Roman

Zweites Capitel.


Zweites Capitel.

Oberst Munro.

»Aber, lieber Maucler, begann der Ingenieur Banks zu mir, Sie sprechen von Ihrer Reise auch kein Sterbenswörtchen. Man sollte glauben, Sie hätten Paris noch gar nicht verlassen. Wie finden Sie Indien?

– Indien? erwiderte ich, ja, um davon sprechen zu können, müßte ich das Land doch wenigstens gesehen haben.

– Sehr schön! versetzte der Ingenieur. Sind Sie nicht von Bombay nach Calcutta durch die ganze Halbinsel gekommen? Nun, und wenn Sie nicht blind waren …

– Das bin ich nicht, lieber Banks, wohl aber war ich während jener Fahrt geblendet …

– Geblendet? …

– Gewiß! Geblendet durch den Rauch, den Dampf, den Staub, noch mehr aber durch die Schnelligkeit der Fortbewegung. Ich will die Eisenbahnen nicht lästern, es ist ja Ihr Beruf, solche zu bauen, mein bester Banks; aber sich in das Coupé eines Waggons einzupferchen, als Gesichtsfeld nichts als die Scheiben der Wagenthür zu haben, Tag und Nacht mit einer mittleren Geschwindigkeit von zehn Meilen in der Stunde dahin zu jagen, jetzt über hohe Viaducte in Gesellschaft von Adlern und Lämmergeiern, nachher durch Tunnels in Gesellschaft von Ratten und Fledermäusen, nur an den Bahnhöfen anzuhalten, die einer so aussehen wie der andere, von Städten weiter nichts zu sehen als die Außenseite der Mauern und die oberste Spitze der Minarets, und das Alles unter dem unaufhörlichen Lärmen des Pustens der Locomotive, unter dem Pfeifen des Kessels, dem Aechzen der Schienen und dem Knarren der Bremsen – nennen Sie das etwa reisen?

– Sehr richtig! rief der Kapitän Hod. Nun antworteten Sie darauf, Banks, wenn Sie es können. Was meinen Sie dazu, Herr Oberst?«

Der Oberst, an den Kapitän Hod seine Worte richtete, neigte den Kopf ein wenig und sagte nur:

»Ich wäre begierig, zu hören, was Banks unserem Gaste, Herrn Maucler, für eine Antwort geben kann.

– O, das setzt mich keineswegs in Verlegenheit, meinte der Ingenieur, ich gebe ja zu, daß Maucler vollkommen Recht hat.

– Nun, fiel Kapitän Hod ein, wenn dem so ist, warum erbauen Sie Eisenbahnen?

– Um es Ihnen, Kapitän, zu ermöglichen, binnen sechzig Stunden von Calcutta nach Bombay gelangen zu können, wenn Sie Eile haben.

– Ich habe niemals Eile.

– Schön, dann wählen Sie die Great Trunk-Straße, antwortete der Ingenieur. Wählen Sie diese, Hod, und reisen Sie zu Fuß!

– Das beabsichtige ich auch zu thun.

– Wann?

– Sobald der Herr Oberst zustimmt, mich bei einem herrlichen Spaziergange von acht- bis neunhundert Meilen quer durch die Halbinsel zu begleiten!«

Der Oberst lächelte still und verfiel in seine gewohnte lange Träumerei, aus der ihn selbst seine besten Freunde, wie der Ingenieur Banks und Kapitän Hod, nur mit Mühe zu erwecken vermochten.

Seit einem Monate war ich in Indien angelangt, hatte aber, da ich von Bombay über Allahabad nach Calcutta die Great Indian Peninsular-Bahnlinie benutzte, von der Halbinsel so gut wie nichts kennen gelernt.

Meine Absicht ging jedoch dahin, zunächst deren nördlichen Theil, jenseit des Ganges, zu durchstreifen, die großen Städte daselbst zu besuchen, die hervorragendsten Denkmäler zu studieren und dieser Untersuchung die erforderliche Zeit zu widmen, um sie gründlich durchzuführen.

Den Ingenieur Banks hatte ich in Paris kennen gelernt. Seit einigen Jahren schon verband uns eine innige Freundschaft, welche der nähere vertraute Umgang nur steigern konnte. Ich versprach ihm seinerzeit nach Indien zu kommen, sobald die Vollendung der Scind Punjab and Delhi-Linie, deren Bau er leitete, ihm einige Muße gönnen würde. Das war nun jetzt der Fall. Banks hatte gerechten Anspruch auf eine mehrmonatliche Erholung, und ich kam nun mit dem Vorschlage, diese Ruhe auf einer anstrengenden Reise durch Indien zu genießen. Es versteht sich von selbst, daß er auf meinen Wunsch mit voller Begeisterung einging. In einigen Wochen schon, wenn die günstigere Jahreszeit eintrat, wollten wir aufbrechen.

Bei meiner Ankunft in Calcutta, im März 1867, hatte Banks mich mit einem seiner ehrenwerthen Kameraden, dem Kapitän Hod, bekannt gemacht, und später mich auch seinem Freunde, dem Oberst Munro vorgestellt, bei dem wir eben die Abendstunden verbracht hatten.

Der damals siebenundvierzigjährige Oberst bewohnte im europäischen Stadtviertel ein etwas vereinsamt liegendes Haus, fern dem Getümmel, das die Handelsstadt und die schwarze Stadt, die beiden Bestandtheile der Hauptstadt Indiens, kennzeichnet. Jenes Quartier wird zuweilen die »Stadt der Paläste« genannt, und wirklich fehlt es demselben an letzteren nicht, wenn man diese Bezeichnung auf Wohnungen anwenden darf, die von Palästen freilich nichts weiter als Hallen, Säulen und Terrassen haben. Calcutta ist der Sammelpunkt aller Baustyle, welche der englische Geschmack in den Städten der Alten und Neuen Welt mit Vorliebe verwendet.

Was die Wohnstätte des Obersten betrifft, so war diese ein sogenannter »Bungalow« in einfachster Form, d. h. ein auf einem Ziegelunterbau errichtetes Haus nur mit Erdgeschoß, dessen Dach pyramidenartig hoch aufstieg. Rings um dasselbe lief eine von leichten Säulen getragene Veranda. An den Seiten bildeten die Küchen, Schuppen und Dienerwohnungen zwei ausspringende Flügel. Das Ganze lag inmitten eines mit schönen Bäumen bestandenen und von niedrigen Mauern umgebenen Gartens.

Das Haus des Obersten verrieth die Wohlhabenheit des Besitzers. Das Dienstpersonal war so zahlreich, wie es die Lebensweise der indo-englischen Familien mit sich bringt. Mobiliar, Stoffe, innere Einrichtung, Alles zeigte in der Auswahl und dem wohl erhaltenen Zustande, daß hier zuerst die Hand einer verständigen Hausfrau gewaltet, aber daneben auch, daß diese Frau hier nicht mehr weilen könne.

Bezüglich der Aufsicht der Dienstleute und der allgemeinen Führung des Hauswesens verließ sich der Oberst vollständig auf einen seiner alten Waffengenossen, einen Schotten, früheren »Conductor« der königlichen Armee, den Sergeanten Mac Neil, mit dem er alle Feldzüge in Indien durchgefochten hatte, eines jener braven Herzen, die in der Brust Derjenigen zu schlagen scheinen, denen sie sich einmal ergeben haben. Es war das ein großer, starker Mann von fünfundvierzig Jahren, mit Vollbart wie alle Bergschotten. Seiner Haltung, dem Gesichtsausdrucke, sowie dem althergebrachten Costüm nach war er mit Leib und Seele Highlander geblieben, obwohl er den Militärdienst gleichzeitig mit Oberst Munro quittirte. Beide hatten seit 1860 ihren Abschied genommen. Statt aber zu den »Glens« der Heimat, in die Mitte der alten »Clans« ihrer Vorfahren zurückzukehren, waren Beide in Indien geblieben und lebten in einer Art Zurückgezogenheit und Einsamkeit, welche eine breitere Erklärung erfordern.

Als Banks mich dem Oberst Munro vorstellte, empfahl er mir nur eines:

»Erwähnen Sie mit keiner Silbe des Sipahi-Aufstandes, sagte er, und vorzüglich sprechen Sie niemals den Namen Nana Sahib aus!«

Der Oberst Edward Munro gehörte einer alten schottischen Familie an, deren Vorfahren sich in der Geschichte des Vereinigten Königreiches einen Namen gemacht hatten. Zu seinen Ahnen zählte er jenen Sir Hector Munro, der im Jahre 1760 die Armee von Bengalen befehligte und eine Empörung niederwarf, welche die Sipahis, fast genau ein Jahrhundert später, wieder erneuern sollten. Major Munro erstickte den Aufstand mit unerbittlicher Energie und scheute nicht davor zurück, an einem Tage achtundzwanzig Rebellen vor die Mündung von Kanonen binden und in Stücke schießen zu lassen – eine entsetzliche Hinrichtungsart, welche 1857 wiederholt zur Anwendung kam und deren Erfinder vielleicht jener Ahnherr des Obersten war. Zur Zeit, als die Sipahis sich erhoben, befehligte Oberst Munro das 93. Regiment schottischer Infanterie der königlichen Armee. Er wohnte fast dem ganzen Feldzuge unter dem Oberbefehle Sir James Outram’s bei, jenes Helden dieses Krieges, der sich den Namen des »Bayard der indischen Armee« verdiente, wie Sir Charles Napier ihn bezeichnete. Mit diesem befand sich Oberst Munro also in Khanpur; er nahm Theil an dem zweiten Feldzuge Colin Campbell’s in Indien, wohnte der Belagerung von Laknau bei und verließ diesen berühmten Soldaten erst, als Outram zum Mitgliede des Rathes von Indien in Calcutta ernannt worden war.

Im Jahre 1858 sehen wir den Oberst Sir Edward Munro als Kommandeur des Sternes von Indien, »the Star of India (K. C. S. J.)«. Er war zum Baronet erhoben worden und seine Gattin hätte damit den Titel Lady Munro1 erhalten, wenn die Unglückliche nicht am 15. Juli 1857 bei dem schauerlichen Gemetzel in Khanvur – eine Blutthat, die sich unter den Augen und auf Befehl Nana Sahib’s vollzog – umgekommen wäre.

Lady Munro – des Obersten Freunde nannten sie niemals anders – wurde von ihrem Gatten angebetet. Sie zählte kaum siebenundzwanzig Jahre, als sie, gleichzeitig mit zweihundert anderen Opfern, bei jener abscheulichen Schlächterei spurlos verschwand. Die nach der Einnahme von Laknau wie durch ein Wunder geretteten Mistreß Orr und Miß Jackson hatten die Eine ihren Gatten, die Andere ihren Vater überlebt.

Lady Munro sollte dem Oberst Munro nicht zurückgegeben werden. Es war sogar unmöglich, ihre, mit denen der zahlreichen Opfer in dem Schachte von Khanpur vermengten Ueberreste wieder aufzufinden und ihr ein christliches Begräbniß zu bereiten.

In seiner Verzweiflung erfüllte Sir Edward Munro nur noch ein Gedanke, der einzige, Nana Sahib, den die englische Regierung allerwärts suchen ließ, aufzufinden und den ihn verzehrenden, gerechten Durst nach Rache zu löschen. Um in dieser Richtung minder beschränkt zu sein, hatte er den Abschied genommen. Der Sergeant Mac Neil folgte ihm auf Schritt und Tritt. Von demselben Geiste beseelt, von demselben Gedanken getrieben und ein und dasselbe Ziel im Auge, verfolgten die beiden Männer jede Spur und forschten der geringsten Andeutung weiter nach, waren dabei aber nicht glücklicher als die englisch-indische Polizei. Nana Sahib entging allen ihren Nachforschungen. Nach drei Jahren fruchtlosen Bemühens mußten sich der Oberst und der Sergeant entschließen, vorläufig von weiteren Schritten abzusehen. Uebrigens verbreitete sich zu eben jener Zeit in Indien das Gerücht von Nana Sahib’s Tode, und zwar diesmal mit einem solchen Grade von Glaubwürdigkeit, daß man es nicht wohl langer bezweifeln durfte.

Sir Edward Munro und Mac Neil kehrten also nach Calcutta zurück, wo sie sich in dem isolirten Bungalow festsetzten. Hier lasen sie weder Bücher noch Journale, welche an die blutige Zeit des Aufruhrs hätten erinnern können, und verließen niemals die Wohnung, in der der Oberst gleich einem Manne mit einem ziel- und zwecklosen Leben dahin vegetirte.

Die Nachricht von dem Wiedererscheinen Nana’s in der Präsidentschaft Bombay – eine Neuigkeit, welche schon mehrere Tage von Mund zu Mund ging – schien nicht zur Kenntniß des Obersten gekommen zu sein. Und das war ein Glück zu nennen, denn er hätte den Bungalow sofort verlassen.

Hierin bestanden etwa Bank’s Mittheilungen, bevor er mich in jenes Haus einführte, aus dem die Freude für immer verbannt war. Ebendeshalb sollte jede Andeutung an die Empörung der Sipahis und deren grausamsten Anführer Nana Sahib vermieden werden.

Nur zwei Freunde – zwei allseitig erprobte Freunde – besuchten fleißig das Haus des Obersten, der Ingenieur Banks und der Kapitän Hob.

Banks hatte, wie erwähnt, eben die ihm bei der Erbauung der Great Indian Peninsular-Eisenbahn übertragenen Arbeiten vollendet. Er war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, in der ganzen Kraft seines Alters. Zwar sollte er nun auch an der, zur Verbindung des arabischen Golfs mit der Bai von Benguela zu errichtenden Madras-Bahn thätigen Antheil nehmen, doch konnten diese Arbeiten vor Ablauf eines Jahres schwerlich beginnen. Er genoß diese Muße also in Calcutta, immer beschäftigt mit mechanischen Problemen, denn in ihm wohnte ein rastloser, fruchtbarer Geist, der stets mit irgend einer neuen Erfindung schwanger ging. Außer dieser Thätigkeit widmete er jede Stunde dem Obersten, mit dem ihn eine zwanzigjährige Freundschaft verband. Fast jeden Abend verbrachte er unter der Veranda des Bungalow in Gesellschaft Sir Edward Munro’s und des Kapitän Hod, der eben einen zehnmonatlichen Urlaub erhalten hatte.

Hod stand bei der 1. Escadron der Karabiniers der königlichen Armee und hatte den ganzen Feldzug 1857-58 mitgemacht, erst unter Sir Colin Campbell in Audh und Rohilkhaude, dann unter Sir H. Rose in den Centralstaaten – ein Kampf, der mit der Einnahme von Gwalior endigte.

Der in der rauhen Schule Indiens erzogene Kapitän Hod, eines der hervorragenden Mitglieder des Clubs von Madras, rothblond von Bart und Haar, zählte nicht mehr als dreißig Jahre. Obwohl er der königlichen Armee zugehörte, hätte man ihn wohl für einen Officier der eingebornen Truppen halten können, so sehr hatte er sich während seines Aufenthaltes auf der Halbinsel »indianisirt«. Auch durch Geburt hätte er nicht noch mehr Hindu werden können. Ihm erschien Indien als das Reich von Gottes Gnaden, das gelobte Land, das einzige, in dem ein Mann leben könnte und sollte. Hier konnte er alle seine Neigungen befriedigen. Soldat von Temperament, bot sich ihm unausgesetzt Gelegenheit, sich zu schlagen. Verweilte er als ausgedienter Jäger nicht in dem Lande, wo die Natur alles Raubgethier der Schöpfung neben allem Pelz- und Federwild der Neuen und Alten Welt vereinigt zu haben schien? Hatte er als leidenschaftlicher Bergsteiger nicht die imposante Kette von Thibet zur Hand, in der die höchsten Gipfel der Erde emporstreben? Was hinderte ihn als unerschrockenen Reisenden den Fuß dahin zu setzen, wohin vor ihm noch Niemand gedrungen war, in jenen unnahbaren Regionen der Himalaya-Grenze? Fehlten ihm als enthusiasmirten Turfisten die Rennbahnen Indiens, die in seinen Augen denen von Marche und Epsom gleichkamen? In letzterer Beziehung gingen seine und Banks‘ Ansichten allerdings weit auseinander. Als Vollblut-Mechaniker interessirte sich der Ingenieur nur sehr wenig für die Pferde-Heldenthaten eines »Gladiator« oder einer »Tochter der Luft«.

Eines Tages, als ihm Kapitän Hod deshalb besonders zusetzte, erwiderte Banks, daß die Wettrennen eigentlich nur unter einer Bedingung ein höheres Interesse erwecken könnten.

»Und diese wäre? fragte Hod.

– Die Aufstellung der Bedingung, erklärte Banks ganz ernsthaft, daß der zuletzt ankommende Jockey am Pfosten sofort füsilirt würde!

– Das nenne ich eine Idee!…« antwortete einfach Hod.

Er wäre auch der Mann dazu gewesen, persönlich auf das Wagstück einzugehen.

Solcher Art waren die beiden fleißigen Gäste in Sir Edward Munro’s Bungalow. Der Oberst hörte sie gern über allerlei plaudern, und ihre zäh fortgesetzten Reden und Gegenreden lockten manchmal sogar ein Lächeln auf seine Lippen.

Die beiden wackeren Leute begegneten sich jedoch in dem einen Wunsche, den Oberst zu einer Reise zu bestimmen, die ihm einige Zerstreuung bieten könnte. Schon wiederholt hatten sie den Vorschlag gemacht, nach dem Norden der Halbinsel zu gehen, um mehrere Monate in der Nähe jener »Sanitarien« zuzubringen, in welche sich die reiche anglo-indische Gesellschaft während der heißen Jahreszeit freiwillig flüchtet. Der Oberst war nie darauf eingegangen.

Auch bezüglich der von mir und Banks geplanten Reise hatten wir seine Meinung zu erforschen gesucht: Eben an jenem Abend kam das Gespräch wieder auf dieselbe. Der Leser weiß bereits, daß Kapitän Hod von nichts Geringerem sprach als von einer weitläufigen Fußtour nach dem Norden Indiens. Wenn Banks die Pferde nicht liebte, so war Hod ein Feind der Eisenbahnen. Beide befanden sich also in Widerspruch.

Ein Mittelweg hätte sich damit finden lassen, daß man, wie und wann es eben beliebte, im Wagen oder Palankin reiste, was auf den schönen und wohlerhaltenen Hauptstraßen von Hindostan ohne Schwierigkeit auszuführen ist.

»Reden Sie mir nicht von ihren Geschirren mit Ochsen oder bucklichen Zebus! rief Banks. Ohne uns wären Sie noch heute auf diese primitiven Fuhrwerke beschränkt, von denen man in Europa schon seit fünfhundert Jahren nichts mehr wissen mochte.

– Oho, Banks, erwiderte Kapitän Hod, mit Ihren Waggons und ihren Cramptons können sie sich wohl messen! Solche große weiße Büffel, welche im tüchtigen Galopp gehen und die man an jeder Poststation von zwei zu zwei Stunden wechselt …

– Und die so eine Art vierrädriger Tartanen ziehen, in denen man mehr umhergeworfen wird, als die Fischer in ihren Booten auf bewegtem Wasser!

– Ich sprach nicht von Tartanen, Banks, antwortete Kapitän Hod. Giebt es denn keine Wagen mit zwei, drei oder vier Pferden, die an Schnelligkeit mit Euern »Convois«, welche diesen traurigen Namen mit Recht führen,2 wetteifern. Ich würde den einfachen Palankin vorziehen …

– Nun gar Ihre Palankins, Kapitän Hod, wahrhafte Särge von sechs Fuß Länge und vier Fuß Breite, in denen man wie ein Leichnam eingebettet liegt!

– Zugegeben, Banks, aber da giebt es kein Schütteln und kein Stoßen; man kann nach Belieben lesen, schreiben, schlafen, ohne an jeder Station aufgeweckt zu werden. In einem Palankin mit vier bis sechs bengalischen Gamals (Name der Palankinträger in Indien) legt man bequem vier und eine halbe Meile (gegen acht Kilometer) zurück, ohne, wie bei Ihren unbarmherzigen Expreßzügen, Gefahr zu laufen, daß man fast eher am Ziel anlangt, als man abgefahren ist.

– Das Beste, warf ich da ein, wäre doch, gleich sein Haus mitführen zu können!

– Als Schnecke! rief Banks.

– Lieber Freund, antwortete ich, eine Schnecke, die ihr Haus nach Belieben verlassen und auch wieder in dasselbe eintreten könnte, wäre wohl nicht allzu schwer zu beklagen. In seinem Hause zu reisen, das nach Wunsch da oder dorthin rollt, das wäre ja die höchste Potenz des Fortschritts im Reisen!

– Vielleicht, sagte da Oberst Munro; von der Stelle zu kommen, während man immer in seinen vier Pfählen weilt, seine ganze Umgebung und alle Erinnerungen, die daran hängen, mit sich zu nehmen, den Horizont, den Gesichtspunkt, Atmosphäre und Klima mit anderen zu vertauschen, ohne seine gewohnte Lebensweise zu ändern … ja, ja, … vielleicht!

– Da umgeht man die für Reisende bestimmten Bungalows, fuhr Kapitän Hod fort, in denen der Comfort immer zu wünschen übrig läßt, und worin man nur mit Erlaubniß der Ortsbehörden verweilen darf!

– Ebenso wie die abscheulichen Gasthäuser, in denen Einem moralisch und physisch das Fell über die Ohren gezogen wird! bemerkte ich dazu nicht ohne Grund.

– Der Wagen der Quacksalber und Marktschreier! rief Kapitän Hod, aber in modernisirter Façon! Welch‘ schöner Traum! Anzuhalten, wenn man will, abzufahren, wenn es beliebt, zu Fuß neben her zu gehen, wenn man spazieren will, im Galopp zu fahren, wenn es darauf ankommt, nicht nur ein Schlafzimmer mitzunehmen, sondern auch den Salon, das Speise- und Rauchzimmer und vor Allem Küche und Koch dazu, das wäre ein Fortschritt, Freund Banks! Versuchen Sie, das zu widerlegen, Herr Ingenieur, versuchen Sie es!

– Ei, ei, Freund Hod, antwortete Banks, ich wäre ja vollkommen Ihrer Ansicht, wenn …

– Wenn? … wiederholte der Kapitän achselzuckend.

– Wenn Sie in Ihrem Fortschrittsschnelllauf nur nicht urplötzlich angehalten hätten.

– Es giebt also noch Besseres?

– Nun, hören Sie. Sie erklären das bewegliche Haus für überlegen dem Waggon, dem Salonwagen, sogar den Sleeping-cars der Eisenbahn. Sie haben recht, lieber Kapitän, wenn man Zeit zu verlieren hat, wenn man zum Vergnügen und nicht in Geschäften reist. Ich glaube, hierin stimmen wir Alle überein?

– Alle!« bestätigte man.

Der Oberst Munro nickte mit dem Kopfe als Zeichen seiner Zustimmung.

»Das ist also abgemacht, fuhr Banks fort. Nun weiter. Angenommen, Sie hätten sich an ein Doppelwesen, einen Wagenbauer-Architekten, gewendet und er erbauete Ihnen das gewünschte rollende Haus. Da steht es nun im besten Chic, allen Anforderungen eines Freundes des Comforts entsprechend. Es ist nicht allzu hoch, wodurch ihm das Umfallen erspart bleibt, nicht zu breit, um auf jedem Wege fort zu können, und sinnreich auf Federn befestigt, um leicht und bequem darin zu fahren. Mit einem Worte, es ist vollkommen. Ich nehme an, es wäre für unseren Freund, den Obersten, hergestellt worden. Er ladet uns Alle ein. Wir wollen meinetwegen die nördlichen Theile Indiens besuchen, als Schnecken, aber als solche Schnecken, deren Schwanz nicht untrennbar mit dem Gehäuse verwachsen ist. Alles ist bereit. Man hat nichts vergessen … nicht einmal den Koch und die Küche, die dem Kapitän so sehr am Herzen liegen. Der Tag der Abreise ist gekommen; man schickt sich dazu an. All right! … Ja, wer wird es aber ziehen, Euer rollendes Haus, mein bester Freund?

– Wer? rief Kapitän Hod. Nun, Maulesel, Esel, Pferde, Büffel!

– Gleich zu Dutzenden? fragte Banks.

– Elephanten! versetzte Kapitän Hod, Elephanten! Das wäre herrlich und majestätisch! Ein Haus gezogen von einem Elephantengespann, von wohldressirten, stolzen Thieren, welche davongehen und galoppiren trotz der besten Kutschpferde der Welt!

– Das wäre großartig, Herr Kapitän.

– Ein Rajah-Zug auf dem Lande, Herr Ingenieur.

– Gewiß! Aber …

– Aber … was? Giebt es noch ein Aber? fiel ihm Kapitän Hod in’s Wort.

– Ein großes Aber!

– O, über diese Ingenieurs! Sie taugen zu nichts, als überall Schwierigkeiten zu wittern! …

– Und sie zu beseitigen, wenn das überhaupt möglich ist, erwiderte Banks.

– So schaffen Sie sie beiseite!

– Das werde ich, und zwar folgendermaßen. Alle jene bewegenden Kräfte, lieber Munro, welche der Kapitän da aufgezählt hat, sie gehen wohl, sie schleppen, sie ziehen, aber – sie ermüden auch. Sie werden widerspenstig, eigenwillig, vorzüglich aber brauchen alle – Futter. Sobald nun Mangel an Weiden eintritt, da man doch nicht wohl fünfhundert Acker Wiesen mitnehmen kann, so steht das Gespann still, verliert die Kräfte, stürzt, stirbt vor Hunger, das rollende Haus bewegt sich nicht weiter und bleibt ebenso auf demselben Flecke, wie der Bungalow, in in dem wir jetzt darüber sprechen. Daraus folgt, daß besagtes Haus nicht eher praktisch brauchbar werden wird, als bis es in der Gestalt eines Dampfhauses auftritt.

– Das natürlich auf Schienen läuft! rief der Kapitän achselzuckend.

– Nein, auf allen Wegen, entgegnete der Ingenieur, in dem es von einer verbesserten Straßenlocomotive gezogen wird.

– Bravo! jubelte der Kapitän, bravo! Von der Stunde an, wo Ihr Dampfhaus nicht mehr auf einem Schienenwege rollt und gehen kann, wohin es will, ohne jenem gebieterischen Eisenstrang folgen zu müssen, bin ich gern dabei!

– Aber, warf ich Banks noch ein, wenn Maulesel, Esel, Pferde, Büffel und Elephanten fressen, so braucht eine Maschine auch Nahrung, denn wenn es ihr an Brennmaterial fehlt, wird sie ebenso unterwegs stehen bleiben.

– Ein Dampfroß, antwortete Banks, entwickelt die Kräfte von drei bis vier gewöhnlichen Pferden, und diese Leistung kann im Nothfall auch noch gesteigert werden. Das Dampfroß unterliegt keiner Ermüdung, keiner Krankheit. Jederzeit, unter jeder Breite, jeder Sonne, unter Regen und Schnee geht es ohne Erschöpfung weiter. Es braucht nicht einmal die Angriffe wilder Thiere zu fürchten, nicht den Biß der Schlangen, nicht den Stich der Bremsen oder anderer lästiger Insecten. Es bedarf nicht des Stachels des Büffeltreibers, nicht der Peitsche der Wagenführer. Ihm ist ausruhen unnöthig, der Schlaf unbekannt. Das aus der Hand des Menschen hervorgegangene Dampfroß ist, wenn man nur dessen Zweck im Auge behält und nicht auch von ihm erwartet, daß es einmal am Spieße gebraten werden könne, allen Zugthieren überlegen, welche die Vorsehung den Menschen gegeben hat. Etwas Oel oder Fett, ein wenig Kohle oder Holz, das ist Alles, was es verzehrt. Sie wissen aber, meine Freunde, daß auf der indischen Halbinsel an Wäldern kein Mangel ist und das Holz Jedem gehört, der es nimmt.

– Sehr schön, rief Kapitän Hod. Ein Hurrah dem Dampfrosse! Ich sehe schon des Ingenieur Banks‘ rollendes Haus auf den Landstraßen Indiens dahingezogen, wie es durch die Dschungeln dringt, schnaubend tief in die Wälder zieht, sich vorwagt bis zu der Höhle des Löwen, des Panthers, Tigers, des Bären, Leoparden und des Guepards; unter dem Schutze seiner Mauern erlegen wir Hekatomben von Raubthieren und stechen die Anderson, Gérard, Pertuiset, Chassaing und alle Nimrods der Welt aus! O, Banks, mir läuft das Wasser im Munde zusammen, Sie lassen es mich bedauern, nicht fünfzig Jahre später geboren zu sein!

