Roman

Kapitel 10

 

Kapitel 10

 

Bradley ging zur Garage zurück, in der Ann Perrymans Wagen untergestellt war. Er entließ seine Leute, nachdem das Auto in den Hof gebracht worden war, und begann allein das Innere mit Hilfe seiner Taschenlampe sorgfältig abzusuchen.

 

Es war nicht schwer, das Geheimfach unter dem Führersitz zu finden und zu entdecken, wie man den Inhalt von unten herausnehmen konnte. Das Fach war leer, ebenso der Gerätekasten.

 

Er hatte seine Untersuchung beinahe beendet, als ihm plötzlich auffiel, daß das Lederpolster an den Seiten des Wagens und an den Ecken kräftiger war, als man es gewöhnlich in solchen Wagen fand. Er prüfte die Polsterung Zoll für Zoll. Auf beiden Seiten befanden sich an den Türen große Taschen. Aber er hatte bereits festgestellt, daß sie nichts enthielten. Nun fühlte er wieder hinein und erkannte, daß die Türen eine stärkere Konstruktion zeigten, als notwendig erschien.

 

Er hob die eine lose hängende Tasche in die Höhe, leuchtete das Leder genau ab und fand eine viereckige Stelle, die sich etwas abhob. Als er unter die Tasche auf der anderen Seite schaute, stellte er dasselbe Viereck fest. Sofort vermutete er, daß sich eine Öffnung in der Tür befand. Mit seinem Taschenmesser untersuchte er die Wand genauer und stieß auf Stahl.

 

Während er noch damit beschäftigt war, fand er durch Zufall das Geheimfach. Als er die Tasche in die Höhe hob, mußte er einen etwas stärkeren Zug ausgeübt haben, denn plötzlich knackte es, und das Lederviereck öffnete sich wie eine Falltür. Innen entdeckte er ein Dutzend flacher Päckchen, die eng zusammengepreßt waren. Er nahm sie sorgfältig heraus.

 

Bradley prüfte auch noch die andere Tür, konnte jedoch nichts Besonderes daran entdecken. Sorgsam steckte er die gefundenen Päckchen in die Tasche, schloß die Geheimfächer wieder und brachte den Wagen in die Garage.

 

Es überkam ihn ein seltsames Gefühl der Erleichterung, das er sich selbst kaum erklären konnte. Warum sollte er sich über diese Entdeckung freuen? Die Frau, die seine Gedanken Tag und Nacht beschäftigte, wurde doch hoffnungslos dadurch belastet. Aber daran dachte er jetzt nicht. Er war dankbar, daß er so geistesgegenwärtig gewesen war, seine Leute fortzuschicken und die Durchsuchung ohne Zeugen vorzunehmen. Bestürzt erkannte er seine sonderbare Lage.

 

Er ging nicht nach Scotland Yard zurück, sondern eilte in seine Wohnung, dort drehte er das Licht im Wohnzimmer an und verschloß die Tür, ehe der die kleinen Pakete aus der Tasche nahm. Eins öffnete er – es konnte keinen Zweifel an der Beschaffenheit dieses kristallinischen Pulvers geben. Er feuchtete seinen Finger an und versuchte es. Kokain!

 

Lange Zeit starrte er auf das verheerende Rauschgift. Plötzlich klingelte das Telefon.

 

Er erkannte die Stimme seines Vorgesetzten.

 

»Bradley? Es ist uns gerade eine Anzeige von einem dieser Kokainhändler zugegangen. Er sagte, daß wir wahrscheinlich ein Paket mit Rauschgiften im Auto Miss Perrymans finden werden. Es sollen Geheimfächer in die Türen eingebaut sein. Ich werde Simmonds hinschicken –«

 

»Nein, das ist nicht nötig, ich werde selbst gehen«, erwiderte Bradley schnell.

 

Er legte den Hörer auf, ging zum Tisch zurück und betrachtete die Päckchen wieder. Es handelte sich jetzt um eine schnelle Entscheidung.

 

Kurz entschlossen trat er in die kleine Küche und schaute sich dort um. Seine Haushälterin kam täglich; sie war sparsam und kaufte ihre Vorräte immer im großen ein. Der Mehlkasten war halb voll – dort hätte er zur Not das Kokain verstecken können. Aber dann lachte er über den törichten Einfall. Er kehrte ins Wohnzimmer zurück, holte die Päckchen, trug sie in die Küche und schüttete sie in den Ausguß.

 

Zehn Minuten lang beobachtete er, wie das niederrieselnde Wasser das weiße Pulver auflöste. Als jede Spur entfernt war, verbrannte er noch das Papier, nahm dann Mantel und Hut und ging zu der Garage von Scotland Yard, um etwas zu suchen, das nicht mehr vorhanden war.

 

John Bradley stand der Tatsache fassungslos gegenüber, daß er seine Pflichten in so gröblicher Weise verletzt hatte. Wenn jemand ihm an diesem Abend gesagt hätte, daß er in einem sehr ernsten Fall, aus Liebe zu einer Gefangenen, absichtlich Beweise vernichten würde, hätte er laut gelacht. Trotzdem hatte er schon immer das Gefühl gehabt, daß Ann Perryman früher oder später doch mit dem Gesetz in Konflikt kommen würde. Sie haßte ihn, daran zweifelte er nicht im mindesten; aber noch weniger zweifelte er daran, daß Mark McGill ihr den tiefen Haß gegen ihn eingeflößt hatte.

 

Sie strengte sich zwar an, ihm gegenüber liebenswürdig zu erscheinen, aber sie war eine schlechte Schauspielerin. Bei jeder Begegnung mit ihm versuchte sie vergeblich, ihre wahre Gesinnung zu verbergen, und wenn er sich von ihr verabschiedete, las er in ihren Zügen stets Erleichterung.

 

Er ging in sein Büro nach Scotland Yard, setzte sich in einen Stuhl und fiel in einen leichten Schlummer, bis ihm eine Ordonnanz eine Tasse heißen Kaffee brachte. Dann kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er in einigen Stunden vor Gericht stehen würde, um die Frau anzuklagen, die er liebte.

 

Um acht morgens wurde Ann zum Polizeigericht von Süd-London gebracht. Ausnahmsweise durfte sie in einem Taxi fahren; eine Wärterin in Zivil und ein Detektiv begleiteten sie. Hätte sie Erfahrung in diesen Dingen gehabt, so hätte sie gewußt, daß die Polizei ihren Fall als äußerst ernst und schwerwiegend betrachtete.

 

Als sie in die Zelle geführt worden war, die neben dem Gerichtssaal lag, kam die Wärterin zu ihr herein.

 

»Mr. Durther, Ihr Rechtsanwalt, ist eben gekommen. Es ist besser, wenn Sie in meinem Zimmer mit ihm sprechen.«

 

Obgleich die alte Frau zugegen war, wurde die Unterhaltung doch als mehr oder weniger privat angesehen. Der unruhige kleine Mann führte Ann in eine Ecke des Raums.

 

Er schaute sich nach der Wärterin um.

 

»Ich bringe Ihnen Botschaft von Mark«, sagte er dann leise. »Es ist möglich, daß noch viel mehr – Sacharin in dem Wagen war.«

 

»In dem Wagen?« fragte sie überrascht.

 

Er nickte schnell.

 

»Es sind noch ein paar Fächer da … wenn Sie danach gefragt werden … Sie wissen nichts. Verstanden?«

 

»Was wird denn passieren?«

 

Er zuckte die Schultern, um auszudrücken, daß er das nicht voraussagen könne.

 

»Ich weiß es nicht. Ich kann heute noch keinen Verteidiger für Sie engagieren – das kann ich erst tun, wenn Sie in Untersuchungshaft kommen.«

 

Sie starrte ihn an.

 

»Wollen Sie damit sagen, daß ich noch eine ganze Woche im Gefängnis festgehalten werde?«

 

Durther vermied ihren Blick.

 

»Alles möglich. Wir wollen versuchen, Bürgschaft für Sie zu stellen … Es wird alles getan, was nur getan werden kann … die Polizei muß auf alle Fälle den Antrag stellen, Sie in Untersuchungshaft zurückzubehalten, besonders, wenn die Ware gefunden worden ist. Gefängnis ist gar nicht so schlimm … daran haben Sie sich bald gewöhnt.«

 

Ann Perryman fühlte, wie ihr Mut sank. An das Gefängnis würde sie sich nie gewöhnen können. Bei dieser Aussicht dachte sie an Bradley und haßte ihn mehr als je.

 

»Wie war denn das – Sacharin verpackt?«

 

Er beschrieb es ihr.

 

»Und wieviel Päckchen waren denn dort?«

 

»Zwölf – sie lagen in einem Geheimfach hinter einer der Türen. Mr. McGill sagt, Sie müßten vor allem abstreiten, daß Sie irgend etwas darüber wüßten.«

 

Ein langes Schweigen folgte.

 

»Was enthielten die Päckchen?«

 

»Sacharin, meine liebe Miss Perryman – nichts anderes als Sacharin«, beteuerte Mr. Durther.

 

»Was kann mir denn im schlimmsten Fall zustoßen? Ich meine, wenn man das Sacharin gefunden hat?«

 

Der Rechtsanwalt zuckte wieder die Schultern. Es war nicht leicht, auf diese Frage eine Antwort zu finden. Er wußte allerdings sehr gut, welche Strafe sie bekommen würde!

 

»Kommt man wegen Schmuggelns ins Gefängnis?«

 

»Nicht, wenn man das erste Mal gefaßt wird. Wahrscheinlich bekommen Sie eine Strafe von etwa hundert Pfund, die Mark McGill natürlich sehr gerne für Sie bezahlen wird.«

 

Er fühlte sich erleichtert, daß sie diese harmlosen Fragen stellte, und sie wunderte sich, daß er plötzlich so gesprächig wurde. Sie konnte ja nicht vermuten, daß Mr. Durther nicht an die Folgen denken wollte, die der Fund des Kokains nach sich ziehen mußte.

 

Alle Leute von Lady’s Stairs schienen heute hier zu sein. Ann sah die große, majestätische Gestalt eines Mannes, der eben in eine Zelle gebracht wurde. Offenbar war Mr. Sedeman auch mit der Polizei in Konflikt geraten. Ann mußte erst über ihre Entdeckung lächeln, aber als sich die Zellentür wieder hinter ihr geschlossen hatte, wurde sie ernst.

 

Sie fühlte keine Furcht, aber nun kam ihr die ganze Schwere ihrer Situation zum Bewußtsein. Die Zelle mit den kahlen Wänden und die häßliche Bank weckten quälende Vorstellungen in ihr. Auch Ronnie hatte in einer solchen Zelle gesessen, und das grauenhafte Leben im Gefängnis war ihm vertraut gewesen.

 

Die alte Wärterin brachte ihr etwas Kaffee und zwei dicke Butterbrotschnitten. Ann war sehr froh darüber; erst jetzt kam ihr zum Bewußtsein, wie ausgehungert sie war. Als sie ihr Frühstück beendet hatte, öffnete sich die Tür wieder, und die alte Frau forderte sie auf, ihr zu folgen.

 

Ein Mann stand am Fenster des kleinen Raums, in den sie gebracht wurde. Er drehte ihr den Rücken zu und starrte auf den Hof hinaus. Als sich die Tür aber weiter öffnete, wandte er sich um, und sie sah sich Bradley gegenüber. Ihr erster Gedanke war, das Zimmer sofort wieder zu verlassen, aber die Wärterin stand mitten in der Tür und machte dieses Vorhaben unmöglich.

 

Er sah müde, übernächtig und hager aus und hatte etwas von seinem vorteilhaften Aussehen verloren.

 

»Guten Morgen«, begann er. Seine Stimme klang hart und entschlossen. Er trat ihr jetzt als Polizeibeamter und nicht als Freund gegenüber.

 

Sie antwortete ihm nicht, sondern stand steif vor ihm, die Hände hatte sie auf den Rücken gelegt.

 

Er schaute an ihr vorbei.

 

»Sie können gehen«, sagte er zu der Wärterin. »Warten Sie draußen – ich habe etwas mit Miss Perryman zu besprechen.«

 

Die alte Frau entfernte sich.

 

»Meine junge Freundin, Sie befinden sich in einer sehr ernsten Lage. Zu Ihren Gunsten nehme ich an, daß Sie nicht wußten, was Sie taten.«

 

Er sprach nicht mehr in dem alten, leichten Unterhaltungston mit ihr, seine Stimme war ernst, aber nicht unfreundlich. Das wurde ihr sogar klar, obgleich ihre Empörung gegen ihn mehr und mehr wuchs. Sie konnte allerdings kaum verstehen, warum sie zornig wurde, denn er hatte doch offenbar die Absicht, ihr zu helfen.

 

»Ich weiß genau, was ich getan habe.« Sie versuchte, ruhig zu sprechen. »Ich habe nachts ein Auto gefahren, und ich habe mir irgendwie Ihren Haß zugezogen. Sie sind nun darauf aus, mir dasselbe anzutun, was Sie Ronnie angetan haben.«

 

»Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß Sie unschuldig sind?« fragte er geradeheraus. »Oder daß Sie das Opfer polizeilicher Nachstellungen sind? Wollen Sie sagen, daß Sie das Gesetz nicht übertreten haben?«

 

Er wartete gespannt auf ihre Antwort. Als sie aber schwieg, wurde er mutlos.

 

»Sind Sie sich bewußt, daß Sie das Gesetz übertreten haben?« fragte er noch einmal.

 

»Auf diese Frage werde ich dem Richter Antwort geben«, erwiderte sie kühl.

 

»Wissen Sie, daß Sie Rauschgifte unter die Leute brachten?«

 

Ihre Lippen zuckten verächtlich.

 

»Mr. Bradley, Sie wiederholen sich wirklich zu oft! Dieselbe Geschichte haben Sie mir schon damals erzählt – auch Ronnie soll mit Rauschgiften gehandelt haben. Wollen Sie behaupten, daß ich dasselbe getan habe?«

 

Er sah sie durchdringend an.

 

»Haben Sie es getan?«

 

Sie wurde blaß vor Ärger und Zorn, wandte sich zur Tür und riß sie auf. Die Wärterin stand draußen und hatte den Kopf an den Türpfosten gelehnt. Sie interessierte sich wahrscheinlich für die Unterhaltung der beiden.

 

»Bringen Sie mich in meine Zelle zurück«, sagte Ann in entschiedenem Ton.

 

»Ist Mr. Bradley schon mit Ihnen fertig?«

 

»Ich bin mit ihm fertig«, sagte Ann.

 

Die Einsamkeit der Zelle tat ihr wohl. Sie zitterte vor Entrüstung. Wenn sie jetzt hätte sprechen müssen, hätte sie nur unartikulierte Laute hervorbringen können. Wie durfte er es wagen, sie so zu behandeln!

 

Bradley hatte das Wartezimmer auch verlassen. Niemand, der seine undurchdringlichen Züge sah, konnte ahnen, wie trostlos und verzweifelt er sich fühlte.

 

Als er eben in den Gerichtssaal gehen wollte, nahm ihn Sergeant Simmonds beiseite.

 

»Der Doktor sagt, daß Smith ein Beruhigungsmittel haben muß, bevor er zur Verhandlung kommt.«

 

»Smith?« Bradley erschrak plötzlich, als er sich daran erinnerte, daß er noch einen anderen Fall zu erledigen hatte, der viel ernster war als der von Ann Perryman.

 

Vor einer Woche war bei der Beraubung eines Juwelierladens ein Angestellter ermordet worden. Der Mörder war zuerst entkommen, später aber doch verhaftet worden, Bradley wußte, daß der Mann ein Morphinist war, ein vollständig zerrütteter Mensch, der seinen Ruin der Tätigkeit Mark McGills zu verdanken hatte.

 

»Sie haben doch nicht etwa Smith vergessen?« fragte Simmonds lächelnd.

 

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Bradley langsam. »Braucht er wirklich ein Beruhigungsmittel? Wie lange kann er denn ohne eine Dosis aushalten?«

 

»Nicht länger als eine Stunde.«

 

Bradley nickte.

 

»Ich will dafür sorgen, daß sein Fall zuerst erledigt wird.«

 

Er wollte gerade fortfahren, als ihn Simmonds noch einmal zurückrief.

 

»Steen möchte Sie auch gerne sprechen. Er ist im Yard, aber sie haben ihn zu Ihnen geschickt.«

 

Bradley starrte seinen Untergebenen erstaunt an.

 

»Steen?« fragte er ungläubig. »Was ist denn da passiert?«

 

»Ich glaube, es ist gut, wenn Sie ihn sprechen. Er hat einen Brief vom Innenministerium.«

 

Bradley eilte zu dem kleinen Zimmer zurück, in dem er vorhin mit Ann gesprochen hatte. Dort wartete ein Mann auf ihn; er saß auf einem Stuhl und hatte seine unförmigen Hände auf die Knie gelegt. Er war schlank, eckig, sah etwas verlegen aus und trug einen schwarzen Anzug, der ihm zu groß war. Um den Hals hatte er ein Taschentuch geknotet. Als der Detektiv eintrat, erhob sich der Fremde und berührte die Stirn mit der Hand.

 

»Guten Morgen, Mr. Bradley. Man sagte mir, daß ich Sie hier finden würde.«

 

»Nun, was haben Sie denn für Sorgen, Steen?«

 

Der Mann machte eine geringschätzige Bewegung mit dem Kopf.

 

»Ich brauche polizeilichen Schutz. Sie wissen, daß ich vom Innenministerium komme. Es ist wegen dieses Libbitt … Man sagt, daß seine Freunde mich beiseite schaffen wollen – aber ich glaube, ich werde sie zuerst kriegen.«

 

Er kicherte über diesen etwas sonderbaren Scherz.

 

»Gehen Sie nur einstweilen in das Zimmer des Gefängnisaufsehers«, erwiderte Bradley. »Ich werde nachher mit Ihnen sprechen, wenn meine beiden Fälle erledigt sind.«

 

»Nur zwei heute morgen?« fragte Mr. Steen erstaunt.

 

»Ja, aber sehr wichtige.«

 

Er war schon im Gerichtssaal, als Sedeman hereingeführt wurde, der wie immer heiter und guter Dinge war und nichts von seiner großartigen Haltung eingebüßt hatte. Sedeman begrüßte den Richter wie einen alten Freund und stritt durchaus nicht ab, daß er sich in der vergangenen Nacht verschiedenes hatte zuschulden kommen lassen. Dann erwartete er mit aller Seelenruhe sein Urteil. Und selbst die drei Wochen, die er aufgebrummt bekam, machten ihm nichts aus.

 

Der Gerichtsschreiber und ein Rechtsanwalt unterhielten sich leise miteinander. Bradley erkannte in dem Juristen einen Freund und Bekannten McGills, und als das Wort »Smith« fiel, wurde er neugierig, was McGill mit der Sache zu tun hätte. Er hätte sich nicht träumen lassen, daß sich Mark in diesen Fall einmischen würde. Aber er erhielt bald Aufklärung. Gleich, nachdem Mr. Sedeman den Saal verlassen hatte, ging Mr. Durther zu seinem Tisch.

 

»Bevor Euer Ehrwürden den nächsten Fall behandeln«, redete er den Richter kühn an, »hoffe ich, daß mir ein Antrag gestattet wird. Er steht in einer gewissen Beziehung zu einem Fall, der später erledigt werden soll. Euer Ehrwürden werden sich daran erinnern, daß ich vor Jahresfrist den Antrag auf Herausgabe gewisser Schriftstücke stellte, die das Eigentum meines Klienten Mr. McGill sind. Die Schriftstücke befanden sich damals im Besitz des verstorbenen Elijah Yoseph, der in Lady’s Stairs wohnte.«

 

Was mochte Mark hiermit bezwecken? Warum wählte er gerade diesen Augenblick, um an das Verschwinden Li Yosephs zu erinnern?

 

Der Richter nickte.

 

»Ich kann mich darauf besinnen«, sagte er kurz.

 

»Die Polizei legte damals Beschlag auf das Haus, und ich glaube, sie will es noch bis zur offiziellen Todeserklärung von Elijah Yoseph beschlagnahmt halten. Wir haben damals ein Zeugnis beigebracht, und zwar von demselben Mr. Sedeman, der durch einen merkwürdigen Zufall gerade heute hier erschien.«

 

»Ich kann mich auch darauf besinnen. Der Zeuge sagte unter Eid aus, daß die Schriftstücke irrtümlicherweise in dem Hause Li Yosephs zurückgelassen wurden.«

 

»Sie waren ohne jede Bedeutung«, begann der Rechtsanwalt wieder, aber der Richter schüttelte den Kopf.

