Gedichte

Seemanns Abschied

Seemanns Abschied

Ade, mein Schatz, du mochtst mich nicht,
Ich war dir zu geringe.
Einst wandelst du bei Mondenlicht
Und hörst ein süßes Klingen,
Ein Meerweib singt, die Nacht ist lau,
Die stillen Wolken wandern,
Da denk an mich, ’s ist meine Frau,
Nun such dir einen andern!

Ade, ihr Landsknecht‘, Musketier‘!
Wir ziehn auf wildem Rosse,
Das bäumt und überschlägt sich schier
Vor manchem Felsenschlosse,
Der Wassermann bei Blitzesschein
Taucht auf in dunklen Nächten,
Der Haifisch schnappt, die Möwen schrein –
Das ist ein lustges Fechten!

Streckt nur auf eurer Bärenhaut
Daheim die faulen Glieder,
Gott Vater aus dem Fenster schaut,
Schickt seine Sündflut wieder,
Feldwebel, Reiter, Musketier,
Sie müssen all ersaufen,
Derweil mit frischem Winde wir
Im Paradies einlaufen.

Die Spielleute

Die Spielleute

Frühmorgens durch die Klüfte
Wir blasen Viktoria!
Eine Lerche fährt durch die Lüfte:
»Die Spielleut sind schon da!«
Da dehnt ein Turm und reckt sich
Verschlafen im Morgengrau,
Wie aus dem Traume streckt sich
Der Strom durch die stille Au,
Und ihre Äuglein balde
Tun auf die Bächlein all
Im Wald, im grünen Walde,
Das ist ein lustger Schall!

Das ist ein lustges Reisen,
Der Eichbaum kühl und frisch
Mit Schatten, wo wir speisen,
Deckt uns den grünen Tisch.
Zum Frühstück musizieren
Die muntern Vögelein,
Der Wald, wenn sie pausieren,
Stimmt wunderbar mit ein,
Die Wipfel tut er neigen,
Als gesegnet‘ er uns das Mahl,
Und zeigt uns zwischen den Zweigen
Tief unten das weite Tal.

Tief unten da ist ein Garten,
Da wohnt eine schöne Frau,
Wir können nicht lange warten,
Durchs Gittertor wir schaun,
Wo die weißen Statuen stehen,
Da ists so still und kühl,
Die Wasserkünste gehen,
Der Flieder duftet schwül.
Wir ziehn vorbei und singen
In der stillen Morgenzeit,
Sie hörts im Traume klingen,
Wir aber sind schon weit.

Joseph von Eichendorff – Gedichte (Ausgabe 1841)

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Joseph von Eichendorff

 

Gedichte

(Ausgabe 1841)

 

1. Wanderlieder

 

Viele Boten gehn und gingen

Zwischen Erd und Himmelslust,

Solchen Gruß kann keiner bringen,

Als ein Lied aus frischer Brust.

 

 

Frische Fahrt

Laue Luft kommt blau geflossen,

Frühling, Frühling soll es sein!

Waldwärts Hörnerklang geschossen,

Mut’ger Augen lichter Schein;

Und das Wirren bunt und bunter

Wird ein magisch wilder Fluß,

In die schöne Welt hinunter

Lockt dich dieses Stromes Gruß.

 

Und ich mag mich nicht bewahren!

Weit von euch treibt mich der Wind,

Auf dem Strome will ich fahren,

Von dem Glanze selig blind!

Tausend Stimmen lockend schlagen,

Hoch Aurora flammend weht,

Fahre zu! ich mag nicht fragen,

Wo die Fahrt zu Ende geht!

 

 

Allgemeines Wandern

Vom Grund bis zu den Gipfeln,

So weit man sehen kann,

Jetzt blüht’s in allen Wipfeln,

Nun geht das Wandern an:

 

Die Quellen von den Klüften,

Die Ström auf grünem Plan,

Die Lerchen hoch in Lüften,

Der Dichter frisch voran.

 

Und die im Tal verderben

In trüber Sorgen Haft,

Er möcht sie alle werben

Zu dieser Wanderschaft.

 

Und von den Bergen nieder

Erschallt sein Lied ins Tal,

Und die zerstreuten Brüder

Faßt Heimweh allzumal.

 

Da wird die Welt so munter

Und nimmt die Reiseschuh,

Sein Liebchen mittendrunter

Die nickt ihm heimlich zu.

 

Und über Felsenwände

Und auf dem grünen Plan

Das wirrt und jauchzt ohn Ende –

Nun geht das Wandern an!

 

 

Der frohe Wandersmann

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,

Den schickt er in die weite Welt;

Dem will er seine Wunder weisen

In Berg und Wald und Strom und Feld.

 

Die Trägen, die zu Hause liegen,

Erquicket nicht das Morgenrot,

Sie wissen nur von Kinderwiegen,

Von Sorgen, Last und Not um Brot.

 

Die Bächlein von den Bergen springen,

Die Lerchen schwirren hoch vor Lust,

Was sollt ich nicht mit ihnen singen

Aus voller Kehl und frischer Brust?

 

Den lieben Gott laß ich nur walten;

Der Bächlein, Lerchen, Wald und Feld

Und Erd und Himmel will erhalten,

Hat auch mein Sach aufs best bestellt!

 

 

Im Walde

Es zog eine Hochzeit den Berg entlang,

Ich hörte die Vögel schlagen,

Da blitzten viel Reiter, das Waldhorn klang,

Das war ein lustiges Jagen!

 

Und eh ich’s gedacht, war alles verhallt,

Die Nacht bedecket die Runde,

Nur von den Bergen noch rauschet der Wald

Und mich schauert im Herzensgrunde.

 

 

Zwielicht

Dämmrung will die Flügel spreiten,

Schaurig rühren sich die Bäume,

Wolken ziehn wie schwere Träume –

Was will dieses Graun bedeuten?

 

Hast ein Reh du, lieb vor andern,

Laß es nicht alleine grasen,

Jäger ziehn im Wald und blasen,

Stimmen hin und wieder wandern.

 

Hast du einen Freund hienieden,

Trau ihm nicht zu dieser Stunde,

Freundlich wohl mit Aug und Munde,

Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

 

Was heut müde gehet unter,

Hebt sich morgen neugeboren.

Manches bleibt in Nacht verloren –

Hüte dich, bleib wach und munter!

 

 

Nachts

Ich wandre durch die stille Nacht,

Da schleicht der Mond so heimlich sacht

Oft aus der dunklen Wolkenhülle,

Und hin und her im Tal

Erwacht die Nachtigall,

Dann wieder alles grau und stille.

 

O wunderbarer Nachtgesang:

Von fern im Land der Ströme Gang,

Leis Schauern in den dunklen Bäumen –

Wirrst die Gedanken mir,

Mein irres Singen hier

Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

 

 

Der wandernde Musikant

1.

Wandern lieb ich für mein Leben,

Lebe eben wie ich kann,

Wollt ich mir auch Mühe geben,

Paßt es mir doch gar nicht an.

 

Schöne alte Lieder weiß ich,

In der Kälte, ohne Schuh

Draußen in die Saiten reiß ich,

Weiß nicht, wo ich abends ruh.

 

Manche Schöne macht wohl Augen,

Meinet, ich gefiel’ ihr sehr,

Wenn ich nur was wollte taugen,

So ein armer Lump nicht wär. –

 

Mag dir Gott ein’n Mann bescheren

Wohl mit Haus und Hof versehn!

Wenn wir zwei zusammen wären,

Möcht mein Singen mir vergehn.

 

 

2.

Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland lau und blau,

Ging’ ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.

 

In der Nacht dann Liebchen lauschte

An dem Fenster süß verwacht,

Wünschte mir und ihr, uns beiden,

Heimlich eine schöne Nacht.

 

Wenn die Sonne lieblich schiene

Wie in Welschland lau und blau,

Ging’ ich mit der Mandoline

Durch die überglänzte Au.

 

 

3.

Ich reise übers grüne Land,

Der Winter ist vergangen,

Hab um den Hals ein gülden Band,

Daran die Laute hangen.

 

Der Morgen tut ein’n roten Schein,

Den recht mein Herze spüret,

Da greif ich in die Saiten ein,

Der liebe Gott mich führet.

 

So silbern geht der Ströme Lauf,

Fernüber schallt Geläute,

Die Seele ruft in sich: Glück auf!

Rings grüßen frohe Leute.

 

Mein Herz ist recht von Diamant,

Ein’ Blum von Edelsteinen,

Die funkelt lustig übers Land

In tausend schönen Scheinen.

 

Vom Schlosse in die weite Welt

Schaut eine Jungfrau ‘runter,

Der Liebste sie im Arme hält,

Die sehn nach mir herunter.

 

Wie bist du schön! Hinaus, im Wald

Gehn Wasser auf und unter,

Im grünen Wald sing, daß es schallt,

Mein Herz, bleib frei und munter!

 

Die Sonne uns im Dunklen läßt,

Im Meere sich zu spülen,

Da ruh ich aus vom Tagesfest

Fromm in der roten Kühle.

 

Hoch führet durch die stille Nacht

Der Mond die goldnen Schafe,

Den Kreis der Erden Gott bewacht,

Wo ich tief unten schlafe.

 

Wie liegt all falsche Pracht so weit!

Schlaf wohl auf stiller Erde,

Gott schütz dein Herz in Ewigkeit,

Daß es nie traurig werde!

 

 

4.

Bist du manchmal auch verstimmt,

Drück dich zärtlich an mein Herze,

Daß mir’s fast den Atem nimmt,

Streich und kneif in süßem Scherze,

Wie ein rechter Liebestor

Lehn ich sanft an dich die Wange

Und du singst mir fein ins Ohr.

Wohl im Hofe bei dem Klange

Katze miaut, Hund heult und bellt,

Nachbar schimpft mit wilder Miene –

Doch was kümmert uns die Welt,

Süße, traute Violine!

 

 

5.

Mürrisch sitzen sie und maulen

Auf den Bänken stumm und breit,

Gähnend strecken sich die Faulen,

Und die Kecken suchen Streit.

 

Da komm ich durchs Dorf geschritten,

Fernher durch den Abend kühl,

Stell mich in des Kreises Mitten,

Grüß und zieh mein Geigenspiel.

 

Und wie ich den Bogen schwenke,

Ziehn die Klänge in der Rund

Allen recht durch die Gelenke

Bis zum tiefsten Herzensgrund.

 

Und nun geht’s ans Gläserklingen,

An ein Walzen um und um,

Je mehr ich streich, je mehr sie springen

Keiner fragt erst lang: warum? –

 

Jeder will dem Geiger reichen

Nun sein Scherflein auf die Hand –

Da vergeht ihm gleich sein Streichen,

Und fort ist der Musikant.

 

Und sie sehn ihn fröhlich steigen

Nach den Waldeshöhn hinaus,

Hören ihn von fern noch geigen,

Und gehn all vergnügt nach Haus.

 

Doch in Waldes grünen Hallen

Rast ich dann noch manche Stund,

Nur die fernen Nachtigallen

Schlagen tief aus nächt’gem Grund.

 

Und es rauscht die Nacht so leise

Durch die Waldeseinsamkeit,

Und ich sinn auf neue Weise,

Die der Menschen Herz erfreut.

 

 

6.

Durch Feld und Buchenhallen

Bald singend, bald fröhlich still,

Recht lustig sei vor allen

Wer ‘s Reisen wählen will!

 

Wenn’s kaum im Osten glühte,

Die Welt noch still und weit:

Da weht recht durchs Gemüte

Die schöne Blütenzeit!

 

Die Lerch als Morgenbote

Sich in die Lüfte schwingt,

Eine frische Reisenote

Durch Wald und Herz erklingt.

 

O Lust, vom Berg zu schauen

Weit über Wald und Strom,

Hoch über sich den blauen

Tiefklaren Himmelsdom!

 

Vom Berge Vöglein fliegen

Und Wolken so geschwind,

Gedanken überfliegen

Die Vögel und den Wind.

 

Die Wolken ziehn hernieder,

Das Vöglein senkt sich gleich,

Gedanken gehn und Lieder

Fort bis ins Himmelreich.

 

 

Die Zigeunerin

Am Kreuzweg, da lausche ich, wenn die Stern

Und die Feuer im Walde verglommen,

Und wo der erste Hund bellt von fern,

Da wird mein Bräut’gam herkommen.

 

»Und als der Tag graut’, durch das Gehölz

Sah ich eine Katze sich schlingen,

Ich schoß ihr auf den nußbraunen Pelz,

Wie tat die weitüber springen!« –

 

‘s ist schad nur ums Pelzlein, du kriegst mich nit!

Mein Schatz muß sein wie die andern:

Braun und ein Stutzbart auf ung’rischen Schnitt

Und ein fröhliches Herze zum Wandern.

 

 

Der wandernde Student

Bei dem angenehmsten Wetter

Singen alle Vögelein,

Klatscht der Regen auf die Blätter,

Sing ich so für mich allein.

 

Denn mein Aug kann nichts entdecken,

Wenn der Blitz auch grausam glüht,

Was im Wandern könnt erschrecken

Ein zufriedenes Gemüt.

 

Frei von Mammon will ich schreiten

Auf dem Feld der Wissenschaft,

Sinne ernst und nehm zuzeiten

Einen Mund voll Rebensaft.

 

Bin ich müde vom Studieren,

Wann der Mond tritt sanft herfür,

Pfleg ich dann zu musizieren

Vor der Allerschönsten Tür.

 

 

Der Maler

Aus Wolken, eh im nächt’gen Land

Erwacht die Kreaturen,

Langt Gottes Hand,

Zieht durch die stillen Fluren

Gewaltig die Konturen,

Strom, Wald und Felsenwand.

 

Wach auf, wach auf! die Lerche ruft,

Aurora taucht die Strahlen

Verträumt in Duft,

Beginnt auf Berg und Talen

Ringsum ein himmlisch Malen

In Meer und Land und Luft.

 

Und durch die Stille, lichtgeschmückt,

Aus wunderbaren Locken

Ein Engel blickt. –

Da rauscht der Wald erschrocken,

Da gehn die Morgenglocken,

Die Gipfel stehn verzückt.

 

O lichte Augen, ernst und mild,

Ich kann nicht von euch lassen!

Bald wieder wild

Stürmt’s her von Sorg und Hassen –

Durch die verworrnen Gassen

Führ mich, mein göttlich Bild!

 

 

Der Soldat

1.

Ist auch schmuck nicht mein Rößlein,

So ist’s doch recht klug,

Trägt im Finstern zu ‘nem Schlößlein

Mich rasch noch genug.

 

Ist das Schloß auch nicht prächtig:

Zum Garten aus der Tür

Tritt ein Mädchen doch allnächtig

Dort freundlich herfür.

 

Und ist auch die Kleine

Nicht die Schönst auf der Welt,

So gibt’s doch just keine,

Die mir besser gefällt.

 

Und spricht sie vom Freien:

So schwing ich mich auf mein Roß –

Ich bleibe im Freien,

Und sie auf dem Schloß.

2.

 

Wagen mußt du und flüchtig erbeuten,

Hinter uns schon durch die Nacht hör ich’s schreiten,

Schwing auf mein Roß dich nur schnell

Und küß noch im Flug mich, wildschönes Kind,

Geschwind,

Denn der Tod ist ein rascher Gesell.

 

Seemanns Abschied

Ade, mein Schatz, du mochtst mich nicht,

Ich war dir zu geringe.

Einst wandelst du bei Mondenlicht

Und hörst ein süßes Klingen,

Ein Meerweib singt, die Nacht ist lau,

Die stillen Wolken wandern,

Da denk an mich, ‘s ist meine Frau,

Nun such dir einen andern!

 

Ade, ihr Landsknecht, Musketier!

Wir ziehn auf wildem Rosse,

Das bäumt und überschlägt sich schier

Vor manchem Felsenschlosse,

Der Wassermann bei Blitzesschein

Taucht auf in dunklen Nächten,

Der Haifisch schnappt, die Möwen schrein –

Das ist ein lust’ges Fechten!

 

Streckt nur auf eurer Bärenhaut

Daheim die faulen Glieder,

Gott Vater aus dem Fenster schaut,

Schickt seine Sündflut wieder,

Feldwebel, Reiter, Musketier,

Sie müssen all ersaufen,

Derweil mit frischem Winde wir

Im Paradies einlaufen.

 

 

Die Spielleute

Frühmorgens durch die Klüfte

Wir blasen Victoria!

Eine Lerche fährt in die Lüfte:

»Die Spielleut sind schon da!«

Da dehnt ein Turm und reckt sich

Verschlafen im Morgengrau,

Wie aus dem Traume streckt sich

Der Strom durch die stille Au,

Und ihre Äuglein balde

Tun auf die Bächlein all

Im Wald, im grünen Walde,

Das ist ein lust’ger Schall!

 

Das ist ein lust’ges Reisen,

Der Eichbaum kühl und frisch

Mit Schatten, wo wir speisen,

Deckt uns den grünen Tisch.

Zum Frühstück musizieren

Die muntern Vögelein,

Der Wald, wenn sie pausieren,

Stimmt wunderbar mit ein,

Die Wipfel tut er neigen,

Als gesegnet’ er uns das Mahl,

Und zeigt uns zwischen den Zweigen

Tief unten das weite Tal.

 

Tief unten da ist ein Garten,

Da wohnt eine schöne Frau,

Wir können nicht lange warten,

Durchs Gittertor wir schaun,

Wo die weißen Statuen stehen,

Da ist’s so still und kühl,

Die Wasserkünste gehen,

Der Flieder duftet schwül.

Wir ziehn vorbei und singen

In der stillen Morgenzeit,

Sie hört’s im Traume klingen,

Wir aber sind schon weit.

 

 

Vor der Stadt

Zwei Musikanten ziehn daher

Vom Wald aus weiter Ferne,

Der eine ist verliebt gar sehr,

Der andre wär es gerne.

 

Die stehn allhier im kalten Wind

Und singen schön und geigen:

Ob nicht ein süßverträumtes Kind

Am Fenster sich wollt zeigen?

 

 

Dryander mit der Komödiantenbande

Mich brennt’s an meinen Reiseschuhn,

Fort mit der Zeit zu schreiten –

Was wollen wir agieren nun

Vor so viel klugen Leuten?

 

Es hebt das Dach sich von dem Haus

Und die Kulissen rühren

Und strecken sich zum Himmel ‘raus,

Strom, Wälder musizieren!

 

Und aus den Wolken langt es sacht,

Stellt alles durcheinander,

Wie sich’s kein Autor hat gedacht:

Volk, Fürsten und Dryander.

 

Da gehn die einen müde fort,

Die andern nahn behende,

Das alte Stück, man spielt’s so fort

Und kriegt es nie zu Ende.

 

Und keiner kennt den letzten Akt

Von allen, die da spielen,

Nur der da droben schlägt den Takt,

Weiß, wo das hin will zielen.

Der verliebte Reisende

 

1.

Da fahr ich still im Wagen,

Du bist so weit von mir,

Wohin er mich mag tragen,

Ich bleibe doch bei dir.

 

Da fliegen Wälder, Klüfte

Und schöne Täler tief,

Und Lerchen hoch in Lüften,

Als ob dein’ Stimme rief.

 

Die Sonne lustig scheinet

Weit über das Revier,

Ich bin so froh verweinet

Und singe still in mir.

 

Vom Berge geht’s hinunter,

Das Posthorn schallt im Grund,

Mein’ Seel wird mir so munter,

Grüß dich aus Herzensgrund.

2.

 

Ich geh durch die dunklen Gassen

Und wandre von Haus zu Haus,

Ich kann mich noch immer nicht fassen,

Sieht alles so trübe aus.

 

Da gehen viel Männer und Frauen,

Die alle so lustig sehn,

Die fahren und lachen und bauen,

Daß mir die Sinne vergehn.

 

Oft wenn ich bläuliche Streifen

Seh über die Dächer fliehn,

Sonnenschein draußen schweifen,

Wolken am Himmel ziehn:

 

Da treten mitten im Scherze

Die Tränen ins Auge mir,

Denn die mich lieben von Herzen

Sind alle so weit von hier.

3.

 

Lied, mit Tränen halb geschrieben,

Dorthin über Berg und Kluft,

Wo die Liebste mein geblieben,

Schwing dich durch die blaue Luft!

 

Ist sie rot und lustig, sage:

Ich sei krank von Herzensgrund;

Weint sie nachts, sinnt still bei Tage,

Ja, dann sag: ich sei gesund!

 

Ist vorbei ihr treues Lieben,

Nun, so end auch Lust und Not,

Und zu allen, die mich lieben,

Flieg und sage: ich sei tot!

4.

 

Ach Liebchen, dich ließ ich zurücke,

Mein liebes, herziges Kind,

Da lauern viel Menschen voll Tücke,

Die sind dir so feindlich gesinnt.

 

Die möchten so gerne zerstören

Auf Erden das schöne Fest

Ach, könnte das Lieben aufhören,

So mögen sie nehmen den Rest.

 

Und alle die grünen Orte,

Wo wir gegangen im Wald,

Die sind nun wohl anders geworden,

Da ist’s nun so still und kalt.

 

Da sind nun am kalten Himmel

Viel tausend Sterne gestellt,

Es scheint ihr goldnes Gewimmel

Weit übers beschneite Feld.

 

Mein’ Seele ist so beklommen,

Die Gassen sind leer und tot,

Da hab ich die Laute genommen

Und singe in meiner Not.

 

Ach, wär ich im stillen Hafen!

Kalte Winde am Fenster gehn,

Schlaf ruhig, mein Liebchen, schlafe,

Treu’ Liebe wird ewig bestehn!

5.

 

Grün war die Weide,

Der Himmel blau,

Wir saßen beide

Auf glänzender Au.

 

Sind’s Nachtigallen

Wieder, was ruft,

Lerchen, die schallen

Aus warmer Luft?

 

Ich hör die Lieder,

Fern, ohne dich,

Lenz ist’s wohl wieder,

Doch nicht für mich.

6.

 

Wolken, wälderwärts gegangen,

Wolken, fliegend übers Haus,

Könnt ich an euch fest mich hangen,

Mit euch fliegen weit hinaus!

 

Tag’lang durch die Wälder schweif ich,

Voll Gedanken sitz ich still,

In die Saiten flüchtig greif ich,

Wieder dann auf einmal still.

 

Schöne, rührende Geschichten

Fallen ein mir, wo ich steh,

Lustig muß ich schreiben, dichten,

Ist mir selber gleich so weh.

 

Manches Lied, das ich geschrieben

Wohl vor manchem langen Jahr,

Da die Welt vom treuen Lieben

Schön mir überglänzet war;

 

Find ich’s wieder jetzt voll Bangen:

Werd ich wunderbar gerührt,

Denn so lang ist das vergangen,

Was mich zu dem Lied verführt.

 

Diese Wolken ziehen weiter,

Alle Vögel sind erweckt,

Und die Gegend glänzet heiter,

Weit und fröhlich aufgedeckt.

 

Regen flüchtig abwärts gehen,

Scheint die Sonne zwischendrein,

Und dein Haus, dein Garten stehen

Überm Wald im stillen Schein.

 

Doch du harrst nicht mehr mit Schmerzen,

Wo so lang dein Liebster sei –

Und mich tötet noch im Herzen

Dieser Schmerzen Zauberei.

 

Rückkehr

Mit meinem Saitenspiele,

Das schön geklungen hat,

Komm ich durch Länder viele

Zurück in diese Stadt.

 

Ich ziehe durch die Gassen,

So finster ist die Nacht,

Und alles so verlassen,

Hatt’s anders mir gedacht.

 

Am Brunnen steh ich lange,

Der rauscht fort, wie vorher,

Kommt mancher wohl gegangen,

Es kennt mich keiner mehr.

 

Da hört ich geigen, pfeifen,

Die Fenster glänzten weit,

Dazwischen drehn und schleifen

Viel fremde, fröhliche Leut.

 

Und Herz und Sinne mir brannten,

Mich trieb’s in die weite Welt,

Es spielten die Musikanten,

Da fiel ich hin im Feld.

 

Auf einer Burg

Eingeschlafen auf der Lauer

Oben ist der alte Ritter;

Drüber gehen Regenschauer,

Und der Wald rauscht durch das Gitter.

 

Eingewachsen Bart und Haare,

Und versteinert Brust und Krause,

Sitzt er viele hundert Jahre

Oben in der stillen Klause.

 

Draußen ist es still und friedlich,

Alle sind ins Tal gezogen,

Waldesvögel einsam singen

In den leeren Fensterbogen.

 

Eine Hochzeit fährt da unten

Auf dem Rhein im Sonnenscheine,

Musikanten spielen munter,

Und die schöne Braut die weinet.

 

 

Jahrmarkt

Sind’s die Häuser, sind’s die Gassen?

Ach, ich weiß nicht, wo ich bin!

Hab ein Liebchen hier gelassen,

Und manch Jahr ging seitdem hin.

 

Aus den Fenstern schöne Frauen

Sehn mir freundlich ins Gesicht,

Keine kann so frischlich schauen,

Als mein liebes Liebchen sicht.

 

An dem Hause poch ich bange –

Doch die Fenster stehen leer,

Ausgezogen ist sie lange,

Und es kennt mich keiner mehr.

 

Und ringsum ein Rufen, Handeln,

Schmucke Waren, bunter Schein,

Herrn und Damen gehn und wandeln

Zwischendurch in bunten Reihn.

 

Zierlich Bücken, freundlich Blicken,

Manches flücht’ge Liebeswort,

Händedrücken, heimlich Nicken –

Nimmt sie all der Strom mit fort.

 

Und mein Liebchen sah ich eben

Traurig in dem lust’gen Schwarm,

Und ein schöner Herr daneben

Führt sie stolz und ernst am Arm.

 

Doch verblaßt war Mund und Wange,

Und gebrochen war ihr Blick,

Seltsam schaut’ sie stumm und lange,

Lange noch auf mich zurück. –

 

Und es endet Tag und Scherzen,

Durch die Gassen pfeift der Wind –

Keiner weiß, wie unsre Herzen

Tief von Schmerz zerrissen sind.

 

 

In der Fremde

Ich hör die Bächlein rauschen

Im Walde her und hin,

Im Walde in dem Rauschen

Ich weiß nicht, wo ich bin.

 

Die Nachtigallen schlagen

Hier in der Einsamkeit,

Als wollten sie was sagen

Von der alten, schönen Zeit.

 

Die Mondesschimmer fliegen,

Als säh ich unter mir

Das Schloß im Tale liegen,

Und ist doch so weit von hier!

 

Als müßte in dem Garten

Voll Rosen weiß und rot,

Meine Liebste auf mich warten,

Und ist doch lange tot.

 

 

Sehnsucht

Es schienen so golden die Sterne,

Am Fenster ich einsam stand

Und hörte aus weiter Ferne

Ein Posthorn im stillen Land.

Das Herz mir im Leib entbrennte,

Da hab ich mir heimlich gedacht:

Ach, wer da mitreisen könnte

In der prächtigen Sommernacht!

 

Zwei junge Gesellen gingen

Vorüber am Bergeshang,

Ich hörte im Wandern sie singen

Die stille Gegend entlang:

Von schwindelnden Felsenschlüften,

Wo die Wälder rauschen so sacht,

Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.

 

Sie sangen von Marmorbildern,

Von Gärten, die überm Gestein

In dämmernden Lauben verwildern,

Palästen im Mondenschein,

Wo die Mädchen am Fenster lauschen,

Wann der Lauten Klang erwacht

Und die Brunnen verschlafen rauschen

In der prächtigen Sommernacht. –

 

 

Abschied

O Täler weit, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächt’ger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,

Saust die geschäft’ge Welt,

Schlag noch einmal die Bogen

Um mich, du grünes Zelt!

 

Wenn es beginnt zu tagen,

Die Erde dampft und blinkt,

Die Vögel lustig schlagen,

Daß dir dein Herz erklingt:

Da mag vergehn, verwehen

Das trübe Erdenleid,

Da sollst du auferstehen

In junger Herrlichkeit!

 

Da steht im Wald geschrieben,

Ein stilles, ernstes Wort

Von rechtem Tun und Lieben,

Und was des Menschen Hort.

Ich habe treu gelesen

Die Worte, schlicht und wahr,

Und durch mein ganzes Wesen

Ward’s unaussprechlich klar.

 

Bald werd ich dich verlassen,

Fremd in der Fremde gehn,

Auf buntbewegten Gassen

Des Lebens Schauspiel sehn;

Und mitten in dem Leben

Wird deines Ernsts Gewalt

Mich Einsamen erheben,

So wird mein Herz nicht alt.

 

 

Wann der Hahn kräht

Wann der Hahn kräht auf dem Dache,

Putzt der Mond die Lampe aus,

Und die Stern ziehn von der Wache,

Gott behüte Land und Haus!

 

 

Der Morgen

Fliegt der erste Morgenstrahl

Durch das stille Nebeltal,

Rauscht erwachend Wald und Hügel:

Wer da fliegen kann, nimmt Flügel!

 

Und sein Hütlein in die Luft

Wirft der Mensch vor Lust und ruft:

Hat Gesang doch auch noch Schwingen,

Nun, so will ich fröhlich singen!

 

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,

Bangt dir das Herz in krankem Mut;

Nichts ist so trüb in Nacht gestellt,

Der Morgen leicht macht’s wieder gut.

 

 

Mittagsruh

Über Bergen, Fluß und Talen,

Stiller Lust und tiefen Qualen

Webet heimlich, schillert, Strahlen!

Sinnend ruht des Tags Gewühle

In der dunkelblauen Schwüle,

Und die ewigen Gefühle,

Was dir selber unbewußt,

Treten heimlich, groß und leise

Aus der Wirrung fester Gleise,

Aus der unbewachten Brust,

In die stillen, weiten Kreise.

 

 

Der Abend

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewußt,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

 

 

Die Nacht

Wie schön, hier zu verträumen

Die Nacht im stillen Wald,

Wenn in den dunklen Bäumen

Das alte Märchen hallt.

 

Die Berg im Mondesschimmer

Wie in Gedanken stehn,

Und durch verworrne Trümmer

Die Quellen klagend gehn.

 

Denn müd ging auf den Matten

Die Schönheit nun zur Ruh,

Es deckt mit kühlen Schatten

Die Nacht das Liebchen zu.

 

Das ist das irre Klagen

In stiller Waldespracht,

Die Nachtigallen schlagen

Von ihr die ganze Nacht.

 

Die Stern gehn auf und nieder –

Wann kommst du, Morgenwind,

Und hebst die Schatten wieder

Von dem verträumten Kind?

 

Schon rührt sich’s in den Bäumen,

Die Lerche weckt sie bald –

So will ich treu verträumen

Die Nacht im stillen Wald.

 

 

Wegweiser

»Jetzt mußt du rechts dich schlagen,

Schleich dort und lausche hier,

Dann schnell drauflos im Jagen –

So wird noch was aus dir.«

 

Dank! doch durchs Weltgewimmel,

Sagt mir, ihr weisen Herrn,

Wo geht der Weg zum Himmel?

Das eine wüßt ich gern.

 

 

Täuschung

Ich ruhte aus vom Wandern,

Der Mond ging eben auf,

Da sah ich fern im Lande

Der alten Tiber Lauf,

Im Walde lagen Trümmer,

Paläste auf stillen Höhn

Und Gärten im Mondesschimmer –

O Welschland, wie bist du schön!

 

Und als die Nacht vergangen,

Die Erde blitzte so weit,

Einen Hirten sah ich hangen

Am Fels in der Einsamkeit.

Den fragt ich ganz geblendet:

»Komm ich nach Rom noch heut?«

Er dehnt’ sich halbgewendet:

»Ihr seid nicht recht gescheut!«

Eine Winzerin lacht’ herüber,

Man sah sie vor Weinlaub kaum,

Mir aber ging’s Herze über –

Es war ja alles nur Traum.

 

 

Schöne Fremde

Es rauschen die Wipfel und schauern,

Als machten zu dieser Stund

Um die halbversunkenen Mauern

Die alten Götter die Rund.

 

Hier hinter den Myrtenbäumen

In heimlich dämmernder Pracht,

Was sprichst du wirr wie in Träumen

Zu mir, phantastische Nacht?

 

Es funkeln auf mich alle Sterne

Mit glühendem Liebesblick,

Es redet trunken die Ferne

Wie von künftigem, großem Glück!

 

 

Liebe in der Fremde

1.

Jeder nennet froh die Seine,

Ich nur stehe hier alleine,

Denn was früge wohl die Eine:

Wen der Fremdling eben meine?

Und so muß ich, wie im Strome dort die Welle,

Ungehört verrauschen an des Frühlings Schwelle.

2.

 

Wie kühl schweift sich’s bei nächt’ger Stunde,

Die Zither treulich in der Hand!

Vom Hügel grüß ich in die Runde

Den Himmel und das stille Land.

 

Wie ist da alles so verwandelt,

Wo ich so fröhlich war, im Tal.

Im Wald wie still! der Mond nur wandelt

Nun durch den hohen Buchensaal.

 

Der Winzer Jauchzen ist verklungen

Und all der bunte Lebenslauf,

Die Ströme nur, im Tal geschlungen,

Sie blicken manchmal silbern auf.

 

Und Nachtigallen wie aus Träumen

Erwachen oft mit süßem Schall,

Erinnernd rührt sich in den Bäumen

Ein heimlich Flüstern überall.

 

Die Freude kann nicht gleich verklingen,

Und von des Tages Glanz und Lust

Ist so auch mir ein heimlich Singen

Geblieben in der tiefsten Brust.

 

Und fröhlich greif ich in die Saiten,

O Mädchen, jenseits überm Fluß,

Du lauschest wohl und hörst’s von weitem

Und kennst den Sänger an dem Gruß!

3.

 

Über die beglänzten Gipfel

Fernher kommt es wie ein Grüßen,

Flüsternd neigen sich die Wipfel

Als ob sie sich wollten küssen.

 

Ist er doch so schön und milde!

Stimmen gehen durch die Nacht,

Singen heimlich von dem Bilde –

Ach, ich bin so froh verwacht!

 

Plaudert nicht so laut, ihr Quellen!

Wissen darf es nicht der Morgen!

In der Mondnacht linde Wellen

Senk ich still mein Glück und Sorgen. –

4.

 

Jetzt wandr ich erst gern!

Am Fenster nun lauschen

Die Mädchen, es rauschen

Die Brunnen von fern.

Aus schimmernden Büschen

Ihr Plaudern, so lieb,

Erkenn ich dazwischen,

Ich höre mein Lieb!

 

Kind hüt dich! bei Nacht

Pflegt Amor zu wandern,

Ruft leise die andern,

Da schreiten erwacht

Die Götter zur Halle

Ins Freie hinaus,

Es bringt sie dir alle

Der Dichter ins Haus.

 

Lustige Musikanten

Der Wald, der Wald! daß Gott ihn grün erhalt,

Gibt gut Quartier und nimmt doch nichts dafür.

 

Zum grünen Wald wir Herberg halten,

Denn Hoffart ist nicht unser Ziel,

Im Wirtshaus, wo wir nicht bezahlten,

Es war der Ehre gar zuviel.

Der Wirt, er wollt uns gar nicht lassen,

Sie ließen Kann und Kartenspiel,

Die ganze Stadt war in den Gassen,

Und von den Bänken mit Gebraus

Stürzt’ die Schule heraus,

Wuchs der Haufe von Haus zu Haus,

Schwenkt’ die Mützen und jubelt’ und wogt’,

Der Hatschier, die Stadtwacht, der Bettelvogt,

Wie wenn ein Prinz zieht auf die Freit,

Gab alles, alles uns fürstlich Geleit.

Wir aber schlugen den Markt hinab

Uns durch die Leut mit dem Wanderstab,

Und hoch mit dem Tamburin, daß es schallt’ –

 

Zum Wald, zum Wald, zum schönen, grünen Wald!

 

Und da nun alle schlafen gingen,

Der Wald steckt’ seine Irrlicht’ an,

Die Frösche tapfer Ständchen bringen,

Die Fledermaus schwirrt leis voran,

Und in dem Fluß auf feuchtem Steine

Gähnt laut der alte Wassermann,

Strählt sich den Bart im Mondenscheine,

Und fragt ein Irrlicht, wer wir sind?

Das aber duckt sich geschwind;

Denn über ihn weg im Wind

Durch die Wipfel der wilde Jäger geht,

Und auf dem alten Turm sich dreht

Und kräht der Wetterhahn uns nach:

Ob wir nicht einkehrn unter sein Dach?

O Gockel, verfallen ist ja dein Haus,

Es sieht die Eule zum Fenster heraus,

Und aus allen Toren rauschet der Wald.

 

Der Wald, der Wald, der schöne, grüne Wald!

 

Und wenn wir müd einst, sehn wir blinken

Eine goldne Stadt still überm Land,

Am Tor Sankt Peter schon tut winken:

»Nur hier herein, Herr Musikant!«

Die Engel von den Zinnen fragen,

Und wie sie uns erst recht erkannt,

Sie gleich die silbernen Pauken schlagen,

Sankt Peter selbst die Becken schwenkt,

Und voll Geigen hängt

Der Himmel, Cäcilia an zu streichen fängt,

Dazwischen Hoch vivat! daß es prasselt und pufft,

Werfen die andern vom Wall in die Luft

Sternschnuppen, Kometen,

Gar prächt’ge Raketen

Versengen Sankt Peter den Bart, daß er lacht,

Und wir ziehen heim, schöner Wald, gute Nacht!

 

 

Wandersprüche

1.

Es geht wohl anders, als du meinst:

Derweil du rot und fröhlich scheinst,

Ist Lenz und Sonnenschein verflogen,

Die liebe Gegend schwarz umzogen;

Und kaum hast du dich ausgeweint,

Lacht alles wieder, die Sonne scheint –

Es geht wohl anders, als man meint.

 

 

2.

Herz, in deinen sonnenhellen

Tagen halt nicht karg zurück!

Allwärts fröhliche Gesellen

Trifft der Frohe und sein Glück.

 

Sinkt der Stern: alleine wandern

Magst du bis ans End der Welt –

Bau du nur auf keinen andern

Als auf Gott, der Treue hält.

3.

 

Was willst auf dieser Station

So breit dich niederlassen?

Wie bald nicht bläst der Postillion,

Du mußt doch alles lassen.

4.

 

Die Lerche grüßt den ersten Strahl,

Daß er die Brust ihr zünde,

Wenn träge Nacht noch überall

Durchschleicht die tiefen Gründe.

 

Und du willst, Menschenkind, der Zeit

Verzagend unterliegen?

Was ist dein kleines Erdenleid?

Du mußt es überfliegen!

5.

 

Der Sturm geht lärmend um das Haus,

Ich bin kein Narr und geh hinaus,

Aber bin ich eben draußen,

Will ich mich wacker mit ihm zausen.

6.

 

Ewig muntres Spiel der Wogen!

Viele hast du schon belogen,

Mancher kehrt nicht mehr zurück.

Und doch weckt das Wellenschlagen

Immer wieder frisches Wagen,

Falsch und lustig wie das Glück.

7.

 

Der Wandrer, von der Heimat weit,

Wenn rings die Gründe schweigen,

Der Schiffer in Meereseinsamkeit,

Wenn die Stern aus den Fluten steigen:

 

Die beiden schauern und lesen

In stiller Nacht,

Was sie nicht gedacht,

Da es noch fröhlicher Tag gewesen.

 

Wandernder Dichter

Ich weiß nicht, was das sagen will!

Kaum tret ich von der Schwelle still,

Gleich schwingt sich eine Lerche auf

Und jubiliert durchs Blau vorauf.

 

Das Gras ringsum, die Blumen gar

Stehn mit Juwelen und Perln im Haar,

Die schlanken Pappeln, Busch und Saat

Verneigen sich im größten Staat.

 

Als Bot voraus das Bächlein eilt,

Und wo der Wind die Wipfel teilt,

Die Au verstohlen nach mir schaut,

Als wär sie meine liebe Braut.

 

Ja, komm ich müd ins Nachtquartier,

Die Nachtigall noch vor der Tür

Mir Ständchen bringt, Glühwürmchen bald

Illuminieren rings den Wald.

 

Umsonst! das ist nun einmal so,

Kein Dichter reist inkognito,

Der lust’ge Frühling merkt es gleich,

Wer König ist in seinem Reich.

Erinnerung

 

1.

Lindes Rauschen in den Wipfeln,

Vöglein, die ihr fernab fliegt,

Bronnen von den stillen Gipfeln,

Sagt, wo meine Heimat liegt?

 

Heut im Traum sah ich sie wieder,

Und von allen Bergen ging

Solches Grüßen zu mir nieder,

Daß ich an zu weinen fing.

 

Ach, hier auf den fremden Gipfeln:

Menschen, Quellen, Fels und Baum,

Wirres Rauschen in den Wipfeln –

Alles ist mir wie ein Traum.

2.

 

Die fernen Heimathöhen,

Das stille, hohe Haus,

Der Berg, von dem ich gesehen

Jeden Frühling ins Land hinaus,

Mutter, Freunde und Brüder,

An die ich so oft gedacht,

Es grüßt mich alles wieder

In stiller Mondesnacht.

 

Heimweh

Wer in die Fremde will wandern,

Der muß mit der Liebsten gehn,

Es jubeln und lassen die andern

Den Fremden alleine stehn.

 

Was wisset ihr, dunkele Wipfel,

Von der alten, schönen Zeit?

Ach, die Heimat hinter den Gipfeln,

Wie liegt sie von hier so weit!

 

Am liebsten betracht ich die Sterne,

Die schienen, wie ich ging zu ihr,

Die Nachtigall hör ich so gerne,

Sie sang vor der Liebsten Tür.

 

Der Morgen, das ist meine Freude!

Da steig ich in stiller Stund

Auf den höchsten Berg in die Weite,

Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!

 

 

An der Grenze

Die treuen Berg stehn auf der Wacht:

»Wer streicht bei stiller Morgenzeit

Da aus der Fremde durch die Heid?«

Ich aber mir die Berg betracht

Und lach in mich vor großer Lust,

Und rufe recht aus frischer Brust

Parol und Feldgeschrei sogleich:

Vivat Östreich!

 

Da kennt mich erst die ganze Rund,

Nun grüßen Bach und Vöglein zart

Und Wälder rings nach Landesart,

Die Donau blitzt aus tiefem Grund,

Der Stephansturm auch ganz von fern

Guckt übern Berg und säh mich gern,

Und ist er’s nicht, so kommt er doch gleich,

Vivat Östreich!

 

 

Wanderlied der Prager Studenten

Nach Süden nun sich lenken

Die Vöglein allzumal,

Viel Wandrer lustig schwenken

Die Hüt im Morgenstrahl.

Das sind die Herrn Studenten,

Zum Tor hinaus es geht,

Auf ihren Instrumenten

Sie blasen zum Valet:

Ade in die Läng und Breite

O Prag, wir ziehn in die Weite:

Et habeat bonam pacem,

Qui sedet post fornacem!

 

Nachts wir durchs Städtlein schweifen,

Die Fenster schimmern weit,

Am Fenster drehn und schleifen

Viel schön geputzte Leut.

Wir blasen vor den Türen

Und haben Durst genung,

Das kommt vom Musizieren,

Herr Wirt, einen frischen Trunk!

Und siehe über ein kleines

Mit einer Kanne Weines

Venit ex sua domo –

Beatus ille homo!

 

Nun weht schon durch die Wälder

Der kalte Boreas,

Wir streichen durch die Felder,

Von Schnee und Regen naß,

Der Mantel fliegt im Winde,

Zerrissen sind die Schuh,

Da blasen wir geschwinde

Und singen noch dazu:

Beatus ille homo

Qui sedet in sua domo

Et sedet post fornacem

Et habet bonam pacem!

 

 

Rückkehr

Wer steht hier draußen? – Macht auf geschwind!

Schon funkelt das Feld wie geschliffen,

Es ist der lustige Morgenwind,

Der kommt durch den Wald gepfiffen.

 

Ein Wandervöglein, die Wolken und ich,

Wir reisten um die Wette,

Und jedes dacht: nun spute dich,

Wir treffen sie noch im Bette!

 

Da sind wir nun, jetzt alle heraus,

Die drin noch Küsse tauschen!

Wir brechen sonst mit der Tür ins Haus:

Klang, Duft und Waldesrauschen.

 

Ich komme aus Italien fern

Und will euch alles berichten,

Vom Berg Vesuv und Romas Stern

Die alten Wundergeschichten.

 

Da singt eine Fei auf blauem Meer,

Die Myrten trunken lauschen –

Mir aber gefällt doch nichts so sehr,

Als das deutsche Waldesrauschen!

 

Zur Hochzeit

Was das für ein Gezwitscher ist!

Durchs Blau die Schwalben zucken

Und schrein: »Sie haben sich geküßt!«

Vom Baum Rotkehlchen gucken.

 

Der Storch stolziert von Bein zu Bein;

»Da muß ich fischen gehen –«

Der Abend wie im Traum darein

Schaut von den stillen Höhen.

 

Und wie im Traume von den Höhen

Seh ich nachts meiner Liebsten Haus,

Die Wolken darüber gehen

Und löschen die Sterne aus.

 

 

Der irre Spielmann

Aus stiller Kindheit unschuldiger Hut

Trieb mich der tolle, frevelnde Mut.

Seit ich da draußen so frei nun bin,

Find ich nicht wieder nach Hause mich hin.

 

Durchs Leben jag ich manch trügrisch Bild,

Wer ist der Jäger da? wer ist das Wild?

Es pfeift der Wind mir schneidend durchs Haar,

Ach Welt, wie bist du so kalt und klar!

 

Du frommes Kindlein im stillen Haus,

Schau nicht so lüstern zum Fenster hinaus!

Frag mich nicht, Kindlein, woher und wohin?

Weiß ich doch selber nicht, wo ich bin!

 

Von Sünde und Reue zerrissen die Brust,

Wie rasend in verzweifelter Lust,

Brech ich im Fluge mir Blumen zum Strauß,

Wird doch kein fröhlicher Kranz daraus! –

 

Ich möcht in den tiefsten Wald wohl hinein,

Recht aus der Brust den Jammer zu schrein,

Ich möchte reiten ans Ende der Welt,

Wo der Mond und die Sonne hinunterfällt.

 

Wo schwindelnd beginnt die Ewigkeit,

Wie ein Meer, so erschrecklich still und weit,

Da sinken all Ström und Segel hinein,

Da wird es wohl endlich auch ruhig sein.

 

 

Letzte Heimkehr

Der Wintermorgen glänzt so klar,

Ein Wandrer kommt von ferne,

Ihn schüttelt Frost, es starrt sein Haar,

Ihm log die schöne Ferne,

Nun endlich will er rasten hier,

Er klopft an seines Vaters Tür.

 

Doch tot sind, die sonst aufgetan,

Verwandelt Hof und Habe,

Und fremde Leute sehn ihn an,

Als käm er aus dem Grabe;

Ihn schauert tief im Herzensgrund,

Ins Feld eilt er zur selben Stund.

 

Da sang kein Vöglein weit und breit,

Er lehnt’ an einem Baume,

Der schöne Garten lag verschneit,

Es war ihm wie im Traume,

Und wie die Morgenglocke klingt,

Im stillen Feld er niedersinkt.

 

Und als er aufsteht vom Gebet,

Nicht weiß, wohin sich wenden,

Ein schöner Jüngling bei ihm steht,

Faßt mild ihn bei den Händen:

»Komm mit, sollst ruhn nach kurzem Gang.« –

Er folgt, ihn rührt der Stimme Klang.

 

Nun durch die Bergeseinsamkeit

Sie wie zum Himmel steigen,

Kein Glockenklang mehr reicht so weit,

Sie sehn im öden Schweigen

Die Länder hinter sich verblühn,

Schon Sterne durch die Wipfel glühn.

 

Der Führer jetzt die Fackel sacht

Erhebt und schweigend schreitet,

Bei ihrem Schein die stille Nacht

Gleichwie ein Dom sich weitet,

Wo unsichtbare Hände baun –

Den Wandrer faßt ein heimlich Graun.

 

Er sprach: »Was bringt der Wind herauf

So fremden Laut getragen,

Als hört ich ferner Ströme Lauf,

Dazwischen Glocken schlagen?«

»Das ist des Nachtgesanges Wehn,

Sie loben Gott in stillen Höhn.«

 

Der Wandrer drauf: »Ich kann nicht mehr –

Ist’s Morgen, der so blendet?

Was leuchten dort für Länder her?« –

Sein Freund die Fackel wendet:

»Nun ruh zum letzten Male aus,

Wenn du erwachst, sind wir zu Haus.«

 

 

2. Sängerleben

 

Singen kann ich nicht wie du

Und wie ich nicht der und jener,

Kannst du’s besser, sing frisch zu!

Andre singen wieder schöner,

Droben an dem Himmelstor

Wird’s ein wunderbarer Chor.

 

 

Schlimme Wahl

Du sahst die Fei ihr goldnes Haar sich strählen,

Wenn morgens früh noch alle Wälder schweigen,

Gar viele da im Felsgrund sich versteigen,

Und weiß doch keiner, wen sie wird erwählen.

 

Von einer andern Dam hört ich erzählen

Im platten Land, die Bauern rings dir zeigen

Ihr Schloß, Park, Weiler – alles ist dein eigen,

Freist du das Weib – wer möcht im Wald sich quälen!

 

Sie werden dich auf einen Phaeton heben,

Das Hochzeitskarmen tönt, es blinkt die Flasche,

Weitrauschend hinterdrein viel vornehm Wesen.

 

Doch streift beim Zug dich aus dem Walde eben

Der Feie Blick, und brennt dich nicht zu Asche:

Fahr wohl, bist nimmer ein Poet gewesen!

 

 

Anklänge

1.

Vöglein in den sonn’gen Tagen!

Lüfte blau, die mich verfahren!

Könnt ich bunte Flügel rühren,

Über Berg und Wald sie schlagen!

 

Ach! es spricht des Frühlings Schöne,

Und die Vögel alle singen:

Sind die Farben denn nicht Töne,

Und die Töne bunte Schwingen?

 

Vöglein, ja, ich laß das Zagen!

Winde sanft die Segel rühren,

Und ich lasse mich entführen,

Ach! wohin? mag ich nicht fragen.

 

 

 

2.

 

Ach! wie ist es doch gekommen,

Daß die ferne Waldespracht

So mein ganzes Herz genommen,

Mich um alle Ruh gebracht!

 

Wenn von drüben Lieder wehen,

Waldhorn gar nicht enden will,

Weiß ich nicht, wie mir geschehen,

Und im Herzen bet ich still.

 

Könnt ich zu den Wäldern flüchten,

Mit dem Grün in frischer Lust

Mich zum Himmelsglanz aufrichten –

Stark und frei wär da die Brust!

 

Hörnerklang und Lieder kämen

Nicht so schmerzlich an mein Herz,

Fröhlich wollt ich Abschied nehmen,

Zög auf ewig wälderwärts.

 

 

 

Intermezzo

 

Wie so leichte läßt sich’s leben!

Blond und rot und etwas feist,

Tue wie die andern eben,

Daß dich jeder Bruder heißt,

Speise, was die Zeiten geben,

Bis die Zeit auch dich verspeist!

 

3.

Wenn die Klänge nahn und fliehen

In den Wogen süßer Lust,

Ach! nach tiefern Melodien

Sehnt sich einsam oft die Brust.

 

Wenn auf Bergen blüht die Frühe,

Wieder buntbewegt die Straßen,

Freut sich alles, wie es glühe,

Himmelwärts die Erde blühe:

Einer doch muß tief erblassen,

Goldne Träume, Sternenlust

Wollten ewig ihn nicht lassen –

Sehnt sich einsam oft die Brust.

 

Und aus solcher Schmerzen Schwellen,

Was so lange dürstend rang,

Will ans Licht nun rastlos quellen,

Stürzend mit den Wasserfällen,

Himmelstäubend, jubelnd, bang,

Nach der Ferne sanft zu ziehen,

Wo so himmlisch Rufen sang,

Ach! nach tiefern Melodien.

 

Blüten licht nun Blüten drängen,

Daß er möcht vor Glanz erblinden;

In den dunklen Zaubergängen,

Von den eigenen Gesängen

Hold gelockt, kann er nicht finden

Aus dem Labyrinth der Brust.

Alles, alles will’s verkünden

In den Wogen süßer Lust.

 

Doch durch dieses Rauschen wieder

Hört er heimlich Stimmen ziehen,

Wie ein Fall verlorner Lieder

Und er schaut betroffen nieder:

»Wenn die Klänge nahn und fliehen

In den Wogen süßer Lust,

Ach! nach tiefern Melodien

Sehnt sich einsam oft die Brust!«

 

 

 

4.

 

Ewigs Träumen von den Fernen!

Endlich ist das Herz erwacht

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Schlummernd unter blauen Wellen

Ruht der Knabe unbewußt,

Engel ziehen durch die Brust;

Oben hört er in den Wellen

Ein unendlich Wort zerrinnen,

Und das Herze weint und lacht,

Doch er kann sich nicht besinnen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Frühling will das Blau befreien.

Aus der Grüne, aus dem Schein

Ruft es lockend: Ewig dein –

Aus der Minne Zaubereien

Muß er sehnen sich nach Fernen,

Denkend alter Wunderpracht,

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Heil’ger Kampf nach langem Säumen,

Wenn süßschauernd an das Licht

Lieb in dunkle Klagen bricht!

Aus der Schmerzen Sturz und Schäumen

Steigt Geliebte, Himmel, Fernen –

Endlich ist das Herz erwacht

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

Und der Streit muß sich versöhnen,

Und die Wonne und den Schmerz

Muß er ewig himmelwärts

Schlagen nun in vollen Tönen:

Ewigs Träumen von den Fernen!

Endlich ist das Herz erwacht

Unter Blumen, Klang und Sternen

In der dunkelgrünen Nacht.

 

 

Rettung

Ich spielt, ein frohes Kind, im Morgenscheine,

Der Frühling schlug die Augen auf so helle,

Hinunter reisten Ström und Wolken schnelle,

Ich streckt die Arme nach ins Blaue, Reine.

 

Noch wußt ich’s selbst nicht, was das alles meine:

Die Lerch, der Wald, der Lüfte blaue Welle,

Und träumend stand ich an des Frühlings Schwelle,

Von fern rief’s immerfort: Ich bin die Deine!

 

Da kam ein alter Mann gegangen,

Mit hohlen Augen und bleichen Wangen,

Er schlich gebogen und schien so krank;

Ich grüßt ihn schön, doch für den Dank

Faßt’ er mich tückisch schnell von hinten,

Schlang um die Arme mir dreifache Binden,

Und wie ich rang und um Hülfe rief,

Geschwind noch ein andrer zum Alten lief,

Und von allen Seiten kamen Menschen gelaufen,

Ein dunkelverworrner, trübseliger Haufen.

Die drängten mich gar tückisch in ihre Mitte,

Führten durchs Land mich mit eiligem Schritte.

Wie wandt ich sehnend mich oft zurücke!

Die Heimat schickte mir Abschiedsblicke;

Die Büsche langten nach mir mit grünen Armen,

Es schrien alle Vöglein recht zum Erbarmen.

Doch die Alten hörten nicht die fernen Lieder,

Sumsten düstere Worte nur hin und wieder,

Führten mich endlich in ein altes Haus,

Da wogt’ es unten in Nacht und Graus,

Da war ein Hämmern, ein Schachern und Rumoren,

Als hätte das Chaos noch nicht ausgegoren.

Hier hielt der Alte würdig und breit:

»Mein Sohn«, sprach er zu mir, »das ist die Nützlichkeit!

Die haben wir so zum gemeinen Besten erfunden.

Das betrachte hübsch fleißig und sei gescheit.« –

So ließen sie mich Armen allein und gebunden.

 

Da schaut ich weinend aus meinem Kerker

Hinaus in das Leben durch düstern Erker,

Und unten sah ich den Lenz sich breiten,

Blühende Träume über die Berge schreiten,

Drüber die blauen, unendlichen Weiten.

Durchs farbige Land auf blauen Flüssen

Zogen bunte Schifflein, die wollten mich grüßen.

Vorüber kamen die Wolken gezogen,

Vorüber singende Vöglein geflogen;

Es wollt der große Zug mich mit fassen,

Ach, Menschen, wann werd’t ihr mich wieder hinunterlassen!

Und im dunkelgrünen Walde munter

Schallte die Jagd hinauf und hinunter,

Eine Jungfrau zu Roß und blitzende Reiter –

Über die Berge immer weiter und weiter

Rief Waldhorn immerfort dazwischen:

Mir nach in den Wald, den frischen!

 

Ach! weiß denn niemand, niemand um mein Trauern?

Wie alle Fernen mir prophetisch singen

Von meinem künft’gen wundervollen Leben!

 

Von innen fühlt ich blaue Schwingen ringen,

Die Hände konnt ich innigst betend heben –

Da sprengt’ ein großer Klang so Band wie Mauern.

 

Da ward ich im innersten Herzen so munter,

Schwindelten alle Sinne in den Lenz hinunter,

Weit waren kleinliche Mühen und Sorgen,

Ich sprang hinaus in den farbigen Morgen.

 

 

Hippogryph

Das ist das Flügelpferd mit Silberschellen,

Das heitere Gesellen

Emporhebt über Heidekraut und Klüfte,

Daß durch den Strom der Lüfte,

Die um den Reisehut melodisch pfeifen,

Des Ernsts Gewalt und Totenlärm der Schlüfte

Als Frühlingsjauchzen nur die Brust mag streifen;

Und so im Flug belauschen

Des trunknen Liedergottes rüst’ge Söhne,

Wenn alle Höhn und Täler blühn und rauschen,

Im Morgenbad des Lebens ew’ge Schöne,

Die, in dem Glanz erschrocken,

Sie glühend anblickt aus den dunklen Locken.

 

 

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüst’ge Gesellen

Zum erstenmal von Haus,

So jubelnd recht in die hellen,

Klingenden, singenden Wellen

Des vollen Frühlings hinaus.

 

Die strebten nach hohen Dingen,

Die wollten, trotz Lust und Schmerz,

Was Rechts in der Welt vollbringen,

Und wem sie vorübergingen,

Dem lachten Sinnen und Herz. –

 

Der erste, der fand ein Liebchen,

Die Schwieger kauft’ Hof und Haus;

Der wiegte gar bald ein Bübchen,

Und sah aus heimlichem Stübchen

Behaglich ins Feld hinaus.

 

Dem zweiten sangen und logen

Die tausend Stimmen im Grund,

Verlockend’ Sirenen, und zogen

Ihn in der buhlenden Wogen

Farbig klingenden Schlund.

 

Und wie er auftaucht’ vom Schlunde,

Da war er müde und alt,

Sein Schifflein das lag im Grunde,

So still war’s rings in die Runde,

Und über die Wasser weht’s kalt.

 

Es singen und klingen die Wellen

Des Frühlings wohl über mir;

Und seh ich so kecke Gesellen,

Die Tränen im Auge mir schwellen –

Ach Gott, führ uns liebreich zu dir!

 

 

Das Bilderbuch

Von der Poesie sucht Kunde

Mancher im gelehrten Buch,

Nur des Lebens schöne Runde

Lehret dich den Zauberspruch;

Doch in stillgeweihter Stunde

Will das Buch erschlossen sein,

Und so blick ich heut hinein,

Wie ein Kind im Frühlingswetter

Fröhlich Bilderbücher blättert,

Und es schweift der Sonnenschein

Auf den buntgemalten Lettern,

Und gelinde weht der Wind

Durch die Blumen, durch das Herz

Alte Freuden, alten Schmerz –

Weinen möcht ich, wie ein Kind!

 

 

Mandelkerngedicht

Zwischen Akten, dunkeln Wänden

Bannt mich, Freiheitbegehrenden,

Nun des Lebens strenge Pflicht,

Und aus Schränken, Aktenschichten

Lachen mir die beleidigten

Musen in das Amtsgesicht.

 

Als an Lenz und Morgenröte

Noch das Herz sich erlabete,

O du stilles, heitres Glück!

Wie ich nun auch heiß mich sehne,

Ach, aus dieser Sandebene

Führt kein Weg dahin zurück.

 

Als der letzte Balkentreter

Steh ich armer Enterbeter

In des Staates Symphonie,

Ach, in diesem Schwall von Tönen

Wo fänd ich da des eigenen

Herzens süße Melodie?

 

Ein Gedicht soll ich euch spenden:

Nun, so geht mit dem Leidenden

Nicht zu strenge ins Gericht!

Nehmt den Willen für Gewährung,

Kühnen Reim für Begeisterung,

Diesen Unsinn als Gedicht!

 

 

Der Unverbesserliche

Ihr habt den Vogel gefangen,

Der war so frank und frei,

Nun ist ihm ‘s Fliegen vergangen,

Der Sommer ist lange vorbei.

 

Es liegen wohl Federn neben

Und unter und über mir,

Sie können mich alle nicht heben

Aus diesem Meer von Papier.

 

Papier! wie hör ich dich schreien,

Da alles die Federn schwenkt

In langen, emsigen Reihen –

So wird der Staat nun gelenkt.

 

Mein Fenster am Pulte steht offen,

Der Sonnenschein schweift übers Dach,

Da wird so uraltes Hoffen

Und Wünschen im Herzen wach.

 

Die lustigen Kameraden,

Lerchen, Quellen und Wald,

Sie rauschen schon wieder und laden:

Geselle, kommst du nicht bald?

 

Und wie ich durch die Gardinen

Hinaussah in keckem Mut,

Da hört ich lachen im Grünen,

Ich kannte das Stimmlein recht gut.

 

Und wie ich hinaustrat zur Schwelle,

Da blühten die Bäume schon all

Und Liebchen, so frühlingshelle,

Saß drunter beim Vogelschall.

 

Und eh wir uns beide besannen,

Da wiehert’ das Flügelroß –

Wir flogen selbander von dannen,

Daß es unten die Schreiber verdroß.

 

 

Die Werber

»O Frühling, wie bist du helle!

Ade nun Hof und Haus!«

Und jubelnd auf den Schwellen

Mit fröhlichen Gesellen

Wandert der Dichter aus.

 

Doch ihre Lieder wecken

Rings leises Zischeln bald,

Kobold’ aus allen Hecken

Erweisen sich mit Necken

Gar wunderbar im Wald.

 

Zu Roß, so schön und wüste,

Ein hohes Weib fliegt her,

Behelmt, entblößt die Brüste,

Ihr Aug weckt wild Gelüste,

Sie heißt Soldatenehr.

 

Ihr nach aus Felsenritzen

Schaun graue Wichte klein,

Verstreun von ihren Mützen

Dukaten rings, die blitzen

Blutrot ins Land herein.

 

Der Schlauste gar durchs Blaue

Als Flügelbübchen schwirrt,

Führt über Berg und Aue

Daher die schönste Fraue –

Die macht erst all’ verwirrt.

 

Und der Dichter in dem Toben

Steht einsam auf der Höh,

Die andern sind zerstoben,

So still nun ist’s da oben,

Sein Herz tut ihm so weh.

 

Er hört der Quellen Gänge

Durch die Waldeinsamkeit,

Da sinnt er auf Gesänge,

Die Welt gibt volle Klänge,

Sein Herz wird ihm so weit.

 

Und jeden Frühling wieder

Von der schönen Jugendzeit

Singt er vom Berg hernieder,

Und Heimweh faßt die Brüder,

Die in dem Tal zerstreut.

 

 

Sonette

1.

So viele Quellen von den Bergen rauschen,

Die brechen zornig aus der Felsenhalle,

Die andern plaudern in melod’schem Falle

Mit Nymphen, die im Grün vertraulich lauschen.

 

Doch wie sie irrend auch die Bahn vertauschen,

Sie treffen endlich doch zusammen alle,

Ein Strom, mit brüderlicher Wogen Schwalle

Erfrischend durch das schöne Land zu rauschen.

 

An Burgen, die vom Felsen einsam grollen,

Aus Waldesdunkel, zwischen Rebenhügeln

Vorübergleitend in die duft’ge Ferne,

 

Entwandelt er zum Meer, dem wundervollen,

Wo träumend sich die sel’gen Inseln spiegeln

Und auf den Fluten ruhn die ew’gen Sterne.

 

 

2.

So eitel künstlich haben sie verwoben

Die Kunst, die selber sie nicht gläubig achten,

Daß sie die Sünd in diese Unschuld brachten:

Wer unterscheidet, was noch stammt von oben?

 

Doch wer mag würdig jene Reinen loben,

Die in der Zeit hochmüt’gem Trieb und Trachten

Die heil’ge Flamme treu in sich bewachten,

Aus ihr die alte Schönheit neu erhoben!

 

O Herr! gib Demut denen, die da irren,

Daß, wenn ihr’ Künste all zuschanden werden,

Sie töricht nicht den Gott in sich verfluchen!

 

Begeisterung, was falsch ist, zu entwirren,

Und Freudigkeit, wo’s öde wird auf Erden,

Verleihe denen, die dich redlich suchen!

 

 

3.

Ein Wunderland ist oben aufgeschlagen,

Wo goldne Ströme gehn und dunkel schallen,

Gesänge durch das Rauschen tief verhallen,

Die möchten gern ein hohes Wort dir sagen.

 

Viel goldne Brücken sind dort kühn geschlagen,

Darüber alte Brüder sinnend wallen –

Wenn Töne wie im Frühlingsregen fallen,

Befreite Sehnsucht will dorthin dich tragen.

 

Wie bald läg unten alles Bange, Trübe,

Du strebtest lauschend, blicktest nicht mehr nieder,

Und höher winkte stets der Brüder Liebe:

 

Wen einmal so berührt die heil’gen Lieder,

Sein Leben taucht in die Musik der Sterne,

Ein ewig Ziehn in wunderbare Ferne!

 

 

4.

Wer einmal tief und durstig hat getrunken,

Den zieht zu sich hinab die Wunderquelle,

Daß er melodisch mitzieht, selbst als Welle,

Auf der die Welt sich bricht in tausend Funken.

 

Es wächst sehnsüchtig, stürzt und leuchtet trunken

Jauchzend im Innersten die heil’ge Quelle,

Bald Bahn sich brechend durch die Kluft zur Helle,

Bald kühle rauschend dann in Nacht versunken.

 

So laß es ungeduldig brausen, drängen!

Hoch schwebt der Dichter drauf in goldnem Nachen,

Sich selber heilig opfernd in Gesängen.

 

Die alten Felsen spalten sich mit Krachen,

Von drüben grüßen schon verwandte Lieder,

Zum ew’gen Meere führt er alle wieder.

 

 

5.

Nicht Träume sind’s und leere Wahngesichte,

Was von dem Volk den Dichter unterscheidet.

Was er inbrünstig bildet, liebt und leidet,

Es ist des Lebens wahrhafte Geschichte.

 

Er fragt nicht viel, wie ihn die Menge richte,

Der eignen Ehr nur in der Brust vereidet;

Denn wo begeistert er die Blicke weidet,

Grüßt ihn der Weltkreis mit verwandtem Lichte.

 

Die schöne Mutter, die ihn hat geboren,

Den Himmel liebt er, der ihn auserkoren,

Läßt beide Haupt und Brust sich heiter schmücken.

 

Die Menge selbst, die herbraust, ihn zu fragen

Nach seinem Recht, muß den Beglückten tragen,

Als Element ihm bietend ihren Rücken.

 

 

6.

Ihm ist’s verliehn, aus den verworrnen Tagen,

Die um die andern sich wie Kerker dichten,

Zum blauen Himmel sich emporzurichten,

In Freudigkeit: Hie bin ich, Herr! zu sagen.

 

Das Leben hat zum Ritter ihn geschlagen,

Er soll der Schönheit neid’sche Kerker lichten;

Daß nicht sich alle götterlos vernichten,

Soll er die Götter zu beschwören wagen.

 

Tritt erst die Lieb auf seine blüh’nden Hügel,

Fühlt er die reichen Kränze in den Haaren,

Mit Morgenrot muß sich die Erde schmücken;

 

Süßschauernd dehnt der Geist die großen Flügel,

Es glänzt das Meer – die mut’gen Schiffe fahren,

Da ist nichts mehr, was ihm nicht sollte glücken!

 

 

Wehmut

1.

Ich kann wohl manchmal singen,

Als ob ich fröhlich sei,

Doch heimlich Tränen dringen,

Da wird das Herz mir frei.

 

So lassen Nachtigallen,

Spielt draußen Frühlingsluft,

Der Sehnsucht Lied erschallen

Aus ihres Käfigs Gruft.

 

Da lauschen alle Herzen,

Und alles ist erfreut,

Doch keiner fühlt die Schmerzen,

Im Lied das tiefe Leid.

2.

 

Sage mir mein Herz, was willst du?

Unstet schweift dein bunter Will;

Manches andre Herz wohl stillst du,

Nur du selbst wirst niemals still.

 

»Eben, wenn ich munter singe,

Um die Angst mir zu zerstreun,

Ruh und Frieden manchen bringe,

Daß sich viele still erfreun:

 

Faßt mich erst recht tief Verlangen

Nach viel andrer, beßrer Lust,

Die die Töne nicht erlangen –

Ach, wer sprengt die müde Brust?«

3.

 

Es waren zwei junge Grafen

Verliebt bis in den Tod,

Die konnten nicht ruhn, noch schlafen

Bis an den Morgen rot.

 

O trau den zwei Gesellen,

Mein Liebchen, nimmermehr,

Die gehn wie Wind und Wellen,

Gott weiß: wohin, woher. –

 

Wir grüßen Land und Sterne

Mit wunderbarem Klang

Und wer uns spürt von ferne,

Dem wird so wohl und bang.

 

Wir haben wohl hienieden

Kein Haus an keinem Ort,

Es reisen die Gedanken

Zur Heimat ewig fort.

 

Wie eines Stromes Dringen

Geht unser Lebenslauf,

Gesanges Macht und Ringen

Tut helle Augen auf.

 

Und Ufer, Wolkenflügel,

Die Liebe hoch und mild –

Es wird in diesem Spiegel

Die ganze Welt zum Bild.

 

Dich rührt die frische Helle,

Das Rauschen heimlich kühl,

Das lockt dich zu der Welle,

Weil’s draußen leer und schwül.

 

Doch wolle nie dir halten

Der Bilder Wunderfest,

Tot wird ihr freies Walten,

Hältst du es weltlich fest.

 

Kein Bett darf er hier finden.

Wohl in den Tälern schön

Siehst du sein Gold sich winden,

Dann plötzlich meerwärts drehn.

 

 

Intermezzo

Dein Bildnis wunderselig

Hab ich im Herzensgrund,

Das sieht so frisch und fröhlich

Mich an zu jeder Stund.

 

Mein Herz still in sich singet

Ein altes, schönes Lied,

Das in die Luft sich schwinget

Und zu dir eilig zieht.

 

 

Laß das Trauern

Laß, mein Herz, das bange Trauern

Um vergangnes Erdenglück,

Ach, von diesen Felsenmauern

Schweifet nur umsonst der Blick.

 

Sind denn alle fortgegangen:

Jugend, Sang und Frühlingslust?

Lassen, scheidend, nur Verlangen

Einsam mir in meiner Brust?

 

Vöglein hoch in Lüften reisen,

Schiffe fahren auf der See,

Ihre Segel, ihre Weisen

Mehren nur des Herzens Weh.

 

Ist vorbei das bunte Ziehen,

Lustig über Berg und Kluft,

Wenn die Bilder wechselnd fliehen,

Waldhorn immer weiterruft?

 

Soll die Lieb auf sonn’gen Matten

Nicht mehr baun ihr prächtig Zelt,

Übergolden Wald und Schatten

Und die weite, schöne Welt? –

 

Laß das Bangen, laß das Trauern,

Helle wieder nur den Blick!

Fern von dieser Felsen Mauern

Blüht dir noch gar manches Glück!

 

 

Dichterfrühling

Wenn die Bäume lieblich rauschen,

An den Bergen, an den Seen,

Die im Sonnenscheine stehen,

Warme Regen niederrauschen,

Mag ich gern begeistert lauschen.

Denn um die erfrischten Hügel

Auf und nieder sich bewegen

Fühl ich Winde, Gottes Flügel,

Und mir selber wachsen Flügel,

Atm ich still den neuen Segen.

 

Wie der Kranke von der Schwelle

Endlich wieder in die warme

Luft hinausstreckt Brust und Arme,

Und es spült des Lebens Welle

Fort die Glieder in das Helle:

Also kommt ein neues Leben

Oft auf mich herab vom Himmel,

Und ich seh vor mir mein Streben

Licht und unvergänglich schweben

Durch des Lebens bunt Gewimmel.

 

Will erquickt nun alles prangen,

Irrt der Dichter durch die Schatten,

Durch die blumenreichen Matten,

Denkt der Zeiten, die vergangen,

Ferner Freunde voll Verlangen,

Und es weben sich die Träume

Wie von selbst zum Werk der Musen,

Und rings Berge, Blumen, Bäume

Wachsen in die heitern Räume

Nach der Melodie im Busen.

 

 

Intermezzo

Wohl vor lauter Sinnen, Singen

Kommen wir nicht recht zum Leben;

Wieder ohne rechtes Leben

Muß zu Ende gehn das Singen;

Ging zu Ende dann das Singen:

Mögen wir auch nicht länger leben.

 

 

Aufgebot

Waldhorn bringt Kund getragen,

Es hab nun aufgeschlagen

Auf Berg und Tal und Feld

Der Lenz seine bunten Zelt!

 

Ins Grün ziehn Sänger, Reiter,

Ein jeglich Herz wird weiter,

Möcht jauchzend übers Grün

Mit den Lerchen ins Blaue ziehn.

 

Was stehst du so alleine,

Pilgrim, im grünen Scheine?

Lockt dich der Wunderlaut

Nicht auch zur fernen Braut?

 

»Ach! diese tausendfachen

Heilig verschlungnen Sprachen,

So lockend Lust, wie Schmerz,

Zerreißen mir das Herz.

 

Ein Wort will mir’s verkünden,

Oft ist’s, als müßt ich’s finden,

Und wieder ist’s nicht so,

Und ewig frag ich: Wo?« –

 

So stürz dich einmal, Geselle,

Nur frisch in die Frühlingswelle!

Da spürst du’s im Innersten gleich,

Wo ‘s rechte Himmelreich.

 

Und wer dann noch mag fragen:

Freudlos in blauen Tagen

Der wandern und fragen mag

Bis an den Jüngsten Tag!

 

 

Intermezzo

Der Bürgermeister

Hochweiser Rat, geehrte Kollegen!

Bevor wir uns heut aufs Raten legen,

Bitt ich, erst reifllich zu erwägen:

Ob wir vielleicht, um Zeit zu gewinnen,

Heut sogleich mit dem Raten beginnen,

Oder ob wir erst proponieren müssen,

Was uns versammelt und was wir alle wissen? –

Ich muß pflichtmäßig voranschicken hierbei,

Daß die Art der Geschäfte zweierlei sei:

Die einen sind die eiligen,

Die andern die langweiligen.

Auf jene pfleg ich cito zu schreiben,

Die andern können liegenbleiben.

Die liegenden aber, geehrte Brüder,

Zerfallen in wicht’ge und höchstwicht’ge wieder.

Bei jenen – nun – man wird verwegen,

Man schreibt nach amtlichem Überlegen

More solito hier, und dort ad acta,

Die Diener rennen, man flucht, verpackt da,

Der Staat floriert und bleibt im Takt da,

Doch werden die Zeiten so ungeschliffen,

Wild umzuspringen mit den Begriffen,

Kommt gar, wie heute, ein Fall, der eilig

Und doch höchstwichtig zugleich – dann freilich

Muß man von neuem unterscheiden:

Ob er mehr eilig oder mehr wichtig. –

Ich bitte, meine Herrn, verstehn Sie mich richtig!

Der Punkt ist von Einfluß. Denn wir vermeiden

Die species facti, wie billig, sofort,

Findt sich der Fall mehr eilig als liegend.

Ist aber das Wichtige überwiegend,

Wäre die Eile am unrechten Ort.

Meine Herren, sie haben nun die Prämissen,

Sie werden den Beschluß zu finden wissen.

 

 

Terzett

Hirt

 

 

Wenn sich der Sommermorgen still erhebt,

Kein Wölkchen in den blauen Lüften schwebt,

Mit Wonneschauern naht das Licht der Welt,

Daß sich die Ährenfelder leise neigen,

Da sink ich auf die Knie im stillen Feld,

Und bete, wenn noch alle Stimmen schweigen.

 

Jäger

 

 

Doch keiner atmet so den Strom von Lüften,

Als wie der Jäger in den grünen Klüften!

Wo euch der Atem schwindelnd schon vergangen,

Hat seine rechte Lust erst angefangen,

Wenn tief das Tal auffunkelt durch die Bäume,

Der Aar sich aufschwingt in die klaren Räume.

 

Hirt

 

 

Und sinkt der Mittag müde auf die Matten,

Rast ich am Bächlein in den kühlsten Schatten,

Ein leises Flüstern geht in allen Bäumen,

Das Bächlein plaudert wirre wie in Träumen,

Die Erde säuselt kaum, als ob sie schliefe,

Und mit den Wolken in den stillen Räumen

Schiff ich still fort zur unbekannten Tiefe.

 

Jäger

 

 

Und wenn die Tiefe schwül und träumend ruht,

Steh ich am Berg wie auf des Landes Hut,

Seh fern am Horizont die Wetter steigen,

Und durch die Wipfel, die sich leise neigen,

Rauscht droben schwellend ein gewaltig Lied,

Das ewig frisch mir durch die Seele zieht.

 

Hirt

 

 

Es blitzt von fern, die Heimchen Ständchen bringen,

Und unter Blüten, die im Wind sich rühren,

Die Mädchen plaudernd sitzen vor den Türen;

Da laß ich meine Flöte drein erklingen,

Daß ringsum durch die laue Sommernacht

In Fels und Brust der Widerhall erwacht.

 

Jäger

 

 

Doch wenn die Täler unten längst schon dunkeln,

Seh ich vom Berge noch die Sonne funkeln,

Der Adler stürzt sich jauchzend in die Gluten,

Es bricht der Strom mit feuertrunknen Fluten

Durchs enge Steingeklüft, wie er sich rette

Zum ew’gen Meer – ach, wer da Flügel hätte!

 

Angela

 

 

Wenn von den Auen

Die Flöte singt,

Aus Waldesrauschen

Das Horn erklingt,

Da steh ich sinnend

Im Morgenlicht –

Wem ich soll folgen,

Ich weiß es nicht.

 

Doch kehrt ihr beide

Im letzten Strahl

Der Sonne wieder

Zurück ins Tal,

Schaut mir so freudig

Ins Angesicht:

Da weiß ich’s plötzlich –

Doch sag ich’s nicht.

 

 

Intermezzo

Chor der Schmiede

Bist zum künft’gen Holmgang

Nun gehämmert, Nordmann!

Schlängelt sich im Todkampf

Glutrot einst dein Schwertblitz –

Sehr weint da die Heldbraut –

Denk! der Waffenmeister

Hämmert, singet! Ist’s auch

Ungereimt, so klappt’s doch!

 

 

Morgenlied

Ein Stern still nach dem andern fällt

Tief in des Himmels Kluft,

Schon zucken Strahlen durch die Welt,

Ich wittre Morgenluft.

 

In Qualmen steigt und sinkt das Tal;

Verödet noch vom Fest

Liegt still der weite Freudensaal,

Und tot noch alle Gäst.

 

Da hebt die Sonne aus dem Meer

Eratmend ihren Lauf;

Zur Erde geht, was feucht und schwer,

Was klar, zu ihr hinauf.

 

Hebt grüner Wälder Trieb und Macht

Neurauschend in die Luft,

Zieht hinten Städte, eitel Pracht,

Blau Berge durch den Duft.

 

Spannt aus die grünen Tepp’che weich,

Von Strömen hell durchrankt,

Und schallend glänzt das frische Reich,

So weit das Auge langt.

 

Der Mensch nun aus der tiefen Welt

Der Träume tritt heraus,

Freut sich, daß alles noch so hält,

Daß noch das Spiel nicht aus.

 

Und nun geht’s an ein Fleißigsein!

Umsumsend Berg und Tal

Agieret lustig groß und klein

Den Plunder allzumal.

 

Die Sonne steiget einsam auf,

Ernst über Lust und Weh

Lenkt sie den ungestörten Lauf

Zu stiller Glorie. –

 

Und wie er dehnt die Flügel aus,

Und wie er auch sich stellt,

Der Mensch kann nimmermehr hinaus

Aus dieser Narrenwelt.

 

 

Intermezzo

Chor der Schneider

Nur vom Ganzen frisch gerissen,

Eh die Ware ganz verschlissen,

Hier ein uralt gülden Stück,

Gibt so ‘n gewissen frommen Blick,

Hier ein bunter welscher Flick,

Drauf ein Stück Hausleinewand,

Macht das Welsche erst pikant.

Hie ‘nen Fetzen Bärenhaut,

Daß man auch das Deutsche schaut,

Drüber einen span’schen Kragen,

Das Erhabne wird behagen,

Frisch gestichelt, fein zum Werke,

Und wird auch nichts Ganzes draus,

Sieht es doch gar niedlich aus.

 

 

Guter Rat

Springer, der in luft’gem Schreiten

Über die gemeine Welt,

Kokettieret mit den Leuten,

Sicherlich vom Seile fällt.

 

Schiffer, der nach jedem Winde

Blas er witzig oder dumm,

Seine Segel stellt geschwinde,

Kommt im Wasser schmählich um.

 

Weisen Sterne doch die Richtung,

Hörst du nachts doch fernen Klang,

Dorthin liegt das Land der Dichtung,

Fahre zu und frag nicht lang.

 

 

Umkehr

Leben kann man nicht von Tönen,

Poesie geht ohne Schuh,

Und so wandt ich denn der Schönen

Endlich auch den Rücken zu.

 

Lange durch die Welt getrieben

Hat mich nun die irre Hast,

Immer doch bin ich geblieben

Nur ein ungeschickter Gast.

 

Überall zu spät zum Schmause

Kam ich, wenn die andern voll,

Trank die Neigen vor dem Hause,

Wußt nicht, wem ich’s trinken soll.

 

Mußt mich vor Fortuna bücken

Ehrfurchtsvoll bis auf die Zeh’n,

Vornehm wandt sie mir den Rücken,

Ließ mich so gebogen stehn.

 

Und als ich mich aufgerichtet

Wieder frisch und frei und stolz,

Sah ich Berg’ und Tal gelichtet,

Blühen jedes dürre Holz.

 

Welt hat eine plumpe Pfote,

Wandern kann man ohne Schuh –

Deck mit deinem Morgenrote

Wieder nur den Wandrer zu!

 

 

Intermezzo

Blonder Ritter

Blonder Ritter, blonder Ritter,

Deine Blicke, weltschmerzdunkel,

Statt durch Helmes Eisengitter,

Durch die Brille gläsern funkeln.

 

Hinterm Ohre, statt vom Leder,

Zornig mit verwegner Finte

Ziehst du statt des Schwerts die Feder,

Und statt Blutes fließet Dinte.

 

Federspritzeln, Ehr beklecken,

Ungeheueres Geschnatter!

Wilde Recken, wilde Recken,

Trampelt nicht die Welt noch platter.

 

 

Liedesmut

Was Lorbeerkranz und Lobestand!

Es duftet still die Frühlingsnacht

Und rauscht der Wald vom Felsenrand,

Ob’s jemand hört, ob niemand wacht.

 

Es schläft noch alles Menschenkind,

Da pfeift sein lust’ges Wanderlied

Schon übers Feld der Morgenwind

Und frägt nicht erst, wer mit ihm zieht.

 

Und ob ihr all zu Hause saßt,

Der Frühling blüht doch, weil er muß,

Und ob ihr’s lest oder bleibenlaßt,

Ich singe doch aus frischer Brust.

 

 

Entgegnung

»Sei antik doch, sei teutonisch,

Lern, skandiere unverdrossen,

Freundchen, aber nur ironisch!

Und vor allem laß die Possen,

Die man sonst genannt: romantisch.« –

Also hört man’s ringsher schallen;

Aber mich bedünkt: pedantisch,

Sei das Schlimmste doch von allen.

 

Wem der Herr den Kranz gewunden,

Wird nach alledem nicht fragen,

Sondern muß, wie er’s befunden,

Auf die eigne Weise sagen,

Stets aufs neu mit freud’gem Schrecken,

Ist sie auch die alte blieben,

Sich die schöne Welt entdecken,

Ewig jung ist, was wir lieben!

 

Oft durch des Theaters Ritzen

Bricht’s mit wunderbarem Lichte,

Wenn der Herr in feur’gen Blitzen

Dichtend schreibt die Weltgeschichte,

Und das ist der Klang der Wehmut,

Der durch alle Dichtergeister

Schauernd geht, wenn sie in Demut

Über sich erkannt den Meister.

 

 

Der Isegrim

Aktenstöße nachts verschlingen,

Schwatzen nach der Welt Gebrauch,

Und das große Tretrad schwingen

Wie ein Ochs, das kann ich auch.

 

Aber glauben, daß der Plunder

Eben nicht der Plunder wär,

Sondern ein hochwichtig Wunder,

Das gelang mir nimmermehr.

 

Aber andre überwitzen,

Daß ich mit dem Federkiel

Könnt den morschen Weltbau stützen,

Schien mir immer Narrenspiel.

 

Und so, weil ich in dem Drehen

Da steh oft wie ein Pasquill,

Läßt die Welt mich eben stehen –

Mag sie’s halten, wie sie will!

 

 

Tafellieder

1. (Damen-Liedertafel in Danzig)

Die Frauen

 

 

Gleich wie Echo frohen Liedern

Fröhlich Antwort geben muß,

So auch nahn wir und erwidern

Dankend den galanten Gruß.

 

Die Männer

 

 

Oh, ihr Güt’gen und Charmanten!

Für des Echos holden Schwung

Nehmt der lust’gen Musikanten

Ganz ergebne Huldigung!

 

Frauen

 

 

Doch ihr huldigt, will’s uns dünken,

Andern Göttern nebenbei.

Rot und golden sehn wir’s blinken –

Sagt, wie das zu nehmen sei?

 

Männer

 

 

Teure! zierlich, mit drei Fingern,

Sichrer, mit der ganzen Hand –

Und so füllt man aus den Dingern

‘s Glas nicht halb, nein, bis zum Rand.

 

Frauen

 

 

Nun, wir sehen, ihr seid Meister.

Doch wir sind heut liberal;

Hoffentlich, als schöne Geister,

Treibt ihr’s etwas ideal.

 

Männer

 

 

Jeder nippt und denkt die Seine,

Und wer nichts Besondres weiß:

Nun – der trinkt ins Allgemeine

Frisch zu aller Schönen Preis!

 

Alle

 

 

Recht so! Klingt denn in die Runde

An zu Dank und Gegendank!

Sänger, Fraun, wo die im Bunde,

Da gibt’s einen hellen Klang!

 

2. Trinken und Singen

Viel Essen macht viel breiter

Und hilft zum Himmel nicht,

Es kracht die Himmelsleiter,

 

Kommt so ein schwerer Wicht.

Das Trinken ist gescheiter,

Das schmeckt schon nach Idee,

Da braucht man keine Leiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Chor

 

 

Da braucht man keine Leiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Viel Reden ist manierlich:

»Wohlauf?« – Ein wenig flau. –

»Das Wetter ist spazierlich.«

Was macht die liebe Frau? –

»Ich danke« – und so weiter,

Und breiter als ein See

Das Singen ist gescheiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Chor

 

 

Das Singen ist gescheiter,

Das geht gleich in die Höh.

 

Die Fisch und Musikanten

Die trinken beide frisch,

Die Wein, die andern Wasser –

Drum hat der dumme Fisch

Statt Flügel Flederwische

Und liegt elend im See –

Doch wir sind keine Fische,

Das geht gleich in die Höh.

 

Chor

 

 

Doch wir sind keine Fische,

Das geht gleich in die Höh.

 

Ja, Trinken frisch und Singen

Das bricht durch alles Weh,

Das sind zwei gute Schwingen,

Gemeine Welt, ade!

Du Erd mit deinem Plunder,

Ihr Fische samt der See,

‘s geht alles, alles unter,

Wir aber in die Höh!

 

Chor

 

 

‘s geht alles, alles unter,

Wir aber in die Höh!

 

 

3. Zum Abschied

Horcht! die Stunde hat geschlagen,

Und ein Schiffer steht am Bord,

Grüßt noch einmal, und es tragen

Ihn die Wellen rauschend fort.

 

Sturm wühlt, und die Zeiten bäumen

Sehnsüchtig sich himmelan,

Hoch in solcher Wellen Schäumen

Segle, kühner Steuermann!

 

Und den letzten Becher, Brüder,

Eh wir hier verlassen stehn,

Und den letzten Klang der Lieder

Auf ein freudig Wiedersehn!

 

 

4. Berliner Tafel

Viele Lerchen hellerwacht,

Die zum Himmel steigen,

Viele Sterne in der Nacht,

Vieler Wipfel Neigen,

Viele frische Herzen dann,

Die begeistert lauschen –

Da bricht erst der Lenz recht an,

Klang und Waldesrauschen.

 

So sind viele hier gesellt:

Rüstige Gesellen,

Die ihr’ Sach auf Klang gestellt,

Schauspiel und Novellen,

Viele dann, die recht sich freun,

Wenn wir’s löblich machen,

Und, greift einer falsch darein,

Auch von Herzen lachen.

 

Und wo solche Resonanz,

Klingt das Lied erst helle,

Wie wir hier vereint zum Kranz,

Blüht die sand’ge Schelle,

Kuckuck ruft und Nachtigall

Und von Lust und Schmerzen

Weckt der Schall den Widerhall

Rings in tausend Herzen.

 

Ein Land, das ihr schweigend meint

Und wir freudig singen,

Und ein Meer, das uns vereint

Soll hinüberbringen.

Frische Fahrt denn, nah und fern,

Allen mut’gen Seglern,

Die getreu dem rechten Stern,

Schleglern oder Heglern!

 

 

5. Die Haimonskinder

Auf feur’gem Rosse kommt Bacchus daher,

Den Becher hoch in der Hand,

Sein Rößlein wird wild, sein Kopf ist ihm schwer,

Er verschüttet den Wein auf das Land.

 

Den Dichter erbarmet der Rebensaft,

In den Bügel er kühn sich stellt

Und trinkt mit dem Gotte Brüderschaft –

Nun geht’s erst, als ging’s aus der Welt!

 

»Ei, sieh da, so einsam, Herr Komponist!

Steig auf mit, ‘s ist schad um die Schuh,

Du löst erst die Schwinge – und wo keine ist,

Da mach uns die Flügel dazu!«

 

Und was sie ersonnen nun, singen die drei.

»O weh!« ruft ein Sänger herauf,

»Ihr schreit ja die köstlichsten Noten entzwei!«

Und schwingt zu den dreien sich auf.

 

Nun setzt der Tonkünstler, skandiert der Poet,

Der Sänger gibt himmlischen Schall,

Es lächelt Herr Bacchus: »Wahrhaftig, das geht,

Und ‘s Trinken verstehen sie all.«

 

Und wie sie nun alle beisammen sind,

Hebt’s sachte die seligen Leut,

Es wachsen dem Rosse zwei Schwingen geschwind

Und überfliegen die Zeit.

 

 

6. Der alte Held

(Tafellied zu Goethes Geburtstag 1831)

 

 

»Ich habe gewagt und gesungen,

Da die Welt noch stumm lag und bleich,

Ich habe den Bann bezwungen,

Der die schöne Braut hielt umschlungen,

Ich habe erobert das Reich.

 

Ich habe geforscht und ergründet

Und tat es euch treulich kund:

Was das Leben dunkel verkündet,

Die Heilige Schrift, die entzündet

Der Herr in der Seelen Grund.

 

Wie rauschen nun Wälder und Quellen

Und singen vom ewigen Port:

Schon seh ich Morgenrot schwellen,

Und ihr dort, ihr jungen Gesellen,

Fahrt immer immerfort!«

 

Und so, wenn es still geworden,

Schaut er vom Turm bei Nacht

Und segnet den Sängerorden,

Der an den blühenden Borden

Das schöne Reich bewacht.

 

Dort hat er nach Lust und Streiten

Das Panner aufgestellt,

Und die auf dem Strome der Zeiten

Am Felsen vorübergleiten,

Sie grüßen den alten Held.

 

 

7. Toast

Auf das Wohlsein der Poeten,

Die nicht schillern und nicht goethen,

Durch die Welt in Lust und Nöten

Segelnd frisch auf eignen Böten.

 

 

Treue

Frisch auf, mein Herz! wie heiß auch das Gedränge,

Bewahr ich doch mir kühl und frei die Brust!

Schickt Wald und Flur doch noch die alten Klänge,

Erschütternd mich mit wunderbarer Lust.

Und ob die Woge feindlich mit mir ränge:

So frömmer nur sing ich aus treuer Brust;

Da bleicht das Wetter, Himmelblau scheint helle,

Das Meer wird still und zum Delphin die Welle.

 

»Was wollt Ihr doch mit Eurem Liederspaße!

Des Würd’gern beut die große Zeit so viel!«

So schallt’s hoffärtig nun auf jeder Gasse,

Und jeder steckt sich dreist sein glänzend Ziel.

Die Lieder, die ich stammelnd hören lasse,

Ew’ger Gefühle schwaches Widerspiel –

Sie sind es wahrlich auch nicht, was ich meine,

Denn ewig unerreichbar ist das Eine.

 

Doch lieben oft, der Sehnsucht Glut zu mildern,

Gefangne wohl, das ferne Vaterland

An ihres Kerkers Mauern abzuschildern.

Ein Himmelsstrahl fällt schweifend auf die Wand,

Da rührt’s lebendig sich in allen Bildern. –

Dem Auge scheint’s ein lieblich bunter Tand –

Doch wer der lichten Heimat recht zu eigen,

Dem wird der Bilder ernster Geist sich zeigen.

 

So wachse denn und treibe fröhlich Blüte,

Du kräftig grüner, deutscher Sangesbaum!

Rausch nur erfrischend fort mir ins Gemüte

Aus deiner Wipfel klarem Himmelsraum!

Du aber, wunderbare, ew’ge Güte,

Die mir den Himmel wies im schönen Traum,

Erhalt auf Erden rüstig mir die Seele,

Daß ich, wo’s immer ehrlich gilt, nicht fehle!

 

 

Heimweh

An meinen Bruder

 

 

Du weißt’s, dort in den Bäumen

Schlummert ein Zauberbann,

Und nachts oft, wie in Träumen,

Fängt der Garten zu singen an.

 

Nachts durch die stille Runde

Weht’s manchmal bis zu mir,

Da ruf ich aus Herzensgrunde,

O Bruderherz, nach dir.

 

So fremde sind die andern,

Mir graut im fremden Land,

Wir wollen zusammen wandern,

Reich treulich mir die Hand!

 

Wir wollen zusammen ziehen,

Bis daß wir wandermüd

Auf des Vaters Grabe knieen

Bei dem alten Zauberlied.

 

 

Dichterlos

Für alle muß vor Freuden

Mein treues Herze glühn,

Für alle muß ich leiden,

Für alle muß ich blühn,

Und wenn die Blüten Früchte haben,

Da haben sie mich längst begraben.

 

 

Spruch

Bau nur auf Weltgunst recht

Und paß auf jeden Wink und Gruß,

Wirst dabei nimmer fröhlich werden!

Es hat’s kein Hund so schlecht,

Der hinter seinen Herren muß,

Nicht frei spazieren kann auf Erden.

 

 

Lockung

Hörst du nicht die Bäume rauschen

Draußen durch die stille Rund?

Lockt’s dich nicht, hinabzulauschen

Von dem Söller in den Grund,

Wo die vielen Bäche gehen

Wunderbar im Mondenschein

Und die stillen Schlösser sehen

In den Fluß vom hohen Stein?

 

Kennst du noch die irren Lieder

Aus der alten, schönen Zeit?

Sie erwachen alle wieder

Nachts in Waldeseinsamkeit,

Wenn die Bäume träumend lauschen

Und der Flieder duftet schwül

Und im Fluß die Nixen rauschen –

Komm herab, hier ist’s so kühl.

 

 

Rückblick

Ich wollt im Walde dichten

Ein Heldenlied voll Pracht,

Verwickelte Geschichten,

Recht sinnreich ausgedacht.

Da rauschten Bäume, sprangen

Vom Fels die Bäche drein,

Und tausend Stimmen klangen

Verwirrend aus und ein.

Und manches Jauchzen schallen

Ließ ich aus frischer Brust,

Doch aus den Helden allen

Ward nichts vor tiefer Lust.

 

Kehr ich zur Stadt erst wieder

Aus Feld und Wäldern kühl,

Da kommen all die Lieder

Von fern durchs Weltgewühl,

Es hallen Lust und Schmerzen

Noch einmal leise nach,

Und bildend wird im Herzen

Die alte Wehmut wach,

Der Winter auch derweile

Im Feld die Blumen bricht –

Dann gibt’s vor Langerweile

Ein überlang Gedicht!

 

 

Zweifel

Könnt es jemals denn verblühen,

Dieses Glänzen, dieses Licht,

Das durch Arbeit, Sorgen, Mühen

Wie der Tag durch Wolken bricht,

Blumen, die so farbig glühen,

Um das öde Leben flicht?

 

Golden sind des Himmels Säume,

Abwärts ziehen Furcht und Nacht,

Rüstig rauschen Ström und Bäume

Und die heitre Runde lacht,

Ach, das sind nicht leere Träume,

Was im Busen da erwacht!

 

Bunt verschlingen sich die Gänge,

Tost die Menge her und hin,

Schallen zwischendrein Gesänge,

Die durchs Ganze golden ziehn,

Still begegnet im Gedränge

Dir des Lebens ernster Sinn.

 

Und das Herz denkt sich verloren,

Besser andrer Tun und Wust,

Fühlt sich wieder dann erkoren,

Ewig einsam doch die Brust.

O des Wechsels, o des Toren,

O der Schmerzen, o der Lust!

 

 

Dichterglück

O Welt, bin dein Kind nicht von Hause,

Du hast mir nichts geschenkt,

So hab ich denn frisch meine Klause

In Morgenrot mir versenkt.

 

Fortuna, streif nur die Höhen

Und wende dein Angesicht,

Ich bleibe im Wald bei den Rehen,

Flieg zu, wir brauchen dich nicht.

 

Und ob auf Höhn und im Grunde

Kein Streifchen auch meine blieb,

Ich segne dich, schöne Runde,

Ich habe dich dennoch so lieb!

 

 

Glückliche Fahrt

Wünsche sich mit Wünschen schlagen,

Und die Gier wird nie gestillt.

Wer ist in dem wüsten Jagen

Da der Jäger, wer das Wild?

Selig, wer es fromm mag wagen,

Durch das Treiben dumpf und wild

In der festen Brust zu tragen

Heil’ger Schönheit hohes Bild!

 

Sieh, da brechen tausend Quellen

Durch die felsenharte Welt,

Und zum Strome wird ihr Schwellen,

Der melodisch steigt und fällt.

Ringsum sich die Fernen hellen,

Gottes Hauch die Segel schwellt –

Rettend spülen sich die Wellen

In des Herzens stille Welt.

 

 

Sommerschwüle

1.

Ich klimm zum Berg und schau zur niedern Erde,

Ich klimm hinab und schau die Berge an,

Süß-melancholisch spitzt sich die Gebärde

Und gift’ge Weltverachtung ficht mich an;

Doch will aus Schmerz und Haß nichts Rechtes werden.

Ermanne dich! – Ich bin doch wohl ein Mann? –

Und ach! wie träge Silb aus Silbe schleichet,

Mit Not hab ich den letzten Reim erreichet.

 

O weg mit Reim und Leierklang und Singen!

Faß, Leben, wieder mich lebendig an!

Mit deiner Woge will ich freudig ringen,

Die tief mich stürzt, hebt mich auch himmelan.

Im Sturme spannt der Adler seine Schwingen –

Blas zu! da spür ich wieder, daß ich Mann!

Viel lieber will ich raschen Tod erwerben,

Als, so verschmachtend, lebenslang zu sterben.

 

 

2.

Die Nachtigall schweigt, sie hat ihr Nest gefunden,

Träg ziehn die Quellen, die so kühle sprangen,

Von trüber Schwüle liegt die Welt umfangen,

So hat den Lenz der Sommer überwunden.

 

Noch nie hat es die Brust so tief empfunden,

Es ist, als ob viel Stimmen heimlich sangen:

»Auch dein Lenz, froher Sänger, ist vergangen,

An Weib und Kind ist nun der Sinn gebunden!«

 

O komm, Geliebte, komm zu mir zurücke!

Kann ich nur deine hellen Augen schauen,

Fröhlich Gestirn in dem verworrnen Treiben:

 

Wölbt hoch sich wieder des Gesanges Brücke,

Und kühn darf ich der alten Lust vertrauen,

Denn ew’ger Frühling will bei Liebe bleiben.

 

Frisch auf!

Ich saß am Schreibtisch bleich und krumm,

Es war mir in meinem Kopf ganz dumm

Vor Dichten, wie ich alle die Sachen

Sollte aufs allerbeste machen.

Da guckt am Fenster im Morgenlicht

Durchs Weinlaub ein wunderschönes Gesicht,

Guckt und lacht, kommt ganz herein

Und kramt mir unter den Blättern mein.

Ich, ganz verwundert: »Ich sollt dich kennen« –

Sie aber, statt ihren Namen zu nennen:

»Pfui, in dem Schlafrock siehst ja aus

Wie ein verfallenes Schilderhaus!

Willst du denn hier in der Tinte sitzen,

Schau, wie die Felder da draußen blitzen!«

So drängt sie mich fort unter Lachen und Streit,

Mir tat’s um die schöne Zeit nur leid.

Drunten aber unter den Bäumen

Stand ein Roß mit funkelnden Zäumen.

Sie schwang sich lustig mit mir hinauf,

Die Sonne draußen ging eben auf,

Und eh ich mich konnte bedenken und fassen,

Ritten wir rasch durch die stillen Gassen,

Und als wir kamen vor die Stadt,

Das Roß auf einmal zwei Flügel hatt,

Mir schauerte es recht durch alle Glieder:

»Mein Gott, ist’s denn schon Frühling wieder?« –

Sie aber wies mir, wie wir so zogen,

Die Länder, die unten vorüberflogen,

Und hoch über dem allerschönsten Wald

Machte sie lächelnd auf einmal halt.

Da sah ich erschrocken zwischen den Bäumen

Meine Heimat unten, wie in Träumen,

Das Schloß, den Garten und die stille Luft,

Die blauen Berge dahinter im Duft,

Und alle die schöne alte Zeit

In der wundersamen Einsamkeit.

Und als ich mich wandte, war ich allein,

Das Roß nur wiehert’ in den Morgen hinein,

Mir aber war’s, als wär ich wieder jung,

Und wußte der Lieder noch genung!

 

 

Kriegslied

Nicht mehr in Waldesschauern

An jäher Klüfte Rand,

Wo dunkle Tannen trauern,

Siehst du die Brut mehr lauern

Auf wüster Felsenwand.

 

Die Greifen nicht mehr fliegen,

Lindwürm auf heißem Sand

Nicht mehr mit Löwen kriegen,

Auf ihren Bäuchen liegen

Die Drachen im platten Land.

 

Doch wo das Leben schimmelt,

So weit man reisen kann,

Von Würmern es noch wimmelt,

Und was auf Erden himmelt,

Sie hauchen’s giftig an.

 

Noch halten sie in Schlingen

Die wunderschöne Braut,

Bei Nacht hört man ihr Singen

Die stille Luft durchdringen

Mit tiefem Klagelaut.

 

Das ist die Brut der Natter,

Die immer neu entstand:

Philister und ihre Gevatter,

Die machen groß Geschnatter

Im deutschen Vaterland.

 

Sankt Georg, du blanker Streiter,

Leg deine Lanze ein,

Und wo ein wackrer Reiter,

Dem noch das Herz wird weiter,

Der steche frisch mit drein!

 

 

Eldorado

Es ist von Klang und Düften

Ein wunderbarer Ort,

Umrankt von stillen Klüften,

Wir alle spielten dort.

 

Wir alle sind verirret,

Seitdem so weit hinaus

Unkraut die Welt verwirret,

Findt keiner mehr nach Haus.

 

Doch manchmal taucht’s aus Träumen,

Als läg es weit im Meer,

Und früh noch in den Bäumen

Rauscht’s wie ein Grüßen her.

 

Ich hört den Gruß verfliegen,

Ich folgt ihm über Land,

Und hatte mich verstiegen

Auf hoher Felsenwand.

 

Mein Herz ward mir so munter,

Weit hinten alle Not,

Als ginge jenseits unter

Die Welt in Morgenrot.

 

Der Wind spielt’ in den Locken,

Da blitzt’ es drunten weit,

Und ich erkannt erschrocken

Die alte Einsamkeit.

 

Nun jeden Morgenschimmer

Steig ich ins Blütenmeer,

Bis ich Glücksel’ger nimmer

Von dorten wiederkehr.

 

 

Frühlingsklage

Ach, was frommt das Wehen, Sprossen,

In der schönen Frühlingszeit:

Ist des Liedes Born verschlossen

Und der Seele Freudigkeit,

Die erst Blüten bringt den Sprossen

Und den Frühling in die Zeit.

 

Gib den alten Frieden wieder,

In der Brust den Sonnenschein,

Gib die Laute mir und Lieder,

Dann laß blühen oder schnein,

Selbst weck ich den Lenz mir wieder,

Sollt es auch der letzte sein!

 

 

An die Waldvögel

Konnt mich auch sonst mitschwingen

Übers grüne Revier,

Hatt ein Herze zum Singen

Und Flügel wie ihr.

 

Flog über die Felder,

Da blüht’ es wie Schnee,

Und herauf durch die Wälder

Spiegelt’ die See.

 

Ein Schiff sah ich gehen

Fort über das Meer,

Meinen Liebsten drin stehen –

Dacht meiner nicht mehr.

 

Und die Segel verzogen,

Und es dämmert’ das Feld,

Und ich hab mich verflogen

In der weiten, weiten Welt.

 

 

Vorwärts!

Wie der Strom sich schwingt

Aus den Wolken, die ihn tränken,

Alle Bäche verschlingt,

Sie ins Meer zu lenken –

Drein möcht ich versenken

Was in mir ringt!

 

Tritt nur mit in mein Schiff!

Wo wir landen oder stranden,

Erklinget das Riff,

Bricht der Lenz aus dem Sande,

Hinter uns dann ins Branden

Versenk ich das Schiff!

 

 

Frühe

Im Osten graut’s, der Nebel fällt,

Wer weiß, wie bald sich’s rühret!

Doch schwer im Schlaf noch ruht die Welt,

Von allem nichts verspüret.

 

Nur eine frühe Lerche steigt,

Es hat ihr was geträumet

Vom Lichte, wenn noch alles schweigt,

Das kaum die Höhen säumet.

 

 

Zum Abschied

Der Herbstwind schüttelt die Linde,

Wie geht die Welt so geschwinde!

Halte dein Kindlein warm.

Der Sommer ist hingefahren,

Da wir zusammen waren –

Ach, die sich lieben, wie arm!

 

Wie arm, die sich lieben und scheiden!

Das haben erfahren wir beiden,

Mir graut vor dem stillen Haus.

Dein Tüchlein noch läßt du wehen,

Ich kann’s vor Tränen kaum sehen,

Schau still in die Gasse hinaus.

 

Die Gassen schauen noch nächtig,

Es rasselt der Wagen bedächtig –

Nun plötzlich rascher der Trott

Durchs Tor in die Stille der Felder

Da grüßen so mutig die Wälder,

Lieb Töchterlein, fahre mit Gott!

 

 

Vergebner Ärger

Im alten Hause steh ich in Gedanken;

Es ist das Haus nicht mehr, der Wind mit Schauern

Geht durch das Gras im Hof, und Eulen lauern

In leeren Fenstern, die schon halb versanken.

 

Mich ärgern nur die jungen, kecken Ranken,

Die wie zum Spott noch schmücken Tor und Mauern,

Die grünen Birken, die mit falschem Trauern

Leicht überm Grabe meiner Lieben schwanken.

 

So, Nachteul selber, auf dem öden Gipfel

Saß ich in meines Jugendglücks Ruinen,

Dumpfbrütend über unerhörten Sorgen;

 

Da blitzten Frühlingslichter durch die Wipfel,

Die leuchtend unter mir das Land beschienen,

Und nichts nach Eulen fragt der junge Morgen.

 

 

Der Wegelagerer

Es ist ein Land, wo die Philister thronen,

Die Krämer fahren und das Grün verstauben,

Die Liebe selber altklug feilscht mit Hauben –

Herr Gott, wie lang willst du die Brut verschonen!

 

Es ist ein Wald, der rauscht mit grünen Kronen,

Wo frei die Adler horsten, und die Tauben

Unschuldig girren in den kühlen Lauben,

Die noch kein Fuß betrat – dort will ich wohnen!

 

Dort will ich nächtlich auf die Krämer lauern

Und kühn zerhaun der armen Schönheit Bande,

Die sie als niedre Magd zu Markte führen.

 

Hoch soll sie stehn auf grünen Felsenmauern,

Daß mahnend über alle stillen Lande

Die Lüfte nachts ihr Zauberlied verführen.

 

 

Der Glücksritter

Wenn Fortuna spröde tut,

Laß ich sie in Ruh,

Singe recht und trinke gut,

Und Fortuna kriegt auch Mut,

Setzt sich mit dazu.

 

Doch ich geb mir keine Müh:

»He, noch eine her!«

Kehr den Rücken gegen sie,

Laß hoch leben die und die –

Das verdrießt sie sehr.

 

Und bald rückt sie sacht zu mir:

»Hast du deren mehr?«

Wie Sie sehn. – »Drei Kannen schier,

Und das lauter Klebebier!« –

‘s wird mir gar nicht schwer.

 

Drauf sie zu mir lächelt fein:

»Bist ein ganzer Kerl!«

Ruft den Kellner, schreit nach Wein,

Trinkt mir zu und schenkt mir ein,

Echte Blum und Perl.

 

Sie bezahlet Wein und Bier,

Und ich, wieder gut,

Führe sie am Arm mit mir

Aus dem Haus, wie ‘n Kavalier,

Alles zieht den Hut.

 

 

Der Schreckenberger

Aufs Wohlsein meiner Dame,

Eine Windfahn ist ihr Panier

Fortuna ist ihr Name,

Das Lager ihr Quartier!

 

Und wendet sie sich weiter,

Ich kümmre mich nicht drum,

Da draußen ohne Reiter,

Da geht die Welt so dumm.

 

Statt Pulverblitz und Knattern

Aus jedem wüsten Haus

Gevattern sehn und schnattern

Alle Lust zum Land hinaus.

 

Fortuna weint vor Ärger,

Es rinnet Perl auf Perl.

»Wo ist der Schreckenberger?

Das war ein andrer Kerl.«

 

Sie tut den Arm mir reichen,

Fama bläst das Geleit,

So zu dem Tempel steigen

Wir der Unsterblichkeit.

 

Trost

Es haben viel Dichter gesungen

Im schönen deutschen Land,

Nun sind ihre Lieder verklungen,

Die Sänger ruhen im Sand.

 

Aber solange noch kreisen

Die Stern um die Erde rund,

Tun Herzen in neuen Weisen

Die alte Schönheit kund.

 

Im Walde da liegt verfallen

Der alten Helden Haus,

Doch aus den Toren und Hallen

Bricht jährlich der Frühling aus.

 

Und wo immer müde Fechter

Sinken im mutigen Strauß,

Es kommen frische Geschlechter

Und fechten es ehrlich aus.

 

 

 

An die Dichter

Wo treues Wollen, redlich Streben

Und rechten Sinn der Rechte spürt,

Das muß die Seele ihm erheben,

Das hat mich jedesmal gerührt.

 

Das Reich des Glaubens ist geendet,

Zerstört die alte Herrlichkeit,

Die Schönheit weinend abgewendet,

So gnadenlos ist unsre Zeit.

 

O Einfalt, gut in frommen Herzen,

Du züchtig schöne Gottesbraut!

Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,

Weil dir vor ihrer Klugheit graut.

 

Wo findst du nun ein Haus, vertrieben,

Wo man dir deine Wunder läßt,

Das treue Tun, das schöne Lieben,

Des Lebens fromm vergnüglich Fest?

 

Wo findest du den alten Garten,

Dein Spielzeug, wunderbares Kind,

Der Sterne heil’ge Redensarten,

Das Morgenrot, den frischen Wind?

 

Wie hat die Sonne schön geschienen!

Nun ist so alt und schwach die Zeit;

Wie stehst so jung du unter ihnen,

Wie wird mein Herz mir stark und weit!

 

Der Dichter kann nicht mit verarmen;

Wenn alles um ihn her zerfällt,

Hebt ihn ein göttliches Erbarmen –

Der Dichter ist das Herz der Welt.

 

Den blöden Willen aller Wesen,

Im Irdischen des Herren Spur,

Soll er durch Liebeskraft erlösen,

Der schöne Liebling der Natur.

 

Drum hat ihm Gott das Wort gegeben,

Das kühn das Dunkelste benennt,

Den frommen Ernst im reichen Leben,

Die Freudigkeit, die keiner kennt.

 

Da soll er singen frei auf Erden,

In Lust und Not auf Gott vertraun,

Daß aller Herzen freier werden,

Eratmend in die Klänge schaun.

 

Der Ehre sei er recht zum Horte,

Der Schande leucht er ins Gesicht!

Viel Wunderkraft ist in dem Worte,

Das hell aus reinem Herzen bricht.

 

Vor Eitelkeit soll er vor allen

Streng hüten sein unschuld’ges Herz,

Im Falschen nimmer sich gefallen,

Um eitel Witz und blanken Scherz.

 

Oh, laßt unedle Mühe fahren,

O klingelt, gleißt und spielet nicht

Mit Licht und Gnad, so ihr erfahren,

Zur Sünde macht ihr das Gedicht!

 

Den lieben Gott laß in dir walten,

Aus frischer Brust nur treulich sing!

Was wahr in dir, wird sich gestalten,

Das andre ist erbärmlich Ding. –

 

Den Morgen seh ich ferne scheinen,

Die Ströme ziehn im grünen Grund,

Mir ist so wohl! – die’s ehrlich meinen,

Die grüß ich all aus Herzensgrund!

 

 

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,

Die da träumen fort und fort,

Und die Welt hebt an zu singen,

Triffst du nur das Zauberwort.

 

 

3. Zeitlieder

 

Wo ruhig sich und wilder

Unstete Wellen teilen,

Des Lebens schöne Bilder

Und Kläng verworren eilen,

Wo ist der sichre Halt? –

So ferne, was wir sollen,

So dunkel, was wir wollen,

Faßt alle die Gewalt.

 

 

Die Freunde

1.

Wer auf den Wogen schliefe,

Ein sanft gewiegtes Kind,

Kennt nicht des Lebens Tiefe,

Vor süßem Träumen blind.

 

Doch wen die Stürme fassen

Zu wildem Tanz und Fest,

Wen hoch auf dunklen Straßen

Die falsche Welt verläßt:

 

Der lernt sich wacker rühren,

Durch Nacht und Klippen hin

Lernt der das Steuer führen

Mit sichrem, ernstem Sinn.

 

Der ist vom echten Kerne,

Erprobt zu Lust und Pein,

Der glaubt an Gott und Sterne,

Der soll mein Schiffmann sein!

 

 

2.

An L …

 

 

Vor mir liegen deine Zeilen,

Sind nicht Worte, Schriften nicht,

Pfeile, die verwundend heilen,

Freundesaugen, treu und schlicht.

 

Niemals konnte so mich rühren

Noch der Liebsten Angesicht,

Wenn uns Augen süß verführen,

Und die Welt voll Glanz und Licht:

 

Als in Freundesaugen lesen

Meiner eignen Seele Wort,

Fester Treue männlich Wesen,

In Betrübnis Trost und Hort.

 

So verschlingen in Gedanken

Sich zwei Stämme wundertreu,

Andre dran sich mutig ranken

Kron an Krone immer neu.

 

Prächt’ger Wald, wo’s kühl zu wohnen,

Stille wachsend Baum an Baum,

Mit den brüderlichen Kronen

Rauschend in dem Himmelsraum!

3.

 

An L …

 

 

Mit vielem will die Heimat mich erfreuen,

Ein heitres Schloß an blaugewundnem Flusse,

Gesell’ge Lust, Mutwill und frohe Muße,

Der Liebe heitres Spiel, süß zu zerstreuen.

 

Doch wie die Tage freundlich sich erneuen,

Fehlt doch des Freundes Brust in Tat und Muße,

Der Ernst, der herrlich schwelget im Genusse,

Des reichen Blicks sich wahr und recht zu freuen.

 

Wo zwei sich treulich nehmen und ergänzen,

Wächst unvermerkt das freud’ge Werk der Musen.

Drum laß mich wieder, Freund, ans Herz dich drücken!

 

Uns beide will noch schön das Leben schmücken

Mit seinen reichen, heitern, vollen Kränzen,

Der Morgenwind wühlt um den offnen Busen!

4.

 

An Fräulein …

 

 

Schalkhafte Augen reizend aufgeschlagen,

Die Brust empört, die Wünsche zu verschweigen,

Sieht man den leichten Zelter dich besteigen,

Nach Lust und Scherzen durch den Lenz zu jagen.

 

Zu jung, des Lebens Ernste zu entsagen –

Kann ich nicht länger spielen nun und schweigen,

Wer Herrlichs fühlt, der muß sich herrlich zeigen,

Mein Ruhen ist ein ewig frisches Wagen.

 

Laß mich, solang noch trunken unsre Augen,

Ein’n blühnden Kranz aus den vergangnen Stunden

Dir heiter um die weiße Stirne winden;

 

Frag nicht dann, was mich deinem Arm entwunden,

Drück fest den Kranz nur in die muntern Augen,

Mein Haupt will auch und soll den seinen finden!

5.

 

An Fouqué

 

 

1.

 

Seh ich des Tages wirrendes Beginnen,

Die bunten Bilder fliehn und sich vereinen,

Möcht ich das schöne Schattenspiel beweinen,

Denn eitel ist, was jeder will gewinnen.

 

Doch wenn die Straßen leer, einsam die Zinnen

Im Morgenglanze wie Kometen scheinen,

Ein stiller Geist steht auf den dunklen Steinen,

Als wollt er sich auf alte Zeit besinnen:

 

Da nimmt die Seele rüstig sich zusammen,

An Gott gedenkend und an alles Hohe,

Was rings gedeihet auf der Erden Runde.

 

Und aus dem Herzen lang verhaltne Flammen,

Sie brechen fröhlich in des Morgens Lohe,

Da grüß ich, Sänger, dich aus Herzensgrunde!

 

2.

 

Von Seen und Wäldern eine nächt’ge Runde

Sah ich, und Drachen ziehn mit glühnden Schweifen,

In Eicheswipfeln einen Horst von Greifen,

Das Nordlicht schräge leuchtend überm Grunde.

 

Durch Qualm dann klingend brach die Morgenstunde,

Da schweiften Ritter blank durch Nebelstreifen,

Durch Winde scharf, die auf der Heide pfeifen,

Ein Harfner sang, lobt’ Gott aus Herzensgrunde.

 

Tiefatmend stand ich über diesen Klüften,

Des Lebens Mark rührt’ schauernd an das meine,

Wie ein geharn’schter Riese da erhoben.

 

Kein ird’scher Laut mehr reichte durch die Lüfte,

Mir war’s, als stände ich mit Gott alleine,

So einsam, weit und sternhell war’s da oben.

 

3.

 

In Stein gehaun, zwei Löwen stehen draußen,

Bewachen ewig stumm die heil’ge Pforte.

Wer sich, die Brust voll Weltlust, naht dem Orte,

Den füllt ihr steinern Blicken bald mit Grausen.

 

Dir wächst dein Herz noch bei der Wälder Sausen,

Dich rühren noch die wilden Riesenworte,

Nur Gott vertraund, dem höchsten Schirm und Horte –

So magst du bei den alten Wundern hausen.

 

Ob auch die andern deines Lieds nicht achten,

Der Heldenlust und zarten Liebesblüte,

Gedanken treulos wechselnd mit der Mode:

 

So felsenfester sei dein großes Trachten,

Hau klingend Luft dir, ritterlich Gemüte!

 

Der Riese

Es saß ein Mann gefangen

Auf einem hohen Turm,

Die Wetterfähnlein klangen

Gar seltsam in den Sturm.

 

Und draußen hört’ er ringen

Verworrner Ströme Gang,

Dazwischen Vöglein singen

Und heller Waffen Klang.

 

Ein Liedlein scholl gar lustig:

Heisa, solang Gott will!

Und wilder Menge Tosen;

Dann wieder totenstill.

 

So tausend Stimmen irren,

Wie Wind’ im Meere gehn,

Sich teilen und verwirren,

Er konnte nichts verstehn.

 

Doch spürt’ er, wer ihn grüße,

Mit Schaudern und mit Lust,

Es rührt’ ihm wie ein Riese

Das Leben an die Brust.

 

Sängerfahrt

Kühlrauschend unterm hellen

Tiefblauen Himmelsdom

Treibt seine klaren Wellen

Der ew’gen Jugend Strom.

 

Viel rüstige Gesellen,

Den Argonauten gleich,

Sie fahren auf den Wellen

Ins duft’ge Frühlingsreich.

 

Ich aber faß den Becher

Daß es durchs Schiff erklingt,

Am Mast steh ich als Sprecher,

Der für euch alle singt.

 

Wie stehn wir hier so helle!

Wird mancher bald schlafen gehn,

O Leben, wie bist du schnelle,

O Leben, wie bist du schön!

 

Gegrüßt, du weite Runde,

Burg auf der Felsenwand,

Du Land voll großer Kunde,

Mein grünes Vaterland!

 

Euch möcht ich alles geben,

Und ich bin fürstlich reich,

Mein Herzblut und mein Leben,

Ihr Brüder, alles für euch!

 

So fahrt im Morgenschimmer!

Sei’s Donau oder Rhein,

Ein rechter Strom bricht immer

Ins ew’ge Meer hinein.

 

 

In das Stammbuch der M.H.

Akrostichon mit aufgegebenen Endreimen

Ist hell der Himmel, heiter alle Wellen,

Betritt der Schiffer wieder seine Wogen,

Vorüber Wald und Berge schnell geflogen,

Er muß, wohin die vollen Segel schwellen.

In Duft versinken bald all liebe Stellen,

Cypressen nur noch ragen aus den Wogen,

Herüber kommt manch süßer Laut geflogen,

Es trinkt das Meer der Klagen sanfte Quellen.

Nichts weilt. – Doch zaubern Treue und Verlangen,

Da muß sich blühnder alte Zeit erneuern,

Oeffnet die Ferne drauf die Wunderlichtung,

Ruht dein Bild drin, bekränzt in heil’ger Dichtung.

Fern laß den Freund nach Ost und West nur steuern,

Frei scheint er wohl – du hältst ihn doch gefangen!

 

 

In E…s Stammbuch

Mit einem Blatte, ein Bergschloß vorstellend

In klaren Ebenmaßen, schön gefugt,

Gleich dem Palaste freundlich sich erhebend,

Stark wie die Burg, die von dem Fels dort lugt,

In ernster Höh der alten Freiheit lebend,

Gleich jenem Turm stets nach dem Höchsten strebend,

Schloß, Burg und was da irdisch, überflügelnd –

Dabei, still wie die See dort, im Gemüt

Des Himmels Blau und was auf Erden blüht,

In frommer Klarheit ewig heiter spiegelnd;

Vor allem dann fern über Strom und Land

Den alten Freunden treulich zugewandt!

 

 

Auf dem Schwedenberge

Da hoben bunt und bunter

Sich Zelte in die Luft,

Und Fähnlein wehten munter

Herunter von der Kluft.

 

Und um die leichten Tische,

An jenem Bächlein klar,

Saß in der kühlen Frische

Der lust’gen Reiter Schar.

 

Eilt’ durch die rüst’gen Zecher

Die Marketenderin,

Reicht’ flüchtig ihre Becher,

Nimmt flücht’ge Küsse hin.

 

Da war ein Toben, Lachen,

Weit in den Wald hinein,

Die Trommel ging, es brachen

Die lust’gen Pfeifen drein.

 

Durch die verworrnen Klänge

Stürmt’ fort manch wilde Brust,

Da schallten noch Gesänge

Von Freiheit und von Lust.

 

Fort ist das bunte Toben,

Verklungen Sang und Klang,

Und stille ist’s hier oben

Viel hundert Jahre lang.

 

Du Wald, so dunkelschaurig,

Waldhorn, du Jägerlust!

Wie lustig und wie traurig

Rührst du mir an die Brust!

 

 

Lieber alles

Soldat sein, ist gefährlich,

Studieren sehr beschwerlich,

Das Dichten süß und zierlich,

Der Dichter gar possierlich

In diesen wilden Zeiten.

Ich möcht am liebsten reiten,

Ein gutes Schwert zur Seiten,

Die Laute in der Rechten,

Studentenherz zum Fechten.

Ein wildes Roß ist’s Leben,

Die Hufe Funken geben,

Wer’s ehrlich wagt, bezwingt es,

Und wo es tritt, da klingt es!

 

 

Sonette

An A …

 

 

1.

Die Klugen, die nach Gott nicht wollten fragen,

Den heil’gen Kampf gern irdisch möchten schlichten,

Zum Tod kein Herz, nicht Lieb, sich aufzurichten,

Verzehren sich nur selbst in eitlen Klagen.

 

Sind alle eure Schiffe denn zerschlagen:

Sieht man die heil’ge Flagge dich aufrichten,

Vom Liebessturm, der jene mußt vernichten,

Dein junges Schiff siegreich hinweggetragen.

 

Südwinde spielen lau um Laut und Locken,

Im Morgenrot des Hutes Federn schwanken,

Und Gottes Atem macht die Segel schwellen.

 

Wen noch die alten Heimatklänge locken,

Dem füllt der Segel wie der Töne Schwellen

Die Brust mit jungen, ewigen Gedanken.

 

2.

Wir sind so tief betrübt, wenn wir auch scherzen,

Die armen Menschen mühn sich ab und reisen,

Die Welt zieht ernst und streng in ihren Gleisen,

Ein feuchter Wind verlöscht die lust’gen Kerzen.

 

Du hast so schöne Worte tief im Herzen,

Du weißt so wunderbare, alte Weisen,

Und wie die Stern am Firmamente kreisen,

Ziehn durch die Brust dir ewig Lust und Schmerzen.

 

So laß dein’ Stimme hell im Wald erscheinen!

Das Waldhorn fromm wird auf und nieder wehen,

Die Wasser gehn und einsam Rehe weiden.

 

Wir wollen stille sitzen und nicht weinen,

Wir wollen in den Rhein hinuntersehen,

Und, wird es finster, nicht von sammen scheiden.

 

 

3.

Es will die Zeit mit ihrem Schutt verdecken

Den hellen Quell, der meiner Brust entsprungen,

Umsonst Gebete himmelan geschwungen,

Sie mögen nicht das Ohr der Gnade wecken.

 

So laß die Nacht die grausen Flügel strecken,

Nur immerzu, mein tapfres Schiff gedrungen!

Wer einmal mit den Wogen hat gerungen,

Fühlt sich das Herz gehoben in den Schrecken.

 

Schießt zu, trefft, Pfeile, die durchs Dunkel schwirren!

Ruhvoll um Klippen überm tück’schen Grunde

Lenk ich mein Schiff, wohin die Sterne winken.

 

Mag dann der Steuermann nach langem Irren,

Rasch ziehend alle Pfeile aus der Wunde,

Tot an der Heimatküste niedersinken!

 

 

Der Geist

Nächtlich dehnen sich die Stunden,

Unschuld schläft in stiller Bucht,

Fernab ist die Welt verschwunden,

Die das Herz in Träumen sucht.

 

Und der Geist tritt auf die Zinne,

Und noch stiller wird’s umher,

Schauet mit dem starren Sinne

In das wesenlose Meer.

 

Wer ihn sah bei Wetterblicken

Stehn in seiner Rüstung blank:

Den mag nimmermehr erquicken

Reichen Lebens frischer Drang. –

 

Fröhlich an den öden Mauern

Schweift der Morgensonne Blick,

Da versinkt das Bild mit Schauern

Einsam in sich selbst zurück.

 

 

Klage

1809

 

 

O könnt ich mich niederlegen

Weit in den tiefsten Wald,

Zu Häupten den guten Degen,

Der noch von den Vätern alt,

 

Und dürft von allem nichts spüren

In dieser dummen Zeit,

Was sie da unten hantieren,

Von Gott verlassen, zerstreut;

 

Von fürstlichen Taten und Werken,

Von alter Ehre und Pracht,

Und was die Seele mag stärken,

Verträumend die lange Nacht!

 

Denn eine Zeit wird kommen,

Da macht der Herr ein End,

Da wird den Falschen genommen

Ihr unechtes Regiment.

 

Denn wie die Erze vom Hammer,

So wird das lockre Geschlecht

Gehaun sein von Not und Jammer

Zu festem Eisen recht.

 

Da wird Aurora tagen

Hoch über den Wald hinauf,

Da gibt’s was zu singen und schlagen,

Da wacht, ihr Getreuen, auf.

 

 

An …

Wie nach festen Felsenwänden

Muß ich in der Einsamkeit

Stets auf dich die Blicke wenden.

Alle, die in guter Zeit

Bei mir waren, sah ich scheiden

Mit des falschen Glückes Schaum,

Du bliebst schweigend mir im Leiden,

Wie ein treuer Tannenbaum,

Ob die Felder lustig blühn,

Ob der Winter zieht heran,

Immer finster, immer grün –

Reich die Hand mir, wackrer Mann.

 

 

Nachtfeier

1810

 

 

Decket Schlaf die weite Runde,

Muß ich oft am Fenster lauschen,

Wie die Ströme unten rauschen,

Räder sausen kühl im Grunde,

Und mir ist so wohl zur Stunde;

Denn hinab vom Felsenrande

Spür ich Freiheit, uralt Sehnen,

Fromm zerbrechend alle Bande,

Über Wälder, Strom und Lande

Keck die großen Flügel dehnen.

 

Was je Großes brach die Schranken,

Seh ich durch die Stille gehen,

Helden auf den Wolken stehen,

Ernsten Blickes, ohne Wanken,

Und es wollen die Gedanken

Mit den guten Alten hausen,

Sich in ihr Gespräch vermischen,

Das da kommt in Waldesbrausen.

Manchem füllt’s die Brust mit Grausen,

Mich soll’s laben und erfrischen!

 

Tag und Regung war entflohen,

Übern See nur kam Geläute

Durch die monderhellte Weite,

Und rings brannten auf den hohen

Alpen still die bleichen Lohen,

Ew’ge Wächter echter Weihe,

Als, erhoben vom Verderben

Und vom Jammer, da die dreie

Einsam traten in das Freie,

Frei zu leben und zu sterben.

 

Und so wachen heute viele

Einsam über ihrem Kummer;

Unerquickt von falschem Schlummer,

Aus des Wechsels wildem Spiele

Schauend fromm nach einem Ziele.

Durch die öde, stumme Leere

Fühl ich mich euch still verbündet;

Ob der Tag das Recht verkehre,

Ewig strahlt der Stern der Ehre,

Kühn in heil’ger Nacht entzündet.

 

 

Zorn

1810

 

 

Seh ich im verfallnen, dunkeln

Haus die alten Waffen hangen,

Zornig aus dem Roste funkeln,

Wenn der Morgen aufgegangen,

 

Und den letzten Klang verflogen,

Wo im wilden Zug der Wetter,

Aufs gekreuzte Schwert gebogen,

Einst gehaust des Landes Retter;

 

Und ein neu Geschlecht von Zwergen

Schwindelnd um die Felsen klettern,

Frech, wenn’s sonnig auf den Bergen,

Feige krümmend sich in Wettern,

 

Ihres Heilands Blut und Tränen

Spottend noch einmal verkaufen,

Ohne Klage, Wunsch und Sehnen

In der Zeiten Strom ersaufen;

 

Denk ich dann, wie du gestanden

Treu, da niemand treu geblieben:

Möcht ich, über unsre Schande

Tiefentbrannt in zorn’gem Lieben,

 

Wurzeln in der Felsen Marke,

Und empor zu Himmelslichten

Stumm anstrebend, wie die starke

Riesentanne, mich aufrichten.

 

 

Symmetrie

1810

 

 

O Gegenwart, wie bist du schnelle,

Zukunft, wie bist du morgenhelle,

Vergangenheit so abendrot!

Das Abendrot soll ewig stehen,

Die Morgenhelle frisch dreinwehen,

So ist die Gegenwart nicht tot.

 

Der Tor, der lahmt auf einem Bein,

Das ist gar nicht zu leiden,

Schlagt ihm das andre Bein entzwei,

So hinkt er doch auf beiden!

 

 

Heimkehr

1810

 

 

Heimwärts kam ich spät gezogen

Nach dem väterlichen Haus,

Die Gedanken weit geflogen

Über Berg und Tal voraus.

»Nur noch hier aus diesem Walde!«

Sprach ich, streichelt sanft mein Roß,

»Goldnen Haber kriegst du balde,

Ruhn wir aus auf lichtem Schloß.«

 

»Doch warum auf diesen Wegen

Sieht’s so still und einsam aus?

Kommt denn keiner mir entgegen,

Bin ich nicht mehr Sohn vom Haus?

Kein’ Hoboe hör ich schallen,

Keine bunte Truppe mehr

Seh ich froh den Burgpfad wallen –

Damals ging es lust’ger her.«

 

Über die vergoldten Zinnen

Trat der Monden eben vor,

»Holla ho! ist niemand drinnen?

Fest verriegelt ist das Tor.

Wer will in der Nacht mich weisen,

Von des Vaters Hof und Haus!«

Mit dem Schwert hau ich die Eisen,

Und das Tor springt rasselnd auf.

 

Doch was seh ich! wüst, verfallen

Zimmer, Hof und Bogen sind,

Einsam meine Tritte hallen,

Durch die Fenster pfeift der Wind.

Alle Ahnenbilder lagen

Glanzlos in den Schutt verwühlt,

Und die Zither drauf, zerschlagen,

Auf der ich als Kind gespielt.

 

Und ich nahm die alte Zither,

Trat ans Fenster voller Gras,

Wo so ofte hinterm Gitter

Sonst die Mutter bei mir saß:

Gern mit Märlein mich erbaute,

Daß ich still saß, Abendrot,

Strom und Wälder fromm beschaute –

»Mutter, bist du auch schon tot?«

 

So war ich in’ Hof gekommen –

Was ich da auf einmal sah,

Hat den Atem mir benommen,

Bleibt mir bis zum Tode nah:

Aufrecht saßen meine Ahnen,

Und kein Laut im Hofe ging,

Eingehüllt in ihre Fahnen,

Da im ewig stillen Ring.

 

Und den Vater unter ihnen

Sah ich sitzen an der Wand,

Streng und steinern seine Mienen,

Doch in tiefster Brust bekannt;

Und in den gefaltnen Händen

Hielt er ernst ein blankes Schwert,

Tät die Blicke niemals wenden,

Ewig auf den Stahl gekehrt.

 

Da rief ich aus tiefsten Schmerzen:

»Vater, sprich ein einzig Wort,

Wälz den Fels von deinem Herzen,

Starre nicht so ewig fort!

Was das Schwert mit seinem Scheinen,

Rede, was dein Schauen will;

Denn mir graust durch Mark und Beine,

Wie du so entsetzlich still.« –

 

Morgenleuchten kam geflogen,

Und der Vater ward so bleich,

Adler hoch darüber zogen

Durch das klare Himmelreich,

Und der Väter stiller Orden

Sank zur Ruh in Ewigkeit,

Steine, wie es lichte worden,

Standen da im Hof zerstreut.

 

Nur der Degen blieb da droben

Einsam liegen überm Grab;

»Sei denn Hab und Gut zerstoben,

Wenn ich dich, du Schwert, nur hab!«

Und ich faßt es. – Leute wühlten

Übern Berg, hinab, hinauf,

Ob sie für verrückt mich hielten –

Mir ging hell die Sonne auf.

 

 

Gebet

1810

 

 

Was soll ich, auf Gott nur bauend,

Schlechter sein, als all die andern,

Die, so wohlbehaglich schauend,

Froh dem eignen Nichts vertrauend,

Die gemeine Straße wandern?

 

Warum gabst du mir die Güte,

Die Gedanken himmelwärts,

Und ein ritterlich Gemüte,

Das die Treue heilig hüte

In der Zeit treulosem Scherz?

 

Was hast du mich blank gerüstet,

Wenn mein Volk mich nicht begehrt,

Keinen mehr nach Freiheit lüstet,

Daß mein Herz, betrübt, verwüstet,

Nur dem Grabe zugekehrt? –

 

Laß die Ketten mich zerschlagen,

Frei zum schönen Gottesstreit

Deine hellen Waffen tragen,

Fröhlich beten, herrlich wagen,

Gib zur Kraft die Freudigkeit!

 

Mahnung

1810

 

 

1.

In Wind verfliegen sah ich, was wir klagen,

Erbärmlich Volk um falscher Götzen Thronen,

Wen’ger Gedanken, deutschen Landes Kronen,

Wie Felsen, aus dem Jammer einsam ragen.

 

Da mocht ich länger nicht nach euch mehr fragen,

Der Wald empfing, wie rauschend! den Entflohnen,

In Burgen alt, an Stromeskühle wohnen

Wollt ich auf Bergen bei den alten Sagen.

 

Da hört ich Strom und Wald dort so mich tadeln:

»Was willst, Lebend’ger du, hier überm Leben,

Einsam verwildernd in den eignen Tönen?

 

Es soll im Kampf der rechte Schmerz sich adeln,

Den deutschen Ruhm aus der Verwüstung heben,

Das will der alte Gott von seinen Söhnen!«

 

 

 

2.

 

Wohl mancher, dem die wirbligen Geschichten

Der Zeit das ehrlich deutsche Herz zerschlagen,

Mag, wie Prinz Hamlet, zu sich selber sagen:

Weh! daß zur Welt ich kam, sie einzurichten!

 

Weich, aufgelegt zu Lust und fröhlichem Dichten,

Möcht er so gern sich mit der Welt vertragen,

Doch, Rache fordernd, aus den leichten Tagen

Sieht er der Väter Geist sich stets aufrichten.

 

Ruhlos und tödlich ist die falsche Gabe:

Des Großen Wink im tiefsten Marke spüren,

Gedanken rastlos – ohne Kraft zum Werke.

 

Entschließ dich, wie du kannst nun, doch das merke:

Wer in der Not nichts mag, als Lauten rühren,

Des Hand dereinst wächst mahnend aus dem Grabe.

 

Der Tiroler Nachtwache

1810

 

 

In stiller Bucht, bei finstrer Nacht,

Schläft tief die Welt im Grunde,

Die Berge rings stehn auf der Wacht,

Der Himmel macht die Runde,

Geht um und um,

Ums Land herum

Mit seinen goldnen Scharen,

Die Frommen zu bewahren.

 

Kommt nur heran mit eurer List,

Mit Leitern, Strick und Banden,

Der Herr doch noch viel stärker ist,

Macht euren Witz zuschanden.

Wie wart ihr klug! –

Nun schwindelt Trug

Hinab vom Felsenrande –

Wie seid ihr dumm! o Schande!

 

Gleichwie die Stämme in dem Wald

Wolln wir zusammenhalten,

Ein’ feste Burg, Trutz der Gewalt,

Verbleiben treu die alten.

Steig, Sonne, schön!

Wirf von den Höhn

Nacht und die mit ihr kamen,

Hinab in Gottes Namen.

 

 

An die Tiroler

Im Jahre 1810

 

 

Bei Waldesrauschen, kühnem Sturz der Wogen,

Wo Herden einsam läuten an den Klüften,

Habt ihr in eurer Berge heitern Lüften

Der Freiheit Lebensatem eingesogen.

 

Euch selbst die Retter, seid ihr ausgezogen,

Wie helle Bäche brechen aus den Klüften;

Hinunter schwindelt Tücke nach den Schlüften,

Der Freiheit Burg sind eure Felsenbogen.

 

Hochherzig Volk, Genosse größrer Zeiten!

Du sinkst nun in der eignen Häuser Brande,

Zum Himmel noch gestreckt die freien Hände.

 

O Herr! laß diese Lohen wehn, sich breiten

Auffordernd über alle deutschen Lande,

Und wer da fällt, dem schenk so glorreich Ende!

 

 

An die Meisten

1810

 

 

Ist denn alles ganz vergebens?

Freiheit, Ruhm und treue Sitte,

Ritterbild des alten Lebens,

Zog im Lied durch eure Mitte

Hohnverlacht als Don Quijote;

Euch deckt Schlaf mit plumper Pfote,

Und die Ehre ist euch Zote.

 

Ob sich Kampf erneut’, vergliche,

Ob sich roh Gebirgsvolk raufe,

Sucht der Klügre Weg’ und Schliche,

Wie er nur sein Haus erlaufe.

Ruhet, stützet nur und haltet!

Untersinkt, was ihr gestaltet,

Wenn der Mutterboden spaltet.

 

Wie so lustig, ihr Poeten,

An den blumenreichen Hagen

In dem Abendgold zu flöten,

Quellen, Nymphen nachzujagen!

Wenn erst mut’ge Schüsse fallen,

Von den schönen Widerhallen

Laßt ihr zart Sonette schallen.

 

Wohlfeil Ruhm sich zu erringen,

Jeder ängstlich schreibt und treibet;

Keinem möcht das Herz zerspringen,

Glaubt sich selbst nicht, was er schreibet.

Seid ihr Männer, seid ihr Christen?

Glaubt ihr, Gott zu überlisten,

So in Selbstsucht feig zu nisten?

 

Einen Wald doch kenn ich droben,

Rauschend mit den grünen Kronen,

Stämme brüderlich verwoben,

Wo das alte Recht mag wohnen.

Manche auf sein Rauschen merken,

Und ein neu Geschlecht wird stärken

Dieser Wald zu deutschen Werken.

 

 

Der Jäger Abschied

Wer hat dich, du schöner Wald,

Aufgebaut so hoch da droben?

Wohl den Meister will ich loben,

Solang noch mein’ Stimm’ erschallt.

Lebe wohl,

Lebe wohl, du schöner Wald!

 

Tief die Welt verworren schallt,

Oben einsam Rehe grasen,

Und wir ziehen fort und blasen,

Daß es tausendfach verhallt:

Lebe wohl,

Lebe wohl, du schöner Wald!

 

Banner, der so kühle wallt!

Unter deinen grünen Wogen

Hast du treu uns auferzogen

Frommer Sagen Aufenthalt!

Lebe wohl,

Lebe wohl, du schöner Wald!

 

Was wir still gelobt im Wald,

Wollen’s draußen ehrlich halten,

Ewig bleiben treu die Alten:

Deutsch Panier, das rauschend wallt,

Lebe wohl!

Schirm dich Gott, du schöner Wald!

 

 

Auf dem Rhein

Kühle auf dem schönen Rheine,

Fuhren wir vereinte Brüder,

Tranken von dem goldnen Weine,

Singend gute deutsche Lieder.

Was uns dort erfüllt die Brust,

Sollen wir halten,

Niemals erkalten,

Und vollbringen treu mit Lust!

Und so wollen wir uns teilen,

Eines Fels verschiedne Quellen,

Bleiben so auf hundert Meilen

Ewig redliche Gesellen!

 

 

Trost

Sag an, du helles Bächlein du,

Von Felsen eingeschlossen,

Du rauschst so munter immerzu,

Wo kommst du hergeflossen?

 

»Dort oben steht des Vaters Haus

Still in den klaren Lüften,

Da ruhn die alten Helden aus

In den kristallnen Klüften.

 

Ich sah den Morgen freudig stehn

Hoch auf der Felsenschwelle,

Die Adler ziehn und Ströme gehn,

Und sprang hinaus ins Helle.«

 

Sag an, du königlicher Strom,

Was geht mein Herz mir auf,

Seh ich dich ziehn durch Waldesdom?

Wohin führt dich dein Lauf?

 

»Es treibt und rauscht der Eisenquell

Noch fort mir durch die Glieder;

Die Felsenluft, so kühl und hell,

Lockt zu mir alle Brüder.«

 

Zeichen

So Wunderbares hat sich zugetragen:

Was aus uralten Sagen

Mit tief verworrener Gewalt oft sang

Von Liebe, Freiheit, was das Herz erlabe,

Mit heller Waffen Klang

Es richtet sich geharnischt auf vom Grabe,

Und an den alten Heerschild hat’s geschlagen,

Daß Schauer jede Brust durchdrang.

 

 

Unmut

O Herbst! betrübt verhüllst du

Strom, Wald und Blumenlust,

Erbleichte Flor, wie füllst du

Mit Sehnsucht nun die Brust!

 

Weit hinter diesen Höhen

Die hier mich eng umstellt,

Hör ich eratmend gehen

Den großen Strom der Welt.

 

In lichtem Glanze wandelt

Der Helden heil’ger Mut,

Es steigt das Land verwandelt

Aus seiner Söhne Blut.

 

Auch mich füllt’ männlich Trauern,

Wie euch, bei Deutschlands Wehn –

Und muß in Sehnsuchtsschauern

Hier ruhmlos untergehn!

 

 

Entschluß

Gebannt im stillen Kreise sanfter Hügel,

Schlingt sich ein Strom von ewig gleichen Tagen,

Da mag die Brust nicht nach der Ferne fragen,

Und lächelnd senkt die Sehnsucht ihre Flügel.

 

Viel andre stehen kühn im Rossesbügel,

Des Lebens höchste Güter zu erjagen,

Und was sie wünschen, müssen sie erst wagen,

Ein strenger Geist regiert des Rosses Zügel. –

 

Was singt ihr lockend so, ihr stillen Matten,

Du Heimat mit den Regenbogenbrücken,

Ihr heitern Bilder, harmlos bunte Spiele?

 

Mich faßt der Sturm, wild ringen Licht und Schatten,

Durch Wolkenriß bricht flammendes Entzücken –

Nur zu, mein Roß! wir finden noch zum Ziele!

 

 

Abschiedstafel

So rückt denn in die Runde!

Es schleicht die Zeit im Dunkeln,

Sie soll uns rüstig finden

Und heiter, stark und gut!

Gar viel ist zu vollbringen,

Gar vieles muß mißlingen.

So mag die letzte Stunde

Nachleuchten uns und funkeln!

Wo unsre Pfad sich winden,

Wir sind in Gottes Hut.

 

Dem Bruder meines Lebens,

Der, fern, mit mir zusammen,

Sei denn aus Herzensgrunde

Das erste Glas gebracht!

Ich brauch ihn nicht zu nennen,

Er aber wird mich kennen.

Viel Land trennt uns vergebens,

Ihm soll dies Wort, die Stunde,

Durch alle Adern flammen,

Wie ich an ihn gedacht!

 

Zu dir nun, heitre Schöne,

Wend ich mich voll Gedanken.

Wie sie zu dir sich wenden,

Muß ich so fröhlich sein.

So weit Poeten wohnen,

So weit der Wälder Kronen,

So weit kunstreiche Töne

Die heiteren Gedanken

Und Himmelsgrüße senden:

Ist alles mein und dein.

 

Laß nie die Schmach mich sehen,

Daß auch dein Herz, der Lüge

Des andern Volks zum Raube,

Bereuend feig und hohl,

An Licht und Schmuck mag zagen!

Nicht wahr ist, was sie sagen:

Daß Lieb und Lust vergehen,

Nicht wahr, daß uns betrüge

Der schöne, freud’ge Glaube,

Und also lebe wohl!

 

Ihr aber, klug Gesellen,

Die hier mit in dem Kreise,

Wohl quält ihr mich seit Jahren

Mit weisem Rat und Wort. –

Stoßt an, es sei vergessen!

Im Meere, ungemessen,

Sind viele tausend Wellen

Und tausend Schiffe fahren,

Ein jedes seine Reise,

Komm jedes in seinen Port!

 

Vom Berg hinabgewendet,

Seh ich die Ströme, Zinnen,

Der Liebsten Schloß darunter –

Nun, Morgenlohe, hülle

In Glorie dein Reich!

Dir, tieflebend’ge Fülle,

Schleudr ich das Glas hinunter,

Mir schwindeln alle Sinnen,

So wend ich mich geblendet,

Gott segne dich und euch!

 

 

An meinen Bruder

1813

 

 

Steig aufwärts, Morgenstunde!

Zerreiß die Nacht, daß ich in meinem Wehe

Den Himmel wiedersehe,

Wo ew’ger Frieden in dem blauen Grunde!

Will Licht die Welt erneuen,

Mag auch der Schmerz in Tränen sich befreien.

 

Mein lieber Herzensbruder!

Still war der Morgen – Ein Schiff trug uns beide,

Wie war die Welt voll Freude!

Du faßtest ritterlich das schwanke Ruder,

Uns beide treulich lenkend,

Auf froher Fahrt nur einen Stern bedenkend.

 

Mich irrte manches Schöne,

Viel reizte mich und viel mußt ich vermissen.

Von Lust und Schmerz zerrissen,

Was so mein Herz hinausgeströmt in Töne:

Es waren Widerspiele

Von deines Busens ewigem Gefühle.

