Im Kui Erant Yuaw

Im Kui-erant-yuaw

Wir waren durch den gestrigen Ritt von dem Camp nach dem Spring weit von unserer Richtung abgekommen und mußten, um diesen Umweg möglichst gut zu machen, jetzt dahin reiten, wohin wir sonst nicht gekommen wären und wohin wir die nur in unserer Phantasie existierende Bonanza verlegt hatten, nämlich nach dem Squirrel-Creek. Als Dick Hammerdull das hörte, zog er erst ein ernsthaftes Gedicht, lachte aber und sagte:

„Hoffentlich werden sie nicht so albern sein!“

„Wer?“ fragte Treskow, der neben ihm ritt.

„Die Tramps.“

„Wieso albern?“

„Daß sie uns nach diesem Creek nachkommen!“

„Da verdienten sie noch mehr Prügel, als sie schon bekommen haben! Sie müssen doch einsehen, daß es diese Bonanza gar nicht giebt.“

„Einsehen? Ich sage Euch, Mr. Treskow, wer solche Pudel schießt, wie die geschossen haben, bei dem kann von Einsicht keine Rede sein. Ich wette, daß sie dieses unser falsches Geld noch jetzt für echte Münze nehmen!“

„Wenn Ihr da recht habt, werden sie uns freilich nachkommen, und da können wir uns nur in acht nehmen, daß sie uns nicht ausfindig machen.“

„Bin ganz und genau derselben Ansicht. Ihr jedenfalls auch, Mr. Shatterhand?“

„Nein,“ anwortete ich.

„Ihr denkt, sie kommen nicht hinter uns her?“

„Oh doch! Sie haben zwei Gründe, uns zu folgen.“

„Zwei? Ich weiß nur einen, nämlich die Bonanza. Ihr nehmt wohl auch an, daß sie noch heut an die Existenz dieses Placer glauben?“

„Ja. Diese Menschen halten sich trotz aller ihrer Dummheit für sehr klug, und da wir sie nicht extra darüber ausgelacht haben, daß sie dieser Täuschung Glauben schenkten, sind sie noch vollständig überzeugt, daß die Bonanza wirklich existiert.“

„Aus diesem Grunde werden sie uns also folgen. Und der zweite Grund?“

„Die Rache natürlich.“

„Ja, richtig. Es wird in ihnen wie in Siedetöpfen kochen; daran hatte ich nicht gedacht. Sie werden sich darum mit aller Macht auf unsere Fährte legen und sich alle Mühe geben, uns einzuholen.“

„Was ihnen aber nicht gelingen wird!“

„Nicht? Wohl weil wir bessere Pferde haben als sie?“

„Erstens das. Und zweitens wird eine geraume Zeit vergehen, ehe sie vom Spring aufbrechen können. Das ist ja selbstverständlich.“

„Ja, es wird lange dauern, ehe es einem von ihnen gelingt, sich von den Riemen zu befreien und auch die andern loszumachen.“

„Auf die Squaw, welche allerdings nicht gefesselt ist, können sie sich da nicht verlassen. Wenn sie die auffordern, sie loszubinden, schüttelt sie den Kopf und geht weiter. Und dann, wenn sie frei sind und sich auf die Pferde setzen! Hm!“

Hammerdull verstand dieses Hm! Er ergänzte mich in ausführlicherer Weise:

„Dann geht es auch nicht so schnell, wie sie es wohl wünschen werden. Sie werden grad da, wo der Reiter es am wenigsten sein darf, durch die Prügel höchst empfindlich geworden sein. Wenigstens wünsche ich von Herzen, daß es so ist. Du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

Der Gefragte antwortete:

„Wenn du denkst, lieber Dick, daß sie in der betreffenden Gegend gemütvoller geworden seien, so habe ich nichts dagegen. Ich denke, daß es dir auch nicht viel anders ergehen würde.“

„Pfui! Ich würde mich niemals prügeln lassen!“

„Wenn sie dich erwischten, so bin ich Überzeugt, daß sie dich ebenso durchhauen würden, wie sie von dir geprügelt worden sind.“

„Ob ich durchgehauen würde oder nicht, das bleibt sich gleich; das ist sogar ganz und gar egal, denn es versteht sich doch von selbst, daß sie es im Leben nicht fertig bringen, mich zu erwischen.“

Pshaw! Sie hatten dich doch schon!“

„Halte den Schnabel, und ärgere mich nicht so unnötigerweise! Du weißt, daß ich in dieser Beziehung sehr schwache Nerven habe!“

„Ja; so dick wie Kabeltaue!“

„Haben sie etwa mich allein erwischt? Doch uns alle! Mußt du da mir die Vorwürfe machen, alter Griesgram, du? Das sollte ihnen noch einmal gelingen! Die reine, blaue Unmöglichkeit!“

„Nimm dich in acht! Der Frosch, der am lautesten quakt, wird zu allererst vom Storch gefressen. Das ist eine alte, wahre Geschichte.“

„Frosch! Ich etwa?“

„Ja!“

„Ich, ein Frosch! Hat es schon einmal so eine Majestätsbeleidigung gegeben?! Dick Hammerdull, der Inbegriff alles Erhabenen, alles Schönen und Schlanken, werde mit einem Frosch verglichen! Was giebt es nur gleich für ein Amphibium oder Insekt, mit dem du zu vergleichen bist, altes Heupferd? ja, Heupferd; das ist das Richtige! Bist du nun zufrieden, lieber Pitt?“

Yes! Ein Heupferd ist, gegen den Frosch gehalten, ein sehr edles Tier!“

„Möchte wissen, wo da der Adel stecken soll! Übrigens ist weder von Fröschen noch von Heupferden, sondern von den Tramps die Rede gewesen, die auf der zoologischen Leiter allerdings auch keine höhere Sprosse inne haben. Sie werden, wie wir alle denken, hinter uns her nach dem Squirrel-Creek reiten wollen; aber ob sie ihn finden werden, Mr. Shatterhand?“

„Sicher.“

„Sie wissen aber doch nicht, wo er liegt!“

„Sie haben unsere Fährte.“

„Ich traue ihnen nicht zu, gute Fährtenleser zu sein.“

„Ich auch nicht; aber wir kommen heut den ganzen Tag nur über Prairieland und werden eine Fährte machen, welche man noch morgen deutlich sehen kann. Außerdem vermute ich, daß einer bei ihnen ist, welcher den Weg nach dem Squirrel-Creek kennt.“

„Wer ist das?“

„Der weiße Medizinmann.“

„Tibo taka? Woher sollte dieser imitierte Komantsche ihn kennen?“

„Er ist früher, ehe er zu den Komantschen kam, hier in dieser Gegend gewesen. Ob er sich speziell auf diesen Creek besinnen wird, das kann ich natürlich nicht wissen, aber es ist doch anzunehmen, daß er wenigstens die ungefähre Lage desselben kennt.“

Well! Aber ob er sich den Tramps anschließen wird?“

„Gewiß!“

„Er hat sich doch mit Old Wabble entzweit, gestern auf der Prairie!“

„Aber heut wieder mit ihm vereinigt! Und wenn dies nicht so wäre, so betrachtet er uns genau ebenso als seine Feinde, wie die Tramps uns als die ihrigen ansehen; es liegt also nichts näher, als daß er sich mit ihnen vereinigt, uns zu folgen.“

„Aber ob sie ihn mitnehmen werden?“

„Ohne Zweifel! Übrigens macht er keinen Umweg, wenn er mit ihnen reitet, weil er auch nach dem Park von San Louis will.“

„So bekommen wir ihn wohl da oben zu sehen?“

„Mehr, als ihm lieb sein wird!“

Well, so bin ich befriedigt! Der Kerl hat ein solches Ohrfeigengesicht, daß ich mich auf dieses Wiedersehen herzlich freue. Ich werde ihm mit den Fäusten so in diesem Gesichte herumlaufen, daß meine Fährte noch jahrelang zu lesen sein wird!“

Unser Weg führte, wie schon gesagt, fortgesetzt über ein langsam aber stetig ansteigendes Savannenland. Während wir am Vormittage das Gebirge wie eine ununterbrochene, verschleierte Mauer in der Ferne liegen sahen, rückten wir demselben während unsers schnellen Rittes immer näher; die Schleier fielen, und am Nachmittage waren uns die den eigentlichen Rocky-Mountains vorgeschobenen Sandriesen so nahe gerückt, daß wir die zwischen den sie bedeckenden Wäldern lachsgelb hervorschimmernden nackten Felsenmassen klar und deutlich erkennen konnten.

Es dunkelte bereits, als wir den Squirrel-Creek erreichten, und zwar an einer Stelle, welche uns von früher her bekannt war, so daß wir nicht lange nach einer als Lagerplatz passenden Stelle zu suchen brauchten.

Ich hatte mit Winnetou schon zweimal je eine Nacht hier zugebracht, die Umgebung des Ortes war uns also wohlbekannt. Wir hätten sie zu unserer Sicherheit auch heut gern abgesucht, doch war es schon zu dunkel dazu. Wir ergaben uns dem Zwange zu dieser Unterlassungssünde ohne großes Widerstreben, denn wir hatten schon damals kein Zeichen davon entdeckt, daß jemals ein menschlicher Fuß hierhergekommen sei, und auch jetzt war der Lauf des Squirrel-Creek im allgemeinen noch so unbekannt, daß es keinen Grund gab, anzunehmen, daß sich grad heut und grad hier eine grad uns feindliche Person aufhalten könne.

Der Creek machte einen kurzen engen Bogen und schloß eine rings von Felsen umgebene Lichtung ein, auf welcher wir ein nach Indianerart mehr glimmendes als loderndes Feuer anzündeten. Das gegenüberliegende Ufer war mit dichtem Gebüsch bedeckt, welches sich jenseits wieder in eine Prairie verlor. Zu essen hatten wir genug, weil wir nicht nur unsern Proviant, sondern auch denjenigen der Tramps mitgenommen und ihnen gar nichts davon gelassen hatten. Sie sollten durch die Jagd aufgehalten werden.

Während des Essens lachte Hammerdull einmal laut auf und sagte dann: „Mesch’schurs, soeben kommt mir ein außerordentlich guter Gedanke!“

„Dir?“ fragte Holbers. „Welche Seltenheit!“

„Hast du nicht gleich wieder deine Hand im Reispudding?! Wenn die guten Gedanken bei mir so selten wären, wie du glauben machen willst, würdest du doch selbst der Blamierte sein!“

„Wieso?“

„Wäre es etwa keine Blamage, daß du, der Ausbund aller Klugheit und Pfiffigkeit, mit einem so dummen Menschen reitest?“

„Ich thue das nur aus Mitleid; da blamiere ich mich nicht.“

„Höre, das Mitleid ist ganz nur auf meiner Seite! Wenn du das nicht anerkennst, so lasse ich dich einfach sitzen!“

„Ja; du lässest mich sitzen und setzest dich mit her zu mir! Aber sag, alter Dick, welchen Gedanken hast du denn gemeint?“

„Ich will die Tramps ärgern.“

„Das ist unnötig. Die ärgern sich schon jetzt mehr als genug.“

„Noch lange nicht genug! Meint Ihr nicht, Mesch’schurs, daß sie annehmen werden, wir seien gleich nach der Bonanza geritten?“

„Das ist möglich,“ antwortete Treskow.

„Nicht nur möglich, sondern ganz sicher ist’s! Sie werden denken, wir suchen die Stelle sofort auf, um den Fundort so zu verstecken und unkenntlich zu machen, daß er nicht zu entdecken ist. Da müssen wir uns einen großen Spaß mit ihnen machen.“

„Welchen?“

„Wir scharren hier irgend eine Stelle auf und decken sie dann in der Weise wieder zu, daß sie leicht zu erkennen ist und jedermann gleich sehen muß, daß wir hier gegraben haben. Sie werden die Stelle natürlich für die Bonanza halten und sich mit größtem Eifer daran machen, nachzuwühlen.“

Well! Dann finden sie nichts!“ nickte Treskow.

„So meine ich es nicht.“

„Wie denn?“

„Wenn sie bloß nichts finden, so ist auch das nichts anderes, als wenn sie sonst irgendwo am Creek vergeblich suchen. Sie würden nur enttäuscht sein; ich will sie aber ärgern, tüchtig ärgern.“

„So sagt, auf welche Weise!“

„Sie sollen etwas finden.“

„Etwa Gold?“

Pshaw! Und wenn ich im Golde bis über die Ohren steckte, diese Kerls ließe ich kein Körnchen finden, selbst zum Spaße nicht. Sie sollen etwas anderes finden, nämlich einen Zettel, einen schönen Zettel.“

„Einen beschriebenen?“

„Natürlich! Eben das, was darauf steht, soll sie riesig ärgern.“

„Dieser Gedanke ist freilich gar nicht übel!“

„Ob er übel ist oder nicht, das bleibt sich ganz gleich, wenn es ihnen nur übel dabei wird. Was meinst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm, ich meine, daß die Sache ein ganz guter Spaß ist, den wir uns wohl machen können.“

„Nicht wahr, alter, lieber Freund!“ sagte der Dicke in seinem süßesten Tone, weil diese Zustimmung ihn erfreute. „Du bist wirklich zuweilen nicht ganz und gar so dumm, wie du aussiehst!“

„Ja, das ist eben der große Unterschied zwischen mir und dir.“

„Unterschied? Wieso?“

„Ich bin nicht so dumm, wie ich aussehe, und du siehst gescheiter aus, als du bist.“

„Alle Wetter! Bring mich nicht schon wieder in Rage! Du bist nicht nur dümmer, als du aussiehst, sondern du bist sogar noch viel dümmer, als du bist! So, das ist die richtige Meinung, die ich von dir habe!“

Well! Über die Dummheit streiten sich selbst die Götter mit Dick Hammerdull vergebens; das ist eine alte, überall bekannte Sache. Was aber den Zettel betrifft, den die Tramps finden sollen, wo willst du ihn hernehmen? In der Prairie wächst kein Papier.“

„Ich weiß, daß Mr. Shatterhand eine Brieftasche hat.“

„Die willst du wohl haben?“

„Oh, nur ein Blatt!“

„Er wird sich hüten!“

„Nein; er wird mir eins geben!“

„Wenn du das denkst, so weißt du nicht, was ein unbeschriebenes Blatt Papier hier im wilden Westen für einen Wert besitzt!“

„Das weiß ich wohl; aber mein Gedanke ist so köstlich, daß man gar wohl so ein Opfer bringen kann, um ihn auszuführen. Nicht wahr, Mr. Shatterhand?“

„Es fragt sich, ob ich diesen Gedanken auch für köstlich halte,“ antwortete ich.

„Ist er es etwa nicht?“

„Nein.“

„Sprecht Ihr im Ernst?“

„Ja. Er ist weder köstlich noch auch nur drollig, höchstens kindlich.“

„Kindlich! Also ist Dick Hammerdull ein kindlicher Kerl?“

„Zuweilen, ja.“

„Oder meint Ihr etwa gar kindisch?!“

„Hm! Wollen nicht Worte klauben! Erstens ist es noch gar nicht so zweifellos sicher, daß die Tramps grad hierher kommen. Sie können durch irgend einen unvorhergesehenen Umstand abgelenkt werden.“

„Und zweitens?“

„Zweitens wären sie geradezu überdumm, wenn sie annähmen, daß wir direkt nach der Bonanza geritten seien. Wenn es hier wirklich eine gäbe, müßten wir sie eher meiden als aufsuchen.“

„Oh, sich das zu denken, dazu sind diese Kerls nicht klug genug.“

„Und wenn es so ist und so wird, wie Ihr denkt, was haben wir davon? Wir sind doch nicht dabei, wenn sie den Zettel finden.“

„Das ist auch nicht nötig. Ich male mir in Gedanken ihre Gesichter so aus, daß ich sie genau so sehe, als ob ich dabei wäre.“

„Was soll dann auf dem Zettel stehen?“

„Das beraten wir. Es muß so sein, daß sie vor Ärger platzen!“

Er war für seine allerdings kindische Idee ganz Feuer und Flamme und bat mich so lange, bis ich ein Blatt aus meinem Notizbuche riß und es ihm mit dem Bleistifte gab. Nun sollte vor allen Dingen beraten werden, was darauf zu schreiben sei. Ich wurde um die Autorschaft angegangen, gab mich aber weder zu ihr noch zur Mitarbeiterschaft her; Treskow und die drei Häuptlinge folgten meinem Beispiele, und so blieben für die große litterarische Arbeit nur Hammerdull und Holbers übrig. Der letztere meinte:

„Du, schreiben kann ich nicht gut; das mußt du machen.“

„Hm!“ brummte der Dicke. „Ich habe es gelernt, aber es hat einen großen Haken.“

„Welchen denn?“

„Ich kann nicht lesen, was ich geschrieben habe.“

„Aber andere können es?“

„Andere erst recht nicht!“

„Da sitzen wir freilich im Pfeffer! Na, wenn die Gentlemen hier die Schrift nicht mit aussinnen wollten, so wird wohl einer von ihnen wenigstens so gut sein, sie auf das Papier zu bringen?“

Nach einigen Fragen und Bitten gab sich Treskow dazu her.

Well; so kann es losgehen!“ sagte Hammerdull. „Fang an, Pitt!“

„Ja,“ antwortete dieser; „die leichten Sachen übernimmst du stets; aber wenn es einmal etwas recht Schwieriges giebt, da bin allemal ich es, der anfangen soll! Fang lieber selber an!“

„Du wirst doch dichten können!“

„Na, was das betrifft, das kann ich schon! Du aber auch?“

„Mit Vergnügen! Im Dichten bin ich ein ausgezeichneter Kerl.“

Unter „dichten“ verstanden sie nach Art vieler Analphabeten nur die Anfertigung eines Schreibens überhaupt. Treskow, der das wohl wußte und sich einen Spaß machen wollte, bemerkte:

„Dichten? Wißt ihr denn auch, daß sich die Zeilen da reimen müssen?“

„Reimen?“ fragte Hammerdull, indem er vor Erstaunen den Mund weit öffnete. „Tausend Donner! Daran habe ich ja gar nicht gedacht. Also reimen, reimen muß sich die Geschichte?“

„Natürlich!“

„Wie denn zum Beispiel?“

„Schmerz und Herz, Meer und leer, Geld und Welt, so ungefähr.“

Es wurde englisch gesprochen; also entnahm er seine Reime nicht der deutschen, sondern der englischen Sprache. Ich muß, da ich deutsch schreibe, andere Worte angeben, bringe aber solche, welche ganz desselben Kalibers sind, wie diejenigen, welche Hammerdull nun wählte. Er nickte nämlich sehr eifrig mit dem Kopfe und sagte:

„Wenn es weiter nichts ist! Das kann ich auch! Da will ich zum Beispiel sagen: Hund und Schund, Klapps und Schnapps, Speck und Dreck, Pantoffel und Kartoffel. Das geht doch ganz famos! Wie steht es denn da mit dir, lieber Pitt? Kannst du das auch?“

„Warum nicht? So ein Kerl, wie ich bin!“ antwortete der Lange.

„So sag auch mal was!“

„Sofort! Also, jetzt geht es los: Brei und Ei, Rumpf und Strumpf, Syrup und – – und – – Syrup und – – – und – – -und – –“

„Du, zum Syrup scheint es nichts zu geben; ich finde auch nichts. Sag da lieber etwas anderes!“

„Schön! Also: Paul und Maul, Knabe und Schwabe, Tinte und Flinte, Gustel und Pustel, Kuh und du – –“

Da fiel der Dicke rasch ein:

„Hör auf; hör auf! Wenn du mich mit einer Kuh zusammendichtest, was soll da für ein Reim daraus werden! Aber ich höre schon, daß es gehen wird. Fangen wir also gleich miteinander an!“

„Gleich miteinander? Nein! Wer sich den Gedanken mit dem Zettel ausgesonnen hat, der muß anfangen, und das bist doch du!“

Well! Da mag es losgehen!“

Er rückte höchst unternehmend hin und her und bemühte sich, seinem Gesichte einen möglichst geistreichen Ausdruck zu geben, erreichte aber gerade das Gegenteil davon. Die Arbeit begann, und was für eine!

Ich habe Holzhacker, Eisengießer, Lastträger, Schiffsfeuerleute, Kesselschmiede und dergleichen im Schweiße ihres Angesichtes arbeiten sehen; aber ihre Anstrengung war das reine Kinderspiel gegen das Aufgebot aller Geisteskräfte, unter welchem Hammerdull und Holbers sich würgten, einige sich reimende Zeilen zusammenzusetzen. Wir sahen und hörten still, aber innerlich lachend, zu. Treskow warf zuweilen einen hilfreichen Brocken in die sprachliche, dicke Suppe, und so kamen nach Verlauf von vielleicht einer Stunde unter Husten, Räuspern, großem Schweiß und Angstgestöhne sechs Zeilen zusammen, welche er auf das Blatt schrieb. Sie wörtlich wiederzugeben, ist rein unmöglich; ich will ihnen hier in deutscher Sprache eine möglichst lesbare Gewandung verleihen:

„Wie sind die Kerle doch so dumm!
Vergebens wühlen sie herum
Und können weder vorn noch hinten
Die goldene Bonanza finden,
Die wir uns doch nur ausgedacht,
Worüber alle Welt jetzt lacht!“
Dick Hammerdull. Pitt Holbers.

Also auch mit der Unterschrift der beiden Angst- und Qualpoeten mußte Treskow das Meisterwerk versehen, und dann machten sie sich an das Aufwühlen des Bodens, welches ihnen, obgleich derselbe sehr steinigt war, viel leichter als das „Dichten“ wurde. Sie arbeiteten wohl zwei Stunden lang, bis sie meinten, daß das so entstandene Loch für ihre Zwecke tief genug sei. Das Schreiben wurde hineingelegt, nachdem es so umwickelt worden war, daß es die Feuchtigkeit der Erde nicht anzog, und dann füllten sie die Grube wieder zu. Sie stampften dabei die Steine und die Erde mit den Füßen so fest wie möglich, damit die Tramps sich sehr anzustrengen hätten, und dachten nicht daran, daß ihre eigene Anstrengung noch viel größer sei als die, welche sie diesen Leuten bereiteten.

Daß dieses Graben, Treten, Werfen und Stampfen nicht ohne Geräusch abging, läßt sich denken. Wäre die Gegend, in welcher wir uns befanden, nicht eine so abgelegene und überaus selten besuchte gewesen, so hätten wir den kindischen Scherz gar nicht geduldet. Die Genugthuung, welche Hammerdull schon im voraus empfand, sollte ihm gegönnt werden; aber es gab einen, der sie bezahlen mußte, und dieser eine war, leider nicht zu meinem Vergnügen, ich!

Das Loch war gefüllt; wir saßen rund um das Feuer und unterhielten uns nach alter Gewohnheit nur in halblautem Tone miteinander. Da sah ich, daß Winnetou seine Silberbüchse beim Schloß ergriff und langsam und möglichst unauffällig an sich zog. Zugleich zog er den rechten Fuß an, so daß sich das Knie hob. Es war kein Zweifel, er wollte schießen, und zwar galt es einen Knieschuß, den schwersten, den es giebt; ich habe ihn schon oft beschrieben. Sein Gesicht war nach dem Wasser gerichtet. Er mußte jenseits desselben einen Menschen im Gebüsch entdeckt haben, den er mit seiner Kugel treffen wollte.

Der Knieschuß wird nur in ganz bestimmten Fällen angewendet. Man entdeckt einen Feind, von welchem man aus einem Verstecke heraus beobachtet wird; man muß, um sich selbst zu retten, ihn töten. Nimmt man das Gewehr hoch, um zu zielen, so sieht er das, ist gewarnt und verschwindet. Um dies zu vermeiden, wird der Knieschuß gewählt, so genannt, weil dabei das Knie den Zielpunkt angiebt. Man zieht nämlich den Unterschenkel so weit an sich, bis der Oberschenkel genau so liegt, daß seine Verlängerungslinie über das Knie hinaus die Stelle berühren würde, welche man treffen will. Dann greift man zum Gewehre, was nicht auffallen kann, weil jeder gute und erfahrene Westmann es stets neben sich liegen hat. Jeden Anschein vermeidend, als ob man schießen wolle, spannt man mit dem rechten Daumen den Hahn, legt den Zeigefinger an den Drücker und hebt, natürlich immer nur mit der einen, rechten Hand, den Lauf empor und legt ihn fest an den Oberschenkel, genau in die beschriebene Richtungslinie. Der Lauscher darf, obgleich die Mündung nun auf ihn gerichtet ist, auch jetzt noch nicht ahnen, daß man auf ihn schießen will; er muß durch Finten getäuscht werden: Man senkt die Augenlider, so daß er nicht merkt, wohin man sieht; das Zielen ist dabei freilich schwer, weil es nicht mit offenem Blicke, sondern durch die Wimperhaare hindurch geschieht, und weil man das andere Auge nicht schließen darf, um keinen Verdacht zu erwecken; man gestikuliert mit dem rechten Arme; man dreht den Kopf hin und her; man unterhält sich lebhaft mit den Kameraden; kurz, man thut alles, um bei dem Lauscher die Erkenntnis zu vermeiden, daß man ihn entdeckt habe und auf ihn schießen wolle. Hat nun der Lauf die richtige Lage, so drückt man los. Das ist der Knieschuß! Er wird die Kameraden auf alle Fälle erschrecken, weil man ihnen nicht hat sagen dürfen, was man vorhat; sie würden durch ihr Verhalten, ihre Gesichter, ihre Blicke, durch das plötzlich eintretende Schweigen den Feind mißtrauisch machen und ihm verraten, daß er gesehen worden ist. Es ist, wie gesagt, der schwerste Schuß, den es giebt. Wenn tausend Meisterschützen sich im Knieschusse üben, so kann es vorkommen, daß nicht ein einziger von ihnen es soweit bringt, daß er, besonders des Abends, seines Zieles sicher ist. Man muß jahrelang unausgesetzt üben, und doch thut es diese Übung, diese Ausdauer nicht allein, man muß auch dazu geboren sein. Ich habe den Knieschuß von Winnetou gelernt und außer uns beiden kaum zwei oder drei gekannt, denen von ihm eine gute Censur gegeben wurde. Auch sie schossen zuweilen fehl; er aber, der unübertreffliche Meister in allen Waffen des wilden Westens, hat niemals, selbst in der stockdunkelsten Nacht, einen Fehlknieschuß gethan. Ich habe überhaupt, nicht ein einziges Mal erlebt, daß eine seiner Kugeln am Ziele vorübergegangen ist.

Ich halte noch heut meine Waffen hoch. Mein Henrystutzen und mein Bärentöter sind noch jetzt meine wertvollsten Besitztümer. Kostbarer aber noch als sie ist mir Winnetous Silberbüchse, die ich schon, als er noch lebte, stets mit einer gewissen heiligen Scheu betrachtet oder in die Hand genommen habe. Als er erschossen worden war, haben wir ihn hoch zu Roß und mit allen seinen Waffen, also auch mit ihr begraben. Einige Jahre später kam ich mit meinen damaligen Gefährten bei der Verfolgung eines Truppes Ogellallah-Indianer grad dazu, daß die Sioux sein Grab öffneten und berauben wollten. Wir vertrieben sie nach hartem Kampfe. Sie hatten es auf die Silberbüchse abgesehen. Ich konnte natürlich nicht als Hüter seines Grabes stets im Thale des Metsurflusses bleiben, und da zu erwarten war, daß sich die Entweihung des Grabes wiederholen werde, nahm ich die Silberbüchse heraus und sorgte dafür, daß dies überall bekannt wurde. Die Sioux erfuhren, daß die Büchse nicht mehr zu haben sei, und ließen infolgedessen das Grab nun unversehrt. Jetzt hängt dieses herrliche Gewehr neben meinem Schreibtische, und während ich jetzt von ihm erzähle, habe ich es vor meinen Augen und gedenke in tiefer Wehmut dessen, den es nicht ein einziges Mal im Stich gelassen hat und der mein bester, vielleicht mein einziger Freund gewesen ist, das Wort Freund in seiner wahren, edelsten und höchsten Bedeutung genommen!

Ich habe dieser Bemerkung hier mitten in meiner Erzählung eine Stelle gegeben, um einen scheinbaren Widerspruch schon jetzt aufzulösen. Meine Leser wissen, daß Winnetou mit der Silberbüchse begraben wurde; jetzt kaufen sie sich Bilder von mir, unter denen es welche mit der Bezeichnung „Old Shatterhand“ mit „Winnetous Silberbüchse“ giebt; oder die wißbegierigen Besucher, welche fast täglich mit oft wunderbarer Harmlosigkeit von „Villa Shatterhand“ und meiner kostbaren Zeit Besitz ergreifen, sehen dieses Gewehr zwischen Sam Hawkens‘ alter „Gun“ und meinem Bärentöter hängen; da giebt es der brieflichen und mündlichen Fragen kein Ende. Man will nicht warten, bis ich in einem spätern Bande erzähle, wie die begrabene Silberbüchse wieder auferstanden ist, und so habe ich denn jetzt den schriftstellerischen Fehler begangen, eine hochgespannte Handlung durch eine nicht hineingehörige Auskunft zu unterbrechen. –

Also Winnetous Gesicht war nach dem Wasser gerichtet und der Lauf des Gewehres nach dem Gebüsche jenseits desselben. Dort steckte jemand, der die Kugel bekommen sollte. Ich legte mich sofort lang, griff nach dem Stutzen und hob mein rechtes Knie auch in die Höhe. Sofort mit Hammerdull ein Gespräch anknüpfend und mich stellend, als ob meine Aufmerksamkeit nur auf diesen gerichtet sei, senkte ich die Augenlider halb und richtete den Blick durch die Wimpern hinüber nach dem Gesträuch. Eben als ich dies that, kam unter einem Alderbusche ein Gewehrlauf zum Vorscheine, der auf mich gerichtet war, und ehe ich die kurze Zeit fand, den Stutzen nach diesem Punkte zu richten, krachte der Schuß, in demselben Augenblicke aber auch Winnetous Silberbüchse. Drüben erscholl ein Schrei; Winnetou hatte getroffen, und ich bekam einen Schlag, der mir das Bein streckte, auf oder an den Oberschenkel.

Die ganz ahnungslos gewesenen Kameraden sprangen auf, ich schnellte auch empor und stieß, während sie eine Menge Fragen hervorhasteten, mit den Füßen das brennende Holz auseinander, so daß das Feuer verlöschte. Das that ich, damit wir für weitere Schüsse keine Ziele böten. Kaum war es dunkel, so sagte der Apatsche:

„Meine Brüder mögen ganz ruhig sein und warten!“

Einen Augenblick später gab es drüben im Gebüsch einen prasselnden Krach, welchem sofort die tiefste Stille folgte. Der Creek war hier an dieser Stelle gewiß zwölf Fuß breit, trotzdem war Winnetou mit einem seiner unvergleichlichen Sätze hinüber- und mitten ins Gesträuch hineingesprungen. Wir lauschten.

Es verging eine lange, lange Zeit, wohl eine halbe Stunde. Mein Bein schmerzte mich, und als ich nach der betreffenden Stelle griff, fühlte ich, daß sie stark blutete. Ich war verwundet. Da ertönte von drüben herüber Winnetous laute Stimme:

„Laßt das Feuer wieder brennen!“

Ich schob die noch glimmenden Reste wieder zusammen, brachte sie durch Anblasen zum Brennen und legte Dürrholz zu. Nun sahen wir ihn drüben am Rande des Wassers stehen. Er hatte das eine Ende seines Lasso in der Hand; das andere war an einem neben ihm liegenden Menschenkörper befestigt. Ohne daß er vorher einen Anlauf nehmen konnte, sprang er, den Lasso festhaltend, wieder zu uns herüber und zog dann den bewegungslosen Körper, der dabei natürlich in das Wasser fiel, nach. Ich half ihm dabei. Während dies geschah, erklärte er uns:

„Ich sah da drüben ein Gesicht und schoß darauf; es war noch ein zweiter Mann dort, den ich nicht sah; der hat auch geschossen. Ich sprang hinüber, um zu erfahren, ob noch mehr Menschen da seien. Ich hörte einen fliehen und huschte ihm nach. Jenseits der Büsche waren fünf Reiter, aber sieben Pferde; der Fliehende eilte hin zu ihnen und sagte, daß er Old Shatterhand erschossen habe, daß aber sein Gefährte von Winnetou getötet worden sei. Es waren Bleichgesichter, ohne einen roten Mann dabei, denn derjenige, welcher nun auf das eine ledige Pferd stieg, sprach ein reines Englisch. Sie warteten noch eine Zeitlang, und als der nicht kam, den Winnetou erschossen hat, sagte der Entflohene: Er ist tot, sonst würde er kommen oder um Hilfe rufen. Wir müssen fort, denn man wird nach uns Suchen; aber mein Wunsch ist erfüllt und meine Rache gestillt, denn Old Shatterhand ist tot! Winnetou erschrak über den Tod seines Freundes, kroch zurück, dahin, wohin er gezielt hatte und fand die Leiche des Getroffenen. Er band ihn an den Lasso und gebot, wieder Feuer zu machen. Wie freute er sich, als er sah, daß sein Bruder Shatterhand noch lebt!“

„Wer mögen die Weißen gewesen sein?“ fragte Treskow.

„Die Tramps keinesfalls, denn die können noch nicht hier sein.“

Ich bog mich zu dem Toten nieder. Die unfehlbare Kugel des Apatschen war ihm in die Stirn gegangen. Ich erkannte ihn sofort: es war einer von Toby Spencers Rowdies. Treskow bestätigte dies, nachdem er ihn auch betrachtet hatte; er hatte ihn ja auch bei Mutter Thick in Jefferson-City gesehen. Man hatte jetzt nur auf diese Leiche und auf Winnetou geachtet; jetzt sah dieser dunkelnasse Stellen im Grase, folgte ihnen mit den Augen bis zu mir und rief dann erschrocken aus: „Uff! Mein Bruder ist verwundet, also doch getroffen worden! Das Blut läuft stark. Ist es gefährlich?“

„Ich glaube nicht,“ antwortete ich.

„Ist der Knochen verletzt?“

„Nein, denn ich kann stehen.“

„Aber es ist eine seltsame Wunde. In der Lage, welche mein Bruder hier am Boden hatte, konnte er gar nicht an dieser Stelle getroffen werden!“

„Das habe ich mir auch schon gesagt. Es war ein Fehlschuß. Die Kugel hat hier den Felsen getroffen und ist, von ihm abprallend, mir in den Schenkel gedrungen.“

„Das ist nicht gut. Prallschüsse verursachen Schmerzen. Ich werde sofort nach der Wunde sehen!“

„Lieber jetzt nicht gleich. Wir müssen fort!“

„Wegen der sechs Bleichgesichter da drüben?“

„Ja. Unser Feuer brennt wieder. Wenn sie umkehren, können sie uns mit der größten Bequemlichkeit auslöschen.“

„Sie kommen nicht, denn die Stimme dessen, welcher sprach, klang sehr ängstlich. Die Vorsicht treibt uns dennoch fort, vorher aber muß ich die Wunde untersuchen; sie steht schon lange offen; mein Bruder muß schon sehr viel Blut verloren haben; darum können wir es nicht länger hinausschieben, ihn zu verbinden.“

„So mag Hammerdull recht viel Holz in das Feuer werfen, daß es eine hell hinüberleuchtende Flamme giebt, und die andern mögen mit schußfertigen Gewehren das Ufer drüben bewachen und sofort schießen, wenn ein Zweig sich regt!“

Diese Untersuchung der Wunde ergab ein günstig-ungünstiges Resultat, günstig, weil das Oberschenkelbein unverletzt war, und ungünstig, weil die Wunde eine Eiterwunde zu werden versprach. Die Kugel war bis auf den Knochen durch die Weichteile gedrungen und wurde von Winnetou mit dem Messer herausgeholt. Sie war einseitig plattgedrückt und hatte mit der dadurch entstandenen Kante, zumal sie matt geworden war, keine glatte Wunde geschlagen, sondern das Fleisch zerfetzt. Das verhieß Wundfieber, heftige Schmerzen und eine langsame Heilung, vielleicht gar mit zurückbleibender Hyperostose. Fatal! Grad jetzt, wo jede Verzögerung unsers Rittes so bedenklich war!

Glücklicherweise führte ich einige reine Tücher in der Satteltasche mit. Indem mir Winnetou den einstweiligen Verband anlegte, sagte er: „Es ist sehr gut, daß mein Bruder gelernt hat, Schmerzen nach der Art der roten Krieger zu ertragen. Wenn wir nicht in kurzer Zeit genug Tschitutlischi finden, wird eine böse Entzündung eintreten; finden wir aber genug davon und vorher auch eine Dentschu-tatah, so hoffe ich, weil du eine so kräftige Natur und sehr gesundes Blut besitzest, daß du diese Verwundung nicht schwer überwinden wirst. Hoffentlich kannst du jetzt reiten?“

„Natürlich! Ich habe keine Lust, den schwachen Patienten zu spielen.“

„So wollen wir unserer Sicherheit wegen diesen Ort verlassen und einen andern suchen. Doch nimm dich in acht, daß keine neue Blutung entsteht!“

Wir verließen die für mich so unangenehm gewordene Stelle und folgten dem Creek fast eine Stunde lang abwärts, wo wir abstiegen und wieder ein Feuer anzündeten. Es wurden einige harzreiche Äste gesammelt, welche als Leuchten beim Pflanzensuchen dienen sollten; die drei Indianerhäuptlinge zündeten sie an und entfernten sich, um für ihren angeschossenen Freund und Bruder Shatterhand botanisieren zu gehen. Dick Hammerdull hatte sich neben mich gesetzt. Er hielt seine alten, guten Augen zärtlich auf mich gerichtet, strich mir plötzlich einmal mit überquellender, besorgter Zärtlichkeit über die Wange und knurrte dabei:

„Verteufelte Erfindung, diese Schießgewehre! Besonders dann, wenn die Kugeln treffen. Habt Ihr große Schmerzen, Mr. Shatterhand?“

„Gar keine jetzt,“ antwortete ich.

„So wollen wir hoffen, daß es bei dieser Handschuhnummer bleibt!“

„Das steht leider nicht zu erwarten. Jede Verletzung will sich ausschmerzen; eher heilt sie nicht.“

„Schmerz! Ein ganz miserables Wort! Und dennoch möchte ich, daß ich den Eurigen auf mich nehmen könnte! Ich bin da wohl nicht der einzige, der so denkt. Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm,“ antwortete der Lange, „ich wollte lieber, ich wäre getroffen worden!“

„So! Warum hast du dich da denn nicht dorthin gesetzt, wohin der Kerl geschossen hat? Hinterher kannst du gut aufopfernd sein!“

„Bin ich allwissend, dicker Grobian?“

„Das nicht; aber wenn ich schon sage, daß lieber ich die Schmerzen haben möchte, brauchst du doch nicht auch welche zu verlangen!“

„Du hast mich doch gefragt! Und ich habe Mr. Shatterhand wenigstens ebenso lieb wie du!“

„Ob ich ihn lieb habe, oder ob du ihn lieb hast, das bleibt sich gleich, das ist ganz und gar egal, wenn wir ihn nur beide lieb haben; verstanden?! Wenn ich den Kerl erwische, der da so unvorsichtig geschossen hat, daß die dumme Kugel zurückfliegen mußte, so mag er seine zwölf Knochen nur zusammennehmen!“

„Zweihundertfünfundvierzig, lieber Dick!“ verbesserte ich ihn.

„Warum so viel?“

„Weil jeder Mensch so viel hat.“

„Desto besser, denn desto länger wird er zu suchen haben, ehe er sie zusammenfindet! Aber zweihundertfünfundvierzig Knochen? Ich habe die meinigen zwar noch nicht gezählt, jedoch daß unter meiner Haut so viele Knochen stecken, das habe ich bisher nicht geahnt!“

„Knochen und Knochen ist ein Unterschied; es sind da auch die kleinen Gehör- und Sesamknöchelchen mitgezählt.“

„Sesamknöchelchen? Sesam? Ich will auf der Stelle gelyncht, geteert und gefedert werden, wenn ich solche Sesambeine schon einmal gesehen habe! Pitt Holbers, du bist doch an Knochen viel stärker und reicher als ich, aber sind dir deine Sesamknöchelchen bekannt?“

Never mind! Glaubst du, ich habe mich schon einmal umgestülpt, wie man einen Handschuh umwendet, um die Sesams zu zählen, die in mir stecken? Daß ich sie habe, ist vollständig genügend; zu sehen und zu zählen brauche ich sie nicht.“

„Aber der Mensch, welcher geschossen hat, soll die seinigen zählen, wenn ich ihn erwische! Möchte wissen, wer er ist!“

„Wahrscheinlich Toby Spencer selbst.“

„Schöner Schütze!“

„Er hat früher jedenfalls besser geschossen, von mir aber bei Mutter Thick eine Revolverkugel in die Hand bekommen und zwar zu meinem Glücke, denn wenn das nicht wäre, lebte ich jetzt nicht mehr; gezielt war’s gut, aber zitterig abgedrückt. Da war doch Winnetous Schuß ein anderer! Ein Knieschuß in die Dunkelheit hinein, und doch grad in die Stirn! Übrigens werden die Tramps morgen große Augen machen, wenn sie den Toten an unserm Lagerplatze finden!“

Well! Sie werden da erst recht denken, daß sich die Bonanza dort befindet, denn sie müssen doch annehmen, daß wir den Mann erschossen haben, weil er das Placer entdeckt hat.“

„Möglich, daß sie das denken! Aber Eure Bonanzageschichte ist schuld, daß ich verwundet worden bin.“

„Ah, wirklich? – Wieso denn?“

„Der Lärm, den Ihr mit Eurem Loche gemacht habt, hat die Leute herbeigezogen; sie haben ihn gehört.“

„Hm! Ich kann nicht widersprechen. Ihr macht mir also Vorwürfe?“

„Nein. Was geschehen ist, ist vorüber; niemand kann es ändern. Doch hört, da kommen die Häuptlinge!“

Ja, sie kamen. Winnetou teilte mir in erfreutem Tone mit:

„Mein Bruder Shatterhand mag froh sein, denn wir haben viel Tschitutlischi und auch mehrere Dentschu-tatah gefunden; er wird also die Verwundung leichter, wenn auch nicht ohne Schmerzen, überstehen.“

Wenn ich auch nicht an ein „leichtes Überstehen“ dachte, so war es mir doch außerordentlich lieb, diese Worte von ihm zu hören. Bei einem Verbande, wie ich ihn jetzt trug, waren die Folgen gar nicht abzusehen. Ich hätte vielleicht auf den Weiterritt verzichten müssen, wenn nicht gar noch Schlimmeres eingetreten wäre. Ich kannte die außerordentliche Heilkraft seiner Wundpflanzen und war nun überzeugt, daß ich die Blessur ohne schweren Nachteil überwinden würde.

Der Verband wurde wieder abgenommen und die Wunde ausgewaschen; dann fertigte Winnetou aus einem weichen Blatte einen passenden Pfropf, den er mit dem beizenden Safte des Dentschu-tatah tränkte. Diese Pflanze gehört wie unser Chelidonium in die Familie der Papaveraceen, unterscheidet sich aber von diesem dadurch, daß sie keinen rotgelben Milch-, sondern einen weißen, dünnflüssigeren Saft hat. Als mir der Pfropfen in die Wunde gedreht wurde, war es, als ob ich ein glühendes Eisen hineinbekäme. ich bin gewohnt, Schmerzen zu verbeißen, mußte mich jetzt aber doch zusammennehmen, um ein unverändertes, ja lächelndes Gesicht zu zeigen. Winnetou sah mich an und sagte, mit dem Kopfe nikkend:

„Ich weiß, daß Old Shatterhand jetzt am Marterpfahle hängt; da er diesen Schmerz mit Lächeln übersteht, würde er auch an einem wirklichen Pfahle lachen. Howgh!“

Die höchst schmerzhafte Prozedur wurde noch zweimal wiederholt, wobei jedesmal die Empfindung weniger peinigend war. Dann träufelte mir der Apatsche den wasserhellen Saft der Tschitutlischi ein, legte das Kraut auf die Wunde und verband sie fest. Dieses Kraut gehört in die Familie der Plantagineen, ist aber keineswegs unser Wegebreit. Ich habe beide Pflanzen, welche wahrhaft Wunder wirken, nicht in Deutschland, auch nicht im Osten der Vereinigten Staaten gefunden. Die Apatschen nennen, außer den zwei schon angeführten Namen, das eine wie das andere Kraut Schis-inteh-tsi, zu deutsch „Indianerpflanze“ und behaupten, daß es ein Geschenk des großen Geistes für seine roten Söhne sei, nur da wachse, wo sie wohnen, sich mit ihnen aus dem Osten nach dem fernen Westen zurückgezogen habe und mit ihnen einst aussterben werde. Selbst Winnetou, der stets so vorurteilslose, behauptete einst in vollstem Ernst zu mir.-

„Wenn der letzte Indianer stirbt, wird auch das letzte Blatt Schis-inteh-tsi verwelken und nie wieder grünen. Es blüht mit der roten Nation in jenem Leben wieder auf!“

Es war doch möglich, daß die sechs Weißen, welche Winnetou gesehen hatte, wieder zurückgekehrt waren und uns beobachtet hatten. Wir trafen die gebotenen Vorsichtsmaßregeln und losten die Wachen aus, wovon indessen ich als Verwundeter entbunden wurde. Ich schlief trotz der Verletzung bis zum frühen Morgen fest, wo ich aber von einem Gefühle des Zerrens und der Trockenheit aufgeweckt wurde. Winnetou lag seinen chirurgischen Pflichten wieder ob, wobei heut nur der zweite Saft in Anwendung kam; dann aßen wir und brachen nachher auf.

Es galt natürlich zunächst, zu erfahren, wer die sechs Weißen gewesen waren. Wir setzten über den Creek und ritten, um mich zu schonen, langsam weiter, während der Apatsche fortgaloppierte, um die gesuchte Fährte zu entdecken. Es dauerte gar nicht lange, bis er kam und uns zu ihr führte. Sie lief in unserer Richtung über die Prairie, was wir uns gleich gedacht hatten. Wir wußten ja, daß Toby Spencer auch hinauf nach dem Park von San Louis wollte. Natürlich folgten wir ihr.

Diese Prairie war nicht groß; es hörten jetzt überhaupt die Ebenen auf, die oft so langweilig sind und doch den erhabenen Eindruck des Oceans machen. Wir kamen, um mich so auszudrücken, an die Vorhöhen der Vorberge und mußten von jetzt an auf einen geradlinigen Ritt verzichten. Gut war es, daß wir die Wege und Pässe, welche wir aufzusuchen hatten, kannten. Zunächst galt es, den alten, sogenannten Kontinentalpfad zu erreichen, einen früher vielbelebten Westmannsweg, welcher in unzähligen Windungen über die Mountains führt, zur jetzigen Zeit aber vergessen worden zu sein scheint.

Da wir den grasigen Boden verlassen hatten, war die Fährte, welcher wir folgten, nicht leicht zu lesen. Oft verschwand sie für längere Zeit ganz; wir trafen aber immer wieder auf sie, ohne uns große Mühe gegeben zu haben sie zu finden, und so nahmen wir an, daß die uns Vorausreitenden auch nach dem Kontinentalpfade wollten.

Erwähnen muß ich, daß ich bei jedem Wasser, an welches wir kamen, abstieg, um meine Wunde zu kühlen, was so, wie ich es machte, freilich nicht viel Zeit in Anspruch nahm. Ich hatte mir nämlich über dem Knie einen Riemen so fest um den hohen Stiefel gebunden, daß das untere Bein luftdicht abgeschlossen war; dann schöpfte ich mir den oberen Teil des Schaftes mit den Händen voll Wasser, und dieses reichte fast stets so weit, bis es wieder frisches gab. Zuweilen stieg ich gar nicht ab und ließ mir von einem der Gefährten „den Stiefel füllen“.

Man glaubt nicht, welchen Eindruck die Rocky-Mountains machen, wenn man so lange Zeit von Tag zu Tag vergeblich nach dem Horizonte der weiten, unendlich scheinenden Ebene gejagt hat. Auf der Savanne flieht er fort und fort ins Weite, in die Endlosigkeit; das Auge bittet förmlich um einen festen Halt, doch ohne ihn zu finden; es ermüdet und blickt doch immer wieder sehnend auf – – vergeblich, vergeblich! Der wie ein Halm im grenzenlosen Grasmeere sich fühlende Mensch wird zum Ahasver, der nach Ruhe schreit und doch keine findet. Da endlich tauchen nach langem Sehnen und Wünschen in der Ferne die grauen Schleier auf, hinter denen das Kanaan des Auges seine Berge gen Himmel streckt. Sie bilden nicht einen Horizont, welcher, unerbittlich zurückweichend, immer treulos flieht; nein, dieser Vorhang ist treu, hält Wort! ja, er scheint nicht nur auf unser Nahen zu warten, sondern uns entgegenzukommen. Und je mehr wir uns ihm nähern, desto mehr gewinnt er an Durchsichtigkeit; oder er hebt sich allmählich höher und höher und läßt uns nach und nach die Herrlichkeiten sehen, viel schöner noch, als er sie uns von weitem schon versprochen hat. Nun gewinnt das Auge Halt und das Leben Farbe und Gestalt. Glich die Savanne einer keinen Anfang und kein Ende bietenden Tafel, auf welcher die große, erhabene Rune „Ich, der Herr, bin das Alpha und das Omega!“ zu lesen war, so steigen jetzt die in Stein erklingenden Hymnen von der Erde auf und jubilieren: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Berge verkündigen seiner Hände Werk; ein Tag sagt es dem andern, und eine Nacht thut es der andern kund!“ Und dieser steinerne Jubel ruft den Widerklang der Seele wach; es falten sich die Hände, und die Lippen öffnen sich zum Gebete: „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Deine Weisheit hat sie geordnet, und die Erde ist voll von deiner Liebe und Güte!“

So, grad so habe ich stets empfunden, wenn ich aus diesen Ebenen nach diesen Bergen kam. Tausende stiegen hinauf, mit tödlichen Waffen in den Händen, um schonungslos die Geschöpfe Gottes niederzumetzeln; Tausende stiegen und steigen noch heut hinauf, vom trügerischen Glanze des Goldes und des Silbers geblendet, um das ihnen von Gott geliehene Leben an den verderblichen Mammon zu wagen; wie viele waren unter ihnen, welche, wenn sie das Bibelwort kannten: „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, auf denen mein Heil und meine Hilfe wohnt,“ dabei an ihr wahres Heil und an den allein rechten Helfer dachten?

Ich ritt auch heut hinter den Gefährten her, um nicht gestört zu sein, und ließ die Farben und Lichter, welche von oben glänzten, mir in die Seele leuchten; denn die Felsenberge sind reicher an Farben und zeigen erhabenere Lichter als jedes andere Gebirge der Erde. Es ist nicht die massigstolze Erhabenheit der Alpen, nicht die epische der Pyrenäen und nicht die unnahbare, niederdrückende des HimaIaja, sondern es ist eine Hoheit, welche zwar mit ernster Würde doch mild lächelnd niederschaut. Wenn die alten Griechen ihren Göttern den Olymp zur Wohnung gaben, so hatte und hat der Indianer weit größere Berechtigung zu dem Glauben, daß auf diesen Bergen sein großer, guter Manitou wohne.

Wir ritten heut noch lange nicht im Gebirge, sondern erst unten, zwischen den weit ausgreifenden Zehen der Bergesfüße dahin, und doch schon welche Herrlichkeit rings um uns her! Bei jeder Wendung ging ein neuer Vorhang auf und bot ein andres, schönes Bild. Es war ein unvergleichliches Wandelpanorama, nur wandelten wir, und Gottes Berge standen. Schon sandte uns der hohe Wald seine Ausläufer grüßend entgegen: „Willkommen! Mein Dom ist ein Tempel, von keines Menschen Hand gemacht!“ Das waren nicht die trüben, trägen Wasser der Savanne, welche uns klar und hell mit fleißigen Sprüngen ereilten und uns mahnend zuplätscherten: „Wie du da oben meine Quelle suchst, so strebe immer nach dem Urgrund aller Dinge!“ Und die Winde, welche uns bei jeder Biegung des Weges entgegenwehten und die Wangen kühlten, sie säuselten uns zu: „Du weißt nicht, von woher wir kommen und wohin wir gehen; uns leitet der Herrscher aller Dinge. So ist auch das Leben des Menschen; du kennst weder seinen Beginn noch seinen Verlauf; der Herr allein weiß es und leitet es!“

Nicht wahr, lieber Leser, ich bin doch ein ganz übermäßig frommer Mensch? So wirst du vielleicht denken; aber du wirst dich da wohl irren. Übermäßig? Nein! Die wahre Frömmigkeit kennt kein Übermaß; sie kann überhaupt gar nicht gemessen werden. Ich bin ein stets gern seelenvergnügter, heiterer Gesell und weiß gar wohl, wem ich diese Heiterkeit verdanke. Du darfst es mir wirklich nicht übelnehmen, daß ich das, was ich drüben im wilden Westen dachte und fühlte, hier in der von der „Civilisation“ gebändigten Heimat niederschreibe. Was ich da drüben gethan und erlebt habe, das waren doch Ergebnisse meiner Gedanken und Gefühle, und wenn ich dir die Folgen erzähle, darf ich doch die Ursachen nicht verschweigen! Überdies hat jeder Leser das Recht, seinem Autor in das Herz zu blikken, und dieser ist verpflichtet, es ihm stets offen zu halten. So gebe ich dir das meine. Ist es dir recht, so soll mich’s freuen; magst du es nicht, so wird es dir dennoch stets geöffnet bleiben. Soll ein Buch seinen Zweck erreichen, so muß es eine Seele haben, nämlich die Seele des Verfassers. Ist es bei zugeknöpftern Rock geschrieben, so mag ich es nicht lesen. –

Es war schon Nachmittag, als wir kurz vor einem Walde den Kontinentalweg erreichten. Wir kannten die sehr charakteristische Stelle, waren sicher, daß wir uns nicht irrten, und lenkten auf ihn ein. Bald befanden wir uns im hohen Walde, herrliche Tannen hüben und drüben, vor und hinter uns. Wir mochten uns wohl eine Viertelstunde in seinem Schatten befunden haben, als uns ein Reiter entgegenkam, ganz in leichtes Leinen gekleidet und mit einem sehr breitrandigen Sombrero auf dem Kopfe. Der Sombrero ist überhaupt in Colorado sehr beliebt.

Der Mann war jung, wohl nicht viel über zwanzig Jahre alt. Als er uns erblickte, hielt er sein Pferd an; sein scharfer Blick schien uns taxieren zu wollen. Bewaffnet war er nur mit einem Messer im Gürtel. Kurz ehe wir ihn erreichten, grüßte er uns:

Good day Gents! Möchte fragen, wohin ihr wollt?“

„Bergauf,“ antwortete ich.

„Wie weit?“

„Wissen es nicht genau. Wohl bis es dunkel wird und wir einen guten Platz zum Lagern finden.“

„Ihr seid Weiße und Rote. Darf ich eure Namen wissen?“

„Warum?“

„Weil ich Hilfe suche und sie nur bei Gentlemen finden kann.“

„So seid Ihr bei den richtigen Leuten. Ich heiße Old Shatterhand, und – –“

„Old Shatterhand?“ unterbrach er mich schnell. „Ich denke, Ihr seid tot!“

„Tot? Wer sagt das?“

„Der, welcher Euch gestern abend erschossen hat.“

„Ah! Wo ist der Kerl?“

„Bei uns.“

„Ja, wo ist denn nun das?“

„Sollt es gleich erfahren, Sir. Wenn Ihr der Seid, auf den diese Leute geschossen haben, so kann ich mich auf Euch verlassen. Vater ist Black-smith. Wir haben uns vor einiger Zeit hierher gemacht, weil jetzt an diesem alten Wege ein gutes Geld zu verdienen ist. Es sind da oben in den Bergen neue Gold- und Silberfunde gemacht worden, und es kommen täglich Leute vorüber, welche hinauf wollen und einen Schmied brauchen. Es ist uns ganz gut gegangen bisher; wir sind zufrieden, nur daß manchmal Menschen bei uns anhalten, welche alles sind, nur keine Gentlemen. So schlimm aber wie heut diese sechs Kerls, hat es noch niemand getrieben. Sie kamen vor vier Stunden an, haben für sich arbeiten lassen und wollen nicht bezahlen. Die Schwester hat sich verstecken müssen, warum, das brauche ich nicht zu sagen. Den Vater haben sie eingesperrt, und ich habe alles herschaffen müssen, was zu essen und zu trinken im Hause war. Fleisch, Mehl, Brot werfen sie einfach auf dem Fußboden herum, und die Flaschen fliegen, noch ehe sie ausgetrunken worden sind, nur so durch die Luft. Es gelang mir endlich, zu fliehen, und nun wollte ich in das Deep hinab, um meinen Bruder zu holen, welcher dorthin nach Fischen gegangen ist.“

„Wißt Ihr vielleicht, wie die Kerls heißen?“

„Einer heißt Spencer; ein anderer wird General genannt.“

Well! Ihr seid hier an die richtigen Leute gekommen und braucht nicht ins Deep zu reiten. Wir werden Euch helfen. Kommt!“

Er kehrte um, und wir ritten weiter. Nach einiger Zeit ging zu unserer rechten Hand der Wald zu Ende; linker Hand lief er noch weiter, indem er eine Krümmung machte und dann auch aufhörte. Wir hielten unter den letzten Bäumen an, weil einen guten, halben Büchsenschuß von uns ein Haus am Wege lag, dem man es gleich ansah, daß es eine Schmiede war. Es stieß eine Fenz daran, in welcher Pferde standen, wieviel, das konnten wir nicht sehen.

Winnetou sah mich fragend an. Es war kein Mensch außerhalb des Hauses; die Rowdies mußten also noch in der Stube sein; darum sagte ich:

„Das beste ist, wir überraschen sie. Also im Galopp hin, von den Pferden herunter, in das Haus hinein, und ihre Flinten weg, dann hands up! Vorwärts! Mr. Treskow bleibt vor der Thür bei den Pferden!“

Diese letztere Bestimmung traf ich, weil er kein Westmann war und bei dem hands up leicht einen Fehler machen konnte; auch mußte jemand die Pferde bewachen. Wir jagten vorwärts. Bei dem Hause angekommen, waren die andern im Nu aus dem Sattel; mit mir ging es etwas langsamer. Ich folgte ihnen. Das Innere bestand aus zwei Räumen, nämlich aus der Schmiedewerkstatt und der Stube; um in die letztere zu kommen, mußte man durch die erstere gehen. Als ich in die offene Stubenthür trat, standen die Kerls schon mit hochgehobenen Händen da; ich sah nur die Hände, nicht sie selbst, denn der Raum war klein; ich mußte unter der Thür stehen bleiben und hatte die Gefährten vor mir. Winnetou kommandierte eben:

„Wer den Arm sinken läßt, wird erschossen! Schahko Matto mag ihnen die Gewehre wegnehmen!“

Als dies geschehen war, gebot er weiter:

„Hammerdull nimmt ihnen die andern Waffen aus den Gürteln!“

Auch das wurde ausgeführt; dann befahl der Apatsche:

„Setzt euch längs der Wand nebeneinander nieder! jetzt könnt ihr die Hände niederthun; aber wer aufsteht, bekommt die Kugel!“

Jetzt schob ich Apanatschka und Holbers, welche mir im Wege standen, auf die Seite und trat vor. Da ertönte der Schreckensruf.

„Alle Teufel! Old Shatterhand!“

Es war Spencer. Er hatte mich bei Mutter Thick nicht gekannt, gestern aber, als er auf mich geschossen hatte, seinen Gefährten meinen Namen genannt; jetzt nannte er ihn wieder. Woher wußte er ihn? Diese Frage war jetzt nebensächlich; die Hauptsache war der Mann selbst. Ich sagte in strengem Tone zu ihm:

„Ja, die Toten stehen auf. Ihr hattet schlecht gezielt.“

„Gezielt –? Ich – –?“ fragte er.

„Versucht nicht, zu leugnen; es hilft Euch nichts! Könnt Ihr Euch besinnen, mit welchen Worten Ihr bei Mutter Thick in Jefferson City Abschied von mir nahmt?“

„Ich – – weiß – – nicht – – mehr,“ stammelte er.

„So will ich Eurem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Ihr sagtet: Auf Wiedersehen! Dann aber hebst du die Arme in die Höhe, Hund! Heut ist das Wiedersehen; wer aber hat sie hochgehalten, Ihr oder ich?“

Er antwortete nicht und sah vor sich nieder. Sein Gesicht sah aus wie dasjenige einer Bulldogge, welche Prügel bekommen hat.

„Heut rechnen wir freilich ganz anders ab als damals, wo Ihr nur die Zeche und ein zerbrochenes Glas zu berichtigen hattet,“ fuhr ich fort. „Ihr habt mich verwundet; das kostet Blut.“

„Ich hab nicht auf Euch geschossen,“ behauptete er.

Da zog ich den Revolver, richtete ihn auf ihn und sagte:

„Heraus mit dem Geständnisse! Wenn Ihr noch einmal lügt, so schieße ich. Seid Ihr es gewesen?“

„Nein – – ja – – nein – – ja, ja, ja, ja, ja!“ schrie er um so ängstlicher, je näher ich ihm den Lauf an den Kopf hielt.

„Euer hinterlistiges Verhalten hat Euer Kamerad gestern mit dem Leben bezahlt. Womit werdet Ihr mir die Wunde wohl bezahlen, die ich Euch zu verdanken habe?“

„Wir sind quitt!“ antwortete er trotzig.

„Wieso quitt?

Ihr habt mir die Hand zerschossen!“

Er hielt die verbundene rechte Hand empor.

„Wer war schuld daran?“

„Ihr! Wer sonst?“

„Ihr wolltet auf mich schießen, und ich kam Euch zuvor; das ist die Sache. Es war Notwehr von mir; ich hätte Euch erschießen anstatt bloß verwunden können. Wer und was hat Euch aber gestern zum Schuß gezwungen?“

Er schwieg.

„Wo ist der General?“

Douglas war nämlich nicht in der Stube; darum fragte ich nach ihm.

„Das weiß ich nicht,“ antwortete er.

„Ihr müßt es wissen!

Er hat nichts gesagt, als er ging.“

„Also hinaus, fort ist er doch?“

„Ja.“

„Wann?“

„Kurz, ehe Ihr kamt.“

„Kerl, Ihr wißt, wohin er ist! Da Ihr leugnet, mache ich kurzen Prozess und gebe Euch die Kugel.“

Er sah den Revolver wieder auf sich gerichtet. Solche rohe, gewaltthätige Menschen besitzen gewöhnlich nicht den wahren Mut. Er hätte sich denken können, daß ich nicht schießen würde, selbst wenn er leugnete; aber die Feigheit preßte ihm das Geständnis aus:

„Er wollte dem Sohne des Schmiedes nach.“

„Warum?“

„Weil er glaubte, dieser werde Leute holen.“

„So ist er auch nicht fort, kurz ehe wir kamen?“

„Nein.“

„Sondern wann?“

„Gleich, als der Boy weg war.“

„Zu Fuße?“

„Nein; er holte sein Pferd, weil der Boy auch nicht zu Fuße fort war.“

„Nach welcher Richtung ist er fort?“

„Wir haben nicht aufgepaßt.“

Well; die Sache wird sich bald aufklären, denke ich.“

Ich ging hinaus, um Treskow zu instruieren, für den Fall, daß der „General“ zurückkommen sollte. Bei ihm stand der Schmiedssohn, der aus Vorsicht nicht mit hineingegangen war. Von links her kam ein Mädchen gegangen. Auf sie zeigend, fragte ich den Boy:

„Wer ist das?“

„Meine Schwester,“ antwortete er.

„Welche sich vor diesen Rowdies versteckt hatte?“

„Ja.“

„Die muß ich fragen.“

Als sie herangekommen war, sagte ihr der Bruder, daß sie sich nun, weil wir da seien, nicht mehr zu fürchten brauche, und ich erkundigte mich:

„Wo habt Ihr gesteckt, Miß?“

„Drüben im Walde,“ antwortete sie.

„Während der ganzen Zeit?“

„Nein.“

„Wo sonst?“

„Ich sah meinen Bruder fortreiten und wollte ihm nach. Da kam der Mann, welcher General genannt wurde, aus dem Hause und holte sein Pferd aus der Fenz. Als er aufgestiegen war, sah er mich und ritt auf mich zu. Ich floh zurück; er holte mich aber ein, als ich den Wald grad erreicht hatte.“

„Und dann?“ erkundigte ich mich, da sie eine Pause machte.

„Dann kamen Reiter nach dem Hause.“

„Das waren wir. Hat er uns gesehen?“

„Ja. Er schien heftig zu erschrecken und stieß einen greulichen Fluch aus.“

„Erkannte er uns vielleicht?“

„Es schien so.“

„Hat er vielleicht in seiner Überraschung einen oder mehrere Namen genannt?“

„Ja. Ich glaube, er sprach von Old Shatterhand und einem gewissen Winnetou.“

„So hat er uns wirklich erkannt. Das ist unangenehm! Was that er dann?“

„Er ritt fort.“

„Ohne ein weiteres Wort zu sagen?“

„Er gab mir noch einen Auftrag.“

„An wen?“

„An Old Shatterhand.“

„Der bin ich. Was sollt Ihr mir sagen?“

„Das ist – – das ist – – – es würde Euch wahrscheinlich beleidigen, Sir.“

„Nein, gar nicht. Ich bitte Euch, mir jedes Wort genau zu sagen!“

„Er nannte Euch den größten Schuft auf Gottes Erdboden; er habe gar nichts dawider, falls es Euch beliebte, seine Begleiter aufzuhängen oder sonstwie zu töten, er aber werde mit Euch Abrechnung halten.“

„Das ist alles?“

„Weiter sagte er nichts. Aber daß er Euch so einen Schuft nannte, machte mir Angst auch vor Euch, und wenn ich nicht gesehen hätte, daß mein Bruder so lange und so ruhig vor der Thür stand, ohne daß ihm ein Leid geschah, wäre ich jetzt noch nicht gekommen.“

„Ihr könnt ruhig sein; man wird Euch nichts mehr thun.“

Ich ging wieder hinein, und der Sohn folgte mir.

„Nun, wißt Ihr, wo der General ist?“ rief mir Toby Spencer entgegen.

„Ja,“ antwortete ich.

„Wo?“

„Entflohen.“

„Ah! Wirklich entflohen?“ fragte er in frohem Tone.

„Ja. Ich mache es nicht wie ihr; ich sage die Wahrheit gleich beim erstenmal.“

„Gott sei Dank; so bekommt Ihr ihn also nicht!“

„Heut nicht, später aber um so sicherer. Euch aber habe ich fest.“

Pshaw! Ihr werdet uns gern loslassen!“

„Warum?“

„Aus Angst vor ihm.“

„Vor diesem Feigling, der ausgerissen ist, sobald er uns gesehen hat?“

„Ja. Er würde uns an Euch rächen!“

„Fällt ihm gar nicht ein! Er ist froh, daß er Euch los ist.“

„Das ist eine Lüge!“

Pshaw! Er hat mir durch die Tochter des Schmieds sagen lassen, daß er sich gar nichts daraus mache, wenn ich Euch aufhänge oder Euch sonstwie an das Leben gehe.“

„Das glaube ich nicht!“

„Ob Ihr es glaubt oder bezweifelt, ist mir sehr gleichgültig. Jetzt zu einer andern Angelegenheit! Wo ist der Wirt dieses Hauses?“

„Da unten im Keller,“ antwortete sein Sohn, indem er auf eine hölzerne Fallthüre zeigte, welche im Fußboden angebracht war.

„Ist er da eingesperrt worden?“

„Ja.“

„Mit Gewalt?“

„Ja. Sie haben ihn überwältigt und da hinabgeworfen.“

„Laßt ihn heraus!“

Es fehlte der Schlüssel. Spencer leugnete, daß er ihn eingesteckt hatte, gab ihn aber aus Angst vor meinem Revolver doch heraus.

In der Stube lagen Scherben von Flaschen, Gläsern, Töpfen und anderem Geschirr herum. Es war sehr wüst zugegangen. Als die Fallthür geöffnet worden war, kam der Schmied heraus, eine lange, starke, knochige Gestalt. Es hatte jedenfalls Anstrengungen gekostet, diesen Mann in das Verlies zu bringen, und er hatte sich gewehrt. Sein Gesicht war zerschlagen und zerkratzt; es blutete noch jetzt; er sah schrecklich aus. Nachdem er einen Blick um sich geworfen hatte und mir ansehen mochte, daß ich hier der Wortführer sei, wendete er sich an mich:

„Wer hat mich aus dem Keller gelassen?“

„Wir,“ antwortete ich.

„Wie heißt Ihr?

Old Shatterhand.“

„Ist das nicht der Name eines bekannten Westmannes?“

„Ja.“

„Aber die Roten hier! Ist denen zu trauen?“

„Sie sind berühmte Häuptlinge ihrer Nation und gewohnt, jeden Bedrängten zu beschützen.“

Well, so seid ihr zur rechten Zeit und an den rechten Ort gekommen, Mesch’schurs! Ist das nicht entsetzlich, daß rote kommen müssen, um einen ehrlichen Menschen gegen weiße Schurken zu beschützen? Ihr glaubt nicht, was das für armselige, niederträchtige Halunken sind!“

„Ich glaube es, denn wir kennen sie.“

„Ah?!“

„Ja. Wir haben auch eine Rechnung mit ihnen.

Ist sie groß?“

„Ziemlich. Der Kerl dort mit dem verbissenen Bulldoggengesicht hat gestern abend auf mich geschossen, um mich zu töten.“

„Gott sei Dank!“

„Wie? Ihr dankt Gott, daß er auf mich einen Mordanschlag verübt hat?“

„Ja. Warum sollte ich nicht?“

„Na! Nehmt es mir nicht übel, aber das ist ja sehr freundlich von Euch!“

„Ganz und gar nicht! Das werden diese Kerle bald erkennen. Ich danke Gott zweimal, nämlich das erste Mal dafür, daß Ihr nicht getötet worden seid, denn da habt Ihr kommen und mich hier herauslassen können, und das zweite Mal allerdings dafür, daß auf Euch geschossen worden ist, denn da habt Ihr das Recht, kurzen Prozeß mit dem Meuchelmörder zu machen, obgleich er Euch nicht getroffen hat.“

„Er hat mich getroffen!“

„Ah! Wirklich? Ist das wahr?“

„Ja.“

„Man sieht Euch aber nichts an!“

„Die Kugel traf mich hier in den Oberschenkel. Ich habe eine schwere Beinwunde davongetragen. Hier seht Ihr doch das Blut!“

„Gott sei Dank!“

„Schon wieder solch ein Dank?!“

„Ja, nun zum drittenmal!“

„Wofür?“

„Daß Ihr verwundet worden seid.“

„Hört, jetzt werdet Ihr wirklich ganz außerordentlich liebenswürdig!“

„Wie man es nimmt! Wenn er Euch wirklich getroffen hat, so geht es ihm an das Leben, und das freut mich natürlich ungemein!“

„Was habe ich davon?“

„Das Bewußtsein, daß ein Schurke weniger auf dem Erdboden ist.“

„Lindert das meinen Schmerz? Heilt das meine Wunde?“

„Hört, wollt Ihr ihn etwa laufen lassen?“

„Fällt mir nicht ein!“

„So sagt, was mit ihm geschehen soll!“

„Wir werden eine Savannenjury einsetzen, welche darüber zu entscheiden hat.“

„Das ist recht. Darf ich mit dazu gehören?“

„Dürfen? Ihr müßt sogar mit dabei sein. An Euch haben sie sich doch auch vergangen.“

„Und wie! Wenn es auf mich ankommt, wird ihnen ihr letzter Nagel eingeschlagen. Wann denkt Ihr, daß diese Jury zusammentritt?“

„Möglichst bald.“

„Am besten gleich jetzt!“

„Ist mir recht.“

„Wo?“

„Draußen vor dem Hause. Ein Savannengericht muß bekanntlich möglichst unter freiem Himmel stattfinden, wie Ihr gehört haben werdet.“

„Da reißen uns die Kerle aus!“

„Das sollten sie versuchen! Übrigens können wir sie ja binden.“

Well! Das kann mir gefallen. Riemen und Leinen habe ich genug.“

„Soll ich sie holen?“ fragte sein Sohn mit großer Bereitwilligkeit.

„Ja, hole sie! Sie hängen draußen.“

Da ergriff Toby Spencer das Wort:

„Thut nur nicht, als ob ihr unsere Richter sein und über uns aburteilen wollt! Ihr seid die Kerle nicht dazu. Binden lassen wir uns nicht!“

Da trat der Schmied zu ihm hin, hielt ihm die knochige Faust vor das Gesicht und sagte:

„Schweig, Kanaille! Wenn du etwa noch groß aufbegehren willst, mache ich außer der Jury noch einen Extratanz mit dir! Verstanden?“

Der Sohn brachte die Stricke und Riemen. Ich gab den Befehl:

„Bindet sie der Reihe nach, wie sie dasitzen! Wer sich wehrt, bekommt Hiebe!“

„Ja, hauen wir sie!“ jubelte der Schmied. „Ich habe so mehrere schwanke Stöcke draußen; die mag der Boy auch hereinholen!“

Sein Sohn ging und brachte sie.

Das half. Sie schimpften zwar gewaltig, leisteten aber keinen thätlichen Widerstand; bald lagen sie, lang ausgestreckt, nach Westmannsart gebunden da. Der Schmiedeboy bekam den Auftrag, sie streng zu bewachen; dann gingen wir hinaus. Ich hatte die Absicht gehabt, die Rowdies mit hinauszunehmen; da dies aber zu umständlich gewesen wäre, unterließen wir es.

Nun traten wieder die alten Fragen und die schon wiederholten Gegensätze der Ansichten an uns heran. Ich hatte, zumal ich selbst verwundet worden war, keineswegs die Absicht, übermäßig human zu verfahren, aber sie verlangten alle, mit Ausnahme Winnetous, den Tod wenigstens Toby Spencers, und dazu konnte und wollte ich nicht ja sagen. Es gab eine lange und sehr erregte Debatte, bis endlich der Schmied, welcher sich wie ein „grimmer Hagen“ gebärdete, aufsprang und rief:

„Ich sehe, daß wir noch morgen dasitzen werden, ohne einig geworden zu sein. Diese Menschen gehören zunächst mir, denn sie sind bei mir hereingefallen wie die Wilden und haben alles demoliert und mich verwundet. Ihr seht, daß mein Gesicht noch jetzt blutig ist. Ihr, Mr. Shatterhand, seid ein mir viel zu milder Herr; ich will Eurer Meinung aber Rechnung tragen und den Tod dieses Spencer nicht verlangen. Dafür aber erwarte ich, daß die Vorschläge, welche ich jetzt mache, angenommen werden.“

„Welche Vorschläge sind das?“ fragte ich.

„Zunächst daß ich mich an ihrem Eigentum für alles schadlos halten darf, was sie mir vernichtet haben. Seid Ihr einverstanden, Sir?“

„Ja. Es versteht sich ganz von selbst, daß sie Euch entschädigen müssen.“

Well! Nun kommt Spencer, der schuld an allem ist. Ihr wollt ihn nicht töten lassen, weil er Euch nicht ermordet, sondern nur verwundet hat. Ich halte das für eine Schwachheit von Euch, denn der wilde Westen kennt für Mörder keine Schonung, gleichviel, ob der Mord gelungen ist oder nicht. Wir wollen trotzdem eine Art von Gnade walten lassen. Er hat den Tod verdient, soll aber nicht direkt hingerichtet werden, sondern sich verteidigen dürfen.“

„Wie meint Ihr das?“

„Laßt ihn um sein Leben kämpfen!“

„Mit wem?“

„Mit mir.“

„Darauf werden wir wohl kaum eingehen können.“

„Warum nicht?“

„Er ist ein riesenstarker Mann.“

Pshaw! Ich bin auch kein Kind! Oder meint Ihr, weil ich mich habe in den Keller stecken lassen? Sie überrumpelten mich und waren sechs Personen!“

„Mag sein! Ich sehe, daß Ihr gute Knochen habt. Der Kampf ist trotzdem ungleich.“

„Wieso?“

„Er ist ein Schurke, um den es nicht schade sein würde, und Ihr seid ein Ehrenmann, der Kinder hat, Ihr dürft Euer Leben nicht gegen das seinige einsetzen.“

„Das thue ich auch nicht. Die Ungleichheit, von welcher Ihr redet, wird durch die Waffen ausgeglichen, mit denen wir kämpfen werden.“

„Welche Waffen?“

„Schmiedehämmer.“

Schmiedehämmer! Welch ein Gedanke! Also um einen Cyklopenkampf sollte es sich handeln!

Ich gestehe aufrichtig, daß dieser Kampf dem Westmanne in mir sehr interessant vorkam, während ich als Mensch glaubte, ihn verwerfen zu müssen; aber dieser Zwiespalt in mir fand gar keine Zeit, zur Geltung zu kommen, denn meine Gefährten gingen mit großer Bereitwilligkeit auf den Vorschlag des Schmiedes ein. Ein Zweikampf, und noch dazu ein solcher, durfte nach dem Savannenbrauche nicht zurückgewiesen werden. Welch ein Schauspiel, diesen fest gefügten Grobschmied und Toby Spencer, welcher die Kräfte von drei, vier Menschen besaß, mit eisernen Hämmern gegeneinander losgehen zu sehen! Das hatte man noch nicht erlebt; das war noch nicht dagewesen! Man war sofort Feuer und Flamme. Hammerdull rief:

„Wunderbar großartiger Gedanke! Was für Schädel gehören dazu, solche Hiebe auszuhalten! ich stimme bei! Du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm! Wenn du denkst, daß so ein Hammerwerk schönere Wirkungen hat, als wenn man mit wattierten Paradieshandschuhen abgesäuselt wird, so muß ich dir vollständig recht geben, lieber Dick,“ antwortete der Lange.

Auch die andern waren einverstanden. Selbst der Häuptling der Apatschen sagte:

„Ja, sie mögen miteinander kämpfen. Winnetou wird nichts dagegen haben.“

So gab es für mich also kein Widerstreben; ich erteilte meine Einwilligung.

Da das eigenartige Duell nur im Freien stattfinden konnte, wurden die Rowdies herausgeholt. Als sie erfuhren, was beschlossen worden war, wollten sie zunächst nicht daran glauben; es wurde ihnen aber ihr Zweifel derart benommen, daß sie den Ernst unseres Vorhabens schnell erkennen mußten. Natürlich war es Spencer, welcher den lautesten Einspruch dagegen erhob. Er erklärte, daß er dagegen protestiere und auf keinen Fall mitkämpfen werde; da aber sagte ihm der Schmied:

„Ob du mitthun willst oder nicht, das geht mich gar nichts an. Sobald das Zeichen gegeben wird, schlage ich zu, und wenn du dich nicht verteidigest, bist du im nächsten Augenblicke eine Leiche. Mit so einem Halunken, wie du bist, wird kurzer Prozeß gemacht. Du wirst dich aber schon wehren.“

„Das ist aber doch der reine Mord!“

„Was war es anderes, als du gestern auf Old Shatterhand schossest?“

„Das geht doch Euch nichts an!“

„Sehr viel sogar, denn ich kämpfe an Stelle dieses Gentleman mit dir.“

„Warum da nicht lieber er selbst?“

„Weil du geschont werden sollst, was du freilich nicht verdienst. Wenn er sich herablassen wollte, mit dir zu kämpfen, wäre dein Tod gewiß. Bei mir aber giebt es für dich doch die Möglichkeit, mich zu überwinden.“

Der Rowdy maß die Gestalt des Schmiedes mit forschendem Auge und fragte dann:

„Was aber wird mit mir geschehen, wenn ich Euch totschlage?“

„Nichts. Der Sieger bleibt unbelästigt.“

„Ich kann dann gehen, wohin ich will?“

„Gehen, ja, aber nicht reiten.“

„Warum das?“

„Weil alles, was Ihr bei Euch habt, von jetzt an mir gehört.“

„Alle Teufel! Warum das?“

„Als Entschädigung für mein Eigentum, welches Ihr zu Grunde gerichtet habt.“

„Alles? Die Pferde und auch alles andere?“

„Ja.“

„Das ist Diebstahl! Das ist Betrug! Das ist ja der reine Raub!“

Pshaw! Der Schaden, den Ihr angerichtet habt, muß bezahlt werden. Geld habt Ihr nicht; das weiß ich, denn Ihr habt vorhin wiederholt damit geprahlt, daß Ihr bei mir alles Vorhandene verzehrtet, ohne bezahlen zu können; da muß ich mich also an die Sachen halten, die Ihr mithabt.“

„Das ist aber viel, viel mehr, als der Betrag, der Euch gebührt!“

„Oh, das nehme ich nicht so genau! Ihr habt Euch in Beziehung auf Recht und Billigkeit ja auch nicht sehr hervorgethan. Jetzt kommen die Folgen!“

„Und das ist Euer Ernst? Das wollt Ihr wirklich, wirklich thun?“

„Mensch, frag doch nicht so dumm! Es fällt uns nicht ein, mit Euch zu scherzen!“

Da wendete sich Spencer an mich, den er für den humansten von uns hielt:

„Und auch Ihr seid im stande, eine so ungeheure Ungerechtigkeit zuzugeben?“

„Wollt Ihr etwa an mich appellieren?“ antwortete ich in erstauntem Tone.

„Natürlich!“

„An mich, auf den Ihr geschossen habt?“

„Ja, trotzdem! Der Raub an uns hat gar nichts mit diesem Schuß zu thun!“

„Und ich habe nichts mehr mit Euch zu thun. Das könnt Ihr Euch wohl denken!“

„So hole euch alle der Teufel, alle, vom ersten bis zum letzten! Wenn ihr es in dieser Weise bis zum Äußersten treibt, so glaubt nur ja nicht, daß ich sanft mit diesem Schmiedeskelett verfahren werde! Es ist schon so gut, als ob sein Schädel in Stücken sei. Laßt uns anfangen! Laßt den Tanz beginnen!“

Sein Bulldoggengesicht war vor Wut tiefrot geworden, und er knirrschte so laut mit den Zähnen, daß wir es hörten. Der Schmied stimmte bei:

„Ja, ich will die Hämmer holen, dann werde ich ihn schmieden, ohne daß er glüht!“

Er ging in die Schmiede, und ich folgte ihm, um ihm einen guten Rat zu erteilen:

„Nehmt Euch in acht, Sir! Dieser Spencer ist ein starker und gefährlicher Kerl!“

Pshaw! Ich fürchte mich nicht; ich weiß, daß er mir nichts anhaben kann!“

„Seid nicht so zuversichtlich! Ich denke, daß Ihr nur zuschlagen wollt?“

„Ja. Was sonst?“

„Ihr müßt gewärtig sein, daß er nicht nur zuschlägt, sondern den Hammer schleudert!“

„Das darf er nicht; das wird ausgemacht!“

„Wenn es auch untersagt wird, er thut es doch! Und wenn es geschehen ist, kann man es nicht mehr ändern. Würde es Euch hindern, wenn der Hammer angebunden wäre?“

„Woran gebunden?“

„Art die Hand, an den Arm, am besten an das Handgelenk, mit einem Riemen.“

„Das würde mich gar nicht hindern, ganz und gar nicht. Aber warum das?“

„Damit der Unehrliche nicht dem Ehrlichen einen Vorteil dadurch abgewinnt, daß er den Hammer wirft, anstatt nur zuzuschlagen. Ist es Euch recht?“

„Natürlich, ja! Wenn man nur Flucht behält, den Stiel bewegen zu können.“

„Dafür werde ich schon sorgen, denn ich werde binden. Also kommt!“

Als wir auf den Platz kamen, hatte man Toby Spencer schon losgebunden. Winnetou stand, einen Revolver in jeder Hand, vor ihm und drohte:

„Wenn das Bleichgesicht etwa eine Bewegung zur Flucht macht, schieße ich sofort!“

Ich band den beiden Duellanten die Hämmer so an die Handgelenke, daß sie mit ihnen zwar zuschlagen, sie aber nicht schleudern konnten. Dann zog ich auch einen Revolver und wiederholte die Drohung des Häuptlings der Apatschen.

Es war eine erwartungsvolle, hochgespannte Situation. Wir bildeten einen Kreis, in welchem die Zwei sich nahe gegenüberstanden, die großen, gleichschweren Hämmer in den Händen. Sie maßen sich gegenseitig mit den Augen; der Schmied war ruhig und kalt, Spencer dagegen in hohem Grade aufgeregt.

„Man soll nicht eher beginnen, als bis ich es sage!“ befahl Winnetou. „Es sollen alle Vorteile gelten, und die Kämpfenden können auch die freien Hände gebrauchen!“

„Das ist gut; das ist sehr gut!“ jubelte Spencer. „Nun ist mir der Kerl sicher!“

„Ja,“ rief einer seiner Leute. „Wenn du auch mit der andern Hand zugreifen darfst, ist er geliefert. Nimm ihn nur bei der Gurgel; da geht ihm der Atem aus!“

„Halte den Schnabel!“ fuhr ihn Dick Hammerdull an. „Wer hat dich denn nach deinem Senf gefragt? Du hast ruhig zuzusehen und gar nichts drein zu reden!“

„Oho! Man wird doch noch reden dürfen! Wozu hat man denn den Mund?!“

„Ob du einen hast oder nicht, das ist ganz egal, aber halten sollst du ihn, sonst stecke ich dir einen Knebel zwischen die Zähne; das merke dir!“

Ich war natürlich nicht weniger gespannt als die andern. Wer würde wohl Sieger sein? Toby Spencer hatte wohl die größere Körperstärke für sich, während der Schmied im Gebrauche der ungewöhnlichen Waffe geübter war; zudem zeigte der letztere eine Kaltblütigkeit, welche Vertrauen erweckte, während der Rowdy sich je länger desto aufgeregter zeigte.

Der Schmiedeboy stand mit seiner Schwester auch in unserm Kreise. Auf ihren Gesichtern war nicht die geringste Besorgnis um ihren Vater zu entdecken; das war auch ein Umstand, welcher mich für ihn beruhigte.

„Jetzt kann es beginnen!“ sagte Winnetou.

Toby Spencer holte sofort zum Schlage aus und wollte zugleich mit der linken Hand nach der Kehle des Schmiedes greifen. Er hatte nicht in Betracht gezogen, daß sich dadurch die Kraft des Hiebes vermindern mußte. Der Schmied parierte durch einen Gegenschlag, so daß die Waffen zusammenprallten; sein Hammer fuhr nieder und traf Spencers linken Arm, der mit einem Ruf des Schmerzes zurückgezogen wurde.

„Hund!“ brüllte dann der Getroffene, „war’s nicht sofort, aber jetzt nun gleich!“

Er holte mit aller Gewalt aus, sprang vor und schlug zu; der Schmied wich zur Seite, so daß der ihm bestimmte Hieb fehlging; die Wucht desselben zog den Rowdy halb nieder, sodaß er seinen Rücken bog.

„Jetzt schnell, Vater!“ rief der Boy.

Es bedurfte dieser Aufforderung gar nicht, denn der Schmied machte mit hoch erhobenem Hammer eine Viertelwendung nach seinem Gegner hin und schmetterte ihn mit einem einzigen Schlage zu Boden. Den Arm zum sofortigen zweiten Hiebe erhebend, stand er da, das Auge auf den an der Erde liegenden Feind gerichtet, welcher krampfhaft mit den Armen und Beinen zuckte und ein ängstliches, röchelndes Stöhnen hören ließ, da senkte er den Arm wieder, lachte kurz und verächtlich und sagte: „Da liegt der Kerl! Ich könnte ihm den Schädel zerschlagen, thue es aber nicht, weil er sich nicht mehr wehren kann. Er hat schon so genug!“

Ja, Spencer hatte genug! Er war weder betäubt noch gar tot; aber er schien die Macht über seine Glieder verloren zu haben. Er bekam die Fähigkeit zu willkürlichen Bewegungen erst nach einiger Zeit zurück und richtete sich langsam auf, indem er sich dabei mit dem einen Arme stützte; der andere war unfähig, dabei gebraucht zu werden.

„Verdamm – – – –!“ gurgelte er dabei, indem er nur diese beiden Silben zwischen den Zähnen hervorbrachte. Seine Augen waren mit Blut unterlaufen, und sein Gesicht zeigte den Ausdruck eines so tierischen Grimmes, wie ihn selbst ein zähnefletschender Coyote kaum hat.

„Ich habe ihm das Schulterblatt zerbocht,“ meinte der Sieger. „Wenn er nicht daran zu Grunde gehen sollte, wird er wenigstens niemals wieder friedliche Menschen vergewaltigen können. Macht mir den Hammer ab!“

Er hielt mir die Hand hin, und ich band ihm das schwere Werkzeug los.

Jetzt stand der Rowdy aufrecht da, doch wankte er hin und her. Es schien alle Kraft aus seinem Körper gewichen zu sein; dafür kam ihm die Sprache zurück, und er machte von ihr in Flüchen und Verwünschungen einen solchen Gebrauch, daß ich ihm den Revolver an den Kopf hielt und drohte:

„Schweig augenblicklich, sonst jage ich dir eine Kugel in den Schädel!“

Er sah mir grinsend ins Gesicht, spie vor mir aus, wendete sich ab und wankte zu seinen Genossen hin, wo er haltlos zusammenknickte. Dick Hammerdull band ihn, ohne den geringsten Widerstand zu finden.

Fiat justitia!“ sagte Treskow. „Er hat, was er verdient, wenn auch nicht den Tod. Was thun wir nun mit ihm? Soll er verbunden werden?“

Er sah dabei Winnetou an. Dieser antwortete:

„Der Häuptling der Apatschen berührt diesen Menschen nicht!“

„Von mir hat er auch keine Hilfe zu erwarten,“ erklärte ich.

Well! Mag er sehen, wo er einen Arzt für seine Schulter findet!“

Da sahen wir vier Männer vom Walde her geritten kommen, einen jungen und drei ältere; sie hielten auf uns zu. Der Schmied sagte:

„Da kommt mein zweiter Sohn, welcher fischen gegangen ist, und die andern sind drei gute Bekannte, die nächsten Nachbarn von mir, was hier freilich etwas weitläufig gemeint ist. Die kommen mir eben recht, denn sie werden, wenn sie morgen von hier fortreiten, mich von diesen Gästen hier befreien, welche sich, ohne mich zu fragen, so ohne alle Zeremonien bei mir eingeladen haben.“

Der Sohn schien einen guten Fang gemacht zu haben, denn er hatte ein mit Fischen gefülltes Netz quer vor sich liegen. Er und seine Begleiter waren natürlich erstaunt darüber, gefesselte Menschen hier liegen zu sehen. Der Schmied erzählte ihnen in kurzen Worten, was geschehen war, und teilte ihnen dann auch den Wunsch mit, den er an sie hatte. Es traf sich sehr gut, daß die drei Männer nicht in der Schmiede bleiben, sondern weiter wollten. Sie hatten irgend einen Rechtshandel vor und wollten nach der Stadt, das heißt, was man dort und damals Stadt zu nennen beliebte. Sie mußten die ganze Nacht durch reiten, um am Morgen hinzukommen, und erboten sich, die Rowdies mitzunehmen, aber nicht etwa nach der Stadt, sondern sich ihrer unterwegs in der Weise zu entledigen, daß in verschiedenen Zwischenräumen einer nach dem andern freigelassen wurde. Auf diese Weise wurde verhütet, daß sich die Kerls so leicht und so bald wieder zusammenfinden und etwas gegen die Familie des Schmiedes unternehmen konnten. Die Söhne des letzteren sollten, weil der Transport der Gefangenen zu Pferde geschehen mußte, mitreiten, um dann die ledigen Tiere heimzubringen.

Es gab noch eine sehr bewegte und geräuschvolle Scene, als die Taschen der Rowdies geleert und sie selbst auf die Pferde gebunden wurden. Daß sie in dieser Weise und schon heut fortgeschafft werden konnten, war auch deshalb ein günstiger Umstand, weil zu erwarten war, daß die Tramps, welche jedenfalls unserer Fährte folgten, nach der Schmiede kommen würden. Diese sollten die Rowdies nicht finden und etwa gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen.

Es waren keine Segenswünsche, die wir von den Gefangenen hörten, als sie unter Begleitung der fünf Männer den Ort verließen, an welchem es ihnen erst so sehr und dann so wenig gefallen hatte. Noch besser freilich wäre es gewesen, wenn ihr eigentlicher Anführer, der „General“, nicht das Glück gehabt hätte, uns zu entkommen.

Dieser letztere war eine für uns so wichtige Person, daß sich Winnetou aufmachte, nach seiner Spur zu sehen. Es war schon dunkel, als er zurückkehrte. Er hatte die Überzeugung gewonnen, daß Douglas nicht die Absicht habe, sich in der Nähe der Schmiede herumzutreiben, denn seine Fährte hatte ununterbrochen geradeaus geführt. Dieser Mann fürchtete uns viel zu sehr, als daß es ihm hätte beikommen können, uns heimlich zu umschleichen, um zu sehen, was wir mit seinen Gefährten wohl beginnen würden. Er gab sie lieber preis, um nur so weit wie möglich von uns fortzukommen.

Winnetou brachte Wundkraut mit, welches er auf seinem Ritte gefunden hatte, und das war mir sehr lieb. Ich hatte, so lange die Rowdies bei uns waren, mehr auf sie als auf mich selbst geachtet; dann, als Ruhe eintrat, fühlte ich die Schmerzen meiner Wunde und jene mir nur zu bekannte Leere im Kopfe und im ganzen Körper, welche, wenigstens bei mir, dem Fieber voranzugehen pflegt.

Ich wurde wieder verbunden; das Wundfieber stellte sich aber doch in der Nacht ein; ich schlief viertelstundenlang, um dann immer wieder zu erwachen, und als ich am Morgen vom Weiterreiten sprach, schüttelte Winnetou, welcher bei mir gewacht hatte, den Kopf und sagte:

„Mein Bruder darf sich nicht zu viel zutrauen. Wir werden bleiben.“

„Aber wir haben keine Zeit.“

„Wenn es sich um die Gesundheit Old Shatterhands handelt, haben wir immer Zeit! Es ist besser, wir bleiben einen Tag hier und lassen die Kräuter wirken, als daß du später in den Bergen liegen bleibst.“

Er hatte recht, und so blieben wir bei dem Schmiede, der sich, natürlich nicht der Veranlassung wegen, herzlich darüber freute.

Seine Söhne kamen mit den Pferden zurück und erzählten, wie die Rowdies sich gesträubt hatten, mitten in der finstern Nacht so einer nach dem andern abgesetzt zu werden. Am weitesten hatten sie Toby Spencer fortgeschafft. Ich an ihrer Stelle hätte ihm wohl einen Gefährten zur Pflege gelassen; sie aber hatten nicht die Rücksicht gehabt, so menschlich gegen ihn zu sein, zumal sein Verhalten unterwegs nicht ein solches gewesen war, welches sie hätte zur Milde stimmen können.

Als die Kameraden drin in der Stube beim Mittagsessen saßen, welches aus Fisch und Wildbret bestand, lag ich vor dem Hause im Grase, denn ich hatte keinen Appetit, und im Freien war es mir lieber als zwischen den engen Wänden. Unsere Pferde standen innerhalb der schon erwähnten Fenz, wo sie reichliches Grünfutter bekommen hatten; sie konnten also von weitem nicht gesehen, wenigstens nicht als die unserigen erkannt werden, und so kam es, daß der Reitertrupp, welcher jetzt unter den letzten Bäumen des Waldes erschien, keine Veranlassung fand, die Schmiede, vor der ich lag, zu meiden. Es waren die Tramps. Cox und Old Wabble ritten voran, und der einstige Medizinmann folgte mit seiner Squaw hinterher.

Um nicht gesehen zu werden, stand ich nicht auf, sondern kroch in die Schmiede und ging von da in die Stube, um die Ankunft dieser lieben Freunde dort zu melden. Wir hatten dem Schmiede von unserm Zusammentreffen mit ihnen erzählt; darum sagte er jetzt:

„Bleibt hier, Gentlemen! Ich gehe allein hinaus. Was werden sie für Gesichter machen, wenn sie erfahren, wer sich bei mir befindet!“

Die Tramps hatten inzwischen das Haus erreicht. Sie riefen nach dem Besitzer und stiegen von den Pferden. Ihre Haltung dabei war keine sehr elegante. Dick Hammerdull kicherte in sich hinein und sagte:

„Sie fühlen noch die süße Erinnerung an unsere Stöcke. Es wäre ihnen jedenfalls lieber, hier eine Apotheke als eine Schmiede zu finden!“

Old Wabble sah, auch abgesehen von seinem halbversengten Kopfe, sehr leidend aus. Er war, außer der Squaw, allein noch nicht abgestiegen und saß matt vornübergebeugt im Sattel; er hatte das Fieber in noch höherem Grade als ich in der vergangenen Nacht. Als der Schmied hinaus zu ihnen kam, wurde er von Cox gefragt:

„Hört, Mann, ist gestern vielleicht ein Trupp von sieben Reitern hier bei Euch vorübergekommen?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„Es waren drei Redmen dabei?“

„Stimmt!“

„Zwei tiefschwarze Rappen unter den Pferden?“

„Auch das ist richtig.“

„Ihr habt sie jedenfalls beobachtet und wißt, ob sie es sehr eilig hatten?“

„Nicht eiliger als Ihr.“

„Gut! Habt Ihr vielleicht ein Mittel gegen das Fieber im Hause?“

„Nein. Wir pflegen uns hier mit dem Fieber gar nicht abzugeben.“

„Aber Proviant ist bei Euch zu haben?“

„Leider nicht. Ich bin von einer Horde Rowdies vollständig ausgeplündert worden.“

„Das macht Ihr uns nicht weis. Wir werden selbst nachsehen, was zu finden ist.“

„Das muß ich mir verbitten. Dieses Haus gehört nicht jedem Fremden, sondern mir!“

„Laßt Euch nicht auslachen! Ihr werdet doch nicht denken, daß sich zwanzig Männer vor Euch fürchten! Wir wollen essen, und Ihr habt zu schaffen, was wir brauchen!“

„Ihr seid ja ungeheuer kurz! Wie steht’s mit der Bezahlung? Habt Ihr Geld?“

„Geld?“ lachte Cox. „Wenn Ihr Hiebe haben wollt, die sind da, Geld aber nicht!“

„Hm, daß Hiebe da sind, merke ich; ich sehe sie noch deutlich sitzen!“

„Mann, wie meint Ihr das?“

„Genau so, wie ich es sage.“

„Ich will, wissen, wie Ihr dazu kommt, von Hieben zu reden!“

„Wer hat angefangen, von ihnen zu sprechen? Doch ich wohl nicht, sondern Ihr!“

„Ach so! Ich dachte – – –! jetzt macht einmal Platz da an der Thür!“

„Der Platz an meiner Thür gehört mir und keinem andern!“

„Redet nicht dummes Zeug! Wir brauchen Fleisch und Mehl und andere Sachen, und Ihr werdet uns nicht verbieten, nach ihnen zu suchen!“

Well, ganz wie Ihr wollt! Verbieten werde ich es Euch freilich nicht; ich denke nur, daß Ihr Euch über das Fleisch, welches Ihr findet, wundern werdet!“

„Keine Redensarten, sondern Platz gemacht!“

Der Schmied ließ sich vorwärts schieben; die Tramps drängten sich hinter Cox her. Als der Schmied zur Thüre hereingeschoben wurde, sagte er:

„Hier seht Ihr mein Fleisch. Es ist Menschenfleisch, lebendiges Menschenfleisch.“

Unsere Gewehre waren alle nach der Thür gerichtet. Cox sah uns und erschrak:

„Zurück, zurück!“ rief er. „Macht doch zurück, ihr Kerls! Hier sind sie in der Stube, Old Shatterhand und Winnetou und alle andern auch!“

Die hinter ihm kamen, sahen uns auch; sie wendeten sich schleunigst um. Es gab ein Stoßen, Schieben und Drängen, zurück, wieder zum Hause hinaus; unser Lachen schallte hinter ihnen her. Draußen sprangen sie auf die Pferde und ritten schleunigst davon, schneller, als sie gekommen waren. Der letzte war wieder der Medizinmann, welcher das Pferd seiner Squaw am Zügel zog. Der dicke Hammerdull konnte es nicht unterlassen, ihnen durch das Fenster einen Schuß nachzusenden, indem er rief.

„Da machen sie sich fort, ohne Fleisch und ohne Mehl! Die Suppe ist ihnen versalzen! Habe ich da nicht recht, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm, bloß auf eine Suppe hatten die es gar nicht abgesehen! Die hätten es heut grad so wie gestern die Rowdies hier gemacht. Es ist ein wahres Glück für den Schmied, daß wir nicht fortgeritten, sondern hiergeblieben sind!“

„Ob ein Glück oder ein Unglück, das ist ganz egal, das bleibt sich sogar gleich, wenn nur sie kein Glück dabei gehabt haben!“

Winnetou war schnell hinaus und zu den Pferden; eine Minute später sahen wir ihn fortreiten, um den Tramps zu folgen. Ich wußte, warum er das so rasch that: sie sollten ihn sehen; sie sollten wissen, daß er hinter ihnen war und sie beobachtete. Dadurch benahm er ihnen die Lust, etwa heimlich umzukehren und uns zu belauern. Als er nach vielleicht zwei Stunden wiederkam, konnte er uns versichern, daß sie sich aus dem Staube gemacht und wir wenigstens in der nächsten Zeit nichts Feindliches von ihnen zu erwarten hätten.

Da wir uns nun sicher fühlen konnten und nicht zur gegenseitigen Hilfe bei einander zu bleiben brauchten, gingen Schahko Matto und Apanatschka fort, um „Fleisch zu machen“; sie hatten guten Erfolg. Winnetou blieb daheim, um sich nur mit meiner Blessur zu beschäftigen.

Erwähnen muß ich, daß schon seit dem Morgen das Feuer brannte, denn der Schmied hatte für unsere Pferde zu arbeiten, wobei ihm dann auch seine Söhne halfen. Wir befanden uns nicht mehr auf dem weichen Boden der Prairie und wollten hinauf in die Felsenberge, wo wenigstens für die Pferde der Bleichgesichter ein guter Hufbeschlag sehr nötig war. Unsere beiden Rappen bekamen stets, sobald es nötig wurde, die Eisenschuhe angeschraubt, welche eine Erfindung des Apatschen waren; sie und das dazu nötige Werkzeug befanden sich stets in unsern Satteltaschen. Wir hatten uns für den Fall, daß Späher irre zu führen waren, sogar Hufeisen mit Vexierstollen machen lassen, die uns schon sehr oft von Nutzen gewesen waren.

So verging die Zeit bis zum Abend, wo ich wieder das Fieber bekam, doch gelinder als früher und nur für kurze Zeit. Die Nacht durchschlief ich ganz, und auch Winnetou schlief bis früh. Als er dann die Wunde untersucht hatte, sagte er befriedigt:

„Die kräftige Natur meines Bruders und die Wundkräuter haben meine Erwartungen übertroffen. Dein Hatatitla hat einen sanften Gang, und so wie du zu reiten verstehst, können wir es wagen, aufzubrechen, ohne daß es dir Schaden macht, wenn wir nicht gezwungen sein sollten, auf ein Terrain zu gehen, wo der Ritt zu anstrengend wird. Wir werden öfter ausruhen als sonst.“

Er nahm einige Nuggets aus seiner verborgenen Gürteltasche, um den Schmied zu bezahlen. Dieser meinte, es sei zu viel, er wolle sich nur seine Arbeit, nicht aber seine Gastfreundlichkeit bezahlen lassen; der Apatsche aber nahm nichts zurück; seine Noblesse gab dies nicht zu. Mit den herzlichen Wünschen der vier braven Menschen versehen, setzten wir uns auf und ritten fort, dem Gebirge zu.

Es liegt nicht in der Absicht dieser Zeilen, malerische Schilderungen unsers Weges zu geben, der uns von jetzt an stets aufwärts führte. Wir kamen am Abende jenseits der vorlagernden Sandsteinberge an und befanden uns nun vor den eigentlichen Felsenbergen.

Es war uns nicht eingefallen, uns sehr darum zu kümmern, wohin die Tramps geritten seien. Es galt für uns, so bald wie möglich den Park von San Louis zu erreichen, und wir wußten oder ahnten vielmehr, daß wir Thibaut und die Squaw dort wiedersehen würden; die andern Personen konnten uns, Old Wabble ausgenommen, gleichgültig sein.

Nun mußten wir den alten Kontinentalpfad verlassen und uns seitwärts wenden; die Scenerie des Gebirges entfaltete sich in ihrer ganzen imponierenden Herrlichkeit um uns. Wir befanden uns in der Region der Taxodieenwälder und staunten oft über die außerordentliche Höhe der Bäume, obgleich dieselben noch lange nicht mit den riesigen Sequoias der Sierra Nevada zu vergleichen waren, unter denen es Giganten giebt, welche mehr als hundert Fuß im Umfang haben. Im Visalia-Distrikte steht eine Sequoia, welche einen Durchmesser von fünfunddreißig Fuß besitzt.

Wir ritten jetzt auf einer schräg hinaufziehenden, mehrere englische Meilen breiten Ebene, welche wie ein Dach zur Höhe stieg und vollständig von Wald bedeckt war. Das war nicht der in den Wipfeln dicht verschlungene, grüne überdachte Urwald des Nordens, sondern die riesigen Koniferen standen einzeln, weit auseinander, sich kaum mit den Wipfelrändern berührend; ihr Streben ging nur in die Höhe, nicht nach Vereinigung. Die Sonnenstrahlen fanden den Weg zwischen sie herein und ließen nicht jenes Dunkel aufkommen, welches den nördlichen Wäldern eigen ist. Wir ritten langsam und stetig diese schiefe Ebene hinan, die ich noch nicht kannte. Winnetou aber war schon dagewesen und verkündigte uns: „Jenseits dieser Höhe liegt das Kui-erant-yuaw, in welchem man zu jeder Zeit den Grizzly trifft. Kein roter Mann schlägt da gern über Nacht sein Lager auf, denn der graue Bär der Felsenberge mag nicht gern ein Feuer dulden und greift den Menschen an, ohne erst von ihm belästigt worden zu sein.“

„Werden wir da übernachten?“ fragte Hammerdull.

„Nein.“

„Warum nicht? Ich hätte gar zu gern einen Grizzly geschossen.“

„Wir sind sieben Personen und müßten der Grizzlys wegen vier Wächter haben; da könnten nur drei von uns schlafen; wenn aber von sieben Männern, welche der Ruhe bedürfen, viere wachen müssen und nur drei schlafen dürfen, so ist das kein gutes Lager zu nennen.“

„Ob ich den Grizzly im Schlafe oder im Wachen schieße, das ist ja ganz egal, wenn ich ihn nur so treffe, daß er liegen bleibt.“

„Hat mein kleiner, dicker Bruder schon einmal ein Wild im Schlafe erlegt?“

„Hunderttausende! Wie oft habe ich geträumt, daß ich Büffels und andres Viehzeug gleich herdenweise geschossen habe! Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Ja,“ nickte der Lange. „Du hast die Heldenthaten alle im Traume zu verrichten, und wenn du dann aufwachst, ist es mit dem Heldentum vorbei.“

„Blamiere mich nicht! Ich versuche wenigstens im Schlafe ein tüchtiger Kerl zu sein; du aber bleibst im Wachen und Schlafen das alte, ungeschickte Coon.“

„Ungeschickt? Bring mir den größten Grizzly her, den es auf Erden geben kann, so sollst du erfahren, wer geschickter ist, du oder ich!“

Die Art und Weise, in welcher Winnetou von den grauen Bären dieses Kui-erant-yuaw gesprochen hatte, interessierte mich in hohem Grade. Der Grizzly pflegt ja nicht in Gesellschaften beisammen zu leben; aus den Worten des Apatschen aber war zu entnehmen, daß man da schon mehrere zugleich getroffen hatte. Darum erkundigte ich mich bei ihm:

„Leben die Bären dieses Thales nicht so einsam wie diejenigen anderer Gegenden?“

„Kein Grizzly ist gesellig,“ antwortete er. „Es zieht sich sogar seine Frau von ihm zurück, sobald sie junge hat, weil er ein sehr liebloser Vater ist und seine Kinder gern verzehrt. Aber wenn mein Bruder dieses Thal zu sehen bekommt, wird er sich nicht darüber wundern, daß die grauen Bären dort häufiger als sonst irgendwo anzutreffen sind. Wenn die Büffel der Felsenparks sich auf der Wanderung befinden, müssen sie durch das Kui-erant-yuaw ziehen; das lockt die Bären herbei und hält sie fest. Die Gegend ist so abgelegen und zugleich auch so verrufen, daß selten ein Jäger sie aufsucht; es giebt Beeren in großer Menge, welche der Grizzly liebt, und in den wilden Seitenschluchten des Thales kann er wohnen, ohne von seinesgleichen belästigt zu werden. Dennoch kommen, besonders zur Paarungszeit, furchtbare Kämpfe zwischen ihnen vor, denn man hat die Überreste der Besiegten gefunden, denen es anzusehen war, daß sie von keinem Jäger erlegt worden waren. Wenn wir Zeit hätten, würden wir da bleiben, um zu jagen.“

Ja, wir hatten leider keine Zeit, und dennoch war es uns vorbehalten, eine längere Dauer, als wir jetzt ahnten, in dem verrufenen Thal auszuhalten.

Wie hoch die schräg ansteigende Felsenwand war, welche unsere Pferde zu erklimmen hatten, läßt sich daraus ersehen, daß wir über eine Stunde brauchten, ehe wir die Höhe erreichten. Droben gab es ein lang gestrecktes, auch bewaldetes Plateau, welches von zahlreichen Klüften zerrissen wurde und sich jenseits sehr steil abwärts senkte.

Unten lag das „Bärenthal“, auf welches wir aber des Waldes wegen jetzt noch keine Aussicht hatten. Winnetou leitete uns nach einer der Klüfte, welche durch ein rauschendes Gebirgswasser gerissen worden war; sie fiel so schnell in die Tiefe, daß wir absteigen und die Pferde führen mußten. Erwähnen muß ich, daß der Ritt von der Schmiede bis hierher mich nicht sehr angestrengt und das Fieber sich nicht wiederholt hatte. Schmerzen, und zwar nicht unbedeutende, verursachte mir die Wunde freilich, aber das war doch kein Grund, etwa anzuhalten oder gar auf dem Faulpelze liegen zu bleiben.

Unten angekommen, konnten wir einen Teil des „Bärenthales“ überblicken. Es war da, wo wir uns befanden, wenigstens eine englische Meile breit. Auf seiner Sohle floß ein Creek, welcher von den rechts und links herbeirauschenden Bergwassern gespeist wurde. Zahlreiche von oben herabgestürzte Felsblöcke lagen zerstreut umher und boten mit dem sie umgebenden Strauchwerke den Tieren dieser Wildnis willkommene Verstecke. Zu beiden Seiten gab es Schluchten wie diejenige, in welcher wir herabgekommen waren. Einzelne breitwipfelige Riesenbäume ragten gen Himmel, und an den Thalwänden stieg der mit dornigem Gestrüpp unterholzte Wald zu den Höhen auf. Es konnte gar keinen bessern Aufenthalt für graue Bären geben, und daß diesen Tieren, falls sich jetzt welche hier befanden, reichlich Nahrung geboten war, das ersahen wir aus den Büffelfährten, welche zahlreich zu erkennen waren.

Die eigentliche Zeit der großen Büffelwanderung war noch nicht gekommen, aber die Bisons, welche sich während des Sommers auf den hochgelegenen und also kälteren Gebirgswiesen aufgehalten hatten, waren doch schon herniedergestiegen und durch das Thal gekommen. Der Buffalo, besonders in seinen älteren, starken Exemplaren, ist das einzige Tier, welches es mit dem Grizzly aufzunehmen wagt; der graue Bär erreicht eine Schwere bis zu zehn und der Bison eine solche bis über zwanzig Zentner; was für gewaltige Kämpfe mußte dieses stille, weit abgelegene Kui-erant-yuaw wohl schon gesehen haben!

Wir durchquerten es, ohne uns um die Büffelspuren zu kümmern, und hielten auf eine Seitenschlucht zu, weiche, wie Winnetou wußte, jenseits mit verhältnismäßiger Bequemlichkeit zur Höhe führte.

Auch sie hatte einen, allerdings kleinen, schmalen Spring, welcher sich in zahlreichen dünnen Kaskaden abwärts stürzte und uns den nötigen Raum zum Aufstieg ließ. Wir mochten die halbe Höhe erreicht haben, als der Apatsche, welcher voranritt, anhielt und vom Pferde sprang. Er untersuchte den vielfach zerrissenen, oft mit Gras und Moos bedeckten Boden mit ungewöhnlicher Sorgfalt und sagte dann:

„Wenn wir Zeit hätten, könnten wir uns jetzt das Fell eines grauen Bären holen. Er ist hier von rechts her quer über die Schlucht gewechselt und wird sein Lager wahrscheinlich da links drin in den Felsen haben.“

Wir waren natürlich alle auch schnell von den Pferden herunter, um die Spur anzusprechen. Winnetou wies die Gefährten mit den Worten zurück:

„Meine Brüder mögen stehen bleiben, um die Fährte nicht zu verderben! Nur Old Shatterhand mag her zu mir kommen!“

Ich ging hin. Es hatten die scharfen Augen des Apatschen dazu gehört, sie zu entdecken. Wir beide folgten ihr über den Spring hinüber, wo sie deutlicher wurde. Es mußte ein alter, sehr starker „Vater Ephraim“ sein, von dem sie stammte. – Der Westmann nennt den Grizzly nämlich „Vater Ephraim“. – Die Spuren der gewaltigen Tatzen waren hier ganz deutlich zu sehen, und als wir ein Stück weitergeklettert waren, zeigten die von den Seiten herankommenden Gänge, daß wir wirklich das Lager des Bären vor uns hatten.

Ich fühlte große Lust, diesem Ephraim einen Besuch abzustatten, und sah Winnetou fragend an. Er schüttelte den Kopf und kletterte zurück. Wir mußten freilich annehmen, keine Zeit zu haben, und uns mit dem schweren Pelz des Bären zu schleppen, war auch nicht grad bequem. Als wir drüben wieder ankamen, sah ich die Augen Schahko Mattos und Apanatschkas leuchten; sie sagten aber nichts, doch Hammerdull fragte: „Liegt einer drüben?“

„Ja,“ nickte ich.

Well– den holen wir uns!“

„Nein; wir lassen ihn in Ruhe.“

„Aber warum? Ein Bärenlager zu finden, ohne das Nest auszunehmen, ist doch grad so, wie eine Bonanza zu entdecken und das Gold liegen zu lassen! Ich kann das wirklich nicht begreifen!“

„Wir müssen fort.“

„Ja, aber erst dann, wenn wir dem Kerl eins auf den Pelz gebrannt haben!“

„Das ist nicht so leicht und geht nicht so schnell, wie Ihr denkt, lieber Hammerdull. Ihr müßt in Betracht ziehen, daß wir dabei das Leben riskieren.“

„Ob wir es riskieren oder nicht, das bleibt sich gleich, wenn er es uns nur nicht nimmt. Ich schlage also vor, daß wir uns jetzt mit – –“

„Mein Bruder Hammerdull mag uns folgen, ohne etwas vorzuschlagen,“ unterbrach ihn Winnetou, indem er aufstieg und weiterritt.

„Welch ein großer Fehler!“ brummte der Kleine mißmutig, indem er sich auf seine alte Stute schwang. „Haben das Nest so schön vor uns liegen und lassen die Eier drin! Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Daß das gefährliche Eier sind, lieber Dick. Lassen wir sie drin!“ antwortete der Lange.

„Gefährlich? Möchte wissen! Ein Grizzly ist ein Grizzly, weiter nichts!“

Mir that es auch leid, dieses „Nest“ liegen lassen zu müssen, ohne die Eier, wie er sich ausdrückte, ausnehmen zu dürfen; aber Winnetou hatte recht. Wenn wir auch nicht grad das Leben gewagt hätten, so muß man bei einer Begegnung mit dem grauen Bären auf einen Unfall doch immer gefaßt sein, und ich hatte an meiner Wunde schon genug!

Kurz, nachdem wir die jenseitige Höhe erreicht hatten, gelangten wir an den Rand einer jener Lichtungen, welche in den Rocky-Mountains „Parks“ genannt werden. Dieser Park lief wohl zwei englische Meilen lang auf der Höhe hin und war durchschnittlich eine halbe Meile breit. Einzelne schattige Bäume oder Baumgruppen und boskettartig verteiltes Strauchwerk gaben ihm das Aussehen eines künstlich angelegten Geheges. Vom jenseitigen Rande an senkte sich der Wald allmählich wieder in ein breites Thal hinab.

Der Park war fast genau von Süd nach Nord gerichtet, und wir befanden uns in der nach Südost gelegenen Ecke desselben, von wo aus wir am südlichen Rande weiterritten, um noch vor Abend in das nächste Thal hinabzukommen und dort Halt zu machen. Indem wir dies thaten, sah ich im Nordwesten eine Krähenschar, welche, von Zeit zu Zeit über dem Walde in die Luft steigend, sich immer wieder niedersenkte, und zwar nicht an einer und derselben Stelle, sondern in fortlaufender Weise. Das mußte mir auffallen. Auch Winnetou hielt den Blick nach der betreffenden Gegend gerichtet, um die Krähen zu beobachten. Die andern wurden auch aufmerksam, und Schahko Matto sagte:

„Uff! Dort kommen Leute aus dem Thale herauf. Die Krähen fliegen von Zeit zu Zeit auf, weil sie von diesen Leuten gestört werden.“

„Die Vermutung des Häuptlings der Osagen wird wohl richtig sein,“ antwortete ich. „Auch ich nehme an, daß dort Menschen kommen, und zwar nicht wenige, weil die Vögel sich vor zwei oder drei Personen nicht so sehr scheuen würden, wie es dort geschieht.“

„Müssen wir nicht zu erfahren suchen, wer es denn ist?“

„Eigentlich haben wir keine Zeit dazu. Wenn wir uns hier verweilen, kommen wir nicht vor Abend in das Thal hinab. Winnetou mag bestimmen, ob das Erscheinen so vieler Leute wichtig genug für uns ist, hier zu bleiben und sie zu beobachten.“

„Es müssen Indianer sein,“ erklärte der Apatsche.

„Das ist für uns bedenklich! Was wollen sie auf dieser Seite des Gebirges? Wenn es wirklich Indianer sind, so können sie nur dem Volke der Utahs angehören, deren Paßpfade weiter nördlich liegen.“

„Mein Bruder Shatterhand hat recht. Was wollen sie hier? Wir müssen das zu erfahren suchen. Da wir aber nicht wissen, welche Richtung sie nehmen werden, wenn sie diesen Park erreicht haben, so müssen wir in den Wald zurück und da warten, bis sie kommen.“

Ich war, ein höchst seltener Fall, diesmal nicht mit Winnetou einverstanden; darum sagte ich in dem höflichen Tone, der unter Freunden erst recht geboten ist:

„Mein Bruder möge es verzeihen, daß ich lieber nicht hier warten möchte!“

„Warum nicht?“ fragte er.

„Wenn wir hier warten und sie dann sehen wollen, müssen wir ihnen nachreiten, sobald sie den nördlichen Rand des Parks erreicht haben. Das giebt bis dorthin einen Weg von zwei Meilen. Da sie nicht halten, sondern weiterreiten werden, müssen wir ihrer Spur folgen, was sehr schwer sein wird, weil es inzwischen dunkel geworden ist.“

„Mein Bruder hat recht,“ stimmte er bei.

„Ich möchte sie im Vorbeireiten beobachten!“

„Dazu ist die Zeit zu kurz. Ja, wir beide kämen noch hin, weil wir die besten Pferde haben, aber unsere Gefährten nicht.“

„So reiten wir allein, und die Kameraden mögen uns langsamer nachkommen. Da wir auf dem offenen Parke keine Spuren machen dürfen, haben sie sich längs dieses Waldrandes unter den Bäumen zu halten und sich drüben bei der andern Ecke, auch immer am Rande hin, nordwärts zu wenden. Sie sehen die hohe Baumgruppe, welche da oben hoch über den Wipfeln emporragt; dort mögen sie uns erwarten.“

„Winnetou. stimmt seinem Bruder bei; sie mögen dort auf uns warten, aber ja kein Feuer anzünden, durch welches sie sich verraten würden!“

Wir trennten uns also von ihnen und jagten unter den Bäumen des Waldrandes erst west- und dann, als wir die südwestliche Ecke erreicht hatten, nordwärts. Das wurde uns nur dadurch möglich, daß die Bäume nicht dicht beisammenstanden; dennoch mußten wir gut aufpassen, denn es gab hervorragende Wurzeln und maskierte Löcher genug, welche uns zu Falle bringen konnten.

Unser jetziger Weg war, da er eine Ecke bildete, fast drei Meilen lang, während es von da aus, wo wir die Krähen über dem Walde gesehen hatten, bis zum Parke nur wenig über eine halbe Meile war; aber die Ankömmlinge ritten bergauf, also wahrscheinlich langsam, und wir flogen in schlankem, wenn auch vorsichtigem Galoppe hin, so daß wir hoffen durften, noch vor ihnen an der nordwestlichen Ecke des Parks anzukommen.

Bevor wir diese erreicht hatten, hielten wir an, um unsere Pferde zurückzulassen. Wir banden sie an einer dazu geeigneten Stelle an und gingen dann zu Fuße weiter, bis wir an den obern Rand einer Vertiefung gelangten, welche hinunter in das Thal zu führen schien. Dies war jedenfalls der Weg, auf welchem die Erwarteten heraufgeritten kamen. Sie waren noch nicht vorüber, denn als wir uns zwischen den Sträuchern so weit vorschoben, wie es möglich war, und hinunter in die Vertiefung blickten, war keine Spur, weder eines Menschen noch eines Pferdes, zu sehen.

Erfreut darüber, daß wir noch zur rechten Zeit gekommen waren, lauschten wir gespannt nach unten. Es dauerte nicht lange, so hörten wir die nahenden Schritte eines Pferdes. Sollten wir uns geirrt haben? Sollte es ein einzelner Reiter anstatt einer ganzen Schar sein? Höchst unwahrscheinlich! jedenfalls ritt einer als Späher voran.

Jetzt erschien er. Wir sahen erst seinen Kopf über das Gesträuch ragen, und dann erblickten wir ihn und sein Pferd in voller Gestalt. Es war ein Utah-Indianer, und zwar ein Häuptling; er hatte zwei Adlerfedern in dem Haarschopfe stecken. Sein Pferd – –

Mein Himmel! Sein Pferd –! ja, sah ich denn recht? Das war ja ganz genau, Haar für Haar, das Pferd, welches ich damals dem Häuptling der Komantschen aus dem Kaam-kulano entführt und später Old Surehand geschenkt hatte! Winnetou stieß mich an und sagte leise:

„Uff! Dein Komantschenpferd! Das Pferd unsers Bruders Surehand!“

„Ja, es ist es; es ist es ganz gewiß!“ antwortete ich ebenso leise.

„Wenn sie ihn gefangen und getötet hätten!“

„Dann wehe ihnen! Kennst du diesen Roten?“

„Ich kenne ihn. Es ist Tusahga Saritsch, der Häuptling der Utahs vom Capote-Stamme. Ich habe ihn schon mehrmals gesehen.“

„Was für ein Krieger?“

„Nicht tapfer, sondern falsch und voller Hinterlist.“

„Wollen warten und seine Krieger sehen!“

Der Häuptling war vorüber. Nun kamen seine Leute, nach Indianerart, einer hinter dem andern. Wir zählten zweiundfünfzig Mann. In ihrer Mitte ritt auf einem alten Klepper – – – Old Surehand, an den Händen gefesselt und mit den Füßen an das Pferd gebunden.

Wie war er in die Hände der Utahs gefallen? Das fragten wir uns natürlich. Er sah leidend, aber keineswegs niedergeschlagen aus. Es war anzunehmen, daß er sich schon einige Tage bei diesen Roten befand, die ihn wahrscheinlich schlecht behandelt und ihm keine Nahrung gegeben hatten.

Es war jetzt nichts, gar nichts für ihn zu thun. Wir mußten sie vorüberreiten lassen, doch stand fest, daß wir alles zu seiner Befreiung aufzuwenden und zu wagen hatten. Als wir die Schritte ihrer Pferde nicht mehr hörten, krochen wir aus dem Gebüsch, um ihnen vorsichtig zu folgen. Es verstand sich natürlich ganz von selbst, daß wir erfahren mußten, wo sie ihr Lager aufschlagen würden.

Als sie den Park erreicht hatten, ritten sie am nördlichen Rande desselben hin, doch gar nicht weit; dann stiegen sie von den Pferden. Wir sahen bald, daß sie an dieser Stelle bleiben wollten, und kehrten darum zu unsern Pferden zurück, um nach der hohen Baumgruppe zu reiten, wohin wir unsere Gefährten bestellt hatten.

Sie waren schon dort angekommen und warteten auf uns. Es läßt sich denken, welchen Eindruck das, was wir ihnen erzählten, auf sie machte. Sie wollten wissen, was wir zu thun beschlossen hatten, doch konnten wir es ihnen nicht sagen, weil wir es selbst noch nicht wußten. Es kam ja alles darauf an, in welcher Absicht die Utahs hierhergekommen waren, was sie mit Old Surehand vorhatten und welcher Art Gelegenheit sich uns bot, ihm zu Hilfe zu kommen.

Zunächst mußten wir das nächtliche Dunkel erwarten, um sie ungesehen beschleichen zu können. Die Dämmerung war zwar schon nahe, doch mußte es für unser Vorhaben vollständig finster sein. Inzwischen sah Winnetou nach meiner Wunde, die er in zufriedenstellendem Zustande fand.

Als dann das erste, tiefe Dunkel des Abends hereingebrochen war, machten wir uns nach dem Lagerplatze der Utahs auf.

Wir gingen natürlich nicht über den offenen Park hinüber, sondern wieder am Rande desselben hin und bogen an der Ecke rechts ab. Nicht lange, so sahen wir mehrere Feuer brennen, deren Rauch wir schon vorher gerochen hatten. Daß sie nicht unter freiem Himmel, sondern unter den Bäumen angezündet worden waren, konnte uns nur lieb sein, weil uns eben diese Bäume Deckung gaben. Nur die Pferde waren draußen angehobbelt und wurden von zwei Roten bewacht, welche gelangweilt auf und ab spazierten.

Wir drangen links in den Wald ein, um von hinten an die Roten zu kommen, was uns ganz vortrefflich gelang. Es gab da hohe, kräftige Farnpflanzen, durch die wir uns bis fast ganz an sie heranschieben konnten. Freilich gehörte große Geschicklichkeit und viel Zeit dazu, dies zu thun, denn die geringste Berührung an den untern Teilen der Wedel hatte oben eine sehr auffällige Bewegung derselben zur Folge. Wir vereinfachten das, indem der Apatsche vorankroch und ich ihm folgte und wir uns erst dann trennten, als wir möglichst weit gekommen waren. Auf diese Weise hatten wir uns nicht zwei Wege, sondern nur einen zu bahnen und ersparten die Hälfte der Arbeit, welche auf unserm Rückzuge vorzunehmen war.

Mit dieser Arbeit meine ich die Vertilgung unserer Spuren. Die Indsmen durften morgen früh, wenn es hell geworden war, natürlich nicht sehen, daß sich jemand in den Farn befunden hatte. Wie schwer und zeitraubend eine solche Arbeit ist, brauche ich wohl nicht zu sagen. Es muß, indem man sich rückwärts bewegt, jede einzelne Pflanze, ja jeder einzelne Wedel gerichtet und auch der Boden von jedem Eindrucke der Hände und der Füße gesäubert werden.

Tusahga Saritsch saß, mit dem Rücken an einem Stamme lehnend und uns sein linkes Profil zukehrend, an einem Feuer, welches fast seine Füße berührte. Jenseits dieses Feuers war Old Surehand ihm gegenüber an einen Baum gebunden; außerdem hatte man ihm die Hände und die Füße gefesselt. Seine lange, braune Haarmähne hing ihm wirr und ungeordnet bis auf den Waldboden herab. Das gab ihm eine Ähnlichkeit mit Winnetou, noch größere aber – – – mit Kolma Puschi, dem geheimnisvollen Indianer, eine Ähnlichkeit, welche mir jetzt, da ich ihn vor mir hatte, geradezu auffallend vorkam.

Wir sahen an den herumliegenden Resten, daß die Utahs gegessen hatten. Wahrscheinlich hatte Old Surehand nichts bekommen. Es war für ihn ganz unmöglich, unsere Gegenwart zu ahnen; er wußte ja nicht, daß ich in Jefferson-City gewesen, dort von seinem Vorhaben gehört hatte und ihm nachgeritten war. Ich hätte ihm jetzt wohl ein Zeichen geben können, welches er von früher her kannte, war aber so vorsichtig, dies nicht zu thun, da ich die Größe seiner Überraschung in Berechnung ziehen mußte. Es war anzunehmen, daß er uns durch sie verraten würde.

Wir lagen über eine halbe Stunde lang, ohne etwas Wichtiges zu hören. Die Indianer sprachen miteinander, doch nichts, was uns interessieren konnte. Vom Zwecke ihres jetzigen Rittes war kein Wort dabei. Der Häuptling verhielt sich vollständig schweigend; er bewegte sich kaum einmal leise. Sein Gesicht und seine Gestalt schienen aus Holz geschnitzt zu sein. Nur in seinen Augen war Leben; sie blickten wieder und immer wieder mit dem Ausdrucke befriedigten Hasses zu dem Gefangenen hinüber. Dieser saß auch fast unbeweglich. Die Augenlider stets niedergeschlagen, hatte er das Aussehen, als ob er sich in einer so verächtlichen, ihm so gleichgültigen Umgebung befinde, daß es sich gar nicht verlohne, auch nur mit der Wimper zu zucken. Gab es ein bezeichnendes Wort für seine Haltung, so war es nur das eine: der personifizierte Stolz!

Nach der angegebenen Zeit war in der Ferne die Stimme eines Bergwolfes zu hören, worauf eine zweite, dann eine dritte und vierte Stimme antwortete. Dies gab dem Häuptling Veranlassung, sein Schweigen zu brechen:

„Hört das Bleichgesicht die Wölfe? Sie streiten sich um die Knochen, welche ihnen der Kui-eran von seiner Mahlzeit übrig gelassen hat.“

Old Surehand antwortete nicht. Der Häuptling der Utahs fuhr fort: „So werden sie sich morgen abend auch um deine Gebeine streiten!“

Da der Gefangene auch jetzt schwieg, fuhr ihn Tusahga Saritsch zornig an:

„Warum redest du nicht? Weißt du nicht, daß man zu antworten hat, wenn ein berühmter Häuptling den Mund öffnet, eine Frage auszusprechen?“

„Berühmt? Pshaw!“ ließ sich Old Surehand jetzt verächtlich hören.

„Zweifelst du daran?“

„Ja.“

„So kennst du mich nicht!“

„Das ist es ja! Ich habe dich nicht gekannt, bis ich dich sah; ich hatte noch nicht ein einziges Mal deinen Namen gehört. Kannst du da berühmt sein?“

„Ist nur der berühmt, dessen Namen grad deine Ohren gehört haben?“

„Wer den Westen so kennt wie ich, kennt auch den Namen jedes berühmten Mannes!“

„Uff! Du willst mich beleidigen, nur damit ich dich schnell töte! Das wird aber nicht geschehen. Du sollst dem grauen Bären gegenüberstehen!“

„Damit du dich dann mit seinem Felle, seinen Ohren, seinen Krallen und seinen Zähnen schmücken und die Lüge sagen kannst, du habest ihn erlegt!“

„Schweig!. Es sind über fünfzig Krieger hier, welche wissen werden, daß ich ihn nicht getötet habe. Wie kann ich da so sagen, wie du sprichst?!“

„Wer feig ist, ist zu jeder Lüge fähig. Warum schickt ihr mich in das Thal der Bären? Warum wollt ihr nicht selbst hinunterreiten?“

„Wer uns Feiglinge nennt, ist ein Coyote, dessen Stimme wir verachten!“

„Wenn du von Verachtung redest, so verachte dich nur selbst!“

„Hund! Hast du nicht bei der Beratung gesessen und jedes Wort vernommen, als wir über dich beschlossen haben? Du hast unsere beiden Krieger ermordet, welche Vater und Sohn waren, der alte Bär und der „Junge Bär genannt. Beide trugen ihre Namen davon, daß sie den mächtigen grauen Bären des Felsengebirges erlegt hatten; sie waren sehr berühmte Krieger – –“

„Feiglinge waren sie!“ fiel Old Surehand ihm in die Rede. „Feiglinge, die mich von rückwärts überfielen! Ich tötete sie, indem ich mich gegen sie wehrte, im offenen, ehrlichen Kampfe. Wäret ihr nicht so viele über mich gekommen, fünfzig gegen einen, und wäre ich auf diesen Kampf vorbereitet gewesen und nicht hinterrücks angegriffen worden, so hättet ihr mich anders kennen gelernt, als es geschehen ist!“

„Jeder rote Mann kennt die Bleichgesichter; sie sind blutdürstig und räuberisch wie die wilden Tiere und müssen als solche behandelt werden. Wer da glaubt, sie seien eines ehrlichen Kampfes wert, der wird von ihnen ausgelöscht. Du bist ein Bleichgesicht, doch vermute ich, daß du rotes Blut in den Adern hast; das aber sind die Schlimmsten, die es giebt.“

Diese Worte des Häuptlings frappierten mich. Old Surehand rotes Blut in den Adern! Er hatte nicht das Äußere und noch viel weniger den Charakter eines Mestizen; aber es hatte mir doch schon oft, wenn ich still und ihn beobachtend bei ihm saß, geschienen, als ob etwas Indianisches an ihm sei; ich hatte nur nicht finden können, worin das eigentlich lag. Nun sprach der Utah diesen Gedanken offen aus, und als ihm hierauf die Augen Old Surehands in tiefer, aber verhaltener Glut entgegenleuchteten, wurde mir wenigstens soviel klar: das waren Indianeraugen! Der Utah fuhr fort:

„Der Tod des jungen und des alten Bären muß gerächt werden. Wir können dich nicht mit nach dem Lager unsers Volkes nehmen, um dich dort am Marterpfahle sterben zu lassen, denn das liegt zu fern von hier; darum haben wir einen andern Tod für dich beschlossen: Du hast die beiden Bären getötet und sollst nun dafür auch von den Bären getötet werden. Liegt darin etwa eine Feigheit von unserer Seite?“

„Darin nicht, aber in der Weise, in welcher ihr es ausführen wollt.“

„Das ist keine Feigheit, sondern eine Milde gegen dich!“

Pshaw! Ihr getraut euch nicht in das Thal der Bären hinunter!“

„Wahre deine Zunge, Hund! Ist es nicht ein großes Vertrauen, welches wir dir erweisen, indem wir dich zwei Tage lang früh allein fortgehen lassen und deinem Worte glauben, daß du abends wiederkommst?“

„Wie verhält sich dieses Vertrauen zu den Worten, welche du vorhin über die Bleichgesichter gesprochen hast? Warum schenkt ihr mir diesen Glauben?“

„Weil wir wissen, daß Old Surehand hält, was er versprochen hat. Er ist in dieser Beziehung ganz wie Old Firehand und Old Shatterhand.“

„Kennst du diese beiden weißen Jäger?“

„Ich habe keinen von ihnen gesehen; aber ich weiß, daß sie nie ihr Wort brechen würden. Ganz dasselbe weiß ich auch von dir. Ihr seid die einzigen Bleichgesichter, denen man Glauben und Vertrauen schenken kann, obgleich ihr wie alle Bleichgesichter doch Feinde der roten Männer seid. Glaubst du etwa, durch deine Reden unser Urteil über dich abändern zu können?“

„Dies zu glauben, fällt mir gar nicht ein. Ich kenne euch nur zu genau!“

„Du willst damit sagen, daß auch wir Wort zu halten verstehen. Es bleibt bei dem, was über dich beschlossen worden ist. Wir geben dich morgen früh, sobald es Tag geworden ist, frei, um in das Thal der Bären hinabzusteigen. Du bekommst dein Messer und dein Gewehr. Am Abend kommst du zurück und darfst am nächsten Morgen wieder gehen, um am Abend abermals hier einzutreffen. Hast du in diesen zwei Tagen vier Bären erlegt, deren Felle du bringst, so ist dir das Leben geschenkt.“

„Das Leben, aber nicht die Freiheit?“

„Nein. Die Freiheit bekommst du erst dann, wenn du mit uns reitest und eine unserer Töchter zur Squaw nimmst. Wir haben durch dich zwei tapfere Krieger verloren, und dafür sollst du ein Krieger unsers Stammes werden, wenn du nicht von den Bären aufgefressen wirst.“

„Darauf gehe ich nicht ein; das habe ich euch schon wiederholt gesagt.“

„Das wird sich finden. Wir werden dich zu zwingen wissen!“

Pshaw! Old Surehand läßt sich nicht zwingen!“

„Diesmal doch! Ich gebe dir mein Wort. Du wärst nur dann nicht zu zwingen, wenn du dein Versprechen brächest und nicht wiederkämst. Wir wissen aber, daß dies nicht geschehen wird. Du wirst nur dann nicht zu uns zurückkehren, wenn die Tatzen und die Zähne der Bären dich zerrissen haben.“

Well! Ich werde nicht zerrissen und komme auf alle Fälle wieder. Hier grad am Waldesrande hin führt eine Schlucht in das Bärenthal hinunter; da werde ich meinen Weg hinab nehmen und auf demselben auch zurückkehren. Sollte ich aber doch nicht wiederkommen, werdet ihr da nach mir suchen?“

„Nein. Kommst du nicht, so bist du tot und aufgefressen worden.“

„Ich könnte aber doch auch nur verwundet sein!“

„Nein. Ein Mensch, der so verwundet ist, daß er nicht gehen kann, muß unbedingt ein Fraß der wilden Tiere werden. Wir suchen also nicht!“

„Sag doch die Wahrheit ehrlich heraus: Ihr fürchtet Euch vor den grauen Bären!“

„Schweig! Sind wir nicht über fünfzig Krieger?! Es giebt keinen unter uns, der sich scheuen würde, den Grizzly allein anzugreifen. Woher soll die Furcht kommen, wenn wir so viele sind? Wir warten hier, ob du vier Felle bringst, für den Jungen Bären zwei und für den alten Bären zwei. Kommst du lebend, ohne sie zu bringen, so wirst du erschossen; kommst du nicht, so bist du tot, und die beiden Bären sind gerächt. So wurde es beschlossen, und dabei wird es bleiben. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er machte mit den Händen ein Zeichen, daß er nichts mehr hören wolle, und lehnte sich wieder an den Baum. Wir warteten noch über eine Viertelstunde, und als bis dahin keiner von ihnen den Mund wieder geöffnet hatte, wußten wir, daß nun nichts mehr zu erfahren sei und verließen in der vorhin angegebenen Weise unsern Lauscherposten.

Das Auslöschen unserer Spuren war nur dadurch möglich, daß die Utahs Feuer brennen hatten. Indem wir, tief am Boden liegend, gegen diese Feuer blickten, erhielten wir das dazu nötige Licht, und doch dauerte es wohl eine Stunde lang, ehe wir uns sagen konnten, daß am nächsten Morgen nichts mehr von unserer Anwesenheit zu sehen sein werde.

Wir hatten eben das Famgestrüpp verlassen und wollten noch eine Strecke weiter zurückkriechen, bis wo wir uns aufrichten konnten, als der Häuptling sich am Feuer emporrichtete und seine Befehle für die Nacht erteilte. Wir hörten, daß alle Feuer bis auf eines ausgelöscht werden und die Roten sich um dieses und den Gefangenen in einem Doppelkreise lagern sollten. Außerdem sollten zwei Wachen unausgesetzt um das Lager patrouillieren, weil die Nähe des „Bärenthales“ die Möglichkeit zuließ, daß sich ein Grizzly hierher verirren könne.

Diese Vorsicht war allerdings geboten, zumal ein großer Teil der Utahs nur Lanzen, Bogen und Pfeile besaß, uns aber kam sie äußerst ungelegen. Nahmen wir uns vor, Old Surehand heut während der Nacht zu befreien, so wurde dies durch den Doppelkreis außerordentlich erschwert und durch die Posten, wenn wir nicht Blut vergießen wollten, fast unmöglich gemacht. Diese waren gewiß aus Angst vor den Bären doppelt aufmerksam, und wenn Winnetou und ich uns auch vorgenommen hätten, sie in unserer gewöhnlichen Weise zu überraschen, so mußten wir uns außerdem sagen, daß die anderen alle nur mit Sorgen, also leise schlafen würden. Die Art und Weise, in welcher ich Apanatschka aus der Hand der Osagen und Kolma Puschi uns aus der Gefangenschaft der Tramps befreit hatte, war hier unmöglich anzuwenden.

Während die Utahs die Befehle ihres Häuptlings ausführten, verursachten sie so viel Geräusch, daß wir uns leicht und unbemerkt entfernen konnten. Winnetou ging dann neben mir her, ohne ein Wort zu sagen. Er überlegte, doch wie ich ihn kannte, wußte ich, daß er nicht zu den Gefährten treten werde, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben.

Ich hatte mich nicht geirrt. Wir waren noch ziemlich weit von ihnen entfernt, da blieb er stehen und sagte in seiner bestimmten Weise:

„Mein Bruder Shatterhand ist überzeugt, daß wir heut nichts thun können?“

„Leider, ja,“ antwortete ich.

„Die Überwältigung der Posten würde uns wohl gelingen; aber es sind auch noch zwei bei den Pferden, und die Utahs schlafen leise.“

„Es würde dennoch gehen, wenn wir es auf einen Kampf ankommen ließen und bei demselben unser Leben wagten. Ich bin aber nicht dafür.“

„Winnetou auch nicht. Was man ohne Wagnis bekommen kann, das soll man ohne Wagnis nehmen. Wir werden also warten bis morgen früh.“

„Da reiten wir in das Bärenthal zurück?“

„Ja, um mit Old Surehand zu sprechen.“

„Welche Überraschung und welche Freude für ihn, wenn er uns sieht!“

„Sein Herz wird voller Wonne sein! Mit uns reiten aber wird er nicht.“

„Nein; er hält unbedingt sein Wort.“

„Uff! Von einem Grizzly wissen wir, wo er sein Lager hat. Man sagt, es seien im Bärenthale stets mehrere zu finden. Wenn das wahr wäre!“

„Das ist eine außerordentliche, meines roten Bruders würdige Idee!“

„Dann könnte Old Surehand die Felle bringen!“

„Seine Lage würde aber dadurch auch nicht sehr geändert sein. Er soll in diesem Falle ja nur das Leben, nicht aber die Freiheit geschenkt erhalten.“

„Mein Bruder hat recht; wir sind auf alle Fälle gezwungen, ihn zu befreien. Aber wenn er die Felle erbeutet hat, kann er mit uns gehen, sonst nicht. Er hat nicht versprochen, mit zu den Utahs zu gehen und sich dort eine Squaw zu nehmen.“

„Gut, suchen wir morgen nach Bärenfährten! Aber da denke ich an unsere eigenen Spuren. Die Utahs werden morgen den ganzen Tag durch den Park schwärmen und den Ort entdecken, wo wir heut lagern.“

„Uff! Wir dürfen nicht da liegen bleiben. Wo aber gehen wir hin?“

„Wir müssen den Park und auch die Umgebung desselben vermeiden, weil unsere Spuren da unbedingt gefunden werden. Es giebt da nur zweierlei: Entweder reiten wir weiter, in das Thal hier hinab, aus welchem die Utah gekommen sind. Das geht nicht, wegen der Dunkelheit und weil wir morgen früh doch zurück müßten. Oder wir begeben uns wieder in das Bärenthal hinab, wo wir morgen gleich an Ort und Stelle wären. Es ist das bei der jetzigen Finsternis freilich eine böse Sache, aber wir kennen die Schlucht noch von heut, und wenn wir die Pferde führen und recht langsam gehen, wird es sich vielleicht ermöglichen lassen. Freilich müssen wir dabei bedenken, daß der Grizzly sein Lager so nahe an unserm Wege hat. Ich meinerseits fürchte mich nicht.“

„Auch Winnetou läßt sich dadurch nicht abhalten, und wenn wir beide vorangehen, sind die andern sicher. Unsere Pferde würden die Nähe des Bären verkünden. Und gegen die Finsternis giebt es ein Mittel. Winnetou hat im obern Teile der Schlucht einen ganz dürren Tago-tsi stehen sehen, der uns Fackeln geben wird.“

„Schön! Also wieder in das Bärenthal hinab?“

„Ja. Was den Bär betrifft, so würden wir sein Nahen wegen dem Geräusch des Springs nicht hören können, doch werden unsere Augen desto offener sein.“

„Und die Fährte, welche wir jetzt über den Park machen? Denn wir können uns nicht wieder an seinem Rande halten, sondern müssen ihn durchqueren.“

„Winnetou wird sie mit seiner Decke auslöschen. Howgh!“

Dieses Howgh besagte, daß wir mit unserer Beratung zu Ende seien, und wir gingen nun zu den Gefährten, um ihnen zu sagen, wen wir gesehen und was wir erfahren und hernach beschlossen hatten. Unsere Mitteilung brachte die von uns vorhergewußte Wirkung hervor, besonders bei denen, welche Old Surehand schon kannten, nämlich Apanatschka, Hammerdull und Holbers. Unser Bericht war ganz kurz gewesen; sie wollten ihn ausführlich haben; Winnetou wies sie mit den Worten zurück:

„Meine Brüder mögen warten, bis wir mehr Zeit haben als jetzt. Es gilt vor allen Dingen, unsere Spuren hier an diesem Orte zu vernichten, und das erfordert eine lange Zeit.“

Er machte sich mit Schahko Matto und Apanatschka an diese schwierige Arbeit, weil mir das Bücken Schmerzen bereitete; dann stiegen wir auf und ritten quer über den Park hinüber und auf die Mündung der Schlucht zu, aus welcher wir heut gekommen waren. Wir ritten in Indianerreihe, und Winnetou machte den letzten, um mit seiner am Lasso hinter dem Pferde herschleifenden Decke die niedergetretenen Gräser wieder aufzurichten. An der Schlucht angelangt, stiegen wir ab, weil die Pferde nun geführt werden mußten.

Winnetou ging jetzt voran, und ich machte den zweiten; die anderen folgten hinter uns. Des Bären wegen hielten wir die Gewehre schußfertig in den Händen. Oben auf der Höhe des Parkes war es der aufgegangenen Sterne wegen etwas heller als vorher; in der tief einschneidenden Schlucht aber herrschte eine Finsternis, daß ich Winnetous Pferd kaum sah, obgleich ich so nahe hinter demselben ging, daß ich seinen Schwanz fassen konnte. Hier bewährte sich der unvergleichliche Orts- und Spürsinn des Apatschen wieder einmal glänzend, leider ohne daß dieser Glanz uns leuchtete.

Es war trotz unserer an die Dunkelheit gewöhnten Augen ein sehr beschwerlicher Weg, der uns nur dadurch erleichtert wurde, daß wir, wie wir noch Wußten, nicht zuweilen den Spring zu passieren hatten; sein Plätschern konnte uns stellenweise sogar als Führer dienen. Endlich, nach ziemlich langer Zeit, blieb Winnetou vorn halten und sagte:

„Hier steht zu meiner linken Hand der dürre Tago-tsi. Meine Brüder mögen die Äste befühlen und diejenigen, welche viel Harz haben, zu Fackeln abschneiden! Ich werde indessen wegen des Grizzlybären wachsam sein.“

Da ich dem Baume am nächsten stand, fand ich zuerst einen kienreichen Ast und schnitt ihn los. Als ich ihn angezündet hatte, ging das weitere leichter von statten. Bald war jeder mit einigen Fackeln versehen, und nun gingen wir weiter, die Zügel über den Arm gehängt, die Leuchte in der einen Hand und das Gewehr in der andern.

Natürlich brachten wir abwärts viel, viel länger zu, als wir aufwärts gebraucht hatten. Es war eine außerordentlich phantastische Scene. Wir kamen an die Stelle, wo Winnetou die Bärenspur entdeckt hatte. Er leuchtete nieder; es waren keine neuen Eindrücke zu sehen. Wahrscheinlich behagte es dem alten Ephraim noch gut in seinem Lager, oder war dieses doch so weit entfernt, daß er uns weder sehen noch hören konnte; wir gelangten in das Thal hinab, ohne von ihm der geringsten Beachtung gewürdigt zu werden. Damit waren aber die Schwierigkeiten noch nicht überwunden, denn es mußte ein passender Lagerplatz für uns gefunden werden.

Die Äste waren verbrannt, und wir befanden uns wieder ohne Leuchten; aber das Thal war ja breit, und so genügte uns der Schein der Sterne, uns zurecht zu finden. Wir konnten annehmen, daß wir die einzigen Menschen hier im Kuierant-yuaw seien, und durften folglich auf die Vorsichtsmaßregeln verzichten, welche in der Nähe von Feinden geboten sind. Wir suchten also einen Lagerplatz nicht unter den Bäumen auf der Seite des Thales, sondern unter freiem Himmel in der Mitte desselben und fanden endlich eine Stelle, welche wir für passend hielten.

Es lagen da mehrere große Felsstücke so beisammen, daß sie zwischen sich einen von drei Seiten eingeschlossenen Platz bildeten, welcher Raum genug für uns und unsere Pferde bot. Es war also nur die freie, vierte Seite zu bewachen. Die Lücken zwischen den Felsen waren mit Brombeerstauden ausgefüllt, zwischen denen es eine Menge vertrockneten Grases gab. Da dergleichen Orte von Schlangen aufgesucht zu werden pflegen, steckten wir das Gras in Brand, welcher sich schnell über das ganze Gedorn verbreitete und uns erlaubte, unsern heutigen Aufenthalt auf das genauste zu untersuchen. Es waren wirklich mehrere Schlangen dagewesen; wir sahen sie vor dem Feuer fliehen und erschlugen sie. Jetzt hatten wir reines Lager und konnten uns sorglos niederlassen. Zwei mußten wachen. Ich sollte meiner Wunde wegen wieder davon ausgenommen werden, gab dies aber nicht zu und übernahm mit Hammerdull die erste Wache, welche zwei Stunden zu dauern hatte.

Wir setzten uns miteinander an die offene Seite der Felsen und legten die Gewehre griffbereit neben uns. Während die Gefährten sich nur kurze Zeit unterhielten und dann einschliefen, erzählte ich dem Dicken, was wir bei den Utahs belauscht hatten. Dann ging ich nach einem nahen Gebüsch, um die jungen Zweige desselben den Pferden als Futter zu holen. Darüber verging die Zeit, und als unsere zwei Stunden um waren, weckten wir Apanatschka und Holbers, welche nach uns kamen. Die nächste Wache sollte Schahko Matto mit Treskow übernehmen, während die vierte den Apatschen allein traf. Winnetou war mehr als genug, für unsere Sicherheit zu sorgen.

Ich wäre sehr gern eingeschlafen, brachte es aber nicht fertig. Nicht daß ich das Wundfieber wieder gehabt hätte, nein, aber mein Puls ging doch schneller als gewöhnlich, warum, das konnte ich nicht sagen. Es mußte doch an der Wunde liegen. Die beiden Wächter saßen grad da, wo ich mit Hammerdull gesessen hatte, und sprachen leise miteinander. Das Knuspern der Pferde an den Zweigen und zuweilen ein Stampfen der Hufe waren die einzigen Geräusche, welche die nächtliche Stille unterbrachen. Über uns glänzten die Sterne noch heller als vorher; die Felsen und die zwischen ihnen befindlichen Personen und Pferde waren deutlich zu erkennen.

Da sah ich, daß Winnetous Rappen seinen auf das Futter niedergesenkten Kopf mit einer raschen, auffälligen Bewegung in die Höhe hob. Gleich darauf bemerkte ich bei dem meinigen genau dieselbe Bewegung. Beide Pferde ließen ein ängstliches Schnauben hören und stellten sich so, daß ihre Hinterbeine mir zugerichtet waren. Sie witterten eine Gefahr, und zwar nahte sich dieselbe von daher, wo ich lag. Ein Mensch konnte es nicht sein, denn da wäre das Schnauben der Pferde ein leiseres, warnendes und nicht ein so ängstliches gewesen. Ich horchte.

Ich lag an einer Lücke zwischen den Felsen, die erst mit Dornen ausgefüllt gewesen, seit dem Brande aber offen war; sie hatte glücklicherweise nur eine so geringe Breite, daß man mit dem Arme hindurchlangen konnte. An dieser Lücke begann es jetzt draußen zu kratzen und zu scharren, so laut und kräftig, wie kein Mensch es vermocht hätte, und zugleich war jenes fauchende Schnüffeln zu hören, welches“ ich so gut kannte, daß ich augenblicklich aufsprang, nach dem Bärentöter griff und dem Häuptling der Komantschen leise zuraunte:

„Apanatschka, ein Bär! Aber seid still, ganz still, und kommt näher heran!“

Der feinhörige Winnetou hatte im Schlafe mein Aufspringen bemerkt. Schon stand er neben mir, die Silberbüchse in der Hand.

„Ein Bär am Felsen hinter uns!“ unterrichtete ich ihn.

Die andern schliefen weiter; sie hatten nichts gehört, und wir hielten es für besser, sie nicht zu wecken, da sie vielleicht Lärm gemacht hätten, wenigstens von Treskow war dies zu erwarten.

Apanatschka war mit Holbers zu uns herangekommen; sie hatten die Hähne gespannt. Winnetou gab ihnen die Weisung:

„Ihr dürft nur im Notfalle schießen. Für den Grizzly ist das Gewehr Old Shatterhands das beste; er hat also die zwei ersten Schüsse; dann erst komme ich daran. Ihr schießt nur, wenn ich es euch sage!“

Holbers zitterte vor Aufregung. Seine Stimme bebte, als er fragte:

„Wird er etwa über den Felsen geklettert kommen?“

„Nein,“ antwortete ich. „Er wird ganz gewiß – – ah, da ist er schon! Seid still! Laßt mich machen!“

An der offenen Seite unsers Lagerplatzes kam eine dunkle, schwere Masse langsam um die Ecke getrollt; es war der Bär; er hielt den Kopf schnüffelnd zu Boden gerichtet. Unsere Pferde schnaubten laut vor Angst. Die beiden Rappen drehten sich um, die Hinterhufe zur Verteidigung ihm zugerichtet. Ich durfte noch nicht schießen; die Kugel mußte ihn zwischen die Rippen hindurch ins Herz treffen; dazu war notwendig, daß er sich aufrichtete. Ich that also einen Sprung auf ihn zu, um ihn auf mich aufmerksam zu machen, wich aber auch rasch wieder zurück, denn der Grizzly ist trotz seiner scheinbaren Plumpheit ein außerordentlich schnelles Tier.

Meine Absicht wurde erreicht: Kaum hatte er mich gesehen, so stand er aufrecht da, nicht weiter als sechs Schritte von mir entfernt. Da krachte auch schon mein Schuß. Es war, als ob der Bär einen Schlag von vorn bekäme und hintenüberstürzen wolle; er stürzte aber nicht, sondern wankte hin und her und that dabei zwei Schritte vorwärts. Da gab ich ihm die zweite Kugel, die ihn niederwarf. Er zog, am Boden liegend, die Pranken an sich, als ob er jemanden umarmen und erdrücken wolle, wälzte sich auf die andere Seite, hierauf wieder herum, öffnete die Pranken und blieb dann liegen. Hierbei hatte er keinen Laut, nicht einmal einen Atemzug hören lassen. Der graue Bär hat keine eigentliche Stimme; der Kampf mit ihm ist meist ein stiller, stummer, doch grad das ist es, was diesen Kampf so „Rückenmark angreifend“ macht, wie mein alter Sam Hawkens sich auszudrücken pflegte. Beim Donnergebrüll des Löwen schießt sich’s besser!

„Er ist ausgelöscht!“ sagte Winnetou. „Die Kugeln gingen ihm beide in das Leben. Doch nähert euch ihm noch nicht! Der Grizzly hat ein zähes Leben; es kehrt zuweilen auf Augenblicke wieder.“

Die Schläfer waren natürlich bei meinem ersten Schusse aufgesprungen. Schahko Matto war still, ganz nach stolzer Indianerart. Treskow, obgleich kein Feigling, hatte sich nach ganz hinten zurückgezogen. Hammerdull drängte sich zwischen die Pferde hindurch bis her zu mir und rief:

„Ein Bär! Alle Teufel, wirklich ein Bär! Und diesen Kerl hab ich verschlafen! Ich kann doch nur eine Minute weggewesen sein, als er kam. Ich war so müde! Ich bin zornig auf mich; ich bin wütend! Ich könnte mir mit beiden Händen Ohrfeigen geben!“

„Thue das, lieber Dick, thue das gleich!“ ermahnte ihn Holbers.

„Schweig, altes Heupferd! Sich selbst zu ohrfeigen, dazu gehört weit mehr Geschick, als du zum Beispiel hast! Nein, daß grad mir so was passieren muß! Ich bin außer mir, ganz und gar, außer mir!“

„So geh in dich, daß du wieder zu dir kommst!“

„Ob ich in mich oder zu mir gehe, das bleibt sich gleich, wenn nur diese Bestie nicht so dumm gewesen wäre, erst dann zu kommen, als ich grad wieder eingeschlafen war! Wenn so ein Bär nicht mehr Verstand hat, wer soll ihn dann haben, frage ich dich?!“

So drollig er seinen Ärger ausdrückte, er meinte es doch ernst. Der kleine, dicke Kerl hätte sich gewiß nicht gefürchtet; er wäre sicher auf den Bären losgegangen! Damit ist freilich nicht gesagt, daß er ihn auch glücklich erlegt hätte. Unbedachtsamer Mut kann leicht gefährlich werden. Da Hammerdull dem lebenden Grizzly nicht hatte entgegentreten können, so ging er jetzt, trotz der Warnung des Apatschen, zu dem Toten hin, um uns zu zeigen, daß er sich nicht fürchte. Er drehte ihn, allerdings mit großer Kraftaufbietung, auf die andere Seite, zog ihm die Pranke hin und her und sagte:

„Er ist tot, Mesch’schurs, vollständig tot, sonst würde er sich das nicht gefallen lassen. Ich schlage vor, wir ziehen ihm die Handschuhe und die Stiefel samt seinem ganzen Fell vom Leibe herunter. Vom Schlafen ist doch jedenfalls nun keine Rede mehr!“

Da hatte er recht. Neben einem frisch erlegten Grizzly würde kein Jäger schlafen können. Wir mußten ein Feuer haben und gingen darum fast alle fort, um dürres Holz zu suchen. Als dieses dann brannte, sahen wir, daß es eine Bärin im Gewicht von gegen sieben Zentnern war, ein ausgezeichnet schönes Tier.

„Sie wird es sein, deren Fährte wir gesehen haben,“ meinte Treskow.

„Nein,“ antwortete Winnetou. „Die Spur war von einem viel schwereren Tier. Das ist nicht die Squaw des Bären, sondern er selbst. Wir werden ihn uns holen, wenn Surehand gekommen ist.“

Nun wurden die Messer gezogen, um der Bärensquaw die Handschuhe und die Stiefel samt dem Jagdrocke auszuziehen. Alle machten sich daran, nur Winnetou und ich nicht; wir sahen zu.

„Uff!“ rief der Apatsche nach einer Weile, indem er aufsprang und hinaus in das Freie deutete. „Das Baby steht dort!“

Das Feuer leuchtete weit zwischen den Felsen hinaus, und sein Schein zeigte uns einen jungen Bären, welcher bei den Büschen stand, von denen ich das Futter für die Pferde geholt hatte. Er hatte die Größe eines mittleren Kalbes, nur daß er dicker war.

„Hurra, das Baby von dieser Lady!“ schrie Dick Hammerdull, indem er aufsprang und hinausrannte, auf den Bären zu.

„Dick, Dick!“ rief ich ihm nach. „Faßt ihn nicht; faßt ihn nicht an! Das Tier ist viel gefährlicher, als Ihr denkt!“

„Unsinn, Unsinn! Ich hab ihn schon; ich hab ihn schon!“ schrie er zurück.

Ja, er hatte ihn schon, der Bär aber auch ihn! Erst wollte er ihn nicht loslassen, und dann konnte er es nicht. Wie sie einander gepackt hatten, das sah man nicht; sie wälzten sich im Grase, und dabei brüllte der Dicke:

Woe to me! Help, Help! Das Vieh läßt mich nicht los!“

Apanatschka flog, das Messer in der Hand, hinaus und auf die beiden wohlbeleibten Helden zu. Mit der linken Hand zwischen Mensch und Tier hineingreifend, holte er mit der rechten zum tödlichen Stiche aus. Er mußte gut getroffen haben, denn wir sahen, daß der Bär liegen blieb,- Hammerdull aber sich aufraffte, um ergrimmt zu rufen:

„So eine Bestie! So ein unkultiviertes Viehzeug! Wollte es lebendig fangen, und richtet mich auf diese Weise zu! Habe meine ganze Kraft anwenden müssen, um nur seine Zähne von mir fernzuhalten! Dafür aber wird’s gebraten und gegessen, ob’s auch noch leibt und lebt!“

Er brachte das „Baby“ an einem Beine herbeigeschleppt. Apanatschkas Messer hatte gut getroffen, grad in das Herz. Hammerdull sah nicht zum besten aus. Sein Anzug war vielfach zerfetzt und sein Gesicht zerkratzt; er blutete an den Händen, und auch von den Beinen liefen die roten Tropfen. Dieser Anblick brachte seinen Busenfreund, den langen Holbers, ganz aus der Fassung. Anstatt in mitleidigen Ausdrücken, machte sich seine Liebe in zornigen Vorwürfen Luft:

„Was hast du nur gemacht! Wie siehst du jetzt nur aus! Rennt der Kerl von hier fort, um einen Grizzly lebendig zu fangen! Solche Dummheit hat noch nie ein Mensch erlebt! Was mach ich nur mit dir? Du mußt doch den Verstand und noch viel mehr verloren haben! Denkst du denn nicht an deinen alten Holbers, der kein Blut von dir ersehen kann! Ist das deine Liebe zu mir, die du mir so oft gestanden hast? Machst du nicht durch solche Albernheiten dich und mich unglücklich durch und durch? Ist dir deine Haut dazu gewachsen, daß sie dir durch Bärenkrallen verschimpfiert werden soll? Was stehst du da und guckst mich an? Sprich! Rede! Gieb Antwort, Menschenkind!“

Hammerdull stand allerdings mit offenem Munde da und starrte seinem Liebling verwundert ins Gesicht. So eine lange Rede! Die Worte waren förmlich aus dem Munde heraus- und übereinander weggeflogen! Das konnte doch unmöglich der stille, ruhige, trockene Pitt Holbers sein! Hammerdull schüttelte den Kopf und antwortete:

„Pitt, alter Pitt, bist du’s denn wirklich noch? Ich kenne dich doch gar nicht wieder! Du bist doch auf einmal ein Redner geworden, wie er im besten Buche nicht zu finden ist! Du bist ganz aus- und umgewechselt! Man hält es nicht für möglich! Hast du mich denn gar so lieb?“

„Natürlich hab ich dich so lieb, Dummkopf! Was denn?! Mußt du mir denn das anthun, daß du dich so zerkratzen lässest! Wie siehst du aus! Guck dich nur im Spiegel an! Ach so, es ist keiner da! Mit dir hat man nichts als Kummer, Sorge und Herzeleid! Und Freude? Pshaw! Freude kann man an dir gar nicht mehr erleben!“

„Schimpf nicht so! Ob du Freude oder Herzeleid an mir erlebst, das bleibt sich gleich, das ist ganz egal, wenn du nur überhaupt etwas an mir erlebst! Wer denkt denn, daß ein solches Hündchen solche Kräfte hat!“

„Hündchen! Ein Grizzly soll ein Hündchen sein! So, wie du hier Stehst, kann ich dich nicht länger sehen. Die Augen thun mir weh vor lauter Gram und Kummer über dich! So ein altes, liebes, zerschundenes Gesicht! Komm, Dick, geh mit zum Wasser! Ich wasch dich ab!“

Er faßte ihn am Arme und zog ihn fort, zum Creek, der gar nicht weit von uns vorüberfloß. Als sie wiederkamen, war der liebe Dicke abgespült; die Krallenrisse aber hatten nicht fortgewaschen werden können; auch war sein Anzug dadurch nicht ganz geworden.

„Sieht dieser Mensch nicht wie ein Landstreicher aus?“ fragte Pitt. „Ich bitte Euch, Mr. Shatterhand, mir einen großen Gefallen zu thun!“

„Welchen?“

„Ihr habt Nähzeug dort im Sattelkissen. Bitte, es mir zu borgen, denn ich muß ihm natürlich seine zerrissenen Siebensachen zusammenflicken!“

„Gern; holt es Euch, Pitt Holbers!“

Er folgte dieser Aufforderung. Dann konnte man sehen, wie einer einfädeln wollte und doch eine halbe Stunde lang das Oer nicht fand. Hernach machte der liebe Mensch Stiche! Stiche, so weit auseinander wie die Straßenbäume! Nach dem zweiten Einfädeln hatte er keinen Knoten gemacht und nähte und nähte, ohne vorwärts zu kommen, bis ich ihn darauf aufmerksam machte, daß er den Faden immer wieder herauszog. Später belehrte ich ihn noch darüber, daß diese Stelle zu wibbeln, eine andere mit Hinterstichen und eine dritte überwendig zu nähen sei. Da warf er den Zwirnknäuel zornig fort, schob mir das Bein des Dicken hin und rief, mir die Nadel, die er mir nur reichen wollte, in den Finger stechend:

„Da habt Ihr Eure ganze Flickerei, Sir! Macht’s selber, wenn Ihr’s besser könnt! Wibbeln! Hinterstiche! Hat man schon so was gehört! Was giebt es denn wohl noch für Stiche, Mr. Shatterhand?“

„Kettenstiche, einfache und doppelte Steppstiche, Messerund auch Säbelstiche.“

„Die Messerstiche lasse ich mir gefallen; mit den andern aber könnt Ihr mir vom Leibe bleiben! Flickt den Kerl zusammen! Ich habe das Nähen satt!“

Was war die Folge? Ich saß fast bis zum frühen Morgen da und besserte die Jacke, Hose und Weste des dicken Bärenbabyjägers aus! Dazwischen wurde Bärenbraten gegessen. Die Tatzen, bekanntlich das beste von dem Bären, wurden eingewickelt, um aufgehoben zu werden, denn sie haben erst dann den höchsten Grad von Delikatesse erreicht, wenn die Würmer darin zu „wibbeln“ beginnen. Ob jedermanns Geschmack?

Als der Tag graute, stiegen Winnetou und ich zu Pferde, um, den Rotschimmel Apanatschkas am Zügel führend, thalaufwärts zu reiten und die Ankunft Old Surehands zu erwarten. Wir hatten wohl zwei englische Meilen zurückgelegt, als wir links den Thalschnitt sahen, aus welchem er nach dem, was wir gestern erlauscht hatten, kommen mußte. Wir blieben in einiger Entfernung davon bei einem Gesträuch halten, hinter welchem wir uns und die Pferde versteckten, doch so, daß er unsern Augen nicht entgehen konnte.

Es lag ja die Möglichkeit vor, daß sich oben bei den Utahs irgend etwas Unvorhergesehenes ereignet oder der Häuptling seinen Plan geändert hatte; darum waren wir überaus gespannt darauf, ob der Erwartete kommen werde oder nicht. Es verging eine Stunde und darüber; da sahen wir endlich einen Menschen drüben unter den Bäumen gehen. Er kam nicht heraus ins Freie, und so konnten wir nicht deutlich erkennen, wer es war. Ich wagte dennoch laut zu rufen:

„Mr. Surehand! Mr. Surehand!“

Der Mann blieb stehen, aber nur einen Augenblick. Wenn er es war, so kam er sicher schnell herbei. Als Gefangener der Indianer mußte er ja froh sein, andere Menschen hier zu finden, zumal sie ihn kannten. Diese Annahme täuschte mich nicht. Als ich seinen Namen noch einmal, zum drittenmal rief, kam er eiligst unter den Bäumen hervorgesprungen und auf uns zugeschritten. Da wir uns nicht sehen ließen, blieb er auf halbem Wege stehen und rief uns zu:

„Wer ist da im Gebüsch? Wer hat meinen Namen genannt?“

„Ein Freund,“ antwortete ich.

„Kommt heraus! Im wilden Westen muß man vorsichtig sein.“

„Hier bin ich!“

Bei diesen Worten ließ ich mich von ihm sehen; Winnetou aber blieb noch versteckt. Old Surehand erkannte mich sofort.

„Old Shatterhand! Old Shatterhand!“

Meinen Namen nennend, ließ er vor freudigem Schreck sein Gewehr fallen, kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zugerannt und zog, nein, riß mich förmlich an sein Herz.

„Welch eine Wonne, welch eine Freude, welch ein Glück! Mein Freund, Old Shatterhand, mein Retter früher und mein Retter nun auch jetzt!“

Bei jedem Worte schob er mich von sich ab und drückte mich wieder an sich. Seine Augen leuchteten; seine Wangen glühten. Er befand sich in dem Zustande allerglücklichster Aufregung und fuhr fort:

„Wer sollte es für möglich halten, daß Ihr jetzt, grad jetzt in den Rocky-Mountains seid, grad hier im Bärenthale! Wie freue ich mich, wie glücklich bin ich darüber! Habt Ihr einen besondern Grund zu diesem Ritte?“

„Ja.“

„Welchen? Bitte, sagt es mir!“

„Ich komme von Jefferson-City herauf.“

„Ah! Seid Ihr bei dem Bankier gewesen?“

„Ja.“

„Er sagte Euch, daß ich hier herauf bin?“

„Ja.“

„Und Ihr seid mir nach?“

„Natürlich! Jefferson-City, Lebruns Weinstube in Topeka, Fenners Farm und so weiter! Ihr seht, daß ich genau unterrichtet bin.“

„Gott sei Dank! Gott sei Dank! Nun bin ich gerettet! Ihr ahnt natürlich nicht, was ich meine. Ihr müßt wissen, daß ich Gefangener bin!“

„Des Häuptlings Tusahga Saritsch!“

„Wie? Ihr wißt –?“ fragte er erstaunt.

„Heut und morgen entlassen auf Ehrenwort!“ fuhr ich lachend fort.

„Er weiß es wirklich, wirklich!“ rief er aus.

„Um vier Bärenfelle zu holen!“

„Aber – – aber, Sir – – sagt mir doch, wie Ihr das so wissen könnt!“

„Als Ihr gestern oben im Park bei dem Häuptling am Feuer saßet, haben wir drei Schritte von Euch in den Farn gesteckt und Euch belauscht!“

„Mein Himmel! Hätte ich das gewußt!“

„Wir haben jedes Wort gehört. Es war unmöglich, Euch schon diese Nacht loszumachen; darum sind wir noch gestern abend trotz der Finsternis wieder in dieses Thal herab, um Euch hier zu erwarten. Wie freuen wir uns darüber, daß Ihr gekommen seid!“

„Ihr sagt wir! Ihr sprecht nicht von Euch allein! Ist noch jemand da?“

„Ja.“

„Wer?“

„Kommt, ihn zu sehen!“

Ich führte ihn hinter die Sträucher. Als er Winnetou erblickte, stieß er einen Jauchzer aus und streckte ihm beide Hände entgegen. Der Apatsche drückte sie ihm in herzlichster Weise und bewillkommnete ihn:

„Winnetou ist froh in seiner Seele, seinen Bruder Old Surehand wiederzusehen. Wir glaubten, ihn erst droben im Parke von San Louis erreichen zu können, freuen uns nun aber um so mehr, dem Häuptling der Capote-Utahs zeigen zu dürfen, daß fünfzig von seinen Kriegern nicht genügen, Old Surehand festzuhalten!“

„Ich habe mein Wort gegeben, wiederzukommen!“ warf Old Surehand vorsichtig ein. „Sie hätten mich ohne dasselbe nicht fortgelassen.“

„Wir wissen es. Old Surehand soll sein Wort nicht brechen, sondern zu ihnen zurückkehren. Dann aber werden Old Shatterhand und Winnetou auch zu den Utahs kommen und ihnen ein Wort sagen!“

„Ich muß bis morgen abend vier Grizzlyfelle bringen, sonst ist mein Leben verwirkt. Weiß das der Häuptling der Apatschen auch?“

„Wir wissen es. Old Surehand wird die Felle bringen. Damit dies möglich werde, mag er mir erlauben, mich jetzt einstweilen zu entfernen!“

Er bestieg sein Pferd und ritt davon, ohne zu sagen, warum und wohin. Ich wußte es trotzdem: Er wollte nach Grizzlyspuren suchen.

„Wohin reitet er?“ fragte Old Surehand.

„Es gilt wahrscheinlich eine Überraschung für Euch, Mr. Surehand.“

„Welche?“

„Wenn ich es Euch sagte, würde es doch wohl keine Überraschung sein.“

Well. Müssen wir hier auf ihn warten?“

„Nein. Wir reiten auch fort. Er wird uns später wiederfinden.“

„Ich gehe natürlich von Herzen gern mit Euch, darf aber dabei nicht vergessen, daß meine Zeit sehr kostbar ist, ungeheuer kostbar.“

„Wegen der Bärenfelle?“

„Ja.“

„Das hat noch Zeit, viel Zeit. Bitte, Euch auf diesen Rotschimmel zu setzen!“

„Ihr habt drei Pferde. Ihr seid nicht allein? Ist noch jemand bei Euch?“

„Ja.“

„Wer?“

„Wartet noch eine Meile! Ich denke, daß Ihr Euch freuen werdet, wenn Ihr den Besitzer dieses Pferdes seht. Es ist auch ein Bekannter von Euch.“

Während Winnetou thalaufwärts geritten war, wendeten wir uns wieder thalab. Natürlich hatte Old Surehand sein Gewehr vorher von da geholt, wo es ihm vor Überraschung vorhin entfallen war. Er merkte, daß ihn noch eine solche erwartete, und unterließ es darum, Fragen auszusprechen, welche ich ihm doch nicht beantwortet hätte. Als wir uns dem Lagerplatze näherten, sah ich Hammerdull in der Nähe desselben stehen. Old Surehand bemerkte ihn auch, erkannte ihn und fragt mich:

„Ist das nicht der alte Dick Hammerdull, Mr. Shatterhand?“

„Ja,“ antwortete ich.

„Da ist höchst wahrscheinlich auch sein zweites Ich Pitt Holbers bei Euch?“

„Natürlich! Diese beiden Toasts sind ja unzertrennlich voneinander.“

„Ah, so ist das die Überraschung, die ich haben sollte! Ich danke Euch!“

Ich ließ ihn bei dieser Meinung. Hammerdull kam uns entgegengelaufen, hielt das Pferd Old Surehands an, reichte ihm die Hand empor und rief:

Welcome, Mr. Surehand, Welcome in diesen alten Bergen! Hoffentlich habt Ihr Euern Dick nicht vergessen, seit wir uns nicht sahen!“

„O nein, lieber Hammerdull. Ich habe stets mit Vergnügen an Euch gedacht.“

„Ob mit Vergnügen oder ohne Vergnügen, das bleibt sich gleich, das ist übrigens ganz egal, wenn nur dabei Pitt Holbers auch in Euerm Herzen lebt!“

„Natürlich lebt er drin!“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Also wir alle beide?“

„Gewiß! Er, so lang wie er ist, und Ihr, so dick wie Ihr seid. Ist es so richtig?“

„Vollständig richtig! Kommt, und seht Euch den alten, guten Kerl ‚mal an!“

Wir ritten vollends bis zum Lager und stiegen da von den Pferden. Hammerdull führte Old Surehand zwischen die Felsen hinein und rief triumphierend:

„Pitt Holbers, hier hast du ihn, altes Coon! Ich bringe ihn dir gebracht. Gieb ihm die Hand; aber falle ihm ja nicht um den Hals; denn von dir kommt man nicht wieder los; deine Arme reichen zweimal um jeden Menschen herum!“

Old Surehand hatte zunächst nur Holbers im Auge; als aber dann sein Blick auch auf Apanatschka fiel, gab ihm das Erstaunen einen Ruck.

„Apanatschka! Mein roter Bruder Apanatschka!“ rief er aus. „Das – das – das hätte ich mir freilich nicht gedacht! Nun weiß ich freilich besser als vorhin, Mr. Shatterhand, was für eine Überraschung Ihr meintet! Mein roter Bruder mag mir erlauben, ihn zu umarmen!“

Die Augen des Komantschen strahlten vor Freude. Er öffnete die Arme, ohne ein Wort zu sagen. Sie hatten sich auf ihrem gemeinschaftlichen Ritte nach Fort Terrel liebgewonnen und drückten jetzt einander an die Herzen, ohne zu wissen, daß diese Herzen auch noch in anderer Beziehung zusammengehörten. Jetzt wurde natürlich auch Treskow begrüßt; dann stellte ich den Häuptling der Osagen vor. Dieser reichte ihm mit gewohnter Würde die Hand, nickte ihm freundlich zu und sagte, indem er mit der Hand auf die Bärenfelle zeigte:

„Mein Bruder Old Surehand soll den Utahs vier Häute bringen?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„Hier liegen schon zwei davon.“

„Wer hat die Bären erlegt?“

„Old Shatterhand den großen und Apanatschka den kleinen.“

„Die gelten nichts; ich selbst muß sie töten.“

Da fragte ich ihn:

„Hat das der Häuptling der Utahs ausdrücklich von Euch verlangt?“

„Nein, ausdrücklich nicht.“

„So braucht Ihr Euch keine Skrupel zu machen.“

„Oh doch! Der Häuptling konnte nicht wissen, daß ich solche Helfer hier treffen würde. Er hat jedenfalls angenommen und auch gemeint, daß ich nur Felle von Bären bringen kann, die ich selbst getötet habe.“

„Was er im stillen gemeint oder angenommen hat, geht uns nichts an. Ihr habt Euch nach dem zu halten, was gesprochen worden ist.“

„Gesagt wurde allerdings bloß, daß ich vier Felle zu bringen habe.“

„So bringt sie ihm! Zwei werden sich wohl noch finden, denke ich.“

„Dieses kleine wird Tusahga Saritsch wohl nicht gelten lassen!“

„Warum?“

„Weil es von einem jungen Bären ist.“

„Es ist ein Fell, ein ganzes, ungeteiltes Fell, an welchem nichts fehlt, was dazu gehört. Er wird es gelten lassen müssen.“

„Und wenn er es doch nicht thut?“

„So werden wir ihn zwingen. Haltet Ihr es für ein Bärenfell?“

„Natürlich!“

„So ist’s ja gut! Es handelt sich um Euer Wort, und bei der Einlösung desselben kommt es nicht darauf an, was die Utahs denken, sondern darauf, ob Ihr selbst der Ansicht seid, Euer Wort gehalten zu haben.“

„Das habe ich, wenn ich vier Felle bringe, gleichviel, wer die Tiere erlegt hat. Ich gebe Euch recht, daß ich mich nur nach dem Wortlaut zu richten habe.“

„Und nicht einmal das! Es giebt noch eine andere Anschauung der Sache.“

„Welche?“

„Daß Ihr gar keine Pelze zu bringen braucht.“

„Hm!“

„Ja; das ist doch leicht einzusehen. Was soll geschehen, wenn Ihr kein Fell bringt?“

„Ich soll erschossen werden.“

„So bringt doch keins! Wir werden dafür sorgen, daß man Euch nicht erschießt.“

„Das ist freilich richtig. Aber wenn Ihr in dem betreffenden Augenblicke nicht zur Hand seid, so bin ich verloren, Mr. Shatterhand!“

„Wir werden schon dafür sorgen, daß wir zur Hand sind. Ihr braucht nur nicht eher zurückzukehren, als bis wir bereitstehen. Gebt Euch diesen Roten gegenüber nur nicht mit überflüssigen Bedenklichkeiten ab! Was haben sie denn Euch versprochen? Wenn Ihr Euer Leben viermal wagt und vier Grizzlys tötet, erhaltet Ihr nur das Leben, die Freiheit aber nicht. Ist das gerecht?“

„Allerdings nicht!“

„Ihr habt weiter nichts versprochen, als zurückzukehren. Dieses Wort müßt Ihr halten, wie auch ich es halten würde. Mehr verlangen kann man und könnt auch Ihr selbst von Euch nicht. Es ist überhaupt jetzt nicht Zeit, uns mit diesen überflüssigen Dingen abzugeben. Ich bin überzeugt, daß es etwas giebt, was viel nötiger für Euch ist.“

„Was?“

„Das Essen.“

„Da habt Ihr freilich recht,“ antwortete er lächelnd. „Die Roten haben mich sehr kurz gehalten und mir in drei Tagen keinen Bissen gegeben.“

„So eßt Euch zunächst tüchtig satt! Das Weitere wird sich finden.“

Er bekam vorgelegt und aß mit einem Appetite, welcher allerdings auf ein dreitägiges Fasten schließen ließ. Ich hatte ihn dabei absichtlich so plaziert, daß ich den Gefährten, ohne daß er es hörte, eine Bemerkung zuflüstern konnte, die ich ihnen eigentlich schon hätte machen müssen, ehe ich fortritt, ihn zu holen. Ich sagte ihnen nämlich, daß sie die Worte Tibo taka, Tibo wete, Wawa Derrick und Myrtlewreath ja nicht gegen ihn aussprechen sollten. Ich hatte meine Gründe dazu. Als ich diese Aufforderung auch an Apanatschka richtete, sah er mir mit einem ganz eigentümlichen, träumerisch forschenden Blicke in das Gesicht, sagte aber nichts. Ging ihm jetzt vielleicht eine Ahnung dessen auf, was ich ganz allein zu wissen glaubte? Unmöglich war dies ja nicht!

Wir hatten die Pferde jetzt freigelassen. Sie grasten am Wasser, und wir lagerten uns draußen vor den Felsen, um sie im Auge zu haben und vorkommenden Falles mit unsern Gewehren beschützen zu können. Nun wurde erzählt, persönliche Erlebnisse von den Anwesenden und Ereignisse, die uns alle interessierten, aber nichts, was für die Entwickelung der gegenwärtigen Verhältnisse von Bedeutung war, ausgenommen den Bericht Old Surehands, wie er in die Hände der Utahs gefallen war.

Er hatte den ganzen, weiten Ritt allein gemacht und heut vor vier Tagen an einer Quelle gelagert, in deren Umgebung keine Menschenspur zu finden gewesen war. Sich darum sicher fühlend, war er eingeschlummert, aber plötzlich von zwei Roten, einem alten und einem jungen, die mit gezückten Messern neben ihm knieten, aufgeweckt worden. Er hatte, sie auf die Seiten werfend, sich emporgeschnellt und den Revolver gezogen; sie waren trotzdem wieder mit den Messern auf ihn eingedrungen, und so hatte er, um sich zu retten, sie niederschießen müssen. Im nächsten Augenblicke aber war er von fünfzig weiteren Roten umgeben gewesen, welche ihn so umdrängten, daß er sich trotz seiner bedeutenden Körperkraft nicht wehren konnte. Der Revolver war ihm entrissen und er selbst dann niedergerungen und gebunden worden. Das weitere zu erzählen, war nicht notwendig, wir hatten es gestern droben im Lager der Utahs belauscht.

Während dieser Unterhaltung verging die Zeit. Es wurde Mittag, und kurze Zeit darauf kam der Apatsche geritten. Er sprang vom Pferde und fragte mich:

„Hat unser Bruder Surehand alles erfahren, was er für jetzt wissen muß?“

„Ja alles,“ antwortete ich.

„Will er diese zwei Bärenfelle nehmen?“

„Ja.“

„Wir werden noch zwei andere holen. Jetzt mögen mich meine Brüder Old Shatterhand und Apanatschka begleiten.“

„Wohin?“

„Das Lager des Bären zu finden, dessen Spur wir gestern gesehen haben.“

Da fragte Dick Hammerdull schnell:

„Und ich soll nicht mit?“

„Nein.“

„Warum?“

„Die Schlucht ist eng, und überflüssige Männer würden nur im Wege sein.“

„Dick Hammerdull ist niemals im Wege! Haltet Ihr mich für einen unnützen Kerl oder für einen Feigling, welcher die Flucht ergreift, sobald er nur die Nase eines Bären zu sehen bekommt?“

„Nein; aber Dick Hammerdull besitzt zuviel Mut; er kann uns durch seine übergroße Tapferkeit leicht viel Schaden machen. Das Baby der alten Bärin hat ihm eine sehr gute Lehre gegeben.“

„Ob Lehre oder ob nicht Lehre, das bleibt sich gleich, das ist sogar ganz egal; ich verspreche aber, daß ich sie sehr beherzigen werde!“

Der kleine Kerl bat so eindringlich, daß Winnetou sich zu der Entscheidung erweichen ließ:

„So mag mein dicker Bruder mitgehen; aber wenn er einen Fehler macht oder mir nicht gehorcht, nehme ich ihn nie wieder mit!“

Holbers und Treskow fühlten sich dadurch, daß sie bleiben sollten, nicht beleidigt. Schahko Matto aber fragte mißmutig:

„Glaubt Winnetou, daß der Häuptling der Osagen ganz plötzlich ein unbrauchbarer Krieger geworden ist?“

„Nein. Weiß Schahko Matto nicht, warum ich ihn hier lasse? Wer schützt unsere Pferde, wenn während unserer Abwesenheit ein Bär erscheint oder vielleicht menschliche Feinde kommen?“

Auf Holbers oder gar Treskow war da allerdings kein Verlaß. Der Osage fühlte sich gehoben und antwortete in stolzem Tone:

„Den Pferden wird nichts geschehen. Meine Brüder können ohne Sorge sein!“

Wir fünf nahmen also unsere Gewehre und gingen. Nach vielleicht zehn Minuten erreichten wir die Schlucht und drangen in dieselbe ein. Aufwärts steigend, suchten wir jedes Geräusch zu vermeiden, und waren um so vorsichtiger, je höher wir kamen. Der kleine Dick ging als der zweite gleich hinter Winnetou; er zeigte ein höchst zuversichtliches Gesicht. Wenn es auf dieses Gesicht ankam, so rissen alle grauen, schwarzen, braunen und sonstigen Bären aus!

Bei der gestrigen Stelle angelangt, wurde unser Weg eine Strecke auf- und eine Strecke abwärts sehr genau untersucht. Es war nichts zu sehen; der Bär war nicht herübergewechselt. Nun ging es über den Spring und die felsige Steilung hinauf, Winnetou voran und Hammerdull noch immer als der zweite hinter ihm her. Wir trafen auf die Gänge, welche wir schon gestern gesehen hatten. Diese Gänge vereinigten sich zu einem ausgetretenen Bärenpfade, welcher um eine scharfe Felsenecke führte. Winnetou passierte sie nicht sofort. Er schob den Kopf nur so weit vor, daß er mit einem Auge nach jenseits schauen konnte. Er blieb unbeweglich stehen und winkte mit zurückgestreckter Hand uns tiefste Geräuschlosigkeit zu. Ich war überzeugt, daß er den Bären sah. Als er sich dann wieder zu uns wendete, strahlte sein ganzes Angesicht.

Er nahm Hammerdull bei den Schultern und schob ihn, ohne ein Wort zu sagen, ganz leise, leise, langsam an die Ecke und ließ ihn vorsichtig um dieselbe schauen. Der Kleine zog schon im nächsten Augenblicke den Kopf zurück und schob sich rasch an mir und den andern vorüber, bis er an letzte Stelle kam. Er war leichenblaß geworden! Nun lugte auch ich um die Kante. Da sah ich freilich, daß es keine Schande für Hammerdull war, blaß geworden zu sein! Zwischen dem Felsen und dichtem Gedorn führte ein hartgetretener Sohlengang nach einer Stelle, wo das Gestein eine massive Hinterwand und ein weit überhängendes Dach bildete. Dort lag, vor Wind und Regen geschützt, auf zusammengescharrter Erde, Gras und Zweiggehäuf der König der grauen Bären. Ja, diesen Namen verdiente er, denn von dieser Größe hatte ich noch keinen je gesehen. Dieser alte Vater Ephraim war sicherlich seine vierzig Jahre alt; das bezeugte der Pelz, der ein noch viel älteres Aussehen hatte. Dieser Leib, dieser Kopf und diese Glieder! Wenn ich der stärkste Büffel gewesen wäre, ich hätte vor ihm die Flucht ergriffen. Er schlief. Wie mußte dieser Koloß erst aussehen, wenn er sich aufrichtete! Es war gewiß zum Zittern!

Ich trat wieder zurück und ließ auch die andern sich an der männlichen Schönheit und dem herrlichen Profile dieses sohlengängerischen Adonis ergötzen. Dann traten wir zusammen, um zu beraten. Old Surehand und Apanatschka machten ihre Vorschläge; Hammerdull hüllte sich in mutiges Schweigen. Winnetou senkte seinen Blick mit jenem unbeschreiblichen Ausdrucke, der mir unvergeßlich ist, in meine Augen und fragte mich:

„Hat mein Bruder Shatterhand noch das alte Vertrauen zu mir?“

Ich nickte, obgleich ich nun wußte, was er vorhatte.

„Zu mir, zu meiner Hand und meinem Messer?“ fragte er wieder.

„Ja.“

„Will er mir sein Leben anvertrauen?“

„Ja.“

Ich hätte nicht Nein gesagt, auch wenn mir bange gewesen wäre, denn Winnetou hätte sich mir auch unbedenklich anvertraut.

„Meine Brüder mögen kommen!“

Er führte uns zurück nach einem dichten Busche. Dort blieb er stehen und sagte:

„Hinter diesem Strauch verstecke ich mich. Old Shatterhand wird mir den Bären bringen und ihn hier vorüberführen. Meine andern Brüder mögen sich da drüben hinter jene Steine niederkauern und aufpassen, was dann geschieht! Old Shatterhand und Winnetou sind eins. Beide haben einen Leib, eine Seele und auch nur ein Leben. Das seinige gehört mir und das meinige ihm. Howgh!“

„Was wollt Ihr thun?“ fragte Old Surehand besorgt.

„Nichts, was Euch erschrecken könnte,“ antwortete ich ihm.

„Ich ahne, daß Ihr Euch in eine große Gefahr begeben wollt!“

„Es ist keine, denn ich kenne meinen Winnetou. Thut also getrost, was er Euch geboten hat, und nehmt meine Gewehre mit!“

„Was? Wie? Ihr wollt Euch wehrlos machen?!“

„Nein. Wehrlos werde ich ganz und gar nicht sein. Geht nur – geht!“

Sie begaben sich nach den Steinen und duckten sich dort nieder. Winnetou nahm sein Messer in die linke Hand und kroch hinter den Busch, so daß er nicht zu sehen war. Er flüsterte mir, falls ich ja noch bedenklich sein sollte, beruhigend zu:

„Der Wind ist unser Verbündeter, und wenn der Bär mich ja entdecken Sollte, hast du den ersten Stich!“

Mir war gar nicht bange. Eine unbekannte Gefahr kann einen beunruhigen; sobald man sie aber kennt und nahe vor sich sieht, ist diese Unruhe vorüber. Ich zog mein Messer auch mit der linken Hand und huschte an die Felsenkante zurück. Als ich um dieselbe blickte, lag der Bär noch genau so wie vorher. Wahrscheinlich hatte er in der Nacht reichlich gefressen und schlief nun um so besser. Ich wußte, daß dies vor seinem Tode der letzte Schlaf sein werde, hob einen Stein auf, trat um die Ecke und warf nach ihm. Er wurde getroffen und hob den Kopf. Die kleinen, giftigen Augen erfaßten mich, und er stand, ohne sich einmal zu dehnen und zu strecken, mit einer Schnelligkeit auf, in welcher ihn gewiß kein Tiger oder Panther übertroffen hätte. Ich huschte um die Ecke zurück und schritt, den Blick auf sie gerichtet, rückwärts dem Busche zu, hinter weichem der Apatsche steckte. Jetzt erschien der Bär, und nun galt es freilich das Leben. Wenn ich strauchelte und stürzte, war ich sicher verloren.

Das Kunststück bestand darin, den Bären an Winnetou vorüber zu locken und ihn dann zum Stehen zu bringen, um dem Apatschen einen sichern Stoß zu bieten. Mit jener schwerfällig erscheinenden Leichtigkeit, welche außer dem Bären noch dem Elefanten eigen ist, folgte er mir, langsam und überlegend, wie es schien, in Wahrheit aber sehr schnell und entschlossen. Er sah niemanden als mich und kam mir immer näher. Das wollte ich. Als ich den Busch erreichte, war er nur noch acht Schritte entfernt. Ich retirierte schneller; jetzt war er am Busche. Noch einen Schritt weiter, und wenn ich ihn nun nicht zum Stehen brachte, war es mit mir aus! Den riesigen Tatzen dieses Ungeheuers konnte kein Geschöpf der Erde widerstehen. An Stärke übertraf es sicher weit den Löwen.

Also entweder – oder! Ich sprang zwei Schritte vor und hob den Arm. Schon war Winnetou hinter dem Busche hervorgetreten und stand mit gezücktem Messer hinter dem Bären. Dieser hielt bei meiner scheinbaren Angriffsbewegung inne und richtete sich auf, kopfshöher noch als ich. In diesem Augenblicke stieß der Apatsche zu, nicht hastig schnell, sondern mit der raschen Bedächtigkeit, welche geboten war, wenn er richtig treffen wollte, nämlich zwischen die zwei bekannten Rippen in das Herz. Die Klinge war bis an das Heft hineingefahren; er ließ sie nicht stecken, sondern zog sie schnell wieder heraus, um nicht ohne Waffe zu sein.

Das Ungetüm wankte, als ob es stürzen wolle, drehte sich aber ganz unerwartet im Nu um und streckte die Pranken nach Winnetou aus, der kaum Zeit fand, zurückzuspringen. Jetzt war sein Leben in Gefahr, nicht mehr das meinige. Ich stand sofort hinter dem Bären, holte aus und stach zu, sprang aber augenblicklich, das Messer stecken lassend, wieder zurück. Jetzt gab es kein Biegen und kein Wanken; der alte „Ephraim“ stand unbeweglich still; nicht einmal der Kopf veränderte seine Stellung. Das dauerte zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Sekunden; dann brach er, wie von einem unsichtbaren Eisenhammer getroffen, genau auf derselben Stelle zusammen und rührte sich nicht mehr.

„Uff! Das war gut getroffen!“ sagte der Apatsche, indem er mir die Hand entgegenstreckte. „Der steht gewiß nicht wieder auf!“

„Ich habe nur nachgeholfen,“ antwortete ich. „Das Herz dieses Riesen muß in einem zehnfachen Beutel stecken. Es gehörte Kraft dazu, die Klinge hineinzubringen. Fast hätte er dich gehabt!“

Da lag nun die Masse Fleisch, gewiß zehn Zentner schwer! Der Kerl verbreitete einen Geruch, der jeden Appetit auf seine Tatzen vergehen ließ. Gewöhnlich riechen die katzenartigen Raubtiere viel penetranter als der Bär; dieser machte eine Ausnahme.

Jetzt kamen die Gefährten herbei. Wir streckten den Körper des Grizzly aus und konnten nun erst die erschrecklichen Formen desselben anstaunen und daran denken, was aus uns geworden wäre, wenn wir uns auf unsere Klingen nicht hätten verlassen können.

„So hatte ich mir das nicht gedacht,“ sagte Old Surehand. „Bloß mit dem Messer auf so ein Untier loszugehen, heißt wirklich, Gott versuchen. Ich bin kein Schwächling und kein feiger Mensch; dies aber würde ich nicht wagen!“

„Mein Bruder irrt,“ antwortete Winnetou. „Ein gutes Messer und eine sichere Hand, die sind oft besser als eine nicht ganz genau gezielte Kugel. Nicht jeder Bär ist so stark wie dieser hier!“

Apanatschka sagte nichts; er zog nur mein Messer heraus und mußte dabei solche Kraft anwenden, daß er still den Kopf schüttelte. Um so lauter war Dick Hammerdull. Er sah die Wunden an und sagte:

„Ganz eng nebeneinander! Wie weiß man denn eigentlich die Stelle, in welche man stechen muß, Mesch’schurs?“

„Das sagt keine bestimmte Regel, sondern nur das Augenmaß,“ antwortete ich. „Es ist nicht ein Bär so wie der andere gebaut, und auch die Beschaffenheit des Pelzes kann leicht verhängnisvoll werden.“

„Hm! Wenn man nun die Rippe trifft?“

„So rutscht man ab und wird dafür wahrscheinlich rasch skalpiert.“

„Danke! Da lobe ich mir doch mein Gewehr! Ja, wenn man mit der einen Hand gemächlich nach der Stelle suchen könnte, um dann mit der andern zuzustoßen! Dann möchte ich es auch versuchen.“

„Der Kampf mit einem Grizzly ist kein Schweineschlachten!“

„Das habe ich gesehen! jetzt aber sagt, was mit diesem lieben Vater Ephraim geschehen soll?“

„Wir nehmen ihm den Pelz und lassen ihn dann liegen.“

„Kein Fleisch?“

„Danke!“

„Warum nicht?“

„Das würde sich grade wie Sohlenleder kauen. Wir wollen uns beeilen, denn Winnetou scheint noch weitere Arbeit für uns zu haben!“

„Mein Bruder Shatterhand hat es erraten,“ nickte der Apatsche.

„Giebt es noch eine Grizzlyspur?“

„Ja; aber sehr weit von hier, ganz am oberen Ende des Thales.“

„Das läßt sich denken. Die Grizzlys können doch nicht so eng beisammen wohnen wie die Biber oder Prairiehunde. Meint mein Bruder Winnetou, daß wir heut vor Nacht noch fertig werden?“

„Ich denke es; die Pferde werden uns ja rasch hinbringen.“

„Darf ich da auch wieder mit?“ fragte Hammerdull.

„Nein,“ antwortete ich.

„Warum nicht? Habe ich mich hier nicht gut benommen, Sir?“

„Es gab für Euch überhaupt gar nichts zu benehmen. Übrigens war Euch, wie mir schien, der Kerl etwas zu groß gewachsen?“

„Das will ich allerdings nicht falsch ableugnen. Man läßt sich wohl einen Bären gefallen, aber so einen doch nicht! Ich habe mich auch, als ich ihn sah, sofort ins hinterste Glied gemacht. Grad und genau so bescheiden würde ich sein, wenn ich noch einmal mitthun dürfte!“

„Das geht nicht. Schahko Matto muß berücksichtigt werden. Er würde es als eine Beleidigung auffassen, wenn wir ihn wieder ausschließen wollten.“

„Ob Ihr ihn ausschließt oder nicht, das bleibt sich gleich, wenn er nur mit dabei sein darf. Ich trete also gern zurück.“

„Gern oder nicht, das bleibt sich gleich, wenn Ihr nur müssen müßt!“ persiflierte ich ihn. Jetzt lauft einmal zum Lager, um ein Pferd zu holen, damit nicht wir das schwere Fell zu tragen haben!“

Er folgte dieser Weisung. Als er wiederkam, brachte er seine alte Stute und auch noch Pitt Holbers mit. Weil ich ihn nicht fragte, weshalb, gab er mir selber die Erklärung:

„Hier ist das Pferd, welches Ihr haben wollt, Mr. Shatterhand!“

Pitt Holbers war nämlich mit zu uns auf den Felsen gekommen; die Stute aber stand drunten am Wege neben dem Spring. Wir waren fertig mit der Arbeit geworden, auch diesem Bären die Handschuhe, Stiefel und den Rock zu nehmen; darum gebot ich:

„Da, schafft das Fell hinüber zu dem Pferde!“

„Wie? Zu meiner Stute?“ fragte Hammerdull schmunzelnd. „Die habe ich nur für mich geholt, nicht aber für das Fell.“

„Und wer soll dieses tragen?“

„Das Pferd, welches Ihr verlangt habt, Mr. Shatterhand, nämlich dieses Heupferd hier, Pitt Holbers, das alte Coon.“

Jetzt ging dem guten Pitt erst ein Licht auf, weshalb sein dicker Freund ihn mitgenommen hatte. Er fuhr ihn zornig an:

„Was fällt dir ein! Ich denke, ich soll die Ehre haben, der erste von uns sein zu dürfen, der diesen Bär zu sehen bekommt! Statt dessen spielst du schon wieder mit mir Schabernack!“

„Ereifre dich doch nicht so, lieber Pitt! Bist du denn von euch nicht der erste, der den Bär zu sehen bekommt?“

„Aber den Pelz schleppe ich nicht!“

„Gut, so will ich ein Einsehen haben, denn du hast an deiner Haut genug zu tragen. Also nur hinüber bis zum Pferd. Fass‘ an!“

Während sie sich mit der schweren Haut schleppten, gingen wir andern rascher fort. Nun erst, da sie vorüber war, stellte sich die überstandene Gefahr in ihrer ganzen Größe vor mein Auge. Ein solches Wagnis war mit keinem andern als nur mit Winnetou allein zu unternehmen. Wenn man ein solches Ungetüm in dieser Weise erlegen will, kann der geringste Mangel an Geschick und Geistesgegenwart verderblich werden; auf den Apatschen aber konnte ich mich verlassen.

Im Lager angekommen, erklärten wir Schahko Matto, daß er nun mit uns reiten solle; er fand das für ganz selbstverständlich. Treskow, Hammerdull, Holbers und Apanatschka sollten bei den Fellen bleiben. Der letzte hätte sich uns sehr gern angeschlossen, wußte aber gar wohl, warum wir ihn nicht mitnahmen; auf ihn konnten wir uns mehr verlassen als auf die andern drei zusammen.

Wir ritten also jetzt thalauf, an der Stelle vorüber, wo wir die Begegnung mit Old Surehand gehabt hatten. Winnetou hatte uns außer der Entfernung, welche wir zurücklegen sollten, keine Andeutung über das Abenteuer gegeben, welchem wir entgegengingen.

Das Thal war außerordentlich lang und wurde, je höher wir in demselben aufwärts kamen, um so schmäler. Es begegneten uns zuweilen Büffel, teils einzeln, teils in Familien, aber nicht in größern Trupps, weil die Zeit der eigentlichen Herbstwanderung noch nicht da war. Diese Tiere waren so Wenig menschenscheu, daß sie nicht etwa vor uns flohen, sondern nur zur Seite wichen. Wir schlossen daraus, daß sie während des Sommers von keinem Jäger gestört worden waren. Es gab sogar alte Stiere, welche nicht einmal zur Seite gingen, sondern uns verwundert anglotzten und höchstens herausfordernd den großen Kopf mit den starken Hörnern senkten, bis wir vorüber waren. Natürlich regte sich die Jagdlust in uns allen; wir durften ihr aber nicht folgen, Weil wir keine Zeit dazu hatten und von den Bären mehr als genug Fleisch besaßen.

Der Westmann tötet eben nie ein Tier, wenn er dessen Fleisch nicht braucht. Auch ist es nicht wahr, daß die Indianer zur Zeit der beiden Büffelwanderungen große, ganz unnötige Metzeleien unter den Bisons angestellt hätten. Der Rote wußte nur zu gut, daß er ohne diese Herden nicht leben könne, sondern zu Grunde gehen müsse, und hütete sich infolgedessen stets, mehr Fleisch zu machen, als er brauchte. Wenn der Buffalo jetzt ausgestorben ist, so trägt nur der Weiße allein die Schuld daran. Es haben sich da zum Beispiele ganze Gesellschaften von „Sauschützen“ zusammengethan und Bahnzüge gemietet, welche da halten mußten, wo man in der Prairie eine Büffelherde traf. Von dem Zuge aus wurde dann aus reiner Mordlust unter die Tiere hineingeschossen, bis man die Kracherei satt bekam. Dann fuhr man weiter, um bei der nächsten Herde wieder anzuhalten. Ob die getroffenen Büffel tot oder nur verwundet waren, darnach wurde nicht gefragt. Die angeschossenen Tiere schleppten sich fort, so weit sie konnten, und brachen dann zusammen, um von den Geiern und Wölfen zerrissen zu werden. So sind Tausende und Abertausende von Bisons nur aus Blutgier niedergepafft oder todkrank geschossen worden und Millionen von Zentnern Fleisch verfaulten, ohne daß ein Mensch den geringsten Nutzen davon hatte. Ich selbst bin nicht selten an Stellen gekommen, wo solche Massakres stattgefunden hatten, und habe die bleichenden Knochen in großen Haufen beisammenliegen sehen. Nicht einmal die Felle und Hörner waren mitgenommen worden.

Beim Anblicke solcher Büffelleichenfelder mußte sich das Herz jedes echten Westmannes gradezu umdrehen, und was nun erst die Indianer dabei dachten und dazu sagten, das läßt sich wohl unschwer denken! Sie waren selbstverständlich der Ansicht, daß die Regierung diese niederträchtigen Metzeleien nicht nur dulde, sondern sogar begünstige, um die Ausrottung der nun dem Hunger preisgegebenen roten Rasse zu beschleunigen. Und wenn der Redman sich gegen diese Sauschießereien zu wehren versuchte, wurde er ebenso schonungslos wie die Büffel niedergeknallt.

Wo sind nun die Bisons und wo die stolzen, ritterlichen roten und weißen Jäger hin? Ich behaupte, daß es nicht einen, aber auch nicht einen einzigen jener Westmänner mehr giebt, von deren Thaten und Erlebnissen an jedem Lagerfeuer erzählt wurde. Ihre Gebeine sind zerstreut, und wenn die Hacke oder der Pflug jetzt einen halb vermoderten Schädel aus der Erde hebt, ist dieser Ort wahrscheinlich der Schauplatz eines heimtückischen Überfalles oder eines verzweifelten Kampfes gewesen, bei welchem, wie überall hier im blutgetränkten Westen, die erbarmungslose Gewalt das Recht vernichtete. –

Wir waren über eine Stunde, und zwar nicht langsam, geritten und hatten doch das Ende des Kui-erant-yuaw noch nicht erreicht; da hielt Winnetou sein Pferd endlich an und sagte:

„Nun nur noch zwei Minuten, so kommen wir an eine Stelle, an welcher Winnetou einen niedergeschlagenen Büffel fand. Er war von einem Grizzly geworfen worden, denn der Sieger hatte nur wenig Fleisch gefressen, sondern die Markknochen zerbrochen und ausgesaugt; das thut nur der graue Bär. Seine Spur führte nach dem Rande des Thales und ein Stück den Berg hinauf.“

„Hat Winnetou sein Lager dort entdeckt?“ erkundigte sich Old Surehand.

„Nein. Ich wollte nur seine Fährte ausmachen, ihn aber nicht aufstören, damit meine Brüder auch sagen können, daß sie einen Grizzly erlegt haben. Ich denke, daß ich da richtig gehandelt habe!“

„Ja, das ist recht! Wenn ich die Felle vorzeige, will ich mir sagen dürfen, daß ich wenigstens eins davon erbeutet habe.“

„Wünscht Old Surehand vielleicht, daß wir ihm diesen Grizzly überlassen?“

„Ja; ich bitte darum!“

„So soll er ihn haben! Will er sich dazu den Bärentöter Old Shatterhands leihen?“

„Nein; ich kann mich auf mein Gewehr verlassen.“

„Und was thue ich dabei?“ fragte der Häuptling der Osagen. „Soll man von Schahko Matto erzählen, daß in seiner Gegenwart vier Bären erlegt worden seien, ohne daß er eine Hand dazu gerührt habe?“

„Mein roter Bruder wird, wenn er das will, wohl auch zu thun bekommen; in welcher Weise, das wird sich zeigen, wenn wir den Grizzly finden. Wir halten in der Nähe an und – – uff, uff!“

Wir waren während des letzten Teiles dieses Gespräches weiter geritten; jetzt parierte Winnetou sein Pferd wieder und streckte den Arm aus, um vorwärts zu deuten. Da sahen wir vielleicht tausend Schritte von uns einen Grizzly an der linken Seite des Thales unter den Bäumen hervorkommen und in gerader Richtung quer über den offenen Plan trollen. Er hielt den Kopf tief an den Boden gesenkt und sah weder rechts noch links. Wenn er ihn nur ein wenig nach unserer Seite gerichtet hätte, wären wir unbedingt von ihm bemerkt worden. Winden konnte er uns freilich nicht, weil die Luft thalabwärts wehte.

„Jetzt, am hellen Tage!“ sagte Old Surehand. „Der Kerl muß Hunger haben!“

„Ja,“ nickte Winnetou. „Daß er jetzt sein Lager verläßt, ist ein Zeichen davon, daß er Appetit bekommen hat, aber auch davon, daß diese Gegend seit langer Zeit von keinem Jäger besucht worden ist.“

„Wo liegt der Büffel?“ erkundigte ich mich.

„Mein Bruder kann ihn von hier aus nicht sehen, weil das kleine Gebüsch da vorn dazwischen liegt,“ antwortete der Apatsche.

„Daß der Bär ganz gegen seine sonstige Gewohnheit jetzt kommt, erspart uns Zeit. Wir brauchen ihn nicht zu suchen. Steigen wir hier ab und hobbeln wir die Pferde an! Das Gebüsch, von welchem Winnetou sprach, erlaubt uns die Annäherung, ohne daß er es bemerkt.“

„Meine Brüder mögen noch einen Augenblick warten; ich habe ihnen einen Vorschlag zu machen,“ sagte der Osage, indem wir abstiegen.

„Welchen?“ fragte Old Surehand.

„Ich habe nichts dagegen, daß mein Bruder Surehand diesen Grizzly erlegt; aber es mag mir erlaubt sein, mich dabei zu beteiligen!“

„In welcher Weise?“

An der Weise, wie Old Shatterhand und Winnetou den ihrigen getötet haben.“

„Das ist zu gewagt!“

„Nein.“

„Oh doch! Ich bin nicht sicher, ihn mit dem Messer gleich so zu treffen, daß er fallen muß. Ist Schahko Matto vielleicht sicher?“

„Auch ich habe noch keinen grauen Bären nur mit dem Messer erlegt. Ich meine auch nicht, daß wir die Messer nehmen, was allerdings gefährlich sein würde. Aber kann Old Surehand sich auf sein Gewehr verlassen?“

„Ja.“

„So wird es leicht sein, ihn zu töten. Mein Bruder versteckt sich mit seinem Gewehre, und ich bringe ihm den Bären grad so, wie Old Shatterhand es vorhin mit dem seinigen gethan hat.“

„Wenn Schahko Matto das wagen will, habe ich nichts dagegen.“

„Es ist kein Wagnis, wenn nur die Kugel dahin trifft, wo sie zu sitzen hat.“

Pshaw! Ich werde doch keinen Fehlschuß thun!“

„Sind Winnetou und Old Shatterhand einverstanden?“

Natürlich waren wir es. Wir hobbelten die Pferde eng und gingen im Gänsemarsche auf das betreffende Gebüsch zu. Dort angekommen, sahen wir, vielleicht hundert Schritte von uns entfernt, den Grizzly bei dem Büffel. Er wendete uns den Rücken zu und grub mit den Tatzen in das Fleisch hinein, um die Röhren bloßzulegen. Nächst dem Gehirn ist das Knochenmark die größte Delikatesse für den grauen Bären. Ungefähr dreißig Schritte von uns lag ein Felsstück von der Größe, daß ein Mann sich hinter ihm verbergen konnte. Der Osage deutete auf dasselbe und sagte:

„Mein Bruder Surehand legt sich an diesen Stein; ich gehe zum Bären und hole ihn; das wird so leicht wie ein Spiel der Knaben sein.“

Ich war ebensowenig wie Winnetou dieser Meinung Schahko Mattos. Die Entfernung von dem Bären bis zum Felsen war zu groß; aber um den Stolz des Osagen nicht zu verletzen, schwiegen wir.

Er ließ sein Gewehr bei uns zurück, legte sich auf die Erde und kroch auf den Felsen zu, diesen natürlich als Deckung gegen den Bären nehmend. Old Surehand folgte ihm, selbstverständlich mit dem Gewehre, in derselben Weise. Bei dem Steine angekommen, blieb Old Surehand dort liegen, während der Osage weiter kroch.

Der Bär merkte noch immer nichts von dem, was gegen ihn im Werke war. Wir hörten trotz der weiten Entfernung die Knochen zwischen seinen Zähnen krachen. Schahko Matto schob sich vorwärts, weiter, immer weiter; das war mehr unvorsichtig als mutig.

„Uff!“ sagte der Apatsche. „Wir wollen unsere Gewehre bereit halten. Der Häuptling der Osagen weiß den Weg nicht einzuteilen!“

Ich konnte Schahko Matto auch nicht begreifen; er zog die Schnelligkeit eines Grizzly gar nicht mit in Berechnung. Er durfte sich nur so weit von Old Surehand entfernen, daß er auf dem Rückwege nicht von dem Bären eingeholt werden konnte. Anstatt aber den Grizzly so aufmerksam zu machen, daß er, von ihm verfolgt, noch vor ihm bei Old Surehand ankam, kroch er weiter, immer weiter! Da legte Winnetou beide Hände an den Mund und rief:

„Anhalten, Schahko Matto! Anhalten und aufstehen!“

Der Osage hörte es und erhob sich. Der Bär hatte es auch gehört und drehte sich nach der Gegend um, aus welcher die Stimme kam. Er sah den Indianer und trabte augenblicklich auf ihn zu. Was das zu bedeuten hatte, wird daraus klar, daß der Trab eines Grizzly gleich dem Galoppe eines Pferdes ist. Schahko Matto war ihm auf zwanzig Schritte nahe gekommen, hatte also bis zu Old Surehand fünfzig zurückzulegen; er mußte vor der Zeit von dem Bären eingeholt werden! Dazu kam, daß Old Surehand, wenn er den Petz wirklich nicht nur verwunden, sondern erlegen wollte, nicht eher schießen durfte, als bis dieser sich aufrichtete und dabei die Brust zum Ziele bot. Ich rief ihm also hastig zu:

„Jetzt ja nicht schießen, Mr. Surehand! Ich werde den Osagen beschützen!“

Ich legte also meinen Bärentöter an und wartete. Schahko Matto hatte wohl noch nie in seinem Leben solche Sprünge gemacht wie jetzt; es war aber vergeblich; der Grizzly kam ihm rapid näher.