 

»Das stimmt wohl kaum. Die Dokumente erwiesen sich als Listen von Chemikalienhändlern auf dem Kontinent, und man vermutet, daß diese Leute Li Yoseph oder seine Vorgesetzten mit Rauschgiften belieferten. So war es doch, Mr. Bradley?«

 

»Ja, Euer Ehrwürden.«

 

»Wir können den Beweis erbringen, daß diese Listen sich auf ein vollständig gesetzmäßiges Geschäft mit Chemikalien bezogen«, warf der Rechtsanwalt ein.

 

Nun wußte Bradley Bescheid. Mark hatte irgendwie erfahren, daß die Polizei das Geheimfach in der Tür des Autos entdeckt hatte, und bereitete nun schon im voraus eine Verteidigung vor. Diese Schriftstücke, die er damals in der Mordnacht beschlagnahmt hatte, konnten natürlich die Behauptung des Rechtsanwaltes stützen.

 

»Das ist eine Sache, die nur die Polizei angeht«, entgegnete der Richter. »Wenn diese der Meinung ist, daß die Dokumente wichtig sind, werde ich nichts weiter unternehmen.«

 

Er sah Bradley an, der sich sofort von seinem Sitz erhob.

 

»Wir haben bis jetzt die Beweise noch nicht beibringen können, die wir brauchen«, sagte er schnell, »aber ich halte diese Papiere für äußerst wichtig und muß daher dem Antrag des Anwalts widersprechen.«

 

Der Richter nickte zustimmend.

 

»Gut, dann ist der Antrag abgelehnt.«

 

Mr. Durther war anscheinend auf einen solchen Entscheid gefaßt. Bradley erhob sich aufs neue.

 

»Ich möchte Euer Ehrwürden bitten, jetzt den Fall William Charles Smith zu verhandeln. Ich hatte früher gebeten, die Verhandlung erst für den Nachmittag anzusetzen, aber aus einem besonderen Grund möchte ich ihn jetzt erledigt wissen. Er wird nur einige Minuten in Anspruch nehmen.«

 

Der Richter stimmte zu, und aus der Gefängniszelle wurde ein bleicher, schmächtiger Mann hereingeführt. Zu seinen beiden Seiten hingen Detektive; seine Handgelenke waren mit Handschellen gefesselt. Der Polizeirichter sah das sofort.

 

»Ist es notwendig, daß dieser Mann gefesselt ist?« fragte er.

 

»Ja, Euer Ehrwürden«, erwiderte Bradley. »Er hatte uns sehr viel zu schaffen gemacht.«

 

Der Mann starrte ihn an und grinste höhnisch.

 

Die Anklage wurde verlesen. Sie lautete auf vorsätzlichen Mord: Smith hatte Harry Bendon mit einem Revolver in der Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten April niedergeschossen.

 

»Hat der Angeklagte den vorgeschriebenen Verteidiger?« fragte der Richter.

 

Bradley schüttelte den Kopf.

 

»Nein, Euer Ehrwürden. Ich stelle heute nur den Antrag, den Haftbefehl auszusprechen, und bitte, Smith bis nächsten Freitag in Untersuchungshaft zu nehmen.«

 

Der Mann auf der Anklagebank lehnte sich weit nach vorn über das Geländer.

 

»Wenn ich Sie jemals in die Finger bekomme, Bradley, werde ich Ihnen das Genick umdrehen und das Herz ausreißen!« brüllte er.

 

Dann wurden seine Worte undeutlicher, und niemand konnte verstehen, was er noch sagte.

 

Die Verhandlung dauerte nicht lange, der Haftbefehl wurde ausgesprochen, und der Gefangene wieder aus dem Gerichtssaal geführt.

 

»Ist dieser Mann vom Gerichtsarzt untersucht worden? Sein Benehmen war sehr merkwürdig.«

 

»Soviel ich weiß, steht er unter ärztlicher Beobachtung«, sagte Bradley. »Er ist rauschgiftsüchtig. Daher kommen auch die Unannehmlichkeiten, die wir mit ihm hatten.«

 

Der Richter schüttelte traurig den Kopf.

 

»In letzter Zeit nimmt die Anzahl der verhafteten Verbrecher, die Morphinisten und Kokainisten sind, erschreckend zu. Woher bekommen die Leute nur die Rauschgifte? Früher blieb dieses Laster auf eine gewisse Klasse von Frauen und Männern beschränkt. Man hörte niemals, daß Leute von der sozialen Stellung Smiths unter dem Einfluß solcher Drogen standen.«

 

»Die Ware wird jetzt systematisch über das ganze Land verteilt«, erwiderte Bradley.

 

Sofort erhob sich Durther.

 

»Ich hoffe, daß dieser schreckliche Fall nicht dazu benutzt wird, um Euer Ehrwürden voreinzunehmen gegen den Fall Ann Perryman, der jetzt verhandelt werden soll.«

 

»Ich hatte nicht im mindesten die Absicht!« Bradley stieß diese Worte in fast feindlichem Ton hervor, aber der Rechtsanwalt ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen.

 

»Die vorherige Erledigung des Falles Smith und die Erwähnung von Rauschgiften müssen eine ungünstige Atmosphäre schaffen. Ich weiß ja nicht, welche Anklage die Polizei gegen Miss Perryman erheben will …«

 

Jemand berührte ihn am Ellbogen, Mark McGill war in den Gerichtssaal gekommen und hatte sich an seiner Seite niedergelassen. Bradley hatte es auch bemerkt.

 

»Lassen Sie die Sache vorläufig auf sich beruhen«, flüsterte Mark Durther zu. Als sich dann der Richter und der Gerichtsschreiber und Bradley leise miteinander berieten, fragte er: »Was beabsichtigt Bradley?«

 

»Wenn Sie wirklich Kokain in dem Auto gefunden haben, dann wird er sicher eine Anklage wegen ungesetzmäßigen Besitzes gefährlicher Drogen gegen sie erheben.«

 

»Haben sie es denn gefunden?«

 

»Ich weiß bis jetzt nur, daß Bradley die Geheimfächer in den Autotüren durchsucht hat.«

 

Mark machte ein langes Gesicht.

 

»Welche Strafe wird sie denn bekommen?«

 

»Drei Monate – vielleicht auch sechs. Es war natürlich Kokain?«

 

Mark nickte. »Sie wußte es aber nicht.«

 

Durther lächelte ungläubig.

 

»Wollen Sie mir vielleicht erzählen, daß sie nicht wußte, was sie beförderte?«

 

»Sie ahnte nicht, daß sich etwas in dem Wagen befand.«

 

In diesem Augenblick brach der Richter seine Besprechung ab, und der Gerichtsschreiber rief: »Ann Mary Perryman!«

 

Ann trat in den Saal, grüßte Mark durch ein Kopfnicken und ließ sich lächelnd auf der Anklagebank nieder. Bradley hatte dieses Lächeln schon früher an Ronnie bemerkt. Mit demselben hochmütigen Gesichtsausdruck hatte sich Anns Bruder auf die Anklagebank gesetzt.

 

»Nun, Mr. Bradley?«

 

Ann Perryman hatte sich an ihn gewandt. Er wollte seinen Ohren kaum trauen.

 

»Sie haben mich ja nun dort, wo Sie mich haben wollten. Dies muß wirklich ein äußerst glücklicher Tag für Sie sein.«

 

»Sie haben nur mit mir zu sprechen«, wies sie der Richter zurecht.

 

Sie lachte verächtlich.

 

»Guten Morgen, Euer Ehrwürden. Ich glaube, ich darf hier wohl auch etwas sagen.«

 

Der Gerichtsschreiber schaute auf das Schriftstück, das vor ihm lag.

 

»Sie sind angeklagt, ein Auto in solchem Tempo gefahren zu haben, daß die öffentliche Sicherheit gefährdet wurde. Bekennen Sie sich schuldig oder nicht?«

 

Der Richter unterbrach ihn.

 

»Es war doch heute morgen die Rede davon, daß noch eine weitergehende Klage vorgebracht werden sollte? Warum wird sie nicht verlesen?«

 

Zu McGills größtem Erstaunen schüttelte Bradley den Kopf.

 

»Es wird keine weitere Klage erhoben, Euer Ehrwürden. Es ist nichts entdeckt worden, was sie rechtfertigen könnte.«

 

Ann war die erste, die sich von dieser Überraschung erholte.

 

»Sie wollen doch nicht etwa mir gegenüber gnädig sein? Das hasse ich!« rief sie laut.

 

Der Richter versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, aber sie ließ sich nicht beruhigen. Sie war in einer merkwürdig gehobenen Stimmung und fühlte sich als Herrin der Lage. Sie wußte, daß Bradley nicht die Wahrheit sagte! Er log um ihretwillen, und seine falsche Aussage brachte ihn in ihre Macht – dieser Gedanke war beseligend. Sie hatte nur den einen brennenden Wunsch, ihn tödlich zu treffen, ihn zu ruinieren, wie er Ronnie ruiniert hatte.

 

Ann verlor jedes Bewußtsein für die Gefahr, in der sie selbst schwebte – sie vergaß Mark und die gefährliche Situation, in der er sich befand. Sie dachte nur noch daran, daß sich ihr Feind selbst in ihre Hände gegeben hatte.

 

»Mein guter Freund, Inspektor Bradley, ist jetzt plötzlich ängstlich darauf bedacht, mir zu helfen! Und dabei war er es doch, der mich in eine Gefängniszelle gebracht hat!«

 

Durther starrte sie erschrocken an und versuchte, sie zum Schweigen zu bringen.

 

»Miss Perryman, vielleicht dürfte es besser sein, wenn Sie …«

 

Aber sie brachte ihn durch eine Handbewegung zum Schweigen.

 

»Inspektor Bradley war stets sehr liebenswürdig zu mir!« In ihrer Erregung sprach sie immer lauter. »Ich weiß nicht, wie oft er mich schon bessern wollte. Wir haben uns ja häufig genug in Restaurants zum Essen getroffen. Ich habe sogar mit Ihnen getanzt, Inspektor – das stimmt doch? Er ist in mich vernarrt – er sagt, er würde alles für mich tun, was in seinen Kräften stände!«

 

Bradley stand bewegungslos; sein Gesicht glich einer Maske.

 

»Schweigen Sie jetzt!« rief der Richter. Aber auch er warnte sie vergeblich.

 

»Ich werde nicht schweigen!« brauste sie auf. »Wenn ein Mann mir nachläuft, mich an der Hand hält wie ein verliebter Narr und dann die erste Gelegenheit ergreift, um mich in eine unsaubere Zelle zu stecken, so darf ich mich doch dazu äußern – und das tue ich jetzt. Bradley hat mein Auto in der letzten Nacht durchsucht – er behauptet, er habe nichts gefunden! Aber da lügt er! Er hat zwölf Päckchen Sacharin gefunden …«

 

»Seien Sie doch ruhig!« jammerte Durther.

 

»Es war Sacharin, und ich habe es geschmuggelt! Er weiß auch, daß ich das tat. Aber trotzdem tritt er hier vor Gericht auf und lügt – dieser arme, haltlose Mensch! Er denkt wohl, ich falle ihm aus Dankbarkeit um den Hals, aber ich will seinen Vorgesetzten zeigen, was für ein Mensch er ist – ein Detektiv, der Schuldbeweise vernichtet, weil er in eine Frau verschossen ist!«

 

Ihre Stimme überschlug sich; sie stand atemlos da und war plötzlich verwirrt über die Wut, in die sie sich hineingeredet hatte.

 

»Wollen Sie jetzt endlich ruhig sein!« sagte der Richter zornig.

 

»Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte.«

 

Durther erhob sich und sah sie an.

 

»Sind Sie denn vollständig verrückt geworden?« fragte er. »Sehen Sie nicht, was Sie angerichtet haben?«

 

Der Richter legte sich nun ins Mittel.

 

»Ich weiß nicht, was all dieses Geschwätz zu bedeuten hat, und ich gebe nichts darauf. Es ist keine weitere Anklage gegen Sie erhoben. Erklären Sie sich für schuldig, daß Sie durch schnelles Fahren die öffentliche Sicherheit gefährdet haben?«

 

»Wir erklären uns für schuldig, Euer Ehrwürden«, erwiderte Durther, der sich schnell zu dem Richter gewandt hatte.

 

»Nun gut, Sie werden mit zwanzig Pfund bestraft und haben außerdem die Verhandlungskosten zu tragen. Ihr Führerschein wird für zwölf Monate eingezogen.«

 

Mark McGill atmete erleichtert auf; er hatte niemals geglaubt, daß die Verhandlung einen so glimpflichen Ausgang nehmen würde.

 

Ann hielt sich an dem Geländer der Anklagebank fest.

 

»Kann ich jetzt gehen und meinen Mantel holen?« fragte sie leise.

 

Die alte Wärterin winkte ihr. Ann reichte Mark die Hand, bevor sie in den Gang trat, der zu den Gefängniszellen führte.

 

»Warum, zum Teufel, hat sie das getan? Sie muß ihn fürchterlich hassen«, sagte Mark leise zu dem Rechtsanwalt, aber Mr. Durther war nicht in der Stimmung, die Sache weiterzudiskutieren.

 

»Kommen Sie mit und bezahlen Sie die Strafe«, erwiderte er nur.

 

Diese Verhandlung gegen Ann war der letzte Fall gewesen, der auf der Liste stand. Es war nahe an Mittag, und der Gerichtssaal leerte sich schnell. Nur der Richter ordnete noch seine Papiere auf dem Tisch. Er winkte Bradley zu sich heran.

 

»Das war ja ein ganz ungewöhnlicher Ausbruch!«

 

»Ja«, erwiderte der Detektiv teilnahmslos. Er war im Augenblick unfähig zu jedem Gedanken.

 

»Das war das erstemal in meiner langen Praxis, daß eine Gefangene den Detektiv anklagte, er wäre in sie verliebt.« Dem Richter schien die Sache Spaß zu machen. »Sie ist wirklich sehr hübsch«, meinte er mitfühlend. »Es war natürlich sehr unvernünftig und unklug von ihr, derartig gegen Sie aufzutreten – wirklich sonderbar!«

 

Bradley befand sich nun allein in dem verlassenen Saal. Er versuchte, seine Gedanken zu ordnen und sich zu fassen. Als sich die Tür öffnete und Ann zurückkam, stand er noch dort.

 

Sie erblickte ihn, blieb stehen und sah sich nach einem anderen Weg um. Aber sie mußte an ihm vorbeigehen.

 

»Ist dies der Ausgang?« fragte sie und vermied es, ihn anzuschauen.

 

»Ja, es ist einer der Ausgänge.«

 

Er lehnte mit dem Rücken an der Tür, die sie passieren mußte.

 

»Würden Sie mich bitte vorbeilassen?«

 

Sein vorwurfsvoller Blick traf sie.

 

»Ich hätte niemals gedacht, daß Sie so unglaublich gemein sein könnten«, sagte er ruhig.

 

»Kann ich jetzt gehen?«

 

»Bitte.« Er öffnete die Tür für sie. »Ich hoffe, Sie wissen, wohin dieser Weg führt!«

 

Ihr Widerwillen gegen ihn erwachte aufs neue.

 

»Nach unten – es ist der Weg, von dem Sie mich und auch Ronnie retten wollten«, erwiderte sie bitter.

 

Er nickte.

 

»Ronnies letzte Worte, die er zu mir sprach, waren: ›Gott sei Dank kennt meine Schwester diesen Mark McGill nicht!‹«

 

»Das ist wohl wieder eine neue Erfindung – etwa, wie die leeren Geheimfächer in meinem Wagen? Sie sollten eigentlich Romane schreiben!«

 

»Das war allerdings erfunden – ich habe die Päckchen beseitigt.«

 

»Sie edler Mensch!« erwiderte sie höhnisch. »Ich hoffe nur, daß Sie jetzt Ihre Stelle verlieren!«

 

»Das glaube ich kaum«, sagte er mit einem Lächeln. »Selbst wenn meine Vorgesetzten wüßten, daß ich Kokain in dem Wagen fand …«

 

»Das ist eine unverschämte Lüge – es war kein Kokain!«

 

»Sie haben sich in einen nichtswürdigen Handel eingelassen.«

 

Bradleys Stimme klang ernst und streng. »Heute wurde ein Mann in diesen Gerichtssaal gebracht, der unter der Anklage des Mordes stand. Er ist Morphinist – eins der Opfer von McGill! Wahrscheinlich haben Sie dafür gesorgt, daß er das Rauschgift bekam.«

 

»Sie sind ein niederträchtiger Lügner!« rief sie erregt. »Ich habe niemandem Rauschgifte gebracht! Ich tue dasselbe, was Ronnie tat!«

 

»Ja, da haben Sie recht – auch er verteilte Rauschgifte, die Li Yoseph und McGill an Land schmuggelten.«

 

»Sie machen nicht einmal vor den Toten halt mit Ihren Verleumdungen«, sagte sie schroff. »Nicht einmal vor dem Mann, den Sie ermordet haben.«

 

»Wie töricht Sie doch sind«, entgegnete er traurig. »Sie haben heute versucht, mich zu ruinieren – die Zeitungen werden voll sein von Ihren Anklagen. ›Ein Detektiv, der seine Gefangene liebt‹ – das ist die Sensation, die Sie sich gewünscht haben!«

 

Sie sah ihn mit flammenden Blicken an.

 

»Ich habe nicht gesagt, daß Sie mich lieben. Ich habe gesagt, daß Sie in mich vernarrt sind, und diesen Zustand verwechselt man in Ihren Kreisen wohl mit Liebe. Ich hasse Sie, und ich hasse Ihren Beruf. Sie leben von dem Elend und dem Kummer armer Männer und Frauen. Sie steigen dadurch zu Rang und Ehren auf, daß Sie Herzen brechen und das Leben Ihrer Mitmenschen ruinieren!«

 

Sie sah, daß Bradley lächelte, und wurde noch gereizter.

 

»Sie können noch darüber lachen?!«

 

»Verlassen Sie jetzt den Gerichtssaal«, sagte er. »Draußen steht ein Polizist, der auch für Sie den Verkehr regelt, damit Sie wohlbehalten über die Straße gehen können. Detektive wachen darüber, daß Ihre Handtasche nicht gestohlen wird. Und wenn nicht Leute meines Berufes da wären, so würden bald andere Männer kommen und Sie wegen einer Zehnpfundnote umbringen.«

 

»Wie großartig!«

 

Er kümmerte sich nicht um ihre höhnische Bemerkung.

 

»Gehen Sie nun hin und üben Sie Ihren Beruf aus! Sie ziehen dadurch Männer und Frauen in Schmutz und Elend hinunter. Sie bringen sie vor die Schranken des Gerichts – und an den Galgen. Ein gemeiner Beruf, ob Sie ihn kennen oder nicht. Ich liebe Sie, wie nur ein Mann eine Frau lieben kann, aber ich habe Ihnen eine letzte Chance gegeben.«

 

In diesem Augenblick trat McGill ein.

 

»Ronnie ging seinen Weg und starb«, fuhr Bradley fort. »Sie werden einen noch schlimmeren gehen – wenn Sie ihn nicht schon gegangen sind!«

 

Das wollte er eigentlich nicht sagen, aber die Worte waren ihm entschlüpft, bevor er an sich halten konnte.

 

In der nächsten Sekunde schlug ihm Ann ins Gesicht, dann starrte sie ihn an, entsetzt über ihre Tat.

 

»Es tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen.«

 

McGill machte jetzt einen groben Fehler.

 

»Sie verfluchter Kerl! Was sollte denn das heißen, Bradley?«

 

Der Inspektor sah ihn mit zusammengekniffenen Augen an.

 

»Sie haben gesehen, daß sie mich geschlagen hat«, erwiderte er langsam. »Ich gebe den Schlag jetzt weiter!«

 

Seine Faust fuhr dem anderen blitzschnell ins Gesicht. Im nächsten Augenblick lag Mark auf dem Boden.

 

Mit Mühe erhob er sich wieder, sein Gesicht war wutverzerrt.

 

»Bei Gott, dafür sollen Sie Ihre Uniform verlieren!« stieß er atemlos hervor. Einen Moment dachte er, der Detektiv würde sich wieder auf ihn stürzen, aber Bradley rührte sich nicht.

