Roman

21.

Von einem vorzüglichen Essen und dem Genuß einer beträchtlichen Quantität Cognac, den er bei Bartejanskij getrunken hatte, kam Stefan Arkadjewitsch, nur ein wenig spät für die festgesetzte Zeit, zur Gräfin Lydia Iwanowna.

»Wer ist noch bei der Gräfin? Der Franzose?« frug er den Schweizer, indem er den wohlbekannten Überzieher Aleksey Aleksandrowitschs und einen eigentümlichen, wunderbaren Paletot mit Spangen erblickte.

»Aleksey Aleksandrowitsch Karenin und Graf Bessuboff,« antwortete der Portier gemessen.

»Die Fürstin Mjagkaja hat richtig vermutet,« dachte Stefan Arkadjewitsch, als er die Treppe hinaufstieg. »Seltsam; es wäre aber doch Wohl ganz gut, sich ihr zu nähern. Sie besitzt einen ungeheuren Einfluß. Wenn sie mit Pomorskiy ein Wörtchen spricht, dann ist mir’s gewiß.«

Es war draußen noch vollständig hell, in dem kleinen Salon der Gräfin Lydia Iwanowna aber brannten hinter den herabgelassenen Gardinen schon die Lampen.

An einem runden Tisch hinter der Lampe saß die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch in leise geführtem Gespräch. Ein kleiner, magerer Mensch mit einer Weibertaille, an den Knieen eingebogenen Füßen, sehr bleich, hübsch, mit glänzenden, schönen Augen und langen Haaren die auf dem Kragen seines Rockes lagen, stand an dem anderen Ende des Zimmers, die Wand mit den Porträts betrachtend.

Nachdem Stefan Arkadjewitsch die Dame des Hauses und Aleksey Aleksandrowitsch begrüßt hatte, blickte er nochmals unwillkürlich nach dem unbekannten Manne.

»Monsieur Landau,« wandte sich die Gräfin an denselben mit einer Oblonskiy verblüffenden Weichheit und Rücksichtnahme, und machte die beiden miteinander bekannt.

Landau hatte sich schnell umgeblickt, war herangekommen, und hatte lächelnd in die ausgestreckte Rechte Stefan Arkadjewitschs eine unbewegliche, schwitzende Hand gelegt, trat aber dann sogleich hinweg und sah wieder die Porträts an. Die Gräfin und Aleksey Aleksandrowitsch wechselten einen ausdrucksvollen Blick.

»Ich bin sehr erfreut, Euch zu sehen, insbesondere heute,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch einen Platz neben Karenin anweisend.

»Ich habe Euch mit ihm als einem Landau bekannt gemacht,« sprach sie mit leiser Stimme, den Franzosen und dann sogleich Aleksey Aleksandrowitsch anblickend, »doch eigentlich ist er Graf Bessuboff, wie Ihr wahrscheinlich wißt. Er liebt indessen diesen Titel nicht.«

»Ja, ich habe davon gehört,« antwortete Stefan Arkadjewitsch, »man sagt, er habe die Gräfin Bessubowa vollständig wiederhergestellt.«

»Sie war jetzt bei mir, sie ist so zu beklagen,« wandte sich die Gräfin an Aleksey Aleksandrowitsch. »Diese Trennung ist für sie entsetzlich. Es ist ein solcher Schlag für sie.«

»Reist er denn bestimmt ab?« frug Aleksey Aleksandrowitsch.

»Ja; er geht nach Paris; gestern hat er die Stimme gehört, sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, Stefan Arkadjewitsch anblickend.

»Ah, die Stimme,« wiederholte Oblonskiy im Gefühl, daß man sich so vorsichtig wie möglich in dieser Gesellschaft zu verhalten habe, in welcher etwas Absonderliches vor sich ging oder vor sich gehen sollte, zu dem er noch keinen Schlüssel besaß.

Ein minutenlanges Schweigen trat ein, woraus die Gräfin Lydia Iwanowna, gleichsam Sturm laufend auf den Hauptpunkt des Gesprächs, mit seinem Lächeln zu Oblonskiy sagte:

»Ich kenne Euch seit langem und freue mich sehr, Euch näher kennen zu lernen. Les amis de nos amis sont nos amis, aber um ein Freund zu sein, muß man sich in den Seelenzustand des anderen Freundes hineindenken; wobei ich jedoch fürchte, daß Ihr dies mit Bezug auf Aleksey Aleksandrowitsch nicht thut. Ihr versteht, wovon ich rede,« sprach sie, ihre schönen, sinnigen Augen erhebend.

»Zum Teil, Gräfin, verstehe ich, daß die Lage Aleksey Aleksandrowitschs« – sagte Oblonskiy, ohne recht zu begreifen, worum es sich handelte und daher mit der Absicht, sich allgemein zu halten.

»Die Veränderung liegt nicht in der äußerlichen Situation,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna ernst, zugleich mit liebevollem Blick dem sich erhebenden und zu Landau gehenden Aleksey Aleksandrowitsch folgend, »sein Herz hat sich verändert, ihm ist ein neues Herz verliehen worden, und ich fürchte, daß Ihr Euch nicht vollkommen in diese Veränderung hineingedacht habt, die in ihm vor sich gegangen ist.«

»Nun, ich kann mir in allgemeinen Umrissen diese Veränderung schon vorstellen. Wir sind stets Freunde gewesen, und jetzt« – sagte Stefan Arkadjewitsch, mit einem zärtlichen Blicke dem Blick der Gräfin antwortend, wobei er überlegte, welchem der beiden Minister sie näher stände, damit er wissen könne, in bezug auf welchen von den beiden er sie anzugehen hätte.

»Die Veränderung, welche in ihm vor sich gegangen ist, kann seine Gefühle der Nächstenliebe nicht abschwächen; im Gegenteil, diese Veränderung muß die Liebe noch erhöhen. Doch ich fürchte, Ihr versteht mich nicht. Wollt Ihr nicht Thee nehmen?« sagte sie, mit den Augen auf den Diener weisend, welcher auf dem Präsentierbrett Thee reichte.

»Nicht ganz, Gräfin. Versteht sich, sein Unglück« –

»Ja, das Unglück, welches sein größtes Glück geworden ist, da sein Herz ein neues ward, von ihm erfüllt,« sagte sie, voll Liebe auf Aleksey Aleksandrowitsch schauend.

»Ich glaube, man wird sie schon darum bitten können, mit beiden zu sprechen,« dachte Stefan Arkadjewitsch. »O gewiß, Gräfin,« sagte er, »doch ich denke, diese Veränderungen sind so innerlicher Natur, daß niemand, selbst nicht der am allernächsten Stehende, gern davon spricht.«

»Im Gegenteil; wir müssen davon reden, und einander beistehen.«

»Nun ja, ohne Zweifel, es bleibt aber doch ein gewisser Unterschied in den Überzeugungen und dabei« – sagte Oblonskiy mit geschmeidigem Lächeln.

»Es kann keinen Unterschied geben in Sachen der heiligen Wahrheit.«

»Ja, ja, gewiß, doch« – und in Verlegenheit geratend, verstummte Stefan Arkadjewitsch. Er hatte erkannt, daß es sich um die Religion handelte.

»Mir scheint, er wird sogleich einschlafen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch bedeutungsvoll flüsternd, indem er zu Lydia Iwanowna herantrat.

Stefan Arkadjewitsch schaute sich um. Landau saß am Fenster, auf die Armlehne und Rücklehne eines Sessels gestützt, mit herniedergesunkenem Haupte. Als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte, hob er den Kopf und lächelte kindlich -naiv.

»Beobachtet ihn nicht,« sagte Lydia Iwanowna, mit leichter Bewegung ihren Stuhl zu Aleksey Aleksandrowitsch rückend, »ich habe bemerkt« – begann sie, als der Diener mit einem Briefe in das Zimmer trat. Lydia Iwanowna durchflog schnell das Billet, und schrieb dann, nachdem sie um Entschuldigung gebeten, mit außerordentlicher Schnelligkeit etwas nieder, gab die Antwort hinaus und wandte sich wieder zu dem Tische. »Ich habe bemerkt,« fuhr sie in dem begonnenen Gespräch fort, »daß die Moskauer, insbesondere die Herren, die gleichgültigsten Menschen der Religion gegenüber sind.«

»O nein Gräfin, mir scheint, daß die Moskauer im Rufe stehen, die glaubenstreuesten Menschen zu sein,« antwortete Stefan Arkadjewitsch.

»Nun, soviel ich es verstehe, seid Ihr leider einer der Gleichgültigen,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, sich mit mattem Lächeln an ihn wendend.

»Wie kann man nur gleichgültig sein!« sagte Lydia Iwanowna.

»Ich bin in dieser Beziehung weniger gleichgültig, als daß ich nur harre,« antwortete Stefan Arkadjewitsch mit seinem weichsten Lächeln, »ich glaube nicht, daß für mich eine Zeit für solche Fragen kommen könnte.«

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna wechselten einen Blick.

»Wir können nie wissen, ob die Zeit für uns gekommen ist oder nicht,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch streng. »Wir dürfen nicht denken, ob wir bereit sind oder nicht bereit; die göttliche Fügung wird nicht von menschlichem Denken geleitet; sie trifft bisweilen nicht diejenigen, welche streben, sondern die, welche unvorbereitet sind, wie sie Saul traf.«

»Nein; mir scheint, jetzt noch nicht,« sagte Lydia Iwanowna, die währenddem den Bewegungen des Franzosen gefolgt war.

Landau erhob sich und trat zu ihnen.

»Gestattet Ihr mir, zuzuhören?« frug er.

»O gewiß; ich wollte Euch nicht stören,« sagte Lydia Iwanowna ihn zärtlich anblickend, »setzt Euch zu uns.«

»Man soll nur die Augen nicht schließen, um nicht des Lichtes beraubt zu sein,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»Ach, wenn Ihr jenes Glück känntet, welches wir empfinden in dem Gefühl von Gottes steter Gegenwart in unserer Seele!« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, verzückt lächelnd.

»Aber der Mensch kann sich bisweilen unfähig fühlen, sich zu dieser Höhe zu erheben,« sagte Stefan Arkadjewitsch, welcher merkte, daß er einen Bogen schlug, indem er die Höhe der Religion anerkannte, sich aber zugleich dabei nicht entschließen konnte, seine Freidenkerei vor einer Person einzugestehen, welche ihm mit einem einzigen Worte zu Pomorskiy das gewünschte Amt zu verschaffen vermochte.

»Das heißt, Ihr wollt sagen, daß die Sünde ihn daran hindere?« sagte Lydia Iwanowna. »Dies ist eine falsche Ansicht. Es giebt keine Sünde für die Gläubigen, ihre Sünde ist schon losgekauft. – Pardon,« fügte sie hinzu, auf den wiederum mit einem anderen Billet eintretenden Diener blickend. Sie las und antwortete dann in Worten: »Morgen sind wir bei der hohen Fürstin, sagt das; für den Gläubigen giebt es keine Sünde,« setzte sie das Gespräch fort.

»Ja; aber der Glaube ohne Worte ist doch tot,« sagte Stefan Arkadjewitsch, sich dieses Satzes aus dem Katechismus erinnernd, und nur noch durch ein Lächeln seine Unabhängigkeit wahrend.

»So ist es; das ist ans dem Brief des Apostel Jakobus,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch, etwas vorwurfsvoll zu Lydia Iwanowna gewendet, wie betreffs einer Sache, über die sie noch nicht ein einziges Mal gesprochen hätten.

»Wie viel Schaden hat die falsche Auslegung dieser Stelle angerichtet! Nichts zieht so sehr vom Glauben ab, als diese Auslegung; ›ich habe keine Werke, also auch keinen Glauben‹ und doch ist dies nirgends gesagt. Es ist das Umgekehrte gesagt.«

»In Gott sich zu mühen, mit Kasteiungen, in Fasten die Seele zu retten,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna mit widerlicher Geringschätzung, »das sind nur wunderliche Auffassungen unserer Mönche. Denn das ist nirgends gesagt. Es ist dies bei weitem einfacher und leichter,« fügte sie hinzu, Oblonskiy mit dem nämlichen ermutigenden Lächeln anblickend, mit welchem sie bei Hofe die jungen, von der ungewohnten Umgebung verwirrten Damen ermutigte.

»Wir sind erlöst durch Christum, der für uns gelitten hat. Wir sind erlöst im Glauben,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, ihre Worte mit seinem Blick billigend.

» Vous comprenez l’anglais?« frug Lydia Iwanowna und erhob sich, nachdem sie eine bejahende Antwort erhalten hatte, um auf einem kleinen Bücherbrett in den Büchern zu suchen.

»Soll ich ›Safe and Happy‹ oder › Under the Wing‹ lesen?« sprach sie, Karenin fragend anblickend, setzte sich, nachdem sie das Buch gefunden hatte, wieder auf ihren Platz und schlug es auf.

Die Ausführung war sehr kurz. Es wurde hier der Weg beschrieben, auf welchem der Glaube erworben wird und jenes Glück, welches höher ist, als alles Irdische, das hierbei doch die Seele erfüllt. Der Gläubige kann nicht unglücklich sein, weil er nicht allein ist. »Da seht Ihr.« Sie wollte schon weiter lesen, als der Diener wiederum hereintrat.

