusperte sich noch einmal. Ich rührte mich nicht. Der Kerl ging sehr sicher. Wie vorsichtig und gefährlich er war, ging daraus hervor, daß er sein Gewand vollständig abgelegt und den dunklen Körper mit Öl eingerieben hatte. Die Hände des stärksten und gewandtesten Gegners hätten ihn nicht zu ergreifen vermocht, da sie von ihm abgeglitten wären.

Jetzt rutschte er heran zu mir, setzte mir die Spitze des Messers auf die Brust und legte zugleich die Finger seiner linken Hand auf die Stelle, an welcher er die Brieftasche vermutete. Er fühlte sie, hob die Jacke empor und zog den begehrten Gegenstand aus der Brusttasche, nicht schnell, sondern langsam, so langsam, daß es mir schien, er brauche Viertelstunden dazu. Endlich befand er sich in dem Besitze des Portefeuilles. Er nahm das Messer von meiner Brust und befühlte mit beiden Händen seine Beute. Es war noch genug Papier darin, und über sein Gesicht zuckte es wie Befriedigung.

Nun sah er sich im Raume um, jedenfalls, um noch etwas mitgehen zu heißen. Er schien aber doch zu glauben, daß dies nicht ohne Geräusch abgehen werde, und begnügte sich mit der bisherigen Beute. Sein Rückzug ging ebenso langsam und vorsichtig von statten, wie seine Annäherung gewesen war; ja, als er sich schon draußen befand, hob er die Matte nochmals auf, um herein zu blicken und sich zu überzeugen, daß ich wirklich geschlafen habe.

Ich wartete höchstens eine Minute, länger nicht; dann blies ich die Lampe aus, nahm den Revolver in die Linke und sprang auf. Die Matte ein wenig zurückschlagend, sah ich drei von den vier Halunken dort bei den Tabaksballen stehen, nämlich den Reïs, mein liebes Gespenst Nummer Drei und den Muza’bir. Letzterer hatte sein langes Hemd schon wieder angelegt, drehte mir den Rücken zu, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte, und schien mit der Untersuchung meiner Brieftasche eben fertig zu sein, denn er schwenkte dieselbe vor den Gesichtern der beiden andern hin und her und teilte ihnen, wie ich aus diesen ärgerlichen Bewegungen erriet, mit, daß sie die gesuchten Papiere nicht enthielt.

Wo war der vierte, der Steuermann? Sein jetziger Aufenthaltsort schien mir, freilich irrtümlicherweise, wie ich sofort erkennen sollte, gleichgültig sein zu können, denn ich hatte es mit dem Muza’bir zu thun. Ich schob also die Matte vollends zurück und trat auf das Deck, um mich den drei Männern zu nähern. Da aber ertönte neben mir der laute Warnungsruf.

»Der Effendi, der Effendi!«

Es war der Steuermann, welcher diese Worte rief. Er war oben am Steuer gewesen, aus irgend einem Grunde, den ich nicht kannte, kam eben die schmalen Stufen herab, welche neben meiner Kajüte hinaufführten, und hatte mich gesehen. Jetzt hatte ich Gelegenheit, die bewundernswerte Geistesgegenwart des Taschendiebes zu beobachten. Der Ruf des Steuermannes sagte ihm, daß ich auf dem Deck sei. Ich mußte also erwacht sein und vielleicht gar meinen Verlust schon bemerkt haben. Jetzt gab es für ihn nur zweierlei, entweder mich zu ermorden und die Papiere dann doch noch zu finden, oder zu fliehen. Es schien ihm geraten, auf das erstere zu verzichten. Jedenfalls hatte er von dem Mokkadem genug über mich gehört, um anzunehmen, daß ein Angriff auf mich nicht ungefährlich sei. Also gab es nur das zweite, die Flucht; aber wegen etwaiger späterer Vorkommnisse mußte er vermeiden, mir hierbei sein Gesicht zu zeigen, damit ich ihn gegebenen Falls nicht wieder erkenne. Das mußten die Gedanken sein, welche in einem einzigen Augenblicke durch seinen Kopf gingen. Jeder andere hätte sich infolge des Warnungsrufes nach mir umgesehen; auch der Reïs und der Diener blickten erschrocken nach hinten; der Gaukler aber drehte sich nicht um; ich hörte seine schnelle, halb unterdrückte, mir aber dennoch vernehmliche Frage:

»Ist’s der Hund wirklich?«

»Jedenfalls!« antwortete der Reïs.

»So war’s für dieses Mal umsonst!«

Er warf meine Brieftasche weg, so daß die Papiere zerstreut umherflogen, schnellte sich wie eine Schlange nach dem Landungsbrette und verschwand im Dunkel des Abends, dessen Sterne jetzt allerdings schon zu leuchten begannen, doch nicht so sehr, daß ich dem Flüchtigen mit dem Auge zu folgen vermocht hätte.

Da er sich meiner Brieftasche entledigt hatte und ich dieselbe also wieder in meinen Besitz bringen konnte, so war mir sein Entkommen gar nicht unlieb. Was hätte ich, falls ich ihn ergriffen hätte, wie es in meiner Absicht lag, mit ihm thun sollen? Ihn dem Mudir von Gisehl der hiesigen Polizei ausliefern? Welche Scherereien wären für mich dadurch entstanden! Oder ihn laufen lassen, nachdem ich ihm meine Meinung gesagt hatte? Nun, er war selber gegangen, und so war ich der Mühe, ihm meine Ansicht über ihn mitzuteilen, enthoben. Ich fragte also den Steuermann gar nicht etwa zornig, sondern im ruhigsten Tone:

»Warum schreiest du so? Soll man es in Kahira hören, daß ich hier bin!«

»Verzeihe, Effendi!« antwortete er. »Ich war so über dich erschrocken.«

»Habe ich ein so entsetzliches Aussehen?«

»Nein, nein; aber – aber – ich glaubte, ich dachte – –« stotterte er.

»Nun, was denn? Was dachtest du?«

»Ich glaubte dich schlafend, und da – erschrak ich so!«

»Gerade als ob ich ein Gespenst sei, welches unerwartet erscheint?«

»Ja, gerade so!« meinte er, froh, eine Ausrede, wenn auch eine noch so schlechte, souffliert erhalten zu haben.

»Das thut mir leid,« tröstete ich. »Ich hoffe aber, daß der Schreck, welchen ich dir verursacht habe, dir nicht schaden wird. Komm nach vorn zum Reïs!«

Er ging mit. Während dieses kurzen Gespräches hatte ich die beiden andern nicht aus dem Auge gelassen. Sie hatten sich gebückt, schnell meine Papiere zusammengelesen, dieselben in die Brieftasche gelegt, und dann war die letztere unter dem Gewande des Reïs verschwunden. Auch ich hatte etwas eingesteckt, nämlich den Revolver, der mir nun nicht mehr nötig zu sein schien, wenigstens in diesen ersten Augenblicken. Es war recht gut möglich, daß dem Taschendieb der Gedanke kam, unbemerkt, was gar nicht schwer war, zurückzukehren und dann über mich herzufallen. Er hatte vielleicht nur in der ersten Überraschung das Spiel für heute aufgegeben. Er sollte die Papiere bringen; ich mußte sie bei mir haben, wenn nicht in der Brief- dann jedenfalls in einer anderen Tasche. Hatte er mich erstechen wollen, falls ich mich während des Diebstahles bewegte, nun, so schreckte er jedenfalls auch nicht davor zurück, mich, um zu seinem Ziele zu gelangen, nachträglich noch kalt zu machen. Es galt also, aufzupassen, ob er wiederkomme. Das war aber nur bei guter Beleuchtung möglich, und diese mußte sofort geschafft werden, ohne langes Gerede, ohne Zeitversäumnis. Darum fragte ich den Reïs in ganz freundlichem Tone.

»Hast du Fackeln an Bord?«

»Nein. Wozu diese Frage?« antwortete er in erstauntem Tone.

»Weil ich meine, daß du so etwas haben mußt, für den Fall, daß es einmal nötig ist, des Nachts das Schiff und das Wasser sehr hell zu erleuchten.«

»Dann stellen wir vorn und hinten eine Pechpfanne auf.«

»Wo befinden sich diese Schüsseln?«

»Da vorn in dem Verschlage.«

Er deutete nach dem Schnabel des Schiffes, an dessen Innenseite aus Brettern ein schrankartiges Behältnis angebracht worden war. Ich nahm ohne weiteres die Laterne, ging hin, öffnete und sah zwei eiserne Gefäße und einen Vorrat von Pech, Ich füllte das eine und hatte mit Hilfe der Laterne schnell ein Pechstück angebrannt, welches seine Flamme den anderen Stücken mitteilte.

»Was ist das? Was fällt dir ein?« fragte der Reïs, welcher mir mit den beiden andern gefolgt war.

»Frage lieber, was diesem dort einfällt!« antwortete ich, indem ich nach dem Landebrette zeigte, auf welchem soeben eine Gestalt schnell nach dem Ufer huschte. Der Gaukler hatte sich also doch besonnen und zurückkehren wollen. Er stand schon auf dem Brette, welches den Schiffsbord mit dem Ufer verband, und floh nun vor der Helle, welche die Pechflamme verbreitete.

»Wer ist es? Wen meinst du? Ich sehe ja nichts!« meinte der Reïs, obgleich er die Gestalt ebenso gut wie ich gesehen haben mußte.

»Wenn du es wirklich nicht weißt, werde ich es dir sagen,« versprach ich ihm, indem ich auch die zweite Schüssel anbrannte und dann hinauf an das Steuer trug. Auf diese Weise hatte ich die gewünschte Beleuchtung innerhalb zweier Minuten hergestellt, während dies, wenn ich mit dem Reïs hätte darüber verhandeln wollen, kaum binnen einer Stunde oder auch wohl gar nicht zu erreichen gewesen wäre. Dann stieg ich die schmalen Stufen hinab und zog das Landungsbrett an Bord, eine Arbeit, zu welcher eigentlich zwei Männer gehörten.

»Aber, Effendi, welcher Geist ist in dich gefahren!« rief der Reïs. »Allah schütze uns! Wir wissen nicht, was wir aus dir machen und von dir denken sollen!«

Er stand mit den beiden andern am Maste. Ich ging zu ihnen und antwortete: »Welcher Geist in mich gefahren ist? Ja, es scheint freilich hier Geister zu geben. Soeben wollte einer auf das Schiff, aber das Pechfeuer hat ihn vertrieben. Glaubte doch vorhin dieser gute Diener der Kajüte, ich selbst sei ein Gespenst! Welch eine Verwechslung, da er das eigentliche, leibhafte Gespenst ist!«

»Ich?« fragte der Genannte.

»Ja, du! Ich hoffe, daß du das nicht bestreiten wirst.«

»O Allah! Ich ein Gespenst! Effendi, deine Seele ist abwesend. Komm zu dir!«

Ich hatte mich an den Mast gelehnt. Die beiden Feuer beleuchteten das Ufer und die ganze Umgebung des Fahrzeuges, auch die Gesichter der drei Biedermänner, welche nicht wußten, ob sie höflich oder grob mit mir sein sollten. Am liebsten wären sie wohl das letztere gewesen; aber das böse Gewissen veranlaßte sie, sich noch zuwartend zu verhalten.

»Ja, ein Gespenst bist du!« nickte ich dem Kerl in gemütlicher Weise zu. »Ich bin bei mir und brauche also nicht zu mir zu kommen; aber du scheinst dich selbst verloren, du scheinst vergessen zu haben, wer und was du bist, nämlich das Gespenst Nummer Drei.«

Es war ergötzlich, das Gesicht zu sehen, welches er machte, als er, zwei Schritte zurücktretend, mich ganz betroffen und stockend fragte:

»Gespenst – – Nummer – – Drei? Ich verstehe dich nicht.«

»So will ich dir den Gefallen thun, deinem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen. Den Geist Nummer Eins band ich in meinem Zimmer fest; Nummer Zwei schlug ich im Hofe mit der Flinte nieder, und Nummer Drei verfolgte ich bis in den Garten, wo er mir entkam, weil er mit dem Messer nach mir stach. Begreifst du mich nun?«

»Noch – immer nicht!« stotterte er.

»Nicht? Und doch hast du vorhin den beiden Männern, welche da neben dir stehen, gesagt, ich hätte dir den Glanz deines Daseins geschändet und du würdest die Spuren meiner Faust noch einen Monat lang im Gesichte tragen!«

Er antwortete nicht und sah die beiden anderen an, welche auf ihn, auf mich, dann wieder auf ihn blickten und schwiegen.

»Dafür,« fuhr ich fort, »hast du gewünscht, daß der Scheitan meinen Leib in tausend Stücke zerreißen und meine Seele durch das stärkste Feuer der Hölle verzehren lassen möge.«

Der Mann starrte mich wie abwesend an, und brachte kein Wort hervor. Der alte Reïs aber war ein noch härter gesottener Sünder und frech genug, mir zu sagen:

»Effendi, ich weiß nicht, was dich veranlassen kann, diesem frommen und treuen Manne so harte Worte zu sagen. Ich will –«

»Ihn mir empfehlen, nicht wahr ?« fiel ich ihm in die Rede. »Das wolltest du doch. Du hast es ihm versprochen. Er soll mein Diener werden und mich dem Mokkadem in die Hände liefern.«

Der Steuermann war kein so starker Kopf; es wurde ihm himmelangst, als er die Worte hörte, welche vorhin gesprochen worden waren, konnte es nicht länger aushalten und rief, indem er beide Arme erhob und die Hände über dem Kopfe zusammenschlug:

»Ia Allah, ia faza, ia hijarahn – o Gott, o Schreck, o Entsetzen! Er ist allwissend; er weiß jedes Wort! Ich gehe; ich laufe; ich verschwinde!«

Er wollte fort; ich hielt ihn am Arme zurück und gebot:

»Bleib‘! Hast du gehört, was diese beiden vorhin miteinander gesprochen haben, so magst du auch vernehmen, was ich ihnen sagen werde.«

Er ergab sich in sein Schicksal und blieb stehen. Der Reïs hielt es für geraten, nichts zu wissen, denn er fuhr mich nun in zornigem Tone an:

»Effendi, du bist mein Passagier, und ich bin gewohnt, höflich mit diesen Leuten zu sein; aber wenn du – –«

»Höflich?« schnitt ich ihm die Rede ab. »Ist es höflich,wenn du mich einen Christenhund nennst, wenn du sagst, ich habe einen Kopf aber keinen Verstand, ich besitze wohl Augen und Ohren, sei aber trotzdem blind und taub? Ist es höflich, daß du es für geraten hieltest, mich lieber hier ermorden – –«

»Ermorden?« unterbrach er mich im Tone beleidigter Unschuld.

»Als mir nur die Brieftasche abnehmen zu lassen?« fuhr ich fort.

»Brieftasche?« wiederholte er erstaunt. »Was geht mich denn deine Brieftasche an!«

»Nichts, gar nichts; das ist wahr. Und dennoch hast du sie bei dir! Gieb sie heraus!«

Da richtete sich seine Gestalt möglichst hoch auf, und er fuhr mich an:

»Effendi, ich bin ein Moslem, und du bist ein Christ. Weißt du, was das hier in diesem Lande zu bedeuten hat? Ferner, ich bin der Reïs, und du bist mein Passagier. Weißt du, was auch das zu bedeuten hat, hier an Bord?«

»Und endlich,« ergänzte ich seine Rede, »bin ich ein ehrlicher Mann; du aber bist ein Schurke. Weißt du, was daraus folgt? Wir befinden uns nicht im Sudan, sondern hier in Giseh, wo es einen Mudir giebt und wo nach deinen eigenen Worten unsere Konsuls eine Macht besitzen, welche du zu fürchten hast. Der Muza’bir ist entkommen und – –«

»Der Muza’bir!« schrie der Steuermann auf. »Er weiß alles, alles, sogar das!«

»Ja, ich weiß freilich alles. Dieser Reïs hat sich über mich lustig gemacht, indem er meinte, ich sei zu dumm, um etwas zu merken. Er sagte, ein wahrer Gläubiger hätte sofort geahnt, daß eine Gefahr für ihn im Anzuge sei. Nun, ihr wahren Moslemin, wer ist denn klüger gewesen, ihr oder ich? Hundert Kerle von eurer Sorte bringen zwar genug Verschlagenheit und Bosheit, aber nicht so viel Weisheit und wahre Klugheit zusammen, wie ein einziger guter Christ besitzt. Ihr frommen Anhänger der heiligen Kadirine wollt mich bestehlen, verderben, töten. Ich aber verlache euch. Ich habe gewußt, daß der Muza’bir kommen werde; ich habe mir die Brieftasche nehmen lassen, aber die drei Unterschriften vorher versteckt. Hier sind sie!«

Ich zog die Papiere hervor, hielt sie ihnen hin, steckte sie wieder ein und fuhr dann fort:

»Dort bei den Tabaksballen stand der Dieb; er fand die Papiere nicht und warf die Brieftasche fort, um zu entfliehen, als ich kam. Du, Reïs, hast sie eingesteckt; ich habe es gesehen. Gieb sie heraus!«

»Ich habe sie nicht!« knirschte der Mann.

»Nicht? Siehe dir einmal die Nase dieses Gespenstes Nummer Drei an! Willst du auch eine solche haben? Willst du meine Hand kennen lernen? Heraus, oder ich nehme sie dir!«

Ich trat drohend auf ihn zu. Er wich zurück, griff unter sein Gewand und rief höhnisch:

»Ich habe eine Brieftasche, ja; aber sie gehört nicht dir, sondern dem Nile. Da, schau!«

Er zog die Brieftasche hervor und wollte sie in das Wasser schleudern. Ich war darauf gefaßt gewesen – ein rascher Sprung auf den Kerl zu, ein Griff, und ich hatte sie in meiner Hand. Er stand einen Augenblick wie starr; dann ballte er die Fäuste und fuhr auf mich los. Ich hob den Fuß und stieß ihm denselben gegen den Unterleib, so daß er seitwärts taumelte und hinstürzte.

»O Allah, o Reïs, o Jammer, o Unglückseligkeit, o Niederlage!« wehklagte der Steuermann, indem er zu seinem Vorgesetzten eilte, um demselben beim Aufstehen behilflich zu sein, während der liebenswürdige Kajütendiener wie ein Schulknabe dastand und sich nicht rührte.

»Wie konntest du es wagen, die Hände gegen mich zu erheben!« zürnte ich dem Kapitän. »Du, ein bejahrter, elender Schiffer gegen einen jungen Franken! Du hast es nur deinem Alter zu verdanken, daß ich dich nicht anders strafte, und deiner Bosheit, daß ich dich nicht der Berührung meiner Hand für wert hielt, sondern dich mit dem Fuße empfing. Führt ihn hin zu dem Tabak! Er mag sich auf einen Ballen setzen und dort vernehmen, was ich von ihm fordere.«

Dieses Gebot war an die beiden anderen gerichtet, welche demselben gleich gehorchten. Der Reïs war übel angekommen, und mein Fußtritt hatte ihn zur Erkenntnis seiner Schwäche gebracht. Rechts und links geführt und beide Hände an den Leib haltend, hinkte er ächzend und nach Luft schnappend nach dem nächsten Ballen, auf welchen er sich wie halb tot niederließ. Ich ging ihm nach. Der Greis dauerte mich doch. Man soll den Menschen nicht nach dem beurteilen, was er ist, sondern darnach, wie er es geworden ist, dann wird manche Härte sich in Milde verwandeln, aber auch leider ebenso oft die Hochachtung sich in ihr Gegenteil verkehren. Er war wie gebrochen. Was keins meiner Worte, was alle meine vorgebrachten Beweise nicht vermocht hatten, das war meinem Stiefel gelungen. Der Mann saß jetzt in sich zusammengesunken da und wagte nicht, mich anzusehen. Darum klang es unwillkürlich fast teilnehmend, als ich ihm nun sagte:

»Du wirst einsehen, daß ich jetzt nichts mehr mit dir zu thun haben mag. Ich fahre nicht weiter mit dir.«

»Fahr‘ mit dem Teufel und zur Hölle!« fauchte er mich katzenartig an.

»Wie viel hat Murad Nassyr Passage für mich bezahlt?«

»Nur hundert Piaster,« antwortete er, das Folgende ahnend.

»Lüge nicht! Zweihundert für mich und hundert für die beiden Schwarzen. Er hat es mif gesagt, bevor ich an Bord ging, und ihm glaube ich mehr als dir.«

»Hundert!« behauptete er starr.

»Dreihundert! Die wirst du mir wiedergeben, denn ich verlasse deine Dahabijeh.«

»Er hat nur hundert gegeben. Es soll mir eine Wonne sein, dich nicht mehr zu sehen. Mache dich also fort! Aber du bist mit mir von Bulak nach Giseh gefahren; das macht fünfzig Piaster; also werde ich dir nur die übrigen fünfzig zahlen.«

»Für diese kurze Strecke fünfzig Piaster ? Nun, meinetwegen; rechne, wie du willst; ich habe nichts dagegen. Ich werde also nicht gehen, sondern bleiben, bis die hiesige Polizei über den Fall entschieden hat.«

»Das kann mehrere Wochen dauern!«

»Ich weiß es; aber ich habe Zeit.«

»Ich auch!«

»Und dabei wird natürlich auch zur Sprache kommen, warum ich nicht weiter mit dir fahre. Ich werde den Bescheid in der Freiheit erwarten, während ihr indessen im Gefängnis darüber nachdenken könnt, ob es geraten ist, einen Christen nicht nur für einen Giaur, sondern auch noch für einen Dummkopf zu halten.«

Ich trat von der unglückseligen Gruppe weg und schritt an dem nach dem Ufer zu gelegenen Borde auf und ab. Nach demselben hinüberblickend, sah ich drei Männer stehen, deren Gestalten von dem Scheine unserer Pechfeuer hell beleuchtet wurden. Der Muza’bir war nicht bei ihnen. Um uns her lag die Stille des Abends, und wir hatten laut gesprochen; ja, es war sogar geschrieen worden. Man hatte uns also vom nahen Ufer aus hören können. Die Stelle, an welcher wir lagen, schien freilich eine einsame zu sein.

Als ich stehen blieb, um die drei Personen zu betrachten, trat die eine näher heran und fragte:

»Ist das nicht die Dahabijeh es Semek?«

»Ja,« antwortete ich.

»Und du bist Passagier?«

»So ist es.«

»Woher?«

»Ich bin ein Franke aus Almanja.«

»Aus Almanja!« rief der Mann in einem Tone, welchem man es anhörte, daß es ihn freute, einen Deutschen vor sich zu haben. »Nimm es mir nicht übel, wenn ich dich frage, wohin du willst!«

»Nach Siut.«

»Mit diesem Schiffe? Nimm dich in acht!«

»Vor wem?«

»Vor allen, mit denen du an Bord bist. Als wir hier vorüber wollten, sahen wir einen Menschen schleichen, den ich sehr wohl kenne. Er schien hören zu wollen, was bei euch gesprochen wurde. Es war ein Muza’bir.«

»Der war an Bord, um mich zu bestehlen; es ist ihm aber nicht gelungen.«

»Danke Allah, daß es so gekommen ist! Es hätte leicht schlimmer, viel schlimmer werden können.«

»Habt ihr Zeit?«

»Ja.«

»Ich bitte euch, einen Augenblick an Bord zu kommen!«

Ich gab dem Landungsbrette einen Schwung, daß es drüben aufzuliegen kam, fühlte mich aber hinten gepackt und zurückgezogen. Der Reïs war es. Er raunte mir, als ob es am Ufer nicht gehört werden solle, in unterdrücktem Tone zu:

»Was fällt dir ein! Wer hat hier Leute einzuladen, du oder ich?«

»Wir beide.«

»Nein, nur ich. Und gerade diesen Menschen, den ich an der Stimme erkenne ––«

Er hielt inne und wagte nicht, weiter zu sprechen, denn das Brett hatte feste Lage erhalten und die drei kamen nun eben an Bord. Als der Steuermann sie erblickte, sah ich, daß er schleunigst in einer Luke verschwand; der famose Kajütendiener folgte ihm ebenso schnell. Dem Reïs wäre es vielleicht auch lieber gewesen, wenn er sich in der Ferne befunden hätte; jedenfalls kamen ihm diese Leute höchst ungelegen; aber er konnte weder verschwinden noch sie fortweisen, und so blieb er stehen, legte beide Hände auf der Brust übereinander, berührte mit der Rechten Stirn, Mund und Herz und verneigte sich fast so tief, wie ich es von dem Haushofmeister meines Türken gesehen hatte. Aus dieser Begrüßung war mit Sicherheit zu schließen, daß die drei Ankömmlinge, wenigstens der vorderste von ihnen, keine gewöhnlichen Leute waren.

Dieser war ein Mann in den besten Jahren, kräftig gebaut und, so viel ich sehen konnte, fein gekleidet. Er trug weite, weiße Hosen mit dunklen Halbstiefeln und eine goldverbrämte blaue Jacke, um die Hüften einen rotseidenen Shawl, an welchem ein krummer Säbel hing, während die mit Gold und Elfenbein ausgelegten Griffe zweier Pistolen vorn hervorblickten. Darüber hing ein weißseidener Mantel. Der Turban auf seinem Haupte war von demselben Stoffe und derselben Farbe. Sein Gesicht, dessen dunkle Augen mit forschendem Wohlwollen auf mir ruhten, wurde von einem schwarzen Vollbarte eingerahmt, wie ich gleich schön noch selten einen gesehen hatte. Ohne auf den Reïs einen Blick zu werfen, grüßte er mich:

»Allah schenke dir einen glücklichen Abend!«

»Heil sei dir!« antwortete ich ebenso kurz wie höflich.

Seine Begleiter verneigten sich stumm gegen mich, was mich veranlaßte, ihnen eine ebensolche Verbeugung zu machen. Jetzt wendete er sich zu dem Reïs und fragte in strengem Tone:

»Du kennst mich?«

»Das Glück, dein Angesicht zu sehen, ist mir wiederholt zu teil geworden,« antwortete der Gefragte in orientalischer Weise.

»Es ist kein Glück für dich gewesen. Waren nicht noch zwei Männer hier?«

»Mein Steuermann und der Fremdendiener.«

»Weiter niemand?«

»Nein, Sijadetak; meine Matrosen sind nach dem Kaffeehause gegangen.«

»Nun, warum sind die beiden verschwunden? Wo sind sie hin? Etwa hinunter in den Raum zu den Ratten?«

Der Reïs wagte nicht, zu antworten; er ließ den Kopf sinken.