 

»Das ist nichts im Vergleich zu dem, was Ihnen noch bevorsteht. Ich werde Sie schon fassen, McGill – bevor Sie Miss Perryman auf Abwege gebracht haben!«

 

»Mich fassen? Sie glauben wohl, Sie können mich einschüchtern? Ich fürchte mich weder vor Ihnen noch vor Scotland Yard noch vor dem besten Richter, der jemals eine Gerichtssitzung leitete.«

 

Bradley sah, daß Steen eintrat und zeigte auf die Gestalt in dem schwarzen Anzug.

 

»Dort steht noch jemand, den Sie nicht erwähnt haben, er hat heute um polizeilichen Schutz gebeten, weil er ein unbeliebtes Gewerbe ausübt – es ist Steen!«

 

In Marks Zügen spiegelten sich Schrecken und Furcht wider.

 

»Steen!«

 

»Ja, Steen – der Henker!« sagte Bradley. »Begrüßen Sie ihn nur, Sie werden ihm wieder begegnen!«

 

Kapitel 11

 

Kapitel 11

 

McGill und Ann Perryman fuhren schweigend nach Hause. Ann sah bleich aus und sprach während der Fahrt kein Wort, obgleich Mark verschiedene Versuche machte, ein Gespräch mit ihr zu beginnen. Aber er war klug genug, sie in Ruhe zu lassen, als er sah, daß sie nicht über die Ereignisse des Morgens mit ihm sprechen wollte.

 

»Kommen Sie zu mir herein und frühstücken Sie etwas«, schlug er vor. »Sie sind doch sicher sehr hungrig.«

 

Er erwartete eine Absage, denn Ann hatte schon vorher die Absicht geäußert, in ihre Wohnung zu gehen. Aber zu seinem größten Erstaunen nahm sie die Einladung an. Sie war jetzt ganz teilnahmslos und apathisch; all die feurige Erregung, die sie vor Gericht gezeigt hatte, das Selbstbewußtsein, das er ebenso bewunderte wie fürchtete, schienen einer anderen Frau zu gehören.

 

Er wollte klingeln, aber sie hielt ihn davon ab.

 

»Bestellen Sie kein Frühstück für mich, Mark. Ich will nur eine Tasse Tee trinken, das genügt vollkommen. Dann werde ich mich ausschlafen.«

 

»Arme, tapfere Ann! Dieser Bradley ist aber auch ein niederträchtiger Kerl!«

 

Sie zuckte die Schultern und seufzte.

 

»Ein niederträchtiger Kerl!« wiederholte sie gleichgültig.

 

»Aber Sie haben ihn so gut getroffen, wie niemand ihn treffen konnte«, sagte Mark mit Genugtuung. »Ganz London wird sich über ihn lustig machen und ihn auslachen – es ist nur schade, daß keine Zeitungsreporter zugegen waren, die Sie gesehen haben …«

 

»Sagen Sie das bitte nicht.« Ihre Stimme klang rauh und heiser. »Ich bin nicht sehr stolz auf mich selbst.«

 

»Sie sollten es aber sein«, erwiderte er mit erheuchelter Herzlichkeit. »Wenn jemals ein Mann es verdiente …«

 

»Er hat es nicht verdient. Er hat seine Pflicht getan. Es macht mich ganz krank, wenn ich daran denke.«

 

»Das ist nur die Reaktion«, entgegnete Mark freundlich. »Sie mußte ja kommen. Aber Bradley hat seinen Teil.«

 

Sie hatte sich in eine Ecke des Sofas gesetzt und schaute ihn nachdenklich an.

 

»Und das war der Henker – dieser schreckliche Mann in Schwarz?«

 

Er zuckte bei dieser Frage zusammen.

 

»Ja, das war Steen. Er sieht ganz so aus, wie man ihn sich vorstellt. Ich hatte ihn natürlich noch nie gesehen. Man geht doch solchen Unglücksraben gern aus dem Weg.«

 

»Er hat großen Eindruck auf mich gemacht. Es lag etwas Trauriges in seinem Gesicht und etwas merkwürdig Ehrenhaftes.«

 

Mark sah sie groß an.

 

»Ach, ich möchte nichts mehr sagen – ich wünschte nur, ich hätte es nicht getan – wirklich, ich wünschte es!«

 

Er klopfte ihr begütigend auf die Schulter.

 

»Meine liebe Ann, Sie sind sehr tapfer gewesen. Die Abendzeitungen werden eingehend darüber berichten. ›Aufsehenerregende Szene vor Gericht‹ – ich bin schon gespannt, alle die Artikel zu lesen. Ich werde Ihnen die Zeitungen in Ihre Wohnung schicken, wenn sie kommen.«

 

Sie stand plötzlich auf.

 

»Nein, ich will sie nicht sehen – ich will überhaupt nicht an diese Geschichte erinnert werden! Er wollte mir doch helfen.«

 

Sie sah Mark lang und ernst an.

 

»Warum bestand er nur dauernd darauf, daß es Kokain und nicht Sacharin war?«

 

»Weil er ein geborener Lügner ist«, erwiderte Mark schnell. »Er möchte vorgeben, daß er Ihnen einen noch größeren Dienst geleistet hat, als es in Wirklichkeit der Fall war. Sehen Sie denn das nicht ein?«

 

Ann antwortete nicht.

 

»Es war prachtvoll, wie Sie ihm vor Gericht seine Schwäche vorhielten. Sie haben mir früher nie etwas davon erzählt, daß Sie ihn ganz in der Hand hatten. Ich wußte nur, daß Sie öfters mit ihm zusammentrafen, daß er Sie ab und zu zum Essen einlud und daß Sie ein- oder zweimal mit ihm getanzt haben. Aber ich hatte nicht die geringste Ahnung, daß er wirklich in Sie verliebt war. Wenn ich das gewußt hätte …«

 

»Wenn Sie es gewußt hätten?«

 

Mark lächelte.

 

»Nun, dann hätte ich ihm meine Meinung gesagt.«

 

»Warum denn?«

 

Die Frage kam ihm überraschend.

 

»Warum?« fragte er etwas verlegen. »Ich würde natürlich nicht erlauben …«

 

»Haben Sie plötzlich elterliche Gewalt über mich? Fühlen Sie sich für mein Tun und Lassen oder gar für meine Moral verantwortlich?«

 

McGill sah ein, daß es gefährlich war, dieses Gespräch weiterzuführen.

 

»Wir versteigen uns zu sehr in unfruchtbare Erörterungen – auf jeden Fall ist Bradley vollkommen erledigt.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich weiß zwar nicht viel über die Verhältnisse bei der Polizei, aber ich bin sicher, daß sich seine Vorgesetzten nicht um meine Reden kümmern werden. Es gibt doch kaum eine Verhandlung vor Gericht, bei der ein Angeklagter nicht wenigstens den Versuch macht, den Detektiv irgendwie anzugreifen, der ihn überführt hat. Im allgemeinen hört man nicht darauf, und auch meine Angriffe gegen Bradley werden so beurteilt werden – wenigstens hoffe ich das.«

 

»Wie – Sie hoffen das sogar noch?« fragte er atemlos.

 

»Ja, ich hoffe es. Ich war ja so gemein und niederträchtig gegen ihn – ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen.«

 

Mark lachte vor sich hin.

 

»Ann, Sie haben sich doch nicht etwa selbst in ihn verliebt?«

 

In diesem Augenblick wurde der Tee hereingebracht, und Ann war einer Antwort enthoben. Als sie eine Tasse getrunken hatte, nahm sie ihre Tasche und ihren Mantel.

 

»Ich werde jetzt hinübergehen.« In der Tür drehte sie sich noch einmal um und blieb nachdenklich stehen. »Warum hat er nur so hartnäckig behauptet, daß es Kokain war – sowohl bei mir als auch bei Ronnie? Es wäre entsetzlich, wenn das wahr wäre.«

 

Mark hielt es für gut, den Entrüsteten zu spielen.

 

»Glauben Sie wirklich, daß ich etwas so Schreckliches tun würde? Es war bestimmt kein Kokain! Sie haben den Stoff doch selbst gesehen – Sie haben ihn geschmeckt! Guter Gott, was ist denn nur in Sie gefahren? Wenn das so weitergeht, werden Sie mir nächstens nicht mehr trauen.«

 

Das war eine ungeschickte Herausforderung, denn als sich ihre Blicke jetzt trafen, wurde es ihm zur Gewißheit, daß sie bereits an ihm zweifelte.

 

Kapitel 12

 

Kapitel 12

 

Manchmal lud Mr. Tiser einige bevorzugte Bewohner des Versorgungsheims in sein Privatzimmer ein, das ihm zu gleicher Zeit auch als Schlafzimmer diente. Der Raum lag im Erdgeschoß und war nach dem Flur zu durch eine Doppeltür abgeschlossen. Tiser erzählte allen, daß er diese gepolsterte Tür habe anbringen lassen, um durch den Lärm im Haus nicht gestört zu werden; aber diese Erklärung wirkte etwas sonderbar, da das einzige große Fenster des Zimmers auf eine verkehrsreiche, geräuschvolle Straße führte. In Wirklichkeit war die Polstertür nur ein Schutz gegen die Horcher von außen.

 

Von Zeit zu Zeit verhandelte Mr. Tiser wichtige Dinge in seinem Zimmer, die sowohl ihn als auch die Verbrecher angingen, die eine Unterkunft in dem Heim gefunden hatten. An diesem Abend hatte er drei der Polizei wohlbekannte Männer zu sich bestellt.

 

Harry, der Schläger, gehörte zu ihnen. Niemand wußte, woher er diesen Beinamen bekommen hatte. Ein anderer war Lew Patho. Sie saßen mit dem nicht weniger gefährlichen dritten um einen Kartentisch und tranken Whisky, für den sie nicht zu zahlen brauchten.

 

»Es tut mir nur leid für euch«, sagte Tiser gerade. »Ihr armen Kerle, die ihr von der Polizei überall herumgejagt werdet und niemals eine Chance habt hochzukommen, bloß weil ihr nun einmal unglücklicherweise eure Vorstrafen habt! Und dabei wurdet ihr doch auf falsche Zeugenaussagen hin verhaftet und eingesteckt.«

 

Die drei sahen sich zustimmend an.

 

»Ich will ja im allgemeinen nichts gegen die Polizei sagen«, fuhr Tiser fort. »Es sind ganz ehrbare Leute darunter. Ich will auch nichts gegen Mr. Bradley sagen, der ein ganz gutes Herz haben mag. Aber was er sich heute erlaubte, war doch etwas zuviel.«

 

Er machte eine längere Pause, um den Leuten Gelegenheit zu geben, ihn zu fragen. Aber keiner von ihnen sagte ein Wort.

 

»Also, nun hört mal, was er gesagt hat. ›Ich wundere mich nur, Mr. Tiser‹ – er nennt mich nämlich immer Mr., das ist anständig von ihm –, ›warum Sie so schlechte Kerle wie Meuchelmörder‹ denkt euch mal, so ein gemeines Wort hat er gebraucht – ›in Ihrem Heim beherbergen. Zum Beispiel diesen Lew Patho und diesen Harry und den gemeinen Menschen mit dem unverschämten, roten Gesicht, der erst neulich drei Monate gesessen hat, weil er seine Frau so verprügelt hat!‹«

 

Der »Mann mit dem roten Gesicht« rutschte unruhig hin und her.

 

»Wenn der mir etwas sagen will…« begann er heiser.

 

Aber Tiser winkte ihm ab.

 

»Ich kann mir nicht helfen, ich habe immer das Gefühl, ja sogar die Überzeugung, daß dieser Bradley nicht eher ruht, als bis er euch alle wieder hinter Schloß und Riegel hat. Es ist wirklich schlimm, daß sich ein solcher Beamter so gehässig zeigen kann. Ich hielt es für meine Pflicht, euch zu warnen.«

 

Tiser lehnte sich in seinen Stuhl zurück. Harry, der Schläger, runzelte düster die Stirn.

 

»Er wird seine Ladung schon in den nächsten Tagen bekommen.«

 

»Ja, das fürchte ich auch«, meinte Tiser kopfschüttelnd. »Seht mal, ich kenne seine Gewohnheiten ganz genau. Ich weiß, wo er wohnt und wann er nach Hause geht. Schon oft habe ich mir gedacht, wie dumm es von dem Mann ist, der doch so viele Feinde hat, daß er nachts um ein Uhr allein über Bryanston Square geht. Dort ist doch um diese Zeit keine Menschenseele. Ich muß sagen, er fordert sein Schicksal heraus!«

 

Er erhielt keine Antwort: Die drei Männer starrten in ihre Gläser.

 

»Ich will durchaus nicht behaupten, daß es schön wäre, wenn sich jemand an diesem schlauen und rührigen Polizeibeamten vergriffe – aber verstehen könnte ich es schon.«

 

Er erhob sich und brachte eine neue Flasche von der Kredenz.

 

»Nun, meine Jungen, jetzt werde ich euch einmal das Radio anstellen. Ein unbekannter Wohltäter hat dem Versorgungsheim einen Apparat geschenkt. Gestern ist er gebracht worden.«

 

Als sie eine Weile der Musik gelauscht hatten, wandte sich der Mann mit dem roten Gesicht an die anderen. Vielleicht hatte ihn die Musik zu diesem Plan inspiriert.

 

»Wie wäre es, wenn wir heute auf Bradley warteten? Der Kerl wird zu üppig.«

 

»Pst, pst!« Mr. Tiser lächelte und winkte beschwichtigend mit der Hand. Dann hielt er sich die Ohren zu. »So etwas darf ich nicht hören, das wißt ihr doch!«

 

*

 

Inspektor Bradley machte sich um drei Viertel eins in derselben Nacht auf den Heimweg. Der Mann mit dem roten Gesicht folgte ihm in einer gewissen Entfernung. Alles, was Tiser gesagt hatte, schien genau zu stimmen. Der Detektiv nahm kein Taxi, auch stieg er nicht auf einen Nachtautobus, obwohl sich dicht vor dem Haus eine Haltestelle befand. Mit der Zeit wurde der Abstand zwischen den beiden Männern immer geringer, und als Bradley nach Bryanston Square einbog, war ihm sein Verfolger dicht auf den Fersen. Hier tauchten auch dessen beide Freunde aus der Dunkelheit auf und schlossen sich ihm an. Ihre Schritte waren nicht zu hören, denn Mr. Tiser hatte ihnen vorsorglich vor einigen Tagen Gummischuhe geschenkt. Seine Menschenfreundlichkeit war grenzenlos.

 

Als Bradley auf dem verlassenen Gehsteig entlangging, wollten sich die drei Verbrecher auf ihre Beute stürzen. Sie waren nur noch fünf Schritte von dem Detektiv entfernt, als sich dieser plötzlich umwandte.

 

»Hände hoch – schnell!« befahl er kurz. »Fortlaufen hat keinen Zweck! Das ist nur Kraftvergeudung.«

 

Noch während er sprach, erschienen plötzlich zwei Polizeiautos, und zwar von entgegengesetzten Seiten. Sie hielten in einer Entfernung von zwanzig Metern, und mehrere Beamte sprangen ab.

 

Schnell waren die drei durchsucht.

 

Als die Leute in ein Polizeiauto gebracht worden waren, trat Bradley an den Wagen heran.

 

»Wenn ich Tiser wiedersehe, werde ich ihm sagen, daß ihr seinen Vorschlag genau ausgeführt habt. Es wäre besser gewesen, wenn ihr euch das Radioprogramm zu Ende angehört hättet. Nachher gab es nämlich noch einen interessanten Vortrag über Gefängnisse. Allerdings hätte der Redner euch ja nicht viel Neues erzählen können.«

 

Befriedigt von dem Erfolg ging Bradley nach Hause.

 

Mr. Tiser folgte in dieser Nacht einem unwiderstehlichen Drang und untersuchte den kleinen Lautsprecher; ein geschickter Mechaniker, der in dem Heim wohnte, half ihm dabei. Auf diese Weise erfuhr er, daß der Apparat mit einem Draht in Verbindung stand, der nicht zur Antenne, sondern zu dem Telefonmast auf dem Dach führte. Tiser wurde aschgrau im Gesicht, als er an all die gefährlichen Unterhaltungen dachte, die seit der Anbringung des »Radios« in seinem Zimmer geführt worden waren. Schließlich entdeckten sie im Gehäuse ein äußerst empfindliches Mikrophon – alle Gespräche waren abgehört worden!

 

*

 

Eine Woche verging, aber Ann konnte sich zu keiner Tätigkeit aufraffen. Sie saß zu Hause und dachte nach. Aber sie kam zu keiner Klarheit, ihre Gedanken verwirrten sich nur noch mehr.

 

Die Entziehung des Führerscheins beraubte sie ihres größten Vergnügens, denn die Autofahrten hatten ihr viel Zerstreuung geboten. Aber obwohl sie darauf verzichten mußte, lebte ihr Haß gegen Bradley nicht wieder auf.

 

Einmal sah sie ihn, als sie im Park spazierenging. Er fuhr in einem kleinen Auto hinter einem Mannschaftswagen der Polizei her. Was mochte wohl das Ziel dieser Fahrt sein? Wen würde das Geschick ereilen?

 

Auch in der Zeitung las sie ab und zu von ihm; einmal trat er als Zeuge gegen einen Autodieb, ein andermal gegen eine Bande von Taschendieben auf.

 

Mark versuchte, sie zu zerstreuen, und nahm sie eines Abends zu dem Versorgungsheim mit; aber es war kein angenehmes Erlebnis für sie. Mark erzählte ihr von Sedeman und zeigte ihr sein Zimmer.

 

»Wir können den alten Kerl nicht gut vor die Tür setzen, deshalb haben wir sein Zimmer nicht wieder belegt«, erklärte er. »Augenblicklich wohnen verhältnismäßig wenig Leute im Haus.«

 

»Haben Sie denn die anderen alle schon gebessert?«

 

Er glaubte, einen sarkastischen Unterton aus ihrer Frage herauszuhören, und war etwas bestürzt darüber.

 

»Wir machen nicht den Versuch, sie zu bekehren – das hätte wenig Zweck. Wir wollen ihnen nur Arbeit verschaffen und sie zu einem geordneten Leben zurückführen, wenn sie aus dem Gefängnis kommen«, sagte Mark auf der Heimfahrt.

 

»Welche Art von Arbeit verschaffen Sie ihnen denn?«

 

Wieder fühlte er ihr Mißtrauen aus dieser Frage.

 

Über Schmuggel sprachen sie nicht mehr. Mark hatte sich jene böse Erfahrung als Warnung dienen lassen. Weder in seiner Garage noch in seinem Haus bewahrte er irgendwelche Ware auf, die seine gesetzwidrige Tätigkeit hätte verraten können. Selbst Anns Auto hatte er in einer weiter entfernten Garage in der Nähe der Edgware Road untergebracht.

 

Aber drei Wochen nach der gerichtlichen Verhandlung sollte Mark noch einen viel größeren Schrecken bekommen.

 

Kapitel 13

 

Kapitel 13

 

Mark McGill ging in seinem großen Wohnzimmer auf und ab und blieb zuweilen stehen, um auf den düsteren Platz hinunterzuschauen. Auf dem Tisch lagen viele Zeitungsausschnitte verstreut, die ihm eine Nachrichtenagentur gesandt hatte. Sie bezogen sich auf die Gerichtsverhandlung gegen Ann.

 

Durch Tisers Ankunft wurde er in seinen Betrachtungen unterbrochen. Im Versorgungsheim ging nicht alles nach Wunsch. In kurzer Zeit hatte die Polizei zweimal das Haus durchsucht; einer der Insassen war verhaftet und zu neun Monaten Gefängnis verurteilt worden. Auch war die Polizei in der Provinz in letzter Zeit sehr tätig gewesen, und Marks Einkommen hatte sich dadurch beträchtlich verringert. Er besaß zwar ein ansehnliches Vermögen, das er durch seinen illegalen Handel zusammengebracht hatte, aber seine Ausgaben und Spesen waren auch sehr groß. Außerdem bereitete ihm die Einziehung von Anns Führerschein Schwierigkeiten, mit denen er nicht gerechnet hatte.

 

Er wandte sich unfreundlich und brummend um, als Tiser ins Zimmer trat, ging dann zur Tür und schloß sie. Tiser sah ihn furchtsam an. Das Zucken seines Gesichtes und die nervösen Bewegungen seiner Hände verrieten Mark, daß etwas Besonderes vorgefallen sein mußte.