»Bovosdin? Sagt, morgen um zwei Uhr! – Ja,« sprach sie, die Stelle in dem Buch mit dem Finger bedeckend, und seufzend, mit ihren nachdenklichen schönen Augen vor sich hinblickend. »So wirkt der wahre Glaube; Ihr kennt die Mary Sanina? Ihr kennt ihr Unglück? Sie verlor ihr einziges Kind und war in Verzweiflung. Was geschah da? Sie fand diesen Freund und dankt jetzt Gott für den Tod ihres Kindes. Dies ist das Glück, welches der Glaube verleiht!«

»Ja, ja, das ist viel« – sagte Stefan Arkadjewitsch, zufrieden damit, daß man las und ihm so Gelegenheit geben würde, ein klein wenig zur Überlegung zu kommen. »Es ist doch offenbar am besten heute nicht um etwas zu bitten,« dachte er, »könnte man nur, ohne etwas zu verderben, von hier fortkommen.«

»Es wird Euch langweilig werden,« sagte die Gräfin Lydia Iwanowna, sich an Landau wendend, »Ihr versteht nicht Englisch; doch es ist nur kurz.«

»O, ich verstehe schon,« sagte Landau mit dem nämlichen Lächeln und schloß die Augen.

Aleksey Aleksandrowitsch und Lydia Iwanowna sahen sich bedeutungsvoll an und die Lektüre begann.

22.

Stefan Arkadjewitsch fühlte sich vollkommen verblüfft von den neuen, ihm fremdartigen Gesprächen, die er vernahm. Das Getriebe des Petersburger Lebens wirkte im allgemeinen anregend auf ihn ein, indem es ihn aus dem stagnierenden Moskauer Sumpfe herausbrachte, aber er liebte und verstand dieses Getriebe nur in den ihm nahestehenden und bekannten Kreisen – in dieser fremdartigen Umgebung hier wurde er verlegen, konnte er nicht alles verstehen. Indem er der Gräfin Lydia Iwanowna zuhörte, und die auf ihn gerichteten schönen, naiven oder verschlagenen Augen Landaus – er wußte es selbst nicht – sah, begann Stefan Arkadjewitsch eine gewisse eigenartige Schwere im Kopfe zu empfinden.

Die verschiedenartigsten Gedanken gingen in seinem Kopfe durcheinander. Mary Sanina freut sich, daß ihr Kind gestorben ist – es wäre recht angenehm, könnte man jetzt ein wenig rauchen – um sein Seelenheil zu retten, ist nur nötig, daß man glaubt, und die Mönche wissen nicht, wie man das machen muß, wohl aber die Gräfin Lydia Iwanowna kennt das – woher nur das schwere Gefühl in dem Kopfe? Von dem Cognac oder davon, daß das da alles so sehr seltsam ist? Ich glaube doch wohl bis jetzt nichts Anstößiges begangen zu haben; und doch kann ich sie nicht mehr bitten. Man sagt, sie veranlaßt einen zum Beten; als ob sie mich nicht dazu veranlaßt hätten? Das wird doch gar zu dumm. Und welchen Unsinn sie da liest, sie spricht aber gut aus. Landau – Bessuboff – weshalb heißt er Bessuboff? Plötzlich fühlte Stefan Arkadjewitsch, wie seine Kinnlade unwiderstehlich sich zum Gähnen auszurenken begann. Er strich sich seinen Backenbart, indem er das Gähnen verbarg und schüttelte sich, fühlte aber dann, daß er bereits schlafe und schon zu schnarchen anfange. Er erwachte in dem nämlichen Moment, als die Stimme der Gräfin Lydia Iwanowna sprach »er schläft«.

Stefan Arkadjewitsch kam erschrocken zur Besinnung, er fühlte sich schuldbewußt und überführt, tröstete sich aber sogleich, nachdem er wahrgenommen hatte, die Worte »er schläft« sich nicht auf ihn bezogen, sondern auf Landau.

Der Franzose war ebenso eingeschlafen, wie Stefan Arkadjewitsch. Aber während sein Schlaf sie, wie er meinte, verletzt haben würde – doch selbst hieran dachte er nicht einmal, so seltsam schien ihm alles – erfreute sie der Schlaf Landaus, besonders die Gräfin Lydia Iwanowna, außerordentlich.

» Mon ami,« sagte Lydia Iwanowna, vorsichtig, um nicht Geräusch zu verursachen, die Falten ihres seidenen Kleides streichend und in ihrer Aufregung Karenin schon nicht mehr Aleksey Aleksandrowitsch nennend, sondern » mon ami – donnez lui la main. Vous voyez? St!« – lispelte sie dem abermals eintretenden Diener zu: »Niemand wird empfangen.«

Der Franzose schlief, oder stellte sich schlafend, den Kopf nach der Rücklehne des Sessels geneigt und mit der schwitzenden Hand, die auf dem Knie lag, schwache Bewegungen machend, als ob er etwas fangen wollte. Aleksey Aleksandrowitsch erhob sich, ging vorsichtig, sich an dem Tische anhaltend herzu und legte seine Hand in die des Franzosen. Stefan Arkadjewitsch stand gleichfalls auf, die Augen weit öffnend, im Wunsche, völlig wach zu werden, falls er etwa noch schliefe, und blickte bald auf dieses, bald auf jenes. Alles war Wirklichkeit. Stefan Arkadjewitsch fühlte, daß es ihm im Kopfe immer unbehaglicher wurde.

» Que la personne qui est arrivée la dernière, celle qui demande, qu’elle sorte – Qu’elle sorte!« – sprach der Franzose, ohne die Augen zu öffnen.

» Vous m’excuserez, mais vous voyez – revenez vers dix heurs, encore mieux demain.«

» Qu’elle sorte!« wiederholte der Franzose ungeduldig.

» C’est moi, n’est ce pas?« Mit der bestätigenden Antwort ging Stefan Arkadjewitsch. Er vergaß, um was er Lydia Iwanowna hatte bitten wollen; er vergaß die Sache seiner Schwester, auf den Fußspitzen ging er hinaus, nur in dem einzigen Wunsche, möglichst schnell von hier fortzukommen, wie aus einer Lasterhöhle. Er eilte auf die Straße hinaus und unterhielt sich geraume Zeit scherzend mit dem Kutscher, um möglichst bald wieder zu Verstande zu kommen.

Im französischen Theater, welches er noch für den letzten Akt besuchte, und darauf bei den Tataren beim Champagner, in der ihm eigenen Sphäre, erholte sich Stefan Arkadjewitsch ein wenig, aber gleichwohl war es ihm an diesem Abend gar nicht recht nach Wunsch.

Als er nach Haus zu Peter Oblonskiy gekommen war, bei dem er in Petersburg wohnte, fand er ein Billet von Betsy vor. Dieselbe schrieb ihm, sie wünsche sehr die begonnene Unterhaltung zu beendigen und bitte ihn, morgen zu ihr zu kommen. Er hatte dieses Schreiben kaum durchgelesen, und eine finstere Miene dazu gemacht, als unten die wuchtigen Schritte von Leuten vernehmbar wurden, welche etwas Schweres trugen.

Stefan Arkadjewitsch ging hinaus, um nachzusehen; es war der wieder junggewordene Peter Oblonskiy, welcher so berauscht war, daß er nicht die Treppe heraufgehen konnte. Gleichwohl aber befahl er selbst, ihn auf die Füße zu stellen, als er Stefan Arkadjewitschs ansichtig geworden, und ging mit diesem, an ihn angehängt, in dessen Zimmer, wo er ihm zu erzählen anfing, wie er den Abend verbracht habe. Hier schlief er dann auch ein.

Stefan Arkadjewitsch hatte die Laune verloren, was sich bei ihm selten ereignete, und konnte lange Zeit den Schlaf nicht finden. Alles woran er auch denken mochte, war widerwärtig, aber als das Widerwärtigste, als etwas gewissermaßen Beschämendes, rief er sich den Abend bei der Gräfin Lydia Iwanowna ins Gedächtnis zurück.

Am andern Tage erhielt er von Aleksey Aleksandrowitsch eine bestimmte Verweigerung der Scheidung Annas, und erkannte nun, daß dieser Entschluß auf dem fußte, was der Franzose gestern in seinem wirklichen oder verstellten Schlafe gesagt haben mochte.

23.

Soll im Familienleben etwas unternommen werden, so bedarf es dazu entweder eines vollständigen Zerfalls unter den Gatten, oder einer liebevollen Übereinstimmung. Wenn aber die Beziehungen unter den Gatten unbestimmte sind, weder so noch so, dann kann nichts unternommen werden.

Viele Familien bleiben Jahre lang auf dem alten Platze, der den beiden Gatten gleichgültig geworden ist, nur aus dem Grunde, weil weder ein völliger Zerfall, noch ein ebensolches Einverständnis vorhanden ist.

Sowohl Wronskiy wie Anna war das Moskauer Leben in seiner Hitze, seinem Staub, wobei die Sonne nicht mehr wie im Frühling, sondern wie im Sommer schien, alle Bäume auf den Boulevards längst schon belaubt standen und die Blätter schon von Staub bedeckt waren – unerträglich geworden; doch lebten beide, ohne nach Wosdwishenskoje umzusiedeln, wie schon längst beschlossen war, indem ihnen langweilig gewordenen Moskau weiter, weil zwischen ihnen in letzter Zeit kein Einverständnis mehr bestand.

Die Verstimmung, die sie trennte, hatte keine äußerliche Ursache, und alle Versuche einer Aussprache beseitigten dieselbe nicht nur nicht, sondern vergrößerten sie noch. Es war dies eine innere Verbitterung, welche für Anna ihren Grund in der Abnahme seiner Liebe hatte, für Wronskiy in der Reue darüber, daß er sich ihretwegen in eine schwierige Situation verwickelt hatte, welche Anna, anstatt sie zu erleichtern, nur noch drückender gestaltete. Weder eins, noch das andere von beiden äußerte die Ursache seines Grolls, aber sie hielten sich gegenseitig für ungerecht, und bemühten sich bei jeder Gelegenheit, dies einander zu zeigen.

Für sie war er in seinem ganzen Wesen, mit allen seinen Gewohnheiten, Gedanken, Wünschen, mit seiner ganzen seelischen und physischen Beanlagung nur Eins – die Liebe zum Weib; diese Liebe aber mußte nach ihrem Gefühl, ganz auf sie allein konzentriert sein. Sie hatte sich jedoch vermindert, und folglich hatte er nach ihrem Urteil einen Teil derselben auf andere, oder auf ein anderes Weib übertragen müssen – und so war sie eifersüchtig geworden. Sie war nicht wegen eines anderen Weibes eifersüchtig auf ihn, sondern wegen der Abnahme seiner Liebe. Sie besaß noch keinen Gegenstand auf den sich ihre Eifersucht erstrecken konnte, suchte denselben jedoch, und übertrug bei dem geringsten Fingerzeig diese Eifersucht von dem einen Gegenstand auf den anderen. Bald hegte sie Eifersucht auf ihn wegen jener gewöhnlichen Frauenzimmer, mit denen er dank seinen Junggesellenverbindungen, so leicht in Verbindung treten konnte, bald wegen jener Weltdamen, mit denen er zusammentreffen konnte, bald auch hegte sie Eifersucht auf ein nur in ihrer Vorstellung vorhandenes Mädchen, welches er, indem er sein Verhältnis mit ihr löste, lieben könnte.

Diese letztere Art ihrer Eifersucht folterte sie am meisten, insbesondere deshalb, weil er ihr selbst unvorsichtigerweise in einer offenherzigen Minute gesagt hatte, seine Mutter verstehe ihn so wenig, daß sie sich erlaubt hätte, ihn zur Heirat mit der jungen Fürstin Sorokina zu überreden.

In dieser Eifersucht grollte ihm Anna, und suchte nun in allem Gründe zum Grollen. In allem, was es Drückendes gab in ihrer Lage, klagte sie ihn an; der qualvolle Zustand des Wartens, den sie in Moskau – zwischen Himmel und Erde – durchlebte, die Langsamkeit und Unentschlossenheit Aleksey Aleksandrowitschs, ihre Vereinsamung – alles legte sie ihm zur Last. Wenn er sie liebte, würde er all das Drückende ihrer Lage begriffen, und sie aus derselben befreit haben; daran, daß sie noch in Moskau lebte, und nicht auf dem Lande, war nur er schuld. Er konnte nicht leben, wenn er sich auf dem Lande vergrub, so wie sie es wünschte; ihm war die Gesellschaft unentbehrlich und er hatte sie in diese furchtbare Situation gebracht, deren Schwierigkeit er nicht verstehen wollte. Dann aber trug er auch schuld daran, daß sie auf ewig von ihrem Sohne getrennt war. Selbst die seltenen Minuten der Zärtlichkeit, die für beide kamen, beruhigten sie nicht; in seiner Zärtlichkeit fand sie jetzt einen Anflug von Ruhe und Zuversicht; was früher nicht gewesen war und sie reizte.