»Also doch! Ich weiß gar wohl, was sie wollen. Rufe sie sofort, wenn du nicht die Kurbatsche haben willst!«

Er deutete bei diesen Worten auf den einen seiner Begleiter, an dessen Gürtel eine sehr verheißungsvolle Peitsche hing. Der Mann verstand es, gebietend aufzutreten! Der Reïs hatte ihn Sijadetak genannt, ein Wort, welches »Deine Herrlichkeit« bedeutet und in dieser Form nur Respektspersonen gegenüber angewendet wird. Der Alte eilte zur Luke und rief hinab. Nach einiger Zeit erschienen die Verschwundenen und ließen sich in gedrückter Haltung und wohl ebenso gedrückter Stimmung am Maste nieder. Unterdessen hatte der Fremde mir gewinkt, ihm zu folgen. Er stieg hinauf zum Steuer, wo ein Teppich lag, winkte gegen denselben und sagte:

»Setze dich zu mir, denn mir ahnt, daß wir eine Beratung halten werden müssen! Und nimm eine europäische Cigarre von mir an!«

Ich mußte mich an seine rechte Seite setzen, während sein erster Begleiter an seiner Linken Platz nahm. Derselbe war ähnlich, nur aus einfacherem Stoffe gekleidet und trug auch einen Degen. Der Träger der Peitsche blieb seitwärts stehen. Auf einen Wink des Herrn zog er ein Etui aus dem Gürtel und reichte es ihm, nachdem er es geöffnet hatte. Der Gebieter zog zwei Cigarren heraus und reichte mir eine, um die andere für sich zu behalten. Der erste Begleiter bekam keine, und der zweite mußte Feuer geben. Ich kann sagen, daß es ungefähr eine Hundertmarkcigarre, also das Stück zu zehn Pfennigen war. Wie viel aber mochte dieser Ägypter dafür bezahlt haben! Da er mein Gesicht beobachtete, so gab ich demselben den befriedigtsten Ausdruck und ließ mit möglichster Behaglichkeit den Rauch sich mit dem Qualme der Pechpfanne, welche in unserer Nähe stand, vereinigen. Das schien ihn zu erfreuen, denn er fragte im Tone eines Knaben, der einem andern ein Stück Lakritzen oder eine Zuckermandel geschenkt hat.

»Nicht wahr, sie schmeckt?«

»Ausgezeichnet!« erklärte ich.

»Man sagt, der Kuran verbiete die Cigarren. Was sagst du dazu?«

»Er kann sie nicht verboten haben, weil es zur Zeit des Kuran noch keine gegeben hat.«

Er sah mir wunderlich betroffen in das Gesicht und meinte dann:

»Allah! Das ist ja ganz richtig! Nun soll mir wieder einmal einer kommen! Aber der Tabak ist verboten, wie einige Ausleger des Kuran sagen?«

Da er sich in dieser Weise gab, so antwortete ich ganz gemütlich:

»Laß dir nichts weiß machen! Als man drüben in Amerika die Menschen zum erstenmale rauchen sah, waren seit der Hedschra achthundertsiebzig Jahre vergangen.«

»Was du sagst! Du weißt das so genau aufs Jahr! Auch die Hedschra kennst du? Ja, ihr Deutschen wißt alles. Ich habe Deutsche gesehen und gesprochen, welche den Kuran und alle Erklärungen besser, viel besser kannten, als ich selbst. Allah ist groß, und ihr Deutschen seid klug. Hast du den Kaiser von Deutschland gesehen?«

»Oft.«

»Und seinen großen Wessir?«

»Bismarck? Auch.«

»Vielleicht auch seinen berühmten Obergeneral, welcher alle Schlachten gewinnt?«

»Mit diesem habe ich an einem Tische gespeist.«

»Allah! Welch ein glücklich Mensch bist du! So bist du wohl auch ein deutscher Offizier?«

»Nein. Ich schlage keine Schlachten, sondern ich verbrauche möglichst viel Tinte und verderbe jährlich einige hundert Stahlfedern.«

»Ich errate! Du bist ein Gelehrter, vielleicht gar ein Musannif, welcher sich hier befindet, um über uns ein Buch zu schreiben?«

»Erraten!« nickte ich.

»Das ist schön! Das ist gut! Das freut mich ungemein! Ich habe auch ein Buch schreiben wollen.«

»Worüber?«

»Über die Sklaverei.«

»Das ist ein hochinteressantes Thema. Hoffentlich wirst du diesen guten Vorsatz zur Ausführung bringen?«

»Ganz gewiß! Es fehlt mir eins, nur eins. Der Titel! Denn schau, der Titel ist der Kopf eines Buches, und wenn der Kopf nichts taugt, so ist der ganze Körper dumm. Aber wo nehme ich einen klugen Titel her! Du bist Fachmann. Vielleicht kannst du mir einen guten Rat erteilen.«

»Nun, es giebt Schriftsteller, welche sehr gute Bücher schreiben, ohne dazu gute Titel zu finden, und umgekehrt giebt es andere, deren Kopf voller vortrefflicher Titel steckt, ohne daß sie eine gescheite Seite fertig bringen.«

»Das mag sein. Wie ist’s denn bei dir?«

»Wir haben in Deutschland eine Redensart, welche lautet: Rede, wie dir der Schnabel gewachsen ist! Verstehst du das?«

»Ja. Man soll offen und natürlich sprechen.«

»Gerade so schreibe ich.«

»Welchen Titel würdest du mir da raten?«

»Nun zum Beispiel: ›Die Sklavenpest des Sudan‹ oder ›Sklavenmarkt und Menschlichkeit‹.«

Ein anderer wäre über diese Ausdrucksweise wohl stutzig geworden; er aber schlug sich mit der Hand aufs Knie und rief ganz entzückt:

»Ich hab’s, ich hab’s! Zwei Titel auf einmal! Und gerade die beiden, die ich auch hatte, die mir nur nicht einfallen wollten. Nun fehlt mir aber noch die Vorrede.«

»Sollte dir nicht auch die Einleitung noch fehlen?«

»Allerdings, denn man kann doch nicht sofort nach der Vorrede beginnen. Und dann die Sklaverei selbst. Was und wie soll ich über sie schreiben?«

»Und dann der Schluß!« bemerkte ich mit großem Ernste.

»Ja. der Schluß ist die Hauptsache, denn wenn der nicht gut ist, so sieht das Buch aus wie ein Pferd ohne Schwanz. Und endlich, wenn ich fertig bin, wer wird es drucken? Weißt du das?«

»Jetzt noch nicht. Wenn wir öfters darüber sprechen könnten, so wäre es möglich, daß mir das Richtige einfiele.«

Wie sonderbar! Vor kurzem noch in Lebensgefahr, saß ich jetzt an derselben Stelle in einer Unterhaltung, welche gar nicht komischer sein konnte. Als dieser Mann bei seiner Ankunft an Bord den Reïs förmlich niederschmetterte, erschien er mir wie ein Pascha mit der höchsten Zahl von Roßschweifen, und nun hörte ich, daß er ein Buch schreiben wolle, zu welchem ihm nicht weniger und nicht mehr als alles fehlte. Sein Auftreten gegen den Reïs hatte mich eine Katastrophe erwarten lassen, und jetzt plauderte er mit mir, als ob es gar keinen Kapitän hier gäbe. Und wie kam dieser Moslem dazu, sich mit der Sklavenfrage beschäftigen zu wollen? Ich hatte nur Scherz getrieben und meine letzten Worte auch nicht im Ernst gemeint; er aber ging sofort auf dieselben ein, indem er ausrief:

»Wer sagt dir denn, daß wir nicht darüber sprechen werden? Du willst nach Siut, und ich muß auch dorthin.«

»Ja, das ist etwas anderes!« meinte ich.

»Wir werden zusammen fahren. Du bleibst nicht auf dieser Dahabijeh.«

»Ich will auch nicht, aber der Reïs weigert sich, mir mein Geld herauszugeben. Ich habe nämlich schon bis Siut bezahlt.«

»Du hast es zurückverlangt? Weshalb? Hast du einen Grund gehabt, dieses Schiff zu verlassen?«

»Hm! Die Rücksicht auf mich verbietet mir, davon zu sprechen!,«

»Warum?«

»Weil ich sonst gezwungen sein würde, hier in Giseh lange zu bleiben, und dazu habe ich keine Zeit.«

»Aber die Rücksicht auf mich gebietet dir, es mir mitzuteilen. Ich habe dich vor dieser Dahabijeh gewarnt, ohne noch zu wissen, daß du schon entschlossen warst, von Bord zu gehen. Ich bin so unhöflich gewesen, dich auszufragen, ohne dir zu sagen, wer und was ich bin. Das muß ich jetzt nachholen. Oder hast du es vielleicht schon selbst erraten?«

Er sah mich von der Seite so gutmütig pfiffig an, daß ich fühlte, ich müsse ihn rasch lieb haben können. Er war kein bigotter Moslem; er besaß Lebhaftigkeit, Energie und Wohlwollen, wie ich beobachtet hatte. Das war kein träger, stumpfsinniger Orientale, der sein Nichts für etwas hält und nichts von Etwas wissen will. Ich wünschte wohl, die Reise mit ihm machen zu können.

»Du bist ein Offizier,« antwortete ich.

»Hm!« brummte er lächelnd. »Nicht eigentlich, und doch hast du nicht übel geraten. Mein Name ist Achmed Abd el Insaf.«

Das heißt: Achmed, Diener der Gerechtigkeit. Hatte er diesen Namen stets getragen oder ihn infolge seines jetzigen Berufes erhalten? Ich nannte ihm den meinigen, und darauf erklärte er mir:

»Ich bin nämlich auch Reïs, und du sollst zu mir auf mein Schiff kommen.«

Ich konnte nicht anders, ich mußte ihn ungläubig anblikken. Dieser Mann, der Kapitän einer Dahabijeh, welche Sennesblätter und Gummi vom obern Nile holt? Nein!

»Du bezweifelst es?« fragte er. »So will ich dir sagen, das ich den Titel Reïs Effendina führe und der einzige bin, dem es gestattet ist, denselben zu tragen.«

»Der Kapitän des Vizekönigs? Das muß eine ganz besondere Bewandtnis haben!«

»Allerdings. Und diese Bewandtnis hängt sehr eng mit dem Buche, welches ich schreiben will, zusammen. Ich will es dir erklären. Ich liebe die Deutschen, und du gefällst mir ganz besonders. Der Sklavenhandel ist verboten, wird aber noch immer betrieben. Du hast gar keine Ahnung, wie viel Menschen jährlich an demselben zu Grunde gehen!«

»Ob ich es weiß, das sollst du sogleich erfahren. Sprechen wir nur von Ägypten, wo doch der Sklavenhandel aufgehoben ist. Vom obern Nil werden jährlich 40 000 Sklaven über das rote Meer geführt. Davon gehen 16 000 in andere Gegenden, 24 000 aber nach Ägypten. Dazu kommen 46 000, welche auf dem Nile und auf Landwegen nach Nubien und Ägypten geführt werden. Dieses Land erhält also über 4 Hafenplätze und auf 14 Landrouten jährlich 70 000 Sklaven. Nun muß man rechnen, daß auf einen verkauften Sklaven vier andere kommen, welche während der Sklavenjagd getötet werden oder während des Transportes umkommen. Das ergiebt den fürchterlichen Schluß, daß die Sudanländer allein für Ägypten jährlich 350 000 Menschen einbüßen. Soll ich weiter sprechen, nicht bloß von Ägypten allein?«

Er sah mich mit weit geöffneten Augen an und antwortete nicht.

»Soll ich dir sagen, daß die Harems von Konstantinopel von zehn- bis vierzehnjährigen tscherkessischen Sklavinnen wimmeln, für welche man pro Stück zwanzig Thaler zahlt, während sie noch vor kurzem achtmal teurer waren? Wie viele Neger und Negerinnen wird es da erst geben? Und dabei versichern uns die Gesandtschaften der hohen Pforte, daß der Sklavenhandel nicht mehr existiere!«

»Effendi, du weißt es, du weißt es sogar noch viel, viel besser und genauer als ich!« gestand er. »Ihr Deutschen wißt wirklich alles!«

»Nun, wenigstens wissen wir, daß es noch viel zu niedrig gegriffen ist, wenn man annimmt, daß in den Sudanländern jährlich über eine Million Menschen an den Sklavenjagden zu Grunde gehen. Solche Zahlen mußt du in deinem Buche bringen!«

»Ich bringe sie; bei Allah, ich bringe sie! Vergiß diese Ziffern nicht, denn du sollst sie mir bei Gelegenheit diktieren. Aber ich habe mich vorhin selbst unterbrochen, als ich sagte, daß der Sklavenhandel noch fortbestehe. Es kommen viele Schiffe mit Sklaven den Nil herab. Wir haben Polizeischiffe, welche aufpassen sollen; aber die Kapitäne sind nicht ehrlich; die Hunde machen mit den Sklavenjägern gemeinschaftliche Sache. Nun muß es also einen gerechten und ehrlichen Mann geben, der da Achtung giebt, und der bin ich. Abd, el Insaf, Diener der Gerechtigkeit, heiße ich, verstanden? Und Reïs Effendina bin ich, der Kapitän unsers Herrn, des Khedive. Ich bin es noch nicht lange; aber alle Schurken kennen mich bereits, weil ich keinen durchlasse, keinen einzigen, und wenn er mir noch so viel Gold bietet. Mein Schiff heißt Esch Schahin; es ist so schnell wie ein Falke und stößt auch wie ein Falke. Es fliegt wirklich wie ein Falke, und keine Dahabijeh, kein Sandal, kein Noqer kann ihm entgehen. Willst du es sehen?«

»Ich bin sogar sehr begierig darauf.«

»Es liegt gar nicht weit von hier am Ufer. Ich mußte heute in Giseh anlegen, weil ich mit dem Mudir zu sprechen hatte. Als es Abend war, suchte ich das Ufer ab, weil solche Gänge oft zu einem guten Fange führen. Und ich habe ihn gemacht, diesen Fang.«

»Wo?«

»Hier, diese Dahabijeh.«

»Ist’s möglich? Sie ist doch heute erst in Bulak ausgelaufen!«

»Ja, Sklaven hat sie nicht an Bord; aber ich bin schon seit langer Zeit hinter ihr und ihrem Reïs her. Ihr Inneres ist zur Aufnahme von Sklaven eingerichtet. Ich habe es gesehen.«

»Du warst ja noch nicht unten im Raume!«

»Das nicht. Aber warum erschrak der Reïs so, als ich kam? Warum verschwand der Steuermann sofort durch die Luke? Doch nur, um unten irgend etwas zu verändern oder zu verbergen. Du wirst bald sehen, daß ich mich nicht irre. Aber das Pech wird alle. Der Reïs soll die Schüsseln wieder füllen, und wenn er sich nicht beeilt, giebst du ihm die Peitsche.«

Dieser Befehl war an seinen zweiten Begleiter gerichtet, welcher sich entfernte, um ihn auszuführen.

Welch ein Zusammentreffen! Mein neuer Bekannter war also, so zu sagen, Marineoffizier; er jagte Sklavenjäger. Das versprach etwas; ja, das versprach sogar viel, sehr viel!

Der alte Reïs brachte Pech geschleppt; er wagte nicht, aufzublicken. Als er wieder fort war, knüpfte der Reïs Effendina die unterbrochene Unterhaltung wieder an:

»Nun weißt du, wer ich bin und welchen Beruf ich habe. Meinst du noch immer, daß es geraten ist, mir zu verschweigen, warum du diese Dahabijeh verlassen willst?«

»Nun vielleicht erst recht. Ich würde hier festgehalten werden und muß doch nach Siut, um dort meinen Freund zu erwarten.«

»So verspreche ich dir hiermit, daß deine Reise keine Verzögerung erleiden wird. Ich gehe nach dem oberen Nil, nach Chartum und noch weiter hinauf, und lege in Siut an. Übermorgen segle ich ab, und da kommst du zu mir an Bord, natürlich als mein Gast, denn zahlende Passagiere giebt es bei mir nicht. Willst du?«

Als ich nur einige Augenblicke mit der Zusage zögerte, hielt er mir die Hand hin und rief.

»Schlag‘ ein; ich bitte dich! Nicht ich thue dir einen Gefallen, sondern du sollst ihn mir thun.«

»Dann gut; hier meine Hand. Ich fahre mit dir nach Siut.«

»Wie gern würde ich dich weiter mitnehmen; aber wenn du jemanden erwartest, so mußt du dein Wort halten. Und nun erzähle, was hier geschehen ist!«

»Das reicht nicht aus; ich muß noch mehr erzählen, auch das, was vorher geschehen ist. Und du wirst keine Zeit haben, mich anzuhören.«

»Ich habe genug Zeit, denn ich muß warten, bis die Matrosen kommen. Ich möchte wissen, warum dieser Kerl alle seine Leute von Bord geschickt hat.«

»Nur meinetwegen.«

»So? Wirklich? Das macht mich doppelt neugierig. Also, zum Beginn! Du brauchst dich nicht zu genieren. Mein Nachbar hier ist mein Steuermann, und der Mann da mit der Peitsche mein Liebling, meine rechte Hand, welche alles thut, was ich befehle. Schon mancher Sklavenhändler und Sklavenbesitzer hat es auf seinem Rücken gefühlt, daß diese meine Hand schnell, willig und stark genug ist, meinen Wahlspruch auszuführen: Wehe dem, der wehe thut!«

Nun konnte ich nicht anders; ich mußte erzählen, und ich begann meinen Bericht von dem Augenblicke an, in welchem der Türke mich in das Kaffeehaus gewinkt hatte. Es war interessant, zu beobachten, wie das Gesicht des Reïs Effendina zeigte, daß seine Aufmerksamkeit von Minute zu Minute immer gespannter wurde. Er unterbrach mich mit keinem Worte, mit keinem noch so kurzen Ausrufe; aber als ich bis dahin gekommen war, daß ich den Reïs, den Steuermann und den Kajütendiener belauschte und nun berichtete, was sie gesprochen und beschlossen hatten, da legte er mir die Hand auf den Arm und bat:

»Entschuldige einen Augenblick!« Und sich zu seiner »rechten Hand« wendend, gebot er: »Eile rasch auf unsern Falken, und hole zehn Mann herbei, um die Dahabijeh zu besetzen! Ich werde die Bande zwingen, an Allah und alle seine neunundneunzig erhabenen Eigenschaften zu denken. – Und nun, Effendi, fahre fort!«

»So bist du nicht auch Mitglied der frommen Kadirine?« fragte ich ihn.

»Nein. Ich bin überhaupt nicht Mitglied einer Bruderschaft. Muhammed war ein Prophet, und Johannes war ein Prophet. Allah ist die Liebe und die Gerechtigkeit, und dein Gott ist Allah. Wir Menschen sind alle Gottes Kinder; wir sollen einander lieben und gerecht gegen einander sein. Ich preise meinen Glauben nicht und schände keinen andern; ich mag nicht bekehren und lasse mich nicht bekehren. Meine Augen können nur das Irdische sehen und werden erst, wenn ich gestorben bin, das Himmlische erblicken. Warum soll ich darüber streiten, wer Gott in der rechten Weise anbetet? Wir sind eine einzige große Familie und haben einen einzigen Vater. Jedes Kind hat seine besonderen Gaben und Eigenschaften und spricht in seiner besonderen Art und Weise mit dem Vater. Gieb mir die Hand, Effendi! Du bist ein Christ, und ich bin ein Moslem; aber wir sind Brüder und gehorchen unserm Vater, weil wir ihn lieben!«

Er reichte mir seine Hand, und ich legte die meinige in dieselbe. Hätte ich das nicht thun, hätte ich ihm sagen sollen, daß ich ihm als Christ nicht beistimmen könne? Nein; ein solches Wort sagt man nicht in solchem Augenblicke. Indem ich schwieg, wurde ich nicht Muhammedaner; aber indem ich ihn reden ließ, gab ich ihm Gelegenheit, fast wie ein Christ zu sprechen. Indem er sich von der Aggressivität des Islam lossagte, hörte er auf, ein Muhammedaner zu sein. Er that einen großen Schritt zum Christentume herüber, und durch eine Gegenrede hätte ich ihn nur veranlaßt, diesen Schritt zurück zu thun. Man ist nicht Lehrer, nicht Missionar durch Worte allein; man lehrt auch durch die That; ja die That wirkt oft mächtiger als das Wort, und zuweilen ist auch das Schweigen eine That, wenn auch nur eine That, welche Ärgernis verhindert.

Ich erzählte weiter. Gerade als ich geendet hatte, kehrte die »rechte Hand«, der »Liebling« zurück. Er postierte seine zehn bewaffneten Männer auf verschiedene Stellen des Deckes, wo sie, um vom Ufer aus nicht bemerkt zu werden, sich hinter den hohen Bord niedersetzten. Dann kam er zu uns herauf und meldete:

»Emir, das Schiff ist besetzt; aber als wir jetzt kamen, stand da drüben unter dem Baume ein Mensch, welcher scharf nach der Dahabijeh blickte. Das kam mir verdächtig vor; ich befahl, ihn zu ergreifen, doch er floh noch zur rechten Zeit. Wenn Allah mir gute Augen verliehen hat, so kann ich darauf schwören, daß es derselbe Mensch war, welchen wir schon vorhin sahen, bevor wir das Schiff betraten.«

»Also der Taschendieb? Wie schade, daß er euch entgangen ist! Er weiß nun, in welcher Hand sich die Dahabijeh befindet, und wird sich aus dem Staube machen. Aber morgen bin ich in Kahira und werde ihn festnehmen lassen.«

»Wenn du ihn findest!« warf ich ein.

»O, ich finde ihn. Ich bringe die ganze Polizei in Alarm, und wo dieser Kerl sich herumzutreiben pflegt, das weiß man ziemlich genau. Also, Effendi, du bist nun fertig. Ich weiß, was geschehen ist; aber ich weiß auch noch etwas, nämlich, daß du ein Mann bist, den ich auf meinem ›Falken‹ haben möchte. Willst du mein Lieutenant sein?«

»Leider ist mir das unmöglich.«

»Ich weiß, warum. Lieutenant, das ist nichts. Aber ich kann doch unmöglich sagen, daß du meinen ›Falken‹ kommandieren sollst, und daß ich dein Untergebener sein will!«

»Es ist wohl beides unnötig, denn ich denke, daß du bereits einen Lieutenant haben wirst.«

»Den habe ich allerdings. Aber so will ich dich wenigstens fragen, ob du nicht Lust hast, meine jetzige Fahrt nach dem Obernil mitzumachen.«

»Lust wohl, aber ich darf nicht.«

»Wegen dieses Türken? Weil du ihm dein Wort gegeben hast? ja, du mußt es halten, da er die Neger bei sich aufgenommen hat. Wie war doch sein Name?«

»Murad Nassyr.«

»Und woher ist er?«

»Aus Nif bei Ismir.«

Er blickte schweigend vor sich nieder. Das Gesicht, welches er mir jetzt zeigte, gefiel mir nicht. Darum fragte ich:

»Kennst du ihn vielleicht?«

»Es ist mir, als ob ich diesen Namen schon einmal gehört hätte.«

»Auf gute Weise oder nicht?«

»Nicht! Ich kann das nicht genau sagen, aber es liegt so in mir. Wenn ich länger nachdenke, werde ich wohl auf das Richtige kommen. Wir haben Zeit dazu, da wir ja mit einander fahren. Lassen wir das jetzt also fallen, und beschäftigen wir uns mit der Gegenwart. Wenn deine Angelegenheit den vorgeschriebenen Gang einschlagen sollte, so müßtest du trotz deines Konsuls mehrere Wochen hier bleiben. Da ich dir aber versprochen habe, daß dies vermieden werden soll, so werde ich der Sache diejenige Wendung geben, welche ich für die allerbeste halte. Wir brauchen dich gar nicht; wir bedürfen nur das Geständnis dieser Schurken und einige Zeugen, welche es hören und später wiedergeben. Zeugen habe ich da, nämlich meine Leute.«

»Also werden die Thäter bestraft werden?« »Natürlich! Wehe dem, der wehe thut!« »Auch Barak, der Mokkadem?«

»Hm! Gerade weil dieser Abd el Barak Mokkadem der Kadirine ist, wird ihm schwer beizukommen sein, da niemand, selbst der Höchste nicht, sich mit einer so mächtigen Bruderschaft verfeinden mag; aber ich werde dennoch Mittel und Wege finden, mit meiner ›rechten Hand‹ an ihn zu kommen. Jetzt folgt mir hinab auf das Deck! Ich werde die drei Kerle vornehmen.«

Wir stiegen die mehrmals erwähnten schmalen Stufen hinab, wobei die »rechte Hand«, der »Liebling«, die Karbatsche von seinem Gürtel löste. Dieser brave Diener seines energischen Herrn schien die inquisitorischen Schwächen oder Stärken des letzteren sehr gut zu kennen. Als wir uns dem Maste näherten, an welchem die drei saßen, standen sie auf. Ihre Haltung war gar nicht selbstbewußt, und ihre Gesichter sahen schon jetzt erbärmlich aus. Der Emir – denn so will ich den Reïs Effendina nennen, weil sein »Liebling« ihm vorhin diesen Titel gegeben hatte, erhob die Hand, und augenblicklich kamen die zehn Männer herbei, um einen Kreis um uns zu bilden. Der Untersuchungsrichter wendete sich zunächst an den Kajütendiener:

»Wie heißest du?«

»Barik,« antwortete der Gefragte.

»Also fast wie dein lieber Mokkadem! Woher bist du?«

»Aus Minieh.«

»Und doch hast du zu diesem Effendi gesagt, du seiest ein Beni Maazeh namens Ben Schorak! Wie darfst du wagen, einen Mann belügen zu wollen, der in jeder einzelnen Spitze seines Haares mehr Klugheit besitzt als du mit all deinen Vorfahren und Nachkommen gehabt hast und noch haben wirst! Ich rate dir, die Wahrheit zu sagen, da ich nicht so langmütig wie dieser Effendi bin. Hast du gestern den Geist gemacht?«

»Nein.«

»Gut! Besinne dich! Den Takt wollen wir dir dazu angeben.«

Ein Wink von ihm, vier Leute legten den Leugnenden auf den Boden, hielten ihn dort fest, und der »Liebling« schlug den Takt in einer solchen Weise, daß der gefühlvolle Mann schon beim fünften Hiebe schrie:

»Halt! Ich will gestehen!«

»Dachte es mir! Also warst du eines der Gespenster?«

»Ja,« antwortete der Gefragte, welcher noch liegend festgehalten wurde.

»Wer waren die beiden andern?«

»Der Mokkadem und sein Diener, welcher zugleich sein Schreiber ist.«

»Wie oft habt ihr schon gespukt?«

»Von kurz nach dem Tode des Hausbesitzers an.«

»So sind wir jetzt mit dir fertig. Stehe auf, und stelle dich hier an den Mast.«

Die vier ließen ihn los, und der »Liebling« zog ihm noch einen solchen Hieb über den Rücken, daß er so schnell wie wohl noch nie in seinem Leben emporflog. Der Emir richtete nun den Blick auf den Reïs und sagte:

»Du kennst mich und weißt genau, wie lieb ich dich habe und welche Macht mir über dich gegeben ist. Du wirst mir genaue und wahre Antwort geben, sonst bekommst du auch die Peitsche!«

Das war dem Alten wohl noch nicht geboten worden; er fuhr daher zornig auf:

»Emir, ich bin ein gläubiger Moslem und kein Sklave oder Diener, sondern der Kommandant dieser Dahabijeh!«

Der »Liebling« wußte schon, was er in einem solchen Falle zu thun hatte; er fragte nicht, nicht einmal durch einen Blick, sondern strich ihm im Gefühle seiner Majestät, oder kürzer deutsch gesagt, seiner Peitschenoberlehensherrlichkeit die Karbatsche zweimal in solcher Weise über den Rücken, daß der Alte gewiß nicht wieder aufzubegehren wagte.

»So!« nickte der Emir, sehr befriedigt über den Amtseifer seines Untergebenen. »Ob einer Sklave, Diener, Kommandant, Moslem oder Heide ist, das bleibt sich vor Allah, mir und meiner Peitsche vollständig gleich. Wer widerspricht oder lügt, hat es auf seinen Rücken zu nehmen. Jetzt rede, du berühmter Kommandant: Seit wann dient dieser Barik aus Minieh auf deinem Schiffe?«

»Seit heute,« erklang es in unterdrücktem Grimme.