 

»Nun, was ist denn mit dir los?« fuhr Mark ihn an. »Laß dich um Gottes willen in diesem Zustand nicht vor Ann Perryman sehen!«

 

»Vor Ann?« Tiser hob seine zitternde Hand. Er versuchte zu lächeln, aber sein Gesicht verzog sich nur zu einer greulichen Grimasse. »Ist dir an Ann nichts aufgefallen in der letzten Zeit? Sie spricht kaum mit mir, und sieht mich überhaupt nicht mehr an. Hat sie etwas gegen mich?«

 

»Sie hat noch nie viel mit dir gesprochen«, brummte Mark. »Ich verstehe nicht, daß ein Mädchen oder eine Frau, die nur ein bißchen Selbstachtung besitzt, mit dir überhaupt reden mag. Aber jetzt will ich wissen, was mit dir los ist!«

 

»Ich mache mir schwere Sorgen um sie, Mark«, sagte Tiser leise. »Sie war so ruhig. Denke doch, als wir gestern zusammensaßen, hat sie nicht ein Wort gesagt.«

 

»Das zeigt nur, daß sie vernünftig ist. Was hätte sie denn auch mit dir reden sollen?« fragte Mark ungeduldig. Er wollte seine eigene Unruhe verbergen, denn auch ihm war der Wandel an Anns Wesen aufgefallen.

 

»Ich habe einen dieser Leute von Lady’s Stairs gesprochen«, sagte Tiser eindringlich. »Der hat mir etwas erzählt, was mich sehr beunruhigt, Mark. Wenn ich es früher gewußt hätte, wäre ich vor Furcht gestorben.«

 

»Was denn? Wenn du dich fürchtest, ist noch lange nicht gesagt, daß man die Sache ernst nehmen muß.«

 

»Sie haben die ganze Zeit nach Li gesucht«, fuhr Tiser in heiserem Flüsterton fort. »Wir dachten damals, sie hätten die Nachforschungen aufgegeben, aber das stimmt nicht. Jeden Tag haben sie sich in der Gegend von Lady’s Stairs zu schaffen gemacht. Der Kerl hat mir gesagt, daß sie vor vierzehn Tagen einen Taucher hinuntergelassen haben. Der sollte unter dem Haus alles absuchen. Niemand hat etwas davon erfahren, sie haben es nachts gemacht. Aber der Mann hat mit eigenen Augen gesehen, wie sie den Taucher hinabgelassen haben.«

 

Mark schwieg. Diese Nachricht hatte ihn doch überrascht.

 

»Sie haben aber wohl nichts gefunden. Mein Mann kam nahe genug an die Beamten heran, daß er ihre Unterhaltung hören konnte. Sie haben die Nachforschungen jetzt endgültig aufgegeben.«

 

Mark strich sich mit der Hand über sein Kinn.

 

»Das hätten sie gleich tun können. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist Li mit der Flut in den Fluß gekommen und ins Meer gespült worden.«

 

Aber Tiser war nicht davon überzeugt.

 

»Das wollen wir hoffen. Es wäre doch zu schrecklich, wenn er mit dem Leben davongekommen wäre und nun aus Rache uns bei der Polizei anzeigte. Erinnerst du dich daran, was er damals sagte?« Tiser schüttelte sich vor Furcht und sah sich ängstlich im Zimmer um. »Kurz bevor du ihn niederknalltest, Mark? Er sagte, er würde wiederkommen, du könntest ihn nicht töten. Ich habe ihn das auch schon früher sagen hören. Und dann denke doch einmal an die Geister, die er immer sah, an die kleinen Kinder … und Ronnie …«

 

McGill schaute ihn unwirsch an.

 

»Was, zum Teufel, ist denn in dich gefahren, Tiser? Bist du nicht mehr ganz richtig im Kopf oder hast du Koks genommen?«

 

»Nein, nein!« Tiser schüttelte energisch den Kopf, aber seine Stimme klang nur noch wie ein Winseln. »Ich möchte nur wissen – ob du glaubst, daß Geister auf die Erde zurückkommen können?«

 

»Du bist betrunken«, sagte Mark schroff.

 

»Nein, das bin ich nicht!« Tiser faßte ihn ängstlich am Arm. »Höre doch, vergangene Nacht, als ich im Bett lag … ich hatte nur ein oder zwei Glas getrunken …«

 

Mark ging zum Schrank, schenkte ein Glas Whisky ein und drückte es Tiser in die Hand.

 

»Trink einmal, damit du dich beruhigst, du feige Memme! Dann erzählst du mir, was du zu sagen hast. Wenn ich soviel Morphium und Koks schnupfte wie du, dann würde ich auch Gespenster sehen!«

 

Tiser goß das scharfe Getränk hinunter. Dann wurde er etwas ruhiger und erzählte seine Geschichte. Am Abend vorher war er früher als gewöhnlich zu Bett gegangen. Er gab wohl zu, daß er etwas getrunken habe, aber er protestierte heftig dagegen, daß es zuviel gewesen sei. Mehrere Male wachte er auf, und beim drittenmal kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er nicht allein im Zimmer war. Das Mondlicht fiel hell durch das Fenster.

 

»Er war da, Mark!« Tisers Stimme klang kläglich und weinerlich, seine Zähne klapperten, und er konnte kaum sprechen. »Er saß in einem Stuhl, hatte die Hände auf die Knie gelegt und sah mich an!«

 

»Wer denn, wer?«

 

»Li Yoseph! Er hatte den schmutzigen, alten Kaftan an und trug seine Pelzkappe. Ich sehe noch jetzt sein gelbes Gesicht! Ach Gott, es war zu schrecklich!«

 

Er bedeckte das Gesicht mit den Händen, als ob er dadurch die entsetzliche Erinnerung verscheuchen könnte.

 

»Du lagst doch im Bett, nicht wahr? Und dann bist du aufgestanden und hast gesehen, daß du geträumt hast!« suggerierte ihm Mark.

 

Aber Tiser schüttelte den Kopf.

 

»Nein, ich habe nicht geträumt. Er war wirklich da, er saß auf dem Stuhl und sah mich an. Zuerst hatte er nichts gesagt – aber dann sprach er wieder zu den Geistern und streichelte die kleinen Kinder. Was nachher geschah, weiß ich nicht mehr, ich habe wohl die Besinnung verloren. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich ein fürchterliches Gefühl. Es war schon hell, und bald darauf ging die Sonne auf …«

 

»Und er war nicht in deinem Zimmer!« fuhr ihn Mark an. »Ich glaube, du mußt dir eine andere Whisky-Marke aussuchen.«

 

»Ich habe ihn aber ganz bestimmt gesehen«, beharrte Tiser kläglich. »Glaubst du denn, ich könnte mich täuschen?«

 

»Entweder faselst du mir etwas vor, oder du warst besoffen!« erwiderte Mark verächtlich. »Warum sollte denn Li Yoseph ausgerechnet zu dir kommen? Er müßte doch wohl bei mir erscheinen! Das hätte noch eher Sinn und Verstand! Entweder hast du Gespenster gesehen, oder einer dieser Verbrecher aus der Herberge hat deinem Zimmer einen Besuch abgestattet, um zu sehen, ob er dort nicht etwas finden könnte.«

 

»Die Tür war aber verschlossen«, unterbrach ihn Tiser.

 

»Kann man denn nicht durch das Fenster einsteigen? Es ist doch für einen erfahrenen Einbrecher die leichteste Sache von der Welt, in dein Zimmer zu kommen. Nein, durch dein Gefasel lasse ich mich nicht einschüchtern. Li Yoseph ist tot, er kommt nicht wieder. Hörst du, was ich dir sage? Du hast ihn weder gesehen noch gehört. Es war alles nur ein böser Traum …«

 

Plötzlich sprang Tiser auf und starrte Mark entsetzt an.

 

»Hör doch«, flüsterte er atemlos. »Mark! Kannst du es hören?«

 

McGill wollte ihm eben eine grobe Antwort geben, als auch er den Klang vernahm, der von der Straße kommen mußte. Es war der leise, singende Ton einer Violine, auf der jemand die Melodie von Tostis »Chanson d’Adieu« spielte. Mit einem unterdrückten Fluch eilte Mark zur Balkontür, zog die Vorhänge auf und trat hinaus.

 

Aber es war niemand auf dem Gehsteig vor dem Haus zu sehen, auch war nichts zu hören.

 

Er ging ins Zimmer zurück und schloß die Tür. Im selben Augenblick vernahm er auch die Melodie wieder. Jetzt schien sie von der Wand her zu kommen.

 

Dann brach das Spiel plötzlich ab.

 

Es klopfte, und Mark öffnete. Ann Perryman kam herein.

 

»Haben Sie die Violine gehört?« fragte sie.

 

»Ja. Treten Sie bitte näher.«

 

»Ich saß in meinem Schlafzimmer und nähte« – sie zeigte auf die Wand –, »als ich plötzlich das Spiel hörte. War es nicht die Melodie, die Li Yoseph liebte?«

 

Tiser blinzelte und schwätzte wie ein Verrückter.

 

»Sie haben es gehört?« wimmerte er. »Das war Li Yoseph. Niemand spielte die Melodie so wie er … Er hat niemals den richtigen Takt gehalten … Mark, ich will schwören, daß es Li ist! Bestimmt war er in meinem Schlafzimmer!«

 

McGill packte ihn an der Schulter und schleuderte ihn auf das Sofa.

 

»Du bleibst hier sitzen und hältst jetzt den Mund, du Affe!« sagte er rauh. »Achten Sie nicht auf ihn, Ann, er ist schon wieder betrunken.«

 

»Wann hat er denn Li Yoseph gesehen?«

 

»Er hat ihn überhaupt nicht gesehen – er hat doch nur geträumt. Was kann man denn von einem solchen Trunkenbold erwarten, der niemals nüchtern zu Bett geht?«

 

Tiser wollte protestieren, aber Mark achtete nicht auf ihn.

 

»Tiser ist verrückt. Jeder kann ihm doch ansehen, daß er nicht ganz bei Vernunft ist. Das war eben irgendein Straßenmusikant, in einer so stillen Nacht wie heute kann man eine Violine unheimlich weit hören. Wahrscheinlich spielte jemand in der Nähe. Sie wollen schon wieder gehen, Ann?«

 

Sie stand bereits an der Tür.

 

»Ja. Ich war nur neugierig, ob Sie es auch gehört hätten. Das war alles.«

 

Bevor er sie aufhalten konnte, war sie schon gegangen. Er hörte, wie sie die Tür ihrer Wohnung schloß. Mit einem Schritt war er am Sofa, packte Tiser, riß ihn in die Höhe und schüttelte ihn heftig.

 

»Wie oft habe ich dir Esel schon gesagt, daß du das Mädchen nicht durch deine Dummheiten erschrecken sollst! Nimm dich in acht, Tiser! Wenn du mir gefährlich wirst, gehst du denselben Weg wie Li Yoseph. Das kann ich dir ruhig sagen, denn du kannst mich ja nicht anzeigen, ohne selbst an den Galgen zu kommen.«

 

Er stieß Tiser vor sich her, der sich nur mit Mühe aufrecht halten konnte.

 

»Es ist schon gut, Mark«, sagte er unterwürfig. »Es tut mir schrecklich leid, daß ich dich gestört habe. Wahrscheinlich habe ich gestern zuviel getrunken.«

 

Er eilte aus dem Zimmer und rannte die Treppe hinunter. Als er die Oxford Street erreichte, war er außer Atem, aber er fühlte sich etwas erleichtert. Je weiter er ging, desto mehr schwand seine Furcht.

 

Die Herberge lag an einer Straßenecke hinter Hammersmith Broadway. Um diese Zeit lagen beide Straßen vollkommen verlassen da. Als Tiser um die Ecke bog, sah er einen Mann, der mit dem Rücken gegen eine Laterne lehnte. Er glaubte zuerst, der Fremde sei eingenickt, denn sein Kopf war auf die Brust gesunken. Tiser ging schnell, um an ihm vorbeizukommen. Das Licht aus dem Versorgungsheim schimmerte ihm schon einladend durch das große Fenster über der Haustür entgegen und flößte ihm Vertrauen ein. In einer sonderbaren Anwandlung von Mut sagte er »Guten Abend«, als er an dem Mann vorbeikam.

 

Der Fremde schaute auf. Tiser starrte einen Augenblick in das gelbe Gesicht, sah die Astrachanmütze und das wirre, graue Haar, das unter der Kappe hervorquoll; er sah die große, gebogene Nase und das runzlige Kinn …

 

Kapitel 9

 

9

 

Die lange Reihe von Rennpferden wanderte langsam den Abhang hinauf und verschwand über die Höhe. Edna sah, daß Goodie in einiger Entfernung auf einem großen, schwarzen Pferd hinter ihnen herritt. Das Kinn hatte er auf die Brust gesenkt und die Augen halb geschlossen. Edna beobachtete ihn durch ein scharfes Fernglas. Zuerst glaubte sie, daß er schliefe, aber darin täuschte sie sich. Er kam zu der Stelle, wo die Probegaloppe abgehalten wurden, und blieb dort stehen, während der Erste Trainer des Stalls den Leuten Instruktionen gab. Sein Rennstall war wahrscheinlich der einzige in ganz England, in dem nicht englisch gesprochen wurde. Viele der Reitknechte, die die Pferde betreuten, waren Mischlinge. Alle zwei Jahre wechselte Goodie seine Leute und hatte infolgedessen Auseinandersetzungen mit dem Arbeitsministerium, das ihm bei der Anstellung von Ausländern Schwierigkeiten machte.

 

Die Leute hatten einen Klub für sich, und wenn sie nach London gingen, wurden sie stets von Kollegen begleitet, die englisch sprachen.

 

Die Kerle konnten reiten wie der Teufel. Verschiedene von ihnen waren so gute Jockeis, daß sie sich auf jeder englischen Rennbahn ausgezeichnet hätten. Aber Goodie gestattete nicht, daß sie sich bei einem Rennen als Jockeis betätigten. In jedem Fall ließ er seine Pferde durch die besten englischen Jokeis reiten, und die Leute wußten nichts von den Vorzügen der Tiere, bis sie den Sattelplatz verließen. Die Instruktion, die er ihnen gab, lautete stets gleich: »Ich zahle Ihnen fünfhundert Pfund, wenn Sie dieses Rennen gewinnen.«

 

Wenn sie nicht gewannen, wußten sie, daß Goodie es auch gar nicht erwartet hatte.

 

Nun saß er im Sattel und beobachtete mit düsterem Blick, wie die Pferde über das Heideland auf ihn zugaloppierten. Es wurden immer zwei Pferde zu gleicher Zeit vom Start abgelassen. Alle waren an ihm vorübergekommen bis auf eines, und er wurde plötzlich lebhaft, als dieses in Sicht kam. Es war ›Weiße Lilie‹. Das Tier war in glänzender Form und hatte einen außerordentlichen, weiten Schritt, durch den es unheimlich schnell vorwärtskam. Im schnellsten Tempo jagte es an Goodie vorüber. Der Reitknecht, der das Pferd ritt, zog dann die Zügel an und kam in kurzem Bogen zu Goodie heran.

 

»Nun, wie war’s?«

 

Der farbige Stallknecht grinste.

 

»Das Pferd ist schneller als ein Flugzeug. Von Tag zu Tag geht es besser.«

 

Goodie brummte etwas, stieg vom Pferd, ging auf ›Weiße Lilie‹ zu und klopfte ihr den Hals. Dann ging er langsam um das Tier herum und befühlte jede Fessel und jede Muskelpartie.

 

»Decken Sie das Tier mit einer Decke zu und führen Sie es im Schritt zum Stall, Jose«, sagte er auf spanisch. »Für achthundert Peso habe ich den Gaul einmal gekauft – das ist ein Geschäft, was?« »Dios!« sagte der Mann und rollte mit den Augen. »Achthundert Peso!«

 

Es war eine Schwäche Goodies, sich gern seiner Geschäfte zu rühmen, selbst wenn es keine Geschäfte waren.

 

Lange sah er dem Pferd nach, dann stieg er wieder in den Sattel und ritt zu seinem Haus zurück. Edna sah ihn kommen, senkte das Glas und zog sich weiter in das Zimmer zurück, so daß sie ihn beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden.

 

Mr. Goodie dachte im Augenblick aber weder an Frauen noch an Pferde; er dachte an das Manuskript, das halb fertig in seinem Safe lag und vielleicht niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken würde. Er war nämlich damit beschäftigt, eine Selbstbiographie zu schreiben, und zum Teil auch aus diesem Grund hatte er sein Haus mit einem hohen Drahtgitter umgeben lassen.

 

Er ging in sein Arbeitszimmer hinauf, öffnete den Safe, nahm die letzten Blätter seines Manuskriptes heraus und las sie langsam durch. Dann lächelte er – was er nur selten tat –, denn er mußte an Luke denken. In dem Manuskript hatte er ohne Umschweife und ohne etwas zu beschönigen, die Geschichte aller seiner Taten erzählt, die ihm später unsterblichen Ruhm einbringen sollten.

 

Daß er diese Memoiren überhaupt schrieb, war an und für sich schon Wahnsinn. Seine ungeheure Eitelkeit und das lockende Spiel mit der Gefahr waren verantwortlich dafür.

 

Edna hatte nicht viel Abwechslung auf dem Land und fühlte sich ein wenig gelangweilt durch die Abgeschlossenheit, in der sie lebte. Sie war meistens allein und mußte sich selbst unterhalten. Es war einsam, obgleich sie jeden Tag einen langen Ritt machte und mindestens zweimal in der Woche nach London fuhr.

 

Jedesmal hatte sie dann mit der Versuchung zu kämpfen, noch einen weiteren Tag im Hotel zu bleiben oder noch einmal ins Theater zu gehen.

 

Eines Abends kam sie müde und unruhig von London zurück. Sie hatte gehofft, Mark Luke zu treffen, doch der war nicht in der Stadt.

 

Um neun Uhr legte sie sich zu Bett, aber nach einer Viertelstunde kam sie zu der Überzeugung, daß sie noch nicht schlafen könne. Sie stand wieder auf, schlüpfte in ihren Morgenrock und griff nach einem der spannenden Bücher, die sie aus der Stadt mitgebracht hatte. Aber auch dadurch fand sie keine Ablenkung. Schließlich ging sie zum Fenster und schaute zwischen den Vorhängen hinaus. In dem hellen Mondschein sah sie die zerklüfteten Felsen in der Ferne; sie konnte sogar die kleinen schwarzen Flecke sehen, als die die Eingänge der Perrywig-Höhlen erschienen. Sie machte das Licht aus, zog die Vorhänge zurück und setzte sich auf einen Stuhl ans offene Fenster. Es war eine milde Oktobernacht, zum Träumen wie geschaffen.

 

Plötzlich hörte Edna, daß eine Tür zugeschlagen wurde. Der Schall kam aus der Richtung von Goodies Haus. Kurz darauf sah sie einen Mann, der sich scharf von der weißgetünchten Wand abhob, und als sie genauer hinsah, erkannte sie Mr. Goodie. Er ging langsam und leise auf die große Vertiefung zu, die von den Betonmauern eingefaßt war, machte eine eiserne Tür auf, sprach etwas und pfiff dann leise.

 

Dann verschwand er hinter einer Gruppe von Sträuchern, aber gleich darauf wurde er wieder sichtbar. Er bewegte sich nach der äußeren Ecke des Zaunes und trug etwas in der Hand. Ihm folgten zwei ungeheuer große Hunde mit langen Schwänzen.

 

Im Mondlicht nahm sich das alles phantastisch aus, und Edna war es, als ob die beiden Hunde zu unheimlicher Größe anwüchsen. Sie waren sicher größer als Bluthunde und bedeutend massiger als die größten Neufundländer. Gehorsam gingen sie hinter ihm her und hielten den Kopf zu Boden gesenkt. Dann lief der eine nach links; wahrscheinlich hatte er ein Kaninchen gewittert. Goodie rief ihn scharf zurück, und als das Tier langsam wieder zu ihm kam, knallte er mit der Peitsche, die er in der Hand hielt.

 

Die Gestalten wurden undeutlicher, als sich Goodie mit den beiden Hunden in der Richtung nach dem Eingang der Perrywig-Höhlen entfernte. Edna trat vom Fenster zurück und holte ihren Feldstecher. Ein leiser Dunst lag auf den Feldern, der es unmöglich machte, etwas genau zu erkennen. Eine Stunde verging, bevor sie Goodie und die beiden Tiere wiedersah. Diesmal liefen sie voraus und warteten, daß er das Tor für sie öffnen sollte. Wolken bedeckten den Mond, so daß sie nichts mehr weiter beobachten konnte.