– Und weshalb, Herr Kapitän?

– Weil Ihr Traum in fünfzig Jahren in Erfüllung gehen und das Dampfhaus gebaut sein wird.

– Das ist schon so gut wie geschehen, antwortete einfach der Ingenieur.

– Geschehen und vielleicht durch Sie? …

– Durch mich, und ich fürchte dabei nur das Eine, daß es Ihren Traum noch übertreffen dürfte …

– An’s Werk, Banks, an’s Werk!« rief Kapitän Hod, der wie von einem elektrischen Schlage getroffen aufsprang und zur Abreise schon bereit schien.

Der Ingenieur beruhigte ihn durch eine Handbewegung, dann wendete er sich mit ernster Stimme an Sir Edward Munro.

»Edward, sagte er, wenn ich Dir ein rollendes Haus zur Verfügung stelle, wenn ich nach einem Monat bei Eintritt der besseren Jahreszeit komme und zu Dir sage: Hier ist Dein Zimmer, das sich fortbewegt und geht, wohin Du willst, hier Deine Freunde, Maucler, Kapitän Hod und ich, welche lebhaft wünschen, Dich auf einem Ausfluge nach dem Norden Indiens zu begleiten, wirst Du mir dann antworten: »Brechen wir auf, Banks, brechen wir auf, und möge der Gott der Reisenden uns behüten?«

– Ja, meine Freunde, antwortete Oberst Munro nach kurzer Ueberlegung. Banks, ich stelle Dir die nöthigen Mittel zur Verfügung. Halte Dein Versprechen! Bring‘ uns das ideale Dampfhaus, das Hod’s Träume noch übertrifft, und wir streifen durch ganz Indien!

– Hurrah! Hurrah! Hurrah! rief Kapitän Hod, und wehe dem Raubzeug an den Grenzen von Nepal!«

Da erschien, herbeigelockt durch die Hurrahs des Kapitäns, der Sergeant Mac Neil in der Thür.

»Mac Neil, redete der Oberst ihn an, wir reisen in einem Monat nach dem Norden von Indien ab. Du bist doch dabei?

– Selbstverständlich, Herr Oberst, da Sie ja dabei sind!« antwortete der Sergeant Mac Neil.

  1. Eine Frau ohne Titel, welche einen Baronet oder Ritter heirathet, erhält den Titel Lady vor dem Namen ihres Mannes. Diese Bezeichnung als Lady darf aber nicht dem Taufnamen vorgesetzt werden, was allein den Töchtern der Peers gestattet ist.
  2. Ein unübersetzbares Wortspiel, da »convoi« im Französischen sowohl »Eisenbahnzug«, als auch »Trauergeleite« bezeichnet.

Elftes Capitel.


Elftes Capitel.

Der Wechsel des Moussons.

Um elf Uhr waren wir an unserem Halteplatz zurück und hätten erklärlicherweise Khanpur gern so schnell als möglich verlassen; eine nothwendige Reparatur an der Speisepumpe der Maschine hielt uns jedoch bis zum nächsten Tage zurück.

Es verblieb mir also anderthalb Tag. Ich glaubte diese Zeit nicht besser als durch einen Besuch Laknaus verwerthen zu können.

Banks gedachte diese Stadt nicht zu berühren, in welcher Oberst Munro nur den Schauplatz der furchtbarsten Greuel des Krieges wiedergesehen hätte. Er hatte wohl Recht. Auch dort erwarteten Jenen noch zu peinigende Erinnerungen.

Nachdem ich zu Mittag das Steam-House verlassen, benutzte ich die kurze Zweigbahn, welche Khanpur mit Laknau verbindet. Die Strecke beträgt kaum zwanzig (englische) Meilen, und binnen zwei Stunden langte ich in der bedeutenden Hauptstadt des Königreichs Audh an, von der ich nur einen flüchtigen Ueberblick gewinnen, sozusagen einen Eindruck mitnehmen wollte.

Ich fand übrigens das bestätigt, was ich über die unter der Herrschaft muselmanischer Kaiser im 12. Jahrhundert errichteten Bauwerke Laknaus schon gehört hatte.

Ein Franzose aus Lyon, Martin mit Namen, und gewöhnlicher Soldat in der Armee Lally-Tollendal’s, der sich 1730 zum erklärten Günstling des Königs zu machen wußte, war der Schöpfer, der Erfinder, man könnte sagen, der Baumeister der sogenannten Wunderwerke der Hauptstadt von Audh gewesen. Die officielle Residenz der Herrscher, der Kaiserbagh, ein sinnloses Gemisch aller Baustyle, das nur dem Gehirn eines Korporals entspringen konnte, ist nichts als ein »äußerliches« Bauwerk. Darin ist nichts, Alles an der Außenseite, aber diese selbst erscheint gleichzeitig indisch, chinesisch, maurisch und… europäisch. Ebenso verhält es sich mit einem anderen kleineren Palaste, dem Farid Bakh, gleichfalls eine Schöpfung Martin’s. Der Inambara dagegen, erbaut in der Mitte der Citadelle von Kaihiatoulla, einem der ersten Architekten Indiens im 17. Jahrhundert, ist wirklich ein stolzes Denkmal und bringt mit den Tausenden von Glockenthürmchen, die seine Zinnen krönen, eine wirklich großartige Wirkung hervor.

Ich konnte Laknau nicht verlassen, ohne den Constantin-Palast zu besuchen, wiederum ein persönliches Werk des französischen Korporals, der deshalb auch den Namen »Palais de la Martinière« führt. Ich wollte dabei auch den nahegelegenen Garten, den Secunder Bakh, sehen, wo Hunderte von Sipahis, welche die Grabstätte des einfachen Soldaten beraubt hatten, bevor sie aus der Stadt flüchten konnten, niedergemacht worden waren.

Uebrigens ist der Martin’s nicht der einzige französische Name, der in Laknau in hohem Ansehen steht. Ein alter Unterofficier der französischen Jäger, Namens Duprat, zeichnete sich während des Aufstandes durch seine Kühnheit so aus, daß die Empörer ihm anboten, sich an ihre Spitze zu stellen. Trotz der ihm versprochenen Schätze, und trotz der Drohungen für den Fall der Weigerung, wies Duprat das Anerbieten ab und blieb den Engländern treu. Da er nun aber den Angriffen der Sipahis, denen es nicht gelang, ihn zum Verräther zu machen, desto mehr ausgesetzt war, fand er auch seinen Tod bei einem Gefecht mit jenen.

»Ungläubiger Hund, hatten sie gerufen, Du wirst auch gegen Deinen Willen der Unsere!«

Er wurde es, aber als – ein todter Mann.

Bei den Repressalien spielten die beiden französischen Soldaten also zusammen eine Rolle: die Sipahis, welche das Grab des einen beraubt und die, durch deren Hand der Andere den Tod fand, wurden ohne Erbarmen niedergemacht.

Nachdem ich noch die prächtigen Parkanlagen, den grünen blumenreichen Rahmen der großen, eine halbe Million Einwohner zählenden Stadt bewundert und auf dem Rücken eines Elephanten deren Hauptstraßen und den großartigen Boulevard Hazrat Gaudj in Augenschein genommen, ging ich wieder zur Bahn und gelangte am nämlichen Abend nach Khanpur zurück.

Am 31. Mai mit Tagesanbruch reisten wir weiter.

»Endlich, rief Kapitän Hod, ist es doch nun aus mit den Allahabad, Khanpur, Laknau und den anderen Städten, um die ich mich gerade soviel bekümmere, wie um eine leere Patrone!

– Ja wohl, das ist zu Ende, Hod, bestätigte Banks, und nun werden wir direct nach Norden ziehen, um den Fuß des Himalaya auf kürzestem Wege zu erreichen.

– Bravo! jubelte der Kapitän. Was ich eigentlich Indien nenne, das sind nicht die Provinzen voller Städte und mit einer zusammengedrängten Bevölkerung von Hindus – nein, das ist das Land, wo meine Freunde, die Elephanten, Löwen, Tiger, Panther, Guepards, Bären, Büffel und Schlangen in der Freiheit hausen! Da ist der einzige bewohnbare Theil der Halbinsel! Sie werden das selbst sehen, Maucler, und werden die Wunder des Gangesthales nicht vermissen.

– In Ihrer Gesellschaft, lieber Kapitän, erwiderte ich, werde ich überhaupt gar nichts vermissen.

– Uebrigens giebt es im Nordwesten, warf Banks ein, noch recht interessante Städte, wie Delhi, Agra, Lahore …

– Aber, bester Banks, unterbrach ihn Hod, wer hat denn je von diesen erbärmlichen Nestern reden hören!

– Erbärmliche Nester! versetzte Banks, nein, Hod, das sind sehr schöne Städte. Doch, beruhigen Sie sich, lieber Freund, fuhr der Ingenieur an mich gewendet fort, wir werden Ihnen das zu zeigen wissen, ohne die Feldzugspläne unseres Kapitäns zu kreuzen.

– Sehr schön, Banks, meinte Hod, aber eigentlich fängt unsere Reise doch erst heute an!«

Dann rief er lauter:

»Fox!«

Der Diener erschien.

»Hier, Herr Kapitän!

– Fox, die Flinten, Carabiner und Revolver sind doch in Ordnung?

– Gewiß!

– Sieh‘ mir die Schlösser nach.

– Ist auch besorgt.

– Fertige Patronen an.

– Ich habe Vorrath …

– Es ist also Alles in Stand?

– Alles!

– Wenn’s möglich ist, so bring‘ es in noch besseren!

– Soll geschehen.

– Der Achtunddreißigste wird bald auf der Liste Deines Ruhmes paradiren, Fox!

– Der Achtunddreißigste! rief der Diener, in dessen Augen ein flüchtiger Blitz aufleuchtete. Ich werde für den Burschen eine hübsche explodirende Kugel zurecht machen, über die er nicht zu klagen haben soll.

– Schon gut, Fox, nun geh‘ nur!«

Fox grüßte militärisch, machte eine halbe Schwenkung und wandte sich nach der Waffenkammer.

Ich verzeichne hier die für den zweiten Theil der Reise festgestellte Richtung, von der, außer im Falle des Eintritts unvorzusehender Ereignisse, nicht abgewichen werden sollte.

Diese folgt auf etwa fünfundsiebenzig Kilometer dem Laufe des Ganges nach Nordwesten, von da zweigt sie sich, längs eines Nebenflusses des gewaltigen Stromes und eines anderen bedeutenden Armes der Goutmi nach Norden ab. Damit vermeidet sie viele Wasserläufe, die sich zur rechten und linken Seite verbreiten, und führt in schräger Linie durch das westliche Gebiet der Königreiche Audh und Rohilkande auf die ersten Wellen der Gebirgslandschaften von Nepal zu.

Der Ingenieur hatte diesen Weg, auf dem wir vielen Schwierigkeiten entgingen, vorsorglich ausgewählt. Wurde auch die Beschaffung von Kohle im nördlichen Hindostan etwas beschwerlicher, so konnte uns dafür Holz niemals fehlen. Unser Stahlriese war also in der Lage, auf der so gut gehaltenen Straße durch die schönsten Wälder der indischen Halbinsel in jeder beliebigen Gangart vorwärts zu traben.

Gegen achtzig Kilometer trennten uns noch von der kleinen Stadt Biswah. Wir wollten diese Strecke nur sehr langsam durchreisen, und es wurden dazu sechs Tage bestimmt. Dabei konnten wir nach Belieben anhalten, wo es uns gefiel, und die Jäger der Expedition gewannen hinlänglich Zeit, ihre Heldenthaten auszuführen.

Kapitän Hod mit seinem Diener Fox, denen sich auch Goûmi zuweilen anschloß, vermochten so bequem auf Kundschaft umherzuschweifen, während der Stahlriese langsamen Schrittes weiterzog. Auch mir stand es frei, Jene bei ihren Treibjagden zu begleiten, und obwohl nur ein unerfahrener Waidmann, leistete ich ihnen doch dann und wann Gesellschaft.

Ich muß gestehen, daß Oberst Munro, seit der Zeit, da unsere Reise gleichsam in eine neue Phase trat, sich weniger zurückzog. Außerhalb des Bezirkes der Städte wurde er inmitten der Wälder und Ebenen, fern dem eben durchzogenen Thale des Ganges, entschieden umgänglicher. Unter diesen Verhältnissen schien er die Ruhe wieder zu finden, in der er sein Leben in Calcutta verbrachte. Und doch, konnte er wohl je vergessen, daß sein rollendes Haus ihn nach dem Norden Indiens führte, wohin ihn ein unwiderstehliches Geschick zog? Wie dem auch sei, jedenfalls gewann seine Unterhaltung an Lebhaftigkeit, während der Mahlzeiten sowohl, wie unter der Siesta, und zuweilen setzte er dieselbe sogar noch weit in die schönen Nächte hinein fort, deren wir uns während der heißen Jahreszeit erfreuten. Mac Neil dagegen erschien seit dem Besuche des Brunnenschachtes in Khanpur finsterer als gewöhnlich. Hatte der Anblick des Bibi-Ghar in seiner Seele vielleicht den Rachedurst, den er noch zu löschen hoffte, auf’s Neue geweckt?

»Nana Sahib, sagte er eines Tages in abgerissenen Sätzen zu mir, … nein … Nein! Es ist unmöglich, daß sie ihn uns getödtet hätten!«

Der erste Tag verlief ohne bemerkenswerten Zwischenfall. Weder Kapitän Hod noch Fox fanden Gelegenheit, auch nur auf das winzigste Thier zu feuern. Es war bedauerlich und sogar wunderbar, wenn man es nicht der Erscheinung des Stahlriesen selbst zuschreiben wollte, der die Raubthiere der Umgegend vielleicht verscheuchte. Wir kamen z.B. durch verschiedene Dschungeln, in denen sich Tiger und andere Raubthiere mit Vorliebe aufzuhalten pflegen, aber nicht eines kam zum Vorschein, obwohl die Jäger bis auf ein und zwei Meilen seitwärts von unserem Zuge die Umgebung absuchten. Sie mußten sich also begnügen, Black und Phann auf die Jagd nach eßbarem Wild mitzunehmen, von dem Monsieur Parazard seine gewohnte tägliche Ration beanspruchte. Unser schwarzer Küchenchef nahm einmal keine Vernunft an, und wenn der Diener des Kapitäns ihm von Tigern, Guepards und anderen minder schmackhaften Bestien erzählte, zuckte er verächtlich die Achseln und sagte blos:

»Kann man das Zeug essen?«

An diesem Abend hielten wir unter dem Schutze einer Gruppe riesiger Banianen. Die Nacht war ebenso still wie der Tag ruhig. Nicht einmal das Heulen der Raubthiere unterbrach das Schweigen der Natur. Auch unser Elephant ruhte ja. Das Zischen und Brausen des abblasenden Dampfes hatte aufgehört. Die Feuer waren gelöscht und um dem Kapitän zu willfahren, hatte Banks nicht einmal den elektrischen Strom in Gang gesetzt, der die Augen des Stahlriesen in zwei glänzende Leuchtfeuer verwandelte. Doch auch dieses Mittel erwies sich als fruchtlos.

Ganz ebenso vergingen der 1. und 2. Juni. Es war zum Verzweifeln.

»Man hat mir das Königreich Audh vertauscht! rief der Kapitän wiederholt. Man hat es mitten nach Europa hinein versetzt! Hier giebt’s jetzt ebensowenig Tiger, wie in den schottischen Niederungen!

– Möglicherweise, lieber Hod, erwiderte Oberst Munro, sind in der Gegend Treibjagden abgehalten und die Thiere in Menge verscheucht worden. Doch verzweifeln Sie noch nicht; warten Sie, bis wir am Fuße der Berge von Nepal sind. Dort werden Sie Gelegenheit finden, Ihre Meisterschaft im edlen Waidwerk zu erproben.

– Ich hoffe es, lieber Oberst, antwortete Hod, im anderen Falle müßten wir die Kugeln wahrlich zum Umgießen in die Schrotmühle schicken!«

Im Laufe des 3. Juni herrschte eine bis dahin unbekannte Hitze. Wäre der Weg nicht von großen Bäumen beschattet gewesen, ich glaube, wir wären in unserer beweglichen Wohnung buchstäblich gesotten worden. Der Thermometer stieg im Schatten bis auf 48 Grad, ohne den geringsten Luftzug. Es war also möglich, daß auch die Raubthiere bei so erstickender Gluth selbst in der Nacht gar nicht daran dachten, ihre Höhlen zu verlassen.

Am nächsten Tag bei Sonnenaufgang erschien der westliche Horizont zum erstenmale etwas neblig. Wir genossen da das herrliche Schauspiel einer sogenannten Luftspiegelung, die man in einigen Gegenden Indiens »Seekote«, d.i. Luftschlösser, in anderen »Dessasur«, d.i. Augentäuschung nennt.

Es war jedoch keine scheinbare Wasserfläche mit den wunderbaren Effecten der Strahlenbrechung, die vor unseren Augen lag, sondern eine ganze Kette mäßiger Hügel, besetzt mit den phantastischsten Schlössern, die es nur geben kann, so etwa wie die Ufer des Rheinthales mit ihren alterthümlichen Burggrafensitzen. Wir sahen uns für kurze Zeit nicht nur in das Herz des alten Europa, sondern auch fünf bis sechs Jahrhunderte zurück, mitten in’s Mittelalter versetzt.

Die überraschend deutliche Erscheinung machte auf uns völlig den Eindruck der Wirklichkeit. Der Stahlriese mit Allem, was dazu gehörte, erschien mir, als er so auf eine Stadt aus dem 11. Jahrhundert zuzog, noch fremdartiger, als wenn er, in Dampfwolken gehüllt, durch das Land Wischnus und Brahmas trabte.

»Hab‘ Dank, Mutter Natur! rief entzückt der Kapitän. Nach so vielen Minarets und Kuppeln, so vielen Moscheen und Pagoden doch endlich einmal eine alte Stadt aus der schönen Feudalzeit mit der romanischen und gothischen Pracht, die sie vor meinen Augen entrollt!

– Alle Wetter, scherzte Banks, was unser Freund Hod heute poetisch gestimmt ist. Sollte er vor dem Frühstück schon eine Ballade verzehrt haben?

– Immer lachen Sie, lieber Banks, scherzen und spotten Sie nach Herzenslust, entgegnete Hod; aber blicken Sie nur dorthin! Sehen Sie Alles, wie es im Vordergrund noch größer erscheint; da werden Gebüsche zu Bäumen, Hügel wachsen zu Bergen an, und … – Und einfache Katzen würden zu Tigern, wenn es hier gerade Katzen gäbe, nicht wahr, Hod?

– O, Banks, das wäre nicht zu verachten! … Ei, rief der Kapitän, da schmelzen ja meine Schlösser am Rhein, die Stadt verschwindet und wir fallen aus dem Himmel auf die Erde, in eine gewöhnliche Landschaft des Königreichs Audh, welches nicht einmal die Tiger mehr bewohnen mögen!«

Die im Osten jetzt mehr heraufgestiegene Sonne hatte das Spiel der Strahlenbrechung plötzlich verwandelt. Die Burgen stürzten gleich Kartenhäusern zusammen und die Hügel sanken zur Ebene herab.

»Wollt Ihr, da die Luftspiegelung verschwunden ist, begann Banks, und mit ihr die ganze dichterische Begeisterung des Kapitän Hod verflogen zu sein scheint, nun vielleicht erfahren, worauf diese Erscheinung hindeutet?

– Sprechen Sie, Ingenieur! antwortete der Kapitän.

– Auf eine demnächstige Veränderung der Witterung, erklärte Banks, wir befinden uns übrigens in den ersten Tagen des Juni, welche stets klimatische Veränderungen herbeiführen. Der Wechsel des Moussons wird die periodische Regenzeit einleiten.

– Nun, lieber Banks, sagte ich darauf, sind wir nicht wohlverwahrt? Mag der Regen immer kommen! Und wenn’s ein diluvianischer wäre, dieser unausstehlichen Hitze ist er allemal vorzuziehen …

– Ihr Wunsch wird in Erfüllung gehen, bester Freund, antwortete Banks. Ich glaube, daß der Regen nicht mehr fern ist und wir bald am Südwesthorizonte die ersten Wolken werden aufsteigen sehen!«

Banks täuschte sich nicht. Gegen Abend belud sich der westliche Horizont mit Dunstmassen, eine Hindeutung, darauf, daß der Mousson, wie es nicht selten zu geschehen pflegt, in der Nacht umspringen werde. Hier sandte uns der indische Ocean über die Halbinsel jene mit Elektricität gesättigten Dünste, gleich großen Schläuchen des Gottes Aeolus, die mit Unwettern und Stürmen gefüllt sind.

Während des Tages zeigten sich auch noch einige andere Erscheinungen, über welche kein Anglo-Indianer hatte im Unklaren bleiben können. Längs der Straße wirbelten vor unserem Zug ganze Wolken sehr feinen Staubes her. Zwar mußte die jetzt etwas schnellere Bewegung der Räder – sowohl der unseres Motors, wie der beiden rollenden Häuser – Staub aufwirbeln, sicherlich aber nicht in solcher Intensität. Es sah aus wie eine Wolke von Flaumfedern, die eine in Thätigkeit gesetzte Elektrisirmaschine tanzen machte. Wirklich konnte man den Boden für einen ungeheueren Receptor ansehen, in dem das elektrische Fluidum sich seit mehreren Tagen schon angehäuft hatte. Uebrigens zeigte jener Staub eine merkwürdige gelbliche Farbe und in jedem Molekül desselben glänzte ein leuchtendes Pünktchen. Dann und wann schien unser ganzer Zug sich mitten durch Flammen zu bewegen – freilich Flammen ohne Wärme, die aber weder durch ihre Färbung, noch durch ihre Lebhaftigkeit an das bekannte St. Elmsfeuer erinnerten. Storr erzählte uns, er habe mitunter Eisenbahnzüge zwischen einer Doppelwand solch‘ leuchtenden Staubes dahinbrausen gesehen, und Banks bestätigte die Aussagen des Mechanikers. Während einer Viertelstunde konnte ich diese eigenthümliche Naturerscheinung durch die Lichtpforten des Thürmchens genau beobachten, von wo aus ich die Straße auf eine Strecke von fünf bis sechs Kilometer überblickte. Der baumlose Weg war staubig und von den senkrechten Sonnenstrahlen grell beleuchtet. Jetzt schien mir die Hitze der Atmosphäre fast die unserer Maschinenfeuerung zu übersteigen; jedenfalls war sie geradezu unerträglich, und ich halb erstickt, als ich unter dem Flügelschlag der Punka einige Athemzüge frischerer Luft schöpfte.

Abends gegen sieben Uhr hielt das Steam-House an. Die von Banks ausgewählte Haltestelle lag am Saume eines Waldes von prächtigen Banianen, der sich unübersehbar weit nach Norden zu erstreckte. Eine schöne Straße durchschnitt denselben und versprach uns für den folgenden Tag eine angenehmere Fahrt unter seinem hohen und ausgebreiteten Blätterdache.

Die Banianen, diese Riesen unter der Flora Indiens, sind wirkliche Großväter, man könnte sagen Häupter von Pflanzenfamilien, umringt von ihren Kindern und Kindeskindern. Aus gemeinschaftlicher Wurzel entspringend, erheben sich die letzteren rings um den Hauptstamm, mit dem sie sonst in keinerlei Verbindung stehen, während sie sich in der Höhe wiederum in dem väterlichen Gezweig verlieren. Sie machen unter dem dichten Blattwerke denselben Eindruck wie Küchlein unter den schützenden Flügeln der Glucke. Daher rührt der merkwürdige Anblick, den diese, oft mehrhundertjährigen Wälder darbieten. Die alten Bäume erscheinen wie isolirte Pfeiler, welche das ungeheuere Gewölbe tragen, dessen feinere Rippen sich auf junge Banianen stützen, die einst selbst zu Pfeilern werden sollen.

An diesem Abend richteten wir uns umfassender als gewöhnlich zum Rasten ein. Sollte der nächstfolgende Tag sich ebenso heiß zeigen wie der eben vergangene, so hatte Banks beschlossen, noch zu verweilen und nur während der Nacht zu fahren.

Oberst Munro wünschte nichts mehr, als einige Stunden in dem schönen, stillen und schattenreichen Walde zu verbringen. Alle stimmten ihm bei, die Einen, weil sie wirklich der Erholung bedurften, die Anderen, weil sie versuchen wollten, endlich ein, der Büchse eines Anderson oder eines Gérard würdiges Thier zu entdecken. Man erräth leicht, wer diese Anderen waren.

»Fox, Goûmi, rief Hod, jetzt ist es erst sieben Uhr! Noch einen Streifzug in den Wald, bevor die Nacht hereinbricht. Werden Sie uns begleiten, Maucler?

– Mein lieber Hod, sagte Banks, ehe ich noch antworten konnte, Sie thäten besser, sich nicht mehr von hier zu entfernen. Der Himmel hat ein drohendes Aussehen. Wenn das Unwetter losbricht, würden Sie Mühe haben, den Rückweg zu finden. Im Falle, daß wir morgen noch hier rasten, könnten Sie ja dann aufbrechen …

– Morgen, o, da ist’s heller Tag, erwiderte Kapitän Hod, jetzt ist die Stunde günstiger zu einem Versuche.

– Das weiß ich, Hod, aber die kommende Nacht sieht mir doch zu unsicher aus. Wenn Sie darauf bestehen, noch heute zu jagen, so wagen Sie sich wenigstens nicht zu weit hinaus. Binnen einer Stunde schon dürfte es sehr finster, und dann schwierig sein, die Haltestelle wieder aufzufinden.

– Seien Sie außer Sorge, Banks, es ist erst sieben Uhr, ich werde den Herrn Oberst nur um einen Urlaub von zwei Stunden ersuchen.

– So gehen Sie, lieber Hod, antwortete Sir Edward Munro, doch lassen Sie Banks‘ Warnung nicht außer Acht.

– Gewiß nicht, Herr Oberst!«

Mit prächtigen Jagdgewehren versehen, verließen Kapitän Hob, Fox und Goûmi das Lager und verschwanden unter den hohen Banianen zur Rechten der Straße.

Mich hatte die Hitze des Tages so sehr ermüdet, daß ich es vorzog, im Steam-House zurückzubleiben.

Inzwischen wurde auf Banks‘ Anordnung das Feuer unter dem Kessel nicht ganz gelöscht, sondern nur gedämpft, um stets eine bis zwei Atmosphären Dampf zu behalten. Der Ingenieur wollte für jeden Zufall gerüstet sein.

Storr und Kâlouth erneuerten einstweilen den Brennmaterial- und Wasservorrath. Ein kleiner Bach, der zur linken Seite des Weges floß, lieferte ihnen das letztere und die nahen Bäume das nöthige Holz zur Füllung des Tenders. Monsieur Parazard besorgte seine gewöhnlichen Geschäfte und grübelte, während er die Reste des heutigen Diners abtrug, schon über das für den folgenden Tag.

Noch war es ziemlich hell. Oberst Munro, Banks, der Sergeant Mac Neil und ich wollten am Ufer des Baches Siesta halten. Das klare plätschernde Wasser erfrischte einigermaßen die wahrhaft erstickende Luft. Die Sonne stand noch über dem Horizonte. Der Widerschein ihres Lichtes färbte die Dunstmassen, welche man durch Lücken in dem Blätterdache sich im Zenith ansammeln sah, mit blaugrauen Tinten. Es waren das schwere, dichte, gleichsam condensirte Wolken, welche kein Wind bewegte, sondern die ihren Motor in sich selbst zu haben schienen.

Wir plauderten etwa bis acht Uhr. Von Zeit zu Zeit erhob sich Banks, um den Himmel in größerer Ausdehnung übersehen zu können, indem er bis zum Saume des Waldes ging, der ziemlich eine Viertelmeile von unserer Haltestelle, die Ebene scharf begrenzte.

Zurückkehrend, schüttelte er bedenklich den Kopf.

Das letzte Mal hatten wir ihn begleitet. Schon wurde es unter den Kronen der Banianen allmälich düster. Vom Waldessaume aus erblickte ich nach Westen zu eine weite Ebene, die sich bis zu einer Reihe kleiner, schon mit den Wolken verschwimmender Hügel erstreckte.

Der Anblick des Himmels in seiner Ruhe war wirklich schrecklich. Kein Lufthauch bewegte die Blätter der hohen Bäume. Die Ruhe der eingeschlummerten Natur, von der die Dichter so oft gesungen, war das aber nicht, sondern ein bleischwerer, krankhafter Schlaf. Es schien, als stände die ganze Atmosphäre unter einer gewissen Spannung. Ich kann den Himmelsraum nicht besser vergleichen, als mit dem Dampfraume eines Kessels, wenn der Dampf zu stark comprimirt ist und eine Explosion bevorsteht.