»Wer brachte ihn?«

»Der Mokkadem.«

»Welche Aufgabe war ihm hier geworden?«

»Er sollte den fremden Effendi bedienen.«

»Sich bei demselben einschmeicheln, um in seine Dienste zu treten und ihn später dem Mokkadem, das heißt, dem Tode zu überliefern?«

»Davon weiß ich nichts.«

»So hast du es vergessen, und wir werden dir den Dienst erweisen, dein Gedächtnis zu stärken.«

Der Reïs wurde niedergezogen und empfing die Peitsche, aber nur dreimal, dann gestand er das Gefragte ein.

»Sieh, wie schnell die Peitsche die Vergeßlichkeit beseitigt!« meinte der Emir. »Ja, die Haut des Nilpferdes öffnet gleich beim ersten Hiebe das Fleisch des Leibes und die Verstocktheit des Herzens. Du wirst so liegen bleiben und ferner antworten. Hast du gewußt, daß die Brieftasche gestohlen werden sollte?«

»Ja – ja,« gestand der Alte zögernd.

»Und die Hand dazu geboten?«

»Nein – – ja, o ja!« schrie er überlaut, als er sofort wieder die Peitsche fühlte.

»Hast du gewußt, daß der Effendi später getötet werden sollte?«

Das Eingeständnis erfolgte erst nach dem zweiten Hiebe.

»Hast du den Rat gegeben, daß er besser gleich heute ermordet werden sollte?«

Der Reïs schwieg. Ja wollte er nicht sagen, und doch fürchtete er sich vor dem Zwangsmittel, welches von dem echten Türken Kyr-, von dem Araber aber Karbatsch genannt wird. Die Thätigkeit des »Lieblings« aber brachte ihn schnell zum Geständnisse.

»Ich könnte noch weiter fragen,« fuhr der Emir fort; »aber du ekelst mich an. Du bist ein feiger Hund, der wohl den Mut zur Sünde, aber nicht auch zum Geständnisse hat. Du wirst in deinem eigenen Schlamm ersticken. Lehnt ihn an den Mast! Und nun zum Steuermann!«

Dieser hatte schon vom Zusehen allein gezittert. Als er hörte, daß die peinliche Frage jetzt an ihn gerichtet werden Solle, fiel er gleich in die Kniee und zeterte:

»Ö Allah, o Himmel, o ihr Mächte! Nicht schlagen! Ich bekenne alles, alles!«

»Emir,« bat ich den Reïs Effendina, »habe Nachsicht mit ihm! Er scheint nicht so schlimm zu sein. Er mußte dem Reïs gehorchen, hat, während ich lauschte, kein einziges Wort gesagt und dann, als ich ihnen ihre Schlechtigkeit vorwarf, die Wahrheit meiner Anklage durch seine Angst, sein Entsetzen über meine vermeintliche Allwissenheit zugegeben. Er ist in schlechte Gesellschaft geraten; das ist sein Vergehen.«

»Er hat recht, der Effendi; er hat recht. Allah wird ihn für diese Worte segnen!« jammerte der Furchtsame.

»Gut, ich will es glauben,« entschied der Emir, »und dir nur eine einzige Frage vorlegen. Giebst du zu, daß alles, was der Effendi uns erzählt hat, wahr ist?«

»Ja, es ist wahr, alles, alles!«

»So steh‘ auf! Man wird Erbarmen mit dir haben. Aber ich setze da voraus, daß du nachher auf eine andere Frage ebenso aufrichtig antworten wirst!«

»Welche Frage? Ich sage alles!«

»Du wirst es erfahren. Du sollst nicht bei diesen beiden verstockten Bösewichtern bleiben. Setze dich hin an die Kajüte; aber rühre dich nicht!«

Ich verstand die Absicht des Emirs. Der Steuermann sollte fern von dem Reïs gehalten werden, damit dieser ihn nicht durch Drohungen oder Versprechungen bewegen könne, das von ihm noch erwartete Geständnis zu verweigern. Jetzt ließ der Reïs Effendina nach drei Lampen suchen, und als diese gebracht und angebrannt worden waren, stieg er mit seinem »Liebling« und dem Muhamel, jeder eine Lampe tragend, in die schon erwähnte Luke hinab.

Ich sah, daß der Reïs die Lippen zusammenpreßte, wohl nicht allein infolge des Schmerzes, welchen die aufgesprungenen Peitschenschwielen ihm verursachten; es war auch die Angst vor der Entdeckung, welche jetzt zu erwarten stand. Ich mochte diesen Menschen nicht mehr ansehen. Ein jugendlicher Verbrecher erweckt sicher unser Mitleid; aber ist ein alter Mann, welcher aus wirklicher Freude am Bösen sündigt, obgleich er mit einem Fuße bereits im Grabe steht, dieser Teilnahme auch noch wert? Der Christ mag auch hier mild urteilen, der Bürger aber kann das nicht und der Psycholog wohl auch nicht. Ich ging nach hinten zu dem Steuermanne. Er streckte mir die Hand entgegen und sagte:

»Effendi, ich danke dir, daß du für mich gesprochen hast! Ich bin ein Verwandter des Reïs und kann nicht von ihm fort. Ich habe dir nichts Böses thun wollen und darum zu allem geschwiegen.«

»Aber du mußt doch einsehen, daß dein Schweigen eine Sünde, ein Verbrechen war!«

»Ich hätte nichts ändern können. Sollte ich den Reïs gegen dich verraten?«

»Ja, und dann wäre es nicht so schlimm für euch geworden, denn der Emir hätte die Dahabijeh nicht bestiegen, da wir ihn erst durch unsere lauten Reden herbeigezogen haben, und würde nun auch nicht entdecken, daß dieses Segelboot eine Sklavenschiff ist.«

»Ein – Skla – ven – schiff!« stammelte er entsetzt. »Wer -wer – behauptet – das?«

»Der Emir, und der ist ein Kenner.«

»O Unheil, o Verwirrung meiner Gedanken! Allah, Allah, Allah! Mein Körper wankt, meine Gebeine beben, und meine Seele zittert. Ich tauche unter im Meere der Trübsal, und die Wirbel des Entsetzens mahlen mich hinab in die Tiefe der Verzweiflung! Welche Seele erbarmt sich meiner, und welche Hand streckt sich aus, mich zu retten?«

»Schweige! Schrei nicht so! Man soll uns nicht beachten. Giebst du zu, daß diese Dahabijeh zum Sklavenraube bestimmt ist?«

»Zum Raube nicht, aber zum Transport.«

»Du bist schon fast sechzig Jahre alt. Hast du Familie?«

»Einen Sohn und mehrere Enkel und Enkelinnen, droben in Gubatar, bei denen sich auch mein Weib befindet.«

»Das ist in der Nähe der freien Uled-Ali-Beduinen, die ich kenne. Fliehe zu ihnen, und bleibe dort, bis diese Sache vergessen ist. Hast du Geld?«

»Nur wenige Piaster, und die hat der Reïs.«

Ich suchte zusammen, was ich entbehren konnte, gab es ihm und sagte:

»Ich habe bemerkt, daß das kleine Boot hinten am Steuer befestigt ist. Laß dich an dem Tau, an welchem es hängt, hinab, und mach‘ dich schnell davon!«

»Recht gern, o wie gern! In einem Jahre wird alles vergessen sein, und dann darf ich mich wieder sehen lassen. Aber wie komme ich hinauf zum Steuer? Man wird mich sehen!«

»Nein, denn ich gehe jetzt vor und werde die Leute so beschäftigen, daß sie ihre Aufmerksamkeit nur auf mich richten. Also paß auf! Sobald du bemerkst, daß niemand hersieht, springst du die Stufen hinauf.«

»Ja, ja, Effendi! O, welchen Dank bin ich – –«

»Rede nicht, und handle lieber! Allah beschirme deine Flucht und lasse dich nicht wieder auf solche Abwege geraten!«

»Nie wieder werde ich Böses thun! Effendi, kein Moslem hätte sich meiner erbarmt; du aber, der du ein Christ bist, hast mich – –«

Mehr hörte ich nicht, denn ich war schon von ihm fort, um zum Mast zu gehen, wo ich die Leute des Emir nach ihrem »Falken« fragte. Sie waren so voller Bewunderung über die Vorzüge dieses ihres Fahrzeuges, daß sie alle zugleich auf mich einsprachen. Und als ich ihnen mitteilte, daß ich mit ihnen fahren würde, drängten sie sich so um mich, daß dem Steuermanne die beabsichtigte Gelegenheit geboten wurde. Ich sah ihn die Stufen emporeilen und hinter dem Qualme der Pechpfanne verschwinden. Wer mir jetzt gesagt hätte, daß ich ihn bald wiedertreffen werde, nicht bei den Uled-Ali-Beduinen, sondern droben im Sudan, dem hätte ich es wohl kaum geglaubt.

Jetzt kehrte der Emir mit seinen beiden Begleitern zurück. Schon befürchtete ich, daß er zunächst den Steuermann aufsuchen und also dessen Flucht vorzeitig entdecken werde; aber glücklicherweise kam er direkt zu uns an den Mast und wendete sich an den Reïs:

»Zunächst will ich noch eine Nebensache beenden. Wie viel hat dieser Emir für Passage bezahlt?«

»Hundert Piaster,« behauptete der alte, freche Sünder selbst noch jetzt.

»Der Effendi aber spricht von dreihundert. Du giebst also zweihundert weniger an. Einer von euch will mich täuschen. Dir glaube ich nicht. Lieber nehme ich an, daß der Effendi sich um zweihundert geirrt hat. Das sind also fünfhundert, welche du ihm sofort auszahlen wirst.«

»Das ist Betrug, der offenbarste Betrug!« schrie der Alte, fühlte aber sofort die Peitsche des »Lieblings« auf seinem Rücken, wodurch er zu der Erklärung bewegt wurde, daß er mit der Zahlung einverstanden sei.

»Gut! Wo hast du dein Geld?« fragte der Emir.

Der Reïs zögerte mit der Antwort, wurde aber durch die drohend erhobene Peitsche gezwungen, zu sagen, daß er seine Kassa unten im Raume verborgen habe.

»So wirst du uns hinab begleiten,« meinte der unerbittliche Inquisitor. »Wohin ist denn deine Dahabijeh bestimmt?«

»Nur bis Chartum.«

»Nicht weiter? Das ist Lüge. Du giebst mir diese Antwort, damit ich nicht erraten möge, welche Art von Handel du da oben treiben willst. Welche Waren hast du geladen?«

»Solche, welche dort gesucht werden, Zeugstoffe, Werkzeuge, billige Schmucksachen für die Neger und ähnliche Dinge; dafür will ich die Produkte des Landes eintauschen.«

»Das klingt recht unverfänglich, doch glaube ich dir nicht. Die Kisten und Ballen, welche ich unten liegen sah, haben eine Gestalt, welche erraten läßt, daß sie ganz andere Dinge enthalten. Ich werde sie also öffnen lassen, und wehe dir, wenn ich dich auf verbotenen Wegen ertappe!«

»Emir, ich wandle auf den Wegen des Gesetzes,« versicherte der Alte, »und du kannst dir die Mühe des Öffnens getrost ersparen.«

»Wirklich? Ich habe glauben müssen, daß du mit Brettern, Pfosten und anderen Hölzern handelst, denn ich habe eine Menge derselben unten liegen sehen. Wozu sind dieselben denn bestimmt?«

»Auch zum Verkaufe. Im Süden giebt es keine zugeschnittenen Hölzer, weshalb sie von wohlhabenden Leuten, welche sie zum Baue ihrer Wohnungen brauchen, sehr gut bezahlt werden.«

»Einem andern dürftest du das sagen, mir aber nicht. Wie kommt es dann, daß diese Stützen, Balken und Latten so zugeschnitten und abgepaßt sind, daß du mit ihnen zwei oder gar drei Unterböden herzustellen vermagst?«

»Das ist Zufall, Emir!«

»Wenn du ein gläubiger Sohn des Propheten wärst, würdest du wissen, daß es keinen Zufall giebt. Handelst du etwa auch mit eisernen Ketten? Ich habe einen ganzen Haufen im Raume liegen sehen. Die Bretter und Ketten verraten dein eigentliches Gewerbe, und dein Leugnen ist erfolglos. Ich brauche dein Geständnis nicht und werde dir den Beweis, daß du ein Sklavenhändler bist, durch die Aussage deines eigenen Steuermannes liefern. Man hole ihn her! Er fürchtet sich vor der Peitsche und wird uns sofort die Wahrheit sagen.«

Infolge dieser Worte richteten sich aller Augen nach der Stelle, an welcher sich der Steuermann befunden hatte. Er war nicht mehr dort; man suchte, doch ohne ihn zu finden. Der Reïs Effendina nahm die Sache weit leichter, als ich vermutet hatte. Er gebot schon nach kurzer Zeit seinen eifrig forschenden Leuten:

»Gebt euch keine Mühe! Ich sehe, daß er fort ist. Ihr habt nicht aufgepaßt, und es ist ihm gelungen, sich unbemerkt über das Landungsbrett nach dem Ufer zu schleichen. Ich sollte euch eigentlich bestrafen; da er aber kein so verstockter Halunke wie hier dieser sein Reïs war, so mag er immerhin entkommen sein, und ich will euch verzeihen. Jetzt wollen wir wieder hinab, um uns das Fahrgeld zurückzahlen zu lassen.«

Er lud mich ein, ihm zu folgen. Zwei seiner Leute ergriffen den Reïs, um ihn zur Luke zu führen. Die anderen blieben oben. Unten angekommen, war es mit Hilfe der Laternen leicht, sich zurecht zu finden. Das Innere der Dahabijeh bildete einen großen Raum, von welchem hinten und vorn ein kleiner Verschlag abgeschnitten war. In diesem Raume sah ich nur etwa zwanzig Kisten und Ballen liegen. Das war allerdings auffällig, da diese Schiffe gewöhnlich Kairo nicht eher verlassen, als bis sie volle Ladung haben. In dem hinteren, unverschlossenen Verschlage stand ein Werkzeugkasten; dort lagen auch die erwähnten Ketten, die von verschiedener Länge, Stärke und Konstruktion, aber ohne Ausnahme zur Fesselung der Sklaven bestimmt waren. In dem großen Raume waren zu beiden Seiten desselben hohe Lagen von Brettern und Balken aufgeschichtet. Dazu bemerkte ich drei übereinander liegende, horizontale Reihen von Pfosten, welche an die Schiffsrippen festgeschraubt waren. Diese sollten offenbar die Seitenstützen der drei Unterdecks bilden, welche man aus den vorhandenen Brettern herzustellen beabsichtigte. Diese Unterdecks oder Böden waren natürlich zur Aufnahme von Negern bestimmt. Die Entfernung der Rippenpfosten ließ erkennen, daß jedes dieser Decks nur eine Höhe von noch nicht einmal vier Fuß besaß und die armen Schwarzen also während des langen Transportes nicht stehen, ja, kaum sitzen konnten. Übrigens gestand der Reïs später, daß es ihnen nur ausnahmsweise erlaubt werde, sich zu setzen, sie vielmehr gewöhnlich in liegender Stellung festgekettet seien. Da ich mich lebhaft dafür interessierte, forschte ich ihn aus und erfuhr näheres über die Einteilung dieser Räume und die Unterbringung der Schwarzen. Infolge der beiden Bretterverschläge am Vorder- und Hinterteile des Schiffes, welche die Rundung wegnahmen, hatte jeder zwischen ihnen liegende Sklavenraurn die Gestalt eines regelmäßigen Rechteckes, in welchem die Schwarzen in folgender Weise unterzubringen waren:

Jeder Raum war in die Abteilungen geschieden, welche, wie die Striche andeuten sollen, je fünfzig Schwarze enthielten, die so plaziert wurden, daß sie mit den Füßen gegen einander lagen. In der Mitte dieser Abteilungen, da, wo auf dem Risse das L steht, befand sich eine Luke, durch welche die übereinander liegenden Räume mittels einer Treppe miteinander verbunden waren. Denkt man sich die geringe Höhe dieser Zwischendecks, welche nicht die Spur einer Ventilation besaßen, die Hitze Ägyptens, die jedenfalls armselige Verpflegung und die schlechte, ja grausame Behandlung, so ist es nicht schwer, sich die schreckliche Lage dieser 450 in der Dahabijeh untergebrachten Schwarzen auszumalen.

Der Reïs wurde nach dem vorderen Verschlage geführt, welcher verschlossen war. Er mußte öffnen, und nun sahen wir ein kleines Gelaß, dessen Bretterwände mit Negerpeitschen behangen waren. Eine bedeutende Anzahl von Raki-Flaschen, wohl nur für den Kapitän bestimmt, war aufgestapelt, und in einer Ecke stand ein Blechkasten, an welchem zwei Vorlegeschlösser hingen. Der Reïs hatte die dazu gehörigen Schlüssel bei sich. Als er geöffnet hatte, zeigte es sich, daß dieser Kasten einige tausend Maria-Theresien-Thaler enthielt. Der Emir griff ohne Umstände zu und zählte eine Anzahl davon ab, welche er mir mit den Worten hinhielt:

»Da, nimm, Effendi! Es sind deine fünfhundert Piaster.«

»Es ist ja viel mehr!« antwortete ich, ohne zuzulangen. »Der Thaler gilt hier ja – –«

»Schweig!« unterbrach er mich. »Das verstehe ich besser als du. Dieser sklavenhandelnde Reïs hat das Geld für den Sudan bestimmt, wo der Thaler zehn Piaster gilt. Darum rechne ich nach dem dortigen Werte und gebe dir fünfzig Thaler, was genau fünfhundert Piaster beträgt.«

»Aber mein Passagegeld betrug nicht fünfhundert Piaster, sondern – –«

»Still!« unterbrach er mich abermals. »Ich weiß sehr wohl, was ich thue. Wehe dem, der wehe thut! Das ist der Grundsatz, nach welchem ich zu handeln pflege.«

Ich mußte schweigen, konnte mir aber seine Art der Berechnung nicht gefallen lassen. Seine Behauptung in Beziehung auf den Wert des Maria-Theresienthalers sagte das gerade Gegenteil der Wahrheit, denn diese Münze hat im Sudan einen weit höheren Wert als in Kairo. Ich hätte also viel weniger erhalten sollen, selbst wenn von Murad Nassyr fünfhundert Piaster für mich bezahlt worden wären, Als ich die fünfzig harten Thaler in meine Tasche gleiten ließ, faltete der alte Reïs die Hände, hob das Auge nach oben und seufzte:

»O Allah! Die Geschicke, welche du deinen Gläubigen sendest, sind zuweilen hart, sehr hart; aber du wirst mir diese Grausamkeit dereinst mit den ewigen Wonnen des Paradieses vergelten.«

»Die Karbatsche wirst du dort erhalten, so wie du sie hier bekommen hast und jedenfalls noch öfter fühlen wirst!« fuhr ihn der Emir an. »Du wirst Qualen leiden wie ein umgestülpter Igel, dessen Stacheln ihm in das eigene Fleisch fahren. Wer Menschen raubt und mit Sklaven handelt, der hat nach dem Tode nur die Hölle zu erwarten.«

»Ich begreife nicht, was du sagest, Emir! Es kann mir nicht einfallen, etwas zu treiben, was verboten ist. Ich gehe den Weg der Gerechten, und meine Pfade sind die Pfade der Tugendhaften, welche Allah lieb hat.«

»Schweig‘, Hund!« donnerte ihn der Reïs Effendina an, »Wenn du nichts begreifst, so werde ich dafür sorgen, daß du wenigstens etwas fühlst, nämlich meine Peitsche. Deine Bosheit ist groß; aber deine Frechheit geht noch über dieselbe hinaus. Meinst du, ich sei blind? Ich, der Reïs Effendina, werde wohl aus der Einrichtung eines Schiffes erraten können, wozu es gebraucht werden soll! Komm her, ich will dir beweisen, daß ich alles errate und verstehe!«

Er zog ihn hinaus in die Hauptabteilung und gab dort eine so genaue Erklärung des Zweckes und der Konstruktion der später herzustellenden Einrichtung, als ob er selbst die Zeichnung dazu entworfen hätte. Die wiederholte Drohung mit der Peitsche that das übrige; der Reïs sah sich gezwungen, ein umfassendes Geständnis abzulegen, worauf Achmed Abd el Insaf das Schiff und dessen Inhalt, also auch das Geld für beschlagnahmt erklärte. Infolgedessen wurde der Kasten aus dem Verschlage genommen und der Reïs in dem letzteren eingesperrt. Der Verlust der schönen Maria-Theresien-Thaler schien ihm mehr zu Herzen zu gehen als das Schicksal, welches ihn außerdem erwartete.

Wir stiegen wieder an Deck, wobei die zwei Leute, welche uns begleitet hatten, den Geldkasten tragen mußten. Oben angekommen, gab der Emir den Befehl, auch den Geist Nummer Drei einzusperren. Während dies geschah, kamen die Matrosen an Bord. Sie ahnten nichts von dem, was hier vorgegangen war, und zeigten sich nicht wenig erstaunt, die Dahabijeh in andern und und zwar in solchen Besitz übergegangen zu sehen. Der Emir stellte ein Verhör mit ihnen an, wobei sich herausstellte, daß sie zwar nicht mit Sicherheit gewußt, aber doch geahnt hatten, wozu das Schiff bestimmt gewesen war. Der Reïs Effendina stellte ihnen mehrmalige Bastonnade in Aussicht und ließ sie in den Raum bringen, dessen Zugänge verschlossen und dann unter Bewachung gestellt wurden.

Nun forderte er mich auf, ihm mit meinen beiden Pflegbefohlenen nach dem »Falken«, seinem Schiffe, zu folgen. Meine Effekten sollten später geholt werden. »Esch Schahin«, der Falke, lag eine Strecke aufwärts am Ufer. Da es dunkel war, so konnte ich seine Gestalt, seine äußeren Umrisse, nicht genau erkennen, doch sah ich beim Scheine der Decklaterne, daß er sehr lang und schmal gebaut war und zwei Masten mit ganz eigenartiger Takelung trug. Hinten befand sich eine doppelte Kajüte. Die eine lag an Deck und die andere eine Treppe tiefer. Diese letztere wurde mir und den Kindern angewiesen. Sie war mit Fenstern versehen und mehr als geräumig genug für uns drei Personen. Die Einrichtung war zwar eine orientalische, aber es gab doch verschiedene Vorrichtungen und Gegenstände, welche auch einem Abendländer erlaubten, es sich nach seiner Art und Weise bequem zu machen.

Der Emir sandte noch fünf Männer zur Bewachung der Dahabijeh ab; mit diesen gingen zwei andere, welche meine Sachen holen sollten. Als ich ihn fragte, wie hoch sich die Besatzung des »Falken« belaufe, erfuhr ich, daß sie aus vierzig kriegstüchtigen Männern bestand, deren Vorleben ein solches war, daß sie sich für das Leben im Sudan und die Jagd auf Sklavenjäger ganz vorzüglich eigneten.

Da es für mich nichts zu thun gab, so legte ich mich nieder. Die Polster waren eines Pascha würdig, und ich schlief, ohne einmal aufzuwachen, weit in den lichten Morgen hinein. Als ich dann auf das Deck kam, wurde ich von dem Oberlieutenant sehr höflich begrüßt und nach meinen Befehlen gefragt. Er teilte mir mit, daß man meinen Wünschen ebenso nachzukommen habe, als ob sie diejenigen des Befehlshabers selbst seien. Ich bestellte Kaffee für mich und die Kinder und fragte nach dem Reïs Effendina. Er war nicht da, sondern befand sich mit der Dahabijeh bereits nach Kairo unterwegs, um dieselbe und den Reïs mit seinen Leuten der Behörde zu übergeben; zugleich hatte er die Absicht, nach dem Gaukler zu fahnden. Es war nur aus Höflichkeit geschehen, daß er mich vor seinem Abgange nicht geweckt hatte.

Es wurden für mich und die Kinder Kissen auf das Hinterdeck gebracht, von welchem aus wir die ganze Breite des Stromes überblicken konnten. Zunächst beschäftigte mich nur das Schiff, auf welchem ich mich befand. Seine Linien waren scharf aber doch graziös, und ein Blick auf die Masten, das Takelwerk und die jetzt allerdings beschlagenen Segel sagte mir, daß es ein ausgezeichneter Segler sein müsse.

Noch saßen wir beim Kaffee und dem noch warmen Gebäck, welches der Schiffskoch für uns zubereitet hatte, als wir einen Sandal erblickten, welcher drüben auf der Mitte des Stromes langsam herangeglitten kam. Er wollte vorüber. Ich konnte seinen Namen »Abu ‚l adschal«, lesen und schickte meinen schwarzen Knaben nach der Kajüte, um mir mein Fernrohr zu bringen. Dies that ich ohne alle Ahnung; doch sollte ich sehen, daß dieser Gedanke sehr am Platze gewesen war, denn als ich das Rohr auf den Sandal richtete, welcher sich jetzt in gleicher Höhe mit uns befand, sah ich auf dem Decke desselben bei anderen Leuten einen Mann stehen, welcher scharf nach uns herüberblickte. Ich erkannte sofort den Muza’bir, den Gaukler, den der Emir fangen wollte. Der Kerl hatte sich wohlweislich mit dem ersten aufwärtsgehenden Schiffe aus dem Staube gemacht.

Natürlich teilte ich dem Jüz baschi meine Entdeckung mit und fragte ihn, ob er diesen Menschen nicht vom Sandal holen könne; leider aber sagte er mir, daß er ohne den besonderen Befehl des Emirs weder selbst den »Falken« verlassen, noch Leute von Bord schicken dürfe. Wir mußten also den Gaukler einstweilen laufen oder vielmehr fahren lassen. – – –

In Siut

In Siut

Eine Segelfahrt auf dem Nile, welche inhaltsreichen Worte! Man hat el Kahira, die Pforte des Orientes hinter sich und strebt dem Süden zu. Dem Süden! Man glaube nicht, daß das Wort Sudan gleichbedeutend mit unserm deutschen »Süden« ist. Sudan (gesprochen Sudahn) ist der gebrochene Plural von aswad, schwarz; Beled heißt Land, und Beled es Sudan bedeutet also das Land der Schwarzen. Der Süden heißt sowohl im Türkischen als auch im Arabischen Kyble oder Dschenub.

Nach dem Süden! Das ist so viel wie eine Fahrt ins Unbekannte, ins Geheimnisvolle. Und wer diese Fahrt schon zehn- oder zwanzigmal gemacht hat, dem bleibt der Süden doch immer noch die Gegend des Dunkels, in welcher täglich neue Entdeckungen zu machen sind.

Jetzt kann man mit der Bahn von Kairo nach Siut fahren; aber eine pfeifende Lokomotive am Nil, eine dunkle, häßliche Rauchwolke in der herrlichen Luft des heiligen Stromes, das will wie eine Entweihung erscheinen. Und wie fährt man auf der ägyptischen Bahn! Es ist vor einigen Jahren in Ungarn vorgekommen, daß der Zug an einer kleinen Station zwei Minuten zu halten hatte; die Beamten stiegen aus, um Wein zu trinken; der Maschinist that natürlich dasselbe. Da kam den Passagieren der Gedanke, auf einer nahen Kegelbahn ein Spielchen zu machen. Als die erste Partie zu Ende war, wurde noch eine zweite geschoben; dann stieg man gemächlich ein, und der Zug trollte sich mit Beamten und Passagieren von dannen. Wenn das an der schönen, blauen Donau geschieht, was kann man dann am Nile erwarten?