 

Sie zog die Vorhänge wieder zu, legte sich zu Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf. Zweimal wachte sie auf und sah nach der Uhr; jedesmal war kaum eine Stunde vergangen. Als sie zum drittenmal erwachte, hatte sie in ihren Träumen einen Schrei gehört. Sie richtete sich im Bett auf, am ganzen Körper zitternd. Wieder und wieder hörte sie diese grauenvollen Laute – es waren hohe, langgezogene Töne. Zuerst kam ihr der Gedanke, daß jemand in einiger Entfernung gefoltert würde – ihr Blut erstarrte, und sie konnte sich nicht rühren. Schließlich zwang sie sich aufzustehen. Sie ging mit unsicheren Schritten zum Fenster und zog die Vorhänge zurück.

 

Das Geräusch war aus der Richtung der Perrywig-Höhlen gekommen, aber sie konnte nicht sagen, aus welcher Entfernung. Während sie noch entsetzt in die Nacht hinausstarrte, hörte sie plötzlich eine Stimme und fuhr zusammen.

 

»Hoffentlich sind Sie nicht zu sehr erschreckt worden, Miss.«

 

Der Mann stand direkt unter ihrem Fenster und war bis zum Kinn in einen grauen Mantel gehüllt. Aber sie erkannte Lanes Stimme und wußte, daß er es war, bevor er seinen Namen nannte. In dem schwachen Mondlicht sah sie den Lauf eines Gewehres.

 

»Was war denn das?« fragte sie leise und erleichtert.

 

»Ich weiß es nicht. Seit vier Uhr bin ich auf.«

 

»Warum haben Sie denn die Waffe bei sich?«

 

»Ich dachte, daß vielleicht Wilddiebe draußen wären.«

 

Er ging bis zur Mauer und kam nach einer Weile zurück.

 

»Ich habe ein neues Schloß an die Tür machen lassen – ein Yale-Schloß. Sie finden den Schlüssel in Ihrer Bibliothek. Aber ich gebe Ihnen den Rat, die Tür nicht zu öffnen, ganz gleich, ob es Tag oder Nacht ist.«

 

»Was sind das für große schwarze Hunde?«

 

»Hunde? Ach, haben Sie die Tiere gesehen? Ist er mit ihnen draußen gewesen? – Ich meine, Goodie? Hat er sie mitgenommen?« »Er ist zu den Perrywig-Höhlen gegangen«, sagte sie..

 

»Das dachte ich mir schon«, entgegnete er zu ihrem größten Erstaunen ruhig. »Eine sonderbare Zeit, und in der Nacht trainiert man doch keine Rennpferde.«

 

»Ich möchte nur wissen, was das für unheimliche Hunde waren!«

 

»Das weiß ich auch nicht. Ich habe schon viel von ihnen gehört, sie aber noch nie gesehen. Er hält sie in einem unterirdischen Käfig gefangen; deshalb ist es auch besser, Sie benutzen diese Tür nicht. Die Tiere sind sehr gefährlich. Er wird natürlich mit ihnen fertig – wozu ist er Tierbändiger.«

 

Sie sprachen sehr leise, trotzdem schien es jemand gehört zu haben, denn gleich darauf wurde eine Tür an der Hinterseite des Hauses geöffnet, und sie vernahmen die Stimme des Butlers.

 

»Sind Sie es, Jimmy?«

 

»Ja, ich bin’s«, erwiderte Lane.

 

Penton trat vor, so daß sie ihn sehen konnten. Edna bemerkte, daß er etwas in die Tasche steckte, und wunderte sich, was er wohl in der Hand gehabt haben mochte.

 

»Entschuldigen Sie, Miss, aber ich habe einen Schrei gehört.«

 

»Sie müssen auch einen leichten Schlaf haben, Penton«, meinte sie und lehnte sich fröstelnd aus dem Fenster.

 

Die beiden Männer gingen um die Hausecke und sprachen leise miteinander, während Edna ins Zimmer zurücktrat und sich beruhigt zu Bett legte. Dankbar dachte sie an Luke; er hatte ihr diese beiden starken Wächter verschafft, die auf das kleinste Geräusch lauschten. Dann schlief sie ein, und als sie wieder erwachte, war es bereits zehn Uhr morgens, und die Sonne lachte ins Fenster.

 

Kapitel 6

 

6

 

Auf der Rückreise nach London fand Edna genug Gelegenheit, Luke zu studieren, der plötzlich eine Rolle in ihrem Leben zu spielen begann. Er sah ganz und gar nicht so aus, wie sie sich einen Polizeibeamten vorgestellt hatte. Er sprach ein tadelloses Englisch, und seine Stimme klang vornehm und kultiviert. Als sie noch Stenotypistin war, hatte sie die verschiedensten Leute kennengelernt und sich eine gewisse Menschenkenntnis angeeignet, aber über diesen Mann war sie sich tatsächlich im unklaren. Hübsch war er gerade nicht, aber er hatte ein anziehendes, interessantes Gesicht, das trotz der angegrauten Schläfen frisch und jugendlich wirkte.

 

Während der Reise erwähnte er nebenbei, daß auch er spanisch spreche, und da sie glaubte, er wollte sie zum besten halten, stellte sie sofort eine Frage in dieser Sprache. Er beantwortete sie in bestem Spanisch und fügte hinzu, daß er ein ziemlich großes Sprachtalent besitze.

 

Eine Weile später kam die Unterhaltung wieder auf Rustem.

 

»Diesem Menschen dürfen Sie auf keinen Fall trauen …«

 

Er zögerte.

 

»Nun, was wollten Sie sagen?«

 

»Ich möchte Sie besonders vor ihm warnen, weil er den Frauen nachstellt. Ich will nicht gerade sagen, daß er …«

 

»Sie meinen, daß er sich in mich verliebt oder hinter mir her sei? Aber warum sollte er das nicht tun, Mr. Luke? Ich glaube, Sie sind ein wenig zu ängstlich.«

 

Er lächelte verlegen und wurde rot, worüber sie lachen mußte. Auf dem King’s-Cross-Bahnhof trennte er sich von ihr. Aber vorher hatte er ihr das Versprechen abgenommen, daß sie ihn benachrichtigen würde, wenn sie einen Besuch in Longhall machen sollte.

 

Als sie das Hotel erreicht hatte, fand sie ein langes Telegramm vor, das inzwischen für sie angekommen war. Es war in Berlin aufgegeben worden.

 

Bitte zahlen Sie meine Hotelrechnung und senden Sie meine Koffer an die Speditionsfirma Friedmann & Co., Friedrich-Wilhelm-Straße 19, Berlin. Ich fahre auf kurze Zeit zur Erholung nach Bayern. Mein wunderbares Pferd ›Vendina‹ ist in bester Form. Saludos. Alberto

 

Mr. Garcia hatte die Angewohnheit, Telegramme nur mit seinem Vornamen zu unterzeichnen.

 

Dann war ihr Freund also nach Berlin gefahren! Sie fühlte sich erleichtert, daß sie nun wenigstens wußte, wo er sich befand.

 

Am Abend ging sie ohne große Freude ins Theater. Sie fühlte sich wieder sehr einsam und vermißte ihren Begleiter von Doncaster sehr.

 

Aber als am nächsten Morgen die Sonne schien, kam sie wieder in bessere Stimmung. Sie frühstückte in ihrem Wohnzimmer und überlegte sich, in welchem großen Möbelgeschäft sie mit ihren Einkäufen beginnen sollte. Als sie gerade ausgehen wollte, brachte ein Page ihr eine Karte.

 

»Mr. Arthur Rustem? Ich lasse bitten.«

 

Mit einem strahlenden Lächeln erschien der elegante Anwalt und verbeugte sich, als er ins Zimmer trat.

 

»Sie waren in Doncaster – leugnen Sie es nicht, Miss Gray, denn ich habe Sie gesehen«, begann er in einschmeichelndem Ton.

 

»Dann müssen Sie aber ungewöhnlich gute Augen haben, Mr. Rustem«, entgegnete sie kühl. »Ich habe Sie auch gesehen, allerdings nur durch mein Glas, und ich möchte bezweifeln, daß Sie mich unter den vielen Tausenden von Zuschauern herausfinden konnten, die sich von der Tribüne aus das Rennen ansahen.«

 

Er ging nicht weiter darauf ein.

 

»Jedenfalls weiß ich, daß Sie in Doncaster waren. Ich habe Ihren guten Freund, Mr. Goodie, getroffen. Ich muß sagen, das ist ein Mann, der hart arbeitet und im Begriff ist, in die Höhe zu kommen. In letzter Zeit hatte er ohnehin Glück und konnte etwas auf die Seite legen. Es freut mich immer, wenn ein tüchtiger Mann im Leben vorwärtskommt.«

 

»Haben Sie die Schlüssel mitgebracht, Mr. Rüstern?« Sie hatte keine Lust, mit ihm über die Vorzüge Mr. Goodies zu sprechen.

 

»Selbstverständlich.«

 

Er rückte einen Stuhl näher, ohne aufgefordert zu sein, und nahm Platz. Dann zog er einen flachen Kasten aus der Tasche.

 

»Hier sind die Schlüssel Ihres väterlichen Besitztums«, sagte er vergnügt. »Es ist nur die Frage, ob Sie tatsächlich vorhaben, in diesem feuchten, einsamen Gebäude zu wohnen. Ich wüßte kein Haus, das abgelegener wäre, und ich würde Ihnen doch raten, das schöne Angebot anzunehmen, das ich durch eine Fügung des Schicksals heute morgen von einem meiner Klienten erhalten habe. Er ist bereit, Ihren ganzen Landbesitz für die Summe von« – er machte eine Pause, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben – »von zwanzigtausend Pfund zu kaufen! Ich halte ihn übrigens für nicht ganz normal, weil er ein so außergewöhnlich hohes Angebot macht –«

 

»Wer ist denn Ihr Klient?« unterbrach sie ihn. »Mr. Goodie oder Mr. Trigger? Öder sollte es etwa Doktor Blanter sein?«

 

Mr. Rustem blinzelte, denn auf diesen plötzlichen Angriff war er nicht vorbereitet. Dann schüttelte er traurig den Kopf.

 

»Ich fürchte, Miss Gray, Sie haben auf Leute gehört, die mich verleumden wollen. Ich will keine Namen nennen, aber es gibt Menschen, die rachsüchtig sind …«

 

»Meinen Sie damit vielleicht Inspektor Luke?«

 

»Nein, durchaus nicht«, entgegnete er hastig. »Ich wollte nichts gegen den Inspektor sagen, er ist ein sehr intelligenter, gebildeter Mann mit vielen Vorzügen. Aber es gibt –«

 

»Ich verkaufe meinen Landbesitz nicht, Mr. Rustem«, erklärte sie ruhig, »und ich glaube, wir sparen uns viele Worte, wenn ich Ihnen das von Anfang an sage.«

 

»Aber das Angebot übersteigt den Wert der Besitzung um das Doppelte!«

 

»Und wenn ich viermal soviel erhalten würde, machte das doch keinen Unterschied für mich aus. Ich werde in Longhall House wohnen und nach Ablauf des Vertrages wahrscheinlich auch Gillywood Cottage übernehmen mit allen Ländereien, die dazu gehören.«

 

Er starrte sie betroffen an und trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. Schließlich zwang er sich zu einem Lächeln.

 

»Wenn Sie so fest entschlossen sind, wäre es töricht von mir, Ihnen einen weiteren Rat geben zu wollen. Vielleicht haben Sie recht. Ich muß sagen, ich habe großes Zutrauen zu dem, was ich den Instinkt der Frauen nennen möchte. Soweit ich dazu imstande bin, werde ich Ihnen natürlich behilflich sein. Vor allem werde ich Sie begleiten, wenn Sie das Haus besichtigen wollen.«

 

»Das ist nicht notwendig, ich habe in der Beziehung bereits meine Dispositionen getroffen.« Nun sah sie ihn etwas schadenfroh an. »Mr. Luke kennt die Gegend sehr genau und hat mir versprochen, mir alles zu zeigen. – Das sind also die Schlüssel?«

 

Sie nahm den kleinen Kasten und öffnete ihn. Er beobachtete sie gespannt. Sie war sehr schön und ungewöhnlich schlagfertig. Er hatte übrigens noch eine andere dringende Sache mit ihr zu besprechen.

 

»Ich freue mich, daß Sie die Frage der Weiterverpachtung angeschnitten haben, Miss Gray. Ich habe Ihrem Rechtsanwalt alle Akten übergeben, und er hat mich darauf aufmerksam gemacht, daß der Pachtvertrag von Mr. Goodie mit diesem Jahr abläuft und nicht, wie ich glaubte, erst in einigen Jahren. Das heißt mit anderen Worten: Sie können den Pachtvertrag mit diesem Jahre enden lassen, sonst läuft er fünfzehn Jahre weiter. Ich habe leider persönlich Mr. Goodie die Zusicherung gegeben, daß man ihn nicht auf die Straße setzen würde. Ich sagte ihm auch, Sie seien die letzte, die einen Mann auf der Höhe seines Lebens ruinieren und ihm den Lebensabend verbittern würde. In Anbetracht dieser Lage habe ich zunächst einmal ein neues Schriftstück aufgesetzt, wodurch Sie den Vertrag verlängern, sagen wir zunächst um ein Jahr, so daß er die Möglichkeit hat, sich nach einem anderen Platz umzusehen. Es ist nur eine Formsache.«

 

Während er sprach, zog er das Dokument aus der Tasche und legte es vor sie auf den Tisch. Dann schraubte er seinen Füllfederhalter auf und schob ihr das Papier zur Unterschrift hin.

 

»Sie sehen, ich habe schon die Stelle markiert, wo Sie Ihren Namen hinsetzen können.«

 

Als sie lachte, schaute er auf.

 

»Aber Mr. Rustem!« sagte sie vorwurfsvoll. »Sie erwarten doch nicht etwa von mir, daß ich ohne weiteres alle möglichen Schriftstücke unterzeichne, die mir vorgelegt werden? Ich muß schließlich Bedenkzeit haben. Oder glauben Sie, daß ich ein Waisenkind bin, das in der Unschuld seines Herzens auf jeden Rat hört? Schicken Sie das Schriftstück bitte meinem Rechtsanwalt.«

 

Ihre Worte berührten ihn peinlich. Er faltete das Schriftstück zusammen und steckte es wieder ein, ebenso den Füllfederhalter. Dann erhob er sich und nahm Hut und Handschuhe.

 

»Sie verhalten sich wirklich verletzend mir gegenüber«, sagte er, und seine Stimme zitterte leicht. »Während meiner ganzen Praxis hat noch niemand eine Andeutung gemacht, daß ich die Unwissenheit meiner Klienten ausgenutzt hätte …«

 

»Aber Mr. Rustem, so etwas habe ich doch gar nicht gesagt! Von anderer Seite ist allerdings behauptet worden, daß Sie das Geld Ihrer Klienten für Ihre eigenen Unternehmungen benützt hätten. Allerdings habe ich mich jeder Stellungnahme dazu enthalten.«

 

Das war eine Kriegserklärung. Er richtete sich auf und sah sie an. Im Grunde hatte er ja schließlich nichts anderes erwartet, aber sie hatte ihm doch sehr schnell ihre wahre Ansicht über ihn gesagt, und das versetzte ihm einen Schock. Er wußte nicht, daß sie drei Jahre lang als Stenotypistin im harten Kampf ums Dasein gestanden hatte, bevor das große Wunder sich ereignete und der alte Donald Gray sie zu sich holte. Mr. Rustem sah in Edna Gray nur eine sehr schöne und reiche junge Dame, die erstaunlich selbstsicher und geschäftstüchtig war.

 

»Sehr wohl. Wie Sie wünschen«, sagte er, und seine Stimme klang hart. »Ich sehe, daß Sie gegen mich und meine – Klienten hoffnungslos voreingenommen sind. Das ist unendlich schade. Nun, jedenfalls habe ich Ihnen den Rat gegeben, nicht nach Longhall zu ziehen –«

 

»Den Rat habe ich ihr auch gegeben, aber aus einem ganz anderen Grund.«

 

Es sah Luke ähnlich, daß er eintrat, ohne anzuklopfen. Er war so leise gekommen, daß weder Rustem noch Miss Gray ihn gehört hatten.

 

Sie sah sich ein wenig erschrocken um.

 

»Aber sie scheint nun einmal fest entschlossen zu sein, doch hinzugehen«, fuhr Luke fort. »Und ich hoffe, sie wird dort in Frieden mit ihren Nachbarn leben können – mit ihrem früheren Rechtsanwalt, Mr. Trigger und den anderen. Es wird mir eine Freude sein, Miss Gray zu helfen, und ich werde dafür sorgen, daß sie es so bequem und schön in Longhall hat wie nur irgend möglich. Vielleicht muß ich dabei gegen verschiedene Leute vorgehen und sie an einen Ort bringen, wo die Hunde sie nicht beißen. Es sind manche angesehene Männer darunter, Mr. Rustem, die glauben, daß sie sicher seien und ihnen niemand etwas anhaben könne.«

 

Rustem wurde bleich. Diese Drohung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Auch Edna wußte, daß sich hinter seinem Lächeln Haß und Wut verbargen.

 

Ohne noch ein Wort zu verlieren, ging Rustem zur Tür, und es war charakteristisch für ihn, daß er sie leise hinter sich schloß.

 

»Sagen Sie einmal, Mr. Luke, klopfen Sie überhaupt jemals an, bevor Sie in das Zimmer einer Dame eintreten?«

 

Er überhörte die Frage vollkommen.

 

»Was wollte er von Ihnen, abgesehen davon, daß er Ihnen die Schlüssel gebracht hat? Heute morgen hat er sie von Goodie erhalten; der hat sie selbst in die Stadt gebracht.«

 

»Er wollte mich überreden, meinen Landbesitz zu verkaufen.«

 

Er nickte, als er dies hörte.

 

»Hat er Ihnen ein hohes Angebot gemacht?«

 

Als sie ihm den Betrag nannte, pfiff er leise vor sich hin.

 

»Die sind ja mächtig scharf darauf – ich möchte nur wissen, warum. Die Ländereien sind nicht gerade die besten, aber sie liegen ziemlich abseits, so daß man dort nicht ohne weiteres beobachtet Werden kann. Für einen Trainer hat das immer seine Vorzüge.« Er fuhr sich nachdenklich mit der Hand über die Stirn. »Haben Sie etwas von Mr. Garcia gehört?«

 

Sie zeigte ihm das Telegramm. Er las es, machte aber keine Bemerkung darüber.

 

»Die haben irgend etwas vor, ich weiß nur nicht, um was es sich handelt. Mr. Trigger hat ein Rundschreiben an alle Mitglieder seiner Organisation gerichtet, in dem er sie auffordert, im nächsten Monat mit möglichst vielen neuen Buchmachern in Geschäftsverbindung zu treten. Der Mann ist so gerissen, daß die Behörden und die Polizei ihn nicht fassen können!«

 

Er nahm mehrere Briefe aus seiner Tasche und wählte zwei davon aus.

 

»Sehen Sie, hier habe ich das Rundschreiben. Und hier ist eine vertrauliche Liste, aus der die Kunden ersehen können, in welcher finanziellen Lage sich die großen Buchmacher in England befinden und wie man am besten mit ihnen in Geschäftsverbindung treten kann. Dann wird noch eine Anweisung gegeben, wie die Kunden unter anderen Namen Konten eröffnen können. Alle diese Vorbereitungen scheinen doch darauf hinzudeuten, daß die Gesellschaft einen großen Schlag vorhat.«

 

Er sah Edna an, seine Gedanken schienen aber in weiter Ferne zu weilen. –

 

»Die werden Ihnen noch ein Angebot von fünfzigtausend Pfund machen«, meinte er dann.

 

Damit hatte er auch tatsächlich recht. Er war kaum zehn Minuten fort, als das Telefon läutete und Rustem sich meldete.

 

»Sind Sie allein, oder ist Ihr Freund immer noch bei Ihnen? – Mein Klient hat sein Angebot für Ihren Landbesitz erhöht. Er hat eine besondere Vorliebe für Gebäude im Tudorstil und ist deshalb bereit, eine ungeheure Summe zu zahlen. Er will sogar bis fünfzigtausend Pfund gehen.«

 

»Longhall ist nicht verkäuflich«, erwiderte sie und legte den Hörer auf.