Diese Explosion drohte hier in kürzester Zeit.

Die Gewitterwolken erschienen, wie es über Ebenen gewöhnlich der Fall ist, hoch übereinander gethürmt und zeigten gebogene, sehr scharf umschriebene Ränder. Sie schienen anzuschwellen, an Zahl ab- und an Ausdehnung zuzunehmen, während sie immer auf derselben Basis ruhten. Offenbar mußten sie bald in eine einzige Masse zusammengeflossen sein, was die Dichtheit der Wolke nur vermehren konnte. Schon verloren sich kleinere Nebenwolken, wie von einer Art Anziehungskraft getrieben und hin und her gestoßen, in der allgemeinen Dunstmasse.

Gegen achteinhalb Uhr zerriß ein Zickzackblitz mit sehr scharfen Winkeln die dunkle Masse in einer Länge von zweitausendfünfhundert bis dreitausend Metern. Fünfundsechzig Secunden später erreichte uns der Donner und rollte lang hin, wie es bei jenen, etwa fünfzehn Secunden dauernden Blitzen stets der Fall ist.

»Einundzwanzig Kilometer, sagte Banks, der seine Uhr beobachtet hatte. Das ist fast die größte Entfernung, auf welche hin der Donner noch hörbar ist. Wenn das Unwetter aber einmal losbrach, wird es schnell heraufziehen, und wir dürfen es hier nicht erwarten. Kehren wir also zurück, meine Freunde.

– Und Kapitän Hod? fragte Mac Neil.

– Der Donner wird ihn wohl zur Heimkehr mahnen, meinte Banks, ich hoffe, daß er dieser Stimme gehorcht.«

Fünf Minuten später langten wir wieder an der Haltestelle an und nahmen unter der Veranda des Salons Platz.

Zwölftes Capitel.


Zwölftes Capitel.

Feuer ringsum.

Indien theilt mit gewissen Gegenden von Brasilien – unter Anderen der von Rio de Janeiro – das Privileg, von allen Ländern der Erde am häufigsten von Gewittern heimgesucht zu werden. Wenn im mittleren Europa, wie in Deutschland, Frankreich, England, etwa an zwanzig Tagen des Jahres die Stimme des Donners zu hören ist, so ist das auf der indischen Halbinsel mindestens fünfzigmal im Jahre der Fall.

Wie die Umstände heute lagen, hatten wir allen Anzeichen nach ein Gewitter von besonderer Heftigkeit zu erwarten.

Nach unserer Rückkehr in das Steam-House, beobachtete ich das Barometer. Die Quecksilbersäule war in kürzester Zeit um zwei Zoll, von 29 auf 27 (etwa 730 Mm.) gefallen.

Ich theilte das dem Oberst mit.

»Mich beunruhigt die Abwesenheit des Kapitän Hod und seiner Begleiter, erwiderte er. Das Unwetter muß gleich zum Ausbruch kommen, die Nacht rückt heran und die Dunkelheit nimmt schneller zu. Jäger entfernen sich stets weiter, als sie versprechen und selbst, als sie gewollt haben. Wie werden Jene in der tiefen Finsterniß den Rückweg finden?

– Die Tollköpfe! fiel Banks ein. Sie wollten auch keine Vernunft annehmen. Besser, sie wären ganz hiergeblieben.

– Gewiß, Banks, doch sie sind einmal weg, entgegnete Oberst Munro, und an uns ist es, Alles zu thun, um ihnen die Rückkehr zu erleichtern.

– Giebt es kein Mittel, ihnen die Stelle, wo wir liegen, zu bezeichnen? wandte ich mich an den Ingenieur.

– O doch, antwortete Banks, wenn wir unser elektrisches Licht anzünden, das sehr mächtig und weithin zu sehen ist. Ich werde den Strom schließen.

– Eine herrliche Idee, Banks!

– Soll ich mich zur Aufsuchung des Kapitän Hod aufmachen? fragte der Sergeant.

– Nein, mein alter Neil, erklärte Oberst Munro, Du würdest ihn nicht finden und Dich nur noch selbst verirren.«

Banks brachte die Elemente der Säule in Stand, schloß den Strom und bald warfen die beiden Augen des Stahlriesen, gleich zwei elektrischen Leuchttürmen, ihre Strahlenbündel durch die Finsterniß unter den Banianen. Bei der besonders dunklen Nacht mußte die Tragweite des Lichtes gewiß eine weite sein und konnte unseren Jägern als Leitstern dienen.

Da erhob sich plötzlich ein Orkan mit entsetzlicher Gewalt. Er zerriß die Gipfel der Bäume, bog die jungen Banianenstämme zu Boden und pfiff durch dieselben wie durch die Pfeifen einer Orgel.

Alles war das Werk eines Augenblickes.

Ein Hagel von vertrockneten Zweigen und ein Regen von abgerissenen Blättern bedeckte die Straße. Die Bedachung des Steam-Houses hallte wider von fortwährendem Rauschen des Stromes, der sich darüber hinwegwälzte.

Wir mußten uns in den Salon flüchten und alle Fenster dicht verschließen.

»Das ist eine Art Tofan,« sagte Banks.

So bezeichnen die Indier die heftigen und urplötzlichen Stürme, welche vorzüglich die Berggegenden verwüsten und im ganzen Lande gefürchtet sind.

»Storr, rief Banks dem Mechaniker zu, hast Du die Fensteröffnung des Thurmes gut verschlossen?

– Gewiß, Herr Banks, erklärte der Mechaniker, von dieser Seite ist nichts zu fürchten.

– Wo ist Kâlouth?

– Er schichtet eben das letzte Brennmaterial in dem Tender auf.

– Morgen werden wir das Holz nur aufzulesen brauchen, meinte der Ingenieur. Der Wind fällt es selbst und erspart uns die Mühe. Pass‘ auf, daß wir Druck behalten, Storr, und suche unter Dach und Fach zu bleiben.

– Soll geschehen.

– Sind die Bunker voll, Kâlouth? fragte Banks.

– Ja, Herr Banks, antwortete der Heizer. Auch der Wasservorrath ist ergänzt.

– Gut, so komm herein!«

Maschinist und Heizer hatten bald im zweiten Wagen Platz genommen.

Jetzt leuchteten die Blitze häufiger auf und aus den Wolken hörte man ununterbrochen das dumpfe Rollen. Der Tofan hatte die Luft nicht abgekühlt. Es war ein trockener Wind mit heißem Athem, so als käme er selbst aus der Mündung eines Hochofens her.

Sir Edward Munro, Banks, Mac Neil und ich verließen den Salon, um nach der Veranda zu gehen. Das hohe Geäst der Banianen zeichnete sich gleich einer feinen, schwarzen Spitze auf dem feurigen Hintergrunde des Himmels ab. Auf jeden Blitz folgte schon nach wenigen Secunden ein heftiger Donner. Das Echo davon konnte gar nicht verstummen, weil sich stets schon ein neuer Donnerschlag hineinmischte. So rollte unausgesetzt ein tiefer Baß daher und unter diesen mischten sich noch jene trockenen Detonationen, welche Lucretius so passend mit dem scharfen Schrei zerreißenden Papieres verglichen hat.

»Warum sie nur auch wegen des Unwetters nicht zurückkehren? begann Oberst Munro.

– Vielleicht, meinte der Sergeant, hat Kapitän Hod mit seinen Begleitern ein Obdach im Walde, in der Höhlung eines Baumes oder unter einem Stein gefunden, und sie kommen erst morgen zurück. Wir sind ja dann noch immer zur Stelle!«

Banks schüttelte den Kopf. Er schien Mac Neil’s Ansicht nicht zu theilen.

Jetzt – es mochte gegen neun Uhr sein – begann der Regen in furchtbaren Strömen herabzustürzen. Er war mit großen Hagelkörnern vermischt, welche uns steinigten und auf das klingende Dach des Steam-Houses niederprasselten. Es klang wie ein furchtbarer Trommelwirbel. Einander zu hören, war vollständig unmöglich, auch wenn es nicht unaufhörlich gedonnert hatte. Die von den Schloßen abgeschlagenen Banianenblätter flogen auf allen Seiten umher.

Banks, der sich inmitten dieses betäubenden Lärmens nicht verständlich machen konnte, erhob den Arm und wies uns auf die Schloßen hin, welche die Seiten des Stahlriesen trafen.

Unglaublich! Alles funkelte bei der Berührung mit den harten Eisstücken. Man hätte meinen sollen, daß aus den Wolken wirklich Tropfen geschmolzenen Metalles kämen, die bei Berührung mit dem Stahlpanzer Lichtfunken auswarfen. Diese Erscheinung bewies, wie stark die Atmosphäre mit Elektricität geladen war. Unausgesetzt durchströmte sie die leuchtende Materie, so daß der ganze Himmelsraum ein Feuer zu sein schien.

Banks winkte uns wieder nach dem Salon zurück und schloß die nach der Veranda führende Thür. Gewiß konnte man sich in freier Luft diesen elektrischen Entladungen nicht ungestraft aussetzen.

Im Innern des Hauses standen wir fast im Finstern, wodurch die Beleuchtung der Außenwelt nur um so sichtbarer wurde. Wie erstaunten wir aber, sogar den eigenen Speichel leuchten zu sehen! Auch wir mußten von dem umgebenden Fluidum im höchsten Grade imprägnirt sein.

»Wir spieen Feuer,« um den Ausdruck, zu gebrauchen, mit dem man diese selten beobachtete und immer erschreckende Erscheinung charakterisirt hat. In der That mußte unter diesem fortwährenden Aufleuchten, dem Feuer draußen, unter dem Krachen des Donners bei den gewaltigen Blitzen auch das furchtloseste Herz doch etwas schneller schlagen.

»Und sie! sagte bedauernd Oberst Munro.

– Ja, wo mögen sie sein!« antwortete Banks.

Unsere Lage war entsetzlich. Nicht das Geringste konnten wir thun, um den so sehr bedrohten Kapitän Hod und seinen Begleitern zu Hilfe zu kommen.

Wenn sie Schutz gefunden hatten, so konnte das nur unter den Bäumen selbst sein, und man weiß, mit welchen Gefahren das unter schweren Gewittern verbunden ist. Wie hätten sie sich in dem dichten Walde fünf bis sechs Meter von der die äußersten Zweige eines Baumes schneidenden senkrechten Linie aufhalten können – wie man es Denen empfiehlt, die in der Nähe von Bäumen von einem Gewitter überrascht werden?

Alles das ging mir durch den Kopf, als ein furchtbarer Donnerschlag, noch trockener als die anderen, mein Ohr traf, der mit dem Blitze fast zusammenzufallen schien.

Gleichzeitig machte sich ein scharfer Geruch bemerkbar – der durchdringende Geruch von salpetrigen Dämpfen – und gewiß hätte Regenwasser, das während dieses Wetters aufgefangen wurde, große Mengen derselben Säure erkennen lassen.

«Der Blitz hat eingeschlagen … meinte Mac Neil. – Storr, Kâlouth, Parazard!« rief Banks.

Alle Drei erschienen im Salon. Zum Glück war Keiner von ihnen getroffen.

Der Ingenieur stieß die Thür zur Veranda auf und begab sich nach dem Balkon.

»Dort … seht dort! …« sagte er.

Zehn Schritte von uns an der linken Seite der Straße, war eine große Baniane getroffen worden. Bei dem unausgesetzten elektrischen Scheine sahen wir sie wie am hellen Tage. Der ungeheuere Stamm, den seine Ausläufer nicht mehr zu halten vermochten, lag quer zwischen den anderen Bäumen. In seiner ganzen Länge war die Rinde abgesprengt und frei in der Luft hing ein langer Fetzen derselben, der umhergeworfen wurde wie eine Schlange, die sich von Baumästen herabschlängelt. Die Abschälung mußte von unten nach aufwärts stattgefunden haben, also von einem aufsteigenden Blitz von ungeheuerer Gewalt herrühren.

»Da fehlte nicht viel, daß unser Steam-House getroffen worden wäre! sagte der Ingenieur. Doch bleiben wir hier, es ist immer ein besserer Schutz, als der unter Bäumen!«

Da hörten wir einen lauten Aufschrei. Rührte er vielleicht von unseren heimkehrenden Genossen her?

»Das war Parazard’s Stimme,« sagte Storr.

Wirklich rief uns der Koch, der sich unter der letzten Veranda befand, zu sich hin.

Wir folgten eifrigst seinem Rufe.

Kaum hundert Meter von unserer Haltestelle und rechts von derselben war der Banianenwald entzündet. Schon verschwanden die höchsten Gipfel der Bäume unter den lodernden Flammen. Das Feuer entwickelte sich unglaublich heftig und schritt schneller, als man hätte glauben sollen, auf das Steam-House zu.

Da entstand eine ernste Gefahr. Die lange Dürre und die hohe Temperatur der drei Monate heißer Jahreszeit hatten Bäume, Gebüsche und Gräser ausgetrocknet. An dem leicht entzündbaren Material fand das Feuer vollauf Nahrung. Wie das in Indien wiederholt vorkommt, war der ganze Wald bedroht, von den Flammen verzehrt zu werden.

Unzweifelhaft sah man, wie das Feuer an Umfang gewann und sich nach allen Seiten verbreitete. Erreichte es unsere Haltestelle, so wurden die beiden Wagen sicher binnen wenig Minuten zerstört, denn ihre dünnen Wände konnten nicht den gleichen Widerstand leisten, wie die Stahlblechumhüllung eines feuerfesten Geldschrankes.

Schweigend standen wir der Gefahr gegenüber. Oberst Munro kreuzte die Arme.

»Banks, begann er sehr ruhig, es ist Deine Sache, uns aus dieser Lage zu helfen.

– Ja wohl, Munro, antwortete der Ingenieur, und da wir kein Mittel haben, die Feuersbrunst zu löschen, so werden wir ihr entfliehen müssen.

– Zu Fuße? rief ich erschrocken.

– O nein, mit dem ganzen Zuge.

– Und was wird aus Kapitän Hod und seinen Begleitern? warf Mac Neil ein.

– Wir können nichts für sie thun. Sind sie nicht zurück, bevor wir aufbrechen, so kann ich mir nicht helfen.

– Wir dürfen sie aber nicht im Stiche lassen! erklärte der Oberst.

– Wenn der Train in Sicherheit ist, Munro, erwiderte ihm Banks, wenn ihn die Flammen nicht mehr erreichen können, so kehren wir zurück und durchsuchen den ganzen Wald, bis wir Jene entdeckt haben.

– Thu‘ was Du willst, Banks, sagte Oberst Munro, der sich dem Rathe des Ingenieurs, gewiß dem einzigen, der hier am Platze war, fügen mußte.

– Storr, rief Banks, an Deine Maschine, und Du, Kâlouth, an den Kessel und schüre das Feuer! – Welchen Druck zeigt das Manometer?

– Zwei Atmosphären, meldete der Mechaniker.

– Binnen zehn Minuten müssen wir vier haben. Nun vorwärts, Ihr Leute, an’s Werk!«

Der Mechaniker und der Heizer ließen sich nicht antreiben. Bald wirbelten schwarze Rauchwolken aus dem Rüssel des Elephanten und mischten sich mit den Regenströmen, um die sich der Riese gar nicht zu kümmern schien. Auf die Blitze, welche den Himmel in Feuer hüllten, antwortete er mit einem Sprühregen von Funken. Ein Dampfstrahl pfiff durch den Rauchfang und der künstlich vermehrte Zug beschleunigte die Verbrennung des Holzes, das Kâlouth auf dem Roste aufhäufte.

Sir Edward Munro, Banks und ich waren auf der hinteren Veranda zurückgeblieben und beobachteten die Fortschritte der Feuersbrunst im Walde; die großen Bäume sanken in der gewaltigen Lohe zusammen, die Zweige krachten wie Revolverschüsse, die Lianen schwankten von einem Stamme zum anderen und das Feuer pflanzte sich auf neue und immer neue Herde fort. In fünf Minuten war der Brand auf fünfzig Meter vorgeschritten und die vom Sturmwind zerzausten Flammen züngelten zu einer solchen Höhe auf, daß die Blitze sie in allen Richtungen kreuzten.

»Binnen fünf Minuten müssen wir den Platz verlassen haben, erklärte Banks, oder es fängt Alles Feuer!

– Diese Feuersbrunst greift schnell um sich! bemerkte ich.

– Wir werden noch schneller vorwärts kommen!

– Wenn nur Hod und seine Begleiter da wären! klagte Sir Edward Munro.

– Wir wollen pfeifen, ja, ja, pfeifen, rief Banks, vielleicht hören sie das!«

Er eilte nach dem Thürmchen und bald ertönte die Luft von schrillen Pfiffen, die sich von dem rollenden Donner so auffällig unterschieden, daß sie gewiß weithin vernehmbar sein mußten.

Unsere Lage wird sich Jedermann eher denken können, als man sie schildern kann.

Auf einer Seite die Nothwendigkeit, so schnell als möglich zu entfliehen, auf der anderen die Verpflichtung, die noch nicht Zurückgekehrten zu erwarten.

Banks war nach der hinteren Veranda zurückgekommen. Der Rand des Feuers lag jetzt kaum noch fünfzig Fuß vom Steam-House entfernt. Ringsum verbreitete sich eine unerträgliche Hitze und die glühende Luft wurde nahezu unathembar. Schon fielen eine Menge glühender Holzstücke auf unseren Train nieder. Zum Glück schützte ihn der noch fortdauernde Platzregen, der ihn jedoch gegen das eigentliche Feuer selbst gewiß nicht sichern konnte.

Noch immer dauerte das scharfe Pfeifen der Maschine fort, doch weder Hod, noch Fox oder Goûmi ließen sich sehen.

Da trat der Mechaniker zu Banks heran.

»Wir haben den verlangten Druck, sagte er.

– Nun dann, vorwärts, Storr, erwiderte dieser, doch nicht zu schnell! … Es gilt nur außer dem Bereiche des Waldbrandes zu bleiben.

– Warte noch, Banks, warte noch, bat Oberst Munro, der sich nicht entschließen konnte, den Halteplatz zu verlassen.

– Noch drei Minuten, Munro, antwortete Banks sehr kühl, doch auf keinen Fall länger. In drei Minuten schon kann der Hintertheil des Zuges Feuer fangen!«

Zwei Minuten verstrichen. Das Verweilen auf der Veranda wurde jetzt zur Unmöglichkeit. Man konnte die Hand schon nicht mehr auf das erhitzte Blech legen, welches sich zu krümmen begann. Jetzt noch länger zu warten, wäre die schwerste Thorheit gewesen.

»Vorwärts, Storr! befahl Banks.

– Ach, da! … rief der Sergeant.

– Sie sind es!«

Kapitän Hod und Fox erschienen an der rechten Seite der Straße. In ihren Armen trugen sie Goûmi’s scheinbar leblosen Körper, und gelangten eben an den Auftritt zum zweiten Wagen.

»Todt? fragte Banks.

– Nein, aber vom Blitz getroffen, der ihm das Gewehr in der Hand zertrümmerte, erklärte Kapitän Hod, und auf dem linken Beine gelähmt.

– Gott sei gelobt! brach Oberst Munro aus.

– Meinen Dank auch, Banks, setzte der Kapitän hinzu. Ohne Ihr Pfeifensignal hätten wir die Haltestelle schwerlich wiedergefunden!

– Nun schnell hier weg, drängte Banks, nun vorwärts!«

Hod und Fox waren in den Wagen gesprungen, und Goûmi, der den Gebrauch der Sinne nicht ganz verloren hatte, wurde in seiner Cabine niedergelegt.

»Wie viel Druck haben wir? fragte dieser den Mechaniker.

– Ziemlich fünf Atmosphären, lautete Storr’s Antwort.

– Nun dann fort!« wiederholte Banks.

Es war jetzt halb elf Uhr. Banks und Storr nahmen in dem Thürmchen Platz. Der Regulator ward geöffnet, der Dampf strömte in die Cylinder, das erste Schnaufen ließ sich vernehmen und der Zug setzte sich langsam in Bewegung, inmitten der dreifachen Beleuchtung, durch den Brand der Banianen, durch die elektrischen Lampen des Elephanten und die flammenden Blitze des Himmels.

Kapitän Hod erzählte uns mit kurzen Worten die Vorgänge während seines Ausfluges, bei dem die Jäger keine Spur eines Thieres angetroffen hatten. Mit dem Aufsteigen des Gewitters kam die Dunkelheit schneller und tiefer, als sie gedacht hatten. Sie wurden von dem ersten Donnerschlage überrascht, als sie etwa drei Meilen weit entfernt waren. Natürlich wollten sie nun sofort umkehren, doch trotz aller Mühe, sich zurecht zu finden, verirrten sie sich unter den großen Banianengruppen, die einander gar zu sehr ähnelten, da ihnen kein Steg die Richtung angab.

Inzwischen brach das Unwetter mit aller Wuth los. Das elektrische Licht konnte bis zu der Stelle, wo sie sich befanden, nicht dringen, so daß sie gewiß nicht in gerader Linie auf das Steam-House zuschritten. Hagel und Regen fiel in Strömen. Ein Obdach gab es nicht, außer dem unzulänglichen des Blätterdaches, das bald genug durchlöchert wurde.

Plötzlich krachte ein furchtbarer Donnerschlag zugleich mit einem blendenden Blitze. Neben dem Kapitän sank Goûmi vor Fox‘ Füßen zur Erde. Von dem Gewehre in seiner Hand hielt er nur noch den Schaft. Lauf, Schloß, Drückerbügel, kurz Alles, was von Metall daran war, hatte die elektrische Entladung zerstreut.

Seine Genossen hielten ihn für todt, was sich glücklicherweise nicht bestätigte; obwohl er aber von dem Fluidum nicht selbst getroffen schien, war doch sein linkes Bein gelähmt, so daß der arme Goûmi keinen Schritt gehen konnte. Er mußte also getragen werden. Vergeblich bat er, ihn vorläufig zurückzulassen und erst später abzuholen. Seine Begleiter gaben nicht nach; der Eine erfaßte ihn an den Schultern, der Andere an den Beinen, und so zogen sie auf gut Glück durch das Dunkel des Waldes weiter.

Zwei volle Stunden lang irrten Hod und Fox auf diese Weise umher, zögerten, hielten einmal an und setzten dann den Weg weiter fort, ohne irgend einen Anhalt, der ihnen die Lage des Halteplatzes hätte andeuten können.

Endlich hörten sie mitten unter dem Wüthen der Elemente und dem Sausen des Sturmes den scharfen Ton der Dampfpfeife, der vernehmlicher war, als es sogar Flintenschüsse gewesen wären. Sie erkannten die Stimme des Stahlriesen.

Eine Viertelstunde später gelangten alle Drei nach der Stelle, die eben verlassen werden sollte. Es war die höchste Zeit!

Während der Zug nun auf der breiten und ebenen Straße im Walde dahinrollte, machte der Brand doch noch schnellere Fortschritte. Daneben wuchs die Gefahr noch mehr, als der Wind umsprang, wie es bei solchen Gewitterstürmen häufig vorkommt. Statt von der Seite zu wehen, blies er jetzt von rückwärts und belebte durch seine Heftigkeit das Feuer wie ein Ventilator, der einem Herde Sauerstoff zuführt. Der Waldbrand nahm rasch weiter zu. Brennende Zweige und glimmende Holzstücke wirbelten in einer Wolke von glühender Asche umher, die sich von der Erde erhob, als ob ein Krater seine vulkanischen Massen gen Himmel schleuderte. Wirklich ließ sich die Feuersbrunst mit nichts besser vergleichen, als mit einem Lavastrome, der sich über das Land wälzt und Alles auf seinem Wege vernichtet.

Banks bemerkte das wohl. Hätte er’s auch nicht gesehen, so mußte es ihm der glühend heiße Luftstrom sagen, der über uns dahinstrich.

Die Fahrt wurde also beschleunigt, obgleich das auf dem unbekannten Wege nicht ohne Gefahr war. Die von Regen überfluthete Straße hatte aber so tiefe Furchen, daß die Maschine nicht so viel leistete, als der Ingenieur gern wollte.

Gegen halb zwölf Uhr erfolgte ein neuer Donnerschlag mit einem furchtbaren Blitze. Unwillkürlich entrang sich unser ein lauter Schrei. Wir glaubten nicht anders, als daß Banks und Storr im Thürmchen, von wo aus sie die Fahrt leiteten, erschlagen worden wären.

Dieses Unglück sollte uns jedoch erspart bleiben. Nur unser Elephant war an der Spitze eines seiner langen, hängenden Ohren von der elektrischen Entladung getroffen worden. Die Maschine hatte dabei zum Glück keinen Schaden erlitten, und der Stahlriese schien dem Wüthen des Unwetters nur durch vermehrtes Brausen und Sausen antworten zu wollen.

»Hurrah! rief Kapitän Hod, Hurrah! Ein Elephant aus Fleisch und Bein wäre auf der Stelle zusammengesunken. Du, Du trotzest dem Blitze, Dich vermag nichts aufzuhalten. Hurrah, Stahlriese! Hurrah!«

Während einer halben Stunde hielt sich unser Zug immer in geeigneter Entfernung. Da er fürchten mußte, zu heftig gegen irgend ein Hinderniß zu stoßen, wollte Banks die Geschwindigkeit nicht weiter steigern, als nothwendig war, um vor dem Feuer geschützt zu bleiben.

Von der Veranda aus, wo Oberst Munro, Hod und ich Platz genommen hatten, sahen wir gewaltige Schatten vor uns her eilen, welche im Lichte des Brandes und der Blitze dahinflogen. Das waren endlich Raubthiere!

Aus Vorsicht ergriff Hod seine Büchse, denn es war ja möglich, daß die entsetzten Bestien sich auf den Train stürzen konnten, um dort Schutz oder ein Obdach zu suchen.

Ein ungeheuerer Tiger machte wirklich diesen Versuch; als er sich aber mit gewaltigem Sprunge erhob, fingen ihn die Ausläufer einer Baniane am Halse. Der Hauptstamm, der sich unter der Wucht des Sturmes bog, zog dieselben an wie zwei lange Stricke, welche das Thier erwürgten.

»Armer Kerl! sagte Fox bedauernd.

– Diese Thiere, fuhr Kapitän Hod entrüstet fort, sind dazu geschaffen, von einer ehrlichen Büchsenkugel erlegt zu werden. Ja, Du armer Teufel!«

Wahrlich, Kapitän Hod hatte Pech! Als er Tiger suchte, fand er keinen, und als er sie sah, stürmten sie im Fluge vorbei, ohne daß er auf sie schießen konnte, oder erwürgten sich wie eine Maus im Drahte der Falle!

Um ein Uhr Morgens verdoppelte sich die Gefahr noch, so groß sie auch schon gewesen war.

Unter dem unbeständigen Winde, der von allen Richtungen her wehte, hatte sich der Waldbrand sogar schon vor uns ausgebreitet, und wir waren jetzt vollständig eingeschlossen.

Das Gewitter hatte indessen an Heftigkeit abgenommen, wie das stets geschieht, wenn solche Wetter über einen großen Wald ziehen, wo die Bäume die Elektricität anziehen und nach und nach erschöpfen. Doch, wenn auch die Blitze seltener wurden und der Donner nur in Zwischenräumen ertönte, auch der Regen schwächer fiel, so sauste doch der Sturm noch mit gleicher Gewalt über die Erde hin.

Jetzt mußte die Fahrt unseres Zuges unbedingt, selbst auf die Gefahr, gegen ein Hinderniß anzustoßen oder in einen Abgrund zu stürzen, so viel als möglich beschleunigt werden.

Banks that das auch, und zwar mit erstaunlich kaltem Blute, die Augen an den Linsen des Thürmchens und die Hand am Regulator, den er nie losließ.

Zwischen zwei Feuerspalieren lag unsere Straße offen. Es gab keine Wahl, wir mußten dazwischen hindurch.

Banks drang mit einer Geschwindigkeit von sechs bis sieben Meilen in der Stunde hinein.

Ich glaubte schon unser Ende nahe, als wir auf die Strecke von fünfzig Metern eine sehr enge Stelle zwischen den Flammen passiren mußten. Die Räder des Zuges knirschten auf glühenden Kohlen, welche die Straße bedeckten, und eine glühende Atmosphäre umhüllte uns ganz und gar! …

Wir kamen glücklich hindurch!

