Märchen

557. Vogtland

557. Vogtland

Es geht die allgemeine Sage vom Schlosse Voigtsberg bei Ölsnitz, daß der Römerfeldherr Drusus Germanicus dasselbe erbaut habe. An der Wand eines Zimmers in diesem Schlosse, welches später zur Amtsstube diente, stand ein lateinisches Distichon:

Castra locus Drusus hic praetoria nomina monti
Fecit: posteritas servat et ipsa sibi.

Das haben die Alten in diesen Reimen wiedergegeben:

Druse, der edle römisch Voit,
Bauet diesen Berg in Not,
Da er Kriegs in Deutschland pflag,
Voigtsberg heißt es auf diesen Tag.

Weiter wurde noch davon gedichtet:

Vom Voigtsberg das ganz umliegend Land
Ward allenthalben das Voigtland genannt.
Die Burg, die stund viel manche Jahr,
In der Herrn von Plauen Hand ohn Gefahr.

Im Jahre 1356 kam Voigtsberg mit einem guten Teil des Vogtlandes an Friedrich und Wilhelm, die Markgrafen von Meißen.

Auf mehrere kleine Städte des Vogtlandes und des angrenzenden Orlagaues trägt sich das Volk mit einem Spottreim, wie die Altmärker einen ähnlichen haben; derselbe Reim lautet:

Durch Adams Fall ist Tripts verderbt.
Und Auma liegt daneben.
In Weida ist kein Heller Geld,
Und Neustadt kann nichts geben.
In Ziegenrück ist große Not,
In Ranis ist kein Bissen Brot,
Und Pausa ist die Schwester.
Sind das nicht leere Nester? –

Die Sage geht, Pausa liege im Mittelpunkt der Welt. Dahin zu gelangen, fährt man mit der Sächs.-Bayr. Eisenbahn nach Mehltheuer. Von dort geht eine Post nach Schleiz. Wenn zu dieser sich mehr als sechs Personen melden, so heißt es: Die Post nach Schleiz ist voll, aber Sie können noch mit dem andern Wagen nach Pausa fahren. Nun fährt man nach Pausa und sieht dort zu, wie man nach Schleiz gelangt. Das nennt man pausieren.

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543. Frau Welle

543. Frau Welle

Die Hohewart liegt bei Kaulsdorf über Saalfeld und hat den Namen von einem Turme, der daraufstand, und in dem Turme hat eine weise Frau gewohnt, welche die Umwohner zu Rate zogen, diese Rune wurde Frau Welle genannt, und man nennt nach ihr noch das Tal unter der Hohenwart das Valleidatal. Bisweilen hielt sich Frau Welle auch in einer Berghöhle auf, und dort soll sie fort und fort noch als ein Geist erschienen sein, ganz in schneeweißes Linnen gekleidet, mit einem breiten Gürtel aufgeschürzt und mit fliegendem, bis auf die Fersen herabwallendem Haar. Auch sie soll sich in der Nähe, ja selbst im Gefolge des wilden Heeres befunden haben, wo sie aber die Waldmännchen und -weibchen nicht verfolgen half, sondern denselben ihren Schutz gewährte. Die zunächst anwohnenden Bauern sahen sie zuweilen, wann sie spät aus dem Holze heimkehrten, auf einer Anhöhe im Walde, wie sie auf den Ton der Jagdhörner horchte, wenn das wilde Heer auszog. Einstmals – erzählt man – war ein Bauer vorwitzig genug und fragte das am Berge vorüberziehende wilde Heer, ob es etwa der Frau dort etwas von der gemachten Jagdbeute ablassen wolle. Tags darauf fand man diesen Mann auf einem breiten Steine des Valledenberges mit ganz zerstückeltem Leibe liegen. Bisweilen irrte diese Frau auch unter der Gestalt einer fahlen Kuh in den Gebirgsschluchten umher.

Im nahen Loquitzgrunde ist ein Felsberg, der heißt die Trudenkuppe; auch auf ihr geht eine weiße Frau um, deren lange nachschleppende Haare im Winde flattern. Sie trägt ein großes Messer und soll einsame Wanderer in das Dickicht locken und dann auf einem alten mächtigen Opfersteine schlachten.