Die Dämmerung war schon eingetreten. Anna schritt allein, seine Heimkehr von einem Essen unter Junggesellen erwartend, zu dem er gefahren war, im Kabinett auf und nieder, einem Raum, in welchem das Geräusch vom Trottoir weniger vernehmlich war – und überdachte nochmals die Ausdrücke, welche bei ihrem gestrigen Zwist gefallen waren, in allen Einzelheiten.

Indem sie immer weiter rückwärts ging von den ihr erinnerlichen, kränkenden Worten bei diesem Streite, bis zu dem, was die Veranlassung dazu gebildet hatte, gelangte sie endlich auf den Beginn der Auseinandersetzung. Lange vermochte sie nicht daran zu glauben, daß der Streit aus einem Gespräch entstanden war, welches völlig harmlos, und für keines der beiden von höherem Werte gewesen war. Es war wirklich so. Alles war daher gekommen, daß er über die Mädchengymnasien gespöttelt hatte, indem er sie für unnütz hielt, während sie für dieselben eingetreten war.

Er hatte sich im allgemeinen der weiblichen Bildung gegenüber respektlos verhalten und gesagt, daß Hanna, die von Anna protegierte Engländerin, durchaus keine Kenntnisse in der Physik nötig habe.

Dies hatte Anna gereizt; sie sah hierin eine geringschätzige Hindeutung auf ihre eigenen Beschäftigungen, und ersann und äußerte nun einen Satz, der ihm den ihr bereiteten Schmerz heimzahlen sollte.

»Ich erwarte nicht, daß Ihr an mich und meine Empfindungen dächtet, wie dies nur ein liebender Mann kann, ich hätte aber nur einfach Taktgefühl erwartet,« sagte sie.

Und in der That, er errötete vor Verdruß und antwortete etwas Unangenehmes. Sie besann sich nicht mehr auf ihre Antwort, aber gleich darauf hatte er, offenbar in dem Wunsche, ihr auch weh zu thun, geantwortet:

»Eure Leidenschaft für dieses Mädchen interessiert mich nicht, weil ich sehe, daß sie nicht natürlich ist.«

Diese Härte seinerseits, mit welcher er eine Welt stürzte, die sie sich mit soviel Mühe aufgebaut, um ihr schweres Dasein ertragen zu können, diese Ungerechtigkeit, mit der er sie der Heuchelei, der Unnatürlichkeit zieh, empörte sie.

»Ich beklage sehr, daß allein das Rohe und Materielle Euch verständlich und natürlich erscheint,« sprach sie und verließ das Zimmer.

Als er gestern Abend zu ihr gekommen war, hatten sie des vorgefallenen Zwists gar nicht gedacht, aber beide gefühlt, daß derselbe wohl beigelegt aber nicht vorüber war.

Heute war er nun den ganzen Tag über nicht zu Haus gewesen und sie fühlte sich so vereinsamt und bedrückt in dem Gefühl, mit ihm uneinig zu sein, daß sie alles vergessen, vergeben, sich mit ihm aussöhnen und sich selbst anklagen, ihn aber rechtfertigen wollte.

»Ich selbst bin schuld. Ich bin reizbar und sinnlos eifersüchtig. Ich werde mich mit ihm aussöhnen und wir werden auf das Dorf fahren, dort werde ich ruhiger werden,« sprach sie zu sich selbst.

»Unnatürlich«, kam ihr plötzlich nicht so sehr das Wort, welches sie vor allem verletzt hatte, wieder ins Gedächtnis, als vielmehr eine Absicht, ihr wehe zu thun. »Ich weiß, was er sagen wollte; er wollte sagen, es sei unnatürlich, nicht die eigene Tochter zu lieben, wohl aber ein fremdes Kind. Was versteht er von Liebe zu Kindern, von meiner Liebe zu Sergey, welchen ich ihm geopfert habe? Aber es war so sein Wunsch, mir weh zu thun! Nein; er liebt eine andere, es kann nicht anders sein,« und indem sie gewahrte, daß sie, im Wunsche, ruhig zu werden, wiederum den soviel Mal schon von ihr durchlaufenen Kreis vollendet hatte und zu der alten Erbitterung zurückgekehrt war, erschrak sie über sich selbst.

»Geht es denn aber wirklich nicht an? Sollte ich es nicht auf mich nehmen können?« sprach sie zu sich selbst und begann abermals von Anfang an. »Er ist gerecht, ehrenhaft, er liebt mich. Ich liebe ihn, bald wird die Scheidung erfolgen. Wessen bedarf es da noch? Nur der Ruhe, des Vertrauens, und ich will es auf mich nehmen. Ja, jetzt, sobald er kommt, werde ich ihm sagen, daß ich die Schuldige gewesen bin, obwohl ich es nicht war – und wir wollen dann abreisen,« und um nicht mehr denken, sich nicht mehr ihrem Groll überlassen zu müssen, schellte sie und befahl die Koffer zum Einpacken der Sachen für die Reise aufs Dorf herbeizubringen.

Um zehn Uhr kam Wronskiy an.

16.

In der zehnten Stunde saßen der alte Fürst, Sergey Iwanowitsch und Stefan Arkadjewitsch bei Lewin. Nachdem man über die Wöchnerin gesprochen hatte, unterhielt man sich auch über nebensächliche Dinge.

Lewin hörte ihnen zu und dachte unwillkürlich bei diesen Gesprächen der Vergangenheit, dessen, was bis zum heutigen Morgen geschehen war; er vergegenwärtigte sich auch, wie er sich noch gestern dazu gestellt hatte. Es war ihm, als seien seit dieser Zeit hundert Jahre vergangen. Er fühlte sich auf einer gewissen unzugänglichen Höhe, von welcher er sich vorsorglich herabließ, um diejenigen nicht zu verletzen, mit denen er sprach. Er sprach, und dachte dabei fortwährend seines Weibes, der Einzelheiten ihres jetzigen Zustandes, und seines Sohnes, und suchte sich an den Gedanken seines Vorhandenseins zu gewöhnen. Die ganze Welt des Weiblichen, welche für ihn eine neue, ihm unbekannt gewesene Bedeutung erlangt hatte, seitdem er verheiratet war, erhob sich jetzt in seinem Begriffsvermögen so hoch, daß er sie mit seiner Vorstellungskraft nicht mehr zu umfassen vermochte. Er hörte ans das Gespräch über ein Essen am gestrigen Tag im Klub und dachte dabei »wie mag es jetzt mit ihr stehen, ob sie eingeschlafen ist? Wie mag sie sich befinden? Was mag sie denken? Schreit der kleine Dmitry?« Und mitten in der Unterhaltung sprang er auf und verließ das Zimmer.

»Man hat mir gemeldet, man kann zu ihr,« sagte der Fürst. »Gut; sogleich« – antwortete Lewin, und ging ohne Verzug zu ihr.

Sie schlief nicht und sprach leise mit ihrer Mutter, Pläne über die bevorstehende Taufe entwerfend.

Geputzt, frisiert und in einem zierlichen Häubchen mit blauem Band, die Hände auf der Bettdecke ausgestreckt, lag sie auf dem Rücken, und winkte ihn mit dem Blick zu sich, indem sie dem seinigen begegnete. Ihr Blick, schon ohnehin hell, wurde noch lichter im Maße, als er sich ihr näherte. Auf ihrem Gesicht lag jene Wandlung vom Irdischen zum Überirdischen, welche auf dem Gesicht Verstorbener zu liegen pflegt. Dort aber liegt Vergebung darauf; hier ein Wunsch nach Begegnung. Wiederum trat ihm jene Wallung, ähnlich derjenigen, die er in den Augenblicken der Niederkunft empfunden hatte, ans Herz. Sie nahm ihn bei der Hand und frug, ob er geschlafen habe. Er konnte nicht antworten und wandte sich ab, von seiner Schwäche übermannt.

»Ich habe mich vergessen, mein Konstantin,« sagte sie zu ihm, »doch jetzt befinde ich mich recht wohl.« Sie schaute ihn an, doch plötzlich veränderte sich ihr Ausdruck. »Gebt ihn mir her,« sprach sie, das Wimmern des Kindes vernehmend. »Gebt ihn her, Lisabetha Petrowna, er soll ihn sehen.«

»Hier, der Papa muß ihn sehen,« sagte Lisabetha Petrowna, ein rotes, seltsames, sich bewegendes Etwas emporhebend und herbeibringend; »doch halt, wir wollen ihn erst putzen,« und Lisabetha Petrowna legte dieses sich bewegende, rote Ding auf das Bett, wickelte das Kind auf, und wickelte es wieder zu, nachdem sie es mit einem Finger aufgehoben, umgewendet, und es mit irgend etwas bestreut hatte.

Lewin machte, indem er dieses einzige, klägliche Wesen ansah, vergebliche Anstrengungen, in seiner Seele einige Kennzeichen von Vatergefühl für dasselbe zu entdecken. Er empfand nur Ekel vor ihm. Nachdem es jedoch der Hüllen entledigt war, die zarten Armchen, Füßchen, die wie Saffran aussahen, sichtbar wurden, mit den kleinen Fingerchen, selbst mit dem Daumen, der sich vor den anderen auszeichnete, und als er wahrnahm, wie Lisabetha Petrowna – als wären es weiche Sprungfedern – die gespreizten Armchen andrückte, indem sie sie in ein leinenes Jüpchen steckte, überkam ihn ein solches Mitleid mit diesem Wesen, und eine solche Angst, sie könne demselben schaden, daß er sie an der Hand festhielt.

Lisabetha Petrowna lachte.

»Habt keine Angst; habt keine Angst!«

Nachdem das Kind angezogen und zu einer drallen Puppe umgewandelt worden war, wälzte es Lisabetha Petrowna, als sei sie stolz auf ihr Werk, und trat dann zurück, damit Lewin den Sohn in seiner ganzen Schönheit sehen könne.

Kity schaute unverwandt gleichfalls nach ihm hin.

»Reicht ihn her, reicht ihn her!« sagte sie und wollte sich sogar erheben.

»Was macht Ihr, Katharina Aleksandrowna, solche Bewegungen dürft Ihr nicht machen! Wartet nur, ich werde ihn Euch schon geben. Jetzt wollen wir uns aber erst Papa zeigen, wie hübsch wir sind.«

Und Lisabetha Petrowna erhob auf dem einen Arme – der andere stützte nur mit den Fingern das noch haltlose Genick – dieses seltsame, zappelnde, seinen Kopf unter dem Saum der Windel verbergende rote Wesen. Doch es hatte auch eine Nase, schielende Äugen und schmatzende Lippen.

»Ein schönes Kind!« sagte Lisabetha Petrowna.

Lewin seufzte voll Ingrimm. Dieses schöne Kind flößte ihm nur das Gefühl des Abscheues und des Mitleids ein. Das war durchaus nicht das Gefühl, welches er erwartet hatte.

Er wandte sich ab, wahrend Lisabetha Petrowna das Kind an die noch nicht gewohnte Brust zu legen suchte. Ein Lachen ließ ihn plötzlich den Kopf heben. Kity hatte gelacht. Das Kind hatte sich an ihre Brust gemacht.

»Genug, genug nun!« sagte Lisabetha Petrowna, doch Kity ließ es nicht von sich. Es schlief in ihren Armen ein.

»Sieh jetzt her,« sprach Kity, ihm das Kind so zuwendend, daß er es sehen konnte. Das ältlich aussehende Gesichtchen runzelte sich plötzlich noch mehr; das Kind nieste.

Lächelnd und mit Mühe die Thränen zurückhaltend, küßte Lewin sein Weib und verließ das verdunkelte Gemach.

Was er für dieses kleine Geschöpf empfand, war durchaus nicht das, was er erwartet hatte. Nichts Heiteres und Freudiges lag in diesem Gefühl; im Gegenteil, es verursachte ihm eine ungewohnte, peinliche Angst; die Erkenntnis eines neuen Gebietes, auf dem er verwundbar war. Diese Erkenntnis war ihm in der ersten Zeit so peinlich, die Angst davor, daß dieses hilflose Wesen nicht litte, war so stark, daß infolge derselben die Empfindung einer ungemessenen Freude, selbst des Stolzes, die er hatte, als das Kind nieste, gar nicht bemerkbar wurde.

17.

Die Verhältnisse Stefan Arkadjewitschs hatten sich sehr verschlechtert. Die Gelder für zwei Drittel des Waldes waren bereits verlebt, und das dritte Drittel hatte er unter einem Zinsenabzug von zehn Prozent bei dem Kaufmann schon im voraus fast ganz erhoben. Der Kaufmann gab kein Geld mehr her, umsoweniger, als sich in diesem Winter Darja Aleksandrowna, zum erstenmale rückhaltlos ihre Rechte auf ihr Vermögen geltend machend, geweigert hatte, einen Kontrakt über den Empfang des Betrages für das letzte Drittel des Waldes zu unterschreiben.

Der ganze Gehalt ging für die häuslichen Ausgaben, sowie für die Begleichung der kleinen Forderungen auf, die sich nicht aufschieben ließen. An Geld war vollständige Ebbe eingetreten.