Ich ziehe das Deck eines Schiffes dem engen Bahncoupée vor. Da sitzt man auf seiner Matte oder auf seinem Polster, die Pfeife in der Hand und den duftenden Kaffee vor sich. Der über zweitausend Fuß breite Strom dehnt sich wie ein See vor dem Blicke aus, scheinbar grenzenlos. Das erregt die Phantasie, welche vorauseilt, dem Süden entgegen, um sich denselben mit riesigen Pflanzen und Tierbildern zu bevölkern. Der Nordwind liegt in den Segeln; die Matrosen hocken allerorts und vertreiben sich die Zeit, indem sie schlafen, gedankenlos vor sich hinstarren oder sich mit kindlichen Spielen beschäftigen. Die Augen des Reisenden werden müde; sie schließen sich nicht, und doch beginnt er zu träumen, und er träumt, bis der Ruf erschallt: »Auf zum Gebete, ihr Gläubigen!« Dann knieen alle nieder, verneigen sich nach der Kibblah und rufen: »Ich bezeuge, daß es keinen Gott giebt außer Gott; ich bezeuge, daß Muhammed der Gesandte Gottes ist!« Dann schläft oder spielt man wieder, bis der Reïs ein Kommando erschallen läßt oder ein begegnendes Schiff oder Floß die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Flöße sind dem Fremden deshalb interessant, weil sie nicht aus Bäumen, Stämmen oder sonstigen Hölzern, sonder aus – – Wasserkrügen bestehen. Der Ägypter trinkt nur das Wasser des Niles. Die Krüge, in denen man es schöpft, sind porös. – Die Unreinigkeit schlägt sich nieder; durch die Poren dringt die Feuchtigkeit, und indem dieselbe verdunstet, wird das im Gefäße befindliche Wasser kühler, als es im Flusse ist. Es hat einen äußerst angenehmen Geschmack, und wer sich einmal daran gewöhnt hat, der zieht es selbst dem Quellwasser der Oasen vor. Diese Wasserkrüge werden in Ballas, einem Orte am linken Nilufer, fabriziert und darum Ballasi genannt. Man flicht aus Stricken lange, rechteckige Netze, deren Zwischenräume vom Durchmesser der Krüge sind, welche in die Maschen dieses Netzes gehängt werden. Da die Gefäße leer sind, so schwimmen sie auf dem Wasser. Man stellt eine zweite Schicht darauf; dann ist das Floß fertig und kann stromabwärts gehen.

Die Fruchtbarkeit des Landes beruht nur auf den Überschwemmungen des Niles, welcher zu gewissen Zeiten steigt und ebenso regelmäßig wieder fällt. Je höher die Überschwemmung, auf eine desto reichere Ernte ist zu rechnen. Um das Wasser so weit wie möglich zu leiten, sind Kanäle gezogen. Auf den Dämmen dieser Kanäle wie auf den hohen Flußufern sind Sakkias angebracht, Schöpfwerke, mit deren Hilfe die Besitzer das Wasser heben, um es auf ihre Felder zu leiten. Sie bestehen meist aus Rädern, an denen Gefäße hängen, welche das Wasser unten fassen und oben in einen Graben gießen, welcher es weiter leitet. Sie werden durch Kamele, Esel, selbst auch durch Rinder oder gar von Menschenhand bewegt, und ihr monotones Knarren ist weithin zu hören. Oft auch sieht man einen Armen am Kanale stehen, welcher das Wasser für sein winziges Feld mit eigenen Händen schöpft. Er besitzt nicht so viel, um sich eine Sakkia anzuschaffen und sie zu versteuern. Denn in Ägypten muß alles versteuert werden, selbst der Baum, wenn er nur einige Früchte trägt. Es ist vorgekommen, daß ganze Ortschaften ihre Palmwälder vernichteten, um der Steuer zu entgehen. Wer wohlhabend ist, der hütet sich sehr, dies zu zeigen, und der Arme braucht sich nicht zu verstellen. Darum macht die menschliche Staffage der Nillandschaft den Eindruck einer Dürftigkeit, welche zwar nicht zu den sozialen Verhältnissen des Landes, aber desto mehr zu seiner Fruchtbarkeit in grassem Widerspruche steht. –

Wir näherten uns Siut, meinem einstweiligen Ziele. Zwei volle Tage hatte »Esch Schahin« noch am Ufer von Giseh gelegen, bevor wir die Anker lichten konnten. So lange war der Emir durch seine Pflichten dort aufgehalten worden. Seine Nachforschungen nach dem Muza’bir waren in Kairo natürlich vergeblich gewesen, und als er bei seiner Rückkehr von mir erfuhr, daß derselbe auf dem Sandal »Abu’l adschal« flußaufwärts entkommen sei, wurde sein Ärger darüber nur durch die Hoffnung gemildert, daß wir bei der Schnelligkeit unseres »Falken« dieses Fahrzeug bald einholen würden.

Wir hatten in allen Häfen angelegt oder wenigstens das Boot entsendet, um uns nach dem Sandal zu erkundigen, vergebens; er hatte die Ufer vermieden. Nun hofften wir, ihn in Siut zu sehen und dann Näheres über den Muza’bir zu erfahren. Lange, bevor wir den Hafen erreichten, sahen wir die Stadt vor uns liegen. Sie heißt koptisch Saûd und ist das

Lykonpolis (Wolfsstadt) der Alten. Sie steht wenig entfernt vom Ufer in einer sehr fruchtbaren und ungemein reizenden Gegend. Bei einer Einwohnerzahl von über dreißigtausend Köpfen ist sie der Sitz eines Paschas und eines koptischen Bischofes; in neuerer Zeit giebt es einen deutschen Konsularagenten hier. Ihr Handel erstreckt sich bis in das Innere von Afrika, denn sie ist die Hauptstation der nubischen und ostsudanesischen Karawanen. Die Stadt war schon im Altertume von Bedeutung, doch besitzt sie keine Monumente, wenn man nicht die alte Nekropole und die in den westlichen libyschen Bergen gelegenen Mumiengräber des früher hier verehrten Wolfes dazu rechnen will. Unweit des nicht sehr entfernten Dorfes Maabdah befindet sich eine leider wenig besuchte Höhle mit Krokodilsmumien.

Wir ließen am Dorfe EI Hamra, welches den Hafen von Siut bildet, den Anker fallen. Der Emir hatte als Reïs Effendina keine hafenpolizeilichen Obliegenheiten zu erfüllen und konnte also mit mir sofort ans Land gehen. Wir suchten nach dem Sandal; er war nicht da. Von dem Hafenkapitän erfuhren wir, daß dieses Schiff zwar gesehen worden, aber ohne anzulegen vorübergesegelt sei. Wir mußten also annehmen, daß der Muza’bir sich nicht in Siut befinde. Achmed Abd el Insaf, der darauf brannte, den Menschen in seine Hand zu bekommen, beschloß, sofort wieder abzusegeln, um den Sandal einzuholen. Er hätte ohnedies nicht lange vor Siut liegen bleiben können, da seine Pflicht ihn nach Chartum rief. Er hatte noch am letzten Tage in Kairo durch einen seiner Agenten, deren er in jeder Nilstadt einen besaß, erfahren, daß sich da oben etwas vorbereite, wobei ein guter Fang zu machen sei. Was das war, konnte ich trotz seiner sonstigen Offenheit und des Vertrauens, welches er mir schenkte, nicht erfahren. Ich hatte bemerkt, daß er meine Eigenheiten studierte, und mich besonders über seine Wißbegierde gefreut. Tausend und noch mehr Fragen mußte ich ihm beantworten; er war ein sowohl körperlich wie auch geistig reich begabter Mensch und begriff sehr leicht. Am leichtesten aber hatte er eingesehen, daß seine Kenntnisse sehr mangelhaft seien, natürlich dem Wissen eines Europäers gegenüber. Bei dieser Armut an realem Wissen war es freilich kein Wunder, daß ich jede seiner Fragen zu beantworten vermochte, und so kam es, daß er mich, was ich leider nicht verdiente, für einen Ausbund von Klugheit und Gelehrsamkeit hielt. Bei all dieser Hochachtung und den freundschaftlichen Gefühlen, welche er sichtlich für mich hegte, bewahrte er jene Zurückhaltung, welche dem Orientalen eigen ist, und die er seinem Range schuldig zu sein glaubte. Ich erkannte, daß es seine Ansicht sei, er stehe als Reïs Effendina über mir, der ich keinen militärischen oder sonstigen Rang bekleidete. Er hatte auch gar nicht unrecht, und ich bemerkte mit Vergnügen die Genugthuung, mit welcher er die höfliche Bescheidenheit, deren ich mich befleißigte, beobachtete. Er vergalt dieselbe mit einer Zu- und Vertraulichkeit, welche nur dann sich in das Gegenteil verwandelte, wenn ich auf Chartum und seine dort zu verfolgenden Pläne zu sprechen kam. Doch konnte ich, da es sich hierbei um Amts- oder Dienstgeheimnisse handelte, ihm das nicht übel nehmen. Dennoch schien es mir, als ob diese seine Verschwiegenheit ihm weniger durch seine Pflicht als vielmehr aus persönlichen Gründen geboten erscheine, und das war es, was mich zu verstimmen vermochte, wenn ich es mir auch nicht merken ließ.

Da ich Murad Nassyr, meinem dicken Türken, das ihm gegebene Wort, ihn in Siut zu erwarten, halten wollte, so mußte ich mich hier von dem Emir trennen. Die Dinkakinder behielt er auf dem »Falken« in seiner Obhut, da es ihm leichter war als mir, sie in ihre Heimat zurückzubringen. Für mich wäre das vielleicht, ja sehr wahrscheinlich, unmöglich gewesen. Als ich mich von ihnen verabschiedete, hingen sie sich an mich und wollten nicht an Bord bleiben. Ich konnte ihre Thränen nur mit dem Versprechen stillen, daß ich ihnen bald nachkommen wolle. Dann mußten zwei Matrosen meine wenigen Effekten nehmen, und der Emir führte mich nach der Stadt. Als ich ihn fragte, wo er mich da unterbringen wollte, antwortete er mir:

»Wo anders als beim Pascha? Ein Mann wie du darf nur beim vornehmsten Herrn wohnen.«

»Und du meinst, daß ich ihm willkommen sein werde?«

»Natürlich! Zumal wenn ich dich bringe und dich ihm empfehle. Er wird dich wie einen Freund und Bekannten aufnehmen.«

Das beruhigte mich. Dennoch hätte ich lieber in einem gewöhnlichen Hause, wo ich sie bezahlen konnte, um Unterkunft gebeten.

Der Weg führte vom Hafen auf einem Damme nach der Stadt. Zu beiden Seiten desselben breitete sich saftiges Grün aus, und goldenes Sonnenlicht flutete darüber hin. Der Damm war belebt von Menschen, welche, wie wir, vom Hafen kamen oder dorthin gingen. Wir gelangten durch eine saracenische Pforte, welche zugleich den Haupteingang der Stadt bildete, in einen Hof, welcher zu dem Palaste des Paschas gehörte. Die Wände ringsum waren weiß getüncht und die wenigen Fensteröffnungen mit dunklen Blenden versehen. An den Mauern zogen sich niedrige Bänke hin, auf denen, rauchend und kaffeeschlürfend, langbärtige Gestalten saßen, welche ich Lust hatte, für Angehörige der Schloßwache zu halten. Keiner dieser Männer bekümmerte sich um uns.

Man sah, daß der Emir sich nicht zum erstenmale hier befand. Er schritt auf eine Thüre zu, gebot den Matrosen, hier zu warten, und trat mit mir ein. Im Innern stand eine Wache, welche er nach dem Haushofmeister fragte. Der Soldat lehnte sein Gewehr an die Wand und entfernte sich. Nach einiger Zeit kehrte er zurück, hielt dem Emir die hohle Hand hin und sagte:

»Ich soll euch führen, wenn du mir ein Bakschisch giebst.«

Der Reïs Effendina verabreichte ihm eine derbe Ohrfeige und antwortete:

»Hier dein Bakschisch, und nun beeile dich, wenn du nicht die Bastonnade haben willst!«

Der Gezüchtigte betrachtete nun erst den Emir genauer. Er sah ein, daß er es mit keinem gewöhnlichen Manne zu thun hatte; die Ohrfeige war ja der beste Beweis dafür, und schritt, sich eifrig die Wange reibend, uns voran.

Wir gelangten in einen Innenhof, in welchem es rundum Thüren gab. Unter einer derselben stand ein in seidene Gewänder gehüllter dicker, unförmlicher Schwarzer, welcher uns mit finsteren Blicken entgegensah. Sobald aber sein Auge auf den Emir fiel, veränderte sich der Ausdruck seines Gesichtes; er krümmte den breiten Rücken, kreuzte die Arme auf der Brust und rief:

»Verzeihe, daß du mich hier stehen siehst! Hätte ich deine hohe Gegenwart vermutet, so wäre ich dir entgegen gekommen.«

Grobheit erregt Respekt; das schien der Reïs Effendina zu wissen, denn er antwortete in barschem Tone:

»Dessen bedarf es nicht. Aber wie kannst du dem Wächter befehlen, von mir ein Bakschisch zu verlangen?«

»Hat er das gethan?« fragte der Schwarze erschrocken. »Herr, ich habe es ihm nicht geheißen. Allah ist mein Zeuge!«

»Schweig‘! Ich weiß, daß du diesen Leuten gebietest, Trinkgelder zu verlangen, die du dann mit ihnen teilst.«

»Man hat dich falsch berichtet. Zum Beweise, daß ich dir die Wahrheit sage, werde ich dem FrevIer die Bastonnade geben lassen!«

»Dessen bedarf es nicht, denn ich habe ihn schon selbst gezüchtigt. Und wenn du mit ihm teilen willst, so laß dir von ihm das geben, was er von mir erhalten hat. Melde mich dem Pascha, deinem Herrn!«

»Verzeihe, daß ich das nicht thun kann, da der hohe Gebieter mit viel Gefolge nach der Oase Dachel gereist ist.«

»Wann kehrt er zurück?«

»Es kann über eine Woche vergehen, ehe die Augen seiner Diener das Glück haben werden, sein Angesicht wiederzusehen.«

Ich hielt diesen unförmlichen Schwarzen für einen Diener, und zwar, weil er in Seide gekleidet war, für einen bevorzugten, vielleicht einen Haremsdiener, mußte aber meinen Irrtum erkennen, als der Ernir jetzt zu ihm sagte:

»So will ich dir die Befehle geben, welche er dir als seinem Haushofmeister erteilen würde. Dieser Herr hier ist ein sehr gelehrter und vornehmer Effendi aus Germanistan und will einige Tage in Siut bleiben. Ich hatte die Absicht, ihn dem Pascha als Gast zu empfehlen, da dieser aber nicht anwesend ist, so beauftrage ich dich, ihn so aufzunehmen und so für ihn zu sorgen, als ob er ein Verwandter deines Herrn sei.«

Der Neger bekleidete also die nicht geringe Stelle eines Haushofmeisters! Er musterte mich mit nicht eben den freundlichsten Blicken und antwortete dann dem Emir:

»Dein Wille soll geschehen, Herr! Ich werde dem Fremden ein Zimmer anweisen, welches seinem Range angemessen ist. Tretet näher, und erlaubt, daß ich euch mit Pfeifen und Kaffee erquicke!«

»Ich habe nicht Zeit, mich niederzusetzen, da ich schleunigst absegeln muß; ich werde nur solange bleiben, als nötig ist, zu sehen, daß der Effendi eine würdige Wohnung bekommt. Du wirst uns also in dieselbe führen. Beeile dich!«

Es war mir gar nicht lieb, daß der Emir den Mann in dieser Weise behandelte, denn es stand zu erwarten, daß ich später die Folgen zu tragen haben würde. Der Schwarze runzelte die Stirn, verbeugte sich aber höflich und forderte uns auf, ihm zu folgen. Er führte uns in ein großes Gemach, dessen blaue Wände mit goldenen Kuransprüchen geschmückt waren, und bedeutete uns, daß dasselbe meine Wohnung sein werde. Der Emir zeigte sich zufrieden und sagte, daß er sich genau nach meiner Zufriedenheit erkundigen werde, und daß der Haushofmeister jetzt meine Sachen bringen lassen solle. Der letztere entfernte sich. Nach kurzer Zeit kam ein anderer Schwarzer, welcher den Matrosen die Effekten abgenommen hatte. Diesem folgte ein zweiter Neger, welcher mir einen Tschibuk nebst Kaffee brachte und sich, um mich zu bedienen, vor mir niedersetzte. In jedem besseren Hause des Orientes ist heißes Wasser für den Kaffee zu jeder Zeit zu haben. Diese schnelle Bedienung schien dem Emir Bürgschaft genug zu sein, daß man seiner Empfehlung vollständig nachkommen werde. Er gab mir eine Adresse, durch welche ich in Chartum über ihn Auskunft erlangen könne, reichte mir dann die Hand und meinte:

»Und nun zum Abschiede. Du bist hier gut aufgehoben und kannst gehen und kommen, wie es dir beliebt. Sollte man aber deine Wünsche nicht erfüllen, so berufe dich auf mich und werde grob. Allah segne dich und geleite dich glücklich zu mir!«

Er ging. Ich gestehe, daß ich mich gar nicht sehr behaglich fühlte. Es war mir, als ob ich recht bald Veranlassung haben würde, die mir empfohlene Grobheit in Anwendung zu bringen; doch konnte es mir nicht einfallen, diesem Rate zu folgen. Ich mußte mich als einen unwillkommenen Eindringling betrachten. Die Art und Weise, mit welcher der Emir mich eingeführt hatte, war nicht geeignet, mir die Sympathie des schwarzen Haushofmeisters zu erwecken. Ich nahm mir vor, den Palast, falls man mich unfreundlich behandeln sollte, sofort zu verlassen und mir eine andere Wohnung zu suchen.

Wohl eine Stunde lang hatte ich rauchend auf meinem Polster gesessen. Ich glaubte, man werde kommen, um sich nach meinen Wünschen zu erkundigen. Der Emir hatte den Hafen gewiß schon verlassen. Ja, man kam, doch nicht, um auf meine Wünsche zu lauschen. Der Haushofmeister trat ein, und der Diener, welcher so lange Zeit wortlos vor mir gekauert hatte, entfernte sich mit ehrerbietiger Schnelligkeit. Der Schwarze setzte sich nicht etwa, wie die Höflichkeit es erfordert hätte, zu mir nieder, sondern er stellte sich vor mich hin, ließ einen gehässigen Blick über mich gleiten und sagte:

»Also der Reïs Effendina ist dein Freund. Wer ihn hört, sollte glauben, er sei der Vizekönig. Seit wann kennst du ihn?«

»Seit kurzem,« antwortete ich bereitwillig und der Wahrheit gemäß.

»Und da bringt er dich hierher, in den Palast des Pascha? Du stammst aus Germanistan. Bist du ein Moslem?«

»Nein. Ich bin ein Christ.«

»Allah, Allah! Ein Christ bist du, und ich habe dir das Zimmer gegeben, an dessen Wänden die goldenen Sprüche des Kuran prangen! Welch eine Sünde habe ich begangen! Du wirst diesen Raum sofort verlassen und mir nach einem andern folgen, wo deine Gegenwart nicht die Heiligkeit unsers Glaubens beleidigen kann.«

»Ja, ich werde dieses Zimmer verlassen, aber nicht, um von dir ein anderes angewiesen zu bekommen. Du selbst bist es, der den Islam schändet, denn dieser gebietet, den Gast zu ehren, und du handelst gegen diesen Befehl. Ich werde einen Diener senden, um meine Sachen hier abzuholen. Für den Kaffee und den Tabak, welchen ich bei dir genossen habe, magst du dieses Bakschisch nehmen.«

Ich legte die Pfeife weg, stand auf, gab ihm ein nach dortigen Verhältnissen sehr reichliches Trinkgeld und verließ, ohne daß er mich daran zu hindern suchte, die Stube. Als ich auf den Hof trat, hörte ich jammernde Töne. Es wurde links eine Thüre geöffnet, aus welcher zwei Diener einen jungen Mann getragen brachten, welcher aus einer Stirnwunde blutete. Einige andere Personen folgten, unter ihnen eine verschleierte Frau, welche rief, daß man schnell einen Hekim, einen Arzt, holen solle. Als die Gruppe an mir vorüber wollte, fragte ich, was mit dem Verwundeten geschehen sei. Ein vielleicht sechzig Jahre alter Mann, welcher sehr gut gekleidet war, antwortete mir:

»Das Pferd hat ihn gegen die Mauer geworfen. Nun flieht ihm das Leben aus der Stirn. Lauft, lauft, und holt einen Haggahm, herbei! Vielleicht ist noch Rettung möglich.«

Aber in der Verwirrung kam es keinem bei, diesem Gebote Folge zu leisten. Der Mann wollte den Trägern nach, welche weiter geschritten waren. Ich ergriff seinen Arm und sagte:

»Vielleicht ist es nicht nötig, einen Wundarzt zu holen. Ich will den Verwundeten untersuchen.«

Da ergriff der Alte meine beiden Hände und fragte schnell:

»So bist du selbst ein Wundarzt? Komm‘, komm‘, beeile dich! Wenn du meinen Sohn rettest, werde ich dir zehnmal mehr zahlen, als du verlangst.«

Er zog mich mit sich fort, nach rechts, wo die Träger inzwischen in einer anderen Thüre verschwunden waren. Er war der Vater des Verunglückten. Die Thüre führte in ein Gemach, welches jedenfalls als Besuchszimmer benutzt wurde. Von hier aus führte mich der Mann in eine Nebenstube, in welcher man den Verletzten auf einen Diwan gelegt hatte. Die Frau kniete jammernd vor ihm. Der Vater zog sie empor und teilte ihr mit:

»Hier ist ein Wundarzt. Sei still, Weib, und laß ihn zu unserem Sohne! Vielleicht ist Allah gnädig und giebt der Freude und Stütze unseres Alters das schon entflohene Leben zurück.«

Die Frau war also die Mutter des Verunglückten.

»Vielleicht giebt’s Allah zurück,« wiederholten die Träger, indem sie die Hände zusammenschlugen.

Ich kniete zu dem jungen Manne nieder und untersuchte seine Wunde. Sie war nicht gefährlich, und wenn keine andere Verletzung vorlag, so war die Sache gar nicht des Jammerns wert. Er war besinnungslos. Ich hatte ein Fläschchen mit Salmiakgeist bei mir, das gewöhnliche Mittel gegen Insektenstiche, denen man im Süden stets ausgesetzt ist; ich öffnete es und hielt es ihm an die Nase. Die Wirkung ließ sich bald sehen und auch hören; er bewegte sich, nieste und öffnete die Augen. Sofort hatte seine Mutter ihn beim Kopfe; sie weinte laut auf vor Entzücken. Sein Vater aber faltete die Hände und rief:

»Allah sei Dank! Der Tod ist entflohen, und das Leben kehrt zurück.«

»Es kehrt zurück. Allah l‘ Allah!« wiederholten die andern.

Ich bat den Alten, sein Weib wegzunehmen, da sie mich hinderte, und untersuchte nun den Körper des Sohnes. Er hatte nichts gebrochen; aber der Kopf brummte ihm noch gewaltig. Ich forderte Stoff zum Verbinden, welcher schnell gebracht wurde. Die kleine Schmarre wurde gewaschen, die Stirne mit einem Tache umwunden, und dann erklärte ich, daß der Kranke nichts als der Ruhe bedürfe und morgen vollständig wohl sein werde. Die Freude der Eltern war groß; sie hatten die Verletzung für gefährlich, ja die Ohnmacht wohl gar für Tod gehalten.

»Wie soll ich es dir vergelten, Effendi!« rief der Alte. »Ohne dich hätte die Seele meines Kindes den Weg in den Körper nicht wieder zurückgefunden.«

»Du irrst. Dein Sohn wäre fünf Minuten später erwacht; das ist alles.«

»Nein, nein! Ich kenne dich nicht; ich habe dich noch nie gesehen. Du kannst noch nicht lange hier wohnen. Sage mir das Haus, in welchem wir dich zu suchen haben, wenn der Zustand meines Sohnes sich vielleicht verschlimmern sollte!«

»Ich bin erst heute hier angekommen und weiß noch nicht, wo ich wohnen werde. Auch beabsichtige ich, nur wenige Tage hier zu bleiben.«

»So bleibe bei uns, Effendi! Sei unser Gast! Wir haben Raum genug für dich.«

»Dieses Anerbieten darf ich nicht annehmen. Ihr wißt nicht, wer und was ich bin. Ich bin nämlich ein Christ.«

»Ein Christ, ein Christ!« meinte der Alte, indem er mich mit ehrfuchtsvoller Neugierde betrachtete.

»Ein Christ!« wiederholten die andern.

»Ja, ein Christ,« bekräftigte ich. »Nun wird es dir wohl nicht einfallen, deine Einladung zu wiederholen.«

»Warum nicht ? Bist du nicht der Retter meines Sohnes!«

»Nein, der bin ich nicht. Er hätte sich auch ohne mich schnell wieder erholt.«

»Gewißlich nicht! Ich habe gehört, daß die Ärzte der Christen große Zauberer sind, vor denen der Tod oft fliehen muß.«

»Sie sind nicht Zauberer, sondern nur gelehrter und klüger als die eurigen.«

»Das sagst du nur, um es nicht eingestehen zu müssen. Das Fläschchen des Lebens in deiner Hand hat meinen Sohn gerettet. Du verstehst es, das Leben in ein Glas zu bannen, aus welchem du es den Toten mitzuteilen vermagst. Nein, nein, sage nichts dagegen! Ich weiß doch, woran ich bin. Aber meine Einladung werde ich allerdings nicht wiederholen.«

»Das wußte ich. Ein Christ würde dir nicht willkommen sein.«

»Effendi, denke das nicht. Ich verachte den Christen nicht, denn er glaubt auch an Gott und ist also kein Heide; ich würde ihn jederzeit bei mir aufnehmen. Und du bist gar noch der Retter meines Sohnes. Aber wir sind zu gering, als daß ich meine Bitte wiederholen dürfte. Wenn du noch keine Wohnung hast, so erlaube, daß ich dir eine empfehle. Ich werde mit dem Haushofmeister sprechen, welcher dir, da der Pascha nicht da ist, das schönste Zimmer des Palastes anweisen wird. Er ist auch krank, und wenn du ihn heilst, wird er dir unendlich dankbar sein.«

»An welcher Krankheit leidet er?«

»An verdorbenem Magen. Er ißt so viel wie fünf oder sechs andere Menschen; darum ist sein Magen immer krank.«

»So bedarf er meines Rates und meiner Hilfe nicht. Er braucht, um gesund zu werden, nur mäßiger als bisher zu sein. Übrigens liegt ihm gar nichts daran, mich zu sehen und durch mich gesund zu werden. Er hat mich soeben aus dem Hause geworfen.«

»Dich? Unmöglich!«

»Es ist nicht nur möglich, sondern sogar wirklich. Er hat mir die mir gebührende Gastfreundschaft verweigert, obgleich ich ihm von dem Reïs Effendina Achmed Abd el Insaf empfohlen worden bin.«

»Von diesem! O, den haßt der Haushofmeister, weil er von ihm stets grob behandelt wird. Käme die Empfehlung von einem anderen, so hätte der Haushofmeister sich nicht so schlimm an dir vergangen. Nun, da er dich so sehr beleidigt hat, darf ich freilich nicht zu ihm gehen. Ich bin dir so großen Dank schuldig und möchte dich nicht weitergehen lassen. Verzeihe mir, wenn ich zu kühn bin; aber ich bitte dich, dir meine Wohnung anzusehen, und wenn sie dir gefällt, so wird es mir zur größten Freude und Ehre gereichen, dich als meinen Gast bei mir zu sehen.«

Er sagte das in einem solchen Tone, daß ich fühlte, es sei eine Beleidigung für ihn, ihn mit seiner Bitte abzuweisen. Seine Frau hob die zusammengelegten Hände bittend gegen mich empor, und sein Sohn meinte:

»Herr, bleib‘ da! Mein Kopf schmerzt so gar sehr, und du kannst mir dann gleich helfen, wenn es schlimmer wird.«

»Nun gut, ich bleibe,« antwortete ich. »Der Haushofmeister wird euch meine Sachen, welche noch bei ihm liegen, ausliefern. Doch erwarte ich, daß es euch nicht schwer fällt, einen Gast bei euch zu haben.«

»Schwer? O nein!« beruhigte mich der Mann. »Ich bin nicht arm; ich bin der Emir achor, des Pascha und kann dir ganz dasselbe bieten, was du von dem Haushofmeister erhalten hättest. Erlaube, daß ich dir deine Wohnung zeige, und ihr eilt jetzt zum Haushofmeister und holt die Gegenstände, welche dem Effendi gehören!«

Dieser Befehl wurde den Trägern erteilt, welche sich entfernten, um denselben auszuführen. Der Stallmeister geleitete mich durch mehrere Thüren in ein großes, schönes Eckzimmer, dessen eine Thüre in den Hof führte, durch welchen ich gekommen war. Er freute sich herzlich darüber, daß mir dieser Raum gefiel, und bat mich um Verzeihung, daß er sich für einige Augenblicke entfernen müsse, um für seinen Sohn zu sorgen.