 

Da ward die Welt so trübe,

Rings stiegen Wetter von der Berge Spitzen,

Der Himmel borst in Blitzen,

Daß neugestärkt sich Deutschland draus erhübe. –

Nun ist das Schiff zerschlagen,

Wie soll ich ohne dich die Flut ertragen! –

 

Auf einem Fels geboren,

Verteilen kühler rauschend sich zwei Quellen,

Die eigne Bahn zu schwellen.

Doch wie sie fern einander auch verloren:

Es treffen echte Brüder

Im ew’gen Meere doch zusammen wieder.

 

So wolle Gott du flehen,

Daß er mit meinem Blut und Leben schalte,

Die Seele nur erhalte,

Auf daß wir freudig einst uns wiedersehen,

Wenn nimmermehr hienieden:

So dort, wo Heimat, Licht und ew’ger Frieden!

 

 

Aufbruch

Silbern Ströme ziehn herunter,

Blumen schwanken fern und nah,

Ringsum regt sich’s bunt und bunter –

Lenz! bist du schon wieder da?

 

»Reiter sind’s, die blitzend ziehen,

Wieviel glänz’ger Ströme Lauf,

Fahnen, liliengleich, erblühen,

Lerchenwirbel, Trommelwirbel

Wecken rings den Frühling auf.«

 

Horch! was hör ich draußen klingen

Wild verlockend wie zur Jagd?

Ach, das Herz möcht mir zerspringen,

Wie es jauchzt und weint und klagt.

 

»Und in Waldes grünen Hallen,

Tiefe Schauer in der Brust,

Lassen wir die Hörner schallen,

In das Blau die Stimmen hallen,

So zum Schrecken wie zur Lust.«

 

Wehe! dunkle Wolken decken

Seh ich all die junge Pracht,

Feur’ge Todeszungen strecken

Durch die grimme Wetternacht.

 

»Wettern gleich blüht Kampfesfülle,

Blitze zieht das gute Schwert,

Mancher wird auf ewig stille –

Herr Gott, es gescheh Dein Wille!

Blast Trompeten! Frisch mein Pferd!«

 

Regenbogen seh ich steigen,

Wie von Tränen sprühn die Au,

Jenen sich erbarmend neigen

Über den verweinten Gau.

 

»Also über Graus und Wogen,

Hat der Vater gnadenreich

Ein Triumphtor still gezogen.

Wer da fällt, zieht durch den Bogen

Heim ins ew’ge Himmelreich.«

 

 

Tusch

Fängt die Sonne an zu stechen,

Tapfer schießen Gras und Kräuter

Und die Bäume schlagen aus:

Muß des Feinds Gewalt zerbrechen,

Nimmt der Winter schnell Reißaus,

Erd und Himmel glänzen heiter;

Und wir Musikanten fahren

Lustig auf dem Fluß hinunter,

Trommeln, pfeifen, blasen, geigen,

Und die Hörner klingen munter.

 

 

Appell

Ich hört viel Dichter klagen

Von alter Ehre rein,

Doch wen’ge mochten’s wagen

Und selber schlagen drein.

 

Mein Herz wollt mir zerspringen,

Sucht’ mir ein ander Ziel,

Denn anders sein und singen,

Das ist ein dummes Spiel.

 

So stieg ich mit Auroren

Still ins Gebirg hinan,

Ich war wie neugeboren,

So kühle weht’s mich an.

 

Und als ich, Bahn mir schaffend,

Zum Gipfel trat hinauf,

Da blitzten schon von Waffen

Ringsum die Länder auf.

 

Die Hörner hört ich laden,

Die Luft war streng und klar –

Ihr neuen Kameraden,

Wie singt ihr wunderbar!

 

Frisch auf, wir wollen uns schlagen,

So Gott will, übern Rhein

Und weiter im fröhlichen Jagen

Bis nach Paris hinein!

 

 

Soldatenlied

Was zieht da für schreckliches Sausen,

Wie Pfeifen durch Sturmeswehn?

Das wendet das Herz recht vor Grausen,

Als sollte die Welt vergehn.

 

Das Fußvolk kommt da geschritten,

Die Trommeln wirbeln voran,

Die Fahne in ihrer Mitten

Weht über den grünen Plan,

Sie prangt in schneeweißem Kleide

Als wie eine milde Braut,

Die gibt dem hohe Freude,

Wen Gott ihr angetraut.

Sie haben sie recht umschlossen,

Dicht Mann an Mann gerückt,

So ziehen die Kriegsgenossen

Sreng, schweigend und ungeschmückt,

Wie Gottes dunkler Wille,

Wie ein Gewitter schwer,

Da wird es ringsum so stille,

Der Tod nur blitzt hin und her.

 

Wie seltsame Klänge schwingen

Sich dort von der Waldeshöh!

Ja, Hörner sind es, die singen

Wie rasend vor Lust und Weh.

 

Die jungen Jäger sich zeigen

Dort drüben im grünen Wald,

Bald schimmernd zwischen den Zweigen,

Bald lauernd im Hinterhalt.

Wohl sinkt da in ewiges Schweigen

Manch schlanke Rittergestalt,

Die anderen über ihn steigen,

Hurra! in dem schönen Wald,

Es funkelt das Blau durch die Bäume –

»Ach, Vater, ich komme bald!«

 

Trompeten nur hör ich werben

So hell durch die Frühlingsluft,

Zur Hochzeit oder zum Sterben

So übermächtig es ruft.

 

Das sind meine lieben Reiter,

Die rufen hinaus zur Schlacht,

Das sind meine lustigen Reiter,

Nun, Liebchen, gute Nacht!

Wie wird es da vorne so heiter,

Wie sprühet der Morgenwind,

In den Sieg, in den Tod und weiter,

Bis daß wir im Himmel sind!

 

Die ernsthafte Fastnacht

1814

 

 

Wohl vor Wittenberg auf den Schanzen

Sind der edlen Werber viel,

Wollen da zur Fastnacht tanzen

Ein gar seltsam Ritterspiel.

 

Und die Stadt vom Felsen droben

Spiegelt sich im Sonnenschein,

Wie ein Jungfräulein erhoben –

Jeder will ihr Bräut’gam sein.

 

Jäger! laßt die Hörner klingen

Durch den Morgen kalt und blank!

Wohl, sie läßt sich noch bezwingen,

Hört sie alten deutschen Klang.

 

Drauf sie einen Reiter schnelle

Senden, der so fröhlich schaut,

Der bläst seinen Gruß so helle,

Wirbt da um die stolze Braut.

 

»Sieh, wir werben lang verstohlen

Schon um dich in Not und Tod,

Komm! sonst wollen wir dich holen,

Wann der Mond scheint blutig rot!«

 

Bleich schon fallen Abendlichter –

Und der Reiter bläst nur zu,

Nacht schon webt sich dicht und dichter –

Doch das Tor bleibt immer zu.

 

Nun so spielt denn, Musikanten,

Blast zum Tanz aus frischer Brust!

Herz und Sinne mir entbrannten,

O du schöne, wilde Lust!

 

Wer hat je so ‘n Saal gesehen?

Strom und Wälder spielen auf,

Sterne auf und nieder gehen,

Stecken hoch die Lampen auf.

 

Ja der Herr leucht’t selbst zum Tanze,

Frisch denn, Kameraden mein!

Funkelnd schön im Mondesglanze

Strenges Lieb, mußt unser sein! –

 

Und es kam der Morgen heiter,

Mancher Tänzer lag da tot,

Und Victoria blies der Reiter

Von dem Wall ins Morgenrot.

 

Schlesier wohl zu Ruhm und Preise

Haben sich dies Lieb gewonnen,

Und ein Schlesier diese Weise

Recht aus Herzenslust ersonnen.

 

 

Auf der Feldwacht

Mein Gewehr im Arme steh ich

Hier verloren auf der Wacht,

Still nach jener Gegend seh ich,

Hab so oft dahin gedacht!

 

Fernher Abendglocken klingen

Durch die schöne Einsamkeit;

So, wenn wir zusammen gingen,

Hört ich’s oft in alter Zeit.

 

Wolken da wie Türme prangen,

Als säh ich im Dust mein Wien,

Und die Donau hell ergangen

Zwischen Burgen durch das Grün.

 

Doch wie fern sind Strom und Türme!

Wer da wohnt, denkt mein noch kaum,

Herbstlich rauschen schon die Stürme,

Und ich stehe wie im Traum.

 

 

Waffenstillstand der Nacht

Windsgleich kommt der wilde Krieg geritten,

Durch das Grün der Tod ihm nachgeschritten,

Manch Gespenst steht sinnend auf dem Feld,

Und der Sommer schüttelt sich vor Grausen,

Läßt die Blätter, schließt die grünen Klausen,

Ab sich wendend von der blut’gen Welt.

 

Prächtig war die Nacht nun aufgegangen,

Hatte alle mütterlich umfangen,

Freund und Feind mit leisem Friedenskuß,

Und, als wollt der Herr vom Himmel steigen,

Hört ich wieder durch das tiefe Schweigen

Rings der Wälder feierlichen Gruß.

 

 

In C.S. … Stammbuch

Dezember 1814

 

 

In verhängnisschweren Stunden,

Streitend für das Vaterland,

Haben wir uns brüderlich gefunden,

In der Menge still erkannt.

 

Sieh! es ruhet nun der Degen

Und die hohe Brandung fällt,

Sich verlaufend auf den alten Wegen,

Und langweilig wird die Welt.

 

Doch der Ernst der heil’gen Stunden

Waltet fort in mancher Brust,

Und was sich wahrhaftig hat verbunden,

Bleibt gesellt in Not und Lust.

 

Unsichtbar geschwungne Brücken

Halten Lieb und Lieb vereint,

Und in allen hellen Lebensblicken

Grüß ich fern den lieben Freund.

 

Und so mag der Herr dich segnen!

Frische Fahrt durchs Leben wild,

Gleichen Sinn und freudiges Begegnen,

Wo es immer Hohes gilt!

 

 

Der Friedensbote

Schlaf ein, mein Liebchen, schlaf ein,

Leis durch die Blumen am Gitter

Säuselt des Laubes Gezitter,

Rauschen die Quellen herein;

Gesenkt auf den schneeweißen Arm,

Schlaf ein, mein Liebchen, schlaf ein,

Wie atmest du lieblich und warm!

 

Aus dem Kriege kommen wir heim;

In stürmischer Nacht und Regen,

Wenn ich auf der Lauer gelegen,

Wie dachte ich dorten dein!

Gott stand in der Not uns bei,

Nun droben, bei Mondenschein,

Schlaf ruhig, das Land ist ja frei!

 

 

An meinen Bruder

1815

 

 

Was Großes sich begeben,

Der Kön’ge Herrlichkeit,

Du sahst’s mit freud’gem Beben,

Dir war’s vergönnt, zu leben

In dieser Wunderzeit.

 

Und über diese Wogen

Kam hoch ein himmlisch Bild

Durchs stille Blau gezogen,

Traf mit dem Zauberbogen

Dein Herz so fest und mild.

 

O wunderbares Grauen,

Zur selben Stund den Herrn

Im Wetterleuchten schauen,

Und über den stummen Gauen

Schuldloser Liebe Stern!

 

Und hat nun ausgerungen

Mein Deutschland siegeswund:

Was damals Lieb gesungen,

Was Schwerter dir geklungen,

Klingt fort im Herzensgrund.

 

Laß bilden die Gewalten!

Was davon himmlisch war,

Kann nimmermehr veralten,

Wird in der Brust gestalten

Sich manches stille Jahr.

 

Die Fesseln müssen springen,

Ja, endlich macht sich’s frei,

Und Großes wird gelingen

Durch Taten oder Singen,

Vor Gott ist’s einerlei.

 

 

An Philipp

(Nach einer Wiener Redoutenmelodie)

Kennst du noch den Zaubersaal,

Wo süß Melodien wehen,

Zwischen Sternen ohne Zahl

Frauen auf und nieder gehen?

 

Kennst du noch den Strom von Tönen,

Der sich durch die bunten Reihen schlang,

Von noch unbekannten Schönen

Und von fernen, blauen Bergen sang?

 

Sieh! die lichte Pracht erneut

Fröhlich sich in allen Jahren,

Doch die Brüder sind zerstreut,

Die dort froh beisammen waren.

 

Und der Blick wird irre schweifen,

Einsam stehst du nun in Pracht und Scherz,

Und die alten Töne greifen

Dir mit tausend Schmerzen an das Herz.

 

Uhren schlagen durch die Nacht,

Drein verschlafne Geigen streichen,

Aus dem Saale, überwacht,

Sich die letzten Paare schleichen.

 

So ist unser Fest vergangen,

Und die lust’gen Kerzen löschen aus,

Doch die Sterne draußen prangen,

Und die führen mich und dich nach Haus.

 

 

Hermanns Enkel

Altdeutsch! – Altdeutsch? – Nun, das ist,

Was man so in Büchern liest: –

Kluge Rosse – prächt’ge Decken,

Händel, Kruzifixe, Recken –

Oh, wie herrlich strahlt dies Leben!

Göttlich! – Doch mit Unterschied.

Es versteht sich, daß man’s deute –

‘s wär doch gar zu unbequem,

Wenn man alles wörtlich nähm,

Wie’s da durcheinander blüht! –

Diese Ritter – gute Leute,

Ehrlich, tapfer, brave Reiter –

Gegen uns doch Bärenhäuter!

Eigentlich sind wir wohl weiter.

Lehnstreu – Klöster – Barbarei –

Davon machen wir uns frei.

Fangen wir so an zu sichten:

Fürcht ich, bleibt es bei Gedichten

Nein doch! Eines, geht mir bei,

Eines bleibt doch: dies Vernichten

Aller Modesklaverei! –

Hohe Vaterländerei!

Schnittst du los nicht Hermanns Söhne

Von des Halstuchs schnöden Schlingen,

Worin, sonder Kraft und Schöne,

Unsre Väter schmählich hingen?

Gabst du nicht dem Löwen Mähne,

Die ihm frech die Zeit gestohlen?

Statt des wind’gen Fracks Geflatter

Der Litewka Schurz aus Polen,

Statt des Franzen knabenglatter

Schnauze: seinen Henri quatre? –

Bruder, ich sag’s unverhohlen,

Und auch du wirst’s nicht bestreiten:

Große Zeichen großer Zeiten! –

Wahrlich, säh ich nicht den Kragen

Übern schwarzen Rock geschlagen,

Schien’ mir alles Ironie.

Doch wie sprech ich da? Ironisch –

Dieses Wort ist nicht teutonisch.

Undeutsch ist die falsche Freude:

Künsteln am wahrhaften Wort!

Ob auch feige Poesie

Sauere Gesichter schneide:

Durch den welschen Lügenwitz

Schreitet stramm der Deutsche fort

Hinter seiner Nasenspitz,

Aller Ehrlichkeiten Sitz,

Biderb immer gradeaus.

Alles Welsche wird mir Graus,

Seit ich steck im deutschen Kleide:

Du auch, Liebchen, wähle gleich

Deine Tracht dir altdeutsch aus!

Wie’s auf Bildern noch zu schauen:

Wedel von dem Schweif der Pfauen,

Dann von Spitzen, blumenreich,

Wie ‘ne mittelmäß’ge Scheibe,

Eine steife Halsrotunde!

‘s ist so überm schlanken Leibe

Wie ein Regenschirm gespannt,

Obendrauf dann statt dem Knopf

Schwebt der holde Frauenkopf,

In das Blütenmeer von Kragen,

Ariadnen gleich, verschlagen. –

Oh, und ein moral’scher Kragen!

Denn wer ist da so gewandt,

Flüsternd was ins Ohr zu sagen,

Was nicht gleich die andern wissen?

Und – unmöglich ist das Küssen!

 

 

Der Liedsprecher1

1.

Und wo ein tüchtig Leben,

Und wo ein Ehrenhaus,

Da geht der Sänger eben

Gern gastlich ein und aus.

 

Der freudige Geselle

Grüßt Pfaff und Rittersmann,

Und frische Morgenhelle

Weht all’ im Liede an.

 

Und kühn im Rossesbügel

Der Ritter waldwärts zieht,

Und das Gebet nimmt Flügel

Und überfliegt das Lied.

 

Denn ob’s mit Schwert, mit Liedern

Sich Bahn zum Himmel schafft;

‘s ist eine Schar von Brüdern

Und eine Liebeskraft.

 

Wo die vereint, da ranken

Sich willig Stein und Erz,

Da pfeilern die Gedanken

Sich freudig himmelwärts.

 

Die haben diese Bogen

Kühn übern wilden Strom

Empörter Zeit gezogen

Zum wunderbaren Dom.

 

Die Burgen sahn wir fallen,

Die Adler zogen aus,

Wehklagend durch die Hallen

Gehn Winde ein und aus.

 

Doch droben auf der Zinne

Steht noch der Heldengeist

Der – was die Zeit beginne –

Still nach dem Kreuze weist.

 

Es wechseln viel Geschlechter

Und sinken in die Nacht –

Steh fest, du treuer Wächter,

Und nimm dein Land in acht!

 

Schon hat zum Kreuzeslichte

Dein Volk sich ernst gewandt,

Im Sturm der Weltgerichte

Tief schauernd dich erkannt.

 

Nun hebt sich wieder fröhlich

Dein Haus im Morgenschein,

Die Jungfrau minneselig

Schaut weit ins Land hinein.

 

Gesänge hör ich schallen,

Durchs Grün geschmückte Gäst

Wallfahrten nach den Hallen –

Wem gilt das frohe Fest?

 

Der Königssohn, ihr Preußen,

Weilt auf dem Ritterschloß,

Das ist nach Adlers Weisen,

Daß er der Höh Genoß.

 

Das ist des Königs Walten,

Was herrlich, groß und recht,

Im Wechsel zu erhalten

Dem kommenden Geschlecht.

 

Er hob die Heldenmale

Zu neuer Herrlichkeit,

Damit das Volk im Tale

Gedenk der großen Zeit.

 

Das ewig Alt und Neue,

Das mit den Zeiten ringt,

Das, Fürst, ist’s, was das treue

Herz deines Volks durchdringt.

 

Wo das noch ehrlich waltet,

Da ist zu Gottes Ruhm

Die Kreuzesfahn entfaltet,

Und rechtes Rittertum.

 

Oh, reicht dem Liedersprecher,

Bevor er scheiden muß,

Den hochgefüllten Becher

Zu seinem besten Gruß!

 

Doch einzeln nicht verhallen

Darf, was ich jetzt gedacht.

Was jeder meint, von allen,

Sei’s freudig auch gebracht!

 

All ritterliche Geister

Umringen fest den Thron,

Und auf zum höchsten Meister

Dringt treuer Liebe Ton:

 

Dem ritterlichen König

Heil, und dem Königssohn!

Fußnoten

 

1 Das vorstehende Lied wurde am 20. Juni 1822 während der Tafel, welche des damaligen Kronprinzen von Preußen, jetzigen Königs, Majestät, in dem großen Rempter des Marienburger Ritterschlosses gab, von einem Freunde des Verfassers in dem Kostüm der alten Liedsprecher gesungen.

 

 

2.

(Als die Kaiserin von Rußland das Schloß Marienburg besuchte)

 

 

Will Lust die Tor’ erschließen,

Da bleib ich draußen nicht,

Das Hohe zu begrüßen,

Das ist des Sängers Pflicht.

 

Das ist die alte Halle,

Hier sang ich manches Mal,

Die hohen Ritter alle

Rings um mich her im Saal.

 

Und von dem Heldenstreiten

Erklang manch kühnes Lied,

Das noch in nächt’gen Zeiten

Den stillen Bau durchzieht.

 

Doch farbenlos vergrauen

Ohn Blüte Fels und Au –

Es fehlt’ der Schmuck der Frauen

Dem hochgewalt’gen Bau.

 

Die Stärke regt das Wilde,

Und nur, der Kraft gesellt,

Die königliche Milde

Bezwingt die starre Welt. –

 

Welch Glanz hat mich umflogen

Und füllt das ganze Haus,

Als pfeilerten die Bogen

Ins Himmelreich hinaus!

 

Und was der Stein will sagen,

Der Mensch in tiefster Brust,

In Klängen anzuschlagen,

Das ist des Sängers Lust:

 

O du – gleichbar der Hohen,

Die dieses Haus bewacht

Und Morgenrotes Lohen

Im Norden angefacht –

 

Was Großes hier ersonnen,

All Segen, der hier weilt,

All Wohl, das hier begonnen,

Dir, hohe Frau, zum Heil!

 

Und so nun will ich neigen

Mich vor der Majestät –

Dann laßt mich gehn und schweigen,

Bis ihr Sie wiederseht.

 

Der neue Rattenfänger

Juchheisa! und ich führ den Zug

Hopp über Feld und Graben.

Des alten Plunders ist genug,

Wir wollen neuen haben.

 

Was! wir gering? Ihr vornehm, reich?

Planierend schwirrt die Schere,

Seid Lumps wie wir, so sind wir gleich,

Hübsch breit wird die Misere!

 

Das alte Lied, das spiel ich neu,

Da tanzen alle Leute,

Das ist die Vaterländerei,

O Herr, mach uns gescheute! –

 

 

Der brave Schiffer

Der Sturm wollt uns zerschmettern,

Was morsch war, lag zerschellt,

Es schrieb mit feur’gen Lettern

Der Herr, und sprach in Wettern

Zu der erschrocknen Welt.

 

Durch wilder Wogen Spritzen

Vorüber manchem Riff,

Wo auf Korallenspitzen

Die finstern Nornen sitzen,

Flog da das Preußenschiff.

 

Das war von echtem Kerne;

Gedankenvoll die Wacht

Schaut durch die wüste Ferne

Zum königlichen Sterne,

Der leuchtet aus der Nacht.

 

Und ob sie Nebel decken,

Was groß und heilig war,

Lenkten da aus den Schrecken

Gewaltig die treuen Recken –

Du mitten in dieser Schar.

 

Da sah man wohl den schlanken

Wald kühner Masten sich

Zum Himmel pfeilernd ranken!

Du lehntest voll Gedanken

Auf deine Harfe dich.

 

Bald mächtiger, bald leise,

Mit wunderbarem Klang,

Zogst du Gesangeskreise,

Daß eine tiefe Weise

Das wilde Meer bezwang.

 

Und Sturm und Nacht verzogen,

Schon blitzt’ es hier und da,

Das Land stieg aus den Wogen,

Und unter dem Friedensbogen

Die alte Victoria. –

 

Fahr wohl! wie Adlerschwingen

Wird in der Zeiten Schwung

Dein Ringen und dein Singen

Durch deutsche Herzen klingen,

So bleibst du ewig jung!

 

 

Ablösung

Wir saßen gelagert im Grünen,

So traulich und lustig gesellt,

Die Lichter des Frühlings schienen

Hold spielend durchs grüne Gezelt.

 

Im Frühlingsglanz still auf und nieder

Ergingen der Frauen sich viel,

Und liebliche Augen und Lieder,

Sie hielten ein herzliches Spiel.

 

Und unten von Tälern und Flüssen

Ein schallendes, wirrendes Reich –

O freudiges, erstes Begrüßen

Von Leben und Lieben zugleich!

 

Verlassen nun stehen die Räume,

Es schauen und rauschen allein

Die groß gewordenen Bäume

So ernst in die Stille herein.

 

Von allen, die dort sonst gesessen,

Es sehnet sich niemand hierher,

Sie haben den Frühling vergessen,

Kennt keiner den anderen mehr.

 

Und wie ich so sinn, da erwachen

Die alten Lieder in mir!

Da hör ich auf einmal ein Lachen

Und Schallen im grünen Revier.

 

Und fröhliche Lieder erklangen

Aus Herzensgrunde so recht,

Und unter den Bäumen ergangen

Erblick ich ein ander Geschlecht.

 

Geöffnet bleibt ewig zum Feste

Des Frühlings lustiges Haus,

Es schwärmen so wechselnd die Gäste

Da immer herein und heraus.

 

Die vorigen Lieder verhallen,

Wir sinken verblühend hinab,

Und neue Gesänge erschallen

Hoch über dem blühenden Grab.

 

 

An die Lützowschen Jäger

Wunderliche Spießgesellen,

Denkt ihr noch an mich,

Wie wir an der Elbe Wellen

Lagen brüderlich?

 

Wie wir in des Spreewalds Hallen,

Schauer in der Brust,

Hell die Hörner ließen schallen

So zu Schreck wie Lust?

 

Mancher mußte da hinunter

Unter den Rasen grün,

Und der Krieg und Frühling munter

Gingen über ihn.

 

Wo wir ruhen, wo wir wohnen:

Jener Waldeshort

Rauscht mit seinen grünen Kronen

Durch mein Leben fort.

 

 

Bei Halle

Da steht eine Burg überm Tale

Und schaut in den Strom hinein,

Das ist die fröhliche Saale,

Das ist der Giebichenstein.

 

Da hab ich so oft gestanden,

Es blühten Täler und Höhn,

Und seitdem in allen Landen

Sah ich nimmer die Welt so schön!

 

Durchs Grün da Gesänge schallten,

Von Rossen, zu Lust und Streit,

Schauten viel schlanke Gestalten,

Gleich wie in der Ritterzeit.

 

Wir waren die fahrenden Ritter,

Eine Burg war noch jedes Haus,

Es schaute durchs Blumengitter

Manch schönes Fräulein heraus.

 

Das Fräulein ist alt geworden,

Und unter Philistern umher

Zerstreut ist der Ritterorden,

Kennt keiner den andern mehr.

 

Auf dem verfallenen Schlosse,

Wie der Burggeist, halb im Traum,

Steh ich jetzt ohne Genossen

Und kenne die Gegend kaum.

 

Und Lieder und Lust und Schmerzen,

Wie liegen sie nun so weit –

O Jugend, wie tut im Herzen

Mir deine Schönheit so leid.

 

 

Wechsel

Es fällt nichts vor, mir fällt nichts ein,

Ich glaub die Welt steht still,

Die Zeit tritt auf so leis und fein,

Man weiß nicht, was sie will.

 

Auf einmal rührt sich’s dort und hier –

Was das bedeuten mag?

Es ist, als hörtst du über dir

Einen frischen Flügelschlag.

 

Rasch steigen dunkle Wetter auf,

Schon blitzt’s und rauscht die Rund,

Der lust’ge Sturmwind fliegt vorauf –

Da atm ich aus Herzensgrund.

 

 

Abschied

Laß, Leben, nicht so wild die Locken wehen

Es will so rascher Ritt mir nicht mehr glücken,

Hoch überm Land von diamantnen Brücken:

Mir schwindelt, in den Glanz hinabzusehen.

 

»Vom Rosse spielend meine Blicke gehen

Nach jüngern Augen, die mein Herz berücken,

Horch, wie der Frühling aufjauchzt vor Entzücken,

Kannst du nicht mit hinab, laß ich dich stehen.«

 

Kaum noch herzinnig mein, wendst du dich wieder,

Ist das der Lohn für deine treusten Söhne?

Dein trunkner Blick, fast möcht er mich erschrecken.

 

»Wer sagt’ dir, daß ich treu, weil ich so schöne?

Leb wohl, und streckst du müde einst die Glieder,

Will ich mit Blumen dir den Rasen decken.«

 

 

Vorbei

Das ist der alte Baum nicht mehr,

Der damals hier gestanden,

Auf dem ich gesessen im Blütenmeer

Über den sonnigen Landen.

 

Das ist der Wald nicht mehr, der sacht

Vom Berge rauschte nieder,

Wenn ich vom Liebchen ritt bei Nacht,

Das Herz voll neuer Lieder.

 

Das ist nicht mehr das tiefe Tal

Mit den grasenden Rehen,

In das wir nachts vieltausendmal

Zusammen hinausgesehen. –

 

Es ist der Baum noch, Tal und Wald,

Die Welt ist jung geblieben,

Du aber wurdest seitdem alt,

Vorbei ist das schöne Lieben.

 

 

Weltlauf

Was du gestern frisch gesungen,

Ist doch heute schon verklungen,

Und beim letzten Klange schreit

Alle Welt nach Neuigkeit.

 

War ein Held, der legt’ verwegen

Einstmals seinen blut’gen Degen

Als wie Gottes schwere Hand

Über das erschrockne Land.

 

Mußt’s doch blühn und rauschen lassen,

Und den toten Löwen fassen

Knaben nun nach Jungenart

Ungestraft an Mähn und Bart.

 

So viel Gipfel als da funkeln,

Sahn wir abendlich verdunkeln,

Und es hat die alte Nacht

Alles wieder gleichgemacht.

 

Wie im Turm der Uhr Gewichte

Rücket fort die Weltgeschichte,

Und der Zeiger schweigend kreist,

Keiner rät, wohin er weist.

 

Aber wenn die ehrnen Zungen

Nun zum letztenmal erklungen,

Auf den Turm der Herr sich stellt,

Um zu richten diese Welt.

 

Und der Herr hat nichts vergessen,

Was geschehen, wird er messen

Nach dem Maß der Ewigkeit –

O wie klein ist doch die Zeit!

 

 

4. Frühling und Liebe

 

An die Freunde

Der Jugend Glanz, der Sehnsucht irre Weisen,

Die tausend Ströme durch das duft’ge Land,

Es zieht uns all zu seinen Zauberkreisen. –

Wem Gottesdienst in tiefster Brust entbrannt,

Der sieht mit Wehmut ein unendlich Reisen

Zu ferner Heimat, die er fromm erkannt;

Und was sich spielend wob als ird’sche Blume,

Wölbt still den Kelch zum ernsten Heiligtume.

 

So schauet denn das buntbewegte Leben

Ringsum von meines Gartens heitrer Zinn,

Daß hoch die Bilder, die noch dämmernd schweben –

Wo Morgenglanz geblendet meinen Sinn –

An eurem Blick erwachsen und sich heben.

Verwüstend rauscht die Zeit darüber hin;

In euren treuen Herzen neu geboren,

Sind sie im wilden Strome unverloren.

 

 

Anklänge

1.

Liebe, wunderschönes Leben,

Willst du wieder mich verführen,

Soll ich wieder Abschied geben

Fleißig ruhigem Studieren?

 

Offen stehen Fenster, Türen,

Draußen Frühlingsboten schweben,

Lerchen schwirrend sich erheben,

Echo will im Wald sich rühren.

 

Wohl, da hilft kein Widerstreben,

Tief im Herzen muß ich’s spüren:

Liebe, wunderschönes Leben,

Wieder wirst du mich verführen!

 

 

2.

Hoch über stillen Höhen

Stand in dem Wald ein Haus,

So einsam war’s zu sehen

Dort übern Wald hinaus.

 

Ein Mädchen saß darinnen

Bei stiller Abendzeit,

Tät seidne Fäden spinnen

Zu ihrem Hochzeitskleid.

3.

 

Jagdlied

 

 

Durch schwankende Wipfel

Schießt güldener Strahl,

Tief unter den Gipfeln

Das neblige Tal.

Fern hallt es am Schlosse,

Das Waldhorn ruft,

Es wiehern die Rosse,

In die Luft, in die Luft!

 

Bald Länder und Seen

Durch Wolkenzug

Tief schimmernd zu sehen

In schwindelndem Flug,

Bald Dunkel wieder

Hüllt Reiter und Roß,

O Lieb, o Liebe

So laß mich los! –

 

Immer weiter und weiter

Die Klänge ziehn,

Durch Wälder und Heiden

Wohin, ach wohin?

Erquickliche Frische

Süß-schaurige Lust!

Hoch flattern die Büsche,

Frei schlägt die Brust.

 

 

Das Zaubernetz

Fraue, in den blauen Tagen

Hast ein Netz du ausgehangen,

Zart gewebt aus seidnen Haaren,

Süßen Worten, weißen Armen.

 

Und die blauen Augen sprachen,

Da ich waldwärts wollte jagen:

»Zieh mir, Schöner, nicht von dannen!«

Ach, da war ich dein Gefangner!

 

Hörst du nun den Frühling laden? –

Jägers Waldhorn geht im Walde,

Lockend grüßen bunte Flaggen,

Nach dem Sänger alle fragen.

 

Ach, von euch, ihr Frühlingsfahnen,

Kann ich, wie von dir, nicht lassen!

Reisen in den blauen Tagen

Muß der Sänger mit dem Klange.

 

Flügel hat, den du gefangen –

Alle Schlingen müssen lassen

Und er wird dir weggetragen,

Wenn die ersten Lerchen sangen.

 

Liebst du, treu dem alten Sange

Wie dem Sänger, mich wahrhaftig:

Laß dein Schloß, den schönen Garten,

Führ dich heim in Waldesprachten!

 

Auf dem Zelter sollst du prangen,

Um die schönen Glieder schlanke

Seide, himmelblau, gespannet,

Als ein süßgeschmückter Knabe.

 

Und der Jäger sieht uns fahren,

Und er läßt das Wild, das Jagen,

Will nun ewig mit uns wandern

Mit dem frischen Hörnerklange.

 

Wer von uns verführt den andern,

Ob es deine Augen taten,

Meine Laut’, des Jägers Blasen? –

Ach, wir können’s nicht erraten;

 

Aber um uns drei zusammen

Wird der Lenz im grünen Walde

Wohl ein Zaubernetze schlagen,

Dem noch keiner je entgangen.

 

 

Der Schalk

Läuten kaum die Maienglocken

Leise durch den lauen Wind,

Hebt ein Knabe froh erschrocken

Aus dem Grase sich geschwind,

Schüttelt in den Blütenflocken

Seine feinen blonden Locken,

Schelmisch sinnend wie ein Kind.

 

Und nun wehen Lerchenlieder,

Und es schlägt die Nachtigall,

Rauschend von den Bergen nieder

Kommt der kühle Wasserfall,

Rings im Walde bunt Gefieder: –

Frühling, Frühling ist es wieder

Und ein Jauchzen überall.

 

Und den Knaben hört man schwirren,

Goldne Fäden zart und lind

Durch die Lüfte künstlich wirren –

Und ein süßer Krieg beginnt:

Suchen, Fliehen, schmachtend Irren,

Bis sich alle hold verwirren. –

O beglücktes Labyrinth!

 

Frühlingsgruß

Es steht ein Berg in Feuer,

In feurigem Morgenbrand,

Und auf des Berges Spitze

Ein Tannbaum überm Land.

 

Und auf dem höchsten Wipfel

Steh ich und schau vom Baum,

O Welt, du schöne Welt, du,

Man sieht dich vor Blüten kaum!

 

 

Abendlandschaft

Der Hirt blast seine Weise,

Von fern ein Schuß noch fällt,

Die Wälder rauschen leise

Und Ströme tief im Feld.

 

Nur hinter jenem Hügel

Noch spielt der Abendschein –

O hätt ich, hätt ich Flügel,

Zu fliegen da hinein!

 

 

Elfe

Bleib bei uns! wir haben den Tanzplan im Tal

Bedeckt mit Mondesglanze,

Johanniswürmchen erleuchten den Saal,

Die Heimchen spielen zum Tanze.

 

Die Freude, das schöne leichtgläubige Kind,

Es wiegt sich in Abendwinden:

Wo Silber auf Zweigen und Büschen rinnt,

Da wirst du die Schönste finden!

 

 

Frühlingsmarsch

Hoch über euren Sorgen

Sah ich vom Berg ins Land

Voll tausend guter Morgen,

Die Welt in Blüten stand.

 

Was zagt ihr träg und blöde?

Was schön ist, wird doch dein!

Die Welt tut nur so spröde

Und will erobert sein.

 

Laßt die Trompeten laden,

Durchs Land die Trommeln gehn,

Es wimmeln Kameraden,

Wo rechte Banner wehn.

 

Wir ziehn durch die Provinzen,

Da funkelt manches Schloß,

Schön Lieb, hol dich vom Zwinger

Und schwing dich mit aufs Roß!

 

Und wenn das Blühen endet:

Noch taumelnd sprengen wir,

Vom Abendrot geblendet,

Ins letzte Nachtquartier.

 

Die Lerche

Ich kann hier nicht singen,

Aus dieser Mauern dunklen Ringen

Muß ich mich schwingen

Vor Lust und tiefem Weh.

O Freude, in klarer Höh

Zu sinken und sich zu heben,

In Gesang

Über die grüne Erde dahinzuschweben,

Wie unten die licht’ und dunkeln Streifen

Wechselnd im Fluge vorüberschweifen,

Aus der Tiefe ein Wirren und Rauschen und Hämmern,

Die Erde aufschimmernd im Frühlingsdämmern,

Wie ist die Welt so voller Klang!

Herz, was bist du bang?

Mußt aufwärts dringen!

Die Sonne tritt hervor,

Wie glänzen mir Brust und Schwingen,

Wie still und weit ist’s droben am Himmelstor!

 

 

Nachtigall

Nach den schönen Frühlingstagen,

Wenn die blauen Lüfte wehen,

Wünsche mit dem Flügel schlagen

Und im Grünen Amor zielt,

Bleibt ein Jauchzen auf den Höhen;

Und ein Wetterleuchten spielt

Aus der Ferne durch die Bäume

Wunderbar die ganze Nacht,

Daß die Nachtigall erwacht

Von den irren Widerscheinen,

Und durch alle sel’ge Gründe

In der Einsamkeit verkünde,

Was sie alle, alle meinen:

Dieses Rauschen in den Bäumen

Und der Mensch in dunkeln Träumen.

 

 

Adler

Steig nur, Sonne,

Auf die Höhn!

Schauer wehn,

Und die Erde bebt vor Wonne.

 

Kühn nach oben

Greift aus Nacht

Waldespracht,

Noch von Träumen kühl durchwoben.

 

Und vom hohen

Felsaltar

Stürzt der Aar

Und versinkt in Morgenlohen.

 

Frischer Morgen!

Frisches Herz,

Himmelwärts!

Laß den Schlaf nun, laß die Sorgen!

 

 

Durcheinander

Spatzen schrein und Nachtigallen,

Nelke glüht und Distel sticht,

Rose schön durch Nesseln bricht,

Besser noch hat mir gefallen

Liebchens spielendes Augenlicht;

Aber fehlte auch nur eins von allen,

‘s wär eben der närrische Frühling nicht.

 

 

Gleichheit

Es ist kein Blümlein nicht so klein,

Die Sonne wird’s erwarmen,

Scheint in das Fenster mild herein

Dem König wie dem Armen,

Hüllt alles ein in Sonnenschein

Mit göttlichem Erbarmen.

 

 

Gedenk

Es ist kein Vöglein so gemein,

Es spürt geheime Schauer,

Wenn draußen streift der Sonnenschein

Vergoldend seinen Bauer.

 

Und du hast es vergessen fast

In deines Kerkers Spangen,

O Menschlein, daß du Flügel hast

Und daß du hier gefangen.

 

 

Die Sperlinge

Altes Haus mit deinen Löchern,

Geiz’ger Bauer, nun ade!

Sonne scheint, von allen Dächern

Tröpfelt lustig schon der Schnee,

Draußen auf dem Zaune munter

Wetzen unsre Schnäbel wir,

Durch die Hecken rauf und runter,

In dem Baume vor der Tür

Tummeln wir in hellen Haufen

Uns mit großem Kriegsgeschrei,

Um die Liebste uns zu raufen,

Denn der Winter ist vorbei!

 

 

Schneeglöckchen

‘s war doch wie ein leises Singen

In dem Garten heute nacht,

Wie wenn laue Lüfte gingen:

»Süße Glöcklein, nun erwacht,

Denn die warme Zeit wir bringen,

Eh’s noch jemand hat gedacht.« –

‘s war kein Singen, ‘s war ein Küssen,

Rührt’ die stillen Glöcklein sacht,

Daß sie alle tönen müssen

Von der künft’gen bunten Pracht.

Ach, sie konnten’s nicht erwarten,

Aber weiß vom letzten Schnee

War noch immer Feld und Garten,

Und sie sanken um vor Weh.

So schon manche Dichter streckten

Sangesmüde sich hinab,

Und der Frühling, den sie weckten,

Rauschet über ihrem Grab.

 

 

Spaziergang

Ochse, wie bist du so stattlich, bedachtsam, fleißig und nützlich!

Wahrlich, ich brauche dich sehr – aber du bist doch ein Ochs!

 

Ho da! Kartoffeln und ihr, ökonomische Knollengewächse,

Schreiten kaum kann man; gemach! macht euch nicht gar zu sehr breit!

 

Grüß dich, Klatschrose und Gänseblum, Butterblum, ländliches Völkchen,

Schmucklos und ohne Geruch, unschuldig – weiter sonst nichts? –

 

Nelke, du reizendes Kind, wie hast du so gar nichts Bescheidnes!

Jauchzende Farben voll Lust flammst du ins traurige Grün,

 

Tief von den eigenen Düften du selber lustig berauschet,

Spiele denn, brenne, von dir laß ich berauschen mich gern!

 

Mädchenseele

Gar oft schon fühlt ich’s tief, des Mädchens Seele

Wird nicht sich selbst, dem Liebsten nur geboren.

Da irrt sie nun verstoßen und verloren,

Schickt heimlich Blicke schön als Boten aus,

Daß sie auf Erden suchen ihr ein Haus.

Sie schlummert in der Schwüle, leicht bedeckt,

Lächelt im Schlafe, atmet warm und leise,

Doch die Gedanken sind fern auf der Reise,

Und auf den Wangen flattert träumrisch Feuer,

Hebt buhlend oft der Wind den zarten Schleier.

Der Mann, der da zum erstenmal sie weckt,

Zuerst hinunterlangt in diese Stille,

Dem fällt sie um den Hals vor Freude bang

Und läßt ihn nicht mehr all ihr Lebelang.

 

 

Steckbrief

Grüß euch aus Herzensgrund:

Zwei Augen hell und rein,

Zwei Röslein auf dem Mund,

Kleid blank aus Sonnenschein!

 

Nachtigall klagt und weint,

Wollüstig rauscht der Hain,

Alles die Liebste meint:

Wo weilt sie so allein?

 

Weil’s draußen finster war,

Sah ich viel hellern Schein,

Jetzt ist es licht und klar,

Ich muß im Dunkeln sein.

 

Sonne nicht steigen mag,

Sieht so verschlafen drein,

Wünschet den ganzen Tag,

Daß wieder Nacht möcht sein.

 

Liebe geht durch die Luft,

Holt fern die Liebste ein;

Fort über Berg und Kluft!

Und Sie wird doch noch mein!

 

Morgenständchen

In den Wipfeln frische Lüfte,

Fern melod’scher Quellen Fall,

Durch die Einsamkeit der Klüfte

Waldeslaut und Vogelschall,

Scheuer Träume Spielgenossen,

Steigen all beim Morgenschein

Auf des Weinlaubs schwanken Sprossen

Dir ins Fenster aus und ein.

Und wir nahn noch halb in Träumen,

Und wir tun in Klängen kund,

Was da draußen in den Bäumen

Singt der weite Frühlingsgrund.

Regt der Tag erst laut die Schwingen:

Sind wir alle wieder weit –

Aber tief im Herzen klingen

Lange nach noch Lust und Leid.

 

 

Aussicht

Komm zum Garten denn, du Holde!

In den warmen, schönen Tagen

Sollst du Blumenkränze tragen,

Und vom kühl kristallnen Golde

Mit den frischen, roten Lippen,

Eh ich trinke, lächelnd nippen.

Ohne Maß dann, ohne Richter,

Küssend, trinkend singt der Dichter

Lieder, die von selbst entschweben:

Wunderschön ist doch das Leben!

 

 

Abendständchen

Schlafe, Liebchen, weil’s auf Erden

Nun so still und seltsam wird!

Oben gehn die goldnen Herden,

Für uns alle wacht der Hirt.

 

In der Ferne ziehn Gewitter;

Einsam auf dem Schifflein schwank,

Greif ich draußen in die Zither,

Weil mir gar so schwül und bang.

 

Schlingend sich an Bäum und Zweigen,

In dein stilles Kämmerlein

Wie auf goldnen Leitern steigen

Diese Töne aus und ein.

 

Und ein wunderschöner Knabe

Schifft hoch über Tal und Kluft,

Rührt mit seinem goldnen Stabe

Säuselnd in der lauen Luft.

 

Und in wunderbaren Weisen

Singt er ein uraltes Lied,

Das in linden Zauberkreisen

Hinter seinem Schifflein zieht.

 

Ach, den süßen Klang verführet

Weit der buhlerische Wind,

Und durch Schloß und Wand ihn spüret

Träumend jedes schöne Kind.

 

 

Nacht

1.

Die Vöglein, die so fröhlich sangen,

Der Blumen bunte Pracht,

‘s ist alles unter nun gegangen,

Nur das Verlangen

Der Liebe wacht.

2.

 

Tritt nicht hinaus jetzt vor die Tür,

Die Nacht hat eignen Sang,

Das Waldhorn ruft, als rief’s nach dir,

Betrüglich ist der irre Klang,

Endlos der Wälder Labyrinth –

Behüt dich Gott, du schönes Kind!

3.

 

Überm Lande die Sterne

Machen die Runde bei Nacht,

Mein Schatz ist in der Ferne,

Liegt am Feuer auf der Wacht.

 

Übers Feld bellen Hunde;

Wenn der Mondschein erblich,

Rauscht der Wald auf im Grunde:

Reiter, jetzt hüte dich!

4.

 

Hörst du die Gründe rufen

In Träumen halb verwacht?

Oh, von des Schlosses Stufen

Steig nieder in die Nacht! –

 

Die Nachtigallen schlagen,

Der Garten rauschet sacht,

Es will dir Wunder sagen

Die wunderbare Nacht.

 

 

Wahl

Der Tanz, der ist zerstoben,

Die Musik ist verhallt,

Nun kreisen Sterne droben,

Zum Reigen singt der Wald.

 

Sind alle fortgezogen,

Wie ist’s nun leer und tot!

Du rufst vom Fensterbogen:

»Wann kommt das Morgenrot!«

 

Mein Herz möcht mir zerspringen,

Darum so wein ich nicht,

Darum so muß ich singen,

Bis daß der Tag anbricht.

 

Eh es beginnt zu tagen:

Der Strom geht still und breit,

Die Nachtigallen schlagen,

Mein Herz wird mir so weit!

 

Du trägst so rote Rosen,

Du schaust so freudenreich,

Du kannst so fröhlich kosen,

Was stehst du still und bleich?

 

Und laß sie gehn und treiben

Und wieder nüchtern sein,

Ich will wohl bei dir bleiben!

Ich will dein Liebster sein!

 

 

Die Stille

Es weiß und rät es doch keiner,

Wie mir so wohl ist, so wohl!

Ach, wüßt es nur Einer, nur Einer,

Kein Mensch es sonst wissen soll!

 

So still ist’s nicht draußen im Schnee,

So stumm und verschwiegen sind

Die Sterne nicht in der Höhe,

Als meine Gedanken sind.

 

Ich wünscht, es wäre schon Morgen,

Da fliegen zwei Lerchen auf,

Die überfliegen einander,

Mein Herze folgt ihrem Lauf.

 

Ich wünscht, ich wäre ein Vöglein

Und zöge über das Meer,

Wohl über das Meer und weiter,

Bis daß ich im Himmel wär!

 

 

Frühlingsnetz

Im hohen Gras der Knabe schlief,

Da hört’ er’s unten singen,

Es war, als ob die Liebste rief,

Das Herz wollt ihm zerspringen.

 

Und über ihm ein Netze wirrt

Der Blumen leises Schwanken,

Durch das die Seele schmachtend irrt

In lieblichen Gedanken.

 

So süße Zauberei ist los,

Und wunderbare Lieder

Gehn durch der Erde Frühlingsschoß,

Die lassen ihn nicht wieder.

 

 

Das Mädchen

Stand ein Mädchen an dem Fenster,

Da es draußen Morgen war,

Kämmte sich die langen Haare,

Wusch sich ihre Äuglein klar.

 

Sangen Vöglein aller Arten,

Sonnenschein spielt’ vor dem Haus,

Draußen überm schönen Garten

Flogen Wolken weit hinaus.

 

Und sie dehnt’ sich in den Morgen,

Als ob sie noch schläfrig sei,

Ach, sie war so voller Sorgen,

Flocht ihr Haar und sang dabei:

 

»Wie ein Vöglein hell und reine,

Ziehet draußen muntre Lieb,

Lockt hinaus zum Sonnenscheine,

Ach, wer da zu Hause blieb’!«

 

 

Die Studenten

Die Jäger ziehn in grünen Wald

Und Reiter blitzend übers Feld,

Studenten durch die ganze Welt,

So weit der blaue Himmel wallt.

 

Der Frühling ist der Freudensaal,

Vieltausend Vöglein spielen auf,

Da schallt’s im Wald bergab, bergauf:

»Grüß dich, mein Schatz, vieltausendmal!«

 

Viel rüst’ge Bursche ritterlich,

Die fahren hier in Stromes Mitt,

Wie wilde sie auch stellen sich,

Trau mir, mein Kind, und fürcht dich nit!

 

Querüber übers Wasser glatt

Laß werben deine Äugelein,

Und der dir wohlgefallen hat,

Der soll dein lieber Buhle sein.

 

Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht,

Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind,

Riegl auf, riegl auf bei stiller Nacht,

Weil wir so jung beisammen sind!

 

Ade nun, Kind, und nicht geweint!

Schon gehen Stimmen da und dort,

Hoch übern Wald Aurora scheint,

Und die Studenten reisen fort.

 

 

Der Gärtner

Wohin ich geh und schaue,

In Feld und Wald und Tal,

Vom Berg hinab in die Aue:

Viel schöne, hohe Fraue,

Grüß ich dich tausendmal.

 

In meinem Garten find ich

Viel Blumen, schön und fein,

Viel Kränze wohl draus wind ich

Und tausend Gedanken bind ich

Und Grüße mit darein.

 

Ihr darf ich keinen reichen,

Sie ist zu hoch und schön,

Die müssen alle verbleichen,

Die Liebe nur ohnegleichen

Bleibt ewig im Herzen stehn.

 

Ich schein wohl froher Dinge

Und schaffe auf und ab,

Und, ob das Herz zerspringe,

Ich grabe fort und singe

Und grab mir bald mein Grab.

 

Jägerkatechismus

Was wollt ihr in dem Walde haben,

Mag sich die arme Menschenbrust

Am Waldesgruße nicht erlaben,

Am Morgenrot und grüner Lust?

 

Was tragt ihr Hörner an der Seite,

Wenn ihr des Hornes Sinn vergaßt,

Wenn’s euch nicht selbst lockt in die Weite,

Wie ihr vom Berg frühmorgens blast?

 

Ihr werd’t doch nicht die Lust erjagen,

Ihr mögt durch alle Wälder gehn;

Nur müde Füß und leere Magen –

Mir möcht die Jägerei vergehn!

 

O nehmet doch die Schneiderelle,

Guckt in der Küche in den Topf!

Sonntags dann auf des Hauses Schwelle,

Krau euch die Ehfrau auf dem Kopf!

 

Die Tierlein selber: Hirsch und Rehen,

Was lustig haust im grünen Haus,

Sie fliehn auf ihre freien Höhen,

Und lachen arme Wichte aus.

 

Doch kommt ein Jäger, wohlgeboren,

Das Horn irrt, er blitzt rosenrot,

Da ist das Hirschlein wohl verloren,

Stellt selber sich zum lust’gen Tod.

 

Vor allen aber die Verliebten,

Die lad ich ein zur Jägerlust,

Nur nicht die weinerlich Betrübten;

Die recht von frisch’ und starker Brust.

 

Mein Schatz ist Königin im Walde,

Ich stoß ins Horn, ins Jägerhorn!

Sie hört mich fern und naht wohl balde,

Und was ich blas, ist nicht verlorn! –

 

 

Der Kadett

Meine Liebste, die ist von allen

Grade die Schönste nicht,

Doch hat mir eben gefallen

Ihr spielendes Augenlicht.

 

Da kann ich von Glücke sagen,

Denn wär sie die Schönste just,

Müßt ich mit allen mich schlagen

Um die Eine nach Herzenslust.

 

 

Übermut

Ein’ Gems auf dem Stein,

Ein Vogel im Flug,

Ein Mädel, das klug,

Kein Bursch holt die ein.

 

 

Der Polack

Und komm ich, komm ich ohne Pelz,

Mein’ Liebste fragt mich aus:

»Wo hast du lassen deinen Pelz?«

Und macht sich doch nichts draus.

 

Da drüben ist gut Schnaps und Bier,

Der Wirt bläst Klarinett,

Da stritten wir, drei oder vier,

Wer’s schönste Liebchen hätt.

 

Ich aber trank aus deinem Schuh,

Ließ meinen Pelz im Haus

Und eine Handvoll Haar’ dazu,

Ich mach mir gar nichts draus.

 

 

Der Jäger

Was Segeln der Wünsche durch luftige Höh!

Was bildendes Träumen im blühenden Klee!

Was Hoffen und Bangen, was Schmachten, was Weh!

 

Und rauscht nicht die Erde in Blüten und Duft?

Und schreitet nicht Hörnerklang kühn durch die Luft?

Und stürzet nicht jauchzend der Quell von der Kluft?

 

Drum jage du frisch auch dein flüchtiges Reh

Durch Wälder und Felder, durch Täler und See,

Bis dir es ermüdet im Arme vergeh!

 

 

Der Landreiter

Ich ging bei Nacht einst über Land,

Ein Bürschlein traf ich draußen,

Das hat ‘nen Stutzen in der Hand

Und zielt auf mich voll Grausen.

Ich renne, da ich mich erbos,

Auf ihn in vollem Rasen,

Da drückt das kecke Bürschlein los

Und ich stürzt auf die Nasen.

Er aber lacht mir ins Gesicht,

Daß er mich angeschossen,

Cupido war der kleine Wicht –

Das hat mich sehr verdrossen.

 

 

Der Bote

Am Himmelsgrund schießen

So lustig die Stern,

Dein Schatz läßt dich grüßen

Aus weiter, weiter Fern!

 

Hat eine Zither gehangen

An der Tür unbeacht’,

Der Wind ist gegangen

Durch die Saiten bei Nacht.

 

Schwang sich auf dann vom Gitter

Über die Berge, übern Wald –

Mein Herz ist die Zither,

Gibt ein’n fröhlichen Schall.

 

 

Die Jäger

Wir waren ganz herunter,

Da sprach Diana ein,

Die blickt’ so licht und munter,

Nun geht’s zum Wald hinein!

 

Im Dunkeln Äuglein funkeln,

Cupido schleichet leis,

Die Bäume heimlich munkeln –

Ich weiß wohl, was ich weiß!

 

 

Der Winzer

Es hat die Nacht geregnet,

Es zog noch grau ins Tal,

Und ruhten still gesegnet

Die Felder überall;

Von Lüften kaum gefächelt,

Durchs ungewisse Blau

Die Sonne verschlafen lächelt’

Wie eine wunderschöne Frau.

 

Nun sah ich auch sich heben

Aus Nebeln unser Haus,

Du dehntest zwischen den Reben

Dich von der Schwelle hinaus,

Da funkelt’ auf einmal vor Wonne

Der Strom und Wald und Au –

Du bist mein Morgen, meine Sonne,

Meine liebe, verschlafene Frau!

 

 

Der Poet

Bin ich fern ihr: schau ich nieder

Träumend in die Täler hier,

Ach, ersinn ich tausend Lieder,

Singt mein ganzes Herz von ihr.

Doch was hilft die Gunst der Musen,

Daß die Welt mich Dichter nennt?

Keiner frägt, wie mir im Busen

Sorge tief und Sehnsucht brennt.

 

Ja, darf ich bei Liebchen weilen:

Fühl ich froh der Stunden Schwall

Wohl melodischer enteilen

Als der schönste Silbenfall,

Will ich singen, Lippen neigen

Sich auf mich und leiden’s nicht,

Und wie gerne mag ich schweigen,

Wird mein Leben zum Gedicht!

 

 

Die Kleine

Zwischen Bergen, liebe Mutter,

Weit den Wald entlang,

Reiten da drei junge Jäger

Auf drei Rößlein blank,

lieb Mutter,

Auf drei Rößlein blank.

 

Ihr könnt fröhlich sein, lieb Mutter

Wird es draußen still:

Kommt der Vater heim vom Walde,

Küßt Euch, wie er will,

lieb Mutter,

Küßt Euch, wie er will.

 

Und ich werfe mich im Bettchen

Nachts ohn Unterlaß,

Kehr mich links und kehr mich rechts hin,

Nirgends hab ich was,

lieb Mutter,

Nirgends hab ich was.

 

Bin ich eine Frau erst einmal,

In der Nacht dann still

Wend ich mich nach allen Seiten,

Küß, soviel ich will,

lieb Mutter,

Küß, soviel ich will.

 

 

Die Stolze

Sie steckt mit der Abendröte

In Flammen rings das Land,

Und hat samt Manschetten und Flöte

Den verliebten Tag verbrannt.

 

Und als nun verglommen die Gründe,

Sie stieg auf die stillen Höhn,

Wie war da rings um die Schlünde

Die Welt so groß und schön!

 

Waldkönig zog durch die Wälder

Und stieß ins Horn vor Lust,

Da klang über die stillen Felder,

Wovon der Tag nichts gewußt. –

 

Und wer mich wollt erwerben,

Ein Jäger müßt’s sein zu Roß,

Und müßt auf Leben und Sterben

Entführen mich auf sein Schloß!

 

 

Der Freiwerber

Frühmorgens durch die Winde kühl

Zwei Ritter hergeritten sind,

Im Garten klingt ihr Saitenspiel,

Wach auf, wach auf, mein schönes Kind!

 

Ringsum viel Schlösser schimmernd stehn,

So silbern geht der Ströme Lauf,

Hoch, weit rings Lerchenlieder wehn,

Schließ Fenster, Herz und Äuglein auf!

 

So wie du bist, verschlafen heiß,

Laß allen Putz und Zier zu Haus,

Tritt nur herfür im Hemdlein weiß,

Siehst so gar schön verliebet aus.

 

Ich hab einen Fremden wohl bei mir,

Der lauert unten auf der Wacht,

Der bittet schön dich um Quartier,

Verschlafnes Kind, nimm dich in acht!

 

 

Jäger und Jägerin

Sie

 

 

Wär ich ein muntres Hirschlein schlank,

Wollt ich im grünen Walde gehn,

Spazierengehn bei Hörnerklang,

Nach meinem Liebsten mich umsehn.

 

Er

 

 

Nach meiner Liebsten mich umsehn

Tu ich wohl, zieh ich früh von hier,

Doch sie mag niemals zu mir gehn

Im dunkelgrünen Waldrevier.

 

Sie

 

 

Im dunkelgrünen Waldrevier

Da blitzt der Liebste rosenrot,

Gefällt so sehr dem armen Tier,

Das Hirschlein wünscht, es läge tot.

 

Er

 

 

Und wär das schöne Hirschlein tot,

So möcht ich jagen länger nicht;

Scheint übern Wald der Morgen rot:

Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!

 

Sie

 

 

Hüt schönes Hirschlein, hüte dich!

Spricht’s Hirschlein selbst in seinem Sinn:

Wie soll ich, soll ich hüten mich,

Wenn ich so sehr verliebet bin?

 

Er

 

 

Weil ich so sehr verliebet bin,

Wollt ich das Hirschlein, schön und wild,

Aufsuchen tief im Walde drin

Und streicheln, bis es stille hielt.

 

Sie

 

 

Ja, streicheln, bis es stille hielt,

Falsch locken so in Stall und Haus!

Zum Wald springt ‘s Hirschlein frei und wild

Und lacht verliebte Narren aus.

 

 

Der Tanzmeister

Wohlgerüstet war ich kommen;

Siegsgewiß, doch wie zum Scherz

Hat ein Blick mein Herz genommen –

Wer kann kämpfen ohne Herz?

 

So vom Augenblick – geschlagen,

Kniet ich Armer vor ihr hin,

Hatt kein Herz nun, ihr zu sagen,

Daß ich ihr Entherzter bin.

 

 

Die Braut

Wann die Bäume blühn und sprossen

Und die Lerche kehrt zurück,

Denkt die Seele der Genossen,

Fühlet fern’ und nahes Glück.

 

Selig Weinen sel’ger Herzen!

Wenn das Herz nichts weiter will,

Nicht von Lust erfüllt, noch Schmerzen,

Aber fröhlich ist und still.

 

Frischer sich die Hügel kränzen,

Heitrer lacht das weite Blau,

Alle Blumen schöner glänzen

Durch des Auges süßen Tau.

 

Und soll denn das Lieben leiden,

Und, wer leidet, krank auch sein,

Ach, so will ich keine Freuden,

Und mag nicht gesund mehr sein!

 

 

Die Geniale

Lustig auf den Kopf, mein Liebchen,

Stell dich, in die Luft die Bein!

Heisa! ich will sein dein Bübchen,

Heute nacht soll Hochzeit sein!

 

Wenn du Shakespeare kannst vertragen,

O du liebe Unschuld du!

Wirst du mich wohl auch ertragen

Und noch jedermann dazu. –

 

 

Der verzweifelte Liebhaber

Studieren will nichts bringen,

Mein Rock hält keinen Stich,

Meine Zither will nicht klingen,

Mein Schatz, der mag mich nicht.

 

Ich wollt, im Grün spazierte

Die allerschönste Frau,

Ich wär ein Drach und führte

Sie mit mir fort durchs Blau.

 

Ich wollt, ich jagt gerüstet

Und legt die Lanze aus,

Und jagte all Philister

Zur schönen Welt hinaus.

 

Ich wollt, ich säß jetzunder

Im Himmel still und weit,

Und früg nach all dem Plunder

Nichts vor Zufriedenheit.

 

 

Der Glückliche

Ich hab ein Liebchen lieb recht von Herzen,

Hellfrische Augen hat’s wie zwei Kerzen,

Und wo sie spielend streifen das Feld,

Ach, wie so lustig glänzet die Welt!

 

Wie in der Waldnacht zwischen den Schlüften

Plötzlich die Täler sonnig sich klüften,

Funkeln die Ströme, rauscht himmelwärts

Blühende Wildnis – so ist mein Herz!

 

Wie vom Gebirge ins Meer zu schauen,

Wie wenn der Seefalk, hangend im Blauen,

Zuruft der dämmernden Erd, wo sie blieb? –

So unermeßlich ist rechte Lieb!

 

 

Der Nachtvogel

Liegt der Tag rings auf der Lauer,

Blickt so schlau auf Lust und Trauer:

Kann ich kaum mich selbst verstehen.

Laß die Lauscher schlafen gehen!

Nur ein Stündchen unbewacht

Laß in der verschwiegnen Nacht

Mich in deine Augen sehen

Wie in stillen Mondenschein.

In dem Park an der Rotunde,

Wenn es dunkelt, harr ich dein.

Still und fromm ja will ich sein.

Liebste, ach nur eine Stunde! –

Sieh mir nicht so böse drein!

Willst du nie dein Schweigen brechen,

Ewig stumm wie Blumen sein:

O so laß mich das Versprechen

Pflücken dir vom stillen Munde:

Liebste, ach nur eine Stunde!

In dem Park, an der Rotunde,

Wenn es dunkelt, harr ich dein.

 

 

 

Coda

 

Und kann ich nicht sein

Mit dir zu zwein,

So will ich, allein,

Der Schwermut mich weihn!

 

 

Die Nachtblume

Nacht ist wie ein stilles Meer,

Lust und Leid und Liebesklagen

Kommen so verworren her

In dem linden Wellenschlagen.

 

Wünsche wie die Wolken sind,

Schiffen durch die stillen Räume,

Wer erkennt im lauen Wind,

Ob’s Gedanken oder Träume? –

 

Schließ ich nun auch Herz und Mund,

Die so gern den Sternen klagen:

Leise doch im Herzensgrund

Bleibt das linde Wellenschlagen.

 

 

Der Dichter

Nichts auf Erden nenn ich mein

Als die Lieder meiner Laute,

Doch nenn den, der freud’ger schaute

In die schöne Welt hinein!

Alles Lebens tiefste Schöne

Tun geheimnisvoll ja Töne

Nur dem frommen Sänger kund,

Und die Freude sagt kein Mund,

Die Gott wunderbar gelegt

In des Dichters Herzensgrund.

Wenn die Welt, so wild bewegt,

Ängstlich schaut nach ihren Rettern:

Über aller Nebel Wogen

Wölbt Er kühn den Friedensbogen,

Und, wie nach verzognen Wettern,

Rauscht die Erde wieder mild,

Alle Knospen Blüten treiben,

Und der Frühling ist sein Haus,

Und der Frühling geht nie aus. –

O du lieblich Frauenbild!

Willst du bei dem Sänger bleiben?

Blumen bind’t ein streng Geschick:

Wenn die tausend Stimmen singen,

Alle Schmerzen, alles Glück

Ewig lautlos zu verschweigen.

Doch bei kühlem Mondenblick

Regt ihr stiller Geist die Schwingen,

Möcht dem duft’gen Kelch entsteigen.

Sieh, schon ist die Sonn gesunken

Aus der dunkelblauen Schwüle,

Und zerspringt in tausend Funken

An den Felsen rings und Bäumen,

Bis sie alle selig träumen.

Mit den Sternen in der Kühle

Blühn da Wünsche, steigen Lieder

Aus des Herzens Himmelsgrund,

Und ich fühle alles wieder:

Alte Freuden, junges Wagen!

Ach! so viel möcht ich dir sagen,

Sagen recht aus Herzensgrund,

In dem Rauschen, in dem Wehen

Möcht ich fröhlich mit dir gehen,

Plaudern in der lauen Nacht,

Bis der Morgenstern erwacht! –

 

 

An eine Tänzerin

Kastagnetten lustig schwingen

Seh ich dich, du zierlich Kind!

Mit der Locken schwarzen Ringen

Spielt der sommerlaue Wind.

Künstlich regst du schöne Glieder,

Glühend-wild,

Zärtlich-mild

Tauchest in Musik du nieder

Und die Woge hebt dich wieder.

 

Warum sind so blaß die Wangen,

Dunkelfeucht der Augen Glanz,

Und ein heimliches Verlangen

Schimmert glühend durch den Tanz?

Schalkhaft lockend schaust du nieder,

Liebesnacht

Süß erwacht,

Wollüstig erklingen Lieder –

Schlag nicht so die Augen nieder!

 

Wecke nicht die Zauberlieder

In der dunklen Tiefe Schoß,

Selbst verzaubert sinkst du nieder,

Und sie lassen dich nicht los.

Tödlich schlingt sich um die Glieder

Sündlich Glühn,

Und verblühn

Müssen Schönheit, Tanz und Lieder,

Ach, ich kenne dich nicht wieder!

 

 

Klage

Ich hab manch Lied geschrieben,

Die Seele war voll Lust,

Von treuem Tun und Lieben,

Das Beste, was ich wußt.

 

Was mir das Herz bewogen,

Das sagte treu mein Mund,

Und das ist nicht erlogen,

Was kommt aus Herzensgrund.

 

Liebchen wußt’s nicht zu deuten

Und lacht’ mir ins Gesicht,

Dreht’ sich zu andern Leuten

Und achtet’s weiter nicht.

 

Und spielt mit manchem Tropfe,

Weil ich so tief betrübt.

Mir ist so dumm im Kopfe,

Als wär ich nicht verliebt.

 

Ach Gott, wem soll ich trauen?

Will Sie mich nicht verstehn,

Tun all so fremde schauen,

Und alles muß vergehn.

 

Und alles irrt zerstreuet –

Sie ist so schön und rot –

Ich hab nichts, was mich freuet,

Wär ich viel lieber tot!

 

 

Trauriger Winter

Nun ziehen Nebel, falbe Blätter fallen,

Öd alle Stellen, die uns oft entzücket!

Und noch einmal tief’ Rührung uns beglücket,

Wie aus der Flucht die Abschiedslieder schallen.

 

Wohl manchem blüht aus solchem Tod Gefallen:

Daß er nun eng ans blühnde Herz gedrücket,

Von roten Lippen holdre Sträuße pflücket

Als Lenz je beut mit Wäldern, Wiesen allen.

 

Mir sagte niemals ihrer Augen Bläue:

»Ruh auch aus! Willst du ewig sinnen?«

Und einsam sah ich so den Sommer fahren.

 

So will ich tief des Lenzes Blüte wahren,

Und mit Erinnern zaubrisch mich umspinnen,

Bis ich nach langem Traum erwach im Maie.

 

 

Trauriger Frühling

Mir ist’s im Kopf so wüste,

Die Zeit wird mir so lang,

Wie auch der Lenz mich grüßte

Mit Glanz und frischem Klang,

Das Herz bleibt mir so wüste,

Mir ist so sterbensbang.

 

Viel Vöglein lockend sangen

Im blühenden Revier,

Ich hatt mir eins gefangen,

Jetzt ist es weit von mir,

Viel Vöglein draußen sangen,

Ach, hätt ich meins nur hier!

 

 

Begegnung

Ich wandert in der Frühlingszeit,

Fern auf den Bergen gingen

Mit Geigenspiel und Singen

Viel lust’ge Hochzeitsleut,

Das war ein Jauchzen und Klingen!

Es blühte rings in Tal und Höhn,

Ich konnt vor Lust nicht weitergehn.

 

Am Dorfe dann auf grüner Au

Begannen sie den Reigen,

Und durch den Schall der Geigen

Lacht’ laut die junge Frau,

Ihr Stimmlein klang so eigen,

Ich wußte nicht, wie mir geschehn –

Da wandt sie sich in wildem Drehn.

 

Es war mein Lieb! ‘s ist lange her,

Sie blickt’ so ohne Scheue,

Verloren ist die Treue,

Sie kannte mich nicht mehr –

Da jauchzt’ und geigt’s aufs neue,

Ich aber wandt mich fort ins Feld,

Nun wandr ich bis ans End der Welt!

 

Der Kranke

Vögelein munter

Singen so schön,

Laßt mich hinunter

Spazierengehn!

 

»Nacht ist’s ja draußen;

‘s war nur der Sturm,

Den du hörst sausen

Droben vom Turm.«

 

Liebchen im Garten

Seh ich dort stehn,

Lang mußt sie warten,

O laßt mich gehn.

 

»Still nur, der blasse

Tod ist’s, der sacht

Dort durch die Gasse

Schleicht in der Nacht.«

 

Wie mir ergraute,

Bleiches Gesicht!

Gebt mir die Laute,

Mir wird so licht!

 

»Was willst du singen

In tiefster Not?

Lenz, Lust vergingen,

Liebchen ist tot!« –

 

Laßt mich, Gespenster,

Lied, riegl auf die Gruft!

Öffnet die Fenster,

Luft, frische freie Luft!

 

 

Im Herbst

Der Wald wird falb, die Blätter fallen,

Wie öd und still der Raum!

Die Bächlein nur gehn durch die Buchenhallen

Lind rauschend wie im Traum,

Und Abendglocken schallen

Fern von des Waldes Saum.

 

Was wollt ihr mich so wild verlocken

In dieser Einsamkeit?

Wie in der Heimat klingen diese Glocken

Aus stiller Kinderzeit –

Ich wende mich erschrocken

Ach, was mich liebt, ist weit!

 

So brecht hervor nur, alte Lieder,

Und brecht das Herz mir ab!

Noch einmal grüß ich aus der Ferne wieder,

Was ich nur Liebes hab,

Mich aber zieht es nieder

Vor Wehmut wie ins Grab.

 

 

Die Hochzeitsänger

Fernher ziehn wir durch die Gassen,

Stehn im Regen und im Wind,

Wohl von aller Welt verlassen

Arme Musikanten sind.

Aus den Fenstern Geigen klingen,

Schleift und dreht sich’s bunt und laut,

Und wir Musikanten singen

Draußen da der reichen Braut.

 

Wollt sie doch keinen andern haben,

Ging mit mir durch Wald und Feld,

Prächtig in den blauen Tagen

Schien die Sonne auf die Welt.

Heisa: lustig Drehn und Ringen,

Jeder hält sein Liebchen warm,

Und wir Musikanten singen

Lustig so, daß Gott erbarm.

 

Lachend reicht man uns die Neigen,

Auf ihr Wohlsein trinken wir;

Wollt sie sich am Fenster zeigen,

‘s wäre doch recht fein von ihr.

Und wir fiedeln und wir singen

Manche schöne Melodei,

Daß die besten Saiten springen,

‘s war, als spräng mir’s Herz entzwei.

 

Jetzt ist Schmaus und Tanz zerstoben,

Immer stiller wird’s im Haus,

Und die Mägde putzen oben

Alle lust’gen Kerzen aus.

Doch wir blasen recht mit Rasen

Jeder in sein Instrument,

Möcht in meinem Grimm ausblasen

Alle Stern am Firmament!

 

Und am Hause seine Runde

Tritt der Wächter gähnend an,

Rufet aus die Schlafensstunde,

Und sieht ganz erbost uns an.

Doch nach ihrem Kabinette

Schwing ich noch mein Tamburin,

Fahr wohl in dein Himmelbette,

Weil wir müssen weiterziehn!

 

 

Der letzte Gruß

Ich kam vom Walde hernieder,

Da stand noch das alte Haus,

Mein Liebchen, sie schaute wieder

Wie sonst zum Fenster hinaus.

 

Sie hat einen andern genommen,

Ich war draußen in Schlacht und Sieg,

Nun ist alles anders gekommen,

Ich wollt, ‘s wär wieder erst Krieg.

 

Am Wege dort spielte ihr Kindlein,

Das glich ihr recht auf ein Haar,

Ich küßt’s auf sein rotes Mündlein:

»Gott segne dich immerdar!«

 

Sie aber schaute erschrocken

Noch lange Zeit nach mir hin,

Und schüttelte sinnend die Locken

Und wußte nicht, wer ich bin. –

 

Da droben hoch stand ich am Baume,

Da rauschten die Wälder so sacht,

Mein Waldhorn, das klang wie im Traume

Hinüber die ganze Nacht.

 

Und als die Vögelein sangen

Frühmorgens, sie weinte so sehr,

Ich aber war weit schon gegangen,

Nun sieht sie mich nimmermehr!

 

 

Bei einer Linde

Seh ich dich wieder, du geliebter Baum,

In dessen junge Triebe

Ich einst in jenes Frühlings schönstem Traum

Den Namen schnitt von meiner ersten Liebe?

 

Wie anders ist seitdem der Äste Bug,

Verwachsen und verschwunden

Im härtren Stamm der vielgeliebte Zug,

Wie ihre Liebe und die schönen Stunden!

 

Auch ich seitdem wuchs stille fort, wie du,

Und nichts an mir wollt weilen,

Doch meine Wunde wuchs – und wuchs nicht zu,

Und wird wohl niemals mehr hienieden heilen.

 

 

Vom Berge

Da unten wohnte sonst mein Lieb,

Die ist jetzt schon begraben,

Der Baum noch vor der Türe blieb,

Wo wir gesessen haben.

 

Stets muß ich nach dem Hause sehn,

Und seh doch nichts vor Weinen,

Und wollt ich auch hinuntergehn,

Ich stürb dort so alleine!

 

 

Verlorne Liebe

Lieder schweigen jetzt und Klagen,

Nun will ich erst fröhlich sein,

All mein Leid will ich zerschlagen

Und Erinnern – gebt mir Wein!

Wie er mir verlockend spiegelt

Sterne und der Erde Lust,

Stillgeschäftig dann entriegelt

All die Teufel in der Brust,

Erst der Knecht und dann der Meister,

Bricht er durch die Nacht herein,

Wildester der Lügengeister,

Ring mit mir, ich lache dein!

Und den Becher voll Entsetzen

Werf ich in des Stromes Grund,

Daß sich nimmer dran soll letzen

Wer noch fröhlich und gesund!

 

Lauten hör ich ferne klingen,

Lust’ge Bursche ziehn vom Schmaus,

Ständchen sie den Liebsten bringen,

Und das lockt mich mit hinaus.

Mädchen hinterm blühnden Baume

Winkt und macht das Fenster auf

Und ich steige wie im Traume

Durch das kleine Haus hinauf.

Schüttle nur die dunklen Locken

Aus dem schönen Angesicht!

 

Sieh, ich stehe ganz erschrocken:

Das sind ihre Augen licht,

Locken hatte sie wie deine,

Bleiche Wangen, Lippen rot –

Ach, du bist ja doch nicht meine,

Und mein Lieb ist lange tot!

Hättest du nur nicht gesprochen

Und so frech geblickt nach mir,

Das hat ganz den Traum zerbrochen

Und nun grauet mir vor dir.

Da nimm Geld, kauf Putz und Flimmern,

Fort und lache nicht so wild!

O ich möchte dich zertrümmern,

Schönes, lügenhaftes Bild!

 

Spät von dem verlornen Kinde

Kam ich durch die Nacht daher,

Fahnen drehten sich im Winde,

Alle Gassen waren leer.

Oben lag noch meine Laute

Und mein Fenster stand noch auf,

Aus dem stillen Grunde graute

Wunderbar die Stadt herauf.

Draußen aber blitzt’s vom Weiten,

Alter Zeiten ich gedacht,

Schauernd reiß ich in den Saiten

Und ich sing die halbe Nacht.

Die verschlafnen Nachbarn sprechen,

Daß ich nächtlich trunken sei –

O du mein Gott! und mir brechen

Herz und Saitenspiel entzwei!

 

 

Das Ständchen

Auf die Dächer zwischen blassen

Wolken scheint der Mond herfür,

Ein Student dort auf der Gassen

Singt vor seiner Liebsten Tür.

 

Und die Brunnen rauschen wieder

Durch die stille Einsamkeit,

Und der Wald vom Berge nieder,

Wie in alter, schöner Zeit.

 

So in meinen jungen Tagen

Hab ich manche Sommernacht

Auch die Laute hier geschlagen

Und manch lust’ges Lied erdacht.

 

Aber von der stillen Schwelle

Trugen sie mein Lieb zur Ruh –

Und du, fröhlicher Geselle,

Singe, sing nur immer zu!

 

 

Klang um Klang

1.

Es ist ein Klang gekommen

Herüber durch die Luft,

Der Wind hat’s gebracht und genommen,

Ich weiß nicht, wer mich ruft.

Es schallt der Grund von Hufen,

In der Ferne fiel ein Schuß –

Das sind die Jäger, die rufen,

Daß ich hinunter muß!

2.

 

Das sind nicht die Jäger – im Grunde

Gehn Stimmen hin und her.

Hüt dich zu dieser Stunde,

Mein Herz ist mir so schwer!

 

Wer dich liebhat, macht die Runde,

Steig nieder und frag nicht, wer!

Ich führ dich aus diesem Grunde –

Dann siehst du mich nimmermehr.

3.

 

Ich weiß einen großen Garten,

Wo die wilden Blumen stehn,

Die Engel frühmorgens sein warten,

Wenn alles noch still auf den Höhn.

Manch zackiges Schloß steht darinne,

Die Rehe grasen ums Haus,

Da sieht man weit von der Zinne,

Weit über die Länder hinaus.

 

Neue Liebe

Herz, mein Herz, warum so fröhlich,

So voll Unruh und zerstreut,

Als käm über Berge selig

Schon die schöne Frühlingszeit?

 

Weil ein liebes Mädchen wieder

Herzlich an dein Herz sich drückt,

Schaust du fröhlich auf und nieder,

Erd und Himmel dich erquickt.

 

Und ich hab die Fenster offen,

Neu zieh in die Welt hinein

Altes Bangen, altes Hoffen!

Frühling, Frühling soll es sein!

 

Still kann ich hier nicht mehr bleiben,

Durch die Brust ein Singen irrt,

Doch zu licht ist’s mir zum Schreiben,

Und ich bin so froh verwirrt.

 

Also schlendr ich durch die Gassen,

Menschen gehen her und hin,

Weiß nicht, was ich tu und lasse,

Nur, daß ich so glücklich bin.

 

Frühlingsnacht

Übern Garten durch die Lüfte

Hört ich Wandervögel ziehn,

Das bedeutet Frühlingsdüfte,

Unten fängt’s schon an zu blühn.

 

Jauchzen möcht ich, möchte weinen,

Ist mir’s doch, als könnt’s nicht sein!

Alte Wunder wieder scheinen

Mit dem Mondesglanz herein.

 

Und der Mond, die Sterne sagen’s,

Und in Träumen rauscht’s der Hain,

Und die Nachtigallen schlagen’s:

Sie ist Deine, sie ist dein!

 

 

Frau Venus

Was weckst du, Frühling, mich von neuem wieder?

Daß all die alten Wünsche auferstehen,

Geht übers Land ein wunderbares Wehen;

Das schauert mir so lieblich durch die Glieder.

 

Die schöne Mutter grüßen tausend Lieder,

Die, wieder jung, im Brautkranz süß zu sehen;

Der Wald will sprechen, rauschend Ströme gehen,

Najaden tauchen singend auf und nieder.

 

Die Rose seh ich gehn aus grüner Klause

Und, wie so buhlerisch die Lüfte fächeln,

Errötend in die laue Flut sich dehnen.

 

So mich auch ruft ihr aus dem stillen Hause –

Und schmerzlich nun muß ich im Frühling lächeln,

Versinkend zwischen Duft und Klang vor Sehnen.

 

 

Erwartung

O schöne, bunte Vögel,

Wie singt ihr gar so hell!

O Wolken, luft’ge Segel,

Wohin so schnell, so schnell?

 

Ihr alle, ach, gemeinsam

Fliegt zu der Liebsten hin,

Sagt ihr, wie ich hier einsam

Und voller Sorgen bin.

 

Im Walde steh und laur ich,

Verhallt ist jeder Laut,

Die Wipfel nur wehn schaurig,

O komm, du süße Braut!

 

Schon sinkt die dunkelfeuchte

Nacht rings auf Wald und Feld,

Des Mondes hohe Leuchte

Tritt in die stille Welt.

 

Wie schauert nun im Grunde

Der tiefsten Seele mich!

Wie öde ist die Runde

Und einsam ohne dich!

 

Was rauscht? – Sie naht von ferne! –

Nun, Wald, rausch von den Höhn,

Nun laß Mond, Nacht und Sterne

Nur auf- und untergehn!

 

 

Leid und Lust

Euch Wolken beneid ich

In blauer Luft,

Wie schwingt ihr euch freudig

Über Berg und Kluft!

 

Mein Liebchen wohl seht ihr

Im Garten gehn,

Am Springbrunnen steht sie

So morgenschön.

 

Und wäscht an der Quelle

Ihr goldenes Haar,

Die Äugelein helle,

Und blickt so klar.

 

Und Busen und Wangen

Dürft ihr da sehn. –

Ich brenn vor Verlangen,

Und muß hier stehn!

 

Euch Wolken bedaur ich

Bei stiller Nacht;

Die Erde bebt schaurig,

Der Mond erwacht:

 

Da führt mich ein Bübchen

Mit Flügelein fein,

Durchs Dunkel zum Liebchen,

Sie läßt mich ein.

 

Wohl schaut ihr die Sterne

Weit, ohne Zahl,

Doch bleiben sie ferne

Euch allzumal.

 

Mir leuchten zwei Sterne

Mit süßem Strahl,

Die küß ich so gerne

Vieltausendmal.

 

Euch grüßt mit Gefunkel

Der Wasserfall,

Und tief aus dem Dunkel

Die Nachtigall.

 

Doch süßer es grüßet

Als Wellentanz,

Wenn Liebchen hold flüstert:

»Dein bin ich ganz.«

 

So segelt denn traurig

In öder Pracht!

Euch Wolken bedaur ich

Bei süßer Nacht.

 

 

Trennung

1.

Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen,

Wo wir zum letztenmal im Park beisammen?

Kühl standen rings des Abendrotes Flammen,

Ich scherzte wild – du lächeltest durch Tränen.

So spielt der Wahnsinn lieblich mit den Schmerzen

An jäher Schlüfte Rand, die nach ihm trachten;

Er mag der lauernden Gefahr nicht achten;

Er hat den Tod ja schon im öden Herzen.

 

Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest,

Was andre Leute drüber deuten, sagen –

Sonst scheu – heut mochst du nichts nach allem fragen,

Mir einzig zeigen nur, wie du mich liebtest.

Und aus dem Hause heimlich so entwichen,

Gabst du ins Feld mir schweigend das Geleite,

Vor uns das Tal, das hoffnungsreiche, weite,

Und hinter uns kam grau die Nacht geschlichen.

 

Du gehst nun fort, sprachst du, ich bleib alleine;

Ach! dürft ich alles lassen, still und heiter

Mit dir so ziehn hinab und immer weiter –

Ich sah dich an – es spielten bleiche Scheine

So wunderbar um Locken dir und Glieder;

So ruhig, fremd warst du mir nie erschienen,

Es war, als sagten die versteinten Mienen,

Was du verschwiegst: Wir sehn uns niemals wieder!

 

2.

 

Schon wird es draußen licht auf Berg und Talen;

Aurora, stille Braut, ihr schönen Strahlen,

Die farb’gen Rauch aus Fluß und Wäldern saugen,

Euch grüßen neu die halbverschlafnen Augen.

Verrätrisch, sagt man, sei des Zimmers Schwüle,

Wo nachts ein Mädchen träumte vom Geliebten:

So komm herein, du rote, frische Kühle,

Fliegt in die blaue Luft, ihr schönen Träume!

Ein furchtsam Kind, im stillen Haus erzogen,

Konnt ich am Abendrot die Blicke weiden,

Tiefatmend in die laue Luft vor Freuden.

Er hat um diese Stille mich betrogen.

Mit stolzen Augen, fremden schönen Worten

Lockt er die Wünsche aus dem stillen Hafen,

Wo sie bei Sternenglanze selig schlafen,

Hinaus ins unbekannte Reich der Wogen;

Da kommen Winde buhlend angeflogen,

Die zarte Hand zwingt nicht die wilden Wellen,

Du mußt, wohin die vollen Segel schwellen.

 

Da zog er heimlich fort. – Seit jenem Morgen

Da hatt ich Not, hatt heimlich was zu sorgen.

Wenn nächtlich unten lag die stille Runde,

Einförmig Rauschen herkam von den Wäldern,

Pfeifend der Wind strich durch die öden Felder

Und hin und her in Dörfern bellten Hunde,

Ach! wenn kein glücklich Herz auf Erden wacht,

Begrüßten die verweinten Augen manche Nacht!

 

Wie oft, wenn wir im Garten ruhig waren,

Sagte mein Bruder mir vor vielen Jahren:

»Dem schönen Lenz gleicht recht die erste Liebe.

Wann draußen neu geschmückt die Frühlingsbühne,

Die Reiter blitzend unten ziehn durchs Grüne,

In blauer Luft die Lerchen lustig schwirren,

Läßt sie sich weit ins Land hinaus verführen,

Fragt nicht, wohin, und mag sich gern verirren,

Den Stimmen folgend, die sie wirrend führen.

Da wendet auf den Feldern sich der Wind,

Die Vögel hoch durch Nebel ziehn nach Haus;

Es wird so still, das schöne Fest ist aus.

Gar weit die Heimat liegt, das schöne Kind

Findt nicht nach Hause mehr, nicht weiter fort –

Hüt dich, such früh dir einen sichern Port!«

 

Glück

Wie jauchzt meine Seele

Und singet in sich!

Kaum, daß ich’s verhehle

So glücklich bin ich.

 

Rings Menschen sich drehen

Und sprechen gescheut,

Ich kann nichts verstehen,

So fröhlich zerstreut. –

 

Zu eng wird das Zimmer,

Wie glänzet das Feld,

Die Täler voll Schimmer,

Weit herrlich die Welt!

 

Gepreßt bricht die Freude

Durch Riegel und Schloß,

Fort über die Heide!

Ach, hätt ich ein Roß! –

 

Und frag ich und sinn ich,

Wie so mir geschehn?: –

Mein Liebchen herzinnig,

Das soll ich heut sehn!

 

Die Schärpe

Mein Schatz, das ist ein kluges Kind,

Die spricht: »Willst du nicht fechten:

Wir zwei geschiedne Leute sind;

Erschlagen dich die Schlechten:

Auch keins von beiden dran gewinnt.«

Mein Schatz, das ist ein kluges Kind

Für die will ich leben und fechten!

 

 

Abschied und Wiedersehn

1.

In süßen Spielen unter nun gegangen

Sind Liebchens Augen, und sie atmet linde,

Stillauschend sitz ich bei dem holden Kinde,

Die Locken streichelnd ihr von Stirn und Wangen.

 

Ach! Lust und Mond und Sterne sind vergangen,

Am Fenster mahnen schon die Morgenwinde:

Daß ich vom Nacken leis die Arme winde,

Die noch im Schlummer lieblich mich umfangen.

 

O öffne nicht der Augen süße Strahle!

Nur einen Kuß noch – und zum letzten Male

Geh ich von dir durchs stille Schloß hernieder.

 

Streng greift der eis’ge Morgen an die Glieder,

Wie ist die Welt so klar und kalt und helle –

Tiefschauernd tret ich von der lieben Schwelle.

2.

 

Ein zart Geheimnis webt in stillen Räumen,

Die Erde löst die diamantnen Schleifen,

Und nach des Himmels süßen Strahlen greifen

Die Blumen, die der Mutter Kleid besäumen.

 

Da rauscht’s lebendig draußen in den Bäumen,

Aus Osten langen purpurrote Streifen,

Hoch Lerchenlieder durch das Zwielicht schweifen –

Du hebst das blühnde Köpfchen hold aus Träumen.

 

Was sind’s für Klänge, die ans Fenster flogen?

So altbekannt verlocken diese Lieder,

Ein Sänger steht im schwanken Dämmerschein.

 

Wach auf! Dein Liebster ist fernher gezogen,

Und Frühling ist’s auf Tal und Bergen wieder,

Wach auf, wach auf, nun bist du ewig mein!

Die Einsame

 

1.

Wenn morgens das fröhliche Licht bricht ein,

Tret ich zum offenen Fensterlein,

Draußen gehn lau die Lüft auf den Auen,

Singen die Lerchen schon hoch im Blauen,

Rauschen am Fenster die Bäume gar munter,

Ziehn die Brüder in den Wald hinunter;

Und bei dem Sange und Hörnerklange

Wird mir immer so bange, bange.

 

Wüßt ich nur immer, wo du jetzo bist,

Würd mir schon wohler auf kurze Frist.

Könntest du mich nur über die Berge sehen

Dein gedenkend im Garten gehen:

Dort rauschen die Brunnen jetzt alle so eigen,

Die Blumen vor Trauern im Wind sich neigen.

Ach! von den Vöglein über die Tale

Sei mir gegrüßt vieltausend Male!

 

Du sagtest gar oft: »Wie süß und rein

Sind deine blauen Äugelein!«

Jetzo müssen sie immerfort weinen,

Da sie nicht finden mehr, was sie meinen;

Wird auch der rote Mund erblassen,

Seit du mich, süßer Buhle, verlassen.

Eh du wohl denkst, kann das Blatt sich wenden,

Geht alles gar bald zu seinem Ende.

 

 

2.

Die Welt ruht still im Hafen,

Mein Liebchen, gute Nacht!

Wann Wald und Berge schlafen,

Treu’ Liebe einsam wacht.

 

Ich bin so wach und lustig,

Die Seele ist so licht,

Und eh ich liebt, da wußt ich

Von solcher Freude nicht.

 

Ich fühl mich so befreiet

Von eitlem Trieb und Streit,

Nichts mehr das Herz zerstreuet

In seiner Fröhlichkeit.

 

Mir ist, als müßt ich singen

So recht aus tiefster Lust

Von wunderbaren Dingen,

Was niemand sonst bewußt.

 

O könnt ich alles sagen!

O wär ich recht geschickt!

So muß ich still ertragen,

Was mich so hoch beglückt.

 

3.

Wär’s dunkel, ich läg im Walde,

Im Walde rauscht’s so sacht,

Mit ihrem Sternenmantel

Bedecket mich da die Nacht,

Da kommen die Bächlein gegangen:

Ob ich schon schlafen tu?

Ich schlaf nicht, ich hör noch lange

Den Nachtigallen zu,

Wenn die Wipfel über mir schwanken,

Es klinget die ganze Nacht,

Das sind im Herzen die Gedanken,

Die singen, wenn niemand wacht.

 

 

4.

Im beschränkten Kreis der Hügel,

Auf des stillen Weihers Spiegel

Scheue, fromme Silberschwäne –

Fassend in des Rosses Mähne

Mit dem Liebsten kühn im Bügel –

Blöde Bande – mut’ge Flügel

Sind getrennter Lieb Gedanken!

 

 

An die Entfernte

1.

Denk ich, du Stille, an dein ruhig Walten,

An jenes letzten Abends rote Kühle,

Wo ich die teure Hand noch durfte halten:

Steh ich oft sinnend stille im Gewühle,

Und, wie den Schweizer heim’sche Alphornslieder

Auf fremden Bergen, fern den Freunden allen,

Oft unverhofft befallen,

Kommt tiefe Sehnsucht plötzlich auf mich nieder.

 

Ich hab es oft in deiner Brust gelesen:

Nie hast du recht mich in mir selbst gefunden,

Fremd blieb, zu keck und treibend dir mein Wesen,

Und so bin ich im Strome dir verschwunden.

O nenn drum nicht die schöne Jugend wilde,

Die mit dem Leben und mit seinen Schmerzen

Mag unbekümmert scherzen,

Weil sie die Brust reich fühlt und ernst und milde!

 

Getrennt ist längst schon unsres Lebens Reise,

Es trieb mein Herz durch licht’ und dunkle Stunden.

Dem festern Blick erweitern sich die Kreise,

In Duft ist jenes erste Reich verschwunden –

Doch, wie die Pfade einsam sich verwildern,

Was ich seitdem, von Lust und Leid bezwungen,

Geliebt, geirrt, gesungen:

Ich knie vor dir in all den tausend Bildern.

2.

 

Als noch Lieb mit mir im Bunde,

Hatt ich Ruhe keine Stunde;

Wenn im Schloß noch alle schliefen,

War’s, als ob süß’ Stimmen riefen,

Tönend bis zum Herzensgrunde:

»Auf! schon goldne Strahlen dringen,

Heiter funkeln Wald und Garten,

Neu erquickt die Vögel singen,

Läßt du so dein Liebchen warten?«

Und vom Lager mußt ich springen.

 

Doch kein Licht noch sah ich grauen,

Draußen durch die nächtlich lauen

Räume nur die Wolken flogen,

Daß die Seele, mitgezogen,

Gern versank im tiefen Schauen –

Unten dann die weite Runde,

Schlösser glänzend fern erhoben,

Nachtigallen aus dem Grunde,

Alles wie im Traum verwoben,

Miteinander still im Bunde.

 

Wach blieb ich am Fenster stehen,

Kühler schon die Lüfte wehen,

Rot schon rings des Himmels Säume,

Regten frischer sich die Bäume,

Stimmen hört ich fernab gehen:

Und durch Türen, öde Bogen,

Zürnend, daß die Riegel klungen,

Bin ich heimlich ausgezogen,

Bis befreit aufs Roß geschwungen,

Morgenwinde mich umflogen.

 

Läßt der Morgen von den Höhen

Weit die roten Fahnen wehen,

Widerhall in allen Lüften,

Losgerissen aus den Klüften

Silberner die Ströme gehen:

Spürt der Mann die frischen Geister,

Draußen auf dem Feld, zu Pferde

Alle Ängste keck zerreißt er,

Dampfend unter ihm die Erde,

Fühlt er hier sich Herr und Meister.

 

Und so öffnet ich die schwüle

Brust aufatmend in der Kühle!

Locken fort aus Stirn und Wange,

Daß der Strom mich ganz umfange,

Frei das blaue Meer umspüle,

Mit den Wolken, eilig fliehend,

Mit der Ströme lichtem Grüßen

Die Gedanken fröhlich ziehend,

Weit voraus vor Wolken, Flüssen –

Ach! ich fühlte, daß ich blühend!

 

Und im schönen Garten droben,

Wie aus Träumen erst gehoben,

Sah ich still mein Mädchen stehen,

Über Fluß und Wälder gehen

Von der heitern Warte oben

Ihre Augen licht und helle,

Wann der Liebste kommen werde. –

Ja! da kam die Sonne schnelle,

Und weit um die ganze Erde

War es morgenschön und helle!

 

Das Flügelroß

Ich hab nicht viel hienieden,

Ich hab nicht Geld noch Gut;

Was vielen nicht beschieden,

Ist mein: – der frische Mut.

 

Was andre mag ergötzen,

Das kümmert wenig mich,

Sie leben in den Schätzen,

In Freuden lebe ich.

 

Ich hab ein Roß mit Flügeln,

Getreu in Lust und Not,

Das wiehernd spannt die Flügel

Bei jedem Morgenrot.

 

Mein Liebchen! wie so öde

Wird’s oft in Stadt und Schloß,

Frisch auf und sei nicht blöde,

Besteig mit mir mein Roß!

 

Wir segeln durch die Räume

Ich zeig dir Meer und Land,

Wie wunderbare Träume

Tief unten ausgespannt.

 

Hellblinkend zu den Füßen

Unzähl’ger Ströme Lauf –

Es steigt ein Frühlingsgrüßen

Verhallend zu uns auf.

 

Und bunt und immer wilder

In Liebe, Haß und Lust

Verwirren sich die Bilder –

Was schwindelt dir die Brust?

 

So fröhlich tief im Herzen,

Zieh ich all’ himmelwärts,

Es kommen selbst die Schmerzen

Melodisch an das Herz.

 

Der Sänger zwingt mit Klängen

Was störrig, dumpf und wild,

Es spiegelt in Gesängen

Die Welt sich göttlich mild.

 

Und unten nun verbrauset

Des breiten Lebens Strom,

Der Adler einsam hauset

Im stillen Himmelsdom. –

 

Und sehn wir dann den Abend

Verhallen und verblühn,

Im Meere, kühle labend,

Die heil’gen Sterne glühn:

 

So lenken wir hernieder

Zu Waldes grünem Haus,

Und ruhn vom Schwung der Lieder

Auf blühndem Moose aus.

 

O sterndurchwebtes Düstern,

O heimlich stiller Grund!

O süßes Liebesflüstern

So innig Mund an Mund!

 

Die Nachtigallen locken,

Mein Liebchen atmet lind,

Mit Schleier zart und Locken

Spielt buhlerisch der Wind.

 

Und schlaf denn bis zum Morgen

So sanft gelehnt an mich!

Süß sind der Liebe Sorgen,

Dein Liebster wacht für dich.

 

Ich halt die blühnden Glieder,

Vor süßen Schauern bang,

Ich laß dich ja nicht wieder

Mein ganzes Leben lang! –

 

Aurora will sich heben,

Du schlägst die Augen auf,

O wonniges Erbeben,

O schöner Lebenslauf! –

 

 

Glückwunsch

Brech der lustige Sonnenschein

Mit der Tür euch ins Haus hinein,

Daß alle Stuben so frühlingshelle;

Ein Engel auf des Hauses Schwelle

Mit seinem Glanze säume

Hof, Garten, Feld und Bäume,

Und geht die Sonne abends aus,

Führ er die Müden mild nach Haus!

 

 

Der junge Ehemann

Hier unter dieser Linde

Saß ich vieltausendmal

Und schaut nach meinem Kinde

Hinunter in das Tal,

Bis daß die Sterne standen

Hell über ihrem Haus,

Und weit in den stillen Landen

Alle Lichter löschten aus.

 

Jetzt neben meinem Liebchen

Sitz ich im Schatten kühl,

Sie wiegt ein muntres Bübchen,

Die Täler schimmern schwül,

Und unten im leisen Winde

Regt sich das Kornfeld kaum,

Und über uns säuselt die Linde –

Es ist mir noch wie ein Traum.

 

 

Im Abendrot

Wir sind durch Not und Freude

Gegangen Hand in Hand,

Vom Wandern ruhn wir beide

Nun überm stillen Land.

 

Rings sich die Täler neigen,

Es dunkelt schon die Luft,

Zwei Lerchen nur noch steigen

Nachträumend in den Duft.

 

Tritt her, und laß sie schwirren,

Bald ist es Schlafenszeit,

Daß wir uns nicht verirren

In dieser Einsamkeit.

 

O weiter, stiller Friede!

So tief im Abendrot

Wie sind wir wandermüde –

Ist das etwa der Tod?

 

 

Nachklänge

1.

Lust’ge Vögel in dem Wald,

Singt, solang es grün,

Ach wer weiß, wie bald, wie bald

Alles muß verblühn!

 

Sah ich’s doch vom Berge einst

Glänzen überall,

Wußte kaum, warum du weinst,

Fromme Nachtigall.

 

Und kaum ging ich über Land,

Frisch durch Lust und Not

Wandelt’ alles, und ich stand

Müd im Abendrot.

 

Und die Lüfte wehen kalt,

Übers falbe Grün,

Vöglein, euer Abschied hallt –

Könnt ich mit euch ziehn!

 

 

2.

O Herbst, in linden Tagen

Wie hast du rings dein Reich

Phantastisch aufgeschlagen,

So bunt und doch so bleich!

 

Wie öde, ohne Brüder,

Mein Tal so weit und breit,

Ich kenne dich kaum wieder

In dieser Einsamkeit.

 

So wunderbare Weise

Singt nun dein bleicher Mund,

Es ist, als öffnet’ leise

Sich unter mir der Grund.

 

Und ich ruht’ überwoben,

Du sängest immerzu,

Die Linde schüttelt’ oben

Ihr Laub und deckt’ mich zu.

 

 

3.

Schon kehren die Vögel wieder ein,

Es schallen die alten Lieder,

Ach, die fröhliche Jugend mein

Kommt sie wohl auch noch wieder?

 

Ich weiß nicht, was ich so töricht bin!

Wolken im Herbstwind jagen,

Die Vögel ziehn über die Wälder hin,

Das klang wie in Frühlingstagen.

 

Dort auf dem Berge da steht ein Baum,

Drin jubeln die Wandergäste,

Er aber, müde, rührt wie im Traum

Noch einmal Wipfel und Äste.

 

 

4.

Mir träumt’, ich ruhte wieder

Vor meines Vaters Haus

Und schaute fröhlich nieder

Ins alte Tal hinaus,

Die Luft mit lindem Spielen

Ging durch das Frühlingslaub,

Und Blütenflocken fielen

Mir über Brust und Haupt.

 

Als ich erwacht, da schimmert

Der Mond vom Waldesrand,

Im falben Scheine flimmert

Um mich ein fremdes Land,

Und wie ich ringsher sehe:

Die Flocken waren Eis,

Die Gegend war vom Schnee,

Mein Haar vom Alter weiß.

 

 

5.

Es schauert der Wald vor Lust,

Die Sterne nun versanken,

Und wandeln durch die Brust

Als himmlische Gedanken.

 

 

6.

An meinen Bruder

 

 

Gedenkst du noch des Gartens

Und Schlosses überm Wald,

Des träumenden Erwartens:

Ob’s denn nicht Frühling bald?

 

Der Spielmann war gekommen,

Der jeden Lenz singt aus,

Er hat uns mitgenommen

Ins blühnde Land hinaus.

 

Wie sind wir doch im Wandern

Seitdem so weit zerstreut!

Frägt einer nach dem andern,

Doch niemand gibt Bescheid.

 

Nun steht das Schloß versunken

Im Abendrote tief,

Als ob dort traumestrunken

Der alte Spielmann schlief’.

 

Gestorben sind die Lieben,

Das ist schon lange her,

Die wen’gen, die geblieben,

Sie kennen uns nicht mehr.

 

Und fremde Leute gehen

Im Garten vor dem Haus –

Doch übern Garten sehen

Nach uns die Wipfel aus.

 

Doch rauscht der Wald im Grunde

Fort durch die Einsamkeit

Und gibt noch immer Kunde

Von unsrer Jugendzeit.

 

Bald mächt’ger und bald leise

In jeder guten Stund

Geht diese Waldesweise

Mir durch der Seele Grund.

 

Und stamml ich auch nur bange,

Ich sing es, weil ich muß,

Du hörst doch in dem Klange

Den alten Heimatsgruß.

 

 

5. Totenopfer

 

Gewalt’ges Morgenrot,

Weit, unermeßlich – du verzehrst die Erde!

Und in dem Schweigen nur der Flug der Seelen,

Die säuselnd heimziehn durch die stille Luft. –

 

 

Wehmut

Ich irr in Tal und Hainen

Bei kühler Abendstund,

Ach, weinen möcht ich, weinen

So recht aus Herzensgrund.

 

Und alter Zeiten Grüßen

Kam da, im Tal erwacht,

Gleich wie von fernen Flüssen

Das Rauschen durch die Nacht.

 

Die Sonne ging hinunter,

Da säuselt’ kaum die Welt,

Ich blieb noch lange munter

Allein im stillen Feld.

 

 

Sonette

1.

Es qualmt’ der eitle Markt in Staub und Schwüle,

So klanglos öde wallend auf und nieder,

Wie dacht ich da an meine Berge wieder,

An frischen Sang, Felsquell und Waldeskühle!

 

Doch steht ein Turm dort über dem Gewühle,

Der andre Zeiten sah und beßre Brüder,

Das Kreuz treu halten seine Riesenglieder,

Wie auch der Menschlein Flut den Fels umspüle.

 

Das war mein Hafen auf der weiten Wüste,

Oft kniet ich betend in des Domes Mitte,

Dort hab ich dich, mein liebes Kind, gefunden;

 

Ein Himmelsbote wohl, der so mich grüßte:

»Verzweifle nicht! die Schönheit und die Sitte

Sie sind noch von der Erde nicht verschwunden.«

 

 

2.

Ein alt Gemach voll sinn’ger Seltsamkeiten,

Still’ Blumen aufgestellt am Fensterbogen,

Gebirg’ und Länder draußen blau gezogen,

Wo Ströme gehn und Ritter ferne reiten.

 

Ein Mädchen, schlicht und fromm wie jene Zeiten,

Das, von den Abendscheinen angeflogen,

Versenkt in solcher Stille tiefe Wogen –

Das mocht auf Bildern oft das Herz mir weiten.

 

Und nun wollt wirklich sich das Bild bewegen,

Das Mädchen atmet’ auf, reicht aus dem Schweigen

Die Hand mir, daß sie ewig meine bliebe.

 

Da sah ich draußen auch das Land sich regen,

Die Wälder rauschen und Aurora steigen –

Die alten Zeiten all weckt mir die Liebe.

 

 

3.

Wenn zwei geschieden sind von Herz und Munde,

Da ziehn Gedanken über Berg’ und Schlüfte

Wie Tauben säuselnd durch die blauen Lüfte,

Und tragen hin und wider süße Kunde.

 

Ich schweif umsonst, so weit der Erde Runde,

Und stieg ich hoch auch über alle Klüfte,

Dein Haus ist höher noch als diese Lüfte,

Da reicht kein Laut hin, noch zurück zum Grunde.

 

Ja, seit du tot – mit seinen blühnden Borden

Wich ringsumher das Leben mir zurücke,

Ein weites Meer, wo keine Bahn zu finden.

 

Doch ist dein Bild zum Sterne mir geworden,

Der nach der Heimat weist mit stillem Blicke,

Daß fromm der Schiffer streite mit den Winden.

 

 

Treue

Wie dem Wanderer in Träumen,

Daß er still im Schlafe weint,

Zwischen goldnen Wolkensäumen

Seine Heimat wohl erscheint:

 

So durch dieses Frühlings Blühen

Über Berg’ und Täler tief,

Sah ich oft dein Bild noch ziehen,

Als ob’s mich von hinnen rief;

 

Und mit wunderbaren Wellen

Wie im Traume, halbbewußt,

Gehen ew’ge Liederquellen

Mir verwirrend durch die Brust.

 

 

Gute Nacht

Die Höhn und Wälder schon steigen

Immer tiefer ins Abendgold,

Ein Vöglein frägt in den Zweigen:

Ob es Liebchen grüßen sollt?

 

O Vöglein, du hast dich betrogen,

Sie wohnet nicht mehr im Tal,

Schwing auf dich zum Himmelsbogen,

Grüß sie droben zum letztenmal!

 

 

Am Strom

Der Fluß glitt einsam hin und rauschte,

Wie sonst, noch immer, immerfort,

Ich stand am Strand gelehnt und lauschte,

Ach, was ich liebt, war lange fort!

Kein Laut, kein Windeshauch, kein Singen

Ging durch den weiten Mittag schwül,

Verträumt die stillen Weiden hingen

Hinab bis in die Wellen kühl.

 

Die waren alle wie Sirenen

Mit feuchtem, langem, grünem Haar,

Und von der alten Zeit voll Sehnen

Sie sangen leis und wunderbar.

Sing Weide, singe, grüne Weide!

Wie Stimmen aus der Liebsten Grab

Zieht mich dein heimlich Lied voll Leide

Zum Strom von Wehmut mit hinab.

 

 

Nachruf an meinen Bruder

Ach, daß auch wir schliefen!

Die blühenden Tiefen,

Die Ströme, die Auen

So heimlich aufschauen,

Als ob sie all riefen:

»Dein Bruder ist tot!

Unter Rosen rot

Ach, daß wir auch schliefen!«

 

»Hast doch keine Schwingen,

Durch Wolken zu dringen!

Mußt immerfort schauen

Die Ströme, die Auen –

Die werden dir singen

Von ihm Tag und Nacht,

Mit Wahnsinnesmacht

Die Seele umschlingen.«

 

So singt, wie Sirenen,

Von hellblauen, schönen

Vergangenen Zeiten,

Der Abend vom weiten

Versinkt dann im Tönen,

Erst Busen, dann Mund,

Im blühenden Grund.

O schweiget Sirenen!

 

O wecket nicht wieder!

Denn zaubrische Lieder

Gebunden hier träumen

Auf Feldern und Bäumen,

Und ziehen mich nieder

So müde vor Weh

Zu tiefstillem See –

O weckt nicht die Lieder!

 

Du kanntest die Wellen

Des Sees, sie schwellen

In magischen Ringen.

Ein wehmütig Singen

Tief unter den Quellen

Im Schlummer dort hält

Verzaubert die Welt.

Wohl kennst du die Wellen.

 

Kühl wird’s auf den Gängen,

Vor alten Gesängen

Möcht’s Herz mir zerspringen.

So will ich denn singen!

Schmerz fliegt ja auf Klängen

Zu himmlischer Lust,

Und still wird die Brust

Auf kühl grünen Gängen.

 

Laß fahren die Träume!

Der Mond scheint durch Bäume,

Die Wälder nur rauschen,

Die Täler still lauschen,

Wie einsam die Räume!

Ach, niemand ist mein!

Herz, wie so allein!

Laß fahren die Träume!

 

Der Herr wird dich führen.

Tief kann ich ja spüren

Der Sterne still Walten.

Der Erde Gestalten

Kaum hörbar sich rühren.

Durch Nacht und durch Graus

Gen Morgen, nach Haus –

Ja, Gott wird mich führen.

 

 

Auf meines Kindes Tod

1.

Das Kindlein spielt’ draußen im Frühlingsschein,

Und freut’ sich und hatte so viel zu sehen,

Wie die Felder schimmern und die Ströme gehen –

Da sah der Abend durch die Bäume herein,

Der alle die schönen Bilder verwirrt.

Und wie es nun ringsum so stille wird,

Beginnt aus den Tälern ein heimlich Singen,

Als wollt’s mit Wehmut die Welt umschlingen,

Die Farben vergehn und die Erde wird blaß.

Voll Staunen fragt ‘s Kindlein: »Ach, was ist das?«

Und legt sich träumend ins säuselnde Gras;

Da rühren die Blumen ihm kühle ans Herz

Und lächelnd fühlt es so süßen Schmerz,

Und die Erde, die Mutter, so schön und bleich,

Küßt das Kindlein und läßt’s nicht los,

Zieht es herzinnig in ihren Schoß

Und bettet es drunten gar warm und weich,

Still unter Blumen und Moos. –

 

»Und was weint ihr, Vater und Mutter, um mich?

In einem viel schöneren Garten bin ich,

Der ist so groß und weit und wunderbar,

Viel Blumen stehn dort von Golde klar,

Und schöne Kindlein mit Flügeln schwingen

Auf und nieder sich drauf und singen. –

Die kenn ich gar wohl aus der Frühlingszeit,

Wie sie zogen über Berge und Täler weit

Und mancher mich da aus dem Himmelblau rief,

Wenn ich drunten im Garten schlief. –

Und mitten zwischen den Blumen und Scheinen

Steht die schönste von allen Frauen,

Ein glänzend Kindlein an ihrer Brust. –

Ich kann nicht sprechen und auch nicht weinen,

Nur singen immer und wieder dann schauen

Still vor großer, seliger Lust.«

 

 

2.

Als ich nun zum ersten Male

Wieder durch den Garten ging,

Busch und Bächlein in dem Tale

Lustig an zu plaudern fing.

 

Blumen halbverstohlen blickten

Neckend aus dem Gras heraus,

Bunte Schmetterlinge schickten

Sie sogleich auf Kundschaft aus.

 

Auch der Kuckuck in den Zweigen

Fand sich bald zum Spielen ein,

Endlich brach der Baum das Schweigen:

»Warum kommst du heut allein?«

 

Da ich aber schwieg, da rührt’ er

Wunderbar sein dunkles Haupt,

Und ein Flüstern konnt ich spüren

Zwischen Vöglein, Blüt und Laub.

 

Tränen in dem Grase hingen,

Durch die abendstille Rund

Klagend nun die Quellen gingen,

Und ich weint aus Herzensgrund.

 

3.

Was ist mir denn so wehe?

Es liegt ja wie im Traum

Der Grund schon, wo ich stehe,

Die Wälder säuseln kaum

Noch von der dunklen Höhe.

Es komme wie es will,

Was ist mir denn so wehe –

Wie bald wird alles still.

 

 

4.

Das ist’s, was mich ganz verstöret:

Daß die Nacht nicht Ruhe hält,

Wenn zu atmen aufgehöret

Lange schon die müde Welt.

 

Daß die Glocken, die da schlagen,

Und im Wald der leise Wind

Jede Nacht von neuem klagen

Um mein liebes, süßes Kind.

 

Daß mein Herz nicht konnte brechen

Bei dem letzten Todeskuß,

Daß ich wie im Wahnsinn sprechen

Nun in irren Liedern muß.

 

 

5.

Freuden wollt ich dir bereiten,

Zwischen Kämpfen, Lust und Schmerz

Wollt ich treulich dich geleiten

Durch das Leben himmelwärts.

 

Doch du hast’s allein gefunden

Wo kein Vater führen kann,

Durch die ernste, dunkle Stunde

Gingst du schuldlos mir voran.

 

Wie das Säuseln leiser Schwingen

Draußen über Tal und Kluft

Ging zur selben Stund ein Singen

Ferne durch die stille Luft.

 

Und so fröhlich glänzt’ der Morgen,

‘s war als ob das Singen sprach:

Jetzo lasset alle Sorgen,

Liebt ihr mich, so folgt mir nach!

 

 

6.

Ich führt dich oft spazieren

In Wintereinsamkeit,

Kein Laut ließ sich da spüren,

Du schöne, stille Zeit!

 

Lenz ist’s nun, Lerchen singen

Im Blauen über mir,

Ich weine still – sie bringen

Mir einen Gruß von dir.

 

 

7.

Die Welt treibt fort ihr Wesen,

Die Leute kommen und gehn,

Als wärst du nie gewesen,

Als wäre nichts geschehn.

 

Wie sehn ich mich aufs neue

Hinaus in Wald und Flur!

Ob ich mich gräm, mich freue,

Du bleibst mir treu, Natur.

 

Da klagt vor tiefem Sehnen

Schluchzend die Nachtigall,

Es schimmern rings von Tränen

Die Blumen überall.

 

Und über alle Gipfel

Und Blütentäler zieht

Durch stillen Waldes Wipfel

Ein heimlich Klagelied.

 

Da spür ich’s recht im Herzen,

Daß du’s, Herr, draußen bist –

Du weißt’s, wie mir von Schmerzen

Mein Herz zerrissen ist!

 

8.

Von fern die Uhren schlagen,

Es ist schon tiefe Nacht,

Die Lampe brennt so düster,

Dein Bettlein ist gemacht.

 

Die Winde nur noch gehen

Wehklagend um das Haus,

Wir sitzen einsam drinne

Und lauschen oft hinaus.

 

Es ist, als müßtest leise

Du klopfen an die Tür,

Du hättst dich nur verirret,

Und kämst nun müd zurück.

 

Wir armen, armen Toren!

Wir irren ja im Graus

Des Dunkels noch verloren –

Du fandst dich längst nach Haus.

 

 

9.

Dort ist so tiefer Schatten,

Du schläfst in guter Ruh,

Es deckt mit grünen Matten

Der liebe Gott dich zu.

 

Die alten Weiden neigen

Sich auf dein Bett herein,

Die Vöglein in den Zweigen

Sie singen treu dich ein.

 

Und wie in goldnen Träumen

Geht linder Frühlingswind

Rings in den stillen Bäumen –

Schlaf wohl mein süßes Kind!

 

 

10.

Mein liebes Kind, ade!

Ich konnt ade nicht sagen

Als sie dich fortgetragen,

Vor tiefem, tiefem Weh.

 

Jetzt auf lichtgrünem Plan

Stehst du im Myrtenkranze,

Und lächelst aus dem Glanze

Mich still voll Mitleid an.

 

Und Jahre nahn und gehn,

Wie bald bin ich verstoben –

O bitt für mich da droben,

Daß wir uns wiedersehn!

 

 

An einen Offizier, der als Bräutigam starb

Frisch flogst du durch die Felder

Und faßtest ihre Hand,

Ringsum der Kreis der Wälder

In Morgenflammen stand.

 

O falsches Rot! Verblühen

Mußt dieses Blütenmeer,

Wer dachte, daß dies Glühen

Das Abendrot schon wär!

 

Nun dunkeln schon die Fernen,

Du wirst so still und bleich,

Wie ist da weit von Sternen

Der Himmelsgrund so reich!

 

Trompeten hört ich laden

Fern durch die stille Luft,

Als zögen Kameraden –

Der alte Feldherr ruft.

 

Es sinken schon die Brücken,

Heut dir und morgen mir.

Du müßt hinüberrücken,

Kamrad, mach uns Quartier!

 

Treu’ Lieb ist unverloren,

Empfängst – wie bald ist’s hin! –

Einst an den Himmelstoren

Die müde Pilgerin.

 

 

Angedenken

Berg’ und Täler wieder fingen

Ringsumher zu blühen an,

Aus dem Walde hört ich singen

Einen lust’gen Jägersmann.

 

Und die Tränen drangen leise:

So einst blüht’ es weit und breit,

Als mein Lieb dieselbe Weise

Mich gelehrt vor langer Zeit.

 

Ach, ein solches Angedenken,

‘s ist nur eitel Klang und Luft,

Und kann schimmernd doch versenken

Rings in Tränen Tal und Kluft!

 

 

In der Fremde

Aus der Heimat hinter den Blitzen rot

Da kommen die Wolken her,

Aber Vater und Mutter sind lange tot,

Es kennt mich dort keiner mehr.

Wie bald, wie bald kommt die stille Zeit,

Da ruhe ich auch, und über mir

Rauschet die schöne Waldeinsamkeit

Und keiner mehr kennt mich auch hier.

 

 

Vesper

Die Abendglocken klangen

Schon durch das stille Tal,

Da saßen wir zusammen

Da droben wohl hundertmal.

 

Und unten war’s so stille

Im Lande weit und breit,

Nur über uns die Linde

Rauscht’ durch die Einsamkeit.

 

Was gehn die Glocken heute

Als ob ich weinen müßt?

Die Glocken, die bedeuten,

Daß meine Lieb gestorben ist!

 

Ich wollt, ich läg begraben,

Und über mir rauschte weit

Die Linde jeden Abend

Von der alten, schönen Zeit!

 

 

Die Nachtigallen

Möcht wissen, was sie schlagen

So schön bei der Nacht,

‘s ist in der Welt ja doch niemand,

Der mit ihnen wacht.

 

Und die Wolken, die reisen,

Und das Land ist so blaß,

Und die Nacht wandert leise

Durch den Wald übers Gras.

 

Nacht, Wolken, wohin sie gehen,

Ich weiß es recht gut,

Liegt ein Grund hinter den Höhen,

Wo meine Liebste jetzt ruht.

 

Zieht der Einsiedel sein Glöcklein,

Sie höret es nicht,

Es fallen ihr die Löcklein

Übers ganze Gesicht.

 

Und daß sie niemand erschrecket,

Der liebe Gott hat sie hier

Ganz mit Mondschein bedecket,

Da träumt sie von mir.

 

Nachruf

Du liebe, treue Laute,

Wie manche Sommernacht,

Bis daß der Morgen graute,

Hab ich mit dir durchwacht!

 

Die Täler wieder nachten,

Kaum spielt noch Abendrot,

Doch die sonst mit uns wachten,

Die liegen lange tot.

 

Was wollen wir nun singen

Hier in der Einsamkeit,

Wenn alle von uns gingen,

Die unser Lied erfreut?

 

Wir wollen dennoch singen!

So still ist’s auf der Welt;

Wer weiß, die Lieder dringen

Vielleicht zum Sternenzelt.

 

Wer weiß, die da gestorben,

Sie hören droben mich,

Und öffnen leis die Pforten

Und nehmen uns zu sich.

 

6. Geistliche Gedichte

 

Andre haben andre Schwingen,

Aber wir, mein fröhlich Herz,

Wollen grad hinauf uns singen,

Aus dem Frühling himmelwärts!

 

 

Götterdämmerung

1.

Was klingt mir so heiter

Durch Busen und Sinn?

Zu Wolken und weiter,

Wo trägt es mich hin?

 

Wie auf Bergen hoch bin ich

So einsam gestellt

Und grüße herzinnig,

Was schön auf der Welt.

 

Ja, Bacchus, dich seh ich,

Wie göttlich bist du!

Dein Glühen versteh ich,

Die träumende Ruh.

 

O rosenbekränztes

Jünglingsbild,

Dein Auge, wie glänzt es,

Die Flammen so mild!

 

Ist’s Liebe, ist’s Andacht,

Was so dich beglückt?

Rings Frühling dich anlacht,

Du sinnest entzückt. –

 

Frau Venus, du Frohe,

So klingend und weich,

In Morgenrots Lohe

Erblick ich dein Reich

 

Auf sonnigen Hügeln

Wie ein Zauberring. –

Zart’ Bübchen mit Flügeln

Bedienen dich flink,

 

Durchsäuseln die Räume

Und laden, was fein,

Als goldene Träume

Zur Königin ein.

 

Und Ritter und Frauen

Im grünen Revier

Durchschwärmen die Auen

Wie Blumen zur Zier.

 

Und jeglicher hegt sich

Sein Liebchen im Arm,

So wirrt und bewegt sich

Der selige Schwarm. –

 

Die Klänge verrinnen,

Es bleichet das Grün,

Die Frauen stehn sinnend,

Die Ritter schaun kühn.

 

Und himmlisches Sehnen

Geht singend durchs Blau,

Da schimmert von Tränen

Rings Garten und Au. –

 

Und mitten im Feste

Erblick ich, wie mild!

Den stillsten der Gäste. –

Woher, einsam Bild?

 

Mit blühendem Mohne,

Der träumerisch glänzt,

Und mit Lilienkrone

Erscheint er bekränzt.

 

Sein Mund schwillt zum Küssen

So lieblich und bleich,

Als brächt er ein Grüßen

Aus himmlischem Reich.

 

Eine Fackel wohl trägt er,

Die wunderbar prangt.

»Wo ist einer«, frägt er,

»Dem heimwärts verlangt?«

 

Und manchmal da drehet

Die Fackel er um –

Tiefschauernd vergehet

Die Welt und wird stumm.

 

Und was hier versunken

Als Blumen zum Spiel,

Siehst oben du funkeln

Als Sterne nun kühl. –

 

O Jüngling vom Himmel,

Wie bist du so schön!

Ich laß das Gewimmel,

Mit dir will ich gehn!

 

Was will ich noch hoffen?

Hinauf, ach hinauf!

Der Himmel ist offen,

Nimm, Vater, mich auf!

 

 

2.

Von kühnen Wunderbildern

Ein großer Trümmerhauf,

In reizendem Verwildern

Ein blühnder Garten drauf;

 

Versunknes Reich zu Füßen,

Vom Himmel fern und nah,

Aus anderm Reich ein Grüßen –

Das ist Italia!

 

Wenn Frühlingslüfte wehen

Hold übern grünen Plan,

Ein leises Auferstehen

Hebt in den Tälern an.

 

Da will sich’s unten rühren

Im stillen Göttergrab,

Der Mensch kann’s schauernd spüren

Tief in die Brust hinab.

 

Verwirrend in den Bäumen

Gehn Stimmen hin und her,

Ein sehnsuchtsvolles Träumen

Weht übers blaue Meer.

 

Und unterm duft’gen Schleier

Sooft der Lenz erwacht,

Webt in geheimer Feier

Die alte Zaubermacht.

 

Frau Venus hört das Locken,

Der Vögel heitern Chor,

Und richtet froh erschrocken

Aus Blumen sich empor.

 

Sie sucht die alten Stellen,

Das luft’ge Säulenhaus,

Schaut lächelnd in die Wellen

Der Frühlingsluft hinaus.

 

Doch öd sind nun die Stellen,

Stumm liegt ihr Säulenhaus,

Gras wächst da auf den Schwellen,

Der Wind zieht ein und aus.

 

Wo sind nun die Gespielen?

Diana schläft im Wald,

Neptunus ruht im kühlen

Meerschloß, das einsam hallt.

 

Zuweilen nur Sirenen

Noch tauchen aus dem Grund,

Und tun in irren Tönen

Die tiefe Wehmut kund. –

 

Sie selbst muß sinnend stehen

So bleich im Frühlingsschein,

Die Augen untergehen,

Der schöne Leib wird Stein. –

 

Denn über Land und Wogen

Erscheint, so still und mild,

Hoch auf dem Regenbogen

Ein andres Frauenbild.

 

Ein Kindlein in den Armen

Die Wunderbare hält,

Und himmlisches Erbarmen

Durchdringt die ganze Welt.

 

Da in den lichten Räumen

Erwacht das Menschenkind,

Und schüttelt böses Träumen

Von seinem Haupt geschwind.

 

Und, wie die Lerche singend,

Aus schwülen Zaubers Kluft

Erhebt die Seele ringend

Sich in die Morgenluft.

 

 

Mariä Sehnsucht

Es ging Maria in den Morgen hinein,

Tat die Erd einen lichten Liebesschein,

Und über die fröhlichen, grünen Höhn,

Sah sie den bläulichen Himmel stehn.

»Ach, hätt ich ein Brautkleid von Himmelsschein,

Zwei goldene Flüglein – wie flög ich hinein!« –

 

Es ging Maria in stiller Nacht,

Die Erde schlief, der Himmel wacht’,

Und durchs Herze, wie sie ging und sann und dacht,

Zogen die Sterne mit goldener Pracht.

»Ach, hätt ich das Brautkleid von Himmelsschein,

Und goldene Sterne gewoben drein!«

 

Es ging Maria im Garten allein,

Da sangen so lockend bunt’ Vögelein,

Und Rosen sah sie im Grünen stehn,

Viel rote und weiße so wunderschön.

»Ach, hätt ich ein Knäblein, so weiß und rot,

Wie wollt ich’s liebhaben bis in den Tod!«

 

Nun ist wohl das Brautkleid gewoben gar,

Und goldene Sterne im dunkelen Haar,

Und im Arme die Jungfrau das Knäblein hält,

Hoch über der dunkelerbrausenden Welt,

Und vom Kindlein gehet ein Glänzen aus,

Das ruft uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!

 

 

Jugendandacht

1.

Daß des verlornen Himmels es gedächte,

Schlagen ans Herz des Frühlings linde Wellen,

Wie ew’ger Wonnen schüchternes Vermuten.

Geheimer Glanz der lauen Sommernächte,

Du grüner Wald, verführend Lied der Quellen,

Des Morgens Pracht, stillblühnde Abendgluten,

Ihr fragt: wo Schmerz und Lust so lange ruhten,

Die süß das Herz verdunkeln und es hellen?

Wie tut ihr zaubrisch auf die alten Wunden,

Daß losgebunden in das Licht sie bluten!

O sel’ge Zeit entfloßner Himmelbläue,

Der ersten Andacht solch inbrünst’ger Liebe,

Die ewig wollte knien vor der Einen!

Demütig in der Glorie des Maien

Hob sie den Schleier oft, laß offen bliebe

Der Augen Himmel, in das Land zu scheinen.

Und stand ich still, und mußt ich herzlich weinen;

In ihrem Blick gereinigt alle Triebe:

Da war nur Wonne, was ich mußte klagen,

Im Angesicht der Stillen, Ewigreinen

Kein Schmerz, als solcher Liebe Lieb ertragen!

 

2.

Wie in einer Blume himmelblauen

Grund, wo schlummernd träumen stille Regenbogen,

Ist mein Leben ein unendlich Schauen,

Klar durchs ganze Herz ein süßes Bild gezogen.

 

Stille saß ich, sah die Jahre fliegen,

Bin im Innersten dein treues Kind geblieben;

Aus dem duft’gen Kelche aufgestiegen,

Ach! wann lohnst du endlich auch mein treues Lieben!

 

 

3.

Was wollen mir vertraun die blauen Weiten,

Des Landes Glanz, die Wirrung süßer Lieder,

Mir ist so wohl, so bang! Seid ihr es wieder

Der frommen Kindheit stille Blumenzeiten?

 

Wohl weiß ich’s – dieser Farben heimlich Spreiten

Deckt einer Jungfrau strahlend reine Glieder;

Es wogt der große Schleier auf und nieder,

Sie schlummert drunten fort seit Ewigkeiten.

 

Mir ist in solchen linden, blauen Tagen,

Als müßten alle Farben auferstehen,

Aus blauer Fern sie endlich zu mir gehen.

 

So wart ich still, schau in den Frühling milde,

Das ganze Herz weint nach dem süßen Bilde,

Vor Freud, vor Schmerz? – ich weiß es nicht zu sagen.

 

 

4.

Viel Lenze waren lange schon vergangen,

Vorüber zogen wunderbare Lieder,

Die Sterne gingen ewig auf und nieder,

Die selbst vor großer Sehnsucht golden klangen.

 

Und wie so tausend Stimmen ferne sangen,

Als riefen mich von hinnen sel’ge Brüder,

Fühlt ich die alten Schmerzen immer wieder,

Seit deine Blicke, Jungfrau, mich bezwangen.

 

Da war’s, als ob sich still dein Auge hübe,

Langst sehnsuchtsvoll nach mir mit offnen Armen,

Fühlst selbst den Schmerz, den du mir süß gegeben. –

 

Umfangen fühl ich innigst mich erwarmen,

Berührt mit goldnen Strahlen mich das Leben,

Ach! daß ich ewig dir am Herzen bliebe!

 

 

5.

Wann Lenzesstrahlen golden niederrinnen,

Sieht man die Scharen losgebunden ziehen,

Im Waldrevier, dem neu der Schmuck geliehen,

Die lust’ge Jagd nach Lieb und Scherz beginnen.

 

Den Sänger will der Frühling gar umspinnen,

Er, der Geliebteste, darf nicht entfliehen,

Fühlt rings ein Lied durch alle Farben ziehen,

Das ihn so lockend nimmer läßt von hinnen.

 

Gefangen so, sitzt er viel sel’ge Jahre;

Des Einsamen spottet des Pöbels Scherzen,

Der aller Glorie möchte Lieb entkleiden.

 

Doch er grüßt fröhlich alle, wie sie fahren,

Und mutig sagt er zu den süßen Schmerzen:

»Gern sterb ich bald, wollt ihr von mir je scheiden!«

 

 

6.

Wann frisch die buntgewirkten Schleier wallen,

Weit in das Land die Lerchen mich verführen,

Da kann ich’s tief im Herzen wieder spüren,

Wie mich die Eine liebt und ruft vor allen.

 

Wenn Nachtigalln aus grünen Hallen schallen,

Wen möchten nicht die tiefen Töne rühren;

Wen nicht das süße Herzeleid verführen,

Im Liebesschlagen tot vom Baum zu fallen? –

 

So sag auch ich bei jedem Frühlingsglanze:

Du süße Laute! laß uns beide sterben,

Beklagt vom Widerhallen zarter Töne,

 

Kann unser Lied auch nie den Lohn erwerben,

Daß hier mit eignem, frischem Blumenkranze

Uns endlich kröne nun die Wunderschöne! –

 

 

7.

Der Schäfer spricht, wenn er frühmorgens weidet:

»Dort drüben wohnt sie hinter Berg’ und Flüssen!«

Doch seine Wunden deckt sie gern mit Küssen,

Wann lauschend Licht am stillen Abend scheidet.

 

Ob neu der Morgenschmuck die Erde kleidet,

Ob Nachtigallen Nacht und Stern’ begrüßen,

Stets fern und nah bleibt meine Lieb der Süßen,

Die in dem Lenz mich ewig sucht und meidet. –

 

Doch hör ich wunderbare Stimmen sprechen:

»Die Perlen, die du treu geweint im Schmerze,

Sie wird sie sorglich all zusammenbinden,

 

Mit eigner Kette so dich süß umwinden,

Hinaufziehn dich an Mund und blühend Herze –

Was Himmel schloß, mag nicht der Himmel brechen.«

 

 

8.

Wenn du am Felsenhange standst alleine,

Unten im Walde Vögel seltsam sangen

Und Hörner aus der Ferne irrend klangen,

Als ob die Heimat drüben nach dir weine,

 

War’s niemals da, als rief die Eine, Deine?

Lockt dich kein Weh, kein brünstiges Verlangen

Nach andrer Zeit, die lange schon vergangen,

Auf ewig einzugehn in grüne Scheine?

 

Gebirge dunkelblau steigt aus der Ferne,

Und von den Gipfeln führt des Bundes Bogen

Als Brücke weit in unbekannte Lande.

 

Geheimnisvoll gehn oben goldne Sterne,

Unten erbraust viel Land in dunklen Wogen –

Was zögerst du am unbekannten Rande?

 

 

9.

Es wendet zürnend sich von mir die Eine,

Versenkt die Ferne mit den Wunderlichtern.

Es stockt der Tanz – ich stehe plötzlich nüchtern,

Musik läßt treulos mich so ganz alleine.

 

Da spricht der Abgrund dunkel: Bist nun meine;

Zieht mich hinab an bleiernen Gewichtern,

Sieht stumm mich an aus steinernen Gesichtern,

Das Herz wird selber zum kristallnen Steine.

 

Dann ist’s, als ob es dürstend Schmerzen sauge

Aus lang vergeßner Zeit Erinnerungen,

Und kann sich rühren nicht, von Frost bezwungen.

 

Versteinert schweigen muß der Wehmut Welle,

Wie willig auch, schmölz ihn ein wärmend Auge,

Kristall zerfließen wollt als Tränenquelle.

 

 

10.

Durchs Leben schleichen feindlich fremde Stunden,

Wo Ängsten aus der Brust hinunterlauschen,

Verworrne Worte mit dem Abgrund tauschen,

Drin bodenlose Nacht nur ward erfunden.

 

Wohl ist des Dichters Seele stumm verbunden

Mit Mächten, die am Volk vorüberrauschen;

Sehnsucht muß wachsen an der Tiefe Rauschen

Nach hellerm Licht und nach des Himmels Kunden.

 

O Herr! du kennst allein den treuen Willen,

Befrei ihn von der Kerkerluft des Bösen,

Laß nicht die eigne Brust mich feig zerschlagen!

 

Und wie ich schreibe hier, den Schmerz zu stillen,

Fühl ich den Engel schon die Riegel lösen,

Und kann vor Glanze nicht mehr weiterklagen.

 

 

Der Fromme

Es saß ein Kind gebunden und gefangen,

Wo vor der Menschen eitlem Tun und Schallen

Der Vorzeit Wunderlaute trüb verhallen;

Der alten Heimat dacht es voll Verlangen.

 

Da sieht es draußen Ströme, hell ergangen,

Durch zaubrisch Land viel Pilger, Sänger wallen,

Kühl rauscht der Wald, die lust’gen Hörner schallen,

Aurora scheint, so weit die Blicke langen. –

 

O laß die Sehnsucht ganz dein Herz durchdringen!

So legt sich blühend um die Welt dein Trauern

Und himmlisch wird dein Schmerz und deine Sorgen.

 

Ein frisch Gemüt mag wohl die Welt bezwingen,

Ein recht Gebet bricht Banden bald und Mauern:

Und frei springst du hinunter in den Morgen.

 

Willkommen, Liebchen, denn am Meeresstrande!

Wie rauschen lockend da ans Herz die Wellen

Und tiefe Sehnsucht will die Seele schwellen,

Wenn andre träge schlafen auf dem Lande.

 

So walte Gott! – ich lös des Schiffleins Bande,

Wegweiser sind die Stern, die ewig hellen,

Viel Segel fahren da und frisch’ Gesellen

Begrüßen uns von ihrer Schiffe Rande.

 

Wir sitzen still, gleich Schwänen zieht das Segel,

Ich schau in deiner Augen lichte Sterne,

Du schweigst und schauerst heimlich oft zusammen.

 

Blick auf! Schon schweifen Paradiesesvögel,

Schon wehen Wunderklänge aus der Ferne,

Der Garten Gottes steigt aus Morgenflammen.

 

 

Lieder

1.

Frisch eilt der helle Strom hinunter.

Drauf ziehn viel bunte Schifflein munter,

Und Strom und Schiff und bunte Scheine,

Sie fragen alle: was ich weine?

Mir ist so wohl, mir ist so weh,

Wie ich den Frühling fahren seh.

 

Viel Lenze sitz ich schon da oben,

Ein Regenbogen steht im Land erhoben

Und durch die Täler, Wiesen, Wogen

Still, wie ein fernes Lied, gezogen,

Schifft immerfort dein himmlisch Bild –

Doch Strom und Schiff nie stille hielt.

 

 

2.

Denk ich dein, muß bald verwehen

Alle Trübnis weit und breit,

Und die frischen Blicke gehen

Wie in einen Garten weit.

 

Wunderbare Vögel wieder

Weiden dort auf grüner Au,

Einsam Engel, alte Lieder

Ziehen durch den Himmel blau.

 

Wolken, Ströme, Schiffe, alle

Segeln in die Pracht hinein –

Keines kehrt zurück von allen,

Und ich stehe so allein.

 

 

An den heiligen Joseph

Wenn trübe Schleier alles grau umweben,

Zur bleichen Ferne wird das ganze Leben,

Will Heimat oft sich tröstend zeigen;

Aus Morgenrot die goldnen Höhen steigen,

Und aus dem stillen, wundervollen Duft

Eine wohlbekannte Stimm hinüberruft.

 

Du warst ja auch einmal hier unten,

Hast ew’ger Treue Schmerz empfunden;

Längst war Maria fortgezogen,

Wie einsam rauschten rings die dunklen Wogen!

Da breitet oben sie die Arme aus:

Komm, treuer Pilger, endlich auch nach Haus!

 

Seitdem ist wohl viel anders worden,

Treulieb auf Erden ist ausgestorben.

Wem könnt ich’s, außer dir, wohl klagen,

Wie oft in kummervollen Tagen

Mein ganzes Herz hier hofft und bangt,

Und nach der Heimat immer fort verlangt!

 

 

Kirchenlied

O Maria, meine Liebe!

Denk ich recht im Herzen dein:

Schwindet alles Schwer’ und Trübe,

Und, wie heller Morgenschein,

Dringt’s durch Lust und ird’schen Schmerz

Leuchtend mir durchs ganze Herz.

 

Auf des ew’gen Bundes Bogen,

Ernst von Glorien umblüht,

Stehst du über Land und Wogen;

Und ein himmlisch Sehnen zieht

Alles Leben himmelwärts

An das große Mutterherz.

 

Wo Verlaßne einsam weinen,

Sorgenvoll in stiller Nacht,

Den’ vor allen läßt du scheinen

Deiner Liebe milde Pracht,

Daß ein tröstend Himmelslicht

In die dunklen Herzen bricht.

 

Aber wütet wildverkehrter

Sünder frevelhafte Lust:

Da durchschneiden neue Schwerter

Dir die treue Mutterbrust;

Und voll Schmerzen flehst du doch:

Herr! Vergib, o schone noch!

 

Deinen Jesus in den Armen,

Übern Strom der Zeit gestellt,

Als das himmlische Erbarmen

Hütest du getreu die Welt,

Daß im Sturm, der trübe weht,

Dir kein Kind verlorengeht.

 

Wenn die Menschen mich verlassen

In der letzten stillen Stund,

Laß mich fest das Kreuz umfassen.

Aus dem dunklen Erdengrund

Leite liebreich mich hinaus,

Mutter, in des Vaters Haus!

 

 

Morgengebet

O wunderbares, tiefes Schweigen,

Wie einsam ist’s noch auf der Welt!

Die Wälder nur sich leise neigen,

Als ging’ der Herr durchs stille Feld.

 

Ich fühl mich recht wie neu geschaffen,

Wo ist die Sorge nun und Not?

Was mich noch gestern wollt erschlaffen,

Ich schäm mich des im Morgenrot.

 

Die Welt mit ihrem Gram und Glücke

Will ich, ein Pilger, frohbereit

Betreten nur wie eine Brücke

Zu dir, Herr, übern Strom der Zeit.

 

Und buhlt mein Lied, auf Weltgunst lauernd,

Um schnöden Sold der Eitelkeit:

Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd

Schweig ich vor dir in Ewigkeit.

 

 

Mittag

Vergeht mir der Himmel

Vor Staube schier,

Herr, im Getümmel

Zeig dein Panier!

 

Wie schwank ich sündlich,

Läßt du von mir;

Unüberwindlich

Bin ich mit dir!

 

 

Abend

Gestürzt sind die goldnen Brücken

Und unten und oben so still!

Es will mir nichts mehr glücken,

Ich weiß nicht mehr, was ich will.

 

Von üppig blühenden Schmerzen

Rauscht eine Wildnis im Grund,

Da spielt wie in wahnsinnigen Scherzen

Das Herz an dem schwindligen Schlund. –

 

Die Felsen möchte ich packen

Vor Zorn und Wehe und Lust,

Und unter den brechenden Zacken

Begraben die wilde Brust.

 

Da kommt der Frühling gegangen,

Wie ein Spielmann aus alter Zeit,

Und singt von uraltem Verlangen

So treu durch die Einsamkeit.

 

Und über mir Lerchenlieder

Und unter mir Blumen bunt,

So werf ich im Grase mich nieder

Und weine aus Herzensgrund.

 

Da fühl ich ein tiefes Entzücken,

Nun weiß ich wohl, was ich will,

Es bauen sich andere Brücken,

Das Herz wird auf einmal still.

 

Der Abend streut rosige Flocken,

Verhüllet die Erde nun ganz,

Und durch des Schlummernden Locken

Ziehn Sterne den heiligen Kranz.

 

 

Nachtgruß

Weil jetzo alles stille ist

Und alle Menschen schlafen,

Mein Seel das ew’ge Licht begrüßt,

Ruht wie ein Schiff im Hafen.

 

Der falsche Fleiß, die Eitelkeit,

Was keinen mag erlaben,

Darin der Tag das Herz zerstreut,

Liegt alles tief begraben.

 

Ein andrer König wunderreich

Mit königlichen Sinnen,

Zieht herrlich ein im stillen Reich,

Besteigt die ew’gen Zinnen.

 

 

Morgenlied

Kein Stimmlein noch schallt von allen

In frühester Morgenstund,

Wie still ist’s noch in den Hallen

Durch den weiten Waldesgrund.

 

Ich stehe hoch überm Tale

Stille vor großer Lust,

Und schau nach dem ersten Strahle,

Kühl schauernd in tiefster Brust.

 

Wie sieht da zu dieser Stunde

So anders das Land herauf,

Nichts hör ich da in der Runde

Als von fern der Ströme Lauf.

 

Und ehe sich alle erhoben

Des Tages Freuden und Weh,

Will ich, Herr Gott, dich loben

Hier einsam in stiller Höh. –

 

Nun rauschen schon stärker die Wälder,

Morgenlicht funkelt herauf,

Die Lerche singt über den Feldern,

Schöne Erde, nun wache auf!

 

In der Nacht

Das Leben draußen ist verrauschet,

Die Lichter löschen aus,

Schauernd mein Herz am Fenster lauschet

Still in die Nacht hinaus.

 

Da nun der laute Tag zerronnen

Mit seiner Not und bunten Lust,

Was hast du in dem Spiel gewonnen,

Was blieb der müden Brust? –

 

Der Mond ist trostreich aufgegangen,

Da unterging die Welt,

Der Sterne heil’ge Bilder prangen

So einsam hoch gestellt!

 

O Herr! auf dunkelschwankem Meere

Fahr ich im schwachen Boot,

Treu folgend deinem goldnen Heere

Zum ew’gen Morgenrot.

 

 

Werktag

Wir wandern nun schon viel hundert Jahr,

Und kommen doch nicht zur Stelle –

Der Strom wohl rauscht an die tausend gar,

Und kommt doch nicht zur Quelle.

 

 

Sonntag

Weit in das Land die Ström ihr Silber führen,

Fern blau Gebirge duftig hingezogen,

Die Sonne scheint, die Bäume sanft sich rühren,

Und Glockenklang kommt auf den linden Wogen;

Hoch in den Lüften Lerchen jubilieren,

Und, so weit klar sich wölbt des Himmels Bogen,

Von Arbeit ruht der Mensch rings in die Runde,

Atmet zum Herren auf aus Herzensgrunde.

 

 

Frühling

Und wenn die Lerche hell anstimmt

Und Frühling rings bricht an:

Da schauert tief und Flügel nimmt,

Wer irgend fliegen kann.

 

Die Erde grüßt er hochbeglückt,

Die, eine junge Braut,

Mit Blumen wild und bunt geschmückt,

Tief in das Herz ihm schaut.

 

Den Himmel dann, das blaue Meer

Der Sehnsucht, grüßt er treu,

Da stammen Lied und Sänger her

Und spüren’s immer neu.

 

Die dunkeln Gründe säuseln kaum,

Sie schaun so fremd herauf.

Tiefschauernd fühlt er, ‘s war ein Traum –

Und wacht im Himmel auf.

 

 

Herbst

Es ist nun der Herbst gekommen,

Hat das schöne Sommerkleid

Von den Feldern weggenommen

Und die Blätter ausgestreut,

Vor dem bösen Winterwinde

Deckt er warm und sachte zu

Mit dem bunten Laub die Gründe,

Die schon müde gehn zur Ruh.

 

Durch die Felder sieht man fahren

Eine wunderschöne Frau,

Und von ihren langen Haaren

Goldne Fäden auf der Au

Spinnet sie und singt im Gehen:

Eia, meine Blümelein,

Nicht nach andern immer sehen,

Eia, schlafet, schlafet ein.

 

Und die Vöglein hoch in Lüften

Über blaue Berg und Seen

Ziehn zur Ferne nach den Klüften,

Wo die hohen Zedern stehn,

Wo mit ihren goldnen Schwingen

Auf des Benedeiten Gruft

Engel Hosianna singen

Nächtens durch die stille Luft.

 

 

Winter

Wie von Nacht verhangen,

Wußt nicht, was ich will,

Schon so lange, lange

War ich totenstill.

 

Liegt die Welt voll Schmerzen,

Will’s auch draußen schnein:

Wache auf, mein Herze,

Frühling muß es sein!

 

Was mich frech wollt fassen,

‘s ist nur Wogenschaum,

Falsche Ehr, Not, Hassen,

Welt, ich spür dich kaum.

 

Breite nur die Flügel

Wieder, schönes Roß,

Frei laß ich die Zügel,

So brich durch, Genoß!

 

Und hat ausgeklungen

Liebeslust und Leid,

Um die wir gerungen

In der schönsten Zeit;

 

Nun so trag mich weiter,

Wo das Wünschen aus –

Wie wird mir so heiter,

Roß, bring mich nach Haus!

 

 

Der Schiffer

Die Lüfte linde fächeln,

Aus stillen Meeres Schaum

Sirenen tauchend lächeln,

Der Schiffer liegt im Traum.

 

Da faßt der Sturm die Wellen,

Durchwühlt die Einsamkeit:

Wacht auf, ihr Traumgesellen,

Nun ist’s nicht Schlafenszeit! –

 

In jenen stillen Tagen

Wie war ich stolz und klug,

In sichern Glücks Behagen

Mir selber gut genug.

 

Du hast das Glück zerschlagen;

Nimm wieder, was du gabst,

Ich schweig und will nicht klagen,

Jetzt weiß ich, wie du labst.

 

Das sind die mächt’gen Stürme,

Die wecken, was da ruht,

Es sinken Land und Türme

Allmählich in die Flut.

 

Kein Meerweib will sich zeigen,

Kein Laut mehr langt zu mir,

Und in dem weiten Schweigen

Steh ich allein mit dir.

 

O führe an den Riffen

Allmächtig deine Hand,

Wohin wir alle schiffen,

Uns zu dem Heimatstrand!

 

 

Der Soldat

Und wenn es einst dunkelt,

Der Erd bin ich satt,

Durchs Abendrot funkelt

Eine prächt’ge Stadt:

Von den goldenen Türmen

Singet der Chor,

Wir aber stürmen

Das himmlische Tor.

 

 

Der Wächter

Nächtlich macht der Herr die Rund,

Sucht die Seinen unverdrossen,

Aber überall verschlossen

Trifft er Tür und Herzensgrund,

Und er wendet sich voll Trauer:

Niemand ist, der mit mir wacht. –

Nur der Wald vernimmt’s mit Schauer,

Rauschet fromm die ganze Nacht.