Das war unangenehm, peinlich, und konnte nach der Meinung Stefan Arkadjewitschs nicht so fortgehen. Die Ursache lag nach seiner Auffassung darin, daß er einen zu geringen Gehalt bezog. Das Amt, welches er bekleidete, war offenbar sehr gut gewesen vor fünf Jahren, jetzt aber war dem nicht mehr so. Petroff, der Bankdirektor, hatte zwölftausend Rubel; Swentizkiy, ein Mitglied der Gesellschaft, hatte siebzehntausend, und Mitin, der die Bank gegründet hatte, bezog fünfzigtausend Rubel. »Offenbar habe ich geschlafen und man hat mich vergessen,« dachte Stefan Arkadjewitsch bei sich, und fing nun an, das Ohr zu spitzen, und um sich zu schauen, und gegen das Ende des Winters hin hatte er eine sehr gute Stelle erspäht, auf welche er nun eine Attake machte; zuerst von Moskau aus, mit Hilfe seiner Tanten, Onkel und Freunde, dann aber, nachdem die Sache reif geworden, fuhr er mit dem Frühling selbst nach Petersburg. Es war eines jener Ämter, deren jetzt, mit Einkünften von ein bis zu fünfzigtausend Rubel jährlich Gehalt, mehr geworden sind, als früher vorhanden waren, behagliche, sportelfette Ämter. Es war die Stellung eines Mitglieds in der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der südlichen Eisenbahnen und Bankinstitute. Dieses Amt forderte, wie alle derartigen Stellungen, so ungeheure Kenntnisse, solche Thätigkeit, daß es schwer war, es in einem einzelnen Menschen zu vereinigen.

Da nun ein solcher Mann, der diese Eigenschaften in sich vereinigte, nicht vorhanden war, war es immer noch das beste, wenn das Amt ein ehrenhafter Mann bekleidete, als ein unehrenhafter. Stefan Arkadjewitsch aber war nicht nur ein Ehrenmann – ohne Betonung – sondern er war ein ehrlicher Mensch – mit Betonung – in jenem eigentümlichen Sinne, den dieses Wort in Moskau besitzt, wenn man sagt: Ein ehrlicher Beamter, Schriftsteller, ein ehrliches Journal, eine solide Unternehmung, ehrliche Richtung; und welcher nicht nur andeutet, daß ein Mensch oder eine Institution nicht unehrenhaft ist, sondern auch, daß dieselben fähig sind, bei Gelegenheit der Regierung einen Stich zu versetzen.

Stefan Arkadjewitsch verkehrte in Moskau in denjenigen Kreisen, in denen dieses Wort eingeführt war, in denen er als ehrenhafter Mann angesehen wurde und demgemäß mehr Anrechte auf diese Stellung hatte, als andere.

Das Amt warf jährlich von sieben bis zu zehntausend Rubel ab und Oblonskiy konnte es bekleiden, ohne dabei seinen Regierungsposten aufzugeben. Es hing von zwei Ministerien ab, von einer Dame und zwei Juden, und alle diese Leute mußte Stefan Arkadjewitsch – obwohl sie schon vorbereitet waren – in Petersburg besuchen. Außerdem hatte er seiner Schwester Anna versprochen, von Karenin eine bestimmte Antwort betreffs der Ehescheidung zu erlangen.

Nachdem er sich von Dolly fünfzig Rubel erbeten hatte, fuhr er nach Petersburg.

In dem Kabinett Karenins sitzend, und dessen Projekt betreffs des schlechten Zustandes der russischen Finanzen anhörend, wartete Stefan Arkadjewitsch nur auf die Minute, wo Karenin enden würde, um von seiner Angelegenheit und von Anna zu beginnen.

»Ja, das ist sehr wichtig,« sagte er, als Aleksey Aleksandrowitsch sein Pincenez abnahm, ohne welches er jetzt nicht mehr lesen konnte, und fragend seinen ehemaligen Schwager anschaute, »das ist sehr richtig in den Einzelheiten, aber bei alledem ist doch das Prinzip unserer Zeit – die Freiheit.«

»Ich stelle aber eben ein anderes Prinzip auf, welches das Prinzip der Freiheit mit einschließt,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch, das Wort »einschließt« betonend und das Pincenez wieder aufsetzend, um noch einmal seinem Zuhörer die Stelle vorzulesen, in welcher eben dies gesagt war.

Das schöngeschriebene Manuskript mit den großen weißen Rändern durchblätternd, las Aleksey Alesandrowitsch aufs neue die überzeugende Stelle.

»Ich will kein Protektionssystem, keines im Interesse einzelner Privatpersonen, sondern eines im Interesse des allgemeinen Wohls – für die niedrigsten ebenso wie für die höchsten Klassen« – sagte er, über dem Pincenez hinweg nach Oblonskiy blickend. »Aber die oben können das nicht begreifen, die sind nur von persönlichen Interessen eingenommen und von Phrasen begeistert.«

Stefan Arkadjewitsch wußte, daß Karenin, wenn er davon zu sprechen begann, was die oben thäten und dächten, die Nämlichen, welche seine Projekte nicht annehmen wollten und die die Ursache aller Übelstände in Rußland waren, dem Schluß schon ziemlich nahe war, und entsagte daher jetzt gern der Verteidigung seines Princips der Freiheit und stimmte vollständig ein. Aleksey Aleksandrowitsch verstummte, nachdenklich seine Schrift durchblätternd.

»Ach, bei dieser Gelegenheit« – sagte Stefan Arkadjewitsch, »wollte ich dich bitten, wenn du Pomorskiy sehen solltest, ihm doch ein paar Worte davon zu sagen, daß ich recht sehr die offene Stellung als Mitglied der Kommission der vereinigten Agentur der Kreditaktien-Bilanz der südlichen Eisenbahnen zu haben wünschte.« Stefan Arkadjewitsch war der Titel dieses Amtes, das ihm so sehr am Herzen lag, bereits gewohnt geworden und er sprach ihn schnell herunter, ohne sich dabei zu versehen.

Aleksey Aleksandrowitsch erkundigte sich, worin die Thätigkeit dieser neuen Kommission bestände und überlegte. Er erwog, ob in der Thätigkeit dieser Kommission nicht etwas seinen Plänen Feindliches liegen könne. Doch da die Thätigkeit dieses neuen Instituts eine sehr komplizierte war, und seine Pläne ein sehr großes Gebiet umfaßten, so vermochte er sich dies nicht sofort klarzumachen und sagte, das Pincenez abnehmend:

»Ohne Zweifel kann ich mit ihm davon sprechen; aber warum wünschest du gerade dieses Amt zu übernehmen?«

»Der Gehalt ist gut, gegen neuntausend Rubel, und meine Mittel« –

»Neuntausend,« wiederholte Aleksey Aleksandrowitsch und verfinsterte sich. Die Höhe dieses Gehaltes erinnerte ihn daran, daß nach dieser Seite eine vorausgesetzte Thätigkeit Stefan Arkadjewitschs dem Hauptgedanken seiner Projekte entgegen sein würde, welche stets für die Sparsamkeit waren.

»Ich finde, und habe auch darüber eine Denkschrift geschrieben, daß in unserer Zeit diese ungeheuren Gehälter die Kennzeichen einer falschen ökonomischen assiette unserer Regierung sind.«

»Was willst du?« sagte Stefan Arkadjewitsch. »Nehmen wir an, ein Bankdirektor erhält zehntausend Rubel, so ist er diese doch wohl wert. Oder ein Ingenieur erhält zwanzigtausend.«

»Ich meine, daß der Gehalt eine Bezahlung für Ware ist, und dem Gesetz der Nachfrage und des Angebotes entsprechen muß. Wenn die Normierung eines Gehaltes von diesem Gesetz abweicht, wie zum Beispiel, wenn ich sehe, daß aus einem Institut zwei Ingenieure hervorgehen, gleich kenntnisreich und befähigt, und der eine vierzigtausend Rubel Gehalt erhält, während sich der andere mit zweitausend begnügt; oder wenn man zu Direktoren einer Bank mit ungeheuren Gehältern Rechtsgelehrte einsetzt, die kein bestimmtes Spezialwissen besitzen – so schließe ich daraus, daß der Gehalt nicht nach dem Gesetz von Nachfrage und Angebot bestimmt ist, sondern geradezu nach dem Ansehen der Person. Hierin aber liegt ein Mißbrauch, der sich, wichtig an und für sich, als schadenbringend im Staatsdienst erweist. Ich glaube« –

Stefan Arkadjewitsch beeilte sich, seinen Schwager zu unterbrechen.

»Ja, aber du giebst doch zu, daß sich da eine neue, unzweifelhaft nutzbringende Institution eröffnet; ein lebensfähiges Unternehmen, wenn du willst. Man schätzt es namentlich insofern hoch, als es auf ehrenhafte Weise geleitet werden soll,« sagte Stefan Arkadjewitsch gewichtig.

Die moskauer Bedeutung des Wortes »ehrenhaft« war jedoch für Aleksey Aleksandrowitsch unverständlich.

»Ehrenhaftigkeit ist nur eine negative Eigenschaft,« sagte er.

»Aber du würdest mir gleichwohl einen großen Gefallen erweisen,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »wenn du ein Wort für mich bei Pomorskiy einlegen wolltest,« das Wörtchen »Pomorskiy« unterdrückend, »so im Gespräch.«

»Das hängt aber doch mehr von Bolgarinoff ab, wie mir scheint,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch.

»Bolgarinoff seinerseits ist völlig einverstanden,« sagte Stefan Arkadjewitsch errötend. Er errötete bei der Erwähnung dieses Namens, weil er erst am nämlichen Tage früh bei dem Juden Bolgarinoff gewesen war und dieser Besuch einen unangenehmen Eindruck in ihm hinterlassen hatte.

Stefan Arkadjewitsch wußte genau, daß das Unternehmen, dem er seine Kräfte weihen wollte, neu, lebensfähig und solid war, aber am heutigen Morgen, als Bolgarinoff ihn offenbar mit Absicht zwei Stunden mit anderen Bittstellern im Empfangszimmer hatte warten lassen, da war es ihm dennoch plötzlich peinlich zu Mute geworden. Ob nun deswegen, daß er, ein Nachkomme Rjuriks, ein Fürst Oblonskiy, zwei Stunden in dem Empfangszimmer eines Juden wartete, oder weil er zum erstenmal im Leben, das Beispiel der Vorfahren, der Regierung zu dienen, nicht befolgt hatte und eine neue Laufbahn betrat; jedenfalls war ihm höchst unbehaglich zu Mute gewesen.

Während der zwei Stunden seines Wartens bei Bolgarinoff hatte Stefan Arkadjewitsch, schnell im Empfangssalon auf und abgehend, sich den Lockenbart streichend, mit anderen Bittstellern Gespräche anknüpfend, und über einen Kalauer nachdenkend, den er darüber zum besten geben wollte, wie er bei dem Juden gewartet habe, geflissentlich vor den anderen, ja selbst vor sich, das Gefühl, welches er empfand, verborgen. Er war während dieser ganzen Zeit in unbehaglicher und verdrießlicher Stimmung gewesen, ohne daß er wußte, wie dies kam; ob vielleicht daher, daß aus dem Kalauer, in dem er sich versuchte, nichts wurde – er lautete: »ich hatt‘ es zu thun mit Juden und dafür mußt‘ ich bluten« 3 – oder aus einem anderen Grunde.

Nachdem ihn nun endlich Bolgarinoff mit außerordentlicher Höflichkeit empfangen, augenscheinlich im Triumph über seine Erniedrigung, und ihm einen fast abschläglichen Bescheid erteilt hatte, suchte er dies so schnell als möglich zu vergessen. Jetzt indessen, als er sich hieran erinnerte, errötete er.

  1. Der Originaltext lautet: »bylo djelo so zyda, i ja dozidalsja«, »es gab mit einem Juden Etwas zu thun und ich mußte tüchtig warten«.

18.

»Jetzt habe ich noch ein Anliegen, und du weißt ja welches. Es betrifft Anna,« sagte Stefan Arkadjewitsch, nachdem er eine Weile geschwiegen, und den unangenehmen Eindruck von sich abgeschüttelt hatte.

Kaum hatte Oblonskiy den Namen Annas ausgesprochen, so veränderte sich das Gesicht Aleksey Aleksandrowitschs vollständig; anstatt der früheren Lebhaftigkeit drückte es Ermüdung und etwas Totenhaftes aus.

»Was wollt Ihr denn gerade von mir?« sagte er, sich im Sessel wendend und sein Pincenez zusammenklemmend.

»Einen Entschluß, irgend einen Bescheid, Aleksey Aleksandrowitsch. Ich wende mich jetzt zu dir – nicht zu dem beleidigten Gatten« – wollte Stefan Arkadjewitsch sagen, veränderte jedoch diese Worte in der Furcht, die Sache damit zu verderben, indem er fortfuhr, »nicht als zu dem Staatsmann (was übrigens auch nicht recht angebracht war), sondern einfach zu dir als Menschen, und zwar als guten Menschen und Christen. Du mußt Mitleid mit ihr haben,« sprach er.

»Das heißt, inwiefern denn eigentlich?« sagte Karenin leise.