 

Kapitel 7

 

7

 

Luke saß in seinem Zimmer und überdachte die Lage. Vor drei Monaten hatte sich Goodie, wie er wußte, bei der Grafschaftsverwaltung über Wassermangel beklagt und Unterhandlungen aufgenommen, um einen Landsitz in Wiltshire zu kaufen. Dorthin wollte er dann seinen Rennstall verlegen. Mehrmals hatte er Leute bemerkt, die die Morgengaloppe seiner Pferde beobachteten, und er wollte in einer möglichst abgelegenen Gegend Land erwerben oder pachten, um solchen Unannehmlichkeiten nicht ausgesetzt zu sein.

 

Warum waren Gillywood und das Heideland, das man doch leichter übersehen konnte als Ländereien in Wiltshire, plötzlich so wertvoll für ihn geworden, daß er ein Angebot von fünfzigtausend Pfund dafür machte? Tat er es etwa, weil Edna Gray seine Nachbarin werden würde? Barg Longhall oder die Gillywood-Farm und das dazugehörige Land ein Geheimnis, das er nicht preisgeben konnte?

 

Für Luke war es kein Geheimnis; er hatte es durchschaut. In allernächster Nähe hatte er Erkundigungen eingezogen und dabei eine Entdeckung gemacht, über die er nicht wenig erschrak. Er war zwar ein tapferer Mann, aber unter den gegebenen Umständen würde er niemals den Versuch machen, nachts gewaltsam in dieses Haus einzudringen. Luke wußte, warum Goodie die Ställe nicht benützte und neue Gebäude in einer ziemlichen Entfernung von seinem Haus gebaut hatte. Mußte er das nicht Edna Gray mitteilen? Über dieses Problem war er sich noch nicht klar.

 

Auf jeden Fall konnte die Sache warten, bis er sich persönlich in Longhall umgesehen und alle Möglichkeiten erkannt hatte, die Edna Gefahr bringen konnten. Früher oder später mußte es unvermeidlich zu einem Zusammenstoß mit Goodie kommen, und Luke wollte sie vor allen Gefahren und allen Unannehmlichkeiten schützen.

 

Wenn er auch sein Büro in Scotland Yard hatte, so standen ihm doch außerdem noch Arbeitsräume in einem großen Geschäftshaus zur Verfügung, das kaum fünfzig Meter von Scotland Yard entfernt lag. Dazu gehörte auch eine eigene Registratur. Ein ganzer Stab von Beamten war nur für ihn allein tätig. Scotland Yard hatte Luke auf drei Jahre an die oberste Rennbehörde ausgeliehen. Infolgedessen hatte er spezielle Nachforschungen angestellt, die zu auffallenden und interessanten Resultaten führten.

 

Früher hatte er geglaubt, die Verbrecherwelt könnte ihm nichts Neues mehr bieten, aber jetzt erfuhr er von dunklen Machenschaften, mit denen der durchschnittliche Kriminalbeamte niemals in Berührung kam. In seinen Geheimakten erschienen die Namen harmloser Stalljungen neben denen hervorragender und berühmter Persönlichkeiten, und er lernte gefährliche Verbrecherbanden kennen, die nicht das große Publikum, sondern die Buchmacher ausplünderten. Auch die Namen nicht weniger Polizeibeamter standen in seinen Aufzeichnungen.

 

In Inspektor Lukes Kartothek waren die Namen sämtlicher Angestellten der Firma Trigger registriert, die der Beauftragten, der Stenotypistinnen, ja selbst der Putzfrauen, die abends nach Büroschluß die Räume säuberten. Und seine Beamten hatten diese Leute fast alle mehr oder weniger ausgefragt. Diese waren allerdings nur die Glieder des großen Unternehmens; das Gehirn dieses Organismus bildete der kleine, korpulente Mann, der in seinem mit Rosenholz getäfelten Büro saß. Hinter ihm war ein großer Safe in die Wand eingelassen, den Stahltüren von ganz beträchtlicher Stärke schützten.

 

Die Stenotypistinnen kannten nicht einmal die Namen der Mitglieder. Trigger beschäftigte nur junge Damen und zahlte jeder ein Gehalt, das selbst für eine Privatsekretärin ziemlich hoch gewesen wäre. Er wählte sie mit der allergrößten Sorgfalt aus.

 

Jedes junge Mädchen hatte seinen Schreibtisch und seine Kartei. Aber die Karten trugen statt Namen nur Nummern. Diese wurden auf jeden Briefumschlag gestempelt, und all die vielen Kuverts wurden dann in Triggers Büro gebracht.

 

Er allein wußte, welche der vielen mit Namen und Adresse versehenen Matrizen einer Nummer entsprach. Er selbst schob sie in die Adressiermaschine, die er auch allein bediente. Außerdem brachte er die Briefe in seinem eigenen Auto fort. Er verteilte sie geschickt; in jeden Briefkasten, an dem er unterwegs vorbeikam, warf er einen Stoß davon. Es dauerte Stunden, bis er auf diese Weise seine Post aufgegeben hatte, aber das hing mit seinen Geschäftsprinzipien zusammen. Diese Arbeit durfte er keinem anderen übertragen.

 

Die Mitglieder seiner Organisation waren, wie Luke sagte, siebenmal gesiebt und erprobt. Die Hälfte der Gewinne, die diese Leute machten, wurde ihm spätestens eine Woche, nachdem das betreffende Pferd das Rennen gewonnen hatte, in starken Leinenkuverts von graugrüner Farbe als eingeschriebene Wertbriefe zugesandt. Jeder seiner Kunden erhielt eine ganze Anzahl dieser besonderen Umschläge, und diese wurden alle in sein Privatbüro gebracht. Er selbst kontrollierte die Eingänge und verbuchte sie nach einem Geheimschema. Kurz vor und kurz nach einer Transaktion arbeitete er nahezu achtzehn Stunden am Tag und schlief während dieser Zeit im Büro. Alle Anteile an Renngewinnen ließ er sich in barem Geld auszahlen. Was damit geschah, hatte Luke noch nicht herausbringen können. Große Summen wurden auf Triggers Bankkonto eingezahlt, um die ungewöhnlich hohen laufenden Ausgaben zu decken. Luke war fest davon überzeugt, daß die Geschäftsbücher, die Trigger führte und gegebenenfalls der Steuerbehörde zur Revision vorlegte, gefälscht waren. Die richtige Höhe seiner Gewinne konnte niemals festgestellt werden. Sobald eine Transaktion zur Ausführung kam, stempelte Mr. Trigger den Namen des Pferdes selbst auf jedes Telegramm. Zwanzig bis dreißig solcher Formulare wurden in Briefumschläge gesteckt, versiegelt und blieben in Bereitschaft bis zum Morgen des Tages, an dem das Rennen stattfand. Die Beauftragten brachten sie dann nach den verschiedensten Orten Englands. Erst auf dem Postamt erbrachen sie die Siegel, mitunter in Gegenwart eines zweiten Beauftragten, dann wurden die Telegramme aufgegeben. Diese zweiten Beauftragten, die die ersten kontrollierten, führten den Titel ›Inspektor‹. Sie hatten ein besonderes Büro in London und kamen mit den anderen Angestellten der Firma Trigger nur zusammen, wenn sie die Aufgabe der Telegramme kontrollierten.

 

Mr. Trigger war in seiner Art ein Feldherr, der seine Truppen umsichtig und geschickt leitete. Nichts überließ er dem Zufall und der Entscheidung seiner Untergebenen, er arbeitete alles bis ins letzte aus.

 

*

 

Im Lauf der nächsten Tage traf Luke Edna Gray zweimal, und zwar jedesmal zufällig. Obgleich sie ihr neues Haus noch nicht gesehen hatte, kaufte sie bereits Möbel dafür ein. Sie wollte seiner Meinung nach dadurch ihre Entschlossenheit zum Ausdruck bringen, Longhall House als Wohnsitz zu wählen.

 

Eines Morgens rief sie ihn an und teilte ihm mit, daß sie die Absicht habe, ihr Landgut zu besuchen. Sie holte ihn in ihrem Wagen ab, und die beiden fuhren nach Berkshire hinaus.

 

»Ich dachte, Sie wollten einen Freund mitbringen?« fragte sie.

 

Er nickte.

 

»Ich habe ihm telefoniert, daß er uns dort erwarten soll. Er wohnt in Reading und hat nur einen verhältnismäßig kurzen Weg dorthin.«

 

»Ist er auch Kriminalbeamter?«

 

Er zögerte mit der Antwort.

 

»In gewisser Weise, ja.«

 

Sie hatte wieder von Garcia gehört; in einem Telegramm aus München hatte er sie eingeladen, ihn auf einer längeren Reise durch Europa zu begleiten.

 

»Der alte Herr wird ja recht vergnügungssüchtig«, bemerkte Luke. »Haben Sie in letzter Zeit eigentlich Rustem einmal gesehen?«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Auch keinen seiner Freunde?«

 

»Doktor Blanter sah ich. Er hat in meinem Hotel zu Mittag gegessen, und er schien sich sehr für mich zu interessieren.«

 

»Darauf können Sie sich verlassen. Das ist der eigentliche Bösewicht«, sagte Luke sehr ernst. »Es ist ihm bis jetzt immer gelungen, alles so zu schieben, daß man ihn nicht von der Liste der Ärzte gestrichen hat. Blanter ist immer noch approbierter Arzt. Er war allerdings in mehrere unangenehme Fälle verwickelt und hielt es für besser, seine Praxis zu verkaufen. Vor allem ist er Spezialist für Gifte; darüber weiß er mehr als sonst jemand in England. Wenn er nicht auf dem Rennplatz ist, bringt er seine Zeit im Laboratorium zu. Er hat ein wunderbar eingerichtetes Landhaus in der Nähe von Maidenhead.«

 

Sie erzählte ihm, daß sie bereits einige vorzügliche Dienstboten engagiert habe.

 

»Ist es nicht merkwürdig, wie geklatscht wird? Ich habe meiner Meinung nach nicht mehr als zwei Leuten gesagt, daß ich aufs Land ziehe, und doch haben sich bereits eine Menge Dienstboten bei mir gemeldet. Ich habe eine großartige Haushälterin, eine Köchin und zwei hübsche Stubenmädchen. Ich habe ihnen gesagt, daß sie heute dort sein sollen, um sich das Haus einmal anzusehen. Außerdem wollte ich mit der Haushälterin darüber sprechen, was sie zu tun hat.«

 

»Glänzend. In bezug auf Organisationstalent stellen Sie ja Trigger in den Schatten!«

 

Sie fuhren langsam durch das Dorf, hinter dem die Gillywood-Farm lag, und kamen dann an der düsteren Einfahrt zu Mr. Goodies Haus vorüber.

 

»Sieht es nicht wie ein Gefängnis aus?«

 

»Ja, es ist sehr düster«, gab sie zu. »Aber gerade dieses geheimnisvolle Haus interessiert mich.«

 

»Hoffentlich werden Sie nicht eines Tages enttäuscht«, erwiderte er grimmig.

 

Die eisernen Tore von Longhall waren offen, und in der Nähe der Haustür standen mehrere Leute – vier Frauen und ein hagerer Mann.

 

Luke ging mit ihr zu den wartenden Dienstboten. Die älteste von den Frauen machte einen etwas altmodischen Knicks. Edna merkte, daß nicht sie, sondern ihr Begleiter das Hauptinteresse der anderen erregte. Sie sahen ihn scharf an und beobachteten jede seiner Bewegungen.

 

Luke ging zu dem hageren Mann hinüber, wechselte ein paar Worte mit ihm und brachte ihn dann zu Edna.

 

»Mr. Lane«, stellte er ihn vor. »Wenn Sie nichts dagegen haben, wollen wir erst einmal einen kleinen Rundgang durch das Haus machen. Die Dienstboten bleiben besser draußen im Freien, bis Sie es von innen gesehen haben. Ich glaube auch nicht, daß sie großes Verlangen haben, ins Innere zu gehen.«

 

»Erwarten Sie, daß eine Bombe explodiert oder etwas Ähnliches?« fragte sie ärgerlich.

 

»Nein, aber wir werden viele Ratten sehen.«

 

Sie schauderte zusammen. Die Äußerung Goodies über die Ratten hatte sie vergessen.

 

Luke öffnete die Haustür mit dem Schlüssel.

 

»Wenn Sie gestatten, werden Mr. Lane und ich vorausgehen.«

 

Er trat einen Schritt ins Innere und blieb dann auf der Schwelle stehen. Sie bemerkte, daß im selben Augenblick die vier Dienstboten furchtsam zurücktraten. Zwei verängstigte Tiere eilten aus der Tür die Treppe hinunter; und als sie auch dort keinen Ausgang fanden, stürzten sie nach der offenen Tür. Edna wurde bleich. Sie haßte Ratten, und hier schien es eine Unmenge zu geben.

 

Luke grinste seine Begleiterin an.

 

»Es stimmt schon, Lane. Bringen Sie die Hunde.«

 

Der Mann ging aus dem Haus und kam nach kurzer Zeit mit drei Terriern wieder, die zusammengekoppelt waren. In der Zwischenzeit hatte Luke alle Fenster im Erdgeschoß geöffnet.

 

»Warten Sie ruhig hier; ich werde erst die Ratten aus dem Hause vertreiben.«

 

Edna stand vor der Tür und hörte das erregte Bellen der Hunde. Eine halbe Stunde später kam Luke wieder zu ihr.

 

»Treten Sie ein, ich glaube, die meisten Ratten sind erledigt.«

 

»Aber sie sind doch noch im Haus?« entgegnete sie ängstlich.

 

»Einige mögen noch dort sein, aber selbst das ist unwahrscheinlich. Die Ratten sind erst heute morgen hier eingesperrt worden, damit Sie eine Freude haben sollten. Goodie muß sich viel Mühe gemacht haben, um so viele zusammenzubringen. Lane hat Erfahrung als Rattenfänger, deshalb habe ich ihn hierhergebracht. Er wird einige Tage im Haus bleiben. Er hat mir gesagt, daß die Tiere ursprünglich gar nicht hier waren, sondern von außen hereingebracht wurden. Das geht schon daraus hervor, daß auch Feldratten darunter waren.«

 

Als sie von einem Zimmer ins andere ging, sah sie die toten Ratten, die die Terrier erlegt hatten. In dem Raum, den sie sich als Schlafzimmer ausgesucht hatte, fand sie Lane, der die Hunde wieder zusammenkoppelte.

 

»Ich will das Haus noch gründlich durchsuchen, Miss Gray, aber ich glaube nicht, daß ich irgendwo Rattennester finden werde. Das ist kein Platz, an dem sie sich aufhalten. Sie haben doch hier nichts zu fressen. Ja, drüben in den Ställen gibt es sehr viele, aber hier im Hause …«

 

Es fiel Edna schwer, die vier Dienstboten zu überreden, ins Haus zu kommen. Die beiden Mädchen weigerten sich glatt. Luke, der interessiert und belustigt zugehört hatte, winkte die Haushälterin zu sich.

 

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß Ratten im Haus seien?«

 

Die Frau sah ihn unsicher an.

 

»Ich dachte mir gleich, daß hier Ratten sein müßten. Es sah schon von außen so aus.«

 

»Also, wer hat Ihnen das gesagt?« fragte Luke aufs neue. »Wer hat Ihnen allen gesagt, daß das Haus von Ratten wimmelt und daß Sie besser draußen blieben?«

 

»Niemand.«

 

Die Köchin antwortete für alle.

 

»Wie heißen Sie denn?« fragte der Inspektor die Haushälterin.

 

»Linton.«

 

»Früher hießen Sie doch Carr. – Und wie ist Ihr Name?« wandte er sich an die Köchin.

 

»Mrs. Keeler.«

 

»Früher hießen Sie Wheeler. Ihnen scheint ja auch ein Name ebensogut zu sein wie der andere. – Und von den beiden Mädchen dahinten ist bereits eine wegen Ladendiebstahls bestraft worden. – Das sind Sie.«

 

Er zeigte auf die hübschere von den beiden, die erst rot, dann bleich wurde.

 

»Und Sie waren doch seinerzeit in diese Hallam-Street-Geschichte verwickelt – stimmt das nicht?«

 

Die andere wechselte ebenfalls die Farbe. Sprechen konnte sie nicht, sie nickte nur.

 

Edna hörte bestürzt dieser Unterhaltung zu.

 

»Sie können alle nach Hause gehen«, sagte Luke freundlich. »Die Fahrt müssen Sie schon allein bezahlen. Und belästigen Sie Miss Gray nicht wieder, sonst bekommen Sie es mit mir zu tun. Ich werde mich auch einmal etwas genauer darum kümmern, woher Sie alle die guten Zeugnisse haben, die Sie Miss Gray gezeigt haben. Sagen Sie nur dem Herrn, der Sie geschickt hat – ich glaube, es war Mr. Rustem –, daß er sich keine Mühe mehr zu geben braucht, die anderen vier oder fünf Dienstboten herzuschicken, mit denen er gesprochen hat. Sie sind alle beobachtet worden, wie Sie in sein Büro gingen, bevor Sie Miss Gray aufsuchten. Einer meiner Beamten hat das genau kontrolliert. Guten Morgen.«

 

Wie begossene Pudel gingen die vier davon.

 

»Aber warum sagen Sie das alles? Was sind das für Leute?« fragte Edna verwirrt. »Warum haben Sie denn –«

 

»Die waren besonders für Sie ausgesucht. Das war ein sehr ungeschickter Schachzug von Mr. Rustem, da sie sich alle ganz entsetzlich vor den Ratten fürchteten.«

 

»Aber woher wußten Sie das alles? Sie haben mich doch nicht etwa beobachten lassen?«

 

»Ach, man muß doch ein Auge auf seine Freunde haben«, sagte er leichthin. »London ist im allgemeinen eine sehr gefährliche Stadt. Ich habe das alles herausbekommen, weil ich Rustem beobachten ließ. Also, was werden Sie jetzt tun, Miss Gray? Sind Sie noch immer entschlossen, in diese alte, verfallene Ruine zu ziehen, oder werden Sie vernünftig sein und sich irgendwo in Mayfair ein Haus kaufen oder eine Wohnung in der Piccadilly mieten und dort ein angenehmes Leben führen?«

 

»Ich werde hier wohnen«, entgegnete sie entschlossen. »Je mehr ich von dem Haus sehe, desto besser gefällt es mir.«

 

»Dann wollen wir einmal die Runde machen.«

 

Sie gingen durch das hohe Gras an der Rückseite des Hauses und kamen auf einen Hof. Die Mauer, die Longhall von der Gillywood-Farm trennte, war nur fünfzig Meter entfernt. Longhall House war in der einen Ecke des großen Grundbesitzes errichtet worden. Luke ging an der Mauer entlang und untersuchte sie genau. In der Mitte war ein schweres hölzernes Tor in der Mauer angebracht. Er sah sofort, daß das Schloß geölt worden war; allem Anschein nach war dieses Verbindungstor in letzter Zeit benutzt worden.

 

»Schließt einer Ihrer Schlüssel hier?«

 

Sie nahm sie aus ihrer Handtasche, und er versuchte sie alle der Reihe nach, ohne jedoch Erfolg zu haben. Dann machte er eine kurze Eintragung in sein Notizbuch.

 

»Das Schloß des Tores muß geändert werden.«

 

In der Nähe von Mr. Goodies Wohnhaus schloß sich an die Mauer ein hoher Drahtzaun an.

 

Luke fand eine alte Leiter, stellte sie an die Mauer und überblickte von oben das Grundstück auf der anderen Seite. In nicht allzugroßer Entfernung lagen rechts die zur Zeit leeren Ställe. Links erstreckte sich der Drahtzaun etwa drei- bis vierhundert Meter weiter nach Süden, bog dann ab und zog sich weiter an dem Grundstück entlang, auf dem das Wohnhaus Mr. Goodies stand. In einer Entfernung von etwa fünfzig Meter sah Luke eine Vertiefung im Boden, die von Betonmauern eingeschlossen war. Er konnte nicht erkennen, welchem Zweck sie diente, aber jedenfalls trug sie nicht zur Verschönerung des Gartens bei. Weiter in der Ferne sah er zwei dunkle Öffnungen in den felsigen Hügeln; es waren die Eingänge zu den Perrywig-Höhlen, die in der Geschichte eine Rolle gespielt hatten. Schmuggler hatten sie benützt, und es war sogar ein Mord dort geschehen. Zwischen den Höhlen und dem Haus lag eine große, nicht sehr ordentlich gehaltene Schonung, und rechts davon erhob sich ein neues, rotes Gebäude, in dem Mr. Goodies Pferde untergebracht waren.