 

Waldwärts durch die Einsamkeit

Hört ich über Tal und Klüften

Glocken in den stillen Lüften,

Wie aus fernem Morgen weit –

An die Tore will ich schlagen,

An Palast und Hütten: Auf!

Flammend schon die Gipfel ragen,

Wachet auf, wacht auf, wacht auf!

 

 

Gottes Segen

Das Kind ruht aus vom Spielen,

Am Fenster rauscht die Nacht,

Die Engel Gotts im Kühlen

Getreulich halten Wacht.

 

Am Bettlein still sie stehen,

Der Morgen graut noch kaum.

Sie küssen’s, eh sie gehen,

Das Kindlein lacht im Traum.

 

 

Der Umkehrende

1.

Du sollst mich doch nicht fangen,

Duftschwüle Zaubernacht!

Es stehn mit goldnem Prangen

Die Stern auf stiller Wacht,

Und machen überm Grunde,

Wo du verirret bist,

Getreu die alte Runde –

Gelobt sei Jesus Christ!

 

Wie bald in allen Bäumen

Geht nun die Morgenluft,

Sie schütteln sich in Träumen,

Und durch den roten Duft

Eine fromme Lerche steiget,

Wenn alles still noch ist,

Den rechten Weg dir zeiget –

Gelobt sei Jesus Christ!

 

 

2.

Hier bin ich, Herr! Gegrüßt das Licht,

Das durch die stille Schwüle

Der müden Brust gewaltig bricht

Mit seiner strengen Kühle.

Nun bin ich frei! Ich taumle noch

Und kann mich noch nicht fassen –

O Vater, du erkennst mich doch,

Und wirst nicht von mir lassen!

 

 

3.

Was ich wollte, liegt zerschlagen,

Herr, ich lasse ja das Klagen,

Und das Herz ist still.

Nun aber gib auch Kraft, zu tragen,

Was ich nicht will!

 

 

4.

Es wandelt, was wir schauen,

Tag sinkt ins Abendrot,

Die Lust hat eignes Grauen,

Und alles hat den Tod.

 

Ins Leben schleicht das Leiden

Sich heimlich wie ein Dieb,

Wir alle müssen scheiden

Von allem, was uns lieb.

 

Was gäb es doch auf Erden,

Wer hielt’ den Jammer aus,

Wer möcht geboren werden,

Hieltst du nicht droben Haus!

 

Du bist’s, der, was wir bauen,

Mild über uns zerbricht,

Daß wir den Himmel schauen –

Darum so klag ich nicht.

 

 

5.

Waldeinsamkeit!

Du grünes Revier,

Wie liegt so weit

Die Welt von hier!

Schlaf nur, wie bald

Kommt der Abend schön,

Durch den stillen Wald

Die Quellen gehn,

Die Mutter Gottes wacht,

Mit ihrem Sternenkleid

Bedeckt sie dich sacht

In der Waldeinsamkeit,

Gute Nacht, gute Nacht! –

 

 

Der Kranke

Soll ich dich denn nun verlassen,

Erde, heitres Vaterhaus?

Herzlich Lieben, mutig Hassen,

Ist denn alles, alles aus?

 

Vor dem Fenster durch die Linden

Spielt es wie ein linder Gruß,

Lüfte, wollt ihr mir verkünden,

Daß ich bald hinunter muß? –

 

Liebe, ferne, blaue Hügel,

Stiller Fluß im Talesgrün,

Ach, wie oft wünscht ich mir Flügel,

Über euch hinwegzuziehn!

 

Da sich jetzt die Flügel dehnen

Schaur ich in mich selbst zurück,

Und ein unbeschreiblich Sehnen

Zieht mich zu der Welt zurück.

 

 

Sterbeglocken

Nun legen sich die Wogen,

Und die Gewitter schwül

Sind all hinabgezogen,

Mir wird das Herz so kühl.

 

Die Täler alle dunkeln,

Ist denn das Morgenzeit?

Wie schön die Gipfel funkeln,

Und Glocken hör ich weit.

 

So hell noch niemals klangen

Sie übern Waldessaum –

Wo war ich denn so lange?

Das war ein schwerer Traum.

 

 

Der Pilger

1.

Man setzt uns auf die Schwelle,

Wir wissen nicht, woher?

Da glüht der Morgen helle,

Hinaus verlangt uns sehr.

Der Erde Klang und Bilder,

Tiefblaue Frühlingslust,

Verlockend wild und wilder,

Bewegen da die Brust.

Bald wird es rings so schwüle,

Die Welt eratmet kaum,

Berg’, Schloß und Wälder kühle

Stehn lautlos wie im Traum,

Und ein geheimes Grausen

Beschleichet unsern Sinn:

Wir sehnen uns nach Hause

Und wissen nicht, wohin?

 

 

2.

Dein Wille, Herr, geschehe!

Verdunkelt schweigt das Land,

Im Zug der Wetter sehe

Ich schauernd deine Hand.

O mit uns Sündern gehe

Erbarmend ins Gericht!

Ich beug im tiefsten Wehe

Zum Staub mein Angesicht,

Dein Wille, Herr, geschehe!

3.

 

Schlag mit den flamm’gen Flügeln!

Wenn Blitz aus Blitz sich reißt:

Steht wie in Rossesbügeln

So ritterlich mein Geist.

 

Waldesrauschen, Wetterblicken

Macht recht die Seele los,

Da grüßt sie mit Entzücken,

Was wahrhaft, ernst und groß.

 

Es schiffen die Gedanken

Fern wie auf weitem Meer,

Wie auch die Wogen schwanken:

Die Segel schwellen mehr.

 

Herr Gott, es wacht dein Wille,

Ob Tag und Lust verwehn,

Mein Herz wird mir so stille

Und wird nicht untergehn.

4.

 

So laß herein nun brechen

 

Die Brandung, wie sie will,

Du darfst ein Wort nur sprechen,

So wird der Abgrund still;

Und bricht die letzte Brücke,

Zu dir, der treulich steht,

Hebt über Not und Glücke

Mich einsam das Gebet.

5.

 

Wie ein todeswunder Streiter,

Der den Weg verloren hat,

Schwank ich nun und kann nicht weiter,

Von dem Leben sterbensmatt.

Nacht schon decket alle Müden

Und so still ist’s um mich her,

Herr, auch mir gib endlich Frieden,

Denn ich wünsch und hoff nichts mehr.

6.

 

Wie oft wollt mich die Welt ermüden,

Ich beugt aufs Schwert mein Angesicht

Und bat dich frevelhaft um Frieden –

Du wußtest’s besser, gabst ihn nicht.

 

Ich sah in Nacht das Land vergehen,

In Blitzen du die Wetter brachst,

Da konnt ich schauernd erst verstehen,

Was du zu mir Erschrocknem sprachst:

 

»Meine Lieder sind nicht deine Lieder

Leg ab den falschen Schmuck der Zeit

Und nimm das Kreuz, dann komme wieder

In deines Herzens Einsamkeit.«

 

Und alle Bilder ferne treten,

Und tief noch rauschet kaum die Rund –

Wie geht ein wunderbares Beten

Mir leuchtend durch der Seele Grund!

 

Der Pilot

Glaube stehet still erhoben

Überm nächt’gen Wellenklang,

Lieset in den Sternen droben

Fromm des Schiffleins sichern Gang.

 

Liebe schwellet sanft die Segel,

Dämmernd zwischen Tag und Nacht

Schweifen Paradiesesvögel,

Ob der Morgen bald erwacht?

 

Morgen will sich kühn entzünden,

Nun wird’s mir auf einmal kund:

Hoffnung wird die Heimat finden

Und den stillen Ankergrund.

 

 

Der Einsiedler

Komm, Trost der Welt, du stille Nacht

Wie steigst du von den Bergen sacht,

Die Lüfte alle schlafen,

Ein Schiffer nur noch, wandermüd,

Singt übers Meer sein Abendlied

Zu Gottes Lob im Hafen.

 

Die Jahre wie die Wolken gehn

Und lassen mich hier einsam stehn,

Die Welt hat mich vergessen,

Da tratst du wunderbar zu mir,

Wenn ich beim Waldesrauschen hier

Gedankenvoll gesessen.

 

O Trost der Welt, du stille Nacht!

Der Tag hat mich so müd gemacht,

Das weite Meer schon dunkelt,

Laß ausruhn mich von Lust und Not,

Bis daß das ew’ge Morgenrot

Den stillen Wald durchfunkelt.

 

 

Der Sänger

1.

Siehst du die Wälder glühen,

Die Ströme flammend sprühen,

Die Welt in Abendgluten

Wie träumerische Fluten,

Wo blühnde Inseln trunken

Sich spiegeln in dem Duft? –

Es weht und rauscht und ruft:

O komm, eh wir versunken!

 

Eh noch die Sonn versunken:

Gehn durch die goldnen Funken

Still Engel in den Talen,

Das gibt so leuchtend Strahlen

In Blumen rings und Zweigen. –

Wie frommer Widerhall

Weht noch der Glocken Schall,

Wenn längst die Täler schweigen.

 

Leis wächst durchs dunkle Schweigen

Ein Flüstern rings und Neigen

Wie ein geheimes Singen,

In immer weitern Ringen

Zieht’s alle, die da lauschen,

In seine duft’ge Rund,

Wo kühl im stillen Grund

Die Wasserkünste rauschen.

 

Wie Wald und Strom im Rauschen

Verlockend Worte tauschen!

Was ist’s, daß ich ergrause? –

Führt doch aus stillem Hause

Der Hirt die goldne Herde,

Und hütet treu und wacht,

So lieblich weht die Nacht,

Lind säuselt kaum die Erde.

2.

 

Und zu den Felsengängen

Der nächt’ge Sänger flieht,

Denn wie mit Wahnsinus Klängen

Treibt ihn sein eignes Lied.

 

Bei leuchtenden Gewittern

Schreckt ihn das stille Land,

Ein wunderbar Erschüttern

Hat ihm das Herz gewandt.

 

Bereuend sinkt sein Auge –

Da blickt durch Nacht und Schmerz

Ein unsichtbares Auge

Ihm klar ins tiefste Herz.

 

Sein Saitenspiel zur Stunde

Wirft er in tiefsten Schlund,

Und weint aus Herzensgrunde,

Und ewig schweigt sein Mund.

 

Morgendämmerung

Es ist ein still Erwarten in den Bäumen,

Die Nachtigallen in den Büschen schlagen

In irren Klagen, können’s doch nicht sagen,

Die Schmerzen all und Wonne, halb in Träumen.

 

Die Lerche auch will nicht die Zeit versäumen,

Da solches Schallen bringt die Luft getragen,

Schwingt sich vom Tal, eh’s noch beginnt zu tagen,

Im ersten Strahl die Flügel sich zu säumen.

 

Ich aber stand schon lange in dem Garten

Und bin ins stille Feld hinausgegangen,

Wo leis die Ähren an zu wogen fingen.

 

O fromme Vöglein, ihr und ich, wir warten

Aufs frohe Licht, da ist uns vor Verlangen

Bei stiller Nacht erwacht so sehnend Singen.

 

 

Das Gebet

Wen hat nicht einmal Angst befallen,

Wenn Trübnis ihn gefangenhält,

Als müßt er ewig rastlos wallen

Nach einer wunderbaren Welt?

All’ Freunde sind lang fortgezogen,

Der Frühling weint in einem fort,

Eine Brücke ist der Regenbogen

Zum friedlich sichern Heimatsport.

 

Hinauszuschlagen in die Töne,

Lockt dich Natur mit wilder Lust,

Zieht Minne, holde Frauenschöne

Zum Abgrund süß die sel’ge Brust;

Den Tod siehst du verhüllet gehen

Durch Lieb’ und Leben himmelwärts,

Ein einzig Wunder nur bleibt stehen

Einsam über dem öden Schmerz. –

 

Du seltner Pilger, laß dich warnen!

Aus ird’scher Lust und Zauberei,

Die freud- und leidvoll dich umgarnen,

Strecke zu Gott die Arme frei!

Nichts mehr mußt du hienieden haben,

Himmlisch betrübt, verlassen, arm,

Ein treues Kind, dem Vater klagen

Die ird’sche Lust, den ird’schen Harm.

 

Es breitet diese einz’ge Stunde

Sich übers ganze Leben still,

Legt blühend sich um deine Wunde,

Die niemals wieder heilen will.

Treu bleibt der Himmel stets dem Treuen,

Zur Erd das Ird’sche niedergeht,

Zum Himmel über Zaubereien

Geht ewig siegreich das Gebet.

 

 

Sonntag

Die Nacht war kaum verblühet,

Nur eine Lerche sang

Die stille Luft entlang.

Wen grüßt sie schon so frühe?

 

Und draußen in dem Garten

Die Bäume übers Haus

Sahn weit ins Land hinaus,

Als ob sie wen erwarten.

 

In festlichen Gewanden

Wie eine Kinderschar,

Tauperlen in dem Haar,

Die Blumen alle standen.

 

Ich dacht: ihr kleinen Bräute,

Was schmückt ihr euch so sehr? –

Da blickt’ die eine her:

»Still, still, ‘s ist Sonntag heute.

 

Schon klingen Morgenglocken,

Der liebe Gott nun bald

Geht durch den stillen Wald.«

Da kniet ich froherschrocken.

 

Nachtgebet

Es rauschte leise in den Bäumen,

Ich hörte nur der Ströme Lauf,

Und Berg und Gründe, wie aus Träumen,

Sie sahn so fremd zu mir herauf.

 

Drin aber in der stillen Halle

Ruht’ Sang und Plaudern müde aus,

Es schliefen meine Lieben alle,

Kaum wieder kannt ich nun mein Haus.

 

Mir war’s, als lägen sie zur Stunde

Gestorben, bleich im Mondenschein,

Und schauernd in der weiten Runde

Fühlt ich auf einmal mich allein.

 

So blickt in Meeres öden Reichen

Ein Schiffer einsam himmelan –

O Herr, wenn einst die Ufer weichen,

Sei gnädig du dem Steuermann!

 

 

Ostern

Vom Münster Trauerglocken klingen,

Vom Tal ein Jauchzen schallt herauf.

Zur Ruh sie dort dem Toten singen,

Die Lerchen jubeln: wache auf!

Mit Erde sie ihn still bedecken,

Das Grün aus allen Gräbern bricht,

Die Ströme hell durchs Land sich strecken,

Der Wald ernst wie in Träumen spricht,

Und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern,

So weit ins Land man schauen mag,

Es ist ein tiefes Frühlingsschauern

Als wie ein Auferstehungstag.

 

 

Weihnachten

Markt und Straßen stehn verlassen,

Still erleuchtet jedes Haus,

Sinnend geh ich durch die Gassen,

Alles sieht so festlich aus.

 

An den Fenstern haben Frauen

Buntes Spielzeug fromm geschmückt,

Tausend Kindlein stehn und schauen,

Sind so wunderstill beglückt.

 

Und ich wandre aus den Mauern

Bis hinaus ins freie Feld,

Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!

Wie so weit und still die Welt!

 

Sterne hoch die Kreise schlingen,

Aus des Schnees Einsamkeit

Steigt’s wie wunderbares Singen –

O du gnadenreiche Zeit!

 

 

Abschied

Abendlich schon rauscht der Wald

Aus den tiefen Gründen,

Droben wird der Herr nun bald

An die Sterne zünden,

Wie so stille in den Schlünden,

Abendlich nur rauscht der Wald.

 

Alles geht zu seiner Ruh,

Wald und Welt versausen,

Schauernd hört der Wandrer zu,

Sehnt sich recht nach Hause,

Hier in Waldes grüner Klause

Herz, geh endlich auch zur Ruh!

 

 

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküßt,

Daß sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müßt.

 

Die Luft ging durch die Felder,

Die Ähren wogten sacht,

Es rauschten leis die Wälder,

So sternklar war die Nacht.

 

Und meine Seele spannte

Weit ihre Flügel aus,

Flog durch die stillen Lande,

Als flöge sie nach Haus.

 

 

Glück auf

Gar viel hab ich versucht, gekämpft, ertragen;

Das ist der tiefen Sehnsucht Lebenslauf,

Daß brünstig sie an jeden Fels muß schlagen,

Ob sich des Lichtes Gnadentür tät auf,

Wie ein verschütt’ter Bergmann in den Klüften

Heraus sich hauet zu den heitern Lüften.

 

Auch ich gelang einst zu dem stillen Gipfel,

Vor dem mich schaudert in geheimer Lust.

Tief unten rauschen da des Lebens Wipfel

Noch einmal dunkelrührend an die Brust,

Dann wird es unten still im weiten Grunde

Und oben leuchtet streng des Himmels Runde.

 

Wie klein wird sein da, was mich hat gehalten,

Wie wenig, was ich Irrender vollbracht,

Doch was den Felsen gläubig hat gespalten:

Die Sehnsucht treu steigt mit mir aus der Nacht

Und legt mir an die wunderbaren Schwingen,

Die durch die Stille mich nach Hause bringen.

 

 

Nachtlied

Vergangen ist der lichte Tag,

Von ferne kommt der Glocken Schlag;

So reist die Zeit die ganze Nacht,

Nimmt manchen mit, der’s nicht gedacht.

 

Wo ist nun hin die bunte Lust,

Des Freundes Trost und treue Brust,

Des Weibes süßer Augenschein?

Will keiner mit mir munter sein?

 

Da’s nun so stille auf der Welt,

Ziehn Wolken einsam übers Feld,

Und Feld und Baum besprechen sich –

O Menschenkind! was schauert dich?

 

Wie weit die falsche Welt auch sei,

Bleibt mir doch Einer nur getreu,

Der mit mir weint, der mit mir wacht,

Wenn ich nur recht an ihn gedacht.

 

Frisch auf denn, liebe Nachtigall,

Du Wasserfall mit hellem Schall!

Gott loben wollen wir vereint,

Bis daß der lichte Morgen scheint!

Stimmen der Nacht

 

1.

Weit tiefe, bleiche, stille Felder –

O wie mich das freut,

Über alle, alle Täler, Wälder

Die prächtige Einsamkeit!

 

Aus der Stadt nur schlagen die Glocken

Über die Wipfel herein,

Ein Reh hebt den Kopf erschrocken

Und schlummert gleich wieder ein.

 

Der Wald aber rühret die Wipfel

Im Schlaf von der Felsenwand,

Denn der Herr geht über die Gipfel

Und segnet das stille Land.

2.

 

Nächtlich wandern alle Flüsse

Und der Himmel, Stern auf Stern,

Sendet so viel tausend Grüße,

Daß die Wälder nah und fern

Schauernd rauschen in den Gründen;

Nur der Mensch, dem Tod geweiht,

Träumet fort von seinen Sünden

In der stillen Gnadenzeit.

 

Herbstweh

1.

 

So still in den Feldern allen,

Der Garten ist lange verblüht,

Man hört nur flüsternd die Blätter fallen,

Die Erde schläfert – ich bin so müd.

 

2.

 

Es schüttelt die welken Blätter der Wald,

Mich friert, ich bin schon alt,

Bald kommt der Winter und fällt der Schnee,

Bedeckt den Garten und mich und alles, alles Weh.

 

 

Winternacht

Verschneit liegt rings die ganze Welt,

Ich hab nichts, was mich freuet,

Verlassen steht der Baum im Feld,

Hat längst sein Laub verstreuet.

 

Der Wind nur geht bei stiller Nacht

Und rüttelt an dem Baume,

Da rührt er seinen Wipfel sacht

Und redet wie im Traume.

 

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,

Von Grün und Quellenrauschen,

Wo er im neuen Blütenkleid

Zu Gottes Lob wird rauschen.

 

 

Trost

Der jagt dahin, daß die Rosse schnaufen,

Der muß im Staub daneben laufen;

Aber die Nacht holt beide ein,

Setzt jenen im Traume neben die Rosse

Und den andern in seine Karosse –

Wer fährt nun fröhlicher? der da wacht,

Oder der blinde Passagier bei Nacht?

 

 

Dank

Mein Gott, dir sag ich Dank,

Daß du die Jugend mir bis über alle Wipfel

In Morgenrot getaucht und Klang,

Und auf des Lebens Gipfel,

Bevor der Tag geendet,

Vom Herzen unbewacht

Den falschen Glanz gewendet,

Daß ich nicht taumle ruhmgeblendet,

Da nun herein die Nacht

Dunkelt in ernster Pracht.

 

 

Kurze Fahrt

Posthorn, wie so keck und fröhlich

Brachst du einst den Morgen an,

Vor mir lag’s so frühlingsselig,

Daß ich still auf Lieder sann.

 

Dunkel rauscht es schon im Walde,

Wie so abendkühl wird’s hier,

Schwager, stoß ins Horn – wie balde

Sind auch wir im Nachtquartier!

 

 

Schifferspruch

Wenn die Wogen unten toben,

Menschenwitz zuschanden wird,

Weist mit feur’gen Zügen droben

Heimwärts dich der Wogen Hirt.

Sollst nach keinem andern fragen,

Nicht zurückschaun nach dem Land,

Faß das Steuer, laß das Zagen!

Aufgerollt hat Gottes Hand

Diese Wogen zum Befahren

Und die Sterne, dich zu wahren.

 

 

So oder so

Die handeln und die dichten,

Das ist der Lebenslauf,

Der eine macht Geschichten,

Der andre schreibt sie auf,

Und der will beide richten;

So schreibt und treibt sich’s fort,

Der Herr wird alles schlichten,

Verloren ist kein Wort.

 

 

Walt Gott!

Gestern stürmt’s noch, und am Morgen

Blühet schon das ganze Land –

Will auch nicht für morgen sorgen,

Alles steht in Gottes Hand.

 

Putz dich nur in Gold und Seiden:

In dem Felde über Nacht

Engel Gotts die Lilien kleiden,

Schöner als du’s je gedacht.

 

Sonn dich auf des Lebens Gipfeln:

Über deinem stolzen Haus

Singt der Vogel in den Wipfeln,

Schwingt sich über dich hinaus!

 

Vögel nicht, noch Blumen sorgen,

Hat doch jedes sein Gewand –

Wie so fröhlich rauscht der Morgen!

Alles steht in Gottes Hand.

 

 

Schiffergruß

Stolzes Schiff mit seidnen Schwingen,

Fährst mein Boot zu Grunde schier,

Sang von Bord und Lauten klingen,

O du fröhlicher Schiffsherr, dir;

Ich muß selbst mein Lied mir singen,

Nur der Sturmwind singt mit mir.

 

Stolzes Schiff, wenn deine Feuer

Nachts verlöscht: beim falben Licht

Steht ein Fremder an dem Steuer,

Mit den Winden laut er spricht,

Und die Wogen rauschen scheuer –

Trau dem finstern Bootsmann nicht!

 

Gleiche Winde, gleiche Wellen,

Reiches Schiff und armes Boot

Nach demselben Strande schwellen,

Deine Hoffart, meine Not

Wird an einem Riff zerschellen,

Denn der Bootsmann ist der Tod.

 

 

Todeslust

Bevor er in die blaue Flut gesunken,

Träumt noch der Schwan und singet todestrunken;

Die sommermüde Erde im Verblühen

Läßt all ihr Feuer in den Trauben glühen;

Die Sonne, Funken sprühend, im Versinken,

Gibt noch einmal der Erde Glut zu trinken,

Bis, Stern auf Stern, die Trunkne zu umfangen,

Die wunderbare Nacht ist aufgegangen.

 

 

Warnung

Aus ist dein Urlaub und die Laut zerschlagen,

Nachts aus der stillen Stadt nun mußt du gehen,

Die Wetterfahnen nur im Wind sich drehen,

Dein Tritt verhallt, mag niemand nach dir fragen.

 

Doch draußen waldwärts, wo du herstammst, ragen

Die Zinnen noch der goldnen Burg, es gehen

Die Wachen schildernd auf dem Wall, das Wehen

Der Nacht bringt ihren Ruf ins Land getragen.

 

Der Engel dort mit seinem Flammendegen

Steht blankgerüstet noch, das Tor zu hüten,

Und wird dich mit den ernsten Blicken messen,

 

Die manches Herze schon zu Asche glühten.

Hast du Parol und Feldgeschrei vergessen:

Weh! wo nun willst dein müdes Haupt hinlegen?

 

 

Die heilige Mutter

Es ist ein Meer, von Schiffen irr durchflogen,

Die steuern rastlos nach den falschen Landen,

Die alle suchen und wo alle stranden

Auf schwanker Flut, die jeden noch betrogen.

 

Es ist im wüsten Meer ein Felsenbogen,

An dem die sturmgepeitschten Wellen branden

Und aller Zorn der Tiefe wird zuschanden,

Die nach dem Himmel zielt mit trüben Wogen.

 

Und auf dem Fels die mildeste der Frauen

Zählt ihre Kinder und der Schiffe Trümmer,

Still betend, daß sich rings die Stürme legen.

 

Das sind die treuen Augen, himmelblauen –

Mein Schiff versenk ich hinter mir auf immer,

Hier bin ich, Mutter, gib mir deinen Segen!

 

 

Mahnung

Genug gemeistert nun die Weltgeschichte!

Die Sterne, die durch alle Zeiten tagen,

Ihr wolltet sie mit frecher Hand zerschlagen

Und jeder leuchten mit dem eignen Lichte.

 

Doch unaufhaltsam rucken die Gewichte,

Von selbst die Glocken von den Türmen schlagen,

Der alte Zeiger, ohne euch zu fragen,

Weist flammend auf die Stunde der Gerichte.

 

O stille Schauer, wunderbares Schweigen,

Wenn heimlich flüsternd sich die Wälder neigen,

Die Täler alle geisterbleich versanken,

 

Und in Gewittern von den Bergesspitzen

Der Herr die Weltgeschichte schreibt mit Blitzen –

Denn seine sind nicht euere Gedanken.

 

 

Wacht auf!

Es ist ein Kirchlein zwischen Felsenbogen

So tief versteckt: wie in den alten Sagen

Hat nächtens drin die Glocke angeschlagen,

Weiß keiner, wer die Glocken hat gezogen.

 

Erwache, Steuermann! hoch gehn die Wogen;

Ihr Hirten auf, die Herden nach euch fragen;

Ihr Wächter sollt an Schloß und Hütten schlagen,

Wacht auf, wacht auf, bevor der Klang verflogen!

 

Denn Heerschau halten will in deutschen Gauen

Der Herr und zählen, die ihm treu geblieben,

Eh er den Engel mit dem Schwerte sendet.

 

Schon bricht’s so dunkelrot durchs Morgengrauen,

Ob’s Blut bedeutet oder feur’ges Lieben,

Es steht in Gottes Hand, die niemand wendet.

 

 

Im Alter

Wie wird nun alles so stille wieder!

So war mir’s oft in der Kinderzeit,

Die Bäche gehen rauschend nieder

Durch die dämmernde Einsamkeit,

Kaum noch hört man einen Hirten singen,

Aus allen Dörfern, Schluchten, weit

Die Abendglocken herüberklingen,

Versunken nun mit Lust und Leid

Die Täler, die noch einmal blitzen,

Nur hinter dem stillen Walde weit

Noch Abendröte an den Bergesspitzen,

Wie Morgenrot der Ewigkeit.

 

 

Memento mori

Schnapp Austern, Dukaten,

Mußt dennoch sterben!

Dann tafeln die Maden

Und lachen die Erben.

 

 

Die Flucht der Heiligen Familie

Länger fallen schon die Schatten,

Durch die kühle Abendluft,

Waldwärts über stille Matten

Schreitet Joseph von der Kluft,

Führt den Esel treu am Zügel;

Linde Lüfte fächeln kaum,

‘s sind der Engel leise Flügel,

Die das Kindlein sieht im Traum,

Und Maria schauet nieder

Auf das Kind voll Lust und Leid,

Singt im Herzen Wiegenlieder

In der stillen Einsamkeit.

Die Johanneswürmchen kreisen

Emsig leuchtend übern Weg,

Wollen der Mutter Gottes weisen

Durch die Wildnis jeden Steg,

Und durchs Gras geht süßes Schaudern,

Streift es ihres Mantels Saum;

Bächlein auch läßt jetzt sein Plaudern

Und die Wälder flüstern kaum,

Daß sie nicht die Flucht verraten.

Und das Kindlein hob die Hand,

Da sie ihm so Liebes taten,

Segnete das stille Land,

Daß die Erd mit Blumen, Bäumen

Fernerhin in Ewigkeit

Nächtlich muß vom Himmel träumen –

O gebenedeite Zeit!

 

 

Marienlied

Wenn ins Land die Wetter hängen

Und der Mensch erschrocken steht,

Wendet, wie mit Glockenklängen

Die Gewitter dein Gebet,

Und wo aus den grauen Wogen

Weinend auftaucht das Gefild,

Segnest du’s vom Regenbogen –

Mutter, ach wie bist du mild!

 

Wenn’s einst dunkelt auf den Gipfeln

Und der kühle Abend sacht

Niederrauschet in den Wipfeln:

O Maria, heil’ge Nacht!

Laß mich nimmer wie die andern,

Decke zu der letzten Ruh

Mütterlich den müden Wandrer

Mit dem Sternenmantel zu.

 

 

Durch!

Ein Adler saß am Felsenbogen,

Den lockt’ der Sturm weit übers Meer,

Da hatt er droben sich verflogen,

Er fand sein Felsennest nicht mehr,

Tief unten sah er kaum noch liegen

Verdämmernd Wald und Land und Meer,

Mußt höher, immer höher fliegen,

Ob nicht der Himmel offen wär.

 

 

7. Romanzen

 

Aus schweren Träumen

 

Fuhr ich oft auf und sah durch Tannenwipfel

Den Mond ziehn übern stillen Grund und sang

Vor Bangigkeit und schlummert wieder ein. –

 

Ja, Menschenstimme, hell aus frommer Brust!

Du bist doch die gewaltigste, und triffst

Den rechten Grundton, der verworren anklingt

In all den tausend Stimmen der Natur! –

 

 

 

Die Zauberin im Walde

»Schon vor vielen, vielen Jahren

Saß ich drüben an dem Ufer,

Sah manch Schiff vorüberfahren

Weit hinein ins Waldesdunkel.

 

Denn ein Vogel jeden Frühling

An dem grünen Waldessaume

Sang mit wunderbarem Schalle,

Wie ein Waldhorn klang’s im Traume.

 

Und gar seltsam hohe Blumen

Standen an dem Rand der Schlünde,

Sprach der Strom so dunkle Worte,

‘s war, als ob ich sie verstünde.

 

Und wie ich so sinnend atme

Stromeskühl und Waldesdüfte,

Und ein wundersam Gelüsten

Mich hinabzog nach den Klüften:

 

Sah ich auf kristallnem Nachen,

Tief im Herzensgrund erschrocken,

Eine wunderschöne Fraue,

Ganz umwallt von goldnen Locken.

 

Und von ihrem Hals behende

Tät sie lösen eine Kette,

Reicht’ mit ihren weißen Händen

Mir die allerschönste Perle.

 

Nur ein Wort von fremdem Klange

Sprach sie da mit rotem Munde,

Doch im Herzen ewig stehen

Wird des Worts geheime Kunde.

 

Seitdem saß ich wie gebannt dort,

Und wenn neu der Lenz erwachte,

Immer von dem Halsgeschmeide

Eine Perle sie mir brachte.

 

Ich barg all’ im Waldesgrunde,

Und aus jeder Perl der Fraue

Sproßte eine Blum zur Stunde,

Wie ihr Auge anzuschauen.

 

Und so bin ich aufgewachsen,

Tät der Blumen treulich warten,

Schlummert oft und träumte golden

In dem schwülen Waldesgarten.

 

Fortgespült ist nun der Garten

Und die Blumen all’ verschwunden,

Und die Gegend, wo sie standen,

Hab ich nimmermehr gefunden.

 

In der Fern liegt jetzt mein Leben,

Breitend sich wie junge Träume,

Schimmert stets so seltsam lockend

Durch die alten, dunklen Bäume.

 

Jetzt erst weiß ich, was der Vogel

Ewig ruft so bange, bange,

Unbekannt zieht ew’ge Treue

Mich hinunter zu dem Sange.

 

Wie die Wälder kühle rauschen,

Zwischendurch das alte Rufen,

Wo bin ich so lang gewesen? –

O ich muß hinab zur Ruhe!«

 

Und es stieg vom Schloß hinunter

Schnell der süße Florimunde,

Weit hinab und immer weiter

Zu dem dunkelgrünen Grunde.

 

Hört’ die Ströme stärker rauschen,

Sah in Nacht des Vaters Burge

Stillerleuchtet ferne stehen,

Alles Leben weit versunken.

 

Und der Vater schaut’ vom Berge,

Schaut’ zum dunklen Grunde immer,

Regte sich der Wald so grausig,

Doch den Sohn erblickt’ er nimmer.

 

Und es kam der Winter balde,

Und viel Lenze kehrten wieder,

Doch der Vogel in dem Walde

Sang nie mehr die Wunderlieder.

 

Und das Waldhorn war verklungen

Und die Zauberin verschwunden,

Wollte keinen andern haben

Nach dem süßen Florimunde. –

 

 

 

Die Riesen

Hoch über blauen Bergen

Da steht ein schönes Schloß,

Das hütet von Gezwergen

Ein wunderlicher Troß.

 

Da ist ein Lautenschlagen

Und Singen insgemein,

Die Lüfte es vertragen

Weit in das Land hinein.

 

Und wenn die Länder schweigen,

Funkelnd im Abendtau,

Soll manchmal dort sich zeigen

Eine wunderschöne Frau.

 

Da schworen alle Riesen,

Zu holen sie als Braut,

Mit Leitern da und Spießen

Sie stapften gleich durchs Kraut.

 

Da krachte manche Leiter,

Sie wunderten sich sehr:

Die Wildnis wuchs, je weiter

Je höher rings umher.

 

Sie waren recht bei Stimme

Und zankten um ihren Schatz,

Und fluchten in großem Grimme,

Und fanden nicht den Platz.

 

Und bei dem Lärm sie stunden

In Wolken bis an die Knie,

Das Schloß, das war verschwunden,

Und wußten gar nicht wie. –

 

Aber wie ein Regenbogen

Glänzt’s droben durch die Luft,

Sie hatt indes gezogen

Neue Gärten in den Duft.

 

 

Der Götter Irrfahrt

 

(Nach einer Volkssage der Tonga-Inseln)

 

 

1.

Unten endlos nichts als Wasser,

Droben Himmel still und weit,

Nur das Götterland, das blasse,

Lag in Meereseinsamkeit,

Wo auf farbenlosen Matten

Gipfel wie in Träumen stehn,

Und Gestalten ohne Schatten

Ewig lautlos sich ergehn.

 

Zwischen grauen Wolkenschweifen,

Die verschlafen Berg und Flut

Mit den langen Schleiern streifen,

Hoch der Göttervater ruht.

Heut zu fischen ihn gelüstet,

Und vom zack’gen Felsenhang

In des Meeres grüne Wüste

Senket er die Schnur zum Fang.

 

Sinnend sitzt er, und es flattern

Bart und Haar im Sturme weit,

Und die Zeit wird ihm so lange

In der stillen Ewigkeit.

Da fühlt er die Angel zucken:

»Ei, das ist ein schwerer Fisch!«

Freudig fängt er an zu rucken,

Stemmt sich, zieht und windet frisch.

 

Sieh, da hebt er Felsenspitzen

Langsam aus der Wasser Grund,

Und erschrocken aus den Ritzen

Schießen schupp’ge Schlangen bunt;

Ringelnd’ Ungetüm’ der Tiefen,

Die im öden Wogenhaus

In der grünen Dämmrung schliefen,

Stürzen sich ins Meer hinaus.

 

Doch der Vater hebt aufs neue,

Und Gebirge, Tal und Strand

Taucht allmählich auf ins Freie;

Und es grünt das junge Land,

Irrend farb’ge Lichter schweifen

Und von Blumen glänzt die Flur,

Wo des Vaters Blick’ sie streifen –

Da zerreißt die Angelschnur.

 

Wie ‘ne liebliche Sirene

Halb nun überm Wellenglanz,

Staunend ob der eignen Schöne,

Schwebt es mit dem Blütenkranz,

Bei der Lüfte lindem Fächeln

Sich im Meer, das rosig brennt,

Spiegelnd mit verschämtem Lächeln –

Erde sie der Vater nennt.

2.

 

Staunend auf den Göttersitzen

Die Unsterblichen nun stehn,

Sehn den Morgen drüben blitzen,

Fühlen Duft herüberwehn,

Und so süßes Weh sie spüren,

Lösen leis ihr Schiff vom Strand,

Und die Lüfte sie verführen

Fern durchs Meer zum jungen Land.

 

O wie da die Quellen sprangen

In die tiefe Blütenpracht

Und Lianen dort sich schlangen

Glühend durch die Waldesnacht!

Und die Wandrer trunken lauschen,

Wo die Wasserfälle gehn,

Bis sie in dem Frühlingsrauschen

Plötzlich all erschrocken stehn:

 

Denn sie sehn zum ersten Male

Nun die Sonne niedergehn

Und verwundert Berg’ und Tale

Tief im Abendrote stehn,

Und der schönste Gott von allen

Sank erbleichend in den Duft,

Denn dem Tode ist verfallen,

Wer geatmet ird’sche Luft.

 

Die Genossen faßt ein Grauen,

Und sie fahren weit ins Meer,

Nach des Vaters Haus sie schauen,

Doch sie finden’s nimmermehr.

Mußten aus den Wogenwüsten

Ihrer Schiffe Schnäbel drehn

Wieder nach des Eilands Küsten,

Ach, das war so falsch und schön!

 

Und für immer da verschlagen

Blieben sie im fremden Land,

Hörten nachts des Vaters Klagen

Oft noch fern vom Götterstrand. –

Und nun Kindeskinder müssen

Nach der Heimat sehn ins Meer,

Und es kommt im Wind ein Grüßen,

Und sie wissen nicht woher.

 

 

Die Brautfahrt

Durch des Meeresschlosses Hallen

Auf bespültem Felsenhang,

Weht der Hörner festlich Schallen;

Froher Hochzeitgäste Drang,

Bei der Kerzen Zauberglanze,

Wogt im buntverschlungnen Tanze.

 

Aber an des Fensters Bogen,

Ferne von der lauten Pracht,

Schaut der Bräut’gam in die Wogen

Draußen in der finstern Nacht,

Und die trunknen Blicke schreiten

Furchtlos durch die öden Weiten.

 

»Lieblich«, sprach der wilde Ritter

Zu der zarten, schönen Braut,

»Lieblich girrt die sanfte Zither –

Sturm ist meiner Seele Laut,

Und der Wogen dumpfes Brausen

Hebt das Herz in kühnem Grausen.

 

Ich kann hier nicht müßig lauern,

Treiben auf dem flachen Sand,

Dieser Kreis von Felsenmauern

Hält mein Leben nicht umspannt;

Schönre Länder blühen ferne,

Das verkünden mir die Sterne.

 

Du mußt glauben, du mußt wagen,

Und, den Argonauten gleich,

Wird die Woge fromm dich tragen

In das wunderbare Reich;

Mutig streitend mit den Winden,

Muß ich meine Heimat finden!

 

Siehst du, heißer Sehnsucht Flügel,

Weiße Segel dort gespannt?

Hörst du tief die feuchten Hügel

Schlagen an die Felsenwand?

Das ist Sang zum Hochzeitsreigen –

Willst du mit mir niedersteigen?

 

Kannst du rechte Liebe fassen,

Nun so frage, zaudre nicht!

Schloß und Garten mußt du lassen

Und der Eltern Angesicht –

Auf der Flut mit mir alleine,

Da erst, Liebchen, bist du meine!«

 

Schweigend sieht ihn an die milde

Braut mit schauerlicher Lust,

Sinkt dem kühnen Ritterbilde

Trunken an die stolze Brust:

»Dir hab ich mein Los ergeben,

Schalte nun mit meinem Leben.«

 

Und er trägt die süße Beute

Jubelnd aus dem Schloß aufs Schiff,

Drunten harren seine Leute,

Stoßen froh vom Felsenriff;

Und die Hörner leis verhallen,

Einsam rings die Wogen schallen.

 

Wie die Sterne matter blinken

In die morgenrote Flut,

Sieht sie fern die Berge sinken,

Flammend steigt die hehre Glut,

Überm Spiegel trunkner Wellen

Rauschender die Segel schwellen.

 

Monde steigen und sich neigen,

Lieblich weht schon fremde Luft,

Da sehn sie ein Eiland steigen

Feenhaft aus blauem Duft,

Wie ein farb’ger Blumenstreifen –

Meerwärts fremde Vögel schweifen.

 

Alle faßt ein freud’ges Beben –

Aber dunkler rauscht das Meer,

Schwarze Wetter schwer sich heben,

Stille wird es ringsumher,

Und nur freudiger und treuer

Steht der Ritter an dem Steuer.

 

Und nun flattern wilde Blitze,

Sturm rast um den Felsenriff,

Und von grimmer Wogen Spitze

Stürzt geborsten sich das Schiff.

Schwankend auf des Mastes Splitter,

Schlingt die Braut sich um den Ritter.

 

Und die Müde in den Armen,

Springt er abwärts, sinkt und ringt,

Hält den Leib, den blühend warmen,

Bis er alle Wogen zwingt,

Und am Blumenstrand gerettet,

Auf das Gras sein Liebstes bettet.

 

»Wache auf, wach auf, du Schöne!

Liebesheimat ringsum lacht,

Zaubrisch ringen Duft und Töne,

Wunderbarer Blumen Pracht

Funkelt rings im Morgengolde –

Schau um dich! wach auf, du Holde!«

 

Aber frei von Lust und Kummer

Ruht die liebliche Gestalt,

Lächelnd noch im längsten Schlummer,

Und das Herz ist still und kalt,

Still der Himmel, still im Meere,

Schimmernd rings des Taues Zähre.

 

Und er sinkt zu ihr vor Schmerzen,

Einsam in dem fremden Tal,

Tränen aus dem wilden Herzen

Brechen da zum erstenmal,

Und vor diesem Todesbilde

Wird die ganze Seele milde.

 

Von der langen Täuschung trennt er

Schauernd sich – der Stolz entweicht,

Andre Heimat nun erkennt er,

Die kein Segel hier erreicht,

Und an echten Schmerzen ranken

Himmelwärts sich die Gedanken.

 

Scharrt die Tote ein in Stille,

Pflanzt ein Kreuz hoch auf ihr Grab,

Wirft von sich die seidne Hülle,

Leget Schwert und Mantel ab,

Kleidet sich in rauhe Felle,

Haut in Fels sich die Kapelle.

 

Überm Rauschen dunkler Wogen

In der wilden Einsamkeit,

Hausend auf dem Felsenbogen,

Ringt er fromm mit seinem Leid,

Hat, da manches Jahr entschwunden,

Heimat, Braut und Ruh gefunden. –

 

Viele Schiffe drunten gehen

An dem schönen Inselland,

Sehen hoch das Kreuz noch stehen,

Warnend von der Felsenwand;

Und des strengen Büßers Kunde

Gehet fromm von Mund zu Munde.

 

 

 

Vom heiligen Eremiten Wilhelm

Von Jerusalem die Warten

Lagen schon in rotem Duft,

Stand der Patriarch im Garten,

Glockenklang ging durch die Luft.

 

Kommt ein Pilger da gezogen,

Tritt zu ihm im Abendrot,

Bleich, von strupp’gem Haar umflogen,

Bettelt um ein Stücklein Brot.

 

»Kommst aus Frankreich, frommer Pilger,

Hör der Heimat Laut so gern!

Kennst du dort den Grafen Wilhelm,

Meinen vor’gen Landesherrn?«

 

»Kenn ihn wohl, er hat geschrieben

Feur’ge Schrift mit blut’ger Hand,

Hat aus Frankreich dich vertrieben,

Und dein Kloster liegt verbrannt.«

 

»Gott im Himmel, sollt dich kennen,

Wie du so den Blick gewandt,

Bist Graf Wilhelm der Ardennen –«

»Also ward ich sonst genannt.«

 

»O mein lieber Herr, am Grabe

Stehen beid als Sünder wir –

Haus und Garten, was ich habe,

Nehmt es hin und rastet hier!«

 

»Bet für mich, ich darf nicht rasten,

Denn ohn Rasten geht die Zeit,

Hart mit Geißeln, Wachen, Fasten

Lieg ich mit der Höll in Streit.

 

Kron und Land ließ ich den Erben,

Muß mit stürmender Gewalt

Mir ein andres Reich erwerben.« –

Und so schritt er fort zum Wald.

 

 

 

Der Kühne

Und wo noch kein Wandrer gegangen,

Hoch über Jäger und Roß

Die Felsen im Abendrot hangen

Als wie ein Wolkenschloß.

 

Dort zwischen den Zinnen und Spitzen

Von wilden Nelken umblüht,

Die schönen Waldfrauen sitzen

Und singen im Wind ihr Lied.

 

Der Jäger schaut nach dem Schlosse:

Die droben das ist mein Lieb! –

Er sprang vom scheuenden Rosse,

Weiß keiner, wo er blieb.

 

 

 

Der Wachtturm

Ich sah im Mondschein liegen

Die Felsen und das Meer,

Ich sah ein Schifflein fliegen

Still durch die Nacht daher.

 

Ein Ritter saß am Steuer,

Ein Fräulein stand am Bord,

Im Winde weht’ ihr Schleier,

Die sprachen kein einzig Wort.

 

Ich sah verfallen grauen

Das hohe Königshaus,

Den König stehn und schauen

Vom Turm ins Meer hinaus.

 

Und als das Schiff verschwunden,

Er warf seine Krone nach,

Und aus dem tiefen Grunde

Das Meer wehklagend brach.

 

Das war der kühne Buhle,

Der ihm sein Kind geraubt,

Der König, der verfluchet

Der eignen Tochter Haupt.

 

Da hat das Meer mit Toben

Verschlungen Ritter und Maid,

Der König starb da droben

In seiner Einsamkeit.

 

Nun jede Nacht vor Sturme

Das Schiff vorüberzieht,

Der König von dem Turme

Nach seinem Kinde sieht.

 

 

 

Nachtwanderer

Er reitet nachts auf einem braunen Roß,

Er reitet vorüber an manchem Schloß:

Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,

Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!

 

Er reitet vorüber an einem Teich,

Da stehet ein schönes Mädchen bleich

Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind:

Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!

 

Er reitet vorüber an einem Fluß,

Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruß,

Taucht wieder unter dann mit Gesaus,

Und stille wird’s über dem kühlen Haus.

 

Wenn Tag und Nacht in verworrenem Streit,

Schon Hähne krähen in Dörfern weit,

Da schauert sein Roß und wühlet hinab,

Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab.

 

 

 

Der Knabe

Es war ein zartes Vögelein,

Das saß in Lieb gefangen,

Ein Knabe hegt’ und pflegt’ sich’s fein

Wohl hinter goldnen Stangen.

 

Und draußen hört’s auf grünem Plan

Verschiedner Vögel Weisen,

Sah Tag und Nacht den Knaben an,

Mocht nicht mit ihnen reisen.

 

Und als der Frühling weit und breit

Von neuem schien und schwärmte,

Da tat dem Knaben ‘s Vöglein leid,

Daß es kein Strahl erwärmte.

 

Da nahm er aus dem stillen Haus

Das Vöglein fromm und treue,

Und schweift’ mit ihm durchs Feld hinaus

Ins himmelblaue Freie.

 

Er setzt’ es vor sich auf die Hand,

Da wend’t und putzt sich’s feine,

In bunten Farben spielt’ und brannt

Sein Kleid im Sonnenscheine.

 

Doch aus dem Wald ein Singen rief,

Bunt’ Vöglein ziehn und reisen,

Das lockt so hell, das lockt so tief

In wundersüßen Weisen.

 

Das Vöglein frisch die Flügel rührt –

Es ruft: »Kommst du nicht balde?« –

Das hat das Vögelein verführt,

Fort flog’s zum grünen Walde –

 

Nun muß der Knabe einsam gehn,

Klagt über Tal und Hügel:

»Süß’ Lieb, süß’ Lieb, wie bist du schön:

Ach, hättst du keine Flügel!« –

 

 

 

Die Nonne und der Ritter

Da die Welt zur Ruh gegangen,

Wacht mit Sternen mein Verlangen;

In der Kühle muß ich lauschen,

Wie die Wellen unten rauschen.

 

»Fernher mich die Wellen tragen,

Die ans Land so traurig schlagen

Unter deines Fensters Gitter,

Fraue, kennst du noch den Ritter?«

 

Ist’s doch, als ob seltsam’ Stimmen

Durch die lauen Lüfte schwimmen;

Wieder hat’s der Wind genommen –

Ach, mein Herz ist so beklommen!

 

»Drüben liegt dein Schloß verfallen,

Klagend in den öden Hallen

Aus dem Grund der Wald mich grüßte –

‘s war, als ob ich sterben müßte.«

 

Alte Klänge blühend schreiten!

Wie aus lang versunknen Zeiten

Will mich Wehmut noch bescheinen,

Und ich möcht von Herzen weinen.

 

»Überm Walde blitzt’s vom Weiten,

Wo um Christi Grab sie streiten;

Dorthin will mein Schiff ich wenden,

Da wird alles, alles enden!«

 

Geht ein Schiff, ein Mann stand drinne –

Falsche Nacht, verwirrst die Sinne,

Welt, ade! Gott woll bewahren,

Die noch irr im Dunkeln fahren.

 

 

 

Der stille Grund

Der Mondenschein verwirret

Die Täler weit und breit,

Die Bächlein, wie verirret,

Gehn durch die Einsamkeit.

 

Da drüben sah ich stehen

Den Wald auf steiler Höh,

Die finstern Tannen sehen

In einen tiefen See.

 

Ein Kahn wohl sah ich ragen,

Doch niemand, der es lenkt,

Das Ruder war zerschlagen,

Das Schifflein halb versenkt.

 

Eine Nixe auf dem Steine

Flocht dort ihr goldnes Haar,

Sie meint’ sie wär alleine,

Und sang so wunderbar.

 

Sie sang und sang, in den Bäumen

Und Quellen rauscht’ es sacht

Und flüsterte wie in Träumen

Die mondbeglänzte Nacht.

 

Ich aber stand erschrocken,

Denn über Wald und Kluft

Klangen die Morgenglocken

Schon ferne durch die Luft.

 

Und hätt ich nicht vernommen

Den Klang zu guter Stund,

Wär nimmermehr gekommen

Aus diesem stillen Grund.

 

 

 

Der Kämpe

Nach drei Jahren kam gefahren

Einsam auf dem Rhein ein Schiff,

Drin gebunden und voll Wunden

Lag ein Rittersmann und rief:

 

»Still den Garten schön tust warten

Bleibst am Fenster ofte stehn,

Ruhig scheinst du, heimlich weinst du,

Wie die Schiffe unten gehn.

 

Was vertraust du, warum baust du

Auf der Männer wilde Brust,

Die das Blut ziert und der Streit rührt

Und die schöne Todeslust!«

 

Oben spinnend, saß sie sinnend –

Schwanden Schiff und Tageslicht,

Was er sunge, war verklungen,

Sie erkannt den Liebsten nicht.

 

 

 

Waldmädchen

Bin ein Feuer hell, das lodert

Von dem grünen Felsenkranz,

Seewind ist mein Buhl und fodert

Mich zum lust’gen Wirbeltanz,

Kommt und wechselt unbeständig.

Steigend wild,

Neigend mild,

Meine schlanken Lohen wend ich:

Komm nicht nach mir, ich verbrenn dich!

 

Wo die wilden Bäche rauschen

Und die hohen Palmen stehn,

Wenn die Jäger heimlich lauschen,

Viele Rehe einsam gehn.

Bin ein Reh, flieg durch die Trümmer,

Über die Höh,

Wo im Schnee

Still die letzten Gipfel schimmern,

Folg mir nicht, erjagst mich nimmer!

 

Bin ein Vöglein in den Lüften,

Schwing mich übers blaue Meer,

Durch die Wolken von den Klüften

Fliegt kein Pfeil mehr bis hieher,

Und die Aun und Felsenbogen,

Waldeseinsamkeit

Weit, wie weit,

Sind versunken in die Wogen –

Ach, ich habe mich verflogen!

 

 

 

Der Unbekannte

Vom Dorfe schon die Abendglocken klangen,

Die müden Vöglein gingen auch zur Ruh,

Nur auf den Wiesen noch die Heimchen sangen

Und von den Bergen rauscht’ der Wald dazu;

Da kam ein Wandrer durch die Ährenwogen,

Aus fernen Landen schien er hergezogen.

 

Vor seinem Hause, unter blühnden Lauben

Lud ihn ein Mann zum fröhl’chen Rasten ein,

Die junge Frau bracht Wein und Brot und Trauben,

Setzt dann, umspielt vom letzten Abendschein,

Sich neben ihn und blickt halb scheu, halb lose,

Ein lockig Knäblein lächelnd auf dem Schoße.

 

Ihr dünkt, er wär schon einst im Dorf gewesen,

Und doch so fremd und seltsam war die Tracht,

In seinen Mienen feur’ge Schrift zu lesen

Gleich Wetterleuchten fern bei stiller Nacht,

Und traf sein Auge sie, wollt ihr fast grauen,

Denn ‘s war, wie in den Himmelsgrund zu schauen.

 

Und wie sich kühler nun die Schatten breiten:

Vom Berg Vesuv, der über Trümmern raucht,

Vom blauen Meer, wo Schwäne singend gleiten,

Kristallnen Inseln, blühend draus getaucht,

Und Glocken, die im Meeresgrunde schlagen,

Wußt wunderbar der schöne Gast zu sagen.

 

»Hast viel erfahren, willst du ewig wandern?«

Sprach drauf sein Wirt mit herzlichem Vertraun,

»Hier kannst du froh genießen wie die andern,

Am eignen Herd dein kleines Gärtchen baun,

Des Nachbars Töchter haben reiche Truhen,

Ruh endlich aus, brauchst nicht allein zu ruhen.«

 

Da stand der Wandrer auf, es blühten Sterne

Schon aus dem Dunkel überm stillen Land,

»Gesegn euch Gott! mein Heimatland liegt ferne. –«

Und als er von den beiden sich gewandt,

Kam himmlisch Klingen von der Waldeswiese –

So sternklar war noch keine Nacht wie diese.

 

 

 

Der stille Freier

Mond, der Hirt, lenkt seine Herde

Einsam übern Wald herauf,

Unten auf der stillen Erde

Wacht verschwiegne Liebe auf.

 

Fern vom Schlosse Glocken schlagen

Übern Wald her von der Höh

Bringt der Wind den Schall getragen,

Und erschrocken lauscht das Reh.

 

Nächtlich um dieselbe Stunde

Hallet Hufschlag, schnaubt ein Roß,

Macht ein Ritter seine Runde

Schweigend um der Liebsten Schloß.

 

Wenn die Morgensterne blinken,

Totenbleich der Hirte wird,

Und sie müssen all’ versinken:

Reiter, Herde und der Hirt.

 

 

 

Waldgespräch

»Es ist schon spät, es wird schon kalt,

Was reitst du einsam durch den Wald?

Der Wald ist lang, du bist allein,

Du schöne Braut! Ich führ dich heim!«

 

»Groß ist der Männer Trug und List,

Vor Schmerz mein Herz gebrochen ist,

Wohl irrt das Waldhorn her und hin,

O flieh! Du weißt nicht, wer ich bin.«

 

So reich geschmückt ist Roß und Weib,

So wunderschön der junge Leib,

»Jetzt kenn ich dich – Gott steh mir bei!

Du bist die Hexe Lorelei.«

 

»Du kennst mich wohl – von hohem Stein

Schaut still mein Schloß tief in den Rhein.

Es ist schon spät, es wird schon kalt,

Kommst nimmermehr aus diesem Wald!«

 

 

 

Die Saale

Doch manchmal in Sommertagen

Durch die schwüle Einsamkeit

Hört man mittags die Turmuhr schlagen,

Wie aus einer fremden Zeit.

 

Und ein Schiffer zu dieser Stunde

Sah einst eine schöne Frau

Vom Erker schaun zum Grunde –

Er ruderte schneller vor Graun.

 

Sie schüttelt’ die dunklen Locken

Aus ihrem Angesicht:

»Was ruderst du so erschrocken?

Behüt dich Gott, dich mein ich nicht!«

 

Sie zog ein Ringlein vom Finger,

Warf’s tief in die Saale hinein:

»Und der mir es wiederbringet,

Der soll mein Liebster sein!«

 

 

 

Der alte Garten

Kaiserkron und Päonien rot,

Die müssen verzaubert sein,

Denn Vater und Mutter sind lange tot,

Was blühn sie hier so allein?

 

Der Springbrunnen plaudert noch immerfort

Von der alten schönen Zeit,

Eine Frau sitzt eingeschlafen dort,

Ihre Locken bedecken ihr Kleid.

 

Sie hat eine Laute in der Hand,

Als ob sie im Schlafe spricht,

Mir ist, als hätt ich sie sonst gekannt –

Still, geh vorbei und weck sie nicht!

 

Und wenn es dunkelt das Tal entlang,

Streift sie die Saiten sacht,

Da gibt’s einen wunderbaren Klang

Durch den Garten die ganze Nacht.

 

 

 

Verloren

Still bei Nacht fährt manches Schiff,

Meerfei kämmt ihr Haar am Riff,

Hebt von Inseln an zu singen,

Die im Meer dort untergingen.

 

Wann die Morgenwinde wehn,

Ist nicht Riff noch Fei zu sehn,

Und das Schifflein ist versunken,

Und der Schiffer ist ertrunken.

 

 

 

Der Schnee

Wann der kalte Schnee zergangen,

Stehst du draußen in der Tür,

Kommt ein Knabe schön gegangen,

Stellt sich freundlich da zu dir,

Lobet deine frischen Wangen,

Dunkle Locken, Augen licht,

Wann der kalte Schnee zergangen,

Glaub dem falschen Herzen nicht!

 

Wann die lauen Lüfte wehen,

Scheint die Sonne lieblich warm:

Wirst du wohl spazierengehen,

Und er führet dich am Arm,

Tränen dir im Auge stehen,

Denn so schön klingt, was er spricht,

Wann die lauen Lüfte wehen,

Glaub dem falschen Herzen nicht!

 

Wann die Lerchen wieder schwirren,

Trittst du draußen vor das Haus,

Doch er mag nicht mit dir irren,

Zog weit in das Land hinaus;

Die Gedanken sich verwirren,

Wie du siehst den Morgen rot –

Wann die Lerchen wieder schwirren,

Armes Kind, ach wärst du tot!

 

 

 

Die weinende Braut

Du warst so herrlich anzuschauen,

So kühn und wild und doch so lieb,

Dir mußt ich Leib und Seel vertrauen,

Ich mocht nichts mehr, das meine blieb!

Da hast du, Falscher, mich verlassen

Und Blumen, Lust und Frühlingsschein,

Die ganze Welt sah ich erblassen,

Ach Gott, wie bin ich nun allein!

 

Wohl jahrlang sah ich von den Höhen

Und grüßte dich vieltausendmal,

Und unten sah ich viele gehen,

Doch du erschienst nicht in dem Tal.

Und mancher Lenz mit bunten Scherzen

Kam und verflog im lust’gen Lauf,

Doch ach! in dem betrognen Herzen

Geht niemals mehr der Frühling auf.

 

Ein Kränzlein trag ich nun im Haare,

In reichen Kleidern schön geschmückt,

Führt mich ein andrer zum Altare,

Die Eltern sind so hochbeglückt.

Und fröhlich kann ich mich wohl zeigen,

Die Sonne hell wie damals scheint,

Und vor dem Jauchzen und dem Geigen

Hört keiner, wie die Braut still weint.

 

Die Frühlingslieder neu beginnen –

Du kehrst nach manchem Jahr zurück,

Und stehest still, dich zu besinnen,

Wie auf ein längstvergangnes Glück.

Doch wüst verwachsen liegt der Garten,

Das Haus steht lange still und leer,

Kein Lieb will dein am Fenster warten,

Und dich und mich kennt niemand mehr.

 

Doch eine Lerche siehst du steigen

Vom Tal zum blauen Himmelsport,

Ein Bächlein rauschet da so eigen,

Als weinte es in einem fort.

Dort haben sie mich hingetragen,

Bedeckten mir mit Stein den Mund –

Nun kann ich dir nicht einmal sagen,

Wie ich dich liebt aus Herzensgrund.

 

 

 

Das zerbrochene Ringlein

In einem kühlen Grunde

Da geht ein Mühlenrad,

Mein Liebste ist verschwunden,

Die dort gewohnet hat.

 

Sie hat mir Treu versprochen,

Gab mir ein’n Ring dabei,

Sie hat die Treu gebrochen,

Mein Ringlein sprang entzwei.

 

Ich möcht als Spielmann reisen

Weit in die Welt hinaus,

Und singen meine Weisen,

Und gehn von Haus zu Haus.

 

Ich möcht als Reiter fliegen

Wohl in die blut’ge Schlacht,

Um stille Feuer liegen

Im Feld bei dunkler Nacht.

 

Hör ich das Mühlrad gehen:

Ich weiß nicht, was ich will –

Ich möcht am liebsten sterben,

Da wär’s auf einmal still!

 

 

Der Gefangene

In goldner Morgenstunde,

Weil alles freudig stand,

Da ritt im heitern Grunde

Ein Ritter über Land.

 

Rings sangen auf das beste

Die Vöglein mannigfalt,

Es schüttelte die Äste

Vor Lust der grüne Wald.

 

Den Nacken, stolz gebogen,

Klopft er dem Rösselein –

So ist er hingezogen

Tief in den Wald hinein.

 

Sein Roß hat er getrieben,

Ihn trieb der frische Mut:

»Ist alles fern geblieben,

So ist mir wohl und gut!«

 

Mit Freuden mußt er sehen

Im Wald ein’ grüne Au,

Wo Brünnlein kühle gehen,

Von Blumen rot und blau.

 

Vom Roß ist er gesprungen,

Legt’ sich zum kühlen Bach,

Die Wellen lieblich klungen,

Das ganze Herz zog nach.

 

So grüne war der Rasen,

Es rauschte Bach und Baum,

Sein Roß tät stille grasen,

Und alles wie ein Traum.

 

Die Wolken sah er gehen,

Die schifften immerzu,

Er konnt nicht widerstehen –

Die Augen sanken ihm zu.

 

Nun hört’ er Stimmen rinnen,

Als wie der Liebsten Gruß,

Er konnt sich nicht besinnen –

Bis ihn erweckt’ ein Kuß.

 

Wie prächtig glänzt’ die Aue!

Wie Gold der Quell nun floß,

Und einer süßen Fraue

Lag er im weichen Schoß.

 

»Herr Ritter! wollt Ihr wohnen

Bei mir im grünen Haus:

Aus allen Blumenkronen

Wind ich Euch einen Strauß!

 

Der Wald ringsum wird wachen,

Wie wir beisammen sein,

Der Kuckuck schelmisch lachen,

Und alles fröhlich sein.«

 

Es bog ihr Angesichte

Auf ihn, den süßen Leib,

Schaut’ mit den Augen lichte

Das wunderschöne Weib.

 

Sie nahm sein’n Helm herunter,

Löst’ Krause ihm und Bund,

Spielt’ mit den Locken munter,

Küßt’ ihm den roten Mund.

 

Und spielt’ viel süße Spiele

Wohl in geheimer Lust,

Es flog so kühl und schwüle

Ihm um die offne Brust.

 

Um ihn nun tät sie schlagen

Die Arme weich und bloß,

Er konnte nichts mehr sagen,

Sie ließ ihn nicht mehr los.

 

Und diese Au zur Stunde

Ward ein kristallnes Schloß,

Der Bach ein Strom, gewunden

Ringsum, gewaltig floß.

 

Auf diesem Strome gingen

Viel Schiffe wohl vorbei,

Es konnt ihn keines bringen

Aus böser Zauberei.

 

 

 

Der traurige Jäger

Zur ew’gen Ruh sie sangen

Die schöne Müllerin,

Die Sterbeglocken klangen

Noch übern Waldgrund hin.

 

Da steht ein Fels so kühle,

Wo keine Wandrer gehn,

Noch einmal nach der Mühle

Wollt dort der Jäger sehn.

 

Die Wälder rauschten leise,

Sein Jagen war vorbei,

Der blies so irre Weise,

Als müßt das Herz entzwei.

 

Und still dann in der Runde

Ward’s über Tal und Höhn,

Man hat seit dieser Stunde

Ihn nimmermehr gesehn.

 

 

 

Der Bräutigam

Von allen Bergen nieder

So fröhlich Grüßen schallt –

Das ist der Frühling wieder,

Der ruft zum grünen Wald!

 

Ein Liedchen ist erklungen

Herauf zum stillen Schloß –

Dein Liebster hat’s gesungen,

Der hebt dich auf sein Roß.

 

Wir reiten so geschwinde,

Von allen Menschen weit. –

Da rauscht die Luft so linde

In Waldeseinsamkeit.

 

Wohin? im Mondenschimmer

So bleich der Wald schon steht. –

Leis rauscht die Nacht – frag nimmer,

Wo Lieb zu Ende geht!

 

 

 

Die falsche Schwester

Meine Schwester, die spielt’ an der Linde –

Stille Zeit, wie so weit, so weit!

Da spielten so schöne Kinder

Mit ihr in der Einsamkeit.

 

Von ihren Locken verhangen

Schlief sie und lachte im Traum,

Und die schönen Kinder sangen

Die ganze Nacht unterm Baum.

 

Die ganze Nacht hat gelogen,

Sie hat mich so falsch gegrüßt,

Die Engel sind fortgeflogen,

Und Haus und Garten stehn wüst.

 

Es zittert die alte Linde

Und klaget der Wind so schwer,

Das macht, das macht die Sünde –

Ich wollt, ich läg im Meer!

 

Die Sonne ist untergegangen

Und der Mond im tiefen Meer,

Es dunkelt schon über dem Lande,

Gute Nacht! seh dich nimmermehr!

 

 

Der Reitersmann

Hoch über den stillen Höhen

Stand in dem Wald ein Haus,

Dort war’s so einsam zu sehen

Weit übern Wald hinaus.

 

Drin saß ein Mädchen am Rocken

Den ganzen Abend lang,

Der wurden die Augen nicht trocken,

Sie spann und sann und sang:

 

»Mein Liebster, der war ein Reiter,

Dem schwur ich Treu bis in Tod,

Der zog über Land und weiter,

Zu Krieges Lust und Not.

 

Und als ein Jahr war vergangen,

Und wieder blühte das Land,

Da stand ich voller Verlangen

Hoch an des Waldes Rand.

 

Und zwischen den Bergesbogen,

Wohl über den grünen Plan,

Kam mancher Reiter gezogen,

Der meine kam nicht mit an.

 

Und zwischen den Bergesbogen,

Wohl über den grünen Plan,

Ein Jägersmann kam geflogen,

Der sah mich so mutig an.

 

So lieblich die Sonne schiene,

Das Waldhorn scholl weit und breit,

Da führt’ er mich in das Grüne,

Das war eine schöne Zeit! –

 

Der hat so lieblich gelogen

Mich aus der Treue heraus,

Der Falsche hat mich betrogen,

Zog weit in die Welt hinaus.«

 

Sie konnte nicht weitersingen,

Vor bitterem Schmerz und Leid,

Die Augen ihr übergingen

In ihrer Einsamkeit.

 

Die Muhme, die saß beim Feuer

Und wärmte sich am Kamin,

Es flackert’ und sprüht’ das Feuer,

Hell über die Stube es schien.

 

Sie sprach: »Ein Kränzlein in Haaren,

Das stünde dir heut gar schön,

Willst draußen auf dem See nicht fahren?

Hohe Blumen am Ufer dort stehn.«

 

»Ich kann nicht holen die Blumen,

Im Hemdlein weiß am Teich

Ein Mädchen hütet die Blumen,

Die sieht so totenbleich.«

 

»Und hoch auf des Sees Weite,

Wenn alles finster und still,

Da rudern zwei stille Leute, –

Der eine dich haben will.«

 

»Sie schauen wie alte Bekannte,

Still, ewig stille sie sind.

Doch einmal der eine sich wandte,

Da faßt’ mich ein eiskalter Wind. –

 

Mir ist zu wehe zum Weinen –

Die Uhr so gleichförmig pickt,

Das Rädlein, das schnurrt so in einem,

Mir ist, als wär ich verrückt. –

 

Ach Gott! wann wird sich doch röten

Die fröhliche Morgenstund!

Ich möchte hinausgehn und beten,

Und beten aus Herzensgrund!

 

So bleich schon werden die Sterne,

Es rührt sich stärker der Wald,

Schon krähen die Hähne von ferne,

Mich friert, es wird so kalt!

 

Ach, Muhme! was ist Euch geschehen?

Die Nase wird Euch so lang,

Die Augen sich seltsam verdrehen –

Wie wird mir vor Euch so bang!«

 

Und wie sie so grauenvoll klagte,

Klopft’s draußen ans Fensterlein,

Ein Mann aus der Finsternis ragte,

Schaut’ still in die Stube herein.

 

Die Haare wild umgehangen,

Von blutigen Tropfen naß.

Zwei blutige Streifen sich schlangen,

Wie Kränzlein, ums Antlitz blaß.

 

Er grüßt’ sie so fürchterlich heiter,

Seine Braut wohl heißet er sie,

Da kannt sie mit Schaudern den Reiter,

Fällt nieder auf ihre Knie.

 

Er zielt’ mit dem Rohre durchs Gitter

Auf die schneeweiße Brust hin;

»Ach, wie ist das Sterben so bitter,

Erbarm dich, weil ich so jung noch bin!« –

 

Stumm blieb sein steinerner Wille,

Es blitzte so rosenrot,

Da wurd es auf einmal stille

Im Walde und Haus und Hof. –

 

Frühmorgens da lag so schaurig

Verfallen im Walde das Haus,

Ein Waldvöglein sang so traurig,

Flog fort über den See hinaus.

 

 

 

Das kalte Liebchen

Er.

Laß mich ein, mein süßes Schätzchen!

Sie.

Finster ist mein Kämmerlein.

Er.

Ach, ich finde doch ein Plätzchen.

Sie.

Und mein Bett ist eng und klein.

Er.

Fern komm ich vom weichen Pfühle.

Sie.

Ach, mein Lager ist von Stein.

Er.

Draußen ist die Nacht so kühle.

Sie.

Hier wird’s noch viel kühler sein.

Er.

Sieh! die Sterne schon erblassen.

Sie.

Schwerer Schlummer fällt mich an. –

Er.

Nun, so will ich schnell dich fassen!

Sie.

Rühr mich nicht so glühend an.

Er.

Fieberschauer mich durchbeben.

Sie.

Wahnsinn bringt der Toten Kuß. –

Er.

Weh! es bricht mein junges Leben!

Sie.

Mit ins Grab hinunter muß.

 

 

Die verlorene Braut

Vater und Kind gestorben

Ruhten im Grabe tief,

Die Mutter hatt erworben

Seitdem ein ander Lieb.

 

Da droben auf dem Schlosse

Da schallt das Hochzeitsfest,

Da lacht’s und wiehern Rosse,

Durchs Grün ziehn bunte Gäst.

 

Die Braut schaut’ ins Gefilde

Noch einmal vom Altan,

Es sah so ernst und milde

Sie da der Abend an.

 

Rings waren schon verdunkelt

Die Täler und der Rhein,

In ihrem Brautschmuck funkelt

Nur noch der Abendschein.

 

Sie hörte Glocken gehen

Im weiten, tiefen Tal,

Es bracht der Lüfte Wehen

Fern übern Wald den Schall.

 

Sie dacht: »O falscher Abend!

Wen das bedeuten mag?

Wen läuten sie zu Grabe

An meinem Hochzeitstag?«

 

Sie hört’ im Garten rauschen

Die Brunnen immerdar,

Und durch der Wälder Rauschen

Ein Singen wunderbar.

 

Sie sprach: »Wie wirres Klingen

Kommt durch die Einsamkeit,

Das Lied wohl hört ich singen

In alter, schöner Zeit.«

 

Es klang, als wollt sie’s rufen

Und grüßen tausendmal –

So stieg sie von den Stufen,

So kühle rauscht’ das Tal.

 

So zwischen Weingehängen,

Stieg sinnend sie ins Land

Hinunter zu den Klängen,

Bis sie im Walde stand.

 

Dort ging sie, wie in Träumen,

Im weiten, stillen Rund,

Das Lied klang in den Bäumen,

Von Quellen rauscht’ der Grund. –

 

Derweil von Mund zu Munde

Durchs Haus, erst heimlich sacht,

Und lauter geht die Kunde:

Die Braut irrt in der Nacht!

 

Der Bräut’gam tät erbleichen,

Er hört im Tal das Lied,

Ein dunkelrotes Zeichen

Ihm von der Stirne glüht.

 

Und Tanz und Jubel enden,

Er und die Gäst im Saal,

Windlichter in den Händen,

Sich stürzen in das Tal.

 

Da schweifen rote Scheine,

Schall nun und Rosseshuf,

Es hallen die Gesteine

Rings von verworrnem Ruf.

 

Doch einsam irrt die Fraue

Im Walde schön und bleich,

Die Nacht hat tiefes Grauen,

Das ist von Sternen so reich.

 

Und als sie war gelanget

Zum allerstillsten Grund,

Ein Kind am Felsenhange

Dort freundlich lächelnd stund.

 

Das trug in seinen Locken

Einen weißen Rosenkranz,

Sie schaut’ es an erschrocken

Beim irren Mondesglanz.

 

»Solch Augen hat das meine,

Ach meines bist du nicht,

Das ruht ja unterm Steine,

Den niemand mehr zerbricht.

 

Ich weiß nicht, was mir grauset,

Blick nicht so fremd auf mich!

Ich wollt, ich wär zu Hause.« –

»Nach Hause führ ich dich.«

 

Sie gehn nun miteinander,

So trübe weht der Wind,

Die Fraue sprach im Wandern:

»Ich weiß nicht, wo wir sind.

 

Wen tragen sie beim Scheine

Der Fackeln durch die Schluft?

O Gott, der stürzt’ vom Steine

Sich tot in dieser Kluft!«

 

Das Kind sagt: »Den sie tragen,

Dein Bräut’gam heute war,

Er hat meinen Vater erschlagen,

‘s ist diese Stund ein Jahr.

 

Wir alle müssen’s büßen,

Bald wird es besser sein,

Der Vater läßt dich grüßen,

Mein liebes Mütterlein.«

 

Ihr schauert’s durch die Glieder:

»Du bist mein totes Kind!

Wie funkeln die Sterne nieder,

Jetzt weiß ich, wo wir sind.« –

 

Da löst’ sie Kranz und Spangen,

Und über ihr Angesicht

Perlen und Tränen rannen,

Man unterschied sie nicht.

 

Und über die Schultern nieder

Rollten die Locken sacht,

Verdunkelnd Augen und Glieder,

Wie eine prächtige Nacht.

 

Ums Kind den Arm geschlagen,

Sank sie ins Gras hinein –

Dort hatten sie erschlagen

Den Vater im Gestein.

 

Die Hochzeitsgäste riefen

Im Walde auf und ab,

Die Gründe alle schliefen,

Nur Echo Antwort gab.

 

Und als sich leis erhoben

Der erste Morgenduft,

Hörten die Hirten droben

Ein Singen in stiller Luft.

 

 

 

Parole

Sie stand wohl am Fensterbogen

Und flocht sich traurig ihr Haar,

Der Jäger war fortgezogen,

Der Jäger ihr Liebster war.

 

Und als der Frühling gekommen,

Die Welt war von Blüten verschneit,

Da hat sie ein Herz sich genommen

Und ging in die grüne Heid.

 

Sie legt das Ohr an den Rasen,

Hört ferner Hufe Klang –

Das sind die Rehe, die grasen

Am schattigen Bergeshang.

 

Und abends die Wälder rauschen,

Von fern nur fällt noch ein Schuß,

Da steht sie stille, zu lauschen:

»Das war meines Liebsten Gruß!«

 

Da sprangen vom Fels die Quellen,

Da flogen die Vöglein ins Tal.

»Und wo ihr ihn trefft, ihr Gesellen,

Grüßt mir ihn tausendmal!«

 

 

Zauberblick

Die Burg, die liegt verfallen

In schöner Einsamkeit,

Dort saß ich vor den Hallen

Bei stiller Mittagszeit.

 

Es ruhten in der Kühle

Die Rehe auf dem Wall

Und tief in blauer Schwüle

Die sonn’gen Täler all.

 

Tief unten hört ich Glocken

In weiter Ferne gehn,

Ich aber mußt erschrocken

Zum alten Erker sehn.

 

Denn in dem Fensterbogen

Ein’ schöne Fraue stand,

Als hütete sie droben

Die Wälder und das Land.

 

Ihr Haar, wie ‘n goldner Mantel,

War tief herabgerollt;

Auf einmal sie sich wandte,

Als ob sie sprechen wollt.

 

Und als ich schauernd lauschte –

Da war ich aufgewacht,

Und unter mir schon rauschte

So wunderbar die Nacht.

 

Träumt ich im Mondesschimmer?

Ich weiß nicht, was mir graut,

Doch das vergeß ich nimmer,

Wie sie mich angeschaut!

 

 

 

Der verirrte Jäger

»Ich hab gesehn ein Hirschlein schlank

Im Waldesgrunde stehn,

Nun ist mir draußen weh und bang,

Muß ewig nach ihm gehn.

 

Frischauf, ihr Waldgesellen mein!

Ins Horn, ins Horn frischauf!

Das lockt so hell, das lockt so fein,

Aurora tut sich auf!«

 

Das Hirschlein führt den Jägersmann

In grüner Waldesnacht,

Talunter schwindelnd und bergan,

Zu nie gesehner Pracht.

 

»Wie rauscht schon abendlich der Wald,

Die Brust mir schaurig schwellt!

Die Freunde fern, der Wind so kalt,

So tief und weit die Welt!«

 

Es lockt so tief, es lockt so fein

Durchs dunkelgrüne Haus,

Der Jäger irrt und irrt allein,

Findt nimmermehr heraus. –

 

 

Die späte Hochzeit

Der Mond ging unter – jetzt ist’s Zeit. –

Der Bräut’gam steigt vom Roß,

Er hat so lange schon gefreit –

Da tut sich auf das Schloß,

Und in der Halle sitzt die Braut

Auf diamantnem Sitz,

Von ihrem Schmuck tut’s durch den Bau

Ein’n langen roten Blitz. –

Blass’ Knaben warten schweigend auf,

Still’ Gäste stehn herum,

Da richt’t die Braut sich langsam auf,

So hoch und bleich und stumm.

Sie schlägt zurück ihr Goldgewand,

Da schauert ihn vor Lust,

Sie langt mit kalter, weißer Hand

Das Herz ihm aus der Brust.

 

 

 

Die stille Gemeinde

Von Bretagnes Hügeln, die das Meer

Blühend hell umsäumen,

Schaute ein Kirchlein trostreich her

Zwischen uralten Bäumen.

 

Das Kornfeld und die Wälder weit

Rauschten im Sonntagsglanze,

Doch keine Glocken klangen heut

Vom grünen Felsenkranze.

 

Denn auf des Kirchhofs schatt’gem Grund

Die Jakobiner saßen,

Ihre Pferde alle Blumen bunt

Von den Grabeshügeln fraßen.

 

Sie hatten am Kreuz auf stiller Höh

Feldflasch und Säbel hangen,

Derweil sie, statt des Kyrie,

Die Marseillaise sangen.

 

Ihr Hauptmann aber lehnt’ am Baum,

Todmüde von schweren Wunden,

Und schaute wie im Fiebertraum

Nach dem tiefschwülen Grunde.

 

Er sprach verwirrt: »Da drüben stand

Des Vaters Schloß am Weiher,

Ich selbst steckt’s an; das war ein Brand,

Der Freiheit Freudenfeuer!

 

Ich seh ihn noch: wie durch den Sturm

Zwischen den feur’gen Zungen

Mein stolzer Vater da vom Turm

Sein Banner hat geschwungen.

 

Und als es war entlaubt vom Brand,

Die Fahn im Wind zerflogen:

Den Schaft als Kreuz nun in der Hand

Teilt’ er die Flammenwogen.

 

Er sah so wunderbar auf mich,

Ich konnt ihn nicht ermorden –

Da sank die Burg, er wandte sich

Und ist ein Pfaff geworden.

 

Seitdem hör ich in Träumen schwer

Von ferne Glocken gehen

Und seh in rotem Feuermeer

Ein Kreuz allnächtlich stehen.

 

Es sollen keine Glocken gehn,

Die Nächte zu verstören,

Kein Kreuz soll mehr auf Erden stehn,

Um Narren zu betören!

 

Und dieses Kirchlein hier bewacht,

Sie sollen nicht Messe singen,

Wir reißen’s nieder über Nacht,

Licht sei, wohin wir dringen!« –

 

Und als die Nacht schritt leis daher,

Der Hauptmann stand am Strande,

So still im Wald, so still das Meer,

Nur die Wachen riefen im Lande.

 

Im Wind die Glock von selbst anschlug,

Da wollt ein Hauch sich heben,

Wie unsichtbarer Engel Flug,

Die übers Wasser schweben.

 

Nun sieht er auch im Meere fern

Ein Lichtlein hell entglommen;

Er dacht, wie ist der schöne Stern

Dort in die Flut gekommen?

 

Am Ufer aber durch die Nacht

In allen Felsenspalten

Regt sich’s und schlüpft es leis und sacht,

Viel dunkle, schwanke Gestalten.

 

Nur manchmal von den Buchten her

Schallt Ruderschlag von weitem,

Auf Barken lautlos in das Meer

Sie nach dem Stern hin gleiten.

 

Der wächst und breitet sich im Nahn

Und streift mit Glanz die Wellen,

Es ist ein kleiner Fischerkahn,

Den Fackeln mild erhellen.

 

Und einsam auf des Schiffleins Rand

Ein Greis kommt hergezogen

In wunderbarem Meßgewand

Als wie der Hirt der Wogen.

 

Die Barken eine weite Rund

Dort um den Hirten machen,

Der laut nun überm Meeresgrund

Den Segen spricht im Nachen.

 

Da schwieg der Wind und rauscht’ das Meer

So wunderbare Weise,

Und auf den Knien lag ringsher

Die stille Gemeinde im Kreise.

 

Und als er das Kreuz hob in die Luft,

Hoch zwischen die Fackeln trat er –

Den Hauptmann schauert im Herzensgrund,

Es war sein alter Vater.

 

Da taumelt’ er und sank ins Gras

Betend im stillen Grunde,

Und wie Felsenquellen im Frühling brach

Sein Herzblut aus allen Wunden.

 

Und als die Gesellen kommen zum Strand,

Einen toten Mann sie finden –

Voll Graun sie sprengen fort durchs Land,

Als jagt’ sie der Tod in den Winden.

 

Die stürzten sich in den Krieg so weit,

Sie sind verweht und zerstoben,

Das Kirchlein aber steht noch heut

Unter den Linden droben.

 

 

 

Die deutsche Jungfrau

Es stand ein Fräulein auf dem Schloß,

Erschlagen war im Streit ihr Roß,

Schnob wie ein See die finstre Nacht,

Wollt überschrein die wilde Schlacht.

 

Im Tal die Brüder lagen tot,

Es brannt die Burg so blutigrot,

In Lohen stand sie auf der Wand,

Hielt hoch die Fahne in der Hand.

 

Da kam ein röm’scher Rittersmann,

Der ritt keck an die Burg hinan,

Es blitzt’ sein Helm gar mannigfach,

Der schöne Ritter also sprach:

 

»Jungfrau, komm in die Arme mein!

Sollst deines Siegers Herrin sein.

Will baun dir einen Palast schön,

In prächt’gen Kleidern sollst du gehn.

 

Es tun dein Augen mir Gewalt,

Kann nicht mehr fort aus diesem Wald,

Aus wilder Flammen Spiel und Graus

Trag ich mir meine Braut nach Haus!«

 

Der Ritter ließ sein weißes Roß,

Stieg durch den Brand hinauf ins Schloß,

Viel Knecht ihm waren da zur Hand,

Zu holen das Fräulein von der Wand.

 

Das Fräulein stieß die Knecht hinab,

Den Liebsten auch ins heiße Grab,

Sie selber dann in die Flamme sprang,

Über ihnen die Burg zusammensank.

 

 

 

Die wunderliche Prinzessin

Weit in einem Walde droben

Zwischen hoher Felsen Zinnen,

Steht ein altes Schloß erhoben,

Wohnet eine Zaubrin drinnen.

Von dem Schloß, der Zaubrin Schöne

Gehen wunderbare Sagen,

Lockend schweifen fremde Töne

Plötzlich her oft aus dem Walde.

Wem sie recht das Herz getroffen,

Der muß nach dem Walde gehen,

Ewig diesen Klängen folgend,

Und wird nimmermehr gesehen.

Tief in wundersamer Grüne

Steht das Schloß, schon halb verfallen,

Hell die goldnen Zinnen glühen,

Einsam sind die weiten Hallen.

Auf des Hofes stein’gem Rasen

Sitzen von der Tafelrunde

All die Helden dort gelagert,

Überdeckt mit Staub und Wunden.

Heinrich liegt auf seinem Löwen,

Gottfried auch, Siegfried der Scharfe,

König Alfred, eingeschlafen

Über seiner goldnen Harfe.

Don Quijote hoch auf der Mauer

Sinnend tief in nächt’ger Stunde,

Steht gerüstet auf der Lauer

Und bewacht die heil’ge Runde.

Unter fremdes Volk verschlagen,

Arm und ausgehöhnt, verraten,

Hat er treu sich durchgeschlagen,

Eingedenk der Heldentaten

Und der großen, alten Zeiten,

Bis er, ganz von Wahnsinn trunken,

Endlich so nach langem Streiten

Seine Brüder hat gefunden.

 

Einen wunderbaren Hofstaat

Die Prinzessin dorten führet,

Hat ein’n wunderlichen Alten,

Der das ganze Haus regieret.

Einen Mantel trägt der Alte,

Schillernd bunt in allen Farben

Mit unzähligen Zieraten,

Spielzeug hat er in den Falten.

Scheint der Monden helle draußen,

Wolken fliegen überm Grunde:

Fängt er draußen an zu hausen,

Kramt sein Spielzeug aus zur Stunde.

Und das Spielzeug um den Alten

Rührt sich bald beim Mondenscheine,

Zupfet ihn beim langen Barte,

Schlingt um ihn die bunten Kreise,

Auch die Blümlein nach ihm langen,

Möchten doch sich sittsam zeigen,

Ziehn verstohlen ihn beim Mantel,

Lachen dann in sich gar heimlich.

Und ringsum die ganze Runde

Zieht Gesichter ihm und rauschet,

Unterhält aus dunklem Grunde

Sich mit ihm als wie im Traume.

Und er spricht und sinnt und sinnet,

Bunt verwirrend alle Zeiten,

Weinet bitterlich und lachet,

Seine Seele ist so heiter.

 

Bei ihm sitzt dann die Prinzessin,

Spielt mit seinen Seltsamkeiten,

Immer neue Wunder blinkend

Muß er aus dem Mantel breiten.

Und der wunderliche Alte

Hielt sie sich bei seinen Bildern

Neidisch immerfort gefangen,

Weit von aller Welt geschieden.

Aber der Prinzessin wurde

Mitten in dem Spiele bange

Unter diesen Zauberblumen,

Zwischen dieser Quellen Rauschen.

Frisches Morgenrot im Herzen

Und voll freudiger Gedanken,

Sind die Augen wie zwei Kerzen,

Schön, die Welt dran zu entflammen.

Und die wunderschöne Erde,

Wie Aurora sie berühret,

Will mit ird’scher Lust und Schmerzen

Ewig neu sie stets verführen.

Denn aus dem bewegten Leben

Spüret sie ein Hochzeitsgrüßen,

Mitten zwischen ihren Spielen

Muß sie sich bezwungen fühlen.

 

Und es hebt die ewig Schöne,

Da der Morgen herrlich schiene,

In den Augen große Tränen,

Hell die jugendlichen Glieder.

»Wie so anders war es damals,

Da mich, bräutlich Ausgeschmückte.

Aus dem heimatlichen Garten

Hier herab der Vater schickte!

Wie die Erde frisch und jung noch,

Von Gesängen rings erklingend,

Schauernd in Erinnerungen,

Helle in das Herz mir blickte,

Daß ich, schamhaft mich verhüllend,

Meinen Ring, vom Glanz geblendet,

Schleudert in die prächt’ge Fülle,

Als die ew’ge Braut der Erde.

Wo ist nun die Pracht geblieben,

Treuer Ernst im rüst’gen Treiben,

Rechtes Tun und rechtes Lieben

Und die Schönheit und die Freude?

Ach! ringsum die Helden alle,

Die sonst schön und helle schauten,

Um mich in den lichten Tagen

Durch die Welt sich fröhlich hauten,

Strecken steinern nun die Glieder,

Eingehüllt in ihre Fahnen,

Sind seitdem so alt geworden,

Nur ich bin so jung wie damals. –

Von der Welt kann ich nicht lassen,

Liebeln nicht von fern mit Reden,

Muß im Arm lebendig fassen! –

Laß mich lieben, laß mich leben!«

 

Nun verliebt die Augen gehen

Über ihres Gartens Mauer,

War so einsam dort zu sehen

Schimmernd Land und Ström und Auen.

Und wo ihre Augen gingen:

Quellen aus der Grüne sprangen,

Berg und Wald verzaubert standen,

Tausend Vögel schwirrend sangen.

Golden blitzt es überm Grunde,

Seltne Farben irrend schweifen,

Wie zu lang entbehrtem Feste

Will die Erde sich bereiten.

Und nun kamen angezogen

Freier bald von allen Seiten,

Federn bunt im Winde flogen,

Jäger schmuck im Walde reiten.

Hörner munter drein erschallen

Auf und unter durch das Grüne,

Pilger fromm dazwischen wallen,

Die das Heimatsfieber spüren.

Auf vielsonn’gen Wiesen flöten

Schäfer bei schneeflock’gen Schafen,

Ritter in der Abendröte

Knien auf des Berges Hange,

Und die Nächte von Gitarren

Und Gesängen weich erschallen,

Daß der wunderliche Alte

Wie verrückt beginnt zu tanzen.

Die Prinzessin schmückt mit Kränzen

Wieder sich die schönen Haare,

Und die vollen Kränze glänzen

Und sie blickt verlangend nieder.

 

Doch die alten Helden alle,

Draußen vor der Burg gelagert,

Saßen dort im Morgenglanze,

Die das schöne Kind bewachten.

An das Tor die Freier kamen

Nun gesprengt, gehüpft, gelaufen,

Ritter, Jäger, Provenzalen,

Bunte, helle, lichte Haufen.

Und vor allen junge Recken

Stolzen Blicks den Berg berannten,

Die die alten Helden weckten,

Sie vertraulich Brüder nannten.

Doch wie diese uralt blicken,

An die Eisenbrust geschlossen,

Brüderlich die Jungen drücken,

Fallen die erdrückt zu Boden.

Andre lagern sich zum Alten,

Graust ihn’n gleich bei seinen Mienen,

Ordnen sein verworrnes Walten,

Daß es jedem wohlgefiele;

Doch sie fühlen schauernd balde,

Daß sie ihn nicht können zwingen,

Selbst zu Spielzeug sind verwandelt,

Und der Alte spielt mit ihnen.

Und sie müssen töricht tanzen,

Manche mit der Kron geschmücket

Und im purpurnen Talare

Feierlich den Reigen führen.

Andre schweben lispelnd lose,

Andre müssen männlich lärmen,

Rittern reißen aus die Rosse,

Und die schreien gar erbärmlich.

Bis sie endlich alle müde

Wieder kommen zu Verstande,

Mit der ganzen Welt im Frieden,

Legen ab die Maskerade.

»Jäger sind wir nicht, noch Ritter«,

Hört man sie von fern noch summen,

»Spiel nur war das – wir sind Dichter!« –

So vertost der ganze Plunder,

Nüchtern liegt die Welt wie ehe,

Und die Zaubrin bei dem Alten

Spielt’ die vor’gen Spiele wieder

Einsam wohl noch lange Jahre. –

 

 

 

Meeresstille

Ich seh von des Schiffes Rande

Tief in die Flut hinein:

Gebirge und grüne Lande

Und Trümmer im falben Schein

Und zackige Türme im Grunde,

Wie ich’s oft im Traum mir gedacht,

Das dämmert alles da unten

Als wie eine prächtige Nacht.

 

Seekönig auf seiner Warte

Sitzt in der Dämmrung tief,

Als ob er mit langem Barte

Über seiner Harfe schlief’;

Da kommen und gehen die Schiffe

Darüber, er merkt es kaum,

Von seinem Korallenriffe

Grüßt er sie wie im Traum.

 

 

 

Der zaubrische Spielmann

Nächtlich in dem stillen Grunde,

Wenn das Abendrot versank,

Um das Waldschloß in die Runde

Ging ein lieblicher Gesang.

 

Fremde waren diese Weisen

Und der Sänger unbekannt,

Aber, wie in Zauberkreisen,

Hielt er jede Brust gebannt.

 

Hinter blühnden Mandelbäumen

Auf dem Schloß das Fräulein lauscht –

Drunten alle Blumen träumen,

Wollüstig der Garten rauscht.

 

Und die Wellen buhlend klingen,

Ringend in geheimer Lust

Kommt das wunderbare Singen

An die süß verträumte Brust.

 

»Warum weckst du das Verlangen,

Das ich kaum zur Ruh gebracht?

Siehst du hoch die Lilien prangen?

Böser Sänger, gute Nacht!

 

Sieh, die Blumen stehn voll Tränen,

Einsam die Viole wacht,

Als wollt sie sich schmachtend dehnen

In die warme Sommernacht.

 

Wohl von süßem, rotem Munde

Kommt so holden Sanges Macht –

Bleibst du ewig dort im Grunde,

Unerkannt in stiller Nacht?

 

Ach, im Wind verfliegt mein Grüßen!

Einmal, eh der Tag erwacht,

Möcht ich deinen Mund nur küssen,

Sterbend so in süßer Nacht!

 

Nachtigall, verliebte, klage

Nicht so schmeichelnd durch die Nacht! –

Ach! ich weiß nicht, was ich sage,

Krank bin ich und überwacht.«

 

Also sprach sie, und die Lieder

Lockten stärker aus dem Tal,

Rings durchs ganze Tal hallt’s wider

Von der Liebe Lust und Qual.

 

Und sie konnt nicht widerstehen,

Enge ward ihr das Gemach,

Aus dem Schlosse mußt sie gehen

Diesem Zauberstrome nach.

 

Einsam steigt sie von den Stufen

Ach! so schwüle weht der Wind:

Draußen süß die Stimmen rufen

Immerfort das schöne Kind.

 

Alle Blumen trunken lauschen,

Von den Klängen hold durchirrt,

Lieblicher die Brunnen rauschen,

Und sie eilet süß verwirrt. –

 

Wohl am Himmel auf und nieder

Trieb der Hirt die goldne Schar,

Die Verliebte kehrt nicht wieder,

Leer nun Schloß und Garten war.

 

Und der Sänger seit der Stunde

Nicht mehr weitersingen will,

Rings im heimlich kühlen Grunde

War’s vor Liebe selig still.

 

 

 

Das kranke Kind

Die Gegend lag so helle,

Die Sonne schien so warm,

Es sonnt sich auf der Schwelle

Ein Kindlein krank und arm.

 

Geputzt zum Sonntag heute

Ziehn sie das Tal entlang,

Das Kind grüßt alle Leute,

Doch niemand sagt ihm Dank.

 

Viel Kinder jauchzen ferne,

So schön ist’s auf der Welt!

Ging’ auch spazieren gerne,

Doch müde stürzt’s im Feld.

 

»Ach Vater, liebe Mutter,

Helft mir in meiner Not! –«

Du armes Kind! die ruhen

Ja unterm Grase tot.

 

Und so im Gras alleine

Das kranke Kindlein blieb,

Frug keiner, was es weine,

Hat jeder seins nur lieb.

 

Die Abendglocken klangen

Schon durch die stille Welt,

Die Engel Gottes sangen

Und gingen übers Feld.

 

Und als die Nacht gekommen

Und alles das Kind verließ,

Sie haben’s mitgenommen,

Nun spielt’s im Paradies.

 

 

 

Der Schatzgräber

Wenn alle Wälder schliefen,

Er an zu graben hub,

Rastlos in Berges Tiefen

Nach einem Schatz er grub.

 

Die Engel Gottes sangen

Derweil in stiller Nacht,

Wie rote Augen drangen

Metalle aus dem Schacht.

 

»Und wirst doch mein!« und grimmer

Wühlt er und wühlt hinab,

Da stürzen Steine und Trümmer

Über dem Narren herab.

 

Hohnlachen wild erschallte

Aus der verfallnen Kluft,

Der Engelgesang verhallte

Wehmütig in der Luft.

 

 

 

Die Räuberbrüder

»Vorüber ist der blut’ge Strauß,

Hier ist’s so still, nun ruh dich aus.«

 

»Vom Tal herüber kommt die Luft;

Horch, hörst du nichts? Die Mutter ruft.«

 

»Die Mutter ist ja lange tot,

Eine Glocke klingt durchs Morgenrot.«

 

»Lieb Mutter, hab nicht solches Leid,

Mein wildes Leben mich gereut. –«

 

»Was sinkst du auf die Knie ins Gras?

Deine Augen dunkeln, du wirst so blaß.« –

 

Es war von Blut der Grund so rot,

Der Räuber lag im Grase tot.

 

Da küßt der Bruder den bleichen Mund:

»Dich liebt ich recht aus Herzensgrund.«

 

Vom Fels dann schoß er noch einmal

Und warf die Büchse tief ins Tal.

 

Drauf schritt er durch den Wald zur Stadt:

»Ihr Herrn, ich bin des Lebens satt.

 

Hie ist mein Haupt, nun richtet bald,

Zum Bruder legt mich in den Wald.«

 

 

 

Sonst

Es glänzt der Tulpenflor, durchschnitten von Alleen,

Wo zwischen Taxus still die weißen Statuen stehen,

Mit goldnen Kugeln spielt die Wasserkunst im Becken,

Im Laube lauert Sphinx, anmutig zu erschrecken.

 

Die schöne Chloe heut spazieret in dem Garten,

Zur Seit ein Kavalier, ihr höflich aufzuwarten,

Und hinter ihnen leis Cupido kommt gezogen,

Bald duckend sich im Grün, bald zielend mit dem Bogen.

 

Es neigt der Kavalier sich in galantem Kosen,

Mit ihrem Fächer schlägt sie manchmal nach dem Losen,

Es rauscht der taftne Rock, es blitzen seine Schnallen,

Dazwischen hört man oft ein art’ges Lachen schallen.

 

Jetzt aber hebt vom Schloß, da sich’s im West will röten,

Die Spieluhr schmachtend an, ein Menuett zu flöten,

Die Laube ist so still, er wirft sein Tuch zur Erde

Und stürzet auf ein Knie mit zärtlicher Gebärde.

 

»Wie wird mir, ach, ach, ach, es fängt schon an zu dunkeln –«

»So angenehmer nur seh ich zwei Sterne funkeln –«

»Verwegner Kavalier!« – »Ha, Chloe, darf ich hoffen? –«

Da schießt Cupido los und hat sie gut getroffen.

 

 

 

Der Kehraus

Es fiedeln die Geigen,

Da tritt in den Reigen

Ein seltsamer Gast,

Kennt keiner den Dürren,

Galant aus dem Schwirren

Die Braut er sich faßt.

 

Hebt an, sich zu schwenken

In allen Gelenken.

Das Fräulein im Kranz:

»Euch knacken die Beine –«

»Bald rasseln auch deine,

Frisch auf spielt zum Tanz!«

 

Die Spröde hinterm Fächer,

Der Zecher vom Becher,

Der Dichter so lind,

Muß auch mit zum Tanze,

Daß die Lorbeern vom Kranze

Fliegen im Wind.

 

So schnurret der Reigen

Zum Saal raus ins Schweigen

Der prächtigen Nacht,

Die Klänge verwehen,

Die Hähne schon krähen,

Da verstieben sie sacht. –

 

So ging’s schon vorzeiten

Und geht es noch heute,

Und hörest du hell

Aufspielen zum Reigen,

Wer weiß, wem sie geigen –

Hüt dich, Gesell!

 

 

 

Der armen Schönheit Lebenslauf

Die arme Schönheit irrt auf Erden,

So lieblich Wetter draußen ist,

Möcht gern recht viel gesehen werden,

Weil jeder sie so freundlich grüßt.

 

Und wer die arme Schönheit schauet,

Sich wie auf großes Glück besinnt,

Die Seele fühlt sich recht erbauet,

Wie wenn der Frühling neu beginnt.

 

Da sieht sie viele schöne Knaben,

Die reiten unten durch den Wind,

Möcht manchen gern im Arme haben,

Hüt dich, hüt dich, du armes Kind!

 

Da ziehn manch redliche Gesellen,

Die sagen: »Hast nicht Geld, noch Haus,

Wir fürchten deine Augen helle,

Wir haben nichts zum Hochzeitsschmaus.«

 

Von andern tut sie sich wegdrehen,

Weil keiner ihr so wohl gefällt,

Die müssen traurig weitergehen,

Und zögen gern ans End der Welt.

 

Da sagt sie: »Was hilft mir mein Sehen,

Ich wünscht, ich wäre lieber blind,

Da alle furchtsam von mir gehen,

Weil gar so schön mein’ Augen sind.« –

 

Nun sitzt sie hoch auf lichtem Schlosse,

In schöne Kleider putzt sie sich,

Die Fenster glühn, sie winkt vom Schlosse,

Die Sonne sinkt, das blendet dich.

 

Die Augen, die so furchtsam waren,

Die haben jetzt so freien Lauf,

Fort ist das Kränzlein aus den Haaren,

Und hohe Federn stehn darauf.

 

Das Kränzlein ist herausgerissen,

Ganz ohne Scheu sie mich anlacht;

Geh du vorbei: sie wird dich grüßen,

Winkt dir zu einer schönen Nacht. –

 

Da sieht sie die Gesellen wieder,

Die fahren unten auf dem Fluß,

Es singen laut die lust’gen Brüder,

So furchtbar schallt des einen Gruß:

 

»Was bist du für ‘ne schöne Leiche!

So wüste ist mir meine Brust,

Wie bist du nun so arm, du Reiche,

Ich hab an dir nicht weiter Lust!«

 

Der Wilde hat ihr so gefallen,

Laut schrie sie auf bei seinem Gruß,

Vom Schloß möcht sie herunterfallen,

Und unten ruhn im kühlen Fluß. –

 

Sie blieb nicht länger mehr da oben,

Weil alles anders worden war,

Vor Schmerz ist ihr das Herz erhoben,

Da ward’s so kalt, doch himmlisch klar.

 

Da legt sie ab die goldnen Spangen,

Den falschen Putz und Ziererei,

Aus dem verstockten Herzen drangen

Die alten Tränen wieder frei.

 

Kein Stern wollt nicht die Nacht erhellen,

Da mußte die Verliebte gehn,

Wie rauscht der Fluß! die Hunde bellen,

Die Fenster fern erleuchtet stehn.

 

Nun bist du frei von deinen Sünden,

Die Lieb zog triumphierend ein,

Du wirst noch hohe Gnade finden,

Die Seele geht in Hafen ein.

 

Der Liebste war ein Jäger worden,

Der Morgen schien so rosenrot,

Da blies er lustig auf dem Horne,

Blies immerfort in seiner Not.

 

 

 

Die Hochzeitsnacht

Nachts durch die stille Runde

Rauschte des Rheines Lauf,

Ein Schifflein zog im Grunde,

Ein Ritter stand darauf.

 

Die Blicke irre schweifen

Von seines Schiffes Rand,

Ein blutigroter Streifen

Sich um das Haupt ihm wand.

 

Der sprach: »Da oben stehet

Ein Schlößlein überm Rhein,

Die an dem Fenster stehet:

Das ist die Liebste mein.

 

Sie hat mir Treu versprochen,

Bis ich gekommen sei,

Sie hat die Treu gebrochen,

Und alles ist vorbei.«

 

Viel Hochzeitleute drehen

Sich oben laut und bunt,

Sie bleibet einsam stehen,

Und lauschet in den Grund.

 

Und wie sie tanzen munter,

Und Schiff und Schiffer schwand,

Stieg sie vom Schloß herunter,

Bis sie im Garten stand.

 

Die Spielleut musizierten,

Sie sann gar mancherlei,

Die Töne sie so rührten,

Als müßt das Herz entzwei.

 

Da trat ihr Bräut’gam süße

Zu ihr aus stiller Nacht,

So freundlich er sie grüßte,

Daß ihr das Herze lacht.

 

Er sprach: »Was willst du weinen,

Weil alle fröhlich sein?

Die Stern so helle scheinen,

So lustig geht der Rhein.

 

Das Kränzlein in den Haaren

Steht dir so wunderfein,

Wir wollen etwas fahren

Hinunter auf dem Rhein.«

 

Zum Kahn folgt’ sie behende,

Setzt’ sich ganz vorne hin,

Er setzt’ sich an das Ende

Und ließ das Schifflein ziehn.

 

Sie sprach: »Die Tone kommen

Verworren durch den Wind,

Die Fenster sind verglommen,

Wir fahren so geschwind.

 

Was sind das für so lange

Gebirge weit und breit?

Mir wird auf einmal bange

In dieser Einsamkeit!

 

Und fremde Leute stehen

Auf mancher Felsenwand,

Und stehen still und sehen

So schwindlig übern Rand.« –

 

Der Bräut’gam schien so traurig

Und sprach kein einzig Wort,

Schaut in die Wellen schaurig

Und rudert immerfort.

 

Sie sprach: »Schon seh ich Streifen

So rot im Morgen stehn,

Und Stimmen hör ich schweifen,

Vom Ufer Hähne krähn.

 

Du siehst so still und wilde,

So bleich wird dein Gesicht,

Mir graut vor deinem Bilde –

Du bist mein Bräut’gam nicht!« –

 

Da stand er auf – das Sausen

Hielt an in Flut und Wald –

Es rührt mit Lust und Grausen

Das Herz ihr die Gestalt.

 

Und wie mit steinern’n Armen

Hob er sie auf voll Lust,

Drückt ihren schönen, warmen

Leib an die eis’ge Brust. –

 

Licht wurden Wald und Höhen,

Der Morgen schien blutrot,

Das Schifflein sah man gehen,

Die schöne Braut drin tot.

 

 

 

Von Engeln und von Bengeln

Im Frühling auf grünem Hügel

Da saßen viel Engelein,

Die putzten sich ihre Flügel

Und spielten im Sonnenschein.

 

Da kamen Störche gezogen,

Und jeder sich eines nahm,

Und ist damit fortgeflogen,

Bis daß er zu Menschen kam.

 

Und wo er anklopft’ bescheiden

Der kluge Adebar,

Da war das Haus voller Freuden –

So geht es noch alle Jahr.

 

Die Engel weinten und lachten

Und wußten nicht, wie ihn’n geschehn. –

Die einen doch bald sich bedachten,

Und meinten: das wird wohl gehn!

 

Die machten bald wichtige Mienen

Und wurden erstaunlich klug,

Die Flügel gar unnütz ihn’n schienen,

Sie schämten sich deren genug.

 

Und mit dem Flügelkleide

Sie ließen den Flügelschnack,

Das war keine kleine Freude:

Nun stattlich in Hosen und Frack!

 

So wurden sie immer gescheuter

Und applizierten sich recht –

Das wurden ansehnliche Leute,

Befanden sich gar nicht schlecht.

 

Den andern war’s, wenn die Aue

Noch dämmert’ im Frühlingsschein,

Als zöge ein Engel durchs Blaue

Und rief’ die Gesellen sein.

 

Die suchten den alten Hügel,

Der lag so hoch und weit –

Und dehnten sehnsüchtig die Flügel

Mit jeder Frühlingszeit.

 

Die Flügeldecken zersprangen,

Weit, morgenschön strahlt’ die Welt,

Und übers Grün sie sich schwangen

Bis an das Himmelszelt.

 

Das fanden sie droben verschlossen,

Versäumten unten die Zeit –

So irrten die kühnen Genossen,

Verlassen in Lust und Leid. –

 

Und als es nun kam zum Sterben,

Gott Vater zur Erden trat,

Seine Kinder wieder zu werben,

Die der Storch vertragen hat.

 

Die einen konnten nicht fliegen,

So wohlleibig, träg und schwer,

Die mußt Er da lassen liegen,

Das tat ihm leid so sehr.

 

Die andern streckten die Schwingen

In den Morgenglanz hinaus,

Und hörten die Engel singen,

Und flogen jauchzend nach Haus!

 

 

 

Valet

Ade nun, liebe Lieder,

Ade, du schöner Sang!

Nun sing ich wohl nicht wieder

Vielleicht mein Leben lang.

 

Einst blüht’ von Gottes Odem

Die Welt so wunderreich,

Da in den grünen Boden

Senkt ich als Reiser euch.

 

Jetzt eure Wipfel schwanken

So kühle über mir,

Ich stehe in Gedanken

Gleichwie im Walde hier.

 

Da muß ich oft noch lauschen

In meiner Einsamkeit,

Und denk bei eurem Rauschen

Der schönen Jugendzeit.

 

 

8. Aus dem Spanischen

 

Vom Strande

Ich rufe vom Ufer

Verlorenes Glück,

Die Ruder nur schallen

Zum Strande zurück.

 

Vom Strande, lieb Mutter,

Wo der Wellenschlag geht,

Da fahren die Schiffe,

Mein Liebster drauf steht.

Je mehr ich sie rufe,

Je schneller ihr Lauf,

Wenn ein Hauch sie entführet,

Wer hielte sie auf?

Der Hauch meiner Klagen

Die Segel nur schwellt,

Je mehr mein Verlangen

Zurücke sie hält!

Verhielt’ ich die Klagen:

Es löst’ sie der Schmerz,

Und Klagen und Schweigen

Zersprengt mir das Herz.

 

Ich rufe vom Ufer

Verlorenes Glück,

Die Ruder nur schallen

Zum Strande zurück.

 

So flüchtige Schlösser,

Wer könnt ihn’n vertraun

Und Liebe, die bliebe,

Mit Freuden drauf baun?

Wie Vögel im Fluge,

Wo ruhen sie aus?

So eilige Wandrer

Sie finden kein Haus,

Zertrümmern der Wogen

Grünen Kristall,

Und was sie berühren

Verwandelt sich all,

Es wandeln die Wellen

Und wandelt der Wind –

Meine Schmerzen im Herzen

Beständig nur sind.

 

Ich rufe vom Ufer

Verlorenes Glück,

Die Ruder nur schallen

Zum Strande zurück.

 

Die Musikantin

Schwirrend Tamburin, dich schwing ich,

Doch mein Herz ist weit von hier.

 

Tamburin, ach könntst du’s wissen,

Wie mein Herz von Schmerz zerrissen,

Deine Klänge würden müssen

Weinen um mein Leid mit mir.

 

Weil das Herz mir will zerspringen,

Laß ich hell die Schellen klingen,

Die Gedanken zu versingen

Aus des Herzens Grunde mir.

 

Schöne Herren, tief im Herzen

Fühl ich immer neu die Schmerzen,

Wie ein Angstruf ist mein Scherzen,

Denn mein Herz ist weit von hier.

 

 

Turteltaube und Nachtigall

Bächlein, das so kühle rauschet,

Tröstest alle Vögelein,

Nur das Turteltäubchen trauert,

Weil’s verwitwet und allein.

 

Nachtigallenmännchen draußen

Schmettert so verlockend drein:

»Mir vertraue, süße Fraue,

Will dein Lieb, dein Liebster sein!«

 

»Böser, laß die falschen Lieder!

Ruh auf keinem Zweig, der blüht,

Laß auf keiner Au mich nieder,

Die von schönen Blumen glüht.

 

Wo ich finde eine Quelle

Helle in dem grünen Haus,

Mit dem Schnabel erst die Welle

Trüb ich, eh ich trink daraus.

 

Einsam soll man mich begraben,

Laß mich trauernd hier allein,

Will nicht Trost, nicht Lust mehr haben,

Nicht dein Weib, noch Liebchen sein!«

 

Graf Arnold und der Schiffer

Wem begegnet’ je solch Wunder,

Als Graf Arnold ist geschehn,

Da er am Johannesmorgen

Wollt am Meere jagen gehn?

 

Auf dem Meer ein Schifflein fahren

Sah er, als ob’s landen wollt,

Seiden seine Segel waren

Und das Tauwerk war von Gold.

 

Fing der Schiffer da zu singen,

Wunderbar zu singen an,

Daß die Wogen leiser gingen,

Wind hielt seinen Atem an;

 

Daß die Fische lauschend stiegen

Tief aus ihrem kühlen Haus,

Und die Vögel, die da fliegen,

Auf dem Maste ruhten aus:

 

»Durch die Einsamkeit der Wogen,

Schifflein, lenk dich Gottes Hand

An Gibraltars Felsenbogen,

An dem tück’schen Mohrenstrand.

 

Flandern gürten sand’ge Banken,

Bei Leon da steht ein Riff,

Wo schon viele Schiffe sanken,

Hüt dich Gott, mein schönes Schiff!«

 

»Schiffer!« rief der Graf am Strande,

»Schiffer, lehre mich dein Lied!« –

Doch der Schiffer lenkt’ vom Lande:

»Lehr’s nur den, der mit mir zieht.«

 

 

Der Hochzeitstanz

Wie so zierlich in dem Saale

Führt die Braut den Hochzeitsreihn,

Wie so mutig schaut Graf Martin

In die freud’gen Klänge drein!

 

Und sie im Vorüberschweifen

Flüstert: »Graf, was sinnet Ihr?

Sagt mir, schaut Ihr nach dem Tanze,

Oder blicket Ihr nach mir?«

 

»Hab schon manchen Tanz gesehen,

Und das war’s nicht, was ich sann,

Eure Schönheit mich verblendet,

Eure Augen tun mir’s an.«

 

»Wenn so schöne meine Augen,

Führt mich hier vom Tanze heim,

Alt und grau schon ist mein Bräut’gam

Und er holt uns nimmer ein.«

 

 

Blanka

»Blanker seid Ihr, meine Herrin,

Blanker, als der Sonne Strahl!

Einmal sorglos möcht ich schlafen

Ohne Waffen diese Nacht,

Denn wohl sieben lange Jahre

Legt ich nicht die Rüstung ab,

Dunkler schon als ruß’ge Kohlen

Ist mein junger Leib vom Stahl.«

 

»Ruhet diese Nacht nur, Ritter,

Schlaft entwaffnet ohne Arg,

Denn der Graf ist fern im Walde,

Jagend über Berg und Tal.

Wollt, der Sturm zerriss’ die Hunde

Und der Adler ihm den Falk,

Und die Berg, im Grunde wankend,

Stürzten ihn vom Fels herab!«

 

Drauf, heimkehrend aus dem Walde,

Trat ins Zimmer ihr Gemahl:

»Was hier einsam sinnt Ihr, Dame?

Euer Stamm ist voll Verrat.« –

»Herr, ich kämme meine Locken,

Kämme sie mit großem Gram,

Weil Ihr so allein mich lasset,

Draußen schweifend auf der Jagd. –«

»Diese Worte, schöne Blanka,

Haben einen falschen Klang,

Wessen ist das Roß im Hofe,

Dessen Wiehern dort erschallt?« –

»Meines Vaters Rößlein ist es,

Das er Euch geschickt zur Jagd.« –

»Wessen sind die blanken Waffen,

Die ich leuchten sah im Gang?« –

»Herr, ‘s sind meines Bruders Waffen,

Euch hat er sie heut gesandt.« –

»Wessen ist die fremde Lanze,

Die dort herblinkt von der Wand?« –

»Nehmt sie rasch und stoßt mich nieder,

Das verdien ich, guter Graf!«

 

 

Die Jungfrau und der Ritter

Eine Jungfrau wandert’ einsam

In dem wunderschönen Frankreich,

Gen Paris sie wollte ziehen,

Wo die Eltern ihrer harrten;

Von den Ihren abgekommen,

Hatt sie sich verirrt im Walde,

Lehnte sich an eine Eiche,

Andre Wandrer abzuwarten.

 

Kam ein Ritter da geritten,

Gleichfalls gen Paris er trabte.

»Wenn es Euch beliebt, Herr Ritter,

Nehmt mich mit aus diesem Walde. –«

»Herzlich gerne, schöne Herrin!«

Und, ihr höflich aufzuwarten,

Sprang der Ritter von dem Rosse,

Hob hinauf sie, in den Sattel

Drauf sich selber zu ihr schwingend.

 

Aber als sie so im Walde

Einsam ritten, da begann er

Ihr verliebt den Hof zu machen.

»Hüt dich, Ritter, sei nicht schändlich,

Ein Todkranker war mein Vater

Und verpestet meine Mutter,

Siech und elend müßt verschmachten,

Wer mich frevelhaft berührte. –«

Und der Ritter schwieg erblassend.

Aber in Paris am Tore

Still in sich die Jungfrau lachte.

»Warum lacht Ihr, schöne Herrin?« –

Ȇber den feigen Ritter lach ich,

Der sein Mädchen hat im Freien

Und nichts macht als Redensarten!«

 

Voller Scham sprach da der Ritter:

»Kehrt noch einmal um zum Walde,

Habe draußen was vergessen.«

Doch die schlaue Jungfrau sagte:

»Nimmer kehr ich um, und tät ich’s,

Keiner doch wagt’s, mir zu nahen,

Denn ich bin die Tochter Frankreichs,

Und der König ist mein Vater,

Und wer meinen Leib berührte,

Müßt’s mit seinem Kopf bezahlen.«

 

 

Herkules’ Haus

König Rodrich in Toledo,

Seiner Krone Glanz zu mehren,

Ließ ein groß Turnier verkünden.

Hell schon die Trompeten schmettern,

Sechzigtausend Ritter kamen,

Die zu kämpfen dort begehrten.

Doch, bevor der Kampf begonnen,

Zu ihm die Toleder treten

Bittend, daß er Tor und Riegel

Woll mit neuem Schloß versehen

An des Herkules Palaste,

Wie’s bisher der Brauch gewesen.

Aber in dem alten Hause

Dacht er, reichen Schatz zu heben,

Ließ die Riegel all zerbrechen

Und des Tempels Tore sprengen.

 

Als er eintrat, war’s so still drin,

Nur ein Spruch glänzt’ ihm entgegen:

»Weh dir, Rodrich, denn der König,

Der betreten diese Schwelle,

Der gebrochen diese Stille,

Wird Hispanien versengen!«

Seitwärts hinter einem Pfeiler

War ein prächt’ger Schrank zu sehen,

Drinnen lagen fremde Banner

Mit Figuren zum Erschrecken,

Und Araber, hoch zu Rosse,

Funkelnd mit gezückten Schwertern,

Hielten an dem Schrein die Wache,

Lautlos, ohne sich zu regen. –

Rodrich wandt sich vor Entsetzen,

Wollt fortan nichts weiter sehen,

Und ein Blitzstrahl zuckt’ vom Himmel

Und verbrannt den Zaubertempel.

 

Übers Meer wohl sandt er Kriegsvolk,

Sollten Afrika erwerben,

Wetter stiegen, wo sie fuhren,

Mußten all im Meer verderben.

 

 

Donna Urraca

Schon in Trümmern lag Zamora,

Das der stolze Cid umzingelt,

Auf den Turm da trat Urraca,

Rief von den zerschoßnen Zinnen:

»Übermüt’ger Cid da drunten,

Solltest dich der Zeit erinnern,

Da am Altar von Sankt Jago,

Sie geschlagen dich zum Ritter!

An dem Tage gab mein Vater

Waffen dir zum Angebinde,

Meine Mutter gab dein Roß dir.

Wie so fein die Sporen klingen!

Ich hab dir sie umgebunden –

Damals schien’s, wir schieden nimmer,

Anders wollten’s meine Sünden,

Anders wandten’s die Geschicke:

Mit Ximene von Lozano

Tauschtest treulos du die Ringe.

Schlecht gezielet, Don Rodrigo!

Höhres Ziel war dir beschieden,

Kron und Reich, die ich dir brachte,

Gabst du hin für Silberlinge

Und verlorst die Königstochter,

Um die Magd dir zu gewinnen!«

 

»Auf, mein Volk«, rief da der Ritter,

»Auf und wendet euch von hinnen!

Denn ein Pfeil dort durch die Lüfte

Schwirrte von des Turmes Zinnen,

Ohne Eisen war die Spitze,

Hat mir doch das Herz zerrissen,

Und kein Heilkraut gibt’s auf Erden,

Muß fortan nun trostlos irren!«

 

 

Durandartes Abschied

»Durandarte, Durandarte,

Ritterlich in Lust und Streit,

Bitt dich, laß uns einmal plaudern

Wieder von der alten Zeit.

 

Denkst du noch der schönen Tage,

Wo du mir dein Herz geweiht,

Und in Sang und Ritterspielen

Vor der Welt um mich gefreit?

 

Wieviel Mohren warfst du nieder,

Rief ich zum Turniere dich!

Fast kenn ich dich jetzt nicht wieder,

Sag, warum vergaßt du mich?« –

 

»Schmeichelnd klingen solche Worte

Und verlockend ist die Huld,

Aber wenn mein Herz sich wandte,

Euer, Dame, ist die Schuld.

 

Wohl weiß ich’s, für Gaiferos

Waret Ihr in Lieb entbrannt,

Als ich trostlos und geächtet

Irrte fern im fremden Land.

 

Drum, wenn Ihr von Lieb jetzt redet,

Habt Ihr’s weislich nicht bedacht,

Denn um nicht die Schmach zu tragen,

Wend ich mich in Todesnacht.«

 

 

Durandartes Tod

»O Belerma, o Belerma,

Du geboren mir zum Unheil!

Sieben Jahr dient ich dir treulich,

Hab mir doch kein Lieb errungen,

Und jetzt, da du mich erhörtest,

Muß ich in der Schlacht verbluten.

Nicht die Todesstimmen fürcht ich,

Wenn sie auch so früh mich rufen,

Darum nur ist Tod so bitter,

Weil er mir dein Bild verdunkelt.

O mein Vetter Montesinos,

Wenn sich meine Seel entschwungen,

Bringt mein Herze zu Belerma,

Wollt ihr meinetwegen huld’gen,

Bitten, daß sie mein gedenke,

Der so treu um sie gerungen.

Gebt ihr alle meine Länder,

Die ich freudig einst bezwungen;

Da mein Lieb nun untergehet,

Sei all Gut mit ihr versunken! –

Montesinos, Montesinos,

Heiß brennt diese Lanzenwunde,

Müde schon ist meine Rechte,

Aus viel Quellen hier verblut ich,

‘s wird so kühl nun – ach die Augen,

Die uns ausziehn sahn so mutig,

Sehn uns nimmermehr in Frankreich. –

Drückt noch einmal an die Brust mich,

Vetter, denn ich sprech verworren

Und vor meinen Augen dunkelt’s,

Euch befehl ich all mein Sorgen

Und vertraue Eurem Schwure,

Denn der Herr, an den Ihr glaubet,

Höret uns in dieser Stunde.«

 

Tot nun ruhet Durandarte

In dem stillen Felsengrunde,

Weinend löst ihm Montesinos

Helm und seiner Rüstung Gurte,

Löst sein Herze für Belerma

Mit dem Dolche aus der Brust ihm

Und begrub ihn unterm Felsen,

Sprach dabei aus Herzensgrunde:

»O mein Vetter Durandarte,

Tapfrer Degen, Herzensbruder,

Was soll ich fortan auf Erden,

Da die Mohren dich erschlugen!«

 

 

Donna Alda

In Paris saß Donna Alda,

Rolands Braut, im hohen Saal

Und mit ihr dreihundert Damen,

Ihrer Gespielinnen Schar;

Alle waren gleich beschuhet,

Alle trugen gleich Gewand,

Aßen rund um eine Tafel

Von demselben Brot zumal,

Donna Alda ausgenommen,

Weil sie ihre Herrin war.

Hundert spannen goldne Fäden,

Hundert woben Tepp’che zart,

Hundert aber musizierten,

Sie zu trösten mit Gesang.

 

Donna Alda war entschlummert

Bei der Instrumente Klang,

Plötzlich fuhr sie auf, laut schreiend,

Daß man’s hört’ bis in die Stadt.

 

Zu ihr sprachen da die Jungfraun:

»Wer tat Euch was Schlimmes an? –«

»Einen Traum hatt ich, ihr Mädchen,

Der mir großen Schrecken gab:

Einsam im Gebirge stand ich,

Durch die Öde flog ein Falk,

Hinterdrein ein junger Adler,

Drängend ihn in wilder Jagd,

So geängstigt stürzt der Falke

Flüchtend sich in mein Gewand,

Doch der Aar mit seinen Fängen

Hatt ihn zornig schon umkrallt,

Riß den Falken mir in Stücke,

Streut’ die Federn übern Plan.«

 

Drauf zu der erschrocknen Herrin

Eins der Kammerfräulein sprach:

»Diesen Traum will ich Euch deuten:

Euer Bräut’gam ist der Falk,

Der sich übers Meer verflogen,

Eure Schönheit ist der Aar,

Der den wilden Edelfalken

Sich im Flug gefangen hat,

Und das Hochgebirg die Kirche,

Wo man traut Euch am Altar. –«

»Reichlich wohl will ich dir’s lohnen,

Liebes Mädchen, sprichst du wahr.«

 

Kam ein Brief am andern Morgen,

Drin mit Blut geschrieben war,

Daß ihr Roland war gefallen

In der Schlacht von Roncesval.

 

 

Das Waldfräulein

Falke war im Wald verflogen

Und die Hunde irrten weit,

Jagdmüd lehnt’ an eine Eiche

Sich der Ritter im Gestein,

Eine Jungfrau da erschrocken

In des Wipfels Dunkelheit

Sah er stehen, ihre Locken

Rings umgaben Stamm und Zweig.

»Staune nicht und laß dein Grauen,

Bin ein Königstöchterlein,

Sieben Zauberfraun mich haben

Auf der Amme Schoß gefeit,

Daß ich sieben Jahr muß wohnen

Hier in Waldeseinsamkeit.

Sieben Jahr sind heut verflossen

Oder morgen um die Zeit,

Bitte dich um Gottes willen,

Führ mich aus dem Walde heim,

Will als Ehefrau dir dienen,

Oder auch dein Liebchen sein.«

 

»Fräulein, noch bis morgen frühe

Harret in dem Walde mein,

Hab zu Haus ‘ne weise Mutter,

Will erst fragen, was sie meint.« –

Sie vom Baum rief: »Weh dem Ritter,

Der die Jungfrau läßt allein!«

 

Er ritt fort, sie blieb im Walde,

Mutter riet, er sollt sie frein.

 

Als er morgens kehrt’ zurücke,

War’s so stille im Gestein,

Konnt den Baum nicht wiederfinden,

Aber weit, vom Walde weit

Sah er ziehn ein Fähnlein Reiter,

Führten fort das Waldfräulein;

Und er stürzt zu Boden nieder

In der grünen Einsamkeit:

»Schwer Gericht verdient der Ritter,

Der verloren solche Maid!

Ich will selbst den Stab mir brechen,

Ich will selbst mein Richter sein,

Abhaun soll man mir die Rechte

Und mich schleifen durch die Heid!«

 

 

Weh Valencia!

Eingeschlossen war Valencia,

Konnte kaum sich länger wahren,

Weil sich die Almoraviden

Zögernd nicht zum Beistand wandten.

Da dies sah ein alter Maure:

Auf des höchsten Turmes Warte

Stieg er schweigend da, noch einmal

Zu beschauen Stadt und Lande.

Und wie sie herauf so leuchten,

Brach das Herz ihm bei dem Glanze;

Gramvoll mit prophet’schem Munde

Also von dem Turme sprach er:

»O Valencia, o Valencia,

Würd’ge Herrscherin der Lande,

Deine heitre Pracht muß sinken,

So sich Gott nicht dein erbarmet!

Die vier Felsen, drauf du thronest,

Würden, wenn sie könnten, klagen,

Deine festen Mauern seh ich

Von dem wilden Anlauf wanken,

Deine Türme, die so trostreich

Über Land und Völker ragen,

Werden unaufhaltsam stürzen,

Deine Zinnen, gleich Kristallen,

Ihren Wunderglanz verlöschen,

Und dein mächt’ger Guadalaviar

Wird aus seinen Ufern steigen,

Trüben jeden Bach im Lande.

In den trocknen Wasserkünsten

Funkeln nimmermehr die Strahlen,

Rings in deinen schönen Gärten,

Die fortan verwildernd ranken,

Werden Hirsche einsam grasen,

Alles fröhl’che Grün zernagend.

Keinen Duft mehr haucht die Luft her,

Wo vieltausend Blumen standen,

Muß das Glühen all verblühen;

Wo jetzt Schiffe kommen, fahren,

Liegt verödet Strand und Hafen,

Und vom weiten Bergeskranze,

Den du mächtig einst beherrschtest,

Schlagen blutrot auf die Flammen,

Daß das Qualmen dich erblindet

Rings von deiner Länder Brande,

Bis, als eine Todeswunde

Alles Volk dich hat verlassen. –

O Valencia, o Valencia,

Helf dir Gott in jenen Tagen!

Oft schon hab ich es verkündet,

Was ich weinend jetzt beklage.«

 

 

 

Gottfried August Bürger – Gedichte

Gedichte (Ausgabe 1789) von Gottfried August Bürger als EPUB downloaden

Bürger, Gottfried August

 

Gedichte (Ausgabe 1789)

 

Vorrede

 

Weise Männer trauen der Dichtkunst das Vermögen zu, nicht nur den Ohren und Herzen der Edlen zu schmeicheln, sondern auch manche wichtige Kraft der Menschennatur zum Anbau und Genuß des Schönen und Guten zu erhöhen. Sollte diese Wirkung einige Töne dieser Lieder begleiten, so würde das den Sänger des Blümchens Wunderhold, der von der göttlichen Kunst groß, von sich selbst aber sehr mäßig denkt, freilich noch nicht berechtigen, in Prosa nun eben so zu stolzieren, als es in Versen bisweilen wohl kleiden mag. Allein er dürfte doch einen bescheidenen Mut gegen diejenigen fassen, vor welchen auch der beste Dichter, vermutlich weil er so titel- und brotlos ist, ein sehr überflüssiges Nebengeschöpf zu sein scheinet. Der Niedergeschlagene, zwar weit entfernt auf Sonnenrang Anspruch zu machen, brauchte sich doch alsdann in der großen Welt- und Wesenkette nicht für unnützer und verdienstloser, als wenigstens den Zephyr zu halten. Der Flatterer, der Tändler, der Gaukler, oder wie er sonst noch gescholten werden mag, treibt zwar weder Kriegs- und Handelsschiffe, noch große Mühlen zur unmittelbaren Leibesnahrung und Notdurft: allein er hilft doch Blumen aus den Knospen schmeicheln und süße Früchte zur Reife bringen, Blumen und Früchte, welche vielen wohlgebornen und wohl erzogenen Gemütern große Freude machen und ungemein wohl bekommen. Er wehet den Lieblingen der Natur nach des Tages Last und Hitze die Wohlgerüche des Frühlings zu; er trocknet dem Wanderer die Pfade, dem Müden die nasse Stirn ab; er kühlt dem Schnitter die glühenden Wangen, erquickt entatmete Busen, und stärkt erschlaffte Nerven zu neuen Anstrengungen. Sollten die Ansprüche des Dichters auf ähnliche Verdienste, wofern er sonst nur dem Genius der Kunst genug thäte, gegründet sein: so wären sie ja auch wohl nicht so unbescheiden, daß sie verdienten niedergeschlagen zu werden. Alles, was zur Vollkommenheit und zum Wohlsein des Menschen, der doch bekanntlich noch etwas mehr, als bloß Körper ist, auf irgend eine Weise beiträgt, das verdient von verständigen und gerechten Menschen als etwas Nützliches angesehen und geschätzet zu werden. Kann die schöne, geist- und herzvolle Schwester im Hause ein solches von sich rühmen, so mag es ihr wohl nicht zum gerechten Vorwurfe gereichen, daß sie sich nicht auch auf Kochen, Backen und Brauen verstehet. Sie ist freilich keine Partie für den Gast-und Speisewirt: allein es gibt auch immer noch andere wackere Männer, deren Hauptsache es gerade nicht ist, um bloße Köchinnen oder Schaffnerinnen mit Schlüsselbündeln zu werben. Sie selbst aber wird wiederum auf diese nie deswegen mit spöttischem Übermut blicken, wird ihnen nicht das mindeste von ihren verdienten Ehren entziehen, ja selbst jeden Vortritt, den sie verlangen, sehr willig einräumen. Denn je mehr Verstand, Herz und Geschmack: desto mehr Gerechtigkeit, Toleranz und Bescheidenheit.

Mein geringes Verdienst darf ich nur auf einige Töne gründen. Denn nur von einigen wage ich es zu hoffen, daß sie mein poetisches Dasein nicht ganz ohne Wert für mein Vaterland lassen werden. Für die ungleich größere Menge der unvollkommenen, die wenig oder nichts, ja vielleicht – o hätte mich doch mein guter Genius davor bewahret! – vielleicht wohl gar schlecht auf Herz und Geschmack wirken, von welchen allen es, wie bei Shakespear von Macbeths Unholdinnen heißen möchte:

 

Poetry hath bubbles, as the water has;

And these are of them –

 

bedarf ich gewiß sehr großer Nachsicht. Ein gehöriger Grad der Strenge bei dieser neuen Ausgabe meiner teils 1778 bereits gesammelten, teils nachher einzeln erschienenen, und endlich gegenwärtig ganz neu hinzugefügten Gedichte, hätte vielleicht mehr, als die Hälfte derselben, ganz verwerfen, und von dem Reste wohl abermals mehr, als die Hälfte wegschneiden, oder doch ganz anders zur Vollkommenheit empor arbeiten müssen. Enthält diese Sammlung, sowohl in Materie als Form, ächtes poetisches Gold, so fassen es, ausgebrannt und von den Schlacken gereinigt, vermutlich nur wenige Bogen.

Warum ich denn nun aber diesen Prozeß nicht vorgenommen habe? – Aufrichtig zu reden, ich trauete mir selbst nicht Unbefangenheit genug zu. Nicht, daß ich aus Autorliebe gefürchtet hätte, vieles zu fest, sondern vielmehr zu lose zu halten, was meiner gegenwärtigen Stimmung – vielleicht auch Verstimmung – mißfällt, gleichwohl aber mehrern Lesern noch angenehm sein kann. Die Reduktion sei daher lieber der Kritik und dem Geschmacke des gebildeten Publikums überlassen. Aus Ehrfurcht und Gefälligkeit gegen dasselbe bin ich sehr bereit, alles, was sein Urteil verwirft, ohne Widerrede mit zu verwerfen. Ohne Bedauern habe ich dies schon mit mehrern Kleinigkeiten gethan, welche einiges Mißfallen erregt zu haben schienen. Es ist daher gewiß keine Grimasse, sondern hoher und ungeheuchelter Ernst, wenn ich um die strengste, wiewohl freilich auch besonnenste, Beurteilung, und für kein einziges dieser Gedichte, ja nicht für einen Vers, nicht für ein Wort, um unverdiente Schonung bitte. Für meine Person hingegen wünsche ich allerdings, daß der ehrwürdige Richter nicht mich selbst mit Verdruß und Unwillen ansehen wolle, wenn ich das Gefühl des Schönen und Guten wider meinen Willen irgend wo beleidigt haben sollte. Der Wunsch, meinem Vaterlande in diesem Zweige der Litteratur, sei er nun viel oder wenig wert, keine Schande zu machen; ja wo möglich es dahin zu bringen, daß die Edlen sich meiner ein wenig freuen dürften; dieser Wunsch wird erst mit meinem Leben erkalten. Von ihm beseelt, werde ich, wenn diese Sammlung nun noch eine rechtmäßige Auflage erleben sollte, der erste und eifrigste sein, in das Grab der Vernichtung und Vergessenheit hinabzutreten, alles was deutschen Geist und Geschmack vor Gegenwart und Zukunft entehren könnte.

 

Herzlich bitte ich indessen den guten Genius unserer Litteratur wegen mancher bösen Nachahmung um Verzeihung, wozu ich durch mein Beispiel, sowohl vorhin, als vielleicht itzt abermals, den Unmündigen vorgeleuchtet haben mag. Ich will mich nicht damit entschuldigen, daß dieses auch oft durch gute und untadelhafte Beispiele geschehen könne, wenn es dem Nachahmer an Beurteilungskraft und Geschmack mangelt. Wohl aber will ich diejenigen, die etwa allzusehr von meiner Weise eingenommen sein möchten, aufrichtig vor mir selbst gewarnet haben; damit ich künftig nur für meine eigenen, nicht aber auch noch für fremde Vergehungen zu büßen haben möge. Wenn diejenigen, welche so zuversichtlich meinem Ansehen folgen zu können glauben, wüßten, wie ängstlich und verzagt ich oft selbst bin: so würden sie einem so schwachen Führer sich nicht anvertrauen.

Es ist überhaupt ein sehr mißliches Unternehmen, fremde Eigenheiten nachzuahmen. Demjenigen, dessen Eigenheiten es sind, pflegen sie gemeiniglich so innig natürlich und geläufig zu sein, daß er sie selbst nicht eher an sich gewahr wird, als bis ihn ein Dritter aufmerksam darauf macht. Eben daher aber, und weil sie so ganz zu seiner übrigen Individualität passen, kleiden sie auch nur ihren Eigentümer entweder gut, oder doch wenigstens erträglich, den Nachahmer hingegen oft unausstehlich. Nachahmer fremder Manieren kommen mir immer nicht anders vor, als Kosacken oder Bettler. Sie stecken sich in geraubte oder erbettelte Kleider, wovon ihnen selten ein Stück völlig gerecht sein wird.

Sind denn nun aber alle guten und bösen Worte, jedem Original seine Weise für sich zu lassen, vergebens; ist alles Bitten und Flehen umsonst, ihm den vielleicht sonst zu seinem und des Publikums Besten noch lange fortblühenden Handel nicht vor der Zeit durch tagtägliche Nachäffereien zu Grunde zu richten; indem man ja auch der besten Töne auf dem besten Instrument endlich überdrüssig werden muß, wenn ihrer Wiederholungen gar kein Ende ist1; soll und muß denn schlechterdings auch ich, der geringste von allen, die ihr eigenes Instrument auf eigene Weise spielten, nachgeahmt werden; wiewohl unter allen möglichen Mitteln, meine Hochachtung und Liebe zu gewinnen, dieses gewiß das unglücklichste ist: so rate ich doch wohlmeinend, hierzu nicht gerade meine Eigenheiten zu wählen, bevor sie nicht eine zuverlässige Kritik ausdrücklich gut geheißen hat. Denn ich befürchte sehr, daß die Kritik viele derselben nur mir aus Güte und Nachsicht stillschweigend hingeben läßt, weil ich ihr vielleicht nicht von andern Tugenden gänzlich entblößt scheine. Nach einigen bin ich mir wenigstens eines sehr eifrigen Bestrebens bewußt, wenn auch in der Ausführung die Kraft nicht immer dem Willen die Wage halten sollte. Wie wenn aber dennoch die ehrwürdige Göttin mein Bestreben nach Klarheit, Bestimmtheit, Abrundung, Ordnung und Zusammenklang der Gedanken und Bilder; nach Wahrheit, Natur und Einfalt der Empfindungen; nach dem eigentümlichsten und treffendsten, nicht eben aus der toten Schrift- sondern mitten aus der lebendigsten Mundsprache, aufgegriffenen Ausdrucke derselben; nach der pünktlichsten grammatischen Richtigkeit, nach einem leichten, ungezwungenen, wohlklingenden Reim- und Versbau, hin und wieder zu erkennen glaubte, und mir bloß darum manchen verwerflichen Bürgerianismus verziehe: würde und dürfte sie nun auch meinem Nachahmer, der an dies alles nicht gedacht hätte, gleiche Huld widerfahren lassen? – Wenn ich wirklich, was man mir bisweilen nachgerühmt hat, ein Volksdichter bin, so habe ich dies schwerlich meinen Hopp Hopp, Hurre Hurre, Huhu u.s.w. schwerlich diesem oder jenem Kraftausdrucke, den ich vielleicht nur durch einen Mißgriff aufgehascht, schwerlich dem Umstande zu verdanken, daß ich ein Paar Volksmärchen in Verse und Reime gebracht habe. Nein, dem unablässigen Bestreben nach den vorhin genannten Tugenden muß ichs zu verdanken haben; dem Bestreben, daß dem Leser sogleich alles unverschleiert, blank und bar, ohne Verwirrung, in das Auge der Phantasie springe, was ich ihm anzuschauen, daß alles sogleich die rechte Saite seiner Empfindsamkeit treffe, was ich ihm habe zu empfinden geben wollen.

In meiner Nachtfeier, in dem hohen Liede und einigen andern regt sich freilich etwas alte Mythologie, die aber auch fast populär ist, oder sich doch mit wenigen Worten selbst einem Kinde erklären läßt. Wenn indessen, höchstens nur diese Mythologie abgerechnet, in jenen Gedichten nicht eben der Geist der Popularität, das ist, der Anschaulichkeit und des Lebens für unser ganzes gebildetes Volk, – Volk! Nicht Pöbel! – als in der Lenore und ihres gleichen herrscht und erkannt wird: so fühle ich mich durch den Ehrennamen eines Volksdichters nur sehr wenig geschmeichelt. In diesem Sinne habe ich es gemeint, was ich schon in der Vorrede zur ersten Ausgabe, (die ich übrigens zu vergessen bitte,) von Volkspoesie behauptet, nur aber ein wenig abenteuerlich ausgedrückt habe. Ich hätte sagen sollen, was ich auch noch jetzt, und wie ich meine, nicht ohne Besonnenheit, behaupte: Popularität eines poetischen Werkes ist das Siegel seiner Vollkommenheit. Wer diesen Satz sowohl in der Theorie als Ausübung verleugnet, der mißleitet das ganze Geschäft der Poesie, und arbeitet ihrem wahren Endzweck entgegen. Er zieht diese so allgemein menschliche Kunst aus dem ihr bestimmten Wirkungskreise, von dem Markte des Lebens hinweg, und verbannet sie in enge Zellen, ähnlich denen, worin der Meßkünstler mißt und rechnet, oder der Metaphysiker, wenigen Schülern höchst schwer, oder gar nicht verständlich, etwas vorgrübelt. Diese Erklärung mag nun noch immer, wie vorhin, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Thorheit sein, so kann ich doch nicht aufhören, die Poesie für eine Kunst zu halten, die zwar von Gelehrten, aber nicht für Gelehrte, als solche, sondern für das Volk ausgeübt werden muß. In den Begriff des Volkes aber müssen nur diejenigen Merkmale aufgenommen werden, worin ungefähr alle, oder doch die ansehnlichsten Klassen überein kommen. Ich glaube mit nichten, daß dieser Begriff schimärisch, oder für den Dichter unfruchtbar sei, wiewohl ich ganz und gar die Folgerung nicht soweit getrieben haben will, daß nun jedes Gedicht Jedermann in gleichem Maße verständlich und behaglich sein soll. Anstatt einer umständlichen philosophischen Entwickelung sei es mir erlaubt, meine Meinung nur in einem ganz gemeinen Gleichnisse anschaulich zu machen. Der Schuhmacher, welcher mit einer großen Anzahl zum voraus verfertigter Schuhe zu Markte ziehet, weiß sehr wohl, daß seine Schuhe nicht auf alle Füße passen werden. Es gibt allerdings Abweichungen ins Große und ins Kleine, und selbst Menschen gehen bisweilen auf Pferdefüßen. Deswegen ist doch aber sein allgemeiner Maßstab, wonach er sich richtet, kein Unding; und ob mir, dem gewöhnlichen Manne, gleich nicht alle seine hundert oder tausend Paar Schuhe wie angegossen passen; so könnte ich doch wohl, wenn es drauf ankäme, in allen hundert und tausend Paaren ganz leidlich einhergehn. Wenig Nutzen würde hingegen sowohl ihm, als dem Publikum seine Bude gewähren, wenn er nur Zwerg-oder Riesenschuhe zu Markte gebracht hätte. Einige Paar von beiderlei Abweichungen mögen immer mit unterlaufen. Wahrlich, es ist ein wahres Wort, was schon längst ein scharfsinniger Britte gesagt hat: Human Nature is the same in all reasonable creatures; and whatever falls in with it, will meet with admirers amongst Readers of all Qualities and Conditions2. Dies ist ungefähr meine Meinung von Volkspoesie, und ich glaube zu wissen, was ich sage.

 

Doch ich verliere mich fast von meinem Wege. Ich wollte nur warnen, daß man meine angebliche Popularität nicht in etwas setzen und nachahmen möchte, worin sie gewiß nicht, wenigstens nicht allein bestehet, noch bestehen darf, wenn sie mir zur Ehre, und meinen Werken zum Lebensbalsam über das Restchen dieses Jahrhunderts hinaus gereichen soll. In dem Sinne, wie ich ein Volksdichter, oder lieber ein populärer Dichter zu sein wünsche, ist Homer, wegen der spiegelhellen Durchsichtigkeit und Temperatur seines Gesangstromes, der größte Volksdichter aller Völker und Zeiten, sind es, mehr oder weniger, alle großen Dichter, auch die unsrigen, und gerade in ihren allgemein geliebtesten und unsterblichsten Versen, unendlich mehr als ich gewesen. Was sie nicht populär gedichtet haben, das ist zuverlässig bei ihren lebendigen Leibern bereits vergessen, oder gar niemals in die Vorstellungskraft und das Gedächtnis ihrer Leser aufgenommen worden. Mit gutem Vorbedacht gebe ich daher alles, was ich nicht populär, nicht innerhalb des allgemein anschaulichen und empfindbaren poetischen Horizontes gedichtet habe, wenn auch nicht gerade als Fehler, dennoch als etwas preis, woran ich selbst am wenigsten Wohlgefallen habe.

 

Es thut mir leid, daß ich hier so viel von mir selbst reden muß, welches, wie ich wohl weiß, nicht fein läßt. Ich bin mir indessen bewußt, daß ich von mir selbst so unbefangen und gleichgültig, als von einem fremden Manne rede. Auch geschieht es minder mir, als der Kunst und ihren Jüngern zu Liebe. Denn unter andern auch darum entledige ich mein Herz über Nachahmung, oder vielmehr Nachäffung, welche anstatt des Kernes die Schale ergreift, weil ich eine Überschwemmung von schlechten Sonnetten befürchte, wenn die wenigen, die ich versucht habe, Beifall gewinnen sollten. Diese Gedichtform, deren sich die neuern Ausländer, besonders Italiäner, noch bis auf den heutigen Tag sehr häufig bedienen, war auch bei unsern ältern Dichtern nicht wenig im Gange. Der Zwang aber, die Plumpheit und der Übelklang, womit die meisten, wo nicht alle, deutschen Sonnette dahinstolperten, brachte vermutlich nachher, bei mehrerer Kultur des Geschmackes, diese Form, bis auf wenige Ausnahmen in neuern Zeiten3, aus dem Gebrauch und fast ganz in Vergessenheit. Wenn bessere Dichter oder Kunstrichter ihrer ja noch erwähnten, so geschah es mit einer Art Geringschätzung, womit man etwa von der Kunst sprechen möchte, Hirsenkörner durch ein Nadelöhr zu werfen. Die undankbare Schwierigkeit des Sonnettes ward beinahe, und zwar in Sonnetten selbst, zum Sprichworte. Kurz, man hielt die Kunst des Sonnettes für nicht viel besser, als die Kunst der Anagrammen, Logogryphen, Akrostichen, Chronogrammen und Rätsel. Allein mir däucht denn doch, man sprach davon nur wie der Fuchs von den Trauben, indem der Vorwurf des Zwanges und der Unbehülflichkeit mehr dem Dichter, als der Form und unserer Sprache gebühret. Ein gutes deutsches Sonnett kann demjenigen, der nur einigermaßen Ohr hat, seiner Sprache mächtig ist, und ihren Knoten, deren sie freilich leider! genug hat, auszuweichen verstehet, nicht viel schwerer sein, als jedes andre kleine gute Gedicht von diesem Umfange; und wenn es gut ist, so schlägt es mit ungemein lieblichen Klängen an Ohr und Herz. Das Hin- und Herschweben seiner Rhythmen und Reime wirkt auf meine Empfindung beinahe eben so, als ein von einem schönen, anmutigen, bescheidenen jungen Paare, schön und mit bescheidener Anmut getanztes kleines Menuet, und in dieser Stimmung halte ich es für sehr wahr, was Boileau sagt:

 

Un sonnet sans défaut vaut seul un long poëme.