„Schahko Matto, eine Wendung zur Seite machen!“ schrie ich ihm zu.

Er und der Bär kamen nämlich in einer geraden Linie auf uns zu; es konnte also niemand auf das Tier schießen, ohne den Menschen zu treffen. Er achtete aber nicht auf meinen Ruf und rannte geradeaus weiter. Da sprang ich hinter dem Busche weit hervor und schrie ihm die Warnung wieder zu; der Bär war nur drei Schritte hinter ihm. Jetzt verstand er mich und bog rasch seitwärts ab; nun hatte ich freies Ziel und der Bär bekam meine Kugel, noch ehe er ihm folgen, konnte. Es war natürlich kein Schuß auf den Tod; ich wollte dem Grizzly nur einen Halt gebieten, und das gelang; er ließ den Osagen laufen und blieb stehen. Den Kopf hin und her bewegend, sah er sein Blut laufen und hob die Tatze nach der Wunde, welche meine Kugel ihm unterhalb des Halses geschlagen hatte. Diesen Augenblick ergriff Old Surehand, indem er sich hinter dem Felsen aufrichtete und kühn auf den Bären zuschritt; die Entfernung betrug ungefähr dreißig Fuß. Der Grizzly sah ihn kommen und richtete sich auf. Old Surehand ging unentwegt weiter und gab ihm die erste und nach einigen Schritten die zweite Kugel in die Brust. Dann warf er das Gewehr weg und zog das Messer. Diese Vorsicht war aber glücklicherweise überflüssig; auch dieser „Vater Ephraim“ hatte genug; er fiel um, wälzte sich einigemal hin und her, zuckte konvulsivisch mit den Pranken und ließ dann seine Seele nach den ewigen Jagdgründen wandern, seinen Leib aber mit dem Felle hier bei uns zurück.

Von dem Warnungsruf Winnetous an bis jetzt war nicht eine Minute vergangen, so schnell hatte sich die Scene abgespielt. Schahko Matto stand mit tief arbeitender Brust und ohne Atem bei uns.

„Das – das – – ging mir an das Leben!“ keuchte er.

„Warum war mein Bruder so unvorsichtig!“ antwortete der Apatsche.

„Unvorsichtig? Ich?“

„Ja! Wer sonst?“

„Du! Winnetou!“

„Uff! Ich soll unvorsichtig gewesen sein?“

„Ja. Hättest du mir nicht vor der Zeit zugerufen, so wäre der Bär nicht auf mich aufmerksam geworden! Das ist doch richtig!“

Winnetou sah ihm einen Augenblick lang lächelnd in das Gesicht, sagte kein Wort und wendete sich dann stolz von ihm ab.

„Er dreht sich um! Habe ich nicht recht?“ fragte der Osage nun mich.

„Der Häuptling der Osagen hat unrecht,“ antwortete ich.

„Old Shatterhand irrt sich!“

„Beweise es!“

„Mußte Winnetou den Bären auf mich aufmerksam machen?“

„Ja. Du krochst doch zu dem Tiere hin, damit es aufmerksam werden solle.“

„Aber doch nicht so zeitig!“

„Nicht so zeitig? Früher, viel, viel früher hätte es geschehen sollen! Du hättest viel eher aufstehen und den Bären anrufen sollen; dann wäre er dir nicht vor der Zeit nachgekommen, und du hättest Old Surehand auch nicht die ganze Freude verdorben.“

„Die Freude habe ich ihm verdorben? Womit?“

„Durch den Schuß, den ich abgeben mußte, um dir das Leben zu retten.“

„Und der hat Old Surehand um die Freude gebracht?“

„Natürlich!“

„Ich verstehe Old Shatterhand nicht!“

„Das ist mir unbegreiflich. Das Tier hat, ehe Old Surehand es erlegte, schon eine Kugel von mir bekommen. Muß ihn das nicht ärgern?“

„Uff, uff! ja; daran habe ich nicht gedacht.“

„So denke nun auch daran, daß du dich bei Winnetou hättest bedanken sollen, anstatt ihm Vorwürfe zu machen! Hätte er dir nicht zugerufen, und wärest du dem Bären noch näher gekommen, so lebtest du wahrscheinlich jetzt nicht mehr. Das gebe ich dir zu bedenken!“

Jetzt ließ auch ich ihn stehen und ging zu dem Grizzly hin, bei welchem Winnetou und Old Surehand schon damit beschäftigt waren, ihm „den Pelzrock auszuziehen“. Dieser Vater Ephraim stand, um mich dieses Ausdrucks zu bedienen, in dem besten Mannesalter, und so nahmen wir seine Tatzen mit. Schahko Matto erwirkte es dann, daß wir uns auch einen der beiden Hinterschinken herausschälten, da es geraten erschien, uns so viel wie möglich mit Fleisch zu versehen, von dem allerdings zu erwarten war, daß es sich oben im kühlen Gebirge gut halten werde.

Jetzt hatten wir auch den vierten Pelz und konnten nach dem Lager zurückkehren. Vier Bären im Laufe eines Tages! Das war, obgleich sich ein junger darunter befand, ein höchst seltenes Jagdergebnis, zumal niemand dabei eine Verletzung davongetragen hatte, ein Ergebnis, welches kaum irgendwo anders als in diesem abgelegenen, kaum von einem Weißen besuchten Kui-erant-yuaw hatte stattfinden können! Wir andern waren ebenso erfreut darüber wie Old Surehand, der nun die Erwartung der Utahs, daß die Bären ihn zerreißen würden, ihnen als nichtig beweisen konnte.

Als wir das Lager erreichten, war es schon spät am Nachmittage, und es galt nun, für den Abend unsere Beschlüsse zu fassen. Old Surehand hatte zwar eine zweitägige Frist bekommen; es fiel uns aber gar nicht ein, einen Tag unnötig zu verschwenden. Was zu seiner Befreiung geschehen konnte, das mußte schon heut geschehen, aber was und wie, das waren die wichtigen Fragen.

Old Surehand konnte die Felle unmöglich allein hinauf nach dem Park schleppen; wir mußten sie unsern Pferden zu tragen geben. Aber da, wo er heruntergekommen war, durften wir nicht hinauf, denn da wären die Utahs uns gewahr geworden. Wir machten also mit ihm aus, daß er allein hinaufsteigen solle, und zwar noch während es hell war. Er sollte sich dann um das Lager der Roten herumschleichen, sich aber ja nicht sehen lassen, und nach der nordwestlichen Ecke des Parkes kommen, wo er uns entweder schon antreffen würde oder auf uns warten müsse. Wir aber wollten in unserer Schlucht, wo wir den großen, alten Vater Ephraim erlegt hatten, wieder hinauf und auf demselben Wege wie gestern, also am südlichen und westlichen Rande des Parkes unter den Bäumen hin, unbemerkt das genannte Rendezvous zu erreichen suchen. Er ging auf diesen Vorschlag ein und machte sich, um das Tageslicht ausnutzen zu können, gleich jetzt schon auf den Weg. Dick Hammerdull warf eine Kußhand hinter ihm her und rief ihm nach:

„Leb wohl, herzlieber Schatz! Komm ja heut abend zum Tanze!“

Und sich an seinen Busenfreund wendend, fügte er lustig hinzu: „Du wirst dazu aufspielen. Welches Instrument kannst du denn blasen, alter Pitt?“

„Die längste Posaune von Jericho,“ antwortete dieser.

„Ja, das stimmt. Alles, was lang ist, kannst du blasen, nur dich selber nicht! Möchte auch die Töne hören, die aus dieser alten Oboe kämen!“

„Zupf dich an deinen eigenen Saiten, alte Guitarre! Du bist verstimmt!“

„Ob ich verstimmt bin oder nicht, das bleibt sich gleich; heut aber möchte ich mich hören lassen. Drei Riesenbären und ein Baby dazu! Das ist noch gar nicht dagewesen; so etwas hat es gar noch nie gegeben!“

„Ja, und alle vier hast du allein erlegt!“

„Spotte nicht! Hast etwa du ihren Tod auf deinem Herzen?“

„Nein. Ich thu aber auch nicht so dick wie du damit. Verstanden?“

„Vom Dickthun kann keine Rede sein. Ich habe nur die Ereignisse und Ergebnisse der heutigen Weltgeschichte aufgezählt, welche übrigens noch gar nicht abgeschlossen ist. Es kommt ja nun erst noch der gewaltige Schreck, den wir da oben den Utahs einjagen werden.“

„Uff! Die werden sich wohl ganz besonders vor dir entsetzen?“

„Jedenfalls mehr als vor dir! Doch schau, die andern Gentlemen sind schon fertig. Steig auf, altes Coon, zu neuen großen Heldenthaten!“

Wir verließen das Lager und traten den Weg nach oben an.

Es war trotz der Angst, welche die Utahs vor den Grizzlys hatten, möglich, daß sie wenigstens eine Strecke in die Schlucht herabgekommen waren; der Bär ist ja bei Tage nicht so wie in der Nacht zu fürchten. Darum mußten wir vorsichtig sein und schickten Winnetou voraus, um uns zu warnen, falls dies nötig werden sollte. Er fand aber keine Veranlassung, dies zu thun, denn er hatte niemand gesehen.

Als wir oben ankamen, war es dunkel geworden, so daß wir keine Spur entdecken konnten, ob die Utahs ihre Streifereien bis hierher ausgedehnt hatten. Wir kannten den Weg von gestern, und da wir nicht ritten, sondern die Pferde führten, kamen wir ganz leidlich bis zu der hohen Baumgruppe, bei welcher die Kameraden gestern auf mich und Winnetou, während wir die Utahs belauschten, gewartet hatten.

Hier mußten wir die Pferde lassen, durch welche wir leicht hätten verraten werden können, wenn wir sie näher zu den Utahs mitgenommen hätten.

Die Felle tragend, gingen wir dann weiter bis zu der Ecke, zu welcher wir Old Surehand bestellt hatten. Er war noch nicht da. Das war leicht erklärlich: Er kannte das Terrain nicht so wie wir und mußte sich vorsichtig um die Indianer schleichen; dazu war mehr Zeit erforderlich, als wir für uns nötig gehabt hatten.

Endlich kam er. Er war natürlich sehr erfreut darüber, daß weder ihm noch uns etwas begegnet war, was unser Zusammentreffen verhindert hätte, und teilte uns mit, daß die Roten schon ihre Lagerfeuer brennen hätten. Wir hatten das schon gerochen, wenn es auch nicht möglich gewesen war, sie zu sehen.

Über das, was nun geschehen sollte, waren wir einig. Die Felle mußten in die Nähe des Lagers geschafft werden, und zwar nach der Seite desselben, von welcher Old Surehand aus dem Thale heraufzukommen hatte. Da dies die von uns abgewendete war, mußten wir einen Umweg machen, einen nach dem offenen Parke gerichteten Bogen schlagen, was nicht schwer war, weil wir dabei nicht durch Bäume gehindert wurden. Wir langten glücklich jenseits der Utahs an und legten die Felle in so geringer Entfernung vor dem Lager nieder, daß es eine Schande für die Roten war, uns nicht bemerkt zu haben.

Jetzt galt es nun zuletzt, uns ebenso unbemerkt hinter sie zu schleichen. Um uns dies zu erleichtern, mußte ihre Aufmerksamkeit von uns abgelenkt werden, und dies konnte am sichersten durch Old Surehand geschehen. Wenn er am Lager ankam, waren jedenfalls alle Augen und Ohren auf ihn gerichtet, und so bekam er die Weisung, sich ungefähr zehn Minuten nach unserer Entfernung bei den Feuern sehen zu lassen.

Wir drangen also, einer hinter dem andern und uns an den Händen führend, in den Wald ein. Die Feuer zu unserer Linken erleichterten uns das Vorwärtsdringen. Dennoch war die angegebene Zeit schon fast vorüber, als wir hinter den Roten unter den Bäumen kauerten. Wir hatten uns ihnen noch mehr zu nähern, und um das zu können, mußten wir auf die Ankunft Old Surehands warten.

Da ertönten laute, verwunderte Rufe. Er war gekommen, und nun schoben wir uns, am Boden kriechend, in das schon gestern erwähnte Farngestrüpp hinein. Heut war dabei die gestrige große Vorsicht nicht nötig, weil kein Mensch nach dieser Seite blickte.

Das Aufsehen, welches die Rückkehr Old Surehands erregt hatte, war noch nicht vorüber, als wir es uns in den Farn schon so bequem wie möglich gemacht hatten. Bemerken muß ich, daß der Häuptling Tusahga Saritsch genau an demselben Platze wie gestern saß, doch heut allein. Er war der einzige, welcher nicht aufgestanden war; die andern alle umdrängten Old Surehand und riefen ihm ihre Fragen zu, von denen er, still um sich sehend, keine beantwortete.

Erst als er annehmen zu dürfen glaubte, daß wir die von uns beabsichtigten Plätze eingenommen hatten, sagte er mit lauter Stimme: „Die Krieger der Utahs umdrängen mich mit Fragen, ohne zu bedenken, daß nur ihr Häuptling es ist, dem ich Rede stehen werde!“

„Uff! Das Bleichgesicht hat recht,“ stimmte Tusahga Saritsch bei. „Old Surehand mag kommen und sich zu mir setzen!“

Der Genannte folgte dieser Aufforderung, ohne vorher entwaffnet und gebunden zu werden, was doch wohl das erste war, was die Utahs hätten thun müssen. Sie glaubten, seiner auf alle Fälle sicher zu sein.

„Old Surehand mag sagen, ob er unten im Thale der Bären gewesen ist!“

Der Jäger antwortete auf diese Frage des Häuptlings:

„Ich war unten.“

„Hast du die Spuren des Grizzly gesehen?“

„Sogar mehrerer Grizzlies!“

„Auch die Bären selber?“

„Ja.“

„Doch ohne mit ihnen zu kämpfen?“

„Ich kenne keinen Grizzly, welcher nicht sein Leben lassen mußte, nachdem er so unvorsichtig gewesen war, sich von mir sehen zu lassen!“

„Du bist aber nicht verwundet!“

„Ich habe noch nie einem Bären erlaubt, mich zu berühren. Wozu habe ich mein Gewehr?“

„So bist du Sieger gewesen?“

„Ja.“

„Aber ich sehe kein Fell!“

„Fell? Du sprichst nur von einem! Hast du vergessen, was mir aufgetragen worden ist! Habe ich nicht vier Felle bringen sollen?“

„Uff! Du redest sehr stolz!“

„Ich rede nur so, wie ich darf!“

„Hast du denn vier Felle?“

„Ja.“

„Das ist nicht wahr; das ist nicht möglich; das kann man nicht glauben!“

„Was Old Surehand sagt, ist immer wahr!“

„Wie hättest du die Felle tragen können! Vier Felle von grauen Bären sind so schwer, daß kein einzelner Mann sie schleppen kann!“

„Die Söhne der Utahs scheinen sehr schwache Leute zu sein.“

„Uff! Du hast kein einziges Fell. Du weißt, daß du verloren bist, und willst uns in Zorn und Ärger versetzen!“

„Schicke vier Krieger vierzig Schritte weit hier an dem Rande des Waldes hin; sie mögen bringen, was sie dort finden werden!“

„Uff, uff! Meinst du, daß wir mit uns scherzen lassen?“

„Ich spreche im Ernste!“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Uff! Ich sage dir: Ich habe dir zwei Tage Zeit gegeben, heut und morgen. Wenn du glaubst, scherzen zu können, strafe ich dich dadurch, daß ich aus den zwei Tagen nur einen mache; du mußt also heute noch sterben!“

„Mach nicht so viel Worte, sondern sende hin!“

„Uff! Dieses Bleichgesicht muß während dieses Tages wahnsinnig geworden sein!“

Er konnte den Worten Old Surehands absolut keinen Glauben schenken und fragte ihn noch einmal, erhielt aber die bestimmte Antwort:

„Ihr sollt mich sofort töten, wenn ich mit euch im Scherz gesprochen habe!“

Nun endlich schickte er vier Männer fort. Er und die andern warteten mit größter Spannung, keiner sprach ein Wort. Da erklangen laute Ausrufe der Verwunderung, ein sicheres Zeichen, daß die Roten ihren Weg nicht umsonst gemacht hatten. Die Utahs, welche sich vorhin alle niedergesetzt hatten, sprangen jetzt abermals auf und blickten erwartungsvoll nach der Gegend hin, aus welcher ihre vier Kameraden kommen mußten. Sie kamen, und jeder von ihnen brachte ein Grizzlyfell getragen, welches er am Feuer niederlegte.

Jetzt hatten wir das Vergnügen, eine sich vor Erstaunen fast wie toll gebärdende Indianerschar zu sehen und zu hören. Das von ihnen für vollständig unmöglich Gehaltene war nicht nur möglich, sondern wirklich geworden. Die Felle wurden hin und her gezerrt und sehr eingehend betrachtet. Die größte Bewunderung erregte der Pelz des alten Vater Ephraim, den wir in der Schlucht erlegt hatten. Man suchte vergeblich nach dem Kugelloche, und als man schließlich die zwei hart aneinander liegenden Stiche sah und zur Erkenntnis kam, daß er nicht erschossen, sondern erstochen worden war, legte sich der vielstimmige Lärm, und es trat eine um so auffälligere Stille ein, während welcher alle Augen groß und staunend auf den weißen Jäger gerichtet waren.

Bei den Indianern gilt die Erlegung eines grauen Bären für die größte Heldenthat. Wer einen Grizzly ohne Hilfe anderer getötet hat, wird bis an seinen Tod und noch darüber hinaus gefeiert und hat nach dem Häuptlinge die erste Stimme in der Versammlung der alten Krieger, mag er auch noch so jung sein. Da die Capote-Utahs bekanntlich sich nicht durch hervorragend kriegerische Eigenschaften auszeichnen, mußte der Sieg über einen Grizzly bei ihnen noch viel höher geschätzt werden als bei andern, sich durch größere Tapferkeit auszeichnenden Stämmen. Und nun lagen gar vier Felle hier anstatt eines einzelnen! Und unter diesen gab es die Haut eines wahrhaft riesigen Tieres, welches mit dem Messer erlegt worden war! Kein einziger der Capote-Utahs hätte gewagt, mit dem bloßen Messer auf einen viel, viel kleineren grauen Bären loszugehen! Daher die plötzlich eingetretene Stille, während welcher aller dreiundfünfzig Augen auf Old Surehand gerichtet waren.

Dieser that, als sehe er das gar nicht, zog ein Stück gebratenes Fleisch aus der Tasche und begann, es zu verzehren. Da fragte der Häuptling:

„Ist dieses Fleisch von einem dieser Bären?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte.

„Zum Braten muß man Feuer haben!“

„Natürlich!“

„Wir haben alle Taschen Old Surehands leer gemacht; er hat weder Punks noch etwas anderes, womit man ein Feuer anzünden kann!“

„Auch das ist richtig!“

„Und doch hat er ein Feuer gehabt?“

„Ja.“

„Wie hat er es anbrennen können?“

Tusahga Saritsch war mißtrauisch geworden. Old Surehand antwortete:

„Die roten Männer kennen nicht die Wissenschaften der Bleichgesichter. Der Weiße braucht weder Punks noch Hölzer mit Schwefel. Hat Tusahga Saritsch noch nicht gehört, daß man mit Stahl und Stein Feuer machen kann?“

„Das weiß ich.“

„Nun, Stahl ist meine Messerklinge, und Feuerstein habe ich unten bei den Felsen gefunden. Zunder steckt in jedem hohlen Baume genug.“

„Uff! Das ist wahr! Schon dachte ich, Old Surehand habe andere Leute gefunden, Bleichgesichter, welche ihm Feuer gegeben haben. Aber die Bleichgesichter haben nicht den Mut, das Bärenthal zu betreten!“

„Das ist eine Unwahrheit. Den Indianern aber fehlt dieser Mut!“

„Willst du mich wieder beleidigen?!“

Pshaw! Bin ich unten gewesen, oder habt ihr es gewagt, hinabzusteigen? Bin ich ein Indianer, und seid ihr Weiße? Wer hat den Mut besessen, ich oder ihr, die ihr über fünfzig seid, und ich bin allein?“

„Schweig! Das Urteil, hinunter zu gehen, hat dich getroffen, aber nicht uns. Wir haben keinen Grund, dahin zu gehen, wohin wir nicht zu gehen brauchen. Wie hast du es angefangen, vier Bären zu finden?“

„Ich habe Augen!“

„Und sie zu erlegen?“

„Ich habe ein Gewehr und ein Messer!“

„Und die schweren Felle hier heraufzutragen?“

„Ich habe Schultern und Arme!“

„Aber kein Mensch kann diese vier schweren Felle tragen.“

„Auf einmal nicht. Wer hat denn behauptet, daß ich das gethan habe?“

„Konntest du es anders machen?“

„Natürlich! Kann ich sie nicht einzeln heraufschaffen?“

„Uff! Das ist wahr. Wir werden sehen, ob du morgen noch einen Bär erlegst!“

„Noch einen? Wer verlangt das?“

„Ich.“

„Warum?“

„Es ist ein sehr kleiner dabei; der gilt nichts!“

„Desto größer ist der alte Grizzly gewesen.“

„Das gilt nichts, daß er größer ist. Bär ist Bär!“

„Da bin ich einverstanden. Bär ist Bär; auch der kleine war ein Bär und hat also als ein Bär zu gelten. Ich habe vier Felle gebracht!“

„Darüber habe ich allein zu bestimmen, nicht aber du! Schweig also!“

Mit diesen Worten leitete er, ohne zu ahnen, eine Entscheidung ein, die ihn noch mehr in Aufregung bringen mußte, als der Anblick der Bärenfelle. Old Surehand antwortete ihm im ruhigsten Tone:

„Meinst du wirklich, daß Old Surehand der Mann ist, welchem du Schweigen gebieten darfst, wenn er sprechen will? Ich rede, wenn ich will, und ich thue, was ich will. Du hast mir nichts zu befehlen!“

„Nicht? Bist du nicht mein Gefangener?“

„Nein!“

„Uff! Du denkst, weil du dein Gewehr und dein Messer noch hast!“

Pshaw!“

„Grad daß ich dir beides noch nicht habe nehmen lassen, muß dir sagen, daß wir dich fest in den Händen haben. Ich werde dich wieder binden lassen.“

„Das wirst du nicht thun!“

„Wer soll mich hindern?“

„Ich! Ich habe gethan, was du von mir gefordert hast, und bin nun frei!“

„Noch lange nicht! Dieser kleine Bär gilt nichts. Und wenn ich ihn gelten lassen wollte, hättest du doch nur dein Leben gerettet!“

„Auch die Freiheit!“

„Nein! Willst du mit uns ziehen und dir eine Squaw bei uns nehmen?“

„Nein!“

„So bleibst du gefangen!“

„Es wundert mich, daß du in dieser Weise mit mir zu sprechen wagst. Wer furchtlos in das Kui-erant-yuaw hinabgestiegen ist und vier graue Bärenfelle mitgebracht hat, fürchtet sich vor keinem roten Manne!“

„Ich werde dir beweisen, daß du dich dennoch vor mir fürchtest!“

„Möchte wissen, wie du das anfangen wolltest! Ihr habt mir für die Felle zwar nur das Leben versprochen; das ist wahr; aber ich habe mir mit ihnen auch die Freiheit mit aus dem Thale heraufgeholt.“

„Sprich deutlicher, wenn mein Ohr deine Worte verstehen soll.“

„Gut, ich will deutlich sprechen! Ich gebe euch die Wahl, Old Surehand entweder als Freund oder als Feind zu haben. Du sollst darüber entscheiden.“

„Wir fürchten deine Feindschaft nicht!“

„Warte nur noch kurze Zeit, so wirst du anders reden! Mein Leben habe ich mir erkauft; ich brauch nun meine Freiheit dazu. Giebst du sie mir jetzt freiwillig, so werde ich stets der Freund deines Stammes sein; verweigerst du sie mir aber, so wirst du es bitter bereuen!“

„Ich verweigere sie! Das ist meine Antwort. Poche nicht auf dein Messer und auf dein Gewehr! Es ist nicht die Zauberflinte Old Shatterhands, der immerfort schießen kann, ohne laden zu müssen, und gegen den darum fünfzig und hundert Krieger nicht aufkommen können.“

„So glaubst du also doch, daß dieses Gewehr euern Waffen überlegen ist?“

„Ich glaube es, und jeder Krieger muß es glauben.“

„Hast du dieses Gewehr einmal gesehen?“

„Nein.“

„So wünsche auch nicht, es zu sehen.“

„Warum nicht?“

„Weil seine Mündung auf dich und deine Krieger gerichtet sein und jedem von euch den augenblicklichen Tod geben würde, der es wagte, dem Willen Old Shatterhands zu widerstehen.“

„Uff! Was weißt du von diesem seinem Willen!“

„Ich kenne ihn. Old Shatterhand will, daß ich frei sei!“

„Hat er dir das gesagt?“

„Ja. Er und Winnetou wissen, daß ihr mich durch einen hinterlistigen Überfall gefangen habt; sie werden dir gebieten, mich freizugeben.“

„Du sprichst im Traume!“

„Ich rede von der Wirklichkeit. Wende den Kopf nach deiner linken Seite.“

Wir hatten Old Surehand keine speziellen Verhaltungsmaßregeln erteilt und mit ihm nicht verabredet, was er thun und sprechen solle. Sein und unser Verhalten mußte, sozusagen, extemporiert werden. Ich und Winnetou ließen uns seine an den Häuptling gerichtete Aufforderung als Stichwort dienen und richteten uns empor. Indem ich den Stutzen auf Tusahga Saritsch anlegte, trat Winnetou furchtlos, als ob er sich bei den besten Freunden befinde, zu ihm hin, hielt ihm sein silberbeschlagenes Gewehr vor das Gesicht und fragte:

„Du wirst mir sagen können, was dies für eine Büchse ist. Wie nennt man sie?“

Jetzt zeigte es sich wieder einmal, welchen Eindruck die herrliche Erscheinung und das stolze, selbstbewußte Auftreten des Apatschen hervorzubringen pflegte. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Niemand wagte es, nach den Waffen zu greifen. So überrascht, ja erschrocken die Utahs über unser plötzliches Erscheinen waren, sie vergaßen es ganz, demselben Ausdruck zu verleihen. Auch ihr Häuptling vergaß, vom Boden aufzuspringen. Die Augen auf das Gewehr gerichtet, antwortete er beinahe stotternd:

Das – – das – – uff – – das ist die Silberbüchse Winnetous!

Ja, ich bin Winnetou, der Häuptling der Apatschen. Und da steht mein weißer Bruder Old Shatterhand mit seiner Zauberflinte, und hinter ihm erblickst du noch mehrere Häuptlinge roter Stämme und tapfere Krieger der Bleichgesichter, welche ihre Gewehre alle auf euch richten. Sag deinen Kriegern, daß sie ja keine Hand und keinen Fuß bewegen sollen, denn wer es wagt, dies zu thun, der bekommt augenblicklich eine Kugel in den Kopf!“

Es war für uns eine wahre Wonne, die Wirkung dieser Worte zu beobachten. Kein Indianer machte die geringste Bewegung; sie standen wie die Statuen. Ihr Häuptling betrachtete mich mit angstvollen Augen und antwortete dem Apatschen in bittendem Tone:

„Ich sehe, daß du Winnetou bist, und glaube auch, daß das Bleichgesicht dort Old Shatterhand ist. Ich mag sein Zaubergewehr nicht auf mich gerichtet haben. Sag ihm, daß er es senken möge!“

„Old Shatterhand thut, was er will; er nimmt keinen Befehl eines andern an, auch nicht von mir, der ich sein Freund und Bruder bin.“

„So bitte ihn!“

„Auch darauf hört er nicht. Er ist nur dann bereit, eine Bitte zu erfüllen, wenn sie aus dem Munde seines Bruders Old Surehand kommt.“

Da wendete sich Tusahga Saritsch an seinen bisherigen Gefangenen:

„So bitte du Old Shatterhand, das Zaubergewehr nicht länger auf mich zu richten.“

Jetzt fühlte sich Old Surehand im richtigen Fahrwasser; er antwortete:

„Ich werde diese Bitte nur dann aussprechen, wenn du meine Wünsche schnell und ohne allen Widerspruch erfüllst!“

„Was wünschest du?“

„Bin ich frei?“

„Nein!“

Pshaw! Old Shatterhand braucht nur den Drücker zu bewegen, so bist zu eine Leiche. Ich bin schon frei. Niemand kann mich festhalten. Dennoch frage ich, um dir Gelegenheit zu geben, deinen guten Willen zu zeigen. Also sag: Bin ich frei?“

„Wie kann ich dich freigeben? Du hast zwei unserer Krieger getötet!“

Da sagte Winnetou:

„Der Häuptling der Capote-Utahs will nicht einsehen, wer hier zu befehlen und wer zu gehorchen hat. Was sind das für Riemen, welche ich hier zu den Füßen meines Bruders Surehand liegen sehe?“

„Es sind die, mit denen ich bis heut früh gefesselt war,“ antwortete der Genannte.

„Heb sie auf und binde damit Tusahga Saritsch die Arme und die Füße!“

Der Häuptling wollte aufspringen; da ließ ich den noch unaufgezogenen Hahn knacken.

„Halt! Still!“ warnte ihn Winnetou. „Noch eine solche Bewegung, so trifft dich die Kugel! Hört, alle ihr Männer vom Stamme der Utah: Von den Worten, die ich euch jetzt sage, geht kein Laut und keine Silbe ab. Ihr seid unsere Gefangenen, legt eure Waffen ab und laßt euch von uns binden. Morgen früh erhaltet ihr die Waffen und die Freiheit wieder und könnt gehen, wohin ihr wollt. Wer sich das nicht gefallen lassen will, der hebe seine Hand empor; aber wer sie emporhebt, der bekommt sofort die Kugel in den Kopf!“

Es gab natürlich keine Hand, welche in die Höhe gehalten wurde.

„Ihr habt unsern Freund und Bruder Surehand gebunden mit euch herumgeschleppt; ihr habt ihm die Wahl zwischen dem Tode und dem Kampfe mit den Bären gelassen; das muß gesühnt werden. Wir legen euch eine milde, eine geringe Sühne auf, ihr sollt dafür eine Nacht gefangen sein. Morgen früh seid ihr alle wieder frei. Wer darauf eingeht, der handelt klug; wer unsere Güte von sich weist, dem kostet es das Leben. Winnetou hat gesprochen. Howgh!“

Es ließ sich nicht ein einziges Wort des Widerspruches hören, und so sagte ich:

„Auch ich, Old Shatterhand, gebe den Kriegern der Capote-Utah mein Wort, daß sie morgen früh wieder frei sein werden, wenn sie sich jetzt binden lassen. Der Häuptling soll der erste sein, der die Riemen bekommt. Dick Hammerdull und Pitt Holbers, ihr beide versteht euch auf dieses Geschäft! Auch ich habe jetzt gesprochen. Howgh!“

Es ist etwas ganz eigenes um die fast unausbleibliche Wirkung, welche so ein ruhiges, festes und selbstbewußtes Auftreten auf Leute, wie die Utahs waren, hervorbringt. Der Ruf, in welchem wir standen und die Furcht vor meinem vermeintlichen Zaubergewehre hatten wohl auch ihren Anteil daran, aber das Äußere besonders des Apatschen und die Art und Weise, wie er sich gab und wie er sprach, brachten auch hier das hervor, was er beabsichtigte: Der Häuptling wehrte sich nicht, als ihm die Riemen angelegt wurden, und seine Untergebenen konnten nicht anders, als diesem Beispiele folgen. Erst als der letzte gefesselt war, ließ ich den Stutzen sinken. Die Arme thaten mir weh.

Das nächste war, daß sich Old Surehand in den Wiederbesitz seines Eigentumes setzte; es war nichts davon abhanden gekommen, ein Umstand, der ihn versöhnlich stimmte. Er erklärte uns also:

„Eigentlich haben diese Indianer einen Denkzettel verdient, denn es ist nicht angenehm, mehrere Tage lang als Gefangener umhergeschleppt zu werden. Daß ich ihnen zwei Leute erschossen habe, dürfen sie mir nicht anrechnen, weil ich mich meines Lebens wehren mußte; also wäre ich jetzt eigentlich noch nicht quitt mit ihnen, sondern hätte einen Betrag heraus zu bekommen; aber da sie die Ursache sind, daß ich euch hier getroffen habe, will ich meine Rechnung durchstreichen und dareinstimmen, daß sie morgen ihre Wege ziehen können. Die Bärenfelle aber bekommen sie natürlich nicht!“

„Das fehlte noch!“ stimmte Dick Hammerdull bei. „Wer einen Bärenpelz haben will, mag mit dem Kerl, welcher naturgemäß hineingewachsen ist, selber reden. Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm!“ brummte der Lange. „In was für ein Fell bist denn du eigentlich hineingewachsen, lieber Dick?“

„In das deinige natürlich nicht! Fang nicht etwa schon wieder an, mich zu molestieren! Seit Mr. Shatterhand heutnacht mein Leibschneider geworden ist, halte ich auf Reputation und Ehre und laß mich von dir nicht schikanieren. Aber, Mesch’schurs, wer soll die schweren Felle bis so weit hinauf in das Gebirge schleppen? Das ist doch eine unbequeme Plackerei!“

„Meine Brüder werden auf die Felle verzichten und nur die Trophäen behalten,“ antwortete Winnetou. „Das ist genug.“

Er meinte die Zähne, Krallen und Ohren der Bären, welche der Jäger als Siegeszeichen um den Hals oder am Hute zu tragen pflegt. Ich muß erwähnen, daß wir den Tieren die Zähne mit Hilfe der Tomahawks und Messer ausgebrochen hatten. Nun fragte es sich, wer diese Trophäen bekommen sollte. Old Surehand hatte den vierten Bären erlegt, weigerte sich aber, etwas von ihm anzunehmen, und begründete diese Weigerung mit den Worten:

„Die zwei Kugeln, welche er von mir bekommen hat, zählen nicht. Old Shatterhand hat ihm den ersten Schuß gegeben; dieser gilt!“

Natürlich ging ich nicht auf diesen Verzicht ein, und er mußte sich in meinen Willen fügen. Dieser Bär gehörte ihm. Dann handelte es sich um die Bärin, deren Fell und Zähne mir zugesprochen wurden. In Beziehung auf den alten starken Vater Ephraim wollte Winnetou geltend machen, daß er durch den zweiten, also durch meinen Messerstich erlegt worden sei; es entspann sich also ein Wettstreit zwischen ihm und mir, aus welchem ich als Sieger hervorging; der Grizzly wurde als von ihm getötet betrachtet; er fügte sich mit den Worten:

„Old Shatterhand und Winnetou sind nicht zwei Personen, sondern eine; es ist also gleich, wer die Trophäen erhält.“

„Und nun das Baby!“ sagte Dick Hammerdull. „Wer hat die Ehrenzeichen von diesem zu erhalten?“

„Apanatschka,“ antwortete ich.

„Wie? Warum der?“

„Weil er den jungen Bären erstochen hat.“

„Ach so! Und warum hat er ihn erstechen können, Mr. Shatterhand?“

„Weil er ein Messer in den Händen hatte, natürlich.“

„Fehlgeschossen! Weil ich das Baby festgehalten habe. Wäre es nicht von mir so fest umklammert worden, hätte es nicht erstochen werden können.“

„Es ist wohl etwas umgekehrt gewesen!“

„Wie denn?“

„Nicht Ihr hattet es, sondern es hatte Euch umklammert!“

„Ob es mich hatte oder ob ich es hatte, das bleibt sich gleich, das ist ganz und gar egal; wir hatten einander fest, und darum habe ich nicht eher losgelassen, als bis es von Apanatschka erstochen worden war. Wenn der berühmte Häuptling der Komantschen nur eine Spur von menschlicher Gerechtigkeit im Herzen hat, muß er zugeben, daß ich allein und unbedingt derjenige bin, welcher!“

Da sagte Apanatschka lächelnd:

„Mein Bruder Hammerdull trägt die Spuren des Baby am Leibe!“

„Das ist wahr. Seine Mutter war eine Rabenmutter, die ihm auch nicht ein einziges Mal die Fingernägel abgeschnitten hat! Eine so krallige Kindererziehung ist mir noch gar nicht vorgekommen!“

„Und weil mein Bruder die Zeichen des Baby besitzt, mag er auch das Fell behalten!“

„Wirklich, bester Freund und Bruder Apanatschka?“

„Ja. Weil das Baby meinen Bruder Hammerdull so festgehalten hat, verzichtet Apanatschka auf den Rock, der ihm von seiner Mutter angezogen worden war.“

„Er ist ihm von uns wieder ausgezogen worden und gehört nun mir! Hast du das vernommen und gehört, Pitt Holbers, altes Coon?“

Yes!“ nickte der Lange.

„Was hast denn aber du?“

„Nichts! Ich laß mir nichts schenken!“

„Ist das Fell etwa ein Geschenk für mich?“

Yes, weiter nichts!“

„Oho! Ich habe es mir redlich verdient. Der Kaufkontrakt steht mit deutlichen Buchstaben auf meiner Haut geschrieben!“

„Und zwar so fest, daß ich ihn nicht herunterwaschen konnte!“

„Du willst mich wieder ärgern! Aber das thut nichts; ich bin und bleibe dein bester, treuster Freund. Wir werden teilen!“

„Was? Das Baby?“

„Nein, sondern nur die Andenken an das liebe Kind. Sag, alter Pitt, willst du die Hälfte davon haben?“

Da zog Holbers seine süßesten Lächelfalten zusammen und rief aus:

„Du wirst doch nicht, liebster Dick!“

„Warum nicht? Weißt du noch, was Winnetou vorhin sagte?“

„Nun, was?“

„Old Shatterhand und Winnetou sind nicht zwei Personen, sondern eine; es ist also ganz gleich, wer die Trophäen bekommt. So ist es auch mit uns beiden: Dick Hammerdull und Pitt Holbers sind ein Leib und eine Seele; nämlich der Leib bist du und die Seele bin ich. Geben wir also dem Leib die eine Hälfte und der Seele die andre Hälfte von den hübschen Babysachen! Einverstanden?“

Er streckte ihm die Hand hin. Holbers schlug ein und antwortete:

Yes, einverstanden! Du bist doch ein guter Kerl, alter Dick!“

„Du bist auch nicht ohne! Leib und Seele müssen zusammenhalten; also ärgere mich nicht mehr; dann bleib ich dir bis in den Tod getreu!“

Man wußte wirklich nicht, ob man sich gerührt fühlen, oder über die beiden sonderbaren Kerle lachen sollte. Die dicke Seele in dem langen, dünnen Leibe war ein köstliches Bild der unzertrennlichen aber so oft uneinigen Zweieinigkeit.

Natürlich war diese Besprechung über die Preisverteilung so unter uns vorgenommen worden, daß die Utahs nichts davon hörten. Sie mochten auch ferner überzeugt sein und es weiter erzählen, daß Old Surehand an einem Tage vier graue Bären erlegt habe. Sie verhielten sich, seit wir sie gebunden hatten, außerordentlich schweigsam; sie sprachen weder miteinander, noch kam es ihrem Häuptling bei, ein Wort an uns zu richten. Das war uns übrigens ganz lieb, denn wir hatten während der vergangenen Nacht nur wenig geschlafen und bedurften der Ruhe. Es wurde, um die Beleuchtung des Lagers zu vereinfachen, ein einziges großes Feuer angezündet, an welchem wir uns unser Abendessen, bestehend aus gebratenem Bärenfleisch, bereiteten, und während wir aßen, teilten wir die Wachen aus. Die erste erbat ich für mich, weil ich mich doch etwas überanstrengt hatte und mich die Wunde heute mehr als gestern schmerzte, was ich aber nicht sagte. Ich wollte dann versuchen, in einem fort zu schlafen.

Was die Wachen betrifft, so versuchten wir ein Arrangement, welches im wilden Westen wohl noch niemals vorgekommen war: die Gefangenen mußten sich daran beteiligen. Wir hatten zusammen rund sechzig Pferde, welche während der Nacht zusammenzuhalten waren; das konnten die Utahs übernehmen, von denen von Stunde zu Stunde zwei losgebunden und dann wieder gefesselt wurden. Eine Gefahr für uns gab es nicht dabei; sie hatten ja keine Waffen, und da sie wußten, daß sie früh schon wieder frei sein würden, hatten wir von ihnen keine Unannehmlichkeiten zu erwarten.

Als sich die andern Gefährten zur Ruhe gelegt hatten, setzte sich Old Surehand zu mir und sagte:

„Erlaubt, daß ich mich an Eurer Wache beteilige! Ich habe die ganze Nacht geschlafen und bin noch munter wie ein Fisch im Creek. Die Freude über unser Zusammentreffen hält mich wach. Wir haben uns zwar schon heut vormittag gar manches erzählt, aber mit Euch allein ist’s doch eine andre Sache. Ihr seid bei Wallace in Jefferson-City gewesen. Hattet Ihr noch jemand mit bei ihm?“

„Nein; ich war natürlich allein,“ antwortete ich.

„Ihr seid sein Gast gewesen?“

„Ich sollte, habe es ihm aber abgeschlagen.“

„Warum?“

„Weil wir da doch von Euch mehr gesprochen hätten, als grad notwendig war. Ich wollte von ihm nichts weiter wissen, als Euer gegenwärtiges Ziel und Eure Reiseroute.“

„Und es ist auch bloß davon gesprochen worden?“

„Ja.“

„Ich danke Euch, Sir!“

„Bitte! Ah, hättet Ihr mir zutrauen können, daß ich Fragen ausgesprochen habe, die mir nur im Falle Eures Todes erlaubt gewesen wären?“

„Nein, auf keinen Fall! Aber Wallace könnte Euch gegenüber mitteilsam geworden sein. Wer mit Euch spricht, dem geht das Herz leicht auf; das habe ich ja an mir selbst erfahren.“

„Ich versichere Euch, daß nicht ein Wort gefallen ist, welches auch nur im entferntesten auf ein Geheimnis angespielt hätte!“

„Ich glaube Euch, Mr. Shatterhand. Glaubt mir, wenn ich reden dürfte, so würdet grad Ihr der erste sein, dem ich mich mitteilte; es giebt aber Verhältnisse, welche mich zum Schweigen zwingen.“

„Ich weiß, daß Ihr Vertrauen zu mir habt; darum möchte ich mir dennoch und trotzdem eine Frage erlauben.“

„Sprecht sie aus!“

„Müßt Ihr wirklich und unter allen Umständen schweigen?“

„Jetzt ist mir das Reden noch verboten, doch können allerdings Umstände eintreten, welche es mir erlauben.“

„Hm! Ich bin älter und vielleicht auch erfahrener als Ihr und fühle mich zu einer Bemerkung fast verpflichtet: Ich habe Fälle erlebt, in denen ein erzwungenes Schweigen, ja ein Schweigen auf Ehrenwort, eine Sünde, ein Verbrechen war. Hoffentlich gehört Eure Verschwiegenheit nicht in diese Kategorie der Diskretionen?“

„Nein; ich bin rein und frei von aller Schuld.“

„Steht Euer jetziger Ritt mit dem Geheimnisse in Beziehung?“

„Alle meine Wanderungen beziehen sich darauf.“

„Ich vermute: Ihr sucht etwas; Ihr sucht jemand; Ihr wollt Helligkeit in irgend ein Dunkel bringen. Denkt, wie weit ich in den Staaten und im wilden Westen herumgekommen bin! Wäre es denn gar nicht möglich, daß grad ich etwas für Euch Wichtiges erfahren hätte, daß grad ich Euch einen Fingerzeig geben könnte, wenn ich nur eine Andeutung von Euch bekäme?“

„Nein; das ist nicht denkbar, Mr. Shatterhand. Das, was mir am Herzen liegt, steht Euch so fern, kann Euch gar nie berühren.“

„Kann mich gar nie berühren? Well! Aber wenn es nun umgekehrt wäre, wenn ich es berührt hätte, zufälligerweise berührt hätte?!“

„Das ist nicht der Fall. Glaubt mir, das ist nicht der Fall!“

„Und doch möchte ich Euch so gern helfen, die Last, welche auf Euch liegt, von Euch zu werfen!“

Da rückte er schnell von mir ab und sagte in beinahe schroffem Tone:

„Last? Mr. Shatterhand, ich trage keine Last! Ich bitte Euch, dringt nicht in mich; es gelingt Euch doch nicht, mich zum Reden zu bringen!“

„Ah, welche Worte, lieber Freund! Es fällt mir nicht im geringsten ein, etwas aus Euch herauszulocken, hört Ihr, zu locken, was Ihr für Euch behalten wollt und müßt! Ich habe aus reiner, herzlicher Teilnahme, nicht aber aus Neugierde gesprochen. Diese Versicherung gebe ich Euch, und ich denke, daß Ihr mir das glauben könnt.“

„Ich glaube es. Nun bin ich aber doch müde geworden und will mich niederlegen. Ich wünsche Euch gute Nacht, Mr. Shatterhand!“

„Gute Nacht!“

Er suchte sich einen bequemen Platz und legte sich dort nieder. So plötzlich fühlte er sich ermüdet? Er war verstimmt. Wie konnte er, der mich doch kennen mußte, mein aufrichtiges Mitgefühl für Auf- und Zudringlichkeit halten, wie sich durch meine gut gemeinte Hilfsbereitschaft von mir abstoßen lassen! Der Mann, der Charakter in mir, wollte beleidigt thun, der Mensch in mir aber, das alte, gute, deutsche Gemüt, überwand die aufsteigende Bitterkeit. Wer an Geheimnissen zu tragen, vielleicht schwer zu tragen hat, ist nicht glücklich zu nennen, und jeder Unglückliche hat Anspruch auf Schonung und Entschuldigung. Die schroffe Zurückweisung des Freundes war verziehen.

Als meine Wache zu Ende ging, sorgte ich für die Ablösung der beiden Utahwachen und weckte dann Apanatschka als den mir nachfolgenden auf. Ich war müde, sehr müde; aber ich grübelte trotzdem noch lange an der Enthüllung des Geheimnisses, welche mir verboten war, und noch im Einschlafen dachte ich an ein Felsengrab im Hochgebirge und hörte an demselben eine klagende Frauenstimme nach ihrem Wawa Derrick rufen. Ich träumte auch von diesem Grabe, um welches sich kämpfende Gestalten bewegten, doch als ich früh erwachte, konnte ich mich keiner derselben entsinnen. – – –

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Kolma Putschi

Kolma Putschi

Einen Tag, nachdem wir Harbours Farm verlassen hatten, war uns das Unglück beschieden, daß Treskows Pferd stürzte und den Reiter abwarf. Es sprang rasch wieder auf, rannte fort und schleifte Treskow, welcher mit einem Fuße im Bügel hängen geblieben war, neben sich her. Zwar waren wir schnell zur Hand, das Tier zu halten, aber doch schon zu spät, um zu verhüten, daß er mit dem Hufe einen Schlag erhielt, der ihn glücklicherweise nicht am Kopfe sondern an der Schulter traf. Die Wirkung dieses Schlages äußerte sich, wie dies zwar selten aber doch zuweilen vorzukommen pflegt, nicht nur auf die getroffene Stelle sondern auch auf die ganze betreffende Seite des Körpers. Der Verletzte war auf derselben wie gelähmt; er konnte sogar das Bein kaum bewegen, und es zeigte sich als ganz unmöglich, ihn wieder auf das Pferd zu bringen. Wir konnten nicht weiterreiten.

Zum Glücke gab es in der Nähe ein Wasser, wohin wir ihn brachten und nun gezwungen waren, Lager zu machen, auf wie lange, das mußte abgewartet werden.

Winnetou untersuchte ihn. Weder das Schulterblatt noch irgend ein Knochen war verletzt, doch hatte die getroffene und sehr geschwollene Stelle ein dunkle Färbung angenommen. Wir konnten uns nur mit kalten Umschlägen und Massage behelfen, welche letztere sich außerordentlich schmerzhaft zeigte, zumal Treskow keine widerstandsfähige Natur besaß und nicht in die Klasse der Westmänner gerechnet werden konnte, welche in der Schule, die hinter ihnen liegt, gelernt haben, Schmerzen lautlos zu ertragen.

Er wimmerte bei jeder Berührung und Bewegung; wir kehrten uns aber nicht daran und hatten den Erfolg, daß die Lähmung wich und er schon am nächsten Tage den Arm und das Bein bewegen konnte. Nach weiteren zwei Tagen hatte sich die Geschwulst fast gesetzt, und die Schmerzen waren soweit gewichen, daß wir weiterreiten konnten.

Wir hatten durch diesen leidigen Fall drei volle Tage eingebüßt, eine Zeit, die wir unmöglich einbringen konnten. Old Surehand vor seiner Ankunft oben im Park noch einzuholen, was wir doch beabsichtigt hatten, das mußten wir nun aufgeben. Unter gewöhnlichen Verhältnissen hätte dies ja nichts zu sagen gehabt; aber er war ganz allein, was schon an und für sich seine große Bedenken hatte, und sodann befanden sich Leute hinter ihm, denen nicht zu trauen war. Ja, wenn ihm bekannt gewesen wäre, daß der „General“ auch hinauf wollte und zwar zu derselben Zeit und nach demselben Parke, so hätte er sich vor ihm in acht nehmen können; aber er wußte das nicht. Auch dem alten Wabble traute ich nicht. Ich wußte freilich nicht, wohin der alte König der Cow-boys mit seinen Begleitern eigentlich gewollt hatte; ich konnte nur unbestimmte Ahnungen darüber hegen; aber nach dem, was geschehen war, mußte ich annehmen, daß er sich der Rache wegen an unsere Ferse geheftet hatte. Der Umstand, daß wir sein Pferd behalten hatten, konnte gar nichts daran ändern, sondern die Ausführung dieses Vorhabens höchstens verzögern, und diese Verzögerung konnten wir nicht mehr in Anschlag bringen, weil unsere dreitägige Versäumnis ihm Gelegenheit gegeben hatte, den ihm abgewonnen Vorsprung einzuholen. Ebenso mußte ich an Tibo taka denken. Das Ziel seines Rittes war uns eigentlich unbekannt; daß er nach Fort Wallace wollte, war jedenfalls eine Lüge gewesen. Ich nahm, grad so wie Winnetou, an, daß der weiße Medizinmann auf irgend einem, uns noch unbekannten Wege von dem „Generale“ aufgefordert worden sei, nach Colorado zu kommen und dort an einem bestimmtem Punkte mit ihm zusammenzutreffen. Ein einzelner Mann, der noch dazu durch die Anwesenheit seiner Frau an jeder freien Bewegung gehindert wurde, war eigentlich gar nicht zu fürchten; aber dem Bösen ist das, was man Glück zu nennen pflegt, oft wenigstens scheinbar oder vorübergehend günstiger als dem Guten, und so schien es geraten, auch diesen Menschen mit in die Berechnung zu ziehen.

Wir waren also auf unserm weitern Ritte sehr vorsichtig und kamen über die Grenze hinüber und ein gutes Stück ins Colorado hinauf, ohne irgend welche Belästigung zu erfahren oder eine Spur der erwähnten Personen entdeckt zu haben.

Jetzt befanden wir uns in der Nähe des Rush-Creek, und Winnetou kannte da ein altes, längst verlassenes Camp welches wir gegen Abend erreichen wollten. Dieser Platz hatte nach der Beschreibung des Apatschen einen nie versiechenden Quell und war mit einer Steinumwallung umgeben, welche guten Schutz gewährte, obgleich sie nicht eine Mauer bildete, sondern in der Weise aufgeschichtet war, wie die Landleute mancher Gegenden die in ihrem Acker gefundenen Steine rund um denselben aufeinanderlegen. Für den Westmann bietet ein solcher Wall, auch wenn er nicht hoch ist, eine stets willkommene Deckung gegen etwaige Angriffe.

Kurz nach Mittag entdeckten wir eine Fährte von gegen zwanzig Reitern, welche aus Nordost herüberkam und auch nach dem Rush-Creek zu gehen schien. Die Spuren zeigten, daß die Pferde beschlagen gewesen waren; dieser Umstand und die schlechte und oft unterbrochene Ordnung, welche die Männer eingehalten hatten, ließen vermuten, daß sie Weiße waren. Wir wären dieser Fährte gefolgt, auch wenn sie nicht so genau in unsere Richtung geführt hätte. Man muß im wilden Westen stets wissen, was für Menschen man vor sich hat. Daß sie hinauf in die Berge wollten, war für uns ganz selbstverständlich, zumal man grad damals von bedeutenden Gold- und noch größeren Silberfunden sprach, die in den Mountains gemacht worden seien. Wahrscheinlich hatten wir da die Fährte einer Gesellschaft jener Abenteurer, welche sich infolge solcher Gerüchte schnell zusammenfinden und dann ebenso rasch wieder auseinander gehen, verwegene und gewissenlose Gesellen, welche vom Leben alles erwarten und sich doch sehr wenig daraus machen, wenn sie nichts bekommen.

Die Fährte war wenigstens fünf Stunden alt; wir hatten also Grund, anzunehmen, daß wir heut mit diesen Leuten nicht zusammentreffen würden. Wir folgten ihr also ohne alle Besorgnis, bis wir an eine Stelle kamen, wo sie angehalten hatten. Mehrere leere Konservenbüchsen, die man weggeworfen und dann unvorsichtig liegen lassen hatte, verrieten, daß an diesem Orte Mittag gehalten worden war. Auch eine leere Flasche lag da. Wir waren abgestiegen, um die Stelle genau zu untersuchen, fanden aber nichts, was uns zu ungewöhnlichen Befürchtungen Veranlassung geben konnte. Dick Hammerdull hob die Flasche auf, hielt sie gegen das Licht, sah, daß sich noch ein Schluck drin befand, setzte sie an den Mund und warf sie schnell wieder fort. Sprudelnd und Gesichter schneidend rief er aus:

„Pfui! Wasser, abgestandenes, altes, halbwarmes Wasser! Hatte mir eingebildet, einen Schluck guten Brandy zu finden! Das können keine Gentlemen sein! Wer eine Flasche bei sich hat und nur Wasser drin, der kann keine Ansprüche auf meine Achtung haben, der ist ein ordinärer Mensch! Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm!“ brummte der Lange. „Wenn du Schnaps erwartet hast, so kannst du mir in der Seele leid thun, lieber Dick. Denkst du denn, daß dir hier im Westen jemand eine volle Brandyflasche her vor die Nase legt?“

„Ob voll oder leer, das bleibt sich gleich, wenn nur etwas darinnen ist. Aber Wasser, das ist geradezu schändlich an mir gehandelt!“

Der klügste Mann begeht zuweilen eine Dummheit, und vielleicht grad dann, wenn er alle Veranlassung hat, klug zu sein. So auch wir! Von den andern will ich schweigen, aber daß wir beide, Winnetou und ich, diese Flasche unbeachtet ließen, das war eine geradezu unverzeihliche Nachlässigkeit von uns. Die leeren Konservenbüchsen hatten ja nichts zu sagen; aber die Flasche hätte unsere Aufmerksamkeit erregen müssen. Hätte sich Branntwein drin befunden gehabt, nun, so wäre er eben ausgetrunken und die Flasche dann fortgeworfen worden; aber es war Wasser drin gewesen, Wasser! Man hatte sie also nicht des Brandy wegens, sondern als Wasserflasche mitgenommen, sie als Feldflasche benutzt, welche man füllt und in die Satteltasche schiebt, um da, wo es kein Wasser giebt, seinen Durst löschen zu können. Im wilden Westen ist oder war wenigstens damals eine Flasche eine Seltenheit; sie wurde nicht weggeworfen, sondern aufgehoben. Auch diese hier war nicht weggeworfen, sondern vergessen worden; das hätte uns eigentlich unser kleiner Finger sagen müssen. Wenn der Besitzer, den Verlust bemerkend, umkehrte, um sie zu holen, so mußte er uns entdecken. Das war es, was wir uns hätten denken sollen und woran wir doch nicht dachten. Ich kann mich noch heut über meine damalige Unachtsamkeit ärgern. Die Folgen traten freilich sehr prompt ein!

Die Leute hatten an dieser Stelle über drei Stunden lang kampiert; die fortführende Fährte war nicht zwei Stunden alt; wir folgten ihr dennoch vielleicht eine halbe Stunde lang über eine grasige Savanne, bis wir am Horizonte und zu beiden Seiten Buschwerk sahen, hinter welchem rechter Hand eine bewaldete Höhe lag, ein Vorberg des Sandythales, über dessen Creek wir heut früh gekommen waren. Winnetou deutete nach dieser Höhe und sagte:

„Dort an dem Berge müssen wir vorüber, wenn wir nach dem Camp wollen. Meine Brüder mögen mir folgen!“

Er lenkte nach rechts ab.

„Und die Fährte hier?“ fragte ich. „Bleiben wir nicht auf ihr?“

„Heut nicht. Morgen werden wir sie wiedersehen.“

Seine Berechnung war ganz richtig; wir wären früh zu ihr zurückgekehrt, wenn wir nicht die Unterlassungssünde in Beziehung auf die Flasche begangen hätten. Wir folgten ihm ganz ahnungslos, der selbst nicht ahnte, wie verhängnisvoll das Camp uns werden sollte.

Immer durch Buschland reitend, kamen wir nach einer Stunde an dem erwähnten Berg vorüber, hinter welchem sich eine Höhe nach der andern aufbaute oder kulissenartig vorschob. Wir folgten dem Apatschen, uns seiner sichern Führung anvertrauend, zwischen sie hinein und kamen gegen Abend in ein breites, sanft ansteigendes Thal, aus dessen Mitte uns ein stiller Weiher entgegenglänzte, in dessen Abflusse zahllose kleine, silberhelle Fischchen spielten. Schattige Bäume standen, bald einzeln, bald in Gruppen, rings umher, und hinter dem Teiche sahen wir Steinanhäufungen, welche von weitem wie die Ruinen eines früher bewohnten Ortes erschienen.

„Das ist das Camp, welches ich meine,“ erklärte Winnetou. „Hier sind wir sicher vor jedem Überfalle, wenn wir einen Posten an den Eingang zum Thale stellen.“

Er hatte recht. Es konnte kaum einen Ort geben, der sich besser zum sichern Lager eignete als dieses Camp. Wenn ich bis jetzt irgendwelche Sorge für uns gehabt hätte, sie wäre beim Anblicke dieser Stelle sofort verschwunden. Wir ritten, des weichen Bodens wegen beinahe unhörbar, einer hinter dem andern an dem Weiher hin; da hielt Winnetou, welcher voran war, plötzlich sein Pferd an, hob den Finger, um Schweigen zu gebieten, und lauschte.

Wir folgten seinem Beispiele. Jenseits der Steine erklangen Töne, die in der Entfernung, in welcher wir uns befanden, allerdings nur von einem scharfen Ohre gehört werden konnten. Der Apatsche stieg ab und gab mir das Zeichen, dies auch zu thun. Wir ließen unsere Pferde bei den Gefährten zurück und schlichen uns leise zu den Steinen hin. Je näher wir diesen kamen, desto deutlicher wurden die Klänge. Es war eine hohe männliche Bariton- oder eine sehr tiefe weibliche Altstimme, welche in Indianersprache langsam und klagend ein Lied sang. Das war nicht eine Indianerweise, aber auch keine Melodie nach unseren Begriffen; das lag vielmehr in der Mitte zwischen beiden, als hätte ein Roter sich der Sangesweise der Bleichgesichter anbequemt und in die Sprache und den eigenartigen Ausdruck der Indianer übertragen. Ich hätte sofort wetten mögen, daß derjenige oder diejenige, welcher oder welche da vor uns sang, das Lied und auch die Melodie selbst erfunden habe. Es war ein Sang, der sich, dem, Sänger fast unbewußt, aus der Seele löst, um ebenso ins Geheimnisvolle zu verklingen, wie er aus dem Geheimnisvollen erklungen ist.

Wir schoben uns näher und näher, bis wir eine schmale Bresche im Steinwalle erreichten, durch welche wir sehen konnten.

„Uff, uff!“ sagte Winnetou, vor Überraschung beinahe laut.

„Uff, uff!“ sagte auch ich, mit ihm zu gleicher Zeit, denn ich war so erstaunt wie er selbst.

Die Steine bildeten eine von Bäumen beschattete und mit einigen Büschen besetzte Umwallung von vielleicht vierzig Meter Durchmesser, deren Boden von hohem fettem Grase bewachsen war. Am Rande dieser Umwallung, ganz nahe bei der Bresche, an welcher wir lagen, saß – Winnetou, der Häuptling der Apatschen!

Ja, gewiß, in etwas größerer Entfernung hätte man den Indianer da drin für Winnetou halten müssen. Sein Kopf war unbedeckt. Er hatte seine langen, dunkeln Haare in einen Schopf gebunden, von welchem sie ihm jetzt, da er saß, über den Rücken bis auf die Erde niederfielen. Sein Jagdrock und seine Leggins waren aus Leder gefertigt; dazu trug er Mocassins. Um die Hüften hatte er sich eine bunte Decke geschlungen, in welcher außer dem Messer keine andere Waffe steckte. Neben ihm lag ein Doppelgewehr. Am Halse hingen an Schnüren und Riemen verschiedene notwendige Gegenstände, doch darunter keiner, den man für eine Medizin hätte halten können.

War das nicht alles fast genau so wie bei Winnetou? Freilich war der Indianer da drin älter wie der Apatsche, aber man sah noch heut, daß er einst gewiß schön gewesen war. Seine Gesichtszüge waren ernst und streng, hatten aber doch etwas an sich, was mir frauenhaft weich vorkam. Alles in allem war ich im ersten Augenblicke erstaunt über diese Ähnlichkeit mit Winnetou gewesen, und nun dieses Erstaunen vorüber war, bemächtigte sich meiner ein Gefühl, welches ich nicht beschreiben kann. Ich befand mich vor etwas Rätselhaftem, vor einem verschleierten Bilde, dessen Schleier nicht zu sehen war.

Der Rote sang noch immer halblaut fort. Wie stimmte aber das weiche, tief empfundene Weh des Liedes mit dem kühnen, energischen Schnitte seines Gesichtes? Wie war der harte, unerbittliche Zug, der seine vollen Lippen umlagerte, mit dem wunderbaren, milden Glanze seiner Augen in Harmonie zu bringen, der Augen, von denen ich behaupten möchte, daß sie gewiß und wahrhaftig schwarz gewesen seien, während es sonst niemals wirklich schwarze Augen giebt? Dieser Rote war nicht das, was er schien, und schien nicht das, was er war. Hatte ich ihn schon gesehen? Entweder nirgends oder hundertmal! Er war mir ein Geheimnis, aber inwiefern und warum, das vermochte ich nicht zu sagen.

Winnetou hob die Hand in die Höhe und flüsterte:

„Kolma Puschi!“

Auch seine Augen hatten sich erweitert, um den fremden Indianer mit einem Blicke zu umfassen, wie ich selten einen Blick aus den Augen des Apatschen gesehen hatte.

Kolma Puschi! Also ich hatte richtig geahnt. Wir sahen eine rätselhafte, eine wirklich rätselhafte Persönlichkeit vor uns. Es gab oben in den hohen Parks einen Indianer, den kein Mensch näher kannte, der zu keinem Volke gehörte und der in stolzer Weise jeden Umgang von sich wies. Er jagte bald hier und bald dort, und wo man ihn sah, da verschwand er, wie Schillers „Mädchen aus der Fremde“, ebenso schnell, wie er gekommen war. Nie hatte er sich einem roten oder weißen Menschen feindlich gezeigt, aber es konnte sich auch niemand rühmen, ihn auch nur einen Tag lang zum Gefährten gehabt zu haben. Einige hatten ihn zu Pferde, einige nur zu Fuße gesehen, stets aber hatte er den Eindruck eines Mannes gemacht, der seine Waffen zu führen verstand und mit dem also nicht zu spaßen sei. Seine Person galt den Indianern und den Weißen als für alle Fälle neutral, als unverletzlich; ihn feindlich zu behandeln, hätte nichts anderes geheißen, als den großen Manitou in Zorn zu versetzen und seine Rache heraufzubeschwören. Gab es doch Indianer, welche behaupteten, dieser rote Mann sei kein Mensch mehr, sondern der Geist eines berühmten Häuptlings, den Manitou aus den ewigen Jagdgefilden zurückgeschickt habe, um nachzuforschen, wie es seinen roten Kindern ergehe. Es gab keinen Menschen, der seinen Namen hatte erfahren können, und da man doch für jeden Gegenstand und für jede Person einen Namen haben muß, so hatte man ihn seiner nachtschwarzen, tiefdunkeln Augen wegen Kolma Puschi, d. i. Dunkelauge oder Schwarzauge, genannt. Wer aber ihm diesen Namen gegeben, ihn zum erstenmal ausgesprochen und weitergetragen hatte, das wußte freilich auch niemand.

Also diesen geheimnisvollen Indianer hatten wir jetzt vor uns. Winnetou kannte ihn auch nicht, hatte ihn auch noch nicht gesehen, behauptete aber doch sofort, daß es Kolma Puschi sei. Es fiel mir gar nicht ein, an der Wahrheit dieser Behauptung zu zweifeln, denn jeder, der diesen Roten vor die Augen bekam und vorher auch nur einmal von Kolma Puschi gehört hatte, mußte sich nach dem ersten Blicke sagen, daß er dieser und kein anderer sei.

Wir hatten keine Veranlassung, ihn lange zu belauschen, und da wir unsere Gefährten nicht lange warten lassen wollten, so erhoben wir uns von der Erde und machten dabei absichtlich ein Geräusch. Schnell wie ein Blitz griff er nach seinem Gewehre, richtete die Läufe auf uns, ließ die Hähne knacken und rief:

„Uff! Zwei Männer! Wer?“

Das war ebenso kurz, wie es gebieterisch klang. Winnetou öffnete schon den Mund, um zu antworten; da ging mit dem Fremden eine plötzliche Veränderung vor. Er ließ sein Gewehr, es mit der einen Hand am Oberlaufe haltend, mit dem Kolben zu Boden sinken, breitete den andern Arm wie bewillkommnend aus und rief:

„Intschu tschuna! Intschu tschuna, der Häuptling der Apa – – doch nein! Das ist nicht Intschu tschuna; das kann nur Winnetou sein, sein Sohn, sein noch viel größerer, noch berühmterer Sohn!“

„Du hast Intschu tschuna, meinen Vater, gekannt?“ fragte Winnetou, indem wir durch die Bresche in den Kreis traten.

Es war, als besinne er sich, ob er es leugnen oder zugeben solle. Da das erstere aber nun nicht mehr möglich war, antwortete er: „Ja, ich habe ihn gekannt; ich habe ihn gesehen, einmal oder zweimal, und du bist sein Ebenbild.“

Seine Stimme hatte einen weichen und doch kräftigen, entschiedenen Ton; sie war fast noch sonorer, noch klangreicher als diejenige des Apatschen und hatte unbedingt eine höhere, beinahe weibliche Lage.

„Ja, ich bin Winnetou; du hast mich erkannt. Und du wirst Kolma Puschi genannt?“

„Kennt mich Winnetou?“

„Nein; ich habe dich noch nie gesehen; ich errate es. Erlaubt uns Kolma Puschi, von dem wir stets nur Gutes hörten, an seiner Seite Platz zu nehmen?“

Der Genannte richtete seine Augen nun auch auf mich. Nachdem er einen scharf forschenden Blick über mich hatte gleiten lassen, antwortete er:

„Auch ich habe nur Gutes von Winnetou gehört. Ich weiß, daß oft ein berühmtes Bleichgesicht bei ihm ist, welches noch nie eine böse That begangen hat und Old Shatterhand genannt wird. Ist das dieser Weiße?“

„Er ist’s,“ nickte Winnetou.

„So setzt euch nieder, und seid Kolma Puschi willkommen!“

Er gab uns seine Hand, die mir ungewöhnlich klein vorkam. Winnetou machte ihm die Mitteilung-

„Wir haben Gefährten bei uns, welche draußen am Wasser warten. Dürfen auch sie herbeikommen?“

„Der große Manitou hat die Erde für alle guten Menschen geschaffen; es ist hier Platz genug für alle, die euch begleiten.“

Ich ging, um sie zu holen. Die Umwallung hatte auf der andern Seite einen breitern Eingang als die Bresche, durch welche wir gestiegen waren; als wir durch ihn in den Kreis gelangten, saßen Winnetou und Kolma Puschi nebeneinander unter einem Baume. Der letztere sah uns erwartungsvoll entgegen. Sein Auge glitt über die Nahenden mit dem gewöhnlichen Interesse hinweg, welches man für Unbekannte zeigt, mit denen man für kurze Zeit zu verkehren hat; als es aber auf Apanatschka fiel, welcher zuletzt hereingeritten kam, blieb sein Blick wie festgebannt an diesem hangen. Es riß ihn – wie eine unsichtbare Gewalt – mit einem Rucke vom Boden auf; er that, den Blick keinen Moment von ihm wendend, mehrere Schritte auf Apanatschka zu, blieb dann stehen, verfolgte jede seiner Bewegungen mit unbeschreiblicher Spannung, trat dann sehr schnell auf ihn zu und fragte in fast stammelnder Weise:

„Wer – wer bist du? Sag – – sag es mir!“

Der Gefragte antwortete mit gleichgültiger Freundlichkeit: „Ich bin Apanatschka, der Häuptling der Kanean-Komantschen.“

„Und was – was willst du hier in Colorado?“

„Ich wollte nach Norden, um die heiligen Steinbrüche zu besuchen, und traf dabei auf Winnetou und Old Shatterhand, welche in die Berge wollten. Da habe ich meinen Pfad geändert und bin mit ihnen geritten.“

„Uff, uff! Häuptling der Komantschen! Es kann nicht sein; es kann nicht sein!“

Er starrte Apanatschka noch immer so forschend an, daß dieser fragte:

„Kennst du mich? Hast du mich schon einmal gesehen?“

„Ich muß, ich muß dich gesehen haben, doch wird es wohl im Traum gewesen sein, im Traume meiner Jugend, die schon längst vergangen ist.“

Er gab sich Mühe, seine Aufregung zu beherrschen, reichte ihm die Hand und fuhr fort:

„Sei auch du mir willkommen! Es ist heut ein Tag, wie wenig Tage sind!“

Er kehrte zu Winnetou zurück, bei dem ich inzwischen Platz genommen hatte, und ließ sich, Apanatschka immer noch betrachtend, in einer Weise auf seinen frühern Sitz nieder, als ob er sich noch heut im „Traume seiner Jugend“ befinde. Ein solches Verhalten ist bei einem Indianer eine Seltenheit, welche nicht unbeachtet bleiben kann. Sie fiel Winnetou nicht weniger auf als mir, doch ließen wir uns nichts davon merken, so hochinteressant die Scene für uns beide gewesen war.

Die Pferde wurden zur Tränke geführt und dann mit grünem Laubwerk zum Fressen wohl versorgt. Zwei Mann sammelten Dürrholz zum Feuer, welches angesteckt wurde, sobald es dunkelte, und um dieselbe Zeit ging Pitt Holbers fort, um als der erste am Thaleingang Posten zu stehen. Er sollte von Treskow abgelöst werden, worauf wir nach der gewöhnlichen Reihe folgen wollten.

Wir saßen alle in einem weiten Kreise, in dem das Feuer brannte. Wir waren mit Proviant versehen und teilten Kolma Puschi davon mit, da wir glaubten, daß er nichts zu essen habe.

„Meine Brüder sind freundlich zu mir,“ sagte er; „aber ich könnte ihnen auch Fleisch geben, daß sie alle satt würden.“

„Wo hast du es?“ fragte ich.

„Bei meinem Pferde.“

„Warum hast du es nicht mit hierher genommen?“

„Weil ich nicht hier bleiben, sondern weiterreiten wollte. Es steht an einem Orte, wo es sicherer ist als hier.“

„Hältst du dieses Camp nicht für sicher?“

„Für einen einzelnen nicht; da ihr aber so zahlreich seid, daß ihr Wachen ausstellen könnt, habt ihr nichts zu befürchten.“

Ich hätte dieses Gespräch gern fortgesetzt; er verhielt sich aber so einsilbig, daß ich davon abließ, ihn zu animieren. Natürlich fragte er, wohin wir wollten. Als er erfuhr, daß der Park von San Louis unser Ziel sei, wurde er noch schweigsamer als vorher; das konnte uns weder auffallen noch beleidigen. Im wilden Westen ist der Mensch selbst gegen gute Bekannte vorsichtiger als anderswo. Nur Dick Hammerdull war unzufrieden, daß von diesem fremden Indianer so wenig zu erfahren war; er wollte mehr erfahren und fragte ihn in seiner vertraulichen Weise:

„Mein roter Bruder hat gehört, daß wir von Kansas heraufgekommen sind. Dürfen wir nun wissen, woher er gekommen ist?“

„Kolma Puschi kommt von daher und von dorther; er ist wie der Wind, der alle Wege hat,“ lautete die unbestimmte Antwort.

„Und wohin wird er von hier aus gehen?“

„Dahin und dorthin, wohin sein Pferd die Schritte lenkt.“

Well! Ob dahin oder ob dorthin, das ist ja ganz egal; das bleibt sich vollständig gleich; aber man muß doch wenigstens wissen, wohin das Pferd zu laufen hat! Oder nicht?“

„Wenn Kolma Puschi es weiß, ist es genug.“

„Oh! Ich brauch es also nicht zu wissen?“

„Nein.“

„Das ist sehr aufrichtig; das ist nicht nur aufrichtig, sondern sogar grob! Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes – –“

Er bemerkte, daß Holbers jetzt nicht da war, und verschluckte also das letzte Wort seiner Frage. Kolma Puschi wendete sich vollständig zu ihm hin und sagte in ernstem Tone zu ihm:

„Das Bleichgesicht, welches Hammerdull genannt wird, nennt mich grob. War es vorher fein und höflich, mir den Mund öffnen zu wollen, wenn ich es liebe, daß er geschlossen bleibt? Der dicke Mann scheint den Westen nicht genau zu kennen. Es ist da stets gut, wenn niemand weiß, woher man kommt und wohin man will. Wer sein Ziel verschweigt, dem kann die Gefahr nicht vorauseilen, um ihn dort zu überfallen. Das mag Hammerdull sich merken!“

„Danke!“ lachte der Zurechtgewiesene. „Schade, jammerschade, Mr. Kolma Puschi, daß Ihr kein Schulmeister geworden seid! Die Begabung hättet Ihr dazu! Übrigens war es nicht bös von mir gemeint. Ihr gefallt mir außerordentlich, und ich würde mich freuen, wenn Euer Weg derselbe wie der unsere wäre. Darum habe ich gefragt.“

„Daß mein dicker, weißer Bruder es nicht bös gemeint hat, weiß ich, sonst hätte ich ihm überhaupt nicht geantwortet. Ob mein Weg derselbe ist, das wird sich finden; ich überlege es mir. Howgh!“

Damit war die Unterhaltung zu Ende. Weil wir am andern Morgen sehr zeitig aufbrechen wollten, legten wir uns bald schlafen; das war, als Pitt Holbers, welcher von Treskow abgelöst worden war, wieder in das Lager kam.

Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht; ein vielstimmiges Brüllen weckte mich, und als ich die Augen öffnete, geschah es nur, um einen Augenblick lang einen vor mir stehenden Menschen zu sehen, welcher mit dem Gewehrkolben ausholte. Ehe ich eine Bewegung machen konnte, traf mich der Hieb, und es war aus mit mir – – -glücklicherweise nicht für immer.

Lieber Leser, bist du eine so empfindsame Natur, daß es dir möglich ist, mir nachzufühlen, wie es ist, wenn man aus einer tiefen Betäubung erwacht und dabei zu der freundlichen Erkenntnis kommt, daß man einen Dummkopf besitzt, der so unbedachtsam gewesen ist, einen niedersausenden Gewehrkolben aufzufangen? Ich sage mit Absicht, „einen Dummkopf“, denn dümmer als nach einem solchen Hiebe kann es keinem menschlichen Kopfe sein! Zunächst fühlt man ihn gar nicht; man lebt nur bis zum Hals herauf und kommt erst nach und nach durch ein gewisses Summen und Brummen zu der Einsicht, daß man nicht gänzlich geköpft, sondern nur an den obersten Teil des Körpers geschlagen worden ist. Daß dieser Teil der Kopf ist, wird einem nicht sogleich, sondern erst dann – – nicht klar, sondern einstweilen noch unklar, wenn das Brummen sich in ein Drücken und Schrauben verwandelt, als ob der in eine Weinpresse gespannte Schädel mit einem halben oder auch ganzen Gros Propfenzieher bearbeitet werde. Im nächsten Stadium bringt jeder Pulsschlag, welcher das Gehirn mit Blut versorgt, das Gefühl hervor, als ob man mit dem Kopfe unter den Stampfen einer Ölmühle oder eines Hammerwerkes liege, und dazwischen wühlen Löwenkrallen im Domizile des Verstands herum. Ich sehe ein, daß es eines intelligenten Menschen unwürdig ist, den Zustand zu beschreiben, in welchem man sich nach einem solchen Hiebe befindet; ich will nur sagen: dumm, im höchsten Grade dumm!

So erging es auch mir. Nachdem ich die oben beschriebenen Grade durchgemacht hatte, bekam ich alle möglichen Farben, vielleicht auch Röntgens Strahlen, vor die Augen, und die Brandung von hundert Meeresküsten tobte mir um die Ohren. Ich konnte weder sehen noch hören und that, was in diesem Falle des Beste und Allergescheiteste war; ich fiel in die Betäubung zurück.

Als ich dann, zum zweitenmal, wieder zu mir kam, fühlte ich mich zu meiner Freude im leidlichen Besitze meiner körperlichen und geistigen Fähigkeiten; nur daß ich noch nicht ganz genau zu unterscheiden vermochte, ob mir zwischen und aus den Schultern ein Kopf oder ein Gewehrkolben gewachsen war. Ich machte natürlich von diesen Fähigkeiten sofort Gebrauch, indem ich zunächst die Augen öffnete. Das, was ich sah, war nicht sehr tröstlich zu nennen. Ein großes, helles Feuer brannte, und vor mir saß Old Wabble, der seine haßerfüllten Augen auf mich gerichtet hielt.

„Ah, endlich, endlich!“ rief er aus. „Habt Ihr ausgeschlafen, Mr. Shatterhand? Von mir geträumt, nicht wahr? Ich bin überzeugt, Euch im Traume als Engel erschienen zu sein, und bin gern bereit, diese Rolle jetzt weiter zu spielen; th’is clear! Als was für einen Engel werdet Ihr mich da wohl kennen lernen? Als Rache- oder Rettungsengel?“

Pshaw!“ antwortete ich. „Ihr habt zu keinem von beiden das Geschick.“

Es fuchste mich gewaltig, diesem Menschen antworten zu müssen; aber ein stolzes Schweigen wäre das Verkehrteste gewesen, was es geben konnte. Ich ließ natürlich meine Augen rundum schweifen. Wir waren alle gefangen, selbst Treskow, der Wache gestanden hatte. Wahrscheinlich war er nicht aufmerksam genug gewesen und hatte sich überrumpeln lassen. Wir waren alle gefesselt. Links von mir lag Winnetou, rechts der dicke Hammerdull. Die Waffen hatte man uns abgenommen und die Taschen alle geleert. Von den zwanzig Kerlen, die rund um uns saßen, kannte ich außer Old Wabble keinen. Das waren die Leute, deren Fährte wir heut gesehen hatten. Wie kamen sie hierher nach diesem Camp? Sie waren uns doch voraus gewesen und hatten sich links gehalten, während wir rechts abgeritten waren! Da fiel mir die Wasserflasche ein, und es wurde mir mit einem Male klar, was wir in Beziehung auf sie für einen Fehler begangen hatten.

Der alte König der Cow-boys hatte sich grad vor mich hingesetzt. Die Freude, mich gefangen zu haben, lachte höhnisch aus jeder Runzel und Falte seines verwitterten Gesichtes. Das schlangengleich in einzelnen Strähnen von seinem Kopfe fallende lange, graue Haar verlieh ihm das Aussehen einer greisenhaften, männlichen Eumenide oder Gorgone, aus deren krakenähnlichen Fangarmen kein Entrinnen ist. Die oft wechselnde Beleuchtung des bald hoch aufflackernden und bald zusammensinkenden Feuers gab ihm etwas so grotesk Phantastisches und ließ seine langgliederige, wabbelnde Gestalt so wunderlich erscheinen, daß ich hätte glauben mögen, mich innerhalb einer Märchenscene zu befinden, wenn mir nicht so sehr bewußt gewesen wäre, daß ich es leider nur mit der nackten, unpoetischen Wirklichkeit zu thun hatte.

Ich hätte ihm auf seine Frage wohl keine bessere Antwort geben können als die, welche er bekommen hatte; er nahm sie als das, was sie war, nämlich eine Verhöhnung, und fuhr mich zornig an:

„Seid nicht so frech, sonst schnalle ich Euch die Fesseln so fest, daß Euch das Blut aus der Haut spritzt! Ich habe keine Lust, mich von Euch lächerlich machen und beleidigen zu lassen. Ich bin kein Indianer! Versteht Ihr, was ich damit sagen will?“

„Ja, daß Ihr überhaupt nicht zu den Wesen gehört, die man Menschen nennt!“

„Zu welchen denn?“

„Steigt so weit wie möglich im Tierreiche herunter und sucht Euch da das häßlichste, gemiedenste Geschöpf heraus, so habt Ihr, was Ihr seid!“

Er ließ ein heiseres Lachen hören und rief:

„Der Kerl ist wirklich so albern, daß er mich nicht verstanden hat! Ich habe gesagt, Ihr sollt bedenken, daß ich kein Indianer bin. Die Roten schleppen ihre Gefangenen lange Zeit mit sich herum, um sie nach ihren Weideplätzen zu bringen; sie füttern sie gut, um sie zum Aushalten vieler Qualen kräftig zu machen. Dadurch wird, wie ich in Eurer Gesellschaft selbst erfahren habe, den Gefangenen Gelegenheit geboten, einen zur Flucht günstigen Augenblick abzuwarten. Wer keine Hoffnung zum Entkommen hat und schnell und schmerzlos sterben will, der pflegt darum das alte, abgegriffene Mittel anzuwenden, die Indsmen, in deren Hände er geraten ist, so zu beleidigen, daß sie sich im Zorne darüber vergessen, ihn augenblicklich zu töten. Wenn Ihr etwa glaubt, zwischen diesem Entweder und diesem Oder wählen zu können, so befindet Ihr Euch im Irrtum. Ihr findet bei mir keine Gelegenheit zur Flucht, weil es mir gar nicht einfallen kann, Euch lange mit mir herumzuzerren; aber Ihr bringt mich auch nicht so weit, Euch rasch die Kugel oder das Messer zu geben und also auf den Genuß zu verzichten, den ich haben werde, wenn Ihr so recht hübsch langsam aus diesem Leben in Eure berühmte Seligkeit hinüberschmachtet. Ich habe es nämlich mit Euch so gut vor, daß es Euch selbst da drüben in der Seligkeit unmöglich sein wird, es mir genug zu danken. Könnt Ihr Euch noch besinnen, was Ihr mir während jenes nächtlichen Rittes durch den Llano estacado alles vom ewigen Leben vorgefaselt habt?“

Ich antwortete nicht, und er fuhr fort:

„Nach Eurer Ansicht muß es da drüben so wundervoll sein, daß es mich als Euern besten Freund, der ich doch jedenfalls bin, von Herzen jammert, Euch hier im Erdenleben schmachten zu sehen. Ich werde Euch also die Thüre Eures Paradieses öffnen und durch einige kleine Unbehaglichkeiten, die ich Euch dabei bereite, dafür sorgen, daß Euch die jenseitigen Herrlichkeiten um so vollkommener erscheinen.“

„Habe nichts dagegen,“ bemerkte ich in möglichst gleichgültigem Tone.

„Das bin ich überzeugt! Darum hoffe ich, daß Ihr mir für die Liebe, welche ich Euch damit erweise, einen Gefallen thut. Ich möchte nämlich gar zu gern wissen, wie es da drüben ist. Wolltet Ihr mir nach Eurer seligen Abreise einmal als Geist oder Gespenst erscheinen, um mir Auskunft zu erteilen, so würde mich das zu großer Dankbarkeit verpflichten, und Ihr könntet meinerseits des herzlichsten Willkommens sicher sein. Wollt Ihr das thun, Mr. Shatterhand?“

„Gern! Ich werde sogar noch mehr thun, als Ihr verlangt; ich werde noch vor meinem Tode über Euch kommen, und zwar in einer Weise, daß Ihr tausend Gespenster anstatt nur eines sehen werdet!“

Well, darüber sind wir also einig,“ lachte er. „Ihr seid freilich ein Kerl, der nie den Mut verliert; aber wenn Ihr auch jetzt noch irgend welche Hoffnung hegt, so kennt Ihr Fred Cutter schlecht, den Ihr Old Wabble nennt. Ich habe mir vorgenommen, meine Rechnung mit Euch abzuschließen, und der Strich, den ich darunter mache, wird ein Strich durch Euer Leben sein. Davor wird Euch alle Eure eingebildete Klugheit nicht bewähren können, mit der es überhaupt nicht so weit her ist, wie Ihr denkt. Ihr habt gestern nachmittag einen Pudel geschossen, der seinesgleichen sucht. Jedenfalls aber fehlt es Euch an dem nötigen Hirn, zu begreifen, was Ihr unter diesem Pudel zu verstehen habt!“

Pshaw, eine Flasche, weiter nichts!“

„Richtig! Ihr seid doch nicht ganz so albern, wie ich dachte, und wenn Ihr nicht schon vor der letzten Thüre ständet, könnte vielleicht ein ganz leidlicher Westmann aus Euch werden. Ja, die Flasche, die ist verhängnisvoll für Euch geworden! Es ist schon mancher an der Flasche, nämlich am Inhalte derselben, zu Grunde gegangen; aber daß jemand in einer leeren Flasche nach den ewigen Jagdgründen befördert wird, das ist wohl noch nicht dagewesen! Habt Ihr denn nicht daran gerochen?“

Da antwortete Dick Hammerdull an meiner Stelle:

„Ist uns nicht eingefallen. Denkt Ihr denn wirklich, daß wir etwas, was Ihr in den Händen gehabt habt, an unsere Nase bringen?“

„Sehr schön gesprochen, Dicker; aber die Lust zum Scherzen wird dir noch vergehen! Ihr habt die Bouteille für eine weggeworfene Schnapsflasche gehalten; sie war aber meine Wasserflasche, die ich vergessen hatte. Wenn Ihr wißt, was ein Schluck Wasser da, wo es keines giebt, zu bedeuten hat, so werdet Ihr Euch nicht darüber wundern, daß ich sofort halten ließ und zurückritt, als ich ihren Verlust bemerkte. Es giebt Gegenden, wo das Leben an einigen Tropfen Wasser hängt. Als ich den Rand der Prairie erreichte, auf welcher wir zu Mittag gelagert hatten, sah ich Euch und erkannte Euch nicht gleich. Ihr rittet aber weiter und kamt mir dadurch näher; da sah ich freilich zu meiner Freude, daß ich die Gentlemen vor mir hatte, welche ich suchte. Ich jagte also sofort zurück und holte meine Leute. Wir folgten Euch bis an dieses Thal, wo Euer Posten so entgegenkommend war, sich von uns überfallen zu lassen. Wir schlichen zu Fuß herein und umzingelten Euch. Ihr schlieft den Schlaf der Gerechten und träumtet von so vortrefflichen Dingen, daß es mir unendlich leid thut, Euch aufgeweckt zu haben. Wir bieten Euch auf Eurem weiteren Ritte unsere Gesellschaft an. Mr. Shatterhand wird sich leider nicht daran beteiligen können, da er im Begriffe steht, abzureisen. Er wird in diesem schönen Thale, sobald es Tag geworden ist, die Himmelsleiter besteigen und also verhindert sein, an unserer Seite zu – – –“

„Schwatzt nicht so lang und so unnützes Zeug!“ fiel ihm da einer in die Rede, welcher mit übereinander geschlagenen Armen am Stamme eines Baumes lehnte. „Was geschehen soll, das kann geschehen, ohne daß man vorher darüber viele Worte macht. Was Ihr mit Old Shatterhand abzuschließen habt, geht uns nichts an; die Hauptsache ist für uns das Versprechen, welches Ihr uns gegeben habt.“

„Das werde ich halten!“ antwortete Old Wabble.

„So macht, daß Ihr darauf zu sprechen kommt!“

„Das hat Zeit!“

„Nein. Wir wollen wissen, woran wir sind.“

„Das wißt ihr schon!“

„Nein. Bevor Ihr nicht mit Winnetou gesprochen habt, hat alles andere keinen Wert für uns. Ihr habt uns da unten in Kansas aus den besten Geschäften gerissen; nun da wir die Kerls gefangen haben, wollen wir vor allen Dingen erfahren, ob die Hoffnungen, welche Ihr uns gemacht habt, in Erfüllung gehen können.“

„Warum sollten sie das nicht können!“

„So wendet Euch an Winnetou, schwatzt aber nicht so lange mit Old Shatterhand! Der Apatsche ist doch wohl der Mann, den wir brauchen!“

„Nur langsam, Cox, langsam! Wir haben soviel Zeit, daß Ihr das wohl erwarten könnt.“

Also Cox hieß der Mann, welcher am Baume stand! Ich vermutete, da er von Kansas und den dortigen guten Geschäften gesprochen hatte, daß die Leute, welche uns überfallen hatten, zu den Tramps gehörten, denen wir da unten so geflissentlich ausgewichen waren. Cox war sehr wahrscheinlich der Anführer dieser Truppe und von Old Wabble veranlaßt worden, mit ihm zu reiten, um uns zu verfolgen – unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen, das war noch zu erfahren. Ich hatte, wie sich später zeigte, mit diesen Vermutungen das Richtige getroffen.

Unsere Lage war eine schlimme. Die Kerls, in deren Händen wir uns befanden, waren mehr zu fürchten als die heruntergekommenste Indianerhorde. Und von uns allen war ich derjenige, welcher die schlechtesten Aussichten hatte. Ich sollte hier ermordet werden und war vollständig überzeugt, daß, wenn nicht ein für mich günstiger Umstand eintrat, Old Wabble seine Drohung ausführen werde. Mein Leben hing diesmal an einem Haare.

Cox näherte sich dem Apatschen und sagte zu ihm:

„Mr. Winnetou, die Sache ist nämlich die, daß wir ein Geschäft mit Euch haben. Hoffentlich weigert Ihr Euch nicht, darauf einzugehen!“

Winnetou sah ebenso wie ich ein, daß Schweigen nicht am Platze sei. Wir mußten uns über die Absichten dieser Menschen klar werden und also mit ihnen reden. Darum antwortete der Apatsche:

„Was für ein Geschäft meint das Bleichgesicht?“

„Ich will es kurz machen und aufrichtig sein. Old Wabble hat eine Rache gegen Old Shatterhand, die er sich nicht getraute, allein auszuführen. Er kam zu uns und forderte uns auf, ihm zu helfen. Wir waren natürlich bereit dazu, doch nur unter der Bedingung, daß ein guter Lohn für uns abfällt. Er versprach uns Gold, viel Gold dafür. Hoffentlich habt Ihr mich verstanden?“

„Uff!“

„Ich weiß nicht, was Ihr mit diesem Uff sagen wollt, hoffe aber, daß es eine Zustimmung bedeutet. Es sind hier in Colorado sehr schöne Placers entdeckt worden. Wir wollten, wenn wir in Kansas fertig waren, auch herauf, um zu prospekten; das ist aber eine sehr trügerische Sache. Wer nichts findet, bekommt eben nichts und zieht mit langer Nase ab. Da hat uns aber Old Wabble auf einen kostbaren Gedanken gebracht: Ihr, Mr. Winnetou, wißt gewiß viele Stellen, wo Gold zu finden ist?“

Winnetou, dem es vor allen Dingen um meine Rettung zu thun war, bedachte sich keinen Augenblick, zu antworten:

„Es giebt rote Männer, welche Plätze kennen, an denen Gold in Menge liegt.“

„Auch Ihr?“

„Ja.“

„Ihr werdet uns einen solchen Platz zeigen!“

„Die Roten Männer pflegen solche Stellen nicht zu verraten.“

„Und wenn man sie aber zwingt?“

„So sterben sie lieber.“

Pshaw! Es stirbt sich nicht so leicht!“

„Winnetou hat nie den Tod gefürchtet!“

Nach allem, was ich von Euch gehört habe, glaube ich das. Aber es handelt sich dieses Mal nicht nur um Euch, sondern um alle Eure Begleiter. Old Shatterhand muß sterben; das ist nicht zu ändern, weil wir es Old Wabble versprochen haben; aber Euch und die andern könnt Ihr dadurch retten, daß Ihr uns ein gutes Placer entdeckt.“

„Ist das fest bestimmt?“

„Ja.“

„Werdet Ihr uns Wort halten?“

„Ich gebe Euch mein Wort darauf!“

„Das Bleichgesicht mag warten; ich werde überlegen!“

Winnetou schloß zum Zeichen, daß er nachdenken wolle, die Augen. Es trat eine Pause ein. Er kannte Goldlager, ja; aber selbst die ärgste Drohung hätte ihn nicht vermocht, eines zu verraten. Er mußte die Tramps täuschen und sich willig zeigen. Es galt für ihn zweierlei: erstenss mich, dessen Tod eine fest beschlossene Sache war, zu retten und zweitens Zeit zu gewinnen, um einen für unsere Befreiung günstigen Umstand abzuwarten.

„Nun, wann bekomme ich Antwort?“ fragte Cox, als ihm die Pause zu lang wurde.

„Die Bleichgesichter werden kein Gold bekommen,“ sagte Winnetou, indem er die Augen wieder aufschlug.

„Warum? Du weigerst dich also, ein Placer zu verraten?“

„Nein.“

„Wie habe ich das zu verstehen? Du weigerst dich nicht, und doch werden wir nicht bekommen, was wir suchen! Das ist ein Widerspruch!“

„Es ist kein Widerspruch. Winnetou weiß nicht nur ein Placer, sondern eine große, reiche Bonanza; er würde sie nicht verraten, wenn es sich nur um ihn handelte; da es aber das Leben so vieler Männer gilt, würde er euch die Stelle sagen, wenn er sich getraute, sie zu finden.“

„Wie? Du weißt sie und kannst sie doch nicht finden? Sollte man so etwas für möglich halten!“

„Es ist möglich, weil Winnetou nicht nach dem Besitze des Goldes trachtet. Wenn er welches gefunden hat, denkt er sehr bald nicht mehr daran. In Colorado kenne ich nur einen einzigen Ort; das ist diese Bonanza; sie ist unermeßlich reich; aber ich habe den Weg, welcher zu ihr führt, vergessen.“

All devils! Eine unermeßlich reiche Bonanza und den Weg zu ihr vergessen! Das ist noch gar nicht dagewesen! Das ist geradezu zum Tollwerden! Das kann nur einem Indianer passieren! Kannst du denn nicht wenigstens sagen, in welcher Gegend es ungefähr ist?“

„Das weiß ich wohl. Es ist am Squirrel-Creek. Ich ritt damals mit Old Shatterhand am Wasser hin; da sahen wir es unter dem Moose des Ufers glänzen. Wir stiegen ab und untersuchten den Ort. Da lag Gold, viel Gold, das Wasser hatte es an dieser Stelle zusammengeschwemmt. Es gab da kleine Nuggets und auch größere Stücke.“

„Wie groß – wie groß?“ fragte Cox, und alle lauschten andächtig.

„Bis zur Größe einer großen Kartoffel. Manche waren auch noch größer.“

„Donnerwetter! Da liegen ja Millionen, viele Millionen dort beisammen! Und die habt ihr liegen lassen?!“

„Warum sollten wir das Gold mitnehmen?“

„Warum? Warum ihr es hättet mitnehmen sollen? Hört, ihr Männer, diese zwei Menschen finden eine riesenhafte Bonanza, und da fragt dieser Mann, warum sie das Gold hätten mitnehmen sollen! Und das ist Winnetou, der so viel gepriesene, wundergescheite Kerl!“

Ein allgemeines Murmeln des Erstaunens antwortete. Man kann sich überhaupt denken, mit welcher Aufmerksamkeit diese Leute den Worten des Apatschen folgten. Es fiel ihnen gar nicht ein, an der Wahrheit derselben zu zweifeln. Man wußte überall, daß Winnetou ein Freund der Wahrheit sei. Ich war überzeugt, daß er auch jetzt keine Lüge sagte; es gab jedenfalls eine solche reichhaltige Bonanza, doch lag sie sehr wahrscheinlich nicht am Squirrel-Creek, sondern ganz anderswo.

„Warum wundert sich der weiße Mann so sehr?“ fragte der Apatsche. „Es sind überall Placers vorhanden, wo Winnetou und Old Shatterhand sich Gold holen können. Wenn sie welches brauchen, suchen sie dasjenige Placer auf, welches ihnen zu der betreffenden Zeit am nächsten liegt. Jetzt wollten wir hinauf nach dem Squirrel-Creek, um dort einige Taschen voll zu holen.“

„Ah! Ihr wolltet welches holen! Das haben wir uns doch gedacht, daß ihr nur aus diesem oder einem ähnlichen Grunde hinauf in die Berge wolltet! Aber – wie stimmt das? Du hast ja gesagt, daß du nicht mehr weißt, wo die Bonanza liegt!“

„So ist es. Ich habe es vergessen; aber Old Shatterhand, mein Bruder, hat sich die Stelle sehr gut gemerkt.“

Jetzt war es heraus, was er hatte sagen wollen und was mich vom Tode erretten sollte. Wenn sie die Bonanza haben wollten, deren Lage ich allein genau kannte, mußten sie mein Leben schonen. Er war natürlich so klug, diese Worte so wenig zu betonen, daß ihre Absichtlichkeit nicht erraten wurde. Daß er den gewollten Zweck erreichte, zeigte sich auf der Stelle, denn Cox rief schnell aus:

„Das ist gut, sehr gut! Das ist ja ganz dasselbe! Ob Winnetou oder Old Shatterhand diese Stelle genau kennt, das macht gar keinen Unterschied, da beide unsere Gefangenen sind. Kann Winnetou uns nicht hinführen, so wird Old Shatterhand unser Führer sein!“

„Das sagt Ihr, ohne mich zu fragen, Mr. Cox?“ sagte Old Wabble.

„Warum sollte ich Euch fragen?“

„Weil Old Shatterhand mir gehört.“

„Das bestreitet Euch kein Mensch!“

„Oho! Ihr selbst bestreitet es.“

„Wie so?“

„Weil Ihr ihn mit nach dem Squirrel-Creek nehmen wollt. Er soll doch heut, und zwar hier in diesem Thale sterben!“

„Soll? Nein, sondern er sollte; nun aber ist nicht mehr daran zu denken. Er wird leben bleiben und uns zu der Bonanza führen.“

„Das gebe ich nicht zu; das verbitte ich mir!“

„Seid Ihr gescheit, oder seid Ihr verrückt! Ich glaube, Ihr habt den Verstand verloren, alter Wabble!“

„Grad weil ich mehr Verstand habe als Ihr, gebe ich es nicht zu!“

„Mehr Verstand? Oho! Wollt Ihr auf die Bonanza verzichten?“

„Ja.“

All devils! Ihr seid wirklich wahnsinnig geworden!“

„Fällt mir nicht ein! Ich weiß, was ich thue. Ich habe Euch angeworben, mir Old Shatterhand zu fangen; dafür habe ich Euch den Rat gegeben, Winnetou zu zwingen, Euch ein Placer zu zeigen. Die Bonanza würde also Euch allein gehören und nicht mir auch mit. Wegen etwas aber, woran ich keinen Anteil habe, gebe ich Old Shatterhand, nachdem wir ihn so glücklich erwischt haben, nicht wieder her.“

„Ihr sollt ihn ja nicht hergeben!“

„Doch!“

„Nein!“

„Das denkt Ihr nur; ich aber verstehe mich besser darauf. Glaubt Ihr denn wirklich, ihn mit hinauf nach der Bonanza zu bringen?“

„Natürlich!“

„Fällt ihm nicht ein!“

„Möchte doch sehen, wie er es anfangen wollte, sich zu weigern!“

„Sich weigern? Daran denkt er mit keinem Atem. Aber fliehen wird er, ausreißen!“

Da schlug Cox ein lautes Gelächter auf und rief:

„Ausreißen, uns ausreißen! Habt ihr es gehört, ihr Leute, ein Mann, der unser Gefangener ist, soll uns entfliehen, soll ausreißen können!“

Sie stimmten alle in sein Lachen ein; Old Wabble aber schrie zornig:

„Wie dumm ihr seid, die ihr mich dumm genannt habt, das ist doch kaum zu sagen! Wenn ihr euch einbildet, diesen Kerl festhalten zu können, so könnt ihr mir unendlich leid thun! Der zersprengt mit seinen Fäusten eiserne Ketten, und wenn er mit Gewalt nichts ausrichtet, so legt er sich auf die List, in welcher er der größte Meister ist.“

„Eiserne Ketten haben wir nicht und brauchen wir nicht; lederne Riemen sind besser, viel besser! Und List! Ich möchte den Menschen sehen, der zwanzig solchen Männern, wie wir sind, durch List entkommt! Und wenn er es noch so pfiffig anfängt, vierzig Augen bewachen ihn; was da das eine nicht sieht, das sieht das andere. Der listigste Anschlag, den er versuchen könnte, würde von uns entdeckt werden.“

„Es ist wirklich lächerlich, großartig lächerlich, was manche Menschen sich einbilden! Habt Ihr denn nicht gehört, wie oft er bei den Indianern gefangen war und ihnen wieder und immer wieder entkommen ist?“

„Wir sind keine Indianer!“

„Aber Weißen ist es ebenso ergangen! Ich sage euch, dieser Schurke macht alles, alles möglich, was allen andern Menschen unmöglich wäre! Der ist nicht zu halten. Den muß man erschießen, gleich nachdem man ihn ergriffen hat. Wenn man das nicht thut, läuft er einem wie Wasser aus den Händen! Ich kenne das, denn ich bin lange Zeit mit ihm geritten!“

„Ihr macht aus der Mücke einen Elefanten. Ich wiederhole es noch einmal: Ich möchte den Menschen sehen, der mir entflieht, wenn ich ihn festhalten will! Es bleibt dabei; er führt uns nach der Bonanza!“

„Und ich gebe das nicht zu!“

Sie standen sich wie kampfgerüstet gegenüber, Old Wabble, der Spötter, der Leugner, der Lästerer, und Cox, der gewaltthätige Anführer der Tramps, der sich ohne Skrupel hatte dingen lassen, mich zu fangen und dem Mörder zu übergeben. Es war ein interessanter, ein hochinteressanter Augenblick, so interessant, daß ich vergaß, daß es mein Leben war, um welches sie sich stritten. Es kam aber nicht zu Thätlichkeiten. Cox legte dem alten Wabble die Hand auf die Achsel und sagte in drohendem Tone:

„Glaubt Ihr denn wirklich, daß ich danach frage, ob Ihr es zugeben werdet?“

„Ich hoffe es!“

Pshaw! In dieser Beziehung habt Ihr leider gar nichts zu hoffen!“

„So wollt Ihr mich um Old Shatterhand betrügen, wollt wortbrüchig werden?“

„Nein. Wir halten Wort.“

„Es hat aber jetzt ganz anders geklungen!“

„Aber auch nur geklungen. Wir haben Euch versprochen, Old Shatterhand zu fangen und ihn Euch auszuliefern. Gefangen haben wir ihn, und Ihr könnt versichert sein, daß wir ihn Euch auch übergeben werden, aber nur nicht heut!“

„Hole Euch der Teufel mit diesem Eurem Versprechen! Ihr werdet es doch nicht halten können; das habe ich gesagt und sage es immer wieder!“

„Wir halten es. Und wenn Ihr es etwa verhindern wolltet, daß wir ihn mitnehmen, so schaut Euch hier im Kreise um! Wir sind zwanzig Mann!“

„Ja, darauf fußt Ihr freilich!“ schrie er ergrimmt.

„Ihr seht also, daß Ihr Euch fügen müßt. Es ist ja nur für kurze Zeit!“

„Für kurze Zeit? Für immer wird es sein! Ich sage ja, daß er entfliehen wird! Es ist am besten, ich frage gar nicht viel, sondern schieße ihm eine Kugel in den Kopf. Da hat aller Streit ein Ende!“

„Das wagt ja nicht, Mr. Wabble! Wenn Ihr Old Shatterhand erschießt oder ihn nur im geringsten verletzt, so ist Euch im nächsten Augenblicke eine Kugel von mir sicher. Das mögt Ihr Euch wohl merken!“

„Ihr wagt es mir zu drohen?“

„Wagen? Dabei ist gar nichts gewagt! Wir sind mit Euch gezogen und wollen gute Kameradschaft mit Euch halten. Aber es handelt sich um eine Bonanza, welche wahrscheinlich Millionen wert ist. Da frage ich den Teufel nach Eurem Leben, wenn Ihr uns um diese Masse von Gold bringt! Also, daß Ihr es wißt: Old Shatterhand reitet mit uns, und wenn Ihr ihn auch nur so wenig verletzen solltet, daß ein Ritz in seiner Haut entsteht, lauft Ihr die Himmelsleiter hinan, auf die Ihr ihn stellen wolltet!“

„Ihr droht mir mit dem Tode! Ist das die Kameradschaft, von der Ihr redet?“

„Ja, das ist sie! Oder ist es kameradschaftlich von Euch, daß Ihr uns um die Bonanza bringen wollt?“

„Nun gut, so muß ich mich fügen, doch nicht, ohne daß ich eine Bedingung stelle.“

„Welche?“

„Ich will dann, wenn die Bonanza gefunden wird, auch an ihr Teil haben; th’is clear!“

Well! Einverstanden! Ihr seht also, daß wir es gut mit Euch meinen!“

„Das könnt Ihr auch, denn wenn Ihr solche Klumpen Gold bekommt, so habt Ihr das niemand als nur mir zu verdanken. Übrigens werde ich mich wegen Shatterhand nicht auf Euch, sondern auf mich selbst verlassen.“

Und sich zu mir wendend, fuhr er in sehr höhnischem Tone fort:

„Ich habe nämlich ein vortreffliches Mittel, Euch von der Flucht abzuhalten.“

Er deutete auf den Henrystutzen und den Bärentöter und fügte hinzu:

„Ohne diese Gewehre reißt Ihr uns sicherlich nicht aus! Ich kenne Euch und weiß, daß Ihr sie auf keinen Fall aufgebt. Ich habe sie ja schon einmal besessen, leider nur für kurze Zeit. Nun sind sie für immer mein!“

„Wie lange wird dieses immer dauern?“ fragte ich.

„So lange ich lebe, natürlich!“

„Das würde eine sehr kurze Zeit sein, denn ich nehme mit Sicherheit an, daß der Tod ganz nahe hinter Euch steht. Aber auch so lange braucht Ihr Euch mit den Gewehren gar nicht zu belästigen; das kann ich Euch schon jetzt sagen. Ich bin überzeugt, daß ich sie sehr bald zurückbekomme.“

Pshaw! Rechnet dieses Mal ja nicht auf Euer gewöhnliches Glück!“

„Auf Glück und Zufall rechne ich niemals. Ich spreche nur darum so, weil ich weiß, daß meine Zeit, zu sterben, jetzt noch lange nicht gekommen ist.“

„So? Steht Ihr etwa mit dem Himmel in so gutem Einvernehmen, daß er Euch, wenn Ihr drüben gebraucht werdet, einen expressen Boten schickt, um Euch gehorsamst einzuladen, Euch an der Seligkeit zu beteiligen?“

„Lästert nicht! Ich bin zum Tode noch nicht reif, weil ich noch viel zu wirken habe.“

„Oh! Und da denkt Ihr, daß der liebe Gott wartet, bis Ihr fertig seid? Ein sehr gefälliger Gott; das muß ich sagen! Nicht?“

Er erhielt natürlich keine Antwort. Da stieß er mich mit dem Fuße an.

„Wollt Ihr wohl reden, wenn ich frage! Es ist eine große und ganz unverdiente Ehre für Euch, wenn Old Wabble mit Euch spricht! Als Ihr mich ohne Gewehr aus dem Kih-peta-kih fortschicktet, ohne Pferd und Gewehr sogar, dachtet Ihr wohl nicht, daß ich Euch so bald fassen würde? Ich ging zu den Osagen. Da bekam ich ein anderes Pferd und eine andere Flinte; aber die Kerls hatten keinen Unternehmungsgeist. Dieser Honskeh Nonpeh, dem der Befehl übergeben worden war, hatte keine Lust, Euch zu folgen; er stellte sogar lächerlicherweise alle Feindseligkeiten gegen die Bleichgesichter ein und zog mit seinen Kriegern heim. Eine Schande! Doch hat mich das nur kurze Zeit aufhalten können. Ich ritt zu den Tramps und engagierte, wie Ihr gehört habt, hier diese Gentlemen, natürlich auf Eure Kosten, die Ihr so gewiß bezahlen müßt, wie ich hier vor Euch stehe. Jetzt habe ich mein Pferd und Gewehr wieder und Eure Pferde und Gewehre dazu. Ihr seid nun nichts, gar nichts mehr in meinen Augen und nur noch diese Fußtritte wert!“

Er stieß mir und dann auch Winnetou den Fuß mit aller Kraft gegen den Leib. Schon hob er ihn, um auch Hammerdull einen Tritt zu versetzen, ließ ihn aber wieder sinken; der Dicke war ihm ja gleichgültiger als wir, sagte aber, als Old Wabble sich abwendete, in seiner drolligen Weise, die er auch in der schlimmsten Lage nicht aufgab:

„Das war Euer Glück, verehrtester Mr. Wabble!“

„Was?“ fragte der Alte.

„Daß Ihr den Fuß zurückgezogen habt.“

„Warum?“

„Weil ich grad an dem Leib im höchsten Grade empfindlich bin.“

„Das wollen wir doch gleich einmal versuchen!“

Er gab ihm einen derben Tritt. Der Dicke war trotz seines Leibesumfanges ein sehr behendes und gewandtes Kerlchen. Ihm waren wie auch uns, die Füße zusammen- und die Hände auf den Rücken gebunden worden. Indem er die Kniee beugte und die Füße an den Leib zog und dabei die Hände unter dem Rücken gegen die Erde stemmte, schnellte er sich wie eine Feder auf und fuhr Old Wabble mit dem Kopfe an den Leib. Der Stoß war ein so kräftiger, daß Hammerdull auf seinen Platz zurückstürzte, der alte Cow-boy aber hintenüber und in das Feuer flog. Der letztere sprang zwar schnell wieder auf, aber der kurze Augenblick hatte doch genügt, ihm die Hälfte seiner langen, weißen Haarmähne weg- und die Bekleidung seines Oberkörpers anzusengen. Ein allgemeines Gelächter erscholl. Darüber ergrimmt, richtete Old Wabble seinen Zorn nicht gegen Hammerdull, sondern gegen die Tramps, die sich über ihn lustig machten. Während er eine geharnischte Stafpredigt gegen sie losdonnerte, wendete sich der Dicke an Pitt Holbers:

„War das nicht fein gemacht? Hast du nicht deine Freude drüber, alter Pitt?“

„Hm, wenn du denkst, daß es ein guter Coup war, so hast du recht!“ antwortete sein langer Freund in seiner wohlbekannten, trockenen Weise.

„Glaubt dieser Mensch, mir einen Fußtritt versetzen zu können, ohne daß ich mich wehre! Was sagst du dazu?“

„Ich hätte ihn auch ins Feuer geworfen, grad wie du!“

„Ob ins Feuer oder nicht, das bleibt sich gleich, das ist übrigens ganz egal, denn hineingeflogen ist er doch; das hast du ja gesehen!“

Nun erst kam Old Wabble herbei, um sich an dem Dikken zu rächen, Cox aber hielt ihn davon ab, indem er sagte:

„Laßt die Leute in Ruhe, so wird Euch so etwas nicht wieder geschehen! Old Shatterhand gehört Euch; die andern aber sind unser, und ich will nicht, daß sie unnütz maltraitiert werden.“

„Ihr seid doch plötzlich recht human geworden!“ knurrte der Alte.

„Nennt es, wie Ihr wollt. Diese Männer müssen mit uns reiten, und ich kann mich nicht mit verletzten und zerstoßenen Menschen schleppen. Wir haben übrigens mehr zu thun, als uns hier mit ihnen herumzuzanken. Wir wissen ja noch gar nicht, wo sie ihre Pferde haben. Sucht nach ihnen!“

Die Pferde waren aus der Umwallung in das Freie gebracht und dort angepflockt worden; sie wurden bald gefunden. Die Tramps hatten schon, während ich in der Betäubung lag, gegessen und wollten nun noch bis zum Morgen schlafen. Cox bestimmte zwei Männer zum Wachen, und dann legte man sich nieder. Old Wabble hatte den mir höchst unangenehmen Gedanken, sich zwischen mich und Winnetou hineinzuschieben und meinen Arm mit dem seinigen durch einen Extrariemen zu verbinden. Diese große Vorsicht des Alten war sehr geeignet, keinen Gedanken an Flucht in mir aufkommen zu lassen.

Und doch dachte ich an Flucht, und wie sehr!

Es giebt keine Lage, die so schlimm ist und den Menschen so fest umfängt, daß er nicht aus ihr befreit werden könnte, durch eigene Kraft oder, wo das nicht möglich ist, durch fremde Hilfe. Auch jetzt verzweifelte ich keineswegs. War doch schon der augenblickliche Tod, den Old Wabble für mich bestimmt hatte, an mir vorübergegangen! Bis zum Squirrel-Creek hatten wir einen weiten Ritt; warum sollte sich uns bis dorthin nicht eine Gelegenheit zum Entkommen bieten. Übrigens richtete ich meinen Blick gar nicht so weit hinaus, sondern vielmehr ganz in die Nähe. Ich hegte eine Hoffnung, eine Hoffnung, deren Name ein indianischer war, nämlich der Name Kolma Puschi.

Wenn man mich fragt, warum dieser Name seit der Zeit, in welcher wir uns schlafen legten, nicht wieder genannt worden ist, so muß ich antworten: Dies hatte seinen Grund, und dieser Grund bestand in dem Umstande, daß Kolma Puschi nicht mehr da war. Als ich aus der Ohnmacht erwachte, war es natürlich mein erstes gewesen, mich umzusehen, und da hatte ich sogleich bemerkt, daß der rätselhafte Indianer nicht mehr anwesend war.

Wo befand er sich? Wo war er hin?

Zunächst wollte ein böser Verdacht in mir aufsteigen: Stand er vielleicht mit den Tramps in Verbindung? Dieses Mißtrauen mußte ich aber gleich wieder zurückweisen. Der Ruf, in welchem Kolma Puschi stand, ließ es als ganz unmöglich erscheinen, daß er sich mit derartigen Menschen in Beziehung setzte.

Da gab es eine zweite Frage: Hatte er die Tramps kommen hören und sich bei ihrer Annäherung schnell aus dem Staub gemacht? Auch das konnte ich ihm nicht zutrauen. Welchen Grund hätte er in diesem Falle haben können, uns nicht zu wecken und zu warnen? Nein, seine Entfernung mußte eine andre Ursache haben.

Er war von Dick Hammerdull gefragt worden, ob er mit uns reiten wolle, und hatte geantwortet, daß er sich dies erst überlegen werde. Er hatte sein Pferd nicht hier, sondern irgendwo anders stehen und sich, als wir eingeschlafen waren, heimlich entfernt, um entweder es zu holen oder überhaupt nicht wiederzukommen. Im letzteren Falle war seine Entfernung deshalb ohne Abschied geschehen, um allen zudringlichen Fragen und Erkundigungen aus dem Wege zu gehen; er hatte ja in der kurzen Zeit unsers Beisammenseins wiederholt gezeigt, daß dergleichen Forschungen ihm unangenehm seien.

In dem Falle, daß er fortgegangen war, um nicht wiederzukommen, hatten wir nichts von ihm zu erwarten; hatte er aber nur sein Pferd holen wollen, so war dies grad kurz vor der Zeit des Überfalles geschehen, und er hatte bei seiner Rückkehr infolge des Lärmes, den die Tramps machten, sich gleich denken müssen, daß etwas vorgekommen sein müsse, was ihn zur Vorsicht mahne. Dann hatte er sich höchst wahrscheinlich herbeigeschlichen, die Veränderung der Scene entdeckt und alles, was geschah und gesprochen wurde, belauscht. War er nun der Mann, für den ich ihn infolge seines Rufes hielt, so mußte er da unbedingt den Entschluß gefaßt haben, sich unser anzunehmen, und zwar dies um so mehr, als er nicht nur große Freude über seine Begegnung mit Winnetou, sondern auch ein noch viel regeres, wenn auch geheimnisvolles Interesse für Apanatschka gezeigt hatte. Personen, für welche man eine solche Teilnahme empfindet, läßt man nicht in einer Lage stecken, wie die unserige war; das versteht sich ganz von selbst.

Wenn diese meine Kombination die richtige war, steckte Kolma Puschi jetzt hier in der Nähe, und ich konnte, sobald die Tramps eingeschlafen waren, irgend ein Zeichen von ihm erwarten; es läßt sich also denken, daß ich mich in einer ziemlichen Spannung befand. Übrigens stand bei mir vollständig fest, daß Winnetou, dessen Scharfsinn ja unvergleichlich war, genau dieselben Gedanken hegte und ebenso auf Kolma Puschi wartete wie ich.

Es widerfuhr mir die Freude, daß diese Erwartungen nicht getäuscht wurden. Die beiden Wächter saßen diesseits und jenseits des Feuers, welches sie unterhielten; der jenseitige legte sich später um; er mochte müde sein; der diesseitige kehrte mir den Rücken zu und deckte, da unsere drei Plätze in einer geraden Linie lagen, mich vor den Augen des andern. Das war ein günstiger Umstand, von dem ich hoffte, daß der Indianer ihn eintretenden Falles ausnutzen werde. Es strich jetzt ein Wind durch das Thal, welcher die Büsche und Bäume bewegte, daß sie rauschten. Dieses Rascheln mußte das Geräusch, welches ein heimlich herankriechender Mensch vielleicht verursachte, unhörbar machen.

Zuweilen den Kopf hebend, beobachtete ich den Kreis der Schläfer und war nach einer halben Stunde überzeugt, daß außer den Wächtern, Winnetou und mir kein Mensch mehr munter war. Ich muß erwähnen, daß mir zur Rechten Hammerdull und zur Linken der alte Wabble lag; dann kam Winnetou und neben diesem Pitt Holbers, auf welchen mehrere Tramps folgten.

Grad, als ich dachte: jetzt wäre die beste Zeit, daß er käme, wenn er überhaupt kommen kann und will, bemerkte ich rechts hinter mir eine leise, langsame Bewegung, und es schob sich ein Kopf zu dem meinigen heran; es war der Erwartete.

„Old Shatterhand mag sich ja nicht bewegen!“ flüsterte er mir zu. „Hat mein weißer Bruder an mich gedacht.“

„Ja,“ antwortete ich ebenso leise.

„Und geglaubt, daß ich komme?“

„Ja.“

„Kolma Puschi wollte eigentlich hin zu Winnetou, hätte aber dort bei ihm keine Deckung gehabt. Darum kroch ich zu Old Shatterhand, wo wir uns im Rücken der Wache befinden. Mein weißer Bruder mag mir sagen, was er wünscht; ich bin bereit, es zu hören!“

„Willst du uns befreien?“

„Ja.“

„Wo?“

„Das mag Old Shatterhand bestimmen; er wird es am besten wissen.“

„Hier noch nicht. Es muß so passen, daß wir die Gefährten auch gleich losmachen können. Aber wird mein roter Bruder uns folgen wollen?“

„Gern.“

„Wie lange und wie weit?“

„So lange und so weit, bis ihr frei geworden seid.“

„Hast du vielleicht gehört, was gesprochen worden ist?“

„Ja. Kolma Puschi lag hinter den Steinen und hörte alles.“

„Auch daß wir nach dem Squirrel-Creek wollen?“

„Auch das. Die Weißen wollen die Bonanza haben, die sich nicht dort befindet.“

„Kennt mein roter Bruder den Squirrel-Creek?“

„Es sind mir hier und noch viel weiterhin alle Gegenden bekannt.“

„Giebt es auf dem Wege nach diesem Creek vielleicht einen passenden Ort zu unserer Befreiung heut abend? Es müssen da viel mehr Bäume und Büsche stehen als hier, wo wir nur schwer an die Wächter kommen können und ein einziger Blick von ihnen genügt, uns alle zu übersehen.“

„Kolma Puschi kennt einen solchen Ort, den ihr grad zur passenden Zeit erreichen könnt, so daß es nicht auffällig ist, wenn ihr dort anhaltet. Aber werden die weißen Männer euch dorthin folgen?“

„Gewiß. Sie scheinen in dieser Gegend unbekannt zu sein, und wenn wir sie nach dem Squirrel-Creek bringen sollen, sind sie unbedingt gezwungen, sich unserer Führung anzuvertrauen.“

„So mag Old Shatterhand von hier aus genau nach Westsüdwest reiten und da, wo er auf ihn trifft, über den Rush-Creek gehen. Er hat dann diesem Flusse am andern Ufer so lange zu folgen, bis er die Stelle erreicht, wo der Nordfork und der Südfork dieses Creeks zusammenfließen. Von da aus geht es um den letzten Bogen des Südforks herum und hierauf genau Westnordwest über eine langsam ansteigende Prairie, auf welcher oft Gesträuch zu finden ist, nach einer schon von sehr weit zu sehenden Felsenhöhe, an deren Fuße mehrere Springs aus der Erde fließen. Auf dem Felsen und um die Springs stehen viele Bäume, und die nördlichste dieser Quellen ist der Ort, an dem ihr lagern sollt.“

„Gut; ich werde diesen Spring finden.“

„Und Kolma Puschi wird auch hinkommen.“

„Aber ja nicht vor, sondern nach uns!“

„Denkt Old Shatterhand, daß ich das nicht weiß? Meine Fährte würde mich verraten. Was hat Old Shatterhand mir noch zu sagen?“

„Jetzt nichts, weil ich nicht weiß, wie sich die Einzelheiten unsers Lagers heut abend gestalten werden. Hoffentlich wirst du dich zu uns heranwagen können, dann aber nur zu Winnetou oder mir, weil keiner von den andern das nötige Geschick besitzt, die Hilfe, welche du uns leistest, augenblicklich und energisch auszunützen.“

„Ja. Ich danke meinem roten Bruder Kolma Puschi und bin, sobald wir freigeworden sind, bereit, für ihn in jeder Not mein Leben zu wagen.“

„Der große Manitou lenkt die Schritte seiner Kinder wunderbar; darum ist es möglich, daß Kolma Puschi auch einmal der Hilfe Winnetous und Old Shatterhands bedarf. Ich bin euer Freund, und ihr mögt meine Brüder sein!“

Er schob sich so geräuschlos zurück, wie er gekommen war. Auf der andern Seite Old Wabbles ertönte jetzt das halblaute Räuspern des Apatschen; das galt mir. Er wollte mir damit sagen, daß er den Besuch Kolma Puschis beobachtet habe. Ihm, dessen Sinne von einer geradezu unvergleichlichen Schärfe waren, hatte das freilich nicht entgehen können.

Wir waren beide befriedigt und wußten, daß unsere jetzige Lage nicht von langer Dauer sein werde; wir konnten ruhig einschlafen. Vorher aber gingen mir allerlei Gedanken über Kolma Puschi im Kopfe herum. Er sprach ein fast geläufiges Englisch; er hatte sich der Ausdrücke Westsüdwest und Westnordwest bedient, was mir noch bei keinem Indianer vorgekommen war. Woher kam diese Geläufigkeit bei ihm, der mit niemanden verkehrte und ein so sehr einsames, abgeschlossenes Leben führte? Ließ das auf einen frühern, engern Umgang mit den Weißen schließen? Wenn ja, so war er jedenfalls durch schlimme Erfahrungen von ihnen zurück und in die Abgeschiedenheit gestoßen worden, in welcher er jetzt lebte.

Als ich am Morgen erwachte, waren die Tramps dabei, die bei uns gemachte Beute zu verteilen; sie betrachteten natürlich alles, was sie uns abgenommen hatten, als ihr gutes Eigentum. Old Wabble hatte alle meine Sachen; Cox nahm Winnetous Silberbüchse für sich, ohne daran zu denken, daß diese ihn später überall, wo man sie in seinen Händen sah, als Räuber und Mörder, wenigstens aber als Dieb verraten müsse. Auch den Hengst Iltschi des Apatschen bestimmte er für sich und gab Old Wabble den guten Rat:

„Den andern Rapphengst, den jedenfalls Old Shatterhand geritten hat, sollt Ihr bekommen, Mr. Cutter. Ihr könnt daraus ersehen, daß ich es gar nicht übel mit Euch meine.“

Old Wabble aber schüttelte den Kopf und antwortete:

„Danke sehr; ich mag ihn nicht!“

Er wußte wohl, warum. Er hatte meinen Hatatitla kennen gelernt.

„Warum nicht?“ fragte Cox erstaunt. „Ihr seid doch ein besserer Pferdekenner und müßt wissen, daß kein andres Tier mit diesen beiden Rappen zu vergleichen ist.“

„Das weiß ich freilich, nehme aber doch lieber diesen hier.“

Er deutete dabei auf Schahko Mattos Pferd. Cox bestimmte also einen andern, der das meinige bekommen sollte. Ebenso ging es mit unsern andern Pferden, welche alle besser waren als diejenigen der Tramps, die alte Stute Dick Hammerdulls ausgenommen, die niemand haben wollte.

Ich freute mich schon auf die Scene, die daraus folgen mußte; unsere braven Hengste litten ja keinen fremden Menschen im Sattel.

Unser Proviant war uns auch abgenommen worden. Es wurde gegessen; auch wir bekamen ein freilich unzureichendes Frühstück; man tränkte die Pferde, und dann sollte aufgestiegen und fortgeritten werden. Wir wurden auf die Gäule gebunden, die Hände nach vorn, so daß wir die Zügel halten konnten; nun führte man die Beutepferde vor.

Die Osagenpferde machten denen, die sie reiten wollten, nicht viel zu schaffen; schlimmer schon war es mit Apanatschkas dunklem Rotschimmel; er ging, kaum daß der Reiter aufgestiegen war, sofort durch, und es dauerte lange, ehe Mann und Roß zurückkehrten. Jetzt stieg Cox auf Winnetous Iltschi. Dieser ließ das so ruhig geschehen, als ob er der allerfrömmste Rekruten- und Manegegaul sei. Schon wollte der Tramp es sich recht gemütlich im Sattel machen, da flog er in einem weiten Bogen durch die Luft, und gar nicht weit davon ertönte ein lauter Schrei: mein Hatatitla hatte seinen Kerl ganz ebenso prompt herabbefördert.

Die beiden Gestürzten standen fluchend auf und sahen zu ihrer Verwunderung die Rappen so unbeweglich dastehen, als ob gar nichts geschehen sei; sie schwangen sich also wieder auf, wurden aber zu ganz gleicher Zeit zum zweitenmal abgeworfen. Es wurde noch ein dritter Versuch gemacht, doch mit ganz demselben Mißerfolge. Old Wabble hatte heimlich kichernd zugesehen; jetzt brach er in ein lautes Lachen aus und rief dem Anführer zu:

„Nun wißt Ihr wohl, Mr. Cox, warum ich den schwarzen Teufel nicht haben wollte? Diese Rappen sind so dressiert, daß sich selbst der beste Reiter der Welt keine Minute auf ihnen halten kann.“

„Warum sagt Ihr mir das jetzt erst?!“

„Weil ich Euch das Vergnügen gönnen wollte, auch einmal mit dem Parterre Bekannschaft zu machen. Seid Ihr zufriedengestellt?“

„Der Teufel hole Euch! Lassen sie denn wirklich niemanden oben?“

„Keinen Menschen!“

„Fatal! Was ist da zu thun?“

„Wenn Ihr nicht unterwegs verschiedene Ärgernisse haben wollt, so setzt einstweilen ihre früheren Besitzer darauf! Später kann man ja den Versuch machen, ob die Rakker gefüge zu machen sind.“

Dieser Rat wurde befolgt. Wir bekamen unsere Pferde, und dann wurde aufgebrochen. Als wir dem Thaleingange zuritten, kam Cox an meine Seite und sagte:

„Ich denke, daß es Euch nicht in den Sinn kommt, Euch durch Widersetzlichkeit Eure Lage zu erschweren! Kennt Ihr den richtigen Weg?“

„Ja.“

„Hoffentlich führt Ihr uns nicht irr!“

„Fällt mir nicht ein!“

„Wohin geht es heut?“

„Nach einem Spring jenseits des Rush-Creek.“

Mir war es außerordentlich lieb, daß er es für ganz selbstverständlich hielt, daß ich den Führer zu machen hatte, weil ich nach der Aussage des Apatschen mir die Lage der Bonanza gemerkt hatte. Um nun zu wissen, wie es mit den Ortskenntissen der Tramps stehe, erkundigte ich mich:

„Ihr kennt doch wohl die Gegend nach dem Squirrel-Creek hinauf?“

„Nein.“

„Oder einer Eurer Leute?“

„Auch nicht,“ war er so dumm, zu antworten.

„So ist niemand von euch schon dort gewesen?“

„Keiner! Ihr werdet uns also den Weg zeigen.“

„Das mag Winnetou thun!“

„Der hat sich die Stelle nicht gemerkt, wo das Gold liegt.“

„Und Ihr seid der Ansicht, daß ich sie Euch wirklich zeigen werde?“

„Natürlich!“

„Sonderbarer Mensch, der Ihr seid!“

„Wieso?“

„Was habe ich davon, wenn ich Euch zu dem Gold verhelfe? Nichts, gar nichts! Der Tod ist mir zugesprochen; es geht mir an das Leben, ob Ihr die Bonanza bekommt oder nicht. Denkt Ihr da, daß es mir Vergnügen macht, euch alle dafür, daß ihr uns überfallen und ausgeraubt habt und daß ich ermordet werde, zu Millionären zu machen?“

„Hm!“ brummte er, ohne weiter etwas zu sagen.

„Ihr scheint die Sache noch gar nicht von dieser Seite betrachtet zu haben?“

„Freilich nicht; aber Ihr habt Rücksicht auf Eure Kameraden zu nehmen.“

„Wieso?“

„Wenn wir die Bonanza nicht bekommen, müssen sie alle sterben!“

„Was geht das mich an, da ich sterben muß? Wer nimmt Rücksicht auf mich? Was habe ich, wenn ich tot bin, davon, daß die andern leben?“

Chimney corner! Ihr werdet doch nicht so grausam mit ihnen sein!“

„Ich? Grausam? Ihr scheint ein sehr lustiger Kerl zu sein! Spricht der Mensch von Grausamkeit und ist es doch selbst, der sie ermorden will, falls er das Gold nicht bekommt! Ihr braucht uns ja nur freizugeben, so kann von Grausamkeit gar keine Rede sein!“

„Daß ich verrückt wäre!“

„So macht auch mir nicht die Vorwürfe, die nur Euch gehören!“

Er sah einige Zeit vor sich nieder und sagte dann:

Well, wollen aufrichtig miteinander reden! Ist Euch wirklich der Gedanke gekommen, uns die Lage des Placers zu verheimlichen?“

„Ja, selbstverständlich!“

„Schlagt ihn Euch aus dem Kopfe! Es würde das unbedingt zum Tode Eurer Kameraden führen und außerdem auch Euer Schaden sein.“

„Wieso der meinige?“

„Weil es noch gar nicht sicher ist, daß ich Euch dem alten Wabble ausliefere.“

„Ah!“ dehnte ich verwundert.

„Ja,“ nickte er. „Zufällig reitet er da vorn und hört also nicht, was ich mit Euch spreche. Wenn Ihr uns die Bonanza zeigt, und wenn sie so reich ist, wie Winnetou sie beschrieben hat, bin ich im stande, nicht nur Eure Gefährten, sondern auch Euch freizulassen.“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Wollt Ihr es mir versprechen?“

„Fest versprechen kann ich es leider nicht.“

„So nützt mir Eure ganze Rede nichts. Ich will wissen, woran ich bin!“

„Sie nützt Euch doch! Es kommt auf den Reichtum der Bonanza an. Sind wir in dieser Beziehung zufrieden, so werdet auch ihr mit mir zufrieden sein. Ihr müßt ja am besten wissen, wie es steht.“

„Was das betrifft, so weiß ich freilich, daß es sich um Millionen handelt.“

„Nun, da ist es so gut, als ob Ihr jetzt schon frei wäret.“

„Was aber wird Old Wabble dazu sagen?“

„Das geht Euch nichts an; den überlaßt nur mir! Wenn es ihm einfällt, mir Scherereien zu machen, so jage ich ihn einfach zum Teufel.“

„Das geht aber nicht an; er soll ja Teilnehmer der Bonanza sein.“

„Unsinn! Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß ich ihm das nur weisgemacht habe? Ich bin nicht so dumm, ihm mein Wort zu halten!“

Er war dennoch dumm; er war sogar noch dümmer, als er mit diesen seinen Worten bezeichnen wollte. Wenn er dem alten Wabble sein Wort brach, wie konnte ich da annehmen, daß er das mir gegebene Versprechen halten werde! Es fiel ihm gar nicht ein, mich, wenn er die Bonanza hatte, freizulassen. Ja, noch mehr: da es keine Zeugen seiner an uns verübten Gewaltthat geben durfte, konnten auch meine Begleiter ihres Lebens nicht mehr sicher sein. Er wollte sich nur jetzt meiner Bereitwilligkeit versichern; hatte er dann das Placer, so kam es ihm auf einen Wortbruch und auf ein weiteres Verbrechen nicht an. Was mich dabei am meisten empörte, war, daß dieser freche Patron es wagte, gegen mich einen so vertraulichen Ton anzuschlagen. Ich hätte ihm am liebsten ins Gesicht gespien, mußte aber, die Verhältnisse berücksichtigend, ruhig dazu sein.

„Nun, habt Ihr es Euch überlegt?“ erkundigte er sich nach einer Weile.

„Ja.“

„Was wollt Ihr thun?“

„Sehen, ob Ihr mir Wort halten werdet.“

„Mir das Placer also zeigen?“

„Ja.“

Well! Ihr könnt ja gar nichts Klügeres thun. Übrigens könnte es, selbst wenn ich mein Wort bräche, Euch dann, wenn Ihr tot seid, ganz gleich sein, ob wir das Gold haben oder ob es in der Erde liegen bleibt.“

Das war ein wunderbar befriedigender Abschluß dieses Gespräches! ja, da konnte und mußte es mir allerdings gleichgültig sein! Glücklicherweise hatte ich dabei die eine große Genugthuung, daß es am Squirrel-Creek gar kein Placer gab und daß also nicht ich sondern er der Betrogene sein würde. Ich freute mich schon im voraus auf sein Gesicht!

Er hatte sich noch nicht lange von mir entfernt, so bekam ich Gelegenheit, ein beinahe ebenso interessantes Gespräch zu hören. Hinter mir ritten nämlich Dick Hammerdull und Pitt Holbers mit einem Tramp zwischen sich. Man nahm es mit der Reihenfolge und der Bewachung nicht so überaus streng-, wir waren ja gefesselt und nach der Meinung der Tramps also nicht im stande, zu entfliehen; darum durften wir nach unserm Gusto reiten.

Die beiden Toasts unterhielten sich mit ihrem Begleiter; das heißt, Dick Hammerdull sprach mit ihm, und Pitt Holbers gab dann, wenn er gefragt wurde, eine trockene Antwort dazu. So lange sich Cox neben mir befand, hatte ich nicht auf das, was hinter mir gesprochen wurde, achtgeben können; jetzt hörte ich Dick sagen:

„Und so glaubt Ihr also wirklich, uns ganz fest zu haben?“

„Ja,“ antwortete der Tramp.

„Hört, da bekennt Ihr Euch zu einer ganz falschen Konfession! Wir denken nicht daran, uns als Eure Gefangenen zu betrachten.“

„Ihr seid es aber doch!“

„Unsinn! Wir reiten ein bißchen mit Euch spazieren. Das ist alles.“

„Und seid gefesselt!“

Zu unserm Vergnügen!“

„Danke für das Vergnügen! Und dazu ausgeraubt!“

„Ja, ausgeraubt! Es ist geradezu traurig!“ lachte der Dicke.

Er und Pitt hatten nämlich vor unserm Aufbruche nach dem Westen ihr Geld eingenäht; darum lachte er jetzt.

„Wenn Euch das so lächerlich vorkommt, ist’s ja gut für Eure Laune,“ sagte der Tramp ärgerlich. „Ich an Eurer Stelle würde viel ernster sein!“

„Ernst? Was für einen Grund hätten wir denn, die Köpfe hängen zu lassen? Gar keinen! Wir befinden uns heut so wohl wie stets und immer.“

Da stieß der Tramp einen Fluch aus und rief.

„Ihr wollt mich wohl foppen, ihr Kerls! Ihr müßt euch doch gewaltig darüber ärgern, daß ihr in unsere Hände verfallen seid!“

„Ob wir uns ärgern oder Ihr, das bleibt sich gleich; das ist uns ganz egal; jedenfalls aber seid Ihr es nicht, der sich nicht ärgert. Meinst du das nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Ja, ich denke ganz dasselbe, lieber Dick,“ antwortete der Lange.

„Ich mich ärgern?“ rief der Tramp. „Ihr seid ja ganz verkehrt!“

„O nein! Wir wissen sogar, daß Ihr Euch noch viel mehr ärgern werdet.“

„Wann und worüber?“

„Wann? Wenn wir uns von Euch verabschiedet haben. Und worüber? Darüber, daß Ihr nicht länger so gemütliche und fidele Leute bei Euch habt.“

„Das ist Galgenhumor, nichts als Galgenhumor! Ihr ahnt doch wohl, welchem Schicksale Ihr entgegengeht!“

„Nicht daß ich wüßte! Welches berühmte Schicksal ist es denn?“

„Ihr werdet ausgelöscht werden, alle ausgelöscht!“

Pshaw! Das thut nichts; das thut sogar gar nichts, denn wenn wir ausgelöscht werden, so brennen wir uns ganz gemütlich wieder an!“

„Verrückt, geradezu verrückt!“

„Verrückt! Hört, wenn Ihr uns für verrückt haltet, da muß ich freilich einmal den Scherz beiseite lassen und Euch ein ernsthaftes Wort sagen! Wenn einer von uns dreien verrückt ist, so seid Ihr es; darauf kann ich schwören! Oder ist es etwa nicht der reine, unheilbare Wahnsinn, zu glauben, daß Ihr uns fest und sicher habt? Ich bin zwar ein dicker Kerl, dennoch aber schlüpfe ich Euch durch die kleinste Masche davon. Pitt Holbers hier, der Lange, ist gar nicht festzuhalten; er ragt mit seiner Nase hoch über Eure Schranken und Netze hinaus. Old Shatterhand und Winnetou, diese beiden erst! Wer sich einbildet, sie festzuhalten, der hat den Verstand bis auf den allerletzten Rest verloren. Ich erkläre Euch hiermit mit der größten Feierlichkeit, die Ihr von mir verlangen könnt, daß wir Euch davonfliegen werden, ehe Ihr es denkt. Dann steht Ihr da und sperrt die Mäuler auf. Oder wir fliegen nicht davon, sondern machen es noch besser, viel besser: Wir drehen den Spieß grad um und nehmen Euch gefangen. Dann klappen Euch die Mäuler wieder zu! Länger als höchstens einen Tag bei Euch zu sein, das wäre eine Schande, die ich bei meiner zarten Konstitution nicht überleben könnte. Wir brechen aus! Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm!“ brummte der Lange. „Wenn du denkst, daß wir es thun werden, so hast du recht, lieber Dick. Wir werden ausbrechen!“

„Uns entfliehen, uns entkommen?“ lachte der Tramp höhnisch. Ach sage Euch, wir halten Euch so fest und so sicher, wie auch ich zufällig Holbers heiße!“

„Ah, auch Holbers? Schöner Name! Nicht? Heißt Ihr auch Pitt?“

„Nein. Mein Vorname ist Hosea. Interessiert Euch das vielleicht?“

„Hosea? Uff! Natürlich interessiert es uns!“

„Ihr schreit Uff! Hat Euch mein Vorname etwa wehe gethan?“

Anstatt ihm diese Frage zu beantworten, wendete Dick sich an Holbers:

„Hast du es gehört, Pitt Holbers, altes Coon, daß dieser Mann den schönen, frommen und biblischen Namen Hosea hat?“

„Wenn du denkst, daß ich es gehört habe, so ist das richtig,“ antwortete der Gefragte.

„Und was sagst du dazu?“

„Nichts.“

„Gar nichts?“

„Nein, gar nichts!“

„Also wirklich gar nichts! Eigentlich hast du da recht, lieber Pitt, denn wenn der Mann ein Tramp ist, halte ich das Schweigen auch für viel besser; aber ich bin nun einmal ein neugieriger Kerl, und ich gestehe dir aufrichtig, daß es mir schwer fällt, den Mund zu halten.“

„Was sind das für geheimnisvolle Redensarten?“ fragte da der Tramp. „Stehen sie etwa mit mir, mit meinem Namen in Verbindung?“

„Wie es scheint, ja.“

„Wie so?“

„Sagt einmal, ob es in Eurer Familie noch ähnliche Bibelnamen giebt?“

„Es giebt noch einen.“

„Welchen?“

„Joel.“

„Uff! Wieder einer von den Propheten! Euer Vater scheint ein sehr frommer, bibelfester Mann gewesen zu sein! Oder etwa nicht?“

„Nicht daß ich wüßte. Er war ein sehr gescheiter Kerl, der sich von den Pfaffen nichts weismachen ließ, und ich bin nach ihm geraten.“

„So war aber wohl Eure Mutter eine gläubige Frau?“

„Leider ja.“

„Warum leider?“

„Weil sie mit ihrem Beten und Plärren dem Vater das Leben so verbittert hat, daß er sich gezwungen sah, es sich durch den Brandy zu versüßen. Es ist eben unmöglich, daß ein kluger Mann es bei einer Betschwester aushalten kann; er läßt sie daheim sitzen und geht in das Wirtshaus. Das ist ja das beste, was er thun kann!“

„Ah! Er hat es sich wohl so lange versüßt, bis es ihm zu süß wurde?“

„Ja; er bekam es überdrüssig, und als er eines schönen Tages sah, daß er einen Strick zu viel besaß, der zu nichts anderem zu gebrauchen war, hing er ihn an einen Nagel, machte eine Schlinge und steckte den Kopf hinein, und zwar so lange, bis er abgeschnitten wurde.“

Es zuckte mir in den leider gefesselten Händen, als ich diesen Kerl hinter mir in dieser cynischen Weise von dem Tode seines selbstmörderischen Vaters sprechen hörte. Hammerdull hütete sich, eine hier freilich sehr unnütze sittliche Entrüstung zu zeigen und etwa zu sagen, daß sich selbst der verkommenste Indianer schämen würde, derart von seinem toten Vater zu reden; er verfolgte den heimlichen Zweck dieses Gespräches weiter, indem er lachend fortfuhr:

„Ja, es giebt freilich nur ganz seltene Fälle, daß jemand, der die Angewohnheit hat, den Kopf in solche Schlingen zu stecken, sie sich wieder abgewöhnen kann. Aber, Mr. Holbers, wenn ich mich recht entsinne, so sagtet Ihr vorhin, daß Ihr nach Eurem Vater geraten seid?“

„Ja, das sagte ich.“

„So hütet Euch vor ähnlichen Stricken!“

Pshaw! Wenn ich ihm in allem ähnlich bin, in dieser Beziehung sicher nicht. Das Leben ist so schön, daß ich es mir so lange wie möglich zu erhalten suchen werde. Wenigstens wird es mir nie einfallen, den Kopf in eine Schlinge zu stecken. Ich wüßte auch nicht, warum; ich hätte gar keine Veranlassung dazu, da ich nicht so dumm gewesen bin, mir ein immer betendes und ewig plärrendes Weib zu nehmen.“

„Ich bleibe trotzdem bei meiner Warnung! Es soll ja vorkommen, daß jemand an einem Stricke hängen bleibt, ohne daß er selbst auf den Gedanken gekommen ist, den Kopf hineinzustecken. Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon, daß dies vorgekommen ist und auch wieder vorkommen kann?“

„Hm! Wenn du denkst, daß es vorgekommen ist, so gebe ich das zu, wenn du aber meinst, daß es sich auch wieder ereignen kann, so gebe ich dir doppelt recht. Dieser Namensvetter von mir, der ein so kluger Mann wie sein Vater ist, wird mich wahrscheinlich verstehen.“

Zounds!“ rief da der Tramp. „Soll das etwa eine zarte Anspielung auf das Gehängtwerden sein?“

„Warum nicht?“ fragte Hammerdull.

„Weil ich mir solche Scherze verbitte!“

„Ich sehe nicht ein, wie ihr da gleich in Zorn geraten könnt. Wir haben doch nur im allgemeinen sagen wollen, daß es Stricke gegeben hat und auch jetzt noch giebt, an denen man, ohne es eigentlich zu wollen, ganz unerwartet hängen bleiben kann, und wenn ich Euch vor solchen Stricken gewarnt habe, so konnte das doch nur gut gemeint sein!“

„Danke sehr! Solche Warnungen sind bei mir nicht nötig!“

Well! Um aber wieder auf Eure Mutter zu kommen, so möchte ich gerne wissen, ob sie außer ihrer Frömmigkeit nicht auch noch andere Eigenschaften besessen hat, die Euch im Gedächtnisse geblieben sind.“

„Andere Eigenschaften? Ich verstehe Euch nicht. Wie meint Ihr das?“

„Nun, so in erziehlicher Beziehung. Fromme Leute pflegen streng zu sein.“

„Ach so!“ lachte der Tramp, der von dem Gedankengange Hammerdulls keine Ahnung hatte. „Leider ist das richtig, was Ihr sagt. Wenn sich alle braunen und blauen Flecke, die Euch dies beweisen könnten, noch auf meinem Rücken befänden, könnte ich mich vor Schmerz nicht hier auf meinem Pferde erhalten.“

„Ach, so war ihre Erziehungsweise also eine sehr eindringliche?“

„Ja, sie drang oftmals durch die Haut.“

„Auch bei Joel, Eurem Bruder?“

„Ja.“

„Lebt der noch?“

„Freilich; der denkt gar nicht daran, schon tot zu sein!“

„Wo befindet er sich gegenwärtig, mit den schönen Erinnerungen auf dem Rücken und höchstwahrscheinlich auch auf anderen Körperteilen?“

„Hier.“

„Was? Hier bei uns?“

„Gewiß. Seht nur nach vorn! Der, welcher neben Cox reitet, ist’s.“

Good lack! Es sind also beide Propheten da? Hosea und Joel, alle zwei? Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Nichts,“ antwortete der Lange noch kürzer, als er gewöhnlich zu antworten pflegte.

„Was habt Ihr denn eigentlich mit mir und meinem Bruder?“ erkundigte sich der Tramp, dem dieses Gespräch nun endlich doch auffiel.

„Das werdet Ihr wahrscheinlich bald erfahren. Sagt mir vorher nur erst, was Euer Vater gewesen ist!“

„Alles mögliche, was ein Mann sein kann, der sich so über sein Weib ärgern muß.“

„Das heißt wahrscheinlich: alles und nichts. Ich meine aber, was er war, als er eines Tages fand, daß er den betreffenden Strick übrig habe.“

„Da hatte er vor kurzem ein Heiratsbureau gegründet.“

„Sonderbar! Jedenfalls um andern auch eine Portion Ärger zukommen zu lassen? Das war für das Allgemeinwohl ja sehr hübsch von ihm!“

„Ja, die Absicht war gut, der Erfolg aber schlecht.“

„Ah! Es fand sich keine Menschenseele ein, die nach der Vereinigung mit einer andern schmachtete?“

„Keine, keine einzige!“

„Drum fand er wohl den Strick?“

„Ja; er wendete dem Leben, welches ihm nichts zu essen bot, den Rücken.“

„Feiner Kerl! Im höchsten Grade gentlemanlike! Wenn ich ihn hier hätte, könnte sein Rücken bald ganz in denselben Erinnerungen schwelgen wie der Eurige! Frau und Kinder feig zu verlassen! Pfui Teufel!“

„Schwatzt nicht so dummes Zeug! Als er fort war, ging es uns besser.“

„Richtig! Wenn der Mann das Geld nicht mehr vertrinken kann, welches die Frau verdient, geht es der Witwe und den Waisen besser!“

„Hört, wie kommt Ihr zu dieser Rede? Meine Mutter war allerdings die eigentliche Verdienerin.“

„Ja; sie arbeitete wie ein Pferd!“

„Woher wißt Ihr das?“

„Sie lebte und wohnte in dem kleinen Smithville, Tennessee, als ihr Mann, Euer lieber Vater, damals von sich selbst aufgehangen wurde?“

„Richtig! Aber sagt, woher Ihr das alles –“

„Und ist nachher mit ihren Kindern nach dem Osten gezogen,“ unterbrach ihn Dick Hammerdull unbeirrt.

„Auch das stimmt! Nun teilt mir endlich –“

„Wartet nur! Sie hat so gearbeitet und so viel verdient, daß sie sogar einen kleinen, blutarmen Neffen zu sich nehmen und aufziehen konnte, der nachher, als ihm ihre strenge Erziehungsweise zu schmerzlich wurde, eines schönen Sommertags verschwand. Ist es so oder nicht?“

„Es ist so. Mir unbegreiflich, daß Ihr das alles wißt!“

„Ihr hattet auch eine Schwester?“

„Ja.“

„Wo ist sie?“

„Sie ist jetzt tot.“

„So seid Ihr und Euer honorabler Prophet Joel die einzigen Erben Eurer Mutter gewesen?“

„Natürlich!“

„Wo ist das Erbe?“

„Zum Teufel! Wo soll es anders sein? Was konnten wir mit den paar hundert Dollars anders machen, als sie vertrinken!“

Well – Ihr scheint wirklich genau nach Eurem Vater geraten zu sein! Ich sage jetzt zum drittenmal: Hütet Euch vor dem Strick! Was meinst du, Pitt Holbers, altes Coon? Sollen sie es bekommen?“

„Hm,“ brummte der Gefragte, im höchsten Grade verdrießlich, „ich thue, was du willst, lieber Dick.“

Well, so bekommen sie es nicht! Bist du damit einverstanden?“

Yes; sie sind es nicht wert.“

„Ob sie es wert sind oder nicht, das bleibt sich ganz gleich; aber es wäre geradezu eine Affenschande, wenn sie es bekämen!“

„Was habt Ihr nur für Heimlichkeiten? Von wem sprecht Ihr eigentlich?“ erkundigte sich der Tramp.

„Von Hosea und Joel,“ antwortete Hammerdull.

„Also von mir und meinem Bruder?“

„Ja.“

„Wir beide sind es, die etwas nicht bekommen sollen?“

„Ja.“

„Was?“

„Unser Geld.“

„Euer Geld? Der Teufel mag Euch begreifen! Wir haben Euch ja alle Eure Taschen leer gemacht!“

Pshaw! Denkt Ihr, daß wir alles, was wir besitzen, mit hier herauf nach dem fernen Westen nehmen? Pitt hat ein Vermögen, und ich habe auch ein Vermögen; diese vielen, vielen Tausende von Dollars haben wir zusammengethan, um sie Euch und Euerm vortrefflichen Joel zu schenken; jetzt aber sind wir zu dem Entschluß gekommen, daß Ihr nichts, gar nichts, aber auch nicht einen einzigen Cent davon erhalten sollt.“

Ich sah mich nicht um, aber ich konnte mir das erstaunte Gesicht des Tramp vorstellen. Es verging eine ganze Weile, ehe ich ihn fragen hörte:

„Euer – – Vermögen sollten – – sollten wir – – bekommen?“

„Ja.“

„Ihr wollt Unsinn mit mir treiben!“

„Fällt mir gar nicht ein!“

Er schien in den Gesichtern der beiden Toasts zu forschen, denn es verging wieder eine lange Pause, ehe ich ihn in erstauntem Tone sagen hörte:

„Ich weiß wahrhaftig nicht, woran ich mit euch bin! Ihr macht so ernsthafte Gesichter, und doch kann es nichts als nur ein dummer Spaß sein!“

„Hört einmal, was ich Euch sage: Wenn Ihr Euch für einen Kerl haltet, zu dem wir uns gemütlich herablassen können, um mit ihm zu scherzen, so kennt Ihr weder Euch noch uns! Ihr seid teils Schafkopf, teils Halunke; wir aber sind kluge und achtbare Leute, welchen es nicht einfällt, sich mit Eseln und Schurken zu belustigen. Also daß wir uns ein Amusement mit Euch machen wollen, das liegt ganz außerhalb des Bereiches dessen, was auf dieser alten Erde möglich ist!“

Zounds! Vergeßt ja nicht, daß ihr unsere Gefangene seid! Beleidigen lasse ich mich nicht. Wenn ihr so mit Schurken und Halunken um euch werft, kann euch diese Kühnheit schlecht bekommen!“

Pshaw! Regt Euch ja nicht unsertwegen auf, wir haben keine Angst! So lange wir uns kennen, sind wir gewöhnt gewesen, alles beim richtigen Namen zu nennen. Es kann uns gar nicht einfallen, einen Schuft als Ehrenmann zu bezeichnen!“

„Und wenn ich Euch mit Strafen drohe?!“

„Unsinn! Seid Ihr etwa unser Schulmeister, und wir sind Eure Schuljungens? Was Ihr heut an uns verübt, das können wir morgen rächen, wenn wir wollen; darauf mögt Ihr Euch verlassen! Also der Schurke, der Halunke, der bleibt stehen! Und was den Schafskopf betrifft, so nehme ich auch ihn nicht zurück, denn Ihr seid einer, und zwar was für einer! Das habt Ihr bewiesen!“

„Wodurch bewiesen? Heraus damit!“

„Dadurch, daß Ihr noch immer nicht begreift, was es mit dem, was ich Euch gesagt habe, für eine Bewandtnis hat.“

„Der Teufel mag Euch verstehen und begreifen!“

„Der hat keine Zeit dazu. Ihr steht uns näher als er und seid auch nicht viel besser als er! Ihr habt uns doch Euern Familiennamen gesagt!“

„Ja, Holbers.“

„Und mein Freund heißt?“

„Auch so.“

„Und sein Vorname?“

„Pitt, wie ich gehört habe. Pitt Holbers. Das ist ganz – ah, ah!“

Er hielt inne. Ich hörte ihn halblaut durch die Zähne pfeifen, und dann fuhr er hastig fort:

„Pitt, Pitt, Pitt – so hieß doch auch der junge, der Cousin, den die Mutter zu sich nahm und – – – Thunder-storm! Wär es denn möglich? Ist dieser ewig lange Mensch hier vielleicht jener kleine Pitt?“

„Er ist’s! Endlich habt Ihr die Hand an der richtigen Thürklinke! Das hat viel, sehr viel Mühe und Arbeit gekostet, ehe Ihr darauf gekommen seid! Ihr dürft Euch auf Eure Klugheit nichts einbilden!“

Diese Beleidigung überhörend, rief der Tramp:

„Was? Wirklich? Du bist der dumme Pitt, der sich für uns alle immer so gutwillig von der Mutter prügeln ließ? Dem diese Stellvertretung endlich so wehe that, daß er die Flucht ergriff?“

Pitt mochte nur mit dem Kopfe nicken; ich hörte kein Wort.

„Das ist doch toll!“ fuhr sein Vetter fort. „Und jetzt sehe ich dich als unsern Gefangenen wieder!“

„Den ihr ermorden wollt!“ fügte Hammerdull hinzu.

„Ermorden? Hm! Davon wollen wir jetzt nicht reden. Erzähle mir jetzt lieber, Pitt, wo du damals hingelaufen bist und was du seit jener Zeit bis jetzt getrieben hast! Ich bin neugierig darauf!“

Pitt hustete einige Male und sagte dann, ganz und gar nicht in der trockenen Weise, in welcher er sonst zu sprechen pflegte:

„Ich begreife nicht, wie ich dazu komme, von Euch du genannt zu werden. Das duldet man doch nur von Gentlemen, nicht aber von Menschen, welche ihre Ehre, ihre Reputation so weit von sich geworfen haben, daß sie sich nicht schämen, unter die Tramps gegangen zu sein! Ich muß leider zugeben, daß ich der Sohn vom Bruder Eures Vaters bin, kann aber zu meiner Rechtfertigung sagen, daß nicht ich diese Verwandtschaft zu verantworten habe. Es macht mir große Freude, sagen zu können, daß ich gegen meinen Willen Euer Verwandter bin.“

„Oho!“ fiel der Tramp zornig ein. „Du willst dich meiner schämen? Aber geschämt hast du dich nicht, dich von uns ernähren zu lassen?“

„Von Euch? Doch nur von Eurer Mutter. Und das, was sie mir gab, habe ich mir redlich abverdienen müssen. Während Ihr tolle Streiche verübtet, mußte ich arbeiten, daß mir die Schwarte knackte; nebenbei erhielt ich die Prügel für Euch, so ungefähr als das, was man das Dessert, den Nachtisch nennt. Zu danken habe ich Euch also nicht das geringste. Dennoch wollte ich Euch eine große Freude machen. Wir suchten Euch, um Euch unsere Ersparnisse zu schenken, denn wir sind Westmänner, welche kein Geld brauchen. Ihr wäret reich dadurch geworden. Nun wir Euch aber als Tramps, als elende, herabgekommene Subjekte finden, soll mich unser Herrgott behüten, dieses schöne und viele Geld, mit welchem wir bessere und würdigere Menschen glücklich machen können, in Eure Hände zu legen. Wir haben uns seit unserer Kindheit hier zum erstenmal wiedergesehen und sind aber auch sofort wieder geschiedene Leute. Ich wünsche von ganzem Herzen, daß ich niemals wieder den Ärger und die Kränkung haben möge, mit Euch zusammenzutreffen!“

Der sonst so wortkarge Pitt Holbers hatte diese lange Rede in einer so fließenden Weise gehalten, daß ich mich schier wunderte. Das Verhalten des feinsten Gentleman hätte nicht korrekter sein können als das seinige. Das erkannte Dick Hammerdull dadurch an, daß er ihm, ohne eine Pause eintreten zu lassen, eiligst zustimmte:

„Recht so, lieber Pitt, recht so! Du hast mir ganz aus der Seele gesprochen. Wir können bessere Menschen damit glücklich machen. Ich hätte dieselben Worte gesagt, wirklich ganz genau dieselben Worte!“

Einem Fremden hätte der Tramp jedenfalls in anderer Weise geantwortet, nun er aber wußte, daß Pitt sein Verwandter sei, zog er den Spott dem Zorne vor und sagte, indem er dabei höhnisch lachte:

„Wir sind gar nicht neidisch auf die guten, die bessern Menschen, die euer Geld bekommen sollen. Die paar Dollars, die ihr zusammengewürgt haben werdet, brauchen wir nicht. Wir werden ja Millionen besitzen, sobald wir die Bonanza gefunden haben!“

„Wenn ihr sie findet!“ kicherte Hammerdull.

„Freilich nicht wir, sondern Old Shatterhand!“

„Und der zeigt sie euch!“

„Natürlich!“

„Ja, ja! Ich sehe schon, wie er mit dem Zeigefinger auf die Erde deutet und zu euch sagt: Da liegen sie, Klumpen über Klumpen, einer immer größer als der andere. Seid doch ja so gut und nehmt sie heraus! Einen größern Gefallen könnt ihr uns armen Gefangenen gar nicht thun! Dann schießt ihr uns alle über den Haufen, damit wir nichts verraten können, nehmt die Million heraus, kehrt nach dem Osten zurück, deponiert sie auf der Bank, lebt von den Zinsen herrlich und in Freuden wie der reiche Mann im Evangelium und laßt alle Tage Pflaumenkuchen für eure Schnäbel backen. So denke ich mir das, und so wird es auch geschehen. Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Ja, besonders das mit dem Pflaumenkuchen wird seine Richtigkeit haben,“ antwortete Pitt, jetzt wieder in seiner trockenen Weise.

„Redet nicht so dummes Zeug!“ fuhr Hosea die beiden Freunde an. „Es ist doch nur der grimmige Ärger, der Neid, welcher aus euch spricht! Wie gern, wie sehr gern möchtet ihr doch die Bonanza für euch haben! Das ist so selbstverständlich wie nichts anderes in der Welt!“

„Diese Bonanza, grad diese? O, die gönnen wir euch von ganzem Herzen! Wir freuen uns schon auf die Augen, die ihr machen werdet, wenn wir an Ort und Stelle sind. Ich habe nur ein Bedenken, ein sehr großes Bedenken bei dieser ganzen Geschichte.“

„Welches?“

„Daß ihr vor lauter Wonne das Zugreifen vergessen werdet.“

„O, wenn es nur das ist, so zerbrecht Euch ja nicht den Kopf darüber. Wir lassen nichts liegen, denn das Zugreifen haben wir gelernt!“

„Sehr richtig; wir wissen es!“

„Nicht wahr? Also macht Euch keine Sorge! jetzt aber muß ich hin zu meinem Bruder, um ihm zu sagen, daß ich den Pitt gefunden habe, den Vetter Pitt, der es nicht zugiebt, daß ich ihn du nenne!“

Er trieb sein Pferd vorwärts und ritt, an mir vorüber, nach der Spitze des Zuges, wo sich Joel, der brüderliche Schuft, befand.

„Hättest du das gedacht?“ hörte ich Hammerdull hinter mir fragen.

„Nein!“ antwortete Pitt kurz.

„Saubere Verwandtschaft!“

„Bin großartig stolz auf sie!“

„Höchst ärgerlich!“

„O nein! Ich ärgere mich nicht, weil sie mir höchst gleichgültig sind.“

„Ach, das meine ich nicht!“

„Was denn?“

„Unser Geld.“

„Wieso?“

„Wen schenken wir es nun? Ich mag nicht reich sein; ich mag nicht auf dem Geldsacke hocken und vor Angst darüber, daß er mir gestohlen werden könnte, den schönen, gesunden Schlaf einbüßen.“

„Ja, nun können wir uns wieder die Köpfe zerbrechen!“

„Wieder von vorn anfangen, darüber nachzudenken, wer uns das Geld abnehmen wird! Es ist eine dumme, eine ganz dumme Geschichte!“

Da wendete ich den Kopf und sagte:

„Macht Euch doch keine unnötigen Sorgen!“

Sie kamen sofort rechts und links zu mir heran, und der Dicke fragte:

„Keine Sorge? Wißt Ihr vielleicht jemand, den wir beschenken können?“

„Hunderte könnte ich Euch vorschlagen; das meine ich aber nicht. Habt Ihr denn das Geld?“

„Leider nicht. Der General hat es; das wißt Ihr doch, Mr. Shatterhand.“

„Also grämt Euch jetzt noch nicht! Wer weiß, ob wir ihn fangen!“

„Oh, Ihr und Winnetou seid ja da! Da ist es so gut, als ob wir ihn schon hätten! Habt Ihr gehört, was wir jetzt,gesprochen haben?“

„Ja.“

„Daß wir Pitts Vettern gefunden haben?“

„Ja.“

„Was sagt Ihr dazu, Sir?“

„Daß Ihr sehr unvorsichtig gewesen seid.“

„Inwiefern? Hätten wir verschweigen sollen, wer Pitt Holbers ist?“

„Nein. Aber Ihr habt gethan, als wißtet Ihr ganz genau, daß wir bald frei sein werden.“

„War das ein Fehler?“

„Ein sehr großer! Es wird dadurch leicht ein Verdacht erweckt, der uns sehr hinderlich werden, vielleicht alles verderben kann.“

„Hm! Das ist wahr. Aber soll ich diesen Kerls den Gefallen thun, vor Traurigkeit die Nase bis auf den Sattel herunterhängen zu lassen?“

„Wenn auch das nicht!“

„Ihr habt doch selbst sehr selbstbewußt zu Cox und Old Wabble gesprochen!“

„Aber nicht in so auffälliger Weise wir Ihr jetzt zu diesem Hosea Holbers, welcher glücklicherweise nicht pfiffig genug ist, mißtrauisch zu werden. Eure Ironie in Beziehung auf die großen Goldklumpen war höchst gefährlich für uns. Die Tramps müssen bis zum letzten Augenblicke glauben, daß ich die Bonanza kenne.“

„Ja, aber wann wird dieser letzte Augenblick kommen?“

„Vielleicht schon heut.“

Huzza! Ist’s wahr?“

„Ich denke!“

„In welcher Weise?“

„Das kann ich jetzt noch nicht genau wissen. Kolma Puschi, der Indianer, wird kommen und mich freimachen.“

„Der? Wer hätte das gedacht! Wißt Ihr das genau?“

„Ja; er hat es mir versprochen. Wie ich mich dann, wenn ich frei bin, verhalten werde, das wird sich nach den Umständen richten. Ihr dürft nicht einschlafen, müßt Euch aber schlafend stellen. Sagt das nach und nach den Kameraden! Ich will nicht mit ihnen sprechen, weil dies Verdacht erregen könnte. Also, Ihr braucht vor diesen Tramps nicht demütig zu thun, dürft Euch aber auch nicht zuversichtlich zeigen.“

Sie wußten nicht, daß Kolma Puschi heimlich bei mir gewesen war, und frugen mich, woher ich wisse, daß er kommen werde; ich forderte sie aber auf, wieder hinter mir zu reiten und die Sache ruhig abzuwarten. Es war besser, wenn die Tramps mich so wenig wie möglich mit meinen Gefährten sprechen sahen.

Die Brüder Holbers hielten jetzt ihre Pferde an, bis sie sich bei Dick und Pitt befanden. Da zeigte Hosea auf den letzteren und sagte:

„Das ist er, der Prügelvetter von damals, dem jetzt der Stolz verbietet, du zu mir zu sagen.“

Joel warf einen sehr geringschätzenden Blick auf Pitt und antwortete:

„Er wird noch froh sein, wenn wir ihm erlauben, überhaupt mit uns reden zu dürfen! Also Geld hat er uns schenken wollen?“

„Ja, ein ganzes Vermögen sogar!“

„Und das hast du geglaubt?“

„Fällt mir nicht ein!“

„Sieh ihn doch an! Der, und ein Vermögen! Die reine Dummpfiffigkeit! Er hat uns ködern wollen. Werden uns freilich sehr hüten, auf so einen kindischen Blödsinn hereinzufallen! Komm!“

Sie ritten wieder nach vorn. Dick Hammerdull scherzte:

„Also dummpfiffig sind wir, Pitt Holbers, altes Coon! Das sind zwei Eigenschaften, in welche wir uns teilen können. Wenn es dir recht ist, nehme ich die Pfiffigkeit für mich; du bekommst das übrige.“

„Bin einverstanden! So muß es unter Freunden sein! Dann hat einer dem andern sein Kapital geborgt!“

„Donner! Das war nicht übel geantwortet! Danke dir!“

„Bitte! Gern geschehen!“

Ich wurde jetzt nach vorn gerufen, um mich als Führer an die Spitze des Zuges zu setzen, denn ich hatte bisher nur hier und da durch ein lautes Wort angegeben, welche Richtung zu nehmen sei. Wir waren ziemlich scharf geritten und nun in die Nähe des Zusammenflusses der beiden Rush-Forks gekommen. Die Gegend war wasserreich, und darum wurde die Prairie sehr oft durch größere und kleinere Gruppen von Büschen und Bäumen unterbrochen. Es war also notwendig, daß ich voranritt. Damit mir das aber ja nicht eine Gelegenheit zur Flucht geben möge, nahmen Cox und Old Wabble mich eng in ihre Mitte. Wir hatten wieder einmal eine solche Bauminsel vor uns, als Old Wabble die Hand ausstreckte und rief-

„All devilsl Wer kommt da? Männer, nehmt euch in acht! Haltet die Gefangenen eng zusammen, denn da kommt einer, der alles daran setzen wird, sie zu befreien!“

„Wer ist’s?“ fragte Cox.

„Ein guter Freund von Winnetou und Shatterhand. Old Surehand heißt er. Wenigstens möchte ich darauf schwören, daß er es ist.“

Es kam ein Reiter hinter dem Wäldchen hervor und in voller Carriere auf uns zugej agt. Er war noch weit von uns entfernt; wir konnten sein Gesicht nicht erkennen; aber wir sahen sein langes Haar wie einen hinter ihm wehenden Schleier fliegen. Das gab ihm freilich eine große Ähnlichkeit mit Old Surehand; aber ich sah sofort, daß er nicht die volle, kräftige Gestalt desselben hatte. Es war nicht Old Surehand, sondern Kolma Puschi, welcher uns entgegenkam. Er wollte uns zeigen, daß er auf dem Platze sei.

Er that zunächst, als sähe er uns nicht; dann stutzte er, hielt sein Pferd an und betrachtete uns. Hierauf stellte er Sich, als ob er zur Seite ausweichen wolle, lenkte aber wieder zurück und wartete auf unsere Annäherung. Als wir so weit gekommen waren, daß wir sein Gesicht erkennen konnten, sagte Old Wabble, hörbar im Tone der Erleichterung:

„Es ist nicht Old Surehand, sondern ein Indianer. Das ist gut, sehr gut! Zu welcher Horde er wohl gehören mag?“

„Dumme Begegnungl“ meinte Cox.

„Warum? Viel besser, als wenn es ein Weißer wäre. Braucht sich aber eigentlich auch nicht grad auf unserm Wege herumzutreiben; thi’s clear! Wir müssen ihn etwas scharf drannehmen, daß es ihm nicht etwa einfällt, uns nachzuspionieren.“

Jetzt hatten wir ihn erreicht und hielten an. Er grüßte mit stolzer Senkung seiner Hand und fragte:

„Haben meine Brüder vielleicht einen roten Krieger gesehen, welcher einen Sattel trägt und sein Pferd sucht, welches ihm in dieser Nacht entflohen ist?“

Cox und Old Wabble schlugen ein helles Gelächter auf, und der erstere antwortete:

„Einen roten Krieger, der einen Sattel trägt! Schöner Krieger!“

„Warum lacht mein weißer Bruder?“ fragte der den Tramps unbekannte Indianer ernst und erstaunt. „Wenn ein Pferd entwichen ist, hat man es doch zu suchen!“

„Sehr wahr! Aber wer seine Pferde ausreißen läßt und dann mit dem Sattel hinterher läuft, kann kein sehr berühmter Krieger sein! Ists etwa ein Kamerad von dir?“

„Ja.“

„Habt ihr noch mehr Kameraden?“

„Nein. Während wir in der Nacht schliefen, riß es sich los und war früh nicht mehr zu sehen. Wir brachen auf, nach ihm zu forschen; nun finde ich nicht sein Pferd und auch nicht ihn.“

„Nicht sein Pferd und auch nicht ihn! Lustige Geschichte! Ihr scheint ja zwei außerordentlich tüchtige Kerls zu sein! Da muß man wirklich Respekt bekommen. Zu welchem Stamme gehört ihr denn?“

„Zu keinem.“

„Also Ausgestoßene! Lumpengesindel! Na, ja, ich will menschlich und barmherzig sein und euch helfen. Ja, wir haben ihn gesehen.“

„Wo?“

„So ungefähr zwei Meilen hinter uns. Du brauchst nur auf unserer Fährte zurückzureiten. Er hat uns nach dir gefragt.“

„Welche Worte hat der Krieger da gesagt?“

„Sehr schöne, ehrenvolle Worte, auf welche du sehr stolz sein kannst. Er fragte, ob wir nicht den stinkigsten roten Hund gefunden hätten, den das Ungeziefer durch die Prairie treibt.“

„Mein weißer Bruder hat den Krieger falsch verstanden.“

„Ah? Wirklich? Wie sollte er anders gesagt haben?“

„Ob die Bleichgesichter nicht den Hund gesehen haben, welcher das stinkige Ungeziefer durch die Prairie treibt. So werden die Worte gewesen sein, und der Hund wird das Ungeziefer finden.“

Er nahm das Pferd vorn hoch – eine leise Bewegung der Schenkel – – es flog in einem weiten Bogen durch die Luft und trug ihn dann in schlankem Galoppe weiter, auf unserer Fährte hin, wie ihm gesagt worden war. Alle sahen ihm nach, während er sich nicht ein einziges Mal umblickte. Cox murrte:

„Verfluchter, roter Balg! Was mag er wohl gemeint haben? Habt Ihr diese Umdrehung meiner Worte verstanden, Mr. Cutter?“

„Nein,“ antwortete der alte Wabble. „Indianerwort! Er hat nur etwas sagen wollen und sich selbst nichts dabei gedacht.“

Well! So mag er die zwei Meilen reiten und dann weitersuchen. Ein roter Krieger mit einem Sattel auf dem Rücken! Zwei feine Kerls! Diese armselige Bande kommt immer mehr herunter!“

Wir ritten nach diesem kurzen Intermezzo weiter. Diese Tramps waren keine Westmänner; aber daß auch Old Wabble die Worte des Roten für bedeutungslos gehalten hatte! Mir an seiner Stelle hätten sie ein solches Mißtrauen eingeflößt, daß ich dem Indsman ganz gewiß nachgeritten wäre, um ihn zu beobachten. Wer solche Antworten nicht als Warnungen oder Winke nimmt, der ist den Gefahren des wilden Westens nicht gewachsen.

Wir waren noch nicht weit geritten, als es wieder eine Begegnung gab, und zwar eine für uns sehr wichtige, auf welche, wenigstens heut, keiner von uns gefaßt war und die uns infolge dessen im höchsten Grade überraschend kam.

Wir ritten an einem schmalen Buschstreifen hin, welcher sich wie ein geschlängeltes Band über die Savanne zog, und hatten das Ende desselben erreicht, als wir zwei Reiter sahen, welche mit einem Packpferde, von rechts herüberkommend, auf uns stoßen mußten. Da sie uns auch schon gesehen hatten, gab es kein Verbergen, wedervon ihrer noch von unserer Seite. Wir ritten also weiter und sahen, daß der eine Reiter sein Gewehr zur Hand nahm, wie es immer geschieht, wenn es sich um ein Zusammentreffen mit Fremden handelt.

Als wir ungefähr noch dreihundert Schritte entfernt von ihnen waren, hielten sie an, sichtlich in der Absicht, uns vorüber zu lassen, ohne von uns angeredet zu werden. Old Wabble aber sagte:

„Die wollen nichts von uns wissen, also reiten wir grad hin zu ihnen!“

Dies geschah. Wir waren nur eine kurze Strecke weiter geritten, so hörte ich hinter mir mehrere laute Ausrufe.

„Uff, uff!“ ertönte Schahko Mattos Stimme.

„Uff!“ rief nur einmal Apanatschka, aber um so ausdrucksvoller. Seine Überraschung mußte eine große sein.

Jetzt sah ich schärfer hin, als ich es bisher gethan hatte, und war ebenso erstaunt wie diese beiden. Der Reiter mit dem Gewehre in der Hand war nämlich der weiße Medizinmann der Naiini-Komantschen, unser vielbesprochener Tibo taka, und der andere konnte niemand als nur seine rote Squaw, die geheimnisvolle Tibo wete sein. Ein Packpferd hatten sie ja auf Harbours Farm auch bei sich gehabt.

Der Medizinmann wurde unruhig, als er sah, daß wir nicht grad weiterritten, sondern auf ihn zukamen, doch nur für einige Augenblicke; dann trieb er uns sein Pferd entgegen und rief, indem er die Hand durch die Luft schwenkte:

„Old Wabble, Old Wabble! Welcome! Wenn Ihr es seid, so habe ich nichts zu fürchten, Mr. Cutter!“

„Wer ist der Kerl?“ fragte der alte Cow-boy. „Ich kenne ihn nicht.“

„Ich auch nicht,“ antwortete Cox.

„Werden ja sehen, wenn wir bei ihm sind!“

Old Wabble war an seiner ungeheuer hagern und langen Gestalt und noch mehr an seinem weit herabhängenden weißen Haar, von welchem er freilich gestern die Hälfte durch das Feuer verloren hatte, schon von weitem zu erkennen. Als wir näher kamen, erkannte der Medizinmann auch uns. Er wußte zunächst nicht, ob er fliehen oder bleiben solle, als er aber sah, daß wir gefesselt waren, schrie er vor Freude förmlich auf:

„Old Shatterhand, Winnetou, Schahko Matto und – und und – –“ er wollte den Namen seines angeblichen Sohnes doch nicht nennen – – „und ihre Kerls, alle gebunden! Das ist ja ein wunderbares, ein ganz wunderbares Ereignis, Mr. Cutter! Wie hat sich das zutragen können? – Wie habt Ihr das zustande gebracht?“

Jetzt hatten wir ihn erreicht, und da fragte Old Wabble:

„Wer seid Ihr denn eigentlich, Sir? Ihr kennt mich? Es ist mir zwar, als ob ich Euch auch kennen sollte, aber ich kann mich nicht besinnen.“

„Denkt doch an den Llano estacado!“

„Wo und wie und wann denn da?“

„Als wir Gefangene der Apatschen waren.“

„Wir! Wer ist da gemeint?“

„Wir Komantschen.“

„Was? Wie? Ihr zählt Euch zu den Komantschen?!“

„Damals, ja, aber jetzt nicht mehr.“

„Und sagtet soeben, daß Ihr jetzt nichts zu fürchten hättet?“

„Ganz recht! Ihr könnt ja unmöglich Freund meiner Feinde sein, denn Ihr habt damals Old Shatterhands Gewehre gestohlen und seid der Kamerad des Generales gewesen. Und auf Harbours Farm erfuhr ich von Bell, dem Cowboy, daß Ihr wieder einen bösen Zusammenstoß mit Winnetou und Old Shatterhand gehabt hättet. Darum bin ich so erfreut, Euch so unerwartet zu begegnen.“

Well! Das ist ja alles gut, aber – –“

„Besinnt Euch nur!“ fiel ihrff der gewesene Komantsche in die Rede. „Ich war damals als Indianer freilich rot gefärbt und so ist – –“

All devils! Rot gefärbt? jetzt besinne ich mich! Ihr seid doch wohl nicht der damalige Medizinmann der Komantschen?“

„Der bin ich allerdings.“

„Ist das die Möglichkeit?! Ein Medizinmann, der, wie ich jetzt sehe, ursprünglich ein Bleichgesicht ist! Interessant, höchst interessant! Das müßt Ihr mir erzählen! Wir werden also hier einen Halt machen, denn das ist ein Abenteuer, wie man selten eins erlebt!“

„Danke, Mr. Cutter, danke sehr! Ich darf mich nicht aufhalten; ich muß weiter, doch hoffe ich, daß wir uns wiedersehen. Ich muß Euch sagen, daß der heutige Tag der glücklichste meines Lebens ist, denn ich sehe, daß Leute in Eure Hände geraten sind, die, wenn es auf mich ankäme, auf der Stelle ausgelöscht würden. Haltet sie fest; – haltet sie fest!“

Während des bisherigen Redewechsels hatte ich den zweiten Reiter betrachtet. Es war die Squaw, und zwar ohne den Schleier, hinter den auf Harbours Farm ihr Gesicht versteckt worden war. Sie trug zwar ein Männerhabit, aber sie war es doch. Das war dieselbe hohe, breitschulterige Gestalt wie damals im Kaarn-kulano. Das war das tiefbraune, durchfurchte und schrecklich eingefallene, fast kaukasisch geschnittene Gesicht, und das waren dieselben trostlosen, starren und doch wild flackernden Augen, bei deren Blick ich sofort an das Irrenhaus gedacht hatte. Sie saß nach Männerart auf dem Pferde, fest und sicher, wie eine geübte Reiterin. Sie lenkte es heran zu uns. Wir hatten unwillkürlich einen Halbkreis um den Medizinmann gebildet, bei dessen einem Ende sie bei dem letzten Worte ihres Mannes angekommen war. Dort hielt sie an, sagte kein Wort und richtete den stieren Blick ins Leere. Ich sah zu Apanatschka hin. Er saß, vollständig unbeweglich, wie eine Statue auf dem Pferde. Für ihn schien niemand vorhanden zu sein als nur diejenige, welche er gewohnt war, seine Mutter zu nennen. Dennoch machte er nicht den leisesten Versuch, sich ihr zu nähern.

Der Medizinmann hatte mit bemerkbarem Unbehagen seine Squaw herankommen sehen; doch beruhigte ihn ihre vollständige Teilnahmlosigkeit; er wendete sich wieder an Old Wabble:

„Ich muß, wie ich schon sagte, fort; aber sobald wir uns wiedersehen, werdet Ihr erfahren, warum ich mich so riesig darüber freue, daß Ihr diese Kerls gefangen habt. Was wird mit ihnen geschehen?“

„Das wird sich finden,“ antwortete der Alte. „Ich kenne Euch zu wenig, als daß ich Euch diese Frage beantworten könnte.“

Well! Ich bin auch schon so befriedigt, denn ich denke, daß Ihr nicht viele und große Komplimente mit ihnen machen werdet. Sie verdienen den Tod, nur den Tod; das sage ich Euch, und Ihr könnt keine größere Sünde begehen, als wenn Ihr ihnen das Leben laßt. Daß ich sie hier in Banden sehe, ist zehn Jahre meines Lebens wert. Welch eine Augenweide für mich! Darf ich sie einmal genau betrachten, Mr. Cutter?“

„Warum nicht? Seht sie Euch so lange an, wie es Euch gefällt!“

Der Medizinmann ritt nahe an den Osagen heran, lachte ihm in das Gesicht und sagte:

„Das ist Schahko Matto, der so viele Jahre lang vergeblich getrachtet hat, uns zu entdecken! Armer Wurm! Du, und solche Leute fangen, wie wir beide waren und noch heute sind! Dazu reicht ja doch dein armseliges bißchen Hirn nicht aus! Das war doch ein famoser Streich damals, nicht? So viele und dabei so billige Felle zu kaufen, das ist wohl nie wieder einem Menschen gelungen!“

„Mörder! Dieb!“ knirschte ihn der Häuptling an. „Hätte ich meine Hände frei, so erwürgte ich dich!“

„Das glaube ich gern. Würge nur zu, und ersticke selbst daran!“

Nun wendete er sich an Treskow:

„Das ist wohl der famose Polizist, von dem mir der Cowboy sagte, daß er in der Stube sitze? Alberner Kerl! Wonach schnüffelst du denn eigentlich? Lächerliche und vergebliche Arbeit! Nur noch einige Wochen, und es ist alles verjährt. Darum kommen wir wieder. Merkst du das nicht?“

„Laßt diese Wochen vorübergehen!“ antwortete Treskow. „Ihr taucht zu zeitig auf, Monsieur Thibaut.“

Mille tonnerre! Ihr kennt meinen Namen? Ist die Polizei denn plötzlich allwissend geworden? Ich gratuliere, Sir!“

Er ritt zu Apanatschka hin, warf ihm ein kurzes „Ekkuehn!“ in das Gesicht und hielt dann bei Winnetou an.

„Das ist der Häuptling der Apatschen, überhaupt der berührnteste aller Häuptlinge!“ sagte er höhnisch. „Man sieht es dem Bengel gar nicht an, was aus so einem Hunde werden kann! Wir kennen uns; nicht wahr? Ich hoffe, du bist dieses Mal auf dem Wege zu den ewigen jagdgründen. Wenn nicht, so hüte dich, mir zu begegnen! Sonst schieße ich dir eine Kugel durch den Kopf, daß die Sonne Gelegenheit bekommt, dir von zwei Seiten ins Gehirn zu scheinen!“

Winnetou antwortete nicht; er hatte ihn gar nicht angesehen. Er hätte sich trotz der Fesseln die Beleidigung sicher nicht gefallen lassen, wenn dieser Mensch ihm nicht gar zu verächtlich gewesen wäre. Der Medizinmann nutzte die ihm gebotene Gelegenheit bis auf die Neige aus, indem er sein Pferd nun zu mir lenkte. Als Weißer war ich nicht verpflichtet, die stoische Unempfindlichkeit Winnetous zu zeigen, und was meinen Stolz betrifft, so hätte dieser mich wohl veranlassen können, hoch über den einstigen Escamoteur hinwegzusehen; aber die Klugheit drängte mir ein anderes Verhalten auf. ich mußte versuchen, ihn zu unvorsichtigen Äußerungen zu bringen; darum wendete ich, als er kam, ihm mein Gesicht zu und sagte in belustigtem Tone:

„Nun wird die Reihe des berühmten Tibo taka wohl an mich kommen? Hier sitze ich, gefesselt wie ich bin. Ihr habt also Gelegenheit, Euer Herz einmal vollständig auszuschütten. Fangt also an!“

Diable!“ zischte er mich wütend an. „Dieser Kerl wartet gar nicht einmal, bis ich ihn anrede! So eine Frechheit findet doch nicht ihresgleichen! Ja, ich habe mit dir zu reden, Halunke, und das werde ich freilich gründlich thun. Du sitzest mir ganz recht!“

Well! Ich bin bereit, möchte Euch aber, ehe Ihr beginnt, um Euer selbst willen einen wohlgemeinten Rat erteilen.“

„Auch das? Welchen denn? Heraus damit!“

„Seid nicht ganz und gar unvorsichtig, wenn Ihr mit mir redet! Ihr werdet wahrscheinlich noch von früher wissen, daß ich meine Mucken habe!“

„Ja, die hast du; aber die werden dir bald ausgetrieben werden. Ärgert es dich vielleicht, daß ich dich duze? Du kannst dich gegen mich auch des traulichen Du’s bedienen!“

„Danke! Brüderschaft mache ich nie, am allerwenigsten aber mit stupiden, blödsinnigen Idioten, von denen ich mir das Du gefallen lasse, weil sie nicht anders lallen können.“

„Mir das, miserabler Wicht? Denkst du, weil meine Kugel dich einmal gefehlt hat, kann sie dich niemals treffen?“

Er richtete sein Gewehr auf mich und spannte den Hahn; da war Cox im Nu bei ihm, stieß ihm die Waffe weg und warnte:

„Thut die Flinte weg, Sir, sonst muß ich mich ins Mittel legen! Wer Old Shatterhand verletzt, bekommt von mir eine Kugel!“

„Von Euch? Ah! Wer seid Ihr denn?“

„Ich heiße Cox und bin der Anführer dieser Truppe.“

„Ihr? Ich denke, Old Wabble ist’s?“

„Ich bins; das ist genug!“

„Dann entschuldigt, Sir! Ich habe es nicht gewußt. Aber soll man es sich gefallen lassen, wenn man in dieser Weise beleidigt wird?“

„Ich denke, ja! Mr. Cutter hat Euch ohne meine Erlaubnis gestattet, mit diesen Leuten nach Eurem Gutdünken zu reden, und ich habe das bisher geduldet. Wenn sie sich aber Eure Höflichkeiten nicht unerwidert gefallen lassen, so seid Ihr selber schuld. Berühren oder gar verletzen lasse ich sie nicht!“

„Aber reden kann ich mit diesem Manne weiter?“

„Ich habe nichts dagegen.“

„Und ich auch nicht,“ fügte ich hinzu. „Eine Unterhaltung mit einem indianischen Possenreißer ist stets belustigend. Der alte Hanswurst macht mir ungeheuern Spaß!“

Er hob die Hand und ballte sie zur Faust, ließ sie aber wieder sinken und sagte in stolzem Tone:

Pshawl Du sollst mich doch nicht wieder ärgern! Wärest du doch nicht schon Gefangener und begegnetest mir auf der Prairie! Ich wollte dir für den damaligen Besuch im Kaamkulano einen Lohn auszahlen, der alle deine Begriffe übersteigen würde!“

„Ja; die Eurigen und alle Eure geistigen Mittel scheint er schon überstiegen zu haben! Hört, redet einmal aufrichtig! Würdet denn Ihr wohl so etwas fertig bringen, wie dieser Besuch war? Die Hand aufs Herz, Verehrtester! Ich will Euch nicht etwa kränken, denn wem nichts gegeben ist, dem ist eben nichts gegeben, aber ich denke, daß es bei Euch da oben unter dem Hute nicht dazu ausreichen würde!“

„Donnerrrrrr!“ knirschte er. „Mir das so gefallen lassen zu müssen! Wenn ich doch nur könnte und dürfte, wie ich wollte – –!“

„Ja, ja; es fehlt Euch überall! Nicht einmal den Wawa Derrick habt Ihr allein spedieren können; Ihr habt Euch helfen lassen müssen!“

Seine Augen wurden größer; er richtete sie starr auf mich. Er schien mir durch und durch blicken zu wollen, und als ich trotzdem mein unbefangen lächelndes Gesicht beibehielt, rief er aus:

„Was hat dir der verfluchte Kerl, der junge Bender, denn damals weisgemacht?“

Ach! Bender! Dieser Name fängt mit B. an. Ich dachte sofort an die Buchstaben J B. und E. B. droben am Grabe des ermordeten Padre Diterico. Wer war aber unter dem Namen Bender gemeint? So freilich durfte ich nicht fragen; ich gab meiner Erkundigung also eine andere Fassung, indem ich sie so schnell aussprach, daß er keine Zeit zum vorsichtigen Überlegen fand:

„Damals? Wann denn?“

„Damals im Llano estacado, wo er bei dir war und mit seinem eigenen Bru – –“

Er hielt erschrocken inne. Mir ging im kürzesten Teile einer Sekunde, den das menschliche Gehirn noch zu empfinden oder zu messen vermag, ein blitzheller Gedanke auf, und ich setzte seinen unterbrochenen Satz ebenso schnell fort.

„– – mit seinem eigenen Bruder kämpfte? Pshawl Was er mir damals sagte, wußte ich schon längst, wußte es noch viel besser als er selbst! Ich hatte schon viel früher Gelegenheit gehabt, nach dem Padre Diterico zu forschen!“

„Di – te – – ri – – –?!“ dehnte er erschrocken.

„Ja. Solltet Ihr diesen Namen nicht gern aussprechen, so können wir auch Ikwehtsipa sagen, wie er in seiner Heimat bei den Moqui genannt wurde.“

Zunächst war er wortlos; aber es arbeitete in seinem Gesichte; er schluckte und druckte und druckte und schluckte wie einer, dem ein übergroßer Bissen im Schlunde steckengeblieben ist; dann stieß er einen lauten, heisern Schrei aus und brüllte:

„Hund, du hast mich jetzt wieder überlistet, wie du uns damals alle überlistet hast! Du mußt und mußt, und mußt unschädlich gemacht werden! Nimm das dafür!“

Er riß das Gewehr wieder empor; der Hahn knackte und – – –

Cox spornte sein Pferd wieder heran; er wäre aber doch zu spät gekommen, mich vor der Kugel des Wütenden zu retten, wenn ich mir nicht selbst geholfen hätte. Ich bog mich vor, um die Zügel mit gefesselten Händen ganz vorn und kurz fassen zu können, preßte die Füße in die Weichen des Pferdes und rief:

„Tschka, Hatatitla, tschka!“

Dieser Zuruf, den der Rappe sehr wohl verstand, mußte die Nachteile, welche meine Fesseln mir als Reiter brachten, ausgleichen. Der Hengst zog den Körper wie eine Katze zusammen und brachte mich mit einem gewaltigen Satze so eng, daß sich die Pferde streiften, an Thibaut vorüber. Mein Bein traf mit aller Kraft dieses Satzes das seinige und, mitten im Sprunge die Zügel fallen lassend, stieß ich ihm die zusammengebundenen Fäuste so in die Seite, daß er, grad als sein Schuß losging, halb abgestreift und halb abgeschleudert auf der andern Seite aus dem Sattel und in einem weiten Bogen auf die Erde flog.

Es gab in diesem Augenblicke unter den Anwesenden außer Winnetou und der Wahnsinnigen keinen, der nicht einen Schrei des Schreckes, der Überraschung, der Anerkennung ausgestoßen hätte. Mein prächtiger Hengst aber hatte nur diesen Satz gethan, keinen einzigen weitern Schritt, und stand dann so ruhig, wie aus Erz gegossen, da. Ich drehte mich nach dem Medizinmann um. Er raffte sich auf und holte sein Gewehr, welches ihm entfallen war. Seine Augen funkelten vor Wut. Cox nahm ihm das Gewehr aus der Hand und zürnte:

„Ich werde Euer Gewehr halten, bis Ihr fortreitet, Sir, sonst richtet Ihr noch Unheil an! Ich habe Euch gesagt, daß ich keine Feindseligkeit, wenigstens keine thätliche, gegen Old Shatterhand dulde!“

„Laßt ihn nur; laßt ihn immer!“ sagte ich. „Wenn er sich wieder an mich wagt, kommt es noch besser! Ich habe ihn übrigens gewarnt, sich in acht zu nehmen. Der Mensch ist wirklich ganz unheilbar stupid!“

Da keuchte der vor Wut förmlich Zitternde:

„Tötet Ihr ihn, Mr. Cox! Werdet Ihr ihn töten?“

„Ja,“ nickte der Gefragte. „Sein Leben ist Old Wabble zugesprochen.“

„Gott sei Dank! Sonst hätte ich ihn doch noch erschossen, sobald Ihr mir das Gewehr wiedergebt, auch auf die Gefahr hin, dann von Euch erschossen zu werden. Ihr glaubt gar nicht, was für ein oberster aller Teufel dieser Schurke ist! Da ist Winnetou doch der wahre, reine Engel dagegen! Also erschießt ihn; erschießt ihn ja!“

„Was das betrifft, so könnt Ihr sicher sein, daß Euer Wunsch in Erfüllung geht!“ versicherte Old Wabble. „Er oder ich! Von uns zweien hat nur einer Platz auf der Erde, und da ich dieser eine bin, so ist er der andere, der weichen muß. Ich schwöre alle möglichen Eide darauf.“

„So machts nur bald und kurz mit ihm, sonst geht er Euch noch durch!“

Die Squaw war indessen, sich durch nichts, auch durch den Schuß nicht stören lassend, nach dem Busche geritten, hatte einige Zweige abgebrochen, sie kranzförmig zusammengewunden und sich um den Kopf gelegt. Jetzt kam sie zurück, lenkte ihr Pferd zum ersten, besten Tramp, der ihr der nächste war, und sagte, nach dem Kopfe deutend:

„Siehst du, das ist mein Myrtle-wreath! Dieses Myrtle-wreath hat mir mein Wawa Derrick aufgesetzt!“

Da vergaß der frühere Komantsche mich und eilte auf sie zu, aus Angst, daß sie durch ihre Reden eines seiner Geheimnisse verraten könne. Ihr mit der Faust drohend, rief er ihr zu:

„Schweig, Verrückte, mit deinem Unsinn!“ Und sich an die Tramps wendend, erklärte er: „Das Weib ist nämlich wahnsinnig und redet Dinge, welche einem auch den Kopf verdrehen können.“

Er erreichte bei ihnen seinen Zweck, hatte seine Aufmerksamkeit aber dann gleich auf einen andern, nämlich auf Apanatschka zu wenden. Dieser hatte bis jetzt die schon beschriebene Ruhe und Unbeweglichkeit einer Bildsäule bewahrt; nun aber ritt er, als er die Squaw sprechen hörte, zu ihr hin und fragte sie:

„Kennt mich Pia heut? Sind ihre Augen offen für ihren Sohn?“

Sie sah ihn traurig lächelnd an und schüttelte den Kopf. Dennoch fuhr Tibo taka sofort auf Apanatschka los und herrschte ihm zu:

„Was hast du mit ihr zu reden? Schweig!“

„Sie ist meine Mutter,“ antwortete Apanatschka ruhig.

„Jetzt nicht mehr! Sie ist eine Naiini, und du hast den Stammverlassen müssen. Ihr geht einander nichts mehr an!“

„Ich bin Häuptling der Komantschen und laß mir von einem Weißen, der sie und mich betrogen hat, nichts befehlen. Ich werde mit ihr sprechen!“

„Und ich bin ihr Mann und verbiete es!“

„Verhindere es, wenn du kannst!“

Tibo taka wagte es nicht, sich an Apanatschka, obgleich dieser gefesselt war, zu vergreifen; er wendete sich an Old Wabble:

„Helft mir, Mr. Cutter! Ihr seid der Mann, dem ich Vertrauen schenke. Er, mein früherer Pflegesohn, ist es, wegen dem meine Frau wahnsinnig geworden ist. So oft sie ihn sieht, wird es mit ihr schlimmer. Er mag sie in Ruhe lassen. Also, helft mir, Sir!“

Old Wabble war wohl eifersüchtig darauf, daß Cox sich als Anführer bezeichnet hatte; jetzt bot sich ihm eine willkommene Gelegenheit, zu zeigen, daß er auch etwas zu sagen habe; er ergriff dieselbe und wies Apanatschka in befehlendem Tone zurück:

„Mach, daß du wegkommst von ihr, Roter! Du hast gehört, daß sie dich nichts angeht. Weg also; packe dich!“

In diesem Tone mit sich sprechen zu lassen, das lag Apanatschka freilich fern. Er maß den alten Cow-boy mit einem verächtlichen Blicke und fragte dann:

„Wer spricht da zu mir, dem obersten Häuptling der Komantschen vom Stamme der Kanean? Ist’s ein Frosch, welcher quakt, oder eine Krähe, welche schreit? Ich sehe niemand, der mich hindern könnte, mitder Squaw zu sprechen, welche meine Mutter war!“

„Oho! Frosch! Krähe! Drücke dich höflicher aus, Bursche, sonst wirst du erfahren, wie man einen König der Cow-boys zu achten hat!“

Er drängte sich mit seinem Pferde zwischen Apanatschka und die Frau. Der Komantsche wich einige Schritte zurück und lenkte sein Pferd auf die andere Seite; der Alte folgte ihm auch dorthin. Apanatschka ritt weiter, Old Wabble auch. So bewegten sie sich in zwei Kreisen um die Frau, und zwar derart, daß sie den Mittelpunkt bildete, den Cutter stets gegen den Komantschen deckte. Dabei hielten sich die beiden fest in den Augen.

„Laßt das sein, Cutter!“ rief Cox diesem zu. „Laßt das Vater und Sohn miteinander abmachen! Euch geht es doch gar nichts an!“

„Ich bin zur Hilfe aufgefordert worden!“ antwortete der Alte.

„Seid Ihr der Anführer, oder bin ich es?“

„Ich bin es, denn ich habe Euch engagiert!“

„Und das glaubt Ihr durchzusetzen?“

Yes, sehr! Einen Roten, der noch dazu gefesselt ist, werde ich schon im Zaum halten können!“

„Gefesselt? Pshaw! Denkt an Old Shatterhand und den Fremden! Der Rote ist ein ganz anderer Kerl, als Ihr seid.“

„Er mag’s versuchen!“

Well! Ganz, wie Ihr wollt! Mich soll es nichts mehr angehen!“

Nun waren alle Augen auf die beiden Gegner gerichtet, welche sich noch immer auf ihren Kreislinien bewegten, Old Wabble auf der innern und Apanatschka auf der äußern. Die Frau hielt ganz geistesabwesend in der Mitte. Tibo taka stand in der Nähe und war wohl am meisten auf den Ausgang dieser eigenartigen Scene gespannt. Nach Verlauf einiger Zeit fragte Apanatschka:

„Wird Old Wabble mich endlich zu der Squaw lassen?“

„Nein!“ erklärte der Alte.

„So werde ich ihn zwingen!“

„Versuche es doch!“

„Und dabei den alten Indianermörder gar nicht schonen!“

„Ich dich auch nicht!“

„Uff! So behalte die Squaw für dich!“

Er wendete sein Pferd und that, als ob er seinen Kreis verlassen wolle. Wie ich Apanatschka kannte, war dies nur eine Finte; er wollte die Aufmerksamkeit des Alten, wenn auch nur für einen Augenblick, von sich ablenken. Die Entscheidung nahte, Old Wabble ließ sich auch wirklich täuschen. Er wendete auch nach dorthin, wo Cox hielt, und rief in selbstgefälligem Tone:

„Nun, wer hatte recht? Fred Cutter, und sich von einem Roten werfen lassen! Das ist ein Ding der Unmöglichkeit; th’is clear!“

„Paßt auf; paßt auf! er kommt!“ ertönten da die warnenden Stimmen mehrerer Tramps.

Der Alte wendete sich selbst zurück, nicht aber das Pferd. Er sah ihn in gewaltigen Sprüngen auf sich zureiten und schrie vor Schreck laut auf, denn auszuweichen, das war für ihn schon zu spät. Es waren nur wenige Augenblicke, in denen sich dies und das Folgende abspielte, und die Seelen aller Zuschauer traten in die Augen. Mein und meines Hatatitla Sprung, vorhin gegen den Medizinmann gerichtet, war nur ein im Westen sogenannter Force- and adroitness-Sprung gewesen; Apanatschka hatte es viel anders, viel verwegener vor: Den gellenden Angriffsschrei der Komantschen ausstoßend, flog er auf den Alten zu und genau in querer Richtung so über dessen Pferd hinweg, als ob sich gar kein Reiter im Sattel befände. Er wagte sein Leben dabei, weil ihm die Hände zusammen- und die Füße an das Pferd gebunden waren und weil er an Old Wabble prallen mußte. Doch kam er glücklich hinüber. Als sein Pferd den Boden berührte, hätte es sich beinahe überschlagen, – er warf sich schnell nach hinten und riß es dabei vorn empor; es schoß noch eine kleine Strecke fort und wurde dann gehalten. Ich holte tief, tief Atem, denn es war mir um ihn sehr angst gewesen.

Und Old Wabble? Der war wie von einer Kanonenkugel aus dem Sattel geprellt und dabei sein Pferd mit umgerissen worden; es wälzte sich einige Male hin und her und stand dann unbeschädigt wieder auf; er aber blieb besinnungslos am Boden liegen. Es gab eine Aufregung, ein Durcheinander sondergleichen; wir hätten jetzt unschwer die Flucht ergreifen können und wären gewiß auch glücklich entkommen, doch ohne unser Eigentum; darum blieben wir.

Cox kniete bei dem Alten und bemühte sich um ihn. Er war nicht etwa tot und erwachte auch sehr bald aus seiner Betäubung; aber als er dann aufstehen und sich dabei auf die Arme stützen wollte, konnte er dies nicht. Er mußte aufgerichtet werden, und als er nun bebend, schlotternd und wabbelnd dastand, fand es sich, daß er nur einen Arm bewegen konnte; der andere hing ihm am Leibe herab; er war gebrochen.

„Habe ich Euch nicht gewarnt!“ wurde er von Cox angefahren, was freilich das Geschehene nicht ändern oder verbessern konnte. „Nun habt Ihr die Folgen! Was zählt euer Cow-boy-Königstitel, wenn Ihr gegen Euren alten, über neunzigjährigen Körper einen Gegner habt, wie dieser Apanatschka ist!“

„Schießt ihn über den Haufen, den verfluchten Kerl, der mich mit seiner Finte übertölpelt hat!“ stieß der Alte grimmig hervor.

„Warum denn gleich erschießen?“

„Ich befehle es! Hört Ihr, ich befehle es! Nun, wird es bald?!“

Es gab natürlich keinen, der ihm gehorchte. Da schrie und tobte er eine Weile aus vollem Halse, bis er seinerseits von Cox angebrüllt wurde:

„Nun gebt einmal Ruhe, sonst lassen wir Euch stehen und reiten fort! So wie Ihr brüllen j a die wilden Tiere! Bekümmert Euch lieber um Euren Arm! Man muß sehen, wie da zu helfen ist!“

Er sah ein, daß dies das Richtige war, und ließ sich die alte Jacke vom Leibe ziehen, was aber nicht ohne große Schmerzen ging. Nun tasteten Cox und nach ihm andere Tramps an dem Arm herum, wobei der Alte vor Schmerzen bald brüllte und bald stöhnte. Keiner verstand etwas. Da wendete sich Cox an uns:

„Hört, Mesch’schurs, ist einer unter euch, der sich auf Wunden und dergleichen versteht?“

„Unser Haus- und Hofarzt ist stets Winnetou,“ antwortete Dick Hammerdull. „Wenn Ihr an seiner Nachtklingel zieht, wird er sogleich erscheinen.“

Da irrte sich der Dicke, denn als der Apatsche aufgefordert wurde, den Arm zu untersuchen, erklärte er abweisend:

„Winnetou hat nicht gelernt, Mörder zu kurieren. Warum werden wir jetzt, da man unserer Hilfe bedarf, auf einmal Mesch’schurs genannt? Warum sind wir das nicht schon vorher gewesen? Hat der alte Cow-boy vorhin seinen Willen durchgesetzt, so mag er auch jetzt thun, was ihm beliebt. Winnetou hat gesprochen!“

„Er ist aber doch auch ein Mensch!“

Sonderbarer Einwurf, das! Vom Anführer dieser Menschen! Winnetou antwortete natürlich nicht. Wenn er einmal sagte, daß er gesprochen habe, so war er fest entschlossen und es gab für ihn kein weiteres Wort. Dick Hammerdull bemächtigte sich der Rede:

„Ihr findet auf einmal, daß ein Mensch unter euch ist? Ich denke, daß wir auch keine wilden Tiere, die man nach Belieben fangen oder wegschießen kann, sondern Menschen sind! Werden wir als solche behandelt?“

„Hm! Das ist eine ganz andere Sache!“

„Ob es eine andere oder keine andere ist, das bleibt sich gleich, wenn sie nur eben anders ist! Laßt uns frei, und gebt unsere Sachen alle heraus, so wollen wir den alten Kerl so zusammenkurieren, daß Ihr Eure Freude an ihm habt. Übrigens ist kein Geschöpf auf Erden so leicht zu verbinden wie grad Cutter; er besteht ja nur aus Haut und Knochen. Zieht ihm das Fell herunter und wickelt es ihm um den Knochenbruch, so bleibt noch eine ganze Menge Haut für andere, ihm auch sehr anzuwünschende Brüche übrig! Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm, ja,“ nickte der Lange. „Und wenn es einige Hundert wären, ich würde ihm keinen einzigen mißgönnen, lieber Dick.“

Cutter stöhnte und wimmerte zum Erbarmen. Die Knochenspitzen stachen ihm, sobald der Arm berührt wurde, in das Fleisch; Cox ging zu ihm hin, kam aber sehr bald wieder und sagte zu mir:

„Ich höre von Old Wabble, daß Ihr auch so etwas wie Chirurgus seid. Nehmt Euch doch seiner an!“

„Ist das sein Wunsch?“

„Ja.“

„Und Ihr traut es mir auch wirklich zu, daß ich mich seiner erbarme?“

„Ja.“

„Obgleich ich ein von ihm dem Tode geweihter Mann bin?“

„Ja. Vielleicht besinnt er sich noch anders und läßt Euch laufen.“

„Schön! Ich höre, daß er der allervortrefflichste Mensch ist, den es nur geben kann. Mich vielleicht, nämlich „vielleicht“ laufen lassen! Wißt Ihr denn nicht, was Ihr mit diesen Worten ausgesprochen habt! Eine Dummheit, die ihresgleichen sucht, eine Unverfrorenheit, die bis zum Himmel reicht! Eine so unverschämte, beispiellose Frechheit, daß einem die Gedanken darüber vergehen möchten! Habt Ihr denn gar nicht bemerkt, daß wir vorhin alle hätten davonreiten können, wenn es nur unser Wille gewesen wäre? Glaubt Ihr denn wirklich, in uns nur Schafe mit euch herumzuschleppen, die man führt, wohin man will, und schlachtet, wann es einem beliebt? Wenn ich nun sage, daß ich dem Alten nur dann helfen werde, wenn ihr uns freigebt?“

„Darauf gehen wir natürlich nicht ein!“

„Und wenn ich nur die Forderung stelle, daß ich nicht ermordet, sondern gleich meinen Gefährten hier behandelt werden soll?“

„Vielleicht läßt sich mit ihm darüber reden!“

„Vielleicht! Kann mir mit einem Vielleicht gedient sein?“

Well! Soll ich hingehen und ihn fragen?“

„Ja.“

Er verhandelte längere Zeit mit Old Wabble, kam dann zurück und benachrichtigte mich:

„Er hat einen starren Kopf; er bleibt dabei, daß Ihr sterben müßt; lieber will er Schmerzen ertragen. Er hat einen zu großen Haß auf Euch geworfen.“

Das war meinen Gefährten doch zu stark; das hatten sie nicht für möglich gehalten; sie ergingen sich darüber in allen möglichen, nur aber keinen freundlichen Ausdrücken.

„Ich kann es nicht ändern!“ meinte Cox. „Nun werdet Ihr Euch natürlich seiner nicht annehmen, Mr. Shatterhand?“

„Warum nicht? Ihr habt vorhin gesagt, er sei doch auch ein Mensch. Das war falsch. Das richtige ist, daß ich von mir sage: Ich bin auch ein Mensch und werde menschlich handeln. Ich will also über alles andere hinweg und in ihm nur den Leidenden sehen. Was Ihr dabei, von ihm ganz abgesehen, für eine unendlich traurige und doch zugleich lächerliche Rolle spielt, das wird Euch baldigst unter die Nase gerieben werden; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Etwa von Euch?“

„Ob von mir oder von anderer Seite, das bleibt sich gleich, wie unser Hammerdull zu sagen pflegt. Ich meine nur im allgemeinen, daß für jeden Menschen einmal die Stunde schlägt, in welcher mit ihm abgerechnet wird, für Euch und mit Euch also auch! Kommt!“

Meine Kameraden wollten mich zurückhalten; sie zankten sich geradezu mit mir, am meisten Treskow; ich ließ sie schließlich aber denken und sagen, was sie wollten, wurde vom Pferde gebunden und ging zu Cutter hin. Er machte die Augen zu, um mich nicht sehen zu müssen. Man hatte mir natürlich die Hände freigegeben. Der Armbruch war ein doppelter und bei seinem Alter fast unheilbarer und sehr gefährlicher.

„Wir müssen fort von hier,“ entschied ich, „denn wir brauchen Wasser. Wir haben aber nicht weit zu reiten, denn der Fluß ist in der Nähe. Reiten wird er können; es ist ja bloß der Arm verletzt.“

Cutter ließ eine ganze Reihe von Flüchen hören und schwor Apanatschka die grauenhafteste Rache zu.

„Ihr seid wirklich nicht mehr unter die Menschen zu rechnen!“ unterbrach ich ihn. „Reicht denn Euer Verstand wirklich nicht hin, um einzusehen, daß Ihr Euch alles selbst zuzuschreiben habt?“

„Nein; dazu reicht er wirklich nicht!“ höhnte er.

„Hättet Ihr den Komantschen nicht herausgefordert, so wäret Ihr nicht von ihm vom Pferd geritten worden.“

„Aber mußte ich dabei den Arm brechen?!“

„Auch daran seid Ihr selber schuld.“

„Wieso denn? Ich bin begierig darauf, wie Eure große Weisheit mir das erklären wird.“

„Euer Arm wäre heil geblieben, wenn Ihr mir nicht meine Gewehre genommen hättet.“

„Wie kommen die Gewehre mit dem Armbruch in Verbindung?“

„Ich sah ganz deutlich, wie Ihr vom Pferde gerissen wurdes; Ihr hattet sie umhängen; beim Aufschlag auf die Erde kam Euer Arm zwischen sie, und da hatten sie die Wirkung zweier Brechstangen; daher auch der Doppelbruch. Hättet Ihr Euch nicht mit meinem Eigentum befaßt, so wäret Ihr heil vom Boden aufgestanden.“

„Das sagt Ihr nur, um mich zu ärgern. Pshaw!“

„Nein; es ist die Wahrheit, ganz gleich, ob Ihr es glaubt oder nicht.“

„Ich glaube, was ich will, und nicht, was Euch gefällt! jetzt werdet Ihr wieder gebunden, und dann geht es nach dem Flusse. Verdammt sei dieser Fremde mit seinem Weibe! Wären sie nicht gekommen, so hätte das alles nicht geschehen können! Und da soll es eine Vorsehung, einen Gott geben, der nicht besser auf seine Menschen Achtung giebt!“

Also selbst jetzt konnte sich dieser schreckliche Mensch nicht enthalten, Gott zu leugnen oder vielmehr zu lästern! Ich ließ mich bereitwillig wieder anbinden, obgleich ich so schöne Gelegenheit gehabt hätte, zu entfliehen. Als ich beim alten Wabble stand, war ich vollständig frei gewesen. In der Nähe lagen meine Gewehre noch an der Erde, und mein Rappe wartete auf mich. Es wäre das Werk einer halben Minute gewesen, mit den Waffen auf das Pferd und dann fortzukommen. Aber was dann? Ich wäre natürlich dann dem Zuge gefolgt, um die Gefährten des Nachts zu befreien; aber die Tramps hätten das vorausgesehen und sie mit zehnfacher Aufmerksamkeit bewacht. Jetzt aber waren sie ahnungslos, und so mußte uns heut abend unsere Befreiung durch Kolma Puschi viel, viel leichter werden. Darum hatte ich diese Gelegenheit zur Flucht so unbenützt vorübergehen lassen.

Apanatschka befand sich neben der Squaw und sprach mit ihr, ohne allen Erfolg. In der Nähe hielt Thibaut und beobachtete sie mit verhaltenem Zorne; er getraute sich nicht, dem Komantschen hinderlich zu sein. Die ihm von mir erteilte Lehre hatte gewirkt. Selbst als ich jetzt zu ihnen hinritt, sagte er nichts, machte sich aber noch näher herbei.

Ich hörte zu; es waren die gewöhnlichen Worte, welche Apanatschka aus ihr herausbrachte, sonst nichts.

„Ihr Geist ist fort und will nicht wiederkommen!“ klagte er. „Der Sohn kann nicht mit seiner Mutter sprechen; sie versteht ihn nicht!“

„Laß es mich einmal versuchen, ob ihre Seele zurückzurufen ist!“ forderte ich ihn auf, indem ich auf ihre andere Seite ritt.