»Ja, Mitleid mit ihr haben! Wenn du sie sähest, wie ich sie gesehen habe – ich habe den ganzen Winter bei ihr zugebracht – du würdest Erbarmen mit ihr haben. Ihre Lage ist entsetzlich, wirklich entsetzlich.«

»Mir schien.« antwortete Aleksey Aleksandrowitsch mit noch dünnerer, fast pfeifender Stimme, »als habe doch nun Anna Arkadjewna alles das, was sie selbst gewollt hat.«

»Ach, Aleksey Aleksandrowitsch, um Gottes willen keine Rekriminationen! Was vorbei ist, ist vorbei, und du weißt, was sie wünscht und ersehnt – die Ehescheidung.«

»Ich habe aber geglaubt, Anna Arkadjewna wird in die Ehescheidung nicht einwilligen für den Fall, daß ich die Bedingung, mir den Sohn zu lassen, stelle. So habe ich auch geantwortet und gemeint, daß diese Angelegenheit abgethan wäre. Ich erachte sie für abgethan,« sprach Aleksey Aleksandrowitsch mit tönender Stimme.

»Um Gott, ereifere dich nicht,« sprach Stefan Arkadjewitsch, die Kniee seines Schwagers berührend, »die Angelegenheit ist nicht abgethan. Wenn du mir erlaubst, zu rekapitulieren, so lag die Sache so: Als ihr euch trenntet, warest du großmütig, wie man nur großmütig sein kann; du hast ihr alles bewilligt – die Freiheit, sogar die Trennung! Sie weiß das zu schätzen. Nein, denke nicht anders, sie hat es wirklich geschätzt; bis zu einem Grade, daß sie während jener ersten Minuten im Gefühl ihrer Schuld vor dir, nicht einmal alles überdachte oder überdenken konnte. Sie hat auf alles verzichtet, aber die Wirklichkeit, die Zeit, haben ihr gezeigt, daß ihre Lage qualvoll und unmöglich ist.«

»Das Leben Anna Arkadjewnas kann mich nicht interessieren,« unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch, die Brauen in die Höhe ziehend.

»Gestatte mir, dies zu bezweifeln,« entgegnete ihm Stefan Arkadjewitsch geschmeidig, »ihre Lage ist peinlich für sie, und unersprießlich für jedermann, wer es auch sei. Sie hat dieselbe verdient, sagst du. Das weiß sie, und sie bittet dich auch nicht, sagt vielmehr offen heraus, daß sie nicht wagt, um Etwas zu bitten. Ich aber, wir Verwandten alle, alle, die sie lieb haben, wir bitten, wir beschwören dich. Warum soll sie sich quälen? Wem würde besser dadurch?«

»Erlaubt; Ihr versetzt mich, wie es scheint, in die Lage eines Angeklagten,« fuhr Aleksey Aleksandrowitsch fort.

»O nein, o nein; keineswegs; verstehe mich recht,« sagte Stefan Arkadjewitsch, abermals seine Hände berührend, als wäre er überzeugt, daß diese Berührung den Schwager erweichen würde; »ich sage nur das Eine, ihre Lage ist qualvoll, dieselbe kann erleichtert werden durch dich, und du verlierst nichts dabei! Ich werde für dich alles so arrangieren, daß du es nicht merkst. Du hattest mir es doch versprochen.«

»Das Versprechen ist früher gegeben worden. Ich habe geglaubt, daß die Frage über den Sohn die Angelegenheit entschieden hätte. Außerdem habe ich gehofft, daß Anna Arkadjewna Großmut genug haben werde« – Aleksey Aleksandrowitsch brachte dies mit Anstrengung hervor, erbleichend und mit bebenden Lippen.

»Sie stellt alles deiner Großmut anheim und bittet, fleht nur um das Eine – sie dieser unmöglichen Lage zu entheben, in der sie sich befindet! Sie bittet nicht mehr um den Sohn! Aleksey Aleksandrowitsch, du bist ein guter Mensch, versetze dich einen Augenblick in ihre Lage. Die Frage der Ehescheidung ist für sie in ihrer Situation, eine Frage über Leben und Tod. Hättest du nicht früher das Versprechen gegeben, so würde sie sich mit ihrer Lage abzufinden suchen und auf dem Lande bleiben. Aber du hast versprochen, sie hat dir geschrieben und ist nach Moskau gekommen, und in Moskau, wo ihr jede Begegnung einen Stich ins Herz giebt, lebt sie nun seit sechs Monaten, mit jedem Tage eine Entscheidung erwartend. Das ist doch Wohl ganz das Nämliche, als wenn man einen zum Tode Verurteilten Monate hindurch mit der Schlinge um den Hals hält, indem man ihm bald den Tod, bald Begnadigung als möglich in Aussicht stellt. Erbarme dich ihrer, und dann will ich es schon auf mich nehmen die Sache zu ordnen! – Vos scrupules« –

»Ich spreche nicht davon, nicht davon,« unterbrach ihn Aleksey Aleksandrowitsch mit Widerwillen, »ich hatte da vielleicht etwas versprochen, was zu versprechen ich gar kein Recht hatte.«

»So stellst du also in Abrede, mir ein Versprechen gegeben zu haben?«

»Ich habe mich nie bei der Erfüllung einer Möglichkeit geweigert, wünsche aber Zeit zu haben, um überlegen zu können, inwieweit das Versprochene erfüllbar ist.«

»Nein, Aleksey Aleksandrowitsch!« begann Oblonskiy aufspringend, »daran will ich nicht glauben! Sie ist so unglücklich, wie nur ein Weib unglücklich sein kann, und du kannst dich nicht weigern, eine solche« –

– »Soweit mein Versprechen erfüllbar ist. Vous professez d’être un libre penseur, ich aber, als Rechtgläubiger, kann in einer so wichtigen Angelegenheit nicht Wider das christliche Gebot handeln.«

»Aber in der christlichen Gesellschaft und bei uns ist doch, soviel ich weiß, die Ehescheidung zulässig,« sagte Stefan Arkadjewitsch; »die Ehescheidung ist auch in unserer Kirche zulässig und wir sehen« –

– »Sie ist gestattet, doch nicht in diesem Sinne.«

»Aleksey Aleksandrowitsch, ich erkenne dich nicht wieder,« sagte Oblonskiy flehend, »hast du nicht alles vergeben? Haben wir dies nicht hoch angeschlagen? Warest du nicht, getrieben gerade vom christlichen Gefühl, bereit, alles zu opfern? Du selbst hast gesagt, man solle auch den Rock hingeben wenn man das Hemd nähme, und jetzt« –

»Ich bitte dich,« begann Aleksey Aleksandrowitsch, plötzlich auf die Füße springend, bleich, mit bebenden Kinnbacken und pfeifender Stimme, »ich bitte Euch, abzubrechen, abzubrechen – dieses Gespräch« –

»O nein doch! Verzeihe mir, verzeih‘ wenn ich dich gekränkt habe,« beharrte Stefan Arkadjewitsch, verlegen lächelnd und die Hand hinstreckend, »ich habe ja nur wie ein Gesandter meinen Auftrag übermittelt.«

Aleksey Aleksandrowitsch gab ihm die Hand, begann nachzudenken.

»Ich muß überlegen und mich nach Weisungen umsehen. Übermorgen werde ich Euch eine bestimmte Antwort geben,« sagte er nach einigem Nachdenken.

19.

Stefan Arkadjewitsch wollte schon gehen, als Korney erschien mit der Meldung:

»Sergey Aleksejewitsch!«

»Wer ist dieser Sergey Aleksejewitsch?« wollte Stefan Arkadjewitsch anfangen, besann sich aber sogleich. »Ach, der kleine Sergey,« sagte er, »Sergey Aleksejewitsch! Ich dachte, der Direktor des Departements wäre es. Anna hat mich ja gebeten, ihn zu besuchen,« erinnerte er sich, und rief sich jenen schüchternen, mitleiderweckenden Ausdruck wieder ins Gedächtnis, mit welchem ihm Anna, indem sie ihn entließ, gesagt hatte, »du wirst ihn sehen, erforsche genau, wo er ist und wer bei ihm ist. Und mein Stefan – wenn es möglich wäre; es wird doch möglich sein?« Stefan Arkadjewitsch verstand was dieses »wenn es möglich wäre« bedeutete. Wenn es möglich wäre, die Scheidung so zu stände zu bringen, daß er ihr den Sohn überließ! Jetzt sah er indessen, daß hieran nicht zu denken war, aber dennoch freute er sich, den Neffen zu sehen.

Aleksey Aleksandrowitsch machte seinen Schwager darauf aufmerksam, daß man zu seinem Sohne nie von der Mutter spreche und er ihn daher ersuche, kein Wort von derselben zu erwähnen.

»Er war sehr krank geworden nach jenem Wiedersehen mit seiner Mutter, welches wir nicht vorausgesehen hatten,« sagte Aleksey Aleksandrowitsch. »Wir fürchteten sogar für sein Leben. Aber eine verständige Pflege und Seebäder im Sommer haben feine Gesundheit wiederhergestellt, und jetzt habe ich ihn auf Anraten des Arztes in die Schule gegeben. In der That hat auch der Einfluß der Kameraden auf ihn eine günstige Wirkung gehabt und er ist vollkommen gesund und lernt gut.«

»Was für ein hübscher Bursch er geworden ist; das ist nicht mehr der kleine Sergey Aleksejewitsch!« lächelte Stefan Arkadjewitsch, auf den hurtig und ungezwungen eintretenden hübschen, breitschulterigen Knaben in blauer Kutte und langen Beinkleidern blickend. Der Knabe sah gesund und munter aus. Er verneigte sich vor dem Onkel wie vor einem Fremden, doch, als er ihn erkannt hatte, errötete er und wandte sich, als sei er von Etwas beleidigt und erzürnt, hastig von ihm ab. Der Knabe ging zu seinem Vater und gab ihm ein Billet über Censuren, welche er in der Schule erhalten hatte.

»Nun, recht so,« sagte der Vater, »du kannst gehen.«

»Er ist magerer geworden und gewachsen, er hat aufgehört, ein Kind zu sein und ist ein großer Knabe geworden; das liebe ich,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »besinnst du dich noch auf mich?«

Der Knabe blickte schnell nach seinem Vater.

»Ich besinne mich, mon oncle,« antwortete er, auf den Oheim blickend und wiederum in Verwirrung geratend.

Der Onkel rief den Knaben zu sich und nahm ihn bei der Hand.

»Nun, wie geht es denn?« sagte er, im Wunsche, Etwas zu sagen, obwohl er nicht recht wußte, was er sagen sollte.

Der Knabe zog errötend und ohne zu antworten, behutsam seine Hand aus der des Onkels, und sobald Stefan Arkadjewitsch losgelassen hatte, eilte er wie ein Vogel, den man in Freiheit gesetzt hat, mit einem fragenden Blick auf den Vater schnellen Schrittes aus dem Gemach.

Ein Jahr war vergangen, seit der kleine Sergey seine Mutter zum letztenmal gesehen hatte. Seit jener Zeit hatte er nie wieder von ihr gehört. In diesem Jahre nun war er in die Schule gegeben worden und hatte hier Kameraden kennen und lieben gelernt. Jene Gedanken und Erinnerungen an seine Mutter, die ihn nach dem Wiedersehen mit ihr krank gemacht hatten, beschäftigten ihn jetzt nicht mehr. Wenn sie ihn überkamen, scheuchte er sie geflissentlich von sich, indem er sie für schimpflich und nur den Mädchen angemessen hielt aber nicht für einen Knaben und Schulkameraden. Er wußte, daß zwischen Vater und Mutter ein Zwist bestand, der beide trennte; er wußte, daß es ihm beschieden war, bei dem Vater zu bleiben, und suchte sich nun an diesen Gedanken zu gewöhnen.

Daß er den Onkel, welcher seiner Mutter ähnlich war, wiedersah, war ihm unangenehm, weil dies eben wieder jene Erinnerungen, die er für schimpflich hielt, in ihm wachrief. Es war ihm dies um so unangenehmer, als er, nach einigen Worten, die er gehört hatte, indem er an der Thür des Kabinetts wartete, und namentlich nach dem Gesichtsausdruck des Vaters und des Onkels zu urteilen erriet, daß zwischen beiden die Rede von seiner Mutter gewesen sein mußte, und um nun diesen Vater, bei welchem er lebte, und von dem er abhing, nicht hintenanzusetzen, hauptsächlich jedoch sich nicht einer Empfindsamkeit hinzugeben, die er für so verächtlich hielt, bemühte sich der kleine Sergey, diesen Onkel gar nicht anzublicken, welcher gekommen war seine Ruhe zu stören, und nicht an das zu denken, was er ihm ins Gedächtnis zurückrief.

Als ihn jedoch Stefan Arkadjewitsch, der hinter ihm hinausgegangen, und seiner auf der Treppe ansichtig geworden war, zu sich rief, und frug, wie er in der Schule die Zeit in den Zwischenstunden verbringe, unterhielt sich Sergey, außer Gesichtsweite des Vaters, mit ihm.

»Jetzt machen wir Eisenbahn,« sagte er, auf die Frage antwortend. »Und wißt Ihr wie? Zwei setzen sich auf eine Bank; das sind die Passagiere; Einer steht auf der Bank, und alle spannen sich nun davor. Man kann sie nun mit den Händen oder auch an den Gürteln ziehen und so geht es durch alle Säle. Die Thüren werden schon vorher geöffnet. Nur ist es schwer dabei den Kondukteur zu machen.«

»Das ist der, welcher steht?« frug Stefan Arkadjewitsch lächelnd.