 

Es ist aber, glaube ich, nicht allein alsdann gut, wann seine mechanischen Regeln, die nach Boileau4 Apoll aus Bizarrerie für dasselbe erfunden und festgesetzt haben soll, auf das genaueste beobachtet werden, wiewohl man, pour pousser au bout tous les rimeurs, und um die Unberufenen abzuwehren, wohl thut, dieselben auf das genaueste beizubehalten. Sondern vornehmlich alsdann ist das Sonnett gut, wann sein Inhalt ein kleines, volles, wohl abgerundetes Ganzes ist, das kein Glied merklich zu viel, oder zu wenig hat, dem der Ausdruck überall so glatt und faltenlos, als möglich, anliegt, ohne jedoch im mindesten die leichte Grazie seiner hin und her schwebenden Fortbewegung zu hemmen. Es muß aus der Seele, es muß von Zunge und Lippen gleiten, glatt und blank, wie der Aal, welcher der Hand entschlüpfend auf dem betauten Grase sich hinschlängelt. Wenn man versuchte, das gute und vollkommene Sonnett in Prose aufzulösen, so müßte es einem schwer werden, eine Sylbe, ein Wort, einen Satz aufzugeben, oder anders zu stellen, als alles das im Verse stehet. Ja sogar die überall äußerst richtig, voll und wohl tönenden Reimwörter müssen nicht nur irgendwo im Ganzen, sondern auch gerade an ihren Stellen, um des Inhalts willen, unentbehrlich scheinen. – Und ist denn das etwa nicht schwer genug? – Allerdings! Allein dem Meister der Kunst doch nicht so gar viel schwerer und zwangvoller, als jedes andre kleine Lied. Darf denn dieses etwas andres sein, als gleichsam ein Hauch, leicht aus der Brust empor gehoben und von den Lippen weggeblasen; nicht aber herausgewürgt, gehustet, geräuspert, gekrächzet, geröchelt? – Wie weit ich meinen eigenen Foderungen Genüge geleistet, das ziemet mir nicht zu entscheiden. Soviel aber darf ich behaupten, daß mein junger vortrefflicher Freund, August Wilhelm Schlegel, dessen großem poetischen Talent, Geschmack und Kritik, mit mannigfaltigen Kenntnissen verbunden, schon sehr frühe die gehörige Richtung gaben, nach jenen Foderungen ohne Anstoß Sonnette verfertigt hat, die das eigensinnigste Ohr des Kenners befriedigen müssen. Ich kann mich nicht enthalten, mit einem derselben diese Vorrede zu würzen, und mich zugleich dadurch zu rechtfertigen, daß ich das Wort der Weihe, in meinem ganzen Leben das erste, an diesen Lieblingsjünger, dessen Meister ich gern heißen möchte, wenn solche Jünger nicht ohne Meister fertig würden, nicht wider die Gebühr verschwendet habe:

 

 

 

Das Lieblichste

 

Sanft entschläft sich’s an bemoosten Klippen,

Bei der dunkeln Quelle Sprudelklang.

Lieblich labt’s, wann Glut das Mark durchdrang,

Traubensaft in Tropfen einzunippen.

 

Himmlisch dem, der je aus Aganippen

Schöpfte, tönt geweihter Dichter Sang.

Göttlich ist der Liebe Wonnempfang

Auf des Mädchens unentweihten Lippen.

 

Aber Eines ist mir noch bewußt,

Das der Himmel seinen liebsten Söhnen

Einzig gab, die Wonne milder Thränen;

 

Wann der Geist, von Ahndung und von Lust

Rings umdämmert, auf der Wehmut Wellen

Wünscht in Melodieen hinzuquellen.

Das Sonnett ist übrigens eine sehr bequeme Form, allerlei poetischen Stoff von kleinerm Umfange, womit man sonst nichts anzufangen weiß, auf eine sehr gefällige Art an den Mann zu bringen. Es nimmt nicht nur den kürzern lyrischen und didaktischen sehr willig auf, sondern ist auch ein schicklicher Rahm um kleine Gemälde jeder Art, eine artige Einfassung zu allerlei Bescherungen für Freunde und Freundinnen. –

 

Noch geziemet sich hier ein Wort der Entschuldigung wegen des Verzuges dieser schon so lange angekündigten neuen Auflage. Meine Absicht war gut, ob ich sie gleich nicht erreichet habe. Ich wollte nicht allein einer ziemlichen Anzahl poetischer Bruchstücke in meinem Pulte die Vollendung, sondern auch den bereits vorhandenen Gedichten einen höhern Grad der Vollkommenheit zu geben suchen, um hernach mit desto mehr Gemütsruhe von der Muse des Gesanges ganz Abschied nehmen zu können. Allein das Klima, die Lage, die Leibes- und Seelenstimmung, worin ich mich befand, waren Produkten dieser Art nicht günstig; und vergebens hoffte ich von einem Jahr in das andre im Buche des Schicksals das Blatt umzuschlagen, worauf Verbesserung geschrieben stünde. Der Anfragen und Anmahnungen, welche indessen entweder herzliches Wohlwollen, oder leere Höflichkeit, bisweilen auch wohl Unbescheidenheit, an mich ergehen ließen, wurden mir denn doch zuletzt zu viele. Ich mußte mich daher entschließen, wenigstens das hiermit zu geben, was sich bis hieher kümmerlich hatte durchwintern lassen. Ich bin nun zwar längst nicht mehr eitel genug, mir einzubilden, als ob das Zurückbleibende ein erheblicher Verlust für das Publikum sei: indessen gibt es doch wohl immer noch gute Freunde und Freundinnen, denen es leid darum ist, und welche ihre Ansprüche darauf im Herzen behalten. Diese muß ich bitten, mich nun nicht weiter zu fragen, von mir nichts mehr zu fodern, nichts mehr zu erwarten. Es kann Lagen und Stimmungen geben, in denen einem dergleichen, anstatt zu schmeicheln, nur zur Last fällt. Zwar will ich mich nicht selbst schon der absoluten Ohnmacht des Alters anklagen, wiewohl ich allerdings über den Johannistag des Lebens hinaus bin, und das Beispiel der alsdann verstummenden Nachtigall die Dichter zu erinnern scheinet, daß sie ihren im Lenz ersungenen Ruhm, in dem schwülen Nachsommer, oder kalten, feuchten Herbste nicht wieder versingen sollen. Auch will ich mir nicht etwa das lächerlich vornehme Ansehn geben, als ob der Umgang mit der jugendlichen, Geist und Herz erhebenden Schönen unter der Würde eines gesetzten Mannes sei, der auch wohl außerdem noch eins und das andre gelernt hat, und auszurichten im Stande ist. Denn schien mir jemals etwas des Spottes, der Verachtung wert, so war es jener dünnethuende Bettelstolz, womit mancher Titulado sich beigehen ließ, auf die Leier Apollons, die er wohl gar selbst in seiner Jugend gespielt, hernach aber mit dem Schreiberkiel vertauscht hatte, als auf eine Kinderklapper herab zu blicken. Die Ergreifung dieses gemeinen Lehr- und Nährkieles ist zwar keinesweges auch dem allerhochadeligsten Göttersohne zu verargen, wenn allerlei Leibesbedürfnisse ihn endlich aus der Gesellschaft der schönen Pierinnen vertreiben. Aber deswegen nun von ihren göttlichen Gaben, und den edlen Vorteilen, welche diese zur Bildung des Geistes und des Gemütes gewährten, wie von den Pfeffernüssen der Frau Pate zu sprechen, das ist eine Thorheit, die glaube ich nur in dem gelehrten Deutschland Mode ist, und in England, Frankreich und Italien, wo man mehr auf Geistes- als Faustwerke hält, vermutlich laut ausgepfiffen werden dürfte. Vor einer solchen Thorheit wird mich mein bißchen Vernunft und Einsicht in den Wert der Menschen und ihrer Beschäftigungen hoffentlich auf immer bewahren. Wenn ich den Umgang mit meiner göttlichen Freundin für die Zukunft nicht eben verschwöre, – denn wer wollte das thun? – aber doch zu meiden mich bestrebe; so geschieht es lediglich um deswillen, damit während der Zeit, da die Herren und Damen sich, wie es ihnen selbst zu sagen beliebt, an meinen Liedern ergötzen, nicht ich selbst in mancher Rücksicht mich allzu unergötzlich befinden möge. Dergleichen wäre nun zwar nicht zu besorgen, wenn alle Dinge im werten deutschen Vaterlande so stünden, wie sie unmaßgeblich stehen sollten. Denn alsdann würde z.B. ein von dem Publikum geliebter Schriftsteller, sei er nun Dichter oder Prosaist, quem Deus nec mensa nec Dea dignata cubili est, die besten Jahre seiner Geisteskraft und Thätigkeit auf die Vollendung einiger vorzüglichen Kunstwerke, die aber auch nun desto mehr Unterricht und Vergnügen, desto mehr Ehre seinem Volk und Zeitalter gewährten, nicht zu seinem selbsteigenen Nachteil verwenden. Vielmehr würde er, da diese Werke vermutlich sehr gern gelesen und häufig gekauft werden würden, sich dadurch eine kleine, sichere und ihm wohl nicht zu mißgönnende Rente auf die unscheltbarste Weise erworben haben. Diese wäre vielleicht hinreichend, ihn gegen manche Unannehmlichkeiten zu schützen, welche die Energie seines Geistes schwächten und sein Leben verbitterten, ohne daß er weiter genötigt wäre, irgend einer sterblichen fürstlichen oder unfürstlichen Seele zur Last zu fallen. Allein es soll weise, gerechte, dankbare und großmütige Staatsvorsteher in Deutschland geben, denen vermutlich ein weit höheres Maß von Einsicht und Beurteilungskraft, als unsern philosophischen und juristischen Matadoren, vermutlich ein unendlich feineres moralisches Gefühl, als den Edelsten unseres Volks zu teil geworben ist. Diese sollen nicht der Meinung sein, daß ein Werk der Litteratur auch alsdann noch seinem Verfasser oder Verleger eigentümlich gehöre, wann es in das Publikum zu jedem beliebigen Gebrauche, außer zum Nachdrucke, ausgegangen ist. Eben dieselben sollen auch nicht dafür halten, daß es die gelehrten, geist-und herzreichen, geschmackvollen, beredten Schriftsteller in Prosa und Versen sind, welche dem Verstande Licht, dem Herzen Rechtschaffenheit und Adel, der ganzen Empfindsamkeit Stimmung zu den schönsten und edelsten Melodieen, den Sitten Glätte, Geschmeidigkeit und Anmut, allen Leibes- und Geisteskünsten Vollkommenheit und Schönheit verleihen. Sie sollen es sich nicht träumen lassen, daß jene Schriftsteller es sind, welche den Fürstenthronen Festigkeit und Glanz, den Staaten Reichtum, Macht und Ehre, und überhaupt dem ganzen menschlichen Geschlecht mehr Heil und Segen zur Vollkommenheit und Glückseligkeit in dieser und jener Welt gewähren, als ihre Kriegsscharen mit aller Gewalt wieder niederzusäbeln, ihre Feuergewehre niederzudonnern im Stande sind. Nun, wem glauben sie denn wohl sonst dieses alles, wem glauben sie es verdanken zu müssen, daß sie nicht mehr über Wilde und Barbaren, sondern über aufgeklärte, edle, gesittete, milde und getreue Völker herrschen, die sie nicht mehr für jeden wirklichen, oder vermeintlichen Frevel, nicht mehr für jede Thorheit, sogleich von Land und Leuten verjagen; unter denen sie ohne Leibwache, mit und ohne Überrock, sicher vor Gift und Dolch, umherwandeln, essen, trinken, und bei ihren Weibern oder Mätressen schlafen können? – Welche Frage! Wem anders, als – den Nachdruckern? Christian Gottlieb Schmiedern und Konsorten!

 

Diese sind ihnen die wahren Verbreiter der Aufklärung, der Tugend, des guten Geschmackes, der feinen Lebensart und Sitten. Es kann daher gedachten weisen, gerechten, dankbaren und großmütigen Staatsvorstehern nicht einfallen, den Schriftstellern, oder deren rechtmäßigen Verlegern ihr laut angeschrienes Eigentum durch allgemeine, beständige, wirksame Gesetze zu sichern, oder die Schriftsteller, als Schriftsteller5, für die Wohlthaten, so sie ihnen und ihren Staaten erweisen, zu belohnen. Was sage ich belohnen? Es kann sie bei jener Denk- und Sinnesart auch nicht einmal ein Gefühl der Scham anwandeln, das Brot, welches die Schriftsteller, ohne ihr durchlauchtiges, hochgebornes und excellentes Zuthun, sich durch sich selbst, durch ihre nach langem, schweren und mühsamen Fleiß endlich vollendeten Werke erworben haben würden, dem ersten dem besten Hunde Preis zu geben, der seine Hütte unter dem Thron ihrer Weisheit, Gerechtigkeit, Dankbarkeit und Großmut aufschlägt. Weil denn nun aber die Umstände so beschaffen sind und eine Änderung sobald nicht zu erwarten stehet, was bleibt dem Schriftsteller übrig? Soll er sich etwa bei dem aufklärenden, Tugend und Geschmack verbreitenden Nachdrucker als Ballenbinber verdingen? Besser stünde er sich dabei unstreitig, als bei der Schriftstellerei, wenn ohne diese auch nur immer etwas zu bündeln und zu schnüren wäre. Oder soll er, anstatt die Blüte seines Lebens und seiner Kraft einem oder zwei vortrefflichen, vollendeten, bauernden Nationalwerken aufzuopfern, jede Messe mit Alphabeten voll Mittelmäßigkeit oder Erbärmlichkeit beschicken? Denn nur die Engel Gabriel und Raphael sind vermutlich im Stande, das Vortreffliche in der Poesie, Philosophie, Geschichte, jedes halbe Jahr in so starken Ballen zu liefern, daß bei der Gefahr des Nachdruckes der Aufwand an Öl, Holz und Schreib- materialien daran gewonnen werden mag. Da es nicht Jedermanns Sache ist, seine Ehre vor Welt und Nachwelt auf jeder Messe für ein Paar Louisd’or Trankgeld feilzubieten; so wird es weit geratener sein, sich in dunkler Stille zur geringsten Handarbeit, zum Abschreiben, zum Abc-lehren, ja zum Graben selbst zu entschließen, als auf Werke der Homere, der Sophokles, der Plato, der Xenophon, der Tacitus, der Montesquieu, der Gibbon, der Klopstocke, Wielande und Kante sich zu verwenden. In der Erwartung, meine armen Gedichte, deren ich gewiß ungern und sehr verschämt so nahe bei jenen großen Namen erwähne, je mehr sie das Publikum etwa ergötzen möchten, desto eher von den genannten erhabenen Wohlthätern unserer Nation, unter gnädigster Protektion bestmöglichst verbreitet zu sehen, mache ich denn also hiermit, unter Verzichtleistung auf Gerechtigkeit, Dank und Großmut, welche nicht mir, sondern Schmiedern und Konsorten gebühren, dem werten Publikum meine demütige Verbeugung und greife von nun an – zum Spaden. Es ist nun freilich bei so bewandten Umständen nicht möglich, daß ein lern- und lustbegieriges Publikum noch zwei andere ähnliche Bände, oder was sonst eine mangel- und verdrußlose Lage hervorbringen möchte, erhalte. Wenn das aber auch Iliaden und Theodiceen wären, so ist doch offenbar ein solcher Verlust eine wahre Kleinigkeit gegen den halben oder ganzen Gulden, den Ihre Majestäten, Durchlauchten, Hoch- und Hochwohlgeborne Excellenzen, und ein ganzes wirtschaftliches Publikum an dem nächstbevorstehenden gnädigst privilegiirten Nachdrucke gewinnen werden. Ein solcher Gewinn ist es schon wert, die Nationalwohlthäter Schmieder und Konsorten dankbar zu verehren und zu segnen. Amen.

 

Göttingen, im April 1789.

 

 

Bürger.

 

 

Fußnoten

 

1 Ich erinnere mich, daß mir in meinen Schuljahren die Flöte, die doch ein so lieblich tönendes Instrument ist, auf lange Zeit dadurch verleidet wurde, daß eine Menge meiner Mitschüler zur Linken und Rechten, über und unter, hinter und vor mir, die Flöte blasen lernten, und Tag für Tag mir die Ohren darauf voll dudelten.

 

2 The Spectator. No. 70.

 

3 S.T. Merkur von 1776. zweites und drittes Vierteljahr.

 

4 Poëtique Ch. II. v. 83. seq.

 

5 Sie werden doch wohl nicht das für Belohnung schriftstellerischer Verdienste halten, wenn sie etwa einen großen Geist und Gelehrten zu einem Amt anstellen, wo er für die ihm oft kärglich genug gereichte Leibesnahrung und Notdurft zu ihrem und des Staates besondern Privatnutzen arbeiten muß, daß ihm der Atem ausgehen möchte. Es gibt freilich Schmeichler genug, die so was für Mäcenatenthaten ausschreien, so wie es auch nicht an durchlauchtigen, hochgebornen und excellenten Pfauen und Straußen fehlet, die das für wahr halten. Allein ein edler und tapferer Mann muß, kraft der ihm zuständigen menschlichen, europäischen und deutschen Bürgerfreiheit, die er für sich, seine Mitbürger und Nachkommen mit Gut, Blut und Leben zu behaupten immer bereit sein soll, sich nie scheuen, klare und offenbare Wahrheit zum allgemeinen Heil auch den ersten Staatsdienern vorzupredigen, wenn es gleich schon oft genug von Andern vergeblich geschehen sein sollte. Ein wiederholter Tropfenfall höhlt doch endlich auch Felsen aus. – Praetera censeo, Carthaginem esse delendam – sprach Cato, der Censor, kraft der Befugnis und Sitte römischer Senatoren, so oft er in der Staatsversammlung auch über ganz andere und fremde Gegenstände gestimmt hatte; und endlich stürzte das wiederholte Wort Karthago. Man braucht aber ganz und gar nicht ein Mitglied im Rate der Archonten zu sein, um über Gesetz- und Regierungsmängel des Staates, dessen Bürger man ist, ein freies, offenes und deutsches Censeo sagen zu dürfen, was auch Sultans- und Bassen-Politik dagegen einwenden möchte. Alle Rational-Schriftsteller sollten es zur Sitte machen, ihre Schriften, besonders diejenigen, die für ein größeres Publikum bestimmt sind, unablässig und so lange mit einem ähnlichen censeo zu besiegeln, bis endlich die Hyder Nachdruck vernichtet wäre. Habe ich diese Worte wider den Beifall der Weisen, der Gerechten und Edlen meines Vaterlandes niedergeschrieben, so werde mir wie einem Verbrecher das Haupt abgeschlagen! Vereinigen sich aber ihre tausend und abermals tausend Stimmen mit der meinigen: so blicke dereinst eine bessere Nachwelt mit Verdruß und Mitleiden auf ein Zeitalter zurück, da eines Jeden, und nur das Eigentum des gleichsam in den Stand der schutz- und hülflosen Natur zurückgeworfenen Schriftstellers nicht unverletzlich und heilig war. – Soll er etwa nun auch das Naturgesetz ausüben und den Nachdrucker niederschießen, niederbohren, wo er ihn trifft? Daß das unter solchen Umständen erlaubt sein müsse, getraue ich mir auszuführen; und nur ein Muster menschlicher Inkonsequenz soll es wagen, mich widerlegen zu wollen. Denn nach eben demselben Recht brechen Staaten und Völker einander die Hälse.

 

 

Erstes Buch

 

Lyrische Gedichte

 

Die Nachtfeier der Venus

Nach dem Lateinischen

1. Vorgesang

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Unter frohen Melodieen

Ist der junge Lenz erwacht.

Seht, wie Stirn und Wang’ ihm glühen,

Wie sein helles Auge lacht!

Über Saat und Kräuterrasen,

Hain und Garten schwebet er.

Sanfte Schmeichellüftchen blasen

Wohlgerüche vor ihm her.

Segenvolle Wolken streuen

Warme Tropfen auf die Flur,

Labsal, Nahrung und Gedeihen

Jedem Kinde der Natur.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Lieb’ und Gegenliebe paaret

Dieses Gottes Freundlichkeit,

Und sein Süßestes versparet

Jedes Tier auf diese Zeit.

Wann das Laub ihr Nest umschattet,

Paaren alle Vögel sich.

Was da lebet, das begattet

Um die Zeit der Blüte sich.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Wonneseliger und röter

Bricht uns dieser Morgen an,

Als der bräutliche, da Äther

Mutter Tellus liebgewann;

Da ihr Schoß vom Himmelsgatten

Floren und den Lenz empfing,

Und des ersten Haines Schatten

Um die Neugebornen hing.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Als der erste Frühling blühte,

Wand, erzeugt aus Kronus Blut,

Wand sich Venus Aphrodite,

Bei gelinder Wogenflut,

Wunderlieblich aus des grauen

Ozeans geheimen Schoß,

Angestaunet von den blauen

Wasserungeheuern, los.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

 

2. Weihgesang

Stimmt, zu Aphroditens Feier,

Stimmt ihn an, den Weihgesang!

Töne d’rein, gewölbte Leier!

Hall’ am Felsen, Wiederklang!

Morgen ziehen ihre Tauben

Sie herab in unsern Hain;

Morgen, unter Myrtenlauben,

Ladet sie zu Tänzen ein;

Morgen winkt vom hohen Throne

Uns ihr goldner Richterstab,

Und sie spricht, zu Straf’ und Lohne,

Gütevolles Recht herab.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Eilt, den Thron ihr zu erheben!

Froh vollbringet ihr Gebot!

Flora soll ihn überweben,

Golden, blau und purpurrot.

Spend’, o Flora, jede Blume,

Die im bunten Enna lacht!

Flora, zu der Holden Ruhme,

Spende deine ganze Pracht!

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat langst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Sie wird thronen; wir Geweihte

Werden tief ihr huldigen.

Amor thronet ihr zur Seite,

Sammt den holden Grazien.

Alle Nymphen sind geladen.

Nymphen aus Gefild’ und Hain,

Oreaden und Najaden

Werden hier versammelt sein.

Alle sind herbei gerufen,

Vor der Göttin Angesicht;

Mit zu sitzen auf den Stufen

Zu dem hohen Throngericht.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Schon durchwallt die frohen Haine

Die berufne Nymphenschar.

Amor flattert mit; doch Keine

Naht sich ihm und der Gefahr. –

Nymphen, die sein Köcher schreckte,

Wißt ihr nicht, was ihm geschehn,

Daß er heut die Waffen streckte,

Daß er heut muß wehrlos gehn?–

Unverbrüchliche Gesetze

Wollen, daß sein Bogen heut

Keiner Nymphe Brust verletze. –

Aber, Nymphen, scheut, o scheut

Ihn auch nackt! Er überlistet,

Er verletzt euch Mädchen doch!

Denn den Waffenlosen rüstet

Seine ganze Schönheit noch.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Nymphen, rein wie du an Sitte,

Sendet, keusche Delia,

Sendet dir mit sanfter Bitte

Venus Amathusia:

Morgen triefe dies Gesträuche

Von des Wildes Blute nicht!

Deines Hornes Klang verscheuche

Dieses Haines Vögel nicht.

Selber wäre sie erschienen,

Selber hätte sie gefleht,

Doch sie scheute deiner Mienen,

Deines Ernstes Majestät.

Weich’ aus unserm Feierhaine!

Venus Amathusia

Walte morgen hier alleine!

Weich’, o keusche Delia!

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Dich auch lüd’ in diese Haine

Traulich unsre Göttin ein,

Ziemt’ es dir, o Keusche, Reine,

Unsrer Lust so nah’ zu sein.

Ha! Du solltest Jubel hören!

Hören Sang und Zymbelklang!

Solltest uns in Taumelchören

Schwärmen sehn drei Nächte lang;

Solltest bald in Wirbelreigen

Uns um rasche Nymphen drehn,

Bald, zu Paaren unter Zweigen,

Süßer Ruhe pflegen sehn.

Auch der Held, der fern am Indus,

Vom bezähmten Pardel stritt,

Ceres und der Gott vom Pindus

Freu’n sich unsrer Freuden mit.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

 

3. Lobgesang

Heller glänzt Aurorens Schleier.

Auf! Beginnt den Lobgesang!

Töne d’rein, geweihte Leier!

Hall’ am Felsen, Wiederklang!

Aphroditens Hauch durchdringet,

Bis zur Gränze der Natur,

Wo die letzte Sphäre klinget,

Alle Pulse der Natur.

Sie befruchtet Land und Meere,

Sie das weite Luftrevier.

Wie sie zeuge, wie gebäre,

Weiß die Kreatur von ihr.

 

Morgen liebe, was auf nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Wie mit Perl’ und Edelsteine,

Schmückt sie bräutlich unsre Welt;

Streuet Blüten auf die Haine,

Blumen über Wies’ und Feld.

Sie enthüllt die Anemonen,

Schließt den goldnen Krokus auf;

Setzet die azurnen Kronen

Prangenden Cyanen auf.

Den Päonien entfaltet

Sie das purpurne Gewand;

Wie der Mädchen Busen, spaltet

Junge Rosen ihre Hand.

Ichor ihrer Dornenwunde

Färbt’ einst ihren Silberschein,

Und ein Hauch aus ihrem Munde

Strömte Wohlgeruch hinein.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Liebe segnet die Gefilde,

Und beseliget den Hain;

Liebe flößt dem rauhen Wilde

Wonnigliche Regung ein.

Gatten um die Gatten hüpfen

Rüstig durch den Wiesengrund.

Aphroditens Hände knüpfen

Ihren süßen Liebesbund.

Alte Sage bringt zu Ohren:

Daß sie auf der Hirtenflur

Selber einst den Sohn geboren,

Den Beherrscher der Natur.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Sie entriß Anchisens Laren

Dem entflammten Ilion,

Und aus tausend Meergefahren

Den verfolgten biedern Sohn.

Sie schlang um die Hand Äneens

Und Laviniens ihr Band,

Und die keusche Zone Rheens

Löste sie durch Mavors Hand.

Sie vermählte Romuls Diener,

Halb durch List und halb durch Macht,

Mit den Töchtern der Sabiner.

Aus der Saat der ersten Nacht

Keimten großer Thaten Thäter,

Wunder für der Nachwelt Ohr,

Und die edlen weisen Väter

Ihres Vaterlands empor.

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

Schall’, o Maigesang, erschalle!

Töne, Cypris Hochgesang!

Hört ihr? Singen ihr nicht alle

Fluren, alle Wälder Dank?

Von dem Anger tönt das laute

Lustgebrüll der Herden ihr.

Aus Gesträuche, Gras und Kraute

Summt sein Lied das Würmchen ihr.

Ihr nur schnattert das Gefieder

Von den Teichen Dank empor;

Und der edlern Vögel Lieder

Sind ein Opfer ihrem Ohr.

Horcht! Es wirbelt Philomele

Tief aus Pappelweiden d’rein.

Liebe seufzet ihre Kehle;

O wie könnt’ es Klage sein?

Nicht um Tereus Grausamkeiten

Wimmert Prognens Schwester mehr.

Soll ich nicht ihr Lied begleiten?

Stimmet mich kein Frühling mehr?

Ha, erwachte nicht im Lenze

Meine Brust zu Lieb’ und Sang,

So entwelkten mir die Kränze,

Die um’s Haupt mir Phöbus schlang.

Phöbus Huld müßt’ ich entbehren;

Stimm’ und Laute nähm’ er mir:

Säng’ ich, Mai, nicht dir zu Ehren,

Nicht zu Ehren, Liebe, dir.

Darum werde, wann die Schwalbe

Singend ihre Wohnung baut,

Werd’, o Sang, gleichwie die Schwalbe,

Nach der Winterstille laut!

 

Morgen liebe, was auch nimmer

Noch geliebet hat zuvor!

Was geliebt hat längst und immer,

Lieb’ auch morgen nach wie vor!

 

 

An ein Maienlüftchen

Auf, Maienlüftchen, aus den Blumenbeeten!

Wo deine Küsse Florens Töchter röten;

Wo du so liebetraulich allen heuchelst,

Und Duft entschmeichelst.

 

Erhebe dich, mit allem süßen Raube,

Nach jener dämmernden Holunderlaube!

Dort lauschet Lina. Laß sie deines süßen

Geruchs genießen!

 

Mir hat das Glück noch keinen Kuß bescheret.

Dir aber, Liebchen, wird ja nichts verwehret.

Nimm drei für einen! Komm zurück! Nur Einer

Davon sei meiner!

 

 

Lust am Liebchen

Wie selig, wer sein Liebchen hat,

Wie selig lebt der Mann!

Er lebt, wie in der Kaiserstadt

Kein Graf und Fürst es kann.

 

Ihm scheinet seiner Seligkeit

Kein Preis auf Erden gleich.

Selbst arm bis auf den letzten Deut,

Dünkt er sich krösusreich.

 

Die Welt mag laufen, oder stehn;

Und alles mag rund um

Kopf unten oder oben gehn!

Was kümmert er sich d’rum?

 

Hui! ist sein Wort zu Strom und Wind,

Wer macht aus euch sich was?

Nichts mehr, als wehen kann der Wind,

Und Regen macht nur naß.

 

Gram, Sorg’ und Grille sind ihm Spott;

Er fühlt sich frei und froh,

Und kräht, vergnügt in seinem Gott,

In dulci Jubilo.

 

Durch seine Adern kreiset frisch

Und ungehemmt sein Blut.

Gesunder ist er, wie ein Fisch,

In seiner klaren Flut.

 

Ihm schmeckt sein Mahl; er schlummert süß

Bei federleichtem Sinn,

Und träumt sich in ein Paradies

Mit seiner Eva hin.

 

In Götterfreuden schwimmt der Mann,

Die kein Gedanke mißt,

Der singen oder sagen kann,

Daß ihn sein Liebchen küßt. –

 

Doch ach! was sing’ ich in den Wind,

Und habe selber keins?

O Evchen, Evchen, komm geschwind,

O komm und werde meins!

 

 

Stutzertändelei

Freund Amor, kannst du machen,

Für einen hübschen Kuß,

Daß mir Agneschen lachen

Aus frommen Augen muß?

 

O allerliebste Sachen,

Die ich kaum nennen kann,

Schenkt’ ich für dieses Lachen

Dir, lieber kleiner Mann!

 

In manchem Spiel um Pfänder

Hab’ ich erobert mir

Viel schöne bunte Bänder;

Die alle gäb’ ich dir.

 

Ja dies geraubte Müschchen

Empfingest du sogar!

Und dieses Federbüschchen,

Aus Minna’s blondem Haar.

 

Und deinen Köcher schmückte

Von golddurchwirktem Band’

Ein Röschen, welches stickte

Des schönsten Mädchens Hand.

 

Weckst du ihr süßes Lachen,

Sieh, so verdienst du dir,

Die Nymphen naß zu machen,

Die kleine Spritze hier.

 

Auch sollen dich belohnen

Bonbon und Marzipan,

Vortreffliche Makronen,

Und was dir lüsten kann.

 

Und siehst du dieses Gläschen

Voll Syrakuserwein? –

Erdenke mir ein Späßchen!

Du bist ja sonst so fein. –

 

Ha! Kleiner, ich erfinde

Viel eher einen Plan!

Den höre mir geschwinde

Mit beiden Ohren an!

 

In eine kleine Fliege –

Siehst du, was ich erfand! –

Verwandle dich und fliege

Auf ihrer Schnürbrust Rand.

 

Dort gleite durch die Falte.

Im zarten Musselin,

Bis zu dem tiefen Spalte

Des warmen Busens hin.

 

Dort wage mir hernieder,

Geschickt, nach Bergmannsart,

Anschließend dein Gefieder,

Die wollustvolle Fahrt!

 

Dann muß es dir gelingen,

Ihr, neidenswerte Müh’!

Ein Lächeln abzuzwingen;

Da kitzle, kitzle sie!

 

 

Adeline

Seh’ ich, bei des Tempels Harmonieen,

Ihr Gesicht von Seelenandacht glühen,

Ach! so wähnt mein hochgetäuschter Blick,

Eine Himmelsbraut in ihr zu schauen.

Mir entsinket alle mein Vertrauen,

Und die Liebe bebt vor ihr zurück.

 

Aber seh’ ich, wie im Alltagskreise,

Frei und fröhlich, doch nach Sitt’ und Weise,

Sie so mädchenhaft sich haben kann;

Wie sie Scherz und Ernst so lieblich kleidet,

Und um ihre Huld sich alles neidet:

Dann wagt Liebe wieder sich heran.

 

Ehrfurcht neigt sich ihr im Engelglanze.

Lieb’ umschmeichelt sie, im Mädchenkranze

Sanfter Myrten, ohne Himmelsschein.

Ach! so himmlisch dünke sie stets allen!

Aber meiner Liebe zu gefallen,

Hold und magdlich meinem Blick allein!

 

 

Huldigungslied

Wär’ ich doch so hold, wie jener

Freund der Liebeskönigin;

Oder nur ein bißchen schöner,

Als ich Armer jetzo bin!

 

Denn von einem hübschen Knaben

Fühltest du vielleicht den Schmerz,

Und verschmähtest nicht die Gaben,

Die ich biete: Hand und Herz.

 

Rührt dich auch aus blassem Munde

Liebevolle Huldigung;

O so heile meine Wunde,

Oder gib ihr Linderung!

 

Dienen kann dir niemand treuer,

Als dein frommer Agathon.

Diese huldigende Leier

Sagt die Hälfte nicht davon.

 

Unermüdet will er dienen,

Deines Lebens Genius,

Und erforschen aus den Mienen

Wohlgefallen und Verdruß.

 

Alles, Kind, was dir behagte,

Hätt’ ich’s, alles gäb’ ich dir.

Schande, wenn ich was versagte,

Hohe Schande wär’ es mir!

 

Fehlen sollt’ es nie im Jahre

Dir an Spielen froher Lust,

Nie an Blumen in die Haare,

Nie an Blumen vor die Brust.

 

Ämsig warten jeder Rebe,

Pflegen wollt’ ich jeden Baum,

Daß er süße Früchte gäbe,

Nur für deinen zarten Gaum.

 

Schattengänge, Sommerlauben

Wölbt’ ich dir, zu kühler Ruh,

Trüge Beeren, Nüss’ und Trauben

Dir in Binsenkörbchen zu.

 

Neben deinem Lager stehen,

Wann du lauschtest, wollt’ ich hier.

Angenehme Kühlung wehen

Sollt’ ein Myrtenfächer dir. –

 

Alles Leid und Mißbehagen,

Jede Sorge, jede Last

Wär’ ich ganz allein zu tragen

Nun und immerdar gefaßt.

 

Nimmer, Liebchen, wollt’ ich trüben

Deines Lebens Heiterkeit.

Alle deine Launen lieben

Wollt’ ich mit Verträglichkeit.

 

Sei es Liebes oder Leides!

Käm’ es nur von deiner Huld,

So erwidert’ ich auf beides

Bald Entzücken, bald Geduld.

 

Flügelschläge von dem Weibchen

Trägt des Taubers frommer Sinn.

Auch von dir, geliebtes Täubchen,

Nähm’ ich alles willig hin.

 

Hieße mich dein Blick entweichen,

Zürnte mir dein Angesicht,

Würd’ ich trauernd von dir schleichen.

Widerstreben könnt’ ich nicht.

 

Winktest du, so eilt’ ich wieder,

Küßte den Versöhnungskuß,

Sänk’ an deinen Busen nieder,

Und verlauschte den Verdruß. –

 

Liebchen, rühret dich die Weise

Dieses Liedes? Hörest du? –

Ach! die Ahndung lispelt leise

Meiner bangen Seele zu:

 

Daß ein wenig Schein der Wangen

Mächtiger an Zauberei,

Als das innige Verlangen

Einer guten Seele sei.

 

Schöne Buhler werden kommen,

Werden dich um Liebe flehn;

Und du wirst von deinem Frommen

Zu dem Schönern übergehn.

 

Leicht begnügen sich die Sinnen

An der Schönheit Tüncherei,

Unbekümmert, ob darinnen

Wahrheit oder Lüge sei.

 

Und wie oft gewann die Lüge

Ihr betrügerisches Spiel,

Wann den Sinnen nur zur Gnüge

Ihre Larve wohlgefiel.

 

Bunt, wie Regenbogendünste,

Aber eitel auch, wie die,

Hat sie hundert Zauberkünste;

Und mit diesen täuschet sie.

 

Sie hat Seufzer, sie hat Zähren,

Wörtchen, wie man gern sie hört,

Eide selber kann sie schwören,

Wie sie Treu’ und Wahrheit schwört.

 

Ach! sie wird, um dich zu rühren,

Toben, wie Verzweifelung.

Eide werden dich verführen,

Eide falscher Huldigung. –

 

Dann werd’ ich zur Seite treten,

Weinend über deine Wahl;

Aber dennoch brünstig beten,

Mitten unter meiner Qual:

 

Daß dein Herz nicht übel wähle,

Was dein Auge wohl erkor.

Gott behüte, liebe Seele,

Gott behüte dich davor!

 

 

Das harte Mädchen

Ich sah so frei und wonnereich

Einst meine Tag’ entschlüpfen,

Wie Vögelchen, von Zweig auf Zweig,

Beim Morgenliede hüpfen.

 

Fragt jeden Sommerwind, der hier

Die Blumenau erfrischet:

Ob je ein Seufzer sich von mir

In seinen Hauch gemischet?

 

Fragt nur den stillen Bach im Klee:

Ob er mich klagen hörte?

Und ob von mir ein Thränchen je

Die kleinen Wellen mehrte?

 

Mein Auge schaute falkenhell,

Durch meilenlange Räume.

Wie Gems und Eichhorn, sprang ich schnell

Auf Felsen und auf Bäume.

 

So bald ich auf mein Lager sank,

Entschlief ich ungestöret.

Des Wächters Horn und Nachtgesang

Hat nie mein Ohr gehöret.

 

Nun aber sind mir Lust und Scherz

Und Mut und Kraft vergangen.

Ein hartes Mädchen hält mein Herz,

Mein armes Herz gefangen.

 

Nun hauch’ ich meine Seele schier

Erseufzend in die Winde,

Und girre kläglich hin nach ihr,

Gleich einem kranken Kinde.

 

Nun müssen Bach und Klee genung

Verliebter Zähren saugen,

Und graue Nebeldämmerung

Umwölkt die muntern Augen.

 

Nun härm’ ich ganze Nächte lang,

Auf schlummerlosem Lager,

Die leichten Glieder matt und krank,

Die vollen Wangen hager.

 

An meinem Leben nagt die Wut

Grausamer Seelengeier;

Nagt Eifersucht auf fremde Glut,

Nagt mein verschmähtes Feuer.

 

Das harte Mädchen sieht den Schmerz,

Und mehrt ihn dennoch stündlich.

O Liebe, kennst du noch ein Herz,

Wie dieses, unempfindlich? –

 

Ein einzig Lächeln voller Huld

Würd’ allen Kummer lindern,

Und ihre nicht erkannte Schuld

Bald tilgen, oder mindern.

 

Mich weckte wohl ihr süßer Ton

Noch aus dem Grabe wieder;

Ja, wär’ ich auch im Himmel schon,

Er lockte mich hernieder.

 

 

An den Traumgott

Zu Schwärmer um die Ruhebetten

Von Moos und Flaum,

O Brüderchen der Amoretten,

Geliebter Traum!

Wo fandest du, sie nachzubilden,

Den Stoff so fein? –

In überirdischen Gefilden

Gewiß allein!

 

Zu freundlich nur für Adelinen

War dies ihr Bild.

Wann wäre sie mir selbst erschienen

So sanft, so mild? –

Verkündigst du wohl noch mir Armen

Barmherzigkeit? –

Nein! nein! sie fühlet kein Erbarmen

In Ewigkeit!

 

O Traumgott, ist es ja dein Wille,

Mir wohlzuthun,

So wandle deine schöne Hülle,

Und kleide nun

Dich in ein Wesen, wie das Meine.

Von Gram verzehrt,

Und wie ein Leidender erscheine,

Der Trost begehrt.

 

Den Schatten laß mein Bildnis gleichen,

Die still bei Nacht

Durch Hallen und um Gräber schleichen.

In Trauertracht,

Mit hagrer Wang’ und einer Miene,

Die Gnade fleht,

Tritt hin zu dieser Adeline,

Die mich verschmäht;

 

Und neige dich mit leisen Tönen

Bis an ihr Ohr;

Zähl’ ihr die Seufzer und die Thränen

Der Liebe vor;

Und bring’ in Aufruhr ihr Gewissen!

Ihr Schlaf entflieh’!

Und schluchzend unter Zährengüssen

Erwache sie!

 

 

An die Hoffnung

Wohlthätigste der Feen!

Du, mit dem weichen Sinn,

Vom Himmel ausersehen,

Zur Menschentrösterin!

Schön, wie die Morgenstunde,

Mit rosichtem Gesicht,

Und mit dem Purpurmunde,

Der Honigrede spricht!

 

Du, die mich oft erheitert,

Vernimm, o Hoffnung, mich!

Mein freies Herz erweitert

Zu Lobgesängen sich.

Sie lodern mit dem Feuer

Des frommen Danks empor.

O neig’ auf meine Leier

Dein allgefällig Ohr!

 

Als, mit dem goldnen Alter,

Der Unschuld Glück entwich,

Da sandten die Erhalter

Gequälter Menschen dich:

Daß du das Unglück schwächtest,

Des Lasters Riesensohn,

Und Freuden wiederbrächtest,

Die mit der Unschuld flohn.

 

Nun wandelt im Geleite

Dir ewig Ruhe nach.

Im Aufruhr und im Streite

Mit grausem Ungemach,

Erteilest du dem Müden,

Eh ganz sein Mut erschlafft,

Erquickung oder Frieden,

Und neue Heldenkraft.

 

Du scheuchest von dem Krieger

Das Grauen der Gefahr,

Und tröstest arme Pflüger,

Im dürren Mangeljahr.

Aus Wind und lauem Regen,

Aus Sonnenschein und Tau,

Verkündest du den Segen

Der zartbesproßten Au.

 

Von deinem Flügel düftet

Ein Balsam für den Schmerz;

Bei seinem Weben lüftet

Sich das beklommne Herz.

Dein Odem hauchet Kräfte

Verwelktem Elend ein;

Erstorbne kalte Säfte

Belebt dein milder Schein.

 

Du bist es, die dem Kranken

Die Todesqualen stillt;

Mit wonnigen Gedanken

Von Zukunft ihn erfüllt;

In seinen letzten Träumen

Das Paradies ihm zeigt,

Und unter grünen Bäumen

Die Lebensschale reicht.

 

Die du den armen Sklaven

Im dunkeln Schacht erfreust;

Von unverdienten Strafen

Erlösung prophezeist;

Dem im Tyrhenermeere

Die Last des Ruders hebst,

Und über der Galeere,

Wie Frühlingswehen, schwebst;

 

O Göttin! Deine Stimme

Tönt der Verzweifelung,

In ihrem tauben Grimme,

Noch oft Beruhigung.

Dein holder Blick entwinket

Sie gieriger Gefahr.

Der Todesbecher sinket,

Der schon am Munde war. –

 

Und ach! – Verschmähte Liebe

Bräch’ ihren Wanderstab

Getrost entzwei, und grübe

Sich vor der Zeit ihr Grab.

Doch du hebst ihr im Leiden

Das schlaffe Haupt empor,

Und spiegelst ihr die Freuden

Erhellter Zukunft vor.

 

Das hat mein Herz erfahren! –

Schon lange wäre wohl

Von meinen Trauerjahren

Die kleine Summe voll;

Dem Kummer hingegeben,

Brach mir bereits der Blick;

Du locktest mich ins Leben

Mit Schmeichelei zurück. –

 

»Vielleicht, daß deiner Zähren

Die Letzte bald verschleicht.

Wie lange wird es währen,

So hauchest du vielleicht

Den Seufzer ihr entgegen,

Dem Lieb’ und Glück verliehn,

Die Harte zu bewegen,

Die unempfindlich schien.

 

Und blieb’ ihr Herz hienieden

Auch immer unerweicht;

So ist sie dir beschieden

Im Himmel noch vielleicht;

Im Himmelreich, wo Liebe

Die Seelen all’ erfüllt,

Und jede Brust die Triebe

Der andern Brust vergilt.

 

Wann, sonder Erdenmängel,

Dein Reiz in Fülle blüht,

Und Anmut holder Engel

Dir aus dem Auge sieht;

Wann sich zur Engelseele

Die deinige verschönt,

Und himmlisch deine Kehle

Zur Himmelsharfe tönt:

 

Dann, süßer Lohn der Treue!

Beschleicht die leere Brust

Erbarmen oder Reue,

Voll reiner Liebeslust.

In Edens schönster Laube

Beseliget sie dich.« –

O Paradiesesglaube,

Erhalt’ und stärke mich!

 

 

Herr Bacchus

Herr Bacchus ist ein braver Mann,

Das kann ich euch versichern;

Mehr, als Apoll, der Leiermann,

Mit seinen Notenbüchern.

 

Des Armen ganzer Reichtum ist

Der Klingklang seiner Leier,

Von der er prahlet, wie ihr wißt,

Sie sei entsetzlich teuer.

 

Doch borgt ihm auf sein Instrument

Kein Kluger einen Heller.

Den frohere Musik ertönt

Aus Vater Evans Keller.

 

Obgleich Apollo sich voran

Mit seiner Dichtkunst blähet:

So ist doch Bacchus auch ein Mann,

Der seinen Vers verstehet.

 

Wie mag am waldigen Parnaß

Wohl sein Diskant gefallen?

Hier sollte Bacchus Kantorbaß

Fürwahr weit besser schallen.

 

Auf, laßt uns ihn für den Apoll

Zum Dichtergott erbitten!

Denn er ist gar vortrefflich wohl

Bei großen Herrn gelitten.

 

Apoll muß tief gebückt und krumm

In Fürstensäle schleichen;

Allein mit Bacchus gehn sie um,

Als wie mit ihres gleichen.

 

Dann wollen wir auf den Parnaß,

Vor allen andern Dingen,

Das große Heidelberger Faß

Voll Nierensteiner bringen.

 

Statt Lorbeerbäume wollen wir

Dort Rebenstöcke pflanzen,

Und rings um volle Tonnen, schier

Wie die Bacchanten tanzen.

 

Man lebte so nach altem Brauch

Bisher dort allzunüchtern.

D’rum blieben die neun Jungfern auch

Von je und je so schüchtern.

 

Ha! zapften sie sich ihren Trank

Aus Bacchus Nektartonnen,

Sie jagten Blödigkeit und Zwang

Ins Kloster zu den Nonnen.

 

Fürwahr! sie ließen nicht mit Müh’

Zur kleinsten Gunst sich zwingen,

Und ungerufen würden sie

Uns in die Arme springen.

 

 

Gabriele

O wie schön ist Gabriele,

O wie schön, an Seel’ und Leib!

Öfters ahndet meiner Seele,

Diese sei kein Erdenweib.

Fast verklärt, wie Himmelsbräute,

Ist sie fehllos ganz und gar.

Heiliger und schöner war

Nur die Hochgebenedeite,

Die den Heiland uns gebar.

 

 

Amors Pfeil

Amors Pfeil hat Widerspitzen.

Wen er traf, der lass’ ihn sitzen,

Und erduld’ ein wenig Schmerz!

Wer geprüften Rat verachtet,

Und ihn auszureißen trachtet,

Der zerfleischet ganz sein Herz.

 

 

Der Liebesdichter

Ich will das Herz mein Leben lang

Der Lieb’ und Schönheit weihen,

Und meinen leichten Volksgesang

Der Liebe Schmeicheleien.

 

Denn wahrlich keines Lobes Ton,

In aller Welt, gewähret

Dem Sänger einen süßern Lohn,

Als wenn er Schönheit ehret.

 

Wohlan, o Laute, werde dann

Der Schönen, die gesellig

Und freundlich ist, und danken kann,

Durch Lied und Lob gefällig!

 

Dein Schmeicheln mildert die Natur.

Schon lassen Schäferinnen

Sich hie und da, auf deutscher Flur,

Durch Lied und Lob gewinnen.

 

Du sollst noch manche Sommernacht,

Vor stillen Schäferhütten,

Das Mädchen, welches lauschend wacht,

Von mir zu träumen bitten.

 

Mir danket dann ihr Morgengruß,

Ihr liebevolles Nicken,

Ihr wonniglicher, warmer Kuß,

Ihr sanftes Händedrücken.

 

Erwerben werd’ ich reiches Gut

An kleinen Herzenspfändern;

Und prangen wird mein Stab und Hut

Mit Rosen und mit Bändern.

 

Bei Spiel und Tanze werden mir

Die Schönsten immer winken;

Und, die ich fodre, werden schier

Sich mehr als Andre dünken.

 

Geliebt, geehrt, bis an mein Ziel,

Von einer Flur zur andern,

Werd’ ich mit meinem Saitenspiel,

Herbeigerufen, wandern.

 

Und, wann ich längst gestorben bin,

Und unter Ulmen schlafe,

So weidet gern die Schäferin

Noch um mein Grab die Schafe;

 

Lehnt wankend sich auf ihren Stab,

Und senkt, voll heller Thränen,

Den sanften Blick zu mir herab,

Und klagt in weichen Tönen:

 

»Du, der so süße Lieder schuf,

So himmelsüße Lieder!

O weckte dich mein lauter Ruf

Aus deinem Grabe wieder!

 

Du würdest mich, nach deinem Brauch,

Gewiß ein wenig preisen.

Dann hätt’ ich doch bei Schwestern auch

Ein Liedchen aufzuweisen.

 

Dein Schmeichelliedchen säng’ ich dann,

Sollt’ auch die Mutter schelten.

O lieber, lieber Leiermann,

Wir wollt’ ich’s dir vergelten!«

 

Dann wird mein Geist, wie Sommerluft,

Aus seiner Ulme Zweigen,

Zu ihr herunter auf die Gruft,

Sie anzuwehen, steigen;

 

Wird durch des Wiesenbaches Rohr,

Und Blätter, die sich kräuseln,

Ein Lied in ihr entzücktes Ohr

Zu ihrem Lobe säuseln.

 

 

An Agathe

Nach einem Gespräche über ihre irdischen Leiden und Aussichten in die Ewigkeit

 

 

Mit dem naßgeweinten Schleier

Lösch’ ich meine Thränen aus;

Und mein Auge schauet freier

Über Zeit und Grab hinaus.

 

Geist erhabner Prophezeiung,

Gottes Geist erleuchtet mich!

Lebensodem zur Erneuung

Weht gewiß auch über mich.

 

Jedes Drangsal dieses Lebens,

So dein weiches Herz gedrückt,

Zeuget, daß du nicht vergebens

Oft nach Trost hinaus geblickt.

 

Nein! Nicht schwelgendem Gewürme

Ewig überlaßner Raub,

Noch ein Spiel der Erdenstürme

Bleibet guter Herzen Staub.

 

Nein! In diese Wüsteneien

Sind wir ewig nicht gebannt.

Keine Zähre darf uns reuen;

Denn sie fiel in Gottes Hand.

 

Was auf diese dürren Auen

Von der Unschuld Thränen fällt,

Wird gesammelt, zu betauen

Die Gefilde jener Welt;

 

Die Gefilde, wo vom Schnitter

Nie der Schweiß der Mühe rann,

Deren Äther kein Gewitter

Und kein Nebel trüben kann.

 

Seufzer, deines Grames Zeugen,

Werden auf gen Himmel gehn,

Werden einst von Palmenzweigen

Kühlung dir herunter wehn.

 

Von dem Schweiße deiner Mühen,

Der hier Undankbaren quillt,

Werden dort einst Blumen blühen,

Wie sie hier kein Lenz enthüllt.

 

Wann Verfolgung ihren Köcher

Endlich auf dich ausgeleert;

Wann dein Gold sich, vor dem Schwächer

Seines Glanzes, rein bewährt;

 

Und, zur Erntezeit der Saaten,

Da das Korn geworfelt wird,

Ausgestreuter Edelthaten

Reine Frucht im Siebe schwirrt. –

 

Heil der schönsten schöner Stunden,

Die sich um dein Leben drehn,

Welche dich, vom Zwang’ entbunden,

Zu der Freiheit wird erhöhn! –

 

Zeuch mich dir, geliebte Fromme,

An der Liebe Banden nach!

Daß auch ich zu Engeln komme,

Zeuch, du Engel, dir mich nach!

 

Mich begleite jede Wahrheit,

Die du schmeichelnd mir vermählt,

Zu dem Urquell aller Klarheit,

Wo kein Reiz sich mehr verhehlt!

 

 

Danklied

Allgütiger, mein Hochgesang

Frohlocke dir mein Leben lang!

Dein Name sei gebenedeit,

Von nun an bis in Ewigkeit!

 

O Gott! An meiner Mira Brust

Durchschauert mich die fromme Lust.

Den du erschufst, der Traube Saft,

Gibt meinem Liede Schwung und Kraft.

 

Im Wonnetaumel thut mein Mund,

Du Geber, deine Gaben kund!

Kuß, Freudenmahl und Becherklang

Entweihen keinen frommen Sang. –

 

Dies süße Mädchen, welches mir

Den Himmel küsset, danket dir,

Dir dankt es feurig mein Gesang!

Wie meine Liebe flammt mein Dank.

 

Die Tenne zollt mir ihre Gift;

Mir zinsen Garten, Forst und Trift;

Von mancher edlen Kelter fleußt

Für mich der Traube Feuergeist.

 

Auf Rebenbergen, fern und nah,

Am hohen Kap, zu Mallaga,

Zu Hochheim, Zypern und Burgund

Troff Nektar schon für meinen Mund.

 

Auch mir führt, unter Tausenden,

Das reiche Schiff auch Indien

Gewürz und edle Spezerei

Und Saba’s Bohnen mit herbei. –

 

Wer zählt die Gaben alle? Wer?

Zählt jemand auch den Sand am Meer?

Wer ist, der an dem Firmament

Die Summe der Gestirne nennt? –

 

Von dieser Unzahl weg den Blick!

Zurück, mein Geist, in dich zurück!

In diesem engumschränkten Bau,

Gott, welcher Gaben Wunderschau!

 

Du flößest Geist den Nerven ein,

Mit Kraft erfüllst du mein Gebein,

Strömst in die Adern reines Blut,

Und in die Brust gesunden Mut.

 

Ich fühle deinen schönen Mai,

Und Philomelens Melodei,

Des Sommers wollustvolle Luft,

Der Blume Farbenglanz und Duft.

 

Vor Tausenden gab deine Gunst

Des Liedes und der Harfe Kunst

In meine Kehle, meine Hand;

Und nicht zur Schande für mein Land!

 

Daß meine Phantasei, voll Kraft,

Vernichtet Welten, Welten schafft,

Und höllenab, und himmelan,

Sich senken und erheben kann;

 

Daß meines Geistes Auge hell

Der Dinge Wirrwarr, leicht und schnell,

Wie nicht ein jeder Erdenmann,

Durchspähen und entwickeln kann;

 

Daß ich, von freiem Biedersinn,

Kein Bube nimmer war und bin,

Nie werden kann mein Leben lang,

Durch Schmeicheleien oder Zwang:

 

Des freuet meine Seele sich,

Und meine Lippe preiset dich!

Dein Name sei gebenedeit,

Von nun an bis in Ewigkeit!

 

 

Winterlied

Der Winter hat mit kalter Hand

Die Pappel abgelaubt,

Und hat das grüne Maigewand

Der armen Flur geraubt;

Hat Blümchen, blau und rot und weiß,

Begraben unter Schnee und Eis.

 

Doch, liebe Blümchen, hoffet nicht

Von mir ein Sterbelied.

Ich weiß ein holdes Angesicht,

Worauf ihr alle blüht.

Blau ist des Augensternes Rund,

Die Stirne weiß, und rot der Mund.

 

Was kümmert mich die Nachtigall,

Im aufgeblühten Hain?

Mein Liebchen trillert hundertmal

So süß und silberrein;

Ihr Atem ist, wie Frühlingsluft,

Erfüllt mit Hyazinthenduft.

 

Voll für den Mund, und würzereich,

Und allerfrischend ist,

Der purpurroten Erdbeer’ gleich,

Der Kuß, den sie mir küßt. –

O Mai, was frag’ ich viel nach dir?

Der Frühling lebt und webt in ihr.

 

 

Bei dem Grabe meines guten Großvaters Jakob Philipp Bauer’s

Ruhe, süße Ruhe schwebe

Friedlich über dieser Gruft!

Niemand spotte dieser Asche,

Die ich jetzt mit Thränen wasche,

Und kein Fluch erschütt’re diese Luft!

 

Denn dem Frommen, der hier schlummert,

Galt der Wert der Redlichkeit. –

Was vordem, in goldnen Jahren,

Deutsche Biedermänner waren,

War er den Genossen seiner Zeit. –

 

Dieser Biederseele Flecken

Rüge keine Lästerung!

Denn was Flecken war, vermodert;

Nur der Himmelsfunken lodert

Einst, geläutert, zur Verherrlichung. –

 

Ach! Er war mein treuer Pfleger,

Von dem Wiegenalter an.

Was ich bin, und was ich habe,

Gab der Mann in diesem Grabe,

Alles dank’ ich dir, du guter Mann! –

 

Ruhe, süße Ruhe schwebe

Friedlich über dieser Gruft!

Bis der himmlische Belohner

Ihren ehrlichen Bewohner,

Seine Krone zu empfangen, ruft.

 

 

Das Lob Helenens

Am Tage ihrer Vermählung

 

 

O Bräutigam, welch’ eine Braut

Wird deinem Arm’ zur Beute!

Bei meiner Leier schwör’ ich’s laut:

Die Krone schöner Bräute!

 

Wer zweifelt, wandre hin und her,

Rings um die alten Gleichen!

Kein schön’res Fräulein findet er,

In allen Königreichen. –

 

Ihr Blick verheißt ein Paradies;

Die Wang’ ist Morgenröte;

Und ihre Stimme tönt so süß,

Wie König Friedrichs Flöte.

 

Noch mehr! Des Dichters Phantasei

Verrät es seiner Leier,

Daß ihre Lippe süßer sei,

Als Honig und Tokaier.

 

Ihr schlanker Wuchs – Doch wie vermag

Ich jeden Reiz zu singen?

Kaum reicht’ ein langer Sommertag,

Ihr Loblied zu vollbringen.

 

Sie weichet nicht in Griechenland

Der schönen Namensschwester;

Doch hält ihr Herz das goldne Band

Der Liebestreu’ weit fester. –

 

Sie hätten in der Wunderzeit

Der Riesen und der Mohren,

Die Paladine weit und breit

Zur Dame sich erkoren.

 

Ihr Name hätt’ im Feldpanier

Den Rittern Mut geschimmert,

Und Schild’ und Lanzen im Turnier

Zu tausenden zertrümmert.

 

Wär’ sie geboren auf der Flur,

In jenen goldnen Jahren,

Als ritterliche Lanzen nur

Noch Hirtenstäbe waren:

 

So hätt’ um sie, in Flur und Hain,

Ein jedes Lied geworben.

Wohl mancher wär’ in Liebespein,

Nach Schäferart gestorben. –

 

Sieh, solche Braut zieht deine Hand

Hinweg aus unsern Blicken.

Wie neiden wir das fremde Land,

Das Helena soll schmücken!

 

Ach! welche Nachbarin ersetzt

Die unsern Nachbarsöhnen?

Und welche wird die Reigen jetzt,

Wie Helena, verschönen?

 

Du müßtest wohl mit blankem Speer

O Mann, sie erst erwerben,

Und billig schäferlich vorher

Ein paarmal für sie sterben! –

 

Doch wirst du künftig, ohne Leid,

Die auf den Händen tragen,

Und immer, nach Verdienst, wie heut,

Ihr Honigwörtchen sagen:

 

So sei es d’rum! Wir lassen sie

In Frieden unsertwegen.

Die Liebe segne dich und sie,

Mit ihrem besten Segen!

 

 

Minnesold

Wem der Minne Dienst gelinget,

O wie hoch wird der belohnt!

Keinen bessern Lohn erringet,

Wer dem größten Kaiser front.

Denn, mit Scepter, Kron’ und Gold,

Front er selbst um Minnesold.

 

Was sind Gold und Edelsteine?

Was des Mogols Perlenpracht?

Minnesold ist doch alleine,

Was auch reich die Herzen macht.

Perlen, Edelstein und Gold

Nähm’ ich nicht für Minnesold.

 

Minnesold läßt Amt und Ehren,

Goldnen Sporn und Ritterschlag,

Lässet ohne Neid entbehren,

Was der Kaiser geben mag.

Ehre lacht nicht halb so hold,

Als der Minne Freudensold.

 

Nimmer, nimmermehr hienieden

Fänd’ ich süßeren Genieß.

Süßeres ist nur beschieden

Seligen im Paradies.

Süß ist, was die Biene zollt;

Süßer dennoch Minnesold.

 

Minnesold ist aller Freuden,

Aller Freuden Fünftelsaft;

Minnesold hat aller Leiden,

Aller Leiden Heilungskraft.

Was der Balsamstaud’ entrollt,

Heilet nicht, wie Minnesold.

 

Minnesold lehrt frei verachten

Aller Fährlichkeiten Not,

Flammen, Wasserfluten, Schlachten,

Lehrt verschmähen jeden Tod.

Stürb’ ich nicht für Ehr’ und Gold,

Stürb’ ich doch für Minnesold.

 

Auszuspenden alle Habe,

Zu verbluten mit Geduld,

Wär’ ein Schärflein Armengabe,

Für der Minne Dank und Huld.

Den Verlust von Gut und Blut

Macht der Sold der Minne gut.

 

O, so will ich immer harren,

Immerdar, mit stetem Mut;

Im Dezemberfrost erstarren,

Schmachten in des Heumonds Glut.

Denn das alles lohnt der Sold,

Den getreue Minne zollt.

 

 

An Themiren

Travestiert nach dem Horaz

 

 

Ach, würden falsche Schwüre

Durch Zeichen an dir kund!

Verfärbte sich, Themire,

Dein frevelhafter Mund!

 

O, daß ein Zahn sich schwärzte.

Meineidige! daß nur

Ein Fingerchen dir schmerzte,

Das sich erhob zum Schwur!

 

So glaubt’ ich, Götter hielten

Noch was auf Treu’ und Pflicht,

Und falsche Mädchen spielten

Mit teuern Eiden nicht. –

 

Doch deinen Reiz erheben

Verbrechen nur noch mehr;

Und immer dichter schweben

Verehrer um dich her.

 

Frau Venus und ihr Völkchen

Läßt fünf gerade sein.

Von Unmut nicht ein Wölkchen

Hüllt ihre Stirnen ein.

 

Per Dio! Was noch schlimmer,

Dein Flattersinn ergötzt

Den Schadenfroh, der immer

An heißen Pfeilen wetzt.

 

Daher in allen Schulen

Befiedert täglich sich

Ein Heer von jungen Buhlen,

Und insgesammt für dich.

 

Die kommen dann, und zollen

Dir Huldigung und Pflicht.

Die Alten aber trollen

Deswegen sich noch nicht.

 

Und Alt und Jung umschwärmet

Nun, wie behext, dein Haus.

Man baxet sich, man lärmet – – –

Ach! wo will das hinaus? –

 

Dich scheut, des Söhnchens wegen,

Die zärtliche Mama;

Und, seines Beutels wegen,

Der geizige Papa.

 

Du ängstigst junge Frauen:

Es möchte deinen Wert

Ein Tröpfchen Gunst betauen,

Das ihnen zugehört.

 

 

Die beiden Liebenden

Ein Andrer werb’ um Ehr’ und Gold!

Ich werb’ um Liebe bei Selinden.

Mich kann allein ihr süßer Gold

An allgetreue Dienste binden.

Das Glück läßt manchen Ehrenmann

In seinem Dienst’ umsonst verderben.

Allein bei treuer Liebe kann

Der Hirt auch sichern Gold erwerben.

 

Ich bin kein großer reicher Herr,

Und sie ist keine hohe Dame.

Dagegen klingt viel reizender

Ein kurzer schäferlicher Name.

Dagegen herzen wir uns frei,

Sind sicher vor Verrätertücken,

Auch schielet keine Spötterei,

Wann wir uns Knie und Hände drücken.

 

Der Prunk der hochstaffierten Kunst,

Selbst die Natur im Feierkleide,

Berauben nie sie meiner Gunst,

Denn sie beschämt an Reizen beide.

Das tausendstimmige Konzert

Der Lerchen und der Nachtigallen

Ist mir kaum halb so lieb und wert,

Wann ihre Solotriller schallen.

 

Im Denken ist sie Pallas ganz,

Und Juno ganz am edlen Gange,

Terpsichore beim Freudentanz’,

Euterpe neidet sie im Sange;

Ihr weicht Aglaja, wann sie lacht,

Melpomene bei sanfter Klage,

Die Wollust ist sie in der Nacht.

Die holde Sittsamkeit bei Tage.

 

Des Morgens, welch ein Malerbild!

Wallt sie hervor in leichtem Kleide,

Doch ungeschnürt, und halb verhüllt

Nur in ein Mäntelchen von Seide.

Entringelt auf die Schulter sinkt

Die Hälfte goldner Locken nieder.

Wie dann ihr rasches Auge blinkt,

So blinkt das Licht aus Quellen wieder.

 

Natur und Einfalt helfen ihr,

An ihrem kleinen Morgentischchen.

Des Busens und des Hauptes Zier

Sind Ros’ und Myrt’ in einem Büschchen.

Zu ihren Wangen wurde nie

Ein Pinsel in Karmin getauchet;

Und doch, wie Rosen, blühen sie,

Von Frühlingsodem aufgehauchet.

 

Wann sie an ihrem Tischchen sitzt,

So werd’ ich scherzend hingewinket:

»Komm, schmücke selbst dein Mädchen izt,

Wie deiner Laun’ am besten dünket!«

Und mich beflügelt ihr Gebot,

Sie unvermutet zu umfangen.

Dann schminkt mit hohem Morgenrot

Mein Kuß die jugendlichen Wangen.

 

Ihr Haar im Nacken reizet mich

Zu hundert kleinen Thorenspielen.

Fast nimmer müde läßt es sich

In diesen seidnen Locken wühlen.

Sie äugelt nach dem Spiegel hin,

Belauschet meine Neckereien;

Sie schilt, daß ich ein Tändler bin,

Und freut sich doch der Tändeleien.

 

D’rauf leg’ ich ihr die Schnürbrust an.

Vor Wonne beben mir die Hände.

Das Band zerreißt, so oft es kann,

Damit die Arbeit später ende.

Wie flink bin ich nicht stets bereit,

So liebe Dienste zu verrichten!

Doch flinker noch, zur Abendzeit,

Das Werk des Morgens zu zernichten.

 

Nun schlinget meine kühne Hand –

O Liebe, Liebe, welche Gnade! –

Ein sanftgeflammtes Rosenband

Ihr zierlich zwischen Knie und Wade.

Wie mir das Blut zu Herzen stürzt!

Nicht schöner wies sie Atalante,

Da sie um’s Jawort, hochgeschürzt,

Mit ihren Freiern wetterannte.

 

Nun schwebt die Grazie vor mir,

Schlägt mit den Silberfüßchen Triller,

Und tanzet hin an das Klavier,

Und singt ein Lied, nach Weiß, von Miller.

Mit welcher Wollustfülle schwellt

Mein Herz der Zauber ihrer Kehle!

Hinweg, aus aller Gotteswelt,

Gen Himmel singt sie meine Seele!

 

Der Morgen eilt, man weiß nicht wie.

Zur Mahlzeit ruft die Küchenschelle.

Ihr gegen über, Knie an Knie,

Und Fuß an Fuß, ist meine Stelle.

Hier treiben wir’s, wie froh und frei!

Uns fesselt kein verwünschter Dritter.

Die beste Fürstenschmauserei

Ist gegen solch ein Schmäuschen bitter.

 

Selinde schenkt mir Nektar ein.

Erst aber muß sie selber nippen.

Hierauf kredenzet sie den Wein,

Mit ihren süßen Purpurlippen.

Der Pfirsich, dessen zarten Flaum

Ihr reiner Perlenzahn verwundet,

Wie lüstern macht er Zung’ und Gaum!

Wie süß mir dieser Pfirsich mundet!

 

Nach Tische läßt auf ihrer Brust

Mein hingesunknes Haupt sich wiegen.

Von Wein berauschet und von Lust,

Will schier die Sprache mir versiegen.

Ein volles Herz gibt wenig Klang;

Das leere klingt aus allen Tönen.

Sie fühlet dennoch seinen Drang;

Und ach! versteht sein stummes Sehnen.

 

Jetzt wird der Holden bang’ um’s Herz.

Ein Mädchen ist ein banges Wesen.

Sie reichet mir, aus losem Scherz,

Verwirrten Zwirn, ihn aufzulösen.

Zwar findet sie mich ungeschickt,

Doch sucht sie mich nur hinzuleiern.

O List! Indem sie her sich bückt,

Muß sich ihr Busen selbst entschleiern.

 

Ein schlauer Blick wird hingesandt;

Allein der Dieb läßt sich betreten.

Ein Streich von ihrer weichen Hand

Rächt auf der Stell’ ihr Schamerröten.

Dann rückt sie weg und spricht nicht mehr;

Bedeckt ihr Auge; macht die Blinde;

Lauscht aber durch die Finger her:

Wie ich die Kränkung wohl empfinde?

 

Dann spiel’ ich einen Augenblick,

Doch nur verstellt, den Tiefbetrübten;

Und sie, o Wonne! springt zurück,

Versöhnt sich mit dem Vielgeliebten,

Umhalset ihn, weiß nicht genug

Mit süßen Namen ihn zu nennen,

Und Mund und Wange, die sie schlug,

Fühlt er von tausend Küssen brennen.

 

Wohl hundert Launen, kraus und hold,

Umflattern täglich meine Traute.

Bald singt und lacht, bald weint und schmollt,

Bald klimpert sie auf ihrer Laute,

Tanzt hin und wieder, blitzgeschwind,

Bringt bald ein Büchelchen, bald Karten,

Bald streut sie alles in den Wind,

Und eilt hinunter in den Garten.

 

Ich hinterher, ereile sie

In einer sichern stillen Grotte.

Freund Amor treibt, sie weiß nicht wie,

Sie tief ins Dunkel. Dank dem Gotte!

Die bebt, von meinem Arm’ umstrickt.

Mein Kuß erstickt ihr letztes Lallen.

Sie sinkt. Ich halte sie entzückt,

Und – halt! – und lasse sie nicht fallen.

 

 

Das vergnügte Leben

Der Geist muß denken. Ohne Denken gleicht

Der Mensch dem Öchs- und Eselein im Stalle.

Sein Herz muß lieben. Ohne Liebe schleicht

Sein Leben matt und lahm, nach Adams Falle.

 

Ein Kranz umkränz’ ihn, ohne Drang und Zwang,

Ein Kranz von klugen nur nicht stolzen Leuten,

Die sich auf Witz verstehn und Schnurrigkeiten;

Denn sonst währt mancher Abend gar zu lang.

 

Dabei ist’s eine himmlisch schöne Sache

Um Einen rechten braven Herzensfreund,

Der, ist man fröhlich, wacker mit uns lache,

Und ehrlich weine, so man selber weint.

 

Der Abend muß ein Leckermahl bescheren;

Ein Mahl, erheitert durch Gespräch und Wein.

Da mag das Herz voll guter Dinge sein;

Nur muß der Kopf des Rausches sich erwehren.

 

Was für ein Wunsch zu guter Nacht sich schickt,

Das brauch’ ich nicht erst lang und breit zu sagen.

Ein Weibchen muß man mit zu Bette tragen,

Das jede Nacht, wie eine Braut, entzückt.

 

Sagt, Freunde, schlendert nicht ein solches Leben

Gar artig und gemächlich seinen Gang?

Seit mir die Lieb’ Amalien gegeben,

Besitz’ ich alles, was ich eben sang.

 

 

Der Bauer

In seinen Durchlauchtigen Tyrannen

 

 

Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu

Zerrollen mich dein Wagenrad,

Zerschlagen darf dein Roß?

 

Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch

Dein Freund, dein Jagdhund, ungebläut

Darf Klau’ und Rachen hau’n?

 

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst,

Das Hurra deiner Jagd mich treibt,

Entatmet, wie das Wild? –

 

Die Saat, so deine Jagd zertritt,

Was Roß, und Hund, und Du verschlingst,

Das Brot, du Fürst, ist mein.

 

Du Fürst hast nicht, bei Egg’ und Pflug,

Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.

Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

 

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?

Gott spendet Segen aus; du raubst!

Du nicht von Gott, Tyrann!

Abendphantasie eines Liebenden

 

In weiche Ruh’ hinabgesunken,

Unaufgestört von Harm und Not,

Vom süßen Labebecher trunken,

Den ihr der Gott des Schlummers bot,

Noch sanft umhallt vom Abendliede

Der Nachtigall, im Flötenton,

Schläft meine Herzens-Adonide

Nun ihr behäglich Schläfchen schon.

 

Wohlauf, mein liebender Gedanke,

Wohlauf zu ihrem Lager hin!

Umwebe, gleich der Epheuranke,

Die engelholde Schläferin!

Geneuß der übersüßen Fülle

Vollkommner Erdenseligkeit,

Wovon zu kosten noch ihr Wille,

Und ewig ach! vielleicht, verbeut! –

 

Ahi! Was hör’ ich? – Das Gesäusel

Von ihres Schlummers Odemzug!

So leise wallt durch das Gekräusel

Des jungen Laubes, Zephyrs Flug.

Darunter mischt sich ein Gestöhne,

Das Wollust ihr vom Busen löst,

Wie Bienensang und Schilfgetöne,

Wann Abendwind dazwischen bläst.

 

O, wie so schön dahin gegossen,

Umleuchtet sie des Mondes Licht!

Die Blumen der Gesundheit sprossen

Auf ihrem wonnigen Gesicht.

Ihr Lenzgeruch wallt mir entgegen,

Süß, wie bei stiller Abendluft,

Nach einem milden Sprüheregen,

Der Moschushyacinthe Duft.

 

Mein ganzes Paradies steht offen.

Die offnen Arme, sonder Zwang,

Was lassen sie wohl anders hoffen,

Als herzenswilligen Empfang?

Oft spannt und hebt sie das Entzücken,

Als sollten sie jetzt ungesäumt

Den himmelfrohen Mann umstricken,

Den sie an ihrem Busen träumt. –

 

Nun kehre wieder! Nun entwanke

Dem Wonnebett’! Du hast genug!

Sonst wirst du trunken, mein Gedanke,

Sonst lähmt der Taumel deinen Flug.

Du loderst auf in Durstesflammen! –

Ha! wirf ins Meer der Wonne dich!

Schlagt, Wellen, über mir zusammen!

Ich brenne! brenne! kühlet mich!

 

 

Seufzer eines Ungeliebten

Hast du nicht Liebe zugemessen

Dem Leben jeder Kreatur?

Warum bin ich allein vergessen,

Auch meine Mutter du! Natur?

 

Wo lebte wohl in Forst und Hürde,

Und wo in Luft und Meer ein Tier,

Das nimmermehr geliebet würde? –

Geliebt wird alles außer mir!

 

Wenn gleich in Hain und Wiesenmatten

Sich Baum und Staude, Moos und Kraut

Durch Lieb’ und Gegenliebe gatten;

Vermählt sich mir doch keine Braut.

 

Mir wächst vom süßesten der Triebe

Nie Honigfrucht zur Lust heran.

Denn ach! mir mangelt Gegenliebe,

Die Eine nur gewähren kann.

 

 

Gegenliebe

Wüßt’ ich, wüßt’ ich, daß du mich

Lieb und wert ein bißchen hieltest,

Und von dem, was ich für dich,

Nur ein Hundertteilchen fühltest;

 

Daß dein Dank hübsch meinem Gruß’

Halben Wegs entgegen käme,

Und dein Mund den Wechselkuß

Gerne gäb’ und wiedernähme:

 

Dann, o Himmel, außer sich,

Würde ganz mein Herz zerlodern!

Leib und Leben könnt’ ich dich

Nicht vergebens lassen fodern! –

 

Gegengunst erhöhet Gunst,

Liebe nähret Gegenliebe,

Und entflammt zur Feuersbrunst,

Was ein Aschenfünkchen bliebe.

 

 

An die Nymphe des Negenborns

Neig’ aus deines Vaters Halle,

Felsentochter, mir dein Ohr!

Hell im Schimmer der Krystalle,

Hell im Silberschleier, walle,

Reine Nymphe, wall’ hervor!

 

Libern jauchzet die Mänade

Huldigung bei Zymbelklang.

Dir nur, glänzende Najade,

Deiner Urne, deinem Bade

Weihte keiner Hochgesang? –

 

Wohl, ich weih’ ihn! Wo der Zecher,

Der des Preises spotten soll?

Ha! Wo ist er? Ich bin Rächer!

Fleuch! Mein Bogen tönt! Mein Köcher

Rasselt goldner Pfeile voll!

 

Hier, wie aus der Traube, quillet

Geist und Leben, frisch und rein,

Leben, das den Hirten füllet,

Das den Durst der Herde stillet,

Welches Wiese tränkt und Hain.

 

Horch! Es rauscht im Felsenhaine,

Woget auf der Wies’ entlang,

Leckt im Widder auf dem Raine,

Schauert durch das Mark der Beine,

Kühlt des Wandrers heißen Gang.

 

Saugt aus Wein der Klee sein Leben,

Wohlgeruch und Honigsaft? –

Kraut und Blumen, selbst die Reben

Danken dir, o Nais, Leben,

Würze, Süßigkeit und Kraft.

 

Lebensfülle, Kraft und Streben

Trank auch ich schon oft bei dir.

Drob sei auch von nun an Leben

Und Unsterblichkeit gegeben

Deinem Namen für und für.

 

 

Die Menagerie der Götter

Wie hier an Affen, Papagei’n,

An Kakadu und Raben

Hofherrn und Damen insgemein

Ihr träges Mütchen laben:

 

So hegt auch mancher Gott sein Tier,

Selbst in der Himmelsstube.

Zeus dahlt mit seinem Adler schier,

Wie ein Quintanerbube.

 

Der darf in Kabinett und Saal,

Auf Stuhl und Tafel springen,

Und keck ein ganzes Göttermahl

Ambrosia verschlingen.

 

Allein, wer so viel frißt, der muß,

Mit Gunst! auch viel hofieren.

D’rum möchte Juno, voll Verdruß,

Ihm oft den Steiß verschnüren.

 

Dagegen kann ihr Pfauenpaar

Sie desto baß erfreuen;

Doch schmälet Zeus, und dies ist wahr,

Daß sie abscheulich schreien.

 

Mit Täubchen kürzt an ihrem Platz’

Sich Cypria die Stunden.

Ihr Por läßt flattern einen Spatz,

An langen Zwirn gebunden.

 

Minerva kömmt durch ihre Gunst

Noch dem Olymp zu statten:

Denn ihre Eule fängt mit Kunst

Die Himmelsmäus’ und Ratten.

 

Apoll hält solchen Tand für schwach,

Nährt sich vier stolze Schimmel,

Und galoppieret, Tag für Tag,

Eins durch den weiten Himmel.

 

Auch, sagt man, hält er einen Schwan,

Des wunderbarer Schnabel

Trotz Roms Kastraten singen kann;

Doch halt’ ich dies für Fabel.

 

Lyäus läßt den Wagen gar

Von zahmen Tigern führen,

Und ohne Sorge vor Gefahr,

Sich durch die Welt kutschieren.

 

Vor Plutons schwarzer Pforte bellt,

Der größte Bullenbeißer,

Und macht die Qual der Unterwelt,

Durch sein Geheul noch heißer. –

 

Vor allen Tieren, groß und klein,

Die sich bei Göttern mästen,

Behagt Silenus Eselein

Noch meinem Sinn’ am besten.

 

Das ist fürwahr! ein feines Vieh,

Von sondrer Zucht und Ehren,

Und läßt von vorn und hinten nie

Was Unverschämtes hören.

 

Mit sich und seinem Herrn vergnügt,

Geduldig allerwegen,

Nimmt es vorlieb, so wie sich’s fügt,

Mit Marzipan und Schlägen.

 

Zum Keller weiß es hin und her

Den Weg von selbst zu finden;

Auch braucht man gar nicht drüber her

Den Reiter fest zu binden.

 

Piano klimmt’s den Berg hinan,

Piano tritt’s bergunter,

Und wirft den trunknen Ehrenmann

Kein einzigmal herunter.

 

So einen Esel wünscht’ ich mir! –

Silen, wirst du einst sterben;

So laß mich dies bequeme Tier,

Laß, Vater, laß mich’s erben!

 

 

Das neue Leben

Eia! Wie so wach und froh,

Froh und wach sind meine Sinnen!

O vor welcher Sonne floh

Meines Lebens Nacht von hinnen?

Wie so holden Gruß entbot

Mir das neue Morgenrot!

 

Mein erheitertes Gesicht

Siehet Paradiese blühen.

Welche Töne! Hör’ ich nicht

Aller Himmel Melodieen?

O wie süß erfüllt die Luft

Edens Amarantenduft!

 

Weingott, bist du mir so nah,

Mir so nah bei jedem Mahle?

Füllst du mit Ambrosia

Und mit Nektar jede Schale?

Geber der Ambrosia

Und des Nektars, mir so nah?

 

Liebe, deine Wunderkraft

Hat mein Leben neu geboren,

Hat zum Glück der Götterschaft

Mich hienieden schon erkoren.

Ohne Wandel! ewig so!

Ewig jung und ewig froh!

 

 

Trautel

Mein Trautel hält mich für und für

In festen Liebesbanden;

Bin immer um und neben ihr;

Sie läßt mich nicht abhanden.

Ich darf nicht weiter, als das Band,

Woran sie mich gebunden.

Sie gängelt mich an ihrer Hand

Wohl Tag für Tag zwölf Stunden.

 

Mein Trautel hält mich für und für

In ihrer stillen Klause.

Darf nie zum Tanz’, als nur mit ihr,

Nie ohne sie zum Schmause.

Und ich bin gar ein guter Mann,

Der sie nur sieht und höret,

Und aus den Augen lesen kann,

Was sie befiehlt und wehret.

 

Ich, Trautel, bin wohl recht für dich,

Und du für mich geboren.

O Trautel, ohne dich und mich,

Sind ich und du verloren. –

Wann einst des Todes Sense klirrt,

Und mähet mich von hinnen,

Ach! lieber, lieber Gott! Was wird

Mein Trautel doch beginnen?

 

 

Spinnerlied

Hurre, hurre, hurre!

Schnurre, Rädchen, schnurre!

Trille, Rädchen, lang und fein,

Trille fein ein Fädelein,

Mir zum Busenschleier.

 

Hurre, hurre, hurre!

Schnurre, Rädchen, schnurre!

Weber, webe zart und fein,

Webe fein das Schleierlein,

Mir zur Kirmeßfeier.

 

Hurre, hurre, hurre!

Schnurre, Rädchen, schnurre!

In und außen blank und rein,

Muß des Mädchens Busen sein,

Wohl deckt ihn der Schleier.

 

Hurre, hurre, hurre!

Schnurre, Rädchen, schnurre!

In und außen blank und rein,

Fleißig, fromm und sittsam sein,

Locket wackre Freier.

 

Ständchen

Trallyrum larum höre mich!

Trallyrum larum leier!

Trallyrum larum das bin ich,

Schön Liebchen, dein Getreuer!

Schleuß auf den hellen Sonnenschein,

In deinen zwei Guckäugelein!

 

Durch Nacht und Dunkel komm’ ich her,

Zur Stunde der Gespenster.

Es leuchtet längst kein Lämpchen mehr,

Durch stiller Hütten Fenster.

Nichts wachet mehr, was schlafen kann,

Als ich, und Uhr, und Wetterhahn.

 

Auf seiner Gattin Busen wiegt

Sein müdes Haupt der Gatte;

Wohl bei der Henne ruht vergnügt

Der Hahn auf seiner Latte;

Der Sperling unterm Dache sitzt

Bei der geliebten Sie anitzt.

 

Wann, o wann ist auch mir erlaubt,

Daß ich zu dir mich füge?

Daß ich in süße Ruh’ mein Haupt

Auf deinem Busen wiege?

O Priesterhand, wann führest du

Mich meiner Herzgeliebten zu?

 

Wie wollt’ ich dann herzinniglich,

So lieb, so lieb dich haben!

Wie wollt’ ich, o wie wollt’ ich mich

In deinen Armen laben!

Geduld! die Zeit schleicht auch herbei.

Ich, Trautchen, bleib mir nur getreu!

 

Nun lyrum larum gute Nacht!

Gott mag dein Herz bewahren! –

Was Gott bewahrt ist wohl bewacht. –

Daß wir kein Leid erfahren.

Ade! schleuß wieder zu den Schein,

In deinen zwei Guckäugelein!

 

 

Das Mädel, das ich meine

O was in tausend Liebespracht

Das Mädel, das ich meine, lacht!

Nun sing’, o Lied, und sag mir an!

Wer hat das Wunder aufgethan:

Daß so in tausend Liebespracht

Das Mädel, das ich meine, lacht?

 

Wer hat, wie Paradieseswelt,

Des Mädels blaues Aug’ erhellt? –

Der liebe Gott! der hat’s gethan,

Der’s Firmament erleuchten kann;

Der hat, wie Paradieseswelt,

Des Mädels blaues Aug’ erhellt.

 

Wer hat das Rot auf Weiß gemalt,

Das von des Mädels Wange strahlt? –

Der liebe Gott! der hat’s gethan,

Der Pfirsichblüte malen kann;

Der hat das Rot auf Weiß gemalt,

Das von des Mädels Wange strahlt.

 

Wer schuf des Mädels Purpurmund

So würzig, süß, und lieb und rund? –

Der liebe Gott! der hat’s gethan,

Der Nelk’ und Erdbeer’ würzen kann;

Der schuf des Mädels Purpurmund

So würzig, süß, und lieb und rund.

 

Wer ließ vom Nacken, blond und schön,

Des Mädels seidne Locken wehn? –

Der liebe Gott! der gute Geist!

Der goldne Saaten reifen heißt;

Der ließ vom Nacken, blond und schön,

Des Mädels seidne Locken wehn.

 

Wer gab, zu Liebesred’ und Sang,

Dem Mädel holder Stimme Klang? –

Der liebe, liebe Gott that dies,

Der Nachtigallen flöten hieß;

Der gab, zu Liebesred’ und Sang,

Dem Mädel holder Stimme Klang.

 

Wer hat, zur Fülle süßer Lust,

Gewölbt des Mädels weiße Brust? –

Der liebe Gott hat’s auch gethan,

Der stolz die Schwäne kleiden kann;

Der hat, zur Fülle süßer Lust,

Gewölbt des Mädels weiße Brust.

 

Durch welches Bildners Hände ward,

Des Mädels Wuchs so schlank und zart? –

Das hat die Meisterhand gethan,

Die alle Schönheit bilden kann;

Durch Gott, den höchsten Bildner, ward

Des Mädels Wuchs so schlank und zart.

 

Wer blies, so lichthell, schön und rein,

Die fromme Seel’ dem Mädel ein? –

Wer anders hat’s als er gethan,

Der Seraphim erschaffen kann;

Der blies so lichthell, schön und rein

Die Engelseel’ dem Mädel ein. –

 

Lob sei, o Bildner, deiner Kunst!

Und hoher Dank für deine Gunst!

Daß du dein Abbild ausstaffiert,

Mit allem, was die Schöpfung ziert.

Lob sei, o Bildner, deiner Kunst!

Und hoher Dank für deine Gunst!

 

Doch ach! für wen auf Erden lacht

Das Mädel so in Liebespracht? –

O Gott! bei deinem Sonnenschein!

Bald möcht’ ich nie geboren sein,

Wenn nie in solcher Liebespracht

Das Mädel mir auf Erden lacht.

 

 

Schwanenlied

Mir thut’s so weh im Herzen!

Ich bin so matt und krank!

Ich schlafe nicht vor Schmerzen;

Mag Speise nicht und Trank;

Seh’ alles sich entfärben,

Was Schönes mir geblüht.

Ach, Liebchen, will nur sterben!

Dies ist mein Schwanenlied.

 

Du wärst mir zwar ein Becher,

Von Heilungslabsal voll. –

Nur – daß ich armer Lecher

Nicht ganz ihn trinken soll!

Ihn, welcher so viel Süßes,

So tausend Süßes hat! –

Doch – hätt’ ich des Genießes,

Nie hätt’ ich dennoch satt.

 

D’rum laß mich, vor den Wehen

Der ungestillten Lust,

Zerschmelzen und vergehen,

Vergehn an deiner Brust!

Aus deinem süßen Munde

Laß saugen süßen Tod!

Denn, Herzchen, ich gesunde

Sonst nie von meiner Not!

 

 

Die Umarmung

 

Wie um ihren Stab die Rebe

Brünstig ihre Ranke strickt,

Wie der Epheu sein Gewebe

An der Ulme Busen drückt,

 

Wie ein Taubenpaar sich schnäbelt,

Und auf ausgeforschtem Nest,

Von der Liebe Rausch umnebelt,

Haschen sich und würgen läßt:

 

Dürft’ ich so dich rund umfangen!

Dürftest du, Geliebte, mich! –

Dürften so zusammenhangen

Unsre Lippen ewiglich! –

 

Dann, von keines Fürsten Mahle,

Nicht von seines Gartens Frucht,

Noch des Rebengottes Schale,

Würde dann mein Gaum versucht.

 

Sterben wollt’ ich im Genusse,

Wie ihn deine Lippe beut,

Sterben in dem langen Kusse

Wollustvoller Trunkenheit. –

 

Komm, o komm, und laß uns sterben!

Mir entlodert schon der Geist.

Fluch vermachet sei dem Erben,

Der uns von einander reißt!

 

Unter Myrten, wo wir fallen,

Bleib’ uns Eine Gruft bevor!

Unsre Seelen aber wallen

In vereintem Hauch’ empor,

 

In die seligen Gefilde,

Voller Wohlgeruch und Pracht,

Denen stete Frühlingsmilde

Vom entwölkten Himmel lacht;

 

Wo die Bäume schöner blühen,

Wo die Quellen, wo der Wind,

Und der Vögel Melodieen

Lieblicher und reiner sind;

 

Wo das Auge des Betrübten

Seine Thränen ausgeweint,

Und Geliebte mit Geliebten

Ewig das Geschick vereint;

 

Wo nun Phaon, voll Bedauren,

Seiner Sappho sich erbarmt;

Wo Petrarca ruhig Lauren

An der reinsten Quell’ umarmt;

 

Und auf rundumschirmten Wiesen,

Nicht vom Argwohn mehr gestört,

Glücklicher bei Heloisen

Abälard die Liebe lehrt. –

 

O des Himmels voller Freuden,

Den ich da schon offen sah! –

Komm! Von hinnen laß uns scheiden!

Eia! wären wir schon da! –

 

 

Die Elemente

Horch! Hohe Dinge lehr’ ich dich:

Vier Elemente gatten sich;

Sie gatten sich, wie Mann und Weib,

Voll Liebesglut in einen Leib.

Der Gott der Liebe rief: Es werde!

Da ward Luft, Feuer, Wasser, Erde.

 

Des Feuers Quell, die Sonne, brennt

Am blauen Himmelsfirmament.

Sie strahlet Wärme, Tagesschein;

Sie reifet Korn und Obst und Wein;

Macht alles Lebens Säfte kochen,

Und seine Pulse rascher pochen.

 

Sie hüllt den Mond in stillen Glanz,

Und flicht ihm einen Sternenkranz.

Was leuchtet vor dem Wandrer her?

Was führt den Schiffer, durch das Meer,

Viel tausend Meilen in die Ferne?

Ihm leuchten Sonne, Mond und Sterne.

 

Die Luft umfängt den Erdenball,

Weht hie und dort, weht überall;

Ist Lebenshauch aus Gottes Mund,

Durchwandelt gar das Erdenrund,

Wo sie durch alle Höhlung webet,

Und selbst des Würmchens Lunge hebet.

 

Das Wasser braust durch Wald und Feld.

In tausend Arme nimmt’s die Welt.

Wie Gottes Odem, dringt es auch

Tief durch der Erde finstern Bauch.

Die Wesen schmachteten und sänken,

Wo sie nicht seines Lebens tränken.

 

Drei Bräutigamen hat, als Braut,

Gott seine Erde angetraut.

Wann Luft und Wasser sie umarmt,

Und von der Sonn’ ihr Schoß erwarmt,

Dann wird ihr Schoß, zu allen Stunden,

Von Kindern jeder Art entbunden.

 

All’ ihre Kindlein hegt und pflegt

Sie, an ihr liebend Herz gelegt.

Sie ist die beste Mutter sie;

Sie säuget spät, sie säuget früh.

Kein Kindlein, so ihr Schoß geboren,

Geht ihrem Schoße je verloren.

 

Sieh hin und her! Sieh rund um dich!

Die Elemente lieben sich;

Sie gatten sich in Himmelsglut;

Je Eins dem Andern Liebes thut.

Aus solchem Liebestrieb’ empfangen,

Bist du, o Mensch, hervorgegangen.

 

Nun prüfe dich, nun sage mir:

Glüht noch des Ursprungs Glut in dir?

Erhellt, wie Sonne, dein Verstand,

Erhellt er Haus und Stadt und Land?

Entlodert, gleich den Himmelskerzen,

Noch Liebeslohe deinem Herzen?

 

Und deine Zunge stimmet sie

Zur allgemeinen Harmonie?

Ist deine Rede, dein Gesang

Der Herzensliebe Wiederklang?

Entweht dir Frieden, Freude, Segen,

Wie Maienluft und Frühlingsregen?

 

Hält unzerrissen deine Hand,

Das heilige Verlobungsband?

Reicht sie dem Nächsten in der Not

Von deinem Trank, von deinem Brot?

Und seinen nackenden Gebeinen

Von deiner Wolle, deinem Leinen? –

 

O du! O du! der das nicht kann,

Du Bastard du! was bist du dann? –

Und wärst du mächtig, schön und reich,

Dem Salomo an Weisheit gleich,

Und hättest gar mit Engelzungen

Zur Welt geredet und gesungen,

 

Du Bastard, der nicht lieben kann!

Was bist du ohne Liebe dann? –

Ein toter Klumpen ist dein Herz;

Du bist ein eiteltönend Erz;

Bist leerer Klingklang einer Schelle,

Und Tosen einer Wasserwelle.

 

 

Des Schäfers Liebeswerbung

Für Herrn Voß vor seiner Hochzeit gesungen

 

 

Komm, biß mein Liebchen, biß mein Weib!

Und fodre Lust und Zeitvertreib,

So oft und viel dein Herz begehrt,

Und Garten, Flur, und Hain gewährt.

 

Bald wollen wir von freien Höhn

Rund um die Herden weiden sehn,

Und sehn der Lämmer Fröhlichkeit,

Und junger Stiere Hörnerstreit;

 

Bald hören, durch den Birkenhain,

Das Tutti froher Vögelein,

Und, an des Bächleins Murmelfall,

Das Solo einer Nachtigall.

 

Bald rudern auf bekränztem Kahn,

Den See hinab, den See hinan;

Bald Fischchen angeln aus der Flut,

Bald locken junge Vögelbrut;

 

Bald atmen auf der Maienflur

Den Balsam blühender Natur;

Bald, um die dünnbebuschten Höhn,

Nach Erd- und Heidelbeeren gehn.

 

Ein Blumengurt, ein Myrtenhut

Kühlt Liebchen vor des Sommers Glut.

Ist Liebchen müde, bett’ ich’s gleich

Auf Moos und Thymiänchen weich.

 

Ein Wams, verbrämt mit Schwanenfell,

Mit Knöpfen von Krystallen hell,

Ein Röckchen weiß, aus zarter Woll’,

Aus Lämmchenwoll’ es tragen soll.

 

Und hüpfen soll’s in Saffian,

Mit goldnen Spänglein auf dem Spann,

Und weißen Strümpfchen, fein gestrickt,

Mit Blumenzwickeln ausgeschmückt.

 

Im Maimond tanzt ein Schäferchor

Dir hundert frohe Reigen vor.

Behagt dir dieser Zeitvertreib,

So biß mein Liebchen, biß mein Weib!

 

Ich sing’ und blas’ auf meinem Rohr

Dir täglich Lust und Liebe vor.

Ist das für Liebchen Zeitvertreib,

So biß mein Liebchen, biß mein Weib!

Zechlied

 

Ich will einst, bei Ja und Nein!

Vor dem Zapfen sterben.

Alles, meinen Wein nur nicht,

Lass’ ich frohen Erben.

Nach der letzten Ölung soll

Hefen noch mich färben.

Dann zertrümmre mein Pokal

In zehntausend Scherben!

 

Jedermann hat von Natur

Seine sondre Weise.

Mir gelinget jedes Werk

Nur nach Trank und Speise.

Speis’ und Trank erhalten mich

In dem rechten Gleise.

Wer gut schmiert, der fährt auch gut.

Auf der Lebensreise.

 

Ich bin gar ein armer Wicht,

Bin die feigste Memme,

Halten Durst und Hungerqual

Mich in Angst und Klemme.

Schon ein Knäbchen schüttelt mich,

Was ich auch mich stemme.

Einem Riesen halt’ ich Stand,

Wann ich zech’ und schlemme.

 

Ächter Wein ist ächtes Öl

Zur Verstandeslampe;

Gibt der Seele Kraft und Schwung

Bis zum Sternenkampe.

Witz und Weisheit dunsten auf

Aus gefüllter Wampe.

Baß glückt Harfenspiel und Sang,

Wann ich brav schlampampe.

 

Nüchtern bin ich immerdar

Nur ein Harfenstümper.

Mir erlahmen Hand und Griff,

Welken Haupt und Wimper.

Wann der Wein in Himmelsklang

Wandelt mein Geklimper,

Sind Homer und Ossian

Gegen mich nur Stümper.

 

Nimmer hat durch meinen Mund

Hoher Geist gesungen,

Bis ich meinen lieben Bauch

Weidlich vollgeschlungen.

Wann mein Kapitolium

Bacchus Kraft erschwungen,

Sing’ und red’ ich wundersam

Gar in fremden Zungen.

 

D’rum will ich, bei Ja und Nein!

Vor dem Zapfen sterben.

Nach der letzten Ölung soll

Hefen noch mich färben.

Engelchöre weihen dann

Mich zum Nektarerben:

»Diesen Trinker gnade Gott!

Lass’ ihn nicht verderben!«

 

 

Liebeszauber

Mädel, schau mir ins Gesicht!

Schelmenauge, blinzle nicht!

Mädel, merke was ich sage!

Gib mir Rede, wenn ich frage!

Holla hoch mir ins Gesicht!

Schelmenauge, blinzle nicht!

 

Bist nicht häßlich, das ist wahr;

Äuglein hast du, blau und klar;

Wang’ und Mund sind süße Feigen;

Ach! vom Busen laß mich schweigen!

Reizend, Liebchen, das ist wahr,

Reizend bist du offenbar.

 

Aber reizend her und hin!

Bist ja doch nicht Kaiserin;

Nicht die Kaiserin der Schönen.

Wer wird dich allein nur krönen?

Reizend her und reizend hin!

Viel fehlt noch zur Kaiserin!

 

Hundert Schönen sicherlich,

Hundert, hundert! fänden sich,

Die vor Eifer würden lodern,

Dich auf Schönheit ‘rauszufodern.

Hundert Schönen fänden sich;

Hundert siegten über dich.

 

Dennoch hegst du Kaiserrecht

Über deinen treuen Knecht:

Kaiserrecht in seinem Herzen,

Bald zu Wonne bald zu Schmerzen.

Tod und Leben, Kaiserrecht,

Nimmt von dir der treue Knecht!

 

Hundert ist wohl große Zahl;

Aber, Liebchen, laß es ‘mal

Hunderttausend Schönen wagen,

Dich von Thron und Reich zu jagen!

Hunderttausend! Welche Zahl!

Sie verlören allzumal.

 

Schelmenauge, Schelmenmund,

Sieh mich an und thu mir’s kund!

He, warum bist du die Meine?

Du allein und anders Keine?

Sieh mich an und thu mir’s kund,

Schelmenauge, Schelmenmund!

 

Sinnig forsch’ ich auf und ab:

Was so ganz dir hin mich gab? –

Ha! durch nichts mich so zu zwingen,

Geht nicht zu mit rechten Dingen.

Zaubermädel, auf und ab,

Sprich, wo ist dein Zauberstab?

 

 

Männerkeuschheit

Wer nie in schnöder Wollust Schoß

Die Fülle der Gesundheit goß,

Dem steht ein stolzes Wort wohl an,

Das Heldenwort: Ich bin ein Mann!

 

Denn er gedeiht und sproßt empor,

Wie auf der Wies’ ein schlankes Rohr;

Und lebt und webt, der Gottheit voll,

An Kraft und Schönheit ein Apoll.

 

Die Götterkraft, die ihn durchfleußt,

Beflügelt seinen Feuergeist,

Und treibt, aus kalter Dämmerung,

Gen Himmel seinen Adlerschwung.

 

Dort taucht er sich in’s Sonnenmeer,

Und Klarheit strömet um ihn her.

Dann wandelt sein erhellter Sinn

Durch alle Schöpfung Gottes hin.

 

Und er durchspäht, und wägt, und mißt,

Was schön, was groß und herrlich ist,

Und stellt es dar in Red’ und Sang,

Voll Harmonie, wie Himmelsklang.

 

O schaut, wie er voll Majestät,

Ein Gott, daher auf Erden geht!

Er geht und steht in Herrlichkeit,

Und fleht um nichts; denn er gebeut.

 

Sein Auge funkelt dunkelhell,

Wie ein krystallner Schattenquell.

Sein Antlitz strahlt, wie Morgenrot;

Auf Nas’ und Stirn herrscht Machtgebot.

 

Das Machtgebot, daß d’rauf regiert,

Wird hui! durch seinen Arm vollführt.

Denn der schnellt aus, wie Federstahl;

Sein Schwerthieb ist ein Wetterstrahl.

 

Das Roß fühlt seines Schenkels Macht,

Der nimmer wanket, nimmer kracht.

Er zwängt das Roß, vom Zwang’ entwöhnt,

Er zwängt das Roß, und horch! es stöhnt.

 

Er geht und steht in Herrlichkeit,

Und fleht um nichts; denn er gebeut:

Und dennoch schaut, wo er sich zeigt,

O schaut, wie ihm sich alles neigt!

 

Die edelsten der Jungfrau’n blühn,

Sie blühn und duften nur für ihn.

O Glückliche, die er erkiest!

O Selige, die sein genießt!

 

Die Fülle seines Lebens glänzt,

Wie Wein, von Rosen rund umkränzt.

Sein glücklich Weib, an seiner Brust,

Berauscht sich d’raus zu Lieb’ und Lust.

 

Frohlockend blickt sie rund umher:

»Wo sind der Männer mehr, wie Er?«

Fleuch, Zärtling, fleuch! Sie spottet dein.

Nur Er nimmt Bett’ und Busen ein.

 

Die steht und fodert auf umher:

»Wo ist, wo ist ein Mann, wie Er?«

Sie, ihm allein getreu und hold,

Erkauft kein Fürst mit Ehr’ und Gold.

 

Wie, wann der Lenz die Erd’ umfäht,

Und sie mit Blumen schwanger geht:

So segnet Gott durch ihn sein Weib,

Und Blumen trägt ihr edler Leib.

 

Die alle blüh’n, wie Sie und Er,

Sie blüh’n und duften um ihn her,

Und wachsen auf, ein Zedernwald,

Voll Vaterkraft und Wohlgestalt. –

 

So glänzt der Lohn, den der genießt,

So das Geschlecht, das dem entsprießt,

Der nie in schnöder Wollust Schoß

Die Fülle der Gesundheit goß.

 

 

Auch ein Lied an den lieben Mond

Ei! schönen guten Abend dort am Himmel!

Man freuet sich, Ihn noch fein wohl zu sehn.

Willkommen mir, vor allem Sterngewimmel!

Vor allem Sterngewimmel lieb und schön! –

 

Das lächelst du so bittlich her, mein Teurer?

Willst du vielleicht so was von Sing und Sang?

Ganz recht! Wofür auch wär’ ich sonst der Leirer,

Des Saitenspiel bisher – so so! – noch klang?

 

Es wäre ja nicht halb mir zu verzeihen,

Das muß ich selbst treuherzig eingestehn,

Da alle Dichter dir ein Schärflein weihen,

Wollt’ ich allein dich stumm vorüber gehn.

 

Auch bist du’s wert, mein sanfter, holder, lieber – – –

Ich weiß nicht recht, wie ich dich nennen soll?

Mann oder Weib? – Schon lange war ich über

Und über deines warmen Lobes voll.

 

So wissen’s dann die Jungen und die Alten,

Was immerdar auch meine Wenigkeit

Vom schönen lieben Monde hat gehalten,

Und halten wird in alle Ewigkeit!

 

Die Sonn’ ist zwar die Königin der Erden.

Das sei hiermit höchstfeierlich erklärt!

Ich wäre ja von ihr beglänzt zu werden,

Verneint’ ich dies, nicht eine Stunde wert.

 

Wer aber kann, wann sie im Strahlenwagen

Einher an blauer Himmelsstraße zieht,

Die Glorie in seinem Aug’ ertragen,

Die ihre königliche Stirn umglüht?

 

Du, lieber Mond, bist schwächer zwar und kleiner,

Ein Kleid, nur recht und schlecht, bekleidet dich;

Allein du bist so mehr, wie Unsereiner,

Und dieses ist gerade recht für mich.

 

Ich würde mich fürwahr nicht unterstehen,

Mit ihrer hocherhabnen Majestät

So brüderlich und traulich umzugehen,

Wie man noch wohl mit dir sich untersteht.

 

Die Sonne mag uns tausend Segen schenken.

Das wissen wir und danken’s herzlich ihr.

Doch weiß sie auch es wieder einzutränken,

Und sengt und brennt oft desto baß dafür.

 

Du aber, aller Kreaturen Freude!

Den jeder Mund so treu und froh begrüßt,

Bist immer gut, thust nimmer was zu Leide,

Kein Biedermann hat je durch dich gebüßt.

 

Wär’ ohne sie die Welt nur hell und heiter,

Und frör’ es nur nicht lauter Eis und Stein,

Und Wein und Korn und Obst gediehe weiter,

Wer weiß? so ließ’ ich Sonne Sonne sein.

 

Dich ließ’ ich mir in Ewigkeit nicht nehmen,

Wofern mein armes Nein was gelten kann.

Ich würde bis zum Kranken mich zergrämen,

Verlör’ ich dich, du trauter Nachtkumpan!

 

Wen hätt’ ich sonst, wann um die Zeit der Rosen,

Zur Mitternacht mein Gang um’s Dörfchen irrt,

Mit dem ich so viel Liebes könnte kosen,

Als hin und her mit dir gekoset wird?

 

Wen hätt’ ich sonst, wann überlange Nächte

Entschlummern mich, du weißt wohl was, nicht läßt,

Dem alles ich so klagen könnt’ und möchte,

Was für ein Weh mein krankes Herz zerpreßt?

 

 

Molly’s Wert

Ach, könnt’ ich Molly kaufen

Für Gold und Edelstein,

Und hätte große Haufen;

Die sollten mich nicht reu’n.

Zwar wühlt sich’s hübsch im Golde;

Wohl dem, der wühlen kann! –

Doch ohne sie, die Holde,

Was hätt’ ich Frohes d’ran?

 

Ja, wenn ich der Regente

Von ganz Europa wär’,

Und Molly kaufen könnte;

So gäb ich alles her.

Vor Städten, Schlössern, Thronen,

Und mancher fetten Flur,

Wählt’ ich mit ihr zu wohnen,

Ein Gartenhüttchen nur.

 

Mein liebes Leben enden

Darf nur der Herr der Welt.

Doch dürft’ ich es verspenden,

So wie mein Gut und Geld;

So gäb’ ich gern, ich schwöre!

Für jeden Tag ein Jahr,

Da sie mein eigen wäre,

Mein eigen ganz und gar.

 

 

An die Menschengesichter

Ich habe was Liebes, das hab’ ich zu lieb;

Was kann ich, was kann ich dafür?

D’rum sind mir die Menschengesichter nicht hold:

Doch spinn’ ich ja leider nicht Seide, noch Gold,

Ich spinne nur Herzeleid mir.

 

Auch mich hat was Liebes im Herzen zu lieb;

Was kann es, was kann es für’s Herz?

Auch ihm sind die Menschengesichter nicht hold:

Doch spinnt es ja leider nicht Seide noch Gold,

Es spinnt sich nur Elend und Schmerz.

 

Wir seufzen und sehnen, wir schmachten uns nach,

Wir sehnen und seufzen uns krank.

Die Menschengesichter verargen uns das;

Sie reden, sie thun uns bald dies und bald das,

Und schmieden uns Fessel und Zwang.

 

Wenn ihr für die Leiden der Liebe was könnt,

Gesichter, so gönnen wir’s euch.

Wenn wir es nicht können, so irr’ es euch nicht!

Wir können, ach leider! wir können es nicht,

Nicht für das mogolische Reich!

 

Wir irren und quälen euch Andre ja nicht;

Wir quälen ja uns nur allein.

D’rum, Menschengesichter, wir bitten euch sehr,

D’rum laßt uns gewähren, und quält uns nicht mehr,

O laßt uns gewähren allein!

 

Das dränget ihr euch um die Kranken herum,

Und scheltet und schnarchet sie an?

Von Schelten und Schnarchen genesen sie nicht.

Man liebet ja Tugend, man übet ja Pflicht;

Doch Keiner thut mehr, als er kann.

 

Die Sonne, sie leuchtet; sie schattet, die Nacht;

Hinab will der Bach, nicht hinan;

Der Sommerwind trocknet; der Regen macht naß;

Das Feuer verbrennet. – Wie hindert ihr das? –

O laßt es gewähren, wie’s kann!

 

Es hungert den Hunger, es dürstet den Durst;

Sie sterben von Nahrung entfernt.

Naturgang wendet kein Aber und Wenn. –

O Menschengesichter, wie zwinget ihr’s denn,

Daß Liebe zu lieben verlernt?

 

 

Elegie

Als Molly sich losreißen wollte

 

 

Darf ich noch ein Wörtchen lallen? –

Darf vor deinem Angesicht

Eine Thräne mir entfallen? –

Ach, sie dürfte freilich nicht!

Ihren Ausbruch abzuwehren,

Brächte mehr für dich Gewinst,

Um den Kampf nicht zu erschweren,

Den du gegen mich beginnst.

 

Und, o Gott! darf ich ihn tadeln?

Sollte nicht mein schönstes Lied

Mehr den edlen Kampf noch adeln,

Ob er gleich ins Grab mich zieht? –

Ja, das find’ ich recht und billig!

Noch ist mein Gewissen wach,

Und mein beßres Selbst ist willig;

Aber seine Kraft ist schwach.

 

Denn wie soll, wie kann ichs zähmen,

Dieses hochempörte Herz?

Wie den letzten Trost ihm nehmen,

Auszuschreien seinen Schmerz?

Schreien, aus muß ich ihn schreien!

Herr, mein Gott, du wirst es mir,

Du auch, Molly, wirst verzeihen!

Denn zu schrecklich tobt er hier.

 

Ha, er tobet mit der Hölle,

Mit der ganzen Hölle Wut!

Höchste Glut ist seine Quelle,

Und sein Ausstrom höchste Glut!

Gott und Gottes Kreaturen

Ruf’ ich laut zu Zeugen an:

Ob’s von irdischen Naturen

Eine stumm verschmerzen kann! –

 

Rosicht, wie die Morgenstunde,

Freundlich, wie ein Paradies,

Wort und Kuß auf ihrem Munde –

O kein Nektar ist so süß! –

War ein Mädchen mir gewogen – – –

Wie? Gewogen nur? – Fürwahr,

Ihre tausend Schwüre logen,

Wenn ich nicht ihr Abgott war.

 

Und sie sollte lügen können?

Lügen nur ein einzig Wort?

Nein! In Flammen will ich brennen,

Zeitlich hier und ewig dort;

Der Verdammnis ganz zum Raube

Will ich sein, wofern ich nicht

An das kleinste Wörtchen glaube,

Welches dieser Engel spricht.

 

Und ein Engel sonder gleichen,

Wenn die Erde Engel hat,

Ist sie! Weichen muß ihr, weichen,

Was hier Gott erschaffen hat! –

O ich weiß wohl, was ich sage!

Deutlich, wie mir See und Land

Hoch um Mittag liegt zu Tage,

So wird das von mir erkannt.

 

Rümpften Tausend auch die Nasen:

»Deine Sinne täuschen dich!

Große Liebe macht dich rasen! –«

O ihr Tausend seid nicht Ich!

Ich, ich weiß es, was ich sage!

Denn ich weiß es, was sie ist,

Was sie wiegt auf rechter Wage,

Was nach rechtem Maß sie mißt.

 

Andre mögen Andre loben,

Und zu Engeln sie erhöhn!

Mir, von unten auf bis oben,

Dünkt, wie Sie, nicht Eine schön.

Wie von außen, so von innen,

Dünkt auch nüchtern meinem Sinn,

Sie der höchsten Königinnen

Aller Anmut Königin.

 

Bettelarm ist, sie zu schildern,

Aller Sprachen Überfluß.

Zwischen tausend schönen Bildern

Wühlt umsonst mein Genius.

Spräch’ ich auch mit Engelzungen

Und in Himmelsmelodie,

Dennoch, dennoch unbesungen,

Wie sie wert ist, bliebe sie. –

 

Eine solche ist es! Eine,

Die kein Name nennen kann!

Die zu vollem Herzvereine

Mich so innig liebgewann,

Daß ihr seligster Gedanke,

Den sie dachte, wie den Stab

Rund herum des Weinstocks Ranke,

Tag und Nacht nur mich umgab.

 

Welch ein Sehnen, welch ein Schmachten,

Wann sie mich nicht sah und fand!

Welch ein wonniges Betrachten,

Wo ich ging und saß und stand!

Welch ein Säuseln, welch ein Wehen,

Wann sie kosend mich umfing,

Und mit süßem Liebeflehen

Brünstig mir am Halse hing! –

 

Alles, alles das, wie selig,

O wie selig fühlt’ ich das!

Fühlt’ es so, daß ich allmählich

Alles außer ihr vergaß;

Und nun ward in ihr zu leben,

Mir so innig zur Natur,

Wie, in Licht und Luft zu weben,

Jeder Erden-Kreatur.

 

Stolz konnt’ ich vor Zeiten wähnen,

Hoch sei ich mit Kraft erfüllt,

Auch das Geistigste, mit Tönen

Zu verwandeln in ein Bild.

Doch lebendig darzustellen

Das, was sie und ich gefühlt,

Fühl’ ich jetzt mich, wie zum schnellen

Reigen sich der Lahme fühlt.

 

Es ist Geist, so rasch beflügelt,

Wie der Spezereien Geist,

Der hermetisch, auch versiegelt,

Sich aus seinem Kerker reißt.

Welche Macht kann ihn bezähmen?

Welche Macht durch Ton und Wort

Fesseln und gefangen nehmen? –

Leicht, wie Äther, schlüpft er fort –

 

Nun – o wär’ ich nie geboren,

Oder schwänd’ in nichts dahin! –

Was sie war, ist mir verloren,

Da, was ich ihr war, noch bin.

Sie wähnt sich’s von Gott geheißen,

Trotz Verblutung oder Schmerz,

Von dem meinigen zu reißen

Ihr ihm einverwachs’nes Herz.

 

Rasch, mit Ernst und Kraft zu ringen,

Hat sie nun sich aufgerafft,

Und den Heldenkampf vollbringen

Will ihr Ernst und ihre Kraft.

Wird sie in dem Kampf’ erliegen?

Wird sie, oder wird sie nicht?

»Sterben, rief sie, oder siegen

Heißen Tugend mich und Pflicht.«

 

Ach, ich weiß Dem keinen Tadel,

Ob es gleich mich nieder würgt,

Was so rühmlich für den Adel

Ihrer schönen Seele bürgt!

Denn, o Gott, in Christenlanden,

Auf der Erde weit und breit,

Ist ja kein Altar vorhanden,

Welcher unsre Liebe weiht.

 

Tief in Kerkers Nacht, belastet,

Die von Ketten, zentnerschwer,

Stöhnt mein Geist nun, tappt und tastet

Ohne Rat und That umher.

Nirgends ist ein Spalt nur offen

Für der Hoffnung Labeschein;

Und auch Wünschen oder Hoffen

Scheint Verbrechen gar zu sein.

 

Ich erstarre, ich verstumme,

In Verzweiflung tief versenkt,

Wann mein Herz die Leidensumme

Dieser Liebe überdenkt.

Nichts, ach nichts weiß ich zu sagen,

Im Bewußtsein dieser Schuld,

Nichts zu murren, nichts zu klagen:

Dennoch mangelt mir Geduld!

 

Wie wird mir so herzlich bange,

Wie so heiß und wieder kalt,

Wann in diesem Sturm’ und Drange

Keuchend meine Seele wallt!

Ach! das Ende macht mich zittern,

Wie den Schiffer in der Nacht

Der Tumult von Ungewittern

Vor dem Abgrund’ zittern macht.

 

Herr, mein Gott, wie soll es werden?

Herr, mein Gott, erleuchte mich!

Ist wohl irgend wo auf Erden

Rettung noch und Heil für mich?

Heil auch dann, wann ich erfahre,

Daß sie ganz von mir befreit,

Einem Andern am Altare

Sich mit Leib und Seele weiht?

 

Werd’ ich, o mein Gott und Rächer,

Ohne in den Höllenweh’n

Der Verzweiflung zum Verbrecher

Mich zu wüten, werd’ ich’s sehn:

Wie der Mann bei Kerzen-Scheine

Sie zum Brautgemache winkt,

Und in meinem Freudenweine

Sich zum frohsten Gotte trinkt? –

 

Freilich, freilich fühlt, was billig

Und gerecht ist, noch mein Sinn,

Und das beßre Selbst ist willig:

Doch des Herzens Kraft ist hin!

Weh mir! Alle Eingeweide

Preßt der bängsten Ahndung Krampf?

O ich armer Mann, wie meide

Ich den fürchterlichsten Kampf? –

 

Bist du nun verloren? Rettet

Keine Macht dich mehr für mich?

Molly, meine Molly, kettet

Mich kein Segensspruch an dich?

O so sprich, zu welchem Ziele

Schleudert mich ein solcher Sturm?

Dient denn Gott ein Mensch zum Spiele,

Wie des Buben Hand der Wurm? –

 

Nimmermehr! Dies nur zu wähnen

Wäre Hochverrat an ihm.

Rühre denn dich meiner Thränen,

Meines Jammers Ungestüm!

O es keimt, wie lang’ es währe,

Doch vielleicht uns noch Gewinst,

Wenn ich dir den Kampf erschwere,

Den du gegen mich beginnst.

 

War denn diese Flammenliebe

Freier Willkür heimgestellt?

Nein! den Samen solcher Triebe

Streut Natur ins Herzensfeld.

Unaustilgbar keimen diese,

Sprossen dicht von selbst empor,

Wie im Thal und auf der Wiese

Kraut und Blume, Gras und Rohr.

 

Sinnig sitz’ ich oft und frage,

Und erwäg’ es herzlich treu

Auf des besten Wissens Wage:

Ob »Uns lieben« Sünde sei?

Dann erkenn’ ich zwar und finde

Krankheit, schwer und unheilbar;

Aber Sünde, Liebchen, Sünde

Fand ich nie, daß Krankheit war.

 

O ich möchte selbst genesen!

Doch durch welche Arznei?

Oft gedacht und oft gelesen

Hab’ ich viel und mancherlei;

Ärzte, Priester, Weis’ und Thoren

Hab’ ich oft um Rat gefragt:

Doch mein Forschen war verloren;

Keiner hat’s mir angesagt.

 

O so laß es denn gewähren,

Da Genesung nicht gelingt!

Laß uns lieber Krankheit nähren,

Eh’ uns gar daß Grab verschlingt! –

Suche nicht den Strom zu hemmen,

Der so lang’ sein Bett nur füllt,

Bis er zornig vor den Dämmen

Zum Vertilgungsmeer entschwillt.

 

Freier Strom sei meine Liebe,

Wo ich freier Schiffer bin!

Harmlos wallen seine Triebe

Wog’ an Woge dann dahin.

Laß in seiner Kraft ihn brausen!

Wenn kein Damm ihn unterbricht,

Müsse dir davor nicht grausen!

Denn verheeren wird er nicht.

 

Auf des Stromes Höhe pranget

Eine Insel, anmutsvoll,

Wo der Schiffer hin verlanget,

Aber ach! nicht landen soll.

Auf der schönen Insel thronet

Seines Herzens Königin.

Bei der süßen Holdin wohnet

Dennoch immerdar sein Sinn.

 

Hänget gleich sein Schiff an Banden

Strenger Pflichten, die er ehrt;

Wird ihm gleich dort anzulanden,

Molly, selbst von dir verwehrt:

O so laß’ ihn nur umfahren,

Seines Paradieses Rand,

Und es seine Obhut wahren

Gegen fremde Räuber-Hand.

 

Selbst, o Holdin, – kannst es glauben

Was dir Mund und Herz verspricht! –

Selbst das Paradies berauben

Und verheeren wird er nicht.

Keine Beere wird er pflücken,

Wie so lockend sie auch glüht,

Nicht ein Blümchen nur zerknicken,

Das in diesem Eden blüht.

 

Hinschaun soll ihn nur ergötzen,

Wann sein Schiff herum sich dreht,

Nur der süße Duft ihn letzen,

Den der West vom Ufer weht.

Aber ganz von hinnen scheiden,

Fern von deinem Angesicht

Und der Heimat seiner Freuden,

Heiß’, o Königin, ihn nicht.

 

 

Himmel und Erde

In dem Himmel quillt die Fülle

Heiß ersehnter Seligkeit.

Ich auch, wär’ es Gottes Wille,

Tränke gern aus dieser Fülle

Labsal für der Erde Leid;

 

Für den Wurm, der meiner Tage

Rosenblüte giftig sticht;

Dessen Schmerz ich in mir trage,

Den ich Arzt und Priester klage:

Aber ach! das hilft mir nicht.

 

Längst sind über Thal und Hügel

Alle Freuden mir entflohn.

Lahm sind meiner Hoffnung Flügel.

Rauher Hindernisse Hügel

Sprechen selbst den Wünschen Hohn. –

 

Dennoch setzt’ ich auch auf Erden

Gern noch fort den Pilgerstab.

Sollte Molly mir nur werden,

Trüg’ ich aller Welt Beschwerden

Noch den längsten Pfad hinab.

 

Volkers Schwanenlied

Sonst schlug die Lieb’ aus mir so helle,

Wie eine Nachtigall am Quelle.

Nun hat sie meine Kunst geirrt,

Daß jeder Laut zum Seufzer wird.

 

O Liebe, wundersüßes Wesen,

Wovon die Kranken oft genesen,

Ja Tote schier vom Grab’ erstehn,

Mich drängest du, ins Grab zu gehn! –

 

Im Busen hegt’ ich dich so lange,

Wie Jener die verklomte Schlange.

Dem Busen, der ihr Leben bot,

Gab sie zum Lohne Schmerz und Tod.

 

Nun, süße Mörderin des Lebens,

O Molly, laß nur nicht vergebens

Mein Flehn, mein letztes Flehen sein!

Vergiß nicht, ach, vergiß nicht mein!

 

Auf meiner Gruft, wo ich verwese,

Will ich, daß sanftes Mitleid lese:

»Wie Volker, liebt’ und litt kein Mann:

Der Hoffnungslose starb daran.« –

 

Fritz Stolberg, Harfner, der vor Allen

Mir stets von Herzen wohl gefallen,

Mann, der voll Gotteskraft und Geist

So herzlich Tugend liebt, als preist!

 

Dir, Freund, vermach’ ich Kranz und Leier,

Doch nur geweiht zu Molly’s Feier.

Der Name Molly sei verwebt

In jedes Lied, das ihr entschwebt!

 

Es gilt der Herrlichsten von Allen,

Die unter Gottes Sonne wallen,

Die Volker, der verlorne Mann,

Vom Schicksal nicht erseufzen kann.

 

Nun sei, o Gott, dem Armen gnädig!

Laß aller Schuld ihn los und ledig!

Laß nie in andern Flammen ihn,

Als Flammen seiner Liebe glühn!

 

 

Fortunens Pranger

Nieten? Nieten? Nichts als kahle Nieten? –

Nun so niete dich denn satt und matt! –

Zur Vergeltung will ich dir auch bieten,

Was noch keiner dir geboten hat.

 

Nicht mit Erbsen muß man nach dir schnellen,

Wie ein Lustigmacher etwa schnellt:

An den Pranger, und in Eisenschellen,

Sei, Fortuna, schimpflich ausgestellt! –

 

Rüstig, ihr Verwandten meiner Leier,

Satyrbuben, auf! Verschont sie nicht!

Alle faulen Äpfel – puh! – und Eier

Werft der Bübin in daß Angesicht!

 

Denn sie ist, sie ist die Ehrenlose,

Die das ärgste Schandgesindel liebt,

Und nur selten ihrer Wollust Rose

Einem Biedermann zu kosten gibt.

 

Ha, der Frechen! die so unverhohlen,

Mir nichts, dir nichts! falsche Münzen schlägt,

Und aus Lumpenkupfer die Pistolen,

Und aus Gold die Lumpenheller prägt!

 

O wie manchem edlen Tugendsohne

Gönnte sie kaum seinen Bettelstab,

Sie, die dennoch Zepter, Reich und Krone

Oft dem tollsten Oran-Utan gab!

 

Mit dem Räuber zieht sie aus zum Raube;

Selbst dem Mörder führt sie oft den Stahl.

Wie sie rupft dem Habicht Lamm und Taube,

Zupft sie jenem Wais’ und Witwe kahl.

 

Seht, wie sie beim Beutelschneider stehet,

Und dem Gauner, den der Würfel nährt,

Zum Gewinn die Schinderknochen drehet,

Und dem frommen Tropf die Taschen leert!

 

Wie sie dort den Mann von Treu’ und Glauben

In der Heuchlerlarve fein beschnellt,

Und, ihm vollends Rock und Hemd zu rauben,

Nachts dem Diebe gar die Leiter hält!

 

Ha, mit Treue weiß sie umzuspringen,

Wie die Katze mit der armen Maus!

Wahrheit kann von ihr ein Liedchen singen,

Wahrheit, oft verjagt von Amt und Haus!

 

Doch den Auswurf von den ärgsten Schelmen

Lohnte sie, für seine Heuchelkunst,

Oft mit Sternen, oft mit Ritterhelmen

Und mit Überschwang von Fürstengunst. –

 

Wird sie stets zum Tapfern sich gesellen,

Der für die gerechte Sache kriegt? –

Öfter haben Schurken und Rebellen,

Ohne Recht, durch ihre Hand gesiegt. –

 

Dennoch wird im kurzen alle Gnade

Ihren Buhlen oft zum Ungewinn;

Wie im Märchen der Scheherezade

Von der geilen Zauberkönigin.

 

Labe hieß sie. Buhlerisch gewogen

War sie manchem jungen schönen Mann!

Doch, sobald sie satt der Lust gepflogen,

Spie sie hui und pfui! sein Antlitz an.

 

Hui und pfui! ward er zum Ungeheuer,

Dessen Namen ihre Zunge sprach.

Ihren Kitzel stillte bald ein Neuer:

Aber immer traf ihn gleiche Schmach.

 

Eben so schon tausendmal gehandelt

Hat die Bübin, die wir ausgestellt.

Oft ihr liebster Liebling wird verwandelt

Durch die Zauberstäbchen, Ehr’ und Geld.

 

Ihro Hoch- Hochehr- und Wohlehrwürden

Schaffet sie zu Hammeln, fett und dumm,

Blökend, wie die Brüder in den Hürden,

Öfters auch zu Stutzeböcken um.

 

Hast du dich nicht wohl in Acht genommen,

Wirst du plötzlich in den Kot gestutzt,

Weil sie unversehns von hinten kommen,

Wirst geknufft, zertrampelt und beschmutzt.

 

Ihro Hoch- Hochwohl- und Wohlgeboren,

Wann sie sich an ihnen satt gepflegt,

Schenkt sie hohe Rüssel, oder Ohren,

Wie sie ein bekanntes Tierchen trägt.

 

Manche werden Pavian’ und Lüchse,

Manchen schafft sie um zum Krokodil;

Fürstenschranzen wandelt sie in Füchse

Und Chamäleone, wie sie will.

 

Ihro Gnaden, dero teure Frauen,

Gehen ebenfalls so leer nicht aus.

Diese führt, als stolzbeschwänzte Pfauen,

Sie auf Bäll’ und Assembleen aus.

 

Selten, selten schonet sie der Krieger,

Denen sie mit Gunst zur Seite war,

Wandelt sie in blutversoffne Tiger,

Oft, behüt’ uns Gott! in Teufel gar.

 

Die Gelahrten werden angebunden,

Wild in Bärgestalten, an ihr Pult.

Krittler bellen sich zu tollen Hunden

Und ermüden Ohren und Geduld.

 

Philosophen werden umgeschaffen,

Sammt Ästhetikern, in Dunst und Wind;

Viel Poeten aber sind schon Affen,

Und die bleiben denn nur, was sie sind. –

 

Fuselbrenner, Müller, Bäcker, Schlächter,

Brauer, Wirte, Kauf- und Handelsherrn,

Pferdetäuscher, Lieferer und Pächter

Wandelt sie in Büffel gar zu gern.

 

Manchem ihrer Söhne hext die Metze

Einen Rüssel, der nur frißt und säuft,

Zu zerwühlen die erbuhlten Schätze,

Welche weiland Büffel aufgehäuft. –

 

Dennoch – ließe sie nur so sich gnügen

An so mancher schnöden Zauberthat! –

Aber ach! auch Köpfe läßt sie fliegen.

Manchen Liebling flocht sie schon aufs Rad.

 

Wie mit Rüben, so mit Menschenhälsen

Spielt sie. Den, dem sie die Hand kaum gab,

Ihn zu heben auf den Ehrenfelsen,

Stürzt sie rücklings wieder tief hinab.

 

Manchem Reichen, wann sie kaum gefüllet

Seinen Kasten, hoch bis an den Rand,

Hat sie hinterher den Strick getrillet

Und ihn aufgeknüpft durch eigne Hand.

 

Dieb’ und Gauner, deren guter Engel

Sie zu Schutz und Trutz gewesen war,

Wandelt sie zuletzt in Galgenschwengel

Und in Speise für die Rabenschar. –

 

O der Bübin! über ihren Ränken

Gehn mir Sprache schier und Atem aus. –

Dieser Litanei soll sie gedenken! –

Satyrbuben packt euch nun nach Haus!

 

 

Muttertändelei

Für meine Dorette

 

 

Seht mir doch mein schönes Kind,

Mit den goldnen Zottellöckchen,

Blauen Augen, roten Bäckchen!

Leutchen, habt ihr auch so eins? –

Leutchen, nein ihr habet keins!

 

Seht mir doch mein süßes Kind!

Fetter, als ein fettes Schneckchen,

Süßer, als ein Zuckerweckchen!

Leutchen, habt ihr auch so eins? –

Leutchen, nein ihr habet keins!

 

Seht mir doch mein holdes Kind!

Nicht zu mürrisch, nicht zu wählig!

Immer freundlich, immer fröhlich!

Leutchen, habt ihr auch so eins? –

Leutchen, nein ihr habet keins!

 

Seht mir doch mein frommes Kind!

Keine bitterböse Sieben

Würd’ ihr Mütterchen so lieben.

Leutchen, möchtet ihr so eins? –

O ihr kriegt gewiß nicht meins!

 

Komm’ einmal ein Kaufmann her!

Hunderttausend blanke Thaler,

Alles Gold der Erde zahl’ er!

O er kriegt gewiß nicht meins!

Kauf’ er sich wo anders eins!

 

 

Der große Mann

Es ist ein Ding, das mich verdreußt,

Wenn Schwindel oder Schmeichelgeist

Gemeines Maß für großes preist.

 

Du, Geist der Wahrheit, sag’ es an:

Wer ist, wer ist ein großer Mann?

Der Ruhmverschwendung Acht und Bann!

 

Der, dem die Gottheit Sinn beschert,

Der Größe, Bild, Verhalt und Wert,

Und aller Wesen Kraft ihm lehrt;

 

Des weit umfassender Verstand,

Wie einen Ball mit hohler Hand

Ein ganzes Weltsystem umspannt;

 

Der weiß, was Großes hie und da,

Zu allen Zeiten, fern und nah,

Und wo, und wann, und wie geschah;

 

Der Mann, der die Natur vertraut,

Gleichwie ein Bräutigam die Braut,

An allen Reizen nackend schaut;

 

Und warm an ihres Busens Glut,

Vermögen stets und Heldenmut

Und Lieb’ und Leben saugend, ruht;

 

Und nun, was je ein Erdenmann

Für Menschenheil gekonnt und kann,

Wofern er will, desgleichen kann;

 

Dabei in seiner Zeit und Welt,

Wo sein Beruf ihn hingestellt,

Durch That der Kunst die Wage hält:

 

Der ist ein Mann, und der ist groß!

Doch ringt sich aus der Menschheit Schoß

Jahrhundertelang kaum Einer los.

 

 

Geweihtes Angebinde, zu Louisens Geburtstage

Kann denn nur der Vater Pabst allein

Schwerter, Kerzen, Amulett’ und Ringe

Für die Frommen seiner Kirche weih’n,

Daß kein Leid und Unheil an sie dringe? –

 

Freilich rühmt er sich mit stolzem Sinn

Gottes höchsten Priester auf der Erde;

Aber ich, auch ich weiß, was ich bin,

Weiß, daß ich ihm nimmer weichen werde.

 

Denn ich bin zu hoher Priesterschaft,

Nicht, wie er, von Menschen auserkoren,

Bin dazu empfangen und geboren

Und emporgesproßt durch Gottes Kraft!

 

Bin geweiht zum Priester des Apoll

Mit des Gottes Kranz und goldnem Stabe!

Seines Geistes bin ich froh und voll;

Warum nicht auch frommer Wundergabe? –

 

Ja, ich bin’s! So weih’ ich betend dann

Dieses Band mit Wunderkraft und Segen,

Daß ich’s an Louisens Busen legen,

Und damit Ihr Herz beglücken kann;

 

O ein Herz, des besten Glückes wert!

Das ich nie zu rühmen mich bestrebe,

Weil der schönste Name, den ich gebe,

Doch dies Herz noch nicht genugsam ehrt. –

 

Band, ich segne dich mit Freud’ und Lust,

Für das längste Leben, sonder Grämen;

Diesen Segen sollst du in die Brust

Meiner edlen Freundin reichlich strömen!

 

Freud’ und Lust an Ihrem braven Mann

Ein Jahrhundert, oder nicht viel minder,

Freud’ und Lust an allem ab und an,

An und ab dem Kleeblatt holder Kinder;

 

Freud’ und Lust, von keinem Harm vergällt,

Sei durch dich Ihr in die Brust gegossen,

Freud’ an Gottes ganzer weiter Welt,

Mich, den Priester, auch mit eingeschlossen!

 

 

Die Eine

Sonnett

 

 

Nicht selten hüpft, dem Finken gleich im Haine,

Der Flattersinn mir keck vors Angesicht:

»Warum, warum bist du denn so auf Eine,

Auf Eine nur bei Tag und Nacht erpicht?

 

Ha! glaubst du denn, weil diese dir gebricht,

Daß Liebe dich mit Keiner mehr vereine?

Der Gram um sie beflort dein Augenlicht;

Und freilich glänzt durch diesen Flor dir Keine.

 

Die Welt ist groß, und in der großen Welt

Blühn schön und süß viel Mädchen noch und Frauen.

Du kannst dich ja in manches Herz noch bauen.« –

 

Ach, alles wahr! Vom Rhein an bis zum Belt

Blüht Reiz genug auf allen deutschen Auen.

Was hilft es mir, dem Molly nur gefällt?

 

 

Überall Molly und Liebe

Sonnett

 

 

In die Nacht der Tannen oder Eichen,

Die das Kind der Freude schauernd flieht,

Such’ ich oft, von Kummer abgemüht,

Aus der Welt Gerassel wegzuschleichen.

 

Könnt’ ich nur, wie allem Meinesgleichen,

Auch sogar der Wildnis, die mich sieht,

Und den Sinn zu neuer Arbeit zieht,

Bis ins Nichts hinein zur Ruh’ entweichen!

 

Dennoch ist so heimlich kein Revier,

Ist auch nicht ein Felsenspalt so öde,

Daß mich nicht, wie überall, auch hier

 

Liebe, die Verfolgerin, befehde;

Daß nicht ich mit ihr von Molly rede,

Oder sie, die Schwätzerin, mit mir.

 

 

Täuschung

Sonnett

 

 

Um von Ihr das Herz nur zu entwöhnen,

Der es sich zu stetem Grame weiht,

Forschet durch die ganze Wirklichkeit,

Ach umsonst! mein Sinn nach allem Schönen.

 

Dann erschafft, bewegt durch langes Sehnen,

Phantasie aus Stoff, den Herzchen leiht,

Ihm ein Bild voll Himmelslieblichkeit.

Diesem will es nun statt Molly frönen.

 

Brünstig wird das neue Bild geküßt;

Ale Huld wird froh ihm zugeteilet;

Herzchen glaubt von Molly sich geheilet.

 

O des Wahns von allzu kurzer Frist!

Denn es zeigt sich, wenn Betrachtung weilet,

Daß das Bild leibhaftig – Molly ist.

 

 

Für Sie mein Eins und Alles

Sonnett

 

 

Nicht zum Fürsten hat mich das Geschick,

Nicht zum Grafen, noch zum Herrn geboren,

Und fürwahr nicht hellerswert verloren

Hat an mich das goldbeschwerte Glück.

 

Günstig hat auch keines Wesirs Blick

Mich im Staat zu hoher Würd’ erkoren.

Alles stößt, wie gegen mich verschworen,

Jeden Wunsch mir unerhört zurück.

 

Von der Wieg’ an, bis zu meinem Grabe,

Ist ein wohl ersung’nes Lorbeerreis

Meine Ehr’ und meine ganze Habe.

 

Dennoch auch dies Eine, so ich weiß,

Spendet’ ich mit Lust zur Opfergabe,

Wär’, o Molly, dein Besitz der Preis.

 

 

An Adoniden

O Adonide, welche Kraft

Zwingt alle Kerzen, dir zu schlagen?

Die Huldgöttinnen könnten’s sagen;

Verrieten sie die Wissenschaft.

 

Käm’ uns Homer zurück ins Leben,

Und fühlte diesen Drang und Zug;

Würd’ er die Schuld dem Gürtel geben,

Den Venus um den Busen trug.

 

Weißt du, was er davon gesungen?

Darein war alle Zauberei

Der Liebe, Lächeln, Schmeichelei

Und linder Zephyrsinn verschlungen;

 

War Witz verwebet, froh und leicht,

Und ah! das süße Huldgekose,

Das, wie ein mildes Öl der Rose,

Sogar des Weisen Herz beschleicht.

 

Nicht Jugendreiz, der bald verblühet,

Es ist die ewige Magie

Des Gürtels, den dir Venus lieh,

Der so die Herzen an sich ziehet!

 

Und noch im Herbste werden die

Für dich, wie jetzt im Lenze, lodern,

Und sehnend Lieb’ um Liebe fodern:

Denn Huldgöttinnen altern nie.

 

 

Die Unvergleichliche

Sonnett

 

 

Welch Ideal aus Engelsphantasie

Hat der Natur als Muster vorgeschwebet,

Als sie die Hüll’ um einen Geist gewebet,

Den sie herab vom dritten Himmel lieh?

 

O Götterwerk! Mit welcher Harmonie

Hier Geist in Leib und Leib in Geist verschwebet!

An Allem, was hienieden Schönes lebet,

Vernahm mein Sinn so reinen Einklang nie.

 

Der, welchem noch der Adel ihrer Mienen,

Der Himmel nie in ihrem Aug’ erschienen,

Entweiht vielleicht mein hohes Lied durch Scherz.

 

Der kannte nie der Liebe Lust und Schmerz,

Der nie erfuhr, wie süß ihr Atem fächelt,

Wie wundersüß die Lippe spricht und lächelt.

 

 

Der versetzte Himmel

Sonnett

 

 

Licht und Lust des Himmels zu erschauen,

Wo hinan des Frommen Wünsche schweben,

Muß dein Blick sich über dich erheben,

Wie des Betenden voll Gottvertrauen.

 

Unter dir ist Todesnacht und Grauen.

Würde dir ein Blick hinab gegeben,

So gewahrtest du mit Angst und Beben

Das Gebiet der Höll’ und Satans Klauen.

 

Also spricht gemeiner Menschenglaube.

Aber wann aus meines Armes Wiege

Molly’s Blick empor nach meinem schmachtet:

 

Weiß ich, daß im Auge meiner Taube

Aller Himmelsseligkeit Genüge

Unter mir der trunkne Blick betrachtet.

 

 

Naturrecht

Sonnett

 

 

Von Blum’ und Frucht, so die Natur erschafft,

Darf ich zur Lust, wie zum Bedürfnis, pflücken.

Ich darf getrost nach allem Schönen blicken,

Und atmen darf ich jeder Würze Kraft.

 

Ich darf die Traub’, ich darf der Biene Saft,

Des Schafes Milch in meine Schale drücken.

Mir front der Stier; mir beut das Roß den Rücken;

Der Seidenwurm spinnt Atlas mir und Taft.

 

Es darf das Lied der holden Nachtigallen

Mich, hingestreckt auf Flaumen oder Moos,

Wohl in den Schlaf, wohl aus dem Schlafe hallen.

 

Was wehrt es denn mir Menschensatzung, bloß

Aus blödem Wahn, in Molly’s Wonneschoß,

Von Lieb’ und Lust bezwungen, hinzufallen?

 

 

Molly’s Abschied

Lebe wohl, du Mann der Lust und Schmerzen!

Mann der Liebe, meines Lebens Stab!

Gott mit dir, Geliebter! Tief zu Herzen

Halle dir mein Segensruf hinab!

 

Zum Gedächtnis biet’ ich dir, statt Goldes –

Was ist Gold und goldeswerter Tand? –

Biet’ ich lieber, was dein Auge Holdes,

Was dein Herz an Molly Liebes fand.

 

Nimm, du süßer Schmeichler, von den Locken,

Die du oft zerwühltest und verschobst,

Wann du über Flachs an Pallas Rocken,

Über Gold und Seide sie erhobst!

 

Vom Gesicht, der Mahlstatt deiner Küsse,

Nimm, so lang’ ich ferne von dir bin,

Halb zum mindesten im Schattenrisse

Für die Phantasie die Abschrift hin!

 

Meiner Augen Denkmal sei dies blaue

Kränzchen flehender Vergißmeinnicht,

Oft beträufelt von der Wehmut Taue,

Der hervor durch sie vom Herzen bricht!

 

Diese Schleife, welche deinem Triebe

Oft des Busens Heiligtum verschloß,

Hegt die Kraft des Hauches meiner Liebe,

Der hinein mit tausend Küssen floß.

 

Mann der Liebe! Mann der Lust und Schmerzen!

Du, für den ich alles that und litt,

Nimm von allem! Nimm von meinem Herzen –

Doch – du nimmst ja selbst das Ganze mit!

 

 

Das hohe Lied von der Einzigen, in Geist und Herzen empfangen am Altare der Vermählung

Hört von meiner Auserwählten,

Höret an mein schönstes Lied!

Ha, ein Lied des Neubeseelten

Von der süßen Anvermählten,

Die ihm endlich Gott beschied!

Wie aus tiefer Ohnmacht Banden,

Wie aus Graus und Moderduft

In verschloßner Totengruft,

Fühlt er froh sich auferstanden

Zu des Frühlings Licht und Luft.

 

Zepter, Diademe, Thronen,

Gold und Silber hab’ ich nicht:

Hätten auch, ihr voll zu lohnen,

Silber, Gold und Perlenkronen

Ein genügendes Gewicht.

Was ich habe, will ich geben.

Ihrem Namen, den mein Lied

Schüchtern sonst zu nennen mied,

Will ich schaffen Glanz und Leben

Durch mein höchstes Feierlied.

 

Schweig’, o Chor der Nachtigallen!

Mir nur lausche jedes Ohr!

Murmelbach, hör’ auf zu wallen!

Winde, laßt die Flügel fallen,

Rasselt nicht durch Laub und Rohr!

Halt in jedem Elemente,

Halt in Garten, Hain und Flur

Jeden Laut, der irgend nur

Meine Feier stören könnte,

Halt den Odem an, Natur!

 

Glorreich, wie des Äthers Bogen,

Weich gefiedert, wie der Schwan,

Auf des Wohllauts Silberwogen

Majestätisch fortgezogen,

Wall’, o Lied, des Ruhmes Bahn!

Denn bis zu den letzten Tagen,

Die der kleinste Hauch erlebt,

Der von deutscher Lippe schwebt,

Sollst du deren Namen tragen,

Welche mich zum Gott erhebt.

 

Ja, zum himmelfrohen Gotte,

Der nun, frei und wohlgemut

Vor des Tadels Ernst und Spotte,

Wie in seiner Göttin Grotte

Nach dem Sturm Odysseus, ruht!

Sturm und Woge sind entschlafen,

Die durch Zonen, kalt und feucht,

Dürr und glühend, ihn gescheucht;

Seines Wonnelandes Hafen

Hat der Dulder nun erreicht.

 

Seine Stärke war gesunken;

Lechzend hing die Zung’ am Gaum;

Alles Öl war ausgetrunken,

Und des Lebens letzter Funken

Glimmt’ am dürren Tachte kaum.

Da zerriß die Wolkenhülle,

Wie durch Zauberwort und Schlag.

Heiter lacht’ ein blauer Tag

Auf des Wunderheiles Fülle,

Welche duftend vor ihm lag.

 

Wonne weht von Thal und Hügel,

Weht von Flur und Wiesenplan,

Weht vom glatten Wasserspiegel,

Wonne weht mit weichem Flügel

Des Piloten Wangen an.

Ihr Gefieder, nicht mit Aschen

Trauriger Vergangenheit

Für die Schmähsucht mehr bestreut,

Glänzet rein und hell gewaschen,

Wie des Schwanes Silberkleid.

 

In dem Paradiesgefilde,

Wie sein Aug’ es nimmer sah,

Waltet mit des Himmels Milde,

Nach der Gottheit Ebenbilde,

Adonid-Urania.

Froh hat sie ihn aufgenommen,

Hat erquickt mit süßem Lohn

Ihn, des Kummers müden Sohn.

»Nun, o lieber Mann, willkommen!«

Sang ihr Philomelenton.

 

Ach, in ihren Feenarmen

Nun zu ruhen, ohne Schuld;

An dem Busen zu erwarmen,

An dem Busen voll Erbarmen,

Voller Liebe, Treu’ und Huld:

Das ist mehr, als von der Kette,

Aus der Folterkammer Pein,

Oder von dem Rabenstein

In der Wollust Flaumenbette

Durch ein Wort entrückt zu sein! –

 

Ist es wahr, was mir begegnet?

Oder Traum, der mich bethört,

Wie er oft den Armen segnet

Und ihm goldne Berge regnet,

Die ein Hahnenruf zerstört?

Darf ichs glauben, daß die Eine,

Die sich selbst in mir vergißt,

Den Vermählungskuß mir küßt?

Daß die Herrliche die Meine

Ganz vor Welt und Himmel ist? –

 

Hohe Namen zu erkiesen

Ziemt dir wohl, o Lautenspiel!

Nie wird Die zu hoch gepriesen,

Die so herrlich sich erwiesen,

Herrlich ohne Maß und Ziel:

Daß sie, trotz dem Hohngeschreie,

Trotz der Hoffnung Untergang,

Gegen Sturm und Wogendrang,

Mir gehalten Lieb’ und Treue,

Mehr als hundert Monden lang.

 

Und warum, warum gehalten?

Konnt’ ich, wie der Großsultan,

Über Millionen schalten?

War ich unter Mannsgestalten

Ein Apoll des Vatikan?

War ich Herzog großer Geister,

Prangend in dem Kranz von Licht,

Den die Hand der Fama flicht?

War ich holder Künste Meister?

Ach, das alles war ich nicht!

 

Zwar – ich hätt’ in Jünglingstagen,

Mit beglückter Liebe Kraft

Lenkend meinen Kämpferwagen,

Hundert mit Gesang geschlagen,

Tausende mit Wissenschaft!

Doch des Herzens Loos, zu darben,

Und der Gram, der mich verzehrt,

Hatten Trieb und Kraft zerstört.

Meiner Palmen Keime starben,

Eines mildern Lenzes wert.

 

Sie, mit aller Götter Gnaden

Hoch, an Seel’ und Leib, geschmückt,

Schön und wert, Alcibiaden

Zur Umarmung einzuladen,

Hätt’ ein Beßrer leicht beglückt.

Hymen hätte zur Belohnung

Sie im Freuden-Chor umschwebt,

Und ein Leben ihr gewebt,

Wie es in Kronions Wohnung

Hebe mit Alciden lebt.

 

Dennoch, ohne je zu wanken,

Käm’ ihr ganzes Heil auch um,

Schlangen ihrer Liebe Ranken

Um den hingewelkten Kranken

Unablöslich sich herum.