„Nein, nein!“ rief Thibaut. „Old Shatterhand darf nicht mit ihr reden; ich dulde das nicht.“

„Ihr werdet es dulden!“ fuhr ich ihn drohend an. „Apanatschka, bewache ihn, und wenn er die geringste drohende Bewegung macht, so reitest du ihn nieder, aber gleich so, daß er Arme und Beine bricht! Ich helfe mit!“

„Mein Bruder Shatterhand kann sich auf mich verlassen,“ antwortete Apanatschka; „er mag mit der Squaw sprechen, und wenn der weiße Medizinmann nur eine Hand bewegt, wird er im nächsten Augenblicke eine unter den Pferdehufen zertretene Leiche sein!“

Er postierte sich ganz nahe an Thibaut hin, und da ich wußte, daß er seine Drohung wahr machen würde, so fühlte ich mich sicher.

„Bist du heut im Kaam-kulano gewesen?“ fragte ich die Frau.

Sie schüttelte den Kopf und sah mich mit so geistesleeren Augen an, daß sie mir förmlich wehe thaten. Selbst die Leere kann aggressiv wirken.

„Hast du einen Nina Ta-a-upa?“ fragte ich weiter.

Sie schüttelte abermals den Kopf.

„Wo ist dein To-ats?“

Abermaliges Schütteln.

„Hast du deine Kokheh gesehen?“

Ganz dasselbe gedankenlose Schütteln wieder überzeugte mich, daß sie für Fragen, welche das Komantschenleben betrafen, jetzt unempfänglich sei. Ich machte einen andern Versuch.

„Hast du Wawa Ikwehtsi’pa gekannt?“

„Ik – – weh – – tsi’pa – –“ hauchte sie.

„Ja. Ik – – weh – – tsi – – ‚pa – –“ wiederholte ich jede Silbe mit Betonung.

Da antwortete sie, zwar wie im Traume, aber doch:

„Ikwehtsi’pa ist mein Wawa.“

Also hatte ich richtig vermutet: Sie war die Schwester des Padre.

„Kennst du Tehua? Te – – hu – – a!“

„Tehua war Ikokheh.“

„Wer ist Tokbela? Tok – – be – – la!“

„Tokbela ist nuuh.“

Sie war aufmerksam geworden. Die auf ihre Kindheit und Jugend bezüglichen Worte machten Eindruck auf sie. Ihr Geist kehrte in die vor ihrem Irrsinn liegende Zeit zurück und suchte vergeblich Licht in diesem Dunkel. Darin bestand ihr Wahnsinn. Wenn ein Klang aus jener Zeit an ihr Ohr tönte, war es leicht begreiflich, daß da ihr Geist aus der Tiefe des Vergessens stieg. Ihr Blick war nicht mehr leer; er begann, sich zu füllen. Da wir aufbrechen wollten und die Zeit also höchst kostbar war, brachte ich nun gleich die Frage, welche heut für mich die wichtigste war:

„Kennst du Mr. Bender?“

„Bender- Bender – – – Bender – – –“ sagte sie mir nach, indem ein freundliches Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.

„Oder Mrs. Bender?“

„Bender – – Bender – –!“ wiederholte sie, wobei ihr Auge immer heller, ihr Lächeln immer freundlicher und ihre Stimme immer klarer und bestimmter wurde.

„Vielleicht Tokbela Bender?“

„Tokbela – – Bender – – bin ich nicht!“

Jetzt sah sie mich voll und mit Bewußtsein an.

„Oder Tehua Bender?“

Da schlug sie die Hände froh zusammen, als ob sie etwas Längstgesuchtes jetzt gefunden hätte, und antwortete mit fast wonnigem Lächeln:

„Tehua ist Mrs. Bender, jawohl, Mrs. Bender!

Hat Mrs. Bender ein Baby?

Zwei Babies!

Mädchen?“

„Zwei Babies sind Knaben. Tokbela trägt sie auf den Armen.“

„Wie nennst du diese Babies? Die Babies haben Namen!

Babies sind Leo und sind Fred.

Wie groß?

Fred so und Leo so!“

Sie deutete mir mit den Händen an, wie hoch die Knaben, vom Sattel an gerechnet, gewesen waren. Der Erfolg meiner Fragen war über alles Erwarten günstig. Ich sah die Augen Thibauts, den Apanatschka noch immer in Schach hielt, mit mühsam verhaltener Wut auf mich gerichtet, wie diejenigen eines blutdürstigen Raubtieres, welches im Begriff steht, sich auf seine Beute zu stürzen; aber daraus durfte ich mir nichts machen. Die Erinnerung der Frau war zurückgekehrt, und wenn ich das klug und schnell ausnützte, konnte ich heut so ganz ohne Erwarten alles erfahren, was ich wissen mußte, um in das Leben Old Surehands und Apanatschkas Licht zu bringen. Es war ja, als ob grad ich dazu bestimmt sei, dies Licht zu schaffen. Schon neigte ich mich der Squaw wieder zu, um eine neue Frage auszusprechen, als ich zu meinem größten Leidwesen daran verhindert wurde. Zwei Tramps brachten mir den Bärentöter und den Henrystutzen, wobei der eine mir sagte:

„Old Wabble will, daß Ihr Eure Unglücksgewehre, welche den Leuten die Knochen zerschlagen, selber schleppen sollt. Wir werden sie Euch umhängen.“

„Das muß ich selber thun. Macht mir nur für einen Augenblick die Hände frei! Dann könnt ihr sie mir wieder zusammenbinden.“

Sie thaten dies, und daß ich nun wenigstens diese beiden Waffen wieder hatte, söhnte mich mit dem Umstande aus, daß mein Gespräch mit der Squaw ein Ende hatte nehmen müssen, denn die Tramps bestiegen ihre Pferde; es sollte aufgebrochen werden. Auch wenn dieser Aufbruch nicht gewesen wäre, hätte ich auf fernere Fragen verzichten müssen, denn in der kurzen Zeit, während ich mir die Gewehre umhing, hatte das Gesicht des armen Weibes schon wieder den trostlosen, geistesleeren Ausdruck angenommen wie vor meiner Unterredung mit ihr.

Ich wollte Apanatschka beobachten, wie er sich jetzt zu Tibo taka und Tibo wete verhalten werde; er kam aber zu mir und fragte mich:

„Der weiße Medizinmann wird sich nun von den Tramps trennen wollen?“

„Höchst wahrscheinlich.“

„Er nimmt die Squaw mit?“

„Ja, natürlich!“

„Uff! Kann sie nicht mit uns reiten?“

„Nein.“

„Warum sollte sie das nicht können?“

„Apanatschka mag mir erst vorher sagen, warum er den Wunsch hat, daß sie bei uns bleiben soll.“

„Weil sie meine Mutter ist.“

„Die ist sie nicht.“

„Wenn sie es wirklich nicht sein sollte, so hat sie mich doch lieb gehabt und mich so gehalten, als ob ich ihr Kind sei.“

„Gut! Aber pflegen die Krieger der Komantschen, auch wenn sie Häuptlinge sind, ihre Squaws oder Mütter mitzunehmen, wenn sie so viele, viele Tagesreisen weit reiten und schon vorher wissen, daß sie mancherlei Gefahren zu bestehen haben werden?“

„Nein.“

„Warum will Apanatschka diese Squaw bei sich haben? Ich vermute, daß es für ihn einen ganz besonderen Grund dazu giebt.“

„Es giebt einen Grund: Sie soll nicht bei dem Bleichgesichte bleiben, der sich für einen roten Mann ausgegeben und die Krieger der Naiini viele Jahre lang damit betrogen hat.“

„Er wird sie nicht hergeben.“

„So zwingen wir ihn!“

„Das ist unmöglich. Apanatschka vergißt, daß wir gefangen sind.“

„Wir werden es nicht lange sein!“

„Dürfen wir das den Tramps sagen? Und würden sie selbst für diese kurze Zeit eine Squaw bei sich dulden?“

„Nein. Aber wo will der weiße Medizinmann mit der Squaw hin? Was will er mit ihr thun? Wenn wir ihn mit ihr fortlassen, werde ich die niemals wiedersehen, welche ich für meine Mutter gehalten habe!“

„Apanatschka irrt; er wird sie wiedersehen.“

„Wann?“

„Vielleicht schon in sehr kurzer Zeit. Mein Bruder Apanatschka mag an alles denken! Der weiße Medizinmann giebt sie nicht her; die Tramps nehmen sie nicht mit, und uns würde sie nur stören, ganz abgesehen davon, daß wir heut gefangen und gar nicht unsere eigenen Herren sind. Wenn Tibo taka sie aber mit sich nimmt, fällt dies alles fort, und du wirst sie in kurzer Zeit wiedersehen.“

„Aber der weite Ritt ist zu schwer für sie!“

„Mit uns müßte sie vielleicht noch weiter reiten!“

„Und Tibo taka wird nicht gut und freundlich mit ihr sein!“

„Das war er auch am Kaam-kulano nicht; sie ist es also gewöhnt. Übrigens ist ihr Geist nur selten bei ihr, und es wird ihr also nicht bewußt, wenn er nicht freundlich mit ihr ist. Und sodann scheint er die weite Reise zu einem Zwecke unternommen zu haben, der ihre Gegenwart erheischt; er wird folglich so aufmerksam und sorglich für sie sein, daß sie keinen Schaden nimmt. Mein Bruder Apanatschka mag sie also mit ihm reiten lassen! Das ist der beste Rat, den ich ihm geben kann.“

„Mein Bruder Old Shatterhand hat es gesagt, und so mag es geschehen; er weiß stets, was für seine Freunde nützlich ist.“

Jetzt war man endlich damit fertig geworden, Old Wabble die Jacke wieder anzuziehen und ihn auf das Pferd zu bringen; nun konnte man weiterreiten. Es war ein Unsinn, seinen Arm wieder in den Ärmel zu zwingen. Wenn man ihm die Jacke einstweilen nur umhing, wurden ihm die großen Schmerzen erspart. Es konnte mir aber gar nicht einfallen, ein Wort dagegen zu sagen. Er hatte die Schmerzen mehr als reichlich verdient, und wenn er sie nun bis auf die Neige auskostete, so fühlte ich in mir keine Pflicht, etwas dagegen einzuwenden.

Tibo taka bestieg auch sein Pferd, auf welches er, seit ich ihn von demselben geworfen hatte, nicht wieder gekommen war. Er ritt zum alten Wabble hin, um Abschied zu nehmen.

„Nehmt meinen Dank, Mr. Cutter, daß Ihr Euch so kräftig meiner angenommen habt!“ sagte er. „Wir werden uns wiedersehen, und dann sollt Ihr so vieles und verschiedenes – –“

„Seid so gut, und schweigt!“ unterbrach ihn der Alte, „Euch hat mir der Teufel in den Weg geführt, wenn es überhaupt einen Teufel giebt, was ich gar nicht glaube. Euretwegen ist mir der Arm wie Glas zerschlagen worden, und wenn Euch dieser Teufel, den es für Euch dann hoffentlich giebt, so einige Jahrmillionen lang in der Hölle braten wollte, so würde ich ihn für den einsichtsvollsten Gentleman halten, den es unter allen guten und bösen Geistern giebt.“

„Euer Arm thut mir leid, Mr. Cutter. Hoffentlich heilt er schnell und gut. Die schönsten Pflaster habt Ihr ja in den Händen.“

„Welche wären das?“

„Die Kerls, welche Eure Gefangenen sind. Legt täglich ein solches Pflaster auf, so werdet Ihr sehr bald wieder gesund sein.“

„Das soll wohl heißen, daß ich täglich einen erschießen soll?“

„Ja, nichts anderes.“

Well, der Rat ist gut, und vielleicht befolge ich ihn; am meisten würde es mir Vergnügen gewähren, wenn Ihr die Gewogenheit hättet, das erste Pflaster sein zu wollen; aber auch nach dem wenigen, was ich hier von Euch gesehen und gehört habe, kann es mir nur lieb sein, Euch jetzt loszuwerden; th’is clear. Macht Euch also aus dem Staube, und laßt Euch nicht mehr vor meinen Augen sehen!“

Da ließ der Medizinmann ein höhnisches Gelächter hören und erwiderte:

„Das müssen wir abwarten, alter Wabble. Mir liegt auch nichts daran, mit so einem alten Schurken, wie Ihr seid, jemals wieder zusammenzutreffen; aber wenn es doch einmal, natürlich ganz gegen meinen Willen, geschehen sollte, so wird mein Willkommen nicht weniger freundlich sein, als es jetzt Euer Abschied ist. Reitet in die Hölle!“

„Verfluchter Kerl! Schickt ihm doch eine Kugel nach!“ brüllte der Alte.

Es fiel niemandem ein. Thibaut ritt, von der Squaw gefolgt, unbelästigt von dannen, nach links hinüber, also in derselben Richtung, welche er eingehalten hatte, als er uns vorhin begegnet war.

„Ob wir ihn aber auch wiedersehen werden!“ sagte Apanatschka halblaut vor sich hin.

„Sicher,“ antwortete ich.

„Hat mein weißer Bruder wirklich so bestimmte Gründe, dies zu denken?“

„Ja.“

Winnetou, welcher sich jetzt neben uns befand und die Frage des Komantschen und meine Antwort gehört hatte, fügte hinzu:

„Was Old Shatterhand gesagt hat, wird geschehen. Es giebt Dinge, die man nicht genau vorher wissen kann, aber um so bestimmter vorher fühlt. Dieses Vorgefühl hat er jetzt, und ich habe es auch; es wird zutreffen!“

Ich mußte mich wieder an die Spitze des Zuges setzen, und bald war der Fluß erreicht, wo wir abstiegen. Während einige Tramps nach einer bequemen Furt suchten, wurde ich wieder vom Pferde genommen, um den alten Wabble zu verbinden. Das nahm geraume Zeit in Anspruch, und ich kann mich nicht rühmen, mein Werk mit allzu großer Zartheit ausgeführt zu haben. Der alte Cow-boy heulte oft laut auf vor Schmerzen und bedachte mich mit Schimpfworten und Redensarten, welche man auf dem Papiere unmöglich wiedergeben kann.

Als ich mit ihm fertig war und wieder auf dem Pferde saß, war eine Furt gefunden worden. Wir setzten hinüber und folgten auf der andern Seite dem Wasser, bis wir den Zusammenfluß der beiden Arme erreichten. Wir umritten den Bogen des Südforks und dann westnordwestlich über die Prairie, von welcher Kolma Puschi gesprochen hatte.

Sie war nicht eben, sondern bildete eine langsam ansteigende, zuweilen mit Senkungen versehene Fläche, welche parkähnlich mit Gesträucheilanden bestanden war. Hier gab es eine Menge wilder Truthühner, von denen die Tramps nach und nach ein halbes Dutzend erlegten, aber wie! Es war die wahre Sauschießerei!

Am Spätnachmittag sahen wir grad vor uns eine Höhe aufsteigen, gewiß diejenige, an deren Fuße die Quellen lagen, deren nördlichste ich zu suchen hatte. Ich hielt mich jetzt also mehr rechts und erst dann wieder links, als der Berg genau im Süden vor uns lag. Auf diese Weise mußten wir den erwähnten Spring zuerst zu sehen bekommen. Ich war sehr neugierig darauf, ob der Scharfsinn Kolma Puschis sich bewahrheiten und die Lage und Umgebung der Quelle eine für unsern heutigen Zweck passende sein werde.

Je näher wir kamen, desto deutlicher sahen wir, daß der Berg bewaldet war und uns einige Ausläufer dieses Waldes entgegenschickte. Es begann schon zu dunkeln, als wir ein kleines Wasser erreichten, dem wir im Galoppe entgegenritten, um noch vor Einbruch der Finsternis bei seinem Ursprunge anzukommen. Wir langten bei diesem Ziele an, als eben die letzten Schimmer der Dämmerung zu erlöschen begannen. Das war mir lieb, denn nun konnten die Tramps, falls ihnen der Ort nicht gefiel, nicht daran denken, bei finsterer Nacht einen andern aufzusuchen.

Ob wir uns an dem Spring befanden, den Kolma Puschi gemeint hatte, das wußte ich nicht genau, dachte aber, daß er es sein werde. Er kam unter einem kleinen, mit Moos bedeckten Steingewirr hervor, und zwar an einem engen Grasplatze, welcher von den Bäumen und Sträuchern in drei Abteilungen geteilt wurde. Diese Abteilungen boten zusammen für uns und die Pferde grad Raum genug, mehr nicht, was unsere Bewachung ungemein erschwerte. Uns konnte dies sehr lieb sein; Old Wabble aber, dem dieser Übelstand keineswegs entging, sagte, indem er abstieg, in mißmutigem Tone:

„Dieser Lagerplatz gefällt mir nicht. Wenn es nicht schon so finster wäre, würden wir weiterreiten, bis wir einen bessern fänden.“

„Warum sollte er uns nicht gefallen?“ fragte Cox.

„Der Gefangenen wegen. Wer soll sie bewachen?“

„Wir natürlich!“

„Da brauchen wir drei Wächter auf einmal!“

Pshaw! Wozu wären die Fesseln da? Macht, daß wir sie von den Pferden bringen! Sobald sie liegen, sind sie uns sicher und gewiß!“

„Aber wir müssen doch drei Abteilungen machen!“

„Wer sagt das?“

„Der Platz zerfällt ja in drei Teile! Wollt Ihr etwa die Bäume niederhauen?“

„Fällt mir nicht ein! Die Gefangenen kommen alle hier in die eine Abteilung; die beiden andern sind für uns.“

„Und die Pferde?“

„Die schaffen wir hinaus ins Freie, wo sie angehobbelt werden. Da genügt ein Wächter für sie und einer für die Gefangenen.“

„Ja, wenn wir zwei Feuer anbrennen!“

„Ist auch nicht nötig! Ihr werdet gleich sehen, daß ich recht habe.“

Wir wurden von den Pferden genommen, wieder gefesselt und nach der einen Abteilung gebracht; dann ließ Cox da, wo die Abteilungen zusammenstießen, ein großes Feuer anbrennen, welches allerdings alle drei Teile erleuchtete. Hierüber sehr befriedigt, fragte er den alten Wabble:

„Na, habe ich recht gehabt oder nicht? Es genügt, wie Ihr seht, ein einziger Mann, die Kerls zu bewachen. Das ist alles, was Ihr verlangen könnt.“

Der Alte brummte etwas Unverständliches in den Bart und gab sich zufrieden. Und ich? Nun, ich war auch zufrieden, zufriedener wohl als er, denn das Lager hätte für unsere Zwecke gar nicht besser passen können, zumal bei der Einrichtung, welche Cox demselben gegeben hatte.

Ich war in die Mitte der kleinen Lichtung gelegt worden, hatte mich aber sogleich nach dem Rande derselben gewälzt, ein Manöver, welches auch von Winnetou ausgeführt und zu unserer Freude von den Tramps gar nicht beachtet wurde. Wir lagen mit den Köpfen am Rande des Gebüsches, und zwar hatten wir uns eine Stelle gewählt, wo die Sträucher nicht eng nebeneinander standen und es Kolma Puschi wahrscheinlich möglich war, zwischen und unter ihnen bis zu uns hindurch zu kriechen. Der Platz war so klein, daß wir alle, die wir zusammengehörten, so eng beieinander lagen, daß wir uns nicht nur berühren, sondern auch durch leise Worte verständigen konnten.

Bald erfüllte der Duft des Truthahnbratens die Luft. Die Tramps aßen, soviel sie konnten; wir aber erhielten – – -nichts.

„Die Kerls liegen so eng beisammen, daß man gar nicht zwischen ihnen hindurchkommen kann, um sie zu füttern,“ sagte Old Wabble. „Sie mögen warten bis morgen früh, wenn es Tag geworden ist. Sie werden bis dahin nicht vor Durst und Hunger sterben; th’is clear!“

Was das Verhungern und Verdursten betrifft, so hatte ich keine Sorge, denn ich war überzeugt, daß wir noch während der Nacht uns satt essen und trinken würden. Dick Hammerdull, der wieder in meiner Nähe lag, nahm das aber nicht so leicht und sagte zornig:

„Ist das ein Benehmen! Nichts zu essen und kein Schluck Wasser! Wem da die Lust, Gefangener zu sein, nicht vergehen soll, den möchte ich kennen lernen! Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn ich nichts bekomme, so meine ich auch nichts,“ antwortete der Lange. „Hoffentlich hört diese fatale Geschichte nun bald auf!“

„Ob sie aufhört oder nicht, das bleibt sich gleich, wenn sie nur ein Ende nimmt. Darf man wissen, was Ihr dazu sagt, Mr. Shatterhand?“

„Wir werden sehr wahrscheinlich noch in dieser Nacht ein gutes Truthahnessen haben,“ antwortete ich. „Schlaft nur nicht ein, und vermeidet alles, was geeignet sein könnte, den Verdacht der Tramps zu erregen!“

Well! So will ich mich ruhig fügen. Wo noch Hoffnung vorhanden ist, da ist weiter nichts nötig, als daß man diese Hoffnung gemacht bekommt.“

Da er sich mit dieser geistreichen Erwägung beruhigte, sagten auch die andern nichts, und wir hörten neidlos zu, wie gut es den Tramps schmeckte; sehen konnten wir es nicht, desto besser aber mit dem Gehör vernehmen.

Eine großartige Nachlässigkeit von ihnen war es, daß man mir meine Gewehre gelassen hatte. Die „Gewehre, welche andern die Knochen zerbrechen“, waren, als man mich vom Pferde band, gar nicht beachtet worden; ich hatte sie mit den gefesselten Händen mit nach unserm Platze genommen und dort neben mir hingelegt. Auf diesen Umstand hindeutend, flüsterte mir der Apatsche zu:

„Wenn nur mein Bruder Shatterhand allein loskommt, haben wir gewonnen, denn gegen deinen Stutzen können sie alle nichts machen.“

Als der erste Wächter, welcher am Feuer saß, das Turkeyfleisch in nicht sehr appetitlicher Weise mit den Zähnen von den Knochen gerissen und verzehrt hatte, waren auch seine Kameraden mit dem Essen fertig und rüsteten sich zum Schlafe. Der alte Cow-boy-König kam zu uns herübergewabbelt und brachte Cox mit; sie wollten noch unsere Fesseln sehen. Als sie sich überzeugt hatten, daß sich dieselben in dem von ihnen gewünschten Zustande befanden, sagte Cutter zu mir:

„Es ist alles in Ordnung, und ich denke, daß Ihr auch ohne Abendessen einen guten Schlaf thun werdet. Träumt recht angenehm von mir!“

„Danke!“ antwortete ich. „Was ich träumen werde, kann ich Euch schon jetzt sagen, falls Ihr die Güte haben solltet, Euch dafür zu interessieren.“

„Ach? Wovon denn?“

„Davon, daß ich mich, nachdem ich Euch heut den einen Arm verbunden habe, auch noch mit dem andern sehr eingehend beschäftigen werde.“

„Ich verstehe Euch nicht. Wie meint Ihr das?“

„Denkt darüber nach!“

Pshaw! Über etwas, was Old Shatterhand gesagt hat, nachzudenken, das fällt mir gar nicht ein! Ah, jetzt errate ich es doch!“

„Wirklich? Sollte mich wundern, denn zu den Leuten, welche durch Scharfsinn und Findigkeit Staunen erregen, habt Ihr ja nie gehört.“

„Du auch nicht, Halunke!“ rief er zornig aus. „Wenn du von meinem Arme sprachst, hast du jedenfalls gemeint, daß ich das Wundfieber bekomme. Du würdest dich wohl sehr darüber freuen, wenn Fred Cutter rechte Schmerzen auszustehen hätte und nicht schlafen könnte?!“

„Denke nicht daran!“

„Doch, doch! Aber deine Vorausfreude wird in das Wasser fallen. Meine alte Konstitution ist besser und kräftiger, als du denkst. Ich habe eine Bärennatur und möchte das Fieber sehen, welches sich an mich wagen könnte. Jedenfalls werde ich viel besser schlafen als du!“

Well! Dann gute Nacht, Mr. Cutter!“

„Gute Nacht, Schurke!“

„Und ein fröhliches Erwachen nach dem Schlafe!“

„Wünsche dir dieselbe Fröhlichkeit!“

„Danke, zumal ich weiß, daß dieser Wunsch in Erfüllung gehen wird!“

Er lachte hämisch auf und sagte zu dem zweiten Posten, welcher soeben den ersten abgelöst hatte, in streng warnendem Tone:

„Diesen Kerl da, der soeben gesprochen hat, scheint der Hafer zu stechen. Gieb auf ihn besonders acht, und falls er sich nur einmal falsch bewegen sollte, kommst du sofort zu mir, um mich zu wecken!“

Er entfernte sich mit Cox, und der Wächter setzte sich so, daß er mich grad in den Augen hatte, was mir freilich nicht willkommen sein konnte.

„Dumm wie ein Coyote!“ flüsterte Winnetou mir zu.

Er hatte recht. Daß Old Wabble meine Worte weder als eine Drohung noch als ein Zeichen der Hoffnung auf Befreiung, sondern nur als eine leere, höhnische Redensart aufgefaßt hatte, ließ sein Divinations-Vermögen in keinem imponierenden Lichte erscheinen. Ein guter Westmann hätte unbedingt irgend einen Hintergedanken geahnt und seine Gegenmaßregeln darnach getroffen.

Man hatte einen großen Haufen Dürrholz gesammelt und neben dem Feuer aufgestapelt. Um davon zu nehmen und die Flammen zu nähren, mußte der Wächter sich umdrehen. Die kurzen Augenblicke, in denen er dies von Zeit zu Zeit that, waren die einzigen Pausen, in denen er uns nicht beobachtete, und mußten von uns benutzt werden, falls Kolma Puschi hatte Wort halten und nach dem Spring kommen können. Wenn ich über diesen Punkt besondere Sorge gehabt hätte, so wurde sie bald zerstreut; denn schon als der Posten zum zweitenmal Holz nachlegte, hörte ich hinter mir ein leises Geräusch, ein Mund legte sich nahe an mein Ohr und sagte:

„Kolma Puschi ist hier. Was soll ich thun?“

„Warten, bis ich mich auf die andere Seite lege,“ antwortete ich ebenso leise. „Dann schneidest du mir die Hände frei und giebst mir dein Messer!“

Der Posten drehte sich uns wieder zu, und dasselbe fast unhörbare Rascheln sagte mir, daß Kolma Puschi zurückgekrochen sei.

Die Zeit des Handelns war noch nicht gekommen. Wir mußten warten, bis wir annehmen konnten, daß die Tramps alle schliefen. Ich ließ über eine Stunde vergehen, bis mehrfaches Schnarchen, Blasen und wohlbekannte Gaumentöne vermuten ließen, daß niemand außer Old Wabble munter sei. Wir wurden durch einen dünnen Buschstreifen von den Schläfern getrennt; ich konnte sie also nicht sehen. Es mischte sich in die beschriebenen Töne zuweilen ein kurzes Ächzen oder Stöhnen, welches jedenfalls von dem Cow-boy kam. Sein Arm schmerzte ihn. Sollte ich warten, bis auch er, wenigstens einmal für kurze Zeit, eingeschlafen war? Vielleicht fand er bis zum Morgen keinen Schlaf! Nein; wir durften diese Nacht nicht vorüberstreichen lassen. Glücklicherweise verriet mir sein Stöhnen, daß er jenseits der Sträucher an einer Stelle lag, von welcher aus er den Posten hüben bei uns nicht sehen konnte.

Ich legte mich also auf die andere Seite und hielt die Hände so, daß sie unserm Retter so bequem wie möglich lagen. Bald darauf wendete sich der Posten dem Feuer zu. Sofort fühlte ich, daß eine Messerklinge schneidend durch die Riemen ging und gleich darauf wurde mir das Heft in die Hand gedrückt. Mich rasch aufsetzend, zog ich die Füße an und schnitt dort auch die Riemen durch. Kaum hatte ich mich ebenso schnell wieder niedergelegt und ausgestreckt, so war der Posten mit dem Nachlegen fertig und drehte sich uns wieder zu. Es galt, zu warten; ich aber fühlte mich schon frei.

„Jetzt mich losschneiden!“ flüsterte mir Winnetou zu, der meine Bewegungen natürlich beobachtet und den Erfolg derselben gesehen hatte.

Er legte sich so, daß er mir die Hände zukehrte. Als der Posten das nächste Mal nach dem Dürrholz griff, bedurfte es nur zweier Sekunden, so war auch der Apatsche an den Händen und an den Füßen frei.

Jetzt war es grad, genau und ganz so gut, als ob wir alle schon auf unsern Pferden säßen und von hier weiter ritten! Ich hatte ja meine Gewehre! Aber ich wollte kein Blut vergießen, und so mußten wir uns noch eine Weile gedulden. Indem wir zwei so dalagen, als ob wir noch gefesselt seien, raunte ich dem Apatschen zu:

„Jetzt zunächst den Posten! Wer nimmt ihn?“

„Ich,“ antwortete er.

Es galt, den Mann lautlos, ohne alles Geräusch, unschädlich zu machen. Unsere Kameraden lagen zwischen ihm und uns; man mußte über sie wegspringen. Wenn dabei das geringste Geräusch entstand und er sich umdrehte und um Hilfe schrie, wurde die Befreiung unserer Leute, wie ich sie ausführen wollte, unmöglich. Winnetou war der richtige und unter uns wohl auch der einzige Mann, diese Schwierigkeit zu überwinden. Ich fühlte mich außerordentlich gespannt auf diesen Augenblick.

Der Wächter ließ dieses Mal das Feuer weiter niedergehen als vorher. Endlich, endlich wendete er sich von uns ab und dem Holzhaufen wieder zu! Wie ein Blitz war Winnetou in der Höhe und mit einem wahren Panthersprunge über unsere Gefährten hinüber. Ihm das Knie in den Rücken legend, faßte er ihn mit beiden Händen um den Hals. Der Mann war vor Schreck steif; er machte keine Bewegung der Abwehr; es war kein Laut, nicht der geringste Seufzer zu hören. Jetzt sprang ich, weil Winnetou keine Hand frei hatte, hinüber und schlug dem Tramp die Faust zweimal an den Kopf. Der Apatsche öffnete langsam und versuchsweise seine Hände; der Kerl glitt mit dem Oberkörper nieder und blieb, lang ausgestreckt, wie eine Leiche liegen. Der erste Teil des Werkes war gelungen!

Unsere Kameraden waren wach geblieben; sie hatten die Überwältigung des Postens gesehen. Da ich nicht reden, auch nicht ganz leise, wollte, winkte ich ihnen mit den Händen Schweigen zu und machte mich dann mit Winnetou an das Lösen ihrer Fesseln, die ich nicht zerschneiden wollte, weil wir sie später mit brauchten, um die Tramps zu binden. Was mich während dieser kurzen Beschäftigung wunderte, war, daß sich Kolma Puschi nicht sehen ließ. War er, der Geheimnisvolle, etwa schon wieder fort? Das mußte sich ja zeigen!

Als alle Befreiten still bei einander standen, kroch ich mit dem Apatschen langsam um das Feuer, um nach den Tramps zu sehen. Sie schliefen alle. Auch Old Wabble lag lang ausgestreckt im Grase; er war gefesselt, hatte einen Knebel im Munde, und neben ihm saß – – Kolma Puschi, unser Erretter! Wir mußten über das Meisterstück, welches dieser Rote so geräuschlos vollbracht hatte, staunen.

Er hielt seine dunkeln Augen nach der Stelle, von welcher er wußte, daß wir von dort aus lauschen würden. Als er uns sah, nickte er uns lächelnd zu. Ich hätte ihn ob dieser Ruhe, Kaltblütigkeit und Sicherheit umarmen mögen!

Es galt natürlich zunächst, uns zu bewaffnen. Ich holte meinen Stutzen und machte ihn schußfertig. Da die Tramps auch eng bei einander lagen, hatten sie zur Vermeidung der Unbequemlichkeiten ihre Gewehre zusammengestellt; wir nahmen sie in der Zeit von einer Minute in unsern Besitz. Jeder von den Kameraden fand das seinige dabei; nur Winnetous Silberbüchse lag bei Cox, der sich nicht von ihr hatte trennen wollen. Der Apatsche kroch wie eine Schlange hin und holte sie sich; das war auch ein Bravourstück von ihm!

Nun wir alle bewaffnet waren, wurden die Schläfer so umstellt, daß uns keiner entwischen konnte. Dick Hammerdull warf neues Holz in das Feuer, daß es hoch aufleuchtete.

„Nun erst den Posten draußen bei den Pferden,“ sagte ich leise zu Winnetou, indem ich durch die Büsche deutete.

Kolma Puschi sah diese meine Handbewegung, kam leise zu uns her und meldete:

„Das Bleichgesicht, welches Old Shatterhand meint, liegt gebunden bei den Pferden. Kolma Puschi hat es mit dem Gewehre niedergeschlagen. Meine Brüder mögen einen Augenblick warten, bis ich wiederkomme!“

Er huschte fort. Als er nach wenigen Sekunden zurückkehrte, hatte er eine Menge Riemen in den Händen; er warf sie hin und sagte:

„Kolma Puschi hat unterwegs einen Bock erlegt und sein Fell zu Riemen zerschnitten, weil er glaubte, daß sie hier gebraucht würden.“

Ein außerordentlicher Mann! Winnetou reichte ihm schweigend die Hand, und ich that dann dasselbe. Dann konnten wir die nichtsahnenden Schläfer wecken. Dick Hammerdull war natürlich derjenige, welcher uns bat, dies thun zu dürfen. Wir nickten ihm zu. Er stieß ein Geheul aus, welches der Größe seines weit aufgerissenen Mundes entsprechend war. Die Kerls sprangen alle auf; sie sahen uns mit angeschlagenen Gewehren stehen und waren vor Schreck bewegungslos. Nur Old Wabble blieb liegen, weil er gefesselt und geknebelt war. Dieses erste Entsetzen benutzend, rief ich ihnen zu:

Hands up, oder wir schießen! All hands up!“

Hands up, die Hände in die Höhe!“ ist ein sehr gefährlicher Befehl, zumal im wilden Westen. Wer diese Worte hört und nicht augenblicklich beide Hände hoch hält, bekommt die Kugel; das weiß jedermann. Es kommt vor, daß nur zwei oder drei verwegene Menschen einen Bahnzug überfallen. Wehe dem Passagier, welcher auf den Ruf „Hands up!“ nicht unverweilt die Arme hebt! Er wird sofort erschossen. Während einer der Räuber auf diese Weise mit seinem Revolver alle Reisenden in Schach hält, werden diese von dem oder den andern ausgeplündert und müssen mit hochgehobenen Händen stehen bleiben, bis die Taschen auch des letzten untersucht und geleert worden sind. Dieses „Hands up!“ trägt allein die Schuld daran, daß viele, wenn sie überrascht worden sind, gegen wenige gar nichts machen können. Selbst der sonst mutige Mann wird lieber die Arme heben als nach seiner Waffe greifen, denn ehe er sie erlangen kann, hat er die tödliche Kugel im Kopfe. Das weiß, wie gesagt, dort jedermann.

So auch hier! Ich hatte den Befehl kaum zum zweitenmal ausgesprochen, so fuhren alle Hände hoch empor.

„Schön, Mesch’schurs!“ fuhr ich fort. „Nun laßt euch sagen: Bleibt genau so stehen wie jetzt! Denn wer nur eine seiner Hände sinken läßt, bis wir mit euch allen fertig sind, der sinkt auch ganz, nämlich tot ins Gras! Ihr wißt wieviel Schüsse hier mein Stutzen hat. Es kommt mehr als eine Kugel auf jeden von euch! Dick Hammerdull und Pitt Holbers werden euch binden. Es giebt da keine Gegenwehr. Dick, Pitt, fangt an!“

Es war eine ernste Situation, aber doch machte es mir, überhaupt uns allen, innerlich Spaß, diese Leute wie beim Freiturnen oder bei einem Gesellschaftsspiele mit hoch erhobenen Armen stehen zu sehen, um ohne alle Gegenwehr zu warten, bis einer nach dem andern von ihnen an den Händen und Füßen gebunden und in das Gras gelegt wurde. Da waren uns freilich die Riemen sehr willkommen, welche Kolma Puschi mitgebracht hatte.

Erst als der letzte niedergelegt wurde, ließen wir die Gewehre sinken. Unser Retter ging mit Schahko Matto fort, um auch den Posten bei den Pferden zu holen. Nachdem dieser gebracht worden war, nahmen wir Old Wabble und auch dem Wächter am Feuer den Knebel aus dem Munde, denn dem letzteren hatten wir aus Vorsicht auch einen geben müssen.

Jetzt waren nun nicht mehr sie, sondern wir die Herren der Situation. Sie fühlten sich so deprimiert, daß keiner von ihnen ein Wort hören ließ. Bloß Old Wabble stieß zuweilen einen Fluch aus; das war aber auch alles, was er that. Um Platz zu bekommen, schoben wir sie so eng wie möglich aneinander, wodurch wir einen für uns genügenden Raum am Feuer gewannen. Es waren noch zwei ganze Turkeys da, welche wir für uns zurichteten. Während dies geschah, konnte Dick Hammerdull es nicht über sich gewinnen, ruhig zu bleiben. Er hatte in berechnender Weise die Gebrüder Holbers nebeneinander gelegt und suchte sie jetzt auf.

Good evening, ihr Onkels und Cousins!“ grüßte er sie in seiner gravitätisch drolligen Weise. Ach gebe mir die Ehre, euch zu fragen, ob ihr noch wißt, was ich euch unterwegs gefragt habe?“

Er bekam keine Antwort.

„Richtig! Es stimmt!“ nickte er. „Ich sagte, entweder flögen wir euch davon, und dann ständet ihr mit aufgesperrten Mäulern da; oder wir drehten den Spieß grad um und nähmen euch gefangen, und dann klappten euch die Mäuler wieder zu. Ist es nicht so, Pitt Holbers, altes Coon? Habe ich das gesagt oder nicht?“

Holbers saß, einen Puter rupfend, am Feuer und antwortete trocken:

„Ja, das hast du gesagt, lieber Dick.“

„Also richtig! Wir haben sie gefangen, und nun liegen sie mit zugeklappten Mäulern da und haben nicht den Mut, sie wieder aufzumachen. Die armen Teufel haben die Sprache verloren!“

„Fällt uns nicht ein!“ fuhr ihn da Hosea an. „Wegen euch verlieren wir die Sprache noch lange nicht; aber laßt uns in Ruhe!“

„Ruhe? Pshaw! Ihr habt ja bis jetzt geschlafen! Das plötzliche Erwachen war freilich etwas sonderbar, nicht? Was wolltet ihr doch nur mit euern Händen so hoch droben in der Luft? Es sah aus, als ob ihr Sternschnuppen fangen wolltet. Ganz eigenartige Pose!“

„Die Eurige war nicht besser, als wir Euch gestern festgenommen hatten! Ihr konntet da nicht einmal die Hände heben!“

„Das thue ich auch sonst niemals, weil ich kein Schnuppenfänger bin. Übrigens, wie habt ihr doch gelacht, als ich euch heut sagte, wir ritten nur zu unserm Vergnügen mit euch und würden auf keinen Fall länger als einen Tag eure Gefangenen sein! Hoffentlich kommt euch die Sache jetzt auch noch so lustig vor! Oder nicht?“

„Ich sage Euch noch einmal, daß Ihr uns in Ruhe lassen sollt!“

„Verehrtester Hosea, nicht so hitzig! Du siehst ja, wie gefaßt und still dein lieber Joel ist! Wenn ich ihn richtig beurteile, so denkt er über die Erbschaft meines alten Pitt Holbers nach.“

Da brach Joel sein Schweigen auch:

„Er mag behalten, was er hat! Wir brauchen nichts von ihm, dem Prügeljungen, denn wir werden reich sein; wir werden noch – –“

Da er inne hielt, fuhr Dick Hammerdull, fröhlich lachend, fort:

„– – noch nach dem Squirrel Creek reiten und die Bonanza holen? Nicht wahr, das wolltet Ihr sagen, Sir Joel, der Prophet?“

„Ja, das werden wir!“ schrie der Geärgerte. „Es wird uns nichts auf Erden abhalten können, dies zu thun! Verstanden?“

„Ich denke, wir werden euch ein wenig davon abhalten!“

„Möchte wissen, auf welche Weise!“

„Indem wir euch erschießen.“

„Dann wäret ihr Mörder!“

„Thut nichts! Ihr sagtet mir ja auch, daß ihr uns auslöschen würdet. Ich war da freilich der Ansicht, daß wir uns wieder anzünden würden. Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Ich meine nur, daß du den Schnabel halten sollst!“ belehrte ihn der Gefragte vom Feuer her. „Diese Kerls sind es ja gar nicht wert, daß du mit ihnen sprichst. Komm lieber her, und rupfe mit!“

„Ob ich mit rupfe oder nicht, das ist ja ganz egal; aber ungerupft schmeckt mir der Puter nicht, und darum komme ich!“

Er setzte sich zu seinem Pitt ans Feuer und half ihm bei der Arbeit.

Kolma Puschi hatte sich inzwischen entfernt. Er war zu seinem irgendwo versteckten Pferde gegangen und brachte das Fleisch, welches er heut geschossen hatte, um es uns zu schenken. Dann trat er vor Cox hin und sagte zu ihm:

„Das Bleichgesicht hat heut von einem stinkigen Hunde und von Ungeziefer gesprochen. Kolma Puschi antwortete, der Hund werde das stinkige Ungeziefer jagen, bis es gefangen wird. Nun liegt es vor ihm da, wie er es vorher verkündet hat!“

Cox knurrte etwas vor sich hin, was man nicht verstehen konnte. Der Indianer fuhr fort:

„Das Bleichgesicht nannte die roten Männer eine armselige Bande, welche immer mehr herunterkomme. Wer ist tiefer herabgekommen, und wer ist verachtenswerter, der Weiße, welcher wie ein räudiger, hungriger Hund als Tramp das Land durchstänkert, oder der Indianer, welcher als unausgesetzt Bestohlener und immerfort Vertriebener durch die Wildnis irrt und den Untergang seiner unschuldigen Nation beklagt? Du bist der Hund, und ich, ich bin der Gentleman. Das wollte ich dir sagen, obgleich ein roter Krieger sonst nicht mit Hunden spricht. Howgh!“

Er wendete sich, ohne eine Antwort zu bekommen, von ihm ab und setzte sich zu uns, die wir ihm von Herzen gern und vollständig recht geben mußten. Er hatte wenigstens Winnetou und mir ganz aus der Seele gesprochen. Die andern stimmten ihm bei für diesen einen vorliegenden Fall, im allgemeinen aber wohl kaum. Zu den Verhältnissen, die man aus der Ferne richtiger beurteilt als in der Nähe, gehört dasjenige zwischen der roten und der weißen Rasse. Der echte Yankee, der Native, wird nun und nimmermehr zugeben, daß er schuld am Untergange der Indsmen, am gewaltsamen Tode seines roten Bruders sei!

Während wir aßen, lagen die Gefangenen ruhig. Nur zuweilen klang eine leise Bemerkung, welche einer dem andern zuflüsterte, zu uns herüber, ohne daß wir sie verstanden. Es war uns vollständig gleichgültig, was sie miteinander sprachen. Old Wabble warf sich wiederholt von einer Seite auf die andere. Seine Seufzer verwandelten sich nach und nach in ein immer häufiger wiederkehrendes und immer lauter werdendes Stöhnen. Er fühlte Schmerzen, wohl durch die Riemen vermehrt, mit denen Hammerdull und Holbers ihn fester, als eigentlich nötig war, gebunden hatten, nachdem er schon vorher von Kolma Puschi auf leichtere Weise gefesselt worden -war. Endlich rief er uns in ergrimmtem Tone zu:

„Hört ihr denn nicht, was ich für Schmerzen leide! Seid ihr Menschen, oder seid ihr Schinder, die kein Gefühl besitzen!“

Ich machte eine Bewegung, aufzustehen und nachzusehen, ob ich ihm seine Lage ohne Gefahr für uns erleichtern könne; da aber hielt mich Treskow zurück, indem er kopfschüttelnd sagte:

„Ich begreife Euch nicht, Mr. Shatterhand! Vermutlich wollt Ihr hin, um ihm die Hölle in ein Paradies zu verwandeln? Ich lasse jede Art erlaubter oder verständiger Humanität gelten; aber Euer Erbarmen für diesen Menschen ist geradezu eine Sünde!“

„Er ist schlecht, doch immerhin ein Mensch!“ warf ich ein.

„Er? Pshaw! Denkt an das, was Ihr heut sagtet, als Ihr ihn verbinden wolltet: Ihr hieltet für maßgebend, nicht daß er ein Mensch sei, sondern daß Ihr einer seiet. Ja, Ihr seid ein Mensch, und zwar ein in Beziehung auf ihn sehr schwacher Mensch. Nehmt mir das nicht übel! Nun geht hin, und bindet ihn in der ganzen Menschheit Namen los, wenn ich unrecht habe!“

„Mein Arm, mein Arm!“ wimmerte der Alte in kläglichem Tone.

Da rief Hammerdull ihm zu:

„Nun kannst du wohl klagen, alte Schleiereule! Wie steht es da mit deiner Konstitution, mit deiner großartigen Bärennatur, mit der du vorhin prahltest? jetzt singst du schon nach Gnade!“

„Nicht nach Gnade!“ antwortete Old Wabble. „Nur die Fesseln lockern sollt ihr mir!“

„Ob sie locker sind oder nicht, das bleibt sich gleich, wenn sie dir nur den Spaß so gründlich verderben, wie du es verdienst. Jede Sache hat einen Zweck, den sie erreichen muß; die Riemen haben ihn auch!“

Kolma Puschi aß natürlich auch mit, ohne dabei ein Wort zu sagen. Er verhielt sich fast noch schweigsamer als Winnetou, und nur einmal, als die Rede auf unser Zusammentreffen mit dem weißen Medizinmann und seiner Squaw kam, sagte er:

„Kolma Puschi ist, nachdem er von dem Bleichgesichte Cox beleidigt worden war, der Fährte seiner Brüder gefolgt, um sich zu überzeugen, daß sie den richtigen Weg geritten seien. Da kam er auf den Platz, wo sie gehalten haben. Er sah die Spur von drei Pferden, welche von rechts her auf ihre Fährte stieß und dann nach links weiterführte. War das der weiße Mann mit seiner roten Squaw, von welchem ihr jetzt gesprochen habt?“

„Ja,“ antwortete ich.

„Dieser Weiße ist ein roter Komantsche gewesen?“

„Ja.“

„Uff! Was hat er als Komantsche hier im Norden zu thun?“

„Das wissen wir nicht.“

„Warum hat er die Farbe aus seinem Gesicht entfernt? Warum kommt er nicht als roter, sondern als weißer Mann?“

„Wohl seiner Sicherheit wegen. Als Komantsche würde er hier der Feind aller Bleichgesichter und noch mehr aller Indianer sein.“

„Diese Worte scheinen die Wahrheit zu treffen, doch hat Kolma Puschi auch noch andere Gedanken.“

„Dürfen wir sie erfahren?“

„Ein roter Krieger darf nur solche Gedanken aussprechen, von denen er weiß, daß sie richtig sind. Ich denke jetzt nach!“

Er zog sein Gewehr lang an sich und legte sich wie zum Schlafen nieder. Ich nahm das als Zeichen, daß er nicht weitersprechen wolle. Später sah ich freilich ein, daß es viel besser gewesen wäre, wenn ich dieses Gespräch mit ihm fortgesetzt hätte. Dabei wäre mir jedenfalls der Name Thibaut über die Lippen gekommen, ein Name, welcher eine von mir ungeahnte Wirkung auf ihn hervorgebracht hätte. Der sogenannte „Herr der Schöpfung“ mag sich trotz des vielgerühmten Reichtums seiner geistigen Eigenschaften ja nicht vermessen, daß er von keiner andern Führung abhängig sei als nur von seinem Willen! Mag er es noch so sehr bezweifeln, es giebt einen Willen, der hoch über allem irdischen Wollen erhaben ist.

Nach dem Essen wurden die Taschen der Gefangenen geleert. Nachdem wir das uns geraubte Eigentum wieder genommen hatten, bekam jeder zurück, was uns nicht gehörte. Daß die Tramps dabei nicht überzart behandelt wurden, war nicht zu verhindern. Old Wabble hatte sich in den Besitz aller meiner Sachen gesetzt und war wütend darüber, daß er sie nun wieder hergeben mußte. Größer noch als dieser Zorn aber schienen die Schmerzen zu sein, welche er fühlte. Er bat mich wiederholt um Linderung derselben. Ich war schwach genug, die Vorwürfe Treskows zu scheuen, mochte das jammern aber endlich doch nicht mehr hören und sagte zu ihm:

„Ich will mich erweichen lassen, wenn Ihr mir meine Fragen beantwortet.“

„Fragt, fragt; ich werde reden!“ bat er.

„Ihr wolltet mich wirklich töten?“

„Ja.“

„Was seid Ihr doch für ein Mensch! Ich bin mir keines einzigen Unrechtes bewußt, welches ich Euch gethan hätte, und doch trachtet Ihr mir nach dem Leben! Noch heut wolltet Ihr lieber alle möglichen Schmerzen tragen, nur mich nicht freigeben. Wie stolz fühltet Ihr Euch im Besitze meiner Gewehre! Ihr meintet, sie nun für immer zu besitzen, und ich sagte Euch voraus, daß ich sie sehr bald wieder haben würde. Schon heut nachmittag mußte ich sie tragen, und jetzt sind sie ganz wieder mein!“

„Ich wollte, sie lägen mit Euch in der Hölle! Ich habe die paar Stunden, in denen sie mir gehörten, mit einem gesunden Arm bezahlt!“

„Und mit vielen Schmerzen, die Ihr noch erleiden werdet. Denn Ihr dürft nicht etwa denken, daß Ihr schon am Ende derselben angekommen seid! Ihr fühltet Euch Eurer Sache so sicher, daß Ihr mich auffordertet, Euch nach meinem Tode als Gespenst zu erscheinen. Wißt Ihr noch, was ich Euch darauf geantwortet habe?“

„Mag es nicht hören!“

„Ihr müßt es hören! Ich sagte: Ich werde noch vor meinem Tode über Euch kommen. Das ist jetzt eingetroffen. So wird der einfachste Mensch zum Propheten, wenn er nur weiß, daß das Gute dem Bösen stets überlegen ist! Gebt Ihr zu, schlecht an mir gehandelt zu haben?“

„Ja doch, ja!“

„Wollt Ihr den jetzigen Weg verlassen und einen bessern betreten?“

„Ja und ja und ja! Macht mir nur die Riemen locker, und laßt das verdammte Schulmeistern sein! Ich bin kein Kind!“

„Leider nein! Was Ihr für Schulmeisterei haltet, ist etwas ganz anderes. Auch müßt Ihr Euch hüten, meine Milde für Schwäche zu halten. Ich fühle Mitleid, nichts als Mitleid mit Euch. Ich gebe mich nicht der geringsten Hoffnung hin, durch Worte bessernd auf Euch einwirken zu können. Worte, und seien es die schönsten, ergreifendsten, prallen von Euch ab. Es wird ein ganz anderer, als ich bin, mit Euch reden, nicht durch Worte, sondern durch die That. Wenn Ihr dann unter der Wucht derselben zusammenbrecht, will ich mir sagen können, daß ich nichts, aber auch gar nichts versäumt habe, Euch zu retten. Das ist es, warum ich wieder und immer wieder mit Euch rede. Und nun kommt her! Es handelt sich nicht bloß um die Fesseln, sondern mehr noch um die Hitze, die Ihr im Arme habt!“

Ich übernahm, während die Gefährten sich schlafen legten, die Wache und benützte diese ganze Zeit, den Arm des Alten mit Wasser zu kühlen. Kolma Puschi hatte freiwillig die Wache nach mir übernommen. Als ich, um ihn zu wecken, von Old Wabble fortging, hörte ich ihn hinter mir her brummen:

„Heulmaier, alberner! Schäfleinshirte!“

Diese Art, mir zu danken, konnte mich nicht beleidigen. Ich hatte auf keinen Erfolg gehofft, und doch that es mir unendlich leid um den alten Mann, daß ich ihn für unrettbar verloren halten mußte.

Als ich geweckt wurde, war es schon eine Stunde Tag. Ein kurzer Umblick genügte, mich zu überzeugen, daß alles in Ordnung sei, nur daß ich Kolma Puschi vermißte. Schahko Matto hatte nach ihm die Wache gehabt. Als ich diesen fragte, antwortete er:

„Kolma Puschi sagte mir, daß er nicht länger bleiben könne; der große Geist rufe ihn fort von hier. Ich soll Old Shatterhand, Winnetou und auch Apanatschka von ihm grüßen und ihnen sagen, daß er sie wiedersehen werde.“

„Hast du ihn fortreiten sehen?“

„Nein. Er ging fort. Ich wußte nicht, wo er sein Pferd hatte, und durfte diesen Platz nicht verlassen, weil ich Wächter war. Dann aber bin ich seiner Spur gefolgt. Sie führte mich in den Wald, nach der Stelle, an welcher sein Pferd versteckt gewesen ist. Wenn wir wissen wollen, wohin er geritten ist, werden wir leicht seine Fährte finden. Soll ich gehen, um sie aufzusuchen und Euch zu zeigen?“

„Nein. Wäre er unser Feind, müßten wir ihm folgen. Aber er ist unser Freund. Sollten wir das Ziel seines Rittes erfahren, würde er es uns freiwillig gesagt haben. Den Willen eines Freundes muß man achten.“

Bevor ich von dem Fleische frühstückte, welches Kolma Puschi zurückgelassen hatte, ging ich hinaus, wo die Pferde angehobbelt waren. Sie befanden sich auf einer Grasbucht zwischen den gestern erwähnten Ausläufern des Waldes, wohin sie bei Tagesanbruch geschafft worden waren. Von da aus konnte man weit nach Norden sehen, woher wir gekommen waren. Indem ich nach dieser Richtung blickte, sah ich drei Punkte, welche sich unserm Lager näherten. Sie wurden schnell größer, bis ich zwei Reiter und ein Packpferd erkannte. Sollte es Thibaut mit der Squaw sein, die gestern doch nach Südwest geritten waren? Und wenn diese Vermutung richtig war, welche Gründe konnten ihn wohl bewogen haben, umzukehren und unserer Spur zu folgen?

Ich ging natürlich nach dem Lager, um Winnetou zu benachrichtigen.

„Dieser Mann braucht keine andern Gründe als nur seinen Haß zu haben,“ sagte er. „Tibo taka will wissen, ob Old Shatterhand schon tot ist oder noch lebt. Wir werden uns verstecken.“

Wir krochen hinter die Büsche und warteten. Es dauerte nicht lange, so hörten wir die Schritte eines Pferdes. Thibaut hatte die Frau mit dem Packpferde eine kleine Strecke zurückgelassen und kam allein nach der Quelle, um zu rekognoszieren. Er sah Old Wabble und die Tramps gefesselt am Boden liegen und rief erstaunt aus:

Behold! Sehe ich recht! Ihr seid gebunden? Wo sind denn die Kerls, welche gestern Eure Gefangenen waren?“

Old Wabble wußte nicht, daß wir auf das Kommen dieses Mannes vorbereitet waren und uns nur seinetwegen scheinbar entfernt hatten. Er rief ihm hastig und mit unterdrückter Stimme zu:

„Ihr seid hier? Ah, Ihr! Seit wann seid Ihr da?“

„Seit diesem Augenblicke. Ich komme eben erst.“

„Dann schnell herunter vom Pferde, und schneidet uns los!“

„Losschneiden? Ich denke, Ihr betrachtet mich als Euren Feind!“

„Unsinn! Das war gestern nur so eine Redensart. Macht rasch!“

„Wo sind denn Eure Gefangenen?“

„Sie haben sich in der Nacht befreit und uns überrumpelt. Zaudert doch nicht so ewig, sondern macht uns los, nur los!“

„Wo stecken sie denn? Wenn sie nun kommen und mich überraschen?“

„So sind wir, wenn Ihr schnell macht, frei und schlagen sie nieder!“

Well! Dieser Old Shatterhand besonders ist mir im Wege. Er muß unbedingt ausgelöscht werden. Darum komme ich Euch nach. Es ahnte mir, daß Ihr Unglück mit ihm haben würdet. Der muß erschossen werden, sobald man ihn erwischt, keinen Augenblick später, sonst verschwindet er gewiß. Also rasch! Ihr sollt frei sein!“

Er war während dieser Worte vorn Pferde gestiegen und zu Old Wabble getreten. Jetzt zog er sein Messer. Da steckte grad vor seinen Augen Dick Hammerdull den Gewehrlauf aus dem Busche heraus und rief:

„Mr. Tibo taka, wartet noch ein bißchen! Es wohnen gewisse Leute hier im Gebüsch!“

„Verdammt! Zu spät!“ fluchte Old Wabble wütend.

Thibaut wich einige Schritte zurück und sagte:

„Wer steckt da im Gesträuch? Thut Eure Flinte weg!“

„Wer drin steckt, bleibt sich gleich. Und ob ich sie wegthue oder nicht, ist ganz egal; sie geht doch los, wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Messer fallen laßt! Ich zähle nur bis drei. Also, eins – – zwei – –“

Thibaut warf das Messer weg, retirierte so weit, bis er sein Pferd zwischen sich und dem gefährlichen Busche hatte, und rief:

„So thut das Gewehr doch weg! Ich mag mit Euch gar nichts zu schaffen haben. Ich reite augenblicklich fort!“

„Augenblicklich? Nein, lieber Freund; bleibt noch ein Weilchen da!“

„Wozu?“

„Es giebt Leute, welche Euch gern guten Morgen sagen wollen.“

„Wer denn? Und wo?“

„Gleich hinter Euch.“

Thibaut drehte sich schnell um und sah uns alle stehen, die wir, während er mit Hammerdull sprach, leise aus den Büschen getreten waren. Er erschrak. Ich ging bis hart zu ihm heran und sagte:

„Also ausgelöscht soll ich partout werden! Ihr scheint mich halb und halb zu kennen, aber ganz noch nicht. Wie wäre es wohl, Monsieur Thibaut, wenn wir die Rollen wechselten und ich Euch auslöschte?&

All devils! Das werdet Ihr nicht! Ich habe Euch nichts gethan!“

„Ob Ihr mir schon etwas gethan habt, das ist Nebensache. Ihr wollt mir an das Leben; das genügt. Ihr kennt doch die Gesetze der Prairie!“

„Es war nur Scherz von mir, Mr. Shatterhand!“

„So mache auch ich Scherz mit Euch. Hier liegen noch einige Riemen. Gebt die Hände her! Ihr werdet gefesselt, ganz so, wie diese Tramps.“

„Unmöglich!“

„Das ist nicht nur möglich, sondern es wird gleich wirklich geschehen. Pitt Holbers und Dick Hammerdull, bindet ihn! Wenn er sich weigert, bekommt er meine Kugel. Muß ich erschossen werden, sobald man mich erwischt, so giebt es bei mir auch kein Federlesens. Also, rasch!“

Hammerdull war auch herbeigekommen; er und Holbers banden den Mann, der sich nicht getraute, Widerstand zu leisten, wenigstens durch die That, in Worten aber sich außerordentlich sträubte:

„Das ist eine Gewaltthat, die Ihr nicht verantworten könnt, Mesch’schurs! Das habe ich wahrlich nicht verdient!“

„Auch nicht damit, daß Ihr Old Wabble gestern den Rat gabt, jeden Tag einen von uns zu erschießen?“

„Das war ja aber auch nur Scherz!“

„Ihr scheint ein außerordentlicher Spaßvogel zu sein, was auf eine gute Unterhaltung mit Euch schließen läßt. Wir wollen Euch darum bei uns festhalten, und Ihr müßt einsehen, daß dies am besten mit Hilfe dieser Riemen geschieht. Scherz um Scherz; das ist ganz richtig!“

„Aber ich bin nicht allein!“

„Das wissen wir.“

„Nichts könnt Ihr wissen, nichts!“

„Wir sahen Euch kommen. Draußen wartet Eure Squaw.“

„Soll die etwa auch gebunden werden?“

„Nein. Mit Ladies treiben wir keine solchen Scherze. Wir werden sie vielmehr als sehr willkommenen Gast empfangen. Fügt Euch ruhig in unsern Willen! Es kommt ganz auf Euer Verhalten an, was wir über Euch bestimmen. Seid Ihr fügsam, habt Ihr vielleicht gar nichts zu befürchten. Legt ihn allein, nicht hin zu den Tramps!“

Well! Gewalt geht vor Recht. Ich muß mich also fügen!“

Er wurde abseits der anderen Gefangenen hingelegt, daß er sich nicht mit ihnen unterhalten konnte. Dann verließ ich mit Winnetou das Lager, um die Squaw aufzusuchen. Sie hielt, noch im Sattel sitzend und den Zaum des Saumtieres in der Hand, draußen bei unsern Pferden. Unser Kommen machte nicht den geringsten Eindruck auf sie. Es war, als ob wir gar nicht vorhanden seien. Wir brachten sie nach der Quelle, wo sie unaufgefordert abstieg und sich neben Thibaut setzte. Daß er gefesselt war, schien sie gar nicht zu bemerken.

Das Packpferd hatten wir draußen gelassen; ich führte auch ihr und sein Reitpferd wieder hinaus. Er sollte nicht sehen, daß wir sein Gepäck untersuchten. Es war doch möglich, daß wir etwas fanden, was uns von Nutzen war. Als ich zur Quelle zurückkehrte, befand sich Cox mit Treskow in Verhandlung. Der letztere hatte wieder einmal seine juridische Anschauung vertreten und sich dabei aufgeregt, während die anderen ruhig wartend saßen. Er rief mir entgegen:

„Denkt Euch nur, Mr. Shatterhand, Cox verlangt, freigelassen zu werden!“

„Da braucht Ihr nicht zu sagen: Denkt Euch nur. Ich denke mir das ohnedies.“

„Aber was sagt Ihr dazu?“

„In diesem Augenblicke nichts.“

„Aber später?“

„Später werde ich mir denken, was Winnetou sich denkt.“

„Damit drehen wir uns im Kreise. Was denkt Winnetou?“

„Was recht ist.“

„Schön! Einverstanden! Das juridische Recht aber sagt, daß – –“

Pshaw!“ unterbrach ich ihn. „Wir sind hier nicht Juristen, sondern zunächst und vor allen Dingen hungrige Leute. Laßt uns essen!“

„Ach, essen! Damit wollt Ihr mir nur ausweichen!“

„Gar nicht! Ich will Euch dabei nur zeigen, was nach meiner Ansicht juridisch ist.“

„Nun was?“

„Gestern abend aßen die Tramps, und wir bekamen nichts; jetzt essen wir, und sie bekommen nichts. Ist das nicht die allerjuridischste Rechtshandhabung, die sich denken läßt?“

„Hole Euch – der Teufel, möchte ich auch bald sagen! Ich wette meinen Kopf, daß Ihr imstande seid, die Kerle laufen zu lassen!“

„Und ich wette nicht, weiß aber, daß geschehen wird, was richtig ist.“

Wir ließen es uns schmecken und teilten der Squaw das Beste mit, was wir hatten; sie nahm es aus den Händen Apanatschkas, ohne ihn zu kennen. Weiter erhielt niemand etwas. Als ich und Winnetou fertig waren, gingen wir beide hinaus, um das Gepäck Thibauts zu untersuchen. Das Packpferd hatte Eßwaren, einige Frauengewänder, wenig Wäsche und dergleichen getragen; etwas Besonderes fanden wir da nicht. Beim Pferde der Frau war auch nichts zu entdecken. Wir wendeten uns nun zu dem Pferde des Mannes.

Am Sattelknopfe hing sein Gewehr. In der rechten Satteltasche steckte eine geladene Doppelpistole und ein blechernes Kästchen mit verschiedenen Farben, zum Bemalen des Gesichts jedenfalls, weiter nichts. In der linken fanden wir Patronen, ein Rasierzeug mit Seife und wieder ein Blechkästchen, viel dünner als das vorige. Es enthielt ein langes, schmales, viereckiges, sehr gut gegerbtes, weißes Lederstück mit roten Strichen und Charakteren.

„Ah, ein sprechendes Leder wie die Roten sagen!“ meinte ich zu Winnetou. „Das bringt uns vielleicht eine Entdekkung.“

„Mein Bruder zeige es her!“ sagte er.

Ich gab es ihm. Er betrachtete es lange und aufmerksam, schüttelte den Kopf, betrachtete es abermals, schüttelte wieder und sprach endlich: „Dies ist ein Brief, den ich nur halb verstehe. Er ist ganz nach der Weise der roten Männer mit der Messerspitze geschrieben und mit Zinnober gefärbt. Diese vielgewundenen Linien sollen Flüsse vorstellen; das Leder ist eine Landkarte. Hier ist der Republican-River, hier der doppelte Salmon; dann kommt der Arkansas mit dem Big Sandy-Creek und dem Rush-Creek, hierauf der Adobe – und der Horse-Creek, südlich der Apishapa-River und der Huerfano-Fluß. So kommt ein Creek und ein Fluß nach dem andern bis hinauf zum Park von San Louis. Diese Wasser kenne ich alle; aber es giebt Zeichen dabei, welche ich nicht verstehe, Punkte, Kreuze verschiedener Gestalt, Ringel, Dreiecke, Vierecke und andere Figuren. Sie stehen auf der Karte da, wo sich in der Wirklichkeit keine Stadt, kein Ort, kein .Haus befindet. Ich kann nicht entdecken, was alle diese vielen Zeichen zu bedeuten haben.“

Er gab mir das Leder zurück, welches mit wirklich großer Sorgfalt und Feinheit graviert und gefärbt worden war. Man konnte den kleinsten, feinsten Strich ganz deutlich sehen. Auch ich konnte mir die Zeichen nicht erklären, bis ich das Leder umwendete. Da waren sie wiederholt, untereinander aufgezählt, und daneben standen Namen, welche keine Orts- sondern Personennamen waren. Höchst sonderbar! Ich sann und sann, lange vergeblich, bis mir endlich auffiel, daß einige von ihnen Namen von Heiligen waren. Nun hatte ich es! Ich zog mein Taschenbuch heraus, welches ein Kalendarium enthielt, verglich die Namen mit den Entfernungen der Zeichen auf der Karte und konnte nun dem Apatschen erklären:

„Dieser Brief ist an den Medizinmann geschrieben worden und soll ihm sagen, wo und an welchem Tage er den Absender desselben treffen soll. Eine gewöhnliche Anführung der Monatstage würde alles verraten. Die Christen benennen, wie ich dir schon einigemal gesagt habe, alle Tage des Jahres mit den Namen frommer oder heiliger Männer und Frauen, welche längst gestorben sind. Diese Bezeichnung hat der Schreiber gewählt. Eine Enträtselung ist um so schwieriger, als und weil die Namen nicht auf der Karte, sondern auf der andern Seite stehen. Hier lese ich: Aegidius, Rosa, Regina, Protus, Eulogius, Josef und Thekla; das bedeutet den I., 4., 7., II., 13., 18. und 23, September. An diesen Tagen wird der Absender des Briefes da sein, wo die Zeichen, welche neben den Namen stehen, sich auf der Karte befinden. Wir haben also den ganzen Reiseplan des Absenders und des Empfängers mit Orts- und Zeitangabe hier in den Händen. Hast du mich verstanden?“

„Ich verstehe meinen Bruder genau, nur daß ich nicht weiß, auf welchen Tag des Jahres diese Männer- und Frauennamen fallen.“

„Das schadet nichts, wenn ich es nur weiß. Dieses Leder kann großen Wert für uns bekommen; behalten aber dürfen wir es nicht.“

„Warum?“

„Tibo taka soll nicht ahnen, daß wir seinen Weg kennen.“

„So muß mein weißer Bruder die Schrift des Leders abschreiben!“

„Ja, das werde ich sogleich thun.“

Winnetou mußte den Brief halten, und ich kopierte ihn in mein Notizbuch, indem ich den Pferdesattel als Unterlage nahm. Dann legten wir das Leder in den Blechkasten zurück, den wir in die Satteltasche steckten. Als dies geschehen war, gingen wir wieder nach dem Lagerplatze.

Eben als wir um die letzte Buschecke biegen wollten, kam uns die Squaw entgegen. Sie war drin aufgestanden und fortgegangen, ohne daß Thibaut sie hatte halten können, weil er gefesselt war; seine Zurufe hatte sie nicht beachtet. Wie sie so an uns vorüberschritt, hocherhobenen Kopfes, doch gesenkten Auges, ohne uns zu beachten, langsam und gemessen Fuß um Fuß weitersetzend, hatte sie das Aussehen einer Somnambule. Ich drehte mich wieder um und ging ihr nach. Sie blieb stehen, brach einen schwanken Zweig ab und wand ihn sich um den Kopf. Ich richtete einige Fragen an sie, ohne daß ich eine Antwort bekam; sie schien mich gar nicht zu hören. Ich mußte ein bekanntes Wort bringen und fragte:

„Ist das dein Myrtle-wreath?“

Da schlug sie die Augen zu mir auf und antwortete tonlos:

„Das ist mein Myrtle-wreath.“

„Wer hat dir dieses Myrtle-wreath geschenkt?“

„Mein Wawa Derrick.“

„Hatte Tehua Bender auch ein Myrtle-wreath?“

„Auch eins!“ nickte sie lächelnd.

„An demselben Tage, als du eins hattest?“

„Nein.“

„Später?“

„Nein.“

„Also eher?“

„Viel, viel eher!“

„Sahst du sie mit ihrem Myrtle-wreath?“

„Ja. Sehr schön war Tehua, sehr schön!“

Meinen Gedankengang verfolgend, fragte ich, so seltsam dies hier vom Papiere klingen mag, weiter:

„Hast du einen Frack gesehen?“

„Frack – ja!“ antwortete sie nach einigem Sinnen.

„Einen Hochzeitsfrack?“

Da schlug sie die Hände zusammen, lachte glücklich und rief:

„Hochzeitsfrack! Schön! Mit einer Blume!“

„Wer trug ihn? Wer hatte ihn angezogen?“

„Tibo taka.“

„Da standest du an seiner Seite?“

„Bei Tibo taka,“ nickte sie. „Meine Hand in seiner Hand.

Dann –“

Sie zuckte wie unter einem plötzlichen Schauder zusammen und sprach nicht weiter. Meine nächsten Fragen blieben ohne Antwort, bis mir einfiel, daß Schahko Matto erzählt hatte, Tibo taka habe, als er zu den Osagen kam, einen verbundenen Arm gehabt. Ich folgte dieser Association der Ideen und erkundigte mich:

„Der Frack wurde rot?“

„Rot,“ nickte sie, wieder schaudernd.

„Vom Wein?“

„Nicht Wein, Blut!“

„Dein Blut?“

„Blut von Tibo taka.“

„Wurde er gestochen?“

„Kein Messer!“

„Also geschossen?“

„Mit Kugel.“

„Von wem?“

„Wawa Derrick. Oh, oh, oh! Blut, viel Blut, sehr viel Blut!“

Sie geriet in eine große Aufregung und rannte fort von mir. Ich ging ihr nach; sie wich mir aber, schreiend vor Angst, aus, und ich war gezwungen, es aufzugeben, weitere Antworten von ihr zu bekommen.

Ich war jetzt überzeugt, daß an ihrem Hochzeitstage ein Ereignis eingetreten sei, welches sie um ihren Verstand gebracht hatte. Ihr Bräutigam war Thibaut, ein Verbrecher. War er an diesem Tage entlarvt und von ihrem eigenen Bruder geschossen worden? Hatte Thibaut deshalb diesen Bruder später ermordet? Ich fühlte natürlich tiefes, tiefes Mitleid mit der Unglücklichen, deren Wahnsinn jedenfalls unheilbar war, zumal jener Tag um vielleicht dreißig Jahre zurückzuliegen schien. Der Frack ließ darauf schließen, daß die Hochzeit, obgleich sie selbst zur roten Rasse gehörte, in sehr anständiger Gesellschaft entweder gefeiert worden war oder gefeiert hatte werden sollen. Sie war ja Christin gewesen, die Schwester eines berühmten roten Predigers; das gab wohl eine hinreichende Erklärung.

Auch ihre Schwester Tehua schien gut verheiratet gewesen zu sein. Vielleicht hatte die Wahnsinnige ihren Bräutigam bei dieser Schwester kennen gelernt. Schade, daß ich heut weiter nichts erfahren konnte!

Ich ließ sie bei ihrem Pferde stehen, mit welchem sie wie ein Kind zu spielen begann, und ging nach dem Lager, wo Winnetou schon vor mir eingetroffen war. Als ich kam, waren alle Augen auf mich gerichtet; ich ersah daraus, daß man auf mich gewartet hatte.

„Endlich, endlich!“ rief Cox mir zu. „Wo steckt Ihr nur? Es soll ja über unsere Freilassung gesprochen werden! Und da lauft Ihr fort!“

Da machte Treskow ihm sofort den Standpunkt klar:

„Ehe davon die Rede sein kann, wollen wir erst von eurer Bestrafung sprechen!“

„Bestrafung? Oho? Was haben wir Euch gethan?“

„Überfallen, gefangen genommen, ausgeraubt, gefesselt und hierhergeschleppt! Ist das etwa nichts? Darauf steht Zuchthaus.“

„Das sagt Ihr als Jurist?“

„Ja.“

„Wollt Ihr uns nach Sing-Sing schleppen? Versucht das doch einmal!“

„Hier werden keine Versuche gemacht, sondern Urteile gesprochen und auch gleich ausgeführt. Die Jury wird sogleich beisammen sein!“

„Die erkennen wir nicht an!“

„Darüber lachen wir! Kommt, Mr. Shatterhand! Wir dürfen die Sache nicht aufschieben, und ich hoffe, daß Ihr uns dieses Mal nicht wieder mit einem humanen Streiche in die Quere kommt. Die Kerls sind es nicht wert!“

Da hatte er freilich recht. Strafe mußte hier sein; aber was für eine? Gefängnis? Gab es nicht. Geldstrafe? Diese Menschen hatten ja nichts. Ihnen die Pferde und Waffen nehmen? Da waren sie verloren, und wir standen in ihren Augen als Diebe da. Prügel? Hm, ja, eine sehr heilsame Arznei! Wie denke ich überhaupt über die Prügelstrafe? Sie ist für jeden Menschen, der noch einen moralischen Halt besitzt, fürchterlich; sie kann sogar diesen letzten Fall vollends zerstören. Aber der Vater straft sein Kind, der Lehrer seinen Schüler mit der Rute, um ihm grad diesen moralischen Halt beizubringen! Ist ein solches Kind etwa schlimmer, gefährlicher, ehrloser als der Verbrecher, welcher nicht geschlagen werden darf, obgleich er zwanzigmal rückfällig im Gefängnisse sitzt und sofort wieder „mausen“ wird, sobald er entlassen ist? Wenn ein Rabenvater, wie es vorgekommen ist, sein vor Hunger abgeschwächtes Kind wochenlang an das Tischbein bindet und ohne allen Grund täglich wiederholt mit Stökken, Ofengabeln, Stiefelknechten und leeren Bierflaschen prügelt und dafür einige Monate Gefängnis bekommt, ist diese Strafe seiner Roheit oder vielmehr seiner Bestialität kongruent? Denn eine Bestie ist so ein Kerl! Er bekommt im Gefängnisse umsonst Wohnung, reichliche Nahrung, warme Kleidung, Ruhe, Ordnung, Reinlichkeit, Bücher zum Lesen und noch anderes mehr. Er sitzt die paar Monate ab und lacht hernach darüber! Nein, so eine Bestie müßte als Bestie behandelt werden! Prügel, Prügel, aber auch tüchtige Prügel und womöglich täglich Prügel, das würde für ihn das einzig Richtige sein! Hier macht die Humanität das Übel nur ärger. Oder wenn ein entmenschtes, schnapssüchtiges Weib ihre Kinder mit Absicht und teuflischer Ausdauer zu Krüppeln macht, um mit ihnen zu betteln oder sie gegen Geld an Bettler zu verborgen, was ist da wohl richtiger, eine zeitweilige Einsperrung nach allen Regeln und allen Errungenschaften des humanitären Strafvollzuges oder eine Gefängnispönitenz mit kräftigen Hieben rundum garniert? Wer als Mensch sündigt, mag human bestraft werden; für die Unmenschen aber müßte neben dem Kerker auch der Stock vorhanden sein! Das ist die Meinung eines Mannes, der jeden nützlichen Käfer von der Straße aufhebt und dahin setzt, wo er nicht zertreten wird, eines Weltläufers, der überall, wohin er seinen Fuß setzte, bedacht war für den Nachruf. „er war ein guter Mensch“, und endlich eines Schriftstellers, der seine Werke nur in der Absicht schreibt, ein Prediger der ewigen Liebe zu sein und das Ebenbild Gottes im Menschen nachzuweisen!

Also Prügel für die Tramps! Ich gestehe, daß es mir widerstrebte, zumal ich Partei war; aber es gab nichts anderes, und sie hatten sie verdient.

Winnetou mochte meine Gedanken und Bedenken erraten, denn er fragte mich, indem ein sehr energisches, fast hartes Lächeln um seine Lippen spielte:

„Will mein Bruder ihnen etwa verzeihen?“

„Nein,“ antwortete ich. „Wir würden sie dadurch nur in ihrer Schlechtigkeit bestärken. Aber welche Strafe sollen sie bekommen?“

„Den Stock! Howgh!“

Wenn er Howgh sagte, war es abgemacht; da gab es keine Widerrede von Erfolg. Treskow fiel augenblicklich zustimmend ein:

„Ja, den Stock! Der ist es, den sie brauchen; alles andere würde unnütz oder gar schädlich sein. Nicht wahr, Mr. Hammerdull?“

„Ja, hauen wir sie!“ antwortete der Dicke. „Und Hosea und Joel, die Brüder mit den frommen Namen, die müssen zuerst darankommen. Sie sollen Hiebe anstatt des Geldes erhalten, über welches sie gelacht haben. Oder nimmst du dich deiner Vettern an, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Fällt mir nicht ein!“ antwortete der Lange.

„Ja, wir werden ihnen die Verwandtschaft mit dir in das Register schreiben, in dem es keine Blätter umzuwenden giebt, und zwar so dick und blau, daß sie es nicht etwa wegradieren können! Howgh!“

Wir mußten über seine Begeisterung ebenso wie über seine Ausdrucksweise lachen. Die andern waren auch einverstanden, und nur der Osage sagte:

„Schahko Matto bittet, schweigen zu dürfen.“

„Warum?“ fragte ich.

„Weil er auch euer Feind gewesen ist und euch nach dem Leben getrachtet hat.“

„Aber jetzt bist du unser Freund und von den Tramps auch überfallen und beraubt worden. Deine Absicht, die du überhaupt nicht ausgeführt hast, faßtest du als Häuptling deines Stammes, als Krieger; sie aber sind ehrlose und verworfene, von der Gesellschaft ausgestoßene Subjekte, die nur noch ein einziges Gefühl besitzen, das für die Prügel nämlich.“

„Wenn Old Shatterhand in dieser Weise spricht, soll er auch meine Meinung hören: Man bereite ihnen dieses Gefühl vom Ersten bis zum Letzten!“

„Schön! Alle einverstanden!“ rief Hammerdull. „Komm, lieber Pitt, wir wollen Flöten schneiden, damit die Musik beginnen kann!“

Die beiden standen auf und entfernten sich, um passende Schößlinge auszusuchen. Wir hatten nicht so laut gesprochen, daß die Tramps uns verstehen konnten; als sie jetzt merkten, daß unsere Beratung zu Ende sei, erkundigte sich Cox in keineswegs seiner Lage angemessener Weise:

„Nun, wie steht’s? Wann bindet ihr uns los?“

„Wenn es uns beliebt,“ anwortete Treskow. „Einstweilen aber beliebt es uns noch nicht.“

„Wie lange sollen wir da noch liegen bleiben? Wir wollen fort!“

„Was ihr wollt, geht uns nichts an. Heut geht es wohl nach unserm Willen!“

„Wir sind freie Westmänner; merkt euch das! Wenn ihr das etwa nicht berücksichtigen wolltet, bekommt ihr es noch einmal mit uns zu thun!“

„Schurke! Willst du dich heut noch lächerlicher als gestern machen, wo du dich aufspieltest, als ob wir Hunde seien, die du an der Leine nur so nach Belieben herumschleppen dürfest! Hat es dir in deinem Schädel denn nicht gedämmert, daß wir schon eine Stunde nach eurem Überfalle die Zeit und den Ort unserer Befreiung kannten? Hast du denn wirklich die lachende Ironie nicht herausgehört, mit welcher Old Shatterhand deine Frechheiten von oben herab beantwortete? Der stinkigste Hund, wie du Kolma Puschi nanntest, begegnete uns nur aus kluger Berechnung. Er wollte sich überzeugen, daß wir euch wirklich nach der Falle führten, in welcher wir euch Gimpel fangen wollten. Daß du das alles nicht bemerkt oder erraten hast, läßt dich als Ausbund der erbarmungswürdigsten Stupidität erscheinen. Und nun fällt es dir gar noch ein, uns zu drohen! Ihr armseligen Kreaturen! Die Pfeifen werden schon geschnitten, nach denen ihr bald tanzen oder singen sollt! Und da ihr jedenfalls in eurer Dummheit auch nicht wißt, was ich mit diesen Worten meine, so will ich es euch deutlicher und ohne Gleichnis sagen: Es werden Stöcke abgeschnitten, denn ihr sollt Prügel bekommen, köstliche Prügel, so lange Prügel, bis ihr aus eurer Blödsinnigkeit herausgehauen seid. So; nun wißt ihr, was geschehen soll!“

Diese lange Rede des zornbegeisterten Juristen brachte eine Wirkung hervor, welche jeder Beschreibung spottet; ich halte es überhaupt für gemütlicher, über die nächste, für die Tramps äußerst ungemütliche Stunde so schnell wie möglich hinwegzugehen. Dick Hammerdull nahm sich der Sache mit solcher Anstrengung und Hingebung an, daß er am Ende der geräuschvollen Motion wie ein angelaufenes Fenster im Schweiße stand, und auch Pitt Holbers entwickelte in der Handhabung der schmerzerweckenden „Pfeifen“ eine Virtuosität, die er sich bisher wohl selbst nicht zugetraut hatte.

Der äußere Zustand der Tramps war infolge dieser großartigen Thätigkeit der beiden „verkehrten Toasts“ ein etwas ramponierter, ihr innerer aber nur mit dem landläufigen Ausdrucke „Rache kochend“ zu bezeichnen. Wir kehrten uns nicht daran. Old Wabble war von den Stöcken verschont geblieben, was er freilich nur mir allein zu verdanken hatte. Ich wollte den alten, schon so verletzten Mann nicht auch noch schlagen lassen. Er wußte es mir aber keinen Dank, sondern räsonnierte mit den Tramps um die Wette. Thibaut hatte den scheinbar unbeteiligten Zuschauer gemacht, doch hätte ihm eine Portion Prügel auch nichts schaden können. Ich hob mir diesen Mann für später auf. Er mußte mir ganz sicher kommen.

Als wir nun an den Aufbruch dachten, bat mich Apanatschka, die Squaw doch heute mitzunehmen, da wir nicht mehr gefangen seien und nur von Tibo taka eine Einrede zu erwarten hätten. Es gelang mir nur schwer, ihn von diesem Wunsche abzubringen; die Frau konnte uns nur hinderlich sein, und da wir die Reiseroute ihres Mannes besaßen, hatten wir die Gewißheit, ihr bald wieder zu begegnen.

Wir befanden uns vollständig wieder im Besitze unsers Eigentums. Keinem fehlte der geringste Gegenstand. Der Gerechtigkeit war, soweit die Umstände es gestatteten, Genüge geschehen, und so schieden wir befriedigt von dem Spring, der uns in ganz anderer Weise hatte kommen sehen. Weniger befriedigt waren die, welche wir da zurückließen. Wir ließen sie in ihren Fesseln liegen; sie mochten sich ihrer nach unserer Entfernung entledigen, wie sie konnten. Herzlich waren die Wünsche keineswegs, welche sie uns hören ließen. Old Wabble drohte mir trotz seines gebrochenen Armes noch zu allerletzt mit Rache und dem Tode. Wenn es mir nicht schon vorher bewußt gewesen wäre, hätte ich jetzt einsehen müssen, daß jede menschliche Regung für ihn Verschwendung sei. Er war so hart gesotten, daß er unmöglich, wenn auch nur für einen einzigen Augenblick, wieder weich werden konnte. Ich hätte nie geglaubt, daß es einen solchen Menschen geben könne!

Ehe wir aufstiegen, versuchte Apanatschka, von der Frau, welche draußen bei den Pferden stand, ein Wort des Abschiedes zu erlangen, doch vergeblich. Sie kannte ihn nicht und wich vor ihm zurück, als ob er ein ihr feindliches Wesen sei. Erst dann, als wir uns in Bewegung setzten, schien sie aufmerksam zu werden. Sie kam uns eine ganze Strecke nachgelaufen, nahm den grünen Zweig vom Kopfe und rief, ihn fortwährend schwenkend:

„Das ist mein Myrtle-wreath; das ist mein Myrtle-wreath!“ – – –

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Schahko Matto

Schahko Matto

Wie oft sind mir von den Gefährten meiner Erlebnisse und später von den Lesern meiner Bücher Vorwürfe darüber gemacht worden, daß ich schlechte Menschen, welche uns nichts als Feindschaft erwiesen und nichts als Schaden bereiteten, dann, wenn sie in unsere Hände gerieten und wir uns also rächen konnten, zu mild und nachsichtig behandelt habe! Ich bin objektiv genug gewesen, diese Vorwürfe in jedem einzelnen Falle auch von der Seite aus zu betrachten, von welcher aus sie berechtigt zu sein schienen, habe aber stets gefunden und finde auch heute noch, daß mein Verhalten das richtige gewesen ist. Es ist ein großer Unterschied zwischen Rache und Strafe. Ein rachsüchtiger Mensch ist kein guter Mensch; er handelt nicht nur unedel, sondern verwerflich; er greift, ohne irgend ein Recht dazu zu besitzen, der göttlichen und der menschlichen Gerechtigkeit vor und läßt dadurch, daß er seinem Egoismus, seiner Leidenschaft die Zügel überwirft, nur merken, wie verächtlich schwach er ist. Ganz anders steht es um die Strafe. Sie ist eine ebenso natürliche wie unausbleibliche Folge jeder That, die von den Gesetzen und von der Stimme des Gewissens verurteilt wird. Nur darf nicht jedermann, auch nicht einmal derjenige, an dem sie begangen wurde, denken, daß er zum Richter berufen sei. Sie kann in dem einen Falle unerlaubt sein, in dem andern leicht den Charakter eines ebenso verwerflichen Racheaktes annehmen. Welcher Mensch ist so rein, so frei von Schuld und sittlich so erhaben, daß er sich, ohne von der Staatsgewalt dazu berufen zu sein, zum Richter über die Thaten seines Nächsten aufwerfen darf?

Dazu kommt, daß man sich wohl hüten soll, denjenigen, der einen Fehler, eine Sünde, ein Verbrechen begeht, für den allein Schuldigen zu halten. Man forsche nach der Vorgeschichte jeder solchen That! Sind nur körperliche und geistige Mängel angeboren? Können nicht auch sittliche es sein? Sodann bedenke man wohl, welche Macht in der Erziehung liegt! Ich meine da die Erziehung im weiteren Sinne, nicht bloß die Einwirkung der Eltern, Lehrer und Verwandten. Es sind die tausend und abertausend Verhältnisse des Lebens, welche oft tiefer und nachhaltiger auf den Menschen wirken als das Thun oder Lassen derjenigen Personen, welche nach landläufiger Ansicht seine Erzieher sind. Ein einziger Abend im Theater, das Lesen eines einzigen schlechten Buches, die Betrachtung eines einzigen unsittlichen Bildes kann alle Früchte einer guten, elterlichen Erziehung in Fäulnis übergehen lassen. Welche Menge, ja Masse von Sünden hat die millionenköpfige Hydra, welche wir Gesellschaft nennen, auf dem Gewissen! Und gerade diese Gesellschaft ist es, welche mit wahrer Wonne zu Gerichte sitzt, wenn der Krebs, an dem sie leidet, an einem einzelnen ihrer Glieder zum Ausbruche kommt! Mit welch‘ frommem Augenaufschlage, mit welchem abweisenden Nasenrümpfen, mit welcher Angst vor fernerer Berührung zieht man sich da von dem armen Teufel zurück, der das Unglück hatte, daß die allgemeine Blutentmischung grad an seinem Körper zur Entzündung und zur Eiterung führte!

Wenn ich da von den Verhältnissen der „civilisierten“ Gesellschaft spreche, so muß meine Ansicht in Beziehung auf die sogenannten halb und ganz wilden Völker noch viel milder sein. Der wilde oder verwilderte Mensch, der nie einen rechten, sittlichen Maßstab für sein Thun besaß oder dem dieser Maßstab abhanden gekommen ist, kann für seine Gebrechen natürlich noch viel weniger verantwortlich gemacht werden als derjenige Sünder, welcher ins Straucheln kam und fiel, obgleich ihm alle moralischen Stützen unserer vielgerühmten Gesittung zur Verfügung standen. Ein von den Weißen abgehetzter Indianer, der zur Verteidigungswaffe greift, ist des Mitleides aber nicht der Peitsche wert. Ein wegen irgend eines Vergehens von der very moral and virtuous society für immer ausgestoßener Mensch, der nur im „wilden Westen“ Aufnahme findet und dort immer tiefer sinkt, weil es ihm da an allem Halt gebricht, steht als Westläufer zwar unter den strengen, blutigen Gesetzen der Prairie, ist aber in meinen Augen der Nachsicht und Entschuldigung bedürftig. Auch Winnetou, der stets groß- und edelmütige, versagte so einem Entarteten die Schonung nie, wenn ich ihn darum bat. Ja, es kam sogar vor, daß er sie aus eigenem Antriebe und Entschlusse übte, ohne meine Bitte erst abzuwarten.

Diese Milde hat uns zuweilen in spätere Verlegenheiten gebracht; das gebe ich wohl zu; aber die Vorteile, welche wir indirekt durch sie erreichten, wogen das reichlich wieder auf. Wäre es auch nur gewesen, um andern ein Beispiel zu geben, so hätten wir viele und erfreuliche Erfolge zu verzeichnen. Wer sich uns anschließen wollte, mußte auf die Grausamkeiten und Härten des Westens verzichten und wurde, ohne es eigentlich zu wissen und zu wollen, dann wenn nicht in Worten, so doch in Thaten ein Lehrer und Verbreiter der Humanität, welche er bei uns, sozusagen, eingeatmet hatte.

Old Wabble war auch einer jener Entarteten, dem wir mehr Nachsicht schenkten, als er an uns verdient hatte. Hieran war neben der von uns grundsätzlich und allgemein geübten Milde der erste Eindruck, den seine ungewöhnliche Persönlichkeit besonders auf mich gemacht hatte, schuld. Sein hohes Alter trug auch dazu bei, und zudem hatte ich in seiner Gegenwart stets ein ganz eigenartiges Gefühl, welches mich abhielt, ihn nach seinen Thaten und seiner so frech gezeigten Gottlosigkeit zu behandeln. Es war, als ob ich nach einem von mir unabhängigen und doch in mir wohnenden Willen handeln müsse, welcher mir verbot, mich an ihm zu vergreifen, weil er, wenn er sich nicht bekehre, für ein ganz besonderes göttliches Strafgericht aufgehoben sei. Darum hatte ich ihn auch am Morgen nach dem versuchten Morde und Pferdediebstahle auf Fenners Farm wieder freigelassen und damit, wie es schien, auch ganz nach dem Willen Winnetous gehandelt. Dick Hammerdull und Pitt Holbers waren freilich nicht damit einverstanden und Treskow als Polizist noch weniger als sie. Doch wurden mir von diesen dreien wenigstens nicht die Vorwürfe gemacht, welche ich von dem Besitzer der Farm zu hören bekam, der gar nicht begreifen konnte, daß ein Mensch, vor dessen Kugel mich nur die scharfen Augen des Apatschen errettet hatten, ohne alle Strafe von uns entlassen worden war. Eine solche Dummheit, wie er es nannte, war ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen, und er schwur, daß er die Rache in seine Hände nehmen und Old Wabble wie einen Hund niederschießen werde, wenn der Alte es wagen sollte, sich noch einmal auf der Farm sehen zu lassen. Im übrigen aber zeigte Fenner uns auch heut, wie willkommen ihm unser Besuch gewesen war; er versah uns so reichlich mit Proviant, daß wir, als wir von ihm Abschied nahmen, dies mit der Überzeugung thun konnten, daß wir wenigstens für fünf Tage zu essen hatten und also ebensolange davon befreit waren, unsere Zeit auf das Fleischmachen durch die Jagd zu verwenden. Was das zu bedeuten hat, merkt man erst dann, wenn man wegen der Nähe roter oder weißer Feinde nicht schießen darf und also entweder hungern muß oder Gefahr läuft, sich zu verraten. Der Umstand, daß wir mit Speisevorrat versehen waren, kam uns auch schon deshalb gelegen, weil wir, ohne uns aufhalten zu müssen, schnell reiten konnten, um Old Surehand einzuholen.

Eigentlich hätten wir gleich nach dem Aufbruche von der Farm nach der Spur Old Wabbles suchen müssen. Er hatte uns gezeigt, was von ihm für uns, besonders aber für mich, zu erwarten war, und wenn man einen Feind in der Nähe weiß, dem man den Kopf zum Ziele für seine Kugel bieten soll, so ist es immer vorteilhaft, zu wissen, wo man ihn zu suchen hat. Aber wir wollten Old Surehand so schnell wie möglich einholen, denn wir hatten den „General, und Toby Spencer vor uns, die mit ihren Leuten auch hinauf nach Colorado ritten, und so mußte uns der alte „König der Cowboys“ jetzt eine Person untergeordneterer Bedeutung sein.

Da der Republikan-River hinter Fenners Farm einen großen Bogen beschreibt, den wir abschneiden wollten, verließen wir seine Nähe und ritten grad in die Rolling-Prairie hinein, um ihn später wieder zu erreichen. Wir sahen da die Spuren der Cow-boys, welche während der letzten Nacht nach Old Wabble und seinen Begleitern gesucht hatten, ohne sie zu finden. Später hörten diese Fährten auf, und wir fanden bis gegen Abend keine Spur eines menschlichen Wesens mehr.

Um diese Zeit mußten wir auf das andere Ufer des Flusses hinüber, und obgleich der Republikan-River, wie alle Flüsse von Kansas, breit und seicht ist und also fast überall unschwer übersetzt werden kann, so hatte uns Winnetou doch nach einer Furth gelenkt, welche er von früher her kannte. Sie war so seicht, daß ihr Wasser in seiner ganzen Breite den Pferden nicht bis an die Leiber reichte.

Am andern Ufer angekommen, durchquerten wir den Saum des Gebüsches, welches sich am Flusse hinzog, und gelangten dann wieder auf die offene Prairie. Kaum hatten wir das Gesträuch hinter uns, so erblickten wir eine Fährte, welche sich in einer Entfernung von vielleicht fünfhundert Schritten in zu dem Flusse paralleler Richtung hinzog. Dick Hammerdull deutete mit dem Finger auf sie hin und sagte zu seinem hagern Freunde:

„Siehst du den dunkeln Strich da drüben in dem Grase, Pitt Holbers, altes Coon? Was meinst du, was das ist? Bloß ein Gedankenstrich oder eine menschliche Fährte?“

„Wenn du meinst, daß es eine Fährte ist, so habe ich nichts dagegen, lieber Dick,“ antwortete der Gefragte in seiner trockenen Weise.

„Ja, es ist eine Spur. Wir müssen hin, um zu sehen, aus welcher Richtung sie kommt und nach welcher sie führt.“

Er glaubte, daß wir derselben Ansicht seien und hinreiten würden; aber Winnetou lenkte, ohne ein Wort zu sagen, nach rechts und führte uns, ohne sich um die Spur zu kümmern, dem nahen Ufer entlang. Hammerdull konnte das nicht begreifen und wendete sich deshalb an mich:

„Warum wollt ihr denn nicht hin, Mr. Shatterhand? Wenn man im wilden Westen eine unbekannte Fährte sieht, muß man sie doch lesen; die Sicherheit gebietet das!“

„Allerdings,“ nickte ich zustimmend.

„Also! Wir müssen unbedingt erfahren, welche Richtung sie hat!“

„Von Ost nach West natürlich.“

„Wieso von Ost nach West? Das kann kein Mensch wissen, bevor er sie genau untersucht hat. Sie kann auch von West nach Ost gehen.“

„Wenn kein Mensch das wissen kann, so sind wir beide, Winnetou und ich, keine Menschen, denn wir wissen es.“

„Unmöglich, Sir!“

Pshaw! Wir haben jetzt einige Tage lang den Wind aus West gehabt, und ihr könnt euch überzeugen, daß infolgedessen alles Gras mit den Spitzen nach Osten liegt. Jeder gute Westmann weiß, daß eine Fährte mit diesem Striche nicht so deutlich ist als eine solche gegen denselben. Die Spur da drüben ist wenigstens fünfhundert Schritte entfernt; daß wir sie trotz dieser weiten Entfernung sehen, ist ein Beweis, daß sie gegen den Strich, also von Osten nach Westen geritten ist.“

All devils, ist das scharf gedacht! Darauf wäre ich nicht gekommen! Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, daß ich dich für dumm genug halte, nicht auf diesen pfiffigen Gedanken zu verfallen, so hast du recht“ nickte Holbers.

„Recht oder nicht, das bleibt sich gleich. Jedenfalls hast du die Klugheit auch nicht schockweise von den Bäumen geschüttelt; das merke dir! Aber, Mr. Shatterhand, wir müssen die Fährte dennoch untersuchen, denn es gilt, zu erfahren, von wem und von wie viel Personen sie kommt.“

„Warum deshalb fünfhundert Schritte weit aus unserer Richtung abweichen? Ihr seht doch, daß wir sehr bald mit ihr zusammentreffen werden!“

„Richtig! Auch daran habe ich nicht gedacht. Da hat man sich so viele Jahre lang für einen guten Westmann gehalten und muß nun hier am alten Republikan-River einsehen, daß man noch viel zu lernen hat! Ist das nicht wahr, Mr. Shatterhand?“

„Lobenswerte Selbsterkenntnis! Aber wer seine Fehler und Mängel erkennt, befindet sich schon auf dem Wege der Besserung; das ist ein Trost für jeden Menschen, der sich sagt, daß er noch fern vom Meister stehe.“

Wir hatten uns noch nicht weit von der Furt entfernt, so machte der Fluß einen scharfen Winkel nach Norden und gab die Prairie nach Westen frei. Ein grüner Streifen, welcher aus dieser letzteren Richtung kam und im Norden auf den Buschsaum des Republikan-River stieß, ließ einen kleinen Wasserlauf vermuten, der sich rechts, weit von uns, mit dem Flusse vereinigte. Dieser Bach wand sich in vielen Krümmungen seinem Ende zu. Der äußerste Punkt des letzten Bogens, den er schlug, war durch ein Wäldchen bezeichnet, welches, vielleicht eine englische Meile weit, uns gegenüber lag. Wir hielten an, denn die Fährte, von welcher wir gesprochen hatten, kam plötzlich von links herüber an die Ecke des Flusses, an welcher wir uns befanden. Es war die Spur eines einzelnen Reiters, welcher hier eine kurze Zeit gehalten hatte. Er war nicht abgestiegen. Die Stapfen der Vorderhufe seines Pferdes bildeten einen Halbkreis, auf dessen Mittelpunkte die Hinterhufe gestanden hatten. Daraus war zu schließen, daß der aus Osten gekommene Mann sich nach den drei andern Himmelsrichtungen umgesehen, also wohl irgend etwas gesucht hatte. Hierauf war er in schnurgeradem Galoppe nach dem vorhin erwähnten Wäldchen geritten. Folglich mußte dieses der Ort sein, den er gesucht hatte. Dieser Gedanke lenkte unsere Blicke in die angegebene Richtung. Wenn ich sage „unsere Blicke“, so meine ich Winnetou und mich, denn unsere drei Gefährten dachten nicht so scharf wie wir.

Eigentlich konnte es uns sehr gleichgültig sein, wer der Reiter gewesen war, und zunächst bot das Wäldchen auch gar keinen Grund zur besondern Aufmerksamkeit; aber die Fährte war kaum eine halbe Stunde alt, und das war für uns Grund genug, die gebotene Vor- oder vielmehr Umsicht walten zu lassen.

„Uff! Wo-uh-ke-za!“ ließ sich da der Apatsche hören, indem er den Arm hob, um mir einen ganz bestimmten Punkt des Wäldchens zu bezeichnen.

„Wo-uh-ke-za“ ist ein Dakota-Wort und bedeutet eine Lanze. Warum bediente sich Winnetou nicht des betreffenden Apatschenwortes? Ich sollte den Grund sehr bald erfahren und da wieder einmal, wie schon oft, bemerken, was für scharfe Augen er besaß. Der Richtung seines ausgestreckten Armes folgend, bemerkte ich am Rande des Wäldchens einen Baum, welcher einen seiner Äste weit vorstreckte; auf diesen Ast war senkrecht eine Lanze befestigt; das sah auch ich, obgleich weder Hammerdull noch Holbers oder Treskow sie erkennen konnten. So weit von uns entfernt, glich sie einem Bleistiftstriche am von der untergehenden Sonne rot gefärbten Himmel. Wären wir nicht durch die Fährte auf das Wäldchen aufmerksam gemacht worden, so hätte keiner von uns diese Lanze bemerkt. Sie mußte jedem entgehen, der nicht ganz nahe am Wäldchen vorüberkam. Als, Dick Hammerdull von ihr hörte, sagte er:

„Ich kann sie nicht sehen; aber wenn es wirklich so ein Spieß ist, wie ihr denkt, so weiß jedermann, daß Lanzen nicht auf Bäumen wachsen. Es muß also ein Zeichen sein!“

„Das Zeichen eines Dakota,“ nickte Winnetou.

„So ist es eine Dakota-Lanze?“ fragte der Dicke im höchsten Grade erstaunt.

„Ja; nur weiß ich noch nicht, von welchem Volke der Dakota.“

„Ob Volk oder nicht, das bleibt sich ganz egal! Es ist schon überhaupt ein staunenswertes Wunder, daß es Augen giebt, die auf eine Meile hin diese Lanze als Spieß erkennen können. Die Hauptsache ist die Frage, ob wir etwas mit ihr zu schaffen haben.“

Da diese Worte an mich gerichtet waren, so antwortete ich:

„Sie kann uns natürlich nicht gleichgültig sein. Es giebt außer den Osagen hier keine Dakota, und weil wir wissen, daß die Osagen jetzt die Kriegsbeile ausgegraben haben und diese Lanze ein Zeichen für irgend jemand bildet, so versteht es sich ganz von selbst, daß wir die Bedeutung dieses Zeichens kennen lernen müssen.“

„So reiten wir hinüber?“

„Ja.“

„So kommt!“

Er wollte seine alte Stute in Bewegung setzen; ich griff ihm aber in die Zügel und warnte:

„Wollt Ihr Eure Haut zu Markte tragen? Die Lanze hat als Zeichen sehr wahrscheinlich zu bedeuten, daß Osagen da drüben stecken und auf irgend jemand warten oder vielmehr gewartet haben, denn der Reiter, dessen Spuren wir hier sehen, ist zu ihnen hinübergeritten und scheint sich vorher nach der Lanze umgeschaut zu haben. Wenn wir ihm direkt auf seiner Fährte folgen, müssen wir gesehen werden. Hoffentlich seht Ihr das ein, Dick Hammerdull!“

„Hm! Ob ich es einsehe oder nicht, das bleibt sich gleich; aber richtig ists, was Ihr da sagt, Mr. Shatterhand. Meint Ihr denn, daß sie uns noch nicht gesehen haben?“

„Ja, das meine ich. Wir stechen von dem Gesträuch, an dem wir uns hier befinden, nicht im geringsten ab und können also noch nicht bemerkt worden sein. Dennoch müssen wir schleunigst von hier fort. Kommt also; Ihr seht, das Winnetou diese Stelle schon verlassen hat!“

Der Apatsche, wie stets ein Mann der That, hatte nicht auf unsere Rede geachtet und war, sich vorsichtigerweise nordwärts wendend, fortgeritten. Wir folgten ihm, bis wir das Wäldchen aus den Augen verloren hatten, und wendeten uns dann nach Westen, um den Bach zu erreichen. Als wir bei ihm angekommen waren, brauchten wir ihm nur aufwärts zu folgen, um im Schutze der Büsche von Norden her an das Wäldchen zu kommen. Da hielt Winnetou an, stieg vom Pferde, gab mir seine Silberbüchse aufzuheben und sagte:

„Meine Brüder werden hier warten, bis ich wiederkomme und ihnen sage, wen ich am Baume der Lanze gesehen habe!“

Er hatte also vor, als Kundschafter nach dem Wäldchen zu gehen, und kroch in das Gesträuch, um die Lösung seiner nicht leichten Aufgabe anzutreten. Er nahm dergleichen Obliegenheiten am liebsten in seine eigene Hand, und man hatte auch allen Grund, sie ihm zu überlassen, da er im Anschleichen und Kundschaften ein geradezu unerreichbarer Meister war. Wir trieben unsere Pferde, nachdem wir abgestiegen waren, in das Gebüsch bis an den Bach, wo sie trinken konnten, und setzten uns da nieder, um auf die Rückkehr des Apatschen zu warten. Seine Abwesenheit konnte, falls wirklich Osagen in dem Wäldchen waren, mehrere Stunden dauern; doch war höchstens eine halbe vergangen, als er wieder bei uns erschien und uns meldete:

„Ein Bleichgesicht sitzt unter dem Baume der Lanze und wartet auf die Rückkehr eines roten Kriegers, welcher einen halben Tag lang dort gewesen und dann fortgeritten ist, um Fleisch zu machen.“

Mir genügten diese Angaben, welche den großen Scharfsinn des Apatschen bestätigten, vollständig. Dick Hammerdull aber, dem sie nicht ausführlich genug erschienen, erkundigte sich:

„Ist der Häuptling der Apatschen mitten drin im Wäldchen gewesen?“

Winnetou nickte. Der Dicke fuhr fort:

„Er hat also keinen Indianer gesehen?“

Winnetou schüttelte den Kopf.

„Wer mag wohl der Weiße sein, welcher unter dem Baume sitzt?“

„Old Wabble,“ antwortete der Apatsche kurz.

„Donner und Doria! Was mag der alte Cowboy dort wollen?“

Winnetou zuckte die Achsel; dann fragte Hammerdull weiter:

„Was für ein Indianer ist es wohl, auf den Old Wabble wartet?“

Schahko Matto, der Kriegshäuptling der Osagen.“

„Schahko Matto? Kenne den Kerl nicht. Habe noch nie von ihm gehört. Kennt ihn der Häuptling der Apatschen?“

Winnetou nickte wieder. Er ließ sich nie gern in dieser Weise ausfragen, und ich wartete mit stillem Vergnügen auf den Zeitpunkt, an welchem seine Geduld zu Ende gehen würde. Der kleine Dicke aber setzte seine Erkundigungen neugierig fort:

„Ist der Rote ein tapferer oder feiger Kerl?“

Diese Frage war höchst überflüssig. Schahko Matto heißt „sieben Bären“; es sind da Grizzlies gemeint. Auch pflegt ein feiger Indianer nicht auf Kundschaft zu gehen. Wer sieben graue Bären erlegt hat und ohne alte Begleitung den Kriegspfad betritt, muß Mut besitzen. Darum beantwortete Winnetou diese Frage nicht, und dies war für Hammerdull Grund, sie zu wiederholen. Als er auch hierauf keine Antwort bekam, sagte er:

„Warum spricht Winnetou nicht weiter? Es ist doch höchst vorteilhaft, zu wissen, ob man es mit einem feigen oder tapfern Mann zu thun hat. Darum habe ich meine Frage zweimal ausgesprochen.“

Da wendete Winnetou, welcher bisher vor sich hingeblickt hatte, ihm sein Gesicht voll zu und entgegnete in jenem milden und doch so ungeheuer abweisenden Tone, den ich nur bei ihm gehört und gefunden habe:

„Warum hat mein Bruder Old Shatterhand mich nicht gefragt? Warum ist er still gewesen? Man soll erst denken und dann sprechen, denn es ist eine Verschwendung der Zeit, sich nach Dingen zu erkundigen, die man sich so leicht denken kann. Zum Denken gehört nur ein Mann, zum Sprechen aber sind wenigstens zwei nötig. Warum sollen sich zwei mit Sprechen befassen, wenn einer dieselbe Sache durch Nachdenken erledigen kann? Mein weißer Bruder Hammerdull muß sehr viel Gehirn besitzen und ein guter Denker sein; wenigstens ist er dick genug dazu!“

Ich sah, daß der Zurechtgewiesene zunächst zornig auffahren wollte; aber die Hochachtung, welche er Winnetou widmete, veranlaßte ihn, sich zu beherrschen, und so antwortete er in ruhigem Tone:

„Ob dick genug oder nicht, das bleibt sich nicht nur gleich, sondern das ist sogar ganz und gar egal; nur muß ich so frei sein, zu bemerken, daß ich nicht mit dem Bauche denken kann, weil das Gehirn bekanntlich nicht im Leibe, sondern im Kopfe zu suchen ist. Habe ich da nicht recht, Pitt Holbers, altes Coon? Sag mir das doch!“

„Nein,“ antwortete der Gefragte in seiner kurzen Weise.

Es geschah nicht oft, daß der Dünne dem Dicken einmal unrecht gab; darum rief Dick Hammerdull sehr verwundert aus:

„Nicht? Ich habe nicht recht? Warum nicht?“

„Weil du Fragen ausgesprochen hast, welche vermuten lassen, daß du das Gehirn allerdings nicht im Kopfe, sondern in derjenigen Körpergegend hast, wo bei andern, richtig gebauten Leuten die Milz oder die Leber liegt.“

„Was? Du willst mich foppen? Höre, Pitt Holbers, altes Coon, wenn du dich auf diese schlechte Seite legst, so kann es leicht – –“

Ich unterbrach ihn durch einen Wink meiner Hand, welcher ihm Schweigen gebot, denn Winnetou hatte seine Silberbüchse genommen und den Zügel seines Pferdes ergriffen, um die Stelle zu verlassen, an welcher wir uns befanden. Er sah es gar nicht ungern, wenn Dick und Pitt sich halb scherz- und halb ernsthaft miteinander stritten; aber jetzt gab es wichtigeres zu thun. Wir nahmen auch unsere Pferde und folgten ihm hinaus an den Rand des Gebüsches. Er führte uns, ohne in den Sattel zu steigen, lang an demselben hin, bis wir in die Nähe des Wäldchens gelangt waren, dort wieder in das Gesträuch hin und sagte, seine Stimme dämpfend:

„Old Shatterhand wird mit mir gehen. Die andern weißen Brüder bleiben hier, bis ein Pfiff dreimal erschallt. Dann kommen sie nach dem Baume der Lanze geritten, wo sie uns mit zwei Gefangenen finden werden, und bringen unsere Pferde mit!“

Das war mit solcher Bestimmtheit gesagt, als ob er allwissend sei und das, was geschehen würde, ganz genau vorher bestimmen könne. Er legte seine Büchse ab, ich meine beiden Gewehre auch, und dann folgten wir, ohne das Buschwerk wieder zu verlassen, dem Bache, welcher uns, seinem Laufe aufwärts, nach dem Wäldchen führen sollte.

Die Dämmerung brach herein, und da wir uns im Dikkicht befanden, war es um uns dunkler als draußen auf der Prairie; dennoch braucht eigentlich gar nicht gesagt zu werden, daß unser Vordringen ohne das geringste Geräusch vor sich ging. Wir erreichten die Stelle, wo die Ufer des Baches sich nach rechts wendeten und wir das Wäldchen vor uns hatten, wo es kein Unterholz gab und das Anschleichen also bequemer war. Von Stamm zu Stamm schlüpfend, näherten wir uns dem Baume, auf dessen Ast wir die Lanze gesehen hatten. Da er am Rande des Gehölzes stand, wo es wieder Büsche gab, war es dort heller als bei uns unter dem dichten Wipfeldache, und so konnten wir, ohne selbst bemerkt zu werden, sehen, wer sich an dem oft erwähnten Signalbaume befand.

Dort gab es einen alten, verlassenen Kaninchenbau, welcher einen kleinen, aber doch über meterhohen Hügel bildete, an welchem der einstige „König der Cowboys“ saß. Sein Pferd weidete draußen auf der Prairie, ein Beweis, daß Old Wabble sich hier an diesem Orte sicher fühlte, denn wäre dies nicht der Fall gewesen, so hätte er sein Tier innen im Gehölz versteckt, wo wir ein zweites Pferd erblickten, welches mit den Zügeln an einem Baume angebunden war. Es war indianisch aufgezäumt und, so viel wir bei der zunehmenden Dunkelheit sehen konnten, ein vorzüglich gebauter dunkelbrauner Hengst. Zwischen Haut und Sattel lag – eine Seltenheit für ein Indianerpferd – eine dunkle Lederdecke mit ausgeschnittenen Figuren, welche, durch untergelegtes weißes Leder hervorgehoben, sieben Bären darstellten. Das war der Grund, daß Winnetou mit solcher Bestimmtheit hatte sagen können, daß Old Wabble auf Schahko Matto warte, denn nur diesem, dessen Namen „sieben Bären“ bedeutete, konnte der Hengst gehören.

Die gegenwärtigen Umstände machten es zweifellos, daß der Häuptling nur fortgegangen war, um irgend ein Wild zu beschleichen; der Proviant war ihm ausgegangen. Daß er das wertvolle Pferd zurückgelassen hatte, deutete darauf, daß auch er diese Gegend und das Wäldchen für vollständig sicher hielt. Bei Winnetou und mir aber wäre eine solche Sorglosigkeit vollständig unmöglich gewesen. Daß Old Wabble hierher gekommen war und nun so ruhig auf ihn wartete, ließ auf ein ganz besonderes Einvernehmen zwischen beiden schließen, und welcher Art dasselbe war, das läßt sich leicht erraten. Old Wabble hatte in früheren Zeiten den Beinamen „Indianerschinder“ getragen und war als solcher von allen Roten gehaßt und gefürchtet worden; der Häuptling eines roten Stammes konnte trotz dieses Hasses nur dann mit ihm in Verbindung treten, wenn er große Vorteile davon erwartete, und da die Osagen sich jetzt auf dem Kriegsfuße befanden, so konnte es sich nur um irgend eine Teufelei handeln, welche sehr wahrscheinlich gegen Weiße gerichtet war. Es verstand sich dabei ganz von selbst, daß dies nicht das erste Zusammentreffen in dieser Angelegenheit zwischen Schahko Matto und dem Alten war, und ich hielt es für sehr wahrscheinlich, daß Old Wabble sich von den Osagen als Spion benutzen ließ. So eine Infamie war ihm schon zuzutrauen.

Wenn Winnetou mit solcher Bestimmtheit vorhergesagt hatte, daß unsere Gefährten zwei Gefangene bei uns finden würden, so war er überzeugt gewesen, daß der Osage uns nicht lange auf seine Rückkehr warten lassen werde. Dies war auch meine Ansicht, weil von der Erlegung eines Wildes nach eingebrochener Dunkelheit nicht mehr die Rede sein konnte. Als ob er die Richtigkeit dieser Ansicht zu beweisen habe, sahen wir, zwischen den Stämmen hindurch und hinaus auf die Prairie blickend, beim letzten Dämmerlichte einen Indianer, welcher so sorglos und grad auf das Wäldchen zugeschritten kam, daß er ganz gewiß nicht den Gedanken hegte, es könne sich ein ihm feindliches Wesen hier befinden.

Je mehr er sich in dem eigentümlichen Gange, welcher eine Folge der dünnen, absatzlosen Mokassins ist, uns näherte, desto deutlicher konnten wir ihn erkennen. Er war nicht groß, aber ungemein breit gebaut und machte trotz der ungewöhnlichen Krümmung seiner Beine und seines Alters – er mochte über fünfzig zählen – den Eindruck eines körperlich außerordentlich kräftigen Menschen. In der einen Hand trug er das Gewehr, in der andern ein erlegtes Prairiehuhn. Als er das Wäldchen fast erreicht hatte, mußte er trotz des jetzt herrschenden Dreivierteldunkels die Fährte des Alten sehen. Er blieb stehen und rief, gegen das Gehölz gerichtet, in leidlich gutem Englisch:

„Wer ist der Mann, der diese Spur machte und sich jetzt unter den Bäumen befindet?“

Winnetou legte mir die Hand auf den Arm, ihn leise drükkend, ein Ersatz des mitleidigen Lächelns, welches ich nicht sehen konnte, ihm abgelockt durch das unbegreiflich thörichte Verhalten des Osagen, dessen Frage vollständig überflüssig war. Entweder befand sich sein Verbündeter im Wäldchen, welches er in diesem Falle getrost betreten konnte, oder es war ein Feind darin versteckt, vor dessen Anschlägen ihn die Frage unmöglich schützen konnte. Was er erwartet hatte, das geschah: der alte Cowboy antwortete mit lauter Stimme:

„Ich, Old Wabble, bin es; komm herein!“

„Sind noch andere Bleichgesichter bei dir?“

„Nein. Du mußt doch an meiner Spur sehen, daß ich allein gekommen bin!“

Das war nicht richtig. Er konnte auch Gefährten haben, die sich vorher von ihm getrennt und dann von einer entfernten Stelle aus, gerad so wie wir, nach dem Gehölz begeben hatten. Wir wußten, daß Old Wabble sich nicht allein am Republikan-River befand. Wo waren jetzt seine Begleiter? Durften sie von seiner Zusammenkunft mit dem Osagen nichts wissen, oder hatte er sie aus einem andern vielleicht uns betreffenden Grund zurückgelassen? Ich hoffte, das zu erfahren.

Schahko Matto kam herein, ging mit tastenden Schritten zu ihm hin, setzte sich bei ihm nieder und fragte:

„Wann ist Old Wabble hier angekommen?“

„Vor fast zwei Stunden,“ antwortete der Alte.

„Hat er das Zeichen, welches wir verabredeten, sofort bemerkt?“

„Nicht gleich. Ich sah mich drüben an der Flußecke um und dachte, daß das Wäldchen hier ein guter Versteck sein müsse. Darum ritt ich her und sah, als ich näher gekommen war, dann auch die Lanze stecken. Du hast diesen Ort sehr gut gewählt.“

„Wir sind hier sicher, denn ich weiß, daß sich außer mir und dir kein Mensch im weiten Umkreis befindet. Ich bin schon seit gestern hier. Das war der Tag, an dem du kommen wolltest. Weil ich bis heut auf dich warten mußte, ist mein Fleisch zu Ende gegangen, und ich war gezwungen, fortzugehen, um diesen Vogel zu schießen.“

Das klang wie ein Vorwurf. Old Wabble antwortete:

„Der Häuptling der Osagen wird mir nicht zürnen, daß er warten mußte. Ich werde ihm dann sagen, weshalb ich später gekommen bin, und hege die Überzeugung, daß diese Nachricht ihm große Freude bereiten wird; th’is clear.“

„Ist Old Wabble auf Fenners Farm gewesen?“

„Ja. Wir kamen gestern kurz vor Mittag dort an. Der Besuch der andern drei Farmen, die ihr auch überfallen wollt, hat uns länger aufgehalten, als wir dachten. Du hättest trotzdem nur bis heute nacht auf uns zu warten gehabt. Daran, daß ich nun erst vorhin kommen konnte, trägt ein großer und sehr wichtiger Fang die Schuld, welchen du machen kannst, wenn du auf die Vorschläge eingehst, welche ich dir machen werden.“

„Was für einen Fang meint Old Wabble?“

„Davon später. Zunächst will ich dir berichten, wie ich die vier Farmen, auf welche ihr es abgesehen habt, gefunden habe.“

Wir hatten uns leise bis an die andere Seite des Kaninchenbaues vorgeschoben und hörten jedes Wort, zumal die beiden unvorsichtigen Männer gar nicht auf den Gedanken kamen, leise zu sprechen. Aus dem, was wir belauschten, bekam ich zunächst die Gewißheit, daß ich recht gehabt hatte, als ich annahm, daß Old Wabble den Spion der Osagen mache. Es handelte sich um den Überfall und die Beraubung von vier großen Farmen, Fenners Besitztum eingerechnet. Es war die alte leider immer wiederkehrende Geschichte: Die Osagen waren von den Weißen in Beziehung auf die ihnen zukommenden Lieferungen betrogen worden und hatten, um sich einigermaßen zu entschädigen und das nötige Fleisch zu haben, die Rinder einer Farm weggetrieben. Man hatte sie verfolgt und eine Anzahl ihrer Krieger getötet. Nach ihren Anschauungen forderte das ihre Rache heraus, und so wurde am Beratungsfeuer der Kampf gegen die Bleichgesichter beschlossen. Zunächst sollten die vier größten Farmen am Republikan-River überfallen werden. Da auf diesen aber eine ansehnliche Zahl von Cowboys bedienstet waren und die Roten diese halbwilden und verwegenen Kerls mehr als alle andern Gegner fürchten, mußten Kundschafter ausgesandt werden, die zu erfahren suchen sollten, mit wieviel Cowboys ungefähr man es zu thun haben werde. Die Klugheit verbot, Indianern, wenigstens Kriegern des eigenen Stammes, diese Aufgabe zu erteilen. Schon richtete Schahko Matto sein Augenmerk auf einige Mischlinge, von denen er wußte, daß sie in Beziehung auf den Unterschied zwischen gut und böse gar nicht wählerisch seien, wenn sie nur ihren Vorteil dabei fänden, da führte der Zufall ihm Old Wabble und seine Begleiter zu. Er schien mit ihm schon früher einmal in einer ähnlichen Verbindung gestanden zu haben; das Gespräch brachte zwar nichts Bestimmtes darüber, doch mußte es so sein, denn sonst hätte der Osage dem Alten einen solchen Vorschlag, auf den sofort eingegangen wurde, nicht gemacht. Das Übereinkommen lautete sehr einfach dahin, daß die Osagen die Skalpe, Waffen und Herden der Überfallenen bekommen sollten, während Old Wabble für sich und seine Leute alles übrige in Anspruch nahm. Natürlich war es seinerseits nur auf Geld und sonstige Gegenstände abgesehen, welche leicht verkauft werden konnten. Wer von beiden, Schahko Matto oder Old Wabble, der eigentliche Halunke war, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden. Wir bemerkten, daß der Häuptling den „König der Cowboys“ nicht ein einziges Mal „mein weißer Bruder“, sondern stets nur bei seinem Namen nannte, ein Beweis, daß derartige Subjekte bei den Indsmen auch nicht mehr Achtung besitzen als bei den civilisierten Bleichgesichtern.

Als Old Wabble seinen Spionenritt begann, waren die Osagen noch nicht mit ihrer „Mobilmachung“ zu Ende, und da die Erkundung der Verteidigungsverhältnisse der vier Farmen von größter Wichtigkeit für das Gelingen war, so hatte sich der Häuptling selbst und allein aufgemacht, um den Bericht des Alten an der Biegung des Republikan-River entgegenzunehmen. Die Lanze sollte die Stelle bezeichnen, an welcher Schahko Matto zu treffen sei.

Nun hatten sie sich hier im Wäldchen zusammengefunden, und Old Wabble erstattete seinen Bericht dahin, daß die Farmen mit nur geringem Verluste an roten Kriegern wegzunehmen seien. Er machte Vorschläge, welche ich übergehen kann, weil infolge unsers heutigen Einschreitens die geplanten Überfälle aufgegeben werden mußten. Der Häuptling ging teilweise auf dieselben ein und kam dann auf den „wichtigen Fang“ zurück, den Old Wabble ihm beim Beginne des Gespräches in Aussicht gestellt hatte. Der alte Cowboy antwortete in seiner schlauen, wohlberechnenden Weise:

„Der Häuptling der Osagen muß mir einige Fragen beantworten, ehe ich ihm sagen kann, um was es sich handelt. Kennst du den Apatschenhäuptling Winnetou?“

„Diesen Hund? Ich kenne ihn.“

„Du nennst ihn einen Hund. Hat er sich dir gegenüber etwa einmal feindlich gezeigt?“

„Mehr als einmal! Wir hatten vor drei Sommern die Kriegsbeile gegen die Cheyennes ausgegraben und in mehreren Kämpfen schon viele ihrer Krieger getötet; da kam der Apatsche und stellte sich neben ihrem Häuptling an ihre Spitze. Er ist feig wie ein Coyote, aber schlau wie tausend alte Weiber. Er that, als ob er mit uns kämpfen wolle, zog sich aber zurück und war, als wir ihm folgten, plötzlich jenseits des Arkansas verschwunden. Während wir ihn und die entflohenen Kröten der Cheyennes dort suchten, ritt er mit größter Eile zu unsern Wigwams, nahm unsere Herden weg und alles, was daheim geblieben war, gefangen. Als wir dann ankamen, hatte er aus unsern Lagerplätzen Festungen gemacht, in denen unsere zurückgebliebenen Krieger, Greise, Frauen und Kinder steckten und in denen er mit den Cheyennes stand, uns zu einem Frieden zu zwingen, der ihm keinen Tropfen Blutes, uns aber allen Ruhm unserer Tapferkeit gekostet hat. Wolle doch der große Geist es geben, daß dieser räudige Pimo einmal in meine Hände gerät!“

Die Kriegsthat, von welcher der Häuptling jetzt erzählte, war ein wahres Meisterstück meines Winnetou gewesen. Ich hatte mich zu jener Zeit leider nicht bei ihm befunden, kannte aber aus seinem Munde alle Einzelheiten dieses hochinteressanten Schachzuges, durch welchen er die uns befreundeten Cheyennes nicht nur vom gewissen Untergange errettet, sondern sie, obgleich sie viel schwächer als ihre Feinde gewesen waren, zum vollständigen Siege über dieselben geführt hatte, und zwar ohne daß ein einziger Tropfen Blutes dabei vergossen worden war. Der Grimm, welchen Schahko Matto gegen ihn hegte, war wohl zu begreifen.

„Warum habt ihr euch noch nicht an ihm gerächt?“ fragte Old Wabble. „Es ist doch so leicht, ihn zu ergreifen? Er befindet sich nur selten in den Wigwams seiner Apatschen, sondern wird vom bösen Geiste immer fortgetrieben, über die Savannen und Gebirge. Er liebt es nicht, Begleiter bei sich zu haben; also braucht man da bloß zuzugreifen, wenn man ihn haben will.“

„Du redest, ohne über deine Worte nachgedacht zu haben. Eben weil er sich unablässig unterwegs befindet, kann man ihn nicht fassen. Das Gerücht hat uns schon oft den Ort bezeichnet, an welchem er gesehen worden war; aber wenn wir dann hinkamen, war er stets schon wieder fort. Er gleicht dem Ringer, den man nicht fassen und nicht halten kann, weil er seinen Körper eingefettet hat. Und wenn man einmal glaubt, ihn ganz sicher zu haben, so befindet sich das Bleichgesicht, welches Old Shatterhand genannt wird, an seiner Seite. Dieser Weiße ist der größte Zauberer, den es giebt, und wenn er und der Apatsche bei einander sind, so besitzen hundert Osagen nicht Macht genug, sie anzugreifen oder gar sie festzunehmen.“

„Ich werde dir beweisen, daß dies ein Irrtum von dir ist. Du betrachtest diesen Old Shatterhand auch als euern Feind?“

„Uff! Wir hassen ihn noch viel, viel mehr als Winnetou. Der Häuptling der Apatschen ist doch wenigstens ein roter Krieger, der mit uns zur großen Nation der Indsmen gehört; Old Shatterhand aber ist ein Weißer, den wir schon deshalb hassen müssen. Er hat schon zweimal den Utahs gegen uns beigestanden; er ist der grimmigste Feind der Ogellallah, welche unsere Freunde und Brüder sind. Er hat mehrere unserer Krieger, als sie ihn festnehmen wollten, lahm geschossen, sodaß sie nun wie alte Weiber sind. Das ist schlimmer, als wenn er sie getötet hätte. Dieser Hund sagt nämlich, daß er seinen Feinden nur dann das Leben nehme, wenn er von ihnen dazu gezwungen werde; er giebt ihnen die Kugeln seines Zaubergewehres entweder in die Knie oder in die Hüfte und nimmt ihnen also für ihr ganzes Leben die Fähigkeit, zu den Männern, zu den Kriegern gerechnet zu werden. Das ist entsetzlicher als der langsamste Martertod. Wehe ihm, wenn er einmal in unsere Hände geraten sollte! Aber das wird wohl nie geschehen, denn er und Winnetou gleichen den großen Vögeln, die hoch über dem Meere schweben: sie kommen nie herunter, daß man sie fangen kann.“

„Du irrst abermals. Sie kommen sehr oft herunter; ich weiß sogar, daß sie grad jetzt wieder unten und leicht zu fassen sind.“

„Uff! Ist es die Wahrheit, die du sagst?“

„Ja.“

„Hast du sie gesehen?“

„Ich habe sogar mit ihnen gesprochen.“

„Wo, wo? Sag es mir schnell!“

Er stieß diese Aufforderung sehr rasch und eifrig hervor.

Wir hörten, wie begierig er darauf war, seinen heißen Wunsch, sich unser einmal bemächtigen zu können, in Erfüllung gehen zu sehen. Old Wabble antwortete um so ruhiger und bedächtiger:

„Ich kann dir behilflich sein, Winnetou, Old Shatterhand und noch drei andere Bleichgesichter zu ergreifen, denn ich weiß, wo sie zu finden sind; aber ich kann dir dieses Geheimnis nur unter einer Bedingung mitteilen.“

„So sag, was für eine Bedingung dies ist!“

„Wir nehmen sie alle fünf gefangen; Ihr bekommt die drei andern Weißen und überlaßt mir Old Shatterhand und den Häuptling der Apatschen.“

„Wer sind die drei andern Bleichgesichter?“

„Zwei Westmänner, welche Hammerdull und Holbers heißen, und ein Polizist, der sich Treskow nennt.“

„Die kenne ich nicht. Wir sollen diese fünf Männer fangen und nur die drei bekommen, die uns so gleichgültig sind, dir aber die zwei überlassen, an denen uns so viel gelegen ist? Wie kannst du das von mir verlangen!“

„Ich muß es fordern, weil ich gegen Winnetou und Old Shatterhand eine Rache habe, die so grimmig und unerbittlich ist, daß ich, um sie auszuführen, mein Leben geben würde!“

„Wir haben nicht geringeren Zorn gegen sie!“

„Das mag sein; aber ich bin es, der sie in der Falle hat, und so gebührt mir der Vorzug, die zu nehmen, die ich will.“

Der Häuptling dachte eine kleine Weile nach und sagte dann:

„Wo befinden sie sich?“

„Ganz in der Nähe; th’is very clear.“

„Uff, uff! Wer hätte das gedacht? Aber hast du sie schon sicher? Befinden sie sich schon in der Falle, von welcher du sprichst?“

„Ich brauche nur eine Anzahl deiner Krieger, um sie festzunehmen.“

„Krieger brauchst du von mir? Geht es nicht ohne das?“

„Nein.“

„So hast du sie auch noch nicht fest. Meine Krieger sollen dir zu der Falle behilflich sein, welche du diesen Hunden stellen willst; ohne meine Leute würde dir dieser Fang entgehen. Wie darfst du da eine so hohe Forderung stellen und grad diejenigen für dich verlangen, an denen uns am meisten gelegen ist!“

„Weil ihr gar nichts bekommt, wenn du mir nicht den Willen thust.“

„Uff! Und was bekommst denn du, wenn du keine Krieger der Osagen hast? Nichts, gar nichts! Du verlangst zu viel von mir!“

Sie stritten eine Weile hin und her. Schahko Matto war zu klug, sich übertölpeln zu lassen, und da Old Wabble einsah, daß er auf seine Rache sehr wahrscheinlich ganz verzichten müsse, wenn er nichts von seiner Forderung ablasse, so zog er es vor, in Beziehung auf eine Person zurückzutreten, um der andern desto sicherer zu sein, und erklärte:

„Nun gut! Damit du siehst, daß ich dir entgegenkomme, will ich euch zu den drei Weißen noch Winnetou überlassen; aber Old Shatterhand muß ich haben, unbedingt haben! Er ist es, dessen Rechnung bei mir höher, viel höher angelaufen ist als diejenige des Apatschen, und wenn du mir seine Person verweigerst, so lasse ich lieber alle fünf entkommen. Das ist mein letztes Wort. Nun thue, was du nicht lassen kannst!“

Der Osage zeigte keine große Lust, auf diese Forderung einzugehen; er wollte auch mich gern haben, sagte sich schließlich aber doch, daß es besser sei, sich mit dem, was ihm geboten wurde, zu begnügen, als die Gelegenheit, sich an Winnetou rächen zu können, unbenutzt vorübergehen zu lassen, und stimmte also mit den Worten bei:

„Old Wabble soll seinen Willen haben und Old Shatterhand bekommen. Nun will ich aber auch endlich wissen, wo die fünf Männer sich befinden und auf welche Weise wir sie fangen können.“

Der alte Cowboy sagte, daß er uns auf Fenners Farm getroffen hatte, hütete sich aber, von der unrühmlichen Lage zu sprechen, in welche er dabei gekommen war. Als er seine Erzählung beendet hatte, fügte er hinzu:

„Du weißt nun, daß ich nicht zur rechten Zeit hier bei dir eintreffen konnte. Ich mußte alles erfahren, was diese fünf Kerls betrifft, und durfte nichts versäumen, was geschehen mußte, wenn dieser Fang uns gelingen soll. Die Cowboys auf der Farm wußten nicht, wie ich mit Winnetou und Old Shatterhand stehe. Einer von ihnen hatte in dem Gebäude erfahren, weshalb diese beiden an den Republikan-River gekommen sind, und es den andern gesagt. Ich habe sie ausgehorcht und mich dann, als es dunkel war, an das Fenster geschlichen. Fenner saß mit ihnen in der Stube. Sie erzählten verschiedene ihrer Erlebnisse. Dazwischen fiel zuweilen eine Bemerkung über die Absichten, die sie jetzt verfolgen. Sie wollen nach Colorado hinauf, wohin ihnen ein anderer Weißer, der stets auch ein unerbittlicher Feind der roten Männer war, vorangeritten ist. Sie werden, ich konnte nicht hören, wo, mit ihm zusammentreffen und dann einen Trupp von Bleichgesichtern überfallen, die – –“

„Wer ist der Weiße, von dem du sprichst?“ unterbrach ihn der Häuptling der Osagen.

„Er wird gewöhnlich Old Surehand genannt.“

„Old Surehand? Uff! Diesen Hund haben wir einmal drei Tage lang gejagt, ohne ihn erwischen zu können. Er hat uns dabei zwei Krieger und mehrere Pferde erschossen und ist seitdem nicht wieder in unser Gebiet gekommen. Er meidet diese Gegend, weil er Angst vor unserer Rache hat.“

„Da befindest du dich schon wieder im Irrtum. Er war vor einigen Tagen auf Fenners Farm, und weil er von da aus hinauf nach Colorado ist, muß er durch euer Gebiet geritten sein. Er scheint sich also nicht vor euch zu fürchten.“

„So muß er vom bösen Geiste die Gabe bekommen haben, sich unsichtbar zu machen! Dafür aber wird er, wenn er nicht über das große Gebirge geht, uns bei seiner Rückkehr in die Hände fallen. Er bleibt uns also sicher. Er muß aus Furcht vor uns nur bei Nacht geritten sein, sonst hätten wir ihn gesehen.“

„Selbst wenn dies der Fall gewesen wäre, hättet ihr am Tage seine Spur sehen müssen. Furcht kennt dieser Kerl gar nicht. Wie wenig man sich überhaupt vor euch fürchtet, das könnt ihr wieder daraus erkennen, daß Winnetou und Old Shatterhand, eure Todfeinde, hierhergekommen sind, obgleich sie wissen müssen, daß ihr die Kriegsbeile ausgegraben habt.“

„Schweig! Das thun sie nicht aus Mangel an Furcht vor uns, sondern weil der große Geist sie verblendet hat, um sie uns in die Hände zu treiben. Die Hauptsache ist, zu wissen, wo sie sich befinden und welchen Weg sie einschlagen wollen.“

„Meinst du, daß ich zu dir komme, ohne dies erfahren zu haben? Ich habe meine Maßregeln so gut getroffen, daß sie uns nicht entgehen können. Wie lange sie auf Fenners Farm geblieben sind, das weiß ich allerdings nicht, denn ich mußte leider fort; sicher aber ist, daß sie heut dort aufgebrochen sind, weil sie Old Surehand einholen wollen. Sie werden selbstverständlich dem Flusse folgen, und weil sie an das andere Ufer übergehen müssen, habe ich an den Stellen, die sich besonders dazu eignen, einen meiner Begleiter als Wächter zurückgelassen. Dies ist auch der Grund, daß ich allein hier angekommen bin. Diese Wächter haben die Weisung, den Flußübergang der fünf Halunken abzuwarten, ihnen heimlich zu folgen und dann hierherzukommen, um uns zu melden, wohin die Kerls geritten sind. Sag, ob das nicht schlau von mir gewesen ist!“

„Old Wabble hat sehr klug gehandelt!“ stimmte der Osage bei.

Wir beiden Lauscher waren da freilich anderer Meinung. Der alte „King of the cowboys“ hatte ganz im Gegenteile, indem er annahm, daß wir dem Flusse folgen würden, einen großen Pudel geschossen. Wir hatten, wie bereits erwähnt, den Bogen, welchen der Republikan-River machte, in gerader Linie abgeschnitten und waren seinen Wächtern weit vorausgekommen. Jetzt konnten sie nun auf uns warten, so lange es ihnen beliebte, und an ihrer Stelle sollte Old Wabble uns zu sehen bekommen!

„Der Häuptling der Osagen,“ fuhr er fort, „wird zugeben, daß ich alles gethan habe, was ich thun konnte. Nun ist nur noch nötig, daß deine Krieger zur Stelle sind, wenn sie gebraucht werden.“

„Ich werde sofort aufbrechen, sie zu holen,“ sagte Schahko Matto.

„Wo befinden sie sich? Sind sie weit von hier?“

„Sie haben den Befehl, sich am Wara-tu zu versammeln, welches am großen Pfade der Büffel liegt. Dieser Ort ist von den Flüssen, denen die Bleichgesichter gern folgen, so weit entfernt, daß alle meine Krieger dort zusammenkommen können, ohne von einem Weißen gesehen zu werden. Also können die Bleichgesichter, welche zwar wissen, daß wir die Beile des Krieges ausgegraben haben, nicht ahnen, von welcher Stelle aus und in welcher Richtung sie unsern Angriff zu erwarten haben.“

„Ich weiß nicht, wo das Wara-tu liegt. Wie lange mußt du reiten, um hinzukommen?“

„Mein Pferd hat sich ausgeruht und ist der beste Renner der Osagen. Ich kann lange vor Tagesanbruch dort sein und dir bis Mittag so viel Krieger bringen, wie zur Gefangennahme der vier Weißen und des Apatschen nötig sind.“

„Wie viel werden das wohl sein?“

„Zwanzig sind mehr als genug.“

„Das glaube ja nicht. Ja, wenn der verdammte Henrystutzen Old Shatterhands nicht wäre, der von euch für eine Zauberflinte gehalten wird! Ich weiß zwar, daß von einem Zauber da keine Rede ist, aber dieser Stutzen in den Händen seines Besitzers hat wenigstens ganz denselben Wert wie zwanzig oder dreißig gewöhnliche Gewehre in den Händen gewöhnlicher Westmänner. Dir kann ich es sagen, daß ich Old Shatterhand den Stutzen einmal gestohlen habe; es ist mir aber nicht gelungen, einen einzigen Schuß daraus zu thun. Die Konstruktion ist eine so geheimnisvolle, daß ich mir damals vergeblich den Kopf damit zerbrochen habe. Es war keine Feder, keine Schraube in Bewegung zu setzen.“

„Uff, uff! Du hast ihm das Gewehr gestohlen und es nicht behalten?“

„Ja. Du magst dich zwar mit Recht darüber wundern, daß ich mich zwingen ließ, es wieder herzugeben; aber es war damals grad so, als ob alle Teufel gegen mich wären; th’is clear. Ich hätte es zerschlagen und zerbrechen sollen. Ich habe diesen Gedanken auch wirklich gehabt, aber der General wollte nicht. Dieser Schuft hatte die Absicht, das Gewehr für sich zu behalten, und so gab er es nicht zu, daß ich – –“

Er hielt mitten im Satze inne; es mochte ihm einfallen, daß es besser sei, von jener für ihn so schlecht abgelaufenen Begebenheit lieber zu schweigen. Darum fragte der Häuptling:

„Old Wabble spricht von einem Generale. Warum läßt er seine Rede so plötzlich zu Ende gehen?“

„Weil nichts dabei herauskommt. Es giebt Menschen, die man am liebsten gar nicht in den Mund nimmt; aber ich hoffe, daß dieser General mir vor meinem Tode noch einmal in die Hände läuft. Dann soll er zehnmal mehr Hiebe bekommen als damals in Helmers Home, wo er die Niederträchtigkeit beging, es zu verraten, daß ich – – – Pshaw! Es wurmt mich noch heut so sehr, als ob es erst gestern geschehen wäre; aber was nützt es, so viele Worte darüber zu verlieren; wir haben jetzt anderes und nötigeres zu besprechen! Also der Häuptling der Osagen will jetzt fortreiten, um zwanzig Krieger zu holen? Die genügen nicht, es müssen wenigstens fünfzig sein; th’is clear.“

Der Häuptling hatte vorhin von bloß zwanzig gesprochen, wohl nur, um nicht den Schein der Furchtsamkeit auf sich zu laden; jetzt stimmte er schnell bei.

„Old Wabble muß wissen, was er sagt. Wenn er denkt, daß wir fünfzig Krieger haben müssen, so soll er seinen Willen haben. Ich werde fortreiten, um sie zu holen.“

„Und. ich soll hier bleiben, bis du zurückkehrst?“

„Ja.“

„Wäre es nicht besser, wenn ich mit dir ritte?“

„Nein. Du mußt hier bleiben, um deine Leute zu empfangen. Sie kennen die Stelle, an welcher du dich befindest, nicht genau; darum ist es notwendig, daß du ein großes Feuer anzündest, welches weithin leuchtet.“

„Das darf ich nicht, denn Old Shatterhand und Winnetou würden es sehen, wenn sie kämen. Besser ist es, daß – –“

Er konnte nicht weitersprechen, denn er wurde in diesem Augenblicke von Winnetou mit beiden Händen am Halse gepackt. Schahko Matto war nämlich aufgestanden und zu seinem Pferde getreten, um es loszubinden; darum war die Zeit zum Handeln für uns gekommen. Während der Apatsche Old Wabble auf sich nahm, huschte ich hinter dem Häuptling her, richtete mich in seinem Rücken auf, nahm ihn mit der linken Hand beim Genick und versetzte ihm mit der rechten Hand den bekannten Jagdhieb, so daß er zusammenknickte und zu Boden fiel. Ich trug ihn nach der Stelle, wo er gesessen hatte und wo Winnetou eben mit Old Wabble fertig geworden war. Es dauerte nicht zwei Minuten, so waren sie gefesselt, und Winnetou ließ drei scharfe Pfiffe als das verabredete Zeichen hören. In kurzer Zeit kamen unsere drei Kameraden mit unsern Pferden und Gewehren; die beiden Gefangenen, welche sich noch im Zustande der Betäubung befanden, wurden quer über ihre Tiere gelegt und dort wie Säcke festgebunden. Dann verließen wir das Wäldchen, wo wir wegen der Begleiter Old Wabbles nicht bleiben durften. Wenn diese oder auch nur einer von ihnen sich zum „Baum der Lanze“ fand, ohne daß wir es bemerkten, so konnten oder vielmehr mußten wir in die größte Gefahr geraten. Darum ritten wir zunächst einige Zeit am Bache aufwärts, überschritten ihn dann und hielten grad in die Prairie hinein, bis wir eine kleine isolierte Buschinsel erreichten, wo wir Halt machten. Der Boden war hier feucht und von den Büffeln ziemlich tief ausgewälzt, sodaß wir es wagen konnten, zwischen den Sträuchern auf dem Grunde der Vertiefung ein kleines Feuer anzubrennen, dessen Schein nicht hinaus auf die Prairie drang.

Als wir die beiden Gefangenen von den Pferden gebunden hatten und neben dem Feuer niederlegten, war die Betäubung längst von ihnen gewichen. Sie hatten unterwegs geschwiegen; als sie jetzt unsere Gesichter sahen, sagte zwar der Häuptling auch jetzt kein Wort, aber Old Wabble rief erschrocken aus, indem er, allerdings vergeblich, an seinen Fesseln zerrte:

„Donnerwetter, das sind die frommen Hirten wieder, die dieses Mal nicht ein, sondern zwei Lämmlein auf die Weide führen! Was fällt euch denn ein, mich wieder festzunehmen! Haben euch die feurigen Kohlen doch gereut, die ihr euch einbildet, mir aufs alte, graue Haupt gelegt zu haben?“

Winnetou war zu stolz, eine Antwort zu geben; ich folgte seinem Beispiele. Aber Dick Hammerdull wußte, was der Alte gegen uns geplant hatte, denn ich hatte zu ihm und den beiden anderen unterwegs davon gesprochen; er war voller Zorn auf Old Wabble, hielt es für feig, die höhnenden Worte desselben ruhig hinzunehmen, und antwortete deshalb:

„Laßt es euch doch nicht einfallen, euch Schäflein zu nennen! Ihr seid ärger als die schlimmsten Raubtiere, die nur töten, weil sie leben müssen! Da ein Feuer brennt, habe ich große Lust, Euch wirkliche glühende Kohlen auf Eure alte Perücke zu legen. Ihr braucht gar nicht viele Worte zu machen, so thue ich es; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Das würde der fromme Shatterhand nicht dulden!“ lachte der Cowboy.

„Ob er es duldet oder nicht, das ist ganz egal. Wenn gestern Euer Maß noch nicht voll war, so ist es heut am Überlaufen, und wenn Ihr meint, Eure Lage durch Frechheit verbessern zu können, so befindet Ihr Euch in einem Irrtum, den ich Euch sofort beweisen werde, wenn Ihr noch ein Wort sagt, welches mir nicht paßt!“

„Wirklich? So laßt Euch wenigstens fragen, mit welchem Rechte Ihr uns als Gefangene betrachtet und behandelt!“

„Fragt nicht so dumm, alter Sünder! Old Shatterhand und Winnetou haben im Wäldchen hinter Euch gelegen und jedes Eurer Worte gehört. Wir wissen also ganz genau, was Ihr mit uns vorhattet, und denken, daß wir allen Grund haben, Euch unschädlich zu machen!“

Diese Mitteilung ließ den Mut des alten Wabble sinken. Wenn wir wußten, daß man uns hatte gefangennehmen wollen, um uns zu töten, so reichte selbst seine Frechheit nicht aus, der Angst vor unserer Rache die Wage zu halten. Zwar hatte ich ihm seinen Mordanschlag auf mich verziehen, und es war ja immerhin möglich, daß ich, falls es sich nur um mich selbst handelte, mich noch einmal zur Verzeihung geneigt zeigte; aber der heutige Plan war gegen uns alle gerichtet gewesen, und so sah der Cowboy gar wohl ein, daß es unmöglich war, ferner durch Hohn etwas zu erreichen. Er sprach also nicht weiter, und so mußte auch Dick Hammerdull schweigen.

Nun geschah etwas, was mir abermals bewies, wie geistesverwandt mir der Häuptling der Apatschen war und mit welcher wunderbaren Übereinstimmung sich unsere Gedanken zu begegnen pflegten. Gleich als wir das Wäldchen verließen, hatte ich an Fenner und an die andern Farmen gedacht, welche überfallen werden sollten. Die Besitzer waren ahnungslos; sie mußten gewarnt werden. Zwar war der Häuptling der Osagen in unsere Hände geraten, und wir konnten erwarten, daß dadurch die Ausführung seiner räuberischen Pläne einen Aufschub erleiden werde; aber wir waren so wenig Herren der gegenwärtigen Verhältnisse und auch unserer Zeit, daß allstündlich ein unvorhergesehenes Ereignis eintreten konnte, durch welches der Vorteil, den wir errungen hatten, uns wieder entrissen wurde. Der geplante Überfall war jetzt aufgeschoben, keineswegs aber ganz aufgehoben, und so mußte wenigstens Fenner, der die Warnung dann weiterschicken konnte, benachrichtigt werden. Aber durch wen? Durch Treskow keinesfalls. Hammerdull und Holbers waren zwar Westmänner, aber etwas so Wichtiges mochte ich doch keinem von ihnen anvertrauen; es handelte sich nicht nur um den glücklichen Hin-, sondern auch um den vielleicht noch schwierigern Wiederherritt. Also blieb nur Winnetou oder ich. Mir war es lieber, wenn der Apatsche die Botschaft Übernahm, denn er paßte weniger als ich zu den drei Gefährten, mit denen ohne meine Vermittelung zusammen zu sein er gezwungen gewesen wäre, wenn ich den Ritt nach Fenners Farm unternommen hätte. Ich sah, daß er das Pferd Schahko Mattos mit scharfen Kennerblicken nicht nur betrachtete, sondern, sozusagen, abwog und taxierte. Nun stand er auf, ging zu dem Tiere hin, griff in die Satteltaschen, warf alles heraus, was sie enthielten, steckte mehrere Stücke Fleisch hinein, warf seine Silberbüchse über und wendete sich dann mit der Frage an mich:

„Was sagt mein Bruder zu diesem Osagenhengste?“

„Seine Lunge ist gesund,“ antwortete ich; „seine Sehnen dauern aus, und seine Beine gleichen den Läufen der Antilope. Der Rappe meines roten Bruders mag sich für den Ritt nach Colorado Kräfte sammeln; ich werde ihn unter meine besondere Aufsicht nehmen, und so mag Winnetou diesen Dunkelbraunen besteigen, der ihn schnell hin- und wiederbringen wird.“

„Uff! Mein Bruder Shatterhand weiß, wohin ich will?“

„Ja. Wir werden hier liegen bleiben und warten. Du kommst morgen wieder, ehe die Sonne untergeht.“

„Howgh! Meine Brüder leben wohl!“

Er schwang sich in den Sattel und ritt von dannen. Er wußte, daß er mir nichts weiter zu sagen brauchte, am allerwenigsten aber Verhaltungsmaßregeln zu erteilen hatte. Anders freilich stand es mit meinen drei Kameraden, welche mich, kaum daß er den Rücken gewendet hatte, nach dem Zwecke und dem Ziele seines nächtlichen Rittes fragten. Ich teilte ihnen das Nötige leise mit, denn die Gefangenen brauchten nicht zu erfahren, daß die Besitzer der bedrohten Farmen gewarnt werden sollten. Hierauf aßen wir, und dann verteilte ich die Wachen, und zwar so, daß ich bis nach Mitternacht schlafen konnte. Die Zeit zwischen da und dem Morgen ist im Prairieleben stets die kritische; da wollte ich munter sein, weil ich mir mehr traute als den Kameraden.

Nachdem ich meinen drei Genossen die größte Aufmerksamkeit in Beziehung auf die Gefangenen und auf das Feuer eingeschärft hatte, legte ich mich nieder und schlief augenblicklich ein. Es gab ja keine Sorge, welche mir den Schlaf hätte verscheuchen können, Ich schlief so lange, bis mich Dick Hammerdull weckte, welcher die dritte Wache hatte. Ich fand alles in Ordnung und stieg, während mein Vormann sich niederlegte, aus der Vertiefung heraus, um außerhalb der Büsche auf und ab zu schreiten. Dabei überlegte ich mir, was mit den beiden Gefangenen zu geschehen habe.

An das Leben wollte ich ihnen nicht, obgleich wir durch die Gesetze der Savanne vollberechtigt waren, sie dadurch, daß wir sie töteten, für uns und andere unschädlich zu machen. Aber durfte ihr Mordanschlag ganz ohne Ahndung bleiben? Und wenn nicht, welche Strafe sollten wir für sie wählen? Es kam mir der Gedanke, sie soweit mit uns hinauf nach Colorado zu nehmen, daß inzwischen die geeignete Zeit zum Überfalle der Farmen verstreichen mußte; aber es gab gewichtige Bedenken dagegen. Die Gegenwart zweier gefesselter Menschen mußte uns sehr aufhalten und in vielen Beziehungen unbequem werden, ganz abgesehen davon, daß wir sie grad dahin schleppten, wohin sich ihre Rachsucht dann richten mußte. Am besten war es, ich ließ diese Gedanken für einstweilen fallen und wartete, was Winnetou für eine Meinung äußern werde.

Den Ort, wo sich die Osagen jetzt befanden, kannte ich ganz genau; ich war mit Winnetou schon wiederholt dort gewesen. Die im Herbst nach Süden und im Frühjahre wieder nach Norden ziehenden Büffelherden pflegten immer genau dieselben Wege einzuhalten, Wege, welche stellenweise tief ausgetreten wurden und während des ganzen Jahres kenntlich blieben. An einem solchen Büffelpfade lag das Wara-tu, zu deutsch „Regenwasser“. Es war eine Stelle, ähnlich derjenigen, an welcher wir uns jetzt befanden, nur daß sie weit mehr Gebüsch und Graswuchs hatte und viel tiefer lag, so daß sich das Regenwasser sammeln konnte, ohne selbst in der heißen Jahreszeit ganz zu verdunsten. Winnetou hatte uns absichtlich nach dem Orte geführt, an welchem wir lagerten, denn dieser lag genau in der Richtung, welche von dem Wäldchen, in dem wir die Gefangenen gemacht hatten, nach dem Wara-tu führte. Er schien gewillt zu sein, das „Regenwasser“ nach seiner Rückkehr einmal, wenn auch nur von weitem, in das Auge zu nehmen.

Die Nacht verging, und der Morgen brach an; ich weckte dennoch die Gefährten nicht, sondern ließ sie weiterschlafen. Wir hatten ja nichts vor und konnten die Kräfte, welche der Schlaf uns brachte, später wahrscheinlich gut gebrauchen. Als sie später erwachten, aßen wir als Morgenbrot ein Stückchen Fleisch. Die Gefangenen bekamen nichts; eine Hungerkur von einigen Tagen konnte solchen Menschen gar nichts schaden; ich hatte oft genug gehungert, ohne andern nach dem Leben getrachtet zu haben. Dann legte ich mich wieder zum Schlafen nieder, und so verging uns der Vor- und auch der Nachmittag unter abwechselndem Schlafen und Wachen, bis gegen Abend, wie ich gestern vorausgesetzt hatte, Winnetou zurückkehrte. Er war gegen zwanzig Stunden unterwegs gewesen, hatte keinen Augenblick geschlafen und sah doch so frisch und munter aus, als ob er sich ebenso ausgeschlafen und ausgeruht hätte wie wir. Auch der Dunkelbraune, den er geritten hatte, schien gar nicht überanstrengt zu sein, und ich sah, mit welchem befriedigten, ja stolzen Blicke sein bisheriger Besitzer, der Häuptling der Osagen, dies bemerkte. Ich hatte mir vorgenommen, diesen seinen Stolz in Wut zu verwandeln. Nach den Gesetzen der Savanne gehört der Gefangene nebst allem, was er bei sich hat, demjenigen, in dessen Hände er gefallen ist. Wir brauchten gute Pferde. Winnetous und mein Rappen waren vorzüglich. Dick Hammerdulls Stute war zwar grundhäßlich, aber stark und ausdauernd; er wäre auch nicht dazu zu bewegen gewesen, sich von ihr zu trennen. Treskows Pferd war unter denen, die uns zur Verfügung gestanden hatten, das beste gewesen, hatte sich aber schon in der kurzen Zeit bis heut als ungenügend erwiesen. Ganz dasselbe war mit dem Gaule von Pitt Holbers der Fall. Wir hatten das zwar noch nicht zu beklagen gehabt; aber wenn einmal, was kaum zu vermeiden war, der Fall eintreten sollte, daß die Erreichung eines wichtigen Zweckes oder gar unsere Rettung von der Schnelligkeit unserer Pferde abhing, so hatten wir in den beiden genannten Pferden zwei Hemmschuhe, die uns verderblich werden konnten. Schahko Matto sollte seinen Dunkelbraunen nicht wiederbekommen; das war bei mir eine fest beschlossene Sache und zugleich eine Strafe für ihn, die er jedenfalls verdient hatte.

Winnetou sprang vom Pferde, nickte uns grüßend zu und setzte sich neben mich. Wir wechselten die Blicke und wußten nun ohne Worte, woran wir waren: er hatte seine Warnung glücklich nach Fenners Farm gebracht, und hier bei uns war nichts Erwähnenswertes vorgekommen; dies hatten wir uns durch diesen Wechselblick gesagt, und Worte waren also unnötig. Treskow, Hammerdull und Holbers freilich sahen ihn erwartungsvoll an; sie waren enttäuscht, daß er nichts sagte, wagten aber doch nicht, ihn mit Fragen zu belästigen.

Wenn er über seinen soeben beendeten Ritt jedes Wort für überflüssig hielt, so kannte ich ihn doch gut genug, um zu wissen, daß in anderer Beziehung sein Schweigen nicht lange dauern würde. Wir mußten wissen, wie es mit den am „Regenwasser“ lagernden Osagen stand, doch lag dieser Ort nicht in der Richtung, welche wir auf dem Wege nach Colorado einzuschlagen hatten. Auch konnten wir, wenn wir die Osagen beschleichen wollten, die beiden Gefangenen nicht mit bis in die Nähe dieser Roten nehmen, wo wir mit der Möglichkeit zu rechnen hatten, daß sie uns wieder abgenommen wurden. Diese Angelegenheit mußte Winnetou ebenso beschäftigen wie mich, und so war ich überzeugt, recht bald darüber eine Äußerung von ihm zu hören. Ich hatte mich da auch nicht geirrt, denn er saß noch keine fünf Minuten neben mir, so fragte er mich:

„Mein Bruder Scharlih hat gut ausgeruht. Ist er bereit, jetzt gleich nach dem Wara-tu zu reiten?“

„Ja,“ antwortete ich natürlich.

„Wir nehmen die Gefangenen bis an die Grenze von Colorado mit, müssen aber wissen, wie es hinter uns mit den Kriegern der Osagen steht. Das wird mein Bruder zu erfahren wissen.“

„Reitet mein Bruder Winnetou mit ihnen von hier aus auf geradem Wege fort?“

„Ja.“

„Wann?“

„Sobald das hungrige Pferd des Osagen Gras gefressen hat.“

„Will Winnetou nicht lieber warten bis morgen früh? Er hat die ganze Nacht nicht schlafen können, und wir wissen nicht, ob die nächste Nacht uns Ruhe bringen wird.“

„Der Häuptling der Apatschen ist gewohnt, nur dann zu schlafen, wenn er Zeit hat. Mein Bruder Shatterhand hat auch so einen eisernen Körper; er weiß also, daß ich nicht müde bin.“

„Gut, wie du willst! Wo treffen wir uns?“

„Mein Bruder Scharlih kennt das große Loch, welches die Dakota Kih-pe-ta-kih nennen?“

„Ja. Es wird so genannt, weil es die Gestalt eines sitzenden alten Weibes hat. Willst du mich dort erwarten?“

„Ja. Da du einen Umweg machen mußt und auch Zeit zur Beobachtung der Osagen brauchst, werden wir eher dort ankommen als du und Hammerdull.“

„Hammerdull? Der soll mit? Ich soll nicht allein reiten?“

„Nein.“

„Denkt mein Bruder, daß diese Begleitung für mich nötig ist?“

„Ja, doch nicht der Zahl der Osagen wegen. Old Shatterhand würde sich nicht vor ihnen fürchten, wenn ihre Zahl zehnmal größer wäre, als sie ist; aber es ist leicht möglich, daß er einen Gehilfen braucht, und wenn es auch nur wäre, um sein Pferd zu bewachen, welches er doch nicht so weit, wie er sich vorwagen muß, mitnehmen kann. Giebt mir mein Bruder Scharlih recht?“

„Ja, obgleich ich sehr wohl weiß, daß mehr deine Liebe als deine Sorge mir diesen Begleiter an die Seite stellt.“

Er sah sich durchschaut und nickte lächelnd. Dann wendete er sich an den gefangenen Häuptling der Osagen, mit dem er bis zu diesem Augenblicke noch kein Wort gesprochen hatte:

„Schahko Matto mag meine Frage beantworten: Ihr habt vier Farmen der Bleichgesichter überfallen wollen?“

Der Osage antwortete nicht, und so wiederholte Winnetou die Frage. Als er auch hierauf keine Antwort bekam, sagte er:

„Der Häuptling der Osagen hat solche Angst vor dem Häuptling der Apatschen, daß ihm die Worte im Munde stecken bleiben.“

Er erreichte den Zweck, den diese Worte hatten, denn Schahko Matto fuhr ihn zornig an:

„Ich, der oberste Häuptling der Osagen, habe sieben graue Bären mit dieser meiner Hand getötet; mein Name sagt es jedem, der es hören will. Wie kann ich mich da vor einem Coyoten fürchten, der zum Volke der Pimo gehört?“

Das Wort Pimo war hier als Schimpfwort für Winnetou gebraucht; er blieb trotzdem ruhig und fuhr fort:

„Schahko Matto wird nicht zugeben, daß er beabsichtigt hat, die Farmen zu überfallen?“

„Nein. Ich gebe es nicht zu; es ist nicht wahr.“

„Wir wissen dennoch, daß es so ist, denn wir haben hinter euch gelegen, ehe du mit dem Prairiehuhne kamst, und dann jedes Wort vernommen. Deine Lanze ist auf dem Aste stecken geblieben. Sie soll denen, die sie später sehen, verkünden, wie dumm ein Mensch sein kann, der sich einen Häuptling nennt. Winnetou hat noch nie gehört, daß ein Mensch, der sich verstecken will, sein Versteck mit einem Zeichen versieht, welches jedem Menschen sagt, daß sich jemand hier verborgen hat. Du brauchst den Überfall der Farmen nicht einzugestehen, denn er wird nicht stattfinden können. Ich bin gestern abend fortgeritten und habe die Bleichgesichter gewarnt. Sie würden die Hunde der Osagen, wenn sie ja noch kämen, mit Peitschen erschlagen. Ich habe auch gesagt, daß Old Wabble dein Spion gewesen ist. Wenn er sich noch einmal sehen läßt, bekommt er keine Kugel, sondern einen Strick um den Hals, wie es sich für einen Spion geziemt.“

Der Osage antwortete nicht, doch sah man es ihm an, wie grimmig er darüber war, daß Winnetou seine Pläne verraten hatte. Der alte König der Cowboys aber rief:

„Ich ein Spion? Das ist die größte Lüge, die es giebt! Wenn Winnetou mich als Spion bezeichnet hat, so ist er der größte Schuft, den man auf Erden finden kann!“

Der Geschmähte antwortete nicht. Mir aber, dem Freunde des unvergleichlichen Apatschen, war diese Frechheit denn doch zu groß, als daß ich sie ungestraft hätte hingehen lassen können. Dieser Kerl verdiente Hiebe, solche Hiebe, daß ihm die Haut zerplatzen mußte! Ich gab aber Holbers einen andern Befehl:

„Pitt, schnürt ihm die Fesseln so fest um die Gelenke, daß er schreien muß, und macht sie nicht eher wieder lockerer, als bis er um Gnade wimmert!“

Pitt Holbers wollte gehorchen, doch Winnetou, der Edle, verbot es ihm mit den Worten:

„Es soll nicht geschehen! Dieser Mann kann mich nicht beleidigen. Seine Tage sind ihm nur noch spärlich zugezählt; er steht der Grube, die ihn verschlingen wird, viel näher, als er denkt, und einen Sterbenden soll niemand quälen!“

„Ah!“ lachte der Alte höhnisch. Jetzt fängt sogar der Rote an, zu predigen! Und wenn die Grube sich jetzt hier vor mir öffnete, ich würde sie nicht fürchten, sondern lachen. Das Leben ist nichts; der Tod ist nichts, und euer jenseits ist der größte Schwindel, von klugen Pfaffen für Kinder und für alte Weiber ausgedacht! Ich habe es euch schon einmal gesagt, und ich denke, daß ihr euch meiner Worte noch erinnern werdet: Ich bin ins Leben hereingehinkt, ohne um Erlaubnis gefragt zu werden, und der Teufel soll mich holen, wenn ich nun meinerseits beim Hinaushinken irgend wen um Erlaubnis frage! Ich brauche dazu weder Religion noch Gott!“

Ja, er hatte diese Worte, ganz dieselben Worte schon einmal gesagt; ich erinnerte mich genau an sie. Und wie es mir damals vor ihm förmlich gegraut hatte, so war es mir auch jetzt, wo ich sie wieder hören mußte, als ob mir mit einem Stücke Eis über den Rücken gestrichen würde. Konnte solche Lästerung ungeahndet bleiben? Nein, und abermals nein! Ich wendete mich ab und trat zu Dick Hammerdull, um ihm so leise, daß die Gefangenen es nicht hören konnten, mitzuteilen, daß er jetzt mit mir nach dem Wara-tu reiten solle. Er war sehr erfreut darüber, da er meine Aufforderung als ein Vertrauenszeugnis betrachtete. Wir versahen uns für einen Tag mit Fleisch und stiegen dann auf unsere Tiere, um, ohne daß wir es ahnten, einer Begegnung entgegenzureiten, die ich jetzt und hier in Kansas nicht für möglich gehalten hätte.

Als wir den Lagerplatz verließen, stand die Sonne bereits am Horizonte. In einer halben Stunde mußte es dunkel sein. Das konnte uns aber nicht stören; der Westmann ist es gewöhnt, keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht zu machen, und wenn er die nötige Übung besitzt, so dienen ihm selbst in mondloser Nacht die Sterne des Himmels als Wegweiser, die so untrüglich sind, daß er sich niemals irren kann. Wie der Mensch tausend und abertausend Gedanken denken könnte und denken sollte, die ihm niemals in den Sinn kommen, so habe ich niemals auch den Gedanken aussprechen hören, wie für uns wunderbar es ist, daß jene Millionen Himmelslichter, welche Körper bedeuten, gegen die unsere Erde nur ein winziges Stäublein ist, uns doch als nie irrende Führer durch die pfadlosesten Gegenden und durch die irdischen Nächte dienen. Genau so wahr und ohne Falschheit ist auch der Fingerzeig, mit welchem sie den Blick des Sterblichen nach dem jenseits lenken und die große, angstvolle Frage nach dem spätern Leben mit einem Glück und Ruhe bringenden ja beantworten.

Die Sonne sank; das Abendrot verglomm; die letzten matten Streifen der Dämmerung verschwanden wie sterbende Hoffnungen am Horizonte. Glücklicherweise giebt es einen Osten, der uns Licht und Hoffnung wiederbringt! Es trat die erste, tiefe Dunkelheit des Abends ein, welche, weil noch kein Stern am Himmel steht, finsterer als die Nacht selber ist. Ein Städtebewohner hätte vom Pferde steigen und auf die Sterne warten müssen, wollte er nicht den Hals riskieren. Wir aber flogen im Galopp über die hier nicht mehr „rollende“, sondern tischebene Prairie. Unsere geübten Augen waren scharf und diejenigen unserer Pferde noch schärfer. Einmal lief mein Rappe, ohne daß ich den Grund ersah, einen Bogen; ich ließ ihm den Willen, denn ich wußte wohl, daß er es nicht ohne Veranlassung that. Wahrscheinlich flogen wir an einer Kolonie von Prairiehunden vorüber. Diese Tiere wohnen oft zu Hunderten beisammen und unterhöhlen den Boden derart, daß jeder Reiter, welcher nicht will, daß sein Pferd die Beine bricht, einen Umweg machen muß. Der Klang der Hufe war ein harter; es gab kein Gras; wir befanden uns nun schon im westlichen Teile des Staates, welcher kahler, trockener und weniger fruchtbar als der östliche ist.

Es gab keinen Baum und keinen sonstigen Gegenstand, der als Merkmal dienen konnte, und wenn es so etwas gegeben hätte, wir hätten es in dieser Finsternis nicht sehen können. In solcher Lage muß man sich nach jenem Sinne richten, der nur Lieblingen der Wildnis angeboren ist und den noch kein Gelehrter zu definieren vermochte. „Ortssinn“ ist nicht bezeichnend genug dafür; „Orientierungssinn“ kommt dem Wesen vielleicht schon näher. Ist es Instinkt? Wohl jenes geheimnisvolle, innerliche Schauen, welches den Wandervogel den geradesten Weg von Schweden nach Ägypten finden läßt? Ich weiß es nicht; aber so oft ich mich auf dieses verborgene, unbegreifliche Auge verlassen habe, wurde ich von ihm genau an das Ziel geführt.

Dick Hammerdull verließ sich ganz auf mich. Er fragte mich einige Male, ob ich auch den richtigen Weg hier wisse; ich konnte ihm natürlich nichts anderes antworten, als daß es in dieser unbewohnten Gegend gar keine Wege gebe; also konnte ich weder auf dem richtigen, noch auf einem falschen sein. Er klagte in seiner drolligen Weise:

„Jagt doch nicht so, Mr. Shatterhand! Wollen langsamer reiten! Es ist doch grad, als ob wir durch eine umgestürzte, meilenlange Feueresse galoppierten. Mein Hals ist auch was wert, und wenn ich mit dem Pferde stürze und ihn mir zerbreche, so habe ich keinen zweiten. Haben wir denn gar so große Eile, Sir?“

„Allerdings.“

„Warum?“

„Weil wir noch lange vor dem Morgenlichte das Wara-tu erreichen müssen. Dieser Ort liegt nämlich in einer ziemlich weiten, offenen Ebene. Bei Tage würden die Osagen uns also kommen sehen.“

„Ob sie uns sehen oder nicht, das bleibt sich ganz egal; aber beeilen müssen wir uns da allerdings, denn wenn sie uns bemerken, so haben wir den weiten Ritt umsonst gemacht. Pitt Holbers, altes Coon, denkst du – –“

Ich lachte laut auf. Er hielt mitten in seinem Fragesatze inne und lachte mit. Er war es so gewöhnt, seinen alten Pitt zu Rate zu ziehen, daß er auch jetzt die bewußte Frage an den leider Abwesenden hatte richten wollen.

Später erschien ein Stern und noch einer; zu diesen zweien gesellten sich mehr und immer mehr, bis wir den schönsten Astralhimmel über uns hatten und also aus Dick Hammerdulls „meilenlanger Feueresse“ herausgekommen waren. Nun ritt es sich freilich besser als vorher, und das war sehr gut, denn das Terrain war, ohne besondere Wellen zu zeigen, „faltig“ geworden, wie der Militärausdruck lautet. Es gab zahlreiche Senkungen, welche so unregelmäßig verliefen, daß wir, immer die gerade Richtung einhaltend, ihnen bald folgen und bald sie durchqueren mußten. Das war natürlich anstrengend für unsere Tiere; aber sie hatten sich einen ganzen Tag lang ausgeruht; meinem Hatatitla war nichts anzumerken, und Hammerdulls Stute lief so beharrlich nebenher, als ob sie der Seitenschatten meines Hengstes sei. Natürlich ließen wir die Tiere auch zuweilen langsam gehen, und einmal, als wir an ein Wasser kamen, durften sie trinken, doch ritten wir durchschnittlich so schnell, daß Holbers und Treskows Pferde gewiß zurückgeblieben wären.

So ging Mitternacht vorüber, und die Sterne verschwanden, nicht weil es Zeit für sie gewesen wäre, unterzugehen, sondern weil sich der Himmel mit Wolken bedeckte, welche ihn ganz umzogen und immer dichter wurden. Es bereitete sich ein Gewitter vor.

„Das hat noch gefehlt!“ zürnte Hammerdull. „Es wird wieder schwarz um uns, schwärzer als vorher. Ich schlage vor, hier anzuhalten und uns niederzusetzen!“

„Warum?“

„Nun, wird der Name Wara-tu nicht mit Regenwasser übersetzt?“

„Allerdings.“

„Gut! Warum also weiterreiten? Wenn wir uns hier mitten in die alte Prairie setzen und einige Zeit warten, bekommen wir so viel Regenwasser, wie wir uns nur wünschen können.“

„Macht keine dummen Witze! Mögt Ihr über diesen Umschlag des Wetters raisonnieren, mir kommt er sehr gelegen.“

„Das begreife, wer da will!“

„Seht Ihr denn nicht ein, daß es uns bei dieser Finsternis viel leichter wird, an die Osagen zu kommen, als wenn es noch so sternenhell wie vorhin wäre?“

„Hm, ja; daran habe ich nicht gedacht. Ihr habt sehr recht, vorausgesetzt, daß Ihr Euch trotz der Dunkelheit zutraut, das Wara-tu überhaupt zu finden.“

„Noch eine gute halbe Stunde, so haben wir es.“

„Schon? Es muß doch weiter sein!“

„Warum?“

„Schahko Matto wollte doch am Abend fortreiten und seine Krieger erst am nächsten Mittag bringen.“

„Es stimmt dennoch. Die Stelle, wo wir lagerten, liegt von hier aus eine Stunde näher als der „Baum der Lanze“. Der Osage hätte nicht sofort nach seiner Ankunft bei dem Wara-tu wieder aufbrechen können; er mußte wenigstens eine halbe Stunde dort verweilen. Und sodann hätte er mit den schlechteren Pferden seiner Leute den Rückweg nicht so rasch zurücklegen können wie den Hinweg auf seinem schnellen Dunkelbraunen. Das alles hat er in Berechnung gezogen, als er Old Wabble sagte, wie lange er ausbleiben würde. Nehmt dazu, wie wir beide geritten oder vielmehr gejagt sind, so werdet Ihr Euch nicht wundern, wenn ich Euch sage, daß wir nur noch zwei Meilen haben, bis wir am Ziele sind.“

Well – wenn wir es finden und bei dieser ägyptischen Sonnen-, Mond- und Sternenfinsternis nicht darüber hinausreiten!“

„Habt keine Sorge, lieber Dick! Ich kenne mich hier aus.“

„Ob Ihr Euch auskennt oder nicht, das ist ganz einerlei, das ist sogar ganz egal, wenn Ihr Euch nur zurechtfindet!“

Ich sprach zu ihm mit großer Sicherheit; es mußte sich bald zeigen, ob ich mir nicht zu viel zugetraut hatte. Es galt, ein langgestrecktes, breites, muldenförmiges Thal zu durchqueren; wenn wir nicht auf dasselbe trafen, hatten wir uns verritten. Schon wollte ein Zweifel in mir aufsteigen, da begann der Boden sich ziemlich rasch zu senken. Wir stiegen ab und führten, der Senkung folgend, unsere Pferde. Unten angekommen, setzten wir uns wieder auf, ritten quer über die Mulde und dann drüben die Lehne hinauf. Nun konnte ich in frohem Tone sagen:

„Wir sind so genau und richtig geritten, als ob wir den hellsten Sonnenschein hätten. Jetzt noch fünf Minuten lang Galopp über eine glatte, ununterbrochene Ebene, und wir stoßen mit der Nase grad an das Wara-tu.“

„Bitte, nehmt die Eurige dazu, Sir! Ich habe meine Nase zu ganz andern Zwecken im Gesicht. Übrigens freue auch ich mich unendlich, daß wir bei diesem Mangel aller Laternen nicht an den Nordpol geraten sind. Es giebt Gebüsch am Wara-tu?“

„Viel, und sogar einige Bäume.“

„Reiten wir ganz hinan?“

„Um diese Frage beantworten zu können, muß ich erst rekognoszieren. Wenn es nicht so finster wäre, hätte ich Euch mit den Pferden da hinter uns in der Thalmulde lassen und mich allein mühsam anschleichen müssen. Ihr seht, wie gut für uns das Gewitter ist, welches den Himmel ganz bedeckt hat und nun bald losbrechen wird. Es ist, als ob es sich bloß wegen uns zusammengezogen hätte. Reiten wir jetzt langsamer; wir müssen nun sehr vorsichtig sein!“

Wir zügelten unsere Pferde und waren dann kaum noch eine Minute weitergeritten, so zuckte grad vor uns ein Wetterleuchten über den Horizont, bei welchem wir ein scheinbar lang gezogenes Buschwerk sahen, dem wir uns auf vielleicht fünfhundert Schritte genähert hatten.

„Wir sind am Ziele,“ sagte ich, indem ich aus dem Sattel stieg. „Die Pferde mögen sich legen. Ihr bleibt bei ihnen zurück und nehmt hier meine Gewehre.“

„Wollen wir ein Zeichen verabreden, oder werdet Ihr mich sicher finden, Sir?“ erkundigte sich Hammerdull.

„Habe ich das Wara-tu gefunden, so finde ich Euch auch. Ihr seid ja dick genug!“

„Jetzt macht Ihr die schlechten Witze, Mr. Shatterhand. Nun habt Ihr das schöne Wara-tu vor Euch. Stoßt mit der Nase an!“

Ich gab meinem Pferde mit der Hand das Zeichen, sich zu legen; es gehorchte, ebenso die Stute Hammerdulls. Dann schritt ich vorsichtig auf die Büsche zu.

Man denke sich eine schüsselförmige, mit Wasser ziemlich gefüllte Vertiefung von vielleicht fünfzig Meter Durchmesser, rings von teils dicht, teils einzeln stehenden Sträuchern umgeben, aber zwischen dem Wasser und dem Gesträuch einen ziemlich breiten, buschfreien Ring, der sich aus lauter muschelartigen Eindrücken zusammensetzte, welche durch das Wälzen wilder Büffel entstanden waren. Diese Tiere pflegen sich instinktmäßig im weichen Boden zu wälzen, um sich mit einer schlammigen Kruste zu bedecken, die ihnen Schutz vor mancherlei Insekten bietet. Das war das Wara-tu, welches ich jetzt zu umschleichen hatte. Umschleichen? Nein; dazu sollte es gar nicht kommen.

Ich erreichte die ersten Büsche mit Leichtigkeit und – -roch und hörte zugleich links von mir Pferde. Mich niederduckend, wandte ich mich nach dieser Richtung, denn es ist in solchen Fällen stets geraten, sich auch um die Pferde der Feinde zu bekümmern. Sie waren alle angehobbelt, außer einem, welches an zwei in die Erde getriebenen Pflöcken hing. Hinter den Büschen brannten mehrere Feuer, deren Schein in der Weise durch eine Strauchöffnung drang, daß er dieses Pferd traf. Dies genügte, mir seinen Bau zu zeigen. Es war ein edler, sehr dunkler Rotschimmel, dessen prächtige Mähne so in Knoten und immer kleiner werdende Knötchen geknüpft war, wie ich es bei den Naiini-Komantschen gesehen hatte. Wie kamen die Osagen zu dieser Art und Weise einer Mähnenzierde? Doch war das jetzt Nebensache; wichtiger fand ich den Umstand, daß keine einzige Wache bei den Pferden war. Diese Indsmen mußten sich ungeheuer sicher fühlen! Ich kehrte, um dem Feuerscheine auszuweichen, einige Schritte zurück, legte mich auf die Erde nieder und schob mich dann in das Gebüsch hinein.

Es kommt zuweilen vor, daß einem etwas, was man für sehr schwierig gehalten hat und was auch wirklich schwierig ist, durch das Zusammentreffen günstiger Umstände sehr leicht gemacht wird. So war es heut hier am Wara-tu. Kaum in das Buschwerk eingedrungen, sah ich die ganze Scene bis auf das Kleinste deutlich vor mir liegen.

Von vier großen Feuern hell beleuchtet, hatten sich wohl über zweihundert Osagen auf dem erwähnten, freien Ring rund um das Wasser gelagert und sahen mit großer Spannung sechs Kriegern zu, welche soeben begonnen hatten, den Büffeltanz aufzuführen. Indem ich meine Augen rundum gleiten ließ, blieb es an einem der wenigen hier stehenden Bäume haften, an welchem ein nicht im Gesicht bemalter Indianer lehnte. Er war angebunden, also Gefangener. Sein Gesicht war hell beleuchtet; ich erschrak, als ich es sah, aber mehr in freudiger als in entgegengesetzter Weise. Dieses Gesicht kannte ich genau, sogar sehr genau; es war ein mir sehr lieb gewordenes. Und nun konnte ich mir auch die Anwesenheit des Pferdes mit der fremdgeknüpften

Mähne erklären: der Rotschimmel gehörte dem Gefangenen. Diese hohe, breite, volle Gestalt, dieser markige und doch so leichtbewegliche Gliederbau, dieses kaukasisch gemeißelte Gesicht mit der stolzen, selbstbewußten Ruhe in den Zügen, das konnte nur einer sein, den ich lange nicht gesehen, an den ich aber umso öfter gedacht hatte, nämlich Apanatschka, der junge, edle Häuptling der Naiini-Komantschen!

Was hatte ihn nach Kansas heraufgeführt? Wie war er in die Hände der Osagen gefallen? Osagen und Komantschen! Ich wußte, welche unerbittliche Feindschaft zwischen diesen beiden Völkern herrschte; er war verloren, wenn es mir nicht gelang, ihn zu retten! Retten? Pshaw, kinderleicht! Kein Mensch achtete jetzt auf ihn, denn aller Augen waren auf die Tänzer gerichtet. Zwei Büsche standen hinter dem Baum, an den er gebunden war, Deckung genug für mich, von hinten nahe an ihn zu kommen!

So schnell mir diese Gedanken kamen, so schnell wurden sie ausgeführt. Ich schob mich aus dem Gesträuch zurück, stand auf und eilte zu Hammerdull.

„Auf mit den Pferden!“ gebot ich ihm. „Setzt Euch auf Eure Stute! Kommt!“

„Was ist los?“ fragte er. „Müssen wir fort?“

„Die Osagen haben einen Gefangenen, den ich kenne und den ich befreien muß.“

Heavens! Wer ist’s, Mr. Shatterhand?“

„Das später; kommt nur, kommt!“

Mein Rappe sprang auf mein Zeichen auf, ich nahm ihn beim Zügel und zog ihn fort. Hammerdull hatte sich trotz seiner Dickheit schnell in den Sattel geschwungen und folgte mir. Ich führte ihn nicht dorthin, wo ich gewesen war, sondern genau nach dem Außenpunkte des Gebüsches, welcher hinter Apanatschkas Rücken lag.

„Wartet hier! Ich bringe noch ein Pferd.“

Mit diesen Worten schnellte ich mich wieder fort. Ich mußte mich beeilen, denn die Befreiung des Gefangenen hatte zu geschehen, noch ehe der Büffeltanz, welcher die ganze Aufmerksamkeit der Osagen in Anspruch nahm, zu Ende war. Ich lief nach der andern Seite zu dem Rotschimmel, löste ihn von den Pflöcken und wollte mit ihm fort. Er weigerte sich, blieb stehen und schnaubte laut. Das konnte mir und meinem Vorhaben gefährlich werden. Glücklicherweise wußte ich, was ich zu thun hatte, ihn mir willig zu machen.

„Eta, kavah, eta eta!“ schmeichelte ich ihm, indem ich ihm den fischglatten Hals streichelte.

Als er die bekannten Laute hörte, gab er sofort den Widerstand auf und ging mit mir. Als ich mit ihm bei Hammerdull ankam, zuckte der erste Blitz über den Himmel und krachte der erste Donnerschlag. Nun aber schnell, sehr schnell, sonst wird der Tanz wegen des Gewitters eher beendet!

„Haltet auch dieses Pferd, welches der befreite Gefangene besteigen wird,“ forderte ich den Dicken auf, „sobald ich komme, gebt Ihr mir meine Gewehre!“

Well! Bringt ihn nur erst, und bleibt nicht selber stecken!“ antwortete er.

Wieder leuchtete der Blitz, und wieder krachte der Donner. Ich drang so rasch und doch so leise wie möglich in das Gebüsch, warf mich zu Boden und schob mich unten an der Erde fort. Noch währte der Tanz, den jetzt alle Osagen mit einem lauten, in der Fistel gebildeten „Pe-teh, Pe-teh, Peteh!“ begleiteten, wobei sie taktmäßig in die Hände klatschten. Da konnten sie das Rauschen der Zweige nicht hören; ich kam also sehr rasch vorwärts und viel schneller hinter den Gefangenen, als ich es für möglich gehalten hatte. Ich sah kein einziges Auge auf ihn gerichtet; auch er sah wahrscheinlich dem Tanze zu. Um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, berührte ich zunächst seinen Unterschenkel. Er zuckte leicht zusammen, doch nur für einen Augenblick.

„Go-oksch!“ sagte ich so laut, daß er es trotz des Gesanges, sonst aber weiter niemand, hören konnte.

Er senkte den Kopf – ein nur mir bemerkbares Nicken, zum Zeichen, daß er meine Hand gefühlt und mein Wort verstanden habe. Er war mit drei Riemen an den Baum gefesselt; einer war um seine Fußgelenke und den Stamm, ein zweiter um seinen Hals und den Stamm geschlungen, während man ihm mit dem dritten die nach rückwärts um den Baum gezogenen Hände zusammengebunden hatte. Grad so wie jetzt hinter Apanatschka, hatte ich einst hinter Winnetou und seinem Vater Intschu tschuna gesteckt, um sie von den Bäumen loszuschneiden, an die sie von den Kiowas gebunden worden waren [Fußnote]. Ich war überzeugt, daß Apanatschka sich nicht weniger klug verhalten werde wie damals die beiden Apatschen, und zog das Messer. Zwei Schnitte gnügten, den untern Riemen und dann auch die Handfessel zu durchschneiden; aber um an den Halsriemen zu kommen, mußte ich aufstehen, und das war gefährlich, weil ich da gesehen werden mußte, wenn in diesem Augenblicke auch nur ein einziger Osage nach dem Gefangenen schaute. Da kam mir der Zufall zu Hilfe. Einer der Tänzer war infolge seiner allzu lebhaften Bewegungen dem Wasser zu nahe gekommen; der weiche Uferrand wich unter seinem Fuße, und er fiel in den Tümpel. Ein allgemeines Gelächter erscholl, und alle Augen richteten sich auf den triefenden Büffelimitator. Das benutzte ich. Schnell in die Höhe – ein Schnitt – dann ebenso schnell wieder nieder! Niemand hatte mich gesehen.

„Beiteh, took ominu!“ forderte ich ihn in demselben Tone wie vorher auf und kroch einige Schritte zurück.

Ihn scharf im Auge behaltend, sah ich, daß er noch eine kleine Weile stehen blieb; dann duckte er sich plötzlich nieder und huschte zu mir ins Gesträuch. Nun konnte es mir sehr gleichgültig sein, was jetzt geschah; erwischen sollten sie uns nicht! Ich nahm ihn bei der Hand und zog ihn, jetzt noch in niedergeduckter, kauernder Haltung, mit mir fort. Da erleuchtete der Blitz das ganze Gebüsch; ein schrecklicher Donner erdröhnte, und mit einem Male klatschte wie ein stürzender See der Regen vom Himmel herab. Mit dem Tanze war es aus; man mußte die Flucht des Komantschen bemerken. Ich richtete mich auf, riß ihn auch empor und zog ihn mit mir fort, durch die Büsche, hinaus zu Hammerdull. Hinter uns schrieen, riefen und brüllten hundert Stimmen. Der Dicke reichte mir meine Gewehre, die ich überhing. Apanatschka sah sein Pferd und sprang, ohne sich einen Augenblick darüber zu verwundern, sogleich in den Sattel. Ich war im Nu auch oben, und dann ritten wir fort, nicht etwa sehr eilig, denn das war nicht nötig, weil der laut aufschlagende Regen die Schritte unserer Pferde gar nicht vernehmlich werden ließ.

Wir ritten nicht nach der Richtung, aus welcher wir gekommen waren, sondern dahin, wo ich mit Winnetou zusammentreffen sollte, nämlich nach dem Kih-pe-ta-kih, bis wohin wir von dem Wara-tu ungefähr vier gute Reitstunden hatten. Wenn ich mir die Entfernungen genau berechnete und dabei in Betracht zog, daß Winnetou wohl keinen zwingenden Grund gehabt hatte, allzuzeitig von unserm gestrigen Lagerplatze aufzubrechen, erschien es mir als wahrscheinlich, daß wir eher als er an der „alten Frau“ eintreffen würden. Er hatte angenommen, daß uns die Beschleichung der Osagen eine geraume Zeit kosten werde, und nun war alles so unerwartet schnell gegangen! Welchen Zweck hatte eigentlich unser Ritt nach dem Wara-tu gehabt? Zu erfahren, wie viel Osagen da versammelt waren, und wenn es ohne Gefahr für uns geschehen konnte, Fenners wegen sie wissen zu lassen, daß die Bleichgesichter vor dem Überfalle gewarnt worden seien. Und nun hatte sich uns ein Erfolg geboten, über den ich mich außerordentlich glücklich fühlte, und zwar nicht allein aus dem Grunde, daß ich Apanatschka da unten im Llano liebgewonnen hatte; es lag etwas in mir, eine Stimme oder eine Ahnung, welche mir einreden wollte, daß ich mich für diesen wackern, jungen Häuptling der Naiini-Komantschen noch mehr als bisher interessieren werde, daß mein Verhältnis zu ihm noch eine andere Gestalt anzunehmen habe. Solchen Stimmen pflege ich zu trauen; sie täuschen selten.

Er hatte mich nicht deutlich sehen können und wußte also noch nicht, wer sein Befreier war. Während ich jetzt mit Dick Hammerdull voranritt und er hinter uns her, strömte der Regen so dicht hernieder, daß er nur die Umrisse unserer Gestalten erkennen konnte und sich dicht hinter uns halten mußte, wenn er uns nicht verlieren wollte. Es machte mir Spaß, ihn auch jetzt noch über mich im unklaren zu lassen. Darum bog ich mich zu Hammerdull hinüber und sagte mit unterdrückter Stimme zu ihm:

„Wenn der Fremde fragt, so sagt ihm nicht, wer ich bin!“

„Wer ist er denn?“

„Ein Häuptling der Komantschen. Doch sagt ihm nicht, daß Ihr das wißt, sonst ahnt er, daß ich ihn kenne.“

„Darf er erfahren, daß wir zu Winnetou reiten?“

„Nein. Von dem Apatschen dürft Ihr gar nicht sprechen.“

Well! Soll alles ganz richtig verschwiegen werden!“

Die Osagen hatten sich sehr wahrscheinlich schnell alle auf die Pferde geworfen und schwärmten nun trotz des Regens durch die ganze Umgegend des Wara-tu; eigentümlicherweise aber kam uns keiner von ihnen nahe, obgleich wir ziemlich langsam ritten. Es war in dieser geradezu vom Himmel stürzenden Wasserflut sehr schwer, nicht in eine falsche Richtung zu geraten. Die Finsternis war, wie man sich auszudrücken pflegt, mit den Händen zu greifen, und soviel und blendend hell es blitzte, war das für die Orientierung doch nicht günstig, sondern erschwerend, weil der plötzliche Wechsel zwischen tiefer Finsternis und grellem Lichte das Auge angreift und der Blitz dann die Gegenstände nicht wahr erscheinen läßt. Und dieser suppendicke Regen hielt über zwei Stunden an. Es war da ganz unmöglich, eine Unterhaltung zu führen; wir mußten uns auf die allernötigsten Zurufe beschränken.

Da brauchte ich freilich nicht zu befürchten, daß Apanatschka mich eher erkennen werde, als es in meiner Absicht lag, zumal ich einen ganz andern Anzug trug als zur Zeit, in welcher er mich kennen lernte, und die sehr breite Krempe meines Hutes so weit heruntergeschlagen hatte, daß ich ganz verstellt sein mußte.

Endlich, endlich hörte der Regen auf, aber die Wolken wichen noch nicht, und es blieb so dunkel wie vorher. Ich trieb mein Pferd an, um vorzeitigen Erkundigungen zu entgehen, und so kam es, daß Apanatschka sich an Dick Hammerdull machte. Sie unterhielten sich. Ich hatte nicht vor, auf ihre Reden zu achten, fing aber doch einige Ausdrücke des Dikken auf, welche mein Interesse erregten. Darum ließ ich meinen Schwarzen jetzt weniger ausgreifen und horchte hinter mich, doch ohne dies durch meine Haltung zu verraten. Apanatschka bediente sich des zwischen Weißen und Roten gebräuchlichen Idiomes, welches aus englischen, spanischen und indianischen Wörtern zusammengesetzt ist und von jedem guten Westmanne verstanden und gesprochen wird. Er schien eben erst gefragt zu haben, was ich sei, denn ich hörte den Dicken antworten:

„Ein Player, ist er, weiter nichts.“

„Was ist das, ein Player?“

„Ein Mann, der überall herumzieht und Bären- oder Büffeltänze tanzt, wie du vorhin von den Osagen gesehen hast.“

„Uff! Die Bleichgesichter sind doch sonderbare Leute. Die roten Männer sind zu stolz, für andere zu tanzen. Willst du mir sagen, wie sein Name ist?“

„Er heißt Kattapattamattafattagattalattarattascha.“

„Uff, uff, uff! Ich werde ihn sehr oft hören müssen, ehe ich ihn nachsprechen kann. Warum spricht das gute Bleichgesicht, welches mich gerettet hat, nicht mit uns?“

„Weil er nicht hören kann, was wir ihm sagen.“

„Ist er taub?“

„Vollständig taub!“

„Das thut meinem Herzen leid, weil er den Dank nicht hören kann, den Apanatschka ihm bringen möchte. Hat er eine Squaw, und hat er Kinder?“

„Er hat zwölf Squaws, denn jeder Player muß zwölf Frauen haben, und zweimal zwanzig Söhne und Töchter, die auch alle taub sind und nicht hören.“

„Uff, uff! So kann er mit seinen Frauen und Kindern nur durch Zeichen sprechen?“

„Ja.“

„So muß er zehnmal zehn und noch viel mehr verschiedene Zeichen haben! Wer soll sich diese alle merken! Er muß ein sehr mutiger Mann sein, daß er sich in die Wildnis wagt, ohne hören zu können, denn die Gefahren, welche es hier giebt, werden doppelt groß, wenn man sich nur auf seine Augen verlassen muß.“

Ob Dick Hammerdull, indem er mich für taub ausgab, irgend eine bestimmte, lustige Absicht hegte, oder ob ihm diese Behauptung ohne bestimmten Grund auf die Lippen gekommen war, das „blieb sich ganz egal“, wie er sich auszudrücken pflegte, denn es trat jetzt ein Umstand ein, durch welchen seine Unwahrheit offenbar wurde. Es kam mir nämlich trotz des Geräusches, welches durch die Schritte unserer Pferde verursacht wurde, So vor, als ob ich vor uns Hufschlag hörte. Ich hielt sofort an und gebot dem Dicken und Apanatschka, natürlich mit leiser Stimme, ihre Pferde auch zu zügeln. Ja, ich hatte recht gehört: Es gab einen Reiter, welcher sich uns näherte, doch ohne gerade und direkt auf uns zuzukommen. Da entstand die Frage, ob wir ihn vorüberlassen sollten oder nicht. Ich war aus naheliegenden Gründen geneigt, anzunehmen, daß es ein Osage sei. Wenn ich mich da nicht täuschte, so konnte er uns als Bote zwischen uns und seinen Kriegern nützlich sein, da diese doch erfahren mußten, daß wir ihren Häuptling ergriffen hatten, und so beschloß ich, ihn gefangen zu nehmen.

„Bleibt hier, und haltet mein Pferd und meine Gewehre,“ raunte ich den beiden zu, indem ich abstieg und Apanatschka meinen Schwarzen und Hammerdull die Gewehre gab. Dann eilte ich nach links hinüber, wo ich, wenn mich mein Gehör nicht täuschte, auf den Nahenden treffen mußte. Er kam; ich duckte mich nieder, ließ ihn so weit vorüber, daß ich einen Anlauf nehmen konnte, holte aus und sprang von hinten auf sein Pferd. Ich hatte, als er an mir vorbeikam, gesehen, daß er ein Indianer war. Der ahnungslose Mann war, als er mich so plötzlich hinter sich fühlte, in der Weise überrascht, daß er nicht die geringste Bewegung zu seiner Verteidigung machte. Ich nahm ihn so fest bei der Kehle, daß er die Zügel fallen und die Arme sinken ließ. Leider verhielt sich sein Pferd weniger passiv als er. Es fühlte die plötzlich verdoppelte Last, stieg vorn empor und begann dann zu bocken und mit allen vieren auszuschlagen. Das war für mich keine Kleinigkeit. Ich saß hinter dem Sattel, hatte den Reiter festzuhalten und mußte versuchen, die Zügel zu erwischen. Am Tage wäre das leichter gewesen, aber in der jetzt herrschenden Dunkelheit konnte ich die Zügel nicht sehen und war nur darauf angewiesen, mich zu bemühen, ja nicht abgeworfen zu werden. Da tauchte an meiner Seite eine Gestalt auf, welche nach dem Maule des Indianerpferdes griff. Ich machte meine rechte Hand frei, langte mit derselben nach dem Revolver in meinem Gürtel und fragte:

„Wer ist das? Soll ich schießen?“

„Ich bin Apanatschka,“ antwortete der Gefragte. „Old Shatterhand mag den Osagen herabwerfen!“

Er hatte aus dem Stampfen der Hufe gehört, in welcher Lage ich mich befand, war von seinem Pferde gesprungen, hatte Hammerdull die Zügel des meinigen gegeben und sich dann beeilt, mir zu Hilfe zu kommen. Es gelang ihm, den Zaum des Indianerpferdes zu erfassen und dieses zum Stehen zu bringen. Ich ließ den Gefangenen herabfallen und sprang nach, um ihn sofort wieder zu packen, da seine Bewegungslosigkeit nur eine Finte sein konnte, mit welcher er mich täuschen wollte. Er leistete aber auch jetzt keinen Widerstand. Er war nicht etwa besinnungslos; der Schreck schien ihm die Gewalt über sich genommen zu haben.

„Apanatschka hat mich erkannt?“ fragte ich den Komantschen.

„Als du mir dein Pferd zum Halten gabst, glaubte ich, deinen Hatatitla zu sehen,“ antwortete er. „Sodann bemerkte ich, daß dein Gefährte nicht ein sondern zwei Gewehre von dir empfing, und wenn ich dann noch im Zweifel war, so mußte ich, als ich dich hier hinter dem roten Krieger sitzen sah, endlich wissen, wer du bist. So einen Sprung pflegt, noch dazu des Nachts, nur Winnetou oder Old Shatterhand zu wagen, obgleich der letztere weiße Jäger leider nicht mehr hören kann! Was soll mit diesem Gefangenen, der jedenfalls ein Osage ist, geschehen?“

„Ich ahne, daß er ein Kundschafter ist, den wir mit uns nehmen müssen.“

Wir riefen Hammerdull herbei. Der Indianer bekam jetzt seine Beweglichkeit wieder; er versuchte, Widerstand zu leisten, der ganz unnütz war; er wurde auf sein Pferd gebunden, und dann setzten wir den unterbrochenen Ritt fort.

Man denke ja nicht, daß nun, wie es unter Weißen unvermeidlich gewesen wäre, zwischen mir und Apanatschka viel Worte gemacht wurden. Wenn sich zwei Freunde so lange nicht gesehen haben und unter Umständen, wie die heutigen, sich so unerwartet wiedersehen, so sollte man meinen, daß zunächst die Herzen in ihr Recht zu treten hätten. Das war ja auch der Fall, aber sie machten von diesem Rechte nicht durch überflüssige Worte Gebrauch. Als wir uns wieder in Bewegung gesetzt hatten, lenkte der Naiini-Komantsche sein Pferd dicht an das meinige heran, langte zu mir herüber, ergriff meine Hand und sagte im Tone innigster Freude:

„Apanatschka dankt dem großen, guten Manitou, daß er ihm erlaubt hat, den besten unter allen weißen Kriegern wiederzusehen. Old Shatterhand hat mich vom sichern Tode errettet!“

„Seit ich von meinem jungen Freunde, dem tapfern Häuptling der Naiini, scheiden mußte, hat meine Seele sich stets nach ihm gesehnt,“ antwortete ich. „Der große Geist liebt seine Kinder und erfüllt ihre Wünsche grad dann, wenn sie es für unmöglich halten!“

Weiter wurde nichts gesprochen. Er hielt mich fest, und so ritten wir Hand in Hand eng nebeneinander, bis die Nacht dem grauenden Morgen wich und ich sehen konnte, daß ich auch auf diesem Ritte die rechte Richtung nicht verfehlt hatte. Das war mir sehr lieb, weil ich gern noch vor Winnetou am Ziele ankommen wollte.

Das Kih-pe-ta-kih liegt im Westen von Kansas, welcher bekanntlich zur Kreideformation gehört. Dort und im Südwesten wird in neuerer Zeit viel Salz gewonnen. Tritt an einer Stelle das Salz in größerer Menge auf und wird vom Regen- oder von irgend einem Quellwasser ausgelaugt, so können unterirdische Höhlungen entstehen, deren Decke nachstürzt, weil sie keinen festen Halt besitzt. Diese Einstürze haben gewöhnlich tiefe, senkrechte Wände und sehr scharfe Kanten; sind die Wände dicht, so bildet sich mit der Zeit ein See, welcher die ganze Vertiefung ausfüllt; sind sie aber porös, so sickert das Wasser durch, und nur der tief gelegene Boden hält eine Feuchtigkeit fest, welche das Entstehen und Gedeihen eines mehr oder minder kräftigen Pflanzenwuchses begünstigt. Hat diese Vegetation erst aus salzbegehrenden Pflanzen bestanden, so siedeln sich später in demselben Grade salzfeindliche Pflanzen an, als der Salzgehalt des Bodens verschwindet. Liegt eine solche Senkung in einer vollständig ebenen Gegend, so macht sie von weitem einen eigenartigen Eindruck, weil nur die Wipfel der Bäume zu sehen sind, welche unten im tief liegenden Grunde Wurzel geschlagen haben.

Eine solche Stelle war das Kih-pe-ta-kih, welcher Dakotaname alte Frau bedeutet. Der von der unfruchtbaren Ebene scharf abgegrenzte, vegetationsreiche Ort zeigte nämlich in seinen Umrissen die Konturen einer am Boden hockenden Indianer-Squaw.

Die Sonne stieg eben hinter uns am Horizonte auf, als wir diese grüne Squaw vor uns erscheinen sahen. Wir erreichten die Stelle an der linken Hüfte der Figur, während Winnetou von rechts her zu erwarten war. Ich ließ aus Vorsicht halten und ging einmal um die ganze Frau herum. Es war keine Spur eines menschlichen Wesens zu sehen, und so führten wir unsere Pferde an einer weniger steilen Stelle auf den Grund hinab, wo wir den Gefangenen von seinem Gaule nahmen und an einen Stamm festbanden. Der Ausdruck Gaul war eigentlich eine Beleidigung für dieses Pferd, welches jedenfalls zu den besten der Osagen gehörte. Erwähnen muß ich, daß der Rote wirklich ein Osage war. Er hatte sich mit den Kriegsstreifen bemalt und ließ auf keine der an ihn gerichteten Fragen eine Antwort hören.

Ich hätte nun Zeit gehabt, Apanatschka nach seinen Erlebnissen zu fragen, welche zwischen unserer Trennung und dem jetzigen Wiedersehen lagen, zog es aber vor, lieber zu warten, bis er selbst anfangen würde, davon zu sprechen. Einem Charakter, wie er war, gegenüber durfte ich keine Neugierde verraten. Mein dicker Hammerdull war von weniger vornehmer Gesinnung. Er hatte sich kaum niedergesetzt, so wendete er sich mit der Frage an ihn:

„Ich höre, daß mein roter Bruder ein Häuptling der Komantschen ist. Wie konnte es geschehen, daß er in die Gefangenschaft der Osagen geriet?“

Der Gefragte deutete, indem ein leises Lächeln über sein Gesicht ging, mit der Hand nach seinen beiden Ohren.

„Hat ein Kampf zwischen dir und ihnen stattgefunden?“ erkundigte sich der zudringliche Dick weiter.

Apanatschka antwortete mit derselben Gebärde. Da wendete sich Hammerdull an mich:

„Er scheint mir nicht antworten zu wollen; fragt Ihr ihn doch einmal, Mr. Shatterhand!“

„Das würde auch vergeblich sein,“ erwiderte ich.

„Warum?“

„Versteht Ihr denn nicht, was er meint? Er kann nicht hören.“

Da ging dem Dicken ein Licht auf. Er zog den Mund breit, ließ ein lustiges Lachen hören und sagte:

Well! So hat er wohl auch zwölf Frauen und zweimal zwanzig Söhne und Töchter wie Ihr?“

„Sehr wahrscheinlich!“

„Da will ich mich nur in acht nehmen, daß ich nicht auch noch taub werde, sonst hören wir alle drei nichts mehr! Es geht so schon still genug hier zu. Habt Ihr nichts für mich zu thun, Sir, damit mir die Zeit nicht gar so lange wird?“

„Doch. Steigt hinauf, und schaut nach Winnetou aus! Ich möchte es gern vorher wissen, wenn er kommt.“

„Ob Ihr es wißt oder nicht, das ist ganz egal; aber ich werde es Euch sagen.“

Er ging, und nun, als er sich entfernt hatte, schien Apanatschka wenigstens eine Bemerkung für nötig zu halten, um kein für ihn ungünstiges Urteil in mir aufkommen zu lassen. Er ließ einen verächtlichen Blick über den Gefangenen streifen und sagte:

„Die Söhne der Osagen sind keine Krieger; sie fürchten die Waffen tapferer Männer und fallen nur aber wehrlose Leute her.“

„Ist mein Bruder wehrlos gewesen?“ fragte ich.

„Ja. Ich hatte nur ein Messer bei mir, weil mir jede weitere Waffe verboten war.“

„Ah! Mein Bruder war unterwegs, um sich den heiligen Yatkuan zu holen?“

„So ist es. Apanatschka wurde von dem Rate der Alten ausersehen, nach Norden zu reiten, um die heiligen Steinbrüche aufzusuchen. Mein Bruder Shatterhand weiß, daß, so lange es rote Männer giebt, kein Krieger, welcher von seinem Stamme nach dem Yatkuan ausgeschickt wird, eine andere Waffe als nur das Messer führen darf. Er hat keinen Pfeil und keinen Bogen, kein Gewehr und keinen Tomahawk nötig, weil er kein Fleisch, sondern nur Pflanzen essen darf und sich gegen keinen Feind zu verteidigen braucht, weil es verboten ist, einen Mann, der nach den heiligen Steinbrüchen reitet; unfriedlich zu behandeln. Apanatschka hat noch nie von einem Falle gehört, daß dieses Gesetz, welches bei allen Stämmen Geltung hat, übertreten worden ist. Die Hunde der Osagen aber haben die Schande auf sich geladen, mich zu überfallen, gefangen zu nehmen und zu fessseln, obgleich ich nur das Messer hatte und ihnen durch das Wampum des Kalumets bewies, daß ich mich auf dem Wege der großen Medizin befand.“

„Du hast ihnen das Wampum vorgezeigt?“

„Ja.“

„Ich sehe es nicht. Du hast es nicht mehr?“

„Nein. Sie haben es mir abgenommen und in das Feuer geworfen, von dem es verzehrt worden ist!“

„Unglaublich! So etwas ist allerdings noch niemals vorgekommen! Sie haben damit ihre Ehre in die Flammen geworfen und für alle Zeit vernichtet. Sie mußten dich, selbst wenn du ihr größter Feind gewesen wärst, als Gast behandeln!“

„Uff! Ich sollte sogar getötet werden!“

„Hast du dich gewehrt, als sie dich ergriffen?“

„Durfte ich das?“

„Nein.“

„Hätte ich mich gewehrt, so wäre das Blut vieler von ihnen geflossen; da ich mich aber auf mein Wampum und die uralten Gesetze verließ, die noch niemand zu übertreten wagte, bin ich ihnen willig wie ein Kind in ihr Lager gefolgt. Von nun an darf jedem Osagen, der einem ehrlichen Krieger begegnet, ins Gesicht gespieen werden und – –“

Er wurde unterbrochen, denn Dick Hammerdull kam und meldete, daß Winnetou zu sehen sei. Ich wollte den Apatschen mit dem Naiini-Komantschen überraschen, bat also Apanatschka, hier bei dem Gefangenen zu bleiben, und ging mit Dick Hammerdull nach der andern Seite des Kih-pe-takih, wo die Angemeldeten erscheinen mußten. Ich hatte natürlich erwartet, fünf Personen zu sehen, nämlich Winnetou, Treskow, Holbers, Old Wabble und Schahko Matto, bemerkte aber zu meiner Verwunderung, daß sich noch ein Indianer bei ihnen befand. Als sie näher gekommen waren, sah ich, daß dieser auch auf das Pferd gebunden war. Winnetou hatte also noch einen Gefangenen gemacht; die Kriegsfarben in seinem Gesichte zeigten, daß er auch ein Osage war.

Ich trat, damit der Apatsche nicht erst rekognoszieren solle, soweit vor das Gesträuch, daß er mich erkennen mußte. Er lenkte also gerade auf mich zu, hielt bei uns an und fragte:

„Befindet sich mein Bruder schon vor mir hier, weil ihm etwas Böses begegnet ist?“

„Nein, sondern weil alles schneller und besser ging, als ich denken konnte.“

„So geleite er uns zu seinen Pferden! Ich habe ihm sehr Wichtiges zu berichten.“

Schahko Matto hatte diese Worte gehört; ich fing einen triumphierenden Blick auf, den er auf mich warf, und ließ infolgedessen die Bemerkung hören:

„Die Pferde befinden sich auf der andern Seite; wir werden aber gleich hier unten lagern.“

Der scharfsinnige Winnetou ahnte sofort, daß es sich um eine Heimlichkeit handle; er warf einen kurzen Blick in mein Gesicht und ließ dann ein befriedigtes Lächeln um seine Lippen spielen. Der Häuptling der Osagen aber machte mir in barschem Tone die Bemerkung:

„Old Shatterhand wird erfahren, was geschehen ist, und mich in kurzer Zeit freilassen müssen!“

Ich antwortete nicht und stieg in die Vertiefung hinab. Die andern folgten mir, indem Hammerdull und Holbers die Pferde der beiden Indianer führten. Dabei hörte ich, daß der Dicke zu seinem langen Busenfreunde sagte:

„Also bei euch ist etwas sehr Wichtiges passiert, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, daß es wichtig ist, so hast du es erraten,“ lautete die Antwort.

„Ob erraten oder nicht, das bleibt sich gleich. So wichtig ist es aber jedenfalls nicht wie das, was – –“

„Laßt das Plaudern!“ unterbrach ich ihn. „Ehe die Reihe, zu reden, an Euch ist, sind vorher schon noch andere da!“

Er merkte, daß er im Begriffe gestanden hatte, einen Fehler zu begehen, und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Auf dem Grunde des Einsturzes angekommen, banden wir die Gefangenen von den Pferden, legten sie auf den Boden und setzten uns zu ihnen nieder. Winnetou, welcher nicht wissen konnte, womit ich hinter dem Berge hielt, warf mir heimlich einen fragenden Blick zu, worauf ich die Aufforderung an ihn richtete:

„Mein Bruder lasse mich das Wichtige wissen, was er mir mitzuteilen hat!“

„Soll ich mit offenem Munde sprechen?“

Er meinte damit, ob er ohne alle Rücksicht auf das, was ich noch zu verschweigen hatte, reden könne.

„Ja,“ nickte ich. „Hoffentlich ist es nichts Unangenehmes, was geschehen ist!“

Was ich erwartet hatte, das geschah: Old Wabble fiel schnell und in höhnischem Tone ein:

„Sehr unangenehm sogar, höchst unangenehm für Euch! Wenn Ihr etwa glaubt, uns noch immer sehr fest und sicher in den Händen zu haben, so irrt Ihr Euch gewaltig!“

Pshaw!“ lachte ich. „Die Karten stehen für uns ja noch besser als vorher!“

„Wieso?“

„Wir haben heut einen Gefangenen mehr als gestern!“

„Und Ihr meint, das sei vorteilhaft für euch? Laßt Euch doch von Winnetou sagen, wie die Sachen stehen!“

Der Apatsche überwand in diesem Falle einmal seinen Stolz, indem er in wegwerfendem Tone sagte:

„Der alte Cowboy hat ein Gift auf seiner Zunge; ich will ihn nicht hindern, es über uns auszuspritzen.“

„Ja, es ist ein Gift, und zwar ein solches, an dem ihr alle zu Grunde gehen werdet, wenn ihr uns nicht sofort die Freiheit gebt; th’is clear!“

„Unnütze Redensart, um uns bange zu machen!“ lachte ich.

„Lacht immerhin! Das Lachen wird euch gleich vergehen, wenn ihr hört, was während eurer glorreichen Abwesenheit geschehen ist.“ Er deutete auf den neugefangenen Roten und fuhr fort: „Den Kriegern der Osagen dauerte die Rückkehr ihres Häuptlings zu lange; darum sandten sie diesen Mann zu ihm, um den Grund seines langen Bleibens zu erfahren. Er kam nach dem Wäldchen, wo ihr uns überfallen habt; wir waren fort; er folgte aber unserer Spur und entdeckte unsern gestrigen Lagerplatz. Merkt Ihr noch nichts?“

„Ich merke nur, daß er dabei ergriffen wurde.“

„Schön! Aber etwas wißt Ihr nicht, nämlich daß er nicht allein gewesen ist. Es war ein zweiter Osage bei ihm, welcher klüger und vorsichtiger war als er. Dieser entkam und ist nun zurückgeeilt, um einige hundert Verfolger zu holen, die Euch sicher jetzt schon auf den Fersen sind. Ich gebe Euch den Rat, uns augenblicklich freizulassen; das ist das beste, was Ihr thun könnt; denn wenn diese Menge von Osagen kommt und uns noch in euern Händen findet, so werden sie keine Schonung üben, sondern euch auslöschen, wie der Sturm schwache Zündhölzer auszublasen pflegt!“

„Ist das alles, was Ihr mir zu sagen habt?“ fragte ich.