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544. Die Saalnixen

544. Die Saalnixen

Die Saalnixen

Von den Saalnixen gehen der Sagen viele; der Fluß zieht in mannigfaltiger Krümmung durch weite Länderstrecken von seinem Ursprung auf dem Fichtelgebirge bis zu seiner Einmündung in den Elbstrom in der Nähe von Barby.

Zu Wilhelmsdorf zwischen der Saale und dem Städtchen Ranis hat sich eine Saalnixe zum öftern gezeigt. In der Berggrube bleichte sie ihre Wäsche, die war blütenweiß und rot gerändelt. Ein Bauer, der dort vorüberfuhr, hieb mit seiner dreckigen Mistgeischel ein paarmal darüber hin, daß man garstige Schmitzen sah. Da stand die Nixe plötzlich an seinem Wagen und schalt, er solle das nicht noch einmal tun, sonst wär‘ es aus mit ihm. Murrend fuhr der Knecht davon. Als er das nächstemal wieder an derselben Stelle vorbeikam, lag der Weich wieder dort, aber es war keine Nixe dabei. Da trieb der angeborene Frevelsinn, der manchem im Leibe steckt, den Burschen an, nach Herzenslust auf die blütenweiße Wäsche zu schlagen und sie mit dreckigen Striemen zu zeichnen, und über dieser Frevelübung merkte er gar nicht, daß aus der nahen Berggrube hervor endlos Wasser strömte, bis er es an den Füßen spürte, bis es über die Kniee ihm schwoll, und da er sich nun hinauf auf seinen Wagen vor der mehr und mehr anschwellenden Flut retten wollte, war die Nixe da, riß ihn zurück, tauchte ihn unter und hielt ihn fest, bis ihm der Odem ausging.

Lange Zeit trieb diese Saalnixe zum Zeitvertreib ihr Wesen in der Kosterquelle und den runden Teichen auf der Walperwiese bei Wilhelmsdorf. Einstmals ging ein Mann aus dem Dorfe nach dem schwarzen Holze an der Herthigstelle, sich dort einen Peitschenstecken zu holen. Die Sonne ging gerade auf, als der Wilhelmsdorfer über die Walperwiese schritt. Er sah, wie die Nixe blendendweiße Wäsche an dem Rande der Kosterquelle ausgebreitet hatte zum Trocknen. Daneben saß sie selber und wiegte ihr noch schlafendes Kind. Erschrocken darüber wollte er von der unheimlichen Stelle ausbiegen, doch die Nixe hatte ihn schon gewahrt. Sie fragte nach seinem Anliegen und versprach ihm einen Peitschenstecken, mit dem er gewiß zufrieden sein solle, wenn er unterdes das kleine Nixlein recht schön wiegen wolle. Der Mann wollte die Nixe nicht böse machen und setzte sich bei der Wiege nieder. Unbeholfen stößt er daran und bringt sie nach seiner Weise in starken Schwung. Eines solchen Wiegens ungewohnt, erhub die kleine Nixe wehklagend ihre Stimme. Da schaute die Nixenmutter sich um, dräuete mit der Hand und gebot ihm Schonung für ihr Kind. Der Mann aus Wilhelmsdorf aber wurde dadurch so aus der Fassung gebracht, daß er die Wiege gar umwarf und dann entfloh. Die zurückkehrende Saalnixe schwur dem Fliehenden Rache, und ehe dreimal vierundzwanzig Stunden vergangen waren, lag der Frevler als toter Mann in der Saale.

Einem Manne aus Reitzengeschwend, der besser gewiegt hatte, wurde von der Nixe ein goldner Peitschenstecken verehrt.

Ein anderer traf die Nixe weinend und jammernd an, ihr Kind war gestorben, und sie wußte nicht, was sie damit anfangen sollte; da erbot er sich, es auf seinem Wagen mit ins Dorf zu nehmen und auf den Kirchhof zu begraben. Des war die trauernde Nixe herzlich froh, ließ es geschehen und belohnte reichlich den Mann.