Schmelzend im Bekümmernisse,

Daß der Eumeniden Schar,

Die um ihn gelagert war,

Nicht in Höllenglut ihn risse,

Bot sie sich zum Schirme dar. –

 

Macht in meiner Schuld, o Saiten,

Ihrer Tugend Adel kund!

Wahrheit knüpfe, des geweihten

Lautenschlägers Hand zu leiten,

Mit Gerechtigkeit den Bund!

Manche Tugend mag er missen:

Aber du, Gerechtigkeit,

Warst ihm heilig jederzeit!

Nein! Mit Willen und mit Wissen

Hat er nimmer dich entweiht.

 

Ruf es laut aus voller Seele:

Schuldlos war ihr Herz und Blut!

Welches Ziel die Rüge wähle,

O so trifft sie meine Fehle,

Fehle meiner Liebeswut!

Geißle mich des Hartsinns Tadel!

Wölke sich ob meiner Schuld

Selbst die Stirne milder Huld!

Büß’ ich nur für ihren Adel,

O so büß’ ich mit Geduld.

 

Ha, nicht linder Weste Blasen

Wehte mich zu Lieb’ und Lust!

Nein, es war des Sturmes Rasen!

Flamme, Steine zu verglasen

Heiß genug, entfuhr der Brust!

Nur in Plutons grausen Landen

Hätten, eisern in der Pflicht,

Welche keine Not zerbricht,

Unholdinnen widerstanden:

Doch die zarte Holdin nicht! –

 

Unglückssohn, warum entflammte

Deinen Busen solche Glut?

Sprich woher, woher sie stammte?

Welches Dämons Macht verdammte,

Frevler, dich zu dieser Wut? –

Eitle Frage! Nimm, Gesunder,

Nimm mein Herz und meinen Sinn

Ohne dieses Fieber hin!

Staune dann noch ob dem Wunder,

Wie ich dieser war und bin!

 

Nimm mein Auge hin und schaue,

Schau in Ihres Auges Licht!

Ah, das klare, himmelblaue,

Das so heilig sein: Vertraue

Meinem Himmelssinne! spricht!

Sieh die Pfirsichzier der Wange,

Sieh nur halb, wie auf der Flucht,

Dieser Lippe Kirschenfrucht,

Ach, und werde von dem Drange

Deines Durstes nicht versucht!

 

Sieh, o Blöder, auf und nieder,

Sieh mit meinem Sinn den Bau

Und den Einklang ihrer Glieder!

Wende dann das Auge wieder,

Sprich: Ich sah nur eine Frau!

Sieh das Leben und das Weben

Dieser Graziengestalt,

Sieh es ruhig an und kalt!

Fühle nicht das Wonnebeben

Vor der Anmut Allgewalt!

 

Hat die Milde der Kamönen

Gütig dir ein Ohr verliehn,

Aufgethan den Zaubertönen,

Die in Leid- und Freudenthränen

Seelen aus den Busen ziehn:

O so neig’ es ihrer Stimme

Und es ist um dich gethan!

Deine Seele faßt ein Wahn,

Daß sie in der Flut verglimme,

Wie ein Funk’ im Ozean.

 

Nahe dich dem Taumelkreise,

Wo ihr Nelkenatem weht;

Wo ihr warmes Leben leise,

Nach Magnetenstromes Weise,

Dir an Leib und Seele geht!

Arm und Arm dann um einander!

An einander Brust und Brust!

Wenn du dann in heißer Lust –

Ha, du bist ein Salamander,

Wenn du nicht zerlodern mußt!

 

Steig’ empor vom Erdenthale,

Was auch Florens Hand es kränzt!

Sonne dich, o Lied, im Strahle,

Der herab vom Sternensaale

Diesen Frühling überglänzt!

Siehe, wie des Maies Wonne,

So verarmt Autumnus Horn;

Wir verschwelgen Most und Korn:

Aber nie versiegt die Sonne,

Gottes goldner Segensborn.

 

Ohne Wandel durch die Jahre,

Durch den Wechsel aller Zeit,

Leuchtet hoch das reine, klare

Geistig-Schöne, Gute, Wahre

Dieser Seel’ in Ewigkeit.

Lebensgeist, von Gott gehauchet,

Odem, Wärme, Licht zu Rat,

Kraft zu jeder Edelthat,

Selig, wer in dich sich tauchet,

Du der Seelen Labebad!

 

Schmeichelflut der Vorgefühle

Hoher Götterlust schon hier

Wallet oft, bei Frost und Schwüle,

Wie mit Wärme, so mit Kühle,

Lieblich um den Busen mir.

Fühlet wohl ein Gottesseher,

Wann sein Seelenaug’ entzückt

In die bessern Welten blickt,

Fühlt er seinen Busen höher,

Unaussprechlicher beglückt?

 

O der Wahrheit! O der Güte,

Rein wie Perlen, ächt wie Gold!

O der Sittenanmut! Blühte

Je im weiblichen Gemüte

Jeder Tugend Reiz so hold?

Hinter sanfter Hügel Schirme,

Wo die Purpurbeere reift

Und der Liebe Nektar träuft,

Hat kein Fittich böser Stürme

Dies Elysium bestreift.

 

Da vergiftet nichts die Lüfte,

Nichts den Sonnenschein und Tau,

Nichts die Blum’ und ihre Düfte;

Da sind keine Mördergrüfte,

Da beschleicht kein Tod die Au;

Da berückt dich keine Schlange,

Zwischen Moos und Klee versteckt;

Da umschwirrt dich kein Insekt,

So das Lächeln von der Wange,

Aus der Brust den Frieden neckt.

 

Alle deine Wünsche brechen

Ihre Früchte hier in Ruh;

Milch und Honig fließt in Bächen;

Töne wie vom Himmel sprechen

Labsal dir und Segen zu. –

Doch – du fühlest dich verlassen,

Lied, in dieser Region!

Lange weigern sich dir schon,

Das Unsägliche zu fassen,

Bild, Gedanke, Wort und Ton. –

 

Der, dem sie die Götter schufen

Zur Genossin seiner Zeit,

Ist vor aller Welt berufen,

Zu erobern alle Stufen

Höchster Erdenseligkeit.

Ihm gedeihn des Glückes Saaten;

Seinem Wunsch ist jedes Heil,

Ehre, Macht und Reichtum feil:

Denn zu tausend Wunderthaten

Wird Vermögen ihm zu teil.

 

Durch den Balsam ihres Kusses

Höhnt das Leben Sarg und Grab;

Stark im Segen des Genusses

Gibt’s der Flut des Zeitenflusses

Keine seiner Blühten ab.

Rosicht hebt es sich und golden,

Wie des Morgens lichtes Haupt,

Seiner Jugend nie beraubt,

Aus dem Bette dieser Holden,

Mit verjüngtem Schmuck umlaubt.

 

Erd’ und Himmel! Eine Solche

Sollt’ ich nicht mein eigen sehn?

Über Nattern weg und Molche,

Mitten hin durch Pfeil’ und Dolche

Konnt’ ich stürmend nach ihr gehn.

Mit der Stimme der Empörung

Konnt’ ich furchtbar: Sie ist mein!

Gegen alle Mächte schrein,

Tempel lieber der Zerstörung,

Eh’ ich ihrer mißte, weihn.

 

Singt mir nicht das Lied von Andern!

Andre sind für mich nicht da:

Sollt’ ich auch, gleich Alexandern,

Durch die Welt erobernd wandern.

West- und osthin, fern und nah.

Andre füllen Andrer Herzen;

Andre reizen Andrer Sinn.

Wann ich erst ein Andrer bin,

Dann sind Andrer Lust und Schmerzen

Mir Verlust auch und Gewinn.

 

Läßt, so ganz nach allen Fernen,

So von Allem abgetrennt,

Was die Sehnsucht möchte körnen,

Schwebend zwischen Meer und Sternen,

Von des Durstes Glut verbrennt,

Läßt die Strebekraft sich dämpfen,

Wenn wir dann, so weit wir sehn,

Eine Labung nur erspähn?

Gilt was anders, als erkämpfen,

Oder kämpfend untergehn? –

 

Herr des Schicksals, deine Hände

Wandten meinen Untergang!

Nun hat alle Fehd’ ein Ende;

Dich, o neue Sonnenwende,

Grüßet jubelnd mein Gesang!

Hymen, den ich benedeie,

Der du mich der langen Last

Endlich nun entladen hast,

Habe Dank für deine Weihe!

Sei willkommen, Himmelsgast!

 

Sei willkommen, Fackelschwinger!

Sei gegrüßt im Freudenchor,

Schuldversöhner, Grambezwinger!

Sei gesegnet, Wiederbringer

Aller Huld, die ich verlor!

Ach, von Gott und Welt vergeben

Und vergessen werd’ ich sehn

Alles, was nicht recht geschehn,

Wann im schönsten neuen Leben

Gott und Welt mich wandeln sehn.

 

Schände nun nicht mehr die Blume

Meiner Freuden, niedre Schmach!

Schleiche, bis zum Heiligtume

Frommer Unschuld, nicht dem Ruhme

Meiner Auserwählten nach!

Stirb nunmehr, verworfne Schlange!

Längst verheertest du genug!

Ihres Retters Adlerflug

Rauscht heran im Waffenklange

Dessen, der den Python schlug.

 

Schwing’, o Lied, als Ehrenfahne

Deinen Fittich um ihr Haupt!

Und erstatte, trotz dem Wahne,

Was ihr mit dem Drachenzahne

Pöbellästerung geraubt!

Spät, wann dies’ im Staubgewimmel

Längst des Unwerts Buße zahlt,

Strahl’, in dies Panier gemalt,

Adonide, wie am Himmel

Dort die Halmen-Jungfrau strahlt.

 

Erdentöchter, unbesungen,

Roher Faunen Spiel und Scherz,

Seht, mit solchen Huldigungen

Lohnt die teuern Opferungen

Des gerechten Sängers Herz!

Offenbar und groß auf Erden,

Hoch und hehr zu jeder Frist,

Wie die Sonn’ am Himmel ist,

Heißt ers vor den Edlen werden,

Was ihm seine Holdin ist. –

 

Lange hatt’ ich mich gesehnet,

Lange hatt’ ein stummer Drang

Meinen Busen ausgedehnet.

Endlich hast du sie gekrönet,

Meine Sehnsucht, o Gesang!

Ach! dies bange süße Drücken

Macht vielleicht ihr Gegenstand

Nur der jungen Frau bekannt.

Trägt sie so nicht vom Entzücken

Der Vermählungsnacht das Pfand?

 

Ah, nun bist du mir geboren,

Schön, ein geistiger Adon!

Tanzet nun, in Lust verloren,

Ihr, der Liebe goldne Horen,

Tanzt um meinen schönsten Sohn!

Segnet ihn, ihr Pierinnen!

Laß, o süße Melodie,

Laß ihn, Schwester Harmonie,

Jedes Ohr und Herz gewinnen,

Jede Götterphantasie!

 

Nimm, o Sohn, das Meistersiegel

Der Vollendung an die Stirn!

Ewig strahlen dir die Flügel,

Meines Geistes helle Spiegel,

Wie der Liebe Nachtgestirn!

Schweb’, o Liebling, nun hinnieder,

Schweb’ in deiner Herrlichkeit

Stolz hinab den Strom der Zeit!

Keiner wird von nun an wieder

Deiner Töne Pomp geweiht.

 

 

Verlust

Sonnett

 

 

Wonnelohn getreuer Huldigungen,

Dem ich mehr als hundert Monden lang,

Tag und Nacht, wie gegen Sturm und Drang

Der Pilot dem Hafen, nachgerungen!

 

Becher, allgenug für Götterzungen,

Goldnes Kleinod, bis zum Überschwang

Stündlich neu erfüllt mit Labetrank,

O wie bald hat dich das Grab verschlungen!

 

Nektarkelch, du warest süß genug,

Einen Strom des Lebens zu versüßen,

Sollt’ er auch durch Weltenalter fließen.

 

Wehe mir! Seitdem du schwandest, trug

Bitterkeit mir jeder Tag im Munde.

Honig trägt nur meine Todesstunde.

 

 

Trauerstille

Sonnett

 

 

O wie öde, sonder Freudenschall,

Schweigen nun Palläste mir, wie Hütten,

Flur und Hain, so munter einst durchschritten,

Und der Wonnesitz am Wasserfall!

 

Todeshauch verwehte deinen Hall,

Melodie der Liebesred’ und Bitten,

Welche mir in Ohr und Seele glitten,

Wie der Flötenton der Nachtigall.

 

Leere Hoffnung! Nach der Abendröte

Meines Lebens einst im Ulmenhain

Süß in Schlaf durch dich gelullt zu sein!

 

Aber nun, o milde Liebesflöte,

Wecke mich beim letzten Morgenschein

Lieblich, statt der schmetternden Trompete.

 

 

Auf die Morgenröte

Sonnett

 

 

Wann die goldne Frühe, neugeboren,

Am Olymp mein matter Blick erschaut,

Dann erblass’ ich, wein’ und seufze laut:

Dort im Glanze wohnt, die ich verloren!

 

Grauer Tithon! du empfängst Auroren

Froh aufs neu, sobald der Abend taut;

Aber ich umarm’ erst meine Braut

An des Schattenlandes schwarzen Thoren.

 

Tithon! Deines Alters Dämmerung

Mildert mit dem Strahl der Rosenstirne

Deine Gattin, ewig schön und jung:

 

Aber mir erloschen die Gestirne,

Sank der Tag in öde Finsternis,

Als sich Molly dieser Welt entriß.

 

 

Liebe ohne Heimat

Sonnett

 

 

Meine Liebe, lange wie die Taube

Von dem Falken hin und her gescheucht,

Wähnte froh, sie hab’ ihr Nest erreicht

In den Zweigen einer Götterlaube.

 

Armes Täubchen! Hart getäuschter Glaube!

Herbes Schicksal, dem kein andres gleicht!

Ihre Heimat, kaum dem Blick gezeigt,

Wurde schnell dem Wetterstrahl zum Raube.

 

Ach, nun irrt sie wieder hin und her!

Zwischen Erd’ und Himmel schwebt die Arme,

Sonder Ziel für ihres Flugs Beschwer.

 

Denn ein Herz, das ihrer sich erbarme,

Wo sie noch einmal, wie einst erwarme,

Schlägt für sie auf Erden nirgends mehr.

 

 

Gesang am heiligen Vorabend des funfzigjährigen Jubelfestes der Georgia Augusta

Morgen, o festlicher Tag,

Morgen entschwebe

Herrlich und hehr der Nacht!

Komm in Titans Strahlenkranze,

Komm im blauen Äthermantel,

In des Urlichts reinstem Glanze!

So entsteige der Grotte der Nacht

Unter dem Meer!

So entschwebe dem Wogentanze

Herrlich und hehr,

Hehr und herrlich in Bräutigamspracht!

 

Es harret dein,

Voll Lieb’ und Lust,

Die hohe Jubelkönigin.

Vor bräutlichem Entzücken

Hüpft ihr die Brust.

Sie harret dein,

Mit wonneglänzenden Wangen und Blicken,

Georgia Augusta harret dein!

 

Als sie vor funfzig ruhmbestrahlten Jahren

Ein schönes Kind,

Ein wunderschönes Götterkind,

Geboren war,

Da brachten sie in dieses Tempels Halle,

Vor Gottes Hochaltar,

Ihr großer Vater und die Hochberühmten alle,

Die ihrer Kindheit Pfleger waren,

Dem Segenspender dar,

Und auf der Andacht Flügel schwang

Sich himmelan ihr flehender Gesang.

 

Herr, erfülle sie mit Weisheit,

Adle sie, o Herr, durch Schönheit,

Rüste sie mit Heldenstärke,

Für den großen Gang zum Ziele

Strahlender Vollkommenheit!

 

Denn der Geist gedeiht durch Weisheit,

Und das Herz gedeiht durch Schönheit,

Dieser Einklang rauscht in Stärke;

Dieser Adel führt zum Ziele

Dauernder Glückseligkei

 

Und als das Lied der frommen Schar,

Das Lied der heißen Inbrunst,

Hinauf gesungen war,

Da wallte Gottes Flamme,

Sanft wallte von des Gebers Thron

Des herzlichen Gebetes Lohn,

Die Flamme, die noch nie verlosch,

Des Segens Flamm’ herab auf den Altar.

 

O Flamme, die vom Himmel sank,

Entlodre hoch und weh’ umher!

Umher, umher!

Entzünde jedes Herz umher

Zu heißem Dank!

Dem Geber zu unaussprechlichem Dank!

 

Der königliche Herrscher auf dem Thron

Von Albion

Trat väterlich herzu, und gab

Ihr reichlich mildes Öl zur Nahrung.

Wetteifernd trat herzu die Schar

Der Pfleger und der Priester am Altar,

Der sie zu heiliger, zu ewiger Bewahrung

Von Gott und König anvertrauet war,

Und hütet’ ihrer gegen jegliche Gefahr

Hinweg zu löschen, oder sich zu trüben:

So gegen den wild stürmenden Orkan

Des Krieges, als des Neides leise Pest.

Gleich jener in der Vesta Heiligtume,

Erhielt getreue, rege Wachsamkeit

Die heil’ge Lohe rein und schön

Und hoch vom Anbeginn bis heut.

 

Himmelslohn euch, große Seelen,

In der Ruhe Heiligtum!

Ewig Heil euch, ewig Friede!

Hier auf Erden tön’ im Liede

Nun und immerdar eu’r Ruhm!

 

Erwärmt von Gottes Segensflamme wuchs,

Münchhausen, du Unsterblicher,

Wuchs deine Tochter schnell und hoch heran.

Des Ruhmes starker Adlerfittich trug

Lautrauschend ihren Namen

Rund um den Erdball über Meer und Land;

Und seiner edlern Völker Söhne kamen

Bei Tausenden zur Huldigung.

Viel teilte sie von ihres Reichtums Fülle,

Und viel von ihres Adels Hoheit,

Viel Mut und Kraft zu Thaten –

So war es in der Weihe ihr verliehn –

Zum Heil der Völker mit.

 

Selig, selig, himmelselig

Ist das hocherhabne Amt,

Auszuspenden, gleich der Sonne

Durch den großen Raum der Welten,

Ins Unendliche des Geistes

 

Lebensnahrung, Licht und Kraft!

 

O wie hoch und herrlich strahlet

Des Triumphes Majestät,

Wann der Held des Geistes Chaos

Und des Chaos Ungeheuer,

Brut der Barbarei, besteht,

Und zum Rechte seines Adels

 

Den gepreßten Geist erhöht!

 

Georgia Augusta, schön und stark,

Voll Lebensgeist und Mark,

Mit Athenäens Rüstung angethan,

Ging tadellos bis heut der Ehre Bahn,

Und stritt des Ruhmes Streit

Mit ungeschwächter rascher Tapferkeit.

Nun steht sie, lehnt sich ruhend auf den Speer,

Und darf – das zeuge du, Gerechtigkeit! –

Getrost zurück auf ihre Thaten schaun.

Des Kampfes Richter nehmen mild und schmeichelnd

Nun zur Erholung ihr die Waffen ab,

Und kleiden sie in festliches Gewand,

Für ihren ersten Jubelfeiertag.

 

Triumph! Des Tages Ehrenkönigin

Erhebt ihr Haupt!

Sie trägt ihr hohes Götterhaupt,

Sie trägt’s mit Laub und Blumen,

Laut rauschend,

Süß duftend,

Süß duftend mit lieblichen Blumen,

Laut rauschend mit Laube des Ruhms umlaub

 

Wer aber führt den schönen Sohn der Zeit,

Wer führt herauf von Osten

Den hellen Ehrentag,

Den lauten Wonnebringer?

Wer führt der schönen Jubelbraut

Den Jubelbräutigam nun zu?

Wer weihet zur Unsterblichkeit sie ein? –

Wer sonst, als ihres großen Vaters Geist

Und ihrer heimgewallten Pfleger Geister,

Die jetzt, von Gott dazu ersehn,

Ihr unsichtbare Lebenswächter sind?

 

Hebe dich himmelan, Weihegesang,

Hoch in die Heimat der seligen Schar!

Zeuch der großen Heimgewallten

Geister zum Feste der Tochter herab!

 

Schwebe herunter, wir rufen dich laut,

Schwebe vom Himmel, unsterbliche Schar!

Freue dich der Ruhmbekränzten,

Hoch in der Blüte der Schönheit und Kraft!

 

Führt, ihr Verklärten, in Bräutigamspracht,

Führet den Freudenerwecker ihr zu!

Strömt auf ihre Kraft und Schönheit

Segen der ewigen Jugend herab! –

 

Merkt auf! Sie habens vernommen,

Die schützenden Geister! Sie kommen!

Sie führen den glänzenden Bräutigam an!

Schon wehet der heilige Schauer voran.

 

Schaut auf! Die Himmlischen steigen,

Ein feierlich schwebender Reigen,

Ein tönender, Seelen entzückender Chor,

Auf purpurnen Wolken in Osten empor.

 

Schlagt hoch, ihr lodernden Flammen

Der Herzen und Lieder, zusammen!

Führt, Orgel und Pauke, mit festlichem Klang

Entgegen des frohen Willkommens Gesang!

 

 

Ode der funfzigjährigen Jubelfeier der Georgia Augusta am 17. September 1787 gewidmet von mehrern zu Göttingen Studierenden

Erhabenster, der du daß All gestaltet,

Zu deiner Herrlichkeit Pallast,

Und in ein Lichtgewand, aus Finsternis entfaltet,

Dein Werk gekleidet hast!

 

Du hast im Raum, wo deine Sonne lodert,

Um Ein Zentralziel aller Kraft,

Zu dem erhabnen Tanz die Sphären aufgefodert,

Der nimmermehr erschlafft!

 

Es schwebt mit ihm, an Harmonieen-Banden,

Der hohe Welt-Choral dahin,

Vom dem Pythagoras und Newton viel verstanden,

Und Keplers tiefer Sinn.

 

Im Geistesall, wo Form des Raums verschwindet,

Wo dumpf der Sinn des Zeitstroms Fall

Nur noch vernimmt, hast du weit Größer dich verkündet,

Als in dem Sinnenall.

 

Da lodern hoch, mit wunderbarem Glanze,

Die Sonnen Wahr und Gut und Schön,

Um die, – so willst du es – sich in vereintem Tanze

Des Geistes Künste drehn.

 

Vereinigung ersehnen die drei Flammen

Durch wechselsweisen Zug und Drang.

Auch hier rauscht die Musik der Sphären laut zusammen

In Einen Chorgesang;

 

Und rauschet fort, von Einem Strom gezogen,

Vom Strome der Vollkommenheit.

Ein Niagara stürzt der seine lichten Wogen

Ins Meer der Seligkeit. –

 

Georgia, die auch Gesang und Reigen

Erhabner Geisteskünste führt,

Tritt heut vor deinen Thron, ihr Haupt vor dir zu neigen,

Dem Anbetung gebührt.

 

Gefiel bisher dir höchsten Chorageten

Ihr Einklang mit dem großen Chor

Der Schöpfung, so vernimm, was ihre Söhne beten,

O Herr, mit mildem Ohr!

 

Gesegn’ ihr heut im Jubelfeierkleide

Den Wunsch, den jede Brust ihr weiht,

Und bis zu Götterkraft den Lebenswein der Freude,

Den ihr Georg ihr beut!

 

Hoch aufgefrischt von dieses Tages Wonnen,

Und deiner Segenskräfte voll,

Erhalte sich ihr Schwung um die drei Geistes-Sonnen,

Um die sie schweben soll!

 

Nie müsse sie des Rhythmus Kunst verlernen,

Die Glied an Glied ins Ganze fügt!

So fliege sie den Flug mit ihren Folge-Sternen,

Den alles Leben fliegt!

 

Und werde stets zum Ziele fortgezogen,

Das nur der Gottgeweihte sieht,

Wohin mit Ozeans-Gewalt der Kräfte Wogen

Die Kraft der Kräfte zieht!

 

 

Lied

Du mit dem Frühlingsangesichte,

Du schönes blondes Himmelskind,

An deiner Anmut Rosenlichte

Sieht sich mein Auge noch halb blind!

 

Nach etwas durst’ ich lang’ im stillen;

Nach Einem Labekuß von dir.

Den gib mir nur mit gutem Willen,

Sonst nehm’ ich rasch ihn selber mir!

 

Und sollte dich der Raub verdrießen,

So geb’ ich gern den Augenblick,

Die Schuld des Frevels abzubüßen,

Ihn hundertfältig dir zurück.

 

 

An Amalien

Auf ein Stammbuchs-Blatt

 

 

Schön, wie du, o Holdin, blüht der Garten,

Den des Dichters Phantasie dir schafft.

Sein als Gärtner treu und hold zu warten,

Sehnet sich des Herzens ganze Kraft.

 

Hundert Wünsche, ächte Leibessprossen

Dieses Gärtners, schwärmen froh hinaus,

Und durchziehn die Felder unverdrossen,

Blumen auszuspähn zum Busenstrauß.

 

Jeder Schönsten, so die Zeiten schenken,

Jeder Blume reiner Lebenslust

Spähn sie nach, zum holden Angedenken,

Welches blüh’ und duft’ an deiner Brust.

 

Ist dies nur der kleinsten Kraft empfänglich,

Die das Herz hinein zu segnen strebt,

O so weiß ich, daß es unvergänglich,

Unvergänglich dir am Busen lebt;

 

Daß es blühn und duften wird so lange,

Als dein süßer Atem drüber weht,

Als noch Leben deiner Rosenwange,

Deiner Purpurlippe Glanz erhöht,

 

Als dein blaues Auge dieses Blickes

Allgewalt bei Himmelsmilde trägt,

Und dein Herz – o welchem Sohn des Glückes? –

Hier auf Erden Lieb’ und Leben schlägt.

 

 

An die Bienen

 

Wollt ihr wissen, holde Bienen,

Die ihr süße Beute liebt,

Wo es mehr, als hier im Grünen,

Honigreiche Blumen gibt?

Statt die tausend auszunippen,

Die euch Florens Milde beut,

Saugt aus Amaryllis Lippen

Aller tausend Süßigkeit.

 

Florens schöne Kinder rötet

Nur der Frühlingssonne Licht:

Amaryllis Blumen tötet

Auch der strenge Winter nicht.

Jener ausgeleerte Hülle

Wird nicht wieder angefüllt:

Aber nie versiegt die Fülle,

Die aus diesem Kelche quillt.

 

Eins, nur Eins sei euch geklaget!

Eh’ ihr auf dies Purpurrot

Eure seidnen Flügel waget,

Hört, ihr Lieben, was euch droht!

Ach, ein heißer Kuß hat neulich

Die Gefahr mir kund gemacht.

Nehmt die Flügel, warn’ ich treulich,

Ja vor dieser Glut in acht!

 

 

An F.M. als sie nach London ging

Könnt’ auf väterlichen Auen

Ein verkümmerter Poet,

Könnt’ er dir ein Hüttchen bauen,

Wie es vor dem Geist’ ihm steht;

 

In der Hütt’ ein frohes Stübchen,

Groß genug für Weib und Mann,

Und zwei Mädchen, oder Bübchen,

Die Gott leicht bescheren kann;

 

In der Stub’ ein nährend Tischchen,

Täglich bietend Wein und Brot,

Auch wohl Brätchen, oder Fischchen,

Unversalzt durch Schuldennot;

 

Neben an zur Gartenseite

Ein vertrautes Kämmerlein,

D’rin ein Bett’, an Läng’ und Breite,

Für ein Pärchen nicht zu klein,

 

Wo du gern hinein dich bettest,

Wo du ruhest, weich und warm,

Mit dem Mann, den du gern hättest,

Fest verschlungen Arm in Arm;

 

Könnte das, mein gutes Mädchen,

Ein verarmter Leiermann,

Der nur auf dies Spinnenfädchen

Wunschkorallen reihen kann:

 

Heut noch brächt’ er froh den Schlüssel

Dir zu Stub’ und Kämmerlein,

Führte dich zu Krug und Schüssel,

Spräche: »Bleib, denn dies ist dein!«

 

»Bleib, würd’ er ins Ohr dir raunen,

Hier ist gut und besser sein,

Als sich mit des Hofes Launen

Zu St. James herum kastein.« –

 

Aber ach! durch Sturm und Regen

Muß er fort dich wandern sehn;

Nichts kann er als Gottes Segen

Zum Begleiter dir erflehn.

 

 

An August Wilhelm Schlegel

Sonnett

 

 

Kraft der Laute, die ich rühmlich schlug,

Kraft der Zweige, die mein Haupt umwinden,

Darf ich dir ein hohes Wort verkünden,

Das ich längst in meinem Busen trug.

 

Junger Aar! Dein königlicher Flug

Wird den Druck der Wolken überwinden,

Wird die Bahn zum Sonnentempel finden,

Oder Phöbus Wort in mir ist Lug.

 

Schön und laut ist deines Fittichs Tönen,

Wie das Erz, das zu Dodona klang,

Leicht und stark dein Aufflug sonder Zwang.

 

Dich zum Dienst des Sonnengotts zu krönen,

Hielt’ ich nicht den eignen Kranz zu wert;

Doch – dir ist ein besserer beschert.

 

 

Daß Blümchen Wunderhold

Es blüht ein Blümchen irgend wo

In einem stillen Thal.

Das schmeichelt Aug’ und Herz so froh,

Wie Abendsonnenstrahl.

Das ist viel köstlicher, als Gold,

Als Perl’ und Diamant.

Drum wird es »Blümchen Wunderhold«

Mit gutem Fug genannt.

 

Wohl sänge sich ein langes Lied

Von meines Blümchens Kraft:

Wie es am Leib’ und am Gemüt

So hohe Wunder schafft.

Was kein geheimes Elixir

Dir sonst gewähren kann,

Das leistet traun! mein Blümchen dir.

Man säh’ es ihm nicht an.

 

Wer Wunderhold im Busen hegt,

Wird wie ein Engel schön.

Das hab’ ich, inniglich bewegt,

An Mann und Weib gesehn.

An Mann und Weib, alt oder jung,

Zieht’s, wie ein Talisman,

Der schönsten Seelen Huldigung

Unwiderstehlich an.

 

Auf steifem Hals ein Strotzerhaupt,

Des Wangen hoch sich bläh’n,

Des Nase nur nach Äther schnaubt,

Läßt doch gewiß nicht schön.

Wenn irgend nun ein Rang, wenn Gold

Zu steif den Hals dir gab,

So schmeidigt ihn mein Wunderhold

Und biegt dein Haupt herab.

 

Es webet über dein Gesicht

Der Anmut Rosenflor;

Und zieht des Auges grellem Licht

Die Wimper mildernd vor.

Es teilt der Flöte weichen Klang

Des Schreiers Kehle mit,

Und wandelt in Zephyrengang

Des Stürmers Poltertritt.

 

Der Laute gleicht des Menschen Herz,

Zu Sang und Klang gebaut,

Doch spielen sie oft Lust und Schmerz

Zu stürmisch und zu laut:

Der Schmerz, wann Ehre, Macht und Gold

Vor deinen Wünschen fliehn,

Und Luft, wann sie in deinen Sold

Mit Siegeskränzen ziehn.

 

O wie dann Wunderhold das Herz

So mild und lieblich stimmt!

Wie allgefällig Ernst und Scherz

In seinem Zauber schwimmt!

Wie man alsdann nichts thut und spricht,

Drob Jemand zürnen kann!

Das macht, man trotzt und strotzet nicht

Und drängt sich nicht voran.

 

O wie man dann so wohlgemut,

So friedlich lebt und webt!

Wie um das Lager, wo man ruht,

Der Schlaf so segnend schwebt!

Denn Wunderhold hält alles fern,

Was giftig beißt und sticht;

Und stäch’ ein Molch auch noch so gern,

So kann und kann er nicht.

 

Ich sing’, o Lieder, glaub’ es mir

Nichts aus der Fabelwelt,

Wenn gleich ein solches Wunder dir

Fast hart zu glauben fällt.

Mein Lied ist nur ein Wiederschein

Der Himmelslieblichkeit,

Die Wunderhold auf Groß und Klein

In Thun und Wesen streut.

 

Ach! hättest du nur die gekannt,

Die einst mein Kleinod war –

Der Tod entriß sie meiner Hand

Hart hinterm Traualtar –

Dann würdest du es ganz verstehn,

Was Wunderhold vermag,

Und in das Licht der Wahrheit sehn,

Wie in den hellen Tag.

 

Wohl hundertmal verdankt’ ich ihr

Des Blümchens Segensflor.

Sanft schob sie’s in den Busen mir

Zurück, wann ichs verlor.

Jetzt rafft ein Geist der Ungeduld

Es oft mir aus der Brust.

Erst, wann ich büße meine Schuld,

Bereu’ ich den Verlust.

 

O was des Blümchens Wunderkraft

Am Leib’ und am Gemüt

Ihr, meiner Holdin, einst verschafft,

Faßt nicht das längste Lied! –

Weil’s mehr, als Seide, Perl’ und Gold

Der Schönheit Zier verleiht,

So nenn’ ichs »Blümchen Wunderhold«

Sonst heißt’s – Bescheidenheit.

 

 

Vorgefühl der Gesundheit

An Heinrich Christian Boie

 

 

Täuschet ihr mit euerm Wechseltanze,

Du, o Wunsch, und du, o Hoffnung, mich?

Oder naht im Purpurnelkenkranze

Frohen Trittes die Gesundheit sich?

Will sie von dem Dämon mich erlösen,

Welcher meine Kraft gefangen nahm?

Soll ich wiederum zu Dem genesen,

Der ich der Natur vom Busen kam?

 

Laß mich dir mein Vorgefühl verkünden,

Boie, alter, trauter Herzensfreund!

Wonniglich wirst du es mit empfinden,

Wann der Dulder fessellos erscheint;

Wann er mit der angebornen Stärke

Jugendlich Apollons Bogen spannt,

Oder rüstig zu Athenens Werke

Unter der Ägide sich ermannt.

 

Ha, dein Freund, einst mehr als halb verloren,

Keck verhöhnt von schnödem Übermut,

War zum lahmen Schwächling nicht geboren;

Ihn durchfloß kein träges feiges Blut.

Das bezeugen ihm des Pindus Würden,

Die er in der Ohnmacht noch erwarb,

Und die Kraft, die unter allen Bürden

Nicht in zwanzig Jahren ganz erstarb.

 

Heil ihm! Leichter fühlt er schon die Glieder;

Und der Genius, der in ihm strebt,

Schüttelt freier, stärker das Gefieder,

Das dem schweren Nebel ihn enthebt.

Erde, dich mit allen deinen Bergen,

Allem lastenden Metall darin,

Allen Riesen drauf und allen Zwergen,

Haucht er bald, wie Flaum, vor sich dahin.

 

Edle Rache beut er dann der Schande,

Die er über sein Verschulden trug,

Seit der Hypochonder dumpfe Bande

Um die rein gestimmten Nerven schlug,

Wann es heller um der Wahrheit Seher,

Wärmer um der Schönheit Pfleger tagt,

Und er glorreich eines Hauptes höher

Als zehntausend Alltagsmenschen ragt.

 

Mag es Riese dann und Drache wagen,

Gegen ihn zum Kampf heran zu gehn!

Mag das Glück ihn auf den Armen tragen,

Oder Er auf eignen Füßen stehn!

Neu gerüstet mit den Götterwaffen,

Die er mit gestähltem Arme führt,

Wird er sich nach Heldenrecht verschaffen,

Was sein Wunsch bedarf und ihm gebührt. –

 

Herr des Lebens, willst du mich erhalten,

O so gib nur Eins, – Gesundheit mir!

Dankend will ich dir die Hände falten,

Aber bitten weiter nichts von dir.

Kühn durch Klippen, Strudel, Ungeheuer

Lenk’ ich, allgenugsam mir, alsdann

Auf des Lebens Ozean mein Steuer.

Selbst sein Gott ist ein gesunder Mann.

 

 

Zweites Buch

 

Episch-lyrische Gedichte

 

Neue weltliche hochdeutsche Reime,

 

enthaltend

 

die abenteuerliche doch wahrhaftige

 

Historiam

 

 

 

von der

 

wunderschönen Durchlauchtigen

 

Kaiserlichen

 

Prinzessin Europa,

 

 

 

und

 

einem uralten heidnischen

 

Götzen,

 

Jupiter item Zeus

 

 

 

genannt,

 

als welcher sich nicht entblödet, unter der Larve eines unvernünftigen Stieres, an höchstgedachter Prinzessin ein crimen raptus, zu deutsch: Jungfernraub auszuüben.

 

 

 

Also gesetzet und an das Licht gestellet

 

durch

 

M. Jocosum Hilarium,

 

Poët. caes. laur.

 

 

Vor alters war ein Gott,

Von nicht geringem Ruhme,

Im blinden Heidentume.

Nun aber ist er tot.

Er starb – – post Christum natum – – –

Ich weiß nicht mehr das Datum.

 

Der war an Schelmerei

Das Weibsen zu betrügen,

Von dem Papa der Lügen

Das ächte Konterfei;

Und kurz, auf alle Fälle,

Ein lockerer Geselle.

 

Ich hab’ ein altes Buch,

Das thut von ihm berichten

Viel schnurrige Geschichten,

Worin manch Stutzer g’nug

Für seinen Schnabel fände,

Wenn er Latein verstände.

 

Mein unverdroßner Mund

Soll, ohne viel zu wählen,

Nur Einen Kniff erzählen.

Denn thät’ ich alle kund,

So wäre zu besorgen,

Ich säng’ bis übermorgen.

 

Eu’r Batzen soll euch nicht,

Geehrte Herrn, gereuen.

Mein Liedel soll euch freuen! –

Doch ihr dort! Schelmgezücht!

Kroaten, hinter’n Bänken!

Laßt nach mit Lärm und Schwänken!

 

Heda! Hier nichts gegeckt,

Ihr ungewaschnen Buben!

Narriert in andern Stuben,

Nur mich laßt ungeneckt!

Sonst hängt euch, schnaps! am Munde

Ein Schloß; wiegt tausend Pfunde.

 

Ha! das Donatgeschmeiß!

Kaum hört und sieht’s was Neues,

So hat es gleich Geschreies,

So puppert Herz und Steiß.

Geduld! Man wird’s euch zahlen,

Euch dünnen Schulpennalen!

 

Traut nicht! Es regt sich hie,

In meinem Wolfstornister,

Der Kuckuck und sein Küster –

Ein Kobolt – heißt Genie.

Dem schafft’s gar guten Frieden,

Wem Gott solch Ding beschieden.

 

Laßt ja den Griesgram gehn!

Er weiß euch zu kuranzen;

Läßt euch wie Affen tanzen,

Und auf den Köpfen stehn;

Wird euch ‘mal begenieen,

Daß euch die Steiße glühen. –

 

Doch ihr, Kunstjüngerlein!

Mögt meine Melodeien

Nur nicht flugs nachlalleien.

So leicht lallt sich’s nicht ‘nein.

Beherzigt doch das dictum:

Cacatum non est pictum. – – –

 

Eu’r Batzen soll euch nicht,

Geehrte Herrn, gereuen.

Mein Liedel soll euch freuen!

Nun schaut mir ins Gesicht!

Merkt auf mit Herz und Sinnen!

Will endlich ‘mal beginnen. –

 

Zeus wälzt im Bette sich,

Nachdem er lang gelegen,

Wie Potentaten pflegen,

Und fluchte mörderlich:

»Schon trommelt’s zur Parade!

Wo bleibt die Schokolade?«

 

Gleich bringt sie sein Lakai;

Bringt Schlafrock, Toffeln, Hose,

Schleppt Pfeife, Knasterdose

Nebst Fidibus herbei.

Denn morgens ging kein Mädchen

Gern in sein Kabinetchen.

 

Er schlürft’ acht Tassen aus;

Hing dann, zum Zeitvertreibe,

Sich mit dem halben Leibe

Zum Himmelsfenster ‘naus,

Und schmauchte frisch und munter,

Sein Pfeifchen Knaster ‘runter.

 

Und durch sein Perspektiv

Visiert’ er von dem Himmel,

Nach unserm Weltgetümmel.

Sonst mochten wohl so tief

Die abgeschwächten Augen

Nicht mehr zu sehen taugen.

 

Da nahm er schmunzelnd wahr,

Auf schönbeblümten Auen,

Gar lieblich anzuschauen,

Vergnügter Mägdlein Schar,

Die auf dem grünen Rasen

Sich Gänseblümchen lasen.

 

Die Schönste war geschmückt

Mit einem leichten Kleide,

Von rosinfarbner Seide,

Mit Fadengold durchstickt.

Die Andern aber schienen

In Demut ihr zu dienen.

 

Die niedliche Gestalt,

Die schlanken zarten Glieder

Besah er auf und nieder.

Ihr Alter er gar bald

Recht kunstverständig schätzte,

Und es auf Sechzehn setzte.

 

Zum Blumenlesen war

Ihr Röckchen aufgehoben.

Das Perspektiv von oben

Sah alles auf ein Haar.

Die Füßchen, Knie’, und Waden

Behagten Seiner Gnaden.

 

Sein Herzenshammer schlug.

Bald wollt’ er mehr gewinnen.

Da hub er an zu sinnen,

Auf arge List und Trug.

Ihn dünkt, sie zu erschnappen,

Sei’s not, sich zu verkappen.

 

Er klügelt’ und erfand,

Nach schlauem Spintisieren,

Als Stier sich zu maskieren:

Doch ist mir unbekannt,

Wie dieses zugegangen?

Und wie er’s angefangen?

 

Ich mag um Schlaf und Ruh

Durch Grübeln mich nicht bringen,

Allein mit rechten Dingen

Ging solches Spiel nicht zu.

Es half ihm, sonder Zweifel,

Gott sei bei uns! ††† der Teufel.

 

Kurz um, er kömmt als Stier,

Und graset im Gefilde,

Als führt’ er nichts im Schilde,

Erst ziemlich weit von ihr,

Und scheint den Frauenzimmern

Sich schlecht um sie zu kümmern.

 

Allmählich hub er an,

Sich näher an zu drehen.

Doch noch blieb sie nicht stehen.

Der Krepp wuchs ihr bergan.

Auch ward ihr in die Länge

Die Schnürbrust mächtig enge.

 

Doch hört nur! Mein Monsieur

Verstand die fintenvolle

Vorherstudierte Rolle,

Wie ich mein A b c.

War er Acteur ich wette,

Daß man geklatschet hätte.

 

Er hatte Theorie

Mit Praxis wohl verbunden.

In seinen Nebenstunden

Verabsäumt’ er fast nie,

Nasonis Buch zu treiben,

Und Noten beizuschreiben.

 

D’rum that der arge Stier

Sehr zahm und sehr geduldig,

Schien keiner Tücke schuldig,

Und suchte mit Manier,

Durch Kopfhang sich und Schweigen

Empfindsam gar zu zeigen.

 

Das Mägdlein, durch den Schein

Von Sittsamkeit betrogen,

Ward endlich ihm gewogen.

»Sollt’ er wohl kurrig sein?«

Sprach sie zu ihrer Amme,

»Er gleicht ja einem Lamme!«

 

Die alte Strunsel rief:

»Ei! welche schöne Frage!

Nach alter deutscher Sage,

Sind stille Wasser tief.

D’rum, Chère Enfant, d’rum bleibe

Dem bösen Stier vom Leibe!«

 

»Ich möchte«, fiel sie ein,

»Ihm wohl ein Kränzel binden,

Und um die Hörner winden.

Er wird schon artig sein,

Wenn ich hübsch traulich rabb’le

Und hinter’m Ohr ihm krabb’le.« –

 

Fort, Kind! da kömmt er! Ah! – – –

Doch er ließ sacht die Glieder

Ins weiche Gräschen nieder,

Lag wiederkäuend da.

Sein Auge, dumm und ehrlich,

Schien gänzlich nicht gefährlich.

 

Da ward das Mägdlein kühn,

Und trieb mit ihm viel Possen,

(Das litt er unverdrossen)

Und ach! und stieg auf ihn.

»Hi! Hi! Ich will’s doch wagen,

Ob mich das Tier will tragen?«

 

Doch der verkappte Gast

Empfand auf seinem Rücken

Mit krabbelndem Entzücken,

Kaum seine schöne Last,

So sprang er auf und rennte,

Als ob der Kopf ihm brennte.

 

Und lief in vollem Trab,

Querfeldein, schnurgerade,

Zum nächsten Meergestade,

Und hui! that er hinab,

Kein Weilchen zu verlieren,

Den Sprung mit allen Vieren.

 

»Ach! schrien die Zofen, ach!

(Die an das Ufer sprangen

Und ihre Hände rangen)

Ach! Ach! Prinzessin, ach!

Was für ein Streich, Ihr Gnaden!

Nun han wir’s auszubaden.«

 

Allein das arme Kind

Hub, zappelnd mit den Beinen,

Erbärmlich an zu weinen:

»Ach! helft mir! helft geschwind!«

Doch unser Schalk vor Freude

War taub zu ihrem Leide.

 

Nichts half ihr Ach und Weh.

Sie mußte fürbaß reiten.

Da gafft’ auf beiden Seiten,

Janhagel aus der See,

Und hub, ganz ausgelassen,

Hierüber an zu spaßen.

 

Der Stier sprach nicht ein Wort,

Und trug sie sonder Gnade

Hinüber ans Gestade,

Und kam in sichern Port.

Darob empfand der Heide.

Herzinnigliche Freude.

 

Hier sank sie auf den Sand,

Ganz matt durch langes Reiten

Und Herzensbangigkeiten,

Von Sinnen und Verstand.

Vielleicht hat’s auch darneben

Ein Wölfchen abgegeben.

 

Mein Stier nahm frisch und froh

Dies Tempo wahr, und spielte,

Als sie nicht sah und fühlte,

Ein neues Qui pro quo.

Denn er verstand den Jocus

Mit fiat Hocus pocus.

 

Und trat als Kavalier,

In hochfrisierten Haaren,

Wie damals Mode waren,

Mit dem Flacon zu ihr,

Und hub, um Brust und Hüften,

Die Schnürbrust an zu lüften.

 

Kaum war sie aufgeschnürt,

Kaum kitzelt’ ihre Nase

Der Duft aus seinem Glase,

So war sie auch kuriert;

D’rauf er, wie sich’s gebührte,

Comme ça mit ihr charmierte:

 

»Willkommen hier ins Grün!

Per dio! das bejah’ ich,

Mein blaues Wunder sah ich!

Woher, mein Kind, wohin?

So weit durch’s Meer zu reiten!

Und doch nicht abzugleiten? –

 

Indessen freut mich’s, hier

In meinem schlechten Garten,

Gehorsamst aufzuwarten.

Ma foi! das ahnte mir.

Heut hatt’ ich so ein Träumchen – – –

Auch juckte mir das Däumchen.

 

Man zog ihr wackres Tier,

Worauf sie hergeritten,

Nachdem sie abgeschritten,

Gleich in den Stall von hier.

Da soll es, nach Verlangen,

Sein Futter schon empfangen.

 

Sie werden, Herzchen, gelt?

Wohl noch ein wenig frieren?

Geruhn sie zu spazieren

In dieses Lustgezelt,

Und thun in meiner Klause,

Als wären sie zu Hause.

 

Hier pflegen sie der Ruh,

Und trocknen sich, mein Schneckchen,

Ihr Hemde, sammt dem Röckchen,

Die Strümpfchen und die Schuh.

Ich, mit Permiß, will ihnen

Statt Kammermädchens dienen.« –

 

Sie sträubte jüngferlich

Sich anfangs zwar ein wenig:

Doch er bat unterthänig,

Und da ergab sie sich.

Nun, hochgeehrte Gäste,

Merkt auf! Nun kömmt das Beste.

 

Hem! – – – Ha! Ich merke wohl

An euren werten Nasen,

Daß ich mit hübschen Phrasen

Eu’r Ohr nun kitzeln soll.

Ihr möchtet, um den Batzen,

Für Lachen gern zerplatzen.

 

Doch teure Gönner, seht,

Was ich dabei riskiere!

Wenn’s der Pastor erführe,

Der keinen Spaß versteht,

Dann wehe meiner Ehre! –

Ich kenne die Pastöre! –

 

D’rum weg mit Schäkerei’n!

Von süßkandierten Zoten

Wird vollends nichts geboten.

Hilarius hält fein

Auf Ehrbarkeit und Mores,

Ihr Herren Auditores.

 

In Züchten, wie sich’s ziemt,

Weil mich vor langem Breie

In solchen Schosen scheue,

Meld’ ich nur kurz verblümt:

Hier that mit seiner Schöne

Der Herr sich trefflich bene. –

 

Nun schwammen mit Geschrei,

In langen grünen Haaren,

Der Wassernixen Scharen

Hart an den Strand herbei:

Zu sehen das Spektakel,

In diesem Tabernakel.

 

Manch Nixchen wurde rot;

Manch Nixchen wurde lüstern;

Jen’s neigte sich zum Flüstern;

Dies lachte sich halb tot;

Neptun, gelehnt an’s Ruder,

Rief: Prosit, lieber Bruder!

 

Nun dank’, o frommer Christ,

Im Namen aller Weiber,

Daß dieser Heid’ und Räuber

Bereits gestorben ist.

Zwar – – – fehlt’s auch zum Verführen

Nicht an getauften Stieren.

 

 

Des armen Suschens Traum

Ich träumte, wie um Mitternacht

Mein Falscher mir erschien.

Fast schwür’ ich, daß ich hell gewacht,

So hell erblickt’ ich ihn.

 

Er zog den Treuring von der Hand

Und ach! zerbrach ihn mir.

Ein Wasserhelles Perlenband

Warf er mir hin dafür.

 

D’rauf ging ich wohl ans Gartenbeet,

Zu schau’n mein Myrtenreis,

Das ich zum Kränzchen pflanzen thät,

Und pflegen thät mit Fleiß.

 

Da riß entzwei mein Perlenband,

Und eh ich’s mich versah,

Entrollten all’ in Erd’ und Sand,

Und keine war mehr da.

 

Ich sucht’ und sucht’ in Angst und Schweiß,

Umsonst, umsonst! Da schien

Verwandelt mein geliebtes Reis

In dunkeln Rosmarin.

 

Erfüllt ist längst das Nachtgesicht,

Ach! längst erfüllt genau.

Das Traumbuch frag’ ich weiter nicht,

Und keine weise Frau.

 

Nun brich, o Herz, der Ring ist hin!

Die Perlen sind geweint!

Statt Myrt’ erwuchs dir Rosmarin!

Der Traum hat Tod gemeint.

 

Brich, armes Herz! Zur Totenkron’

Erwuchs dir Rosmarin.

Verweint sind deine Perlen schon,

Der Ring, der Ring ist hin!

 

 

Lenore

Lenore fuhr um’s Morgenrot

Empor aus schweren Träumen:

»Bist untreu, Wilhelm, oder tot?

Wie lange willst du säumen?« –

Er war mit König Friedrichs Macht

Gezogen in die Prager Schlacht,

Und hatte nicht geschrieben:

Ob er gesund geblieben.

 

Der König und die Kaiserin,

Des langen Haders müde,

Erweichten ihren harten Sinn,

Und machten endlich Friede;

Und jedes Heer, mit Sing und Sang,

Mit Paukenschlag und Kling und Klang,

Geschmückt mit grünen Reisern,

Zog heim zu seinen Häusern.

 

Und überall all überall,

Auf Wegen und auf Stegen,

Zog Alt und Jung dem Jubelschall

Der Kommenden entgegen.

Gottlob! rief Kind und Gattin laut,

Willkommen! manche frohe Braut.

Ach! aber für Lenoren

War Gruß und Kuß verloren.

 

Sie frug den Zug wohl auf und ab,

Und frug nach allen Namen;

Doch keiner war, der Kundschaft gab,

Von allen, so da kamen.

Als nun das Heer vorüber war,

Zerraufte sie ihr Rabenhaar,

Und warf sich hin zur Erde,

Mit wütiger Geberde.

 

Die Mutter lief wohl hin zu ihr: –

»Ach, daß sich Gott erbarme!

Du trautes Kind, was ist mit dir?« –

Und schloß sie in die Arme. –

»O Mutter, Mutter! hin ist hin!

Nun fahre Welt und alles hin!

Bei Gott ist kein Erbarmen.

O weh, o weh mir Armen!« –

 

»Hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!

Kind, bet’ ein Vaterunser!

Was Gott thut, das ist wohlgethan.

Gott, Gott erbarmt sich Unser!« –

»O Mutter, Mutter! Eitler Wahn!

Gott hat an mir nicht wohlgethan!

Was half, was half mein Beten?

Nun ist’s nicht mehr vonnöten.« –

 

»Hilf Gott, hilf! wer den Vater kennt,

Der weiß, er hilft den Kindern.

Das hochgelobte Sakrament

Wird deinen Jammer lindern.« –

»O Mutter, Mutter! was mich brennt,

Das lindert mir kein Sakrament!

Kein Sakrament mag Leben

Den Toten wiedergeben.« –

 

»Hör, Kind! wie, wenn der falsche Mann,

Im fernen Ungerlande,

Sich seines Glaubens abgethan,

Zum neuen Ehebande?

Laß fahren Kind, sein Herz dahin!

Er hat es nimmermehr Gewinn!

Wann Seel’ und Leib sich trennen,

Wird ihn sein Meineid brennen.« –

 

»O Mutter, Mutter! Hin ist hin!

Verloren ist verloren!

Der Tod, der Tod ist mein Gewinn!

O wär’ ich nie geboren!

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!

Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!

Bei Gott ist kein Erbarmen.

O weh, o weh mir Armen!« –

 

»Hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht

Mit deinem armen Kinde!

Sie weiß nicht, was die Zunge spricht.

Behalt ihr nicht die Sünde!

Ach, Kind, vergiß dein irdisch Leid,

Und denk an Gott und Seligkeit!

So wird doch deiner Seelen

Der Bräutigam nicht fehlen.« –

 

»O Mutter! Was ist Seligkeit?

O Mutter! Was ist Hölle?

Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,

Und ohne Wilhelm Hölle! –

Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!

Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!

Ohn’ ihn mag ich auf Erden,

Mag dort nicht selig werden.« – – –

 

So wütete Verzweifelung

Ihr in Gehirn und Adern.

Sie fuhr mit Gottes Vorsehung

Vermessen fort zu hadern;

Zerschlug den Busen, und zerrang

Die Hand, bis Sonnenuntergang,

Bis auf am Himmelsbogen

Die goldnen Sterne zogen.

 

Und außen, horch! ging’s trap trap trap,

Als wie von Rosseshufen;

Und klirrend stieg ein Reiter ab,

An des Geländers Stufen;

Und horch! und horch! den Pfortenring

Ganz lose, leise, klinglingling!

Dann kamen durch die Pforte

Vernehmlich diese Worte:

 

»Holla, Holla! Thu auf mein Kind!

Schläfst, Liebchen, oder wachst du?

Wie bist noch gegen mich gesinnt?

Und weinest oder lachst du?« –

»Ach, Wilhelm, du? – – So spät bei Nacht? – –

Geweinet hab’ ich und gewacht;

Ach, großes Leid erlitten!

Wo kommst du hergeritten?« –

 

»Wir satteln nur um Mitternacht.

Weit ritt ich her von Böhmen.

Ich habe spät mich aufgemacht,

Und will dich mit mir nehmen.« –

»Ach, Wilhelm, erst herein geschwind!

Den Hagedorn durchsaust der Wind,

Herein, in meinen Armen,

Herzliebster, zu erwarmen!« –

 

»Laß sausen durch den Hagedorn,

Laß sausen, Kind, laß sausen!

Der Rappe scharrt; es klirrt der Sporn.

Ich darf allhier nicht hausen.

Komm, schürze, spring’ und schwinge dich

Auf meinen Rappen hinter mich!

Muß heut noch hundert Meilen

Mit dir in’s Brautbett’ eilen.« –

 

»Ach! wolltest hundert Meilen noch

Mich heut in’s Brautbett’ tragen?

Und horch! es brummt die Glocke noch,

Die elf schon angeschlagen.« –

»Sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.

Wir und die Toten reiten schnell.

Ich bringe dich, zur Wette,

Noch heut ins Hochzeitbette.« –

 

»Sag an, wo ist dein Kämmerlein?

Wo? Wie dein Hochzeitbettchen?« –

»Weit, weit von hier! – – Still, kühl und klein! – –

Sechs Bretter und zwei Brettchen!« –

»Hat’s Raum für mich?« – »für dich und mich!

Komm, schürze, spring’ und schwinge dich!

Die Hochzeitgäste hoffen;

Die Kammer steht uns offen.« –

 

Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang

Sich auf das Roß behende;

Wohl um den trauten Reiter schlang

Sie ihre Liljenhände;

Und hurre hurre, hop hop hop!

Ging’s fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

 

Zur rechten und zur linken Hand,

Vorbei vor ihren Blicken,

Wie flogen Anger, Heid’ und Land!

Wie donnerten die Brücken! –

»Graut Liebchen auch? – – Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?« –

»Ach nein! – – Doch laß die Toten!« –

 

Was klang dort für Gesang und Klang?

Was flatterten die Raben? – –

Horch Glockenklang! horch Totensang:

»Laßt uns den Leib begraben!«

Und näher zog ein Leichenzug,

Der Sarg und Totenbahre trug.

Das Lied war zu vergleichen

Dem Unkenruf in Teichen.

 

»Nach Mitternacht begrabt den Leib,

Mit Klang und Sang und Klage!

Jetzt führ’ ich heim mein junges Weib.

Mit, mit zum Brautgelage!

Komm, Küster, hier! Komm mit dem Chor,

Und gurgle mir das Brautlied vor!

Komm, Pfaff’, und sprich den Segen,

Eh wir zu Bett’ uns legen!« –

 

Still Klang und Sang. – – Die Bahre schwand. – –

Gehorsam seinem Rufen,

Kam’s, hurre hurre! nachgerannt,

Hart hinter’s Rappen Hufen.

Und immer weiter, hop hop hop!

Ging’s fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

 

Wie flogen rechts, wie flogen links,

Gebirge, Bäum’ und Hecken!

Wie flogen links, und rechts, und links

Die Dörfer, Städt’ und Flecken! –

»Graut Liebchen auch? – – Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?« –

»Ach! Laß sie ruhn, die Toten!« –

 

Sieh da! sieh da! Am Hochgericht

Tanzt’ um des Rades Spindel

Halb sichtbarlich bei Mondenlicht,

Ein lustiges Gesindel. –

»Sasa! Gesindel hier! Komm hier!

Gesindel, komm und folge mir!

Tanz’ uns den Hochzeitreigen,

Wann wir zu Bette steigen!« –

 

Und das Gesindel husch husch husch!

Kam hinten nachgeprasselt,

Wie Wirbelwind am Haselbusch

Durch dürre Blätter rasselt.

Und weiter, weiter, hop hop hop!

Ging’s fort in sausendem Galopp,

Daß Roß und Reiter schnoben,

Und Kies und Funken stoben.

 

Wie flog, was rund der Mond beschien,

Wie flog es in die Ferne!

Wie flogen oben über hin

Der Himmel und die Sterne! –

»Graut Liebchen auch? – – Der Mond scheint hell!

Hurra! die Toten reiten schnell!

Graut Liebchen auch vor Toten?« –

»O weh! Laß ruhn die Toten!« – – –

 

»Rapp’! Rapp’! Mich dünkt der Hahn schon ruft. – –

Bald wird der Sand verrinnen – –

Rapp’! Rapp’! Ich wittre Morgenluft – –

Rapp’! Tummle dich von hinnen! –

Vollbracht, vollbracht ist unser Lauf!

Das Hochzeitbette thut sich auf!

Die Toten reiten schnelle!

Wir sind, wir sind zur Stelle.« – – –

 

Rasch auf ein eisern Gitterthor

Ging’s mit verhängtem Zügel.

Mit schwanker Gert’ ein Schlag davor

Zersprengte Schloß und Riegel.

Die Flügel flogen klirrend auf,

Und über Gräber ging der Lauf.

Es blinkten Leichensteine

Rund um im Mondenscheine.

 

Ha sieh! Ha sieh! im Augenblick,

Huhu! ein gräßlich Wunder!

Des Reiters Koller, Stück für Stück,

Fiel ab, wie mürber Zunder.

Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,

Zum nackten Schädel ward sein Kopf;

Sein Körper zum Gerippe,

Mit Stundenglas und Hippe.

 

Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp’,

Und sprühte Feuerfunken;

Und hui! war’s unter ihr hinab

Verschwunden und versunken.

Geheul! Geheul aus hoher Luft,

Gewinsel kam aus tiefer Gruft.

Lenorens Herz, mit Beben,

Rang zwischen Tod und Leben.

 

Nun tanzten wohl bei Mondenglanz,

Rund um herum im Kreise,

Die Geister einen Kettentanz,

Und heulten diese Weise:

»Geduld! Geduld! Wenn’s Herz auch bricht!

Mit Gott im Himmel hadre nicht!

Des Leibes bist du ledig;

Gott sei der Seele gnädig!«

 

 

Der Raubgraf

Es liegt nicht weit von hier ein Land,

Da reist’ ich einst hindurch;

Am Weg’ auf hohem Felsen stand,

Vor alters, eine Burg.

Die alten Rudera davon

Wies mir der Schwager Postillon.

 

»Mein Herr, begann der Schwager Matz,

Mit heimlichem Gesicht,

Wär’ mir beschert dort jener Schatz,

Führ’ ich den Herrn wohl nicht.

Mein Seel! den König fragt’ ich gleich:

Wie teuer, Herr, sein Königreich?

 

Wohl manchem wässerte der Mund,

Doch mancher ward geprellt.

Denn, Herr, Gott sei bei uns! Ein Hund

Bewacht das schöne Geld.

Ein schwarzer Hund, die Zähne bloß,

Mit Feueraugen, tellersgroß!

 

Nur immer alle sieben Jahr’

Läßt sich ein Flämmchen sehn.

Dann mag ein Bock, kohlschwarz von Haar,

Die Hebung wohl bestehn.

Um zwölf Uhr in Walpurgis Nacht,

Wird der dem Unhold dargebracht.

 

Doch merk’ eins nur des Bösen List!

Wo noch zum Ungelück

Am Bock ein weißes Härchen ist,

Alsdann: Ade, Genick!

Den Kniff hat mancher nicht bedacht,

Und sich um Leib und Seel’ gebracht.

 

Für meinen Part, mit großen Herrn,

Und Meister Urian,

Äß’ ich wohl keine Kirschen gern.

Man läuft verdammt oft an.

Sie werfen einem, wie man spricht,

Gern Stiel und Stein ins Angesicht.

 

D’rum rat ich immer: Lieber Christ,

Laß dich mit keinem ein!

Wann der Kontrakt geschlossen ist,

Bricht man dir Hals und Bein.

Trotz allen Klauseln, glaube du,

Macht jeder dir ein X für U. –

 

Goldmacherei und Lotterie,

Nach reichen Weibern frei’n,

Und Schätze graben, segnet nie,

Wird manchen noch gereu’n.

Mein Sprüchlein heißt: Auf Gott vertrau,

Arbeite brav und leb’ genau!

 

Ein alter Graf, fuhr Schwager Matz

Nach seiner Weise fort,

Vergrub zu Olims Zeit den Schatz

In seinem Keller dort.

Der Graf, mein Herr, hieß Graf von Rips,

Ein Kraut, wie Käsebier und Lips.

 

Der streifte durch das ganze Land,

Mit Wagen, Roß und Mann,

Und wo er was zu kapern fand,

Da macht’ er frisch sich d’ran.

Wips! hatt’ er’s weg, wips! ging er

Und schleppt’ es heim auf seine Burg.

 

Und wann er erst zu Loche saß,

So schlug mein Graf von Rips, –

Denn hier that ihm kein Teufel was, –

Gar höhnisch seinen Schnips.

Sein allverfluchtes Felsennest

War, wie der Königstein, so fest.

 

So übt’ er nun gar lang’ und oft

Viel Bubenstücken aus,

Und fiel den Nachbarn unverhofft

In Hof und Stall und Haus.

Allein, der Krug geht, wie man spricht,

So lang’ zu Wasser, bis er bricht.

 

Das Ding verdroß den Magistrat

Im nächsten Städtchen sehr,

D’rum riet der längst auf klugen Rat

Bedächtlich hin und her,

Und riet und riet – doch weiß man wohl! –

Die Herren rieten sich halb toll.

 

Da nun begab sich’s daß einsmals,

Ob vielem Teufelsspaß,

Ein Lumpenhexchen auf den Hals

In Kett’ und Banden saß.

Schon wetzte Meister Urian

Auf diesen Braten seinen Zahn.

 

Dies Hexchen sprach: Hört! Laßt mich frei,

So schaff’ ich ihn herein.

Wohl! sprach ein edler Rat, es sei!

Und gab ihr oben d’rein

Ein eisern Privilegium,

Zu hexen frank und frei herum.

 

Ein närrscher Handel! Unsereins

Thät’ nichts auf solchen Kauf.

Doch Satans Reich ist selten eins,

Und reibt sich selber auf.

Für diesmal spielt die Lügenbrut

Ihr Stückchen ehrlich und auch gut.

 

Sie kroch, als Kröt’, auf’s Räuberschloß,

Mit losem leisen Tritt,

Verwandelte sich in das Roß,

Das Rips gewöhnlich ritt;

Und als der Schloßhahn krähte früh,

Bestieg der Graf gesattelt sie.

 

Sie aber trug, trotz Gert’ und Sporn,

So sehr er hieb und trat,

Ihn, über Stock und Stein und Dorn,

Gerades Wegs zur Stadt.

Früh, als das Thor ward aufgethan,

Sieh da! kam unser Hexlein an.

 

Mit Kratzfuß und mit Reverenz

Naht höhnisch alle Welt:

Willkommen hier, Ihr’ Excellenz!

Quartier ist schon bestellt!

Du hast uns lange satt geknufft;

Man wird dich wieder knuffen, Schuft!

 

Dem Schnapphahn ward, wie sich’s gebührt,

Bald der Prozeß gemacht,

Und d’rauf, als man ihn kondemniert,

Ein Käficht ausgedacht.

Da ward mein Rips hineingesperrt

Und wie ein Murmeltier genärrt.

 

Und, als ihn hungern thät, da schnitt

Der Knips, mit Höllenqual,

Vom eignen Leib’ ihm Glied für Glied,

Und briet es ihm zum Mahl.

Als jeglich Glied verzehret war,

Briet er ihm seinen Magen gar.

 

So schmaust’ er sich denn selber auf,

Bis auf den letzten Stumpf,

Und endigte den Lebenslauf,

Den Nachbarn zum Triumph.

Der Eisenbau’r, worin er lag,

Wird aufbewahrt, bis diesen Tag. –

 

Mein Herr, fällt mir der Käficht ein,

So denk’ ich oft bei mir:

Er dürfte noch zu brauchen sein,

Und weiß der Herr, wofür? – –

Für die französchen Raubmarquis

Die man zur Ferme kommen ließ.« –

 

Als Matz kaum ausgeperoriert,

Sieh da! kam querfeldan

Ein Sansfaçon daher trottiert,

Und hielt den Wagen an,

Und visitierte, Pack für Pack,

Nach ungestempeltem Taback.

 

 

Die Weiber von Weinsberg

Wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?

Soll sein ein wackres Städtchen,

Soll haben, fromm und klug gewiegt,

Viel Weiberchen und Mädchen.

Kömmt mir einmal das Freien ein,

So werd’ ich eins aus Weinsberg frei’n.

 

Einsmals der Kaiser Konrad war

Dem guten Städtlein böse,

Und rückt’ heran mit Kriegesschar

Und Reisigengetöse,

Umlagert’ es, mit Roß und Mann,

Und schoß und rannte drauf und dran.

 

Und als das Städtlein widerstand,

Trotz allen seinen Nöten,

Da ließ er, hoch von Grimm entbrannt,

Den Herold ‘nein trompeten:

Ihr Schurken, komm’ ich ‘nein, so, wißt,

Soll hängen, was die Wand bepißt.

 

Drob, als er den Avis also

Hinein trompeten lassen,

Gab’s lautes Zetermordio,

Zu Haus und auf den Gassen.

Das Brot war teuer in der Stadt;

Doch teurer noch war guter Rat.

 

»O weh, mir armen Korydon!

O weh mir! die Pastores

Schrie’n: Kyrie Eleison!

Wir gehn, wir gehn kapores!

O weh, mir armen Korydon!

Es juckt mir an der Kehle schon.«

 

Doch wann’s Matthä’ am letzten ist,

Trotz Raten, Thun und Beten,

So rettet oft noch Weiberlist

Aus Ängsten und aus Nöten.

Denn Pfaffentrug und Weiberlist

Gehn über alles, wie ihr wißt.

 

Ein junges Weibchen Lobesan,

Seit gestern erst getrauet,

Gibt einen klugen Einfall an,

Der alles Volk erbauet;

Den ihr, sofern ihr anders wollt,

Belachen und beklatschen sollt.

 

Zur Zeit der stillen Mitternacht

Die schönste Ambassade

Von Weibern sich ins Lager macht,

Und bettelt dort um Gnade.

Sie bettelt sanft, sie bettelt süß,

Erhält doch aber nichts, als dies:

 

»Die Weiber sollten Abzug han,

Mit ihren besten Schätzen,

Was übrig bliebe, wollte man

Zerhauen und zerfetzen.«

Mit der Kapitulation

Schleicht die Gesandtschaft trüb’ davon.

 

Drauf, als der Morgen bricht hervor,

Gebt Achtung! Was geschiehet?

Es öffnet sich das nächste Thor,

Und jedes Weibchen ziehet,

Mit ihrem Männchen schwer im Sack’,

So war ich lebe! Huckepack. –

 

Manch Hofschranz suchte zwar sofort

Das Kniffchen zu vereiteln;

Doch Konrad sprach: »Ein Kaiserwort

Soll man nicht dreh’n noch deuteln.

Ha bravo! rief er, bravo so!

Meint’ unsre Frau es auch nur so!«

 

Er gab Pardon und ein Bankett,

Den Schönen zu gefallen.

Da ward gegeigt, da ward trompet’t,

Und durchgetanzt mit allen,

Wie mit der Burgemeisterin,

So mit der Besembinderin.

 

Ei! sagt mir doch, wo Weinsberg liegt?

Ist gar ein wackres Städtchen.

Hat, treu und fromm und klug gewiegt,

Viel Weiberchen und Mädchen.

Ich muß, kömmt mir das Freien ein,

Führwahr! muß Eins aus Weinsberg frei’n.

 

 

Der Ritter und sein Liebchen

Ein Ritter ritt einst in den Krieg,

Und als er seinen Hengst bestieg,

Umfing ihn sein fein’s Liebchen:

»Leb wohl, du Herzensbübchen!

Leb wohl! Viel Heil und Sieg!

 

Komm fein bald wieder heim ins Land,

Daß uns umschling’ ein schön’res Band,

Als Band von Gold und Seide:

Ein Band aus Lust und Freude,

Gewirkt von Priesterhand!« –

 

»Ho, ho! Käm’ ich auch wieder hier,

Du Närrchen du, was hülf’ es dir?

Magst meinen Trieb zwar weiden;

Allein dein Band aus Freuden

Behagt mit nichten mir.« –

 

»O weh! so weid’ ich deinen Trieb,

Und willst doch, falscher Herzensdieb,

Ins Ehband dich nicht fügen!

Warum mich denn betrügen,

Treuloser Unschuldsdieb?« –

 

»Ho, ho! du Närrchen, welch ein Wahn!

Was ich that, hast du mitgethan.

Kein Schloß hab ich erbrochen,

Wann ich kam anzupochen,

So war schon aufgethan.« –

 

»O weh! So trugst du das im Sinn?

Was schmeichelst du mir um’s Kinn?

Was mußtest du die Krone,

So zu Betrug und Hohne,

Mir aus den Locken ziehn?« –

 

»Ho ho! Jüngst flog in jenem Hain

Ein kirres Täubchen zu mir ein.

Hätt’ ich es nicht gefangen,

So müßten mir entgangen

Verstand und Sinnen sein.« –

 

D’rauf ritt der Ritter hop sa sa!

Und strich sein Bärtchen trallala!

Sein Liebchen sah ihn reiten,

Und hörte noch vom weiten

Sein Lachen ha ha ha! – –

 

Traut, Mädchen, leichten Rittern nicht!

Manch Ritter ist ein Bösewicht.

Sie löffeln wohl und wandern,

Von Einer zu der Andern,

Und freien Keine nicht.

 

 

Robert

Ein Gegenstück zu Claudius Romanze Phidile

 

 

Ich war wohl recht ein Springinsfeld,

In meinen Jünglingstagen;

Und that nichts lieber auf der Welt,

Als reiten, fischen, jagen.

 

Einst zogen meine Streiferei’n –

Weiß nicht, auf welche Weise?

Doch war es recht, als sollt’ es sein, –

Mich ab von meinem Gleise.

 

Da sah ich über’n grünen Zaun,

Im lichten Frühlingsgarten,

Ein Mädchen, rosicht anzuschaun,

Der Schwesterblumen warten.

 

Ein Mädchen, so von Angesicht,

Von Stirn und Augenstrahlen,

Von Wuchs und Wesen, läßt sich nicht

Beschreiben und nicht malen.

 

Ich freundlich hin, sie freundlich her,

Wir mußten beid’ uns grüßen,

Wir fragten nicht, wohin? woher?

Noch minder, wie wir hießen?

 

Sie schmückte grün und rot den Hut,

Brach Früchte mir vom Stengel;

Und war so lieblich, war so gut,

So himmlisch, wie ein Engel!

 

Doch wußt’ ich nicht, was tief aus mir

So seufzte, so erlebte,

Und, unter Druck und Küssen, ihr

Was vorzuweinen strebte.

 

Ich konnte weder her noch hin,

Nicht weg, noch zu ihr kommen;

Auch lag’s nicht anders mir im Sinn,

Als wär mir was genommen.

 

Mich dünkt’ ich hatt’ ihr tausendviel,

Weiß Gott all’ was? zu sagen:

Doch konnt’ ich, welch ein Zauberspiel!

Nicht eine Sylbe wagen.

 

Sie fragt’ in heller Unschuld: Was?

Was ich wohl von ihr wollte?

Ach Liebe! rief ich, als mir’s naß

Von beiden Wangen rollte.

 

Sie aber schlug den dunkeln Blick

Zum schönen Busen nieder,

Und ich verschüchtert floh zurück,

Und fand sie noch nicht wieder! –

 

Wie konnte wohl dies Eine Wort,

Dies Wörtchen sie betrüben? –

O blöder Junge! wärst du dort,

Wärst du doch dort geblieben!

 

 

Schön Suschen

Schön Suschen kannt’ ich lange Zeit:

Schön Suschen war wohl fein;

Voll Tugend war’s und Sittsamkeit:

Das sah ich klärlich ein.

Ich kam und ging, ich ging und kam,

Wie Ebb’ und Flut zur See.

Ganz wohl mir that es, wann ich kam,

Doch, wann ich ging, nicht weh.

 

Und es geschah, daß nach der Zeit,

Gar andres ich vernahm;

Da that’s mir, wann ich schied, so leid,

So wohl mir, wann ich kam;

Da hatt’ ich keinen Zeitvertreib,

Und kein Geschäft, als sie;

Da fühlt’ ich ganz an Seel’ und Leib,

Und fühlte nichts, als sie.

 

Da war ich dumm, und stumm, und taub;

Vernahm nichts, außer ihr;

Sah nirgends blühen Blum’ und Laub;

Nur Suschen blühte mir.

Nicht Sonne, Mond und Sternenschein,

Mir glänzte nur mein Kind;

Ich sah, wie in die Sonn’, hinein,

Und sah mein Auge blind.

 

Und wieder kam gar andre Zeit,

Gar anders ward es mir:

Doch alle Tugend, Sittsamkeit,

Und Schönheit blieb an ihr.

Ich kam und ging, ich ging und kam,

Wie Ebb’ und Flut zur See.

Ganz wohl mir that es, wann ich kam,

Doch, wann ich ging, nicht weh. –

 

Ihr Weisen, hoch und tief gelahrt,

Die ihr’s ersinnt, und wißt,

Wie, wo und wann sich alles paart?

Warum sich’s liebt und küßt?

Ihr hohen Weisen, sagt mir’s an!

Ergrübelt, was mir da,

Ergrübelt mir, wo, wie und wann,

Warum mir so geschah? –

 

Ich selber sann oft Nacht und Tag,

Und wieder Tag und Nacht,

So wundersamen Dingen nach;

Doch hab’ ich nichts erdacht. –

D’rum, Lieb’ ist wohl, wie Wind im Meer:

Sein Sausen ihr wohl hört,

Allein ihr wisset nicht, woher?

Wißt nicht wohin er fährt?

 

 

Lenardo und Blandine

Blandine sah her, Lenardo sah hin,

Mit Augen, erleuchtet vom zärtlichsten Sinn:

Blandine, die schönste Prinzessin der Welt,

Lenardo, der Schönsten zum Diener bestellt.

 

Zu Land und zu Wasser, von nah und von fern,

Erschienen viel Fürsten und Grafen und Herrn,

Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,

Die schönste der schönen Prinzessen zu frei’n.

 

Allein die Prinzessin war Perlen und Gold,

War Ringen mit blankem Gestein nicht so hold,

Als oft sie ein würziges Blümlein entzückt,

Vom Finger des schönsten der Diener gepflückt.

 

Der schönste der Diener trug hohes Gemüt,

Obschon nicht entsprossen aus hohem Geblüt.

Gott schuf ja aus Erden den Ritter und Knecht.

Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geschlecht.

 

Und als sie ‘mal draußen in fröhlicher Schar,

Von Schranzen umlagert, am Apfelbaum war,

Und alle genossen der lieblichen Frucht,

Die ämsig der flinke Lenardo gesucht:

 

Da bot die Prinzessin ein Äpfelchen rar

Aus ihrem hellsilbernen Körbchen ihm dar,

Ein Äpfelchen, rosicht und gülden und rund,

Dazu sprach ihr holdseliger Mund:

 

»Nimm hin für die Mühe! der Apfel sei dein!

Das Leckere wuchs nicht für Prinzen allein.

Er ist ja so lieblich von außen zu sehn;

Will wünschen, was d’rin ist, sei zehnmal so schön.«

 

Und als sich der Liebling gestohlen nach Haus,

Da zog er, o Wunder! ein Blättchen heraus.

Das Blättchen im Apfel saß heimlich und tief;

D’rauf stand gar traulich geschrieben ein Brief:

 

»Du Schönster der Schönsten, von nah und von fern,

Du Schönster, vor Fürsten und Grafen und Herrn,

Der du trägst züchtiger höher Gemüt,

Als Fürsten und Grafen aus hohem Geblüt!

 

Dich hab’ ich vor allen zum Liebsten erwählt;

Dich trag’ ich im Herzen, das sehnend sich quält.

Mich labet nicht Ruhe, mich labet nicht Rast,

Bevor du gestillet dies Sehnen mir hast.

 

Zur Mitternachtstunde laß Schlummer und Traum,

Laß Bette, laß Kammer und suche den Baum,

Den Baum, der den Apfel der Liebe dir trug!

Dein harret was Liebes; nun weißt du genug.« –

 

Das däuchte dem Diener so wohl und so bang’!

So bang’ und so wohl! Er zweifelte lang’;

Viel zweifelt’ er her, viel zweifelt’ er hin;

Von Hoffen und Ahnden war trunken sein Sinn.

 

Doch als es nun tief um Mitternacht war,

Und still herab blinkte der Sternlein Schar;

Da sprang er vom Lager, ließ Schlummer und Traum,

Und eilt’ in den Garten und suchte den Baum.

 

Und, als er stillharrend am Liebesbaum saß,

Da säuselt’ im Laube, da schlich es durch’s Gras,

Und eh’ er sich wandte, umschlang ihn ein Arm,

Da weht’ ihn ein Odem an, lieblich und warm.

 

Und, als er die Lippen eröffnet zum Gruß,

Verschlang ihm die Rebe manch durstiger Kuß,

Und eh’ es ihm zugeflüstert ein Wort,

Da zog es mit sammtenem Händchen ihn fort.

 

Es führt ihn allmählich mit heimlichem Tritt:

»Komm süßer, komm lieblicher Junge, komm mit!

Kalt wehen die Lüftchen; kein Dach und kein Fach

Beschirmet uns; komm in mein stilles Gemach!«

 

Und führt’ ihn, durch Dornen und Nessel und Stein,

In einen zertrümmerten Keller hinein.

Hier flimmert’ ein Lämpchen; es zog ihn entlang,

Beim Schimmer des Lämpchens, den heimlichen Gang. –

 

In Schlummer gehüllet war jedes Gesicht;

Doch ach! das Verräteraug’ schlummerte nicht.

Lenardo! Lenardo! wie wird dir’s ergehn,

Noch ehe die Hähne das Morgenlied krähn? –

 

Weit her, von Hispaniens reichster Provinz,

War kommen ein hochstolzierender Prinz,

Mit Perlen, Gold, Ringen und Edelgestein,

Die schönste der schönen Prinzessen zu frei’n.

 

Ihm brannte der Busen, ihm lechte der Mund;

Doch hofft’ er, doch harrt’ er umsonst in Burgund;

Er warb wohl, und warb doch vergebens manch Jahr

Und wollte nicht weichen noch wanken von dar.

 

D’rob hatte der hochstolzierende Gast,

Bei Nacht und bei Tage nicht Ruhe noch Rast;

Und hatte zur selbigen Stunde der Nacht,

Sich auf und hinaus in den Garten gemacht;

 

Und hatt’ es vernommen, und hatt’ es gesehn,

Was jetzt kaum drei Schritte weit von ihm geschehn.

Er knirrschte die Zähne, biß blutig den Mund:

»Zur Stunde soll’s wissen der Fürst von Burgund!«

 

Und eilte zur selbigen Stunde der Nacht;

Ihm wehrte vergebens die fürstliche Wacht:

»Jetzt will ich, jetzt muß ich zum König hinein!

Weil Hochverrat ihn und Aufruhr bedräu’n.« –

 

»Hallo! Wach auf! du Fürst von Burgund!

Dein Königsgeschmeide besudelt ein Hund;

Blandinen, dein gleißendes Töchterlein, schwächt,

Zur Stunde jetzt schwächt sie ein schändlicher Knecht.«

 

Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör:

Er liebte die einzige Tochter so sehr;

Er schätzte sie höher, als Zepter und Kron’,

Und höher als seinen hellstrahlenden Thron.

 

Wild raffte der Fürst von Burgund sich empor:

»Das leugst du, Verräter, das leugst du mir vor!

Dein Blut mir’s entgelte! das trinke Burgund!

Wofern mich belogen dein giftiger Mund.« –

 

»Hier stell’ ich, o Alter, zum Pfande mich dar.

Auf! eile! so findet’s dein Auge noch wahr.

Mein Blut dir’s entgelte! das trinke Burgund!

Wofern dich belogen mein redlicher Mund.«

 

Da rannte der Alte mit blinkendem Dolch.

Ihm nach kroch der verrätrische Molch,

Und wies ihn, durch Dornen und Nessel und Stein,

Stracks in den zertrümmerten Keller hinein.

 

Hier prangte vor Zeiten ein lustiges Schloß,

Daß längst schon in Schutt und in Trümmer zerschoß.

Noch wölbten sich Keller und Halle. Von vorn

Verbargen die Nessel und Distel und Dorn.

 

Die Halle war wenigen Augen bekannt;

Doch wer der Halle war kundig, der fand

Den Weg, durch eine verborgene Thür,

Wohl in der Prinzessin ihr Sommerlosier. –

 

Noch sendete durch den heimlichen Gang

Das Lämpchen der Liebe den Schimmer entlang.

Sie atmeten leise, sie schlichen gemach

Dem Schimmer des Lämpchens der Liebe sich nach;

 

Und kamen bald vor die verborgene Thür,

Und standen und harrten und lauschten allhier:

»Horch König! da flüstert’s – horch König! da spricht’s. –

Da! glaubest du noch nicht, so glaubest du nichts.«

 

Und als sich der Alte zum Horchen geneigt,

Erkannt’ er der Liebenden Stimme gar leicht.

Sie trieben, bei Küssen und tändelndem Spiel,

Des süßen Geschwätzes der Liebe gar viel:

 

»O Lieber! mein Lieber! was zaget dein Sinn,

Vor mir, die ich ewig dein eigen nun bin?

Prinzessin am Tage nur; aber bei Nacht

Magst du mir gebieten als eigener Magd!« –

 

»O schönste Prinzessin! o wärest du nur

Das dürftigste Mädchen auf dürftiger Flur!

Wie wollt’ ich dann schmecken der Freuden so viel!

Nun setzet dein Lieben mir Kummer ans Ziel.« –

 

» O Lieber! mein Lieber! laß fahren den Wahn!

Bin keine Prinzessin! D’rauf sieh mich nur an!

Statt Vaters Gewalt, Reich, Zepter und Kron’,

Erkies’ ich den Schoß mir der Liebe zum Thron.« –

 

»O Schönste der Schönsten! dies zärtliche Wort,

Das kannst du, das wirst du nicht halten hinfort.

Durch werben, und werben, von nah und von fern,

Erwirbt dich noch Einer der stattlichen Herrn.

 

Wohl schwellen die Wasser, wohl hebet sich Wind;

Doch Winde verwehen, doch Wasser verrinnt.

Wie Wind und wie Wasser ist weiblicher Sinn:

So wehet, so rinnet dein Lieben dahin.« –

 

»Laß werben und werben, von nah und von fern!

Erwirbt mich doch keiner der stattlichen Herrn.

O Süßer! o Lieber! mein zärtliches Wort

Das kann ich, das werd’ ich dir halten hinfort.

 

Wie Wasser und Wind ist mein liebender Sinn:

Wohl wehen die Winde, wohl Wasser rinnt hin;

Doch alle verwehn und verrinnen ja nicht:

So ewig mein quellendes Lieben auch nicht.« –

 

»O süße Prinzessin, noch zag’ ich so sehr!

Mir ahndet’s im Herzen, mir ahndet’s, wie schwer!

Die Bande zerreißen; der Treuring zerbricht,

Worüber der Himmel den Segen nicht spricht.

 

Und wenn es der König, oh! wenn er’s erfährt,

So triefet mein Leben am blutigen Schwert;

So mußt du dein Leben, verriegelt allein,

Tief unter dem Turm im Gewölbe verschrei’n.« –

 

»Ach Lieber! der Himmel zerreißet ja nicht,

Die Knoten, so treue, so Liebe sich flicht.

Der seligen Wonne, bei nächtlicher Ruh,

Der höret, der sieht kein Verräter ja zu.

 

Komm her, o komm her nun, mein trauter Gemahl

Und küss’ mir den Kuß der Verlobung einmal!« – –

Da kam er und küßt’ ihr den rosichten Mund,

D’rob alle sein Zagen im Herzen verschwund.

 

Sie trieben, bei Küssen und tändelndem Spiel,

Des süßen Geschwätzes der Liebe noch viel.

Da knirrschte der König, da wollt’ er hinein:

Doch ließen ihn Schlösser und Riegel nicht ein.

 

Nun harrt’ er und harrte mit schäumendem Mund’,

Wie vor der Höhle des Wildes ein Hund.

Den Liebenden d’rin, nach gepflogener Lust,

Ward enger und bänger von Ahndung die Brust. –

 

»Wach auf, Prinzessin! Der Hahn hat gekräht!

Nun laß mich, bevor sich der Morgen erhöht!« –

»Ach, Lieber, ach bleib noch! Es kündet der Hahn

Die erste der nächtlichen Wachen nur an.« –

 

»Schau auf, Prinzessin! Der Morgen schon graut!

Nun laß mich, bevor uns der Morgen erschaut!« –

»Ach, Trauter, ach bleib noch! der Sternlein Licht,

Verrät ja die Gänge der Liebenden nicht.« –

 

»Horch auf, Prinzessin! Da wirbelt ein Ton,

Da wirbelt die Schwalbe das Morgenlied schon’« –

»Ach Süßer! Ach bleib noch! Es ist ja der Schall

Der liebeflötenden Nachtigall.« – – –

 

»Nein! Laß mich! Der Hahn hat zum Morgen gekräht;

Schon leuchtet der Morgen; die Morgenluft weht;

Schon wirbelt die Schwalbe den Morgengesang,

Oh! Laß mich! Wie wird mir um’s Herze so bang’!« – –

 

»Ach Süßer! – – Leb wohl dann! – – Nein bleib noch! Ade! – –

O weh mir! Wie thut’s mir im Busen so weh! – –

Weis her mir dein Herzchen! – – Ach! pocht ja so sehr! – –

Hab’ lieb mich, du Herzchen! Auf morgen nacht mehr!« –

 

»Schlaf süß! Schlaf wohl!« Da schlüpft’ er hinaus;

Ihm fuhren durch’s Leben Entsetzen und Graus;

Es roch ihm wie Leichen; er stolpert’ entlang,

Beim Schimmer des traurigen Lämpchens, den Gang.

 

Hui! sprangen die Beiden vom Winkel herbei,

Und bohrten ihn nieder mit dumpfem Geschrei:

»Da! Hast du gefrei’t um den Thron von Burgund,

Da hast du die Mitgift! da hast du sie, Hund!« –

 

»O Jesu Maria! Erbarme dich mein!« –

D’rauf hüllte sein brechendes Auge sich ein.

Ohne Beicht’, ohne Nachtmahl, ohn’ Absolution,

Flog seine verzagende Seele davon.

 

Der Prinz von Hispania, schäumend vor Wut,

Zerhieb ihm den Busen mit knirrschendem Mut:

»Weis her mir dein Herzchen! Ach! pocht ja so sehr! –

Hast lieb gehabt, Herzchen? Hab’s morgen nacht mehr!« –

 

Und riß ihm vom Busen das zuckende Herz,

Und kühlte sein Mütchen mit gräßlichem Scherz:

»Da hab’ ich dich, Herzchen! Ach pochst ja so sehr!

Hab’ lieb nun du Herzchen! Hab’s morgen nacht mehr!« –

 

Indes die Prinzessin ach! zagte so sehr!

Zerwarf sich im Schlummer und träumte, wie schwer!

Von blutigen Perlen in blutigem Kranz’,

Von blutigem Gastmahl und höllischem Tanz.

 

Sie warf sich im Bette, so müde, so krank!

Den kommenden Morgen und Tag entlang:

»O wenn’s doch erst wieder tief mitternacht wär’!

Komm, Mitternacht, führe mein Labsal mir her!«

 

Und als es nun wieder tief mitternacht war,

Und still herab blinkte der Sternlein Schar:

»O weh mir! Mein Busen! was ahndet wohl dir?«

Horch! horch! da knarrte die heimliche Thür.

 

Ein Junker, in Flor und in Trauergewand,

Trug Fackel und Leichengedeck in der Hand,

Trug einen zerbrochenen blutigen Ring,

Und legt’ es danieder stillschweigend und ging.

 

Ihm folgt’ ein Junker in Purpurgewand,

Der trug ein goldnes Geschirr in der Hand,

Versehen mit Henkel und Deckel und Knauf,

Und oben ein königlich Siegel darauf.

 

Ihm folgt’ ein Junker in Silbergewand,

Mit einem versiegelten Brief’ in der Hand,

Er gab der erstarrten Prinzessin den Brief,

Und ging und neigte sich schweigend und tief.

 

Und als die erstarrte Prinzessin den Brief

Erbrach, und mit rollenden Augen durchlief,

Umflirrt’ es ihr Antlitz, wie Nebel und Duft;

Sie stürzte zusammen und schnappte nach Luft. –

 

Und als sie, mit zuckender strebender Kraft,

Sich wieder ermannt und dem Boden entrafft:

»Juchheisa! da sprang sie, juchheisa! Tralla!

Auf lustig, ihr Fiedler, mein Brauttag ist da!

 

Juchheisa! Ihr Fiedler, zum lustigen Tanz!

Mir schweben die Füße, mir flattert der Kranz!

Nun tanzet ihr Prinzen, von nah und von fern!

Auf lustig, ihr Damen! Auf lustig, ihr Herrn!

 

Ha! seht ihr nicht meinen Herzliebsten sich drehn?

Im Silbergewande, wie herrlich, wie schön!

Ihn zieret am Busen ein purpurner Stern.

Juchheisa, ihr Damen! Juchheisa, ihr Herrn!

 

Auf! lustig zum Tanze! Was steht ihr so fern?

Was rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn?

Mein Bräutigam ist er! Ich heiße die Braut!

Uns haben die Engel im Himmel getraut.

 

Zu Tanze, zu Tanze! Was grinzet ihr fern?

Das rümpft ihr die Nasen, ihr Damen und Herrn? –

Weg, Edelgesindel! Pfui! stinkest mir an!

Du stinkest nach stinkender Hoffart mir an.

 

Wer schuf wohl aus Erden den Ritter und Knecht?

Ein hoher Sinn adelt auch niedres Geschlecht.

Mein Schönster trägt hohen und züchtigen Mut,

Und speiet in euer hochadliges Blut.

 

Juchheisa! Ihr Fiedler, zum lustigen Tanz!

Mir schweben die Füße, mir flattert der Kranz!

Juchheisa! Trallala! Juchheisa! Tralla!

Auf lustig, ihr Fiedler, mein Brauttag ist da!«

 

So sang sie zum Sprunge, so sprang sie zum Sang’,

Biß aus der Stirn ihr der Todestau drang.

Der Todestau troff ihr die Wangen herab;

Sie taumelt’ und keuchte zu Boden hinab.

 

Und, als sich ihr Leben zum letzten ermannt,

Da streckte sie nach dem Gefäße die Hand,

Und schlang’s in die Arme und hielt es im Schoß,

Und deckte, was d’rinnen verborgen war, bloß.

 

Da rauchte, da pocht’ ihr entgegen sein Herz,

Als fühlt’ es noch Leben, als fühlt’ es noch Schmerz.

Jetzt that sich ihr blutiger Thränenquell auf,

Und strömte, wie Regen vom Dache, darauf.

 

»O Jammer! Nun gleichest du Wasser und Wind:

Wohl Winde verwehen, wohl Wasser verrinnt:

Doch alle verwehn und verrinnen ja nie! –

So du, o blutiger Jammer, auch nie!«

 

D’rauf sank sie, mit hohlem gebrochenen Blick,

In dumpfen Todestaumel zurück,

Und drückte noch fest, mit zermalmendem Schmerz,

Das Blutgefäß an ihr liebendes Herz.

 

»Dir lebt’ ich, o Herzchen, dir sterb’ ich mit Lust! –

O weh mir! O weh! – Du zerdrückst mir die Brust! –

Herab! – Herab! – Den zerquetschenden Stein! –

Oh! – Jesu Maria! – Erbarme dich mein!« –

 

D’rauf schloß sie die Augen, d’rauf schloß sie den Mund.

Nun rannten die Boten; dem König ward’s kund;

Laut scholl durch die Säle das Zetergeschrei:

»Prinzessin ist hin! Auf König, herbei!«

 

Das krachte dem Alten ins dumpfe Gehör.

Er liebte die einzige Tochter so sehr.

Er schätzte sie höher, als Zepter und Kron’,

Und höher, als seinen hellstrahlenden Thron. –

 

Und als auch herbei der Verräter mit sprang,

Ergrimmte der Alte: »Das hab’ ich dir Dank! –

Dein Blut mir’s entgelte! das trinke Burgund!

Weil das mir geraten dein giftiger Mund.

 

Ihr Herzblut verklagt dich vor Gottes Gericht,

Das dir dein blutiges Urtel schon spricht.«

Rasch zuckte der Alte den blinkenden Dolch,

Und bohrte danieder den spanischen Molch.

 

»Lenardo, du Armer! Blandine, mein Kind! –

O heiliger Himmel! Verzeih’ mir die Sünd’!

Verklaget nicht mich auch vor Gottes Gericht!

Ich bin ja – bin Vater! – Verklaget mich nicht!« –

 

So weinte der König, so reut’ ihn zu spat,

Schwer reut’ ihn die himmelanschreiende That.

D’rauf wurde bereitet ein silberner Sarg,

Worein er die Leichen der Liebenden barg.

 

 

Das Lied vom braven Manne

Hoch klingt das Lied vom braven Mann,

Wie Orgelton und Glockenklang.

Wer hohes Muts sich rühmen kann,

Den lohnt nicht Gold, den lohnt Gesang.

Gottlob! daß ich singen und preisen kann:

Zu singen und preisen den braven Mann.

 

Der Tauwind kam vom Mittagsmeer,

Und schnob durch Welschland trüb’ und feucht.

Die Wolken flogen vor ihm her,

Wie wann der Wolf die Herde scheucht.

Er fegte die Felder; zerbrach den Forst;

Auf Seen und Strömen das Grundeis borst.

 

Am Hochgebirge schmolz der Schnee,

Der Sturz von tausend Wassern scholl;

Das Wiesenthal begrub ein See;

Des Landes Heerstrom wuchs und schwoll;

Hoch rollten die Wogen, entlang ihr Gleis,

Und rollten gewaltige Felsen Eis.

 

Auf Pfeilern und auf Bogen schwer,

Aus Quaderstein von unten auf,

Lag eine Brücke d’rüber her;

Und mitten stand ein Häuschen d’rauf.

Hier wohnte der Zöllner, mit Weib und Kind. –

»O Zöllner! o Zöllner! Entfleuch geschwind!«

 

Es dröhnt’ und dröhnte dumpf heran,

Laut heulten Sturm und Wog’ um’s Haus.

Der Zöllner sprang zum Dach hinan,

Und blickt’ in den Tumult hinaus. –

»Barmherziger Himmel! Erbarme dich!

Verloren! Verloren! Wer rettet mich?« –

 

Die Schollen rollten, Schuß auf Schuß,

Von beiden Ufern, hier und dort,

Von beiden Ufern riß der Fluß

Die Pfeiler sammt den Bogen fort.

Der bebende Zöllner, mit Weib und Kind,

Er heulte noch lauter, als Strom und Wind.

 

Die Schollen rollen, Stoß auf Stoß,

An beiden Enden, hier und dort,

Zerborsten und zertrümmert, schoß,

Ein Pfeiler nach dem andern fort.

Bald nahte der Mitte der Umsturz sich. –

»Barmherziger Himmel! Erbarme dich!« –

 

Hoch auf dem fernen Ufer stand

Ein Schwarm von Gaffern, groß und klein;

Und Jeder schrie und rang die Hand,

Doch mochte Niemand Retter sein.

Der bebende Zöllner, mit Weib und Kind,

Durchheulte nach Rettung den Strom und Wind. –

 

Wann klingst du, Lied vom braven Mann,

Wie Orgelton und Glockenklang?

Wohlan! So nenn’ ihn, nenn’ ihn dann!

Wann nennst du ihn, mein schönster Sang?

Bald nahet der Mitte der Umsturz sich.

O braver Mann! braver Mann! zeige dich!

 

Rasch galoppiert’ ein Graf hervor,

Auf hohem Roß ein edler Graf.

Was hielt des Grafen Hand empor?

Ein Beutel war es, voll und straff. –

»Zweihundert Pistolen sind zugesagt

Dem, welcher die Rettung der Armen wagt.«

 

Wer ist der Brave? Ist’s der Graf?

Sag an, mein braver Sang, sag an! –

Der Graf, beim höchsten Gott! war brav!

Doch weiß ich einen bravern Mann. –

O braver Mann! braver Mann! Zeige dich!

Schon naht das Verderben sich fürchterlich. –

 

Und immer höher schwoll die Flut;

Und immer lauter schnob der Wind;

Und immer tiefer sank der Mut. –

O Retter! Retter! Komm geschwind! –

Stets Pfeiler bei Pfeiler zerborst und brach.

Laut krachten und stürzten die Bogen nach.

 

»Hallo! Hallo! Frisch auf gewagt!«

Hoch hielt der Graf den Preis empor.

Ein Jeder hört’s doch Jeder zagt,

Aus Tausenden tritt Keiner vor.

Vergebens durchheulte, mit Weib und Kind,

Der Zöllner nach Rettung den Strom und Wind. –

 

Sieh, schlecht und recht, ein Bauersmann

Am Wanderstabe schritt daher,

Mit grobem Kittel angethan,

An Wuchs und Antlitz hoch und hehr.

Er hörte den Grafen; vernahm sein Wort;

Und schaute das nahe Verderben dort.

 

Und kühn in Gottes Namen, sprang

Er in den nächsten Fischerkahn;

Trotz Wirbel, Sturm, und Wogendrang,

Kam der Erretter glücklich an:

Doch wehe! der Nachen war allzuklein,

Der Retter von Allen zugleich zu sein.

 

Und dreimal zwang er seinen Kahn,

Trotz Wirbel, Sturm, und Wogendrang;

Und dreimal kam er glücklich an,

Bis ihm die Rettung ganz gelang.

Kaum kamen die Letzten in sichern Port;

So rollte das letzte Getrümmer fort. –

 

Wer ist, wer ist der brave Mann?

Sag an, sag an, mein braver Sang!

Der Bauer wagt’ ein Leben dran:

Doch that er’s wohl um Goldesklang?

Denn spendete nimmer der Graf sein Gut;

So wagte der Bauer vielleicht kein Blut. –

 

»Hier, rief der Graf, mein wackrer Freund!

Hier ist dein Preis! Komm her! Nimm hin!« –

Sag an, war das nicht brav gemeint? –

Bei Gott! der Graf trug hohen Sinn. –

Doch höher und himmlischer, wahrlich! schlug

Das Herz, das der Bauer im Kittel trug.

 

»Mein Leben ist für Gold nicht feil.

Arm bin ich zwar, doch ess’ ich satt.

Dem Zöllner werd’ eur Gold zu teil,

Der Hab’ und Gut verloren hat!«

So rief er, mit herzlichem Biederton,

Und wandte den Rücken und ging davon. –

 

Hoch klingst du, Lied vom braven Mann,

Wie Orgelton und Glockenklang!

Wer solches Muts sich rühmen kann,

Den lohnt kein Gold, den lohnt Gesang.

Gottlob! daß ich singen und preisen kann,

Unsterblich zu preisen den braven Mann.

 

 

Sanct Stephan

Sanct Stephan war ein Gottesmann,

Von Gottes Geist beraten,

Der durch den Glauben Kraft gewann,

Zu hohen Wunderthaten.

Doch seines Glaubens Wunderkraft,

Und seine Himmelswissenschaft

Verdroß die Schulgelehrten,

Die Erdenweisheit ehrten.

 

Und die Gelehrten stritten scharf

Und waren ihm zuwider;

Allein die Himmelsweisheit warf

Die irdische darnieder.

Und ihr beschämter Hochmut sann

Auf Rache an den Gottesmann.

Ihn zu verleumden, dungen

Sie falscher Zeugen Zungen.

 

Und gegen ihn in Aufruhr trat

Die jüdische Gemeinde.

Bald riß ihn vor den hohen Rat

Die Rachgier seiner Feinde.

Die falschen Zeugen stiegen auf

Und logen: »Dieser hört nicht auf,

Zu sträflichem Exempel,

Zu lästern Gott und Tempel.

 

Sein Jesus schmäht er, würde nun

Des Tempels Dienst zerstören;

Hinweg die Satzung Mosis thun,

Und andre Sitte lehren.«

Starr sah der ganze Rat ihn an;

Doch Er, mit Unschuld angethan,

Trotz dem, was sie bezeugten,

Schien Engeln gleich zu leuchten.

 

»Nun sprich! Ist dem also?« begann

Der Hohepriester endlich.

Da hub er frei zu reden an,

Und deutete verständlich

Der heiligen Propheten Sinn,

Und was der Herr vom Anbeginn,

Zu Juda’s Heil und Frommen,

Gered’t und unternommen.

 

»Doch, Unbeschnitt’ne, fuhr er fort,

An Herzen und an Ohren!

An Euch war Gottes That und Wort

Von je und je verloren.

Eu’r Stolz, der sich der Zucht entreißt,

Stets widerstrebt er Gottes Geist.

Ihr, so wie eure Väter,

Seid Mörder und Verräter!

 

Nennt mir Propheten, die sie nicht

Verfolgt und hingerichtet,

Wann sie aus göttlichem Gesicht

Des Heilands Kunst berichtet;

Des Heilands, welchen eu’r Verrat

Zu Tode jetzt gekreuzigt hat.

Ihr wißt zwar Gottes Willen;

Doch wollt ihn nie erfüllen.«

 

Und horch! ein dumpfer Lärm erscholl.

Es knirrschte das Getümmel.

Er aber ward des Geistes voll,

Und blickt’ empor gen Himmel,

Und sah eröffnet, weit und breit,

Des ganzen Himmels Herrlichkeit,

Und Jesum in den Höhen

Zur Rechten Gottes stehen.

 

Nun rief er hoch im Jubelton:

»Ich seh’ im offnen Himmel,

Zu Gottes Rechten, Gottes Sohn!«

Da stürmte das Getümmel,

Und brauste, wie ein wildes Meer,

Und übertäubte das Gehör,

Und wie von Sturm und Wogen,

Ward er hinweg gezogen.

 

Hinaus zum nächsten Thore brach

Der Strom der tollen Menge,

Und schleifte den Mann Gottes nach,

Zerstoßen im Gedränge;

Und tausend Mörderstimmen schrie’n,

Und Steine hagelten auf ihn,

Aus tausend Mörderhänden,

Die Rache zu vollenden.

 

Als er den letzten Odem zog,

Zerschellt von ihrem Grimme,

Da faltet’ er die Hände hoch,

Und bat mit lauter Stimme:

»Behalt, o Herr, für dein Gericht,

Dem Volke diese Sünde nicht! –

Nimm meinen Geist von hinnen! –«

Hier schwanden ihm die Sinnen.

 

 

Der Bruder Graurock und die Pilgerin

Ein Pilgermädel, jung und schön,

Wallt’ auf ein Kloster zu.

Sie zog das Glöcklein an dem Thor;

Ein Bruder Graurock trat hervor,

Halbbarfuß ohne Schuh.

 

Sie sprach: »Gelobt sei Jesus Christ! -«

»In Ewigkeit!« sprach er.

Gar wunderseltsam ihm geschah;

Und als er ihr ins Auge sah,

Da schlug sein Herz noch mehr.

 

Die Pilgerin mit leisem Ton,

Voll holder Schüchternheit:

»Ehrwürdiger, o meldet mir,

Weilt nicht mein Herzgeliebter hier

In Klostereinsamkeit?« –

 

»Kind Gottes, wie soll kenntlich mir

Dein Herzgeliebter sein?«

»Ach! An dem gröbsten härnen Rock,

An Geißel, Gurt, und Weidenstock,

Die seinen Leib kastei’n.

 

Noch mehr an Wuchs und Angesicht,

Wie Morgenrot im Mai,

Am goldnen Ringellockenhaar,

Am himmelblauen Augenpaar,

So freundlich, lieb und treu!« –

 

»Kind Gottes, o wie längst dahin!

Längst tot und tief verscharrt!

Das Gräschen säuselt d’rüber her;

Ein Stein von Marmel drückt ihn schwer;

Längst tot und tief verscharrt!

 

Siehst dort, in Immergrün verhüllt,

Das Zellenfenster nicht?

Da wohnt’ und weint’ er, und verkam,

Durch seines Mädels Schuld, vor Gram,

Verlöschend, wie ein Licht.

 

Sechs Junggesellchen, schlank und fein,

Bei Trauersang und Klang,

Sie trugen seine Bahr’ ans Grab;

Und manche Zähre rann hinab,

Indem sein Sarg versank.« –

 

»O weh! O weh! So bist du hin?

Bist tot und tief verscharrt? –

Nun brich, o Herz, die Schuld war dein!

Und wärst du, wie sein Marmelstein,

Wärst dennoch nicht zu hart.« –

 

»Geduld, Kind Gottes, weine nicht!

Nun bete desto mehr!

Vergebner Gram zerspellt das Herz;

Das Augenlicht verlischt von Schmerz;

D’rum weine nicht so sehr!«

 

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!

Verdamme nicht mein Leid!

Denn meines Herzens Lust war Er;

So lebt und liebt kein Jüngling mehr,

Auf Erden weit und breit.

 

D’rum laß mich weinen immerdar,

Und seufzen Tag und Nacht,

Bis mein verweintes Auge bricht,

Und lechzend meine Zunge spricht:

Gottlob! Nun ist’s vollbracht!« –

 

»Geduld, Kind Gottes, weine nicht!

O seufze nicht so sehr!

Kein Tau, kein Regentrank erquickt

Ein Veilchen, das du abgepflückt.

Es welkt und blüht nicht mehr.

 

Huscht doch die Freud’ auf Flügeln, schnell

Wie Schwalben, vor uns hin.

Was halten wir das Leid so fest,

Das, schwer wie Blei, das Herz zerpreßt?

Laß fahren! Hin ist hin!« –

 

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!

Gibt meinem Gram kein Ziel!

Und litt ich um den lieben Mann,

Was nur ein Mädchen leiden kann,

Nie litt’ ich doch zu viel. –

 

So seh’ ich ihn nun nimmermehr?

O weh! Nun nimmermehr? –

Nein! Nein! Ihn birgt ein düstres Grab;

Es regnet d’rauf und schnei’t herab;

Und Gras weht d’rüber her. –

 

Wo seid ihr Augen, blau und klar?

Ihr Wangen, rosenrot?

Ihr Lippen, süß wie Nelkenduft? –

Ach! Alles modert in der Gruft;

Und mich verzehrt die Not.« –

 

»Kind Gottes, härme so dich nicht!

Und denk’ wie Männer sind!

Den Meisten weht’s aus Einer Brust,

Bald heiß, bald kalt; sie sind zur Lust

Und Unlust gleich geschwind.

 

Wer weiß, trotz deiner Treu’ und Huld,

Hätt’ ihn sein Loos gereut.

Dein Liebster war ein junges Blut,

Und junges Blut hegt Wankelmut,

Wie die Aprillenzeit.« –

 

»Ach nein, Ehrwürdiger, ach nein!

Sprich dieses Wort nicht mehr!

Mein Trauter war so lieb und hold,

War lauter, ächt, und treu, wie Gold,

Und aller Falschheit leer.

 

Ach! ist es wahr, daß ihn das Grab

Im dunkeln Rachen hält?

So sag’ ich meiner Heimat ab,

Und setze meinen Pilgerstab

Fort durch die weite Welt.

 

Erst aber will ich hin zur Gruft;

Da will ich niederknie’n;

Da soll von Seufzerhauch und Kuß,

Und meinem Tausendthränenguß,

Das Gräschen frischer blüh’n.« –

 

»Kind Gottes, kehr’ allhier erst ein,

Daß Ruh und Kost dich pflegt!

Horch! wie der Sturm die Fahnen trillt,

Und kalter Schloßenregen wild

An Dach und Fenster schlägt!« –

 

»O nein, Ehrwürdiger, o nein!

O halte mich nicht ab!

Mag’s sein, daß Regen mich befällt!

Wäscht Regen aus der ganzen Welt

Doch meine Schuld nicht ab.« – –

 

»Heida! Fein’s Liebchen, nun kehr’ um!

Bleib hier und tröste dich! –

Fein’s Liebchen, schau mir ins Gesicht! –

Kennst du den Bruder Graurock nicht?

Dein Liebster, ach! – bin ich.

 

Aus hoffnungslosem Liebesschmerz

Erkor ich dies Gewand.

Bald hätt’ in Klostereinsamkeit

Mein Leben und mein Herzeleid

Ein hoher Schwur verbannt.

 

Doch, Gott sei Dank! mein Probejahr

Ist noch nicht ganz herum.

Fein’s Liebchen, hast du wahr bekannt?

Und gäbst du mir wohl gern die Hand;

So kehrt’ ich wieder um.« –

 

»Gottlob! Gottlob! nun fahre hin

Auf ewig Gram und Not!

Willkommen! o willkommen, Lust!

Komm Herzensjung’ an meine Brust!

Nun scheid’ uns nichts, als Tod!«

 

 

Die Entführung, oder Ritter Karl von Eichenhorst und Fräulein Gertrude von Hochburg

»Knapp’, satt’le mir mein Dänenroß,

Daß ich mir Ruh’ erreite!

Es wird mir hier zu eng’ im Schloß;

Ich will und muß ins Weite!« –

So rief der Ritter Karl in Hast,

Voll Angst und Ahndung, sonder Rast.

Es schien ihn fast zu plagen,

Als hätt’ er Wen erschlagen.

 

Er sprengte, daß es Funken stob,

Hinunter von dem Hofe;

Und als er kaum den Blick erhob,

Sieh da! Gertrudens Zofe!

Zusammenschrak der Rittersmann;

Es packt’ ihn, wie mit Krallen an,

Und schüttelt’ ihn, wie Fieber,

Hinüber und herüber.

 

»Gott grüß’ Euch, edler junger Herr!

Gott geb’ Euch Heil und Frieden!

Mein armes Fräulein hat mich her

Zum letztenmal beschieden.

Verloren ist Euch Trudchens Hand!

Dem Junker Plump von Pommerland

Hat sie, vor aller Ohren,

Ihr Vater zugeschworen.

 

›Mord! – flucht er laut, bei Schwert und Spieß, –

Wo Karl dir noch gelüstet,

So sollst du tief ins Burgverließ,

Wo Molch und Unke nistet.

Nicht rasten will ich Tag und Nacht,

Bis daß ich nieder ihn gemacht,

Das Herz ihm ausgerissen,

Und das dir nachgeschmissen.‹

 

Jetzt in der Kammer zagt die Braut,

Und zuckt vor Herzenswehen,

Und ächzet tief, und weinet laut,

Und wünschet zu vergehen.

Ach! Gott der Herr muß ihrer Pein,

Bald muß und wird er gnädig sein.

Hört ihr zur Trauer läuten,

So wißt ihr’s auszudeuten. –

 

›Geh, meld’ ihm, daß ich sterben muß –

Rief sie mit tausend Zähren –

Geh, bring ihm ach! den letzten Gruß,

Den er von mir wird hören!

Geh, unter Gottes Schutz, und bring’

Von mir ihm diesen goldnen Ring

Und dieses Wehrgehenke,

Wobei er mein gedenke!‹« –

 

Zu Ohren braust’ ihm, wie ein Meer,

Die Schreckenspost der Dirne.

Die Berge wankten um ihn her.

Es flirrt’ ihm vor der Stirne.

Doch jach, wie Windeswirbel fährt,

Und rührig Laub und Staub empört,

Ward seiner Lebensgeister

Verzweiflungsmut nun Meister.

 

»Gottslohn! Gottslohn! du treue Magd,

Kann ich’s dir nicht bezahlen.

Gottslohn! daß du mir’s angesagt,

Zu hunderttausendmalen.

Biß wohlgemut und tummle dich!

Flugs tummle dich zurück und sprich:

Wär’s auch aus tausend Ketten,

So wollt’ ich sie erretten!

 

Biß wohlgemut und tummle dich!

Flugs tummle dich von hinnen!

Ha! Riesen, gegen Hieb und Stich,

Wollt’ ich sie abgewinnen.

Sprich: Mitternachts, bei Sternenschein,

Wollt’ ich vor ihrem Fenster sein,

Mir geh’ es, wie es gehe!

Wohl, oder ewig wehe!

 

Risch auf und fort!« – Wie Sporen trieb

Des Ritters Wort die Dirne.

Tief holt’ er wieder Luft und rieb

Sich’s klar vor Aug und Stirne.

Dann schwenkt’ er hin und her sein Roß,

Daß ihm der Schweiß vom Buge floß,

Bis er sich Rat ersonnen

Und den Entschluß gewonnen.

 

D’rauf ließ er heim sein Silberhorn

Von Dach und Zinnen schallen.

Herangesprengt, durch Korn und Dorn,

Kam stracks ein Heer Vasallen.

D’raus zog er Mann bei Mann hervor,

Und raunt’ ihm heimlich Ding ins Ohr: –

»Wohlauf! Wohlan! Seid fertig,

Und meines Horns gewärtig!« –

 

Als nun die Nacht Gebirg’ und Thal

Vermummt in Rabenschatten,

Und Hochburgs Lampen überall

Schon ausgeflimmert hatten,

Und alles tief entschlafen war;

Doch nur das Fräulein immerdar,

Voll Fieberangst, noch wachte,

Und seinen Ritter dachte:

 

Da horch! Ein süßer Liebeston

Kam leis’ empor geflogen.

»Ho, Trudchen, ho! Da bin ich schon!

Risch auf! Dich angezogen!

Ich, ich, dein Ritter, rufe dir;

Geschwind, geschwind herab zu mir!

Schon wartet dein die Leiter.

Mein Klepper bringt dich weiter.« –

 

»Ach nein, du Herzens-Karl, ach nein!

Still, daß ich nichts mehr höre!

Entränn’ ich ach! mit dir allein,

Dann wehe meiner Ehre!

Nur noch ein letzter Liebeskuß

Sei, Liebster, dein und mein Genuß,

Eh ich im Totentkleide

Auf ewig von dir scheide.« –

 

»Ha Kind! Auf meine Rittertreu

Kannst du die Erde bauen.

Du kannst, beim Himmel! froh und frei

Mir Ehr’ und Leib vertrauen.

Risch geht’s nach meiner Mutter fort.

Das Sakrament vereint uns dort.

Komm, komm! Du bist geborgen.

Laß Gott und mich nur sorgen!« –

 

»Mein Vater! – – Ach! ein Reichsbaron! – – –

So stolz von Ehrenstamme! – – –

Laß ab! Laß ab! Wie beb’ ich schon,

Vor seines Zornes Flamme!

Nicht rasten wird er Tag und Nacht,

Bis daß er nieder dich gemacht,

Das Herz dir ausgerissen

Und das mir vorgeschmissen.« –

 

»Ha, Kind! Sei nur erst sattelfest,

So ist mir nicht mehr bange. –

Dann steht uns offen Ost und West. –

O zaudre nicht zu lange!

Horch, Liebchen, horch! – Was rührte sich? –

Um Gotteswillen! tummle dich!

Komm, komm! Die Nacht hat Ohren;

Sonst sind wir ganz verloren.« –

 

Das Fräulein zagte – stand – und stand –

Es graust’ ihr durch die Glieder. –

Da griff er nach der Schwanenhand,

Und zog sie flink hernieder.

Ach! Was ein Herzen, Mund und Brust,

Mit Rang und Drang, voll Angst und Lust,

Belauschten jetzt die Sterne,

Aus hoher Himmelsferne! –

 

Er nahm sein Lieb, mit einem Schwung,

Und schwang’s auf den Polacken.

Hui! saß er selber auf und schlung

Sein Heerhorn um den Nacken.

Der Ritter hinten, Trudchen vorn.

Den Dänen trieb des Ritters Sporn;

Die Peitsche den Polacken;

Und Hochburg blieb im Nacken. –

 

Ach! leise hört die Mitternacht!

Kein Wörtchen ging verloren.

Im nächsten Bett’ war aufgewacht

Ein Paar Verräterohren.

Des Fräuleins Sittenmeisterin,

Voll Gier nach schnödem Goldgewinn,

Sprang hurtig auf, die Thaten

Dem Alten zu verraten.

 

»Hallo! hallo! Herr Reichsbaron! –

Hervor aus Bett’ und Kammer! –

Eu’r Fräulein Trudchen ist entflohn,

Entflohn zu Schand’ und Jammer!

Schon reitet Karl von Eichenhorst,

Und jagt mit ihr durch Feld und Forst.

Geschwind! Ihr dürft nicht weilen,

Wollt ihr sie noch ereilen.«

 

Hui auf der Freiherr, hui heraus,

Bewehrte sich zum Streite,

Und donnerte durch Hof und Haus

Und weckte seine Leute. –

»Heraus, mein Sohn von Pommerland!

Sitz’ auf! Nimm Lanz’ und Schwert zur Hand!

Die Braut ist dir gestohlen;

Fort, Fort! sie einzuholen!« –

 

Rasch ritt das Paar im Zwielicht schon,

Da horch! – ein dumpfes Rufen –

Und horch! – erscholl ein Donnerton,

Von Hochburgs Pferdehufen;

Und wild kam Plump, den Zaum verhängt,

Weit weit voran, dahergesprengt,

Und ließ, zu Trudchens Grausen,

Vorbei die Lanze sausen. –

 

»Halt an! halt an! du Ehrendieb!

Mit deiner losen Beute.

Herbei vor meinen Klingenhieb!

Dann raube wieder Bräute!

Halt an, verlaufne Buhlerin,

Daß neben deinen Schurken hin

Dich meine Rache strecke,

Und Schimpf und Schand’ euch decke!« –

 

»Das leugst du, Plump von Pommerland,

Bei Gott und Ritterehre!

Herab! Herab! daß Schwert und Hand

Dich andre Sitte lehre. –

Halt, Trudchen, halt den Dänen an! –

Herunter, Junker Grobian,

Herunter von der Mähre,

Daß ich dich Sitte lehre!« –

 

Ach! Trudchen, wie voll Angst und Not!

Sah hoch die Säbel schwingen.

Hell funkelten im Morgenrot

Die Damascener Klingen.

Von Kling und Klang, von Ach und Krach,

Ward rund umher das Echo wach.

Von ihrer Fersen Stampfen

Begann der Grund zu dampfen.

 

Wie Wetter schlug des Liebsten Schwert

Den Ungeschliffnen nieder.

Gertrudens Held blieb unversehrt,

Und Plump erstand nicht wieder. –

Nun weh, o weh! Erbarm’ es Gott!

Kam fürchterlich, Galopp und Trott,

Als Karl kaum ausgestritten,

Der Nachtrab angeritten. –

 

Trara! Trara! durch Flur und Wald

Ließ Karl sein Horn nun schallen.

Sieh da! Hervor vom Hinterhalt,

Hop hop! sein Heer Vasallen. –

»Nun halt, Baron, und hör’ ein Wort!

Schau auf! Erblickst du Jene dort?

Die sind zum Schlagen fertig,

Und meines Winks gewärtig.

 

Halt an! Halt an! Und hör’ ein Wort,

Damit dich nichts gereue!

Dein Kind gab längst mir Treu und Wort,

Und ich ihm Wort und Treue.

Willst du zerreißen Herz und Herz?

Soll dich ihr Blut, soll dich ihr Schmerz

Vor Gott und Welt verklagen?

Wohlan! so laß uns schlagen!

 

Noch halt! Bei Gott beschwör’ ich dich!

Bevor’s dein Herz gereuet.

In Ehr’ und Züchten hab’ ich mich

Dem Fräulein stets geweihet.

Gib – – Vater! – – gib mir Trudchens Hand! –

Der Himmel gab mir Gold und Land.

Mein Ritterruhm und Adel,

Gottlob! trotzt jedem Tadel.« –

 

Ach! Trudchen, wie voll Angst und Not!

Verblüht’ in Todesblässe.

Vor Zorn der Freiherr heiß und rot,

Glich einer Feueresse. –

Und Trudchen warf sich auf den Grund;

Sie rang die schönen Hände wund,

Und suchte baß, mit Thränen,

Den Eifrer zu versöhnen.

 

»O Vater, habt Barmherzigkeit,

Mit euerm armen Kinde!

Verzeih’ euch, wie ihr uns verzeiht,

Der Himmel auch die Sünde!

Glaubt, bester Vater, diese Flucht,

Ich hätte nimmer sie versucht,

Wenn vor des Junkers Bette

Mich nicht geekelt hätte. –

 

Wie oft habt ihr, auf Knie und Hand,

Gewiegt mich und getragen!

Wie oft: du Herzenskind! genannt!

Du Trost in alten Tagen!

O Vater, Vater! denkt zurück!

Ermordet nicht mein ganzes Glück!

Ihr tötet sonst daneben

Auch euers Kindes Leben.« –

 

Der Freiherr warf sein Haupt herum,

Und wies den krausen Nacken.

Der Freiherr rieb, wie taub und stumm,

Die dunkelrauhen Backen. –

Vor Wehmut brach ihm Herz und Blick;

Doch schlang er stolz den Strom zurück,

Um nicht durch Vaterthränen

Den Rittersinn zu höhnen. –

 

Bald sanken Zorn und Ungestüm.

Das Vaterherz wuchs über.

Von hellen Zähren strömten ihm

Die stolzen Augen über. –

Er hob sein Kind vom Boden auf,

Er ließ der Herzensflut den Lauf,

Und wollte schier vergehen,

Vor wundersüßen Wehen. –

 

»Nun wohl! Verzeih’ mir Gott die Schuld,

So wie ich dir verzeihe!

Empfange meine Vaterhuld,

Empfange sie auf’s neue!

In Gottes Namen, sei es d’rum! –

Hier wandt’ er sich zum Ritter um, –

Da! Nimm sie meinetwegen,

Und meinen ganzen Segen!

 

Komm, nimm sie hin, und sei mein Sohn,

Wie ich dein Vater werde!

Vergeben und vergessen schon

Ist jegliche Beschwerde.

Dein Vater, einst mein Ehrenfeind,

Der’s nimmer hold mit mir gemeint,

That vieles mir zu Hohne.

Ihn haßt’ ich noch im Sohne.

 

Mach’s wieder gut! Mach’s gut, mein Sohn,

An mir und meinem Kinde!

Auf daß ich meiner Güte Lohn

In deiner Güte finde.

So segne dann, der auf uns sieht,

Euch segne Gott, von Glied zu Glied!

Auf! Wechselt Ring’ und Hände!

Und hiermit Lied am Ende!« –

 

Frau Schnips

 

Ein Märlein halb lustig, halb ernsthaft, sammt angehängter Apologie

 

 

Frau Schnipsen hatte Korn im Stroh,

Und hielt sich weidlich lecker;

Sie lebt’ in dulci Jubilo,

Und Keine war euch kecker.

 

Das Mäulchen, sammt dem Zünglein flink,

Saß ihr am rechten Flecken.

Sie schimpfte wie ein Rohrsperling,

Wenn man sie wollte necken.

 

Da kam Hans Mors, und zog den Strich

Durch ihr Schlaraffenleben.

Zwar belferte sie jämmerlich;

Doch mußte sie sich geben.

 

Sie klaffte fort, den Weg hinan,

Bis vor die Himmelspforte,

Gekränkt, daß sie nicht Zeit gewann,

Zur letzten Mandeltorte.

 

Weil nun der letzte Ärger ihr

Noch spukt’ im Tabernakel,

So trieb sie vor der Himmelsthür

Viel Unfug und Spektakel.

 

»Wer da, rief Adam unmutsvoll,

Stört so die Ruh der Frommen?« –

»Ich bins! Frau Schnips! Ich wünschte wohl

Bei Euch mit anzukommen.« –

 

»Du? – Nicht also, Frau Sünderin!

Frau Liederlich! Frau Lecker!« –

»Ich weiß wohl selber, was ich bin,

Du alter Sündenhecker!

 

Ei, zupfte sich Herr Erdenkloß

Doch nur an eigner Nase!

Denn was man ist, das ist man bloß

Von seinem Apfelfraße.

 

So gut wie Er, denk’ ich zur Ruh

Noch Platz hier zu gewinnen.« –

Der Vater hielt die Ohren zu

Und trollte sich von hinnen.

 

D’rauf machte Jakob sich ans Thor:

»Marsch! Packe dich zum Teufel!« –

»Was? schrie Frau Schnips ihm laut ins Ohr,

Fickfacker! Ich zum Teufel?

 

Du bist mir wohl der rechte Held,

Und bist wohl hier für’s Prellen?

Hast Bruder und Papa geprellt,

Mit deinen Ziegenfellen.« –

 

Stockmäuschenstill trieb ihr Geschrei

Hinweg den Patriarchen.

Hierauf sprang Ehren-Loth herbei,

Mit Brausen und mit Schnarchen.

 

»Du auch, du alter Saufaus hast,

Groß Recht hier zum Geprahle!

Bist wahrlich nicht der feinste Gast

In diesem Himmelssaale!

 

Bezecht sich erst beim Abendbrot,

Den Kindern zum Gelächter,

Und dann beschläft Er – pfui, Herr Loth! –

Gar seine eignen Töchter!«

 

Ha puh! Wie stank der alte Mist! –

Loth mußte sich bequemen,

Als hätt’ er in das Bett’ gepißt,

Voll Scham Reißaus zu nehmen.

 

»Na! – lief Relikte Judith hin,

Welch Lärm hier und Gebrause!« –

»Bonsdies! Frau Gurgelschneiderin!

Sie ist hier auch zu Hause?« –

 

Vor großer Scham bald bleich bald rot,

Stand Judith bei dem Gruße.

Der König David sah die Not,

Und folgt’ ihr auf dem Fuße.

 

»Was für Hallo, du Teufelsweib?

Potz hunderttausend Velten!« –

»Ei, Herr, wär’ ich Uria’s Weib,

Ihr würdet so nicht schelten.

 

Es war, mein Seel! wohl mehr Hallo,

Mit Bathseba zu liebeln,

Und ihren armen Hahnrei so

Zur Welt hinaus zu bübeln.« –

 

»Das Weib ist toll, rief Salomo,

Hat zu viel Schnaps genommen!

Was? Seiner Majestät also – – –

So – – hundsföttsch anzukommen?« –

 

»O Herr, nicht halb so toll, als Er!

Hätt’ er sein Maul gehalten!

Wir wissen’s noch recht gut, wie Er

Auf Erden Haus gehalten.

 

Sieb’n hundert Weiber auf der Streu,

Und extra doch darneben

Drei hundert – – Andre! Meiner Treu!

Das war ein züchtig Leben!

 

Und Sein Verstand war klimperklein,

Als Er von Gott sich wandte,

Und Götzen pur von Holz und Stein,

Sein thöricht Opfer brannte.« –

 

»Fürwahr, empörte Jonas sich,

Das Weib speit, wie ein Drache!« –

»Halt’s Maul, Ausreißer! Kümmre dich

Um Deine faule Sache!« –

 

Auch Thom’s gab seinen Senf dazu:

»Ein Sprichwort, das ich glaube,

Sagt: Weiberzung’ hat nimmer Ruh;

Sie ist von Espenlaube.« –

 

»Glaub’ immer was ein Narr erdacht,

Mit allen dummen Teufeln!

Doch konnt’ an seines Heilands Macht

Der schwache Pinsel zweifeln.« –

 

Maria Magdalena kam. –

Nu ja! Die wird’s erst kriegen! –

»Still, gute Frau, fein still und zahm!

Ihr müßt Euch anders fügen.

 

Denn, gute Frau, erinnert Euch

An Eu’r verruchtes Leben!

So Einer wird im Himmelreich

Kein Plätzchen eingegeben.« –

 

»So Einer? schrie Frau Schnips, ei schaut!

Was bin ich denn für Eine?

Sie war mir auch das rechte Kraut!

Nun brennt Sie gar sich reine?

 

Ach! Um die Tugend Ihrer Zeit

Ist Sie nicht hergekommen.

Des Heilands Allbarmherzigkeit

Hat Sie hier aufgenommen.

 

Durch diese Allbarmherzigkeit,

Sie wird’s nicht übel deuten,

Hoff’ ich, trotz meiner Sündlichkeit,

Auch noch hineinzuschreiten.« –

 

Jetzt sprang Apostel Paul empor:

»Mit deinen alten Sünden,

Weib, wirst du durch das Himmelsthor

Den Eingang nimmer finden!« –

 

»Die lass’ ich draußen! – Denke, Paul,

Wie dir’s vor Zeiten glückte;

Dir, der doch so mit Mord, als Saul,

Die Kirche Gottes drückte!« –

 

Sanct Peter kam nun auch zum Spiel:

»Die Thür nicht eingeschlagen!

Madam, Sie lärmt auch allzuviel;

Wer kann das hier vertragen?« –

 

»Geduld, Herr Pförtner! sagte sie;

Noch bin ich unverloren!

Hab’ ich doch meinen Heiland nie,

Wie Du einst, abgeschworen.« – –

 

Und unser lieber Herr vernahm

Der Seele letzte Worte.

Umringt von tausend Engeln kam

Er herrlich an die Pforte.

 

»Erbarmen! Ach, Erbarmen!« schrie

Die arme bange Seele. –

»O Seele, du gehorchtest nie

Dem göttlichen Befehle.

 

Ich lockte dich an meine Brust:

Zur Sünde gingst du über.

Die Welt mit ihrer eiteln Lust

War, Thörin, dir viel lieber.« –

 

»O! Ich bekenn’ es, Herr, ich schwamm

Im Lustpfuhl dieser Erde;

Doch bringe du dein irrend Lamm

Zurück zu deiner Herde!

 

Ich will, o lieber Hirt, hinfort

Mein Irrsal stets bereuen.

Half doch sein letztes armes Wort

Dem Schächer zum Gedeihen.« –

 

»Du wußtest, Weib, was ich gethan;

Du kanntest meinen Willen:

Allein, was hast du je gethan,

Ihn dankbar zu erfüllen?« –

 

»Ach nichts! Doch, lieber Menschensohn,

Heiß mich darum nicht fliehen!

Es hat ja dem verlornen Sohn

Sein Vater auch verziehen.« –

 

»Nun wohl, Verirrte, tritt herzu!

Will dich mit Gnade zeichnen.

Auch du bist mein! Geh ein zur Ruh!

Ich will dich nicht verleugnen.«

 

Apologie

Ihr Herrn Zeloten dieser Zeit,

Wie steht’s um Euern Willen?

Sind Liebesmäntel wohl so weit,

Dies Lied mit d’rein zu hüllen? –

 

O seid doch, höchlich bitt’ ich d’rum,

Seid diesmal nur nicht kurrig!

Denn seht! Es wär’ doch schade d’rum:

Das Ding ist ja so schnurrig.

 

Auch ist ja die Historia

Aus Wahrheit nicht gesponnen.

Doch webt’ ich d’rein Moralia;

Die hab’ ich nicht ersonnen.

 

Und schlimm ist wahrlich nichts gemeint:

D’rum nehmt doch ja nichts übel!

Moralia sind, wie es scheint,

Die Besten aus der Bibel.

 

Ihr, die ihr, aus erlogner Pflicht,

Begnadigt und verdammet,

Die Liebe sagt: Verdammet nicht,

Daß man nicht Euch verdammet!

Der wilde Jäger

 

Der Wild- und Rheingraf stieß ins Horn:

»Hallo, Hallo zu Fuß und Roß!«

Sein Hengst erhob sich wiehernd vorn;

Laut rasselnd stürzt’ ihm nach der Troß;

Laut klifft’ und klafft’ es, frei von Koppel,

Durch Korn und Dorn, durch Heid’ und Stoppel.

 

Vom Strahl der Sonntagsfrühe war

Des hohen Domes Kuppel blank.

Zum Hochamt rufte dumpf und klar

Der Glocken ernster Feierklang.

Fern tönten lieblich die Gesänge

Der andachtsvollen Christenmenge.

 

Rischrasch quer übern Kreuzweg ging’s,

Mit Horrido und Hussasa.

Sieh da! Sieh da, kam rechts und links

Ein Reiter hier, ein Reiter da!

Des Rechten Roß war Silbersblinken,

Ein Feuerfarbner trug den Linken.

 

Wer waren Reiter links und rechts?

Ich ahnd’ es wohl, doch weiß ichs nicht.

Lichthehr erschien der Reiter rechts,

Mit mildem Frühlingsangesicht.

Graß, dunkelgelb der linke Ritter

Schoß Blitz vom Aug’, wie Ungewitter.

 

»Willkommen hier, zu rechter Frist,

Willkommen zu der edlen Jagd!

Auf Erden und im Himmel ist

Kein Spiel, das lieblicher behagt.« –

Er rief’s, schlug laut sich an die Hüfte,

Und schwang den Hut doch in die Lüfte.

 

»Schlecht stimmet deines Hornes Klang,

Sprach der zur Rechten, sanftes Muts,

Zu Feierglock’ und Chorgesang.

Kehr um! Erjagst dir heut nichts Guts.

Laß dich den guten Engel warnen,

Und nicht vom Bösen dich umgarnen!« –

 

»Jagt zu, jagt zu, mein edler Herr!

Fiel rasch der linke Ritter d’rein.

Was Glockenklang? Was Chorgeplärr?

Die Jagdlust mag euch baß erfreun!

Laßt mich, was fürstlich ist, euch lehren

Und euch von Jenem nicht bethören!« –

 

»Ja! Wohlgesprochen, linker Mann!

Du bist ein Held nach meinem Sinn.

Wer nicht des Weidwerks pflegen kann,

Der scher’ ans Paternoster hin!

Mag’s, frommer Narr, dich baß verdrießen,

So will ich meine Lust doch büßen!« –

 

Und hurre hurre vorwärts ging’s,

Feld ein und aus, Berg ab und an.

Stets ritten Reiter rechts und links

Zu beiden Seiten neben an.

Auf sprang ein weißer Hirsch von ferne,

Mit sechzehnzackigem Gehörne.

 

Und lauter stieß der Graf ins Horn;

Und rascher flog’s zu Fuß und Roß;

Und sieh! bald hinten und bald vorn

Stürzt’ Einer tot dahin vom Troß.

»Laß stürzen! Laß zur Hölle stürzen!

Das darf nicht Fürstenlust verwürzen.«

 

Das Wild duckt sich ins Ährenfeld

Und hofft da sichern Aufenthalt.

Sieh da! Ein armer Landmann stellt

Sich dar in kläglicher Gestalt.

»Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!

Verschont den sauern Schweiß des Armen!«

 

Der rechte Ritter sprengt heran,

Und warnt den Grafen sanft und gut.

Doch baß hetzt ihn der linke Mann

Zu schadenfrohem Frevelmut.

Der Graf verschmäht des Rechten Warnen

Und läßt vom Linken sich umgarnen.

 

»Hinweg, du Hund! schnaubt fürchterlich

Der Graf den armen Pflüger an.

Sonst hetz’ ich selbst, beim Teufel! dich.

Hallo, Gesellen, drauf und dran!

Zum Zeichen, daß ich wahr geschworen,

Knallt ihm die Peitschen um die Ohren!«

 

Gesagt, gethan! Der Wildgraf schwang

Sich übern Hagen rasch voran,

Und hinterher, bei Knall und Klang,

Der Troß mit Hund und Roß und Mann;

Und Hund und Mann und Roß zerstampfte

Die Halmen, daß der Acker dampfte.

 

Vom nahen Lärm emporgescheucht,

Feld ein und aus, Berg ab und an

Gesprengt, verfolgt, doch unerreicht,

Ereilt das Wild des Angers Plan;

Und mischt sich, da verschont zu werden,

Schlau mitten zwischen zahme Herden.

 

Doch hin und her, durch Flur und Wald

Und her und hin, durch Wald und Flur,

Verfolgen und erwittern bald

Die raschen Hunde seine Spur.

Der Hirt, voll Angst für seine Herde,

Wirft vor dem Grafen sich zur Erde.

 

»Erbarmen, Herr, Erbarmen! Laßt

Mein armes stilles Vieh in Ruh!

Bedenket, lieber Herr, hier gras’t

So mancher armen Witwe Kuh.

Ihr Eins und Alles spart der Armen!

Erbarmen, lieber Herr, Erbarmen!«

 

Der rechte Ritter sprengt heran,

Und warnt den Grafen sanft und gut.

Doch baß hetzt ihn der linke Mann

Zu schadenfrohem Frevelmut.

Der Graf verschmäht des Rechten Warnen

Und läßt vom Linken sich umgarnen.

 

»Verwegner Hund, der du mir wehrst!

Ha, daß du deiner besten Kuh

Selbst um und angewachsen wärst,

Und jede Vettel noch dazu!

So sollt’ es baß mein Herz ergötzen,

Euch stracks ins Himmelreich zu hetzen.

 

Hallo, Gesellen, drauf und dran!

Jo! Doho! Hussasa!« –

Und jeder Hund fiel wütend an,

Was er zunächst vor sich ersah.

Bluttriefend sank der Hirt zur Erde,

Bluttriefend Stück für Stück die Herde.

 

Dem Mordgewühl entrafft sich kaum

Das Wild mit immer schwächerm Lauf.

Mit Blut besprengt, bedeckt mit Schaum

Nimmt jetzt des Waldes Nacht es auf.

Tief birgt sich’s in des Waldes Mitte,

In eines Kläusners Gotteshütte.

 

Risch ohne Rast mit Peitschenknall,

Mit Horrido und Hussasa,

Und Kliff und Klaff und Hörnerschall,

Verfolgt’s der wilde Schwarm auch da.

Entgegen tritt mit sanfter Bitte

Der fromme Kläusner vor die Hütte.

 

»Laß ab, laß ab von dieser Spur!

Entweihe Gottes Freistatt nicht!

Zum Himmel ächzt die Kreatur

Und heischt von Gott dein Strafgericht.

Zum letzten male laß dich warnen,

Sonst wird Verderben dich umgarnen!«

 

Der Rechte sprengt besorgt heran

Und warnt den Grafen sanft und gut.

Doch baß hetzt ihn der linke Mann

Zu schadenfrohem Frevelmut.

Und wehe! trotz des Rechten Warnen,

Läßt er vom Linken sich umgarnen!

 

»Verderben hin, Verderben her!

Das, ruft er, macht mir wenig Graus.

Und wenn’s im dritten Himmel wär,

So acht’ ichs keine Fledermaus.

Mag’s Gott und dich, du Narr, verdrießen;

So will ich meine Lust doch büßen!«

 

Er schwingt die Peitsche, stößt ins Horn:

»Hallo, Gesellen, drauf und dran!«

Hui, schwinden Mann und Hütte vorn,

Und hinten schwinden Roß und Mann;

Und Knall und Schall und Jagdgebrülle

Verschlingt auf einmal Totenstille.

 

Erschrocken blickt der Graf umher;

Er stößt ins Horn, es tönet nicht;

Er ruft und hört sich selbst nicht mehr;

Der Schwung der Peitsche sauset nicht;

Er spornt sein Roß in beide Seiten

Und kann nicht vor nicht rückwärts reiten.

 

D’rauf wird es düster um ihn her,

Und immer düstrer, wie ein Grab.

Dumpf rauscht es, wie ein fernes Meer.

Hoch über seinem Haupt herab

Ruft furchtbar, mit Gewittergrimme,

Dies Urtel eine Donnerstimme:

 

»Du Wütrich, teuflischer Natur,

Frech gegen Gott und Mensch und Tier!

Das Ach und Weh der Kreatur,

Und deine Missethat an ihr

Hat laut dich vor Gericht gefodert,

Wo hoch der Rache Fackel lodert.

 

Fleuch, Unhold, fleuch, und werde jetzt,

Von nun an bis in Ewigkeit,

Von Höll’ und Teufel selbst gehetzt!

Zum Schreck der Fürsten jeder Zeit,

Die, um verruchter Lust zu fronen,

Nicht Schöpfer noch Geschöpf verschonen!« –

 

Ein schwefelgelber Wetterschein

Umzieht hierauf des Waldes Laub.

Angst rieselt ihm durch Mark und Bein;

Ihm wird so schwül, so dumpf und taub!

Entgegen weht’ ihm kaltes Grausen,

Dem Nacken folgt Gewittersausen.

 

Das Grausen weht, das Wetter saust,

Und aus der Erd’ empor huhu!

Fährt eine schwarze Riesenfaust;

Sie spannt sich auf, sie krallt sich zu;

Hui! will sie ihn beim Wirbel packen;

Hui! steht sein Angesicht im Nacken.

 

Es flimmt und flammt rund um ihn her,

Mit grüner, blauer, roter Glut;

Es wallt um ihn ein Feuermeer;

Darinnen wimmelt Höllenbrut.

Jach fahren tausend Höllenhunde,

Laut angehetzt, empor vom Schlunde.

 

Er rafft sich auf durch Wald und Feld,

Und flieht lautheulend Weh und Ach;

Doch durch die ganze weite Welt

Rauscht bellend ihm die Hölle nach,

Bei Tag tief durch der Erde Klüfte,

Um Mitternacht hoch durch die Lüfte.

 

Im Nacken bleibt sein Antlitz stehn,

So rasch die Flucht ihn vorwärts reißt.

Er muß die Ungeheuer sehn,

Laut angehetzt vom bösen Geist,

Muß sehn das Knirrschen und das Jappen

Der Rachen, welche nach ihm schnappen. –

 

Das ist des wilden Heeres Jagd,

Die bis zum jüngsten Tage währt,

Und oft dem Wüstling noch bei Nacht

Zu Schreck und Graus vorüberfährt.

Das könnte, müßt’ er sonst nicht schweigen,

Wohl manches Jägers Mund bezeugen.

 

 

Untreue über alles

Ich lauschte mit Molly tief zwischen dem Korn,

Umduftet vom blühenden Hagebutt-Dorn.

Wir hatten’s so heimlich, so still und bequem,

Und koseten traulich von Diesem und Dem.

 

Wir hatten’s so heimlich, so still und bequem;

Kein Seelchen vernahm was von Diesem und Dem;

Kein Lüftchen belauscht’ uns von hinten und vorn;

Die spielten mit Kornblum’ und Klappros’ im Korn.

 

Wir herzten, wir drückten, wie innig, wie warm!

Und wiegten uns eia popeia! im Arm.

Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins,

So reihten wir Küsse zu Küssen in eins.

 

Und zwischen die Trauben von Küssen hin schlang

Sich, ähnlich den Reben, Gespräch und Gesang.

Kein Weinstock auf Erden verdienet den Ruf

Von diesem, den Liebe beim Hagedorn schuf.

 

»O Molly, so sprach ich, so sang ich zu ihr,

Lieb Liebchen, was küssest, was liebst du an mir?

Sprich, ist es nur Leibes- und Liebesgestalt?

Sprich! Oder das Herz, das im Busen mir wallt?« –

 

»O Lieber, so sprach sie, so sang sie zu mir,

O Teurer, was sollt’ ich nicht lieben an dir?

Bist süß mir an Leibes- und Liebesgestalt,

Doch teurer durchs Herz, das im Busen dir wallt.« –

 

»Lieb Liebchen, was thätest du, hätte dir Not

Das Eine fürs Andre zu missen gedroht?

Sprich! Bliebe mein liebendes Herz dein Gewinn,

Sprich! Gäbst du für Treue das Übrige hin?« –

 

»Ein goldener Becher gibt lieblichen Schein;

Doch süßeres Labsal gewähret der Wein.

Ach, bliebe der labende Wein mein Gewinn,

So gäb’ ich den goldenen Becher wohl hin.« –

 

»O Molly, lieb Liebchen, wie wär’ es bestellt,

Durchstrichen noch üppige Feen die Welt,

Die Schönste der schönsten entbrennte zu mir,

Und legte mir Schlingen, und raubte mich dir;

 

Und führte mich auf ihr bezaubertes Schloß,

Und ließe nicht eher mich ledig und los,

Als bis ich in Liebe mich zu ihr gesellt;

Wie wär’ es um deine Verzeihung bestellt?« –

 

»Ach! Fragtest du vor der so schmählichen That

Dein ängstlich bekümmertes Mädchen um Rat,

So riet’ ich! Bedenke mein Kleinod, mein Glück!

Komm nimmer mir, oder mit Treue zurück!« –

 

»Wie, wenn sie nun spräche: Komm, buhle mit mir!

Sonst kostet’s dir Jugend und Schönheit dafür.

Zum häßlichsten Zwerge verschafft dich mein Wort;

Dann schickt mit dem Korb’ auch dein Mädchen dich fort.« –

 

»O Lieber, das glaube der Trügerin nicht

Entstelle sie dich und dein holdes Gesicht!

Erfülle sie alles, was Böses sie droht!

So hat es ja doch mit dem Korbe nicht not.« –

 

»Wie, wenn sie nun spräche: Komm, buhle mit mir!

Sonst werde zur Schlange dein Mädchen dafür!

O Molly, lieb Liebchen, was rietest du nun?

Was sollt’ ich wohl wählen, was sollt’ ich wohl thun?« –

 

»O Lieber, du stellst mich zu ängstlicher Wahl!

Leicht wäre mir zwar der Bezauberung Qual:

Doch jetzt bin ich süß dir, wie Honig und Wein:

Dann würd’ ich ein Scheuel und Greuel dir sein.« –

 

»Doch setze: Du würdest kein Greuel darum;

Ich trüge dich sorglich im Busen herum;

Da hörtest du immer, bei Nacht und bei Tag,

Für dich nur des Herzens entzückenden Schlag;

 

Und immer noch bliebe dein zärtlicher Kuß

Dem durstigen Munde des Himmels Genuß:

O Molly, lieb Liebchen, was rietest du nun?

Was sollt’ ich wohl wählen, was sollt’ ich wohl thun?« –

 

»O Lieber, o Süßer, dann weißt du die Wahl.

Was hätt’ ich für Sorge, was hätt’ ich für Qual?

Dann hülle mich lieber die Schlangenhaut ein,

Als daß mir mein Trauter soll ungetreu sein!« –

 

»Doch, wenn sie nun spräche: Komm, buhle mit mir!

Sonst werde zur Rache des Todes dafür!

O Molly, lieb Liebchen, was rietest du nun?

Was sollt’ ich wohl wählen, was sollt’ ich wohl thun?« –

 

»Geliebter, du stellst mich zur schrecklichsten Wahl:

Zur Rechten ist Jammer, zur Linken ist Qual.

Bewahre mich Gott vor so ängstlicher Not!

Denn was ich auch wähle, so wähl’ ich mir Tod.

 

Doch – wenn er zur Rechten und Linken mir droht,

So wähl’ ich doch lieber den süßeren Tod.