So hatte ich also doch im Palaste ein Unterkommen gefunden, und zwar bei einem Manne, welcher mir hundertmal sympathischer als der unförmliche Haushofmeister war. Hätte ich diesen letzteren nur kurze Zeit früher oder später verlassen, so wäre ich nicht dem vom Pferde Gestürzten begegnet und hätte mir in der Stadt eine Wohnung suchen müssen.

Mein Wirt kehrte sehr bald zurück. Er brachte, um mich zu ehren, mir die Pfeife und brannte sie mir auch selbst an. Dann kamen die Träger und brachten mir meine beiden Gewehre und mein anderes Eigentum. Der eine von ihnen berichtete mir:

»Effendi, wir mußten dem Haushofmeister sagen, wo du dich befindest. Als er hörte, daß du ein berühmter Arzt bist, der eine Flasche des Lebens hat, bereute er, unaufmerksam gegen dich gewesen zu sein, und läßt dich ersuchen, ihn bei dir zu empfangen. Er ist sehr krank; unsere Ärzte haben ihm gesagt, daß er zerplatzen werde, und so meinte er, Allah habe dich gesandt als den einzigen, der ihm Hilfe bringen kann.«

»Gut, sagt ihm, daß er kommen darf.«

Es fiel mir nicht ein, dem dicken Schwarzen sein Verhalten nachzutragen und ihn jetzt abzuweisen; ich sagte mir vielmehr, daß seine entsetzliche Krankheit den Stoff zu einer keineswegs tragischen Unterhaltung liefern werde. Er ließ nicht lange auf sich warten. Fast fühlte ich Mitleid, als ich die zerknirschte Miene sah, mit welcher er sich mir näherte.

»Effendi, verzeihe!« bat er. »Hätte ich geahnt, daß du ein so–«

»Sprich nicht weiter!« unterbrach ich ihn. »Ich habe dir nichts zu verzeihen. Der Reïs Effendina ließ es an der schuldigen Höflichkeit mangeln; er war es, der den Fehler begangen hat.«

»Du bist sehr gütig. Darf ich mich zu dir setzen?«

»Ich bitte dich sogar, es zu thun.«

Er nahm mir und dem Stallmeister gegenüber Platz. In dieser sitzenden Stellung sah man weit deutlicher als vorher, welch einen ungeheuern Umfang sein Körper hatte. Er war noch viel, viel beleibter als Murad Nassyr, mein dicker, türkischer Freund. Sein Atem ging beinahe röchelnd; seine Wangen glichen gefüllten Backentaschen, und sein Gesicht war – das sah man trotz der schwarzen Hautfarbe – so blutreich, daß anzunehmen war, ein Schlagfluß müsse seinem Leben ein Ende machen, wenn er nicht noch vorher an einer Verdauungsstörung sterben werde. Als er bemerkte, daß ich ihn so aufmerksam betrachtete, sagte er seufzend:

»Du irrst dich, Effendi. Ich bin nicht so gesund, wie du denkst. Man hält leider die Fetten stets für gesund.«

»Ich nicht. Die Ärzte in Germanistan wissen recht wohl, daß der Mensch dem Tode desto näher steht, je fetter er ist.«

»Allah schütze mich! Sage mir schnell, wie lange ich noch zu leben habe!«

»Wann hast du zum letztenmal gegessen?«

»Heute früh.«

»Und wann wirst du wieder essen?«

»Heute mittag, also in einer halben Stunde.«

»Und was hast du heute früh genossen?«

»Sehr wenig, nur ein Huhn und einen halben Hammelrücken.«

»Was wirst du zum Mittag essen?«

»Auch sehr wenig, nämlich die andere Hälfte des Hammelrückens, abermals ein gebratenes Huhn mit einem Häuflein Reis, nicht größer als ein Turban ist; dazu nur noch einen Fisch, vier Hände lang, und einen Teller mit Negerhirsen, in Milch gekocht.«

»So befürchte ich, daß du den heutigen Abend nicht erleben wirst!«

»O Himmel, o Erde! Ist das dein Ernst?«

»Ja, es ist mein vollständiger Ernst. Wenn ich nur den vierten Teil dessen, was du jetzt genannt hast, essen wollte, so würde ich fürchten, auseinander zu platzen.«

»Ja, du! Dein Leib und mein Leib! In den meinigen geht ja sechsmal mehr als in den deinigen!«

»O nein! Oder meinst du, daß unsere Leiber hohle Fässer sind? Du hast dich nicht nur dick, sondern auch krank gegessen. Ich höre, daß du an Magenschmerzen leidest?«

»Man hat dich recht berichtet. Diese Schmerzen sind nicht auszuhalten.«

»Kannst du sie mir beschreiben? Wo thut es weh?«

»Hier,« antwortete er, indem er die Hand auf die Magengegend legte.

»Welcher Art sind die Schmerzen? Sticht es?«

»Nein. Das ist eben der Schmerz, daß ich gar nichts fühle, daß es ist, als ob ich gar nichts im Leibe hätte.«

»Ach so, ich verstehe! Wann kommen diese Schmerzen? Regelmäßig oder unregelmäßig?«

»Sehr regelmäßig, stets ganz kurz vor der Mahlzeit, so daß ich sofort essen muß.«

Ich gab mir Mühe, das Lachen zu unterdrücken, und sagte, indem ich ein sehr ernstes Gesicht zeigte:

»Das ist freilich eine schlimme, eine sehr schlimme Krankheit!«

»Ist sie zum Tode?« fragte er ängstlich.

»Unbedingt, wenn nicht Hilfe geschafft wird.«

»So sag‘ schnell, kannst du helfen? Ich werde dich mit Gold belohnen!«

»Ich kuriere dich umsonst. Wenn man nur erst den Namen der Krankheit weiß und das betreffende Mittel kennt, so ist sehr leicht zu helfen.«

»Wie heißt meine Krankheit?«

»Bei den Franzosen wird sie faim und bei den Engländern hunger oder appetite genannt; den hiesigen Namen brauchst du nicht zu wissen.«

»Ich mag ihn gar nicht kennen, wenn du mir nur das richtige Mittel nennen kannst.«

»Ich kenne es.«

»So sage es; sage es schnell! Ich bin der Haushofmeister des Pascha und habe Geld in Hülle und Fülle. Ich wiederhole, daß ich dich mit Gold bezahlen werde!«

»Und ich wiederhole, daß ich keine Bezahlung annehmen werde. Dennoch wirst du nicht, ohne in den Beutel zu greifen, davonkommen. Was haben dir die hiesigen Ärzte geraten?«

»Ich soll hungern. Sie sagen, mein Magen sei schwach.«

»Die Thoren! Es findet gerade das Gegenteil statt. Du hast einen starken Magen. Wir Ärzte nennen diese Krankheit einen Rhinozeros- oder Nilpferdmagen. Darum darfst du nicht hungern, sondern du mußt essen, viel essen.«

Sein Gesicht glänzte vor Entzücken. Er schlug die fetten Hände auf die breiten Kniee und rief aus:

»Essen soll ich; essen darf ich; es wird mir sogar befohlen zu essen! O Muhammed, o ihr Kalifen alle! Das ist eine Medizin, gegen welche weder mein Herz noch mein Verstand etwas einzuwenden hat.«

»Es ist die einzige Medizin, welche dir zu helfen vermag, nur muß sie in der richtigen Weise genommen werden.«

»In welcher Weise?«

»Sobald du die große Leere im Magen fühlst, verbeugest du dich siebenmal in der Richtung gegen Mekka; dann setzest du dich nieder, um so viel und so lange zu essen, bis das Gefühl der Leere verschwunden ist.«

»Was denn? Was soll ich essen?«

»Alles, was dir schmeckt. Wenn du dich dann wohler fühlst, so erhebst du dich, um dich nun neunmal gegen Mekka zu verbeugen, und zwar so tief, daß dein Haupt den Boden berührt.«

»Werde ich das fertig bringen?«

»Du mußt es!«

»Aber wenn es doch nicht geht?«

»Es muß gehen, sonst hilft das Mittel nichts. Nimm die Hände zu Hilfe, Wenn du sie auf den Boden stemmst, wirst du den Kopf auch hinunter bringen. Versuche es einmal!«

Er stand gehorsam auf und machte den Versuch. Es war wunderbar anzusehen, wie er auf allen vieren stand und sich bestrebte, mit dem Kopfe den Teppich zu berühren. Noch größer aber war das Wunder des Ernstes, den zu behaupten mir gelang. Es wurde ihm schwer; er wollte es erzwingen, verlor die Balance und schlug einen Purzelbaum. Doch raffte er sich rasch auf und erneuerte den Versuch, welcher ihm nun gelang.

»Es geht, es geht!« rief er froh. »Aber ich werde es heimlich machen müssen, da es, wenn andere sich dabei befänden, um den Ruhm meiner Würde geschehen wäre. Was soll ich noch weiter thun?«

»Dankbare Wohlthat üben.«

»An wem?«

»Ich sah auf dem Wege hierher so viele, viele Augenkranke; meist waren es Kinder. Sie sind an der Entzündung erblindet, und die geschwollenen Augen sind mit Fliegen bedeckt, welche den Eiter fressen.«

»Ja,« nickte er, »es giebt hunderte von solchen Kindern; sie sitzen an den Wegen, um die Vorübergehenden um eine Gabe zu bitten.«

»Nun, du bist reich, und der Prophet gebietet, Almosen zu geben. Willst du von meinem Mittel gesunden, so laß fünfzig solche blinde Kinder kommen, um jedem derselben zwei Piaster zu schenken und zwar alle drei Monate einmal.«

»Effendi, ich werde es thun, denn ich bin überzeugt, daß dein Mittel vortrefflich ist. Du bist ein großer Arzt und in kurzer Zeit wird dein Ruhm in allen Ländern des Niles und weit darüber hinaus erschallen. Soeben fühle ich die Leere in der Magengegend. Darf ich gehen, um zu essen?«

»Ja, beeile dich! Aber vergiß die Verbeugungen und dann auch die blinden Kinder nicht!«

»Ich werde gleich nach dem Essen das Geld selbst unter sie verteilen. Hoffentlich hast du die Güte, mich zu besuchen, um dich von meinem guten Befinden zu überzeugen. Du bist ein Christ; dennoch wünsche ich, daß dir die Pforten des Paradieses offen stehen mögen, da du nicht die Grausamkeit besitzest, einen kranken Magen durch Hunger heilen zu wollen.«

Er reichte mir die Hand und entfernte sich. Der Stallmeister hatte sich sehr ernst und schweigsam verhalten. Jetzt zuckte ein leises Lächeln um , seinen Bart, und er meinte.

»Effendi, du bist nicht nur ein kluger Arzt, sondern auch ein lustiger und guter Mensch.«

»Wieso gut?«

»Weil du für die Blinden sorgst.«

»Und wieso lustig?«

»Oder wäre es wirklich dein Ernst gewesen?«

»Was?«

»Daß du ihm – – hm! Verzeihe! Wie könnte mein Blick deine Kenntnisse und Mittel durchdringen! Mekka ist die heilige Stadt, und so werden die sieben und neun Verbeugungen gewiß höchst notwendig sein; ich glaube es. Ein Arzt, welcher das Leben aus einer Flasche spendet, muß auch wissen, welche Wirkung eine Verbeugung nach Mekka hat. Ein anderer als du hätte mir den Sohn nicht retten können. Verständest du doch auch, mich von der Sorge zu befreien, welche noch auf meiner Seele lastet!«

»Hast du noch eine Sorge? Darf ich erfahren, welche? Wir Franken können viel, was euch unmöglich erscheint.«

»Das nicht. Hier könnte nur ein Beduine helfen, und zwar einer, welcher den Mut hat, sein Leben zu wagen. Die Franken besitzen zwar auch Pferde, aber sie sind keine Reiter.«

»So handelt es sich also ums Reiten, um ein Pferd?«

»Ja, um ein Pferd, welches schlimmer als der Teufel ist. Ich muß dir sagen, daß unser Pascha jenseits Mekka einen Blutsbruder hat, der ihm vor mehreren Wochen einen echten EI Bakarra-Hengst, einen Grauschimmel schickte. Hast du schon einmal von den Pferden der Bakarra gehört?«

»Ja. Sie sollen die feurigsten Arabiens sein.«

»Und weißt du, daß von allen Pferden die Grauschimmel am ungehorsamsten sind?«

»Man sagt es zwar; einem guten Reiter aber muß jedes Pferd gehorchen und eine Farbe wie die andere sein.«

»Sprich nicht so, Effendi! Du bist ein vortrefflicher Arzt, aber ein Reiter kannst du unmöglich sein, erstens als Gelehrter und zweitens als Europäer überhaupt. Ich bin Stallmeister des Pascha und habe noch jedes Pferd bezwungen. Ich bin bei allen Stämmen der Nilländer gewesen, um mit ihnen um die Wette zu reiten, und noch nie besiegt worden. Dieser Grauschimmel aber hat mich abgeworfen, kaum nachdem es mir mit wahrer Lebensgefahr gelungen war, in den Sattel zu kommen. Wenn der Pascha zurückkehrt, soll das Tier wenigstens so weit gezähmt sein, daß er es besteigen kann; das hat er befohlen. Aber um es satteln zu können, muß man es fesseln, und dann, wenn man es besteigen will, schlägt und beißt es so toll um sich, daß man sich unmöglich nähern kann. Es hat mir schon mehrere Reitknechte zu schanden geschlagen, und vorhin hast du ja gesehen, wie es meinen Sohn zugerichtet hat.«

»Er ist abgeworfen worden; folglich hat er im Sattel gesessen. Wie ist er denn hinaufgekommen, da du sagst, daß es sich nicht besteigen läßt?«

»Es wurde mit Stricken gefesselt, so daß es auf der Erde lag. Dann legte man ihm den Sattel auf, und als mein Sohn aufgestiegen war, wurden die Fesseln schnell entfernt. Die Reitknechte, welche dies thaten, mußten augenblicklich fliehen, und ebenso rasch flog mein Sohn aus dem Sattel gegen die Wand.«

»Wo befindet sich das Pferd?«

»Draußen im Hofe der Ställe. Niemand hat den Mut, es jetzt zu berühren. Wir warten, bis es von selbst in den Stall zurückgekehrt ist.«

»Darf ich es einmal sehen?«

»Ja; aber du mußt mir versprechen, dich fern zu halten!«

»Ich verspreche es.«

»So komm! Du wirst ein Pferd erblicken, wie es in deinem Vaterlande noch keins gegeben hat und auch nie eins geben wird.«

Er hatte mich sehr neugierig gemacht. Ein echter EI Bakarra-Hengst! Mein Rih, der mich so weit herumgetragen hatte, war von demselben edlen Blute gewesen. Der gute Stallmeister ahnte nicht, daß ich noch ganz andere Pferde als er zwischen den Schenkeln gehabt hatte. Ich war schon jetzt, noch ehe ich den Grauschimmel sah, vollständig überzeugt, daß man ihn nicht richtig zu behandeln verstand. Selbst der feurigste Araberhengst ist, wenn man ihn zu nehmen weiß, fromm wie ein Kind. Warum sollte gerade dieser hier eine Ausnahme machen!

Der Stallmeister führte mich durch das Nebengemach in einen Gang, welcher durch eine Thüre, die jetzt verriegelt war, in einen größeren Hof mündete. Als er den Riegel zurückgeschoben und die Thüre leise und vorsichtig ein wenig geöffnet hatte, konnte ich den Hof überblicken. Er war mit Sand bestreut, und zahlreiche Hufspuren bewiesen, daß hier Pferde zugeritten wurden oder sich da im Freien tummeln durften. jetzt war nur ein einziges zu sehen, der Grauschim melhengst. Er stand im Schatten der Mauer, an welcher er sich behaglich rieb. Mein Herz wollte bei seinem Anblicke höher schlagen.Ja, das war ein echter, ein vollblütiger Araber! Der kurze, feine, aber sehnige und elastische Bau, der kleine, schöne Kopf mit den großen, feurigen Augen, die zierlichen und doch kräftigen Glieder, der schlanke, in die Höhe strebende Hals, der hoch angesetzte und prächtig getragene Schweif, die weiten, rötlichen Nüstern und eine leichte Mähne mit jenen zwei Wirbeln, welche bei den Beduinen als Zeichen des Mutes und der Ausdauer gelten – es war für den Kenner ein Anblick, welcher das Verlangen erregte, sofort aufzusteigen und hinaus in die unendliche Wüste zu jagen.

Der Hengst trug den Sattel, aber er rieb sich nicht an der Mauer, um denselben abzuscheuern; er war also gewöhnt, unter dem Sattel zu gehen. Seine Haltung war so ruhig, so fromm, daß man der Erzählung des Stallmeisters keinen Glauben hätte schenken mögen.

»Nun?« fragte dieser. »Wie gefällt er dir? Du bist zwar kein Kenner, aber dennoch wirst du zugeben, daß du noch kein solches Tier gesehen hast.«

»Es ist Radschi pack,« antwortete ich kurz.

Diesen Ausdruck hatte er wohl nicht erwartet, denn er blickte mich verwundert an und meinte:

»Was kannst du vom Stammbaum wissen! Du wirst dies Wort einmal gehört und es dir gemerkt haben. Ich sage dir, daß meine Augen noch nie ein solches Pferd erblickten.«

»Ich habe schon schönere gesehen. Übrigens bin ich auch der Ansicht, daß dieser Schimmel ein sehr frommes Pferd ist.«

»Das eben ist grundfalsch. Sieh nur das Feuer seiner Augen! Er dünkt sich allein und unbeachtet. Ich will einmal hinaustreten; dann wirst du gleich sehen, wie sehr du dich irrtest.«

Er öffnete die Thüre vollends und trat in den Hof hinaus. Der Hengst erblickte ihn, stieg sofort vorn in die Höhe, kam herbeigaloppiert und drehte sich um, um mit den Hinterhufen nach ihm auszuschlagen. Der Stallmeister wäre getroffen worden, wenn er sich nicht schnell in den Gang zurückgezogen und die Thüre zugemacht hätte.

»Siehst du den Teufel!« sagte er. »Jedes andere Pferd wäre scheu im Hofe herumgerannt; dieser Sohn der Hölle aber kommt direkt auf mich zu, um mich zu schlagen.«

»Das ist ein Beweis seines echten Blutes. Er hat Verständnis und Gedächtnis. Ihr habt ihn jedenfalls wiederholt beleidigt, und nun ist er widerspenstig und halsstarrig geworden. Es kommt vor, daß ein gewöhnlicher Karrengaul seinen Herrn, der ihn fortgesetzt hart behandelt hat, mit den Hufen und Zähnen tötet. Bei einem so edlen Rosse, wie dieser Schimmel ist, bedarf es gar keines so bedeutenden Anlasses, um es unversöhnlich zu erzürnen. Ihr habt es falsch, grundfalsch behandelt.«

Der Blick, welchen der Stallmeister jetzt auf mich warf, war wirklich köstlich. So mag ein Professor seine Quartaner ansehen, wenn es diesen einfallen sollte, ihn über die Art und Weise, wie man Kometen entdeckt, zu belehren. Er brach in ein helles Gelächter aus und rief:

»Falsch behandelt? Wie meinst denn du, daß Pferde behandelt werden müssen?«

»Als Freunde, aber nicht als Sklaven ihrer Reiter. Das Roß ist das edelste Tier; es hat mehr Charakter als der Hund und der Elephant. Läßt es sich zwingen, so taugt es nichts, denn es hat auf seinen Adel verzichtet und ist eine gemeine, ehrlose Kreatur geworden. Ein edles Pferd opfert sich auf; es sieht den sichern Tod vor Augen und sprengt ihm doch entgegen, um seinen Reiter zu retten. Es hungert und dürstet mit seinem Herrn; es freut sich und grämt sich mit ihm, könnte man fast sagen, wenn das Tier menschlicher Regungen fähig wäre. Es wacht für ihn, und wenn es eine Gefahr wittert, so zeigt es ihm dieselbe an. Bete einem edlen Rosse seine Sure in das Ohr; rufe das Wort des ›Zeichens‹ aus, und es wird mit dir wie ein Wind davonfliegen und nicht innehalten, bis es tot zusammenbricht!«

»Effendi, was weißt du von einem Worte des ›Zeichens‹ und von dem allabendlichen in-das-Ohr-Beten der Sure? Das sind Geheimnisse, welche der Besitzer keinem andern, nicht einmal seinem erstgebornen Sohne verrät.«

»Das weiß ich. Ich habe einen echten Schammarhengst besessen, welcher sein Geheimnis und seine Sure hatte, welche ich ihm täglich vor dem Schlafengehen in das Ohr betete. Er war ein so kostbares Tier, daß ich ihn gegen drei Pferde, wie dieser Grauschimmel ist, nicht hingegeben hätte.«

»Wie? Du hättest einen Schammarhengst besessen?«

»Ja. Ich befand mich damals bei den Haddedihn vom Stamme der Schammar. Wollen kurz sein! Du befürchtest, dir den Zorn des Pascha zuzuziehen, und glaubtest vorhin, daß ich nicht imstande sei, dich von dieser Sorge zu befreien. Du hegest die Ansicht, ein Franke könne nicht reiten und auch kein Pferdekenner sein. Ich will dir das Gegenteil beweisen. Ich besteige das Pferd und reite es. Willst du wetten?«

»Um Allahs willen, was fällt dir ein! Du würdest den Hals brechen!«

»Fällt mir nicht ein! Es wird mir ein Vergnügen sein, dir zu beweisen, daß ihr dieses edle Pferd schlecht behandelt habt. Rufe deinen Sohn und die Reitknechte herbei, damit sie lernen, wie man es machen soll!«

Er hielt mich für einen Laien, welcher sich mutwillig in eine Gefahr begiebt, deren Größe er gar nicht zu beurteilen weiß, und gab sich alle Mühe, mich von meinem Vorhaben abzubringen. Endlich gab er nach. Ich wollte ihm beweisen, daß ein Beduine vor einem Europäer nichts voraus haben müsse. Ich ging in mein Zimmer, um – infolge einer ganz gewissen Absicht – meinen hellen Haïk zu holen, und er suchte indessen seine Leute zusammen. Sie versammelten sich in einem Raume, welcher an das niedrige Stallgebäude stieß und von dem aus man leicht auf das platte Dach desselben steigen konnte. Es fanden sich auch noch andere ein. Zuletzt kam der dicke Haushofmeister zur Thüre hereingekeucht und rief mir außer Atem zu: des leibhaftigen Teufels besteigen willst. Hüte dich vor ihm! Fiele ich von seinem Rücken, so käme ich vielleicht mit dem Leben davon, weil meine Knochen von den weichen Kissen des Fleisches umbettet sind. Wirft er aber dich ab, so fahren deine Gebeine auseinander wie ein Rattennest, in welches eine Katze springt.«

»Sorge dich nicht um mich. Hast du gegessen?«

»Ja.«

»Fühlst du noch Schmerzen?«

»Nein.«

»So steige hinaus auf das Dach des Stalles, und siehe zu, wie schnell der Grimm des Teufels sich in Freundlichkeit verwandeln wird! Er hat niemals in einem Stalle gesteckt; daß er hier eingesperrt worden ist, hat seine Wut erregt. Auch befremdet ihn die Kleidung der Leute. Er hat in seiner Heimat nur Männer getragen, welche in den Haïk gehüllt waren. Das mußtet ihr bedenken. Und anstatt diese Fehler in Liebe gut zu machen, habt ihr ihn mit Strenge behandelt. Sagt, wie heißt der Grauschimmel?«

»Er hat noch kein Geheimnis und noch keinen Namen, da er ein Geschenk werden sollte. Beides soll ihm erst noch vom Pascha gegeben werden.«

»Das ist es, was ich wissen will. Der Beduine pflegt sein Pferd beim Namen oder bei der Farbe zu rufen, und zwar mit sehr schriller Stimme. Ich bin fest überzeugt, daß der Schimmel, falls ich das bei ihm thue, mir gehorchen wird. Also steigt auf das Dach, damit ihr sicher seid! Ich werde erst so, wie ich dastehe, auf den Hof treten und dann im Haïk, und ihr sollt den Unterschied sehen.«

Die Leute folgten meiner Aufforderung. Als sie mit untergeschlagenen Beinen oben nebeneinander saßen, machte ich die Thüre auf und stellte mich vor dieselbe. Kaum hatte der Hengst mich erblickt, so kam er schnaubend herbeigeflogen, und ich mußte mich durch einen schnellen Sprungvor seinen Hufen in das Innere retten. Er blieb draußen stehen, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe er sich beruhigte und sich entfernte. Jetzt fuhr ich in den Haïk und zog die Kapuze desselben über den Kopf; dies gab mir das Aussehen eines Beduinen. Der Raum, in welchem ich mich befand, war eine Vorkammer zum Stalle und enthielt nur Gegenstände, welche zu demselben und den Pferden in Beziehung standen. In der Ecke sah ich ein Gefäß mit jener geringsten Sorte von Datteln, welche Bla Halef genannt und mit welchen die Pferde gefüttert werden. Ich steckte einige Hände voll davon ein.

Der Hengst stand jetzt, von mir aus gerechnet, am entferntesten Punkte des Hofes, mit dem Kopfe von mir abgewendet. Ich öffnete die Thüre so leise, daß er es nicht hörte. Die Augen der oben Sitzenden waren mit größter Spannung auf mich und das Pferd gerichtet.

»Ia Hsan azrak!« rief ich so schrill wie möglich. Das Tier fuhr mit dem Kopfe herum. Jetzt mußte sich zeigen, ob ich richtig oder falsch vermutet hatte. Hatte ich mich verrechnet, so befand ich mich in keiner geringen Gefahr, welche ich aber auch zu überstehen hoffte. Das Pferd stutzte; es blieb stehen, mit hoch erhobenem Kopfe nach mir blickend. Es öffnete die Nüstern; es spielte mit den kleinen Ohren, und es wehte mit dem Schwanze; es war ein Bild der Überraschung. jetzt kam das Wagnis. Ich entfernte mich von der Thüre, nahm einige Datteln in die Hand, streckte dieselbe aus und ging auf den Schimmel zu. Vom Dache herunter erschollen Warnungs- und Schreckensrufe.