 

Luke kannte die ganze Gegend; er hatte sie früher schon häufig durchstreift. Eines Tages wollte er auch in die Höhlen eindringen, die jetzt durch schwere Tore verschlossen waren. Er wollte erfahren, welches Geheimnis sie bargen. Goodies Vergangenheit war nicht einwandfrei und noch wenig aufgeklärt. Selbst Scotland Yard mit seinem glänzenden Nachrichtendienst und all seinen Hilfsmitteln hatte das nicht fertiggebracht. So nahm Luke sich vor, die Sache zu klären. Goodies Name tauchte öfter im Zusammenhang mit schweren Verbrechen auf, ohne daß man dem Mann die Teilnahme daran nachweisen konnte. Luke wußte, daß es sich um einen starken, rücksichtslosen Menschen handelte, aber er wußte nichts von Goodies Ehrgeiz, und er hatte keine Ahnung von dem Bibliothekszimmer, das fast den ganzen oberen Stock von Gillywood Cottage einnahm. Dort saß Goodie in den stillen Nachtstunden an seiner Schreibmaschine und arbeitete an seinem großen Werk. Luke vermutete, daß der Trainer jeden Abend von Doncaster hierherkam und in den frühen Morgenstunden wieder zurückkehrte.

 

»Nun, was sehen Sie denn?« fragte Edna ungeduldig, denn er stand schon lange Zeit oben auf der Leiter.

 

»Ländereien, Zäune, neue Stallgebäude und eine Grube, die von Betonmauern eingefaßt ist. Ich kann aber nicht daraus schlau werden. Und hier wollen Sie also nun wirklich bleiben?«

 

»Heute nacht noch nicht. Aber daß ich später hierherziehe, ist ganz gewiß.«

 

»Gut, dann werde ich dafür sorgen, daß Sie wenigstens gute Dienstboten bekommen.«

 

*

 

Er hielt Wort und schickte in den nächsten Tagen sechs weibliche Dienstboten, einen Butler, einen Diener und ebenso Mr. Lane, den Rattenfänger, in ihr Hotel. Telefonisch bat er sie, Mr. Lane zu engagieren.

 

»Er hat große Erfahrung als Gutsverwalter. Außerdem hat er beim Militär gedient und kann Sie im Fall einer Gefahr beschützen.«

 

»Mit wem soll er denn kämpfen?«

 

»Das wird sich schon noch zeigen. Man kann nie wissen, was geschieht. In allem Ernst würde ich Ihnen empfehlen, ihn anzustellen. Übrigens ist der Butler, den ich Ihnen geschickt habe, ein früherer Polizeibeamter.«

 

»Sie wollen wohl mein Haus zu einer Polizeistation machen?«

 

»Ich könnte mir keinen schöneren Platz dafür denken.«

 

Kapitel 8

 

8

 

Die Leute, die Luke geschickt hatte, bewährten sich vorzüglich, und Edna Gray war ihm sehr dankbar für die gute Auswahl.

 

In den nächsten beiden Wochen wurden Haus und Garten gründlich in Ordnung gebracht, und als alles hübsch und behaglich eingerichtet war, hielt Edna eines Tages mit ihrer Zofe Einzug in Longhall House. An der Einweihungsfeier nahm nur ein Gast teil.

 

Sie fühlte sich etwas unbehaglich, als ihr zum Bewußtsein kam, wie abhängig sie von Mr. Luke geworden war. Er spielte bereits eine große Rolle in ihrem Leben. Stets blieb er ihr gegenüber gleich freundlich und liebenswürdig und wurde niemals auch nur im geringsten aufdringlich.

 

Eines Tages sagte er ihr, daß er sie wie einen jüngeren Bruder betrachte. Sie wußte nicht recht, ob sie sich über den Verwandtschaftsgrad, den er ihr zuteilte, freuen oder ärgern sollte.

 

Wenn sie nach London fuhr, traf sie ihn gelegentlich beim Mittagessen. Es war ihr sehr angenehm, öfter mit ihm zusammenzukommen. Er erzählte ihr immer viel Neues und berichtete auch über die Organisation Mr. Triggers.

 

Als sie wieder einmal mittags im Carlton-Hotel zusammensaßen, sagte er, daß er am Nachmittag eine Verabredung mit Trigger habe.

 

Edna machte sich eigentlich Vorwürfe, denn sie wußte sehr gut, daß Polizeibeamte nicht übermäßig hoch bezahlt wurden. Er lud sie immer in die teuersten Restaurants ein, und als sie einmal das Essen bezahlen wollte, hatte er es entschieden abgelehnt.

 

Er erwähnte später, daß er außer seinem Beamtengehalt Vermögen besitze.

 

Er hätte den Dienst längst quittiert, wenn er nicht den äußerst interessanten Auftrag erhalten hätte, die Firma Trigger genauer zu beobachten und das Geheimnis zu klären, das hinter den Transaktionen steckte.

 

Nach dem Essen brachte er Edna zu ihrem Hotel zurück und schlenderte dann die Lower Regent Street entlang, um seine Verabredung einzuhalten.

 

Ein Portier in glänzender Uniform führte ihn in den prachtvoll ausgestatteten Warteraum, erschien jedoch bald wieder und brachte ihn zu Mr. Triggers Büro, einem großen, luxuriös eingerichteten Zimmer, von dem aus man auf die Regent Street hinabschauen konnte. Obwohl der Tag nicht besonders heiß war, saß Mr. Trigger in Hemdsärmeln hinter seinem kostbaren Schreibtisch aus Rosenholz, auf dem Diktiergeräte, Telefone und andere Apparate standen.

 

»Nehmen Sie bitte Platz, Mr. Luke«, sagte der kleine Mann freundlich, erhob sich und schob seinem Besucher einen mit Maroquin bezogenen Sessel hin. Der Inhaber der Rennwettfirma war so höflich, daß er erst wieder Platz nahm, als sein Besucher sich gesetzt hatte. »Ich bin so stark beschäftigt, daß ich nicht recht weiß, wo ich mit der Arbeit anfangen soll.«

 

Trigger zeigte ein offenes, freies Wesen. Luke hatte diesen freundlichen, jovialen Mann im Grunde ganz gern.

 

»Ich weiß, warum Sie mich sprechen wollen – es handelt sich um Kalamu.« Das war der Name des Außenseiters, der in Newmarket gewonnen hatte. »Mr. Luke, ich will Ihnen gegenüber ganz offen sein. Ich verstehe überhaupt nichts von Pferden, und ich würde kaum eins vom anderen unterscheiden können. Für mich sind es nur Pferde, und wenn sie vorne Hörner haben, sind es Ochsen oder Kühe!«

 

Er lachte vergnügt und schob Luke eine Kiste Zigarren zu.

 

»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Mr. Luke. Ich weiß niemals, ob ein Pferd eine Gewinnchance hat oder nicht. Noch nie in meinem Leben habe ich mir ein Buch über Pferdezucht angesehen, und selbst wenn ich versuchte, es zu lesen, würde ich es doch nicht begreifen. Ich halte mich genau an die Rennregeln, gegen die ich in keiner Weise verstoßen habe. Das weiß ich genau, denn die habe ich gründlich studiert. Ich setze mich nicht mit Stalljungen, Jockeis oder gar Trainern in Verbindung, ich betreibe diese ganze Sache hier rein kaufmännisch.«

 

»Aber ein anderer weiß sehr gut mit Pferden Bescheid – ich meine einen Ihrer Freunde.«

 

Mr. Trigger zuckte die Schultern.

 

»Selbstverständlich! Ich wende mich doch nicht an irgendwen, wenn ich mir ein Pferd nennen lasse. Mr. Luke, Sie wissen ebensogut wie ich, daß der Doktor und Mr. Goodie an dem Geschäft beteiligt sind. Auch Mr. Rüstern hat einen Anteil. Die drei kümmern sich um das Fachliche, das ist ein offenes Geheimnis. Sie haben ihr ganzes Leben dem Rennsport gewidmet und wissen alles, was sich darauf bezieht. Ich selbst will nichts damit zu tun haben. Ich bringe das Geld auf die Bank –«

 

»Alles Geld?«

 

Mr. Trigger lächelte vorwurfsvoll.

 

»Aber Inspektor, wie können Sie einen Geschäftsmann dergleichen fragen! Ich bringe das Geld auf die Bank, dann hebe ich die Summen wieder ab, die ich für Ausgaben brauche. Das ist das Ende des Geschäfts, soweit ich dafür in Frage komme.«

 

»Haben Sie jemals den Eigentümer von ›Kalamu‹kennengelernt?«

 

»Nein, ich komme niemals mit Besitzern von Rennpferden zusammen«, entgegnete Mr. Trigger vergnügt. »Ich darf wohl sagen, daß verschiedene meiner Klienten Besitzer von Rennpferden sind, aber ich komme nicht mit ihnen zusammen. Es ist meine Aufgabe, die Angestellten der Firma zu beaufsichtigen und dafür zu sorgen, daß sie ihre Arbeit tun. Übrigens bekommen die Leute sehr gute Gehälter. Sie haben von morgens neun bis nachmittags fünf Uhr Dienst. Ich habe einen großen Speisesaal für sie eingerichtet, und auf dem Dachgarten stehen Liegestühle für sie. – Vielleicht sehen Sie sich einmal meine Büroräume an?«

 

Er erhob sich, zog den Rock über und ging mit seinem Besucher in den großen Saal, wo Reihen von jungen Damen an ihren Schreibtischen saßen. Auf jedem der Arbeitsplätze standen eine Uhr und ein Kalender.

 

Luke ging die langen Reihen von Schreibtischen entlang. Die Angestellten sahen kaum auf und nahmen keine Notiz von ihm. Der Inspektor hatte bisher noch niemals das Büro der Organisation aufgesucht. Er bewunderte Mr. Trigger, der sich eine einzigartige Stellung geschaffen hatte, selbst nichts von irgendwelchen Schiebungen wußte und auch nichts davon wissen wollte. Selbstverständlich ahnte er, daß seine Partner dem Glück auf der Rennbahn gewaltig nachhalfen.

 

Trigger nahm Luke mit in seine privaten Räume, und der Inspektor war erstaunt über die einfache Ausstattung.

 

»Ich empfange keine Besuche und schlafe nur hier, wenn ich sehr viel zu tun habe. Was sagen Sie zu meinen jungen Damen? Finden Sie nicht auch, daß sie einen sehr guten Eindruck machen? Aber ich habe noch nie eine von ihnen eingeladen, mit mir zu speisen, und nur ein einziges Mal hat eine versucht, mit mir zu flirten. Die habe ich sofort vor die Tür gesetzt. Geschäft ist Geschäft, und Liebe ist Liebe. Ich dulde auch nicht, daß Mr. Goodie oder der Doktor oder Mr. Rustem hierherkommen.«

 

Luke verließ das Büro, ohne viel mehr erfahren zu haben, als er bereits wußte. Er hatte auch nicht erwartet, daß er bedeutende Aufschlüsse erhalten würde. Aber Mr. Trigger gefiel ihm als Mensch und als Organisator. Er war der einzige Mann in der ganzen Firma, dem man nichts anhaben konnte und der vom Gericht auch sicherlich nicht verurteilt werden würde. Das war für Luke eine wichtige Schlußfolgerung, denn er konnte es sich nun leisten, die polizeiliche Überwachung seines Büros fallenzulassen. Dadurch wurde es ihm möglich, sich den beiden anderen Leuten um so mehr zu widmen, auf deren Angaben hin Mr. Trigger derartig viel Geld verdiente. Rustem schloß er aus; er betrachtete ihn mehr als eine Art Agenten und als Werkzeug. Wahrscheinlich kannte der Mann die letzten Geheimnisse seiner Partner nicht und hatte nur dafür zu sorgen, daß sie nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerieten.

 

*

 

Dr. Blanter trank unmäßig viel und verkehrte in gewissen Nachtklubs, die nicht gerade im besten Ruf standen. An jenem Abend kehrte er in einem der verrufensten Lokale ein. Zehn Minuten nach zwölf Uhr hielt die Polizei dort eine Razzia ab und schaffte alle Leute, die sie antraf, zur Polizeistation. Gewöhnlich wurden die Damen und Herren in solchen Fällen mit der größten Zuvorkommenheit behandelt. Man durchsuchte sie nicht, und man ließ ihnen auch eine gewisse Freiheit in den Wartezimmern, bis ihre Freunde kamen und eine Kaution stellten.

 

Dr. Blanter protestierte heftig, und gerade er wurde sehr genau durchsucht. Man nahm ihm Wertsachen und Schlüssel ab und sperrte ihn in einen besonderen Raum. Es war drei Uhr morgens, als man ihn endlich entließ und ihm zurückgab, was man in seinen Taschen gefunden hatte. Um diese Zeit hatte er sich einigermaßen beruhigt und machte keinen Spektakel mehr. Die drei Stunden Gefangenschaft waren aber die unglücklichsten seines ganzen Lebens gewesen, denn er durchschaute den Plan der Polizei. Er wußte, daß diese Razzia und seine Festnahme durchaus nicht erfolgt waren, weil der Klub die Polizeistunde für den Ausschank alkoholischer Getränke überschritten hatte.

 

Um vier Uhr kam er nach Hause. Äußerlich verriet seine Wohnung nichts davon, daß vier tüchtige Kriminalbeamte alle Winkel und alle Schubladen durchsucht hatten. Kein Schriftstück war ihnen entgangen, sie hatten alle Briefe gelesen.

 

Luke war dennoch sehr enttäuscht, denn er hatte nicht gefunden, was er erwartet hatte.

 

Kapitel 21

 

21

 

›Schuldig‹ war der Spruch der Geschworenen.

 

Goodie sah sich mit ausdruckslosem Gesicht im Saal um.

 

»Und finden Sie den Angeklagten Arthur Rustem schuldig oder nicht schuldig? Er ist angeklagt, sich Geld durch Betrug angeeignet zu haben.«

 

»Schuldig!« entgegnete der Obmann der Geschworenen.

 

»Und welchen Spruch fällen Sie über den dritten Angeklagten – Joe Trigger?«

 

»Nicht schuldig!«

 

Mr. Trigger wurde sofort aus der Anklagebank entlassen.

 

Goodie hatte eine Verurteilung zu sieben Jahren Zuchthaus erwartet, aber der Spruch lautete auf fünf Jahre. Rustem erwartete drei Jahre und war bestürzt, als er dieselbe Strafe erhielt wie Goodie.

 

»Wir dürfen zufrieden sein«, sagte er, als sie im Gefängnis nach Wandsworth fuhren, »daß wir nicht an den Galgen kommen wie Stoover. Sie wenigstens. Fünf Jahre …«

 

Der Wachtmeister, der den Transport begleitete, hörte lächelnd zu.

 

»Miss Gray hat sich also mit Luke verheiratet? Und gerade an dem Tag, an dem wir verurteilt wurden?« fragte Rustem. »Sie hätte sich wirklich ein anderes Datum aussuchen können!«

 

Kapitel 3

 

3

 

Doncaster wimmelte von Menschen, und am Montag abend herrschte ein so reges Leben in den Straßen der verhältnismäßig kleinen Stadt wie sonst nie im Jahr. Natürlich hatten sich bei dieser Gelegenheit auch viele Budenbesitzer eingefunden, und überall hatten die Buchmacher ihre Stände aufgeschlagen.

 

Die große Rennwoche fand Mitte September statt; das Saint-Leger war das letzte der großen, klassischen Rennen der Saison. Alle großen Sportsleute, alle Rennstallbesitzer aus dem Norden und Süden Englands kamen hier zusammen, und große Menschenmengen sammelten sich in den Hauptstraßen, um Mitglieder des königlichen Hauses zu sehen, wenn diese ihre Wagen verließen.

 

Edna Gray hatte einen solchen Betrieb noch nie gesehen. Sie hatte Glück, daß sie nicht nur ein Zimmer zum Schlafen, sondern ein Appartement in einem großen Hause mieten konnte. Die Zimmer waren von einem Lord bestellt worden, der im letzten Augenblick hatte absagen müssen. Die Besitzerin nahm sie daher mit Freuden auf.

 

Edna sah sich in der Stadt um und ging zur Rennbahn hinaus. Dort war sie in ihrem Element, denn sie liebte Pferde; sie war selbst erstaunt, als sie bei einer Auktion von Einjährigen eifrig mitbot.

 

Vergebens sah sie sich unter all den vielen Leuten um, ob sie vielleicht Mr. Goodie herausfinden könnte. Sie hätte ihn nicht erkannt, wenn sie ihn gesehen hätte, aber vielleicht hätte ihr der Instinkt geholfen, auf den sie sich schon manchmal hatte verlassen können. Sie fiel überall auf, besonders da sie in Turfkreisen noch nicht bekannt war. Trotz ihrer vierundzwanzig Jahre sah sie aus, als ob sie achtzehn wäre.

 

Während sie auf der Rennbahn umherging, dachte sie an Alberto Garcia, der ein so großer Pferdefreund und Kenner war. Wie sehr hätte ihn das alles interessiert! Sie seufzte und fühlte sich unendlich verlassen in dieser großen Menge. In Argentinien war sie sich nie so einsam vorgekommen.

 

Schließlich schlenderte sie zum Marktplatz hinunter und blieb bei einer Menge stehen, die sich um einen kleinen Mann im Jockeianzug versammelt hatte.

 

»Ich verkaufe Ihnen den Gewinner des dritten Rennens auf dem Programm! Dieses Pferd geht ganz bestimmt als erstes durchs Ziel! Wenn Sie den Tip von mir kaufen, können Sie ein Vermögen machen. Zufällig ist mir bekannt, daß dies Mr. Triggers diesmalige Transaktion ist, und wenn ich Ihnen das sage, dann wissen Sie, was es bedeutet. Sie wissen genau, daß Sie für einen Shilling dieselbe Information kaufen können, für die die vornehmen Leute Hunderte von Pfund opfern …«

 

»So ein Lügenfritze!« sagte jemand dicht neben Edna Gray.

 

Sie drehte sich schnell um.

 

Luke stand neben ihr. Er war gut einen Kopf größer als sie und hatte ein schmales, ovales, Gesicht. Sie starrte ihn an und konnte kaum glauben, daß er es wirklich war.

 

»Ja, ich bin es, und ich weiß auch genau, was Sie denken. Sie kommen sich etwas einsam und verlassen vor. Das kann ich Ihnen nachfühlen. Und außerdem gibt es Leute, denen man einfach nicht entgehen kann – dazu gehöre auch ich.«

 

»Aber Mr. Luke, wie kommen denn Sie hierher?« fragte sie schnell und lächelte ihn verwundert an.

 

»Schon an Bord der ›Asturia‹ konnten Sie kaum einen Schritt tun, ohne über meine Füße zu fallen. Ich bin eben der große Weltenbummler …«

 

»Aber was machen Sie hier in Doncaster?«

 

Als sie sich das letztemal an Deck des großen Ozeandampfers gesehen hatten, lehnten sie nebeneinander an der Reling und starrten auf die große Menschenmenge am Kai. Auf der Reise war er einer der interessantesten und nettesten Gesellschafter gewesen, hatte sich immer nützlich gemacht und ihr viel geholfen. Es war allerdings etwas anderes, sich an Bord eines Passagierdampfers mitten auf dem Ozean zu begegnen als hier in dieser unendlich großen Menschenmenge. Es war fast, als ob es das Schicksal so gewollt hätte.

 

Sie fühlte sich ihm gegenüber etwas scheu. Auf dem Schiff war er ihr bedeutend älter erschienen; jetzt sah er noch sehr jung aus.

 

»Leute, die lügen können wie gedruckt, machen mir immer Spaß, das heißt, wenn sie überzeugend lügen. Aber dieser Kerl hier versteht das Lügen nicht, über den amüsiere ich mich nicht.«

 

Er nahm sie am Arm und führte sie aus dem Menschenschwarm hinaus, als ob er das Recht dazu hätte oder ihr Vormund wäre. Von jedem anderen Mann hätte sie das als eine Beleidigung empfunden, aber von ihm ließ sie es sich gefallen.

 

»Verdient der Mann auf diese Weise seinen Lebensunterhalt?«

 

Luke nickte.

 

»Ja, er lebt eben und macht Geschäfte durch die Kraft seiner Erfindungsgabe. Er übt denselben Beruf aus wie Trigger, aber was für ein Unterschied besteht zwischen den beiden!«

 

»Wer ist denn eigentlich Trigger?« fragte sie neugierig.