O Teurer, so stirb dann, und bleibe nur mein!

Bald folget dir Molly und holet dich ein.

 

Dann ist es geschehen, dann sind wir entflohn;

Dann krönet die Treue unsterblicher Lohn.

So stirb dann, o Süßer, und bleibe nur mein!

Bald holet dein Mädchen im Himmel dich ein.« –

 

Wir schwiegen und drückten, wie innig wie warm!

Und wiegten uns, eia popeia! im Arm.

Wie Beeren zu Beeren an Trauben des Weins,

So reihten wir Küsse zu Küssen in eins.

 

Wir schwankten, berauscht von der Liebe Gefühl,

Und küßten der herrlichen Trauben noch viel.

Dann schwuren wir herzlich, bei Ja und bei Nein,

Im Leben und Tode getreu uns zu sein.

 

 

Des Pfarrers Tochter von Taubenhain

Im Garten des Pfarrers von Taubenhain

Geht’s irre bei Nacht in der Laube.

Da flüstert und stöhnt’s so änstiglich;

Da rasselt, da flattert und sträubet es sich,

Wie gegen den Falken die Taube.

 

Es schleicht ein Flämmchen am Unkenteich,

Das flimmert und flammert so traurig.

Da ist ein Plätzchen, da wächst kein Gras;

Das wird vom Tau und vom Regen nicht naß;

Da wehen die Lüftchen so schaurig. –

 

Des Pfarrers Tochter von Taubenhain

War schuldlos, wie ein Täubchen.

Das Mädel war jung, war lieblich und fein,

Viel ritten der Freier nach Taubenhain,

Und wünschten Rosetten zum Weibchen. –

 

Von drüben herüber, von drüben herab,

Dort jenseits des Baches vom Hügel,

Blinkt stattlich ein Schloß auf das Dörfchen im Thal,

Die Mauern wie Silber, die Dächer wie Stahl,

Die Fenster wie brennende Spiegel.

 

Da trieb es der Junker von Falkenstein,

In Hüll’ und in Füll’ und in Freude.

Dem Jüngferchen lacht’ in die Augen das Schloß,

Ihm lacht’ in daß Herzchen der Junker zu Roß,

Im funkelnden Jägergeschmeide. –

 

Er schrieb ihr ein Briefchen auf Seidenpapier,

Umrändelt mit goldenen Kanten.

Er schickt’ ihr sein Bildnis, so lachend und hold,

Versteckt in ein Herzchen von Perlen und Gold;

Dabei war ein Ring mit Demanten. –

 

»Laß du sie nur reiten, und fahren und gehn!

Laß du sie sich werben zu Schanden!

Rosettchen, dir ist wohl was Bessers beschert.

Ich achte des stattlichsten Ritters dich wert,

Beliehen mit Leuten und Landen.

 

Ich hab’ ein gut Wörtchen zu kosen mit dir;

Das muß ich dir heimlich vertrauen.

D’rauf hätt’ ich gern heimlich erwünschten Bescheid.

Lieb Mädel, um Mitternacht bin ich nicht weit;

Sei wacker und laß dir nicht grauen!

 

Heut mitternacht horch auf den Wachtelgesang,

Im Weizenfeld’ hinter dem Garten.

Ein Nachtigallmännchen wird locken die Braut,

Mit lieblichem tief aufflötenden Laut;

Sei wacker und laß mich nicht warten!« –

 

Er kam in Mantel und Kappe vermummt,

Er kam um die Mitternachtstunde.

Er schlich, umgürtet mit Waffen und Wehr,

So leise so lose, wie Nebel, einher,

Und stillte mit Brocken die Hunde.

 

Er schlug der Wachtel hellgellenden Schlag,

Im Weizenfeld’ hinter dem Garten.

Dann lockte das Nachtigallmännchen die Braut,

Mit lieblichem tief aufflötenden Laut;

Und Röschen, ach! – ließ ihn nicht warten. –

 

Er wußte sein Wörtchen so traulich und süß

In Ohr und Herz ihr zu girren! –

Ach, Liebender Glauben ist willig und zahm!

Er sparte kein Locken, die schüchterne Scham

Zu seinem Gelüste zu kirren.

 

Er schwur sich bei allem, was heilig und hehr,

Auf ewig zu ihrem Getreuen.

Und als sie sich sträubte, und als er sie zog,

Vermaß er sich teuer, vermaß er sich hoch:

»Lieb Mädel, es soll dich nicht reuen!«

 

Er zog sie zur Laube, so düster und still,

Von blühenden Bohnen umdüftet.

Da pocht’ ihr das Herzchen; da schwoll ihr die Brust;

Da wurde vom glühenden Hauche der Lust

Die Unschuld zu Tode vergiftet. – – –

 

Bald, als auf duftendem Bohnenbeet

Die rötlichen Blumen verblühten,

Da wurde dem Mädel so übel und weh;

Da bleichten die rosichten Wangen zu Schnee;

Die funkelnden Augen verglühten.

 

Und als die Schote nun allgemach

Sich dehnt’ in die Breit’ und Länge;

Als Erdbeer’ und Kirsche sich rötet’ und schwoll;

Da wurde dem Mädel das Brüstchen zu voll,

Das seidene Röckchen zu enge.

 

Und als die Sichel zu Felde ging,

Hub’s an sich zu regen und strecken.

Und als der Herbstwind über die Flur,

Und über die Stoppel des Habers fuhr,

Da konnte sie’s nicht mehr verstecken.

 

Der Vater, ein harter und zorniger Mann,

Schalt laut die arme Rosette:

»Hast du dir erbuhlt für die Wiege das Kind,

So hebe dich mir aus den Augen geschwind

Und schaff’ auch den Mann dir ins Bette!«

 

Er schlang ihr fliegendes Haar um die Faust;

Er hieb sie mit knotigen Riemen.

Er hieb, das schallte so schrecklich und laut!

Er hieb ihr die sammtene Lilienhaut

Voll schnellender blutiger Striemen.

 

Er stieß sie hinaus in der finstersten Nacht

Bei eisigem Regen und Winden.

Sie klimmt’ am dornigen Felsen empor,

Und tappte sich fort, bis an Falkensteins Thor,

Dem Liebsten ihr Leid zu verkünden. –

 

»O weh mir daß du mich zur Mutter gemacht,

Bevor du mich machtest zum Weibe!

Sieh her! Sieh her! Mit Jammer und Hohn

Trag’ ich dafür nun den schmerzlichen Lohn,

An meinem zerschlagenen Leibe!«

 

Sie warf sich ihm bitterlich schluchzend ans Herz;

Sie bat, sie beschwur ihn mit Zähren:

»O mach’ es nun gut, was du übel gemacht!

Bist du es, der so mich in Schande gebracht,

So bring’ auch mich wieder zu Ehren!« –

 

»Arm Närrchen, versetzt’ er, daß thut mir ja leid!

Wir wollens am Alten schon rächen.

Erst gib dich zufrieden und harre bei mir!

Ich will dich schon hegen und pflegen allhier.

Dann wollen wir’s ferner besprechen.« –

 

»Ach, hier ist kein Säumen, kein Pflegen, noch Ruh’n!

Das bringt mich nicht wieder zu Ehren.

Hast du einst treulich geschworen der Braut,

So laß auch an Gottes Altare nun laut

Vor Priester und Zeugen es hören!« –

 

»Ho, Närrchen, so hab’ ich es nimmer gemeint!

Wie kann ich zum Weibe dich nehmen?

Ich bin ja entsprossen aus adligem Blut.

Nur Gleiches zu Gleichem gesellet sich gut;

Sonst müßte mein Stamm sich ja schämen.

 

Lieb Närrchen, ich halte dir’s, wie ich’s gemeint:

Mein Liebchen sollst immerdar bleiben.

Und wenn dir mein wackerer Jäger gefällt,

So lass’ ich’s mir kosten ein gutes Stück Geld.

Dann können wir’s ferner noch treiben.« –

 

»Daß Gott dich! – du schändlicher, bübischer Mann! –

Daß Gott dich zur Hölle verdamme! –

Entehr’ ich als Gattin dein adliges Blut,

Warum denn, o Bösewicht, war ich einst gut,

Für deine unehrliche Flamme? –

 

So geh dann und nimm dir ein adliges Weib! –

Das Blättchen soll schrecklich sich wenden!

Gott siehet und höret und richtet uns recht.

So müsse dereinst dein niedrigster Knecht

Das adlige Bette dir schänden! –

 

Dann fühle, Verräter, dann fühle wie’s thut,

An Ehr’ und an Glück zu verzweifeln!

Dann stoß’ an die Mauer die schändliche Stirn,

Und jag’ eine Kugel dir fluchend durch’s Hirn!

Dann, Teufel, dann fahre zu Teufeln!« –

 

Sie riß sich zusammen, sie raffte sich auf,

Sie rannte verzweifelnd von hinnen,

Mit blutigen Füßen, durch Distel und Dorn,

Durch Moor und Geröhricht, vor Jammer und Zorn

Zerrüttet an allen fünf Sinnen.

 

»Wohin nun, wohin, o barmherziger Gott,

Wohin nun auf Erden mich wenden?« –

Sie rannte, verzweifelnd an Ehr’ und an Glück,

Und kam in den Garten der Heimat zurück,

Ihr klägliches Leben zu enden.

 

Sie taumelt’, an Händen und Füßen verklomt,

Sie kroch zur unseligen Laube;

Und jach durchzuckte sie Weh auf Weh,

Auf ärmlichem Lager, bestreuet mit Schnee,

Von Reisicht und rasselndem Laube.

 

Es wand ihr ein Knäbchen sich weinend vom Schoß,

Bei wildem unsäglichen Schmerze.

Und als das Knäbchen geboren war,

Da riß sie die silberne Nadel vom Haar,

Und stieß sie dem Knaben ins Herze.

 

Erst, als sie vollendet die blutige That,

Mußt’ ach! ihr Wahnsinn sich enden.

Kalt wehten Entsetzen und Grausen sie an. –

»O Jesu, mein Heiland, was hab’ ich gethan?«

Sie wand sich das Bast von den Händen.

 

Sie kratzte mit blutigen Nägeln ein Grab,

Am schilfigen Unkengestade.

»Da ruh du, mein Armes, da ruh nun in Gott,

Geborgen auf immer vor Elend und Spott! –

Mich hacken die Raben vom Rade!« – –

 

Das ist das Flämmchen am Unkenteich;

Das flimmert und flammert so traurig.

Das ist das Plätzchen, da wächst kein Gras;

Das wird vom Tau und vom Regen nicht naß;

Da wehen die Lüftchen so schaurig!

 

Hoch hinter dem Garten von Rabenstein,

Hoch über dem Steine vom Rade

Blickt, hohl und düster, ein Schädel herab,

Daß ist ihr Schädel, der blicket aufs Grab,

Drei Spannen lang an dem Gestade.

 

Allnächtlich herunter vom Rabenstein,

Allnächtlich herunter von Rade

Huscht bleich und molkicht ein Schattengesicht,

Will löschen das Flämmchen, und kann es doch nicht,

Und wimmert am Unkengestade.

 

 

Der Kaiser und der Abt

Ich will euch erzählen ein Märchen, gar schnurrig:

Es war ‘mal ein Kaiser; der Kaiser war kurrig;

Auch war ‘mal ein Abt, ein gar stattlicher Herr;

Nur schade! sein Schäfer war klüger, als Er.

 

Dem Kaiser ward’s sauer in Hitz’ und in Kälte:

Oft schlief er bepanzert im Kriegesgezelte;

Oft hatt’ er kaum Wasser zu Schwarzbrot und Wurst;

Und öfter noch litt’ er gar Hunger und Durst.

 

Das Pfäfflein, das wußte sich besser zu hegen,

Und weidlich am Tisch und im Bette zu pflegen.

Wie Vollmond glänzte sein feinstes Gesicht.

Drei Männer umspannten den Schmerbauch ihm nicht.

 

D’rob suchte der Kaiser am Pfäfflein oft Hader.

Einst ritt er, mit reisigem Kriegesgeschwader,

In brennender Hitze des Sommers vorbei.

Das Pfäfflein spazierte vor seiner Abtei.

 

»Ha, dachte der Kaiser, zur glücklichen Stunde!«

Und grüßte das Pfäfflein mit höhnischem Munde:

»Knecht Gottes, wie geht’s dir? Mir däucht wohl ganz recht,

Das Beten und Fasten bekomme nicht schlecht.

 

Doch däucht mir daneben, euch plage viel Weile.

Ihr dankt mir’s wohl, wenn ich euch Arbeit erteile,

Man rühmet, ihr wäret der pfiffigste Mann,

Ihr hörtet das Gräschen fast wachsen, sagt man.

 

So geb’ ich denn euren zwei tüchtigen Backen

Zur Kurzweil drei artige Nüsse zu knacken.

Drei Monden von nun an bestimm’ ich zur Zeit.

Dann will ich auf diese drei Fragen Bescheid.

 

Zum ersten: Wann hoch ich, im fürstlichen Rate,

Zu Throne mich zeige im Kaiserornate,

Dann sollt ihr mir sagen, ein treuer Wardein,

Wie viel ich wohl wert, bis zum Heller mag sein?

 

Zum zweiten sollt ihr mir berechnen und sagen:

Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?

Um keine Minute zu wenig und viel!

Ich weiß der Bescheid darauf ist euch nur Spiel.

 

Zum dritten noch sollst du, o Preis der Prälaten,

Aufs Härchen mir meine Gedanken erraten.

Die will ich dann treulich bekennen: allein

Es soll auch kein Titelchen Wahres d’ran sein.

 

Und könnt ihr mir diese drei Fragen nicht lösen,

So seid ihr die längste Zeit Abt hier gewesen;

So lass’ ich euch führen zu Esel durchs Land,

Verkehrt, statt des Zaumes, den Schwanz in der Hand.« –

 

D’rauf trabte der Kaiser mit Lachen von hinnen.

Das Pfäfflein zerriß und zerspliß sich mit Sinnen.

Kein armer Verbrecher fühlt mehr Schwulität,

Der vor hochnotpeinlichem Halsgericht steht.

 

Er schickte nach ein, zwei, drei, vier Un’vers’täten,

Er fragte bei ein, zwei, drei, vier Fakultäten,

Er zahlte Gebühren und Sportuln vollauf:

Doch löste kein Doktor die Fragen ihm auf.

 

Schnell wuchsen, bei herzlichem Zagen und Pochen,

Die Stunden zu Tagen, die Tage zu Wochen,

Die Wochen zu Monden; schon kam der Termin!

Ihm ward’s vor den Augen bald gelb und bald grün.

 

Nun sucht’ er, ein bleicher hohlwangiger Werther,

In Wäldern und Feldern die einsamsten Örter.

Da traf ihn, auf selten betretener Bahn,

Hans Bendix, sein Schäfer, am Felsenhang an.

 

»Herr Abt, sprach Hans Bendix, was mögt ihr euch grämen?

Ihr schwindet ja wahrlich dahin, wie ein Schemen.

Maria und Joseph! Wie hotzelt ihr ein!

Mein Sixchen! Es muß euch was angethan sein.« –

 

»Ach, guter Hans Bendix, so muß sich’s wohl schicken.

Der Kaiser will gern mir am Zeuge was flicken,

Und hat mir drei Nüss’ auf die Zähne gepackt,

Die schwerlich Beelzebub selber wohl knackt.

 

Zum ersten: Wann hoch Er, im fürstlichen Rate,

Zu Throne sich zeiget, im Kaiserornate,

Dann soll ich ihm sagen, ein treuer Wardein,

Wie viel er wohl wert, bis zum Heller mag sein?

 

Zum zweiten soll ich ihm berechnen und sagen:

Wie bald er zu Rosse die Welt mag umjagen?

Um keine Minute zu wenig und viel!

Er meint, der Bescheid darauf wäre nur Spiel.

 

Zum dritten, ich ärmster von allen Prälaten,

Soll ich ihm gar seine Gedanken erraten;

Die will er mir treulich bekennen: allein

Es soll auch kein Titelchen Wahres d’ran sein.

 

Und kann ich ihm diese drei Fragen nicht lösen,

So bin ich die längste Zeit Abt hier gewesen;

So läßt er mich führen zu Esel durch’s Land,

Verkehrt, statt des Zaumes, den Schwanz in der Hand.« –

 

»Nichts weiter? erwidert Hans Bendix mit Lachen,

Herr, gebt euch zufrieden! das will ich schon machen.

Nur borgt mir eu’r Käppchen, eu’r Kreuzchen und Kleid;

So will ich schon geben den rechten Bescheid.

 

Versteh’ ich gleich nichts von lateinischen Brocken,

So weiß ich den Hund doch vom Ofen zu locken.

Was ihr euch, Gelehrte, für Geld nicht erwerbt,

Das hab’ ich von meiner Frau Mutter geerbt.«

 

Da sprang, wie ein Böcklein, der Abt vor Behagen.

Mit Käppchen und Kreuzchen, mit Mantel und Kragen,

Ward stattlich Hans Bendix zum Abte geschmückt,

Und hurtig zum Kaiser nach Hofe geschickt.

 

Hier thronte der Kaiser im fürstlichen Rate,

Hoch prangt’ er, mit Zepter und Kron’ im Ornate:

»Nun sagt mir, Herr Abt, als ein treuer Wardein,

Wie viel ich itzt wert, bis zum Heller, mag sein?« –

 

»Für dreißig Reichsgulden ward Christus verschachert;

D’rum gäb’ ich, so sehr ihr auch pochet und prachert,

Für euch keinen Deut mehr, als zwanzig und neun,

Denn Einen müßt ihr doch wohl minder wert sein.« –

 

»Hum, sagte der Kaiser, der Grund läßt sich hören,

Und mag den durchlauchtigen Stolz wohl bekehren.

Nie hätt’ ich, bei meiner hochfürstlichen Ehr’!

Geglaubet, daß so spottwohlfeil ich wär’.

 

Nun aber sollst du mir berechnen und sagen:

Wie bald ich zu Rosse die Welt mag umjagen?

Um keine Minute zu wenig und viel!

Ist dir der Bescheid darauf auch nur ein Spiel?« –

 

»Herr, wenn mit der Sonn’ ihr früh sattelt und reitet,

Und stets sie in einerlei Tempo begleitet,

So setz’ ich mein Kreuz und mein Käppchen daran,

In zweimal zwölf Stunden in alles gethan.« –

 

»Ha, lachte der Kaiser, vortrefflicher Haber!

Ihr futtert die Pferde mit Wenn und mit Aber.

Der Mann, der das Wenn und das Aber erdacht,

Hat sicher aus Häckerling Gold schon gemacht.

 

Nun aber zum dritten, nun nimm dich zusammen!

Sonst muß ich dich dennoch zum Esel verdammen.

Was denk’ ich, das falsch ist? das bringe heraus!

Nur bleib mir mit Wenn und mit Aber zu Haus!« –

 

»Ihr denket, ich sei der Herr Abt von St. Gallen.« –

»Ganz recht! Und das kann von der Wahrheit nicht fallen.« –

»Sein Diener, Herr Kaiser! Euch trüget eu’r Sinn:

Denn wißt, daß ich Bendix, sein Schäfer, nur bin!« –

 

»Was Henker! Du bist nicht der Abt von St. Gallen?«

Rief hurtig, als wär’ er vom Himmel gefallen,

Der Kaiser mit frohem Erstaunen darein;

»Wohlan denn, so sollst du von nun an es sein!

 

Ich will dich belehnen mit Ring und mit Stabe.

Dein Vorfahr besteige den Esel und trabe!

Und lerne fortan erst quid iuris verstehn!

Denn wenn man will ernten, so muß man auch sä’n.« –

 

»Mit Gunsten, Herr Kaiser! Das laßt nur hübsch bleiben!

Ich kann ja nicht lesen, noch rechnen und schreiben;

Auch weiß ich kein sterbendes Wörtchen Latein.

Was Hänschen versäumet holt Hans nicht mehr ein.« –

 

»Ach, guter Hans Bendix, das ist ja recht schade!

Erbitte demnach dir ein’ andere Gnade!

Sehr hat mich ergötzet dein lustiger Schwank:

D’rum soll dich auch wieder ergötzen mein Dank.« –

 

»Herr Kaiser, groß hab’ ich so eben nichts nötig:

Doch seid ihr im Ernst mir zu Gnaden erbötig,

So will ich mir bitten zum ehrlichen Lohn,

Für meinen hochwürdigen Herren Pardon.« –

 

»Ha bravo! Du trägst, wie ich merke, Geselle,

Das Herz, wie den Kopf, auf der richtigen Stelle.

D’rum sei der Pardon ihm in Gnaden gewährt,

Und obenein dir ein Panisbrief beschert:

 

Wir lassen dem Abt von St. Gallen entbieten:

Hans Bendix soll ihm nicht die Schafe mehr hüten.

Der Abt soll sein pflegen, nach unserm Gebot,

Umsonst, bis an seinen sanftseligen Tod.«

 

 

Die Kuh

Frau Magdalis weint’ auf ihr letztes Stück Brot.

Sie konnt’ es vor Kummer nicht essen.

Ach, Witwen bekümmert oft größere Not,

Als glückliche Menschen ermessen.

 

»Wie tief ich auf immer geschlagen nun bin!

Was hab’ ich, bist du erst verzehret?« –

Denn, Jammer! ihr Eins und ihr Alles war hin,

Die Kuh, die bisher sie ernähret. –

 

Heim kamen mit lieblichem Schellengetön

Die Andern, gesättigt in Fülle.

Vor Magdalis Pforte blieb keine mehr stehn

Und rief ihr, mit sanftem Gebrülle.

 

Wie Kindlein, welche der nährenden Brust

Der Mutter sich sollen entwöhnen,

So klagte sie Abend und Nacht den Verlust

Und löschte ihr Lämpchen mit Thränen.

 

Sie sank auf ihr ärmliches Lager dahin,

In hoffnungslosem Verzagen,

Verwirrt und zerrüttet an jeglichem Sinn,

An jeglichem Gliede zerschlagen.

 

Doch stärkte kein Schlaf sie von Abend bis früh.

Schwer abgemüdet, im Schwalle

Von ängstlichen Träumen, erschütterten sie

Die Schläge der Glockenuhr alle.

 

Früh that ihr des Hirtenhornes Getön

Ihr Elend von neuem zu wissen.

»O wehe! Nun hab’ ich nichts aufzustehn!« –

So schluchzte sie nieder ins Kissen.

 

Sonst weckte des Hornes Geschmetter ihr Herz,

Den Vater der Güte zu preisen.

Jetzt zürnet’ und hadert’ entgegen ihr Schmerz

Dem Pfleger der Witwen und Waisen.

 

Und horch! Auf Ohr und auf Herz, wie ein Stein

Fiel’s ihr, mit dröhnendem Schalle.

Ihr rieselt’ ein Schauer durch Mark und Gebein:

Es dünkt’ ihr, wie Brüllen im Stalle.

 

»O Himmel! Verzeihe mir jegliche Schuld,

Und ahnde nicht meine Verbrechen!«

Sie wähnt’, es erhübe sich Geistertumult,

Ihr sträfliches Zagen zu rächen.

 

Kaum aber hatte vom schrecklichen Ton

Sich mählich der Nachhall verloren,

So drang ihr noch lauter und deutlicher schon

Daß Brüllen vom Stalle zu Ohren.

 

»Barmherziger Himmel, erbarme dich mein,

Und halte den Bösen in Banden!«

Tief barg sie daß Haupt in die Kissen hinein,

Daß Hören und Sehen ihr schwanden.

 

Hier schlug ihr, indem sie im Schweiße zerquoll,

Daß bebende Herz, wie ein Hammer;

Und drittes noch lauteres Brüllen erscholl,

Als wär’s vor dem Bett’ in der Kammer.

 

Nun sprang sie mit wildem Entsetzen heraus;

Stieß auf die Laden der Zelle;

Schon strahlte der Morgen; der Dämmerung Graus

Mich seiner erfreulichen Helle.

 

Und als sie mit heiligem Kreuz sich versehn:

»Gott helfe mir gnädiglich, Amen!« –

Da wagte sie’s zitternd zum Stalle zu gehn,

In Gottes allmächtigem Namen.

 

O Wunder! Hier kehrte die herrlichste Kuh,

So glatt und so blank, wie ein Spiegel,

Die Stirne mit silbernem Sternchen ihr zu.

Vor Staunen entsank ihr der Riegel.

 

Dort füllte die Krippe frisch duftender Klee

Und Heu den Stall, sie zu nähren;

Hier leuchtet’ ein Eimerchen, weiß wie der Schnee,

Die strotzenden Euter zu leeren.

 

Sie trug ein zierlich beschriebenes Blatt,

Um Stirn und Hörner gewunden:

»Zum Troste der guten Frau Magdalis hat

N.N. hieher mich gebunden.« –

 

Gott hatt’ es ihm gnädig verliehen, die Not

Des Armen so wohl zu ermessen.

Gott hatt’ ihm verliehen ein Stücklein Brot,

Das konnt’ er allein nicht essen. –

 

Mir däucht, ich wäre von Gott ersehn,

Was gut und was schön ist, zu preisen:

Dabei besing’ ich, was gut ist und schön,

In schlicht einfältigen Weisen.

 

»So, schwur mir ein Maurer, so ist es geschehn!«

Allein er verbot mir den Namen.

Gott lass’ es dem Edlen doch wohl ergehn!

Das bet’ ich herzinniglich, Amen!

 

Das Lied von Treue

Wer gern treu eigen sein Liebchen hat,

Den necken Stadt

Und Hof mit gar mancherlei Sorgen.

Der Marschall von Holm, den das Necken verdroß,

Hielt klüglich deswegen auf ländlichem Schloß

Seitweges sein Liebchen verborgen.

 

Der Marschall achtet’ es nicht Beschwer,

Oft hin und her

Bei Nacht und bei Nebel zu jagen.

Er ritt, wann die Hähne das Morgenlied krähn,

Um wieder am Dienste des Hofes zu stehn,

Zur Stunde der lungernden Magen.

 

Der Marschall jagte voll Liebesdrang

Das Feld entlang,

Vom Hauche der Schatten befeuchtet.

»Hui, tummle dich, Senner! Versäume kein Nu!

Und bring’ mich zum Nestchen der Wollust und Ruh,

Eh’ heller der Morgen uns leuchtet!«

 

Er sah sein Schlößchen bald nicht mehr fern,

Und wie den Stern

Des Morgens das Fensterglas flimmern.

»Geduld noch, o Sonne, du weckendes Licht,

Erwecke mein schlummerndes Liebchen noch nicht!

Hör’ auf, ihr ins Fenster zu schimmern!«

 

Er kam zum schattenden Park am Schloß

Und band sein Roß

An eine der duftenden Linden.

Er schlich zu dem heimlichen Pförtchen hinein,

Und wähnt’ im dämmernden Kämmerlein

Süß träumend sein Liebchen zu finden.

 

Doch als er leise vors Bettchen kam,

O weh! da nahm

Der Schrecken ihm alle fünf Sinnen.

Die Kammer war öde, das Bette war kalt. –

»O wehe! Wer stahl mir mit Räuber-Gewalt

So schändlich mein Kleinod von hinnen?« –

 

Der Marschall stürmte mit raschem Lauf

Treppab, treppauf,

Und stürmte von Zimmer zu Zimmer.

Er rufte, kein Seelchen erwiderte drauf –

Doch endlich ertönte tief unten herauf

Vom Kellergewölb’ ein Gewimmer.

 

Das war des ehrlichen Schloßvogts Ton.

Aus Schuld entflohn

War alle sein falsches Gesinde.

»O Henne, wer hat dich herunter gezerrt?

Wer hat so vermessen hier ein dich gesperrt?

Wer? Sag mir geschwinde, geschwinde!« –

 

»O Herr, die schändlichste Frevelthat

Ist durch Verrat

Dem Junker vom Steine gelungen.

Er raubte das Fräulein bei sicherer Ruh,

Und eure zwei wackeren Hunde dazu

Sind mit dem Verräter entsprungen.«

 

Das dröhnt dem Marschall durch Mark und Bein.

Wie Wetterschein

Entlodert sein Sarras der Scheide.

Vom Donner des Fluches erschallet das Schloß.

Er stürmet im Wirbel der Rache zu Roß,

Und sprenget hinaus auf die Heide.

 

Ein Streif im Taue durch Heid’ und Wald

Verrät ihm bald,

Nach wannen die Flüchtling’ entschwanden.

»Nun strecke, mein Senner, nun strecke dich aus,

Nur dies Mal, ein einzig Mal halt nur noch aus,

Und laß mich nicht werden zu Schanden!

 

Hallo! Als ging’ es zur Welt hinaus,

Greif aus, greif aus!

Dies letzte noch laß uns gelingen!

Dann sollst du für immer auf schwellender Streu,

Bei goldenem Haber, bei duftendem Heu

Dein Leben in Ruhe verbringen.«

 

Lang streckt der Senner sich aus und fleucht.

Den Nachttau streicht

Die Sohle des Reiters vom Grase.

Der Stachel der Ferse, das Schrecken des Rufs

Verdoppeln den Donnergaloppschlag des Hufs,

Verdoppeln die Stürme der Nase. –

 

Sieh, da! Am Rande vom Horizont

Scheint hell besonnt

Ein Büschel vom Reiher zu schimmern.

Kaum sprengt er den Rücken des Hügels hinan,

So springen ihn seine zwei Doggen schon an,

Mit freudigem Heulen und Wimmern.

 

»Verruchter Räuber, halt an, halt an,

Und steh dem Mann,

An dem du Verdammnis erfrevelt!

Verschlänge doch stracks dich ihr glühender Schlund!

Und müßtest du ewig da flackern, o Hund,

Vom Zeh bis zum Wirbel beschwefelt!«

 

Der Herr vom Steine war in der Brust

Sich Muts bewußt,

Und Kraft in dem Arme von Eisen.

Er drehte den Nacken, er wandte sein Roß,

Die Brust, die die trotzige Rede verdroß,

Dem wilden Verfolger zu weisen.

 

Der Herr vom Steine zog mutig blank,

Und rasselnd sprang,

So Dieser, wie Jener, vom Pferde.

Wie Wetter erhebt sich der grimmigste Kampf.

Das Stampfen der Kämpfer zermalmet zu Dampf

Den Sand und die Schollen der Erde.

 

Sie haun und hauen mit Tigerwut,

Bis Schweiß und Blut

Die Panzer und Helme betauen.

Doch Keiner vermag, so gewaltig er ringt,

So hoch er das Schwert und so sausend ers schwingt,

Den Gegner zu Boden zu hauen.

 

Doch als wohl Beiden es allgemach

An Kraft gebrach,

Da keuchte der Junker vom Steine:

»Herr Marschall, gefiel’ es, so möchten wir hier

Ein Weilchen erst ruhen, und trautet ihr mir,

So spräch’ ich ein Wort, wie ichs meine.«

 

Der Marschall, senkend sein blankes Schwert,

Hält an und hört

Die Rede des Junkers vom Steine:

»Herr Marschall, was haun wir das Leder uns wund?

Weit besser bekäm’ uns ein friedlicher Bund,

Der brächt’ uns auf Einmal ins Reine.

 

Wir haun, als hackten wir Fleisch zur Bank,

Und keinen Dank

Hat doch wohl der blutige Sieger.

Laßt wählen das Fräulein nach eigenem Sinn,

Und wen sie erwählet, der nehme sie hin!

Beim Himmel, das ist ja viel klüger!«

 

Das stand dem Marschall nicht übel an.

»Ich bin der Mann!«

So dacht’ er bei sich, den sie wählet.

»Wann hab’ ich nicht Liebes gethan und gesagt?

Wann hats ihr an allem, was Frauen behagt,

So lang’ ich ihr diene, gefehlet?

 

Ach, wähnt er zärtlich, sie läßt mich nie!

Zu tief hat sie

Den Becher der Liebe gekostet!« –

O Männer der Treue, jetzt warn’ ich euch laut:

Zu fest nicht aufs Biedermanns-Wörtchen gebaut,

Daß ältere Liebe nicht rostet!

 

Das Weib zu Rosse vernahm sehr gern

Den Bund von fern

Und wählte vor Freuden nicht lange.

Kaum hatten die Kämpfer sich zu ihr gewandt,

So gab sie dem Junker vom Steine die Hand.

O pfui! die verrätrische Schlange! –

 

O pfui! Wie zog sie mit leichtem Sinn

Dahin, dahin,

Von keinem Gewissen beschämet!

Versteinert blieb Holm an der Stelle zurück,

Mit bebenden Lippen, mit starrendem Blick,

Als hätt’ ihn der Donner gelähmet.

 

Allmählich taumelt’ er matt und blaß

Dahin ins Gras,

Zu seinen geliebten zwei Hunden.

Die alten Gefährten, von treuerem Sinn,

Umschnoberten traulich ihm Lippen und Kinn,

Und leckten das Blut von den Wunden.

 

Das bracht’ in seinen umflorten Blick

Den Tag zurück,

Und Lebensgefühl in die Glieder.

In Thränen verschlich sich allmählich sein Schmerz.

Er drückte die guten Getreuen ans Herz,

Wie leibliche liebende Brüder.

 

Gestärkt am Herzen durch Hundetreu,

Erstand er neu

Und wacker, von hinnen zu reiten.

Kaum hatt’ er den Fuß in den Bügel gesetzt,

Und vorwärts die Doggen zu Felde gehetzt,

So hört’ er sich rufen vom weiten.

 

Und sieh! auf seinem beschäumten Roß,

Schier atemlos,

Ereilt’ ihn der Junker vom Steine.

»Herr Marschall, ein Weilchen nur haltet noch an!

Wir haben der Sache kein Gnügen gethan;

Ein Umstand ist noch nicht ins Reine.

 

Die Dame, der ich mich eigen gab,

Läßt nimmer ab,

Nach euern zwei Hunden zu streben.

Sie legt mir auch diese zu fodern zur Pflicht.

Drum muß ich, gewährt Ihr in Güte sie nicht,

Drob kämpfen auf Tod und auf Leben.« –

 

Der Marschall rühret nicht an sein Schwert,

Steht kalt und hört

Die Mutung des Junkers vom Steine.

»Herr Junker, was haun wir daß Leder uns wund?

Weit besser bekommt uns ein friedlicher Bund,

Der bringt uns auf Einmal ins Reine.

 

Wir haun, als backten wir Fleisch zur Bank,

Und keinen Dank

Hat doch wohl der blutige Sieger.

Laßt wählen die Köter nach eigenem Sinn,

Und wen sie erwählen, der nehme sie hin!

Beim Himmel! das ist ja viel klüger.«

 

Der Herr vom Steine verschmerzt den Stich

Und wähnt in sich:

Es soll mir wohl dennoch gelingen!

Er locket, er schnalzet mit Zung’ und mit Hand,

Und hoffet bei Schnalzen und Locken sein Band

Bequem um die Hälse zu schlingen.

 

Er schnalzt und klopfet wohl sanft aufs Knie,

Lockt freundlich sie

Durch alle gefälligen Töne.

Er weiset vergebens sein Zuckerbrot vor.

Sie weichen und springen am Marschall empor,

Und weisen dem Junker die Zähn

 

 

Graf Walter

Nach dem Altenglischen

 

 

Graf Walter rief am Marstallsthor:

»Knapp, schwemm’ und kämm’ mein Roß!«

Da trat ihn an die schönste Maid,

Die je ein Graf genoß.

 

»Gott grüße dich, Graf Walter, schön!

Sieh her, sieh meinen Schurz!

Mein goldner Gurt war sonst so lang,

Nun ist er mir zu kurz.

 

Mein Leib trägt deiner Liebe Frucht.

Sie pocht, sie will nicht ruhn.

Mein seidnes Röckchen, sonst so weit,

Zu eng’ ist mir es nun.« –

 

»O Maid, gehört mir, wie du sagst,

Gehört das Kindlein mein,

So soll all all mein rotes Gold

Dafür dein eigen sein.

 

O Maid, gehört mir, wie du schwörst,

Gehört das Kindlein mein,

So soll mein Land und Leut’ und Burg

Dein und des Kindleins sein.« –

 

»O Graf, was ist für Lieb’ und Treu

All all dein rotes Gold?

All all dein Land und Leut’ und Burg

Ist mir ein schnöder Sold.

 

Ein Liebesblick aus deinem Aug’,

So himmelblau und hold,

Gilt mir, und wär’ es noch so viel,

Für all dein rotes Gold.

 

Ein Liebeskuß von deinem Mund,

So purpurrot und süß,

Gilt mir für Land und Leut’ und Burg,

Und wär’s ein Paradies.« –

 

»O Maid, früh morgen trab’ ich weit

Zu Gast nach Weißenstein,

Und mit mir muß die schönste Maid,

Wohl auf, wohl ab am Rhein.« –

 

»Trabst du zu Gast nach Weißenstein,

So weit schon morgen früh;

So laß, o Graf, mich mit dir gehn,

Es ist mir kleine Müh.

 

Bin ich schon nicht die schönste Maid,

Wohl auf, wohl ab am Rhein;

So kleid’ ich mich in Bubentracht,

Dein Leibbursch dort zu sein.« –

 

»O Maid, willst du mein Leibbursch sein,

Und heißen Er statt Sie;

So kürz’ dein seidnes Röcklein dir

Halb zollbreit überm Knie.

 

So kürz’ dein goldnes Härlein dir

Halb zollbreit überm Aug!

Dann magst du wohl mein Leibbursch sein;

Denn also ist es Brauch.« –

 

Beiher lief sie den ganzen Tag,

Beiher im Sonnenstrahl;

Doch sprach er nie so hold ein Wort:

Nun, Liebchen, reit’ ein mal!

 

Sie lief durch Heid- und Pfriemenkraut,

Lief barfuß neben an;

Doch sprach er nie so hold ein Wort:

O Liebchen, schuh dich an! –

 

»Gemach, gemach, du trauter Graf!

Was jagst du so geschwind?

Ach, meinen armen armen Leib

Zersprengt mir sonst dein Kind.« –

 

»Ho, Maid, siehst du das Wasser dort,

Dem Brück’ und Steg gebricht?« –

»O Gott, Graf Walter, schone mein!

Denn schwimmen kann ich nicht.« –

 

Er kam zum Strand, er setzt’ hinein,

Hinein bis an das Kinn. –

»Nun steh’ mir Gott im Himmel bei!

Sonst ist dein Kind dahin.« –

 

Sie rudert wohl mit Arm und Bein,

Hält hoch empor ihr Kinn.

Graf Waltern pochte hoch das Herz;

Doch folgt’ er seinem Sinn.

 

Und als er überm Wasser war,

Rief er sie an sein Knie:

»Komm her, o Maid, und sieh, was dort,

Was fern dort funkelt, sieh!

 

Siehst du wohl funkeln dort ein Schloß,

Im Abendstrahl wie Gold?

Zwölf schöne Jungfraun spielen dort.

Die Schönste ist mir hold.

 

Siehst du wohl funkeln dort das Schloß,

Aus weißem Stein erbaut?

Zwölf schöne Jungfraun tanzen dort.

Die Schönst’ ist meine Braut.« –

 

»Wohl funkeln seh ich dort ein Schloß,

Im Abendstrahl wie Gold.

Gott segne, Gott behüte dich,

Sammt deinem Liebchen hold!

 

Wohl funkeln seh’ ich dort das Schloß,

Aus weißem Stein erbaut.

Gott segne, Gott behüte dich,

Sammt deiner schönen Braut!« –

 

Sie kamen wohl zum blanken Schloß,

Wie Gold im Abendstrahl,

Zum Schloß, erbaut aus weißem Stein,

Mit stattlichem Portal.

 

Sie sahn wohl die zwölf Jungfraun schön;

Sie spielten lustig Ball.

Die zwölfmal schöner war, als sie,

Zog still ihr Roß zu Stall.

 

Sie sahn wohl die zwölf Jungfraun schön;

Sie tanzten froh ums Schloß.

Die zwölfmal schöner war, als sie,

Zog still zur Weid’ ihr Roß.

 

Des Grafen Schwester wundersvoll,

Gar wundersvoll sprach sie:

»Ha, welch ein Leibbursch! Nein, so schön

War nie ein Leibbursch! Nie!

 

Ha, schöner als ein Leibbursch je

Des höchsten Herrn gepflegt!

Nur daß sein Leib, zu voll und rund,

So hoch den Gürtel trägt!

 

Mir däucht, wie meiner Mutter Kind,

Lieb’ ich ihn zart und rein.

Dürft’ ich, so räumt’ ich wohl zu Nacht

Gemach und Bett ihm ein.« –

 

»Dem Bürschchen, rief Herr Walter stolz,

Das lief durch Kot und Moor,

Ziemt nicht der Herrin Schlafgemach,

Ihr Bett nicht von Drapd’or.

 

Ein Bürschchen, das den ganzen Tag

Durch Kot lief und durch Moor,

Speist wohl sein Nachtbrot von der Faust,

Und sinkt am Herd’ aufs Ohr.« –

 

Nach Vespermahl und Gratias

Ging Jedermann zur Ruh.

Da rief Graf Walter: »Hier, mein Bursch!

Was ich dir sag’, das thu!

 

Hinab, geh flugs hinab zur Stadt,

Geh alle Gassen durch!

Die schönste Maid, die du ersiehst,

Bescheide flugs zur Burg!

 

Die schönste Maid, die du ersiehst,

All säuberlich und nett,

Von Fuß zu Haupt, von Haupt zu Fuß,

Die wirb mir für mein Bett!« –

 

Uns flugs ging sie hinab zur Stadt,

Ging alle Gassen durch.

Die schönste Maid, die sie ersah,

Beschied sie flugs zur Burg.

 

Die schönste Maid, die sie ersah,

All säuberlich und nett,

Von Fuß zu Haupt, von Haupt zu Fuß,

Die warb sie ihm fürs Bett. –

 

»Nun laß, o Graf, am Bettfuß nur

Mich ruhn bis an den Tag!

Im ganzen Schloß ist sonst kein Platz,

Woselbst ich rasten mag.« –

 

Auf seinen Wink am Bettfuß sank

Die schönste Maid dahin,

Und ruhte bis zum Morgengrau

Mit stillem frommen Sinn. –

 

»Hallo! Hallo! Es tönet bald

Des Hirten Dorfschallmei.

Auf, fauler Leibbursch! Gib dem Roß,

Gib Haber ihm und Heu!

 

Bursch, goldnen Haber gib dem Roß,

Und frisches grünes Heu!

Damit es rasch und wohlgemut

Mich heimzutragen sei.« –

 

Die sank wohl an die Kripp’ im Stall;

Ihr Leib war ihr so schwer.

Sie krümmte sich auf rauhem Stroh

Und wimmert’, o wie sehr!

 

Da fuhr die alte Gräfin auf,

Erweckt vom Klageschall;

»Auf, auf, Sohn Walter, auf und sieh!

Was ächzt in deinem Stall?

 

In deinem Stalle haust ein Geist

Und stöhnt in Nacht und Wind.

Es stöhnet, als gebäre dort

Ein Weiblein jetzt ihr Kind.« –

 

Hui sprang Graf Walter auf und griff

Zum Hacken an der Wand.

Und warf um seinen weißen Leib

Das seidne Nachtgewand.

 

Und als er vor die Stallthür trat,

Lauscht’ er gar still davor.

Das Ach und Weh der schönsten Maid

Schlug kläglich an sein Ohr.

 

Sie sang: »Susu, lullull mein Kind!

Mich jammert deine Not.

Susu, lullull, susu, lieb lieb!

O weine dich nicht tot!

 

Sammt deinem Vater schreibe Gott

Dich in sein Segensbuch!

Werd’ ihm und dir ein Purpurkleid,

Und mir ein Leichentuch!« –

 

»O nun, o nun, süß süße Maid,

Süß süße Maid, halt ein!

Mein Busen ist ja nicht von Eis

Und nicht von Marmelstein.

 

O nun, o nun, süß süße Maid,

Süß süße Maid, halt ein!

Es soll ja Tauf’ und Hochzeit nun

In einer Stunde sein.« –

 

 

Lückenbüßer

Ein Harfner hatt’ ein Harfenspiel

Für seine Hand ersonnen.

Drauf hatt’ er süßen Lobes viel

Im Land’ umher gewonnen.

 

Keck stahl das Harfenspiel ein Schwarm

Von Affen gleichen Jüngern,

Und quälte sich, daß Gott erbarm!

Dem Harfner nachzufingern.

 

Viel Glück, viel Glück zum Ehrenschmaus,

Ihr ruhmbeflißnen Jünger!

Die Harfe machts allein nicht aus,

Stehlt ihm auch Hand und Finger!

 

 

Drittes Buch

 

Vermischte Gedichte

 

An Arist

Wenn der gute Himmel mir

Ewig, ewig doch vergönnte,

Daß ich, braver Mann, mit dir

Meine Tage leben könnte!

Nimmer, nimmer wollt’ ich dann

Noch nach andern Freuden jagen.

Ja, fürwahr! ich wollte d’ran

Kein gemeines Opfer wagen.

Lieb’ und Wein wollt’ in entsagen,

Deren doch ein froher Mann

Nicht gar leicht entraten kann.

 

 

Das Dörfchen

Ich rühme mir

Mein Dörfchen hier!

Denn schön’re Auen,

Als rings umher

Die Blicke schauen,

Blüh’n nirgends mehr.

Welch ein Gefilde,

Zum schönsten Bilde

Für Dietrichs Hand!

Hier Felsenwand,

Dort Ährenfelder

Und Wiesengrün,

Dem blaue Wälder

Die Gränze ziehn!

In jener Höhe

Die Schäferei,

Und in der Nähe

Mein Sorgenfrei!

So nenn’ ich meine

Geliebte, kleine

Einsiedelei,

Worin ich lebe,

Zur Lust versteckt,

Die ein Gewebe

Von Ulm’ und Rebe

Grün überdeckt.

 

Dort kränzen Schlehen

Die braune Kluft,

Und Pappeln wehen

In blauer Luft.

Mit sanftem Rieseln

Schleicht hier gemach

Auf Silberkieseln

Ein heller Bach;

Fließt unter Zweigen,

Die über ihn

Sich wölbend neigen,

Bald schüchtern hin;

Läßt bald im Spiegel

Den grünen Hügel,

Wo Lämmer gehn,

Des Ufers Büschchen

Und alle Fischchen

Im Grunde sehn,

Da gleiten Schmerlen

Und blasen Perlen.

Ihr schneller Lauf

Geht bald hinnieder,

Und bald herauf

Zur Fläche wieder.

 

Schön ist die Flur;

Allein Elise

Macht sie mir nur

Zum Paradiese.

 

Der erste Blick

Des morgens wecket

Auch unser Glück.

Nur leicht bedecket

Führt sie mich hin,

Wo Florens Beete

Die Königin

Der Morgenröte

Mit Thränen näßt,

Und Perlen blitzen

Von allen Spitzen

Des Grafes läßt.

Die Knospe spaltet

Die volle Brust;

Die Blume faltet

Sich auf zur Lust.

Sie blüht, und blühet

Doch schöner nicht,

Als das Gesicht

Elisens glühet.

 

Wanns heißer wird

Geht man selbander

Zu dem Mäander,

Der unten irrt.

Da sinkt zum Bade

Der Schäferin,

An das Gestade,

Das Röckchen hin.

Soll ich nicht eilen,

Die Lust zu teilen? –

Der Tag ist schwül,

Geheim die Stelle,

Und klar und kühl

Die Badequelle.

 

Ein leichtes Mahl

Mehrt dann die Zahl

Von unsern Freunden.

In weichem Gras,

An Pappelweiden,

Steht zwischen Beiden

Das volle Glas.

Der Trunk erweitert

Nun bald das Herz,

Und Witz erheitert

Den sanften Scherz.

Sie kömmt, und winket,

Und schenkt mir ein,

Doch lachend trinket

Sie selbst den Wein;

Flieht dann und dünket

Sich gut versteckt;

Doch bald entdeckt,

Muß sie mit Küssen

Den Frevel büßen.

 

Drauf mischet sie

Die Melodie

Der süßen Kehle

In das Ahi

Der Philomele,

Die so voll Seele

Nie sang, wie sie.

 

So zirkeln immer

Lust und Genuß,

Und Überdruß,

Befällt uns nimmer.

 

O Seligkeit!

Daß doch die Zeit

Dich nie zerstöre!

Mir frisches Blut,

Ihr treuen Mut

Und Reiz gewähre!

Das Glück mag dann,

Mit vollen Händen,

An Jedermann,

Der schleppen kann,

Sich arm verschwenden.

Ich seh’ es an,

Entfernt vom Neide,

Und stimme dann

Mein Liedchen an,

Zum Tanz der Freude:

Ich rühme mir

Mein Dörfchen hier!

 

 

Zum Spatz, der sich auf dem Saale gefangen hatte

Bons dies, Herr Spatz! Ei, seht doch ‘mal!

Willkommen hier auf meinem Saal!

Er ist gefangen, sieht er wohl?

Und stellt’ er sich auch noch so toll,

Und flög’ er ewig, kreuz und quer,

Nach allen Fenstern hin und her,

Zerbräch’ auch Schnabel sich und Kopf,

Er ist gefangen, armer Tropf!

Ich sein Despot, und er mein Sklav!

Er sei Prinz, Junker, oder Graf,

Bei seinem Spatzvolk! – Hör’ er nun,

Was all’ ich mit ihm könnte thun.

Zerzupfen, rupfen, Hals umdrehn –

Da wird nicht Hund noch Hahn nach krähn –

Zerschlagen ihn, mit einem Hieb’,

Und das mit Recht, Herr Galgendieb!

Weiß er die Kirschen, die verschmitzt

Er vor dem Maul mir wegstipitzt?

Auch würd’ es Fürstenkurzweil sein,

Ließ’ ich den Kater Lips herein.

Wenn ich ja übergnädig wär’,

So holt’ ich eine scharfe Scher’,

Und schnitt’ ihm ab die Flügelein,

Sammt seinem kecken Schwänzelein.

Dann müßt’ er unter Bett’ und Bank

Im Staube flattern lebenslang. –

He! Bürschchen, wie ist ihm zu Sinn? –

Doch, seh’ er, daß ein Mensch ich bin!

Ich lass’ ihn wieder frank und frei.

Doch daß stets eingedenk ihm sei,

Die Freiheit sei ein goldner Schatz,

So hudelt man ihn erst, Herr Spatz,

Und scheucht ihn hin und her husch! husch!

Nun Fenster auf! Hinaus zu Busch!

 

Hu hu! Despotenhudelei!

Gott wahre mich vor Sklaverei!

 

 

Mamsell La Regle

Halb griechische, halb auch französische Donne,

Ist Regula die wackerste Ma Bonne;

Nimmt sorgsam überall, nimmt Tag und Nacht

Die lieben Kinderchen gar wohl in acht;

Weiß wohlgewandt zu gängeln, weiß spazieren

Den kleinen Trupp vorsichtiglich zu führen;

Und läßt fürwahr die trauten Kindelein

Gefahr und Leid nicht eben leicht bedräun.

Das kleine Volk nicht zu skandalisieren,

Mag man sich gern ein wenig mit genieren.

Oft hat’s mich, wann um nichts und wieder nichts,

So Einer da, unartigen Gezüchts,

Aus Übermut, der Bonne bloß zum Possen,

Nicht folgsam war, oft hat’s mich bald verdrossen.

Doch wenn sie gar zu steif, mit Schneckenschritt,

Durch nackte Gäng’ und Sand-Alleen tritt,

Und hin und her hofmeistert: »Fein gerade!

Hübsch Füßchen aus- und einwärts hübsch die Wade!

Den Rücken schlank! Fein Hals und Kopf empor!

Zurück die Schultern! Bauch ein! Brust hervor!«

Und wehren will, zur Linken oder Rechten,

Eins auszutraben, Strauß und Kranz zu flechten,

Das laßt hier ein und aus zum Ohr dort wehn!

Laßt, Brüderchen, die alte Strunsel gehn!

Nur Kinder mag also ihr Laufzaum schürzen!

Was thut’s, ob wir ‘mal stolpern oder stürzen?

 

 

Notgedrungene Epistel des berühmten Schneiders Johannes Schere an Seinen großgünstigen Mäcen

Wie kümmerlich, trotz seiner Göttlichkeit,

Sich oft Genie hier unterm Monde nähre,

Beweisen uns die Kepler, die Homere,

Und hundert große Geister jeder Zeit

Und jeder Erdenzone weit und breit:

Doch wahrlich nicht zu sonderlicher Ehre

Der undankbaren Menschlichkeit,

Die ihnen späte Dankaltäre

Und Opfer nach dem Tod’ erst weiht.

 

Auch mir verlieh durch Schere, Zwirn und Nadel,

Minerva Kunst und nicht gemeinen Adel.

Allein der Lohn für meine Trefflichkeit

Ist Hungersnot, ein Haderlumpenkleid,

Ist oben ein der schwachen Seelen Tadel,

Und dann ein mal, nach Ablauf dürrer Zeit,

Des Namens Ruhm und Ewigkeit.

 

Allein was hilft’s, wenn nach dem Tode

Mich Leichenpredigt oder Ode

Den größten aller Schneider nennt,

Und ein vergoldet Marmor-Monument,

An welchem Schere, Zwirn und Nadel hangen,

Und Fingerhut und Bügeleisen prangen,

Der späten Nachwelt dies bekennt?

Wenn lebend mich mein Zeitgenosse

Zu Stalle, gleich dem edlen Rosse,

Auf Stroh zu schlafen, von sich stößt,

Und nackend gehn und hungern läßt?

 

Der Stümper, der zu meinen Füßen kreucht,

Beschmitzet zwar mit seines Neides Geifer,

Weil nicht sein Blick an meine Höhe reicht,

Oft meinen Ruhm, und schreit: Ich sei ein Säufer;

Sei stets bedacht, mein Gütchen zu verthun,

Und lass’ indes die edle Nadel ruhn.

O schnöder Neid! Denn überlegt mans reifer,

Gesetzt den Fall, die Lästerung sei wahr,

So ist dabei doch ausgemacht und klar,

Und es bestätigt dies die Menge der Exempel,

Daß solch ein Zug von je und je ein Stempel

Erhabener Genieen war.

 

Sie binden sich nicht sklavisch an die Regel

Der Lebensart, und fahren auf gut Glück,

So wie der Wind der Laun’ in ihre Segel

Just stoßen mag, bald vorwärts bald zurück,

Und lassen das gemeine Volk lavieren.

Sie haben vor den selten Wundertieren

Ein Stärkerrecht, daß man sie sorgsam hegt,

Dankbar bekleidet und verpflegt,

Zu hoch und frei, sich selber zu genieren.

Und wenn der Überfluß verkehrter Welt

Oft Affen, Murmeltier’ und Raben,

Und Kakadu und Papagei erhält:

So sollten sie den Leckerbissen haben,

Der von des reichen Tische fällt.

Allein wie karg ist die verkehrte Welt

Für ein Genie mit ihren Gaben!

 

Willst du davon ein redend Beispiel sehn,

So schau auf mich, großgünstiger Mäcen,

So guck’ ein mal, nebst deinem teuern Weibe,

Auf meinen Rock, durch deines Fensters Scheibe,

Und sieh die Luft in hundert Hadern wehn,

Und meinen Leib dem Winter offen stehn!

Sprich selbst ein mal, ist’s nicht die größte Schande,

Daß mich, der ich so oft mit seidenem Gewande

Bekleidete des Landes Grazien,

Die Welt nun läßt in Haderlumpen gehn?

Kann dies dich nicht zu mildem Mittleid reizen,

Mit einer Kleinigkeit mir hülfreich beizustehn?

Nein, Menschenfreund, du kannst nicht geizen!

Ich kann getrost auf deine Güte baun.

Mich stärkt von deinen Liebesthaten

So manches Beispiel im Vertraun.

Du kannst, du wirst am besten mich beraten.

So borge dann mir, für ein beßres Kleid,

Zu Schutz und Trutz in dieser rauhen Zeit,

Nur einen lumpigen Dukaten!

Mit Dank bin ich ihn jederzeit

Durch künstliche, durch dauerhafte Nahten,

Abzuverdienen gern bereit.

 

 

Der Hund aus der Pfennigschenke

Es ging, was Ernstes zu bestellen,

Ein Wandrer seinen stillen Gang,

Als auf ihn los ein Hund, mit Bellen

Und Rasseln vieler Halsbandschellen,

Aus einer Pfennigschenke sprang.

Er, ohne Stock und Stein zu heben,

Noch sonst sich mit ihm abzugeben,

Hub ruhig weiter Fuß und Stab,

Und Kliffklaff ließ vom Lärmen ab.

 

Des Wegs kam auch mit Rohr und Degen,

Flink, wohlgemut, keck und verwegen,

Ein Herrchen Krauskopf herspaziert.

Kliffklaff setzt an, und hochtuschiert

Hält von dem Hunde sich das Herrchen.

Und Herrchen Krauskopf ist ein Närrchen;

Fängt mit dem Klaffer Händel an,

Greift fix nach Steinen in die Runde,

Und schleudert, was es schleudern kann,

Und flucht und prügelt nach dem Hunde.

 

Der Köter knirrscht in jeden Stein,

Zerrt bald an meines Herrchens Rocke,

Bald an dem Degen, bald am Stocke,

Beißt endlich gar ihm in das Bein,

Und bellt so wütig, daß mit Haufen

Die Nachbarn alle, groß und klein,

Zu Fenstern und zu Thüren laufen.

Die Buben klatschen und juchhein

Und hetzen gar noch oben drein.

Nun fing sich’s Herrchen an zu schämen,

Umsonst so sehr sich abzumühn.

Es mußte sachtchen sich bequemen,

Um dem Hallo sich zu entziehn,

Wohl fürbaß seinen Weg zu nehmen,

Und einzustecken Hohn und Schmach.

Denn alle Straßenbuben gafften,

Und alle Klaffkonsorten klafften

Noch weit zum Dorf hinaus ihm nach.

 

Dies Fabelchen führt Gold im Munde:

Weicht aus dem Rezensentenhunde.

 

 

Göckingk an Bürger

Verdammte Versemacherei!

Was hast du angerichtet?

Uns unsers Lebens einz’gen Mai

Zum Kuckuck hingedichtet?

 

Gevatter Bürger! sagt einmal,

Sind wir nicht brave Thoren,

Daß wir, durch selbgemachte Qual,

Den schönen Mai verloren?

 

Was hat man von dem Dichten? Hum!

Vielleicht das bißchen Ehre:

Gekannt zu sein von Publikum? –

Ich dachte, was mir wäre!

 

Mag sein, daß man bei Tafel spricht,

Wann den durchlauchten Bäuchen

Die Zeit lang währt: Ist Bürger nicht

Amtmann zu Altengleichen?

 

Ein Fräulein thut dir wohl sogar

Die Gnad’ und fragt nicht minder:

Trägt denn der Bürger eignes Haar?

Hat er schon Frau und Kinder?

 

Ein Amtsauditor geht, bepackt

Mit deinem Buch, zu Schönen

Und lieset, daß der Balken knackt

Und alle Fenster dröhnen.

 

Das hört denn ein Student und schreit:

»Und wohnt’ er bei den Sternen!

Ich muß – ist Altengleichen weit? –

Muß Bürgern kennen lernen.«

 

Und eh’ Herr Bürger sich’s versieht

Kömmt mein Signor geritten,

Und Bürger, für sein herrlich Lied,

Muß ihn zum Essen bitten.

 

Da schlingt er nun den Truthahn ein,

Den du mir aufbewahrtest,

Und trinkt, – hol’ ihn der Fuchs! – den Wein,

Den du für mich erspartest.

 

Er rühmt dir baß sein gutes Herz,

Will Freundschaft mit dir treiben,

Und droht sogar – o Höllenschmerz! –

Recht oft an dich zu schreiben.

 

Das macht: Manch ehrliches Journal

Ließ laut dein Lob erschallen;

Allein, wann las denn wohl einmal

Herr Bürger Eins von allen?

 

Und ließ’ ich dich in Kupfer, schier

Von Bausen selber, stechen:

Hilft dir es etwas, wenn von dir

Die Leut’ ein Weilchen sprechen?

 

Was hast du von dem allen? Sklav!

Wenn ich’s zusammenpresse,

Was ist es, als: Despotenschlaf

Und Inquisiten-Blässe?

 

Hör’ auf! Ich gab mein Herz dir hin,

Eh’ du ein Blatt geschrieben;

Hör’ auf! Und die Frau Amtmannin

Wird dich noch lieber lieben.

 

Hör’ auf! Als Dichter kennt man dich,

Als Mensch lebst du verborgen;

Kein Christenkind bekümmert sich

Um alle deine Sorgen.

 

Ja! solltest du auch den Homer

In Jamben übersetzen,

Drob werden dich kein Haarbreit mehr

Die Herrn Minister schätzen.

 

Du würdest dennoch nach wie vor

Amtmann zu Gleichen bleiben;

Drum, trauter Bürger, sei kein Thor,

Und trinke, statt zu schreiben.

 

 

An Göckingk

Nun, nun! Verschütt’ Er nur nicht gar

Das Kindlein sammt dem Bade!

Das arme Kindlein das! Für wahr!

Es wär’ ja jammerschade.

 

Denn, sieht Er, trotz der Plackerei,

Beim Zeugen und Gebären,

Mag doch die edle Reimerei

Auch viel Profit bescheren.

 

Trotz Sing und Sang von Cypripor,

Apoll, Achill und Hektor,

Bleibt man zwar Amtmann, nach wie vor,

Auch – Herr Kanzleidirektor.

 

Denn leichter wird Vokation

Zu Pension und Pfründen

Die kahlste Dissertation,

Als Iliaden finden.

 

Auch mästet man sich eben nicht

Von Mäcenaten-Gnade;

Trägt Abcbuchs-Angesicht

Und Schlotterbauch und Wade.

 

Die Herren von der Klerisei,

Und aus dem edlen Rate

Verschmelzen mehr in Supp’ und Brei,

Und prunken baß im Staate.

 

Doch neid’ ich nicht das Bonzenheer

Um seine dicken Köpfe.

Die meisten sind ja hohl und leer,

Wie ihre Kirchturmknöpfe.

 

Doch – Spaß bei Seite! – Hör’ Er an,

Falls ihm mein Ernst beliebig!

Ist denn nicht auch für ihren Mann

Poeterei ergiebig?

 

Bedenk’ Er nur, wie schön das ist!

Verleger, wohlgezogen,

Bezahlen oft, zu dieser Frist,

Mit Louisd’or den Bogen.

 

Wächst nun im zehnten sauern Jahr

Zehn Bogen stark Sein Bändchen,

So schnappt Er ja an Trankgeld bar

Zehn Blinde, ohne Rändchen.

 

Das heißt doch nicht für Katzendreck

Sich müd’ und lahm kasteien.

Soll denn so viel gebratner Speck

Umsonst ins Maul Ihm schneien?

 

Herr Ugolino1 muß doch auch,

Nebst Weib und Kind und Gästen,

Nach altem hergebrachten Brauch

Von unserm Hirn sich mästen.

 

Steht der gelahrte Fakultist

Dagegen doch viel kahler.

Dem setzt es kaum, wenn’s köstlich ist,

Zwei Gulden oder Thaler

 

Drob ärgern sich nun freilich baß

Die Herren Fakultisten,

Und sticheln Ihm ohn’ Unterlaß

Brav auf die Belletristen.

 

Manch Herr Professor kriegte schon

Vor Kummer graue Haare,

Daß mehr jetzt gilt ein Agathon,

Als Fakultäten-Ware.

 

Der Ruhm hat freilich große Last

In diesem Jammerleben,

Wie du davon zum Sprechen hast

Ein Konterfei gegeben.

 

Doch nach dem Tode geht’s erst an!

Denn auch bei den Tongusen,

Nach tausend Jahren, ehret man,

So Gott will! unsre Musen.

 

Dort illustriert man fein aus uns

Antiquitäten-Listen.

Uns liest manch hochberühmter Duns

Gelahrter Humanisten;

 

Die jetzt aus ihrem Bücherschrein

Verächtlich uns verschieben,

Weil wir nicht griechisch und Latein

Und nicht arabisch schrieben.

 

Dort preist man unsre Opera

Durch Kommentationen,

Inaugural-Programmata

Und Dissertationen.

 

Schon hör’ ich Krittler-Mordgeschrei

In meinem stillen Grabe:

Wer die Lenore doch wohl sei?

Ob sie gelebet habe?

 

Man bringt, bald chrestomathice

Und winzig klein in nucem,

Bald kommentiert cum Indice

In Folio ad lucem.

 

Wie schön, wenn Knaben, jung und alt,

In jenen goldnen Tagen,

Zur Schul’, in Riemen eingeschnallt,

Mich alten Knaster tragen!

 

Aus mir Vokabeln wohlgemut

Und Phrases memorieren,

Um mich so recht in Saft und Blut,

Vt ajunt, zu vertieren?

 

Und gehts nicht mit der Lektion

Und mit dem Exponieren,

Dann wirds gar schlecht im Hause stohn. –

Der Junker muß karieren! –

 

Sieh, was die Reimerei beschert,

Die Du vermaledeiet!

Das ist doch wohl der Federn wert,

Die man darum zerkäuet? –

 

Nur Eine Angst vergällt den Ruhm,

Den ich mir phantasiere,

Daß einst nicht, wie Horatium,

Mich Hans und Kunz vertiere.

Fußnoten

 

1 Ugolino war Verleger des Gehirns des Erzbischofs Ruggieri in der Hölle. S. Dante.

 

 

An Friedrich Leopold Grafen zu Stolberg

Daimonie

 

 

Fritz, Fritz! Bei den Unsterblichen, die hold

Auch meinem Leben sind! – Sie zeugen mir! –

Sieh, angesichts der Ritter unsers Volks

Und ihrer losen Knappen, schreitest du

Zu Trutz, mit Wehr und Waffen, in mein Feld,

Und wirfst den Fehdehandschuh vor mich hin.

Ha! Schauerte nun auch die Menschlichkeit,

Wie Hektorn vor dem Ajax; und Achill,

Vor dir mich an; hüb’ ich ihn doch empor.

Bei Gott! Bei Gott! Du Trotziger, ich muß! –

So gelt’ es dann! Sieg gelt’ es, oder Tod! –

Denn wisse! Keinem Knaben sprichst du Hohn,

Der seine ersten Waffen schwankend prüft.

Straff sind die Sehnen meiner Jugendkraft;

Ich bin gewandt zu ringen; meinem Arm

Ist Phöbus goldnes Schwert ein Halmenspiel;

Des Fernhintreffers Silberbogen weiß

Ich wohl zu spannen; treffe scharf das Ziel;

Mein Köcher rasselt goldner Pfeile voll – – –

Wer mag einher in meiner Rüstung gehn? –

Es gelte, Fritz! Sieg gelt’ es, oder Tod!

Du! Huldigt dir Gesang und Sprach’ allein?

Und waltet nicht des Mäoniden Geist

Auch über meinem Haupt? Ich rang mit ihm,

Wie Herkuls Kraft mit Anteus Zauber rang.

Bezwang ich ihn nicht oben in der Luft? –

Ich komm’, ich komme dir! Denn ehren mag

Ein solcher Widersacher das Gefecht.

Wie wird des Sieges Blume meinen Kranz

Verherrlichen! – Und gäbe mich der Rat

Der Himmelsherrscher dir auch unterthan;

So könnt’ ich doch von keiner edlern Hand,

Als deiner sterben, edler, starker Held!

Auf rüste dich! Sieg gilt es oder Tod!

 

 

Antwort an Gottfried August Bürger

H men emarnasthn eridos peri tymoboroio

Hd ayt en pilothti dietmagen artmhsante.

Diese Helden kämpften aus heißer Begierde des Ruhmes,

Und dann schieden sie wieder mit Freundschaft auseinander.

 

Homer. Ilias 7.

 

 

Fried’ und Freude dem Sänger zuvor, und traulichen Handschlag!

Sieh, ich habe dein Zürnen vernommen am fernen Gestade,

Hörte den Flügelschlag deines Gesangs; melodische Stürme

Deiner Leier erhuben ihn hoch; ein Riesenadler

Steht er vor mir, mit dräuender Klaue, mit rüstigem Fittich;

Und schon zürnt’ ich entgegen. Da faßte mich Pallas Athänä

Bei den goldnen Locken; ich wandte mich sträubend; mein Auge

Staunte zurück, vom Blitze der göttlichen Augen getroffen.

Sieh, ich bebte nicht dir; ich bebte der furchtbaren Göttin.

Sie verschwand; da war mir, als atmet’ ich liebliche Düfte,

Läg’ am blumigen Hange des Helikon, unter der Kühlung

Wehender Schatten, an Aganippens Silbergesäusel.

Nun erwacht’ ich, und zürnte nun wieder, und griff zu der Leier.

Aber es hatte die jüngste der Musen die Leier umstimmet,

Daß sie nicht tönte, wie sonst, wie Donner, wie Stimmen der Meere,

Sondern wie Lispel des schwankenden Schilfes, wie zärtliche Klagen

Junger Nachtigallen auf blühenden Zweigen der Myrten.

Und mir kehrte die Weisheit zurück; sie pflückte den Ölzweig,

Den ich dir reiche; sie redet durch mich; vernimm und sei weise!

 

Siehe, zwar kränzen uns Locken der Jugend, doch rauschet der Lorbeer

Über den Locken; es kühlt die Palme den Schweiß an der Stirne.

Früh betraten wir beide den Pfad des ewigen Ruhmes,

Früh erreichten wir beide das Ziel. Auf trotzenden Felsen

Stehn wir, und lächeln entgegen dem Strome der kommenden Zeiten.

Hier besuchen uns oft Kronions liebliche Töchter,

Lehren uns oft die eigne Leier beseelen, und bringen

Oft herab vom Olymp die Harfe des Mäoniden.

Laß uns beide das heilige Lied des göttlichen Greisen,

Unserm Volke singen; wir lieben den Göttlichen Beide!

 

Freund, gehabe dich wohl! Ich kenne die rufende Stimme,

 

Höre wiehern die feurigen Ross’ am flammenden Wagen;

Siehe, mir winket die Mus’; ich folge der winkenden Göttin!

 

Prolog zu Sprickmanns Eulalia auf einem Privattheater

 

Darf, Edle, die ihr hier versammelt seid,

Darf auch des Schauspiels Muse den Kristall,

Worin sie alles, was vom Anbeginn

Der Erde unter Sonn, und Mond geschah,

Lebendig darstellt, darf die Muse wohl

Den Zauberspiegel, düstrer Scenen voll,

Euch vor das Antlitz halten, daß vor Schreck

Die Knie’ euch wanken, daß von bitterm Schmerz

Die Busen schwellen und von Thränen Euch

Die Augen übergehn? – Ergötztet ihr

Nicht lieber euch am lächerlichen Tand

Der Thorheit? Oder an dem heitern Glück,

Womit am Schluß des drolligen Romans

Die Lieb’ ein leicht genecktes Paar belohnt? –

 

Vielleicht! – Vielleicht behagt’ es euch auch wohl,

Ein schönes, keusches, liebetreues Weib,

Umlagert von der schnöden Wollust Brut,

In einen sauern Kampf verstrickt zu sehn.

Ihr nähmet teil an ihrer Angst und Not;

Ihr zittertet und weintet bald mit ihr;

Bald zöget ihr, mit rascherm Odemzug,

Den Mut zu überwinden mit ihr ein.

Doch müßt’ auch dann am Ende Heil und Sieg

Die Brut zerschmettern, und den Kranz,

Den schönen Kranz um ihre Scheitel ziehn,

Woran ihr Recht bewährte Tugend hat;

Doch müßt’ auch dann des Friedens sanfte Ruh

Die Wunden heilen, die der Kampf ihr schlug;

Und nicht das arme, keusche, treue Weib

Ihr Heil, – o Gott, ihr eines letztes Heil! –

Gezwungen sein zu suchen – in der Gruft! –

 

Wohl ist ein edles herrliches Gefühl,

Das solche Wünsch’ in euern Herzen zeugt.

Allein auf Erden kämpft nicht immerdar

Die Tugend, wie der Edle wünscht. Ach! oft

Ist nichts Geringers, als das Leben selbst,

Das Lösegeld für den erhabnen Sieg.

Der Lorbeerzweig, nach dem sie blutend rang,

Flicht sich zur Totenkron’ auf ihren Sarg. –

 

Doch dann auch mag’s euch frommen, diesen Kampf,

Den blutigen, den Todeskampf zu sehn;

Zu sehen, wie von allen Seiten her

Die Büberei mit Netzen sie umstellt;

Zu sehn, wie nirgends eine Freistatt ihr,

Als unter ihr das Grab nur, offen steht;

Und ach! zu sehn, wie sie hinunterstürzt

Und ihre Himmelsperle mit sich nimmt. –

Mag das Entsetzen doch euch dann beim Haar

Ergreifen und zerschütteln! Mag doch Schmerz

Durch eure Busen fahren, wie ein Schwert!

Und mögen eure Augen doch in Flut,

In heißer Thränenflut des Mitleids glühn! –

Wird’s euch doch frommen zur Bewunderung,

Zu hoher heiliger Bewunderung

Der Heldin, welche Blut für Tugend gab.

Gedeihn wird’s euch vielleicht zu gleichem Mut;

Zu Zorn und Abscheu gegen Bubenstück

Und Tyrannei. Zur Weisheit muß es euch

Gedeihen, daß der Tugend Kranz nicht stets

Auf Erden blüht. Zur Warnung, daß ihr nie

Euch gegen Den empören sollt, der tief

In des geheimen Heiligtumes Nacht

Die richterliche Wage hält, und oft

Der Tugend Schmerz, und oft dem Laster Lust,

Zwar unbegreiflich, aber doch gerecht

Und weise, in den Schoß herunter wägt.

 

 

Der kluge Held

Tags vor der Schlacht gerät ein junger Held

In allerlei bedenkliche Bewegung;

Nimmt dies und das in ernste Überlegung

Und bringt heraus: Dein bißchen Löhnungsgeld

Und Lumpenruhm, mein guter König,

Reizt wahrlich unsereinen wenig,

Daß er dafür im Mordgemetzel fällt! –

Als er kaum fertig ist mit Grübeln,

Läuft er zum Chef: »Sie werdens nicht verübeln,

Daß ich, zu meinem bittersten Verdruß,

Gerade jetzt um Urlaub bitten muß.

Denn ach! mein Vater liegt an Todesenden nieder,

So schreibt man mir; ich seh’ ihn sonst nicht wieder;

Und ihn verlangt nach mir und meinem letzten Gruß;

O gönnen Sie mir seinen Abschiedskuß!« –

 

»Sehr wohl! versetzt der Chef, und lächelt vor sich nieder;

Reis’ hurtig ab, mein Sohn! Denn nach der Bibel muß

Dein Vater nach Gebühr von dir geehret werden,

Auf daß dirs wohlergeh’ und du lang’ leb’st auf Erden.«

 

 

Der arme Dichter

Ein Dichter, rund und feist bei Leibe,

Mit einem Antlitz, lang wie breit,

Und glänzend, wie des Vollmonds Scheibe,

Sprach einst von seiner Dürftigkeit,

Und schimpfte brav auf teure Zeit.

 

»Das thun Sie bloß zum Zeitvertreibe,

Rief einer aus der Compagnie;

Denn dies Gedeihn an Ihrem werten Leibe,

Und Ihr Gesicht, die schöne Vollmondsscheibe,

Herr Kläger, zeugen wider Sie!« –

 

»Das hat sich wohl! seufzt der Poet geduldig.

Doch, Gott gesegn’ ihn! meinen Bauch –

Sanft strich er ihn – und diesen Vollmond auch

Bin ich dem Speisewirt noch schuldig.«

 

 

Prometheus

Prometheus hatte kaum herab in Erdennacht

Den Quell des Lichts, der Wärm’ und alles Lebens,

Das Feuer, von Olymp gebracht;

Sieh, da verbrannte sich – denn Warnen war vergebens –

Manch dummes Jüngelchen die Faust aus Unbedacht.

Mein Gott! Was für Geschrei erhuben

Nicht da so manches dummen Buben

Erzdummer Papa,

Erzdumme Mama,

Erzdumme Leibs- und Seelenamme!

Welch Gänsegeschnatter die Klerisei,

Welch Truthahnsgekoller die Polizei! –

 

Ist’s weise, daß man dich verdamme,

Gebenedeite Gottesflamme,

Allfreie Denk- und Druckerei?

 

 

Die Schatzgräber

Ein Winzer, der am Tode lag,

Rief seine Kinder an und sprach:

»In unserm Weinberg liegt ein Schatz,

Grabt nur darnach!« – »An welchem Platz?« –

Schrie alles laut den Vater an.

»Grabt nur!« – O weh! da starb der Mann.

 

Kaum war der Alte beigeschafft,

So grub man nach aus Leibeskraft.

Mit Hacke, Karst und Spaden ward

Der Weinberg um und um gescharrt.

Da war kein Kloß, der ruhig blieb;

Man warf die Erde gar durchs Sieb,

Und zog die Harken kreuz und quer

Nach jedem Steinchen hin und her.

Allein da ward kein Schatz verspürt

Und jeder hielt sich angeführt.

 

Doch kaum erschien das nächste Jahr,

So nahm man mit Erstaunen wahr,

Daß jede Rebe dreifach trug.

Da wurden erst die Söhne klug,

Und gruben nun Jahr ein Jahr aus

Des Schatzes immer mehr heraus.

Die beiden Maler

 

Zum Zeuxis prahlt’ einst Agatharch, ein kleiner,

Fixfingriger, behender Pinselmann:

»So schnell, wie ich, malt wohl so leicht nicht Einer!« –

»Und ich, hub Zeuxis ruhig an,

Ich rühme mich, daß ich so langsam malen kann!« –

Den Fingerfix nennt jetzt fast keiner;

Den Zeuxis noch fast Jedermann.

 

 

Der Maulwurf und der Gärtner

Ein Maulwurf verwüstete die schön geebneten Blumenfelder durch seinen Aufwurf, stürzte die Gewächse und entblößte ihre Wurzeln, daß sie an der Sonne verwelkten.

 

Voll Ingrimms erblickte das der Gärtner und stellte sich mit erhobenem Spaden auf die Lauer. Risch stach er zu, als Jener eben sich regte und hob ihn heraus aufs Harte. »Nun sollst du mir auch des Todes sterben, Garten-Verwüster!«

 

»Gnade! flehte der Maulwurf, da ich dir doch sonst nicht unnütz bin. Ich vertilge die Regenmaden und manches Ungeziefer, das deine Pflanzungen verwüstet.«

 

»Hole dich der Henker, versetzte der Gärtner, wenn du Tugend mit Untugend aufwiegst!« und schlug ihn ohne weitern Prozeß tot.

 

Aufgegebene Liebeserklärung an Sophien,

 

nach vorgeschriebenen Endreimen,

 

am 21. Nov. 1784.

 

 

Am Herzen, wie am Geist, längst dumpf, und stumpf, wie – Blei,

Wähnt’ ich – ein schlechtes Ziel! – vor Amors Pfeil mich – frei.

Bekannt mit meinem Wert, an Leib und Seele – Fratze,

Frißt, dacht’ ich, wie ich bin, mich weder Hund noch – Katze.

Ich würgt’ an Vers und Reim, als steckt’ im Hals ein – Pflock,

Und langsam schlich mein Witz, wie Aarons Sünden- – Bock.

Da, Fiekchen, tratst du auf, an Kraft ein Lebens- – Engel,

Bewegtest zum Bimbam der Zunge trägen – Schwengel.

Nun, däucht mir, komm’ ich faßt von neuem in den – Schuß.

Ganz fraß vielleicht der Wurm mich nicht zur tauben – Nuß.

Ha! tränktest du mich nun mit deiner Liebe – Sprudel,

So lernt’ ich dein Apport noch wie der jüngste – Pudel.

Dir spräng’ ich übern Stock und tanzt’ im bunten – Frack,

Als Äffchen oder Bär, zum polnschen Dudel- – Sack.

 

 

Als Elise sich ohne Lebewohl entfernt hatte

Göttingen am 22. Nov. 1784. Morgens um 9 Uhr.

 

 

Frisch, Bürger, frisch zusammen dich genommen,

Und rüstig vorwärts stets von hier

Im Ozean der Zeiten fortgeschwommen! –

Sie ist nicht fort, das glaube mir! –

Steh nicht so düster, so beklommen,

Nicht so an Hoffnung, Mut und Lebenskraft verglommen!

Sie wird gewiß noch irgendwo zu dir,

Du wirst gewiß noch irgendwo zu Ihr,

Auf einem Freudenfest der Edlen und der Frommen,

Wer weiß an welcher Quelle, kommen.

Im Engelston gebot Sie dir:

»Steh nicht so düster, so beklommen!« –

Sie ist nicht fort, das glaube mir!

Denn – Abschied hat sie nicht genommen.

 

 

Schnick und Schnack

Verbreite du vor Hack und Mack

Den Duft der besten Thaten!

Kaum wird Frau Schnick und kaum Herr Schnack

Ihn merken und verraten.

 

Mach’ aber Einen schwachen Streich –

Wer kann dem immer wehren? –

Ganz heimlich! – O so wirst du gleich

Dein blaues Wunder hören!

 

Umsonst, umsonst bemühst du dich,

Ihn halb nur zu verstecken.

Vom Liebesmantel findet sich

Kein Läppchen, ihn zu decken.

 

Beging’st du ihn im Keller gleich,

Tief in der Nacht der Erde:

Hervor muß er, der matte Streich,

Daß er beschnickschnackt werde!

 

Du fragst umsonst: Wie hat das Pack

Das bißchen Streich erfahren? –

Auch Klag’ und Fluch auf Schnick und Schnack

Kannst du gemächlich sparen.

 

Sie borgen dann die List vom Fuchs;

Vom Spürhund ihre Nasen;

Die gluhen Augen von dem Luchs;

Die Ohren von dem Hasen.

 

Und spüren und verschonen nie,

Nicht Bruder, Schwester, Base.

Wie Galgenraben schwärmen sie

Am liebsten nach dem Aase.

 

 

Keine Witwe!

Es will mir nicht und will nicht ein,

Mir eine Witwe anzufrein.

Ich könnt’ es nimmermehr verdauen,

Den ganzen Tag, Jahr aus Jahr ein,

Das Lob des Seligen zu kauen.

Zur Sicherheit vor solcher Qual

Schritt’ ich zu keiner Witwenwahl,

Wo nicht vor allen andern Dingen

Der selige Herr Ehgemahl

Am hohen lichten Galgen hingen.

 

 

Prognostikon

Vor Feuersglut, vor Wassersnot

Mag sicher fort der Erdball rücken.

Wenn noch ein Untergang ihm droht,

So wird er in Papier ersticken.

 

 

Auf einen litterarischen Händelsucher

Ich? Gegen ihn vom Leder ziehn? –

Dabei gewönn’ er; ich verlöre!

Denn meine Fuchtel adelt’ ihn,

Sie aber käm’ um ihre Ehre.

 

 

Gänsegeschrei und Gänsekiele

Ihr dummer Kikak rettet’ einst

Roms Kapitolium;

Doch ihr Kiele nun

Die sieben Hügel um.

 

 

Verwunderung über die allezeit Fertigen

Mein Gott! Wie macht’s wohl mancher Mann,

Der jeden Quark beverseln kann,

So viel Gedanken aufzujagen? –

Gedanken? – Worte wollt’ ich sagen.

 

 

An Stentor unter der Predigt

Freund, deine Predigt gleicht dem Heerposaunenschalle,

Dem Jericho erlag, durch ihren Wunderlaut.

Denn bald zerreißt von ihrem Donnerhalle –

O Gotteskraft! – des Ohres Trommelhaut.

Doch, soll das End’ auch noch Hörers Beifall lohnen,

So mußt du seiner Ohren schonen.

 

 

Herr von Gänsewitz zum Kammerdiener

Befehlt doch draußen, still zu bleiben!

Ich muß itzt meinen Namen schreiben.

 

 

Ein Casus Anatomicus

Der Kaufmann Harpax starb; sein Leichnam ward sezieret;

Und als man überall dem Übel nachgespüret,

So kam man auch aufs Herz, und sieh! er hatte keins:

Da, wo sonst dieses schlägt, fand man das Einmaleins.

 

 

Der Edelmann und der Bauer

»Das schwör’ ich dir, bei meinem hohen Namen,

Mein guter Claus, ich bin aus altem Samen!«

»Das ist nicht gut, erwidert Claus,

Oft artet alter Samen aus.«

 

 

An die blinde Virtuosin Mademoiselle Paradies

Dein Schicksal werde nicht gescholten!

Zwar raubts dir Phöbus goldnen Strahl:

Doch hat dir diesen tausendmal

Sein goldnes Saitenspiel vergolten.

 

 

An die Nymphe zu Meinberg1

Preis, Nymphe, dir! Dein Kraftquell sieget oft,

Wann Außenglut den derben Bau umlodert.

Doch tröste Gott den Hausherrn, der noch hofft,

Sobald der Kern in Schwell’ und Ständer modert.

Fußnoten

 

1 Ein Heilbad in der Grafschaft Lippe-Detmold.

 

 

Der dunkle Dichter

Sanct Lykophron baut Schöppenstädts1Palast,

Doch keine Fenster drein.

Abhelflich trägt das Licht sein Scholiast

Im Sack hinein.

Fußnoten

 

1 Im Sprichwort das niedersächsische Abdera.

 

 

Einladung

Seid doch einmal mein Gast, Herr Plitt!

Schon bitt’ ich euch zu hundert Malen.

Bringt ihr etwa euer Essen mit,

So sollt ihr nur den Wein bezahlen.

 

 

Kritik betreffend

Verdammt er mein Gedicht mit Recht,

So hilft wahrhaftig kein Vertreten;

Doch urtelt Meister Krittler schlecht,

So ists wahrhaftig nicht vonnöten;

Drum würd’ ich nie, schlecht oder recht,

Eins vor dem Kritiker vertreten.

 

 

Trost

Wann dich die Lästerzunge sticht,

So laß dir dies zum Troste sagen:

Die schlechtsten Früchte sind es nicht,

Woran die Wespen nagen.

 

 

An die Splitterrichter

Das freut mich doch, ihr Herren Falken,

Die ihr, Gott weiß warum? erbost,

So gern auf meine Fehler stoßt,

Daß ihr nichts mehr erstoßt, ihr Falken,

Als Splitter nur von euern Balken.

 

 

An einen Sittenkrittler

Kein Herz gibt dir mehr Stoff zum Sprechen,

Keins zu Kritiken mehr, als meins.

Gern wollt’ ich mich an deinem rächen,

O Krittler, hättest du nur eins.

 

 

Vollkommener Ernst

Sprich, junger Freund, o sprich, was dich bewegt,

Nach schnödem Dichterruhm dich atemlos zu laufen?

Ha, diesen Dorn, den ach! mein Wohlsein in sich trägt,

Den Satans-Engel, der mein Glück mit Fäusten schlägt,

Wollt’ ich – o könnt’ ich nur! – spottwohlfeil dir verkaufen.

 

 

Als das Obige für Versündigung erklärt wurde

Ich schelte nicht die edle Gabe,

Die ich von Gott empfangen habe.

Die Gabe hat mir Heil gewährt,

Allein ihr Ruhm oft Fluch beschert.

 

 

Bettelstolz

Es gibt der bettelstolzen Hachen,

Die mehr aus ärmlicher Kathedertheorei,

Als aus Homers Gesang, Amphions Melodei,

Und jedem Götterwerk der Muse selber machen.

Sprich, Menschensinn, und sag es laut den Hachen,

Daß diesem Wahnsinn ganz der Wahnsinn ähnlich sei:

Aus dem Compendio der Anthropologei,

Das ein Professor schreibt, für seine Klerisei,

Mehr als aus Gottes Werk, dem Menschen selbst, zu machen.

 

 

Mannstrotz

So lang’ ein edler Biedermann

Mit einem Glied sein Brot verdienen kann,

So lange schäm’ er sich nach Gnadenbrot zu lungern!

Doch thut ihm endlich keins mehr gut:

So hab’ er Stolz genug und Mut,

Sich aus der Welt hinaus zu hungern.

 

 

Mittel gegen den Hochmut der Großen

Viel Klagen hör’ ich oft erheben

Vom Hochmut, den der Große übt.

Der Großen Hochmut wird sich geben,

Wenn unsre Kriecherei sich gibt.

 

 

Advokatenprahlerei

Raps fragt, Triumph im Angesicht:

Wer hat an Händeln mehr gewonnen,

Als ich, vor Stadt- und Landgericht?

Ganz recht! Genug hat er gewonnen;

Denn sein Klient gewann es nicht.

 

 

Aruspex und Professor

Wie ein Aruspex dem Kollegen

Ohn’ aufzulachen, einst entgegen

Mit Ernst zu treten fähig war,

Schien, Tullius, dir wunderbar.

Ein größres Wunder fast wär’s unter uns zu nennen,

Wie’s manche Professoren können.

 

 

Auf das Adeln der Gelehrten

Mit einem Adelsbrief muß nie der ächte Sohn

Minervens und Apolls begnadigt heißen sollen.

Denn edel sind der Götter Söhne schon,

Die muß kein Fürst erst adeln wollen.

 

 

Gute Werke

An Glauben und Vertraun, mein guter Musensohn,

Scheints dir wohl nicht zu fehlen, wie ich merke:

Doch wisse du, Apolls Religion

Schenkt dir die Glaubenspflicht und dringt auf gute Werke.

 

 

Bullius

Was zwischen manchem wilden Haufen

Sich Bullius, der Adlermann,

An Hörnern endlich abgelaufen,

Das läuft sein Weib ihm wieder an,

 

 

Liebesschwur

Flox zu den Füßen seiner Schönen

Schwört mit Verzuckungen und Thränen:

Aus Liebe sei er jederzeit

Mit Leib und Leben ihr bereit!

Nur kann er, trotz dem Wunsch der Schönen,

Des Schnupftobacks sich nicht entwöhnen.

 

 

Frage

Wie? Sollt’ es denn nicht besser lassen,

Ein schönes Bild im Musenhain,

Als Pfahl nur, oder Pflasterstein,

Kaum gut genug für Zäun’ und Gassen,

In dieser besten Welt zu sein?

 

 

Annette von Droste-Hülshoff – Gedichte

Gedichte (Die Ausgabe von 1844) von Annette von Droste-Hülshoff als EPUB downloaden

Annette von Droste-Hülshoff

Gedichte

(Die Ausgabe von 1844)

Zeitbilder

Ungastlich oder nicht?

(In Westfalen)

Ungastlich hat man dich genannt,

Will deinen grünsten Kranz dir rauben,

Volk mit der immer offnen Hand,

Mit deinem argwohnlosen Glauben;

O rege dich, daß nicht die Schmach

Auf deinem frommen Haupte laste,

Und redlich, wie das Herz es sprach,

So sprich es nach zu deinem Gaste:

»Fremdling an meiner Marken Stein,

Mann mit der Stirne trüben Falten,

O, greif in deines Busens Schrein,

Und laß die eigne Stimme walten.

Nicht soll bestochner Zeugen Schar

Uns am bestochnen Worte rächen,

Nein, Zeug’ und Richter sollst du klar

Dir selbst das freie Urteil sprechen.

Fühlst du das Herz in dir, nicht heiß

Doch ehrlich, uns entgegen schlagen,

Dein Wort kein falsch und trügend Gleis,

Befleckend was die Lippen tragen,

Fühlst du ein Gast dich wie er lieb

Dir an dem eignen Hausaltare,

Dann frisch heran – nicht wie ein Dieb,

Nein, frisch, mit fröhlicher Fanfare!

Wer unsres Landes Sitte ehrt,

Und auch dem seinen hält die Treue –

Hier ist der Sitz an unserm Herd!

Hier unsres Bruderkusses Weihe!

Wer fremden Volkes Herzen stellt

Gleich seinem in gerechter Waage –

Hier unsre Hand, daß er das Zelt

Sich auf bei unsern Zelten schlage!

Doch sagt ein glüh Erröten dir,

Du gönntest lieber einer andern

Als deiner Schwelle gleiche Zier –

Brich auf, und mögest eilends wandern!

Wir sind ein friedlich still Geschlecht

Mit lichtem Blick und blonden Haaren,

Doch unsres Herdes heilig Recht

Das wissen kräftig wir zu wahren.

Die Luft die unsern Odem regt,

Der Grund wo unsre Gräber blühen,

Die Scholle die uns Nahrung trägt,

Der Tempel wo wir gläubig knieen,

Die soll kein frevler Spott entweihn,

Dem Feigen Schmach und Schamerröten,

Der an des Heiligtumes Schrein

Läßt eine falsche Sohle treten!

Doch einem Gruß aus treuem Mut,

Dem nicken ehrlich wir entgegen,

Hat jeder doch sein eignes Blut,

Und seiner eignen Heimat Segen.

Wenn deine Ader kälter rinnt,

So müssen billig wir ermessen:

Wer könnte wohl das fremde Kind

Gleich eignem an den Busen pressen?

Drum, jede Treue sei geehrt,

Der Eichenkranz von jedem Stamme;

Heilig die Glut auf jedem Herd,

Ob hier sie oder drüben flamme;

Dreimal gesegnet jedes Band

Von der Natur zum Lehn getragen,

Und einzig nur verflucht die Hand,

Die nach der Mutter Haupt geschlagen!«

Die Stadt und der Dom

Eine Karikatur des Heiligsten

»Der Dom! der Dom! der deutsche Dom!

Wer hilft den Kölner Dom uns baun!«

So fern und nah der Zeitenstrom

Erdonnert durch die deutschen Gaun.

Es ist ein Zug, es ist ein Schall

Ein ungemeßner Wogenschwall.

Wer zählt der Hände Legion

In denen Opferheller glänzt?

Die Liederklänge wer, die schon

Das Echo dieses Rufs ergänzt?

Und wieder schallt’s vom Elbestrand:

»Die Stadt! die Stadt! der deutsche Port!«

Und wieder zieht von Land zu Land

Ein gabespendend Klingeln fort;

Die Schiffe ragen Mast an Mast,

Goldregen schüttet der Palast,

Wem nie ein eignes Dach beschert,

Der wölbt es über fremde Not,

Wem nie geraucht der eigne Herd,

Der teilt sein schweißbenetztes Brod.

Wenn eines ganzen Volkes Kraft

Für seines Gottes Heiligtum

Die Lanze hebt so Schaft an Schaft,

Wer glühte nicht dem schönsten Ruhm?

Und wem, wem rollte nicht wie Brand

Das Blut an seiner Adern Wand,

Wenn eines ganzen Volkes Schweiß

Gleich edlem Regen niederträuft,

Bis in der Aschensteppe heiß

Viel Tausenden die Garbe reift?

Man meint, ein Volk von Heil’gen sei

Herabgestiegen über Nacht,

In ihrem Eichensarg aufs neu

Die alte deutsche Treu’ erwacht.

O werte Einheit, bist du eins –

Wer stände dann des Heil’genscheins,

Des Kranzes würdiger als du,

Gesegnete, auf deutschem Grund!

Du trügst den goldnen Schlüssel zu

Des Himmels Hort in deinem Bund.

Wohlan ihr Kämpen denn, wohlan

Du werte Kreuzesmassonei,

So gebt mir eure Zeichen dann

Und euer edles Feldgeschrei!

Da, horch! da stieß vom nächsten Schiff

Die Bootmannspfeife grellen Pfiff,

Da stiegen Flaggen ungezählt,

Kantate summte und Gedicht,

Der Demut Braun nur hat gefehlt,

Jehovas Namen hört’ ich nicht.

Wo deine Legion, o Herr,

Die knieend am Altare baut?

Wo, wo dein Samariter, der

In Wunden seine Träne taut?

Ach, was ich fragte und gelauscht,

Der deutsche Strom hat mir gerauscht,

Die deutsche Stadt, der deutsche Dom,

Ein Monument, ein Handelsstift,

Und drüber sah wie ein Phantom

Verlöschen ich Jehovas Schrift.

Und wer den Himmel angebellt,

Vor keiner Hölle je gebebt,

Der hat sich an den Kran gestellt

Der seines Babels Zinne hebt.

Wer nie ein menschlich Band geehrt,

Mit keinem Leid sich je beschwert,

Der flutet aus des Busens Schrein

Unsäglicher Gefühle Strom,

Am Elbestrand, am grünen Rhein,

Da holt sein Herz sich das Diplom.

Weh euch, die ihr den zorn’gen Gott

Gehöhnt an seiner Schwelle Rand,

Meineid’gen gleich in frevlem Spott

Hobt am Altare eure Hand!

Er ist der Herr, und was er will

Das schaffen Leu und Krokodill! –

So baut denn, baut den Tempel fort,

Mit ird’schem Sinn den heil’gen Hag,

Daß euer beßrer Enkel dort

Für eure Seele beten mag!

Kennt ihr den Dom der unsichtbar

Mit tausend Säulen aufwärts strebt?

Er steigt wo eine gläub’ge Schar

In Demut ihre Arme hebt.

Kennt ihr die unsichtbare Stadt

Die tausend offne Häfen hat

Wo euer wertes Silber klingt?

Es ist der Samariter Bund,

Wenn Rechte sich in Rechte schlingt,

Und nichts davon der Linken kund.

O, er der alles weiß, er kennt

Auch eurer Seele ödes Haus;

Baut Magazin und Monument,

Doch seinen Namen laßt daraus!

Er ist kein Sand der glitzernd stäubt,

Kein Dampfrad das die Schiffe treibt,

Ist keine falsche Flagge die

Sich stahl der See verlorner Sohn,

Parol’ nicht die zur Felonie

Ins Lager schmuggelt den Spion!

Baut, baut, – um euer Denkmal ziehn

Doch Seufzer fromm und ungeschmückt,

Baut, – neben eurem Magazin

Wird doch der Darbende erquickt.

Ob eures Babels Zinnenhag

Zum Weltenvolk euch stempeln mag?

Schaut auf Palmyrens Steppenbrand,

Wo scheu die Antilope schwebt,

Die Stadt schaut an wo, ein Gigant,

Das Kolosseum sich erhebt.

Den Wurm der im geheimen schafft,

Den kalten nackten Grabeswurm,

Ihn tötet nicht des Armes Kraft,

Noch euer toller Liedersturm.

Ein frommes, keusches Volk ist stark,

Doch Sünde zehrt des Landes Mark;

Sie hat in deiner Glorie Bahn,

O Roma, langsam dich entleibt,

Noch steht die Säule des Trajan,

Und seine Kronen sind zerstäubt!

Die Verbannten

Ich lag an Bergeshang,

Der Tag war schon gesunken,

In meine Wimper drang

Des Westen letzter Funken.

Ich schlief und träumte auch vielleicht,

Doch hört’ ich noch der Amsel Pfeifen,

Wie Echos letzte Hauche, feucht

Und halb verlöscht, am Schilfe streifen.

Mein äußres Auge sank,

Mein innres ward erschlossen:

Wie wild die Klippenbank!

Wie grau die Moose sprossen!

Der Öde Odem zog so schwer

Als ob er siecher Brust entgleite,

Wohin ich blickte, Rohres Speer,

Und Dorngestrüpp und Waldesweite.

Im Grase knistert’ es,

Als ob die Grille hüpfte,

Im Strauche flüstert’ es,

Als ob das Mäuslein schlüpfte;

Ein morscher halbverdorrter Stamm

Senkte die bräunliche Gardine,

Zu Füßen mir der feuchte Schwamm,

Und überm Haupt die wilde Biene.

Da raschelt’ es im Laub,

Und rieselte vom Hange,

Zertretnen Pilzes Staub

Flog über meine Wange.

Und neben mir ein Knabe stand,

Ein blondes Kind mit Taubenblicken,

Das eines blinden Greises Hand

Schien brünstig an den Mund zu drücken.

Von linder Tränen Lauf

Sein Auge glänzte trübe,

»Steh auf«, sprach es, »steh auf!

Ich bin die Kindesliebe,

Verbannt, zum wüsten Wald verbannt,

Ins öde Dickicht ausgesetzet,

Wo an des sumpf’gen Weihers Rand

Der Storch die kranken Eltern ätzet!«

Dann faltete es hoch

Die hagern Händchen beide,

Und sachte abwärts bog

Es des Geröhres Schneide.

Ich sah wie blut’ge Striemen leis

An seinen Ärmchen niederflossen,

Wie tappend ihm gefolgt der Greis,

Bis sich des Rohres Wand geschlossen.

Ich ballte meine Hand,

Versuchte mich zu schwingen,

Doch fester, fester wand

Der Taumel seine Schlingen.

Und wieder hörte ich den Schlag

Der Amsel und der Grille Hüpfen,

Und wieder durch den wilden Hag

Der Biene sterbend Sumsen schlüpfen.

Da schleift’ es, schwer wie Blei,

Da flüstert’ es aufs neue:

»O wache! steh mir bei!

Ich bin die Gattentreue.«

Das Auge hob ich, und ein Weib

Sah ich wie halbgebrochen bücken,

Das eines Mannes wunden Leib

Mühselig trug auf seinem Rücken.

Ein feuchter Schleier hing

Ihr Haar am Antlitz nieder,

Des Schweißes Perle fing

Sich in der Wimper wieder.

»Verbannt! verbannt zum wilden Wald,

Wo Nacht und Öde mich umschauern!

Verbannt wo in der Felsen Spalt

Die Tauben um den Tauber trauern!«

Sie sah mich lange an,

Im Auge Sterbeklagen,

Und langsam hat sie dann

Den Wunden fortgetragen.

Sie klomm den Klippensteig entlang,

Ihr Ächzen scholl vom Steine nieder,

Wo grade unterm Schieferhang

Sich regte bläuliches Gefieder.

Ich dehnte mich mit Macht

Und langte nach dem Wunden,

Doch als ich halb erwacht,

Da war auch er verschwunden,

Zerronnen wie ein Wellenschaum, –

Ich hörte nur der Wipfel Stöhnen,

Und unter mir, an Weihers Saum,

Der Unken zart Geläute tönen.

Die Glöckchen schliefen ein,

Es schwoll der Kronen Rauschen,

Ein Licht wie Mondenschein

Begann am Ast zu lauschen,

Und lauter raschelte der Wald,

Die Zweige schienen sich zu breiten,

Und eine dämmernde Gestalt

Sah ich durch seine Hallen gleiten.

Das Kreuz in ihrer Hand,

Um ihre Stirn die Binde,

Ihr langer Schleier wand

Und rollte sich im Winde.

Sie trat so sacht behutsam vor,

Als ob sie jedes Kräutlein schone,

O Gott, da sah ich unterm Flor,

Sah eine blut’ge Dornenkrone!

Die Fraue weinte nicht

Und hat auch nicht gesprochen,

Allein ihr Angesicht

Hat mir das Herz gebrochen,

Es war wie einer Königin

Pilgernd für ihres Volkes Sünden,

Wo find’ ich Worte, wo den Sinn,

Um diesen Dulderblick zu künden!

Als sie vorüber schwand

Mit ihren blut’gen Haaren,

Da riß des Schlummers Band,

Ich bin emporgefahren.

Der Amsel Stimme war verstummt,

Die Mondenscheibe stand am Hügel,

Und über mir im Aste summt’

Und raschelte des Windes Flügel.

Ob es ein Traumgesicht

Das meinen Geist umflossen?

Vielleicht ein Seherlicht

Das ihn geheim erschlossen?

O wer, dem eine Trän’ im Aug’,

Den fromme Liebe je getragen,

Wer wird nicht, mit dem letzten Hauch,

Die heiligen Verbannten klagen!

Der Prediger

Langsam und schwer vom Turme stieg die Klage,

Ein dumpf Gewimmer zwischen jedem Schlage,

Wie Memnons Säule weint im Morgenflor.

Am Glockenstuhle zitterte der Balke,

Die Dohlen flatterten vom Nest, ein Falke

Stieg pfeifend an der Fahne Schaft empor.

Wem dröhnt die Glocke? – Einem der entkettet,

Des müden Leib ein Fackelzug gebettet

In letzter Nacht bei seinem einz’gen Kind.

Wer war der Mann? – Ein Christ im echten Gleise,

Kein Wucherer, kein Ehrendieb, und weise

Wie reiche Leute selten weise sind.

Darum so mancher Greis mit Stock und Brille,

So manches Regentuch und Handpostille,

Sich mühsam schiebend durch der Menge Drang.

Er war ein heitrer Wirt in seinem Schlosse, –

Darum am Tor so manche Staatskarosse,

So mancher Flor das Kirchenschiff entlang.

Die Glocken schwiegen, alle Kniee sanken,

Posaunenstoß! – Die Wölbung schien zu wanken.

O »Dies irae, dies illa!« Glut

Auf Sünderschwielen, Tau in Büßermalen!

Mir war als säh ich des Gerichtes Schalen,

Als hört’ ich tröpfeln meines Heilands Blut.

Das Amen war verhallt. Ein zitternd Schweigen

Lag auf der Menge, nur des Odems Steigen

Durchsäuselte den weiten Hallenbau.

Nur an der Tumba schwarzer Flämmchen Knistern

Schien leise mit dem Grabe noch zu flüstern,

Der Weihrauchwirbel streute Aschengrau.

»Geliebte!« scholl es von der Wölbung nieder,

Die Wolke sank, und mählich stiegen Glieder,

Am Kanzelbord ein junger Priester stand.

Kein Schattenbild dem alle Lust verronnen,

Ein frischer saft’ger Stamm am Lebensbronnen,

Ein Adler ruhend auf Jehovas Hand!

»Geliebte«, sprach er, »selig sind die Toten

So in dem Herrn entschliefen, treue Boten,

Von ihrer Sendung rastend.« Dann entstieg

Das Wort, gewaltig wie des Jordans Wallen,

Mild wie die Luft in Horebs Zederhallen,

Als er bezeugte des Gerechten Sieg.

Die Stimme sank, des Stromes Wellen schwollen,

Mir war als hört’ ich ferne Donner rollen:

»Weh über euch, die weder warm noch kalt!

O, wäret kalt ihr oder warm! die Werke

Von eurer Hand sind tot, und eure Stärke

Ist gleich dem Hornstoß der am Fels verhallt.«

Und tiefer griff er in der Zeiten Wunde,

Die Heller ließ er klingen, und vom Grunde

Hob er den seidnen Mottenfraß ans Licht.

Erröten ließ er die bescheidne Schande

In ihrem ehrbar schonenden Gewande,

Und zog der Lust den Schleier vom Gesicht.

Die Kerzen sind gelöscht, die Pforte dröhnte.

Ich hörte schluchzen, – am Gemäuer lehnte

Ein Weib im abgetragnen Regentuch.

Ich hörte säuseln – neben mir, im Chore,

Ein Fräulein gähnte leise hinterm Flore,

Ein Fahnenjunker blätterte im Buch.

Und alle die bescheidnen Menschenkinder,

Wie sich’s geziemt für wohlerzogne Sünder,

Sie nahmen ruhig was der Text beschert.

Und abends im Theater sprach der Knabe,

Der achtzehnjähr’ge Fähndrich: »Heute habe

Ich einen guten Redner doch gehört!«

An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich

Ihr steht so nüchtern da gleich Kräuterbeeten –

Und ihr gleich Fichten die zerspellt von Wettern –

Haucht wie des Hauches Hauch in Syrinxflöten –

Laßt wie Dragoner die Trompeten schmettern;

Der kann ein Schattenbild die Wange röten –

Die wirft den Handschuh Zeus und allen Göttern;

Ward denn der Führer euch nicht angeboren

In eigner Brust, daß ihr den Pfad verloren?

Schaut auf! zur Rechten nicht – durch Tränengründe,

Mondscheinalleen und blasse Nebeldecken,

Wo einsam die veraltete Selinde

Zur Luna mag die Lilienarme strecken;

Glaubt, zur Genüge hauchten Seufzerwinde,

Längst überfloß der Sehnsucht Tränenbecken;

An eurem Hügel mag die Hirtin klagen,

Und seufzend drauf ein Gänseblümchen tragen.

Doch auch zur Linken nicht – durch Winkelgassen,

Wo tückisch nur die Diebslaternen blinken,

Mit wildem Druck euch rohe Hände fassen,

Und Smollis Wüstling euch und Schwelger trinken,

Der Sinne Bachanale, wo die blassen

Betäubten Opfer in die Rosen sinken,

Und endlich, eures Sarges letzte Ehre,

Man drüber legt die Kränze der Hetäre.

O dunkles Los! o Preis mit Schmach gewonnen,

Wenn Ruhmes Staffel wird der Ehre Bahre!

Grad’, grade geht der Pfad, wie Strahl der Sonnen!

Grad’, wie die Flamme lodert vom Altare!

Grad’, wie Natur das Berberroß zum Bronnen

Treibt mitten durch die Wirbel der Sahare!

Ihr könnt nicht fehlen, er, so mild umlichtet,

Der Führer ward in euch nicht hingerichtet.

Treu schützte ihn der Länder fromme Sitte,

Die euch umgeben wie mit Heil’genscheine,

Sie hielt euch fern die freche Liebesbitte,

Und legte Anathem auf das Gemeine.

Euch nahte die Natur mit reinem Schritte,

Kein trunkner Schwelger über Stock und Steine,

Ihr mögt ihr willig jedes Opfer spenden,

Denn alles nimmt sie, doch aus reinen Händen.

Die Zeit hat jede Schranke aufgeschlossen,

An allen Wegen hauchen Naphthablüten,

Ein reizend scharfer Duft hat sich ergossen,

Und jeder mag die eignen Sinne hüten.

Das Leben stürmt auf abgehetzten Rossen,

Die noch zusammenbrechend haun und wüten.

Ich will den Griffel eurer Hand nicht rauben,

Singt, aber zitternd, wie vom Weih’ die Tauben.

Ja, treibt der Geist euch, laßt Standarten ragen!

Ihr war’t die Zeugen wild bewegter Zeiten,

Was ihr erlebt, das läßt sich nicht erschlagen,

Feldbind’ und Helmzier mag ein Weib bereiten;

Doch seht euch vor wie hoch die Schwingen tragen,

Stellt nicht das Ziel in ungemeßne Weiten,

Der kecke Falk ist überall zu finden,

Doch einsam steigt der Aar aus Alpengründen.

Vor allem aber pflegt das anvertraute,

Das heil’ge Gut, gelegt in eure Hände,

Weckt der Natur geheimnisreichste Laute,

Kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende;

Des Tempels pflegt, den Menschenhand nicht baute,

Und schmückt mit Sprüchen die entweihten Wände,

Daß dort, aus dieser Wirren Staub und Mühen,

Die Gattin mag, das Kind, die Mutter knieen.

Ihr hörtet sie die unterdrückten Klagen

Der heiligen Natur, geprägt zur Dirne.

Wer hat sie nicht gehört in diesen Tagen,

Wo nur ein Gott, der Gott im eignen Hirne?

Frischauf! – und will den Lorbeer man versagen,

O Glückliche mit unbekränzter Stirne!

O arm Gefühl, das sich nicht selbst kann lohnen!

Mehr ist ein Segen als zehntausend Kronen!

Die Gaben

Nie fand, so oft auch scherzend ward gefragt,

Ich einen Mann, vom Grafen bis zum Schneider,

Der so bescheiden oder so betagt,

So hülflos, keinen so Gescheiten leider,

Der nicht gemeint, des Herrschertumes Bürde

Sei seinen Schultern grad das rechte Maß.

War einer zweifelnd je an seiner Würde,

So schätzt’ er seine Kräfte desto baß,

Der hoffte auf der Rede Zauberbann;

Schlau aus dem Winkel wollte jener zielen,

Kurz, daß er wisse wie und auch den Mann,

Ließ jeder deutlich durch die Blume spielen.

Ihr Toren! glaubt ihr denn daß Gott im Zorne

Die Großen schuf, ungleich der Menschenschar,

Pecus inane, das sein Haupt zum Borne

Hinstreckt wie weiland Nebukadnezar?

Daß, weil zuweilen unter Zotten schlägt

Ein Herz wo große Elemente schlafen,

Deshalb wer eine feine Wolle trägt

Unfehlbar zählt zu den Merinoschafen?

Daß langes Schauen zweifellos erblinde,

Und wer den Fäden rastlos nachgespürt,

Daß dieser, gleich dem überreizten Kinde,

So dümmer wird je länger er studiert?

Wer zweifelt, daß ein Herz wie’s Throne schmückt

Gar oft am Acker frönt und Forstgehege,

Daß manche Scheitel sich zur Furche bückt,

Hochwert daß eine Krone drauf man lege?

Doch ihr des Lebens abgehetzte Alten,

Ihr innerliche Greise, seid es nicht.

Bewahr’ der Himmel uns vor eurem Walten,

Vor dem im Sumpfe angebrannten Licht!

Ihr würdet mahnen an des Fröners Sohn,

Der, woll’ ihm Gott ein Königreich verschreiben,

Fürs Leben wüßte keinen bessern Lohn,

Als seine Schweine dann zu Roß zu treiben. –

Vor vierzig Jahren

Da gab es doch ein Sehnen,

Ein Hoffen und ein Glühn,

Als noch der Mond »durch Tränen

In Fliederlauben« schien,

Als man dem »milden Sterne«

Gesellte was da lieb,

Und »Lieder in die Ferne«

Auf sieben Meilen schrieb!

Ob dürftig das Erkennen,

Der Dichtung Flamme schwach,

Nur tief und tiefer brennen

Verdeckte Gluten nach.

Da lachte nicht der leere,

Der übersatte Spott,

Man baute die Altäre

Dem unbekannten Gott.

Und drüber man den Brodem

Des liebsten Weihrauchs trug,

Lebend’gen Herzens Odem,

Das frisch und kräftig schlug,

Das schamhaft, wie im Tode,

In Traumes Wundersarg

Noch der Begeistrung Ode

Der Lieb’ Ekloge barg.

Wir höhnen oft und lachen

Der kaum vergangnen Zeit,

Und in der Wüste machen

Wie Strauße wir uns breit.

Ist Wissen denn Besitzen?

Ist denn Genießen Glück?

Auch Eises Gletscher blitzen

Und Basiliskenblick.

Ihr Greise, die gesunken

Wie Kinder in die Gruft,

Im letzten Hauche trunken

Von Lieb’ und Ätherduft,

Ihr habt am Lebensbaume

Die reinste Frucht gepflegt,

In karger Spannen Raume

Ein Eden euch gehegt.

Nun aber sind die Zeiten,

Die überwerten, da,

Wo offen alle Weiten,

Und jede Ferne nah.

Wir wühlen in den Schätzen,

Wir schmettern in den Kampf,

Windsbräuten gleich versetzen

Uns Geistesflug und Dampf.

Mit unsres Spottes Gerten

Zerhaun wir was nicht Stahl,

Und wie Morganas Gärten

Zerrinnt das Ideal;

Was wir daheim gelassen

Das wird uns arm und klein,

Was Fremdes wir erfassen

Wird in der Hand zu Stein.

Es wogt von End’ zu Ende,

Es grüßt im Fluge her,

Wir reichen unsre Hände,

– Sie bleiben kalt und leer. –

Nichts liebend, achtend wen’ge

Wird Herz und Wange bleich,

Und bettelhafte Kön’ge

Stehn wir im Steppenreich.

An die Weltverbesserer

Pochest du an – poch nicht zu laut,

Eh du geprüft des Nachhalls Dauer.

Drückst du die Hand – drück nicht zu traut,

Eh du gefragt des Herzens Schauer.

Wirfst du den Stein – bedenke wohl,

Wie weit ihn deine Hand wird treiben.

Oft schreckt ein Echo, dumpf und hohl,

Reicht goldne Hand dir den Obol,

Oft trifft ein Wurf des Nachbars Scheiben.

Höhlen gibt es am Meeresstrand,

Gewalt’ge Stalaktitendome,

Wo bläulich zuckt der Fackeln Brand,

Und Kähne gleiten wie Phantome.

Das Ruder schläft, der Schiffer legt

Die Hand dir angstvoll auf die Lippe,

Ein Räuspern nur, ein Fuß geregt,

Und donnernd überm Haupte schlägt

Zusammen dir die Riesenklippe.

Und Hände gibts im Orient,

Wie Schwäne weiß, mit blauen Malen,

In denen zwiefach Feuer brennt,

Als gelt’ es Liebesglut zu zahlen;

Ein leichter Tau hat sie genäßt,

Ein leises Zittern sie umflogen,

Sie fassen krampfhaft, drücken fest –

Hinweg, hinweg! du hast die Pest

In deine Poren eingesogen!

Auch hat ein Dämon einst gesandt

Den gift’gen Pfeil zum Himmelsbogen;

Dort rührt’ ihn eines Gottes Hand,

Nun starrt er in den Ätherwogen.

Und läßt der Zauber nach, dann wird

Er niederprallen mit Geschmetter,

Daß das Gebirg’ in Scherben klirrt,

Und durch der Erde Adern irrt

Fortan das Gift der Höllengötter.

Drum poche sacht, du weißt es nicht

Was dir mag überm Haupte schwanken;

Drum drücke sacht, der Augen Licht

Wohl siehst du, doch nicht der Gedanken.

Wirf nicht den Stein zu jener Höh’

Wo dir gestaltlos Form und Wege,

Und schnelltest du ihn einmal je,

So fall auf deine Knie und fleh,

Daß ihn ein Gott berühren möge.

Alte und neue Kinderzucht

1.

In seiner Buchenhalle saß ein Greis auf grüner Bank,

Vor ihm, in grünlichem Pokal, der Rebe Feuertrank;

Zur Seite seiner Jugend Sproß, sich lehnend an den Zweigen,

Ein ernster Vierziger, vernahm des Alten Wort in Schweigen.

»Sohn«, sprach der Patriarch, es klang die Stimme schier bewegt:

»Das Kissen für mein Sterbebett du hast es weich gelegt;

Ich weiß es, eine Träne wird das Leichentuch mir netzen,

In meinen Sessel wird dereinst ein Ehrenmann sich setzen.

Zu Gottes Ehr’ und deiner Pflicht, und nach der Vordern Art,

Zog ich in aller Treue dich, als schon dein Kinn behaart.

Nicht will die neue Weise mir zum alten Haupte gehen,

Ein Sohn hat seinen Herrn, so lang zwei Augen offen stehen.

Mein Vater, – tröst’ ihn Gott, er fiel in einem guten Strauß! –

War Diener seinem Fürsten und ein König seinem Haus,

Sein treues Auge wußte wohl der Kinder Heil zu wahren,

Den letzten Schlag von seiner Hand fühlt’ ich mit zwanzig Jahren.

So macht’ er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum frohen Greis,

Zum Mann der tragen kann und sich im Glück zu fassen weiß,

Wie mag, wer seiner Launen Knecht, ein Herrenamt bezwingen?

Wer seiner Knospe Kraft verpraßt, wie möcht’ er Früchte bringen?

Nur von der Pike dient sich’s recht zum braven General.

Gesegnet sei die Hand die mir erspart der Torheit Wahl!

Mit tausend Tränen hab’ ich sie in unsre Gruft getragen,

Denn eines Vaters heil’ge Hand hat nie zu hart geschlagen.

Mein Haar ist grau, mein blödes Aug’ hat deinen Sproß gesehn,

Bald füllst du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir stehn.

Gedenk der Rechenschaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn lesen,

Gehorsam sei er dir, wie du gehorsam mir gewesen!«

So sprach der Patriarch, und schritt entlang die Buchenhall’,

Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Fürsten der Vasall,

Und seinen Knaben winkt’ er sacht herbei vom Blütenhagen,

Ließ küssen ihn des Alten Hand, und seinen Stab ihn tragen.

2.

An blühender Akazie lehnt ein blonder bleicher Mann,

Sehr mangelt ihm der Sitz, allein die Kinder spielen dran,

So schreibt er stehend, immer Ball und Peitschenhieb gewärt’gend,

Schnellfingrig für die Druckerei den Lückenbüßer fert’gend.

»In Osten steigt das junge Licht, es rauscht im Eichenhain,

Schon schlang der alte Erebus die alten Schatten ein,

Des Geistes Siegel sind gelöst, der Äther aufgeschlossen,

Und aus vermorschter Dogmen Staub lebend’ge Zedern sprossen.

O Geistesfessel, härter du als jemals ein Tyrann,

Geschlagen um des Sklaven Leib, du tausendjähr’ger Bann!

Geheim doch sicher hat der Rost genagt an deinem Ringe,

Nun wackelt er und fürchtet sich vor jedes Knaben Klinge!

Hin ist die Zeit wo ein Gespenst im Büßermantel schlich,

In seinen Bettelsack des Deutschen Gold und Ehre strich,

Wo Greise, Schulmonarchen gleich, die stumpfe Geißel schwenkten,

Des Sonnenrosses Zaum dem Grab verfallne Hände lenkten.

Nicht wird im zarten Kinde mehr des Mannes Keim erstickt,

Frei schießt die Eichenlode, unbeengt und ungeknickt;

Was mehr als Wissen, wirkender als Gaben, die zerstückelt –

Des kräft’gen Wollens Einheit wird im jungen Mark entwickelt.

Wir wuchsen unter Peitschenhieb an der Galeere auf,

Und dennoch riß das Dokument vom schnöden Seelenkauf

Durch deutsche Hand, durch unsre Hand, die, nach Ägyptens Plagen,

Noch immer stark genug den Brand ans Bagnotor zu tragen!

Doch ihr, die ihr den ganzen Saft der Muttererde trinkt,

An deren Zweig das erste Blatt schon wie Smaragde blinkt,

Ihr!« – unser Dichter stutzt – er hört an den Holundersträuchen

Sein Erstlingsreis, den Göttinger, wie eine Walze keuchen.

Und auf der Bank – sein Manuskript – o Pest! sein Dichterkranz –

Dort fliegt er, droben in der Luft, als langer Drachenschwanz!

Und – was? ein Guß? – bei Gott, da hängt der Bub, die wilde Katze,

Am Ast, und leert den Wasserkrug auf seines Vaters Glatze!

Die Schulen

Kennst du den Saal? ich schleiche sacht vorbei,

»Der alte Teufel tot, die Götter neu« –

Und was man Großes sonst darin mag hören.

Wie üppig wogend drängt der Jugend Schwarm!

Wie reich und glänzend! – aber ich bin arm,

Da will ich lieber eure Lust nicht stören.

Dann das Gewölb’ – mir wird darin nicht wohl,

Wo man der Gruft den modernden Obol

Entschaufelt, und sich drüber legt zum Streite;

Ergraute Häupter nicken rings herum,

Wie weis’ und gründlich! – aber ich bin dumm,

Da schleich’ ich lieber ungesehn bei Seite.

Doch die Katheder im Gebirge nah,

Der Meister unsichtbar, doch laut Hurra

Ihm Wälder, Strom und Sturmesflügel rauschen,

Matrikel ist des Herzens frischer Schlag,

Da will zeitlebens ich, bei Nacht und Tag,

Demüt’ger Schüler, seinen Worten lauschen.

Heidebilder

Die Lerche

Hörst du der Nacht gespornten Wächter nicht?

Sein Schrei verzittert mit dem Dämmerlicht,

Und schlummertrunken hebt aus Purpurdecken

Ihr Haupt die Sonne; in das Ätherbecken

Taucht sie die Stirn, man sieht es nicht genau,

Ob Licht sie zünde, oder trink’ im Blau.

Glührote Pfeile zucken auf und nieder,

Und wecken Taues Blitze, wenn im Flug

Sie streifen durch der Heide braunen Zug.

Da schüttelt auch die Lerche ihr Gefieder,

Des Tages Herold seine Liverei;

Ihr Köpfchen streckt sie aus dem Ginster scheu,

Blinzt nun mit diesem, nun mit jenem Aug’;

Dann leise schwankt, es spaltet sich der Strauch,

Und wirbelnd des Mandates erste Note

Schießt in das feuchte Blau des Tages Bote.

»Auf! auf! die junge Fürstin ist erwacht!

Schlaftrunkne Kämmrer, habt des Amtes acht;

Du mit dem Saphirbecken Genziane,

Zwergweide du mit deiner Seidenfahne,

Das Amt, das Amt, ihr Blumen allzumal,

Die Fürstin wacht, bald tritt sie in den Saal!«

Da regen tausend Wimper sich zugleich,

Maßliebchen hält das klare Auge offen,

Die Wasserlilie sieht ein wenig bleich,

Erschrocken, daß im Bade sie betroffen;

Wie steht der Zitterhalm verschämt und zage!

Die kleine Weide pudert sich geschwind

Und reicht dem West ihr Seidentüchlein lind,

Daß zu der Hoheit Händen er es trage.

Ehrfürchtig beut den tauigen Pokal

Das Genzian, und nieder langt der Strahl;

Prinz von Geblüte hat die erste Stätte

Er immer dienend an der Fürstin Bette.

Der Purpur lischt gemach im Rosenlicht,

Am Horizont ein zuckend Leuchten bricht

Des Vorhangs Falten, und aufs neue singt

Die Lerche, daß es durch den Äther klingt:

»Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Tor!

Frischauf ihr Musikanten in den Hallen,

Laßt euer zartes Saitenspiel erschallen,

Und, florbeflügelt Volk, heb an den Chor,

Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Tor!«

Da krimmelt, wimmelt es im Heidgezweige,

Die Grille dreht geschwind das Beinchen um,

Streicht an des Taues Kolophonium,

Und spielt so schäferlich die Liebesgeige.

Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt,

Die Mücke schleift behend die Silberschwingen,

Daß heller der Triangel möge klingen;

Diskant und auch Tenor die Fliege surrt;

Und, immer mehrend ihren werten Gurt,

Die reiche Katze um des Leibes Mitten,

Ist als Bassist die Biene eingeschritten:

Schwerfällig hockend in der Blüte rummeln

Das Kontraviolon die trägen Hummeln.

So tausendarmig ward noch nie gebaut

Des Münsters Halle, wie im Heidekraut

Gewölbe an Gewölben sich erschließen,

Gleich Labyrinthen in einander schießen;

So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor,

Wie’s musiziert aus grünem Heid hervor.

Jetzt sitzt die Königin auf ihrem Throne,

Die Silberwolke Teppich ihrem Fuß,

Am Haupte flammt und quillt die Strahlenkrone,

Und lauter, lauter schallt des Herolds Gruß:

»Bergleute auf, herauf aus eurem Schacht,

Bringt eure Schätze, und du Fabrikant,

Breit vor der Fürstin des Gewandes Pracht,

Kaufherrn, enthüllt den Saphir, den Demant.«

Schau, wie es wimmelt aus der Erde Schoß,

Wie sich die schwarzen Knappen drängen, streifen,

Und mühsam stemmend aus den Stollen schleifen

Gewalt’ge Stufen, wie der Träger groß;

Ameisenvolk, du machst es dir zu schwer!

Dein roh Gestein lockt keiner Fürstin Gnaden.

Doch sieh die Spinne rutschend hin und her,

Schon zieht sie des Gewebes letzten Faden,

Wie Perlen klar, ein duftig Elfenkleid;

Viel edle Funken sind darin entglommen;

Da kömmt der Wind und häkelt es vom Heid,

Es steigt, es flattert, und es ist verschwommen. –

Die Wolke dehnte sich, scharf strich der Hauch,

Die Lerche schwieg, und sank zum Ginsterstrauch.

Die Jagd

Die Luft hat schlafen sich gelegt,

Behaglich in das Moos gestreckt,

Kein Rispeln, das die Kräuter regt,

Kein Seufzer, der die Halme weckt.

Nur eine Wolke träumt mitunter

Am blassen Horizont hinunter,

Dort, wo das Tannicht überm Wall

Die dunkeln Kandelabern streckt.

Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall:

»Hallo! hoho!« so lang gezogen,

Man meint, die Klänge schlagen Wogen

Im Ginsterfeld, und wieder dort:

»Hallo! hoho!« – am Dickicht fort

Ein zögernd Echo, – alles still!

Man hört der Fliege Angstgeschrill

Im Mettennetz, den Fall der Beere,

Man hört im Kraut des Käfers Gang,

Und dann wie ziehnder Kranichheere

Kling klang! von ihrer luft’gen Fähre,

Wie ferner Unkenruf: Kling! klang!

Ein Läuten das Gewäld entlang,

Hui schlüpft der Fuchs den Wall hinab –

Er gleitet durch die Binsenspeere,

Und zuckelt fürder seinen Trab:

Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken,

Nach stäuben die lebend’gen Glocken,

Radschlagend an des Dammes Hang;

Wie Aale schnellen sie vom Grund,

Und weiter, weiter, Fuchs und Hund.

Der schwankende Wacholder flüstert,

Die Binse rauscht, die Heide knistert,

Und stäubt Phalänen um die Meute.

Sie jappen, klaffen nach der Beute,

Schaumflocken sprühn aus Nas’ und Mund;

Noch hat der Fuchs die rechte Weite,

Gelassen trabt er, schleppt den Schweif,

Zieht in dem Taue dunklen Streif,

Und zeigt verächtlich seine Socken.

Doch bald hebt er die Lunte frisch,

Und, wie im Weiher schnellt der Fisch,

Fort setzt er über Kraut und Schmelen,

Wirft mit den Läufen Kies und Staub;

Die Meute mit geschwollnen Kehlen

Ihm nach wie rasselnd Winterlaub.

Man höret ihre Kiefern knacken,

Wenn fletschend in die Luft sie hacken;

In weitem Kreise so zum Tann,

Und wieder aus dem Dickicht dann

Ertönt das Glockenspiel der Bracken.

Was bricht dort im Gestrippe am Revier?

Im holprichten Galopp stampft es den Grund;

Ha! brüllend Herdenvieh! voran der Stier,

Und ihnen nach klafft ein versprengter Hund.

Schwerfällig poltern sie das Feld entlang,

Das Horn gesenkt, waagrecht des Schweifes Strang,

Und taumeln noch ein paarmal in die Runde,

Eh Posto wird gefaßt im Heidegrunde.

Nun endlich stehn sie, murren noch zurück,

Das Dickicht messend mit verglastem Blick,

Dann sinkt das Haupt und unter ihrem Zahne

Ein leises Rupfen knirrt im Thimiane;

Unwillig schnauben sie den gelben Rauch,

Das Euter streifend am Wacholderstrauch,

Und peitschen mit dem Schweife in die Wolke

Von summendem Gewürm und Fliegenvolke.

So langsam schüttelnd den gefüllten Bauch

Fort grasen sie bis zu dem Heidekolke.

Ein Schuß: »Hallo!« ein zweiter Schuß: »Hoho!«

Die Herde stutzt, des Kolkes Spiegel kraust

Ihr Blasen, dann die Hälse streckend, so

Wie in des Dammes Mönch der Strudel saust,

Ziehn sie das Wasser in den Schlund, sie pusten,

Die kranke Sterke schaukelt träg herbei,

Sie schaudert, schüttelt sich in hohlem Husten,

Und dann – ein Schoß, und dann – ein Jubelschrei!

Das grüne Käppchen auf dem Ohr,

Den halben Mond am Lederband,

Trabt aus der Lichtung rasch hervor

Bis mitten in das Heideland

Ein Waidmann ohne Tasch’ und Büchse;

Er schwenkt das Horn, er ballt die Hand,

Dann setzt er an, und tausend Füchse

Sind nicht so kräftig totgeblasen,

Als heut es schmettert übern Rasen.

»Der Schelm ist tot, der Schelm ist tot!

Laßt uns den Schelm begraben!

Kriegen ihn die Hunde nicht,

Dann fressen ihn die Raben,

Hoho hallo!«

Da stürmt von allen Seiten es heran,

Die Bracken brechen aus Genist und Tann;

Durch das Gelände sieht in wüsten Reifen

Man johlend sie um den Hornisten schweifen.

Sie ziehen ihr Geheul so hohl und lang,

Daß es verdunkelt der Fanfare Klang,

Doch lauter, lauter schallt die Gloria,

Braust durch den Ginster die Viktoria:

»Hängt den Schelm, hängt den Schelm!

Hängt ihn an die Weide,

Mir den Balg und dir den Talg,

Dann lachen wir alle beide;

Hängt ihn! Hängt ihn

Den Schelm, den Schelm! – –«

Die Vogelhütte

Regen, Regen, immer Regen! will nicht das Geplätscher enden,

Daß ich aus dem Sarge brechen kann, aus diesen Bretterwänden?

Sieben Schuhe ins Gevierte, das ist doch ein ärmlich Räumchen

Für ein Menschenkind, und wär’ es schlank auch wie ein Rosenbäumchen!

O was ließ ich mich gelüsten, in den Vogelherd zu flüchten,

Als nur schwach die Wolke tropfte, als noch flüsterten die Fichten:

Und muß nun bestehn das Ganze, wie wenn zögernd man dem Schwätzer

Raum gegeben, dem langweilig Seile drehnden Phrasensetzer;

Und am Knopfe nun gehalten, oder schlimmer an den Händen,

Zappelnd wie der Halbgehängte langet nach des Strickes Enden!

Meine Unglücksstrick’ sind dieser Wasserstriemen Läng’ und Breite,

Die verkörperten Hyperbeln, denn Bindfäden regnet’s heute.

Denk’ ich an die heitre Stube, an das weiche Kanapee,

Und wie mein Gedicht, das meine, dort zerlesen wird beim Tee:

Denk’ ich an die schwere Zunge, die statt meiner es zerdrischt,

Bohrend wie ein Schwertfisch möcht’ ich schießen in den Wassergischt.

Pah! was kümmern mich die Tropfen, ob ich naß ob säuberlich!

Aber besser stramm und trocken, als durchnäßt und lächerlich.

Da – ein Fleck, ein Loch am Himmel; bist du endlich doch gebrochen,

Alte Wassertonne, hab’ ich endlich dich entzwei gesprochen?

Aber wehe! wie’s vom Fasse brodelt, wenn gesprengt der Zapfen,

Hör’ ich’s auf dem Dache rasseln, förmlich wie mit Füßen stapfen.

Regen! unbarmherz’ger Regen! mögst du braten oder sieden!

Wehe, diese alte Kufe ist das Faß der Danaiden!

Ich habe mich gesetzt in Gottes Namen;

Es hilft doch alles nicht, und mein Gedicht

Ist längst gelesen und im Schloß die Damen,

Sie saßen lange zu Gericht.

Statt einen neuen Lorbeerkranz zu drücken

In meine Phöboslocken, hat man sacht

Den alten losgezupft und hinterm Rücken

Wohl Eselsohren mir gemacht.

Verkannte Seele, fasse dich im Leiden,

Sei stark, sei nobel, denk, der Ruhm ist leer,

Das Leben kurz, es wechseln Schmerz und Freuden,

Und was dergleichen Neugedachtes mehr!

Ich schau mich um in meiner kleinen Zelle:

Für einen Klausner wär’s ein hübscher Ort;

Die Bank, der Tisch, das hölzerne Gestelle,

Und an der Wand die Tasche dort;

Ein Netz im Winkelchen, ein Rechen, Spaten –

Und Betten? nun, das macht sich einfach hier;

Der Thimian ist heuer gut geraten,

Und blüht mir grade vor der Tür.

Die Waldung drüben – und das Quellgewässer –

Hier möcht’ ich Heidebilder schreiben, zum Exempel:

»Die Vogelhütte«, nein – »der Herd«, nein besser:

»Der Knieende in Gottes weitem Tempel.«

‘s ist doch romantisch, wenn ein zart Geriesel

Durch Immortellen und Wacholderstrauch

Umzieht und gleitet, wie ein schlüpfend Wiesel,

Und drüber flirrt der Stöberrauch;

Wenn Schimmer wechseln, weiß und seladonen;

Die weite Ebne schaukelt wie ein Schiff,

Hindurch der Kiebitz schrillt, wie Halkyonen

Wehklagend ziehen um das Riff.

Am Horizont die kolossalen Brücken –

Sind’s Wolken oder ist’s ein ferner Wald?

Ich will den Schemel an die Luke rücken,

Da liegt mein Hut, mein Hammer, – halt:

Ein Teller am Gestell! – was mag er bieten?

Fundus! bei Gott, ein Fund die Brezel drin!

Für einen armen Hund von Eremiten,

Wie ich es leider heute bin!

Ein seidner Beutel noch – am Bort zerrissen;

Ich greife, greife Rundes mit der Hand;

Weh! in die dürre Erbs’ hab’ ich gebissen –

Ich dacht’, es seie Zuckerkand.

Und nun die Tasche! he, wir müssen klopfen –

Vielleicht liegt ein Gefangner hier in Haft;

Da – eine Flasche! schnell herab den Pfropfen –

Ist’s Wasser? Wasser? – edler Rebensaft!

Und Edlerer, der ihn dem Sack vertraute,

Splendid barmherziger Wildhüter du,

Für einen armen Schelm, der Erbsen kaute,

Den frommen Bruder Tuck im Ivanhoe!

Mit dem Gekörn will ich den Kiebitz letzen,

Es aus der Lücke streun, wenn er im Flug

Herschwirrt, mir auf die Schulter sich zu setzen,

Wie man es liest in manchem Buch.

Mir ist ganz wohl in meiner armen Zelle;

Wie mir das Klausnerleben so gefällt!

Ich bleibe hier, ich geh nicht von der Stelle,

Bevor der letzte Tropfen fällt.

Es verrieselt, es verraucht,

Mählich aus der Wolke taucht

Neu hervor der Sonnenadel.

In den feinen Dunst die Fichte

Ihre grünen Dornen streckt,

Wie ein schönes Weib die Nadel

In den Spitzenschleier steckt;

Und die Heide steht im Lichte

Zahllos blanker Tropfen, die

Am Wacholder zittern, wie

Glasgehänge an dem Lüster.

Überm Grund geht ein Geflüster,

Jedes Kräutchen reckt sich auf,

Und in langgestrecktem Lauf,

Durch den Sand des Pfades eilend,

Blitzt das goldne Panzerhemd

Des Kuriers;1 am Halme weilend

Streicht die Grille sich das Naß

Von der Flügel grünem Glas.

Grashalm glänzt wie eine Klinge,

Und die kleinen Schmetterlinge,

Blau, orange, gelb und weiß,

Jagen tummelnd sich im Kreis.

Alles Schimmer, alles Licht,

Bergwald mag und Welle nicht

Solche Farbentöne hegen,

Wie die Heide nach dem Regen.

Ein Schall – und wieder – wieder – was ist das? –

Bei Gott, das Schloß! Da schlägt es acht im Turme –

Weh mein Gedicht! o weh mir armem Wurme,

Nun fällt mir alles ein, was ich vergaß!

Mein Hut, mein Hammer, hurtig fortgetrabt –

Vielleicht, vielleicht ist man diskret gewesen,

Und harrte meiner, der sein Federlesen

Indes mit Kraut und Würmern hat gehabt. –

Nun kömmt der Steg und nun des Teiches Ried,

Nun steigen der Alleen schlanke Streifen;

Ich weiß es nicht, ich kann es nicht begreifen,

Wie ich so gänzlich mich vom Leben schied –

Doch freilich – damals war ich Eremit!

Fußnoten

1 Buprestis, ein in allen Farben schimmernder Prachtkäfer, der sich im Heidekraut aufhält.

Der Weiher

Er liegt so still im Morgenlicht,

So friedlich, wie ein fromm Gewissen;

Wenn Weste seinen Spiegel küssen,

Des Ufers Blume fühlt es nicht;

Libellen zittern über ihn,

Blaugoldne Stäbchen und Karmin,

Und auf des Sonnenbildes Glanz

Die Wasserspinne führt den Tanz;

Schwertlilienkranz am Ufer steht

Und horcht des Schilfes Schlummerliede;

Ein lindes Säuseln kommt und geht,

Als flüstr’ es: Friede! Friede! Friede! –

Das Schilf

Stille, er schläft, stille! stille!

Libelle, reg die Schwingen sacht,

Daß nicht das Goldgewebe schrille,

Und, Ufergrün, halt gute Wacht,

Kein Kieselchen laß niederfallen.

Er schläft auf seinem Wolkenflaum,

Und über ihn läßt säuselnd wallen

Das Laubgewölb’ der alte Baum;

Hoch oben, wo die Sonne glüht,

Wieget der Vogel seine Flügel,

Und wie ein schlüpfend Fischlein zieht

Sein Schatten durch des Teiches Spiegel.

Stille, stille! er hat sich geregt,

Ein fallend Reis hat ihn bewegt,

Das grad zum Nest der Hänfling trug;

Su, Su! breit, Ast, dein grünes Tuch –

Su, Su! nun schläft er fest genug.

Die Linde

Ich breite über ihn mein Blätterdach

So weit ich es vom Ufer strecken mag.

Schau her, wie langaus meine Arme reichen,

Ihm mit den Fächern das Gewürm zu scheuchen,

Das hundertfarbig zittert in der Luft.

Ich hauch’ ihm meines Odems besten Duft,

Und auf sein Lager laß ich niederfallen

Die lieblichste von meinen Blüten allen;

Und eine Bank lehnt sich an meinen Stamm,

Da schaut ein Dichter von dem Uferdamm,

Den hör’ ich flüstern wunderliche Weise,

Von mir und dir und der Libell’ so leise,

Daß er den frommen Schläfer nicht geweckt;

Sonst wahrlich hätt’ die Raupe ihn erschreckt,

Die ich geschleudert aus dem Blätterhag.

Wie grell die Sonne blitzt; schwül wird der Tag.

O könnt’ ich! könnt’ ich meine Wurzeln strecken

Recht mitten in das tief kristallne Becken,

Den Fäden gleich, die, grünlicher Asbest,

Schaun so behaglich aus dem Wassernest,

Wie mir zum Hohne, der im Sonnenbrande

Hier einsam niederlechzt vom Uferrande.

Die Wasserfäden

Neid uns! neid uns! laß die Zweige hangen,

Nicht weil flüssigen Kristall wir trinken,

Neben uns des Himmels Sterne blinken,

Sonne sich in unserm Netz gefangen –

Nein, des Teiches Blutsverwandte, fest

Hält er all uns an die Brust gepreßt,

Und wir bohren unsre feinen Ranken

In das Herz ihm, wie ein liebend Weib,

Dringen Adern gleich durch seinen Leib,

Dämmern auf wie seines Traums Gedanken;

Wer uns kennt, der nennt uns lieb und treu,

Und die Schmerle birgt in unsrer Hut

Und die Karpfenmutter ihre Brut;

Welle mag in unserm Schleier kosen;

Uns nur traut die holde Wasserfei,

Sie, die Schöne, lieblicher als Rosen.

Schleuß, Trifolium,1 die Glocken auf,

Kurz dein Tag, doch königlich sein Lauf!

Fußnoten

1 Trifolium, Dreiblatt, Menianthes trifoliata. L. Biberklee. Eine Wasserpflanze, die nur in sehr tiefem Wasser wächst, mit schöner aber sehr vergänglicher Blüte.

Kinder am Ufer

O sieh doch! siehst du nicht die Blumenwolke

Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke?

O! das ist schön! hätt’ ich nur einen Stecken,

Schmalzweiße Kelch’ mit dunkelroten Flecken,

Und jede Glocke ist frisiert so fein

Wie unser wächsern Engelchen im Schrein.

Was meinst du, schneid’ ich einen Haselstab,

Und wat’ ein wenig in die Furt hinab?

Pah! Frösch’ und Hechte können mich nicht schrecken –

Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann

Dort in den langen Kräutern hocken kann?

Ich geh, ich gehe schon – ich gehe nicht –

Mich dünke, ich sah am Grunde ein Gesicht –

Komm laß uns lieber heim, die Sonne sticht!

Der Hünenstein

Zur Zeit der Scheide zwischen Nacht und Tag,

Als wie ein siecher Greis die Heide lag

Und ihr Gestöhn des Mooses Teppich regte,

Krankhafte Funken im verwirrten Haar

Elektrisch blitzten, und, ein dunkler Mahr,

Sich über sie die Wolkenschichte legte;

Zu dieser Dämmerstunde war’s, als ich

Einsam hinaus mit meinen Sorgen schlich,

Und wenig dachte, was es draußen treibe.

Nachdenklich schritt ich, und bemerkte nicht

Des Krautes Wallen und des Wurmes Licht,

Ich sah auch nicht, als stieg die Mondesscheibe.

Grad war der Weg, ganz sonder Steg und Bruch;

So träumt’ ich fort und, wie ein schlechtes Buch,

Ein Pfennigsmagazin uns auf der Reise

Von Station zu Stationen plagt,

Hab’ zehnmal Weggeworfnes ich benagt,

Und fortgeleiert überdrüß’ge Weise.

Entwürfe wurden aus Entwürfen reif,

Doch, wie die Schlange packt den eignen Schweif,

Fand ich mich immer auf derselben Stelle;

Da plötzlich fahr ein plumper Schröter jach

Ans Auge mir, ich schreckte auf und lag

Am Grund, um mich des Heidekrautes Welle.

Seltsames Lager, das ich mir erkor!

Zur Rechten, Linken schwoll Gestein empor,

Gewalt’ge Blöcke, rohe Porphirbrode;

Mir überm Haupte reckte sich der Bau,

Langhaar’ge Flechten rührten meine Brau,

Und mir zu Füßen schwankt’ die Ginsterlode.

Ich wußte gleich, es war ein Hünengrab,

Und fester drückt’ ich meine Stirn hinab,

Wollüstig saugend an des Grauens Süße,

Bis es mit eis’gen Krallen mich gepackt,

Bis wie ein Gletscherbronn des Blutes Takt

Aufquoll und hämmert’ unterm Mantelvließe.

Die Decke über mir, gesunken, schief,

An der so blaß gehärmt das Mondlicht schlief,

Wie eine Witwe an des Gatten Grabe;

Vom Hirtenfeuer Kohlenscheite sahn

So leichenbrandig durch den Thimian,

Daß ich sie abwärts schnellte mit dem Stabe.

Husch fuhr ein Kiebitz schreiend aus dem Moos;

Ich lachte auf; doch trug wie bügellos

Mich Phantasie weit über Spalt und Barren.

Dem Wind hab’ ich gelauscht so scharf gespannt,

Als bring’ er Kunde aus dem Geisterland,

Und immer mußt’ ich an die Decke starren.

Ha! welche Sehnen wälzten diesen Stein?

Wer senkte diese wüsten Blöcke ein,

Als durch das Heid die Totenklage schallte?

Wer war die Drude, die im Abendstrahl

Mit Run’ und Spruch umwandelte das Tal,

Indes ihr goldnes Haar im Winde wallte?

Dort ist der Osten, dort, drei Schuh im Grund,

Dort steht die Urne und in ihrem Rund

Ein wildes Herz zerstäubt zu Aschenflocken;

Hier lagert sich der Traum vom Opferhain,

Und finster schütteln über diesen Stein

Die grimmen Götter ihre Wolkenlocken.

Wie, sprach ich Zauberformel? Dort am Damm –

Es steigt, es breitet sich wie Wellenkamm,

Ein Riesenleib, gewalt’ger, höher immer;

Nun greift es aus mit langgedehntem Schritt –

Schau, wie es durch der Eiche Wipfel glitt,

Durch seine Glieder zittern Mondenschimmer.

Komm her, komm nieder – um ist deine Zeit!

Ich harre dein, im heil’gen Bad geweiht;

Noch ist der Kirchenduft in meinem Kleide! –

Da fährt es auf, da ballt es sich ergrimmt,

Und langsam, eine dunkle Wolke, schwimmt

Es über meinem Haupt entlang die Heide.

Ein Ruf, ein hüpfend Licht – es schwankt herbei –

Und – »Herr, es regnet« – sagte mein Lakai,

Der ruhig übers Haupt den Schirm mir streckte.

Noch einmal sah ich zum Gestein hinab:

Ach Gott, es war doch nur ein rohes Grab,

Das armen ausgedorrten Staub bedeckte! –

Die Steppe

Standest du je am Strande,

Wenn Tag und Nacht sich gleichen,

Und sahst aus Lehm und Sande

Die Regenrinnen schleichen –

Zahllose Schmugglerquellen,

Und dann, so weit das Auge

Nur reicht, des Meeres Wellen

Gefärbt mit gelber Lauge? –

Hier ist die Dün’ und drunten

Das Meer; Kanonen gleichend

Stehn Schäferkarrn, die Lunten

Verlöscht am Boden streichend.

Gilt’s etwa dem Korsaren

Im flatternden Kaftane,

Den dort ich kann gewahren

Im gelben Ozeane?

Er scheint das Tau zu schlagen,

Sein Schiff verdeckt die Düne,

Doch sieht den Mast man ragen, –

Ein dürrer Fichtenhüne;

Von seines Toppes Kunkel

Die Seile stramm wie Äste,

Der Mastkorb, rauh und dunkel,

Gleicht einem Weihenneste! –

Die Mergelgrube

Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand,

Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen,

Blau, gelb, zinnoberrot, als ob zur Gant

Natur die Trödelbude aufgeschlagen.

Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt,

Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt,

Als das Gerölle gleißend wie vom Schliff

Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff

Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze.

Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneus,

Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß,

Und um den Glimmer fahren Silberblitze;

Gesprenkelte Porphire, groß und klein,

Die Ockerdruse und der Feuerstein –

Nur wenige hat dieser Grund gezeugt,

Der sah den Strand, und der des Berges Kuppe;

Die zorn’ge Welle hat sie hergescheucht,

Leviathan mit seiner Riesenschuppe,

Als schäumend übern Sinai er fuhr,

Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen,

Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand,

Als dann am Ararat die Arche stand,

Und, eine fremde, üppige Natur,

Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. –

Findlinge nennt man sie, weil von der Brust,

Der mütterlichen sie gerissen sind,

In fremde Wiege schlummernd unbewußt,

Die fremde Hand sie legt’ wie’s Findelkind.