Einmal hatte die Nixe einen jungen Ehemann an sich gelockt, dessen Frau schöpfte Verdacht, ging ihm nach und traf ihn bei der Nixe in zärtlicher Umarmung. Da erhob sie ein entsetzliches Jammergeschrei und raufte sich die Haare aus. Als die Nixe den Schmerz der Frau gewahrte, und wie lieb sie ihren Mann hatte, ließ sie diesen los und sprach: Nimm ihn hin, er sei und bleibe dein, aber er nahe nicht wieder dem Ufer, sonst möchte mich’s reuen und ich mir ihn holen. Und glitt hinweg und verschwand im Strome.

Eine Saalnixe kam auch oft nach Saalfeld in die Stadt in die Fleischbänke; sie hatte große wässerige Augen wie ein Fisch, grüne Zähne und unterm Rock einen triefenden Schweif. In Jena fordern sie jedes Jahr ein Menschenleben als Opfer, desgleichen in Halle, davon ein Scherzreim geht:

Wißt ihr wohl, wo Halle liegt?
Halle liegt im Tale.
Da sind schöne Jungfern drein
und Nixen in der Saale.

Einer hallischen Wehmutter erging es ähnlich wie der zu Preilipp, die ward auch von einem Wassermann unter den Strom geführt, dort von der Kindbetterin vor ihres Mannes, des Nix, Tücken gewarnt und bedeutet, Dosten und Dorant zu erfassen und festzuhalten, diesen Kräutern und denen, welche sie tragen, können weder Nixen noch Kobolde etwas anhaben, so kam auch jene glücklich zurück.

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545. Milch- und Gelddrachen

545. Milch- und Gelddrachen

In der Saalfelder Gegend wie im nachbarlichen Orlagau und im Vogtlande, aber auch in Thüringen und weit nach Franken hinein ist der Glaube an Drachen verbreitet, welche den Teufelsbündnern Reichtum zutragen. Auf gar vielen Orten bezeichnen die Einwohner geradezu die Häuser und nennen die Leute ohne Scheu mit Namen. Die Drachen erscheinen in feuriger Gestalt und werden in gute und arme Drachen unterschieden. Die meisten fallen in Form einer Feuerkugel durch den Schornstein in die Häuser und schütten daselbst ihre Schätze, Milch, Eier und Geld, aus. Man nennt sie die guten Drachen. Bisweilen zieht der Drache aber auch in Gestalt eines langen Wiesebaums durch die Fensterzwickel in die Wohnungen und hinterläßt statt der Reichtümer einen furchtbaren Gestank. Das ist der arme Drache. Wenn der Einzug des guten Drachen gewahrt wird, werden schnell die Milchgefäße gereinigt, und man setzt sie in Küche und Keller, damit der Drache seine Milch darin ausschütten könne. Um ihn anzuziehen, werden die Butterfässer aus Holzarten gefertigt, welche zu heidnischer Zeit für heilig gehalten wurden, Wacholder, Eibisch, Linde. Das Holz wird am heiligen Abende des Weihnachtsfestes geholt und sogleich abgeschält. Butter wird nur am Freitage ausgerührt, nachdem man zu drei verschiedenen Malen Milch in das Butterfaß gegossen hat. Noch jetzt werden häufig in den Kellern eingegrabene Töpfe von eigentümlicher Beschaffenheit gefunden. Sie sind hoch an Form, unten zugespitzt, haben neun Ringe in der Mitte und sind ohne Henkel. Der ursprüngliche Deckel ist an dem Rande abgeschlagen und so inwendig in den Boden des Topfes eingepaßt, und an des Deckels Stelle ist eine Schieferplatte gefügt. Lauter Anstalten, um das Geschäft des Drachen in Vermehrung der Milch zu erleichtern.

Wieder eine andere Art feuriger Drachen sind die, welche die Sage als Schätzehüter insgemein erscheinen und von denen erblickt werden läßt, welche dem Geschäft des Schätzehebens obliegen, das nur zu oft den Hals und das ewige Seelenheil dazu kostet, das sind die Gelddrachen, die auch oft auf zwei Beinen mit Menschengesichtern umgehen.