»Ia Hsan azrak!« lockte ich abermals, indem ich langsam weiterschritt, den Blick fest aber freundlich auf den Hengst gerichtet. Er wieherte leise auf, drehte sich vollends herum und kam in einem kurzen, eleganten Bogen auf mich zugetänzelt. Kurz vor mir blieb er stehen, die Vorderhufe fest eingestemmt und mich mit weit offenen Augen und Nüstern taxierend.

»Grauschimmel, mein Liebling, mein Guter, nimm, friß!« forderte ich ihn in sanftem, zutraulichem Tone auf, indem ich vollends zu ihm herantrat und ihm die Datteln an die halbgeöffneten Lippen hielt. Natürlich mußte ich mich des Arabischen bedienen, da diese Klänge ihm bekannt waren. Er beschnoberte meine Hand, dann den Arm bis herauf zur Achsel und nahm dann eine Dattel, noch eine und noch eine, bis sie alle waren. Ich hatte gesiegt.

Ich nahm noch mehr aus der Tasche, hielt sie ihm mit der Linken hin und liebkosete mit der Rechten seinen schönen Hals. Dann zog ich seinen Kopf nieder und flüsterte ihm diejenige Kuransure, welche mir gerade einfiel, in das Ohr. Das thut der Araber allabendlich mit seinem Lieblingspferde. Er hat dabei stets eine und dieselbe Sure. Ist dieselbe gebetet, so schlafen beide, Pferd und Reiter ein. Das erstere wird dieses Flüstern so gewohnt, daß es einen etwaigen Käufer oder überhaupt späteren Besitzer, welcher dies unterlassen wollte, nicht als Herrn anerkennen und ihm nur mit Widerstreben gehorchen würde.

Der Hengst stutzte. Ob ich die ihm gewohnte Sure traf, was jedenfalls nicht der Fall war, das war natürlich gleichgültig. Die Hauptsache lag in dem Vorgang überhaupt und in dem Flüstertone. Das Tier ließ einen leisen Laut, fast wie ein fröhliches, nach innen gerichtetes Wiehern hören; dann hob es den Kopf und wieherte so schmetternd, daß nicht wenig fehlte, und ich wäre erschrocken zur Seite gesprungen. Nun rieb es seinen Kopf an meiner Schulter und strich mir mit den Lippen wie küssend über das Gesicht. Ich legte ihm beide Arme um den Hals, drückte den Kopf an mich und hielt ihm den Mund an das Ohr, um leise weiter zu flüstern. Das war das Zeichen zum Ruhen, zum Schlafen, und ich erreichte meine Absicht glänzend, denn noch hatte ich nur wenige Verse gesprochen, so legte das Pferd sich nieder, und ich streckte mich zwischen seine Beine hin, indem ich seinen Leib als Kopfkissen benutzte. Vom Dache herab waren laute Rufe der Bewunderung zu hören.

So lagen wir einige Zeit; dann sprang ich plötzlich auf und rief:

»Dir balak, ‚l a’adi – paß auf, die Feinde!«

Im Nu stand das Pferd neben mir, und ich stieg in den Sattel, ohne daß es auch nur die geringste Bewegung des Sträubens machte. Wohl eine halbe Stunde lang ritt ich die arabische Schule durch und fand bei dem Tiere ein solches Verständnis, ein solches Zartgefühl selbst für den leisesten Druck, daß ich hätte glauben können, es verstehe mich vollkommen und unser beiderseitiger Wille sei ein einziges Wollen. Nachdem ich abgestiegen war, belohnte ich es durch Streicheln und die noch übrigen Datteln. Dann führte ich es in die dafür bestimmte Abteilung des Stalles, welche noch offen stand, und brachte es durch sanfte Worte so weit, daß es sich dort willig niederlegte. Als ich mich entfernte, folgte es mir mit den Augen und wieherte mir leise nach.

Als ich mich wieder in dem Hofe befand, wurde ich von den Zuschauern gefragt, ob sie es wagen dürften, zu mir herabzukommen, und ich antwortete getrost bejahend. Dennoch traten sie aus Angst vor dem Pferde sehr zaghaft auf, und als ich sie ersuchte, mit mir in den Stall zu kommen, folgten sie mir nur, indem sie sich hinter meinen Rücken versteckten. Kaum war der Blick des Hengstes auf sie gefallen, so sprang er auf und begann, mit allen vieren um sich zu schlagen. Ich trat zu ihm und brachte es durch Streicheln und Zureden so weit, daß er sich beruhigte und sich sogar von ihnen berühren ließ. Er hielt mich für seinen Herrn und duldete sie, wenn auch nicht gern.

Ich riet, ihn wieder in den Hof zu lassen. Als dies geschehen war, ritt ich einige Male die Runde, stieg dann ab und forderte den Stallmeister auf, den Sattel einzunehmen. Er zögerte. Die Sache mußte ihm allerdings bedenklich vorkommen, doch auf mein wiederholtes Zureden that er es doch. Der Hengst sträubte sich ein wenig und ging einige Male in die Höhe, ließ sich aber doch durch freundliches Zureden zum Gehorsam bringen, so daß der Reiter wiederholt um den Hof galoppieren konnte. Als er abgestiegen war, wurde der Grauschimmel im Freien gelassen, und wir, nämlich der Stallmeister, der Haushofmeister und ich, begaben uns in das Speisezimmer, in welchem das Mittagsmahl eingenommen werden sollte.

Da den Frauen und Töchtern nicht gestattet ist, mit den Männern zu essen, und der einzige Sohn des Hauses, über Kopfweh klagend, sich wieder zurückgezogen hatte, so waren eigentlich nur der Stallmeister und ich diejenigen, für welche das Essen aufgetragen wurde. Der Haushofmeister hatte schon gegessen und setzte sich in einiger Entfernung von uns nieder. Da aber wurde ein wahrer Berg fetten Pillaws und Rosinen gebracht, und dazu kam eine große Platte, auf welcher ein ganzer, gebratener Hammelleib, ohne den Kopf und die Vorderbeine, lag. Das duftete so schön und einladend, daß der Haushofmeister ein leises Räuspern hören ließ. Als dies den gewünschten Erfolg nicht hatte, begann er nachdrücklich zu husten, und zwar in einer so vielsagenden Art und Weise, daß der Stallmeister ein vollständiger Barbar gewesen wäre, wenn er ihn nicht verstanden hätte. Er fragte ihn also, ob er mitessen wolle.

»Nein,« antwortete der Unförmliche, indem er sich mit der Hand den Mund wischte. »Ich habe schon gegessen.«

Damit wäre die Sache abgemacht gewesen; aber da schnitt ich mir ein Stück Keule ab und zog, als ich den ersten Bissen im Munde hatte, mit Absicht ein so verklärtes Gesicht, daß der Dicke nicht zu widerstehen vermochte. Freilich hatte er schon abgesagt; aber es gab ein Mittel, diesen Fehler ungeschehen zu machen. Er griff zu demselben, indem er sich an mich wendete:

»Effendi, mein Magen beginnt schon wieder zu schmerzen. Es ist abermals die schreckliche Leere.«

»So mußt du essen.«

»Dann erlaube, daß ich mich entferne!«

»Nein, das wird er dir nicht erlauben.« fiel der Stallmeister ein. »Dafür aber wird er dir gestatten, mit uns zu speisen.«

»Wenn das der Fall ist, so nehme ich bei euch Platz. Ich habe schon daheim gegessen und werde hier nur ein wenig nippen.«

Er bediente sich des arabischen Wortes dahk, welches so viel wie kosten, versuchen, nippen bedeutet, und ich gestehe, daß ich auf dieses Nippen neugierig war. Nachdem er sein Kissen herübergebracht und sich zu uns gesetzt hatte, riß er sich, ohne ein Messer in Gebrauch zu nehmen, die andere Keule ab und wollte sie zum Munde führen, um sie direkt mit den Zähnen zu bearbeiten; da aber hielt ich seinen Arm und sagte:

»Halt! Willst du sterben?«

»Sterben? Allah verhüte es! Warum fragst du mich so?«

»Vor dem Essen dich siebenmal gegen Mekka verneigen! Verstanden?«

»Ich will ja nicht essen, sondern bloß ein wenig nippen!«

»Es ist ganz gleich, ob du viel oder wenig genießest. Was der Arzt verordnet hat, das muß streng befolgt werden.«

»Du hast recht, Effendi. Es handelt sich um mein Leben, und so muß und werde ich gehorchen.«

Er erhob sich, nahm die Richtung gegen Mekka und machte, die tropfende Keule in der Hand, sieben tiefe Verbeugungen. Dann setzte er sich nieder und begann zu ›nippen‹. Nun, wenn das genippt oder gekostet war, so möchte ich einmal wissen, was essen ist! Es ging mir hier gerade so wie mit Murad Nassyr, meinem dicken türkischen Freunde in Kairo. Ehe ich nur die Hälfte meines kleinen Stückes verzehrt hatte, war die Keule verschwunden. Dann kam die eine Brust daran, welche mit wahrhaft virtuosem Geschicke von den Knochen losgezogen wurde. Während meine Hand nur niedliche Vertiefungen in dem Pillawberge zurückließ, riß der Haushofmeister ganze Gletscher, denen riesige Bergstürze folgten, los. Weißglänzende Reis-Firnen und großblockige Fleischmoränen verschwanden hinter seinem mächtigen Gebisse. Ich konnte nicht weiter essen, denn das Zusehen und Bewundern nahm meine ganze Thätigkeit in Anspruch. Der Stallmeister kannte seinen Mann; er beachtete ihn gar nicht und bemühte sich nur, seinem Beispiele zu folgen. So kam es, daß der Reis-Chimborasso immer niedriger und der Hammel immer magerer wurde, bis nur noch die Knochen übrig waren. Da wischte der große Esser sich die Hände an die Hose ab und sagte, indem er tief aufatmete:

»Meine Schmerzen sind verschwunden. Dem Propheten sei Lob und Dank gebracht!«

»So empfindest du die Leere des Magens nicht mehr?« fragte ich.

»Nein. Ich hatte ja zu Hause gegessen.«

»So wird es unserm guten Stallmeister erwünscht sein, daß du ein anderes Mal zu Hause nippst und hier issest. Aber, bist du wirklich fertig?«

»Ja. Oder giebt es denn noch etwas?«

»Zu essen wohl nicht, denn wir sind vollständig gesättigt. Wo aber bleiben die neun Verbeugungen?«

»Helft, ihr Kalifen! Die hätte ich fast vergessen. Doch, Effendi, warum hast du mir vor dem Essen nur sieben gewöhnliche Verneigungen befohlen, nach demselben aber neun, und diese mit dem Kopfe bis zum Boden nieder?«

»Weil dies die Vorschrift Hischams, des Kalifen ist, in dessen Palaste diese Verbeugungen vor und nach dem Essen gemacht werden mußten.«

»So stehe dieser heilige Hischam mir jetzt bei, daß der Glanz meines Ruhmes nicht das Übergewicht bekommt und auf die Nase fällt!«

Er stand schwer auf, stellte sich mit dem Gesicht gegen Osten, wo Mekka liegt, und gab sich alle mögliche Mühe, der grausamen Vorschrift Folge zu leisten. Er brachte es unter lautem Ächzen und Stöhnen nur dadurch fertig, daß er, durch die Schwere seines Leibes niedergezogen, allemal auf die Knie zu liegen kam. Das waren so unbeschreibliche Anstrengungen und Bewegungen, daß mir, obgleich ich mich hütete, laut zu lachen, die Thränen über die Wangen liefen, natürlich nicht diejenigen des Schmerzes und der Traurigkeit. Das war die Strafe dafür, daß er mir in das Gesicht gesagt hatte, ich als Christ verschimpfiere das Zimmer mit den Kuransprüchen. Aber, aufrichtig gestanden, hatte die Rachsucht weniger Teil daran als der angebotene Schabernack.

Der Dicke fühlte sich infolge der Anstrengung so ermüdet, daß er erklärte, er müsse unverweilt nach Hause gehen, um zu schlafen. Es stand zu erwarten, daß der Schlaf seinen kranken Magen wieder in den schmerzhaften, leeren Zustand versetzen werde, worauf mit Sicherheit ein reichliches Abendmahl folgen mußte. Vielleicht war dann einmal im Wad el Nil (einer arabischen Zeitung) zu lesen, daß er seinen Herrn, den Pascha, arm gegessen und bankerott geschlafen habe. Wir beiden andern blieben noch eine Weile sitzen, um uns über den vortrefflichen Grauschimmel zu unterhalten. Der Stallmeister fühlte sich ganz glücklich darüber, daß es mir gelungen war, denselben zur Raison zu bringen. Nun war ja alle Hoffnung vorhanden, daß das Pferd auch andere außer mir im Sattel dulden werde. Er gab mir zu, daß ein Christ und Europäer denn doch ein besserer Pferdekenner sein könne als ein Ägypter, und nahm mit Aufmerksamkeit die Lehren entgegen, welche ich ihm in Beziehung auf die Behandlung des Hengstes gab. Da er mich nur im engen Hofe in den Bügeln gesehen hatte und ich ihn merken ließ, daß ich ihm nicht nur im Kennen, sondern auch im Können wohl überlegen sei, was er zu bezweifeln schien, so schlug er mir vor, morgen am Vormittage einen Ritt nach der Wüste hinaus zu machen, und ich erklärte mich selbstverständlich bereit dazu. Es mußte ja ein Gaudium sein, mit einem solchen Tiere nicht durch, sondern über den Sand zu fliegen und die Geschwindigkeit eines Schnellzugs zu erreichen.

Die erste Hälfte des Nachmittages war vergangen; die zweite gedachte ich zu einem Spaziergange durch die Stadt zu verwenden, und zwar wollte ich dabei allein sein. Daher lud ich den Stallmeister, welcher wohl gern mitgegangen wäre, nicht zur Begleitung ein. Es war mir bestimmt, dabei eine wichtige Begegnung zu haben, die ich nicht im Traume für möglich gehalten hätte.

Draußen im vordern Hofe angekommen, wendete ich mich nämlich nicht dem Hafen, sondern der Stadt zu und kam an das weißgetünchte Grab eines Scheiks, bei welchem eine Brücke über den Kanal führte. Eben wollte ich dieselbe betreten, als ich voller Überraschung stehen blieb. Ich erblickte eine sehr lange und sehr schmale, weiß gekleidete Gestalt, welche einen riesigen Turban auf dem Haupte trug und in einem höchst charakteristischen schlingernden, schaukelnden Gange mir über die Brücke entgegen kam. Sah ich recht, oder irrte ich mich? Das war auch ein Haushofmeister, aber nicht der unförmliche des Pascha, sondern der spindeldürre meines türkischen Freundes Murad Nassyr in Kairo! jetzt sah auch er mich und blieb, so wie ich, stehen.

»Selim, bist du es denn wirklich?« rief ich ihm zu.

»Richtig, sehr richtig!« antwortete er mir mit seiner schnarrenden Stimme, indem er mir von weitem eine seiner halsbrecherischen Verbeugungen machte. »Und, Effendi, ist es denn auch richtig, daß du es bist? Dann sei Allah Dank, denn ich suche dich.«

»Du suchst mich? Ich glaubte dich bei Murad Nassyr in Kairo. Es müssen wichtige Gründe sein, welche euch veranlaßt haben, die Stadt eher zu verlassen, als berechnet war.«

»So meinst du, daß Murad Nassyr sich mit hier in Siut befindet?«

»Selbstverständlich!«

»Dann irrst du dich. Ich bin allein gekommen, um dich aufzusuchen.«

»Warum das? Doch warte! Hier auf der Brücke können wir uns unmöglich von solchen Sachen unterhalten. Laß uns ein Kaffeehaus aufsuchen; das wird das beste sein.«

»Das ist das allerbeste,« stimmte er bei, indem er eine Verbeugung machte und sich dann umdrehte, um mir weiter in die Stadt hinein zu folgen. Bald erblickten wir ein Kaffeehaus und traten ein. Wir fanden einen stillen Winkel und ließen uns Limonade geben. Dann erkundigte ich mich:

»Also, warum bist du allein gekommen, um hier nach mir zu suchen?«

»Weil mein Herr es mir befahl,« lautete die nicht eben geistreiche Antwort.

»Und welche Absicht hat er dabei?«

»Du sollst nicht allein hier sein.«

»Ah! Glaubt Murad Nassyr etwa, daß ich mich fürchte?«

»Das nicht; aber es ist auf jeden Fall besser, wenn ich bei dir bin. Ich war der berühmteste Krieger meines Stammes und nehme es, wie du weißt, mit allen Helden des Weltalls auf – –«

»Aber nur mit keinem Gespenste,« unterbrach ich ihn.

»Scherze nicht, Effendi! Gegen Geister kann man sich nicht mit Flinte und Messer verteidigen; da helfen nur Stoßgebete.«

»Aber es waren ja keine Geister!«

»Der reine Zufall! Es konnten auch wirkliche Seelen von wirklich Abgeschiedenen sein, und die kann man nicht erschießen, weil sie schon tot sind. Ich habe meine Pflicht gethan und an der Thüre auf der Lauer gelegen. Sende mir nur einmal leibhaftige, lebendige Feinde, etwa fünfzig oder hundert oder meinetwegen auch tausend! Du sollst sehen, wie mein Heldenarm unter ihnen aufräumt! Mein Mut ist wie der Sturm der Wüste, der alles niederreißt, und vor meiner Tapferkeit erbeben selbst die Felsen. Wenn ich im Kampfe meine Stimme und meinen Arm erhebe, so rennen selbst die Tapfersten davon, und vor dem Brüllen meines Gewehres hält kein Verwegener stand. Darum sendet mich Murad Nassyr zu dir, damit du sicher wohnen solltest unter dem Schilde meines Schutzes und dem Dache meiner Gönnerschaft.«

»Ich meine aber, es muß noch eine andere Absicht vorliegen.«

»Da irrst du dich. Ich weiß nur, daß ich dich beschützen soll, und alles andere ist mir unbekannt.«

Ich sah dem alten, feigen und doch so gutmütigen Schlagotodro an, daß er die Wahrheit sprach. Aber Murad Nassyr hatte jedenfalls einen ganz anderen Grund als den höchst lächerlichen, seinen »Richtig, sehr richtig« mir zum Schutze zu senden. Welcher Grund konnte das sein? Ich sann hin und her und fand nur einen einzigen Gedanken, welcher sich als stichhaltig erwies: Der Türke traute mir nicht. Glaubte er vielleicht, daß ich ihm, nachdem er für mich bezahlt und mir außerdem noch eine kleine Summe gegeben hatte, durchbrennen werde? Das wäre ein schändliches Mißtrauen gewesen, zu welchem ich ihm nicht die geringste Veranlassung gegeben hatte. Oder lag es wohl in den gegebenen Verhältnissen, daß ich, wenn ich mich allein in Siut befand, ihm ganz ohne alle Absicht einen Strich durch seine geschäftlichen Absichten machen könnte? Nun, dann hätte er nur aufrichtig sein und mir sagen sollen, welche Art von Plänen er im Auge hatte. War eins von beiden, oder auch beides der Fall, so schien mir Selim, so weit ich ihn kannte, nicht der Mann zu sein, mich von der Ausführung eines Entschlusses, von einer That zurückzubringen, die ich für gut und richtig und also für geboten halten würde. Mit einem Worte, ich hatte das aufrichtige Gesicht meines dicken Türken nicht mehr vor Augen; ich betrachtete ihn jetzt aus der Ferne, und da wollte mein Vertrauen wankend werden. Er erschien mir berechnender und egoistischer als vorher, und es stieg eine Ahnung in mir auf, daß es geraten sei, vorsichtiger als früher mit ihm zu verfahren. Dabei dachte ich an den Reïs Effendina. Dieser hatte sich mir in jeder Beziehung so offen gegeben. Warum hatte er sich verschlossen, sich zurückgezogen, warum war er still geworden, sobald der Name Murad Nassyrs erwähnt worden war? Das mußte doch einen Grund haben, einen Grund, welcher nicht in dem einen und nicht stichhaltigen Umstande lag, daß der Emir glaubte, den Namen des Türken schon einmal gehört zu haben. Nun, die Ankunft des letzteren war in einigen Tagen zu erwarten, und dann hoffte ich, Gelegenheit zu finden, mir über seine Verhältnisse und Absichten klar zu werden. Bis dahin mußte ich mir die Anwesenheit und den Schutz des »Helden« Selim gefallen lassen. Dieser mochte, während ich diese Gedanken in mir erwog, Langweile fühlen, denn er unterbrach das Schweigen durch die Frage:

»Warum. bist du so still geworden? Ist es dir nicht recht, daß ich gekommen bin?«

»Es ist mir gleich, ob du dich in Kahira oder hier befindest,« antwortete ich. »Nur befürchte ich, daß du dich in Siut, wo du doch keine Beschäftigung hast, langweilen wirst.«

»Keine Beschäftigung? Langweilen? Das denke ja nicht! Ich habe ja dich hier, und die Aufgabe, dein Beschützer zu sein, wird mir genug Beschäftigung bringen. Ich darf dich nicht verlassen; Murad Nassyr, mein Herr, hat es befohlen.«

»Ah! So willst du wohl auch bei mir wohnen?«

»Natürlich! Wo hast du ein Unterkommen gefunden?«

»Im Palaste des Paschas. Ich weiß nicht, ob man dich dort gern aufnehmen wird.«

»Zweifelst du etwa daran? Ja, du bist leider ein Ungläubiger und weißt also nicht, daß der Islam jedem seiner Anhänger die größte Gastfreundlichkeit gebietet. Außerdem bin ich, als der größte Held meines Stammes, ein berühmter Mann, den selbst der Vizekönig willkommen heißen würde. Ich werde meinem Wirte sagen, daß ich ihn und meinen Freund verlassen muß, um in den Palast zu ziehen.«

»Ah, einen Freund hast du bei dir?«

»Ja. Ich lernte ihn auf dem Schiffe kennen, und er stieg mit mir hier aus, um mit mir zusammen zu wohnen. Nun aber werde ich ihn verlassen.«

»Was ist er?«

»Ein Händler, welcher in Siut Einkäufe machen will. Bleibe eine kleine Weile hier sitzen! Ich werde sofort zu ihm gehen, um ihn zu benachrichtigen.«

»Warte damit noch, bis wir erfahren, ob man bereit ist, dich im Palaste aufzunehmen.«

»Das brauchen wir gar nicht erst zu erfahren und zu versuchen, denn es kann gar kein Zweifel darüber herrschen.«

»Möglich. Aber dennoch will ich sicher gehen. Ich denke, du hast nichts dagegen, daß wir uns zunächst nach dem Palaste begeben.«

»Richtig, sehr richtig! Ich folge den Stapfen deiner Füße. Laß uns aufbrechen!«

Es war mir gar nicht lieb, für ihn um Aufnahme bitten zu müssen; aber ich war gezwungen, mich darein zu finden, denn dieser »größte Held seines Stammes« wich gewiß keinen Augenblick von mir. Ich bezahlte also, und dann brachen wir nach dem Palaste auf. Dort angekommen, sah ich den dicken Haushofmeister unter derselben Thüre stehen, an welcher er mich und den Reïs Effendina bei meiner Ankunft empfangen hatte. Er machte mir eine sehr tiefe Verneigung und warf einen fragenden Blick auf meinen Begleiter. Als ich ihm dessen Namen genannt und ihm gesagt hatte, daß derselbe bei mir zu bleiben wünsche, meinte er schnell und im gefälligsten Tone:

»Effendi, laß ihn zu mir! Ich habe dich verkannt, und darum bist du zum Stallmeister gegangen. Ich erkenne, daß deine Anwesenheit die Ehre unseres Hauses ist, und bitte dich, mir zu erlauben, meinen Fehler an diesem Manne gut machen zu dürfen.«

Das Anerbieten kam mir sehr gelegen, und ich sagte also zu. Wenn Selim von dem dicken Schwarzen beherbergt wurde, so wohnte er nicht direkt bei mir und konnte mich weniger belästigen. Er war auch selbst einverstanden und machte mir dies durch die Worte bemerklich:

»Siehst du, daß ich recht hatte, Effendi! Der Vorzug meiner Eigenschaften wird überall bewundert, und wo ich erscheine, finde ich die Thüren aller Häuser und Zelte offen. Bevor ich aber in diese gesegnete Wohnung trete, muß ich mich für kurze Zeit entfernen, um mich von meinem Wirte und meinem Gefährten zu verabschieden. Bald werdet ihr mein Angesicht wieder bei euch erscheinen sehen. Allah verlängere eure Tage und lasse euch die Freude meiner Anwesenheit mit dankbarer Aufmerksamkeit genießen.«

Er ging. Was sollte ich thun? Daheim bleiben und auf ihn warten? Ich hatte einen Spaziergang durch die Stadt machen wollen und konnte dies nun doch ausführen. Eben stand ich im Begriff, den Hof zu verlassen, als mein Stallmeister erschien und, was er vorher unterlassen hatte, mich bat, mich begleiten zu dürfen. Als das der Schwarze hörte, erklärte er, daß er, falls er sich uns nicht beigeselle, den Zorn Allahs und aller Kalifen auf sich laden werde. Er ersuchte mich also, einige Augenblicke zu verziehen, bis er dafür gesorgt habe, daß Selim während unserer Abwesenheit gut empfangen werde. Auch der Stallmeister zog sich für einige Minuten zurück, um sich vorzubereiten. Als beide wieder zum Vorscheine kamen, hatten sie sich mir zu Ehren in die besten Feierkleider geworfen. Der Haushofmeister brachte zwei Läufer und zwei Neger mit. Die ersteren sollten mit ihren weißen Stäben vor uns herschreiten, um uns nötigenfalls den Weg zu bahnen, und die letzteren hatten die Aufgabe, den Zug zu schließen und dabei kostbare Pfeifen und Tabaksbeutel zur Schau zu tragen. Wie ich später erfuhr, hatte der Haushofmeister sogar die Absicht gehabt, uns drei Reitpferde nachführen zu lassen, um zu zeigen, daß wir nicht etwa aus Armut und Mangel an Tieren durch die Stadt wanderten. Nur die Rücksicht auf mich, der ich allerdings kein Pferd besaß, hatte ihn bewogen, von diesem Vorhaben abzustehen.

So wanderten wir denn langsam und gravitätisch durch die Straßen der Stadt, deren Häuser meist aus dunklem Schlammsteine gebaut sind. Was soll ich über sie sagen! Siut ist nicht Kahira. Es ist hier ganz dasselbe wie dort, nur in verkleinertem Maßstabe und mit einigen topographischen und Terrain-Abwechslungen. Es gab hier Wasser-, Obst- und Brothändler, Eselsjungen, Lastträger, Türken, Kopten und Fellata, gerade so wie dort. Diese orientalischen Städte gleichen einander außerordentlich. In den Bazars gab es ein großes Gedränge; aber unsere Läufer schoben, stießen und schlugen mit ihren Stäben so kräftig um sich, daß wir stets freie Bahn hatten. Die Ehrfurcht, mit welcher mein schwarzer Haushofmeister gegrüßt wurde, galt mir als ein Beweis dafür, daß seine Stellung eine wichtige und einflußreiche sei. Der kurze, langsame Spaziergang griff ihn so an, daß er bei jedem Schritte stöhnte, und schließlich erklärte er, daß er vor Müdigkeit und Hunger nicht weiter könne und unbedingt in einem Sufra einkehren müsse.