»Ja; da ist Kühnheit und Gewandtheit notwendig, besonders wenn sie schnell stehen bleiben oder wenn einer fällt.«

»Ja, das ist kein Spaß,« sagte Stefan Arkadjewitsch, voll Wehmut in diese lebhaften, an die Mutter gemahnenden Augen blickend, die jetzt nicht mehr Kinderaugen, schon nicht ganz unschuldsvoll waren, und obwohl er Aleksey Aleksandrowitsch versprochen hatte, nicht von Anna zu sprechen, hielt er es doch nicht aus.

»Denkst du denn noch deiner Mama?« frug er plötzlich.

»Nein; ich denke nicht mehr an sie,« antwortete Sergey, schnell und schlug, purporrot werdend, die Augen nieder. Der Onkel konnte nun nichts mehr ans ihm herausbringen.

Der Erzieher Slavjanin fand nach einer halben Stunde seinen Zögling auf der Treppe und konnte lange nicht verstehen, ob Sergey jemand zürne oder weine.

»Ihr habt Euch wohl gestoßen, als Ihr fielet?« sagte der Erzieher. »Ich habe doch immer gesagt, daß dies ein gefährliches Spiel ist. Das wird wohl dem Direktor gesagt werden müssen.«

»Wenn ich mich gestoßen hätte, so hatte dies ja doch niemand bemerkt. Das ist doch sicher wahr!«

»Nun was aber ist Euch denn dann?«

»Laßt mich! Ob ich daran denke oder nicht! Was geht das ihn an? Warum soll ich daran denken? Laßt mich in Ruhe!« wandte er sich schon nicht mehr an den Erzieher, sondern an die ganze Welt.

 

20.

Stefan Arkadjewitsch hatte, wie stets, die Zeit in Petersburg nicht müßig zugebracht. In Petersburg hatte er an Geschäften außer der Scheidung der Schwester und der Angelegenheit mit dem Amte wie immer, noch eine Erholung von nöten nach dem Moskauer Stumpfsinn, wie er sagte.

Moskau war ungeachtet seiner Caféchantants und Omnibusse doch für ihn nur ein stehender Sumpf. Dies fühlte Stefan Arkadjewitsch stets, und wenn er in Moskau besonders bei seiner Familie gelebt hatte, fühlte er, daß sein Lebensmut sank. Wenn er lange Zeit, ohne fortzukommen in Moskau zugebracht hatte, kam er soweit, daß er anfing, sich über die schlechte Laune und die Vorwürfe seines Weibes Gedanken zu machen, über die Gesundheit und Erziehung der Kinder, und die kleinen Interessen seines Dienstes; selbst der Umstand, daß er Schulden hatte, beunruhigte ihn.

Es war indessen nur notig, daß er nach Petersburg kam und sich dort aufhielt, in dem Kreise, in welchem er verkehrte, und in welchem man lebte, ja wirklich lebte, und nicht erfror wie in Moskau, um sogleich alle diese Gedanken verschwinden und schmelzen zu lassen, wie Wachs vor dem Scheine des Feuers.

Und sein Weib? – Erst heute hatte er mit dem Fürsten Tschetschenskiy gesprochen. Der Fürst Tschetschenskiy hatte Frau und Kinder – die erwachsenen Kinder waren Pagen – und doch auch eine zweite, illegitime Familie, in welcher gleichfalls Kinder vorhanden waren. Obwohl nun die erste Familie auch gut war, fühlte sich der Fürst doch glücklicher in der zweiten; er brachte seinen ältesten Sohn mit in seine zweite Familie und erzählte Stefan Arkadjewitsch, er fände, dies sei ihm nützlich und förderlich.

Was hätte man hierzu in Moskau gesagt?

Seine Kinder? – In Petersburg hinderten die Kinder die Väter nicht daran, zu leben. Die Kinder wurden in Instituten erzogen, und es gab hier nicht jene in Moskau – bei Lwoff zum Beispiel – verbreitete, seltsame Auffassung, daß den Kindern aller Luxus des Lebens, den Eltern allein Mühe und Sorgen zukämen. Hier hatte man erkannt, daß der Mensch verpflichtet sei, für sich selbst zu leben, wie ein gebildeter Mensch eben leben müsse.

Sein Dienst? – Der Dienst war hier gleichfalls nicht eine so strenge hoffnungslose Fessel, wie die, welche man in Moskau trug; hier war ein Interesse am Dienst vorhanden. Eine Begegnung, ein Verdienst, ein treffendes Wort, die Fähigkeit, sich in den Personen nur verschiedene Gegenstände vorzustellen, war alles, um jemand plötzlich Carriere machen zu lassen, wie Bojanzeff, dem Stefan Arkadjewitsch gestern begegnet und der jetzt einer der ersten Beamten war, sie gemacht hatte. Dieser Dienst gewährte Interesse.

Insbesondere wirkten aber die Petersburger Anschauungen in finanziellen Dingen beruhigend auf Stefan Arkadjewitsch. Bartejanskij, welcher mindestens fünfzigtausend Rubel in dem train, welchen er gerade verfolgte, verbrauchte, hatte ihm erst gestern darüber ein bemerkenswertes Wort fallen lassen.

Vor dem Essen hatte Stefan Arkadjewitsch in der Unterhaltung zu Bartejanskij gesagt:

»Du scheinst dem Mordwinskij nahe zu stehen und könntest mir daher einen Dienst erweisen, wenn du bei ihm für mich ein gutes Wort einlegen wolltest. Es ist da ein Amt vorhanden, welches ich haben möchte, als Mitglied der Agentur« –

»Nun, ich erinnere mich nicht so ganz – aber was hast du für eine Sehnsucht nach diesen Eisenbahngeschäften mit Juden? Doch wie du willst; aber es ist doch etwas Widerwärtiges dabei« –

Stefan Arkadjewitsch sagte ihm nicht, daß es sich um ein lebensfähiges Unternehmen handle: Bartejanskij hätte dies nicht verstanden.

»Ich brauche Geld; habe nichts mehr zu leben.«

»Aber du lebst doch?«

»Ich lebe wohl, habe aber viel Schulden.«

»Was willst du? Hast du viel?« sagte Bartejanskij mitleidig.

»Sehr viel, zwanzigtausend Rubel.«

Bartejanskij lachte lustig auf.

»O glücklicher Mensch!« sagte er, »ich habe anderthalb Million und besitze gar nichts, aber, wie du siehst, kann man doch noch dabei leben!«

Stefan Arkadjewitsch fand nicht sowohl in den Worten allein, als in der Sache selbst die Richtigkeit des Gesagten.

Schivachoff hatte dreihunderttausend Rubel Schulden und nicht eine Kopeke im Vermögen und er lebte doch, und noch dazu auf welche Weise! Den Grafen Krivzoff hatten alle schon totgesungen und er unterhielt doch noch zwei Maitressen. Petrowskiy hatte fünf Millionen durchgebracht und lebte noch immer auf demselben Fuße, verwaltete sogar noch immer Finanzen und bezog zwanzigtausend Rubel Gehalt.

Außer alledem aber wirkte Petersburg auch physisch angenehm auf Stefan Arkadjewitsch ein. Es verjüngte ihn.

In Moskau schaute er zuweilen nach einem grauen Haar, schlief nach dem Essen, reckte sich, stieg im Schritt, schwer atmend die Treppen, langweilte sich mit jungen Weibern und tanzte nicht auf den Bällen. In Petersburg hingegen fühlte er sich stets um zehn Jahre jünger.

Er empfand in Petersburg das, was ihm gestern erst der sechzigjährige Graf Oblonskiy, Peter, der soeben aus dem Ausland zurückgekommen war, gesagt hatte.

»Wir verstehen hier nicht zu leben,« hatte Peter Oblonskiy gesagt, »glaubst du es wohl – ich habe den Sommer in Baden verlebt, aber, wahrhaftig, mich ganz wie ein junger Mensch gefühlt. Kaum sah ich ein junges Frauenzimmer, so gingen die Gedanken – man aß und trank so leichthin – Kraft und Mut war vorhanden. Da aber bin ich nun nach Rußland gekommen – ich mußte zu meiner Frau und auf das Dorf – ja; du wirst es nicht glauben; vierzehn Tage hindurch hatte ich meinen Hausrock angezogen und aufgehört, zur Tafel Toilette zu machen. An die jungen Frauenzimmer denke ich nicht mehr, ich bin ein vollständiger Greis geworden. Nur das Seelenheil zu retten, bleibt mir noch. Dann aber fuhr ich nach Paris – da kam ich wieder in Ordnung.«

Stefan Arkadjewitsch empfand ganz den nämlichen Unterschied, wie Peter Oblonskiy. In Moskau hatte er so nachgelassen, daß er in der That, wenn er lange noch so hätte fortleben müssen, dazu gekommen wäre – was übrigens ganz gut gewesen sein würde – für das Heil seiner Seele zu sorgen. In Petersburg aber fühlte er sich wieder als wahrer Mensch.

Zwischen der Fürstin Betsy Twerskaja und Stefan Arkadjewitsch bestanden alte, sehr seltsame Beziehungen. Stefan Arkadjewitsch machte ihr stets launig den Hof und sagte ihr, immer im Scherz, die indecentesten Dinge, wobei er recht wohl wußte, daß ihr dies ganz besonders gefiel. Am Tage nach seinem Gespräch mit Karenin begab sich Stefan Arkadjewitsch zu ihr. Er fühlte sich so jung, daß er in dieser scherzhaften Cour und seichten Plauderei unvermutet so weit kam, daß er nicht mehr wußte, wie er sich wieder heraushelfen sollte, obwohl sie ihm leider nicht nur nicht gefiel, sondern sogar widerlich war. Dieser Ton herrschte nun deswegen, weil er ihr sehr gefiel, und so kam es, daß er recht froh über die Ankunft der Fürstin Mjagkaja war, welche diesem Alleinsein zu Zweien ein Ende machte.

»Ah, Ihr hier,« sagte sie, ihn erblickend, »nun, wie befindet sich Eure arme Schwester? Haltet mich nicht für neugierig,« fügte sie hinzu, »seit alle sie verlassen haben, alle die, die tausendmal schlechter sind, als sie, finde ich, daß sie schön gehandelt hat. Ich kann es Wronskiy nicht verzeihen, daß er es mich nicht hat wissen lassen, als sie in Petersburg war. Ich wäre zu ihr, und mit ihr überall hingefahren. Übermittelt ihr doch gefälligst den Ausdruck meiner Liebe für sie, und erzählt mir nun von ihr.«

»Ja, ihre Lage ist schwer,« begann Stefan Arkadjewitsch zu erzählen, in der Einfalt seines Herzens die Worte der Fürstin Mjagkaja, für bare Münze nehmend, doch diese unterbrach ihn sogleich, nach ihrer Gewohnheit, und begann selbst zu erzählen.

»Sie hat gethan, was alle außer mir auch thun, jedoch verheimlichen. Sie aber hat nicht täuschen wollen, sondern schön gehandelt, und noch schöner gehandelt, weil sie diesen halben Narren, Euren Schwager, verließ. Ihr entschuldigt mich wohl; alle haben gesagt, daß er klug sei, klug – nur ich allein habe gesagt, daß er ein Thor ist. Jetzt, nachdem er sich mit der Lydia Iwanowna verbunden hat, und mit dem Landau, sagt jedermann, daß er halbverrückt ist. Ich wäre froh, wenn ich nicht mit jedermann einzustimmen brauchte, aber diesmal kann ich doch nicht anders!«

»Erklärt mir doch gefälligst,« sagte Stefan Arkadjewitsch, »was das eigentlich bedeutet? Gestern war ich bei ihm in der Angelegenheit meiner Schwester und ersuchte ihn um einen bestimmten Bescheid. Er gab mir keine Antwort und sagte, er wolle sich bedenken, heute morgen aber erhielt ich anstatt der Antwort eine Einladung für diesen Abend zu der Gräfin Lydia Iwanowna.

»So, so,« sagte die Fürstin Mjagkaja voll Vergnügen. »Sie werden Landau befragen, was der sagen wird.«

»Wie, Landau? Warum? Wer ist das, Landau?« –

»Wie, Ihr kennt nicht Jules Landau le fameux, Jules Landau le clairvoyant? Der ist auch halbverrückt, und doch, von ihm hängt das Schicksal Eurer Schwester ab. Aber das kommt eben vom Leben in der Provinz – Ihr wißt von nichts! – Landau, seht Ihr, war ein Kommis in einem Pariser Magazin und kam einmal zu einem Arzte. Beim Arzt schlief er im Empfangszimmer ein und begann im Schlaf allen Kranken Rat zu erteilen, wunderbare Ratschläge! Hierauf hörte die Frau des Juriy Meledinskiy – Ihr wißt, des Kranken – von diesem Landau und nahm ihn mit zu ihrem Manne. Er kurierte nun ihren Gatten, doch hat er ihm noch keinerlei Nutzen gebracht, nach meiner Meinung, da dieser noch immer so gelähmt ist; allein man glaubt an ihn und giebt sich mit ihm ab. Sie haben ihn mit nach Rußland gebracht, hier hat sich alles auf ihn gestürzt und er hat sie alle zu kurieren begonnen. Die Gräfin Bessubowa hat er geheilt und sie hat ihn so lieb gewonnen, daß sie ihn zu ihrem Sohne gemacht hat.