Endlich, um zwei Uhr Morgens, erschien der entgegengesetzte Waldessaum unter dem Scheine der schon sehr seltenen Blitze. Hinter uns breitete sich ein grenzenloses Flammenmeer aus. Das Feuer erlosch gewiß nicht eher, als es den ausgedehnten Wald bis zur letzten Baniane verzehrt hatte.

Mit Tagesanbruch machte unser Zug Halt; das Gewitter hatte sich vollständig verzogen und wir richteten uns zu einer vorläufigen Rast ein. Unser Elephant, der nun sorgfältig untersucht wurde, zeigte an der Spitze des rechten Ohres einige Löcher, deren Ränder nach innen umgebogen waren.

Gewiß wäre einem solchen Blitzschlage jedes andere Thier als ein Elephant aus Stahl unterlegen, um sich nicht wieder zu erheben, und der Waldbrand würde den ganzen Zug in kurzer Zeit vernichtet haben!

Um sechs Uhr Morgens ging die Fahrt nach kurzer Rast weiter und gegen Mittag langten wir in der Nachbarschaft von Rewah an.

Dreizehntes Capitel.


Dreizehntes Capitel.

Kapitän Hod’s Heldenthaten.

Die Hälfte des 5. Juni und die darauf folgende Nacht brachten wir ruhig lagernd zu. Nach so viel Strapazen und ausgestandenen Gefahren that uns diese Erholung sehr noth.

Jetzt war es nicht mehr das Königreich Audh, das seine reichen Ebenen vor uns entfaltete. Das Steam-House dampfte nun durch das zwar noch fruchtbare, aber von sogenannten »Nullas« oder tiefen Hohlwegen durchschnittene Gebiet von Rohilkande. Bareille ist die Hauptstadt dieses gewaltigen Vierecks von hundertfünfundfünfzig Meilen Seite, das zahlreiche Neben- und Zuflüsse der Cogra bewässern und in dem sich da und dort Gruppen prächtiger Mangobäume neben einzelnen dichten Dschungeln erheben, welche vor der fortschreitenden Cultur zu verschwinden scheinen.

Hier lag nach der Einnahme von Delhi der Mittelpunkt der Empörung, gegen welche der eine Feldzug Sir John Campbell’s gerichtet war; hier erzielte die Colonne des Brigadiers Walpole anfänglich keine glücklichen Erfolge; endlich kam hier ein Freund Sir Edward Munro’s, der Oberst des 93 Regimentes der Schottländer um, der sich am 14. April bei dem Sturme auf Laknau besonders ausgezeichnet hatte.

Abgesehen von dem ganzen Charakter der Landschaft, konnte kein anderes Gebiet der Fahrt unseres Zuges günstiger sein. Schöne, gut geebnete Straßen, leicht zu überschreitende Wasseradern zwischen den beiden von Norden herabfließenden Hauptarterien, Alles wirkte zur Erleichterung unserer Reise günstig zusammen. Jetzt hatten wir nur noch wenige hundert Kilometer zurückzulegen, dann mußten sich schon die ersten Bodenwellen bemerkbar machen, welche die Ebene mit den Bergen von Nepal verknüpfen.

Freilich durfte die nun eingetretene Regenzeit nicht außer Rechnung gelassen werden.

Der in den ersten Monaten des Jahres herrschende Nordost-Mousson hatte jetzt gewechselt. Die Regenzeit ist an der Küste schlimmer als im Innern der Halbinsel und tritt hier auch etwas verzögert auf, weil die Wolken sich schon zum Theile erschöpfen, bevor sie die mittleren Theile Indiens erreichen. Außerdem wird ihre Richtung durch hohe Bergwände verändert, welche eine Art atmosphärischen Wirbels erzeugen. So tritt der Mousson-Wechsel an der Malabar-Küste schon Anfang Mai ein, in der Mitte der Central- und der Nordprovinzen macht er sich erst einige Wochen später, also im Juni, bemerkbar.

Wir waren jetzt im Juni, und unsere weitere Reise sollte nun unter jenen veränderten, aber wohl vorhergesehenen Verhältnissen vor sich gehen.

Unserem wackeren Goûmi, den der Blitz so jämmerlich entwaffnet hatte, ging es vom folgenden Tage ab besser. Die linksseitige Lähmung des Beines erwies sich nur als vorübergehend. Er behielt davon nichts zurück als – einen Groll gegen das Feuer des Himmels.

Im Laufe des 6. und 7. Juni hatte Hod mit Hilfe Phanns und Blacks mehr Jagdglück. Er erlegte ein Paar jener Antilopen, die man hierzulande »Nilgaus« nennt. Es sind das die blauen Ochsen der Hindus, die man richtiger als Hirsche bezeichnen sollte, denn den letzteren gleichen sie weit mehr als den Verwandten des Gottes Apis. Auch sollte man sie eigentlich perlgraue Hirsche nennen, denn ihre Farbe erinnert mehr an die des wolkenbedeckten, als an die des azurnen Himmels. Man behauptet jedoch, daß einzelne Exemplare dieser prächtigen Thiere mit spitzen, geraden Hörnern und langem, wenig gebogenem Kopfe wirklich ein blaues Fell hätten – eine Farbe, welche die Natur den Vierfüßlern völlig verweigert zu haben scheint, selbst dem blauen Fuchse, dessen Fell vielmehr schwarz ist.

Wilde Thiere, von denen Kapitän Hod immer schwärmte, waren das freilich noch nicht. Immerhin ist der Nilgau ziemlich gefährlich, wenn er sich, leicht verwundet, auf den Jäger stürzt. Eine erste Kugel vom Kapitän und eine zweite von Fox unterbrachen sofort den Lauf der beiden schönen Thiere. Sie wurden gleichsam im Fluge erlegt. Fox schätzte sie indeß nicht höher als Federwild!

Monsieur Parazard vertrat dagegen eine andere Ansicht, und die auf der Stelle gebratenen Keulen, welche er uns am nämlichen Tage auftischte, brachten auch uns auf seine Seite.

Mit Tagesanbruch, am 8. Juni, verließen wir unseren Halteplatz, der unweit eines kleinen Dorfes von Rohilkande lag und den wir am vergangenen Abend nach einer Fahrt von vierzig Kilometern von Rewah aus erreichten. Unser Zug hatte sich also auf den vom Regen mehr und mehr durchweichten Straßen nur mit sehr mäßiger Geschwindigkeit fortbewegt. Dazu begannen die Bäche anzuschwellen, und manchmal hielt uns eine überschwemmte Strecke mehrere Stunden lang auf. Trotzdem blieben wir hinter unserem Programme kaum einen bis zwei Tage zurück. Jedenfalls mußte die Berggegend, in der das Steam-House während einiger Sommermonate wie in einem Sanatorium verbleiben sollte, gegen Ende des Juni erreicht werden. Hier lag also kein Grund zur Beunruhigung vor.

An jenem 8. Juni entging dem Kapitän Hod ein recht interessanter Büchsenschuß.

Neben unserem Wege verliefen dichte Bambus-Dschungeln, wie das in der Nähe von Dörfern, welche wie in einem Blumenkorb gebaut scheinen, öfter vorkommt. Es waren das noch nicht die eigentlichen Dschungeln im Sinne der Hindus, welche die nackte unfruchtbare Ebene begrenzen, über die das aschgraue Buschwerk emporragte. Noch befanden wir uns in angebautem Lande und fruchtbarem Gebiete, das meist von sumpfigen Reisplantagen eingenommen wurde.

Von Storr’s Hand geleitet, trabte der Stahlriese ruhig dahin und stieß seine sauberen Dampfwölkchen aus, die er unter die Bambus der Straße verstreute.

Plötzlich sprang ein Thier mit überraschender Gewandheit auf und stürzte sich unserem Elephanten an den Hals.

»Ein Tchita! Ein Tchita!« rief der Mechaniker.

Sofort eilte Kapitän Hod nach dem vorderen Balkon und ergriff die Büchse, die er immer gleich bei der Hand hatte.

»Ein Tchita! rief er nun auch selbst.

– So schießen Sie ihn doch! drängte ich.

– Ich habe ja noch Zeit!« antwortete Kapitän Hod, der sich begnügte, auf das Thier im Anschlag zu liegen.

Der Tchita bildet eine in Indien eigenthümliche Art von Leoparden, die nicht ganz so groß wie der Tiger, doch der Gewandtheit und der Kräfte ihrer Glieder wegen nicht minder furchtbar sind.

Oberst Munro, Banks und ich standen auf der Veranda und warteten auf den Schuß des Kapitäns.

Offenbar hatte sich der Leopard beim Anblick unseres Elephanten getäuscht; da, wo er lebendes Fleisch zu finden hoffte, in das er seine Zähne und Krallen einschlagen konnte, fand er eine Haut von Stahl, die seinen Angriffen trotzte. Wüthend über die Enttäuschung, klammerte er sich an die Ohren des falschen Thieres und wollte sich von demselben offenbar schon wegwenden, als er unserer ansichtig wurde.

Kapitän Hod hielt noch immer den Gewehrlauf auf jenen gerichtet, wie ein seines Schusses sicherer Jäger, der seine Beute im richtigen Augenblick und an der rechten Stelle treffen will.

Knurrend richtete der Tchita sich auf. Jedenfalls fühlte er die Gefahr, wollte aber nicht entfliehen. Vielleicht erwartete er nur den richtigen Augenblick, um auf die Veranda zu stürzen.

Er kletterte wirklich auf den Kopf des Elephanten, dessen als Rauchfang dienenden Rüssel er mit den Pranken umschlang, und stieg dann bis zum Ende desselben hinauf, aus dem der Dampf hervordrang.

»So schießen Sie doch, Hod! mahnte ich noch einmal.

– Dazu hab‘ ich ja noch Zeit!« antwortete der Kapitän.

Dann wandte er sich, ohne den Leoparden, der uns anglotzte, aus den Augen zu lassen, an mich.

»Sie haben wohl noch niemals einen Tchita geschossen, Maucler? fragte er.

– Niemals.

– Wollen Sie einen erlegen?

– Kapitän, gab ich zur Antwort, ich will Ihnen nicht diesen herrlichen Schuß rauben …

– Pah! stieß Hod hervor, das ist kein Schuß für einen Jäger! Nehmen Sie eine Büchse. Zielen Sie der Bestie nach der Schulter. Wenn Sie fehlen, schieße ich sie im Fluge!

– Meinetwegen!«

Fox, der inzwischen herbeigekommen war, reichte mir eine Doppelflinte, die er in der Hand hielt. Ich ergriff dieselbe, spannte den Hahn, zielte nach der Schulter des Leoparden und gab Feuer.

Getroffen, aber offenbar nur leicht verwundet, machte das Thier einen gewaltigen Sprung über das Thürmchen des Mechanikers hinweg und fiel auf dem ersten Dache des Steam-Houses nieder.

Ein so guter Schütze Kapitän Hod auch war, so hätte er jetzt doch nicht auf das Thier schießen können.

»Hierher, Fox! Mitkommen!« rief er.

Beide verließen die Veranda und nahmen in dem Thürmchen Platz.

Der Leopard begab sich nach dem Dache des zweiten Hauses, wobei er die Verbindungsbrücke leicht übersprang.

Eben als der Kapitän feuern wollte, sprang das Thier zur Erde hinab, erhob sich stolz und verschwand in der Dschungel.

»Stopp! Stopp!« rief Banks laut dem Mechaniker zu, der den Dampf absperrte und die Räder durch die Luftbremse sofort zum Stillstande brachte.

Der Kapitän und Fox sprangen auf die Straße hinab und eilten in das Dickicht, um den Tchita womöglich einzuholen.

Einige Minuten verstrichen. Wir lauschten nicht ohne einige Ungeduld. Vergebens. Kein Schuß krachte. Die beiden Jäger kamen mit leeren Händen zurück.

»Verschwunden! Entwischt! meldete Kapitän Hod. Und nicht einmal eine Blutspur im Grase.

– Das ist mein Fehler! sagte ich zum Kapitän. Sie hätten den Tchita an meiner Statt schießen sollen, Sie würden ihn nicht gefehlt haben!

– Mag sein, doch Sie haben auch getroffen, meinte Hod, das weiß ich, vielleicht nur nicht an der richtigen Stelle!

– Das war also weder mein achtunddreißigster, noch Ihr vierzigster, Herr Kapitän! sagte Fox sehr kleinlaut.

– Ei was, entgegnete Hod mit etwas erheuchelter Gleichgiltigkeit, ein Tchita ist kein Tiger! Sonst, Herr Maucler, hätte ich es nicht über mich gebracht, Ihnen den Schuß abzutreten.

– Zu Tisch, meine Herren, fiel da Oberst Munro ein. Das Frühstück erwartet uns und wird Sie trösten …

– Um so eher, setzte Mac Neil hinzu. Da nur Fox an allem Unglück schuld ist!

– Ich? erwiderte der Diener, dem diese Anschuldigung sehr unerwartet erschien.

– Gewiß, Fox, fuhr der Sergeant fort, das Gewehr, das Du Herrn Maucler gegeben hast, war ja nur mit Hühnerschrot geladen!«

Mac Neil zeigte dabei die andere Patrone vor, die er aus der Waffe, die ich benutzt, herausgenommen hatte. Sie enthielt wirklich nur kleinkörniges Schrot.

»Fox! begann der Kapitän.

– Herr Kapitän!

– Zwei Tage Stubenarrest!

– Zu Befehl, Herr Kapitän!«

Fox begab sich nach seiner Cabine, mit dem Vorsatze, sich achtundvierzig Stunden über nicht wieder blicken zu lassen. Er schämte sich seines Fehlers und wollte seine Schande verbergen.

Am nächsten Tage, am 9. Juni, durchstreiften wir, Hod, Goûmi und ich, die Ebene längs der Straße während der halbtägigen Rast, welche Banks zugestanden hatte. Der ganze Morgen war regnerisch gewesen, gegen Mittag heiterte sich der Himmel indeß ein wenig auf und ließ auf einige Stunden bessere Witterung hoffen. Hod zog diesmal übrigens nicht als Raubthierjäger, sondern als Jäger auf eßbares Wild hinaus. Im Interesse der Küche sollten wir in Gesellschaft Blacks und Phanns ruhig am Rande der Reisfelder hinwandern. Monsieur Parazard hatte dem Kapitän gemeldet, daß die Speisekammer leer sei, und daß er von seiner Ehrwürden erwarte, Se. Ehrwürden werde »die geeigneten Maßregeln ergreifen«, dieselbe wieder zu füllen.

Kapitän Hod gab nach, und wir brachen, mit einfachen Jagdflinten ausgerüstet, auf. Zwei Stunden lang erzielten wir keinen anderen Erfolg, als daß wir einige Rebhühner und Hasen aufjagten, immer aber in solcher Entfernung, daß gar nicht daran zu denken war, sie zu erlangen.

Kapitän Hod verlor bald alle gute Laune. Inmitten dieser ausgedehnten Ebene ohne Dschungeln und Gebüsch, dagegen mit vielen Dörfern und Farmen, konnte er ja kaum erwarten, ein Raubthier zu treffen, das ihn für den gestern entwischten Leoparden entschädigt hätte. Er spielte ja nur die Rolle eines Lieferanten und dachte über den bevorstehenden Empfang seitens Monsieur Parazard’s nach, wenn er mit leerer Jagdtasche heimkehrte.

An uns lag die Schuld übrigens nicht. Um vier Uhr hatten wir noch niemals Gelegenheit gefunden, ein Gewehr abzufeuern. Es wehte ein trockener Wind und alles Wild erhob sich, wie gesagt, außer Schußweite.

»Lieber Freund, redete Kapitän Hod mich da an, so kann’s entschieden nicht weiter gehen! Als wir Calcutta verließen, habe ich Ihnen die schönsten Jagdzüge versprochen, und nun hindert mich ein Unglück ohne Gleichen, ein ewiges Pech, das ich nicht begreife, mein Versprechen zu erfüllen.

– Ach, bester Kapitän, antwortete ich, nur nicht vorzeitig verzweifeln. Wenn ich dieses Malheur bedauere, so geschieht das weniger um meinet- als um Ihretwillen! …

Wir werden das Versäumte in den Bergen von Nepal wieder einholen!

– Ja dort, bestätigte Kapitän Hod, auf den ersten Abhängen des Himalaya liegen die Verhältnisse günstiger. Sehen Sie, Maucler, ich möchte darauf wetten, daß unser Zug mit Allem, was dazu gehört, das Zischen des Dampfes und vorzüglich der riesenhafte Elephant selbst, die Raubthiere erschreckt, vielleicht noch mehr als eine Eisenbahn, und das wird immer der Fall sein, so lange er in Bewegung bleibt. Liegen wir erst ruhig, so dürfen wir hoffen, glücklicher zu sein. Wahrhaftig, jener Leopard war ein Narr! Er mußte wohl dem Hungertode nahe sein, daß er sich auf unseren Stahlriesen stürzte, und verdiente wahrlich mit einer hübschen Kugel begrüßt zu werden. Der verteufelte Fox! Ich werde ihm nie vergessen, was er da angerichtet hat! – Um wie viel Uhr ist es jetzt?

– Bald um fünf Uhr.

– Schon um Fünf und wir haben noch keine Patrone verplatzt?

– Vor sieben Uhr erwartet man uns nicht zurück. Vielleicht glückt es noch bis dahin …

– Nein, das Glück ist einmal gegen uns, versetzte Kapitän Hod, und glauben Sie, das Glück ist der halbe Erfolg.

– Die Ausdauer aber nicht minder, antwortete ich. Nehmen wir uns vor, nicht mit leeren Händen heimzukehren. Ist’s Ihnen recht, Kapitän?

– Ob mir das recht ist! entgegnete Hod. Tod Allem, was sich blicken läßt!

– Einverstanden!

– Maucler, ich bringe lieber einen Maulesel oder ein Eichhörnchen mit, als daß ich als Schneider nach Hause gehe!«

Kapitän Hod, Goûmi und ich, wir befanden uns in der Gemüthsstimmung, wo uns Alles gute Beute schien. Die Jagd wurde also mit einem, einer besseren Sache würdigen Eifer fortgesetzt; doch auch die unschuldigsten Vögel mußten unsere Absicht errathen haben, denn es ließ sich keine Feder sehen.

So durchstreiften wir die Reisfelder, bald auf der einen, bald auf der anderen Seite der Straße, und kehrten wieder zurück, um uns nicht zu weit vom Halteplatz zu entfernen. Verlorene Mühe! Noch um ein halb sieben Uhr waren unsere Patronen intact. Wenn wir mit einem Spazierstocke in der Hand ausgegangen wären, hätten wir genau dasselbe erzielt.

Ich sah den Kapitän an. Er ging mit aufeinander gebissenen Zähnen dahin. Eine zwischen den Augenbrauen verlaufende lange und tiefe Furche der Stirn verrieth seinen stummen Groll. Er murmelte etwas zwischen den gepreßten Lippen und bedrohte alles Feder- und Pelzvieh, von dem sich noch kein einziges Exemplar zeigte, mit dem Tode. Allem Anschein nach hätte er seine Flinte auf jeden beliebigen Gegenstand, auf einen Felsen oder einen Baum, abgefeuert – eine bekannte Jägermanier, um dem Zorne Luft zu machen. Das Gewehr brannte ihm in den Händen, das sah man deutlich. Er warf es einmal in den Arm, trug es dann am Riemen oder schulterte damit, scheinbar ganz wider Willen.

Goûmi betrachtete ihn verwundert.

»Der Kapitän wird noch ganz rasend, wenn das so fortgeht, sagte er kopfschüttelnd.

– Gewiß, ich gäbe gern dreißig Schillinge für die simpelste Haustaube, die eine barmherzige Hand ihm in den Weg triebe. Das würde ihn beruhigen!«

Doch nicht für dreißig Schillinge, nicht für den doppelten oder dreifachen Preis hätte man sich hier das billigste und gewöhnlichste Stück Jagdwild verschaffen können. Das Feld ringsum war menschenleer und wir erblickten weder eine Farm noch ein Dorf.

Wahrlich, wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich Goûmi weggeschickt, um jeden Preis ein Stück Geflügel zu kaufen, und wenn es ein gerupftes Huhn war, um es als Sühnopfer unserem unwilligen Kapitän darbieten zu lassen.

Jetzt kam die Nacht allmälich heran. Nach einer Stunde war es nicht mehr hell genug, unsere nutzlose Expedition noch länger fortzusetzen. Obwohl wir übereingekommen waren, nicht mit leerer Jagdtasche nach dem Halteplatz zurückzukehren, so schien uns doch nichts Anderes übrig zu bleiben, wenn wir nicht die Nacht unter freiem Himmel zubringen wollten. Doch ohne Rücksicht darauf, daß für die Nacht Regen drohte, so wären Oberst Munro und Banks über unser Ausbleiben gewiß unruhig geworden, was ihnen doch erspart bleiben mußte.

Mit weit aufgerissenen Augen warf Kapitän Hod den Blick von der Rechten zur Linken und von der Linken zur Rechten mit der Schnelligkeit eines Vogels, und ging immer zehn Schritte voraus, doch in einer Richtung, die uns dem Steam-House nicht gerade näher brachte.

Ich beeilte meine Schritte, um ihn einzuholen, und ihn endlich zum Aufgeben dieser vergeblichen Versuche zu veranlassen, als ich zu meiner Rechten ein starkes Rauschen von Flügeln hörte. Ich blickte auf.

Eine schillernde Masse erhob sich langsam in einem Dickicht.

Ohne Kapitän Hod Zeit zu lassen, sich umzukehren, schlug ich an, und die beiden Schüsse der Flinte krachten.

Langsam fiel ein mir unbekannter Vogel am Rande des Reisfeldes nieder.

Phann sprang darauf zu und brachte dem Kapitän die Beute.

»Endlich, rief Hod, wenn Monsieur Parazard nun nicht zufrieden gestellt ist, mag er selbst, mit dem Kopfe voraus in seinen Kochtopf springen.

– Sind das aber auch eßbare Vögel, auf die ich geschossen habe?

– Natürlich …, wenigstens wenn man keine anderen hat! meinte der Kapitän.

– Zum Glück hat Sie Niemand gesehen, Herr Maucler! bemerkte da Goûmi.

– Zum Glück? … Was hab‘ ich denn verbrochen?

– Ei, Sie haben einen Pfau getödtet, das ist verboten, da der Pfau ein in ganz Indien geheiligter Vogel ist.

– Der Kuckuck hole alle heiligen Vögel und die, welche sie heilig sprechen, rief Kapitän Hod. Der hier ist nun einmal geschossen und wird verspeist werden, meinetwegen mit aller Ehrfurcht, aber gegessen wird er doch!«

In der That, ist der Pfau schon seit dem Zuge Alexander’s, zu welcher Zeit er sich in Indien verbreitete, überall im Lande der Brahmanen geheiligt. Die Hindus betrachten ihn als Symbol der Göttin Saravasti, der Beschützerin der Geburt und Ehe. Auf die Tödtung dieses Vogels sind schwere, auch vom englischen Gesetz anerkannte Strafen festgestellt.

Das Exemplar aus der Hühnerfamilie, das Kapitän Hod so sehr erfreute, war mit seinen grünen, metallisch glänzenden Flügeln, welche ein Goldrand umgab, wirklich prächtig anzusehen. Der wohlausgebildete Schweif erschien wie ein Fächer aus feinstem Seidenhaar.

»Nun vorwärts, drängte der Kapitän. Morgen wird Monsieur Parazard uns Pfauenbraten vorsetzen, was auch alle Brahmanen Indiens dazu sagen mögen. Wenn der Pfau an und für sich nichts Anderes als ein anspruchsvolles Huhn ist, so werden doch die künstlerisch angeordneten Federn von diesem hier uns einen hübschen Tafelschmuck liefern.

– Sind Sie nun zufrieden, Herr Kapitän?

– Mit Ihnen, lieber Freund, gewiß; mit mir leider nicht. Mein Pech ist noch nicht vorüber, ich werde das also noch abwarten müssen. Nun vorwärts!«

Wir schlugen die Richtung nach dem Lagerplatz ein, von dem wir gegen drei Meilen entfernt sein mochten. Auf dem Wege, der sich durch die vielen Krümmungen der dichten Bambus-Dschungeln wand, gingen wir, Kapitän Hod und ich, nebeneinander, Goûmi, der die Jagdbeute trug, kam wenige Schritte hinter uns. Noch war die Sonne nicht verschwunden, aber durch große Wolken verschleiert, so daß man den Weg im Halbdunkel nur mühsam erkannte.

Plötzlich ertönte aus dem Dickicht neben uns ein gewaltiges Brüllen. Mir erschien es so entsetzlich, daß ich wider Willen auf der Stelle stehen blieb.

Kapitän Hod ergriff meine Hand.

»Ein Tiger!« sagte er.

Dann kam ein Fluch über seine Lippen.

»Alle Donnerwetter Indiens! rief er, nun haben wir blos Hühnerschrot in den Flinten!«

Das war leider nur zu richtig, denn wir Alle besaßen keine einzige Kugelpatrone.

Uebrigens würden wir kaum Zeit gehabt haben, die Gewehre damit zu laden. Schon zehn Secunden nach dem Gebrüll erschien das Thier vor dem Dickicht und stand mit einem einzigen Sprung zwanzig Schritte vor uns auf der Straße.

Es war ein prächtiger Tiger von der Art, welchen die Hindus »Eater men« (Menschenfresser) nennen, und deren Wuth jährlich noch Hunderte zum Opfer fallen.

Unsere Lage war schrecklich.

Ich sah den Tiger an, ich verschlang ihn mit den Augen, und ich gestehe, daß mir die Flinte in den Händen zitterte. Jener maß etwa zehn Fuß in der Länge und hatte ein orangefarbenes Fell mit abwechselnd weißen und schwarzen Streifen.

Er beobachtete uns ebenfalls. Sein Katzenauge leuchtete durch das Halbdunkel und mit dem Schweife peitschte er den Boden. Er duckte und erhob sich wieder wie zum Sprunge.

Hod bewahrte seine gewöhnliche Kaltblütigkeit. Er hielt das Gewehr auf das Thier angelegt und murmelte nur mit einem gar nicht wieder zu gebenden Ausdruck:

»Schrot Numero sechs! Einen Tiger mit Hühnerschrot zu schießen! Wenn ich ihn nicht in beide Augen treffe, sind wir …«

Er kam nicht dazu den Satz zu vollenden. Der Tiger näherte sich, nicht in Sprüngen, sondern schleichenden Schrittes.

Goûmi, der hinter uns kauerte, zielte ebenfalls auf denselben, seine Flinte enthielt aber nur Vogeldunst. Die meinige war gar nicht geladen.

Ich wollte eine Patrone aus der Tasche holen.

»Nicht rühren!« flüsterte mir der Kapitän zu; der Tiger würde springen, und dazu darf es nicht kommen!«

Wir verhielten uns also alle Drei stumm und still.

Langsam kam der Tiger heran. Den Kopf, den er früher bewegte, hielt er jetzt völlig still. Seine Augen starrten voraus, doch scheinbar mehr nach unten. Mit dem weit offenen Rachen, den er nahe der Erde hielt, schien er deren Ausdünstung aufzusaugen.

Bald stand das furchtbare Thier kaum noch zehn Schritte vom Kapitän entfernt.

Fest auf den Füßen und unbeweglich wie eine Statue, concentrirte Hod seine ganze Lebenskraft in den Augen. Der bevorstehende grauenhafte Kampf, dessen Ausgang Niemand vorhersagen konnte, machte ihm sicher kaum das Herz schneller schlagen.

In diesem Augenblick glaubte ich, der Tiger werde auf uns zuspringen.

Er machte noch fünf Schritte. Ich mußte mich stark bezwingen, um nicht dem Kapitän zuzurufen:

»So schießen Sie doch! Schießen Sie!«

Doch nein, der Kapitän hatte es gesagt – und das war wohl auch unser einziges Rettungsmittel – er wollte dem Thier die Augen verbrennen; dazu mußte er es jedoch sehr nahe haben.

Der Tiger machte noch drei Schritte und erhob sich zum Sprunge …

Da ertönte ein gewaltiger Krach, dem fast augenblicklich ein zweiter Knall folgte.

Die zweite Detonation kam aus dem Leibe des Thieres selbst her, das nach einigem Zucken und Schmerzgebrüll todt niedersank.

»Wunder über Wunder! rief Kapitän Hod. Mein Gewehr ist also mit einer Kugel, und noch dazu mit einer explodirenden, geladen! O, dieses Mal danke ich Dir, Fox!

– Ist es möglich?

– Da, sehen Sie selbst!«

Kapitän Hob schlug die Flintenläufe zurück und holte aus dem linken die Patrone heraus.