O welch ein Waisenhaus ist diese Heide,

Die Mohren, Blaßgesicht, und rote Haut

Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide!

Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut!

Tief ins Gebröckel, in die Mergelgrube

War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf;

Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube,

Und horchte träumend auf der Luft Geharf.

Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall

Melodisch schwinde im zerstörten All;

Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen,

Wenn brodelnd es in sich zusamm’gesunken;

Mir überm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen,

Als scharre in der Asche man den Funken.

Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor,

Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr.

Vor mir, um mich der graue Mergel nur,

Was drüber sah ich nicht; doch die Natur

Schien mir verödet, und ein Bild erstand

Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt;

Ich selber schien ein Funken mir, der doch

Erzittert in der toten Asche noch,

Ein Findling im zerfallnen Weltenbau.

Die Wolke teilte sich, der Wind ward lau;

Mein Haupt nicht wagt’ ich aus dem Hohl zu strecken,

Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken,

Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte –

War ich der erste Mensch oder der letzte?

Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen –

Noch schienen ihre Strahlen sie zu zücken,

Als sie geschleudert von des Meeres Busen,

Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken.

Es ist gewiß, die alte Welt ist hin,

Ich Petrefakt, ein Mammutsknochen drin!

Und müde, müde sank ich an den Rand

Der staub’gen Gruft; da rieselte der Grand

Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau

Wie eine Leich’ im Katakombenbau,

Und mir zu Füßen hört’ ich leises Knirren,

Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren.

Es war der Totenkäfer, der im Sarg

So eben eine frische Leiche barg;

Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt

Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt.

Und anders ward mein Träumen nun gewandet,

Zu einer Mumie ward ich versandet,

Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht,

Und auch der Skarabäus fehlte nicht.

Wie, Leichen über mir? – so eben gar

Rollt mir ein Byssusknäuel in den Schoß;

Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar –

Und plötzlich ließen mich die Träume los.

Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl,

Am Himmel stand der rote Sonnenball

Getrübt von Dunst, ein glüher Karniol,

Und Schafe weideten am Heidewall.

Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen,

Er schlingt den Faden und die Nadeln blitzen,

Wie er bedächtig seinen Socken strickt.

Zu mir hinunter hat er nicht geblickt.

»Ave Maria« hebt er an zu pfeifen,

So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen,

Er schaut so seelengleich die Herde an,

Daß man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann.

Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle

Schiebt den Gesang er in das Garngestrehle:

Es stehet ein Fischlein in einem tiefen See,

Danach tu ich wohl schauen, ob es kommt in die Höh;

Wandl’ ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein,

Alle meine Gedanken bei meinem Feinsliebchen sein.

Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein,

Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein,

Also sich verborgen bei mir die Liebe findt,

Alle meine Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind.

Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort,

Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort;

Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein,

Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein.

Ich war hinaufgeklommen, stand am Bord,

Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel;

Er steckt’ ihn an den Hut, und strickte fort,

Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel.

Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf –

»›Bertuchs Naturgeschichte‹; lest ihr das?« –

Da zog ein Lächeln seine Lippen auf:

»Der lügt mal, Herr! doch das ist just der Spaß!

Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt,

Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen;

Wär’s nicht zur Kurzweil, wär’ es schlecht gehandelt:

Man weiß ja doch, daß alles Vieh versoffen.«

Ich reichte ihm die Schieferplatte: »Schau,

Das war ein Tier.« Da zwinkert’ er die Brau’,

Und hat mir lange pfiffig nachgelacht –

Daß ich verrückt sei, hätt’ er nicht gedacht! –

Die Krähen

Heiß, heiß der Sonnenbrand

Drückt vom Zenit herunter,

Weit, weit der gelbe Sand

Zieht sein Gestäube drunter;

Nur wie ein grüner Strich

Am Horizont die Föhren;

Mich dünkt, man müßt’ es hören,

Wenn nur ein Kanker schlich.

Der blasse Äther siecht,

Ein Ruhen rings, ein Schweigen,

Dem matt das Ohr erliegt;

Nur an der Düne steigen

Zwei Fichten, dürr, ergraut –

Wie Trauernde am Grabe –

Wo einsam sich ein Rabe

Die rupp’gen Federn kraut.

Da zieht’s in Westen schwer

Wie eine Wetterwolke,

Kreist um die Föhren her

Und fällt am Heidekolke;

Und wieder steigt es dann,

Es flattert und es ächzet,

Und immer näher krächzet

Das Galgenvolk heran.

Recht, wo der Sand sich dämmt,

Da lagert es am Hügel;

Es badet sich und schwemmt,

Stäubt Asche durch die Flügel

Bis jede Feder grau;

Dann rasten sie im Bade,

Und horchen der Suade

Der alten Krähenfrau,

Die sich im Sande reckt,

Das Bein lang ausgeschossen,

Ihr eines Aug’ gefleckt,

Das andre ist geschlossen;

Zweihundert Jahr und mehr

Gehetzt mit allen Hunden,

Schnarrt sie nun ihre Kunden

Dem jungen Volke her:

»Ja, ritterlich und kühn all sein Gebar!

Wenn er so herstolzierte vor der Schar,

Und ließ sein bäumend Roß so drehn und schwenken,

Da mußt’ ich immer an Sankt Görgen denken,

Den Wettermann, der – als am Schlot ich saß,

Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen –

Vom Wind getrillt mich schlug so hart, daß baß

Ich es dem alten Raben möchte gönnen,

Der dort von seiner Hopfenstange schaut,

Als sei ein Baum er und wir andern Kraut! –

Kühn war der Halberstadt, das ist gewiß!

Wenn er die Braue zog, die Lippe biß,

Dann standen seine Landsknecht’ auf den Füßen

Wie Speere, solche Blicke konnt’ er schießen.

Einst brach sein Schwert; er riß die Kuppel los,

Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde.

Ich war nur immer froh, daß flügellos,

Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde:

Denn nie hab’ ich gesehn, daß aus der Schlacht

Er eine Leber nur beiseit’ gebracht.

An einem Sommertag, – heut sind es grad

Zweihundertfünfzehn Jahr, es lief die Schnat

Am Damme drüben damals bei den Föhren –

Da konnte man ein frisch Drommeten hören,

Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei,

Radschlagen sah man Reuter von den Rossen,

Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei;

Entlang die Gleise ist das Blut geflossen,

Granat’ und Wachtel liefen kunterbunt

Wie junge Kiebitze am sand’gen Grund.

Ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch

Man überschauen konnte recht mit Fug;

Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden,

Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden,

Hat seinen Stab geschwungen so und so;

Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten –

Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh’,

Es knallte, daß ich bin zu Fall geraten,

Und als kopfüber ich vom Galgen schoß,

Da pfiff der Halberstadt davon zu Roß.

Mir stieg der Rauch in Ohr und Kehl’, ich schwang

Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang;

Entlang die Heide fuhr ich mit Gekrächze.

Am Grunde, welch Geschrei, Geschnaub’, Geächze!

Die Rosse wälzten sich und zappelten,

Todwunde zuckten auf, Landsknecht’ und Reuter

Knirschten den Sand, da näher trappelten

Schwadronen, manche krochen winselnd weiter,

Und mancher hat noch einen Stich versucht,

Als über ihn der Bayer weggeflucht.

Noch lange haben sie getobt, geknallt,

Ich hatte mich geflüchtet in den Wald;

Doch als die Sonne färbt’ der Föhren Spalten,

Ha welch ein köstlich Mahl ward da gehalten!

Kein Geier schmaust, kein Weihe je so reich!

In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter,

Das gab ein Hacken, Picken, Leich auf Leich –

Allein der Halberstadt war nicht darunter:

Nicht kam er heut, noch sonst mir zu Gesicht,

Wer ihn gefressen hat, ich weiß es nicht.«

Sie zuckt die Klaue, kraut den Schopf,

Und streckt behaglich sich im Bade;

Da streckt ein grauer Herr den Kopf,

Weit älter, als die Scheh’razade.

»Ha«, krächzt er, »das war wüste Zeit, –

Da gab’s nicht Frauen, wie vor Jahren,

Als Ritter mit dem Kreuz gefahren,

Und man die Münster hat geweiht!«

Er hustet, speit ein wenig Sand und Ton,

Dann hebt er an, ein grauer Seladon:

»Und wenn er kühn, so war sie schön,

Die heil’ge Frau im Ordenskleide!

Ihr mocht’ der Weihel süßer stehn,

Als andern Güldenstück und Seide.

Kaum war sie holder an dem Tag,

Da ihr jungfräulich Haar man fällte,

Als ich ans Kirchenfenster schnellte,

Und schier Tobias’ Hündlein brach.

Da stand die alte Gräfin, stand

Der alte Graf, geduldig harrend;

Er aufs Barettlein in der Hand,

Sie fest aufs Paternoster starrend;

Ehrbar, wie bronzen sein Gesicht –

Und aus der Mutter Wimpern glitten

Zwei Tränen auf der Schaube Mitten,

Doch ihre Lippe zuckte nicht.

Und sie in ihrem Sammetkleid,

Von Perlen und Juwel umfunkelt,

Bleich war sie, aber nicht von Leid,

Ihr Blick doch nicht von Gram umdunkelt.

So mild hat sie das Haupt gebeugt,

Als woll’ auf den Altar sie legen

Des Haares königlichen Segen,

Vom Antlitz ging ein süß Geleucht.

Doch als nun, wie am Blutgerüst,

Ein Mann die Seidenstränge packte,

Da faßte mich ein wild Gelüst,

Ich schlug die Scheiben, daß es knackte,

Und flattert’ fort, als ob der Stahl

Nach meinem Nacken wolle zücken.

Ja wahrlich, über Kopf und Rücken

Fühlt’ ich den ganzen Tag mich kahl!

Und später sah ich manche Stund

Sie betend durch den Kreuzgang schreiten,

Ihr süßes Auge übern Grund

Entlang die Totenlager gleiten;

Ins Quadrum flog ich dann herab,

Spazierte auf dem Leichensteine,

Sang, oder suchte auch zum Scheine

Nach einem Regenwurm am Grab.

Wie sie gestorben, weiß ich nicht;

Die Fenster hatte man verhangen,

Ich sah am Vorhang nur das Licht

Und hörte, wie die Schwestern sangen;

Auch hat man keinen Stein geschafft

Ins Quadrum, doch ich hörte sagen,

Daß manchem Kranken Heil getragen

Der sel’gen Frauen Wunderkraft.

Ein Loch gibt es am Kirchenend’,

Da kann man ins Gewölbe schauen,

Wo matt die ew’ge Lampe brennt,

Steinsärge ragen, fein gehauen;

Da streck’ ich oft im Dämmergrau

Den Kopf durchs Gitter, klage, klage

Die Schlafende im Sarkophage,

So hold, wie keine Krähenfrau!«

Er schließt die Augen, stößt ein lang »Krahah!«

Gestreckt die Zunge und den Schnabel offen;

Matt, flügelhängend, ein zertrümmert Hoffen,

Ein Bild gebrochnen Herzens sitzt er da. –

Da schnarrt es über ihm: »Ihr Narren all!«

Und nieder von der Fichte plumpt der Rabe:

»Ist einer hier, der hörte von Walhall,

Von Teut und Thor, und von dem Hünengrabe?

Saht ihr den Opferstein« – da mit Gekrächz

Hebt sich die Schar und klatscht entlang den Hügel.

Der Rabe blinzt, er stößt ein kurz Geächz,

Die Federn sträubend wie ein zorn’ger Igel;

Dann duckt er nieder, kraut das kahle Ohr,

Noch immer schnarrend fort von Teut und Thor. –

Das Hirtenfeuer

Dunkel, dunkel im Moor,

Über der Heide Nacht,

Nur das rieselnde Rohr

Neben der Mühle wacht,

Und an des Rades Speichen

Schwellende Tropfen schleichen.

Unke kauert im Sumpf,

Igel im Grase duckt,

In dem modernden Stumpf

Schlafend die Kröte zuckt,

Und am sandigen Hange

Rollt sich fester die Schlange.

Was glimmt dort hinterm Ginster,

Und bildet lichte Scheiben?

Nun wirft es Funkenflinster,

Die löschend niederstäuben;

Nun wieder alles dunkel –

Ich hör’ des Stahles Picken,

Ein Knistern, ein Gefunkel –

Und auf die Flammen zücken.

Und Hirtenbuben hocken

Im Kreis’ umher, sie strecken

Die Hände, Torfes Brocken

Seh ich die Lohe lecken;

Da bricht ein starker Knabe

Aus des Gestrippes Windel,

Und schleifet nach im Trabe

Ein wüst Wacholderbündel.

Er läßt’s am Feuer kippen –

Hei, wie die Buben johlen,

Und mit den Fingern schnippen

Die Funken-Girandolen!

Wie ihre Zipfelmützen

Am Ohre lustig flattern,

Und wie die Nadeln spritzen,

Und wie die Äste knattern!

Die Flamme sinkt, sie hocken

Aufs neu’ umher im Kreise,

Und wieder fliegen Brocken,

Und wieder schwelt es leise;

Glührote Lichter streichen

An Haarbusch und Gesichte,

Und schier Dämonen gleichen

Die kleinen Heidewichte.

Der da, der Unbeschuhte,

Was streckt er in das Dunkel

Den Arm wie eine Rute,

Im Kreise welch Gemunkel?

Sie spähn wie junge Geier

Von ihrer Ginsterschütte:

Hah, noch ein Hirtenfeuer,

Recht an des Dammes Mitte!

Man sieht es eben steigen

Und seine Schimmer breiten,

Den wirren Funkenreigen

Übern Wacholder gleiten;

Die Buben flüstern leise,

Sie räuspern ihre Kehlen,

Und alte Heideweise

Verzittert durch die Schmelen.

»Helo, heloe!

Heloe, loe!

Komm du auf unsre Heide,

Wo ich meine Schäflein weide,

Komm, o komm in unser Bruch,

Da gibt’s der Blümelein genug, –

Helo, heloe!«

Die Knaben schweigen, lauschen nach dem Tann,

Und leise durch den Ginster zieht’s heran:

Gegenstrophe

»Helo, heloe!

Ich sitze auf dem Walle,

Meine Schäflein schlafen alle,

Komm, o komm in unsern Kamp,

Da wächst das Gras wie Brahm so lang! –

Helo, heloe!

Heloe, loe!«

Der Heidemann1

»Geht, Kinder, nicht zu weit ins Bruch,

Die Sonne sinkt, schon surrt den Flug

Die Biene matter, schlafgehemmt,

Am Grunde schwimmt ein blasses Tuch,

Der Heidemann kömmt!« –

Die Knaben spielen fort am Raine,

Sie rupfen Gräser, schnellen Steine,

Sie plätschern in des Teiches Rinne,

Erhaschen die Phalän’ am Ried,

Und freun sich, wenn die Wasserspinne

Langbeinig in die Binsen flieht.

»Ihr Kinder, legt euch nicht ins Gras, –

Seht, wo noch grad’ die Biene saß,

Wie weißer Rauch die Glocken füllt.

Scheu aus dem Busche glotzt der Has,

Der Heidemann schwillt!« –

Kaum hebt ihr schweres Haupt die Schmele

Noch aus dem Dunst, in seine Höhle

Schiebt sich der Käfer und am Halme

Die träge Motte höher kreucht,

Sich flüchtend vor dem feuchten Qualme,

Der unter ihre Flügel steigt.

»Ihr Kinder, haltet euch bei Haus,

Lauft ja nicht in das Bruch hinaus;

Seht, wie bereits der Dorn ergraut,

Die Drossel ächzt zum Nest hinaus,

Der Heidemann braut!« –

Man sieht des Hirten Pfeife glimmen,

Und vor ihm her die Herde schwimmen,

Wie Proteus seine Robbenscharen

Heimschwemmt im grauen Ozean.

Am Dach die Schwalben zwitschernd fahren

Und melancholisch kräht der Hahn.

»Ihr Kinder, bleibt am Hofe dicht,

Seht, wie die feuchte Nebelschicht

Schon an des Pförtchens Klinke reicht;

Am Grunde schwimmt ein falsches Licht,

Der Heidemann steigt!« –

Nun strecken nur der Föhren Wipfel

Noch aus dem Dunste grüne Gipfel,

Wie übern Schnee Wacholderbüsche;

Ein leises Brodeln quillt im Moor,

Ein schwaches Schrillen, ein Gezische

Dringt aus der Niederung hervor.

»Ihr Kinder, kommt, kommt schnell herein,

Das Irrlicht zündet seinen Schein,

Die Kröte schwillt, die Schlang’ im Ried;

Jetzt ist’s unheimlich draußen sein,

Der Heidemann zieht!« –

Nun sinkt die letzte Nadel, rauchend

Zergeht die Fichte, langsam tauchend

Steigt Nebelschemen aus dem Moore,

Mit Hünenschritten gleitet’s fort;

Ein irres Leuchten zuckt im Rohre,

Der Krötenchor beginnt am Bord.

Und plötzlich scheint ein schwaches Glühen

Des Hünen Glieder zu durchziehen;

Es siedet auf, es färbt die Wellen,

Der Nord, der Nord entzündet sich –

Glutpfeile, Feuerspeere schnellen,

Der Horizont ein Lavastrich!

»Gott gnad’ uns! wie es zuckt und dräut,

Wie’s schwelet an der Dünenscheid’! –

Ihr Kinder, faltet eure Händ’,

Das bringt uns Pest und teure Zeit –

Der Heidemann brennt!« –

Fußnoten

1 Hier nicht das bekannte Gespenst, sondern die Nebelschicht, die sich zur Herbst- und Frühlingszeit abends über den Heidegrund legt.

Das Haus in der Heide

Wie lauscht, vom Abendschein umzuckt,

Die strohgedeckte Hütte,

– Recht wie im Nest der Vogel duckt, –

Aus dunkler Föhren Mitte.

Am Fensterloche streckt das Haupt

Die weißgestirnte Sterke,

Bläst in den Abendduft und schnaubt

Und stößt ans Holzgewerke.

Seitab ein Gärtchen, dornumhegt,

Mit reinlichem Gelände,

Wo matt ihr Haupt die Glocke trägt,

Aufrecht die Sonnenwende.

Und drinnen kniet ein stilles Kind,

Das scheint den Grund zu jäten,

Nun pflückt sie eine Lilie lind

Und wandelt längs den Beeten.

Am Horizonte Hirten, die

Im Heidekraut sich strecken,

Und mit des Aves Melodie

Träumende Lüfte wecken.

Und von der Tenne ab und an

Schallt es wie Hammerschläge,

Der Hobel rauscht, es fällt der Span,

Und langsam knarrt die Säge.

Da hebt der Abendstern gemach

Sich aus den Föhrenzweigen,

Und grade ob der Hütte Dach

Scheint er sich mild zu neigen.

Es ist ein Bild, wie still und heiß

Es alte Meister hegten,

Kunstvolle Mönche, und mit Fleiß

Es auf den Goldgrund legten.

Der Zimmermann – die Hirten gleich

Mit ihrem frommen Liede –

Die Jungfrau mit dem Lilienzweig –

Und rings der Gottesfriede.

Des Sternes wunderlich Geleucht

Aus zarten Wolkenfloren –

Ist etwa hier im Stall vielleicht

Christkindlein heut geboren?

Der Knabe im Moor

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

Wenn es wimmelt vom Heiderauche,

Sich wie Phantome die Dünste drehn

Und die Ranke häkelt am Strauche,

Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt,

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,

Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

Und rennt als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind –

Was raschelt drüben am Hage?

Das ist der gespenstige Gräberknecht,

Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,

Unheimlich nicket die Föhre,

Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

Durch Riesenhalme wie Speere;

Und wie es rieselt und knittert darin!

Das ist die unselige Spinnerin,

Das ist die gebannte Spinnlenor’,

Die den Haspel dreht im Geröhre!

Voran, voran, nur immer im Lauf,

Voran als woll’ es ihn holen;

Vor seinem Fuße brodelt es auf,

Es pfeift ihm unter den Sohlen

Wie eine gespenstige Melodei;

Das ist der Geigemann ungetreu

Das ist der diebische Fiedler Knauf,

Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht

Hervor aus der klaffenden Höhle;

Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:

»Ho, ho, meine arme Seele!«

Der Knabe springt wie ein wundes Reh,

Wär’ nicht Schutzengel in seiner Näh’,

Seine bleichenden Knöchelchen fände spät

Ein Gräber im Moorgeschwele.

Da mählich gründet der Boden sich,

Und drüben, neben der Weide,

Die Lampe flimmert so heimatlich,

Der Knabe steht an der Scheide.

Tief atmet er auf, zum Moor zurück

Noch immer wirft er den scheuen Blick:

Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,

O schaurig war’s in der Heide!

Fels, Wald und See

Die Elemente

Luft

Der Morgen, der Jäger

Wo die Felsenlager stehen,

Sich des Schnees Daunen blähen,

Auf des Chimborasso Höhen

Ist der junge Strahl erwacht;

Regt und dehnt die ros’gen Glieder,

Schüttelt dann sein Goldgefieder,

Mit dem Flimmerauge nieder

Blinzt er in des Tales Schacht.

Hörst du wie es fällt und steigt?

Fühlst du wie es um dich streicht?

Dringt zu dir im weichen Duft

Nicht der Himmelsodem – Luft?

Ins frische Land der Jäger tritt:

»Gegrüßt du fröhlicher Morgen!

Gegrüßt du Sonn’, mit dem leichten Schritt

Wir beiden ziehn ohne Sorgen.

Und dreimal gegrüßt mein Geselle Wind,

Der stets mir wandelt zur Seite,

Im Walde flüstert durch Blätter lind,

Zur Höh’ gibt springend Geleite.

Und hat die Gems, das listige Tier,

Mich verlockt in ihr zackiges Felsrevier,

Wie sind wir drei dann so ganz allein,

Du, Luft, und ich, und der uralte Stein!«

Wasser

Der Mittag, der Fischer

Alles still ringsum –

Die Zweige ruhen, die Vögel sind stumm.

Wie ein Schiff, das im vollen Gewässer brennt,

Und das die Windsbraut jagt,

So durch den Azur die Sonne rennt,

Und immer flammender tagt.

Natur schläft – ihr Odem steht,

Ihre grünen Locken hangen schwer,

Nur auf und nieder ihr Pulsschlag geht

Ungehemmt im heiligen Meer.

Jedes Räupchen sucht des Blattes Hülle,

Jeden Käfer nimmt sein Grübchen auf;

Nur das Meer liegt frei in seiner Fülle,

Und blickt zum Firmament hinauf.

In der Bucht wiegt ein Kahn,

Ausgestreckt der Fischer drin,

Und die lange Wasserbahn

Schaut er träumend überhin.

Neben ihm die Zweige hängen,

Unter ihm die Wellchen drängen,

Plätschernd in der blauen Flut

Schaukelt seine heiße Hand:

»Wasser«, spricht er, »Welle gut,

Hauchst so kühlig an den Strand.

Du, der Erde köstlich Blut,

Meinem Blute nah verwandt,

Sendest deine blanken Wellen,

Die jetzt kosend um mich schwellen,

Durch der Mutter weites Reich,

Börnlein, Strom und glatter Teich,

Und an meiner Hütte gleich

Schlürf’ ich dein geläutert Gut,

Und du wirst mein eignes Blut,

Liebe Welle! heil’ge Flut!« –

Leiser plätschernd schläft er ein,

Und das Meer wirft seinen Schein

Um Gebirg und Feld und Hain;

Und das Meer zieht seine Bahn

Um die Welt und um den Kahn.

Erde

Der Abend, der Gärtner

Rötliche Flöckchen ziehen

Über die Berge fort,

Und wie Purpurgewänder,

Und wie farbige Bänder

Flattert es hier und dort

In der steigenden Dämmrung Hort.

Gleich einem Königsgarten,

Den verlassen die Fürstin hoch –

Nur in der Kühle ergehen

Und um die Beete sich drehen

Flüsternd ein paar Hoffräulein noch.

Da des Himmels Vorhang sinkt,

Öffnet sich der Erde Brust,

Leise, leise Kräutlein trinkt,

Und entschlummert unbewußt;

Und sein furchtsam Wächterlein,

Würmchen mit dem grünen Schein,

Zündet an dem Glühholz sein

Leuchtchen klein.

Der Gärtner, über die Blumen gebeugt,

Spürt an der Sohle den Tau,

Gleich vom nächsten Halme er streicht

Lächelnd die Tropfen lau;

Geht noch einmal entlang den Wall,

Prüft jede Knospe genau und gut:

»Schlaft denn«, spricht er, »ihr Kindlein all,

Schlafet! ich laß euch der Mutter Hut;

Liebe Erde! mir sind die Wimper schwer,

Hab’ die letzte Nacht durchwacht,

Breit wohl deinen Taumantel um sie her,

Nimm wohl mir die Kleinen in acht.«

Feuer

Die Nacht, der Hammerschmied

Dunkel! All Dunkel schwer!

Wie Riesen schreiten Wolken her –

Über Gras und Laub,

Wirbelt’s wie schwarzer Staub;

Hier und dort ein grauer Stamm;

Am Horizont des Berges Kamm

Hält die gespenstige Wacht,

Sonst alles Nacht – Nacht – nur Nacht.

Was blitzt dort auf? – ein roter Stern –

Nun scheint es nah, nun wieder fern;

Schau! wie es zuckt und zuckt und schweift,

Wie’s ringelnd gleich der Schlange pfeift.

Nun am Gemäuer klimmt es auf,

Unwillig wirft’s die Asch’ hinauf,

Und wirbelnd überm Dach hervor

Die Funkensäule steigt empor.

Und dort der Mann im ruß’gen Kleid,

– Sein Angesicht ist bleich und kalt,

Ein Bild der listigen Gewalt –

Wie er die Flamme dämpft und facht,

Und hält den Eisenblock bereit!

Den soll ihm die gefangne Macht,

Die wilde hartbezähmte Glut

Zermalmen gleich in ihrer Wut.

Schau, wie das Feuer sich zersplittert!

Wie’s tückisch an der Kohle knittert!

Lang aus die rote Kralle streckt

Und nach dem Kerkermeister reckt!

Wie’s vor verhaltnem Grimme zittert:

»O, hätt’ ich dich, o könnte ich

Mit meinen Klauen fassen dich!

Ich lehrte dich den Unterschied

Von dir zu Elementes Zier,

An deinem morschen, staub’gen Glied,

Du ruchlos Menschentier!«

Die Schenke am See

An Levin S.

Ist’s nicht ein heitrer Ort, mein junger Freund,

Das Kleine Haus, das schier vom Hange gleitet,

Wo so possierlich uns der Wirt erscheint,

So übermächtig sich die Landschaft breitet;

Wo uns ergötzt im neckischen Kontrast

Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene,

Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast,

Im Angesicht der stolzen Alpenbühne?

Sitz nieder. – Trauben! – und behend erscheint

Zopfwedelnd der geschäftige Pygmäe;

O sieh, wie die verletzte Beere weint

Blutige Tränen um des Reifes Nähe;

Frisch greif in die kristallne Schale, frisch,

Die saftigen Rubine glühn und locken;

Schon fühl’ ich an des Herbstes reichem Tisch

Den kargen Winter nahn auf leisen Socken.

Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut,

Und ich, ich will an deiner lieben Seite

Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut.

Schau her, schau drüben in die Näh’ und Weite;

Wie uns zur Seite sich der Felsen bäumt,

Als könnten wir mit Händen ihn ergreifen,

Wie uns zu Füßen das Gewässer schäumt,

Als könnten wir im Schwunge drüber streifen!

Hörst du das Alphorn überm blauen See?

So klar die Luft, mich dünkt ich seh den Hirten

Heimzügeln von der duftbesäumten Höh’ –

War’s nicht als ob die Rinderglocken schwirrten?

Dort, wo die Schlucht in das Gestein sich drängt –

Mich dünkt ich seh den kecken Jäger schleichen;

Wenn eine Gemse an der Klippe hängt,

Gewiß, mein Auge müßte sie erreichen.

Trink aus! – die Alpen liegen stundenweit,

Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer,

Wo Träume lagern langverschollner Zeit,

Seltsame Mär und zorn’ge Abenteuer.

Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau

Zu grübeln über dunkler Taten Reste;

Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau

Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste.

Sieh drunten auf dem See im Abendrot

Die Taucherente hin und wieder schlüpfend;

Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Lot,

Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend;

Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf!

Wir beide schaun gespannten Blickes nieder;

Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf –

Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder!

Noch einen Blick dem segensreichen Land,

Den Hügeln, Auen, üpp’gem Wellenrauschen,

Und heimwärts dann, wo von der Zinne Rand

Freundliche Augen unserm Pfade lauschen;

Brich auf! – da haspelt in behendem Lauf

Das Wirtlein Abschied wedelnd uns entgegen:

»– Geruh’ge Nacht – stehn’s nit zu zeitig auf! –«

Das ist der lust’gen Schwaben Abendsegen.

Am Turme

Ich steh auf hohem Balkone am Turm,

Umstrichen vom schreienden Stare,

Und laß gleich einer Mänade den Sturm

Mir wühlen im flatternden Haare;

O wilder Geselle, o toller Fant,

Ich möchte dich kräftig umschlingen,

Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand

Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh ich am Strand, so frisch

Wie spielende Doggen, die Wellen

Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch,

Und glänzende Flocken schnellen.

O, springen möcht’ ich hinein alsbald,

Recht in die tobende Meute,

Und jagen durch den korallenen Wald

Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh ich ein Wimpel wehn

So keck wie eine Standarte,

Seh auf und nieder den Kiel sich drehn

Von meiner luftigen Warte;

O, sitzen möcht’ ich im kämpfenden Schiff,

Das Steuerruder ergreifen,

Und zischend über das brandende Riff

Wie eine Seemöwe streifen.

Wär’ ich ein Jäger auf freier Flur,

Ein Stück nur von einem Soldaten,

Wär’ ich ein Mann doch mindestens nur,

So würde der Himmel mir raten;

Nun muß ich sitzen so fein und klar,

Gleich einem artigen Kinde,

Und darf nur heimlich lösen mein Haar,

Und lassen es flattern im Winde!

Das öde Haus

Tiefab im Tobel liegt ein Haus,

Zerfallen nach des Försters Tode,

Dort ruh ich manche Stunde aus,

Vergraben unter Rank’ und Lode;

‘s ist eine Wildnis, wo der Tag

Nur halb die schweren Wimper lichtet;

Der Felsen tiefe Kluft verdichtet

Ergrauter Äste Schattenhag.

Ich horche träumend, wie im Spalt

Die schwarzen Fliegen taumelnd summen,

Wie Seufzer streifen durch den Wald,

Am Strauche irre Käfer brummen;

Wenn sich die Abendröte drängt

An sickernden Geschiefers Lauge,

Dann ist’s als ob ein trübes Auge,

Ein rotgeweintes drüber hängt.

Wo an zerrißner Laube Joch

Die langen magern Schossen streichen,

An wildverwachsner Hecke noch

Im Moose Nelkensprossen schleichen,

Dort hat vom tröpfelnden Gestein

Das dunkle Naß sich durchgesogen,

Kreucht um den Buchs in trägen Bogen,

Und sinkt am Fenchelstrauche ein.

Das Dach, von Moose überschwellt,

Läßt einzle Schober niederragen,

Und eine Spinne hat ihr Zelt

Im Fensterloche aufgeschlagen;

Da hängt, ein Blatt von zartem Flor,

Der schillernden Libelle Flügel,

Und ihres Panzers goldner Spiegel

Ragt kopflos am Gesims hervor.

Zuweilen hat ein Schmetterling

Sich gaukelnd in der Schlucht gefangen,

Und bleibt sekundenlang am Ring

Der kränkelnden Narzisse hangen;

Streicht eine Taube durch den Hain,

So schweigt am Tobelrand ihr Girren,

Man höret nur die Flügel schwirren

Und sieht den Schatten am Gestein.

Und auf dem Herde, wo der Schnee

Seit Jahren durch den Schlot geflogen,

Liegt Aschenmoder feucht und zäh,

Von Pilzes Glocken überzogen;

Noch hängt am Mauerpflock ein Rest

Verwirrten Wergs, das Seil zu spinnen,

Wie halbvermorschtes Haar und drinnen

Der Schwalbe überjährig Nest.

Und von des Balkens Haken nickt

Ein Schellenband an Schnall’ und Riemen,

Mit grober Wolle ist gestickt

»Diana« auf dem Lederstriemen;

Ein Pfeifchen auch vergaß man hier,

Als man den Tannensarg geschlossen;

Den Mann begrub man, tot geschossen

Hat man das alte treue Tier.

Sitz’ ich so einsam am Gesträuch

Und hör’ die Maus im Laube schrillen,

Das Eichhorn blafft von Zweig zu Zweig,

Am Sumpfe läuten Unk’ und Grillen –

Wie Schauer überläuft’s mich dann,

Als hör’ ich klingeln noch die Schellen,

Im Walde die Diana bellen

Und pfeifen noch den toten Mann.

Im Moose

Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land

Der Dämmrung leise Boten hat gesandt,

Da lag ich einsam noch in Waldes Moose.

Die dunklen Zweige nickten so vertraut,

An meiner Wange flüsterte das Kraut,

Unsichtbar duftete die Heiderose.

Und flimmern sah ich, durch der Linde Raum,

Ein mattes Licht, das im Gezweig der Baum

Gleich einem mächt’gen Glühwurm schien zu tragen.

Es sah so dämmernd wie ein Traumgesicht,

Doch wußte ich, es war der Heimat Licht,

In meiner eignen Kammer angeschlagen.

Ringsum so still, daß ich vernahm im Laub

Der Raupe Nagen, und wie grüner Staub

Mich leise wirbelnd Blätterflöckchen trafen.

Ich lag und dachte, ach so manchem nach,

Ich hörte meines eignen Herzens Schlag,

Fast war es mir als sei ich schon entschlafen.

Gedanken tauchten aus Gedanken auf,

Das Kinderspiel, der frischen Jahre Lauf,

Gesichter, die mir lange fremd geworden;

Vergeßne Töne summten um mein Ohr,

Und endlich trat die Gegenwart hervor,

Da stand die Welle, wie an Ufers Borden.

Dann, gleich dem Bronnen, der verrinnt im Schlund,

Und drüben wieder sprudelt aus dem Grund,

So stand ich plötzlich in der Zukunft Lande;

Ich sah mich selber, gar gebückt und klein,

Geschwächten Auges, am ererbten Schrein

Sorgfältig ordnen staub’ge Liebespfande.

Die Bilder meiner Lieben sah ich klar,

In einer Tracht, die jetzt veraltet war,

Mich sorgsam lösen aus verblichnen Hüllen,

Löckchen, vermorscht, zu Staub zerfallen schier,

Sah über die gefurchte Wange mir

Langsam herab die karge Träne quillen.

Und wieder an des Friedhofs Monument,

Dran Namen standen die mein Lieben kennt,

Da lag ich betend, mit gebrochnen Knieen,

Und – horch, die Wachtel schlug! Kühl strich der Hauch –

Und noch zuletzt sah ich, gleich einem Rauch,

Mich leise in der Erde Poren ziehen.

Ich fuhr empor, und schüttelte mich dann,

Wie einer, der dem Scheintod erst entrann,

Und taumelte entlang die dunklen Hage,

Noch immer zweifelnd, ob der Stern am Rain

Sei wirklich meiner Schlummerlampe Schein,

Oder das ew’ge Licht am Sarkophage.

Am Bodensee

Über Gelände, matt gedehnt,

Hat Nebelhauch sich wimmelnd gelegt,

Müde, müde die Luft am Strande stöhnt,

Wie ein Roß, das den schlafenden Reiter trägt;

Im Fischerhause kein Lämpchen brennt,

Im öden Turme kein Heimchen schrillt,

Nur langsam rollend der Pulsschlag schwillt

In dem zitternden Element.

Ich hör’ es wühlen am feuchten Strand,

Mir unterm Fuße es wühlen fort,

Die Kiesel knistern, es rauscht der Sand,

Und Stein an Stein entbröckelt dem Bord.

An meiner Sohle zerfährt der Schaum,

Eine Stimme klaget im hohlen Grund,

Gedämpft, mit halbgeschlossenem Mund,

Wie des grollenden Wetters Traum.

Ich beuge lauschend am Turme her,

Sprühregenflitter fährt in die Höh’,

Ha, meine Locke ist feucht und schwer!

Was treibst du denn, unruhiger See?

Kann dir der heilige Schlaf nicht nahn?

Doch nein, du schläfst, ich seh es genau,

Dein Auge decket die Wimper grau,

Am Ufer schlummert der Kahn.

Hast du so vieles, so vieles erlebt,

Daß dir im Traume es kehren muß,

Daß deine gleißende Nerv’ erbebt,

Naht ihr am Strand eines Menschen Fuß?

Dahin, dahin! die einst so gesund,

So reich und mächtig, so arm und klein,

Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein

Liegt zerflossen auf deinem Grund.

Der Ritter, so aus der Burg hervor

Vom Hange trabte in aller Früh;

– Jetzt nickt die Esche vom grauen Tor,

Am Zwinger zeichnet die Mylady. –

Das arme Mütterlein, das gebleicht

Sein Leichenhemde den Strand entlang,

Der Kranke, der seinen letzten Gang

An deinem Borde gekeucht;

Das spielende Kind, das neckend hier

Sein Schneckenhäuschen geschleudert hat,

Die glühende Braut, die lächelnd dir

Von der Ringelblume gab Blatt um Blatt;

Der Sänger, der mit trunkenem Aug’

Das Metrum geplätschert in deiner Flut,

Der Pilger, so am Gesteine geruht,

Sie alle dahin wie Rauch!

Bist du so fromm, alte Wasserfei,

Hältst nur umschlungen, läßt nimmer los?

Hat sich aus dem Gebirge die Treu’

Geflüchtet in deinen heiligen Schoß?

O, schau mich an! ich zergeh wie Schaum,

Wenn aus dem Grabe die Distel quillt,

Damm zuckt mein längst zerfallenes Bild

Wohl einmal durch deinen Traum!

Das alte Schloß

Auf der Burg haus’ ich am Berge,

Unter mir der blaue See,

Höre nächtlich Koboldzwerge,

Täglich Adler aus der Höh’,

Und die grauen Ahnenbilder

Sind mir Stubenkameraden,

Wappentruh’ und Eisenschilder

Sofa mir und Kleiderladen.

Schreit’ ich über die Terrasse

Wie ein Geist am Runenstein,

Sehe unter mir die blasse

Alte Stadt im Mondenschein,

Und am Walle pfeift es weidlich,

– Sind es Käuze oder Knaben? –

Ist mir selber oft nicht deutlich,

Ob ich lebend, ob begraben!

Mir genüber gähnt die Halle,

Grauen Tores, hohl und lang,

Drin mit wunderlichem Schalle

O Langsam dröhnt ein schwerer Gang;

Mir zur Seite Riegelzüge,

Ha, ich öffne, laß die Lampe

Scheinen auf der Wendelstiege

Lose modergrüne Rampe,

Die mich lockt wie ein Verhängnis,

Zu dem unbekannten Grund;

Ob ein Brunnen? ob Gefängnis?

Keinem Lebenden ist’s kund;

Denn zerfallen sind die Stufen,

Und der Steinwurf hat nicht Bahn,

Doch als ich hinab gerufen,

Donnert’s fort wie ein Orkan.

Ja, wird mir nicht baldigst fade

Dieses Schlosses Romantik,

In den Trümmern, ohne Gnade,

Brech’ ich Glieder und Genick;

Denn, wie trotzig sich die Düne

Mag am flachen Strande heben,

Fühl’ ich stark mich wie ein Hüne,

Von Zerfallendem umgeben.

Der Säntis1

Frühling

Die Rebe blüht, ihr linder Hauch

Durchzieht das tauige Revier,

Und nah’ und ferne wiegt die Luft

Vielfarb’ger Blumen bunte Zier.

Wie’s um mich gaukelt, wie es summt

Von Vogel, Bien’ und Schmetterling,

Wie seine seidnen Wimpel regt

Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing.

Noch sucht man gern den Sonnenschein

Und nimmt die trocknen Plätzchen ein;

Denn nachts schleicht an die Grenze doch

Der landesflücht’ge Winter noch.

O du mein ernst gewalt’ger Greis,

Mein Säntis mit der Locke weiß!

In Felsenblöcke eingemauert,

Von Schneegestöber überschauert,

In Eisespanzer eingeschnürt:

Hu! wie dich schaudert, wie dich friert!

Fußnoten

1 Die höchste Kuppe des Alpsteins, der sich durch die Kantone St. Gallen und Appenzell streckt.

Sommer

Du gute Linde, schüttle dich!

Ein wenig Luft, ein schwacher West!

Wo nicht, dann schließe dein Gezweig

So recht, daß Blatt an Blatt sich preßt.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;

Allein die bunte Fliegenbrut

Summt auf und nieder übern Rain

Und läßt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub

Erscheint verdickt und atmet Staub.

Ich liege hier wie ausgedorrt

Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg’ ich doch

Dort, – grad’ an deinem Felsenjoch,

Wo sich die kalten, weißen Decken

So frisch und saftig drüben strecken,

Viel tausend blanker Tropfen Spiel;

Glücksel’ger Säntis, dir ist kühl!

Herbst

Wenn ich an einem schönen Tag

Der Mittagsstunde habe acht,

Und lehne unter meinem Baum

So mitten in der Trauben Pracht:

Wenn die Zeitlose übers Tal

Den amethistnen Teppich webt,

Auf dem der letzte Schmetterling

So schillernd wie der frühste bebt:

Dann denk’ ich wenig drüber nach,

Wie’s nun verkümmert Tag für Tag,

Und kann mit halbverschlossnem Blick

Vom Lenze träumen und von Glück.

Du mit dem frischgefallnen Schnee,

Du tust mir in den Augen weh!

Willst uns den Winter schon bereiten:

Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten,

Und bald, bald wälzt er sich herab

Von dir, o Säntis! ödes Grab!

Winter

Aus Schneegestäub’ und Nebelqualm

Bricht endlich doch ein klarer Tag;

Da fliegen alle Fenster auf,

Ein jeder späht, was er vermag.

Ob jene Blöcke Häuser sind?

Ein Weiher jener ebne Raum?

Fürwahr, in dieser Uniform

Den Glockenturm erkennt man kaum;

Und alles Leben liegt zerdrückt,

Wie unterm Leichentuch erstickt.

Doch schau! an Horizontes Rand

Begegnet mir lebend’ges Land.

Du starrer Wächter, laß ihn los

Den Föhn aus deiner Kerker Schoß!

Wo schwärzlich jene Riffe spalten,

Da muß er Quarantäne halten,

Der Fremdling aus der Lombardei;

O Säntis, gib den Tauwind frei!

Am Weiher

Ein milder Wintertag

An jenes Waldes Enden,

Wo still der Weiher liegt

Und längs den Fichtenwänden

Sich lind Gemurmel wiegt:

Wo in der Sonnenhelle,

So matt und kalt sie ist,

Doch immerfort die Welle

Das Ufer flimmernd küßt:

Da weiß ich, schön zum Malen,

Noch eine schmale Schlucht,

Wo all’ die kleinen Strahlen

Sich fangen in der Bucht;

Ein trocken, windstill Eckchen,

Und so an Grüne reich,

Daß auf dem ganzen Fleckchen

Mich kränkt kein dürrer Zweig.

Will ich den Mantel dichte

Nun legen übers Moos,

Mich lehnen an die Fichte,

Und dann auf meinen Schoß

Gezweig’ und Kräuter breiten,

So gut ich’s finden mag:

Wer will mir’s übel deuten,

Spiel’ ich den Sommertag?

Will nicht die Grille hallen,

So säuselt doch das Ried;

Sind stumm die Nachtigallen,

So sing’ ich selbst ein Lied.

Und hat Natur zum Feste

Nur wenig dargebracht:

Die Lust ist stets die beste,

Die man sich selber macht.

Ein harter Wintertag

Daß ich dich so verkümmert seh,

Mein lieb lebend’ges Wasserreich,

Daß ganz versteckt in Eis und Schnee

Du siehst der plumpen Erde gleich;

Auch daß voll Reif und Schollen hängt

Dein überglaster Fichtengang:

Das ist es nicht, was mich beengt,

Geh ich an deinem Bord entlang.

Zwar in der immer grünen Zier

Erschienst, o freundlich Element,

Du ähnlich den Oasen mir,

Die des Arabers Sehnsucht kennt;

Wenn neben der verdorrten Flur

Erblühten deine Moose noch,

Wenn durch die schweigende Natur

Erklangen deine Wellen doch.

Allein auch heute wollt’ ich gern

Mich des kristallnen Flimmers freun,

Belauschen jeden Farbenstern

Und keinen Sommertag bereun:

Wär’ nicht dem Ufer längs, so breit,

Die glatte Schlittenbahn gefegt,

Worauf sich wohl zur Mittagszeit

Gar manche rüst’ge Ferse regt.

Bedenk’ ich nun, wie manches Jahr

Ich nimmer eine Eisbahn sah:

Wohl wird mir’s trüb und wunderbar,

Und tausend Bilder treten nah.

Was blieb an Wünschen unerfüllt,

Das nähm’ ich noch gelassen mit:

Doch ach, der Frost so manchen hüllt,

Der einst so fröhlich drüber glitt!

Fragment

Savoyen, Land beschneiter Höhn,

Wer hat dein kräftig Bild gesehn,

Wer trat in deiner Wälder Nacht,

Sah auf zu deiner Wipfel Pracht,

Wer stand an deinem Wasserfall,

Wer lauschte deiner Ströme Hall,

Und nannte dich nicht schön?

Du Land des Volks, dem Reiche weihen

Ruhmvoll den Namen des Getreuen,

Bist herrlich, wenn der Frühlingssturm

Die Berggewässer schäumend führt,

Und deiner Fichte schlanker Turm

Sich mit der jungen Nadel ziert;

Bist reizend, wenn die Sommerglut

Erzittert um den Mandelbaum;

Doch in des Herbstes goldner Flut

Du ruhst gleich dunkeln Auges Traum.

Dann treibt der Wind kein rasselnd Laub

Durch brauner Heiden Wirbelstaub;

Wie halb bezwungne Seufzer wallen,

Nur leis die zarten Nadeln fallen,

Als wagten sie zu flüstern kaum.

Der Tag bricht an; noch einsam steht

Das Sonnenrund am Firmament;

Am Strahl, der auf und nieder streicht,

Gemach der Erdbeerbaum entbrennt;

Noch will das Genzian nicht wagen

Die dunkeln Wimper aufzuschlagen;

Noch schläft die Luft im Nebeldicht.

Welch greller Schrei die Stille bricht?

Der Auerhahn begrüßt das Licht;

Er schaukelt, wiegt sich, macht sich breit,

Er putzt sein stattlich Federkleid,

Und langsam streckt ihr stumpf Gesicht

Marmotte aus hohlen Baumes Nacht:

Das Leben, Leben ist erwacht;

Die Geier pfeifen, Birkhahn ruft,

Schneehühner flattern aus der Kluft;

Die Fichten selbst, daß keiner säume,

Erzählen flüsternd sich die Träume.

Und durch Remi geht überall

Ein dumpf Gemurr von Stall zu Stall.

Gedichte vermischten Inhalts

Mein Beruf

»Was meinem Kreise mich enttrieb,

Der Kammer friedlichem Gelasse?«

Das fragt ihr mich als sei, ein Dieb,

Ich eingebrochen am Parnasse.

So hört denn, hört, weil ihr gefragt:

Bei der Geburt bin ich geladen,

Mein Recht soweit der Himmel tagt,

Und meine Macht von Gottes Gnaden.

Jetzt wo hervor der tote Schein

Sich drängt am modervollen Stumpfe,

Wo sich der schönste Blumenrain

Wiegt über dem erstorbnen Sumpfe,

Der Geist, ein blutlos Meteor,

Entflammt und lischt im Moorgeschwele,

Jetzt ruft die Stunde: »Tritt hervor,

Mann oder Weib, lebend’ge Seele!

Tritt zu dem Träumer, den am Rand

Entschläfert der Datura Odem,

Der, langsam gleitend von der Wand,

Noch zucket gen den Zauberbrodem.

Und wo ein Mund zu lächeln weiß

Im Traum, ein Auge noch zu weinen,

Da schmettre laut, da flüstre leis,

Trompetenstoß und West in Hainen!

Tritt näher, wo die Sinnenlust

Als Liebe gibt ihr wüstes Ringen,

Und durch der eignen Mutter Brust

Den Pfeil zum Ziele möchte bringen,

Wo selbst die Schande flattert auf,

Ein lustiges Panier zum Siege,

Da rüttle hart:›Wach auf, wach auf,

Unsel’ger, denk an deine Wiege!

Denk an das Aug’, das überwacht

Noch eine Freude dir bereitet,

Denk an die Hand, die manche Nacht

Dein Schmerzenslager dir gebreitet,

Des Herzens denk, das einzig wund

Und einzig selig deinetwegen,

Und dann knie nieder auf den Grund

Und fleh um deiner Mutter Segen!‹

Und wo sich träumen wie in Haft

Zwei einst so glüh ersehnte Wesen,

Als hab’ ein Priesterwort die Kraft

Der Banne seligsten zu lösen,

Da flüstre leise: ›Wacht, o wacht!

Schaut in das Auge euch, das trübe,

Wo dämmernd sich Erinnrung facht‹,

Und dann: ›Wach auf, o heil’ge Liebe!‹

Und wo im Schlafe zitternd noch

Vom Opiat die Pulse klopfen,

Das Auge dürr, und gäbe doch

Sein Sonnenlicht um einen Tropfen, –

O, rüttle sanft!›Verarmter, senk

Die Blicke in des Äthers Schöne,

Kos einem blonden Kind und denk

An der Begeistrung erste Träne.‹«

So rief die Zeit, so ward mein Amt

Von Gottes Gnaden mir gegeben,

So mein Beruf mir angestammt,

Im frischen Mut, im warmen Leben;

Ich frage nicht ob ihr mich nennt,

Nicht frönen mag ich kurzem Ruhme,

Doch wißt: wo die Sahara brennt,

Im Wüstensand, steht eine Blume,

Farblos und Duftes bar, nichts weiß

Sie als den frommen Tau zu hüten,

Und dem Verschmachtenden ihn leis

In ihrem Kelche anzubieten.

Vorüber schlüpft die Schlange scheu

Und Pfeile ihre Blicke regnen,

Vorüber rauscht der stolze Leu,

Allein der Pilger wird sie segnen.

Meine Toten

Wer eine ernste Fahrt beginnt,

Die Mut bedarf und frischen Wind,

Er schaut verlangend in die Weite

Nach eines treuen Auges Brand,

Nach einem warmen Druck der Hand,

Nach einem Wort, das ihn geleite.

Ein ernstes Wagen heb’ ich an,

So tret’ ich denn zu euch hinan,

Ihr meine stillen strengen Toten;

Ich bin erwacht an eurer Gruft,

Aus Wasser, Feuer, Erde, Luft,

Hat eure Stimme mir geboten.

Wenn die Natur in Hader lag,

Und durch die Wolkenwirbel brach

Ein Funke jener tausend Sonnen, –

Spracht aus der Elemente Streit

Ihr nicht von einer Ewigkeit

Und unerschöpften Lichtes Bronnen?

Am Hange schlich ich, krank und matt,

Da habt ihr mir das welke Blatt

Mit Warnungsflüstern zugetragen,

Gelächelt aus der Welle Kreis,

Habt aus des Angers starrem Eis

Die Blumenaugen aufgeschlagen.

Was meine Adern muß durchziehn,

Sah ich’s nicht flammen und verglühn,

An eurem Schreine nicht erkalten?

Vom Auge hauchtet ihr den Schein,

Ihr meine Richter, die allein

In treuer Hand die Waage halten.

Kalt ist der Druck von eurer Hand,

Erloschen eures Blickes Brand,

Und euer Laut der Öde Odem,

Doch keine andre Rechte drückt

So traut, so hat kein Aug’ geblickt,

So spricht kein Wort, wie Grabesbrodem!

Ich fasse eures Kreuzes Stab,

Und beuge meine Stirn hinab

Zu eurem Gräserhauch, dem stillen,

Zumeist geliebt, zuerst gegrüßt,

Laßt, lauter wie der Äther fließt,

Mir Wahrheit in die Seele quillen.

Katharine Schücking

Du hast es nie geahndet, nie gewußt,

Wie groß mein Lieben ist zu dir gewesen,

Nie hat dein klares Aug’ in meiner Brust

Die scheu verhüllte Runenschrift gelesen,

Wenn du mir freundlich reichtest deine Hand,

Und wir zusammen durch die Grüne wallten,

Nicht wußtest du, daß wie ein Götterpfand

Ich, wie ein köstlich Kleinod sie gehalten.

Du sahst mich nicht als ich, ein heftig Kind,

Vom ersten Kuß der jungen Muse trunken,

Im Garten kniete, wo die Quelle rinnt,

Und weinend in die Gräser bin gesunken;

Als zitternd ich gedreht der Türe Schloß,

Da ich zum ersten Mal dich sollte schauen,

Westfalens Dichterin, und wie da floß

Durch mein bewegtes Herz ein selig Grauen.

Sehr jung war ich und sehr an Liebe reich,

Begeisterung der Hauch von dem ich lebte;

Ach! manches ist zerstäubt, der Asche gleich,

Was einst als Flamme durch die Adern bebte!

Mein Blick ward klar und mein Erkennen stark,

Von seinem Throne mußte manches steigen,

Und was ich einst genannt des Lebens Mark,

Das fühlt’ ich jetzt mit frischem Stolz mein eigen.

So scheut’ ich es, als fromme Schülerin,

Dir wieder in das dunkle Aug’ zu sehen,

Ich wollte nicht vor meiner Meisterin

Hochmütig, mit bedecktem Haupte, stehen.

Auch war ich krank, mein Sinnen sehr verwirrt,

Und keinen Namen mocht’ ich sehnend nennen;

Doch hat dies deine Liebe nicht geirrt,

Du drangst zu mir nach langer Jahre Trennen.

Und als du vor mich tratest, fest und klar,

Und blicktest tief mir in der Seele Gründe,

Da ward ich meiner Schwäche wohl gewahr,

Was ich gedacht, das schien mir schwere Sünde.

Dein Bild, du Starke in der Läutrung Brand,

Stieg wie ein Phönix aus der Asche wieder,

Und tief im Herzen hab’ ich es erkannt,

Wie zehnfach größer du als deine Lieder.

Du sahst, Bescheidne, nicht, daß damals hier

Aus deinem Blick Genesung ich getrunken,

Daß deines Mundes Laute damals mir

Wie Naphtha in die Seele sind gesunken.

Ein jedes Wort, durchsichtig wie Kristall

Und kräftig gleich dem edelsten der Weine,

Schien mir zu rufen: »Auf! der Launen Ball,

Steh auf! erhebe dich, du Schwach’ und Kleine!«

Nun bist du hin! von Gottes reinstem Bild

Ist nur ein grüner Hügel uns geblieben,

Den heut umziehn die Winterstürme wild

Und die Gedanken derer, die dich lieben.

Auch hör’ ich, daß man einen Kranz gelegt

Von Lorbeer in des Grabes dunkle Moose,

Doch ich, Kathinka, widme dir bewegt

Den Efeu und die dornenvollste Rose.

Nach dem Angelus Silesius

Des Menschen Seele du, vor allem wunderbar,

Du Alles und auch Nichts, Gott, Priester und Altar,

Kein Pünktchen durch dich selbst, doch über alles Maß

Reich in geschenktem Gut, und als die Engel baß;

Denn höher steht dein Ziel, Gott ähnlich sollst du werden;

So, Seele, bist du’s schon; denn was zu Glück und Ruhm

In dir verborgen liegt, es ist dein Eigentum,

Ob unentwickelt auch, wie’s Keimlein in der Erden

Nicht minder als der Baum, und wie als Million

Nichts andres ist die Eins, bist du ihm gleich, sein Sohn,

So wie dem Tropfen Blut, der aus der Wunde quillt

Ganz ähnlich ist das Rot, das noch die Adern füllt;

Nicht Kletten trägt die Ros’, der Dornstrauch keine Reben,

Drum, Seele, stürbest du, Gott müßt den Geist aufgeben.

Ja, alles ist in dir was nur das Weltall beut,

Der Himmel und die Höll’, Gericht und Ewigkeit,

Gott ist dein Richter nicht, du mußt dir selbst verzeihn,

Sonst an des Höchsten Thron stehst du in ew’ger Pein;

Er, der dem Suchenden noch nie verlöscht die Spur,

Er hat selbst Satan nicht verdammt nach Zeit und Ort;

Des unergründlich Grab ist seine Ichheit nur:

Wär’ er des Himmels Herr, er brennte ewig fort,

Wie Gott im Höllenpfuhl wär selig für und für,

Und, Seele, bist du treu, so steht dies auch bei dir.

Also ist deine Macht auch heute schon dein eigen,

Du kannst, so oft du willst, die Himmelsleiter steigen;

Ort, Raum, sind Worte nur von Trägheit ausgedacht,

Die nicht Bedürfnis in dein Wörterbuch gebracht.

Dein Aug’ ist Blitz und Nu, dein Flug bedarf nicht Zeit,

Und im Moment ergreifst du Gott und Ewigkeit;

Allein der Sinne Schrift, die mußt du dunkel nennen,

Da dir das Werkzeug fehlt die Lettern zu erkennen;

Nur Geist’ges faßt der Geist, ihm ist der Leib zu schwer,

Du schmeckst, du fühlst, du riechst, und weißt um gar nichts mehr;

Hat nicht vom Tröpfchen Tau die Eigenschaft zu messen

Jahrtausende der Mensch vergebens sich vermessen?

Drum, plagt dich Irdisches, du hast es selbst bestellt,

Viel näher als dein Kleid ist dir die Geisterwelt!

Faßt’s nicht zuweilen dich, als müßtest in der Tat

Du über dich hinaus, das Ganze zu durchdringen,

Wie jener Philosoph um einen Punkt nur bat,

Um dann der Erde Ball aus seiner Bahn zu schwingen?

Fühlst du in Demut so, in Liebesflammen rein,

Dann ist’s der Schöpfung Mark, laß dir nicht leide sein!

Dann fühlst du dich von Gott als Wesenheit begründet,

Wie Quelle an dem Strand, wo Ozean sich ründet.

So sei denn freudig, Geist, da nichts mag größer sein,

So wirf dich in den Staub, da nichts wie du so klein!

Du Würmchen in dir selbst, doch reich durch Gottes Hort,

So schlummre, schlummre nur, mein Seelchen, schlummre fort!

Was rennst, was mühst du dich zu mehren deine Tat?

Halt nur den Acker rein, dann sprießt von selbst die Saat;

In Ruhe wohnt die Kraft, du mußt nur ruhig sein,

Durch offne Tür und Tor die Gnade lassen ein;

Dann wird aus lockerm Grund dir Myrt’ und Balsam steigen,

Er kömmt, er kömmt, dein Lieb, gibt sich der Braut zu eigen,

Mit sich der Krone Glanz, mit sich der Schlösser Pracht,

Um die sie nicht gefreit, an die sie nicht gedacht!

Gruß an Wilhelm Junkmann

Mein Lämpchen zuckt, sein Docht verglimmt,

Die Funken knistern im Kamine,

Wie eine Nebeldecke schwimmt

Es an des Saales hoher Bühne;

Im Schneegestöber schläft die Luft,

Am Scheite ist das Harz entglommen,

Mich dünkt, als spür’ ich einen Duft

Wie Weihrauch an der Gruft des Frommen.

Dies ist die Stunde, das Gemach,

Wo sich Gedanken mögen wiegen,

Verklungne Laute hallen nach,

Es dämmert in verloschnen Zügen;

Im Hirne summt es, wie ein Lied

Das mit den Flocken möchte steigen,

Und, flüsternd wie der Hauch im Ried,

An eines Freundes Locke neigen.

Schon seh ich ihn, im gelben Licht,

Das seines Ofens Flamme spielet,

Er selbst ein wunderlich Gedicht,

Begriffen schwer, doch leicht gefühlet.

Ich seh ihn, wie, die Stirn gestützt,

Er leise lächelt in Gedanken;

Wo weilen sie? wo blühen itzt

Und treiben diese zarten Ranken?

Baun sie im schlichten Heidekraut

Ihr Nestchen sich aus Immortellen?

Sind mit der Flocke sie getaut

Als Träne, wo die Gräber schwellen?

Vielleicht in fernes fernes Land

Wie Nachtigallen fortgezogen,

Oder am heil’gen Meeresstrand,

Gleich der Morgana auf den Wogen.

Ihm hat Begeistrung, ein Orkan,

Des Lebens Zedern nicht gebeuget,

Nicht sah er sie als Flamme nahn,

Die lodernd durch den Urwald steiget;

Nein, als entschlief der Morgenwind,

Am Strauche summten fromme Bienen,

Da ist der Herr im Säuseln lind

Gleich dem Elias ihm erschienen.

Und wie er sitzt, so vorgebeugt,

Die hohe Stirn vom Schein umflossen,

Das Ohr wie fremden Tönen neigt,

Und lächelt geistigen Genossen,

Ein lichter Blitz in seinem Aug’,

Wie ein verirrter Strahl aus Eden, –

Da möcht’ ich leise, leise auch

Als Äolsharfe zu ihm reden.

Junge Liebe

Über dem Brünnlein nicket der Zweig,

Waldvögel zwitschern und flöten,

Wild Anemon’ und Schlehdorn bleich

Im Abendstrahle sich röten,

Und ein Mädchen mit blondem Haar

Beugt über der glitzernden Welle,

Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr,

Mit dem Auge der scheuen Gazelle.

Ringelblumen blättert sie ab:

»Liebt er, liebt er mich nimmer?«

Und wenn »liebt« das Orakel gab,

Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:

»Liebt er nicht« – o Grimm und Graus!

Daß der Himmel den Blüten gnade!

Gras und Blumen, den ganzen Strauß,

Wirft sie zürnend in die Kaskade.

Gleitet dann in die Kräuter lind,

Ihr Auge wird ernst und sinnend;

Frommer Eltern heftiges Kind,

Nur Minne nehmend und minnend,

Kannte sie nie ein anderes Band

Als des Blutes, die schüchterne Hinde;

Und nun einer, der nicht verwandt –

Ist das nicht eine schwere Sünde?

Mutlos seufzet sie niederwärts,

In argem Schämen und Grämen,

Will zuletzt ihr verstocktes Herz

Recht ernstlich in Frage nehmen.

Abenteuer sinnet sie aus:

Wenn das Haus nun stände in Flammen,

Und um Hülfe riefen heraus

Der Karl und die Mutter zusammen?

Plötzlich ein Perlenregen dicht

Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen,

In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht,

Wie das Blut der Erde zu saugen,

Ruft sie schluchzend: »Ja, ja, ja!«

Ihre kleinen Hände sich ringen,

»Retten, retten würd’ ich Mama,

Und zum Karl in die Flamme springen!«

Das vierzehnjährige Herz

Er ist so schön! – sein lichtes Haar

Das möcht’ ich mit keinem vertauschen,

Wie seidene Fäden so weich und klar,

Wenn zarte Löckchen sich bauschen;

Oft streichl’ ich es, dann lacht er traun,

Nennt mich »seine alberne Barbe«;

Es ist nicht schwarz, nicht blond, nicht braun,

Nun ratet, wie nennt sich die Farbe?

Und seine Gebärde ist königlich,

Geht majestätisch zu Herzen,

Zuckt er die Braue, dann fürcht’ ich mich,

Und möchte auch weinen vor Schmerzen;

Und wieder seh ich sein Lächeln blühn,

So klar wie das reine Gewissen,

Da möchte ich gleich auf den Schemel knien,

Und die guten Hände ihm küssen.

Heut bin ich in aller Frühe erwacht,

Beim ersten Glitzern der Sonnen,

Und habe mich gleich auf die Sohlen gemacht,

Zum Hügel drüben am Bronnen;

Erdbeeren fand ich, glüh wie Rubin,

Schau, wie im Korbe sie lachen!

Die stell’ ich ihm nun an das Lager hin,

Da sieht er sie gleich beim Erwachen.

Ich weiß, er denkt mit dem ersten Blick,

»Das tat meine alberne Barbe!«

Und freundlich streicht er das Haar zurück

Von seiner rühmlichen Narbe,

Ruft mich bei Namen, und zieht mich nah,

Daß Tränen die Augen mir trüben;

Ach, er ist mein herrlicher Vater ja,

Soll ich ihn denn nicht lieben, nicht lieben!

Brennende Liebe1

Und willst du wissen, warum

So sinnend ich manche Zeit,

Mitunter so töricht und dumm,

So unverzeihlich zerstreut,

Willst wissen auch ohne Gnade,

Was denn so Liebes enthält

Die heimlich verschlossene Lade,

An die ich mich öfters gestellt?

Zwei Augen hab’ ich gesehn,

Wie der Strahl im Gewässer sich bricht,

Und wo zwei Augen nur stehn,

Da denke ich an ihr Licht.

Ja, als du neulich entwandtest

Die Blume vom blühenden Rain,

Und »Oculus Christi« sie nanntest,

Da fielen die Augen mir ein.

Auch gibt’s einer Stimme Ton,

Tief, zitternd, wie Hornes Hall,

Die tut’s mir völlig zum Hohn,

Sie folget mir überall.

Als jüngst im flimmernden Saale

Mich quälte der Geigen Gegell,

Da hört’ ich mit einem Male

Die Stimme im Violoncell.

Auch weiß ich eine Gestalt,

So leicht und kräftig zugleich,

Die schreitet vor mir im Wald,

Und gleitet über den Teich;

Ja, als ich eben in Sinnen

Sah über des Mondes Aug’

Einen Wolkenstreifen zerrinnen,

Das war ihre Form, wie ein Rauch.

Und höre, höre zuletzt,

Dort liegt, da drinnen im Schrein,

Ein Tuch mit Blute genetzt,

Das legte ich heimlich hinein.

Er ritzte sich nur an der Schneide,

Als Beeren vom Strauch er mir hieb,

Nun hab’ ich sie alle beide,

Sein Blut und meine brennende Lieb’.

Fußnoten

1 Crategus pyracantha, auch sonst der »brennende Busch« genannt.

Der Brief aus der Heimat

Sie saß am Fensterrand im Morgenlicht,

Und starrte in das aufgeschlagne Buch,

Die Zeilen zählte sie und wußt’ es nicht,

Ach weithin, weithin der Gedanken Flug!

Was sind so ängstlich ihre nächt’gen Träume?

Was scheint die Sonne durch so öde Räume?

– Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht.

Seit Wochen weckte sie der Lampe Schein,

Hat bebend an der Stiege sie gelauscht;

Wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein,

Ein Fensterladen auf im Winde rauscht, –

Es kömmt, es naht, die Sorgen sind geendet:

Sie hat gefragt, sie hat sich abgewendet,

Und schloß sich dann in ihre Kammer ein.

Kein Lebenszeichen von der liebsten Hand,

Von jener, die sie sorglich hat gelenkt,

Als sie zum ersten Mal zu festem Stand

Die zarten Kinderfüßchen hat gesenkt;

Versprengter Tropfen von der Quelle Rande,

Harrt sie vergebens in dem fremden Lande;

Die Tage schleichen hin, die Woche schwand.

Was ihre rege Phantasie geweckt?

Ach, eine Leiche sah die Heimat schon,

Seit sie den unbedachten Fuß gestreckt

Auf fremden Grund und hörte fremden Ton;

Sie küßte scheidend jung und frische Wangen,

Die jetzt von tiefer Grabesnacht umfangen;

Ist’s Wunder, daß sie tödlich aufgeschreckt?

In Träumen steigt das Krankenbett empor,

Und Züge dämmern, wie in halber Nacht;

Wer ist’s? – sie weiß es nicht und spannt das Ohr,

Sie horcht mit ihrer ganzen Seele Macht;

Dann fährt sie plötzlich auf beim Windesrauschen,

Und glaubt dem matten Stöhnen noch zu lauschen,

Und kann erst spät begreifen daß sie wacht.

Doch sieh, dort fliegt sie übern glatten Flur,

Ihr aufgelöstes Haar umfließt sie rund,

Und zitternd ruft sie, mit des Weinens Spur:

»Ein Brief, ein Brief, die Mutter ist gesund!«

Und ihre Tränen stürzen wie zwei Quellen,

Die übervoll aus ihren Ufern schwellen;

Ach, eine Mutter hat man einmal nur!

Ein braver Mann

Noch lag, ein Wetterbrodem, schwer

Die Tyrannei auf Deutschlands Gauen,

Die Wachen schlichen scheu umher,

Die Menge schlief in dumpfem Grauen;

Ein Seufzer schien der Morgenwind

Aus angstgepreßter Brust zu brechen;

Nur die Kanone durfte sprechen

Und lächeln durfte nur das Kind.

Da lebt’ im Frankenland ein Mann,

Der bittre Stunden schon getragen,

In drängenden Geschickes Bann

Gar manche Täuschung sonder Klagen;

Ihm war von seiner Ahnen Flur

Der edle Name nur geblieben,

Von allen, allen Jugendtrieben

Des Herzens warm Gedenken nur.

Durch frühes Siechtum schwer gebeugt

Und jeglichem Beruf verdorben,

Hätt’ oft er gern das Haupt geneigt

Und wär’ in Frieden nur gestorben;

An seinen Schläfen lagen schon

Mit vierzig Jahren weiße Garben,

Und seiner Züge tiefe Narben

Verrieten steter Sorge Fron.

Doch freundlich trug er jeden Dorn,

Der auf dem Pfade ihm begegnet,

Geschlagen von des Schicksals Zorn,

Doch von der Götter Hand gesegnet.

Und eine Kunst war ihm beschert,

So mild wie seiner Seele Hauchen,

Sein Pinsel ließ die Wiesen rauchen

Und flammen des Vulkanes Herd.

Es waren Bilder die mit Lust

Ein unverdorbnes Herz erfüllen,

Wie sie entsteigen warmer Brust

Und reiner Phantasie entquillen;

Doch Mäcklern schienen sie zu zart,

Den Stempel hoher Kunst zu tragen;

So hat er schwer sich durchgeschlagen

Und täglich am Bedarf gespart.

Da ward in Winterabends Lauf

Ein Brief ihm von der Post gesendet;

Er riß bestürzt das Siegel auf:

O Gott, die Sorgen sind beendet!

Des fernen Vetters Totenschein

Hat als Agnaten ihn berufen,

Er darf nur treten an die Stufen,

Die reichen Lehne harren sein!

Wer denkt es nicht, daß ihm gepreßt

Aus heißer Wimper Tränen flossen!

Dann plötzlich steht sein Auge fest,

Der Zähren Quelle ist geschlossen.

Er liest, er tunkt die Feder ein,

Hat nur Sekunden sich beraten,

Und an den nächsten Lehnsagnaten

Schreibt mutig er beim Lampenschein:

»Wohl sagt man, daß Tyrannenmacht

Nicht Eides1 Band vermag zu schlingen,

Doch wo in uns ein Zweifel wacht,

Da müssen wir zum Besten ringen.

Nimm hin der Väter liebes Schloß,

– O würd’ ich einstens dort begraben! –

Ich bin gewöhnt nicht viel zu haben,

Und mein Bedürfnis ist nicht groß.«

Wer unter euch von Opfern spricht,

Von edleren, und Märt’rerzeichen,

Der sah gewiß noch Jahre nicht,

Nicht vierzig Jahr in Sorg’ entschleichen!

Ihr die mit Stärke prunkt und gleich

Euch drängt zu stolzer Taten Weihe:

– Er war ein Mann wie Wachs so weich,

Nur stark in Gott und seiner Treue.

Und wie es ferner ihm erging?

Er hat gemalt bis er gestorben,

Zuletzt, in langer Jahre Ring,

Ein schmal Vermögen sich erworben;

Nie hat auf der Begeistrung Höh’

Sein schamhaft Schweigen er gebrochen,

Und keine Seele hat gesprochen

Von seinem schweren Opfer je.

Zweimal im Leben gab das Glück

Vor seinem Antlitz mir zu stehen,

In seinem mild bescheidnen Blick

Des Geistes reinen Blitz zu sehen.

Und im Dezember hat man dann

Des Sarges Deckel zugeschlagen

Und still ihn in die Gruft getragen.

– Das ist das Lied vom braven Mann.

Fußnoten

1 Der Huldigungseid, den er als Grundbesitzer hätte leisten müssen.

Stammbuchblätter

1. Mit Lauras Bilde

Im Namen eines Freundes

Um einen Myrtenzweig sich zu ersingen

Schickt seinen Schwan Petrarca Lauren nach,

Mit Lorbeerreisern füllt er das Gemach,

Doch kann er in den Myrtenhain nicht dringen.

Da zieht er durch die Welt mit hellem Klingen,

Schlägt mit den Flügeln an das teure Haus,

Man reicht ihm den Zypressenkranz hinaus,

Allein die Myrte kann er nicht erringen.

Mein Freund, wohl ist der Lorbeer uns versagt,

Doch laß uns um den schnöden Preis nicht klagen,

Von Dornen und Zypressen rings umragt.

Will es in einer Laura Blick mir tagen,

Dann hab’ ich gern dem schweren Kranz entsagt,

Die kleine Myrte läßt sich leichter tragen.

2. An Henriette von Hohenhausen

Wie lieb, o Nähe; Ferne, ach wie leid;

Wie bald wird Gegenwart Vergangenheit!

Warum hat Trauer denn so matten Schritt,

Da doch so leicht die frohe Stunde glitt?

Ach, wer mir liebe Stunden könnte bannen,

Viel werter sollt’ er sein, als der vermöchte

Der trüben schlaffe Sehnen anzuspannen,

Denn Leid im Herzen wirbt sich teure Rechte,

Und wer es nimmt, der nimmt ein Kleinod mit.

Reich mir die Hand! du hast mich froh gemacht.

In öder Fremde hab’ ich dein gedacht,

Werd’ oft noch sinnen deinem Blicke nach,

So mildes Auge hellt den trübsten Tag.

Laß Ferne denn zur Nähe sich gestalten

Durch Wechselwort und inniges Gedenken.

Reich mir die Hand! – ich will sie treulich halten,

Und drüber her mag immergrün sich senken

Der Tannenzweig, ein schirmend Wetterdach.

Nachruf an Henriette von Hohenhausen1

An deinem Sarge standen wir,

Du fromme milde Leidenspalme,

Wir legten in die Hände dir

Des Lenzes linde Blütenhalme;

An deiner Brust, wie eingenickt,

Die blauen Seidenschleifen lagen;

So, mit der Treue Bild geschmückt,

Hat man dich in die Gruft getragen.

Die Sonne sticht, der Regen rauscht –

Wir sitzen schweigend und beklommen;

Es knirrt im Flur, und jeder lauscht,

Als dächten wir du könntest kommen;

In jedem Winkel suchen wir

Nach deinem Lächeln, deinem Blicke,

Wer lehnte je am Busen dir,

Und fühlt im Herzen keine Lücke?

Daß dein Erkennen stark und klar,

Auch andre mögen’s mit dir teilen,

Doch daß du so gerecht und wahr,

Daß Segen jede deiner Zeilen,

Der Odem den dein Leben sog,

Der letzte noch, ein Liebeszeichen, –

Das, Henriette, stellt dich hoch

Ob andre, die an Geist dir gleichen!

Du warst die Seltne, die gehorcht

Des Ruhmes lockender Sirene,

Und keine Tünche je geborgt,

Und keine süßen Taumeltöne;

Die jede Perl’ aus ihrem Hort

Vor Gottes Auge erst getragen,

Um ernstes wie um heitres Wort,

Um keines durft’ im Tode zagen.

Am Sarge fällt die Blüte ab,

Zerrinnt der Glorie Zauberschemen,

Dein Lorbeerreis, es bleibt am Grab,

Du kannst es nicht hinüber nehmen;

Doch vor dem Richter kannst du knien,

Die reinen Hände hoch gefaltet:

»Sieh, Herr, die Pfunde, mir verliehn,

Ich habe redlich sie verwaltet.«

Nicht möcht’ ich einen kalten Stein

Ob deinem warmen Herzen sehen,

Auch keiner glühen Rosen Schein,

Die üppig unter Dornen wehen;

Des Sinnlaubs immergrünen Stern

Möcht’ ich um deinen Hügel ranken,

Und überm Grüne säh’ ich gern

Die segensreiche Ähre schwanken.

Fußnoten

1 Henriette von Hohenhausen, in Herford geboren, starb im April des Jahres 1843 zu Münster. Sie ist Verfasserin verschiedener Erzählungen, Gedichte und Jugendschriften, die sich durch sittlich religiöse Richtung und große Gemütlichkeit auszeichnen.

Vanitas Vanitatum!

R.i.p.

Ihr saht ihn nicht im Glücke,

Als Scharen ihm gefolgt,

Mit einem seiner Blicke

Er jeden Haß erdolcht,

Das Blut an seinen Händen

Wie Königspurpur fast,

Und flammenden Geländen

Entstieg des Nimbus Glast;

Saht nicht, wie stolz getragen

Schulfreund und Kamerad

Die Stirn, mit welchem Zagen

Der Fremdling ihm genaht,

Wenn mit Kolosses Schreiten

Das Klippentor er stieß,

Die kleinen Segel gleiten

An seiner Sohle ließ.

Ihr habt ihn nicht gesehen,

Ihr Augen jugendklar,

Du Haupt wo Ringel wehen

Von süßem Lockenhaar;

Jünglinge, blühnde Frauen,

Ihr saht ihn nicht im Glanz,

Ihn, seines Landes Grauen

Und allergrünsten Kranz.

Vielleicht doch saht ihr streifen

Den alten kranken Leun,

Saht seine Mähne schleifen

Und zittern sein Gebein,

Saht wie die breiten Pranken

Er matt und stöhnend hob,

Wie taumelnd seine Flanken

Er längs der Mauer schob.

Und Scheitel saht ihr, weiße,

Am Fensterglase spähn,

Die dann mit scheuem Fleiße

Sich hintern Vorhang drehn,

Vernahmt der Knaben Lachen,

Der Greise schmerzlich Ach,

Wenn er im freien flachen

Geländ’ zusammenbrach.

Allein ihr horcht als rede

Ich von dem Tartarkhan,

Mit Augen weit und öde

Starrt ihr mich lange an,

Und einer ruft: »O schauet,

Wie man ein Ehrenmal

Obskurem Burschen bauet!

Wer war der General?«

Instinkt

Bin ich allein, verhallt des Tages Rauschen

Im frischen Wald, im braunen Heideland,

Um mein Gesicht die Gräser nickend bauschen,

Ein Vogel flattert an des Nestes Rand,

Und mir zu Füßen liegt mein treuer Hund,

Gleich Feuerwürmern seine Augen glimmen,

Dann kommen mir Gedanken, ob gesund,

Ob krank, das mag ich selber nicht bestimmen.

Ergründen möcht’ ich, ob das Blut, das grüne,

Kein Lebenspuls durch jene Kräuter trägt,

Ob Dionaea1 um die kühne Biene

Bewußtlos ihre rauhen Netze schlägt,

Was in dem weißen Sterne2 zuckt und greift,

Wenn er, die Fäden streckend, leise schauert,

Und ob, vom Duft der Menschenhand gestreift,

Gefühllos ganz die Sensitive trauert?

Und wieder muß ich auf den Vogel sehen,

Der dort so zürnend seine Federn sträubt,

Mit kriegerischem Schrei mich aus den Nähen

Der nackten Brut, nach allen Kräften treibt.

Was ist Instinkt? – tiefsten Gefühles Herd;

Instinkt trieb auch die Mutter zu dem Kinde,

Als jene Fürstin, von der Glut verzehrt;

Als Heil’ge ward posaunt in alle Winde.

Und du, mein zott’ger Tremm, der schlafestrunken

Noch ob der Herrin wacht, und durch das Grün

Läßt blinzelnd streifen seiner Blicke Funken,

Sag an, was deine klugen Augen glühn?

Ich bin es nicht, die deine Schale füllt,

Nicht gab der Nahrung Trieb dich mir zu eigen,

Und mit der Sklavenpeitsche kann mein Bild

Noch minder dir im dumpfen Hirne steigen.

Wer kann mir sagen, ob des Hundes Seele

Hinaufwärts, oder ob nach unten steigt?

Und müde, müde drück’ ich in die Schmele

Mein Haupt, wo siedend der Gedanke steigt.

Was ist es, das ein hungermattes Tier,

Mit dem gestohlnen Brode für das bleiche

Blutrünst’ge Antlitz, in das Waldrevier

Läßt flüchten und verschmachten bei der Leiche?

Das sind Gedanken, die uns könnten töten,

Den Geist betäuben, rauben jedes Glück,

Mit tausendfachem Mord die Hände röten,

Und leise schaudernd wend’ ich meinen Blick.

O schlimme Zeit, die solche Gäste rief

In meines Sinnens harmlos lichte Bläue!

O schlechte Welt, die mich so lang und tief

Ließ grübeln über eines Pudels Treue!

Fußnoten

1 Dionaea muscipula, auch »die Fliegenfalle« genannt.

2 Sparrmannia.

Die rechte Stunde

Im heitren Saal beim Kerzenlicht,

Wenn alle Lippen sprühen Funken,

Und gar vom Sonnenscheine trunken,

Wenn jeder Finger Blumen bricht,

Und vollends an geliebtem Munde,

Wenn die Natur in Flammen schwimmt, –

Das ist sie nicht die rechte Stunde,

Die dir der Genius bestimmt.

Doch wenn so Tag als Lust versank,

Dann wirst du schon ein Plätzchen wissen,

Vielleicht in deines Sofas Kissen,

Vielleicht auf einer Gartenbank:

Dann klingt’s wie halb verstandne Weise,

Wie halb verwischter Farben Guß

Verrinnt’s um dich, und leise, leise

Berührt dich dann dein Genius.

Der zu früh geborene Dichter

Acht Tage zählt’ er schon, eh ihn

Die Amme konnte stillen,

Ein Würmchen, saugend kümmerlich

An Zucker und Kamillen,

Statt Nägel nur ein Häutchen lind,

Däumlein wie Vogelsporen,

Und jeder sagte: »Armes Kind!

Es ist zu früh geboren!«

Doch wuchs er auf, und mit der Zeit

Hat Leben sich entwickelt,

Mehr als der Doktor prophezeit,

Und hätt’ er ihn zerstückelt;

Im zähen Körper zeigte sich

Zäh wilder Seele Streben;

Einmal erfaßt – dann sicherlich

Hielt er, auf Tod und Leben.

In Büchern hat er sich studiert

Hohläugig und zuschanden,

Und durch sein glühes Hirn geführt

Zahllose Liederbanden.

Ein steter Drang – hinauf! hinauf!

Und ringsum keine Palme;

So klomm er an der Weide auf

Und jauchzte in die Alme.

Zwar dünkt ihn oft, bei trübem Mut,

Sein Baldachin von Laube

So köstlich wie ein alter Hut,

Wie ‘ne zerrissne Haube;

Allein dies schalt man »eitlen Drang,

Mit Würde abzutrumpfen!«

Und alles was er sah, das sang

Herab vom Weidenstumpfen.

So ward denn eine werte Zeit

Vertrödelt und verstammelt,

Lichtblonde Liederlein juchheit,

Und Weidenduft gesammelt;

Wohl fielen Tränen in den Flaum

Und schimmerten am Raine,

Erfaßte ihn der glühe Traum

Von einem Palmenhaine.

Und als das Leben ausgebrannt

Und fühlte sich vergehen,

Da sollt’ wie Moses er das Land

Der Gottverheißung sehen;

Er sah, er sah sie Schaft an Schaft

Die heil’gen Kronen tragen,

Und drunter all die frische Kraft

Der edlen Sprossen ragen.

Und Lieder hört’ er, Melodien,

Wie ihm im Traum geklungen,

Wenn ein Kristall der Gletscher schien,

Und Adler sich geschwungen;

Durch das smaragdne Riesenlaub

Sah er die Lyra blinken,

Und über sie gleich goldnem Staub

Levantes Äther sinken.

O, wie zusammen da im Fall

Die alten Töne schwirrten,

Im Busen die Gefangnen all

Mit ihren Ketten klirrten!

»Ha, Leben, Jahre! und mein Sitz

Ist in den Säulenwänden,

Auch meine Lyra soll den Blitz

Durch die Smaragden senden!«

Ach, arme Frist, an solchem Schaft

Mit mattem Fuß zu klimmen,

Die Sehne seiner Jugendkraft,

Vermag er sie zu stimmen?

Und bald erseufzt er: »Hin ist hin!

Vertrödelt ist verloren!

Die Scholle winkt, weh mir, ich bin

Zu früh, zu früh geboren!«

Not

Was redet ihr so viel von Angst und Not,

In eurem tadellosen Treiben?

Ihr frommen Leute, schlagt die Sorge tot,

Sie will ja doch nicht bei euch bleiben!

Doch wo die Not, um die das Mitleid weint,

Nur wie der Tropfen an des Trinkers Hand,

Indes die dunkle Flut, die keiner meint,

Verborgen steht bis an der Seele Rand –

Ihr frommen Leute wollt die Sorge kennen,

Und habt doch nie die Schuld gesehn!

Doch sie, sie dürfen schon das Leben nennen

Und seine grauenvollen Höhn;

Hinauf schallt’s wie Gesang und Loben,

Und um die Blumen spielt der Strahl,

Die Menschen wohnen still im Tal,

Die dunklen Geier horsten droben.

Die Bank

Im Parke weiß ich eine Bank,

Die schattenreichste nicht von allen,

Nur Erlen lassen, dünn und schlank,

Darüber karge Streifen wallen;

Da sitz’ ich manchen Sommertag

Und laß mich rösten von der Sonnen,

Rings keiner Quelle Plätschern wach,

Doch mir im Herzen springt der Bronnen.

Dies ist der Fleck, wo man den Weg

Nach allen Seiten kann bestreichen,

Das staub’ge Gleis, den grünen Steg,

Und dort die Lichtung in den Eichen:

Ach manche, manche liebe Spur

Ist unterm Rade aufgeflogen!

Was mich erfreut, bekümmert, nur

Von drüben kam es hergezogen.

Du frommer Greis im schlichten Kleid,

Getreuer Freund seit zwanzig Jahren,

Dem keine Wege schlimm und weit,

Galt es den heil’gen Dienst zu wahren,

Wie oft sah ich den schweren Schlag

Dich drehn mit ungeschickten Händen,

Und langsam steigend nach und nach

Dein Käppchen an des Dammes Wänden.

Und du in meines Herzens Grund,

Mein lieber schlanker blonder Junge,

Mit deiner Büchs’ und braunem Hund,

Du klares Aug’ und muntre Zunge,

Wie oft hört’ ich dein Pfeifen nah,

Wenn zu der Dogge du gesprochen;

Mein lieber Bruder warst du ja,

Wie sollte mir das Herz nicht pochen?

Und manches was die Zeit verweht,

Und manches was sie ließ erkalten,

Wie Banquos Königsreihe geht

Und trabt es aus des Waldes Spalten.

Auch was mir noch geblieben und

Was neu erblüht im Lebensgarten,

Der werten Freunde heitrer Bund,

Von drüben muß ich ihn erwarten.

So sitz’ ich Stunden wie gebannt,

Im Gestern halb und halb im Heute,

Mein gutes Fernrohr in der Hand

Und laß es streifen durch die Weite.

Am Damme steht ein wilder Strauch,

O, schmählich hat mich der betrogen!

Rührt ihn der Wind, so mein’ ich auch

Was Liebes komme hergezogen!

Mit jedem Schritt weiß er zu gehn,

Sich anzuformen alle Züge;

So mag er denn am Hange stehn,

Ein wert Phantom, geliebte Lüge;

Ich aber hoffe für und für,

Sofern ich mich des Lebens freue,

Zu rösten an der Sonne hier,

Geduld’ger Märtyrer der Treue.

Clemens von Droste1

An seinem Denkmal saß ich, das Getreibe

Des Lebens schwoll und wogt’ in den Alleen,

Ich aber mochte nur zum Himmel sehn,

Von dem ihr Silber goß die Mondenscheibe.

Und alle Schmerzenskeime fühlt’ ich sprießen,

Im Herzen sich entfalten, Blatt um Blatt,

Und allen Segen fühlt’ ich niederfließen

Um eines Christen heil’ge Schlummerstatt.

Da nahte durch die Gräser sich ein Rauschen,

Geflüster hallte an der Marmorwand,

Der mir so teure Name ward genannt,

Und leise Wechselrede hört’ ich tauschen.

Es waren tiefe achtungsvolle Worte,

Und dennoch war es mir, als dürfe hier

Kein anderer an dem geweihten Orte,

Kein Wesen ihn betrauern neben mir.

Wer könnte unter diesen Gräbern wandeln,

Der ihn gekannt wie ich, so manches Jahr,

Der seine Kindheit sah, so frisch und klar,

Des Jünglings Glut, des Mannes kräftig Handeln?

Welch fremdes Aug’ hat in den ernsten Lettern,

Dem strengen Wort des Herzens Schlag erkannt?

Die Blitze saht ihr, aber aus den Wettern

Saht ihr auch segnen eines Engels Hand?

Sie standen da wie vor Pantheons Hallen,

Wie unter Bannern, unter Lorbeerlaub;

Ich saß an einem Hügel, wo zu Staub

Der Menschenherzen freundlichstes zerfallen.

Sie redeten von den zersprengten Kreisen,

Die all er wie ein mächt’ger Reif geeint;

Ich dachte an die Witwen und die Waisen,

Die seinem dunklen Sarge nachgeweint.

Sie redeten von seines Geistes Walten,

Von seinem starken ungebeugten Sinn,

Und wie er nun der Wissenschaft dahin,

Der Mann an dem sich mancher Arm gehalten;

Ich hörte ihres Lobes Wogen schießen,

Es waren Worte wohlgemeint und wahr,

Doch meine Tränen fühlt’ ich heißer fließen,

Als ob man ihn verkenne ganz und gar.

Und endlich hört’ ich Ihre Stimmen schwinden,

Ihr letztes Wort war eine Klage noch:

Daß nicht so leicht ein gleiches Wissen doch,

Daß selten nur ein gleicher Geist zu finden.

Ich aber, beugend in des Denkmals Schatten,

Hab’ seines Grabes feuchten Halm geküßt:

»Wo gibt es einen Vater, einen Gatten,

Und einen Freund wie du gewesen bist!«

Fußnoten

1 Clemens August Freiherr von Droste, Professor an der juristischen Fakultät zu Bonn, wurde im Jahre 1832, während eines Aufenthalts zu Wiesbaden, seinen Freunden durch einen plötzlichen Tod entrissen. – Seine Hülle ruht auf dem dortigen Gottesacker.

Guten Willens Ungeschick

Du scheuchst den frommen Freund von mir,

Weil krank ich sei und sehr bewegt,

Mein hell und blühend Lustrevier

Hast du mit Dornen mir umhegt;

Wohl weiß ich, daß der Wille rein,

Daß eure Sorge immer wach,

Doch was ihn labt, was hindert, ach,

Ein jeder weiß es nur allein.

Ich denke, wie ich einstens saß

An eines Hügels schroffem Rain,

Und sah ein schönes Kind, das las

Sich Schneckenhäuschen im Gestein;

Dann glitt es aus, ich sprang hinzu,

Es hatte sich am Strauch gedrückt;

Ich griff es an gar ungeschickt,

Und abwärts rollte es im Nu;

Auf hob ich es, das weinend lag,

Und grimmig weinend um sich fuhr,

Und freilich, was es stieß vom Hag,

Mein schlimmes Helfen war es nur. –

Und an der Klippe stand ich auch,

Bei Vogelbrut mit Flaumenhaar,

Und drüber pfiff wie ein Korsar

Ein Weihe hoch im Nebelrauch.

Nun blitzte wie ein Strahl heran

Und immer näher schoß der Weih,

Ich schwang das Tuch, den Mantel dann,

Die jungen Vögel duckten scheu;

Und aufwärts funkelnd, angstgepreßt,

Wie Marder pfiffen sie so klar;

Da ward mir endlich offenbar,

Dies sei des Weihen eignes Nest.

So hab’ ich hundertmal gefühlt,

Und tausendmal hab’ ich gesehn,

Daß nichts so hart am Herzen wühlt

Wo seine tiefsten Adern gehn,

Als – zürne nicht, die Lippen drück’

Ich sühnend auf der Lippen Rand –

Als eine liebe rasche Hand

In guten Willens Ungeschick.

Der Traum

An Amalie H.

Jüngst hab’ ich dich gesehn im Traum,

So lieblich saßest du behütet,

In einer Laube grünem Raum,

Von duftendem Jasmin umblütet,

Durch Zweige fiel das goldne Licht,

Aus Vogelkehlen ward gesungen,

Du saßest da, wie ein Gedicht

Von einem Blumenkranz umschlungen.

Und deine liebe Rechte trug

Das Antlitz mit so edlen Sitten,

Im Sand das aufgeschlagne Buch

Schien von dem Schoße dir geglitten;

Dich lehnend an den frischen Hag

Hauchtest du flüsternd leise Küsse,

Im Auge eine Träne lag

Wie Tau im Kelche der Narzisse.

Dich anzuschaun war meine Lust,

Zu lauschen deiner Züge Regen,

Und dennoch hätt’ ich gern gewußt,

Was dich so innig mocht’ bewegen?

Da bogst du sacht hinab den Zweig,

Strichst lächelnd an der Spitzenhaube,

An deine Schulter huscht’ ich gleich,

Sah einen Baum in schlichtem Laube:

Und auf dem Baume saß ein Fink,

Der schleppte dürres Moos und Reisig,

»Schau her, schau wieder!« zirpt’ er flink

Und förderte am Nestchen fleißig;

Er sah so keck und fröhlich aus,

Als trüg’ er des Flamingo Kleider,

So sorglich hüpft’ er um sein Haus,

Als fürcht’ er bösen Blick und Neider.

Und wenn ein Reischen er gelegt,

Dann rief er alle Welt zu Zeugen,

Als müsse was der Garten hegt,

Blum’ und Gesträuch sich vor ihm neigen;

Um deine Lippe flog ein Zug,

Wie ich ihn oft an ihr gesehen,

Und meinen Namen ließ im Flug

Sie über ihre Spalte gehen.

Schon hob ich meine Hand hinauf

Mit leisem Schlage dich zu strafen,

Allein da wacht’ ich plötzlich auf

Und bin nicht wieder eingeschlafen;

Nur deiner hab’ ich fortgedacht,

Säh’ dich so gern am grünen Hage,

Mich dünkt, so lieb wie in der Nacht

Sah ich dich noch an keinem Tage.

Im Eise schlummern Blum’ und Zweig,

Dezemberwinde schneidend wehen,

Der Garten steht im Wolkenreich,

Wo tausend schönre Gärten stehen;

So golden ist kein Sonnenschein,

Daß er wie der erträumte blinke;

Doch du, bist du nicht wirklich mein?

Und bin ich nicht dein dummer Finke?

Locke und Lied

Meine Lieder sandte ich dir,

Meines Herzens strömende Quellen,

Deine Locke sandtest du mir,

Deines Hauptes ringelnde Wellen;

Hauptes Welle und Herzens Flut

Sie zogen einander vorüber,

Haben sie nicht im Kusse geruht?

Schoß nicht ein Leuchten darüber?

Und du klagest: verblichen sei

Die Farbe der wandernden Zeichen;

Scheiden tut weh, mein Liebchen, ei,

Die Scheidenden dürfen erbleichen;

Warst du blaß nicht, zitternd und kalt,

Als ich von dir mich gerissen?

Blicke sie an, du Milde, und bald,

Bald werden den Herrn sie nicht missen.

Auch deine Locke hat sich gestreckt,

Verdrossen, gleich schlafendem Kinde,

Doch ich hab’ sie mit Küssen geweckt,

Hab’ sie gestreichelt so linde,

Ihr geflüstert von unserer Treu’,

Sie geschlungen um deine Kränze,

Und nun ringelt sie sich aufs neu,

Wie eine Rebe im Lenze.

Wenig Wochen, dann grünet der Stamm,

Hat Sonnenschein sich ergossen,

Und wir sitzen am rieselnden Damm,

Die Händ’ in einander geschlossen,

Schaun in die Welle, und schaun in das Aug’

Uns wieder und wieder und lachen,

Und Bekanntschaft mögen dann auch

Die Lock’ und der Liederstrom machen.

An ***

Kein Wort, und wär’ es scharf wie Stahles Klinge,

Soll trennen, was in tausend Fäden eins,

So mächtig kein Gedanke, daß er dringe

Vergällend in den Becher reinen Weins;

Das Leben ist so kurz, das Glück so selten,

So großes Kleinod, einmal sein statt gelten!

Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze,

Auf feindlich starre Pole gleich erhöht,

So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze

Herrscht, König über alle, der Magnet,

Nicht frägt er ob ihn Fels und Strom gefährde,

Ein Strahl fährt mitten er durchs Herz der Erde.

Blick in mein Auge – ist es nicht das deine,

Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?

Du lächelst – und dein Lächeln ist das meine,

An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich;

Worüber alle Lippen freundlich scherzen,

Wir fühlen heil’ger es im eignen Herzen.

Pollux und Kastor, – wechselnd Glühn und Bleichen,

Des einen Licht geraubt dem andern nur,

Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. –

So reiche mir die Hand, mein Dioskur!

Und mag erneuern sich die holde Mythe,

Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte.

Poesie

Frägst du mich im Rätselspiele,

Wer die zarte lichte Fei,

Die sich drei Kleinoden gleiche

Und ein Strahl doch selber sei?

Ob ich’s rate? Ob ich fehle?

Liebchen, pfiffig war ich nie,

Doch in meiner tiefsten Seele

Hallt es: Das ist Poesie!

Jener Strahl der, Licht und Flamme,

Keiner Farbe zugetan,

Und doch, über alles gleitend

Tausend Farben zündet an,

Jedes Recht und keines Eigen. –

Die Kleinode nenn’ ich dir:

Den Türkis, den Amethisten,

Und der Perle edle Zier.

Poesie gleicht dem Türkise,

Dessen frommes Auge bricht,

Wenn verborgner Säure Brodem

Nahte seinem reinen Licht;

Dessen Ursprung keiner kündet,

Der wie Himmelsgabe kam,

Und des Himmels milde Bläue

Sich zum milden Zeichen nahm.

Und sie gleicht dem Amethisten,

Der sein veilchenblau Gewand

Läßt zu schnödem Grau erblassen

An des Ungetreuen Hand;

Der, gemeinen Götzen frönend,

Sinkt zu niedren Steines Art,

Und nur einer Flamme dienend

Seinen edlen Glanz bewahrt;

Gleicht der Perle auch, der zarten,

Am Gesunden tauig klar,

Aber saugend, was da Krankes

In geheimsten Adern war;

Sahst du niemals ihre Schimmer

Grünlich, wie ein modernd Tuch?

Eine Perle bleibt es immer,

Aber die ein Siecher trug.

Und du lächelst meiner Lösung,

Flüsterst wie ein Widerhall:

Poesie gleicht dem Pokale

Aus venedischem Kristall;

Gift hinein – und schwirrend singt er

Schwanenliedes Melodie,

Dann in tausend Trümmer klirrend,

Und hin ist die Poesie!

An ***

O frage nicht was mich so tief bewegt,

Seh ich dein junges Blut so freudig wallen,

Warum, an deine klare Stirn gelegt,

Mir schwere Tropfen aus den Wimpern fallen.

Mich träumte einst, ich sei ein albern Kind,

Sich emsig mühend an des Tisches Borden;

Wie übermächtig die Vokabeln sind,

Die wieder Hieroglyphen mir geworden!

Und als ich dann erwacht, da weint’ ich heiß,

Daß mir so klar und nüchtern jetzt zu Mute,

Daß ich so schrankenlos und überweis’,

So ohne Furcht vor Schelten und vor Rute.

So, wenn ich schaue in dein Antlitz mild,

Wo tausend frische Lebenskeime walten,

Da ist es mir, als ob Natur mein Bild

Mir aus dem Zauberspiegel vorgehalten;

Und all mein Hoffen, meiner Seele Brand,

Und meiner Liebessonne dämmernd Scheinen,

Was noch entschwinden wird und was entschwand,

Das muß ich alles dann in dir beweinen.

An Elise

Am 19. November 1843

Du weißt es lange wohl wie wert du mir,

Was sollt’ ich es nicht froh und offen tragen

Ein Lieben, das so frischer Ranken Zier

Um meinen kranken Lebensbaum geschlagen?

Und manchen Abend hab’ ich nachgedacht,

In leiser Stunde träumerischem Sinnen,

Wie deinen Morgen, meine nahnde Nacht

Das Schicksal ließ aus einer Urne rinnen.

Zu alt zur Zwillingsschwester, möchte ich

Mein Töchterchen dich nennen, meinen Sprossen,

Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich,

Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen.

Wo flammt im Herzen mir ein Opferherd,

Daß nicht der deine loderte daneben,

Von gleichen Landes lieber Luft genährt,

Von gleicher Freunde frommem Kreis umgeben?

Und heut, am Sankt Elisabethentag,

Vereinend uns mit gleichen Namens Banden,

Schlug ich bedächtig im Kalender nach,

Welch’ Heilige am Taufborn uns gestanden;

Da fand ich eine königliche Frau,

Die ihre milde Segenshand gebreitet,

Und eine Patriarchin, ernst und grau,

Nur wert um den, des Wege sie bereitet.

Fast war es mir, als ob dies Doppelbild

Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen,

Als woll’ es dir die Fürstin zart und mild,

Mir nur die ernste Hüterin vergönnen;

Doch – lächle nicht – ich hab’ mich abgekehrt,

Bin fast verschämt zur Seite dir getreten;

Nun wähle, Lieb, und die du dir beschert,

Zu der will ich als meiner Heil’gen beten.

Ein Sommertagstraum

Im tiefen West der Schwaden grollte,

Es stand die Luft, ein siedend Meer,

An meines Fensters Vorhang rollte

Die Sonnenkugel, glüh und schwer,

Und wie ein Kranker, lang gestreckt,

Lag ich auf grünen Sofakissen,

Das Haupt von wüstem Schmerz zerrissen,

Die Stirne fieberhaft gefleckt.

Um mich Geschenke, die man heute

Zu meinem Wiegenfest gesandt,

Denare, Schriften, Meeres Beute,

Ich hab’ mich schnöde abgewandt;

Zum Tode matt und schlafberaubt

Studiert ich der Gardine Bauschen,

Und horchte auf des Blutes Rauschen

Und Klingeln im betäubten Haupt.

Zuweilen dehnte sich ein Murren

Den Horizont entlang, es schlich

Am Hag ein Rieseln und ein Surren,

Wie flatternder Libelle Strich;

Betäubend zog Resedaduft

Durch des Balkones offne Türen,

In jeder Nerve war zu spüren

Die schwefelnde Gewitterluft.

Da plötzlich schien sich aufzurichten

Am Fensterrahm ein Schattenwall,

Und mählich schob die dunklen Schichten

Er näher an den glühen Ball.

Durch der Gardine Spalten zog

Ein frischer Hauch, ich schloß die Augen,

Um tiefer, tiefer einzusaugen,

Was leise spielend mich umflog.

Genau vernahm ich noch das Rucken

Des flatternden Papiers, das Licht

Der Stufe sah ich schmerzend zucken;

Ob ich entschlief? mich dünkt es nicht.

Doch schneller schien am Autograph

Das dürre Züngelchen zu wehen,

Ein glitzernd Aug’ der Stein zu drehen,

Die Muschel dehnte sich im Schlaf.

Und, nächt’ger Mücke zu vergleichen,

Umsäuselte mich halber Klang,

Am Teppich schien es sacht zu streichen,

Und lief des Polsters Saum entlang,

Wie wenn im zitternden Papier

Der Fliege zarte Füßchen irren;

Und heller feiner aus dem Schwirren

Drang es wie Wortes Hauch zu mir:

Das Autograph

Pst! – St! – ja, ja,

Das mocht’ eine Pracht noch heißen,

Als ich am Ärmel sah

Die goldenen Tressen gleißen!

Wie waren die Hände weiß und weich,

Wie funkelten die Demanten!

Wie schwammen drüber, so duftig, reich,

Die breiten Brüsseler Kanten!

Das waren Bilder und Lockenpracht,

Wie mähnige Leun in Rahmen!

Das Vasen! wo in der Galatracht

Spazierten schäfernde Damen!

Und, o, das war eine Blumensee,

Ein farbiges Blütengewimmel!

Das eine berauschende Äthernäh’

Von heißem südlichen Himmel!

Pst! – St! – ich duckt’ in meinem Fach,

Pst! – still – wie Vögel im Nest,

Und ward am Gitter die Brise wach,

Dann ruschelt’ ich mit dem West.

O, o! der war auch ein Vagabund:

Von Bogen flog er zu Bogen,

Hat aus der Siegel Granatenmund

Säuselnde Küsse gesogen.

Pst! – drunten, hart an meiner Klaus’

Ein Tisch auf güldenen Krallen;

Und wispelte ich zu weit hinaus,

Ich wär auf den Amor gefallen;

Der stand, einen Köcher in jeder Hand,

Wie sinnend auf lustige Finte,

Das Haupt gewendet vom stäubenden Sand,

Und spiegelte sich in der Dinte.

Sieh! drüben der Türen Paneele, breit,

Geschmückt mit schimmernden Leisten!

Wie hab’ ich geflattert und mich gefreut,

Wenn leise knarrend sie gleißten!

Dann kam das Ding – ein Mann – ein Greis? –

Nie konnte ich satt mich schauen,

Daß seine Lockenkaskaden so weiß,

So glänzend schwarz seine Brauen!

Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt’ und bog,

Lang lange schlängelnde Kette,

Und sachte über den Marmor zog

Und schleifte sich die Manschette.

Das summt’ und säuselte mir wie Traum,

Wie surrender Bienen Lesen,

Als sei ich einst ein seidener Schaum,

Eine Spitzenmanschette gewesen.

Pst! – stille, – sieh, ein andrer! – sieh!

Wie schütteln des Schreibers Locken!

Er beugt und schlenkert sich bis ans Knie,

Schlürft und schleicht wie auf Socken.

Ha! es zupft mich, – ich falle, ich falle! –

Da liege ich hülflos gebreitet,

Und über mich die dintige Galle

Wie Würmer krimmelt und gleitet.

Licht! Leben! durch die Fasern gießt

Gleich Ichor sich der Menschengeist;

Wie’s droben tönt, die Spalte fließt,

Gedankenwelle schwillt und kreist.

»Viva!« – ein König wird gegrüßt, –

Es fault im Mark, die Rinde gleißt. –

Und Schiffe, schwer von Proviant,

Ziehn übers Meer vom Nordenstrand.

Ich zittre, zittre, jenes Fremden Auge,

Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt;

Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge?

Ich weiß es nicht, sein Blinzen sinkt und steigt,

Ein Auge scharf wie Scheidewassers Lauge! –

Er streicht die Brauen, faßt die Feder leicht, –

Nun schlängelt er, – nun drunten steht es da:

»Theodor’ il primo, re di Corsica.«

Pst! still! – der König spricht, Denar, halt Ruh!

Was schaukelst dich, was klimperst du?

Der Denar

O! über deinen König! ganz dir gleich,

Du glattgeschlagner Lumpen, o, sein Reich

Das Inselchen, des kärglichen Tribut

Lukull in eine Silberschüssel lud,

Gebannt in eine Perle Cäsars Hand

In der Ägypterfürstin Locken wand.

Du, zitternd vor Satrapenblicke, fahl

Wärst du zerstäubt vor seiner Augen Strahl,

Wenn langsam übers Forum, im Triumpf

Das Viergespann ihn rollte; hörst du dumpf,

Wie halberwachten Donner oder Spülen

Der Brandung, Pöbelwoge ziehn und wühlen,

Um die Quadriga summend, wie im Nahn

Prüft seine Stimme murrend der Orkan?

»Heil, Cäsar, Heil!« um seine kahle Stirn

Ragt Lorbeer, wie die Ficht’ um Klippenfirn;

Er lächelt, und aus seinem Lächeln fließet

Ein leise schläfernd Gift, o Roma, dir,

Sein halbgeschloß’nes Auge Fäden schießet,

Ein unzerreißbar Netz. – Gebückt und stier,

Zerzausten Haares, vor den Rossen klirrt

Endloser Gallierzug, die Fesseln schleifen,

Und aus der Pöbelwelle gellt und schwirrt

Gezisch, Gejubel, Zymbelklang und Pfeifen.

Denare fliegen aus des Siegers Hand,

Ha, wie es krabbelt im Arenasand! –

Der Imperator nickt und klingelt fort.

Noch lieg’ ich unberührt im Byssusbeutel, –

Was steigt so schwarz am Kapitole dort?

Es dunkelt, dunkelt; – über Cäsars Scheitel

Ein Riesenaar mit Flügelrauschen steigt,

Die Sonne schwindet, – doch ein Leuchten streicht

Um der Liktoren Beile, – wieder itzt –

Sie zucken, schwenken sich – es blitzt! – es blitzt!

Die Erzstufe

Ja, Blitze, Blitze! der Schwaden drängt

Giftiges Gas am Risse hinaus,

Auf einem Blitze bin ich gesprengt

Aus meinem funkelnden Kellerhaus.

O, wie war ich zerbrochen und krank,

Wie rieselt’s mir über die blanke Haut,

Wenn langsam schwellend der Tropfen sank,

Des Zuges Schneide mich angegraut!

Kennst du den Bergmönch, den braunen Schelm,

Dem auf der Schulter das Antlitz kreist?

Schwarz und rauh wie ein rostiger Helm,

Wie die Grubenlampe sein Auge gleißt.

O, er ist böse, tückisch und schlimm!

Mit dem Gezähe1 hackt er am Spalt,

Bis das schwefelnde Wetter im Grimm

Gegen die weichende Rinde schwallt.

Steiger bete! du armer Knapp’,

Dem in der Hütte das Kindlein zart,

Betet! betet! eh ihr hinab,

Eh zum letzten Male vor Ort ihr fahrt.

Sieben Nächte hab’ ich gesehn

Wie eine Walze rollen den Nacken,

Und die Augen funkeln und drehn,

Und das Gezähe schürfen und hacken.

Dort, dort hinter dem reichen Gang

Lauert der giftige Brodem; da

Wo der Kobold den Hammer schwang,

Wo ich am Bruche ihn schnuppern sah.

Gleich dem Molche von Dunste trunken

Schwoll und wackelt’ der Gnom am Grund,

Und des Gases knisternde Funken

Zogen in seinen saugenden Schlund.

Bete, Steiger, den Morgenpsalm

Einmal noch, und dein »Walt’s Gott«,

Deinen Segen gen Wetters Qualm,

Gäh’ Verscheiden und Teufelsrott’.

Schau noch einmal ins Angesicht

Deinem Töchterchen, deinem Weib,

Und dann zünde das Grubenlicht.

»Gott die Seele, dem Schacht der Leib!«

Sie sind vor Ort, die Lämpchen rund

Wie Irrwischflämmchen aufgestellt.

Die Winde keucht, es rollt der Hund,2

Der Hammer pickt, die Stufe fällt,

An Bleigewürfel, Glimmerspat

Zerrinnend, malt der kleine Strahl

In seiner Glorie schwimmend Rad

Sich Regenbogen und Opal.

Die Winde keucht, es rollt der Hund. –

Hörst du des Schwadens Sausen nicht?

Wie Hagel bröckelt es zum Grund –

Der Hammer pickt, die Stufe bricht; –

Weh, weh! es zündet, flammt hinein!

Hinweg! es schmettert aus der Höh’!

Felsblöcke, zuckendes Gebein!

Wo bin ich? bin ich? – auf der See?

Und welch Geriesel – immer immerzu,

Wie Regentropfen, regnet’s?

Fußnoten

1 »Gezähe« das Handwerkszeug der Bergknappen.

2 »Der Hund« der kleine kastenähnliche Karren, auf dem die Erzstufen aus dem Stollen zu Tage gefördert werden.

Die Muschel

Su, susu,

O, schlaf im schimmernden Bade,

Hörst du sie plätschern und rauschen,

Meine hüpfende blanke Najade?

Ihres Haares seidenen Tang

Über der Schultern Perlenschaum;

Horch! sie singt den Wellengesang,

Süß wie Vögelein, zart wie Traum:

»Webe, woge, Welle, wie

Westes Säuselmelodie,

Wie die Schwalbe übers Meer

Zwitschernd streicht von Süden her,

Wie des Himmels Wolken tauen

Segen auf des Eilands Auen,

Wie die Muschel knirrt am Strand,

Von der Düne rieselt Sand.

Woge, Welle, sachte, sacht,

Daß der Triton nicht erwacht.

In der Hand das plumpe Horn

Schlummert er, am Strudelborn.

In der Muschelhalle liegt er,

Seine grünen Zöpfe wiegt er;

Riesle, Woge, Sand und Kies,

In des Bartes zottig Vlies.

Leise, leise, Wellenkreis,

Wie des Liebsten Ruder leis

Streift dein leuchtend Glas entlang

Zu dem nächtlich süßen Gang;

Wenn das Boot, im Strauch geborgen,

Tändelt, schaukelt, bis zum Morgen.

In der Kammer flimmert Licht;

Ruhig, Kiesel, knistert nicht!«

Das Lied verhaucht, wie Echo am Gestade,

Und leiser, leiser wiegt sich die Najade,

Beginnt ihr strömend Flockenhaar zu breiten,

Läßt vom Korallenkamm die Tropfen gleiten,

Und sachte strählend schwimmt sie, wie ein Hauch,

Im Strahl der dämmert durch den Nebelrauch;

Wie glänzt ihr Regenbogenschleier! – o,

Die Sonne steigt, – das Meer beginnt zu zittern, –

Ein Silbernetz von Myriaden Flittern!

Mein Auge zündet sich – wo bin ich? – wo?

Tief atmend saß ich auf, aus Westen

Bohrte der schräge Sonnenstrahl,

Es tropft’ und rieselt’ von den Ästen,

Die Lerche stieg im Äthersaal;

Vom blanken Erzgewürfel traf

Mein Aug’ ein Leuchten, schmerzlich flirrend,

Und in des Zuges Hauche schwirrend

Am Boden lag das Autograph.

So hab’ ich Donner, Blitz und Regenschauer

Verträumt, in einer Sommerstunde Dauer.

Die junge Mutter

Im grün verhangnen duftigen Gemach,

Auf weißen Kissen liegt die junge Mutter;

Wie brennt die Stirn! Sie hebt das Auge schwach

Zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter

Den nackten Jungen reicht: »Mein armes Tier«,

So flüstert sie, »und bist du auch gefangen

Gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen,

So hast du deine Kleinen doch bei dir.«

Den Vorhang hebt die graue Wärterin,

Und legt den Finger mahnend auf die Lippen;

Die Kranke dreht das schwere Auge hin,

Gefällig will sie von dem Tranke nippen;

Er mundet schon, und ihre bleiche Hand

Faßt fester den Kristall, – o milde Labe! –

»Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?«

»Er schläft«, versetzt die Alte abgewandt.

Wie mag er zierlich liegen! – Kleines Ding! –

Und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen;

Ob man den Schleier um die Wiege hing,

Den Schleier der am Erntefest zerrissen?

Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett,

Daß alle Frauen höchlich es gepriesen,

Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen.

»Was läutet man im Dom, Elisabeth?«

»Madame, wir haben heut Mariatag.«

So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. –

Wie war es nur? – doch ihr Gehirn ist schwach,

Und leise suchend zieht sie aus den Linnen

Ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich

Läßt sie den Faden in die Nadel gleiten;

So ganz verborgen will sie es bereiten,

Und leise, leise zieht sie Stich um Stich.

Da öffnet knarrend sich die Kammertür,

Vorsicht’ge Schritte übern Teppich schleichen.

»Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier!

Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?«

Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts,

Küßt wie ein Hauch die kleinen heißen Hände:

»Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende!

Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.«

»Du duftest Weihrauch, Mann.« – »Ich war im Dom;

Schlaf, Kind«; und wieder gleitet er von dannen.

Sie aber näht, und liebliches Phantom

Spielt um ihr Aug’ von Auen, Blumen, Tannen. –

Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au,

Siehst über einem kleinen Hügel schwanken

Den Tannenzweig und Blumen drüber ranken,

Dann tröste Gott dich, arme junge Frau!

Meine Sträuße

Sooft mir ward eine liebe Stund’

Unterm blauen Himmel im Freien,

Da habe ich, zu des Gedenkens Bund,

Mir Zeichen geflochten mit Treuen,

Einen schlichten Kranz, einen wilden Strauß,

Ließ drüber die Seele wallen;

Nun stehe ich einsam im stillen Haus,

Und sehe die Blätter zerfallen.

Vergißmeinnicht mit dem Rosaband –

Das waren dämmrige Tage,

Als euch entwandte der Freundin Hand

Dem Weiher drüben am Hage;

Wir schwärmten in wirrer Gefühle Flut,

In sechzehnjährigen Schmerzen;

Nun schläft sie lange. – Sie war doch gut,

Ich liebte sie recht von Herzen!

Gar weite Wege hast du gemacht,

Kamelia, staubige Schöne,

In deinem Kelche die Flöte wacht,

Trompeten und Zymbelgetöne;

Wie zitterten durch das grüne Revier

Buntfarbige Lampen und Schleier!

Da brach der zierliche Gärtner mir

Den Strauß beim bengalischen Feuer.

Dies Alpenröschen nährte mit Schnee

Ein eisgrau starrender Riese;

Und diese Tange entfischt’ ich der See

Aus Muschelgescherbe und Kiese;

Es war ein volles, gesegnetes Jahr,

Die Trauben hingen gleich Pfunden,

Als aus der Rebe flatterndem Haar

Ich diesen Kranz mir gewunden.

Und ihr, meine Sträuße von wildem Heid’,

Mit lockerm Halme geschlungen,

O süße Sonne, o Einsamkeit,

Die uns redet mit heimischen Zungen!

Ich hab’ sie gepflückt an Tagen so lind,

Wenn die goldenen Käferchen spielen,

Dann fühlte ich mich meines Landes Kind,

Und die fremden Schlacken zerfielen.

Und wenn ich grüble an meinem Teich,

Im duftigen Moose gestrecket,

Wenn aus dem Spiegel mein Antlitz bleich

Mit rieselndem Schauer mich necket,

Dann lang’ ich sachte, sachte hinab,

Und fische die träufelnden Schmelen;

Dort hängen sie, drüben am Fensterstab,

Wie arme vertrocknete Seelen.

So mochte ich still und heimlich mir

Eine Zauberhalle bereiten,

Wenn es dämmert dort, und drüben, und hier,

Von den Wänden seh ich es gleiten;

Eine Fei entschleicht der Kamelia sich,

Liebesseufzer stöhnet die Rose,

Und wie Blutes Adern umschlingen mich

Meine Wasserfäden und Moose.

Das Liebhabertheater

Meinst du, wir hätten jetzt Dezemberschnee?

Noch eben stand ich vor dem schönsten Hain,

So grün und kräftig sah ich keinen je.

Die Windsbraut fuhr, der Donner knallte drein,

Und seine Zweige trotzten wie gegossen,

Gleich an des Parkes Tor ein Häuschen stand,

Mit Kränzen war geschmückt die schlichte Wand,

Die haben nicht gezittert vor den Schlossen,

Das nenn’ ich Kränze doch und einen Hain!

Und denkst du wohl, wir hätten finstre Nacht?

Des Morgens Gluten wallten eben noch,

Rotglühend, wie des Lavastromes Macht

Hernieder knistert von Vesuves Joch;

Nie sah so prächtig man Auroren ziehen!

An unsre Augen schlugen wir die Hand,

Und dachten schier, der Felsen steh’ in Brand,

Die Hirten sahn wir wie Dämone glühen;

Das nenn’ ich einen Sonnenaufgang doch!

Und sprichst du unsres Landes Nymphen Hohn?

Noch eben schlüpfte durch des Forstes Hau

Ein Mädchen, voll und sinnig wie der Mohn,

Gewiß, sie war die allerschönste Frau!

Ihr weißes Händchen hielt den blanken Spaten,

Der kleine Fuß, in Zwickelstrumpf und Schuh,

Hob sich so schwebend, trat so zierlich zu,

Und hör, ich will es dir nur gleich verraten,

Der schönen Clara glich sie ganz genau.

Und sagst du, diese habe mein gelacht?

O hättest du sie heute nur gesehn,

Wie schlau sie meine Blicke hat bewacht,

Wie zärtlich konnte ihre Augen drehn,

Und welche süße Worte ihr entquollen!

Recht wo ich stand, dorthin hat sie geweint:

»Mein teures Herz, mein Leben, einz’ger Freund!«

Das schien ihr von den Lippen nur zu rollen.

War das nicht richtig angebracht, und schön?

Doch eins nur, eines noch verhehlt’ ich dir,

Und fürchte sehr, es trage wenig ein;

Der Wald war brettern und der Kranz Papier,

Das Morgenrot Bengalens Feuerschein,

Und als sie ließ so süße Worte wandern,

Ach, ob sie gleich dabei mich angeblickt,

Der dicht an das Orchester war gerückt,

Doch fürcht’ ich fast, sie galten einem andern!

Was meinst du, sollte das wohl möglich sein?

Die Taxuswand

Ich stehe gern vor dir,

Du Fläche schwarz und rauh,

Du schartiges Visier

Vor meines Liebsten Brau’,

Gern mag ich vor dir stehen,

Wie vor grundiertem Tuch,

Und drüber gleiten sehen

Den bleichen Krönungszug;

Als mein die Krone hier,

Von Händen die nun kalt;

Als man gesungen mir

In Weisen die nun alt;

Vorhang am Heiligtume,

Mein Paradiesestor,

Dahinter alles Blume,

Und alles Dorn davor.

Denn jenseits weiß ich sie,

Die grüne Gartenbank,

Wo ich das Leben früh

Mit glühen Lippen trank,

Als mich mein Haar umwallte

Noch golden wie ein Strahl,

Als noch mein Ruf erschallte,

Ein Hornstoß, durch das Tal.

Das zarte Efeureis,

So Liebe pflegte dort,

Sechs Schritte, – und ich weiß,

Ich weiß dann, daß es fort.

So will ich immer schleichen

Nur an dein dunkles Tuch,

Und achtzehn Jahre streichen

Aus meinem Lebensbuch.

Du starrtest damals schon

So düster treu wie heut,

Du, unsrer Liebe Thron

Und Wächter manche Zeit;

Man sagt daß Schlaf, ein schlimmer,

Dir aus den Nadeln raucht, –

Ach, wacher war ich nimmer,

Als rings von dir umhaucht!

Nun aber bin ich matt,

Und möcht’ an deinem Saum

Vergleiten, wie ein Blatt

Geweht vom nächsten Baum;

Du lockst mich wie ein Hafen,

Wo alle Stürme stumm,

O, schlafen möcht’ ich, schlafen,

Bis meine Zeit herum!

Nach fünfzehn Jahren

Wie hab’ ich doch so manche Sommernacht,

Du düstrer Saal, in deinem Raum verwacht!

Und du, Balkon, auf dich bin ich getreten,

Um leise für ein teures Haupt zu beten,

Wenn hinter mir aus des Gemaches Tiefen

Wie Hülfewimmern bange Seufzer riefen,

Die Odemzüge aus geliebtem Mund;

Ja, bitter weint’ ich – o Erinnerung! –

Doch trug ich mutig es, denn ich war jung,

War jung noch und gesund.

Du Bett mit seidnem Franzenhang geziert,

Wie hab’ ich deine Falten oft berührt,

Mit leiser leiser Hand gehemmt ihr Rauschen,

Wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen,

Mein Haupt so müde daß es schwamm wie trunken,

So matt mein Knie daß es zum Grund gesunken!

Mechanisch löste ich der Zöpfe Bund

Und sucht’ im frischen Trunk Erleichterung;

Ach, alles trägt man leicht, ist man nur jung,

Nur jung noch und gesund!

Und als die Rose, die am Stock erblich,

Sich wieder auf die kranke Wange schlich,

Wie hab’ ich an dem Pfeilertische drüben

Dem Töchterchen geringelt seine lieben

Goldbraunen Löckchen! wie ich mich beflissen,

Eh ich es führte an der Mutter Kissen!

Und gute Sitte flüstert’ ich ihm ein,

Gelobte ihm die Fabel von dem Schaf

Und sieben Zicklein, wenn es wolle brav,

Recht brav und sittig sein.

Und dort die Hütte in der Tannenschlucht,

Da naschten sie und ich der Rebe Frucht,

Da fühlten wir das Blut so keimend treiben,

Als müss’ es immer frisch und schäumend bleiben;

Des Überstandnen lachten wir im Hafen:

Wie ich geschwankt, wie stehend ich geschlafen;

Und wandelten am Rasenstreifen fort,

Und musterten der Stämmchen schlanke Reihn,

Und schwärmten, wie es müsse reizend sein

Nach fünfzehn Jahren dort!

O fünfzehn Jahre, lange öde Zeit!

Wie sind die Bäume jetzt so starr und breit!

Der Hütte Tür vermocht’ ich kaum zu regen,

Da schoß mir Staub und wüst Gerüll entgegen,

Und an dem blanken Gartensaale drüben

Da steht ‘ne schlanke Maid mit ihrem Lieben,

Die schaun sich lächelnd in der Seele Grund,

In ihren braunen Locken rollt der Wind;

Gott segne dich, du bist geliebt, mein Kind,

Bist fröhlich und gesund!

Sie aber die vor Lustern dich gebar,

Wie du so schön, so frisch und jugendklar,

Sie steht mit einer an des Parkes Ende

Und drückt zum Scheiden ihr die bleichen Hände,

Mit einer, wie du nimmer möchtest denken,

So könne deiner Jugend Flut sich senken;

Sie schaun sich an, du nennst vielleicht es kalt,

Zwei starre Stämme, aber sonder Wank

Und sonder Tränenquell, denn sie sind krank,

Ach, beide krank und alt!

Der kranke Aar

Am dürren Baum, im fetten Wiesengras

Ein Stier behaglich wiederkäut’ den Fraß;

Auf niederm Ast ein wunder Adler saß,

Ein kranker Aar mit gebrochnen Schwingen.

»Steig auf, mein Vogel, in die blaue Luft,

Ich schau dir nach aus meinem Kräuterduft.« –

»Weh, weh, umsonst die Sonne ruft

Den kranken Aar mit gebrochnen Schwingen!« –

»O Vogel warst so stolz und freventlich

Und wolltest keine Fessel ewiglich!« –

»Weh, weh, zu viele über mich,

Und Adler all, – brachen mir die Schwingen!«

»So flattre in dein Nest, vom Aste fort,

Dein Ächzen schier die Kräuter mir verdorrt.«

»Weh, weh, kein Nest hab’ ich hinfort,

Verbannter Aar mit gebrochnen Schwingen!«

»O Vogel, wärst du eine Henne doch,

Dein Nestchen hättest du, im Ofenloch.«

»Weh, weh, viel lieber ein Adler noch,

Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!«

Sit illi terra levis!

So sonder Arg hast du in diesem Leben

Mich deinen allerbesten Freund genannt,

Hast mir so oft gereicht die hagre Hand, –

Hab’ ich gelächelt, mag mir Gott vergeben.

Die Schlange wacht in jedes Menschen Brust,

Was ich dir bot, es war doch treue Gabe,

Und hier bekenn’ ich es, an deinem Grabe,

Du warst mir lieber als ich es gewußt.

Ob ich auch nie zu jenen mich gesellte,

Die lachend deine Einfalt angeschaut;

Des Hauptes, das in Ehren war ergraut,

Verhöhnung immer mir die Adern schwellte;

Doch erst wo aller Menschen Witz versiegt,

Ein armer Tropfen in Ägyptens Sande,

Hier erst erkenn’ ich, an der Seelen Brande,

Wie schwer des Auges warme Träne wiegt.

Sah ich sie nicht an deine Wimper steigen,

Wenn du dem fremden Leide dich geeint?

Hast du nicht meinen Toten nachgeweint,

So heiß wie deines eignen Blutes Zweigen?

O! wenn ich in der Freude des vergaß,

Mit bitterm Herzen muß ich es beklagen,

Denn von des Schicksals harter Hand geschlagen,

Wie gern ich dann in deinem Auge las!

Noch seh ich dich im Hauch des Winterbrodems

Herstapfen, wie den irren Heidegeist,

Wenn Tropf’ an Tropfen deiner Stirn entfleußt,

Hör’ noch das Keuchen deines armen Odems.

Es waren schlimme Wege, rauh und weit,

Die du gewandelt manche Winterwende,

Um des Altares heil’ge Gnadenspende

Zu tragen mir in meine Einsamkeit.

O manchem Spötter gabst du ernst Gedenken,

Wenn höhnend deine kleine Hab’ er pries,

Für schlechtes Ding dir Tausende verhieß,

Und du nur glücklich warst ihn zu beschenken!

So wert war dir kein Gut, so ehrenreich,

Daß du es nicht mit Freuden hingegeben,

Dann sah man deine Lippen freundlich beben,

Und zucken wie das Dämmerlicht im Teich.

An deinem Kleide, schwarz und fadenscheinend,

War jeder Fleck ein heimlich Ehrenmal,

Du frommer Dieb am Eignen! ohne Wahl

Das Schlechteste dir noch genugsam meinend.

Mann ohne Falsch und mit der offnen Hand,

Drin wie Demant der Witwe Heller blinken,

Sanft soll der Tau auf deinen Hügel sinken,

Und leicht, leicht sei dir das geweihte Land!

Schlaf sanft, schlaf still in deinem grünen Bette,

Dir überm Haupt des Glaubens fromm Simbol,

Die Welt vergißt, der Himmel kennt dich wohl,

Ein Engel wacht an dieser schlichten Stätte.

Auch eine Träne wird dir nachgeweint,

Und wahrlich keine falsche: »Ach sie haben,

Sie haben einen guten Mann begraben,

Und mir, mir war er mehr« – mein wärmster Freund.

Die Unbesungenen

‘s gibt Gräber wo die Klage schweigt,

Und nur das Herz von innen blutet,

Kein Tropfen in die Wimper steigt,

Und doch die Lava drinnen flutet;

‘s gibt Gräber, die wie Wetternacht

An unserm Horizonte stehn

Und alles Leben niederhalten,

Und doch, wenn Abendrot erwacht,

Mit ihren goldnen Flügeln wehn

Wie milde Seraphimgestalten.

Zu heilig sind sie für das Lied,

Und mächtge Redner doch vor allen,

Sie nennen dir was nimmer schied,

Was nie und nimmer kann zerfallen;

O, wenn dich Zweifel drückt herab,

Und möchtest atmen Ätherluft,

Und möchtest schauen Seraphsflügel,

Dann tritt an deines Vaters Grab!

Dann tritt an deines Bruders Gruft!

Dann tritt an deines Kindes Hügel!

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall,

Mit deiner Augen Nebelball,

Kometen gleich die im Verbleichen;

Mit Zügen, worin wunderlich

Zwei Seelen wie Spione sich

Umschleichen, ja, dann flüstre ich:

Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,

Zu eisen mir das warme Blut,

Die dunkle Locke mir zu blassen;

Und dennoch, dämmerndes Gesicht,

Drin seltsam spielt ein Doppellicht,

Trätest du vor, ich weiß es nicht,

Würd’ ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,

Wo die Gedanken leisten Fron

Wie Knechte, würd’ ich schüchtern blicken;

Doch von des Auges kaltem Glast,

Voll toten Lichts, gebrochen fast,

Gespenstig, würd’, ein scheuer Gast,

Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,

So weich und hülflos wie ein Kind,

Das möcht’ in treue Hut ich bergen;

Und wieder, wenn er höhnend spielt,

Wie von gespanntem Bogen zielt,

Wenn leis’ es durch die Züge wühlt,

Dann möcht’ ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht ich,

Ein fremdes Dasein, dem ich mich

Wie Moses nahe, unbeschuhet,

Voll Kräfte die mir nicht bewußt,

Voll fremden Leides, fremder Lust;

Gnade mir Gott, wenn in der Brust

Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl’ ich, wie verwandt,

Zu deinen Schauern mich gebannt,

Und Liebe muß der Furcht sich einen.

Ja, trätest aus Kristalles Rund,

Phantom, du lebend auf den Grund,

Nur leise zittern würd’ ich, und

Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

Neujahrsnacht

Im grauen Schneegestöber blassen

Die Formen, es zerfließt der Raum,

Laternen schwimmen durch die Gassen,

Und leise knistert es im Flaum;

Schon naht des Jahres letzte Stunde,

Und drüben, wo der matte Schein

Haucht aus den Fenstern der Rotunde,

Dort ziehn die frommen Beter ein.

Wie zu dem Richter der Bedrängte,

Ob dessen Haupt die Waage neigt,

Noch einmal schleicht eh der verhängte,

Der schwere Tag im Osten steigt,

Noch einmal faltet seine Hände

Um milden Spruch, so knien sie dort,

Still gläubig, daß ihr Flehen wende

Des Jahres ernstes Losungswort.

Ich sehe unter meinem Fenster

Sie gleiten durch den Nebelrauch,

Verhüllt und lautlos wie Gespenster,

Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch;

Ein blasser Kreis zu ihren Füßen

Zieht über den verschneiten Grund,

Lichtfunken blitzen auf und schießen

Um der Laterne dunstig Rund.

Was mögen sie im Herzen tragen,

Wie manche Hoffnung, still bewacht!

Wie mag es unterm Vließe schlagen

So heiß in dieser kalten Nacht!

Fort keuchen sie, als möge fallen

Der Hammer, eh sie sich gebeugt,

Bevor sie an des Thrones Hallen

Die letzte Bittschrift eingereicht.

Dort hör’ ich eine Angel rauschen,

Vernehmlich wird des Kindes Schrein,

Und die Gestalt – sie scheint zu lauschen,

Dann fürder schwimmt der Lampe Schein;

Noch einmal steigt sie, läßt die Schimmer

Verzittern an des Fensters Rand,

Gewiß, sie trägt ein Frauenzimmer,

Und einer Mutter fromme Hand!

Nun stampft es rüstig durch die Gasse,

Die Decke kracht vom schweren Tritt,

Der Krämer schleppt die Sündenmasse

Der bösen Zahler keuchend mit;

Und hinter ihm wie eine Docke

Ein armes Kind im Flitterstaat,

Mit seidnem Fähnchen, seidner Locke,

Huscht frierend durch den engen Pfad.

Ha, Schellenklingeln längs der Stiege!

Glutaugen richtend in die Höh’,

‘ne kolossale Feuerfliege,

Rauscht die Karosse durch den Schnee;

Und Dämpfe qualmen auf und schlagen

Zurück vom Wirbel des Gespanns;

Ja, schwere Bürde trägt der Wagen,

Die Wünsche eines reichen Manns!

Und hinter ihm ein Licht so schwankend,

Der Träger tritt so sachte auf,

Nun lehnt er an der Mauer, wankend,

Sein hohler Husten schallt hinauf;

Er öffnet der Laterne Reifen,

Es zupfen Finger lang und fahl

Am Dochte, Odemzüge pfeifen, –

Du, Armer, kniest zum letztenmal.

Dann Licht an Lichtern längs der Mauer,

Wie Meteore irr geschart,

Ein krankes Weib, in tiefer Trauer,

Husaren mit bereiftem Bart,

In Filz und Kittel stämm’ge Bauern,

Den Rosenkranz in starrer Faust,

Und Mädchen die wie Falken lauern,

Von Mantels Fittigen umsaust.

Wie oft hab’ ich als Kind im Spiele

Gelauscht den Funken im Papier,

Der Sternchen zitterndem Gewühle,

Und: »Kirchengänger!« sagten wir;

So seh ich’s wimmeln um die Wette

Und löschen, wo der Pfad sich eint,

Nachzügler noch, dann grau die Stätte,

Nur einsam die Rotunde scheint.

Und mählich schwellen Orgelklänge

Wie Heroldsrufe an mein Ohr:

Knie nieder, Lässiger, und dränge

Auch deines Herzens Wunsch hervor!

»Du, dem Jahrtausende verrollen

Sekundengleich, erhalte mir

Ein mutig Herz, ein redlich Wollen,

Und Fassung an des Grabes Tür.«

Da, horch! – es summt durch Wind und Schlossen,

Gott gnade uns, hin ist das Jahr!

Im Schneegestäub’ wie Schnee zerflossen,

Zukünftiges wird offenbar;

Von allen Türmen um die Wette

Der Hämmer Schläge, daß es schallt,

Und mit dem letzten ist die Stätte

Gelichtet für den neuen Wald.

Der Todesengel

‘s gibt eine Sage, daß wenn plötzlich matt

Unheimlich Schaudern einen übergleite,

Daß dann ob seiner künft’gen Grabesstatt

Der Todesengel schreite.

Ich hörte sie, und malte mir ein Bild

Mit Trauerlocken, mondbeglänzter Stirne,

So schaurig schön, wie’s wohl zuweilen quillt

Im schwimmenden Gehirne.

In seiner Hand sah ich den Ebenstab

Mit leisem Strich des Bettes Lage messen,

– So weit das Haupt – so weit der Fuß – hinab!

Verschüttet und vergessen!

Mich graute, doch ich sprach dem Grauen Hohn,

Ich hielt das Bild in Reimes Netz gefangen,

Und frevelnd wagt’ ich aus der Totenkron’

Ein Lorbeerblatt zu langen.

O, manche Stunde denk’ ich jetzt daran,

Fühl’ ich mein Blut so matt und stockend schleichen,

Schaut aus dem Spiegel mich ein Antlitz an –

Ich mag es nicht vergleichen; –

Als ich zuerst dich auf dem Friedhof fand,

Tiefsinnig um die Monumente streifend,

Den schwarzen Ebenstab in deiner Hand

Entlang die Hügel schleifend;

Als du das Auge hobst, so scharf und nah,

Ein leises Schaudern plötzlich mich befangen,

O wohl, wohl ist der Todesengel da

Über mein Grab gegangen!

Abschied von der Jugend

Wie der zitternde Verbannte

Steht an seiner Heimat Grenzen,

Rückwärts er das Antlitz wendet,

Rückwärts seine Augen glänzen,

Winde die hinüberstreichen,

Vögel in der Luft beneidet,

Schaudernd vor der kleinen Scholle,

Die das Land vom Lande scheidet;

Wie die Gräber seiner Toten,

Seine Lebenden, die süßen,

Alle stehn am Horizonte,

Und er muß sie weinend grüßen;

Alle kleinen Liebesschätze,

Unerkannt und unempfunden,

Alle ihn wie Sünden brennen

Und wie ewig offne Wunden;

So an seiner Jugend Scheide

Steht ein Herz voll stolzer Träume,

Blickt in ihre Paradiese

Und der Zukunft öde Räume,

Seine Neigungen, verkümmert,

Seine Hoffnungen, begraben,

Alle stehn am Horizonte,

Wollen ihre Träne haben.

Und die Jahre die sich langsam,

Tückisch reihten aus Minuten,

Alle brechen auf im Herzen,

Alle nun wie Wunden bluten;

Mit der armen kargen Habe,

Aus so reichem Schacht erbeutet,

Mutlos, ein gebrochner Wandrer,

In das fremde Land er schreitet.

Und doch ist des Sommers Garbe

Nicht geringer als die Blüten,

Und nur in der feuchten Scholle

Kann der frische Keim sich hüten;

Über Fels und öde Flächen

Muß der Strom, daß er sich breite,

Und es segnet Gottes Rechte

Übermorgen so wie heute.

Was bleibt

Seh ich ein Kind zur Weihnachtsfrist,

Ein rosig Kind mit Taubenaugen,

Die Kunde von dem kleinen Christ

Begierig aus den Lippen saugen,

Aufhorchen, wenn es rauscht im Tann,

Ob draußen schon sein Pferdchen schnaube:

»O Unschuld, Unschuld«, denk’ ich dann,

Du zarte, scheue, flücht’ge Taube!

Und als die Wolke kaum verzog,

Studenten klirrten durch die Straßen,

Und: »Vivat Bona!« donnert’s hoch,

So keck und fröhlich sonder Maßen;

Sie scharten sich wie eine Macht,

Die gegen den Koloß sich bäume:

»O Hoffnung«, hab’ ich da gedacht,

»Wie bald zerrinnen Träum’ und Schäume!«

Und ihnen nach ein Reiter stampft,

Geschmückt mit Kreuz und Epaulette,

Den Tschako lüftet er, es dampft

Wie Öfen seines Scheitels Glätte;

Kühn war der Blick, der Arm noch stramm,

Doch droben schwebt’ der Zeitenrabe:

Da schien mir Kraft ein Meeresdamm,

Den jeder Pulsschlag untergrabe.

Und wieder durch die Gasse zog

Studentenhauf, und vor dem Hause

Des Rektors dreimal »Hurra hoch!«

Und wieder »Hoch!« – aus seiner Klause,

In Zipfelmütze und Flanell,

Ein Schemen nickt am Fensterbogen.

»Ha«, dacht ich, »Ruhm, du Mordgesell,

Kömmst nur als Leichenhuhn geflogen!«

An meine Wange haucht’ es dicht,

Und wie das Haupt ich seitwärts regte,

Da sah ich in das Angesicht

Der Frau, die meine Kindheit pflegte,

Dies Antlitz wo Erinnerung

Und werte Gegenwart sich paaren:

»O Liebe«, dacht ich, »ewig jung,

Und ewig frisch bei grauen Haaren!«

Scherz und Ernst

Dichters Naturgefühl

Es war an einem jener Tage,

Wo Lenz und Winter sind im Streit,

Wo naß das Veilchen klebt am Hage,

Kurz, um die erste Maienzeit;

Ich suchte keuchend mir den Weg

Durch sumpf’ge Wiesen, dürre Raine,

Wo matt die Kröte hockt’ am Steine,

Die Eidechs schlüpfte übern Steg.

Durch hundert kleine Wassertruhen,

Die wie verkühlter Spülicht stehn,

Zu stelzen mit den Gummischuhen,

Bei Gott, heißt das Spazierengehn?

Natur, wer auf dem Haberrohr

In Jamben, Stanzen, süßen Phrasen

So manches Loblied dir geblasen,

Dem stell dich auch manierlich vor!

Da ließ zurück den Schleier wehen

Die eitle vielbesungne Frau,

Als fürchte sie des Dichters Schmähen;

Im Sonnenlichte stand die Au,

Und bei dem ersten linden Strahl

Stieg eine Lerche aus den Schollen,

Und ließ ihr Tirilirum rollen

Recht wacker durch den Äthersaal.

Die Quellchen, glitzernd wie Kristallen, –

Die Zweige, glänzend emailliert –

Das kann dem Kenner schon gefallen,

Ich nickte lächelnd: »Es passiert!«

Und stapfte fort in eine Schluft,

Es war ein still und sonnig Fleckchen,

Wo tausend Anemonenglöckchen

Umgaukelten des Veilchens Duft.

Das üpp’ge Moos – der Lerchen Lieder –

Der Blumen Flor – des Krautes Keim –

Auf meinen Mantel saß ich nieder

Und sann auf einen Frühlingsreim.

Da – alle Musen, welch ein Ton! –

Da kam den Rain entlang gesungen

So eine Art von dummen Jungen,

Der Friedrich, meines Schreibers Sohn.

Den Efeukranz im flächsnen Haare,

In seiner Hand den Veilchenstrauß,

So trug er seine achtzehn Jahre

Romantisch in den Lenz hinaus.

Nun schlüpft’ er durch des Hagens Loch,

Nun hing er an den Dornenzwecken

Wie Abrams Widder in den Hecken,

Und in den Dornen pfiff er noch.

Bald hatt’ er beugend, gleitend, springend,

Den Blumenanger abgegrast,

Und rief nun, seine Mähnen schwingend:

»Viktoria, Trompeten blast!«

Dann flüstert’ er mit süßem Hall:

»O, wären es die schwed’schen Hörner!«

Und dann begann ein Lied von Körner;

Fürwahr du bist ‘ne Nachtigall!

Ich sah ihn, wie er an dem Walle

Im feuchten Moose niedersaß,

Und nun die Veilchen, Glöckchen alle

Mit sel’gem Blick zu Straußen las,

Auf seiner Stirn den Sonnenstrahl;

Mich faßt’ ein heimlich Unbehagen,

Warum? ich weiß es nicht zu sagen,

Der fade Bursch war mir fatal.

Noch war ich von dem blinden Hessen

Auf meinem Mantel nicht gesehn,

Und so begann ich zu ermessen,

Wie übel ihm von Gott geschehn;

O Himmel, welch ein traurig Los,

Das Schicksal eines dummen Jungen,

Der zum Kopisten sich geschwungen

Und auf den Schreiber steuert los!

Der in den kargen Feierstunden

Romane von der Zofe borgt,

Beklagt des Löwenritters Wunden

Und seufzend um den Posa sorgt,

Der seine Zelle, kalt und klein,

Schmückt mit Aladdins Zaubergabe,

Und an dem Quell, wie Schillers Knabe,

Violen schlingt in Kränzelein!

In dessen wirbelndem Gehirne

Das Leben spukt gleich einer Fei,

Der – hastig fuhr ich an die Stirne:

»Wie, eine Mücke schon im Mai?«

Und trabte zu der Schlucht hinaus,

Hohl hustend, mit beklemmter Lunge,

Und drinnen blieb der dumme Junge,

Und pfiff zu seinem Veilchenstrauß!

Der Teetisch

Leugnen willst du Zaubertränke,

Lachst mir höhnisch in die Zähne,

Wenn Isoldens ich gedenke,

Wenn Gudrunens ich erwähne?

Und was deine kluge Amme

In der Dämmrung dir vertraute,

Von Schneewittchen und der Flamme,

Die den Hexenschwaden braute;

Alles will dir nicht genügen,

Überweiser Mückensieber?

Nun, so laß die Feder liegen,

Schieb dich in den Zirkel, Lieber,

Wo des zopfigen Chinesen

Trank im Silberkessel zischet,

Sein Aroma auserlesen

Mit des Patschuls Düften mischet;

Wo ein schöner Geist, den Bogen

Feingefältelt in der Tasche,

Lauscht wie in den Redewogen

Er das Steuer sich erhasche;

Wo in zarten Händen hörbar

Blanke Nadelstäbe knittern,

Und die Herren stramm und ehrbar

Breiten ihrer Weisheit Flittern.

Alles scheint dir noch gewöhnlich,

Von der Sohle bis zum Scheitel,

Und du rufst, dem Weisen ähnlich:

»Alles unterm Mond ist eitel!«

Dir genüber und zur Seite

Hier Christinos, dort Carlisten,

Lauter ordinäre Leute,

Deutsche Michel, gute Christen!

Aber sieh die weißen schmalen

Finger sich zum Griff bereiten,

Und die dampfumhüllten Schalen

Zierlich an die Lippen gleiten:

Noch Minuten – und die Stube

Ist zum Kiosk umgestaltet,

Wo der tränenreiche Bube,

Der Chinese zaubernd waltet;

Von der rosenfarbnen Rolle

Liest er seine Zauberreime,

Verse, zart wie Seidenwolle,

Süß wie Jungfernhonigseime;

»Ting, tang, tong« – das steigt und sinket,

Welch Gesäusel, welches Zischen!

Wie ein irres Hündlein hinket

Noch ein deutsches Wort dazwischen.

Und die süßen Damen lächeln,

Leise schaukelnde Pagoden;

Wie sie nicken, wie sie fächeln,

Wie der Knäuel hüpft am Boden!

Aber, weh, nun wird’s gefährlich,

»Tschi, tsi, tsung.« – Die Töne schneiden,

Schnell hinweg die Messer! schwerlich

Übersteht er solche Leiden;

Denn er schaukelt und er dehnet

Ob der Zauberschale Rauche;

Weh, ich fürcht’ am Boden stöhnet

Bald er mit geschlitztem Bauche!

Und die eingeschreckten Frauen

Sitzen stumm und abgetakelt,

Nur das schwanke Haupt vor Grauen

Noch im Pendelschwunge wackelt;

Tiefe Stille im Gemache –

Trän’ im Auge – Kummermiene, –

Und wie Glöckchen an dem Dache

Spielt die siedende Maschine;

Alle die gesenkten Köpfe

Blinzelnd nach des Tisches Mitten,

Wo die Brezel stehn, wie Zöpfe

In Verzweiflung abgeschnitten;

Suche sacht nach deinem Hute,

Freund, entschleiche unterm Lesen,

Sonst, ich schwör’s bei meinem Blute,

Zaubern sie dich zum Chinesen,

Löst sich deines Frackes Wedel,

Unwillkürlich mußt du zischen,

Und von deinem weißen Schädel

Fühlst du Haar um Haar entwischen,

Bis dir blieb nur eine Locke

Von des dunklen Wulstes Drängen,

Dich damit, lebend’ge Glocke,

An dem Kiosk aufzuhängen.

Die Nadel im Baume

Vor Zeiten, ich war schon groß genug,

Hatt’ die Kinderschuhe vertreten,

Nicht alt war ich, doch eben im Zug’

Zu Sankt Andreas zu beten,

Da bin ich gewandelt, Tag für Tag,

Das Feld entlang mit der Kathi;

Ob etwas Liebes im Wege lag?

Tempi passati – passati!