„Einstweilen ja; aber wenn Ihr so albern seid, meinen guten Rat nicht zu beachten, so kommt noch mehr!“

„Dann doch lieber gleich heraus mit diesem Mehr!“

„Nein. Erst will ich sehen, ob Old Shatterhand wenigstens einmal nur den hundertsten Teil der großen Klugheit besitzt, die man ihm irrtümlicherweise zuzuschreiben pflegt.“

„Soviel ist gar nicht notwendig, denn schon der zehntausendste Teil reicht für mich vollständig zu, Eure Drohung zu verlachen. Auch angenommen, daß alles ganz genau so ist, wie Ihr sagt, so befindet Ihr Euch noch in unserer Gewalt, und Eure Osagen sind noch nicht da. Was hindert uns, euch auszulöschen, so wie der Wind Zündhölzer ausbläst?“

Pshaw! Das thut Ihr nicht, denn Ihr seid ein viel zu guter und viel zu liebevoller Christ dazu und sagt Euch ganz gewiß, daß die Osagen unsern Tod blutig rächen würden.“

„Diese paar Leute? Was sind die gegen Winnetou, von mir gar nicht zu reden!“

„Ja, Eure Einbildung ist groß genug, das weiß man schon! Aber ich ahne, was Euch solchen Mut einflößt!“

„Nun, was?“

„Ihr seid auch, wie Winnetou, auf Fenners Farm gewesen und habt dort um Hilfe gebeten. Wahrscheinlich sind nun einige arme Cow-boys unterwegs, mit denen Ihr uns schrecken wollt.“

Pshaw! Wenn Ihr einigermaßen rechnen könntet, so müßtet Ihr wissen, daß ich von Fenners Farm jetzt noch nicht wieder hier sein könnte. Ich war an einem ganz, ganz anderen Orte und habe Euch zum Beweise, mit welcher Liebe ich dort an Euch dachte, jemand mitgebracht.“

„Möchte wissen, wer das ist. Laßt ihn doch sehen!“

„Sofort! Diese Freude kann ich Euch und Schahko Matto schon gern machen.“

Ich sagte Dick Hammerdull einige Worte in das Ohr. Er nickte lachend, stand auf und entfernte sich. Alle, selbst Winnetou, obgleich sich dieser gar nichts merken ließ, waren gespannt darauf, wen der Dicke bringen würde. Als er nach kurzer Zeit zurückkehrte, führte er unsern gefangenen Osagen am Arme.

„Uff!“ rief Schahko Matto erschrocken.

All devils!“ schrie Old Wabble. „Das ist ja der – –“

Er hielt es für geraten, mitten im Satze abzubrechen. Ich winkte Hammerdull, den Roten wieder fortzuführen, weil dieser durch ein Wort die Anwesenheit Apanatschkas verraten konnte, und fragte den alten Cowboy:

„Das war der Rote, welcher die Hunderte von Osagen holen sollte. Denkt ihr jetzt noch, daß sie kommen werden?“

„Der Teufel hole Euch!“ zischte er mich an.

„Uff!“ fiel Schahko Matto ein. „Old Wabble hat ja den Naiini ganz vergessen!“

„Das fällt mir gar nicht ein!“ entgegnete dieser und fügte, zu mir gewendet, hinzu: „Ich habe schon bemerkt, daß ich noch eine Karte habe, die Ihr gewiß nicht übertrumpfen könnt, für so klug und weise Ihr Euch immer halten mögt!“

„Die möchte ich kennen lernen!“

„Werde Euch gleich behilflich dazu sein! Ihr werdet Euch sicher noch mit großem Vergnügen an den Llano erinnern, wo Ihr die Ehre hattet, von – – –“

„Von Euch bestohlen zu werden,“ fiel ich ihm in die Rede.

„Auch richtig, doch wollte ich etwas anderes sagen,“ lachte er. „Es gab dort einen jungen Naiini-Häuptling. Wie hieß er doch nur gleich?“

„Apanatschka,“ antwortete ich, mich ganz ahnungslos stellend.

Yes, Apanatschka! Ihr hattet ihn sehr lieb, nicht?“

„Ja.“

„Da Ihr Euch eines ausgezeichnet guten Herzens rühmt, vermute ich, daß diese Eure Liebe sich nicht verringert hat?“

„Sie ist im Gegenteile inzwischen noch gewachsen!“

Er sprach in überlegenem Tone, weil er glaubte, seiner Sache ganz sicher zu sein, und ich ging auf diesen Ton ein, weil ich bemerkte, daß Apanatschka mir in der Rolle, die ich ihm zugedacht hatte, entgegenkam. Hammerdull war, als er den Osagen fortgeführt hatte, nicht wiedergekommen; ich sah an seiner Stelle den Naiini-Häuptling im Gebüsch stehen. Er mochte vermutet haben, daß ich nun auch mit seiner Person eine Überraschung beabsichtige, und hatte sich herbeigeschlichen, ohne abzuwarten, bis ich ihn holen ließ. Ein Blick in Winnetous Gesicht verriet mir, daß die scharfen Augen des Apatschen ihn auch schon entdeckt hatten.

„Noch gewachsen?“ wiederholte Old Wabble meine Worte. „Ihr wollt wahrscheinlich damit sagen, daß Ihr ihn noch heut wie damals als Euern Freund und Bruder betrachtet?“

„Ganz gewiß!“

„Für den Euch kein Opfer zu groß sein würde?“

„Ja. Ich will damit sagen, daß ich ihn in keiner Gefahr stecken lassen würde, und wenn ich mein Leben wagen sollte.“

„Schön! Ich kann Euch nun zufälligerweise sagen, daß er sich in der größten Gefahr befindet, die es für ihn geben kann.“

„Ah, wirklich?“

„Ja.“

„Welche wäre das?“

„Er ist Gefangener der Osagen.“

„Das glaube ich nicht.“

Old Wabble hatte mich angesehen, als ob er glaube, daß ich sehr erschrecken werde; als aber meine Antwort so schnell und in so gleichgültigem Tone erfolgte, versicherte er eifrig:

„Ihr denkt wahrscheinlich, ich mache Euch etwas vor; es ist aber wahr, wirklich wahr!“

„Unsinn!“

„Tragt den Osagen hier, den Winnetou gestern abend gefangen nahm! Er hat uns die Botschaft gebracht, über die wir uns grad so sehr gefreut haben, wie sie Euch ungelegen kommen muß.“

„Es ist dennoch Lüge, daß er gefangen ist!“

„Ich schwöre es Euch mit hundert Eiden zu!“

Pshaw! Old Wabbles Eide gelten bei mir weniger als nichts! Aber sagt, ist die Gefangennahme Apanatschkas etwa die Karte, die ich nicht übertrumpfen kann?“

„Natürlich!“

„So ahne ich, was Ihr meint. Ihr seid der Ansicht, daß wir Euch gegen ihn auslösen werden?“

„Seht, wie klug Ihr werdet, wenn man Euch mit der Nase an die richtige Stelle stößt! Ihr habt es allerdings erraten.“

„So thut es mir um Euretwillen leid, daß es eine Stelle giebt, an welche ich nun Eure Nase stoßen muß.“

„Was für eine denn?“

„Der Busch, da rechts von Euch. Seid so gut, Eure Nase einmal dorthin zu richten!“

Er wendete den Kopf nach der angegebenen Seite. Apanatschka hatte jedes unserer Worte gehört und verstanden; er schob das Gezweig mit den Armen zur Seite und trat zu uns heraus. Wenn ein Blitz vor ihnen niedergefahren wäre, hätten Schahko Matto und Old Wabble nicht mehr erschrecken können, als sie jetzt beim Anblicke des Komantschenhäuptlings erschraken.

„Nun?“ fragte ich. „Wer hat den größten Trumpf?“

Keiner antwortete. Da ertönte die Stimme eines, der nur dann zu sprechen pflegte, wenn sein Busenfreund Dick Hammerdull ihn fragte, nämlich die Stimme des langen Pitt Holbers:

Heigh-day, ist das ein Gaudium! Niemand wird ein- und ausgelöst; Old Wabble hat verspielt!“

Der, dessen Name da genannt wurde, knirschte mit den Zähnen, daß wir es alle hörten, stieß einen gräßlichen Fluch aus und schrie mit vor Wut überschnappender Stimme zu mir herüber:

„Hund, tausendmal verfluchter, du stehst mit der Hölle und allen ihren Teufeln im Bunde! Du mußt ihr dein Leben und deine Seele verschrieben haben, sonst könnte dir nicht alles so nach Wunsch gelingen! Ich speie vor dir aus! Ich hasse dich mit einem Hasse, wie ihn noch nie ein Mensch empfunden hat, dich, hörst du, dich, verdammter Dutchman, du!“

„Und dich bedaure ich aus vollstem, tiefstem Herzen,“ antwortete ich ruhig. „Ich habe viele, viele beklagenswerte Menschen kennen gelernt, der beklagenswerteste von allen diesen der bist du! Du ahnest und begreifst gar nicht, wie unbeschreiblich groß das Mitleid ist, welches du erwecken mußt. Möge Gott dereinst nur einen kleinen, kleinen Teil des Mitleids, des Erbarmens für dich haben, welches ich jetzt für dich hege! Das ist die Antwort, die ich dir auf deinen Fluch erteile, weil ein Fluch aus deinem Munde für jeden, gegen den du ihn richtest, zum Segen werden muß! Nun bin ich mit dir fertig. Du bist ein so armseliges Menschenkind, daß jedes Auge schmerzt, welches gezwungen ist, dich anzusehen. Mach dich aus dem Staube!“

Ich ging zu ihm hin, zerschnitt seine Fesseln und wendete mich ab. Wenn ich geglaubt hätte, daß er nun schnell aufspringen und davonlaufen werden, so wäre ich von einem Irrtume ergriffen gewesen; ich hörte nämlich, daß er sich langsam und gemächlich erhob; dann fühlte ich seine Hand auf meiner Schulter, und er sagte im Tone hellen Spottes:

„Also das Auge thut dir wehe, wenn du mich ansehen mußt? Darum giebst du mich frei? Bilde dir ja nur nicht ein, moralisch so unendlich hoch über mir zu stehen! Wenn der Gott wirklich lebt, an welchen du dich rühmst, so fest zu glauben, so stehe ich in seinen Augen ebenso hoch wie du, sonst wäre er ein noch schlechterer Kerl als so einer, für welchen du mich hältst! Er hat mich und dich geschaffen und in die Welt gesetzt, und wenn ich anders geraten bin als du, so bin nicht ich, sondern er ist schuld daran. An ihn hast du dich also mit deiner Entrüstung zu wenden, nicht an mich, und wenn es in Wirklichkeit ein ewiges Leben und ein jüngstes Gericht gäbe, über das ich aber lache, so hat, weil er mich mit meinen sogenannten Fehlern und Sünden ausstattete, nicht er über mich, sondern ich über ihn den Stab zu brechen. Du wirst also wohl endlich einsehen, was eure Frömmigkeit und Gottesfurcht für kindische, belachenswerte Dummheiten sind! Du glaubst wohl freilich, aus Güte zu handeln; im Grunde genommen aber treibt dich nichts als die Erkenntnis, die auch ich hege, nämlich daß kein Mensch gut und keiner böse ist, weil Gott, der Erfinder der Erbsünde, allein schuld daran wäre. Leb‘ also wohl, du Mann der Liebe und der Barmherzigkeit! Ich bin trotz deiner Albernheit heut wieder einmal sehr zufrieden mit dir. Aber denke deshalb ja nicht, daß ich, falls wir uns wiedersehen, anders als durch eine Kugel zu dir reden werde! Wir haben hier auf der Savanne nicht neben einander Platz; einer muß fort, und da du so große Scheu und Angst vor Menschenblut hast, so werde ich dir bei unserm nächsten Wiedersehen die Adern öffnen. Den andern gilt dasselbe Wort. Mesch’schurs, lebt wohl für nächste Tage! Ihr werdet bald von mir zu hören bekommen!“

Es waren den Gefangenen natürlich ihre Waffen abgenommen worden. Die Flinte Old Wabbles hing am Sattel seines Pferdes, und sein Messer hatte sich Dick Hammerdull in den Gürtel gesteckt. Der alte Cowboy trat zu dem Dicken und streckte die Hand aus, um sein Messer zu nehmen; dieser aber bog sich ab und fragte: „Was wollt Ihr da? In meinem Gürtel habt Ihr nichts zu suchen!“

„Ich will mein Messer haben.“ erklärte Old Wabble trotzig.

„Das gehört jetzt uns, aber nicht mehr euch!“

„Oho! Ich habe es also mit Spitzbuben, mit Dieben zu thun?“

„Nimm dein loses Maul in acht, sonst springe ich dir ins Gesicht, alter Gauner! Du kennst die Gesetze der Prairie und weißt also, wem die Waffen eines Gefangenen gehören!“

„Ich bin jetzt nicht mehr Gefangener, sondern frei!“

„Ob frei oder nicht, das geht mich gar nichts an. Wenn Old Shatterhand dir die Freiheit wiedergegeben hat, so ist damit noch nicht gesagt, daß du auch deine Waffen wiederbekommen mußt.“

„Behalte es, und sei verdammt, dicker Mops! Ich werde bei den Osagen ein anderes bekommen!&

Er ging zu seinem Pferde, nahm das Gewehr vom Sattel, hing es sich über und wollte aufsteigen. Da stand Winnetou auf, streckte die Hand gegen ihn aus und befahl:

„Halt! Das Gewehr wieder hin!“

Es lag in der Haltung und dem Gesichte des Apatschen etwas so Unwiderstehliches, daß Old Wabble, seinem sonstigen Wesen ganz entgegen, gehorchte. Er hing die Rifle wieder an den Sattel, wendete sich dann aber zu mir um und protestierte:

„Was soll das heißen? Pferd und Gewehr gehören doch mir!“

„Nein,“ entgegnete Winnetou. „Indem mein Bruder Shatterhand dir die Freiheit wiedergab, hat er dir nur den Ekel zeigen wollen, den jeder Mensch vor dir empfinden muß. Wir stimmen ihm alle bei, denn es graut uns, dich mit der Hand, dem Messer oder einer Kugel zu berühren. Wir überlassen dich nicht unserer Rache, sondern der Gerechtigkeit des großen Manitou. Du würdest auch dein Pferd und deine Waffen erhalten, aber da du gedroht hast, uns zur Ader lassen zu wollen, so bekommst du nichts als nur die Freiheit wieder. Du wirst jetzt augenblicklich gehen; bist du aber nach zehn Minuten noch hier in der Nähe zu sehen, so wird ein Riemen dir um den Hals und dann um den Ast eines dieser Bäume gelegt. Ich habe gesprochen. Howgh! Nun augenblicklich fort!“

Old Wabble lachte laut auf, verbeugte sich tief und antwortete:

„Ganz wie ein König gesprochen; nur schade, daß es in meinen Ohren wie Hundebellen klingt! Ich gehe; wir sehen uns aber wieder!“

Er drehte sich um, stieg den an dieser Stelle eingefallenen Rand der Senkung hinauf und verschwand. Als ich ihm der Vorsicht wegen in kurzer Zeit hinauffolgte, sah ich ihn in seiner schlotternden, wabbelnden Weise langsam über die Ebene schreiten. Ich hatte diesen Mann früher nicht nur wegen seines hohen Alters geachtet, sondern ihn dem Rufe gemäß, in dem er damals stand, auch für einen sehr tüchtigen Westmann gehalten; jetzt aber war meine Ansicht über ihn in beiden Beziehungen eine ganz andere geworden. Er wäre, selbst wenn man ihn für einen bessern Menschen hätte halten müssen, als „man of the west“ doch für uns unbrauchbar gewesen. Daß ich ihn auch diesmal wieder straflos hatte gehen lassen, war weniger die Folge eines Überlegungsaktes als vielmehr einer augenblicklichen Regung oder Empfindung, eines Ekels gewesen, der es mir unmöglich gemacht hatte, noch ein Wort an ihn zu richten.

Winnetou hatte sich einverstanden mit diesem meinem Verhalten erklärt. Hammerdull und Holbers waren es nicht, das wußte ich; sie wagten nur nicht, mir Vorwürfe darüber zu machen. Treskow aber, dessen juristisches oder polizeiliches Fühlen durch meine wiederholte Milde beleidigt worden war, sagte, als ich wieder zu ihnen hinabgestiegen war, zu mir:

„Nehmt es mir nicht übel, Mr. Shatterhand, daß ich Euch unbedingt tadeln muß. Vom christlichen Standpunkte aus will ich gar nicht sprechen, obgleich Ihr auch da nicht korrekt gehandelt habt, denn auch das Christentum lehrt, daß jeder bösen That die Strafe zu folgen habe; aber versetzt Euch doch einmal an die Stelle eines Kriminalisten, eines Vertreters der weltlichen Gerechtigkeit! Was würde ein solcher sagen, daß Ihr einen Halunken von der Verdorbenheit und Unverbesserlichkeit dieses Fred Cutter immer und immer wieder entkommen laßt? Dieser Mensch hat in seinem Leben schon mehr als hundertmal den Tod verdient, auch selbst dann, wenn nur seine Thaten als „Indianertöter“ in Betracht gezogen werden. Und wenn Ihr sagt, daß dies uns nichts angehe, so ist doch erwiesen, daß er Euch und uns wiederholt nach dem Leben getrachtet und auch jetzt wieder mit dem Tode bedroht hat. Was soll nun ein Jurist dazu sagen, daß Ihr Euch förmlich Mühe gebt, ihn der verdienten Strafe zu entziehen? Es ist mir ganz unmöglich, mich in die Gründe Eures Verhaltens hineinzudenken; ich kann Euch einfach nicht begreifen!“

„Bin ich Jurist, Mr. Treskow?“ antwortete ich.

„Ich glaube nicht.“

„Oder gar Kriminalist?“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Also! Es ist trotzdem gar nicht meine Absicht, ihn der wohlverdienten Strafe zu entziehen, nur will ich weder der Richter noch gar der Henker sein. Ich bin fest überzeugt, daß schon längst der verhängnisvolle, weiße Stab über seinem Haupte schwebt, um von einer ganz andern, mächtigern und höhern Hand gebrochen zu werden. Es hält mich ein Etwas in mir, dem ich nicht widerstehen kann, davon ab, dem gerechten Walten Gottes vorzugreifen, und wenn Ihr dieses mein Verhalten nicht verstehen könnt, so werdet Ihr doch wenigstens nicht bestreiten, daß es im Innern, in der Seele, im Herzen des Menschen Gesetze giebt, welche unübertretbarer, unerbittlicher und mächtiger als alle Eure geschriebenen Paragraphen sind.“

„Mag sein! Ich bin in dieser Beziehung nun einmal nicht so zartfühlend wie Ihr. Nur muß ich Euch auf die Präcedenzien aufmerksam machen, welche aus Eurem Gehorsam gegen diese geheimnisvollen und mir unverständlichen innerlichen Gesetze hervorgehen!“

„Wieso hervorgehen? Nennt mir einen solchen Fall!“

„Ihr habt Old Wabble begnadigt. Was thun wir nun mit dem Häuptling der Osagen, seinem Mitschuldigen? Soll der etwa auch ohne alle Strafe freigelassen werden?“

„Wenn es auf mich ankommt, ja.“

„Dann hole der Kuckuck alle eure sogenannten Gesetze der Savanne, die ihr nicht gelten laßt, obgleich ihr ihnen eine so beispiellose Strenge nachrühmt!“

„Ich bin erst in fünfter, sechster Stelle Westmann, in erster aber Christ. Die Osagen sind von den Weißen betrogen worden; sie haben sich durch den geplanten Überfall schadlos halten wollen; sie sind nach ihren Anschauungen vollständig berechtigt dazu. Sollen wir Schahko Matto nun für die bloße Absicht bestrafen, die noch gar nicht ausgeführt worden ist?“

„Gut, sehen wir von diesem Überfalle ab! Er hat uns aber nach dem Leben getrachtet, uns fangen und töten wollen!“

„Hat er diese Absicht ausgeführt?“

„Allerdings nicht; aber Ihr werdet wissen, daß schon der Versuch eines Verbrechens strafbar ist!“

„Hm, der Jurist, wie er im Buche steht!“

„Dazu bin ich berechtigt und verpflichtet, und ich bitte Euch, Euch auf denselben Standpunkt mit mir zu stellen!“

„Schön, das will ich thun! Also angenommen, daß schon der Versuch eines Verbrechens strafbar sei, ist die Absicht des Häuptlings der Osagen, die Farmen zu überfallen und uns zu töten, schon in das Stadium des Versuches getreten?“

Er zögerte mit der Antwort und brummte dann:

„Absicht – – Absicht – – Versuch – – vielleicht wenigstens der sogenannte entfernte Versuch – – hm, auch dieser nicht! Laßt mich doch mit solchen Haarspaltereien in Ruhe, Mr. Shatterhand!“

„Ah, Euer Standpunkt beginnt, zu wackeln! Sagt klar und bestimmt heraus: Ist die bloße Absicht strafbar?“

„Moralisch, ja, aber gerichtlich nicht.“

Well! Ist also Schahko Matto zu bestrafen?“

Er wand sich hin und her und rief zornig aus:

„Ihr seid der schlimmste Advokat, mit dem es ein Richter zu thun haben kann! Ich mag von der Sache gar nichts mehr wissen!“

„Nur langsam, langsam, Mr. Treskow! Ich bin strenger, als Ihr glaubt. Wenn wir auch die Absicht nicht bestrafen können, so bin ich doch dafür, daß wir Präventivmaßregeln ergreifen, welche der Strafe geschwisterlich ähnlich sind.“

„Das läßt sich freilich hören! Was schlagt Ihr vor?“

„Jetzt noch nichts. ich bin nicht der einzige, der da zu sprechen hat!“

„Sehr richtig!“ stimmte da Dick Hammerdull schnell bei.

„Irgend eine Belohnung muß der Rote bekommen; das versteht sich doch ganz von selbst! Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm, wenn du denkst, daß er einen tüchtigen Klapps verdient hat, so sollst du recht haben, lieber Dick,“ antwortete der Lange.

„So laßt uns beraten, was wir mit ihm thun!“ schlug Treskow vor, indem er, seine strengste Miene zeigend, sich niedersetzte.

Hochinteressant war das Spiel der Gesichtszüge, mit welchem Schahko Matto unsern Meinungsaustausch verfolgt hatte. Es war ihm kein Wort entgangen, und so wußte er, in welcher Weise ich mich seiner angenommen hatte. Sein erst so finster blickendes Auge ruhte jetzt mit einem ganz andern, fast freundlichen Ausdrucke auf mir; es war klar, daß er Dankbarkeit gegen mich empfand. Mir konnte das freilich gleich sein, denn persönliche Gefühle hatten mich nicht geleitet, als ich seinetwegen mit Treskow in Konflikt geraten war. Als dieser uns jetzt in so ernstem Tone zur Beratung aufforderte, brach der Häuptling der Osagen sein Schweigen, indem er sich an mich wendete:

„Wird, nachdem die Bleichgesichter gesprochen haben, Old Shatterhand vielleicht bereit sein, auch mich zu hören?“

„Sprich!“ forderte ich ihn auf.

„Ich habe Worte vernommen, welche ich nicht verstehen kann, weil sie mir fremd sind; um so deutlicher aber hörte ich, daß Old Shatterhand für mich gewesen ist, während das andere Bleichgesicht gegen mich war. Da Winnetou, der Häuptling der Apatschen, zu dem Streite geschwiegen hat, denke ich, daß er seinem Freunde und Bruder recht giebt. Beide sind zwar die Feinde der Osagen, aber alle roten und weißen Männer wissen, wie gerecht diese beiden berühmten Krieger denken und wie gerecht sie handeln, und so fordere ich sie auf, auch heut gerecht zu sein!“

Weil er jetzt eine Pause eintreten ließ und mich ansah, als ob er eine Antwort von mir erwarte, erklärte ich ihm:

„Der Häuptling der Osagen täuscht sich nicht in uns; er hat keine Ungerechtigkeit von uns zu erwarten. Ich mache ihn vor allen Dingen darauf aufmerksam, daß wir nicht Feinde der Osagen sind. Wir wünschen, mit allen roten und allen weißen Menschen in Frieden zu leben; wenn uns aber jemand in den Weg tritt, uns wohl gar nach dem Leben trachtet, sollen wir uns da nicht wehren? Und wenn wir dies thun und ihn besiegen, hat dieser Mann dann das Recht, zu behaupten, daß wir seine Feinde seien?“

„Mit diesem Manne hat Old Shatterhand wahrscheinlich mich gemeint. Wer aber ist es, der mit Recht von sich sagen kann, er sei angegriffen worden? Schahko Matto, der Häuptling der Osagen, möchte fragen, wozu die Bleichgesichter Richter und Gerichte haben?“

„Kurz gesagt, um Recht zu sprechen, um Gerechtigkeit zu üben.“

„Wird dieses Recht gesprochen, diese Gerechtigkeit geübt?“

„Ja.“

„Glaubt Old Shatterhand, was er da sagt?“

„Ja. Zwar sind die Richter auch nur Menschen, welche sich irren können, und darum – –“

„Uff, uff!“ fiel er mir schnell in die Rede – – „darum irren sich diese Richter stets dann, wenn es sich darum handelt, gegen die roten Männer gerecht zu sein! Old Shatterhand und Winnetou haben an tausend Lagerfeuern gesessen und zehnmal tausendmal die Klagen gehört, welche der rote gegen den weißen Mann zu erheben hat; ich will weder eine einzige dieser Klagen wiederholen, noch ihnen eine neue hinzufügen; aber ich bin der Häuptling meines Stammes und darf also davon sprechen, was das Volk der Osagen gelitten und auch jetzt wieder von neuem erfahren hat. Wie oft schon sind wir von den Bleichgesichtern betrogen worden, ohne einen Richter zu finden, der sich unsers guten Rechts erbarmte! Vor jetzt kaum einem Mond ist wieder ein großer Betrug an uns begangen worden, und als wir Gerechtigkeit verlangten, wurden wir verlacht. Was thut der weiße Mann, wenn ihm ein Richter die Hilfe versagt? Er wendet sich an ein höheres Gericht. Und wenn ihn auch dieses im Stiche läßt, so macht er seinen eigenen Richter, indem er seinen Gegner lyncht oder Vereinigungen von Leuten gründet, Komitees genannt, welche heimlich und gegen die Gesetze Hilfe schaffen, wenn öffentlich und durch die Gesetze keine zu finden ist. Warum soll nicht auch der rote Mann thun dürfen, was der weiße thut? Ihr sagt Lynch, wir sagen Rache; ihr sagt Komitee, wir sagen Beratung der Alten; es ist ganz dasselbe. Aber wenn ihr euch dann selbst geholfen habt, so nennt ihr das erzwungene Gerechtigkeit, und wenn wir uns selbst geholfen haben, so wird es von euch Raub und Plünderung genannt. Die richtige Wahrheit lautet folgendermaßen: Der Weiße ist der Ehrenmann, welcher den Roten unaufhörlich betrügt und bestiehlt, und der Rote ist der Dieb, der Räuber, welchem von dem Weißen stets das Fell über die Ohren gezogen wird. Dabei sprecht ihr ohne Unterlaß von Glaube und von Frömmigkeit, von Liebe und von Güte! Man hat uns kürzlich wieder um das Fleisch, das Pulver und um vieles andere betrogen, was wir zu bekommen hatten. Als wir zum Agenten kamen, ihn um seine Hilfe zu bitten, fanden wir nur höhnisch lachende Gesichter und drohend auf uns gerichtete Flintenläufe. Da holten wir uns Fleisch, Pulver und Blei, wo wir es fanden, denn wir brauchen es, wir können ohne es nicht leben. Man verfolgte uns und tötete viele unserer Krieger. Wenn wir nun jetzt ausgezogen sind, den Tod dieser Krieger zu rächen, wer ist schuld daran? Wer ist der Betrogene und wer der Betrüger? Wer ist der Beraubte und wer der Räuber? Wer ist der Angegriffene und wer der Feind? Old Shatterhand mag mir auf diese Fragen die richtige Antwort geben!“

Er richtete den Blick erwartungsvoll auf mich. Was sollte und was konnte ich ihm antworten, nämlich als ehrlicher Mann antworten? Winnetou entzog mich dieser heiklen Lage, indem er, der bis jetzt Schweigsame, das Wort ergriff:

„Winnetou ist der oberste Häuptling sämtlicher Stämme der Apatschen. Keinem Häuptlinge kann das Wohl seiner Leute mehr am Herzen liegen als mir das Glück meines Volkes. Was Schahko Matto jetzt sagte, ist mir nichts Neues; ich habe es selbst schon viele, viele Male gegen die Bleichgesichter vorgebracht – – ohne allen und jeden Erfolg! Aber muß denn jeder Fisch eines Gewässers, in dem es viele Raubfische giebt, vom Fleische anderer Fische leben? Muß jedes Tier eines Waldes, eines Gehölzes, in welchem Skunks hausen, notwendig auch ein Stinktier sein? Warum macht der Häuptling der Osagen keinen Unterschied? Er verlangt Gerechtigkeit und handelt doch selbst höchst ungerecht, indem er Personen befeindet, welche nicht die mindeste Schuld an der Ungerechtigkeit tragen, die an ihm und den Seinen verübt worden ist! Kann er uns nur einen Fall, einen einzigen Fall sagen, daß Old Shatterhand und ich die Gegner eines Menschen gewesen sind, ohne daß wir vorher von ihm angegriffen wurden? Hat er nicht im Gegenteile oft und oft erfahren und gehört, daß wir selbst unsere ärgsten Feinde so sehr und so viel schonen, wie uns irgend möglich ist? Und wenn er das bis heut noch nicht gewußt hätte, so wäre es ihm vorhin vor seinen Augen und Ohren gesagt und bewiesen worden, als mein Freund und Bruder Shatterhand für ihn sprach, obgleich er ihm nach dem Leben getrachtet hatte! Was uns der Häuptling der Osagen mitteilen will, das wissen wir schon längst und so gut, daß er kein Wort darüber zu verlieren braucht; aber was wir ihm zu sagen haben, das scheint er noch nicht zu wissen und noch nie gehört zu haben, nämlich daß man nicht Ungerechtigkeit geben darf, wenn man Gerechtigkeit haben will! Er hatte uns für den Marterpfahl bestimmt, und er weiß, daß wir ihm jetzt den Skalp und das Leben nehmen könnten; er soll beides behalten; er wird sogar seine Freiheit wiederbekommen, wenn auch nicht gleich am heutigen Tag. Wir werden seine Feindschaft mit Güte, seinen Blutdurst mit Schonung vergelten, und wenn er dann noch behauptet, daß wir Feinde der Osagen seien, so ist er nicht wert, daß sein Name von einem roten oder weißen Krieger jemals wieder auf die Lippen genommen wird. Schahko Matto hat vorhin eine lange Rede gehalten, und ich bin seinem Beispiele gefolgt, obgleich weder seine noch meine Worte nötig waren. Nun habe ich gesprochen. Howgh!“

Als er geendet hatte, trat eine lange, tiefe Stille ein. Nicht seine Rede allein, sondern noch vielmehr seine Person und seine Sprech- und Ausdrucksweise war es, welche diese Wirkung hervorbrachte. Ich war außer ihm wohl der einzige, welcher wußte, daß er nicht bloß zu dem Osagen gesprochen hatte. Seine Worte waren auch an die andern, besonders an Treskow gerichtet gewesen. Schahko Matto lag mit unbewegten Mienen da; ihm war nicht anzusehen, ob die Entgegnung des Apatschen überhaupt einen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Treskow hielt die Augen niedergeschlagen und den Blick wie in Verlegenheit zur Seite gerichtet. Endlich hob er ihn zu mir empor und sagte:

„Es ist eine ganz eigene Sache um Euch und Winnetou, Mr. Shatterhand. Man mag wollen oder nicht, so muß man schließlich doch so denken, wie Ihr denkt. Wenn Ihr den Häuptling der Osagen mit seinen beiden Kerls jetzt ebenso laufen lassen wollt, wie Ihr Old Wabble freigegeben habt, so bin ich jetzt derjenige, der nichts dagegen hat! Ich befürchte nur, daß er uns dann mit seinem Volke nachgeritten kommt, um uns, falls er Glück hat, schließlich doch noch festzunehmen.“

„Warten wir das ab! Wenn ich Euch recht verstehe, so haltet Ihr eine Beratung jetzt nicht mehr für notwendig?“ fragte ich.

„Ist nicht nötig. Thut, was Ihr wollt!“

„Welk so mache ich es kurz! Hört also, was ich im Einvernehmen mit Winnetou bestimme! Schahko Matto reitet mit uns, bis wir annehmen, ihn freigeben zu dürfen; er wird zwar gefesselt sein, doch mit der Rücksicht behandelt werden, welcher jeder brave Westmann dem Häuptlinge eines tapfern Volkes schuldig ist. Seine beiden Krieger sind frei; sie mögen nach dem Wara-tu zurückkehren, um den Osagen zu erzählen, was geschehen ist. Sie mögen dort sagen, daß die Bleichgesichter gewarnt worden sind und daß, wenn der Überfall der Farmen trotzdem versucht werden sollte, der Häuptling von uns erschossen wird. Macht ihnen die Riemen auf!“

Diese Aufforderung war an Hammerdull und Holbers gerichtet, welche ihr bereitwillig nachkamen. Als die beiden Osagen sich frei fühlten, sprangen sie auf und wollten schnell zu ihren Pferden; dem aber wehrte ich ebenso schnell ab:

„Halt! Ihr werdet nach dem Wara-tu nicht reiten, sondern gehen. Eure Pferde und Gewehre nehmen wir mit. Ob ihr sie wiederbekommt, das hängt ganz von dem Verhalten Schahko Mattos ab. Also geht, und verkündet euern Brüdern, daß Old Shatterhand es gewesen ist, welcher gestern Apanatschka, den Häuptling der Naiini-Komantschen, befreit hat!“

Es wurde ihnen schwer, diesem Befehle Gehorsam zu leisten. Sie sahen ihren Häuptling fragend an; er forderte sie auf:

„Thut, was Old Shatterhand euch gesagt hat! Sollten die Krieger der Osagen dann im Zweifel darüber sein, wie sie sich zu verhalten haben, so mögen sie Honskeh Nonpeh fragen, dem ich den Befehl übergebe. Er wird das Richtige treffen!“

Als er diese Weisung erteilte, nahm ich sein Gesicht scharf in die Augen. Es war vollständig undurchdringlich; kein Zug desselben verriet, ob diese Abtretung des Kommandos an einen andern für uns später Kampf oder Frieden zu bedeuten haben werde. Die zwei Freigelassenen stiegen die Böschung hinan und entfernten sich in der Richtung, welche Old Wabble vorhin auch eingehalten hatte. Sie gingen auf seiner Spur, und es war vorauszusehen, daß sie ihn bald einholen würden.

Daß ich ihre Pferde zurückbehalten hatte, war nicht aus nur einem Grunde geschehen. Wären sie beritten gewesen, so hätten sie das Wara-tu viel schneller als zu Fuße erreicht, und die zu erwartende Verfolgung hätte einige Stunden eher beginnen können; wir gewannen also Zeit. Ferner waren sie als Boten, welche schnell und weit zu reiten hatten, mit sehr guten Pferden versehen gewesen, und grad solche Tiere konnten wir brauchen. Auch ihre Waffen konnten uns von Nutzen sein. Apanatschka, welcher, wie bereits erwähnt, nur mit einem Messer versehen gewesen war, bekam das Gewehr Schahko Mattos, welches mit nicht ganz schlechten Eigenschaften behaftet zu sein schien. Es verstand sich von selbst, daß er sein ursprüngliches Vorhaben, nach den heiligen Steinbrüchen zu reiten, einstweilen aufgab und sich dafür entschloß, uns hinauf nach Colorado zu begleiten. Da wir fast mit Sicherheit annehmen konnten, daß die Osagen, sobald die zwei Boten sie benachrichtigten, daß ihr Häuptling unser Gefangener sei, sofort nach dem Kih-pe-ta-kih kommen und uns von da aus folgen würden, um ihn zu befreien, konnte unsers Verweilens hier nicht länger sein. Schahko Matto wurde auf sein Pferd gebunden, doch in so schonender Weise, wie die Verhältnisse es uns erlaubten. Pitt Holbers und Treskow bestiegen die zwei Osagenpferde; die andern wurden als Packtiere benutzt, und so verließen wir die „alte Frau“, bei welcher uns nur eine so kurze Rast vergönnt war.

Der nun folgende Ritt mußte uns weit vom Republikan-River abbringen, weil dieser Fluß sich nun nordwärts nach Nebraska wendete. Wir hielten uns gradwestlich, um den Salmon-River zu erreichen. Dabei befanden wir uns zwischen zwei Übeln, von denen das eine vor und das andere hinter uns lag. Das vor uns liegende bestand aus der Truppe des „Generales“, von welcher wir bald eine Spur zu finden hofften, das hinter uns befindliche aus den Osagen, deren Kommen mehr als wahrscheinlich war. Keines von diesen beiden Übeln aber war geeignet, uns in große Unruhe zu versetzen. Daß es noch ein drittes, uns viel näherliegendes, geben könne, das ahnten wir nicht, obgleich wir ihm grad und genau entgegenritten.

Wir hätten, um die Osagen irre zu führen, uns für einige Zeit südlich wenden können; aber einesteils hatten wir vor diesen Indsmen keine Angst, und andernteils wäre durch einen solchen Umweg die Zeit unsers Zusammentreffens mit Old Surehand weiter, als wir wünschen durften, hinausgeschoben worden. Darum behielten wir die westliche Richtung bis zum Nachmittage des nächsten Tages bei, wo wir eine Begegnung hatten, welche uns veranlaßte, unserer ursprünglichen Absicht entgegen doch nach Süden einzubiegen.

Wir trafen nämlich auf drei Reiter, von denen wir erfuhren, daß eine sehr zahlreiche Bande von Tramps durch die ganze vor uns liegende Gegend schwärme. Die Männer waren einem Teile dieser Bande in die Hände gefallen und nicht nur vollständig ausgeraubt worden, sondern der eine von ihnen zeigte mir auch eine nicht ungefährliche Schußwunde, welche er bei dieser Gelegenheit in den Oberschenkel erhalten hatte. Wer von den Tramps gehört oder gar sie persönlich kennen gelernt hat, der wird es begreiflich finden, daß wir gar keine Lust hatten, solchen zügel- und gewissenlosen Menschen zu begegnen, vor denen jeder brave Westmann sich wie vor Ungeziefer hütet, weil er es für eine Schande hält, seine Kraft mit der ihrigen zu messen. Wie der geübteste und eleganteste Florettfechter unmöglich gegen die Düngergabel eines rüden Stallknechtes aufkommen kann, so hütet sich jeder ehrliche Prairieläufer, mit diesen von der Gesellschaft für immer Ausgestoßenen in Berührung zu kommen, nicht etwa aus Furcht oder gar Angst, sondern aus Abscheu vor der Gemeinheit ihres Auftretens.

So auch wir. Wir schwenkten kurz entschlossen nach Süden ab und gingen schon gegen Abend über den Nordarm des Salmon-River, an dessen rechtem Ufer wir für die Nacht Lager machten.

Hier war es, wo Apanatschka sein bisheriges Schweigen brach und mir erzählte, was er nach unserer Trennung im Llano estacado erlebt hatte. Es war nichts besonders Erwähnenswertes. Sein Ritt mit Old Surehand nach Fort Terrel war, wie bereits erwähnt, ohne Erfolg gewesen, da sie den dort gesuchten Dan Etters nicht gefunden hatten; es war dort überhaupt kein Mensch gewesen, der diesen Namen einmal gehört oder den Träger desselben gar persönlich gesehen hatte. Als Apanatschka dies erzählte, sagte ich:

„So ist meine damalige Voraussage also eingetroffen. Ich traute dem sogenannten Generale nicht; es kam mir gleich so vor, als ob er Old Surehand über diesen Etters täuschen wolle. Er hatte irgend eine bestimmte Absicht dabei, welche ich leider nicht erraten konnte. Es schien mir, als ob er das Verhältnis Old Surehands zu Etters genauer kenne, als er merken lassen wollte; ich machte unsern Freund darauf aufmerksam; er wollte es aber nicht glauben. Hat er mit meinem roten Bruder Apanatschka vertraulich darüber gesprochen?“

„Nein.“

„Er hat gar keine, keine einzige Äußerung darüber fallen lassen, warum er so eifrig nach diesem Etters suchte?“

„Keine.“

„Und dann habt ihr euch am Rio Pecos getrennt und du bist zu deinem Stamme heimgekehrt?“

„Ja; ich bin nach dem Kaam-kulano geritten.“

„Wo deine Mutter dich gewiß mit Freude empfing?“

„Sie erkannte mich im ersten Augenblick und nahm mich liebreich auf, dann aber ging ihr Geist schnell wieder von ihr fort,“ antwortete er, schnell trüb gestimmt, wie ich bemerkte.

Dennoch fragte ich, ohne auf diese seine Stimmung Rücksicht zu nehmen:

„Erinnerst du dich noch der Worte, die ich aus ihrem Munde gehört hatte?“

„Ich kenne sie. Sie sagt sie ja stets.“

„Und glaubst du noch heut so wie damals, daß diese Worte zur indianischen Medizin gehören?“

„Ja.“

„Ich habe es nie geglaubt und glaube es auch jetzt noch nicht. Es wohnen in ihrem Geiste Bilder von Personen und Ereignissen, welche nicht deutlich werden können. Hast du denn gar nicht einmal einen Augenblick bei ihr bemerkt, an welchem diese Bilder heller wurden?“

„Nie. Ich bin nicht oft mit ihr beisammen gewesen, denn ich mußte mich nach meiner Heimkehr bald von ihr trennen.“

„Warum?“

„Die Krieger der Naiini, und besonders Vupa Umugi, der Häuptling derselben, konnten es mir nicht verzeihen, daß mein weißer Bruder Shatterhand mich für würdig erachtet hatte, die Pfeife der Freundschaft und der Treue mit mir zu rauchen. Sie machten mit das Leben im Thal der Hasen schwer, und so ging ich fort.“

„Wohin?“

„Zu dem Komantschenstamme der Kaneans.“

„Würde mein Bruder sofort von ihnen aufgenommen?“

„Uff! Wenn es nicht Old Shatterhand wäre, der mich so fragt, so würde ich lachen! Ich war zwar der jüngste Häuptling der Naiini gewesen, aber es hatte keinen Krieger gegeben, der mich besiegen konnte. Darum sprach keine einzige Stimme gegen mich, als die Männer der Kaneans über meine Aufnahme berieten. Jetzt bin ich der oberste Häuptling dieses Stammes.“

„Das höre ich gern; das macht mir Freude, denn ich liebe dich. Konntest du deine Mutter nicht von den Naiini weg und zu dir nehmen?“

„Ich wollte es thun, aber der Mann, dessen Squaw sie ist, gab es nicht zu.“

„Der Medizinmann? Du nennst ihn nicht deinen Vater, sondern den Mann, dessen Squaw sie ist. Es ist mir schon damals aufgefallen, daß du ihn nicht lieben kannst.“

„Ich konnte ihm mein Herz nicht geben, jetzt aber hasse ich ihn, denn er verweigert mir die Squaw, welche mich geboren hat.“

„Weißt du genau, daß sie deine Mutter ist?“

Er warf mir einen Blick der Überraschung zu und sagte:

„Warum fragst du so? Ich bin überzeugt, daß mein Bruder Shatterhand nie ein Wort sagt, zu welchem er keinen Grund hat; alles, was er thut oder spricht, ist vorher von ihm reiflich überlegt worden; darum wird er auch ganz gewiß eine Ursache haben, mir diese sonderbare Frage vorzulegen.“

„Die habe ich allerdings; aber sie ist nicht eine Frucht der Überlegung, sondern die Folge einer Stimme, welche ich schon früher in meinem Innern gehört habe und auch noch heute höre. Will mein Bruder Apanatschka mir Antwort geben?“

„Wenn Old Shatterhand fragt, werde ich antworten, auch ohne zu begreifen, warum er gesprochen hat. Die Squaw, von welcher wir reden, ist meine Mutter; ich habe das nie anders gewußt, und ich liebe sie.“

„Und ist sie wirklich die Squaw des Medizinmannes?“

Er erwiderte abermals im Tone der Verwunderung:

„Auch diese Frage verstehe ich nicht. Man hat beide, so lange ich es weiß, für Mann und Weib gehalten.“

„Auch du?“

„Ja.“

„Und du liebst ihn nicht?“

„Ich habe dir bereits gesagt, daß ich ihn hasse.“

„Und bist doch überzeugt, daß er dein Vater ist?“

„Man hat ihn stets meinen Vater genannt.“

„Er selbst auch? Denk genau darüber nach!“

Er senkte den Kopf, schwieg eine Weile, hob ihn dann mit einer raschen Bewegung und sagte:

„Uff! jetzt fällt es mir zum erstenmal auf, daß er mich niemals, kein einziges Mal Schi Yeh genannt hat.“

„Aber deine Mutter hat Se Tseh zu dir gesagt?“

„Auch nicht!“

Die Ausdrücke für „mein Sohn“ sind nämlich bei den meisten Indianerstämmen verschieden, je ob sie von dem Vater oder der Mutter angewendet werden. In dem vorliegenden Falle wird Schi Yeh vom Vater, Se Tseh aber von der Mutter gebraucht. Apanatschka fuhr fort:

„Beide haben stets nur Omi zu mir gesagt, und nur die Mutter nannte mich allerdings zuweilen Se Tseh, aber nur dann, wenn sie mit andern von mir sprach.“

„Sonderbar, höchst sonderbar! Nun möchte ich nur noch wissen, ob er sie Ivo Uschingwa und sie ihn Iwuete zu nennen pflegt.“

„Du“.

Er sann wieder eine Weile nach und antwortete dann:

„Es ist mir, als ob sie, als ich noch jung, noch sehr jung war, sich so genannt hätten; seit jener Zeit aber habe ich diese Worte nicht wieder von ihren Lippen gehört.“

„So hat sie also seit jener Zeit stets nur die Namen Tibo taka und Tibo wete gebraucht?“

„Ja.“

„Und du hältst diese Worte für Medizinausdrücke?“

„Ja.“

„Warum?“

„Weil der Vater stets sagte, daß sie Medizin seien. Sie müssen es auch sein, denn es giebt keinen einzigen roten oder weißen Mann, welcher weiß, was das Wort Tibo zu bedeuten hat. Oder sollte mein Bruder Shatterhand es wissen?“

Ich wußte es allerdings auch nicht. Zwar mußte ich an die französischen Namen Thibaut und Thibault denken, aber es schien mir doch zu gewagt, das freilich fast gleichklingende Wort Tibo damit in Beziehung zu bringen. Ich wollte eine dieses sagende Antwort geben, kam aber nicht dazu, weil mir, und zwar zu gleicher Zeit und mit gleicher Eile, zwei Personen zuvorkamen, welche dem ersten Teile unseres Zwiegespräches keine Aufmerksamkeit geschenkt hatten, dann aber, sobald sie von mir die Namen Tibo taka und Tibo wete hörten, sich uns mit um so größerem Interesse zuwendeten.

Es wird noch erinnerlich sein, daß ich damals im Llano estacado Apanatschka versprechen mußte, die geheimnisvollen Worte keinem Menschen mitzuteilen; ich hatte mein Versprechen so treu gehalten, daß ich sogar gegen Winnetou verschwiegen gewesen war. Darum erregte es meine Verwunderung, als er uns jetzt in die Rede fiel:

„Tibo taka und Tibo wete? Diese Worte kenne ich!“

Und noch hatte er nicht ganz ausgesprochen, so rief auch der Häuptling der Osagen: „Tibo taka und Tibo wete kenne ich! Sie sind im Lager der Osagen gewesen und haben uns viele Felle und die besten Pferde gestohlen.“

Apanatschka war natürlich ebenso erstaunt wie ich. Er wendete sich zunächst an Winnetou:

„Woher kennt der Häuptling der Apatschen diese Worte? Ist er, ohne daß ich es erfahren habe, im Lager der Naiini gewesen?“

„Nein; aber Intschu tschuna, mein Vater, hat einen Mann und ein Weib getroffen, welche Tibo taka und Tibo wete hießen. Er war ein Bleichgesicht, sie eine Indianerin.“

„Wo hat er sie getroffen? Wo ist das gewesen?“

„Am Rande des Estacado. Sie und ihre Pferde waren dem Tode des Verschmachtens nahe, und die Frau hatte einen kleinen Knaben in ihr Tuch gewickelt. Mein Vater, der Häuptling der Apatschen, hat sich ihrer angenommen und sie zum nächsten Wasser geführt, um sie zu speisen und zu tränken, bis sie sich erholten. Dann wollte er sie zur nächsten Ansiedelung der Bleichgesichter bringen; sie aber baten ihn, ihnen lieber zu sagen, wo die Komantschen zu finden seien. Er ritt mit ihnen zwei Tage weit, bis er die Spuren der Komantschen entdeckte. Da diese seine Todfeinde waren, mußte er umkehren, gab ihnen aber Fleisch und einen Kürbis voll Wasser mit und erteilte ihnen eine so genaue Anweisung, daß sie die Komantschen finden mußten.“

„Wann hat sich das ereignet?“

„Vor langer Zeit, als ich noch ein kleiner Knabe war.“

„Was hat mein Bruder sonst noch über diese beiden Personen und ihr Kind erfahren?“

„Daß die Frau ihre Seele verloren hatte. Ihre Reden sind verworren gewesen, und wo es ein Gebüsch gab, da nahm sie einen Zweig, um ihn sich um den Kopf zu winden.“

„Weiter weiß Winnetou nichts von ihnen?“

„Weiter nichts; es ist das alles, was mein Vater mir über diese Begegnung erzählt hat.“

Der Apatsche bekräftigte durch eine Handbewegung, daß er nichts mehr zu sagen habe, und fiel dann in seine frühere Schweigsamkeit zurück. Da ergriff Schahko Matto eifrig das Wort:

„Aber ich kann noch mehr sagen; ich weiß mehr von. diesen Dieben, als Winnetou, der Häuptling der Apatschen, wissen kann!“

Apanatschka wollte weiter sprechen; ich winkte ihm aber, zu schweigen. Jedenfalls war er der kleine Knabe gewesen, und da der Mann und die Frau, welche als seine Eltern galten, von dem Osagen des Diebstahls geziehen wurden, wollte ich eine voraussichtliche direkte und große Beleidigung dadurch verhüten, daß ich an seiner Stelle das Wort ergriff:

„Schahko Matto, der Häuptling der Osagen, mag uns erzählen, was wir über die Personen, welche wir meinen, von ihm hören können! Es wird wahrscheinlich nicht viel Gutes sein.“

„Old Shatterhand hat recht; es ist nichts Gutes,“ nickte er. „Hat er vielleicht einen Mann gekannt, welcher Raller hieß und bei den Bleichgesichtern das war, was sie einen Offizier nennen?“

„Es ist mir kein Offizier dieses Namens bekannt.“

„Dann ist es so, wie ich mir später gedacht habe: er hat uns damals einen falschen Namen genannt und ist nur in der Absicht, uns zu betrügen, zu uns gekommen. Wir haben überall nach ihm geforscht; ich bin sogar in den Forts und auch in den großen Städten der Weißen gewesen, mich nach ihm zu erkundigen, aber nirgends hat es einen Offizier gegeben, welcher Raller hieß.“

„Es sind da wahrscheinlich zwei Fälle möglich: Entweder war er Offizier und hieß nicht Raller, oder er hieß so und war nicht Offizier. Was wollte er bei den Kriegern der Osagen?“

„Er kam ganz allein zu uns; er trug die Kleidung der Offiziere und sagte, daß er der Bote des großen, weißen Vaters in Washington sei. Es war ein neuer weißer Vater gewählt worden, der diesen Boten zu uns schickte, um uns sagen zu lassen, daß er die roten Männer liebe, daß er Frieden mit ihnen hegen und besser für sie sorgen wolle als die frühern weißen Väter, welche nicht gut und ehrlich gegen sie gewesen seien. Das gefiel den Kriegern der Osagen wohl, und sie nahmen den Boten als Freund und Bruder auf und behandelten ihn mit größerer Ehrfurcht und Aufmerksamkeit, als sie selbst ihrem größten und ältesten Häuptling zu erweisen gewohnt waren. Er schloß einen Vertrag mit ihnen ab; sie sollten ihm Felle und Häute liefern, wofür er ihnen schöne Waffen, Pulver, Blei, Messer, Tomahawks, fertige Anzüge und auch prächtige Kleider und Schmucksachen für die Squaws versprach. Er gab ihnen zwei Wochen Zeit, diesen Vertrag zu überlegen, und ritt fort. Er kehrte schon vor dieser Frist zurück und brachte einen weißen Mann, eine sehr schöne, junge, rote Squaw und einen kleinen Knaben mit. Der Weiße trug den Arm in der Binde; er war durch einen Schuß verwundet worden, doch zeigte die Untersuchung, daß die Wunde in guter Heilung stand. Das junge Weib war seine Squaw und der Knabe sein Sohn. Der schöne Körper der Squaw war leer, denn der Geist hatte ihn verlassen. Sie sprach von Tibo taka, von Tibo wete und wand sich Zweige um den Kopf. Auch von einem Wawa Derrick redete sie zuweilen. Wir wußten nicht, was sie damit meinte, und auch der Weiße, dessen Squaw sie war, sagte, daß er ihre Reden nicht verstehe. Sie wurden bei uns aufgenommen, als ob sie Bruder und Schwester der Osagen seien; dann ging Raller wieder fort.“

Schahko Matto machte hier eine Pause, welche ich benutzte, ihn zu fragen:

„Wie war das Verhalten der beiden Weißen zueinander? Ließ es auf Freundschaft oder nur auf gewöhnliche Bekanntschaft schließen? Es kommt wahrscheinlich sehr viel darauf an.“

„Sie waren Freunde, so lange sie glaubten, beobachtet zu sein; hielten sie sich aber für unbemerkt, so zankten sie sich.“

„Hatte der Mann der Squaw vielleicht ein Merk- oder Kennzeichen an seinem Körper?“

„Nein, aber der Offizier, welcher sich Raller nannte, hatte eins; es fehlten ihm zwei Zähne.“

„Wo?“ fragte ich rasch.

„Oben vorn, rechts und links einer.“

„Ah! Etters!“ rief ich aus.

„Uff! Das war Dan Etters!“ ließ sich auch der sonst so stille Winnetou schnell hören.

„Etters?“ fragte der Häuptling der Osagen. „Ich glaube nicht, diesen Namen je gehört zu haben. Hat der Mann so geheißen?“

„Ursprünglich wohl nicht. Er war oder ist ein großer Verbrecher, welcher viele falsche Namen getragen hat. Wie wurde denn der andere, der verwundete Weiße von ihm genannt? Raller muß doch einen Namen genannt haben, wenn er mit ihm sprach oder ihn gar rief.“

„Wenn sie einig waren, nannte er ihn Lo-teh; aber wenn sie glaubten, allein zu sein, und sich zankten, sagte er sehr oft zornig E-ka-mo-teh zu ihm.“

„Ist das kein Irrtum? Hat der Häuptling der Osagen sich diese beiden Namen gut gemerkt? Haben sie sich während der langen Zeit, welche inzwischen vergangen ist, vielleicht in deinem Gedächtnisse verändert?“

„Uff!“ rief er aus. „Schahko Matto pflegt sich die Namen von Menschen, welche er haßt, so zu merken, daß sie bis zu seinem Tode ihm unverändert im Kopfe bleiben.“

Ich stemmte unwillkürlich den Ellbogen auf das Knie und legte den Kopf in die Hand. Es war mir ein Gedanke gekommen, so kühn und doch so naheliegend; ich zögerte, ihn auszusprechen. Winnetou sah mich an, ließ ein Lächeln um seine Lippen gleiten und sagte:

„Meine Brüder mögen Old Shatterhand genau betrachten! Grad so wie jetzt pflegt er auszusehen, wenn er eine wichtige Fährte entdeckt hat. Ich kenne ihn.“

Ich war mir gar nicht bewußt, ein besonders geistreiches Gesicht gemacht zu haben; ich weiß vielmehr, daß ich, wenn sich die Seele zum Nachdenken zurückzieht, eigentlich eine recht dumme Physiognomie zu zeigen pflege. Dies mochte Dick Hammerdull auch finden, denn er sagte zu Winnetous Bemerkung:

„Es scheint grad das Gegenteil der Fall zu sein. Mr. Shatterhand sieht aus, als#ob er eine wichtige Spur nicht gefunden, sondern sie soeben ganz und gar verloren hätte. Meinst du nicht auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm!“ brummte der Lange, indem er in seiner trockenen Weise meine Partei ergriff; „wenn du denkst, daß dein Gesicht gescheiter aussieht als das seinige, so bist du der leibhaftige Hornfrosch, der sich für ein lebendiges Götterbild hält!“

„Schweig!“ fuhr ihn der Dicke an. „Was verstehst denn du von den Göttern und ihren Bildern? Mich mit einem Hornfrosch zu vergleichen! Das ist eine Majestätsbeleidigung, für welche du wenigstens zehn Jahre Eastern penitentiary bekommen solltest!“

„Schweig du selbst!“ entgegnete Pitt Holbers. „Die Majestätsbeleidigung wurde nicht von mir, sondern von dir begangen, indem du das Gesicht Old Shatterhands mit dem deinigen verwechseltest. Nicht er, sondern du siehst grad so aus, als ob du nicht nur eine Spur verloren, sondern überhaupt niemals eine gefunden hättest. Du bist zwar mein Freund, aber Mr. Shatterhand lasse ich auch von dir nicht ungestraft beleidigen!“

Es war ihm Ernst mit dieser Reprimande, sonst hätte er nicht ganz gegen seine Gewohnheit eine so lange Rede gehalten. Ich belohnte ihn mit einem dankenden Blicke, obgleich ich Dick Hammerdull nicht ernst genommen hatte, und sagte, zu Winnetou und Schahko Matto gewendet:

„Ich befinde mich wahrscheinlich im Irrtum, aber es ist mir ein Gedanke gekommen, den ich nicht so ohne alle Prüfung von mir weisen möchte. Ich glaube nämlich jetzt zu wissen, was das geheimnisvolle Wort Tibo bedeutet. Es kommt dabei nur darauf an, daß der Häuptling der Osagen die beiden Namen, welche er vorhin nannte, richtig behalten hat. Der erste hieß Lo-teh. Es ist eine Eigentümlichkeit der Sprache Schahko Mattos, daß er den ersten Laut dieses Wortes halb wie L und halb wie R aussprach. Wahrscheinlich hat er Lothaire gemeint, ein Wort, welches ein französischer Vorname ist.“

„Ja, ja!“ fiel der Osage ein. „So, grad so klang dieser Name, wenn er von Raller ausgesprochen wurde.“

„Gut! Dann bedeutet der zweite Name E-ka-mo-teh jedenfalls das auch französische Wort Escamoteur, welches einen Juggler, einen Taschenspieler bedeutet, der große Gewandheit darin besitzt, Gegenstände auf unbegreifliche Weise verschwinden und wieder erscheinen zu lassen.“

„Uff, uff, uff!“ rief Schahko Matto aus. „Ich höre, daß Old Shatterhand sich auf der richtigen Spur befindet!“

„Wirklich?“ fragte ich erfreut. „Hat der verwundete Weiße vielleicht die Dummheit begangen, damals die Osagen mit derartigen Künsten zu unterhalten?“

„Ja, das hat er gethan. Er ließ alles, alles kommen und verschwinden, wie es ihm gefiel. Wir haben ihn für einen so großen Zauberer gehalten, wie bei den roten Männern keiner gefunden werden konnte. Alle Männer und Frauen, alle Knaben und Mädchen haben ihm mit Erstaunen, oft mit Entsetzen zugesehen.“

„Gut! So will ich den Häuptling der Apatschen an einen Mann erinnern, von dem auch er erzählen hörte. Ich weiß, daß in seiner und meiner Gegenwart von einem einst hochberühmten und dann plötzlich verschollenen Escamoteur erzählt worden ist, von dessen Tricks man behauptete, daß sie nicht nur unvergleichlich, sondern geradezu unerreichbar seien. Er wurde, wie Winnetou sich erinnern wird, nicht anders als Mr. Lothaire, the king of the conjurers genannt.“

„Uff!“ stimmte der Apatsche bei. „Von diesem haben wir wiederholt erzählen hören, in den Forts und an den Lagerfeuern.“

„Und weiß mein Bruder noch, weshalb dieser Mann verschwinden mußte?“

„Ja. Er hatte falsches Geld gemacht, sehr, sehr viel falsches Geld, und, als er arretiert werden sollte, zwei Polizisten niedergeschossen und einen verwundet.“

„Nicht bloß das!“ fiel da Treskow ein. „Ich kenne, wenn auch nicht die Person, so doch den Fall genau; er wurde in Beamtenkreisen oft erwähnt, weil er höchst lehrreich für jeden Polizisten ist. Dieser Lothaire hat sich nämlich der Verfolgung wiederholt auf eine so raffinierte Weise entzogen und dabei noch weitere Mordthaten verübt, daß sein Fall uns als Unterrichtsgegenstand zur Belehrung dienen mußte. Er stammte, ich weiß nicht mehr, aus welcher französischen Kolonie, wo er sich auch nicht mehr sehen lassen durfte. Wenn ich mich nicht irre, war er ein Kreole aus Martinique und ist zuletzt in Bents Fort oben am Arkansas gesehen worden.“

„Das stimmt; das stimmt und wird noch besser stimmen lernen!“ gab ich zu. „Lothaire war nur sein Vorname. Es kommt ja häufig vor, daß derartige Leute Ihren Vor- als Künstlernamen wählen. Sagt, Mr. Treskow, ist es Euch wohl möglich, Euch auf seinen vollständigen Namen zu besinnen?“

„Er hieß – – er hieß – – hm, wie hieß er nur? Es war auch ein echt französischer Name, und wenn – – ach, jetzt fällt er mir ein! Er hieß Lothaire Thibaut und – – – alle Wetter! Da haben wir ja das Tibo, welches, wie ich vorhin hörte, so lange vergeblich gesucht worden ist!“

„Ja, wir haben es; ganz sicher haben wir es! Taka ist der Mann und Wete die Frau; Thibaut Taka und Thibaut Wete sind Herr und Frau Thibaut. Die Frau des Medizinmannes sagte, wenn sie sich vollständig nannte: Tibo wete elen. Was hat dieses Elen zu bedeuten? Ich ahne es.“

„Sollte der Vorname Ellen gemeint sein?“

„Höchst wahrscheinlich. Wenn die Frau des Medizinmannes sich nicht in ihrem Wahnsinne mit einer andern verwechselt, sondern die wirkliche Thibaut Wete Ellen ist, so ist sie eine getaufte Indianerin vom Stamme der Moqui.“

„Warum der Moqui?“

„Weil sie auch von ihrem Wawa, d. i. Bruder Derrick spricht; Taka, Wete und Wawa aber sind Worte, welche der Moquisprache angehören. Thibaut Taka war ein berühmter Taschenspieler und verschwand bei den Indianern, weil er sich bei den Weißen nirgends mehr sehen lassen durfte. Ihm, dem geschickten Escamoteur, mußte es sehr leicht sein, Medizinmann der Roten zu werden und bei ihnen großes Ansehen zu gewinnen.“

„Aber die Farbe, die Indianerfarbe?“

Pshaw! Für einen solchen Künstler eine Kleinigkeit! Ich bin jetzt beinahe überzeugt, daß Tibo taka und Tibo wete nicht Mann und Frau sind. Und sollten sie es dennoch sein, so möchte ich wenigstens behaupten, daß Apanatschka nicht der Sohn der beiden ist, wenigstens nicht der Sohn des Taschenspielers, von dem er auch nie als Sohn behandelt worden ist.“

Der, welcher jetzt genannt worden war, hatte unsern Folgerungen die größte Aufmerksamkeit geschenkt. Es verstand sich ganz von selbst, daß ihm jedes Wort vom höchsten Interesse war. In seinem Gesichte wechselten die Ausdrücke der widersprechendsten Gefühle. Daß der Medizinmann nicht sein Vater, ja, daß dieser ein Verbrecher sein sollte, berührte ihn jedenfalls weniger, als daß ich ihm auch die Mutter rauben wollte; ich sah, daß es ihn drängte, mir da zu widersprechen, gab ihm aber einen wohlgemeinten Wink, zu schweigen, und wendete mich wieder an Schahko Matto:

„Wir haben den Häuptling der Osagen in seiner Erzählung unterbrochen und bitten ihn, jetzt fortzufahren. Der Weiße, welcher sich Raller nannte, hat den Vertrag, den er mit euch abschloß, natürlich nicht gehalten?“

„Nein, denn er war ein Betrüger wie alle Bleichgesichter, Old Shatterhand und nur noch einige ausgenommen. Die Krieger der Osagen aber hielten ihm ihr Wort. Sie suchten die Jagdgruben auf, in denen sie ihre Felle und Pelze aufbewahrt hatten, und brachten sie ihm in das Lager,“ antwortete Schahko Matto.

„Wo befand es sich zu jener Zeit?“

„Am Flusse, den die Weißen den Arkansas nennen.“

„Ah! Und am Arkansas ist Thibaut zuletzt gesehen worden. Das stimmt auffällig. Waren es viele Häute?“

„Viele, sehr viele Pakete! Ein ganzer großer Kahn wurde voll.“

„Was? Raller hat einen Kahn, ein Boot gehabt?“

„Ein sehr großes sogar. Wir haben es ihm aus Holzstangen und Fellen gebaut. Nur an Dickschwanzhäuten waren es weit über zehnmal zehn Bündel, das Bündel zu zehn Dollars gerechnet, die andern Felle, welche zusammen noch viel mehr kosteten, gar nicht mit gezählt.“

„So eine Menge? Er hat sie doch unmöglich weit transportieren können, sondern bald verkaufen müssen. Wohin wollte er sie schaffen?“

„Nach Fort Mann.“

„Ah! Das lag am Arkansas, wo ihn die große und sehr belebte Cimarronstraße kreuzte. Da gab es reichen Verkehr, und es waren stets Pelzhändler mit bedeutenden Kapitalien da, welche solche Summen zu jeder Zeit bezahlen konnten. Aber es gab da auch eine zahlreiche Garnison. Daß er sich überhaupt und nun gar mit der Ausführung eines solchen Betruges dorthin wagte, war eine Frechheit, welche gradezu ihresgleichen sucht. Es war eine große Unvorsichtigkeit von euch, ihm diese Waren anzuvertrauen. Ich vermute, daß ihr ihn nicht fortgelassen habt, ohne ihm Begleitung mitzugeben?“

„Old Shatterhand hat es erraten. Da er ein Abgesandter des großen, weißen Vaters war, glaubten wir, nicht unvorsichtig zu sein, wenn wir ihm Vertrauen schenkten. Wir mußten ihm auch schon deshalb glauben und vertrauen, weil er uns selbst aufforderte, ihn nach Fort Mann zu begleiten, wo wir die Bezahlung in Waren ausgeliefert bekommen sollten.“

„Wieviel Osagen bekam er mit?“

„Sechs Mann; ich war selbst dabei.“

„Hatten soviel Personen in dem Boote Platz? Wohl schwerlich!“

„Er nahm zwei Mann zur Hilfe bei den Rudern mit in den Kahn. Die andern vier mußten zu Pferde dem Flusse folgen. Um gleichen Schritt mit dem schnellschwimmenden Fahrzeuge halten zu können, war es notwenig, die besten Pferde auszusuchen.“

„Wie gut, wie pfiffig ausgedacht! Ich bin nämlich überzeugt, daß er es auch auf diese eure Pferde abgesehen hatte.“

„Old Shatterhand hat auch hier das Richtige getroffen. Es war zur Zeit, in welcher der Fluß viel Wasser und gute Strömung hat; darum erreichte der Kahn das Fort einen Tag früher als wir mit den Pferden. Wir kamen abends so spät an, daß wir kurz vor Thorschluß das Fort betraten, nachdem wir zwei Männer bei den Pferden vor demselben gelassen hatten. Dann war das Thor zu, und wir durften nicht mehr heraus. Raller gab uns zu essen und dazu so viel Feuerwasser, wie wir haben wollten. Wir tranken, bis wir einschliefen. Als wir erwachten, war es schon Abend des nächsten Tages. Raller war fort; der andere Weiße mit seiner Squaw und dem Kinde war fort; unsere Pferde waren auch fort und mit ihnen die beiden Krieger, welche sie hatten bewachen sollen. Als wir uns erkundigten, hörten wir, daß Raller die Felle schon vor unserer Ankunft verkauft und bezahlt bekommen hatte. Sobald der Schlaf des Feuerwassers über uns gekommen war, hatte er für sich und das andere Bleichgesicht mit Squaw und Kind das Thor öffnen lassen und war dann nicht mehr gesehen worden. Nun war es wieder Nacht, so daß wir nicht nach seiner Fährte suchen konnten. Wir hatten bis zum Morgen zu warten. Wir waren sehr zornig und verlangten unsere Felle, welche sich noch in dem Kahne am Ufer befanden. Die Soldaten und andern Bleichgesichter lachten uns aus. Als wir hierauf noch mehr ergrimmten, wurden wir eingesperrt und erst nach drei Tagen, in denen wir weder Essen noch Wasser erhielten, wieder freigelassen. Die Spuren der Betrüger waren nun nicht mehr zu sehen. Wir suchten dennoch und fanden die Leichen der beiden Krieger, welche die Pferde beaufsichtigt hatten, im Gebüsch des Flusses liegen. Sie waren vor dem Fort erstochen und dann dorthin geschafft und versteckt worden.“

„Habt ihr diesen Mord im Fort gemeldet?“

„Wir thaten es, aber man ließ uns nicht hinein; man drohte, uns sofort wieder einzusperren, falls wir es wagen sollten, durch das Thor zu schreiten. Der Jagdertrag eines vollen Jahres und eines ganzen Stammes war verloren; wir hatten zwei Krieger und die Pferde eingebüßt. Anstatt uns die erbetene Hilfe zu leisten, wollte die Obrigkeit der Weißen uns gefangen nehmen. Raller, der Mörder und Betrüger, war kein Bote des weißen Vaters gewesen, und weil wir keine Pferde hatten und eingesperrt gewesen waren, konnten wir ihm nicht folgen, um ihn zu bestrafen. Das ist die Gerechtigkeit der Bleichgesichter, welche von Liebe, Güte, Frieden und Versöhnung reden und sich Christen, uns aber Heiden nennen! jetzt weiß Old Shatterhand, was ich über Tibo taka und Tibo wete zu sagen habe. Ich will ihn nicht fragen, ob er auch jetzt noch denkt, daß die Weißen bessere Menschen als wir Roten sind.“

Ich mußte mich als Weißer natürlich und leider jeden Urteiles über das, was er erzählt hatte, enthalten und konnte ihm nur die allgemeine, nichtssagende Antwort geben:

„Der Häuptling der Osagen hat bereits gehört, daß ich keine Rasse für besser als die andere halte; es giebt bei allen Völkern und in allen Ländern gute und auch böse Menschen. Hat Schahko Matto vielleicht später wieder eine Begegnung mit einem von diesen beiden Bleichgesichtern gehabt?“

„Nein.“

„Auch nichts von ihnen gehört?“

„Auch nicht. Seit jener Zeit habe ich heut zum erstenmal die Namen Tibo taka und Tibo wete wieder vernommen. Wir haben nach dem Manne mit den zwei Zahnlücken überall und unablässig gehorcht, doch alle Nachfragen und Erkundigungen sind bisher vergeblich gewesen. Es sind inzwischen weit über zwanzig Sommer und Winter vergangen, und so haben wir angenommen, daß er nicht mehr lebt. Sollte ihn aber der Tod noch nicht ergriffen haben, so bitte ich den großen und gerechten Manitou, ihn in unsere Hände zu führen, denn der große Manitou ist gütig und gerecht; die Bleichgesichter aber sind es nicht, obgleich sie sich seine Lieblingskinder nennen.“

Es trat eine lange Pause ein, denn keiner von uns Weißen fühlte das unerläßliche Material in sich, die Anklage des Osagen zu entkräften oder gar zu widerlegen. Habe ich mich jemals in Verlegenheit befunden, so war es dann, wenn ich gezwungen war, die Vorwürfe, welche der weißen Rasse von Angehörigen anderer Nationen gemacht wurden, schweigend hinzunehmen. Alles, was man dagegen sagen könnte, hat ja doch keinen Erfolg, wenigstens keinen augenblicklichen. Das Beste, was man dagegen thun kann, ist, in eigener Person und durch den eigenen Lebenswandel den Beweis zu führen, daß derartige Anschuldigungen wenigstens mich nicht treffen. Wollte das ein jeder thun, so würden sie gewiß und bald zum Schweigen kommen.

Das jetzt beendete Gespräch mußte von uns allen natürlich Apanatschka am meisten berührt haben. Er hatte höchst wahrscheinlich viele Fragen und Entgegnungen vorzubringen, war aber infolge meines Winkes so klug, zu schweigen. Es war Schahko Matto gegenüber nicht geraten, sein nahes Verhältnis zu Tibo taka noch näher und ausführlicher in Erwähnung zu bringen, als es schon geschehen war. Ich fühlte so schon große Befriedigung darüber, daß der Osage nicht auf den Gedanken gekommen war, sich nach der Identität zwischen Tibo taka und dem Medizinmanne der Komantschen zu erkundigen.

Was Raller, den angeblichen Abgesandten des „großen, weißen Vaters“ betraf, so wollte sich in mir eine Idee oder eine Ahnung geltend machen, deren Berechtigung mir außerordentlich zweifelhaft erschien. Ich hütete mich also, ein Wort über sie zu verlieren, obgleich ich die Erfahrung gemacht hatte, daß ich mit derartigen, scheinbar grundlosen Vermutungen und unwillkürlichen Gedankenverbindungen meist das Richtige traf. Aber wenn ich darüber auch schwieg, diese Stimme in mir auch zum Schweigen zu bringen, das wollte mir nicht gelingen. Und je länger ich sie hörte, desto wahrscheinlicher kam es mir vor, daß sie mir nichts Falsches sage.

Als Schahko Matto davon sprach, daß Raller sich für einen Offizier ausgegeben hatte, war mir nämlich Douglas, der „General“, eingefallen. Es gab keinen einzigen stichhaltigen Grund, diese beiden Personen in so nahe Beziehung zu einander zu bringen; sie waren Verbrecher; sie hatten sich unberechtigterweise einen militärischen Grad beigelegt; das war alles, und lange noch nicht genug, um annehmen zu können, daß sie eine und dieselbe Person seien, und doch wurden sie in meinem Innern, in meiner Vorstellung nach und nach so zusammengeschoben, daß sie schließlich nicht mehr zwei Figuren sondern eine einzige bildeten. Das Seelenleben des Menschen ist so reich an geheimnisvollen Gesetzen, Kräften und Erscheinungen, deren Wirkungen wir achtlos an uns vorübergehen lassen; aber wer so viel bei seinen Büchern gesessen und getüftelt hat wie ich, wer so viel Nächte unter dem Dache des Urwaldes oder unter dem Himmel der Wüste, der Savanne lag und tiefe Einkehr in sich hielt, der lernt, auf die Regungen und Stimmen seines Innern aufmerksam zu sein, und schenkt ihnen gern das Vertrauen, welches sie verdienen.

Daß ich mit allen diesen Personen und Verhältnissen Old Surehand in Beziehung, und zwar in die engste Beziehung brachte, versteht sich ganz von selbst. Jedenfalls war er es, der im Mittelpunkte des Geheimnisses stand und der den Schlüssel zu demselben, jetzt noch ohne es zu wissen, in den Händen hielt. Darum nahm ich mir vor, meine Ahnungen noch für mich zu behalten und sie erst nach unserm Zusammentreffen mit ihm in Worte zu kleiden. Wir waren ja hinter ihm her und mußten ihn wahrscheinlich bald einholen.

Diesen Gedanken hing ich, als wir uns zur Ruhe gelegt hatten, noch lange nach, ehe ich einschlief. Früh dann, beim Aufbruche, waren sie fest in mir geworden, und ich legte mir nur noch die eine Frage vor, wer unter Wawa Derrick gemeint sein könne. Erraten konnte ich das nicht, weil es höchst wahrscheinlich eine Person war, welche ich nicht kannte.

Es war eine vollständig baum- und strauchlose Gegend, durch welche wir nun kamen. Wir befanden uns zwischen dem Nord- und Südarm des Salmon-River auf einer nur mit Büffelgras bewachsenen Prairie. Am Nachmittage kamen wir dem Südarme näher und sahen einen einzelnen Reiter, welcher weit vor uns quer über unsere Richtung aus Norden kam. Wir hielten sofort an und stiegen ab, um uns nicht von ihm sehen zu lassen; aber er hatte uns schon bemerkt und richtete den Lauf seines Pferdes auf uns zu. Darum setzten wir uns wieder auf und ritten ihm entgegen.

Als wir uns ihm so weit genähert hatten, daß wir ihn deutlich erkennen konnten, stellte es sich heraus, daß er ein Weißer war. Er stutze und hielt an, als er entdeckte, daß unser Trupp aus Leuten von zweierlei Farben bestand, denn das ist stets geeignet, Verdacht zu erwecken. Das Gewehr schußfertig in den Händen, sah er uns entgegen. Als wir uns ihm bis auf ungefähr dreißig Pferdelängen genähert hatten, hob er das Gewehr und forderte uns auf, zu halten, widrigenfalls er schießen werde. Diese Drohung war etwas für unsern dicken Hammerdull; er trieb trotz ihr seine Stute weiter und rief dabei dem Fremden lachend zu:

„Macht keine dummen Witze, Sir! Oder solltet Ihr Euch wirklich einbilden, daß wir uns vor Eurer Gartenspritze fürchten werden? Thut sie weg, und seid gemütlich, denn wir sind es auch!“

Das volle Gesicht des Kleinen strahlte allerdings eine Freundlichkeit aus, welcher der Reiter nicht widerstehen konnte wie ebensowenig sein Pferd, denn dieses ließ ein vergnügtes Wiehern hören, und er antwortete, indem er sein Gewehr sinken ließ:

„Diesen Gefallen kann ich Euch schon thun. Übrigens bilde ich mir über Euch vorläufig gar nichts ein, weder etwas Gutes noch etwas Böses, obgleich Ihr zugeben werdet, daß ich allen Grund habe, Verdacht gegen Euch zu hegen.“

„Verdacht? Warum?“

„Weiße und Rote gehören nicht zusammen, und wenn man sieht, daß diese zwei Farben sich einmal vertragen, hat man gewöhnlich die Kosten dieses Schauspieles zu bezahlen.“

„Vertragen? Seht Ihr denn nicht, daß einer der Indianer gefangen ist?“

„Um so schlimmer, daß Ihr dem andern nicht auch einige Riemen angelegt habt. Der Gefangene scheint eine Leimrute zu sein, an der man kleben bleiben soll!“

„Ob Ihr kleben bleibt oder nicht, das ist uns ganz egal; aber los kommt Ihr nicht. Wir wollen wissen, wer Ihr seid, und zu welchem Zwecke Ihr Euer Pferd hier in dieser alten Prairie spazieren reitet.“

„Spazieren? Danke! Es war kein angenehmer Ritt, den ich hinter mir habe.“

„Warum?“

„Ehe ich antworte, will ich erst wissen wer Ihr seid!“

„Ah so! Bin sofort bereit, Euch gehorsamst zu Diensten zu stehen!“ Und mit der Hand der Reihe nach auf sich und uns zeigend, fuhr er fort:

„Ich bin der Kaiser von Brasilien, wie Ihr mir ja gleich angesehen haben werdet. Der ungefesselte Indianer hier ist einer von den heiligen drei Königen aus dem Morgenlande, von denen bekanntlich der erste weiß, der zweite rot und der dritte schwarz gewesen ist; dieser hier wird also wohl der zweite sein. Der Mann mit dem großen und dem kleinen Gewehre“ – er deutete dabei auf mich – „ist Bileam, der Euch wohl bald zum Sprechen bringen wird. Der Weiße neben ihm“ – er meinte Treskow – „ist ein verwunschener Prinz aus Marokko, an dessen Seite Ihr seinen Hofnarren seht –“

Da er bei dem Worte Hofnarr auf Pitt Holbers zeigte, fiel ihm dieser kräftig in die Rede:

„Halte den Schnabel, alte Spottdrossel! Du gebärdest dich doch, als ständest du vor einer Menagerie, deren Bestien du diesem Fremden zeigen müßtest!“

„Ob Bestien oder nicht Bestien, das bleibt sich ganz gleich. Meinst du etwa, Pitt Holbers, altes Coon, daß ich ihm eure Namen nenne soll? Da kennst du weder mich noch die Gesetze des Westens. Er ist allein; wir sind ein ganzer Trupp, also hat er zuerst zu antworten, aber nicht wir, und wenn er das nicht augenblicklich thut, renne ich ihm mein Gewehr in den Leib oder reite ihn einfach über den Haufen.“

Er meinte das natürlich nur im Scherze; mochte nun der Fremde dies so nehmen oder nicht, aber er warf einen verächtlichen Blick auf die alte, haarlose Stute Hammerdulls und rief, indem er ein lautes Lachen hören ließ, aus:

Lack-a-day! Mit dieser Pfefferkuchenziege soll ich umgeritten werden? Die würde doch sofort aus allen Knochen fallen. Versucht es doch einmal! Come on!“

Der Dicke hielt so große Stücke auf sein Pferd, daß ihn nichts so schnell in Harnisch bringen konnte, als wenn man sich über das häßliche Äußere desselben lustig machte. So auch hier. Seine gute Laune war wie weggeblasen, und kaum hatte der Fremde die Aufforderung ausgesprochen, so ertönte die zornige Antwort:

„Sogleich, sogleich! Go on!“

Die Stute hörte das bekannte Wort; sie fühlte den Schenkeldruck und die Zügelhilfe und gehorchte augenblicklich. Sie rannte mit einem Satze, den ihr jeder, der sie nicht kannte, nie zugetraut hätte, das Pferd des Fremden an, welches zunächst in das Straucheln kam und nach einem zweiten Angriffssprunge der Stute sich hinten niedersetzte. Das geschah so rasch und unerwartet für den Reiter, daß er, ohne Zeit zum Parieren zu finden, die Bügel verlor und aus dem Sattel flog. Nun war die Reihe, zu lachen, an Dick Hammerdull. Er warf seine kurzen, dicken Arme triumphierend in die Luft und rief.

Heigh-day! Da fliegt er hin, der Pfefferkuchenmann! Wenn er nur nicht zerbrochen ist! Hat das die alte Ziege nicht gut gemacht, Pitt Holbers, altes Coon?“

Der Lange antwortete in seinem gewöhnlichen Gleichmute:

„Wenn du denkst, daß sie dafür einen Sack voll Hafer verdient hat, so magst du recht haben, lieber Dick.“

„Ob Hafer oder nicht, daß bleibt sich gleich; es giebt hier leider nur Gras zu fressen!“

Der Fremde rappelte sich empor, hob sein Gewehr auf, welches ihm entfallen war, und stieg mißmutig wieder in den Sattel. Um aus dem derben Scherze nicht völlig Ernst werden zu lassen, richtete nun ich selbst das Wort an ihn:

„Ihr seht, daß es selbst dem besten Cow-boy einmal geschehen kann, daß er ein fremdes Pferd unter- und das seinige überschätzt. Ganz ebenso scheint Ihr Euch auch in den Reitern geirrt zu haben. Daß ein Roter unser Gefangener ist, giebt für Euch keinen Grund, uns für Leute zu halten, denen Ihr nicht trauen dürft. Wir sind ehrliche Westmänner, und da wir wissen, daß dort oben im Norden, woher Ihr kommt, sich Tramps herumtreiben, die wir vermeiden wollen, so möchten wir so ungefähr wissen, wer und was Ihr seid.“

Daß er ein Cow-boy war, sagte mir seine Kleidung und Ausrüstung. Er antwortete jetzt bereitwillig-

„Diese Tramps sind es eben, wegen denen ich euch mißtraute und eigentlich noch jetzt mißtrauen muß.“

„Hm, mag sein! Ich hoffe, Euer Vertrauen sogleich zu erlangen, falls Euch nämlich der Name Winnetou nicht unbekannt ist.“

„Winnetou? Wer sollte diesen Namen nicht kennen!“

„Wißt Ihr, wie er gewöhnlich gekleidet und bewaffnet ist?“

„Ja. Er geht in Leder, mit einer Sandillodecke um die Hüften, das Haar lang herab und die Silberbüchse an – –“

Er hielt inne, fixierte den Apatschen einen Augenblick, schlug sich dann mit der Hand an die Stirn und rief:

„Wo habe ich doch nur meine Augen gehabt! Das ist er ja selbst, der berühmte Häuptling der Apatschen! Da ist ja alles gut. Ihr andern mögt nun meinetwegen sein, wer ihr wollt. Wo Winnetou dabei ist, da giebt’s nur Ehrlichkeit und keine Schelmerei. Jetzt weiß ich, daß ich Euch alles sagen darf, was Ihr wissen wollt.“

Well! Ihr habt schon wiederholt gehört, daß wir erfahren möchten, wer Ihr seid.“

„Ich heiße Bell und bin bedienstet auf Harbours Farm.“

„Wo liegt diese Farm?“

„Zwei Meilen südwärts von hier am Flusse.“

„Die kann erst seit kurzem gegründet sein. Früher hat es keine da gegeben.“

„Das ist richtig. Harbour ist erst seit zwei Jahren hier.“

„Er muß ein mutiger Mann sein, daß er es gewagt hat, sich in dieser Einsamkeit niederzulassen.“

„Auch wieder richtig. Wir fürchten uns nicht. Mit den Indsmen sind wir bisher fertig geworden; die Tramps aber sind ernster zu nehmen. Als wir hörten, daß sich eine solche Schar oben am Nordfork herumtreibt, bin ich hingeritten, um zu erfahren, was sie vorhaben. Ich weiß jetzt, daß wir uns nicht zu sorgen brauchen, denn sie haben es auf Nebraska abgesehen. Wollt ihr heut noch weit, Mesch’schurs?“

„Wir reiten noch eine Stunde, ehe wir Lager machen.“

„Wo?“

„Wo wir eine passende Stelle dazu finden.“

„Darf ich da eine Frage aussprechen?“

„Welche?“

„Wollt Ihr nicht lieber auf unserer Farm einkehren, als daß Ihr im Freien bleibt?“

„Wir kennen den Besitzer nicht.“

„Ich sage Euch, der ist ein Gentleman durch und durch und dazu ein großer Verehrer von Winnetou, den er schon einigemal gesehen hat. Er erzählt oft von ihm und von Old Shatterhand, welche mit ihren beiden herrlichen Rappen – –“

Er hielt wieder inne, warf einen Blick auf mein Pferd, welches er noch gar nicht beachtet zu haben schien, und fuhr dann schnell und in freudigem Tone in seiner Rede fort:

„Da spreche ich von Old Shatterhand und sehe einen Rappen, der demjenigen von Winnetou wie ein Ei dem andern gleicht! Ihr habt zwei Gewehre, Sir. Ist das eine ein Bärentöter?“

„Ja.“

„Das andere ein Henrystutzen?“

„Ja.“

Thunder-storm! So seid Ihr wohl gar Old Shatterhand?“

„Allerdings.“

„Dann, Sir, dann müßt Ihr meine Bitte erfüllen und mit mir zu Harbour kommen! Ihr glaubt gar nicht, was für eine große Freude Ihr ihm und seinen Leuten damit machen würdet! Ein Nachtlager in einer Farm ist doch jedenfalls angenehmer als eines auf offener Prairie und unter freiem Himmel. Eure Pferde finden ein gutes Futter, welches sie vielleicht nötig haben, und Ihr, na Ihr werdet auch ein besseres Essen haben, als Ihr da in der Savanne finden könnt.“

Der Mann bat so herzlich; seine Einladung war ehrlich gemeint. Er hatte recht. Unseren Pferden war ein kräftiges Körnerfutter zu gönnen, und uns bot die Farm Gelegenheit, unsern fast auf die Neige gegangenen Proviant zu erneuern. Konnten wir uns mit neuem Vorrate versehen, so war das, wie bereits einmal gesagt, besser, als wenn wir gezwungen waren, uns durch die Jagd zu ernähren und dabei eine Menge Zeit zu versäumen. Ich warf, um Winnetous Ansicht kennen zu lernen, diesem einen fragenden Blick zu; er antwortete mit einem Senken der Augenlider und indem er dann seinen Blick auf den Osagen richtete. Ich verstand diese stumme und doch so beredte Weisung und sagte zu dem Cow-boy:

„Ihr seht, daß wir einen Gefangenen haben. Es ist uns von großer Wichtigkeit, daß er uns nicht entkommt. Können wir darauf rechnen, daß man auf der Farm nichts unternehmen wird, ihn zu befreien?“

„Ich versichere Euch, Sir,“ antwortete er, „daß, er Euch bei uns grad so sicher ist wie im tiefsten Verließe einer alten Ritterburg!“

Well, so sollt Ihr Euren Willen haben. Wir werden mit zu Harbour reiten. Hoffentlich sind wir ihm so willkommen, wie Ihr uns versprochen habt.“

„Keine Sorge, Mr. Shatterhand! Eure Ankunft wird den heutigen Tag zum Festtag für ihn machen. Darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

Wir standen also im Begriff, die Stelle, an welcher wir gehalten hatten, wieder zu verlassen. Schahko Matto war mit den Füßen an sein Pferd gebunden, konnte es aber mit den Händen lenken, weil wir ihm die Arme freigelassen hatten. Er hielt es zurück und zögerte, uns zu folgen. Über den Grund zu diesem Verhalten befragt, erklärte er uns:

„Der Häuptling der Osagen wünscht, Old Shatterhand und Winnetou etwas zu sagen, bevor wir weiterreiten.“

„Er mag sprechen!“ forderte ich ihn auf.

„Ich weiß, daß ihr mir nicht nach dem Leben trachtet, sondern mich freilassen werdet, sobald wir weit genug geritten sind, daß es mir unmöglich wird, schnell heimzukehren und euch mit meinen Kriegern zu verfolgen. Ich habe Honskeh Nonpeh den Befehl über die Söhne der Osagen erteilt, weil ich nicht wollte, daß sie euch folgen sollten. Er war gegen den Kampf und gegen den Überfall der Bleichgesichter, und daß ich grad ihm den Befehl überlassen habe und ihm dabei sagen ließ, er werde schon wissen, was er zu thun habe, wird ihm meinen Willen erraten lassen, daß er von allen Feindseligkeiten absehen soll. Werden Old Shatterhand und Winnetou mir diese meine Worte glauben?“

„Wir schenken dir weder Vertrauen noch Mißtrauen; wir werden dich prüfen. Ein Feind wird nicht so schnell zum Freunde!“

„So hört, was ich euch jetzt noch sage! Wenn ich jetzt die Freiheit von euch zurückerhielte, ich würde doch nicht von euch gehen.“

„Uff!“ antwortete Winnetou.

„Der Häuptling der Apatschen mag sich wundern; es ist doch so, wie ich gesprochen habe: ich würde wirklich mit euch weiterreiten.“

„Aus welchem Grunde?“ erkundigte ich mich.

„Wegen Tibo taka.“

„Wegen diesem? Diese Ursache will mir sehr unklar erscheinen.“

„Weil Old Shatterhand bisher angenommen hat, daß ich gestern abend etwas nicht beobachtet habe, was mir doch außerordentlich wichtig war.“

„Was meint der Häuptling der Osagen?“

„Es wurde gesagt, daß Tibo taka jetzt Medizinmann der Naiini sei. Ich habe dazu geschwiegen, um darüber nachzudenken. Heut bin ich zum Entschluß gekommen: Ich werde mit euch reiten, auch wenn ich frei geworden bin, denn ich will mir die Freundschaft von Apanatschka, dem Häuptling der Komantschen, erwerben.“

„Warum das?“

„Wenn er mein Freund geworden ist, wird er mir behilflich sein, den Medizinmann der Naiini-Komantschen in meine Hand zu bekommen.“

Da warf Apanatschka die Hand wie zum Schwure empor und rief aus:

„Nie werde ich das thun, niemals!“

Ich streckte meine Hand gegen ihn aus und rief in demselben Tone:

„Du wirst es thun!“

„Niemals!“ behauptete er.

„Sehr gern sogar!“ antwortete ich bestimmt.

„Lieber sterbe ich! Ich hasse ihn, aber er ist mein Vater!“

„Er ist es nicht.“

„So ist doch seine Squaw meine Mutter!“

„Auch sie ist das nicht!“

„Welch ein Wort Old Shatterhand da sagt! Kann er beweisen, was er jetzt behauptet hat?“

„Nein, aber ich fühle in meinem Innern, daß es die Wahrheit ist.“

„Hier bedarf es der Beweise, doch nicht der Gefühle!“

„Du bist ein geraubtes Kind. Tibo taka und Etters sind die Räuber; das steht bei mir fest. Tibo wete ist mitschuldig an dem Raube; das vermute ich jetzt nur; aber ich denke, es wird die Zeit kommen, in welcher du mir glauben wirst. Ich bin bereit, mit dir und dem Häuptling der Osagen zu den Naiini zu reiten, um den Medizinmann dieser Indianer zu entlarven. Jetzt wollen wir nicht mehr darüber sprechen, sondern lieber weiterreiten!“

Der Cow-boy setzte sich als Führer an unsere Spitze, und wir folgten ihm. Schon nach einer halben Stunde ersahen wir aus der kräftigeren Vegetation, daß wir uns dem Flusse näherten. Sträucher und Bäume traten auf, erst vereinzelt, dann in Gruppen, zwischen denen Rinder, Pferde und Schafe weideten. Wir erblickten sogar mehrere große Maisund andere Felder, und dann lag das Gebäude vor uns, welches uns heut beherbergen sollte.

Als ich es sah, wäre ich, einer unbestimmten Regung folgend, am liebsten umgekehrt. Es lag da, ganz ähnlich wie Fenners Farm, nur sehr viel westlicher und an einem andern Flusse. In Fenners Farm hatte mir der Tod gedroht, und hier durchfuhr mich ein, ich möchte sagen, warnendes Empfinden, welches, wenn ich ihm gehorchen wollte, mich am Betreten des Hauses hindern mußte. Ich schrieb die Schuld der gleichen Lage der Farmen zu. Wenn man an einem Orte etwas Unangenehmes erlebt oder gar eine Gefahr bestanden hat und man kommt dann an einen andern Ort, welcher dem ersteren ähnlich liegt und sieht, so ist es freilich begreiflich, wenn da infolge der bösen Erinnerung ein Gefühl aufsteigt, welches zur Umkehr mahnt.

Ich konnte auf diese Empfindung natürlich keine Rücksicht nehmen; ich durfte nicht einmal von ihr sprechen, wenn ich mich nicht der Gefahr aussetzen wollte, ausgelacht oder wenigstens mit Kopfschütteln bedacht zu werden. Bell, der Cow-boy, war uns eine Strecke vorausgeritten, um unsere Ankunft anzumelden. Darum fanden wir den Besitzer der Farm zu unserm Empfang bereit. Seine Familie bestand außer ihm und seiner Frau aus drei Söhnen und zwei Töchtern, lauter kräftigen, sehnigen Hinterwaldsgestalten, denen man es ansah, daß sie sich vor einigen Indianern nicht fürchteten und wohl auch nicht zu fürchten brauchten. Wir merkten es diesen sieben Personen an, daß wir ihnen wirklich willkommen waren. Ihre Freude war eine aufrichtige und hatte sich auch den Hands mitgeteilt, welche vor dem Hause standen, neugierig, den berühmten Häuptling der Apatschen kennen zu lernen. Er nickte ihnen stolz und leutselig wie ein König zu, der er ja auch in Beziehung auf seine Thaten und Gesinnungen war, wenigstens meiner Ansicht nach.

Die Farm glich mehr einer südlichen Hazienda, nur daß sie ganz aus Holzbau bestand, weil Steine am Salmon-River eine Seltenheit sind. Die weite, aus starken, hohen Planken bestehende Umzäunung schloß einen großen Raum ein, an dessen Nordseite das Wohnhaus stand. Die Südseite war mit einem Dache zum Schutze für das Vieh versehen. An den beiden andern Seiten lagen die einfachen Wirtschaftsbauten und die Aufenthaltsräume für das Gesinde und die gewöhnlichen Gäste. Außerhalb der Umzäunung gab es einige Korrals für die Pferde, Rinder und Schafe, dabei ein besonderer für die Reitpferde Harbours und seiner Familienglieder. In dieser letzterwähnten Umfriedung wurden auch unsere Pferde untergebracht und auf Winnetous und meinen Wunsch von zwei Peons bewacht. Wir wollten sie nicht der Gefahr, gestohlen zu werden, aussetzen, welcher sie auf Fenners Farm kaum entgangen waren. Das Wohnhaus bestand aus drei Räumen. Die eine, vordere Hälfte nahm, über die ganze Breite des Hauses, die Thür abgerechnet, gehend, das Wohnzimmer ein. Es hatte drei Fenster, welche mit Glasscheiben versehen waren. Das Meublement war mit eigener Hand einfach und durabel hergestellt. Jagdtrophäen und Waffen hingen rundum an den Wänden. Die hintere Breite des Hauses nahmen dann die Küche und die Schlafstube ein, welche an uns abgetreten werden sollte. Wir nahmen das aber nicht an und erklärten, uns später bei offenen Fenstern im Wohnzimmer niederlegen zu wollen.

Nachdem der herzliche Empfang vorüber war und die Peons unsere Pferde unter unsern Augen in dem erwähnten Korral untergebracht hatten, erforderte es unsere Sicherheit, zu fragen, ob außer den Bewohnern der Farm noch andere Leute anwesend seien. Der Besitzer gab die uns gar nicht beunruhigende Antwort:

„Es kam vor einer Stunde ein Arzt mit einer Kranken an, die er nach Fort Wallace zu begleiten hat.“

„Woher kommen sie?“ erkundigte ich mich.

„Aus Cansas-City. Sie leidet an einem unheilbaren Übel und will zu ihren Anverwandten zurück.“

„Alt oder jung?“

„Das konnte ich nicht sehen. Ihre Krankheit ist eine krebsartige und hat das Gesicht so zerstört, daß sie einen dichten Schleier tragen muß. Sie kamen auf zwei Pferden mit einem Packpferde an.“

„Mit Begleitung?“

„Nein, ohne.“

„So ist der Arzt entweder ein sehr kühner oder ein sehr unvorsichtiger Mann. Ich bedaure die Dame, eine so lange Reise im Sattel zurücklegen zu müssen. Es giebt doch andere Gelegenheiten.“

„Das sagte ich dem Arzte auch, aber er antwortete mir ganz richtig, daß die häßliche und jeden Mitreisenden abstoßende Krankheit seiner Pflegbefohlenen ihn leider zu diesem einsamen Ritt gezwungen habe.“

„Dagegen giebt es freilich nichts zu sagen. Wann wollen sie fort?“

„Morgen früh. Sie waren beide sehr ermüdet, haben schnell etwas gegessen und sich dann in das Seitenhaus führen lassen, um zu schlafen. Ihre Pferde sind hinten im Hofe untergebracht worden.“

Die Anwesenheit einer krebskranken Lady mit ihrem ärztlichen Begleiter konnte uns, wie schon gesagt, nicht beunruhigen, sondern höchstens unsere Teilnahme erwecken. Wir hatten gar keinen Grund, unsere Gedanken mit diesen beiden Personen mehr als gewöhnlich zu beschäftigen. Wenn sie nicht schon geschlafen hätten, wäre ich vielleicht einmal hinausgegangen, um sie zu sehen, so aber konnte dieser sonst so selbstverständliche Wunsch gar nicht in mir rege werden.

Da vor dem Hause keine Sitze angebracht waren, gingen wir in die Stube, wo uns gern und schnell ein tüchtiges Essen aufgetragen wurde. Der Wirt nebst Frau und Kindern mußten sich zu uns setzen, und während wir aßen, kam bald eine Unterhaltung von der Art zu stande, welche man mit dem Worte Lagerfeuergespräch zu bezeichnen pflegt. Der Häuptling der Osagen saß mit bei uns, zwischen Winnetou und mir, und zwar als einstweilen freier Mann, denn wir hatten ihm alle Fesseln abgenommen. Er nahm das mit stolzem Danke als einen Beweis unseres Vertrauens hin, und ich war überzeugt, daß er uns keine Veranlassung geben werde, diese Maßregel, mit welcher wenigstens Treskow nicht einverstanden war, zu bereuen.

Als es draußen dunkel zu werden begann, wurde eine große Lampe angezündet, welche den ganzen, großen Raum erleuchtete. Und wie überall der trauliche Lampenschein die Lippen öffnet und die Zungen löst, so wurde auch unser Gespräch von Viertelstunde zu Viertelstunde immer animierter und interessanter. Es wurden Erlebnisse und Episoden erzählt, welche der geistreichste Schriftsteller sich nicht ersinnen könnte, denn das Leben ist und bleibt der phantasiereichste Litterat. Besonders war es wieder Dick Hammerdull, welcher durch seine drastische Darstellungsweise uns alle zum Lachen zwang; das konnte aber die eine, große Lücke nicht schließen, auf deren Ausfüllung der Farmer und seine Angehörigen vergeblich hofften: Sie wünschten, daß auch Winnetou aus seinem reichbewegten Leben etwas erzählen möge, doch wäre es dem schweigsamen Apatschen, selbst wenn er sich in einem viel, viel engern Bekanntenkreise befunden hätte, nicht eingefallen, zur bloßen Unterhaltung anderer die Rolle des Erzählers zu übernehmen. Er war ein Mann der That. Zwar war ihm auch die Gabe der Rede im höchsten Grade verliehen, aber er schöpfte nur dann aus diesem reichen Quell, wenn es die Notwendigkeit erforderte und es sich um eine Wirkung handelte, die außer ihm kein anderer zu erreichen vermochte. Dann war seine bilderreiche, gewaltige Rede mit einem mächtig dahinbrausenden Strome zu vergleichen, welcher jede andere Logik mit sich fortriß und endlich stets in segensreicher Weise die auf ihn wartenden Kanäle füllte, um die Dürre in Wachstum und die Öde in Fruchtbarkeit zu verwandeln.

Auch Harbour erzählte sehr interessant. Er war in früherer Zeit weit in den Staaten herumgekommen, hatte viel Seltsames erlebt und endlich nach langem Hoffen sein Glück durch eine gelungene und, wie ich besonders hinzufüge, ehrliche Spekulation gemacht. Hierauf war er so klug gewesen, das abenteuerliche Leben aufzugeben und sich zunächst versuchsweise anderwärts und vor zwei Jahren endgültig hier am Salmon-River ein festes Heim zu gründen.

Was mir am meisten an ihm gefiel, das war sein heiteres, festes Gottvertrauen, welches ihn überallhin begleitet hatte und nie von ihm gewichen war. Ebenso freute es mich von ihm, daß er nicht die hier landläufige Ansicht über die indianische Rasse hatte. Er brachte zahlreiche Beispiele von roten Männern, deren Charakter und Lebensführung jedem Weißen hätte als Muster dienen können. Und als Treskow dennoch behauptete, daß die Indianer unfähig zur Civilisation und zum Christentume seien, wurde er zornig und richtete die allerdings schwerwiegende Frage an ihn:

„Was versteht Ihr denn eigentlich unter Civilisation und Christentum? Kennt Ihr beide so genau, wie es den Anschein hat, so sagt mir doch einmal, was sie dem roten Manne gebracht haben! An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen, steht in der heiligen Schrift. Nun zeigt mir gefälligst die Früchte, welche die Indsmen von den so sehr civilisierten und christlichen weißen Gebern geschenkt bekommen haben! Geht mir mit einer Civilisation, die sich nur von Länderraub ernährt und nur im Blute watet! Wir wollen da gar nicht etwa nur von der roten Rasse reden, o nein. Schaut in alle Erdteile, mögen sie heißen, wie sie wollen! Wird da nicht überall und allerwärts grad von den Civilisiertesten der Civilisierten ein fortgesetzter Raub, ein gewaltthätiger Länderdiebstahl ausgeführt, durch welchen Reiche gestürzt, Nationen vernichtet und Millionen und Abermillionen von Menschen um ihre angestammten Rechte betrogen werden? Wenn Ihr ein guter Mensch Seid, und der wollt Ihr doch gewiß wohl sein, so dürft Ihr Euer Urteil nicht nach der Ansicht der Eroberer richten, sondern nach den Meinungen und Gefühlen der Besiegten, der Unterdrückten, Unterjochten. Und wenn Ihr mir da entgegnet, daß es Eroberer und Gründer von neuen Reichen gegeben habe, so lange die Erde Menschen trägt, so antworte ich: Das waren Macedonier, Griechen, Römer, Perser, Mongolen, Hunnen, also Heiden, die keinen Christus kannten, welcher als zweites, höchstes Gebot von uns verlangt: Du sollst deinen Nebenmenschen lieben wie dich selbst! Haben diese Heiden ihre blutigen Schwerter als mordgierige Menschenschnitter über den Erdkreis getragen, so giebt es für uns Christen eine ganz andere Art der Eroberung. Ich bringe Euch den Frieden; ich lasse Euch meinen Frieden! hat der Weltheiland gesagt; nun tragt als Christen diesen Frieden hin in alle Lande und hin zu allen Völkern! Steckt, wie Petrus, Eure Schwerter in die Scheide; Eure einzige Waffe soll nur die Liebe sein, und auf Eurem Banner darf man nur das Wort Versöhnung lesen. Wie es einen Menschen gab, welcher die erste Mordwaffe erfand, so wird es dereinst, so wahr ein Himmel über uns ist, auch einen Menschen geben, der die letzte Waffe zwischen seinen Fäusten zerbricht. Wie lange aber soll es währen, bis dies geschieht? Den Befehl dazu hat Christus schon vor nun fast zweitausend Jahren gegeben; sollen noch Jahrtausende verstreichen, ehe er in Erfüllung geht? Ich wiederhole es noch einmal: Sprecht mir ja nicht von Eurer Civilisation und von Eurem Christentum, so lange noch ein Tropfen Menschenblut durch Stahl und Eisen, durch Pulver und Blei vergossen wird!“

Der wackere Farmer lehnte sich in seinen Stuhl zurück und schwieg. Niemand wagte es, auch nur eine Silbe der Entgegnung vorzubringen. Der erste, welcher die eingetretene Stille unterbrach, war mein sonst so zurückhaltender Winnetou. Er griff nach der Hand Harbours, um sie herzlich zu drücken, und sagte:

„Mein weißer Bruder hat genau die Worte gesprochen, welche in meiner Seele zu lesen sind. Seine Rede war wie die Rede eines wahren Priesters der Christen. Aus welcher Quelle hat er die Gedanken geschöpft, welche leider die Gedanken nur weniger Bleichgesichter sind? Ich bitte ihn, mir dies zu sagen!“

„Dieser Quell entsprang dem Herzen nicht eines weißen sondern eines roten Mannes, welcher allerdings ein Priester und Verkündiger des wahren Christentums war. Von allen weißen Lehrern und Rednern, die ich hörte, kann sich kein einziger mit ihm vergleichen. Ich traf ihn zum erstenmale jenseits der Mogollon-Berge am Rio Puerco. Die Navajos hatten mich gefangen genommen und für den Marterpfahl bestimmt; da erschien er unter ihnen und ergoß eine so gewaltige Rede über sie, daß sie mich freigaben, als seine letzten Worte noch kaum verklungen waren. Er war ein großer Geist und auch am Körper ein wahrer Goliath, der sich selbst vor dem grauen Bär nicht fürchtete.“

„Uff! Das ist kein anderer Mann als Ikwehtsi’pa gewesen!“

„Nein. Der Häuptling der Apatschen wird sich irren. Er wurde von den Navajos Sikis-sas genannt.“

„Das ist ganz derselbe Name. Er war ein Moqui, und die zwei Namen bedeuten in beiden Sprachen ganz dasselbe, nämlich Großer Freund. Von den Weißen in Neu-Mexiko und andern spanisch sprechenden Leuten wurde er Padre Diterico genannt.“

„Das stimmt; das stimmt! Also Winnetou hat ihn auch gekannt?“

„Ich habe ihn gesehen und ihn sprechen hören, als ich noch ein kleiner Knabe war. Seine Seele gehörte dem großen, guten Manitou, sein Herz der unterdrückten Menschheit und sein Arm jedem weißen oder roten Manne, der sich in Gefahr befand oder sonst der Hilfe bedurfte. Seine Augen strahlten nur Liebe; seinem Worte konnte kein Mensch widerstehen, und alle seine Gedanken waren nur darauf gerichtet, Glück und Heil um sich her zu verbreiten. Er war Christ geworden und hatte zwei Schwestern, die er auch zu Christinnen machte. Der gütige Manitou hatte diesen Schwestern große Schönheit verliehen, und viele, viele Krieger setzten ihr Leben daran, sich ihre Liebe zu erringen, doch war das stets vergeblich. Die ältere wurde Tehua und die jüngere Tokbela genannt. Sie waren einst, ohne daß jemand wußte, wohin, mit ihrem Bruder verschwunden, und kein Mensch hat sie jemals wieder gesehen.“

„Kein Mensch, wirklich keiner?“ fragte der Farmer.

„Keiner!“ antwortete Winnetou. „Mit dem Himmel und der Sonne gingen die Hoffnungen der roten Krieger verloren, und in Ikwehtsi’pa ist dem Christentum ein Prediger verschwunden, wie es von einem Meere bis zum andern keinen je gegeben hat. Er war ein Freund und Bruder, ein treuer Berater von Intschu tschuna, meinem Vater. Dieser hatte ihn tief in sein Herz geschlossen und hätte viel, sehr viel darum gegeben und gewiß gern sein Leben dafür gewagt, zu erfahren, was für ein Unfall die drei Geschwister hinweggerafft hat, denn nichts anderes als ein Unglück kann schuld daran sein, daß sie verschwunden und nicht wiedergekehrt sind.“

Der Farmer war den Worten Winnetous mit großer, ja mit auffälliger Aufmerksamkeit gefolgt; jetzt fragte er:

„Wenn der frühere Häuptling der Apatschen so große Opfer dafür gebracht hätte, würde auch der jetzige dazu bereit sein?“

„Ja, ich bin bereit im Namen und im Geiste meines Vaters zu handeln, dessen Seele den Großen Freund liebte.“

„So ist es ein wunderbarer, glücklicher Zufall, welcher Euch heut zu mir führte. Ich bin nämlich im stande, Euch Auskunft zu erteilen.“

Um die große Wirkung dieser Worte zu bezeichnen, brauche ich nur zu sagen, daß Winnetou, dieses Muster von Ruhe und Beherrschung aller seiner Regungen, von seinem Stuhle nicht etwa aufstand, sondern gradezu aufschnellte, wie von einer Spannfeder emporgetrieben, und wie atemlos ausrief:

„Auskunft geben? Über Ikwehtsi’pa, über Padre Diterico, den wir alle verloren glaubten? Ist das wahr? Ist das möglich? Das kann nur auf einem Irrtum, einer Täuschung beruhen!“

„Es ist keine Täuschung, sondern Wirklichkeit. Ich kann sichere Auskunft erteilen; aber leider ist es keine so erfreuliche, wie ich wohl wünschte. Er lebt nicht mehr.“

„Uff! Er ist tot?“

„Ja.“

„Und seine Schwestern?“

„Von denen weiß ich nichts.“

„Wirklich nichts?“

„Nein, gar nichts. Auch von ihm weiß ich nichts von allem, was zwischen seinem Verschwinden und seinem Tode geschehen ist; ich kann nicht einmal sagen, wie er ermordet wurde und wer sein Mörder ist.“

Da gab sich Winnetou einen Ruck, daß sein hinten lang herabfallendes, prächtiges Haar nach vorn über seine Achseln flog und ihm wie ein Schleier das Gesicht bedeckte.

„Uff, uff!“ ertönte es aus diesem Schleier heraus. „Ermordet ist er worden, ermordet! Ein Mörder hat uns um das kostbare Leben Ikwehtsi’pas gebracht! Ist das wahr? Sag es schnell, sehr schnell!“

„Es ist wahr!“

„Beweise es!“

Der Apatsche warf sein Haar jetzt mit beiden Händen nach hinten zurück. Seine Augen sprühten Blitze, und sein Mund War geöffnet, als ob er die Antwort des Farmers förmlich trinken wolle.

„Ich habe sein Grab gesehen,“ sagte dieser.

„Wo? Wann?“

„Ich werde es erzählen, und bitte den Häuptling der Apatschen, sich wieder niederzusetzen und mir ruhig zuzuhören.“

Winnetou sank langsam in den Sessel zurück, holte laut und tief Atem und sprach, indem er sich mit der Hand über die Stirne strich:

„Mein weißer Bruder hat recht. Es ziemt sich keines Kriegers, zumal wenn er ein Häuptling ist, sich von seinen Gefühlen überwältigen zu lassen. Ich bleibe ruhig, was ich auch hören werde.“

Harbour nahm einen Schluck aus der Theetasse, welche er vor sich stehen hatte, und erkundigte sich:

„Ist der Häuptling der Apatschen schon einmal oben in dem Park von San Louis gewesen?“

„Schon mehrere Male,“ antwortete der Gefragte.

„Ist ihm die Gegend der Foam-Cascade bekannt?“

„Ja.“

„Kennt er den lebensgefährlichen Bergpfad, welcher von da aus nach dem Devils-Head führt?“

„Ich kenne weder den Weg noch den Devils-Head, werde aber beides gewiß finden. Howgh!“

„Dort oben war es, wo ich den Entschluß faßte, dem wilden Westen und dem wilden Leben zu entsagen. Ich war verheiratet und hatte schon meine beiden ältesten Boys hier, die damals freilich noch sehr unwichtig kleine Kerle waren. Auch hatten wir unser gutes Auskommen; aber wen das Leben des Westens einmal gepackt hat, den giebt es nicht leicht wieder her, und so kam es, daß ich Frau und Kinder verließ, Gott sei Dank, zum letztenmale! und mich einigen Männern anschloß, welche hinauf ins Colorado wollten, um dort nach Gold zu Prospekten. Wir kamen auch glücklich hinauf, aber je weiter, desto mehr sehnte ich mich nach Weib und Kindern zurück. Ich sah jetzt ein, daß es nicht dasselbe ist, ob man als lediger oder als verheirateter Mann dort im Gebirge herumklettert und sich auf hundert Gefahren gefaßt machen muß. Wir waren ursprünglich vier Mann gewesen, aber nur zu dritt hinaufgekommen, weil uns einer schon am Fuße der Mountains aus Kleinmut verlassen hatte. Ich will keine lange Geschichte erzählen, sondern mich ganz kurz fassen. Wir suchten unter unbeschreiblichen Anstrengungen und Entbehrungen über zwei Monate lang, ohne eine Spur von Gold zu finden; da stürzte derjenige von uns, welcher sich am besten aufs Prospekten verstand, von einem Felsen und brach den Hals. Nun waren wir nur noch zwei und dazu überzeugt, daß wir nun noch weniger finden würden als vorher, das heißt: früher nichts und jetzt wahrscheinlich gar nichts. Das traf auch richtig ein. Wir hatten kein Glück in der Jagd und hungerten darum viel. Unsere Anzüge zerrissen, und die Stiefel fielen von den Füßen. Es war ein Elend, wie es gar nicht schöner im Buche stehen kann. Ich wurde schwach, mein Kamerad noch viel schwächer und schließlich gar krank. Das war sehr schlimm für ihn, denn es kostete ihn das Leben. Es hatte mehrere Tage lang geregnet, und wir mußten über ein Wildwasser, welches bedenklich angeschwollen war. Ich wollte warten, bis es sich verlaufen hatte; er aber glaubte, glücklich hinüberzukommen, und so mußte ich ihm den Willen thun. Er wurde mit fortgerissen. Nach langem Suchen fand ich ihn ertrunken und zerschmettert in tiefem Grunde unten. Ich begrub ihn, wie wir den andern auch begraben hatten: drei Fuß tief, mit kalter Erde und einem warmen, gut gemeinten Gebete bedeckt. Dann war ich ganz allein und hatte natürlich keine andere Wahl, als die halb nackten, wund gelaufenen und aufgerissenen Füße heimwärts zu lenken. Aber das ging nicht so schnell, wie ich gedacht hatte. Ich kam mit meinen geschwächten Kräften nur sehr langsam vorwärts und war zum Sterben matt, als ich nach einigen Tagen den Devils-Head erreichte. Ich war zwar noch nie dagewesen, wußte aber, daß er es war. Der Felsen ist nämlich in seiner Form einem Teufelskopf so ähnlich, als ob an dieser Stelle der Satan einem Bildhauer als Modell gesessen hätte. Ich warf mich in das feuchte Moos nieder und hätte am liebsten weinen mögen. Wasser gab es ja, aber zu essen hatte ich nichts, denn mein Gewehrschloß war kaput; es war mir unmöglich, ein Wild zu erlegen, und so hatte ich schon seit zwei Tagen keinen Bissen über die Lippen gebracht. Die Mattigkeit überwältigte mich, und ich schloß die Augen, um zu schlafen und vielleicht nicht wieder aufzuwachen. Aber ich öffnete sie noch einmal, ganz ohne daß ich es eigentlich wollte. Ich hatte mich inzwischen auf die Seite gedreht, und so fiel mein müder Blick auf eine andere Stelle des Felsens. Es gab da Buchstaben, welche mit dem Messer oder einem ähnlichen Instrumente eingegraben worden waren. Das regte mich an. Es war mir, als ob ich plötzlich wieder Kräfte bekommen hätte; ich stand auf und ging hin, die Schrift zu lesen. Nun sah ich, daß es nicht nur Buchstaben, sondern auch Figuren gab. Von einigen wußte ich nicht, was sie zu bedeuten hatten, doch waren es menschliche Figuren, die über und rechts und links von einem in den Fels gemeißelten Kreuze standen. Unter diesem Kreuze war deutlich zu lesen: „An dieser Stelle wurde der Padre Diterico von J B. aus Rache an seinem Bruder E R ermordet.& Unter diesen Worten war eine Sonne zu sehen, von welcher links ein E und rechts ein B stand.“

Als der Erzähler bis hierher gekommen war, wurde er von Winnetou unterbrochen:

„Stand dieser Name wirklich am Fels zu lesen? Padre Diterico?“

„Ja.“

„Und der Mörder war mit J B. bezeichnet?“

„Ja.“

„Kennt mein Bruder Harbour vielleicht einen Menschen, dessen Namen mit dem Buchstaben J B. beginnt?“

„Solcher Leute wird es wahrscheinlich tausende geben; ich kenne keinen.“

„Und glaubt mein Bruder, daß dieses Grabmal keine Lüge sagt?“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Es kann dennoch eine Lüge sein!“

„Wem sollte das einfallen, und welcher Grund könnte vorhanden sein, eine solche Unwahrheit in den Fels zu graben?“

„Wo war das Grab? Im harten Fels doch nicht?“

„Nein, sondern eng an demselben. Der Hügel war mit Moos bewachsen und schien gepflegt zu sein.“

„In der Einöde da oben? Uff!“

„Das ist noch gar nicht verwunderlich. Unbegreiflich aber ist, was mir dann passierte. Ihr könnt euch denken, Mesch’schurs, wie mir zu Mute wurde, als ich hier so unerwartet das Grab des Paters fand. Meine Schwäche kehrte verdoppelt zurück; ich stieß einen Schrei aus und fiel um. Als ich wieder erwachte, war fast ein ganzer Tag vergangen, denn es war der Vormittag des nächsten Tages. Ich konnte vor Mattigkeit und Hunger kaum aufstehen. Ich schleppte mich zur nahen Quelle und trank; dann kroch ich in das Gebüsch, wo ich zum Glück ein paar eßbare Mushrooms fand, die ich so verzehrte, wie sie waren; dann schlief ich wieder ein. Als ich abermals erwachte, war der Abend nahe; neben mir lag ein halbes, gebratenes Bighorn. Wer hatte es hingelegt? Das war gewiß eine nicht unwichtige Frage; aber ich legte sie mir nicht mehr als einmal vor, sondern griff zu und aß, aß, aß und aß, bis ich satt war und wieder ein- und bis zum nächsten Morgen schlief, wo ich gestärkt erwachte. Der Rest des Fleisches lag noch da. Ich versteckte es und machte mich auf, nach dem Geber zu suchen; aber ich fand keine Spur, und auch all mein Rufen war umsonst. Da kehrte ich zum Grab zurück, nahm das Fleisch aus dem Verstecke und machte mich auf den Weg, der hinunter nach der Foam-Cascade führt. Er ist sehr gefährlich; ich legte ihn aber glücklich zurück und fand am folgenden Tage, eben als mein Fleisch auf die Neige gegangen war, einen Jäger, der sich meiner annahm. Wie ich dann vom Park herunter und heim gekommen bin, das ist hier Nebensache. Die Hauptsache habe ich erzählt, und der Häuptling der Apatschen wird meiner Behauptung, daß der Padre Diterico ermordet worden ist und also nicht mehr lebt, Glauben schenken.“

Winnetou hielt den in die Hand gestützten Kopf tief gesenkt, so daß ich sein Gesicht nicht sehen konnte; als er ihn dann hob, sah ich noch immer den Ausdruck des Zweifels in seinen Zügen liegen. Er richtete einen fragenden Blick auf mich, und ich antwortete auf diese stille Aufforderung:

„Meines Dafürhaltens unterliegt es keinem Zweifel, daß der Mord wirklich geschehen ist.“

„So glaubt mein Bruder Shatterhand an das Grab und an die Schrift?“ fragte der Apatsche.

„Ja.“

„Ist es nicht möglich, daß es noch einen andern Padre Diterico gegeben hat?“

„Ja, das ist möglich.“

„So ist die Schrift kein Beweiß, das Ikwehtsi’pa in diesem Grabe liegt; es kann ein Padre gleichen Namens sein.“

„Es ist der, den du meinst!“

„So hat mein Bruder Shatterhand wohl noch andere Beweise?“

„Ja.“

„Winnetou sieht dir an, daß du wieder einmal nachdenkst und Berechnungen machst. Beziehen sie sich auf das Grab im Gebirge?“

„Ja. Unser gastfreundlicher Mr. Harbour hat mir mehr, weit mehr erzählt, als er ahnt. Ich habe endlich, endlich den so lange vergeblich gesuchten Wawa Derrick gefunden.“

„Uff, uff! Wer ist’s?“

„Ikwehtsi’pa.“

„Uff!“

„Du wirst dich noch mehr wundern über das, was ich dir weiter sage. Tokbela, die jüngere Schwester des Padre, ist Tibo wete, die Squaw des Medizinmannes der Naiini-Komantschen.“

„Uff! Bist du allwissend?“

„Nein; ich denke nur nach. Infolge dieses Nachdenkens kann ich dir auch sagen, daß Tehua, die ältere Schwester des Padre, vielleicht auch noch lebt.“

„Deine Gedanken können Wunder thun; sie wecken Tote auf!“

„Du hast gehört, daß unter der Grabinschrift eine Sonne eingemeißelt war. Die ältere Schwester hieß Tehua, die Sonne; sie hat das Grab errichtet und das Mal hergestellt, also noch gelebt, als er ermordet worden war.“

„Uff! Dieser Gedanke ist so einfach und richtig, daß ich mich wundere, nicht selbst daraufgekommen zu sein! Aber wenn Tehua wirklich noch leben sollte, wo werden wir sie zu suchen haben?“

„Das weiß nur sie allein. Sie hält sich im Verborgenen; sie läßt es niemanden wissen oder darf es niemanden wissen lassen.“

„Woraus schließest du das?“

„Das halb gebratene Bighorn war von ihr.“

„Uff!“

Der sonst so scharfsinnige Winnetou kam heut gar nicht aus seinen Uffs der Verwunderung heraus; das war aber gar nicht etwa ein Beweis, daß ich ihm im folgerichtigen Denken und Schließen überlegen war, o nein! Ich hatte eben mehr Stoff zum Nachdenken über den vorliegenden Fall sammeln können als er. Hätte er an meiner Stelle diesen Stoff gehabt, so wäre er wahrscheinlich viel eher als ich zu meinem Resultate gekommen. Ich fuhr fort:

„Ich behaupte, daß das Fleisch von ihr war, und habe meine Gründe dazu, von denen ich heut und hier an dieser Stelle nur den einen sagen kann: jeder Geber des Fleisches, welcher nicht zu dem Grabe, also zu dem Morde, in Beziehung steht, hätte sich unbedenklich zeigen dürfen; dieser aber hat sich nicht sehen lassen, folglich steht er in irgend einem Verhältnisse zu der verbrecherischen That.“

„Man könnte doch auch annehmen, daß der Mörder es gewesen sei, denn dieser ist es, der sich am allerwenigsten am Schauplatze des Verbrechens zeigen darf,“ warf der Apatsche ein. „Man weiß, daß ein Mörder immer wieder nach dem Orte seiner That gezogen wird.“

„Das gebe ich zu; aber der Spender oder die Spenderin des Fleisches verrät ein barmherziges Gemüt, ein mildthätiges Herz. Wie stimmt das mit den Eigenschaften überein, die man einem Mörder zuschreiben muß und die ganz entgegengesetzter Art sind?“

„So meint Old Shatterhand wirklich, daß es Tehua gewesen ist?“

„Ja“

„Welchen Grund hätte sie, so im Verborgenen zu leben, da sie doch weiß, wie viele Freunde sich in der fernen Heimat um sie grämen?“

„Das ist vielleicht ein Geheimnis, welches ich jetzt noch nicht ergründen kann. Es braucht aber nicht notwendig eins zu sein. Grad weil ein Mörder gewöhnlich zum Schauplatze seiner That zurückgezogen wird, bleibt sie an Ort und Stelle, um ihn da zu erwarten! Vielleicht auch ist sie nicht in die Heimat zurückgekehrt, weil sie von ihrer Familie zurückgehalten wird.“

„Familie? Meint mein Bruder, daß sie verheiratet sein könnte?“

„Warum nicht? Wenn die jüngere Schwester die Squaw eines Mannes ist, kann die ältere doch noch viel eher geheiratet haben! Nicht?“

„Ja; aber es giebt einen Umstand, welcher die Berechnungen meines Bruders Shatterhand zu schanden macht, so scharfsinnig sie auch sind.“

„Welcher ist das?“

„Unser weißer Bruder Harbour ist ein Freund des Padre gewesen; er hat auch seine Schwestern gekannt und sie ihn ebenso. Nicht?“

„Ja.“

„Er ist am Grabe vor Hunger umgesunken und hat aus einer unbekannten Hand Fleisch bekommen. Wenn Tehua, die Schwester des Padre, es gewesen wäre, die es ihm gegeben hat, so hätte sie sich vor ihm, ihrem Freunde, ganz gewiß nicht versteckt, sondern ihn im Gegenteil ganz gewiß persönlich in Schutz genommen und verpflegt.“

„Wenn sie ihn erkannt hätte, ja; aber hat sie ihn erkannt? Es sind, seit sie verschwunden ist, weit über zwanzig Jahre vergangen; sein Aussehen hat sich überhaupt verändert, und die Anstrengungen und Entbehrungen hatten ihn dann vollends unkenntlich gemacht.“

„Aber eine schwache Squaw wird doch nicht ein so einsames, beschwerliches und verlassenes Leben da oben in den Rocky Mountains führen!“

„Ist sie allein oben? Ist nicht grad in dieser Beziehung ein großer Unterschied zwischen einer abgehärteten Indianerin und einer weißen Frau?“

„Uff! Es gelingt meinem Bruder Shatterhand, heut alle meine Einwürfe zu widerlegen. Er hat für alle meine Entgegnungen eine Antwort, die ich gelten lassen muß. Mein Auge scheint heut mit Blindheit geschlagen zu sein!“

„O nein! Ich spreche weniger Behauptungen als vielmehr Vermutungen aus. Unser Ziel ist ja bis heut die Foam-Cascade gewesen. Kommen wir hinauf, so besuchen wir das Grab, und dann wird es sich höchst wahrscheinlich finden, welche meiner Gedanken richtig und welche falsch gewesen sind.“

„Ja, wir suchen das Grab auf. Wir müssen und werden Spuren des Mordes und des Mörders finden, selbst nach so langer Zeit. Wehe ihm, wenn wir ihn dann fassen! Ich habe meinem Bruder Shatterhand nie widersprochen, wenn er seinen milden Sinn walten ließ; hier aber kenne ich keine Gnade!“

Diese Worte zeigten wieder einmal, was für ein wunderbarer, unvergleichlicher Mensch Winnetou war. Er war überzeugt, noch nach mehr als zwanzig Jahren eine Spur des Mörders zu entdecken. Ich traute ihm das zu, obwohl tausend andere darüber lächeln mögen. Selbst wenn sich alle anderen Nachforschungen als vergeblich erwiesen, hätte man sich durch das Öffnen des Grabes einen Fingerzeig verschaffen können. Glücklicherweise war es mir möglich, seine Absichten schon jetzt durch einige weitere Bemerkungen zu unterstützen, indem ich, ihm beistimmend, erklärte:

„Auch ich bin in diesem Falle bereit, die größte Strenge walten zu lassen, und hege übrigens die feste Überzeugung, daß wir das Grab nicht vergeblich besuchen werden.“

„Hat mein Bruder einen Grund zu dieser Überzeugung?“

„Ja.“

„Welchen?“

„Glaubt Winnetou, daß es einen oder mehrere Mörder gegeben hat?“

„Nicht bloß einen.“

„Nun gut! Einer von ihnen ist schon auf dem Wege hinauf.“

„Uff! Wer ist das?“

„Douglas, der sogenannte General.“

„Uff, uff! Dieser Mann, dieser Mensch soll auch am Morde da oben beteiligt gewesen sein? Wie kommt Old Shatterhand auf diese Idee?“

Es wird noch in Erinnerung sein, daß der General damals auf Helmers Farm einen Ring verloren hatte, der mir übergeben worden war [Fußnote]. Ich hatte ihn an meinen Finger gesteckt und trug ihn noch heut daran. Jetzt zog ich ihn herunter und reichte ihn dem Apatschen mit den Worten hin:

„Mein Bruder wird diesen Ring noch von Helmers Home her kennen. Er mag die Buchstaben betrachten, welche auf der Innenseite desselben zu lesen sind.“

Er nahm den Ring in Augenschein und sah E. B. 5. VIII 1842. Dann gab er ihn dem Farmer und sagte:

„Damit unser Bruder Harbour erfahre, daß wir schon jetzt auf der Fährte der Mörder sind, mag er einmal diese Schrift mit derjenigen am Felsen des Grabes vergleichen!“

Der Angeredete folgte dieser Aufforderung und rief aus:

All devils! Das ist ja ganz dasselbe E. B., welches ich dort an jenem Felsen sogar zweimal gefunden habe! Und der Name des Mörders hatte auch ein B., welches zwar noch einen – –“

Was er weiter sagte, hörte ich nicht; ich gab keine Achtung darauf, weil meine Aufmerksamkeit von etwas anderem in Anspruch genommen wurde. Der Farmer saß nämlich von mir aus grad gegen das eine Fenster; da meine Augen auf ihn gerichtet waren, kam auch dieses Fenster mit in meinen Gesichtskreis, und da erblickte ich das Gesicht eines Mannes, welcher draußen stand und hereinsah. Es war hell, wie das eines Weißen und wollte mir bekannt vorkommen. Diesen Mann hatte ich gewiß schon einmal gesehen, nur fiel mir nicht gleich ein, wo dies gewesen war. Eben wollte ich die Anwesenden auf den unberufenen Lauscher aufmerksam machen, als der neben mir sitzende Schahko Matto, der ihn in diesem Momente auch erblickte, in hastiger Eile den Arm ausstreckte und mit schallender Stimme schrie:

„Tibo taka! Da draußen am Fenster steht Tibo taka!“

Alle, welche diesen Namen kannten, sprangen auf. Ja, es war der Medizinmann der Naiini-Komantschen! Sein Gesicht sah heut nicht rotbraun sondern hell, wie das eines Weißen. Das war der Grund, daß ich ihn nicht sofort erkannt hatte. Ein solcher Feind am Fenster und wir hier in der Stube, alle hell beleuchtet! Der Schuß des alten Wabble auf Fenners Farm fiel mir ein, und ich rief:

„Das Licht schnell aus! Er könnte schießen!“

Noch hatte ich diese Warnung nicht ganz ausgesprochen, so klirrte die zerbrechende Fensterscheibe, und die Mündung eines Gewehres erschien. Mit einem Satze sprang ich nach der nächsten, mich schützenden Ecke an der Außenwand; da krachte aber auch schon der Schuß, der, wie alle Anwesenden später sagten und auch ich überzeugt war, mir gegolten hatte. Die Kugel schlug über meinen Stuhl hinweg in die Küchenwand. Das Gewehr war schnell wieder zurückgezogen worden; ich eilte zur Lampe und löschte sie aus, so daß die Thür ins Finstere zu liegen kam, schnellte mich zu ihr hin, öffnete sie, zog einen Revolver aus dem Gürtel und blickte hinaus. Es war zur Zeit noch kein Stern aufgegangen, draußen alles stockfinster und also niemand zu sehen. Hören konnte ich auch nichts, weil die Anwesenden einen unbeschreiblichen Lärm machten, den Winnetou vergeblich zum Schweigen bringen wollte. Er kam zu mir, warf einen einzigen, schnellen Blick in die dunkle Nacht hinaus und forderte mich dann auf:

„Nicht hier bleiben, sondern weiter, viel weiter hinaus!“

Wenn der Medizinmann ein gescheiter Kerl gewesen wäre, hätte er seinen Platz nicht verlassen sondern ruhig gewartet, bis ich an der Thür erschien, und dann den zweiten Schuß auf mich abgegeben. So aber war er gleich nach dem ersten vergeblichen Schusse ausgerissen. Als ich mit Winnetou mich in schnellstem Laufe so weit vom Hause entfernt hatte, daß uns der Lärm in demselben nicht mehr stören konnte, legten wir uns nieder, die Ohren auf die Erde, und horchten. Wir vernahmen ganz deutlich den schnellen Hufschlag dreier Pferde, welche sich von der Farm westwärts entfernten.

Drei Pferde? Der Medizinmann war also nicht allein hier auf der Farm gewesen? Wie hatte er es überhaupt ermöglichen können, von so weit südlich her durch das Gebiet feindlicher Indianerstämme hier herauf nach Kansas zu kommen? Welchen Grund, welchen Zweck hatte dieser ebenso weite wie beschwerliche Ritt?

Gewohnt, jedes Vorkommnis mit einem schnellen aber trotzdem gründlichen und keine Kleinigkeit übersehenden Blicke in seinem ganzen Umfange zu umfassen, um danach ohne das geringste Zaudern meine Bestimmungen treffen und etwaigen Gefahren im voraus erfolgreich begegnen zu können, ließ ich diese und noch andere Fragen rasch prüfend an mir vorübergehen, und Winnetou schien dasselbe zu thun. Er war ebenso schnell fertig wie ich, denn die Hufschläge waren noch nicht verklungen, zwischen Beginn und Ende unseres Nachdenkens also nur wenige Augenblicke vergangen, so sagte er:

„Tibo taka ist ein Bleichgesicht geworden, ein weißer Arzt, der ein krankes Krebsgesicht hinauf nach Fort Wallace bringen will. Was sagt mein Bruder Shatterhand dazu?“

„Daß du richtig geraten hast. Die kranke Lady ist Tibo wete, seine wenigstens körperlich gesunde Frau, die er für krank ausgibt, um ihr Gesicht mit einem Schleier verhüllen zu können, damit man nicht sehe, daß ein Weißer mit einer Roten reitet. Sie wollen natürlich nicht nach Fort Wallace, sondern mit dem General hinauf nach Colorado. Wir werden die Mörder am Grabe des Ermordeten treffen. Komm herein, den Farmer zu fragen!“

Wir gingen nach dem Hause zurück; da kamen nun endlich erst alle, die in der Stube gewesen waren, mit ihren Waffen in den Händen heraus. Dick Hammerdull, der zwar unsere Gespräche, soweit sie sich auf den Namen Tibo bezogen, gehört aber nicht alles begriffen und verdaut hatte, rief mit lauter Stimme:

„Wenn es wirklich Tibo taka gewesen ist, so sind die Komantschen da, um die Farm zu überfallen. Wir befinden uns also in größter Gefahr. Mr. Harbour, ruft alle Eure Leute zusammen, damit wir uns verteidigen können!“

Ich war, während der Dicke diesen berühmten und hochwichtigen Armee- oder Tagesbefehl ausgab, nach dem Hause zur Seite abgewichen, um nach unseren Pferden zu sehen. Sie waren alle da, und das beruhigte mich. Dann hörte ich die kommandierende Stimme des Farmers, und als ich um die vordere Ecke des Gebäudes bog, war die ganze Heeresmacht, Honved und Landsturm und sogar das ewig Weibliche mit inbegriffen, vollständig versammelt. Nur Winnetou war nicht da, sondern in die Stube gegangen, um in aller Gemächlichkeit die Lampe wieder anzubrennen und sich dann auf seinen Stuhl zu setzen. Es ließen sich alle Stimmen vernehmen; jeder wollte einen Vorschlag machen, einen Rat erteilen; ich machte diesem Wirrwarr ein Ende, indem ich ihn überschrie:

„Still doch, ihr Leute! Warum regt ihr euch so auf?“

„Warum wir uns aufregen? Welche Frage!“ antwortete Hammerdull. „Die Komantschen sind ja da!“

„Wo denn?“

„Wo anders als hier? Ihr Medizinmann hat doch schon geschossen!“

„Euch wahrscheinlich in den Kopf, lieber Dick, denn es scheint mit Euerm Verstande keine rechte Ordnung zu haben. Wie sollen denn die Komantschen hierher an den Salmon kommen?“

„Auf ihren Pferden natürlich!“

„Wahrscheinlich auch auf Affen und Kamelen! Denkt doch nur, durch welche Völkerschaften sie sich winden müßten! Die Kiowas, Cherokees, Choctaws, Creeks, Seminolen, Chickesaws, Quapaws, Senekas, Wyandottes, Peorias, Ottawas, Modocs, Miamis, Shawnees, Kuchaties, Pawnees, Arrapahoes, Cheyennes, Osagen und noch mehr andere Stämme! Nur ganz verrückte Menschen könnten einen solchen Kriegszug wagen! Wie kann ein sonst so kluger Kerl das doch nur für möglich halten!“

„Ob es möglich oder unmöglich ist, das bleibt sich gleich, das ist sogar ganz und gar egal, wenn es nur nicht geschehen kann. Habe ich da nicht recht, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Schafskopf!“

Der lange Pitt antwortete diesmal nur mit diesem einen, inhaltsschweren Worte; es genügte aber vollständig, seine Meinung in zarter Weise anzudeuten. Alles lachte; aber der Dicke fühlte sich durch diese zarte Anspielung an seiner Ehre benachteiligt und erwiderte zornig:

„Wirf nicht so mit Tierköpfen um dich, sonst mußt du deinen eigenen auch verschleudern! Ich habe euch vor den Komantschen warnen wollen und bin doch nicht schuld daran, daß sie nicht kommen können! Ist das nicht besser, als wenn ich nicht gewarnt hätte und sie kämen doch?“

Die beiden Toasts hatten sich also wieder einmal entzweit; wir wußten aber, daß sie bald wieder zusammenkommen würden.

Es erregte meine Befriedigung, daß Schahko Matto mit bei unserer Gruppe stand. Er hätte die Gelegenheit benutzen und entfliehen können; es hätte ihm sogar nicht schwer fallen können, sich von unseren Waffen die besten auszusuchen. Daß er das nicht gethan hatte, war ein sicherer Beweis, daß er es ernst mit seinem Vorhaben meine, mit uns freiwillig reiten zu wollen. Ich trat zu ihm und sagte:

„Von diesem Augenblicke an ist der Häuptling der Osagen frei; unsere Riemen werden seine Glieder nicht wieder berühren, und er kann nun gehen, wohin er will.“

„Ich bleibe bei euch!“ antwortete er. „Apanatschka sollte mich zu Tibo taka führen; nun dieser selbst gekommen ist, kann er mir auf keinen Fall entgehen. Werdet Ihr ihm folgen?“

„Unbedingt! Du hast ihn sofort erkannt?“

„Ja. Ich würde ihn nach tausend Sonnen wieder erkennen. Was will er hier in Kansas? Warum kommt er des Nachts an diese Farm geschlichen?“

„Er ist nicht herangeschlichen, sondern er hat sich fortgeschlichen, allerdings mit einem lauten, glücklicherweise erfolglosen Knall. Ich werde dir das sofort beweisen.“

Um dies zu thun, wendete ich mich an den Farmer, welcher in meiner Nähe stand:

„Ist der Arzt mit dem kranken Weibe noch hier?“

„Nein,“ antwortete er. „Bell, der Cow-boy, sagte, daß er fort sei.“

„Dieser Mann war kein Arzt, sondern ein Medizinmann der Naiini-Komantschen, und die Frau war seine Squaw. Hat jemand von euch mit diesem Weibe gesprochen?“

„Nein; aber ich habe sie sprechen hören.“

„Was?“

„Sie verlangte von dem angeblichen Arzte einen Myrtlewreath; da führte er sie schnell aus der Stube nach dem Hinterhaus.“

„Er hat doch erst morgen fortgewollt. Wie ist er auf den Gedanken gekommen, diesen Entschluß zu ändern?“

Da schob sich der Cow-boy herbei und sagte:

„Darüber kann ich Euch die beste Auskunft erteilen, Mr. Shatterhand. Der Fremde kam in den Hof, um nach seinen Pferden zu sehen. Er hörte das laute Lachen in der Stube, wo Mr. Hammerdull eben eine seiner lustigen Geschichten erzählte, und fragte mich, was für Leute sich drin befänden. Ich sagte es ihm natürlich und merkte trotz der Dunkelheit, daß er erschrak. Wir gingen miteinander nach der Vorderseite des Hauses, wo er von weitem durch das Fenster in die Stube sah. Dann teilte er mir, indem er mir einige Dollars schenkte, im Vertrauen mit, daß er hier nun sehr überflüssig sei, denn er habe Euch vor kurzem in Kansas-City einen schweren Geldprozeß abgewonnen, wegen dem von Euch ihm blutige Rache geschworen worden sei. Darum fühle er sich hier seines Lebens nicht sicher und wolle lieber heimlich fort. Ich solle Euch aber auch nach seiner Entfernung nicht sagen, daß er hier gewesen sei, weil Ihr Euch sonst auf seine Fährte setzen und ihn sicher einholen und erschießen würdet. Der arme Teufel hatte so große Angst; er that mir leid, und so half ich ihm dazu, heimlich aus dem Haus und Hof zu kommen. Ich öffnete ihm die hintere Fenz und ließ ihn und die Frau mit dem Packpferde hinaus. Er muß die drei Pferde dann in passender Entfernung angepflockt und sich zurückgeschlichen haben.“

„Anders nicht. Mr. Bell, Ihr habt einen großen Fehler begangen, könnt aber nichts dafür, denn Ihr wußtet nicht, daß er ein Schurke, ein großer Verbrecher ist. Hat er nur von mir gesprochen?“

„Ja.“

„Nicht auch von dem jungen, roten Krieger hier, den wir Apanatschka nennen?“

„Kein Wort!“

Well! Ich möchte jetzt gern den Raum sehen, in welchem er sich mit der Frau aufgehalten hat.“

Der Cow-boy zündete eine Laterne an und führte mich durch den Hof in das betreffende, sehr niedrige Gebäude, welches nur aus den vier Mauern und dem platten Dache bestand, also ein einziges Gelaß enthielt. Ich glaubte nicht etwa, daß er in einer solchen Gefahr, wie ihm doch gedroht hatte, so unvorsichtig gewesen sei, etwas für uns Wichtiges liegen zu lassen oder zu verlieren; ich wollte nur in gewohnter Weise nichts von alledem unterlassen, was in solchen Fällen von der Vor- und Umsicht vorgeschrieben wird. Ein Schriftsteller, welcher nicht Erlebtes, sondern nur Romane schreibt, würde nun Old Shatterhand eine Tasche, einen Beutel, einen Brief oder sonst einen Gegenstand finden lassen, durch dessen Erlangung alles, was uns noch Geheimnis war, aufgeklärt wurde; ich kann aber leider meiner Feder nicht gestatten, mir eine solche Schicksalsgunst zu erweisen, und muß eingestehen, daß ich nichts, aber auch ganz und gar nichts fand. Doch hatte ich meine Schuldigkeit gethan und begab mich also befriedigt nach der Stube, in welcher die andern alle jetzt wieder, sich über das Intermezzo unterhaltend, beisammen saßen.

Wenn ich sage „befriedigt“, so hat das seinen guten Grund. Ich war, grad wie auf Fenners Farm, auch heut dem Tode wie durch ein Wunder entgangen. Die innere Stimme, welche mich bei unserer Ankunft hier gewarnt hatte, war ganz gewiß die Stimme meines Schutzengels gewesen. Ich hatte ihr nicht gefolgt und war dennoch von ihm gerettet worden, indem er im Augenblicke der Gefahr meinen Blick nach dem betreffenden Fenster lenkte. Die Ähnlichkeit des heutigen Ereignisses mit dem auf Fenners Farm war sonderbar. Nun fehlte nur noch ein Überfall auf unsere Pferde oder gar auf uns selbst; dann würden die beiden Abende einander ganz leidlich kongruent!

Schüttelt vielleicht jemand lächelnd den Kopf darüber, daß ich von meinem Schutzengel rede? Lieber Zweifler, ich schmeichle mir ganz und gar nicht, dich zu meiner Ansicht, zu meinem Glauben zu bekehren, aber du magst sagen, was du willst, den Schutzengel disputierst du mir doch nicht hinweg. Ich bin sogar felsenfest überzeugt, daß ich nicht nur einen, sondern mehrere habe, ja daß es Menschen giebt, welche sich im Schutze sehr vieler solcher himmlischer Hüter befinden. Der Zar von Rußland, dessen Thron auf Dynamitsäulen steht, die Beherrscher von Reichen und Völkern, von deren Entschließungen das Wohl von Millionen Menschen abhängt, der Seekapitän, bei dem die kleinste Nachlässigkeit, die geringste falsche Berechnung den Untergang des Schiffes und aller seiner Bewohner herbeiführen kann, der Diplomat, welcher mit Nationen spielt, der Feldherr, welcher Armeen bewegt, der Arzt, dem das Leben oder der Tod seiner Patienten aus der Feder fließt, sie alle bedürfen zu ihrem Schutze, ihrer Beratung, ihrer Warnung viel, viel mehr der Engel, als zum Beispiel ein fetter Rentner, welcher keine andere Arbeit kennt und keinen andern Beruf zu haben scheint, als Coupons abzuschneiden. Mag man mich immerhin auslachen; ich habe den Mut, es ruhig hinzunehmen; aber indem ich hier an meinem Tische sitze und diese Zeilen niederschreibe, bin ich vollständig überzeugt, daß meine Unsichtbaren mich umschweben und mir, schriftstellerisch ausgedrückt, die Feder in die Tinte tauchen. Und wenn, was sehr häufig der Fall ist, ein Leser, der in der Irre ging, durch eines meiner Bücher auf den richtigen Weg gewiesen wird, so kommt sein Schutzengel zu dem meinigen, und beide freuen sich über die glücklichen Erfolge ihres Einflusses, unter welchem ich schrieb und der andere las. Das sage ich nicht etwa in selbstgefälliger Überhebung, O nein! Wer da weiß, daß er sein Werk nur zum geringsten Teile sich selbst verdankt, der kann nicht anders als demütig und bescheiden sein, und ich trete mit dieser meiner Anschauung nur deshalb vor die Öffentlichkeit, weil in unserer materiellen Zeit, in unserem ideals- und glaubenslosen fin de siècle nur selten jemand wagt, zu sagen, daß er mit diesem Leugnen und Verneinen nichts zu schaffen habe.

Wie tröstlich und beruhigend, wie ermunternd und anspornend ist es doch, zu wissen, daß Gottes Boten stetig um uns sind! Und welch große sittliche Macht liegt in diesem Glauben! Wer überzeugt ist, daß unsichtbare Wesen ihn umgeben, welche jeden seiner Gedanken kennen, jedes seiner Worte hören und alle seine Werke sehen, der wird sich gewiß hüten, so viel er kann, das Mißfallen dieser Gesandten des Richters aller Welt auf sich zu ziehen. Ich gebe diesen sogenannten, in Mißkredit geratenen Kinder-, Ammen- und Märchenglauben nicht für alle Schätze dieser Erde hin!

„Schutzengel? Lächerlich!“ sagte einst ein sehr gelehrter und weit gereister Herr zu mir, dessen Namen man in einigen Erdteilen kannte und auch heut noch kennt. „Haben Sie einen? Haben Sie ihn gesehen, ihn gehört, mit ihm gesprochen? Zeigen Sie ihn mir, dann will ich glauben, daß er existiert!“ Ein Jahr später traf ich ihn in Tirol. Nach der kurzen, herzlichen Begrüßung war sein erstes, wie mir schien, ganz unmotiviertes Wort: „Es giebt weiche; ich weiß es jetzt; auch ich habe einen!“ – „Was?“ fragte ich erstaunt. – „Schutzengel meine ich. Sie besinnen sich wohl noch unsers letzten Gespräches?“ – Er war in den Bergen gewesen und hatte sich, Steine klopfend und Pflanzen suchend, allzu eifrig bis an den höchsten und äußersten Rand eines tief und steil abfallenden Abhanges vorgewagt. Die dünne, lose Erdschicht war ins Gleiten gekommen und hatte ihn mit sich über die Kante gerissen. Mit der ganzen Wucht des hohen und jähen Falles an den Vorstößen, Rändern und Spitzen der Felsen aufschlagend, war er in die Tiefe gestürzt, dann aber plötzlich an dem Stumpfe einer Latsche hängen geblieben. Der Stumpf hatte sich nur in den Saum des Rockschoßes gebohrt; dieser dünne, schmale Halt konnte jeden Moment reißen, ja, es war überhaupt ein Wunder, wenn er nicht zerriß. Und das Wunder geschah: Der Saum hielt fest, weit über eine halbe Stunde lang, in so lebensgefährlicher Situation eine wahre Ewigkeit. Der Verunglückte schrie um Hilfe, doch vergeblich; ihm schwindelte vor der Tiefe; vor seinen Augen wurde es schwarz, und in den Ohren klang es wie Paukentöne. Seine Pulse schlugen; alle seine Glieder zitterten im Fieber; die Todesangst trat ein, und er begann, zu beten. Zunächst brachte er es nur zu einem krampfhaften „Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“ Dann zog sein ganzes Leben, schnell wie im Traum und doch mit greller Deutlichkeit, an ihm vorüber; er lernte sich in diesen kurzen Augenblicken zum erstenmal richtig kennen. Er sah seine Fehlgriffe wie scharfe, schroffe Gletscher ragen und seine Unterlassungen wie bodenlose, hohle Abgründe gähnen; sein Unglaube kam ihm wie ein Krater vor, der ihn verschlingen wollte. Da diktierte ihm die Angst seiner Seele das richtige Gebet: „Vergieb mir, Herr, denn ich glaube nun an dich!“ Seine Verneinung der Schutzengel fiel ihm ein, und da klammerte er sich mit der Inbrunst der Todesnot an den Gedanken, daß es ja doch welche gebe. Gott allein konnte retten, retten durch seine Himmelsboten. Der über der Tiefe Hängende betete und betete, bis es ruhiger und immer ruhiger in ihm wurde; es war ihm, als ob er eine Hand auf seiner Stirne fühle; die Angst verschwand und gab der immer fester werdenden Zuversicht Raum, daß die Rettung schon unterwegs sei. Er wußte, daß es keine Hallucination war: durch das Kleidungsstück, an welchem er hing, überkam ihn das Gefühl, als ob ein unsichtbares Wesen sich über ihm befinde und den Saum des Gewandes an dem Stumpfe der Knieholzkiefer festhalte. Da wich auch der Schwindel von ihm; er konnte frei unter sich blicken. Als er das that, sah er den Wirt des Gasthofes, in dem er für einige Tage wohnte, mit seinem Sohne kommen; beide waren vorzügliche Bergsteiger. Als sie ihn wahrnahmen, riefen sie ihm Mut zu. Der Sohn eilte zurück, um noch mehr Leute und Stricke zu holen, und der Vater kam heraufgestiegen, langsam zwar, aber mit tröstlicher Stetigkeit. Endlich grad über dem Verunglückten angelangt, warf er diesem die Schlinge eines Strickes zu, durch welche er die Arme zu strecken hatte. Das gab nun einen zuverlässigen Halt, welcher die völlige Ausführung der Rettung garantierte, die nach kurzer Zeit auch glücklich zustande kam. Unbegreiflich war, daß der Körper trotz des öftern Aufschlagens während des tiefen Sturzes außer einigen blauen Hautstellen keine Verletzung zeigte. Wahrhaft wunderbar aber mußte man es nennen, welche Ursache den Wirt zur Hilfe herbeigetrieben hatte. Sein jüngstes Kind nämlich, ein Mädchen von acht Jahren, war aus dem Garten zu ihm hereingekommen und hatte ihm gesagt, der Mann, der immer Blumen suche, sei von dem Berg gefallen und in der Mitte hängen geblieben. Die betreffende Seite des Berges lag aber vom Dorfe ab, so daß sie von da und von dem Garten aus gar nicht gesehen werden konnte, und weiter als in den Garten war das Kind nicht gekommen. Auf Befragen des Vaters hatte es gesagt, daß es den Mann habe um Hilfe rufen hören; die Entfernung war aber so groß, daß Hilferufe unvernehmbar blieben. Als der Vater die Bitte des Kindes nicht hatte erfüllen wollen, war dieses in ein so jämmerliches Schluchzen und Wehklagen ausgebrochen und hatte so lange fortgeweint, bis er, nur um es zu beruhigen, mit dem Sohne nach der Unglücksstelle aufgebrochen war. Der Gerettete ist noch heut fest überzeugt, daß er sein Leben zwei Schutzengeln zu verdanken habe; er behauptet, der eine habe ihn festgehalten und der andere das Kind zum Wirt geschickt.

Die Frage, ob ich meinen Schutzengel gesehen und gehört habe, kann mich nicht in Verlegenheit bringen. Ja, ich habe ihn gesehen, mit dem geistigen Auge; ich habe ihn gehört, in meinem Innern; ich habe seinen Einfluß gefühlt, und zwar unzählige Male. Bin ich etwa besonders veranlagt dazu? Gewiß nicht! Es ist wohl jedem Menschen gegeben, das Walten seines Schutzengels zu bemerken; die einzige Erfordernis dazu ist, daß man sich selbst genau kennt und sich selbst unter steter Kontrolle hält. Nur wer die richtige Selbstkenntnis besitzt und auf sie acht hat, kann unterscheiden, ob ein Gedanke ihm eingegeben wurde oder aus seinem eigenen Kopfe stammt, ob eine Empfindung, ein Entschluß in ihm selbst oder außerhalb seines geistigen Ichs entstand. Wieviel Menschen aber besitzen diese genaue Kenntnis ihrer selbst?

Wie oft bin ich zu einer bestimmten Handlung fest und unerschütterlich entschlossen gewesen und habe sie dennoch ohne jeden sichtbaren oder in mir liegenden Grund unterlassen. Wie oft habe ich im Gegenteile etwas gethan, was nicht im entferntesten in meinem Wollen lag. Wie oft ist mein Verhalten ganz plötzlich und ohne alle Absicht ganz anders geworden, als es in der Logik meines Wesens begründet gewesen wäre. Das war das Ergebnis eines Einflusses von außer mir her, der stets die besten Folgen hatte, sobald und so oft er sich geltend machte. Wie oft habe ich nach einem von mir selbst herbeigeführten Ereignisse dennoch voller Verwunderung dagestanden, wie oft nach einem von mir angestrebten Erfolge dennoch sagen müssen: „das habe nicht ich, sondern das hat Gott gethan!“ Wie oft hat eine mir ganz fremdartige Idee meine Gedankenfolge unterbrochen und sie in eine mir bisher ganz unbekannte Richtung gelenkt. Wie oft bin ich vor Personen, welche mir sympathisch waren, und vor Verhältnissen und Lagen, die ich geradezu herbeigesehnt hatte, durch einen – ich will mich ausdrücken- -geistigen Anhauch gewarnt worden, der sich dann, wenn ich mich von ihm leiten ließ, als nur zu begründet erwies. Wie oft habe ich Situationen, an welche nach menschlichem Ermessen in meinem ganzen Leben nicht zu denken war, voraus empfunden, voraus durchlebt und dann, wenn sie sich genau nach diesem Seelenbild einstellten, zu meinem dankbaren Erstaunen einsehen müssen, daß mit diesem Vorausgefühle mein Vorteil, ja mein Heil bezweckt gewesen war.

Was für eine von meiner Individualität vollständig getrennte Intelligenz, für eine außer mir liegende Macht kann es aber wohl gewesen sein, welche so in, mit und über mir waltete, mich mahnte, warnte und als sogenanntes böses Gewissen strafte, wenn sie mich unaufmerksam oder gar ungehorsam gefunden hatte? Weder Instinkt noch Zufall kann es sein, sondern Gottes Engel ist es, der mir vom Herrn der Heerscharen beigegeben wurde, mein Führer, Mahner und Berater zu sein. Als ich in meiner Schülerzeit durch den vielgenannten „Zufall“, den es für mich nicht giebt, aus einer großen Gefahr errettet worden war, schrieb ich einige Zeilen in mein Tagebuch, welche noch unter dem Eindrucke der Todesangst entstanden und nicht dichterisch abgefeilt worden sind. Sie haben also nicht den geringsten poetischen Wert; da ich mich aber noch heut, wo ich von meinem Schutzengel spreche, zu ihnen bekenne, so will ich mich erkühnen, ihnen hier einen Platz zu geben:

Es giebt so wunderliebliche Geschichten,
Die bald von Engeln, bald von Feen berichten,
In deren Schutz wir Menschenkinder stehn.
Man will so gern den Worten Glauben schenken
Und tief in ihren Zauber sich versenken,
Denn Gottes Odem fühlt man daraus wehn.

So ist’s in meiner Kindheit mir ergangen,
In welcher oft ich mit erregten Wangen
Auf solcherlei Erzählungen gelauscht,
Dann hat der Traum die magischen Gestalten
In stiller Nacht mir lebend vorgehalten,
Und ihre Flügel haben mich umrauscht.

Fragt auch der Zweifler, ob’s im Erdenleben
Wohl könne körperlose Wesen geben,
Die für die Sinne unerreichbar sind,
Ich will die Jugendbilder mir erhalten
Und glaub an Gottes unerforschlich Walten
Wie ich’s vertrauensvoll geglaubt als Kind.

Ich weiß, daß ich als Schriftsteller mit diesen achtzehn Zeilen eine große litterarische Sünde begehen würde; aber ich meine, in der letzten Viertelstunde nicht geschriftstellert, sondern als Mensch, als wohlmeinender Freund zu meinen Lesern gesprochen zu haben, und Reime aus der Knabenzeit eines Freundes pflegt man doch überall mit kritikloser Güte und mild lächelnder Nachsicht aufzunehmen. Ich bitte auch für mich um diese Schonung!

Also mein Schutzgeist hatte mich bei Harbour grad so wie auf Fenners Farm vom Tode errettet, und ich saß nun wieder auf dem Stuhle, auf welchem mich die Kugel des Medizinmannes hatte treffen sollen. Die Gemüter hatten sich noch nicht beruhigt, und der Zwischenfall wurde mit, ich möchte sagen, urwüchsiger Lebhaftigkeit besprochen. Das größte Interesse für das unerwartete Auftreten von Tibo taka und Tibo wete mußte natürlich Apanatschka haben, der beide für seine Eltern gehalten hatte und trotz meiner Widerlegung wohl auch jetzt noch hielt. Außer Winnetou und mir sprach man von allen Seiten auf ihn ein, doch ohne eine andere Antwort als ein stilles Kopfschütteln von ihm zu hören. Mir und dem Häuptling der Apatschen war das sehr verständlich. Was hätte er auch antworten oder sagen sollen! Wir waren alle auf das Tibo-Paar nicht gut gesinnt; er konnte sie weder verteidigen, noch lagen für ihn die nötigen Beweise vor, sich von ihnen loszusagen; also konnte er nichts anderes und besseres thun als schweigen, und das that er denn auch gründlich.

Die andern ergingen sich in hunderterlei Vermutungen über den Ritt des Medizinmannes und seiner Frau hierher nach Kansas. Sie tauschten ihre Meinungen aus über den Grund, den Zweck und das Ziel dieses Rittes; natürlich traf niemand das Richtige. Es machte Winnetou und mir Spaß, zu sehen und zu hören, wie sie ihren Scharfsinn anstrengten und sich miteinander stritten und dabei einer den andern auf den Irrweg führen wollte, auf dem er sich selbst befand. Wir hielten es nicht für notwendig, sie so weit aufzuklären, wie wir selbst es waren, und so mußten sie sich endlich mit unserer Versicherung begnügen, daß wir morgen dem Medizinmanne folgen und also bald Aufklärung bekommen würden über alles, was uns heut noch unklar sei.

Da wir frühzeitig fort wollten, wurden in der Stube die Lager für uns bereitet. Ich traute Tibo taka doch nicht recht; es war immerhin möglich, daß er auf den Gedanken kam, während der Nacht zurückzukehren und irgend etwas für uns Schädliches auszuführen. Darum wollte ich den Postendienst unter uns heute in derselben Weise ausgeführt wissen, wie er gebräuchlich war, wenn wir des Nachts im Freien kampierten; Harbour aber sträubte sich dagegen und sagte:

„Nein, Sir, das dulde ich nicht. Ihr seid unterwegs und wißt nicht, was Euch begegnen kann. Es kann sein, daß Ihr eine ganze Reihe von Nächten nicht ruhig schlafen könnt; schlaft Euch also heut hier bei mir tüchtig aus! Ich habe Cow-boys und Peons, welche den Wachtdienst sehr gern für die große Ehre, Euch gesehen zu haben, übernehmen werden.“

„Wir sind Euch natürlich sehr dankbar für dieses Anerbieten, Mr. Harbour,“ antwortete ich. „Wir nehmen es an, doch unter der Voraussetzung, daß diese Leute ihrer Aufgabe nicht lässig, sondern so obliegen, wie unsere Lage es erfordert.“

„Das ist doch ganz selbstverständlich. Wir wohnen und leben hier in einer Art von Halbwildnis und sind es also gewohnt, aufmerksam zu sein. Übrigens handelt es sich ja nur um einen einzigen Menschen, der noch dazu aus Angst vor Euch heimlich ausgerissen ist; seine Squaw ist gar nicht zu rechnen; dem würden meine Leute, falls er so frech wäre, zurückzukehren, das Fell so ausbauen, daß kein Gerber noch Arbeit daran finden würde. Ihr könnt Euch also ruhig schlafen legen.“

Das thaten wir denn auch; vorher aber ging ich noch einmal hinaus nach dem Korral, um nach den Pferden zu sehen.

Der Farmer hatte ja wohl nicht unrecht; es handelte sich nur um den Medizinmann, der übrigens auch schon durch die Anwesenheit seiner Frau verhindert wurde, etwas gegen uns auszuführen; aber es lag eine Unruhe in mir, die mich am Einschlafen hinderte. Es drängte sich mir wieder und immer wieder der Vergleich des heutigen Tages mit dem Tage auf Fenners Farm auf, und ich kam dabei wieder und immer wieder auf den Gedanken: nun fehlt bloß noch ein Überfall!

So kam es, daß ich spät einschlief und dann von einem quälenden Traume, dessen Inhalt mir heut nicht mehr erinnerlich ist, so beängstigt wurde, daß ich froh war, als ich bald wieder aufwachte. Ich stand auf und ging leise, um keinen der Schläfer zu wecken, hinaus. Die Sterne schienen; man konnte ziemlich weit sehen. Ich ging wieder nach dem Korral, in welchem zwei Peons die Wache hatten.

„Ist alles in Ordnung?“ fragte ich, als ich die Gatterthür hinter mir wieder zugezogen hatte.

„Ja,“ wurde mit geantwortet.

„Hm! Mein und Winnetous Rappe pflegen des Nachts zu liegen; jetzt stehen sie; das gefällt mir nicht.“

„Sie sind eben erst aufgestanden, wohl weil Ihr gekommen seid.“

„Deshalb gewiß nicht. Wollen einmal sehen!“

Ich ging zu den beiden Pferden. Sie hielten die Köpfe nach dem Hause gerichtet; ihre Augen leuchteten beunruhigend, und nun sie mich kommen sahen, schnaubten beide. Das war eine Wirkung ihrer sorgfältigen Erziehung. Sie waren gewöhnt, sich in Abwesenheit ihrer Herren selbst beim Nahen einer Gefahr lautlos zu verhalten, waren ihre Herren aber da, diese Gefahr ihnen durch Schnauben anzuzeigen. Sie hatten eine Gefahr gewittert und waren aufgestanden, aber still gewesen, weil ich mich nicht bei ihnen befand; nun ich aber da war, warnten sie mich. Ich ging zu den Wächtern zurück und sagte:

„Es liegt etwas in der Luft; was, das weiß ich nicht. Nehmt euch in acht! Es sind Menschen in der Nähe des Hauses, ob Freunde oder Feinde, das wird sich zeigen. Man sieht sie nicht; sie haben sich versteckt; Freunde aber brauchen sich nicht zu verbergen. Entweder stecken sie dort hinter den Büschen, oder sie liegen schon näher im hohen Grase.“

„Teufel! Es werden doch nicht etwa die Tramps sein, wegen denen Bell nach dem Nord-River geritten ist?“

„Das wird sich zeigen. Es ist besser, selbst die erste Note zu spielen, anstatt zu warten, bis der Feind beginnt, den Bogen zu streichen. Ah, dort, grad der Hausthür gegenüber, hob sich jetzt etwas aus dem Grase; ich kann also nicht in die Stube, werde aber die Gefährten wecken. Habt ihr eure Gewehre?“

„Ja, dort lehnen sie.“

„Nehmt sie, um den Eingang zu verteidigen; schießt aber nicht eher, als bis ich es euch sage!“

Ich legte beide Hände hohl an den Mund und ließ dreimal den Schrei des Kriegsadlers erschallen, so laut, daß er gewiß eine halbe englische Meile weit zu hören war. Nur einige Sekunden später ertönte derselbe Schrei auch dreimal drin in der Stube. Das war die Antwort Winnetous, welcher die warnende Bedeutung meines Schreies sehr gut kannte. Ebenso kurze Zeit darauf sah ich viele, viele dunkle Gestalten aus dem Grase aufspringen, und die Luft erzitterte unter einem Geheul, in welchem ich das Angriffszeichen der Cheyenne-Indianer erkannte.

Was wollten diese hier? Warum waren sie aus dem Quellgebiet des Republican-River so weit herabgekommen? Sie wollten die Farm überfallen, hatten also ihre Kriegsbeile auch ausgegraben, grad wie die Osagen. Wir hatten sie nicht zu fürchten, denn wir standen nicht nur in Frieden mit ihnen, sondern waren sogar ihre Freunde. Man braucht sich nur daran zu erinnern, was Schahko Matto dem alten Wabble unter dem „Baume der Lanze“ von Winnetou erzählte. Dieser hatte sich an die Spitze der Cheyennes gestellt und mit ihnen das Lager der Osagen erobert; sie waren ihm also großen Dank schuldig. Ich war zwar nicht mit dabei gewesen, aber es konnte doch kein Indianer Winnetous Freund und dabei der Feind Old Shatterhands sein. Also war ich sofort beruhigt, als ich aus dem Kriegsgeheul erkannte, daß die Angreifer Cheyennes seien.

Eigentümlich war es, daß sie nicht zunächst und vor allen Dingen nach Indianerart über die Pferde herfielen. Der Angriff schien einstweilen nur gegen das Haus gerichtet zu sein, was auf eine ganz besondere Ursache schließen ließ. Wir brauchten den Korral nicht zu verteidigen, denn kein einziger Roter kam herbei; ich sah sie alle vor dem Hause stehen. Sie hatten jedenfalls beabsichtigt, sich heimlich nach der Thür zu schleichen, diese einzuschlagen und dann in das Gebäude einzudringen, waren aber durch meinen Adlerschrei daran verhindert worden, weil die Bewohner durch denselben geweckt worden waren. Der Überfall war mißlungen.

Ich war höchst neugierig auf das, was nun geschehen würde. Sie konnten nicht in das Haus und waren so unvorsichtig, vor demselben stehen zu bleiben. Dachte denn keiner von ihnen daran, daß die drin befindlichen Männer durch das Fenster schießen würden? Sie bildeten, noch immer heulend und brüllend, vor der Front des Gebäudes einen Halbkreis, welcher von einer Ecke bis zur andern reichte. Als dies geschehen war, trat tiefe Stille ein. Wie ich meinen Winnetou kannte, war ich überzeugt, daß er jetzt sprechen würde. Und wirklich, es geschah. Er hatte die Thür geöffnet, war furchtlos in dieselbe getreten und rief mit seiner sonoren Stimme:

„Es ertönt das Kriegsgeschrei der Cheyennes. Hier steht Winnetou, der Häuptling der Apatschen, der die Pfeife der Freundschaft und des Friedens mit ihnen geraucht hat. Wie heißt der Anführer der Krieger, welche ich vor mir sehe?“

Vom Halbierungspunkte des Halbkreises her antwortete eine Stimme:

„Hier ist Witsch Panahka, der Anführer der Cheyennes.“

„Winnetou kennt alle hervorragenden Krieger der Cheyennes, doch befindet sich darunter keiner, der Witsch Panahka heißt. Seit wann ist der, welcher sich so nennt, ein Häuptling der Seinen?“

„Das braucht er nur dann zu sagen, wenn es ihm beliebt!“

„Beliebt es ihm jetzt?“

„Nein.“

„Warum nicht? Hat er sich seines Namens, oder hat dieser Name sich seiner zu schämen? Warum kommen die Cheyennes unter Kriegsgeschrei an dieses Haus? Was wollen sie hier?“

„Wir wollen Schahko Matto, den Häuptling der Osagen, haben.“

„Uff! Woher wissen sie, daß dieser sich hier befindet?“

„Auch das brauchen sie nicht zu sagen.“

„Uff, uff! Die Cheyennes scheinen nur brüllen aber nicht reden zu können! Winnetou ist gewöhnt, Antwort zu bekommen, wenn er fragt. Gebt ihr ihm keine, so tritt er in das Haus zurück und wartet ruhig ab, was dann geschieht.“

„Wir werden das Haus erstürmen!“

„Versucht es! Wir haben Gewehre.“

„Wir werden es verbrennen!“

„Seht zu, daß es euch nicht zu heiß wird dabei!“

„Wir verlangen Schahko Matto, den Osagen. Gebt ihn heraus, so ziehen wir weiter!“

„Es wird für die Cheyennes besser sein, wenn sie gleich weiterziehen, ohne abzuwarten, ob sie ihn bekommen!“

„Wir gehen nicht eher fort, als bis wir ihn haben. Wir wissen, daß Winnetou und Old Shatterhand sich in diesem Hause befinden; auch ist ein junger Krieger drin, welcher Apanatschka heißt; er soll uns ausgeliefert werden.“

„Wollt ihr Schahko Matto töten?“

„Ja.“

„Und Apanatschka auch?“

„Nein; es wird ihm nichts geschehen. Es ist jemand hier, der mit ihm reden will. Dann kann er dahin gehen, wohin es ihm beliebt.“

„Er wird nicht kommen und Schahko Matto auch nicht.“

„So müssen wir Winnetou und Old Shatterhand als unsere Feinde betrachten und sie töten!“

„Versucht, ob ihr das fertig bringt!“

„Winnetou ist mit Blindheit geschlagen. Sieht er nicht, daß hier über achtmal zehn Krieger stehen? Was können alle, die sich in dem Hause befinden, gegen uns machen, wenn wir es erstürmen? Sie werden alle miteinander des Todes sein. Wir geben dem Häuptling der Apatschen eine Stunde Zeit, sich mit Old Shatterhand zu beraten; ist diese vergangen, ohne das Schahko Matto und Apanatschka uns ausgeliefert worden sind, so werdet ihr alle sterben müssen. Howgh!“

Ehe Winnetou hierauf antworten konnte, geschah etwas, was wohl weder er noch der Anführer der Cheyennes erwartet hatte, und das kam von mir. Die ganze Art und Weise der mißglückten Überrumpelung der Farm ließ erraten, daß wir es mit meist unerfahrenen Leuten zu thun hatten. Den Angriff nur gegen die Vorderfront des Hauses zu richten, ohne es ganz einzuschließen, sich dann in einem Bogen hinzustellen und unseren Kugelnauszusetzen, das waren Fehler, über welche man nur lächeln konnte. Daß diese achtzig Indianer auch dem Apatschen nicht imponierten, ersah ich daraus, daß er sie nur „Cheyennes“, nicht aber „Krieger der Cheyennes“ nannte; ich kannte da meinen Winnetou nur zu gut. Sollten wir solche Leute so behandeln, wie man alte, erfahrene Krieger behandelt? Das fiel mir gar nicht ein. Es so kurz wie möglich machen, das war das beste; sie sollten sich nicht rühmen dürfen, von uns für vollgültig betrachtet und behandelt worden zu sein. Darum schlüpfte ich, von ihnen unbemerkt, aus der Pforte des Korrals, legte mich nieder und kroch im Rücken des Halbkreises so weit durch das Gras, bis ich mich hinter der Stelle befand, wo das „eiserne Messer“ stand. Das konnte sehr schnell geschehen und wurde mir sehr leicht, weil die Roten jetzt alle nach dem Hause blickten und keine Obacht auf das hatten, was hinter ihnen vorging. Als der Anführer sein letztes Wort, das gebieterische „Howgh!“ aussprach, stand ich auf, schnellte mich vorwärts, so daß ich den Halbkreis erreichte, brach durch die Reihe der Indianer und stand dann neben dem Anführer, ehe sie in ihrer Überraschung hatten daran denken können, es zu verhindern. Ehe Winnetou dort an der Thür das lächerliche Ultimatum verdientermaßen zurückweisen konnte, rief ich mit lauter Stimme:

„Zu hören, was wir beschließen, dazu bedarf es keiner Stunde Zeit; die Cheyennes sollen es gleich erfahren.“

Mein plötzliches Erscheinen im Innern des Halbkreises mitten unter ihnen rief selbstverständlich eine große Aufregung hervor; mich gar nicht um dieselbe kümmernd, fuhr ich fort:

„Hier steht Old Shatterhand, dessen Namen die Cheyennes alle kennen werden. Ist einer unter ihnen, der es wagen will, die Hand gegen mich zu erheben, so trete er zu mir heran!“

Was ich beabsichtigt hatte, das geschah: die Aufregung machte einer vollständigen, lautlosen Stille Platz. Mein scheinbar kühnes, ja verwegenes Erscheinen hatte sie bloß überrascht; meine Herausforderung aber verblüffte sie, zumal ich dabei so ruhig stehen blieb, als ob sie alle „Wurst und Schnuppe“ für mich seien, obgleich ich nicht einmal ein Gewehr in den Händen hatte. Ich nutzte diesen Eindruck ohne Zögern aus, erfaßte den Anführer bei der Hand und sagte:

„Witsch Panahka mag augenblicklich hören, was wir zu thun entschlossen sind; er komme mit!“

Seine Hand festhaltend, ging ich dem Hause zu. Das war schon nicht mehr Mut zu nennen, sondern eine Frechheit, die ihresgleichen suchte; aber sie that prompt ihre Wirkung. sie konsternierte ihn in der Weise, daß es ihm gar nicht einfiel, sich zu weigern oder gar mir Widerstand entgegenzusetzen. Er ging willig wie ein Kind mit mir bis hin zu Winnetou, der noch am offenen Eingange stand und den Cheyenne bei der andern Hand ergriff. Halb zogen und halb schoben wir ihn hinein und schlossen dann die Thür hinter uns zu.

„Schnell Licht, sehr schnell, Mr. Harbour!“ rief ich in den dunklen Raum hinein. Ein Zündholz leuchtete auf; die Lampe wurde angesteckt, und nun konnten wir das Gesicht des „eisernen Messers“ sehen. Es konnte uns, wie man mir glauben wird, in diesem Augenblicke nicht etwa durch einen sehr geistreichen Ausdruck imponieren.

Das war alles so schnell gegangen, daß die Cheyennes draußen erst jetzt einsahen, was für ein großer Fehler es von ihnen war, daß sie es hatten geschehen lassen. Wir hörten sie schreien und rufen, kümmerten uns aber nicht darum, denn so lange sich ihr Anführer bei uns befand, durften sie nicht daran denken, etwas Feindliches gegen uns vorzunehmen. Ich schob ihn zu einem Stuhle hin und forderte ihn auf:

„Witsch Panahka mag sich zu uns setzen! Wir sind Freunde der Cheyennes und freuen uns, ihn als Gast bei uns zu sehen.“

Auch das kam ihm so sonderbar vor, daß er sich ohne Weigern niedersetzte. Er, der mit achtzig Männern gekommen war, die Farm zu überfallen, befand sich zehn Minuten nach dem ersten Kriegsgeheul im Innern derselben, aber nicht als Sieger, sondern in unserer Gewalt, und mußte es sich gefallen lassen, ironisch als unser Gast bezeichnet zu werden. Ich hatte durch meine Unverfrorenheit, die eigentlich Ohrfeigen verdient hätte, alles Blutvergießen verhütet, den Ernst der Situation in das fast Lächerliche verwandelt und die Volte derart geschlagen, daß wir alle Trümpfe und Zähler, die Cheyennes aber nur leere Karten hatten.

Wie freute ich mich im stillen über die Anerkennung Winnetous! Er sprach sie nicht in Worten aus, aber sie war in seinem Gesichte und in dem Blicke zu lesen, den er mit inniger Wärme auf mich gerichtet hielt. Diese Wärme machte auch mir das Herz warm. Ich gab ihm die Hand und sagte:

„Ich lese in der Seele meines Bruders und will ihm nur das eine sagen, daß er mein Lehrer und ich sein Schüler war!“

Er drückte mir die Hand und schwieg. Es bedurfte aber auch keines Wortes, denn ich verstand ihn doch. Was war er doch für ein Mann, besonders wenn man ihn mit dem Cheyenne verglich, der so verlegen bei uns saß, daß er fast nicht wagte, die Augen aufzuschlagen! Schahko Matto hatte sich ihm gegenübergesetzt, hielt das Auge finster auf ihn gerichtet und fragte:

„Kennt mich der Anführer der Cheyenne? Ich bin Schahko Matto, der Häuptling der Osagen, dessen Auslieferung er gefordert hat. Was glaubt er wohl, daß wir mit ihm thun werden?“

Auf die versteckte Drohung, welche in diesen Worten lag, antwortete der Gefragte:

„Old Shatterhand hat mich Gast genannt!“

„Das hat er gethan, aber nicht ich! Du hattest mich für den Tod bestimmt; ich habe also das Recht, nun den deinigen zu fordern.“

„Old Shatterhand wird mich schützen!“

Das war eine indirekt an mich gerichtete Aufforderung, die ich in strengem Tone beantwortete:

„Das wird ganz darauf ankommen, wie du dich jetzt verhältst! Erteilst du mir die Auskunft, die ich von dir verlange, der Wahrheit gemäß, so bleibst du unter meinem Schutze, sonst aber nicht. Ihr habt heut einen weißen Mann mit einer roten Squaw getroffen?“

„Ja.“

„Dieser Mann hat euch mitgeteilt, daß wir uns hier befinden und daß Schahko Matto bei uns ist?“

„So ist es.“

„Er hat für diesen Dienst die Auslieferung Apanatschkas, welcher hier neben dir sitzt, verlangt?“

„Ja.“

„Was wollte er mit Apanatschka thun?“

„Das weiß ich nicht, denn ich habe ihn nicht gefragt, weil uns dieser fremde, rote Krieger gleichgültig ist.“

„Wo befindet sich der weiße Mann?“

„Ich weiß es nicht.“

„Belüge mich nicht! Er wollte Apanatschka haben, den du ihm bringen solltest. Also mußt du wissen, wo er ist. Wenn du mir noch eine einzige Unwahrheit sagst, liefere ich dich an Schahko Matto aus, dessen Todfeind du bist. Merke dir das! Also sag, wo der Weiße sich befindet?“

Diese Drohung verfehlte ihre Wirkung nicht; der Cheyenne antwortete:

„Er ist draußen bei meinen Kriegern.“

„Aber seine Squaw doch nicht mit?“

„Nein; sie ist da, wo wir die Pferde gelassen haben.“

Ehe ich weitersprechen konnte, ergriff Winnetou das Wort:

„Ich bin wiederholt bei den Cheyennes gewesen, habe aber Witsch Panahka nie gesehen. Wie kommt das?“

„Wir gehören dem Stamme der Nukweint-Cheyennes an, bei welchem der Häuptling der Apatschen noch nicht gewesen ist.“

„Ich weiß, was ich wissen wollte. Mein Bruder Shatterhand mag weitersprechen!“

Dieser Aufforderung folgend, legte ich dem Cheyenne jetzt die Frage vor:

„Ich sehe, daß ihr die Tomahawks des Krieges ergriffen habt. Gegen wen ist euer Zug gerichtet?“

Er zögerte mit der Antwort; aber als ich da eine drohende Bewegung zu Schahko Matto hin machte, gestand er:

„Gegen die Osagen.“

„Ah, ich errate! Ihr hattet gehört, daß die Osagen ihr Lager verlassen haben, um gegen die Bleichgesichter zu ziehen, und wolltet diese Gelegenheit benutzen, es zu überfallen?“

„Ja.“

„So seid froh, daß ihr uns hier getroffen habt! Die Osagen sind umgekehrt; sie befinden sich wieder daheim und hätten euch, da ihr nur achtzig Mann zählt, die Skalpe genommen. Die Begegnung mit uns ist ein großes Glück für euch; sie rettet euch oder doch vielen von euch das Leben. Ich hoffe, daß dies eine Mahnung zur friedlichen Gesinnung für euch ist. Was gedenkt ihr denn jetzt zu thun?“

„Wir nehmen Schahko Matto mit uns fort. Apanatschka könnt ihr meinetwegen behalten.“

„Laß dich nicht auslachen! Du bist mein Gefangener; das weißt du sehr wohl. Und glaubst du, daß wir uns vor deinen achtzig Leuten fürchten? Die Nukweint-Cheyenne sind als Leute bekannt, die nichts vom Kampfe verstehen.“

„Uff!“ fuhr er zornig auf. „Wer hat dir diese Lüge gesagt?“

„Es ist keine Lüge; das habt ihr heut bewiesen. Euer Angriff war so dumm ausgeführt, daß man euch für kleine Knaben halten möchte. Und dann habe ich mitten unter euch gestanden, ohne daß es einen einzigen gab, der mich anzurühren wagte. Hierauf bist du an meiner Hand wie ein folgsames Kind mit in das Haus gegangen. Wenn wir das ruchbar machen, wird ein großes Gelächter über alle Höhen und alle Savannen gehen, und die andern Stämme der Cheyennes werden sich von euch lossagen, weil sie sich eurer schämen müssen. Du hast zu wählen. Willst du Kampf, so erschießen wir dich hier, sobald draußen von deinen Leuten der erste Schuß fällt. Eure Kugeln thun uns nichts, weil uns die Wände schützen; sieh aber unsere Waffen an; du kennst jedenfalls –“

Pshaw!“ unterbrach mich da Winnetou, indem er sich von seinem Sitze erhob und zu dem „eisernen Messer“ hintrat. „Warum so lange Reden! Wir werden gleich mit den Cheyennes fertig sein!“

Er riß den Medizinbeutel, den Witsch Panahka auf der Brust hängen hatte, mit einem schnellen Griffe los. Der Cheyenne sprang mit einem Angstschrei auf, um ihm die Medizin wieder zu entreißen; ich sprang hinzu, drückte ihn auf den Stuhl nieder, hielt ihn dort fest und sagte:

„Bleib sitzen! Wenn du gehorchst, bekommst du deine Medizin wieder, sonst aber nicht!“

„Ja, nur wenn er gehorcht,“ stimmte Winnetou bei. „Ich will, daß die Cheyennes friedlich heimkehren. Thun sie das, so soll ihnen nichts geschehen und niemand wird erfahren, daß sie sich hier wie kleine Kinder benommen haben. Geht Witsch Panahka aber nicht darauf ein, so werfe ich seine Medizin augenblicklich auf den Herd, um sie zu verbrennen, und dann werden unsere Gewehre zu sprechen beginnen. Howgh!“

Wer da weiß, was die Medizin für jeden Roten, zumal für einen Häuptling, zu bedeuten hat, und welche Schande es ist, sie zu verlieren, der wird sich kaum darüber wundern, daß der Cheyenne, wenn auch nach längerem Sträuben, sich in die Forderung des Apatschen fügte.

„Auch ich habe eine Bedingung zu stellen,“ erklärte Treskow.

„Welche?“ fragte ich.

„Die Cheyennes müssen Tibo taka und Tibo wete ausliefern!“

„Daran denkt kein Mensch! Das würde der größte Fehler sein, den wir begehen könnten. Übrigens bin ich überzeugt, daß der Medizinmann gar nicht mehr draußen ist. Er hat, sobald ich den Häuptling in Beschlag nahm, sofort gewußt, was nun die Glocke schlägt, und sich schnell aus dem Staub gemacht. Und das ist mir nur lieb; weshalb, das werdet ihr schon erfahren.“

Über den Friedensschluß mit den Cheyennes draußen zu erzählen, würde zu weit ab führen; es genügt, zu wissen, daß sie schließlich froh über das unblutige Ende ihres so fehlerhaften Überfalles der Farm waren. Sie ritten um die Mitte des Vormittages fort, und als darauf eine Stunde vergangen war, brachen auch wir auf, Schahko Matto, der seine Waffen wiederbekommen hatte, als freier Mann. Er war grimmig erzürnt darüber, daß der Medizinmann uns wieder entwischt war; Dick Hammerdull aber, der stets heitere, tröstete ihn:

„Der Häuptling der Osagen mag ihn immer laufen lassen; wir kriegen ihn schon wieder, denn wer gehängt werden soll, der wird gehängt; das ist ein wahres Sprichwort.“

„Er soll nicht gehängt werden sondern eines zehnfachen Todes sterben!“ knurrte der Osage.

„Ob einfach sterben, ob doppelt oder sechsfach, das bleibt sich gleich; das ist auch ganz egal; er wird aber doch gehängt. Für so einen Kerl giebt es keinen schöneren Tod als den durch den Strick. Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

Yes, lieber Dick,“ antwortete der Lange. „Du hast doch immer recht!“

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Am Devils Head

Am Devils-head

Nun befanden wir uns hoch oben in den eigentlichen Rocky-Mountains und ritten an der östlichen Seite des Pah-sawehre-payew hinan. Das Riesenpanorama, in welchem wir Zwerggeschöpfe uns bewegten, war ein überwältigend großartiges. Hier wirkte die ungeheure Massigkeit der Gebirgsstöcke im Vereine mit dem Farbenreichtum der unbekleideten Felsen. Das waren himmelhohe und meilenlange Granitmauern mit wunderbar gestalteten Bastionen, über welche es kein Hinüberkommen zu geben schien. Wenn wir, uns umwendend, rückwärts blickten, lag im Osten die weite Prairie wie ein endloser, flimmernder See tief, tief zu unsern Füßen. Die Bäche rauschten um uns wie zu Schaum gewordenes, flüssiges Silber dahin; Frau Flora stieg, gekleidet in ihr reich nuanciertes, grünes Sammetgewand und ihr Haupt mit Gold gekrönt, stolzen Schrittes zu den erhabenen Scheiden und Kuppen des Gebirges empor. Hier bauen sich gigantische Felsenstufen, eine über die andere, auf, mächtige Balsamtannen tragend und den Geistern des Gebirges als Treppe dienend, wenn sie nächtlicherweise niedersteigen, „eine Wildschur um die Lenden, eine Kiefer in der Faust“. Hier wieder haben sich zu Füßen eines einzeln thronenden Bergtitanen ganze Reihen kolossaler Säulen herausgebildet, hinter deren Waldkulissen die wunderbaren Geheimnisse der Hochwelt träumen. Hinter den scharfgezeichneten, dunklen Kanten der scheinbar höchsten Höhen flimmern silberne und goldene Punkte und strahlen diamantene Linien und Streifen aus blaugrauen Schleiern hervor. Sind das die Grüße einer für den Sterblichen unerreichbaren Märchenwelt, eines jenseits der Erde befindlichen Zauberlandes, oder sind es die Sonnenreflexe von fernen Gebirgshäuptern, mit deren Höhe diejenige der uns umgebenden Felsenriesen nicht zu wetteifern vermag?

Wir ritten durch all diese Pracht und Herrlichkeit empor. Unser heutiges Ziel war der Pahsawehre, jener einsam liegende, hellgrüne See, von welchem die Sagen der Indianer so viel Wunderbares zu erzählen wissen. Dort wollten wir übernachten, um am andern Morgen in den Park von San Louis hinabzusteigen, in welchem ich die Aufklärung so vieler Rätsel erwartete.

Wir hatten am Morgen nach den Erlebnissen im „Bärenthale“ die dreiundfünfzig Capote-Utahs dem ihnen gegebenen Worte gemäß freigelassen. Nun wir Old Surehand bei uns hatten, gab es für uns keinen Grund mehr, uns zu beeilen, um ihn einzuholen, und so zogen wir nicht vor den Utahs aus dem dortigen Parke fort, sondern ließen sie vor uns abziehen; weil es stets vorteilhafter ist, feindlich gesinnte Menschen vor, als hinter sich zu haben.

Und feindlich gesinnt waren sie uns, obgleich sie über die Behandlung, welche sie bei uns gefunden hatten, nicht klagen konnten. Wir hatten keinem von ihnen ein Haar gekrümmt und keinen von ihnen mit Worten beleidigt; dennoch sagte der Häuptling, als er früh losgebunden wurde:

„Old Surehand sagte gestern abend, daß er eigentlich noch nicht quitt mit uns sei; er hat sich verkehrt ausgedrückt, denn wir sind noch nicht quitt mit ihm. Er hat zwei Krieger getötet.“

„Dafür hat er euch vier Felle gebracht,“ antwortete Winnetou.

„Die haben wir nicht bekommen!“

„Ihr könnt sie nehmen!“

„Nachdem ihr die Ohren und Krallen abgeschnitten habt? Nein! Und wenn wir sie bekommen hätten, wäre ihm doch nur das Leben, aber nicht die Freiheit geschenkt. Wir müssen ihn haben!“

„Und wenn ihr ihn bekämt, so würdet ihr ihn töten?“

„Ja, denn wir haben das Lösegeld für sein Leben, die Felle, nicht erhalten. Zwischen uns ist wieder Blut; wir werden das seinige fordern.“

„Uff! Old Shatterhand und Winnetou sind stets die Freunde aller roten Männer gewesen; wir haben auch euch nichts gethan, obgleich ihr unsere Gefangenen waret, und wollten die Pfeife des Friedens mit euch rauchen, ehe wir an diesem Tage von euch scheiden.“

„Wir mögen euer Kalumet nicht sehen!“

„So werdet ihr nicht nur Old Surehands, sondern auch unsere Feinde sein?“

„Ja.“

„Ohne allen Grund?!“

„Sollte der Häuptling der Apatschen wirklich glauben, daß wir keinen Grund dazu haben? Hat er uns nicht überfallen und gefangen genommen, ohne daß ihm das Geringste von uns geschehen war?“

„Das war keine Gefangenschaft zu nennen. Wir banden euch nur für eine Nacht zu unserer Sicherheit und haben euch jetzt freigelassen.“

„Gefangen ist gefangen! Zwischen uns und euch bleibt Feindschaft fort und fort!“

„Tusahga Saritsch, der Häuptling der Capote-Utahs, soll seinen Willen haben. Winnetou, der Häuptling der Apatschen, zwingt keinem Menschen seine Freundschaft auf, weil es nicht seine Gewohnheit ist, sich vor einem Feinde zu fürchten. Die Utahs mögen fortreiten!“

„Ja, sie mögen fortreiten, die Dummköpfe!“ rief Hammerdull. „Für ihre Freundschaft danke ich überhaupt, denn bei ihnen kommt die Brüderschaft sogleich dahinter, und ich habe stets die Erfahrung gemacht, daß derjenige, der einem die Freundschaft und dann die Brüderschaft anträgt, gewöhnlich die Absicht hat, einen anzupumpen. Das ist stets und unumstößlich wahr. Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Nein,“ antwortete der Lange.

„Was? Du giebst mir nicht recht?“

„Nein!“

„Kennst du denn einen, der nicht sofort angepumpt hat?“

„Ja.“

„Wer ist’s?“

„Ich bin es!“

„Ja, richtig; das ist wahr! Du bist aber auch der einzige von ihnen, wirklich der allereinzige, denn die andern haben es alle, alle, alle gethan!“

Der alte, dicke Spaßvogel hatte wirklich nicht unrecht Ich habe dieselbe Erfahrung ja auch gemacht, natürlich nur unter den „Bleichgesichtern“. Wie viele, viele Male hat sich mir jemand mit dem Worte Freund genähert, und dann folgte gleich die sehr einseitig beliebte Prozedur, welche Hammerdull so unästhetisch mit dem plumpen Worte „anpumpen“ bezeichnete. Der Indianer bringt das nicht fertig; dem Durchschnitts-„Bleichgesichte“ aber scheint es sehr leicht zu fallen; ich weiß als Verfasser meiner Werke leider nicht nur ein Wort, sondern tausend Worte davon zu sprechen. Howgh!

Die Utahs zogen also ab. Es war eigentlich jammerschade um die schönen Bärenfelle, daß wir sie liegen und verderben lassen mußten; aber wir konnten sie nicht mitnehmen, und da wir nicht wußten, welchen Rückweg wir einschlagen würden, wäre es überflüssige Arbeit gewesen, sie zuzurichten und dann einzugraben, um sie später mitzunehmen. Wer wohl sagen könnte, welche Massen von Fellen und Pelzen auf diese Weise im wilden Westen zu Grunde gegangen sind!

Wir folgten den Utahs nicht auf dem Fuße, denn das wäre ein Fehler gewesen, sondern warteten bis zum Mittag, bis sie einen Vorsprung vor uns hatten. Da sahen wir denn, daß sie sich außerordentlich beeilt und ganz die Richtung genommen hatten, welche auch wir einschlagen mußten. Das war kein gutes Zeichen für uns.

„Meint Ihr, daß sie die Absicht haben, sich an uns zu rächen, Mr. Shatterhand?“ fragte mich Apanatschka.

„Ich denke es,“ antwortete ich.

„Dann dürften sie aber nicht vor uns bleiben, sondern müßten uns folgen!“

„Das werden sie auch bald thun. Ich wette, daß sie die nächste Gelegenheit ergreifen werden, ihre Fährte unsichtbar zu machen.“

Ich hatte recht. In der nächsten Nacht gab es ein Gewitter, welches bis zum Morgen dauerte, und als wir dann nach den Spuren der Utahs suchten, waren sie vom Regen fortgewaschen worden.

Old Surehand war während der beiden nächsten Tage außerordentlich schweigsam und zog sich besonders von mir zurück, nicht aber in unfreundlicher Weise. Es war nicht ein gegen mich gerichtetes Gefühl, welchem er dabei folgte, sondern ich ahnte, daß er mit sich kämpfte, ob er aufrichtig mit mir sein oder seine Verschwiegenheit beibehalten sollte. Ich that gar nichts dazu, diesen inneren Kampf nach der einen oder andern Seite zu beendigen; er war ein Mann und mußte selbst mit sich fertig werden können. Schließlich merkte ich, daß die Stimme der Verschwiegenheit gesiegt hatte. Er glaubte aber doch, mir wegen unserer letzten Unterhaltung eine Bemerkung machen zu müssen, ritt kurze Zeit neben mir her und sagte:

„Habe ich Euch bei unserm Gespräch im Park beleidigt, Mr. Shatterhand?“

„Nein, Mr. Surehand,“ antwortete ich.

„Ich denke, daß ich etwas zu kurz gewesen bin?“

„Nein. Wenn man ermüdet ist, pflegt man nicht viel Worte zu machen.“

„So ist es. Ich war ganz plötzlich sehr müde geworden. Aber, bitte, könnt Ihr Euch auf unser Gespräch damals im Llano estacado erinnern?“

„Ja.“

„Ihr hattet mit Old Wabble vorher über Gott und Religion gesprochen?“

„Ich weiß es.“

„Seid Ihr heut noch derselben Meinung wie in jener Nacht?“

„Vollständig!“

„Ihr glaubt also wirklich, daß es einen Gott giebt?“

„Ich glaube es nicht nur, sondern ich weiß es.“

„So haltet Ihr wohl jeden Menschen für dumm, der diesen Glauben nicht besitzt?“

„Dumm? Wie könnte mir das einfallen! Das würde eine Überhebung von mir sein, welche erst recht dumm wäre. Es giebt tausend und abertausend Menschen, welche nicht an Gott glauben und denen ich in Beziehung auf ihre materiellen und formalen Kenntnisse nicht wert bin, das Wasser zu reichen. Und wieder giebt es Menschen, welche fest an Gott halten, aber in Beziehung auf die irdische Klugheit nicht auf einer hohen Stufe stehen. Es giebt zwar auch eine – wie soll ich mich ausdrücken? – eine biblische, eine religiöse Klugheit, doch die habt Ihr ja nicht gemeint.“

„Nun, so sagt ein anderes Wort, mit welchem Ihr die Leute bezeichnet, welche nicht glauben, daß es einen Gott giebt!“

„Ich kann Euch keines sagen.“

„Warum nicht?“

„Genügt Euch das Wort ungläubig?“

„Nein.“

„Weiter habe ich keins. Ich verstehe gar wohl, was Ihr meint; aber es giebt so viele Arten der Ungläubigen, daß man wohl zu unterscheiden hat. Der eine ist zu gleichgültig, der andere zu faul, der dritte zu stolz, nach Gott zu suchen; der vierte will sein eigener Herr sein und keinen Gebieter über sich haben; der fünfte glaubt nur an sich, der sechste nur an die Macht des Geldes, der siebente an das große Nichts, der achte an den Urstoff und der neunte, zehnte, elfte und die folgenden alle jeder an sein besonderes Steckenpferd. Ich habe weder die Lust noch das Recht, sie zu klassifizieren und ein Urteil über sie zu fällen. Ich habe meinen Gott, und der ist kein Steckenpferd.“

„Könnt Ihr Euch auf alles besinnen, was wir damals sprachen?“

„Ja.“

„Ich bat Euch, mir meinen verlorenen Glauben wiederzubringen.“

„Und ich sagte Euch: Ich bin zu schwach dazu; die wahre Hilfe liegt bei Gott.“

„Und Ihr sagtet noch mehr; ich weiß nur heut die Worte nicht mehr.“

„Meine Worte waren ungefähr: Ich weise Euch an denjenigen, welcher die Gefühle des Herzens wie Wasserbäche lenkt und welcher sagt: Ich bin die Wahrheit und das Leben! Ihr strebt und ringt nach der Wahrheit; kein Nachdenken und kein Studieren kann sie Euch bringen; aber seid getrost; sie wird Euch ganz plötzlich und ganz unerwartet aufgehen wie einst den Weisen aus dem Morgenlande jener Stern, der sie nach Bethlehem führte.“

„Ja, so sagtet Ihr, Mr. Shatterhand. Ihr habt mir sogar diesen Stern für bald verheißen!“

„Ich erinnere mich, allerdings gesagt zu haben: Euer Bethlehem liegt gar nicht weit von heut und hier – ich ahne es!“

„Ich habe es aber leider noch nicht gefunden!“

„Ihr werdet es finden. Ich sage genau wie damals: Ich ahne es! Es liegt Euch heut vielleicht näher, als Ihr denkt.“

Er sah mir forschend in das Gesicht und fragte:

„Habt Ihr einen Grund zu dieser Ahnung?“

„Ich gebe eine Gegenfrage: Giebt es grundlose Ahnungen?“

„Ich weiß es nicht.“

„Oder begründete? – Kann es die geben?“

„Ich bin ein ungelehrter Mensch. Diese Fragen liegen mir zu hoch.“

„So mag es dabei bleiben, daß ich es ahne. Betet Ihr täglich?“

„Beten? – Seit langer Zeit nicht mehr.“

„So beginnt es wieder! Das Gebet des Gläubigen vermag viel, wenn es ernstlich ist. Und Christus sagt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgethan. Glaubt mir, ein inbrünstiges, gläubiges Gebet gleicht einer Hand, welche die Hilfe, die Erhörung aus dem Himmel holt! Ich habe das oft an mir selbst erfahren.“

„So betet Ihr täglich?“

„Täglich? Glaubt Ihr etwa, es sei ein Verdienst für den Menschen, täglich oder gar stündlich zu beten? Dann wäre es ja auch ein Verdienst für das Kind, wenn es sich herbeilassen wollte, mit seinem Vater zu sprechen! Ich sage Euch: das ganze Leben des Menschen soll ein Gebet zum Himmel sein! jeder Gedanke, jedes Wort, jede That, all Euer Schaffen und Wirken soll ein Gebet, ein Opfer sein, auf der köstlichen Schale des Glaubens zu Gott emporgetragen! Glaubt ja nicht, daß Ihr mit einem einmaligen Gebete große Wirkungen erzielt. Denkt nicht, daß, da Ihr jahrelang nicht gebetet habt und nun plötzlich einmal beten wollt, Euch der Herrgott auch sofort zur Verfügung stehen und Euern Wunsch erfüllen muß! Der Lenker aller Welten ist keineswegs Euer Lakai; dem Ihr nur zu klopfen oder zu klingeln braucht! Auch ist der Himmel kein Krämerladen, in welchem der Herrgott vorschlägt und mit sich handeln läßt. Was giebt es doch in dieser Beziehung für sonderbare Menschen! Da fährt sich der Herr Müller oder Maier Sonntags mit dem Waschlappen über das von den sieben Wochentagen her schmutzige Gesicht, bindet ein frischgewaschenes Vorhemdchen um, nimmt das Gesangbuch in die Hand und geht in die Kirche, natürlich auf seinen Stammplatz Nummer fünfzehn oder achtundsechzig. Da singt er einige Lieder, hört die Predigt an, wirft einen Pfennig, zwölf Stück auf den Groschen, die jetzt nicht mehr gelten, in den Klingelbeutel und geht dann hoch erhobenen Hauptes und sehr befriedigten Herzens nach Hause. In seinem Gesichte ist deutlich die Überzeugung zu lesen, die er im Herzen trägt: Ich habe für eine ganze, volle Woche meine Pflicht gethan; nun, du Gott, der alles geben kann, thue du auch die deine; dann gehe ich nächsten Sonntag wieder in die Kirche! Wenn nicht, so werde ich mir die Sache überlegen! – Glaubt Ihr, Mr. Surehand, daß es so sonderbare Menschen giebt?“

„Da Ihr es sagt, muß es wohl so sein.“

„O, es giebt solche Maiers und Müllers zu hunderttausenden. Diese Christen sind die größten Feinde des wahren Christentums. Sie stellen sich zu Gott auf denselben Fuß, auf welchem ein Fuhrherr zu seinem Kutscher steht, der Woche für Woche seinen Lohn ausgezahlt bekommt. Aber geht nun einmal zur armen Witwe, welche von früh bis abends und auch Nächte lang am heißen Waschkessel oder am kalten Wasser des Flusses schafft und arbeitet, um sich und ihre Kinder ehrlich durch das Leben zu bringen! Sie hat sich die Gicht angewaschen; sie spart sich den Bissen vom Munde ab, um ihn den Kindern zu geben; sie hat kein Sonntags- und kein Kirchenkleid; sie sinkt nach vollbrachtem Tagewerk todmüde auf ihr Lager und schläft ein, ohne eine bestimmte Anzahl von Gebetsworten gedankenlos heruntergeleiert zu haben; aber ich sage Euch! ihr ununterbrochenes Sorgen und Schaffen ist ein immerwährendes Gebet, welches die Engel zum Himmel tragen, und wenn die Not, der Hunger ihr ein „Du mein Herr und Gott!“ aus dem gepeinigten Herzen über die Lippen treibt, so ist dieser Seufzer ein vor Gott schwerer wiegendes Gebet als alle die Gesangbuchslieder, welche Herr Maier oder Herr Müller während seines ganzen Lebens gesungen hat! Also betet, Mr. Surehand, betet! Aber denkt ja nicht, daß es sofort helfen muß! Betet in Gedanken, in allen Euren Worten und in allen Euren Thaten! Hättet Ihr mehr gebetet, so wäre Euch der Helfer längst erschienen!“

„Das ist viel, sehr viel gesagt, Mr. Shatterhand!“

„Jawohl; aber ich weiß, was ich sage. Ein altes Kirchenlied sagt:

„Mit Sorgen und mit Grämen
Und selbstgemachter Pein
Läßt er sich gar nichts nehmen;
Es muß erbeten sein!“

Jedes Kind sagt dem Vater seine Wünsche; hat nicht auch das Erdenkind dem himmlischen Vater seine Liebe und sein Vertrauen dadurch zu beweisen, daß es von Herzen zu ihm spricht? Wird ein Vater seinem Sohne eine gerechte Bitte abschlagen, die er erfüllen kann? Und steht die Liebe und die Allmacht Gottes nicht unendlich höher als die Liebe und Macht eines Menschen? Glaubt es mir: Wenn der große Wunsch, den Ihr im Herzen tragt, überhaupt zu erfüllen ist, so wäre er schon längst erfüllt, wenn Ihr an Gott geglaubt und zu ihm gebetet hättet!“

„Was wißt Ihr von der Größe meines Wunsches?“

„Ich ahne es.“

„Wieder Ahnung!“

Pshaw! Ahnungen sind innere Stimmen, auf die ich immer achte. Ihr habt mir damals im Llano estacado gesagt, daß Euch der Glaube an Gott durch unglückliche Ereignisse verloren gegangen sei. Soll ich da nicht ahnen, daß Ihr Euch nach dem Ende dieses Unglücks sehnt?“

„Richtig! Ich dachte, Ihr quältet Euch als Freund in Gedanken damit ab, mir die Ruhe wiederzugeben, welche ich verloren habe!“

„Was würden Euch meine Gedanken helfen? Die wahre Freundschaft bewährt sich durch die That, und wenn Ihr mich in dieser Beziehung einmal braucht, so habt Ihr gar nicht nötig, mich erst darum zu fragen.“

Was ich ihm vorhin in Beziehung auf die Gebetserhörung sagte, war nicht bloß Redensart. Ich hatte damals die Squaw des Medizinmannes im Kaam-kulano getroffen und dann Old Surehand nichts von dieser Begegnung gesagt; das war nicht infolge einer Überlegung, also nicht aus einem besondern Grunde unterlassen worden, sondern es hatte sich keine Gelegenheit geboten, diese Frau besonders gegen ihn zu erwähnen. Wäre er aber ein gläubiger Christ, und gewohnt gewesen, seine Herzenswünsche dem Gebete anzuvertrauen, so hätte ich ihm ganz gewiß von dieser Frau erzählt. Das ist meine Überzeugung, denn ich weiß, daß es Eingebungen giebt, und habe das auch schon erwähnt.

Unser Gespräch wurde dadurch unterbrochen, daß wir über ein querüberfließendes Wasser mußten, welches nicht tief und so hell war, daß wir den Grund deutlich sahen. Wir bemerkten Eindrücke von Pferdehufen, konnten aber nicht herausbekommen, wieviel Pferde es gewesen waren, vier oder fünf aber jedenfalls nicht. Ebenso war es unmöglich, die Zeit zu bestimmen, in welcher diese Eindrücke entstanden waren, denn das Wasser hatte ein unbedeutendes Gefäll und also nicht die Kraft, sie binnen kurzer Zeit zu zerstören. Es konnten Stunden oder Tage, aber auch Wochen vergangen sein, seit diese Spuren entstanden waren. Aber eine Wirkung hatten sie doch: Wir schenkten in Beziehung auf Fährten dem Wege mehr Aufmerksamkeit, als wir es in letzter Zeit gethan hatten.

Wir konnten aber nichts entdecken, denn wir hatten den Paß und die ihm folgenden Engen hinter uns, und ritten in den Hochwald ein, der solche Gelegenheit, sich auszubreiten, bot, daß wir, um eine Spur zu finden, ihn hätten tagelang absuchen müssen.

Es war die Kuppe des Pah-sawehre-payew, welche wir jetzt erreicht hatten. Sie war mit Hochwald bedeckt, unter welchem wir wie in einem Dome ritten, durch dessen dichtes Laubdach nur zuweilen ein Sonnenstrahl zu dringen vermochte. Das war der Urwald des Nordens, welcher in dieser Höhenlage gedeihen konnte.

Wir ritten stunden- und stundenlang unter diesem Dache immer bergauf. Es wurde unter demselben dunkel, weil die Sonne jenseits niedersank, und wir mußten die Pferde antreiben, um noch vor der Nacht den See des „grünen Wassers“ zu erreichen.

Endlich waren wir oben! Die Sonne hatte sich von dieser Seite des Gebirges schon verabschiedet, aber es war noch licht genug, den See, so weit das Auge reichte, überblicken zu können. Ich sage, so weit das Auge reichte, denn das gegenseitige Ufer konnten wir nicht sehen; dazu war er zu groß. Von der hellgrünen Färbung, welche sein Name andeutete, denn Pah heißt in der Utahsprache „Wasser“ und sawehre „hellgrün“, bemerkten wir jetzt, da es schon zu dunkeln begann, nichts. Er war, so weit wir ihn überblicken konnten, vom Walde umgeben. Wir befanden uns an seinem östlichen Ende. Sein südliches Ufer bildete eine von keiner Bucht unterbrochene Bogenlinie, während an seinem nördlichen eine breite, auch dicht bewaldete Halbinsel hervortrat. Um diese Halbinsel zu erreichen, hätten wir noch eine Viertelstunde weiterreiten müssen; es gab aber für uns keinen Grund, dort Lager zu machen, und so blieben wir da, wo wir uns befanden.

Hammerdull und Holbers liefen umher, um, so lange man noch sehen konnte, dürres Holz zusammenzusuchen. Als sie so viel gesammelt hatten, wie wir für die Nacht brauchten, wollten sie Feuer anzünden. Der Apatsche aber untersagte es ihnen:

„Jetzt noch nicht! Ein Feuer glänzt weit in den See hinaus, und wir haben heute Pferdespuren gesehen. Es können Menschen am Wasser sein, die von uns nichts wissen dürfen. Wir wollen warten, bis es dunkel geworden ist; dann wird es sich finden, ob wir uns erlauben können, hier zu bleiben und ein Feuer anzubrennen.“

Wir gaben die Pferde frei und streckten uns nieder. Es wurde schnell dunkel, und da zeigte es sich auch sofort, daß die Vorsicht Winnetous wohlbegründet gewesen war, denn an dem nach uns gerichteten Ufer der Halbinsel leuchtete ein Feuer auf. Es waren also Menschen dort! Und wenige Minuten später sahen wir an derselben Seite des Sees, aber weit, weit unten, ein zweites erscheinen, welches allerdings nur einem guten Auge sichtbar war, denn es bildete für uns nur einen kleinen Punkt von der Größe eines Zehnpfennigstükkes ungefähr. Die Leute auf der Halbinsel konnten weder dieses zweite Feuer sehen, noch von dort aus gesehen werden; nur von uns aus waren beide zu erkennen.

Damit waren wir für heut auf kaltes Fleisch angewiesen. Wir hätten uns zwar wieder in den Wald zurückziehen und ein Feuer anzünden können, aber dort gab es kein Futter für die Pferde. Wir entschädigten uns für die Unbenutzbarkeit des einen Elementes dadurch, daß wir uns dem andern in die Arme, nämlich in das Wasser warfen. Nach diesem Bade galt es, zu erfahren, wer die Leute waren, welche sich an den beiden Feuern befanden. Daß Winnetou dazu ausersehen wurde, verstand sich ganz von selbst, und daß er meine Begleitung annahm, erreichte ich nur durch die Versicherung, daß mir meine Wunde keine Belästigung verursache, sonst hätte er Old Surehand mitgenommen.

Wir übergaben den Gefährten unsere Gewehre und machten uns auf den bei Nacht nicht sehr bequemen Weg. Wir mußten zunächst soweit in den Wald hinein, wie der Saum des Unterholzes reichte; dann ging es, beide Hände zum Tasten ausgestreckt, rund um die Uferbiegung nach der nördlichen Seite des Sees. Ich möchte fast behaupten, daß ein Kurierzug schneller fährt, als wir hier gehen konnten, denn es war gewiß eine volle Stunde vergangen, als wir die Halbinsel erreichten. Wir bogen also links ab und auf dieselbe zu. Bald spürten wir den Geruch des Rauches, und dann dauerte es nicht lange, bis wir das Feuer sahen.

Nun legten wir uns nieder und krochen am Boden weiter. Die Halbinsel hatte einen Einschnitt, eine kleine Bucht, an deren Innenseite das Feuer brannte. Wenn wir den Rand dieser Bucht weiter außen erreichten, kamen wir von vorn anstatt von rückwärts an das Feuer und die an demselben Lagernden. Wir versuchten das, und es gelang vortrefflich. Es gab eine Menge Binsen hier, in denen wir nicht bloß Dekkung, sondern ein auch allerdings weiches, weil mooriges Lager fanden.

Nun hatten wir das Lager ganz nahe vor unsern Augen. Und wen sahen wir da? Old Wabble mit den Tramps!

Ihre Anwesenheit an diesem Orte war nicht etwa ein Wunder, aber wir fühlten uns doch überrascht. War denn jemand bei ihnen, der den Weg nach hier kannte? Unser Aufenthalt in der Schmiede und im Bärenthale hatte diesen Leuten zu einem mehrtägigen Vorsprunge verholfen. Sie schienen sich ganz wohl zu befinden, wenigstens ging es sehr lebhaft bei ihnen her. Sie saßen alle, wie wir sie kannten, und nicht einer fehlte, am Feuer, und nur einer stand, hochaufgerichtet an einen Baum gelehnt – der alte Wabble.