»Wie, zu ihrem Sohne?«

»Jawohl, adoptiert. Er ist jetzt kein Landau mehr, sondern ein Graf Bessuboff. Doch darum handelt es sich nicht; Lydia jedoch – ich liebe sie sehr, aber sie hat den Kopf nicht auf dem rechten Flecke – hat sich natürlich jetzt diesem Landau in die Arme geworfen und ohne ihn wird weder bei ihr, noch bei Aleksey Aleksandrowitsch ein Beschluß gefaßt, weshalb das Schicksal Eurer Schwester jetzt in den Händen dieses Landau, alias Grafen Bessuboff, liegt.«

13.

Es giebt keine Verhältnisse, an die sich der Mensch nicht gewöhnen könnte; besonders wenn er sieht, daß alle, die ihn umgeben, ebenso leben.

Lewin hätte vor drei Monaten nicht geglaubt, daß er unter den Verhältnissen, in denen er sich jetzt befand, ruhig einschlafen könne; nie gedacht, daß er, indem er ein zweckloses, gehaltloses Leben führte, welches noch dazu über seine Mittel ging, nach seinem Rausche, – denn anders konnte er das nicht nennen, was es im Klub gab – nach Anknüpfung ungereimter, freundschaftlicher Beziehungen zu einem Manne, in welchen einst seine Frau verliebt gewesen war, und einem noch ungereimteren Besuch bei einer Frau, die man nur als gefallen bezeichnen konnte, sowie nach seinem Enthusiasmus für diese Frau und der Erbitterung der Gattin – unter solchen Verhältnissen ruhig einschlafen könne. Allein unter dem Einfluß der Ermüdung, einer schlaflos verbrachten Nacht und des genossenen Weines, entschlief er sanft und selig.

Um fünf Uhr weckte ihn das Kreischen einer geöffneten Thür. Er fuhr auf und schaute sich um. Kity war nicht mehr im Bett neben ihm, aber hinter der spanischen Wand bewegte sich ein Licht und er vernahm ihre Schritte.

»Was giebt es, was giebt es?« sprach er, aus dem Schlafe auffahrend, »Kity, was ist?«

»Nichts,« antwortete diese, das Licht in der Hand, hinter der Zwischenwand hervortretend. »Es war mir unwohl geworden,« sagte sie, mit eigentümlich weichem ausdrucksvollen Lächeln.

»Was ist? Fängt es an, fängt es an?« fuhr er erschreckt fort, »da muß geschickt werden,« und hastig wollte er sich ankleiden.

»Nein, nein,« sagte sie, lächelnd, und ihn mit der Hand zurückhaltend. »Es ist augenscheinlich nicht von Bedeutung. Es war mir nur ein wenig unwohl geworden. Jetzt aber ist es vorüber.« Zu ihrem Bett gehend, löschte sie wieder das Licht, legte sich nieder und blieb still liegen. Obwohl ihm ihre Ruhe, wie die eines verhaltenen Atmens, und mehr noch der Ausdruck einer eigenartigen Weichheit und Aufgeregtheit an ihr, mit welchem sie, hinter der Zwischenwand hervortretend, das »nichts« zu ihm gesagt hatte, verdächtig erschien, verlangte es ihn doch so sehr nach Schlaf, daß er sofort wieder einschlummerte. Erst später gedachte er dieses stillen Atmens, verstand er da alles, was in ihrer edlen, lieben Seele damals vor sich gegangen war, als sie, ohne sich zu rühren, in der Erwartung des wichtigsten Ereignisses im Leben des Weibes, neben ihm gelegen hatte.

Um sieben Uhr erweckte ihn ihre Hand, die ihn an der Schulter berührte, sowie ein leises Flüstern. Sie kämpfte gleichsam noch zwischen dem Bedauern, ihn wecken zu müssen und dem Wunsche, mit ihm zu sprechen.

»Mein Konstantin, erschrick nicht. Es ist nichts. Aber mir scheint – wir müssen nach der Lisabetha Petrowna schicken« –

Das Licht wurde wieder angezündet. Sie setzte sich im Bett und hielt ein Strickzeug in der Hand, mit welchem sie sich in den letzten Tagen beschäftigt hatte.

»Bitte, erschrick nicht, es ist nichts. Ich habe durchaus keine Angst,« sprach sie, sein erschrecktes Gesicht gewahrend, und drückte seine Hand an ihren Busen und dann an ihre Lippen.

Eilig sprang er auf, sich selbst nicht mehr empfindend und kein Auge von ihr wendend, zog seinen Hausrock an und blieb stehen, sie noch immer anblickend. Er mußte gehen, konnte sich aber nicht losreißen von ihrem Blick. Wie sehr er auch ihr Antlitz liebte, ihre Mienen kannte, und ihren Blick, aber so hatte er sie doch noch nie gesehen! Wie abscheulich und furchtbar erschien er jetzt sich selbst, indem er sich ihrer gestrigen Erbitterung entsann, hier vor ihr in ihrer Lage jetzt! Ihr gerötetes Gesicht, umgeben von dem sich unter dem Nachthäubchen hervordrängenden, weichen Haar, schimmerte von Freude und Entschlossenheit. So wenig Unnatürliches und Gekünsteltes auch im allgemeinen Charakter Kitys lag, so war Lewin dennoch betroffen von dem, was sich vor ihm jetzt enthüllte, als plötzlich alle die Schleier abgenommen waren, und der ganze Kern ihrer Seele in ihren Augen leuchtete.

In dieser Einfachheit und Hüllenlosigkeit wurde sie, die, welche er liebte, noch klarer sichtbar für ihn. Lächelnd schaute sie auf ihn, doch plötzlich erbebten ihre Brauen, sie hob das Haupt, und schnell zu ihm tretend, nahm sie ihn bei der Hand; sie schmiegte sich eng an ihn, und umgab ihn mit ihrem heißen Odem. Sie litt und es war, als beklage sie sich bei ihm über ihr Leiden. Auch ihm schien im ersten Augenblick nach seiner Gewohnheit, als sei er schuldig, aber in ihrem Blick lag eine Zärtlichkeit, welche sagte, daß sie ihm nicht nur keinen Vorwurf mache, sondern ihn für diese Leiden liebe. »Wenn ich es nicht bin – wer trüge dann die Schuld hieran?« dachte er unwillkürlich, den Urheber aller dieser Leiden suchend, um ihn zu strafen; aber es war kein Schuldiger da. Sie litt, klagte und triumphierte zugleich über diese Leiden, sie freute sich ihrer und liebte sie. Er sah, daß sich in ihrer Seele etwas Schönes vollziehe, aber was es war? Er konnte es nicht erfassen. Es stand über seinem Erkenntnisvermögen.

»Ich habe zu Mama geschickt, fahre du möglichst schnell nach der Lisabetha Petrowna – mein Konstantin – es ist nichts; schon vorüber« – Sie verließ ihn und schellte. »Also geh jetzt; Pascha kommt. Mir fehlt nichts.«

Mit Verwunderung sah Lewin, daß sie die Strickerei ergriff, die sie am Abend mitgebracht hatte und von neuem zu stricken begann.

Während Lewin durch die eine Thür hinausging, hörte er noch, wie das Mädchen durch die andere hereintrat. Er blieb an der Thür stehen und vernahm, wie Kity der Zofe ausführliche Anweisungen erteilte, und mit ihr selbst das Bett zu rücken begann.

Er kleidete sich an und eilte, bis man die Pferde angespannt haben würde – ein Mietgeschirr war noch nicht zu haben – wieder nach dem Schlafzimmer, nicht auf den Fußspitzen, sondern auf Flügeln wie ihm schien.

Zwei Mädchen räumten geschäftig um im Schlafzimmer; Kity selbst ging umher und strickte, schnell die Maschen werfend und Anordnungen dabei treffend. »Ich werde sogleich zum Arzte eilen. Nach der Lisabetha Petrowna ist man gefahren; ich aber will erst noch hin, ist nicht noch etwas nötig? Soll ich zu Dolly?«

Sie blickte ihn an, offenbar ohne zu hören, was er sprach.

»Ja. ja. Geh,« sprach sie schnell, sich verfinsternd und ihm mit der Hand zuwinkend. Er war schon in den Salon hinaus, als plötzlich ein klägliches, sogleich wieder verstummendes Stöhnen aus dem Schlafzimmer ertönte. Er blieb stehen und konnte lange nicht verstehen.

»Ja; das war sie,« sagte er zu sich selbst und lief, sich nach dem Kopfe greifend, hinab. »Gott erbarme dich! Vergieb mir und steh‘ mir bei!« stammelte er mit Worten, die gleichsam plötzlich und unerwartet ihm über die Lippen kamen. Er, der da nicht glaubte, wiederholte diese Worte nicht nur mit dem Munde allein. Jetzt, in dieser Minute erkannte er, daß nicht nur alle seine Zweifel, sondern auch die Unmöglichkeit, aus Verstandesgründen zu glauben, die er in sich selbst wahrgenommen hatte, ihn keineswegs daran verhinderten, sich an Gott zu wenden. Alles das flog ihm jetzt wie Staub von seiner Seele herunter. An wen sollte er sich wenden, wenn nicht an den, in dessen Händen er sich fühlte, seine Seele und seine Liebe?

Das Pferd war noch nicht fertig, und so eilte er im Gefühl einer eigentümlichen Spannung seiner physischen Kräfte und Wahrnehmungsfähigkeit für das, was er zu thun hatte, damit nicht eine Minute verloren ging – ohne auf das Pferd zu warten – zu Fuß hinweg und befahl Kusma, ihm nachzukommen. An der Ecke traf er auf eine daherjagende Nachtdroschke. In einem kleinen Schlitten, mit kurzem Sammetpelzmantel und in ein Umschlagtuch gewickelt, saß Lisabetha Petrowna.

»Gott sei Dank, Gott sei Dank!« sagte er, mit Entzücken sie und ihr kleines blondes Gesicht, welches jetzt einen eigentümlich ernsten, sogar strengen Ausdruck hatte, erkennend. Ohne dem Kutscher zu befehlen, anzuhalten, rannte er neben ihr wieder mit zurück.

»Also seit zwei Stunden? Nicht wahr?« frug sie, »Ihr werdet Peter Dmitrjewitsch schon treffen, aber drängt ihn nur nicht! Nehmt auch Opium aus der Apotheke mit.« »So denkt Ihr also, daß es glücklich geht? Gott erbarme sich und steh‘ mir bei!« sagte Lewin, welcher jetzt sein aus dem Thor herauskommendes Geschirr erblickte. Zu Kusma in den Schlitten springend, befahl er diesem, zum Arzt zu fahren.

14.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden und der Diener sagte, er sei spät zu Bett gegangen und habe nicht befohlen, ihn zu wecken, doch stehe er bald auf.

Der Diener putzte Lampengläser und schien davon sehr in Anspruch genommen zu sein. Diese Aufmerksamkeit des Dieners für seine Gläser und der Gleichmut gegenüber dem, was sich bei Lewin vollzog, setzte diesen anfangs außer Fassung, doch erkannte er, zur Überlegung kommend sogleich, daß ja niemand seine Empfindungen kenne, und kennen müsse, und es daher um so notwendiger sei, ruhig zu handeln, wohlüberlegt und entschlossen, um diese Mauer der Indifferenz zu durchbrechen und seinen Zweck zu erreichen.

»Eile mit Weile,« sagte Lewin zu sich selbst, mehr und mehr eine Zunahme seiner physischen Kräfte, sowie seiner Wahrnehmungsfähigkeit für alles das, was er zu thun hatte, verspürend.

Nachdem er gehört, daß der Arzt noch nicht aufgestanden sei, blieb Lewin innerhalb der verschiedenen Pläne, die in ihm erstanden, bei dem, daß Kusma mit einem Billet zu einem andern Arzte fuhr, während er selbst in die Apotheke nach Opium eilte; sollte aber, wenn er zurückkäme, der Doktor noch nicht aufgestanden sein, so wollte er den Diener bestechen oder wenn derselbe nicht einwilligte, den Arzt mit Gewalt wecken, koste es, was es wolle.

In der Apotheke verschloß ein dürrer Provisor mit ganz dem nämlichen Gleichmut, mit welchem der Lakai die Gläser geputzt hatte, vermittelst einer Oblate Pulver für einen wartenden Kutscher, und verweigerte das Opium. Im Bestreben, nichts zu überhasten und nicht in Aufregung zu geraten, begann Lewin, nachdem er den Namen des Arztes und der Hebamme genannt, und erklärt hatte, wozu das Opium nötig sei, den Provisor zu überreden. Derselbe frug in deutscher Sprache um Rat, ob er es geben könne, und holte, nachdem er hinter einer Zwischenwand heraus Zustimmung erhalten hatte, ein Gläschen und einen Trichter herbei, worauf er langsam aus einem großen Gefäß in ein kleines Fläschchen goß, einen weißen Papierstreif anklebte und siegelte. Ungeachtet der Bitte Lewins, es nicht zu thun, wollte er das Fläschchen nochmals einwickeln. Das konnte aber Lewin nicht mehr aushalten; entschlossen riß er dem Manne das Fläschchen aus den Händen und stürzte zu der großen Glasthür hinaus.