Nicht weit von dem Dorfe Peisla ohnweit Ranis erhebt sich der Engelsberg, ganz mit Rotbuchen bewachsen. An seinem Fuße zieht sich ein tiefer Graben nach Norden, den man den Poppengraben nennt, und welcher an den Poppenbiel stößt. Auf der östlichen Seite des Berges öffnet sich eine Höhle, die der Sage nach durch den ganzen Berg sich erstrecken soll. Zwei feurige Drachen liegen darin an Ketten und haben einen großen Schatz, der daselbst verborgen ist, zu bewachen. Ein graues Männchen wird nach Jahrhunderten die Stelle andeuten, wo der große Schlüssel liegt, mit welchem der Zugang zum Schatze geöffnet werden kann, indem das Männchen mit einem Stabe einem der großen Steine, die am Wege von Peisla nach Dobian liegen, ein Malzeichen aufdrücken wird.

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546. Von Moosleuten, Holzweibeln und Heimchen

546. Von Moosleuten, Holzweibeln und Heimchen

Es ist schwer, eine sondernde Linie zu ziehen zwischen den verwandtschaftlichen Beziehungen der Elbe, die das Volk so verschieden benennt und kennzeichnet, und könnte einer ein Buch allein über sotanes Völklein schreiben, ungleich reichhaltiger als des Iren T. Knightleys Mythologie der Feen und Elfen. Aus Büchern aber darf es einer nicht lernen wollen, er muß selbst an Orten und Stellen hinhorchen, was die Leute sich auf den Dörfern davon erzählen. Und wie das gespenstige Zwergvölklein sich nicht streng sondern läßt, so lassen sich auch die Sagen von ihm nicht sondern, denn es erscheint bald da, bald dort, bald in dieser, bald in jener Gestalt und Gesellschaft oder auch ganz allein. Aber die Moosleute sind keine Hülfsgeister, die Holzweibel keine Moosleute und die Heimchen sind auch nur wenig von allen diesen, höchstens Hülfsgeister; sie bilden das Gefolge der wilden Bertha, sind aber nicht wild, sondern traulich, wie ihr Name, der traulichste, der in deutscher Zunge klingt und daher auch einem Tiere gegeben ward, das heimlich am heimischen Herde, am Backofen, in der Wärme weilt, und dessen Zirpen der Volksglaube prophetische Bedeutung beilegt. Sie heißen in diesem Lande Heimchen, nicht mit Heinchen oder Heinzchen zu verwechseln. Im Orlagau heißt Perchta die Heimchenkönigin und erscheint umschwärmt von dieser neckischen Elbenschar. Wie anderorts die Zwerge über Flüsse sich schiffen ließen und fortzogen, so bei den Dörfern Kosdorf und Rödern, welche nicht mehr vorhanden sind, im Orlagau die Heimchen. An einigen Orten dieser Gegend heißen sie auch Butzelmännchen, Heimele, Erdmännele und werden gedacht als ganz winzig kleine Erdgeister, welche nur fingerslang sind und in den Mäuselöchern der Häuser wohnen. Gewöhnlich lassen sie sich in den Abendstunden sehen, sind weiß bekleidet, erweisen sich freundlichen Gemütes und führen in Zahl von mehreren Hunderten liebliche Kreiseltänze auf. Sie zeigen den Bewohnern des Hauses Glück oder Unglück im voraus an und hinterlassen zuweilen, wenn man sie sorgsam hegt, köstliche, obschon höchst niedliche Geschenke, welche zur Morgenstunde in goldnen Kästchen vor den Mäuselöchern aufgestellt sich finden.

Im Schnerfert bei Grobengereuth auf dem roten Biel gab es vorzeiten Waldweibchen in Menge. Sie sprangen auf den Heuschobern und den Getreidegarben herum und spielten miteinander wie die Kinder. Wenn Leute dazukamen, die sich bei dem Anblick der Kleinen blöde und furchtsam zeigten, so riefen sie ihnen freundlich zu: Kommt immer her, treibt, was ihr wollt, wir tun euch nichts. Doch benaschten sie die Arbeiter im Schnerfert gern und trugen ihnen wohl halbe und ganze Brote weg.