Er trug den Arm in einer aus einem Fellstücke gemachten Binde und bot einen Anblick, welcher zum Erschrecken war. Sein langer, hagerer Körper war noch viel dürrer geworden und sein Gesicht, schon vorher fast fleischlos, so eingefallen, daß es der vordern Seite eines Totenkopfes glich. Die sonst so rein gehaltene weiße Haarmähne, jetzt freilich nur noch halb vorhanden, „kleckte“, um mich eines vulgären Ausdruckes zu bedienen, vor Schmutz. Er bildete nur noch ein Gerippe, und sein fast ganz abgerissener Anzug hing an ihm wie zusammengeraffte Fetzen an einem Rechenstiel. An Nahrung hatte es ihm jedenfalls nicht gefehlt; der Armbruch war der Grund zu diesen ihn nichts weniger als verschönernden Folgen. Er schien sehr geschwächt zu sein und sich kaum aufrecht halten zu können. Auch seine Stimme war nicht mehr die frühere. Sie klang hohl, wie durch ein Ofenrohr gesprochen, und zitterig, als ob ihn das Fieber schüttele.

Er sprach nämlich gerad jetzt, als wir in unserem Verstecke Platz genommen hatten. Wir lagen nahe genug, um alles hören zu können, mußten aber sehr aufmerken, um ihn zu verstehen.

„Weißt du noch, du Hund, was du mir damals auf Helmers Home zugeschworen hast?“ hörten wir ihn fragen.

Der Blick seiner tief in den Höhlen liegenden glanzlosen Augen war auf eine Stelle gerichtet, wo wir etwas, wie ein langes, zusammengeschnürtes Paket, liegen sahen. War das ein Mensch? Und wenn, wer konnte es sein? Auf Helmers Home? Betraf das etwa unser damaliges Erlebnis an diesem Orte? Er erhielt keine Antwort und fuhr fort:

„Ich habe mir deine Drohung Wort für Wort gemerkt. Sie lautete: Nimm dich vor mir in acht, du Hund! Sobald ich dich treffe, bezahlst du mir diese Schläge mit dem Leben. Ich schwöre es dir mit allen Eiden zu, die man nur schwören kann! Hoffentlich hast auch du diese Worte nicht vergessen!“

Ah, das konnte nur zu dem „General“ gesprochen sein! Er war also gefangen, hier gefangen, von Old Wabble gefangen! Er hatte den Weg hierher allein machen müssen, weil ihm seine Rowdies nicht hatten folgen können, und war in die Hände des alten „Königs der Cow-boys“ gefallen. Das war interessant, höchst interessant, auch für Winnetou, der mir dieses durch ein dreimaliges „Uff, uff, uff!“ zu erkennen gab.

„Ich habe sie nicht vergessen!“ antwortete jetzt der General in zornigem Tone: „Du hattest mich geschlagen!“

„Ja, fünfzig gute, prächtige Hiebe! Ich gönne sie dir noch heut, denn du hattest mich gegen Old Shatterhand und Winnetou verraten und ihnen gesagt, daß auch ich der Dieb ihrer Gewehre sei. Also dich rächen willst du, Hund, mir an das Leben gehen?“

„Ja, ja, das werde ich!“

„Aber nicht so schnell, wie du denkst! Erst komme ich daran! Da du mir so aufrichtig sagst, was ich von dir zu erwarten hätte, will ich dir mit derselben Offenheit dienen, denn eine Liebe ist der andern wert; th’is clear! Ich werde dich auch ein wenig um das Leben bringen. Hörst du, um das Leben!“

„Wage es!“

Pshaw! Was ist da zu wagen!“

„Ich bin nicht allein!“

„Das machst du mir nicht weiß!“

„Ich habe Helfer, viele Helfer mit, die mich an dir rächen würden.“

„Wen denn?“

„Das ist meine Sache!“

„Ah, also die deinige, nicht auch die meinige? Nun, so brauche ich mich auch nicht daran zu kehren! Übrigens sagst du das nur, um mir angst zu machen und dich dadurch zu retten. Aber Old Wabble, the king of cow-boys, ist nicht der Mann, der sich von dir ins Bockshorn jagen läßt! Wir wissen genau, wie es mit deinen Helfern steht und wieviel ihrer sind.“

„Nichts weißt du, nichts!“

„Oho! Ja, wenn Shelley nicht hier bei uns wäre! Dem habt ihr ja in Topeka alles gesagt und ihn mitnehmen wollen, ihn aber sitzen lassen, nachdem ihr ihm im Spiele alles abgenommen habt! Sechs Kerls hast du bei dir. Vor denen sollen wir uns fürchten? Sie stecken jedenfalls droben bei der Foam-Cascade, und du gehst hier allein prospekten, um sie zu betrügen. Nein, uns machst du keine blauen Mücken vor. Du bist allein und kein Mensch wird dir helfen!“

„Du irrst dich, alter Schuft! Nimm dich in acht! Du wirst alles, was du mir thust, zehnfach bezahlen müssen!“

„Schuft nennst du mich, du, welcher der größte Schurke dieses Erdteiles ist?“ stieß der Alte grimmig hervor. „Gut, du sollst gleich jetzt, ehe wir morgen früh mit dir ans Werk gehen, eine kleine Einleitung erleben. Ich will dir für diesen Schuft eine Erinnerung an Helmers Horne beibringen. Du sollst gehauen werden. Fünfzig Hiebe sollst du grad wie damals haben, nur etwas kräftiger noch, denn ich that leider nur so, als ob ich weit ausholte. Seid ihr alle einverstanden, Boys, daß er sie bekommt, und zwar gleich jetzt?“

„Ja, Hiebe, fünfzig Hiebe, aber tüchtig gepfefferte!“ rief zunächst der Shelley Genannte. „Warum hat er mich in Topeka so gerupft!“

Die andern fielen, jubelnd beistimmend, ein, und einer schrie überlaut:

„Dabei üben wir uns auf Winnetou und Old Shatterhand und ihre Leute ein, die zehnmal soviel Hiebe bekommen sollen, wie sie uns – – ah so! Das braucht dieser Kerl ja nicht zu wissen! – – die uns in der Bonanza den verdammten Zettel anstatt des Goldes finden ließen. Schneiden wir auch Pfeifen ab, schöne Pfeifen, wie dort am Spring der dicke Hammerdull!“

Ich will über die nun folgende Scene weggehen. Der General drohte und fluchte; die Tramps lachten, und Old Wabble warf seine gottlosen Bemerkungen in den Lärm. Als die ersten Hiebe fielen, stieß Winnetou mich an, und wir krochen zurück, von der Halbinsel fort und wieder in den Wald hinein. Es galt ja, uns noch hinunter nach dem zweiten Feuer zu schleichen. Vorher aber fragte mich der Apatsche:

„Was schlägt mein Bruder wegen dem Bleichgesichte vor, welches sich General nennen läßt?“

„Den müssen wir haben.“

„So werden ihn die Tramps hergeben müssen. Er soll erst am Morgen ermordet werden; wir holen ihn in dieser Nacht.“

Nun gingen wir fort, von Baum zu Baum. Der Weg, den wir jetzt zurückzulegen hatten, war doppelt so lang wie der vorige. Wir waren noch keine Viertelstunde gegangen, so hörten wir vor uns ein Geräusch, wie wenn jemand an einen dürren Ast stößt und ihn abbricht. Das klingt nicht wie das Zerbrechen eines ledigen Astes, sondern das Abbrechen eines noch am Baume befindlichen giebt einen Schall, welcher eine am Baume hinauflaufende Resonanz findet. Wir zwei faßten uns schnell bei den Händen und huschten weit auf die Seite. Dort legten wir uns nieder und hielten das Ohr an die Erde. Es kamen Leute, mehrere, ja viele, langsam mit leisen Schritten, aber so nahe an uns vorüber, daß wir das Geräusch hörten. Sie kamen von da her, wo wir hin wollten.

„Uff!“ meinte Winnetou, als sie vorüber waren. „Ob diese Männer bei dem untern Feuer gesessen haben?“

„Den Schritten nach müssen es Indianer sein!“

„Ja, es sind rote Männer. Woher kommen sie, und wohin wollen sie? Kommen sie von dem einen Feuer, und wollen sie zum andern? Oder kommen sie von einem andern Orte? Wollen sie etwa gar nach der Seite des Sees, wo wir lagern?“

„Wir müssen das wissen, Winnetou!“

„Wir müssen es sogar schnell erfahren, denn unsere Gefährten befinden sich vielleicht in Gefahr. Diese Gefahr wird augenblicklich beendet sein, sobald Old Shatterhand zu ihnen kommt.“

„Ich soll also nach unserm Lager zurück?“

„Ja, so schnell wie möglich, und dich nicht bei den Tramps aufhalten.“

„Und du?“

„Ich gehe weiter, hinunter nach dem zweiten Feuer.“

„Da bekommst du die Indianer zwischen dich und uns, begehst also ein Wagnis, welches schlecht ablaufen kann.“

Pshaw! In einer bekannten Gefahr kommt Winnetou nicht um! Meine Brüder mögen nicht schlafen, bis ich wiederkomme.“

Er huschte fort, und ich kehrte um.

Mein Weg war jetzt gefährlicher als bisher, weil ich die Indianer vor mir hatte. Ich nahm an, daß ihr Ziel die Halbinsel sei, ging aber dennoch tiefer in den Wald hinein, um auf keinen Fall mit ihnen zusammenzutreffen. Die landschaftlichen Schönheiten, welche ich unterwegs zu bewundern hatte, will ich nicht beschreiben. Nie in meinem Leben habe ich mich so anstößig benommen wie in dieser Stunde. Die Bäume dort am See wissen ein Wort davon zu reden! An der Vorderseite voller Harz und an Gesicht und Händen zerstoßen und zerschunden, kam ich nach der angegebenen Zeit in unserm Lager an, wo man mich fragte, wo Winnetou sei. Ich erzählte, was wir gesehen und gehört hatten und ließ die Gefährten vom Seeufer bis ein Stück in den Wald hinein eine geradlinige Postenkette bilden. Das war das beste, weil einzige, was wir unter diesen Umständen thun konnten.

Wir saßen alle an der Erde, die Gewehre in den Händen. Es verging eine Viertelstunde; da drang von der Halbinsel ein plötzliches, markerschütterndes Geheul zu uns herauf. Die Indianer, welche an uns vorübergekommen waren, hatten die Tramps überfallen. Dabei war kein Schuß zu hören. Die Weißen hatten sich also von den Roten ohne Gegenwehr überwältigen lassen. Nun herrschte wieder tiefe Stille.

Ein einziger Augenblick im nächtlichen Leben der Urwaldswildnis, ein einziger! Und doch, was mochte er verändert und gekostet haben und vielleicht noch kosten! Das ist der blutige Westen!

Es mochte wieder eine Stunde vergangen sein, da erlosch auf der Halbinsel das Feuer. Das zweite weiter unten brannte fort. Nach abermals zwei Stunden hörte ich laute Schritte. Das konnte nur Winnetou sein, denn ein anderer Mensch hätte sich herangeschlichen. Ja, er war es, ebenso zerschunden und zerkratzt wie ich, wie wir am nächsten Morgen sahen. Er, der stets Umsichtige, beruhigte uns zunächst:

„Meine Brüder mögen ruhig beisammen bleiben; sie haben nichts zu befürchten. Es wird bis früh kein Feind kommen!“

Ich zog also die Postenkette ein und richtete, als wir uns wieder zusammengesetzt hatten, an den Apatschen die Frage:

„Mein roter Bruder ist unten beim letzten Feuer gewesen?“

„Ja,“ antwortete er.

„Hatten die Indianer dort gelagert, welche uns begegneten?“

„Ja.“

„Konntest du erfahren, welchem Stamme sie angehören?“

„Ich erfuhr es. Zwei von ihnen waren zurückgelassen worden, um die Pferde zu bewachen. Old Shatterhand wird sich wundern, sehr wundern!“

„Es sind doch nicht etwa die Capote-Utahs?“

„Sie sind es, mit ihrem Häuptling Tusahga-Saritsch!“

„Das ist freilich überraschend! Sie müssen mit dem General zusammengetroffen sein, der es verstanden hat, sie zu gewinnen. Ich vermute, daß er diese Gegend von früher her genau kennt, und so war es möglich, daß sie uns vorausgekommen sind.“

„So ist es. Mein Bruder hat es erraten. Die beiden Wachen, welche ich belauschte, sprachen davon, und ich hörte es. Der General ist nach der Halbinsel gegangen und nicht wiedergekommen; da haben sie sich aufgemacht, ihn zu suchen.“

„Was hat er dort gewollt?“

„Das hat er nicht gesagt. Er hat niemand mitnehmen wollen. Es muß ein Geheimnis gewesen sein. Darum sind sie mißtrauisch geworden und ihm, nachdem es dunkel geworden war, gefolgt. Da sie dort sahen, daß er von den Tramps gefangen genommen worden war, sind sie über diese hergefallen und haben ihn befreit.“

„War mein Bruder Winnetou noch einmal dort?“

„Ja; aber die Utahs hatten das Feuer verlöscht.“

„Weshalb?“

„Das weiß Winnetou nicht.“

„So hast du nichts sehen können?“

„Weder etwas gesehen noch gehört.“

„Hm! Was ist zu thun? Den General müssen wir unbedingt haben!“

„Wenn kein Feuer brennt, ist es unmöglich, ihn zu bekommen.“

„Leider hast du da recht. Wir müssen entweder bis sie wieder eines anzünden oder bis zum Anbruch des Tages warten. Weiter bleibt uns nichts übrig. Oder hast du einen andern, bessern Gedanken?“

„Die Gedanken Old Shatterhands sind stets gut.“

„So wollen wir schlafen, aber Doppelwachen auslosen!“

„Winnetou ist einverstanden. Wir befinden uns an einem gefährlichen Orte, wo wir nicht vorsichtig genug sein können. Wir werden auch nicht hier am See, sondern ein Stück drin im Walde schlafen, wohin die letzten Posten, ehe es Tag wird, auch die Pferde schaffen müssen, damit die Capote-Utahs uns ja nicht etwa beim ersten Tageslicht zu zeitig zu sehen bekommen.“

Wir zogen uns also von dem Wasser in den Wald zurück, ließen die Pferde aber jetzt noch weitergrasen. Von den beiden Wächtern mußte einer bei ihnen und der andere bei uns sein. Mich traf wieder die erste Wache. Diese dauerte anderthalb Stunden; sie verging ohne Störung, und dann legte ich mich nieder, nachdem unsere Nachfolger geweckt worden waren.

Als ich früh aufstand, war der Tag schon seit zwei Stunden da. Ich wollte zürnen, daß man mich so lange hatte schlafen lassen, doch Winnetou beruhigte mich mit der Versicherung:

„Mein Bruder hat nichts versäumt. Ich hatte die letzte Wache und bin, sobald es hell wurde, spähen gegangen. Es ist für uns unmöglich, die Utahs auf der Halbinsel zu überfallen und ihnen ihre Gefangenen abzunehmen. Wir müssen wissen, wohin sie reiten, und ihnen dann vorauseilen, um uns eine passende Stelle zum Angriffe auswählen zu können. Mein Bruder Shatterhand weiß, daß derjenige schon halb gesiegt hat, welcher den Vorteil zu erlangen weiß, den Ort des Kampfes schon vorher bestimmen zu können. Diesen Vorteil müssen wir haben.“

Was er da sagte, war vollständig richtig, und so blieben wir da, wo wir geschlafen hatten, liegen, um den Abzug der Indianer zu erwarten. Winnetou entfernte sich in der Absicht, sie zu beobachten, was jetzt am hellen Tage eine ebenso schwierige wie gefährliche Aufgabe war. Die Pferde befanden sich natürlich nicht mehr am Seeufer, sondern bei uns im Walde.

Wir warteten Stunde um Stunde. Die Halbinsel lag zu fern, als daß wir hätten sehen können, was dort vorging. Nur dem Scheine des Feuers war es gestern möglich gewesen, bis zu uns heraufzudringen. Winnetou kam einigemal, um uns wenigstens über sich zu beruhigen; melden konnte er uns weiter nichts, als daß die Indianer noch nicht fort seien. Dann benachrichtigte er uns davon, daß er laute Beilschläge gehört habe; die Utahs schienen mit ihren Tomahawks einen Baum zu fällen, weshalb, das konnten wir natürlich nicht erraten. Endlich, endlich, als es schon über Mittag geworden war, kam er, um uns zu sagen, daß die Roten nun fort seien. Er hatte, vielleicht hundert Schritte entfernt und hinter einem Baume stehend, sie fortreiten sehen.

„So müssen ihre Pferde von da, wo das zweite Feuer brannte, heraufgeholt worden sein?“ fragte ich.

„So ist es,“ nickte er. „Ich sah, daß sie gebracht wurden.“

„Konntest du sie alle sehen, als sie fortritten?“

„Nein. Es waren zu viele Bäume zwischen ihnen und mir.“

„Natürlich waren die Gefangenen bei ihnen?“

„Ich war so fern von ihnen, daß ich die roten Männer nicht von den weißen unterscheiden konnte, und weiter durfte ich mich nicht an die Halbinsel wagen.“

„Nach welcher Richtung sind sie geritten?“

„Nach Nordwest. Dies ist der Weg, den auch wir einschlagen werden.“

„Hm! Wir müssen natürlich nach der Halbinsel. Reiten wir gleich hin, oder müssen wir erst spähen, ob wir dort sicher sind?“

„Wir sind sicher. Winnetou ist natürlich erst hingegangen, um nachzusehen, ob die Utahs sich auch wirklich entfernt haben.“

Da wir uns auf den Apatschen verlassen konnten, stiegen wir auf, um nach der Halbinsel zu reiten. in der Nähe derselben angekommen, suchten wir zunächst die Fährte der Utahs auf. Ja, sie waren fort; wir brauchten nicht zu befürchten, überrascht zu werden. Wir ritten also ohne Sorge nach dem Orte zu, wo Old Wabble und die Tramps und dann die Indianer gelagert hatten. Dort stiegen wir von den Pferden.

Das Gras und Moos war weit umher niedergetreten, wie es bei einem verlassenen Lagerplatze zu sein pflegt. Wir hatten keinen Grund, anzunehmen, daß wir einen Fund hier machen würden, dennoch ließen wir aus alter Gewohnheit unsere Blicke umherschweifen. Die Roten hatten sich nicht auf den eigentlichen Lagerplatz beschränkt; ihre Spuren führten nach mehreren Seiten von demselben fort. Wir trennten uns, um den verschiedenen Fährten nachzugehen, und hörten schon nach ganz kurzer Zeit Old Surehand rufen:

„Kommt her; kommt her; kommt alle her! Hier liegen sie! Schnell, schnell!“

Ich eilte nach der Richtung, aus welcher seine Stimme erklungen war. Welch ein Anblick erwartete mich da! Hier lagen sie unter den Bäumen, die Tramps, alle mit einander; es fehlte keiner! Ihren blutigroten Köpfen fehlten die Häute. Sie waren skalpiert worden. Man hatte sie, sogar nach ihrer Körperlänge, in einer Reihe neben einander gelegt, und ein weiterer Blick zeigte, daß sie vorher erstochen worden waren.

Uns grauste! Sie hatten einer moralisch sehr tief stehenden Menschensorte angehört und waren vor keinem Verbrechen zurückgebebt, aber sie in dieser Weise und so zugerichtet hier vor uns liegen zu sehen, das war entsetzlich!

Um zwanzig Menschen so schnell und sicher überwältigen zu können, hatte jeder Rote vorher genau wissen müssen, auf welchen Weißen er sich werfen müsse. Fünfzig Indianer auf zwanzig Weiße. Die Toten waren steif. Man hatte sie also nicht erst heut früh, sondern schon gestern abend erstochen. Warum aber waren die Indianer dann hiergeblieben? Warum hatten sie sogar ihre Pferde holen lassen? Es mußte irgend etwas gegeben haben, was auf heut früh verschoben worden war und bis Mittag gedauert hatte. Was konnte das sein? Mir fiel Old Wabble ein. Dessen Leiche fehlte. Jedenfalls hatte der „General“ ihn mitgenommen, um eine ganz besondere Rache an ihm auszuüben.

Hatten wir in den ersten Augenblicken wortlos vor den Leichen gestanden, so waren dann der Interjektionen desto mehr zu hören. Hätten wir jetzt die Roten hier vor unsern Gewehren gehabt, ich glaube, sie wären alle erschossen worden; auch ich hätte nichts dagegen gehabt! Aber wie das größte Unheil doch nicht ohne ein kleines Lächeln ist, das zeigte sich auch hier. Hammerdull deutete auf eine der Leichen und sagte zu Holbers:

„Pitt, das ist Hosea, der uns an das Leben wollte!“

Yes! Und das Joel, der nicht auf unser Geld hereinfallen wollte!“ antwortete der Lange, indem er auf einen andern Toten zeigte.

„Sie sind dennoch deine Vettern. Meinst du nicht auch, altes Coon?“

„Ja, sie sind es.“

„Willst du sie so hier liegen lassen?“

„Das möchte ich ihrer Mutter denn doch nicht anthun, obgleich sie mir so manchen gefühlvollen Augenblick bereitet hat.“

„Das ist brav von dir, alter Pitt! Was schlägst du also vor?“

„Daß wir sie begraben. Meinst du nicht auch, lieber Dick?“

„Ob wir sie begraben oder nicht, das bleibt sich gleich; aber wir werden ihnen, wenn wir Zeit dazu bekommen, einen kleinen Gottesacker herrichten und es ihnen darin so bequem machen, wie die Umstände es erlauben. Das ist Christenpflicht, zumal es deine Cousins und Vettern sind. Ist’s so richtig, altes Coon?“

„Hm! Wenn du denkst, daß du das an mir und meinen Verwandten thun willst, so bist du ein braver Kerl, lieber Dick!“

Sie reichten sich die Hände, und ich muß gestehen, daß nichts den Anblick dieser grausigen Scene so hätte mildern können wie grad die eigenartige Weise dieser beiden guten Menschen. Wir hatten keine Zeit übrig, wir mußten den Utahs nach und den „General“ fassen, welcher gewiß die Schuld an dem Tode der zwanzig Tramps trug; aber wenn die Brüder begraben werden sollten, so durften wir auch die andern nicht so liegen lassen, und darum entfernte ich mich, um nach einer passenden Stelle zu suchen. Ich traf dabei auf eine breite Fährte, welcher ich folgte; sie führte nach einer Fichte, welche etwas freier stand als die Bäume ihrer Umgebung, und als ich sie – –

Hier sträubt sich die Feder, fortzufahren! Was ich sah, war so gräßlich, daß ich einen Schrei ausstieß, wie ich wohl noch nie geschrieen habe. Die Kameraden kamen infolgedessen alle spornstreichs herbeigerannt und waren bei dem Anblicke, welcher sich ihnen bot, nicht weniger entsetzt als ich.

Man hatte die Fichte, welche die Stärke eines achtjährigen Kindes besaß, in Schulterhöhe gespalten. Das waren die Tomahawkhiebe gewesen, welche Winnetou gehört hatte. Durch in den Riß getriebene Holzkeile war nachgeholfen worden, weil die Tomahawks zu schwach gewesen waren, einen durchgehenden Spalt fertig zu bringen. Durch das Nachtreiben immer größerer und stärkerer Keile, auch mehrere nebeneinander, hatte man den Riß so erweitert, daß er mehr als den Durchmesser eines Männerleibes bekam, und dann den gefesselten alten Wabble hineingeschoben. Hierauf waren die stärkern Keile wieder herausgeschlagen worden; sie lagen unten am Boden; und nun steckte der unglückliche Alte in horizontaler Lage und mit entsetzlich zusammengepreßtem Unterleibe, hüben die Beine und drüben den Oberleib hervorragend, in dem Spalt. Hätte man ihn mit der Brust hineingelegt, so wäre sie ihm eingedrückt worden und er folglich gestorben; so aber hatte man ihn in teuflisch raffinierter Weise nur mit dem Unterleib hineingeschoben. Er lebte noch; sein gesunder Arm und die Beine bewegten sich, doch konnte er trotz der unbeschreiblichen Schmerzen, welche er auszustehen hatte, nicht schreien, weil man ihm einen Knebel in den Mund gesteckt und den letzteren noch extra zugebunden hatte. Die Augen waren zu; aus der Nase rann das Blut in schweren, dunklen Tropfen; der Atem ging scharf pfeifend und ließ die Blutstropfen zischen. Da konnte es kein Wort weder der Empörung noch des Mitleides geben; da mußte nur schnell, schnell geholfen werden, ohne einen einzigen Augenblick zu zaudern.

„Die starken Keile hinein!“ gebot ich. „Und zwar oben und auch unten! Macht rasch; macht rasch! Wir brauchen noch mehr Keile als hier liegen. Heraus mit den Messern und Tomahawks!“

Während ich dies rief, hatte ich auch schon einen Keil in den Spalt gesteckt und trieb ihn durch Hiebe mit dem eisenbeschlagenen Kolben meines Bärentöters ein. Jetzt konnte man die Kameraden schaffen sehen! Tomahawks hatten bloß Winnetou und Schahko Matto; das war aber genug. Abgestorbene Bäume standen einige in der Nähe. Die Spähne flogen; es wurden wie im Handumdrehen neue, stärkere Keile fertig. Mein Bärentöter und Hammerdulls alte Gun, deren Kolben stark mit Bandeisen umwunden war, wurden als Schlägel gebraucht. Kurz und gut, es waren kaum zwei Minuten vergangen, so hatten wir den Spalt so weit erweitert, daß wir Old Wabble herausziehen konnten. Wir legten ihn auf die Erde und befreiten ihn von dem Knebel, was wir eigentlich schon früher hätten thun sollen, in der Aufregung aber vergessen hatten.

Er blieb zunächst ohne Bewegung liegen und stieß einen Schwall geronnenen Blutes aus dem Munde; dann folgte ein heller, dünner Blutstrahl nach. Die Brust erweiterte sich; wir hörten einen tiefen, tiefen Atemzug. Hierauf öffneten sich die Augen; sie waren dunkelrot gefärbt. Und nun, nun kam etwas, was ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde, nämlich ein Schrei, aber was für ein Schrei! Ich habe Löwen und Tiger brüllen hören; ich kenne die Trompetentöne des Elefanten, ich habe den entsetzlichen, gar nicht zu beschreibenden Todesschrei von Pferden gehört; aber nichts von dem allem ist mit dem fürchterlichen, langgezogenen, kein Ende nehmenden Schrei zu vergleichen, welcher jetzt, die Schmerzen einer ganzen Welt herausbrüllend, aus Old Wabbles Mund kam und drüben vom jenseitigen Seeufer und hüben aus der Waldestiefe vom mitleidlosen Echo zurückgeschickt wurde. Es schüttelte uns!

Hierauf war es wieder eine Weile still. Mit den widerstreitendsten Gefühlen in unsern Herzen standen wir um ihn herum; das Mitleid hatte aber doch die Oberhand. Jetzt begann er zu stöhnen, lauter, immer lauter; dann folgte ein plötzliches Gebrüll, wie von einer Schar wilder Tiere. Ich hielt mir die Hände an die Ohren; wieder das leisere Stöhnen und jammern, und dann abermals ein eruptives Geheul, von welchem wir förmlich zurückgeworfen wurden. So ging es fort und fort, dieses Wimmern und Stöhnen, von heulenden Stößen unterbrochen; es wollte kein Ende nehmen. Er schien weder sehen noch hören, auch nicht sprechen zu können. Was konnten wir thun? Holbers blieb bei ihm, um ihm Wasser einzuflößen; wir aber entfernten uns, um ein Grab für die Tramps herzustellen. Gesprochen wurde kein Wort über den Unglücklichen. Ein heiliges Grauen hatte uns gepackt. Wir fühlten uns im Bereiche der Allgerechtigkeit, welche nach so erfolgloser Langmut jetzt endlich mit dem alten Gotteslästerer abzurechnen begann.

Wir fanden endlich an dem Westufer der Halbinsel, was wir suchten, nämlich eine ganze Menge ab-, an- und herausgespülter Steine, welche zur Herstellung selbst einer so großen Begräbnisstelle ausreichten. Zum Graben einer Vertiefung, wie sie für so viele Leichen nötig gewesen wäre, fehlten uns die Werkzeuge. Wir begannen, die Steine nach der Mitte der Halbinsel zu schleppen, wo es eine natürliche, fast metertiefe Senkung gab. Dorthin sollte das Grab kommen.

Das war eine Arbeit, welche viel Zeit in Anspruch nahm und während welcher wir immer das Gebrüll des Königs der Cow-boys hörten, bis er nach vielleicht einer Stunde stiller wurde. Später kam Holbers zu mir und sagte, daß der Alte jetzt sehen könne und zu sprechen beginne. Ich ging zu ihm hin. Er lag lang ausgestreckt da, holte leise und unregelmäßig Atem und starrte mich an. Seine Augen hatten sich ziemlich entrötet.

„Old – Shat – – ter – – – hand,“ flüsterte er. Dann hob er den Oberkörper ein wenig und schrie mich an: „Hund, verfluchter, fort, fort, fort mit dir!“

„Mr. Cutter, Ihr steht vor der Ewigkeit!“ antwortete ich. „Niemand kann Euch helfen! In kurzer Zeit, vielleicht schon in einer Stunde, giebt es für Euch den letzten Atemzug. Macht Eure Rechnung hier mit Gott; im jenseits ist’s zum Bitten vielleicht nicht mehr Zeit!“

„Schäfchenhirt! Packe dich von hier! Ich will sterben ohne dich und ohne ihn! Geh mir aus den Augen!“

Ich ging natürlich nicht, sondern fuhr fort:

„Erinnert Euch, was ich auf Fenners Farm gesagt habe! Ihr sollt um eine einzige Minute der Verlängerung Eures Lebens zu Gott wimmern; Eure Seele soll zetern aus Angst vor der göttlichen Gerechtigkeit, und wenn die Faust des Todes Euren Körper krümmt, sollt Ihr nach Vergebung Eurer Sünden heulen!“

„Fort, fort, sage ich!“ heulte er wütend. „Gebt mir ein Messer, ein Messer, sage ich, daß ich diesen Kerl, noch ehe ich sterbe, erstechen kann!“

Old Surehand war herbeigekommen; er hörte das und sagte:

„Den macht Ihr nun im letzten Augenblicke auch nicht erst noch anders. Oder wollt Ihr es einmal mit dem Gebet versuchen?“

Ich sah ihn an. Es war ihm wirklich ernst mit diesen Worten; dennoch fragte ich:

„Warum gebt Ihr mir diesen guten Rat?“

„Weil wir gestern vom Gebet gesprochen haben. Ihr glaubt ja doch so fest und unerschütterlich an seine Macht!“

Well! Wenn es Gott gefällt, so werdet Ihr einen Beweis von dieser Macht erhalten, doch jetzt, in diesem Augenblick noch nicht!“

Old Wabble war nämlich jetzt nicht mehr bei sich. Er fiel in seinen früheren Zustand zurück und wechselte, wie vorhin, mit Wimmern und tierischem Brüllen ab. Ich entfernte mich. Als er nach einer halben Stunde ruhig geworden war, ging ich wieder hin zu ihm. Er kannte mich und zischte mich an:

„Kennst du noch den Fact, und wieder den Fact, und zum drittenmal den Fact, damals im Llano estacado? Bring mir nun von deinem Gotte einen Fact, du Himmelsschaf!“

Sollte ich ihm, der jetzt noch spottete, in meiner vorigen Weise antworten? Nein. Ich konnte nichts mehr für diese verlorene Seele thun. Es gab nur eine Macht, die helfen konnte, und das war nicht die meinige. Old Surehand hatte gemerkt, wohin ich wieder gegangen war, und war mir wieder nachgekommen; wir befanden uns allein bei dem Alten. Ich kniete nieder und betete, nicht leise, sondern laut, daß Old Surehand und Old Wabble es hörten. Was ich betete? Ich weiß es nicht mehr, und wenn ich es noch wüßte, würde ich es hier nicht wiederholen. Als ich fertig war und aufstand, waren Old Surehands Augen feucht. Er drückte mir die Hand und sagte leise:

„Jetzt weiß ich, was richtig beten heißt! Wenn das nicht hilft, so will ihm Gott nicht helfen!“

Old Wabble hatte mich, ganz gegen meine Erwartung, nicht ein einziges Mal unterbrochen. Sein Auge sah mich spöttisch an; aber aus seinem vor Schmerz verzerrten Munde war auch jetzt keine Silbe zu hören. Sollte er sich jetzt doch scheuen, mich zu verhöhnen? Das würde ein gutes Zeichen sein. Ich durfte diese Wirkung nicht stören und ging, indem ich Old Surehand mit mir fortzog.

Nach einiger Zeit waren wir so weit, daß wir die Leichen in die Bodensenkung legen konnten, um sie dann erst mit Gezweig und dann mit Steinen zu bedecken. Da kam mir ein Gedanke, nein, kein Gedanke, sondern eine Eingebung; es war eine, das fühlte ich: Ich ließ den alten Wabble holen und nach dem Grabe bringen. Das verursachte ihm große Schmerzen; er schrie in einem fort und fragte dann, warum er nicht habe liegen bleiben dürfen.

„Ihr sollt sehen, wohin wir Eure skalpierten Kameraden legen,“ antwortete ich. „Wir lassen einen Platz für Euch, denn ehe die heutige Sonne untergeht, liegt Ihr bei ihnen hier unter diesen Steinen. Ihr habt nur noch Zeit zur Reue und zum Sterben, weiter keine!“

Ich hatte erwartet, daß er mich wütend anschreien werde; er aber war still, ganz still. Er sah zu, daß wir einen Tramp nach dem andern in die Vertiefung legten und dann mit Ästen und Zweigen bedeckten; er sah auch, daß wir Steine darüber aufhäuften und eine Lücke für seinen eigenen Körper ließen. Sein Auge folgte jeder unserer Bewegungen; er sagte immer noch nichts. Aber in seinem Blicke lag eine immer größer werdende Angst; das bemerkte ich wohl. Nun waren wir endlich mit dem Grabe, bis auf ihn – – die letzte Leiche, fertig und gingen fort, scheinbar ohne uns um ihn zu kümmern. Ich fühlte aber eine Spannung, die gar nicht größer sein konnte.

Da plötzlich erzitterte die Luft von einem Schrei, nicht anders, als wie sein erster Schrei gewesen war. Ich suchte ihn wieder auf. Die Schmerzen hatten ihn wieder gepackt, doch ohne ihm die Besinnung zu rauben. Er wand sich wie ein Wurm; er schlug und stampfte um sich, doch kam kein Fluch und keine Verwünschung mehr aus seinem Munde. Dann lag er wieder still, wimmernd und stöhnend zwar, doch sonst bewegungslos. Seine Zähne knirschten, und der Schweiß trat in schweren, dicken Tropfen auf seine Stirn und sein Gesicht. Ich wischte sie wiederholt ab; sie kamen immer wieder. So verging eine lange Zeit. Da hörte ich ihn halblaut sagen:

„Mr. Shatterhand!“

Ich bog mich über ihn, und nun fragte er langsam und mit öfteren Unterbrechungen:

„Ihr wißt alles – – alles – –. Kennt Ihr das alte, alte – – Lied – – Lied – – von der – – Ewigkeit – –?“

„Welches Lied? Wie ist der Anfang?“

E – – ter – – nity – – oh – – thunder – – word – – –.“

„Ich kann es auswendig.“

„Betet – – be – – tet es!“

Ich blickte Old Surehand, der mit mir zu ihm gekommen war, bedeutungsvoll an, setzte mich neben den Alten hin und begann, natürlich in der englischen Übersetzung-

„O Ewigkeit, du Donnerwort,
Du Schwert, das durch die Seele bohrt,
O Anfang sonder Ende!
O Ewigkeit, Zeit ohne Zeit,
Vielleicht schon morgen oder heut
Fall ich in deine Hände.
Mein ganz erschrocknes Herz erbebt,
Daß mir die Zung’am Gaumen klebt!“

Hier hielt ich inne. Er war still. Seine Brust bewegte sich schwer. Es arbeitete in ihm. Dann bat er: „Weiter – – weiter – – Mr. Shatter – – hand –Ich that ihm den Willen und fuhr fort:

„O Gott, wie bist du so gerecht!
Wie strafst du mich, den bösen Knecht,
Mit wohlverdienten Schmerzen!
Schon hier erfaßt mich deine Faust,
Daß es mich würgt, daß es mich graust
In meinem tiefsten Herzen.
Die Zähne klappern mir vor Pein;
Wie muß es erst da drüben sein!“

Die Strophen dieses alten, kraftvollen Kirchenliedes sind, wenn sie richtig gelesen oder gesprochen werden, allerdings geeignet, wie Schwerterspitzen durch Mark und Bein zu gehen. Ich sah, daß es ihn schüttelte, doch forderte er mich auf“Weiter – – immer – – weiter! Ich – – höre es – –!“ Ich that ihm natürlich den Willen:

„Wach auf, o Mensch, vom Sündenschlaf,
Ermuntre dich, verlornes Schaf,
Denn es enteilt dein Leben!
Wach auf, denn es ist hohe Zeit,
Und es naht schon die Ewigkeit,
Dir deinen Lohn zu geben!
Zeig reuig deine Sünden an,
Daß dir die Gnade helfen kann!“

Was war das?! Seine Zähne schlugen zusammen. Ja, wahrhaftig, ich hörte sie klappern! Der Schweiß stand nicht mehr tropfenweis auf seiner Stirn, sondern er lag als eine zusammenhängende, naßkalte Schicht auf ihr. Dabei murmelte er, wie ein Betrunkener lallend:

„Zeig reuig – – – deine Sünden – – – an, daß dir – – – die Gnade – – – hel – – helfen kann – – –!“ Und plötzlich stieß er laut, schnell und voller unsäglicher Angst hervor: „Wie lange braucht man zur Gnade, wie lange! Sagt es schnell, schnell!“

„Einen Augenblick nur, wenn Ihr’s ehrlich meint,“ antwortete ich.

„Das ist zu wenig, viel zu wenig! Zeig reuig deine Sünden an! Ich habe mehr Sünden auf meinem Gewissen als Sterne am Himmel stehen. Wie kann ich die in dieser Zeit beichten, wie kann, wie kann ich das!“

„Gott zählt sie nicht einzeln, wenn Ihr sie wirklich bereut!“

„Nein, alle, alle muß ich ihm aufzählen, alle! Und habe ich Zeit dazu, Zeit? Wann muß ich sterben, sagt es mir!“

„Eure Todesstunde schlägt heut. Hier steht Euer Grab schon offen!“

„Schon offen, schon offen; oh mein Himmel, oh mein Gott! Gebt mir mehr Zeit, mehr! Gebt mir einen Tag, zwei Tage, eine Woche!“

Da, da war es, was ich ihm auf Fenners Farm vorausgesagt hatte: Er flehte um eine Gnadenfrist!

„Aber ich fühle es,“ fuhr er kreischend fort; „ich bekomme keine Zeit, keine Frist, keine Gnade, kein Erbarmen! Der Tod greift mir nach dem Herzen, und die Hölle mit allen ihren Teufeln wühlt mir schon im Leibe! Mr. Shatterhand, Mr. Shatterhand, Ihr seid ein gläubiger, ein frommer Mann. Ihr müßt, Ihr müßt es wissen: Giebt es einen Gott?“

Ich legte ihm die Hand auf die Stirn und antwortete:

„Ich schwöre nie; heut und hier schwöre ich bei meiner Seligkeit, daß es einen Gott giebt!“

„Und ein jenseits, ein ewiges Leben?“

„So wahr es einen Gott giebt, so wahr auch ein jenseits und ein ewiges Leben!“

„Und jede Sünde wird dort bestraft?“

„Jede Sünde, welche nicht vergeben worden ist.“

„Oh Gott, oh Allerbarmer! Wer wird mir meine vielen, vielen, schweren Sünden vergeben? Könnt Ihr es thun, Mr. Shatterhand; könnt Ihr?“

„Ich kann es nicht. Bittet Gott darum! Er allein kann es.“

„Er hört mich nicht; er mag von mir nichts wissen! Es ist zu spät, zu spät!“

„Für Gottes Liebe und Barmherzigkeit kommt keine Reue zu spät!“

„Hätte ich früher auf Euch gehört, früher! Ihr habt Euch Mühe mit mir gegeben. Ihr habt recht gehabt: Das Sterben währt länger, viel, viel länger als das Leben! Fast hundert Jahre habe ich gelebt; nun sind sie hin, hin wie ein Wind; aber diese Stunde, diese Stunde, sie ist länger als mein ganzes Leben; sie ist schon eine Ewigkeit! Ich habe Gott geleugnet und über ihn gelacht; ich habe gesagt, daß ich keinen Gott brauche, im Leben nicht und im Sterben nicht. Ich Unglücklicher! Ich Wahnsinniger! Es giebt einen Gott; es giebt einen; ich fühle es jetzt! Und der Mensch braucht einen Gott; ja er braucht einen! Wie kann man leben und wie sterben ohne Gott! Wie kalt, wie kalt ist’s in mir, huh – – –! Wie finster, wie finster, huuuh – – –! Das ist ein tiefer – – – tiefer – – bodenloser Abgrund – – Hilfe, Hilfe! Das schlägt über mir zusammen – – über mir – – Hilfe – – –Hilfe! Das krallt sich um meine – – – Hilfe – – – Gnade – –Gnade – – Gna – – –!“

Er hatte die Augen geschlossen und die Hilferufe mit erst schriller und dann ersterbender Stimme ausgestoßen. Jetzt schloß er den Mund und bewegte kein Glied seines Körpers, kein Härchen seiner Augenwimpern mehr.

„Oh mein Gott!“ seufzte Old Surehand. „Ich sah schon manchen Menschen im Kampfe fallen; aber ein wirkliches Sterben, so wie dieses, sah ich doch noch nie! Wer da nicht an Gott glauben lernt, dem wäre besser, er wäre nie geboren!“

Die Hilferufe Old Wabbles hatten die Gefährten alle herbeigerufen; sie standen rund umher. Ich schob dem Alten die Hand unter das Gewand und legte sie ihm auf das Herz; ich fühlte kaum noch dessen leisen, langaussetzenden Schlag.

„Die Hüte ab, Mesch’schurs!“ bat ich. „Wir stehen vor einem hehren, heiligen Augenblick: Ein verlorener Sohn kehrt jetzt zurück ins Vaterhaus. Betet, betet, betet, daß der Inbegriff aller Liebe sich seiner erbarme, jetzt in dieser schweren, letzten Minute und jenseits in der Ewigkeit!“

Sie beteten; selbst die drei Häuptlinge beteten und – – Old Surehand betete auch! Die Sekunden dehnten sich zu Minuten und die Minuten zu Viertelstunden. Ein dünnes Zweiglein knickte unter den Zehen eines kleinen Vogels. Das klang durch diese tiefe, heilige Stille wie sonst das Brechen eines starken Baumes, so schien es uns, und der leichte Flügelschlag des Vogels dünkte uns das Rauschen von Adlerschwingen zu sein!

Da schlug Old Wabble die Augen auf und richtete sie auf mich. Sein Blick war klar und mild, und seine Stimme klang zwar leise doch deutlich, als er sagte:

„Ich schlief jetzt einen langen, langen, tiefen Schlaf und sah im Traum mein Vaterhaus und meine Mutter drin, die ich beide hier nie gesehen habe. Ich war bös, sehr bös gewesen und hatte sie betrübt, so träumte mir; ich bat sie um Verzeihung. Da zog sie mich an sich und küßte mich. Old Wabble ist nie im Leben geküßt worden, nur jetzt in seiner Todesstunde. War das vielleicht der Geist von meiner Mutter, Mr. Shatterhand?“

„Ich möchte es Euch gönnen. Ihr werdet’s bald erfahren,“ antwortete ich.

Da ging ein Lächeln über seine viel durchfurchten Züge, und er sprach in rührend frohem Tone:

„Ja, ich werde es erfahren, in wenigen Augenblicken. Sie hat mir verziehen, als ich sie darum bat! Kann Gott weniger gnädig sein als sie?“

„Seine Gnade reicht so weit, so weit die Himmel reichen; sie ist ohne Anfang und auch ohne Ende. Bittet ihn, Mr. Cutter, bittet ihn!“

Da legte er die unverletzte Hand in diejenige des gebrochenen Armes, faltete beide und sagte:

„So will ich denn gern beten, zum ersten und zum letzten Mal in diesem meinem Leben! Herrgott, ich bin der böseste von allen Menschen gewesen, die es gegeben hat. Es giebt keine Zahl für die Menge meiner Sünden, doch ist mir bitter leid um sie, und meine Reue wächst höher auf als diese Berge hier. Sei gnädig und barmherzig mit mir, wie meine Mutter es im Traume mit mir war, und nimm mich, wie sie es that, in Deine Arme auf. Amen!“

Welch ein Gebet! Er, der keine Schule genossen und nie mit seinem Gotte gesprochen hatte, betete jetzt in so geläufiger Weise, wie ein Pfarrer betet! Er hatte leise und mit Unterbrechungen gesprochen, war aber von uns allen verstanden worden. Dieser Sterbende war ein böser Mensch und zuletzt mein Todfeind gewesen, und doch liefen die Thränen, die ich nicht zurückzuhalten vermochte, mir über die Wangen herab.

„War es so richtig, Mr. Shatterhand?“ fragte er.

„Ja, so war es gut.“

„Und wird Gott mir meine Bitte erfüllen?“

„Ja.“

„Ah, wenn ich das doch deutlich aus Eurem Munde hören könnte!“

„Ihr sollt es hören. Ich bin zwar kein geweihter Priester, und keine Macht der Kirche ist mir anvertraut; wenn ich damit eine Sünde begehe, so wird Gott auch mir gnädig sein; ich bin ja der einzige hier, der zu Euch reden kann! Spricht die Stimme wahr, die ich jetzt in mir höre, so seid Ihr von Gottes Gerechtigkeit gerichtet, aber von seiner Barmherzigkeit begnadigt worden. Geht also heim in Frieden! Ihr habt im Traum das irdische Vaterhaus gesehen; es steht Euch nun die Thür des himmlischen offen. Eure Sünden bleiben hier zurück. Lebt wohl!“

Ich nahm seine Hand in die meinige. Er hatte die Augen wieder geschlossen. Ich legte mein Ohr an seinen Mund und hörte ihn noch hauchen:

„Lebt – – wohl! – – Ich – – bin – – so froh, – – so froh – –!“

Das Lächeln war in seinem Angesichte geblieben; es war so mild, als ob er wieder von seiner Mutter träumte. Doch war’s kein Traum mehr, der ihm die Erbarmung zeigte; er sah sie jetzt in Wirklichkeit, in jener Wirklichkeit, die über allem Irdischen erhaben ist; – – er war tot! –

Was für ein sonderbares Geschöpf ist doch der Mensch! Welche Gefühle hatten wir noch vor wenigen Stunden für diesen nun Verstorbenen gehabt! Und jetzt stand ich so tief berührt vor seiner Leiche, als ob mir ein lieber, lieber Kamerad gestorben sei! Seine Bekehrung hatte alles Vergangene gut gemacht. Und ich war nicht der einzige, dem es so erging. Dick Hammerdull kam herbei, ergriff die Hand des Toten, schüttelte sie leise und sagte:

„Leb wohl, alter Wabble! Hättest du eher gewußt, was du jetzt weißt, so wärest du nicht eines so elenden Todes gestorben. Das war gewaltig dumm von dir; ich trage es dir aber nicht nach! Pitt Holbers, gieb ihm auch die Hand!“

Holbers brauchte gar nicht dazu aufgefordert zu werden, denn er stand schon bereit dazu. Er sagte dabei, und zwar gar nicht in seiner trockenen Weise, sondern tief bewegt:

Farewell, alter King! Dein Königreich hat nun ein Ende. Wärest du gescheit gewesen, so hättest du mit uns anstatt mit den Tramps reiten können. Schade, jammerschade um so einen tüchtigen Boy, der du früher gewesen bist! Komm, lieber Dick! Wollen ihn in sein letztes Bette legen!“

„Nein, jetzt noch nicht!“ entgegnete ich.

„Ja, müssen wir nicht weiter?“ fragte Hammerdull.

„Wir haben nur noch zwei Stunden Tag; da verlohnt es sich nicht, nun erst ein anderes Lager aufzusuchen. Wir bleiben hier.“

„Aber die Utahs, und der General?!“

„Laßt sie ziehen! Sie entkommen uns nicht, nun erst recht nicht, da wir die Schmerzen zu rächen haben, welche dieser Tote hat ausstehen müssen. Früh schien es mir, als ob wir keine Zeit hätten; jetzt habe ich mehr als genug!“

„Ich stimme meinem Bruder Shatterhand bei,“ erklärte Winnetou. „Old Wabble soll nicht warm begraben werden!“

Es war also ausgemacht, daß wir heut auf der Halbinsel blieben. Einer aber von uns ließ sich nicht bereit dazu finden, Old Surehand nämlich. Er winkte mich auf die Seite und sagte: „Ich kann nicht hier bleiben, Mr. Shatterhand. Ich werde fortreiten, und zwar heimlich, damit niemand auf den Gedanken kommt, mich aufzuhalten. Jemandem aber muß ich es sagen, und das sollt Ihr sein. Verratet mich nicht, bis ich fort bin!“

„Ist es denn unbedingt notwendig, daß Ihr Euch entfernen müßt?“ erkundigte ich mich. „Könnt Ihr wirklich nicht hier bleiben?“

„Ich muß fort!“

„Und allein?“

„Ganz allein!“

„Hm! Ihr seid ein tüchtiger Westmann, und ich will also nicht von den Gefahren sprechen, welche Euch begegnen können; aber wollt Ihr mir nicht wenigstens sagen, welcher Art das Unternehmen ist, welches Euch hindert, hier bei uns zu bleiben, Mr. Surehand?“

„Das kann ich nicht.“

„Darf ich auch nicht erfahren, wohin Ihr wollt?“

„Nein.“

„Hm! Ich habe nicht die Absicht, Euch Vorwürfe zu machen, aber Euer Verhalten grenzt doch etwas an Vertrauenslosigkeit.“

Da antwortete er, schnell mißmutig geworden:

„Ob ich Vertrauen zu Euch habe, müßt Ihr ebenso gut wissen wie ich, Sir. Ich habe Euch schon gesagt, daß es sich um ein Geheimnis handelt, von welchem ich nicht sprechen darf und sprechen will.“

„Auch zu mir nicht?“

„Nein!“ erklang es sehr kurz und abweisend.

Well! jeder hat das Recht, seine Angelegenheiten für sich zu behalten; aber ich bin Euch von Jefferson-City aus bis hierher nachgeritten, in der Meinung, mit Euch gute Kameradschaft zu halten. Ich sage nicht, daß daraus Rechte für mich und Pflichten für Euch entstehen, doch sollte es mir leid thun, wenn Ihr Absichten hegt, welche Euch in Schaden bringen, wenn Ihr sie allein betreibt, während sie gelingen würden, wenn es Euch beliebte, nicht so verschlossen, sondern offen gegen mich zu sein. Seid Ihr denn Eurer Sache so gewiß, daß Ihr behaupten könnt, uns nicht zu brauchen?“

„Wäre ich allein hierher geritten, wenn ich geglaubt hätte, Hilfe nötig zu haben?“

„Sehr richtig! Aber, habt Ihr denn wirklich keine nötig gehabt?“

„Ihr meint natürlich meine Gefangenschaft bei den Utahs?“

„Ja.“

„Ich hätte mich wohl auch von ihnen fortgefunden!“

Jetzt war ich es, welcher einen zurückhaltenden Ton annahm:

„Ich bin überzeugt davon. Betrachten wir also die Sache für abgemacht! Reitet also in Gottes Namen; ich hindere Euch nicht!“

Ich wollte mich abwenden; da nahm er mich bei der Hand und bat:

„Seid nicht bös auf mich, Sir! Meine Worte klangen nach Undankbarkeit. Ihr wißt aber jedenfalls, daß ich nicht undankbar bin.“

„Das weiß ich!“

„Und – – und – – ich will Euch wenigstens eins sagen: Ich bin so verschwiegen gewesen, weil ich glaubte, Ihr würdet Euch von mir wenden, wenn Ihr hörtet, wer ich bin.“

„Unsinn! Seid, wer Ihr wollt! Old Surehand ist ein braver Kerl!“

„Aber – – aber – – aber der Sohn eines – – Zuchthäuslers!“

Pshaw!“

„Wie? Ihr erschreckt da nicht?“

„Fällt mir nicht ein!“

„Bedenkt doch, Sir – Zuchthäusler!“

„Ich weiß, daß es in den Zuchthäusern und Gefängnissen auch schon brave Leute gegeben hat!“

„Aber, mein Vater ist sogar im Zuchthause gestorben!“

„Traurig genug! Aber das geht doch meine Freundschaft für Euch nichts an!“

„Wirklich nicht?“

„Wirklich nicht!“

„Meine Mutter war auch Zuchthäuslerin!“

„Das ist ja ganz entsetzlich!“

„Und mein Oheim auch!“

„Armer, armer Teufel, der Ihr seid!“

„Beide sind ausgebrochen und entflohen!“

„Das gönne ich ihnen!“

„Aber, Sir, Ihr fragt doch gar nicht, weshalb sie bestraft wurden!“

„Was bringt es für Nutzen, wenn ich es erfahre?“

„Wegen Falschmünzerei nämlich!“

„Das ist schlimm! Falschmünzerei wird sehr schwer bestraft.“

„Nun –? Ihr redet immer noch mit mir?“

„Warum nicht?“

„Mit dem Sohne und Neffen von Falschmünzern, von Zuchthäuslern?“

„Hört ‚mal, Mr. Surehand, was gehen mich die Münzen und die Gefängnisse der Vereinigten Staaten an? Selbst angenommen, daß Eure Verwandten dieses Verbrechen begangen und die Strafe wirklich verdient hatten, was habt denn Ihr dafür gekonnt?“

„Ihr wendet Euch also nicht von mir ab?“

„Hört, Sir, beleidigt mich nicht! Ich bin ein Mensch, ein Christ, aber kein Barbar! Wer Strafe verdient, der mag sie tragen; ist sie vorüber, so steht er wieder da wie zuvor, wenigstens in meinen Augen. Ich bin überhaupt der Ansicht, daß wenigstens fünfzig Prozent der Bestraften nicht Verbrecher, sondern entweder kranke Menschen oder Opfer unglücklicher Verhältnisse sind.“

„Ja, Ihr denkt in jeder Beziehung human; das weiß ich ja. Und zu meiner Freude kann ich Euch sagen, daß meine Eltern und mein Oheim unschuldig gewesen sind; sie hatten nichts Böses gethan.“

„Desto größer ist das Unglück, welches sie betroffen hat. Wie Ihr habt denken können, daß ich, selbst wenn sie schuldig gewesen wären, Euch das hätte entgelten lassen, das kann ich nicht begreifen! Werdet Ihr auch jetzt noch so verschlossen sein?“

„Ich muß!“

Well! So sagt mir wenigstens, wann wir uns wieder treffen werden!“

„Von heut in vier Tagen.“

„Wo?“

„Im Pui-bakeh, welcher fast in der Mitte des Parks von San Louis liegt. Winnetou wird ihn kennen. Er hat die Form eines Herzens; daher der Name dieses Waldes. Ich bin sicher dort.“

„Wenn Euch nichts dreinkommt!“

„Was sollte dazwischen kommen?“

„Hört, Mr. Surehand, Ihr rechnet noch mit denselben Ziffern, mit denen Ihr gerechnet habt, als Ihr Euch von Jefferson-City aus auf den Weg machtet. Inzwischen aber ist manches geschehen, und die Verhältnisse haben sich geändert. Der General ist da, und es ist – –“

Pshaw!“ fiel er mir in die Rede. „Den fürchte ich nicht! Was geht der mich überhaupt an?“

„Vielleicht mehr, als Ihr denkt!“

„Gar nichts, ganz und gar nichts, Sir!“

„Nun, ich will mich da nicht mit Euch streiten! Ferner sind die Utahs da.“

„Mir gleich!“

„Und der Medizinmann der Komantschen ist auch da!“

„Der ist mir erst recht gleichgültig! Es ist überhaupt sehr zweifelhaft, daß er sich hier befindet. Habt Ihr ihn gesehen?“

„Nein.“

„Nach dem, was Eure Kameraden erzählten, hatte er sich doch den Tramps angeschlossen; er müßte also doch eigentlich mit hier auf der Halbinsel gewesen sein. Er hat sich also von ihnen getrennt.“

„Jedenfalls; und das war klug von ihm!“

„Wenn er wirklich klug war, so ist er zurückgeblieben.“

„Ich denke da anders. Wenn ein Mann mit seinem Weibe hier herauf nach der Wildnis reitet, müssen sehr dringende Gründe vorliegen, dies zu thun. Das werdet Ihr ebenso einsehen wie ich.“

„Allerdings.“

„Diese Gründe sind jedenfalls noch vorhanden; er ist also wohl nicht umgekehrt. Die Tramps haben nicht wissen sollen, was er hier oben will; darum hat er sich von ihnen getrennt. So wird es sein.“

„Warum aber ist er erst mit ihnen geritten?“

„Aus Rache und Feindschaft gegen uns, und um unter ihrem Schutze in das Gebirge zu kommen. Sobald er es aber erreicht hatte, hat er sich aus dem Staub gemacht. Er ist ganz gewißlich hier.“

„Mag er; mich kümmert er nicht! Also Ihr wißt nun, woran Ihr seid: Von heut an in vier Tagen warte ich am Pui-bahek auf Euch. Ihr könnt Euch bis dahin ja mit der Jagd auf die Utahs beschäftigen und sie für den hier begangenen Massenmord bestrafen! Hoffentlich folgt niemand von Euch meiner Fährte!“

„Da könnt Ihr ruhig sein.“

„Wollt Ihr mir das versprechen?“

„Ja; mein Wort darauf!“

„So sind wir fertig. Lebt wohl!“

„Noch nicht! Wollt Ihr Euch nicht Fleisch von uns mitnehmen?“

„Nein; ihr braucht es selbst, und es würde auffallen, wenn ich mich jetzt mit Proviant versorgte.“

„Wir thun es heimlich!“

„Danke! Ich finde unterwegs Wild genug. Also nochmals: Lebt wohl!“

„Lebt wohl, Mr. Surehand! Ich wünsche, daß wir uns glücklich wiedersehen!“

Wir trennten uns, und ich richtete es so ein, daß er unauffällig zu seinem Pferde kommen und sich entfernen konnte. Später erregte es dann allgemeine Verwunderung, als man ihn vermißte und von mir erfuhr, daß er sich, ohne Abschied zu nehmen, entfernt habe. Sie wollten alle wissen, aus welchem Grunde er heimlich fortgegangen sei, ich sagte aber nichts. Nur Winnetou sprach keine Frage aus, doch als ich später, als es dunkel geworden war, an seiner Seite saß, hielt er es für angemessen, die Bemerkung zu machen:

„Wir werden Old Surehand wieder befreien müssen!“

„Das denke ich auch,“ nickte ich.

„Oder seine Leiche sehen!“

„Auch das ist möglich.“

„Hat mein Bruder nicht versucht, ihn zurückzuhalten?“

„Es war ohne Erfolg.“

„Du hättest ihm sagen können, daß du mehr weißt, als er denkt.“

„Ich hätte es gethan, aber er wollte sein Geheimnis für sich behalten.“

„So ist es recht, daß du geschwiegen hast. Vertrauen soll man nicht erzwingen.“

„Er wird bald einsehen, daß es besser gewesen wäre, offen zu sein!“

„Ja. Wie wird er staunen, wenn er erfährt, daß der Scharfsinn meines Bruders Shatterhand in so kurzer Zeit weitergekommen ist als er in vielen Jahren! Ist es durch seine Entfernung nötig geworden, uns anders zu verhalten, als wenn er bei uns geblieben wäre?“

„Nein.“

„Wir werden also den Utahs folgen?“

„Ja.“

„Ihre Fährten werden morgen früh nicht mehr zu sehen und zu lesen sein.“

„Das stört uns nicht. Der General, welcher sie anführt, will hinauf nach der Kaskade; wir wissen also, wohin sie reiten.“

„Und sie wissen, daß wir ihnen folgen; sie werden uns also Fallen stellen, um sich dafür zu rächen, daß Old Surehand ihnen entkommen ist.“

„Darum nehme ich an, daß er ihnen wieder in die Hände fallen wird.“

„Wir werden uns beeilen. Er kann während der Nacht nicht sehr schnell reiten; wir aber können uns beeilen. Das hätte er bedenken sollen. Er wird, selbst wenn ihm nichts passiert, die Kaskade gar nicht viel eher erreichen als wir. Er hätte bleiben sollen!“

Als Old Wabble kalt geworden war und wir uns überzeugt hatten, daß er nicht etwa scheintot sei, legten wir ihn in das Grab und bedeckten auch ihn mit Reisern und mit Steinen. Es wurde ein Gebet und ein Vaterunser gesprochen und dann fertigten wir ein Holzkreuz, welches auf dem Grabe befestigt wurde. So liegt der alte König der Cowboys, der sein ganzes Leben in den Ebenen des Westens zugebracht hatte, auf der Höhe des Gebirges begraben, und zwar von denen begraben, welchen er in die Berge folgte, um ihnen die Rache und den Tod zu bringen, der ihn selbst ereilte.

Wir lagerten uns um sein vom Feuer beschienenes Grab und schliefen einen nicht so langen Schlaf wie er, nämlich nur bis zum nächsten Morgen; da brachen wir auf, sobald der Tag zu grauen begann.

Die Spuren der Utahs waren im weichen Waldboden noch zu sehen; sobald wir aber festeren Weg bekamen, verschwanden sie. Das konnte uns nicht stören. Wir suchten gar nicht nach ihnen, sondern verfolgten, ohne uns um etwas anderes zu kümmern, unsere Richtung, so schnell es uns das Terrain erlaubte.

Es ging vom See des grünen Wassers abwärts nach dem unten liegenden Park von San Louis. Gegen Mittag hatten wir ihn erreicht. Er lag in seiner ganzen Ausdehnung und Schönheit vor unsern Augen, viele, viele Meilen breit und von dementsprechender Länge. Für den Jäger konnte es keinen schönern Anblick geben, als diesen rund von himmelhohen Bergkolossen eingeschlossenen Park, in welchem Wälder und Prairien, Felsen und Gewässer in einer Weise miteinander abwechselten, als ob Jagdliebhaber ihn unter einem Aufwande von allerdings vielen, vielen Millionen haben künstlich anlegen lassen, und zwar zum Aufenthalte und gelegentlichen Abschusse aller jagdbaren Tiere des wilden Westens.

Hier hatten früher die Bisons zu Abertausenden gelebt; jetzt waren sie vertrieben. Die Kugeln der Goldsucher hatten sie verjagt. Noch vor kurzer Zeit war grad der Park von San Louis das Hauptziel dieser abenteuernden Menschen gewesen; jetzt hatten sie ihn verlassen, um sich nach den Bergen der Cores Range zu wenden, von welcher man erzählte, daß dort unerschöpfliche Goldlager entdeckt worden seien. Das erfuhren wir aber erst später; jetzt waren wir noch der Ansicht, welcher auch Toby Spencer gewesen war, daß man hier, und zwar an der Foam-Kaskade, bedeutende Funde gemacht habe. Ganz von Prospekters verlassen war der Park aber trotzdem nicht. Die Elite derselben, um mich so auszudrücken, war fort; die zur Hefe gehörigen aber hatten bleiben müssen, weil ihnen die Mittel zu einer so weiten Wanderung fehlten. Diese Menschen trieben sich nun im Park umher, um, wie die Lumpensammler der Städte, in den verlassenen Minen und Placers nachzustochern und dabei keine Gelegenheit zu versäumen, da zu ernten, wo von ihnen nicht gesäet worden war.

Old Surehand hatte uns nach dem Pui-bakeh, dem „Wald des Herzens“, bestellt. Winnetou wußte, wo dieser lag; es fiel uns aber gar nicht ein, ihn aufzusuchen. Unser Ziel war zunächst die Foam-Kaskade, wohin er jedenfalls auch geritten war.

Wir kamen während des ganzen Vormittages durch eine Gegend, welche ganz das Aussehen hatte, als ob sie aus dem schönen, deutschen Schwabenlande hierher versetzt worden sei. Zu Mittag ritten wir einem Wäldchen zu, in welchem wir den Pferden für eine Stunde Ruhe gönnen wollten. Es floß ein klarer Bach hindurch, welcher den zum Mittagsmahle nötigen Trunk zu liefern hatte.

Noch hatten wir das Wäldchen nicht ganz erreicht, so trafen wir auf eine Fährte, welche von seitwärts her nach demselben Ziele führte. Sie war höchstens eine Stunde alt und deutete auf vielleicht zwölf bis fünfzehn Pferde hin. Wir hielten natürlich an. Winnetou stieg ab und ging zunächst allein vorwärts, um zu erfahren, mit welcher Art Menschen wir da zusammentreffen würden. Er kam sehr bald zurück. Hervorragende Westmänner konnten nicht in dem Wäldchen sein, denn das Beschleichen solcher Leute hätte längere Zeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht hatte jenen vornehm schalkhaften Ausdruck, den man bei ihm selten sah und der immer ein spaßhaftes Vorkommnis verhieß.

„Gefährlich sind diese Leute wohl nicht?“ fragte Treskow, als er dieses Lächeln des Apatschen sah.

„Sogar sehr gefährlich!“ antwortete dieser, schnell ernst werdend.

„Indianer?“

„Nein.“

„Also Weiße. Wieviel?“

„Dreizehn.“

„Gut bewaffnet?“

„Ja, nur der Rote nicht.“

„Ah! Es ist ein Roter dabei?“

„Ein gefangener Roter. Drum hat Winnetou sie gefährlich genannt.“

„Das wird interessant! Wo lagern sie? Ist es weit von hier?“

„Am jenseitigen Rande des Wäldchens.“

„Was mögen sie wohl sein? Jäger?“

„Diese Bleichgesichter sind keine Jäger, keine Westmänner, sondern Goldsucher. Aber warum fragt Treskow nicht nach dem Wichtigsten?“

„Nach dem Wichtigsten? Was wäre das?“

„Der Indianer.“

„Ah, der! Richtig! Kann man sehen, welchem Stamme er angehört?“

„Er gehört keinem Stamme an.“

„So! Kennt ihn Winnetou vielleicht?“

„Ich kenne ihn.“

„Wer ist’s?“

„Meine Brüder kennen ihn auch, denn er ist ein guter Freund von uns.“

„Ein Indianer? Ein guter Freund von uns? Das errate ich nicht!“

„Treskow mag Old Shatterhand fragen, dem ich es ansehe, daß er es erraten hat!“

Ohne die Frage abzuwarten, antwortete ich:

„Ein Indianer, der keinem Stamme angehört, der hier im Park von San Louis ist, und dessen Freunde wir sind, das, Mr. Treskow, ist doch sehr leicht zu erraten. Das kann nur Kolma Puschi sein.“

„Alle Wetter! Unser geheimnisvoller Retter! Und den haben die Weißen gefangen genommen? Wir machen ihn natürlich los!“

„Aber nicht gleich,“ fiel Winnetou ein. „Wir thun, als ob wir ihn gar nicht kennen; der Schreck ist dann um so größer.“

Ich hatte allerdings erwartet, Kolma Puschi hier im Parke zu treffen, doch jetzt noch nicht und nicht als Gefangenen. Ich nahm mir vor, mir dies als Fingerzeig dienen zu lassen und das, was ich bisher erraten und berechnet hatte, nicht mehr allein für mich zu behalten. Wir ritten um das Wäldchen herum bis wieder an den Bach, wo die Weißen mit ihrem Gefangenen lagerten.

Als sie uns kommen sahen, sprangen sie alle auf und griffen zu ihren Gewehren. Es waren lauter heruntergelumpte Kerls, denen man alles mögliche, nur nichts Gutes zuzutrauen hatte.

Good day, Mesch’schurs!“ grüßte ich, indem wir anhielten. „Wie es scheint, lagert sich’s vortrefflich hier. Wir hatten auch die Absicht, uns da für ein Stündchen niederzulassen.“

„Wer seid ihr?“ fragte einer.

„Westmänner sind wir.“

„Doch auch Indianer! Das ist verdächtig. Wir haben so einen Kerl hier, der uns bestohlen hat. Er wird sehr wahrscheinlich ein Utah sein. Gehören eure Roten zu diesem Stamme?“

„Nein; sie sind ein Apatsche, ein Komantsche und ein Osage.“

Well; da hat es keine Gefahr. Diese Stämme wohnen sehr weit von hier, und so bin ich überzeugt, daß ihr euch um den roten Spitzbuben nicht kümmern werdet.“

Wir hatten uns einen Spaß machen wollen; als ich jetzt aber den Gefangenen genau betrachtete, ließ ich diesen Gedanken sogleich fallen. Ja, es war Kolma Puschi, und es wäre die größte Rücksichtslosigkeit von uns gewesen, wenn wir ihn nicht sofort befreit hätten, denn er war in einer Weise gefesselt, welche ihm große Schmerzen bereiten mußte. Ein Blick von mir hin zu Winnetou genügte, diesen von meiner Absicht zu verständigen. Wir stiegen alle von den Pferden und hobbelten sie an. Während wir dies thaten, hatten die Weißen ihre Gewehre weggelegt und sich wieder niedergesetzt. Ich trat nahe an sie heran, den Stutzen in der Hand, und sprach die Frage aus:

„Wißt Ihr genau, Gentlemen, daß Euch dieser Mann bestohlen hat?“

„Natürlich! Wir haben ihn dabei erwischt,“ antwortete der vorige Sprecher.

Well, so wollen wir uns Euch vorstellen. Ich heiße Old Shatterhand. Hier steht Winnetou, der Häuptling der Apatschen, und – –“

„Winnetou?!“ rief der Mann aus. „Alle Wetter! Da bekommen wir ja einen hochberühmten Besuch! Ihr seid uns willkommen, sehr willkommen! Setzt Euch nieder, Mesch’schurs! Setzt Euch nieder, und sagt, ist das der Henrystutzen, den Ihr da in den Händen habt, Mr. Shatterhand? Und auf dem Rücken der Bärentöter?“

„Ihr scheint von meinen Gewehren gehört zu haben. Ich will Euch sagen, Sir, daß ihr mir ganz gut gefallt; nur eins gefällt mir nicht!“

„Was?“

„Daß Ihr diesen Indianer gebunden habt.“

„Warum sollte das Euch nicht gefallen? Er geht Euch doch gar nichts an!“

„Er geht uns sogar sehr viel an, denn er ist ein guter Freund von uns. Macht keine Sperenzien, Sir! Ich will in aller Freundlichkeit mit Euch sprechen. Laßt Ihr mit Euch reden, so scheiden wir in Frieden; wenn nicht, so gehen unsere Gewehre augenblicklich los! Nehmt dem Gefangenen die Fesseln ab! Wer sein Gewehr hebt, wird augenblicklich erschossen!“

Als ich das sagte, richteten sich alle unsere Läufe auf die Prospekters. Das hatten sie nicht erwartet! Gut war es, daß sie uns kannten, wenigstens den Namen nach, denn das hatte zur Folge, daß sie gar nicht daran dachten, uns Widerstand zu leisten. Der Anführer fragte mich nur:

„Ist das Euer Ernst, Mr. Shatterhand?“

„Ja; ich scherze nicht.“

„Na, so haben wir gescherzt und wollen jetzt damit aufhören!“

Er ging zu Kolma Puschi und band ihn los. Dieser stand auf, reckte seine Glieder, nahm ein auf der Erde liegendes Gewehr zu sich, zog einem der Weißen ein Messer aus dem Gürtel, kam zu uns her und sagte: „Ich danke meinem Bruder Shatterhand! Das ist meine Flinte und das mein Messer; weiter haben sie mir bisher nichts abgenommen. Bestohlen worden sind sie von mir natürlich nicht!“

„Ich bin überzeugt davon! Was meint mein Bruder Kolma Puschi, was mit ihnen geschehen soll? Wir werden seinen Wunsch erfüllen.“

„Laßt sie laufen!“

„Wirklich?“

„Ja. Ich befinde mich nur seit einer Stunde in ihren Händen; sie sind es gar nicht wert, daß man ihnen wegen einer Strafe Beachtung schenkt. Ich will nicht, daß meine Brüder sich mit ihnen beschäftigen!&

„Ganz kann ich diesen Wunsch nicht erfüllen; einige Worte muß ich ihnen sagen, ehe wir weiter reiten, denn bei ihnen bleiben, werden wir ja nicht. Ich will von ihnen erfahren, aus welchem Grunde sie einen Indianer, der ihnen auf keinen Fall etwas gethan haben kann, gefangen genommen und gefesselt haben.“

„Das kann ich meinem Bruder Shatterhand auch sagen!“

„Nein! Ich will es von ihnen selbst wissen!“

Da fuhr sich der, welcher gesprochen hatte, mit der Hand in die Haare, kratzte sich vor Verlegenheit und sagte dann:

„Hoffentlich haltet Ihr uns nicht für feige Memmen, weil wir uns nicht wehren, Sir! Es ist nicht Feigheit, sondern die Achtung vor solchen Männern, wie Ihr seid. Ich will Euch alles ehrlich sagen: Wir sind als Prospekters hier und haben ganz armselige Geschäfte gemacht. Dieser Indianer hält sich ständig hier im Parke auf, und man weiß von ihm, daß er gute Placers kennt, die er aber niemandem verrät. Wir haben ihn festgenommen, um ihn zu zwingen, uns eine gute Stelle zu sagen; dann wollten wir ihn wieder freilassen. So ist die Sache, und ich denke, daß Ihr sie uns nicht anrechnen werdet. Wir konnten unmöglich wissen, daß er ein Freund von Euch ist!“

„Schon gut! Ist es so, wie er gesagt hat?“ antwortete ich ihm, mich mit der Frage dann an Kolma Puschi wendend.

„Es ist so,“ sagte dieser. „Ich bitte, ihnen nichts zu thun!“

Well! Wir wollen also nachsichtig sein; aber ich hoffe, daß wir auch ferner keinen Grund bekommen, uns anders zu verhalten als heut. Wer ein Placer finden will, der mag sich eins suchen. Das ist der beste Rat, den ich Euch geben kann, Gentlemen! Ich bitte Euch, nicht eher als nach zwei Stunden von hier aufzubrechen, sonst gehen unsere Gewehre doch noch los!“

Während dieser meiner Worte hatte Kolma Puschi sein Pferd bestiegen, welches sich natürlich bei denen der Prospekters befand, und wir ritten fort, ohne diesen Leuten noch einen Blick zuzuwerfen. Sie waren Menschen niedersten Ranges.

Um so weit wie möglich von ihnen fortzukommen, ritten wir Galopp, so lange es ging, und hielten dann an einem Orte an, der ebenso wie jenes Wäldchen zum Ausruhen paßte.

Ich war auf Kolma Puschis Pferd neugierig gewesen, denn wir hatten es unten am Rush-Creek nur für kurze Zeit zu sehen bekommen. Es war ein Mustang von vorzüglichem Baue, schnell und auch ausdauernd, wie wir in dieser kurzen Zeit schon merken konnten.

Während wir aßen, schwieg die Unterhaltung. Die Anwesenheit des geheimnisvollen Roten bewirkte das. Als ich mein Stück Fleisch verzehrt hatte und das Messer wieder in den Gürtel steckte, war auch er fertig. Er stand auf, ging zu seinem Pferde, schwang sich in den Sattel und sagte:

„Meine Brüder haben mir einen großen Dienst erwiesen; ich danke ihnen! Ich werde mich freuen, sie einmal wiederzusehen.“

„Will mein Bruder Kolma Puschi schon fort?“ fragte ich.

„Ja,“ antwortete er.

„Warum will er sich so schnell von uns trennen?“

„Er ist wie der Wind: Er muß dahin gehen, wohin er soll!“

„Ja, er ist wie der Wind, den man wohl kommen fühlt; wenn er aber fort ist, weiß man nicht, wohin er ging. Mein Bruder mag wieder absteigen und noch eine Weile bei uns bleiben, denn ich habe notwendig mit ihm zu sprechen!“

„Mein Bruder Shatterhand mag verzeihen! Ich muß fort!“

„Warum scheut sich Kolma Puschi so vor uns?“

„Kolma Puschi scheut sich vor keinem Menschen; aber das, was seine Aufgabe ist, gebietet ihm, allein zu sein.“

Es war eine Lust für mich, Winnetou in das Gesicht zu sehen. Er ahnte, was ich vorhatte, und freute sich innerlich auf die Wirkungen, welche mein Verhalten hervorbringen mußte.

„Mein roter Bruder braucht sich nicht lange mehr mit dieser Aufgabe abzugeben,“ erwiderte ich; „sie ist bald gelöst.“

„Old Shatterhand spricht Worte, welche ich nicht verstehe. Ich werde mich entfernen und sage meinen Brüdern Lebewohl!“

Schon hob er die Hand, um sein Pferd anzutreiben; da sagte ich:

„Kolma Puschi wird nicht fortreiten, sondern hier bleiben!“

„Ich muß fort!“ entgegnete er mit aller Bestimmtheit.

Well, so sage ich nur noch das Wort: Wenn mein B r u d e r Kolma Puschi fort muß, so bitte ich meine S c h w e s t e r Kolma Puschi, daß sie noch hier bei uns bleiben möge!“

Ich hatte die beiden Worte Bruder und Schwester scharf betont. Meine Gefährten sahen mich verwundert an; Kolma Puschi aber war mit einem schnellen Sprunge von ihrem Pferde herab, kam zu mir geeilt und rief, fast außer sich:

„Was sagt Old Shatterhand? Welche Worte habe ich von ihm gehört?“

„Ich habe gesagt, daß Kolma Puschi nicht mein Bruder, sondern meine Schwester ist,“ antwortete ich.

„Hältst du mich etwa für ein Weib?“

„Ja.“

„Du irrst, du irrst!“

„Ich irre nicht. Old Shatterhand weiß stets, was er sagt!“

Da rief sie, mir beide Hände abwehrend entgegenstreckend: „Nein, nein! Diesmal weiß Old Shatterhand doch nicht, was er sagt!“

„Ich weiß es, ich weiß!“

„Nein, nein! Wie könnte ein Weib ein solcher Krieger sein, wie Kolma Puschi ist!“

„Tehua, die schöne Schwester Ikwehtsi’pas, konnte schon in ihrer Jugend gut reiten und gut schießen!“

Da fuhr sie, laut aufschreiend, einige Schritte zurück und starrte mich aus weit aufgerissenen Augen an. Ich fuhr fort:

„Kolma Puschi wird nun wohl noch hier bei uns bleiben?“

„Was – – was – – was weißt du – – du von Tehua, und was – – was – – was kannst du von Ikwehtsi’pa wissen?!“

„Ich weiß viel, sehr viel von beiden. Ist meine Schwester Kolma Puschi stark genug in ihrem Herzen, es zu hören?“

„Sprich, sprich, oh sprich!“ antwortete sie, indem sie die Hände bittend faltete und ganz nahe zu mir herantrat.

„Ich weiß, daß Ikwehtsi’pa auch Wawa Derrick genannt wurde.“

„Uff, uff!“ rief sie aus.

„Hat meine Schwester einmal die Namen Tibo taka und Tibo wete gehört? Ist ihr die Erzählung vom Myrtle-wreath bekannt?“

„Uff, uff, uff! Sprich weiter, weiter! Sprich ja weiter!“

„Bist du wirklich stark genug, alles zu hören, alles?“

„Ich bin stark. Nur weiter, weiter, weiter!“

„Ich habe dich zu grüßen von den beiden kleinen Babies, welche vor Jahren hießen Leo Bender und Fred Bender.“

Da fielen ihr die Arme nieder; es wollte ein Schrei aus ihrer Brust; sie brachte ihn aber nicht heraus. Sie sank langsam, langsam nieder, legte die Hände in das Gras, grub das Gesicht hinein und begann zu weinen, laut, fast überlaut und so herzbrechend, daß es mir nun doch angst um sie wurde.

Man kann sich denken, mit welchem Erstaunen meine Gefährten uns zugehört hatten, und mit welchem Ausdrucke ihre Augen jetzt an der Weinenden hingen, der ich vielleicht doch zuviel Stärke und Selbstbeherrschung zugetraut hatte. Da stand Apanatschka auf, trat an mich heran und sagte:

„Mein Bruder Shatterhand hat von Tibo taka, Tibo wete und von Wawa Derrick gesprochen. Das sind Worte und Namen, welche ich kenne. Warum weint Kolma Puschi darüber?“

„Sie weint vor Freude, nicht vor Schmerz.“

„Ist Kolma Puschi nicht ein Mann, ein Krieger?“

„Sie ist ein Weib.“

„Uff, uff!“

„Ja, sie ist ein Weib. Mein Bruder Apanatschka mag seine Kraft zusammennehmen und jetzt sehr stark sein. Tibo taka war nicht sein Vater und Tibo, wete nicht seine Mutter. Mein Bruder hatte einen andern Vater und eine andere Mutter – – –“

Ich konnte nicht weiter sprechen, denn Kolma Puschi sprang jetzt auf, faßte mich bei der Hand und Schrie, auf Apanatschka zeigend:

„Ist das Leo – – – – ist das etwa Leo Bender – – – –?!“

„Nicht Leo, sondern Fred Bender, der jüngere Bruder,“ antwortete ich. „Kolma Puschi kann es glauben; ich weiß es ganz genau.“

Da wendete sie sich zu ihm, brach vor ihm nieder, schlang beide Arme um seine Knie und schluchzte:

„Mein Sohn, mein Sohn! Es ist Fred, mein Sohn, mein Sohn!“

Da rief, nein, schrie mich Apanatschka an.

„Ist sie – – sie – – sie meine Mutter, wirklich meine Mutter?“

„Ja, sie ist’s,“ antwortete ich.

Da faßte er sie an, hob sie empor, sah ihr in das Gesicht und rief:

„Kolma Puschi ist kein Mann, sondern ein Weib! Kolma Puschi ist meine Mutter, meine Mutter! Darum also, darum hatte ich dich gleich so lieb, so sehr lieb, als ich dich erblickte!“

Nun aber war es auch mit seinen Kräften aus; er sank mit ihr in die Knie nieder, hielt sie fest umschlungen und drückte seinen Kopf an ihre Wange. Winnetou stand auf und ging fort; ich winkte den andern; sie folgten mir. Wir entfernten uns, um die beiden allein zu lassen; sie durften nicht gestört werden. Aber es dauerte nicht lange, so kam Apanatschka zu mir und sagte in eiliger, eindringlich bittender Weise:

„Mein Bruder Shatterhand mag zu uns kommen! Wir wissen ja nichts, noch gar nichts und haben so viel, so viel zu fragen!“

Er führte mich zu Kolma Puschi zurück, welche an der Erde saß und mir erwartungsvoll entgegenblickte. Apanatschka setzte sich neben sie, schlang den Arm um sie und forderte mich auf:

„Mein Bruder mag sich zu uns setzen und uns sagen, auf welche Weise er so genau erfahren hat, daß Kolma Puschi meine Mutter ist! Ich habe Tibo wete stets dafür gehalten.“

„Tibo wete ist deine Tante, die Schwester deiner Mutter; sie wurde in ihrer Jugend Tokbela genannt.“

„Das ist richtig; oh Gott, das ist so richtig!“ rief die Mutter. „Mr. Shatterhand, denkt nach, denkt ja nach, ob auch alles richtig ist, was wir von Euch erfahren! Ich könnte wahnsinnig werden, wie meine Schwester es ist, wenn Ihr Euch irrtet, wenn ich jetzt glaubte, meinen Sohn gefunden zu haben, und er es doch nicht wäre! Denkt nach; ich bitte Euch, denkt nach!“

Ihre Sprache und Ausdrucksweise war jetzt diejenige einer weißen Lady; darum verzichtete ich auf die indianische Art, sie Kolma Puschi oder „meine Schwester“ zu nennen, und antwortete:

„Bitte, mir zu sagen, ob Ihr Mrs. Bender seid? Bitte?“

„Ich bin Tehua Bender,“ antwortete sie.

„So irre ich mich nicht; Apanatschka ist Euer jüngster Sohn.“

„Also wirklich, wirklich, Mr. Shatterhand?“

„Er ist es. Ihr könnt Euch darauf verlassen.“

„Beweise, bitte Beweise!“

„Ihr fordert Beweise? Spricht nicht Euer Herz für ihn?“

„Es spricht für ihn; ja, es spricht für ihn! Es sprach sofort für ihn, als ich ihn zum erstenmal sah, als er durch den Eingang des Camp geritten kam. Mein Herz beteuert mir, daß er mein Sohn ist, und doch zittert es vor Angst, daß er es doch vielleicht nicht sei. Es fordert Beweise nicht aus Zweifel, sondern um beruhigt sein und das Glück, welches es hier gefunden hat, ohne Sorge für die Zukunft genießen zu können.“

„Ja, was versteht Ihr da unter Beweisen, Mrs. Bender? Soll ich Euch einen Geburtsschein bringen? Das kann ich nicht!“

„Das meine ich auch nicht; aber es muß doch andere Beweise geben!“

„Es giebt welche; nur sind sie mir in diesem Augenblicke nicht zur Hand. Würdet Ihr Eure Schwester wieder erkennen?“

„Gewiß, ganz gewiß!“

„Und Euern Schwager?“

„Ich habe keinen Schwager.“

„War Tokbela nicht verheiratet?“

„Nein. Die Trauung wurde unterbrochen.“

„Durch Euern Bruder, den Padre Diterico?“

„Ja.“

„Wie hieß der Bräutigam?“

„Thibaut.“

„Euer Bruder schoß auf ihn?“

„Ja; er verwundete ihn den Arm.“

„So ist kein Irrtum möglich. Was war dieser Thibaut?“

„Ein Taschenspieler.“

„Wußte Tokbela das?“

„Nein.“

„Ihr verlangt Beweise von mir; die kann ich Euch aber nur dann geben, wenn ich die damaligen Verhältnisse und Ereignisse kenne. Ich muß Euch nämlich aufrichtig sagen, daß mein ganzes Wissen bis jetzt nur auf Kombination beruht. Doch darf Euch das nicht ängstlich machen. Apanatschka ist Euer Sohn Fred, und ich denke, daß Ihr sehr bald auch seinen Bruder Leo sehen werdet.“

„Leo? Mein Himmel! Lebt er noch? Auch er lebt noch?“

„Ja.“

„Wo?“

„Er ist jetzt hier im Park. Er hat während langer Jahre nach Euch geforscht, doch ist all sein Suchen bisher vergeblich gewesen.“

„So habt Ihr das, was Ihr wißt, wohl von ihm erfahren, Sir?“

„Leider nein. Ich weiß kein Wort von ihm, nichts, gar nichts, als daß sein Vater im Zuchthause gestorben ist und seine Mutter und sein Oheim auch an diesem traurigen Orte gewesen sind.“

„Das weiß er? Das hat er Euch gesagt? Woher weiß er es? Von wem hat er es erfahren? Er war damals nur einige Jahre alt!“

„Das hat er mir nicht mitgeteilt. Aber sagt, ist mit dem Oheim, welcher auch im Gefängnis war, Euer Bruder Ikwehtsi’pa gemeint?“

„Ja.“

„Schrecklich! Er, der Prediger, soll Falschmünzer gewesen sein?!“

„Leider! Man hatte Beweise, die er nicht entkräften konnte.“

„Aber wie war es möglich, daß man drei Personen unschuldig verurteilen konnte? Bei einem einzelnen Angeklagten ist das eher möglich.“

„Mein Schwager hatte alles so raffiniert überlegt und eingerichtet, daß eine Verteidigung für uns ganz unmöglich war.“

„Das war ein Bruder Eures Mannes?“

„Kein leiblicher, sondern ein Stiefbruder.“

„Hm! Also nicht bloß Halbbruder?“

„Nein. Er stammte von dem ersten Manne meiner Schwiegermutter.“

„Wie hieß er?“

„Eigentlich Etters, Daniel Etters, doch wurde er später nach seinem Stiefvater auch Bender genannt, und zwar John Bender, weil der verstorbene Erstgeborene John geheißen hatte.“

„Von diesen beiden Namen war Euch John Bender geläufiger als Dan oder Daniel Etters?“

„Ja. Der letztere Name wurde gar nie in Anwendung gebracht.“

„Ah! Darum steht j B. und nicht das eigentlich richtige D E. auf dem Kreuze!“

„Welches Kreuz meint Ihr?“

„Das am Grabe Euers Bruders.“

„Was? So seid Ihr schon einmal oben bei dem Grabe gewesen?“

„Nein.“

„Wie könnt Ihr da von dem Kreuze wissen?“

„Ein Bekannter hat mir davon erzählt. Er hat es gesehen und gelesen.“

„Wer war das?“

„Sein Name ist Harbour.“

„Harbour? Ja, den haben wir gekannt! Also der ist oben gewesen?“

„Das fragt Ihr mich, Mrs. Bender? Ihr habt ihn ja gesehen!“

„Ich? Wer behauptet das?“

„Ich behaupte es. Ihr seid es doch gewesen, die ihn durch das halbe gebratene Bighorn vom Tode des Verhungerns errettet habt!“

„Vermutung, Sir!“ lächelte sie.

„Ja, aber eine Vermutung, welche das Richtige trifft! Warum habt Ihr Euch fern gehalten, Euch nicht von ihm sehen lassen?“

„Er hätte mich erkannt. Also er hat Euch von diesem Grabe erzählt?“

„Ja. Und dieser seiner Erzählung habe ich es zu verdanken, daß ich die Thatsachen so nach und nach erraten konnte.“

„Hat Winnetou mit raten helfen?“

„In seiner stillen, wortlosen Weise, ja. Er hat als kleiner Knabe Euren Bruder gesehen, der dann plötzlich verschwunden war.“

„Mit mir und Tokbela, ja.“

„Darf ich den Grund dieses plötzlichen Verschwindens erfahren?“

„Ja. Mein Bruder Derrick – sein indianischer Name war Ikwehtsi’pa; als Christ wurde er Diterico oder englisch Derrick genannt – war ein berühmter Prediger, hatte aber nicht studiert. Er wollte das nachträglich thun und ging deshalb nach dem Osten. Vorher hatte ich Bender gesehen und er mich; wir liebten uns; aber ehe ich seine Frau werden konnte, hatte ich mir die Kenntnisse und Umgangsformen der Bleichgesichter anzueignen. Mein Bruder war stolz; er wollte nicht wissen lassen, daß er noch zu lernen habe. Ich wurde von mehreren roten Kriegern zur Squaw begehrt; diese wären mir gefolgt und hätten Bender getötet. Das sind die zwei Gründe, daß wir von daheim fortgingen, ohne zu sagen, warum. Mein Bruder besuchte ein Kolleg, und ich kam mit Tokbela in eine Pension. Bender besuchte uns da. Er brachte seinen Bruder mit. Dieser sah mich und gab sich von da an alle Mühe, mich Bender abtrünnig zu machen. Es gelang ihm nicht, und seine Liebe zu mir verwandelte sich in Haß gegen mich. Bender war reich, Etters arm; der Arme hatte eine Anstellung im Geschäft des Reichen; er kannte alle Räume dieses Geschäftes und alle Möbel, welche in diesen Räumen standen. Als wir verheiratet waren, wohnte Tokbela bei uns. Etters brachte einen jungen Mann zu uns, welcher Thibaut hieß. Nach einiger Zeit bemerkten wir, daß Thibaut und Tokbela sich liebten. Bender erfuhr Schlimmes über Thibaut und verbot ihm, wiederzukommen. Etters nahm das übel und brachte seinen Freund doch immer wieder mit; er mußte deshalb aus dem Geschäft treten und durfte uns nun auch nicht mehr besuchen. Beide beschlossen, sich zu rächen.“

„Ich ahne! Thibaut war ja Falschmünzer!“

„Ihr vermutet das Richtige, Mr. Shatterhand. Eines Tages kam die Polizei zu uns; sie fand im Kassenschranke anstatt des guten Geldes fast lauter falsches Geld. Im Rocke meines Bruders war auch falsches Geld eingenäht, und in meinem Zimmer entdeckte man die Platten. Wir wurden alle drei verhaftet. Es wurden uns Schriften vorgelegt; sie waren gefälscht, aber ganz genau nach der Hand meines Mannes und meines Bruders; diese Schriftstücke bewiesen ihre und auch meine Schuld. Wir wurden verurteilt und eingeliefert.“

„Und Benders Geschäft?“

„Dieses wurde von Etters fortgeführt; Bender konnte das nicht hindern. Tokbela, meine Schwester, kam mit meinen beiden Knaben in dieselbe Pension, in welcher ich als Mädchen gewesen war.“

„Schrecklich! Ihr, die an die Freiheit gewöhnte Indianerin im Gefängnisse!“

„Uff! Man schnitt mir das Haar ab; ich mußte das Kleid der Verbrecher anziehen und wurde in eine kleine, enge Zelle gesteckt. Ich war unglücklich, sehr unglücklich, und weinte Tag und Nacht!“

„Thibaut machte sich indessen wieder an Eure Schwester Tokbela?“

„So ist es. Sie versprach ihm, sein Weib zu werden, wenn er uns befreie. Er bestach einen Schließer des Gefängnisses, welcher mit meinem Bruder floh.“

„Warum nicht mit Bender oder Euch?“

„Des Goldes wegen. Mein Bruder kannte einige Placers; er hatte von dort Gold geholt und es an unserm Hochzeitstage Bender geschenkt. Das wußte Etters. Darum befreiten sie nur meinen Bruder, um Gold von ihm oder durch ihn zu bekommen. Als er mit dem Schließer floh, nahm er Tokbela und meine Knaben mit. Er brachte sie nach Denver, wo er sie unter dem Schutze des Gefängnisbeamten ließ, während er in die Berge ging, um wieder Gold zu holen. Er brauchte dieses, um den Beamten zu belohnen und dann Bender und mich auch zu befreien. Der Beamte gründete mit dem Golde, welches er bekam, ein Wechselgeschäft; Tokbela und die Knaben wohnten bei ihm; er hatte die Kinder liebgewonnen. Mein Bruder aber verließ Denver, um nun auch Bender und mich zu befreien. Es gelang ihm dies nur halb; ich wurde frei, aber Bender war aus Gram um sein verlorenes Glück und seine geraubte Ehre krank geworden und im Gefängnisse gestorben. Derrick brachte mich nach Denver. Dort waren inzwischen Etters, welcher Bankerott gemacht hatte, und Thibaut eingetroffen. Sie hatten Tokbela durch Lügen dahin gebracht, Thibauts Frau zu werden. Wir kamen am Hochzeitstage an und fanden Bräutigam und Braut bereit, sich die Hände zu reichen. Derrick riß der Braut den Kranz vom Kopfe und – –“

„Bitte, Mrs. Bender; ich muß Euch unterbrechen. Tokbela sagt im Gegenteile, er habe ihr ihn auf den Kopf gesetzt.“

„Das spricht sie im Irrtum des Wahnsinnes.“

„Ah! Ihr wußtet, daß sie wahnsinnig ist?“

„Ja. Etters und Thibaut fielen über Derrick her, und es entspann sich ein Kampf, in welchem Derrick Thibaut in den Arm schoß.“

„Das war doch nicht in der Kirche?“

„Nein, sondern in der Wohnung Tokbelas, bei dem früheren Gefängnisbeamten, dem jetzigen Bankier.“

„Bitte, es kommt mir da ein Gedanke. Hieß dieser Bankier vielleicht Wallace?“

„Nein. Wie kommt Ihr auf diesen Namen, Sir?“

„Davon später. Erzählt weiter.“

„Tokbela hatte sich über unsere Gefangenschaft gegrämt; sie war krank und schwach dadurch geworden. Der Schreck über die unterbrochene Trauung und den Kampf dabei warf sie nieder. Sie sprach irr im Fieber, und aus dem Fieber ging ihr Geist in den Wahnsinn über. Sie tobte; sie war nur dann ruhig, wenn sich Fred, mein kleinster Knabe, bei ihr befand, den sie sehr liebte. Mein Bruder that sie zu einem Irrenarzte, und den Knaben mit, ohne den sie nicht gegangen wäre. Derrick, ich und Leo wohnten beim Bankier. Etters und Thibaut waren verschwunden; so dachten wir. Das Gold war alle geworden, und Derrick mußte wieder in die Berge. Ich bat ihn, mich mitzunehmen, und er that es, denn ich war im Reiten und Schießen so gewandt gewesen wie ein roter Krieger. Wir kamen bis zum Devilshead, wo wir überfallen wurden. Etters und Thibaut waren nicht verschwunden gewesen; sie hatten sich versteckt gehalten, um uns zu beobachten, und waren uns gefolgt. Etters, den wir noch stets John Bender nannten, schoß Derrick nieder, und ich wurde im Schreck darüber entwaffnet und gebunden. Die Mörder hatten wohl geglaubt, daß wir schon am Placer gewesen seien und Gold bei uns hätten. Da sie keines fanden, waren sie so ergrimmt, daß sie beschlossen, mich nicht schnell zu töten, sondern langsam verschmachten zu lassen. Sie scharrten meinen Bruder hart am Felsen in die Erde und legten mich auf sein Grab. Dort banden sie mich so fest, daß ich nicht fortkonnte. Ich lag dort drei Tage und vier Nächte und war dem Sterben nahe, als Indianer kamen und mich befreiten.“

„Von welchem Stamme?

Es waren Capote-Utahs.

Ah! Seltsam! Weiter!“

„Diese Utahs gaben mir zu essen und zu trinken und nahmen mich dann mit. Ein junger Krieger unter ihnen, Tusahga Saritsch genannt, wollte mich zu seiner Squaw machen und ließ mich darum nicht fort von sich. In den Weidegründen der Utahs angekommen, weigerte ich mich, seine Squaw zu werden. Er wollte mich zwingen; ich war inzwischen wieder stark geworden, kämpfte mit ihm und besiegte ihn. Er verzichtete nun gern auf mich, und auch kein anderer begehrte mich, denn eine Squaw, welche Krieger besiegt, mochte keiner haben.“

„Wie steht es jetzt zwischen Euch und den Capote-Utahs?“

„Sie sind meine Freunde. Tusahga Saritsch liebt mich noch heut, wenn er auch damals auf mich als Squaw verzichtete. Ich kann von ihm verlangen, was ich will. Die Freiheit gaben sie mir damals freilich nicht gleich wieder. Erst nach zwei Jahren erhielt ich sie zurück, nachdem ich auf die Medizin geschworen hatte, mich stets als einen Krieger der Capote-Utahs zu betrachten. Ich eilte natürlich sofort nach Denver. Meine Kinder waren verschwunden. Etters und Thibaut waren zu dem Irrenarzte gekommen und hatten ihm unter Drohungen Tokbela abverlangt. Sie war mit ihnen gegangen, hatte aber getobt, als sie von Fred getrennt werden sollte; sie waren also gezwungen gewesen, den Knaben mitzunehmen. Auch der Bankier war verschwunden, und zwar mit Leo, meinem Sohne. Ich forschte nach und erfuhr bei dem Scherif, daß einige Tage nach seinem Verschwinden Polizisten gekommen seien, um ihn wegen Befreiung eines Gefangenen zu verhaften.“

„So steht zu vermuten, daß er von Etters oder Thibaut anonym denunziert worden, aber noch rechtzeitig von irgend jemand gewarnt worden ist. Er hat die Flucht ergriffen und jede Spur sorgfältig verwischt.“

„Das hat er gethan, denn ich habe viele Jahre lang ebenso vergeblich nach ihm wie nach Tokbela gesucht.“

„So kann ich Euch zu Eurer Beruhigung sagen, daß er einen andern Namen angenommen und den Knaben sorgfältig erzogen hat. Er oder nun sein Sohn, wohnt jetzt in Jefferson-City.“

„Wirklich? Das wißt Ihr, Sir?“

„Ja; ich bin bei ihm gewesen. Doch, erzählt jetzt weiter!“

„Ich bin schnell fertig. Ich suchte nach meinen Kindern, doch vergeblich. Ich ritt über alle Savannen, durch alle Thäler; ich forschte in den Städten -und bei den Roten; ich fand sie nicht. Als Frau hätte ich das nicht thun können; ich legte Männerkleidung an und bin darum bis jetzt ein Mann geblieben. Als alles, alles vergebens war, kehrte ich, fast verzweifelt, zum Devils-head zurück. Die Hand Gottes treibt den Mörder zur Stätte seiner That zurück; das wußte ich, und darum ist der Himmel dieses Parks mein Zelt geworden. Der Mörder ist noch nicht gekommen, aber er wird kommen, er wird! Ich bin überzeugt davon. Dann wehe ihm! Gestorben kann er noch nicht sein, denn Gott ist gerecht; er wird ihn mir zuführen, damit ich mit ihm abrechnen und ihn bestrafen kann!“

„Würdet Ihr ihn erkennen, wenn er käme?“

„Ja.“

„Es sind aber so viele Jahre seit jener Zeit vergangen, Mrs. Bender!“

„Ich kenne ihn; ich kenne ihn! Und wenn er sich noch so sehr verändert hätte, an seinen Zähnen würde ich ihn erkennen!“

„An seinen beiden Zahnlücken in der obern Zahnreihe?“

„Uff! Das wißt Ihr? Ihr kennt ihn also auch?“

„Ich kenne ihn nicht. Oder, wenn ich richtig vermute, so kenne ich ihn doch! Euer Sohn Leo hat mir das von den Zahnlücken gesagt.“

„Leo? Er lebt? Ihr habt wirklich, wirklich mit ihm gesprochen?“

„Ja.“

„So sagt schnell, schnell, wo befindet er sich?“

„Hier im Park von San Louis. Ihr werdet ihn sehen, wenn heut nicht schon, so doch morgen oder übermorgen. Und wenn mich nicht alles trügt, so bringt Gott grad jetzt den Mörder Euch getrieben. Er ist nach dem Schauplatz seiner That unterwegs. Thibaut kommt mit Tokbela, und Etters ist ihnen schon voran. Übrigens kann ich Euch sagen, welchen Weg diese beiden Kerls damals mit Tokbela und Leo von Denver aus eingeschlagen haben.“

„Das habt Ihr erfahren? Von wem?“

„Von Winnetou und Schahko Matto.“

„Sagt es, Mr. Shatterhand; sagt es mir!“

„Sie sind zu den Osagen gekommen und haben sie nicht nur um den ganzen Jahresbetrag ihrer Jagd betrogen, sondern auch einige ihrer Krieger ermordet. Dann haben sie sich getrennt, und Thibaut ist mit Eurer Schwester und dem Knaben zu den Komantschen vom Stamme der Naiini. Dort hat er sich verbergen müssen, weil seine Verbrechen an den Tag gekommen waren. Er ist unterwegs von Winnetous Vater am Rande des Llano estacado gefunden und vom Tode des Verschmachtens errettet worden.“

„Das muß ich ausführlicher hören! Die beiden müssen es mir erzählen!“

Sie sprang auf und wollte fort.

„Wartet, Mrs. Bender!“ bat ich. „Sie können es Euch unterwegs erzählen. Wir wollen keine Zeit verlieren; wir müssen vorwärts, hinauf nach dem Devils-head. Oder seid Ihr auch jetzt noch gewillt, Euch von uns zu trennen und Euern Weg allein fortzusetzen?“

„Nein, nein! Ich bleibe bei Euch. Das versteht sich ganz von selbst!“

„So will ich die Gefährten rufen. Wir brechen von hier auf.“

Wir waren in kurzer Zeit wieder unterwegs. Kolma Puschi kannte den Weg besser noch als Winnetou. Sie ritt mit diesem und Apanatschka und dem Osagen voran. Diese vier pflogen eine Unterhaltung, bei welcher ich nicht nötig war; ich ritt hinter ihnen her. Nach mir folgten die beiden Toasts mit Treskow. Hammerdull war vor Verwunderung ganz begeistert darüber, daß der geheimnisvolle Indianer sich als eine Squaw entpuppt hatte. Ich hörte ihn hinter mir sagen:

„Hat man jemals erlebt, daß ein Mann eigentlich eine Frau ist? Aus diesem Kolma Puschi, dessen Mut und List wir so bewundert haben, ist eine Squaw herausgekrochene die man noch mehr bewundern muß als vorher, da sie noch ein männlicher Indianer war! Was meinst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Nichts!“ antwortete der Lange.

„Das ist eigentlich das Richtige. Nichts, gar nichts! Wer soll da wissen, was er dazu zu sagen hat? Von jetzt an halte ich alles für möglich. Jetzt werde ich gar nicht erschrecken, wenn umgekehrt mein alter Pitt Holbers sich in eine Squaw verwandelt!“

„Wird mir gar nicht einfallen, alter Dick!“

„Ob es dir einfällt oder nicht, das bleibt sich gleich, das ist ganz und gar egal. Was willst du dagegen machen, wenn du plötzlich zu der Erkenntnis kommst, daß du ein heimliches, verkleidetes Frauenzimmer bist?“

„Was ich da machen würde, das weiß ich ganz genau!“

„Was denn?“

„Ich würde dich augenblicklich heiraten!“

„Hallo! Ohne mich erst zu fragen?“

„Ja, ohne dich zu fragen!“

„So ließe ich mich nach der Trauung augenblicklich wieder von dir scheiden!“

„Und ich gäbe dich nicht wieder her!“

„Das würden wir wohl sehen! Denkst du etwa, ich würde die Scheidung beantragen, ohne die richtigen Scheidegründe zu haben?“

„Die giebt es nicht!“

„Mehr als genug!“

„Sag nur einen einzigen!“

„Da ist er gleich: mangelhafte Ernährung; das ist doch einer!“

„Siehst du etwa schlecht genährt aus?“

„Ich nicht, aber du! Ich gebe an, daß ich meine Frau nicht ernähren kann, und wenn man mir das nicht glaubt, so stelle ich dich zur Betrachtung hin. Wer dann dich ansieht und immer noch glaubt, daß ich für dich genug zu essen habe, der kann sich einrahmen und als Traumbild an die Wand hängen lassen!“

„Was mir an der Fülle fehlt, das gebe ich in der Länge zu!“

„Was nützt mir eine Frau, die so lang ist, daß ich ihr nicht zuweilen den Kopf waschen kann? Du weißt wohl, was ich damit meine?“

Yes!“

„Diese Prozedur ist nämlich zuweilen sehr notwendig bei dir, altes Coon. Du bist zu Zeiten ein solcher Querkopf, daß man gar nicht mehr weiß, wohin man ihn dir zu richten hat.“

„So laß ihn, wie und wo er ist! Der deinige steht auch nicht immer da, wo er zu stehen hat; das kann ich dir sehr leicht beweisen.“

„Nun, wie?“

„Denk nur an das Baby der grauen Bärenmutter! Balgt sich dieser dicke Mensch mit einem Grizzly herum, als ob er mit ihm eben aus der Schule käme! Man sieht es deiner Haut noch heute an, was für eine würdevolle Rolle du dabei gespielt hast!“

„Ob ich sie gespielt habe, oder ob sie der Bär gespielt hat, das bleibt sich ganz gleich, wenn sie überhaupt nur gespielt worden ist! Auch ist es mir ganz unbegreiflich, wie du von unserer Verheiratung weg auf diese Rolle kommen kannst! Sprich lieber von ‚was Besserem, zum Beispiel davon, was wir mit dem „Generale“ machen werden, wenn er in unsere Hände fällt!“

„Nichts ist leichter gesagt als das!“

„Nun?“

„Wir bezahlen ihn mit gleicher Münze. Er wird auch in einen Baum gespannt. Meiner Ansicht nach hat er das reichlich verdient.“

„Da gebe ich dir natürlich recht. Ich werde mit der größten Wonne helfen, für ihn einen Baumspalt herzurichten, in dem er noch viel besser singen soll, als Old Wabble, der arme Teufel, in dem seinigen gesungen hat. Er wird eingespannt; es bleibt dabei!“

Der Gerechtigkeitssinn der beiden Freunde hatte ganz dasselbe getroffen, was das alte Testament und was auch das Wüstengesetz der mohammedanischen Beduinen verlangt: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut. Es gab, höchstens außer Hammerdull und Holbers, keinen einzigen unter uns, der nicht eine Rechnung mit diesem sogenannten Generale auszugleichen hätte. Schahko Matto wollte ihn wegen Mord und Betrug zur Rechenschaft ziehen; Treskow suchte ihn wegen anderer Verbrechen; von Winnetou und mir will ich nicht sprechen. Und Apanatschka und Kolma Puschi? Diesen beiden war er mehr, viel mehr als uns anderen allen zusammen schuldig. Denn daß er und sonst niemand der lang gesuchte Dan Etters war, darüber gab es bei mir nicht den geringsten Zweifel. Das Fehlen der oft erwähnten Zahnlücken konnte mich nicht irre machen, da es ja falsche Zähne giebt, die es überhaupt schon bei den alten Ägyptern gab. Daß niemand, selbst Old Surehand nicht, auf diesen Gedanken gekommen war, erschien mir geradezu als unbegreiflich. Dieser Etters war mir so sicher, daß ich schon jetzt daran dachte, welche Strafe man für ihn wohl in Vorschlag bringen müsse.

Später wurde ich zu Kolma Puschi gerufen, und ich kann sagen, daß während dieses Rittes so viel gesprochen und erzählt, so viel gefragt und geantwortet wurde, wie wohl selten auf einem andern. Darüber verging der Nachmittag, und es brach der Abend herein, ohne daß wir nur daran gedacht hatten, daß es so schnell dunkel werden könne. Wir hatten vor, jetzt noch nicht anzuhalten, denn der Mond stand am Himmel und mußte uns heut, ehe er unterging, eine gute halbe Stunde leuchten. Da konnten wir noch reiten.

Die Sonne war schon längst verschwunden, als wir in eins der sanft ausgeworfenen Thäler einbogen, welche dem Park von San Louis die ihm eigentümliche Terrainbewegung geben. Da sahen wir eine Fährte von der Seite herkommen, welche die gleiche Richtung nahm. Die Untersuchung derselben zeigte, daß sie von drei Pferden stammte und höchstens eine halbe Stunde alt sein konnte. Ich dachte sofort an den Medizinmann mit seiner Squaw und dem Packpferde.

Winnetou hatte denselben Gedanken, wie ich aus dem Blicke merkte, den er mir zuwarf. Es nahte wieder eine Scene!

Wir trieben unsere Pferde mehr an und ritten schweigend weiter. Winnetou hing, weit vornübergebeugt, im Sattel, um sich die Spuren nicht entgehen zu lassen, doch waren sie schon nach zehn Minuten nicht mehr zu sehen. Der Schein des Mondes begann zwar zu wirken, doch war er zu schwach, unsern Augen in Beziehung auf diese Fährte zu Hilfe zu kommen. Ich stieg also mit Winnetou ab. Wir ließen unsere Pferde führen und gingen voran, uns von Zeit zu Zeit tief zum Boden niederbückend, ob die Eindrücke noch vorhanden seien. So verging die Zeit, und der Mond wollte untergehen. War es da nicht besser, jetzt hier zu lagern und die Spur morgen früh wieder aufzunehmen?

Noch während wir uns mit dieser Frage beschäftigten, bemerkten wir einen Brandgeruch, den uns der leise Wind entgegenbrachte. Das Feuer, von dem er kam, mußte eben jetzt erst angezündet worden sein, sonst hätten wir ihn schon eher gespürt. Wir baten die Gefährten, zu warten und gingen leise weiter. Es dauerte nicht lange, so gab es in der Thalmulde rechts eine kleine, von Baumwipfeln überschattete Bucht, in welcher wir das Feuer brennen sahen. Wir legten uns auf die Erde und krochen näher, denn wir sahen drei Pferde und zwei an dem Feuer sitzende Personen, konnten aber nicht erkennen, wer sie waren. Als wir nahe genug gekommen waren, erkannten wir sie. Winnetou flüsterte:

„Uff! Der Medizinmann und seine Squaw!“

„Ja, sie sind es; ganz so, wie wir dachten,“ stimmte ich bei.

„Nehmen wir ihn gefangen?“

„Wie mein Bruder will.“

„Wenn wir ihn ergreifen, haben wir ihn zu schleppen; lassen wir ihn aber noch laufen, so ist es möglich, daß er uns doch noch entgeht. Es ist also doch besser, wenn wir ihn festnehmen?“

„Ich stimme bei. Wollen wir erst die andern holen?“

„Nein. Wir nehmen ihn gleich so fest, daß er sich nicht wehren kann.“

Wir schoben uns so weit an das Feuer heran, wie es möglich war, ohne daß wir gesehen werden mußten. Die Squaw aß, der Mann hatte sich faul in das Gras gestreckt.

„Jetzt!“ sagte Winnetou leise.

Wir standen auf, sprangen hin und warfen uns auf ihn. Er stieß einen Schrei aus und bekam meine Faust zweimal an den Kopf; da war er still. Wir banden ihn mit seinem eigenen Lasso; dann ging Winnetou, die Gefährten zu holen, denn es war bequem, gleich hier an diesem Orte zu übernachten. Sie kamen und stiegen von ihren Pferden. Die Squaw bekümmerte sich nicht um uns; sie hatte auch nichts gesagt, als wir ihren Mann festnahmen. Apanatschka nahm seine Mutter bei der Hand, führte sie an das Feuer, zeigte auf die Squaw und sagte:

„Das ist Tibo wete Elen!“

Ellen war nämlich der christliche Name Tokbelas.

Kolma Puschi blickte eine ganze Weile stumm auf die Squaw nieder und sagte dann mit einem tiefen, tiefen Seufzer:

„Das soll meine liebliche, meine schöne Tokbela sein?“

„Sie ist es,“ bekräftigte ich.

„Mein Gott, mein Gott, was ist da aus der schönsten Tochter unsers Volkes geworden! Wie muß da auch ich verändert sein!“

Ja, sie waren beide schön, sehr schön gewesen; aber das Alter, das Leben in der Wildnis und der Wahnsinn hatten den „Himmel“ – denn Tokbela heißt „Himmel“ – so entstellt, daß ihre Schwester Zeit brauchte, sie wieder zu erkennen. Kolma Puschi wollte zu ihr niederknieen, um sich mit ihr zu beschäftigen, da aber sagte Winnetou zu ihr:

„Meine Schwester hat den Mann noch nicht angesehen; sie mag sich aber einstweilen noch verbergen, denn das Bewußtsein wird ihm jetzt zurückkehren. Er soll nicht gleich bemerken, wer sich hier befindet. Hinter den Bäumen ist ein Versteck.“

Mit diesen Worten waren auch die andern gemeint, welche der Aufforderung folgten und sich verbargen, so daß Thibaut nur Winnetou und mich sehen konnte, wenn er erwachte.

Wir brauchten nicht lange zu warten, so bewegte er sich und schlug die Augen auf. Als er uns erkannte, rief er:

„Der Apatsche! Und Old Shatterhand! Uff, uff, uff! Was wollt ihr von mir? Was habe ich euch gethan, daß ihr mich bindet?“

„Daß wir Euch schon wieder binden, wollt Ihr sagen,“ antwortete ich. „Wir folgen da einer alten, guten Gewohnheit, von der wir nicht lassen mögen, weil sie sich vortrefflich bewährt hat.“

„Aber man überfällt und bindet doch nur dann einen Menschen, wenn man einen Grund dazu hat! Habe ich euch einen gegeben?“

„Schon wiederholt!“

„Auch jetzt wieder?“

„Direkt eigentlich nicht, aber indirekt.“

„Indirekt? Uff, uff! Was heißt das?“

„Schweigt mit Euern Uffs, und gebärdet Euch nicht immerfort als Indianer! Der Taschenspieler Thibaut wird wohl noch wissen, was man unter direkt und indirekt zu verstehen hat! Nicht?“

„Verflucht! Taschenspieler?“

„Ja, Taschenspieler, Fälscher, Dieb, Gauner, Räuber, Falschmünzer, Mörder und sonst dergleichen. Ihr hört, es ist eine lange Reihe von Koseworten, welche alle vortrefflich auf Euch passen.“

„Oder vielmehr auf Euch!“

Pshaw! Ihr wolltet für jetzt wissen, warum wir Euch schon wieder einmal gebunden haben. Ich will es Euch gern sagen: Ihr sollt nicht zu zeitig zu dem verabredeten Stelldichein erscheinen.“

„Stelldichein? Ihr faselt wohl?“

„Das weniger!“

„Wo sollte das sein?“

„Am Devils-head.“

„Wann?“

„Am sechsundzwanzigsten September.“

„Ihr pflegt zwar stets gern in Rätseln zu sprechen, wie ich schon erfahren habe, heut aber ist es mir ganz und gar unmöglich, zu erraten, was Ihr meint!“

„So will ich nicht sagen, am sechsundzwanzigsten September, sondern am Tage des heiligen Cyprian. Das werdet Ihr wohl besser verstehen.“

„Cyprian? Was geht mich dieser Heilige an?“

„Ihr sollt an seinem Namenstage am Devils-head eintreffen.“

„Wer hat das gesagt?“

„Dan Etters.“

„Donnerwetter!“ fuhr er auf. „Ich kenne keinen Dan Etters!“

„So kennt er Euch!“

„Auch nicht!“

„Nicht? Er schreibt Euch doch Briefe!“

„Briefe? Habe keine Ahnung!“

„Briefe auf Leder, die Schrift mit Zinnober gefärbt. Ist das nicht wahr?“

„Hole Euch der Teufel! – Ich weiß von keinem Briefe etwas!“

„Er steckt in Eurer Satteltasche.“

„Stänkerer! Ich glaube gar, Ihr habt meine Sachen durchsucht!“

„Natürlich!“

„Wann denn?“

„Wann es mir beliebte! Nach meiner Berechnung würdet Ihr einen Tag vor dem Namensfeste des heiligen Cyprian nach dem Devils-head kommen; darum haben wir Euch ein wenig festgebunden, damit Ihr Euch verweilen sollt. Was wollt Ihr denn so zeitig dort! Habe ich recht?“

„Ich wollte, Ihr wäret mitsamt Eurem Cyprian da, wo der Pfeffer wächst!“

„Ich glaube wohl, daß Ihr das gerne wünscht, doch ist es mir leider nicht möglich, Euch diesen Wunsch zu erfüllen, denn ich werde anderswo gebraucht.“

„Sagt einmal, wer ist denn eigentlich der Wawa Derrick, von dem Eure Squaw zuweilen redet? Ich möchte das doch gar zu gern erfahren!“

„Fragt sie selbst!“

„Ist nicht nötig! Wawa ist ein Moquiwort; ich vermute also, daß sie eine Moquiindianerin ist und ihren Bruder meint.“

„Habe nichts dagegen!“

„Ich denke aber grad, daß Ihr gegen diesen Bruder etwas gehabt habt.“

„Denkt, was Ihr wollt!“

„Gegen ihn und gegen die Familie Bender!“

„Donnerwetter!“ schrie er erschrocken.

„Bitte, regt Euch nicht auf! Was wißt Ihr denn so ungefähr von dieser Familie? Man sucht nämlich einen gewissen Fred Bender.“

Er erschrak so, daß er nicht antworten konnte.

„Dieser Fred Bender soll nämlich von Euch zu den Osagen geschleppt worden sein, bei denen ihr noch eine Rechnung stehen habt.“

„Eine Rechnung? – Ich weiß von nichts!“

„Ihr habt da mit dem famosen General einen Handel in Fällen und Häuten etabliert, der Euch, wenn es fehlschlägt, den Kopf kosten kann.“

„Ich kenne keinen General!“

„Auch sollt Ihr bei dieser Gelegenheit mit ihm einige Osagen umgebracht haben.“

„Ihr habt eine ungeheure Phantasie, Mr. Shatterhand!“

„Oh nein! Schahko Matto ist ja, wie Ihr wißt, bei mir. Er hat Euch auch schon gesehen, aber nichts gesagt, um uns den Spaß nicht zu verderben.“

„So macht euch euern Spaß, nur mich laßt in Ruh! Ich habe nichts mit Euch zu thun!“

„Bitte, bitte! Wenn wir uns unsern Spaß machen sollen, dürft Ihr nicht dabei fehlen. Ihr habt ja die Hauptrolle dabei zu übernehmen!“

„So sagt mir nur bei allen Teufeln, was Ihr eigentlich von mir wollt!“

„So macht euch euern Spaß, nur mich laßt in Ruh! Ich habe nichts mit Euch zu thun!“

„Bitte, bitte! Wenn wir uns unsern Spaß machen sollen, dürft Ihr nicht dabei fehlen. Ihr habt ja die Hauptrolle dabei zu übernehmen!“

„So sagt mir nur bei allen Teufeln, was Ihr eigentlich von mir wollt!“

„Ich will gar nichts von Euch. Ich will Euch nur jemanden zeigen.“

„Wen?“

„Einen Indianer. Bin neugierig, ob Ihr ihn kennt. Seht ihn Euch einmal an!“

Ich winkte Kolma Puschi. Sie kam und stellte sich vor ihn hin.“

„Seht ihn Euch genau an!“ forderte ich Thibaut auf. „Ihr kennt ihn.“

Die beiden bohrten ihre Blicke ineinander. In Thibaut dämmerte eine Ahnung auf; das sah ich ihm an; er sagte aber nichts.

„Vielleicht kennt Ihr mich, wenn Ihr mich sprechen hört,“ sagte Kolma Puschi.

„Alle tausend Teufel!“ schrie er auf. „Wer – wer ist denn das?“

„Erinnerst du dich?“

„Nein – nein – – nein!“

„Denk an den Devils-head! Dort schiedest du von mir, Mörder!“

„Uff, uff! Stehen denn die Toten wieder auf? Es kann nicht sein!“

„Ja, die Toten stehen auf! Ich bin kein Mann, sondern ein Weib.“

„Es kann nicht sein! Es kann und darf nicht sein! Ich gebe es nicht zu!“

„Es kann schon sein; es ist schon so; ich bin Tehua Bender!“

„Tehua, Tehua Bender –!“

Er schloß die Augen und lag still.

„Habt auch Ihr ihn erkannt?“ fragte ich Kolma Puschi in leisem Tone.

„Sofort!“ nickte sie.

„Wollt Ihr weiter mit ihm reden?“

„Nein; jetzt nicht.“

„Aber mit Eurer Schwester?“

„Ja.“

Da nahm ich den Medizinmann unter den Armen, hob ihn empor und stellte ihn mit dem Gesichte an den nächsten Baumstamm. Da wurde er angebunden, ohne daß er etwas sagte. Er hatte genug. Das Erscheinen der von ihm Totgeglaubten war ihm durch Mark und Bein gegangen.

Diese setzte sich neben ihre Schwester, und ich war höchst neugierig, wie die Wahnsinnige sich nun verhalten werde. Würde sie sie erkennen?

„Tokbela, liebe Tokbela!“ sagte Kolma Puschi, indem sie die Schwester bei der Hand ergriff. „Kennst du mich? Kennst du mich wieder?“

Die Squaw antwortete nicht.

„Tokbela, ich bin deine Schwester, deine Schwester Tehua!“

„Tehua!“ hauchte die Wahnsinnige, doch ganz ausdruckslos.

„Sieh mich an! Sieh mich an! Du mußt mich doch wieder erkennen!“

Sie blickte aber gar nicht auf.

„Sagt den Namen Eures jüngsten Sohnes!“ flüsterte ich Kolma Puschi zu.

„Tokbela, horch!“ sagte sie. „Fred ist da. Fred Bender ist hier!“

Da richtete die Irre den Blick auf sie, sah ihr lange, lange, leider verständnislos, in das Gesicht und wiederholte aber doch den Namen:

„Fred Bender – Fred Bender!“

„Kennst du Etters, Daniel Etters?“

Sie schüttelte sich und antwortete:

„Etters – Etters – – böser Mann – sehr böser Mann!“

„Er hat unsern Wawa Derrick ermordet! Hörst du? Wawa Derrick?“

„Wawa Derrick! Wo ist mein Myrtle-wreath, mein Myrtle-wreath?“

„Der ist weg, fort; aber ich bin hier, deine Schwester Tehua Bender.“

Da kam doch ein wenig Leben in das Auge der Squaw. Sie fragte:

„Tehua Bender? Tehua Bender? Das – – das ist meine Schwester.“

„Ja, deine Schwester! Sieh mich an! Schau mich an, ob du mich kennst!“

„Tehua – – Tehua – – Tokbela, Tokbela, die bin ich, ich, ich!“

„Ja, die bist du! Kennst du Fred Bender und Leo Bender, meine Söhne?“

„Fred Bender – – Leo Bender – – Fred ist mein, ist mein, mein!“

„Ja, er ist dein. Du hattest ihn lieb.“

„Lieb – – sehr lieb!“ nickte sie, indem sie freundlich lächelte. Fred ist mein Boy. Fred – – auf meinem Arm – – an meinem Herzen!“

„Du sangst ihm gern das Wiegenlied.“

„Wiegenlied – – ja, ja, Wiegenlied – –!“

„Dann holte dich unser Wawa Derrick mit ihm und Leo ab, nach Denver. Hörst du mich? Wawa Derrick brachte euch nach Denver!“

Dieser Name erweckte Erinnerungen in ihr, aber keine angenehmen. Sie schüttelte traurig den Kopf, legte die Hand auf denselben und sagte:

„Denver – – Denver – – da war mein Myrtle-wreath – in Denver.“

„Besinne dich; besinne dich! Sieh mich doch an; sieh mich doch an!“

Sie legte ihr die Hände an beide Seiten des Kopfes, drehte denselben so, daß die Irre sie ansehen mußte, und fügte hinzu:

„Sieh mich an und sag meinen Namen! Sag mir jetzt, wer ich bin!“

„Wer ich bin –! Ich bin Tokbela, bin Tibo wete Elen!“

„Wer bist du – –?“

„Wer bist du – du – du – –?“ jetzt sah sie die Schwester mit einem Blicke an, in welchem Bewußtsein und Wille lag; dann antwortete sie: „Du bist – – – bist ein Mann – – bist ein Mann.“

„Mein Gott, sie kennt mich nicht, sie kennt mich nicht!“ klagte Tehua.

„Ihr fordert zu viel von ihr,“ sagte ich. „Man muß abwarten, bis ein lichter Augenblick kommt; dann ist mehr Hoffnung vorhanden, daß sie sich besinnt; jetzt aber ist’s vergebliches Bemühen.“

„Arme Tehua, arme, arme Schwester!“

Sie zog den Kopf der Squaw an ihre Brust und streichelte ihr die faltigen, hohlen Wangen. Diese Liebkosung war für die Unglückliche eine solche Seltenheit, daß sie die Augen wieder schloß und ihrem Gesichte einen lauschenden Ausdruck gab. Das dauerte aber nicht lange. Die Aufmerksamkeit verlor sich schnell und machte der seelenlosen Leere Platz, welche gewöhnlich auf diesem Gesicht zu finden war.

Da beugte sich Apanatschka zu seiner Mutter hinüber und fragte:

„War Tokbela schön, als sie jung war?“

„Sehr schön, sehr!“

„Ihr Geist war damals stets bei ihr?“

„Ja.“

„Und war sie glücklich?“

„So glücklich wie die Blume auf der Prairie, wenn die Sonne ihr den Tau aus dem Angesichte küßt. Sie war der Liebling des Stammes.“

„Und wer nahm ihr ihr Glück, ihre Seele?“

„Thibaut, der dort am Baume hängt.“

„Das ist nicht wahr!“ rief dieser, der natürlich jedes Wort gehört hatte, welches gesprochen worden war. „Ich habe sie nicht wahnsinnig gemacht, sondern Euer Bruder ist’s gewesen, als er unsere Trauung unterbrach. Ihm müßt Ihr die Vorwürfe machen, aber nicht mir!“

Da stand Schahko Matto auf, stellte sich vor ihn hin und sagte:

„Hund, wagst du noch, zu leugnen! Ich weiß nicht, wie die Bleichgesichter fühlen und wie sie sich lieben, aber wenn du dieser Squaw niemals begegnet wärest, so hätte sie ihre Seele nicht verloren und wäre so glücklich geblieben, wie sie vorher war. Es erbarmt mich ihr Auge, und ihr Gesicht thut mir weh. Sie kann dich nicht anklagen und keine Rechenschaft von dir fordern; ich werde es an ihrer Stelle thun. Gestehst du, uns damals betrogen zu haben, als wir dich als Gast bei uns aufgenommen hatten?“

„Nein!“

„Hast du unsere Krieger mit ermordet?“

„Nein!“

„Uff! Du wirst meine Antwort auf dieses Leugnen gleich zu hören bekommen!“

Der Osage trat zu uns und fragte:

„Warum wollen meine Brüder diesen Menschen mit hinauf nach dem Devils-head nehmen? Brauchen sie ihn da oben?“

„Nein,“ antwortete Winnetou.

„Ist er euch notwendig in irgend einer andern Weise?“

„Nein.“

„So hört, was Schahko Matto euch zu sagen hat! Ich bin mit euch hierhergeritten, um, zu rächen, was damals an uns verübt worden ist. Wir haben Tibo taka gefangen, und wir werden auch den General ergreifen. Ich bin bisher zu allem still gewesen. Jetzt weiß ich, daß ich den General nicht bekommen kann, weil die Rache anderer größer als diejenige der Osagen ist. Dafür will ich diesen Tibo taka haben; ja, ich will und muß ihn haben, heut, gleich jetzt! Ich will ihn nicht töten, wie man einen Hund abschlachtet. Ich habe gesehen, wie ihr handelt und daß ihr selbst demjenigen, welcher den Tod verdient, Gelegenheit gebt, für sein Leben zu kämpfen. Er gehört mir; ich sage es; aber er soll sich wehren dürfen! Beratet darüber! Überlaßt ihr mir ihn, so mag er mit mir kämpfen; seid ihr aber nicht damit einverstanden und wollt ihn schützen, so erschieße ich ihn, ohne euch zu fragen. Ich gebe euch eine Viertelstunde Zeit. Thut, was ihr wollt; aber ich halte mein Wort! Soll ich nicht mit ihm kämpfen, so erschieße ich ihn! ich habe gesprochen. Howgh!“

Er ging ein Stück zur Seite und setzte sich dort nieder. Sein Antrag kam uns ganz unerwartet. Er mußte ernst, sehr ernst genommen werden, denn wir waren fest überzeugt, daß er jedes seiner Worte einlösen werde. Der Fall war sehr einfach: Erlaubten wir den Kampf nicht, so war Thibaut in einer Viertelstunde eine Leiche; erlaubten wir ihn, so konnte er sich wehren und sein Leben retten. Unsere Verhandlung war also kurz; sie dauerte kaum fünf Minuten; der Kampf sollte stattfinden. Thibaut weigerte sich freilich, darauf einzugehen; als er aber merkte, daß es dem Osagen Ernst mit dem Erschießen war, fügte er sich. In Beziehung auf die Waffen war Schahko Matto stolz genug, die Wahl seinem Gegner zu überlassen; dieser entschied für die Kugel. Es sollte jeder drei Schüsse auf Winnetous Kommando haben, mehr nicht; die Schüsse waren zu gleicher Zeit abzugeben, und zwar auf die Entfernung von fünfzig Schritten.

Ich steckte draußen im Thale diese Distanz ab; dann wurde an jedem Endpunkte der Linie ein Feuer angezündet, damit das Ziel gesehen werden könne. Wir banden Thibaut die Hände los; an die Füße bekam er einen Riemen, der ihm bequem zu stehen, auch langsam zu gehen, aber nicht zu fliehen erlaubte. Hierauf gaben wir ihm sein Gewehr und drei Kugeln und führten ihn an seinen Platz. Wir waren natürlich alle auf dem Plane; nur die Squaw war am Lagerfeuer sitzen geblieben.

Als Winnetou das Zeichen gab, fielen die beiden Schüsse fast wie einer; keiner hatte getroffen. Thibaut lachte höhnisch auf.

„Lacht nicht!“ warnte ich ihn. „Ihr kennt den Osagen nicht! Habt Ihr für den Fall Eures Todes einen Wunsch? Habt Ihr einen Auftrag, den wir ausführen können?“

„Ich wünsche, daß, wenn ich erschossen werde, auch euch alle der Teufel holen möge!“

„Denkt an die Squaw!“

„Denkt Ihr an sie; mich geht sie nichts mehr an!“

Well! Jetzt eine Frage: Der General ist Dan Etters?“

„Fragt ihn selbst, nicht mich!“

Er legte das Gewehr wieder an; Winnetou gab das Zeichen und die Schüsse krachten. Thibaut wankte, griff mit der Hand nach der Brust und sank nieder. Winnetou beugte sich zu ihm nieder und untersuchte seine Wunde.

„Wie auf zwei Schritte getroffen, genau in das Herz; er ist tot,“ sagte er.

Der Osage kam langsamen Schrittes herbei, sah ihn an, ohne ein Wort zu sagen, ging zum Lagerfeuer und setzte sich dort nieder. Er war wieder nicht getroffen worden; wir aber hatten wieder ein Grab herzustellen, eine Arbeit, an welche sich Hammerdull und Holbers auf der Stelle machten. Die Squaw ahnte nicht, daß sie jetzt Witwe war; der Verlust, welcher sie jetzt betroffen hatte, war aber jedenfalls mehr ein Gewinn für sie.

Über die nun folgende Nacht kann ich hinweggehen; es geschah nichts, was ich erwähnen müßte; am Morgen brachen wir ebenso zeitig wie gestern auf. Apanatschka ritt neben seiner Mutter und sprach sehr viel mit ihr, doch möchte ich, falls der Ausdruck gestattet ist, sagen, daß das eine einsilbige Gesprächigkeit war. Er zeigte sich bedrückt. Es war ihm doch nicht gleichgültig, daß Tibo taka, den er für seinen Vater gehalten hatte, eines solchen Todes hatte sterben müssen. Dieses Bedrücktsein machte ihm alle Ehre!

Wir befanden uns jetzt aller Vermutung nach am Anfange des Endes, und unser Ritt wurde, je weiter wir kamen, ein desto gefährlicherer. Es war anzunehmen, daß der General uns möglichst viele Fallen gelegt habe. Es gab Orte genug, an denen wir vorüber mußten, welche zu Verstecken geeignet waren, aus denen auf uns geschossen werden konnte; aber es geschah nichts derartiges. Entweder dachte er nicht, daß wir heut kämen, oder er hatte sich den Streich gegen uns bis oben an der Foam-Kaskade oder am Devils-head aufgespart.

Um kurz zu sein, will ich nur bemerken, daß wir gegen Abend in der Nähe der Foam-Kaskade ankamen. Man denke sich den berühmten Staubbach des Lauterbrunner Thales in der Schweiz, nur den Felsen nicht ganz so hoch und den herabstürzenden, sich in Staub auflösenden Bach von dreifacher Stärke, so hat man ein Bild von der Foam-Kaskade im Parke von San Louis. Hoch oben die Felsen mit Wald gekrönt und auch unten der tiefe Grund fast ganz mit Fels und Wald bedeckt. Es war ein Chaos von Steingetrümmer, von einem schier undurchdringlichen Wipfeldache überwölbt. Sobald wir uns unter diesem Dache befanden, wurde es tief dämmerdunkel um uns her.

„Wo geht der Weg von hier nach dem Devils-head?“ fragte ich Kolma Puschi, „dort haben wir die Utahs zu suchen.“

„Hier links durch den Wald und dann die Felsen sehr steil hinauf,“ antwortete sie. „Bereiten euch die Utahs Sorge?“

„Nein; doch müssen wir natürlich wissen, wo sie sind.“

„Ich gehöre noch heute zu ihnen und werde mit ihnen sprechen. Wenn ich bei euch bin, habt ihr nichts von ihnen zu fürchten.“

Wir hatten ihr natürlich unser Zusammentreffen mit Tusahga Saritsch und seinen Kriegern erzählt.

„Wir fürchten uns, wie gesagt, nicht vor ihnen, und ich möchte mich doch lieber nicht auf Eure Vermittelung verlassen,“ sagte ich.

„Warum nicht?“

„Sie haben schon selbst eine Rache auf uns und hierzu dem Generale ihre Hilfe gegen uns versprochen. Das sind zwei Instanzen gegen uns, während Ihr nur eine, nämlich Euern Einfluß, für uns aufbieten könnt. Im besten Talle giebt es eine lange Verhandlung, während welcher der General uns vielleicht gar entkommt. Nein, nein; wir verlassen uns lieber ganz auf uns selbst!“

„So kommt! Ich kenne den Wald und jeden einzelnen Felsen und werde euch führen.“

Sie ritt voran, und wir folgten ihr im Indianermarsche wohl eine halbe Stunde lang, bis es so dunkel wurde, daß wir absteigen und die Pferde führen mußten. Draußen war es wohl erst Dämmerung, im tiefen Walde hier aber schon vollständig Nacht. So ging es weiter und immer weiter, eine schier endlose Zeit, wie uns deuchte. Da hörten wir vor uns das Wiehern eines Pferdes und hielten an.

Wem gehörte dieses Pferd? Das mußten wir wissen. Die Gefährten mußten stehen bleiben, und wir, nämlich Winnetou und ich, wie gewöhnlich, gingen weiter. Es wurde schon nach kurzer Zeit vor uns heller; der Wald hörte auf, und nur wenige Schritte davon öffnete sich die Felsenwand, um einen schmalen Pfad sehen zu lassen, welcher sehr steil emporführte. Das war jedenfalls der Weg nach dem Devils-head. Auf dem lichten Raum zwischen ihm und dem Walde lagen die uns nur zu wohlbekannten Capote-Utahs als Wächter vor dem Felsensteg. Wenn wir nach dem Devils-head wollten, mußten wir hierherkommen; das wußten sie, und darum hatten sie sich da gelagert, um uns abzufangen. Diese kurzsichtigen Menschen! Sie konnten sich doch denken, daß wir ihnen nicht schnurstracks in die Hände reiten, sondern rekognoszieren würden!

Der „General“ war nicht bei ihnen; dafür aber sahen wir jemand, der nicht zu ihnen gehörte, nämlich unsern Old Surehand! Es war also doch eingetroffen, was wir beide uns gedacht und vorhergesagt hatten: sie hatten ihn wieder festgenommen! Warum hatte er uns verlassen, anstatt nur die kurze Nacht noch zu warten! Ich war in diesem Augenblicke zornig auf ihn.

„Dort steht er nun am Baume, festgebunden und ein Gefangener wie vorher!“ sagte ich. „Mein Bruder mag auf mich warten!“

„Wohin will Old Shatterhand gehen?“ fragte er.

„Ich will die Gefährten holen.“

„Ihn zu befreien?“

„Ja. Und wenn der Häuptling der Apatschen nicht mitmacht, so springe ich allein mitten unter die roten Kerls hinein. Diese Geschichte muß ein Ende nehmen. Ich habe das ewige Anschleichen satt!“

„Uff! Winnetou wird natürlich sehr gern mit dabei sein!“

„So werden wir die Pferde in ein Versteck führen und dann kommen. Bleib du einstweilen hier!“

Ich eilte zurück, denn es war keine Zeit zu verlieren. Was wir thun wollten, mußte geschehen, so lange es noch hell war.

Ein Versteck für die Pferde war hier, wo das Terrain aus lauter Verstecken bestand, rasch gefunden; wir ließen Treskow als Wächter dort und gingen dann zu Winnetou, welcher indessen seinen taktischen Gedanken nachgehangen hatte. Die andern wurden, weit auseinandergezogen, in einem Halbkreise rund um die Roten aufgestellt, und nachdem sie ihre Weisungen erhalten hatten, konnten wir den Streich, der freilich beinahe ein Schwabenstreich war, beginnen. Ich hatte keine Geduld mehr. Mein Zorn wollte und mußte sich bethätigen, und Winnetou, der gute, war so nachsichtig gewesen, mich nicht durch Widerspruch noch mehr aufzubringen.

Der Häuptling saß natürlich, um ihn unter den eigenen Augen zu haben, ganz in der Nähe des Gefangenen. Die Roten waren still; keiner sprach ein Wort. Da waren wir beide plötzlich unter ihnen. Winnetou schnitt in einem Nu die Fesseln Old Surehands durch, und ich faßte den Häuptling mit einer Hand beim Halse und gab ihm die andere Faust auf den Schädel, daß er zusammmensank. Die Indsmen sprangen auf, griffen zu den Waffen und erhoben ihr Kriegsgeheul. Ich richtete aber schon den Lauf des Stutzens auf den Kopf des Häuptlings und überbrüllte sie:

„Seid sofort still, sonst schieße ich Tusahga Saritsch in den Kopf!“

Sie schwiegen.

„Rührt euch nicht!“ fuhr ich fort. „Wenn ein Einziger die Waffe auf uns richtet, ist es des Häuptlings Tod. Es wird ihm und euch nichts geschehen, wenn ihr Frieden haltet. Ihr seid von uns eingeschlossen, und wir können euch niederschießen; daß wir es dennoch nicht thun wollen, wird euch gleich Kolma Puschi sagen!“

Die Genannte trat unter den Bäumen hervor. Bei ihrem Anblicke nahmen die Utahs eine beruhigendere Haltung an. Sie sprach zu ihnen so, wie es den Umständen angemessen war, und brachte es zu unserer Freude so weit, daß die Roten uns vorläufig ihre Waffen ablieferten. Ihr Einfluß war wirklich größer, als ich gedacht hatte. Den Häuptling banden wir.

Das erste war natürlich, daß wir nach dem Generale fragten. Er war nach dem Devils-head geritten und wollte morgen am Vormittage wiederkommen. Dennoch schickte ich sofort den Osagen ein Stück den Felsenpfad hinan, um denselben zu bewachen und dafür zu sorgen, daß wir nicht von Douglas-Etters überrascht würden. Dieser mußte durch diesen Engpaß kommen, weil es keinen andern Weg gab, wie Kolma Puschi sagte.

Man kann sich denken, was der Häuptling für Augen machte, als er wieder zu sich kam und Old Surehand frei, sich aber gebunden sah! ich hatte dafür gesorgt, daß er für unser Interesse gewonnen wurde. Kolma Puschi saß bei ihm und klärte ihn auf. Sie erzählte ihm, was der General alles an ihr verbrochen hatte, denn ich war nun gezwungen gewesen, ihr zu versichern, daß dieser kein anderer als Dan Etters sei. Sie sagte ihm auch, daß sein jetziger Verbündeter damals ihren Bruder erschossen und sie auf dessen Grabe festgebunden habe. Damit gewann sie ihn schon mehr als halb für sich und uns; als sie ihm aber in meinem Auftrage mitteilte, daß wir eigentlich gekommen seien, den schauderhaften Tod Old Wabbles und der Tramps an den Utahs zu rächen, von dieser Rache aber absehen würden, falls sie sich von dem Generale ab- und uns zuwendeten, da erklärte er so laut, daß wir es alle hörten:

„Wenn ihr uns das versprecht, werden wir ihn nicht länger beschützen; aber wir haben ihm versprochen, seine Brüder zu sein, und darauf habe ich das Kalumet mit ihm geraucht; darum ist es uns verboten, seine Feinde zu sein. Es ist uns also nur möglich, das zu thun, was ich euch sagen werde: Wir entfernen uns jetzt gleich von hier und ziehen durch den Wald zurück bis in den Park hinaus; am Morgen reiten wir dann weiter. Ihr seid also Herren dieses Weges, auf welchem er kommen muß, und könnt ihn ergreifen und mit ihm machen, was euch beliebt. Tusahga Saritsch hat gesprochen. Howgh!“

Weder Winnetou noch ich glaubte, ihm ganz trauen zu dürfen, aber Kolma Puschi stand für ihn ein, und so bedachten wir uns nicht lange und nahmen seinen Vorschlag an. Noch war keine halbe Stunde vergangen, so zogen sie, ihre Pferde führend und mit Feuerbränden in den Händen, durch das Dunkel des Waldes ab, und wir gaben ihnen Kolma Puschi mit, welche uns nach ihrer Rückkehr meldete, daß die Utahs wirklich fort seien und keine hinterlistige Absicht gegen uns hegten. Nun löschten wir das Feuer aus und legten uns schlafen; die Wache im Engpasse wurde aber die ganze Nacht unterhalten. Old Surehand schien, ohne gefragt zu werden, uns nicht sagen zu wollen, wie er wieder in die Hände der Utahs geraten war; wir aber wollten ihn nicht durch Fragen kränken, und so wurde die Sache totgeschwiegen.

Wir warteten fast den ganzen Vormittag, ohne daß der General kam; da stieg der Gedanke in uns auf, daß wir von den Utahs belogen worden seien. Es war ja möglich, daß er gar nicht nach dem Devils-head geritten war. Es blieb uns keine andere Wahl: wir mußten hin.

Es war das zu Pferde ein außerordentlich schwieriger Weg. Harbour hatte recht gehabt, als er ihn als solchen beschrieb. Es ging immer zwischen ganz engen Felsenwänden oder an Abgründen hin, Kolma Puschi als Führerin voran. Wir mußten die größten Anforderungen an unsere Pferde stellen. Wir waren schon über zwei Stunden so geritten, als Kolma Puschi sagte, daß es nur noch eine gute halbe Stunde dauern werde. Kaum hatte sie das gesagt, so ertönte vor uns ein Ruf. Wir sahen einen Reiter, welcher um eine Biegung herum uns entgegen kam; es war der General. Sein erster Ruf hatte unserer Führerin gegolten, an welcher sein Auge voll Entsetzen hing. Dann erblickte er mich, der ich hinter ihr ritt.

„Alle tausend Donnerwetter, Old Shatterhand!“ schrie er auf.

Er lenkte sein Pferd um, wozu er grad noch Raum hatte, und verschwand.

„Ihm nach! Rasch, schnell! Was das Pferd laufen kann!“ rief ich Kolma Puschi zu. „Wenn er uns jetzt entkommt, sehen wir ihn nie wieder!“

Sie spornte ihr Pferd an, und nun begann eine so halsbrecherische Jagd, daß mir noch jetzt graust, wenn ich daran denke. Wir waren hinter ihm; aber er trieb sein Pferd zu rasender Eile. Bald sahen wir ihn und bald nicht, je nachdem der Weg in gerader Richtung ging oder sich krümmte. Winnetou folgte mir. Noch nicht eine Viertelstunde hatte diese Hetze gedauert, so öffnete sich der Engweg auf einen breiten Querpaß. Der General lenkte rechts um. Kolma Puschi folgte ihm, drehte sich aber um und rief mir zu:

„Einige nach links, ihm entgegen!“

Ich lenkte also nach dieser Richtung und bedeutete Winnetou:

„Du wieder rechts! Wir zwei sind genug!.“

Die beiden Wege führten, wie aus Kolma Puschis Verhalten zu schließen war, später jedenfalls wieder zusammen, und so mußten wir den Flüchtling zwischen uns bekommen. ich ritt so schnell, wie der Weg es erlaubte, wieder zwischen Felsen hin, welche höher und immer höher wurden, und nahm, um für alles gerüstet zu sein, den Stutzen in die Hand.

Jetzt erreichte ich eine Stelle, wo links ein tiefer Abgrund gähnte und rechts eine tief eingeschnittene, natürliche‘ Schneuße fast gradlinig in die Höhe führte. Da hörte ich den Galopp eines Pferdes, welches mir entgegenkam. Es erschien um die Rundung, der Reiter war der General. Er sah den Abgrund an der Seite, mich mit dem Gewehre vor sich und stieß einen gräßlichen Fluch aus. Fast noch im Galoppe, warf er sich vom Pferde herunter und sprang in die Schneuße. Ich konnte ihn erschießen, wollte ihn aber lebendig haben. Da erschienen auch zunächst Winnetou und Kolma Puschi, welche, wie ich auch, ihre Pferde parierten.

„Hier hinauf ist er!“ rief ich. „Kommt nach, kommt nach!“

„Das ist das Devils-head,“ antwortete Kolma Puschi. „Da giebt es keinen andern Weg als diesen. Er ist unser!“

Nun ging ein Klettern los, welches einem Gemsjäger Ehre gemacht hätte. Der General war uns nur wenig voraus. Sein Gewehr hinderte ihn; er warf es fort. Ich hatte nur den Stutzen übergehängt, den Bärentöter aber unten gelassen. So arbeiteten wir uns höher und immer höher. Die Schneuße wurde enger und hörte da auf, wo ein schmaler Steinsims seitwärts führte. Auf diesem klimmte der General weiter; ich folgte ihm. Es war zum Schwindeln. Der Sims hatte eine Unterbrechung; es galt einen Sprung von fast Manneslänge. Der Flüchtling wagte ihn in seiner Angst; er erreichte auch den jenseitigen Stein; aber dieser hing nicht fest mit der Felsenmauer zusammen; er brach los und stürzte, verschiedentlich aufpolternd, mit dem Generale in die Tiefe. Ich wendete mich zurück.

„Kehrt um; er ist abgestürzt!“ rief ich nun den beiden zu.

Nun ging es mit ebenso großer Hast den Weg zurück, auf welchem wir heraufgeklettert waren. Unten angekommen, sprangen wir auf die Pferde und jagten zurück. Nach kurzer Zeit schon sahen wir unsere Kameraden. Sie standen bei einem Haufen abgestürzter Felsentrümmer. Der Stein hatte andere, noch viel größere, auch nicht fest eingefugte Stücke, mit herabgerissen, und unter dem größten dieser Stücke, welches sicher vierzig Zentner wog, lag der General. Sein Oberkörper, von den Rippen an, war frei; die untere Hälfte lag unter dem Steine, jedenfalls zu Mus zermalmt. Er fühlte jetzt nichts; er hatte das Bewußtsein verloren.

„Mein Himmel!“ rief ich aus. „Genau wie Old Wabble! Der Unterleib eingepreßt! Welch eine Vergeltung!“

„Und hier! Seht her!“ sagte Kolma Puschi, indem er auf die Felswand deutete. „Was seht Ihr da? Was steht da zu lesen, von meiner Hand eingegraben?“

Wir sahen Figuren, zwischen ihnen ein Kreuz, und unter diesem stand zu lesen: An dieser Stelle wurde der Padre Diterico von J B. aus Rache an seinem Bruder E. B. ermordet. Darunter war eine Sonne mit den Buchstaben E. B. zu sehen. Es lief mir kalt über den Rücken. Ich fragte Kolma Puschi:

„Ist das das Felsengrab?“

„Ja. Diese Unterschrift ist mein Name E. B. Emily ist nämlich mein christlicher Name. Dieser Mann liegt grad auf dem Grabe meines Bruders, genau da, wo er mich damals festgebunden hatte, und wo ich im Kampfe mit ihm meinen Trauring verlor.“

„Einen Trauring? Ist es dieser?“

Ich zog den Ring vom Finger und reichte ihn ihr. Sie sah ihn an, las die innere Schrift und rief jubelnd aus:

„E. B. 5. VIII 1842. Er ist’s; er ist’s! Meinen Ring habe ich wieder, meinen Ring! Wo habt Ihr ihn her, Mr. Shatterhand?“

„Dem General abgestreift, als er in Helmers Home am Rande des Llano estacado fünfzig Hiebe aufgezählt bekam.“

„Welch ein Zufall, – welch ein Zufall!“

„Das ist kein Zufall,“ sagte da Old Surehand. „Wer hier nicht zu der Erkenntnis kommt, daß es einen Gott giebt, und wer hier nicht glauben und nicht beten lernt, der ist ewig verloren! Ich glaubte und betete lange, lange Jahre nicht mehr; jetzt habe ich es aber wieder gelernt.“

„Die Belohnung wird auch gleich folgen,“ sagte ich. „Sagt mir nun endlich einmal aufrichtig, seit wann Ihr nicht mehr gebetet habt!“

„Seit mein Pflegevater Wallace mir erzählte, was sich in meiner Familie erreignet hat. Seit jener Zeit suche ich nach meiner Mutter, nach ihrem Bruder und ihrer Schwester.“

„Und warum seid Ihr jetzt hier herauf?“

„Es wurde bei Wallace ein Brief für mich abgegeben, der mich für den sechsundzwanzigsten September nach dem Devils-head bestellte; ich sollte aber keinem einzigen Menschen etwas davon sagen.“

„Dieser Brief war von dem Generale hier. Er hat Euch im Llano erkannt und nach Euch geforscht. Er wollte Euch verderben; er lockte Euch hierher, um Euch wahrscheinlich zu ermorden.“

„Dieser General hier? Was hat denn der mit diesen Angelegenheiten zu thun?“

„Dieser General ist Dan Etters, den Ihr suchtet.“

„Dan Etters –?! Herrgott, ist’s wahr?“

„Ja. Ich kann es Euch sogleich beweisen. Ihr habt doch auch gute Westmannsaugen. Seht doch seinen Mund! Er steht weit offen, und hier—!“

Ich griff dem Zermalmten in den Mund und zog die künstliche Gaumenplatte mit zwei Oberzähnen heraus.

„Das sind falsche Zähne,“ fuhr ich fort. „Seht Ihr nun die Zahnlücken?“

Welch ein Erstaunen gab das jetzt! Ich ließ sie aber nicht zu Worte kommen und sprach weiter:

„Ich sprach davon, daß der Lohn für Eure Umwandlung schon gegeben sei. Ihr heißet Leo Bender, und hier steht Eure Mutter.“

Die hierauf folgende Scene ist unmöglich zu schildern. Ich wurde umdrängt, gefragt, gedrückt – – ; ich floh davon und blieb fort, bis ich einen langgezogenen, ganz entsetzlichen Schrei hörte, der mich zurücktrieb. Dan Etters war zur Besinnung gekommen und ließ ein Brüllen hören, gegen welches dasjenige Old Wabbles ein Pianissimo war. Es war mit ihm kein Wort zu reden; er hörte nicht; er brüllte nur, nicht wie ein Löwe, sondern wie eine Schar wilder Tiere, in allen Höhen- und Tiefenlagen. Es war nicht auszuhalten. Wir mußten uns entfernen. Geholfen konnte ihm nicht werden, denn es war vollständig unmöglich, den Fels zu heben, um ihn unter demselben hervorzuziehen. Er mußte an Ort und Stelle sterben, grad so wie er da lag, am Schauplatze seiner Mordthat. Später, als wir ihn nicht mehr hörten, gingen wir wieder hin. Da hatte er die Zähne fest zusammengebissen und starrte uns mit unbeschreiblich tierischen, nein, viehischen Augen an.

„Dan Etters, hört Ihr mich?“ fragte ich ihn.

„Old Shatterhand! – Sei verdammt!“ antwortete er.

„Habt Ihr einen Wunsch?“

„Verdammt in alle Ewigkeit, du Hund!“

„Der Tod hält Euch gepackt. Ich möchte mit Euch beten!“

„Beten? Hahahahaha! Willst du nicht lieber –“

Es war gräßlich, unmenschlich, was er sagte!

Ich fragte trotzdem weiter; andre fragten, baten, ermahnten und warnten ihn. Er hatte nur Flüche und Lästerungen zur Antwort. Um nicht das Allerschlimmste hören zu müssen, gingen wir fort. Da begann er, wieder zu brüllen. Was für Schmerzen mußten das sein, die ihm ein solches Geheul entlockten! Und doch ließ er sich nicht durch sie zur Reue führen; er wurde nur noch verstockter.

Wir nahmen unser Lager so weit von ihm, daß wir sein Geschrei nur wie ein fernes Windsgeheul hörten. Dort wurde nun erzählt, den Rest des Nachmittages, den Abend und die ganze Nacht hindurch; wovon und worüber, das läßt sich ja denken. Es gab noch gar manche Frage und manches Rätsel; aber derjenige, der sie lösen und beantworten konnte, war teuflisch genug, uns alle Auskunft zu verweigern, Dan Etters nämlich. Er wurde des Abends und auch in der Nacht öfters aufgesucht, aber wir erhielten nur Flüche und höhnisches Gelächter zur Antwort. Sogar mit Wasser erquicken ließ er sich nicht; als ich versuchte, dies zu thun, spie er mir in das Gesicht. Dann brüllte und heulte und lästerte er wieder längere Zeit, bis wir am Morgen fanden, daß er gestorben war, gestorben nicht wie ein Mensch, sondern wie – wie -wie, es fehlt mir jeder Vergleich; es kann kein toller Hund, kein Vieh, auch nicht die allerniedrigste Kreatur so verenden wie er. Old Wabble war ein Engel gegen ihn. Wir haben ihn liegen lassen, so wie er lag, und einen Steinhügel darüber gehäuft. Kann Gott seiner armen Seele gnädig sein? Vielleicht doch – doch – – doch – – doch!

Und nun das Ende, lieber Leser? Ich weiß, du möchtest recht ausführliche Auskunft über jede einzelne Person haben, aber wollte ich sie dir geben, so würde ich mir vorgreifen und mich um die Freude bringen, dir in einem der folgenden Bände noch mehr von ihnen erzählen zu können. Nur über Tokbela muß ich dich beruhigen. Ihr Wahnsinn ist in eine stille Melancholie übergegangen, welche sie nicht hindert, an allem, was ihre Umgebung betrifft und bewegt, innigen Anteil zu nehmen. „Ihr Geist ist wieder bei ihr.“

Auch von Dick Hammerdull und Pitt Holbers wirst du noch hören. Diese beiden lieben Kerle nämlich – – doch ob sie sind, oder ob sie nicht sind, das ist ja ganz egal, wenn sie nur noch sind! –

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Die Verkehrten Toasts

Die verkehrten Toasts

Als Treskow seinen Bericht beendet hatte, gab es von seiten seiner Zuhörer eine ganze Menge von Fragen, die er ihnen beantworten sollte. Die Geschichte, besonders das Ende derselben, war ihnen nicht ausführlich genug, und jeder wollte etwas wissen, was er vermißte. Am sonderbarsten kam es ihnen vor, daß Winnetou eine Seereise mitgemacht hatte. Ein Roter und noch dazu dieser Indianer, und eine Reise zur See, das war ihnen unbegreiflich, mir aber nicht, denn ich kannte diese Geschichte längst und wußte auch, daß er nicht nur dieses eine Mal zur See gewesen war.

Während sie noch hin und her sprachen, kamen neue Gäste. Es waren sechs Personen, welche lärmend eintraten und etwas mehr Spiritus genossen zu haben schienen, als ihnen zuträglich war. Sie sahen sich nach Plätzen um, und obgleich genug andre leer waren, zogen sie es vor, sich an meinen Tisch zu setzen.

Am liebsten wäre ich aufgestanden, was sie aber gewiß als eine Beleidigung betrachtet hätten, und da ich keine Veranlassung zu rohen Streitigkeiten geben wollte, so blieb ich sitzen. Sie verlangten Brandy und bekamen welchen, doch wurden sie von Mutter Thick in einer Weise bedient, welche erkennen ließ, daß sie diese Leute lieber gehen als kommen sah.

Bewohner der Stadt konnten sie nicht sein, denn sie hatten außer ihren Messern und Revolvern auch Gewehre mit. Wie echte Rowdies aussehend, stanken sie förmlich nach Schnaps, und es kostete mich wirklich Überwindung, mit ihnen an demselben Tische auszuhalten. Sie führten das große Wort und sprachen so laut und so unausgesetzt, daß von der Unterhaltung der andern Gäste fast nichts zu hören war. Die Ruhe und Gemütlichkeit, welche vorher geherrscht hatten, waren verschwunden.

Der lauteste von ihnen war ein stark und ungeschickt gebauter Kerl mit einem wahren Bullenbeißergesicht. Es war, als ob seine Glieder und seine Gesichtszüge aus Holz roh zugehackt worden seien. Er spielte sich als den Anführer der andern auf, und es war allerdings zu bemerken, daß sie ihn nach ihrer Weise mit einer Art Respekt behandelten.

Sie sprachen von Heldenthaten, die sie begangen hatten und wieder begehen wollten, von Vermögen, welche sie besessen und verjubelt hatten und jedenfalls bald wieder erwerben würden; sie gossen ein Glas nach dem andern hinunter, und als Mutter Thick sie Mahnte, langsamer zu trinken, wurden sie grob und drohten, vom Büffett Besitz zu nehmen und sich selbst zu bedienen.

„Das würde ich mir verbitten,“ antwortete die mutige Wirtin. „Da liegt der Revolver; der erste, der sich an meinem Eigentum vergriffe, würde eine Kugel bekommen!“

„Von dir etwa?“ lachte der Bullenbeißer.

„Ja, von mir!“

„Mach dich nicht lächerlich! In solche Hände gehört eine Nähnadel, aber kein Revolver. Glaubst du wirklich, uns zum Fürchten zu bringen?“

„Was ich glaube oder nicht, das geht Euch nichts an. Jedenfalls bin ich es nicht, die sich fürchtet, und wenn es an einer Hilfe fehlen sollte, so sind Gentlemen genug da, welche sich einer wehrlosen Witfrau annehmen würden!“

„Gentlemen genug?“ wiederholte er ihre Worte höhnisch lachend, indem er von seinem Stuhle aufstand und seinen Blick herausfordernd rundum laufen ließ. „Sie mögen herkommen und probieren, wer den Kürzeren zieht, sie oder ich!“

Es antwortete ihm kein Mensch, ich natürlich auch nicht. Auf einen Widerstand meinerseits schien er überhaupt gar nicht gerechnet zu haben, denn er hatte sie alle angesehen, mich aber nicht. Vielleicht kam ihm mein ruhiges Gesicht so zahm vor, daß er es nicht der Mühe wert hielt, mich überhaupt zu addieren. Ich gehöre nämlich zu denjenigen Menschen, deren Züge grad dann einen recht bescheidenen Ausdruck annehmen können, wenn es in ihrem Innern arbeitet. Einer, der sich für einen großen Psychologen hielt, erklärte mir das einmal mit den Worten: Wenn der Geist sich nach innen zieht, muß außen das Gesicht dumm aussehen; das ist doch selbstverständlich.

Als der Bulldogge sah, daß niemand seiner Aufforderung folgte, wurde er noch kühner als vorher.

„Dachte es mir; es wagt sich keiner her!“ lachte er. „Möchte auch den sehen, der es wagte, einen Gang mit Toby Spencer zu machen! Ich drehte dem Kerl das Gesicht auf den Rücken! Toby Spencer ist nämlich mein Name, und wer wissen will, was für ein Kerl dieser Toby ist, der mag kommen!“

Er streckte die geballten Fäuste aus und ließ den Blick noch einmal herausfordernd um die Runde schweifen. War es wirklich Furcht vor ihm oder nur der Ekel vor einem solchen Menschen, es rührte sich auch jetzt niemand. Da lachte er noch lauter als vorher und rief:

„Seht ihr es, Boys, wie ihnen die Herzen in die Schuhe und Stiefel fallen, wenn Toby Spencer nur ein Wort von sich hören läßt. Es ist wirklich keiner, aber auch kein einziger unter ihnen, der es wagt, nur einen Mucks zu thun. Und das wollen Gentlemen sein!“

Da stand doch einer auf, nämlich derjenige, der die erste Geschichte erzählt und sich für Tim Kroner, den Colorado-Mann ausgegeben hatte. Es war jedenfalls nicht eigentlicher Mut, sondern nur die Absicht, sich als einen tüchtigen Kerl aufzuspielen, was ihn veranlaßte, das Wort zu ergreifen. Er kam einige Schritte näher und sagte:

„Ihr irrt Euch sehr, Toby Spencer, wenn Ihr glaubt, es gebe niemand, der sich an Euch wagt. Das mag bei allen Anwesenden stimmen, aber nicht bei mir.“

„Bei Euch also nicht? So, so!“ antwortete der Rowdy in verächtlichem Tone. „Warum bleibt Ihr denn stehen, wenn Ihr solchen Mut habt? Warum kommt Ihr nicht näher?“

„Ich komme ja schon!“ sprach der andre, indem er noch einige langsame, zögernde Schritte machte und dann wieder halten blieb. Seine Stimme klang aber gar nicht so zuversichtlich wie vorhin, als er an meinen Tisch gekommen war, um mit mir anzubinden. Da Toby Spencer auch etwas vorgetreten war, standen sie nun in ganz geringer Entfernung von einander.

Well! Also Ihr seid der Mann, der sich nicht fürchtet?“ fragte der letztere. „So ein Kerlchen, welches ich mit einem einzigen Finger aus der Balance hebe! Da möchte ich wahrhaftig, ehe ich Euch auffresse, wissen, wie Ihr heißt!“

„Das könnt Ihr erfahren. Ich heiße Tim Kroner.“

„Tim Kroner? Da habt Ihr Euch ja einen recht berühmten Namen zugelegt!“

„Zugelegt? Es ist der meinige!“

„Das mögt Ihr andern weiß machen, aber nur nicht mir!“

„Es ist mein Name, sage ich Euch!“

„Hm! Vielleicht ist’s möglich, daß Ihr so heißt, aber Ihr wollt doch nicht etwa behaupten, der Colorado-Mann zu sein?“

„Grad das behaupte ich!“

„Alle Wetter, wie kommt denn so ein Karnickel, wie Ihr seid, dazu, sich mit dem Namen eines Löwen zu schmücken! ich sage Euch, daß dieser Name Euch nicht gehört, daß Ihr ein Betrüger seid!“

„Oho! Ein Betrüger? Wahrt Eure Zunge, Sir! Man weiß, daß der Colorado-Mann nicht in dieser Weise mit sich sprechen läßt! Soll ich Euch das beweisen?“

„Knirps, beweise es!“

Bei dieser Aufforderung trat Spencer drohend zwei Schritte auf ihn zu; er wich vorsichtig ebenso weit zurück und antwortete:

„Das habe ich gar nicht nötig. Was alle Welt weiß, das brauche ich nicht zu beweisen!“

„Eigentlich richtig, denn der wirkliche Tim Kroner ist ein Kerl, der Haare auf den Zähnen hat; da du aber dieser echte nicht bist, hast du zu zeigen, ob dein Mut wirklich bis her zu mir reicht. Also, go on!“

Er machte wieder zwei Schritte vorwärts.

„Ja, come on!“ rief der andre, indem er aber zwei Schritte rückwärts machte.

„So bleib doch stehn, du großer Held mit dem Maule! Warum retirierst du denn? Giebt sich dieser Mensch für den Colorado-Mann aus, den ich so gut kenne wie mich selbst! Diesem Übermute muß ein Dämpfer aufgesetzt werden. Also halte stand, und faß an, sonst nagele ich dich an die Wand, daß du daran kleben bleibst.“

Er ging abermals vorwärts; der falsche Tim Kroner wich auch jetzt wieder zurück, indem er sich auf die Verteidigung durch das Mundwerk legte:

„Ich bin der echte Colorado-Mann! Wenn ein andrer sich für mich ausgiebt, ist er ein Lügner!“

Pshaw! Möchte den vernünftigen Mann sehen, dem es einfallen könnte, sich für dich auszugeben! Wenn du geglaubt hast, es bedürfe nur dieses Namens, mich zurückzuschrecken, so hast du dich nicht nur geirrt, sondern dich so verrechnet, daß das ganz entgegengesetzte Resultat herauskommt: Ich werde dich ein wenig höher hängen, damit die Leute sehen, was für ein berühmter und mutiger Colorado-Tim du bist. Komm also her, mein Bürschchen, nur her zu mir!“

Er gab ihm zwei blitzschnelle, gewaltige Hiebe auf die Achseln, nahm ihn dann bei den Oberarmen, drückte sie ihm an den Leib, schob ihn an die Wand und hob ihn so empor, daß er mit dem Kragen an einem Kleiderhaken hängen blieb. Das war kein ganz gewöhnliches Kraftstück, und er führte es aus, ohne daß man ihm dabei eine Anstrengung anmerkte. Der andre begann, als er an der Wand hing, zu schreien und zu zappeln, was bei seiner langen, dürren Gestalt sehr wunderlich aussah, bis der Kragen seines Büffellederrockes zerriß und er zu Boden fiel. Spencer lachte aus vollem Halse; seine Gefährten stimmten ein, und auch die andern konnten nicht ganz ernst dabei bleiben, obgleich der Rowdy gar nicht ihren Beifall hatte. Dieser schickte dem still auf seinen Platz zurückkehrenden „Colorado-Mann“ sein Gelächter nach und schien dadurch in friedliche Stimmung zu geraten, denn er sah von einer weiteren Herausforderung ab und setzte sich wieder nieder, um mit seinen Kameraden die lärmende Unterhaltung fortzusetzen. Dabei hatte ich das große Glück, daß er mich nun endlich seiner Aufmerksamkeit würdigte. Er fixierte mich mit neugierigem Blicke und richtete dann die etwas sonderbare Frage an mich:

„Seid wohl auch so ein Colorado-Mann wie der da drüben, he?“

„Glaube nicht, Sir,“ antwortete ich ruhig.

Man war an allen Tischen still, um zu hören, was nun kommen werde. Vielleicht gab es wieder etwas zum Lachen.

„Also nicht?“ fuhr er fort. „Ihr scheint mir aber auch kein Held zu sein!“

„Gebe ich mich etwa für einen aus? Ich schmücke mich nicht mit falschen Federn.“

„Das ist Euer Glück, sonst würde ich Euch auch an den Nagel hängen!“

Da ich hierauf schwieg, fuhr er mich an:

„Glaubt ihr es etwa nicht?“.

„Hm! Ich glaube es ganz gern.“

„Im Ernste? Toby Spencer ist nämlich nicht der Mann, mit dem man Späße treibt!“

Es war klar, daß er nun mit mir Streit suchte. Ich sah den besorgten Blick, den Mutter Thick auf mich warf, und that ihr den Gefallen, sehr höflich zu antworten:

„Davon bin ich überzeugt, Sir. Wer die Körperstärke besitzt, einen so langen Menschen wie den da drüben an den Nagel zu hängen, der hat es gar nicht nötig, sich von andern Leuten foppen zu lassen.“

Sein boshaft auf mich gerichteter Blick wurde milder, und sein Gesicht nahm einen fast freundlichen Ausdruck an, als er jetzt in befriedigtem Tone sagte:

„Habt recht, Sir. Ihr scheint kein ganz unrechter Kerl zu sein. Wollt Ihr mir sagen, was für eine Art von Metier Ihr habt?“

„Hm! Eigentlich keins.“

„Wie meint Ihr das?“

„Weil ich grad jetzt gar nichts betreibe.“

„So habt Ihr wohl Ferien?“

Yes.“

„Und viel Zeit übrig?“

„Sehr viel.“

„Was thut Ihr denn aber, wenn Ihr keine Ferien habt? Ihr müßt doch irgend etwas sein oder irgend etwas machen. Oder nicht?“

„Freilich wohl.“

„Nun, was?“

„Ich habe mich schon in verschiedenen Branchen versucht.“

„Es aber zu nichts gebracht?“

„Leider!“

„Was waret Ihr zuletzt?“

„Zuletzt bin ich in der Prairie gewesen.“

„In der Prairie? Also Jäger?“

„So ähnlich.“

„Könnt Ihr denn schießen?“

„So leidlich.“

„Und reiten?“

„So, daß ich nicht grad herunterfalle.“

„Ihr scheint mir aber von etwas ängstlicher Natur zu sein!“

„Wirklich?“

„Ja.“

„Hm! Es kommt auf die Verhältnisse an. Mut soll man nur zeigen, wenn es nötig ist, sonst ist es Prahlerei.“

„Das ist sehr richtig! Hört, Ihr beginnt, mir zu gefallen. Ihr seid ein bescheidener Boy, der zu brauchen ist. Ein großer Westmann seid Ihr freilich nicht; das sieht man Euch mit jedem Blicke an; aber wenn ich wüßte, daß Ihr nicht grad ein ausgemachtes Greenhorn wäret, so – – –“

„So – – – ?“ fragte ich, weil er den Satz nicht ganz aussprach.

„So würde ich fragen, ob Ihr Lust habt, mit uns zu gehen.“

„Wohin?“

„Nach dem Westen.“

„Der ist groß. Es wäre mir lieber, eine bestimmte Gegend zu hören.“

„Die kann ich Euch sagen. Also Ihr habt Zeit, und es hält Euch nichts hier zurück?“

„Gar nichts.“

„So sagt, ob Ihr mit wollt!“

„Ehe ich das sagen kann, muß ich doch erst wissen, wohin Ihr gehen und was Ihr dort treiben wollt.“

Well, auch das ist richtig und vernünftig. Wir wollen ein wenig ins Colorado hinauf, nach dem Parke von San Louis so ungefähr. Seid Ihr vielleicht schon einmal da oben gewesen?“

„Ja.“

„Was? So weit? Das hätte ich Euch nicht zugetraut! Ist Euch die Gegend der foam-cascade bekannt?“

„Nein.“

„So! Dahin wollen wir. Dort oben in den Parks wird in neuerer Zeit wieder eine solche Menge von Gold gefunden, daß man die Gelegenheit nicht versäumen darf.“

„Ihr wollt graben?“

„Hm – jaaa – aaa!“ dehnte er.

„Und wenn Ihr nichts findet?“

„So finden andre etwas,“ antwortete er mit einem bezeichnenden Achselzucken. „Man braucht nicht grad Digger zu sein, um in den Diggins etwas zu verdienen.“

Es konnte ihm nicht einfallen, sich deutlich auszudrücken; ich wußte trotzdem, was er meinte. Er wollte ernten, wo er nicht gesäet hatte.

„Daß wir nichts finden, darüber braucht Ihr Euch nicht zu sorgen,“ fuhr er fort, um mir Lust zu machen. Es war ihm Ernst damit, mich mitzunehmen, denn je zahlreicher seine Gesellschaft war, desto bessere Geschäfte mußte sie machen, und mich hielt er für einen Mann, den man ausnutzen und dann fortjagen, wenn nicht noch schlimmeres, konnte. „Wir sind alle überzeugt, daß wir gute Ausbeute machen werden, denn wir haben einen Mann bei uns, der sich darauf versteht.“

„Einen Geologen?“

„Er ist noch mehr als Geolog; er besitzt alle Kenntnisse und Erfahrungen, die in den Diggins nötig sind. Ihr werdet nicht daran zweifeln, wenn ich Euch sage, daß er ein Offizier von höchstem Range ist, nämlich General.“

„General?“ fragte ich, indem mir ein Gedanke kam. „Wie heißt der Gentleman?“

„Douglas. Er hat eine Menge Schlachten mitgemacht und dann in den Bergen sehr eingehende wissenschaftliche Forschungen angestellt, deren Ergebnis die Überzeugung ist, daß wir Gold, sehr viel Gold finden werden. Nun, habt Ihr Lust?“

Wenn es wirklich seine Absicht gewesen wäre, nach Gold zu graben, so hätte er sich sehr gehütet, hier, vor so vielen Zeugen, davon zu sprechen; er hatte also etwas ganz andres vor, und daß dies nichts Gutes war, erhellte daraus, daß der Quasi-General zu der Gesellschaft gehörte. Daß dieser sich noch Douglas nannte und keinen andern Namen angenommen hatte, war von ihm eine Unvorsichtigkeit, die ich kaum begreifen konnte.

„Nein, Sir, ich habe keine Lust,“ antwortete ich.

„Warum nicht?“

„Sehr einfach, weil mir die Sache nicht gefällt.“

„Und warum gefällt sie Euch nicht?“

Seine vorher freundlichen Züge verfinsterten sich mehr und mehr und wurden schließlich drohend.

„Weil sie nicht nach meinem Geschmacke ist.“

„Und was für eine Art von Geschmack habt Ihr, Sir?“

„Die Art, welche es mit der Ehrlichkeit hält.“

Dann sprang er auf und schrie mich an:

„Alle Teufel! Wollt Ihr etwa sagen, daß ich nicht ehrlich bin?“

Auch einige von den andern Gästen standen auf. Sie wollten die Scene genau sehen, welche jetzt unbedingt erfolgen mußte.

„Ich habe mich um Eure Ehrlichkeit ebensowenig zu bekümmern wie Ihr Euch um meinen Geschmack,“ antwortete ich, indem ich ruhig sitzen blieb, ihn aber scharf im Auge behielt. „Wir gehen einander nichts an und werden uns in Ruhe lassen!“

„In Ruhe lassen? Das bildet Euch nur ja nicht ein! Ihr habt mich beleidigt, und zwar in einer Weise, daß ich Euch zeigen muß, wer Toby Spencer eigentlich ist.“

„Das braucht Ihr mir nicht erst zu zeigen.“

„So? Ihr wißt es wohl schon?“

„Ja.“

„Nun, was bin ich denn?“

„Grad das, was ich auch bin, nämlich Gast bei Mutter Thick, und als Gast hat man sich anständig zu betragen, wenn man anständig behandelt sein will.“

„Ah! Und wie wollt Ihr mich denn behandeln?“

„So, wie Ihr es verdient. Ich habe Euch nicht aufgefordert, Euch zu mir zu setzen; es waren genug andre Plätze da. Ich habe auch nicht von Euch verlangt, mit mir zu sprechen. Und nachdem ich von Euch ins Gespräch gezogen worden bin, habe ich höflich und sachgemäß geantwortet. Eure Pläne und Absichten sind mir vollständig gleichgültig; da Ihr mich aber fragtet, ob ich mit Euch nach Colorado wolle, habe ich Euch ruhig gesagt, daß ich keine Lust habe. Wie Euch das in Zorn versetzen kann, begreife ich nicht!“

„Ihr habt von Ehrlichkeit gesprochen, Boy! Das dulde ich nicht!“

„Nicht? Hm! Ich denke, ein ehrlicher Mann kann ruhig von Ehrlichkeit sprechen hören, ohne darüber in solchen Grimm zu geraten.“

„Mann, nehmt Euch in acht! Das ist wieder eine Beleidigung, die ich mir sehr stark – – –“

Er wurde von der Wirtin unterbrochen, welche ihn aufforderte, Ruhe zu halten; er hob den Arm gegen sie.

„Begebt Euch nicht in Gefahr, Mutter Thick!“ bat ich sie. „Ich bin gewöhnt, für mich selbst zu sorgen, und pflege stets mein eigner Schutz zu sein.“

Das brachte den Rowdy in noch größere Wut. Er schrie mich an:

„Dein eigner Schutz? Nun, so schütze dich! Hier, das ist für die Beleidigung!“

Er holte mit der Faust zum Schlage aus; darauf war ich gefaßt. Ich hatte im Nu das Bierglas ergriffen und parierte mit ihm den Hieb. Anstatt daß dieser mich traf, wurde er von dem Glase aufgefangen, welches sogleich in Stücke ging. Zugleich sprang ich auf und stieß dem Kerl die Faust mit solcher Gewalt von unten herauf unter das Kinn, daß seine Gestalt, so stark und schwer sie war, hintenüberflog und, einen Tisch und mehrere Stühle umreißend, zur Erde stürzte.

Der war besorgt, und ich hatte zunächst meine Augen auf seine Genossen zu richten, denn daß diese seinen Fall rächen würden, das war sicher. Sie drangen auch sofort mit wildem Geschrei auf mich ein. Zwei Fausthiebe von mir, und zwei von ihnen flogen, der eine nach rechts und der andre nach links auseinander; dem dritten fuhr ich mit beiden Fäusten gegen die Magengrube, daß er mit einem überschnappenden Schrei zusammenknickte; die beiden letzten wichen bestürzt zurück.

Jetzt aber hatte sich Spencer wieder aufgerafft; seine Hand blutete vom Glase, und noch mehr Blut floß ihm aus dem Munde; er hatte sich bei meinem Fausthiebe unter das Kinn in die Zunge gebissen. Mir das Blut entgegenspuckend, brüllte er:

„Hund, das ist dein Tod! So ein Kerl, der nicht einmal weiß, was für ein Metier er hat, wagt es, sich an Toby Spencer zu vergreifen! Ich werde – –“

„Halt! Augenblicklich die Hand vom Gürtel!“ unterbrach ich ihn, denn er griff nach dem Revolver; zugleich zog ich den meinigen und richtete den Lauf auf ihn.

„Nein, sondern die Hand in den Gürtel!“ schäumte er. „Meine Kugel soll dich – –“

„Noch einmal, fort mit der Waffe, sonst schieße ich!“ fiel ich ihm wieder in die Rede.

Er zog sie dennoch. Ich zielte auf seine Hand; er stieß einen Schrei aus, ließ sie sinken, und der Revolver fiel zu Boden.

„Hände hoch! Augenblicklich ihr alle, Hände hoch! Wer nicht gehorcht, bekommt die Kugel!“ befahl ich nun.

„Hände hoch!“ ist im Westen ein gefährliches Wort. Wer zuerst die Waffe in der Hand hat, der befindet sich im Vorteile. Um sich selbst zu retten, darf er den Gegner nicht schonen. Wenn er Hände hoch! gebietet und es wird nicht augenblicklich gehorcht, so schießt er unbedingt; das weiß jedermann. Auch diese sechs Personen wußten es; ich hatte zu dem ersten schnell noch einen zweiten Revolver gespannt, und sie mußten überzeugt sein, daß ich meine Drohung wahr machen würde. Ich befand mich in Notwehr und konnte sie nach allem Rechte erschießen; darum fuhren, als ich den Befehl kaum ausgesprochen hatte, zehn Arme in die Höhe, diejenigen von Toby Spencer auch. Sie vor den Läufen der Revolver behaltend, warnte ich sie:

„Behaltet ja die Hände oben, bis wir miteinander fertig sind; ich habe noch elf Kugeln! Wie steht nun Toby Spencer da, der berühmte, große Held? jetzt hat er es mit keinem falschen Coloradomann zu thun und wird wohl einsehen, daß ich mich auf mein Metier verstehe. Mutter Thick, nehmt den Kerls die Gewehre, Revolver und Messer weg, und schließt sie ein! Morgen früh mögen sie schicken oder selber kommen, um sie abzuholen. Und untersucht ihre Taschen nach dem Gelde! Ihr zieht ihnen die Zeche ab, die sie gemacht haben und den Preis des Glases, welches Spencer zerschlagen hat; dann mögen sie sich trollen.“

Mutter Thick war schnell bei der Hand, diese Weisungen auszuführen, und es sah sich eigentlich komisch an, wie die sechs Menschen mit hoch erhobenen Armen um den Tisch standen und nicht wagten, sich zu bewegen. Zu welcher Sorte von Leuten sie gehörten, zeigte sich durch die Reichtümer, welche sie besaßen. Sie hatten zusammen nur wenige Cents über den Betrag der Zeche. Als die Wirtin dieses Geld eingesteckt hatte, sagte ich:

„Nun macht die Thür auf, Mutter Thick; sie mögen hin ausmarschieren. Draußen können sie die Arme sinken lassen, eher aber nicht, sonst schieße ich noch im letzten Augenblicke.“

Die Thür wurde geöffnet.

„Hinaus mit euch! jetzt wißt ihr nun, ob ich ängstlicher Natur bin oder nicht!“

Sie marschierten mit hoch erhobenen Händen einer hinter dem andern hinaus. Der letzte war Spencer. Ehe er den letzten Schritt that, drehte er sich um und drohte, halb brüllend und halb zischend:

„Auf Wiedersehen! Dann aber hebst du die Arme in die Höhe, Hund!“

Als die Wirtin die Thür hinter ihnen zugemacht hatte, steckte ich die Revolver wieder ein, setzte mich nieder und bat um ein andres Glas. Die allgemeine Spannung löste sich in einem Hauche, der hörbar durch den Gastraum ging. So hatten sich die guten Gentlemen das Ende nicht gedacht! Als Mutter Thick mir das Bier brachte, gab sie mir die Hand und sagte:

„Ich muß mich wieder bei Euch bedanken, Sir. Ihr habt mich von diesen Menschen befreit, die wer weiß was noch angefangen hätten. Und wie habt Ihr das fertig gebracht! Ich hatte wirklich Angst um Euch, als es losging, jetzt freilich weiß ich, daß Ihr keine Frau zu Eurem Schutze braucht. Ihr sollt das beste Zimmer bekommen, welches ich habe. Aber nehmt Euch ja vor diesen Leuten in acht! Sie fallen ganz gewiß bei der ersten Begegnung über Euch her.“

Pshaw! Ich fürchte mich nicht.“

„Nehmt es nicht zu leicht! Derartige Halunken kommen nicht von vorn, sondern hinterrücks.“

Ich sah dann, daß sie nach mir gefragt wurde, doch konnte sie keine Auskunft geben. Man hätte wahrscheinlich gern gewußt, wer ich war, doch hatte ich keine Gründe, Bekanntschaften anzuknüpfen, die nur die Dauer von höchstens zwei oder drei Tagen haben konnten; länger wollte ich nicht in Jefferson bleiben.

Als ich mir dann meine Stube anweisen ließ, sah ich, daß Mutter Thick Wort gehalten hatte; ich wohnte so gut und sauber, wie ich es nur wünschen konnte, und schlief weit besser, als ich vorher vermutet hatte; denn wenn der Westmann zum erstenmal in einem geschlossenen Raum schläft, pflegt er gewöhnlich kein Auge zuzuthun.

Am nächsten Morgen sorgte ich dafür, daß mein äußerer Mensch ein besseres Aussehen erhielt, und dann suchte ich das Bankhaus Wallace und Co. auf, um mich nach Old Surehand zu erkundigen. Ich war höchst neugierig auf das Verhältnis, in welchem Old Surehand zu diesem Hause stand, und auf den Bescheid, den man mir geben würde.

Ich hatte von Mutter Thick aus nicht weit zu gehen, denn das Geschäft lag in derselben Straße. Als ich in der Office nach Mr. Wallace fragte, sollte ich meinen Namen nennen; aber weil ich nicht wußte, wie die Verhältnisse standen, verschwieg ich ihn lieber. Es ist oft gut, wenn man nicht gekannt wird, und ich hatte viele Vorteile, die ich auf meinen Wanderungen errang, nur dem Umstande zu verdanken, daß man nicht wußte, wer ich war.

„Sagt Mr. Wallace, ich sei ein Bekannter von Old Surehand,“ sagte ich.

Kaum hatte ich diesen Namen ausgesprochen, so fuhren die Köpfe sämtlicher Clercs nach mir herum. Ich wurde in der erbetenen Weise angemeldet und dann in ein Zimmer geführt, in welchem ein einzelner Herr am Schreibtische saß und sich bei meinem Eintritte schnell erhob. Er war ein Yankee mit einem recht sympathischen Gesichte und stand in den mittleren Lebensjahren. Den Blick forschend und erwartungsvoll auf mich gerichtet, stellte er sich vor:

„Ich heiße Wallace, Sir.“

„Und mich nennt man Old Shatterhand. Ich weiß nicht, ob Ihr diesen Namen schon einmal gehört habt.“

„Oft, sehr oft, und zwar in einer Weise, die es mir zur Ehre macht, Euch bei mir zu sehen. Seid mir herzlich willkommen und nehmt hier nahe Platz, Mr. Shatterhand! Ihr seid natürlich soeben erst in Jefferson-City angekommen?“

„Nein, ich bin seit gestern hier.“

„Was? Ohne mich sofort aufzusuchen? Wo habt Ihr gewohnt, Sir?“

„Bei Mutter Thick, hier in derselben Straße.“

„Kenne sie; eine brave, ehrliche Frau, aber keine Wirtin für einen Gentleman wie Old Shatterhand!“

„O, ich wohne da vortrefflich und bin ganz zufrieden.“

„Ja, weil Ihr das Lagern im Freien bei jeder Witterung gewöhnt seid; darum sind Eure Ansprüche so bescheiden. Aber wenn Ihr Euch einmal an einem civilisierten Orte befindet, müßt Ihr Euch erholen und Euch bieten, was Ihr Euch bieten könnt; das seid Ihr Eurer körperlichen und auch geistigen Gesundheit schuldig.“

„Grad dieser Gesundheit wegen will ich keine großen Unterschiede, Sir.“

„Mag sein! Aber ich hoffe, daß Ihr meine Einladung annehmt und während Eures hiesigen Aufenthaltes bei mir wohnt!“

„Verzeiht es mir, daß ich mit bestem Danke ablehnen muß! Ich gehe wahrscheinlich schon morgen von hier fort; ferner liebe ich es, vollständig unabhängig zu sein und unabhängig handeln zu können, was aber nicht der Fall sein würde, wenn ich bei Euch wohnte. Und sodann bin ich es Mr. Surehand schuldig, Euch nicht zu belästigen.“

„Wie so?“

„Ihr kennt ihn gut?“

„Ja.“

„Vielleicht sogar genau?“

„Genauer als jeder andre Mensch; ich will Euch sogar aufrichtig sagen, daß wir verwandt miteinander sind.“

Well! Er hat mich gebeten, nicht nach seinen Verhältnissen zu forschen. Wenn ich bei Euch wohnte, würde mir wahrscheinlich manches nicht entgehen oder ich würde manches erraten, was ich nicht zu wissen brauche.“

„Hm!“ nickte er nachdenklich. „Diesen Grund und auch den von Eurer Selbständigkeit muß ich freilich gelten lassen; ich will also nicht in Euch dringen; aber willkommen, höchst willkommen würdet Ihr mir sein; das will ich Euch aufrichtig sagen.“

„Danke, Mr. Wallace! Der Grund meines Besuches ist nur der, zu fragen, ob Ihr wißt, wo er sich jetzt ungefähr befindet.“

„Er ist hinauf in die Parks.“

„Nach welchem?“

„Zunächst nach dem von San Louis.“

„Ah! Wann ist er fort von hier?“

„Vor drei Tagen erst.“

„Da kann ich ihn ja einholen.“

„Ihr wollt hinauf? Ihr wollt zu ihm?“

„Ja. Winnetou reitet mit.“

„Auch Winnetou? Das freut mich; das freut mich ungemein! Wir stehen immerfort so große Sorge um ihn aus; die Gründe kann ich nicht sagen. Wenn wir da zwei solche Männer bei ihm wissen, können wir viel ruhiger sein. Ihr habt ihm schon einmal das Leben gerettet; darum denke ich, daß – –“

„O bitte!“ schnitt ich ihm das Lob ab. „Ich will, wie gesagt, nicht in seine Geheimnisse dringen; aber kann ich vielleicht erfahren, ob er damals in Fort Terrel den gesuchten Dan Etters gefunden hat?“

„Nein. Etters ist gar nicht da gewesen.“

„Also war es eine Lüge des Generals?“

„Ja.“

In diesem Augenblicke kam ein Clerc herein und zeigte ein Papier mit der Frage vor, ob es honoriert werden solle.

„Ein Check über fünftausend Dollars von Grey und Wood in Little Rock,“ las Wallace. „Ist gut und wird ausgezahlt.“

Der Clerc entfernte sich. Nach einiger Zeit ging ein Mann an unserm Fenster vorüber; ich sah ihn und der Bankier auch.

„Himmel!“ rief ich aus. „Das war der General!“

„Wie? Meint Ihr den General, der Old Surehand so unnötigerweise nach Fort Terrel geschickt hat?“

„Ja.“

„Er ging hier vorbei, muß also in meiner Office gewesen sein. Erlaubt mir, einmal nachzufragen, was er gewollt hat!“

„Und ich muß sehen, wohin er geht!“

Ich eilte hinaus, aber er war verschwunden. Ich ging bis zur nächsten Straßenkreuzung, sah ihn aber auch da nicht. Das konnte mich freilich nicht enttäuschen, denn ich hatte ja nichts mehr mit ihm zu thun. Nur hatte ich mich, falls er mich sah, vor einem hinterlistigen Angriffe zu hüten. Als ich zu Wallace zurückkehrte, erfuhr ich, daß der General es gewesen war, der den Check präsentiert hatte. Natürlich hatte ihn niemand gekannt.

Wallace lud mich, da ich nicht bei ihm logieren wollte, wenigstens zum Frühstück ein. Ich wurde von den Seinen so aufgenommen, daß ich mich bewegen ließ, bis zum Diner zu bleiben, und als dies vorüber war, wurde ich noch so lange festgehalten, daß das Souper beinahe schon serviert wurde. Es war also fast neun Uhr, als ich den Rückzug zu Mutter Thick antrat. Vorher mußte ich Wallace versprechen, ihn, wenn es mir möglich sei, vor meiner Abreise noch einmal zu besuchen.

Die Wirtin hatte Lust, mit mir zu schmollen, weil ich so lange weggeblieben war. Sie gestand mir, heut ‚was ganz Besonderes für mich gebraten zu haben, was aber, weil ich nicht gekommen sei, Mr. Treskow gegessen habe. Die gestrigen Gäste waren wieder da, und es gab da eine Unterhaltung, welche der gestrigen ähnlich war.

Auf mein Befragen erfuhr ich, daß Toby Spencer gleich nach meinem Fortgange die konfiszierten Waffen hatte holen lassen. Ich hatte mich so gesetzt, daß ich den Eingang sehen konnte; darum war ich einer der ersten, welcher zwei Männer eintreten sah, auf die sich bald die Blicke aller Anwesenden richteten. Ihre äußere Erscheinung war freilich ganz geeignet, die größte Aufmerksamkeit zu erregen.

Der eine war kurz und dick, der andre lang und dünn. Der Dicke hatte ein bartloses, sonnverbranntes Gesicht; dasjenige des Langen war ebenso von der Sonne gefärbt, welche ihm aber fast die ganze Fruchtbarkeit entzogen zu haben schien, denn der Bart, den er trug, bestand aus nur wenigen Haaren, die von den Wangen, dem Kinn und der Oberlippe fast bis auf die Brust herniederhingen und ihm ganz das Aussehen gaben, als ob er von den Motten zerfressen und gelichtet worden sei. Sah man es diesen beiden Männern schon in Beziehung auf ihre Persönlichkeiten an, daß sie keine gewöhnlichen Leute waren, so mußten sie durch die Art, wie sie sich gekleidet hatten, doppelt auffällig werden. Sie trugen sich nämlich von den Köpfen bis zu den Füßen herunter zeisiggrün. Kurze, weite, zeisiggrüne Jacken, kurze, weite, zeisiggrüne Hosen, zeisiggrüne Gamaschen, zeisiggrüne Schlipse, zeisiggrüne Handschuhe und zeisiggrüne Mützen mit zwei Schirmen, hinten einen und vorn einen, ganz nach Art der Orienthelme. Es fehlte ihnen nur noch das Monocle in das Auge, so hätten sie für die Erfinder oder ersten Repräsentanten des heutigen Gigerltums erklärt werden können, zumal sie auch sehr dicke und unförmliche zeisiggrüne Regenschirme in den Händen hatten.

Es lenkten sich natürlich aller Augen auf sie. Ich erkannte sie trotz ihrer Kleidung, die man besser eine Maskerade hätte nennen können, sofort, und da ich mir den Spaß machen wollte, sie zu Überraschen, so drehte ich mich mit meinem Stuhle so um, daß sie mein Gesicht nicht sehen konnten. Es fiel ihnen nicht ein, zu grüßen; sie fühlten sich als Leute, die es nicht nötig hatten, sich dazu herabzulassen. Auch hielten sie es nicht für notwendig, leise zu sprechen. Sie sahen sich kurz um, dann blieb der Dicke vor einem leeren Tische stehen und fragte den Dünnen, der ihm langsam und bedächtig gefolgt war:

„Was meinst du, Pitt, altes Coon, ob wir hier an diesem vierbeinigen Dinge Lager machen?“

„Wenn du denkst, daß es da für uns passend ist, so habe ich nichts dagegen, alter Dick,“ antwortete der Lange.

Well! Setzen wir uns also her!“

Sie nahmen Platz. Die Wirtin kam zu ihnen und fragte nach ihren Wünschen.

„Seid Ihr die Wirtin dieses Trink- und Logierpalastes, Ma’am?“ erkundigte sich Dick Hammerdull.

Yes. Wollt Ihr vielleicht bei mir logieren, Sir?“

„Ob wir da logieren wollen oder nicht, das bleibt sich gleich; wir haben schon eine Hütte, in der wir wohnen. Was habt Ihr zu trinken?“

„Alle Sorten von Brandy. Besonders kann ich euch meinen Mint- und Carawayjulep empfehlen, der ganz vorzüglich ist.“

„Julep hin und Julep her, wir trinken keinen Schnaps. Habt Ihr denn kein Bier?“

„Sehr gutes sogar.“

„So bringt zwei Töpfe voll; aber groß müssen sie sein!“

Sie bekamen das Verlangte. Hammerdull setzte das Glas an und trank es in einem Zuge aus. Als Pitt Holbers dies sah, leerte er das seinige auch bis auf die Nagelprobe.

„Was meinst du, Pitt, wollen wir nochmals eingießen lassen?“

„Wenn du denkst, Dick, daß wir nicht daran ersaufen, so habe ich nichts dagegen. Es schmeckt besser als Savannenwasser.“

Sie bekamen ihre Krüge wieder gefüllt und nahmen sich erst nun die Zeit, das Lokal und die darin befindlichen Gäste in Augenschein zu nehmen. Dabei fiel das Auge des Dicken zunächst auf den früheren Indianeragenten, der ebenso wie der auch anwesende Treskow die beiden mit überraschten und erwartungsvollen Augen betrachtet hatte.

„Alle Donner!“ rief er aus. „Pitt, altes Coon, schau doch einmal hinter nach der langen Tafel! Kennst du den Gentleman, der dort rechts in der Ecke sitzt und uns anlacht, als ob wir Schwiegerväter oder sonstige Verwandte von ihm wären?“

„Wenn du denkst, daß ich ihn kenne, lieber Dick, so will ich nichts dagegen haben.“

„Ist’s nicht der Agent, der damals – Himmel!“ unterbrach er sich selbst, denn sein Auge war nun auch auf Treskow gefallen – – – „Pitt Holbers, schau einmal mehr nach rechts! Dort sitzt noch einer, den du schon einmal gesehen hast. Gehe in dein Inneres und besinne dich!“

„Hm! Wenn du denkst, daß es der Polizist ist, der es damals so auf Sanders abgesehen hatte, so ist’s richtig. Was meinst du dazu, wollen wir ihnen die Vorderfüße schütteln?“

„Ob ich es meine oder nicht, das ist ganz egal, aber geschüttelt werden sie. Komm, altes Coon!“

Sie gingen nach der Tafel, von welcher ihnen die beiden Genannten nun hoch erfreut entgegen kamen; sie hatten die zwei Westmänner nicht zuerst begrüßen wollen, um zu sehen, ob sie von ihnen erkannt würden. Dick Hammerdull und Pitt Holbers, von denen gestern zweimal erzählt worden war, hier bei Mutter Thick! Das war natürlich ein großes, ein freudiges Ereignis. Es wurden ihnen von allen, die an der Tafel saßen, die Hände geschüttelt, und es verstand sich ganz von selbst, daß sie ihre jetzigen Plätze aufgeben und sich zu ihren alten und neuen Bekannten setzen mußten.

„Wir haben erst gestern von euch gesprochen,“ sagte Treskow. „Wir erzählten unsre damaligen Erlebnisse, und ihr dürft euch also nicht darüber wundern, daß ihr den Gentlemen hier sehr liebe Bekannte seid. Dürfen wir wissen, wie es euch dann später ergangen ist? Ich mußte mich in New York von euch trennen, nachdem wir der Hinrichtung von Sanders, der Miß Admiral und ihrer Genossen beigewohnt hatten.“

„Wie es uns ergangen ist? Sehr gut,“ antwortete Hammerdull. „Wir sind direkt nach dem Westen, wo wir natürlich sogleich unser hide-spot aufsuchten.“

„Bestand das noch?“

Yes. Warum sollte es nicht mehr bestanden haben?“

„Der Ogellallahs wegen, die es entdeckt hatten.“

„Das schadete nichts, denn wir hatten sie ja alle ausgelöscht, und von den Kameraden, die wir dort zurückließen, als der Ritt nach San Francisco begann, waren alle Spuren vernichtet worden. Wißt Ihr noch, daß damals in San Francisco, als wir an Bord gingen, einige von uns am Lande blieben?“

„Ja, ich besinne mich.“

„Ob Ihr Euch besinnt oder nicht, das bleibt sich gleich, das ist sogar ganz egal; aber diese Männer sind nicht in San Francisco geblieben, um dort auf uns zu warten, sondern nach dem hide-spot zurückgekehrt, so daß wir unsre Pferde vorfanden, als wir dort ankamen.“

„Eure Stute auch?“

„Natürlich. Hei, das hat eine Freude gegeben! Das alte, gute Viehzeug ist vor Entzücken fast verrückt geworden, als sie ihren lieben Dick Hammerdull wieder sah. Auch Winnetou bekam seinen Rappen.“

„Er ist also mit Euch hinauf zum hide-spot?“

Yes

„Habt Ihr ihn denn vielleicht wieder einmal getroffen?“

Yes. Er kam mit Old Shatterhand zu uns.“

„Old Shatterhand! Ah, den möchte ich auch gern einmal sehen. Ich beneide Euch darum, daß Ihr ihn kennt.“

„Ob Ihr mich beneidet oder nicht, das bleibt sich gleich; ich beneide mich ja selber drum. Ich sage euch, Mesch’schurs, das ist ein Kerl! Ich habe mich stets für einen tüchtigen Westmann gehalten, und du doch auch, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm, wenn du es denkst, lieber Dick, so kann ich nichts dagegen haben.“

„Ja, es ist wahrhaftig so. Wir haben uns immer eingebildet, daß wir ganz vortreffliche Kerle seien, aber dieser Old Shatterhand hat uns eines ganz andern belehrt. Alles, was wir machten, war falsch und dumm; er hatte in allem eine ganz andre Art und Weise, und wie und wo er ein Ding anfing, da hatte es Erfolg. Er war mit Winnetou fast drei Monate bei uns, und ich sage Euch, daß wir in dieser Zeit zehnmal mehr Häute und Felle erbeutet haben als sonst in einem halben Jahre. Das gab dann später beim Verkaufe einen ganzen Klumpen Gold. Kurze Zeit, nachdem sie fort waren, lernten wir einen andern Westmann kennen, der fast auch so berühmt ist wie sie. Nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du Old Surehand meinst, so kann es mir nicht einfallen, dir unrecht zu geben, lieber Dick.“

„Ja, Old Surehand, den meine ich. Habt ihr von ihm schon gehört, Mesch’schurs?“

Sie bejahten alle diese Frage, und er fuhr fort:

„Das ist auch ein Mann, vor dem man Respekt haben muß. Leider hat er die Eigenheit, an keinem Orte lange zu bleiben. Er schießt nur so viel, wie er zum Leben braucht; darum ist er nicht eigentlich ein Jäger zu nennen, obgleich es aus seiner Büchse nie einen Fehlschuß giebt; er stellt keine Fallen; er sucht nicht nach Gold; man weiß gar nicht, weshalb und wozu er im wilden Westen lebt. Kaum hat man ihn gesehen, so ist er wieder verschwunden. Es ist, als ob er nach etwas suche, was er nicht finden kann. – Also, Mr. Treskow, es ist uns immer gut ergangen; wir haben einträgliche Jagden gehabt und unsern Beutel so gefüllt, daß wir mit dem Gelde nicht wissen, wohin.“

„Da seid Ihr ja zu beneiden, Mr. Hammerdull!“

„Zu beneiden? Schwatzt keine Dummheit! Was soll man mit dem vielen Gelde thun, wenn man nichts damit thun kann? Was kann ich mit meinen Goldstücken, mit meinen Checks und Anweisungen im wilden Westen machen, he?“

„Geht nach dem Osten und genießt da Euer Leben!“

„Danke! Was giebt’s da zu genießen? Soll ich mich in ein Hotel setzen und eine Speisekarte herunteressen, von der nichts draußen am Lagerfeuer, sondern alles in der Ofenröhre gebraten ist? Soll ich mich im Menschengewühle eines Konzertsaales halb zerdrücken lassen, die schlechteste Luft des ganzen Erdballes verschlingen und meine guten Ohren in die Gefahr bringen, von Pauken und Trompeten vollständig ruiniert zu werden, während unser Herrgott da draußen im Rauschen des Urwaldes und in den geheimnisvollen Stimmen der Wildnis jedem, der einen Sinn dafür hat, ein Konzert bietet, gegen welches Eure Geigen und Trommeln nicht aufkommen können? Soll ich mich in ein Theater setzen, meine Nase in die dort herrschenden Moschus- und Patschulidüfte stecken und mir ein Stück vorspielen lassen, welches meine Gesundheit untergräbt, weil ich mich darüber entweder krank lachen oder krank ärgern muß? Soll ich mir eine Wohnung mieten, in welcher kein Wind wehen und kein Regentropfen fallen darf? Soll ich mich in ein Bett legen, über welchem es keinen freien Himmel, keine Sterne und keine Wolken giebt, und wo ich mich so in die Federn wickle, daß ich mir selbst wie ein halb gerupfter Vogel vorkomme? Nein! Geht mir mit Eurem Osten und seinen Genüssen! Die einzigen und wahren Genüsse finde ich im wilden Westen, und für die hat man nichts zu bezahlen. Darum braucht man dort weder Gold noch Geld, und Ihr könnt Euch denken, wie ärgerlich es ist, ein reicher Kerl zu sein, dem sein Reichtum aber nicht den geringsten Genuß oder Nutzen bringt. Da haben wir denn nachgedacht, was wir mit unsrem Gelde, welches wir nicht brauchen, machen sollen. Wir haben uns darüber monatelang den Kopf zerbrochen, bis Pitt Holbers endlich auf einen sehr guten, auf einen vortrefflichen Gedanken gekommen ist. Nicht wahr, Pitt, altes Coon?“

„Hm, wenn du wirklich denkst, daß er vortrefflich ist, so will ich dir beistimmen. Du meinst doch meine alte Tante?“

„Ob sie eine Tante ist oder nicht, das bleibt sich gleich; aber dieser Gedanke wird ausgeführt. Pitt Holbers hat nämlich schon als Kind seine Eltern verloren und wurde von einer alten Tante erzogen, der er aber davongelaufen ist, weil die Methode, mit der sie ihn erzog, für ihn sehr schmerzlich war. Es giebt, wie ihr alle zugeben werdet, Mesch’schurs, Gefühle, die man sich nicht abgewöhnen kann, besonders wenn sie von Tag zu Tag mit Hilfe von Stockhieben und Backpfeifen immer wieder von neuem aufgefrischt werden. Solche schmerzliche Gefühle waren es, denen sich Pitt Holbers durch die Flucht entzog. Er hielt nämlich in seiner jugendlichen Weisheit die Erziehungsmethode der alten Tante für zudringlicher, als sie in Beziehung auf gewisse, sehr empfindliche Körperteile eigentlich zu sein brauchte. Jetzt aber ist ihm der Verstand gekommen, und er hat eingesehen, daß er eigentlich noch viel mehr Hiebe hätte bekommen sollen. Die gute Tante erscheint ihm jetzt nicht mehr in der Gestalt eines alten Drachen, sondern als eine liebevolle Fee, die seinen äußern Menschen mit dem Stocke frottierte, um seinen innern glücklich zu machen. Diese Überzeugung hat in ihm das Gefühl der Dankbarkeit hervorgerufen und zugleich die Idee erweckt, nachzuforschen, ob die Tante noch am Leben ist. Ist sie tot, so leben wahrscheinlich Nachkommen von ihr, denn sie hatte neben dem Neffen selbst auch Kinder, welche ganz nach derselben Methode erzogen wurden und darum ganz gewiß verdienen, jetzt glückliche Menschen geworden zu sein. Zu diesem Glücke wollen wir ihnen verhelfen. Die Tante soll, wenn wir sie finden, unser Geld bekommen, auch das meinige, denn ich brauche es nicht, und es ist ganz egal, ob sie meine Tante oder seine Tante ist. Nun wißt ihr also, Mesch’schurs, warum ihr uns hier an der Grenze des Ostens seht. Wir wollen die gute Fee von Pitt Holbers aufsuchen, und weil man vor den Augen eines solchen Wesens unmöglich so erscheinen darf, wie wir im Urwalde herumlaufen, haben wir unsre geflickten Leggins und Jagdröcke abgeworfen und uns diese schönen grünen Anzüge zugelegt, weil sie uns an die Farbe der Prairie und der grünenden Buschwoods erinnern.“

„Und wenn Ihr nun die Tante nicht findet, Sir?“ fragte Treskow.

„So suchen wir ihre Kinder und geben ihnen das Geld.“

„Und wenn nun die auch tot sind?“

„Tot? Unsinn! Die leben noch! Kinder, welche nach einer solchen Methode erzogen werden, die haben ein zähes Leben und sterben nicht so leicht.“

„So habt Ihr wohl Euer Geld mit?“

Yes.“

„Aber doch wohl gut verwahrt, Mr. Hammerdull? Ich frage das nämlich, weil ich weiß, daß es Westmänner giebt, welche in Beziehung auf das Geld eine oft geradezu naive Arglosigkeit zeigen.“

„Ob arglos oder nicht, das bleibt sich gleich; wir haben es so gut verwahrt, daß es auch dem pfiffigsten Spitzbuben unmöglich ist, es zu bekommen.“

Er hatte ebenso wie Pitt Holbers eine auch zeisiggrüne Tasche umhängen, schlug mit der Hand an sie und sagte:

„Wir tragen es stets bei uns; hier in dieser Tasche steckt’s, und des Nachts legen wir es unter den Kopf. Wir haben unser Vermögen in schöne, gute Anweisungen und Checks verwandelt, ausgestellt von Gray und Wood in Little Rock; jedes Bankhaus zahlt die volle Summe aus. Da, seht her; ich will’s Euch zeigen!“

Als er die Firma Gray und Wood in Little Rock nannte, dachte ich sogleich an den General, welcher heut bei Wallace und Co. einen Check von diesem Bankhause präsentiert hatte. Dick Hammerdull schnallte die Tasche auf, griff hinein und nahm eine lederne Brieftasche heraus, die er mit einem kleinen Schlüssel öffnete.

„Hier steckt das Geld, Mesch’schurs,“ sagte er; „also in zwei Taschen doppelt verwahrt, so daß kein Mensch dazukommen kann. Wenn ihr diese Checks – –“

Er hielt inne. Die Rede schien ihm nicht bloß im Munde, sondern hinten im Halse stecken zu bleiben. Er hatte Checks aus der Tasche nehmen und vorzeigen wollen; ich sah von weitem, daß er ein kleines, helles Päckchen in der Hand hielt; sein Gesicht hatte den Ausdruck des Erstaunens, ja der Bestürzung.

„Was ist das?“ fragte er. „Habe ich die Checks dann in eine Zeitung gewickelt, als ich sie gestern in den Händen hatte? Weißt du das, Pitt Holbers?“

„Ich weiß nichts von einer Zeitung,“ antwortete Pitt.

„Ich auch nicht, und doch ist das ein Zeitungspapier, in welches sie eingeschlagen sind. Sonderbar, höchst sonderbar!“

Er faltete das Papier auseinander und rief, indem sein Gesicht erbleichte, erschrocken aus:

„Alle Teufel! Die Checks sind nicht da! Die Zeitung ist leer!“ Er griff in die andern Fächer der Brieftasche; sie waren leer. „Die Checks sind fort! Sie sind nicht hier – nicht hier -und auch nicht hier. Sieh gleich einmal nach, wo die deinigen sind, Pitt Holbers, altes Coon! Hoffentlich hast du sie noch!“

Holbers schnallte seine Tasche auf und antwortete:

„Wenn du etwa meinst, daß sie verschwunden sind, lieber Dick, so wüßte ich nicht, auf welche Weise das geschehen sein sollte.“

Es zeigte sich bald, daß sie auch fort waren. Die beiden Westmänner waren aufgesprungen und starrten einander rat- und fassungslos an. Das schon so sehr schmale und lange Gesicht von Pitt Holbers war um die Hälfte länger geworden, und Dick Hammerdull hatte vergessen, nach seinen letzten Worten den Mund zu schließen; er stand ihm weit offen.

Nicht nur die um die Tafel sitzenden, sondern auch alle andern Gäste nahmen teil an dem Schrecke der Bestohlenen, denn daß ein Diebstahl vorlag, das war allen und auch mir sofort klar; speziell ich glaubte sogar, den Dieb zu erraten. Man sprach von allen Seiten auf Hammerdull und Holbers ein, welche die an sie gerichteten Fragen gar nicht beantworten konnten, bis Treskow mit lauter Stimme in diesen Wirrwarr hineinrief:

„Still, Gent’s! Mit diesem Lärm erreichen wir nichts. Die Sache muß anders angefaßt werden; sie schlägt in mein Fach, und so bitte ich Euch, Mr. Hammerdull, mir einige Fragen ruhig und mit Überlegung zu beantworten. Seid Ihr fest überzeugt, daß die Wertpapiere sich in dieser Brieftasche befunden haben?“

„Genau so fest, wie ich überzeugt bin, daß ich Dick Hammerdull heiße!“

„Und diese Zeitung war nicht drin?“

„Nein.“

„So hat der Dieb die Papiere herausgenommen und die zusammengefaltete Zeitung an ihre Stelle gelegt, um Euch möglichst lange in der Meinung zu halten, daß die ersteren noch da seien. Die Brieftasche war so dick wie vorher, und wenn Ihr sie in die Hand nahmt, so mußtet Ihr denken, sie sei nicht geöffnet worden. Wer aber ist der Dieb?“

„Ja, wer – – ist – – der – – Dieb?“ dehnte Hammerdull in großer Aufregung.

„Habt Ihr keine Ahnung?“

„Nicht die geringste! Und du, Pitt?“

„Ich auch nicht, lieber Dick,“ antwortete Holbers.

„So müssen wir nach ihm forschen,“ meinte Treskow. „Giebt es irgend wen, der es wußte, daß Ihr Geld oder Geldeswert hier in der Tasche hattet?“

„Nein,“ antwortete der Dicke.