Der Arzt war noch nicht aufgestanden, und der Diener, jetzt mit dem Ausbreiten eines Teppichs beschäftigt, weigerte sich, ihn zu wecken. Lewin zog ohne Überstürzung ein Zehnrubelpapier hervor, gab es ihm, mit einigen langsam gesprochenen Worten, aber ohne Zeit zu verlieren, und erklärte, daß Peter Dmitrjewitsch – wie erhaben und bedeutungsvoll erschien Lewin jetzt der vorher so unbedeutend gewesene Peter Dmitrjewitsch – versprochen habe, zu jeder Zeit da sein zu wollen, und sicherlich nicht ungehalten sein werde selbst darüber, daß er ihn sogleich wecke.

Der Diener gehorchte, ging nach oben und lud Lewin ein, in das Empfangszimmer zu treten.

Lewin vermochte hinter der Thür zu hören, wie der Arzt hustete, umherging, sich wusch und Etwas sagte. Es vergingen drei Minuten; Lewin schien es, als wäre mehr als eine halbe Stunde vergangen. Er konnte nicht länger warten.

»Peter Dmitrjewitsch, Peter Dmitrjewitsch,« rief er mit beschwörender Stimme in die geöffnete Thür hinein; »um Gottes willen, verzeiht mir, nehmt mich heute, wie ich bin; es hat schon seit mehr als zwei Stunden begonnen!«

»Sofort, sofort!« antwortete eine Stimme und Lewin hörte mit Erstaunen, daß der Arzt dies lächelnd sagte.

»Auf eine Minute!«

»Sogleich.«

Es vergingen noch zwei Minuten, während deren der Arzt die Stiefel anzog, zwei weitere, während er das Tuch umwarf und sich den Kopf bürstete.

»Peter Dmitrjewitsch,« begann Lewin abermals mit kläglicher Stimme, doch gerade erschien der Arzt, angekleidet und gekämmt. »Diese Leute haben kein Gewissen,« dachte Lewin, »sich zu kämmen, während wir verderben!«

»Guten Morgen!« sagte der Arzt zu ihm, die Hand hinreichend, als wollte er ihn mit seiner Ruhe necken. »Beunruhigt Euch nicht, wie steht es?«

Sich bemühend, so ausführlich wie möglich zu sein, begann Lewin alle unnötigen Einzelheiten über den Zustand seiner Frau zu erzählen, seinen Bericht unaufhörlich mit Bitten, der Arzt mochte sogleich mit ihm kommen, unterbrechend.

»Habt keine Angst; Ihr kennt das wohl noch nicht. Ich bin gewiß gar nicht notwendig, habe es aber versprochen und werde kommen. Aber Eile hat es keine. Setzt Euch doch gefälligst; ist nicht ein Kaffee gefällig?«

Lewin schaute ihn an, mit dem Blick fragend, ob sich der Arzt über ihn lustig machen wolle. Doch dieser dachte gar nicht daran, zu scherzen.

»Ich weiß schon, weiß schon,« sprach er lächelnd, »auch ich bin Familienvater, aber wir, die Männer, sind in diesen Augenblicken doch die beklagenswertesten Menschen. Ich habe da eine Patientin, deren Mann in solchen Momenten stets in den Pferdestall läuft.«

»Aber wie meint Ihr, Peter Dmitrjewitsch? Glaubt Ihr, daß alles glücklich gehen kann?«

»Alle Bedingungen für einen günstigen Ausgang sind vorhanden.«

»Ihr kommt also sofort?« sagte Lewin, zornig auf den Diener blickend, der den Kaffee brachte.

»In einem Stündchen.«

»Ach, nein doch, um Gottes willen!«

»Aber dann laßt mich doch wenigstens meinen Kaffee trinken.«

Der Arzt widmete sich dem Kaffee. Beide schwiegen.

»Man wird die Türken doch entschieden schlagen. Habt Ihr die gestrige Depesche gelesen?« sagte der Doktor semmelkauend.

»Nein; ich kann nicht mehr,« rief Lewin aufspringend, »Ihr werdet also nach Verlauf einer Viertelstunde kommen?«

»In einer halben Stunde.«

»Auf Ehrenwort?«

Als Lewin wieder nach Hause kam, traf er mit der Fürstin zusammen, und beide begaben sich zur Thür des Schlafzimmers.

Die Fürstin hatte Thränen in den Augen und ihre Hände zitterten; als sie Lewin erblickte, umarmte sie ihn und brach in Thränen aus.

»Nun, liebe Lisabetha Petrowna,« sagte sie, die ihnen mit hellem, sorglichen Gesicht daraus entgegentretende Lisabetha Petrowna an der Hand fassend.

»Es geht gut,« sagte sie, »überredet sie nur, sich niederzulegen. Es wird ihr dann leichter sein.«

Seit dem Augenblick, als er erwacht war und erkannt hatte, um was es sich handelte, hatte er sich darauf vorbereitet, ohne Erwägungen und Vermutungen im voraus anzustellen, alle Gedanken und Gefühle in sich verschließend, mannhaft, sein Weib nicht aus der Fassung bringend, sondern im Gegenteil sie beruhigend und ihren Heldenmut stützend – zu ertragen, was ihm bevorstand.

Ohne sich zu gestatten, nur daran zu denken, was kommen würde, und wie das enden sollte, nur nach seinen eingehenden Erkundigungen, wie sehr sich derartige Ereignisse gewöhnlich in die Länge zögen, urteilend, hatte sich Lewin innerlich gefaßt gemacht, zu dulden, fünf Stunden lang, und es hatte ihm das auch möglich geschienen.

Als er indessen vom Arzte heimgekommen war und von neuem ihre Leiden sah, begann er öfter und öfter zu wiederholen »Gott vergieb mir und steh‘ mir bei!« und seufzend den Kopf emporzuheben, und fing an zu befürchten, daß er dies nicht aushalten, sondern in Thränen ausbrechen, oder davonlaufen würde. In solch qualvoller Stimmung befand er sich, und doch war erst eine Stunde vergangen.

Aber nach dieser Stunde verging noch eine; zwei, drei, alle fünf Stunden vergingen, die er sich als höchste Frist seiner Geduldsprobe gesetzt hatte, und die Situation war noch immer dieselbe; er litt noch immer, weil sich weiter nichts thun ließ als leiden, jede Minute denkend, er sei bis an die äußersten Grenzen der Geduld gekommen, und das Herz müsse ihm nun von Mitleid zerrissen werden.

Aber Minuten vergingen, Stunden, Stunden auf Stunden, und die Empfindungen von Schmerz und Angst in ihm wuchsen und wurden noch höher gespannt.

Alle jene gewöhnlichen Verhältnisse im Leben, ohne die man sich gewöhnlich nichts vorstellen kann, waren für Lewin nicht mehr vorhanden. Er hatte das Zeitbewußtsein verloren. Jene Minuten – jene Minuten, da sie ihn zu sich rief und er ihre schweißbedeckte, mit außergewöhnlicher Kraft seine Hand bald pressende, bald hinwegstoßende Rechte hielt, schienen ihm bald Stunden, bald schienen sie ihm Minuten. Er war verwundert, als Lisabetha Petrowna ihn bat, das Licht hinter dem Schirm anzuzünden und als er wahrnahm, daß es bereits fünf Uhr abends war.

Hätte man ihm gesagt, daß es jetzt erst zehn Uhr morgens wäre, er würde ebensowenig verwundert gewesen sein. Wo er während dieser Zeit war, wußte er ebensowenig, wie wenn Etwas geschah. Er sah ihr glühendes, bald verzweifeltes und leidendes, bald lächelndes und ihn beschwichtigendes Gesicht. Er sah auch die Fürstin, rot im Gesicht, aufgeregt, mit den aufgegangenen Locken der grauen Haare, und in Thränen, die sie mühsam verschluckte, sich die Lippen zernagen; er sah Dolly, den Arzt, welcher dicke Cigaretten rauchte, und Lisabetha Petrowna mit ihrem festen, energischen und ruhigen Gesicht, sowie den alten Fürsten, der mit finsterem Gesicht im Salon auf und abschritt. Aber wie sie gekommen waren oder gingen, wo sie waren – er wußte es nicht.

Die Fürstin war bald bei dem Arzte im Schlafzimmer, bald im Kabinett, wo sich ein gedeckter Tisch befand; bald war sie abwesend und Dolly war da. Dann erinnerte sich Lewin, daß man ihn fortgeschickt hatte; einmal hatte man ihn geschickt, einen Tisch und ein Sofa zu transportieren. Er hatte dies voll Eifers gethan, indem er meinte, es sei für sie nötig, und erst dann erkannt, daß er sich selbst damit ein Nachtlager bereitet hatte. Darauf sandte man ihn zum Arzt ins Kabinett, damit er nach etwas frage. Der Arzt antwortete und begann dann von den Unordnungen in der Duma zu sprechen. Hierauf schickte man ihn in das Schlafzimmer zur Fürstin, derselben ein Heiligenbild in silbernem, vergoldetem Gewand zu bringen. Er kletterte nebst der alten Kammerfrau der Fürstin auf einen Schrank, um es zu erlangen und zerbrach dabei eine Lampe; die Kammerfrau der Fürstin beruhigte ihn über seine Frau und über die Lampe und er brachte das Heiligenbild und stellte es zu Häupten Kitys, es sorgfältig hinter die Kissen steckend. Aber wo, wann und warum alles das war, wußte er nicht. Er verstand auch nicht, weshalb ihn die Fürstin bei der Hand nahm und ihn mit einem Blick voll Mitleid bat, sich zu beruhigen, weshalb Dolly ihm zuredete, zu essen, und ihn aus dem Zimmer führte, ja, selbst der Doktor ihn ernst und teilnahmsvoll anschaute und ihm einen stärkenden Tropfen empfahl.

Er wußte und fühlte nur, daß das, was sich jetzt vollzog, dem ähnlich war, was sich ein Jahr vorher in dem Hotel der Gouvernementsstadt auf dem Totenbett seines Bruders Nikolay vollzogen hatte.

Jenes aber war ein Schmerz gewesen – dies war eine Freude! – Doch sowohl jener Schmerz, wie diese Freude lagen vereinsamt außerhalb aller gewohnten Verhältnisse des Lebens; sie bildeten in diesem gewöhnlichen Leben gleichsam Öffnungen, durch welche etwas Höheres erschien. In ganz gleicher Weise unergründlich, erhob sich die Seele vor der Betrachtung dieses Höchsten auf eine Höhe, wie sie nie zuvor begriffen, und wohin der Verstand nicht mehr reichte.

»Gott vergieb mir und steh‘ mir bei,« stammelte er ohne Unterlaß, ungeachtet der so langjährigen und ihm vollkommen erschienenen Entfremdung, in dem Gefühl, daß er sich ganz so vertrauensselig und naiv wieder zu Gott wende, wie in den Zeiten seiner Kindheit und ersten Jugend.

Während dieser ganzen Zeit herrschten in ihm zwei in sich gesonderte Stimmungen. Die eine war vorhanden, wenn er sich nicht in der Gegenwart seiner Frau befand; sie gruppierte sich um den Arzt, welche eine seiner dicken Cigaretten nach der anderen rauchte und sie dann an dem Rande des gefüllten Aschenbechers löschte, um Dolly und den Fürsten, von denen ein Gespräch über das Essen, über die Politik und die Krankheit Marja Petrownas gepflogen wurde, und wo Lewin plötzlich auf einen Moment völlig vergaß, was vorging, sich gleichsam erwacht fühlte – die andere herrschte in ihm, wenn er in ihrer Gegenwart war; an ihrem Kopfkissen stand, und es ihm das Herz zerreißen wollte vor Mitleid und doch nicht zerriß, und wo er ohne Aufhören zu Gott flehte.

Jedesmal, wenn ihn ein aus dem Schlafzimmer zu ihm dringender Schrei einer Minute des Vergessens wieder entriß, geriet er in den nämlichen seltsamen Irrtum, dem er in der ersten Minute verfallen war. Jedesmal, sobald er einen Schrei vernahm, sprang er auf und eilte, um sich zu entschuldigen, besann sich aber unterwegs, daß er ja nicht schuld sei; er wollte schützen, helfen. Erblickte er sie aber dann, sah er von neuem, daß es unmöglich sei zu helfen, so geriet er in Schrecken und sprach »Gott vergieb mir und steh mir bei.«

Je weiter die Zeit vorrückte, um so stärker wurden diese beiden Stimmungen; um so ruhiger wurde er, indem er seine Frau völlig vergaß, in der Abwesenheit von ihr, um so qualvoller wurden ihm aber auch ihre Leiden und das Gefühl der Hilflosigkeit, diesen gegenüber. Er sprang empor, wollte fort, und lief zu ihr.

Bisweilen, wenn sie ihn immer und immer wieder rief, machte er ihr Vorwürfe, doch wenn er ihr ergebenes, lächelndes Antlitz gesehen, ihre Worte gehört hatte: »Ich martere dich,« machte er Gott Vorwürfe, gedachte er aber Gottes, so flehte er sogleich um Vergebung und Erbarmen.