In der ganzen Gegend um Altengesees herum, die bis heutzutage sehr holzreich ist, standen die Bauern mit den Holzweibeln im freundlichsten Verkehr. Sooft Holz gefällt wurde, waren sie gleich bei der Hand, baten die Holzmacher, daß sie doch, ehe der fallende Baum den Erdboden erreiche, drei Kreuze in den Stock hauen möchten, so daß sie darauf Schutz vor der wilden Jagd finden könnten. Gern taten dies die Leute, und die Waldweibeln halfen den Arbeitern dafür, wo sie wußten und konnten. Gingen die Bauern am Morgen in den Wald, so legten sie ein Stückchen Brot oder einen Kloß für ihre kleinen Gehülfen auf die bekreuzten Stöcke, und diese luden freundlich ein, fleißig Holz zu holen mit den Worten:

War Hulz braucht, kumm,
war arm is, namm.

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547. Kümmelbrot

547. Kümmelbrot

Im Schallholz, eine Viertelstunde westlich von Merkendorf, hausten auch Holzmännel und Holzweibel; die waren den Leuten gern behülflich und dienstbar, halfen auch Heu machen, waren aber nicht blöde und ließen sich oft ungefragt die Klöße aus den Töpfen und die Brote aus den Ofen gefallen. Das war zuletzt den Leuten nicht recht, sie gedachten diese unliebsamen Gäste los zu werden und wendeten die Mittel an, die dazu dienlich waren. Der Müller, dem sie treulich geholfen, Mehl und Mühle gefegt hatten, legte ihnen neue Kleider hin, das verdroß die kleinen Hülfswesen, und sie zogen ab und kamen nicht wieder. Andere Leute buken Kümmel unter das Brot oder bestreuten, wie es noch heute üblich ist, die Rinde damit. Da klagten die Holzweibel:

Kümmelbrot,
unser Tod.

Und dann sagten sie im Weggehen, da sie fortzogen, um nimmer wiederzukehren:

Eßt ihr euer Kümmelbrot,
tragt auch eure schlimme Not.

Und nachher ist es den Leuten auch nie wieder so gut und wohl geworden wie früher.

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548. Das hohle Brot

548. Das hohle Brot

Zu einem Hirtenmädchen aus Gefell kam oft ein Holzweibel auf die Hut, und das Mädel war mit dem Weibel gut vertraut. Eines Tages, als sie daheim frisch gebacken hatten und kein Mangel vorhanden war, nahm das Mädchen einen ganzen Laib Brot für das Holzweibel mit. Das empfing das Brot mit großer Freude, brach es auf und höhlte alle Krume heraus, dann sammelte es Laub am Hutrain und stopfte das hohle Brot damit voll. Dieses kindische Tun verdroß die junge Hirtin, es dauerte sie das liebe Brot. Und auf einmal lag das Brot bei ihr, und das Holzweibel war verschwunden. Nun hatte das Mädchen nichts Eiligeres zu tun, als das Laub aus dem gehöhlten Brot zu schütten, und das letztere nahm es wieder mit nach Hause. Da klapperte etwas im Brot, und das Mädchen dachte, es möchte etwa ein kleiner Stein sein, der mit dem Laub in das Brot gekommen, schüttete es nochmals aus, aber siehe, da waren aus einigen Blättern Laub, die innen hängengeblieben waren, einige Laubtaler geworden. Wie schnell lief die Hirtin nach dem Rain, wie suchte sie nach dem köstlichen Laube, fand es auch noch und trug’s in der Schürze heim, aber es wollten daraus keine Laubtaler werden, und nie sah sie das dankbare Holzweiblein wieder.