„Wirklich nicht?“ „Keinen Menschen!“

„Seit wann steckten die Papiere drin?“

„Seit vorgestern.“

„Wann habt Ihr die Brieftasche zum letztenmal geöffnet?“

„Gestern, als wir uns schlafen legten.“

„Da waren sie noch drin?“

„Ja.“

„Wo habt ihr logiert?“

„Im Boardinghouse von Hilley, Waterstreet.“

„Dieser Wirt ist ein ehrlicher Mann; auf ihn kann kein Verdacht fallen. Aber er hat keine einzelnen Zimmer, sondern nur einen großen, gemeinschaftlichen Schlafraum?“

„Ja; da standen unsre Betten.“

„Ah! Und in diesem Raume habt ihr die Taschen aufgemacht?“

„Nein, sondern unten in der Gaststube.“

„Man hat euch dabei beobachtet?“

„Nein. Wir waren in dem betreffenden Augenblicke die einzigen Gäste, und es gab kein Auge, welches uns zusehen konnte. Dann sind wir schlafen gegangen und haben die Taschen unter die Kopfkissen gelegt.“

„So! Hm! Das giebt keinen Anhalt. Wir müssen schnell zu Hilley gehen, damit ich mir die Räumlichkeiten betrachte und nach andern Momenten suche. Kommt, Mr. Hammerdull, Mr. Holbers! Wir wollen eilen!“

Da sagte ich, noch immer auf meinem Platze sitzend, während alle andern Gäste aufgestanden waren und die Tafel umdrängten:

„Bleibt in Gottes Namen hier, Mr. Treskow! Ihr findet den Dieb dort nicht.“

Die Augen richteten sich alle auf mich, und Treskow ließ die schnelle Frage hören:

„Wer sagt das? Ah, Ihr! Wie kommt Ihr zu dieser Behauptung?“

„Infolge meiner Vermutungen.“

„Seid Ihr Jurist?“

„Nein.“

„Polizist?“

„Auch nicht; aber ich denke, man braucht keins von beiden zu sein, um irgend eine Sache richtig anfassen zu können. Erlaubt, daß nun einmal ich einige Fragen an Mr. Hammerdull und Mr. Holbers richte!“

Ich stand von meinem Stuhle auf und ging auf die Tafel zu. Dadurch wurde es den beiden Genannten trotz der vielen Personen, die sie umstanden, möglich, mich zu sehen. Was ich erwartet hatte, das geschah. Dick Hammerdull streckte beide Arme aus, wies mit beiden Zeigefingern auf mich und schrie.

Heavens! Wen sehe ich da? Ist das die Möglichkeit, oder täuschen mich meine Augen? Pitt Holbers, altes Coon, siehst du diesen Gentleman?“

„Hm, wenn du denkst, daß ich ihn sehe, so scheinst du das Richtige getroffen zu haben, lieber Dick,“ antwortete der Lange freudestrahlend.

„Und kennst du ihn aber auch?“

„Und ob! Das ist der Mann, den wir grad jetzt hier brauchen können! Der wird Klarheit in diese Teufelei bringen; das bin ich überzeugt.“

„Ich auch, ich auch! Welcome, Welcome, Mr. Shatterhand! Ist das eine Überraschung und eine Freude, Euch hier zu sehen! Ihr seid eben erst gekommen?“

„Nein. Ich war schon bei eurer Ankunft da.“

„Und wir haben Euch nicht gesehen!“

„Ich drehte mich mit Absicht um, denn ihr solltet mich nicht gleich erkennen.“

„So habt Ihr alles gehört, was gesprochen worden ist, und wißt, daß wir bestohlen worden sind?“

„Ja.“

„Wollt Ihr uns helfen?“

„Eigentlich eine sonderbare Frage, Sir!“ lächelte ich.

„Mag sein! Aber man ist gewohnt, zu glauben, daß es keine Lage giebt, aus welcher Old Shatterhand nicht den richtigen Ausweg weiß.“

Seit mein Name genannt worden war, herrschte in dem großen Raume tiefe Stille. Man war von der Tafel zurückgetreten, um mir Platz zu machen, und ich sah um mich einen Kreis von Menschen, deren Augen mich neugierig betrachteten. Da drängte sich die Wirtin durch den Kreis, streckte mir beide Hände hin und rief.

„Old Shatterhand seid Ihr, Old Shatterhand? Willkommen, Sir, tausendmal willkommen! Das ist für mein Haus ein Ehrentag, den ich mir anmerken werde! Old Shatterhand wohnt bei mir! Hört ihr es alle, ihr Leute? Er wohnt schon seit gestern hier, und ich habe es nicht gewußt! Freilich, als er gestern abend die sechs Rowdies hinausmarschieren ließ, da konnten wir es uns eigentlich denken! Nun habe ich aber von – –“

„Davon später, Mutter Thick!“ bat ich, sie unterbrechend. „Ich will Euch vorläufig sagen, daß es mir hier gefällt und daß ich mit Euch zufrieden bin; später sollt Ihr alles von mir hören, was Ihr wollt. Jetzt aber haben wir es mit dem Diebstahle zu thun. Wollt Ihr mir erlauben, Mr. Treskow, einige Fragen an die Eurigen anzuschließen?“

Er war bescheiden zurückgetreten und antwortete:

„Erlaubnis, Sir? Ich möchte wissen, wen Old Shatterhand um die Erlaubnis zu fragen hätte!“

Well! Also, Dick Hammerdull, ihr habt die gestohlenen Papiere vorgestern in die Brieftasche gethan?“

„Ja,“ antwortete er.

„Warum nicht eher?“

„Weil wir die Taschen nicht eher besaßen. Wir haben sie erst vorgestern hier gekauft.“

„Und wann die Papiere hineingethan?“

„Gleich in dem betreffenden Laden.“

„Waret ihr die einzigen Käufer dort?“

„Nein. Es kam ein Mann dazu, weicher, ich weiß nicht was kaufen wollte. Dem gefielen die Taschen so, daß er von ganz derselben Sorte auch zwei kaufte.“

„Sah er, daß ihr die Papiere in die eurigen stecktet?“

„Ja.“

„Wußte oder ahnte er, was für Papiere es waren?“

„Gewußt hat er es nicht. Ob er es aber ahnte, das kann man doch nicht wissen, nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, daß man es nicht wissen konnte, so hast du unrecht, lieber Dick,“ antwortete Pitt, ihm dieses Mal nicht beistimmend.

„Geirrt? Wie so?“

„Weil du es gesagt hast.“

„Ich?“

„Ja.“

„Das ist ja nicht wahr! Ich habe mit diesem Manne kein einziges Wort gesprochen.“

„Aber mit dem Verkäufer. Zu dem sagtest du, als du die Papiere hineinstecktest, daß diese Art von Taschen sich sehr gut zur Aufbewahrung von solchen hohen Checks eigne.“

„Das war eine große Unvorsichtigkeit!“ nahm ich wieder das Wort. „Hat der Mann die Taschen gekauft, ehe er das hörte?“

„Nein, sondern nachher,“ antwortete Holbers.

„Wer ging dann eher fort, er oder ihr?“

„Wir.“

„Habt ihr nicht etwa bemerkt, daß er euch nachgegangen ist?“

„Nein.“

„Ich nehme trotzdem an, daß er euch gefolgt ist, natürlich heimlich; er hat sehen wollen, wo ihr wohnt.“

Da fiel Hammerdull schnell und eifrig ein:

„Ob wir gewohnt haben oder nicht, das bleibt sich gleich; aber er war dann auch da.“

„In eurem Boardinghouse?“

„Ja.“

„Logierte er da?“

„Ja.“

„Er schlief auch da?“

„Ja.“

„In demselben Raume mit euch?“

„Natürlich, denn es gab keinen andern Platz.“

„So ist er der Dieb!“

„Alle Wetter! Wie bestimmt Ihr das sagt, Sir! Freilich, wenn Old Shatterhand es sagt, so ist es richtig. Aber wie soll er in unsre Brieftaschen gekommen sein?“

„Gar nicht.“

„Wie? Gar nicht? Er muß doch hineingekommen sein, denn er hat die Papiere herausgenommen!“

„Nein.“

„Nicht? Da begreife ich Euch nicht, Sir!“

„Die Papiere liegen noch drin, mit Ausnahme eines einzigen, welches er versilbert hat.“

„Sie liegen noch drin? Ich habe sie ja nicht!“

„Seid Ihr denn wirklich so kurzsichtig, Dick Hammerdull? Die Brieftaschen, welche ihr hier habt, sind gar nicht die eurigen.“

„Nicht – ?“ fragte er, indem seine sonst so listigen Züge einen ganz entgegengesetzten Ausdruck annahmen.

„Nein; es sind die, welche er gekauft hat. Er hat Zeitungen hineingelegt und sie dann, wahrscheinlich als ihr schliefet, ganz einfach mit den eurigen umgetauscht.“

„Ah – ! Das hätte der Halunke ja außerordentlich schlau angefangen!“

„Allerdings. Er muß eine bedeutende Fertigkeit als Taschendieb besitzen, denn es gehört etwas dazu, zwei Westmännern, welche doch gewohnt sind, außerordentlich leise zu schlafen, die Brieftaschen unter den Kopfkissen wegzuziehen.“

„Was das betrifft, Sir, so haben wir gar nicht leise, sondern wie die Ratten geschlafen. Die schlechte Luft in diesem Raume und der Öldunst, das war schrecklich. Wir haben gelegen wie betäubt.“

„Nun, so ist ihm der Diebstahl leicht geworden. Ist Euch sein Name bekannt?“

„Nein.“

„Den werden wir im Boardinghouse erfahren,“ fiel da Treskow ein.

„Wahrscheinlich nicht,“ antwortete ich. „Er hat doch jedenfalls einen falschen Namen gesagt, wie Ihr als Polizist ja besser wißt als ich. Zu wissen, wie er sich genannt hat, bringt uns also gar keinen Nutzen.“

„Aber es giebt uns einen Anhalt, ihn aufzusuchen.“

„Glaubt Ihr etwa, daß er noch hier in Jefferson-City ist, Mr. Treskow?“

„Nein. Ich werde augenblicklich gehen, um die Polizei zu benachrichtigen und – –“

„Denkt nicht an die Polizei,“ unterbrach ich ihn. „Von ihr haben die Bestohlenen gar nichts zu erwarten.“

„Ich denke doch!“

„Nein, gar nichts! Wenn wir nicht selbst das Richtige treffen, so trifft es die Polizei noch viel weniger als wir. Wollen es überlegen! Aber nicht hier, wo es so laut hergeht. Kommt heraus in die kleine Stube! Mutter Thick mag uns die Gläser nachbringen.“

Wir gingen in das separate Zimmer, aus welchem gestern Treskow gekommen war. Mit dem wir sind Treskow, Hammerdull, Holbers und ich gemeint. Es lag nicht in meiner Absieht, noch andere hören zu lassen, was wir besprachen, denn es konnte leicht eine zweifelhafte Person dabei sein, die uns die Sache verdarb. Es hatte aber auch keiner Miene gemacht, uns zu folgen.

Als wir nun unbelauscht und unbelästigt beisammen saßen, sagte ich rund heraus:

„Ich kenne den Dieb, Mesch’schurs, und da ich ihn euch nennen will, habe ich euch hier hereingeführt. Es braucht da draußen niemand seinen Namen zu hören, denn es könnte möglicherweise jemand da sein, der ihn warnt.“

„Ihr kennt den Dieb, Mr. Shatterhand?“ fragte Dick Hammerdull erfreut. „Oh, nun ist es mir um das Geld gar nicht mehr bange! Wir fassen den Kerl! Wenn Old Shatterhand auf seiner Fährte ist, kann er uns gar nicht entwischen!“

„Ja, Ihr seid wirklich ein außerordentlicher Mann, Mr. Shatterhand!“ stimmte Treskow bei.

„Denkt das ja nicht! Es ist der reine Zufall, daß ich ihn gesehen habe.“

„Sogar gesehen habt Ihr ihn?“

„Ja, als er einen der Checks zu Geld machte; es waren fünftausend Dollars.“

„Was? Schon fünftausend Dollars?“ zürnte Dick Hammerdull. „Der Kuckuck soll den Halunken reiten, wenn er uns diese Summe verkrümelt, ehe wir ihn fangen! Wie heißt der Mensch?“

„Er wird sich wohl schon verschiedene Namen beigelegt haben, Ich habe ihn unter dem Namen Douglas kennen gelernt.“

„Douglas? Unter unsern Bekannten befindet sich keiner, welcher Douglas heißt. Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm, wenn du denkst, daß wir es noch mit keinem Douglas zu thun gehabt haben, so ist das richtig, lieber Dick.“

„Aber ich, ich habe mit einem zu thun!“ sagte Treskow. „Ha, wenn dieser Douglas der wäre, den ich suche!“

„Ihr sucht einen Menschen dieses Namens?“ fragte ich.

„Ja. Das heißt, dieser Name ist nur einer von den vielen, die er sich schon beigelegt hat. Da Ihr ihn gesehen habt, könnt Ihr mir wohl eine Beschreibung seiner Person geben, Sir?“

„Sogar eine sehr genaue. Ich bin zwei Tage mit ihm zusammen gewesen.“

Ich gab ihm das Signalement des Generales; als ich damit fertig war, sagte er:

„Es stimmt; es stimmt genau. Um aber ganz überzeugt zu sein, bedarf es für mich der Beantwortung noch einer Frage. Wenn Ihr zwei Tage bei ihm gewesen seid, Mr. Shatterhand, so wird Euch an ihm eine Eigentümlichkeit aufgefallen sein?“

„Eine persönliche?“ „Nein, ich meine seinen Stand.“ „Ah, wohl daß er sich für einen General ausgiebt?“ „Hat er das bei Euch auch gethan?“ „Ja.“

„So ist er es; so ist er’s ganz gewiß! Ich will Euch im Vertrauen mitteilen, daß ich hier nach Jefferson-City gekommen bin, um ihn zu fangen. Wir erfuhren, daß er sich wahrscheinlich hierher wenden werde. Wo habt Ihr ihn kennen gelernt, Mr. Shatterhand?“

„Im Llano estaccado.“

„Ah! Also in der Wüste?“

„Ja; er trat auch dort sofort als Dieb auf.“

„Wie? Bitte, laßt mich’s wissen!“

Ich erzählte die Geschichte kurz.

„Fünfzig Hiebe hat er nur erhalten!“ bedauerte er dann. „Das war zu wenig, viel zu wenig. Er hat noch mehr, noch viel mehr Werg am Rocken, als Ihr glauben werdet. Und wenn Ihr ihn hättet totprügeln lassen, so wäre es nicht schade um ihn gewesen. Ich muß ihn fangen; er darf mir nicht entgehen! Ich werde mir alle Mühe geben, eine Spur von ihm zu entdecken, und dann lasse ich nicht eher von seiner Fährte, als bis ich ihn habe.“

„Ihr braucht Euch keine Mühe zu geben, Sir; die Spur ist schon gefunden.“

„Von wem?“

„Von mir.“

„Wo führt sie hin?“

„Weit fort von hier, sehr weit! So weit, daß Ihr vielleicht davon absehen werdet, ihr zu folgen.“

„Das denke ich nicht. Ich bin damals Sanders quer durch den ganzen Kontinent gefolgt; um den General zu fangen, werde ich nicht weniger thun. Also sagt, wohin er will!“

„Hinauf nach den Rocky-Mountains.“

„Wirklich? Mit so viel Geld in der Tasche?“

„Trotzdem! Dieser Mann ist zu klug, als daß er im Osten bleibt, um es zu verjubeln und sich dabei fangen zu lassen.“

„Aber die Felsenberge ziehen sich durch die ganzen Vereinigten Staaten. Kennt Ihr den Ort, nach welchem er will, ganz genau?“

„Ja.“

„Welcher ist es?“

„Soll ich es Euch sagen? Ihr wißt es ja auch.“

„Ich?“ fragte er verwundert.

„Ja.“

„Von wem sollte ich was erfahren haben?“

„Von demselben Manne, der es mir sagte, nämlich von Toby Spencer.“

„Spencer – – Spencer – – wer heißt denn – – ah, Ihr meint den gestrigen Grobian, der von Euch so vortrefflich hinausgeleuchtet wurde?“

„Ja. Ihr habt doch gehört, was er mit mir sprach?“

„Ja.“

„Er machte mir einen Antrag.“

„Mit ihm nach dem San Luis-Park zu gehen?“

„Ja. Dorthin geht der General auch.“

„Hat Spencer das gesagt?“

„Ist Euch das entgangen?“

„Daß er den General erwähnt hat, weiß ich nicht. Meine Aufmerksamkeit für Euer Gespräch muß in dem betreffenden Augenblicke durch irgend etwas abgelenkt worden sein. Also, der General will auch hinauf?“

„Natürlich! Er ist ja der Anführer dieser Kerls, welche die Absicht zu haben scheinen, eine Räuberbande zu bilden. Wollt Ihr solchen Leuten folgen und Euch in ihre Nähe wagen, Mr. Treskow?“

„Um ihn zu fangen, schrecke ich vor keinem Wagnisse zurück. Ich habe die Weisung, ihn, wenn ich ihn sehe, ja nicht entkommen zu lassen.“

„So muß er ja ein ganz bedeutender Verbrecher sein, auch das abgerechnet, was ich von ihm weiß?“

„Das ist er allerdings. Ich könnte von ihm Geschichten erzählen, die aber nicht hierher gehören; wir haben auch keine Zeit dazu.“

„Aber bedenkt, was das heißt, einen Ritt hinauf in den Park zu machen! Ihr müßt durch das Gebiet der Osagen!“

„Sie werden mir wohl nichts thun!“

„Meint Ihr? Sie rebellieren in neuester Zeit. Sie sind ein Stamm der Sioux, und was das heißt, das haben Euch damals die Ogellallahs gezeigt. Und noch eine Frage: Habt Ihr Begleiter?“

„Hm! Ich bin allein, denke aber, daß ich auf Mr. Hammerdull und auf Mr. Holbers rechnen kann.“

„Warum auf uns?“ fragte Dick, der Dicke.

„Weil er euer Geld bei sich hat. Oder wollt ihr es ihm lassen, Sir?“

„Fällt uns gar nicht ein! Wenn es unser wäre, könnten wir es noch eher schwinden lassen; aber wir haben es der schlagfertigen Fee zugedacht; es gehört also ihr, und darum müssen wir es für sie wieder holen.“

„So müßt ihr ihm aber nach!“

„Das versteht sich ganz von selber.“

„So haben wir also gleichen Zweck und gleiches Ziel, und ich denke doch nicht, daß ihr für euch allein handeln und mich allein reiten lassen werdet.“

„Zweck hin und Zweck her, wir reiten mit Euch.“

„Schön! So sind wir also zu dreien; das verdreifacht meine Hoffnung, den General zu fangen.“

„Ob dreifach oder nicht, das ist ganz egal; aber wenn er mir zwischen die Hände kommt, so kommt er nicht wieder heraus. Meinst du nicht, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, lieber Dick, so reiten wir mit, nehmen ihm das Geld ab und prügeln ihn tüchtig durch; dann übergeben wir ihn an Mr. Treskow, der einen schönen Galgen für ihn aussuchen kann. Also wir drei reiten zusammen, aber wann?“

„Das muß erst noch überlegt werden. Vielleicht wird uns Mr. Shatterhand einen guten Rat geben,“ sagte Treskow.

„Das will ich gern thun,“ antwortete ich, „und ich denke, daß Ihr ihn befolgen werdet.“

„Ganz gewiß! Wie heißt er?“

„Er heißt: Reitet nicht zu dreien, sondern nehmt noch jemand mit, Mr. Treskow.“

„Wer ist dieser jemand?“

„Der bin ich.“

„Ihr?“ fragte er, schnell aufblickend.

„Ja.“

„Wirklich? Ihr wollt mit?“

„Gewiß!“

„Halloh! Das ist ja alles, was wir nur wünschen können! Wenn Ihr bei uns seid, so ist das genau so viel, als ob wir den General schon hätten!“

„Bitte, nicht so hitzig, Sir! Ihr haltet mich für einen viel vortrefflicheren Kerl, als ich bin. Wenn Ihr wüßtet, wie viel mir schon mißglückt ist, würdet Ihr Eure Erwartungen viel tiefer spannen. Ihr könnt zwar auf mich rechnen und überzeugt sein, daß ich thue, was ich kann, aber es wird noch einer dabei sein, der mir sehr weit vorzuziehen ist.“

„Euch vorzuziehen? Wer könnte das sein?“

„Erratet ihr das nicht?“

„Nein.“

„Winnetou.“

„Ah, Winnetou! Ist der auch hier in Jefferson?“

„Nein, aber in der Nähe.“

„Und Ihr denkt, daß er sich uns anschließt?“

„Ganz gewiß. Wohin ich gehe, dahin geht er auch.“

„Aber war es denn eure Absicht, hinauf nach dem San Luis-Park zu reiten?“

„Nein. Unsre Absicht war, uns hier nach jemandem zu erkundigen und ihn dann aufzusuchen, wenn er nicht zu weit von hier sein sollte. Wir haben erfahren, daß er hinauf nach Colorado ist, und werden ihm folgen. Das giebt denselben Weg wie den eurigen. Ihr dürft euch also nicht darüber Vorwürfe machen, daß wir euch ein Opfer bringen.“

„Wenn wir auch nicht von einem Opfer sprechen wollen, so ist es doch ein Dienst, ein so großer Dienst, den ihr uns leistet, daß wir euch gar nicht genug danken können. Nun sind wir also fünf Personen.“

„Und werden später sechs sein.“

„Sechs? Wer ist die sechste?“

„Der, nach dem ich mich hier erkundigt habe. Und wenn ihr dessen Namen hört, wird euch seine Gesellschaft auch sehr willkommen sein.“

„Sagt diesen Namen, Sir!“

„Old Surehand.“

„Was? Ihr werdet Old Surehand finden?“

„Ich hoffe es.“

„Und ihn zu uns bringen?“

„Ja.“

„Nun, da mag dieser General dahin laufen, wohin er will, wir finden ihn! Freut Ihr Euch denn nicht darüber, Dick Hammerdull, daß wir drei solche Männer bei uns haben werden?“

„Ob ich mich freue oder nicht, das bleibt sich gleich; aber ich bin ganz entzückt darüber, mich in solcher Gesellschaft befinden zu dürfen; das ist doch eine Ehre, die man gar nicht hoch genug schätzen kann. Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, daß es eine Ehre ist, so stimme ich dir bei, lieber Dick, und schlage vor, daß wir uns nicht überflüssig lang in diesem Neste, welches sie Jefferson-City nennen, herumtreiben.“

Der gute Pitt Holbers pflegte nur zu sprechen, wenn sein lieber Dick ihn fragte, und dann auch nichts andres zu thun, als ihm beizustimmen; jetzt schwang er sich so weit auf, einen Vorschlag zu machen. Ich antwortete:

„Wir werden allerdings hier keine Zeit versäumen, aber auch nichts unterlassen, was zu machen ist. Vor allen Dingen handelt es sich um die Pferde. Ihr wolltet nach dem Osten, habt also wahrscheinlich keine Pferde mit?“

„Keine Pferde mit? Da kennt Ihr Dick Hammerdull schlecht, Mr. Shatterhand! Wenn er sich ja von seiner alten, guten Stute trennen muß, dann aber nur im letzten Augenblicke. Ich habe sie mitgebracht und Pitt Holbers sein Pferd auch. Wir wollten sie hier in Pension geben und dann bei unsrer Rückkehr abholen. Das ist nun unnötig.“

„Gut! So seid ihr beide also beritten. Aber eure Trapperanzüge?“

„Denen haben wir freilich den Abschied gegeben. Wir gehen so, wie wir hier sitzen.“

„Und die Regenschirme?“ fragte ich scherzhaft.

„Die nehmen wir auch mit, sie sind bezahlt; was ich bezahlt habe, das ist mein, und was mein ist, das kann ich mitnehmen, ohne daß die Polizei das Recht hat, sich darum zu bekümmern.“

Well! Und Waffen?“

„Die haben wir im Boardinghouse.“

„Also alles gut. Aber Ihr, Mr. Treskow?“

„Ich habe einen Revolver bei mir; alles andre muß ich mir kaufen. Wollt Ihr mir dabei behilflich sein?“

„Gern. Gewehr und Munition kauft Ihr Euch hier, das Pferd aber erst in Kansas-City oder Topeka.“

„Kommen wir dorthin?“

„Ja. Wir reiten nicht von hier aus, sondern fahren mit dem Steamer. Erstens geht das schneller, und zweitens schonen wir dadurch die Pferde. Wenn Old Surehand klug handelt, so ist er am Republican-River hinauf, dem auch wir folgen werden. Das giebt einen Ritt, bei welchem man gute Pferde braucht.“

„Wißt Ihr, wann der Steamer von hier abgeht?“

„Ich glaube, morgen kurz nach Mittag. Wir haben also den ganzen Vormittag für die Vorbereitungen, welche noch zu treffen sind. Aber es giebt Erkundigungen einzuziehen, mit denen wir nicht bis morgen warten dürfen.“

„Welche?“

„Der General ist ganz gewiß schon fort; wir brauchen uns also gar nicht die Mühe zu geben, nach ihm zu suchen; aber gut wäre es, zu erfahren, wann und auf welchem Wege er die Stadt verlassen hat.“

„Das werde ich besorgen, Sir. Ich gehe auf die Polizei.“

„Ist unnötig!“

„Warum unnötig?“

„Weil es keinen Erfolg haben wird.“

„Denkt Ihr?“

„Ja, ich denke es. Ihr seid doch hier, um nach ihm zu suchen, nicht wahr?“

„Ja.“

„Habt Ihr die Polizei davon unterrichtet?“

„Natürlich!“

„Aber weder habt Ihr noch hat die Polizei ihn gefunden, obgleich er dagewesen ist. Denkt Ihr, daß sie ihn nun grade im letzten Augenblicke bemerkt?“

„Wäre das nicht möglich?“

„Möglich wohl, aber es ist nicht geschehen.“

„Wie könnt Ihr das wissen?“

„Sehr einfach. Die Polizei weiß doch, daß Ihr hier bei Mutter Thick logiert?“

„Ja.“

„Sie würde, falls sie ihn sähe oder ihn gar festnähme, Euch sofort benachrichtigen.“

„Ja.“

„So müßtet Ihr es jetzt schon wissen, denn es ist spät am Abende, und er ist wahrscheinlich schon um die Mittagszeit fort. Gebt Ihr mir recht?“

„Sehr sogar, Sir, sehr! Auf diese Berechnungen hätte ich als Detektive doch schnell kommen müssen; aber es scheint, daß man, wenn man bei Euch ist, ganz unwillkürlich Euch das Denken überläßt.“

Well! Wir werden also die Polizei nicht belästigen. Es gilt auch, zu erfahren, wo Toby Spencer mit seinen fünf Kerlen gewohnt hat, und ob er schon fort ist.“

„Das kann ich Euch sagen, Sir, nämlich ob er schon fort ist. Wissen wir das, so wird es wohl gleichgültig sein, wo er logiert hat. Nicht?“

„Ja. Also er ist fort?“

„Ja.“

„Wann?“

„Mit dem Zweiuhr-Zuge.“

„Ah! Also mit der Bahn? Sie sind nach St. Louis gefahren; das ist sicher.“

„Können sie nicht unterwegs aussteigen?“

„Nein.“

„Es bleibt sich auch gleich, ob sie ausgestiegen sind oder nicht. Sie sind mit der Missouribahn nach St. Louis, also in die entgegengesetzte Richtung; Ihr habt gedacht, daß sie mit dem General gehen?“

„Das thun sie auch!“

„Aber, Sir, das stimmt doch nicht!“

„Wieso?“

„Er will nach dem Parke hinauf, also nach Westen, sie aber sind ostwärts fortgefahren!“

„Stimmt ganz genau. Sie fahren rückwärts, um dann desto schneller vorwärts zu kommen. Es ist doch klar, daß sie von St. Louis aus mit der Bahn nach Kansas wollen.“

„Alle Teufel! Wo beabsichtigen sie denn da mit dem General zusammenzutreffen?“

„Das beabsichtigen sie gar nicht.“

„Nicht? Das scheint wieder nicht zu stimmen!“

„Stimmt aber ebenso genau, denn sie brauchen diese Absicht gar nicht zu hegen, weil sie schon mit ihm zusammen sind.“

„Wie? Ihr denkt also, daß – daß – – daß – –“ fragte er ganz betreten.

„Sprecht nur weiter! Es ist ganz richtig.“

„Daß er mit ihnen gefahren ist?“

„Ja.“

„Alle Teufel!“

„Wo habt Ihr denn Toby Spencer gesehen?“

„Auf dem Bahnhofe. Er saß mit seinen fünf Kerlen schon im Coupé.“

„Sahen sie Euch?“

„Ja, und sie schienen mich von gestern abend her zu kennen, denn sie grinsten mich aus dem Fenster höhnisch lachend an.“

„Aber Einer hat Euch nicht angelacht, sondern sich gehütet, zum Fenster herauszusehen.“

„Den General meint Ihr?“

„Ja. Es steht bei mir fest, daß er mit ihnen gefahren ist, Mr. Treskow.“

„Wenn das so wäre!“

„Es ist so. Ihr könnt Euch darauf verlassen.“

„Dann hätte ich den Kerl hier ganz vergeblich gesucht und, als er fortfuhr, kaum fünf Schritte weit von dem Wagen gestanden, in welchem er saß!“

„Gewiß!“

„Wie ärgerlich! Ich möchte mich ohrfeigen!“

„Thut das nicht, denn es hat keinen Zweck. Und Ohrfeigen, die man sich selber giebt, fallen nie so kräftig aus wie solche, die man von andern Leuten bekommt.“

„Ihr scherzt auch noch darüber! Aber der Fehler ist noch gut zu machen, wenn wir unsern Plan ändern.“

„Wie?“

„Wir fahren nicht mit dem Schiffe, sondern noch in dieser Nacht mit dem nächsten Zuge nach St. Louis.“

„Dazu würde ich nicht raten.“

„Warum nicht?“

„Wir müssen schon der Pferde wegen auf die Eisenbahn verzichten. Ferner ist Winnetou nicht da; ich muß einen Boten zu ihm schicken, der ihn holt, und drittens ist es sehr leicht möglich, daß die Kerls nicht gleich von St. Louis fortfahren, sondern sich aus irgend einem Grunde dort aufhalten. Dann kämen wir ihnen voraus und wüßten nicht, wohin.“

„Das ist richtig!“

„Nicht wahr, Ihr seht das ein? Wir könnten uns den ganzen Fang verderben. Nein, wir müssen die, die wir erwischen wollen, vor uns haben, aber nicht hinter uns. Dann folgen wir ihrer Spur und können uns nicht irren. Seid ihr mit dem, was ich bestimmt habe, einverstanden, Mesch’schurs?“

„Ja,“ antwortete Treskow.

„Ob einverstanden oder nicht, das bleibt sich gleich, ja das ist sogar ganz egal,“ erklärte Dick Hammerdull; „es wird aber so gemacht, ganz genau so, wie Ihr gesagt habt. Es ist besser, wir folgen Euch als unsern dummen Köpfen. Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

Dieser antwortete in seiner trockenen Weise:

„Wenn du denkst, daß du ein Dummkopf bist, so habe ich nichts dagegen, lieber Dick.“

„Unsinn! Ich habe von unsern Köpfen, aber nicht von dem meinigen gesprochen.“

„Daran hast du sehr unrecht gethan! Wie kannst du von einem Kopfe sprechen, der gar nicht dir gehört, sondern mir? Ich werde mir nie erlauben, von deinem Kopfe zu sagen, daß er dumm ist, denn du sagst es selber und mußt es besser wissen als ich, lieber Dick.“

„Ob ich dein lieber Dick bin oder nicht, das bleibt sich gleich, aber wenn du mich beleidigst, so werde ich es nicht lange mehr bleiben. Sagt jetzt, Mr. Shatterhand, ob es für uns beide heut noch etwas zu thun giebt!“

„Ich wüßte nicht, was. Kommt morgen mit euern Pferden an den Landeplatz des Steamers; das ist alles, was ich euch noch zu sagen habe. Aber, fast hätte ich ein Wichtiges vergessen: Ihr seid bestohlen worden und habt also kein Geld?“

„Wollt Ihr uns borgen, Sir?“

„Gern.“

„Danke! Wir borgen Euch auch, wenn Ihr etwas braucht. Ich stelle Euch sogar diesen ganzen Beutel zur Verfügung und würde es als große Ehre schätzen, wenn Ihr die Güte hättet, ihn als Geschenk von mir anzunehmen.“

Er zog bei diesen Worten einen großen, ganz vollen Lederbeutel aus der Tasche und warf ihn auf den Tisch, daß es nur so klirrte; es klang nach lauter Gold.

„Wenn ich ihn nähme, hättet Ihr dann selbst nichts mehr,“ antwortete ich.

„Das schadete nichts, denn Pitt Holbers hat einen grad so großen und grad so vollen Ledersack. Wir sind nämlich so gescheit gewesen, nur die Papiere in die Brieftasche zu thun. Einige Tausend Dollars haben wir uns in Goldstücke umwandeln lassen und sie hier in diese Taschen gesteckt. Wir können also alles bezahlen, was wir brauchen. Nun aber wird es klug sein, zu schlafen, denn von hier bis Kansas-City werden wir wohl wenig schlafen können. Man weiß, daß es auf dem Steamer kaum möglich ist, ein Auge zuzuthun.“

„Wenn ihr das wollt, so könnt ihr gehen, es giebt nichts mehr zu besprechen.“

Well! So komm, Pitt Holbers, altes Coon! Oder hast du noch Lust, zu bleiben?“

„Hm! Wenn ich es mir richtig überlege, so ist das Bier, welches bei Mutter Thick aus dem Fasse läuft, eine Flüssigkeit, in welcher man sich da oben in den Felsenbergen wohl nicht wird baden können. Oder schmeckt es dir nicht, lieber Dick?“

„Ob es mir schmeckt oder nicht, das ist ganz egal; aber es ist ein großartiges Getränk, und wenn du Lust hast, noch länger hier zu bleiben, so werde ich dich nicht im Stiche lassen, zumal ich nur deshalb vom Schlafengehen sprach, damit du nicht mitgehen solltest. Ich habe nämlich auch noch Durst.“

Sie blieben also sitzen, und ich war ebenso wie Treskow nicht so unmenschlich, sie in dem traulichen Stübchen allein zu lassen. Es entspann sich also noch eine recht animierte Unterhaltung, während welcher mir die originelle Art und Weise der beiden Trapper viel Vergnügen bereitete. Sowohl Treskow, als auch der frühere Indianeragent hatten von ihnen erzählt, dabei aber vergessen, den Namen zu nennen, den man ihnen gegeben hatte. Sie wurden nämlich die werkehrten Toasts genannt. Toasts sind bekanntlich geröstete Butterschnitte oder zusammengelegte Butterbrote. Diese werden natürlich mit den Butterseiten zusammengelegt; Hammerdull und Holbers pflegten aber während des Kampfes Rücken an Rücken zu stehen, um sich gegenseitig zu decken; sie kehrten sich also die verkehrten Seiten zu und hatten darum den Beinamen verkehrte Toasts bekommen.

Wenn ich sie nicht getroffen hätte, wäre ich allein nach den Felsenbergen geritten, und so war es mir recht lieb, daß ich sie hier gefunden hatte. Der heitere Dick und der trockene Pitt waren zwei Begleiter, in deren Gesellschaft ich auf keine Langeweile zu rechnen hatte, und da sie viel, viel bessere Westmänner waren, als zum Beispiel Old Wabble, Sam Parker und Jos Hawley, so brauchte ich auch nicht zu befürchten, daß sie mir durch fehlerhaftes Verhalten die gute Laune verderben würden. Treskow war kein Westmann, aber ein Gentleman, für den ich mich interessierte, von Erfahrung, kenntnisvoll und doch dabei bescheiden. Es stand also zu erwarten, daß wir recht gut zusammenhalten würden.

Mutter Thick besorgte mir einen zuverlässigen Boten, den ich zu Winnetou schickte. Dieser Mann hatte sich sehr beeilt, denn der Häuptling der Apatschen traf vor dem Boardinghouse ein, als ich am andern Morgen oben beim Kaffee saß. Natürlich brachte er mein Pferd mit. ich freute mich innerlich über die ehrerbietigen und bewundernden Blicke, mit denen die Anwesenden ihn betrachteten, und über die Art und Weise, mit welcher ihn Mutter Thick bediente, obgleich er nur um ein Glas Wasser gebeten hatte; es war, als ob ein König bei ihr eingekehrt sei.

Ich erzählte ihm, was geschehen war und weshalb ich ihn hatte holen lassen, und er war, wie gewöhnlich, mit allem einverstanden, was ich bestimmt hatte. Er erkannte Treskow sofort wieder, schien aber an die Fehler zu denken, welche damals gemacht worden waren, denn er sagte:

„Sam Fire-gun war der gebietende Häuptling seiner Bleichgesichter; darum hat Winnetou von dem Augenblicke an, in welchem er das Hide-spot betrat, keinen Befehl mehr gegeben, sondern sich nach ihm gerichtet. Auch war mein Bruder Shatterhand nicht dabei. Jetzt, wenn wir Old Surehand suchen, wird es anders sein; wir werden weniger Blut vergießen und jeden Fehler vermeiden. Welchen Weg hat Old Surehand eingeschlagen?“

„Das weiß ich nicht; ich werde es aber erfahren, denn ich gehe noch einmal zu Mr. Wallace, um mich von ihm zu verabschieden.“

Vorher ging ich mit Treskow fort, um ihn bei seinen Einkäufen zu unterstützen. Von Gewehren verstand er nichts und wäre gewiß mit einer sehr blanken, aber ebenso untauglichen Rifle über das Ohr gehauen worden. Wurde es doch sogar mir nicht leicht, dem Pulver, welches man uns erst vorsetzte, anzusehen, daß es wenigstens zwanzig Prozent zerstoßene Holzasche enthielt.

Als diese geschäftlichen Angelegenheiten erledigt waren, begab ich mich zu dem Bankier, um ihm zu sagen, daß ich jetzt im Begriffe stehe, die Stadt zu verlassen. Von dem General und den Vorkommnissen des letzten Abends sagte ich nichts; es gab ja nichts, was mich drängte, es ihm mitzuteilen, und es ist immer besser, zu schweigen, als etwas zu sagen, was man nicht grad sagen muß oder nicht zu sagen braucht. Da fiel mir eine Frage ein, die ich noch an ihn richten mußte:

„Ihr wißt, Sir, daß Old Surehand auf seinem Ritte nach Fort Terrel von Apanatschka, dem jungen Häuptling der Comantschen, begleitet wurde?“

„Ja, er hat es mir erzählt,“ antwortete Wallace.

„Wo ist dieser Indianer hin? Wo hat er sich von Old Surehand getrennt?“

„Sie sind von Fort Terrel miteinander nach dem Rio Pecos geritten, wo sich Apanatschka von ihm verabschiedet hat, um zu seinem Stamme zurückzukehren.“

„Schön! Und wißt Ihr vielleicht, welche Route Old Surehand jetzt eingeschlagen hat?“

„Er ist mit dem Schiffe bis Topeka und wollte dann zu Pferde an dem Republican-River hinauf.“

„Dachte es mir. Was hat er für ein Pferd?“

„Das, welches Ihr ihm geschenkt habt, Sir.“

„So ist er vorzüglich beritten. Ich hoffe, sehr bald seine Spur zu finden.“

„Was das betrifft, so kann ich Euch vielleicht einen Fingerzeig geben. Sucht, wenn Ihr nach Topeka kommt, Peter Lebruns Weinstube auf! Dort ist er jedenfalls eingekehrt. Er kennt den Wirt. Und dann giebt es zwei Tagesritte am Republican-River hinauf am rechten Ufer desselben eine große Farm, zu welcher bedeutende Ländereien gehören. Der Besitzer hat große Pferde- und Rinderherden. Er heißt Fenner, und so oft Old Surehand in jene Gegend gekommen ist, hat er diesen Farmer besucht. Weiter kann ich Euch leider keine Andeutung geben, Mr. Shatterhand.“

„Ist auch nicht nötig. Das, was Ihr gesagt habt, genügt mehr als vollständig, um mich später zu unterrichten. Ihr werdet dann erfahren, daß ich Freund Surehand so sicher getroffen habe, als wenn Ihr mir seinen Weg von Schritt zu Schritt beschrieben hättet.“

Ich ging.

Als die Zeit gekommen war, den Landeplatz der Steamer aufzusuchen, fragte ich Mutter Thick nach der Rechnung; da hatte ich aber einen Pudel geschossen, über den sie sich so gekränkt fühlte, daß sie beinahe Thränen vergoß. Sie erklärte, daß es eine großartige Beleidigung sei, ihr Geld dafür anzubieten, daß sie den unvergeßlichen Vorzug gehabt habe, Old Shatterhand bei sich zu sehen. Ich meinerseits bemerkte ihr dagegen, daß ich mich nur dann als Gast betrachten könne, wenn ich eingeladen worden sei, und daß mein Charakter es mir nicht erlaube, mir etwas schenken zu lassen, was ich bestellt und genossen habe, weil ich annahm, daß ich es bezahlen müsse. Sie sah ein, daß ich auch nicht unrecht hatte, und bot mir den höchst überraschenden Ausgleich an:

„Nun wohl, Ihr wollt partout geben und ich lasse mich partout nicht bezahlen; so gebt mir etwas, was kein Geld ist!“

„Was?“

„Etwas, was mir höher steht als alles Geld und was ich als ein Andenken an Old Shatterhand heilig halten werde, so lange ich lebe, nämlich eine Locke von Euerm Haare.“

Ich fuhr förmlich einige Schritte zurück.

„Eine L – eine Lo – – eine Locke – – von mir – – von mir? Habe ich recht gehört? Habe ich Euch richtig verstanden, Mutter Thick?“

„Ja, ja, Sir. Ich bitte Euch um eine Locke Eures Haars.“

Trotz dieser Versicherung war es mir schwer, es zu glauben. Mein Haar, und eine Locke! Wirklich zum Lachen! Ich besitze nämlich einen wahren, dichten Urwald von Haaren; man kann mich, was ich oft geschehen ließ, an denselben packen und in die Höhe ziehen, ohne daß es mich im geringsten schmerzt. Und so dicht wie dieses Haar ist, so dick und stark ist jedes einzelne. Als ich während meiner Schülerzeit mich einmal dem Schermesser eines Leipziger Friseurs anvertraute, rief er nach dem ersten Schnitte, den er that, ganz erschrocken aus: „Dunner und Sachsen, so was hab ich noch nich erlebt! Das sin schon keene Haare mehr; das sin die reene Borsten!“ Und jetzt bat mich die gute Mutter Thick um eine Locke! Wenn sie noch Strähne gesagt hätte! Sie hielt mein Staunen für Einwilligung und lief fort, um eine Schere zu holen.

„Also, ich darf?“ fragte sie dann, mit dem Blicke schon diejenige Stelle des Kopfes suchend, welcher die Locke entlockt werden sollte.

„Na, wenn es wirklich Euer Ernst ist, Mutter Thick, so nehmt Euch, was Ihr wollt!“

Ich neigte mein Haupt, und die lockenhungrige Alte -denn sie war über sechzig Jahre – ließ ihre Finger prüfend darüber gleiten. Sie entdeckte den Punkt, wo der Wald am dichtesten war, fuhr mit der Schere in das Unterholz – -schrrrrrr! Es klang, als ob Glasfäden zerschnitten würden, und sie hatte die gewünschte Locke. Sie hielt sie mir triumphierend vor das Gesicht und sagte:

„Ich danke Euch herzlich, Mr. Shatterhand! Diese Locke von Euch kommt in ein Medaillon und wird jedem Gaste gezeigt, der sie sehen will.“

Ihr Gesicht strahlte vor Vergnügen, das meinige aber nicht, denn das, was sie in der Hand hatte, war keine Locke, auch keine Strähne, sondern ein so dicker Pack von Haaren, daß man zwei dicke Maurerpinsel davon hätte binden können. Ein Medaillon! Sehr niedlich ausgedrückt! Wenn sie diese Haare in eine große Konservenbüchse steckte anstatt in ein Medaillon, so war sie so voll, daß nichts mehr hineinging! Ich fuhr mit der Hand erschrocken nach der Stelle, wo die Schere gewütet hatte; sie war kahl, vollständig kahl; ich fühlte eine Platte, die so groß wie ein silbernes Fünfmarkstück war. Diese schreckliche Mutter Thick! Ich stülpte mir schleunigst den Hut auf den Kopf und habe mir seitdem nie wieder eine Locke vom Haupte schneiden lassen, weder von einer Mutter, noch von einer Tochter!

Nach diesem Verluste wurde mir der Abschied von der braven Wirtin und Medailloneuse leichter, als ich ihn mir vorgestellt hatte, und ich suchte mir, auf dem Steamer angekommen, eine einsame Stelle aus, wo ich ungestört und unbemerkt eine planimetrische Untersuchung anstellen konnte, wie viele oder wie wenige solche Scherenschnitte dazu gehörten, das Haupt eines kriegerischen Westmannes in einen friedlichen Kahlkopf zu verwandeln.

Das Schiff, welches uns an Bord genommen hatte, war nicht einer jener schwimmenden Paläste, an welche man denkt, wenn von einer Missisippi- oder Missourifahrt die Rede ist, sondern ein schweres, plumpes Paketboot, welches von der keuchenden Maschine nur langsam fortgeschleppt werden konnte. Wir brauchten volle fünf Tage bis nach Topeka, wo ich mich in Peter Lebruns Weinstube nach Old Surehand erkundigte. Er war vor drei Tagen hier gewesen. Wir fanden ein gutes Pferd für Treskow und kauften es. Dann ging es fort, hinaus auf die rollende Prairie, den Republican-River entlang. Der Osten von Kansas ist nämlich sehr hügelig; Bodenwellen, soweit das Auge reicht; das bietet einen Anblick, als ob ein rollendes Meer plötzlich mitten in der Bewegung erstarrt sei; daher die Bezeichnung Rolling-Prairie.

Gegen Abend des zweiten Tages erreichten wir Fenners Farm. Wir hatten uns nach ihr erkundigt, denn es gab auf dem Weidelande, über welches wir kamen, eine Menge Cowboys, welche die Herden beaufsichtigten. Fenner war ein freundlicher Mann, der uns zwar erst mißtrauisch betrachtete, dann aber, als ich Old Surehands Namen nannte, uns einlud, seine Gäste zu sein.

„Ihr dürft euch nicht wundern, Mesch’schurs,“ sagte er, „daß ich euch nicht gleich willkommen hieß; es kommen gar verschiedene Leute hier ins Land. Erst vorgestern lagerten bei mir sieben Kerls, die ich gastfreundlich aufnahm; aber als sie früh fort waren, fehlten mir sieben Stück meiner besten Pferde. Ich ließ sie verfolgen, doch konnten sie nicht eingeholt werden, weil ihr Vorsprung zu groß war und weil sie mir eben grad die besten Pferde genommen hatten.“

Er mußte sie mir beschreiben, und wir überzeugten uns, daß es der General, Toby Spencer und die fünf andern gewesen waren. Old Surehand hatte eine Nacht auf der Farm zugebracht. Wir beschlossen, dasselbe zu thun.

Da wir es vorzogen, im Freien anstatt in der Stube zu sein, wurden Stühle und ein Tisch herausgebracht. Da saßen wir essend und uns unterhaltend vor dem Hause; seitwärts von demselben grasten unsre Pferde, die wir abgesattelt hatten, und weiter draußen jagten Cow-boys hin und her, um die Herden für die Nacht zusammen zu treiben. Von links her kam auf galoppierendem Pferde ein Reiter gesprengt, gerade auf das Farmhaus zu; etwas Weißes wehte wie eine Mähne hinter ihm her; ich mußte sogleich an Old Wabble denken.

„Ah, da kommt der!“ sagte Fenner. „Ihr werdet jetzt einen höchst interessanten Mann kennen lernen, der in früheren Jahren berühmt war und der King of the cow-boys genannt wurde.“

„Uff!“ ließ sich Winnetou hören.

„Habt Ihr den Mann auf Eurer Farm angestellt, Mr. Fenner?“ fragte ich.

„Nein. Er kam heute mittag, mit einer“ kleinen Gesellschaft von Westmännern hier an, mit denen er da draußen am Busche Lager macht, um morgen wieder fortzureiten. Er ist weit über neunzig Jahre alt und sitzt noch wie ein Jüngling im Sattel. Seht, jetzt ist er da!“

Ja, er war da. Er kam, ohne uns schärfer anzusehene fast bis ganz zu uns herangejagt, hielt sein Pferd an und wollte abspringen; da erst richtete er das Auge voll auf uns, fuhr sofort mit dem rechten Fuß in den Bügel und rief:

All thousand devils! Old Shatterhand und Winnetou! Mr. Fenner, bleiben diese Kerls heut hier?“

Yes,“ antwortete erstaunt der Farmer.

„So reiten wir fort. Wo solche Halunken sind, haben ehrliche Menschen keinen Platz. Lebt wohl!“

Er riß sein Pferd herum und galoppierte wieder fort. Der Farmer war nicht bloß über das Verhalten des Alten überrascht, sondern auch über die Namen, welche dieser genannt hatte.

„Sir, Ihr seid Old Shatterhand? Und dieser rote Gentleman ist Winnetou, der Häuptling der Apatschen?“

„Ja, Mr. Fenner.“

„Warum habt Ihr mir das nicht eher gesagt? Ich hätte Euch noch ganz anders aufgenommen!“

„Wir sind Menschen wie alle Menschen und haben nicht mehr und nichts Besseres zu beanspruchen als andre Leute!“

„Mag sein; aber wie ich euch bewirten will, das ist nicht eure, sondern meine Sache. Werde meiner Frau sagen, für was für Gäste sie zu sorgen hat.“

Er ging in das Haus. Winnetou hielt sein Auge dorthin gerichtet, wo die weiße Mähne Old Wabbles noch wehte.

„Sein Blick war Haß und Rache,“ sagte er. „Old Wabble hat gesagt, er gehe fort; aber er kommt in dieser Nacht zurück. Winnetou und seine weißen Brüder werden sehr vorsichtig sein.“

Wir waren mit dem Essen noch nicht fertig, als Fenner wieder herauskam. Er schob Fleisch, Brot, die Teller, kurz alles, was vor uns lag, zusammen und sagte:

„Bitte, Mesch’schurs, macht eine Pause! Meine Frau deckt drin einen andern Tisch. Redet nicht dagegen, sondern gönnt mir die Freude, euch zeigen zu dürfen, wie willkommen ihr mir seid!“

Dagegen war nichts zu machen; er meinte es gut, und wir fügten uns in seinen Willen. Als uns die Frau dann hineinholte, sahen wir alle Delikatessen aufgetragen, welche eine Farm zu bieten vermag, die zwei Tagereisen von der nächsten ,Stadt entfernt liegt. Das Essen begann also von neuem, in zweiter, verbesserter Auflage. Dabei erklärten wir unsrem Wirte das für ihn sonderbare Betragen des alten Wabble, indem wir ihm den Diebstahl der Gewehre und dessen Bestrafung erzählten. Er konnte aber trotzdem den Grimm des alten Königs der Cow-boys nicht begreifen. Old Wabble hatte allen Grund, uns dankbar zu sein, denn wir waren eigentlich sehr gnädig mit ihm verfahren; er hatte keine Strafe bekommen, obgleich er bei dem Diebstahle beteiligt gewesen war, indem er den General in das Haus des Bloody-Fox geführt hatte.

Während des Essens wurde es dunkel. Wir waren um unsre Pferde besorgt und stellten das dem Farmer vor. Er machte uns den Vorschlag:

„Wenn ihr sie wegen Old Wabble und der Gesellschaft, die er bei sich hat, nicht im Freien lassen wollt, so habe ich hinter dem Hause einen Schuppen, in dem wir sie anbinden können. Für Wasser und gutes Futter werde ich da sorgen. Der Schuppen ist zwar unverschlossen, weil von einer Seite offen, aber ich werde einen zuverlässigen Mann als Wächter hinstellen.“

„Was das betrifft, so verlassen wir uns lieber auf uns selbst. Wir werden also selber der Reihe nach wachen, erst Pitt Holbers, dann Dick Hammerdull, hierauf ich und nachher Winnetou,“ sagte ich, „Jeder zwei Stunden lang.“

Well! Und schlafen werdet ihr nebenan in der andern Stube, wo ich euch gute Lager machen lasse, da seid ihr vor einem hinterlistigen Überfalle sicher. Außerdem habe ich ja genug Cow-boys draußen auf den Weiden, die auch mit achtgeben können.“

Diese Maßregeln wurden getroffen, nur weil wir gewohnt waren, selbst da und dann vorsichtig zu sein, wo und wenn andre sich vollständig sicher gefühlt hätten. Recht überlegt, war ein Überfall von seiten des alten Wabble gar nicht zu erwarten, zumal uns bald darauf ein Cow-boy meldete, daß er mit seinen Leuten fortgeritten sei.

Die Pferde wurden also in dem Schuppen untergebracht, und Pitt Holbers ging hinaus, um seine Wache anzutreten. Wir andern saßen in der Stube um den Tisch und unterhielten uns. Wir waren noch nicht müde, und Fenner trieb uns von einer Erzählung zu der andern; er wollte von unsern Erlebnissen gern so viel wie möglich hören. Ihm und seiner Frau machte besonders die witzige Art und Weise Spaß, in welcher der wohlbeleibte Dick einzelne Episoden seines abwechslungsreichen Lebens schilderte.

Nach Verlauf von zwei Stunden ging er hinaus, um Pitt Holbers abzulösen. Dieser meldete uns, daß alles ruhig sei und nichts Verdächtiges sich habe hören oder sehen lassen. Es verging wieder eine Stunde. Ich erzählte eben ein humoristisches Erlebnis unter dem Zeltdache eines Lappländers und hatte nur auf die lachenden Gesichter meiner Zuhörer acht, als mich Winnetou plötzlich beim Kragen faßte und mit solcher Gewalt auf die Seite riß, daß ich fast vom Stuhle stürzte.

„Uff! Ein Gewehr!“ rief er, indem er nach dem Fenster zeigte.

Zugleich mit seinen Worten fiel draußen ein Schuß; die Kugel zertrümmerte eine Fensterscheibe und drang hinter mir in den Säulenbalken, welcher die Decke stützte. Sie hatte mir gegolten und wäre mir in den Kopf gegangen, wenn Winnetou mich nicht weggerissen hätte. Im Nu hatte ich meinen Stutzen in der Hand und sprang nach der Thür; die andern folgten mir.

Die Vorsicht gebot mir, die Thür nicht ganz zu öffnen, um nicht einem zweiten Schusse als Ziel zu dienen. Ich machte sie also nur eine Lücke weit auf und blickte hinaus. Es war nichts zu sehen. Jetzt stieß ich sie ganz auf und trat hinaus ins Freie; Fenner und meine Gefährten schoben sich hinter mir her. Wir lauschten.

Da hörten wir hinter dem Hause das Stampfen und Schnauben von Pferden, und zu gleicher Zeit rief Dick Hammerdulls Stimme:

„Zu Hilfe! Die Pferde, die Pferde!“

Wir sprangen um die erste und um die zweite Ecke des Hauses. Da sahen wir Gestalten, welche mit Pferden kämpften, die sich nicht fortführen lassen wollten; zwei Reiter wollten an uns vorüber, um zu fliehen.

„Halt! Herunter mit euch!“ rief Fenner.

Er hatte, als der Schuß auf mich gefallen war, seine Doppelbüchse von der Wand gerissen und richtete sie jetzt auf diese Reiter; zwei Schüsse von ihm, und sie stürzten von den Pferden. Die Kerls, welche sich mit unsern Pferden vergeblich abgemüht hatten, gaben den mißglückten Versuch auf und rannten davon. Wir sandten ihnen einige Schüsse nach.

„Recht so, recht so!“ hörten wir Dicks Stimme wieder. „Gebt ihnen gutes Blei in die Köpfe! Dann aber kommt hierher! Der Schuft will nicht still liegen bleiben.“

Wir folgten dem Rufe und sahen ihn auf einem Menschen knieen, der sich gegen ihn sträubte und den er mit Aufbietung aller seiner Kräfte niederhielt. Dieser Mensch war – -der alte Wabble! Er wurde natürlich sofort festgenommen.

„Sagt mir doch, wie das gekommen ist!“ forderte ich den Dicken auf, der jetzt vor mir stand und von der gehabten Anstrengung tief Atem holte. Er antwortete:

„Wie es gekommen ist, das bleibt sich gleich; aber ich lag im Schuppen bei den Pferden; da war es mir, als hätte ich hinter demselben leise sprechen hören. Ich ging hinaus und lauschte. Da fiel vor dem Hause ein Schuß, und gleich darauf kam jemand, der ein Gewehr in der Hand hatte, um die Ecke gerannt. Das weiße Haar war trotz der Dunkelheit deutlich zu sehen; ich erkannte Old Wabble, sprang auf ihn zu, riß ihn nieder und rief um Hilfe. Seine Kumpane hatten hinter dem Schuppen gesteckt und sprangen jetzt hinein, um unsere Pferde fortzuschaffen. Euer und Winnetous Hengst und meine alte, pfiffige Stute wollten nicht mit fort; Pitt Holbers‘ und Mr. Treskows Pferd aber waren nicht so gescheit; zwei von den Spitzbuben stiegen auf und wollten sich eben davonmachen, als Ihr kamt und sie mit Euern Kugeln herunter holtet. So ist die Sache. Was soll mit dem alten King of the cow-boys geschehen, den man lieber König der Spitzbuben heißen möchte?“

„Schafft ihn hinein in die Stube! Ich komme gleich nach!“

Durch unsere Schüsse waren mehrere von Fenners Cowboys herbeigerufen worden, mit denen ich unsere Pferde wieder in den Schuppen brachte. Sie mußten als Wächter bei ihnen bleiben. Wir suchten die Umgebung desselben ab; die Diebe waren fort. Die zwei von ihnen aber, welche Fenner von den Pferden geschossen hatte, waren tot.

Als ich in die Stube kam, lehnte Old Wabble an dem Säulenpfosten, in welchen seine Kugel gedrungen war; man hatte ihn da fest angebunden. Er schlug nicht etwa die Augen nieder, sondern sah mir mit offenem, frechem Blicke in das Gesicht. Wie gut und nachsichtig war ich früher mit ihm gewesen! Ich hatte Achtung vor seinem hohen Alter, jetzt widerte er mich an. Man hatte über die Strafe gesprochen, die er bekommen sollte, denn eben, als ich eintrat, sagte Pitt Holbers:

„Er ist nicht nur ein Dieb, sondern ein ganz gefährlicher Meuchelmörder; er muß aufgehängt werden!“

„Er hat auf Old Shatterhand geschossen,“ erwiderte Winnetou, „folglich wird dieser sagen, was mit ihm geschehen soll.“

„Ja, er ist mein; ich nehme ihn für mich in Anspruch,“ stimmte ich bei. „Er mag die Nacht hier am Balken hängen; morgen früh werde ich sein Urteil fällen.“

„Fäll’es doch gleich!“ zischte mich der Meuchler an. „Gieb mir eine Kugel in den Kopf, daß du als frommer Hirte dann für meine arme, verlorene Seele etwas zu wimmern und zu beten hast!“

Ich wendete mich, ohne ihm zu antworten, von ihm ab. Fenner entfernte sich, um seine Cow-boys auf die Suche nach den entflohenen Dieben zu schicken. Sie ritten die ganze Nacht durch die Umgegend, konnten aber niemand finden. Es läßt sich denken, daß wir nur sehr wenig schliefen; es war kaum Tag, so hatten wir die Lager schon verlassen. Old Wabble zeigte sich ganz munter; die Nacht am Balken schien ihm ganz gut bekommen zu sein. Als wir frühstückten, sah er so unbefangen zu, als ob gegen ihn gar nichts vorliege und er der beste unserer Freunde sei. Das empörte Fenner so, daß er zornig ausrief.

„So eine Frechheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Ich habe diesen Menschen stets, wenn er zu mir kam, mit Achtung behandelt, schon seines Alters wegen; nun aber bin auch ich dafür, daß er nach den Gesetzen der Prairie behandelt wird. Pferdediebe und Mörder werden gehängt. Mag er in das Grab stürzen, in dem er ja doch schon längst mit einem Fuße steht!“

Da knurrte ihn der Alte höhnisch an:

„Bekümmert Euch doch ja nicht um mein Grab! Es ist doch nicht für Euch! Ob mein Kadaver noch einige Jahre leben bleibt, oder ob er im Grabe verfault, das macht gar keinen Unterschied; ich pfeife darauf!“

Wir waren alle empört über diese Worte.

„Welch ein Mensch!“ rief Treskow aus. „Er verdient den Strick und weiter nichts. Sprecht ihm sein Urteil, Mr. Shatterhand! Wir werden es unbedenklich vollziehen.“

„Ja, ich werde es sprechen; zu vollziehen braucht ihr es nicht,“ antwortete ich. „Ob lebendig oder tot, das ist ihm gleich; ich werde ihm aber Gelegenheit geben, zu erfahren, daß jede Sekunde des Lebens einen Wert hat, an den alle Reichtümer der Erde nicht reichen. Er soll um eine einzige Minute der Verlängerung seines Lebens zu Gott wimmern; wenn er sich nicht bekehrt, soll seine Seele zetern aus Angst vor der göttlichen Gerechtigkeit, die er verlacht, und wenn die Faust des Todes seinen Körper krümmt, soll er nach der Vergebung seiner Sünden heulen!“

Ich band ihn vom Balken los. Er blieb stehen, dehnte und reckte seine eingeschlafenen Arme und sah mich fragend an.

„Ihr könnt gehen,“ sagte ich.

„Ah! Ich bin frei?“

„Ja.“

Da schlug er ein höhnisches Gelächter auf und rief:

„Ganz wie es in der Bibel steht: Glühende Kohlen auf das Haupt des Feindes sammeln. Ihr seid ein Musterchrist, Mr. Shatterhand! Aber das fruchtet bei mir nichts, denn solche Kohlen brennen mich nicht. Es mag zwar außerordentlich rührend sein, den großmütigen Hirten spielen zu können, der seine bösen Lämmlein laufen läßt, mich aber rührt es nicht. Lebt wohl, Mesch’schurs! Wenn wir uns wiedersehen, wird es in einer ganz andern Weise sein als jetzt!“

Er ging hocherhobenen Hauptes fort. Wie bald sollte dieses sein letztes Wort in Erfüllung gehen! Wir sahen ihn wieder, ja, und wie anders, wie ganz anders stand es da um ihn! – – –

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Ein Korsar

Ein Korsar

„O, Sennores,“ bemerkte der mexikanische Advokat zu seiner Erzählung, „das war die Geschichte vom Grafen von Rodriganda. Was aus diesem vornehmen Herrn noch geworden ist, das ist Nebensache. Es galt mir nur, zu zeigen, daß sehr oft ein Indianer ein weit besserer Mensch als ein Weißer ist. Die beiden Häuptlinge der Apatschen und der Miztecas haben das mehr als zur Genüge bewiesen. Und wenn man nun gar von Winnetou sprechen hört, der geradezu ein Beispiel von Hochherzigkeit und Noblesse ist, und von den vielen Bleichgesichtern, an denen er dies bewiesen hat, so möchte man es wirklich bedauern, daß man nicht eine rote, sondern eine weiße Haut besitzt. Zwar ist bei der Episode mit Sam Fire-guns Trappergesellschaft sehr viel Blut geflossen, wie wir vorhin hörten; aber das hat er nicht verhindern können, denn die Verhältnisse lagen so, und die Gegner waren so gefährliche Kerls, daß Schonung gar nicht am Platze war. Nur bedaure ich, daß dieser Sanders im ehrlichen Kampfe eines so raschen Todes gestorben ist; er hatte nicht das Messer, sondern einen tüchtigen Strick aus gutem Hanf verdient.“

Da rief Mutter Thick vom Schänktische her: „Den hat er ja auch bekommen!“

„Wie? Was? Einen Strick?“

„Ja.“

„Aber es ist doch erzählt worden, daß er im Gutter von dem Steuermanne erstochen worden ist!“

„Ja freilich; aber es ist nicht wahr. Der Gentleman, der die Geschichte erzählt hat, ist von der wirklichen Thatsache abgewichen. Sanders ist nicht erstochen worden, und Jean Letrier ist auch nicht umgekommen; sie blieben verschont und wurden gefangen genommen.“

„Ist das wahr, Sennor?“

Der Mexikaner richtete diese Frage an den frühern Indianeragenten, dessen Gesicht jetzt eine kleine Verlegenheit zeigte. Er antwortete:

„Hm, wie man es nimmt! Eigentlich ist er tot, denn ich habe es erzählt, und er lebt auch wirklich heut nicht mehr; aber, hm! Mutter Thick, wie kommt denn Ihr dazu, zu behaupten, daß Sanders damals nicht erstochen worden ist?“

„Weil ich es weiß, und zwar ganz genau,“ antwortete die Wirtin, welche den ihr vorhin erteilten Wink nicht länger mehr beachten wollte.

„Von wem denn?“

„Von einem, der dabei gewesen ist.“

„Ich war doch auch dabei!“

„Ja; aber der Gentleman, von dem ich es habe, hat später noch viel, viel mehr mit Sanders erlebt und durchgemacht.“

„Wirklich? Wen meint Ihr denn eigentlich?“

„Den Polizisten Treskow.“

„Ah! Der soll später mit ihm noch mehr erlebt haben?“

„Ja. Wenn Ihr es nicht glauben wollt, so mag er es Euch selbst sagen!“

„Um das zu können, müßte et hier sein.“

„Das ist er auch.“

„Wo denn? Wo?“

„Dreht Euch nur einmal um, und seht Euch den Gentleman an, der hinter Euch am letzten Tische sitzt! Ihr habt ihn noch gar nicht bemerkt, weil er bis vorhin draußen in der andern Stube saß.“

Der Agent drehte sich um. Als er den Herrn sah, der mir so interessant vorgekommen war, sprang er auf, ging zu ihm hin, hielt ihm beide Hände entgegen und rief:

„Mr. Treskow, wirklich, das ist Mr. Treskow! Es ist seitdem eine Reihe von Jahren vergangen; aber ich kenne Euch trotzdem sofort wieder. Welche Freude! Was führt Euch denn nach Jefferson-City?“

„Ich bin in letzter Zeit wiederholt hier gewesen und da stets bei Mutter Thick eingekehrt.“

„In Geschäften?“

„Hm! Geschäfte sind es eigentlich nicht, die ich betreibe,“ antwortete er mit einem Lächeln.

„So seid Ihr nicht geschäftlich, sondern amtlich hier?“

„Ja.“

„Also noch immer Detektive?“

„Ja.“

„Wollt Ihr etwa einen von uns da fangen?“

„Das nicht, denn ich bin überzeugt, daß sich nur Gentlemen hier befinden, die von der Polizei nichts zu fürchten haben. Ich wohne für einige Tage hier bei Mutter Thick und saß da draußen in der Stube, deren Thür nur angelehnt war; darum hörte ich die Geschichten, welche hier erzählt wurden. Als Ihr von Sam Fire-gun, von Pitt Holbers und Dick Hammerdull zu sprechen anfingt, da litt es mich freilich nicht länger draußen, und ich kam herein, um zuzuhören.“

„Habt Ihr mich erkannt?“

„Sofort!“

„Natürlich! Es war freilich dumm von mir, Euch, einen Detektive, zu fragen, ob Ihr mich erkannt habt. Ich freue mich außerordentlich, Euch wiederzusehen, und Ihr müßt die Güte haben, Euch mit an unsre Tafel zu setzen; die Gentlemen kennen Euch ja aus meiner Geschichte, so daß ich Euch nicht erst lange vorzustellen brauche. Aber Eure Anwesenheit macht mir doch einen Strich durch meine Rechnung oder vielmehr durch meine Erzählung!“

„Wieso?“

„Weil ich Sanders und Jean Letrier habe sterben lassen, und sie sind damals doch am Leben geblieben.“

„Ja, das war freilich eine Licenz, welche nicht mit der Wahrheit übereinstimmte.“

„Licenz, Licenz, das ist das richtige Wort. Man nimmt sich die Freiheit, gegen die Wahrheit zu erzählen, um dadurch eine höhere künstlerische Wirkung oder einen guten, befriedigenden Abschluß zu erzielen. Dieses letztere war bei mir der Fall. Sanders und Letrier wurden damals freilich nicht niedergemacht, sondern gefangen genommen, denn Fire-gun befahl seinen Leuten, sie zu schonen, weil er sie lebendig haben wollte, und auch Euch lag sehr viel daran, Sanders lebendig in Eure Hand zu bekommen. Aber ich hatte keine Zeit; ich konnte nicht im Lager bleiben und ritt mit meinen Leuten schon am andern Tage fort. Ich habe also bis zum heutigen Tage nicht gewußt, was Ihr mit den beiden angefangen habt, und da die Gerechtigkeit ihre Bestrafung erforderte, so habe ich sie einfach bei unsrem Angriffe im Gutter sterben lassen. Das gab einen Schluß, mit dem man zufrieden sein konnte, und so hoffe ich, daß die Gentlemen hier mir die kleine Licenz verzeihen werden.“

Er führte Treskow an die Tafel, wo derselbe von allen Dortsitzenden willkommen geheißen wurde. Sie wollten natürlich nun hören, welche Strafe Sanders damals bekommen hatte. Natürlich war der Agent der Neugierigste unter ihnen und drang in Treskow, die Wißbegierde der Anwesenden zu stillen.

„Oder,“ fragte er, „ist’s etwa Amtsgeheimnis, was nach meiner Entfernung von Sam Fire-gun geschehen ist?“

„Gar nicht,“ antwortete Treskow. „Ich kann Euch alles ganz und gern erzählen.“

„So thut es! Fangt an, Sir, fangt an! Ihr seht, daß wir alle darauf brennen, das weitere zu hören. Also Sanders und Letrier wurden gefangen genommen, gefesselt und mit nach dem Lager transportiert. Früh ritt ich fort. Was geschah nachher?“

„Wenn ich Euch das erzählen soll, muß ich erst einige Bemerkungen machen. Zunächst waren Sanders und Letrier nicht die einzigen, welche dem Tode entgingen; es gelang noch einem seiner Leute, zu entkommen, ohne daß wir es wußten; wir erfuhren es aber sehr bald, und zwar zu unsrem Schaden. Er traf auf der Flucht auf eine Schar junger Ogellallahs, welche auf eigne Faust ausgezogen waren, um ihren Kriegern entgegen zu reiten und dabei Gelegenheit zu finden, sich auszuzeichnen; der Sohn des gefallenen Häuptlings führte sie an. Sie trafen auf die Spuren des Kampfes; sie sahen, was geschehen war und folgten unsrer Fährte, um die Niederlage und den Tod der Ihrigen zu rächen. Dabei stieß der erwähnte Weiße zu ihnen. Er war ein schlauer Kerl, dessen Spürsinn es gelang, das Hide-spot der Trapper zu entdecken.“

Hide-spot? Ihr meint das Lager, welches wir vom Gutter aus aufsuchten?“

„Nein. Unter dem Hide-spot war ein ganz andrer Platz, ein noch viel besseres Versteck gemeint. Das Lager galt, so zu sagen, nur als Filiale oder als Außenfort des Hide-spot, welches eine viel größere Sicherheit gewährte und wohin die beiden Gefangenen geschafft wurden, als ihr euch von uns getrennt hattet. Das Hide-spot hatte zwei Ein- oder Ausgänge, nämlich den gewöhnlichen, den alle Mitglieder der Gesellschaft kannten, und einen andern, den Sam Fire-gun entdeckt und bisher geheim gehalten hatte. Und grad diesen geheimen Zugang spürte der Weiße auf und verriet ihn den jungen Ogellallahs, was unsern Absichten und den Verhältnissen überhaupt eine ganz andre Wendung gab. Ihr werdet es erfahren, Mesch’schurs.

Die zweite Bemerkung ist die, daß wir an Sanders einen noch viel bedeutenderen Fang gemacht hatten, als wir dachten. Wir glaubten, den von der Polizei so lange vergeblich gesuchten Dieb und Betrüger ergriffen zu haben; er war aber mehr, weit mehr als das.“

„Was, Mr. Treskow? Ein Mörder?“

„Noch mehr!“

„Noch mehr? Etwas Schlimmeres als einen Mörder kann es doch eigentlich gar nicht geben!“

„Hm! Hat vielleicht jemand von euch einmal von einer gewissen Miß Admiral gehört?“

„Miß Admiral? Miß Admiral? Miß Admiral?“ wurde von mehreren ausgerufen. „Natürlich, natürlich! Wer von uns hätte nicht von diesem Frauenzimmer gehört, die ein Teufel in Menschengestalt gewesen ist!“

„Kennt ihr ihr Ende?“

„Ja. Sie wurde in New-York aufgehängt.“

„Und kennt ihr ihre Verbrechen?“

Der frühere Indianeragent antwortete:

„Es ist ganz unmöglich, alle ihre Verbrechen zu kennen. Sie ist das einzige Kind eines alten, originellen Seefahrers gewesen, der die Schrulle hatte, sich nicht von ihr trennen zu wollen. Er steckte sie in Knabenkleider und nahm sie auf allen seinen Reisen mit an Bord. Da lernte sie den Dienst von unten bis nach oben genau und vollständig kennen; sie machte nach und nach alle Stufen vom Schiffsjungen bis zum Offizier durch; sie hatte nicht bloß Gabe, sondern Talent für die See und brachte es durch die Praxis und durch den Unterricht, den ihr der Vater gab, so weit, ein Schiff bei jedem Wind und Wetter zu regieren. Aber darüber konnten sich die Mannen, die mit ihrem Vater fuhren, nicht freuen; sie war schon als Kind eine wilde Katze, und je größer und älter sie wurde, desto mehr entwickelte sich ein Teufel in ihr, der sie bis an ihr Ende, also bis zum Strange beherrschte. ist das richtig oder nicht, Mr. Treskow?“

„Es ist richtig. Aber da ihr wißt, daß sie gehängt worden ist, werdet ihr wohl auch erfahren haben, daß sie den Galgen nicht ohne Gesellschaft bestiegen hat?“

„Ja; der schwarze Kapitän wurde mit ihr gehängt, ein Kerl, der grad so schlimm oder noch schlimmer war als sie.“

„Kennt ihr seine Vergangenheit?“

„Ich weiß nicht, was Ihr da unter Vergangenheit versteht. Er muß schon jung ein außerordentlich guter Seemann gewesen sein, denn als man ihm den Strick um den Hals legte, hat er nicht viel über dreißig Jahre gezählt und vorher doch schon lange, lange Zeit die belebtesten Seekurse unsicher gemacht. Er war ein Sklavenhändler, wie es keinen zweiten gegeben hat, holte die Negerware von Afrika herüber und brachte sie hier stets glücklich an den Mann, ohne daß es jemals gelang, ihm das Handwerk zu legen. Es nahm es eben kein anderer Kapitän und kein anderer Marineoffizier mit ihm auf.“

„Das ist richtig, doch lag der Grund nicht allein in ihm, sondern auch in der Vortrefflichkeit des Fahrzeuges, welches er führte.“

„Ihr meint den l’Horrible? Ja, das soll eine Schunerbrigg oder ein Dreimast-Marssegelschuner gewesen sein, gegen welchen kein anderes Schiff hat aufkommen können. Der schwarze Kapitän hat sich selbst vor Dampfern nicht gefürchtet, so lange nur eine Handvoll Wind in seinen Segeln steckte. Die Miß Admiral war sein Segelmeister, oder wie man das so nennt, und wenn zwei solche Personen zusammenkommen, so kann man sich denken, wie dann der Stecken schwimmt. Diese beiden haben nämlich nicht nur Neger gejagt und verkauft, sondern jedes Fahrzeug, dem sie begegneten, als gute Prise betrachtet, wenn es zu bewältigen war. Wie viel Fahrzeuge da ausgeraubt und mit der ganzen Bemannung versenkt worden sind, das wird wohl niemals an den Tag kommen. Interessant wäre es mir, zu erfahren, wo und wie die beiden, nämlich die Miß Admiral und der schwarze Kapitän, zusammengekommen sind.“

„Das kann ich Euch sagen, Sir.“

„Wirklich? Also wie?“

„Ich ersah es aus den Akten, welche mir vorgelegen haben. Der Seemann war ihm angeboren, und er hätte es auf gutem Wege weit, sehr weit bringen können, aber wie die Miß Admiral eine Katze, so war er schon als junge ein durchtriebener und unbändiger Fuchs, dem kein Lehrer ein gutes Ende voraussagte, obgleich er durch seine außerordentlichen Fortschritte alle in Erstaunen setzte. Die Navigation war sein Element, in welchem er mit fünfzehn Jahren sich besser auskannte als mancher vielbefahrene Orlogoffizier; aber es gab auch in ihm einen Teufel, der ihn nicht auf dem rechten Kurse litt. Er machte Dummheiten über Dummheiten, die ihm so lange nachgesehen und verziehen wurden, bis es nicht mehr ging, weil er es zu arg trieb. Er wurde trotz seiner sonstigen, unvergleichlichen Brauchbarkeit mit Schande fortgejagt. Nun trieb er sich längere Zeit herum, von einem Bord zum andern; das waren aber alles Schiffe zweifelhaften Rufes. Wie unverzeihlich das von ihm war, werdet ihr einsehen, wenn ich euch sage, daß er es schon deshalb ganz anders hätte haben können, weil er nicht arm war, sondern ein beträchtliches Vermögen besaß, welches ihm die Eltern hinterlassen hatten. Um diese Zeit traf er mit Miß Admiral zusammen, deren Vater kürzlich gestorben war; sie hatte von ihm auch einen ganzen Sack voll Geld geerbt. Die beiden sahen sehr bald ein, daß sie vortrefflich zu einander paßten, aber nicht etwa, um einander zu heiraten, o nein! denn die Miß Admiral ist in dieser Beziehung niemals ein Frauenzimmer gewesen, sondern in ganz anderer, sagen wir, geschäftlicher Beziehung. Sie beschlossen, ihr Geld zusammenzuthun und ein Schiff zu kaufen, um mit Ebenholz zu handeln und nebenbei zu nehmen, was sich bieten würde. Das mußte aber ein vorzügliches Fahrzeug sein, ein Segler ersten Ranges, und einen solchen führte ihnen der Satan in den Weg, nämlich den l’Horrible, der nachher so berüchtigt wurde. Matrosen fanden sich sehr bald, die nichts mehr zu verlieren hatten und ihren letzten Schutz nun unter der Piratenflagge suchten. – – – Das Geschäft begann und entwickelte sich zu einem höchst einträglichen Unternehmen. In der ersten Zeit hatte der Sklavenhändler zwei Kapitäns, weil die Miß Admiral sich als gleichstehend mit ihrem sauberen Compagnon betrachtete; aber er bekam sie nach und nach unter; sie sah ein, daß er ihr als studierter Navigationer denn doch über war, und mußte sich mit der zweiten Stelle als Segelmeister begnügen. Diese Herabsetzung, wie sie es nannte, ließ sie an ihren Untergebenen aus; sie war ein Unmensch gegen sie; die neunschwänzige Katze bekam die Herrschaft an Bord, und wer es wagte, einen Befehl zu mißachten, wurde sofort niedergeschlagen und in die See geworfen. Die Mannen mußten sich das gefallen lassen, denn sie hatten sich selbst außerhalb des Gesetzes gestellt und konnten bei keiner Behörde Schutz und Hilfe suchen.

Der Name l’Horrible wurde bald nur mit Schrecken genannt, und sein Kapitän war nur unter dem Namen der schwarze Kapitän bekannt. Man darf nun nicht etwa meinen, daß er zu der Miß Admiral in einem einträchtigen Verhältnisse gestanden habe; sie lebten im Gegenteile in offener Feindseligkeit, und keins von ihnen beiden fühlte sich seines Lebens sicher. Die kühnste und verwegenste That des schwarzen Kapitäns war die, daß er sich mit seinem l’Horrible sogar einmal in den Hafen von New-York getraute, natürlich unter falscher Flagge und mit guten Papieren, die von einem Schiffe stammten, welches er ausgeraubt und in den Grund gebohrt hatte. Bei dem Kampfe mit der Besatzung dieses Schiffes war er verwundet worden, und kam nun nach New-York, um sich heilen zu lassen. Wenn ich sage, dies sei sein kühnster Streich gewesen, so wurde ihm dabei von der Miß Admiral ein Streich gespielt, der ebenso groß war. Sie ging ihm nämlich, während ihn das Krankenlager festhielt, mit dem Schiffe und dem ganzen Gelde auf und davon. Dies zu thun und ihn los zu werden, hatte sie schon längst geplant; aber es bekam ihr nicht so, wie sie es erwartet hatte. Sie hatte gelernt, ein Schiff zu regieren, ja; aber die Finessen, welche dazu gehören, einen Kaper jeder, auch der eifrigsten Verfolgung zu entziehen, die besaß sie doch nicht, die hatte nur der schwarze Kapitän besessen. Sie wurde von einem Kriegsschiffe aufgegriffen und geentert; es gab einen Verzweiflungskampf, bei welchem alles, was an Bord gelebt hatte, niedergemetzelt oder dann an den Raaen aufgehängt wurde. Nur einige Mannen waren entkommen, weil sie sich augenblicklich am Lande befanden.

Natürlich suchten die Sieger nach dem schwarzen Kapitän; doch ohne ihn zu finden; sie nahmen an, daß er mit bei den Toten liege und kein Abzeichen habe, an welchem er zu erkennen sei. Als dann die Kabinen und Kojen durchsucht wurden, fand man eine Dame, welche Passagierin eines überfallenen Schiffes gewesen und von den Korsaren mitgeschleppt worden war, um von ihr ein hohes Lösegeld zu erpressen. Sie war natürlich unendlich glücklich, ihre Freiheit wieder zu erhalten, wurde mit der größten Achtung und Zuvorkommenheit behandelt und im nächsten Hafen gelandet. Niemand ahnte, daß diese Dame die Miß Admiral war, welche sich für einen Fall wie diesen mit Frauenkleidern versehen hatte. Sobald ihr klar geworden war, daß jeder Widerstand vergeblich sei, hatte sie sich unter Deck geflüchtet und diesen Anzug angelegt.

Man kann sich die Wut denken, in welche der schwarze Kapitän geriet, als er erfuhr, daß der l’Horrible aufgegriffen und fast unbeschädigt eingebracht worden sei. Er hatte fest angenommen, daß das Schiff noch im Hafen vor Anker liege, und erfuhr nun erst die Untreue der Miß Admiral. Als er von seiner Verwundung geheilt war, stand er arm und ohne alle Mittel da. Er ergriff bald dieses und bald jenes, um nur den Hunger zu stillen, dachte aber ganz und gar nicht daran, ein ehrlicher Kerl zu werden, sondern wurde ein so raffinierter Gauner und Betrüger, wie er vorher ein Korsar gewesen war. Als er dann bemerkte, daß in New-York die Polizei auf ihn aufmerksam wurde, machte er sich fort, um sein Heil im Westen zu versuchen; vorher erfuhr er noch, daß sein l’Horrible nach Vornahme der notwendigen Umwandlung in die Kriegsmarine eingestellt werden solle.

Nun werdet ihr mich fragen, Mesch’schurs, warum ich hier so viele Worte über den schwarzen Kapitän mache; ihr sollt die Antwort sofort haben. Nämlich als wir Sanders bei Sam Fire-gun ergriffen hatten und dann seine Taschen durchsuchten, wurden allerhand Notizen gefunden, deren Bedeutung die andern nicht ergründen konnten; als man mir sie aber überließ und ich sie sorgfältig durchging, wurde mir klar, daß Sanders kein anderer als der schwarze Kapitän sei; Jean Letrier war einer seiner Korsaren. Welch ein Fang! Nicht wahr? Ich kann euch die Freude, welche ich fühlte, nicht beschreiben, und sah die Belohnung, die mich erwartete, schon in meinen Händen. Ich ließ diese Freude aber nicht sehen und verheimlichte es auch Sanders, daß ich ihn durchschaut hatte.“

„Sagtet Ihr es auch Euren Gefährten nicht?“ erkundigte sich der Indianeragent.

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ein unvorsichtiges Wort genügt hätte, Sanders erraten zu lassen, daß ich sein Geheimnis kannte. Er sollte das erst vor Gericht erfahren. Durch solche Überraschungen pflegen selbst harte Verbrecher förmlich niedergeschmettert zu werden. Es ging aber leider anders, als ich dachte.“

„Er ist euch doch nicht etwa entsprungen?“

„Allerdings ist er das. Aber ehe ich erzähle, wie das zuging, will ich euch viel weiter nach dem Westen führen, über die Felsenberge, durch Arizona und Nevada, bis wir uns in San Francisco befinden, wo wir sehr bald auf eine bekannte Person treffen werden, obgleich sie sich große Mühe giebt, nicht erkannt zu werden.“

„Wer ist das?“

„Werdet es gleich erfahren. Also, hört:

„Wer heutigestags nach San Francisco, der Beherrscherin des Goldlandes und des stillen Weltmeeres, kommt und, am Hafenquai stehend, das Völkergewühl, welches hier in fast unlösbarer Bewegung durcheinander wirrt, beobachtet, wer die breiten, langgestreckten Straßen, die umfangreichen Plätze, die prächtigen Paläste und Gebäude sieht, hinter deren Spiegelscheiben alles aufgestapelt ist, was vom Golde stammt, mit ihm in Beziehung steht und für dasselbe zu haben und zu kaufen ist, der vermag nur schwer an die geringen, ja armseligen Anfänge zu denken, aus denen sich die Metropole des schimmernden Metalles entwickelt hat.

Und wie die Wogen da draußen im Hafen und auf der See steigen und fallen, wie die bunt zusammengewürfelte Menschheit in den Straßen, Plätzen und öffentlichen Lokalen sich ohne Rast und Ruhe schiebt und stößt, drückt und drängt, so steigt und fällt auch das wankelmütige Glück, so schiebt auch das untreue Verhängnis den Spielball, Mensch genannt, zum scheinbar sichern Halt empor und stößt ihn im nächsten Augenblicke wieder hinab auf den Grund, wo das Ungeziefer der Gesellschaft wimmelt. Wer gestern noch als Millionenmann gepriesen und beneidet wurde, bricht vielleicht schon heut mit Hacke, Spaten und Büchse nach den Diggins auf, um den verlorenen Reichtum wieder zu gewinnen. Die Existenzen sind vorwiegend problematisch, und manche glänzende Salonerscheinung entpuppt sich, wenn das Spiel zu Ende ist, als ein haltloses, abenteuerliches Dasein, dessen Bestehen nur von dem Falle des Würfels abhängig war.

Auf dem Kurse von Acapulco nach San Francisco segelte ein Fahrzeug. Es war ein stramm gebautes, schneidiges Dreimasterschiff, welches unter dem Spriete und hinten am Stern in goldenen Lettern den Namen l’Horribletrug. Die Kleidung der Mannschaft bewies, daß das Schiff zur Kriegsflotte der Vereinigten Staaten gehöre, obgleich aus mancher Kleinigkeit in Bau und Takelung sich vermuten ließ, daß es nicht zu diesem Zwecke gebaut sei.

Im gegenwärtigen Augenblicke stand der Befehlshaber auf dem Quarterdecke und blickte hinauf nach den Wanten, wo einer der Männer hing und mit dem Rohre in der Hand scharfen Ausguck hielt.

„Nun , Jim, hast du ihn?“ fragte er.

„Ay, ay, Capt’n; dort segelt er grad vor dem Glase!“ antwortete der Gefragte, mit der Hand windwärts deutend. Er nannte den Befehlshaber Kapitän, obgleich dieser die Abzeichen des Marinelieutenants trug. Ein Grad höher kann niemals schaden, zumal wenn der Betreffende den höhern Rang verdient.

„Welchen Lauf hält er?“

„Er sucht unser Kielwasser, Master. Ich glaube, er schlägt von Guayaquil oder Lima, vielleicht gar von Valparaiso herauf, weil er mehr aus dem Westen steuert als wir.“

„Was für ein Fahrzeug ist es, Jim?“

„Kann es noch nicht sagen, Sir; laßt ihn erst noch um etwas näher kommen!“

„Wird er das?“

„Sicher, Capt’n!“

„Möchte es fast nicht glauben,“ lautete die Antwort. „Wäre doch neugierig, das Schiff zu sehen, welches den l’Horrible übersegelt!“

„Hm,“ machte der Mann, indem er aus den Wanten niederstieg und dem Lieutenant dann das Rohr Übergab; „kenne doch eins, dem es gelingen sollte!“

„Welches?“

„Die Swallow, Sir.“

„Ja, die; sonst aber weiter keins! Aber wie sollte die Swallow in diese Gewässer kommen?“

„Weiß nicht, Master; aber das Schiff da hinten ist keine Bostoner Heringstonne, sondern ein kleiner, rascher Klipper. Wäre er größer, so müßte man ihn auf die Entfernung hin deutlicher sehen. Und die Swallow ist auch ein Klipper.“

Well, wollen sehen!“ entschied der Lieutenant, den Mann verabschiedend und sich mit dem Rohre nach dem Steuer begebend.

„Ein Segel in Sicht?“ fragte der Steuermann.

„Ja.“

„Wo‘ Sir?“

„Hinter uns.“

„Möchtet Ihr da nicht ein Reff in die Leinwand ziehen lassen?“

„Ist nicht nötig,“ antwortete der Kommandant, jetzt selbst durch das Glas blickend. „Es ist ein ganz famoser Segler; er wird uns auch ohne Reff einholen.“

„Pah, Sir; das möchte ich sehen!“

„Es ist so,“ klang es mit einem leisen Anfluge von verletztem seemännischen Stolze. „Er greift den Raum mit Macht. Seht, Maate, vor drei Minuten war er bloß vom Mars aus zu erkennen; jetzt stehe ich auf Deck und sehe ihn.“

„Soll ich ein weniges vom Winde abfallen?“

„Nein; ich will sehen, wie lange er braucht, um Seite an Seite mit uns zu segeln. Ist’s ein Amerikaner, so soll mich’s freuen; ist’s aber ein andrer, so will ich ihm lieber den Teufel, als ein solches Fahrzeug gönnen.“

Es dauerte nicht lange, so waren die Mastenspitzen und dann auch der schlanke Rumpf des fremden Schiffes schon mit unbewaffnetem Auge zu erkennen.

„Es ist ein Klipper mit Schunertakelage,“ meinte der Maate, „ein Dreimast-Marssegelschuner, grad wie unser l’Horrible.“

Yes. Ein prächtiges Fahrzeug, bei allen Teufeln! Seht, wie es schief vor dem Winde läuft, und mit vollem Segelwerk. Der Mann, der es befehligt, scheint sich vor einer Hand voll Wind mehr als gewöhnlich nicht zu fürchten. Jetzt legt er sogar die Braamtücher bereit, so daß der Schuner das Steuer hebt und fast nur auf dem Buge tanzt!“

„Ein wackerer Bursche, Sir. Aber kommt ein diverger Windstoß, so legt sich der Klipper in die See, so wahr ich Maate bin und Perkins heiße! Der Mann segelt doch ein wenig zu verwegen.“

„Nein. Seht Ihr nicht, daß die Reffleinen nicht angesorrt sind, sondern nur festgehalten werden? Bei einer Bö läßt man sie fahren, pah!“

„Jetzt zieht er die Flagge. Wahrhaftig, ein Amerikaner! Seht Ihr die Sterne und Streifen? Er frißt das Wasser förmlich, und in fünf Minuten ist er an unsrer Seite.“

„Er frißt das Wasser; ja, das ist der richtige Ausdruck für eine solche Fahrt. By god, der Kerl hat wahrhaftig sechs Kanonenluken auf jeder Seite, eine Drehbasse auf dem Vorderkastell und also wohl auch so etwas Ähnliches kurz vor dem Steuer. Könnt Ihr das Bild bereits erkennen, Maate?“

„Noch nicht; aber wenn mich nicht alles trügt, so ist es die Swallow. Ich habe sie in Hoboken einmal bestiegen und mir jede Talje und Schote, jedes Stückchen Tau und Takelwerk genau angesehen.“

„Wer kommandierte damals auf ihr?“

„Hab‘ den Namen vergessen, Master; war ein alter, halb wracker Seehund mit einer rotbraunen Nase, die ganz nach Gin und Brandy aussah. Aber den Maate habe ich gut gekannt, hieß Peter Polter, stammte aus Germany da drüben herüber und war ein wohlbefahrener junge, auf den sich jeder wohl verlassen konnte. Habt Ihr ihn jetzt nahe genug am Rohre?“

„Ja. Es ist die Swallow. Haltet einen oder zwei Striche mehr nach Luv; es ist augenscheinlich, daß sie mit uns reden will!“

Er kehrte auf das Quarterdeck zurück und rief:

„Holla, Jungens, an die Brassen!“

Die Männer sprangen zu den Leinen.

„Mann am Stock, zieh auf die Flagge!“

Das Stern- und Streifenbanner der Union flog in die Höhe.

„Greift an zum Beidrehen!“

Die Befehle wurden mit anerkennungswerter Präcision ausgeführt.

„Konstable!“

Der Gerufene trat an sein Geschütz.

„Laßt fallen. Feuer!“

Die Segel fielen und zugleich krachte der Schuß über die See.

„Achtung, Maate; leg bloß den Wind!“

Augenblicklich gehorchte das Steuer dem Rufe, und mit möglichst weniger Leinwand an den Raaen legte sich der l’Horrible herum, um auf die Swallow zu warten.

Auch von ihrem Borde krachte ein Schuß. Mit beinahe fabelhafter Geschwindigkeit kam sie herbeigeflogen. Unter ihrem Spriete breitete eine aus Holz gehauene blaue Schwalbe ihre vergoldeten, spitzen Flügel aus. Die Namensinschrift am Stern war jetzt nicht zu bemerken. Die flotte Brise lag voll in ihrem schweren Segelwerke. Zur Seite geneigt, so daß die Spitzen ihrer Nocken fast das Wasser berührten, schoß sie mit einer Sicherheit und Zierlichkeit heran, die ihrem Namen alle Ehre machte. Jetzt war ihr Klüversegel fast in gleicher Breite mit dem Sternwimpel des l’Horrible, da erscholl die Stimme ihres Befehlshabers, welcher vorn auf dem Deck seines Schuners stand:

„Hallo, die Reffs!“

Im Nu schlappten die Segel hernieder, das Fahrzeug stieg vorn in die Höhe, erhob sich aus seiner geneigten Lage, schwankte einmal kurz auf die andre Seite und richtete sich dann stolz und kräftig über die gebändigten Wogen.

„Ahoi, was für ein Schiff?“ fragte, mit der Hand vor dem Munde, der Befehlshaber des l’Horrible; er wußte gar wohl, was für ein Fahrzeug er vor sich hatte, mußte aber der gebräuchlichen Form genügen.

„Die Swallow, Lieutenant Parker, von New-York, direkt von New-Orleans um Kap Horn herum. Und Ihr?“

„Der l’Horrible, Lieutenant Jenner aus Boston, zum Kreuzen in diesen Gewässern, Sir!“

„Ist mir lieb, Sir! Habe Euch etwas zu übergeben. Soll ich per Schaluppe hinüberkommen, oder darf ich mich Dahlbord an Dahlbord an Eure Langseite legen?“

„Versucht’s, wenn Ihr’s zuwege bringt, Lieutenant!“

„Pah, die Swallow bringt noch Schwereres fertig!“

Er trat zurück und gab den Seinen einen Wink. Die Swallow warf sich leicht herum, beschrieb einen kurzen Bogen und legte sich so nahe an das andre Fahrzeug, daß ihre Mannschaft die Wanten desselben zu erfassen vermochte, ein Manöver, welches bei solchem Winde und mit dieser Sicherheit nur ein kühner und dabei sehr tüchtiger Mann auszuführen den Mut hat.

Während die beiden Schiffe sich auf einem nachbarlichen Wellenpaare wiegten, stand Max Parker mit einem gewandten Sprunge neben dem Lieutenant Jenner.

„Habe den Auftrag, Euch diese versiegelte Depesche zu überreichen, Sir!“ meinte er, indem sie sich freundschaftlich die Hände schüttelten.

„Ah! Wollt Ihr mit hinab in die Kajüte? Müßt doch einen Trunk am Bord des l’Horrible nehmen!“

„Hab‘ nicht gut Zeit, Lieutenant. Laßt einen Schluck heraufbringen!“

Jenner gab den dazu nötigen Befehl und öffnete dann, nachdem er respektvoll salutiert hatte, das Couvert.

„Wißt Ihr, was die Depesche enthält?“ fragte er.

„Nein; kann mir’s aber denken.“

„Ich muß sofort nach San Francisco, wohin ich übrigens schon den Kurs genommen hatte. Ich soll Euch dieses mitteilen.“

Well, so habe ich Euch diese Depeschen an die dort stationierenden Unionskapitäne zu überreichen. Ihr wißt wohl, daß der Süden revoltiert?“

„Habe davon gehört, obgleich ich erst kurze Zeit in dieser Breite kreuze. Werden sich aber wohl verrechnet haben, die Rebellen, was?“

„Meine es auch; doch ist der Süden stark und im Besitze fester Häfen und ungeheurer Hilfsquellen. Kampf wird es geben, schweren, harten Kampf, und ungewöhnlicher Anstrengung wird es bedürfen, um ihn niederzuringen. Ich wünsche, daß wir uns wiedersehen, Sir, Seite an Seite, dem Feinde gegenüber!“

„Sollte mich freuen, Master, herzlich freuen, mit einem Schiffe, wie Eure Swallow ist, den Gegner packen zu können. Wohin seid Ihr jetzt bestimmt?“

„Auch nach San Francisco, wo ich neue Ordres empfange. Vorher jedoch muß ich ein wenig auf der japanesischen Route streifen. Fare well, l’Horrible!“

Fare well, Swallow!“

Die beiden Männer leerten ihre Gläser, dann sprang Parker auf das Deck seines Fahrzeugs zurück. Die Swallow stieß vom l’Horrible ab, warf ihre Segel wieder an die Raaen, nahm den Wind voll in die Leinewand und schoß unter einem lauten Abschieds-Hallo der beiderseitigen Mannschaften davon. So schnell wie sie vom südwestlichen Gesichtskreise her erschienen war, so schnell verschwand sie wieder an dem in Glut getauchten westlichen Horizonte.

Es war, als sei eine graziöse Fee aus den Fluten aufgetaucht, um den einsamen Schiffer zu begrüßen und dann unerbittlich wieder in ihr nasses, geheimnisvolles Reich zurückzukehren.

Auch der l’Horrible setzte jetzt alle Segel bei, um die unterbrochene Fahrt mit vergrößerter Geschwindigkeit wieder aufzunehmen. Zwar währte die Fahrt noch einige Tage, dann aber mehrte sich die Zahl der ihm begegnenden oder zu gleichem Ziele mit ihm zusammentreffenden Fahrzeuge, und endlich ging er auf der Reede der Goldkönigin vor Anker.

Hier überließ Jenner das Ordnen der polizeilichen und hafenbehördlichen Angelegenheiten seinem Steuermanne und begab sich sofort an Bord eines neben ihm liegenden Panzerschiffes, an dessen Kapitän eine der ihm anvertrauten Depeschen adressiert war. Die andern der ihm bezeichneten Fahrzeuge mußten erst noch aufgesucht werden oder befanden sich auf kurzem Ausfluge in See.

Der Kapitän nahm die Depesche in Empfang und führte ihn in die Kajüte hinab, wo sich ein kameradschaftliches Gespräch entwickelte.

„Ihr werdet einige Zeit hier zu verweilen haben,“ meinte am Schlusse desselben der Kommandant des Panzerungeheuers. „Habt Ihr Bekanntschaften in der Stadt?“

„Leider nicht. Ich werde in gesellschaftlicher Beziehung nur auf die Restaurationen und Hotels angewiesen sein.“

„Dann erlaubt mir, Euch meine Verbindungen zur Verfügung zu stellen.“

„Wird mit Dank und Vergnügen acceptiert.“

„Ich kenne da zum Beispiel eine exquisite Dame, die sich die ganze Etage eines der feinsten Häuser gemietet hat. Sie ist eine Pflanzerswitwe aus Martinique, nennt sich de Voulettre und gehört zu denjenigen Frauen, die ewig jugendlich bleiben, deren Alter nie bestimmt werden kann, weil Bildung, Geist und Liebenswürdigkeit die Macht der Jahre paralysieren. Sie macht ein großes Haus, scheint unerschöpflich vermögend, sieht bei sich nur die Vertreter der Aristokratie des Geistes, des Geldes und der politischen Macht und ist grad mir ganz außerordentlich interessant, weil sie große Seereisen gemacht und sich Kenntnisse über unsern Beruf angeeignet hat, über welche sie mancher wackere Seebär beneiden möchte.“

„Dann bin ich wirklich begierig, sie kennen zu lernen.“

„Ich werde Euch schon heut die Gelegenheit dazu bieten. Ich bin heut abend zu ihr geladen; wollt Ihr mit?“

„Sicher, Kapitän.“

„Gut. Ich werde Euch vorstellen, und dann dürft Ihr Euch so frei bewegen, als befändet Ihr Euch an Bord Eures l’Horrible. Ist übrigens ein prächtiges Fahrzeug, Lieutenant, und ich kann Euch zu diesem Kommando aufrichtig Glück wünschen. Das war so nett, so sauber, so adrett, so boudeaux, als Ihr herbeigestrichen kamt und Ruck und Zuck die Segel und der Anker fielen. Kam er nicht von den Inglishmen in den Besitz der Vereinigten-Staaten-Flotte?“

„Ja. Vorher aber war er das gefürchtetste Fahrzeug zwischen Grönland und den beiden südlichen Kaps. Oder habt Ihr nie von dem schwarzen Kapitän gehört?“

„Wie sollte ich nicht? Vielleicht mehr noch als Ihr. Ich wußte nur nicht gleich, wohin ich den Namen l’Horrible thun sollte; jetzt aber besinne ich mich. Das Fahrzeug wurde auf einer Ebenholzfahrt betroffen und daher weggenommen. Die Bemannung hing man an die Raaen und den schwarzen Kapitän – ah, wie war es nur mit ihm?“

„Er befand sich nicht an Bord, dafür aber eine Dame, die man beim Überfalle eines Kauffahrers verschont und mitgenommen hatte, um ein Lösegeld zu erpressen.“

„Wer war sie?“

„Weiß es nicht. Seit jener Zeit hat man nie mehr etwas wieder über den Piraten gehört. Entweder hat die Lektion gefruchtet oder er ist doch mit an Bord gewesen und im Kampfe getötet oder als gewöhnlicher Vormarsgast mit gehangen worden.“

„Wäre ihm recht geschehen! Also heut abend bei der Frau de Voulettre; ich werde Euch abholen, Lieutenant, ja?“

„Ich werde diese Ehre – –“

Pshaw, ich bitte nur, mir Euer braves Fahrzeug einmal ansehen zu dürfen, ehe wir an das Land rudern.“

Während dieses Gespräches kam ein Mann langsam und gemächlich am Quai herabgeschlendert, ganz in der Haltung eines Menschen, der über sich und seine Zeit vollständig Herr ist. Von kaum mittlerer Statur und dabei schlank gebaut, trug er die Kleidung eines Diggers, der von den Minen kommt, um von der anstrengenden Arbeit auszuruhen und sich ein Weniges in der Stadt umzusehen. Ein breitkrempiger, vielfach zerknitterter Hut hing ihm in das Gesicht hernieder; doch vermochte er nicht, das große, häßliche Feuermal zu verdecken, welches sich von dem einen Ohre quer über die ganze Wange bis über die Nase zog.

Wer ihn sah, wandte sich mit Abscheu von dem abstoßenden Anblicke weg. Der Mann bemerkte dies sehr wohl, schien sich aber nicht sehr darüber zu grämen und ließ sich sogar durch gelegentliche laute Äußerungen in seiner offenbaren Seelenruhe nicht stören.

Da blieb er stehen und ließ sein Auge hinaus auf die Reede schweifen.

„Wieder einer vor Anker,“ murmelte er; „ein Segelschiff und, wie es scheint, nicht schlecht gebaut. Wenn nur –.“ Er hielt plötzlich in seinem Selbstgespräch inne und beschattete das Auge mit der Hand, um schärfer sehen zu können.

Sacré nom du dieu, das ist, – ja, das ist er, das ist der l’Horrible, wegen dem ich nun schon seit einem Monate hier vor Anker liege. Endlich, endlich sehe ich ihn wieder, und – -doch, er liegt zu weit vom Lande, und ich könnte mich täuschen. Ich werde mich überzeugen, ob ich mich irre oder nicht!“

Er schritt die Stufen hinab, vor denen mehrere Boote lagen, und sprang in eines derselben.

„Wohin?“ fragte der Besitzer, der sich auf der Ruderbank sonnte.

Der Mann deutete leicht nach der Reede hinaus und antwortete:

„Spazieren.“

„Wie lange?“

„So lange es mir gefällt.“

„Könnt Ihr bezahlen?“

Der Frager musterte seinen Fahrgast mit nicht sehr vertrauensvollen Blicken.

„Nach der Fahrt mit gutem Gelde, vor der Fahrt mit guten Fäusten. Wähle also!“

„Hm, hm,“ brummte der Schiffer, offenbar eingeschüchtert durch den drohenden Blitz, welcher aus dem dunklen Auge des Fremden leuchtete, „steckt: Eure zehn Finger, wohin es Euch beliebt, nur nicht in mein Gesicht. Könnt Ihr das Steuer führen?“

Ein kurzes Nicken war die Antwort, dann wurde der Kahn gelöst und suchte durch das Gewirr der umherliegenden Fahrzeuge aller Gattungen seinen Weg hinaus in das freie Wasser.

Der Fremde verstand zu steuern wie nur irgend einer, das hatte der Schiffer schon nach den ersten Ruderschlägen bemerkt. Er ließ kein eigentliches Ziel erraten, umkreiste in weitem Bogen das Panzerschiff und den l’Horrible und führte dann das Boot an seinen Platz zurück, wo er die Fahrt auf eine Weise bezahlte, die seine äußere Erscheinung allerdings nicht hatte vermuten lassen.

„Er ist’s,“ seufzte er erleichtert, indem er die Stufen emporstieg; „nun soll die Frau de Voulettre bald so spurlos verschwinden, wie die Miß Admiral damals spurlos verschwunden ist. Jetzt aber in die Taverne!“

Er lenkte seine Schritte einer Gegend der Stadt zu, wo die obskuren Existenzen ihr elendes und oft auch verbrecherisches Leben fristen. Er mußte durch ein Gewirr enger Gassen und Gäßchen schreiten, deren Häuser kaum diese letztere Bezeichnung verdienten. Der wüste, holperige Boden bildete ein besonders für die Nacht halsbrecherisch zu nennendes Terrain, und die Hütten, Baracken und Zelte glichen eher einem wilden Zigeunerlager, als dem Teile eines wohlgeordneten Stadthaushaltes, wo die mächtige Hand einer kräftigen Sicherheits- und Wohlfahrtspolizei jeden schädlichen oder auch nur verdächtigen Stoff auszuscheiden oder wenigstens unter scharfer Bewachung zu halten verpflichtet ist.

Endlich hielt er vor einer langgestreckten Bretterbude, über deren Thür mit einfachen Kreidezügen die Inschrift „Taverne of fine brandy“ angebracht war. Vor und hinter diesen Buchstaben war auch mit Kreide je eine Schnapsflasche auf das rissige Holz gemalt.

Er trat ein.

Der lange Raum war mit Gästen gefüllt, denen man es ansah, daß sie nicht zu den Kreisen der Gesellschaft gehörten, welche die Bezeichnung gentlemanlike für sich in Anspruch nehmen. Ein unbeschreiblicher Spiritusdunst und Tabaksqualm warf den Eintretenden förmlich zurück, und der Lärm, welcher hier herrschte, schien eher tierischen, als menschlichen Kehlen zu entstammen.

Der Mann mit dem Feuermale kehrte sich nicht im mindesten an diese Unannehmlichkeiten. Er trat an den Schenktisch und wandte sich zu dem hinter demselben paradierenden Wirte.

„Ist der lange Tom hier, Master?“

Der Gefragte musterte ihn mit einem mißtrauischen Blicke und antwortete nicht eben freundlich:

„Warum?“

„Weil ich mit ihm zu sprechen habe.“

„Wer ist der lange Tom, he?“

„Pah! Spielt nicht Versteckens! Ich kenne den Mann ebenso gut wie Ihr und bin von ihm hierher bestellt worden.“

„Wer seid Ihr?“

„Das geht Euch den Teufel an. Hab Euch auch noch nicht nach der Geburtsliste gefragt, auf der Euer Name verzeichnet sein mag!“

„Hoho, wenn Ihr so kommt, so könnt Ihr lange fragen, ehe Ihr die Antwort bekommt, die Ihr haben wollt. Eher ist es möglich, daß Ihr einen guten Faustschlag oder zwei von hier mit fortnehmt!“

„Darüber ließe sich vielleicht auch noch sprechen. Aber ich will Euch wenigstens so viel sagen, daß es Euch der lange Tom verteufelt anrechnen wird, wenn Ihr mich nicht mit ihm sprechen laßt.“

„So? Nun, ich will einmal so thun, als ob ich ihn kenne; versteht Ihr, Sir? Wenn er Euch wirklich bestellt hat, so hat er Euch jedenfalls ein Wort gesagt, ein kleines Wörtchen, ohne welches man nicht zu ihm kommt.“

„Das hat er. Hört einmal!“

Er neigte sich über den Tisch hinüber und raunte dem Wirte einige leise Silben zu. Dieser nickte zustimmend mit dem Kopfe.

„Richtig! jetzt darf ich Euch trauen. Tom ist noch nicht hier; es ist eben jetzt die Zeit, wo gewöhnlich die Polizei kommt, um sich ein weniges unter meinen Gästen umzusehen. Ist sie fort, so gebe ich ein Zeichen, und in fünf Minuten ist er da. Setzt Euch bis dahin nieder!“

„Hier nicht, Master. Tom sagte mir, daß es bei Euch einen kleinen Raum giebt, wo man nicht von jedermanns Auge belästigt wird.“

„Den giebt es, ja; aber er ist eben auch nicht für jedermann da.“

„Nicht für jedermann. Aber für wen denn?“

„Wenn ich Euch das erst sagen muß, so scheint es unter Eurem Hute ganz niederträchtig finster zu sein!“

„So sehr doch nicht, wie Ihr denkt!“

Er zog ein Goldstück hervor und schob es dem spekulativen Manne zu.

„Gut! Es steht mit Euch doch nicht ganz so schlimm, als ich dachte. Aber wißt Ihr, wenn man jemandem den Gefallen thut, die Spürnasen von ihm abzuhalten, so ist ganz natürlich eine Liebe der andern wert. Wollt Ihr etwas trinken?“

„Ein Glas Wein.“

„Wein? Seid Ihr verrückt? Was soll ich hier mit diesem albernen Getränke machen? Ihr bekommt eine Flasche Brandy, wie es hier Sitte und Gewohnheit ist. Hier, und auch ein Glas dabei. Jetzt setzt Ihr Euch an den Tisch dort hinter dem breiten Ofen. Gleich daneben ist eine Thür, die niemand sehen kann. Ich werde sie aufstoßen; dann paßt Ihr auf, und beim ersten Augenblicke, wo es kein anderer bemerkt, schlüpft Ihr schnell hinein.“

„Soll geschehen.“

„Es ist jetzt leer in jener Stube. Aber es werden bald Gäste kommen, und ich rate Euch, sie nicht zu inkommodieren. Es sind rasche Bursche, bei denen Wort und Klinge nicht weit voneinander liegen!“

Es geschah, wie er gesagt hatte, und bald saß der Fremde in dem verborgenen Raume. Dieser faßte nur zwei Tische mit vielleicht einem Dutzend Stühlen, welche jetzt leer standen. Aber, wie der Wirt gesagt hatte, kamen bald Gäste, einer nach dem andern, herbeigeschlüpft und nahmen in einer Weise Platz, welche erraten ließ, daß sie gewohnt seien, hier in dieser Abgeschlossenheit zu verkehren.

Die Notiz, welche sie von dem bereits Anwesenden nahmen, bestand nur in einem kurzen, musternden Blicke; sonst aber beachteten sie ihn nicht im mindesten und führten ihr halblautes Gespräch so ungeniert, als ob kein Fremder zugegen sei. Sämtliche Männer schienen Seeleute zu sein, wenigstens zeigten sie sich während ihrer Unterhaltung in dem Schiffswesen sehr bewandert und in allen nautischen Vorkommnissen der jüngeren Vergangenheit außerordentlich gut unterrichtet. Auch die im Hafen und auf der Reede liegenden Fahrzeuge wurden besprochen.

„Wißt Ihr,“ fragte einer, „daß der l’Horrible draußen vor Anker gegangen ist?“

„Der l’Horrible, das frühere Kaperschiff?“

„Ja, Befehlshaber Lieutenant Jenner. Ein prächtiges Schiff, ganz unvergleichlich in Bau und Ausrüstung; der schwarze Kapitän hat es bewiesen.“

„Schade um den armen Kerl, daß er den Strick hat schmecken müssen! Oder nicht, he?“

„Jammerschade; er wußte etwas aus sich und seinen Jungens zu machen.“

„Er vielleicht weniger, aber er soll einen ausgezeichneten Segelmeister gehabt haben, der das eigentliche Kommando führte.“

„Hab auch davon gehört. Der Kerl soll gar nicht einmal ein Mann, sondern ein Weib gewesen sein, ein wahrer Satan. Will’s auch gern glauben, denn wenn sich der Teufel ein Extrapläsir machen will, so fährt er in ein Frauenzimmer.“

„Richtig,“ meinte ein dritter, „ein Frauenzimmer ist es gewesen, und Miß Admiral wurde sie geheißen; ich weiß es genau. Sie soll die Tochter eines alten Seelöwen gewesen sein, der sie auf allen seinen Fahrten mitgenommen hat. Dadurch ist sie das reine Mannsbild geworden, hat sich nur auf dem Wasser wohl befunden und es nach und nach so weit gebracht, ein Schiff noch besser als mancher erfahrene Kapt’n zu führen. Jeder Seemann weiß, daß es dergleichen Frauenzimmer gegeben hat und wahrscheinlich auch heut noch giebt. Und wer noch mehr erfahren will, der mag nur den langen Tom fragen, der weiß Bescheid. Ich glaube, der Halunke ist schon einmal mit dem schwarzen Kapitän gefahren und kennt den l’Horrible besser, als er gestehen will.“

„Möglich; zuzutrauen ist es ihm. Und wenn es wirklich so gewesen ist, so fällt mir gar nicht ein, es ihm übel zu nehmen; denn so ein Hundeleben wie auf einem elenden Kauffahrer giebt es natürlich auf einem wackeren Kaper nicht. Ich will nicht weiter reden, aber, na, ihr wißt schon, was ich meine!“

„Papperlapapp, heraus damit! Oder wenn du dich fürchtest, so will ich es sagen: Wenn der schwarze Kapitän noch lebte und den l’Horrible noch hätte, ich ginge auf der Stelle zu ihm an Bord. Da hört ihr’s, und ich meine, daß ihr mir recht gebt!“

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür von neuem und ein Mann trat in gebückter Stellung ein, den alle als alten Bekannten begrüßten.

„Der lange Tom! Komm her, alter Swalker und verteie dich hier auf diesen Stuhl. Weißt du, daß wir soeben von dir gesprochen haben?“

„Ja, von dir und dem l’Horrible!“ bestätigte ein andrer.

„Laßt den l’Horrible nur immer draußen auf dem Wasser, ihr alten Schwatzratten,“ antwortete er, sich niedersetzend und dem Manne mit dem Feuermale unbemerkt zublinzelnd. „Was geht euch das Fahrzeug an, he?“

„Uns nichts, aber dich desto mehr. Wir meinen, daß du es besser kennst als wir; oder bist du nicht einmal auf seinen Planken herumgelaufen?“

„Ich sage nicht ja und nicht nein, aber möglich wäre es. Es sind wohl einige hübsche Dutzend guter Schiffe, die den Tom gesehen haben, und wer kann da etwas dawider haben, wenn der l’Horrible mit dabei gewesen ist?“

„Niemand. Doch sag, ist es wirklich wahr, daß der Segelmeister des Kapers ein Weibsbild gewesen ist?“

„Wie ich gehört habe, ja.“

„Hm, da muß doch trotz alledem eine miserable Wirtschaft auf dem Fahrzeuge stattgehabt haben!“

„Wieso?“

„Na, wenn ein Frauenzimmer das Kommando eines Schiffes führt, so möchte ich nicht dabei sein. Ich meine, daß grad dies und nichts andres daran schuld ist, daß der l’Horrible genommen worden ist.“

„Meint Ihr – ?“ ließ sich da mit gedehnt fragender Stimme der Fremde mit dem Feuermale vernehmen.

„Ja, ich meine es. Oder habt Ihr vielleicht etwas dagegen?“

„Geht Euch nichts an; wollte bloß wissen, ob Ihr das wirklich meint!“

„Geht mich nichts an, he? Wenn sich ein Fremder in das mengt, was ich sage, so geht es mich nichts an? Nehmt Eure Zunge etwas fester hinter die Zähne, sonst schlage ich Euch eins auf das Maul, daß sie Euch hinunter bis auf die Zehen fährt!“

„Seht ganz danach aus!“

„Wie – was? Da – da habt Ihr, was Euch gehört!“

Mit einem raschen Schritte stand er vor dem schmächtigen, um Kopfeshöhe kürzeren Mann und holte zu einem Schlage aus, der sicher keine wohlthuende Liebkosung sein konnte. Der Bedrohte aber hatte ihn im Nu gefaßt, hob ihn in die Höhe und schmetterte ihn mit solcher Wucht zu Boden, daß er sich kaum aufzuraffen vermochte.

Sofort sprang der ihm am nächsten Sitzende herbei, um die schmähliche Niederlage seines Kameraden zu rächen. Es wurde ihm ganz dasselbe Schicksal: mit wahrhaft katzenartiger Geschwindigkeit wich der Gegner seinen Streichen aus, unterlief ihn und warf ihn zur Erde nieder, daß es dröhnte.

Schon wollte der dritte dem Beispiele folgen, als der lange Tom sich in das Mittel legte.

„Stopp!“ meinte er, ihn beim Arme packend und zurückhaltend. „Mach keine Dummheit, alter Bursche. Mit dem dort nimmst du es nicht auf und noch zehn andre ebenso!“

„Oh! das will ich sehen!“

„Versuch’s, wenn du durchaus nicht anders willst, aber ich meine, daß ihr einen Offizier vom l’Horrible respektieren werdet.“

„Vom l’Horrible!“

Auch die beiden andern, welche sich jetzt vom Boden erhoben hatten und Miene machten, den Angriff von neuem zu beginnen, stimmten überrascht in diese Frage ein.

„Vom früheren oder jetzigen?“

„Vom früheren natürlich; oder glaubt ihr etwa, daß sich so ein Schwachkopf von Vereinigte-Staaten-Marineoffizier hier in unsre Kabine wagen möchte?“

„Ist’s wahr?“

Der Mann mit dem Feuermale nickte leichthin mit dem Kopfe und sagte:

„Wird wohl wahr sein, ihr Männer. Der lange Tom kennt mich ein weniges von früher her, wo wir einige Zeit lang auf denselben Planken herumgestiegen sind und manchen guten Coup ausgeführt haben.“

„So; das ist etwas anderes! Wenn es so steht, so seid Ihr sicher bei uns, und wir werden Euch unsre Fäuste nicht weiter zu schmecken geben.“

„Pah,“ klang die geringschätzige Antwort; „vor euren Fäusten ist mir ganz verteufelt wenig bange, wie ihr gesehen habt. Doch seid ihr keine üblen Maten, denke ich, und so will ich die Sache nicht nur gut sein lassen, sondern mich sogar auch ein wenig bei euch auf den Stuhl verteien.“

„Gut sein lassen? Ich denke, der Streit ist nicht von uns, sondern von Euch ausgegangen. Als Fremder ging Euch das, was wir sprachen, nichts an!“

„Hm, ihr mögt nicht so ganz unrecht haben, aber ich bin gewohnt, meine Leute auf die Probe zu stellen, ehe ich den Handschlag von ihnen nehme.“

„Eure Leute?“ meinte der eine.

„Auf die Probe stellen?“ der andre.

„Den Handschlag nehmen?“ der dritte.

„So ist’s! Habt ihr nicht vorhin gesagt, daß ihr nach dem l’Horrible möchtet?“

„Das war so eine Rede. Ihr werdet Euch wohl die Beifügung gemerkt haben: wenn der schwarze Kapitän noch lebte und ihn befehligte.“

„Wißt ihr denn so genau, daß er tot ist?“

„Alle Wetter! Wollt ihr damit etwa sagen, daß er noch lebt?“

„Er lebt noch.“

„Wißt Ihr das gewiß?“

„Gewiß.“

„Wo steckt er, he?“

„Das ist nicht eure, sondern meine Sache!“

„Auf dem l’Horrible jedenfalls nicht!“

„Nein; da habt ihr recht. Aber – – hm, wenn er ihn nun wiederbekäme?“

„Wiederbekäme? Holla, Sir, das wäre ja ein verdammt guter Streich von ihm!“

„Und von euch!“

„Von uns? Wieso?“

„Weil ihr mit dabei sein könnt, wenn ihr wollt,“ erklang es leise und vorsichtig.

„Was wollt Ihr damit sagen, Master?“

„Ich will damit sagen, daß man Männern, die der lange Tom seine Freunde nennt, wohl ein wenig Vertrauen schenken darf. Oder nicht, he?“

„Bei allen Teufeln, da habt Ihr recht und geht nicht fehl! Wir sind überall gern dabei, wo es ein gutes Geld oder einen hübschen Sold zu verdienen giebt. Tom mag uns Euch empfehlen!“

„Ist schon geschehen,“ antwortete der Genannte. „Dieser Sir kennt euch so wie ich, und ich hatte ihn herbestellt, damit er euch einmal sehen und mit euch sprechen könne. Wißt ihr etwas Neues?“

„Nun?“

„Ich werde Bootsmann auf dem l’Horrible.“

„Bootsmann? Willst du uns kalfatern?“

„Fällt mir gar nicht ein! Auch ihr könntet eine gute Stelle finden, wenn ihr wolltet.“

„Ob wir wollen! Aber das Schiff gehört ja den Buntjacken.“

„Jetzt, aber lange nicht mehr, das ist sicher.“

„Wieso?“

Er neigte sich über den Tisch herüber und flüsterte:

„Weil wir es ihnen nehmen werden.“

„Donnerwetter, das wäre ja ein Streich, wie er noch gar niemals dagewesen ist. Man würde in den ganzen Staaten und wohl auch noch weiter darüber hinaus davon sprechen.“

„Fürchtet ihr euch davor?“

„Fürchten? Pah! Was kann uns das Gerede schaden? Mit dem l’Horrible unter den Füßen braucht man sich vor der ganzen Welt nicht zu scheuen!“

„Ja, und könntet ein Leben führen wie der große Mogul oder wie der Kerl heißt, der so viel Dollars besitzt, daß die See voll würde, wenn er einmal so dumm sein wollte, sie hineinzuwerfen. Es liegt nur an euch, es so zu haben!“

„An uns? Sprecht weiter, Sir!“

Der Rotmalige langte in die Tasche, zog ein wohlgefülltes Portefeuille hervor, entnahm demselben einige Banknoten und legte jedem eine derselben hin.

„Wollt ihr diese Wische haben?“ fragte er.

„Werden nicht so albern sein, sie zurückzuweisen! Aber was sollen wir dafür thun?“

„Nichts; ich schenke sie euch umsonst. Aber wenn ihr die Richtigen seid, so könnt ihr morgen oder übermorgen fünfmal soviel haben!“

„Inwiefern?“

„Wollt ihr eine Spazierfahrt hinaus auf die Reede mitmachen?“

„Warum nicht?“

„Um den Buntjacken einen Besuch abzustatten?“

„Warum nicht?“

„Es wird wohl einige Hiebe oder Messerstiche dabei geben.“

„Thut nichts!“

„Doch ist es möglich, daß es auch glatt abgeht.“

„Desto besser.“

„Ihr bleibt natürlich dann auf dem Schiffe.“

„Versteht sich! Aber wer wird uns befehligen?“

„Wer anders als der Kapitän?“

„Der schwarze?“

„Der schwarze!“

„So lebt er wirklich noch.“

„Er lebt noch, und ihr sollt mit ihm zufrieden sein, wenn ihr das Eurige thut.“

„Wird an nichts fehlen, Sir, darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Gut; so hört, was ich euch sage!“

Sie rückten erwartungsvoll zusammen.

„Ihr kauft euch bessere Kleider, denn so wie jetzt darf euch niemand sehen!“

„Soll geschehen.“

„Ihr geht des Abends nicht aus, sondern bleibt hier, um auf mich oder einen Boten zu warten!“

„Ist uns lieb. Die Spürnasen machen uns ja draußen genug zu schaffen.“

„Sobald ich schicke, kommt ihr mit Tom zu – zu – in die Wohnung der Frau de Voulettre.“

„Alle Teufel, das ist eine verdammt vornehme und reiche Miß. Ich habe von ihr sprechen hören. Was haben wir mit ihr zu schaffen?“

„Die Offiziere des ‚Horrible werden bei ihr zu finden sein.“

„Ah!“

„Ihr wollt Heuer auf dem Schiffe nehmen, und sie wird euch den Herren empfehlen.“

„Donnerwetter – uns empfehlen – die reiche, vornehme Miß? Seid Ihr klug, Sir?“

„Ich denke es!“

Die Männer sahen ihn halb zweifelnd, halb respektvoll forschend an.

„Dann seid Ihr wohl ein wenig gut mit ihr bekannt?“

„Möglich! Ihr werdet jedenfalls gemietet werden und geht sofort an Bord.“

„Ganz wie Ihr befehlt, Sir.“

„Es wird dann dafür gesorgt werden, daß die Offiziere und Subalternen an das Land gehen. Der schwarze Kapitän wird dann mit seinen Leuten bei euch anlegen und – – na, das übrige ist nicht meine Sache; ich bin bloß sein Agent. Was ihr noch zu wissen braucht, wird euch Tom schon sagen.“

Die Männer nickten zustimmend. Der Plan des scheinbaren Agenten nahm ihre Köpfe so sehr in Anspruch, daß sie keine Zeit zu langen Reden hatten. Dieser fuhr fort:

„Und nun noch eins: Tom ist Bootsmann, und ihr habt ihm von diesem Augenblicke an in allen Stücken Gehorsam zu leisten, versteht ihr?“

Yes, Sir!“

„Seid ihr treu und verschwiegen, so könnt ihr auf den Kapitän rechnen; bei dem geringsten Zeichen von Verrat aber seid ihr verloren, dafür ist gesorgt. Also nehmt euch zusammen!“

„Keine Sorge, Master! Wir wissen, was wir vorhaben; es ist so etwas schon längst unser Wunsch gewesen, und da er nun so schön in Erfüllung geht, werden wir uns das Vergnügen nicht selbst verderben.“

„Schön! Hier habt ihr noch ein weniges, um zu trinken; ich muß nun fort. Adieu!“

„Adieu, Sir!“

Während die andern sich in achtungsvolle Stellung erhoben, reichte er Tom wie herablassend die Hand und verschwand dann durch die Thür.

„Alle Teufel, konnte der Kerl zugreifen!“ bemerkte der eine.

„Und was die Hauptsache ist, mit diesen kleinen Händen,“ fügte der andre hinzu. „Man sieht es ihm nicht an, aber er hat wahrhaftig den Satan im Leibe!“

„Setzt euch,“ mahnte Tom; „ich habe euch noch mancherlei zu erklären.“

Die Männer saßen noch lange beisammen und lauschten den Reden ihres Kameraden. Er war ein erfahrener und gewiegter Maate und verstand es, sie vollständig für das beabsichtigte Unternehmen zu gewinnen, so daß an einen Verrat ihrerseits nicht zu denken war. Seine Auslassungen bezogen sich darauf, daß grad jetzt während des Krieges zwischen den Nord- und Südstaaten ein gut geführter Kaper, der nebenbei heimlich Piraterie treibe, vortreffliche Geschäfte machen könne. – – –

Die Gemächer der Frau de Voulettre waren am Abende nach dieser Unterredung hell erleuchtet. Sie hatte große Soiree. Im Salon wurde zum Piano getanzt; an den Büffets nahm man die feinsten Delikatessen und Erfrischungen zu sich; die älteren Herren hatten sich in die Nebenzimmer zurückgezogen, wo man allerlei diskutierte oder sich einem kleinen Spielchen hingab, bei welchem die Dollars zu Hunderten gesetzt, gewonnen oder verloren wurden.

Selbst der Neid mußte gestehen, daß unter allen anwesenden Damen der Herrin des Hauses die Krone gebühre. Sie verstand es, jedes Wort so auszusprechen und jede, auch die kleinste Bewegung so auszuführen, daß der Beobachter selbst gegen seinen Willen angezogen und dann dauernd gefesselt wurde.

Jetzt eben ruhte sie in nachlässiger Stellung auf dem sammetnen Diwan und wehte sich mit dem perlenbesetzten Fächer Kühlung zu. Ihr dunkles Auge ruhte mit sichtbarem Interesse auf dem Gesichte des Marinelieutenants Jenner, der von dem Kapitän des Orlogschiffes vorgestellt worden war.

„Sie kommen um Kap Horn, Lieutenant?“ fragte sie ihn.

„Direkt nicht. Ich kreuze schon längere Zeit vis-à-vis dem Isthmus.“

„Ah, ein langweiliges Geschäft, nicht? Hatten Sie nicht Zeit, schon längst einmal hier anzulegen?“

„Leider nicht. Der Dienst zur See ist streng.“

„Wissen Sie, Lieutenant, daß ich mich trotzdem außerordentlich für das Seewesen interessiere?“

„Ah! Die See hat allerdings etwas Anziehendes selbst für Damen; aber das, was man unter Seewesen gewöhnlich zu verstehen pflegt, ist so trocken und – gefährlich, daß ich kaum einer Lady im Ernste zumuten möchte, sich –“

„Pah,“ fiel sie ihm in die Rede; „nicht jede Dame fürchtet die Gefahr, ebenso wie nicht jeder Herr ein Herkules ist. Meine Heimat ist eine Insel, rings vom Wasser umgeben; ich habe zahlreiche Verwandte drüben auf dem Kontinente, bin viel hin und her gefahren, oft droben in New-York oder Boston gewesen, habe sogar einmal das Kap der guten Hoffnung besucht und mir dabei eine Teilnahme für die See angeeignet, welche sich auf alles erstreckt, was mit der letzteren in Beziehung steht. Sogar den nautischen Wissenschaften, die für den Laien allerdings so schwer und trocken sind, wie Sie sagen, habe ich einige Teilnahme schenken dürfen, und wenn Sie mein Arbeitskabinett betreten wollten, so könnte ich Ihnen den sichersten Beweis für diese Behauptung liefern.“

„Für ein solches Heiligtum dürfte mein Fuß doch vielleicht zu profan sein.“

„Meinen Sie! Man lebt hier so ungeniert und unabhängig von den sonstigen Regeln der Etikette und Dehors, daß ich meinen Gästen gegenüber sicherlich keinen faux-pas begehe, wenn ich Sie ersuche, mir Ihren Arm zu geben!“

Sie legte ihren Arm in den seinen und schritt mit ihm durch mehrere Gemächer bis in ein Zimmer, welches allerdings die Bezeichnung Arbeitskabinett wenig oder gar nicht verdiente. Es war das Boudoir der Dame und mit einem Luxus ausgestattet, der geradezu raffiniert genannt werden mußte.

Hier trat sie an ein kostbares Schreibmöbel, öffnete einen Kasten desselben und entnahm demselben eine vollständige Sammlung der zuverlässigsten und wertvollsten Seekarten. Die andern Kästen enthielten alle nautischen Instrumente, welche zur Führung eines Schiffes erforderlich sind.

Jenner konnte seine Verwunderung über diesen unerwarteten Schatz nicht verbergen. Er gestand aufrichtig-

„Ich muß sagen, Miß, daß ich in meiner Kajüte nicht bessere Karten und Instrumente besitze!“

„Möglich; ich pflege nie etwas Unbrauchbares zu meinem Eigentum zu machen.“

„Aber diese Gegenstände sind nur nach tiefen Studien und nur in der Praxis zu verwenden!“

„Und diese Studien trauen Sie einer Dame nicht zu?“

„Ich fand noch keine, welche mich zu einer andern Überzeugung bekehrt hätte.“

„So bitte ich, mich zu examinieren!“

Ihr Auge hing mit einem belustigten Blicke, in welchem ein aufmerksamer Beobachter jedenfalls etwas wie Hohn oder Verachtung bemerkt hätte, in seinen offenen, ehrlichen Zügen.

„Examinieren?“ lachte er. „Wer vermöchte es, hier Ihnen gegenüber die zu einem solchen Vorhaben nötige Ruhe zu bewahren! An Bord meines Schiffes würde ich weniger befangen sein.“

„Dieser l’Horrible ist ein prächtiges Schiff, Sir, das prächtigste, welches ich kenne; aber wissen Sie, daß ich Sie dieses Fahrzeuges wegen hassen sollte?“

„Hassen? Weshalb?“

„Weil ich auf ihm die schlimmsten und bittersten Stunden meines Lebens durchlitten und durchjammert habe.“

„Sie waren auf dem l’Horrible?“ fragte er erstaunt.

„Ja. Sie kennen die Geschichte dieses berühmten oder vielmehr berüchtigten Fahrzeuges?“

„So ziemlich.“

„So hörten Sie auch von einer Dame, welche sich an Bord desselben befand, als es genommen wurde?“

„Gewiß.“

„Sie war mit einem Kauffahrer vom Kap gekommen und in die Hände des schwarzen Kapitäns geraten?“

„So ist es!“

„Nun, diese Frau war ich!“

„Waren Sie? Welch ein Zusammentreffen, Miß! Sie müssen mir später von diesem außerordentlichen Abenteuer erzählen!“

„Darf ich einen Wunsch äußern, Sir?“

„Sprechen Sie!“

„Darf ich den l’Horrible sehen, darf ich ihn nochmals besteigen, um die Stätte, an welcher ich so viel verlor, durch meine Gegenwart zu – zu – entsündigen?“

„Sie dürfen!“ erwiderte er erfreut, sie in seinem kleinen, wohlgeordneten Reiche umherführen zu können.

„Und wann?“

„Wann Sie befehlen!“

„Dann morgen, Sir, morgen am Vormittage!“

„Sehr, sehr gern, Miß. Ihr Fuß soll die Stätte heiligen, die meine gegenwärtige Heimat ist!“

„Dann werden wir Gelegenheit finden, das Examen anzustellen,“ lächelte sie schalkhaft. „Doch wünsche ich, Lieutenant, daß mein Besuch Ihnen keinerlei Unbequemlichkeit veranlasse. Ich bin weder Admiral noch Kommodore und habe nicht das mindeste Recht, einen seemännischen Eklat zu beanspruchen.“

„Keine Sorge, Miß! Selbst wenn ich wollte und es mir überhaupt gestattet wäre, den l’Horrible im Paradekleide auf Sie warten zu lassen, würde ich mit einigen kleinen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Grad morgen früh gehen einige meiner Männer auf Abschied vom Bord, und ich muß, um wieder vollzählig zu sein, mich nach Ergänzung umsehen.“

„Ah! Darf ich Ihnen dabei dienen, Sir?“

„Ich würde eine solche Liebenswürdigkeit mit Dank anzuerkennen wissen!“

„O bitte, nein, zum Dank würde dann nur ich verpflichtet sein! Ihre Bemerkung erinnert mich an einige brave Männer, die in meinen Diensten standen und auf ein gutes Schiff zu kommen wünschen. Sie sämtlich sind sehr wohlbefahrene Seeleute, denen ich das beste Lob erteilen kann. Darf ich sie Ihnen empfehlen?“

„Ihre Empfehlung überhebt mich der Mühe, mich nach passenden Persönlichkeiten umzusehen, Darf ich um das Nähere bitten?“

„Sie wohnen in der Nähe. Ich werde sie in das Vorzimmer rufen lassen, wo Sie die Prüfung vornehmen können.“

„Ihre Güte drückt mich förmlich nieder, Miß. Ich bin überzeugt, daß keiner Ihrer Schützlinge zurückgewiesen wird!“

„Ich danke! Gestatten Sie mir, den betreffenden Befehl zu erteilen!“

Sie kehrte in die Gesellschaftsräume zurück.

Jenner war bezaubert von der Liebenswürdigkeit dieser Frau, die ihm eine solche Freundlichkeit erwies. Er, der einfache, in gesellschaftlicher Beziehung anspruchslose und in Betreff der Frauen noch vollständig unerfahrene Seemann konnte sich unmöglich einem Argwohne hingeben, und als ihm gemeldet wurde, daß die Betreffenden im Vorzimmer seiner harrten, trat er am Arme der Gastgeberin hinaus, warf Tom, denn dieser war es, den die Dame mit seinen Gefährten aus der Taverne hatte kommen lassen, einige leicht zu beantwortende Fragen hin, gab ihnen das gebräuchliche Angeld und gebot ihnen, schon am nächsten Morgen am Bord des l’Horrible einzutreffen.

„Nun, Lieutenant,“ fragte ihn der Kapitän des Panzerschiffes, als sie später miteinander heimgingen. „Wie gefällt Ihnen die Dame?“

„Ausgezeichnet!“ antwortete Jenner. „Sie will meinem l’Horrible einen Besuch abstatten.“

„Ah! Und wann?“

„Schon morgen am Vormittage.“

„Hm, gratulire, Lieutenant! Der Empfang wird ein gebührender sein.“

„Höflich, nicht mehr!“

„Soll ich mich dazu einladen?“

„Darf ich Sie ersuchen, Kapitän?“

„Nein, nein,“ lachte dieser; „ich will ein rücksichtsvoller Kamerad sein und Sie in Ihrer Herrlichkeit nicht stören, allerdings nur unter einer gewissen Bedingung!“

„Sie lautet?“

„Sie bringen mir Ihren Besuch auf eine Viertelstunde herüber zu mir!“

„Zugestanden!“

„Topp?“

„Topp!“

Die beiden Offiziere bestiegen das ihrer harrende Boot, um sich nach ihren Fahrzeugen zu begeben. –

Am andern Morgen herrschte am Bord des l’Horrible ein regeres Leben als gewöhnlich. Die Mannschaft war unterrichtet worden, daß eine hochgestellte Dame das Schiff zu besichtigen wünsche. Die peinliche Ordnung und Reinlichkeit, welche auf einem Kriegsschiffe zu herrschen pflegt, ließ zwar alle Vorbereitungen in dieser Richtung als überflüssig erscheinen, dennoch aber unterwarf Jenner sein Fahrzeug einer sorgfältigen Prüfung und verordnete hier und da einen Handgriff oder befahl ein kleines Arrangement, um seine schwanke Wohnung in einem möglichst vorteilhaften Lichte erscheinen zu lassen.

Er hatte diese Thätigkeit eben erst beendet, als die neu angeworbenen Matrosen an Bord erschienen und sich ihm vorstellten. Er nahm sie in Pflicht, ließ ihnen ihren Raum anweisen und bekümmerte sich dann nicht weiter um sie. Die spezielle Beaufsichtigung der Leute war so nicht seine, sondern die Sache des Maate.

Als dann später die Frau de Voulettre erschien, empfing er sie mit ausgesuchter Artigkeit.

„Ein prächtiges Schiff!“ meinte sie, als sie von der Besichtigung desselben mit Jenner unter das auf dem Decke errichtete Zeltdach zurückgekehrt war, wo der Koch mit den gewähltesten Leckerbissen auf sie wartete. „Ich muß gestehen, Sir, daß es sich sehr zu seinem Vorteile verändert hat. Die gegenwärtige Takelung ist ausgezeichnet, so daß ich glaube, seine Geschwindigkeit habe um ein Beträchtliches gewonnen, seit es in die Hand der Vereinigten-Staaten-Marine gelangt ist.“

„Ich kenne die Zahl der Knoten nicht, die es früher zurückgelegt hat, aber ich bin dennoch in der Lage, Ihrer Meinung mich anzuschließen, wenn auch nicht aus dem Grunde, um dabei mir ein Verdienst beizulegen. Die Verwaltung der Staaten-Marine besitzt eben mehr als ein Privatmann die intellektuellen und pekuniären Mittel, welche die Ausrüstung eines Schiffes erfordert.“

„Es will mir scheinen, als ob der l’Horrible einen Vergleich mit jedem andern Schiffe getrost aufnehmen könne.“

„Auch hier stimme ich bei, obgleich ich eine Ausnahme kenne, allerdings nur eine einzige.“

„Und diese wäre?“

„Die Swallow, Lieutenant Parker.“

„Die Swallow? Mir ist, als hätte ich von ihr gehört. Was für ein Schiff?“

„Klipper mit Schunertakelage.“

„Wo stationiert?“

„Mit Depeschen unterwegs nach hier. Ich stieß einige Grade südlich von hier auf sie, wo ich von Parker Instruktionen in Empfang nahm. Er legte nach der japanesischen Linie hinüber, wird aber bald hier vor Anker gehen.“

„Es soll mich verlangen, dieses ausgezeichnete Fahrzeug zu sehen! Parker ist ein amerikanischer Name?“

„Der Lieutenant ist, so viel ich weiß, kein Nordamerikaner, sondern ein Deutscher.“

„Ah! Woher?“

„Kann es nicht sagen; doch, bitte, nehmen Sie von dem kleinen Imbiß, der Ihrem Geschmacke allerdings nicht angemessen sein dürfte. Der Koch eines Kriegsschiffes ist nur selten auf ein Menu für Damen vorbereitet.“

„Aber eine Dame auf ein Menu für brave Seegasten. Darf ich eine Einladung aussprechen, Herr Lieutenant?“

„Ich füge mich dankbar Ihren Bestimmungen.“

„Dann darf ich Sie heut abend bei mir sehen und auch erwarten, daß Sie die übrigen Chargen mitbringen?“

„So weit der Dienst es gestattet, ja.“

„Ich danke! Es wird ein Souper entre nous, bei welchem ich mich bestreben werde, Ihren freundlichen Empfang nach Kräften zu erwidern.“

„Dieser Empfang ist der Frau de Voulettre überall gesichert. So habe ich zum Beispiel den Auftrag, Ihnen, wenn auch nur für einen Aufenthalt von wenigen Minuten, eine Einladung hinüber nach der Panzerfregatte auszusprechen. Der Kapitän würde sich für diese Aufmerksamkeit Ihnen außerordentlich verbunden fühlen.“

Ach sage zu, doch nur unter einer Bedingung.“

„Welche ist dies?“

„Ihre Begleitung, Herr Lieutenant.“

„Zugestanden, und zwar von Herzen gern!“

Als das Frühstück eingenommen war, ließ er sich mit ihr nach dem Panzer hinüberfahren. Der arglose Offizier hatte keine Ahnung von dem heimlichen Zwecke, der diesem Besuche zu Grunde lag. Natürlich wußte er ebenso wenig, daß die Matrosen, welche auf die Empfehlung der Dame heut zu ihm an Bord gekommen waren, es auf sein Fahrzeug abgesehen hatten. Und diese Matrosen hatten sich auch täuschen lassen. Es wäre ihnen sicher ganz unglaublich erschienen, wenn jemand ihnen gesagt hätte, daß Frau de Voulettre identisch sei mit dem Manne mit dem großen Feuermale, der sie gestern in der Taverne engagiert hatte.“ – –

„Und nun, Mesch’schurs,“ fuhr der Erzähler fort, „muß ich meine Geschichte einen großen, weiten Sprung von San Francisco nach der Gegend des wilden Westens machen lassen, in welcher sich Sam Fire-gun mit seinen Leuten befindet. –

Die erregten Lüfte, welche heulend über die Ebene jagten, sie fangen sich an den Felsenmauern der Gebirge und gehen – zur Ruhe. Die Wolken, die entweder majestätisch langsam am Himmel hinzogen, oder, vom Sturme gepeitscht, wie wilde, wirre Gespensterscharen am Firmamente sich auf- und niederwälzten, sie gießen ihr wärmeloses Blut zur Erde nieder und gehen – zur Ruhe. Der Bach, der Fluß, der rauschende Strom, der ohne Rast und Aufenthalt von dem unerbittlichen Gesetze der Schwere zwischen seinen Ufern fortgetrieben wird, er wälzt sich endlich in das Meer und geht -zur Ruhe. Bewegung und Ruhe ist der Inhalt des ganzen, des besonderen wie allgemeinen Lebens, auch des menschlichen.

Die wilde Prairie kennt keine Heimat, keinen häuslichen Herd, an welchem die Familie ihr Glück zu genießen und zu feiern vermag. Wie das Wild, vorsichtig, scheu und heimlich, jagt oder schleicht der Jäger sich über die weiten Savannen, vor, neben, hinter und um sich die Gefahr und den immerfort drohenden Tod. Aber nicht immer darf dies währen, sonst würde seine riesige Körperkraft, seine mutige Ausdauer, seine unbeugsame Energie endlich doch erliegen. Auch er bedarf der Erneuerung seiner Kräfte, der Erholung und Ruhe. Und dies findet er an den sorgfältig ausgesuchten Orten, die er teils zu diesem Zwecke, teils auch zur Aufstapelung seiner Jagdbeute herzustellen pflegt, in den sogenannten Hiding-holes oder Hide-spots(*Verstecke, heimliche Niederlagen der erbeuteten Felle“> – – –

Es war einige Tage, nachdem Sam Fire-gun seine Trapper und seine Gäste aus dem „Lager“ nach dem eigentlichen Hide-spot geführt hatte, als drei Männer durch die Prairie ritten, welche einige Maultiere an der Koppelleine führten. Dieser Umstand ließ erraten, daß sie ausgezogen waren, um „Fleisch zu machen“, das heißt nach dem Jägerausdruck, um auf die Jagd zu gehen und die Ihrigen mit der notwendigen Nahrung zu versorgen.

Der eine war kurz und dick, der andere unendlich lang und hager, und der dritte hing auf seinem Pferde, als erwarte er alle Augenblicke einen heftigen Choleraanfall.

Zounds,“ meinte dieser letztere, indem er einen Versuch machte, sich in gerade Stellung emporzurichten, „Ich wollte, ich wäre in unserem Loche zurückgeblieben und hätte mich nicht vom Teufel reiten lassen, mit euch hier auf der traurigen Wiese herumzuschlingern wie ein Fahrzeug, welches Kompaß und Steuer verloren hat. Machen mir da die verteufelten Jungens weis, daß die Büffel hier herumlaufen wie die Ameisen, und nun sind wir bereits zwei Tage auf dem Kurse, haben weder Ochse noch Kuh, ja nicht einmal ein armseliges Kalb zu Gesicht bekommen. Und dabei schüttelt mich mein Gaul wie eine Medizinflasche auf und nieder, daß ich gewiß noch aus allen Fugen gehe, und zuletzt nicht einmal mehr meinen Namen weiß. Macht, daß wir wieder bald vor Anker gehen. Wer Fleisch haben will, mag sich welches holen; ich brauche keins!“

„Ob du Fleisch brauchst oder nicht, Peter, das bleibt sich gleich,“ antwortete der Dicke; „aber was willst du essen, wenn wir keines bekommen?“

„Wen denn anders als dich, den fetten Hammerdull, he! Oder denkst du etwa, daß ich mich da an Pitt Holbers machen werde, an dem nichts zu finden ist als Knochenzeug und ungegerbte Schwarte?“

„Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“ lachte Dik Hammerdull.

„Wenn du meinst, daß sich der alte Seefisch um sich selber zu bekümmern hat, Dick, so gebe ich dir vollkommen recht. Ich habe nicht den mindesten Appetit, ihn anzubeißen.“

„Das wollte ich mir auch verbeten haben! Wer den Steuermann Peter Polter aus Langendorf anbeißen will, der muß ein anderer Kerl sein als – – Donner und Doria, guckt doch einmal hier zur Erde. Hier ist irgend wer gelaufen; ob Mensch oder Tier, das weiß ich nicht, aber wenn ihr das Gras untersuchen wollt, so wird es sich wohl zeigen, was für eine Kreatur es gewesen ist.“

Egad, Pitt Holbers,“ meinte Hammerdull, „es ist wahr; hier ist das Gras zerstampft. Laßt uns absteigen!“

Die beiden Jäger verließen ihre Pferde und untersuchten den Boden mit einer Sorgfalt, als hinge ihr Leben daran.

„Hm, alter Pitt, was meinst du dazu?“ fragte Hammerdull.

„Was ich meine? Wenn du denkst, daß es Rothäute gewesen sind, Dick, so gebe ich dir vollständig recht.“

„Ob es welche gewesen sind oder nicht, das bleibt sich gleich, aber daß es keine andern waren, das ist sicher. Peter Polter, steig ab, daß man dich nicht so weit erkennen kann.“

„Gott sei Dank, ihr Leute, daß wir auf die roten Halunken stoßen, denn auf diese Weise komme ich von meiner Bestie herab!“ erwiderte dieser, indem er sich mit einer Miene, als sei er einer fürchterlichen Gefahr entronnen, von dem Gaule herabbalancirte. „Wie viele sind es ihrer denn gewesen?“

„Fünf, das ist sicher. Und daß sie zu den Ogellallahs gehören, daran ist auch kein Zweifel.“

„Woran erkennst du das?“

„Weil vier von ihnen neueingefangene Pferde haben. Das Tier des Fünften ist uns entgangen, als wir sie überrumpelten, und zum Fang der andern benutzt worden. Macht euch kampfbereit. Wir müssen ihnen nach, um zu sehen, was sie wollen!“

Die drei Männer sahen nach ihren Büchsen, machten ihre Waffen gebrauchfertig und folgten dann den Spuren, aus deren Richtung ein näherer Zweck des Rittes allerdings nicht zu erkennen war. Sie führten endlich direkt auf ein schmales aber tiefes Flüßchen zu, welches die Indianer durchschwommen haben mußten, da man ihre Spur am jenseitigen Ufer erkennen konnte.

Hammerdull musterte, vorsichtig zwischen dem Gesträuch haltend, das drüben sich ausbreitende, hügelige Terrain.

„Wir müssen ihnen auch dort nach. Sie führen nichts Gutes im Schilde, und wenn ich berechne, daß wir ihnen vor – –“

Er konnte nicht weiter sprechen; ein Lasso zischte durch die Luft, schlang sich um seinen Hals und riß ihn zur Erde. So erging es auch den beiden andern; ehe sie an Gegenwehr denken konnten, waren sie von den fürchterlichen Riemen umschlungen, lagen unter den unvermutet über sie hergefallenen Feinden und wurden ihrer Waffen beraubt und gefesselt. Es waren fünf Indianer.

Mit wahrhaft gigantischen Anstrengungen sträubte sich der Steuermann gegen die Umschlingung; es half ihm nichts; die Büffellederriemen waren zu fest; er erreichte nichts als ein verächtliches Knurren von seiten der Indianer. Dick Hammerdull und Pitt Holbers dagegen nahmen die Sache gelassener. Sie schwiegen und ergaben sich regungslos in ihr Geschick.

Der jüngste der Wilden trat vor sie hin. Drei Adlerfedern schmückten sein hochgeflochtenes Haupthaar, und das Fell eines Jaguars hing ihm von den Schultern hernieder. Er musterte sie mit drohendem Blicke und begann dann mit einer verächtlichen Handbewegung:

„Die weißen Männer sind schwach, wie die Brut des Prairiehundes; sie vermögen nicht, ihre Fesseln zu zersprengen!“

„Was sagt der Halunke?“ fragte Peter Polter, der das Idiom des Wilden nicht verstand, die beiden Leidensgefährten.

Er erhielt keine Antwort.

„Die weißen Männer sind keine Jäger. Sie sehen nicht, sie hören nicht und haben keine Klugheit. Der rote Mann sah sie kommen hinter sich her. Er ging durch das Wasser, um sie zu täuschen, und kehrte zurück. Sie haben keine List gelernt und liegen nun auf der Erde wie Kröten, die man mit dem Stocke zerschlägt.“

Mille tonnerre, wollt ihr mir wohl endlich sagen, was der Kerl zu schwatzen hat, he?“ schrie der Steuermann, sich erfolglos unter seinen Fesseln emporbäumend.

Die Angeredeten schwiegen auch jetzt.

„Die weißen Männer sind feig wie die Mäuse. Sie wagen nicht, mit dem roten Manne zu sprechen; sie schämen sich, vor ihm zu liegen als – –“

„Heiliges Graupelwetter, was er sagt, frage ich euch, ihr Schufte!“ brüllte Peter, jetzt über ihr Schweigen noch wütender, als über die Lage, in welche sie durch ihre Unvorsichtigkeit geraten waren.

„Ob er etwas sagt oder nicht, das bleibt sich gleich,“ meinte Hammerdull; „aber er schimpft dich eine dumme, feige Kröte, weil du so unvorsichtig gewesen bist, dich fangen zu lassen!“

„Dumm – feig – Kröte – mich schimpft er –, mich bloß? Habt ihr euch etwa nicht auch fangen lassen? Wart, ihr Schlingel, er soll den Peter Polter aus Langendorf kennen lernen und ihr dazu! Mich allein hat er geschimpft, mich allein, hahaha! Na warte, so werde ich ihm auch beweisen, daß nur ich allein mich nicht vor ihm zu fürchten brauche!“

Er zog die sehnigen Glieder langsam zusammen. Die Indianer waren seitwärts getreten, um sich leise zu beraten und bemerkten diese Bewegung nicht.

„Eins – zwei – drei – adjes, Dick Hammerdull – adjes, Pitt Holbers – kommt recht bald hinterdrein gesegelt!“

Das Vertrauen auf seine Riesenkraft hatte ihn bei dieser fast übermenschlichen Anstrengung nicht im Stiche gelassen. Die Riemen sprangen; er schnellte empor, stürzte zum Pferde, schwang sich auf und flog davon.

Die Wilden hatten das Entkommen eines ihrer Gefangenen für keine Möglichkeit gehalten, und die Bewegungen des Steuermannes waren so blitzeschnell gewesen, daß er schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt hatte, ehe sie nach den Schießwaffen griffen. Die Kugeln trafen ihn nicht; aber zwei der Indianer saßen auf, ihn zu verfolgen. Die andern blieben bei den beiden Gefangenen zurück.

Während des ganzen Zwischenfalles war kein Wort, kein Ruf zu hören gewesen; jetzt trat der junge Wilde, welcher vorhin gesprochen hatte, wieder zu den beiden Jägern heran und fragte sie:

„Kennt ihr Sam Fire-gun, den weißen Jäger?“

Die Gefragten würdigten ihn keiner Antwort.

„Ihr kennt ihn, denn er ist euer Häuptling. Aber ihr habt auch gekannt Matto-Sih, die Bärentatze, dessen Blut geflossen ist von euren Händen. Er weilt jetzt in den ewigen Jagdgründen, und jetzt steht sein Sohn vor euch, um seinen Tod zu rächen an den weißen Männern. Er ist mit den Jünglingen den alten Kriegern nachgezogen, welche das Feuerroß fangen wollten, und hat zweimal gefunden die Leichen seiner Brüder. Den Entkommenen hat er neue Pferde gefangen und wird nun liefern die Mörder an den Feuerpfahl.“

Er trat zurück. Die beiden Jäger wurden, ohne daß sie sich dagegen wehrten, auf ihre Pferde gebunden; dann ging es über das Flüßchen hinüber dem Walde zu, der sich längs des hügeligen Horizontes hinzog. Die drei Wilden wußten, daß sie wegen der zwei Übrigen, welche dem Steuermann nachgeritten waren, keine Sorge zu haben brauchten.

Als sie den Wald erreichten, war es Abend. Sie ritten am Rande desselben hin und dann ein kleines Stück hinein, bis sie auf eine Schar junger Indianer trafen, welche um ein kleines, gedämpftes Feuer saßen. Sie hatten sich, obgleich sie keine erwachsenen Krieger waren, unter der Anführung des Häuptlingssohnes aufgemacht, um ihren älteren Angehörigen nach dem Überfall des Zuges entgegenzureiten, und hatten dabei die Niederlage derselben bemerkt. Sie brannten darauf, den Tod der Ihrigen zu rächen, und waren entzückt, als sie jetzt die Gefangenen sahen. Sie lauschten aufmerksam dem Berichte ihres jungen Anführers, welcher, hochaufgerichtet unter ihnen stehend, ihnen die Gefangennahme der Weißen erzählte und daran seine weiteren Vorschläge schloß.

Seine Worte schienen Beifall zu finden, wie ein oft eingeschaltetes „Uff!“ seiner Zuhörer zeigte. Dann trat der einzige Weiße, welcher sich unter ihnen befand, hervor und begann:

„Der große Geist öffne die Ohren meiner roten Brüder, damit sie verstehen das, was ich ihnen jetzt zu sagen habe!“

Nach einigem Räuspern fuhr er fort:

„Sam Fire-gun ist ein großer Jäger; er ist stark wie der Bär des Gebirges und klug wie die Katze hinter dem Stamme der Sykomore; aber er ist ein Feind des roten Mannes und hat ihm mehr als hundert Skalpe genommen. Er hat getötet Matto-Sih, den berühmten Häuptling der Ogellallahs, hat niedergeschlagen die Hälfte des Stammes und sich wieder frei gemacht, als er in unsre Hände fiel. Fire-gun hat das Gold der Berge in seinem Wigwam aufgestapelt, und niemand durfte wissen, wo er wohnte. Er ist mein Feind, und darum nahm ich meine Männer, um sein Wigwam zu finden und ihm das Gold zu nehmen. Da trafen wir auf unsre roten Brüder, verbanden uns mit ihnen und wurden einig: sie das Blut und wir das Gold der Feinde. Aber an dem Himmel stand für uns kein günstiges Gestirn; die weißen Männer wurden außer mir alle getötet, und von den roten Brüdern erhielten nur wenige das Leben. Wir waren ohne Waffen und Pferde, und die Not hätte uns ergriffen, wenn wir nicht auf die jungen Krieger des Stammes getroffen wären, welche ausgezogen waren, um zu zeigen, daß sie würdig sind, in den Reihen der Tapfersten zu kämpfen. Sie werden die Getöteten rächen und die Skalpe ihrer Feinde nehmen, aber anders, als der junge Häuptling will.“

Ein Ruf der Spannung ging durch den Kreis der Zuhörer. Der Sprecher fuhr fort:

„Wir haben entdeckt den Zugang zu dem Wigwam des Feindes. Er wohnt in einer Höhle, in welche das Wasser führt, das die Spur seines Fußes und seiner Pferde verdeckt. Meine Brüder wollen da eindringen in der Dunkelheit der Nacht und ihn im Schlafe töten. Aber die roten Männer mögen erwägen, daß er nicht ohne Wächter ist und jetzt einer seiner Leute ihnen entkommen ist, der ihm ihre Anwesenheit verraten wird. ich weiß einen bessern Weg zu ihm.“

„Der weiße Mann spreche!“ ertönte es.

„Das Wasser, welches in den Wigwam fließt, bleibt sicher nicht in demselben, sondern fließt wieder ab. Ich habe den Ort gefunden und will jetzt den jungen Häuptling hinführen, um zu entdecken, ob durch die Erde zu gelangen ist. Man frage die beiden Gefangenen, ob sie davon wissen!“

Der Vorschlag wurde mit allgemeinem Beifall aufgenommen; der Kreis teilte sich, und der Anführer trat auf Pitt Holbers und Dick Hammerdull zu, welche gefesselt und geknebelt in der Nähe lagen.

Sie hatten jedes Wort vernommen. Der Gedanke des feindlichen Trappers hatte jedenfalls seine Berechtigung, doch wußten sie von einem zweiten Eingange zu dem Hide-spot nicht das geringste.

Das Versteck Sam Fire-guns bestand allerdings aus einer Höhle, welche die Natur in dem Innern eines kalkfelsigen Berges gebildet hatte. Der Zugang zu derselben war durch das Wasser eines Baches gebrochen worden, welcher sich im Hintergrunde der Höhle brausend in die dunkle Tiefe des Bergesinnern stürzte und nach der Meinung der Jäger dort verschwand. Sam Fire-gun hatte diese Höhle selbst entdeckt, sie als Versteck eingerichtet und über ihre Beschaffenheit nie anders gesprochen, als daß sie nur bis an den Rand des Sturzbaches zu betreten sei.

Es wurde den Gefangenen der Knebel aus dem Munde genommen; dann führte man sie in den Kreis, wo der weiße Trapper das Verhör begann:

„Ihr seid Leute von Sam Fire-gun?“

Hammerdull würdigte ihn keines Blickes, wandte sich aber zu seinem Freunde.

„Pitt Holbers, altes Coon, was meinst du, wollen wir dem verräterischen Halunken antworten?“

„Hm, wenn du denkst, Dick, daß wir uns nicht zu schämen und zu fürchten brauchen, so stopfe ihm doch einige Worte in den Mund!“

„Ob ich sie ihm hineinstopfe oder nicht, das bleibt sich gleich; aber er könnte wirklich denken, wir hätten aus Angst vor ihm und den Indsmen die Sprache verloren; also wollen wir ihm einiges zu hören geben!“

Der Trapper blieb zu dem Halunken ruhig. Er wiederholte seine Frage:

„Ihr gehört zu Sam Fire-gun?“

„Ja, und Ihr nicht, weil der Colonel nur ehrliche Männer bei sich haben mag.“

„Schimpft, wie Ihr wollt, wenn Ihr meint, daß für Euch etwas dabei herauskommt; für jetzt habe ich nichts dagegen. Wie nennt Ihr Euch?“

„Wäret Ihr vor zwanzig Jahren über den Missisippi hinübergegangen und hättet vierzig Jahre lang gesucht, so wäre Euch vielleicht jemand begegnet, der Euch sagen könnte, wie ich heiße. Jetzt aber ist’s zu spät.“

„Mir auch gleich. Ihr habt Gold im Hide-spot?“

„Viel, sehr viel, jedenfalls aber mehr, als ihr Euch dort holen werdet.“

„Wo liegt es vergraben?“

„Wo es vergraben liegt, das bleibt sich gleich, Ihr dürft es ja nur finden!“

„Wie stark ist Eure Gesellschaft?“

„So stark, daß jeder einzelne Euch heimleuchten wird.“

„Wer war der Indsman, welcher Eurem Colonel von den Banden half?“

„Das darf ich Euch schon sagen; er heißt ungefähr Winnetou.“

„Der Apatsche?“

„Ob Apatsche oder nicht, das bleibt sich gleich; aber er wird es wohl sein.“

„Wie viel Ausgänge hat Euer Versteck?“

„Grad so viele, wie Männer da sind.“

„Das sind?“

„Für jeden einen und denselben, nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, Dick, ich habe nichts dagegen!“

„Beschreibt mir einmal die Höhle!“

„Seht sie Euch an, das wird Euch besser bekommen!“

„Gut, wie Ihr wollt! Ihr hättet Euch Eure Lage erleichtern können, aber Ihr wollt es nicht anders haben, als daß Ihr gepfählt und verbrannt werdet. Ihr werdet natürlich mit in die Dörfer der Ogellallah genommen, und was dort geschieht, könnt Ihr Euch denken!“

„Pah! Ob gepfählt oder verbrannt, das bleibt sich gleich; für jetzt jedoch sind wir noch hier, und Ihr mögt Euch vorsehen, daß ich Euch nicht ein wenig klopfe, damit Ihr später besser schmort und bratet, wenn Euch dieses Glück an unsrer Stelle passiert!“

Der Trapper wandte sich ab.

„Meine roten Brüder mögen diesen weißen Männern noch strengere Fesseln geben als bisher; sie verdienen den Tod am Marterpfahl!“

Hammerdull und Holbers wurden schärfer geschnürt und wieder zur Erde geworfen. Das Feuer brannte, wurde aber so spärlich und langsam genährt, daß der Geruch des Rauches nur auf wenige Schritte zu bemerken war. Der abendliche Schimmer, welcher vor kurzer Zeit noch über dem Laubdache des Urwaldes gespielt und geschwebt hatte, war verschwunden; es wurde finster und immer finsterer, und gar unter der Blätterdecke herrschte eine so dichte Finsternis, daß das an die Dunkelheit gewöhnte Auge eines Indianers oder Westmannes dazu gehörte, die nächsten Gegenstände zu unterscheiden.

Da brach der Trapper mit dem jungen Anführer der Indianer auf, um ihm die Höhle Sam Fire-guns zu zeigen. Die andern blieben zurück. Der junge Häuptling stand vor seiner ersten Waffenthat, und wenn er nach dem Gebrauche seiner stoischen Rasse sich auch nichts davon merken ließ, so brannte er doch vor Begierde, den Beweis zu führen, daß er würdig sei, unter die Zahl der erwachsenen Krieger aufgenommen zu werden.

Er schritt lautlos hinter dem Weißen her. Der Weg, den der Trapper trotz der dichten Dunkelheit nicht verfehlte, führte in gerader Richtung durch den Wald, zwischen den Riesenstämmen tausendjähriger Eichen und Buchen hindurch, bis sie an den Lauf eines Wassers kamen, den sie mit verdoppelter Vorsicht aufwärts verfolgten.

Nach einiger Zeit gelangten sie an die Stelle, wo die Wellen aus dem Fuße des Berges traten. Dichtes Gesträuch bestand diesen Ort. Der Trapper langte in das Gestrüpp, schob es auseinander und verschwand hinter demselben. Der Indianer folgte ihm. Sie befanden sich in einem niedrigen natürlichen Stollen, dessen Sohle das Bett des Baches bildete, in dessen Wasser sie langsam vorwärts krochen.

Es war ein mühevoller und beschwerlicher Weg, welchen sie zurücklegten. Auch der Trapper verfolgte ihn zum erstenmal; er war heut bloß bis an den Eingang gekommen. Sie mochten wohl eine halbe Stunde lang dem durch das Innere des Berges in zahlreichen Windungen und kleinen Schnellen sich arbeitenden Wasser entgegengekrochen sein, als sie ein leises Brausen vernahmen, welches von Sekunde zu Sekunde stärker wurde und endlich ein Getöse bildete, welches auch den lautesten Schall der menschlichen Stimme unhörbar machte.

Sie standen vor dem senkrechten Fall des Baches. Oben über ihnen befand sich der Hide-spot Sam Fire-guns, und vor ihnen lag ein gewiß sehr tief von dem stürzenden Wasser ausgehöhltes Kesselloch, aus welchem die Wellen an ihren Füßen vorüberspühlten. Wurde der Wasserlauf wirklich als geheimer Ausgang benutzt, so mußte es irgend eine Vorrichtung geben, welche die Möglichkeit bot, neben dem stürzenden Bache von oben in die Tiefe zu gelangen.

Der Trapper suchte mit den tastenden Händen. Seine Erwartung hatte ihn nicht getäuscht; er ergriff ein Doppelseil, stark und haltbar aus Schlingpflanzenfaser gedreht und in zahlreiche Knoten geschlungen, so daß es keiner großen Anstrengung bedurfte, sich an ihm auf- oder niederwärts zu bewegen.

Er unterrichtete seinen Begleiter von diesem Funde und dem daraus hervorgehenden Unternehmen, da zu sprechen nicht möglich war, durch fühlbare Fingerzeige, probierte, ob das Seil oben auch genügend befestigt sei und zog sich dann langsam an ihm in die Höhe.

Der Indianer folgte ihm.

Es war für die Uneingeweihten ein gefährlicher, ja beinahe ein fürchterlicher Weg, sich neben dem Wassersturze, dessen Sprühregen sie durchnäßte und dessen Schall in dem engen Raume sie fast betäubte, unter sich eine ungekannte Tiefe und über sich einen vielleicht nur allzu wachsamen Feind, mühsam empor zu turnen. Sie schreckten nicht vor ihm zurück, der eine aus Gier nach dem Golde, von dessen Menge man sich Wunderdinge erzählte, und der andre aus jugendlicher Thatenlust.

Sie legten ihn glücklich zurück und faßten im oberen Bette des Wassers festen Fuß. Das Getöse des Falles machte es ihnen unmöglich, irgend ein Geräusch vor sich zu entdecken; sie tasteten sich langsam vorwärts, bis der Schall sich zu einem leisen Rauschen gemildert hatte. Da blieb der Trapper stehen; es war ihm, als habe er menschliche Laute vernommen. Das Messer ziehend und den wegen des Wassers bisher sorgsam verhüllten Revolver lockernd, schlich er, natürlich gefolgt von dem ebenso kampfbereiten Indianer, langsam und geräuschlos vorwärts. Die Stimmen wurden deutlicher. Die beiden schlichen sich weiter hin, legten sich nieder, lauschten aufmerksam und hörten jemand leise sprechen:

„Verdammt, mir schneiden die Riemen in das Fleisch, als seien sie aus Messerschneiden gedreht. Der Teufel hole diesen Sam Fire-gun und seine ganze Gesellschaft!“

„Klage nicht, sage ich dir; es wird ja nicht besser dadurch. Wir sind nur selbst an unsrer Lage schuld! Hätten wir eine bessere Wacht gehalten, so wären wir nicht so schmählich überrumpelt worden. Dieser Winnetou ist ein wahrer Teufel, der Colonel ein Riese und die andern sind alle Männer, die schon manchen guten Messerstich in ihrem Fleische gefühlt haben. Aber einen Trost haben wir: sie werden uns nicht töten, und das giebt Hoffnung. Ich habe bald die Hände frei und dann, sacrebleu, dann werde ich mit ihnen Abrechnung halten, denn wir werden – –

„Sanders – Master Sanders, seid Ihr es?“ klang da eine leise Frage aus dem Hintergrunde des Raumes, in welchem Sanders und Letrier gebunden lagen.

„Wer ist da?“ antwortete der Gefragte, aufs höchste überrascht.

„Sagt erst, wer ihr alle seid!“

„Heinrich Sanders und Peter Wolf, weiter niemand. Wir liegen hier gefangen und gefesselt. Unsre Feinde sind weit vorn und können uns nicht hören. Wer aber seid ihr?“

„Das sollt ihr gleich erfahren. Gebt einmal eure Riemen her; wir wollen sie gleich herunter haben!“

Einige Schnitte genügten, um die Gefangenen von ihren Banden zu befreien. Die vier Männer hatten sich nach wenigen Worten erkannt und verständigt.

„Wie kommt ihr in die Höhle?“ fragte Sanders. „Sie geht ja nur bis zum Wasserfall!“

„Für einen Schwachkopf, der nicht nachdenken kann, ja; ich aber habe mir die Sache so prächtig zusammengereimt, daß ich diesem alten Fire-gun schnell hinter die Schliche gekommen bin. Das Wasser kann doch unmöglich hier im Berge verschwinden.“

„Ah!“

„Es muß einen Ausweg, einen Abfluß haben.“

„Natürlich. Daß ich doch an diesen Umstand nicht gedacht habe!“

„Diesen Ausweg habe ich gefunden und das andre dazu.“

„Weiter, weiter!“ drängte Sanders.

„An der Seite des Falles führt ein Seil hinab. Mit seiner Hilfe gelangt man wieder in den ruhigen Bach und von da in das Freie. Wollt ihr mit? Natürlich!“

Sanders überlegte einige Sekunden.

„Herzlich gern; aber es geht nicht.“

„Warum nicht? Fürchtet ihr euch vor dem bißchen Klettern?“

„Pah! Wir haben vielleicht mit dergleichen Tauen oder Seilen mehr zu thun gehabt als ihr. Aber wenn wir euch folgen, verderben wir euch und uns den ganzen Coup.“

„Wie so?“

„Es ist jedenfalls geratener, ihr bindet uns wieder und laßt uns hier, bis ihr mit allen euern Indsmen wiederkommt.“

„Ich meine doch nicht, daß es euch hier so sehr gefallen kann!“

„Wenn ich mich jemals vor irgendwem fürchten könnte, so würde ich mich hüten, hier zu bleiben. Bedenkt, was für eine Menge Gold hier aufgestapelt liegt. Wenn unsre Flucht vor der Zeit entdeckt wird, so ist es für uns verloren, und wenn wir dann wiederkommen, um es zu holen, dann bereiten wir uns einen Empfang, der uns den letzten Atem nimmt.“

„Beim Teufel, Ihr habt recht; das konnte ich mir eher denken! Wir brauchen einige Stunden Zeit, ehe wir wieder hier sein können, und während dieser Frist könnte alles verloren sein. Habt ihr wirklich den Mut, bis dahin zu bleiben, wo ihr seid?“

„Unnütze Frage! Nur setze ich voraus, daß ihr uns nicht etwa im Stiche laßt.“

„Fällt uns gar nicht ein! Die roten Gentlemen haben mit dieser Gesellschaft ein notwendiges Wörtchen zu sprechen, und ich bin auch nicht so dumm, das schöne Metall hier liegen zu lassen.“

„Gut, so bindet uns wieder!“

„Kommt her! Fest werde ich es nicht machen; und hier habt ihr für den Notfall ein Messer, mit dem ihr euch helfen könnt! So, das ist gethan, und nun fort!“

Die beiden kühnen Männer verschwanden mit unhörbaren Schritten. Die Gefangenen hatten ihre vorige Stellung wieder eingenommen; sie fühlten sich um vieles sicherer und leichter als vor wenigen Augenblicken. – –

Während dies im Innern des Hide-spot geschah, lehnte der kleine Bill Potter außerhalb desselben an einem Baumstamme und horchte aufmerksam auf jedes Geräusch, welches die nächtliche Stille ihm zu Ohren brachte. Er hatte den Posten übernommen und für die Sicherheit der Gesellschaft zu sorgen. –

Da vernahm er ein Plätschern, wie von eiligen Schritten, die sich im Bache fortbewegten. Er warf sich zur Erde nieder, um den Nahenden besser zu erkennen, ohne selbst bemerkt zu werden. Dieser blieb in seiner Nähe stehen und versuchte, die dichte Dunkelheit zu durchdringen.

Have-care – attention – Achtung, ist denn hier kein Mann von der Wacht an Bord?“ fragte er.

„Peter Polter, du bist’s?“

„Na, wer sollte ich denn sein, wenn ich nicht der Peter Polter aus Langendorf bin, he? Wen hat der Colonel denn eigentlich hergestellt? Man kann ja nicht einmal sein eignes Gesichtsbugspriet erkennen!“

„Wer ich bin? Hihihihi, kennt der Peter Polter den Bill Potter nicht und steht doch nur zwei Schuh von ihm so lang da wie ein Hikorystamm! Wo sind denn die andern?“

„Welche andern denn, alter Swalker?“

„Nun, Hammerdull und Holbers! Und wie ist’s mit dem Fleische, das ihr holen sollt?“

„Das Fleisch holt euch nur selber und den Dicken dazu mit samt dem Dünnen. Ihr findet alles bei den Indsmen draußen am Flusse, wenn sie nicht unterdessen um ein weniges weiter geritten sind!“

„Indsmen – am Flusse? Was soll das heißen?“

„Das soll heißen, daß ich keine Zeit habe, mit dir ein langes Garn abzuwickeln,“ erwiderte Peter Polter dem kleinen Bill Potter. „Ich muß hinein zum Colonel; von ihm kannst du nachher alles hören.“

Er wandte sich dem Eingange der Höhle zu. Dort saßen die Jäger um das Feuer. Sam Fire-gun erkannte den Nahenden.

„Schon wieder hier, Steuermann?“ fragte er. „Die andern sind wohl mit dem Fleische noch zurück?“

„Ja, mit dem roten Fleische, Sir! Sie sind gefangen und werden nun gehenkt oder erschossen oder gefressen – mir ganz egal.“

Die Männer sprangen empor.

„Gefangen? Von wem? Erzähle!“ riefen sie.

„Das soll geschehen. Aber langt mir einmal einen Schluck und einige Bissen von dem Zeug dort her. Ich bin gesegelt wie ein Avisokutter und krache in allen Fugen wie ein Wrack, das den Kalfater verloren hat. Der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals wieder in diese unselige Prairie komme, und mich auf den Rücken einer solchen Bestie verteie, die mit mir in die Lappen geht, so daß ich den richtigen Kurs verliere und in alle Ewigkeit nicht wiederfinden kann. Hätte das Viehzeug nicht ganz von selbst den Hide-spot gewittert, so flöge ich noch in zehn Jahren draußen im Grase herum!“

Das Verlangte wurde ihm gegeben, und er begann seinen Bericht, welcher natürlich eine nicht geringe Aufregung hervorbrachte, obgleich sich dieselbe bei den an Schweigsamkeit und Selbstbeherrschung gewöhnten Jägern nicht in der lauten und geräuschvollen Weise wie bei andern zeigte.

„Hammerdull und Holbers gefangen?“ fragte der Colonel. „Sie müssen befreit werden, und zwar so bald wie möglich, denn die Roten werden kurzen Prozeß mit ihnen machen.“

„Wir brechen sofort auf!“ meinte ich, der ich die beiden originellen Trapper lieb gewonnen hatte und ihnen daher die schleunigste Hilfe gönnte.

„Ja,“ stimmte Wallerstein bei; „wir müssen sofort aufbrechen, sonst erhalten die Indsmen einen Vorsprung, den wir ihnen nicht wieder abgewinnen können!“

Sam Fire-gun lächelte.

„Ihr werdet doch warten müssen bis zum Anbruche des Morgens, da es in der Dunkelheit unmöglich ist, eine Spur zu erkennen. Ich glaube sogar kaum, daß uns der Steuermann an das Wasser zu führen vermag, wo er mit ihnen überrumpelt worden ist.“

„Ich –? An das Wasser –?“ rief Peter Polter erbost. „Was geht mich das armselige Wasser an, wo wir einen so miserablen Schiffbruch erlitten haben? Ich lasse mich von oben bis unten durchsägen, wenn ich sagen kann, ob die Pfütze rechts oder links von hier liegt. Ich habe weder Kompaß noch Lockleine mitgehabt und bin von dem Dicken und Langen ins Schlepptau genommen worden, so daß ich mir nicht die geringste Mühe gegeben habe, auf den Kurs zu merken, den wir gesteuert sind. Und später ist die verteufelte Bestie mit mir davongestrichen, daß mir Hören und Sehen vergangen ist. Was soll ich von eurem Wasser wissen? Laßt mich in Ruh damit!“

„Hihihihi,“ lachte der herbeigetretene kleine Bill Potter in seiner gewöhnlichen Weise, „reitet der große Mensch draußen in der Prairie herum und weiß nicht, wo er gewesen ist! Nun werden wir erst seiner Fährte folgen müssen, ehe wir die Spuren der Redmen finden. Ist das nicht lustig, he?“

„Willst du wohl den Schnabel halten, du winziges Kreaturchen du?“ donnerte ihm der, ob dieser Beleidigung ergrimmte Steuermann entgegen. „Wenn ich an Bord eines guten Schiffes stehe, so weiß ich auf die Linie, wo ich mich befinde; aber hier in der Savanne und noch dazu auf dem Rücken eines solchen Pestilenzviehzeuges ist es einem ja so fürchterlich schlimm zu Mute, daß man sich vor Herzeleid nicht einmal auf den eigenen Verstand besinnen kann.

Willst du deine Redmen haben, die Halunken, so suche sie dir selber! Ich habe nichts dagegen.“

„Ich denke, wir brauchen weder der Spur des Steuermannes zu folgen, noch die Fährte der Indianer zu suchen,“ unterbrach Fire-gun den komischen Streit. „Die jungen Leute der Ogellallah sind in kriegerischem Thatendurste den erfahrenen Männern entgegen geritten, haben deren Leichen gefunden, und dürsten nun nach Rache. Ganz sicher haben sie sich einen verborgenen Lagerplatz aufgesucht, zu welchem man die beiden Gefangenen schleppt. Dort wird man sie nach unsrem Hide-spot ausforschen; aber Hammerdull und Holbers sterben lieber, als daß sie uns verraten. Darum würde es den Indsmen schwer werden, ihn zu entdecken; aber ich meine, daß ihre entkommenen Genossen zu ihnen gestoßen sind, und da diese die Gegend unsers Verstecks so ziemlich wissen, so wird man einen Überfall beschließen und zwar einen baldigen, damit uns der ihnen entflohene Steuermann nicht zeitig genug zu warnen vermag. Aus diesem letzteren Grunde sind sie sicher schon unterwegs und wir haben sie zu erwarten, ohne sie erst aufsuchen zu müssen. Der Posten mag daher wieder an seinen Platz gehen und wird verdoppelt. Wir andern halten uns schlagfertig. Also, das Feuer aus vor der Höhle, Kinder; die Kienfackeln im Innern können weiter brennen. Ich werde einmal nach unsern beiden Gefangenen sehen.“

„Ich gehe mit, Onkel,“ meinte Wallerstein; „ich habe die meiste Veranlassung, mich zu überzeugen, daß wir sie festhaben.“

Er ergriff einen der brennenden Kienäste und leuchtete dem voranschreitenden Colonel.

Bei den Gefangenen angekommen, warf der letztere einen forschenden Blick auf sie. Sein Auge fiel dabei auf den feuchten und infolgedessen etwas weichen Kalkboden der Grotte. Über sein Gesicht zuckte ein gedankenschneller Blitz der Überraschung, der allerdings kaum zu bemerken war, da die düster rote Flamme nur von seitwärts auf ihn fiel.

„Alles sicher; komm!“ meinte er ruhig und verließ mit seinem Begleiter den Platz. Aber zu den Seinigen zurückgekehrt, genügte ein halblauter Ruf, sie schleunigst um sich zu versammeln.

„Hört, Leute, ich habe recht geraten. Die Indsmen sind nicht nur unterwegs, sondern sogar schon im Hide-spot gewesen! Sie haben es entdeckt!“

Eine dem Schrecken nahe Verwunderung zeigte sich auf den Gesichtern der sofort nach Messer und Revolver greifenden Leute. Der Colonel fuhr fort:

„Ich muß euch ein Geheimnis mitteilen, von dem ich bisher aus Rücksicht auf die allgemeine Sicherheit kein Wort verlauten ließ. Die Höhle hat nämlich einen verborgenen Ausgang.“

„Ah!“ klang es leise rundum.

„Ich fand ihn an demselben Tage, an welchem ich die Höhle entdeckte. Das Wasser des Baches fällt hinten in die Tiefe und hat sich da einen Kessel gegraben, aus welchem es durch das Innere des Berges seinen Ausweg findet. Ich befestigte damals an der Seite des Falles ein festgedrehtes Doppelseil, ließ mich hinab und fand, daß die Passage dem Wasser entlang und hinaus in das Freie ganz gut zu ermöglichen ist. Das Seil hängt noch und befindet sich in gutem Zustande. Als ich nun jetzt nach unsern Gefangenen sah, bemerkte ich fremde Fußstapfen im Boden; ein rascher Blick auf die beiden Männer überzeugte mich, daß ihre Banden gelockert sind.“

„Wie geht das zu?“ fragte ich. „Ich habe sie selbst gefesselt und zwar so, daß sie nur mit Hilfe andrer gelöst werden können.“

„Die Indianer haben einige Kundschafter ausgeschickt, welchen die Entdeckung des Ausganges gelungen ist. Sie sind in denselben eingedrungen, an dem Seile emporgestiegen, haben die Gefangenen gefunden, ihnen die Banden gelockert und sie jedenfalls auch mit einigen Waffen versehen. Dann sind sie zurückgekehrt, um die Ihrigen zu holen.“

„Warum haben sie da Sanders und Jean Letrier nicht mitgenommen?“ fragte Wallerstein.

„Weil dann alles verraten war, wenn wir die Abwesenheit derselben vor der Zeit entdeckten. Vor allen Dingen müssen wir die zwei gefährlichen Bursche unschädlich machen, indem wir sie wieder binden. Vorwärts, Neffe; wir gehen voran; die andern folgen leise nach, um Sich, sobald der Widerstand, den sie leisten werden, beginnt, auf sie zu werfen. Wir müssen alles Blutvergießen zu vermeiden suchen!“ –

Während dieser Unterredung war in der Grotte auch ein leises Gespräch geführt worden.

„Jean, hast du den Blick gesehen?“ fragte Sanders flüsternd, als sich Sam Fire-gun und Wallerstein entfernt hatten.

„Welchen Blick?“

„Den der Colonel auf den Boden warf.“

„Nein; ich habe den Kerl gar nicht angesehen.“

„Er hat alles entdeckt.“

„Nicht möglich! Er ging ja vollständig beruhigt fort.“

„Nichts als schlaue Verstellung! Er sah die Fußspuren des Jägers und Indianers; ich habe es ihm trotz des halben Lichtes augenblicklich angemerkt. Es zuckte ganz verdächtig über sein Gesicht. Dann warf er einen kurzen, aber dolchscharfen Blick auf unsre Fesseln, und der Klang, den sein Alles sicher hatte, vervollständigte mir nur den Beweis, daß er alles durchschaut hat.“

„Teufel! Wenn er nun fort wäre, um die Leute zu holen und uns wieder binden zu lassen. Es wäre zum verrückt werden!“

„Er bringt sie sicher.“

„So wehre ich mich bis auf den letzten Blutstropfen. Denn wenn sie uns wieder fesseln, ist alles verloren. Sie werden uns in einen andern Raum stecken und die Indsmen an unsrer Stelle empfangen.“

„Sicher! Aber eine Gegenwehr ist gar nicht notwendig.“

„Wie so?“

„Sie wäre sogar vollständig zwecklos, da wir doch nur bezwungen würden. Der einfachste und zugleich der einzige Weg zu unsrer Rettung ist der, daß wir sofort fliehen.“

„Aber wenn Ihr Euch irrt, Kapitän, wenn der Alte gar nichts bemerkt hätte?“

„So wäre es ganz gleich. Sie kämen dann vor der Ankunft der Indianer ganz gewiß nicht wieder hierher, so daß unsre Flucht entdeckt und der Plan des Überfalles verraten würde. Ich mache mich davon; wir haben ja gehört, welcher Weg zu nehmen ist. Rasch, Jean, ehe es zu spät ist!“

Sie standen von der Erde auf und befreiten sich von den Riemen; dann folgten sie dem Rauschen des Falles und fanden, allerdings erst nach einem längeren und hastigen Suchen, das Seil, an welchem sie sich hinunterließen. An der wallenden und brausenden Oberfläche des Beckens angelangt, untersuchte der vorangekletterte Sanders, sich mit den Händen fest am Seile haltend, die engen Felsenwände mit den Füßen und fand die niedere Seitenöffnung, durch welche sich die abfließenden Wellen drängten. Ein Schwung brachte ihn in dieselbe hinein; er zog das Seil fest an sich, um seinem Begleiter die Richtung zu geben. Es war ein gefährlicher Augenblick für die beiden Flüchtlinge, welche sich wegen des Tobens des Falles keine hörbare Mitteilung machen konnten; aber das mutige Unternehmen gelang, und in tief gebückter Stellung im Wasser fortwatend, gelangten sie in einigen Minuten zwar vollständig durchnäßt, aber sonst ganz wohlbehalten in das Freie.

Hier reckten sie sich in die Höhe und blieben, von der Anstrengung einen Moment ausruhend, mit keuchendem Atem halten.

„Hier müssen wir warten, bis die Indsmen kommen,“ meinte Letrier.

„Das geht nicht. Der Colonel würde uns verfolgen lassen, sobald er ja unsre Flucht entdeckte. Wir müssen weiter fort.“

„Aber wir wissen das Lager der Indianer nicht!“

„Thut nichts! Wir brauchen uns ja nicht weit zu entfernen, sondern suchen ein Versteck hier in der Nähe und warten das Weitere ruhig ab.“

„Das Richtige ist es eigentlich, Kapitän; denn wenn wir jetzt auf die Roten treffen, so müssen wir wieder zurück, und dazu habe ich verteufelt wenig Lust. Jedenfalls ist es geratener, wir schicken die guten Leute für uns in das Feuer und sehen dann zu, wie wir auf eine praktische Weise zu den Kastanien gelangen.“

„Ganz meine Meinung! Komm!“

Sie drangen einige Schritte weit in das Gesträuch ein und verbargen sich in dem wirren Dickicht desselben. Hier verhielten sie sich so regungslos wie möglich und lauschten mit angestrengter Aufmerksamkeit in die Nacht hinaus.

Da klang ein leises Geräusch, ähnlich dem Rascheln eines kleinen Insektes, an ihr Ohr.

„Die Indianer!“ flüsterte Sanders.

Er hatte sich nicht getäuscht. Mit dem weißen Jäger und dem Sohne des Häuptlings Matto-Sih an der Spitze, nahten sie sich, einer hinter dem andern, in einer langen, mit außerordentlicher Behutsamkeit sich vorwärts bewegenden Linie. An dem verborgenen Ausgange Halt machend, hielten sie eine kurze Beratung; dann verschwand einer nach dem andern in der kleinen Öffnung des Wasserlaufes. Zwei aber blieben zurück, um Wache zu halten.

Es verging eine lange, lange Zeit. Der Himmel, den man in der Finsternis vorher nicht von dem Laubdache des Waldes zu unterscheiden vermochte, begann, von demselben abzustechen; die einzelnen Stämme erst, sodann auch die Äste und Zweige ließen sich erkennen; hier und da erhob ein erwachender Vogel seinen noch schläfrigen Morgenruf – die Nacht begann dem Tage zu weichen, und die Dämmerung brach herein.

Die zwei wachhaltenden Indianer standen regungslos am Ufer des Baches, da wo derselbe aus dem Berge trat. Sie erlitten gewiß nicht geringe Ungeduld über das unerwartet lange Verbleiben der Ihrigen, aber kein Zug ihrer jugendlichen, bronzenen Gesichter verriet dies. Sie waren schon als Knaben an die unbedingteste Selbstbeherrschung und die Überwältigung selbst der gewaltigsten Gefühle gewöhnt worden. Sie hatten ganz das Aussehen zweier auf den Lauf ihrer Büchsen gestützten und mit allen indianischen Waffen versehenen Statuen.

Da krachten plötzlich zwei Schüsse zu gleicher Zeit, so daß sie wie ein einziger Schuß erklangen; die beiden Wachen stürzten, durch die Köpfe getroffen, zur Erde. Im nächsten Augenblick hoben sich neben ihnen zwei Gestalten empor, welche von ihnen unbemerkt die enge Wasserpforte passiert hatten. Es war Sam Fire-gun und der kleine Bill Potter.

„Hihihihi!“ lachte der letztere, „sind zu früh flügge geworden, die kleinen Jungens; haben noch nicht gelernt, die Augen und Ohren aufzuthun. Seht Ihr’s, Colonel, daß ich recht hatte? Sie haben vergessen, ihre Spuren zu verwischen, und nun können wir den Lagerplatz suchen, wo der Dicke mit dem Dünnen angehobbelt liegt.“

„Getraust du dich allein wieder zur Höhle emporzuarbeiten, Bill?“

„Warum nicht? Glaubt Ihr etwa, Bill Potter fürchtet sich vor den zwei Tropfen Wassers, die er zu schlucken bekommt?“

„So kehre zurück, während ich inzwischen diesen Spuren folge, und bringe die andern um den Berg herum zu dieser Stelle. Es braucht nur die gewöhnliche Wache zurückzubleiben, denn der Platz ist vollständig gesäubert. Ich gehe euch voran und ihr kommt mir nach. Sputet euch aber, mich bald einzuholen!“

Der kleine Trapper verschwand nach einer zustimmenden Gebärde in der Öffnung, und Sam Fire-gun begann, die Fährte aufzunehmen. Diese war so deutlich, daß er, wenigstens für den Beginn ihrer Verfolgung, keine übermäßige Aufmerksamkeit auf sie zu verwenden brauchte und sie nur flüchtig nebst dem umherliegenden Terrain überblickte. Daher entgingen dem sonst so scharfsinnigen Manne die Spuren, welche die beiden Flüchtlinge wegen des nächtlichen Dunkels notwendigerweise zurückgelassen hatten, und er verschwand, den Fußstapfen der Indianer folgend, gar bald zwischen den Bäumen des Waldes.

Wieder verging eine längere Zeit, dann flüsterte Sanders:

„Das ist Pech, außerordentliches Pech! Diese braven, kleinen Indianer sind glücklich an dem gefährlichen Seile hinauf in die Höhle gekommen, aber sofort alle niedergemacht worden. Es ist jammerschade um sie! Nun stehen wir wieder allein gegen Fire-gun und seine Leute!“

„Wäre es nicht besser, Kapitän, wenn wir ihm heimlich folgten?“ fragte Jean Letrier. „Wenn wir glücklich entkommen wollen, müssen wir unbedingt Pferde haben und können uns nur an die Tiere der Roten halten.“

„Das geht unmöglich. Die Jäger kommen nach und würden unsre Spur sofort entdecken.“

„Was hindert uns, den Alten für immer unschädlich zu machen? Wir haben ein Messer.“

„Jean, wir haben gar Vieles und Schweres möglich gemacht, aber Westmänner sind wir nicht. Der Colonel hat ein feines Gehör und ist uns mit seinen Waffen überlegen. Selbst wenn es uns gelänge, einen guten Stich anzubringen und zu den Pferden zu gelangen, so hätten wir kaum einige Minuten später die ganze wütende Horde im Rücken.“

„Wenn der Alte weg ist, brauchen wir die übrigen nicht zu fürchten. Der unsinnige Steuermann, Wallerstein, der veritable Polizeispion, sie verstehen von der Prairie nichts und sind – –“

„Und Winnetou, der Apatsche?“ fiel ihm Sanders in die Rede.

„Teufel, ja, an den habe ich gar nicht gedacht. Chez dieu, der wäre ganz allein im stande, uns einzuholen und mit seinem verdammten Tomahawk zu zerschmettern. Aber, was thun? In Ewigkeit hier liegen bleiben können wir doch nicht.“

„Du bist ein Schwachkopf, Jean. Im Hide-spot liegt ein ganzer Reichtum an Gold aufgestapelt.“

„Nun?“

„Gold brauchen wir.“

„Wollen wir Sam Fire-gun schön bitten, es uns zu verehren?“

„Pah! Wir haben es.“

„Wann?“

„Wenn die Trapper jetzt fort sind.“

„Und wie?“

„Das ist leicht. Oder fällt dir gar nichts ein, Jean?“

„Mir fällt jetzt weiter nichts ein, als daß wir in eine ganz armselige Memme geraten sind.“

„Aus welcher wir bald heraus sein werden.“

„Inwiefern?“

„Wir warten, bis die Jäger fort sind.“

„Und dann?“

„Dann,“ flüsterte Sanders, obgleich kein Lauscher in der Nähe war, „dann kehren wir auf demselben Wege zurück, den wir gekommen sind.“

„Teufel! Nach der Höhle?“

„Versteht sich!“

„Und lassen uns drin abschlachten!“

„Oder auch nicht. Du hast ja gehört, daß bloß ein einziger Jäger als Wache zurückbleiben soll. Er wird eine ganze Strecke von der Höhle am Bache stehen und uns gar nicht bemerken.“

„Ah – richtig! Der Colonel hat einen gewaltigen Fehler begangen, daß er hier am Wasser keinen Posten aufstellte.“

„Natürlich. Also wir kehren in die Höhle zurück.“

„In die Höhle zurück,“ wiederholte der andre eifrig, dem das neue Abenteuer zu gefallen begann.

Suchen nach dem Golde –“

„Nach dem Golde –?“

„Nehmen es fort und –“

„Und?“

„Bewaffnen uns, denn im Hide-spot giebt es allerlei Schieß- und Stechzeug.“

„Das ist wahr, eine ganze Rüstkammer voll.“

„Dann stechen wir den Posten nieder.“

„Das ist notwendig.“

„Nehmen uns jeder ein gutes Pferd.“

„Wo stecken die Tiere, Kapitän?“

„Ich weiß es allerdings noch nicht; sie werden aber schon zu finden sein. Die Jäger reiten stets im Bache empor; es muß in der Nähe desselben irgend ein Platz sein, wo man die Tiere anhobbelt. Wenn wir die Ufer aufmerksam untersuchen, so finden wir ihn ganz gewiß.“

„Und dann?“ frug Jean Letrier.

„Dann geht es fort. Wohin, das wird sich finden, jedenfalls aber westlich, denn nach dem Osten dürfen wir nicht zurück. Wir haben da, nicht bloß in letzter Zeit, sondern schon von früher her, so viel auf dem Kerbholz, daß wir uns in den Oststaaten nicht sehen lassen dürfen. Wenn wir Geld oder Gold bekommen, sehen wir, daß wir nach San Francisco – –“

Er hielt mitten in seiner Rede inne. Ein knisterndes Geräusch, welches von der Seite her an ihre Ohren drang, hatte ihn verstummen lassen.

Leise Schritte erklangen. Bill Potter drang durch die Büsche, hinter ihm außer dem zurückgelassenen Posten die sämtlichen Bewohner des Hide-spot. Auch Winnetou war dabei. Ohne Aufenthalt folgten sie den Spuren, welche Sam Fire-gun ihnen mit Vorbedacht deutlich zurückgelassen hatte. Die beiden Versteckten hielten den Atem an; ein einziger Blick aus dem scharfen, geübten Auge des Apatschen konnte die allerdings jetzt kaum mehr bemerkbaren Eindrücke wahrnehmen, welche sie zurückgelassen hatten. Die Gefahr ging glücklich vorüber, da Winnetou sich auf den vorangehenden Trapper verließ und den Boden nicht im mindesten beachtete.

Grace à dieu!“ meinte Letrier, als das Knistern der Zweige in der Ferne verklungen war. „Jetzt stand wahrhaftig alles auf dem Spiele, und trotzdem ich naß bin bis auf die Haut, habe ich geschwitzt, als stäke ich im Bade.“

„Jetzt ist es Zeit; aber wir müssen nun vorsichtig sein und jede Spur hinter uns verwischen.“

Dieses letztere machte ihren ungeübten Händen so viel Mühe, daß eine bedeutende Weile verging, ehe sie in dem Bette des Baches verschwanden. Sie kannten den Weg, den sie schon einmal gemacht hatten, und gelangten trotz der Beschwerlichkeit desselben glücklich oben an. Der hinter seinem Herrn emporkletternde Letrier hatte eben das Seil verlassen und festen Fuß gefaßt, als er sich von Sanders zurückgehalten fühlte. Sie standen vor einer ganzen Menge herumliegender menschlicher Körper. Durch Betasten überzeugten sie sich, daß es die getöteten jungen Indianer seien. Sie stiegen über die Leichen hinweg und kamen so in die Grotte, wo sie vorher gefesselt gelegen hatten. Hier konnten sie wieder miteinander sprechen.

Letrier schüttelte sich.

„Brrr, Kapitän, die armen Burschen sind einer nach dem andern ruhig abgefangen und ausgelöscht worden, sobald sie in der Höhle ankamen. Ein Glück, daß wir uns verborgen hielten, sonst hätten wir mitgemußt und ganz dasselbe Schicksal erlitten!“

„Wir haben jetzt keine Zeit zu solchen Betrachtungen. Vorwärts, und zwar zunächst zu den Waffen!“

Sie kehrten mit Hilfe des Seiles wieder in den Hide-spot zurück, der von den Trappern verlassen war. Nur ein einziger Mann stand als Wächter draußen auf der anderen Seite desselben.

In den Hauptraum der Höhle mündeten mehrere kleine Kammern. Eine derselben war ringsum mit allen möglichen Kriegswerkzeugen, welche das Leben in der Prairie erfordert, behängt. Auch Pulver, Blei und Kugelformen waren in Menge vorhanden. Lebensmittel, wenn auch nicht in einem großen Vorrate, zeigten sich im Nebenraume. In der Haupthöhle brannte eine Talglampe, welche ihnen zur Beleuchtung diente.

Die beiden Männer versahen sich zunächst mit allem Nötigen; dann begannen sie, nach den verborgenen Reichtümern zu suchen.

Alle ihre Bemühungen waren vergebens. Die kostbare Zeit verging und ihr Forschen wurde von Minute zu Minute hastiger, ohne daß sie etwas fanden.

„Es ist zu sorgfältig versteckt, Jean,“ meinte endlich Sanders, als sie vor der letzten Kammer anlangten, die ihnen noch übrig blieb. „Und selbst wenn wir es entdeckten, wie wollen wir es fortbringen? Das Gold ist schwer, und ich wüßte mir keinen Rat.“

„Wir packen es auf Reservepferde.“

„Das wäre das Einzige, würde aber unsre Flucht bedeutend verzögern und unsern Marsch sehr verlangsamen. Aber sieh, das muß die Extrawohnung des Colonels sein!“

Der Raum war an seinen Wänden mit ungegerbten Fellen behangen, um die Feuchtigkeit der Wände abzuhalten, und enthielt einige roh gearbeitete Sessel und Kästen, über welch letztere die Suchenden sofort begierig herfielen. Auch sie enthielten nichts von dem gehofften Golde, sondern nur einen Vorrat von Kleidungsstücken und allerlei sonstigen Gegenständen. Die Sachen wurden in der Eile rings auf dem Boden umhergestreut. Da stieß Sanders einen halblauten Ruf der Freude aus. Er hatte eine alte, abgegriffene Brieftasche gefunden, welche als letzter Gegenstand, sorgfältig eingewickelt, auf dem Boden eines der Kästen gelegen hatte.

„Kein Gold, aber vielleicht doch von Wert!“ sagte er.

Er trat in die Haupthöhle zurück, weil es da lichter war, und öffnete das Portefeuille.

„Was ist drin, Kapitän?“ frug Letrier mit Spannung.

„Nichts, gar nichts; ich habe mich auch hier getäuscht,“ antwortete der Gefragte ruhig; aber in seinem Innern wogte es gewaltig auf und nieder. Der Inhalt bestand in höchst wertvollen Depositenscheinen. Sam Fire-gun hatte bedeutende Mengen Gold bei verschiedenen Bankhäusern des Ostens abgeliefert und sich über die umgerechneten Summen diese Scheine ausstellen lassen. Der gegenwärtige Besitzer konnte sie bei jeder Bank augenblicklich in courante Münze umsetzen. Doch, das brauchte Letrier ja nicht zu wissen.

Die Summen, welche auf diese Scheine lauteten, gehörten nicht dem Colonel allein, sondern der ganzen Gesellschaft; darum waren sie so hoch. Jedenfalls gab es noch eine Menge von Goldstaub und Nuggets, konnte aber nicht gefunden werden. Eben als sie darüber ihre unmutigen Bemerkungen austauschten, hörten sie ein Geräusch. Es war der Posten, der in die Höhle kam. Sanders, der einen der vorgefundenen Revolver geladen hatte, schoß ihn nieder.

„Nun aber fort!“ sagte er dann. „Wir müssen Pferde haben. Hoffentlich finden wir welche!“

Sie nahmen alles an sich, was sie für sich ausgesucht hatten, und gingen nach dem vordern gewöhnlichen Eingang der Höhle. Draußen vor derselben angekommen, folgten sie dem Bache und kamen bald an einen schmalen Weg, der auf eine grasbewachsene Lichtung führte, wo sich die Pferde der Gesellschaft befanden.

Sie verloren nicht die mindeste Zeit, sattelten schnell zwei Tiere, denn Sättel und Zäume hingen da an den Bäumen, stiegen auf und ritten davon. – –

Inzwischen waren die Jäger alle, mit Ausnahme dieses Postens, den sie zu seinem Verderben allein zurückgelassen hatten, den Spuren der jungen Indianer gefolgt, um Dick Hammerdull und Pitt Holbers zu befreien. Sam Fire-gun, der vorausgegangen war, wurde sehr bald eingeholt. Er hatte alle mitgenommen, weil man nicht wissen konnte, mit wieviel Roten man es zu thun bekam. Er ging, die Fährte lesend, mit Winnetou voran. Sie war, weil die Roten ihren Marsch des Nachts gemacht hatten, sehr deutlich ausgetreten, und es machte also keine Mühe, sie nicht zu verlieren. Dennoch sahen sie erst nach Stunden den Wald vor sich liegen, wo die Roten gelagert hatten und wohin Hammerdull und Holbers von dem Häuptlingssohne gestern geschafft worden waren. Sie durften nicht in direkter Linie hin, weil sie da von dort aus gesehen werden mußten; darum wichen sie jetzt von der Fährte ab und hielten sich mehr seitwärts, so daß sie den Wald an einer Stelle erreichten, welche wohl eine englische Meile von derjenigen entfernt war, wo die Spur in ihm verlief.

Unter den Bäumen angekommen, wurde in einem Winkel dann wieder in die beabsichtigte Richtung eingelenkt, so daß man sich nun dem Lagerorte nicht von vorn, sondern von der Seite näherte. Mit jedem Schritte, der jetzt weiter gemacht wurde, mußte man vorsichtiger sein. Die Männer huschten, immer gute Deckung suchend, von Busch zu Busch, von Baum zu Baum, bis Winnetou, stehen bleibend, den ihm Folgenden ein Zeichen gab. Er hatte Stimmen gehört. Er schlich sich mit Sam Fire-gun allein weiter, und bald sahen sie den Ort, den sie suchten, vor sich liegen. Zugleich bemerkte der Colonel, daß er zu vorsichtig gewesen war, als er alle seine Leute mitnahm, denn bei den zwei Gefangenen, welche gefesselt an der Erde lagen, befanden sich nur drei Personen, nämlich zwei Indianer und der Weiße, welcher gestern die Roten zum Überfallen des Hide-spot aufgefordert hatte. Es bedurfte nur einiger Minuten, so war die Stelle umringt. Die drei Leute hätten sich ohne Gegenwehr ergeben müssen, sie wurden aber, freilich gegen den Willen Winnetous und des Colonels, niedergeschossen, dann schnitt man den Gefangenen die Riemen durch.

„Aber müßt Ihr unvorsichtig gewesen sein, Dick Hammerdull, daß Ihr Euch von solchen Knaben habt fangen lassen?“ sagte Fire-gun.

„Ob vorsichtig oder nicht, das bleibt sich gleich,“ antwortete der Dicke, indem er seine Glieder reckte; „sie haben uns eben erwischt. Dagegen war nichts zu machen. Was meinst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Hm!“ antwortete der Lange. „Wenn du meinst, Dick, daß nichts dagegen zu machen war, so hast du recht, denn wir haben eben nichts dagegen gemacht.“

„Und ein Weißer war dabei!“ wunderte sich der Colonel. „Es ist also außer Sanders und Letrier uns doch noch einer entkommen!“

„Ja,“ nickte Hammerdull; „und grad dieser Kerl hat unser Hide-spot entdeckt. Er führte den jungen Häuptling hin, um es ihm zu zeigen, ist aber dann, als es überfallen werden sollte, nicht mitgegangen, sondern hier geblieben. Wie steht es dort? Die Roten kamen nicht zurück.“

„Sie sind alle ausgelöscht worden, auf welche Weise, das laß dir unterwegs erzählen; wir wollen jetzt gleich fort, denn wir haben nur einen Mann daheim gelassen.“

Was für einen Fehler er damit begangen hatte, das sah er nur zu deutlich, als sie wieder im Hide-spot ankamen. Da fanden sie die Leiche des Postens und sahen sofort, daß alle Abteilungen der Höhle durchsucht worden waren, von wem, darüber konnte es natürlich keinen Zweifel geben. Zu seiner Beruhigung überzeugte sich der Colonel zunächst, daß der höchst wertvolle Vorrat von Goldstaub und Nuggets nicht entdeckt worden war; um so mehr aber erschrak er, als er sah, daß die Brieftasche mit den Depositenscheinen fehlte. Der Grimm, den er darüber empfand, teilte sich natürlich allen andern mit, und es gab nun nur eine einzige Stimme, nämlich die, daß Sanders und sein Genosse sofort zu verfolgen seien. Ganz abgesehen davon, daß wir ihre Personen wieder haben mußten, war es ein bedeutendes Vermögen, welches sich in der Brieftasche befand.

Aber grad dieses Geld mußte ihnen das Entkommen erleichtern, wenn sie nur erst einen bewohnten Ort erreichten. Darum galt es, mit der Verfolgung keinen Augenblick zu säumen; aber wir mußten uns auch mit den nötigen Mitteln versehen, um nicht ohne Geld zu sein, wenn es zu unsrem schnellen Fortkommen nötig sein sollte. Es war also bei allem Unglück noch ein Glück, ein wahres Glück, daß die Entflohenen die Nuggets nicht auch gefunden hatten! – –

Wenn ich in meiner Geschichte vorhin einen großen Sprung von San Francisco nach dem wilden Westen gethan habe, so bitte ich euch, Mesch’schurs, diesen Sprung mit mir wieder zurückzuthun. Wir befinden uns also wieder in Frisco oder vielmehr zunächst in dem ihm an der Bai gegenüberliegenden Oakland, denn wer zu Pferde, so wie wir, aus dem Osten kommt, der muß in Oakland halten, weil sich ihm die hier elf Kilometer breite San Francisco-Bai in den Weg legt. Das ist aber kein Hindernis, denn für Gelegenheiten, hinüberzukommen, auch mit den Pferden, ist mehr als reichlich gesorgt. Reiter setzten damals auf den breiten Oakland-Trajektbooten über.

Mit einem dieser Boote landeten zwei Berittene, die selbst während der Überfahrt nicht aus dem Sattel gestiegen waren. Ihre Pferde schienen von guter Rasse zu sein, obgleich sie fürchterlich abgetrieben aussahen. Auch die Reiter hatten ganz das Äußere von Leuten, die eine geraume Zeit lang nichts mit den Segnungen der Civilisation zu thun gehabt haben. Der Bart hing ihnen lang und wirr bis auf die Brust herab; die breitrandigen Jägerhüte, weit und formlos geworden, ließen ihre Krempen bis tief in das Gesicht herunterschlappen; die ledernen Gewänder schienen aus vertrockneter, rissiger Baumrinde zusammengesetzt zu sein, und die ganze übrige Ausrüstung ließ auf fürchterliche Strapazen schließen, welche die Männer überstanden haben mochten.

„Endlich – grace à dieu!“ atmete der eine hoch auf. „Da sind wir, Jean, und ich denke, daß die Not nun nichts mehr mit uns zu schaffen haben wird.“

Der andre schüttelte fast trübselig den Kopf.

„Verzeiht, Kapitän, daß ich nicht so zuversichtlich bin. Ich werde mich nur dann erst vollständig sicher fühlen, wenn ich auf einem festen Deck stehe, welches einige Meilen von hier da draußen auf dem Wasser schwimmt. Der Teufel soll mich holen, wenn der Colonel mit seinem Volke uns nicht jetzt noch an den Fersen hängt!“

„Möglich, aber nicht wahrscheinlich. Wir haben ihn ja so in die Irre geführt, daß er glauben muß, wir haben uns nach dem Gebirgsübergange hinauf nach Britisch Columbien geschlagen. Wir haben diesen ungeheuren Umweg jedenfalls nicht umsonst gemacht.“

„Ich will wünschen, daß Ihr Euch nicht irrt, aber ich traue diesem verteufelten Trappervolke nicht zehn Schritte weit und halte es für das beste, uns möglichst bald an Bord eines Schiffes zu begeben, welches von diesem unglückseligen Lande nichts mehr wissen will.“

„Vor allen Dingen ist es nötig, uns wieder ein menschliches Aussehen zu geben.“

„Dazu gehört wieder Geld.“

„So viel muß werden, und zwar sofort. Schau da hinüber!“

Er deutete mit der Rechten nach einer Baracke, über deren niederem Dache ein Brett mit der Inschrift „Jonathan Livingstone, Horse-haggler“ angebracht war.

„Ein Pferdehändler?“ meinte Jean. „Wird für unsre halb verhungerten Tiere auch viel bieten!“

„Müssen eben zusehen!“

Sie lenkten ihre Pferde dem angegebenen Orte zu. Ein Mann, dem der Pferdejude auf tausend Schritte Entfernung anzusehen war, trat aus der Thür, als sie abstiegen.

„Zu wem wollt ihr, Gentlemen?“ fragte er.

„Zu dem ehrenwerten Master Livingstone, Sir.“

„Der bin ich selbst.“

„Ihr kauft Pferde?“

„Hm – ja – solche aber nicht,“ antwortete er mit einem geringschätzigen, aber doch aufmerksamen Blicke auf die angebotene Ware.

Well, dann god bye, Sir!“

Im Augenblicke saß Sanders wieder auf und machte Miene, sich zu entfernen.

Slow, Master, langsam, langsam; man wird sich die Tiere doch wohl einmal ansehen können!“

„Wenn Ihr solche nicht kauft, so sind wir fertig. Ihr habt kein Greenhorn vor Euch!“

„So, so! Da steigt einmal wieder herunter! Hm, elend, ungeheuer elend! Ihr kommt wohl aus der Savanne?“

Yes!“

„Kann kaum etwas bieten; muß gewärtig sein, sie gehen mir noch drauf,“ meinte er, die Tiere eingehend musternd. „Wie viel wollt Ihr haben?“

„Was bietet Ihr?“

„Für alle zwei?“

„Für beide!“

„Hm, dreißig Dollars, nicht mehr und auch nicht weniger.“

Sofort saß Sanders wieder auf und ritt ohne Antwort davon.

„Stop, Sir, wo wollt Ihr denn hin? Ich denke, Ihr wollt die Pferde verkaufen!“

„Ja, aber nicht an Euch.“

„So kommt doch zurück! Ich gebe vierzig.“

„Sechzig!“

„Fünfundvierzig.“

„Sechzig!“

„Fünfzig!“

„Sechzig!“

„Unmöglich! Fünfundfünfzig und keinen Cent mehr.“

„Sechzig und keinen Cent weniger. Adieu!“

„Sechzig? Nein, fällt mir gar nicht ein – doch halt, so wartet doch nur, he; bleibt doch da; Ihr sollt sie haben, die Sechzig, obgleich das Viehzeug so ein Geld gar nicht wert ist!“

Lächelnd kehrte Sanders zurück und stieg wieder vom Pferde.

„Da nehmt sie, und zwar mit Zaum und Zeug!“

„Kommt herein, Master; der andre mag sie einstweilen halten.“

Der Händler führte ihn in einen kleinen Verschlag, welcher durch einen alten, kattunenen Vorhang in zwei Teile geschieden war. Er verschwand hinter dem letzteren und trat dann mit dem Gelde wieder hervor.