Und in dem Heideland stand ein Baum,

Eine schlanke schmächtige Erle,

Da saßen wir oft in wachendem Traum,

Und horchten dem Schlage der Merle;

Die hatte ihr struppiges Nest gebaut,

Grad in der schwankenden Krone,

Und hat so keck herniedergeschaut

Wie ein Gräflein vom winzigen Throne.

Wir kosten so viel und gingen so lang,

Daß drüber der Sommer verflossen;

Dann hieß es: »Scheiden, o weh wie bang!«

Viel Tränen wurden vergossen;

Die Hände hielten wir stumm gepreßt,

Da zog ich aus flatternder Binde

Eine blanke Nadel, und drückte fest

Sie, fest in die saftige Rinde;

Und drunter merkte ich Tag und Stund’,

Dann sind wir fürder gezogen,

So kläglich schluchzend aus Herzensgrund,

Daß schreiend die Merle entflogen;

O junge Seelen sind Königen gleich,

Sie können ein Peru vergeuden,

Im braunen Heid, unterm grünen Zweig,

Ein Peru an Lieben und Leiden.

Die Jahre verglitten mit schleichendem Gang,

Verrannen gleich duftiger Wolke,

Und wieder zog ich das Feld entlang

Mit jungem lustigen Volke;

Die schleuderten Stäbe, und schrien »Hallo!«

Die sprudelten Witze wie Schlossen,

Mir ward’s im Herzen gar keck und froh,

Mutwillig wie unter Genossen.

Da plötzlich rauscht’ es im dichten Gezweig,

»Eine Merle«, rief’s, »eine Merle!«

Ich fuhr empor – ward ich etwa bleich?

Ich stand an der alternden Erle;

Und rückwärts zog mir’s den Schleier vom Haar,

Ach Gott, ich erglühte wie Flamme,

Als ich sah, daß die alte Nadel es war,

Meine rostige Nadel im Stamme!

Drauf hab’ ich genommen ganz still in Schau

Die Inschrift, zu eigenem Frommen,

Und fühlte dann plötzlich, es steige der Tau,

Und werde mir schwerlich bekommen.

Ich will nicht klagen, mir blieb ein Hort,

Den rosten nicht Wetter und Wogen,

Allein für immer, für immer ist fort

Der Schleier vom Auge gezogen!

Die beschränkte Frau

Ein Krämer hatte eine Frau,

Die war ihm schier zu sanft und milde,

Ihr Haar zu licht, ihr Aug’ zu blau,

Zu gleich ihr Blick dem Mondenschilde;

Wenn er sie sah so still und sacht

Im Hause gleiten wie ein Schemen,

Dann faßt’ es ihn wie böse Macht,

Er mußte sich zusammen nehmen.

Vor allem macht ihm Überdruß

Ein Wort, das sie an alles knüpfte,

Das freilich in der Rede Fluß

Gedankenlos dem Mund entschlüpfte:

»In Gottes Namen«, sprach sie dann,

Wenn schwere Prüfungsstunden kamen,

Und wenn zu Weine ging ihr Mann,

Dann sprach sie auch: »In Gottes Namen.«

Das schien ihm lächerlich und dumm,

Mitunter frevelhaft vermessen;

Oft schalt er und sie weinte drum,

Und hat es immer doch vergessen.

Gewöhnung war es früher Zeit

Und klösterlich verlebter Jugend;

So war es keine Sündlichkeit

Und war auch eben keine Tugend.

Ein Sprichwort sagt: Wem gar nichts fehlt,

Den ärgert an der Wand die Fliege;

So hat dies Wort ihn mehr gequält,

Als andre Hinterlist und Lüge.

Und sprach sie sanft: »Es paßte schlecht!«

Durch Demut seinen Groll zu zähmen,

So schwur er, übel oder recht,

Werd’ es ihn ärgern und beschämen.

Ein Blütenhag war seine Lust.

Einst sah die Frau ihn sinnend stehen,

Und ganz versunken, unbewußt,

So Zweig an Zweig vom Strauche drehen;

»In Gottes Namen!« rief sie, »Mann,

Du ruinierst den ganzen Hagen!«

Der Gatte sah sie grimmig an,

Fürwahr, fast hätt’ er sie geschlagen.

Doch wer da Unglück sucht und Reu,

Dem werden sie entgegeneilen,

Der Handel ist ein zart Gebäu,

Und ruht gar sehr auf fremden Säulen.

Ein Freund falliert, ein Schuldner flieht,

Ein Gläub’ger will sich nicht gedulden,

Und eh ein halbes Jahr verzieht

Weiß unser Krämer sich in Schulden.

Die Gattin hat ihn oft gesehn

Gedankenvoll im Sande waten,

Am Kontobuche seufzend stehn,

Und hat ihn endlich auch erraten;

Sie öffnet heimlich ihren Schrein,

Langt aus verborgner Fächer Grube,

Dann, leise wie der Mondenschein,

Schlüpft sie in ihres Mannes Stube.

Der saß, die schwere Stirn gestützt,

Und rauchte fort am kalten Rohre:

»Karl!« drang ein scheues Flüstern itzt,

Und wieder »Karl!« zu seinem Ohre;

Sie stand vor ihm, wie Blut so rot,

Als gält’ es eine Schuld gestehen.

»Karl« sprach sie, »wenn uns Unheil droht,

Ist’s denn unmöglich, ihm entgehen?«

Drauf reicht sie aus der Schurze dar

Ein Säckchen, stramm und schwer zu tragen,

Drin alles was sie achtzehn Jahr

Erspart am eigenen Behagen.

Er sah sie an mit raschem Blick,

Und zählte, zählte nun aufs neue,

Dann sprach er seufzend: »Mein Geschick

Ist zu verwirrt, – dies langt wie Spreue!«

Sie bot ein Blatt, und wandt’ sich um,

Erzitternd, glüh gleich der Granate;

Es war ihr kleines Eigentum,

Das Erbteil einer frommen Pate.

»Nein« sprach der Mann, »das soll nicht sein!«

Und klopfte freundlich ihre Wangen.

Dann warf er einen Blick hinein

Und sagte dumpf: »Schier möcht’ es langen.«

Nun nahm sie, aus der Schürze Grund,

All ihre armen Herrlichkeiten,

Teelöffelchen, Dukaten rund,

Was ihr geschenkt von Kindeszeiten.

Sie gab es mit so freud’gem Zug!

Doch war’s als ob ihr Mund sich regte,

Als sie zuletzt aufs Kontobuch

Der sel’gen Mutter Trauring legte.

»Fast langt es«, sprach gerührt der Mann,

»Und dennoch kann es schmählich enden;

Willst du dein Leben dann fortan,

Geplündert, fristen mit den Händen?«

Sie sah ihn an, – nur Liebe weiß

An liebem Blicke so zu hangen –

»In Gottes Namen!« sprach sie leis,

Und weinend hielt er sie umfangen.

Die Stubenburschen

Sie waren beide froh und gut,

Und mochten ungern scheiden;

Die Jahre fliehn, es lischt der Mut,

Der Tag bringt Freud’ und Leiden,

Geschäft will Zeit und Zeit ist schnell,

So unterblieb das Schreiben,

Doch öfters sprach Emanuel:

»Was mag der Franzel treiben!«

Da trat einst wintermorgens früh

Ein Mann in seine Stube,

Seltsam verschabt wie ein Genie,

Und hager wie Coeur Bube,

Sah ihn so glau und pfiffig an,

Und blinzelt’ vor Behagen:

»Emanuel, du Hampelmann!

Willst du mir denn nichts sagen?«

»Er ist es!« rief der Doktor aus,

Und reicht’ ihm beide Hände.

»Willkomm, Willkomm! wie siehst du aus?

Ei, munter und behende.«

»Ha« rief der andre, »Sapperment,

Man sieht, du darfst nicht sorgen!

Wie rot du bist, wie korpulent!

Du hast dich wohl geborgen.«

Drauf saß man zu Kamin und Wein,

Ließ von der Glut sich rösten,

Und ätzte sich mit Schmeichelein,

Den Alternden zu trösten.

Ein jeder warf den Hamen hin

Als wohlgeübter Fischer,

Und jeder dachte still: »Ich bin

Gewiß um zehn Jahr frischer.«

Man schüttelte die Hände derb,

Dann ging es an ein Fragen.

Reich war des Medikus Erwerb,

Und dennoch mocht’ er klagen.

Er sah den Franz bedenklich an,

Und dacht’, er steck’ in Schulden,

Doch dieser prahlt’: er sei ein Mann

Von »täglich seinem Gulden.«

Zwei Jahre hat er nur gespart,

Und dann, ein kecker Kämpfer,

Gerasselt mit der Eisenfahrt,

Gestrudelt mit dem Dämpfer!

O wie er die »Stadt Leyden« pries,

Und der Kajüte Gleißen!

Nach seiner Meinung dürfte sie

»Viktoria« nur heißen.

Das hat den Medikus gerührt,

Ihm den bescheidnen Schlucker

Lebendig vor das Aug’ geführt,

Der Klöße aß wie Zucker.

Und gar als jener sprach: »Denkst du

Noch an die halbe Flasche?«

Der Doktor kniff die Augen zu,

Und klimpert’ in der Tasche.

Dann ging es weiter: »Denkst du dort?

Und denkst du dies? und jenes?«

Die Bilder wogten lustig fort,

Viel Herzliches und Schönes.

Wie Abendrot zog ins Gemach

Ein frischer Jugendodem,

Und überhauchte nach und nach

Der Pillenschachteln Brodem.

Am nächsten Morgen hat man kaum

Den Doktor mögen kennen,

Man sah ihn lächeln wie im Traum

Und seine Wangen brennen;

Im heiligen Studierklosett

Hört’ man die Gläser klingen,

Und ein mißtöniges Duett

Aus Uhukehlen dringen.

Nicht litt am Blute mehr der Mann,

Am Podagra und Grieße;

Sah er den dürren Franzel an,

So schien er sich ein Riese;

Hat er den Franzel angesehn

Mit seinem Gulden täglich,

So mußt’ er selber sich gestehn,

Es geh’ ihm ganz erträglich.

Doch als der dritte Tag entschwand,

Da sah man auch die beiden

Betrübten Auges stehn am Strand,

Und wieder hieß es – Scheiden. –

»Leb wohl, Emanuel, leb wohl!« –

– »Leb wohl, du alte Seele!«

Und die »Stadt Leyden« rauschte hohl

Durch Dunst und Wogenschwele.

Drei Monde hat das Jahr gebracht,

Seit Franzel ist geschieden,

Mit ihm des Hypochonders Macht;

Der Doktor lebt in Frieden.

Und will der Dämon hier und dort

Sich schleichend offenbaren,

So geht er an des Rheines Bord

Und sieht »Stadt Leyden« fahren.

Die Schmiede

Wie kann der alte Apfelbaum

So lockre Früchte tragen,

Wo Mistelbüsch’ und Mooses Flaum

Aus jeder Ritze ragen?

Halb tot, halb lebend, wie ein Prinz

In einem Ammenmärchen,

Die eine Seite voll Gespinns,

Wurmfraß und Flockenhärchen,

Langt mit der andern, üppig rot,

Er in die Funkenreigen,

Die knatternd aus der Schmiede Schlot

Wie Sternraketen steigen;

Ein zweiter Scävola hält Jahr

Auf Jahr er seine Rechte

Der Glut entgegen, die kein Haar

Zu sengen sich erfrechte.

Und drunten geht es Pink und Pank,

Man hört die Flamme pfeifen,

Es keucht der Balg aus hohler Flank’

Und bildet Aschenstreifen;

Die Kohle knallt und drüber dicht,

Mit Augen wie Pyropen,

Beugt sich das grimmige Gesicht

Des rußigen Zyklopen.

Er hält das Eisen in die Glut

Wie eine arme Seele,

Es knackt und spritzet Funkenblut

Und dunstet blaue Schwele.

Dann auf dem Amboß, Schlag an Schlag,

Läßt es sein Weh erklingen,

Bis nun gekrümmt in Zorn und Schmach

Es kreucht zu Hufes Ringen.

Des alten Pfarrers Woche

Sonntag

Das ist nun so ein schlimmer Tag,

Wie der April ihn bringen mag

Mit Schlacken, Schnee und Regen.

Zum drittenmal in das Gebraus

Streckt Jungfer Anne vor dem Haus

Ihr kupfern Blendlaternchen aus,

Und späht längs allen Wegen.

»Wo nur der Pfarrer bleiben kann?

Ach, sicher ist dem guten Mann

Was übern Weg gefahren!

Ein Pfleger wohl, der Rechnung macht. –

Aus war der Gottesdienst um acht:

Soll man so streifen in der Nacht

Bei Gicht und grauen Haaren!«

Sie schließt die Türe, schüttelt baß

Ihr Haupt und wischt am Brillenglas;

So gut dünkt ihr die Stube;

Im Ofen kracht’s, der Lampenschein

Hellt überm Tisch den Sonntagswein,

Und lockend lädt der Sessel ein

Mit seiner Kissengrube.

Pantoffeln, – Schlafrock, – alles recht!

Sie horcht aufs neu; doch hört sie schlecht,

Es schwirrt ihr vor den Ohren.

»Wie? hat’s geklingelt? ei der Daus,

Zum zweiten Male! schnell hinaus!«

Da tritt der Pfarrer schon ins Haus,

Ganz blau und steif gefroren.

Die Jungfrau blickt ein wenig quer,

Begütigend der Pfarrer her,

Wie’s recht in diesem Orden.

Dann hustet er. »Nicht Mond noch Stern!

Der lahme Friedrich hört doch gern

Ein christlich Wort am Tag des Herrn,

Es ist mir spät geworden!«

Nun sinkt er in die Kissen fest,

Wirft ab die Kleider ganz durchnäßt,

Und schlürft der Traube Segen.

Ach Gott! nur wer jahraus, jahrein

In andrer Dienste lebt allein,

Weiß was es heißt, beim Sonntagswein

Sich auch ein wenig pflegen.

Montag

»Wenn ich montags früh erwache,

Wird mir’s ganz behaglich gleich;

Montag hat so eigne Sache

In dem kleinen Wochenreich.

Denn die Predigt liegt noch ferne,

Alle Sorgen scheinen leicht;

Keiner kömmt am Montag gerne,

Sei’s zur Trauung, sei’s zur Beicht.

Und man darf mir’s nicht verdenken,

Will ich in des Amtes Frist

Dem ein freies Stündchen schenken,

Was doch auch zu loben ist.

So erwacht denn, ihr Gesellen

Meiner fleiß’gen Jugendzeit!

Wollt’ in Reih und Glied euch stellen,

Alte Bilder, eingeschneit!

Ilion will ich bekriegen,

Mit Horaz auf Reisen gehn,

Will mit Alexander siegen

Und an Memnons Säule stehn.

Oder auch vergnügt ergründen,

Was das Vaterland gebracht,

Mich mit Kant und Wolff verbünden,

Ziehn mit Laudon in die Schlacht.«

Auf der Bücherleiter traben

Sieh den Pfarrer, lustentbrannt,

Sich verschanzen, sich vergraben

Unter Heft und Foliant.

Blättern sieh ihn – nicken – spüren –

Ganz versunken sitzen dann,

Daß mit einer Linie rühren

Du das Buch magst und den Mann.

Doch was kann ihn so bewegen?

Aufgeregt scheint sein Gehirn!

Und das Käppchen ganz verwegen

Drückt er hastig in die Stirn.

Nun beginnt er gar zu pfeifen,

Horch! das Lied vom Prinz Eugen;

Seinen weißen Busenstreifen

Seh’ ich auf und niedergehn.

Ha, nun ist der Türk geschlagen!

Und der Pfarrer springt empor,

Höher seine Brauen ragen,

Senkrecht steht sein Pfeifenrohr.

Im Triumph muß er sich denken

Mit dem Kaiser und dem Staat,

Sieht sich selbst den Säbel schwenken,

Fühlt sich selber als Soldat.

Aber draußen klappern Tritte,

Nach dem Pfarrer fragt es hell,

Der, aus des Gefechtes Mitte,

Huscht in seinen Sessel schnell.

»Ei! das wären saubre Kunden!

Beichtkind und Kommunikant!

Hättet ihr den Pfarr gefunden

Mit dem Säbel in der Hand!«

Dienstag

Auf der breiten Tenne drehn

Paar an Paar so nett,

Wo die Musikanten stehn,

Geig’ und Klarinett, –

Auch der Brummbaß rumpelt drein, –

Sieht man noch den Bräut’gamsschrein

Und das Hochzeitbett.

Etwas eigen, etwas schlau,

Und ein wenig bleich,

Sittsam sieht die junge Frau,

Würdevoll zugleich;

Denn sie ist des Hauses Sproß,

Denn sie führt den Ehgenoß

In ihr Erb’ und Reich.

Sippschaft ist ein weites Band,

Geht gar viel hinein;

Hundert Kappen goldentbrannt,

Kreuze funkeln drein;

Wie das drängt und wie das schiebt!

Was sich kennt und was sich liebt

Will beisammen sein.

Nun ein schallend Vivat bricht

In dem Schwarme aus,

Wo sogar die Tiere nicht

Weigern den Applaus.

Ja, wie an der Krippe fein

Brüllen Ochs und Eselein

Über’n Trog hinaus.

Ganz verdutzt der junge Mann

Kaum die Flasche hält,

Späße hageln drauf und dran,

Keiner neben fällt;

Doch er lacht und reicht die Hand.

Nun! er ist für seinen Stand

Schon ein Mann von Welt.

Alte Frauen schweißbedeckt,

Junge Mägd’ im Lauf,

Spenden was der Korb verdeckt,

Reihen ab und auf.

Sieben Tische kann man sehn,

Sieben Kaffeekessel stehn

Breit und glänzend drauf.

Aber freundlich, wie er kam,

Sucht der Pfarrer gut

Drüben unter tausend Kram

Seinen Stab und Hut;

Dankt noch schön der Frau vom Haus;

In die Dämmerung hinaus

Trabt er wohlgemut;

Wandelt durch die Abendruh’

Sinnend allerlei:

»Ei, dort ging es löblich zu,

Munter, und nicht frei.

Aber – aber – aber doch –«

Und ein langes Aber noch

Fügt er seufzend bei.

»Wie das flimmert! Wie das lacht!

Kanten Händebreit!«

Ach die schnöde Kleiderpracht

Macht ihm tausend Leid.

Und nun gar – er war nicht blind –

Eines armen Mannes Kind;

Nein, das ging zu weit.

Kurz, er nimmt sich’s ernstlich vor,

Heut’ und hier am Steg, –

Ja, an der Gemeinde Ohr,

Wächter treu und reg,

Will er’s tragen ungescheut;

O er findet schon die Zeit

Und den rechten Weg.

Mittwoch

Begleitest du sie gern

Des Pfarrers Lust und Plagen:

Sich gleich an allen Tagen

Triffst du den frommen Herrn.

Der gute Seelenhirt!

Tritt über seine Schwelle;

Da ist er schon zur Stelle

Als des Kollegen Wirt.

In wohlgemeinten Sorgen,

Wie er geschäftig tut!

Doch dämmert kaum der Morgen,

Dies eben dünkt ihm gut.

Am Abend kam der Freund

Erschöpft nach Art der Gäste;

Nun säubre man aufs beste,

Daß alles nett erscheint.

Schon strahlt die große Kanne,

Die Teller blitzen auf;

Noch scheuert Jungfer Anne,

Und horcht mitunter auf.

Ach, sollte sie der Gast

Im alten Jäckchen finden:

Sie müßte ganz verschwinden

Vor dieser Schande Last.

Und was zur Hand tut stehen,

Das reizt den Pfarrer sehr,

Die Jungfer wird’s nicht sehen,

Er macht sich drüber her;

Die Schlaguhr greift er an

Mit ungeschickten Händen,

Und sucht sie sacht zu wenden;

Der übermüt’ge Mann!

Schleppt Foliantenbürde,

Putzt Fensterglas und Tisch;

Fürwahr mit vieler Würde

Führt er den Flederwisch.

Am Paradiesesbaum

Die Blätter zart aus Knochen,

Eins hat er schon zerbrochen,

Jedoch man sieht es kaum.

Und als er just in Schatten

Die alte Klingel stellt –

Es kömmt ihm wohl zu statten –

Da rauscht es draußen, gelt!

Fidel schlägt an in Hast,

Die Jungfer ist geflüchtet,

Und stattlich aufgerichtet

Begrüßt der Pfarr den Gast.

Wie dem so wohl gefallen

Die Aussicht und das Haus,

Wie der entzückt von allen,

Nicht Worte drücken’s aus!

Ich sag es ungeniert,

Sie kamen aus den Gleisen,

Sich Ehre zu erweisen,

Der Gast und auch der Wirt.

Und bei dem Mittagessen,

Das man vortrefflich fand,

Da ward auch nicht vergessen

Der Lehr- und Ehrenstand.

Ich habe viel gehört,

Doch nichts davon getragen,

Nur dieses mag ich sagen,

Sie sprachen sehr gelehrt.

Und sieh nur! drüben schreitet

Der gute Pfarrer just,

Er hat den Gast geleitet

Und spricht aus voller Brust:

»Es ist doch wahr! mein Haus,

So nett und blank da droben,

Ich muß es selber loben,

Es nimmt sich einzig aus.«

Donnerstag

Winde rauschen, Flocken tanzen,

Jede Schwalbe sucht das Haus,

Nur der Pfarrer unerschrocken

Segelt in den Sturm hinaus.

Nicht zum besten sind die Pfade,

Aber leidlich würd’ es sein,

Trüg’ er unter seinem Mantel

Nicht die Äpfel und den Wein.

Ach, ihm ist so wohl zu Mute,

Daß dem kranken Zimmermann

Er die längst gegönnte Gabe

Endlich einmal bieten kann.

Immer muß er heimlich lachen,

Wie die Anne Äpfel las,

Und wie er den Wein stipitzte,

Während sie im Keller saß.

Längs des Teiches sieh ihn flattern,

Wie er rudert, wie er streicht,

Kann den Mantel nimmer zwingen

Mit den Fingern starr und feucht.

Öfters aus dem trüben Auge

Eine kalte Zähre bricht,

Wehn ihm seine grauen Haare

Spinnenwebig ums Gesicht.

Doch Gottlob! da ist die Hütte,

Und nun öffnet sich das Haus,

Und nun keuchend auf der Tenne

Schüttet er die Federn aus.

Ach wie freut der gute Pfarrer

Sich am blanken Feuerschein!

Wie geschäftig schenkt dem Kranken

Er das erste Gläschen ein.

Setzt sich an des Lagers Ende,

Stärkt ihm bestens die Geduld,

Und von seinen frommen Lippen

Einfach fließt das Wort der Huld.

Wenn die abgezehrten Hände

Er so fest in seine schließt,

Anders fühlt sich dann der Kranke,

Meint, daß gar nichts ihn verdrießt.

Mit der Einfalt, mit der Liebe

Schmeichelt er die Seele wach,

Kann an jedes Herz sich legen,

Sei es kraftvoll oder schwach.

Aber draußen will es dunkeln,

Draußen tröpfelt es vom Dach; –

Lange sehn ihm nach die Kinder,

Und der Kranke seufzt ihm nach.

Freitag

Zu denken in gestandnen Tagen

Der Sorge, die so treulich sann,

Der Liebe, die ihn einst getragen,

Wohl ziemt es jedem Ehrenmann.

Am Lehrer alt, am Schüler mild

Magst du nicht selten es gewahren;

Und sind sie beide grau von Haaren,

Um desto werter ist das Bild.

Zumeist dem Priester wird beschieden

Für frühe Treue dieser Lohn;

Nicht einsam ist des Alters Frieden,

Der Zögling bleibt sein lieber Sohn.

Ja was erstarrt im Lauf der Zeit,

Und wehrt dem Neuen einzudringen,

Des Herzens steife Flechsen schlingen

Sich fester um Vergangenheit.

So läßt ein wenig Putz gefallen

Sich heut der gute Pfarrer gern,

Das span’sche Rohr, die Silberschnallen,

Denn heute gehts zum jungen Herrn.

Der mag in reifen Jahren stehn,

Da ihn erwachsne Kinder ehren,

Allein das kann den Pfarr nicht stören,

Der ihn vorzeiten klein gesehn.

Still wandelnd durch des Parkes Linden,

In deren Schutz das Veilchen blüht,

Der Alte muß es freundlich finden,

Daß man so gern ihn freitags sieht;

Er weiß, dem Junker sind noch frisch

Die lieben längst entschwundnen Zeiten,

Und seines Lehrers schwache Seiten,

Ein Gläschen Wein, ein guter Fisch.

Schon tritt er in des Tores Halle;

Da, wie aus reifem Erbsenbeet

Der Spatzen Schar, so hinterm Walle

Hervor es flattert, lacht und kräht;

Der kleinen Junker wilde Schar,

Die still gelauscht im Mauerbogen,

Und nun den Pfarrer so betrogen,

So überrumpelt ganz und gar.

Das stürmt auf ihn von allen Seiten,

Das klammert überall sich an;

Fürwahr mühselig muß er schreiten

Der müde und geduld’ge Mann.

Jedoch er hat sie allzugern,

Die ihn so unbarmherzig plagen,

Und fast zuviel läßt er sie wagen,

Die junge Brut des jungen Herrn.

Wie dann des Hauses Wirt sich freute,

Der Mann mit früh ergrautem Haar,

Nicht wich von seines Lehrers Seite,

Und rückwärts ging um dreißig Jahr;

Wie er in alter Zeiten Bann

Nur flüsternd sprach nach Schüler Weise,

Man sieht es an und lächelt leise,

Doch mit Vergnügen sieht man’s an.

Und später beim Spazierengehen

Die beiden hemmen oft den Schritt,

Nach jeder Blume muß man sehen,

Und manche Pflanze wandert mit.

Der eine ist des Amtes bar,

Nichts hat der andre zu regieren;

Sie gehn aufs neu’ botanisieren,

Der Theolog’ und sein Scholar.

Doch mit dem Abend naht das Scheiden,

Man schiebt es auf, doch kömmt’s heran,

Die Kinder wollen’s gar nicht leiden.

Am Fenster steht der Edelmann

Und spinnt noch lange, lange aus

Vielfarb’ger Bilder bunt Gezwirne;

Dann fährt er über seine Stirne,

Und atmet auf und ist zu Haus.

Samstag

Wie funkeln hell die Sterne,

Wie dunkel scheint der Grund,

Und aus des Teiches Spiegel

Steigt dort der Mond am Hügel

Grad um die elfte Stund’.

Da hebt vom Predigthefte

Der müde Pfarrer sich;

Wohl war er unverdrossen,

Und endlich ist’s geschlossen,

Mit langem Federstrich.

Nun öffnet er das Fenster,

Er trinkt den milden Duft,

Und spricht: »Wer sollt’ es sagen,

Noch Schnee vor wenig Tagen,

Und dies ist Maienluft.«

Die strahlende Rotunde

Sein ernster Blick durchspäht,

Schon will der Himmelswagen

Die Deichsel abwärts tragen.

»Ja, ja es ist schon spät!«

Und als dies Wort gesprochen,

Es fällt dem Pfarrer auf,

Als müß er eben deuten

Auf sich der ganz zerstreuten,

Arglosen Rede Lauf.

Nie schien er sich so hager,

Nie fühlt’ er sich so alt,

Als seit er heut begraben

Den langen Moritz Raben,

Den Förster dort vom Wald.

Am gleichen Tag geboren,

Getauft am gleichen Tag!

Das ist ein seltsam Wesen,

Und läßt uns deutlich lesen,

Was wohl die Zeit vermag!

Der Nacht geheimes Funkeln,

Und daß sich eben muß,

Wie Mondesstrahlen steigen,

Der frische Hügel zeigen,

Das Kreuz an seinem Fuß:

Das macht ihn ganz beklommen,

Den sehr betagten Mann,

Er sieht den Flieder schwanken,

Und längs des Hügels wanken

Die Schatten ab und an.

Wie oft sprach nicht der Tote

Nach seiner Weise kühn:

»Herr Pfarr, wir alten Knaben,

Wir müssen sachte traben,

Die Kirchhofsblumen blühn.«

»So mögen sie denn blühen!«

Spricht sanft der fromme Mann,

Er hat sich aufgerichtet,

Sein Auge, mild umlichtet,

Schaut fest den Äther an.

»Hast Du gesandt ein Zeichen

Durch meinen eignen Mund,

Und willst mich gnädig mahnen

An unser aller Ahnen,

Uralten ew’gen Bund;

Nicht lässig sollst Du finden

Den, der Dein Siegel trägt,

Doch nach dem letzten Sturme« –

Da eben summt’s vom Turme,

Und zwölf die Glocke schlägt. –

»Ja, wenn ich bin entladen

Der Woche Last und Pein,

Dann führe, Gott der Milde,

Das Werk nach Deinem Bilde

In Deinen Sonntag ein.«

Der Strandwächter am deutschen Meere und sein Neffe vom Lande

»Sieben Nächte stand ich am Riff

Und hörte die Woge zerschellen,

Taucht kein Segel, kein irres Schiff?

Schon dunkelt’s über den Wellen.

Nimm das Nachtrohr, Neffe vom Land!

Ich will in die Matte mich strecken,

Dröhnt ein Schuß oder flackert ein Brand,

Dann zieh an der Schnur, mich zu wecken.« –

»Schöner Platz, an der Luke hier,

Für einen unschuld’gen Privaten!

Drunten die See, das wüste Getier,

Das Haie speit und Piraten.

Von der Seeschlang’ wütigem Kampf

Auch hat man Neues vernommen,

Weiß der Himmel, ob nicht per Dampf

Ins deutsche Meer sie gekommen?

Ist’s doch jetzt eine Wunderzeit,

Wo Gletscher brennen wie Essen,

Weiber turnieren im Männerkleid,

Und Knaben die Rute vergessen.

Jeder Wurm entfaltet sein Licht,

Und jeder Narr seine Kappe,

Also, Seele, wundre dich nicht,

Wenn heute du stehst an der Klappe.«

»Vetter! ein Segel, ein Segel fürwahr,

Ein Boot mit flatternden Streifen,

Lichterchen dann, eine schwimmende Schar,

Die unter den Flanken ihm schweifen!

Schau, nun schleichen sie alle seitab,

Nun wechseln sie hüben und drüben –«

»’s ist eine Fischerflotte, mein Knab’,

Sind nur Leute die fischen im Trüben.« –

»Wie das Wasser kräuselt und rennt,

Und wie die Kämme ihm flittern!

Vetter, ob wohl die Düne brennt?

Ich höre das Seegras knittern.« –

»Dünste, mein Junge, nur Phosphorlicht,

Vermoderte Quallen und Schnecken,

Laß sie leuchten, sie zünden nicht,

Und morgen sind’s grünliche Flecken.« –

»Dort kein Räuber? kein Feuer hier?

Ich hätt’ es für beides genommen.

Wetter! ist doch die Welle mir

Schier über den Tubus geschwommen.

Welch ein Leben, so angerannt

Auf nackter Düne zu wohnen!

Und die schnarchenden Robben am Strand, –

Man meint es seien Kanonen!

Schläft der Alte in gutem Mut,

Und läßt mich allein mit dem Spuke,

Und mir ist als steige die Flut,

Und bäume sich gegen die Luke.

Wahrlich, Vetter, es schäumt und schwemmt,

Es brüllt um der Klippe Zinken!« –

»Ruhig, mein Junge, die Springflut kömmt,

Laß sie steigen, sie wird schon sinken.« –

»Gut dann, gut, ihr wißt es aufs best’,

Ihr müßt die Sache verstehen.

Hab’ ich doch nie solch bedenkliches Nest

Wie diese Baracke gesehen.

Und die Wolken schleifen so schwer,

Als schleppten sie Stürme in Säcken,

Jene dort, mit dem fackelnden Speer,

Scheint gar ‘ne Posaune zu strecken.

Was! sie dröhnt? welch greulicher Schall!

Die Welle bäumt sich entgegen,

Tosend und schwarz der ringelnde Wall

Will an den Trichter sich legen;

Ha, es knallt – es flattert und streut –

Wo war’s? wo ist es gewesen?

Wind und Schaum! – was hab’ ich doch heut

Von der Wasserhose gelesen?

Aber dort, – ein Segel in See,

Ist’s aus der Welle gestiegen?

Grad entgegen der sausenden Bö

Scheint’s über die Brandung zu fliegen.

Vetter, schnell von der Matte herab!

Ein Schiff gegen Winde und Wellen!« –

»Gib das Nachtrohr, Knabe, – seitab!

Ich will an die Luke mich stellen.

Gnad’ uns Gott, am Deck zerstreut,

Umhuscht von gespenstigen Lichtern,

Welche Augen, so hohl und weit,

In den fahlen verlebten Gesichtern!

Hörtest vom Geisterschiffe du nicht,

Von den westlichen Todesladern?

Modernde Larve ihr Angesicht,

Und Schwefel statt Blut in den Adern.

Mag die ehrliche deutsche See

Vom Schleim der Molluske sich röten,

Springflut brausen, zischen die Bö,

Und die Wasserhose trompeten,

Drunten, drunten ist’s klar und licht,

Wie droben die Wellen gebaren.

Mögen wir nur vor dem fremden Gezücht,

Vor dem Geisterjanhagel uns wahren!«

Das Eselein

Auf einem Wiesengrund ging einmal

Ein muntres Rößlein weiden,

Ein Schimmelchen war’s, doch etwas fahl,

Sein Äußeres nenn’ ich bescheiden,

Das schlechtste und auch das beste nicht,

Wir wollen nicht drüber zanken,

Doch hatt’ es ein klares Augenlicht

Und starke geschmeidige Flanken.

Im selbem Grunde schritt oft und viel

Ein edler Jüngling spazieren,

Hinter jedem Ohre ein Federkiel,

Das tät ihn wunderbar zieren!

Am Rücken ein Gänseflügelpaar,

Die täten rauschen und wedeln,

Und wißt, seine göttliche Gabe war,

Die schlechte Natur zu veredeln.

Den Tropfen der seiner Stirne entrann,

Den soll wie Perle man fassen,

Ach, ohne ihn hätte die Sonne man

So simpelhin scheinen lassen,

Und ohne ihn wäre der Wiesengrund

Ein nüchterner Anger geblieben,

Ein Quellchen blank, ein Hügelchen rund,

Und eine Handvoll Maßlieben!

Er aber fing in Spiegel den Strahl,

Und ließ ihn zucken wie Flammen,

Die ruppigen Gräser strich er zumal

Und flocht sie sauber zusammen,

An Steinen schleppt’ er sich krank und matt,

Für ein Ruinchen am Hügel,

Dem Hasen kämmt’ er die Wolle glatt

Und frisiert’ den Mücken die Flügel.

So hat er mit saurem Schweiß und Müh’

Das ganz Gemeine verbessert,

Und klareres Wasser fand man nie,

Als wo er schaufelt’ und wässert’,

Und wie’s nun aller Edlen Manier,

Sich mild und nobel zu zeigen,

So, sei’s Gestein, Mensch, oder Tier,

Er gab ihm von seinem Eigen.

Einst saß er mit seinem Werkgerät,

Mit Schere, Pinsel und Flasche,

In der eine schwärzliche Lymphe steht,

Mit Spiegel, Feder und Tasche;

Er saß und lauschte wie in der Näh

Mein Schimmelchen galoppieret;

Auf dem Finger pfiff er: »Pst, Pferdchen, he!«

Und wacker kam es trottieret.

Dann sprach der Edle: »Du wärst schon gut,

‘ne passable Rosinante,

Nähm’ ich dich ernstlich in meine Hut,

Daß ich den Koller dir bannte;

Ein leiser Traber – ein schmuckes Tier –

Ein unermüdeter Wandrer!

Kurz, wenig wüßt’ ich zu rügen an dir,

Wärst du nur völlig ein andrer.

Drum sei verständig, trab’ heran,

Und laß mich ruhig gewähren,

Und sollt’s dich kneipen, nicht zuck mir dann,

Du weißt, oft zwicken die Scheren.«

Mein Schimmelchen stutzt, es setzt seitab,

Ein paarmal rennt es in Kreisen,

Dann sachte trabt es den Anger hinab,

Dann stand es still vor dem Weisen.

Der sprach: »Dein Ohr – ein armer Stumpf!

Armselig bist du geboren!

Kommandowort und der Siegstriumph,

Das geht dir alles verloren.«

Drauf rüstig setzt er die Zangen an,

Und zerrt’ und dehnte an beiden;

Mein Schimmelchen ächzt, und dachte dann:

»O wehe, Hoffart muß leiden!«

»Auch deine Farbe – erbärmlich schlecht!

Nicht blank und dennoch zu lichte,

Nicht für die romantische Dämmrung recht

Und nicht für die klare Geschichte.«

Drauf emsig langt’ er den Pinsel her,

Und mischte Schwarz zu dem Weißen;

Mein Schimmelchen zuckt, es juckt ihn sehr,

Doch dacht’ es: »Wie werd’ ich gleißen!«

»Und gar dein Schweif – unseliges Vieh!

Der flattert und schlenkert wie Segel,

Ich wette, du meinst dich ein Kraftgenie,

Und scheinst doch andern ein Flegel.«

Drauf mit der Schere, Gang an Gang,

Beginnt er hurtig zu zwicken,

Hinauf, hinunter die Wurzel entlang,

Von der Kuppe bis an den Rücken.

Dann spricht er freudig: »Mein schmuckes Tier,

Mein Zelter edel wie keiner!«

Und eilends lang er den Spiegel herfür:

»Nun sieh, und freue dich deiner!

Nun bist ein Paraderößlein, baß

Wie eines von Münster bis Wesel.«

Der Schimmel blinzt, und schaut ins Glas, –

O Himmel, da war er ein Esel!

Die beste Politik

Von allem was zu Leid und Frommen

Bisher das Leben mir gebracht,

Ist manches unverhofft gekommen,

Und manches hatt’ ich überdacht;

Doch seltsam! wo ich schlau und fein

Mich abgesorgt zu grauen Haaren,

Da bin ich meistens abgefahren,

Und Unverhofftes schlug mir ein.

Ein jeder kömmt doch gern zu Brode,

Doch blieben mir die Gönner kalt,

Tat ich gleich klein wie eine Lode

Gen einen mächt’gen Eichenwald;

Und nur der ärmliche Student,

Bei dem ich manche Nacht verwachte,

Als Mangel ihn aufs Lager brachte,

Der dachte mein als Präsident.

Den Frauen will man auch gefallen,

– Zumal sieht man nicht übel aus, –

In die Salons sah man mich wallen,

Verschmitzt hinein, verdutzt heraus;

Und nur die täglich recht und schlicht

Mich wandeln sah im eignen Hause,

Die trug in meine kleine Klause

Des Lebens süßestes Gedicht.

Auch Ruhm ist gar ein scharfer Köder,

Ich habe manchen Tag verschwitzt,

Verschnitzelt hab’ ich manche Feder,

Und bin doch schmählich abgeblitzt;

Und nur als ich, entmutigt ganz,

Gedanken flattern ließ wie Flocken,

Da plötzlich fiel auf meine Locken

Ein junger frischer Lorbeerkranz.

So hab’ aus allem ich gezogen

Das treue Fazit mir zuletzt,

Daß dem das Glück zumeist gewogen,

Der es am mindesten gehetzt;

Und daß, wo Wirken ein Geschick

Nach eigner Willkür kann bereiten,

Nur Offenheit zu allen Zeiten

Die allerbeste Politik.

Balladen

Der Graf von Thal

1.

Das war der Graf von Thal,

So ritt an der Felsenwand;

Das war sein ehlich Gemahl,

Die hinter dem Steine stand.

Sie schaut’ im Sonnenstrahl

Hinunter den linden Hang,

»Wo bleibt der Graf von Thal?

Ich hört’ ihn doch reiten entlang!

Ob das ein Hufschlag ist?

Vielleicht ein Hufschlag fern?

Ich weiß doch wohl ohne List,

Ich hab’ gehört meinen Herrn!«

Sie bog zurück den Zweig.

»Bin blind ich oder auch taub?«

Sie blinzelt’ in das Gesträuch,

Und horcht’ auf das rauschende Laub.

Öd war’s, im Hohlweg leer,

Einsam im rispelnden Wald;

Doch überm Weiher, am Wehr,

Da fand sie den Grafen bald.

In seinen Schatten sie trat.

Er und seine Gesellen,

Die flüstern und halten Rat,

Viel lauter rieseln die Wellen.

Sie starrten über das Land,

Genau sie spähten, genau,

Sahn jedes Zweiglein am Strand,

Doch nicht am Wehre die Frau.

Zur Erde blickte der Graf,

So sprach der Graf von Thal:

»Seit dreizehn Jahren den Schlaf

Rachlose Schmach mir stahl.

War das ein Seufzer lind?

Gesellen, wer hat’s gehört?«

Sprach Kurt: »Es ist nur der Wind,

Der über das Schilfblatt fährt.« –

»So schwör’ ich beim höchsten Gut,

Und wär’s mein ehlich Weib,

Und wär’s meines Bruders Blut,

Viel minder mein eigner Leib:

Nichts soll mir wenden den Sinn,

Daß ich die Rache ihm spar’;

Der Freche soll werden inn’,

Zins tragen auch dreizehn Jahr’.

Bei Gott! das war ein Gestöhn!«

Sie schossen die Blicke in Hast.

Sprach Kurt: »Es ist der Föhn,

Der macht seufzen den Tannenast.« –

»Und ist sein Aug’ auch blind,

Und ist sein Haar auch grau,

Und mein Weib seiner Schwester Kind –«

Hier tat einen Schrei die Frau.

Wie Wetterfahnen schnell

Die dreie wendeten sich.

»Zurück, zurück, mein Gesell’!

Dieses Weibes Richter bin ich.

Hast du gelauscht, Allgund?

Du schweigst, du blickst zur Erd’?

Das bringt dir bittre Stund’!

Allgund, was hast du gehört?« –

»Ich lausch’ deines Rosses Klang,

Ich späh’ deiner Augen Schein,

So kam ich hinab den Hang.

Nun tue was not mag sein.« –

»O Frau!« sprach Jakob Port,

»Da habt ihr schlimmes Spiel!

Grad’ sprach der Herr ein Wort,

Das sich vermaß gar viel.«

Sprach Kurt: »Ich sag’ es rund,

Viel lieber den Wolf im Stall,

Als eines Weibes Mund

Zum Hüter in solchem Fall.«

Da sah der Graf sie an,

Zu einem und zu zwein;

Drauf sprach zur Fraue der Mann:

»Wohl weiß ich, du bist mein.

Als du gefangen lagst

Um mich ein ganzes Jahr,

Und keine Silbe sprachst:

Da ward deine Treu’ mir klar.

So schwöre mir denn sogleich:

Sei’s wenig oder auch viel,

Was du vernahmst am Teich,

Dir sei’s wie Rauch und Spiel.

Als seie nichts geschehn,

So muß ich völlig meinen;

Darf dich nicht weinen sehn,

Darfst mir nicht bleich erscheinen.

Denk nach, denk nach, Allgund!

Was zu verheißen not.

Die Wahrheit spricht dein Mund,

Ich weiß, und brächt’ es Tod.«

Und konnte sie sich besinnen,

Verheißen hätte sie’s nie;

So war sie halb von Sinnen,

Sie schwur, und wußte nicht wie.

2.

Und als das Morgengrau

In die Kemnate sich stahl:

Da hatte die werte Frau

Geseufzt schon manches Mal;

Manch Mal gerungen die Hand,

Ganz heimlich wie ein Dieb;

Rot war ihrer Augen Rand,

Todblaß ihr Antlitz lieb.

Drei Tage kredenzt’ sie den Wein,

Und saß beim Mahle drei Tag’,

Drei Nächte in steter Pein

In der Waldkapelle sie lag.

Wenn er die Wacht besorgt,

Der Torwart sieht sie gehn,

Im Walde steht und horcht

Der Wilddieb dem Gestöhn.

Am vierten Abend sie saß

An ihres Herren Seit’,

Sie dreht’ die Spindel, er las,

Dann sahn sie auf, alle beid’.

»Allgund, bleich ist dein Mund!«

»Herr, ‘s macht der Lampe Schein.«

»Deine Augen sind rot, Allgund!«

»’s drang Rauch vom Herde hinein.

Auch macht mir’s schlimmen Mut,

Daß heut vor fünfzehn Jahren

Ich sah meines Vaters Blut;

Gott mag die Seele wahren!

Lang ruht die Mutter im Dom,

Sind wen’ge mir verwandt,

Ein’ Muhm’ noch und ein Ohm:

Sonst ist mir keins bekannt.«

Starr sah der Graf sie an:

»Es steht dem Weibe fest,

Daß um den ehlichen Mann

Sie Ohm und Vater läßt.«

»Ja, Herr! so muß es sein.

Ich gäb’ um Euch die zweie,

Und mich noch obendrein,

Wenn’s sein müßt’, ohne Reue.

Doch daß nun dieser Tag

Nicht gleich den andern sei,

Lest, wenn ich bitten mag,

Ein Sprüchlein oder zwei.«

Und als die Fraue klar

Darauf das heil’ge Buch

Bot ihrem Gatten dar,

Es auf von selber schlug.

Mit einem Blicke er maß

Der nächsten Sprüche einen;

»Mein ist die Rach’«, er las;

Das will ihm seltsam scheinen.

Doch wie so fest der Mann

Auf Frau und Bibel blickt,

Die saß so still und spann,

Dort war kein Blatt geknickt.

Um ihren schönen Leib

Den Arm er düster schlang:

»So nimm die Laute, Weib,

Sing mir einen lust’gen Sang!«

»O Herr! mag’s Euch behagen,

Ich sing’ ein Liedlein wert,

Das erst vor wenig Tagen

Mich ein Minstrel gelehrt.

Der kam so matt und bleich,

Wollt’ nur ein wenig ruhn,

Und sprach, im oberen Reich

Sing’ man nichts anderes nun.«

Drauf, wie ein Schrei verhallt,

Es durch die Kammer klingt,

Als ihre Finger kalt

Sie an die Saiten bringt.

»Johann! Johann! was dachtest du

An jenem Tag,

Als du erschlugst deine eigne Ruh’

Mit einem Schlag?

Verderbtest auch mit dir zugleich

Deine drei Gesellen;

O, sieh nun ihre Glieder bleich

Am Monde schwellen!

Weh dir, was dachtest du Johann

Zu jener Stund’?

Nun läuft von dir verlornem Mann

Durchs Reich die Kund’!

Ob dich verbergen mag der Wald,

Dich wird’s ereilen;

Horch nur, die Vögel singen’s bald,

Die Wölf’ es heulen!

O weh! das hast du nicht gedacht,

Johann! Johann!

Als du die Rache wahr gemacht

Am alten Mann.

Und wehe! nimmer wird der Fluch

Mit dir begraben,

Dir, der den Ohm und Herrn erschlug,

Johann von Schwaben!«

Aufrecht die Fraue bleich

Vor ihrem Gatten stand,

Der nimmt die Laute gleich,

Er schlägt sie an die Wand.

Und als der Schall verklang,

Da hört man noch zuletzt,

Wie er die Hall’ entlang

Den zorn’gen Fußtritt setzt.

3.

Von heut am siebenten Tag

Das war eine schwere Stund’,

Als am Balkone lag

Auf ihren Knien Allgund.

Laut waren des Herzens Schläge:

»O Herr! erbarme dich mein,

Und bracht’ ich Böses zuwege,

Mein sei die Buß’ allein.«

Dann beugt sie tief hinab,

Sie horcht und horcht und lauscht:

Vom Wehre tost es herab,

Vom Forste drunten es rauscht.

War das ein Fußtritt? nein!

Der Hirsch setzt über die Kluft.

Sollt’ ein Signal das sein?

Doch nein, der Auerhahn ruft.

»O mein Erlöser, mein Hort!

Ich bin mit Sünde beschwert,

Sei gnädig und nimm mich fort,

Eh heim mein Gatte gekehrt.

Ach, wen der Böse umgarnt,

Dem alle Kraft er bricht!

Doch hab’ ich ja nur gewarnt,

Verraten, verraten ja nicht!

Weh! das sind Rossestritte.«

Sie sah sie fliegen durchs Tal

Mit wildem grimmigen Ritte,

Sie sah auch ihren Gemahl.

Sie sah ihn dräuen, genau,

Sie sah ihn ballen die Hand:

Da sanken die Knie der Frau,

Da rollte sie über den Rand.

Und als zum Schlimmen entschlossen

Der Graf sprengt’ in das Tor,

Kam Blut entgegen geflossen,

Drang unterm Gitter hervor.

Und als er die Hände sah falten

Sein Weib in letzter Not,

Da konnt’ er den Zorn nicht halten,

Bleich ward sein Gesicht so rot.

»Weib, das den Tod sich erkor!« –

»’s war nicht mein Wille« sie sprach,

Noch eben bracht’ sie’s hervor.

»Weib, das seine Schwüre brach!«

Wie Abendlüfte verwehen

Noch einmal haucht sie ihn an:

»Es mußt’ eine Sünde geschehen –

Ich hab’ sie für dich getan!«

Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln

1.

Der Anger dampft, es kocht die Ruhr,

Im scharfen Ost die Halme pfeifen,

Da trabt es sachte durch die Flur,

Da taucht es auf wie Nebelstreifen,

Da nieder rauscht es in den Fluß,

Und stemmend gen der Wellen Guß

Es fliegt der Bug, die Hufe greifen.

Ein Schnauben noch, ein Satz, und frei

Das Roß schwingt seine nassen Flanken,

Und wieder eins, und wieder zwei,

Bis fünfundzwanzig stehn wie Schranken:

Voran, voran durch Heid und Wald,

Und wo sich wüst das Dickicht ballt,

Da brechen knisternd sie die Ranken.

Am Eichenstamm, im Überwind,

Um einen Ast den Arm geschlungen,

Der Isenburger steht und sinnt

Und naget an Erinnerungen.

Ob er vernimmt, was durchs Gezweig

Ihm Rinkerad, der Ritter bleich,

Raunt leise wie mit Vögelzungen?

»Graf«, flüstert es, »Graf haltet dicht,

Mich dünkt, als woll’ es Euch betören;

Bei Christi Blute, laßt uns nicht

Heim wie gepeitschte Hunde kehren!

Wer hat gefesselt Eure Hand,

Den freien Stegreif Euch verrannt?«

Der Isenburg scheint nicht zu hören.

»Graf«, flüstert es, »wer war der Mann,

Dem zu dem Kreuz die Rose1 paßte?

Wer machte Euren Schwäher dann

In seinem eignen Land zum Gaste?

Und, Graf, wer höhnte Euer Recht,

Wer stempelt’ Euch zum Pfaffenknecht?« –

Der Isenburg biegt an dem Aste.

»Und wer, wer hat Euch zuerkannt,

Im härnen Sünderhemd zu stehen,

Die Schandekerz’ in Eurer Hand,

Und alte Vetteln anzuflehen

Um Kyrie und Litanei!?« –

Da krachend bricht der Ast entzwei

Und wirbelt in des Sturmes Wehen.

Spricht Isenburg: »Mein guter Fant,

Und meinst du denn ich sei begraben?

O laß mich nur in meiner Hand –

Doch ruhig, still, ich höre traben!«

Sie stehen lauschend, vorgebeugt;

Durch das Gezweig der Helmbusch steigt

Und flattert drüber gleich dem Raben.

2.

Wie dämmerschaurig ist der Wald

An neblichten Novembertagen,

Wie wunderlich die Wildnis hallt

Von Astgestöhn und Windesklagen!

»Horch, Knabe, war das Waffenklang?« –

»Nein, gnäd’ger Herr! ein Vogelsang,

Von Sturmesflügeln hergetragen.« –

Fort trabt der mächtige Prälat,

Der kühne Erzbischof von Köllen,

Er, den der Kaiser sich zum Rat

Und Reichsverweser mochte stellen,

Die ehrne Hand der Klerisei, –

Zwei Edelknaben, Reis’ger zwei,

Und noch drei Äbte als Gesellen.

Gelassen trabt er fort, im Traum

Von eines Wunderdomes Schöne,

Auf seines Rosses Hals den Zaum,

Er streicht ihm sanft die dichte Mähne,

Die Windesodem senkt und schwellt; –

Es schaudert, wenn ein Tropfen fällt

Von Ast und Laub, des Nebels Träne.

Schon schwindelnd steigt das Kirchenschiff,

Schon bilden sich die krausen Zacken –

Da, horch, ein Pfiff und hui, ein Griff,

Ein Helmbusch hier, ein Arm im Nacken!

Wie Schwarzwildrudel bricht’s heran,

Die Äbte fliehn wie Spreu, und dann

Mit Reisigen sich Reis’ge packen.

Ha, schnöder Strauß! zwei gegen zehn!

Doch hat der Fürst sich losgerungen,

Er peitscht sein Tier und mit Gestöhn

Hat’s übern Hohlweg sich geschwungen;

Die Gerte pfeift – »Weh, Rinkerad!« –

Vom Rosse gleitet der Prälat

Und ist ins Dickicht dann gedrungen.

»Hussah, hussah, erschlagt den Hund,

Den stolzen Hund!« und eine Meute

Fährt’s in den Wald, es schließt ein Rund,

Dann vor- und rückwärts und zur Seite;

Die Zweige krachen – ha es naht –

Am Buchenstamm steht der Prälat

Wie ein gestellter Eber heute.

Er blickt verzweifelnd auf sein Schwert,

Er löst die kurze breite Klinge,

Dann prüfend untern Mantel fährt

Die Linke nach dem Panzerringe;

Und nun wohlan, er ist bereit,

Ja männlich focht der Priester heut,

Sein Streich war eine Flammenschwinge.

Das schwirrt und klingelt durch den Wald,

Die Blätter stäuben von den Eichen,

Und über Arm und Schädel bald

Blutrote Rinnen tröpfeln, schleichen;

Entwaffnet der Prälat noch ringt,

Der starke Mann, da zischend dringt

Ein falscher Dolch ihm in die Weichen.

Ruft Isenburg: »Es ist genug,

Es ist zuviel!« und greife die Zügel;

Noch sah er wie ein Knecht ihn schlug,

Und riß den Wicht am Haar vom Bügel.

»Es ist zuviel, hinweg, geschwind!«

Fort sind sie, und ein Wirbelwind

Fegt ihnen nach wie Eulenflügel. – –

Des Sturmes Odem ist verrauscht,

Die Tropfen glänzen an dem Laube,

Und über Blutes Lachen lauscht

Aus hohem Loch des Spechtes Haube;

Was knistert nieder von der Höh’

Und schleppt sich wie ein krankes Reh?

Ach armer Knabe, wunde Taube!

»Mein gnädiger, mein lieber Herr,

So mußten dich die Mörder packen?

Mein frommer, o mein Heiliger!«

Das Tüchlein zerrt er sich vom Nacken,

Er drückt es auf die Wunde dort,

Und hier und drüben, immerfort,

Ach, Wund’ an Wund’ und blut’ge Zacken!

»Ho, holla ho!« – dann beugt er sich

Und späht, ob noch der Odem rege;

War’s nicht als wenn ein Seufzer schlich,

Als wenn ein Finger sich bewege? –

»Ho, holla ho!« – »Hallo, hoho!«

Schallt’s wieder um, des war er froh:

»Sind unsre Reuter allewege!«

3.

Zu Köln am Rheine kniet ein Weib

Am Rabensteine unterm Rade,

Und überm Rade liegt ein Leib,

An dem sich weiden Kräh’ und Made;

Zerbrochen ist sein Wappenschild,

Mit Trümmern seine Burg gefüllt,

Die Seele steht bei Gottes Gnade.

Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch

Von Ampeln und von Weihrauchschwelen –

Um seinen qualmt der Moderhauch

Und Hagel peitscht der Rippen Höhlen;

Im Dome steigt ein Trauerchor,

Und ein Tedeum stieg empor

Bei seiner Qual aus tausend Kehlen.

Und wenn das Rad der Bürger sieht,

Dann läßt er rasch sein Rößlein traben,

Doch eine bleiche Frau die kniet,

Und scheucht mit ihrem Tuch die Raben:

Um sie mied er die Schlinge nicht,

Er war ihr Held, er war ihr Licht –

Und ach, der Vater ihrer Knaben!

Fußnoten

1 Zu (dem Kreuz) Köln die Rose (das Wappen von) Berg, dessen Besitz Engelbert dem Bruder von Isenburgs Gemahlin vorenthielt.

Das Fegefeuer des westfälischen Adels

Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht,

Und nicht, wo der greuliche Höllenschlund,

Ob auch die Wolke zittert im Licht,

Ob siedet und qualmet Vulkanes Mund;

Doch wo die westfälischen Edeln müssen

Sich sauber brennen ihr rostig Gewissen,

Das wissen wir alle, das ward uns kund.

Grau war die Nacht, nicht öde und schwer,

Ein Aschenschleier hing in der Luft;

Der Wanderbursche schritt flink einher,

Mit Wollust saugend den Heimatduft;

O bald, bald wird er schauen sein Eigen,

Schon sieht am Lutterberge er steigen

Sich leise schattend die schwarze Kluft.

Er richtet sich, wie Trompetenstoß

Ein Holla ho! seiner Brust entsteigt –

Was ihm im Nacken? ein schnaubend Roß,

An seiner Schulter es rasselt, keucht,

Ein Rappe – grünliche Funken irren

Über die Flanken, die knistern und knirren,

Wie wenn man den murrenden Kater streicht.

»Jesus Maria!« – er setzt seitab,

Da langt vom Sattel es überzwerch –

Ein eherner Griff, und in wüstem Trab

Wie Wind und Wirbel zum Lutterberg!

An seinem Ohre hört er es raunen

Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen,

So an ihm raunt der gespenstige Scherg’:

»Johannes Deweth! ich kenne dich!

Johann! du bist uns verfallen heut’!

Bei deinem Heile, nicht lach noch sprich,

Und rühre nicht an was man dir beut;

Vom Brode nur magst du brechen in Frieden,

Ewiges Heil ward dem Brode beschieden,

Als Christus in froner Nacht es geweiht!« –

Ob mehr gesprochen, man weiß es nicht,

Da seine Sinne der Bursche verlor,

Und spät erst hebt er sein bleiches Gesicht

Vom Estrich einer Halle empor;

Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel,

Von tausend Flämmchen ein mattes Gefunkel,

Und drüber schwimmend ein Nebelflor.

Er reibt die Augen, er schwankt voran,

An hundert Tischen, die Halle entlang,

All edle Geschlechter, so Mann an Mann;

Es rühren die Gläser sich sonder Klang,

Es regen die Messer sich sonder Klirren,

Wechselnde Reden summen und schwirren,

Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang.

Ob jedem Haupte des Wappens Glast,

Das langsam schwellende Tropfen speit,

Und wenn sie fallen, dann zuckt der Gast,

Und drängt sich einen Moment zur Seit’;

Und lauter, lauter dann wird das Rauschen,

Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen,

Und wirrer summet das Glockengeläut.

Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht,

Nicht möchte der gleißenden Wand er traun,

Noch wäre der glimmernde Sitz ihm recht,

Wo rutschen die Knappen mit zuckenden Braun.

Da muß, o Himmel, wer sollt’ es denken!

Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken,

Den alten stattlichen Ritter er schaun.

»Mein Heiland, mach’ ihn der Sünden bar!«

Der Jüngling seufzet in schwerem Leid;

Er hat ihm gedienet ein ganzes Jahr;

Doch ungern kredenzt er den Becher ihm heut!

Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern,

Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern,

Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut.

O manche Gestalt noch dämmert ihm auf,

Dort sitzt sein Pate, der Metternich,

Und eben durch den wimmelnden Hauf

Johann von Spiegel, der Schenke, strich;

Prälaten auch, je viere und viere,

Sie blättern und rispeln im grauen Breviere,

Und zuckend krümmen die Finger sich.

Und unten im Saale, da knöcheln frisch

Schaumburger Grafen um Leut’ und Land,

Graf Simon schüttelt den Becher risch,

Und reibt mitunter die knisternde Hand;

Ein Knappe nähet, er surret leise –

Ha, welches Gesumse im weiten Kreise,

Wie hundert Schwärme an Klippenrand!

»Geschwind den Sessel, den Humpen wert,

Den schleichenden Wolf1 geschwinde herbei!«

Horch, wie es draußen rasselt und fährt!

Barhaupt stehet die Massonei,

Hundert Lanzen drängen nach binnen,

Hundert Lanzen und mitten darinnen

Der Asseburger, der blutige Weih!

Und als ihm alles entgegenzieht,

Da spricht Johannes ein Stoßgebet:

Dann risch hinein! sein Ärmel sprüht,

Ein Funken über die Finger ihm geht.

Voran – da »sieben« schwirren die Lüfte

»Sieben, sieben, sieben,« die Klüfte,

»In sieben Wochen, Johann Deweth!«

Der sinkt auf schwellenden Rasen hin,

Und schüttelt gegen den Mond die Hand,

Drei Finger die bröckeln und stäuben hin,

Zu Asch’ und Knöchelchen abgebrannt.

Er raffe sich auf, er rennt, er schießet,

Und ach, die Vaterklause begrüßet

Ein grauer Mann, von keinem gekannt,

Der nimmer lächelt, nur des Gebets

Mag pflegen drüben im Klosterchor,

Denn »sieben, sieben«, flüstert es stets,

Und »sieben Wochen« ihm in das Ohr.

Und als die siebente Woche verronnen,

Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen,

Gott hebe die arme Seele empor!

Fußnoten

1 Der schleichende Wolf ist das Wappen der Familie Asseburg.

Die Stiftung Cappenbergs

Der Mond mit seinem blassen Finger

Langt leise durch den Mauerspalt,

Und koset, streifend längs dem Zwinger,

Norbertus’ Stirne feucht und kalt.

Der lehnt an bröckelndem Gestein,

Salpeterflocken seine Daunen,

An seinem Ohre Heimchen raunen,

Und wimmelnd rennt das Tausendbein.

Und überm Haupte fühlt er’s beben,

Da geht es hoch, da zecht es frisch,

In Pulsen schäumend pocht das Leben,

Die Humpen tanzen auf dem Tisch.

Der Graf von Arnsberg gibt ein Fest,

Dem Schwiegersohn der graue Schwäher;

So mehr er trinkt so wird er zäher,

So wirrer steht sein Lockennest.

Gern hat sein Kind er dem Dynasten,

Dem reichen Cappenberg vertraut,

Nun trägt sein Anker Doppellasten!

Und seinen Feinden hat’s gegraut.

Da kömmt auf seinem Eselein

Norbert, und macht den Sohn zum Pfaffen;

Allein er wußte Rat zu schaffen,

Er pferchte den Apostel ein.

Wie, keine Enkel soll er wiegen?

Soll in des Eidams Hora gehn,

Und sehn sein Kind am Boden liegen

Und Paternosterkugeln drehn?

Nein, heute ist der Tag wo muß,

Wo wird die Sache sich erled’gen,

Und sollt’ er mit dem Schwerte pred’gen,

Ein umgekehrter Carolus.

Und »Gottfried«, spricht er, »Junge, Ritter,

So sieh doch einmal in die Höh’!

Du schaust ja in den Wein so bitter

Wie Requiem und Kyrie.

Was spinnst du an dem alten Werg?

Laß die Kapuze grauen Sündern,

Und deine Burg die laß den Kindern,

Dein schönes festes Cappenberg!«

Und drunten in dem feuchten Turme

Der Heil’ge flüstert: »Großer Gott,

Allgegenwärt’ger du im Wurme

Als in der Krone blankem Spott,

Wie größer deine Allmacht zeigt

Sein Füßchen, das lebendig zittert,

Als eine Mauer die verwittert,

Und ob ein Babel drüber steigt!«

»Ja« spricht der Graf, den Humpen schwenkend:

»Wär Norbert hier, dein Eselmann,

Ich ließ ihm füllen, dein gedenkend,

Und trinken möcht’ er was er kann;

Doch da ihm Pech und Schwefel glüht,

Was andern Schächern mild und süße,

So bleibt er besser im Verließe,

Ein wohlkasteiter Eremit.«

Und drunten spricht’s mit mildem Tone:

»Du der, des Himmels höchste Zier,

Gezogen bist zur Dornenkrone

Auf einem still demüt’gen Tier,

Du, der des Mondes Lieblichkeit

In meinen Kerker ließest rinnen,

Gezähmt mir die vertrauten Spinnen,

Du, Milder, seist gebenedeit!«

Und Gottfried, kämpfend mit den Tränen,

Ergreift den Humpen, noch gefüllt,

Vor seinem Ohr ein leises Stöhnen,

Vor seinem Aug’ ein bleiches Bild.

O, dringen möcht’ er durch den Stein,

Wo seine sünd’gen Füße stehen,

O, einmal, einmal möcht’ er sehen

Durch Lichterglanz den Heil’genschein!

»Ha!« zürnt der Graf, »was ließ ich schenken

Dir meinen allerbesten Wein!

Eh möcht’ ich einen Schädel tränken,

Ja, oder einen Leichenstein.

Gottfried, Gottfried, ich schwör es dir,

So wahr ich Friedrich« – seht ihn stocken,

Vor seinem Auge schwimmen Flocken,

Er hebt sich auf, er schwankt zur Tür,

Und plötzlich auf den Estrich nieder

Taumelt er wie ein wundes Roß,

Es zucken, strecken sich die Glieder.

Welch ein Getümmel in dem Schloß!

»Krank« dieser, »tot« spricht jener Mund,

Ja wahrlich, das ist Todes Miene,

Und eine mächtige Ruine

Liegt Friedrich auf dem eignen Grund.

Die Humpen sind in Hast zertrümmert,

Burgunderblut fließt übern Stein,

Die Lampen mählich sind verkümmert,

Wie Erdenlust sie qualmten ein.

Doch drüben, in des Klosters Hut,

Entflammte man die ew’ge Leuchte,

Und knieend alles Volk sich beugte

Dem reinen Wein, der Christi Blut.

Der Fundator

Im Westen schwimmt ein falber Strich,

Der Abendstern entzündet sich

Grad’ überm Sankt Georg am Tore;

Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore.

Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht

Ums Eiland, wo die graue Wacht

Sich hebt aus Wasserbins’ und Rohre.

Auf ihrem Dach die Fledermaus,

Sie schaukelt sich, sie breitet aus

Den Rippenschirm des Schwingenflosses,

Und, mit dem Schwirren des Geschosses,

Entlang den Teich, hinauf, hinab,

Dann klammert sie am Fensterstab,

Und blinzt in das Gemach des Schlosses.

Ein weit Gelaß, im Sammetstaat!

Wo einst der mächtige Prälat

Des Hauses Chronik hat geschrieben.

Frisch ist der Baldachin geblieben,

Der güldne Tisch, an dem er saß,

Und seine Seelenmesse las

Man heut in der Kapelle drüben.

Heut sind es grade hundert Jahr,

Seit er gelegen auf der Bahr’

Mit seinem Kreuz und Silberstabe.

Die ew’ge Lamp’ an seinem Grabe

Hat heute hundert Jahr gebrannt.

In seinem Sessel an der Wand

Sitzt heut ein schlichter alter Knabe.

Des Hauses Diener, Sigismund,

Harrt hier der Herrschaft, Stund’ auf Stund’:

Schon kam die Nacht mit ihren Flören,

Oft glaubt die Kutsche er zu hören,

Ihr Quitschern in des Weges Kies,

Er richtet sich – doch nein – es blies

Der Abendwind nur durch die Föhren.

‘s ist eine Dämmernacht, genau

Gemacht für Alp und weiße Frau.

Dem Junkerlein ward es zu lange,

Dort schläft es hinterm Damasthange.

Die Chronik hält der Alte noch,

Und blättert fort im Finstern, doch

Im Ohre summt es gleich Gesange:

»So hab’ ich dieses Schloß erbaut,

Ihm mein Erworbnes anvertraut,

Zu des Geschlechtes Nutz und Walten;

Ein neuer Stamm sprießt aus dem alten,

Gott segne ihn! Gott mach’ ihn groß! –«

Der Alte horcht, das Buch vom Schoß

Schiebt sacht er in der Lade Spalten:

Nein – durch das Fenster ein und aus

Zog schrillend nur die Fledermaus;

Nun schießt sie fort. – Der Alte lehnet

Am Simse. Wie der Teich sich dehnet

Ums Eiland, wo der Warte Rund,

Sich tief schattiert im matten Grund.

Das Röhricht knirrt, die Unke stöhnet.

Dort, denkt der Greis, dort hat gewacht

Der alte Kirchenfürst, wenn Nacht

Sich auf den Weiher hat ergossen.

Dort hat den Reiher er geschossen,

Und zugeschaut des Schlosses Bau,

Sein weiß Habit, sein Auge grau,

Lugt’ drüben an den Fenstersprossen.

Wie scheint der Mond so kümmerlich!

– Er birgt wohl hinterm Tanne sich –

Schaut nicht der Turm wie ‘ne Laterne,

Verhauchend, dunstig, aus der Ferne!

Wie steigt der blaue Duft im Rohr,

Und rollt sich am Gesims empor!

Wie seltsam blinken heut die Sterne!

Doch ha! – er blinzt, er spannt das Aug’,

Denn dicht und dichter schwillt der Rauch,

Als ob ein Docht sich langsam fache,

Entzündet sich im Turmgemache

Wie Mondenschein ein graues Licht,

Und dennoch – dennoch – las er nicht,

Nicht Neumond heut im Almanache? –

Was ist das? deutlich, nur getrübt

Vom Dunst der hin und wieder schiebt,

Ein Tisch, ein Licht, in Turmes Mitten,

Und nun, – nun kömmt es hergeschritten,

Ganz wie ein Schatten an der Wand,

Es hebt den Arm, es regt die Hand, –

Nun ist es an den Tisch geglitten.

Und nieder sitzt es, langsam, steif,

Was in der Hand? – ein weißer Streif! –

Nun zieht es etwas aus der Scheiden

Und fingert mit den Händen beiden,

Ein Ding, – ein Stäbchen ungefähr, –

Dran fährt es langsam hin und her,

Es scheint die Feder anzuschneiden.

Der Diener blinzt und blinzt hinaus:

Der Schemen schwankt und bleichet aus,

Noch sieht er es die Feder tunken,

Da drüber gleitet es wie Funken,

Und in demselbigen Moment

Ist alles in das Element

Der spurlos finstern Nacht versunken.

Noch immer steht der Sigismund,

Noch starrt er nach der Warte Rund,

Ihn dünkt, des Weihers Flächen rauschen,

Weit beugt er übern Sims, zu lauschen;

Ein Ruder! – nein, die Schwäne ziehn!

Grad hört er längs dem Ufergrün

Sie sacht ihr tiefes Schnarchen tauschen.

Er schließt das Fenster. – »Licht, o Licht!« –

Doch mag das Junkerlein er nicht

So plötzlich aus dem Schlafe fassen,

Noch minder es im Saale lassen.

Sacht schiebt er sich dem Sessel ein,

Zieht sein korallnes Nösterlein,

– Was klingelt drüben an den Tassen? –

Nein – eine Fliege schnurrt im Glas!

Dem Alten wird die Stirne naß;

Die Möbeln stehn wie Totenmale,

Es regt und rüttelt sich im Saale,

Allmählich weicht die Tür zurück,

Und in demselben Augenblick

Schlägt an die Dogge im Portale.

Der Alte drückt sich dicht zuhauf,

Er lauscht mit Doppelsinnen auf,

– Ja! am Parkett ein leises Streichen,

Wie Wiesel nach der Stiege schleichen –

Und immer härter, Tapp an Tapp,

Wie mit Sandalen, auf und ab,

Es kömmt – es naht – er hört es keuchen; –

Sein Sessel knackt! – ihm schwimmt das Hirn –

Ein Odem, dicht an seiner Stirn!

Da fährt er auf und wild zurücke,

Errafft das Kind mit blindem Glücke

Und stürzt den Korridor entlang.

O, Gott sei Dank! ein Licht im Gang,

Die Kutsche rasselt auf die Brücke!

Vorgeschichte (Second sight)

Kennst du die Blassen im Heideland,

Mit blonden flächsenen Haaren?

Mit Augen so klar wie an Weihers Rand

Die Blitze der Welle fahren?

O sprich ein Gebet, inbrünstig, echt,

Für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht.

So klar die Lüfte, am Äther rein

Träumt nicht die zarteste Flocke,

Der Vollmond lagert den blauen Schein

Auf des schlafenden Freiherrn Locke,

Hernieder bohrend in kalter Kraft

Die Vampyrzunge, des Strahles Schaft.

Der Schläfer stöhnt, ein Traum voll Not

Scheint seine Sinne zu quälen,

Es zuckt die Wimper, ein leises Rot

Will über die Wange sich stehlen;

Schau, wie er woget und rudert und fährt,

Wie einer so gegen den Strom sich wehrt.

Nun zuckt er auf – ob ihn geträumt,

Nicht kann er sich dessen entsinnen –

Ihn fröstelt, fröstelt, ob’s drinnen schäumt

Wie Fluten zum Strudel rinnen;

Was ihn geängstet, er weiß es auch:

Es war des Mondes giftiger Hauch.

O Fluch der Heide, gleich Ahasver

Unterm Nachtgestirne zu kreisen!

Wenn seiner Strahlen züngelndes Meer

Aufbohret der Seele Schleusen,

Und der Prophet, ein verzweifelnd Wild,

Kämpft gegen das mählich steigende Bild.

Im Mantel schaudernd mißt das Parkett

Der Freiherr die Läng’ und Breite,

Und wo am Boden ein Schimmer steht,

Weitaus er beuget zur Seite,

Er hat einen Willen und hat eine Kraft,

Die sollen nicht liegen in Blutes Haft.

Es will ihn krallen, es saugt ihn an,

Wo Glanz die Scheiben umgleitet,

Doch langsam weichend, Spann’ um Spann’,

Wie ein wunder Edelhirsch schreitet,

In immer engerem Kreis gehetzt,

Des Lagers Pfosten ergreift er zuletzt.

Da steht er keuchend, sinnt und sinnt,

Die müde Seele zu laben,

Denkt an sein liebes einziges Kind,

Seinen zarten, schwächlichen Knaben,

Ob dessen Leben des Vaters Gebet

Wie eine zitternde Flamme steht.

Hat er des Kleinen Stammbaum doch

Gestellt an des Lagers Ende,

Nach dem Abendkusse und Segen noch

Drüber brünstig zu falten die Hände;

Im Monde flimmernd das Pergament

Zeigt Schild an Schilder, schier ohne End’.

Rechtsab des eigenen Blutes Gezweig,

Die alten freiherrlichen Wappen,

Drei Rosen im Silberfelde bleich,

Zwei Wölfe schildhaltende Knappen,

Wo Ros’ an Rose sich breitet und blüht,

Wie überm Fürsten der Baldachin glüht.

Und links der milden Mutter Geschlecht,

Der frommen in Grabeszellen,

Wo Pfeil’ an Pfeile, wie im Gefecht,

Durch blaue Lüfte sich schnellen.

Der Freiherr seufzt, die Stirn gesenkt,

Und – steht am Fenster, bevor er’s denkt.

Gefangen! gefangen im kalten Strahl!

In dem Nebelnetze gefangen!

Und fest gedrückt an der Scheib’ Oval,

Wie Tropfen am Glase hangen,

Verfallen sein klares Nixenaug’,

Der Heidequal in des Mondes Hauch.

Welch ein Gewimmel! – er muß es sehn,

Ein Gemurmel! – er muß es hören,

Wie eine Säule, so muß er stehn,

Kann sich nicht regen noch kehren.

Es summt im Hofe ein dunkler Hauf,

Und einzelne Laute dringen hinauf.

Hei! eine Fackel! sie tanzt umher,

Sich neigend, steigend in Bogen,

Und nickend, zündend, ein Flammenheer

Hat den weiten Estrich umzogen.

All schwarze Gestalten im Trauerflor

Die Fackeln schwingen und halten empor.

Und alle gereihet am Mauerrand,

Der Freiherr kennet sie alle;

Der hat ihm so oft die Büchse gespannt,

Der pflegte die Ross’ im Stalle,

Und der so lustig die Flasche leert,

Den hat er siebenzehn Jahre genährt.

Nun auch der würdige Kastellan,

Die breite Pleureuse am Hute,

Den sieht er langsam, schlurfend nahn,

Wie eine gebrochene Rute;

Noch deckt das Pflaster die dürre Hand,

Versengt erst gestern an Herdes Brand.

Ha, nun das Roß! aus des Stalles Tür,

In schwarzem Behang und Flore;

O, ist’s Achill, das getreue Tier?

Oder ist’s seines Knaben Medore?

Er starret, starrt und sieht nun auch,

Wie es hinkt, vernagelt nach altem Brauch.

Entlang der Mauer das Musikchor,

In Krepp gehüllt die Posaunen,

Haucht prüfend leise Kadenzen hervor,

Wie träumende Winde raunen;

Dann alles still. O Angst! o Qual!

Es tritt der Sarg aus des Schlosses Portal.

Wie prahlen die Wappen, farbig grell

Am schwarzen Sammet der Decke.

Ha! Ros’ an Rose, der Todesquell

Hat gespritzet blutige Flecke!

Der Freiherr klammert das Gitter an:

»Die andre Seite!« stöhnet er dann.

Da langsam wenden die Träger, blank

Mit dem Monde die Schilder kosen.

»O«, – seufzt der Freiherr – »Gott sei Dank!

Kein Pfeil, kein Pfeil, nur Rosen!«

Dann hat er die Lampe still entfacht,

Und schreibt sein Testament in der Nacht.

Der Graue

Im Walde steht die kleine Burg,

Aus rohem Quaderstein gefugt,

Mit Schart’ und Fensterlein, wodurch

Der Doppelhaken einst gelugt;

Am Teiche rauscht des Rohres Speer,

Die Brücke wiegt und knarrt im Sturm,

Und in des Hofes Mitte, schwer,

Plump wie ein Mörser, steht der Turm.

Da siehst du jetzt umhergestellt

Manch feuerrotes Ziegeldach,

Und wie der Stempel steigt und fällt,

So pfeift die Dampfmaschine nach;

Es knackt die Form, der Bogen schrillt,

Es dunstet Scheidewassers Näh’,

Und überm grauen Wappenschild

Liest man: Moulin à papier.

Doch wie der Kessel quillt und schäumt,

Den Brüßler Kaufherrn freut es kaum,

Der hatte einmal sich geträumt

Von Land und Luft den feinsten Traum;

Das war so recht ein Fleckchen, sich

Zu retten aus der Zahlen Haft!

Nicht groß, und doch ganz adelig,

Und brauchte wenig Dienerschaft.

Doch eine Nacht nur macht’ er sich

Bequem es – oder unbequem –

In seinem Schlößchen, und er strich

Nur wie ein Vogel dran seitdem.

Sah dann er zu den Fenstern auf,

Verschlossen wie die Sakristein,

So zog er wohl die Schultern auf,

Mit einem Seufzer, oder zwein.

Es war um die Septemberzeit,

Als, schürend des Kamines Brand,

Gebückt, in regenfeuchtem Kleid,

Der Hausherr in der Halle stand,

Er und die Gäste, all im Rauch;

Van Neelen, Redel, Verney, Dahm,

Und dann der blonde Waller auch,

Der eben erst aus Smyrna kam.

Im Schlote schnob der Wind, es goß

Der Regen sprudelnd sich vom Dach,

Und wenn am Brand ein Flämmchen schoß,

Schien doppelt öde das Gemach.

Die Gäste waren all zur Hand,

Erleichternd ihres Wirtes Müh’;

Van Neelen nur am Fenster stand,

Und schimpfte auf die Landpartie.

Doch nach und nach mag’s besser gehn,

Schon hat der Wind die Glut gefacht,

Den Regen läßt man draußen stehn,

Champagnerflaschen sind gebracht.

Die Leuchter hatten wenig Wert,

Es ging wie beim Studentenfest:

Sobald die Flasche ist geleert,

Wird eine Kerze drauf gepreßt.

Je mehr es fehlt, so mehr man lacht,

Der Wein ist heiß, die Kost gewählt,

Manch derbes Späßchen wird gemacht,

Und mancher feine Streich erzählt.

Zuletzt von Wein und Reden glüh,

Rückt seinen Stuhl der Herr vom Haus:

»Ich lud euch zu ‘ner Landpartie,

Es ward ‘ne Wasserfahrt daraus.

Doch da die allerschönste Fracht

Am Ende nach dem Hafen schifft,

So, meine Herren, gute Nacht!

Und nehmt vorlieb, wie es sich trifft.«

Da lachend nach den Flaschen greift

Ein jeder. – Türen auf und zu. –

Und Waller, noch im Gehen, streift

Aus seinem Frack den Ivanhoe.

Es war tief in die Nacht hinein,

Und draußen heulte noch der Sturm,

Schnob zischend an dem Fensterstein

Und drillt’ den Glockenstrang am Turm.

In seinem Bette Waller lag,

Und las so scharf im Ivanhoe,

Daß man gedacht, bevor es Tag

Sei Englands Königreich in Ruh.

Er sah nicht, daß die Kerze tief

Sich brannte in der Flasche Rand,

Der Talg in schweren Tropfen lief,

Und drunten eine Lache stand.

Wie träumend hört’ er das Geknarr

Der Fenster, vom Rouleau gedämpft,

Und wie die Türe mit Geschnarr

In ihren Angeln zuckt und kämpft.

Sehr freut er sich am Bruder Tuck,

– Die Sehne schwirrt, es rauscht der Hain –

Da plötzlich ein gewalt’ger Ruck,

Und, hui! die Scheibe klirrt hinein.

Er fuhr empor, – weg war der Traum –

Und deckte mit der Hand das Licht,

Ha! wie so wüst des Zimmers Raum!

Selbst ein romantisches Gedicht!

Der Sessel feudalistisch Gold –

Am Marmortisch die Greifenklau’ –

Und überm Spiegel flatternd rollt,

Ein Banner, der Tapete Blau,

Im Zug der durch die Lücke schnaubt;

Die Ahnenbilder leben fast,

Und schütteln ihr behelmtes Haupt

Ergrimmt ob dem plebejen Gast.

Der blonde Waller machte gern

Sich selber einen kleinen Graus,

So nickt’ er spöttisch gen die Herrn,

Als fordert’ er sie keck heraus.

Die Glocke summt – schon eins fürwahr!

Wie eine Boa dehnt’ er sich,

Und sah nach dem Pistolenpaar,

Dann rüstet’ er zum Schlafe sich.

Die Flasche hob er einmal noch

Und leuchtete die Wände an,

Ganz wie ‘ne alte Halle doch

Aus einem Scottischen Roman!

Und – ist das Nebel oder Rauch,

Was durch der Türe Spalten quillt,

Und, wirbelnd in des Zuges Hauch,

Die dunstigen Paneele füllt?

Ein Ding – ein Ding – wie Grau in Grau,

Die Formen schwanken – sonderbar! –

Doch, ob der Blick sich schärft? den Bau

Von Gliedern nimmt er mählich wahr.

Wie überm Eisenhammer, schwer

Und schwarz, des Rauches Säule wallt;

Ein Zucken flattert drüben her,

Doch – hat es menschliche Gestalt!

Er war ein hitziger Kumpan,

Wenn Wein die Lava hat geweckt.

»Qui vive!« – und leise knackt der Hahn,

Der Waller hat den Arm gestreckt:

»Qui vive!« – ‘ne Pause, – »ou je tire!«

Und aus dem Lauf die Kugel knallt;

Er hört sie schlagen an die Tür,

Und abwärts prallen mit Gewalt.

Der Schuß dröhnt am Gewölbe nach,

Und, eine schwere Nebelschicht,

Füllt Pulverbrodem das Gemach;

Er teilt sich, schwindet, das Gesicht

Steht in des Zimmers Mitte jetzt,

Ganz wie ein graues Bild von Stein,

Die Formen scharf und unverletzt,

Die Züge edel, streng und rein.

Auf grauer Locke grau Barett,

Mit grauer Hahnenfeder drauf.

Der Waller hat so sacht und nett

Sich hergelangt den zweiten Lauf.

Noch zögert er – ist es ein Bild,

Wär’s zu zerschießen lächerlich;

Und wär’s ein Mensch – das Blut ihm quillt –

Ein Geck, der unterfinge sich –?!

Ein neuer Ruck, und wieder Knall

Und Pulverrauch – war das Gestöhn?

Er hörte keiner Kugel Prall –

Es ist vorüber! ist geschehn!

Der Waller zuckt: »Verdammtes Hirn!«

Mit einmal ist er kalt wie Eis,

Der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn,

Er starret in den Nebelkreis.

Ein Ächzen! oder Windeshauch! –

Doch nein, der Scheibensplitter schwirrt.

O Gott, es zappelt! – nein – der Rauch

Gedrängt vom Zuge schwankt und irrt;

Es wirbelt aufwärts, woget, wallt,

Und, wie ein graues Bild von Stein,

Steht nun am Bette die Gestalt,

Da, wo der Vorhang sinkt hinein.

Und drüber knistert’s, wie von Sand,

Wie Funke, der elektrisch lebt;

Nun zuckt ein Finger – nun die Hand –

Allmählich nun ein Fuß sich hebt, –

Hoch – immer höher – Waller winkt;

Dann macht er schnell gehörig Raum,

Und langsam in die Kissen sinkt

Es schwer, wie ein gefällter Baum.

»Ah, je te tiens!« er hat’s gepackt,

Und schlingt die Arme wie ‘nen Strick, –

Ein Leichnam! todessteif und nackt!

Mit einem Ruck fährt er zurück;

Da wälzt es langsam, schwer wie Blei,

Sich gleich dem Mühlstein über ihn;

Da tat der Waller einen Schrei,

Und seine Sinne waren hin.

Am nächsten Morgen fand man kalt

Ihn im Gemache ausgestreckt;

‘s war eine Ohnmacht nur, und bald

Ward zum Bewußtsein er geweckt.

Nicht irre war er, nur gepreßt,

Und fragt’ ob keiner ward gestört?

Doch alle schliefen überfest,

Nicht einer hat den Schuß gehört.

So ward es denn für Traum sogleich,

Und alles für den Alp erkannt;

Doch zog man sich aus dem Bereich,

Und trollte hurtig über Land.

Sie waren alle viel zu klug,

Und vollends zu belesen gar;

Allein der blonde Waller trug

Seit dieser Nacht eisgraues Haar.

Die Vendetta

1.

Ja, einen Feind hat der Kors’, den Hund,

Luigi, den hagern Podesta,

Der den Ohm, so stark und gesund,

Ließ henken, den kühnen di Vesta.

Er und der rote Franzose Jocliffe,

Die beiden machten ihn hangen,

Aber der ging zu dem Schmugglerschiff,

Und liegt seit Monden gefangen.

Steht im Walde Geronimo,

Und klirrend zieht aus der Scheide

Er das Messer, so und so

An der Sohle wetzt er die Schneide;

Gleitet dann in die Dämmerung,

Dem Feinde auf Tod und Leben

Mit des Tieres Verstümmelung

Ein korsisch’ Kartell zu geben.

Schau! wie Zweig an Zweige er streicht,

– Kaum flüsternd die Blätter schwanken, –

Gleich der gleißenden Boa leicht

Hinquillt durch Gelaub und Ranken;

Drüber träufelt das Mondenlicht,

Wie heimlicher Träne Klage

Durch eine dunkele Wimper bricht.

Nun kniet der Korse am Hage.

Dort der Anger, – und dort am Hang

Die einsam weidende Stute,

Langsam schnaubt sie den Rain entlang;

Aus andalusischem Blute,

Hoch, schneeschimmernd, zum Grund gebeugt

Den mähnumfluteten Nacken,

Nah sie, näher dem Hagen steigt.

Nun wird der Korse sie packen!

Schon erfaßt er der Schneide Griff,

Er reckt sich über dem Kraute,

Da – ein Geknister und – still! ein Pfiff,

Und wieder – summende Laute!

Und es schreitet dem Hage zu,

Grad wo Geronimo kniet,

Nieder gleitet der Kors’ im Nu,

Ha, wie er keuchet und glühet!

Dicht an ihm, – der Mantel streift,

Die Ferse könnt’ er ihm fassen, –

Steht der hagre Podest’ und pfeift;

»Sorella!« ruft er gelassen,

Und: »Sorella, mein kluges Tier!«

Der Lauscher höret es stampfen,

Über ihm, mit hellem Gewiehr,

Zwei schnaubende Nüstern dampfen.

Freundlich klatscht Luigi den Bug,

Liebkosend streicht er die Mähnen,

Hat nicht zärtlicher Worte genug,

Er spricht wie zu seiner Schönen.

Einen Blitz aus glühendem Aug’,

Und rückwärts taumelt die Stute.

»Ei, Sorella, was fehlt dir auch?

Mein Töchterchen, meine Gute.«

Kandiszucker langt er hervor;

Ha, wie ihre Nüstern blasen!

Wie sie naschet, gespitzt das Ohr,

Und immer glotzet zum Rasen!

Einen Blick der Podesta scheu

Schießt über die glitzernde Aue,

Rückt am Dolche, und dann aufs neu:

»Mein Schimmelchen, meine Graue!«

Wie er über den Hag sich biegt,

Am Nacken des Tieres gleitet,

Auf Geronimos Auge liegt

Des Feindes Mantel gebreitet;

O, nie hat so heiß und schwer

Geronimo, nie gelegen,

Jede Muskel im Arm fühlt er

Wie eine Viper sich regen.

Doch er ist ein gläubiger Christ,

Geht jede Woche zur Beichte,

Hat voll Andacht noch heut geküßt

Christoferos heilige Leuchte.

Sünde wär’s, das Messer im Schlund

Des Ungewarnten zu bergen,

Sonst – alleine, allein der Hund!

Bewaffnet, und ohne Schergen!

Eine Minute, die schnell vergeht,

Der Korse gen Himmel schaute,

Zum Patrone ein Stoßgebet,

Dann fährt er empor vom Kraute;

Blank die Waffe, den Bug geschlitzt,

Dann wie ein Vogel zum Walde –

Schreiend vom Hange die Stute blitzt,

Der Richter starrt an der Halde.

2.

Mittagsstunde, – der Sonnenpfeil

Prallt an des Weihen Gefieder,

Der vom Gesteine grau und steil

Blinzt in die Pinien nieder.

Schwarz der Wald, eine Wetternacht,

Die aus dem Äther gesunken,

Drüber der Strahl in Siegespracht

Tanzt auf dem Feinde wie trunken.

Plötzlich zuckt, es flattert der Weih,

Und klatscht in taumelnden Ringen,

Überm Riffe sein wilder Schrei,

Dann steigt er, wiegend die Schwingen;

Und am Grunde es stampft und surrt,

Hart unter dem Felsenmale,

Netz im Haare, Pistol im Gurt,

Zwölf Schergen reiten zu Tale.

Wo den Schatten verkürzt das Riff

Wirft über die zitternde Aue,

Starrt gefesselt der rote Jocliffe

Hinauf zum Vogel ins Blaue.

Dürr seine Zunge, – kein Tropfen labt –

Er lacht in grimmigem Hohne,

Neben ihm der Podesta trabt

Und pfeift sich eine Kanzone.

Rüstig stampfen die Rosse fort,

Dann »halt!« Es lagert die Bande;

Hier ein Scherge, ein anderer dort,

Gestreckt im knisternden Sande.

Die Zigarre läßt an den Grund

Ihr bläuliches Wölkchen schwelen,

Und der Schlauch, von Mund zu Mund,

Strömt in die durstigen Kehlen.

Wie so lockend die Taube lacht

Aus grünem duftigem Haine!

Von den zwölfen heben sich acht,

Sie schlendern entlang das Gesteine,

Lässig, spielend, so sorgenbar

Wie junge Geier im Neste,

Dieser zupfet des Nachbars Haar,

Der schnitzelt am Zwiebelreste.

Einer so nach dem andern schwankt

Ins Grün aus der sengenden Hitze,

Halt! wie elektrisch Feuer rankt

Von Aug zu Aug ein Geblitze.

Horch, sie flüstern! Zwei und zwei

Die Pinien streifen sie leise,

Wie die Hinde witternd und scheu

Schlüpft über befahrene Gleise.

Zwei am Hange und zwei hinab

Und vier zur Rechten und Linken,

Sachte beugen den Ast sie ab

Ihre Augen wie Vipern blinken,

Da – im Moose ein dürrer Baum

Mit wunderlich brauner Schale, –

Hui! ein Pfiff auf gekrümmtem Daum, –

Und dort – und drunten im Tale.

Fährt vom Moose Geronimo,

Und eh ihn die Schergen umschlingen,

Wie im Heid die knisternde Loh’,

Ha! sieh ihn flattern und springen!

Knall auf Knall, eine Kugel pfeift

Ihm durch der Retilla Knoten,

Blutend er an dem Gesteine läuft

Bis zum Jocliffe, dem roten.

Hoch die Rechte – will er schnell

Sich rächen zu dieser Stunde?

Nein, am Rosse schreibt das Kartell

Er rasch mit klaffender Wunde.

Hoch die Linke – es knallt, es blitzt.

Und taumelnd sinkt der Podesta;

Ruft der Korse: »So hab es itzt,

Du Hund, für den kühnen di Vesta!«

O Geronimo! hätten dich fort,

Fort, fort deine Sprünge getragen,

Als die einen am Riffe dort,

Die andern klommen am Hagen!

Schwerlich heute, so mein’ ich klar,

Sie würden die Stadt erschrecken

Mit der Leiche auf grüner Bahr’

Und mit dir, gebunden am Schecken!

Das Fräulein von Rodenschild

Sind denn so schwül die Nächt’ im April?

Oder ist so siedend jungfräulich Blut?

Sie schließt die Wimper, sie liegt so still,

Und horcht des Herzens pochender Flut.

»O will es denn nimmer und nimmer tagen!

O will denn nicht endlich die Stunde schlagen!

Ich wache, und selbst der Seiger ruht!

Doch horch! es summt, eins, zwei und drei, –

Noch immer fort? – sechs, sieben und acht,

Elf, zwölf, – o Himmel, war das ein Schrei?

Doch nein, Gesang steigt über der Wacht,

Nun wird mir’s klar, mit frommem Munde

Begrüßt das Hausgesinde die Stunde,1

Anbrach die hochheilige Osternacht.«

Seitab das Fräulein die Kissen stößt,

Und wie eine Hinde vom Lager setzt,

Sie hat des Mieders Schleifen gelöst,

Ins Häubchen drängt sie die Locken jetzt,

Dann leise das Fenster öffnend, leise,

Horcht sie der mählich schwellenden Weise,

Vom wimmernden Schrei der Eule durchsetzt.

O dunkel die Nacht! und schaurig der Wind!

Die Fahnen wirbeln am knarrenden Tor, –

Da tritt aus der Halle das Hausgesind’

Mit Blendlaternen und einzeln vor.

Der Pförtner dehnet sich, halb schon träumend,

Am Dochte zupfet der Jäger säumend,

Und wie ein Oger gähnet der Mohr.

Was ist? – wie das auseinanderschnellt!

In Reihen ordnen die Männer sich,

Und eine Wacht vor die Dirnen stellt

Die graue Zofe sich ehrbarlich,

»Ward ich gesehn an des Vorhangs Lücke?

Doch nein, zum Balkone starren die Blicke,

Nun langsam wenden die Häupter sich.

O weh meine Augen! bin ich verrückt?

Was gleitet entlang das Treppengeländ?

Hab’ ich nicht so aus dem Spiegel geblickt?

Das sind meine Glieder, – welch ein Geblend’!

Nun hebt es die Hände, wie Zwirnes Flocken,

Das ist mein Strich über Stirn und Locken! –

Weh, bin ich toll, oder nahet mein End’!«

Das Fräulein erbleicht und wieder erglüht,

Das Fräulein wendet die Blicke nicht,

Und leise rührend die Stufen zieht

Am Steingelände das Nebelgesicht,

In seiner Rechten trägt es die Lampe,

Ihr Flämmchen zittert über der Rampe,

Verdämmernd, blau, wie ein Elfenlicht.

Nun schwebt es unter dem Sternendom,

Nachtwandlern gleich in Traumes Geleit,

Nun durch die Reihen zieht das Phantom,

Und jeder tritt einen Schritt zur Seit’. –

Nun lautlos gleitet’s über die Schwelle, –

Nun wieder drinnen erscheint die Helle,

Hinauf sich windend die Stiegen breit.

Das Fräulein hört das Gemurmel nicht,

Sieht nicht die Blicke, stier und verscheucht,

Fest folgt ihr Auge dem bläulichen Licht,

Wie dunstig über die Scheiben es streicht.

– Nun ist’s im Saale – nun im Archive –

Nun steht es still an der Nische Tiefe –

Nun matter, matter, – ha! es erbleicht!

»Du sollst mir stehen! ich will dich fahn!«

Und wie ein Aal die beherzte Maid

Durch Nacht und Krümmen schlüpft ihre Bahn,

Hier droht ein Stoß, dort häkelt das Kleid,

Leis tritt sie, leise, o Geistersinne

Sind scharf! daß nicht das Gesicht entrinne!

Ja, mutig ist sie, bei meinem Eid!

Ein dunkler Rahmen, Archives Tor;

– Ha, Schloß und Riegel! – sie steht gebannt,

Sacht, sacht das Auge und dann das Ohr

Drückt zögernd sie an der Spalte Rand,

Tiefdunkel drinnen – doch einem Rauschen

Der Pergamente glaubt sie zu lauschen,

Und einem Streichen entlang der Wand.

So niederkämpfend des Herzens Schlag,

Hält sie den Odem, sie lauscht, sie neigt –

Was dämmert ihr zur Seite gemach?

Ein Glühwurmleuchten – es schwillt, es steigt,

Und Arm an Arme, auf Schrittes Weite,

Lehnt das Gespenst an der Pforte Breite,

Gleich ihr zur Nachbarspalte gebeugt.

Sie fährt zurück, – das Gebilde auch –

Dann tritt sie näher – so die Gestalt –

Nun stehen die beiden, Auge in Aug,

Und bohren sich an mit Vampyres Gewalt.

Das gleiche Häubchen decket die Locken,

Das gleiche Linnen, wie Schnees Flocken,

Gleich ordnungslos um die Glieder wallt.

Langsam das Fräulein die Rechte streckt,

Und langsam, wie aus der Spiegelwand,

Sich Linie um Linie entgegenreckt

Mit gleichem Rubine die gleiche Hand;

Nun rührt sich’s – die Lebendige spüret

Als ob ein Luftzug schneidend sie rühret,

Der Schemen dämmert, – zerrinnt – entschwand.

Und wo im Saale der Reihen fliegt,

Da siehst ein Mädchen du, schön und wild,

– Vor Jahren hat’s eine Weile gesiecht –

Das stets in den Handschuh die Rechte hüllt.

Man sagt, kalt sei sie wie Eises Flimmer,

Doch lustig die Maid, sie hieß ja immer:

»Das tolle Fräulein von Rodenschild.«

Fußnoten

1 Es bestand, und besteht hier und dort noch in katholischen Ländern die Sitte, am Vorabende des Oster-und Weihnachtstages den zwölften Glockenschlag abzuwarten, um den Eintritt des Festes mit einem frommen Liede zu begrüßen.

Der Geierpfiff

»Nun still! – Du an den Dohnenschlag!

Du links an den gespaltnen Baum!

Und hier der faule Fetzer mag

Sich lagern an der Klippe Saum:

Da seht fein offen übers Land

Die Kutsche ihr heranspazieren:

Und Rieder dort, der Höllenbrand,

Mag in den Steinbruch sich postieren!

Dann aufgepaßt mit Aug und Ohr,

Und bei dem ersten Räderhall

Den Eulenschrei! und tritt hervor

Die Fracht, dann wiederholt den Schall:

Doch naht Gefahr – Patrouillen gehn, –

Seht ihr die Landdragoner streifen,

Dann dreimal, wie von Riffeshöhn,

Laßt ihr den Lämmergeier pfeifen.

Nun, Rieder, noch ein Wort zu dir:

Mit Recht heißt du der Höllenbrand;

Kein Stückchen – ich verbitt’ es mir –

Wie neulich mit der kalten Hand!«

Der Hauptmann spricht es; durch den Kreis

Ein Rauschen geht und feines Schwirren,

Als sie die Büchsen schultern leis,

Und in den Gurt die Messer klirren.

Seltsamer Troß! hier Riesenbau

Und hiebgespaltnes Angesicht,

Und dort ein Bübchen wie ‘ne Frau,

Ein zierliches Spelunkenlicht;

Der drüben an dem Scheitelhaar

So sachte streift den blanken Fänger,

Schaut aus den blauen Augen gar

Wie ein verarmter Minnesänger.

‘s ist lichter Tag! die Bande scheut

Vor keiner Stunde – alles gleich; –

Es ist die rote Bande, weit

Verschrien, gefürchtet in dem Reich;

Das Knäbchen kauert unterm Stier

Und betet, raschelt es im Walde,

Und manches Weib verschließt die Tür,

Schreit nur ein Kuckuck an der Halde.

Die Posten haben sich zerstreut,

Und in die Hütte schlüpft der Troß –

Wildhüters Obdach, zu der Zeit,

Als jene Trümmer war ein Schloß:

Wie Ritter vor der Ahnengruft,

Fühlt sich der Räuber stolz gehoben

Am Schutte, dran ein gleicher Schuft

Vor Jahren einst den Brand geschoben.

Und als der letzte Schritt verhallt,

Der letzte Zweig zurückgerauscht,

Da wird es einsam in dem Wald,

Wo überm Ast die Sonne lauscht;

Und als es drinnen noch geklirrt,

Und noch ein Weilchen sich geschoben,

Da still es in der Hütte wird,

Vom wilden Weingerank umwoben.

Der scheue Vogel setzt sich kühn

Aufs Dach und wiegt sein glänzend Haupt,

Und summend durch der Reben Grün

Die wilde Biene Honig raubt;

Nur leise wie der Hauch im Tann,

Wie Weste durch die Halme streifen,

Hört drinnen leise, leise man,

Vorsichtig an den Messern schleifen. –

Ja, lieblich ist des Berges Maid

In ihrer festen Glieder Pracht,

In ihrer blanken Fröhlichkeit

Und ihrer Zöpfe Rabennacht;

Siehst du sie brechen durchs Genist

Der Brombeerranken, frisch, gedrungen,

Du denkst, die Zentifolie ist

Vor Übermut vom Stiel gesprungen.

Nun steht sie still und schaut sich um –

Allüberall nur Baum an Baum;

Ja, irre zieht im Walde um

Des Berges Maid und glaubt es kaum;

Noch zwei Minuten, wo sie sann,

Pulsieren ließ die heißen Glieder, –

Behende wie ein Marder dann

Schlüpft keck sie in den Steinbruch nieder.

Am Eingang steht ein Felsenblock,

Wo das Geschiebe überhängt;

Der Efeu schüttelt sein Gelock,

Zur grünen Laube vorgedrängt:

Da unterm Dache lagert sie,

Behaglich lehnend an dem Steine,

Und denkt: Ich sitze wahrlich wie

Ein Heil’genbildchen in dem Schreine!

Ihr ist so warm, der Zöpfe Paar

Sie löset mit der runden Hand,

Und nieder rauscht ihr schwarzes Haar

Wie Rabenfittiges Gewand.

Ei! denkt sie, bin ich doch allein!

Auf springt das Spangenpaar am Mieder;

Doch unbeweglich gleich dem Stein

Steht hinterm Block der wilde Rieder:

Er sieht sie nicht, nur ihren Fuß,

Der tändelnd schaukelt wie ein Schiff,

Zuweilen treibt des Windes Gruß

Auch eine Locke um das Riff,

Doch ihres heißen Odems Zug,

Samumes Hauch, glaubt er zu fühlen,

Verlorne Laute, wie im Flug

Lockvögel, um das Ohr ihm spielen.

So weich die Luft und badewarm,

Berauschend Thimianes Duft,

Sie lehnt sich, dehnt sich, ihren Arm,

Den vollen, streckt sie aus der Kluft,

Schließt dann ihr glänzend Augenpaar –

Nicht schlafen, ruhn nur eine Stunde –

So dämmert sie und die Gefahr

Wächst von Sekunde zu Sekunde.

Nun alles still – sie hat gewacht –

Doch hinterm Steine wird’s belebt

Und seine Büchse sachte, sacht,

Der Rieder von der Schulter hebt,

Lehnt an die Klippe ihren Lauf,

Dann lockert er der Messer Klingen,

Hebt nun den Fuß – was hält ihn auf?

Ein Schrei scheint aus der Luft zu dringen!

Ha, das Signal! – er ballt die Faust –

Und wiederum des Geiers Pfiff

Ihm schrillend in die Ohren saust –

Noch zögert knirschend er am Riff –

Zum dritten Mal – und sein Gewehr

Hat er gefaßt – hinan die Klippe!

Daß bröckelnd Kies und Sand umher

Nachkollern von dem Steingerippe.

Und auch das Mädchen fährt empor:

»Ei, ist so locker das Gestein?«

Und langsam, gähnend tritt hervor

Sie aus dem falschen Heil’genschrein,

Hebt ihrer Augen feuchtes Glühn,

Will nach dem Sonnenstande schauen,

Da sieht sie einen Geier ziehn

Mit einem Lamm in seinen Klauen.

Und schnell gefaßt, der Wildnis Kind,

Tritt sie entgegen seinem Flug:

Der kam daher, wo Menschen sind,

Das ist der Bergesmaid genug.

Doch still! war das nicht Stimmenton

Und Räderknarren? still! sie lauscht –

Und wirklich, durch die Nadeln schon

Die schwere Kutsche ächzt und rauscht.

»He, Mädchen!« ruft es aus dem Schlag,

Mit feinem Knicks tritt sie heran:

»Zeig uns zum Dorf die Wege nach,

Wir fuhren irre in dem Tann!« –

»Herr«, spricht sie lachend, »nehmt mich auf,

Auch ich bin irr und führ’ Euch doch.«

»Nun wohl, du schmuckes Kind, steig auf,

Nur frisch hinauf, du zögerst noch?«

»Herr, was ich weiß, ist nur gering,

Doch führt es Euch zu Menschen hin,

Und das ist schon ein köstlich Ding

Im Wald, mit Räuberhorden drin:

Seht, einen Weih am Bergeskamm

Sah steigen ich aus jenen Gründen,

Der in den Fängen trug ein Lamm;

Dort muß sich eine Herde finden.« –

Am Abend steht des Forstes Held

Und flucht die Steine warm und kalt:

Der Wechsler freut sich, daß sein Geld

Er klug gesteuert durch den Wald:

Und nur die gute, franke Maid

Nicht ahnet in der Träume Walten,

Daß über sie so gnädig heut

Der Himmel seinen Schild gehalten. –

Die Schwestern

1.

Sacht pochet der Käfer im morschen Schrein,

Der Mond steht über den Fichten.

»Jesus Maria, wo mag sie sein!

Hin will meine Angst mich richten.

Helene, Helene, was ließ ich dich gehn

Allein zur Stadt mit den Hunden,

Du armes Kind, das sterbend mir

Auf die Seele die Mutter gebunden!«

Und wieder rennt Gertrude den Weg

Hinauf bis über die Steige.

Hier ist ein Tobel – sie lauscht am Steg,

Ein Strauch – sie rüttelt am Zweige.

Da drunten summet es elf im Turm,

Gertrude kniet an der Halde:

»Du armes Blut, du verlassener Wurm!

Wo magst du irren im Walde!«

Und zitternd löst sie den Rosenkranz

Von ihres Gürtels Gehänge,

Ihr Auge starret in trübem Glanz,

Ob es die Dämmerung sprenge.

»Ave Maria – ein Licht, ein Licht!

Sie kömmt, ‘s ist ihre Laterne!

– Ach Gott, es ist nur ein Hirtenfeur,

Jetzt wirft es flatternde Sterne.

Vater unser, der du im Himmel bist

Geheiliget werde dein Name« –

Es rauscht am Hange, »heiliger Christ!«

Es bricht und knistert im Brame,

Und drüber streckt sich ein schlanker Hals,

Zwei glänzende Augen starren.

»Ach Gott, es ist eine Hinde nur,

Jetzt setzt sie über die Farren.«

Gertrude klimmt die Halde hinauf,

Sie steht an des Raines Mitte.

Da – täuscht ihr Ohr ? – ein flüchtiger Lauf,

Behend galoppierende Tritte –

Und um sie springt es in wüstem Kreis,

Und funkelt mit freud’gem Gestöhne.

»Fidel, Fidel!« so flüstert sie leis,

Dann ruft sie schluchzend: »Helene!«

»Helene!« schallt es am Felsenhang,

»Helen’!« von des Waldes Kante,

Es war ein einsamer trauriger Klang,

Den heimwärts die Echo sandte.

Wo drunten im Tobel das Mühlrad wacht,

Die staubigen Knecht’ an der Wanne

Die haben gehorcht die ganze Nacht

Auf das irre Gespenst im Tanne.

Sie hörten sein Rufen von Stund zu Stund,

Sahn seiner Laterne Geflimmer,

Und schlugen ein Kreuz auf Brust und Mund,

Zog über den Tobel der Schimmer.

Und als die Müllerin Reisig las,

Frühmorgens an Waldes Saume,

Da fand sie die arme Gertrud im Gras,

Die ängstlich zuckte im Traume.

2.

Wie rollt in den Gassen das Marktgebraus!

Welch ein Getümmel, Geblitze!

Hanswurst schaut über die Bude hinaus,

Und winkt mit der klingelnden Mütze;

Karossen rasseln, der Trinker jucht,

Und Mädchen schrein im Gedränge,

Drehorgeln pfeifen, der Kärrner flucht,

O Babels würdige Klänge!

Da tritt ein Weib aus der Ladentür,

Eine schlichte Frau von den Flühen,

Die stieß an den klingelnden Harlekin schier,

Und hat nicht gelacht noch geschrien.

Ihr mattes Auge sucht auf dem Grund,

Als habe sie etwas verloren,

Und hinter ihr trabt ein zottiger Hund,

Verdutzt, mit hängenden Ohren.

»Zurück, Verwegne! siehst du denn nicht

Den Wagen, die schnaubenden Braunen?«

Schon dampfen die Nüstern ihr am Gesicht,

Da fährt sie zurück mit Staunen,

Und ist noch über die Rinne grad’

Mit raschem Sprunge gewichen,

Als an die Schürze das klirrende Rad

In wirbelndem Schwunge gestrichen.

Noch ein Moment, – sie taumelt, erbleicht,

Und dann ein plötzlich Erglühen,

O schau, wie durch das Gewühl sie keucht,

Mit Armen und Händen und Knieen!

Sie rudert, sie windet sich, – Stoß auf Stoß,

Scheltworte und Flüche wie Schloßen –

Das Fürtuch reißt, dann flattert es los,

Und ist in die Rinne geflossen.

Nun steht sie vor einem stattlichen Haus,

Ohne Schuh, besudelt mit Kote;

Dort hält die Karosse, dort schnauben aus

Die Braunen und rauchen wie Schlote.

Der Schlag ist offen, und eben sieht

Sie im Portale verschwinden

Eines Kleides Falte, die purpurn glüht,

Und den Schleier, segelnd in Winden.

»Ach« flüstert Gertrude, »was hab’ ich gemacht,

Ich bin wohl verrückt geworden!

Kein Trost bei Tag, keine Ruh bei Nacht,

Das kann die Sinne schon morden.«

Da poltert es schreiend die Stiegen hinab,

Ein Fußtritt aus dem Portale,

Und wimmernd rollt von der Rampe herab

Ihr Hund, der zottige, fahle.

»Ja« seufzt Gertrude, »nun ist es klar,

Ich bin eine Irre leider!«

Erglühend streicht sie zurück ihr Haar,

Und ordnet die staubigen Kleider.

»Wie sah ich so deutlich ihr liebes Gesicht,

So deutlich am Schlage doch ragen!

Allein in Ewigkeit hätte sie nicht

Den armen Fidel geschlagen.«

3.

Zehn Jahre! – und mancher der keck umher

Die funkelnden Blicke geschossen,

Der schlägt sie heute zu Boden schwer,

Und mancher hat sie geschlossen.

Am Hafendamme geht eine Frau,

– Mich dünkt, wir müssen sie kennen,

Ihr Haar einst schwarz, nun schillerndes Grau,

Und hohl die Wangen ihr brennen.

Im Topfe trägt sie den Honigwab,

Zergehend in Juliushitze;

Die Trägerin trocknet den Schweiß sich ab,

Und ruft dem hinkenden Spitze.

Der sie bestellte, den Schiffspatron,

Sieht über die Planke sie kommen;

Wird er ihr kümmern den kargen Lohn?

Gertrude denkt es beklommen.

Doch nein, – wo sich die Matrosen geschart,

Zum Strande sieht sie ihn schreiten,

Er schüttelt das Haupt, er streicht den Bart,

Und scheint auf die Welle zu deuten.

Und schau den Spitz! er schnuppert am Grund –

»Was suchst du denn in den Gleisen?

Fidel, Fidel!« fort strauchelt der Hund,

Und heulet wie Wölfe im Eisen.

Barmherziger Himmel! ihr wird so bang,

Sie watet im brennenden Sande,

Und wieder erhebt sich so hohl und lang

Des Hundes Geheul vom Strande.

O Gott, eine triefende Leich’ im Kies,

Eine Leich’ mit dem Auge des Stieres!

Und drüber kreucht das zottige Vlies

Des lahmen wimmernden Tieres.

Gertrude steht, sie starret herab,

Mit Blicken irrer und irrer,

Dann beugt sie über die Leiche hinab,

Mit Lächeln wirrer und wirrer,

Sie wiegt das Haupt bald so bald so,

Sie flüstert mit zuckendem Munde,

Und eh die zweite Minute entfloh,

Da liegt sie kniend am Grunde.

Sie faßt der Toten geschwollene Hand,

Ihr Haar voll Muscheln und Tange,

Sie faßt ihr triefend zerlumptes Gewand,

Und säubert von Kiese die Wange;

Dann sachte schiebt sie das Tuch zurück,

Recht wo die Schultern sich runden,

So stier und bohrend verweilt ihr Blick,

Als habe sie etwas gefunden.

Nun zuckt sie auf, erhebt sich jach,

Und stößt ein wimmernd Gestöhne,

Grad eben als der Matrose sprach:

»Das ist die blonde Helene!

Noch jüngst juchheite sie dort vorbei

Mit trunknen Soldaten am Strande.«

Da tat Gertrud einen hohlen Schrei,

Und sank zusammen im Sande.

4.

Jüngst stand ich unter den Föhren am See,

Meinen Büchsenspanner zur Seite.

Vom Hange schmälte das brünstige Reh,

Und strich durch des Aufschlags Breite;

Ich hörte es knistern so nah und klar,

Grad wo die Lichtung verdämmert,

Daß mich gestöret der Holzwurm gar,

Der unterm Fuße mir hämmert.

Dann sprang es ab, es mochte die Luft

Ihm unsre Witterung tragen;

»Herr«, sprach der Bursche: »links über die Kluft!

Wir müssen zur Linken uns schlagen!

Hier naht kein Wild, wo sie eingescharrt

Die tolle Gertrud vom Gestade,

Ich höre genau wie der Holzwurm pocht

In ihrer zerfallenden Lade.«

Zur Seite sprang ich, eisig durchgraut,

Mir war als hab’ ich gesündigt,

Indes der Bursch mit flüsterndem Laut

Die schaurige Märe verkündigt:

Wie jene gesucht, bei Tag und Nacht,

Nach dem fremden ertrunkenen Weibe,

Das ihr der tückische See gebracht,

Verloren an Seele und Leibe.

Ob ihres Blutes? man wußte es nicht!

Kein Fragen löste das Schweigen.

Doch schlief die Welle, dann sah ihr Gesicht

Man über den Spiegel sich beugen,

Und zeigte er ihr das eigene Bild,

Dann flüsterte sie beklommen:

»Wie alt sie sieht, wie irre und wild,

Und wie entsetzlich verkommen!«

Doch wenn der Sturm die Woge gerührt,

Dann war sie vom Bösen geschlagen,

Was sie für bedenkliche Reden geführt,

Das möge er lieber nicht sagen.

So war sie gerannt vor Jahresfrist,

– Man sah’s vom lavierenden Schiffe –

Zur Brandung, wo sie am hohlsten ist,

Und kopfüber gefahren vom Riffe.

Drum scharrte man sie ins Dickicht dort,

Wie eine verlorene Seele.

Ich schwieg, und sandte den Burschen fort,

Brach mir vom Grab eine Schmele:

»Du armes gehetztes Wild der Pein,

Wie mögen die Menschen dich richten!«

– Sacht pochte der Käfer im morschen Schrein,

Der Mond stand über den Fichten. –

Meister Gerhard von Köln

Ein Notturno

Wenn in den linden Vollmondnächten

Die Nebel lagern überm Rhein,

Und graue Silberfäden flechten

Ein Florgewand dem Heil’genschrein:

Es träumt die Waldung, duftumsäumt,

Es träumt die dunkle Flutenschlange,

Wie eine Robbe liegt am Hange

Der Schürg’ und träumt.

Tief zieht die Nacht den feuchten Odem,

Des Walles Gräser zucken matt,

Und ein zerhauchter Grabesbrodem

Liegt über der entschlafnen Stadt:

Sie hört das Schlummerlied der Welln,

Das leise murmelnde Geschäume,

Und tiefer, tiefer sinkt in Träume

Das alte Köln.

Dort wo die graue Kathedrale,

Ein riesenhafter Zeitentraum,

Entsteigt dem düstern Trümmermale

Der Macht, die auch zerrann wie Schaum –

Dort, in der Scheibe Purpurrund

Hat taumelnd sich der Strahl gegossen

Und sinkt, und sinkt, in Traum zerflossen,

Bis auf den Grund.

Wie ist es schauerlich im weiten

Versteinten öden Palmenwald,

Wo die Gedanken niedergleiten

Wie Anakonden schwer und kalt;

Und blutig sich der Schatten hebt

Am blut’gen Märtyrer der Scheibe,

Wie neben dem gebannten Leibe

Die Seele schwebt.1

Der Ampel Schein verlosch, im Schiffe

Schläft halbgeschlossen Blum’ und Kraut;

Wie nackt gespülte Uferriffe

Die Streben lehnen, tief ergraut;

Anschwellend zum Altare dort,

Dann aufwärts dehnend, lang gezogen,

Schlingen die Häupter sie zu Bogen,

Und schlummern fort.

Und immer schwerer will es rinnen

Von Quader, Säulenknauf und Schaft,

Und in dem Strahle will’s gewinnen

Ein dunstig Leben, geisterhaft:

Da horch! es dröhnt im Turme – ha!

Die Glocke summt – da leise säuselt

Der Dunst, er zucket, wimmelt, kräuselt, –

Nun steht es da! –

Ein Nebelmäntlein umgeschlagen,

Ein graues Käppchen, grau Gewand,

Am grauen Halse grauer Kragen,

Das Richtmaß in der Aschenhand.

Durch seine Glieder zitternd geht

Der Strahl wie in verhaltner Trauer,

Doch an dem Estrich, an der Mauer

Kein Schatten steht.

Es wiegt das Haupt nach allen Seiten,

Unhörbar schwebt es durch den Raum,

Nun sieh es um die Säulen gleiten,

Nun fährt es an der Orgel Saum;

Und allerorten legt es an

Sein Richtmaß, webert auf und nieder,

Und leise zuckt das Spiel der Glieder,

Wie Rauch im Tann. –

War das der Nacht gewalt’ger Odem? –

Ein weit zerfloßner Seufzerhall,

Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem

Durchquillt die öden Räume all:

Und an der Pforte, himmelan

Das Männlein ringt die Hand, die fahle,

Dann gleitet’s aufwärts am Portale –

Es steht am Kran.

Und über die entschlafnen Wellen

Die Hand es mit dem Richtmaß streckt;

Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen,

Sie brodeln auf, wie halb geweckt;

Als drüber nun die Stimme dröhnt,

Ein dumpf, verhallend, fern Getose,

Wie träumend sich im Wolkenschoße

Der Donner dehnt.

»Ich habe diesen Bau gestellt,

Ich bin der Geist vergangner Jahre!

Weh! dieses dumpfe Schlummerfeld

Ist schlimmer viel als Totenbahre!

O wann, wann steigt die Stunde auf,

Wo ich soll lang Begrabnes schauen?

Mein starker Strom, ihr meine Gauen

Wann wacht ihr auf? –

Ich bin der Wächter an dem Turm,

Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen,

Mein Hornesstoß der Zeitensturm,

Allein sie schliefen, schliefen, schliefen!

Und schlafen fort, ich höre nicht

Den Meißel klingen am Gesteine,

Wo tausend Hände sind wie eine,

Ich hör’ es nicht! –

Und kann nicht ruhn, ich sehe dann

Zuvor den alten Kran sich regen,

Daß ich mein treues Richtmaß kann

In eine treue Rechte legen!

Wenn durch das Land ein Handschlag schallt,

Wie einer alle Pulse klopfen,

Ein Strom die Millionen Tropfen –«

Da silbern wallt

Im Osten auf des Morgens Fahne,

Und, ein zerfloßner Nebelstreif,

Der Meister fährt empor am Krane. –

Mit Räderknarren und Gepfeif,

Ein rauchend Ungeheuer, schäumt

Das Dampfboot durch den Rhein, den blauen –

O deutsche Männer! deutsche Frauen!

Hab’ ich geträumt? –

Fußnoten

1 Nach der Zaubersage.

Die Vergeltung

1.

Der Kapitän steht an der Spiere,

Das Fernrohr in gebräunter Hand,

Dem schwarzgelockten Passagiere

Hat er den Rücken zugewandt.

Nach einem Wolkenstreif in Sinnen

Die beiden wie zwei Pfeiler sehn,

Der Fremde spricht: »Was braut da drinnen?«

»Der Teufel«, brummt der Kapitän.

Da hebt von morschen Balkens Trümmer

Ein Kranker seine feuchte Stirn,

Des Äthers Blau, der See Geflimmer,

Ach, alles quält sein fiebernd Hirn!

Er läßt die Blicke, schwer und düster,

Entlängs dem harten Pfühle gehn,

Die eingegrabnen Worte liest er:

»Batavia. Fünfhundert Zehn.«

Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde

Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn,

Gezisch, Geheul aus wüstem Grunde,

Die Bohlen weichen mit Gestöhn.

»Jesus, Marie! wir sind verloren!«

Vom Mast geschleudert der Matros’,

Ein dumpfer Krach in aller Ohren,

Und langsam löst der Bau sich los.

Noch liegt der Kranke am Verdecke,

Um seinen Balken fest geklemmt,

Da kömmt die Flut, und eine Strecke

Wird er ins wüste Meer geschwemmt.

Was nicht geläng’ der Kräfte Sporne,

Das leistet ihm der starre Krampf,

Und wie ein Narwall mit dem Horne

Schießt fort er durch der Wellen Dampf.

Wie lange so? er weiß es nimmer,

Dann trifft ein Strahl des Auges Ball,

Und langsam schwimmt er mit der Trümmer

Auf ödem glitzerndem Kristall.

Das Schiff! – die Mannschaft! – sie versanken.

Doch nein, dort auf der Wasserbahn,

Dort sieht den Passagier er schwanken

In einer Kiste morschem Kahn.

Armsel’ge Lade! sie wird sinken,

Er strengt die heisre Stimme an:

»Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!«

Und immer näher schwankt’s heran,

Und immer näher treibt die Trümmer,

Wie ein verwehtes Möwennest;

»Courage!« ruft der kranke Schwimmer,

»Mich dünkt ich sehe Land im West!«

Nun rühren sich der Fähren Ende,

Er sieht des fremden Auges Blitz,

Da plötzlich fühlt er starke Hände,

Fühlt wütend sich gezerrt vom Sitz.

»Barmherzigkeit! ich kann nicht kämpfen.«

Er klammert dort, er klemmt sich hier;

Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen,

Am Balken schwimmt der Passagier.

Dann hat er kräftig sich geschwungen,

Und schaukelt durch das öde Blau,

Er sieht das Land wie Dämmerungen

Enttauchen und zergehn in Grau.

Noch lange ist er so geschwommen,

Umflattert von der Möwe Schrei,

Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen,

Viktoria! nun ist er frei!

2.

Drei kurze Monde sind verronnen,

Und die Fregatte liegt am Strand,

Wo mittags sich die Robben sonnen,

Und Bursche klettern übern Rand,

Den Mädchen ist’s ein Abenteuer

Es zu erschaun vom fernen Riff,

Denn noch zerstört ist nicht geheuer

Das greuliche Korsarenschiff.

Und vor der Stadt da ist ein Waten,

Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill,

Da die verrufenen Piraten

Ein jeder sterben sehen will.

Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert,

Hat man den Galgen, dicht am Meer,

In wüster Eile aufgezimmert.

Dort dräut er von der Düne her!

Welch ein Getümmel an den Schranken! –

»Da kömmt der Frei – der Hessel jetzt –

Da bringen sie den schwarzen Franken,

Der hat geleugnet bis zuletzt.«

»Schiffbrüchig sei er hergeschwommen«,

Höhnt eine Alte: »Ei, wie kühn!

Doch keiner sprach zu seinem Frommen,

Die ganze Bande gegen ihn.«

Der Passagier, am Galgen stehend,

Hohläugig, mit zerbrochnem Mut,

Zu jedem Räuber flüstert flehend:

»Was tat dir mein unschuldig Blut!

Barmherzigkeit! – so muß ich sterben

Durch des Gesindels Lügenwort,

O mög’ die Seele euch verderben!«

Da zieht ihn schon der Scherge fort.

Er sieht die Menge wogend spalten –

Er hört das Summen im Gewühl –

Nun weiß er, daß des Himmels Walten

Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel!

Und als er in des Hohnes Stolze

Will starren nach den Ätherhöhn,

Da liest er an des Galgens Holze:

»Batavia. Fünfhundert Zehn.«

Der Mutter Wiederkehr

Du frägst mich immer von neuem, Marie,

Warum ich mein Heimatland

Die alten lieben Gebilde flieh

Dem Herzen doch eingebrannt?

Nichts soll das Weib dem Manne verhehlen,

Und nichts dem treuen Weibe der Mann,

Drum setz dich her, ich will erzählen,

Doch abwärts sitze – schau mich nicht an.

Bei meinen Eltern ich war, – ein Kind,

Ein Kind und dessen nicht froh,

Im Hause wehte ein drückender Wind,

Der ehliche Friede floh,

Nicht Zank noch Scheltwort durfte ich hören,

Doch wie ein Fels auf allen es lag,

Sahn wir von Reisen den Vater kehren,

Das war uns Kindern ein trauriger Tag.

Ein Kaufmann, ernst, sein strenges Gemüt

Verbittert durch manchen Verlust,

Und meine Mutter die war so müd,

So keuchend ging ihre Brust!

Noch seh ich wie sie, die Augen gerötet,

Ein Bild der still verhärmten Geduld,

An unserm Bettchen gekniet und gebetet.

Gewiß, meine Mutter war frei von Schuld!

Doch trieb der Vater sich um – vielleicht

In London oder in Wien –

Dann lebten wir auf und atmeten leicht,

Und schossen wie Kressen so grün.

Durch lustige Schwänke machte uns lachen

Der gute Mesner, dürr und ergraut,

Der dann uns alle sollte bewachen,

Denn meiner Mutter ward nichts vertraut.

Da schickte der Himmel ein schweres Leid,

Sie schlich so lange umher,

Und härmte sich sachte ins Sterbekleid,

Wir machten das Scheiden ihr schwer!

Wir waren wie irre Vögel im Haine,

Zu früh entflattert dem treuen Nest,

Bald tobten wir toll über Blöcke und Steine,

Und duckten bald, in den Winkel gepreßt.

Dem alten Manne ward kalt und heiß,

Dem würdigen Sakristan,

Sah er besudelt mit Staub und Schweiß

Und glühend wie Öfen uns nahn;

Doch traten wir in die verödete Kammer,

Und sahn das Schemelchen am Klavier,

Dann strömte der unbändige Jammer,

Und nach der Mutter wimmerten wir.

Am sechsten Abend nachdem sie fort

– Wir kauerten am Kamin,

Der Alte lehnte am Simse dort

Und sah die Kohlen verglühn,

Wir sprachen nicht, uns war beklommen –

Da leis im Vorsaal dröhnte die Tür,

Und schlürfende Schritte hörten wir kommen.

Mein Brüderchen rief: »Die Mutter ist hier!«

Still, stille nur! – wir horchten all,

Zusammengedrängt und bang,

Wir hörten deutlich der Tritte Hall

Die knarrende Diel’ entlang,

Genau wir hörten rücken die Stühle,

Am Schranke klirren den Schlüsselbund,

Und dann das schwere Krachen der Diele,

Als es vom Stuhle trat an den Grund.

Mein junges Blut in den Adern stand,

Ich sah den Alten wie Stein

Sich klammern an des Gesimses Rand,

Da langsam trat es herein.

O Gott, ich sah meine Mutter, Mariee!

Marie, ich sah meine Mutter gehn,

Im schlichten Kleide, wie morgens frühe

Sie kam nach ihren zwei Knaben zu sehn!

Fest war ihr Blick zum Grunde gewandt,

So schwankte sie durch den Saal,

Den Schlüsselbund in der bleichen Hand,

Die Augen trüb wie Opal;

Sie hob den Arm, wir hörten’s pfeifen,

Ganz wie ein Schlüssel im Schlosse sich dreht,

Und ins Klosett dann sahn wir sie streifen,

Drin unser Geld und Silbergerät.

Du denkst wohl, daß keines Odems Hauch

Die schaurige Öde brach,

Und still war’s in dem Klosette auch,

Noch lange lauschten wir nach.

Da sah ich zusammen den Alten fallen,

Und seine Schläfe schlug an den Stein,

Da ließen wir unser Geschrei erschallen,

Da stürzten unsere Diener herein.

Du sagst mir nichts, doch zweifl’ ich nicht,

Du schüttelst dein Haupt, Marie,

Ein Greis – zwei Kinder – im Dämmerlicht –

Da waltet die Phantasie!

Was wollte ich nicht um dein Lächeln geben,

Um deine Zweifel, du gute Frau,

Doch wieder sag’ ich’s: bei meinem Leben!

Marie, wir sahen und hörten genau!

Am Morgen kehrte der Vater heim,

Verstimmt und müde gehetzt,

Und war er nimmer ein Honigseim,

So war er ein Wermut jetzt.

Auch waren es wohl bedenkliche Worte,

Die er gesprochen zum alten Mann,

Denn laut sie haderten an der Pforte,

Und schieden in tiefer Empörung dann.

Nun ward durchstöbert das ganze Haus,

Ein jeder gefragt, gequält,

Die Beutel gewogen, geschüttet aus,

Die Silberbestecke gezählt,

Ob alles richtig, versperrt die Zimmer,

Nichts konnte dem Manne genügen doch;

Bis abends zählte und wog er immer,

Und meinte, der Schade finde sich noch.

Als nun die Dämmerung brach herein,

Ohne Mutter und Sakristan,

Wir kauerten auf dem staubigen Stein,

Und gähnten die Flamme an.

Verstimmt der Vater, am langen Tische,

Wühlt’ in Papieren, schob und rückt’,

Wir duckten an unserm Kamin, wie Fische,

Wenn drauf das Auge des Reihers drückt.

Da horch! – die Türe dröhnte am Gang,

Ein schlürfender Schritt darauf

Sich schleppte die knarrende Diel’ entlang.

Der Vater horchte – stand auf –

Und wieder hörten wir rücken die Stühle,

Am Schranke klirren den Schlüsselbund.

Und wieder das schwere Krachen der Diele,

Als es vom Stuhle trat an den Grund.

Er stand, den Leib vornüber gebeugt,

Wie Jäger auf Wildes Spur,

Nicht Furcht noch Rührung sein Auge zeigt’,

Man sah, er lauerte nur.

Und wieder sah ich die mich geboren,

Verbannt, verstoßen vom heiligen Grund,

O, nimmer hab’ ich das Bild verloren,

Es folgt mir noch in der Todesstund’!

Und er? – hat keine Wimper geregt,

Und keine Muskel gezuckt,

Der Stuhl, auf den seine Hand gelegt,

Nur einmal leise geruckt.

Ihr folgend mit den stechenden Blicken

Wandt’ er sich langsam wie sie schritt,

Doch als er sie ans Klosett sah drücken,

Da zuckte er auf, als wolle er mit.

Und »Arnold!« rief’s aus dem Geldverlies,

– Er beugte vornüber, weit –

Und wieder »Arnold!« so klagend süß,

– Er legte die Feder beiseit’ –

Zum dritten Mal, wie die blutige Trauer,

»Arnold!« – den Meerschaumkopf im Nu

Erfaßt’ er, schleudert’ ihn gegen die Mauer,

Schritt ins Klosett und riegelte zu.

Wir aber stürzten in wilder Hast

Hinaus an das Abendrot,

Wir hatten uns bei den Händen gefaßt,

Und weinten uns schier zu Tod.

Die ganze Nacht hat die Lampe geglommen,

Geknattert im Saal des Kamines Rost,

Und als der dritte Abend gekommen,

Da setzte der Vater sich auf die Post.

Ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt,

Und nicht seine Hand geküßt,

Doch heißt es, daß er in dieser Nacht

Am Bettchen gestanden ist.

Und bei des nächsten Morgens Erglühen,

Das erste was meine Augen sahn,

Das war an unserem Lager knieen

Den tief erschütterten Sakristan.

Dem ward in der Früh’ ein Brief gebracht,

Und dann ein Schlüsselchen noch;

»Ich will nicht lesen«, hat er gedacht

Und zögerte, las dann doch

Den Brief, in letzter Stunde geschrieben

Von meines unglücklichen Vaters Hand,

Der fest im Herzen mir ist geblieben,

Obwohl mein Bruder ihn einst verbrannt.

»Was mich betroffen, das sag’ ich nicht,

Eh dorre die Zunge aus!

Doch ist es ein bitter, ein schwer Gericht,

Und treibt mich von Hof und Haus.

In dem Klosette da sind gelegen

Papiere, Wechsel, Briefe dabei.

Dir will ich auf deine Seele legen

Meine zwei Buben, denn du bist treu.

Sorg nicht um mich, was ich bedarf

Des hab’ ich genügend noch,

Und forsch auch nimmer, – ich warne scharf –

Nach mir, es tröge dich doch.

Sei ruhig, Mann, ich will nicht töten,

Den Leib, der vieles noch muß bestehn,

Doch laß meine armen Kinderchen beten,

Denn sehr bedarf ich der Unschuld Flehn.«

Und im Klosette gefunden ward

Ein richtiges Testament,

Und alle Papiere nach Kaufmannsart

Geordnet und wohl benennt.

Und wir? – in der Fremde ließ man uns pflegen,

Da waren wir eben wie Buben sind,

Doch mit den Jahren da muß sich’s regen,

Bin ich doch jetzt sein einziges Kind!

Du weißt es, wie ich auch noch so früh,

So hart den Bruder verlor,

Und hätte ich dich nicht, meine Marie,

Dann wär ich ein armer Tor! –

Ach Gott, was hab’ ich nicht all geschrieben,

Aufrufe, Briefe, in meiner Not!

Umsonst doch alles, umsonst geblieben.

Ob er mag leben? – vermutlich tot!

–––––

Nie brachte wieder auf sein Geschick

Die gute Marie den Mann,

Der seines Lebens einziges Glück

In ihrer Liebe gewann.

So mild und schonend bot sie die Hände,

Bracht’ ihm so manches blühende Kind,

Daß von der ehrlichen Stirn am Ende

Die düstern Falten gewichen sind.

Wohl führt’ nach Jahren einmal sein Weg

Ihn dicht zur Heimat hinan,

Da ließ er halten am Mühlensteg,

Und schaute die Türme sich an.

Die Händ’ gefaltet, schien er zu beten,

Ein Wink – die Kutsche rasselte fort;

Doch nimmer hat er den Ort betreten,

Und keinen Trunk Wasser nahm er dort.

Der Barmekiden Untergang1

»Reiche mir die Blutorange

Mit dem süßen Zauberdufte,

Sie die von den schönsten Lippen

Ihre Nahrung hat geraubt.

Sagt’ ich es nicht, o Maimuna,

Flehend, händeringend, knieend,

Sagt’ ich es zu sieben Malen,

Nicht zu tausend Malen dir?

›Laß, o Fürstin, diese Liebe!

Laß von dieser dunklen Liebe,

Dir die ganze Brust versengend,

Unheil bringend und Gefahr!

Daß nicht merk’ es der Kalife,

Er, der zornbereite Bruder,

Nicht den Dschafer dir verderbe,

Deinen hohen Barmekiden,

Nicht den Dschafer dir verderbe

Und dich selber, Fürstin, auch!‹«

Doch was ist die weise Rede

In dem liebentglühten Herzen?

Wie das Winseln eines Kindleins

In der wutentbrannten Schlacht,

Wie ein linder Nebeltropfen

In dem flammenden Gebäude,

Wie ein Licht, vom Borde taumelnd

In den dunkeln Ozean!

In der Tänzerin Gewande

Schmiegen sich der Fürstin Glieder,

Um die Schultern Seide flattert,

In dem Arm die Zither liegt.

O, wie windet sie die Arme

Hoch das Tamburin erschwingend,

O, wie wogen ihre Schritte,

Ihre reizerblühten Glieder,

Daß der Barmekide glühend

Seine dunklen Augen birgt!

Sieben Jahre sind verschwunden,

Sieben wonnevolle Jahre,

Zu den sieben drei und fünfe,

Und in den Gebirgen irrend

Zieht der Barmekiden Schar.

Mütter auf den Dromedaren,

Blind geweint die schönen Augen,

In den Armen Kindlein wimmernd

In die lagerlose Nacht.

Über Bagdads Tor ein Geier,

Kreisend über Dschafers Schädel,

Rauscht hinan und rauscht vorüber,

Hat zur Nahrung nichts gefunden

Als in seiner Augen Höhlen

Nur zwei kleine Spinnlein noch.

Fußnoten

1 Das Geschlecht der Barmekiden gehörte, zur Zeit des Kalifats, zu den edelsten, mächtigsten und zahlreichsten. Zuletzt war »Dschafer der Barmekide« Großwesir des Kalifen Harun-al-Reschid, und sein Liebling. – Die Schwester des Kalifen, Maimuna, faßte eine glühende Leidenschaft für den schönen und edlen Mann, und da sie sich ihm auf keine andre Weise zu nähern wußte, betrat sie seinen Palast in den Kleidern einer Tänzerin – Die Folge dieser Zusammenkunft war ein Verhältnis, das, eine Reihe von Jahren verborgen geblieben, doch endlich zur Kenntnis des Kalifen gelangte, und den Untergang des ganzen Geschlechts nach sich zog. – Dschafer ward hingerichtet, sein Kopf über eins der Stadttore Bagdads aufgesteckt, und sämtliche Barmekiden, in die Wüste getrieben, unterlagen dort dem Hunger und Elende – Siehe »Rosenöl«.

Bajazet

Der Löwe und der Leopard

Die singen Wettgesänge,

Glutsäulen heben Wettlauf an,

Und der Samum ihr Herold.

O Sonne, birg die Strahlen!

Was schleicht dort durch den gelben Sand,

Ist es ein wunder Schakal?

Ist es ein großer Vogel wohl,

Ein schwergetroffner Ibis?

O Sonne, birg die Strahlen!

Ein wunder Schakal ist es nicht,

Kein schwergetroffner Vogel,

Es ist der mächt’ge Bajazet,

Der Reichste in Kaïro.

Er, der die dreizehn Segel hat,

Die reichbeladnen Schiffe,

Auf seiner Achsel liegt der Schlauch,

Der Stab in seiner Rechten.

O Sonne, birg die Strahlen!

»Weh dir, du unglücksel’ges Gold,

Verräterisches Silber!

Und weh dir, Hassan, falscher Freund,

Du ungetreuer Diener!

Nahmst in der Nacht die Zelte mir

Und nahmst mir die Kamele.«

O Sonne, birg die Strahlen!

»Wie einen Leichnam ließest mich,

Wie Mumien, verdorrte,

Wie ein verschmachtetes Kamel,

Wie ein Getier der Wüste!

Und gab dir doch das reiche Gut,

Die zwanzigtausend Kori.«

O Sonne, birg die Strahlen!

»So fluch’ ich denn zu sieben Mal,

Und tausendmal verfluch’ ich:

Daß dich verschlingen mag das Meer,

Dein brennend Haus dich töten!

Daß breche dein Gebein der Leu,

Dein Blut der Tiger lecke!

Der Beduine plündre dich,

Preisgebe dich der Wüste,

Daß in dem Sande du versiechst,

Verschmachtend – hülflos – irrend!«

O Sonne, birg die Strahlen!

Der Schloßelf

In monderhellten Weihers Glanz

Liegt brütend wie ein Wasserdrach’

Das Schloß mit seinem Zackenkranz,

Mit Zinnenmoos und Schuppendach.

Die alten Eichen stehn von fern,

Respektvoll flüsternd mit den Wellen,

Wie eine graue Garde gern

Sich mag um graue Herrscher stellen.

Am Tore schwenkt, ein Steinkoloß,

Der Pannerherr die Kreuzesfahn’,

Und kurbettierend schnaubt sein Roß

Jahrhunderte schon himmelan;

Und neben ihm, ein Tantalus,

Lechzt seit Jahrhunderten sein Docke

Gesenkten Halses nach dem Fluß,

Im dürren Schlunde Mooses Flocke.

Ob längst die Mitternacht verklang,

Im Schlosse bleibt es immer wach;

Streiflichter gleiten rasch entlang

Den Korridor und das Gemach,

Zuweilen durch des Hofes Raum

Ein hüpfendes Laternchen ziehet;

Dann horcht der Wandrer, der am Saum

Des Weihers in den Binsen knieet.

»Ave Maria! stärke sie!

Und hilf ihr über diese Nacht!«

Ein frommer Bauer ist’s, der früh

Sich auf die Wallfahrt hat gemacht.

Wohl weiß er, was der Lichterglanz

Mag seiner gnäd’gen Frau bedeuten;

Und eifrig läßt den Rosenkranz

Er durch die schwiel’gen Finger gleiten.

Doch durch sein christliches Gebet

Manch Heidennebel schwankt und raucht;

Ob wirklich, wie die Sage geht,

Der Elf sich in den Weiher taucht,

Sooft dem gräflichen Geschlecht

Der erste Sprosse wird geboren?

Der Bauer glaubt es nimmer recht,

Noch minder hätt’ er es verschworen.

Scheu blickt er auf – die Nacht ist klar,

Und gänzlich nicht gespensterhaft,

Gleich drüben an dem Pappelpaar

Zählt man die Zweige längs dem Schaft;

Doch stille! In dem Eichenrund –

Sind das nicht Tritte? – Kindestritte?

Er hört wie an dem harten Grund

Sich wiegen, kurz und stramm, die Schritte.

Still! still! es raschelt übern Rain,

Wie eine Hinde, die im Tau,

Beherzt gemacht vom Mondenschein,

Vorsichtig äßet längs der Au.

Der Bauer stutzt – die Nacht ist licht,

Die Blätter glänzen an dem Hagen,

Und dennoch – dennoch sieht er nicht,

Wen auf ihn zu die Schritte tragen.

Da, langsam knarrend, tut sich auf

Das schwere Heck zur rechten Hand,

Und, wieder langsam knarrend, drauf

Versinkt es in die grüne Wand.

Der Bauer ist ein frommer Christ;

Er schlägt behend des Kreuzes Zeichen;

»Und wenn du auch der Teufel bist,

Du mußt mir auf der Wallfahrt weichen!«

Da hui! streift’s ihn, federweich,

Da hui! raschelt’s in dem Grün,

Da hui! zischt es in den Teich,

Daß bläulich Schilf und Binsen glühn,

Und wie ein knisterndes Geschoß

Fährt an den Grund ein bläulich Feuer;

Im Augenblicke wo vom Schloß

Ein Schrei verzittert überm Weiher.

Der Alte hat sich vorgebeugt,

Ihm ist als schimmre, wie durch Glas,

Ein Kindesleib, phosphorisch, feucht,

Und dämmernd wie verlöschend Gas;

Ein Arm zerrinnt, ein Aug’ verglimmt –

Lag denn ein Glühwurm in den Binsen?

Ein langes Fadenhaar verschwimmt,

– Am Ende scheinen’s Wasserlinsen!

Der Bauer starrt, hinab, hinauf,

Bald in den Teich, bald in die Nacht;

Da klirrt ein Fenster drüben auf,

Und eine Stimme ruft mit Macht:

»Nur schnell gesattelt! schnell zur Stadt!

Gebt dem Polacken Gert’ und Sporen!

Viktoria! soeben hat

Die Gräfin einen Sohn geboren!«

Kurt von Spiegel

O frommer Prälat, was ließest so hoch

Des Marschalks frevlen Mut du steigen!

War’s seine Gestalt deren Adel dich trog,

Sein flatternder Witz unter Bechern und Reigen?

O frommer Bischof, wie war dir zu Mut,

Als rauchend am Anger unschuldiges Blut

Verklagte, verklagte dein zögerndes Schweigen!

Am Wewelsberge schallt Wald-Hurra,

Des Rosses Flanke schäumt über den Bügel,

Es keucht der Hirsch, und dem Edelwild nah,

Ein flüchtiger Dogge, keucht Kurt von Spiegel;

Von Turmes Fahne begierig horcht

Der arme Tüncher, und unbesorgt

Hält in der Hand er den bröckelnden Ziegel.

Da horch! Halali! das Treiben ist aus,

Des Hirsches einzige Träne vergossen,

Ein Hörnerstoß durch das waldige Haus

Vereint zum Geweide die zott’gen Genossen,

Und bald aus der nickenden Zweige Geleit

Die Treiber so stumm, die Ritter so breit,

Ziehn langsam daher mit den stöhnenden Rossen.

Der Spiegel spornt sein rauchendes Tier,

»Verfluchte Kanaille, du hast mich bestohlen!«

Da sieht er, hoch an des Turmes Zimier,

Den armen Tüncher auf schwankenden Bohlen.

»Ha«, murrt er, »heute nicht Beute noch Schuß,

Nie kam ich noch wieder mit solchem Verdruß,

Ich möchte mir drüben den Spatzen wohl holen!«

Der Tüncher sieht wie er blinzelt empor,

Und will nach dem ärmlichen Hütlein greifen,

Da sieht er drunten visieren das Rohr,

Da hört er den Knall, und die Kugel noch pfeifen;

Getroffen, getroffen! – er schaukelt, er dreht,

Mit Ziegel und Bohle und Handwerksgerät

Kollert er nieder zum rasigen Streifen.

Als träf’ ihn selber das Todesgeschoß

So zuckt der Prälat, seine Augen blitzen,

»Marschalk!« stöhnt er, die Stirne wird naß,

Am schwellenden Halse zittern die Spitzen,

Dann fährt auf die Wange ein glühendes Rot,

Und »Marschalk!« ruft er, »das bringt dir den Tod!

Greift ihn, greift ihn, meine Treiber und Schützen!«

Doch lächelnd der Spiegel vom Hengste schaut,

Er lächelt umher auf die bleichen Vasallen:

»Mein gnädigster Herr, nicht zu laut, nicht zu laut,

Eur Dräuen möchte im Winde verhallen!«

Dann wendet er rasch, im sausenden Lauf

Durchs Tor und die donnernde Brücke hinauf. –

Zu spät, zu spät sind die Gitter gefallen!

Im Dome zu Paderborn ist verhallt

Das Sterbegeläute des alten Prälaten,

Und wieder im Dom hat Kapitels Gewalt

Den neuen Beherrscher gewählt und beraten.

Stumm fährt das Gebirg’ und die Felder hinein

Der neue Bischof zur Wewelsburg ein,

Geleitet von summenden Volkskomitaten.

Und als nun über die Brücke er rollt,

Und sieht die massigen Türme sich strecken,

Wie ihm im Busen es zittert und grollt!

An seiner Inful – o brandiger Flecken!

Des Spiegels Blut in dem Ahnenbaum hell!

Leis seufzet er auf, dann murmelt er schnell:

»Herr Truchseß, laßt unsre Tafel nun decken.«

Es kreisen die Becher beim Böllergeknall,

Die stattlichen Ritter, die artigen Damen,

Sich schleudernd des Witzes anmutigen Ball,

Fast von der Stirne die Falten ihm nahmen;

Da horch! im Flure ein Schreiten in Eil;

Es knarren die Türen, es steht eine Säul’,

Der Spiegel, der blutige Marschalk, im Rahmen!

Der Bischof schaut wie ein Laken so bleich,-

Im weiten Saal keines Odems Verhallen –

Ans Auge schlägt er die Rechte sogleich,

Und langsam läßt er zur Seite sie fallen.

Dann seufzt er hohl und düster und schwer:

»Kurt! – Kurt von Spiegel, wie kömmst du daher!

Greift ihn, ergreift ihn, ihr meine Vasallen!«

Kein Sünderglöckchen geläutet ward,

Kein Schandgerüst sah man zimmern und tragen,

Doch sieben Schüsse die knatterten hart,

Und eine Messe hörte man sagen.

Der Bischof schaut’ auf den blutigen Stein,

Dann murmelt’ er sacht ins Breve hinein:

»Es ist doch schwer eine Inful zu tragen!«