 

»Der König aller Leute, die Tips verkaufen. Haben Sie nicht gehört, mit welcher Ehrfurcht der Bursche dort den Namen dieses Mannes nannte? Trigger ist eins der größten Phänomene. Er hätte auch in keinem anderen Jahrhundert auftreten können. Das neunte Weltwunder kann man diesen Trigger mit dem ›grünen Band‹ nennen. Seine Reklame hat er großartig aufgezogen.«

 

Er lächelte, als ob ihm ein guter Gedanke gekommen wäre, aber dann wurde er wieder ernst.

 

»Was machen Sie denn eigentlich hier in dieser schönen Gegend? Wollen Sie auch Einjährige kaufen? Ich weiß wohl, daß Sie eine Vorliebe für Pferde haben, aber ich hatte doch nicht erwartet, Sie hier in Doncaster zu finden.«

 

Sie schüttelte den Kopf.

 

»Ich bin hergekommen, um einen Herrn zu treffen. Kennen Sie vielleicht Mr. Elijah Goodie?«

 

Sein Gesicht versteinerte sich plötzlich.

 

»Goodie?« wiederholte er. »Meinen Sie Li Goodie – den Trainer? – Ist er ein Freund von Ihnen?« fragte er ziemlich brüsk.

 

Aber sie fühlte sich nicht beleidigt dadurch. Sechzehn Tage waren sie auf dem Dampfer zusammengewesen, und sie hatte sich allmählich an sein Wesen gewöhnt, das ihr zuerst allerdings anmaßend – um nicht zu sagen: unverschämt – erschienen war.

 

»Er ist mein Pächter«, entgegnete sie lächelnd.

 

»Ach ja, ich entsinne mich. Ich hätte Ihnen auf dem Dampfer auch schon etwas über ihn sagen können, aber ich habe zuerst über Rustem gesprochen. Goodie gehört auch zu der Bande. – Dort drüben ist er!«

 

Er zeigte unauffällig auf einen Mann, der auf der anderen Seite der Straße ging. Goodie hatte eine gelbliche Gesichtsfarbe und mochte vierzig oder fünfzig Jahre alt sein.

 

Weder sein Anzug noch sein Benehmen verriet, daß er ein Trainer von Rennpferden war. Er trug schwarze Kleidung, und der niedrige weiße Kragen gab ihm fast das Aussehen eines Geistlichen. Seine Bewegungen waren langsam und umständlich.

 

»Das ist Elijah«, sagte Luke. »Ist er nicht hübsch?«

 

Wenn irgendein Wort auf Goodie nicht paßte, dann war es ›hübsch‹. Edna blieb stehen und beobachtete ihn, bis er um die nächste Ecke bog und eine Seitenstraße entlangging. Anscheinend wohnte er in dieser Gegend.

 

»Er scheint Eindruck auf Sie gemacht zu haben. – Wo werden Sie übrigens zu Mittag essen? Wenn Sie mit in die Stadt gehen, arrangiere ich alles für Sie.«

 

Es lag eigentlich gar kein Grund vor, ›alles für sie zu arrangieren‹ oder sie zu begleiten.

 

Sie gingen zusammen zum Rathaus der kleinen Stadt. Er ließ sie in der Eingangshalle zurück und verschwand in einem Büro. Nach kurzer Zeit erschien er wieder und brachte ihr eine Anzahl von Karten und eine blaue Rosette zum Anstecken, so daß sie nun Zutritt zur Tribüne hatte.

 

»Wo haben Sie eigentlich Ihren alten Freund gelassen?«

 

»Sie meinen Mr. Garcia? Ich weiß nicht, wo er geblieben ist. Er ist gestern abend abgereist. Ich hoffte schon, daß er mich hierher begleiten würde.«

 

Er führte sie in ein Restaurant, dessen Räume erstaunlich leer waren.

 

»Ich kenne Doncaster nicht allzugut«, erklärte er. »Nur dieses Lokal ist mir bekannt, denn hier fand ich Mr. Sepfield, von dem Sie wahrscheinlich niemals etwas gehört haben. Er aß gerade hier ein gutes Frühstück – als ob er niemals seine Frau vergiftet und in Beton begraben hätte.«

 

Er sagte das so ruhig und gleichgültig, daß sie ihn fragend ansah.

 

»Was sind Sie denn eigentlich?«

 

»Kriminalbeamter von Scotland Yard. Und nun bekommen Sie nur ja keinen Ohnmachtsanfall.«

 

»Was, Sie sind Kriminalbeamter?« fragte sie atemlos.

 

»Kriminalinspektor; das ist natürlich dasselbe, nur ein etwas höherer Grad. Haben Sie nicht eben, als wir beide die Straße entlanggingen, gesehen, daß alle möglichen Leute vor mir auskniffen und in Seitenstraßen einbogen? Sie müssen nicht glauben, daß die Leute vor Ihnen ausgerissen sind, und das nicht als negatives Kompliment für Ihre schöne Erscheinung auffassen. Ich war derjenige, dem sie nicht ins Auge zu sehen wagten.«

 

Sie sah ihn verdutzt an.

 

»Sie haben mir aber an Bord des Dampfers niemals gesagt, daß Sie Kriminalbeamter sind. Sie scheinen doch –«

 

Sie wußte nicht recht, wie sie fortfahren sollte.

 

»– ein Gentleman zu sein«, vollendete er den Satz prompt, »Dazu habe ich mich allmählich selbst erzogen. An Bord des Schiffes habe ich nicht darüber gesprochen, weil ich es für ganz nebensächlich hielt.«

 

»Sind Sie hier im Dienst?«

 

Er nickte und schaute sie ernst an.

 

»Ich werde Ihnen auch etwas erzählen, was Ihnen sicher Spaß macht. Bisher habe ich noch nie eine Dame ins Vertrauen gezogen, aber mit Ihnen mache ich eine Ausnahme. Warum, weiß ich selbst nicht. Ja, ich bin also hier im Dienst, sehe den Rennen interessiert zu und achte dabei auch noch auf andere Dinge. Haben Sie Trigger gesehen? Sie würden ihn nicht erkennen, aber sicher haben Sie einen großen, gelben Deville-Wagen bemerkt, der so pompös aussieht, als ob er eine Million Dollar kostete?«

 

Der übertrieben luxuriöse Wagen war ihr aufgefallen, weil er das Straßenbild völlig beherrscht hatte.

 

»Der Mann, der darin saß, war Trigger.«

 

»Ist das derselbe, der dem Publikum die guten Tips verkauft?« fragte sie erstaunt.

 

»Ja, er ist ein Prophet, und er gilt etwas in seinem Vaterlande. Ein Mann, durch den zweitausend Familien im Land in Wohlstand, vielleicht sogar in Reichtum leben können. Wenn Sie zu den Leuten gehören, die mit ihm in Geschäftsverbindung stehen, dann ist das ein Empfehlungsbrief, mit dem Sie überall durchkommen. Dazu müssen Sie aber gute Referenzen aufweisen können. Die Kunden von Trigger sind sehr sorgfältig ausgesucht; es sind alles Leute von bestem Ruf.«

 

Zuerst hatte sie geglaubt, daß dieser korpulente Mann, der in dem prachtvollen Wagen vorbeigefahren war, irgendeine lichtscheue Organisation gegründet hätte. Irgendwie hatte sie ein Vorurteil und hielt Leute, die Rennwetten abschlossen, für große Gauner. Als sie eine entsprechende Bemerkung machte, mußte Luke herzlich lachen.

 

»Im Gegenteil, es sind Abkömmlinge altadeliger Familien, Obersten der britischen Armee, die noch im Dienst stehen oder schon ihren Abschied genommen haben, Leute, die schöne Landsitze ihr eigen nennen, bedeutende Bankiers, Leute, die eine hervorragende Stellung in der Gesellschaft einnehmen, und so weiter. Und es gibt nicht einen unter Triggers Kunden, der sich irgend etwas hätte zuschulden kommen lassen.«

 

»Aber das ist doch alles nur Scherz!«

 

»Sie glauben, daß ich Sie aufziehe? Nein, ich habe Ihnen die reine Wahrheit gesagt. Wissen Sie, all die vielen Buchmacher, die heute zum Rennen hergekommen sind, haben nur die eine Furcht, daß unter den hundertundzwanzig Pferden, die heute an den Rennen teilnehmen, eine von Triggers Transaktionen ist. Das werden Sie ebensowenig verstehen wie Griechisch, aber ich will es Ihnen erklären.«

 

Sie lauschte interessiert, während er ihr die Geschäftskniffe der Gesellschaft mit dem ›grünen Band‹ klarmachte.

 

»Der Name, den sich Trigger für seine Firma zugelegt hat, klingt sehr poetisch, aber er ist nicht seine eigene Erfindung. Er wurde einmal von einem Sportjournalisten erfunden, der mit dem ›grünen Band‹ die Rennbahn bezeichnete. Trigger hat nun eine große Anzahl von Kunden. Diese wetten bei einer großen Anzahl von Buchmachern in verschiedenen Teilen des Landes. Die Kunden senden an Trigger ein Telegrammformular, in dem sie eine Wette auf ein Pferd abschließen und darauf fünf bis zehn Pfund setzen. Der Name des Pferdes wird ausgelassen. Trigger setzt ihn in letzter Minute selbst ein. Am Tag des Rennens schickt er selbst eine ganze Anzahl von Beauftragten in die verschiedensten Städte, und die Telegramme werden zu gleicher Zeit aufgegeben. Sie laufen gewöhnlich in den Büros der verschiedenen Buchmacher im letzten Augenblick ein.«

 

»Aber das ist doch glatter Betrug«, unterbrach sie ihn.

 

»Nein, das ist es nicht, das geschieht alle Tage. Beim Rennen selbst wird überhaupt nicht auf den Platz gesetzt, und die Quote, unter der die Buchmacher Rennen abschließen, richtet sich doch nach dem Geld, das auf das Pferd gesetzt wird. Triggers Transaktionen gewinnen daher immer unter sehr günstigen Bedingungen. Er hat jahrelang dazu gebraucht, bis er diese große Organisation aufgezogen und so viele Kunden gefunden hat, die ihn nicht betrügen. Der Haupthaken ist nämlich der, daß sie ihm fünfzig Prozent des Gewinnes einsenden müssen. Die Versuchung, das Geld zu behalten, ist sehr groß, aber er hat mit eiserner Strenge alle schlechten Leute ausgemerzt. Neue Kunden werden nur auf Empfehlung von alten, bewährten Mitgliedern seiner Organisation angenommen. Sie sind nach den strengsten Grundsätzen ausgesucht. Und auch seine Beauftragten sind durchweg zuverlässige Leute. Er zahlt ihnen sechs Pfund wöchentlich und einen ziemlich hohen prozentualen Anteil.«

 

»Aber wenn nicht auf dem Rennplatz auf ein Pferd gesetzt wird, was macht es dann den Buchmachern aus?«

 

Luke erklärte ihr, daß die meisten Buchmacher außer ihrer Tätigkeit auf der Rennbahn selbst auch noch große Wettbüros in London, Manchester, Leeds und anderen großen Städten unterhielten.

 

»Bei der geringsten Andeutung, daß ein Pferd eine Transaktion von Trigger ist, wird sofort die Quote heruntergedrückt. Aber verlassen Sie sich darauf: Heraus kommt niemals etwas. Trigger ist an mindestens einem Dutzend Rennställen beteiligt. Er hat schon früher Tausende von Pfund für ein Pferd bezahlt, hat das Tier ein ganzes Jahr lang irgendwo in einem Rennstall trainieren und dann plötzlich für ein Rennen melden lassen. Es erschien auf dem Rennplatz stark bandagiert und gewann das Rennen als Außenseiter. Natürlich blieb die Quote sehr gering, da kein Mensch auf dem Rennplatz selbst darauf setzte. Die Leute glaubten, daß sich das Tier verschlechtert habe. Trigger meldet niemals unter eigenem Namen; dafür hat er seine Leute. Für ihn ist es immer leicht, solche Menschen zu finden.«

 

»Lohnt es sich denn, eine derartig umständliche Organisation aufzuziehen?«

 

Luke sah sie mit einem sonderbaren Lächeln an.

 

»Ich hoffe, Sie verstehen so viel von Mathematik, daß Sie einem kurzen Rechenexempel folgen können. Nehmen wir einmal an, daß zweitausend Kunden im Durchschnitt je zehn Pfund auf das betreffende Pferd setzen – in Wirklichkeit wird bedeutend mehr gewettet. Und nehmen wir an, daß nachher die Quote von zehn zu eins für den Sieger gezahlt wird. Das macht eine Gewinnsumme von zusammen zweihunderttausend Pfund aus. Davon bekommt Mr. Trigger die Hälfte, also hunderttausend Pfund. Und seine Pferd gewinnen immer. Es wurde einmal ein Rennen in Folkestone abgehalten, bei dem sieben Pferde liefen. Später stellte sich heraus, daß alle sieben Trigger gehörten. Beweisen konnten wir das leider nicht, aber wir sind fest davon überzeugt, daß es sich so verhielt. Er hatte sie in dem Augenblick gekauft, als die Meldungen abgeschlossen wurden. Dann schickte er einen Vertrauten nach Folkestone, der auf drei der Pferde setzte, um die Wetten zu beeinflussen. Es ist ja erstaunlich, wie leicht sich Buchmacher beeinflussen lassen. Die drei Pferde wurden zu ziemlich niedrigen Quoten genannt, aber auf das Pferd, das das Rennen wirklich gewann, hatte niemand gesetzt. Es ging mit drei Längen Vorsprung durchs Ziel. Übrigens war es auch das einzige Pferd, das gut auf das Rennen vorbereitet war; die anderen hatte er einfach in der letzten Woche überhaupt nicht trainieren lassen. Er hat ein halbes Dutzend Trainer, die ihm aufs Wort folgen. Er selbst besitzt keine Pferde unter eigenem Namen. Der ›Jockei Klub‹ gestattet das nicht. Jeder Trainer, der ein Pferd von Trigger annimmt, wird sofort ausgeschlossen, und es wird ihm die Lizenz entzogen. – Wenn Sie fertig sind, wollen wir auf den Rennplatz gehen und einmal sehen, ob eine Transaktion von Trigger heute in Erscheinung tritt.«

 

»Wird es heute sein?« fragte sie interessiert.

 

»Das kann niemand genau sagen, ich vermute es nur.«

 

Er hatte jedoch Nachrichtenquellen, von denen sie nichts ahnen konnte.

 

Bevor sie noch recht wußte, was geschah, hatte er sie in ein großes Auto verstaut, und sie fuhren zusammen zum Rennplatz. Sie hatte sich ganz seiner Führung anvertraut und fühlte sich in seiner Obhut etwas sicherer.

 

»Der Wagen gehört nicht mir«, erklärte er, »sondern der Polizei. Wahrscheinlich ist er einem Gentlemanverbrecher abgenommen worden.«

 

Sie interessierte sich für alles, was sie sah. Eine endlose Prozession von Autos bewegte sich langsam nach dem Rennplatz.

 

»Sehen Sie, dort ist Ihr Freund«, sagte Luke und wies mit dem Kopf hinüber.

 

Sie sah einen offenen Wagen, in dem zwei Herren saßen. In dem einen erkannte sie Goodie.

 

»Der größere ist Doktor Blanter«, sagte er. »Früher hat er Menschen verarztet, jetzt macht er es mit Buchmachern ebenso, indem er ihre Einlagen auf der Bank amputiert und ihnen die Taschen leert.«

 

»Was ist er denn?«

 

»Er ist als gewerbsmäßiger Rennwetter bekannt. Auf jeden Fall macht er daraus kein Geheimnis und erzählt es selbst. Das heißt, er wettet bei Pferderennen und bestreitet damit seinen Lebensunterhalt. Er wäre längst bankrott, wenn Trigger nicht existierte. Der Mann hat einen Defekt – er kann sich nicht so weit beherrschen, daß er das Wetten auf der Rennbahn läßt. Und dabei versteht er nicht einmal etwas von der Sache. Trotzdem ist er jetzt ein reicher Mann.«

 

Triggers merkwürdiges Unternehmen beschäftigte Edna Gray so sehr, daß sie kaum an etwas anderes dachte.

 

»Aber die Buchmacher werden doch so große Summen nicht so ohne weiteres verlieren, ohne sich dagegen zu wehren?«

 

»Wenn das jede Woche passierte, würden sie kaum existieren können. Aber Triggers Klugheit besteht ja gerade darin, daß er niemals mehr als acht bis neun solcher Transaktionen im Jahr vornimmt. Dieses Jahr kommt er bestimmt auf neun, denn die siebente Transaktion ist bereits angekündigt. Gewöhnlich läßt er ein bis anderthalb Monate verstreichen. So ist die Summe, die er aus den Rennen zieht, im Verhältnis zu dem Geld, das auf sämtlichen englischen Rennplätzen im Jahr umgesetzt wird, verhältnismäßig gering. Übrigens sind seine Kunden unverbesserlich, und wahrscheinlich setzen sie auch noch nebenher, so daß sich das für die Buchmacher in gewisser Weise ausgleicht. Für die Buchmacher ist es außerordentlich schwer, herauszufinden, wann der Schlag fallen wird, und noch viel schwerer ist es für sie, von ihren Kunden die betreffenden Wetten nicht anzunehmen. Im allgemeinen kann man es so auffassen, daß der Buchmacher nur ein Vermittler ist, der den Gewinnern das Geld ausbezahlt, das er von den Verlierern eingenommen hat. Je weniger Gewinne er auszuzahlen hat, desto größer ist sein Verdienst.«

 

Luke sah zu Dr. Blanter hinüber, der mit tiefer, weitschallender Stimme zu seinem Begleiter sprach, Mr. Goodie saß mit geschlossenen Augen neben ihm; er mochte schlafen, aber ebensogut auch aufmerksam zuhören.

 

»Dieser Goodie ist doch ein ganz merkwürdiger Mensch. – Übrigens kommt unser Freund Rustem sehr selten auf die Rennbahn.«

 

»Gehört denn Mr. Rustem …?«

 

»Ja, der ist auch einer von der Bande, und zwar ihr juristischer Berater. In der Beziehung ist er sehr tüchtig. Deshalb hat Trigger ja auch noch keine falschen Schritte unternommen. Die Tatsache, daß alle noch auf freiem Fuß sind, beweist das.«

 

Der Wagen kam bei dem ungeheuren Verkehr nur sehr langsam vorwärts, aber schließlich hielt er vor dem Eingang zu den Tribünen. Luke half Edna beim Aussteigen, bahnte sich einen Weg durch die Menge, und nach ein paar Minuten gingen sie über den weiten Sattelplatz, der bereits von Besuchern des Rennens bevölkert war.

 

Edna war erstaunt über die große Rolle, die Trigger im Turfbetrieb spielte. Sie hatte sich die Rennen immer ganz anders vorgestellt und geglaubt, man würde schöne Pferde sehen und es würde alles fair und freundlich zugehen. Natürlich wußte sie, daß Leute auch über ihre Mittel hinaus Wetten abschlossen, aber jetzt erst konnte sie sich ein Bild von dem wirklichen Rennbetrieb machen. Die Rennwetten waren eine Sache für sich und hatten nichts mit Gestüten und Pferdezucht zu tun. Auch im Haus ihres Onkels war viel über Pferdezucht gesprochen, aber hiervon nichts erwähnt worden. Für die meisten Besucher war das Rennen nur eine Art aufregendes Börsenspiel.

 

Das erste Rennen begann. Edna hörte die vielen Rufe, als die Pferde starteten, und sah dann die bunten Seidenkappen der Jockeis an den Köpfen der großen Menge vorbeisausen. Bald darauf war das Rennen vorüber. Luke entschuldigte sich und verließ sie, kam aber nach einiger Zeit wieder zu ihr.

 

»Ich wollte mich nur nach dem letzten Sieger erkundigen, hören, welche Quote er erzielt hat. Es ist fast gar nicht auf ihn gesetzt worden. Niemand kennt dieses Pferd; es kommt aus einem Stall im Norden. Die Quote ist hundert zu sechs. Wenn das nicht eine Transaktion von Trigger ist, will ich nicht mehr Luke heißen.«

 

Und er hatte recht. Irgendwo in London war der Name des Pferdes bekannt geworden, den der geschäftstüchtige Mr. Trigger an seine zweitausend Kunden geschickt hatte, und es wurde ein verzweifelter Versuch gemacht, diese Nachricht per Telefon zum Rennplatz durchzugeben.

 

Die Verbindungsleute der Buchmacher hatten die Warnung dreißig Sekunden nach dem Start durchgeben können – und das war dreißig Sekunden zu spät.