Sufra heißt eigentlich Speisetisch und wurde von dem Dicken mit der Bedeutung als Speisehaus gebraucht. Das hatte ich noch nicht gehört, und darum war ich neugierig, in was für ein Lokal er uns führen werde. Er gab den voranschreitenden Läufern einen Befehl; sie bogen in eine Seitengasse ein und blieben dann wie Schildwachen zu beiden Seiten einer Hausthüre stehen. Als wir eingetreten waren, kamen wir in einen kleinen, offenen Hof, auf welchem mehrere Reihen von Polstern lagen. Da saßen die Gäste dieses Speisehauses. Jeder hatte eine thönerne Schüssel vor sich, aus welcher er mit beiden Händen zulangte. Sauberkeit schien hier nicht gefordert zu werden; das sah man bei dem ersten Blicke. Dazu gab es einen solchen Geruch nach ranzigem Öle, daß mir, selbst wenn ich Hunger gehabt hätte, der Appetit sofort vergangen wäre.

Der Haushofmeister steuerte auf eine leere Ecke zu und ließ sich dort auf ein Kissen nieder. Da der Stallmeister seinem Beispiele folgte, so that ich dasselbe. Die beiden Neger kauerten sich vor uns nieder, um unsere Pfeifen zu besorgen. Einer der schmutzigen Wärter kam herbei, um nach unsern Befehlen zu fragen; der dicke Schwarze antwortete stumm dadurch, daß er drei Finger emporhielt.

»Nein, für mich nicht!« meinte der Stallmeister. »Ich esse nicht.«

Nun wußte ich, was die drei Finger zu bedeuten hatten, nämlich drei Portionen, und beeilte mich, zu erklären, daß auch ich nichts zu genießen beabsichtige.

»Dennoch drei!« befahl der Dicke, indem er die Finger abermals emporstreckte. Nach kurzer Zeit wurde das Verlangte gebracht. Es hatte ein braungrünes, schlammiges Aussehen. Ich betrachtete es, sog den durchdringenden Duft ein -vergebens; ich konnte nicht erraten, was es war.

»Nimm das, aus Liebe zu mir!« forderte mich der Haushofmeister auf, indem er mir eine der drei Schüsseln hinschob.

»Ich danke dir! Mein Körper bedarf jetzt keiner Speise. Möge sie dem deinigen wohl bekommen!«

»Dieses Essen bekommt jedermann; es ist die Quelle der Lieblichkeit. Linsenmehl in Öl gekocht. Es erhebt die Seele zum reinsten der Gefühle und stärkt das Herz für alle Leiden dieser Welt.«

Dabei fuhr er mit seiner fetten, schwarzen Rechten in den Brei, ballte einen Teil zu einer Kugel und hielt ihn mir mit den Worten an den Mund:

»Nimm, und versuche es einmal!«

»Behalte nur!« antwortete ich, indem ich seinen Arm von mir schob. »Ich gönne dir diese Reinigung der Gefühle und diese Stärkung des Herzens sehr gern.«

Er schob nun die Kugel in seinen Mund und schmunzelte dabei:

»Ihr Christen wißt doch nie, was ihr thut. Hat doch Esau seine Erstgeburt für ein Linsengericht in Öl an den Erzvater Jakob verkauft. Davon aber weißt du natürlich nichts.«

»Oho! Diese Geschichte von dem Linsengerichte wird in unserer Bibel erzählt, und Muhammed hat sie aus derselben abgeschrieben. Aber in unserer heiligen Schrift wird nichts davon gesagt, daß die Linsen in Öl gesotten gewesen seien.«

»Steht es wirklich nicht darin? Nun, so ist der Prophet sehr klug gewesen, als er es für uns herausschrieb. Du kennst also auch den Kuran? ja, du bist ein gelehrter Mann. Du hast das Leben in der Flasche und kennst alle Heilungen des Magens, aber was gut schmeckt, das weißt du doch noch nicht.«

Er schob eine Handvoll Brei nach der andern in den Mund; er leerte den ersten, den zweiten und dann auch den dritten Teller, wie die Schüssel auch genannt werden konnte, und reinigte dann alle drei, wie es unerzogene Kinder zu machen pflegen, mit dem gebogenen Zeigefinger, welchen er ableckte. Dabei nahm er auch fleißig an der Unterhaltung teil, welche ich mit dem Stallmeister führte, der ein leidlich wißbegieriger Mann war. Da ich verstanden hatte, das Pferd zu zähmen, so traute er mir auch alle andern Geschicklichkeiten und Kenntnisse zu und legte mir eine Frage nach der andern vor, die ich ihm beantworten mußte. Als wir endlich nach Hause zurückkehrten und in den Hof traten, sahen wir die herbeigeholten blinden Kinder vor der Thüre hocken. Ihr Anblick war ebenso herzbrechend wie Ekel erregend. Die erblindeten Augen schwellen zu eiternden Halbkugeln an, auf denen Fliegen und andere kleine Insekten ihr Wesen treiben. Die schlimme Krankheit ist ansteckend; sie geht von Auge zu Auge, von Individuum zu Individuum über. Die Kinder erhielten ihr Geld und wurden dann fortgeführt. Der kleine Scherz, welchen ich mir mit dem Dicken gemacht hatte, belastete mein Gewissen nicht im geringsten. Er war in Beziehung auf sein Einkommen so gestellt, daß er die kleine Summe an die armen, bedauernswerten Blinden recht wohl entrichten konnte.

Kurze Zeit später brach die Dämmerung herein, und dann dunkelte es schnell. Ich wurde zum Abendessen gerufen, welches der Stallmeister mit mir allein einnahm. Er fragte mich zwar, ob er meinen Gefährten einladen solle, ich aber erklärte ihm, daß Selim nicht eigentlich so genannt werden könne, sondern nur der Diener eines späteren Gefährten von mir sei. Es lag mir nichts daran, den langen Menschen immer bei mir zu haben, und der Stallmeister fühlte seinerseits auch keine Lust, eine so untergeordnete Persönlichkeit bei sich sitzen zu sehen.

Nach dem Essen forderte mein Wirt mich zum Schachspiele auf. Eben hatten wir die Figuren aufgestellt, als sich draußen ein ungewöhnlicher Lärm erhob. Mehrere Stimmen riefen durcheinander, doch konnten wir die Worte nicht verstehen. Wir glaubten, es sei ein Unglück geschehen, und eilten in den Stallhof hinaus. Da standen die Reitknechte und andere Bedienstete, starrten gen Himmel und riefen:

»Eine Mondfinsternis, eine Mondfinsternis!«

Es war so; der Mond verfinsterte sich. Ich hatte gar nicht gewußt, daß eine Mondfinsternis zu erwarten sei. Wir standen im Vollmonde. Der Erdschatten legte sich nicht kupferrot, sondern dunkelgrau nach und nach über die Scheibe unsers Trabanten; daraus war zu schließen, daß die Verfinsterung nicht eine totale sein werde; doch ging er nach und nach so weit herüber, daß nur eine sehr schmale Sichel des Mondes unbedeckt blieb. Die Himmelserscheinung war mir interessant; den andern aber flößte sie Angst ein. Der dicke Haushofmeister kam gekeucht, hinter ihm mein langer Selim.

»Effendi,« rief der erstere, als er mich erblickte, »siehst du auch, daß der Mond verschwindet? Sage mir, was das zu bedeuten hat!«

»Das hat zu bedeuten, daß die Erde zwischen der Sonne und dem Monde steht und nun ihren Schatten auf ihn wirft; dadurch wird er verdunkelt.«

»Zwischen Sonne und Mond? Ihren Schatten? Hast du ihn schon einmal gesehen?«

»Schon wiederholt, und jetzt abermals.«

»Effendi, du bist der Quell der Weisheit und der Brunnen der Wissenschaft; aber von der Sonne und dem Monde und den Sternen darfst du nicht sprechen. Von ihnen verstehest du nichts, gar nichts. Weißt du denn nicht, daß es der Teufel ist, der den Mond verhüllt?«

»Ah! Zu welchem Zwecke sollte er das thun?«

»Um uns ein Unglück anzudeuten. Dieses Zeichen ist ein Zeichen des Unheiles für alle Welt und außerdem eine ganz besondere Drohung für mich.«

»Für dich? Was hättest du mit dieser Mondfinsternis zu thun?«

»Viel, sehr viel! Siehst du dieses Amulett an meinem Halse? Ich trage es zum Schutze gegen die Mondfinsternisse.«

»Eine Mondfinsternis ist eine ganz natürliche Erscheinung. Und selbst wenn sie gefährlich wäre, könnte ein Amulett dich nicht beschützen.«

»Das sagst du, weil du ein Christ und nicht ein Moslem bist. Was kann ein Christ von dem Monde wissen! Welches ist das Zeichen des Christentumes? Ist es nicht das Kreuz?«

»Allerdings.«

»Und das Zeichen des Islam ist der Halbmond. Also müssen wir von dem Monde mehr verstehen als ihr. Das ist doch klar. Oder siehst du das nicht ein?«

Dieses Argument war von seinem Standpunkte aus gar nicht übel; ich konnte ihn nur von diesem Punkte aus schlagen; darum antwortete ich:

»Nein, das sehe ich ganz und gar nicht ein. Ist etwa der Neumond oder Vollmond euer Zeichen?«

»Nein, nur der Halbmond.«

»So sprich meinetwegen von diesem, also von dem ersten oder letzten Viertel; von dem Neumonde aber und von dem Vollmonde versteht ihr nichts. Und heute ist Vollmond! Na, was sagst du nun?«

Er sah mir betroffen und offenen Mundes in das Gesicht und antwortete dann:

»Effendi, da kann ich dir freilich nicht widersprechen. Den Neumond habe ich überhaupt noch nicht gesehen.«

»So behaupte ja nicht, daß du dich auf den Mond verstehst! Wer noch nicht einmal den Neumond gesehen hat, wie will der über eine Mondfinsternis urteilen? Übrigens ist auch nicht einmal der Halbmond das wirkliche, ursprüngliche Zeichen des Islam.«

»Was denn?«

»Der Säbel, der krumme Säbel Muhammeds. Als euer Prophet im Monate Ramadhan des zweiten Jahres der Hedschra den Mekkanern das erste große Treffen lieferte, steckte er seinen Säbel auf eine Stange und ließ dieselbe als Fahne vorantragen; sie führte zum Siege und wurde von da an als Feldzeichen benutzt. In einem späteren Kampfe wurde der Griff des Säbels abgeschlagen, und es blieb nur die krumme Klinge, welche die Gestalt eines Halbmondes darstellte. Dies veranlaßte dann den Kalifen Osman, den Halbmond zum Symbol des Osmanischen Reiches und des Islam zu machen.«

»Allah, Allah! Effendi, du kennst alle Tiefen der Geschichte und alle Geheimnisse der Religionen!« rief er aus.

»Und auch alle Breiten, Höhen und Tiefen des Mondes!« fügte ich hinzu. »Er ist 380,000 Kilometer von der Erde entfernt; sein Durchmesser beträgt 3480. Kilometer, und er ist also fünfzigmal kleiner als die Erde. Sein größter Berg ist 7200Meter hoch.«

Da verstummten alle, welche ringsum standen. Da man in Ägypten ebenso wie in der Türkei nach Metern rechnet, so begriffen die Leute die angegebenen Maße; aber daß man diese letzteren überhaupt anzugeben vermag, das glaubten sie nicht. Ihre Blicke richteten sich von dem Monde auf mich. Ein allgemeines Murmeln ließ sich hören; dann rief der Dicke aus.

»Allah lasse dich lange leben und erleuchte deinen Verstand! Beim Leben deines Vaters und bei den Bärten aller deiner Ahnen, sage mir, ob du im Ernste redest!«

»Ich scherze nicht.«

Er schüttelte den Kopf und sah mich bedenklich an, Was sollte ich machen? Meine Erklärung zu verstehen, dazu besaßen sie die erforderlichen Vorkenntnisse nicht; ich mußte also den Schwarzen und die andern bei ihrer Meinung lassen. Sie beteten, um sich vor der bösen Wirkung der Finsternis zu bewahren, eine Menge Kuransprüche und wehklagten dazwischen so lange, bis dieselbe vorüber war. Dann äußerten sie sich aber nicht etwa froh darüber, sondern sie waren der Meinung, daß die Folgen von jetzt an erst zu sehen sein würden. Der lange Selim wollte sich an mich machen, wohl in der Meinung, daß ich ihn auffordern würde, mich in das Haus zu begleiten; ich sagte ihm aber, daß ich jetzt schlafen gehen werde, und so kehrte er mit dem Dicken in dessen Wohnung zurück. –

Am andern Morgen wurden nach dem Frühstücke die Pferde vorgeführt. Der verabredete Ritt wurde in größerer Gesellschaft gemacht, als ich vermutet hatte. Der Haushofmeister ließ es sich nicht nehmen, sich uns anzuschließen, und Selim behauptete, daß auch er mitreiten müsse, da er mein Beschützer sei und mich vor einem Sturze vom Pferde zu bewahren habe. Ich versicherte ihm zwar, daß er gar keine Besorgnis zu haben brauche, doch er antwortete:

»Effendi, ich bin der größte Held und Reiter meines Stammes; du aber bist ein Franke, und ich habe dich noch nicht auf einem Pferde sitzen sehen. Wenn du den Hals brichst, so habe ich es zu verantworten; darum werde ich stets an deiner Seite bleiben und kein Auge von dir lassen.«

»Das bezweifle ich. Oder wärest du wirklich ein so ausgezeichneter Reiter?«

»Mir hat es noch niemals einer gleichgethan,« antwortete er mit einer tiefen, tiefen Verbeugung.

»So erwarte ich von dir, daß du Wort hältst. Falls du nur einen Augenblick von mir weichst, werde ich mich bei deinem Herrn beschweren und ihm sagen, daß du ein schlechter Beschützer bist, auf den man sich nicht verlassen kann.«

»Thue das; thue das! Meine Macht und Sorgfalt würde dich umschweben, selbst wenn der Sturm der Wüste dich mit deinem Pferde davonführte. Ich würde mit den bösen Geistern des Samum um die Wette reiten.«

Er sagte das in einem so zuversichtlichen Tone, als ob er schon mit allen Stürmen um die Wette geritten sei, und ich freute mich schon im voraus auf die Blamage, welche ihn erwartete.

Wir waren also sechs: der Haushofmeister, der Stallmeister, Selim, ich und zwei Reitknechte, welche uns begleiteten. Wir ritten langsam durch die Stadt und die Höhe nach den Felsengräbern hinan. Auf den Höhen angelangt, welche das Nilthal gegen die libysche Wüste hin begrenzen und beschützen, erblickten wir die weite Sandebene, die im Sonnenstrahle rötlich glänzend vor uns lag. Es ging die Höhe hinab, noch immer langsam; als wir aber unten angekommen waren, meinte der Stallmeister:

»Jetzt Galopp, Effendi! Wir haben Raum genug hier in der Wüste.«

Er gab seinem Pferde die Sporen und flog davon; wir folgten ihm. Ich muß Selim das Zeugnis erteilen, daß er bisher sein Wort gehalten hatte und nicht von meiner Seite gewichen war. In seinen Blicken und auf seinem Gesichte lag der Ausdruck stolzer Genugthuung; er glaubte, besser, viel besser reiten zu können als ich. Und das hatte seinen guten Grund. Mein Pferd hatte, sobald es die Straße betrat, mit mir davonstürmen wollen; ich aber hatte es so streng in die Zügel und so fest zwischen die Schenkel genommen, daß es seine Ungeduld bezähmen mußte. Diese meine Bemühung war von den andern nicht bemerkt worden; außerdem saß ich nach der Weise der Prairiejäger im Sattel, nämlich die Beine nach hinten, den Oberkörper zusammengesunken nach vorn gebeugt. Das ergiebt keineswegs einen schönen, ritterlichen Anblick, ist aber für den Reiter bequem und entlastet die Hinterhand, welche dann später, wenn es gilt, um so mehr zu leisten und zu tragen vermag. Die andern saßen nach arabischer Weise gerade und stolz zu Rosse, wovon nur der dicke Haushofmeister eine Ausnahme machte, und so hatte es den Anschein, als ob sie bessere Reiter seien als ich. Selim ritt nicht schlecht, auch hatte er kein übles Pferd, und darum war es ihm nicht zu verargen, daß er mich ein wenig von oben her betrachtete. Jetzt, wo wir zu galoppieren begannen, wollte mein Bakarra-Hengst seine Schnelligkeit entfalten; ich hielt ihn aber zurück, und so kam es, daß ich mit Selim, welcher nicht von mir weichen wollte, zurückblieb. Die beiden Reitknechte mußten uns eigentlich vor sich behalten; aber sie wurden schließlich ungeduldig und schossen an uns vorüber und über uns hinaus.

»Schneller, schneller, Effendi!« rief mir Selim zu. »Wir müssen sie einholen, sonst werden wir ausgelacht.«

»Es geht nicht,« antwortete ich. »Ich falle sonst herunter.«

»Allah, Allah! Wie kann man herabfallen wollen! Du blamierst mich auf das schrecklichste. Diese Männer werden denken, ich könne nicht reiten, und doch bin ich der kühnste Reiter aller Stämme der Wüste. Leider bin ich gezwungen, bei dir zu bleiben. Aber nun siehst du doch wohl ein, daß du ohne meinen Schutz hier zu Schanden würdest?«

»Ja, leider muß ich das zugeben.«

»Richtig, sehr richtig. Sage das meinem Herrn, wenn er hier angekommen ist! Dieses dein Zeugnis wird ihm aufs neue beweisen, daß ich ein Mann bin, der durch keinen andern zu ersetzen ist. Aber reite doch schneller, schneller! Ich lasse dich nicht fallen. Ich greife sofort zu, wenn du das Gleichgewicht verlierst.«

Um ihn noch mehr in seiner Meinung zu bestärken, nahm ich die allerdümmste Haltung an, rutschte bald herüber, bald hinüber und gab mir den Anschein, als ob es meinerseits der größten Anstrengung bedürfe, mich oben zu halten. Er erging sich in allerhand Ausrufungen, welche mir im Stillen herzlichen Spaß bereiteten, und schimpfte fort und fort darüber, daß wir weiter und immer weiter zurückblieben. Die andern hatten allerdings einen bedeutenden Vorsprung, der von Sekunde zu Sekunde größer wurde. Nur der dicke Haushofmeister kam nicht mit den andern fort; er befand sich zwischen ihnen und uns. Ich hatte schon manchen unfertigen Reiter gesehen, so eine Figur aber wie die, die er bildete, noch nicht. Zunächst ritt er sehr schlecht, und sodann paßte seine unförmliche Gestalt nicht in einen Pferdesattel. Seiner Schwere wegen hatte er sich einen äußerst gewichtigen Gaul ausgesucht, dessen Bemühung, mit den andern Pferden Schritt zu halten, zum Lachen reizte. Auf dem Rücken dieses Tieres saß das schwarze Monstrum mit weitgespreizten Beinen und zusammengezogenem Oberkörper. Der Gaul »schukkerte« gewaltig, was dem Reiter eine Bewegung gab, welche der reitgewandte Gaucho Südamerikas »el mohnillarse ä la silla«, das Sich-Quirlen im Sattel nennt. Er machte die größte Anstrengung, fest zu sitzen, und sein Pferd gab sich alle Mühe, schnell fortzukommen, doch vergeblich. Es war wirklich zum Lachen.

Der Stallmeister war uns nun mit den Reitknechten so weit voraus, daß er sich zum Anhalten gezwungen sah, um auf uns zu warten. Der Dicke langte kurz vor uns bei ihm an. Er stöhnte, und sein Pferd keuchte, als ob sie stundenlang im Galoppe über die Wüste gerast seien.

»Was ist denn das, Effendi?« fragte der Stallmeister erstaunt. »Du bleibst zurück!«

»Er kann nicht reiten,« antwortete Selim an meiner Stelle.

»O, er kann es gar wohl. Wir haben es gesehen, als er gestern den Grauschimmel zum Gehorsam zwang.«

»Das war eine Folge der Datteln, welche er ihm gab. Ja, kirre machen kann er ein Pferd; das versteht er wohl; aber reiten, nein, das kann er nicht. Hätte ich ihn nicht in meinen Schutz genommen, so hätte er zehnmal Hals und Beine gebrochen. Es ist ein Elend, an seiner Seite bleiben zu müssen!«

»Das ist sehr richtig,« fiel ich ein. »Es ist ein Elend, bei mir aushalten zu sollen, und du bringst es darum nicht fertig.«

»Was sagst du!« rief er aus. »Habe ich etwa nicht bei dir ausgehalten? Oder bist du mir zuliebe zurückgeblieben, so thue mir nun doch auch den Gefallen, mir zuliebe schneller zu reiten!«

»Du würdest mir nicht nachkommen.«

»O Allah! Es hat noch niemals einen Reiter gegeben, den ich nicht überholt hätte. Wollen wir wetten?«

»Ja. Um was?«

»Du hast Goldstücke aus England; ich habe es gesehen. Man nennt sie Pfund, und sie sind über hundert Piaster wert. Willst du ein solches Goldstück gegen mich setzen?«

Er sah mich gespannt an. Es lag ihm daran, daß ich ja sagte, denn er zweifelte nicht im mindesten daran, daß ich die Wette verlieren würde.

»Hast du denn auch solche Goldstücke?« erkundigte ich mich.

»Nein; aber ich habe genug Piaster, um das Gleiche setzen zu können. Machst du mit?«

»Ja. Heraus mit dem Gelde! Hundert Piaster gegen ein englisches Pfund. Wir geben es dem Stallmeister, und wer dann siegt, bekommt es von ihm. ist dir das recht?«

»Recht, sehr recht!« stimmte er schmunzelnd ein. »Schon in wenigen Augenblicken wird der Glanz deines Goldes in meiner Tasche sein. Ich bin der Schnelle, der Unbesiegbare; mich holt niemand ein, und du am allerwenigsten.«

Der Stallmeister bekam das Geld, und dann begann der Ritt. Zunächst hielt ich meinen Grauschimmel so zurück, daß Selim eine Strecke weit sich mir zur Seite halten konnte.

»Siehst du, daß ich gewinnen werde?« fragte er triumphierend.

»So sollst du gleich auch das Gegenteil zu sehen bekommen. Lebe wohl, Selim! In zwei Minuten siehst du gar nichts mehr, nämlich von mir.«

Jetzt ließ ich dem Hengste die Zügel schießen. Darauf hatte dieser mit Begierde gewartet. Er wieherte laut auf, ging vor Freude mit allen vieren in die Luft und flog dann davon, so daß es einem nicht ganz guten Reiter sicher schwindelig geworden wäre. Ich hütete mich, die Sporen in Anwendung zu bringen; ein so edles Tier nimmt das übel. Ich rief dem Pferde aufmunternde Worte zu, und es verstand mich vortrefflich. Meine Gefährten kamen mir schreiend nachgesprengt; ihre Stimmen wurden schnell schwächer, denn die Wüste schien förmlich unter den Hufen meines Grauschimmels zu verschwinden. Als ich mich nach ungefähr einer Minute umschaute, sah ich die Reiter in der Größe von Kindern, welche auf Schaukelpferden sitzen, hinter mir. Nach einer zweiten Minute erblickte ich sie nur noch als kleine Punkte; dann verschwanden sie. Nun hätte ich anhalten sollen; das fiel mir aber gar nicht ein. Ich wollte die Freude, ein solches Pferd reiten zu dürfen, auskosten und jagte weiter. Das Tier freute sich ebenso sehr wie ich. Es wieherte von Zeit zu Zeit hell auf vor Lust, und wenn ich ihm dann den Hals streichelte, ließ es einen tiefen Brustton hören, den man nicht beschreiben kann, den ich aber kannte. Es ist ein Laut des Entzückens.

So ging es wohl drei Viertelstunden in gerader Richtung in die Wüste hinein, welche vor mir immer neu auftauchte und hinter mir wieder verschwand; dann schlug ich nach rechts einen weiten, weiten Bogen. Es stand zu erwarten, daß die andern meiner Fährte folgen würden, und ich wollte sie äffen. Nach einer weitern halben Stunde war aus dem Bogen ein Kreis geworden, welcher mich auf meine eigene Spur zurückbrachte. Meine Gefährten waren schon vorüber; ich sah es an den Hufspuren und ritt ihnen nach. Bald sah ich sie vor mir, während sie glaubten, sich weit, weit hinter mir zu befinden. Je mehr ich mich ihnen näherte, desto deutlicher sah ich, daß sie bemüht waren, die größte Schnelligkeit zu entwickeln. Dennoch blieben sie beisammen, denn die bessern Reiter hielten ihre Pferde zurück, um nicht den andern voraus zu kommen. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit nach vorn gerichtet hatten, so gewahrten sie mich auch nicht eher, als bis ich ihnen auf zwanzig Pferdelängen nahe gekommen war und nun laut rief:

»Wo wollt ihr denn hin!«

Sie hörten meine Stimme, drehten sich um und waren nicht wenig erstaunt, mich hinter sich zu sehen. Noch ehe sie ihre Pferde zum Stehen gebracht hatten, befand ich mich mitten unter ihnen. Der dicke Haushofmeister schwitzte wie eine Fensterscheibe im Winter und stöhnte wie eine Dampfmaschine.

»Wo kommst du her, Effendi?« fragte er mich, indem er ein so dummes Gesicht zeigte, daß ich lachen mußte.

»Von da her,« antwortete ich, indem ich nach rückwärts zeigte. »Ich mache es wie die Sonne: ich gehe im Westen unter und im Osten wieder auf.«

»Wer soll das begreifen! Wir wären fortgeritten, um dich einzuholen, immer weiter und weiter, bis ans Ende der Welt.«

»So weit nun wohl nicht. Ihr seid meiner Fährte gefolgt und diese würde euch in einem Kreise zurückgeführt haben. Daraus magst du ersehen, welch ein herrlicher Renner dieser echte Bakarra-Hengst ist. Der Stallmeister ist sehr unvorsichtig gewesen.«

»Das soll eine Unvorsichtigkeit sein? Im Gegenteile! Dadurch, daß du ihn zureitest, machst du ihn gutwillig, auch mich und seinen Herrn, den Pascha, zu tragen.«

»Ganz recht. Aber wie nun, wenn ich ihn gestohlen hätte?«

»Gestohlen!« rief er aus, indem er vor Schreck erbleichte. Es kam ihm erst jetzt die Erkenntnis dessen, was hätte geschehen können, wenn ich nicht ein ehrlicher Mann gewesen wäre.

»Ja, gestohlen. Nimm einmal an, ich wäre nicht wiedergekommen. Was hättest du da gethan? Hättest du mich etwa einzuholen vermocht?«

»Nein, nein. Allah, Allah! In welcher Gefahr bin ich gewesen!«

»Du warst in gar keiner Gefahr, denn ich bin kein Dieb. Aber dieser Hengst ist hunderttausend Piaster wert, und das könnte unter Umständen für einen sonst ganz ehrlichen Mann eine Versuchung sein.«

»Du hast recht, ja, du hast recht, Effendi! O Allahl o ihr heiligen Kalifen, was wäre aus mir geworden, wenn du das Pferd gestohlen hättest! Ich wäre nicht im stande gewesen, es zu ersetzen, und der Pascha, dessen Leben ewig leuchten möge, hätte mich totpeitschen lassen. Ich bleibe neben dir.«

»Das würdest du nicht fertig bringen, wenn ich mich für dein Mißtrauen rächen wollte. Aber wie steht es denn mit unserer Wette? Du hast das Geld erhalten. Wer hat es gewonnen?«

»Natürlich du.«

»So gieb es her. Dieser Selim, welcher sich den kühnsten Reiter aller Stämme der Wüste genannt hat, mag jetzt noch einmal behaupten, daß ich nicht reiten kann und ohne seinen Schutz den Hals brechen müsse.«

Der Stallmeister reichte mir das Geld, und ich steckte es ein. Der lange Selim machte ein Gesicht, als ob er von dem größten Unglücke der Erde betroffen worden sei, und meinte.