Das war eine Kugelpatrone.

Jetzt erklärte sich Alles.

Kapitän Hod besaß eine Doppelbüchse und eine Doppelflinte, beide von demselben Kaliber. Aus Irrthum hatte Fox gleichzeitig die Büchse mit Jagdpatronen und die Flinte mit Explosionskugel-Patronen geladen. Wenn dieser Mißgriff gestern Abend dem Leoparden das Leben gerettet hatte, so rettete er heute das unsere.

»Ja wohl, sagte der Kapitän Hod, als ich das aussprach, und so nahe dem Tode bin ich fast noch nie gewesen!«

Eine halbe Stunde später waren wir am Halteplatz zurück. Hod ließ Fox rufen und berichtete das erlebte Abenteuer.

»Herr Kapitän, erwiderte der Diener, daraus geht hervor, daß ich vier Tage Arrest verdiene, da ich mich zweimal geirrt habe!

– Das mein‘ ich auch, antwortete Hod, doch da mir Dein Irrthum den einundvierzigsten eingebracht hat, so ist es meine Absicht, Dir diese Guinee dafür anzubieten …

– Und die meinige, dieselbe anzunehmen!« fiel Fox ein, der das Goldstück in der Tasche verschwinden ließ.

So verlief also das erste Zusammentreffen des Kapitän Hod mit seinem einundvierzigsten Tiger.

Am Abend des 12. Juni hielten wir nahe einem unbedeutenden Flecken und fuhren am nächsten Morgen wieder weiter, um die hundertfünfzig Kilometer zurückzulegen, die uns noch von den Bergen Nepals trennten.

Vierzehntes Capitel.


Vierzehntes Capitel.

Einer gegen Drei.

Noch wenige Tage, und wir gelangten zu den ersten Abhängen jener nördlichen Gebiete Indiens, die sich von Stufe zu Stufe, Hügel auf Hügel, Berg auf Berg bis zu den höchsten Spitzen der Erdkugel aufthürmen. Bisher zeigte der Boden eine leichte Unebenheit und eine so allmäliche Steigung, daß unser Stahlriese diese gar nicht zu bemerken schien.

Das Wetter blieb stürmisch, vorzüglich regnerisch, die Temperatur aber hielt sich in erträglichen Grenzen. Die Wege waren noch nicht schlecht, und die breiten Radkränze der Räder unseres Zuges rollten trotz dessen hohen Gewichtes bequem darüber hin. Zeigte sich irgendwo eine gar zu tiefe Spur, so genügte ein leichter Druck von Bank’s Hand auf den Regulator, durch den er etwas mehr von dem gehorsamen Fluidum zuströmen ließ, zur Bewältigung des Hindernisses. An Kraft fehlte es unserer Maschine ja bekanntlich nicht, und eine Vierteldrehung des Einlaßventils vermehrte ihre Stärke sofort um mehrere Dutzend Pferdekräfte.

Bis jetzt hatten wir in der That, sowohl die Art der Fortbewegung als auch den von Banks gewählten Motor nur zu loben, ebenso wie den Comfort unserer rollenden Häuser, vor denen immer ein neuer Horizont aufstieg, der sich vor unseren Augen veränderte.

Allmälich verschwand die grenzenlose Ebene, die sich vom Gangesthale aus bis nach den Gebieten von Audh und Rohilkande hin erstreckt. Im Norden bildeten die Riesengipfel des Himalaya einen Rahmen, gegen den die vom Südwestwind getriebenen Wolken anzukämpfen schienen. Noch vermochten wir zwar das pittoreske Profil jener Bergkette, die sich bis zur mittleren Höhe von achttausend Metern über das Meer erhebt, nicht zu erkennen; mit der Annäherung an die tibetanische Grenze wurde das Land aber nach und nach wilder und an Stelle der cultivirten Felder bedeckten nun dichte Dschungeln die Erde.

Auch die Flora dieses Theiles des Hindugebietes gewann einen anderen Charakter. Schon waren die Palmen verschwunden, um prächtigen Banianen und dichtbelaubten Mangobäumen, welche die schönste Frucht in ganz Indien liefern, Platz zu machen, und vor Allem den Bambusgruppen, deren Stengel sich garbenartig verbreitet bis hundert Fuß über den Erdboden erheben. Hier traten auch Magnolien auf, die mit ihren großen Blumen die Luft mit erquickendem Wohlgeruche erfüllten, herrliche Ahornbäume, verschiedene Arten von Eichen, Maronenbäume mit ihren gleich den Seeigeln spitzenbesäeten Früchten, Gummibäume, deren Milchsaft aus den geöffneten Gefäßen strömte, großblättrige Pinien aus der Gattung der Pandaneen und daneben, zwar bescheidener an Wuchs, aber leuchtender an Farbe, Geraniums, Rhododendrons und Lorbeerbäume, welche gleich einem Gartenbeete die Straße einfaßten.

Noch zeigten sich da und dort ein Dorf mit Stroh- oder Bambushütten, zwei bis drei inmitten größerer Bäume versteckte Farmen, aber schon durch meilenweite Zwischenräume von einander getrennt. Auch die Bevölkerung nahm mit der Annäherung an das Hochland merkbar ab.

Ein grauer, dunstiger Himmel bildete den Hintergrund des ausgedehnten Landschaftsbildes, und fast unausgesetzt strömte ein heftiger Regen herab. Während der vier Tage vom 13. bis 17. Juni verschonte er uns kaum einen halben Tag. Wir mußten uns also im Salon des Steamhauses aufhalten und die langen Stunden hinwegzutäuschen suchen, wie man das rauchend, plaudernd und Whist spielend in jeder festen Wohnung zu thun pflegt.

Während dieser Zeit hatten auch die Gewehre, zum Aerger des Kapitän Hod, vollkommen Ruhe; zwei »Schlems« aber, die er an einem Abend machte, gaben ihm den verlorenen Humor wieder.

»Man kann wohl jeden Tag einen Tiger erlegen, sagte er, aber nicht jeden Tag einen »Schlem machen!«

Gegen diese so richtige und klar formulirte Behauptung ließ sich füglich nichts einwenden.

Am 17. Juni errichteten wir unser Lager nahe einem Seraï, wie man die speciell für die Reisenden bestimmten Bungalows bezeichnet. Das Wetter hatte sich ein wenig gebessert, und der Stahlriese, der im Laufe der vier letzten Tage hart gearbeitet hatte, bedurfte, wenn auch nicht der Ruhe, doch einiger Pflege. Wir kamen also überein, einen halben Tag und die folgende Nacht an dieser Stelle zu verbringen.

Der Seraï ist die Karawanserei, das öffentliche Gasthaus an den Straßen Indiens, ein Viereck niedriger Gebäude, welche einen Hof umschließen und deren Ecken meist vier Thürmchen überragen, was dem Ganzen einen völlig orientalischen Charakter verleiht. In diesen Seraïs fungirt ein ausschließlich für den Dienst in denselben bestimmtes Personal, der »Bhisti« oder Wasserträger, der Koch, die Vorsehung der anspruchslosen Reisenden, welche sich mit Eiern und jungen Hühnchen zu begnügen wissen, und der »Khansama«, d. h. der Lebensmittel-Lieferant, mit dem man unmittelbar und meist zu sehr niedrigen Preisen ein Abkommen trifft.

Der Wächter des Seraï, der »Peon«, ist ein einfacher Agent der ehrenwerthen Compagnie, welcher fast alle diese Etablissements gehören und die sie durch den Chef-Ingenieur des Bezirks beaufsichtigen läßt.

Eine merkwürdige, aber in aller Strenge erhaltene Vorschrift in diesen Herbergen lautet dahin, daß jeder Reisende den Seraï vierundzwanzig Stunden lang benutzen darf; für einen längeren Aufenthalt daselbst braucht er die Erlaubniß des Inspectors. In Ermanglung einer solchen kann der erste Beste, Engländer oder Hindu, verlangen, daß er ihm seinen Platz räume.

Selbstverständlich brachte unser Stahlriese, sobald wir Halt gemacht hatten, seine gewöhnliche Wirkung hervor, d. h. er wurde angestaunt, vielleicht mit neidischen Augen betrachtet. Ich muß indeß erwähnen, daß die dermaligen Bewohner des Seraï denselben mit einer Art Verachtung betrachteten – eine Verachtung jedoch, die viel zu gemacht erschien, um wahr sein zu können.

Freilich hatten wir es nicht mit gewöhnlichen Sterblichen zu thun, die in Geschäften oder zum Vergnügen reisten; auch nicht mit einem englischen Officier, der sich nach dem Cantonnements an der Grenze von Nepal begab, noch mit einem Hindu-Kaufmann, der seine Karawane nach den Steppen von Afghanistan, jenseits Cahore und Peschawar, führte.

Es rastete hier nämlich kein Geringerer als der Prinz Gourou Singh in höchst eigener Person, der Sohn eines unabhängigen Rajah, der mit großem Pomp durch das nördliche Indien reiste.

Dieser Fürst nahm allein die drei oder vier Säle des Seraï ein, sogar alle Zugänge und Nebenräumlichkeiten, welche für die Leute seines Gefolges eingerichtet worden waren.

Ich hatte noch keinen Rajah auf Reisen gesehen. Gleich nachdem wir uns, eine Viertelmeile von dem Seraï, an einer reizenden Stelle neben einem kleinen Wasserlaufe unter dem Schutze prächtiger Pandanen eingerichtet hatten, ging ich also, in Begleitung Banks‘ und des Capitän Hod aus, um das Lager des Prinzen Gourou Singh in Augenschein zu nehmen.

Der Sohn des Rajah, der eine Ortsveränderung vornimmt, thut das natürlich nicht allein. Wenn ich irgend Jemand nicht beneide, so sind es Diejenigen, welche keinen Fuß bewegen können, ohne gleichzeitig mehrere hundert Menschen in Bewegung zu bringen! Wahrlich, es ist doch besser, ein einfacher Fußgänger zu sein mit dem Quersack auf dem Rücken, den Stock in der Hand und die Flinte im Arme, als ein in Indien reisender Prinz mit all‘ dem Ceremoniell, das sein Rang ihm auferlegt.

»Da reist nicht ein einzelner Mann von einer Stadt zur anderen, meinte Banks, sondern es wechselt ein ganzer Flecken seine geographischen Coordinaten!

– Ich lobe mir das Steam-House, erwiderte ich, und möchte nicht mit jenem Rajahsohne tauschen!

– Wer weiß, bemerkte Kapitän Hod, ob dieser Fürst nicht selbst unser rollendes Haus seinem schwerfälligen Reise-Apparat vorzöge?

– Er braucht nur ein Wort zu sagen, rief Banks, und ich baue ihm einen vollständigen Dampfpalast, wenn er die Kosten tragen will. Doch in Erwartung seines Auftrages wollen wir uns einstweilen, wenn sich’s der Mühe lohnt, das Lager ein wenig ansehen!«

Das Gefolge des Prinzen bestand aus nicht weniger als fünfhundert Personen. Unter großen Bäumen der Umgebung des Seraï waren gegen zweihundert Wagen, symmetrisch wie die Zelte eines Feldlagers, aufgestellt, für welche theils Zebus, theils Büffel als Zugthiere dienten, während drei große Elephanten reichgeschmückte Palankins auf dem Rücken trugen; daneben fanden sich auch noch gegen zwanzig, aus den Ländern westlich des Indus herstammende Kameele. Der Karawane fehlte wirklich nichts, weder Musiker, welche die Ohren Seiner Hoheit ergötzten, und Bajaderen, die seine Angen entzückten, noch Künstler, um die Stunden der Muße zu verkürzen. Dreihundert Träger und zweihundert Hellebardiere vervollständigten dieses große Personal, dessen Sold jede andere Börse als die eines unabhängigen indischen Rajah erschöpft hätte.

Die Musiker, Tamburin-, Cymbal- und Tamtamspieler gehörten theils der Sippe an, welche den Lärmen an Stelle der Töne setzt, theils kratzten sie auf Guitarren und viersaitigen Geigen, welche offenbar kaum jemals richtig gestimmt gewesen waren.

Unter den Künstlern befanden sich einige »Sapwallahs« oder Schlangenbändiger, welche die Reptilien durch ihre Beschwörungen anlocken oder vertreiben; ferner »Slutuis«, sehr geschickt in Uebungen mit dem Säbel; Akrobaten, die mit einer Pyramide von irdenen Gefäßen auf dem Kopfe und Büffelhörnern an den Füßen auf schlaffem Seile tanzen, und endlich Taschenspieler, welche nach Belieben des Zuschauers alte Schlangenhäute in giftige »Cobras« oder umgekehrt verwandeln.

Die Bajaderen gehörten zu der Classe jener hübschen »Boundelis«, die für »Nautchs« oder Abendgesellschaften so gesucht sind, wo sie die doppelte Rolle der Sängerinnen und Tänzerinnen vertreten. Diese Ballerinen gingen sehr prächtig gekleidet, die Einen in goldgesticktem Mousselin, die Anderen in faltigen Röcken mit Schärpen, die sie bei ihren graziösen Bewegungen ausspannten, und Alle waren geschmückt mit reichen Kostbarkeiten, prächtigen Spangen an den Armen, mit goldenen Ringen an den Fingern und Zehen und silbernen Schellen an den Knöcheln. So aufgeputzt, führten sie den berühmten Eiertanz mit außerordentlicher Grazie und Gewandtheit aus, und ich hoffte stark, Gelegenheit zu erhalten, Jene auf besondere Einladung des Rajah einmal bewundern zu können.

Außerdem figurirten, ich weiß nicht unter welchem Titel, noch eine Anzahl Männer, Frauen und Kinder unter dem Personal der Karawane. Die Männer gingen in lange Streifen Stoff gehüllt, den man »Dhoti« nannte, oder waren mit einer Art Hemd, der »Angarkah«, und langem, weißem Rocke, der »Jamah«, bekleidet, was ihnen ein sehr bizarres Aussehen verlieh.

Die Frauen trugen den »Choli«, etwa eine Jacke mit kurzen Aermeln, und den »Sari«, entsprechend dem Dhoti der Männer, den sie um die Hüften schlangen und dessen Ende sie kokett rückwärts über den Kopf warfen.

Träge unter den Bäumen ausgestreckt liegend, erwarteten diese Hindus die Stunde der Mahlzeiten und rauchten inzwischen in ein grünes Blatt gewickelte Cigarretten oder den »Gargouli«, in dem der »Gurago«, eine schwärzliche Mischung aus Tabak, Melasse und Opium, eingeäschert wird. Andere kauten das bekannte Gemisch aus Betelblättern, Arecanuß und gelöschtem Kalk, das der Verdauung förderlich sein soll, eine Eigenschaft von großem Werthe in dem brennenden Klima Indiens.

Gewöhnt an den Aufenthalt in Karawanen, lebten Alle im besten Einvernehmen und legten nur zur Zeit eines Festes die gewohnte Ruhe ab. Man hätte sie für Mitglieder einer reisenden Schauspielergesellschaft halten können, welche auch in vollständige Apathie zu versinken pflegen, wenn sie nicht auf der Bühne beschäftigt sind.

Als wir jedoch an der Lagerstelle ankamen, beeilten sich die Hindus, uns mit einigen »Salams« und tiefen Verbeugungen zu begrüßen. Die Meisten riefen »Sahib! Sahib!« was »Herr! O Herr!« bedeutet, und wir antworteten ihnen durch freundschaftliche Zeichen.

Ich erwähnte, daß mir der Gedanke kam, Gourou Singh werde uns zu Ehren ein Fest geben, womit die Rajahs sonst nicht zu geizen pflegen. Der für eine derartige Ceremonie hinreichende Hof des Bungalow schien mir wie geschaffen für die Tänze der Bajaderen, die Beschwörungen der Zauberer und für die Kunststücke der Akrobaten. Ich gestehe gern, daß es mich entzückt hätte, einem solchen Schauspiele in einem Seraï, unter prächtigen Bäumen und mit der natürlichen, vom Personal der Karawane gebildeten Scenerie beizuwohnen. Wie weit mußte eine solche jede Bühne eines beschränkten Theaters mit seinen Mauern aus gemalter Leinwand, dem unechten Laubwerk und der geringen Zahl Mitwirkender übertreffen!

Ich theilte diesen Gedanken meinen Gefährten mit, welche ihn zwar theilten, aber an die Erfüllung dieses Wunsches nicht glaubten.

»Der Rajah von Guzarate, belehrte mich Banks, ist ein Unabhängiger, der sich kaum nach dem Aufstand der Sipahis unterworfen hat, während dessen sein Verhalten mindestens ein sehr zweideutiges war. Er liebt die Engländer nicht, und sein Sohn wird nichts thun, sich ihnen zuvorkommend zu erweisen.

– Nun gut, was kümmern uns auch seine Nautchs!« erwiderte Kapitän Hod mit verächtlichem Achselzucken.

Es kam, wie wir dachten, ja, es wurde uns nicht einmal gestattet, das Innere des Seraï zu besichtigen. Vielleicht erwartete Prinz Gourou Singh einen officiellen Besuch von Oberst Munro. Dieser hatte mit jener Persönlichkeit ja nichts zu schaffen und ließ sich also nicht im mindesten stören.

Nach unserem Halteplatz zurückgekehrt, erwiesen wir dem von Monsieur Parazard bereiteten Diner alle Ehre. Der Speisezettel bestand in der Hauptsache freilich nur aus Conserven. Seit mehreren Tagen hatte uns das schlechte Wetter am Jagen verhindert; unser Koch war aber ein solcher Meister seines Faches, daß conservirtes Fleisch und Gemüse unter seinen kundigen Händen ihre Frische und natürlichen Geschmack wieder annahmen.

Trotz Banks‘ Erklärung erhielt ein Gefühl von Neugierde in mir während des ganzen Abends noch immer einige Hoffnung, die erwünschte Einladung eintreffen zu sehen. Kapitän Hod spottete über meine Vorliebe für das Ballet unter freiem Himmel und behauptete, daß sich das im Opernhause doch weit schöner ausnähme. Ich glaubte zwar nicht daran, konnte jedoch, angesichts der Unliebenswürdigkeit des Prinzen, keinen Beweis dafür beibringen.

Am folgenden Tage, am 18. Juni, wurde Alles zurecht gemacht, um mit Anbruch des nächsten Tages aufzubrechen.

Um fünf Uhr begann Kâlouth zu heizen. Unser, jetzt übrigens abgespannter Elephant, stand gegen fünfzig Fuß von den Häusern entfernt, wo der Maschinist noch mit der Zuführung des nöthigen Wasservorraths beschäftigt war.

Wir gingen inzwischen am Ufer des kleinen Flusses spazieren.

Vierzig Minuten später hatte der Kessel genügenden Druck und Storr wollte eben rückwärts fahren, als sich eine Truppe Hindus näherte.

Es waren fünf bis sechs Männer in weißen Röcken und seidenen Ueberwürfen, die Turbans mit Goldstickereien verziert. Ein Dutzend, mit Flinten und Säbeln bewaffnete Soldaten begleiteten dieselben. Einer dieser Soldaten trug eine grüne Laubkrone – ein Zeichen, daß irgend welche hohe Person mit im Zuge sei.

Diese hohe Person war der Prinz Gourou Singh selbst, ein Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, von ziemlich stolzer Erscheinung – der Typus aller Nachkommen jener sagenhaften Rajahs, in dem sich der Maharatten-Charakter noch immer wiederspiegelt.

Der Prinz schien unsere Anwesenheit nicht zu bemerken. Er trat einige Schritte vor und näherte sich dem riesigen Elephanten, den Storr’s Hand eben in Bewegung setzen wollte. Als er jenen mit einiger, nur schlecht verhehlten Bewunderung betrachtet hatte, fragte er Storr:

»Wer hat diese Maschine gebaut?«

Der Mechaniker zeigte auf den Ingenieur, der jetzt herankam und in kurzer Entfernung stehen blieb.

Prinz Gourou Singh sprach ziemlich geläufig englisch und wendete sich nun an Banks:

»Sie haben das …? sagte er kaum die Lippen bewegend.

– Ja, das ist mein Werk! antwortete Banks.

– Hat man mir nicht gesagt, es sei das eine Phantasie des verstorbenen Rajah von Bouthan gewesen?«

Banks nickte bejahend mit dem Kopfe.

»Wozu dient es, fuhr Seine Hoheit, nachlässig mit den Achseln zuckend fort, wozu dient es, sich von einem mechanischen Elephanten ziehen zu lassen, wenn man deren von Fleisch und Bein zur Verfügung hat?

– Nun, antwortete Banks, dieser Elephant ist weit stärker als alle, welche der verstorbene Rajah je besaß.

– O, versetzte Gourou Singh, der verächtlich den Mund spitzte, o … stärker! …

– Gewiß und ganz bedeutend! behauptete Banks.

– Keiner der Ihrigen, fiel der Kapitän Hod ein, den dies prahlerische Auftreten verletzte, keiner der Ihrigen wäre im Stande, jenem einen Fuß zu biegen, wenn er es nicht selbst will.

– Sie sagten? … schnarrte der Prinz.

– Mein Freund behauptet, erwiderte der Ingenieur, und ich bestätige es, daß dieses künstliche Thier dem Zuge von zehn Paar Pferden Widerstand leisten könne, und daß Ihre drei zusammengespannten Elephanten es nicht um einen Fuß breit fortbewegen würden.

– Das glaube ich unbedingt nicht, antwortete der Prinz.

– Sie thun sehr unrecht, das unbedingt nicht zu glauben, gab ihm Kapitän Hod zurück.

– Und wenn Eure Hoheit den Preis dafür zahlen wollen, fuhr Banks fort, so verpflichte ich mich gern einen zu liefern, der die Kraft von zwanzig, unter den besten Exemplaren Ihrer Ställe ausgewählten Elephanten besitzt.

– Das ließe sich hören, erwiderte sehr trocken Gourou Singh.

– Und läßt sich auch ausführen!« versicherte Banks.

Der Prinz wurde allmälich lebhafter. Man sah, daß er Widerspruch nicht gern ertrug.

»Man könnte ja hier auf der Stelle eine Probe anstellen, sagte er nach kurzem Besinnen.

– Das kann man, antwortete der Ingenieur.

– Und sogar diese Probe, fuhr Gourou Singh fort, zum Gegenstand einer ansehnlichen Wette machen – im Falle Sie nicht die Furcht von dem Verluste schreckt, so wie Ihr Elephant erschrecken würde, könnte er sehen, daß er sich mit meinen Elephanten messen soll!

– Der Stahlriese, erschrecken, zurückweichen? rief Kapitän Hod. Wer wagt zu behaupten, daß der Stahlriese zurückweichen würde?

– Ich, erwiderte Gourou Singh.

– Und was würden Eure Hoheit einsetzen? fragte der Ingenieur die Arme kreuzend.

– Viertausend Rupien, erklärte der Prinz, wenn Sie viertausend Rupien zu verlieren haben!«

Diese Summe entsprach etwa zehntausend Francs. Der Einsatz war ziemlich hoch, und ich sah, wie Banks, so zuversichtlich er auch war, doch eine so große Summe nicht auf’s Spiel setzen wollte.

Kapitän Hod hätte sofort das Doppelte gehalten, wenn sein bescheidener Sold ihm das erlaubte.

»Sie schlagen nicht ein? sagte da Seine Hoheit, für den viertausend Rupien nur eine verschwindende Kleinigkeit waren. Sie fürchten, viertausend Rupien daran zu wagen?

– Ich halte sie, fiel jetzt Oberst Munro ein, der herangekommen war und sich mit den wenigen, aber wichtigen Worten einmischte.

– Oberst Munro hält gegen mich viertausend Rupien? fragte Prinz Gourou Singh.

– Auch zehntausend, erwiderte Sir Edward Munro, wenn es Eurer Hoheit beliebt!

– Wie Sie wünschen!« antwortete Gourou Singh.

Die Sache wurde interessant. Der Ingenieur hatte des Obersten Hand gedrückt, wie um zu danken, daß er ihn gegenüber diesem prahlerischen Rajah nicht im Stiche gelassen habe, doch zog eine Wolke über seine Stirn, die mir die Frage nahe legte, ob er der mechanischen Kraft seines Elephanten nicht etwas zuviel zugemuthet habe.

Kapitän Hod strahlte vor Vergnügen, rieb sich die Hände und schritt auf den Elephanten zu.

»Nun Achtung, Stahlriese, rief er, es gilt für die Ehre Altenglands einzutreten!«

Alle unsere Leute standen auf der einen Seite der Straße. Auch von dem Seraï her war eine Anzahl Hindus herzugelaufen, dem bevorstehenden Wettkampf beizuwohnen.

Banks hatte sich nach dem Thürmchen zu Storr begeben, der durch künstlich vermehrten Zug das Feuer noch mehr schürte, indem er durch den Rüssel des Stahlriesen einen Dampfstrom abblasen ließ.

Inzwischen waren einige von Gourou Singh’s Dienern nach dem Seraï zurückgekehrt und holten von dort drei Elephanten, die man von Allem, was sie sonst trugen, befreit hatte. Die drei prächtigen, aus Bengalen stammenden Thiere übertrafen an Größe weit die, welche im südlichen Indien vorkommen. Als diese Riesen im kräftigsten Alter herankamen, bemächtigte sich meiner doch eine gewisse Unruhe.

Auf deren gewaltigen Rücken sitzende »Mahouts« leiteten sie mit den Händen und reizten sie durch Zurufe.

Als die Elephanten vor Seiner Hoheit vorüberschritten, blieb der größte derselben – ein wahrer Riese seines Geschlechtes – stehen, beugte beide Kniee, warf den Rüssel in die Höhe und begrüßte so den Prinzen als wohlerzogener Höfling. Dann führte man ihn und die beiden anderen näher an den Stahlriesen heran, den sie verwundert, und offenbar etwas erschreckt, zu betrachten schienen.

An dem Querriegel des Tendergestelles, das der hintere Theil unseres Elephanten verbarg, wurden nun starke Ketten befestigt.

Ich gestehe, daß mir das Herz da lauter pochte. Kapitän Hod kaute an seinem Schnurrbarte und konnte kaum am Platze aushalten.

Oberst Munro erschien ruhig, ich möchte sagen, noch ruhiger als Prinz Gourou Singh.

»Wir sind fertig, meldete der Ingenieur. Wenn es Eurer Hoheit gefällig ist …

– Mir ist’s recht!« antwortete der Prinz.

Gourou Singh gab ein Zeichen; die Mahouts ließen einen eigenthümlichen Pfiff ertönen und die drei Elephanten zogen, die mächtigen Beine gegen den Boden stemmend, gleichzeitig an. Die Maschine rollte einige Schritte rückwärts.

Mir entfuhr ein Schrei. Hod stampfte mit den Füßen.

»Bremse die Räder!« befahl einfach der Ingenieur, indem er sich nach dem Maschinisten zurückwandte.

Ein schneller Handgriff, ein Brausen und Zischen ausströmenden Dampfes, und die atmosphärische Bremse that ihre Schuldigkeit.

Der Stahlriese stand und rührte sich nicht vom Flecke.

Die Mahouts trieben ihre drei Elephanten hitziger an und diese versuchten eine neue Anstrengung.

Vergeblich! Unser Elephant schien im Boden festgewurzelt zu sein.

Prinz Gourou Singh biß sich in die Lippen.

»Vorwärts!« commandirte Banks.

Der Regulator wurde voll geöffnet; dichte Dampfwolken wirbelten stoßweise aus dem Rüssel empor; die freigelassenen Räder drehten sich langsam, in den Macadam eingreifend, und trotz ihres verzweifelten Widerstandes wurden die drei Elephanten rückwärts geschleppt, wobei sie tiefe Furchen in den Boden rissen.

» Go a head! Go a head!« rief der Kapitän.

Der Stahlriese marschirte unaufgehalten vorwärts, die drei gewaltigen Thiere fielen dabei auf die Seite und wurden zwanzig Fuß weit fortgeschleppt, ohne daß unser Elephant etwas davon zu bemerken schien.

»Hurrah! Hurrah! rief Kapitän Hod, der sich nicht mehr bemeistern konnte. Man könnte noch das ganze Seraï Seiner Hoheit hinter seine Elephanten anhängen; für unseren Stahlriesen wöge es doch nicht mehr als eine Heidelbeere!«

Oberst Munro gab mit der Hand ein Zeichen. Banks schloß das Einlaßventil und die Maschine stand.

Die drei Elephanten Seiner Hoheit, die mit den in der Luft schwankenden Rüsseln und den zappelnden Beinen fast riesigen, auf den Rücken liegenden Scarabäen (Rüsselkäfern) glichen, boten wirklich einen jämmerlichen Anblick.