„Hier sind die sechzig Dollars. Ihr habt ein Sündengeld bekommen!“

„Pah, macht Euch nicht lächerlich! Doch – hm – Ihr seid hier in der City bekannt?“

„Besser als mancher andre.“

„So könnt Ihr mir wohl eine Auskunft geben –“

„Nach einem Boardinghouse wohl?“

„Nein, nach einem coulanten Bank- oder Lombardgeschäft.“

„Lombard – hm, was für einen Antrag habt Ihr dort?“

„Ist Nebensache!“

„Ist Hauptsache, Sir, wenn Ihr richtige Auskunft wünscht.“

„Will eine Deposite verkaufen.“

„Worüber?“

„Über Goldstaub und Nuggets.“

„Donnerwetter! Wie hoch lautet der Schein?“

„Ich habe deren mehrere.“

„So seid Ihr verdammt glücklich gewesen. Zeigt einmal her!“

„Hat keinen Zweck!“

„Warum nicht? Wenn das Papier gut ist, kaufe ich es selbst. Mache zuweilen auch diese Art von Geschäften, notabene, wenn etwas dabei zu verdienen ist.“

„Das ist’s!“

Er zog die im Hide-spot gefundene Brieftasche hervor und wählte einen der Scheine aus, den er dem Händler überreichte. Dieser machte ein erstauntes Gesicht und warf einen höchst respektvollen Blick auf den zerrissenen und zerfetzten Mann, welcher sich im Besitze eines solchen Reichtums zeigte.

„Zwanzigtausend Dollars, auf den Inhaber lautend, deponiert bei Charles Brockmann, Omaha! Der Schein ist gut. Was wollt Ihr haben?“

„Wie viel gebt Ihr?“

„Die Hälfte.“

Sanders nahm ihm das Papier aus der Hand und schritt nach dem Eingange.

„Adieu, Master Livingstone!“

„Halt! Wieviel wollt Ihr haben?“

„Achtzehntausend zahlt mir jeder Bankier sofort und bar; aber ich bin einmal hier bei Euch und habe Eile. Gebt sechzehn, und Ihr bekommt den Schein.“

„Unmöglich. Ich weiß nicht, ob Ihr der rechtmäßige – –“

Well, Sir, Ihr wollt nicht, und damit gut!“

Der Mann hielt ihn am Arme zurück; er stieg mit einem Gebote höher und höher und brachte endlich die verlangte Summe hinter dem Vorhange hervor. Er gehörte zu jener Art von Geschäftsleuten für alles, denen es trotz ihres unscheinbaren Aussehens und ihrer absichtlich ärmlichen Einrichtung an den nötigen Barbeständen doch niemals mangelt.

„Hier habt Ihr das Geld; ich habe heut einmal meinen schwachen Tag. Verkauft Ihr die andern Scheine auch?“

„Nein. Adieu!“

Er ging. Livingstone begleitete ihn hinaus und nahm die Pferde in Empfang. Die beiden Fremden entfernten sich. Ein Gehilfe kam herbei, um die Tiere von Sattel und Zaum zu befreien.

„Gutes Geschäft gemacht,“ brummte der Pferdehändler Livingstone; „prächtige Rasse, famos gebaut; haben viel ausgehalten und werden bei guter Pflege sich bald wieder erholen.“

Noch war er um die eingehandelten Pferde beschäftigt, so ertönte lauter Hufschlag die enge Straße herauf. Zwei Reiter erschienen im Galopp, die mit dem nächsten Fährboote gekommen waren. Der eine war ein Indianer, dessen aufgebundenes und mit Adlerfedern geschmücktes Haar ihn als Häuptling bezeichnete. Der andre war ein Weißer von herkulischer Gestalt und weit über dem Nacken herabwallendem, weißem Haupthaar. Auch ihnen war eine ungewöhnliche Strapaze sehr wohl anzusehen, doch zeigten sie in ihrer Haltung ebenso wie ihre prachtvollen Tiere nicht die geringste Ermüdung.

Im Galopp vorübersprengend, warf der Indianer unwillkürlich einen Blick herüber nach dem Händler und riß in demselben Moment sein Pferd herum.

„Mein weißer Bruder blicke diese Pferde an!“ sagte er.

Der andre war ihm ebenso schnell bis an die Baracke gefolgt. Ein kurzer Blick genügte, er sah das Schild, ritt bis hart an den Händler heran und grüßte:

Good day, Sir! Ihr habt soeben diese Pferde gekauft?“

Yes, Master,“ antwortete der Händler.

„Von zwei Männern, welche folgendermaßen aussahen?“

Er gab eine sehr genaue Beschreibung von Sanders und Letrier.

„Das stimmt, Master.“

„Sind die Männer noch hier?“

„Nein.“

„Wo sind sie hin?“

„Weiß nicht; geht mich auch gar nichts an!“

„Ihr müßt aber doch die Richtung wissen, in welcher sie davongegangen sind?“

„Sie bogen um die Ecke dort. Weiter kann ich nichts sagen.“

Der Frager besann sich einen Augenblick, warf einen scharfen, forschenden Blick auf den Händler und fuhr dann fort:

„Ihr kauft nur Pferde?“

„Pferde und manches andre.“

„Auch Nuggets?“

„Auch. Habt Ihr welche?“

„Nicht hier; sie kommen nach. Darf ich sie Euch anbieten?“

„Wenn es nicht gleich ist, ja. Habe soeben all mein Geld ausgegeben.“

„Den beiden Männern?“

„Dem einen.“

„Er verkaufte Euch etwa Depositen?“

„Ja.“

„Wie hoch?“

„Zu zwanzigtausend Dollars.“

„Wollt Ihr so gut sein, Sir, und mir den Schein einmal zeigen?“

„Warum?“

„Um zu sehen, ob es der Gentleman gewesen ist, mit dem wir gern zusammentreffen wollen.“

„Hm, so! Den Schein sollt Ihr sehen; aber in die Hand bekommt Ihr ihn nicht.“

Er trat in die Baracke und kam nach kurzer Zeit mit dem Papiere zurück. Der Fremde betrachtete es genau und nickte dann vor sich hin.

„Ihr habt bloß dies eine von ihm erhalten?“

„Nur dieses.“

„Danke, Sir! Die Männer werden nicht wiederkommen, sollte es aber dennoch geschehen, so kauft ihnen nichts mehr ab, sondern laßt sie festnehmen. Die Depositen gehören mir und sind mir von ihnen gestohlen worden. Ich werde vielleicht wieder bei Euch vorsprechen!“

Er zog sein Pferd herum, der Indianer that desgleichen, dann sprengten beide wie vorher im Galopp die Straße entlang.

Es wurde kein Wort zwischen ihnen gewechselt, bis sie am Quai des Hafens anlangten. Dort fragte der Colonel, denn dieses und kein andrer war der Weiße:

„Mein roter Bruder ist mir auf der Fährte der Räuber gefolgt über die weiten Länder der Savanne. Wird er bei mir bleiben, wenn ich gezwungen bin, ein Schiff zu besteigen?“

„Winnetou, der Häuptling der Apatschen, geht mit Sam Fire-gun über die ganze Erde und auch auf das große Wasser. Howgh!“

„Die Räuber wollen wahrscheinlich über das Meer entfliehen; sie werden sich nach den abgehenden Schiffen erkundigen. Das thun wir auch und bewachen die Fahrzeuge; da erwischen wir sie.“

„Mein Bruder thue das und halte sich immer hier am Wasser auf, damit ich ihn wiederfinde. Winnetou aber wird zurückkehren vor die Häuser der großen Stadt da drüben, um zu erwarten und herzuführen die Jäger, welche zurückgeblieben sind, weil ihre Pferde müde waren.“

Sam Fire-gun neigte zustimmend den Kopf und sagte:

„Mein Bruder ist klug; er thue, wie er gesagt hat!“

Er stieg vom Pferde, welches er dem Hausknechte eines in der Nähe sich befindenden Gasthauses übergab. Der Apatsche aber kehrte allein den Weg zurück, welchen sie miteinander gekommen waren. –

Während dieses geschah, hatten Sanders und Jean Letrier ihren Weg fortgesetzt. Langsam dahinschlendernd, bemerkten sie einen Mann, welcher aus einem engen Seitengäßchen hervortrat und, ihrer nicht achtend, in einiger Entfernung quer über die Straße schritt. Von kaum mittlerer Statur, und dabei schlank gebaut, trug er die Kleidung eines Diggers, der aus den Minen kommt, um von der anstrengenden Arbeit auszuruhen und dabei sich ein weniges in der Stadt umzusehen. Ein breitkrempiger und vielfach zerknitterter Strohhut hing ihm in das Gesicht hernieder, doch vermochte er nicht, das große, häßliche Feuermal zu verdecken, welches sich von dem einen Ohre quer über die ganze Wange bis über die Nase zog.

Überrascht blieb Sanders stehen und faßte seinen Begleiter am Arme.

„Jean, kennst du den?“ fragte er hastig.

„Den? Nein, Kapitän.“

„Wirklich nicht?“

„Nein.“

„Ich habe falsch gefragt. Es sollte heißen: kennst du die?“

„Die? Alle Wetter, die Gestalt, die Haltung, der Gang, Kapitän, es ist doch wohl kaum möglich!“

„Sie ist’s, sage ich dir, sie und keine andre! Wir sind vollständig verwildert; aus dieser Entfernung erkennt sie uns nicht. Ein glücklicher Zufall führt sie uns vor die Augen; wir müssen ihr folgen!“

Sie schritten hinter dem Manne her, welcher nach kurzer Zeit in eine Bretterbude trat, über deren Thür mit einfachen Kreidezügen die Inschrift Taverne of fine brandy angebracht war. Vor und hinter diesen Buchstaben hatte man auch mit Kreide je eine Schnapsflasche auf das rissige Holz gemalt.

„Was thut sie in dieser Butike? Sie hat genug Geld und wohnt jedenfalls anständig. Ihr jetziges Habit ist also eine Verkleidung, und ihr gegenwärtiger Gang hat irgend einen geheimnisvollen Zweck.“

„Wir müssen ihr hineinfolgen, Kapitän.“

„Das geht nicht, Jean. Sie würde uns trotz unsers verwilderten Zustandes doch sofort erkennen, zumal sie uns in der Prairie als Jäger gesehen hat. Die Bude besteht aus einfachen Brettern; von vorn dürfen wir uns nicht nahen; vielleicht finde ich an ihrer Rückseite ein Astloch oder irgend eine Ritze oder Spalte, durch welche es mir möglich ist, das Innere zu überblicken. Du bleibst zurück und beobachtest den Ausgang. Sollte sie den Ort verlassen, ehe ich zurückkehre) so kommst du schleunigst, um mich zu benachrichtigen.“

Er wandte sich zur Seite. Die Gelegenheit war günstig. Die Hütte hatte keinen Ausgang nach hinten und wurde dadurch einen kaum drei Fuß breiten Zwischenraum von einem ganz ähnlichen Bauwerke getrennt. Sanders schob sich hinein und fand bald ein Astloch, durch welches er einen großen Teil des Schankraumes, in welchem zahlreiche Gäste saßen, zu überblicken vermochte.

Der Mann mit dem Feuermale hatte in der Nähe eines breiten Ofens Platz genommen, war dann aber plötzlich nach rückwärts verschwunden. Weiter nach dieser Seite hin, schloß Sanders, befand sich vielleicht ein abgeschlossener Raum, der für private Zwecke dienen konnte. Er schob sich leise in dieser Richtung weiter, bis er hart hinter der dünnen Wand, an welcher er lehnte, mehrere Stimmen erklingen hörte. Er legte das Ohr an das Brett und lauschte.

„Wo treffen wir uns, Sir?“ hörte er fragen.

„Nicht hier, das wäre unvorsichtig, auch nicht am Quai, sondern in der kleinen Bucht oberhalb der letzten Fischerhütte.“

„Und wann?“

„Wann ich kommen kann, ist noch unbestimmt, aber um elf müßt ihr versammelt sein, dürft jedoch vor meiner Anwesenheit nichts unternehmen.“

„Schön. Es wird einen tüchtigen Kampf geben, ehe das Fahrzeug unser ist.“

„Nicht so sehr, als ihr denkt. Die Offiziere und Subalternen sind heut abend an das Land geladen, und an Bord selbst wird ein Festgelage stattfinden, welches uns bestimmt in die Hand arbeiten muß.“

„Das läßt sich hören. Giebt es keinen Freund an Bord?“

„Der lange Tom ist da mit noch einigen, die uns erwarten.“

„Alle Teufel, Ihr habt das Ding fein eingeleitet! Also der schwarze Kapitän wird wirklich mit dabei sein?“

„Sicher. Es werden die Anker sofort gelichtet; der Wind ist gut; die Ebbe fällt passend, und wenn nicht ein ganz und gar unvorhergesehenes Hindernis eintritt, so wird man von dem l’Horrible bald dieselben Geschichten wie früher erzählen.“

„Auf uns könnt Ihr rechnen, Sir. Wir werden gegen dreißig Mann sein, und mit tüchtigen Offizieren und einem solchen Segler braucht man die ganze Marine der Welt nicht zu fürchten.“

„Das meine ich auch. Hier habt ihr euer Draufgeld und noch einiges darüber, um zu trinken. Aber haltet euch nüchtern, damit der Handstreich uns nicht etwa mißlingt!“

Ein Stuhl wurde gerückt; der letzte Sprecher entfernte sich. Sanders hatte ihn auch an der Stimme erkannt, obgleich sie eine verstellte und in die tieferen Tonlagen hinabgedrückte war. Das Gehörte war so außerordentlich, daß er eine ganze Weile vollständig bewegungslos stand und auch wohl noch länger so verblieben wäre, wenn ihn nicht ein leises „Pst!“ aus seiner halben Erstarrung aufgeschreckt hätte. Jean Letrier stand vor dem Zwischenraume und winkte.

„Sie ist fort, wieder zurück; schnell, schnell!“

Der Kapitän drängte sich aus der Enge hinaus, gerade noch zur rechten Zeit, um den Gegenstand seiner Beobachtung hinter der nächsten Ecke verschwinden zu sehen. Die beiden Männer eilten ihm nach und verfolgten ihn durch die schmutzigen Gäßchen der Vorstadt und die breiten Straßen der besseren Stadtteile bis an das Gitter eines einsam gelegenen Gartens. Hier blickte er sich prüfend um und schwang sich, als er nichts Verdächtiges bemerkte, mit einem katzenartigen Sprunge hinüber. Hier hielten sie wohl gegen eine Stunde Wacht, aber vergebens; er kehrte nicht zurück.

„Sie muß hier wohnen, Jean. Laß uns das Haus suchen, zu welchem dieser Garten gehört!“

Um dies zu thun, mußten sie eine Seitengasse durchschreiten. Als sie aus derselben traten, bemerkten sie eine glänzende Equipage, welche vor der Thür eines Hauses hielt, welches kein andres als das gesuchte sein konnte. Eine Dame war soeben eingestiegen und gab dem Kutscher das Zeichen. Sanders trat in die Gasse zurück; das elegante Fahrzeug rollte vorüber, so daß die Gesichtszüge der Inhaberin zweifellos zu erkennen waren.

„Sie ist’s!“ rief Jean.

„Ja, sie ist’s; hier ist eine Täuschung ganz unmöglich. Ich bleibe hier; du aber gehst in das Haus und suchst ihren jetzigen Namen zu erfahren.“

Jean gehorchte dem Gebote und kehrte schon in kurzer Zeit mit der gewünschten Auskunft zurück.

„Nun?“

„Frau de Voulettre.“

„Ah! Wo wohnt sie?“

„Sie hat die vollständige erste Etage inne.“

„Komm nach dem Hafen; dort werde ich dir weitere Mitteilungen machen!“

Sie schritten der genannten Gegend zu und kehrten auf diesem Wege in einem Store of dressing ein, den sie in Beziehung auf Wäsche, Kleidung und sonstige Ausstattung vollständig verändert verließen. Langsam durch das Menschengewühl des Quais schreitend, zuckte es plötzlich wie ein heftiger Schreck über das Gesicht Letriers; er faßte Sanders und zog ihn hinter einen großen Haufen aufgestapelter Warenballen.

„Was giebt’s?“ fragte Sanders.

„Blickt gradaus, Kapitän, und seht, ob Ihr den Mann kennt, der unter dem großen Krahne steht!“

„Ah – alle Teufel, der Colonel, Sam Fire-gun! Sie haben sich also nicht irre führen lassen und sind uns auf dem Fuße gefolgt. Wo mögen die andern stecken?“

„Die hat der verdammte deutsche Polizist ganz sicher in der Stadt verteilt, um uns aufzulauern und unsern Aufenthalt zu erforschen.“

„Jedenfalls. Hat uns der Alte schon bemerkt?“

„Ich glaube nicht. Sein Gesicht war seitwärts gerichtet, als ich ihn sah, und bei unsrem jetzigen Habitus sollte es ihm auch schwer werden, uns zu erkennen, wenn wir ihm nicht allzuweit zu nahe kommen.“

„Richtig. Jetzt blicke einmal da hinüber auf die Reede. Kennst du das Schiff, welches in der Nähe des Panzerschiffes liegt?“

„Hm – ja – das – das ist – Donner und Wetter, das ist kein andres als unser l’Horrible, den kenne ich Sofort, und wenn sie noch so sehr an seinen Segeln und Stangen herumgemodelt haben!“

„So komm!“

Sie nahmen ihren Weg durch das dichteste Gewühl und suchten sich ein entfernt liegendes Schankhaus, wo sie sich ein separates Zimmer geben ließen. Hier konnten sie ungestört verhandeln.

„Also du hast unsern l’Horrible erkannt?“ fragte Sanders.

„Sofort, Kapitän.“

„Weißt du, wer ihn jetzt befehligt?“

„Nein.“

„Und weißt du, wer ihn morgen um diese Zeit befehligen wird?“

„Jedenfalls derselbe wie. heut.“

„Nein.“

„So tritt ein Dienstwechsel ein?“

„Allerdings. Der heutige muß aus der großen Tasse trinken, und an seine Stelle wird ein gewisser Sanders treten oder, wenn du lieber willst, der schwarze Kapitän.“

„Hm, das ist kein übles Luftschloß, Kapitän.“

„Luftschloß? Ich sage dir, daß es in Wirklichkeit so sein wird.“

Jean Letrier lächelte.

„Dann wird die Miß Admiral natürlich wieder Segelmeister?“ meinte er, auf den mutmaßlichen Scherz eingehend.

„Gewiß.“

„Und fegt mit der neunschwänzigen Katze das Verdeck wie vor alten Zeiten?“

„Oder auch nicht. Dieser Panther wird gezähmt; darauf kannst du dich verlassen!“

„Und der treue Jean Letrier, welche Stelle wird der haben?“

„Wird sich schon etwas Passendes finden lassen.“

„Schade um das hübsche Kartenhaus!“

„Und wenn es nun kein Kartenhaus, sondern ein festes, sichres und unumstößliches Gebäude wäre?“

Letrier war wirklich betroffen von dem ernsten, zuversichtlichen Tone seines Herrn. Er blickte demselben forschend in das Gesicht und brummte:

„Hm, in der Welt ist manches Unmögliche möglich, wenigstens für unsereinen.“

„Allerdings. – Höre, Jean, was ich dir sagen werde!“

Er erzählte ihm, was er an den Brettern der Branntweinbude erlauscht hatte, und fügte die Vermutungen und Schlüsse bei, zu welchen ihn das gehörte Gespräch berechtigte. Jean staunte.

„Teufel! Diesem Frauenzimmer ist wahrhaftig so etwas zuzutrauen.“

„Sie wird es ausführen, darauf kannst du dich verlassen.“

„Und wir?“

„Sagte ich dir nicht, daß ich heut abend den l’Horrible befehligen werde?“

„Gut! Sie wird sich aber wehren.“

„Pah! Ich bin früher ihr Vorgesetzter gewesen und werde es auch jetzt sein. Sie ist noch immer die Alte. Ein Schiff zu stehlen! Mitten aus dem Hafen von San Francisco heraus! Es ist kolossal! Aber uns kommt es vortrefflich zu statten. Welch ein Glück, daß wir sie gesehen und trotz ihrer Verkleidung erkannt haben!“

Während sie in eifrigem Gespräche bei einander saßen, wurden in der Wohnung der Frau de Voulettre Anstalten zu einer glänzenden Soiree getroffen. Die Delikatessen aller Länder, die Weine aller Zonen waren vertreten, und die Dame des Hauses, welche von ihrer Spazierfahrt schon längst zurückgekehrt war, machte sich mit den letzteren persönlich sehr viel zu schaffen. Sie öffnete eine Anzahl der Flaschen, schüttete in jede derselben ein feines, weißes Pulver und versiegelte sie dann sorgfältig wieder.

Der Abend nahte heran; es wurde dunkel, und aus den Fenstern ihrer Wohnung glänzte eine Lichtflut, welche den Schein der Straßenlaterne weit überstrahlte.

Die Gäste, auch der Kommandeur des Panzerschiffes nebst den geladenen Offizieren der andern Fahrzeuge hatten sich bei ihr eingefunden und schwelgten in den gebotenen Genüssen. Eine ganze Menge nobler Flaneurs und gewöhnlicher Leute belagerte das Portal, um einen kleinen Blick in das geschmückte Innere zu werfen oder den Geruchssinn an den ausströmenden Wohlgerüchen zu weiden.

Unter ihnen befanden sich zwei Männer in Matrosentracht. Sie standen schweigend nebeneinander und warfen höchst gleichgültige Blicke auf die andern. Ihr Augenmerk schien vorzugsweise auf eines der erleuchteten Fenster gerichtet zu sein. Lange, lange harrten sie. Da endlich wurde der Vorhang herabgelassen, der Schatten einer erhobenen Hand strich einigemal hinter demselben auf und nieder; dann verlöschte das Licht.

„Das ist das Zeichen,“ flüsterte der eine.

„Komm!“ antwortete der andre.

Sie schritten fort und bogen in das Gäßchen, welches am Tage Sanders und Jean betreten hatten. An der Gartenpforte stand ein Koffer, neben ihm eine männliche Gestalt. Es war hier so dunkel, daß man die Einzelheiten nicht genau zu erkennen vermochte, doch war so viel zu sehen, daß der Mann kaum die Mittelgröße erreichte und einen mächtigen, dunklen Vollbart trug. Es war die Frau von Voulettre, die sich wieder verkleidet hatte. Der Koffer enthielt ihre kostbaren nautischen Instrumente.

„Ist der Wagen bestellt?“ fragte der Mann mit dem dunklen Vollbarte kurz.

„Ja,“ lautete die Antwort.

„Vorwärts!“

Seine Stimme klang befehlend, als sei er das Kommandieren von Jugend auf gewöhnt. Die Männer faßten den Koffer und schritten voran. Er folgte ihnen. An der Ecke einer Straße stand ein Wagen. Der Koffer wurde auf den Bock desselben gehoben; die drei stiegen ein, und das Gefährte rollte im Trabe zur Stadt hinaus. Im Freien angekommen, hielt es an. Die Fahrgäste stiegen aus, ergriffen den Koffer wieder und wandten sich, während der Wagen zurückkehrte, dem Strande zu.

Sie hatten denselben noch nicht erreicht, so ertönte hinter einem Busche eine Stimme.

„Halt, wer da!“

„Der schwarze Kapitän.“

„Willkommen!“

Eine Schar dunkler Gesellen eilte herbei und umringte ehrfurchtsvoll den bärtigen Mann.

„Die Boote in Ordnung?“ fragte er.

„Ja.“

„Die Waffen?“

„Alles recht.“

„Fehlt jemand?“

„Keiner.“

„Dann come on; ich nehme den ersten Kahn!“

Der Koffer wurde eingehoben, die mit Lappen sorgfältig umwickelten Ruder eingelegt, und die Fahrzeuge setzten sich in eine vollständig geräuschlose Bewegung.

Zunächst strebten sie grad auf die Höhe hinaus, dann legten sie scharf nach Steuerbord über und näherten sich auf diese Weise von der Seeseite aus mit außerordentlicher Vorsicht dem mitten in tiefer Dunkelheit liegenden l’Horrible, an dessen Spriet und Stern nur je eine einsame Schiffslaterne brannte.

Sie waren jetzt so nahe an das Fahrzeug herangekommen, daß man sie bei der gewöhnlichen Aufmerksamkeit ganz sicher bemerken mußte. Der, welcher sich Kapitän genannt hatte, stand aufrecht am Steuer und hielt sein scharfes Auge forschend auf die dunkle Gestalt des Schiffes gerichtet. Es war ein Moment, in dem sich alles entscheiden mußte und der seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Da ertönte der halblaute, heisere Schrei einer Möwe.

Die Leute in den Booten atmeten auf; es war das mit dem langen Tom verabredete Zeichen, daß an Bord alles gut gehe. Einige Taue hingen am Hinterteile herab.

„Legt an, und dann hinauf!“ ertönte das leise Kommando.

Einige Augenblicke später standen sämtliche Männer am Deck. Tom hatte sie erwartet.

„Wie steht es?“ fragte der Bärtige.

„Gut. Ich und die Unsrigen haben die Wache. Die andern schmausen unten in der Vormarskoje oder liegen schon betrunken am Boden.“

„Hinunter! Doch schont sie. Sie werden gefesselt und in den Raum geschlossen; später müssen sie zu uns schwören. Je mehr Arme wir bekommen, desto besser für uns.“

Dieser Befehl wurde schnell und ohne allen Lärm ausgeführt. Die nichts ahnende und vom Grog berauschte Mannschaft wurde leicht überwältigt, gebunden und in dem Kielraum geborgen. Dann zog man den Koffer empor, welcher in die Kapitänskajüte getragen wurde, und löste die Boote, die man mitgebracht hatte, von den Tauen. Sie konnten schwimmen – das Schiff befand sich vollständig in der Gewalt der Korsaren.

Jetzt versammelte der Schwarzbärtige seine Leute um sich und wies jedem seine Stelle an.

„Wir stechen in See. Schmiert die Ankerwinde und die Takelrollen mit Öl, damit kein unnötiges Geräusch entsteht. Kommandieren darf ich nicht, sonst hört man mich da drüben auf dem Panzerschiffe; aber ich hoffe, daß jeder weiß, was er zu thun hat!“

Die Mannschaft verteilte sich. Der Kommandeur eilte von Ort zu Ort, um seine Befehle leise auszusprechen; der Anker hob sich, die Segel rollten empor und der günstige Wind begann, sie zu blähen. Das prachtvolle Schiff gehorchte dem Steuer; es legte sich langsam herum, teilte die widerstrebenden Wogen und schoß der offenen See entgegen.

Da erst erscholl von dem Decke des Panzerschiffes ein Schuß – ein zweiter – ein dritter. Man wußte dort, daß die Offiziere des l’Horrible an das Land gegangen waren, hatte, allerdings zu spät, die Bewegung des Schiffes bemerkt, mußte natürlich sofort etwas Ungewöhnliches oder gar Gesetzwidriges vermuten und gab nun durch die drei Alarmschüsse das Zeichen zur allgemeinen Aufmerksamkeit.

Der neue Befehlshaber des l’Horrible hatte sich auf das Quarterdeck begeben. Der lange Tom stand an seiner Seite.

„Horch, Tom, sie haben bemerkt, daß wir uns davonmachen!“ sagte er.

Der Angeredete warf einen forschenden Blick empor zu den sich von dem Himmel hervorhebenden Segeltüchern.

„Wird ihnen nichts helfen. Sie haben die Augen zu spät aufgethan. Aber – Ihr kennt meinen Namen, Sir?“

„Ich dächte, der schwarze Kapitän müßte ihn doch kennen; bist ja mit mir genugsam herumgesegelt.“

„Der schwarze Kapitän – mit Euch? Nichts für ungut, Sir, ein tüchtiger Offizier seid Ihr, das habe ich schon in der kurzen Zeit bemerkt, aber der Schwarze, der seid Ihr nicht, den kenne ich.“

„Pah, ich werde es aber sein.“

„Wird nicht gut gehen. Die Leute wollen nur unter ihm dienen, und der Rotmalige, ich meine den Agenten, der uns angeworben hat, versprach uns ja, daß er noch lebe und heut abend am Deck sein werde.“

„Der Rotmalige? Hast du ihn wirklich nicht erkannt?“

„Erkannt –? ihn –? Habe den Kerl in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!“

„Tausendmal schon, Tom; tausendmal, sage ich, hast du ihn oder vielmehr sie gesehen. Besinne dich!“

„Ihn –? Sie –? Donnerwetter, sie – sie –? Sollte – sollte es die Miß Admiral gewesen sein!“

„Sie war es. Und glaubst du nicht, daß sie ganz das Zeug hat, den schwarzen Kapitän zu spielen?“

Der Lange trat überrascht einige Schritte zurück.

„Alle Wetter, Sir – Miß, wollte ich sagen, das ist ja eine ganz außerordentliche Geschichte. Ich denke, Ihr seid aufgehangen worden, als die Rotjacken den l’Horrible nahmen!“

„Nicht ganz. Aber höre. du bist an Bord der einzige, der den Kapitän wirklich kennt; du verschweigst, daß ich und der Agent einer und derselbe sind, und läßt sie dabei, daß ich der Schwarze bin. Verstehst du?“

„Vollständig!“

„Nun? Du sollst dich nicht schlecht dabei stehen.“

„Hm, mir ist es sehr egal, ob ein Sir oder eine Miß das Kommando führt, wenn es nur immer eine gute Prise giebt. Ihr könnt Euch auf mich verlassen.“

„Gut. Doch schau, die Lichter im Hafen und auf der Reede werden lebendig. Man schickt sich zur Verfolgung an. Pah, in zwei Stunden sind wir ihnen, selbst bei hellem Tage, aus den Augen.“

Er ließ alle Leinwand aufziehen, so daß das auf der Seite liegende Schiff mit verdoppelter Geschwindigkeit die Wogen teilte, und hing sich mit dem Arme in die Wantensprossen, um die lange entbehrte Genugthuung, den famosen Segler unter den Füßen zu haben, in vollen Zügen zu genießen.

Erst als der Tag zu grauen begann und seine Anwesenheit an Deck nicht mehr notwendig war, stieg er herab und schritt zur Kajüte. Dort stand sein Koffer. Eine Lampe brannte.

„Hm,“ machte er, sich mit sichtlicher Befriedigung in dem netten Raume umsehend, „der Jenner ist so übel nicht, wie ich dachte; er hat sich hier ganz prächtig eingerichtet. Doch, ich muß vor allen Dingen sehen, ob mein geheimes Fach noch vorhanden ist, von dem selbst Sanders nichts wußte.“

Er schob einen Spiegel beiseite und drückte auf ein dahinter befindliches und kaum sichtbares Knöpfchen. Ein Doppelthürchen sprang auf und ließ eine Vertiefung bemerken, in welcher allerlei Papiere aufgeschichtet lagen. Er griff nach ihnen.

„Wahrhaftig alles unberührt! Das Versteck ist gut; ich werde es sofort wieder benutzen.“

Er zog einen Schlüssel hervor und öffnete den Koffer. Ein Fach desselben enthielt nichts als Geldrollen und Pakete Banknoten.

Er barg es in das Versteck, verschloß dieses dann und schob den Spiegel wieder vor. Dann entnahm er dem Koffer allerlei Wäsche und Kleidungsstücke, welche in dem Kajütenschranke Platz fanden, und zog dann dieselben kostbaren nautischen Instrumente hervor, welche Lieutenant Jenner bei der Frau de Voulettre gefunden hatte.

„Wenn dieser Lieutenant gewußt hätte, weshalb seine schöne Dame sich mit diesen langweiligen Dingen befaßte! Bei allen Heiligen, es ist der beste Coup meines Lebens, den ich heut ausgeführt habe, und ich möchte nur wissen, was Sanders dazu sagte, wenn er hier stände und – –“

„Er sagt Bravo,“ ertönte es hinter ihr, während sich eine Hand auf seine Schulter legte.

Entsetzt fuhr sie herum und starrte mit weit aufgerissenen Augen in das Gesicht des soeben Genannten.

„Sa – Sa – Sanders!“ stammelte sie beinahe kreischend.

„Sanders!“ nickte dieser mit ruhigem, überlegenem Lächeln.

„Nicht möglich! Sein Geist – sein – sein – –“

„Papperlapapp! Glaubt der Segelmeister des l’Horrible an Geister?“

„Aber wie – wo – wann – wie kommst du nach Francisco und wie hier an Bord?“

„Das Wie werde ich dir später erklären; das Warum aber weißt du wohl?“

„Nichts, gar nichts weiß ich!“

„Auch von meiner Kasse weißt du nichts, die verschwunden war, als du es vorzogst, mich als elendes Wrack in New-York liegen zu lassen?“

„Nichts.“

„So! Leider bin ich in der glücklichen Lage, mit vollständigen Beweisen vor dir zu stehen. Aber zunächst wollen wir dem Augenblicke Rechnung tragen. Du hast den l’Horrible entführt.,

Sie schwieg.

„Und dir dazu Leute angeworben

Sie schwieg auch jetzt.

„Denen du versprachst, daß der schwarze Kapitän die Führung übernehmen werde.“

Sie rang sichtlich noch unter dem Schrecke, den ihr sein Erscheinen verursacht hatte.

„Um dir Gelegenheit zu geben, dein Wort zu halten, bin ich schon vor euch an das Schiff geschwommen und habe mich an den Sorglienen und Puttingen versteckt, bis ich es an der Zeit fand, mich dir vorzustellen. Du bist wahrhaftig ein ganz verteufeltes Frauenzimmer, wenn auch der rote Agent ein wenig häßlicher sah, als Frau de Voulettre; und weil du deine Sache so gut gemacht hast, werde ich dir, allerdings nur für einstweilen und bis wir abgerechnet haben, deine frühere Stellung als Segelmeister wieder einräumen. Thu‘ also immerhin den Bart herab; er ist dir lästig und den Schwarzen kannst du ja doch nicht imitieren.“

Er hatte in einem ruhigen, überlegenen Tone gesprochen, der ihr das Blut in die Wangen trieb und ihre Augen katzenartig erfunkeln ließ.

„Segelmeister, ich? Und wenn ich dich nun nicht kenne?“ zischte sie.

„So kennt mich der lange Tom und Jean Letrier. Sie hängen beide mehr an mir, als an dem grausamen Panther, der sich Miß Admiral nannte.“

„Jean Letrier? Wo ist er?“

„Hier an Bord. Er kam mit mir und spricht oben mit dem langen Tom, um ihm zu sagen, daß ich wirklich anwesend bin.“

„Es wird dir und ihm nichts helfen,“ raunte sie ihm grimmig entgegen. „Der l’Horrible ist ein Piratenschiff und ich bin sein Kapitän. Wer ohne meine Erlaubnis seine Planken betritt, der büßt es mit dem Tode!“

Sie riß den Revolver von der Seite und schlug auf ihn an. Ein blitzschneller Schlag seines Armes schleuderte ihr die Waffe aus der Hand; dann faßte er sie bei den Schultern und drückte ihre schlanke, geschmeidige Gestalt an die Wand, als sei sie daran angenagelt.

„Miß Admiral, hör‘, was ich dir ein für allemal sage! Ich werde mit dir abrechnen und hätte dich trotzdem bis auf weiteres in deiner einstigen Stellung als zweiter Offizier gelassen. Doch du hast meinen Tod gewollt, und mein Leben stand in Gefahr, so lang ich dir vertraute. Ich bin Kapitän meines Schiffes, und du – du wirst unschädlich gemacht!“

Ein fürchterlicher Schlag seiner geballten Faust traf ihren Schädel, so daß sie, wie vom Blitze erschlagen, augenblicklich leblos zusammenbrach. Er fesselte sie mit denselben Stricken, mit denen ihr Koffer eingeschnürt gewesen war, und stieg dann nach oben.

Der Morgen war jetzt vollständig hereingebrochen, so daß man mit einem Blicke die Situation zu übersehen vermochte. Die Mannen hatten sich alle am Deck versammelt und einen Kreis um den langen Tom und Letrier gebildet, welche ihnen zu erzählen schienen. Da fiel der Blick des letzteren auf Sanders. Er sprang vor, schwenkte den Südwester und schrie:

„Das ist er, ihr Leute. Vivat, der schwarze Kapitän!“

Die Hüte flogen in die Luft; der Ruf wurde von jeder Kehle wiederholt.

Sanders winkte ihnen gnädig zu und trat mit stolzem Schritt in ihre Mitte. In kurzer Zeit war allen der Eid abgenommen und jeder erhielt ein hoch bemessenes Segelgeld. Die Waffen und Wachen wurden verteilt, die Schiffsordnung einstweilen mündlich bestimmt, und als das alles in Ordnung war, begab sich der Kapitän mit Letrier wieder in seine Kajüte, um nach der Miß Admiral zu sehen.

Die Besinnung war ihr wiedergekehrt, doch schloß sie sofort die Augen, als sie ihn eintreten sah. Er bog sich über sie und fragte:

„Wo ist das Geld, welches du mir raubtest?“

Ihre Lider öffneten sich; ein haßerfüllter Strahl schoß zwischen ihnen hervor auf den Fragenden.

Er wiederholte seine Frage.

„Frag‘, so oft du willst; eine Antwort bekommst du nicht.“ erklärte sie.

„Ganz nach Belieben!“ lächelte er. „Ein großer Teil ist natürlich fort; die Frau de Voulettre hat jedenfalls kostspielige Bedürfnisse gehabt; das übrige aber ist hier an Bord, ich kenne dich.“

„Suche es!“

„Das werde ich thun. Und finde ich nichts, so giebt es Mittel, dich zum Sprechen zu bringen. Jean!“

„Kapitän?“

„Das Frauenzimmer bleibt gefesselt wie bisher und erhält ihren Platz in meiner eignen Koje. Ihr Wärter bin nur ich; kein andrer hat bei ihr Zutritt, auch du nicht, und wer den kleinsten Versuch macht, mit ihr zu verkehren, bekommt die Kugel. Übrigens darf außer dir kein andrer wissen, wo sie sich befindet. – jetzt bring die frühere Mannschaft des l’Horrible einzeln an Deck. Ich werde sehen, was aus den Leuten zu machen ist!“

Jean ging. Sanders zog seine Gefangene in die Nebenkoje und verdoppelte hier ihre Fesseln. Er wußte, daß er die Wahrheit gesagt habe: sie hatte keine Macht mehr über ihn. – – –

Sam Fire-gun hatte sich nach den abgehenden Passagierschiffen erkundigt; es ging heute keins in See, auch morgen nicht. Bei dieser Gelegenheit hörte er den Namen des l’Horrible nennen. Er wußte, daß dies das Schiff des schwarzen Kapitäns gewesen war, und nahm an, daß dieser, also Sanders, wohl auch erfahren habe, daß der l’Horrible hier im Hafen liege. Gewiß übte das eine Anziehungskraft auf ihn aus, und so stellte sich Sam Fire-gun so auf“ daß er jeden Menschen, welcher nach diesem Schiffe ging oder von ihm kam, sehen konnte.

Es war Abend geworden; es wurde zehn Uhr und noch später. Sam Fire-gun ging immer noch am Quai auf und ab, um sich keines der abstoßenden Boote entgehen zu lassen. Diese Aufgabe war für eine einzelne Person eine schwierige, wo nicht unmögliche, und in Wirklichkeit wurde auch gar mancher Kahn vom Lande gerudert, ohne daß der aufmerksame Trapper die rechte Zeit fand, den oder die Insassen desselben zu mustern. Es herrschte ringsum tiefe Dunkelheit, welche die Straßenlaternen und Schiffslichter nur spärlich zu durchdringen vermochten, und Fire-gun stand am Ufer, um von dem anhaltenden Patrouillengang ein wenig zu verschnaufen, als grad zu seinen Füßen der Führer eines unbesetzten Bootes bei den zu dem Wasser führenden Stufen anlangte.

Good evening, Mann, wo kommt Ihr her?“ fragte er ihn.

„Von draußen.“

„Von welchem Schiff?“

„Von keinem.“

„Von keinem? Waret Ihr allein spazieren?“

„Fällt mir nicht ein!“ antwortete der Schiffer, neben ihm stehen bleibend und seine vom Rudern angegriffenen Arme dehnend.

Der Trapper wurde aufmerksam.

„So habt Ihr jemand gefahren?“

„Wird wohl nicht anders sein, Master.“

„Aber bei keinem Schiffe angelegt und kommt leer zurück. Habt Ihr ihn ersäuft?“

Der Schiffer lachte.

„So ähnlich. Aber wartet noch einige Stunden mit Euren Fragen, dann will ich sie Euch beantworten.“

„Warum nicht eher?“

„Weil ich nicht darf.“

„Und warum dürft Ihr nicht?“

„Weil ich’s versprochen hab‘.“

Der Mann schien Wohlgefallen daran zu finden, sich nach etwas fragen zu lassen, worüber er nicht bereit war, Auskunft zu erteilen. Der Jäger aber wurde von einem unbestimmten Gefühle getrieben, weiter zu forschen:

„Und warum habt Ihr dies versprochen?“

„Weil, weil – hört, Mann, Ihr fragt verteufelt dringlich – weil sich ein jeder gern ein Trinkgeld geben läßt.“

„Ah so! Also eines Trinkgeldes wegen dürft Ihr nicht sagen, wen Ihr gefahren habt?“

„So ist’s.“

„Und Ihr werdet es dennoch sagen, wenn ich Euch ein besseres Trinkgeld gebe?“

Der Schiffer warf einen ungläubigen Blick auf das zerfetzte, lederne Habit des andern.

„Ein besseres? Wird Euch schwer werden!“

„Wie viel bekamt Ihr?“

„Meinen Lohn und einen Dollar obendrein.“

„Bloß?“

„Was, bloß? Euch fallen wohl die Dollars durch den zerrissenen Jagdrock in die Tasche?“

„Dollars? Nein. Geld habe ich nicht, aber Gold.“

„Wirklich? Das ist ja noch besser als Geld!“

Der Fischer wußte aus Erfahrung, daß mancher abgerissene Mineur mehr bei sich trug, als hundert Stutzer miteinander besitzen.

„Meint Ihr? Da seht Euch einmal dies Nugget an!“

Sam Fire-gun trat unter eine Laterne und zeigte dem Fischer ein Stück Waschgold, welches er aus der Tasche gezogen hatte.

„Alle Teufel, Master, das Stück ist ja seine fünf Dollars unter Brüdern wert!“ rief der Mann.

„Richtig! Und Ihr sollt es haben, wenn Ihr mir sagt, was Ihr verschweigen sollt.“

„Ist’s wahr?“

„Gewiß. Also, wen habt Ihr gefahren?,

„Zwei Männer.“

„Ah! Wie waren sie gekleidet? Jäger?“

„Nein. Mehr wie Seeleute, ganz neues Habit.“

„Auch möglich. Wie sahen sie aus?“

Der Schiffer gab eine Beschreibung, welche ganz auf Sanders und Letrier paßte, für den Fall, daß beide ihr Äußeres verbessert hatten.

„Wo wollten sie hin?“

„Da hinaus, in die Nähe des l’Horrible, der dort auf den Ankern reitet.“

„Des l’Horrible?“ Sam Fire-gun wurde aufmerksamer. „Was sprachen sie unter sich?“

„Konnte es nicht verstehen!“

„Warum?“

„Sie frugen mich, ob ich gelernt hätte, französisch zu reden, und als ich nein sagte, parlierten sie ein Mischmasch, daß mir davon die Ohren klangen.“

„Sie sind’s! Wo stiegen sie aus?“

„Draußen im Wasser.“

„Unmöglich!“

„Grad so und nicht anders. Sie sagten, sie gehörten zum Schiff und wären ein wenig durchgekniffen, um sich zu Lande einen Spaß zu machen. Nun wollten sie ihre Rückkehr nicht merken lassen und sind deshalb bis an Bord geschwommen.“

„Und vorher mußtet Ihr ihnen versprechen –“

„Bis einige Stunden nichts davon zu erzählen.“

Ehe Fire-gun eine weitere Frage thun konnte, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter.

„Mein Bruder komme mit mir!“

Winnetou war’s. Er führte ihn einige Schritte abseits und fragte dann:

„Wie heißt das große Kanoe, welches da drüben im Wasser liegt?“

l’Horrible.“

„Und wie heißt das Kanoe, auf welchem der Weiße, der sich Sanders nannte, Häuptling gewesen ist?“

„l’Horrible. Es ist ganz dasselbe.“

„Wird der Weiße nicht hinausrudern, um sein Kanoe wieder zu besitzen?“

Sam Fire-gun stutzte und fragte:

„Wie kommt denn mein roter Bruder auf den Gedanken?“

„Winnetou verließ einmal seinen Posten, um nach dir zu sehen. Er kam mit der Fähre herüber, auf welcher weiße Männer waren, welche von dem Kanoe sprachen. Als sie die Fähre verlassen hatten, warteten sie kurze Zeit und stiegen mit andern Männern und einem Koffer in mehrere Boote.“

„Hat mein Bruder alles gehört, was sie sprachen?“

„Sie wollten auf das große Kanoe und die Männer desselben töten, weil der schwarze Häuptling kommen werde.“

„Der schwarze Kapitän?“

„Mein Bruder sagt das Wort; es ist zu schwer für die Zunge des Apatschen.“

„Und sie sind hinaus auf das Wasser?“

„Ja. Sie hatten Messer und Beile im Gürtel.“

Sam Fire-gun überlegte.

„Mein Bruder gehe zurück an seinen Posten; die Jäger müssen kommen, noch ehe der Morgen hereinbricht.“

Der Apatsche folgte der Weisung. Auch der Schiffer hatte sich mit seinem Nugget entfernt, und so blieb der Colonel allein zurück.

Sollte wirklich etwas Ungewöhnliches auf dem l’Horrible vorgehen? Winnetou hatte sich jedenfalls nicht geirrt; aber wenn das Schiff wirklich überfallen werden sollte, wie konnten diese Leute von der Ankunft des verfolgten Sanders so genau unterrichtet sein?

Während er noch sann, ertönten draußen auf der Reede drei Schüsse nacheinander, und trotz der späten Stunde belebte sich der Quai innerhalb kurzer Zeit mit einer ganz beträchtlichen Menschenmenge, welche begierig war, die Ursache der Alarmschüsse zu erfahren. Die Dunkelheit gestattete nicht, alle im Hafen und auf der Reede liegenden Schiffe zu unterscheiden, aber die Beweglichkeit der auf ihnen herumgetragenen Laternen war ein sicheres Zeichen, daß irgend etwas Unerwartetes geschehen sei.

Ein von sechs Ruderern bemanntes und von einem Midshipman befehligtes Kriegsboot landete ganz in der Nähe des Jägers. Ein zufällig sich am Lande befindender Steuermann, dem der Midshipman Rede und Antwort zu stehen verpflichtet war, trat auf ihn zu und fragte ihn:

„Was giebt’s da draußen, Sir?“

„Der l’Horrible sticht mit vollen Segeln in See.“

„Nun, was ist’s weiter?“

„Was weiter? Seine sämtlichen Offiziere befinden sich am Lande; es ist jedenfalls irgend ein Schurkenstreich geschehen, und ich habe Ordre, sie sofort zu benachrichtigen.“

„Wer hat die Schüsse abgefeuert?“

„Wir, auf dem Panzermonitor. Unser Kapitän ist bei den Herren vom l’Horrible. Good night, Sir!“

Er eilte davon, zu Frau von Voulettre.

Sam Fire-gun hatte die Worte verstanden, folgte ihm unwillkürlich und gelangte so an das von der Frau de Voulettre bewohnte Haus. Auch hier herrschte eine ganz bedeutende Aufregung. Die Herrin war seit längerer Zeit spurlos verschwunden und fast sämtliche Gäste lagen betäubt und besinnungslos im Salon infolge eines in den Wein gemischten Giftes, wie die schleunigst herbeigeholten Ärzte aussagten. Mit der Frau de Voulettre war eine wertvolle Sammlung von Seekarten und nautischen Instrumenten verschwunden.

Dies alles hörte der Trapper erzählen. Ärzte, Polizisten und Seeleute flogen aus und ein, und ein riesiges Gedränge war vor dem Hause entstanden. Jetzt befand er sich selbst in Aufregung. Er konnte sich nicht erklären, in welcher Verbindung Sanders mit dieser Frau de Voulettre stehe, aber daß der erstere mit Hilfe der letzteren den l’Horrible entführt habe, wurde ihm zur unumstößlichen Gewißheit, obgleich es ihm unmöglich war, die Einzelheiten klar zu durchschauen.

Sollte er die Beobachtung des Apatschen der Polizei mitteilen? Das hätte zu Vernehmungen und Weitläufigkeiten geführt, die seinem Zwecke nur schaden konnten. Es gab nur einen einzigen schnellen und sicheren Weg, den die Polizei jedenfalls ganz von selbst einschlug: Der l’Horrible mußte verfolgt werden. Sam Fire-gun beschloß, dies auch auf seine eigene Faust zu thun. Dazu gehörte aber vor allen Dingen Geld zur Miete eines Schnelldampfers, und um dies zu bekommen, mußte er das Eintreffen seiner zurückgebliebenen Leute abwarten, welche den sämtlichen im Hide-spot verborgen gewesenen Goldreichtum mit sich führten. Seine Aufgabe am Quai hatte sich erledigt; er konnte zu Winnetou zurückkehren und sah sich gezwungen, seine Ungeduld zu bemeistern.

Er fuhr nach Oakland über, suchte Winnetou auf und legte sich bei ihm nieder. Winnetou schlief; er aber wachte. Der Gedanke, daß Sanders sich auf der See vielleicht in Sicherheit befinde, während er selbst, der ihm durch die weite Savanne Schritt für Schritt und unter unsäglichen Anstrengungen und Entbehrungen bis hierher gefolgt war, an das Land gebannt blieb und ihn sich entwischen lassen mußte, folterte ihn, so daß er sich ruhelos hin und her wälzte und die Minuten zählte, die ihn noch von den Seinigen trennten.

Die Habe, welche sie mit sich führten, hatte sie aufgehalten und darum war er mit dem Apatschen ihnen vorausgeeilt, um die Verfolgten nicht aus den Augen zu verlieren. Nach seiner Berechnung konnten sie am Morgen eintreffen, und so erwartete er mit fieberhafter Ungeduld den Anbruch des Tages.

Die Sterne kehren sich nicht an die Wünsche des Menschenherzens; sie gehen ruhig ihren ihnen seit Jahrmillionen vorgeschriebenen Lauf; aber endlich gehen sie doch unter, und das siegreiche Licht des Tages wirft seine Strahlenflut über die weite Erde hin. Der Morgen war da. Sam Fire-gun beneidete den Apatschen um seinen festen, ruhigen Schlaf, und überlegte eben, ob es Zeit sei, ihn zu wecken, als Winnetou plötzlich ganz von selbst in die Höhe sprang, mit munteren, scharfen Augen um sich blickte und dann sich wieder lauschend auf die Erde legte. Dann richtete er sich wieder empor.

„Mein Bruder lege sein Ohr an den Boden!“ sagte er.

Der Trapper that es und vernahm ein allerdings kaum zu empfindendes Geräusch, welches sich der Stadt näherte. Der Sohn der Savanne hatte es sogar im Schlafe gemerkt. Winnetou horchte nochmals.

„Es nahen Reiter auf müden Pferden. Vernimmt mein Bruder das Wiehern eines Tieres? Es ist das böse Pferd des fremden Mannes, der auf dem großen Wasser gefahren ist.“

Er meinte mit dieser Umschreibung den Dakotatraber, welchen der Steuermann Peter Polter ritt. Sam Fire-gun wunderte sich nicht über den außerordentlichen Scharfsinn des Indianers; er war ähnliches und noch erstaunlicheres längst von ihm gewohnt. Er sprang erwartungsvoll von der Erde auf und beobachtete die Ecke eines Gesträuches, welches die Nahenden noch verbarg.

Nach einiger Zeit kamen sie zum Vorschein. Das war ich mit dem Neffen des Colonels. Hinter uns ritt der Steuermann, welcher wie gewöhnlich außerordentlich viel mit seinem Pferde zu schaffen hatte. Dann kamen die Jäger, Dick Hammerdull, Pitt Holbers, Bill Potter und einige andre. Jeder von ihnen hatte ein oder mehrere Pferde oder Maultiere, welche schwer beladen zu sein schienen, am Leitzügel.

„Seht ihr das Nest da vorn?“ rief Peter Polter. „Ich glaube, es ist endlich dieses San Francisco, welches ich von hier aus nicht kenne, weil ich es nur von der See aus gesehen habe.“

„Ob wir es sehen oder nicht, das bleibt sich gleich,“ meinte Hammerdull; „aber, Pitt Holbers, altes Coon, was meinst denn du dazu?“

„Wenn du denkst, daß es Francisco ist, Dick, so habe ich nichts dagegen,“ antwortete dieser in seiner gewohnten Weise. „Als uns dort am Wasser die Roten überrumpelten und in ihr Lager schleppten, hätte ich nicht gedacht, daß ich diese Gegend einmal zu sehen bekäme.“

„Ja, alte Segelstange,“ bemerkte der Steuermann, „wenn damals Peter Polter aus Langendorf nicht gewesen wäre, so hätten sie Euch die Haut heruntergeschunden und Ihr lägt jetzt ohne Fell in Abrahams Schoß. Doch, schaut einmal da nach Luv hinüber! Ich lasse mich kielholen und dann mit Teer und Werg kalfatern, wenn das nicht der Colonel ist und –“

„Und Winnetou, der Apatsche,“ fiel ich ein, mein Pferd zu rascherem Laufe antreibend, so daß ich bald neben den beiden Genannten hielt.

„Gott sei Dank, daß ihr endlich kommt!“ rief Sam Fire-gun. „Wir haben auf euch gewartet, wie der Büffel auf den Regen.“

„Es ging nicht schneller, Onkel,“ antwortete Wallerstein. „Wir sind die ganze Nacht geritten. Sieh unsre armen Tiere an; sie können kaum noch stehen.“

„Wie ist’s, Colonel,“ fragte ich; „habt ihr sie erreicht?“

„Nur einen Augenblick kamen wir zu spät. Sie sind entwischt.“

„Entwischt? Wann, wie und wohin?“

Sam Fire-gun erzählte das Geschehene. Ein ärgerlicher Fluch entfuhr den Lippen der Trapper.

„Wart ihr auf der Polizei?“ erkundigte ich mich.

„Nein; das hätte uns nur Zeit geraubt.“

„Ganz richtig. Es giebt nur einen Weg. Wir mieten sofort einen guten Dampfer und gehen hinter ihnen her.“*

„Das war auch meine Ansicht, und darum erwartete ich euch mit Ungeduld. Wir sind ja nicht im Besitz von couranter Münze und müssen schleunigst unser Gold umsetzen.“

„Wird nicht viel helfen!“ meinte der Steuermann, im höchsten Grade verdrießlich.

„Warum?“

„Ich mag keinen Dampfer; diese Art von Fahrzeugen sind die miserabelsten, die es giebt. Ein guter Segler findet stets Wind; so eine Rauchschaluppe aber braucht Kohlen und findet sie nicht überall. Dann liegt man vor Anker oder gar faul auf offener See und kann weder vor- noch rückwärts gehen.“

„So laden wir ein hinreichendes Quantum.“

„Mit Verlaub, Colonel, ein guter Jäger seid Ihr, das muß man sagen, aber zum Seemann taugt Ihr nichts. Erst müssen wir den Dampfer haben, und es fragt sich, ob gleich so ein Ding zur Hand liegt. Und, paßt auf, diese Yankees handeln und feilschen einen Tag lang mit Euch, ehe Ihr das Fahrzeug bekommt.“

„Ich gebe, was man verlangt.“

„Meinetwegen! Dann wird Proviant, Munition und Kohle geladen, um eine lange Fahrt aushalten zu können. Das Schiff wird endlich besichtigt, ob es seetüchtig ist, und darüber vergehen Stunden und Tage, so daß der l’Horrible das Kap doupliert, ehe wir nur zum Auslaufen kommen. Der Teufel hole ihn!“

Die andern schwiegen. Sie mußten sich gestehen, daß die Worte des braven Seemannes nur zu wohl begründet seien.

„Ich kann das Gesagte wohl kaum bezweifeln,“ meinte ich endlich; „aber hier halten und das Meer angucken, das führt zu nichts. Jedenfalls hat er schon genug Verfolger auf der Ferse; das ist ein Trost für uns. Und nach müssen wir auf jeden Fall.“

„Aber wohin?“

Die übrigen sahen den Steuermann fragend an.

„Das ist nicht so leicht gesagt,“ entschied dieser. „War der l’Horrible gut mit Proviant versehen, so haben sie jedenfalls die Route nach Japan oder Australien eingeschlagen.

Dahinzu ist die See frei und ein Entkommen leicht. War er aber schlecht verproviantiert, so sind sie nach dem Süden, um sich an irgend einem Orte der Westküste mit dem Nötigen zu versehen.“

Die Wahrheit dieser Ansicht leuchtete allen ein.

„So werden wir die darauf bezügliche Erkundigung einziehen. Vorwärts!“ ermunterte ich die Leute.

Wir ritten durch Oakland und fuhren über. Drüben angekommen, fragte ich Sam Fire-gun:

„Kennt Ihr ein Haus, welches Nuggets kauft, Colonel?“

Dieser antwortete:

„Bellhourst und Compagnie. Habe schon früher mit diesen Leuten zu thun gehabt, die mich wohl noch kennen werden.“

„Ist’s weit zu ihnen?“

„Nein. Ihre Office liegt an unsrem Wege nach dem Hafen.“

Wir erreichten das Gebäude. Der Colonel stieg ab und trat hinein. Nach einiger Zeit kam er zurück. Die ganze Gesellschaft verließ die Pferde und brachte den Goldvorrat, welcher ein bedeutender war, in das Comptoir. Er wurde untersucht und gewogen, und bald befand sich Sam Fire-gun im Besitze einer Summe, welche einen wahren Reichtum repräsentierte.

„Das wäre abgemacht,“ meinte er. „Nun soll zunächst ein jeder den ihm gehörigen Anteil erhalten!“

Da trat Hammerdull hervor.

„Ob wir ihn erhalten oder nicht, das bleibt sich gleich, Colonel; aber was soll ich mit den alten Papieren thun? Ich brauche sie nicht, Ihr aber habt sie jetzt nötig. Pitt Holbers, altes Coon, was meinst du dazu?“

„Wenn du denkst, Dick, daß wir dem Colonel die Wische lassen, so habe ich nichts dagegen; ich mag sie nicht. Eine fette Bärentatze oder ein Stück saftige Büffellende ist mir lieber. Dir nicht auch, Bill Potter?“

„Bin einverstanden,“ nickte dieser. „Ich esse kein Papier und mein Pferd auch nicht, hihihihi. Der Colonel wird es uns schon wiedergeben, wenn er es nicht mehr braucht.“

„Ich danke euch für euer aufopferndes Vertrauen,“ antwortete der Genannte; „doch weiß man ja nicht, wie sich die Verhältnisse gestalten werden. Ich zahle euch aus, was ihr zu bekommen habt; mir bleibt mehr als genug übrig. Brauche ich dennoch mehr, so seid ihr ja immer noch da, wenigstens einige von euch, denn allen werde ich nicht zumuten, mir auf die See zu folgen.“

„Ob ihr es uns zumutet oder nicht, das bleibt sich gleich, Colonel; ich gehe mit!“

„Ich auch!“ fiel Holbers ein.

„Und ich!“ rief der kleine Potter.

„Und ich – und ich!“ schlossen sich die übrigen an.

„Das wird sich ja entscheiden,“ drängte Sam Fire-gun die treuen Leute zurück. „Jetzt laßt uns zunächst teilen!“

Gleich noch im Comptoir erhielt ein jeder das ihm Gehörige; dann verließen sie das Haus, stiegen wieder auf und ritten dem Hafen zu.

Außer den hier vor Anker liegenden Segelschiffen waren nur einige schwerfällige Schlepp- oder Güterdampfer zu sehen. Alle leichter gebauten Steamer hatten den Hafen verlassen, um die von den anwesenden Kriegsfahrzeugen auf den l’Horrible unternommene Jagd ein Stück weit zu verfolgen. Von den letzteren war nur das Panzerschiff zurückgeblieben, dessen Befehlshaber sich noch immer betäubt am Lande befand.

Es war der rührigen Polizei bereits gelungen, einiges Licht in das Dunkel des nächtlichen Ereignisses zu bringen. Ein Bewohner des Parterre jenes Hauses, dessen erste Etage die Frau de Voulettre inne hatte, war zufälligerweise im Garten gewesen, als drei Männer mit einem Koffer denselben passiert hatten. Auch der Kutscher war ermittelt worden, welcher die drei bis vor die Stadt gefahren hatte. Der Besitzer der am weitesten abgelegenen Schifferhütte hatte sich freiwillig gemeldet, um auszusagen, daß in voriger Nacht mehrere Kähne in seiner Nähe gehalten hätten. Er hatte sie beobachtet und gegen vierzig Männer einsteigen sehen, deren Anführer, von noch zweien begleitet, mit einem Koffer eingetroffen war und auf den Zuruf der ausgestellten Wache mit der schwarze Kapitän geantwortet hatte. Der Schiffer oder Fischer war natürlich vorsichtig genug gewesen, seine Anwesenheit nicht kund zu geben.

Diese Aussagen, verbunden mit der allgemeinen Sage, daß der Segelmeister des schwarzen Kapitäns ein Frauenzimmer gewesen sei, und endlich verschiedene in der Wohnung der Frau de Voulettre vorgefundene Papiere und sonstige Anzeichen gestatteten einen beinahe sichern Einblick in den Zusammenhang des erst so undurchsichtigen Ereignisses. Dies alles erfuhren die Jäger von der am Quai auf und ab wogenden Menschenmenge, die sich über die Nachricht, daß der einst so furchtbare Seeräuber mitten aus einem sichern und außerordentlich belebten Hafen ein wohlbesetztes Kriegsfahrzeug geraubt habe, in außerordentlicher Aufregung befand.

Der Steuermann musterte die anwesenden Schiffe.

„Nun?“ fragte der Colonel ungeduldig.

„Keins, was für uns paßt; lauter Salztonnen und Heringsfässer, die in zehn Monaten kaum zwei Knoten zurücklegen. Und da draußen –“

Er hielt inne. Jedenfalls hatte er sagen wollen, daß weiter draußen auch kein passendes Fahrzeug zu bemerken sei, aber sein scharfes Auge mußte bei dem Blicke, den er hinauswarf, auf etwas gefallen sein, was ihm die begonnene Rede abschnitt.

„Da draußen – – was ist da draußen?“ fragte der Colonel.

„Hm, ich will nicht Peter Polter heißen, wenn ganz da hinten nicht ein kleiner, weißer Punkt zu sehen ist, der nichts andres als ein Segel sein kann.“

„Also hier im Hafen finden wir wirklich kein passendes Fahrzeug?“

„Keins. Diese Holztröge schleichen wie die Schnecken und sind selbst für Geld nicht zu haben. Seht Ihr nicht, daß sie ihre Ladung löschen?“

„Und das da draußen?“

„Müssen es ruhig abwarten. Vielleicht geht es vorüber, vielleicht kommt es herein. Macht Euch keine Hoffnung. Auf ein Kriegsschiff kommen dreißig Kauffahrer, und diese Dinger taugen den Teufel zur Verfolgung eines Kapers, selbst wenn der Patron bereit wäre, uns das Fahrzeug zu vermieten. Der Punkt, daß es in den Grund gebohrt werden kann, wiegt schwer, macht viele Umstände und kostet ungeheures Geld.“

„Und dennoch wird’s versucht; es ist das einzige, was uns übrig bleibt. Wie viel Zeit kann vergehen, ehe das Schiff einläuft?“

„Eine Stunde und noch mehr, vielleicht gar zwei oder drei, je nachdem es gebaut ist und befehligt wird.“

„So haben wir Zeit. Finden wir ein Fahrzeug, so gehen wir in See; finden wir keins, so müssen wir allerdings das Resultat der Verfolgung ruhig abwarten, ehe wir uns entschließen können über das, was ferner zu thun ist. Wären wir nur zehn Minuten eher eingetroffen, so hätten wir die Halunken festgehabt. Jetzt laßt uns vor allen Dingen unsre Pferde einstellen und ein Store aufsuchen, um unsre abgerissenen Fetzen mit etwas Besserem zu vertauschen!“

Allerdings sahen sie alle mehr Strauchdieben als ehrlichen Männern ähnlich. Sie begaben sich in ein Gasthaus, wo sie ihre Tiere versorgten und ihren eignen Durst und Hunger stillten; dann traten sie in ein Store, wo sie alles fanden, was ihnen notwendig war.

Darüber war einige Zeit vergangen, so daß sie nach dem Hafen zurückkehrten, um nach dem Segel auszuschauen, welches vorhin zu sehen gewesen war.

Der Steuermann schritt voran. Als er an eine Stelle gelangte, welche einen freien Blick auf den Hafen und die Reede bot, blieb er mit einem lauten Ausrufe der Überraschung stehen.

„Behold, welch ein Segler! Da schießt er eben in den Hafen herein wie ein – mille tonnerre, sacre bleu, heiliger Schiffsrumpf, ein Klipper mit Schonertakelage, es ist die Swallow, die Swallow, hurrrrrrjeh, juchheisassassassa!“

Er schlug vor Freude die sehnigen Hände zusammen, daß es wie ein Böllerschuß knallte, packte mit dem einen Arme Hammerdull, den Dicken, mit dein andern Pitt Holbers, den Dünnen, und tanzte mit ihnen im Kreise herum, daß die Menge aufmerksam wurde und die Gruppe der Jäger neugierig umringte.

„Ob juchheisassassassa oder nicht, das bleibt sich gleich,“ brüllte der sich gegen den unfreiwilligen Tanz sträubende Hammerdull; „laß mich los, du unsinniges Seeungeheuer. Was haben wir mit deiner Swallow zu schaffen!“

„Was ihr damit zu schaffen habt? Alles, alles sage ich,“ erklärte Peter Polter, die beiden Bedrängten frei gebend. „Die Swallow ist ein Kriegsschiff und noch dazu das einzige, welches im Segeln dem l’Horrible überlegen ist. Und wer ist sein Kommandeur? Lieutenant Parker, den ich kenne. Ich sage euch, jetzt können uns die beiden Halunken nicht mehr entgehen; jetzt sind sie unser!“

Die Freude des Steuermannes teilte sich allerdings auch den andern mit. Es war ja gar kein Irrtum möglich, denn unter dem Spriete des nahenden schmucken Fahrzeuges breitete eine aus Holz geschnitzte blaue Schwalbe ihre spitzen, vergoldeten Flügel aus. Lieutenant Parker mußte ein kühner, außerordentlich gewandter Seemann sein und sich vollständig auf jeden einzelnen seiner gut geschulten Leute verlassen können, denn er hatte noch nicht ein einziges Reff geschlagen, obgleich er sich schon am Eingange des Hafens befand. Tief auf der Seite liegend, flog das scharf gebaute Fahrzeug unter der schweren Last seiner Segel, wie vom Dampf getrieben, herbei. Ein leichter Rauch stieg an seinem Vorderkastell empor; die üblichen Salutschüsse ertönten; vom Hafen aus wurde die Antwort. Dann hörte man die laute, klangvolle Stimme des Befehlhabers:

„Mann am Steuer, nach Back fall ab!“

Das Schiff beschrieb einen kurzen, graziösen Bogen.

„Die Reffs, Jungens. Laßt los!“

Die Leinwand ließ den Wind fahren und fiel laut schwappend an die Masten. Das Schiff stieg vorn, dann hinten in die Höhe, legte sich tief auf die andre Seite, stand wieder auf und lag dann ruhig auf den breiten Ringen, welche die hereingebrochene Flut gegen die mächtigen Quadern des Quais spülte.

„Hurra, die Swallow, hurra!“ klang es aus tausend Kehlen. Man kannte das prächtige Schiff, oder hatte wenigstens von ihm gehört und wußte, daß es die Jagd aufnehmen werde, auf welche sich die Aufmerksamkeit von ganz San Francisco richtete.

Zwei Männer in Seemannsuniform drängten sich durch die Menge. Sie sahen außerordentlich erregt und angegriffen aus. Der eine trug die Attribute eines Marinelieutenants, der andre die Steuermannsabzeichnung.

Ohne erst zu fragen, sprangen sie in ein leeres Boot, lösten es von der Kette, legten die Ruder ein und schossen auf die Swallow zu. Der Befehlshaber derselben stand am Regeling und blickte den Nahenden entgegen.

„Ahoi, Lieutenant Jenner, seid Ihr es? Wo habt Ihr den l’Horrible?“ rief er herab.

„Schnell ein Tau oder das Fallreep, Sir,“ antwortete dieser; „ich muß zu Euch an Bord!“

Die Treppe fiel nieder; die beiden Männer legten an und stiegen empor.

„Perkins, mein Maate,“ stellte Jenner seinen Begleiter vor. „Herr, Ihr müßt mir augenblicklich Euer Schiff geben,“ setzte er atemlos und in höchster Aufregung hinzu.

„Mein Schiff geben? Wieso – warum?“

„Ich muß dem l’Horrible nach.“

„Ihr müßt – – ich verstehe Euch nicht.“

„Er ist mir gestohlen, geraubt, entführt worden.“

Parker blickte ihm in das Gesicht, wie man einen Wahnsinnigen beobachtet.

„Ihr treibt sonderbaren Scherz, Lieutenant!“

„Scherz? Der Teufel hole Euern Scherz! Mir ist es nicht wie Spaß. Vergiftet, vom Arzte gequält, von der Polizei gemartert und von der Hafenbehörde coujoniert, ist es einem nicht wie Fastnacht spielen.“

„Ihr sprecht in Rätseln.“

„Laßt Euch erzählen!“

Mit fürchterlicher Wut, die ihm die Glieder erbeben machte, trug er das Geschehene vor; er befand sich in einer Verfassung, die ihn zu der blutigsten That befähigt hätte, und schloß mit der Wiederholung:

„Wie gesagt, Ihr müßt mir Euer Schiff geben!“

„Das ist nicht möglich, Sir.“

„Was, nicht möglich,“ rief Jenner mit funkelnden Augen. „Warum?“

„Die Swallow ist mir, dem Lieutenant Parker, anvertraut; ich kann sie nur auf höhern Befehl einem andern überlassen.“

„Das ist schändlich, das ist feig, das ist –“

„Herr Lieutenant – –!“

Jenner fuhr bei dem drohenden Klange dieser Stimme zurück. Er gab sich Mühe, seine Erregung zu bemeistern. Parker fuhr in ruhigerem Tone fort:

„Ich will die Beleidigung als ungeschehen betrachten; der Zorn überlegt nicht, was er spricht. Ihr kennt die Gesetze und die Instruktion ebenso gut wie ich und wißt ganz genau, daß ich das Kommando meines Schiffes aus eignet Macht niemand anvertrauen darf. Doch will ich Euch beruhigen. Ich werde die Verfolgung des l’Horrible schleunigst aufnehmen. Wollt Ihr mich begleiten?“

„Ob ich will? Ich muß ja mit, und wenn es durch tausend Höllen geht!“

„Gut! War der l’Horrible wohl verproviantiert?“

„Auf höchstens noch eine Woche.“

„So ist ihm nichts andres übrig geblieben, als Acapulco anzulaufen; schon Guayaquil oder gar Lima kann er unmöglich erreichen.“

„So werden wir ihn bald haben. Ihr habt ja mir selbst den Beweis geliefert, daß die Swallow dem l’Horrible überlegen ist. Zieht die Anker wieder auf, Sir; vorwärts, fort, fort!“

„Nicht so hastig, Kamerad! Allzuviel Eile ist oft schlimmer als allzu langsam sein. Zunächst habe ich hier einige Geschäfte zu erledigen.“

„Geschäfte? Mein Gott, wer kann in solcher Lage an Geschäfte denken? Wir müssen augenblicklich in See stechen.“

„Nein, ich muß augenblicklich an das Land, um meine Instruktionen in Einklang mit unsrer Aufgabe zu bringen. Sodann habe ich nicht den nötigen Proviant; auch Wasser und Munition fehlt; ein Dampfer muß besorgt werden, der mich gegen die Flut aus dem Hafen bugsiert und – – wie viel Kanonen hat der l’Horrible?“

„Acht auf jeder Seite, zwei im Stern und eine Drehbasse vorn.“

„So ist er mir im Gefecht überlegen. – Forster!“

„Ay, Sir!“ antwortete, näher tretend, der Steuermann, dem von seinem bisherigen Platze aus kein Wort der Unterredung entgangen war.

„Ich gehe zur Meldung an Land und werde bis auf das Quai besorgen, was wir brauchen. Schickt einen Mann dort nach dem Schlepper; er scheint Zeit zu haben und soll sich in einer Stunde vor uns legen. Länger werde ich nicht abwesend sein.“

Well, Sir!“

„Fällt Euch vielleicht etwas ein, was -nötig wäre?“

„Wüßte nicht, Kapt’n. Weiß ganz genau, daß Ihr selbst an alles denkt!“

Parker wollte sich jetzt wieder an Jenner wenden, als einer der Leute meldete:

„Ein Boot am Fallreep, Sir!“

„Was für eins?“

„Civil, acht Personen, auch ein Indianer dabei, wie es scheint.“

Der Lieutenant trat an den Regeling und blickte hinab und fragte:

„Was soll’s, Leute?“

Ich bat in unser aller Namen, an Bord kommen zu dürfen. Es wurde uns gewährt. Als wir uns an Deck befanden, erklärte ich ihm unser Anliegen. Obgleich er eigentlich keine Zeit hatte, hörte er mich ruhig an und gewährte uns dann die Bitte, die Jagd mitmachen zu dürfen. Wir waren acht Personen: der Colonel, sein Neffe, der Steuermann, Holbers, Hammerdull, Potter, Winnetou und ich.

„Laßt euch vom Maate Plätze anweisen!“ sagte Parker. Ach gehe zwar jetzt von Bord, aber in einer Stunde lichten wir die Anker.“

„Nehmt mich mit,“ bat Lieutenant Jenner. „Ich kann Euch bei Euren Besorgungen unterstützen und würde hier vor Ungeduld vergehen!“

„So kommt!“

Beide stiegen in dasselbe Boot, welches Jenner zum Schiff gebracht hatte, und ruderten dem Lande zu. Sie waren kaum von dem Fahrzeuge abgestoßen, als sich auf demselben eine possierlich rührende Scene abspielte.

Peter Polter war vor- und auf den Maate zugetreten.

„Forster, John Forster, alter Swalker, ich glaube gar, du bist Maate geworden!“ rief er aus.

Der Angeredete sah dem schwarzgebrannten und jetzt vollbärtigen Mann verwundert in die Augen.

„John Forster –? Alter Swalker –? Du –? Der nennt mich du und weiß meinen Namen, obgleich ich ihn nicht kenne. Wer bist du, he?“

Heigh-day, kennt der Kerl seinen alten Steuermann nicht mehr, von dem er doch so manchen guten Hieb auf die Nase bekommen hat und – was der Teufel!“

Er trat auf Perkins zu, den er erst jetzt von Angesicht zu sehen bekam.

„Da ist ja auch Master Perkins, oder wie der Mann hieß, den ich damals in Hoboken auf der Swallow herumgeführt habe, und der mich dann zum Lohn dafür bei Mutter Thick fast unter den Tisch getrunken hat!“

Auch dieser sah ihn staunend an. Es war kein Wunder, daß sie ihn nicht erkannten. Die ganze Schiffsmannschaft stand um die Gruppe, und Peter fuhr voll Freude von einem zum andern.

„Da ist der Plowis, der Miller, der Oldstone, der krumme Baldings, der – –“

„Steuermann Polter!“ rief da einer, der es endlich herausgebracht hatte, wer der riesenhafte Fremde sei.

„Polter – Polter, – Hurra, Peter Polter – juch, in die Höhe mit dem alten Kerl, hoch, hoch, hurra!“

So rief, schrie und brüllte es durcheinander; sechzig Arme streckten sich aus; er wurde gefaßt und emporgehoben.

„Hol-la, hol-la, hol-la,“ begann einer mit kräftiger Baßstimme; „hol-la, hol-la,“ fielen die andern im Marschtakte ein; der Zug setzte sich in Bewegung und „hol-la, hol-la“wurde der beliebte Mann mehrere Male rund um das Deck getragen.

Er fluchte, wetterte und schimpfte; er bat, ihn doch herabzulassen; es half nichts, bis endlich der Maate sich unter herzlichem Lachen in das Mittel legte und ihm zum freien Gebrauche seiner Arme und Beine verhalf.

„Steig herab vom Throne, Peter Polter, und komm vor nach dem Kastell. Du mußt erzählen, wo du herumgesegelt bist, du alter Haifisch, du!“

„Ja, ja, ich will, ich will ja erzählen; so gebt mich doch nur endlich frei, Ihr verteufelten Jungens!“ rief er und schlug mit den gewaltigen Armen um Sich, daß die Leute wie schwache Kinder zur Seite flogen.

Unter lautem Lachen und jubeln ward er von der lustigen Rotte Korah, Dathan und Abiram nach dem Vorderdeck gestoßen, geschoben und gezogen und mußte dort wohl oder übel wenigstens in kurzen Umrissen seine Erlebnisse zum besten geben.

Dabei wurde natürlich der Dienst nicht im geringsten versäumt. Der Maate erfüllte den ihm gewordenen Auftrag, und die für die laufenden Arbeiten nötigen Männer sonderten sich von der fröhlichen Gruppe ab, obgleich sie gern bei dem fröhlichen „Tau“ gewesen wären, welches Polter abzuwickeln hatte.

Die Jäger waren stille Zeugen dieser Scene gewesen. Sie gönnten dem braven Seemann, den alle liebgewonnen hatten, den Triumph und machten es sich auf dem Deck so bequem, wie es die ihnen ungewohnten Umstände und Verhältnisse gestatteten.

Der Indianer war noch nie auf einem Schiffe gewesen. Er hatte sich auf die Büchse gestützt und ließ sein Auge langsam und gleichgültig über die ihm fremde Umgebung gleiten. Aber wer ihn kannte, der wußte, daß diese Gleichgültigkeit ein tiefes Interesse verbergen sollte, dem selbst der kleinste Gegenstand nicht entgehen konnte.

Es war noch nicht die Hälfte der anberaumten Stunde vergangen, so wurden drüben am Quai die Proviant- und Munitionsvorräte aufgestapelt, welche der Lieutenant bestellt hatte. Sie wurden in Booten abgeholt und an Bord gewunden. Als Parker zurückkehrte, war man mit dieser Arbeit fertig und der Dampfer rauschte auch bereits heran, um die „Swallow“ in das Schlepptau zu nehmen.

Jetzt war Kapitän und Mannschaft vollständig in Anspruch genommen, doch als die hohe Reede erreicht war, der Dampfer sich verabschiedet hatte und die Segel gehißt und gestellt worden waren, konnte man sich einer ungestörteren Unterhaltung hingeben.

Was die beiden Lieutenants miteinander zu besprechen hatten, war schon während ihrer Abwesenheit vom Schiffe erledigt worden. Jetzt trat Parker zum Steuer, an welchem Peter Polter neben Forster stand.

„Ihr seid Peter Polter?“ fragte er ihn.

„Peter Polter aus Langendorf, Kapt’n,“ salutierte der Gefragte in strammer, dienstlicher Haltung, „Hochbootsmannsmaat auf Ihrer englischen Majestät Kriegsschiffe Nelson, dann Steuermann auf dem Vereinigten-Staaten Klipper Swallow –“

„Und jetzt Steuermann par honneur auf demselben Schiffe,“ fügte der Lieutenant hinzu.

„Kapt’n.“ rief Polter erfreut und schickte sich an, eine Dankesrede zu halten, der Kommandeur aber winkte ihm abwehrend zu.

„Schon gut, Steuermann! Was meint Ihr zu dem Kurs, den der l’Horrible eingeschlagen haben wird?“

Peter Polter merkte recht gut, daß der Lieutenant diese Frage nur aussprach, um seine seemännische Umsicht einer kleinen Prüfung zu unterwerfen. Er fühlte sich vollständig in seinem Elemente und antwortete daher kurz, wie es sich einem Offizier gegenüber schickt:

„Wegen Mangel an Proviant nach Acapulco.“

„Werden wir ihn bis dahin erreichen?“

„Ja, der Wind ist günstig, und wir segeln mehr Knoten als er.“

„Wollt Ihr Euch mit Forster in das Steuer teilen?“

„Gern.“

„So seht gut nach Kompaß und Karte, damit wir strikte Richtung haben!“

Er wollte sich abwenden, wurde aber durch eine ganz unerwartete Frage Peters davon abgehalten-

„Nach Acapulco oder Guayaquil, Sir?“

„Warum Guayaquil?“

„Um ihn zu überholen und von vorn zu nehmen. Er ist uns dann Sicherer, weil er die Verfolger nur hinter sich vermuten kann.“

Parkers Augen blitzten auf.

„Steuermann, Ihr seid kein übler Maate. Ihr habt recht, und ich werde Euch ohne Zögern folgen, obgleich er auf den Gedanken kommen kann, von Acapulco aus uns auf der Sandwich-Route zu entgehen.“

„So müssen wir zwischen dem Süd- und Westkurs kreuzen, bis wir ihn haben.“

„Richtig! Legt zwei Strich nach West hinüber, Forster. Ich werde alle Tücher hissen. Meine Instruktion lautet ungesäumt nach New York zurück, und der Handel mit dem l’Horrible kann nur als kurzes Intermezzo gelten.“

Er sprach das so gelassen, als sei der Weg um Kap Horn bis New York und die Wegnahme eines Piraten eine ganz alltägliche Kleinigkeit. Dann trat er zu der Gruppe der Jäger, welchen er sein Willkommen aussprach und dann ihre Plätze anweisen ließ. Der Indianer schien ihn sehr zu interessieren.

„Hat Winnetou nicht Sehnsucht nach der Heimat der Apatschen?“ fragte er ihn.

„Die Heimat des Apatschen ist der Kampf,“ lautete die stolze Antwort.

„Der Kampf zur See ist schlimmer, als der Streit zu Lande.“

„Der Häuptling des großen Kanoe wird Winnetou nicht zittern sehen!“

Parker nickte; er wußte, daß der Indianer die Wahrheit gesprochen habe.

Die Aufregung, welche der Tag mit sich gebracht hatte, legte sich allmählich, und das Leben am Bord kam gar bald wieder in das gewöhnliche, ruhige Gleis. Tag verging um Tag; einer glich so vollständig dem andern, daß die an die unbeschränkte Freiheit der Prairie gewöhnten Jäger nach und nach an der Langeweile zu leiden begannen.

Die Breite von Acapulco lag schon seit gestern hinter ihnen und Parker befahl, herumzulegen, um beide Kurse, nach Guayaquil und den Sandwichsinseln, im Auge behalten zu können.

Eine sehr stramme Brise hatte sich erhoben und die Sonne sank zwischen kleinen, aber dunklen Wölkchen im Westen.

„Werden morgen eine ganze Handvoll Wind haben, Kapt’n,“ meinte Peter Polter zu Parker, als dieser auf einem Spaziergange über das Deck am Steuer vorbeikam.

„Wäre gut für uns, wenn uns dabei der Kaper in die Hände liefe. Er vermag im Sturm nicht zu manövrieren wie wir.“

„Segel in Sicht!“ ertönte es da vom Masthead herab, wo einer auf dem Ausguck saß.

„Wo?“

„Nordost bei Nord.“

Im Nu war der Lieutenant oben und nahm dem Manne das Glas aus der Hand, um das gemeldete Segel zu beobachten. Dann kletterte er in sichtbarer Hast herab und trat auf das Quarterdeck, wo Jenner ihn erwartete.

„Hand an die Brassen!“ ertönte sein Befehl.

„Was ist’s?“ fragte Jenner.

„Ist nicht genau zu sehen, jedenfalls aber ein Dreimastenschiff wie der l’Horrible. Wir sind kleiner und unter dem Blendstrahle der Sonne; er hat uns also noch nicht gesehen. Ich werde die Segel tauschen.“

„Wie?“

Parker lächelte.

„Eine kleine Einrichtung, die ganz geeignet ist, einen auf größere Entfernung hin unsichtbar zu machen. Hinauf zu den Raaen!“

Wie die Katzen waren die wohlgeschulten Matrosen sofort oben.

„Weg mit Klüver-, Stangen- und Vorstangensegel. Refft und beschlagt!“

Im Nu wurde das Kommando ausgeführt. Das Schiff lief nun mit halber Geschwindigkeit.

„Das schwarze Tuch. Gebt acht!“

Einige dunkle Segel wurden auf dem Deck parat gehalten.

„Tauscht um das Haupt-, Fock- und Bugsegel!“

In wenigen Minuten befand sich dunkle Leinwand an Stelle der lichten. Die Swallow war jetzt für das nahende Schiff unsichtbar.

„Maate, leg um nach Südwest bei Süd!“

Die Swallow ging jetzt langsam vor dem andern Fahrzeuge her. Ihre sämtliche Besatzung hatte sich auf dem Deck versammelt. Parker aber stieg wieder empor, um zu beobachten. Es war über eine halbe Stunde vergangen und die Dunkelheit brach herein, als er wieder herabkam. Sein Gesicht drückte innige Befriedigung aus.

„Alle Mann an Deck!“

Dieses Kommando war eigentlich gar nicht nötig; die Leute standen schon alle um ihn herum.

„Jungens, es ist der l’Horrible. Paßt auf, was ich euch sage!

Mit gespannter Erwartung drängten sie sich näher.

„Ich will den Kampf Bord gegen Bord vermeiden. Ich weiß, daß keiner von euch sich fürchtet, aber ich muß ihn unbeschädigt haben. Er hat sich außer Völkerrecht gestellt und soll als Räuber behandelt werden. Wir werden ihn mit List nehmen.“

„Ay, ay, Kapt’n, so ist’s recht!“

„Wir haben Neumond und die See ist schwarz. Wir treiben bloß mit dem Hauptsegel vor ihm her; er muß uns für notleidend halten, wird beidrehen und uns als gute Prise betrachten.“

„So ist’s!“ klang es zustimmend.

„Ehe er uns ansegelt, setzen wir die Boote aus. Der Maate behält die Swallow mit nur sechs Mann. Wir andern gehen fertig zum Entern in die Boote, und während er vom Back sich mit dem Schiff beschäftigt, steigen wir vom Steuer auf sein Deck. Jetzt macht euch fertig!“

Es war ein gewagter Plan, den der kühne Mann entworfen hatte, aber er traute den Umständen und seinem guten Glücke, welches ihn bisher noch nie verlassen hatte.

Während die Swallow in langsamer Fahrt durch die Wogen strich, schoß der l’Horrible mit seiner gewöhnlichen Geschwindigkeit vorwärts. Es war Nacht geworden, kein Segel zu erblicken gewesen und die Besatzung fühlte sich vollständig sicher. Sanders hatte soeben eine Unterredung mit seiner Gefangenen gehabt, resultatlos wie immer, und schickte sich nun an, die Ruhe zu suchen, als plötzlich aus ziemlicher Entfernung ein matter Schuß ertönte.

Schnell war er an Deck. Ein zweiter Schuß ließ sich hören; ein dritter folgte.

„Notschüsse, Kapt’n,“ meinte der lange Tom, der in seiner Nähe stand.

„Wäre es hinter uns, so könnte es eine Kriegslist sein, vor uns aber ist das ganz unmöglich. Jedenfalls ist es ein verunglücktes Fahrzeug ohne Masten, sonst hätten wir vor Abend seine Segel sehen müssen. Constabel, eine Rakete und drei Schüsse!“

Die Rakete stieg empor und die Schüsse krachten. Die Notzeichen des andern Fahrzeugs wiederholten sich.

„Wir kommen näher, Tom; es wird eine Prise, nichts weiter.“ Er zog das Nachtrohr an das Auge. „Schau, dort liegt es; es trägt nur ein altes Hauptsegel. Die Luft ist etwas steif, aber ich werde beidrehen, um mit ihm zu sprechen!“

Er gab die nötigen Befehle; die Segel fielen; das Schiff drehte sich herum und trieb dann in geringer Entfernung neben der Swallow her.

„Ahoi, welch ein Schiff?“ tönte es herüber.

Fast die ganze Besatzung des I’Horrible hatte sich nach Backbord gedrängt.

„Vereinigte-Staaten-Kreuzer. Was drüben für eins?“

„Vereinigte-Staaten-Klipper Swallow Lieutenant Parker,“ ertönte es statt von drüben an der Steuerbordseite des l’Horrible.

Eine wohlgezielte Salve krachte mitten unter die Briganten hinein, und dann stürzte sich eine Schar dunkler Gestalten auf sie, die einen Überfall für unmöglich gehalten hatten und nicht einmal notdürftig bewaffnet waren. Parker hatte seinen Plan ausgeführt, die Boote ausgesetzt und war von der unbeobachteten Seite an den l’Horrible gekommen, den er enterte.

Nur eine einzige Person hatte das Nahen der Kähne bemerkt – die Miß Admiral. Kaum hatte der Kapitän die Thür hinter ihr verschlossen, so richtete sie sich trotz ihrer Fesseln unter unsäglicher Mühe empor und trat an die Wand der Koje, in welcher sie einen langen, scharfkantigen Nagel entdeckt hatte. Schon mehrere Nächte lang hatte sie gearbeitet, um an demselben ihre Banden zu durchreiben, und heut, so weit war es bereits gediehen, mußte sie frei von ihnen sein. Schon befand sie sich in voller Thätigkeit, als die drei Schüsse ertönten; dann vernahm sie das Rauschen nahender Ruderschläge.

Was gab es? Einen Überfall? Einen Kampf? Die Rettung Notleidender? jeder dieser Fälle war geeignet, ihr Vorhaben zu unterstützen. Fünf Minuten fürchterlicher Anstrengung machten ihr die Hände frei und schon fielen die Bande auch von ihren Füßen, als droben auf dem Verdeck Revolverschüsse krachten und sich das Getrampe eines entsetzlichen Faustkampfes erhob. Sie fragte sich nicht nach der Ursache desselben; sie wußte, daß Sanders noch oben sei. Mit einem kräftigen Tritte sprengte sie die Thür zur Kajüte auf und riß von den an der Wand hängenden Waffen so viele herunter, als sie brauchte, um für alle Fälle gerüstet zu sein. Dann warf sie einen forschenden Blick durch die Steuerbordluke hinaus auf das Wasser. Drei Boote hingen an einem Tau, welches man unvorsichtigerweise bei Einbruch der Nacht nicht eingezogen hatte.

„Überfallen,“ murmelte sie. „Von wem? Ha, das ist die Strafe! Der l’Horrible ist wieder verloren, und ich werde diesen Sanders selbst an das Messer liefern. Noch sind die Gefangenen nicht übergetreten! Ich werde sie befreien und dann fliehen. Wir befinden uns unter der Breite von Acapulco. Komme ich unbemerkt in ein Boot, so bin ich in zwei Tagen am Lande!“

In einer Ecke der Kajüte stand ein kleiner Handkoffer. Sie nahm einen Teller voll Biskuits und zwei Flaschen Limonade auf, die auf dem Tische standen; dann öffnete sie das geheime Fach und entnahm ihm seinen Schatz, den sie auch im Koffer verbarg. Nun schlich sie sich nach oben bis zur Luke, um zu rekognoszieren. Die Räuber waren überfallen und auf das Hinterdeck gedrängt; sie mußten unterliegen.

Rasch tauchte sie wieder unter das Deck, begab sich nach dem Kielraum und riß -den Riegel von der Luke, die ihn verschloß.

„Seid ihr wach?“ fragte sie die gefangene vorige Bemannung des l’Horrible.

„Ja, ja. Was ist oben los?“

„Die Piraten sind überfallen. Seid ihr gefesselt?“

„Nein.“

„So eilt nach oben, und thut eure Schuldigkeit! Doch, halt, wenn der schwarze Kapitän diesen Abend überlebt, so sagt ihm, die Miß Admiral läßt ihn grüßen!“

Sie sprang voraus, eilte in die Kajüte zurück, ergriff den Koffer und stieg an Deck, Sie erreichte unbemerkt den Regeling. Die eine Hand zwischen die Angriffe des Koffers steckend, wollte sie sich an dem Tau zu den Booten hinabturnen; da wurde sie gefaßt. Peter Polter hatte sie gesehen, sprang herbei und packte sie von hinten.

„Halt, Bursche!“ rief er. „Wohin willst du mit diesem Koffer segeln? Bleib noch ein wenig da!“

Sie antwortete nicht, gab sich aber alle Mühe, sich ihm zu entreißen, vergeblich. Gegen seine Riesenkraft konnte sie nicht aufkommen. Er hielt sie so fest, daß sie sich nicht rühren konnte, und rief einige Kameraden herbei, von denen sie gebunden wurde. Freilich ahnten sie noch nicht, was für einen Fang sie da gemacht hatten.

Sanders war durch den Überfall in eine fürchterliche Überraschung versetzt worden, hatte sich jedoch rasch gesammelt.

„Herbei zu mir!“ schrie er, zum Hauptmaste springend, um für sich und die Seinen eine feste Position zu gewinnen.

Die Untergebenen folgten seinem Rufe.

„Wer Waffen trägt, hält stand; die andern durch die Hinterluke nach den Enterbeilen!“

Es war der einzige Rettungsweg, den diese Worte vorschrieben. Während die wenigen, welche zufälligerweise mit Waffen versehen waren, sich dem andringenden Feinde entgegenwarfen, eilten die übrigen nach unten und kehrten im Handumdrehen zurück, mit Dolch und Enterbeil bewaffnet.

Obgleich der erste Angriff seine Opfer gefordert hatte, waren die Räuber der Besatzung der Swallow an Zahl noch weit überlegen, und es entspann sich ein Kampf, der um so fürchterlicher war, als seine Einzelheiten und das Terrain nicht zu überblicken waren.

„Fackeln herbei!“ brüllte Sanders.

Auch dieser Befehl wurde ausgeführt. Kaum aber verbreitete sich der Schein des Lichtes über die blutige Scene, so fuhr der Kapitän zurück, als habe er ein Gespenst erblickt. War’s möglich? Grad vor ihm, den Tomahawk in der Rechten, das Skalpmesser in der Linken, stand Winnetou, der Häuptling der Apatschen, und an seiner Seite wehte das weiße, mähnenartige Haar von Sam Fire-gun.

„Die weiße Schlange wird ihr Gift hergeben!“ rief der erstere, warf die im Wege Stehenden auf die Seite und faßte Sanders an der Kehle. Dieser wollte den Feind abschütteln; es gelang ihm nicht; auch der Colonel hatte ihn ergriffen; er fühlte sich emporgehoben und zu Boden geschmettert, dann vergingen ihm die Sinne.

Die Überrumpelung war über die Räuber gekommen wie ein wirrer, angstvoller Traum; die Überraschung hielt ihre Kräfte gefangen, und der Fall ihres Anführers raubte ihnen sowohl den Zusammenhalt als auch den letzten Rest von Mut.

In diesem Augenblicke öffnete sich die Luke und spie die gefangene Mannschaft des l’Horrible aus. Der erste, den der vorderste von diesen Leuten erblickte, war Lieutenant Jenner.

„Hurra, Lieutenant Jenner, hurra, drauf auf die Halunken!“ schrie er.

Ein jeder raffte von den umherliegenden Waffen auf, was ihm in die Hand kam; die Räuber gerieten zwischen zwei Treffen; sie waren verloren.

Zwei standen, Rücken an Rücken, mitten unter ihnen; wer ihnen zu nahe kam, büßte mit dem Tode. Es waren Hammerdull und Holbers. Da drehte der letztere den Kopf zur Seite, damit er von dem Gefährten verstanden werde.

„Dick, wenn du denkst, daß dort der Schuft, der Peter Wolf steht, so habe ich nichts dagegen.“

„Der Peter – verdammter Name, ich bringe ihn niemals fertig. Wo denn?“

„Dort an dem Hickorybaum, den diese wunderlichen Leute Mast nennen.“

„Ob Mast oder nicht, das bleibt sich gleich. Komm, altes Coon, wir fangen ihn lebendig!“

Noch ein andrer hatte Letrier bemerkt, nämlich Peter Polter, der Steuermann. Dieser hatte Messer, Revolver und Enterbeil zur Seite gethan und eine Handspeiche ergriffen, die ihm geläufiger war. Jeder Hieb mit derselben streckte einen Mann nieder. So hatte er sich eine Strecke in den dicht zusammengedrängten Haufen der Räuber hineingekämpft, als er Letrier erblickte. Im nächsten Augenblicke stand er vor ihm.

Mille tonnerre, der Jean! Kennst du mich, Spitzbube?“ fragte er.

Der Gefragte ließ den erhobenen Arm sinken und wurde leichenblaß, er hatte einen Gegner erkannt, dem er nicht zur Hälfte gewachsen war.

„Komm her, mein junge, ich will dir sagen, was die Glocke geschlagen hat!“

Er faßte ihn beim Schopf und bei den Hüften, riß ihn empor und schleuderte ihn mit solcher Macht an den Besan, um welchen das Handgemenge jetzt tobte, daß es laut krachte und er wie zerschmettert und zermalmt zur Erde stürzte. Die beiden Jäger kamen zu spät.

Nun endlich sahen die Piraten ein, daß nicht die leiseste Hoffnung mehr für sie vorhanden sei, und streckten die Waffen, obgleich sie auch dadurch ein Anrecht auf Gnade nicht erlangen konnten.

Ein vielstimmiges Hurra scholl über das Deck; die Swallow antwortete mit drei Kanonenschüssen; sie hatte ihren Ruf gerechtfertigt und ihren bisherigen Ehren eine neue, größere hinzugefügt. – – –

Und jetzt, Gentlemen, machen wir einen dritten Sprung; es ist der letzte, aber dafür auch der größeste, denn er führt uns aus dem Stillen Meere nach dem Atlantischen Ocean, nämlich nach Hoboken, der Schwesterstadt von New York. Dort giebt es, grad so wie hier, auch eine liebe, gute Mutter Thick, die von den bei ihr verkehrenden Seeleuten hoch verehrt wird und das Gesicht eines jeden kennt, der einmal bei ihr gewesen ist. Die Gleichheit der Namen ist nichts Auffälliges, denn der amerikanische Seemann pflegt jede wohlbeleibte Wirtin gern Mutter Thick zu nennen. Von dieser Hobokener Wirtin war der Steuermann Peter Polter stets ein besonderer Lieblingsgast gewesen.

An dem Tage, den ich meine, beschäftigte sich die allgemeine Unterhaltung in ihrem Lokale mit den politischen und kriegerischen Neuigkeiten des Tages. Der Aufstand der Südstaaten hatte von Tag zu Tag an Ausdehnung gewonnen, und das Glück war den Sklavenbaronen bis jetzt in auffälliger Weise treu und günstig gewesen. Nur sehr vereinzelte kleine Episoden von geringer Tragweite ließen ahnen, daß der Norden sich die Zuneigung der wetterwendischen Göttin wohl noch erobern werde, und je seltener diese Ereignisse waren, mit desto größerem Jubel wurde die Kunde von ihnen von denjenigen aufgenommen, deren Ansichten mit der ebenso humanen, wie thatkräftigen Politik des Präsidenten Abraham Lincoln übereinstimmten.

Da öffnete sich die Thür; einige Seeleute traten ein, welche sich ganz augenscheinlich in einer angenehmen Aufregung befanden.

„Holla, ihr Mannen, wollt ihr hören, was es für eine Neuigkeit giebt?“ fragte einer von ihnen, indem er um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, mit der gewichtigen Faust auf den ihm am nächsten stehenden Tisch schlug, daß es krachte.

„Was ist’s –? Was soll es sein –? Was giebt’s –? Heraus damit; erzähle!“ rief es von allen Seiten.

„Was es giebt, oder vielmehr, was es gegeben hat? Nun, was denn anders als ein Seegefecht, ein Treffen, welches seinesgleichen sucht.“

„Ein Seegefecht – ein Treffen –? Wo – wie – wann – zwischen wem?“

„Wo? – auf der Höhe von Charlestown. Wie? – verteufelt wacker. Wann? – den Tag weiß ich nicht, vor ganz kurzem jedenfalls. Und zwischen wem? – ratet einmal!“

„Zwischen uns und den Rebellen!“ rief einer.

Alles lachte. Der Angekommene lachte mit und rief:

„Schau, was du für ein kluger und gescheiter junge bist, so etwas Schwieriges sofort zu erraten! Daß es zwischen uns und dem Süden sein muß, das ist ja so flüssig wie Seewasser; aber wie die Schiffe heißen, he, das wird deine Weisheit wohl nicht so schnell finden!“

„Welche sind es? Wie heißen sie, und wer hat gesiegt?“ klang rund umher die stürmische Aufforderung.

„Was das Widderschiff Florida ist – –“

„Die Florida ist’s gewesen?“ unterbrach ihn Mutter Thick, indem sie sich mit ihren dicken Armen durch die Gäste Bahn brach, um in die unmittelbare Nähe des Berichterstatters zu gelangen. „Die Florida ist das neueste, größte und stärkste Fahrzeug des Südens und soll mit seinem Teufelssporn vollständig unwiderstehlich sein. Es ist aus lauter Eisen gebaut. Wer hat es gewagt, diesen Leviathan anzugreifen?“

„Hm, wer? Ein kleiner Lieutenant mit einem ebenso kleinen Schiffe, der noch dazu nur ein Klipper ist und sich um Kap Horn herum müd gesegelt hat. Ich meine die Swallow, Lieutenant Parker.“

„Die Swallow – Lieutenant Parker –? Unmöglich! Gegen die Florida können zehn Linienschiffe nichts ausrichten, wie soll es da einem Klipper in den Sinn kommen, ein solches Ungeheuer – –“

„Stopp!“ fiel da Mutter Thick dem Sprecher in die Rede. „Sei still mit deinem Klipper, von dem du nichts verstehst. Ich kenne die Swallow und auch den Parker, der mehr wert ist als alle deine zehn Linienschiffe zusammengenommen. Ein guter Seemann weiß, daß die Größe allein keinen Ausschlag giebt; es kommen vielmehr eine Menge andrer Umstände in Betracht, die es dem kleinen David möglich machen, den großen Goliath zu Fall zu bringen, wie es ja auch sogar in der Bibel zu lesen ist. Aber die Swallow ist ja in den Gewässern von Kalifornien, he?“

„Gewesen – gewesen, hat aber Ordre erhalten, um das Kap nach New York zu gehen. Sie muß ein ganz vertracktes Fahrzeug sein; ihr habt ja doch alle die Geschichte von dem l’Horrible gehört, den der schwarze Kapitän von der Reede von San Francisco weggenommen hatte und den der Parker so prachtvoll wieder holte. Beide, die Swallow und der l’Horrible, haben von da an zusammengehalten, sind vom Süden herauf, an Brasilien vorüber und bis auf die Höhe von Charlestown gesegelt und da auf die Florida gestoßen, die sofort die Jagd auf sie begonnen hat. Parker hat das Kommando der beiden Segler gehabt, den l’Horrible scheinbar zur Flucht auf die hohe See hinaus dirigiert und der Swallow die Stangen und Spieren nebst dem Segelwerke heruntergenommen, so daß es geschienen hat, als sei sie von Sturm und Wetter so fürchterlich mitgenommen, daß sie lahm gehe und der Florida in die Hände fallen müsse.“

„Ja, ein Teufelskerl dieser Parker!“ meinte Mutter Thick. „Weiter, weiter!“

„Das Widderschiff hat sich wirklich täuschen lassen und ist der Swallow bis in die Untiefen von Blackfoll gefolgt, wo es sich festgeritten hat. Nun erst hebt Parker die Stangen und Spieren, zieht die Leinwand auf, ruft den l’Horrible herbei und beginnt ein Bombardement auf den hilflosen Koloß, welches ihm den Rest gegeben hat. Einer der ersten Schüsse hat ihm das Steuer fortgenommen; es ist sogar zum Entern gekommen und dabei teufelsmäßig blutig hergegangen; aber die Florida liegt auf dem Grund, und die beiden andern sind bereits unterwegs und können jeden Augenblick hier Anker werfen.“

„Beinahe unglaublich! Wo hast du es her?“

„Hab’s auf der Admiralität gehört, wo man es sicher schon seit längerer Zeit wüßte, wenn die Telegraphen nicht von den Rebellen zerstört worden wären.“

„Auf der Admiralität? Dann ist’s auch wahr, und ich will es dem armen Jenner vom l’Horrible gönnen, daß es ihm auf diese Weise gelungen ist, die Scharte wegen des schwarzen Kapitäns so leidlich auszuwetzen.“

„Ja, das ist nun endlich einmal eine Kunde, die das Herz erfreut und die Seele erhebt,“ meinte die Wirtin. „Hört, Jungens, ich werde euch ein Gratisfäßchen anstecken lassen; trinkt, so lange es euch schmeckt, auf das Wohl der Vereinigten Staaten, des Präsidenten, der Swallow und – und -und – –“

„Und auf das Wohl von Mutter Thick!“ rief einer, das Glas erhebend.

„Hoch, vivat Mutter Thick!“ antwortete es von allen Ecken und Enden.

„Hoch, Mutter Thick, vivat, alte Schaluppe!“ rief auch eine dröhnende Baßstimme unter der geöffneten Thür.

Alle wandten sich nach dem Manne um, welcher eine so außerordentlich kräftige Kehle besaß. Kaum aber hatte die Wirtin ihn erblickt, so eilte sie mit einem Ausrufe der freudigsten Überraschung auf ihn zu.

„Peter, Peter Polter, tausendmal willkommen in Hoboken! Wo kommst du denn her, alter junge? Aus dem Westen?“

„Ja, tausendmal willkommen in Hoboken,“ antwortete er. „Komm, ich muß dich wieder einmal in meine Arme quetschen; gieb mir einen Kuß! Halte-là, heigh day, – heda, ihr Leute, laßt mich doch einmal hindurch. Komm her an meine Weste, mein Bijou!“

Er warf die im Wege Stehenden wie Spreu auseinander, faßte die Wirtin bei der umfangreichen Taille, hob sie trotz ihrer Schwere zu sich empor und drückte ihr einen schallenden Schmatz auf die Lippen.

Sie litt diese Liebkosung trotz der vielen Zeugen so ruhig, als sei dieselbe etwas ganz Alltägliches und Selbstverständliches, dann wiederholte sie die schon einmal ausgesprochene Frage nach dem Woher.

„Woher? Na, woher denn anders als auf der Swallow um Kap Horn herum!“

„Auf der Swallow?“ rief es aus aller Lippen.

„Ja, wenn es euch recht ist, ihr Leute.“

„So wart Ihr auch mit gegen die Florida?“

„Versteht sich! Oder meint ihr etwa, daß der Peter Polter aus Langendorf sich vor der Florida fürchtet?“

„Erzählt, Master, erzählt! Was seid Ihr auf dem Schiffe? Ist es schon hier oder – –“

„Stopp! Euch fahren ja die Fragen aus dem Munde, wie die Jodler dem Schiffsjungen, wenn er Prügel bekommt. Ich werde euch meine Leine ganz nach der richtigen Ordnung abwickeln. Ich bin der Peter Polter aus Langendorf, Hochbootsmannsmaat auf ihrer englischen Majestät Kriegsschiff Nelson, dann Steuermann auf dem Vereinigten-Staaten-Klipper Swallow, dann deutscher Polizeilieutenant in der Prairie, nachher wieder Steuermann und zwar par honneur auf der Swallow, und bin nun jetzt – –“

„Gut, gut, Peter,“ fuhr ihm Mutter Thick dazwischen, „das hat nachher auch noch Zeit; vor allen Dingen aber komme ich mit meinen Fragen; die sind notwendiger als alles andre. Du hast mir von Valparaiso aus einen Brief geschrieben, in dem so viele Namen und Geschichten und Schreibfehler vorkamen, daß ich es mir anfänglich gar nicht zurechtlegen konnte. Wie steht es mit all den Leuten, die bei dir waren? Wo sind sie jetzt? Wie war es mit dem Wallerstein, dem Heinrich Sanders und Peter Wolf? Was ist’s mit dem l’Horrible und dem schwarzen Kapitän? Ich denke, ihr suchtet ihn im Westen, und doch hörte ich, daß ihn die Swallow zur See gefangen hat! Habt ihr den Sam Fire-gun, oder wie er hieß, getroffen und war es auch der richtige Onkel? Wie steht es mit dem deutschen Polizisten? Und in welcher Gegend habt ihr denn eigentlich – –“

„Bist du bald fertig, Alte,“ rief lachend der Steuermann, „oder hast du noch genug Atem, um in dieser Weise noch einige Stunden fort zu schwadronieren? Heilige Flattuse, hat dieses Frauenzimmer ein Schnatter- und Plapperwerk! Gieb einen vollen Krug her; eher bekommst du keine Antwort! Vorher aber will ich diesen Gentlemen die Geschichte mit der Florida erzählen. Das andre ist nicht für jedermann; das sollst du drin in der andern Stube hören.“

„Nicht einen Tropfen bekommst du, bis ich wenigstens nur ein klein wenig weiß, woran ich bin!“

„Neugierde, die du bist! So frage noch einmal, aber einzeln und kurz!“

„Der Wallerstein? wo ist er?“

„Auf der Swallow.“

„Der Polizist?“

„Auf der Swallow.“

„Der schwarze Kapitän?“

„Auf der Swallow gefangen.“

„Der böse Jean?“

„Auch.“

„Der Onkel Sam Fire-gun?“

„Ist auch da.“

„Lieutenant Parker?“

„Natürlich auch, aber verwundet.“

„Verwundet? Mein Gott, ich hoffe doch nicht, daß –“

„Papperlapapp! Ein paar Schrammen, weiter nichts; er wird für einige Zeit Urlaub nehmen müssen. Es ging ein wenig heiß her auf der Florida, aber wir haben da drinnen in der verdammten Prairie noch ganz andre Dinge durchmachen müssen. Zum Beispiel mein Pferd, der Racker, war ein wahrer Dämon von einem satanischen Drachen und ich kann heut noch nicht sagen, ob ich mir nicht einige Schock Knochen aus dem Leibe herausgeritten habe. Doch, du wolltest ja f tagen!“

„Wo ist die Swallow?“

„Sie kreuzt bei widrigem Winde draußen vor dem Lande; der Forster steht am Steuer. Unterdessen ging der Kapt’n auf einem Dampfboote mit mir herein, um seine Meldung zu machen, während ich hier auf ihn warte.“

„Du wartest auf ihn? Hier bei mir? So wird er hier vorsprechen?“

„Versteht sich! Ein braver Seegaste kehrt zu allererst bei Mutter Thick ein, wenn er in New York vor Anker geht. Und in einer Stunde ist die Swallow im Hafen, da kommen noch andre auch herbei, der Pitt Holbers-“

„Pitt Holb – –“

„Der Dick Hammerdull –“

„Dick Hammerd – –“

„Der Colonel Fire-gun –“

„Colonel Fire-gun –“

„Der Wallerstein, Treskow, der kleine Bill Potter, Winnetou, der Häuptling der Apatschen und –“

„Winnetou, der Häupt – –“

Die Namen blieben der guten Mutter Thick im Munde stecken, so überrascht war sie, eine so interessante Gesellschaft von Männern bei sich zu sehen. Plötzlich aber besann sie sich glücklicherweise auf ihre Pflicht als Wirtin.

„- ling der Apatschen,“ fuhr sie daher in ihrem Ausrufe fort. „Aber, da stehe ich und faulenze, und in einer Stunde habe ich die Sirs zu bedienen! Ich eile, ich fliege, ich gehe, Peter, um mich auf sie vorzubereiten. Erzähle einstweilen diesen Leuten hier die Geschichte von der Florida, die ihr auf den Grund gebohrt habt!“

„Ja, das werde ich, aber sorge dafür, daß ich immer etwas im Kruge habe, denn ein Seegefecht muß auch in der Erzählung feucht gehalten werden!“

„Keine Angst, Steuermann,“ wurde er von den andern getröstet; „wir werden Euch schon mit begießen helfen!“

„Schön, gut! Also hört, ihr Mannen, wie es mit der Florida zuging: Wir hatten den Äquator und nachher die Antillen längst hinter uns, doublierten den Finger vor Florida und näherten uns dann Charlestown. Natürlich hielten wir uns so weit wie möglich in die See hinaus, denn Charlestown gehört den Südstaaten, die ihre Kaper und Kreuzer weit hinausschicken, um jeden ehrlichen Nordländer wegzufangen.“

„War der l’Horrible, mit?“

„Versteht sich. Er war von Anfang an uns stets in unserm Kielwasser gefolgt, weshalb wir immer nur halbe Segel nehmen durften, da wir besser fuhren. So kamen wir glücklich und ungesehen vorwärts und hatten endlich auch Charlestown hinter uns, weshalb wir wieder mehr auf das Land zuhielten.“

„Da traft ihr nun auf die Florida?“

„Wart’s ab, Grünschnabel! Da stehe ich eines Morgens am Steuer – ihr müßt nämlich wissen, daß ich vom Kapt’n die Stelle eines Steuermanns par honneur bekam, wie ich euch schon vorhin sagte – und denke eben an Mutter Thick und was für Freude sie haben werde, wenn ich wieder einmal bei ihr sein darf; wir segeln ein weniges voraus, während der l’Horrible uns mit voller Leinwand folgt, da ruft der Mann vom Ausguck:

„Rauch Nordost bei Ost!“

Ihr könnt euch denken, daß wir sofort alle Mann auf Deck waren, denn mit einem Dampfer, wenn er die feindliche Flagge trägt, ist nicht gut spaßen. Der Kapt’n ist auch sofort oben am Masthead und zieht das Rohr; dann schüttelt er den Kopf, steigt wieder herab und läßt ein Reff legen, damit der l’Horrible in Sprachweite an uns komme. Als dies geschehen ist, ruft er hinüber:

„Dampfer gesehen, Lieutenant?“

„Ay, Sir!“

„Was wird’s für einer sein?“

„Weiß nicht,“ antwortete Lieutenant Jenner; „das Fahrzeug hat weder Mast noch Rumpf; es geht tief, sehr tief, Sir.“

„Wird eins von den südstaatlichen Widderschiffen sein. Wollt Ihr ihm aus dem Wege gehen?“

„Ich thue, was ihr thut.“

„Gut; sehen wir uns den Mann ein wenig an!“

Well, Sir; aber wir sind um das Zehnfache zu schwach.“

„Schwächer, aber schneller. Wer kommandiert?“

„Ihr.“

„Danke! Wir lassen ihn heran; zieht er die feindliche Flagge, so flieht Ihr langsam vor ihm in die Lee; ich sorge dafür, daß er sich an mich hält und führe ihn auf den Sand. Dann kommt Ihr und laßt ihn Eure Kugeln schmecken!“

Well, Well! Noch etwas?“

„Nein!“

Darauf ziehen wir die großen Segel auf, nehmen das kleine Werk samt Stangen und Spieren herab, so daß es aussieht, als hätten wir im Sturm Havarie erlitten und könnten nicht von der Stelle, und lassen den Mann auf Schußweite an uns herankommen. Er giebt das Signal zum Hissen der Flagge; wir ziehen die Sterne und Streifen, er aber läßt die südstaatlichen Fetzen sehen. Es war das neue Widderschiff Florida, mit Doppelpanzer und einem Spießhorne, mit welchem es die beste Fregatte in Grund und Boden rennen kann.“

„Und an den habt Ihr Euch gewagt?“

„Pah, ich bin der Peter Polter aus Langendorf und habe mich mit den schuftigen Ogellallahs herumgehauen. Weshalb sollte ich mich da vor so einer Blechkanne fürchten? Ein gutes Holzschiff ist besser als so ein Eisenkasten, von dem man sich nicht einmal einen elenden Zahnstocher herunterschlitzen kann. Unser Admiral Farragut sagt auch so.

Also er fordert uns auf, uns zu ergeben, wir aber lachen und schießen unter seinen Kugeln vorüber. Er wendet, um uns nachzukommen und uns den Sporen in das Holz zu rennen; ich werfe das Steuer herum und weiche ihm aus; er wendet abermals; ich halte von ihm ab; so geht es unter Wenden und Ausweichen fort, bis er in die Hitze kommt und die Klugheit vergißt. Seine Kugeln haben uns nichts gethan; sie gehen über uns hinweg; er aber ist uns unbesonnen bis in die Nähe der Küste gefolgt und läuft dort auf eine Sandbank, an der wir vorüberschlüpfen, weil wir nicht so tief in Wasser gehen.“

„Bravo, hallo; die Swallow soll leben!“

„Ja, sie soll leben, Jungens, trinkt!“

Nachdem er selbst einen unvergleichlichen Zug gethan hatte, der den Boden des Kruges zum Vorschein brachte, fuhr er fort:

„Jetzt gehen wir an seinen Stern, und während seine Mannen sich alle im Raume unter dem Wasserspiegel befinden, schießen wir ihm das Steuer weg, so daß er vollständig verloren ist. Der l’Horrible kommt auch herbei; die Florida kann sich nicht verteidigen; sie scheuert sich im Sande wund; das Wasser dringt ein; wir helfen nach – dann streicht sie die Flagge. Sie muß sich ergeben; wir nehmen ihre Leute an Bord, und kaum ist dies geschehen, so legt sie sich auf die Seite: die Wogen haben sie gefressen.“

„Holla, so ist’s recht. Dreimal hoch die Swallow

„Danke euch, Jungens, aber vergeßt auch den l“Horrible nicht; er hat das Seinige auch gethan.“

„Schön. Ein Hoch dem l’Horrible. Stoßt an!“

Die Krüge klirrten zusammen. Da ertönten draußen einige Salutschüsse, ein Zeichen, daß ein Schiff in den Hafen laufe, und gleich darauf vernahm man ein vieltöniges Stimmengewirr und ein Rennen durch die Straße, als ob ein außerordentliches Ereignis bevorstehe. Peter Polter erhob sich, trat an das Fenster und öffnete dasselbe.

„Holla, Mann, was giebt’s hier zu laufen?“ fragte er, indem er einen Vorübereilenden beim Arme erfaßte.

„Eine frohe Botschaft, Master: Die Swallow läuft soeben in den Hafen, welche das famose Rencontre mit der Florida gehabt hat. Alle Schiffe haben augenblicklich gewimpelt und geflaggt, um den tapfern Kapitän zu ehren, und jedermann eilt, die Landung zu betrachten.“

„Danke, Master!“

Er schlug das Fenster zu und bemerkte im Umdrehen, daß sämtliche Gäste auf die erhaltene Auskunft hin sofort ihre Plätze verlassen hatten und sogar das Freibier vergaßen, um der Landung des berühmten Schuners beizuwohnen.

„Immer lauft,“ lachte er; „werdet nicht gar viel zu sehen bekommen. Der Kapt’n ist schon am Lande, und die vom Bord gehen, das sind keine echten Seegasten, obgleich sie mitgemacht haben, daß es gewettert hat. Ich bleib bei meiner Mutter Thick, wo ich den Mr. Parker erwarten muß.“

Es verging doch eine geraume Zeit, ehe der Genannte kam, und noch hatte er die Thür nicht verschlossen, so nahte sich ein lärmendes Rufen und jauchzen dem Hause. Eine Menge Volkes kam vom Hafen her, voran diejenigen Männer, welche von der Swallow an das Land gegangen waren. Sie traten gleich hinter Parker in die Stube, und das Volk drängte hinter den Helden des verwegenen Seegefechtes her, daß der Raum die Gäste gar nicht zu fassen vermochte. Die resolute Wirtin, welche unterdessen mit ihren Vorbereitungen zu Ende gekommen war, wußte sich schnell zu helfen. Sie öffnete das Ehrenzimmer, schob sich mit den Erwarteten hinein und verschloß dann die Thür, die Bedienung der andern ihrem Personale überlassend.

Welcome, Sir!“ lautete ihre freudige Anrede zu Parker, der ihr als alter Bekannter freundlich die Hand reichte.

Auch die andern wurden mit einem herzlichen Handschlag begrüßt. Sie mußten Platz nehmen und brauchten bloß zuzugreifen, so umsichtig war in der kurzen Zeit für alles Wünschenswerte gesorgt worden.

„Mutter Thick, du bist doch die trefflichste Brigantine, der ich jemals in die Arme gesegelt bin!“ rief der Steuermann. „In dieser armseligen Prairie gab’s nichts als Fleisch, Pulver und Rothäute; auf der See ging es auch knapp her, da wir zu viel hungrige Magen geladen hatten, bei dir aber ißt und trinkt sich’s wie beim großen Mogul oder wie der Kerl heißen mag, und wenn ich nur eine Woche hier vor Anker liege, so lasse ich mich hängen, wenn ich nicht einen Schmeerbauch habe, wie da dieser fette Master Hammerdull.“

„Ob fett oder nicht, das bleibt sich gleich,“ meinte dieser, wacker zulangend, „wenn man nur einen guten Bissen zwischen die Zähne bekommt. Ich hab’s nötiger wie ihr andern alle, denn seit ich meine alte, gute Stute in Francisco lassen mußte, bin ich vor Sehnsucht nach dem lieben Viehzeug ganz vom Fleisch gefallen. Ist’s nicht wahr, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, Dick, daß dich die Stute dauert, so habe ich nichts dagegen. Es geht mir ja mit meinem Tier ganz ebenso. Wie ist’s bei dir, Bill Potter?“

„Bei mir? Wo mein Pferd steckt, ist mir sehr gleichgültig, hihihihi; die Hauptsache ist, daß mir’s bei Mutter Thick gefällt.“

„So ist’s recht,“ stimmte die Wirtin bei; „greift zu, so viel und lang es euch beliebt. Aber vergiß dabei auch dein Versprechen nicht, Peter!“

„Welches?“

„Daß du erzählen wolltest.“

„Ach so! Na, wenn du tüchtig einschenkst, so soll es mir auf einige Worte mehr nicht ankommen, die ich zu reden habe.“

Während er kauend von den erlebten Abenteuern berichtete, saß Winnetou an seinem Platze und sprach den ihm ungewohnten Speisen der Bleichgesichter mit höchster Mäßigkeit zu. Den Wein rührte er gar nicht an. Er wußte, daß das Feuerwasser der schlimmste Feind seines Volkes gewesen war; darum haßte und verschmähte er es. Seine Aufmerksamkeit war auf die lebhafte Unterhaltung gerichtet, welche die andern in jenem halblauten Tone führten, der stets ein Zeichen von der Wichtigkeit des Gegenstandes ist.

„Wie war es auf der Admiralität?“ fragte Sam Fire-gun den Lieutenant.

„Ganz nach Erwartung,“ antwortete dieser, der den einen Arm in der Binde trug, wie auch die andern verschiedene Zeichen der Verwundung aufzuweisen hatten. „Ernennung zum Kapitän und Beurlaubung bis nach vollendeter Genesung.“

„Was wird mit der Swallow?“

„Sie hat gelitten und geht zur Reparatur in die Trockendocks.“

„Und unsre Gefangenen?“

„Auch wie ich dachte.“

„Das heißt?“

„Sie werden gehängt, wie es Korsaren nicht anders zu erwarten haben.“

„Korsaren? Sanders behauptet doch, den l’Horrible nur deshalb genommen zu haben, um für die Südstaaten Kaperei zu treiben. Kommt er damit nicht durch?“

„Nein, denn er hat keinen Kaperbrief. Und wenn er einen hätte, so ist er eben der schwarze Kapitän, welcher wegen seines früheren Sklavenhandels und der dabei betriebenen Piraterie aufgehangen wird.“

„Und die Miß Admiral?“

„Wird auch gehängt. Auch alle Gefangenen, welche Sanders behilflich waren, den l’Horrible zu nehmen, und dann, als wir ihn enterten, nicht getötet wurden, sondern mit dem Leben davon kamen, werden höchst wahrscheinlich denselben Tod erleiden, denn sie sind als Seeräuber zu betrachten. Sie werden mit ihrem Schicksale wohl nicht so zufrieden sein wie ihr mit der Nachricht, welche ich euch von der Admiralität bringe.“

„Also eine gute?“

„Eine sehr gute. Erstens wird die große Summe, die wir bei der Miß Admiral fanden und mit der sie fliehen wollte, als unsre Prise betrachtet, die uns gehört. Zweitens soll eine sehr hohe Belohnung dafür ausgesetzt werden, daß wir den l’Horrible dem schwarzen Kapitän wieder abgenommen haben. Und drittens haben wir ganz bedeutende Prisengelder für unsern Sieg über die Florida. Sie liegt zwar jetzt auf dem Grunde, wird aber später gehoben werden. Dieses Geld teilen wir unter uns, und es wird dabei auf jede Person so viel kommen, daß –“

„Auf mich nicht,“ unterbrach ihn Sam Fire-gun.

„Warum nicht?“

„Weil ich natürlich kein Geld nehme, was mir nicht gehört.“

„Ihr habt es aber verdient!“

„Nein. Ich bin nur Gast auf Euerm Schiffe gewesen; die Prisengelder gehören der Bemannung.“

„Ihr waret nicht Gast, sondern Kombattant, und habt also Teil daran.“

„Mag sein; aber ich nehme nichts. Ich habe Sanders die Anweisungen wieder abgenommen, die er mir im Hide-spot stahl. Die eine hatte er zwar schon verkauft, aber nur wenig davon ausgegeben; ich bin also vollständig zufriedengestellt. Winnetou nimmt erst recht nichts, und was meine braven Trapper betrifft, so wird es ihnen auch nicht einfallen, Eure Seegasten um ihre Prisengelder zu bringen. Wir haben es im Gegenteile nur Euch und ihnen zu verdanken, daß wir wieder zu unserm Gelde gekommen sind. Sag einmal, Dick Hammerdull, willst du das Geld haben?“

„Ob ich es haben will oder nicht, das bleibt sich gleich, das ist sogar ganz egal; aber ich nehme es nicht,“ antwortete der Dicke. „Was sagst denn du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“

Der Lange erwiderte gleichmütig:

„Wenn du denkst, daß ich es nicht nehme, Dick, so habe ich nichts dagegen. Es wird’s überhaupt keiner von uns nehmen. Und wenn man es uns etwa mit Gewalt aufnötigen will, so bekommt Peter Polter meinen Anteil, und wenn es auch nur wäre, um ihm Lust zu machen, wieder einmal zu uns nach dem Westen zu kommen. Ich sehe ihn gar zu gern zu Pferde sitzen.“

„Laßt mich in Ruhe mit euern Pferden!“ rief da der Steuermann. „Lieber laß ich mich zerstampfen und Schiffszwieback aus mir machen, als daß ich mich noch einmal auf so eine Bestie setze, wie der Traber war, auf welchem ich dieses letzte Mal zu euch gesäuselt kam. Weiter will ich euch nichts sagen, denn was ich noch sagen könnte, mag lieber unausgesprochen bleiben, so übel ist mir dabei zu Mute gewesen!“

„Hast’s auch nicht nötig, wieder den Westmann zu imitieren,“ sagte Parker. „Ich habe auf der Admiralität erwähnt, was wir dir verdanken und wie brav du dich gehalten hast. Man wird bei der nächsten Vakanz an dich denken und dir einen Posten anvertrauen, auf den du stolz sein kannst.“

„Ist’s wahr? Wirklich? Ihr habt bei den hohen Gentlemen an mich gedacht?“

„Ja.“

„Und man will mir einen solchen Posten geben?“

„Es wurde mir ganz bestimmt versprochen.“

„Ich danke, Sir, ich danke Euch! Ich werde also Karriere machen! Heisa hurra, hurra! Der Peter Polter – –“

„Was hast du denn so gewaltig zu schreien, alter Seelöwe?“ unterbrach ihn die Wirtin, welche soeben zur Thür hereintrat.

„Das fragst du noch?“ antwortete er. „Wenn ich ein Seelöwe bin, muß ich doch brüllen! Und ich habe auch allen Grund dazu. Weißt du, alte Mutter Thick, ich soll nämlich für meine großen Verdienste Admiral werden!“

„Admiral?“ lachte sie, „das glaube ich wohl, denn du hast das Zeug dazu, und ich gönne es dir. Wie steht es denn aber mit deinem neuen Berufe, auf den du so stolz bist und an dem du von ganzer Seele hängst?“

„Neuer Beruf? Welcher denn?“

„Westmann, Waldläufer, Biberjäger – –“

„Schweig! Kein Wort weiter, wenn du es nicht ganz und gar mit mir verderben willst! Wenn ich mich auf ein Pferd setze, weiß ich nie, wohin es laufen wird. Stehe ich aber auf den Planken eines guten Schiffes, so kenne ich den Kurs genau und kann nicht aus dem Sattel fallen. Also Westmann hin, Westmann her; ich habe ein Haar drin gefunden und bleibe der alte Seebär, der ich stets gewesen bin!“ – – –

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Der Königsschatz

Der Königsschatz

Der einstige Indianeragent lehnte sich, von der Erzählung ermüdet, in seinen Stuhl zurück, nahm die beifälligen Äußerungen der Zuhörer ruhig hin und gab ihnen auf die Fragen, die sie noch hatten, um sich dieses und jenes ergänzen zu lassen, die erwünschten Auskünfte. Als diese Erkundigungen aber gar kein Ende nehmen wollten, bat er:

„Laßt mich nun in Ruhe, Mesch’schurs! Ich habe die Geschichte nicht erzählt, um mir einen ganzen Korb voll Fragen an den Kopf werfen zu lassen, sondern um zu beweisen, daß die Weißen oft schlechter sind als die Roten und daß ich Winnetou, den Häuptling der Apatschen, kenne. Wenn ihr aufmerksam zugehört habt, so müßt ihr sagen, daß der Bahnüberfall und der von dem Kapitän und seinen Leuten geplante Schurkenstreich fast nur durch seinen Scharfsinn und seine Tapferkeit so glücklich abgeschlagen wurden. Er ist eben ein Mann, mit dem sich kein andrer Indianer und wohl selten ein Weißer zu vergleichen vermag. Seine Gestalt ragt über alle andern hoch empor, und wenn er einmal untergegangen sein wird, wie seine ganze, beklagenswerte Nation dem Untergange geweiht ist, sein Name wird nicht untergehen und vergessen werden, sondern noch im Munde unsrer Kinder, unsrer Enkel und Urenkel weiterleben.“

Well, da habt Ihr recht, Sir,“ stimmte ein alter Herr bei, der an einem Nebentische saß und der Erzählung mit größter Aufmerksamkeit gelauscht hatte; „doch wenn Ihr es erlaubt, daß ein Fremder eine Ansicht äußern darf, mit der er Euch aber nicht beleidigen will, so möchte ich eine Bemerkung machen.“

„Nach der Weise, wie Ihr Euern Wunsch vorbringt, kann ich nicht annehmen, daß es Eure Absicht ist, mich zu beleidigen. Also, Eure Bemerkung?“

„Ihr sagtet, die Apatschen seien durch ihre Feigheit und Hinterlist bekannt gewesen, hätten sich durch sie den Schimpfnamen Pimo zugezogen und wären nur, seit er ihr Häuptling ist, geschickte Jäger und tapfere, ja verwegene Krieger geworden.“

„Das habe ich allerdings gesagt. Seid Ihr nicht damit einverstanden?“

„Nein.“

„Warum?“

„Weil ich sie anders kenne, und weil ich sie schon gekannt habe, als Winnetou noch ein Kind war. Ja, es giebt einige Stämme unter ihnen, denen die Natur ihrer Wohnsitze nichts, gar nichts zu bieten vermag und die darum nicht bloß körperlich, sondern auch geistig heruntergekommen sind. Daran sind aber die Weißen schuld, die sie von ihren einstigen, besseren Jagd- und Weidegründen verdrängt haben und nun glauben, sie verachten zu dürfen. Von andern Stämmen aber, und besonders von den Mescaleros, darf man das ja nicht sagen. Die Mescaleros besonders haben stets, und seit man sie kennt, die Eigenschaften gepflegt, welche bei Winnetou so voll und ganz zur Geltung kommen.“

„Kennt Ihr diesen Stamm, Sir?“

„Ihn ganz besonders; ich kannte ihn, wie bereits gesagt, als Winnetou noch ein Kind war. Ich habe nie, weder unter den Roten noch unter den Weißen, einen so wahren, edlen, treuen und aufopferungsfähigen Freund besessen, wie Intschu tschuna war.“

„Intschu tschuna? War das nicht der Vater Winnetous?“

„Ja. Auch dieser edle Indsman wurde von Weißen ermordet, er und Nscho-tschi, seine Tochter, die Schwester Winnetous, diese schönste, beste und seelenreinste Tschargooscha der Apatschen!“

„Seid Ihr auch Westmann gewesen?“

„Was man Westmann nennt, eigentlich nicht. Ich bin, was man einen Gelehrten nennt, ohne mich aber für sehr gelehrt zu halten. Mein Lieblingsfach war das ethnologische, und meine Studien litten mich nicht daheim. Ich interessierte mich besonders für die rote Rasse und befand mich den größten Teil des Jahres auf der Wanderung von einem Volke zum andern. Da lernte ich die Indianer kennen und – – schätzen; sie kannten und achteten auch mich, denn sie wußten, daß ich nicht als Feind, sondern als Freund zu ihnen kam. Ich wurde ihr Lehrer und Berater in vielen Dingen, und sie unterwiesen mich dafür im Gebrauche der Waffen und in allen Fertigkeiten, die zum Kriege und der Jagd gehören, obwohl ich ein Mann des Friedens war; aber jagen mußte ich doch, um mich zu ernähren, und zuweilen kam ich auch in die Lage, mich gegen einen Feind wehren zu müssen, der aber meist kein Indianer, sondern ein Weißer war. Ihr habt vorhin behauptet, daß die Weißen schlimmer seien als die Roten, und ich gebe Euch da vollständig recht. Ich könnte Euch manches, gar manches erzählen, was ein sprechender Beweis für diese Behauptung ist.“

„So thut es doch, Sir! Gebt uns wenigstens eine Eurer Erfahrungen zum besten!“

„Hm! Das könnte ich wohl thun, wenn die andern Gentlemen es auch wünschen.“

„Natürlich wünschen sie es! Wir sind heut einmal beim Erzählen, und das ist höchst interessant. Nicht wahr, Mutter Thick?“

Die Wirtin, welche eben wieder einige volle Gläser gebracht hatte, antwortete, als diese Frage an sie gerichtet wurde:

„Das will ich meinen, Sir! Seht Euch doch einmal im Zimmer um! Alles lauscht nach Eurem Tisch, und es ist noch nie bei mir so still und friedlich zugegangen wie jetzt. Ich meine auch, daß eine solche Geschichte viel besser und genteeler ist, als wenn die Gentlemen sich miteinander zanken und balgen und mir dabei die Tische und Stühle zerschlagen und die Flaschen und Gläser zerbrechen. Also nur zu, Sir; laßt uns Eure Erzählung hören!“

Well!“ nickte der Ethnologe. „Wenn es Euch recht ist, so soll eine vom Stapel laufen, und ich will versuchen, es auch so hübsch und fließend zu machen wie die andern Masters vor mir. Also, es mag beginnen:

„Es war ein wunderbar schöner Junimorgen, eine wirkliche Seltenheit in jener weit entlegenen Ecke, welche der nordwestliche Winkel des Indianerterritoriums mit den geradlinigen Grenzen von Kansas, Colorado und Neu-Mexiko bildet. Es hatte während der Nacht ziemlich stark getaut; nun funkelten an Halmen und Zweigen brillantene Tropfen, und der eigenartige Duft des Büffelgrases und der kurzlockigen Grama erhielt eine so erquickende Frische, daß die Lunge das balsamische Cumarin in langen, tiefen Zügen einatmete.

Ein solcher Morgen pflegt auf die Stimmung des Menschen von wohlthätiger Wirkung zu sein, und doch ritt ich ziemlich verdrossen in den prachtvollen Tag hinein. Der Grund war ein sehr einfacher: mein Pferd ging lahm. Es war vorgestern beim Galoppieren an einer Wurzel hängen geblieben. Und in der Prairie ein lahmes Pferd zu reiten, das ist nicht nur ärgerlich, sondern es kann unter Umständen sogar von den verhängnisvollsten Folgen sein. Bei den dort täglich drohenden Gefahren hängen Leben und Sicherheit des Jägers nur zu oft von der Brauchbarkeit seines Tieres ab.

Ich hatte mit einigen Coloradomännern droben in der Nähe von Spanish Peaks gejagt und war dann über die Willow-Springs hierher nach dem Nescutunga-Creek gekommen, um an dessen rechtem Ufer mit Will Salters zusammenzutreffen, mit welchem ich vor Monaten in Nebraska Biber gefangen und dann beim Scheiden das gegenwärtige Stelldichein verabredet hatte. Wir wollten das Indianerterritorium bis an die südöstliche Grenze durchreiten und dann gerade nach Westen in den Llano estacado gehen, um diese berüchtigte Wüste kennen zu lernen.

Dazu war ein gutes Pferd unbedingt nötig, und das meinige lahmte. Es hatte mich treu durch viele Gefahren getragen; ich wollte es gegen kein anderes vertauschen, und so war ich gezwungen, ihm Ruhe zu gönnen, bis der Fuß sich wieder eingerichtet haben würde. Die dadurch entstehende Zeitversäumnis war höchst unangenehm, und so erschien es nicht ganz ungerechtfertigt, daß ich mich nicht bei guter Laune befand.

Während mein Mustang langsam über die Prairie hinkte, sah ich mich nach Anzeichen um, aus denen ich die Nähe des Flusses zu erraten vermochte. Da, wo ich ritt, gab es nur vereinzeltes Buschwerk. Nach Norden aber zog sich eine dunkle Linie hin, welche mich auf geschlosseneren Baumund Strauchwuchs schließen ließ. Ich lenkte also nach dieser Richtung ab, denn wo sich mehr Vegetation findet, muß auch mehr Wasser sein.

Ich hatte recht gehabt. Die dunkle Linie bestand aus Mezquite- und wilden Kirschensträuchern, welche sich an beiden Ufern des Flusses hinzogen. Dieser letztere war nicht breit und, wenigstens an der Stelle, an welcher ich auf ihn traf, auch nicht tief.

Ich ritt langsam am Ufer hin, aufmerksam nach einem Zeichen Will Salters‘ suchend, der ja schon vor mir hier angekommen sein konnte.

Und richtig! Im seichten Wasser lagen zwei große Steine hart nebeneinander, zwischen welche ein größerer Ast so eingeklemmt war, daß der kleine Zweig, welcher sich an demselben befand, flußabwärts wies.

Dies war unser verabredetes Zeichen, welches ich in kurzen Unterbrechungen nochviermal bemerkte. Salters befand sich hier und war dem Laufe des Wassers nachgeritten. Da seine Fährte nicht mehr zu erkennen war und die Blätter der Signalzweige sich bereits in welkem Zustande befanden, so war Salters nicht später als höchstens gestern hier gewesen.

Nach einiger Zeit bog der Fluß noch mehr nach Norden ab; er schien einen Bogen zu machen. An dieser Stelle zeigte der Ast, welchen Will in den Ufersand gesteckt hatte, in die Prairie hinein. Er war also dem Flusse nicht gefolgt; er hatte den Bogen des Flusses auf der Sehnenlinie abschneiden wollen. Ich that natürlich ganz dasselbe.

Nun gewahrte ich gerade vor mir einen nicht sehr hohen, einzeln, stehenden und zerklüfteten Berg, welcher vermöge seiner isolierten Lage ganz geeignet war, dem einsamen Westmanne als Fanal zu dienen. In einer guten halben Stunde hatte ich ihn erreicht. Sein Gipfel war kahl, der untere Teil nur von Buschwerk bestanden, und zwar sehr dürftig. Darum wunderte ich mich, an der Ostseite, als ich ihn umritten hatte, mehrere Gruppen von Platanen zu erblicken, von denen die stärkste sicher über tausend Jahre alt war. Es fiel mir auf, daß das Erdreich hier in einem beträchtlichen Umkreise tief aufgewühlt war. Es gab da Löcher von einigen Metern Tiefe, sichtlich mit Hacke und Schaufel ausgearbeitet. Gab es hier in dieser entlegenen Gegend Menschen? Wozu waren diese Löcher gemacht worden?

Ich ritt weiter, hielt aber bereits nach kurzer Zeit wieder an, denn ich gewahrte eine Fußspur im Grase. Als ich abgestiegen war, um sie genau zu untersuchen, fand ich, daß sie von einem weiblichen oder noch nicht ausgewachsenen männlichen Fuße, welcher mit indianischem, absatzlosem Mokassin bekleidet gewesen war, herrührte. Gab es hier Indianer? Oder hatte ein Weißer indianisches Schuhwerk getragen? Die Eindrücke beider Füße waren gleichmäßig; jetzt fiel mir dieser Umstand nicht besonders auf; später jedoch sollte ich an ihn erinnert werden.

Eigentlich hätte ich dieser Fährte folgen sollen; aber sie führte nach Norden, dem Flusse zu, während meine Richtung ostwärts ging; ich wollte baldigst auf Salters treffen; darum stieg ich wieder auf und ritt weiter.

Nach einiger Zeit dachte ich, aus gewissen Anzeichen schließen zu müssen, daß diese Gegend nicht so unbesucht sei, wie ich vorher geglaubt hatte. Einzelne zerknickte Halme, an den Zweigen gebrochene Ästchen, hier und da ein wie von einem menschlichen Fuße zu Mehl zertretenes Steinchen ließen vermuten, daß hier irgend ein Nachkomme des ersten Menschenpaares vorüber gekommen sei. Darum war ich auch nur erstaunt, nicht aber erschrocken, als ich später, den Fluß wieder erreichend, hart am Ufer desselben ein mit jungen Tabaks- und Maispflanzen bestecktes Feld bemerkte. Jenseits desselben erhob sich ein niedriges Blockhaus mit einer hohen, aber sehr beschädigten Fenz um den ziemlich beträchtlichen Vorplatz.

Also eine Farm hier am Nescutunga-Creek! Wer hätte das denken sollen! Hinter der Fenz rieb sich ein alter, spitzhüftiger Gaul den Kopf an dem leeren Futtertroge, und außerhalb derselben erblickte ich einen jungen Menschen, welcher beschäftigt war, eine schadhafte Stelle der Umzäunung auszubessern.

Er schien über mein Erscheinen zu erschrecken, blieb aber stehen, bis ich bei ihm anhielt.

Good morning!“ grüßte ich ihn. „Darf ich erfahren, wie der Besitzer dieses Hauses heißt?“

Er strich sich mit der Hand durch das dichte blonde Haar, betrachtete mich forschend mit den prächtigen, germanisch blauen Augen und antwortete:

„Rollins heißt er, Sir.“

„Du bist der Sohn?“

Ich nannte ihn Du, weil er wohl kaum mehr als sechzehn Jahre zählte, obgleich sein kräftig entwickelter Körper gleichsam auf ein höheres Alter deutete. Er antwortete:

„Ja, der Stiefsohn.“

„Ist dein Vater daheim?“

„Seht Euch um! Da ist er.“

Er deutete nach der engen, niedrigen Thür, aus welcher soeben ein Mann trat, welcher sich bücken mußte, um oben nicht anzustoßen. Er war sehr lang, sehr hager und schmalbrüstig, und zwischen den wenigen Haaren seines dünnen Vollbartes blickte die Gesichtshaut wie gegerbtes Leder hervor. Seine Yankeephysiognomie verfinsterte sich, als er mich sah. Er hatte ein altes Gewehr und eine Hacke in den Händen und legte beides nicht weg, als er langsam auf mich zutrat. Er richtete den stechenden Blick feindselig auf mich und erkundigte sich mit heiser klingender Stimme:

„Was wollt Ihr hier!?“

„Zunächst will ich Euch fragen, Master Rollins, ob nicht vielleicht gestern oder vorgestern ein Mann bei Euch vorgesprochen hat, der sich Salters nannte und irgend einen Auftrag zurückgelassen hat.“

Da antwortete der Sohn schnell:

„Das war gestern früh, Sir. Dieser Salters war –“

Er konnte nicht weiter sprechen. Sein Vater stieß ihm den Gewehrkolben in die Seite, daß der arme junge wimmernd gegen die Fenz taumelte, und rief zornig:

„Willst du schweigen, Kröte! Wir haben keine Lust, einen jeden Landstreicher zu bedienen!“ Und zu mir gewendet, fuhr er fort: „Macht Euch von dannen, Mann! Ich wohne weder für Euch, noch für Euren Salters hier!“

Das war einfach grob. Ich hatte meine eigne Hinterwaldsmanier, solche Leute zu behandeln. Ich stieg gemütlich vom Pferde, band es an die Fenz und sagte:

„Diesesmal werdet Ihr doch eine Ausnahme machen müssen, Master Rollins. Mein Pferd geht lahm, und ich werde hier bei Euch bleiben, bis es geheilt ist.“

Er trat einen Schritt zurück, maß mich mit zornblitzenden Augen vom Kopfe bis zu den Füßen herab und schrie:

„Seid Ihr toll? Mein Haus ist kein Boardinghaus, und wer sich hier breit machen will, dem brenne ich sehr einfach eine Ladung Schrot auf den Pelz. Zounds! Da ist ja auch dieser miserable Indsman wieder! Warte, Bursche, dich will ich forträuchern!“

Ich folgte schnell mit meinem Blicke dem seinigen, welcher bei den letzten Worten auf ein nicht sehr entferntes Buschwerk gerichtet war. Von dorther kam ein junger Indianer herbeigeschritten. Rollins erhob das Gewehr und legte auf ihn an. Er drückte gerade in demselben Augenblicke ab, in welchem ich ihm den Lauf zur Seite schlug. Der Schuß krachte, ging aber fehl.

„Hund! Du vergreifst dich an mir?“ brüllte mich der Yankee an. „Da, nimm das dafür!“

Er drehte schnell das Gewehr um und holte zum Kolbenhiebe aus. Die Hacke hatte er vorher, um schießen zu können, weggelegt. Ich stieß ihm die Faust unter den erhobenen Arm und schleuderte ihn so kräftig gegen die Fenz, daß sie unter ihm zusammenbrach. Die Büchse entfiel ihm und ich griff sie auf, ehe er sich wieder erhoben hatte. Er riß im Aufstehen das Messer aus der Scheide und gurgelte mit vor Zorn erstickter Stimme:

„Mir das! Auf meinem Grund und Boden! Das kostet Blut und Leben!“

Ich hatte ebenso schnell meinen Revolver in der Hand, hielt ihm denselben entgegen und antwortete:

„Ihr meint wohl Euer Blut und Leben? Steckt sofort das Messer ein! Meine Kugel ist schneller als Eure Klinge, Mann!“

Er ließ den bereits erhobenen Arm sinken und hielt die Augen nicht gegen mich, sondern nach der andern Ecke des Blockhauses gerichtet. Dort hielt ein Reiter, welcher unbemerkt von uns herbeigekommen war und mir lachend zurief:

„Schon bei der Arbeit, alter Bursche? Recht so! Schlage den Kerl nieder; er hat es verdient. Aber gieb ihm keine Kugel, denn einen Schuß Pulvers ist er nicht wert.“

Dieser Reiter war Will Salters. Er kam vollends herbei, gab mir die Hand und fuhr fort:

Welcome, Kamerad! Wenn es nach diesem Scurvy fellow gegangen wäre, hättest du mich nicht wiedergefunden. Ich schätze, er hat dich grad so empfangen, wie gestern mich. Dafür erhielt er einige Nasenstüber, für welche er mir eine Kugel nachschickte, die aber höflicher war als er; sie wich mir weit zur Seite aus. Ich wollte dich hier bei ihm erwarten, durfte aber nicht, sagte jedoch seinem Sohne, daß ich heut‘ zurückkehren würde, um zu sehen, ob der Mann bei besserer Laune sei. Wenn es dir recht ist, geben wir ihm eine Lektion im Umgange mit unsersgleichen. Ich will mich einstweilen seiner Persönlichkeit versichern!“

Er stieg ab. Da raffte Rollins die Hacke vom Boden auf und floh in weiten Sprüngen davon. Wir blickten ihm verwundert nach. Sein Verhalten war befremdend. Erst rücksichtslose Grobheit und nun feige Flucht! Wir kamen nicht dazu, eine Bemerkung darüber zu machen, denn aus der Thür, hinter welcher sie bisher ängstlich versteckt gewesen war, trat jetzt eine Frau. Sie hatte Rollins hinter den Büschen verschwinden sehen und sagte, froh aufatmend:

„Gott sei Dank! Ich glaubte schon, es werde zum Blutvergießen kommen. Er ist betrunken. Er hat während der ganzen Nacht phantasiert und dann die letzte Flasche Brandy ausgetrunken!“

„Ihr seid seine Frau?“ fragte ich.

„Ja. Ich hoffe, daß ich es nicht zu entgelten habe, Mesch’schurs! Ich kann ja nichts dafür.“

„Das wollen wir glauben. Fast möchte man annehmen, daß Euer Mann geistig gestört sei.“

„Das ist er leider auch. O Gott, ihr glaubt gar nicht, wie unglücklich ich bin! Er bildet sich ein, daß ein Schatz hier in der Nähe vergraben liege. Den will er heben. Kein andrer soll ihn finden, und darum duldet er keinen Menschen in dieser Gegend. Hier dieser junge Indsman ist schon seit vier Tagen hier. Er konnte nicht weiter, weil er sich den Fuß vertreten hat, und wollte bei uns bleiben, bis er wieder richtig laufen kann; aber Rollins jagte ihn fort. Nun muß der arme Teufel im Freien kampieren.“

Sie deutete auf den Indianer, welcher herbei gekommen war. Es war alles so schnell geschehen, daß ich ihn noch nicht wieder hatte beachten können.

Er mochte achtzehn Jahre alt sein. Sein Anzug war aus mit Gehirn gegerbter Hirschhaut gefertigt und an den Nähten ausgefranst. Diese Fransen waren nicht mit Menschenhaaren geschmückt; er hatte also noch keinen Feind getötet. Sein Kopf war unbedeckt. Seine Waffen bestanden aus einem Messer und Bogen mit Köcher. Er durfte wohl noch kein Feuergewehr tragen. Um den Hals trug er eine messingene Kette, an welcher das Rohr einer Friedenspfeife hing; der Kopf derselben fehlte. Das war das Zeichen, daß er sich auf der Wallfahrt nach den heiligen Steinbrüchen befand, aus welchen die Indianer den Pfeifenthon beziehen. Während dieser Reise ist ein jeder unverletzlich. Selbst der blutgierigste Gegner muß ihn da unbeschädigt ziehen lassen, ja, ihn nötigenfalls sogar beschützen.

Die offenen, intelligenten Züge dieses Jünglings gefielen mir. Das Gesicht hatte einen fast kaukasischen Schnitt. Die Augen waren sammetschwarz und mit dem Ausdrucke des Dankes auf mich gerichtet. Er streckte mir die Hand entgegen und sagte:

„Du hast Ischarshiütuha beschützt. Ich bin dein Freund!“

Diese letztere Versicherung klang sehr stolz; das gefiel mir ebenso wie der Sprecher selbst. Sein Name aber frappierte mich. Ischarshiütuha ist ein apatschisches Wort und heißt so viel wie kleiner Hirsch, darum fragte ich:

„Bist du ein Apatsche?“

„Ischarshiütuha ist der Sohn eines großen Kriegers der Mescalero-Apatschen, der tapfersten roten Männer.“

„Sie sind meine Freunde, und Intschu tschuna, der größte ihrer Häuptlinge, ist mein Bruder.“

Sein Blick fuhr rasch und scharf an meiner Gestalt empor. Dann fragte er:

„Intschu tschuna ist der tapferste der Helden. Wie nennt er dich?“

„Yato-inta.“

Da trat er um mehrere Schritte zur Seite, senkte den Blick und sagte.

„Die Söhne der Apatschen kennen dich. ich bin noch kein Krieger; ich darf nicht mit dir sprechen.“

Das war die Demut eines Indianers, welcher den Rang eines andern offen anerkennt, den Kopf aber nicht um einen Zehntelzoll niederbeugt.

„Du darfst mit mir sprechen, denn du wirst einst ein berühmter Krieger sein. Du wirst in kurzer Zeit nicht mehr Ischarshiütuha, der kleine Hirsch, heißen, sondern Pehnulte, der große Hirsch. Du hast einen kranken Fuß?“

„Ja.“

„Und bist aus deinem Wigwam ohne Pferd gegangen?“

„Ich hole den heiligen Pfeifenthon. ich laufe.“

„Dieses Opfer wird dem großen Geiste gefallen. Komm in das Haus!“

„Ihr seid Krieger, und ich bin noch jung. Erlaubt, daß ich bei meinem kleinen weißen Bruder bleibe!“

Er trat zu dem hübschen blonden, blauäugigen Knaben, welcher still und traurig dagestanden hatte, die Hand auf die Stelle gelegt, an welche ihn der Gewehrkolben seines Vaters getroffen hatte. Die beiden wechselten einen Blick, ganz unbewußt, mir aber sofort auffallend. Sie standen jedenfalls jetzt nicht zum erstenmale nebeneinander. Der kleine Hirsch war nicht ohne Absicht hier; er verbarg ein Geheimnis, vielleicht gar ein für die Bewohner des Blockhauses gefährliches. Ich fühlte das Verlangen, hinter dasselbe zu kommen, ließ mir aber nichts merken.

Die Knaben blieben also im Freien; ich folgte mit Will Salters der Frau in das Haus oder vielmehr in die Hütte, deren Inneres aus einem einzigen Raume bestand.

Da sah es denn höchst ärmlich aus. Ich war schon in mancher Blockhütte gewesen, deren Bewohner sich auf das Notwendigste zu beschränken hatten; hier aber war es schlimmer. Das Dach war höchst defekt, die Verstopfung der Zwischenräume in den Blockwänden verschwunden. Durch diese Löcher und Ritzen kroch das Elend ein und aus. Über dem Herde hing kein Kessel. Der Speisevorrat schien nur aus einer geringen Anzahl von Maiskolben zu bestehen, welche in einer Ecke lagen. Die einzige Kleidung der Frau bestand aus dem dünnsten, verschossenen Druckkattun. Sie ging barfuß. Ihr einziger Schmuck war die Sauberkeit, welche trotz dieser Ärmlichkeit wohlthuend an ihr auffiel. Auch ihr Sohn war höchst ungenügend gekleidet gewesen, doch jede zerrissene Stelle sorgfältig ausgebessert.

Als ich auf das nur aus Laub bestehende Lager in der Ecke und dann in das bleiche, abgehärmte Gesicht dieser braven Frau blickte, kam mir, ohne daß ich es eigentlich wollte, die Frage über die Lippen:

„Ihr habt Hunger, liebe Frau?“

Sie errötete schnell und wie beleidigt; dann aber brachen plötzlich die Thränen aus ihren Augen, und sie antwortete, mit der Hand nach dem Herzen greifend:

„O Gott, ich wollte gar nicht klagen, wenn nur Joseph sich satt essen könnte! Unser Feld trägt nichts, weil mein Mann es verwildern läßt; so sind wir also auf die Jagd angewiesen, die aber auch nichts bringt, weil Rollins den Wahnsinn hat, nur immer nach dem Schatze zu graben.“

Ich eilte hinaus zu meinem Pferde, um meinen Vorrat an Dürrfleisch herein zu holen, den ich ihr gab. Der gute Will Salters war ebenso schnell zu seinem Pferde und brachte auch seinen Vorrat herein.

„O Mesch’schurs, wie gut ihr seid!“ sagte sie. „Man möchte euch gar nicht für Yankees halten.“

„Da habt ihr, wenigstens in Beziehung auf mich, unrecht,“ antwortete ich. „Ich bin ein Deutscher. Master Salters aber hat zwar nur von mütterlicher Seite deutsches Blut in den Adern, ist aber ein noch viel besserer Kerl als ich. Seine Mutter war eine Österreicherin.“

„Herrgott! Und ich bin in Brünn geboren!“ rief sie aus, die Hände froh zusammenschlagend.

„Also eine Deutsche! So können wir uns ja der Muttersprache bedienen.“

„Ach ja, ach ja! Ich darf mit meinem Sohne nur heimlich deutsch reden. Rollins leidet es nicht.“

„Ein schrecklicher Kerl!“ sagte Salters. „Ich will Sie nicht kränken; aber es ist mir ganz so, als ob ich ihm früher, vor Jahren, einmal begegnet sei, unter für ihn nicht ehrenvollen Umständen. Er hat eine große Ähnlichkeit mit einem Kerl, den man nur unter einem indianischen Namen kannte. Ich weiß nicht, was dieser Name bedeutet. Wie lautete er doch nur? Ich glaube, so ähnlich wie Indano oder Indanscho.“

„Inta-’ntscho!“ klang es vom Eingange her.

Dort stand der junge Indianer. Er hatte natürlich nicht die deutschen Worte, aber doch den Namen verstanden. In seinem Auge glühte es flackernd auf. Als da mein Blick forschend auf ihn fiel, drehte er sich um und verschwand von der Thür.

„Dieser Name ist dem Apatschischen entnommen, welches du nicht verstehst,“ erklärte ich dem Gefährten. „Es bedeutet so viel wie böses Auge.“

„Böses Auge?“ fragte die Frau. „Dieses Wort sagt mein Mann sehr oft, wenn er im Traum spricht, oder in der Betrunkenheit dort in der Ecke sitzt und sich mit unsichtbaren Personen zankt. Er ist zuweilen über eine Woche lang fort. Da bringt er sich aus Fort Dodge drüben am Arkansas Brandy mit; ich weiß nicht, wovon er ihn bezahlt. Dann trinkt und trinkt er, bis er nicht mehr denken kann, und spricht von Blut und Mord, von Gold und Nuggets, von einem Schatze, der hier vergraben liegt. Wir getrauen uns dann Tage und Nächte lang nicht in die Hütte aus Angst, daß er uns umbringen werde.“

Sie unglückliche Frau! Wie sind Sie denn zu der Kühnheit gekommen, einem solchen Manne nach diesem Winkel der Wildnis zu folgen?“

„Ihm? O, mit ihm wäre ich nie, niemals hierher gegangen. Ich kam mit meinem ersten Manne und dessen Bruder nach Amerika. Wir kauften Land und wurden von dem Agenten betrogen. Das Dokument, welches wir über den Kauf erhielten, war gefälscht. Als wir nach dem Westen kamen, hatte der rechtmäßige Eigentümer die Stelle schon seit Jahren bewohnt und bebaut. Unser Geld war alle; es blieb uns nichts übrig, als vom Ertrage der Jagd zu leben. Dabei gingen wir immer weiter nach dem Westen. Mein Mann wollte nach Kalifornien. Er hatte von dem Golde gehört, welches dort gefunden wird. Wir kamen bis hierher, da ging es nicht weiter; ich war krank und erschöpft. Wir kampierten im Freien, fanden aber zum Glücke nach kurzer Zeit diese Blockhütte. Sie war verlassen. Wem sie gehört hat, wissen wir nicht. Wir behalfen uns so, wie es eben gehen wollte. Aber der Gedanke an Kalifornien ließ meinem Manne keine Ruhe. Er wollte hin. Ich konnte nicht, und sein Bruder wollte nicht; er hatte Sehnsucht nach der Heimat. Gott allein weiß es, nach welchen schweren Kämpfen ich die Erlaubnis gab, daß mein Mann allein nach dem Goldlande gehen möge, um sein Glück zu versuchen, während der Schwager bei mir bleiben solle. Er ist nie zurückgekehrt. Ein halbes Jahr nach seinem Weggange wurde mir mein Joseph geschenkt. Er hat seinen Vater nie gesehen. Er war drei Jahre alt, als der Schwager einst des Morgens auf die Jagd ging und nicht wiederkam. Einige Tage später fand ich ihn am Ufer des Flusses liegen. Er hatte eine Schußwunde im Kopfe. Vielleicht ist er von einem Indianer ermordet worden.“

„War er skalpiert?“

„Nein.“

„So ist der Mörder ein Weißer. Wie aber haben Sie leben können?“

„Von dem kleinen Maisvorrate, den wir hier nebenan erbaut hatten. Dann kam mein jetziger Mann in diese Gegend. Er wollte jagen und dann weiter gehen, blieb aber länger und länger und zuletzt für immer da. Ich war froh, ihn zu haben; ohne ihn wäre ich mit meinem Kinde verhungert. Er ging hinüber nach Dodge City und ließ meinen Mann für tot erklären. Ich brauchte einen Beschützer und mein Sohn einen Vater. Rollins ist beides geworden. Einst aber hatte ihm von einem Schatze geträumt, der hier vergraben sei. Sonderbarerweise wiederholte sich dieser Traum so oft, daß Rollins nicht nur fest an die Existenz dieses Schatzes glaubt, sondern in einen förmlichen Wahn verfallen ist. Des Nachts phantasiert er von dem Golde, und des Tages gräbt er nach dem Golde.“

„Wohl an dem Berge, an dessen Fuße die alten Platanen stehen?“

„Ja. Aber ich darf nicht mit hin und mein Sohn ebensowenig. Ich kann keinem Menschen sagen, wie unglücklich ich bin. Ich bete täglich und stündlich um Errettung. Wenn Gott doch helfen wollte!“

„Er wird helfen, wenn auch seine Hilfe Ihnen anfänglich Schmerz bereiten sollte. Ich habe so oft im Leben die Erfahrung gemacht, daß – –“

Ich wurde unterbrochen. Joseph kam herein und bat uns, hinauszukommen und den Himmel zu betrachten. Wir folgten ihm, verwundert über dieses Verlangen. Der kleine Hirsch stand draußen und blickte aufmerksam nach einem Wölkchen, welches fast scheitelrecht über unsern Köpfen stand. Sonst aber war der Himmel vollständig rein und ungetrübt. Joseph sagte uns, daß der Indianer dieses Wölkchen für uns sehr gefährlich halte. Der kleine Hirsch sprach nämlich ganz leidlich englisch und konnte sich also dem weißen Knaben verständlich machen. Will Salters zuckte die Achsel und sagte:

„Dieses Cigarrenwölkchen soll uns gefährlich sein? Pshaw!“

Da wendete der Indianer den Kopf zu ihm hin und sagte nur das eine Wort:

„Iltschi.“

„Was bedeutet das?“ fragte mich Will.

„Wind, Sturm!“

„Unsinn! Ein gefährlicher Wind, also eine Bö, kommt nur aus einem Loche, das heißt, wenn sich der ganze Himmel schwarz umzogen hat und sich in dieser schwarzen Decke ein rundes, helles Loch befindet. Hier aber ist es umgekehrt. Der Himmel ist außer dieser Stelle vollständig ungetrübt.“

„Ke-eikhena-iltschi,“ sagte der Indianer.

Jetzt wurde ich doch aufmerksamer. Diese drei Worte bedeuten der hungrige Wind. Der Apatsche bezeichnet mit diesem Ausdrucke einen Wirbelsturm. Ich fragte den jungen Mann, ob er einen solchen befürchte. Er antwortete:

„Ke-eikhena-akh-iltschi.“

Das heißt der sehr hungrige Wind und bedeutet gar eine Windhose. Wie kam der Apatsche zu dieser Vermutung? Ich konnte an dem Wölkchen wirklich nichts Verdächtiges bemerken; aber ich wußte auch, daß diese Kinder der Wildnis einen wunderbaren Instinkt für gewisse Naturereignisse besitzen.

„Unsinn!“ meinte Salters zu mir. „Komm herein! Ich glaube gar, du fängst an, ein bedenkliches Gesicht zu machen.“

Da legte der Indianer sich den Finger an die Stirn und sagte zu ihm:

„Ka-a tschapeno!“

Er hatte wohl gemerkt, daß Will nicht apatschisch verstand und bediente sich des Tonkawadialektes, zu deutsch. „Ich bin nicht krank,“ nämlich im Kopfe. Salters verstand ihn, nahm ihm aber die Worte übel und trat wieder in die Hütte. Ich benutzte diese Gelegenheit, dem kleinen Hirsch zu zeigen, daß ich ihm seine früheren Antworten nicht geglaubt hatte. Ich fragte ihn:

„Welcher Fuß meines jungen Freundes ist krank?“

„Sintsch-kah – der linke Fuß,“ antwortete er.

„Warum aber hinkte mein Bruder mit dem rechten Fuße, als er dort aus den Sträuchern kam?“

Es glitt ein Lächeln der Verlegenheit über sein Gesicht, doch antwortete er schnell gefaßt:

„Mein tapferer Bruder hat sich geirrt.“

„Mein Auge ist scharf. Warum hinkt der kleine Hirsch nur dann, wenn er gesehen wird? Warum ist sein Gang richtig, wenn er allein ist?“

Er blickte mich forschend an, ohne zu antworten. Darum fuhr ich fort:

„Mein junger Freund hat von mir gehört. Er weiß, daß ich die Fährte lese, daß mich kein Halm des Grases, kein Korn des Sandes zu täuschen vermag. Der junge Hirsch ist heute früh vom Berge herabgekommen und nach dem Flusse gegangen, ohne zu hinken. Ich habe seine Spur gesehen. Hat er auch jetzt den Mut, zu sagen, daß ich mich täusche?“

Er senkte den Blick zur Erde und schwieg.

„Warum sagt der Hirsch, daß er nach den heiligen Steinbrüchen mit seinen Füßen gehe?“ fuhr ich fort. „Er ist von seinem Wigwam aus bis hierher geritten.“

„Uff!“ antwortete er erstaunt. „Wie könntest du das wissen?“

„Ist nicht der größte Häuptling der Apatschen mein Lehrer gewesen? Meinst du, daß ich ihm die Schande mache, mich von einem jungen Apatschen, der noch kein Feuergewehr tragen darf, hintergehen zu lassen? Dein Tier ist ein Tschi-kayi-kle, ein Rotschimmel.“

„Uff, uff!“ rief er zweimal als Ausdruck der höchsten Verwunderung.

„Willst du den Bruder Intschu tschunas belügen?“ fragte ich vorwurfsvoll.

Da legte er die Hand auf das Herz und antwortete:

„Schi-itkli takla ho-tli, tschi-kayi-kle – – ich habe ein Pferd, einen Rotschimmel.“

„So ist es recht! Ich sage dir sogar, daß du heute früh bei Zeiten die ganze indianische Schule durchgeübt hast.“

„Mein weißer Bruder ist allwissend wie Manitou, der große Geist!“ rief er aus, förmlich betroffen.

„Nein. Du bist in Carriere geritten, mit einem Fuße im Sattel hängend und mit einem Arme am Halsriemen, deinen Körper an die eine Seite des Pferdes legend. Das thut man im Kampfe, um sich vor den Geschossen des Feindes zu schützen, zur Friedenszeit aber nur, wenn man die volle Schule übt. Nur bei einem solchen Ritte ist es möglich, daß Mähnenhaare sich an Griff und Scheide des Messers verfitzen und, ausgerissen, hängen bleiben. Solches Mähnenhaar kann nur ein Rotschimmel haben.“

Er fuhr mit beiden Händen nach dem Gürtel, an welchem das Messer in der Scheide lag. Daran hingen einige Haare. Ich sah trotz seiner indianischen Hautfärbung, daß er errötete, und fügte hinzu:

„Das Auge des kleinen Hirsches ist hell, aber noch nicht geübt genug für solche Kleinigkeiten, an denen doch oftmals das Leben hängt. Mein junger Bruder ist hierher gekommen, um den Besitzer dieses Hauses zu sehen. Hat er eine Blutrache mit demselben?“

„Ich habe das Gelübde des Schweigens abgelegt,“ antwortete er; „aber mein weißer Bruder ist der Freund des berühmtesten Apatschen. Ich will ihm etwas zeigen, was er mir heute noch zurückgeben wird. Er kann davon sprechen, denn meine Stunde ist gekommen.“

Er öffnete das Jagdhemd und zog ein wie ein Briefcouvert viereckig zusammengelegtes Leder hervor. Er gab es mir und schritt davon, nach dem Maisfelde zu, bei welchem jetzt der blonde Joseph stand. Ich sah noch, daß er diesen beim Arme ergriff und mit sich fortzog.

Ich schlug das Leder, welches aus einem gegerbten Hirschfelle geschnitten war, auseinander. Der Inhalt bestand aus einem zweiten Lederstücke aus Büffelkalbfell, nur von den Haaren befreit, mit Kalk gebeizt und zu Pergament geglättet. Es war zweimal zusammengeschlagen. Als ich es auseinander gefaltet hatte, sah ich eine Reihe von Figuren, in roter Farbe hervorgebracht, in der Zeichnung ganz ähnlich der berühmten Felseninschrift von Tsitßumovi in Arizona gehalten. Ich hatte ein Dokument in Indianerschrift in den Händen, eine solche Seltenheit, daß ich gar nicht sogleich an das Entziffern dachte, sondern in die Hütte eilte, um Will Salters diesen Schatz zu zeigen. Er schüttelte den Kopf dazu und meinte ganz verwundert:

„Das soll man lesen können?“

„Natürlich!“

„Nun, so lies du es. Schon wenn es sich um unsre gewöhnliche Schrift handelt, will ich mich lieber mit zwanzig Indsmen als mit drei Buchstaben herumschlagen. Ich bin niemals ein Held im Lesen gewesen; ich schreibe meine Briefe dem Adressaten gleich hier mit der Doppelbüchse in den Leib; das ist das Kürzeste. Die Feder zerbricht mir zwischen den Fingern, und die Tinte schmeckt zu schlecht. Nun erst diese Figuren zu entziffern, das ist ja fürchterlich. Man kann sie hier in der dunkeln Hütte, die nur zwei kleine Gucklöcher an Stelle der Fenster hat, ja gar nicht einmal erkennen.“

„So komm mit hinaus vor die Thür!“

„Na, mitgehen will ich wohl; das Lesen aber magst du allein besorgen.“

Wir gingen hinaus. Die Frau blieb zurück. Sie hatte auf dem Herde ein kleines Feuer angezündet, um einige Stückchen unsres Fleisches zu braten.

Ich hatte die Augen natürlich sofort auf den Figuren; Will Salters aber hielt die seinigen nach dem Himmel gerichtet. Er brummte bedenklich:

„Hm! Eigentümliche Wolke! Habe noch niemals so etwas gesehen. Was sagst du dazu?“

Dadurch aufmerksam gemacht, blickte ich empor. Das Wölkchen war nicht viel größer geworden, hatte aber ein ganz andres Aussehen bekommen. Vorher bläulichgrau, hatte es jetzt eine hellrote, durchsichtige Färbung, und es war, als ob von ihm aus Millionen und aber Millionen spinnenfadendünne, mattgoldene Fäden nach der ganzen Ausdehnung des Gesichtskreises hinuntergingen. Diese kaum sichtbaren Fäden zuckten nicht; sie waren vollständig unbeweglich, wie fest angespannt.

„Nun?“ fragte Will.

„Ich habe auch nie etwas Ähnliches gesehen.“

„Sollte dieser junge Mensch, der Indsman, recht behalten mit seinem Wirbelwinde, uns alten, erfahrenen Savannenleuten gegenüber!“

„Bedenklich sieht es aus. Der Apatsche sprach gar von einer Windhose. Das wäre noch schlimmer.“

„Es mag sein, was es wolle, wir müssen es eben abwarten. Ich hoffe, du kannst dich in deiner Indianerschrift besser zurechtfinden, als da oben in dem unbegreiflichen Fadengewirr. Wie steht es?“

„Hm! Wollen sehen! Da vorn sehe ich eine Sonne gemalt mit nur aufwärtsgehenden Strahlen, also wohl die aufgehende Sonne. Dann kommen vier Reiter. Sie haben Hüte auf, sind also wahrscheinlich Weiße. Der vorderste hat etwas am Sattel hängen; kleine Säcke sollen es wohl sein. Hinter diesen vieren kommen zwei andre. Sie haben Federn auf den unbedeckten Köpfen, dürften also wahrscheinlich Indianerhäuptlinge vorstellen.“

„Na, das ist ja alles sehr einfach. Nennst du das etwa lesen?“

„Es ist der Anfang dazu. Man muß erst die Buchstaben kennen lernen, ehe man sie zu Wörtern zusammenzusetzen vermag. Es befinden sich nun noch einige kleinere Figuren hier, welche über den größeren angebracht sind. Über dem einen Indianer sehe ich einen Büffel, welcher das Maul öffnet, aus dem einige kleine Striche hervorgehen. Aus dem Maule kann nur die Stimme hervorgehen; es ist also wohl ein brüllender Stier gemeint. Über dem Kopfe des anderen Indsman ist eine Tabakspfeife, aus deren Kopfe ähnliche Striche hervorgehen; das soll wohl Rauch bedeuten. Die Pfeife brennt also.“

„Du, ich fange an, lesen zu können!“ sagte Will. „Da fällt mir ein, daß es zwei Apatschenhäuptlinge gab, zwei Brüder; der eine war der brüllende Büffel und ist seit langem tot; der andere hieß die brennende Pfeife, weil er von friedlicher Gesinnung war und gern mit jedermann die Friedenspfeife rauchte. Er soll noch leben.“

„So sind vielleicht gar diese beiden gemeint! Wollen sehen! Über dem zweiten Weißen ist ein Auge gemalt mit einem hindurchgehenden Strich. Entweder hat er nur ein Auge, oder ist er auf dem einen blind, oder das Auge ist krank. Ah, das wäre ja der Name, den du vorhin nanntest: böses Auge. Das soll wohl heißen: boshaftes Auge. Und über dem dritten Weißen ist ein Beutel mit einer danach greifenden Hand. Sollte das Diebstahl bedeuten?“

„Ja, ja, gewiß!“ sagte Salters schnell, „die stehlende Hand. Ich hab’s, ich hab’s! jetzt weiß ich, wo ich diesen Rollins gesehen habe! Nämlich droben in den schwarzen Bergen; er hieß Haller, war ein Pferde- und Biberfallendieb und wurde die stehlende Hand genannt.“

„Du wirst dich irren!“

„Nein, nein! Die stehlende Hand und das böse Auge waren Vettern oder gar Brüder und hielten zusammen. Sie sind gemeint. Weiter, weiter!“

„Da die aufgehende Sonne voransteht, so sind diese Reiter nach Sonnenaufgang, also nach Osten geritten. Hier auf der zweiten Zeile kommen dieselben Figuren wieder vor, und zwar öfters und in verschiedenen Gruppen. Erste Gruppe: die drei hinteren Weißen schießen auf den Voranreitenden. Zweite Gruppe: er liegt tot am Boden, und sie haben seine Säcke oder Beutel. Dritte Gruppe: die Indianer schießen auf die drei Weißen. Vierte Gruppe: Zwei Weiße und ein Indianer, der brüllende Büffel, sind tot; die stehlende Hand, entflieht. Fünfte Gruppe: die brennende Pfeife vergräbt die Beutel. Sechste Gruppe: die brennende Pfeife hat den brüllenden Büffel auf dem Pferde und reitet hinter der stehlenden Hand her, verfolgt ihn wahrscheinlich. Siebente Gruppe: die brennende Pfeife begräbt den brüllenden Büffel, die stehlende Hand ist verschwunden. Nun kommen noch zwei kleine Bilder. Da stehen drei Bäume; unter dem mittleren stecken die Beutel unter der Erde. Und dann kommt ein großer, einzelner Baum, unter welchem man den brüllenden Büffel unter der Erde liegen sieht; sein Grab also. Jetzt löst sich das ganze, schaurige Erlebnis leicht – –“

„Halt!“ unterbrach mich Salters. „Laß einmal diese Angelegenheit auf sich beruhen und blicke in die Höhe! Merkst du denn nicht, daß es ganz finster wird? Siehe dir doch um Gottes willen einmal den Himmel an!“

Ich folgte seiner Aufforderung und erschrak. Die erwähnten mattgoldenen Fäden waren verschwunden. An ihrer Stelle sah ich mehrere dunkle Striche, zu denen sie sich höchst wahrscheinlich zusammengezogen hatten und welche die Wolke, die tief schwarz geworden war, mit dem nördlichen Himmel verbanden. Der übrige Teil des Himmels war hell und rein. An den Strichen wurde die Wolke wie an starken, straffen Seilen abwärts nach Norden gezogen. Das ging zusehends schnell. Je weiter sie zur Erde gezogen wurde, desto deutlicher sah man von der letzteren aus eine erst durchsichtige und dann sich immer mehr verdunkelnde Masse emporsteigen, unten breit, oben schwächer werdend, sich drehend und mit dem oberen, hin und her flatternden Schwanze nach der Wolke haschend. Diese sank immer schneller nieder, oben sich verbreiternd, nach unten nun ihrerseits einen Schwanz aussendend. Die beiden Schwänze suchten sich und fanden sich. Als sie sich berührten, war es, als ob die Wolke auf die Erde herabgerissen werden solle; aber sie hielt sich in der Luft und bildete mit dem Wirbelwind nun einen sich rasend schnell um seine eigene Achse drehenden Doppeltrichter, dessen Spitzen sich in der Mitte vereinigt hatten, während seine beiden Grundflächen unten an der Erde und hoch oben in der Luft wohl einen Durchmesser von fünfzig Meter erreichten.

Da sich in der Umgebung nur niedriges Buschwerk befand, so konnten wir die beängstigende Naturerscheinung fast in ihrer ganzen Achsenhöhe beobachten. Sie wickelte und wirbelte sich sehr schnell vorwärts grad auf uns zu. Und hier um uns gab es völlige Unbewegtheit der Luft und eine plötzlich eingetretene Schwüle, welche uns sofort den Schweiß aus allen Poren trieb.

„Der kleine Hirsch hat recht gehabt,“ sagte ich. „Es handelt sich um unser Leben. Schnell, Will, retten wir uns und die Frau!“

„Wie denn und wohin denn?“ fragte er erschrocken.

„Auf unsere Pferde.“

„Wir wissen doch nicht, wohin wir uns wenden sollen!“

„So eine Windhose ist freilich unberechenbar in ihren Bewegungen, aber wir müssen eben unsre Richtung ändern, sobald sie die ihrige ändert. Vielleicht wird sie vom Flusse aufgehalten und kommt gar nicht herüber auf unsre Seite. Hole Rollins‘ Gaul hinter der Fenz hervor. Ich springe nach der Frau!“

. Ich fand diese am Herde, ohne Ahnung der ihr drohenden Gefahr. Sie fiel fast in Ohnmacht, als ich ihr mitteilte, was draußen vorging. Ich faßte sie und trug sie eilig hinaus. Will kam eben mit dem Gaule an.

„Das Tier thut obstinat,“ rief er. „Ich will mich darauf setzen; er ist nicht gesattelt, und die Lady würde beim ersten Schritte abgeworfen. Hebe sie auf meinen Fuchs! Schnell, schnell!“

Er sprang auf und trieb das alte Pferd im Galoppe vorwärts.

„Können Sie reiten?“ fragte ich die Frau.

„So nicht, wie es hier sein muß,“ jammerte sie.

„So nehme ich Sie zu mir.“

Ich schwang mich auf den Fuchs, welcher zwei Personen eher tragen konnte als mein lahmer Brauner, zog die Zitternde zu mir herauf, so daß sie quer auf meinen Knieen lag, ergriff meinen Lahmen am Zügel und folgte dem voransprengenden Salters.

Das war alles so schnell geschehen, daß vom ersten Erblicken der Windhose bis jetzt nicht mehr als eine Minute vergangen war. Ich hatte es nicht bequem. Mit der Rechten mußte ich die Frau halten und mit der Linken den Fuchs leiten und auch den Braunen führen. Aber es ging. Als wir eine ziemlich bedeutende Strecke zurückgelegt hatten, rief ich Will zu, jetzt anzuhalten. Er that es, und wir drehten uns um.

Die Trombe hatte fast den Fluß erreicht. Von Luft und der Wolke war nichts mehr zu sehen. Sie bildete ein finsteres Ungetüm, genau von der Gestalt einer Sand- oder Eieruhr, aber von riesenhafter Größe, in welcher ausgerissene Sträucher, Steine und mächtige Rasenstücke mit ganzen Wagenladungen von Sand rundum gewirbelt wurden – ein entsetzliches, überirdisch erscheinendes Ungetüm.

Jetzt hatte sie das Ufer erreicht. Wird sie halten bleiben -sich am jenseitigen Ufer fortbewegen, auf- oder abwärts -vielleicht in sich zusammenfallen? So fragten wir uns. Der Mensch, der in ihren Bereich kam, war sicher verloren. Turmhoch auf und nieder und um sich selbst gewirbelt, mußte er ersticken, wenn er nicht vorher zur Erde geschmettert oder von den sich mit ihm drehenden Massen zerquetscht wurde.

Sie hielt an, als ob sie sich besinnen wolle. Der obere, nach abwärts sich verjüngende Trichter neigte sich herüber, die bisherige Richtung fortzusetzen. Er zerrte an dem untern Trichter; fast schien es, als ob er sich von demselben losreißen wolle. Da that es einen fürchterlichen Krach; die dunkleren, kompakteren Massen, Sand, Steine, Sträucher, Rasen verschwanden, und eine lange Wassersäule stieg auf, erst von cylindrisch gleichmäßiger Gestalt, dann sich in der Mitte einengend, die frühere Figur eines gleichmäßigen Doppelkegels annehmend. Aus der Windhose war eine Wasserhose geworden, die sich, wie zornig über den am Flusse erlittenen Aufenthalt, nun mit doppelter Schnelligkeit fortbewegte, augenblicklich die Blockhütte erfassend, gerade auf uns zu.

„Fort jetzt! Da rechts hinüber!“ schrie ich auf.

Die Pferde waren nur schwer für den kurzen Moment zu halten gewesen. Sie erkannten die Gefahr und schossen fort, daß wir sie gar nicht anzutreiben brauchten. Den Blick auf die Wirbelhose gerichtet, sah ich zu meiner Freude, daß sie eine westliche Richtung nahm. Sie entfernte sich von uns. Wir konnten anhalten und waren gerettet, wenn sie nicht umkehrte.

Aber dieses letztere geschah nicht. Sie bewegte sich in ungeminderter Schnelligkeit weiter, nicht mehr durchsichtig wie am Wasser, sondern wieder dunkel und undurchsichtig. Sie hatte alles, worauf sie stieß, von der Erde auf- oder emporgerissen. Wir sahen, wie sie wuchs und an Mächtigkeit gewann. Alles, was sie nicht in sich zu halten vermochte, weit von sich schleudernd, verfolgte sie verderbenbringend ihren Weg, bis auf einmal von fern her ein donnerndes Getöse erscholl, unter dem die Erde erbebte – sie war verschwunden.

Aber fast in demselben Momente hatte sich, wir wußten gar nicht wie, der ganze Himmel schwarz umhüllt, und es stürzte ein Regen hernieder, dessen Tropfen größer als eine Erbse waren.

„Unser Haus, unsere Wohnung! Was ist aus ihr geworden?“ jammerte die Frau, jetzt zum erstenmal ihr Schweigen brechend.

Statt der Antwort setzten wir die Pferde in scharfen Trab und kehrten nach dem Blockhause zurück. Nach dem Blockhause? Nein; das war nicht mehr vorhanden. Es war auseinandergerissen, auseinandergedreht, wie man ein dünnes, haltloses Strohgeflecht zerfetzt. Die schweren, mannesstarken Stämme und Klötze, aus denen es bestanden hatte, waren weit, weit mit fortgeschleppt und dann wieder zur Erde geschleudert worden. Von der Fenz war keine Spur zu sehen, keine einzige Planke, keine Latte, keine Stange – alles durch die Lüfte mit davongewirbelt.

Die Frau sank vor Entsetzen in einen Zustand der Empfindungslosigkeit. Das war uns lieb. Ich dachte an ihren Mann, an ihren Sohn, an den jungen Indsman. Ich wußte, seit ich die Zeichnung besaß, wo die Genannten zu finden seien – dort an dem Berge, an welchem die Windhose in sich zusammengestürzt war, weil er als ein unüberwindbares Hindernis in ihrem Wege gelegen hatte. Wie aber mochte sie geendet haben? jedenfalls wie eine sterbende Gigantin, welche im Todeskampf alles zermalmt, was in den Bereich ihrer Hände kommt. Es erwarteten uns dort vielleicht schreckliche Scenen, welche wir ihr ersparen wollten. Als sie aber hörte, daß wir ihren Sohn suchen wollten, erhielt sie ihre Thatkraft zurück. Es half weder Bitten noch Zürnen; wir durften sie nicht zurücklassen. Sie stieg auf und ritt mit.

So Plötzlich, wie der Regen losgebrochen war, hellte es sich auch wieder auf. Die Wolken waren verschwunden, wie weggezaubert, und die Sonne lachte vom Himmel herab, als ob gar nichts geschehen sei.

Aber wie sah es auf dem Wege aus, den wir einzuschlagen hatten! Wohl über sechzig Meter breit war die Bahn, welche die Trombe hinter sich gezeichnet hatte. Aller Pflanzenwuchs war wie wegrasiert. Sie hatte Löcher gerissen und wieder mit Trümmern gefüllt. Und weit, weit rechts und links über die Bahn hinaus lagen die Blöcke, Steine, Sträucher und sonstigen Massen, welche sie von sich geschleudert hatte.

Und nun gar am Berge; wie sah es da aus! Bereits von weitem erblickten wir die Verwüstung. Der Strauchwuchs war aus der Erde gerissen, emporgewirbelt, in unentwirrbare Knäuel zusammengedrückt und rechts und links hinweggeschleudert worden. Die Windhose hatte sich eine weite Strecke längs des Berges hin einen Ausweg gesucht und im Grimme darüber, ihn nicht finden zu können, alles Leben in Tod verwandelt. Die nackt gelegten Felsen hatten das Aussehen tief eingehauener Steinbrüche. Die Platanen, über welche ich mich im Vorüberreiten so gefreut hatte, waren kaum mehr zu erkennen. Mannsstarke Stämme lagen, samt den Wurzeln aus dem Boden gerissen, da; Äste von der Stärke eines Kindes waren wie Taue zusammengedreht worden. Die größte der Platanen hatte alle ihre Hauptäste eingebüßt. Sie bot mit ihren tiefen und langgeschlitzten Rißwunden einen bejammernswerten Anblick. Wo aber waren – – ah, da drüben stand ein indianisch gesatteltes Pferd, ein Rotschimmel, an einem gewaltigen, chaotisch verfitzten Gesträucherballen, an dessen Blättern es lüstern knabberte. Das war das Pferd des kleinen Hirsch. Wo das Tier war, mußte auch der Besitzer sein.

Wir ritten hin, und siehe da: Eine mächtige Platane war ausgerissen worden; im Umstürzen hatte sie mit den zähen, unzerreißbaren Wurzeln den ihr bisher gehörigen Grund und Boden emporgewuchtet. Unter diesem ungeheuren Wurzelballen gähnte ein breites, tiefes, höhlenartig nach innen verlaufendes Loch. Und da saßen der blonde Joseph und der junge Apatsche, von den Wurzeln wie von einem für den Regen undurchdringlichen Dach beschirmt. Sie lachten uns vergnügt entgegen. Die Mutter stieg in Eile hinab, den Sohn an ihr Herz zu drücken. Der Apatsche aber sprang herauf und fragte:

„Glauben nun meine weißen Brüder, daß ich das Anzeichen des sehr hungrigen Windes, kenne?“

„Wir glauben es,“ antwortete ich. „Wie aber habt ihr euch gerettet?“

„Der kleine Hirsch hatte sein Pferd tief im Gebüsch versteckt. Er holte es und setzte sich mit dem blauäugigen Bleichgesichte darauf, um dem Winde zu entfliehen. Als dieser sich gesättigt hatte, ritt Ischarshiütuha hierher und fand, was er mit dem kleinen Bleichgesichte seit drei Tagen gesucht hatte.“

„Du bist mit Joseph heimlich zusammengekommen?“

„Ja. Er ist der Sohn des Mannes mit den Beuteln, welcher hier ermordet wurde. Komm und siehe, wo die brennende Pfeife die Nuggets vergraben hatte.“

Er führte uns an die andere Seite des Wurzelballens. Dort war in der Nähe des Stammes die Erde auseinander geborsten, und wir erblickten zwei allerdings vom Moder weißgrau gewordene Ledersäckchen, welche sich bei näherer Besichtigung als mit Goldstaub und Goldkörnern gefüllt erwiesen. Joseph wußte bereits alles. Als nun seine Mutter erfuhr, was ich bereits erraten hatte, die Ermordung ihres ersten Mannes, wollte sie vor Jammer in die Kniee brechen.

Einen Trost bot freilich der unerwartete Besitz des wertvollen Metalles, doch war es ihr fast unmöglich, an denselben zu glauben. Auf ihre Fragen erzählte der Indianer:

„Der brüllende Stier war mein Vater. Er machte sich mit der brennenden Pfeife, seinem Bruder, auf, um den großen Vater der Bleichgesichter, zu besuchen und ihm die Wünsche der Apatschen mitzuteilen. Die beiden Häuptlinge ritten nach Osten. Sie kamen dazu, wie drei Bleichgesichter einen Weißen ermordeten, weil er Gold gefunden hatte. Zwei von den Mördern waren das böse Auge und die stehlende Hand; den dritten kannten sie nicht. Sie straften den Mord und töteten das böse Auge und den dritten. Die stehlende Hand entkam, nachdem sie meinen Vater erschossen hatte. Die brennende Pfeife folgte ihm, nachdem sie das Gold vergraben und die Leiche des brüllenden Büffel zu sich aufs Pferd genommen hatte, konnte ihn aber nicht erreichen. Brennende Pfeife begrub den Bruder da, wo ich ihn in zwei Tagen finden werde, und ritt allein nach Washington. Der Bruder mußte gerächt werden; ich mußte ihn rächen, denn ich bin sein Sohn. Aber es verging eine lange Zeit, weil ich noch klein war. Dann aber machte ich mich auf, um mir den Skalp des Mörders zu holen, denn dann bin ich ein Krieger und darf ein Feuerrohr tragen. Der Mörder wohnte in der Hütte des Ermordeten; er hatte das Weib desselben zu seiner Squaw gemacht; dadurch wurde die Hütte sein Eigentum und er konnte nach dem Schatze suchen.“

Als die Frau diese Eröffnung vernahm, stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus und fiel in Ohnmacht. Ihr zweiter Mann war der Mörder des ersten.

„Nun sollt ihr die stehlende Hand sehen,“ sagte der Apatsche. „Folgt mir!“

Joseph blieb bei seiner besinnungslosen Mutter zurück, welcher wir die Besinnungslosigkeit wohl gönnten. Salters und ich folgten dem Indianer zu der großen Platane. Dort lag Rollins an der Erde unter einem der wohl drei Fuß im Durchmesser haltenden Hauptäste, welcher auf ihn gefallen war und ihm die Beine bis herauf an den Leib vollständig zermalmt hatte.

„Hier liegt er,“ sagte der Apatsche. „Ich wollte mir seinen Skalp holen; aber der große Geist hat ihn gerichtet. Ich nehme nur den Skalp eines Mannes, den ich besiegt habe. –Diesen hier hat der Zorn des gerechten Manitou erschlagen, an demselben Orte, an welchem er den Mord beging. Verstehest du nun die Schrift, welche ich dir zu lesen gab?“

„Vollständig,“ antwortete ich.

Brennende Pfeife kann nicht schreiben. Er hat die Schrift von dem großen Häuptling Intschu tschuna machen lassen, dem er alles erzählte. Du bist der Bruder dieses berühmten Kriegers, und darum will ich dir die Schrift schenken. Siehe, der Elende öffnet die Augen. Vielleicht kannst du noch mit ihm sprechen. Ich aber gehe; er ist der Mörder meines Vaters; ich hätte ihn getötet, aber sein Wimmern mag ich nicht hören. Der rote Mann hat auch ein Herz, gerade wie das weiße Bleichgesicht; er will schnell strafen, aber nicht langsam martern.“

Er kehrte zu Joseph und dessen Mutter zurück. Wir aber hatten noch eine schlimme Viertelstunde zu überstehen, die Sterbeminuten des Mörders. Das Bewußtsein kehrte ihm zurück; er fühlte, daß der Tod ihm nahe sei, und gestand alles. Zwar fehlte ihm die Kraft zur zusammenhängenden Rede, aber er konnte unsere Fragen doch mit ja oder Nein beantworten. So erfuhren wir, was wir uns eigentlich selbst schon ergänzen konnten.

Er hatte bemerkt, daß die ihn verfolgende brennende Pfeife die Nuggets nicht bei sich führte, sie also vergraben hatte. Er führte den Indianer irre und kehrte nach dem Schauplatz des Überfalles zurück. Dort machte er unter vieler Mühe ein Loch für die Leichen, damit der Mord ein Geheimnis bleibe. Einige Tage später schoß er auch noch den Bruder des Ermordeten nieder, um sich bei der Frau als willkommener Beschützer einführen zu können. Dann konnte er mit aller Bequemlichkeit nach dem Golde suchen. Es gelang alles, nur die Hauptsache nicht; er konnte die Nuggets nicht finden. Der Durst nach dem Golde und die Qualen seines Gewissens brachten ihn dem Wahnsinn nahe. Er litt keinen Fremden, damit ja nicht durch irgend einen Zufall etwas entdeckt werde. So waren Will und ich abgewiesen worden, und so hatte er auch den kleinen Hirsch fortgejagt, welcher sich lahm stellte, um unter diesem Vorwande bei ihm Eintritt zu erhalten.

Gott richtete ihn nach seiner Allgerechtigkeit. Gerade jetzt lag der Mörder auf der Stelle im Sterben, unter welcher die Gebeine der von ihm Verscharrten lagen, und noch in seinen letzten Augenblicken mußte er von uns erfahren, daß das so lange vergebens gesuchte Gold gefunden worden sei und in die Hände des von ihm gehaßten Knaben komme.

Und doch verfuhr der Barmherzige noch gnädig mit ihm: Die zermalmten Glieder verursachten ihm keine Schmerzen; er schlief ein, ohne einen Seufzer auszustoßen.

Wir meldeten seinem Weibe das Geschehene. Sie mochte ihn nicht sehen und that recht daran. Wir zwei haben ihm das Grab gemacht und ein Vaterunser über demselben gebetet.

Der kleine Hirsch ritt bald von dannen. Er ließ sich nicht halten. Und als die schwer geprüfte Frau ihm einen Teil des Goldes anbot, sagte er stolz:

„Behalte deinen Staub. Der Apatsche weiß, wo Gold in Menge zu finden ist, aber er sagt es keinem Menschen und verachtet es. Der große Geist hat den Menschen erschaffen, nicht daß er reich, sondern daß er gut werde. Möge er dir von nun an soviel Glück geben, wie du bisher Leid erfahren hast!“

Er stieg auf und ritt von dannen.

Am andern Vormittag verließen auch wir die Gegend, Joseph und seine Mutter mit uns nehmend. Der alte Gaul trug das Gold und das übrige wenige Eigentum von Mutter und Sohn, der Fuchs die Lady und mein Brauner den Knaben; Will und ich schritten nebenher. Im nächsten Settlement, wo Mutter und Sohn eine bessere Reisegelegenheit abwarten konnten, nahmen wir Abschied von ihnen, denen die Windhose so schlimme Aufklärung, dafür aber auch die Mittel zu einer besseren Existenz gebracht hatte.“ – –

Schon während der vorigen Erzählung, welche von dem Überfalle des Zuges und der Trappergesellschaft Sam Fire-guns handelte, war ein Herr aus einer Stube getreten, welche an den großen Gastraum stieß, und hatte sich an dem nächsten Tische niedergelassen. Diese Nebenzimmer sind gewöhnlich zum Aufenthalte für bessere Gäste bestimmt, woraus ich schloß, daß dieser Herr entweder kein gewöhnlicher Mann oder ein bevorzugter Bekannter der Wirtin sei. Es war ihm anzusehen, daß ihn die Erzählung herbeigezogen hatte, denn er schenkte ihr eine ganz ungewöhnliche Aufmerksamkeit. Dabei nickte ihm Mutter Thick zuweilen in sehr bezeichnender Weise zu, winkte, ihn dabei anblickend, bei gewissen Stellen der Erzählung mit der Hand nach dem Tische hin, an welchem der Erzähler saß, und ließ mich durch dieses Nicken und Winken vermuten, daß der betreffende Herr zu den Personen oder Ereignissen, von denen erzählt wurde, in irgend welcher Beziehung stehe. Ich wurde in dieser Ansicht dadurch bestärkt, daß er der darauf folgenden kürzeren Geschichte viel weniger Aufmerksamkeit als der vorhergehenden schenkte, auch hatte er einmal die Finger an den Mund gelegt, um der Wirtin still zu sagen, daß sie schweigen möge. Er wurde mir dadurch so interessant, daß ich ihn beobachtete, was aber selbstverständlich in einer solchen Weise geschah, daß er es nicht bemerkte. Sein Gesicht war von Wind und Wetter gegerbt und von der Sonne tief gebräunt, als hätte er sich im wilden Westen oder überhaupt nur im Freien bewegt; dennoch hielt ich ihn nicht für einen eigentlichen Westmann, denn seine durchgeistigten Züge, seine mehr nach innen gerichteten Augen und die Denkerfalten über der Nasenwurzel ließen auf einen andern Beruf als denjenigen eines Trappers schließen. Er war mir darum ein Rätsel, denn es giebt sehr wenig Berufsarten, welche neben geistiger Arbeit auch ein Herumstreifen in Prairie und Urwald erfordern, und selbst dann pflegt es weniger Beruf als vielmehr Liebhaberei zu sein, wie zum Beispiel bei dem Ethnographen, welcher die letzte Geschichte erzählt hatte.

Als er damit zu Ende war, fügte er an sie die Bemerkung.

„Ihr werdet jetzt zugeben, daß es schon vor Winnetou bei den Apatschen intelligente und achtenswerte Leute gab. Oder war das Benehmen dieses roten Knaben etwa nicht achtenswert? Und zugleich ist meine Geschichte auch wieder ein Beweis dafür, daß es Weiße giebt, die viel schlimmer sind als der schlimmste Indianer. Es befinden sich unter diesen Weißen oft Personen, die nach Stand und Bildung jedem andern ein gutes Beispiel geben sollten, anstatt dessen aber wahre Muster der Ruchlosigkeit und Niederträchtigkeit sind. Habe zum Beispiel da kürzlich von einem spanisch-mexikanischen Grafen erzählen hören, der sich mit den wilden Comantschen zum Überfalle seiner eigenen Hazienda und zur Ermordung von deren Bewohnern verbunden hatte. Wenn da nicht der Apatschenhäuptling Bärenherz und der Häuptling der Miztecas Büffelstirn gewesen wären, so hätten alle Weißen dort in das Gras beißen müssen.“

„Kennt Ihr diese Geschichte?“ wurde er gefragt.

„Ausführlich nicht. Ich hörte nur so einige Andeutungen. Es kam auch ein berühmter weißer Jäger dabei vor, dessen Name, wenn ich nicht irre, Donnerpfeil war.“

„Und ein Graf spielte den Halunken, ein wirklicher Graf?“

„Ein wirklicher Graf, dessen Vater einer der vornehmsten und reichsten Männer des Landes war.“

„Wie hieß denn dieser Kerl?“

„Graf von Roderig – – Rod – – Rod – – habe den Namen vergessen; kann mich nicht mehr auf ihn besinnen.“

Da ertönte es von einem der entfernteren Tische her:

„Graf von Rodriganda, meint Ihr wohl, Sir?“

„Ja, ja, so war es, Graf von Rodriganda. Ihr kennt also den Namen?“

„Sehr gut.“

„Habt die Geschichte gehört?“

„Nicht nur gehört. Ich kenne den Grafen und alle Personen, die darin vorkommen; ich kenne auch die Hacienda, von welcher Ihr spracht, und die ganze Umgegend derselben, denn ich muß Euch sagen, daß ich dort wohne und der Rechtsanwalt von Sennor Arbellez bin, auf den es damals abgesehen war.“

„Was? Sein Rechtsanwalt? Da werden Euch die Ereignisse allerdings sehr bekannt sein.“

„So bekannt, als hätte ich sie selbst mitgemacht.“

„Wie kommt es aber, daß Ihr diese Gegend verlassen habt und über den großen Fluß gegangen seid?“

„Geschäftssache, Sir. Ich bin eines Prozesses wegen hier in den Staaten.“

„So! Wenn die Rechtsanwälte nicht die dumme Gewohnheit hätten, sich jedes Wort, welches sie sprechen, teuer bezahlen zu lassen, so hätte ich eine Bitte an Euch.“

„Hm! Ihr scheint keine gute Meinung von uns zu haben!“

„Das will ich nicht grad sagen; ich habe nur gemeint, daß diese Herren sehr wohl wissen, was ein Dollar zu bedeuten hat.“

„Das weiß ich freilich auch; dennoch giebt es bei mir Zeiten, in denen ich gut gelaunt bin und mich nicht bezahlen lasse.“

„Wirklich?“

„Ja!“

„Wie steht es da wohl jetzt? Seid Ihr bei guter Laune?“

„Bei sehr guter.“

„So darf ich vielleicht mit meiner Bitte herausrücken?“

„Versucht es wenigstens einmal!“

Well! Ich möchte nämlich gern, daß die Gentlemen, welche hier sitzen, die Geschichte vom Grafen Rodriganda auch hören. Wollt Ihr sie erzählen?“

„Bin gar nicht abgeneigt. Aber sie ist nicht so kurz wie die Eurige; haben die Gentlemen Zeit?“

„Warum sollten sie keine haben? Bei Mutter Thick hat jedermann Zeit, so viele Gläser zu trinken und so lange zu bleiben, wie es ihm beliebt, zumal, wenn es gilt, etwas Interessantes anzuhören. Bitte, kommt her an unsern Tisch, damit Ihr Eure Stimme nicht zu sehr anzustrengen braucht!“

„Das will ich gern thun. Habe Eure Erzählungen angehört, die mir nicht übel gefallen haben, und ich will Euch zum Dank dafür nun auch einen Beweis zu Eurer Behauptung liefern, daß es weiße Schurken giebt, an deren Schlechtigkeit kein Roter heranreicht.“

Der Sennor, welcher durchaus mexikanisch gekleidet war, kam mit seinem Glase herbei, nahm den ihm angebotenen Platz ein, zündete sich die unvermeidliche Cigarette an und begann:

„Auf den Fluten des Rio Grande schwamm langsam ein leichtes Kanoe hinab. Es war aus langen Baumrindenstücken gebaut, die mit Pech und Moos verbunden waren, und trug zwei Männer, welche verschiedenen Rassen angehörten. Der eine führte das Steuer, und der andre saß sorglos im Buge, indem er damit beschäftigt war, aus Papier, Pulver und Kugeln Patronen für seine schwere Doppelrifle zu drehen.

Derjenige von den beiden, welcher das Steuer führte, hatte die scharfen, kühnen Züge und das durchdringende Auge eines Indianers, und auch ohne dies hätte man an seiner Kleidung sofort gesehen, daß er zur amerikanischen Rasse gehöre. Er trug nämlich ein wildledernes Jagdhemd, dessen Nähte phantastisch ausgefranst waren, ein Paar Leggins, deren Seitennähte mit den Kopfhaaren der von ihm erlegten Feinde geschmückt waren, und Mokassins, welche doppelte Sohlen zeigten. Um seinen nackten Hals hing eine Schnur von den Zähnen des grauen Bären, und sein Haupthaar war in einen hohen Schopf geflochten, aus welchem drei Adlerfedern hervorragten, ein sicheres Zeichen, daß er ein Häuptling sei. Neben ihm im Kanoe lag ein fein gegerbtes Büffelfell, welches ihm beim Gehen als Mantel diente. In seinem Gürtel stak ein glänzender Tomahawk, ein zweischneidiges Skalpmesser und der Pulver- und Kugelbeutel. Auf dem Büffelfelle lag eine lange Doppelflinte, deren Kolben mit silbernen Nägeln verziert war und in dessen Schaft man viele eingeschnittene Kerben bemerkte, um die Zahl der Feinde zu bezeichnen, welche er bereits erlegt hatte. An der Bärenzahnschnur war das Kalumet befestigt, und außerdem sah man aus einer Tasche seines Jagdhemdes die Kolben von zwei Revolvern hervorblicken. Diese beiden bei den Indianern so seltenen Waffen waren ein sicheres Zeichen, daß er mit der Civilisation in eingehende Berührung gekommen sei.

Das Steuer in der Rechten, schien er seinem Begleiter zuzuschauen und sich um weiter gar nichts zu bekümmern; ein aufmerksamer Beobachter aber hätte bemerkt, daß er dennoch unter den tief gesenkten Wimpern hervor die Ufer des Flusses sehr scharf mit jenem eigentümlichen, maskierten Blicke beobachtete, welcher dem Jäger eigen ist, der in jedem Augenblicke einen Angriff auf sein Leben erwarten kann.

Der andre, welcher im Vorderteile saß, war ein Weißer. Er war lang und zwar schlank, aber doch ungemein kräftig gebaut und trug einen blonden Vollbart, der ihn außerordentlich gut kleidete. Auch er hatte Lederhosen an, die in den hoch heraufgezogenen Schäften schwerer Aufschlagestiefel steckten. Eine blaue Weste und ein ebensolches Jagdwams bedeckten seinen Oberkörper; der Hals war frei und nackt, und auf dem Kopfe saß einer jener breitkrempigen Filzhüte, die man im fernen Westen stets zu sehen bekommt. Sie haben die Farbe und Form verloren.

Die beiden Männer mochten in dem gleichen Alter von vielleicht achtundzwanzig Jahren sein, und beide trugen anstatt der Sporen scharfe Fersenstachel, ein sicherer Beweis, daß sie beritten gewesen waren, ehe sie sich das Kanoe bauten, um den Rio Grande hinabzufahren.

Indem sie so von dem Wasser des Flusses abwärts getragen wurden, vernahmen sie plötzlich das Wiehern eines Pferdes. Die Wirkung dieses Lautes war eine blitzschnelle, denn noch war der Ton nicht ganz verklungen, so lagen die beiden Männer bereits auf dem Boden des Kanoe, so daß sie von außen nicht gesehen werden konnten.

Tkli – ein Pferd!“ flüsterte der Indianer in der Sprache der Apatschen.

„Es steht weiter abwärts,“ meinte der Weiße.

„Es hat uns gewittert. Wer mag der Reiter sein?“

„Ein Indianer nicht und ein guter, weißer Jäger auch nicht,“ sagte der Weiße.

„Warum?“

„Ein erfahrener Mann läßt sein Pferd nicht so laut wiehern.“

„Was thun wir?“

„Rudern wir an das Ufer. Wir steigen aus und schleichen uns hin.“

„Und das Kanoe bleibt liegen?“ fragte der Indianer. „Wenn es nun Feinde sind, welche uns an das Ufer locken und töten wollen?“

Pshaw, wir haben auch Waffen!“

„So mag wenigstens mein weißer Bruder den Kahn bewachen, während ich die Gegend untersuche.“

„Gut, ich bin einverstanden!“

Sie leiteten das Kanoe an das Ufer, wo der Indianer ausstieg, während der Weiße mit den Waffen in der Hand sitzen blieb, um seine Rückkehr zu erwarten. Nach einigen Minuten bereits sah er ihn in aufrechter Stellung kommen, das war ein Zeichen, daß keine Gefahr vorhanden sei.

„Nun?“ fragte der Weiße.

„Ein weißer Mann schläft dort hinter dem Busche.“

„Ah! Ein Jäger?“

„Er hat nur ein Messer.“

„Ist weiter niemand in der Nähe?“

„Ich habe niemand gesehen.“

„So wollen wir hin!“

Er sprang aus dem Fahrzeuge und band dieses fest; dann ergriff er seine schwere Rifle, zog die beiden Revolver, welche auch er besaß, halb hervor, um kampfbereit zu sein, und folgte dem Indianer. Sie erreichten bald die Stelle, an welcher der Schläfer lag. Neben ihm stand ein Pferd angebunden, welches auf mexikanische Weise gesattelt war.

Der Mann trug jene nach unten weiter werdenden mexikanischen Hosen, ein weißes Hemd und eine blaue, nach Husarenart um die Schultern hängend getragene Jacke.

Hemd und Hose wurde durch ein gelbes Tuch zusammengehalten, welches er wie einen Gürtel um die Hüften gewunden hatte. In diesem Gürtel stak außer einem Messer keine einzige Waffe. Der gelbe Sombrero lag über seinem Gesichte, um dasselbe gegen die warmen Strahlen der Sonne zu schützen. Der Mann schlief so fest, daß er das Nahen der beiden andern gar nicht hörte.

„Holla, Bursche, wach auf!“ rief der Weiße, ihn am Arme schüttelnd.

Der Schläfer erwachte, sprang empor und zog das Messer. „Verdammt, was wollt ihr?“ rief er schlaftrunken.

„Zunächst nur wissen, wer du bist.“

„Wer seid ihr denn?“

„Hm, mir scheint, du hast Angst vor dem roten Mann. Das ist nicht nötig, alter junge. Ich bin ein deutscher Trapper, Namens Helmers, und stamme aus der Gegend von Mainz, und dieser hier ist Shosh-in-liett, der Häuptling der Jicarillas-Apatschen.“

„Shosh-in-liett?“ fragte der Fremde. „O, dann habe ich keine Sorge, denn dieser große Krieger der Apatschen ist ein Freund der Weißen.“

Shosh-in-liett heißt zu deutsch Bärenherz.

„Nun, und du?“ fragte der Weiße, der sich Helmers genannt hatte.

„Ich bin Vaquero“ antwortete der Mann.

„Wo?“

„Jenseits des Flusses.“

„Bei wem?“

„Beim Grafen de Rodriganda.“

„Und wie kommst du herüber?“

„Alle Teufel, sagt mir lieber, wie ich hinüberkomme! Ich werde verfolgt.“

„Von wem?“

„Von den Comantschen.“

„Das scheint sich nicht zu reimen. Du wirst von Comantschen verfolgt und legst dich in aller Gemütsruhe hier schlafen!“

„Der Teufel schlafe nicht, wenn man so müde ist!“ „Wo trafst du auf die Comantschen?“

„Grad im Norden von hier, nach dem Rio Pecos zu. Wir waren fünfzehn Männer und zwei Frauen, sie aber zählten über sechzig.“

„Donnerwetter! Habt ihr gekämpft?“

„Ja.“

„Weiter, weiter!“

„Was weiter? Sie überfielen uns, ohne daß wir von ihrer Gegenwart etwas ahnten; darum machten sie die Mehrzahl von uns nieder und nahmen die Frauen gefangen. Ich weiß nicht, wie viele noch außer mir entkommen sind.“

„Wo kamt ihr her, und wohin wolltet ihr?“

Der Vaquero war nicht gesprächig; er ließ sich jedes Wort abkaufen; er antwortete:

„Wir waren nach Forte del Quadeloupe geritten, um die beiden Damen abzuholen, welche dort zu Besuch gewesen waren. Der Überfall geschah auf dem Heimwege.“

„Wer sind die Damen?“

„Sennorita Arbellez und Karja, die Indianerin.“

„Wer ist Sennorita Arbellez?“

„Die Tochter unsers Inspektors.“

„Und Karja?“

„Sie ist die Schwester von Tecalto, dem Häuptling der Miztecas.“

Da horchte Bärenherz auf.

„Die Schwester von Tecalto?“ fragte er.

„Ja.“

„Er ist mein Freund. Wir haben die Friedenspfeife miteinander geraucht. Die Schwester seines Herzens sollte nicht gefangen bleiben. Gehen meine weißen Brüder mit, sie zu befreien?“

„Ihr habt doch keine Pferde!“ sagte der Vaquero.

Der Indianer warf ihm einen geringschätzigen Blick zu und antwortete:

„Bärenherz hat ein Pferd, wenn er eins braucht. In einer Stunde wird er den Hunden von Comantschen eins genommen haben.“

„Verdammt, das wäre stark!“

„Nein, das versteht sich ganz von selbst,“ sagte der Weiße.

„Wie so?“

„Wann seid ihr gestern überfallen worden?“

„Am Abend.“

„Und wie lange hast du hier geschlafen?“

„Wohl kaum eine Viertelstunde.“

„So werden die Comantschen bald hier sein.“

„Alle Teufel!“

„Sicher!“

„Warum?“

„Du bist ein Vaquero und kennst die Gebräuche der Wilden nicht? Was für eine Absicht denkst du wohl, daß sie mit den Damen haben werden? Haben sie dieselben wohl wegen eines Lösegeldes gefangen genommen?“

„Nein, sicherlich nicht. Sie werden sie mitnehmen, um sie zu ihren Weibern zu machen, denn beide sind jung und schön.“

„Ja, ich habe gehört, daß die Mädchen der Miztecas wegen ihrer Schönheit berühmt sind. Wenn also die Comantschen die beiden Damen nicht wieder herausgeben wollen, so müssen sie dafür sorgen, daß man den Aufenthaltsort derselben nicht entdecken kann; sie müssen ihre Spur verbergen. Infolgedessen dürfen sie also auch keinen von euch entkommen lassen, und darum haben sie sich ganz gewiß aufgemacht, um dich zu verfolgen, damit du keine Kunde nach Hause tragen kannst.“

„Das leuchtet mir ein!“ sagte der Vaquero.

„Die Comantschen waren natürlich zu Pferde?“

„Ja.“

„Sie werden dich also auch zu Pferde verfolgen; sie werden auf deiner Spur reiten und Pferde haben, wenn sie hier ankommen.“

„Verdammt, das ist sehr leicht zu denken, obgleich ich nicht daran gedacht habe!“

„Ja, ein sonderlicher Scharfsinn scheinst du nicht zu sein! Dachtest du dir denn nicht, daß man dich verfolgen würde?“

„Natürlich!“

„Warum legtest du dich da zum Schlafen?“

„Ich war zu müde von der Anstrengung der Flucht.“

„Du mußtest wenigstens erst über den Fluß gehen!“

„Er ist hier zu breit, und das Pferd zu angegriffen.“

„Danke Gott, daß wir keine Comantschen sind! Du wärst hier eingeschlafen und dann im Paradiese ohne Kopfhaut erwacht. Hast du Hunger?“

„Ja.“

„So komm mit nach dem Kahne, führe aber zunächst dein Pferd weit hinter die Büsche, damit man es von weitem nicht sehen kann!“

Dieses Gespräch war nur von Helmers und dem Vaquero geführt worden. Bärenherz hatte sich nach dem Kanoe zurückbegeben, wo er ruhend auf der Büffelhaut lag. Der Vaquero erhielt Fleisch; Wasser gab es im Flusse; so war für alles gesorgt.

Nachdem er sich satt gegessen hatte, fragte ihn Helmers nach seinen näheren Verhältnissen. Als einige Zeit vergangen war, verließ Helmers den Kahn, um das etwas erhöhte Ufer zu erklettern und Ausguck zu halten. Er hatte die Höhe kaum erreicht, als er einen Ruf der Überraschung ausstieß:

„Holla, sie kommen! Bald hätten wir die rechte Zeit versäumt.“

Der Indianer stand im Nu bei ihm und schaute nach den Comantschen aus.