»Effendi, du bist der Ausfluß der Güte und der Bronnen der Barmherzigkeit. Du wirst mir das Zeugnis geben, daß ich dich unmöglich beschützen kann, wenn du nicht bei mir bleibst und daß ich ein armer Diener bin, ein erbarmenswerter Sklave meines Herrn Murad Nassyr!«

»Ich denke, du bist sein Beschützer und der meinige auch!«

»O nein!« beeilte er sich zu beteuern. »Ich bin sogar der ärmste Mann aller Stämme und Dörfer. Ich bin wie die Luft, welche niemand sieht, und wie das dürre Reiskorn in der Wüste. Ich bin ein reines Nichts, und wenn Allah in meine Taschen leuchtet, so ist darinnen nichts als der Inbegriff aller Armut zu finden. Ein Piaster ist für mich ein Vermögen, dessen Verlust mir das Leben verkürzt und meine Seele mit den Schauern der Trostlosigkeit umhüllt.«

Ich hatte gleich bei seinem ersten Worte gewußt, worauf es abgesehen war, that aber nicht so, als ob ich ihn begriff, sondern antwortete:

»Dann will ich dir einen guten Rat erteilen, durch dessen Befolgung du dir große Reichtümer sammeln kannst. Wette so oft und so viel wie möglich! Wette besonders mit Reitern! Da du der kühnste Reiter deines Stammes bist und sogar den Samum der Wüste einholst, so wirst du jede Wette leicht gewinnen und in kurzer Zeit ein steinreicher Mann sein.«

»Effendi, scherze nicht!« bat er mich im kläglichsten Tone. »Ich habe nicht geglaubt, daß deine Seele von solcher Bosheit zu überfließen vermag. Ich bin der beste Reiter der Wüste, das ist wahr; aber gerade im Wetten habe ich kein Glück; es ist mein Fatum, mein Kismet, daß ich stets verliere.«

»So wette nicht!«

»Ich will auch nicht; aber zuweilen wird man förmlich gezwungen. So war es auch vorhin. Nur die Höflichkeit, die Ehrerbietung und Liebe, die ich für dich empfinde, veranlaßte mich, hundert Piaster gegen dein goldenes Pfund zu setzen. Ich wollte dich nicht beleidigen; ich wollte dir meine Hingebung beweisen. Willst du nun weniger großmütig sein, als ich es gewesen bin? Willst du von dem Blute der Armut leben und das Elend des Bedürftigen verzehren? Wer den Piaster des Bettlers verschlingt, dem wird einst die Hölle doppelt geheizt! Bedenke das!«

»Nun, du kannst leicht wieder in den Besitz deiner hundert Piaster gelangen, wenn du mir der Wahrheit nach das aufrichtige Zugeständnis machst, daß du nicht im stande bist, mein Beschützer zu sein.«

Das war schlimm für ihn. Er wollte sich nicht blamieren, hatte aber auch keine Lust, auf das Geld zu verzichten, weiches ich ja überhaupt nicht behalten hätte. Darum fragte er:

»Wenn du mir keine andere Bedingung machen kannst, Effendi, so gebe ich zu, daß du meines Schutzes nicht bedarfst.«

»Halt, das ist eine Finte! Du sollst eingestehen, daß du nicht der Mann bist, mich in Schutz zu nehmen.«

»Effendi, du bist hart; aber ich will dir die Freundlichkeit erweisen, deinen Wunsch zu erfüllen. Ja, ich kann dich nicht beschützen. Bist du nun zufrieden?«

»Ja, Hier hast du die hundert Piaster zurück, und ich denke, daß es dir wohl nicht wieder beikommen wird, mich zu einer Wette aufzufordern.«

Er steckte das Geld rasch ein, zog dann ein ganz anderes Gesicht auf, eine seiner bisherigen Gönner- und Protektormienen, und antwortete:

»Im Reiten vielleicht nicht wieder, nämlich unter diesen Umständen; aber im übrigen darfst du, wenn du gerecht sein willst, getrost zugeben, daß die Eigenschaften meiner Persönlichkeit die große Macht besitzen, die Herzen aller Gläubigen und Ungläubigen zu erfreuen.«

Der Kerl war unverbesserlich; aber es war unmöglich, ihm gram zu sein. Seine Aufschneidereien schadeten niemanden; sie standen mit seinem ganzen Wesen in so inniger Verbindung, daß er ohne dieselben gar nicht genießbar gewesen wäre.

Wir kehrten nach der Stadt zurück, aber nicht in der Richtung, aus der wir gekommen waren, sondern der Stallmeister schlug eine südlichere ein, um mich nach dem Tell es sirr, zu bringen, einem Orte, von welchem er behauptete, daß sich da der Eingang zur Hölle befinde.

Die libyschen Berge zogen sich in langer, aber niedriger Reihe quer über unsere Gesichtslinie. Etwas von diesem Höhenzuge entfernt, ein wenig in die Wüste gerückt, befand sich eine kleine Kuppe, welche nichts als ein Sandhaufen zu sein schien. Das war der Hügel des Geheimnisses.

»Wie ist man denn hinter das Geheimnis, daß da die Pforte der Hölle sei, gelangt?« fragte ich den Stallmeister.

»Das weiß ich nicht. Ich habe es von andern erfahren, die es wieder von andern hörten.«

»Ist der Name Tell es sirr bekannt?«

»Nicht allgemein, denn man spricht nicht gern von diesern bösen Orte. Wer es weiß, der meidet ihn. Aber du bist ein Sohn der Wissenschaft, und da du meinen Sohn mit der Flasche des Lebens gerettet hast und gern alles Merkwürdige in Augenschein nimmst, so habe ich dich auf diese Stelle der Wüste aufmerksam gemacht.«

»Ich sage dir Dank und werde einmal nach der Kuppe des Hügels reiten.«

»Thue das nicht, Effendi! Wenn der Scheitan, sich gerade in der Nähe befindet, so streckt er die Kralle aus der Erde hervor und zieht dich in die Hölle hinab. Es ist hier schon mancher verschwunden, den kein Auge wieder erblickt hat.«

»Das ist möglich; aber dann hat nicht der Teufel es gethan, sondern es giebt Höhlungen, in welche die Betreffenden eingebrochen sind.«

»Man hat nie eine Höhlung gesehen.«

»Weil dieselben durch den Sand der Wüste verschüttet worden sind. Der Wind der Wüste weht von West nach Ost und treibt den Sand unaufhörlich in dieser Richtung fort; dadurch wird jede Vertiefung des Bodens bald ausgefüllt.«

»Du erklärst dir das nach deinem Glauben; wir aber sind Anhänger des Propheten und hüten uns vor dem Rachen der Hölle. Willst du den Hügel wirklich besteigen, so bitte ich dich, auf unsere Begleitung zu verzichten. Wir werden unten bleiben und auf dich warten.«

Jetzt stand dieser Tell es sirr vor uns, ein kleiner Sandkegel von höchstens fünfzig Ellen Höhe. Wir stiegen ab, und ich machte mich daran, ihn zu besteigen. Das hatte keine Schwierigkeit, da er nicht sehr steil war; aber der Sand, aus welchem er zu bestehen schien, war sehr fein und locker, so daß man ein Gefühl hatte, als ob man durch Mehl wate. Ich stieg, um ihn von allen Seiten in Augenschein zu nehmen, nicht in gerader Richtung, sondern in einer Schneckenlinie empor, konnte aber nichts entdecken, was auch nur den geringsten Schein einer Merkwürdigkeit hatte. Ich stand, als ich oben angekommen war, im nackten Sande. Sand, nichts als Sand unter mir und um mich her. Wer weiß, auf welche Weise das dumme Gerücht, daß sich hier der Eingang zur Hölle befinde, entstanden war. Bei Siut gab es Grabgewölbe.Vielleicht waren hier in der Nähe des Hügels auch Gräberhöhlen. Da war nun einmal einer eingebrochen, und sofort hatte man die dadurch entstandene Vertiefung mit der Hölle in Verbindung gebracht. Unter mir sah ich die Gefährten; sie befanden sich nicht weit vom Fuße des Hügels. Es schien, als ob mein langer Selim die Schlappe, welche ihm durch mich geworden war, vergessen machen wolle, denn er hatte sein Pferd wieder bestiegen und ließ es allerlei Sprünge und Wendungen machen. Dann stieg er ab, und nun kroch der dicke Haushofmeister auf seinen schweren Gaul, um ihm dieselben Kunststücke nachzumachen. Wie ich dann hörte, war zwischen diesen beiden ein Streit entstanden, wer von ihnen der beste Reiter sei. Das vermutete ich gleich jetzt und blieb oben stehen, um zu sehen, wie der Dicke seine Sache machen werde.

Er ließ sein Pferd einige Schritte gehen und wollte es dann zwingen, sich vorn aufzurichten; der Gaul sollte sich auf den Hinterfüßen um sich selbst drehen. Aber er war zu schwerfällig dazu und hatte auch keine Lust zu einer so überflüssigen Anstrengung; darum wehrte er sich, schlug aus, stampfte mit den Hufen und – – sank plötzlich mit den Hinterfüßen ein. Noch zur rechten Zeit that er einen mächtigen Satz, arbeitete sich empor und stieg nun vor Schreck vorn in die Luft; der Dicke verlor das Gleichgewicht, fiel hinten herab und – – war verschwunden.

So viel hatte ich von meinem entfernten Standpunkte aus sehen können. Die andern vier brüllten vor Entsetzen wie die Löwen und sprangen von der gefährlichen Stelle fort. Ich rannte den Hügel hinab, dieses Mal nicht in einer Schnecken-, sondern in gerader Linie. Als ich unten angekommen war, rief mir der Stallmeister entgegen:

»Siehst du, daß ich recht hatte, Effendi! Hier ist der Eingang zur Hölle; sie hat den Haushofmeister verschlungen. Das ist die Mondfinsternis von gestern; die hat es ihm verkündet!«

»Richtig, sehr richtig!« stimmte Selim bei. »Nun ist er in die Hölle gestürzt und wird dort braten in alle Ewigkeit.«

»Unsinn!« antwortete ich. »Es hat hier eine Höhlung gegeben, deren Decke unter den Hufen des stampfenden Pferdes eingestürzt ist. Nun kommt es darauf an, welche Tiefe dieselbe hat. Ist es ein Schacht, welcher senkrecht niederfährt, dann steht es freilich schlimm; ist es aber ein wagrechter Stollen oder Gang, so holen wir den Mann gewiß heraus.«

»Es ist kein Stollen, sondern ein Schacht, ein Loch, welches gerade hinab in das Feuer der Hölle führt,« behauptete der Stallmeister. »Der Haushofmeister ist verloren. Wir werden weder seinen Leib noch seinen Geist jemals wiedersehen.«

»Sein Geist wird dir wohl überhaupt noch nicht erschienen sein. Kommt mit zu dem Loche! Wir müssen es untersuchen!«

»Allah behüte mich! Ich bin ein gläubiger Sohn des Propheten und werde mich hüten, dem Eingange zur Hölle nahe zu kommen.«

»Richtig, sehr richtig!« stimmte Selim in seinem schnarrenden Tone bei. »Allah schütze mich vor dem neunzigmal geschwänzten Teufel und der Hölle, deren Flammen die Haut keines frommen Menschen widerstehen kann!«

»Schweig‘!« zürnte ich. »Ihr sprecht vom Eingange und vom Feuer der Hölle. Habt ihr jemals ein Feuer gesehen, welches keinen Rauch hat? Wenn dort unten die Hölle wäre, dann müßte das Loch rauchen. Siehst du das nicht ein?«

Dies Argument hatte die gewünschte Wirkung, welche sich noch steigerte, als ich hinzufügte:

»Du willst der größte Held aller Stämme der Wüste sein und fürchtest dich vor einem kleinen Loche im Erdboden. Schäme dich! Wenn sich hier die Hölle wirklich öffnete, so müßte es nicht nur Rauch, sondern eine fürchterliche Hitze geben; da nun weder das eine noch das andere zu bemerken ist, so ist eure Angst nicht bloß lächerlich, sondern sie kann dem Haushofmeister sogar verhängnisvoll werden. Wir können ihn wahrscheinlich heraufholen; wenn wir aber damit zögern, müssen wir befürchten, die Schuld von seinem Tode auf unser Gewissen zu laden. Seid also keine Feiglinge, und kommt mit heran!«

Während ich das sprach, näherte ich mich der Unglücksstelle. Die andern hatten Mut gewonnen und kamen langsam herbei. Ich blieb ungefähr zwei Ellen von dem Rande des Loches stehen und bog mich vor, um hinabzublicken. Die Seiten der Öffnung bestanden aus Sand. Mein Auge reichte nicht tief genug hinab. ich trat also noch einen Schritt weiter vor; da gab der Boden unter meinen Füßen nach, und ich fand kaum Zeit, mich zurückzuwerfen, so war die Stelle, an welcher ich gestanden hatte, auch in die Tiefe geglitten.

Die andern retirierten schleunigst und Selim rief mir zu:

»Zurück, zurück, Effendi! Bald hätte es dich auch gepackt. Es ist wirklich die Hölle, vielleicht diejenige Abteilung von ihr, in welcher die Seelen der Ungläubigen im ewigen Froste zittern müssen. Da giebt es keinen Rauch. Laß uns die heilige Fatha beten und dann heimkehren, um Allah zu preisen, daß wir nicht auch versunken sind!«

Sie gingen zu den Pferden; ich kam ihnen aber zuvor, zog den Revolver heraus und drohte:

»Bei eurem Propheten und allen Kalifen, ich schieße den, welcher aufsteigt, gleich wieder herunter! Laßt doch nur mit euch reden!«

Das schüchterte sie wohl ebenso sehr ein wie der Gedanke an die Hölle; sie traten zurück, und der Stallmeister antwortete:

»Effendi, du willst der Mörder deines Gastfreundes werden? Das ist nicht recht von dir! Doch wollen wir hören, was du uns noch zu sagen hast.«

Höchst wahrscheinlich mußte dieses lange Verhandeln und Zögern dem Verunglückten verhängnisvoll werden; aber ich allein konnte ihm keine Hilfe bringen; ich brauchte den Beistand der andern und mußte sie zu meinen Absichten bereden. Endlich hatte ich sie so weit.

»Nehmt den Pferden die Zügel,« sagte ich, »und alle Riemen ab. Wenn wir dieselben aneinander schnallen oder binden, werden wir das bekommen, was mir nötig ist.«

Sie machten sich sofort an die Arbeit, bei welcher keine Gefahr vorhanden war. Bald war das Riemenzeug zu einem genügend langen Streifen vereinigt, dessen eines Ende ich mir auf dem Rücken an den Gürtel schnallte; das andere sollten sie festhalten, um mich zurückzuziehen, sobald ich Gefahr lief, einzubrechen. Nun gingen wir wieder zu dem Loche. Sie blieben in der gebotenen Entfernung von demselben stehen; ich legte mich nieder und kroch weiter, ganz so, wie man es thun muß, wenn man einen auf dem Eise Verunglückten aus dem Wasser ziehen will. Je näher ich dem Loche kam, desto langsamer und vorsichtiger schob ich mich vor. Die andern ließen den Riemen so durch ihre Hände gleiten, daß er stets gespannt blieb. Noch war mein Kopf nur einen Fuß von dem Rande entfernt, da gab die entgegengesetzte Kante nach und schoß in die Vertiefung hinab; auf meiner Seite aber hielt der Boden. Es war mir, als ob aus der Tiefe, in welche ich noch nicht sehen konnte, ein Röcheln oder Grunzen ertöne. Ich schob mich also das noch fehlende Stückchen weiter vor und blickte hinab. Was ich jetzt sah, das war überraschend.

Das Loch hatte eine Tiefe von ungefähr vier Ellen. Die Wände desselben bestanden in dem unteren Teile aus schwarzen Nilziegeln und in dem oberen aus Sand. Der erstere Teil hatte ungefähr zwei Ellen ins Geviert; der Durchmesser des letzteren war bedeutender. Die unteren dunklen Ziegelwände glichen dem Innern eines großen, viereckigen Schornsteines, welcher oben durch eine Decke aus ebensolchen Ziegeln verschlossen gewesen war. Darüber hatte sich der Sand der Wüste gebreitet. Die Ziegeldecke war morsch geworden oder hatte sich gelockert; der Sand drückte auf sie, und vorhin hatte sie unter dem Stampfen des schweren Pferdes nachgegeben; sie war ein- und der auf ihr lastende Sand nachgestürzt. Aus diesem Sande ragte – – der Oberkörper des Dicken hervor. Der gute Haushofmeister war bis an den Gürtel hinab zu sehen; er hatte die Hände gefaltet und hielt die Augen geschlossen. Tot war er nicht, denn seinen wulstigen Lippen entfuhr jenes ächzende Seufzen, welches schon mehr ein Grunzen zu nennen war.Jetzt kam es vor allen Dingen darauf an, wie weit der schwarze Ziegelschacht in die Tiefe führte. Ich lag da jedenfalls über einem altägyptischen Bauwerke, über welches sich im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende der Sand der Wüste angehäuft hatte, so daß es unter demselben vollständig verschwunden war. Jedenfalls war der Hügel, welchen ich vorhin bestiegen hatte, auch ein Teil, und vielleicht der wesentliche dieses Bauwerkes. Es war möglich, daß der Schacht eine nur geringe Höhe oder vielmehr Tiefe besaß. Es konnte aber auch sein, daß dieselbe sehr bedeutend war. In diesem letzteren Falle war er durch den niederbrechenden Sand so verstopft worden, daß der Dicke hatte stecken bleiben können. Verlor aber diese Verstopfung den Halt, so mußte der Haushofmeister mit in die Tiefe stürzen. Auf alle Fälle war die Rettung dieses Mannes eine nicht ungefährliche Aufgabe. Da er nur stöhnte, sich aber nicht bewegte, hielt ich ihn für verletzt und besinnungslos. Ich rief ihn an. Ein lautes Grunzen war die Antwort. Ich wiederholte meinen Ruf, und nun antwortete er in dumpfem, gebrochenem Tone:

»Hier bin ich, Asrael!«

Er hielt mich also für den Engel des Todes.

»Kapu kiahaja!« brüllte ich nun hinab. »Öffne doch die Augen, und siehe dich um!«

»Ich kann nicht,« antwortete er jetzt vernehmlicher. »Ich bin ja tot.«

»Auch die Toten werden, wenn sie erwachen, die Augen öffnen. Versuche es nur!«

Da schlug er die Augen auf und blickte geradeaus. Er sah die schwarze Mauer vor sich.

»Schau in die Höhe!« gebot ich ihm.

Er gehorchte und erblickte meinen Kopf, mein Gesicht.

»Du bist es, Effendi?« fragte er matt. »So bin ich also in der Hölle! O Allah, Allah, Allah!«

»Warum in der Hölle?«

»Weil ein Christ nicht in den Himmel, sondern nur in die Hölle kommen kann. Da du bei mir bist, sind wir also in der Hölle.«

Wie konnte ich den Mann von seiner Einbildung, welche seine Rettung verzögerte, befreien? Es gab ein vielleicht sicheres Mittel, nämlich seinen Heißhunger, und ich wendete dasselbe an, indem ich ihm zurief.

»Ja, wir sind in der Hölle; aber du bist nur in ein kleines Loch gestürzt. Wenn wir dich herausgeholt haben, reiten wir nach Siut heim, um das Mittagsmahl einzunehmen. Ich habe Hunger.«

»Ich auch!« antwortete er wie elektrisiert. Sein Gesicht bekam einen ganz anderen Ausdruck. Seine Augen öffneten sich weiter als vorher, und der Blick, den er jetzt nach oben sandte, war klar und forschend auf mich gerichtet.

»So wollen wir uns beeilen!« fuhr ich fort. »Du bist also nicht verwundet oder sonst irgendwie verletzt?«

»Nein – – wenn ich ja nicht gestorben bin.«

»Laß dich nicht auslachen. Du lebst. Wo hast du die Beine? Stehest oder sitzest du im Sande?«

Auf die Lage seiner Beine kam viel an. Saß er, so war der Schacht wahrscheinlich nicht tief-, hatte er sie aber in senkrechter Richtung, so steckte er im Sande über einem gähnenden Schlunde.

»Ich sitze,« antwortete er zu meiner Freude, »auf einem Fußboden von Ziegeln.«

Das erleichterte mir das Herz. Es war kein tiefer Schacht vorhanden, sondern mein Dicker saß in einem wagerechten, unterirdischen Gange, und das senkrechte, viereckige Loch, durch welches er gebrochen war, hatte diesem Gange zur Ventilation gedient.

»Stehe einmal auf!« gebot ich ihm. »Es wird dir nicht schwer fallen, da der Sand dich nicht tief bedeckt.«

Er gehorchte; aber es wurde ihm doch nicht so leicht, wie ich gedacht hatte. Die Enge des Raumes und die Schwere seines Körpers hinderten ihn. Endlich brachte er es doch fertig. Er stand, und ich konnte mit meinem hinabgestreckten Arme beinahe seinen Kopf erreichen. Dabei bemerkte ich, daß meine Sandunterlage hinreichende Festigkeit besaß; der lockere Teil derselben war hinabgestürzt. Der Dicke seufzte tief, tief auf und rief:

»O Allah, o Himmel, o Muhammed, ich bin also wirklich nicht tot; ich lebe; ich werde heimreiten und einen Hammel essen! Effendi, ich sehe nur dich allein. Wo sind die andern?«

»Sie stehen hinter mir, und du wirst sie bald zu sehen bekommen. Kannst du klettern?«

»Nein. Meinst du, daß ich eine Katze bin?«

»So komme ich hinab, um dich zu heben.«

»Dann bin ich oben, und du bist unten. Wie bringen wir dann dich hinauf?«

»Ich klettere an dem Riemen empor. Warte einen Augenblick!«

Ich stand auf und ging zu den andern. Als ich ihnen das Nötige mitgeteilt hatte, wuchs ihr Mut, und sie folgten mir an das Loch. Dort wurden die Riemen doppelt genommen und, während sie dieselben oben festhielten, hinuntergelassen. An diesem Strange kletterte ich hinab. Als ich nun neben dem Dicken stand, füllten wir den Raum, so weit derselbe die Ziegelwände hatte, vollständig aus. Wir konnten uns kaum bewegen, und darum hatte ich große Mühe, dem Dicken die Riemen um die Brust und unter den Armen hindurch auf den Rücken festzuschnallen.

Nun sollte er nach oben geschafft werden. Den schweren Mann bloß zu ziehen, das ging nicht; der Sand hätte nachgegeben und uns verschüttet; ich mußte heben. Aber wie das bewerkstelligen, da ich mich kaum zu bewegen vermochte? Es gab nur eine einzige Art der Ausführung. Ich stand hinter dem Schwarzen; er machte seine Beine so weit wie möglich auseinander, und ich ließ mich langsam niedergleiten, um mich zwischen denselben in den Sand zu setzen, so wie er vorhin gesessen hatte. Dies gelang. Dann mußte er auf meine Schultern steigen, und während die vier Männer oben zogen, erhob ich mich in dem gleichen Tempo unten, indem ich mich mit den Händen und Ellbogen an den Mauern stützte. Das war ein schweres, saures Stück Arbeit. Die oben stehenden Männer durften ihre volle Kraft nicht anwenden, da sonst der Sandboden nachgegeben hätte, und darum hatte ich den größten Teil der Last des schweren Mannes zu tragen. Aber es mußte gehen, und als ich endlich aufrecht stand, ragte sein Oberleib vollständig aus dem Loche empor, so daß sie ihn durch einen letzten, kräftigen Ruck vollends hinausbefördern konnten. Sie hatten so stark gezogen, daß er sich einige Male überkugelte und dann stöhnend liegen blieb. Dies war auf meine Weisung in ganz guter und wohlbedachter Absicht geschehen, da bei einem langsamen Hinaussteigen des unförmlichen Menschen ich der Gefahr des Verschüttens ausgesetzt gewesen wäre. Dann wurden mir die Riemen herabgelassen, und ich turnte mich an denselben ins Freie, ganz unbekümmert darum, ob die Ränder und Wände des Loches unter meinem Gewichte nun einstürzten oder nicht. Als ich oben ankam, hatte der Dicke sich eben von dem gewaltigen Rucke erholt, mit welchem man ihn aus dem Loche geschleudert hatte. Er richtete sich in sitzende Stellung auf, betastete seinen Leib und seine Beine, um zu erfahren, ob vielleicht etwas an ihnen entzwei gegangen sei, und als er sich von dem Wohlbefinden seines Körpers überzeugt hatte, richtete er sich in die Kniee auf, blickte mit dem Gesichte nach Mekka und betete die heilige Fathha, die erste Sure des Kuran. Dann erst stand er vollends auf, trat zu mir, ergriff meine Hände und sagte:

»Effendi, ich war in der Hölle und sehe den Himmel wieder; ich war tot und bin wieder lebendig geworden. Das habe ich dir zu verdanken.«

»Effendi, hast du bemerkt, wie fest ich gehalten habe, als du an den Riemen hingst?« fiel Selim plötzlich ein. »Die andern wollten loslassen, und dann wärest du in das Loch zurückgestürzt und nie wieder herausgekommen. Ich aber hielt fest, und so hast du es nur mir zu verdanken, daß du das Licht des Tages wieder zu sehen bekommst. Da bist du nun hoffentlich überzeugt, daß ich ein starker Beschützer und ein kräftiger Beschirmer bin!«

»Überzeugt bin ich allerdings,« lachte ich und wandte mich ab.

Jetzt stiegen wir auf und ritten nach der Stadt. Der Haushofmeister ersuchte uns, über das Vorgefallene zu schweigen; er befürchtete, sich an seiner Ehre gekränkt zu sehen, falls unser Abenteuer in die Öffentlichkeit dringen sollte. In Beziehung auf das Mittagsmahl waren wir zufrieden. Der Stallmeister und ich mußten als Gäste bei ihm und Selim speisen, und ich muß sagen, daß wir vier so viel vorgesetzt bekamen, daß sich dreißig Personen hätten satt essen können; aber auch nur in dieser Massenhaftigkeit allein bestand der Vorzug dieses Fest- und Freudenessens.

Es war mir ein Spaß, Selim dabei zu beobachten. Bei Murad Nassyr hätte er es nicht wagen dürfen, sich mit an den Tisch zu setzen; hier aber war er Gast, also ein Herr, welcher bedient wird. Sein Gesicht strahlte vor Wonne und Hammelfett, und er floß über von Höflichkeiten und Verheißungen. Er erzählte seine Abenteuer und rechnete uns alle seine Vorzüge an den Fingern her. Kurz und gut, er befand sich so in seinem Fahrwasser und unterhielt uns infolgedessen in einer so prächtigen Weise, daß wir sitzen blieben, bis der Abend dämmerte. Wir konnten also aufstehen, um uns sofort wieder zum Nachtmahle niederzulassen. Der. Dicke hatte während dieser Zeit so viel gegessen, daß ihm die von mir vorgeschriebenen Verbeugungen beinahe unmöglich wurden.

Ich hatte eigentlich vorgehabt, am Nachmittage die Krokodilshöhle von Maabdah zu besuchen, mußte dies aber nun auf den nächsten Morgen verschieben. Der Haushofmeister versprach mir, die dazu nötigen Vorbereitungen anzuordnen. Ich war höchst begierig, diesen Begräbnisplatz von Krokodilen, welche vor zwei- oder dreitausend Jahren einbalsamiert wurden, kennen zu lernen –——————