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54. Eginhart und Emma

54. Eginhart und Emma

Kaiser Karl der Große hatte einen jungen Kapellan, Eginhart geheißen, der ihm auch als Geheimschreiber treulich diente, und von welchem jenes großen und mächtigen Kaisers Leben beschrieben worden ist. Dieser liebte des Kaisers Tochter Imma oder Emma und wurde von ihr heftig wiedergeliebt, doch fürchteten sich beide, dem mächtigen Herrscher Karl ihre Leidenschaft zu entdecken, weil Imma bereits dem Könige von Byzanz verlobt war. Da geschah es, daß Eginhart in einer Nacht zu Imma kam und mit ihr von ihrer Liebe redete, bis der Morgen fast zu grauen begann. Aber während die Liebenden heimlich beisammen waren, fiel ein starker Schnee, und als Eginhart von seiner Geliebten hinweggehen wollte, da er über den Hof der Kaiserpfalz zu Ingelheim, wo sich dieses zutrug, wandeln mußte, erschraken beide sehr, denn sein Fußtritt von ihrem Gemach aus mußte ihn ohnfehlbar verraten. Da ersann Imma eine List, sie gürtete sich und trug den Geliebten auf ihrem Rücken durch den Schnee über den Burghof bis zur Stelle, wo er sicher war, und kehrte dann, in ihre eigenen Fußtapfen vorsichtig tretend, wieder zurück. Alles war still, und alles schlief, nur der große Kaiser nicht. Dieser wachte und sah aus seinem Gemach hinab in den Schloßhof und erkannte mit Schmerz die eigne Tochter – doch er schwieg. Der junge Kanzler aber gelobte sich nach der ertragenen Angst, des Kaisers Hof zu verlassen, kniete nieder vor seinem Herrn und bat ihn zu entlassen. Da der Kaiser nach der Ursache solcher Bitte fragte, so wandte Eginhart Mißmut vor, sein Dienst werde ihm nicht gehörig vergolten, und was er sonst für Ausreden brauchte. Der Kaiser versprach dem Jüngling baldigen Bescheid, setzte aber ein Gericht an, zu dem er seine weisesten Räte und Richter berief, und trug ihnen vor, was sich begeben habe, und was er mit Augen gesehen; heischte nun, da er in eigner Sache nicht Richter sein wollte, ihren Rat und ihr Urteil. Da stimmten die Räte und Richter fast allzumal für Milde und Verzeihen, und der große König, ob er auch im Herzen zürnte, mußte ihnen zuletzt beistimmen. Darauf ließ er seinen Schreiber vorfordern und sprach zu ihm: Schon lange hätte ich deine Dienste besser vergolten, hättest du mir früher dein Mißvergnügen entdeckt, nun will ich dir meine Tochter Imma zur ehelichen Frau geben, welche dich hochgegürtet so williglich durch den Schnee getragen hat. Und sandte nach der Tochter, und Imma kam mit hohem Erröten und ward ihrem Herzgeliebten alsobald angetraut. Der Kaiser begabte seine Kinder reich mit Ortschaften, Waldungen und Feldern und hielt Eginhart gar hoch in seinem Herzen. Als aber der große Kaiser verstorben war, da sehnte Eginhart sich vom Hofe hinweg mit seiner lieben Imma in beschauliche Stille, und König Ludwig der Fromme, Karols Sohn, begabte ihn mit zwei königlichen Villen im Odinwald, die hießen Michlinstadt und Mühlenheim. Nach einer Reihe glücklich verlebter Jahre wandte sich das Herz der Verbundenen mehr und mehr dem Himmel zu. Michlinstadt schenkten sie dem berühmten Kloster Lorsch, von dem überkamen es die Schenke von Erbach, die später Reichsgrafen wurden. Beide lebten fortan geistlich, nur noch als Bruder und Schwester verbunden: Eginhart ließ sich die Priesterweihen erteilen und erbaute eine Kirche mit Klosterzellen zu Obermühlheim, ließ dorthin heilige Leiber aus Rom kommen, und als seine Imma verstorben war, ließ er sie in seinem Kloster beisetzen, dessen erster Abt er wurde. Selig sei die Statt, wo du ruhest, sprach er an der Asche der Treugeliebten, und wo wir in Liebe Selige gewesen – und fortan wurde der Ort Seligenstadt genannt.

Andere sagen, Karl der Große habe die Liebenden von seinen Augen verbannt und verstoßen, und sie haben lange dort um Seligenstadt in einer Waldeinöde beisammengewohnt, bis der Kaiser auf einer Jagd sie einst unvermutet wiedergefunden und aus Freude jene Stätte selbst Seligenstatt genannt habe. Da auch Abt Eginhart verstorben war, wurden seine Gebeine neben denen seiner Imma beigesetzt und ihnen dann ein kostbarer Sarkophag, darinnen sie ruhten, errichtet, und da nun die erlauchten Grafen von Erbach zu Erbach ihren Stamm von diesem edlen Paare ableiten, so ist durch Geschenk von hoher Fürstenhand ihnen dieser alte Sarkophag verehret worden und wird als das kostbarste Altertum zu Erbach noch bewahrt. Nicht minder aber ward zu Seligenstadt ein herrlicher andrer Marmorsarkophag mit den Gebeinen der Gründer der dortigen Kirche in derselben aufgestellt, und so ist es gekommen, daß Eginharts und Emmas Sarg an zwei verschiedenen Orten gezeigt wird und doch jeder von beiden der wahrhaftige ist.