Der Prinz hatte aus Aerger und Scham schon den Platz geräumt, ohne das Ende der Probe abzuwarten.

Die drei Elephanten wurden abgespannt. Sie erhoben sich, offenbar sehr gedemüthigt durch ihre Niederlage. Als sie an dem Stahlriesen vorüber kamen, konnte der größte derselben, obwohl ihn kein Cornac leitete, nicht umhin, vor diesem das Knie zu beugen und mit dem Rüssel zu salutiren, wie er das vor Prinz Gourou Singh zu thun gewohnt war.

Eine Viertelstunde später traf ein Hindu, der »Kâmdar« oder Secretär Seiner Hoheit bei uns ein und übergab dem Oberst einen Sack mit zehntausend Rupien, den Betrag der Wette.

Oberst Munro ergriff den Sack und warf ihn verächtlich von sich.

»Für die Leute Seiner Hoheit!« sagte er.

Darauf begab er sich ruhig nach dem Steam-House.

Gewiß konnte man an dem arroganten Prinzen, der uns so wegwerfend herausgefordert hatte, kaum eine bessere Vergeltung üben.

Banks gab inzwischen, da der Stahlriese wieder vorgespannt worden war, das Zeichen zur Abfahrt, und unser Zug entfernte sich, inmitten einer großen Menge höchst erstaunter Hindus, mit großer Geschwindigkeit.

Wo er vorüber kam, ertönten laute Ausrufe, und bald hatten wir, hinter einer Biegung der Straße, den Seraï des Prinzen Gourou Singh aus dem Gesichte verloren.

Am nächsten Tag erstieg das Steam-House die ersten mäßigen Erhebungen, welche das ebene Land mit dem Fuße der Himalayagrenze verknüpfen. Für unseren Stahlriesen war das nur ein Spiel: die vierundzwanzig in seine Weichen eingeschlossenen Pferde hatten ja hingereicht, mit den drei Elephanten des Prinzen Gourou Singh siegreich zu wetteifern. Er trabte also mit Leichtigkeit über die allmälich ansteigende Straße dieser Gegend hin, ohne das es nöthig geworden wäre, die normale Dampfspannung zu überschreiten.

Es bot wirklich einen merkwürdigen Anblick, den funkenspeienden Koloß unter nicht etwa schnellerem, aber tieferem Schnaufen die beiden Wagen längs der Straße dahinschleppen zu sehen. Die gerieften Radkränze drückten Streifen in den Boden, dessen Macadam zerbröckelnd knirschte. Unser gar zu schweres Zugthier ließ nämlich tiefe Furchen hinter sich und beschädigte die schon von dem unaufhörlichen Regen erweichte Straße nicht wenig.

Jedenfalls gelangte das Steam-House dabei aber höher hinauf, das Panorama erweiterte sich, die Ebene hinter uns sank langsam tiefer und nach Süden zog sich der mehr und mehr umfassende Horizont schon bis über Sehweite zurück.

Diese Erscheinung wurde noch merkbarer, als wir einige Stunden lang unter den Bäumen eines dichten Waldes dahingezogen waren. Oeffnete sich dann eine weitere Lichtung, gleich einem ungeheuren Fenster, in der Richtung nach dem Gebirge, so hielt der Zug an – einen Augenblick nur, wenn gerade ein feuchter Nebel das Landschaftsbild verschleierte – einen halben Tag, wenn das großartige Panorama klar vor unseren Augen lag.

Dieses Emporklimmen dauerte, in Anbetracht der je nach Umständen längeren oder kürzeren Pausen und der Unterbrechungen durch das Halten während der Nacht, nicht weniger als sieben Tage, von 19. bis 25. Juni.

»Bei einiger Geduld, ließ sich Kapitän Hod vernehmen, gelangten wir mit unserem Zug bis nach den höchsten Spitzen des Himalaya!

– Trauen Sie ihm nicht zuviel zu, lieber Kapitän, entgegnete der Ingenieur.

– Er vollbrächte es doch, Banks!

– Ja, Hod, aber nur unter der Bedingung, daß ihm nicht eine fahrbare Straße mangelte, daß er genügend Feuerungsmaterial, welches in den Höhen nicht mehr zu finden ist, und athembare Luft mit sich führen könnte, die in der Höhe von zweitausend Toisen allmälich ausgeht. Wir wollen ja aber auch nur die bewohnbare Zone des Himalaya passiren. Hat der Stahlriese die mittlere Höhe der Sanatorien erklommen, so macht er an einem reizenden Plätzchen, am Rande eines Gebirgswaldes Halt, wo wir die frischere Luft der höheren Regionen genießen. Dann hat Oberst Munro seinen Bungalow aus Calcutta nach den Bergen von Nepal verlegt – das ist der ganze Zweck – und wir verweilen daselbst, so lange es ihm beliebt!«

Die Stelle, an der wir endlich für mehrere Monate rasten sollten, wurde im Laufe des 25. glücklich gefunden. Schon während der letzten vierundzwanzig Stunden bot die Straße mehr und mehr Schwierigkeiten, indem sie entweder nicht mehr so gut angelegt, oder durch die Regenzeit ausgewaschen und holprig geworden war. Der Stahlriese hätte hier wohl ein Schleppseil gebrauchen können, doch entging er dem durch einen etwas erhöhten Verbrauch an Brennmaterial. Kâlouth warf nur einige Scheit Holz mehr unter den Kessel, das genügte, die Spannung der Dämpfe zu steigern. Dennoch ward es nicht nöthig, die Sicherheitsventile zu belasten, welche erst bei einem Drucke von sieben Atmosphären abbliesen, und diese Spannung wurde niemals überschritten.

Seit achtundvierzig Stunden schon bewegte sich unser Zug durch nahezu verlassene Gebiete. Flecken und Dörfer gab es hier nicht mehr, höchstens einzelne Ansiedlungen und dann und wann eine in den ausgedehnten Fichtenwäldern des mittleren Gebirgskammes verlorene Farm. Drei- bis viermal begrüßten uns wenige Bergbewohner durch ihre verwunderten Zurufe. Wenn sie diesen eigentümlichen Zug sich bergauf bewegen sahen, mußten sie nicht auf den Gedanken kommen, Brahma selbst mache sich das Vergnügen, eine große Pagode nach den unnahbaren Höhen der Grenze von Nepal zu versetzen?

Am 25. Juni endlich rief Banks zum letzten Male Halt! – am Schlusse des ersten Theiles unserer Reise durch das nördliche Indien! Der Zug stand inmitten einer ausgedehnten Waldblöße, nahe einem Gebirgsbache, dessen klares Wasser allen Bedarf während eines Aufenthaltes von mehreren Monaten decken mußte. Von hier aus erblickten wir die Ebene hinter uns auf eine Strecke von fünfzig bis sechzig Meilen.

Das Steam-House befand sich jetzt dreihundertfünfundzwanzig Meilen von seinem Abfahrtspunkte entfernt, und etwa zweitausend Meter über dem Meere und am Fuße des Dhawalagiri, dessen Gipfel sich in der Höhe von 25.000 Fuß in der Luft verlor.

Erstes Capitel.


Erstes Capitel.

Ein Preis auf einen Kopf.

»Zweitausend Pfund Sterling Belohnung werden hiermit Demjenigen zugesichert, der, todt oder lebendig, einen der früheren Führer bei dem Aufruhre der Sipahis einliefert, welcher sich derzeit in der Präsidentschaft Bombay aufhalten soll, nämlich den Nabab Tandu Pant, bekannter unter dem Namen …«

So lautete eine amtliche Bekanntmachung, die am 6. März 1876 gegen Abend in Aurungabad durch öffentlichen Anschlag verbreitet worden war.

Das letzte Wort, ein berüchtigter Name, den die Einen ebenso tief verwünschten, wie ihn Andere heimlich bewunderten, fehlte an dem Placate, das man vor nur kurzer Zeit an der Mauer eines verfallenen Bungalow am Ufer der Doudhma angeheftet hatte.

Jener Name fehlte aber, weil der untere Theil des Placats, auf dem er mit fetten Lettern gedruckt stand, von der Hand eines Fakirs, den Niemand an dem eben menschenleeren Flußufer bemerkt, abgerissen worden war. Gleichzeitig mit obigem Namen war auch der des General-Gouverneurs der Präsidentschaft Bombay, die Contrasignatur der Unterschrift des Vicekönigs von Indien verschwunden.

Was mochte wohl der Beweggrund jenes Fakirs sein? Hoffte er vielleicht, daß der Empörer von 1857 durch die Zerreißung der Bekanntmachung der gerichtlichen Verfolgung und der ihm drohenden Verurtheilung entgehen könne? Durfte er glauben, daß eine so berüchtigte Persönlichkeit mit den verstreuten Fetzen jenes Papierstückes unauffindbar werden könne?

Das wäre thöricht gewesen.

An den Wänden der Häuser, Paläste, Moscheen und Hôtels von Aurungabad fanden sich ja die gleichen Placate in Menge. Außerdem wanderte ein öffentlicher Ausrufer durch die Straßen der Stadt, der die Bekanntmachung des Statthalters mit lauter Stimme vorlas. Die Bewohner der geringsten Flecken der Provinz wußten es schon, daß ein wirkliches Vermögen für die Einlieferung Dandu Pant’s versprochen war. Vor Ablauf von zwölf Stunden mußte sein vergeblich vernichteter Name durch die ganze Provinz in aller Leute Munde sein. Waren die Nachrichten zutreffend, hatte der Nabab wirklich in diesem Theile Hindostans Zuflucht gesucht, so fiel er doch ohne Zweifel über lang oder kurz irgend welchen Leuten in die Hände, da ja Alle an seiner Ergreifung ein erklärliches Interesse hatten.

Welchem Gefühle gehorchte also jener Fakir, als er das eine Exemplar der schon tausendfach verbreiteten Bekanntmachung zerriß?

Wahrscheinlich dem des Zornes, vielleicht auch dem einer inneren Verachtung, denn er zuckte dabei mit den Achseln und begab sich nacher sorglos in das volkreichste und ärmlichste Quartier der Stadt.

Man nennt »Dekkan« den größeren Theil der ostindischen Halbinsel zwischen den westlichen und östlichen Ghats. Gewöhnlich bezeichnet man damit auch die ganze Südhälfte Indiens, diesseits des Ganges. Dekkan, dessen Name im Sanskrit »Süden« bedeutet, umfaßt mehrere Provinzen der Präsidentschaften Madras und Bombay. Eine der wichtigsten darunter ist die Provinz Aurungabad, deren Hauptstadt ehemals als die von ganz Dekkan galt.

Im 17. Jahrhundert verlegte der berühmte Mongolenkaiser Aureng-Zeb seine Hofhaltung nach jener Stadt, die schon in der ältesten Geschichte Hindostans unter dem Namen Kirkhi vorkam. Sie zählte damals wohl hunderttausend Einwohner, gegen fünfzigtausend heutzutage unter der Herrschaft der Engländer, welche dieselbe für den Nizam von Haiderabad verwalten. Sie ist jedoch eine der gesündesten Städte der Halbinsel und bisher von der furchtbaren asiatischen Cholera, wie von den in Indien so verheerend auftretenden Fiebern verschont geblieben.

Aurungabad birgt noch ehrwürdige Reste seines früheren Glanzes. Der am rechten Ufer der Doudhma errichtete Palast des Großmoguls, das Mausoleum der Favoritsultanin Schah Jahan’s, des Vaters Aureng-Zeb’s, die nach dem Muster des schönen Tadsch in Agra erbaute Moschee, welche ihre vier Minarets um eine schlanke Kuppel erheben, und noch andere, architektonisch künstlerische, reich verzierte Monumente bezeugen die Macht und Herrlichkeit des berühmtesten Eroberers von Hindostan, der dieses Reich, dem er noch Kabul und Assam hinzufügte, zu einem unvergleichlichen Grade von Gedeihen erhob.

Trotz der, wie erwähnt, beträchtlichen Verminderung der Bewohnerzahl Aurungabads konnte sich ein Einzelner doch noch leicht genug unter dessen bunt gemischter Bevölkerung verbergen. Der Fakir, mochte es nun ein wirklicher oder falscher sein, fiel unter jener an Typen reichen Menge in keiner Weise auf. Seine Genossen überschwemmen ja ganz Indien. Sie bilden im Verein mit den »Sayeds« einen religiösen Bettelorden, sprechen, zu Pferd oder zu Fuße, um Almosen an und wissen ein solches zu erzwingen, wenn man es nicht gutwillig darreicht. Sie spielen wohl auch die Rolle freiwilliger Märtyrer und genießen ein hohes Ansehen bei den niederen Classen der Hindus.

Der Fakir, von dem hier die Rede ist, war ein Mann von hohem Wuchse, denn er maß über fünf Fuß neun Zoll englisch. Die Vierzig hatte er kaum mit ein bis zwei Jahren überschritten. Seine Erscheinung erinnerte, vorzüglich durch den Glanz der schwarzen, immer aufmerksamen Augen, an den schönen Maharatten-Typus, doch hätte man die sonst so feinen Züge seiner Race in Folge der tausend Pockengruben auf seinen Wangen an ihm nur schwierig wieder erkannt. Der noch im kräftigsten Alter stehende Mann schien sehr gewandt und stark zu sein. Als besonderes Kennzeichen fehlte ihm ein Finger der linken Hand. Das Haupthaar trug er röthlich gefärbt und ging halb nackt, ohne Fußbekleidung, kaum bedeckt mit einem schlechten, gestreiften Wollenhemd, das um den Leib zusammengehalten war. Auf seiner Brust sah man die Embleme des erhaltenden und des zerstörenden Princips der Hindu-Götterlehre, das Löwenhaupt der vierten Fleischwerdung Wischnu’s, und die drei Augen nebst dem symbolischen Dreizack des wilden Siva.

Inzwischen herrschte eine tiefgreifende und leicht erklärliche Erregung in den Straßen Aurungabads, vorzüglich da, wo sich die kosmopolitische Bevölkerung der ärmeren Stadtheile zusammendrängte. Hier wimmelte es von Menschen vor den baufälligen Hütten, die ihnen als Wohnung dienten. Männer, Weiber, Kinder, Greise, Europäer und Eingeborne, Soldaten der königlichen und der einheimischen Regimenter, Bettler jeder Art, Landleute aus der Umgegend – Alles schwirrte, sprach und gesticulirte durcheinander, erläuterte die Bekanntmachung und erwog die Aussichten zur Gewinnung der ungeheueren, von der Regierung versprochenen Prämie. Selbst vor einem Lotterie-Rade, das einen gleich großen Hauptgewinn von zweitausend Pfund enthielt, hätte die Aufregung der Gemüther nicht größer sein können. In diesem Falle kommt ja noch hinzu, daß es in Jedes Hand gegeben war, ein glückliches Loos zu ziehen – dieses Loos war der Kopf Dandu Pant’s. Freilich gehörte etwas Glück dazu, den Nabab erst aufzufinden, und dann etwas Muth, sich desselben zu bemächtigen.

Der Fakir – offenbar der Einzige, den die Gewinnung jener Prämie nicht am Herzen zu liegen schien – schlenderte zwischen den Gruppen umher, wobei er manchmal, auf deren Gespräche lauschend, stehen blieb, wie Einer, der sich erlauschte Worte zu nutze machen will. Nirgends mischte er sich in die Unterhaltung; doch wenn sein Mund auch stumm blieb, so feierten seine Augen und Ohren doch keineswegs.

»Zweitausend Pfund für die Auffindung des Nabab! rief da der Eine, die Hände verlangend zum Himmel emporstreckend.

– Nicht für die Auffindung, erwiderte ein Anderer, sondern für dessen Festnahme, und das ist doch ein ganz ander‘ Ding!

– Wahrlich, das ist nicht der Mann dazu, sich ohne hartnäckige Gegenwehr gefangen nehmen zu lassen.

– Sagte man aber kürzlich nicht, er sei in den Dschungeln von Nepal dem Fieber erlegen?

– Daran ist kein wahres Wort! Der schlaue Dandu Pant ließ sich nur für todt ausgeben, um desto ungestörter leben zu können.

– Ja, es ging sogar das Gerücht, er sei inmitten seines Lagers an der Grenze beerdigt worden,

– Eine falsche Todtenfeier, nur um Andere irre zu führen!«

Der Fakir hatte mit keiner Wimper gezuckt, als er das letzte mit so zweifelloser Sicherheit behaupten hörte. Seine Stirn legte sich jedoch unwillkürlich in Falten, als er einen Hindu – den lebhaftesten der ganzen Gruppe in seiner Nähe – folgende Einzelheiten erzählen hörte, die viel zu genau waren, um erfunden zu sein.

»Es steht fest, begann der Hindu, daß sich der Nabab im Jahre 1859 nebst seinem Bruder Balao Rao und dem Ex-Rajah von Gonda, Debi Bux Singh, nach einem Lager am Fuße der Gebirge von Nepal geflüchtet hatte. Dort, wo ihnen die englischen Truppen zu nahe an der Ferse saßen, beschlossen alle Drei, über die indo-chinesische Grenze zu treten. Bevor es dazu kam, ließen der Nabab und seine beiden Begleiter, um das entstandene Gerücht ihres Todes zu bekräftigen, ihre eigene Beerdigung in’s Werk setzen; begraben wurde von ihnen dabei freilich nur ein Finger der linken Hand, den sie zur Zeit jener Ceremonie abschnitten.

– Doch woher wißt Ihr das? fragte einer der Zuhörer den mit so großer Sicherheit sprechenden Hindu.

– Ich war bei der Leichenfeierlichkeit selbst anwesend, erwiderte derselbe. Dandu Pant’s Soldaten hatten mich gefangen, und erst sechs Monate später gelang es mir zu entfliehen.«

Während der Hindu auf so überzeugende Weise sprach, verlor der Fakir ihn nicht aus dem Blicke. In seinen Augen leuchtete ein Blitz auf. Seine verstümmelte Hand hielt er sorglich versteckt unter dem Wollengewebe, das seine Brüste verhüllte. Er horchte, ohne eine Wort zu sagen, aber seine Lippen zitterten und zeigten dabei eine Reihe spitzer Zähne.

»Ihr kennt also den Nabab von Person? fragte man den ehemaligen Gefangenen Dandu Pant’s.

– Gewiß, versicherte der Hindu.

– Und würdet ihn auch wieder erkennen, wenn er Euch zufällig vor die Augen käme?

– So gut wie mich selbst.

– Nun, da habt Ihr ja einige Aussicht, die Belohnung von zweitausend Pfund zu erlangen! rief einer der Umstehenden mit nur schlecht verhehltem Neide.

– Vielleicht … meinte der Hindu, wenn es sich bestätigt, daß der Nabab die Unklugheit begangen hätte, sich bis in die Präsidentschaft Bombay herunter zu wagen, was mir nicht besonders wahrscheinlich dünkt.

– Was sollte er hier auch vorhaben?

– Jedenfalls sucht er eine neue Empörung anzuzetteln, erklärte Einer aus der Gruppe, wenn nicht unter den Sipahis, so doch unter der Landbevölkerung des Inneren.

– Wenn die Regierung behauptet, daß seine Anwesenheit in der Provinz gemeldet worden sei, meinte ein Anderer aus der Kategorie jener Leute, welche überzeugt sind, daß eine Behörde sich niemals täuschen könne, so wird die Regierung auch verläßliche Nachrichten darüber besitzen.

– Mag sein! warf der Hindu ein. Brahma gebe, daß Dandu Pant mir in den Weg kommt und mein Glück ist gemacht!«

Der Fakir wich einige Schritte zurück, verlor aber des Nabab früheren Gefangenen nicht aus den Augen.

Schon ward es allmälich dunkel, doch das Leben und Treiben auf den Straßen von Aurungabad verminderte sich nicht. Der Gespräche bezüglich des Nabab wurden nur noch mehr. Hier sagte man, daß er in der Stadt selbst gesehen worden, dort, daß er schon wieder weit weg sei. Man behauptete auch, ein aus dem Norden abgesendeter Eilbote habe dem Statthalter die Anzeige von der Verhaftung Nandu Pant’s überbracht. Um neun Uhr Abends wußten die Bestunterrichteten, er befinde sich schon im Gefängniß der Stadt, in Gesellschaft einiger Thugs, welche darin seit über dreißig Jahren schmachteten, und werde am nächsten Morgen mit Tagesanbruch auf dem Sipri-Platze ohne weitere Umstände gehenkt werden, wie seinerzeit Tantia Topi, sein berühmter Genosse im Aufstande. Um zehn Uhr schwirrten wieder ganz anders klingende Nachrichten umher. Es verbreitete sich das Gerücht, der Gefangene sei soeben entwichen, was die Hoffnung aller Derer auf’s Neue belebte, welche der Preis von zweitausend Pfund reizte.

In der That waren alle diese verschiedenen Nachrichten falsch. Die am besten Unterrichteten wußten nicht mehr, als alle anderen weniger gut oder schlecht berichteten Leute. Der Kopf des Nabab behielt denselben Werth. Es galt noch, ihn zu bekommen.

Dadurch, daß er Dandu Pant persönlich kannte, hatte jener Hindu mehr Aussicht, den ausgesetzten Preis zu erlangen. Vorzüglich in der Präsidentschaft Bombay mochten nur wenig Leute Gelegenheit gehabt haben, mit dem gefürchteten Anführer in der großen Empörung zusammenzutreffen. Weiter im Norden und tiefer in den Central-Provinzen, in Sindh, Bundelkhund, Audh, in den Umgebungen von Agra, Delhi, Khanpur oder Laknau, auf dem Hauptschauplatz der unter seinem Befehle begangenen Greuelthaten, hätten sich wohl Alle in hellen Haufen erhoben und ihn an die englischen Gerichte ausgeliefert. Die Eltern, Gatten, Brüder, Kinder und Weiber seiner Opfer beweinten noch Die, welche er zu Hunderten hatte hinschlachten lassen. Auch zehn inzwischen verflossene Jahre reichten nicht hin, die vollberechtigte Empfindung von Rache und Haß zu verlöschen. Deshalb konnte man Dandu Pant nicht wohl die Unklugheit zutrauen, daß er sich in jene Gegenden gewagt hatte, wo Alle seinem Namen fluchten. Hatte er also, wie man sagte, die indochinesische Grenze wieder überschritten und trieb ihn irgend ein dunkler Beweggrund, ob die Anstiftung neuen Aufruhrs oder ein anderer, den unauffindbaren Schlupfwinkel zu verlassen, der für die englischindische Polizei noch immer ein Geheimniß blieb, so konnten es nur die Provinzen Dekkans sein, die ihm freies Feld und eine gewisse Sicherheit boten.

Wir sahen jedoch, daß der Statthalter von seinem Erscheinen in der Präsidentschaft Wind bekommen und sofort auf seinen Kopf einen Preis gesetzt hatte.

Immerhin ist hierzu die Bemerkung am Platze, daß die höheren Gesellschaftsklassen von Aurungabad, die Magistratsmitglieder, Officiere und Beamten, in die dem Statthalter zugegangenen Nachrichten doch leise Zweifel setzen. Das Gerücht, der unergreifbare Dandu Pant sei gesehen oder gar verhaftet worden, war schon zu häufig aufgetreten. Ueber ihn gingen so viele falsche Nachrichten, daß sich endlich eine Art Legende von seiner Allgegenwärtigkeit und seiner Schlauheit verbreitete, auch die gewandtesten Agenten der Polizei zu überlisten; die große Menge dagegen glaubte die Worte der Regierung.

Unter die Zahl der minder Ungläubigen gehörte natürlich auch der alte Gefangene des Nabab. Der arme Teufel von Hindu dachte, verwirrt durch seine Beutegier und gereizt von dem Drange nach personlicher Rache, nur daran, in’s Feld zu rücken, und sah seinen Erfolg für so gut wie gesichert an. Sein Plan war sehr einfach. Am folgenden Tage wollte er dem Statthalter seine Dienste anbieten; nachdem er sich dann genau über Alles unterrichtet, was man von Dandu Pant wußte, d. h. worauf sich die in der Bekanntmachung mitgetheilten Nachrichten gründeten, gedachte er, nach dem Orte selbst zu gehen, von dem jene Meldung eingegangen war.

Gegen elf Uhr Abends wollte der Hindu, nachdem er so vielerlei Aussagen gehört, die im Kopfe durcheinander wirbelnd, ihn nur noch mehr in seinem Vorhaben bestärkten, endlich einige Ruhe suchen. Als Wohnung diente ihm nur eine am Doudhma-Ufer angelegte Barke, und träumend, mit halb geschlossenen Augen, wandte er die Schritte dahin.

Ohne sich dessen zu versehen, hatte der Fakir ihn nicht verlassen; ohne seine Aufmerksamkeit zu erregen, folgte dieser ihm möglichst im Schatten nach.

Am Ende jenes dichtbevölkerten Theiles von Aurungabad waren die Straßen um jene Stunde weniger belebt. Die Hauptverkehrsader mündete nach einem verödeten Terrain hinaus, dessen Rand eines der Ufer der Doudhma bildete. Es war eine Art Wüste dicht an der Stadt. Wenige verspätete Leute schritten noch gemächlich durch dieselbe den belebterer Straßen zu. Bald erstarb der Schall der letzten Schritte; der Hindu achtete indessen nicht darauf, daß er allein am Ufer des Stromes dahinging.

Der Fakir folgte ihm noch immer und suchte die dunkelsten Stellen des Weges auf, entweder unter dem Schütze der Baume, oder indem er an den düsteren Mauern der da und dort verstreuten Ruinen von Häusern hinstrich.

Diese Vorsicht erschien nicht unnütz. Eben ging der Mond auf und verbreitete einen ungewissen Schimmer. Der Hindu hätte also sehen können, daß Jemand ihm nachspähte und ihn scharf verfolgte. Des Fakirs Schritte konnte er doch unmöglich vernehmen. Dieser glitt ja mit den bloßen Füßen mehr über den Boden, als daß er ging. Kein leises Geräusch verrieth seine Mitanwesenheit am Ufer der Doudhma.

So verstrichen fünf Minuten. Der Hindu strebte – sozusagen maschinenartig – der elenden Barke zu, in der er die Nacht zu verbringen pflegte; eine andere Erklärung gestattete die von ihm eingehaltene Richtung nicht. Er ging wie Einer, der es gewöhnt ist, allabendlich diese einsame Gegend zu durchwandern, ganz eingenommen von dem Gedanken an den Schritt, den er am nächsten Tage bei dem Statthalter thun wollte. Die Hoffnung, sich rächen zu können an dem Nabab, der mit seinen Gefangenen damals nicht eben glimpflich umging, und die heftige Begierde, jene Belohnung zu gewinnen, machten ihn gleichzeitig taub und blind.

Natürlich hatte er keine Ahnung von der Gefahr, die ihn in Folge seiner unklugen Aeußerungen bedrohte.

Er sah nicht, wie der Fakir sich ihm mehr und mehr näherte.

Aber plötzlich stürzte sich, gleich einem Tiger, ein Mann, mit einem Blitz in der Hand über ihn. Es war ein Mondstrahl, der auf der Klinge eines malayischen Dolches spielte.

In die Brust getroffen, sank der Hindu schwerfällig zur Erde.

Obwohl ein sicherer Arm den Stoß geführt hatte, war der Unglückliche doch nicht sofort getödtet. Mit einem Blutstrome quollen einige halb articulirte Worte aus seinem Munde.

Der Mörder beugte sich nieder, ergriff sein Opfer, hob es hoch auf und fragte, während er jetzt das volle Mondlicht auf sein Gesicht fallen ließ:

»Erkennst Du mich nun wieder?

– Er ist’s!« murmelte der Hindu.

Der entsetzliche Name des Fakirs war sein letztes Wort, als er an rascher Erstickung verendete.

Einen Augenblick darnach verschwand der Körper des Hindu in den Fluthen der Doudhma, die ihn nicht wieder hergeben sollten.

Der Fakir wartete, bis das Plätschern der Wellen sich legte. – Dann kehrte er um, durchschritt die verlassene Gegend, hierauf die Stadttheile, in denen es allgemach stiller wurde, und begab sich schnellen Schrittes nach einem der Thore der Stadt.

Eben dort angelangt, schlossen sich dessen Flügel. Einige Soldaten der königlichen Armee standen an demselben Wache. Der Fakir konnte, entgegen seiner Absicht, Aurungabad nicht verlassen.

»Und ich muß doch hinaus, noch diese Nacht … oder niemals!« murmelte er für sich hin.

Er wandte sich zurück, folgte dem Wege längs des Glacis und erkletterte, zweihundert Schritt weiter, die Böschung, um nach dem oberen Theile des Festungswalles zu gelangen.

Dieser ragte nach außen zu um fünfzig Fuß über die Sohle des davor ausgehobenen Grabens empor. Seine Bekleidung bildete eine lothrechte Mauer ohne jeden Vorsprung, der als Stütze hätte dienen können. Es erschien ganz unmöglich, an dieser Wandfläche etwa hinabzugleiten. Mittels eines Strickes ließ sich das Hinabsteigen wohl bewerkstelligen, des Fakirs Lendengürtel maß aber nur wenige Fuß, war also ungeeignet, damit den Boden zu erreichen.

Der Fakir stand einen Augenblick still, forschte mit den Augen rings umher und überlegte, was er nun beginnen sollte.

Auf der Bekrönung des Walles breitete sich da und dort ein dunkles Blätterdach aus, die Wipfel großer Bäume, welche Aurungabad wie ein lebender Rahmen umfassen. Die Baumkronen aber hatten lange, biegsame und zähe Aeste, die ja vielleicht dazu zu benutzen waren, den Grund des Wallgrabens, wenn auch mit großer Gefahr, zu erreichen.

Als dem Fakir dieser Gedanke kam, zögerte er nicht länger. Er verschwand unter einem solchen Blätterdache und erschien bald wieder außerhalb der Mauer, am unteren Drittel eines langen Zweiges hängend, der sich unter seiner Last allmälich senkte. Als derselbe sich soweit gebogen hatte, um den oberen Saum der Mauer zu streifen, glitt der Fakir langsam nach abwärts, so als ob er ein Seil mit Knoten hielte. Bis fast zur Hälfte der Eskarpe konnte er auf diese Weise wohl gelangen, noch immer trennten ihn aber gegen dreißig Fuß vom Erdboden, den er erreichen mußte, um entfliehen zu können.

Da hing er nun schwankend zwischen Himmel und Erde und suchte mit dem Fuß nach einem Einschnitt in der Mauer, um sich dagegen zu stemmen.

Plötzlich leuchteten mehrere Blitze durch das Dunkel. Einige Schüsse krachten. Der Flüchtling war von den Wachposten bemerkt worden. Diese gaben Feuer, doch ohne ihn zu treffen. Dagegen schlug zwei Zoll über seinem Kopfe eine Kugel durch den Zweig, der ihn hielt.

Zwanzig Secunden später riß der Zweig, und der Fakir fiel in den Wallgraben … Ein Anderer hätte dabei den Tod gefunden, er blieb heil und gesund.

Aufzuspringen, die gegenüber liegende Böschung unter einem Hagel von Kugeln, die ihn alle fehlten, zu erklimmen und in dem Dunkel der Nacht zu verschwinden, das war für den Fliehenden nur ein Spiel.

Zwei Meilen von hier aus eilte er, ohne bemerkt zu werden, am Cantonnement der englischen Truppen vorüber, welche außerhalb Aurungabads lagerten.

Zweihundert Schritte davon hielt er inne, drehte sich um und erhob die verstümmelte Hand drohend gegen die Stadt mit den Worten:

»Weh‘ Denen, die noch in Nandu Pant’s Hände fallen! Engländer, Ihr seid mit Nana Sahib noch nicht zu Ende!«

Nana Sahib! diesen Kriegsnamen, den gefürchtetsten von allen, blutigen Andenkens aus dem großen Aufstande von 1857, rief der Nabab noch einmal wie eine letzte Herausforderung den Eroberern Indiens zu.

Achtes Kapitel.

Ein ernsthafter Vorfall.

Achtes Kapitel.

Um halb zehn Uhr an jenem Abend wurden Tom und Sid wie gewöhnlich zu Bette geschickt. Sie sprachen ihr Gebet und Sid war bald eingeschlafen. Tom lag wach und wartete in rastloser Ungeduld. Als er schon meinte, es müsse beinahe Morgen sein, schlug die Uhr zehn – es war rein zum Verzweifeln. Er würde sich im Bette herumgeworfen haben, unaufhörlich von einer Seite zur andern, wie es seine Nerven gebieterisch verlangten, hätte er nicht gefürchtet, Sid dadurch zu wecken. So lag er denn krampfhaft ruhig und starrte hinein in die Finsternis. Allmählich begannen sich in der beinahe greifbaren Stille kleine, kaum zu unterscheidende Geräusche bemerkbar zu machen. Erst drängte sich ihm der Laut der tickenden Uhr auf. Alte Balken krachten geheimnisvoll. Die Treppe knisterte leise. Augenscheinlich waren die Geister munter. Ein taktmäßiges, gedämpftes Schnarchen klang aus Tante Pollys Zimmer. Und jetzt begann auch noch einer Grille ermüdendes Zirpen, das mit Genauigkeit zu lokalisieren kein menschlicher Scharfsinn je imstande ist. Dann machte das unheimliche Ticken einer Totenuhr in der Wand, am Kopfende des Bettes, Tom zusammenschaudern – bedeutete es doch, daß jemands Tage gezählt seien. Nun erhob sich das klagende Geheul eines Hundes in die Nachtluft, dem leiseres Gewinsel aus der Ferne antwortete. Tom lag in reiner Todesangst da. Er war fest überzeugt, daß die Zeit aufgehört, die Ewigkeit begonnen habe. Trotz allem Bemühen, sich wach zu halten, begann er leise einzudämmern. Die Uhr schlug elf, er aber hörte es nicht mehr. Auf einmal tönte mitten in seine noch gestaltlosen Träume hinein das langgezogene, schwermütige Miauen eines Katers. Das Öffnen eines benachbarten Fensters, der Ruf: »Verfluchtes Katzenpack!« und das Zersplittern einer gegen die Mauer geschleuderten leeren Flasche ließ ihn entsetzt und urplötzlich wach in die Höhe fahren. Eine Sekunde später war er angezogen, zum Fenster hinaus und kroch auf allen Vieren auf dem Dache des Vorbaues entlang. Dabei miaute er ein- oder zweimal mit großer Vorsicht, sprang dann auf das Dach des Holzschuppens und von dort zu Boden. Huckleberry Finn mit seiner toten Katze erwartete ihn. Die Jungen entfernten sich und verschwanden im Dunkel. Eine halbe Stunde später wateten sie durch das hohe Gras des Friedhofs.

Es war ein Friedhof nach der altmodischen Art des Westens und lag auf einem Hügel, etwa eine halbe Stunde vom Städtchen entfernt. Ihn umgrenzte ein wackeliger Bretterzaun, der sich abwechselnd bald nach innen, bald nach außen lehnte, nirgends aber gerade stand. Gras und Unkraut wucherten üppig über den ganzen Begräbnisplatz hin. Die alten Gräber waren sämtlich eingesunken. Kein Grabstein war zu erblicken. Wurmstichige Bretter schwankten statt dessen lose und schief auf den verfallenen Hügeln, schienen nach einer Stütze zu suchen und keine zu finden. »Zum Gedächtnis an – so – und so« war einst auf ihnen zu lesen gewesen, jetzt aber war’s nicht mehr zu entziffern, auf den meisten wenigstens nicht, selbst im hellsten Tageslicht.

Ein schwacher Windzug ächzte in den Bäumen; Tom war’s, als müßte es das Seufzen der Toten sein, die sich über die Störung beklagten. Die Jungen sprachen nur wenig und nur im Flüsterton, denn Zeit und Ort, sowie das feierliche, tiefe Schweigen versetzte sie in gedrückte Stimmung. Bald fanden sie den frisch aufgeworfenen Haufen, den sie suchten und verschanzten sich in dem Schutze von drei großen Ulmen, die in einer dichten Gruppe, wenige Fuß vom Grabe entfernt, wuchsen.

Dort warteten sie schweigend eine Zeitlang, die ihnen eine Ewigkeit schien. Das Geschrei einer fernen Eule war alles, was die Totenstille unterbrach. Toms Gedanken wurden niederdrückend, er mußte ein Gespräch erzwingen um jeden Preis. So flüsterte er denn:

»Huckchen, meinst du, daß die toten Leute da drunten etwas dagegen haben, daß wir hier sind?«

Worauf Huckleberry zurückflüsterte:

»Möcht’s selber wissen. Aber gelt, ’s ist furchtbar feierlich, nicht?«

»Weiß Gott, das ist’s – uff!«

Lange Pause, während die Jungen noch einmal innerlich der Sache nachgrübelten. Wieder wisperte Tom:

»Du, Huckchen, glaubst du, daß der alte Williams uns hören kann?«

»Natürlich kann er, wenigstens sein Geist.«

Tom, nach einer Pause:

»Hätt‘ ich doch Herr Williams gesagt! Ich hab’s aber nicht bös gemeint. Jedermann nennt ihn doch den alten Williams.«

»Ja, man kann nicht vorsichtig genug sein in dem, was man über die Leute da drunten sagt, Tom.«

Dies war ein warnender Dämpfer und das Gespräch erstarb von neuem. Plötzlich ergriff Tom den Arm seines Kameraden:

»Scht!«

»Was gibt’s, Tom?« Und die zwei umklammerten sich gegenseitig, atemlos, wild pochenden Herzens.

»Scht! Da ist’s wieder. Hast du denn nichts gehört?«

»Ich –«

»Da, noch einmal! Jetzt mußt du’s doch hören!«

»Herr Gott, Tom, da kommen sie! Gewiß und wahrhaftig, da kommen die Teufel! Was sollen wir anfangen?«

»Ich weiß nicht. Ob sie uns sehen?«

»O, Tom, Tom, die sehen im Dunkeln, grad wie die Katzen. Ach, wär ich doch nicht hierher gegangen.«

»Na, alter Waschlappen, fürcht dich doch nicht so! Ich glaub nicht, daß die sich viel um uns kümmern. Wir tun ja niemand nichts Böses. Wenn wir uns ganz mucksmäuschenstill verhalten, merken sie vielleicht gar nicht, daß wir da sind.«

»Ich will mich ja nicht fürchten, Tom, aber ich – ich – ach Gott, ich klapper nur so in meiner Haut.«

»Horch doch!«

Die Jungen steckten die Köpfe zusammen und atmeten kaum. Ein unterdrücktes Geräusch wie von Stimmen ertönte vom anderen Ende des Friedhofes.

»Sieh, sieh dort!« hauchte Tom. »Was ist das?«

»’s ist Hexenfeuer. Ach, Tom, das ist grausig.«

Einige undeutlich nebelhafte Gestalten näherten sich in dem Dunkel. Sie schwangen eine altmodische Blechlaterne, die den Boden mit unzähligen kleinen Lichtfleckchen besäte. Alsbald flüstert Huck schaudernd:

»Da, das sind die Teufel, gewiß und wahrhaftig! Und gleich drei auf einmal! Herr Gott, Tom, wir sind hin! Kannst du beten?«

»Ich will’s mal probieren. Aber fürcht du dich doch nicht so, die tun uns sicher nichts. Wart, ich bet! ›Müde bin ich, geh zur Ruh, schließ die beiden Augen zu, Vater laß –‹«

»Scht!«

»Was gibt’s, Huck?«

»’s sind Menschen! Einer davon mal gewiß! Die eine Stimme kenn ich, die gehört dem alten Muff Potter.«

»Nee, wahrhaftig?«

»Na, ich wett mein Seel. Rühr du dich aber nicht, der merkt nichts von uns. Ist natürlich wieder voll, wie gewöhnlich – verflixter alter Saufaus!«

»Schon gut, ich muckse mich nicht. Da, sie bleiben stehen, können’s nicht finden. Jetzt geht’s wieder vorwärts, – es wird heiß – kalt – ganz kalt – jetzt lau – da warm – puh, nun wird’s aber heiß – heißer, glühend! Scht – da sind sie! Huck, ich kenn noch einen, ’s ist der Indianer-Joe.«

»Der mörderische Lump! Teufel wären mir fast lieber! Auf was die wohl aus sind?«

Letztere Worte waren bloß noch gehaucht, denn die drei Männer hatten nun das Grab erreicht und standen kaum ein paar Fuß von dem Versteck der Jungen entfernt.

»Hier ist’s!« sagte die dritte Stimme; der, welcher gesprochen hatte, hielt die Laterne in die Höhe und zeigte im Strahl des Lichtes das Antlitz des jungen Doktors Robinson.

Potter und der Indianer-Joe schleppten eine Trage mit einem Seil und ein paar Schaufeln drauf. Sie setzten ihre Last nieder und begannen das Grab zu öffnen. Der Doktor stellte die Laterne zu Häupten desselben, ging und setzte sich, mit dem Rücken gegen einen der Ulmenbäume gelehnt. Er war so dicht bei den Jungen, daß diese ihn hätten berühren können.

»Eilt euch, Leute!« sagte er mit leiser Stimme, »Der Mond kann jeden Augenblick herauskommen.«

Die brummten eine Antwort und fuhren fort zu graben. Eine Zeitlang hörte man kein anderes Geräusch als das Knirschen der sich ihrer Last von Erde und Sand entladenden Schaufeln. Es klang unsäglich eintönig. Endlich stieß ein Spaten mit dumpfem, hohlem Laut auf den Sarg, und in der nächsten Minute hatten die Männer diesen empor an die Oberfläche gehoben. Sie brachen den Deckel mit ihren Schaufeln auf, rissen den Leichnam heraus und warfen ihn roh zur Erde. Eben trat der Mond hinter den Wolken vor und beleuchtete das starre, weiße Antlitz. Die Trage wurde herheigebracht, die Leiche daraufgelegt, mit einer Decke verhüllt und mit dem Seile festgebunden, Potter holte ein großes Klappmesser aus der Tasche, schnitt das niederhängende Ende des Seiles ab und sagte:

»Jetzt ist das verfluchte Ding abgetan, Knochensäger, jetzt rückst du mit noch ’nem Fünfer heraus, oder die Bescherung bleibt hier.«

»Recht gesprochen, beim Schinder!« bekräftigte der Indianer-Joe mit einem Fluche.

»Hört mal, Leute, was soll das heißen?« sagte der Doktor. »Ihr habt Vorausbezahlung verlangt und sie auch gekriegt, und damit basta!«

»Jawohl, basta,« zischte der Indianer-Joe und sprang auf den Doktor zu, der nun aufrecht stand. »Wir zwei sind noch lang nicht fertig, daß du’s nur weißt. Vor fünf Jahren jagtest du mich wie einen Hund von der Tür deines Vaters weg, als ich um etwas zu essen bat; ›der Kerl ist wegen ganz was anderem da‹, hieß es. Als ich dann sagte, das solltest du mir ausfressen und wenn’s erst nach hundert Jahren wäre, da ließ mich der Herr Vater als Strolch einsperren. Meinst du, das hätt‘ ich vergessen? Ich hab nicht umsonst Indianerblut in mir. Jetzt hab ich dich und jetzt kommt die Abrechnung, merk dir’s!«

Er fuchtelte dem Doktor dabei mit der geballten Faust unter der Nase herum. Dieser schlug plötzlich aus und streckte den Schurken zu Boden. Da ließ Potter sein Messer fallen und rief:

»Was da! Ich laß meinen Kameraden nicht hauen.« Im nächsten Moment hatte er den Doktor umklammert und die beiden rangen mit Macht und Gewalt, Gras und Boden dabei wild zerstampfend. Der Indianer-Joe sprang auf die Füße, seine Augen glühten und flammten vor Wut, er riß Potters Messer vom Boden auf und umkreiste unheimlich, katzenartig die Ringenden, nach einer Gelegenheit spähend. Plötzlich gelang es dem Doktor, seinen Gegner abzuschütteln. Mit einem Griff riß er das schwere, breite Brett, das auf Williams Grabe gestanden, an sich und schlug Potter damit zu Boden. Im selben Moment aber hatte auch der Indianer-Joe die günstige Gelegenheit ersehen, bis zum Heft stieß er das Messer in des jungen Mannes Brust. Der wankte und fiel teilweise auf Potter, den er mit seinem Blute überströmte, – da verkroch sich der Mond hinter Wolken und entzog das gräßliche Schauspiel den Augen der entsetzten Knaben, die in dem Dunkel sich eiligst davonmachten.

Als der Mond wieder hervortrat, stand der Indianer-Joe vor den beiden hingestreckten Gestalten und betrachtete sie. Der Doktor murmelte etwas Unverständliches, holte ein- oder zweimal tief Atem und – war still. Der Mörder brummte:

»Jetzt ist’s abgerechnet – fahr zur Hölle!«

Dann beraubte er die Leiche, wonach er das verhängnisvolle Messer in Potters geöffnete rechte Hand steckte, sich selbst aber auf den zertrümmerten Sarg setzte. Drei – vier – fünf Minuten verflossen, da begann Potter zu stöhnen und sich zu bewegen. Seine Hand umschloß das Messer, er hob’s empor, warf einen Blick darauf und ließ es mit einem Schauder fallen. Dann richtete er sich auf, schob den toten Körper zurück, starrte darauf nieder und dann verwirrt in die Runde. Seine Augen begegneten denen Joes.

»Herrgott, wie kam’s denn, Joe?« fragte er.

»Ja, das ist ’ne faule Sache, Potter,« versetzte dieser, ohne sich zu rühren. »Daß du aber auch gleich so drauf losgehen mußt!«

»Ich? Ich hab’s doch nicht getan!«

»Hör mal, du, das Geschwätz wäscht dich noch lang nicht weiß.«

Potter zitterte und wurde leichenblaß.

»Hab ich doch gemeint, ich wäre nüchtern gewesen, was hab ich auch am Abend so trinken müssen, ich alter Esel. Ich hab’s noch im Kopf, das spür ich – schlimmer als im Anfang, wie wir kamen. Ich bin rein wie im Dusel – kann mich auf nichts besinnen. Sag doch, Joe – aber ehrlich, alter Kerl, – hab ich’s wirklich getan, Joe? Ich hab’s ja gewiß und wahrhaftig nicht gewollt, auf Ehr und Seligkeit, ich hab’s nicht tun wollen, Joe. Wie ist’s denn eigentlich gewesen, Joe? Ach, ’s ist gräßlich – und er so jung und hochbegabt!«

»Na, ihr beiden balgtet euch und er hieb dir eins mit dem Brett dort über und du fielst um wie ein Sack. Dann rappeltest du dich wieder auf, ganz taumelig und wackelig, griffst nach dem Messer und bohrtest es ihm in die Rippen, gerade als er dir einen zweiten gewaltigen Klaps mit dem Dings da versetzte. Seitdem lagst du da wie ein Klotz und hast dich nicht gerührt.«

»Oh, ich hab nicht gewußt, was ich tue. Will auf der Stelle tot hinfallen, wenn ich’s gewußt hab. Daran ist nur der verdammte Branntwein und die Aufregung schuld. Nie im Leben hab ich’s Messer gezogen, Joe. Gerauft hab ich, aber nie gestochen. Das kannst du von jedem hören, Joe, verrat mich nicht! Sag’s, daß du mich nicht verraten willst, Joe, bist auch ‚en guter Kerl, Ich hab dich immer gern gehabt, Joe, und hab dir’s Wort geredet. Weißt du’s nicht mehr? Gelt, du sagst nichts, Joe?« Und der arme, geängstigte Kerl warf sich auf die Knie vor dem vertierten Mörder und faltete flehend die Hände.

»’s ist wahr, du hast immer zu mir gehalten, Muff Potter, und das will ich dir jetzt gedenken, – Das nenn ich doch wie ’n ehrlicher Kerl gesprochen, was?«

»Oh, Joe, du bist ein Engel. Ich will dich segnen, so lange ich lebe.« Und Potter begann zu weinen.

»Na, komm, laß gut sein. Jetzt ist keine Zeit zum Heulen und Greinen. Mach dich fort, dort hinaus, ich geh den Weg. Flink, los – und daß du mir keine Spuren zurücklässest!«

Potter schlug einen gelinden Trab an, der bald in ein Rennen ausartete. Sein Geselle sah ihm nach und murmelte:

»Wenn er so benebelt ist vom Schnaps und vom Hieb, wie er aussieht, so wird er nicht mehr an das Messer denken, bis er so weit weg ist, daß er sich fürchtet, allein hierher zurückzukommen – der Hasenfuß!«

Zwei oder drei Minuten später sah nur noch der Mond nieder auf den Gemordeten, auf die verhüllte Leiche, den deckellosen Sarg und das offene Grab. Lautlose Stille herrschte aufs neue.

  1. Dem Leser ist wohl das Spiel »kalt oder warm« bekannt. Der Übers.

Neuntes Kapitel.

Reue.

Neuntes Kapitel.

Die beiden Jungen flohen keuchend, sprachlos vor Entsetzen, dem Städtchen zu. Von Zeit zu Zeit warfen sie angstvolle Blicke über die Schultern zurück, als ob sie fürchteten, man könne sie verfolgen. Jeder Baumstumpf, der sich am Wege erhob, schien ein Mensch und ein Feind, dessen Anblick ihnen beinahe den Atem raubte. Als sie an einigen freigelegenen Häusern vorüberjagten, schien das Bellen der aufgestörten Hofhunde ihren Sohlen Flügel zu verleihen.

»Wenn wir nur die alte Gerberei erreichen, ehe wir zusammenbrechen,« keuchte Tom stoßweise zwischen das mühsame Atemholen hinein. »Ich kann kaum mehr länger!«

Hucks Keuchen war seine einzige Antwort; die Jungen hefteten die Augen fest auf das ersehnte Ziel ihrer Wünsche und strebten mit aller Macht es zu erreichen. Es rückte näher und näher und endlich stürzten sie, Schulter an Schulter, durch die offene Tür und fielen atemlos in die schirmenden Schatten des Raumes. Nach und nach mäßigten die jagenden Pulse ihr Tempo und Tom flüsterte:

»Huckleberry, was denkst du, das daraus werden wird?«

»Wenn der Doktor stirbt, wird einer baumeln.«

»Glaubst du?«

»Glauben? Das ist sicher!«

Tom dachte eine Weile nach, dann sagte er:

»Wer soll’s denn sagen? – Wir?«

»Unsinn! Wenn was dazwischen kommt und der Indianer-Joe doch nicht baumeln muß, der würd‘ uns schön an den Kragen gehen, so gewiß ich hier lieg.«

»Das hab ich eben auch gedacht, Huck.«

»Wenn’s einer sagen muß, so kann’s ja der Muff Potter tun, dumm genug ist er dazu. Beduselt ist er auch meistens.«

Tom sagte nichts, – dachte weiter. Bald darauf flüsterte er: »Huck, Muff Potter weiß ja von nichts. Wie kann der’s sagen?«

»Warum weiß er von nichts?«

»Der hatte ja gerade den Hieb abgekriegt, als der andere zustach. Glaubst du, daß der noch was gesehen haben kann, daß er noch was weiß?«

»Allerdings mein ich das, Tom!«

»Hör du, der Hieb hat ihm am End auch noch den Rest gegeben!«

»Das glaub ich nicht, Tom. Der hatt‘ Branntwein im Kopf, ich hab’s gesehen. Wenn mein Alter voll ist, dürft man ihm ohne Schaden mit ’nem Kirchturm über den Kopf hauen, er würd’s nicht spüren. Das sagt er selber. Grad so ist’s mit Muff Potter natürlich. Wenn einer nüchtern wäre, könnte er freilich am End mit so ’nem Klaps genug haben.«

Nach einer anderen gedankenvollen Pause fragte Tom:

»Huckchen, bist du sicher, daß du reinen Mund halten kannst?«

»’s bleibt uns einfach gar nichts anderes übrig, Tom. Das siehst du doch selbst. Der Teufel von Indianerbrut schmisse uns ins Wasser wie ein paar Katzen, wenn wir nur davon mucksen wollten und er nicht richtig darauf gehenkt würde. Hör mal zu, Tom, wir müssen’s uns gegenseitig zuschwören, das müssen wir tun, schwören, daß wir nichts ausplappern!«

»Ist mir recht, Huck, ’s wird wohl das beste sein. Heb die Hand auf und schwör –«

»Nee, Tom, so leicht geht das nicht! Das ist freilich gut genug für kleine, lumpige Sachen, – besonders wenn man was mit Mädchen hat, die dummen Dinger verklatschen einen doch immer, wenn sie mal in der Patsche sitzen, – bei so was Großem aber, wie das, muß was Schriftliches dabei sein – und Blut!«

Tom war mit Leib und Seele bei dieser Idee. Sie war tief, düster, unheimlich, – mit der Zeit, dem Ort, den Umständen im Einklang. Er hob eine reine Holzschindel auf, die dort im Mondlicht lag, nahm ein Endchen Rotstift aus der Tasche, setzte sich so, daß der Mond die Schindel beleuchtete und kritzelte darauf folgende Zeilen, jeden Grundstrich mit einem krampfhaften Druck der Zunge gegen die Zähne betonend, der bei den Haarstrichen mechanisch nachließ:

»Huck Finn und Tom Sawyer, die schwören, daß sie hierüber den Mund halden wollen und wollen auf der Stelle tot umfallen, wann sie’s jehmals ausblautern.«

Huckleberry war voll Staunen und Bewunderung ob Toms Gewandtheit im Schreiben und der Erhabenheit seines Stils. Flink zog er eine Stecknadel aus seinem Jackenfutter und wollte sich eben sein Fleisch ritzen, als Tom rief:

»Wart, tu’s nicht. So ’ne Nadel ist von Messing und da könnt Grünspan daran sein.«

»Grünspan? Was ist das für ’n Span?«

»Gift ist’s, – weiter nichts. Schluck’s nur mal runter, wirst schon sehen!«

Tom langte dann eine von seinen Nähnadeln vor, wickelte den Faden ab und jeder der Jungen stach sich damit in den Ballen der Hand und quetschte einen Tropfen Blut hervor.

Mit Geduld, nach oftmaligem Quetschen, brachte denn auch Tom seine Initialen zustande, wozu er die Spitze des kleinen Fingers als Feder gebrauchte. Dann zeigte er Huckleberry, wie dieser ein H und ein F zu machen habe, und der Eidschwur war gültig. Sie vergruben die Schindel dicht an der Mauer, unter Anwendung von allerlei unheimlichen Zeremonien und Zauberformeln, und die Fesseln, die ihre Zungen banden, wurden als fest geschlossen, der Schlüssel dazu als weggeworfen betrachtet.

Eine Gestalt schob sich in dem Moment verstohlen durch eine Lücke am andern Ende des verfallenen Gebäudes, die Jungen aber bemerkten sie nicht.

»Tom,« flüsterte Huckleberry, »werden wir nun niemals nichts von der Geschichte sagen können, niemals?«

»Natürlich nicht. Was auch kommen mag, wir müssen den Mund halten. Sonst fielen wir ja gleich tot um, hast du das schon vergessen?«

»Nee, – aber – ja, du hast recht.«

Eine Zeitlang flüsterten sie noch leise zusammen. Plötzlich schlug ein Hund ein langgezogenes, unheimliches Geheul an, dicht vor ihrem Schlupfwinkel, vielleicht zehn Schritte von ihnen entfernt. Die Jungen umklammerten einander in Todesangst. Ihr Aberglaube hatte wieder die Oberhand.

»Wen von uns meint er wohl?« ächzte Huckleberry.

»Weiß ich’s? – guck durch den Ritz, schnell!«

»Guck du, Tom!«

»Ich kann nicht – kann’s nicht, Huck!«

»Bitte, Tom, bitte! Da – da ist’s wieder!«

»Ach, Gottchen, wie dank ich dir,« flüsterte Tom, »Ich kenn die Stimme, ’s ist Harbisons Tyras seine.«

»Das ist ’n Glück, Tom, ich sag dir, ich war halb tot vor Schreck; dacht schon, ’s sei ein fremder Hund.«

Wieder heulte der Hund. Den Jungen sank das Herz abermals bis in die unterste Zehenspitze.

»Ach, du mein alles,« stöhnte Huck, »das ist nicht Harbisons Tyras. Guck doch mal, Tom.«

Tom gab nach, obgleich er mit den Zähnen klapperte vor Furcht, und legte sein Auge an die Ritze. Sein Flüstern war kaum verständlich, als er zurückfuhr mit einem:

»Huck, ’s ist ein fremder Hund

»Schnell, schnell, Tom, wen meint er von uns?«

»Er muß uns beide meinen, – wir stehen dicht zusammen.«

»Tom, dann sind wir hin, ich sag dir’s. Wo ich hinkommen werde, für mein Teil, weiß ich nur zu gut. Ich bin so oft gottlos gewesen.«

»Ach, Huck, das kommt davon, wenn man die Schule schwänzt und immer tut, was verboten ist. Ich hätt‘ grad so gut und brav sein können wie Sid, – aber natürlich, das paßt mir nicht. Wenn ich noch mal mit heiler Haut davonkomme, so schwör ich, daß ich mein Leben lang in die Sonntagsschule gehen will, – ich Elender!«

Und Tom begann ein wenig zu schluchzen und sich die Augen zu reiben.