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549. Das erschrockene Wichtel

549. Das erschrockene Wichtel

Eine Bauersfrau aus Gössitz war daran, auf ihrer Holzwiese im Schlingengrunde gerade den letzten Heuschober auszubreiten, da saß auf dem Schober, mit dem Rücken der Frau zugekehrt, ein winzigkleines Männchen. Was war zu tun? Fertig wollte die Frau gern mit ihrer Arbeit werden und getraute sich doch nicht den Kleinen anzureden und heruntergehn zu heißen. Kurz bedacht schlich sie von hinten heran und zupfte mit dem Rechen Heu unten von dem Schober weg. Das Wichtel merkte nichts davon. Die Frau zupfte wieder und immer wieder; endlich kriegt der Schober oben das Übergewicht und bricht zusammen. Das erschrockene Männchen kreischte laut auf im Fallen und rang sich mit Mühe aus dem Heu hervor. Aus dem Holze aber kam ein ganzer Haufe kleiner Wichtel und rief:

Sag an, sag an!
hat es dir was getan?

Das sich vom Schrecken erholende Wichtel schaute aber immer nur den eingefallenen Heuschober an, schüttelte den Kopf und sprach:

Ei, ei! Das Ding fiel nur so ein;
da bin ich so erschrocken!

und lief, ohne auf die Bauersfrau achtzugeben, was es laufen konnte, mit seinen Kameraden in den Wald zurück.

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550. Die bestrafte Magd

550. Die bestrafte Magd

Eine kecke Magd schritt am Dreikönigsabend von Neidenberg nach Saaltal, ein Dorf ohnweit Wilhelmsdorf dicht an der Saale, heim. Sie war in einer Lichtstube zu Neidenberg spinnen gewesen und hatte ihren Rocken rein abgesponnen, auch hatten junge Burschen ihr das Geleit gegeben bis zum Bergabhang, der sich in das Flußtal senkt. Den Bergpfad herauf zog Perchta mit dem Heimchenvolke, und die Magd stutzte, als sie eine stattliche Frau sah, von einer so großen Schar Kinder umwimmelt, die noch dazu sich abmühten, einen großen Ackerpflug zu ziehen und bergauf zu schieben und anderes Geräte zu schleppen. Das kam ihr ganz komisch vor, und sie lachte hellauf, daß es drüben von der Bergwand widerhallte. Darob erschraken die Heimchen, daß sie abließen von ihrem Gerät, und alles samt dem Pflug rollte wieder den steilen Pfad hinab. Zürnend trat Frau Perchta vor die Unbesonnene und blies ihr in die Augen. Alsbald schlossen sich diese in starrer Blindheit. Angstvoll irrte sie nun und pfadlos über Stock und Stein, irrte die ganze Nacht, und erst am Morgen fand man sie und fuhr sie über den Strom zu ihrer Herrschaft in Saaltal, die sie nun aus dem Dienst wies, und so wurde die Hülflose eine Bettlerin. Da saß sie nun oft weinend und ihren Vorwitz bereuend am Weg und an der Überfahrstelle, und das geschah auch, als der Dreikönigsabend wiederkehrte. Die Blinde hörte, daß eine Frau des Weges kam, Gewänder rauschten, und es trippelte und trappelte wie von vielen Kindern, und sie erhob ihre Stimme und flehte um eine Gabe. Die Frau aber war Perchta mit ihrem Völklein und sprach: Du sollt eine Gabe han. Vorm Jahr blies ich dir zwei Lichtlein aus, heuer zünd‘ ich sie wieder an, blies der Bettlerin ins Gesicht und schritt weiter. Mit einemmal taten sich die Augen der Magd auf, und sie sah wieder wie zuvor. Nie vergaß sie, was ihr geschehen, und erzählte es oft, andern zur Warnung und zur guten Lehre.

Auch bei Neustadt an der Orla in der sogenannten Sorge geht dieselbe Sage von einer Spinnerin, welcher Perchta die Augen ausblies.

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