» Du, schlecht?« Auch Huckleberry schluchzte nun. »Ach was, Tom Sawyer, du bist Gold, reines Gold, sag ich dir, gegen mich. Ach, Gottchen, Gottchen, Gottchen, – ja, wenn ich nur halb die Gelegenheit gehabt hätt‘, gut zu sein wie du, Tom, ich –«

Tom brach plötzlich im Schluchzen ab und flüsterte freudig:

»Sieh doch, Huck, sieh! Er kehrt uns ja den Rücken zu

Nun schielte auch Huck durch die Ritze, Wonne im Herzen.

»Weiß Gott, so ist’s! Hat er denn vorher das auch schon getan?«

»Ei, freilich; ich Esel hab aber gar nicht darauf acht gegeben. Na, das ist herrlich! Jetzt aber, wen kann er meinen?«

Das Geheul verstummte, Tom spitzte die Ohren.

»Scht, – was ist das?« flüsterte er.

»’s klingt wie – na, wie Schweinegrunzen, Doch nein, – da schnarcht einer, Tom!«

»Wahrhaftig, so ist’s! Woher kommt’s wohl, Huck?«

»Ich glaub von dort, vom anderen Ende, ’s klingt wenigstens so. Mein Alter hat dort manchmal geschlafen, aber, Herrgott, wenn der schnarcht, fallen die Mauern ein. Ich glaub auch nicht, daß der je wieder hierher kommt.«

Noch einmal regte sich der Unternehmungsgeist in der Seele der Knaben.

»Huckchen, getraust du dir mitzukommen, wenn ich vorangehe?«

»Viel Lust hab ich nicht, Tom. Wenn’s nun der Indianer-Joe wäre?«

Tom fuhr zusammen und zögerte. Bald aber erhob sich die Versuchung wieder mit aller Macht und die Jungen kamen überein, die Sache zu untersuchen, aber Fersengeld zu geben, sowie das Schnarchen aufhöre. So stahlen sie sich denn auf den Zehenspitzen, einer hinter dem anderen, dem Orte zu, von wo der Laut kam. Fünf Schritte etwa vom Schnarcher entfernt, trat Tom auf einen Stock, der mit scharfem Knack zerbrach. Der Mann stöhnte und wandte sich ein wenig, so daß sein Gesicht sich dem Mondschein zukehrte. Es war Muff Potter. Den Jungen hatte das Herz stillgestanden, als der Mann sich regte, nun aber schwand ihre Angst. Auf den Zehen schlichen sie hinaus durch die geborstene Mauer und blieben in geringer Entfernung stehen, um ein Abschiedswort zu tauschen. Wieder erhob sich jenes langgezogene, klägliche Geheul in die Nachtluft hinein. Sie wandten sich und sahen den fremden Hund, nur ein paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem Potter lag, diesem den Kopf zuwendend, mit der Schnauze gen Himmel deuten.

»Herr Jemine, den meint er!« riefen die beiden in einem Atem.

»Sag mal, Tom, ’s hat mir einer erzählt, daß um dem Johnny Miller sein Haus ’n fremder Hund herumgeheult hätt‘ vor ’n paar Wochen, und daß ’ne Eule sich auf dem Dach gezeigt hat, und doch ist noch keiner tot dort.«

»Weiß ich. Das beweist aber gar nichts! Ist nicht am selben Sonnabend die Grace Miller auf den Herd gefallen und hat sich schrecklich verbrannt?«

»Wohl, aber tot ist sie doch nicht – im Gegenteil viel besser.«

»Na, paß du nur auf, die muß sterben, so gewiß, wie der Muff Potter dort sterben muß. So sagen die Nigger, und die wissen Bescheid in den Geschichten, Huck!«

Die Jungen trennten sich, in tiefes Nachdenken versunken.

Als Tom durch sein Schlafzimmerfenster zurückkroch, war die Nacht beinahe vorüber. Er entkleidete sich mit der äußersten Vorsicht und fiel in Schlaf, indem er sich selbst von Herzen Glück dazu wünschte, daß niemand von seinem nächtlichen Ausflug etwas gemerkt habe. Armer, blinder Tom! Er selbst hatte nichts gemerkt; er wußte nicht, daß der sanft schnarchende Sid wachte, wach gewesen war seit einer Stunde.

Als Tom am anderen Morgen die Augen aufschlug, war Sid angekleidet und fort. Das Tageslicht draußen hatte ordentlich einen späten Schein, es lag ‚was Spätes in der ganzen Atmosphäre, Tom erschrak. Warum hat man ihn nicht gerufen, – ihn nicht geplagt, wie gewöhnlich, bis er auf war?

Dieser Gedanke erfüllte ihn mit schlimmen Ahnungen. Innerhalb fünf Minuten war er in den Kleidern und die Treppe hinunter, noch ganz schwindelig und müde. Ihm war nicht wohl zumute. Die Familie saß noch um den Tisch, das Frühstück aber war beendet. Keine Stimme des Vorwurfs erhob sich, aber die abgewandten Augen aller, die Stille und so eine Art Feierlichkeit, die das ganze Zimmer zu erfüllen schien, ließen des armen Sünders Herz in ahnender Sorge erbeben. Er setzte sich nieder, versuchte munter und unbefangen zu erscheinen, das aber war verlorne Liebesmüh. Kein Lächeln, keine Antwort kam; auch er verfiel in Schweigen und sein Herz sank in die tiefsten Tiefen der Verzweiflung und Bekümmernis.

Nach dem Frühstück nahm ihn die Tante beiseite und Tom lebte sichtlich auf in der Erwartung, daß nun die wohlverdiente Züchtigung vom Stapel laufen würde. Dem aber war nicht so, Tante Polly fing an zu weinen, fragte, wie er es über sich gewänne, sie so zu betrüben, ihr altes Herz beinahe zu brechen und schloß damit, daß sie ihm sagte, er möge nur hingehen, sich zugrunde richten und ihre grauen Haare mit Schande in die Grube bringen, sie könne ihn nicht mehr aufhalten, wolle es auch gar nicht mehr probieren, es sei doch alles nutzlos und vergebens. Das war schlimmer als die schlimmsten Prügel, und Toms Herz war nun noch matter und elender als sein Körper. Er weinte, bat um Verzeihung, gelobte Besserung wieder und wieder und wurde schließlich entlassen mit dem beschämenden Gefühl, doch nur halb und halb Vergebung und Vertrauen in seine Gelöbnisse gefunden zu haben.

Er schlich aus dem Zimmer, zu elend selbst, um Rachegelüste gegen Sid, den Verräter, zu spüren und so war des letzteren hastige Flucht durch die Hintertüre unnötig. Trübselig und traurig machte er sich nach der Schule auf und nahm mit Joe Harper zusammen seine Tracht Prügel für das Schulschwänzen entgegen, mit der Miene eines Menschen, dessen Seele schlimmeres Leid kennt und tot ist für die kleinen Kümmernisse dieser Welt. Dann verfügte er sich nach seinem Platz, stützte die Ellenbogen auf den Tisch, das Kinn auf die Hände, bohrte den Blick in die Wand und saß da, ein Bild starrer Verzweiflung, die ihre Grenzen erreicht hat und nicht weiter zu gehen vermag. Sein Ellenbogen ruhte auf irgend etwas Hartem. Nach einer geraumen Zeit änderte er langsam und traurig seine Stellung und nahm dies Etwas mit einem Seufzer zur Hand. Es war in Papier eingeschlagen. Er entfaltete es. Ein langgezogener, ungeheurer Seufzer folgte… Es war jener Messingknopf, den er Becky gestern geboten. Dieser letzte bittere Tropfen brachte den Becher seiner Trübsal zum Überfließen.

Einunddreißigstes Kapitel.

Tom und Huck werden reich.

Einunddreißigstes Kapitel.

Kaum war sie weg, so stürzte Huck zum Fenster, riß es auf und flüsterte drängend:

»Tom, wir können zum Fenster hinaus, wenn wir einen Strick finden, es geht nicht hoch hinunter.«

»Dummes Zeug! Weshalb sollten wir zum Fenster hinaus?«

»Ich – ich kann so ’nen Haufen Menschen nicht vertragen, bin nicht dran gewöhnt. Ich geh nicht wieder hinunter, Tom.«

»Dummheit! Ist auch was Rechtes. Mir ist’s ganz einerlei. Wart, ich geh acht auf dich und helf dir!«

Sid erschien.

»Tom,« sagte er, »die Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich gewartet. Mary hat deine Sonntagskleider zurechtgelegt und jeder hat sich deinethalben abgeängstigt. Sag mal, ist das nicht Lehm und Talg auf deinen Kleidern?«

»Na, junger Mann, ich rat dir, kümmere dich nur um deine Sachen. Weshalb ist denn der ganze Lärm?«

»Ei, ’s ist ’ne Gesellschaft, wie sie die Witwe oft hat, und diesmal zu Ehren vom alten Jones und seinen Söhnen, weil sie ihr neulich nachts so aus der Patsche geholfen haben. Na und hör‘ mal, ich weiß noch was, wenn du’s wissen willst.«

»Na und was?«

»Ei, der alte Jones will die Gesellschaft noch mit was überraschen, hab’s gehört, wie er’s heut mittag der Tante erzählte, als ’n Geheimnis natürlich, ist aber kein großes Geheimnis mehr. Jeder weiß es, – die Witwe auch, obgleich die sich stellt, als wisse sie nichts. Herr Gott, hat sich der alte Jones abgesorgt, ob auch der Huck gewiß da sei heut abend, – ohne den war ja sein großes Geheimnis keine Bohne wert gewesen, weißt du!«

»Geheimnis – wieso, Sid?«

»Ei einfach, daß Huck damals hinter den Kerlen hergeschlichen ist bis zum Zaun hier, weiter gar nichts. Der Alte wollt‘ ’nen großen Hopphei draus machen heut abend, ’s wird aber wohl ‚en bißchen schwach ausfallen.«

Und Sid lachte hämisch und selbstzufrieden in sich hinein.

»Sid, hast du’s verraten?«

»Was liegt dran, wer’s verraten hat? – einer hat’s getan, soviel ist sicher.«

»Sid, ich weiß nur einen solchen Kerl im Städtchen, der elend genug ist, so was zu tun, und der bist du! Wenn du Huck gewesen wärst, du hättst dich heim ins warme Nest geschlichen und die Räuber Räuber sein lassen. Du kannst immer nur was Gemeines tun und kannst’s nicht hören, wenn andere gelobt werden, weil sie was Schönes und was Gutes getan haben. So, da hast du was – ›keinen Dank‹, wie Frau Douglas unten sagt.«

Dabei schlug Tom Sid eins hinter die Ohren und beförderte ihn mit einigen Fußtritten zur Türe hinaus. »Lauf doch hin und sag’s der Tante, wenn du’s Herz dazu hast, will dir’s dann morgen gedenken.«

Einige Minuten später waren die Gäste um den Eßtisch der Witwe versammelt. Zur gegebenen Zeit hielt dann Herr Jones seine Rede, in welcher er der gütigen Wirtin dankte für die Ehre, die sie ihm und seinen Söhnen erwiesen, daß aber ein anderer, der auch anwesend sei, weit mehr Dank –

Und so weiter und so fort. Nun brachte er das große Geheimnis über Hucks Anteil an der Sache ans Licht und tat’s in der dramatischsten Weise, die ihm zu Gebote stand. Die Überraschung aber, die das Mitgeteilte hervorrief, war etwas künstlicher Natur und lange nicht so lebhaft und herzlich, wie sie unter glücklicheren Umständen hätte sein können. Die Witwe selber freilich verstand es sehr gut, das größte Erstaunen zur Schau zu tragen, und überhäufte Huck mit einem solchen Übermaß von Dank und Lobsprüchen, daß dieser das nahezu unerträgliche Mißbehagen, welches ihm die neuen Kleider bereiteten, über dem völlig unerträglichen Mißbehagen, die Zielscheibe von jedermanns Blicken und jedermanns Beifallsbezeigungen zu sein, ganz vergaß.

Witwe Douglas erbot sich, Huck ein Heim in ihrem Hause zu bieten, ihn erziehen zu lassen und ihn später, soviel in ihren Kräften stehe, zu unterstützen. Jetzt blühte Toms Weizen und er löste seine Zunge:

»Huck braucht das gar nicht, Huck ist reich genug!«

Nur der Zwang, den die gute Lebensart der Gesellschaft auferlegte, war imstande, einen Ausbruch des Gelächters über diesen vermeintlichen guten Witz zurückzuhalten; das herrschende Schweigen war aber etwas unbehaglich. Tom brach es alsbald.

»Huck ist reich, sag ich, er hat Geld, Ihr glaubt’s vielleicht nicht, aber er hat Haufen von Geld. Braucht gar nicht zu lachen, werd’s euch gleich beweisen. Wartet nur ’ne Minute!«

Er rannte zur Tür hinaus. Die Anwesenden blickten zuerst einander voll ungläubigen Staunens an und dann fragend auf Huck, der wortlos dasaß.

»Sid, was hat wohl der Tom?« fragte Tante Polly ängstlich – »er – na da werd‘ mal einer klug aus dem Bengel. Ich –«

Da trat Tom wieder ein, gebeugt unter der Last seiner Geldsäcke, und Tante Polly mußte den Satz unbeendet lassen. Tom leerte den Haufen blinkenden Goldes auf den Tisch und rief triumphierend:

»Da – was hab‘ ich euch gesagt? Die Hälfte davon gehört Huck und die andere Hälfte mir!«

Der Anblick des Geldes benahm allen den Atem. Alles starrte auf die glänzenden Goldstücke und niemand fand Worte im eisten Augenblick, Dann erhob sich ein allgemeiner Ruf nach Aufklärung. Tom sagte, die könne er geben, und er tat’s. Die Geschichte war lang, aber unsagbar interessant, nur ab und zu kärglich eingestreute Bemerkungen der atemlos lauschenden Zuhörer unterbrachen den fesselnden Reiz derselben. Als Tom zu Ende war, meinte der alte Jones:

»Hab‘ ich da vorhin der Gesellschaft ’ne kleine Überraschung bereiten wollen, – ’s ist aber rein nichts gegen das da, Tom, der Teufelskerl, hat mich schön übertrumpft, das muß ich sagen! Geb’s aber gern zu, weiß Gott, geb’s gern zu!«

Das Geld wurde nun gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über zwölftausend Dollars. Es war mehr, als irgendeiner der Anwesenden jemals beisammen gesehen, obgleich sich einige darunter befanden, die weit mehr als das an Grundbesitz ihr eigen nannten.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Zukunftspläne.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Wie man sich denken kann, machte dieser Fund der beiden Knaben in dem armen, kleinen Städtchen St. Petersburg das ungeheuerste Aufsehen. Solch eine Riesensumme in barer Münze erschien den guten Leuten beinahe unglaublich. Man redete von nichts anderem, schielte gierig nach dem Schatze, pries die Finder glücklich, und die Vernunft manchen Bürgers drohte bei der ungesunden Erregung ins Wanken zu geraten. Jedes Haus, in dem es nur irgend spuken sollte, im Städtchen wie in der Umgegend, wurde sozusagen anatomisch zerlegt: Stein für Stein, Balken für Balken, die Grundmauern unterwühlt und nach verborgenen Schätzen durchforscht, und zwar nicht von Knaben, sondern von Männern, ernsten, verständigen, im gewöhnlichen Leben blutwenig romantisch angelegten Männern. Wo sich Tom und Huck nur blicken ließen, wurden sie gefeiert, bewundert und begafft. Die Jungen konnten sich nicht erinnern, daß ihre Worte je zuvor solches Gewicht besaßen, jetzt wurde der kleinste Ausspruch ihrerseits wie ein Ausfluß höchster Weisheit bewahrt und ehrfurchtsvoll wiederholt. Alles, was sie taten, was sie redeten, erschien bemerkens- und bewundernswert, sie hatten augenscheinlich die Fähigkeit verloren, irgend etwas Alltägliches, Unbedeutendes zu sagen oder zu tun. Außerdem wurde ihre Vergangenheit durchforscht, und man fand darin die unleugbaren Spuren hervorragendster Begabung, Die Zeitung des Städtchens brachte biographische Notizen über die beiden.

Die Witwe Douglas legte das Geld zu sechs Prozent an und der Herr Kreisrichter tat auf Tante Pollys Bitte dasselbe mit Toms Anteil. Jeder der Jungen hatte nun ein geradezu ungeheures Einkommen – einen Dollar für jeden Tag des Jahres! Das war ja gerade soviel, wie der Pastor bekam, das heißt wie er bekommen sollte, denn meistens kam nicht soviel zusammen. Ein und ein Viertel Dollar die Woche war genügend für Kost, Wohnung und Schulgeld eines Jungen in jener alten, einfachen, anspruchslosen Zeit, und man konnte ihn dafür noch kleiden und waschen obendrein.

Der Herr Kreisrichter hatte eine sehr hohe Meinung von Tom gefaßt. Er sagte, ein gewöhnlicher Junge würde nie imstande gewesen sein, seine Tochter aus der Höhle zu befreien. Als Becky ihrem Vater einmal im strengsten Vertrauen mitteilte, wie Tom ihre Prügel in der Schule damals auf sich genommen, war dieser sichtlich gerührt. Und als sie die Lüge zu entschuldigen suchte, vermittelst welcher es dem edlen Freunde gelungen war, die Züchtigung auf seine Schultern zu wälzen, meinte der Vater enthusiastisch, das sei eine edle, eine großmütige, eine hochherzige Lüge gewesen, eine Lüge, die wert sei, in der Geschichte dicht neben Washingtons vielgerühmter Wahrheitsliebe zu glänzen. Becky kam es vor, als habe sie ihren Vater noch nie so hoch aufgerichtet und so stolz gesehen, wie bei diesen Worten. Sie lies davon und berichtete Tom haarklein, was vorgefallen.

Herr Thatcher hoffte, Tom einmal als berühmten Rechtsgelehrten oder auch als großen Kriegsmann zu sehen. Er wolle Sorge tragen, sagte er, daß Tom Einlaß fände in die große Nationalmilitärakademie und danach in der besten Juristenschule des Landes ausgebildet werde, so daß er vollständig befähigt sei für die eine oder die andere Laufbahn, oder auch für beide.

Huck Finn sah sich durch seinen Reichtum und die Tatsache, daß er unter dem Schutze der hochangesehenen Witwe Douglas stand, plötzlich in die gute Gesellschaft eingeführt, nein – hineingeschleppt oder vielmehr geschleudert – seine Leiden steigerten sich dadurch fast ins Unerträgliche. Die Dienstboten der Witwe hielten ihn sauber und rein, wuschen, kämmten, bürsteten ihn alltäglich und betteten ihn allnächtlich mitleidslos zwischen reine Tücher, die nicht einen einzigen kleinen Flecken oder Makel hatten, den er hätte an sein Herz drücken und als alten, teuren Bekannten begrüßen können. Er mußte mit Messer und Gabel essen, mußte Serviette, Tasse und Teller benutzen, mußte seine Aufgabe lernen, zur Kirche gehen, dabei so gewählt und anständig reden, daß ihm die Sprache ordentlich saft- und kraftlos in seinem Munde vorkam; kurz, wohin er sich wandte, engten ihn überall die Schranken und Fesseln der Zivilisation von allen Seiten ein und banden ihm Hände und Füße.

Drei Wochen hindurch trug er sein Elend wie ein tapferer Held, dann war er plötzlich verschwunden. Achtundvierzig Stunden lang ließ die Witwe in Herzensangst überall nach ihm suchen. Jedermann nahm innigsten Anteil; man suchte hier und dort, in Höhen und Tiefen, man durchforschte den Strom nach seiner Leiche. Frühe am dritten Morgen schlich sich Tom Sawyer in aller Stille zu einem Haufen alter, leerer Fässer, die hinter dem jetzt unbenutzten, halb verfallenen Schlachthause lagen. In einem derselben entdeckte er richtig den Flüchtling, Huck hatte die Nacht dort zugebracht, hatte eben sein Frühstück, aus allerlei zusammengekripsten Kleinigkeiten bestehend, verzehrt und lag nun da und rauchte in glücklicher Behaglichkeit eine Pfeife. Er war ungewaschen, ungekämmt und in dieselben alten, malerisch an ihm hängenden Lumpen gehüllt, wie in jenen Tagen, da er noch frei und glücklich war. Sobald Tom ihn aufgestöbert hatte, warf er ihm vor, in welche Angst er alle Leute versetzt habe, und forderte ihn auf, nach Hause zurückzukommen. Hucks Antlitz verlor urplötzlich den Ausdruck wohligen Behagens und legte sich in melancholische Falten, Ängstlich bat er:

»Sprich mir davon nicht, Tom, hab’s ja probiert, aber ’s tut kein gut, Tom, ’s tut kein gut, ’s taugt nichts für mich, ich bin an so was nicht gewöhnt. Die Witwe selber ist gut und freundlich, aber dies Leben halt der Kuckuck aus. Soll ich da jeden Morgen zur selben Zeit ‚raus aus dem Nest, dann waschen und scheuern sie mich, daß die Fetzen fliegen, und kämmen mich zuschanden. Im Holzschuppen darf ich nicht schlafen, muß die verflixten Kleider tragen, in denen ich immer nach Luft schnappen muß, Tom, ’s ist, als ginge gar keine Luft durch, und dabei sind sie so verteufelt fein und vornehm, daß ich da drin nicht sitzen, nicht liegen, viel weniger mich wälzen kann. Weiß nicht, wie lang ich auf keiner Kellertür mehr hinuntergerutscht bin, aber ’s kommt mir wie viele Jahre vor. Ich muß in die Kirche gehen und dort steif und gerade sitzen, – und erst die langweiligen Predigten! Nicht einmal eine Fliege darf man drin fangen, und den ganzen Sonntag muß man die Schuhe anhaben. – Herr Gott! Wenn die Witwe ißt, dann bimmelt eine Glocke, geht sie schlafen, bimmelt’s wieder, und ebenso, wenn sie aufsteht – ’s geht alles so gräßlich nach der Schnur, das halt der Kuckuck aus!«

»Huck, so macht’s aber doch jeder anständige Mensch!«

»Ist mir ganz egal, Tom, ich bin kein anständiger Mensch und ich halt’s nicht aus. ’s ist gräßlich, wenn man so festgenagelt ist, ’s Futter wächst einem auch nur so in den Mund, – ’s macht einem gar keine Freude so. Soll fragen, wenn ich fischen gehen will, fragen, wenn ich baden möcht – hol’s der Henker, wenn man um jeden Dreck fragen soll. Und sprechen hab ich müssen wie ’n feiner Herr, bin beinah dran erstickt. Ei, wenn ich nicht jeden Tag ’nauf auf den Boden wär und hätt‘ meinem Herzen dort Luft gemacht, so wie ich’s versteh, mit ’n paar herzhaften Redensarten, nur um mal wieder den Geschmack davon in den Mund zu kriegen, ich wär gestorben, Tom, rein gestorben. Rauchen wollten sie mich auch nicht lassen, nicht mal ordentlich brüllen, nicht gähnen, nicht räkeln, nicht am Kopf kratzen, wenn jemand dabei war. Und«, – fuhr er mit einem verdoppelten Ausbruch des Widerwillens und der Gereiztheit fort – »den ganzen Tag hat sie gebetet. So ’ne Frau ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen! Ich mußt‘ mich drücken, Tom, es war nicht zum Aushalten, Dann war auch bald die Schule angegangen und ich hätte hingemußt, was mir das Leben vollends entleidet hatte. Weißt was, Tom, ’s Reichsein ist nicht halb soviel wert, als man meint. Man hat eine Plage und Schinderei davon, daß man lieber tot sein möchte. In diesen Kleidern hier und in dieser Sonne aber ist’s mir wohl und ich will mich begraben lassen, wenn ich da je wieder ‚rauskriege, Tom, ich war nie in diese unselige Lage hineingeraten, wenn das verflixte Geld nicht gewesen wär! Weißt was? Geh hin und nimm du auch meinen Teil und schenk mir hier und da mal zehn Cents, aber nicht oft, denn mir liegt blutwenig an dem Geld, so schwer es auch zu kriegen war, und dann – geh hin und bitt mich von der Witwe los, Tom, tu’s doch, hörst du?«

»O, Huck, das kann ich ja nicht, dein Geld nehmen‘ das wär gar nicht recht, und paß auf, wenn du’s erst mal länger probierst bei der Witwe, wird’s dir schon behagen.«

»Behagen? Ja, so ungefähr wie einem ein heißer Ofen behagt, wenn man drauf sitzen soll. Nee, Tom, ich will nicht reich sein und ich will nicht in den verfluchten stickigen Häusern leben. Ich brauch den Wald und den Fluß und ’n leeres Faß, und dabei will ich bleiben. Hol der Henker alles! Grad wie wir Flinten und ’ne Höhle hatten und alles schön fertig war, um Räuber zu werden, da – da muß die verflixte, dumme Schatzgeschichte kommen und alles verderben!«

Tom ersah seine Gelegenheit:

»Paß mal auf, Huck, das Reichsein hält uns noch lange nicht ab, Räuber zu werden.«

»Herrgott! Ist das wirklich dein voller Ernst, Tom?«

»So gewiß als ich hier sitze. Aber Huck, du kannst nicht in die Bande aufgenommen werden, wenn du kein anständiger Mensch bist, siehst du.«

Hucks aufwallende Freude bekam einen Dämpfer.

»Kann nicht aufgenommen werden, Tom? War ich denn nicht auch Seeräuber?«

»Ja, aber das ist ganz was anderes. Ein Räuber ist für gewöhnlich viel vornehmer als so ’n Pirat. In manchen Ländern sind sie vom höchsten Adel – Herzöge oder so.«

»Tom, du bist doch immer gut mit mir gewesen! Wirst mich doch nicht ausschließen, Tom? Wirst mir doch so was nicht antun, oder –?«

»Huck, ich tät’s ja nicht und ich tu’s auch nicht gern, aber was würden die Leute sagen? Ei, die werden die Nase rümpfen und ›Pf!‹ – würden sie sagen, – Tom Sawyers Bande! Schöne Kerle da drin! Und damit wärst du gemeint, Huck. Das war dir doch nicht recht und mir auch nicht.«

Für eine Weile war Huck still, sichtlich kämpfte er innerlich einen schweren Kampf. Schließlich sagte er:

»Na, für ’nen Monat oder so könnt ich ja am Ende zur Witwe zurückgehen und sehen, wie ich mich durchschlage und ob ich’s aushalten kann. Ja, das könnt ich, – wenn ich bei der Bande eintreten darf, Tom.«

»Gut also, Huck, das ist ’n Wort! Und nun vorwärts, alter Kerl, will mal mit der Witwe reden, daß sie dich ’n bißchen mehr in Ruhe läßt.«

»Willst du, Tom, willst du? Das ist schön von dir. Wenn die ’n bißchen weniger streng sein will, dann will ich dafür nur noch heimlich rauchen und fluchen und mich wohl oder übel durchdrücken oder platzen. Aber bis wann willst du denn die Bande auftun und Räuber werden?«

»Ei gleich! Wollen nur erst die Jungens zusammentrommeln, dann kann die Einschwörung gleich heut nacht vor sich gehen.«

»Die – was?«

»Die Einschwörung.«

»Was ist denn das?«

»Ei, da schwört man, daß man zusammenstehen und fallen wolle und niemals die Geheimnisse der Bande verraten, und sollte man auch in Stücke zerrissen werden; daß man jeden umbringen wolle samt seiner ganzen Familie, die irgendeinem von der Bande was zuleide tut.«

»Das ist lustig, Tom, arg lustig, sag ich dir.«

»Ja, das ist’s. Und der ganze Schwur muß um Mitternacht geschehen, am einsamsten, schauerlichsten Ort, den man finden kann, – in einem Haus, wo’s spukt, wär’s am besten, aber die sind jetzt alle abgebrochen.«

»Um Mitternacht ist gut, Tom, – irgendwo.«

»Ja, das ist wahr. Und man muß über einem Sarge schworen und alles mit Blut unterzeichnen.«

»Das klingt doch nach etwas! Weiß Gott, das ist millionenmal besser als Seeräuber sein. Ich will mich an die Witwe kleben, bis ich schwarz werd‘, Tom, und wenn ich mal so ’n richtiger Hauptkerl von ’nem vornehmen Räuber bin, Tom, und alle Welt von mir redet, dann wird sie wohl, denk ich, sich auch freuen und stolz sein, daß sie mich aus dem Sumpf gezogen hat!«