„Sechs Reiter!“ sagte er.

„Kommen auf jeden drei.“

Der deutsche Trapper schien gar nicht daran zu denken, daß der Vaquero auch einen der Feinde auf sich nehmen könne.

„Wer nimmt das Pferd?“ fragte Bärenherz.

„Ich,“ antwortete der Deutsche.

Der Indianer nickte und sagte dann:

„Von diesen Comantschen darf kein einziger entkommen!“

„Das versteht sich ganz von selbst,“ meinte Helmers. Dann wandte er sich an den Vaquero: „Du hast nur dein Messer?“

„Ja.“

„So kannst du uns bei dieser Sache gar nichts nützen. Du bleibst im Kanoe liegen, und ich nehme einstweilen dein Pferd.“

„Aber wenn es erschossen wird!“ sagte der Mann ängstlich.

„Dummheit, so bekommen wir sechs andre dafür!“

Der Mexikaner mußte dieser Anordnung Folge leisten. Er versteckte sich in das Kanoe, während die beiden andern sich nach dem Orte begaben, an welchem sie ihn gefunden hatten. Sie stellten sich neben das hinter den Büschen des Ufers versteckte Pferd und warteten.

Die Reiter, welche Helmers zuerst als sechs dunkle Punkte in der Ferne erkannt hatte, kamen schnell näher. Man konnte bereits ihre Bekleidung und Bewaffnung erkennen.

„Ja, es sind die Hunde der Comantschen,“ sagte Bärenherz.

„Sie haben sich mit den Kriegsfarben bemalt, geben also keinen Pardon,“ bemerkte Helmers.

„Sie sollen selbst keinen erhalten!“

„Die beiden Hintersten müssen zuerst daran glauben; die Vordersten bleiben uns dann gewiß.“

„Ich nehme die Hintersten,“ sagte der Apatsche.

„Gut!“

Die Comantschen waren jetzt auf einen halben Kilometer herangekommen; sie ritten noch immer im schnellsten Galopp. In einer Minute mußten sie sich im Bereiche der Büchsen befinden.

„Wie dumm sie sind!“ lachte der Deutsche.

„Diese Comantschen haben kein Hirn; sie vermögen nicht zu denken!“

„Sie könnten doch wenigstens vermuten, daß der Vaquero sich hier versteckt hat und auf sie wartet! Aber jedenfalls meinen sie, daß er sofort über den Strom geritten ist.“

„Ugh!“ sagte der Apatsche.

Mit dieser Aufforderung zur Aufmerksamkeit erhob er seine Büchse. Helmers that dasselbe. Zwei Schüsse krachten und noch zwei. Vier der Comantschen wälzten sich am Boden. Im nächsten Augenblicke saß Helmers auf dem Pferde des Vaquero und brach mit demselben durch die Büsche. Die beiden übrig gebliebenen Comantschen stutzten und hatten gar nicht Zeit, ihre Pferde zu wenden, so war der Deutsche schon bei ihnen. Sie erhoben ihre Tomahawks zum tödlichen Schlage, er aber hielt den Revolver bereit. Zweimal drückte er ab, und auch diese zwei stürzten von den Pferden.

Dieser Sieg war in weniger als zwei Minuten Zeit errungen. Die Pferde der Gefallenen wurden mit leichter Mühe eingefangen.

Jetzt kam der Vaquero herbei. Er hatte vom Kanoe aus alles beobachtet.

„Verdammt!“ meinte er, „das war ein Sieg!“

„Pah!“ lachte der Deutsche. „Sechs Comantschen, was ist das weiter. Man sollte eigentlich mit Menschenblut sparsamer umgehen, denn es ist der köstlichste Saft, den es giebt; aber diese Comantschen verdienen es nicht anders.“

Man nahm den Toten ihre Waffen ab und warf sie in das Gras, nachdem Bärenherz den beiden, die er getötet hatte, die Skalpe löste, um sie sich an den Gürtel zu hängen. Der Weiße nahm keinen Skalp.

„Was nun?“ fragte der Deutsche. „Brechen wir sofort auf?“

„Ja,“ antwortete der Apatsche. „Die Schwester meines Freundes soll nicht vergebens auf Hilfe rechnen.“

„Nehmen wir den Vaquero mit?“

Bärenherz musterte diesen und sagte dann:

„Thue, was du willst!“

„Ich gehe mit!“ erklärte der Mexikaner.

„Ich glaube nicht, daß wir dich brauchen können,“ meinte Helmers.

„Warum?“

„Ein Held bist du nicht.“

„Ich hatte ja keine Waffen jetzt!“

„Aber bei dem gestrigen Überfalle bist du doch auch geflohen.“

„Nur, um Hilfe herbei zu holen.“

„Ach! So! Nun, wirst du den Platz wiederfinden können, an welchem ihr überfallen wurdet?“

„Ja.“

„So magst du uns begleiten.“

„Darf ich mir von den Waffen der Indianer nehmen?“

„Ja. Nimm dir auch ein Pferd von ihnen. Das deinige lassen wir frei; es ist zu sehr abgetrieben und würde uns nur hinderlich sein.“

Die drei besten Pferde wurden bestiegen und die übrigen frei gelassen; dann setzte sich der kleine Zug in Bewegung.

Es ging nach Norden immer dem Rio Pecos zu. Der Weg führte zunächst durch offene Prairie, dann erhob sich eine Sierra vor ihnen, deren Berge mit Wald bestanden waren; sie ritten durch Thäler und Schluchten und gelangten gegen Abend auf eine Höhe, von welcher aus man eine kleine Savanna überblicken konnte.

„Ugh!“ rief der Apatsche, welcher voranritt.

„Was giebt es?“ fragte der Deutsche.

„Siehe!“

Bärenherz streckte die Hände aus und deutete nach unten. Dort lagerte ein Trupp Indianer, in dessen Mitte man die Gefangenen erblickte. Der Deutsche nahm ein kleines Fernrohr aus der Tasche, stellte es, hob es an das Auge und blickte hindurch.

„Was sieht mein weißer Bruder?“ fragte der Apatsche.

„Neunundvierzig Comantschen.“

Pshaw!“ sagte der Apatsche geringschätzend.

„Und sechs Gefangene.“

„Sind die Frauen mit dabei?“

„Ja, zwei.“

„Wir werden sie befreien!“

Diese Worte sagte der Häuptling mit so großer Seelenruhe, daß man glauben mußte, es verstehe sich ganz von selbst, er nähme es ganz allein mit einem Schock Comantschen auf.

„Am Abend?“ fragte der Deutsche.

„Ja,“ nickte der Apatsche.

„Aber wie?“

„Wie ein Häuptling der Apatschen!“ sagte Bärenherz stolz.

„Ich bin dabei. Diese neunundvierzig Comantschen können nicht hundert Wachen aufstellen.“

„Wir wollen uns verbergen.“

„Warum?“ fragte der Vaquero.

„Willst du dich etwa sehen lassen?“ antwortete Helmers.

„Nein. Aber hier können sie uns ja gar nicht sehen.“

„Es können ja auch noch andre außer dir entkommen sein. Die hat man gewiß auch verfolgt, und wenn die Verfolger zurückkehren, können sie uns sehr leicht bemerken. Halte die Pferde. Wir beide wollen zunächst dafür sorgen, daß unsre Fährte ausgewischt wird.“

Er kehrte mit Bärenherz eine Strecke weit auf dem Wege, den sie gekommen waren, zurück, um die Hufspuren unsichtbar zu machen; dann wurde im dichtesten Gebüsch der Anhöhe ein Versteck ausgesucht und auch gefunden, worin sie sich mit ihren Tieren verbargen.

Die Sonne ging unter, und es wurde Abend. Die finstere Nacht brach an, und noch regte sich nichts in dem Verstecke. Die beste Zeit zum Überfalle war kurz nach Mitternacht.

„Nun, hast du dir ausgesonnen, wie es zu machen ist?“ fragte der Deutsche den Apatschen.

„Ja,“ antwortete dieser.

„Wie?“

„Wie es tapfere Männer machen. Kannst du eine Wache töten, ohne daß sie einen Laut von sich giebt?“

„Ja.“

„Gut! So schleichen wir uns hinzu, töten die Wachen, schneiden die Fesseln der Gefangenen durch und entfliehen mit ihnen.“

„Natürlich mittels der Pferde?“

„Ja.“

„So wird es Zeit, zu beginnen, denn das Anschleichen ist eine langweilige Sache.“

„Aber dieser Vaquero bleibt zurück?“ fragte der Apatsche.

„Ja; er hat die Pferde zu halten.“

„Wo erwartet er uns?“

„Da, wo wir die Comantschen zuerst erblickten. Wir müssen dort vorüber, da wir doch jedenfalls nach dem Rio Grande zurückkehren.“

„So laß uns beginnen!“

Die beiden mutigen Männer ergriffen ihre Gewehre und schritten, nachdem sie dem Vaquero die nötigen Instruktionen erteilt hatten, davon.

Unten im Thale brannte ein einziges Wachtfeuer; rund um dasselbe lagen die schlafenden Comantschen und bei ihnen die gefesselten Gefangenen. Die Wachtposten waren jedenfalls außerhalb dieses Kreises zu suchen. Als die beiden das Thal erreichten, sagte Bärenherz:

„Ich gehe links, und du gehst rechts.“

„Gut. Auf alle Fälle befreien wir zunächst die beiden Frauen.“

Sie trennten sich.

Helmers umschritt das Lager nach der rechten Seite hin. Natürlich geschah dies nicht in aufrechter Stellung, sondern in der Weise, wie sie in der Prairie gebräuchlich ist. Man legt sich auf den Boden nieder und schiebt sich wie eine Schlange langsam und vorsichtig weiter. Man darf dabei weder gehört noch gesehen werden, auch muß man dafür sorgen, daß die Pferde keine Witterung bekommen, weil sie sonst durch ihr ängstliches Schnauben die Nähe des Feindes verraten.

So that es Helmers. Erst einen weiten Bogen schlagend, machte er denselben allmählich enger, bis er eine dunkle Gestalt erblickte, welche langsam auf und nieder schritt. Das war eine Wache. Er schlich sich mit der größten Vorsicht heran. Es war ein Glück, daß die Nacht finster war und das Feuer nicht mehr leuchtete. Er kam der Wache bis auf fünf Schritte nahe, dann schnellte er sich plötzlich auf dieselbe zu, packte sie von hinten mit der Linken bei der Kehle, schnürte diese so fest zu, daß ein Laut unmöglich war, und stieß ihr mit der Rechten das lange Bowiemesser in die Brust. Der Mann sank nieder, ohne ein Wort zu sagen oder das leiseste Geräusch machen zu können.

So gelang es ihm, nach vielleicht einer Viertelstunde, eine zweite Wache unschädlich zu machen; dann stieß er mit Bärenherz zusammen, welcher auf ganz dieselbe Weise auch zwei Comantschen getötet hatte.

„Nun die Frauen!“ flüsterte der Indianer.

„Vorsicht!“ bat der Deutsche.

Pshaw! Der Apatsche ist mutig, aber auch vorsichtig. Vorwärts!“ war die Antwort.

Sie wandten sich vollständig unhörbar durch das ziemlich fußhohe Gras nach dem Feuer hin. Die Frauen waren an der hellen Farbe ihrer Kleidung leicht zu unterscheiden. Helmers erreichte sie zuerst und näherte seine Lippen dem Ohre der einen. Dabei sah er trotz der Dunkelheit, daß sie die Augen offen hielt und ihn beobachtet hatte.

„Erschrecken Sie nicht und halten Sie sich still!“ flüsterte er. „Erst wenn ich auch Ihrer Freundin die Fesseln durchschnitten habe, eilen Sie zu den Pferden hin.“

Sie verstand ihn. Die Frauen lagen nebeneinander. Sie waren an Händen und Füßen gefesselt. Der Deutsche durchschnitt die Riemen, die ihnen in das Fleisch gedrungen waren.

Sobald der Apatsche bemerkte, daß der Deutsche sich der beiden Damen annahm, suchte er die männlichen Gefangenen auf. Es waren ihrer vier, und sie lagen in der Nähe. Er kroch zu ihnen heran. Auch sie schliefen nicht. Er nahm das Messer zur Hand, um auch ihre Riemen zu durchschneiden. Schon hatte er dies bei zweien gethan, da erhob sich ganz plötzlich in der Nähe einer der Indianer empor. Er hatte die Bewegungen des Apatschen im halben Schlafe gehört. Zwar erhob Bärenherz sofort sein Messer und stieß es ihm in die Brust, aber der zum Tode Getroffene fand dennoch Zeit, einen lauten Warnungsruf auszustoßen.

„Vorwärts, zu den Pferden! Mir nach!“ rief der Apatsche, indem er blitzschnell die Banden der übrigen zwei löste.

Sie sprangen empor und stürzten zu den Pferden.

„Schnell, schnell, um Gotteswillen!“ rief auch der Deutsche.

Er ergriff hüben und drüben eine der Damen und riß sie zu den Pferden hin; aber ihre Hand- und Fußgelenke waren von den Fesseln so eingeschnürt gewesen, daß sie kaum gehen konnten.

„Bärenherz!“ rief der Deutsche in höchster Angst.

„Hier!“ ertönte die Stimme des Apatschen.

„Schnell herbei!“

Im nächsten Augenblicke war der Häuptling da. Er ergriff eine der Frauen, hob sie empor und eilte mit ihr zu den Pferden. Helmers that es mit der andern ebenso. Sie sprangen auf, zogen die Frauen zu sich auf das Pferd, schnitten die Lassos durch, an denen die Tiere angepflockt gewesen waren, und jagten davon.

Das alles war unter lauter Angst, aber auch mit der Schnelligkeit des Blitzes geschehen, aber keinen Augenblick zu früh, denn gerade in dem Momente, an welchem sie ihre Tiere in Bewegung setzten, krachten hinter ihnen die Schüsse der Comantschen.

Diese hatten gar nicht an die Möglichkeit eines Überfalles gedacht und darum fest geschlafen. Jetzt sprangen sie empor und griffen zu den Waffen. Sie bildeten ein wirres Durcheinander und merkten erst dann, was geschehen war, als die Gefangenen bereits davonsprengten. Nun warfen auch sie sich auf die noch übrigen Pferde und jagten den Entflohenen nach.

Helmers und der Apatsche ritten an der Spitze. Sie kannten den Weg, und jeder von ihnen hatte ein Mädchen vor sich liegen. Oben auf der Höhe wartete der Vaquero auf sie. Als er sie kommen hörte, stieg er auf und nahm die beiden andern Pferde am Zaum.

„Uns nach!“ rief Helmers ihm zu, der ihn halten sah.

So ging die wilde Jagd bei voller Dunkelheit jenseits wieder in das Thal hinab, voran die Flüchtlinge und hinter ihnen die Comantschen, welche ohne Aufhören die Gewehre luden und abschossen, ohne doch jemand zu treffen. Da endlich erreichte man die freie Prairie, und nun endlich konnte man an eine Gegenwehr denken.

„Können Sie reiten, Sennora?“ fragte Helmers seine Dame.

„Ja!“

„Hier ist der Zügel! Immer grad aus!“

Er sprang ab und stieg auf sein Pferd, welches der Vaquero am Zügel führte. Der Apatsche that ganz dasselbe. Sie bildeten nun die Nachhut und hielten mit ihren vortrefflichen Büchsen die Indianer im Schach. So ging es fort, bis der Morgen graute, und da zeigte es sich, daß die Comantschen weit zurückgeblieben waren, teils aus Vorsicht, teils wohl auch deshalb, weil sie ihre Tiere jetzt noch nicht so antreiben wollten, wie die Flüchtigen.

„Wollen wir langsamer reiten?“ fragte der Vaquero.

„Nein,“ antwortete der Deutsche. „Immer fort, so schnell wie möglich, damit wir den Strom zwischen uns und die Comantschen bringen.“

Er konnte jetzt die beiden befreiten Frauen deutlich sehen und also genauer betrachten. Die eine war eine Spanierin und die andere eine Indianerin, aber jede schön in ihrer Art.

„Können Sie den Ritt noch aushalten, Sennorita?“ fragte er die erstere.

„So lange, als Sie wollen,“ antwortete sie.

„Wie soll ich Sie nennen?“

„Mein Name ist Emma Arbellez. Und der Ihrige?“

„Ich heiße Helmers.“

„Helmers? Das klingt deutsch.“

„Ich bin auch wirklich ein Deutscher. Wir müssen bald über den Fluß, Sennorita.“

„Wird uns das gelingen?“

„Ich hoffe es. Leider sind nur drei von uns bewaffnet; doch liegen dort am Rio Grande noch die übrigen Waffen, welche wir gestern den Comantschen abgenommen haben.“

„Sie haben schon gestern gekämpft?“

„Ja. Wir trafen den Vaquero und hörten von ihm das Nähere. Wir erlegten seine Verfolger und beschlossen, auch Sie zu befreien.“

„Zwei Männer! Gegen so viele!“ wunderte sie sich.

Als die fliehende Truppe den Rio Grande erreichte, hatte sie die Verfolger so weit hinter sich gelassen, daß man sie ganz aus den Augen verloren hatte, Die Waffen der erschossenen Indianer lagen noch hier und wurden unter diejenigen verteilt, welche keine Waffen hatten. Die vier männlichen Geretteten waren drei Vaqueros und ein Majordomo oder Hausmeister.

„Was thun wir?“ fragte der letztere. „Erwarten wir die Indianer hier, um ihnen einen Denkzettel zu geben? Wir haben jetzt acht Gewehre.“

„Nein, wir setzen über. Drüben haben wir den Fluß als Verteidigungslinie vor uns. Die Damen nehmen im Kanoe Platz,“ sagte Helmers.

So geschah es. Der Majordomo ruderte die Damen hinüber, während die andern zu Pferde in das Wasser gingen. Es ging alles ganz glücklich von statten. Und als man drüben anlangte, wurde das Kanoe versenkt und Anstalt zur Verteidigung getroffen. Dabei hielt sich Emma Arbellez, immer an der Seite des Deutschen.

„Warum reiten wir nicht sofort weiter, Sennor?“ fragte sie.

„Die Klugheit verbietet uns das,“ antwortete er. „Wir haben einen Feind hinter uns, der uns an Zahl bedeutend überlegen ist.“

„Aber acht Gewehre!“ meinte sie mutig.

„Gegen fünfzig, die der Feind hat. Bedenken Sie, daß wir Damen zu beschützen haben!“

„So meinen Sie, wir wollen uns hier belagern lassen?“

„Nein. Die Comantschen glauben sicher, daß wir nach unsrem Übergang sofort weiter geritten sind. Sie werden also auch sogleich in das Wasser gehen, und wenn ihrer genug im Flusse sind, so können wir ihre Zahl derart lichten, daß sie von der Verfolgung ablassen müssen.“

„Wenn sie nun aber vorsichtig sind?“

„Inwiefern?“

„Erst Kundschafter herüberschicken?“

„Hm, wahrhaftig, es ist möglich, daß sie das thun!“

„Welche Maßregeln werden Sie dagegen treffen?“

„Wir reiten weiter und kehren auf einem Umwege zurück. Vorwärts also, ehe sie kommen!“

Man stieg wieder zu Pferde und sprengte in vollster Carriere in die jenseitige Ebene hinein. Dort schlug man einen Bogen und kehrte zurück. Man erreichte den Fluß etwas oberhalb der Stelle, an welcher man übergesetzt hatte. Das war kaum geschehen, so ließ sich drüben lauter Hufschlag hören.

„Sie kommen!“ sagte der Majordomo.

„Haltet den Pferden die Nüstern zu, damit sie nicht wiehern!“ gebot Helmers.

Das kluge Mädchen hatte doch richtig geahnt. Die Comantschen suchten drüben die Spuren ab, und dann ritten zwei von ihnen vorsichtig in den Fluß. Sie kamen herüber, suchten auch hier und fanden die Fährte, welche weiter fortführte.

Ni-uake, mi ua o-o, ni esh miushyame – hier sehen wir sie; ihr könnt kommen!“ riefen sie hinüber.

Auf diese Aufforderung ging der ganze Trupp, ein Mann nach dem andern, in das Wasser. Der Fluß war so breit, daß der erste der Comantschen das eine Ufer noch nicht erreicht hatte, als der letzte das andre verließ. Die Flüchtlinge staken im Gebüsch versteckt. Jetzt war es Zeit für sie.

„Wohin zielen wir?“ fragte der Majordomo.

„Auf die ersten im Wasser. Die beiden, welche bereits hüben halten, sind uns sicher!“

„Nur nicht zwei auf einen Mann schießen!“ warnte der Apatsche. „Zählt allemal acht ab. Wir schießen so auf sie in der Reihe, wie wir hier in der Reihe stehen.“

„Gut, vortrefflich!“ sagte Helmers. „Fertig?“

„Ja,“ flüsterte es siebenfach die Antwort.

„So, Feuer!“

Die acht wohlgezielten Schüsse krachten in einem und demselben Augenblicke; ein einziger Kanonenschlag, und die acht vordersten Comantschen versanken im Wasser. Der Deutsche und der Apatsche hatten Doppelbüchsen; Sie drückten ihre zweiten Läufe ab und ließen noch zwei Feinde versinken.

„Schnell wieder laden!“ rief Helmers.

Es war wunderbar, ja fast lächerlich anzusehen, welche Wirkung die Salve auf die Überlebenden hervorbrachte. Die Comantschen rissen ihre Pferde herum und schwammen wieder dem entgegengesetzten Ufer zu. Viele glitten vorsichtig von den Tieren herab und schwammen neben denselben, um sich durch sie decken zu lassen. Die zwei aber, welche bereits am diesseitigen Ufer waren, zeigten sich als die besorgtesten, aber auch – unvorsichtigsten. Sie rissen ihre Büchsen herab und kamen im Galopp herbeigesprengt. Sofort zog der Deutsche den Revolver und schlich ihnen hinter dem Buschwerk entgegen. Sie sahen ihn nicht, und eben, als sie an der Stelle, wo er sich befand, vorüber wollten, drückte er zweimal ab. Sie stürzten tot vom Pferde.

„Holla, noch zwei geladene Gewehre!“ rief Helmers.

„Die sind für uns!“ antwortete Emma Arbellez.

„Können Sie schießen?“

„Alle beide.“

„Dann schnell!“

Er sprang dahin zurück, wo er seine Doppelbüchse weggelegt hatte, und die beiden Damen ergriffen die Gewehre der zwei Comantschen. Das alles war so schnell gegangen, daß seit der ersten Salve bis jetzt kaum eine Minute vergangen war. Man hatte wieder geladen.

„Feuer!“ ertönte der Kommandoruf.

Die Feinde hatten das jenseitige Ufer noch nicht wieder erreicht; sie erhielten jetzt eine Salve aus den einfachen und zwei Doppelgewehren, welche fast alle gut gezielt waren. Mehrere Verwundete waren vom Flusse abwärts getrieben, und mehrere Unverletzte stellten sich tot, um die tapferen Verteidiger zu täuschen, indem auch sie sich abwärts treiben ließen, um so den Kugeln zu entgehen.

„Laßt euch nicht betrügen!“ rief Helmers. „Schnell laden, und diesen Schuften längs des Ufers nach! Wer nicht untergeht, der hat noch Leben!“

Man gehorchte seinen Worten, und bald hatten die Comantschen weit über zwanzig Tote verloren. Sie staken nun drüben im Gebüsch und getrauten sich nicht wieder hervor.

„Jetzt mag es genug sein!“ sagte der Deutsche.

„Sie werden uns nicht weiter verfolgen,“ meinte der Apatsche. „Diese Hunde von Comantschen haben kein Hirn in ihren Schädeln!“

„Ich danke Ihnen für den Beistand, den Sie uns geleistet haben, Sennoritas,“ sagte Helmers. „Ich hatte keine Ahnung davon, daß Sie schießen wie ein Westmann.“

„Man ist in unsern einsamen Gegenden gezwungen, diese Fertigkeit sich anzueignen,“ sagte Emma. „Denken Sie wirklich, daß wir jetzt nun unbelästigt bleiben?“

„Ich hoffe es!“

„So wollen wir aufbrechen. Dieser Ort, der so viel Leben gekostet hat, ist mir schauerlich, obgleich ich selbst auch zur Waffe gegriffen habe.“

„Dort sind die Pferde der beiden letzten Indianer; nehmen wir sie mit?“ fragte Helmers.

„Versteht sich!“ antwortete der Majordomo. „Ein indianisch zugerittenes Pferd hat stets einen guten Wert. Meine Vaqueros werden sie am Zügel nehmen.“

Nach einem nur kurzen Verweilen stieg man wieder auf und ritt nun wirklich in die Prairie hinein, in welche man sich bisher nur zum Scheine vertieft hatte. So oft und so scharf die Truppe auch den hinter ihr liegenden Horizont musterte, es zeigte sich doch keine Spur von Verfolgung mehr. So vergingen einige Stunden, und nun erlaubte man den Pferden, einen langsameren Schritt zu gehen, was auch die Unterhaltung erleichterte.

Bärenherz ritt, wie bereits vorher, so auch jetzt wieder an der Seite der Miztecas-Indianerin, während sich der Deutsche zu der Mexikanerin hielt.

„Wir sind nun fast einen Tag beisammen, ohne uns nur im geringsten kennen gelernt zu haben,“ sagte dieser letztere zu seiner Dame. „Legen Sie das nicht auf Rechnung meiner Unhöflichkeit, sondern auf Rechnung der außerordentlichen Umstände!“

„O, ich meine doch, daß wir uns gerade im Gegenteile recht gut kennen!“ meinte sie lächelnd.

„Inwiefern?“

„Ich weiß von Ihnen, daß Sie für andre Ihr Leben wagen, daß Sie ein kühner und umsichtiger Jäger sind, und Sie wissen von mir, daß – daß – daß ich auch schießen kann.“

„Das ist allerdings etwas, aber nicht viel. Lassen Sie mich wenigstens meinerseits das Notwendigste nachholen!“

„Ich werde Ihnen sehr dankbar sein, Sennor!“

„Mein Name ist Anton Helmers; ich bin der jüngere von zwei Brüdern. Wir wollten studieren, da aber die Mittel nicht ausreichten und der Vater starb, so ging mein Bruder zur See und ich nach Amerika, wo ich nach vielen Irrfahrten mich schließlich in der Prairie als Waldläufer etablierte.“

„Also Anton heißen Sie? Da darf ich Sie wohl Sennor Antonio nennen?“

„Wenn es Ihnen so beliebt, ja.“

„Aber wie kommen Sie so weit herab nach dem Rio Grande?“

„Hm, das ist eine Sache, von der ich eigentlich nicht sprechen sollte!“

„Also ein Geheimnis?“

„Vielleicht ein Geheimnis, vielleicht auch nur eine recht sehr große Kinderei.“

„Sie machen mich neugierig!“

„Nun, so will ich Sie nicht auf die Folter spannen,“ sagte er lachend. „Es handelt sich nämlich um nichts mehr und nichts weniger als um die Hebung eines unendlich reichen Schatzes.“

„Was für eines Schatzes?“

„Eines wirklichen, aus kostbaren Steinen und edlen Metallen bestehenden Schatzes.“

„Und wo soll derselbe liegen?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Ah, das ist unangenehm! Aber wo haben Sie denn von dem Vorhandensein dieses Schatzes gehört?“

„Hoch droben im Norden. Ich hatte das Glück, einem alten, kranken Indianer einige nicht ganz wertlose Dienste zu leisten, und als er starb, vertraute er mir zum Dank dafür das Geheimnis von dem Schatze an.“

„Aber er sagte Ihnen die Hauptsache nicht, nämlich wo er liegt?“

„Er sagte mir, daß ich ihn in Mexiko zu suchen habe, und gab mir eine Karte mit, bei welcher sich ein Situationsplan befindet.“

„Und welche Gegend betrifft diese Karte?“

„Ich weiß es nicht. Die Karte enthält zwar Höhenzüge, Thalbildungen und Wasserläufe, aber keinen einzigen Namen.“

„Das ist allerdings höchst sonderbar. Weiß auch Shoshin-liett, der Häuptling der Apatschen, davon?“

„Nein.“

„Und doch scheint er Ihr Freund zu sein?“

„Er ist das allerdings im vollsten Sinne des Wortes.“

„Und mir, mir teilen Sie das Geheimnis mit, obgleich wir uns erst heute gesehen haben?“

Er blickte ihr mit seinen treuen, ehrlichen Augen voll in das Gesicht und antwortete:

„Es giebt Menschen, denen man es ansieht, daß man kein Geheimnis vor ihnen zu machen braucht.“

„Und zu diesen Personen rechnen Sie mich?“

„Ja.“

Sie reichte ihm die Hand und sagte:

„Sie täuschen sich nicht. Ich werde Ihnen dies beweisen, indem ich ebenso aufrichtig gegen Sie bin und Ihnen eine auf Ihr Geheimnis bezügliche Mitteilung mache. Soll ich, Sennor?“

„Ich bitte Sie sogar darum!“ antwortete er mit überraschter Stimme.

„Ich kenne nämlich einen, der auch nach diesem Schatze trachtet.“

„Ah! Wer ist es?“

„Unser junger Prinzipo, der Graf Alfonzo de Rodriganda de Sevilla.“

„Er weiß von dem Schatze?“

„O, wir alle wissen, daß die früheren Beherrscher des Landes ihre Schätze verbargen, als die Spanier Mexiko eroberten. Außerdem giebt es Orte, an denen das gediegene Gold und Silber in Massen zu finden ist. Man nennt solche Orte eine Bonanza. Die Indianer kennen diese Orte, sterben aber lieber, als daß sie einem Weißen ihr Geheimnis anvertrauen.“

„Und diesem Alfonzo de Rodriganda hat es doch einer anvertraut?“

„Nein. Wir bewohnen die Hacienda del Erina, und es geht die Sage, daß in der Nähe derselben sich eine Höhle befindet, in welcher die Herrscher der Miztecas ihre Schätze versteckt haben. Es ist viel nach dieser Höhle gesucht worden; Graf Alfonzo hat sich die meiste Mühe gegeben, aber keiner hat sie gefunden.“

„Wo liegt diese Hacienda del Erina?“

„Etwas über eine Tagereise von hier am Abhange der Berge von Cohahuila. Sie werden sie sehen, denn ich hoffe, daß Sie uns bis dorthin begleiten!“

„Ich werde Sie nicht eher verlassen, als bis ich Sie vollständig in Sicherheit weiß, Sennorita!“

„Sie werden uns auch dann noch nicht verlassen, sondern unser Gast sein, Sennor!“

„Gerade Ihre Sicherheit erfordert, daß ich Sie sofort wieder verlasse.“

„Wieso?“

„Wir haben einige Comantschen getötet, und ich bin vollständig überzeugt, daß uns einige Späher heimlich folgen werden, um zu sehen, wo wir zu finden sind. Sie werden uns, wenn diese Kundschafter nicht unschädlich gemacht werden, überfallen, um sich zu rächen. Darum werde ich bei der Hacienda mit Bärenherz umkehren, um die Späher zu töten.“

Sie warf ihm einen besorgten Blick zu und sagte:

„Sie begeben sich in eine neue Gefahr!“

„Gefahr? Pah! Der Prairiejäger befindet sich stets in Gefahr; er ist an sie gewöhnt. Bleiben wir aber für jetzt bei unserm Thema, dem Schatze des Königs! Es weiß also niemand, wo die Höhle zu suchen ist?“

„Wenigstens kein Weißer.“

„Aber ein Indianer?“

„Ja. Es giebt einen, der den Schatz der Könige ganz sicher kennt, vielleicht sind es auch zwei. Tecalto ist der einzige Nachkomme der einstigen Beherrscher der Miztecas; sie haben das Geheimnis auf ihn vererbt. Karja, welche dort neben dem Häuptling der Apatschen reitet, ist seine Schwester, und es ist nicht unmöglich, daß er es ihr mitgeteilt hat.“

Helmers betrachtete die schöne Indianerin jetzt mit größerem Interesse als vorher.

„Ist sie verschwiegen?“ fragte er.

„Ich denke es,“ antwortete sie. Dann fügte sie lächelnd hinzu: „Man sagt allerdings, daß Damen nur bis zu einem gewissen Punkte verschwiegen sind.“

„Und welcher Punkt ist dies, Sennora?“

„Die Liebe.“

„Ah! Es ist möglich, daß Sie recht haben,“ scherzte er. „Darf ich vielleicht erfahren, ob Karja bereits bei diesem Punkte angekommen ist?“

„Ich halte dies fast für möglich.“

„Ah! Wer ist der Glückliche?“

„Raten Sie! Es ist nicht schwer.“

Die Stirn des Jägers zog sich scharf zusammen.

„Ich vermute es,“ sagte er. „Es ist Graf Alfonzo, der ihr auf dem Wege der Liebenswürdigkeiten das Geheimnis entlocken will.“

„Sie raten richtig.“

„Und Sie glauben, daß seine Bestrebungen Erfolg haben?“

„Sie liebt ihn.“

„Und ihr Bruder, der Nachkomme der Miztecas? Was sagt er zu dieser Liebe?“

„Vielleicht weiß er noch nichts davon. Er ist der berühmteste Cibolero, und kommt nur selten einmal nach der Hacienda.“

„Der berühmteste Cibolero? Dann müßte ich ja seinen Namen kennen! Der Name Tecalto aber ist mir unbekannt.“

„Er wird von den Jägern nicht Tecalto genannt, sondern Mokaschi-motak.“

„Mokaschi-motak, Büffelstirn?“ fragte Helmers überrascht. „Ah, den kenne ich allerdings. Büffelstirn ist der bekannteste Büffeljäger zwischen dem Red-River und der Wüste Mapimi. Ich habe sehr viel von ihm gehört und würde mich freuen, ihn einmal zu sehen. Und Karja ist also die Schwester dieses berühmten Mannes? Da muß man sie ja mit ganz andern Augen ansehen, als vorher!“

„Wollen Sie vielleicht Ihre Liebenswürdigkeit auch an ihr versuchen?“

Er lachte und antwortete:

„Ich? Wie kann ein Westmann liebenswürdig sein! Und wie könnte ich mit einem Grafen de Rodriganda in die Schranken treten wollen! Wäre es mir möglich, liebenswürdig zu sein, so würde ich dies bei einer ganz andern versuchen!“

„Und wer wäre diese andre?“ fragte sie.

„Nur Sie allein, Sennora!“ antwortete er aufrichtig.

Ihr Auge leuchtete ihm glückverheißend zu, als sie antwortete:

„Aber bei mir könnten Sie ja nichts von Ihrem Königsschatze erfahren!“

„O Sennora, es giebt Schätze, welche mehr wert sind, als eine ganze Höhle voll Gold und Silber. In diesem Sinne wünschte ich, einmal ein glücklicher Gambusino (Goldsucher) zu sein!“

„Suchen Sie, vielleicht finden Sie!“

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen, und als er diese ergriff, war es ihnen beiden, als ob ein elektrisches Fluidum von dem einen auf das andre niederströme. Sie hatten sich verstanden.

Während dieser Unterredung war hinter ihnen eine andre geführt worden. Da ritt Bärenherz an der Seite der Indianerin. Sein Auge umfaßte die Gestalt seiner Nachbarin, welche mit einer Sicherheit auf dem halbwilden Pferde saß, als habe sie niemals anders als auf einem indianischen Männersattel geritten. Der schweigsame Häuptling war nicht gewohnt, seine Worte zu verschwenden; wenn er aber sprach, so hatte eine jede Silbe das doppelte Gewicht. Karja kannte diese Art und Weise der wilden Indianer, und darum wunderte sie sich auch nicht darüber, daß er wortlos blieb. Doch fühlte sie es förmlich, daß sein Auge durchdringend auf ihr ruhte, und fast erschrak sie, als er sie anredete:

„Zu welchem Volke gehört meine junge Schwester?“

„Zu dem Volke der Miztecas,“ antwortete sie.

„Das war einst eine große Nation und ist noch jetzt durch die Schönheit seiner Frauen berühmt. Ist meine junge Schwester eine Squaw oder ein Mädchen?“

„Ich habe keinen Mann.“

„Ist ihr Herz noch ihr Eigentum?“

Bei dieser direkten Frage, welche ein Weißer sicherlich nicht ausgesprochen hätte, rötete sich ihr dunkles Gesicht, aber sie antwortete mit fester Stimme:

„Nein.“

Sie wußte, daß es hier besser sei, die Wahrheit zu sagen, denn sie kannte die Apatschen. Es veränderte sich kein Zug seines eisernen Gesichtes, und er fragte weiter:

„Ist es ein Mann ihres Volkes, der ihr Herz besitzt?“

„Nein.“

„Ein Weißer?“

„Ja.“

„Bärenherz beklagt seine Schwester. Sie mag es ihm sagen, wenn der Weiße sie betrügt.“

„Er wird mich nicht betrügen!“ antwortete sie stolz und zurückweisend.

Ein leises, leises Lächeln zuckte um seine Lippen; er schüttelte den Kopf und entgegnete:

„Die weiße Farbe ist falsch und wird leicht schmutzig. Meine Schwester mag vorsichtig sein!“

Dies war das ganze Gespräch zwischen den beiden, aber es war wenigstens ebenso folgewichtig, wie die Unterredung zwischen dem Deutschen und der Mexikanerin.

Im Verlaufe des Weiterrittes erfuhr Helmers, daß die beiden Frauen oben am Rio Pecos gewesen waren, um eine Tante der Mexikanerin zu besuchen, welche schwer krank darniederlag. Diese Verwandte war die Schwester von Emmas Mutter, also die Schwägerin des alten Petro Arbellez, welcher der Verwalter des Grafen Ferdinando de Rodriganda gewesen war, jetzt aber als Pächter des Grafen auf der Hacienda del Erina lebte. Die Pflege der beiden Frauen hatte den Tod der Tante nicht zu hindern, sondern nur zu verzögern vermocht. Später hatte Arbellez den Majordomo mit den Vaqueros geschickt, um die Tochter abholen zu lassen. Auf dem Rückwege waren sie von den Comantschen überfallen worden und wären ohne die Dazwischenkunft des Deutschen und des Apatschenhäuptlings ganz sicher verloren gewesen.

Man ritt immer nach Süden zu. Der Tag neigte sich zu Ende; sie hatten nur noch eine Stunde bis zum Hereinbruche des Abends und befanden sich am Rande einer weiten Ebene, welche nun hinter ihnen lag, als der Apatsche sein Pferd anhielt und hinter sich zeigte:

„Uff!“ rief er.

Die andern drehten sich um, die Ebene zu durchmustern.

„Ich sehe nichts,“ sagte der Majordomo.

„Wir auch nicht,“ erklärten die Vaqueros, trotzdem sie Augen besaßen, welche gewohnt waren, in weite Fernen zu spähen.

„Was giebt es?“ fragte Emma.

„Auch Sie sehen nichts?“ antwortete Helmers.

„Nein. Siehst du etwas, Karja?“

„Nicht das mindeste,“ erklärte die Indianerin.

„Der Häuptling der Apatschen kann doch nicht den Trupp wilder Pferde meinen, den man dort erblickt?“ fragte der Majordomo.

„Uff!“ sagte der Apatsche mit geringschätziger Miene.

„Gerade den meint er,“ sprach der Deutsche.

„Was gehen uns die Mustangs an?“

„Sind sie wirklich so gleichgültig, Sennor Majordomo?“

„Ja. Wir sind ja mit Pferden versehen!“

„Seht sie Euch genauer an!“

Ungefähr zwei englische Meilen hinter ihnen galoppierte eine Herde von Pferden mit erhobenen Schwänzen und wehenden Mähnen einher. Sie kam immer näher. Kein Reiter, kein Sattel oder Bügel, kein Zügel, nicht die dünnste Schnur ließ sich sehen.

„Es sind Mustangs!“ sagte der Majordomo nochmals.

„Uff!“ rief der Apatsche zum zweitenmal, jetzt aber wirklich verächtlich.

Er lenkte sein Pferd wieder herum und ritt im Galopp vorwärts. Die andern mußten folgen. Emma drängte ihr Pferd wieder zu Helmers heran und fragte:

„Was hat der Apatsche?“

„Er ärgert sich.“

„Worüber?“

„Über die Dummheit des Majordomo.“

„Dummheit? Sennor Helmers, unser Majordomo ist ein sehr erfahrener Mann!“

„In zahmen Angelegenheiten vielleicht.“

„O nein. Er ist ein tüchtiger Reiter und Schütze, ein Pfadfinder, der seinesgleichen sucht; man kann sich in jeder Beziehung auf ihn verlassen.“

„Ein Pfadfinder? Hm!“ Jetzt blickte der Deutsche verächtlich drein. „Ja, ein Pfadfinder in den Straßen einer Stadt oder auf den Gassen eines Dorfes. Zu einem Rastreador, zu einem wirklichen, tüchtigen Pfadfinder gehört mehr. Sie sagen, daß man sich in jeder Beziehung auf ihn verlassen könne, und doch wären Sie verloren, wenn Sie jetzt nur allein auf seine Erfahrung und seinen Scharfsinn angewiesen wären.“

„Ah! Wieso?“

„Weil diese Pferde keine wilden Mustangs sind.“

„Was sonst?“

„Es sind die Comantschen, die uns verfolgen.“

„Die Comantschen? Man sieht doch nur die Pferde!“

„Ja, aber die Roten sind dennoch dabei. Sie haben einen Riemen um Hals und Leib der Pferde gezogen, und in diesen Riemen hängen sie mit dem linken Arme und dem rechten Beine. Sahen Sie nicht, daß uns nur die rechten Flanken der Pferde zugekehrt waren, trotzdem sie grade hinter uns herreiten? Sie lassen ihre Tiere in schiefer Körperstellung galoppieren. Eine solche schiefe Haltung ist stets das sicherste Zeichen, daß ein Indianer sich hinter dem Pferde verbirgt.“

„Heilige Madonna! So werden sie uns abermals angreifen?“

„Entweder sie uns oder wir sie. Ich ziehe das letztere vor. Der Apatsche ist ganz meiner Meinung. Sehen Sie, wie er nach beiden Seiten späht!“

„Was sucht er?“

„Einen Versteck für uns, von welchem aus wir die Comantschen fassen können. Überlassen wir ihm alles. Er ist die tüchtigste und wackerste Rothaut, die ich kenne, und auf ihn allein verlasse ich mich lieber, als auf Tausende von Ihren Majordomos, so erfahren sie auch sind!“

„Gut! Verlassen wir uns auf ihn und auf noch einen!“

„Auf wen?“

„Auf Sie.“

„Ah, wollen Sie das wirklich?“ fragte er mit einem freudigen Aufleuchten seiner Augen.

„Von ganzem Herzen!“ antwortete sie. „Sie loben nur den Apatschen, aber Sie vergessen, zu sagen, daß man Ihnen wenigstens ebenso vertrauen kann, als ihm.“

„Glauben Sie das wirklich?“

„Ja. Ich habe Sie beobachtet. Sie sind kein gewöhnlicher Jäger, und ich glaube sicher, daß auch Sie einen Ehrennamen tragen, den Ihnen die Trapper und Indianer gegeben haben.“

Er nickte.

„Sie erraten es.“

„Und welches ist Ihr Jägername?“

„O bitte, nennen Sie mich immer Antonio oder Helmers.“

„Sie wollen ihn mir nicht sagen?“

„Jetzt nicht. Wenn man ihn einmal zufällig nennen wird, werde ich mich zu erkennen geben.“

„Ah, Sie sind eitel! Sie wollen incognito sein wie ein Fürst.“

„Ja,“ lachte er. „Ein guter Jäger muß ein klein wenig eitel sein, und Fürsten sind wir alle, nämlich Fürsten der Wildnis, des Waldes und der Prairie.“

„Fürsten! ja, das ist richtig!“

Während dieses Gespräches hatte man im Galoppe den Weg fortgesetzt. Die offene Prairie lag hinter ihnen, und sie ritten nun durch ein Hügel- und Felsengewirr, welches ganz geeignet war, ein Versteck zu bieten. Dies hatte der Apatsche gewollt, denn plötzlich bog er rechts ein und schlug einen schnellen, aber weiten Bogen, so daß sie nach bereits zehn Minuten eine Stelle erreichten, an welcher sie vorher vorbeigekommen waren.

Diese Stelle war von Bärenherz sehr vorsichtig gewählt worden. Die Truppe hielt nämlich auf einer von drei Seiten geschützten Anhöhe, welche steil in die Schlucht niederfiel, durch welche sie vorhin gekommen waren und welche also auch die Comantschen passieren mußten, wenn sie die Verfolgung wirklich fortsetzten.

Der Apatsche stieg vom Pferde und pflockte dasselbe an. Die andern thaten ebenso.

„Jetzt die Gewehre zur Hand!“ gebot Helmers. „Wir werden nicht lange warten müssen.“

Die andern gehorchten diesem Gebote; sogar die beiden Mädchen ergriffen die erbeuteten Büchsen. Sie schritten vor bis an den Rand und legten sich dort auf die Lauer.

„Pst, Sennor!“ winkte der Deutsche dem Majordomo. „Den Kopf zurück, damit wir nicht bemerkt werden. Diese Comantschen haben scharfe Augen.“

„Späher vorüber lassen!“ sagte der Apatschenhäuptling in seiner kurzen Weise.

„Was meint er?“ fragte einer der Vaqueros.

„Das ist doch sehr einfach,“ antwortete der Deutsche. „Die Comantschen werden natürlich vermuten, daß wir auf den Gedanken kommen, ihnen aufzulauern. Daher werden sie wohl einen oder zwei Kundschafter voranreiten lassen, um sich zu überzeugen, ob wir einen Hinterhalt gelegt haben; sie kommen dann in sicherer Entfernung nach. Wir lassen also die Späher vorüber, welche unsrer Fährte weiter folgen werden, und warten, bis die andern kommen. Aber wir schießen nicht aufs Geratewohl, sondern in der Reihenfolge, wie wir liegen, damit keine Kugel verschwendet werde. Der erste von uns schießt auf den ersten Comantschen, der zweite auf den zweiten und so weiter. Verstanden?“

Die Vaqueros nickten zustimmend, und nun entstand eine Pause der Erwartung.

Da endlich hörte man den vorsichtigen Hufschlag zweier Pferde. Zwei Comantschen kamen langsam durch das Felsengewirr. Ihre scharfen Augen suchten jeden Quadratzoll der Umgegend ab, wurden aber getäuscht, da die Spur der Mexikaner weiter führte. Daß diese seitwärts einen Bogen geschlagen hatten und zurückgeritten waren, das wußten die Wilden nicht. Sie ritten vorüber und verschwanden hinter den Steinen.

Nach einigen Minuten hörte man erneutes Pferdegetrappel. Die übrigen kamen. Sie ritten unbesorgt heran, da sie ihre Kundschafter vor sich wußten. Als der letzte von ihnen in der Schlucht erschienen war, streckte der Apatsche sein Gewehr vor.

„Feuer!“ kommandierte der Deutsche.

Die Büchsen krachten, diejenigen des Deutschen und des Apatschen zweimal, und ebenso viele Feinde stürzten von den Pferden. Die andern stockten einige Augenblicke. Sie wußten nicht, sollten sie fliehen oder den verborgenen Feind angreifen. Sie blickten rings umher und gewahrten da endlich den Pulverdampf oben auf der Höhe.

Nlate tki – dort sind sie!“ rief einer, mit der Hand empor deutend.

So kurz diese Pause war, die Unentschlossenheit der Wilden hatte den Weißen doch Zeit gegeben, schnell wieder zu laden. Ihre Schüsse krachten von neuem, und die Zahl der Gefallenen verdoppelte sich. Nun gab es für die wenigen Verschonten kein Halten mehr. Sie rissen ihre Pferde herum und flohen im gestreckten Galopp davon.

„Der Comantsche ist ein Feigling!“ meinte der Apatsche stolz.

Er stieg langsam die Steilung nieder, um sich die Skalpe der vier von ihm erschossenen Feinde zu holen. Auch die andern folgten, um sich der Waffen und reiterlosen Pferde zu bemächtigen. Nach einem Aufenthalte von einer Viertelstunde konnte der Weg wieder fortgesetzt werden.

„Nun werden wir für alle Zeiten sicher sein,“ meinte Emma.

„Glauben Sie das nicht, Sennorita!“ sagte Helmers.

„Nicht? Ich dächte, die Lehre, die wir ihnen gegeben haben, sei hart genug!“

„Gerade deshalb werden sie auf Rache sinnen. Sehen Sie, daß der Apatsche da links hinüber blickt?“

„Ja. Was will er?“

„Dorthin führt die Fährte der beiden Späher, welche geflohen sind gleich den andern. Sie werden die Übriggebliebenen treffen und uns folgen, bis sie wissen, wo wir sind und wo wir bleiben. Dann kehren sie um und holen genug Krieger, um die Hacienda zu überfallen.“

„O, die Hacienda ist fest. Sie ist eine kleine Festung.“

„Ich kenne diese Art von Meiereien oder Gutshöfen. Sie sind aus Stein gebaut und gewöhnlich mit Pallisaden umgeben. Was aber hilft das gegen einen Feind, der unvermutet kommt?“

„Wir werden wachen.“

„Thun Sie das!“

„Und Sie mit. Ich will doch hoffen, daß Sie unser Gast sein werden!“

„Ich muß sehen, was Bärenherz sagt. Von ihm kann ich mich nicht trennen.“

„Er wird bleiben!“

„Er ist ein Freund der Freiheit. Er hält es in einem Gebäude nie längere Zeit aus.“

Es ging in munterer Schnelligkeit vorwärts, bis sie einen breiten Wasserlauf erreichten. Der Apatsche folgte demselben, bis das Flüßchen einen Bogen bildete. Hier hielt er an.

„Hier sicher?“ fragte er Helmers in seiner kurzen Weise.

Der Gefragte musterte mit prüfendem Blicke die Umgebung und nickte dann zustimmend.

„Hier ist’s gut,“ sagte er. „Von drei Seiten schützt uns der Fluß, und die vierte können wir recht gut bewachen. Steigen wir also ab!“

Sie sprangen alle von den Pferden und richteten das Lager vor. Innerhalb des Dreiviertelkreises, welchen der Fluß bildete, und hart an dem Ufer desselben kamen die Pferde zu stehen; dann kam das Feuer, um welches sich die Gesellschaft lagerte, und die vierte, die Landseite, wurde von Büschen abgeschlossen, in welche man eine Wache legte.

Helmers richtete für Emma aus Zweigen und Laub ein weiches Lager vor; Bärenherz that dasselbe mit der Indianerin. Es war dies von seiten des Apatschen eine ganz und gar ungewöhnliche Auszeichnung, denn kein Wilder läßt sich herbei, eine Handreichung zu leisten, welche die Frau oder das Mädchen selbst thun könnte.

Nachdem man die Ereignisse des Tages ausführlich besprochen hatte, wozu jedoch der Apatsche kein Wort sagte, legte man sich zur Ruhe. Es war die Anordnung getroffen, daß ein jeder drei Viertelstunden wachen sollte. Bärenherz und Helmers hatten die letzten Wachen übernommen, da die Zeit kurz vor Beginn des Tages die gefährlichste ist, weil da die Wilden ihre Angriffe am liebsten zu unternehmen pflegen.

Doch verging die Nacht ohne alle Störung, und man brach am Morgen mit erneuten Kräften auf. Während des Weiterrittes ließen sich die Comantschen nicht wieder sehen; man kam nach und nach in kultiviertere Gegenden und erreichte am Nachmittage das Ziel.

Unter einer Hacienda versteht man eine Meierei; doch sind diese mexikanischen Haciendas sehr oft mit unsern größten Rittergütern zu vergleichen, da zu ihnen zuweilen ein Länderkomplex von der Größe eines deutschen Fürstentums gehört.

Die Hacienda del Erina war ein fürstlicher Besitz. Das massive Gebäude war aus Bruchsteinen erbaut und von Pallisaden umgeben, welche gegen räuberische Überfälle einen starken Schutz gewährten. Das Innere des einem Schlosse gleichenden Herrenhauses war auf das feinste ausgestattet und zeigte eine solche Geräumigkeit, daß Hunderte von Gästen da Wohnung finden konnten.

Umgeben wurde das Haus von einem großen Garten, in welchem die prachtvollste tropische Vegetation in den strahlendsten Farben schimmerte und die üppigsten Düfte verbreitete. Hieran schloß sich auf der einen Seite der dichte Urwald, auf der andern ein ausgedehnter Feldwuchs, und auf den beiden übrigen sah man große Weiden sich ausdehnen, auf welchen sich Herden tummelten, deren Stückzahl viele Tausende betrug.

Bereits als die Kavalkade an den Weiden vorüber ritt, kamen mehrere Vaqueros mit lautem Jubel herbeigesprengt, um die Kommenden zu begrüßen. Der Jubel aber wurde sehr bald zum Zornesausbruch, als sie erfuhren, daß so viele ihrer Kameraden unter den Händen der Comantschen gefallen seien. Sie baten sofort, einen Rachezug gegen die Roten zu veranstalten.

Der Majordomo ritt der Kavalkade voran, um sie anzumelden. Darum stand, als die Reiter an der Hacienda anlangten, der alte Petro Arbellez bereits unter dem Thore, um seine Tochter und deren Begleiter zu begrüßen. Thränen der Freude standen ihm in den Augen, als er sie vom Pferde hob.

„Sei willkommen, mein Kind,“ sagte er. „Du mußt auf dieser gefährlichen Reise viel gelitten haben, denn du bist anders beritten und siehst sehr angestrengt aus.“

Emma umarmte und küßte ihn innig und antwortete:

„Ja, mein Vater, ich war in einer Gefahr, welche größer ist als Lebensgefahr.“

„O Gott, in welcher?“ fragte er, indem er auch die Indianerin freundlich bewillkommnete.

„Wir wurden von den Comantschen gefangen.“

„Heilige Mutter Gottes! Sind die jetzt am Rio Pecos?“

„Ja. Hier diese beiden Männer sind unsre Retter.“

Sie nahm den Deutschen und den Apatschen bei der Hand und führte sie dem Vater zu.

„Dieser hier ist Sennor Antonio Helmers aus Deutschland, und dieser ist Shosh-in-liett, der Häuptling der Apatschen. Ohne sie hätte ich die Squaw eines Comantschen werden müssen, und die andern hätte man am Pfahle zu Tode gemartert.“

Dem alten braven Verwalter trat bereits vom bloßen Gedanken daran der Angstschweiß auf die Stirn.

„Mein Gott, welch‘ ein Unglück, und doch zugleich auch wieder welch‘ ein Glück! Willkommen, Sennores, von ganzem Herzen willkommen! Ihr sollt mir alles erzählen, und dann will ich sehen, wie ich euch dankbar sein kann. Kommt herein, und seid die Herren dieses Hauses!“

Das war ein sehr freundlicher und liebenswürdiger Empfang. Überhaupt machte der Anblick des alten Mannes den Eindruck von Ehrlichkeit und Biederkeit; man mußte ihn sofort lieb haben.

Die Gäste kamen durch das Pallisadenthor, übergaben ihre Pferde einigen Knechten und traten in das Gebäude. Während der Majordomo mit den Vaqueros in dem Vorraume zurückblieb, führte der Haciendero die beiden andern mit den Damen nach dem Empfangzimmer, wo Platz genommen wurde, bis Emma in großen Umrissen ihr Abenteuer berichtet hatte.

„Mein Jesus,“ klagte der Haciendero; „was müßt ihr gelitten haben, ihr beiden Mädchen! Aber Gott hat diese beiden Sennores gesandt, um euch zu retten. Ihm und ihnen sei Dank gesagt. Was wird der Graf und was wird Tecalto sagen, wenn sie es hören!“

„Tecalto?“ fragte die Indianerin erfreut. „Ist Büffelstirn, mein Bruder, da?“

„Ja, er ist gestern angekommen.“

„Und der Graf auch?“ fragte Emma.

„Ja, bereits eine Woche.“

„Ah, da ist er!“

Die Thür zu dem nebenan liegenden Speisesaale öffnete sich, und Graf Alfonzo trat heraus. Er trug einen rotseidenen, persisch in Gold gestickten Schlafrock, eine Hose vom feinsten, weißen, französischen Linnen, blaue Sammet-Hausschuhe und einen türkischen Fez auf dem Kopfe. Er verbreitete einen solchen Odeur um sich, daß man hätte meinen können, in einer Parfümeriehandlung zu sein. Die offen gebliebene Thür erlaubte, einen Blick in den Speisesalon zu thun. Die Ausschmückung desselben war mehr als fein, war luxuriös, und an der Serviette, welche der Graf in der Hand trug, bemerkte man, daß er beschäftigt gewesen sei, in den Genüssen und Delikatessen Mexikos zu schwelgen.

„Man nannte meinen Namen,“ sagte er. „Ah, die schönen Damen sind es! Glücklich wieder zurückgekehrt, Sennoritas?“

Bei seinem Anblicke war die Indianerin blutrot geworden, was dem scharfen Auge des Apatschen nicht entging; Emma aber blieb sich vollständig gleich. Sie antwortete kalt, wenn auch höflich:

„Wie Sie sehen, Graf! Bald jedoch wären wir nicht wieder zurückgekehrt.“

„Ah! Warum? Ich hoffe doch nicht, daß ein Unfall –“

„Und doch war es ein kleiner Unfall, welcher uns betraf. Die Comantschen nahmen uns nämlich ein wenig gefangen.“

„Donnerwetter!“ rief er. „Ich werde sie züchtigen lassen!“

„Das wird nicht sehr leicht sein,“ meinte sie spöttisch. „Übrigens sind wir ja gut davongekommen. – Hier unsre Lebensretter!“

„Ah!“ sagte er.

Er trat einige Schritte zurück, setzte den Zwicker auf die Nase, betrachtete sich die beiden „Retter,“ zog ein sehr enttäuschtes Gesicht und sagte:

„Wer sind diese Leute?“

„Dieser ist Sennor Helmers aus Deutschland, und der andre ist Bärenherz, der Häuptling der Apatschen.“

„Ah, ein Deutscher und ein Apatsche! Das gehört allerdings zusammen. Wann reisen diese Sennores wieder ab? Doch sogleich?“

„Sie sind meine Gäste und werden bleiben, so lange es ihnen beliebt,“ sagte der Haciendero.

„Aber Arbellez, wo denkt Ihr hin!“ rief der Graf. „Seht Euch diese Männer an. Ich und sie unter einem Dache! Sie riechen nach Wald und Sumpf. Ich würde sofort abreisen!“

Der Haciendero richtete sich auf. Sein Auge flammte vor Zorn.

„Ich kann Ew. Erlaucht nicht halten,“ sagte er. „Diese Sennores haben das Leben und das Glück meines Kindes gerettet; sie sind mir hoch willkommen.“

„Ah! Ihr widersteht mir?“ sagte der Graf.

„Ja,“ antwortete Arbellez fest.

„Wißt Ihr, daß ich hier der Gebieter bin?“

„Das weiß ich nicht!“

„Nicht?“ zischte Alfonzo. „Wer sonst?“

„Ihr Herr Vater, Graf Ferdinando. Ihr seid hier nur als Gast anwesend. Übrigens hätte selbst Graf Ferdinando keine Stimme in dieser Angelegenheit. Ich bin Pächter auf Lebenszeit. Wer will mir befehlen, wen ich bei mir empfangen soll oder nicht!“

„Verdammt, das ist stark!“

„Nein, stark war Ihre Unhöflichkeit und Rücksichtslosigkeit gegen meine Gäste. Wenn Ihnen der Wald- und Sumpfgeruch nicht angenehm ist, von dem allerdings ich ganz und gar nichts merke, so weiß ich hingegen nicht, ob diese Sennores nicht Ihre Parfüms auffällig finden, die ich recht gut bemerke. Ich werde meine Gäste jetzt in den Speisesaal führen und überlasse es Ihnen, weiter zu speisen oder nicht.“

Er öffnete die Thüre des Saales noch weiter und bat die beiden mit der höflichsten Verbeugung, Zutritt zu nehmen. Der Indianer hatte wie völlig teilnahmlos dagestanden; kein Blick seines Auges hatte den Grafen getroffen, und fast schien es, als ob er auch kein Wort desselben verstanden habe. Er schritt stolz und wortlos in den Saal. Helmers dagegen wandte sich vorher zum Grafen:

„Sie sind Graf Alfonzo de Rodriganda?“

„Ja,“ antwortete der Gefragte erstaunt, daß ihn der Jäger anzureden wagte.

„So! Sennor Arbellez hatte vergessen, Sie auch uns vorzustellen. Sie sind der Geforderte. Was wählen Sie? Degen, Pistolen oder Kugelbüchsen?“

„Sie wollen sich mit mir schlagen?“ fragte er, noch viel erstaunter als vorher.

„Versteht sich! Hätten Sie mich draußen vor der Hacienda beleidigt, so hätte ich Sie niedergeschlagen wie einen dummen jungen; da es aber unter dem Dache meines Gastfreundes geschah, so nahm ich Rücksicht auf ihn und auf die Gegenwart dieser Damen. Nun ich jedoch höre, daß Sie in diesem Hause eigentlich keinen Pfifferling gelten, so biete ich Ihnen die Wahl der Waffen an.“

„Schlagen? Mit Euch? Gott, wer seid Ihr denn? Ein Jäger, ein Herumläufer! Pah!“

„Also nicht? So seid Ihr ein Lump, ein Feigling, ein ganz erbärmlicher Wicht! Laßt Ihr auch diese Prädikate auf Euch sitzen, so seid Ihr gerichtet auf alle Zeit! Thut, was Euch beliebt!“

Er schritt dem Apatschen nach. Der Graf stand ganz perplex.

„Arbellez, das leidet Ihr?“ fragte er den Haciendero.

Wenn Ihr es leidet!“ antwortete dieser. „Komm, Emma; komm, Karja! Unser Platz ist da drinnen bei den Ehrenmännern.“

„Ah, welche Niederträchtigkeit! Das werde ich Euch eintränken, Arbellez!“

„Versucht es!“

Der wackere Alte ging in den Saal, die beiden Damen mit ihm. Als jedoch Emma an dem Grafen vorüberschritt, sagte sie mit verächtlich gekräuselten Lippen und funkelnden Augen:

„Das war niederträchtig – das war armselig!“

Die Indianerin folgte ihr mit niedergeschlagenen Augen; es widerstrebte ihr, den Grafen zu verachten, und dennoch konnte sie ihm nicht in das Gesicht sehen. Er blieb stehen; er kehrte nicht wieder nach dem Saale zurück. Er warf die Serviette zu Boden, stampfte sie mit den Füßen und knirschte:

„Das sollt Ihr büßen, und bald, bald, bald!“

Nach dieser ohnmächtigen Zornesäußerung suchte er seine Zimmer auf.

Die andern nahmen ein lukullisches Mahl ein. Da gab es große Schnitten von Wassermelonen mit fleischfarbigem Innern, deren wohlschmeckender Saft in rosigen Tropfen auf die silbernen Platten perlte; halb geöffnete Granaten, Früchte des Kerzenkaktus, Orangen, süße Limonen, Grenadillen und alle die Fleisch- und Mehlspeisen, an welchen die mexikanische Küche so überaus reich ist. Während des Essens wurden die Erlebnisse noch ausführlicher besprochen, als es bisher möglich gewesen war; dann bat der Haciendero, den Sennores ihre Zimmer anweisen zu dürfen.

Die beiden Freunde wohnten nebeneinander. Es war dem Deutschen doch unmöglich, lange in dem engen Raum zu bleiben; er verließ ihn und suchte den Garten auf, wo er sich von Wohlgerüchen umduften ließ, bis er hinaustrat in das Freie, um die herrlichen mexikanischen Renner auf der Weide zu beobachten.

Indem er so an den Pallisaden hinschlenderte und um eine Ecke bog, erhob sich plötzlich vor ihm eine Gestalt, deren frappantes Äußere ihn zum Stehen brachte. Der hohe, starke Mann war vollständig in ungegerbtes Büffelleder gekleidet, so wie die Ciboleros sich zu tragen pflegen; aber auf dem Kopfe saß ihm der obere Teil eines Bärenschädels, von welchem einige Streifen Fell bis fast herab zur Erde schleiften. Aus dem breiten Ledergürtel schauten die Griffe von Messern und andern Werkzeugen; von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte herüber hatte er einen fünffach geflochtenen Lasso um den Leib geschlungen, und an der Pallisade lehnte eine jener alten, schmiedeeisernen Büchsen, wie sie vor hundert Jahren in Kentucky gemacht wurden, und die so schwer sind, daß sie ein gewöhnlicher Mann nicht zu handhaben vermag.

„Wer bist du?“ fragte Helmers im ersten Augenblicke des Erstaunens.

„Ich bin Büffelstirn, der Indianer,“ antwortete der Gefragte.

„Tecalto bist du?“

„Ja. Kennst du mich?“

„Ich sah dich noch nie, aber ich habe viel, sehr viel von dir gehört.“

„Wer bist du?“

„Mein Name ist Helmers; ich bin ein Deutscher.“

Das ernste Gesicht des Indianers klärte sich auf. Er war vielleicht erst fünfundzwanzig Jahre alt und konnte als eine Schönheit des indianischen Typus gelten.

„So bist du der Jäger, welcher Karja, meine Schwester, befreit hat?“

„Der Zufall war mir hold.“

„Nein, das war kein Zufall. Du hast dir die Pferde der Comantschen geholt und bist ihnen nachgeritten. Büffelstirn ist dir vielen Dank schuldig. Du bist so tapfer wie Matava-se, der Fürst des Felsens, der auch ein Deutscher ist.“

„Kennst du die Deutschen?“

„Ich kenne einige. Sie werden von den Amerikanern Dutchmen genannt. Sie sind stark und gut, tapfer und klug, wahr und treu. Ich habe gehört von einem von ihnen, den die Apatschen und Comantschen Itinti-ka, den Donnerpfeil, nennen.“

„Gesehen hast du ihn noch nicht?“ fragte der Deutsche.

„Er heißt der Donnerpfeil, weil er schnell und sicher ist, wie der Pfeil, und mächtig und schwer wie der Donner. Seine Büchse fehlt nie ihr Ziel, und sein Auge irrt auf keiner Spur. Ich habe viel von ihm gehört; ich habe ihn bisher noch nie gesehen, aber heute sehe ich ihn.“

„Wo?“ fragte Helmers überrascht.

„Hier. Du bist es!“

„Ich? Woran erkennst du mich?“

„Sieh deine Wange an. Donnerpfeil hat einen Bowiemesserstich durch die Wange erhalten, das weiß ein jeder, der einmal von ihm gehört hat. Solche Erkennungszeichen merkt man sich. Habe ich richtig geraten oder nicht?“

Helmers nickte.

„Du hast recht. Man nennt mich allerdings Itinti-ka, den Donnerpfeil.“

„So danke ich Wahkonta, daß er mir erlaubt hat, mit dir zu sprechen. Du bist ein tapferer Mann; reiche mir deine Hand, und sei mein Bruder!“

Sie schlugen ein, und Helmers sagte:

„So lange unsere Augen einander erblicken, soll Freundschaft sein zwischen mir und dir!“

Und der Indianer fügte hinzu:

„Meine Hand sei deine Hand und mein Fuß dein Fuß. Wehe deinem Feinde, denn er ist auch der meinige, und wehe meinem Feinde, da er auch der deinige ist. Ich bin du, und du bist ich; wir sind eins!“

Sie umarmten sich.

Dieser „Büffelstirn“ war kein Indianer nach Art der nördlichen Roten. Er war gesprächig und mitteilsam, und doch wohl trotzdem nicht minder furchtbar, als einer jener schweigsamen Wilden, welche es für eine Schande halten, gleich einem Weibe den Gefühlen des Herzens Worte zu verleihen.

„Du wohnest in der Hacienda?“ fragte Helmers.

„Nein,“ antwortete der Büffeljäger. „Wer mag wohnen und schlafen in der Luft, welche zwischen Mauern gefangen ist. Ich wohne hier.“

Er deutete auf das Rasenstück, auf welchem er stand.

„So hast du das beste Lager auf der ganzen Hacienda. Ich konnte es in der Stube nicht aushalten.“

„Auch Bärenherz, dein Freund, hat die Weide aufgesucht.“

„Er ist hier?“

„Ja. Ich habe bereits mit ihm gesprochen und ihm gedankt. Wir sind Brüder geworden, wie ich und du.“

„Wo ist er?“

„Er sitzt da drüben bei den Vaqueros, welche von dem Überfalle der Comantschen erzählen.“

„Laß uns zu ihnen gehen!“

Der Indianer ergriff seine schwere Büchse, warf sie auf die Schulter und führte den Deutschen.

Weit draußen, mitten zwischen halbwilden, weidenden Pferdegruppen saßen die rauhen Vaqueros an der Erde und erzählten sich die Abenteuer ihrer jungen Herrin, die sich sehr schnell herumgesprochen hatten. Bärenherz saß schweigsam dabei. Er sagte kein Wort dazu, obgleich er alles besser und wahrer hätte erzählen können. Die beiden kamen und setzten sich mit zu den anderen, welche sich nicht stören ließen, obgleich nun auch der zweite Held der Erzählung zugegen war. Dieser nahm zuweilen das Wort, und so entwickelte sich nach und nach eine jener fesselnden Unterhaltungen, welche man beim Lagern in der Wildnis zu hören bekommt.

Da drang ein zorniges Schnauben und Röcheln in das Gespräch hinein.

„Was ist das?“ fragte Helmers, der sich bei diesem Geräusch schnell umdrehte.

„Es ist der Rapphengst,“ antwortete einer der Vaqueros.

„Was ist mit ihm?“

„Er soll verhungern, wenn er nicht gehorcht.“

„Verhungern? – Warum?“

„Er ist unzähmbar.“

„Pah!“

„Pah? Sennor, zweifelt ja nicht! Wir haben uns alle Mühe mit ihm gegeben. Wir haben ihn schon dreimal im Corral gehabt, um ihn zu zähmen, aber wir mußten ihn immer wieder freigeben. Er ist ein Teufel. Wir alle sind Reiter, das könnt Ihr glauben, aber alle hat er abgeworfen, außer einen.“

„Wer ist dieser Eine?“

„Büffelstirn hier, der Häuptling der Mizticas. Er allein wurde nicht abgeworfen, aber dennoch hat er ihn nicht bezwungen.“

„Unmöglich! Wer nicht abgeworfen wird, der muß doch Sieger bleiben!“

„So dachten auch wir. Aber der Teufel von einem Rapphengst ist mit ihm in das Wasser gegangen, um ihn herabzutauchen, und als dies nicht fruchtete, hat er ihn in den dichtesten Wald getragen und einfach abgestreift.“

„Donnerwetter!“ rief Helmers.

„Ja,“ nickte Büffelstirn. „Es ist eine Schande, aber es ist wahr. Und ich darf mich doch rühmen, daß ich schon manches Pferd tot gemacht habe, welches nicht gehorchen wollte.“

Der Vaquero fuhr fort:

„Es sind viele berühmte Reiter und Jäger hier auf der Hacienda gewesen, um ihre Kraft und Gewandtheit zu versuchen, aber immer vergebens. Sie alle sagen, daß es nur Einen giebt, der den Hengst bezwingen kann.“

„Wer sollte das sein?“

„Das ist ein fremder Jäger, da oben am Red-River, der selbst den Teufel in die Hölle reiten würde. Dieser Mann ist mitten in wilde Pferdetrupps geraten und von Kopf zu Kopf über die Tiere hinweggelaufen, um sich das beste herauszuholen.“

Helmers lächelte belustigt und fragte:

„Hat er einen Namen?“

„Das versteht sich!“

„Welchen?“

„Wie er eigentlich heißt, das weiß ich nicht, aber die Roten nennen ihn Itinti-ka, den Donnerpfeil. Es haben viele Jäger, die aus dem Norden kamen, von ihm erzählt.“

Helmers ließ es sich nicht merken, daß von ihm selbst die Rede sei, auch Bärenherz und Büffelstirn zuckten mit keiner Miene. Der erstere aber fragte:

„Wo ist das Pferd?“

„Dort hinter jener Truppe liegt es.“

„Gefesselt?“

„Natürlich.“

„Alle Teufel, das ist ein Unrecht!“

„Pah! Sennor Arbellez hält große Stücke auf seine Pferde, aber dieses Mal hat er doch geschworen, daß der Rappe gehorchen oder verhungern soll.“

„So habt ihr ihm auch das Maul verbunden?“

„Versteht sich!“

„Zeigt mir ihn!“

„So kommt, Sennor!“

Eben, als sie sich vom Boden erhoben, sahen sie den alten Arbellez mit seiner Tochter und Karja herbeigeritten kommen. Es war der gewöhnliche Inspektionsritt, den er vor der Nacht zu unternehmen pflegte. Die Vaqueros ließen sich nicht stören und führten Helmers zu dem Hengste.

Dieser lag, an allen vieren gefesselt und mit einem Korbe vor dem Maule am Boden. Die Augen waren ihm vor Wut und Anstrengung mit Blut unterlaufen, jede einzelne Ader war zum Zerplatzen geschwollen, und aus dem Maulkorbe troff der Schaum in großen Flockentrauben.

„Alle Wetter, das ist ja die reine Sünde!“ rief Helmers.

„Macht es anders, Sennor,“ meinte der Vaquero, kaltblütig die Achseln zuckend.

„Das ist Tierquälerei! Das darf man nicht leiden! Auf diese Weise wird das edelste Pferd vollständig umgebracht!“

Er hatte sich ganz in Ekstase hineingeredet. Da kam Arbellez mit den Mädchen an.

„Was giebt es, Sennor Helmers, daß Ihr Euch so ereifert?“ fragte er.

„Ihr bringt den Hengst um!“ antwortete dieser.

„Das will ich auch, wenn er nicht gehorchen lernt!“

„Er wird gehorchen lernen, so aber nicht.“

„Wir haben alles vergebens versucht.“

„Gebt ihm einen tüchtigen Reiter auf den Rücken!“

„Hilft nichts!“

„Pah! Darf ich es versuchen, Sennor?“

„Nein.“

Helmers sah ihn erstaunt an.

„Warum nicht?“ fragte er.

„Weil mir Euer Leben zu lieb ist.“

„Pah! Ich will lieber sterben, als dieses länger mit ansehen. Ein guter Pferdemann hält das nicht aus. Also, darf ich den Rappen reiten? Bitte, Sennor!“

Da drängte Emma besorgt ihr Pferd heran.

„Vater, erlaube es ihm nicht!“ bat sie ängstlich. „Der Rappe ist zu gefährlich.“

Der Deutsche fragte sie sehr ernst:

„Sennora, hassen Sie mich?“ „Hassen? Mein Gott, warum sollte ich das?“

„Oder verachten Sie mich?“

„Das ja noch viel weniger!“

„Nun, warum beleidigen Sie mich in dieser Weise? Nur ein Knabe unternimmt, was er nicht auszuführen vermag. Ich sage Ihnen, daß ich den Schwarzen ganz und gar nicht fürchte.“

„Sie kennen das Tier nicht, Sennor,“ mahnte Arbellez. „Es sind viele hier gewesen, welche behaupten, daß nur Itinti-ka, der Donnerpfeil, es bändigen könne.“

„Kennen Sie diesen Itinti-ka?“

„Nein, aber er ist der beste Rastreador und Reiter, der zwischen den beiden Meeren lebt.“

„Und dennoch bitte ich um den Hengst!“

„Ich warne Sie!“ sagte der Haciendero.

„Ich bleibe bei meiner Bitte!“

„Nun wohl, ich muß sie Ihnen gewähren, denn Sie sind mein Gast; aber es thut mir leid um die Folgen. Zürnen Sie mir später nur nicht!“

Da stieg Emma schnell vom Pferde und trat auf Helmers zu.

„Sennor Helmers,“ bat sie, seine Hand ergreifend, „wollen Sie nicht doch um meinetwillen von dem Pferde ablassen? Mir ist so angst!“

„Sennorita,“ sagte er, „sprechen Sie aufrichtig- Ist es eine Ehre oder eine Schande für mich, wenn ich erst behaupte, daß ich mich nicht fürchte, und dann doch zurücktrete?“

Sie senkte den Kopf; sie sah ein, daß er recht hatte, daß er vor den andern, die ja alle gute Reiter waren, gar nicht zurück konnte. Darum fragte sie kleinlaut:

„Sie wollen es also wirklich wagen?“

„O, Sennorita Emma, für mich ist das kein Wagnis!“

Er blickte ihr dabei mit einer so offenen, heiteren Zuversichtlichkeit in die Augen, daß sie zurücktrat und an die Möglichkeit des Gelingens glaubte.

„Wohlan, nun gilt’s!“

Mit diesen Worten trat er an den Hengst heran. Er wies die Vaqueros zurück, welche ihm helfen wollten, die Fesseln abzunehmen. Das Tier wälzte sich noch immer schnaubend und stöhnend am Boden. Er nahm ihm den Korb ab und zog das Messer. Nur das Ende eines alten Lasso war dem Pferde noch um das Maul gebunden. Helmers nahm diesen Riemen in die Linke, schnitt mit dem Messer schnell die Fesseln erst der Hinter-, dann auch der Vorderbeine durch und saß, als der Rappe nun emporschnellte, wie angegossen auf dessen Rücken.

Jetzt begann ein Kampf zwischen Reiter und Pferd, wie ihn noch keiner der sich vorsichtig zurückziehenden Zuschauer gesehen hatte. Der Hengst ging abwechselnd vorn und hinten in die Höhe, bockte zur Seite, schlug und biß, warf sich zu Boden, wälzte sich, sprang wieder empor – immer blieb der Reiter über ihm. Es war zunächst ein Kampf der menschlichen Intelligenz gegen die Widerspenstigkeit eines wilden Tieres, dann aber wurde es ein Kampf allein der menschlichen Muskeln gegen die tierische Kraft. Das Pferd schwitzte förmlich Schaum, es schnaubte nicht, sondern es grunzte, stöhnte; es strengte den letzten Rest seines Willens an, aber der eisenfeste Reiter gab nicht nach; mit stählernem Schenkeldrucke preßte er das Pferd zusammen, daß diesem der Atem auszugehen drohte, und nun erhob es sich zum letzten Male mit allen vieren in die Luft; dann – schoß es davon, über Stock und Stein, über Gräben und Büsche, daß man es mit seinem Reiter in einer halben Minute bereits nicht mehr erblickte.

„Donnerwetter, so etwas habe ich noch nicht gesehen!“ gestand der alte Arbellez.

„Er wird den Hals brechen!“ sagte einer der Vaqueros.

„Nun nicht mehr,“ meinte ein andrer. „Er hat gesiegt!“

„O, es war mir angst!“ gestand Emma. „Aber ich glaube nun wirklich, daß keine Gefahr mehr vorhanden ist. Nicht wahr, Vater?“

„Sei ruhig! Wer so fest sitzt und solche Stärke zeigt, der stürzt nicht mehr herab. Das war ja gerade, als ob Teufel gegen Teufel kämpfte! Ich glaube, dieser Itinti-ka könnte es auch nicht besser machen!“

Da trat Büffelstirn heran und sagte:

„Nein, Sennor, er kann es nicht besser machen, sondern ganz genau so.“

„Wie so? Ich verstehe nicht.“

„Dieser Sennor Helmers ist ja Itinti-ka, der Donnerpfeil!“

„Was?“ fuhr Arbellez auf. „Er? Der Donnerpfeil?“

„Ja. Fragt hier den Häuptling der Apatschen!“

Arbellez richtete einen fragenden Blick auf den Genannten.

„Ja, er ist es,“ sagte dieser einfach.

„Ja, wenn ich das wußte, so hätte ich keine solche Angst ausgestanden,“ erklärte der Haciendero. „Es war mir wahrhaftig so, als ob ich selbst auf dem Tiere säße.“

Voller Erwartung blieben alle halten, und keiner ging von dem Platze fort. So verging über eine Viertelstunde; da kehrte er zurück. Der Rapphengst war zum Zusammenbrechen müde, aber der Reiter saß lächelnd und frisch auf seinem Rücken. Emma ritt ihm entgegen.

„Sennor, ich danke Euch!“ sagte sie.

Ein anderer hätte gefragt: „Wofür?“ Er aber verstand sie und lächelte ihr glücklich zu.

„Nun, Sennor Arbellez,“ fragte er, „braucht es denn gerade wirklich nur dieser Itinti-ka zu sein?“

„Natürlich!“

„Na, ich denke, wir können ihn entbehren, denn ich kann es auch.“

„Weil Ihr es seid, ja.“

„Aha, so ist mein Geheimnis verraten!“ lachte er.

„Und das Inkognito des Fürsten der Savanna zu Ende,“ fügte Emma hinzu.

Es wurde ihm von allen Seiten die lauteste Bewunderung zu teil; er aber wehrte ab und sagte:

„Ich bin noch nicht fertig. Darf ich Sie auf Ihrem Ritte begleiten, Sennor Arbellez?“

„Ist das Pferd nicht zu müde?“

„Es muß; ich will es so!“

„Gut, so kommt!“

Sie ritten nun die weiten Plätze ab, auf denen Pferde, Rinder, Maultiere, Schafe und Ziegen weideten, und kehrten dann nach Hause zurück; der Rapphengst wurde angepflockt. Als Karja, die Indianerin, sich nach ihrem Zimmer begab und an der Thür des Grafen vorüberging, öffnete sich diese und Graf Alfonzo trat für einen Augenblick heraus.

„Karja,“ fragte er, „kann ich dich heut sprechen?“

„Wann?“ fragte sie.

„Zwei Stunden vor Mitternacht.“

„Wo?“

„Unter den Ölbäumen am Bache.“

„Ich komme!“

Als der Abend hereingebrochen war, versammelte man sich im Speisesaale, wo wahrhaft riesige Vorräte auf die Tische getragen wurden. Auch die beiden Indianerhäuptlinge waren da. Man sprach wieder von den letzten Ereignissen ,und brachte dann die Rede auf die heutige Bändigung des Pferdes. Es wurde Helmers abermals Lob gebracht; er wies es mit den Worten zurück:

„Das ist gar nicht der Rede wert, Sennores. Ich bin nicht der einzige, der so etwas fertig bringt.“

„O, das ist nur Bescheidenheit von Euch!“ sagte der Haciendero. „Es giebt keinen zweiten.“

„Doch! Es giebt einen, der es noch viel besser versteht; das ist Old Shatterhand, der Freund Winnetous. An den reiche ich noch lange nicht.“

„Oh! Old Shatterhand! ja, von dem hat man freilich so viel gehört, daß ich glaube, ihm sei die Bändigung eines wilden Pferdes eine Leichtigkeit. Kennt Ihr ihn, Sennor?“

„Ja, und eben darum kann ich der Wahrheit gemäß sagen, daß ich es ihm noch lange nicht gleich thue.“

Hierauf richtete sich das Gespräch auf diesen berühmten Westmann, und es wurden einige seiner hervorragendsten Thaten erzählt. Der Graf war nicht mit bei Tische erschienen; die heutigen Auftritte ärgerten ihn; er fühlte gar wohl, daß er sich blamiert hatte, und darum kam er nicht. Auf das Duell mit Helmers war er natürlich nur aus Feigheit nicht eingegangen.

Er war ein außerordentlich liederlicher und verschwenderischer junger Edelmann und hatte trotz des Reichtums seines Vaters, der ihn mit einer sehr hohen Jahresrente bedachte, so hohe Schulden gemacht, daß er sich nicht getraute, es ihm mitzuteilen. Seine Gläubiger drückten und quälten ihn, und da er von dem Schatze der Könige gehört hatte und von Karja wußte, daß sie das Geheimnis kannte, so wollte er diesen Schatz heben, von dem der tausendste Teil hinreichend war, die Gläubiger zu befriedigen. Er hatte jedes ungesehene Zusammentreffen mit der Indianerin benützt, sich ihr von der vertrauenswertesten Seite zu zeigen, und ihr sogar versprochen, sie zur Gräfin Rodriganda zu machen. Trotzdem sie so harmlos und vertrauensselig war, ihm dies vollständig zu glauben, war sie bisher doch nicht dazu zu bringen gewesen, ihm zu sagen, wo der Schatz zu suchen sei.

Jetzt nun war er, von seinen Gläubigern auf das äußerste gedrängt, von der Hauptstadt Mexiko nach der Hacienda mit dem festen Vorsatze gekommen, Karja so zu bearbeiten, daß sie ihm das Geheimnis verraten müsse. Er ging nach den Ölbäumen am Bache und fand sie schon da, seiner wartend. Sie war zornig auf ihn, weil er sich so beleidigend gegen ihre Retter verhalten hatte, doch gelang es seiner Gewandtheit sehr bald, ihren Unmut zu zerstreuen. Dann ging er auf sein Ziel los. Er versprach ihr, sie adeln zu lassen, um sie dann zu seiner Frau machen zu können, denn der Adel sei ihr notwendig, obgleich sie in seinen eignen Augen für vollständig ebenbürtig gelte, weil sie der Abkömmling von Königen sei. Um den Adel zu erhalten, sei aber Geld, sehr viel Geld nötig, was er für sie von seinem Vater nicht erhalten könne; dazu sei der Schatz der Könige nötig, den er auch schon deshalb haben müsse, weil sein Vater ihn wegen Karja enterben und er also arm, ganz arm sein werde. Wenn er aber bereit sei, ihr dieses große Opfer zu bringen, und ihr also beweise, wie gut und ehrlich er es mit ihr meine, dürfe sie nun auch ihrerseits nicht länger zögern, ihm das Geheimnis mitzuteilen. Seine Überredungsgabe siegte mit diesen Gründen. Sie versprach, ihm den Ort, wo der Schatz liege, zu sagen, stellte aber die Bedingungen, daß er ihrem Bruder nie verrate, daß sie das Geheimnis nicht gehütet habe, und daß er ihr ein schriftliches und mit Unterschrift und Siegel versehenes Dokument des Inhaltes gebe, daß er sie gegen Auslieferung des Schatzes zur Gräfin von Rodriganda machen werde. Er ging auf diese Bedingung ein und sagte ihr, daß sie sich dieses Dokument morgen persönlich bei ihm holen solle.

Wie froh war er, seinen Zweck erreicht zu haben. Hatte er doch in der Überzeugung, zum Ziele zu gelangen, schon Leute mitgebracht, welche die Schätze nach der Hauptstadt transportieren sollten! Das Dokument machte ihm keine Sorgen; die niedrig stehende, verachtete Indianerin war selbst mit einem solchen Schriftstücke vollständig machtlos, ihm, dem hochgeborenen Grafen gegenüber. Aber nur erst die Schätze haben!

Während diese beiden bei den Oliven waren, führte Helmers den Häuptling Tecalto nach seinem Lagerplatze im Grase der Weide. Er war seit langer Zeit die freie Gottesnacht gewöhnt und wollte, ehe er sich im Zimmer schlafen legte, noch eine Lunge voll frischer Luft sammeln. Darum ging er, als er sich von dem Häuptling verabschiedet hatte, noch nicht in die Hacienda zurück, sondern trat in den Blumengarten, wo er sich am Rande des künstlichen Bassins niederließ, in welchem eine Fontäne ihren belebenden Wasserstrahl zur Höhe schoß.

Er hatte noch nicht lange hier gesessen, als er den Schritt eines leisen Fußes hörte. Gleich darauf kam eine weibliche Gestalt langsam den Gang daher geschritten und grad auf die Fontäne zu. Er erkannte Emma und erhob sich, um nicht vielleicht für einen Lauscher gehalten zu werden. Sie erblickte ihn und zauderte, weiter zu gehen.

„Bitte, Sennorita, treten Sie getrost näher,“ sagte er. „Ich werde mich sogleich entfernen, um Sie nicht zu stören.“

„Ach, Sie sind es, Sennor Helmers,“ antwortete sie. „Ich glaubte, daß es ein andrer sei, und dachte, Sie hätten die Ruhe bereits aufgesucht.“

„Das Zimmer ist mir noch zu unbequem und drückend; man muß sich erst daran gewöhnen.“

„Es ging mir ganz ebenso, darum suchte ich vorher noch den Garten auf.“

„So genießen Sie den Abend ungestört. Gute Nacht, Sennorita!“

Er wollte sich zurückziehen, sie aber nahm ihn bei der Hand, um ihn zurückzuhalten.

„Bleiben Sie, wenn es Ihnen Bedürfnis ist,“ sagte sie. „Unser Gott hat Luft und Duft und Sterne genug für uns beide. Sie stören mich nicht.“

Er gehorchte und nahm neben ihr am Rande des Bassins Platz.

Unterdessen hatte sich der Häuptling der Mizticas hart an der Gartenpallisade niedergelegt. Er blickte träumerisch gen Himmel und ließ seine Phantasie hinauf steigen in jene ewigen Welten, wo Sonnen rollen, die von seinen Ahnen verehrt worden waren. Dabei aber hatte er doch einen Sinn für das kleinste Geräusch seiner Umgebung.

Da war es ihm, als ob er im Innern des Blumengartens leise Schritte und dann auch unterdrückte Stimmen vernähme. Er wußte, daß der Graf sich bemühte, so oft wie möglich in die Nähe seiner Schwester zu kommen, und er wußte ebenso, daß diese dem Bestreben des Grafen keinen Widerstand entgegensetzte. Sein Argwohn erwachte. Weder der Graf noch Karja waren seit einer Stunde in der Hacienda zu sehen gewesen; sollten sie ein Stelldichein im Garten verabredet haben? Er mußte das erfahren, das war notwendig für ihn und sie.

Er erhob sich also und schwang sich mit echt indianischer Leichtigkeit über die Pallisaden in den Garten hinüber. Dort legte er sich auf den Boden und schlich mit solcher Unhörbarkeit näher, daß selbst das geschärfte, jetzt aber in Sicherheit gewiegte Ohr des Deutschen nichts vernahm. Er erreichte unbemerkt die andre Seite des Bassins und konnte nun jedes Wort der Unterhaltung verstehen.

„Sennor, ich sollte Ihnen eigentlich zürnen!“ sagte Emma soeben.

„Warum?“

„Weil Sie mir heute so große Angst verursacht haben.“

„Wegen des Pferdes?“

„Ja.“

„Sie haben sich umsonst geängstigt, denn ich habe Pferde gebändigt, welche noch viel schlimmer waren. Der Rappe ist nun so fromm, daß ihn jede Dame unbesorgt reiten kann.“

„Ein Gutes hat der Vorgang doch gehabt.“

„Was?“

„Daß Sie Ihr Inkognito aufgegeben haben, Sie eitler Mann!“

„O,“ lachte er, „eine eigentliche Eitelkeit war es nicht. Man muß zuweilen vorsichtig sein. Gerade dadurch, daß man mich für einen ganz gewöhnlichen und ungeübten Jäger hielt, habe ich oft die größten Vorteile errungen.“

„Aber mir konnten Sie es doch wenigstens sagen. Sie hatten mir doch bereits ein viel größeres Geheimnis anvertraut.“

„Ein Geheimnis, welches für mich wohl niemals einen Wert haben wird. Ich werde die Höhle des Königsschatzes niemals entdecken, obgleich ich mich hier in der Nähe befinden muß.“

„Ah, woraus schließen Sie das?“

„Aus der Bildung der Berge und dem Laufe der Wasser. Die Gegend, welche wir zuletzt durchritten, stimmt ganz genau mit einem Teile meiner Karte.“

„So haben Sie ja einen Anhalt gefunden und können weiter suchen!“

„Es fragt sich sehr, ob ich dies thue.“

„Warum?“

„Weil ich im Zweifel bin, ob ich ein Recht dazu habe.“

„Sie hätten doch jedenfalls das Recht des Finders. Ich überschätze den Wert des Goldes keinesfalls, aber ich weiß doch auch, daß der Besitz desselben vieles gewährt, nach welchem selbst Tausende vergeblich streben. Suchen Sie, Sennor! Es sollte mich freuen, wenn Sie fänden!“

„Ja, die Macht des Goldes ist groß,“ sagte er nachdenklich, „und ich habe in der Heimat einen armen Bruder, der viele Kinder hat und dessen Glück ich vielleicht machen könnte. Aber wem gehört dieser Schatz? Doch wohl den Nachkommen derer, die ihn versteckten.“

„Wissen Sie nicht, von wem Ihre Karte stammt?“

„Von einem alten, kranken Indianer, dem ich einige Dienste geleistet hatte, wie ich Ihnen bereits sagte. Er war verwundet und starb, ehe er mir die notwendigen mündlichen Aufklärungen geben konnte.“

„Und es steht kein Name darauf?“

„Nein. In der einen Ecke befindet sich ein rätselhaftes Zeichen, welches ich nicht zu erklären vermag. Ja, ich nehme es mir vor, ich werde suchen. Aber wenn ich den Schatz wirklich finden sollte, so werde ich ihn nicht berühren, sondern nach den rechtlichen Besitzern desselben suchen. Sollten diese nicht zu finden sein, so ist es noch immer Zeit, sich zu entschließen.“

„Sennor, Sie sind ein Ehrenmann!“ sagte die Mexikanerin warm.

„Ich thue nur, was ich muß, und unterlasse alles Unrecht.“

„Ihr Bruder ist also arm?“

„Ja. Er ist ein Seemann, der es wohl nie zu einer Selbständigkeit bringen kann, so lange er auf seine eigne Kraft angewiesen ist. Ich selbst besitze nur eine kleine Summe, welche ich aus dem Ertrage meiner Jagdstreifereien gelöst habe.“

„Sie besitzen mehr!“ sagte sie.

„Da möchte ich doch fragen!“

„Sollte ein Donnerpfeil wirklich so arm sein? Giebt es nicht Reichtümer, welche mit dem Besitze des Goldes nichts zu thun haben? Der Besitz von Gold und Silber macht nicht den Wert des Menschen aus. Die wahren Schätze ruhen im Herzen: der Glaube an Gott, die Liebe zum Nächsten und das Bewußtsein, stets seine Pflicht erfüllt zu haben. Doch kommen Sie; ich muß Vater noch gute Nacht sagen!“

Sie entfernten sich. Da schlich sich Tecalto wieder fort und schwang sich wieder über die Pallisaden. Draußen murmelte er leise vor sich hin:

„Uff, uff! Was habe ich da gehört! Donnerpfeil hat eine Zeichnung unsers heiligen und verborgenen Platzes! Sein Scharfsinn wird ihn zur Entdeckung des Schatzes führen. Ich müßte ihn eigentlich töten; aber er ist mein Freund und Bruder geworden und ein guter, edler Mann. Auch hat er meine Schwester Karja gerettet. Soll ich ihn vernichten, dem ich danken muß? Nein, nein! Ich werde nachdenken, und der große, gute Geist wird mir sagen, was ich machen soll.“ – – –

Um diese Zeit saß in einem abgelegenen Thale, vielleicht zwei Stunden von der Hacienda del Erina entfernt, eine Anzahl von vielleicht zwanzig Männern um ein Feuer. Es waren lauter wilde, verwegene Gestalten, deren jedem man zutrauen konnte, daß er einen Mord oder so etwas ähnliches auf dem Gewissen habe. Das Viertel eines Kalbes briet am Spieße, und die Reste des Tieres, welche daneben lagen, bewiesen, daß man bereits seit längerer Zeit ganz tüchtig geschmaust habe.

„Also wie wird’s, Kapitano?“ fragte einer mit unmutiger Stimme. „Warten wir noch länger?“

Der Gefragte lag neben ihm auf dem Ellbogen. Er hatte ein echtes Banditengesicht, und sein Gürtel strotzte von Waffen.

„Wir warten,“ sagte er finster und bestimmt.

„Aber wie lange noch?“

„So lange es mir gefällt.“

„Oho, ich habe es satt!“

„Schweig!“

„Du wirst mir wohl erlauben, zu reden. Wir liegen bereits seit vier Tagen hier und wissen nicht, ob man uns nur für Narren hält.“

„Hältst du dich für einen Narren, so habe ich nichts dagegen. Wie ich mit mir daran bin, das weiß ich glücklicherweise ganz genau.“

„Aber wie wir mit diesem sogenannten Grafen daran sind, weißt du das auch?“

„Auch das weiß ich.“

„Nun, wie denn?“

„Er bezahlt uns gut, und wir warten also, bis er erklärt, was wir thun sollen.“

„Das halte der Teufel aus! Was hätten wir während dieser Zeit thun und verdienen können!“

„Schweig!“

„Oho! Ich bin ein Mann und habe zu reden!“

„Und ich bin der Kapitano und verbiete es dir!“

„Wer hat dich zum Kapitano gemacht? Doch erst wir!“

„Richtig! Und weil ich es nun einmal bin, so weiß ich es auch zu sein. Iß dein Fleisch, und halte dein Maul, sonst kennst du die Gesetze!“

„Du willst drohen?“ fragte der andre, indem er an das Messer griff.

„Drohen? Nein, sondern handeln!“

Der Kapitano sagte dies im kalten, gleichgültigen Tone, aber mit einem blitzesschnellen Griffe riß er die Pistole aus dem Gürtel und drückte ab. Der Schuß krachte, und der widersetzliche Sprecher stürzte mit zerschmettertem Kopfe zu Boden.

„So; das gehört dem Ungehorsam. Schafft ihn zur Seite!“

Mit diesen Worten begann der Kapitano seine Pistole gleichmütig wieder zu laden.

Es erhob sich ein leises, mißbilligendes Gemurmel, doch verstummte es sofort, als der Hauptmann den Kopf erhob.

„Wer murrt?“ fragte er. „Ich habe noch mehrere Kugeln. Was soll werden, wenn es keinen Gehorsam mehr giebt! Dieser Graf Rodriganda zahlt einem jeden von uns ein Goldstück für den Tag. Ist dies nicht genug? Er läßt uns warten, ja, aber er wird uns schon noch Arbeit bringen, denn eine solche Summe giebt selbst ein Graf nicht umsonst aus!“

Die Leute beruhigten sich, und der Tote wurde zur Seite geschafft. Das Feuer warf seine ungewissen Schatten über die Gruppe. Man verzehrte den Rest des Fleisches, stellte eine Wache aus und hüllte sich dann in die Decken.

Schon begann der Schlaf sich über die Männer zu legen, als man den Hufschlag eines Pferdes hörte. Sofort erhoben sich alle aus ihrer liegenden Stellung. Ein Reiter nahte.

„Wer da?“ fragte die Wache.

„Der Richtige!“ lautete die Antwort.

„Kann passieren.“

Der Angekommene gab sein Pferd der Wache und kam dann herbei. Es war Graf Alfonzo de Rodriganda. Er ließ sich neben dem Kapitano nieder, zog seinen Tabak hervor und drehte sich eine Cigarrita. Man sah ihm schweigend zu, als er aber die Cigarrita angebrannt hatte und noch immer schwieg, fragte der Hauptmann:

Bringen Sie uns endlich Arbeit, Don Rodriganda?“

„Ja.“

„Was für welche? Wir thun alles, was uns gut bezahlt wird.“

Er deutete dabei mit einer sprechenden Gebärde auf seinen Dolch. Der Graf schüttelte den Kopf und antwortete:

„Es ist nichts derartiges. Ihr sollt mir nur als Arrieros dienen.“

„Als Arrieros?“ sagte der Kapitano. „Sennor, wir sind keine solche Lumpen!“

„Das weiß ich. Hört, was ich euch sage!“

Die Männer rückten neugierig zusammen, und Graf Alfonzo begann:

„Ich habe etwas nach Mexiko zu schaffen, wovon kein Mensch etwas erfahren darf; das ist es. Kann ich auf euch rechnen?“

„Wenn Sie zahlen, ja!“

„Ihr sollt haben, was ihr verlangt. Habt ihr die bestellten Packsättel mit?“

„Ja.“

„Säcke und Kisten?“

„Ja.“

„Gut! Pferde nehmen wir uns von der Estanzia del Erina, so viele wir brauchen. Morgen um diese Zeit bin ich wieder hier, und mit Tagesgrauen brechen wir auf.“

„Wohin?“

„Das weiß ich jetzt selbst noch nicht. Ich werde euch führen.“

„Was ist es, was wir zu transportieren haben?“

„Das geht euch auch nichts an. Ich bringe meine zwei Diener mit, welche euch irgendwo und irgendwann die Säcke und Kisten füllen. Dann geht es unter meiner Aufsicht nach Mexiko, und ihr habt den Transport zu verteidigen, wenn wir dabei vielleicht belästigt werden sollten.“

„Das ist ein geheimnisvolles Ding, Don Rodriganda. Wir werden den Preis danach richten müssen.“

„Thut es! Was verlangt ihr?“

„Drei Goldstücke pro Mann und Tag.“

„Zugestanden!“

„Mir als Anführer aber sechs.“

„Auch das!“

„Die ganze Beköstigung und Verpflegung.“

„Versteht sich!“

„Und wenn wir den Transport glücklich nach Mexiko bringen, dreihundert Goldstücke als Extrabelohnung.“

„Ihr sollt fünfhundert haben, wenn ich mit euch zufrieden bin!“

„Hurra, das klingt gut! Sennor, verlaßt Euch auf uns; wir gehen für Euch durchs Feuer!“

„Das hoffe ich. Hier ist übrigens eine kleine Aufmunterung zur Treue! Verteilt es unter euch.“

Er zog eine Geldrolle aus der Tasche und gab sie dem Kapitano. Dann ritt er davon.

Als der Hufschlag seines Pferdes verklungen war, wartete der vorsichtige Anführer noch ein Weilchen; dann öffnete er die Rolle.

„Gold!“ sagte er. „Blankes, gelbes Gold!“

„Der ist splendid!“ bemerkte einer.

„Hm!“ meinte der Kapitano, „da darf man seine Gedanken haben!“

„Was werden wir transportieren?“

„Niemand soll es wissen!“

„Auch wir selbst nicht!“

„Nur die beiden Diener zieht er ins Vertrauen!“

So gingen die Fragen und Meinungen herüber und hinüber. Einer meinte gar:

„Vielleicht ist es Menschenfleisch, was er verbergen will!“

„Oder Gold aus einer Bonanza.“

„Oder ein vergrabener Schatz der Aztekenkönige!“

Der Anführer winkte zur Ruhe und meinte:

„Jungens, zerbrecht euch die Köpfe nicht! Er zahlt So gut, daß das, was wir zu transportieren und zu verteidigen haben, sicher nichts Gewöhnliches ist. Wir werden ihm zunächst in allen Stücken gehorsam sein, dann aber seid mir ein klein wenig neugierig, und wenn wir das, was wir geladen haben, auch gebrauchen können, so ist ein Graf ebenso gut eine Kugel wert wie ein gräflicher Diener oder zwei solche Kerls. Jetzt schlaft und seid still!“

Es wurde um das Feuer ruhig, obgleich mancher von den Männern nicht wirklich Schlief, sondern zu erraten suchte, welcher Art die Last sei, die ihnen anvertraut werden sollte.

Das also waren die Leute, welche der Graf engagiert hatte, die Schätze nach der Hauptstadt zu transportieren! Lumpen und Banditen, die nur von dem Ertrage ihrer Waffen lebten. Wenn sie den Inhalt der Kisten und Säcke erfuhren, so war es um sein Leben geschehen; das hatte der leichtsinnige Mann nicht bedacht.

Am andern Morgen hatte sich Helmers kaum vom Lager erhoben, als der Haciendero bei ihm eintrat, um ihm einen guten Morgen zu wünschen. Trotz der kurzen Zeit ihres Beisammenseins hatte er den Deutschen herzlich liebgewonnen.

„Ich komme eigentlich mit einer Bitte,“ sagte er.

„Die ich erfüllen werde, wenn ich kann,“ meinte Helmers.

„Sie können es. Sie befinden sich hier in der Einsamkeit, wo Sie Ihre Bedürfnisse gar nicht befriedigen können, während ich von allem einen Vorrat habe, da ich die Meinigen mit dem, was sie brauchen, versehen muß. Wollen Sie sich mit Wäsche und einer neuen Kleidung versehen, so hoffe ich, daß Sie mit meinen Preisen zufrieden sein werden.“

Helmers wußte gar wohl, wie es gemeint war, aber einesteils konnte er den guten Haciendero doch nicht gut beleidigen, und andernteils befand sich sein alter Jagdanzug in einem sehr tragischen Zustande. Er überlegte sich die Sache also kurz und sagte:

„Gut, ich nehme Ihr Anerbieten an, Sennor Arbellez, vorausgesetzt, daß Ihre Preise nicht gar zu hoch sind, denn ich bin, offen gestanden, das, was man einen armen Teufel nennt.“

„Hm, eine Kleinigkeit muß ich mir doch auch verdienen, obgleich die Zahlung nicht gerade gleich heute notwendig ist. Kommen Sie, Sennor; ich werde Ihnen meine Vorratskammer zeigen!“ sagte Arbellez lachend.

Als eine Stunde später Helmers vor dem Spiegel stand, kam er sich selbst ganz fremd und vornehm vor. Er trug eine unten aufgeschlitzte, goldverbrämte mexikanische Hose, leichte Halbstiefel mit ungeheuren Rädersporen, ein schneeweißes Hemde, darüber eine kurze, vorn offene Jacke, die mit Gold- und Silberstücken besetzt war, auf dem Kopfe einen breitkrempigen Sombrero und um die Taille einen Shawl von chinesischer Seidengaze. Das Haar war verschnitten, der Bart ausrasiert und zugestutzt, und so erkannte er sich in dieser kleidsamen, reichen Tracht kaum selbst wieder.

Als er zum Frühstück in den Speisesaal trat, fand er Emma bereits anwesend. Sie errötete vor Entzücken, als sie die Veränderung bemerkte, die mit ihm vorgegangen war. So männlich und so schön hatte sie sich ihn doch nicht ganz gedacht. Auch Karja, die Indianerin, schien erst jetzt zu sehen, welch ein Mann der Deutsche war. Vielleicht stellte sie Vergleiche zwischen ihm und dem Grafen an. Die beiden Indianerhäuptlinge thaten natürlich, als bemerkten sie diese Veränderung gar nicht. Einer aber ärgerte sich fürchterlich darüber.

Das war der Graf. Die Hoffnung, bald in den Besitz des Schatzes zu gelangen, mochte ihn nachgiebig stimmen; er erschien zum Frühstück, wäre aber fast wieder umgekehrt, als er Helmers erblickte. Kein Mensch sprach ein Wort. Er knirschte heimlich mit den Zähnen und nahm sich vor, diesen Menschen unschädlich zu machen.

Als Helmers nach dem Frühstück hinaus auf die Weide kam, fand er den Häuptling der Miztecas, der während der Nacht einen guten, freundlichen Entschluß gefaßt hatte. Als er die neue Kleidung des Deutschen sah, sagte er:

„Mein Bruder Donnerpfeil darf so ein Gewand tragen, denn er ist ein reicher Mann.“

„Oh, das ist ein Geschenk von Sennor Arbellez; ich bin noch ebenso arm wie bisher.“

„Nein,“ sagte der Indianer ernst; „du bist reich, denn du hast die Karte zur Höhle des Königsschatzes.“

Der Deutsche trat erstaunt einen Schritt zurück.

„Woher weißt du das?“

„Ich weiß es! Darf ich die Karte sehen?“

„Ja!“

„Sogleich?“

„Komm!“

Er führte ihn in sein Zimmer und legte ihm das alte abgegriffene Papier vor. Tecalto warf einen Blick in die Ecke des Planes und sagte:

„Ja, du hast sie! Das ist das Zeichen von Toxertes, welcher der Vater meines Vaters war. Er mußte das Landverlassen und kehrte nie wieder zurück. Du hast ihm Gutes gethan und bist nicht arm. Willst du die Höhle des Königsschatzes sehen?“

„Kannst du mir sie zeigen?“

„Ja.“

„Wem gehört der Schatz?“

„Mir und Karja, meiner Schwester. Wir sind die einzigen Abkömmlinge der Könige der Miztecas. Soll ich dich führen?“

„Ich gehe mit!“

„So sei bereit, heut zwei Stunden nach Mitternacht. Dieser Weg darf nur im Dunkel der Nacht angetreten werden.“

„Wer darf davon wissen?“

„Niemand. Aber der Tochter des Haciendero magst du es anvertrauen.“

„Warum ihr?“

„Weil sie weiß, daß du den Schatz suchest.“

„Ah, woher weißt du das?“

„Ich habe jedes Wort gehört, welches ihr gestern im Garten geredet habt. Du hattest die Karte und wolltest dennoch nichts nehmen. Du wolltest erst forschen, ob der Erbe vorhanden sei. Du bist ein ehrlicher Mann, wie es unter den Bleichgesichtern wenige giebt. Darum sollst du den Schatz der Könige sehen.“

Und eine Stunde später zur Zeit des Mittagsmahles, als die andern beim Nachtische saßen, schlüpfte die Indianerin in das Zimmer des Grafen.

„Hast du das Papier geschrieben?“ fragte sie.

„Kannst du lesen?“ erkundigte er sich.

„Ja,“ antwortete sie stolz.

„Hier ist es.“

Er gab ihr einen Bogen Papier, auf welchem folgende Zeilen zu lesen waren:

„Ich erkläre hiermit, daß ich nach Empfang des Schatzes der Könige der Miztecas mich als Verlobten von Karja, der Nachkömmlingin dieser Könige, betrachten und sie als meine Gemahlin heimführen werde.

Alfonzo Graf de Rodriganda y Sevilla.“

„Ist es so recht?“ fragte er.

„Die Worte sind gut, aber das Siegel fehlt!“ „Das ist ja nicht notwendig!“ „Du hast es mir versprochen.“

„Gut, so magst du es haben,“ sagte er, seinen Unwillen verbergend.

Er brannte den Wachsstock an und drückte sein Siegel über die Worte.

„Hier, Karja! Und nun halte auch du dein Wort!“

„Ich halte es.“

„Nun? Wo ist der Schatz versteckt?“

„Kennst du den Berg El Reparo?“

„Ja. Er liegt vier Stunden von hier gegen Westen.“

„Er sieht fast aus wie ein langgezogener, hoher Damm.“

„Das stimmt.“

„Von ihm fließen drei Bäche in das Thal. Der mittelste ist der richtige. Sein Anfang bildet keinen offenen Quell, sondern er tritt gleich voll und breit aus der Erde heraus. Wenn du in das Wasser steigst und da, wo er aus dem Berge kommt, dich bückst und hineinkriechst, so hast du die Höhle vor dir.“

„Ah, das wäre doch recht einfach!“

„Sehr einfach!“

„Braucht man Licht?“

„Du wirst Fackeln rechts vom Eingang finden.“

„Das ist alles, was du mir zu sagen hast?“

„Alles.“

„Und der Schatz befindet sich wirklich noch vollständig dort?“

„Vollständig.“

„So habe Dank, mein gutes Kind! Du bist jetzt meine Verlobte und wirst nun bald mein Weibchen sein. Jetzt aber geh. Man könnte uns hier überraschen!“

Sie steckte das Dokument ein und ging. Sie hatte ein Opfer gebracht, aber dieses Opfer lag ihr mit Zentnerschwere auf der Seele.

Inzwischen hatte sich Bärenherz, der Häuptling der Apatschen, eines der halbwilden Pferde der Hacienda eingefangen und war spazieren geritten. Er hatte Zeit und nahm bei der Heimkehr nicht etwa den geradesten und bequemsten Weg, sondern er folgte den Thälern, Schluchten und Gründen, wie sie ihm gerade in die Richtung kamen, bis er, in einer Vertiefung reitend, plötzlich zankende Stimmen vernahm. Gleich darauf ertönte ein Schuß und ein Schrei.

Ein solches Vorkommnis ist verdächtig, besonders einem vorsichtigen Indianer. Er stieg ab, band sein Pferd an, griff zur Büchse und birschte sich vorsichtig der Gegend zu, in welcher der Schuß gefallen war. Es war nicht weit. Er kroch eine Böschung empor, deren Höhe mit wilder Myrte besetzt war. Als er diese Büsche erreichte, erblickte er zwischen diesen hindurch ein kleines, aber tiefes Thälchen, in welchem sich um ein abgebranntes Feuer herum achtzehn Männer und zwei Leichen befanden. Dabei lagen eine Menge Kisten, Säcke und Packsättel auf einem Haufen. Einer der Männer hatte ein Pistol in der Hand, welches er lud.

„Es bleibt dabei,“ sagte er; „wer widerspricht, der wird einfach erschossen.“

„Werden uns die Schüsse nicht verraten?“ fragte ein anderer schüchtern.

„Schwachkopf, wer wird sich an uns wagen!“

Bärenherz verstand das Gemisch von Spanisch und Indianisch, welches an der Grenze gesprochen wird, sehr gut; diese Leute hier aber redeten rein Spanisch, welches er nicht verstand. Er hielt diese Leute für eine Jagdtruppe, deren Mitglieder untereinander in Streit geraten waren und aufeinander geschossen hatten. Das kommt in Mexiko häufig vor, ohne daß es groß beachtet wird. Er zog sich also leise wieder zurück, bestieg sein Pferd und ritt nach der Estanzia.

Der Graf ließ sich während des ganzen Tages nicht sehen. Er wußte nun, was er hatte wissen wollen, und ließ durch seine beiden Diener seine Sachen packen. Nach dem Abendessen ging er zu Arbellez und erklärte ihm, daß er abreisen werde. So auffallend dies erscheinen mochte, der Haciendero fragte ihn nicht nach dem Grunde und versuchte auch nicht, ihn zu halten. Als Rodriganda von da aus in sein Zimmer zurückkehrte, begegnete er Karja. In der Überzeugung, nun am Ziele zu sein, beging er zufolge seines dadurch eingetretenen Übermutes die Unklugheit, zu ihr zu sagen:

„Soeben habe ich Arbellez gesagt, daß ich abreise.“

„Wohin?“ fragte sie.

„Nach Mexiko.“

„Und der Schatz?“

„Den hole ich mir natürlich vorher. Ich habe eine ganze Menge von Arrieros mit Maultieren bereit gehalten, mit denen ich jetzt nach dem Berge El Reparo reite, um die Schätze aufzuladen. Von dort aus geht es sofort nach Mexiko.“

„Wann kommst du wieder?“

„Nie.“

„Nie?“ fragte sie erstaunt. „So wirst du mich von hier abholen lassen?“

„Nein.“

„Auch nicht? So soll ich dich in der Hauptstadt aufsuchen?“

„Das müßte ich mir sehr verbitten. Hast du denn wirklich geglaubt, Gräfin von Rodriganda werden zu können? Hast du mich wirklich für So albern, für so wahnsinnig gehalten, daß ich eine Indianerin, eine Rote, zu meiner Frau mache?“

Sie sah ihn erschrocken an und fragte stammelnd:

„So – – so – – hast du – – mich betrogen?“

„Das ist ein Ausdruck, den ich ernstlich zurückweisen muß. Ein Graf betrügt nie; ich habe dich nur ein wenig überlistet. Der Schatz ist mein, und wenn du einen Mann haben Willst, so suche ihn dir unter deinesgleichen!“

Nach diesen in höhnisch stolzem Tone gesprochenen Worten entfernte er sich. Karja stand eine ganze Weile starr und stumm und wankte dann ganz fassungslos nach ihrem Zimmer. Es dauerte lange, lange, ehe sie richtig zu denken vermochte. Er hatte sie betrogen und war jetzt fort, um die Schätze zu holen! Er durfte sie nicht bekommen, nein, nein, nein! Sie mußte ihn hindern; aber wie? Der richtige Weg war, ihrem Bruder alles zu gestehen; der mußte sofort nach dem Berge aufbrechen und den Raub unmöglich machen. So schwer ihr dieses Geständnis werden mußte, sie zögerte nicht. Der Graf war ein Betrüger, ein Halunke; er hatte ihr durch Lügen das Geheimnis entlockt; es mußte aber gerettet und gewahrt bleiben, und das war durch seinen Tod möglich. Ja, sterben mußte er! jetzt war sie nur noch Indianerin, eine betrogene Indianerin, die ihr Herz für ewig zum Schweigen bringt und nun weiter nichts als nur die Rache kennt. Sie sprang blitzenden Auges von ihrem Sitze auf und eilte fort, um den Bruder zu suchen. Sie lief durch den Hof in den Garten, hinaus auf die Weide; sie suchte in allen Räumen des Hauses, die ihm zugänglich waren – vergebens. Da wurde ihr himmelangst, und sie kehrte in den Speisesaal zurück, wo Arbellez mit Emma und dem Apatschen saß. Auf ihre erregte Frage bekam sie von dem Haciendero die Antwort:

„Ich weiß nicht, wo er ist. Aber was hast du, was ist mit dir? Du bist ja ganz außer dir!“

„Es steht ein Unglück bevor, ein großes Unglück! Mein Bruder muß augenblicklich fort.“

„Wohin?“

„Nach El Reparo!“

„Warum?“

„Der Graf ist hin, um zu stehlen!“

„Zu stehlen?“ fragte da Emma betroffen. „Etwa den Königsschatz?“

„Ja,“ antwortete Karja, ohne daran zu denken, daß sie damit ihr Geheimnis verriet.

„O Gott, das giebt allerdings ein Unglück, denn dein Bruder ist mit Sennor Helmers auch hin! Er will ihm den Königsschatz zeigen und hat es ihm erlaubt, es mir zu sagen.“

„Mein Himmel! Da wird es Mord und Totschlag geben!“ rief Arbellez.

Es gab eine Aufregung, bei welcher nur der Apatsche kalt blieb. Er besann sich auf seinen heutigen Ritt und sagte:

„Ich habe heut Männer mit Säcken und Kisten gesehen. Sollte das mit dem Schatze zusammenhängen? Vielleicht sollen sie ihn für den Grafen fortschaffen! Woher aber kennt er das Geheimnis des Schatzes?“

„Ich habe es ihm verraten,“ gestand Karja in ihrer Angst. „Waren es viele Männer, die du gesehen hast?“

„Ja.“

„Wie viele?“

„Zweimal fünf und acht.“

„Waren sie bewaffnet?“

„Sehr gut. Und sie hatten von den Waffen Gebrauch gemacht, denn zwei von ihnen waren erschossen.“

„O, das ist Gefahr, das ist Gefahr!“ rief da die Indianerin. „Der Graf, der Lügner, der Verräter, will den Schatz der Könige stehlen. Er wird Sennor Helmers und meinen Bruder dort finden und sie töten. Sennor Arbellez, blast in das Nothorn. Laßt Eure Vaqueros und Ciboleros kommen. Sie müssen nach der Höhle des Schatzes, um die zwei zu retten!“

Jetzt gab es ein Wirrwarr von Fragen und Antworten, bei dem wieder nur der Apatsche seine Ruhe behauptete. Er hörte die einzelnen Fragen und Entgegnungen, und sagte dann:

„Wer weiß es, wo die Höhle liegt?“

„Ich,“ antwortete Karja. „Ich werde Euch führen!“

„Kann man reiten?“

„Ja.“

„So gebt mir dieses Mädchen und zehn Ciboleros und Vaqueros mit.“

„Ich gehe auch mit!“ rief Arbellez.

„Nein!“ entschied der Apatsche. „Wer will die Hacienda beschützen? Wer weiß, was hier kommen kann? Man rufe alle Männer, man gebe mir zehn von ihnen. Die andern beschützen die Hacienda.“

Dabei blieb es. Der Haciendero stieß in das Horn, und auf dieses Zeichen kamen die Wächter der Herden und sonstige Bedienstete herbeigesprengt. Der Apatsche suchte sich zehn von ihnen aus; sie wurden bewaffnet. Auch Karja stieg zu Pferde; dann ritten sie ab, während die andern, gut Wache haltend, zurückblieben. Die Verwirrung war schuld, daß bis zum Abreiten der kleinen Truppe doch eine ziemliche Zeit vergangen war. – –

Kurz nach dem Abendessen trat Büffelstirn in das Zimmer des Deutschen.

„Gedenkst du noch deines Wortes?“ fragte er.

„Ja,“ antwortete Helmers.

„Du reitest mit?“

„Ja.“

„So komme!“

Helmers bewaffnete sich und folgte dem Indianer. Unten standen heimlich bereits drei Pferde bereit, zwei mit Reitsätteln und das dritte mit einem Packsattel.

„Was soll dieses hier?“ fragte der Deutsche, auf das letztere zeigend.

„Ich habe gesagt, daß du nicht arm bist. Du hast den Schatz der Könige nicht berauben wollen; darum sollst du dir davon nehmen dürfen so viel, wie ein Pferd zu tragen vermag.“

„Nein. Wo denkst du hin!“ rief Helmers erstaunt.

„Rede nicht, sondern steige auf, und folge mir!“

Der Indianer bestieg sein Pferd, nahm das Packtier beim Zügel und ritt fort. Helmers konnte nicht anders, als ihm folgen. Es war finstere Nacht, aber der Indianer kannte seinen Weg genau, und die halbwilden Pferde Mexikos sehen während des Nachts wie die Katzen. Der Deutsche konnte sich der Führung Büffelstirns gut anvertrauen. Schnell freilich kamen sie nicht vorwärts, denn es ging tief zwischen unwegbare Berge hinein.

Büffelstirn sprach kein Wort. Man hörte in der schweigsamen Nacht nichts als den Schritt und das zeitweilige Schnauben der Pferde. So verging eine Stunde, noch eine und noch eine dritte. Da rauschte Wasser; man kam an den Lauf eines Baches, dem man folgte. Dann türmte sich ein wallartiger Berg vor ihnen auf, und als sie denselben beinahe erreicht hatten, stieg der Indianer ab.

„Hier warten wir, bis der Tag kommt,“ sagte er.

Helmers folgte seinem Beispiele, ließ sein Pferd grasen und setzte sich neben Büffelstirn auf einem Feisenstücke nieder.

„Die Höhle ist hier in der Nähe?“ fragte er.

„Ja. Sie ist da, wo dieses Wasser aus dem Berge kommt. Man steigt in den Bach, bückt sich und kriecht in das Loch, so befindet man sich in einer Höhle, deren Größe und Abteilungen niemand kennt als Büffelstirn und Karja.“

„Ist Karja schweigsam?“

„Sie schweigt!“

Helmers dachte an das, was ihm Emma erzählt hatte, und sagte daher:

„Aber es giebt einen, der das Geheimnis des Schatzes von ihr erfahren will.“

„Wer ist es?“

„Der Graf Alfonzo.“

„Ugh!“

„Du bist mein Freund, und darum darf ich dir sagen, daß sie ihn liebt.“

„Ich weiß es.“

„Und wenn sie ihm nun euer Geheimnis verrät?“

„So ist Büffelstirn da. Der Graf wird nicht den kleinsten Teil des Schatzes erhalten.“

„Ist dieser Schatz groß?“

„Du wirst ihn sehen. Nimm alles Gold, welches Mexiko heut besitzt, zusammen, so reicht es noch nicht an den zehnten Teil dieses Schatzes. Es hat einen einzigen Weißen gegeben, der ihn gesehen hat, und –“

„Ihr habt ihn getötet?“

„Nein. Er brauchte nicht getötet zu werden, denn er ist wahnsinnig geworden, wahnsinnig vor Freude und Entzücken. Der Weiße vermag den Anblick des Reichtums nicht zu ertragen, nur der Indianer ist stark genug dazu!“

„Und mir willst du den Schatz zeigen?“

„Nein. Du wirst nur einen Teil desselben sehen. Ich habe dich lieb, und du sollst nicht auch wahnsinnig werden. Gieb mir deine Hand und zeige mir deinen Puls.“

Er faßte die Hand des Deutschen und prüfte dessen Puls.

„Ja, du bist sehr stark,“ sagte er. „Der Geist des Goldes hat dich noch nicht ergriffen; wenn du in die Höhle trittst, so wird dein Blut gehen wie der Fall des Wassers vom Felsen.“

Das Gespräch verstummte nun. Es war dem Deutschen so eigentümlich wie noch nie zu Mute. Da begann sich der Himmel zu färben. Der blasse Schimmer des Ostens wurde stärker, und bald konnte man die einzelnen Gegenstände mit Genauigkeit unterscheiden.

Helmers erblickte den Berg El Reparo vor sich, dessen schroffer Hang zumeist mit Eisenbäumen bestanden war. Ganz am Fuße desselben trat ein Wasser aus dem Felsen, welches sofort wenigstens drei Fuß breit und vier Fuß tief war.

„Dies ist der Eingang?“ fragte er.

„Ja,“ antwortete Büffelstirn. „Aber noch treten wir nicht hinein. Wir wollen erst die Pferde verstecken. Der Besitzer eines Schatzes muß vorsichtig sein.“

Sie führten die Pferde längs des Berges hin, bis der Indianer ein Gebüsch auseinanderbog. Hinter demselben befand sich eine enge, niedrige Schlucht, wo die Tiere Platz fanden. Dann kehrten sie an den Bach zurück, wo sie nach Indianerart ihre Spuren verwischten, bis sie an den Felsen gelangten, aus dessen Öffnung das Wasser floß.

„Nun komm!“ sagte Büffelstirn.

Mit diesen Worten stieg er in das Wasser, zwischen dessen Oberfläche und dem Felsen ein Fuß tief Raum war, so daß man mit dem Kopfe hindurch gelangen konnte. Die Kleider wurden freilich naß. Sie kamen nun in einen dunklen Raum, dessen Luft trotz des Baches außerordentlich trocken war.

Reiche mir deine Hand!“ sagte der Indianer.

Er führte ihn aus dem Wasser heraus auf das Trockene und befühlte dann seinen Puls.

„Dein Herz ist sehr stark,“ sagte er. „Ich darf die Fackel anbrennen.“

Er ging einige Schritte von Helmers fort. Ein matter, phosphorischer Blitz durchzuckte den Raum, ein lautes Prasseln ertönte, und dann flammte eine Fackel auf.

Aber, was ging nun vor! Nicht die eine, sondern tausende von Fackeln schienen zu brennen. Als befände sich der Deutsche inmitten einer ungeheuren, Gold und Demant blitzenden Sonne, so strahlten Millionen von Lichtern und Reflexen in sein geblendetes Auge, und in dieses unendliche Schimmern, Schillern und Brillieren hinein erklangen die Worte des Indianers:

„Das ist die Höhle des Königsschatzes! Sei stark, und halte deine Seele fest!“

Es verging eine geraume Zeit, ehe der Deutsche seine Augen an diese Pracht gewöhnen konnte. Die Höhle bildete ein sehr hohes Viereck von vielleicht sechzig Schritten in der Länge und Breite, durch welches der mit Steinplatten bedeckte Bach floß. Sie war vom Boden an bis hinauf an die gewölbte Decke angefüllt mit Kostbarkeiten, deren Glanz allerdings die Sinne auch des nüchternsten Menschen verwirren konnte.

Da gab es Götterbilder, welche mit den kostbarsten Edelsteinen geschmückt waren, besonders die Bilder des Luftgottes Quetzalcoatl, des Schöpfers Tetzkatlipoka, des Kriegsgottes Huitzilopochtli und seiner Gemahlin Teoyaniqui, nebst seines Bruders Tlakahuepankuexkotzin, der Wassergöttin Chalchiukueja, des Feuergottes Ixcozauhqui und des Weingottes Cenzontotochtin. Hunderte von Hausgötterfiguren standen auf Wandbrettern; sie waren entweder aus edlen Metallen getrieben oder in Krystall geschliffen. Dazwischen standen goldene Kriegspanzer von ungeheurem Werte, goldene und silberne Gefäße, Schmucksachen in Demant, Smaragden, Rubinen und andern Edelsteinen, Opfermesser, deren Griffe, die funkelnden Steine gar nicht gerechnet, nur einen Altertumswert nach Hunderttausenden hatten, Schilde von starken Tierhäuten, die mit massiven Goldplatten besetzt waren. Von dem Mittelpunkte der Decke hing gleich einem Lüstre eine Königskrone herab; sie hatte die Gestalt einer Mütze, war aus massivem Golddraht gefertigt und ganz ausschließlich nur mit Diamanten besetzt. Ferner sah man da ganze Säcke voll Goldsand und Goldstaub, Kisten, die mit Nuggets angefüllt waren, welche die Größe einer Erbse bis zu der eines Hühnereies hatten. Man sah ganze Haufen gediegenes Silber, gleich in großen Stücken aus an zu Tage getretenen Adern gebrochen. Auf köstlichen Tischen standen leuchtende Modelle der Tempel von Mexiko, Cholula und Teotihuakan, der prachtvollen Mosaiken von Muscheln, Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen gar nicht zu denken, welche am Boden und in den Ecken lagen.

Der Anblick dieser Reichtümer brachte auf den Deutschen einen wahrhaft berauschenden Eindruck hervor. Es war ihm, als sei er ein Märchenprinz aus „Tausend und eine Nacht“. Er gab sich Mühe, ruhig zu bleiben, aber es gelang ihm nicht. Er fühlte das Blut an seinen Schläfen pochen, und es war ihm, als ob große Feuer- und leuchtende Demanträder vor seinen Augen wirbelten. Es kam eine Art von Rausch über ihn, und in demselben sah er ein, daß solche Reichtümer eine Macht ausüben, ein wahnsinniges Verlangen erwecken können, welches selbst vor dem fürchterlichsten Verbrechen nicht zurückschrecken würde.

„Ja, das ist die Höhle des Königsschatzes,“ wiederholte der Indianer. „Und dieser Schatz gehört nur allein mir und meiner Schwester Karja.“

„So bist du reicher als irgend ein Fürst der Erde!“ antwortete Helmers.

„Du irrst! Ich bin ärmer als du und jeder andre. Oder willst du den Enkel eines Herrschers beneiden, dessen Macht vergangen ist und dessen Reich in Trümmern liegt? Die Krieger, welche jene Rüstungen, Schilde und Waffen trugen, wurden von ihrem Volke geliebt und verehrt; ein Wort von ihnen gab Leben oder Tod. Ihre Schätze sind noch vorhanden, aber die Stätte, wo man ihre Gebeine niederlegte, ist von den Weißen entweiht und zertreten worden, und ihre Asche wurde in alle Winde zerstreut. Ihre Enkel irren durch die Wälder und Prairien, um den Büffel zu töten. Der Weiße kam; er log und trog; er mordete und wütete unter meinem Volke um dieser Schätze willen. Das Land ist sein, aber es liegt verödet, und der Indianer hat die Schätze dem Dunkel der Erde übergeben, damit sie dem Räuber nicht in die Hände fallen. Du aber bist nicht wie die andern; dein Herz ist rein vom Verbrechen. Du hast meine Schwester aus den Händen der Comantschen errettet; du bist mein Bruder, und darum sollst du von diesen Schätzen so viel haben, wie ein Pferd zu tragen vermag. Doch nur zweierlei steht dir zu Gebote. Hier sind Goldkörner, ganze Säcke voll, und hier sind Ketten, Ringe und andrer Schmuck; wähle dir aus, was dir gefällt. Das andre aber ist heilig; es soll nie wieder beschienen werden von der Sonne, die den Untergang der Miztecas gesehen hat.“

Helmers sah die Nuggets und das Geschmeide, ihm wurde fast schwindelig.

„Ist dies dein Ernst?“ fragte er.

„Ich scherze nicht.“

„Aber das sind ja Hunderttausende von Dollars, die du mir schenkst!“

„Nein; es werden sogar Millionen sein.“

„Ich kann es nicht annehmen!“

„Warum? Willst du die Gabe des Freundes verachten?“

„Nein, aber ich kann nicht dulden, daß du dich meinetwegen beraubst!“

Der Indianer schüttelte stolz den Kopf.

„Es ist kein Raub. Ich bringe kein Opfer. Was du hier siehst, ist nur ein Teil der Schätze, welche der Berg EI Reparo verbirgt. Es gibt hier noch weitere Höhlen, von denen nicht einmal Karja, meine Schwester, etwas weiß. Nur ich kenne sie, und wenn ich einst sterbe, so wird kein menschlicher Gedanke mehr in diese Tiefen dringen. Ich werde jetzt gehen, um die andern Höhlen zu besuchen. Siehe dir die Schätze an, und lege zur Seite alles, was du für dich auswählst. Wenn ich zurückkehre, beladen wir das Pferd damit und reiten heim nach der Estanzia.“

Er steckte die Fackel in den Boden und schritt nach der hintersten Ecke, in welcher er verschwand.

Der Deutsche stand allein inmitten dieser unermeßlichen Reichtümer. Welch ein Vertrauen mußte der Indianer zu ihm haben! Wie nun, wenn Helmers heimlich zurückkehrte, um sich weiter zu bereichern? Wie nun, wenn er den Indianer tötete, um Herr des Ganzen zu werden, von dem er nur einen kleinen Teil erhalten sollte? Aber kein einziger solcher Gedanke kam dem ehrlichen Manne. Er fieberte fast schon darüber vor Wonne, daß er eine ganze Pferdelast Geschmeide und Nuggets mitnehmen durfte. –

Graf Alfonzo war, als er mit seinen beiden Dienern die Hacienda verlassen hatte, nicht direkt nach dem Berge EI Reparo, geritten; er hatte vielmehr die Arrieros aufzusuchen. Er ließ sein Tier so rasch ausgreifen, als es bei der Dunkelheit ohne Gefahr möglich war, und minderte diese Schnelligkeit auch nicht eher, als bis er das Thal erreichte, in welchem seine Helfershelfer lagerten.

Er wurde wieder wie gestern angerufen und gab dieselbe Antwort. Nun durfte er an das Feuer treten, welches man schürte, damit man besser zu sehen vermöge.

„Seid ihr fertig?“ fragte er.

„Wir sind bereit,“ antwortete der Anführer.

„Und Pferde?“

„Die haben wir von den Herden des Sennor Arbellez eingefangen.“

„Wie viele?“

„Achtzehn für uns und dreißig für Sie.“

„Sind sie gesattelt?“

„Ja.“

„So laßt uns aufbrechen!“

Erst jetzt fiel ihm ein, in welcher Verlegenheit er sich befand. Er konnte diese wüsten Menschen doch unmöglich mit in die Höhle nehmen. Sie hätten dieselbe ausgeräumt, nicht für ihn, sondern für sich. Doch hoffte er, daß sich wohl im rechten Augenblicke ein Ausweg finden lassen werde. Die Männer holten ihre Pferde und Maultiere herbei und saßen auf. Er setzte sich mit dem Anführer an ihre Spitze, und man brach auf.

Alfonzo kannte den Berg, welchen die Indianerin ihm genannt hatte, aber von dieser Seite aus hatte er ihn noch nicht besucht. Er war also mit den Einzelheiten des Weges nicht vertraut; er kannte nur die Richtung, und darum kam man bei der Vorsicht, welche geboten war, nur langsam weiter.

Erst als der Morgen zu dämmern begann, konnte man die Pferde besser ausgreifen lassen, und nun dauerte es auch nicht lange, so tauchte die dunkle Masse des EI Reparo vor ihnen auf.

Sie erreichten den Berg von seiner Südseite und ritten an seinem östlichen Abhange hin. Der erste Bach wurde überschritten, und als dann Alfonzo merkte, daß der zweite in der Nähe sei, ließ er halten. Bis an die Höhle wollte er sie nicht mitnehmen. Es galt ja überhaupt zunächst, sich von dem Dasein derselben auch wirklich zu überzeugen.

„Was nun?“ fragte der Anführer.

„Ihr wartet!“

„Ah, Sie werden uns verlassen?“

„Ja, für kurze Zeit.“

„Was ist es denn eigentlich, was wir zu laden haben?“

„Darum habt ihr euch gar nicht zu kümmern; das ist ja so ausbedungen, wie ihr wißt.“

Er ritt langsam davon. Der Anführer wandte sich leise zu seinen Leuten:

„Jetzt haben wir sein Geheimnis in der Nähe. Was thun wir?“

„Ihn belauschen,“ antwortete einer.

„Das ist vielleicht das beste. Wartet hier!“

Er stieg ab und folgte dem Grafen zu Fuße. Es gab Felsen und Buschwerk genug, welches ihm Deckung gewährte, so daß Alfonzo, auch wenn er sich umdrehte, ihn nicht sehen konnte.

So ging es eine Strecke weiter, bis der Graf den Bach erreichte. Hier stieg er ab, band sein Pferd an den Stamm eines Eisenbäumchens und verschwand hinter den Büschen. Der Anführer wartete eine Weile, da der Graf aber nicht zurückkehrte, so eilte er, seine Leute wieder aufzusuchen. Er fand sie noch an derselben Stelle, wo er sie verlassen hatte.

„Er ist im Gebüsch verschwunden,“ sagte er, doch so, daß die beiden Diener es nicht hörten. „Dort hat er sein Geheimnis. Was will er thun, wenn wir etwas näher reiten! Vorwärts!“

Sie setzten sich abermals in Bewegung, gegen das Buschwerk zu, welches den Bach besäumte, drangen aber nicht weiter vor, sondern blieben hier halten. Nun befanden sie sich zwar am Bache, aber noch nicht am Austritte desselben aus dem Berge. Zwischen diesem und ihnen gab es noch eine von Buschwerk bestandene Windung, so daß sie den Eingang zur Höhle nicht zu sehen vermochten. Ebenso erblickten sie nicht das Pferd des Grafen, da er es seitwärts von ihrem Standpunkt angebunden hatte.

Er hatte den Austritt des Wassers untersucht und gefunden, daß es möglich sei, hineinzugelangen. Er stieg also in die kalte Flut, bückte sich und kroch hinein. Noch aber hatte er nicht ganz den Punkt erreicht, wo die Höhle sich zu wölben begann, so gewahrte er einen hellen Lichtschein vor sich.

Was war das? War das Fackellicht? Oder war es der Schein des Tages, welcher durch irgend eine Öffnung der Höhle hereindrang? Es schien das erstere zu sein. An das Zurückweichen dachte der Graf nicht; er schob sich langsam und vorsichtig weiter, jedes Geräusch vermeidend, um nicht bemerkt zu werden.

Da plötzlich brach ein goldenes und diamantenes Blitzen und Flimmern in sein Auge. Er erschrak förmlich und fuhr empor. Er stand innerhalb der Höhle und erblickte die Schätze, welche hier eingeschlossen waren. Er zitterte. Der Teufel des Goldes packte ihn mit aller Macht. Seine Augen verdunkelten und erweiterten sich abwechselnd; er hätte laut aufschreien mögen vor wonnigem Schreck; aber das ging nicht, denn – dort, kaum fünf Schritte vor ihm kniete ein Mann am Boden und ordnete eine Partie kostbares Geschmeide, welches er auf einer Mosaikplatte aufgehäuft hatte. Wer war dieser Mensch? Ah, jetzt bog er sich seitwärts; sein Profil war zu sehen, und der Graf erkannte ihn.

„Der Deutsche!“ murmelte er zwischen den Zähnen. „Wer hat ihm die Höhle verraten? Ist er allein hier, oder hat er Begleitung mit?“

Sein Auge irrte suchend durch den Raum; er sah, daß Helmers allein war; er hatte keine Ahnung davon, daß Büffelstirn sich in einer nebenan liegenden Abteilung befand.

„Ah, es ist niemand hier außer ihm!“ dachte er mit grimmiger Freude. „Er soll nicht eine Erbse groß von diesem Golde erhalten. Ich werde Rache nehmen. Er muß sterben!“

Er stieg leise aus dem Wasser. Nicht weit von ihm lehnte eine Kriegskeule. Sie war vom festesten Eisenholze gefertigt und mit spitzgeschliffenen Krystallstücken besetzt, die einen Hieb doppelt gefährlich machten. Er faßte sie an dem mit edlen Steinen geschmückten Griff und schlich sich hinter den Deutschen heran.

Dieser ließ soeben eine köstlich gearbeitete Kette durch seine Finger gleiten.

„Prachtvoll!“ sagte er. „Lauter Rubinen! Sie allein bildet einen bescheidenen Reichtum!“

Er ließ sie im Lichte der Fackel flunkern und wollte sie dann fortlegen, kam aber nicht dazu, denn die Keule sauste auf ihn herab und traf seinen Kopf mit solcher Wucht, daß er sofort zusammenbrach. Die Kette glitt aus seiner Hand, deren Finger sich öffneten.

Jetzt stieß der Graf einen wilden, unartikulierten Schrei aus.

„Gesiegt! Alles mein, alles, alles, alles!“

Ein fast wahnsinniges Entzücken bemächtigte sich seiner.

Er sprang vor Freude empor und schlug die Hände zusammen wie ein Sinnloser. Wer ihn draußen so gesehen hätte, der hätte ihn für verrückt gehalten.

Da, was war das? Er stand plötzlich wie gelähmt; er erbleichte, und seine Augen öffneten sich weit, als ob er Gespenster sehe. Aus der hinteren Ecke löste sich eine Gestalt, die ihre Augen erst erstaunt und dann mit einem grimmigen Leuchten auf ihn richtete. Es war Büffelstirn, welcher von seinem Gange zurückkehrte und anstatt des Freundes einen andern erblickte, neben dem der Deutsche regungslos am Boden lag.

Mit zwei tigergleichen Sprüngen stand der Indianer beim Grafen und packte ihn.

„Hund, was thust du hier?“ rief er.

Der Gefragte vermochte kein Wort hervorzubringen. Diesem entsetzlichen Indianer war er nicht gewachsen; das wußte er. Er war verloren – aus dem höchsten Entzücken herab in den kalten, starren Tod gestürzt. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, und er zitterte.

„Du hast ihn erschlagen!“ sagte Büffelstirn, auf den Deutschen und die am Boden liegende Keule deutend.

Dabei rüttelte er ihn mit einer Gewalt, als ob ein Riese ein kleines Kind gepackt habe.

„Ja,“ stöhnte der Graf vor Angst.

„Warum?“

„Diese – diese Schätze sind schuld!“ stammelte er.

„Pah! Du bist sein Feind. Sein Tod war dir schon vorher erwünscht. Wehe dir, dreifach wehe!“

Er bückte Sich, um den Freund zu untersuchen. Der Graf stand dabei wie eine leb- und bewegungslose Figur. Wie leicht konnte er die Keule erfassen und einen Kampf wenigstens versuchen. Aber er befand sich unter dem Zauber des Schatzes und unter dem Banne dieses berühmtesten der Ciboleros. Es ging ihm, wie die Sage von dem kleinen Vogel erzählt, der auch nicht flieht, wenn die Klapperschlange ihre Augen auf ihn richtet, sondern sich widerstandslos von ihr erwürgen läßt.

„Er ist tot!“ sagte Büffelstirn, sich wieder erhebend. „Ich werde Gericht halten über dich, und dein Tod soll ein solcher sein, wie ihn noch keiner hier gestorben ist. Du bist der Mörder des edelsten und besten Jägers, den die Erde trug; ich werde dich tausendfach sterben lassen.“

Er stellte sich mit vor die Brust verschlungenen Armen dem Missethäter gegenüber. Seine riesige Gestalt reckte sich in ihren Muskeln, und sein Auge richtete sich fascinierend auf den Grafen.

„Ah, du bebst!“ sagte er verächtlich. „Du bist ein Wurm, eine feige Memme. Wer hat dir den Weg zu dieser Höhle verraten?“

Der Gefragte schwieg. Es war ihm, als sei der jüngste Tag hereingebrochen und er stehe vor dem ewigen Richter.

„Antworte!“ donnerte der Cibolero.

„Karja!“ hauchte der Graf.

„Karja? Meine Schwester?“

„Ja.“

Die Augen des Indianers funkelten wie glühende Fackeln.

„Sagst du die Wahrheit? Oder lügst du? Du nennst meine Schwester vielleicht nur, um Gnade zu erlangen und der Strafe zu entgehen!“

„Ich sage die Wahrheit; du kannst es mir glauben!“

„Ah, so mußt du teuflische Verführungskünste angewandt haben, um ihr das Geheimnis von EI Reparo zu entlocken. Du hast ihr Liebe geheuchelt?“

Der Graf schwieg.

„Rede! Nur die Wahrheit kann dein Schicksal mildern. Weißt du, wie du sterben mußt?“

„Sage es,“ bat Alfonzo schaudernd.

„Es giebt da droben am Berge ein Wasserloch; es ist nicht groß, aber es enthält die Abkömmlinge der zehn heiligen Krokodile, in deren Bäuchen die früheren Herrscher dieses Landes die Verbrecher begruben. Die Tiere sind über hundert Jahre alt; sie haben lange Zeit gehungert. Ich werde dich hinaufschaffen und an einen Baum hängen, so daß du lebendig über dem Loche schwebst. Die Krokodile werden emporschnellen nach dir, dich aber nicht ganz erreichen. Sie werden sich um dich zerreißen; du wirst ihren stinkenden Dunst einatmen und lange Tage und Nächte über ihnen hängen, denn der Strick geht dir nicht um den Hals. So wirst du hängen in der Sonnenglut, so wirst du verschmachten, verhungern und verdursten, und dann erst, wenn dein Leichnam zu Aas verfault, wirst du herabstürzen und von Alligatoren gefressen werden.“

Alfonzo hörte diese Worte mit unbeschreiblichem Entsetzen; seine Zunge war bewegungslos; sie lag ihm vor Furcht wie Blei im Munde; er konnte keine Bitte um Gnade aussprechen.

„Nur ein offenes Geständnis kann dieses Schicksal mildern,“ fuhr der Indianer fort. „Also rede! Hast du meiner Schwester das Geheimnis entlockt?“

„Ja,“ stieß der Gefragte hervor.

„Wo hattest du deine Zusammenkünfte mit ihr?“

„Bei den Oliven am Bache, hinter der Hacienda.“

„Wann hat sie dir das Geheimnis verraten?“ war die fernere Frage des Indianers.

„Gestern abend,“ lautete die Antwort.

„Bist du allein hier?“

„Nein, ich bin von achtzehn Mexikanern begleitet.“

„Ah, sie sollten dir helfen, diese Schätze fortzuschaffen, und du hast ihnen das Geheimnis mitgeteilt?“

„Sie wissen nicht, was sie transportieren sollten, und kennen auch die Höhle nicht.“

„Wo sind sie?“

„Sie halten eine Strecke von hier, deren Entfernung unbedeutend ist.“

„Gut! Dieser Mann hier bleibt jetzt liegen; du aber wirst mir folgen. Ich binde und fessele dich nicht, denn du kannst mir nicht entgehen. Du bist ein Wurm, den ich mit einem einzigen Griffe zermalme. Komm, und folge mir!“

„Was wirst du mit mir thun?“ fragte Alfonzo voller Angst.

„Das wirst du erfahren!“

„Töte mich lieber gleich hier!“

„Pah! Du hast die Tochter der Miztecas getäuscht; du wirst das sühnen müssen.“

„Wodurch?“

„Dadurch, daß du sie zum Weibe machst.“

„O, das werde ich thun!“ rief Alfonzo schnell.

„Ah!“ lachte der Indianer grimmig. „Du hältst dich für gerettet! Täusche dich nicht. Du wirst Karja zum Weibe nehmen; sie wird Gräfin de Rodriganda de Sevilla werden; aber du wirst sie nicht anrühren dürfen. Komm, und folge mir!“

Er faßte ihn beim Arme und zog ihn nach dem Ausgange. Dort ging er mit ihm in das Wasser und schob ihn, ohne die Faust von ihm zu lassen, an das Tageslicht.

Es war, als ob durch das erneute Wasserbad und durch den Eindruck des Morgenlichtes der Bann von Alfonzo vertrieben werde. Er atmete tief und leichter auf und fragte sich im stillen, ob er nicht vielleicht doch noch Hoffnung hegen dürfe.

„Wo ist dein Pferd?“ fragte Büffelstirn.

„Dort rechts hängt es an einem Eisenbaum.“

„Und wo sind die Mexikaner?“

„Hinter jenem Hügel zurück.“

„So komm zu deinem Pferde!“

Er schritt mit ihm dem Orte zu, welchen Alfonzo angedeutet hatte. Kaum jedoch waren sie zwischen den Büschen hervorgetreten, so erblickten sie die Mexikaner, welche kaum dreißig Schritte entfernt von ihnen zu Pferde hielten.

„Hund, du hast mich belogen!“ rief der Indianer, indem er ihn beim Halse packte.

„Zu Hilfe!“ schrie Alfonzo, der sich loszumachen versuchte.

„Hier hast du Hilfe!“ antwortete der Indianer.

Er schlug ihm die Faust auf den Kopf, daß er zusammenbrach, sah sich aber auch bereits von den Mexikanern umringt, welche allerdings noch nicht zu den Waffen griffen, weil sie überzeugt waren, daß dieser eine Mann ihnen gar nicht entgehen könne.

Darin hatten sie sich nun freilich getäuscht. Er hatte seine Schießwaffen beim Pferde gelassen, weil sie durch das Wasser gelitten haben würden, aber er hatte sein gutes Messer im Gürtel. Mit einem blitzesschnellen Sprunge saß er hinter dem Anführer auf dessen Pferde, zog sein Messer und stieß es ihm in die Brust. Im nächsten Augenblicke flog er von dannen, aber nicht in der Gegend nach der Hacienda zu. Er durfte den Berg des Geheimnisses nicht verlassen, um die Höhle nicht preiszugeben. Darum sprengte er geradeswegs der kleinen Schlucht zu, in welcher die beiden Pferde standen. Sie bot ihm eine Festung, in welcher er vor den Feinden sicher war.

Die Mexikaner hielten da, einige Augenblicke ganz perplex über den unvermuteten und so erfolgreichen Angriff auf ihren Anführer; dann aber erhoben sie ein wildes Geheul und sprengten hinter dem Flüchtigen her. Das war ein unverzeihlicher Fehler von ihnen. Hätten sie in ruhiger Haltung nach ihren Gewehren gegriffen, so konnte er ihren Kugeln nicht entgehen, nun aber schossen sie zwar ihre Gewehre ab, aber sie konnten im Galoppieren nicht sicher zielen, und so gingen die Schüsse verloren.

Da sahen sie, daß sich der Indianer plötzlich vom Pferde warf und links in die Büsche eindrang, während er das Tier laufen ließ.

„Hurra, ihm nach! Rächt den Kapitano!“

So riefen die Mexikaner. Auch sie sprangen von den Pferden und stürmten auf die Büsche zu, hinter denen der Cibolero verschwunden war. Kaum aber hatten die Vordersten ihren Fuß zwischen die Sträucher gesetzt, so krachte ihnen ein Schuß entgegen, noch einer, ein dritter und vierter – vier Männer lagen tot am Boden. Die andern wichen schnell zurück.

„Verdammt!“ rief einer. „Er hat vier Gewehre gehabt!“

„Hinein, ehe er wieder ladet!“ meinte ein andrer.

„Nein, geht zur Seite!“ sagte ein dritter. „Diese Schlucht ist steil; er kann nur hier wieder heraus!“

Während sie seitwärts hielten und berieten, hatte der Indianer Zeit, seine und des Deutschen Büchse wieder zu laden. Er kroch mit den beiden Gewehren so weit wie möglich vor, bis er ein gutes Ziel bekam, dann drückte er los. Ehe die Mexikaner weit genug zurückgewichen waren, hatten sie wieder vier der Ihrigen verloren; es waren also von der Hand des kühnen Cibolero neun gefallen.

Aber es drohte ihnen noch eine andre, ebenso große Gefahr.

Der Apatsche mit seinen zehn Vaqueros und Ciboleros hätte nämlich schon längst hier sein können, aber die Indianerin hatte sich in der Finsternis geirrt. Auf diese Weise war ein nicht unbedeutender Umweg entstanden, so daß der kleine Trupp erst nach Alfonzo und seinen Mexikanern anlangte.

„Hier ist der Bach,“ sagte Karja zu Bärenherz. „Wir werden gleich an der Höhle sein.“

Der Apatsche ließ seine Augen aufmerksam umherschweifen.

„Ugh!“ rief er aus und deutete nach den Spuren, welche zu sehen waren.

Ein Vaquero sprang ab und suchte am Boden.

„Das waren nicht zwei, sondern das sind viele gewesen,“ sagte er.

„Der Graf mit seinen Leuten,“ sagte Bärenherz kurz, indem er sein Pferd wieder in Bewegung setzte.

Bald jedoch blieb er wieder halten.

„Ugh!“ rief er abermals.

Er deutete vorwärts, wo ein menschlicher Körper lag. Sofort sprangen mehrere der Vaqueros von den Pferden, um denselben anzusehen.

„Der Graf! Graf Alfonzo!“ meinten sie überrascht.

„Verwundet?“ fragte der Apatsche.

„Man sieht keine Wunde.“

„Tot?“

„Es scheint so!“

Der Apatsche schüttelte geringschätzend den Kopf.

„Nicht tot,“ sagte er. „Ein Hieb nur. Bindet ihn!“

Noch waren sie beschäftigt, den Bewußtlosen zu fesseln, als schnell hintereinander vier Schüsse fielen.

„Was ist das?“ fragten die Vaqueros.

Bärenherz ritt zwischen die Büsche hinein und überblickte das jenseits des Baches liegende Terrain.

„Ugh!“ rief er zum drittenmal.

Schnell waren die andern bei ihm.

„Ah, hier eine Leiche!“ sagte ein Vaquero, auf den Körper des Anführers der Mexikaner deutend.

„Und dort noch mehrere,“ sagte ein zweiter.

„Acht!“ zählte der Apatsche. „Noch neun übrig. Absteigen!“

Er stieg mit den übrigen ab und nahm seine nie fehlende Büchse in die Hand.

„Alle erschießen!“ gebot er.

Er zählte mit den Vaqueros und Ciboleros elf Personen. Sie alle legten an und zielten. Zehn Schüsse krachten zu gleicher Zeit; nur er hatte nicht geschossen, und das mit Vorbedacht. Von den neun Mexikanern stürzten sieben; zwei blieben unbeschädigt, und nun erst ließ Bärenherz seine Büchse reden. In zwei Sekunden waren auch die beiden letzten tot.

Nun rannten alle dahin, wo die Gefallenen lagen. Sie hatten den Ort noch nicht erreicht, so trat der Häuptling der Miztecas aus den Büschen heraus.

„Büffelstirn!“ riefen die Vaqueros. „Wo ist Donnerpfeil?“

„Tot,“ antwortete er.

„Wer hat ihn getötet?“ fragte Bärenherz in einem Tone, dem man es anhörte, daß das Schicksal des Mörders bereits eine beschlossene Sache sei.

„Graf Alfonzo.“

„Wo?“

„Das kann ich hier nicht sagen,“ antwortete Büffelstirn. „Aber, schnell zurück! Ich muß den Grafen haben!“

„Wir haben ihn!“ sagte Bärenherz einfach.

„Wo?“

„Dort bei den Büschen.“

„Ist er gebunden?“

„Ja,“ antwortete einer der Vaqueros.

Während die andern den gefallenen Mexikanern ihre Waffen nahmen und sich darein teilten, kehrten Büffelstirn, Bärenherz und Karja an den Ort zurück, an welchem Alfonzo lag. Dieser wurde nun genauer untersucht, und es fand sich, daß der Apatsche recht gehabt hatte: er war nur betäubt, aber nicht tot.

Büffelstirn hatte seine Schwester bis jetzt noch mit keinem Blicke beachtet; jetzt wendete er sich an den Apatschen:

„Will mein Bruder dafür sorgen, daß niemand an den Quell dieses Baches kommt?“

„Ja,“ antwortete dieser.

„So werde ich bald zurückkehren.“

Er ging, um die Höhle wieder aufzusuchen. Als er sie erreichte, war die Fackel abgebrannt. Er steckte eine neue an und trat dann zu dem Deutschen. Er bemerkte sofort, daß dieser anders lag, als er ihn verlassen hatte, und beeilte sich infolgedessen, ihn nochmals zu untersuchen. Er fand zu seiner unaussprechlichen Freude, daß der Puls wieder ging. Der Deutsche mußte während dieser Zeit einmal für kurze Zeit zu sich gekommen sein und sich bewegt haben; jetzt aber lag er in vollständiger Lethargie. Der Indianer faßte ihn und schaffte ihn so sorgfältig und leicht wie möglich hinaus ins Freie. Als er ihn dort in das Gras legte, waren die Vaqueros soeben wieder erschienen. Sie alle hatten trotz der kurzen Zeit, welche sich Helmers auf der Hacienda befand, ihn alle lieb gewonnen und klagten laut und aufrichtig über ihn. Der Apatsche schlug mit der Hand auf die emporstehende Mündung seiner Büchse und sagte:

„Wenn mein weißer Bruder stirbt, dann wehe seinem Mörder! Die Vögel des Waldes sollen seinen Leib zerreißen. Shosh-in-liett, der Häuptling der Apatschen, hat es gesagt!“

„Mein Bruder soll mit zu Gerichte sitzen!“ sagte Büffelstirn zu ihm.

Der Apatsche beugte sich über den Deutschen und untersuchte seinen Kopf.

„Es ist ein Keulenschlag,“ sagte er. „Die Schale des Gehirns ist vielleicht verletzt. Man mache eine Bahre auf zwei Pferden, damit er nach der Hacienda geschafft werden kann.

Ich aber werde gehen, um das Kraut Oregano zu suchen, welches jede Wunde heilt und kein Fieber in dieselbe kommen läßt.“

Während nun die Hirten sich entfernten, um eine Bahre herzustellen und Bärenherz das Wundkraut suchte, blieb Büffelstirn mit seiner Schwester allein zurück.

„Du zürnest mir?“ sagte sie leise.

Er blickte sie nicht an, aber er antwortete:

„Der gute Geist ist von der Tochter der Miztecas gewichen!“

„Er ging nur kurze Zeit von ihr,“ sagte sie.

„Aber in dieser kurzen Zeit ist viel Trauriges geschehen. Der Graf versprach, dich zu seinem Weibe zu machen?“

„Ja.“

„Und das glaubtest du ihm?“

„Ja. Er gab mir eine Schrift, in welcher er es mir versprach.“

„Uff! Und diese Schrift hast du noch?“

„Sie liegt in meinem Zimmer.“

„Du wirst sie deinem Bruder geben?“

„Nimm sie! Wirst du mir verzeihen?“ fragte sie zaghaft.

„Ich werde nur dann verzeihen, wenn du mir gehorchst.“

Ach werde gehorchen. Was soll ich thun?“

„Das wirst du später erfahren. Jetzt besteigest du das Pferd und reitest nach der Hacienda zurück, um mir alle Indianer, welche Kinder der Miztecas sind, hierher zu senden. Du sagst ihnen, daß Tecalto, ihr Fürst, ihrer bedarf. Sie werden alles andre im Stiche lassen und kommen.“

„Ich gehe schon.“

Mit diesen Worten bestieg sie das Pferd und sprengte davon.

Der Häuptling sah, daß dem Grafen die Besinnung zurückgekehrt war. Er blickte ihn mit verächtlichen Augen an und sagte:

„Das Bleichgesicht wird keine Gnade nun finden. Es hat gelogen.“

„Welche Lüge meinst du?“ fragte der Gefesselte.

„Daß die Mexikaner hinter jenem Hügel seien.“

„Ich sagte die Wahrheit. Aber sie sind mir gefolgt, ohne daß ich es wußte.“

„Du riefst dann um Hilfe! Du hättest vielleicht Gnade gefunden, nun aber nicht!“

Er wandte sich stolz ab und würdigte den Gefangenen keines Blickes mehr. Bald kehrte Bärenherz zurück, legte die ausgedrückten Kräuter auf den Kopf des Deutschen und verband ihn.

Auch die Hirten waren fertig. Sie hatten aus Ästen und den Decken der getöteten Mexikaner eine sehr weiche und bequeme Tragbahre errichtet, welche auf zwei nebeneinander hergehende Pferde befestigt wurde. Darauf wurde Helmers gelegt.

„Was wird mit dem Grafen?“ fragte einer der Vaqueros.

„Der gehört mir!“ antwortete Büffelstirn. „Bringt Donnerpfeil nach der Hacienda. Bärenherz wird bei mir bleiben!“

Der Zug rückte ab. Die beiden Häuptlinge standen einige Zeit schweigend nebeneinander; dann löste Büffelstirn die Beinfesseln des Gefangenen, so daß dieser aufstehen konnte. Als dies geschehen war, band er ihn mit einem unzerreißbaren Riemen an den Schwanz seines Pferdes. Dann sagte er zu dem Apatschen:

„Mein Bruder folge mir!“

Beide stiegen auf und ritten davon. Es war für den Grafen keine Kleinigkeit, den beiden Reitern zu folgen; es war vielmehr der qualvollste Weg seines Lebens, den er gegangen war.

Büffelstirn hatte die Leitung übernommen. Er lenkte um den steil abfallenden Hang des Berges herum und dann die Anhöhe hinauf. In Zeit von einer Stunde hatten sie das Plateau des Höhenzuges erreicht, und nun ging es in den dichten Urwald hinein. Mitten in demselben lag, nach allen Seiten von fast undurchdringlichem Gestrüpp umgeben, die Ruine eines alten Aztekentempels. Dieser hatte aus einer abgestumpften Pyramide bestanden, welche von Vorhöfen rund umgeben gewesen war, um welche sich eine hohe Mauer zog. Jetzt lag alles in Schutt und Trümmern.

In einem dieser alten Vorhöfe hatte sich eine tiefe Lache gebildet, in welcher sich die Feuchtigkeit des Waldes sammelte. Dorthin führte der Indianer den Freund und den Gefangenen.

Die Lache war mit der Zeit zu einem Teiche, fast zu einem kleinen See geworden, bis zu dessen Ufer sich hohe Bäume heranzogen. Dort stiegen die beiden Häuptlinge ab. Der Mizteca setzte sich in das hohe Gras und winkte dem Apatschen, neben ihm Platz zu nehmen. Sie saßen nach Indianerart erst eine Weile schweigsam da; dann fragte Büffelstirn:

„Mein Bruder hat den Deutschen lieb, der Donnerpfeil genannt wird?“

„Ich liebe ihn!“ antwortete der Apatsche kurz.

„Dieser Weiße wollte ihn töten.“

„Er ist sein Mörder, denn vielleicht stirbt unser Freund.“

„Was verdient ein Mörder?“

„Den Tod.“

„Er soll ihm werden!“

Wieder verging eine Weile in düsterem Schweigen; dann begann Büffelstirn von neuem:

„Mein Bruder kennt das Volk der Miztecas?“

„Er kennt es,“ nickte Bärenherz.

„Es war das reichste Volk in Mexiko.“

„Ja, es hatte Schätze, die niemand messen konnte,“ stimmte der Apatsche bei.

„Weiß mein Bruder, wohin die Schätze gekommen sind?“

„Er weiß es nicht.“

„Kann der Häuptling der Apatschen schweigen?“

„Sein Mund ist wie die Mauer des Felsens.“

„So soll er wissen, daß Büffelstirn der Hüter dieser Schätze ist.“

„Mein Bruder Büffelstirn mag diese Schätze verbrennen. Im Golde wohnt der böse Geist. Wenn die Erde von Gold wäre, würde Bärenherz lieber sterben als leben!“

„Mein Bruder hat die Weisheit der alten Häuptlinge. Aber andre lieben das Gold. Dieser Graf wollte den Schatz der Miztecas besitzen.“

„Ugh!“

„Er kam mit achtzehn Dieben, um ihn zu rauben.“

„Wer hat ihm den Weg zum Schatze gezeigt?“

„Karja, die Tochter der Miztecas.“

„Karja, die Schwester Büffelstirns? Ugh!“

„Ja,“ sagte dieser traurig. „Ihre Seele war finster, denn sie traute diesem weißen Lügner. Er versprach ihr, sie zu seinem Weibe zu machen; aber er wollte sie verlassen, sobald er den Schatz hatte.“

„Er ist ein Verräter!“

„Was verdient ein Verräter?“

„Den Tod.“

„Und was verdient ein Verräter, der zugleich ein Mörder ist?“

„Den doppelten Tod.“

„Mein Bruder hat recht gesprochen.“

Es entstand wieder eine Pause des Schweigens. Diese beiden Häuptlinge bildeten einen fürchterlichen und unerbittlichen Gerichtshof, gegen dessen Urteil es keine Berufung gab. Büffelstirn wäre auch allein mit Alfonzo fertig geworden, aber er hatte den Apatschen mitgenommen, um seiner Rache ein gerechtes Urteil zu unterbreiten. Die beiden hielten eines jener sogenannten Prairie-Gerichte, vor welchen die Verbrecher der Wildnis so große Angst haben.

Sie sprachen in dem Idiom der Apatschen, welches Alfonzo nicht verstand; aber er ahnte, daß man über ihn entscheide. Er bebte vor Furcht; denn er dachte an die Krokodile, von denen Büffelstirn gesprochen hatte. Hier war der Teich, und gerade an dem Orte, wo sie saßen, ragte ein schief gewachsener Cedernstamm weit hinaus über das Wasser, und seine Zweige senkten sich beinahe bis auf den Spiegel desselben herab. Es schwamm dem Spanier vor den Augen, wenn er seinen Blick dorthin richtete.

Da begann Büffelstein wieder:

„Weiß mein Bruder, wo der doppelte Tod zu finden ist?“

„Der Häuptling der Miztecas mag es mir sagen!“

„Dort!“

Er deutete hinaus auf das Wasser. Der Apatsche warf keinen Blick hinaus, sagte aber, als ob sich das von selbst verstehe:

„Das Krokodil wohnt dort?“

„Ja. Du sollst es sehen.“

Er trat an das Wasser, streckte die Arme aus und rief:

Yim-eta – kommt!“

Auf diesen Ruf begann es im Wasser zu rauschen. Neun oder zehn Furchen bildeten sich von verschiedenen Richtungen her, und ebenso viele Krokodile schossen herbei. Sie blieben am Ufer halten und streckten die häßlichen, nach Moschus stinkenden Köpfe heraus. Es waren teils Brillen-, teils Hecht-Kaimans, und keiner hatte eine Länge unter vierzehn Fuß. Ihre Leiber glichen schlammbedeckten Baumstämmen; ihre Köpfe boten den häßlichsten und zugleich Furcht erweckendsten Anblick, den man sich denken kann, und während sie die langen Schnauzen aufrissen und zuklappten, um ihren Hunger zu zeigen, sah man ganze Reihen fürchterlicher Zähne, welche gewiß nichts frei ließen, was sie einmal gefaßt hatten.

Ein Schrei des Entsetzens erscholl. Alfonzo hatte ihn ausgestoßen.

Die beiden Indianer warfen ihm einen verächtlichen Blick zu. Der Indianer zuckt selbst unter den fürchterlichsten Qualen mit keiner Wimper. Er glaubt, daß einer, der am Marterpfahl einen einzigen Klageton ausstößt, nicht in die ewigen Jagdgründe komme, welche den Himmel der Rothäute bilden. Darum werden die Kinder bereits an das Ertragen der Schmerzen gewöhnt, und die Weißen werden meist auch deshalb von ihnen verachtet, weil sie eine feinere Konstitution besitzen und gegen alle Arten des Schmerzes empfindlicher sind als die Indianer.

„Siehst du sie?“ sagte Büffelstirn. „Es sind wackere Tiere, unter denen keines unter zehnmal zehn Sommer alt ist. Und siehst du auch die Lassos, welche ich mitgebracht habe? Ich nahm sie den Mexikanern ab, welche wir erschossen.“

„Ich verstehe meinen Bruder,“ sagte der Apatsche kurz.

„Wie hoch denkst du, daß ein Krokodil aus dem Wasser springen kann?“

„Es kann die Schnauze höchstens vier Fuß weit aus dem Wasser bringen, wenn der Grund tiefer ist als sein Leib.“

„Und wenn es den Grund mit dem Schwanze berühren kann?“

„So schießt es noch einmal soweit hervor.“

„Nun wohl. Der Grund ist tief. Die Füße dieses Mannes sollen also vier Fuß über dem Wasser hängen. Wer soll auf diesen Baum klettern? Du oder ich?“

„Ich will es thun,“ sagte der Apatsche.

Beide erhoben sich von ihren Sitzen und traten zu Alfonzo. Sie banden ihm die Hände auf den Rücken und zogen ihm einen Lasso doppelt unter den Armen hindurch. Dadurch wurde dieser Lasso so stark, daß er unzerreißbar genannt werden konnte. An ihm wurden wieder zwei andere Lassos befestigt, deren Enden der Apatsche in seine Hände nahm, um an dem Baume emporzuklettern.

Jetzt endlich merkte der Graf, daß man Ernst machte. Der Angstschweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirne, und vor den Ohren begann es ihm zu rauschen wie im Sturmwind.

„Gnade, Gnade!“ bat er jammernd.

Die beiden Rächer hörten nicht darauf.

„Gnade!“ wiederholte er. „Ich will alles thun, was ihr wollt; nur hängt mich nicht für diese Krokodile auf!“

Auch dieses Flehen fand keine Antwort. Büffelstirn faßte ihn und zog ihn nach dem Baume hin.

„Thut es nicht, thut es nicht! Ich will euch alles geben, meine Grafschaft, meine Besitzungen, ganz Rodriganda. Ich verzichte auf alles, was ich habe, nur schenkt mir das Leben!“

Jetzt endlich antwortete der Häuptling der Miztecas.

„Was ist Rodriganda?“ sagte er. „Was ist deine Grafschaft, und was sind deine Besitzungen! Du hast die Schätze der Miztecas gesehen, die ich nicht mag, und du bietest mir deine Armut an! Bleibe ein Graf, und stirb! Sieh diese Tiere, die noch nie einen weißen Grafen gefressen haben. Du wirst vier oder fünf Tage am Baume hängen und deine Füße emporwerfen, wenn sie nach ihnen schnappen; sobald du aber schwach und müde wirst, werden sie dir dieselben abreißen. Dann verblutest du dich und stirbst. Und wenn nachher dein Leib verfault, so stürzt er herab und wird von ihnen verzehrt. Das ist das Ende eines weißen Grafen, der eine verachtete Indianerin betrügen wollte.“

„Gnade, Gnade!“ flehte der Graf abermals in höchster Todesangst.

„Gnade? Hast du Gnade gehabt, als du den Freund der Häuptlinge mit der Keule erschlugst? Hast du Gnade gehabt, als du mich in die Hände der Mexikaner gabst? Hast du Gnade gehabt, als du das Herz in der Brust der Indianerin tötetest? Und sind dies deine einzigen bösen Thaten gewesen? Wahconta hat dem Menschen versagt, alles zu wissen; ich kenne dein Leben nicht, aber wer so Böses thut wie du, der hat bereits vorher viel Böses gethan. Wir rächen es mit dem zu gleicher Zeit, was du an uns gethan hast. Die Krokodile werden dich fressen, aber du bist noch schlimmer als eines dieser Tiere. Wahconta hat sie geschaffen, um Fleisch zu fressen, den Menschen aber hat er geschaffen, damit er gut sein soll. Deine Seele ist böser als die ihrige!“

Er schob ihn näher an das Wasser hin. Alfonzo wehrte sich nach Kräften. Er hatte die Beine frei und stemmte sich mit verzweifelter Anstrengung auf dem Boden fest. Da schlang ihm der Mizteca einen Riemen um die Füße und band dieselben zusammen, so daß er nun völlig wehrlos war.

„Gnade! Erbarmen!“ wimmerte und stöhnte er.

Es half ihm nichts. Der riesenstarke Häuptling trug ihn nach dem Baum, und der Apatsche kletterte hinauf, die Enden des Lassos zwischen den Zähnen. Oben angekommen, setzte er sich fest und ließ die nun zehnfach zusammengeflochtenen Riemen über einen starken Ast laufen. Nun zog er den Grafen mit den Lassos am Stamme empor. Büffelstirn schob; es ging langsam, aber sicher.

„O, laßt mich los, laßt mich los!“ rief der zu einem so fürchterlichen Tode Verurteilte. „Ich will euch dienen und gehorchen als der geringste von euren Knechten!“

„Ein Graf hat Knechte, ein freier Indianer aber nicht!“ lautete die Antwort.

Der Anblick der Alligatoren war jetzt entsetzlich. Die Lache war zu klein für sie, sie fanden keine Nahrung mehr in derselben. Sie hatten Jahre lang gehungert, und nun sahen sie, daß sie Speise bekommen sollten. Sie hatten aus Mangel an Nahrung bereits sich selbst angefressen; dem einen fehlte ein Fuß und dem andern irgend ein Stück seines Leibes. Jetzt drängten sie sich gerade unter dem Baume zu einem scheußlichen Klumpen zusammen. Ihre furchtbaren Schwänze peitschten das Wasser zu Schaum; ihre kleinen, tückischen Augen schossen giftige, begehrende Blitze, und ihre geöffneten Rachen schlugen mit einem Geräusche zusammen, welches gerade so klang, als ob man zwei starke Bretter zusammenschlage. Diese zehn Ungeheuer bildeten einen Knäuel, den man für einen einzigen gräßlichen Drachen mit zehn Rachen und ebenso vielen Schwänzen halten konnte.

Der Gefangene sah das und schauderte.

„Laßt mich frei, ihr Ungeheuer!“ brüllte er.

„Mein Bruder mag kräftiger ziehen!“

Diese Aufforderung an den Apatschen war die einzige Antwort Büffelstirns.

„So seid verflucht und vermaledeit in alle Ewigkeit!“

Diese Worte kreischte der Graf, indem seine blutunterlaufenen Augen vergebens nach Rettung suchten.

„Es ist genug,“ sagte der Mizteca, der mit den Augen eines Kenners die Entfernung des Astes vom Wasser mit der jetzigen Länge des Lassos verglich. „Mein Bruder schlinge den Lasso um den Stamm des Baumes und mache einen festen Knoten!“

Der Apatsche folgte diesem Gebote. Büffelstirn hatte jetzt mit einer Hand sich am Baume gehalten, während er mit der anderen den Gefangenen gepackt hielt. Es gehörte eine riesige Körperstärke dazu. Wäre die Ceder nicht so stark gewesen, so hätte sie bei ihrer schrägen Lage unter der Last der drei Männer brechen müssen. Jetzt war der entscheidende Augenblick gekommen. Alfonzo sah und fühlte das und rief mit beinahe unartikulierten Lauten:

„Seid ihr denn keine Menschen, seid ihr Teufel?“

„Wir sind Menschen, die einen Teufel richten,“ antwortete der Mizteca. „Fahre hin!“

Ein gräßlicher, weithin tönender Schrei erscholl. Der Sprecher hatte Alfonzo losgelassen und ihm noch dazu einen kräftigen Stoß gegeben. Dieser Stoß schleuderte den Gefangenen vom Ikume herab und über die Wasserfläche hinaus. Er schwang am Lasso hin und her, und allemal, wenn er während dieser Pendelbewegungen dem Wasser nahe kam, schossen die Krokodile empor, um ihn zu packen.

„Es ist gut. Mein Bruder komme herab!“

Der Apatsche folgte dieser Aufforderung Büffelstirns und stieg mit diesem vom Baume. Sie standen am Ufer und sahen diesem grauenhaften Schauspiele zu, bis die Schwingungen immer kleiner wurden und der Verurteilte endlich von dem Aste grad herniederhing.

Jetzt zeigte es sich, daß der Mizteca ein sehr gutes Augenmaß gehabt haben mußte. Alfonzo hing so, daß die aus dem Wasser emporschnellenden Krokodile gerade noch seine Füße packen konnten. Dadurch war er gezwungen, dieselben emporzuziehen, sobald eines der Tiere darnach schnappte. Ging ihm die Kraft zu dieser Bewegung aus, so war er verloren. Er hatte viel gesündigt, aber dieser Tod und diese Todesangst wog viele, vielleicht alle seine Sünden auf.

„Es ist vollbracht. Wir wollen gehen,“ sagte der Apatsche, welchen es selbst schauderte.

„Ich folge meinem Freunde,“ stimmte Büffelstirn bei.

Sie stiegen auf und ritten davon, noch lange verfolgt von dem Angstgeheul des Grafen.

Sie konnten jetzt schneller reiten als bergaufwärts, wo der Gefangene am Pferdeschwanze gehangen hatte. Als sie unten am Bache ankamen, fanden sie bereits mehrere Indianer vor. Sie alle gehörten zu dem dem Untergange geweihten Stamme der Miztecas und waren von Karja herbeigeschickt worden. Ihr Häuptling wandte sich an den Apatschen:

„Ich danke meinem Bruder, daß er mir geholfen hat, das Bleichgesicht zu richten und zu bestrafen. Er kann nun nach der Hacienda zurückkehren und nach der Wunde Donnerpfeils sehen. Ich kann erst morgen nachkommen, denn ich habe hier noch vieles zu thun.“

Bärenherz ritt sofort davon. Der Mizteca winkte die Indianer zu sich, welche einen Kreis um ihn bildeten, um seine Befehle zu vernehmen. Er blickte ernst umher und begann:

„Wir sind die Söhne eines Stammes, welcher sterben muß. Die Bleichgesichter geben uns den Tod. Sie trachteten nach unsern Schätzen, aber sie haben sie nicht erhalten. Eure Väter haben den meinigen geholfen, diese Schätze zu verbergen, und keiner von ihnen hat den Ort verraten, wo sich dieselben befinden. Würdet auch ihr so schweigsam sein?“

Sie alle senkten bejahend die Köpfe, und der älteste von ihnen antwortete in aller Namen:

„Verflucht sei der Mund, welcher einem Weißen den Ort verraten könnte!“

„Ich glaube euch. Ich habe gewußt, wo sich die Schätze befinden, aber ein Bleichgesicht hat sie entdeckt. Dieses Bleichgesicht hat einen Teil derselben gefunden, und dieser Teil muß nun an einem andern Orte verborgen werden. Wollt ihr mir helfen?“

„Wir helfen.“

„So schwört bei den Seelen eurer Väter, eurer Brüder und Kinder, daß ihr das neue Versteck nicht verraten und auch den geringsten Teil der Schätze niemals antasten wollt?“

„Wir schwören es!“ erklang es im Kreise.

„So sorgt zunächst für eure Pferde, und dann kommt!“

Nachdem den Pferden gehörige Weide gegeben worden war, verschwanden die roten Gestalten im Eingange zur Höhle, in welcher nun ein geheimnisvolles Regen und Treiben begann. Nur ein einziger blieb im Freien zurück, um über die Sicherheit der Pferde und des Unternehmens zu wachen.

Diese Arbeit dauerte den vollen Tag und die ganze Nacht hindurch, und erst als der nächste Tag anbrach, kamen die Miztecas einer nach dem andern aus der Höhle gekrochen. Ein jeder brachte eine Last mit, welche sie alle auf einen gemeinschaftlichen Haufen legten. Es waren die größten Nuggets und Goldbrocken nebst dem Geschmeide, welches Helmers sich ausgewählt hatte.

„So!“ sagte Büffelstirn, indem er den Haufen betrachtete. „Schlagt es in die Decken, und ladet es auf das Pferd. Dies ist das Geschenk der Miztecas an den einzigen Weißen, der die Schätze der Könige gesehen hat, weil ich es ihm erlaubte. Möge er durch dasselbe glücklich werden!“

Als das Packpferd, welches er gestern früh mit dem Deutschen mitgebracht hatte, beladen war, kehrte er noch einmal in das Innere der Höhle zurück. Die vorderste Abteilung derselben, welche Helmers und Alfonzo gesehen hatten, war jetzt vollständig leer und ausgeräumt. Büffelstirn blickte sich noch einmal um, dann trat er in eine Ecke, wo eine Zündschnur aus der Erde ragte. Er brannte sie mit seiner Fackel an und verließ dann schleunigst die Höhle.

Draußen zogen sich alle weit zurück und warteten. Es vergingen einige Minuten; dann ließ sich ein dumpfes Krachen vernehmen; die Erde bebte, ein dunkler Qualm stieg aus der vordern Seite des Berges auf; die Felsen barsten; die Erde senkte sich langsam, und dann brach sie mit einem rollenden Getöse zusammen. Der Eingang zur Höhle und der vorderste Teil derselben war verschüttet. Der Bach schäumte über die Trümmer, erst wild und kämpfend, bald aber hatte er sich einen Weg nach seinem Bette gebahnt – der Zugang zu den Schätzen der Könige der Miztecas war verschlossen.

„Reicht euch die Hände, und schwört noch einmal, daß ihr schweigen wollt bis zum Tode!“ gebot Büffelstirn seinen Leuten.

Sie leisteten den Schwur, und es war jedem einzelnen anzusehen, daß er lieber sterben als seinen Schwur brechen werde. Noch einen letzten Blick warfen sie auf die Stätte, die während der letzten vierundzwanzig Stunden so Ungewöhnliches gesehen hatte, dann ritten sie davon. –

Als der Apatsche vom Berge EI Reparo, wo er Büffelstirn verlassen hatte, nach der Hacienda zurückkehrte, fand er die Bewohner derselben in tiefer Trauer. Der Haciendero hatte sofort einen seiner besten Reiter auf dem schnellsten Pferde nach Monclova geschickt, um einen erfahrenen Arzt herbeizurufen. Als er den Häuptling der Apatschen vom Pferde steigen sah, kam er herbeigeeilt, um sich zu erkundigen. Er bequemte sich dabei dem Gebrauche der Wilden an, indem er ihn Du nannte.

„Du kommst allein?“ fragte er. „Wo ist Tecalto?“

„Noch am Berg El Reparo.“

„Was thut er dort?“

„Er sagte es mir nicht.“

„Ich hörte, daß er sich Indianer hat schicken lassen. Wozu?“

„ich fragte ihn nicht.“

„Und wo ist Graf Alfonzo?“

„Ich sage es nicht.“

Der Haciendero trat einen Schritt zurück und meinte unmutig:

„Er sagte es mir nicht – ich fragte ihn nicht – ich sage es nicht! Solche Antworten wünscht man nicht!“

Der Apatsche machte eine abwehrende Handbewegung und sagte:

„Mein Bruder mag mich nicht nach Dingen fragen, über welche ich nicht sprechen kann. Der Häuptling der Apatschen liebt die Thaten, aber nicht die Worte.“

„Aber wissen möchte ich doch, was da draußen am Berge geschehen ist.“

„Die Tochter der Miztecas wird es dir sagen.“

„Auch diese schweigt.“

„So wird Büffelstirn kommen und es erzählen. Mein Bruder führe mich an das Lager Donnerpfeils, damit ich dessen Wunde sehe!“

„So komm!“

Als sie das Zimmer des Deutschen betraten, fanden sie die beiden Mädchen am Lager desselben, in schweigende Trauer gehüllt. Der Kranke wälzte sich in seinem Bette hin und her. Er hatte sicher Schmerzen auszustehen, hielt aber die Augen geschlossen und gab keinen Laut von sich. Als Bärenherz den Kopf betastete, zog der Patient sein Gesicht in schmerzhafte Falten, blieb aber stumm.

„Wie steht es?“ fragte der Haciendero.

„Er wird nicht sterben,“ antwortete der Häuptling. „Man lege immer neues Wundkraut auf.“

„Morgen wird der Arzt kommen.“

„Das Kraut Oregano ist klüger als der Arzt. Hat mein Bruder einen Vaquero, der ein guter Reiter und Jäger ist?“

„Mein bester Jäger und Schütze ist der alte Franzesko.“

„Man hole ihn und gebe ihm ein gutes Pferd!“

„Wozu?“

„Er soll mich begleiten.“

„Wohin?“

„Zu den Comantschen.“

„Zu den Comantschen? O Gott, was wollt ihr bei denen?“

„Kennt mein Bruder die Comantschen nicht? Wir haben ihnen die Gefangenen abgenommen; wir haben viele ihrer Krieger getötet. Sie werden kommen, um Rache zu nehmen!“

„Nach der Hacienda?“

„Ja.“

„So weit?“

„Der rote Mann kennt keine Entfernung, wenn er sich rächen und den Skalp seines Feindes holen will. Die Comantschen werden sicher kommen.“

„Und warum wollt ihr ihnen entgegen?“

„Um sie zu sehen und zu erfahren, wann und auf welchem Wege sie kommen.“

„Ist es nicht besser, du bleibst hier, und wir stellen Posten aus?“

„Der Häuptling der Apatschen sieht lieber mit eignen Augen als mit den Augen andrer. Donnerpfeil, mein Bruder, wollte den Hunden der Comantschen entgegengehen. Nun ist er krank, und ich thue es an seiner Stelle.“

„So reitet in Gottes Namen. Ich will Franzesko rufen lassen.“

In Zeit einer Viertelstunde war der Vaquero zur Stelle. Man sah es seinem ganzen Habitus an, daß er die geeignete Persönlichkeit zu einem solchen Ritte sei. Als er hörte, um was es sich handele, gab er freudig seine Bereitwilligkeit zu erkennen, den Apatschen zu begleiten. Sie versahen sich also mit dem, was zu einem solchen Kundschafterritte notwendig ist, und brachen dann auf.

Die mexikanischen Pferde sind von einer sehr großen Ausdauer und Schnelligkeit. Bärenherz und der Vaquero flogen auf ihren Tieren wie der Wind dem Norden zu. Sie erreichten noch vor Abend die Stelle, wo sie bei der Rückkehr von der Reise mit den beiden Damen ihr letztes Nachtlager gehalten hatten. Sie rasteten nicht und verfolgten den Weg immer fort, den sie damals gekommen waren.

Da, der Abend begann bereits heranzubrechen, hielt der Apatsche plötzlich sein Tier an und blickte zu Boden. Der Vaquero that dasselbe.

„Was ist das hier?“ fragte der letztere. „Das sind ja Spuren!“

„Von vielen Reitern!“ nickte der Apatsche.

„Sie kommen von Norden her!“

„Und sind nach West eingebogen.“

„Sehen wir sie genauer an!“

Sie stiegen ab und untersuchten die Hufeindrücke sehr sorgfältig.

„Es sind viele,“ sagte der Apatsche.

„Wohl zweihundert,“ fügte der Vaquero hinzu.

Der andere nickte zustimmend und deutete dann auf einen Hufeindruck, dessen Kanten noch ganz scharf gezeichnet waren.

„Ja,“ sagte der Vaquero mit besorgter Miene. „Wir haben von Glück zu sagen. Sie sind vor kaum einer Viertelstunde hier gewesen.“

Der Apatsche richtete sich unter einem schnellen Entschlusse rasch vom Boden auf.

„Vorwärts! Ich muß sie sehen!“

Sie bestiegen ihre Pferde wieder und folgten der Fährte. Sie führte tief in die Sierra hinein, und gerade, als das letzte Licht des Tages verglomm, erblickten sie auf dem Kamm einer vor ihnen liegenden Höhe eine dunkle Schlangenlinie, welche aus lauter Reitern bestand.

„Comantschen!“ sagte Bärenherz.

„Ja, richtig! Donnerwetter, die haben es auf die Hacienda abgesehen!“

„Sie verbergen sich bis morgen in den Bergen,“ nickte der Häuptling.

„Was thun wir?“

„Mein Bruder kehrt zurück, sogleich, um dem Haciendero zu melden, daß der Feind kommt.“

„Und du?“

„Bärenherz bleibt auf der Fährte des Feindes. Er muß wissen, was sie thun.“

Er drehte sich um und ritt weiter, ohne sich darum zu bekümmern, ob der Vaquero seiner Weisung Folge leiste.

Per Dios!“ murmelte dieser. „So ein Indianer ist doch ein eigentümlicher Mensch! Wagt sich an zweihundert Comantschen! Stolz wie ein König. Er sagt, was ich thun soll, und reitet fort, ohne nur Abschied zu sagen oder zu sehen, ob ich ihm auch gehorsam bin.“

Er wandte sein Pferd wieder dem Süden zu und ritt denselben Weg zurück, den er gekommen war.

Es galt, die schlimme Nachricht so bald wie möglich nach der Hacienda zu bringen. Darum strengte er sein Pferd an, und es war kaum Mitternacht, als er die Hacienda erreichte.

Hier lag bereits alles im tiefen Schlafe, und nur Emma wachte am Lager des Kranken. Deshalb wendete sich der Vaquero zunächst an sie. Sie weckte natürlich sogleich ihren Vater, der den alten Franzesko sofort zu sich kommen ließ.

„Ist’s wahr, was mir Emma sagte?“ fragte Arbellez.

„Was sagte sie?“

„Daß die Comantschen kommen.“

„Ja, das ist wahr, Sennor.“

„Wann? Doch nicht etwa noch heute!“

„Nein, heute sind wir noch sicher.“

„Sind es viele?“

„Wohl zweihundert.“

„Heilige Madonna, welch‘ ein Unglück! Sie werden die Hacienda verwüsten.“

„Das befürchte ich nicht, Sennor,“ sagte der mutige Alte. „Wir haben ja Arme und auch Waffen genug.“

„Aber habt ihr auch richtig gesehen?“

„Das versteht sich!“

„Es scheint mir gar nicht möglich, daß die Kundschafter der Comantschen in so kurzer Zeit eine solche Schar aus ihren Weidegründen können herbeigeholt haben.“

„Das ist auch gar nicht der Fall, Sennor!“

„Was denn?“

„Als Sennor Helmers mit dem Apatschen die Damen befreite und dabei einen Comantschen erstach, begann die Blutrache. Es ist ganz sicher gleich von dort aus ein Bote nach den Weidegründen abgegangen, die ja gar nicht weit vom Rio Pecos liegen. Während die Sennores dann am Rio Grande gegen ihre Verfolger kämpften, waren bereits die zweihundert aufgebrochen. Die späteren Flüchtlinge sind dann zu ihnen gestoßen und haben ihnen erzählt, daß sie abermals geschlagen worden sind. Das hat den Verfolgungsritt beschleunigt.“

„Wie weit entfernt ist der Punkt, an welchem ihr sie sahet?“

„Sechs Stunden bei gewöhnlichem Ritte.“

„Und sie hielten nicht gerade auf die Estanzia zu?“

„Nein. Das fällt ihnen auch gar nicht ein. Sie haben sich in die Berge geschlagen, um nicht entdeckt zu werden, und werden vor morgen nachts sich sicherlich nicht blicken lassen.“

„Wir werden dennoch sofort Vorsichtsmaßregeln treffen. O, wenn doch Sennor Helmers nicht verwundet wäre!“

„Auf den Häuptling der Apatschen und auf Büffelstirn können Sie sich ebenso verlassen.“

„Büffelstirn ist noch am Berge El Reparo. Ich werde ihn holen lassen.“

„Sogleich?“

„Ja.“

„Soll ich reiten?“

„Du bist ermüdet.“

„Ermüdet?“ lachte der Alte. „Mein Pferd wohl, aber nicht ich. Ich nehme ein andres Tier.“

„Weißt du, wo der Häuptling zu finden ist?“

„Nein.“

„Am Auslaufe des mittleren Baches.“

„Gut, ich werde ihn ganz sicher finden. Soll ich jetzt die Leute wecken?“

„Ja, wecke sie. Es ist besser, wir sind bereits heute auf der Hut.“

Der alte Francesko schlug Lärm; dann saß er auf, um nach El Reparo zu reiten, und eine Viertelstunde nach seinem Wegritte brannten rund um die Hacienda mehrere Feuer, welche die Umgebung so erleuchteten, daß es sicher kein Indianer gewagt hätte, dem Hause zu nahen.

Büffelstirn, der Häuptling der Miztecas, war eben mit seinen Indianern von El Reparo aufgebrochen, als der alte Vaquero auf ihn stieß. Er dachte natürlich sofort, daß etwas geschehen sei, und erkundigte sich also durch die schnelle Frage:

„Warum kommst du? Was ist’s?“

„Schnell zur Hacienda! Die Comantschen kommen!“ rief Franzesko.

Die Augen des Indianers leuchteten vor Vergnügen auf.

„So schnell! Wer sagte es?“ fragte er.

„Ich selbst habe sie gesehen.“

„Ah! Wo?“

Franzesko erzählte seinen gestrigen Ritt.

„Ist es so, da haben wir noch Zeit,“ meinte Büffelstirn. „Diese Comantschen werden auf der Hacienda del Erina einige Skalps verlieren. Ist Bärenherz hinter ihnen her?“

„Ja.“

„So brauchen wir keine Sorge zu tragen. Sie entgehen uns nicht.“

Es ging im Galopp auf die Hacienda zu, wo sie alles in Eile und Aufregung fanden. Der Haciendero empfing den berühmten Cibolero selbst und fragte ihn nach seiner Meinung. Der Mizteca blickte umher und schüttelte den Kopf, als er die kriegerischen Vorbereitungen erblickte.

„Halten Sie die Comantschen für Diggerindianer?“ fragte er.

„Nein,“ antwortete Arbellez. „Die Diggers sind dumm.“

„Aber die Comantschen nicht. Warum also diese Vorkehrungen?“

„Heilige Madonna, sollen wir uns vielleicht nicht wehren!“ „Wir werden uns wehren, aber anders, Sennor!“ „Wie denn?“

„Die Comantschen werden Kundschafter aussenden, um uns zu beobachten.“

„Natürlich!“

„Sie werden uns nicht am Tage überfallen.“

„Das denke ich auch.“

„Wenn wir sie zurückweisen wollen, so dürfen sie nicht ahnen, daß wir wissen, daß sie kommen.“

„Ah, da hast du recht!“

„Wir müssen unsre Vorbereitungen also im stillen treffen. Wie viele Männer haben Sie überhaupt?“

„Vierzig.“

„Das genügt. Jeder hat ein Gewehr?“

„Sie alle haben gute Gewehre.“

„Und Munition ist auch vorhanden?“

„Genug. Ich habe sogar Kanonen.“

„Kanonen?“ fragte der Indianer erstaunt.

„Ja, vier Stück.“

„Davon weiß ich nichts. Woher sind sie?“

„Der Schmied hat sie gebaut, als du nicht hier warst.“

Der Häuptling schüttelte ungläubig den Kopf.

„Der Schmied hat sie gebaut! Taugen sie etwas?“

„Ja, wir haben sie probiert. Der Lauf ist vom festesten Eisenholz gebohrt, um welches starke, fünffache Bänder geschmiedet worden sind. Vom Zerspringen ist keine Rede.“

„Dann geht es. Wir schießen mit Glas, Nägeln und altem Eisen; das wirkt furchtbar. Sodann brauchen wir mehrere Feuer.“

„Wozu?“

„Der Überfall wird wohl bereits in der nächsten Nacht geschehen. Dabei muß alles dunkel sein, damit die Comantschen uns im tiefsten Schlafe denken. Sobald sie nun kommen, brennen wir die Feuer an und erleuchten die ganze Umgebung der Hacienda, damit wir ein sicheres Zielen haben.“

„So machen wir die Feuer auf dem platten Dache des Hauses.“

„Das ist klug. Es wird an jeder Ecke ein großer Haufen errichtet und mit Öl begossen. Das genügt für den ganzen Platz.“

„Und wohin stellen wir die Kanonen?“

„Wir errichten an jeder Ecke des Hauses, sobald es dunkel geworden ist, eine Verschanzung, hinter welche die Kanonen kommen. Sie müssen so stehen, daß sie zwei Seiten bestreichen können. Während des Tages aber lassen wir uns nichts merken, und ein jeder geht ruhig seiner gewohnten Beschäftigung nach. Ah!“

Dieser letzte Ausruf galt einem Reiter, der auf dampfendem Rosse durch das Thor kam. Es war – der Apatsche.

„Bärenherz!“ rief der Haciendero. „Wo kommt Ihr her?“

„Von den Comantschen,“ antwortete dieser, vom Pferde springend.

„Wo sind sie?“

„Auf dem El Reparo.“

„Auf dem El Reparo?“ fragte Büffelstirn. „Halten sie dort ihr Lager?“

„Ja. Ich bin ihnen bis auf den Berg gefolgt. Sie erreichten ihn erst nach Mitternacht.“

„Auf welcher Seite lagerten sie?“

„Auf der Seite nach Mitternacht.“

„Uff! Wenn sie – –“ er unterbrach sich und fügte leise hinzu, so daß ihn nur der Apatsche hören konnte: „Wenn sie den Grafen finden!“

„Den werden die Krokodile gefunden haben,“ sagte der Apatsche ebenso leise.

Diese Annahme war nun allerdings nicht richtig.

Die Comantschen zählten wirklich zweihundert Mann. Sie wurden angeführt von einem ihrer berühmtesten Häuptlinge, welcher Tokvi-tey, der schwarze Hirsch, hieß. Ihm zur Seite ritten zwei Kundschafter, von denen der eine die Gegend um die Hacienda genau kannte, während der andre zu denen gehört hatte, welche von den Mexikanern unter Anführung des Deutschen und des Apatschen besiegt worden waren. So konnten sie sich in der Richtung nach der Estanzia gar nicht irren.

Sie ritten, ohne zu ahnen, daß sie von dem berühmten Apatschenhäuptling verfolgt wurden, nach indianischer Weise über die Berge, nämlich immer einer hinter dem andern, und gelangten schließlich an den nördlichen Fuß des EI Reparo, dessen Abhang sie erstiegen, um dann unter den dichten Bäumen des Waldes Halt zu machen.

„Weiß mein Sohn hier einen Ort, an dem wir uns während des Tages verbergen könnten?“ fragte der schwarze Hirsch den einen der Führer, welcher die hiesige Gegend kannte.

Der Gefragte sann nach und antwortete dann:

„Ich weiß einen.“

„Wo?“

„Auf der Höhe des Berges.“

„Was ist es für ein Ort?“

„Es ist die Ruine eines alten Tempels, dessen Vorhöfe Platz für tausend Krieger haben.“

„Kann man da verborgen sein?“

„Ja, wenn kein Auge uns kommen sieht.“

„Weiß mein Sohn den Ort genau?“ „Ich werde nicht irren.“

„Und glaubt mein Sohn, daß wir ihn erst auskundschaften müssen?“

„Es ist besser und sicherer so.“ „So werden wir beide gehen, während die andern warten.“

Sie stiegen von ihren Pferden, nahmen die Waffen zur Hand und drangen in den Wald ein.

Der Indianer besitzt für Örtlichkeitsverhältnisse einen angeborenen Instinkt und einen so gut geübten Scharfsinn, daß er sich fast nie verirren kann. Der Führer strich mit einer bewundernswerten Sicherheit gerade auf die Ruine zu durch den nächtlich stockfinsteren Wald. Der Häuptling folgte ihm. Trotz der Schwierigkeiten, welche die Dunkelheit bot, erreichten sie die verfallenen Mauern des Tempelwerkes und begannen, dasselbe zu durchsuchen.

Sie fanden nicht die mindeste Spur von der Anwesenheit eines Menschen und hegten schon die Überzeugung, daß sie sicher seien, als sie plötzlich anhielten und lauschten. Es war ein Schrei erklungen, ein Schrei, welcher aus keiner menschlichen Kehle zu stammen schien.

„Was war das?“ fragte der schwarze Hirsch.

„Ein Schrei, aber von wem?“ „Es klang fast wie der Todesschrei eines Pferdes.“

„Ich habe einen solchen Laut noch nie gehört,“ erklärte der Führer.

Da erklang der Schrei abermals, lang gezogen und gräßlich. „Ein Mensch!“ sagte der Häuptling.

„Ja, ein Mensch,“ stimmte der Führer jetzt bei.

„In Todesangst!“

„In tiefster Verzweiflung!“

„Wo war es?“

„Ich weiß es nicht. Das Echo täuscht.“

„Man muß diese Mauern verlassen.“

Sie kletterten über das Trümmerwerk hinaus in das Freie, und als der markerschütternde Ruf nun abermals erscholl, hörten sie, welches die Richtung war.

„Grad vor uns,“ sagte der Führer.

„Ja, grad vor uns. Wir wollen sehen, was es ist!“

Sie schlichen sich vorsichtig weiter und gelangten an den Rand des Teiches, dem sie entlang gingen, bis der Schrei grad vor ihnen ausgestoßen wurde. Die Wilden konnten sich eiserner Nerven rühmen, aber sie erschraken doch, als diese fürchterliche Stimme so in ihrer unmittelbaren Nähe erscholl.

„Hier ist es,“ sagte der Führer, „im Wasser.“

„Nein, über dem Wasser ist es,“ verbesserte der Häuptling.

„Horch!“

„Das plätschert und klappt, als seien es Krokodile.“

Ein phosphorescierender Schein ging von dem Wasser aus, welches durch die Tiere bewegt wurde.

„Sieht mein Sohn diesen Schimmer?“ fragte der Häuptling.

„Ja.“

„Es sind Krokodile.“

„Und der Mensch unter ihnen? Unmöglich!“

„Nein, der Mensch über ihnen, auf diesem Baume.“

Er deutete dabei auf die Ceder, an welcher sie standen.

„So muß er angebunden sein!“

„Sicher!“

Nun erschallte der Schrei abermals, und sie hörten, daß er aus der Luft kam, zwischen dem Wasser und der Krone des Baumes

„Wer ruft?“ fragte da der Häuptling mit lauter Stimme.

„Oh!“ antwortete es im Tone des Entzückens.

„Wer ist es?“

„Hilfe!“

„Wo bist du?“

„Ich hänge am Baume.“

„Uff! Über dem Wasser?“

„Ja. Kommt schnell.“

„Wer bist du?“

„Ein Spanier.“

„Ein Spanier, ein Bleichgesicht,“ flüsterte der schwarze Hirsch seinem Begleiter zu. „Er soll hängen bleiben!“

Dennoch aber fragte er weiter:

„Wer hat dich aufgehängt?“

„Meine Feinde.“

„Wer sind sie?“

„Zwei Rothäute.“

„Uff!“ flüsterte der Häuptling. „Er hängt zur Rache hier.“

Dann fragte er, welche Rothäute es gewesen seien.

„Ein Mizteca und ein Apatsche. O kommt, helft! Ich kann nicht mehr; die Krokodile werden mich zerreißen!“

„Ein Apatsche und ein Mizteca,“ sagte der Häuptling leise „Das sind unsre Feinde. Er soll vielleicht gerettet werden Zuerst aber muß ihn das Feuer beleuchten.“

Er ging zu einem Gestrüpp, von welchem er vorhin beim Hindurchschlüpfen bemerkt hatte, daß es dürr und trocken sei, riß es aus und trug den Haufen an das Ufer. Dann zog er sein Punks hervor und zündete den Haufen an. Das Feuer loderte hell empor und beleuchtete die ganze Scene: Von dem Baum herab hing ein Bleichgesicht bis nahe über das Wasser und schwang die Füße hoch empor, sobald eines der Krokodile nach ihnen schnappte.

„Das ist eine große Rache!“ sagte der schwarze Hirsch. „Er soll uns jetzt antworten, ohne die Alligatoren zu fürchten.“

Er kletterte auf den Baum empor, faßte den Lasso und zog den daran Hängenden weiter empor, so daß sich dieser nun vor den Ungeheuern in Sicherheit befand. Das Feuer beleuchtete auch die Indianer, und an ihrer Bemalung sah Alfonzo, daß es Comantschen seien, die sich auf dem Kriegspfade befanden. Er erriet alles und betrachtete sich bereits als halb gerettet.

„Warum hingen dich die roten Männer hier auf?“ fragte der Häuptling weiter.

„Weil ich mit ihnen kämpfte, um sie zu töten. Wir waren Feinde.“

„Warum hast du die Hunde nicht getötet? Die Apatschen und Miztecas sind Feiglinge.“

„Es war Bärenherz, der Häuptling der Apatschen.“

„Bärenherz!“ rief der Comantsche. „Er war hier?“

„Ja, er und Büffelstirn, der Häuptling der Miztecas.“

„Und Büffelstirn!“ rief der Comantsche abermals. „Wo sind sie?“

„Befreie mich, so sollst du sie haben!“

„Schwöre es!“

„Ich schwöre es!“

„So sollst du frei sein!“

Er zog mit aller Anstrengung an dem Lasso und brachte den Grafen auch glücklich so weit empor, daß dieser sich mit dem Oberkörper auf den Ast legen und stützen konnte. Dadurch bekam der Comantsche die Hand frei. Er zog sein Messer und durchschnitt den Lasso und die Banden des Spaniers, der sich nun selbst festzuhalten vermochte.

„Ah!“ rief dieser. „Frei! Frei! Frei! Aber nun Rache! Rache! Rache!“

Er brüllte in unendlichem Entzücken diese Worte überlaut in die Nacht hinaus.

„Rache sollst du haben,“ sagte der Comantsche, der in ihm einen brauchbaren Verbündeten ahnte. „Aber warum schreist du so? Der Wald hat Ohren. Ist niemand in der Nähe?“

„Kein Mensch! Es befand sich niemand auf dem Berge als nur ich und diese verdammten Krokodile. Mein Leben lang werde ich diese Nacht nicht vergessen!“

„Vergiß sie nicht, und räche dich! jetzt aber steige mit mir herab!“

Sie kletterten von dem Baume hernieder, und nun erst, als Alfonzo den festen Boden unter sich fühlte, wußte er genau, daß er gerettet sei.

„Ich danke euch!“ sagte er. „Verlangt, was ihr wollt, ich werde es thun!“

Sein Entzücken trieb ihn, dieses übermäßige Versprechen zu thun. Der Comantsche sagte ruhig-

Setze dich zu uns, und sage uns, was wir dich fragen!“

Sie setzten sich in das Gras, und der Graf streckte seine gepeinigten Glieder mit einer Wonne aus, welche er in seinem Leben noch niemals gefühlt hatte.

„Ihr seid vom Volke der Comantschen?“ fragte er.

„Ja.“

„Du bist ein Häuptling derselben?“

„Ich bin Tokvi-tey, der schwarze Hirsch“ antwortete der Comantsche stolz.

„Und ihr befindet euch auf einem Kriegszuge?“

Der Häuptling nickte und fragte:

„Kennst du die Hacienda del Erina?“

„Ich kenne sie.“

„Wie heißt der Mann, welcher dort wohnt?“

„Er heißt Petro Arbellez.“

„Hat er eine Tochter?“

„Ja.“

„Und ist bei dieser Tochter eine Indianerin vom Stamme der Miztecas?“

„Ja. Es ist Karja, die Schwester von Tecalto.“

„Die Schwester Büffelstirns?“ fragte der Häuptling überrascht.

„Ja.“

„Uff! Das haben die Söhne der Comantschen nicht gewußt, sonst hätten sie die Tochter der Miztecas fester gehalten. Die beiden Squaws waren unsre Gefangenen.“

„Ich weiß es.“

„Du weißt es?“ fragte der schwarze Hirsch.

„Ja, denn sie wohnen bei mir.“

„Bei dir? Deine Stimme spricht in Rätseln! Ich denke, sie wohnen auf der Hacienda?“

„Dies ist auch wahr; denn die Hacienda gehört mir.“

„Dir? So bist du Sennor Petro Arbellez?“

„Nein. Ich bin Graf Alfonzo de Rodriganda y Sevilla. Arbellez ist nur mein Pächter.“

„Uff!“ sagte da der Comantsche kalt, indem er sich erhob. „So wirst du wieder über dem Wasser hangen, damit dich die Alligatoren fressen!“

Alfonzo war seiner Sache so sicher, daß er lächelnd antwortete:

„Warum?“

„Weil du der Beschützer der beiden Squaws bist.“

„Setze dich wieder nieder, schwarzer Hirsch. ich bin nicht ihr Beschützer; ich bin ihr Feind und dein Freund. Diese Squaws sind schuld, daß ich hier aufgehängt wurde, du aber hast mich errettet. Ich werde dir danken, indem ich die drei größten Feinde der Comantschen in deine Hände liefere.“

„Wer ist dies?“

„Shosh-in-liett.“

„Bärenherz, der Apatsche?“

„Ja. Ferner Mokaschi-motak.“

„Büffelstirn, der Mizteca?“

„Ja.“

„Und der dritte?“

„Der dritte ist ein Bleichgesicht; die roten Männer nennen ihn Itinti-ka.“

„Donnerpfeil, der große Rastreador?“ rief der Comantsche. „Sagst du die Wahrheit?“

„Ja.“

„Wo ist Donnerpfeil?“

„Bei den andern.“

„Wo sind diese?“

Der Comantsche fragte mit leidenschaftlicher Hast. Die Hoffnung, diese drei berühmten Männer in seine Gewalt zu bekommen, brachte ihn um die kalte Ruhe und Selbstbeherrschung, in welcher der Indianer sonst seine Ehre sucht.

„Ich werde es dir sagen, wenn du mir vorher etwas versprichst.“

„Was begehrst du?“

„Du bist gekommen, um die Hacienda zu überfallen?“

„Ja,“ gestand der Indianer.

„Wird es dir gelingen?“ „Der schwarze Hirsch wurde noch nie besiegt.“ „Du hast viele Comantschen mit?“ „Zehnmal zehn mal zwei.“ „Zweihundert? Das ist genug. Du sollst die drei berühmten Häuptlinge haben, ferner alle Skalpe der Bewohner der Hacienda, auch alles, was in der Hacienda zu finden ist, wenn du des Hauses schonest, da es mein Eigentum ist.“

Der Comantsche sann nach; dann sagte er:

„Es sei, wie du begehrst. Wo also sind die drei Häuptlinge?“

„Sie sind,“ sagte der Graf, zufrieden lächelnd, „nirgends anders als eben in der Hacienda.“

„Uff! Du hast mich überlistet!“ gestand der schwarze Hirsch.

„Aber ich habe dein Wort!“

„Der Häuptling der Comantschen bricht sein Wort niemals. Das Haus ist dein. Die drei Feinde, die Skalpe und alles, was das Haus enthält, gehören aber den Söhnen der Comantschen. Ist die Hacienda von Stein erbaut?“

„Von festen Steinen, und mit Pallisaden umgeben. Aber ich kenne alle Schliche; ich werde euch führen. Ihr werdet euch im Innern des Hauses befinden, während die Bewohner alle noch fest schlafen. Sie werden nur erwachen, um unter euren Messern und Tomahawks zu sterben.“

„Hat der Haciendero viele Waffen?“

„Er hat genug Waffen, aber sie werden ihm nichts nützen.“

„Wie viele Männer besitzt er?“

„Vielleicht vierzig.“

„Viermal zehn? Das macht siebenmal zehn, denn jeder der drei Häuptlinge ist zehn wert.“

„Donnerpfeil darf nicht gerechnet werden.“

„Warum?“

„Er ist verwundet oder bereits schon tot. Ich traf ihn mit der Keule auf den Kopf.“

„Uff! Du hast mit Donnerpfeil gekämpft?“

„Warum nicht?“

„Wer mit ihm kämpft, muß ein tapfrer Krieger sein.“

„Ich bin kein Feigling, obgleich du mich als Gefangenen getroffen hast.“

„Ich werde es sehen, wenn du uns zur Hacienda führst. Meinst du, daß sie ahnen, daß die Krieger der Comantschen kommen, um Rache zu nehmen?“

„Ich glaube es nicht. Ich habe nicht gehört, daß davon gesprochen worden ist.“

„Ich werde einen Kundschafter senden.“

„Er mag sich nicht sehen lassen!“

„Uff! Er wird gerade in die Hacienda gehen.“

„So ist er verloren!“

„Er ist nicht verloren. Er ist kein Comantsche, sondern ein christlicher Indianer von dem mexikanischen Stamme der Opatos. Man wird ihm nicht mißtrauen, und er wird genau sehen, ob man sich auf einen Kampf mit den Kriegern der Comantschen vorbereitet hat. Jetzt aber weiß ich alles. Mein Sohn mag gehen, um die Krieger nach den Ruinen zu führen, wohin ich jetzt mit diesem Manne gehe, der ein Graf der Bleichgesichter ist.“

Der Führer eilte davon, und der Häuptling schritt mit Alfonzo den Tempelruinen zu. Vorher aber warf der letztere noch einen Blick auf den kleinen See, über dessen Wassern er die schrecklichsten Stunden seines Lebens zugebracht hatte. Die Alligatoren lagen am Ufer und glotzten mit weit aus der Flut hervorragenden Köpfen das Opfer an, welches ihnen entgangen war. – –

Am andern Morgen ging der Häuptling mit dem Grafen und dem Führer durch den Wald, um zu rekognoscieren. Sie kamen dabei auch an den Rand des Bergplateaus, von welchem aus man in die Ebene hinabblicken konnte. Da ertönte unter ihnen ein dumpfer Knall.

„Was war das?“ fragte der schwarze Hirsch.

„Ein Schuß,“ meinte der Führer.

„Aber kein Büchsen-, sondern ein Sprengschuß,“ erklärte Alfonzo, welcher sogleich vermutete, was da unten vorgegangen war.

Sie traten so weit wie möglich an den Felsenabhang heran und blickten zu dem Bache hinab. Da sahen sie Büffelstirn mit seinen Indianern davon reiten. Alfonzo gewahrte das Lastpferd; er sah die Decken, welche es trug, und ahnte, daß darinnen ein Teil der Schätze verborgen sei.

„Was für Männer sind dies?“ fragte der Häuptling.

„Es sind Miztecas,“ antwortete der Graf.

„Miztecas, die sterben und verdorren werden,“ sagte der andre verächtlich.

„O, sie haben noch Kraft genug. Siehe einmal ihren Anführer!“

„Er ist ein Riese. Es ist ein Cibolero?“

„Ja, freilich ist er ein Cibolero, ein Büffeljäger, aber der kühnste von allen. Rate einmal, wie sein Name lautet!“

„Sage es!“

„Nun, es ist Büffelstirn, der König der Ciboleros!“

„Uff! Das – das ist Büffelstirn,“ sagte der Comantsche, indem er den Mizteca da unten mit finsterem Auge betrachtete. „Es wird nicht lange währen, so stirbt er an dem Marterpfahle im Lager der Comantschen.“

Als sie nach der Ruine zurückkehrten, wurde der Kundschafter abgesandt. Er trug die Kleidung eines civilisierten Indianers, erhielt eine schlechte Flinte und das schlechteste Pferd, welches vorhanden war. Auch erhielt er den Befehl, einen Umweg zu machen, damit es scheine, daß er nicht von Norden, sondern von Süden komme.

Er umritt also die hintere Seite und den südlichen Abhang des El Reparo und ritt dann von Mittag her auf die Hacienda zu.

Büffelstirn stand mit dem Haciendero und Bärenherz am Fenster, als er in den Hof ritt.

„Uff!“ sagte der Apatsche mit höhnischem Lächeln.

„Was?“ fragte Arbellez.

„Unser Freund will sagen, daß dies der erwartete Kundschafter ist,“ erläuterte Büffelstirn den Ausruf des Apatschen.

„O, das ist kein Comantsche!“ meinte Arbellez.

„Nein, es ist ein Majo oder Opato, aber jedenfalls ein Überläufer.“

„Wie soll ich ihn behandeln?“

„Freundlich. Er darf nicht ahnen, daß wir an Kampf und Feindseligkeit denken.“

Der Haciendero ging hinab, wo der Indianer gerade im Begriff stand, nach der Gesindestube zu gehen. Er grüßte höflich und fragte:

„Das ist die Hacienda del Erina?“

„Ja,“

„Wo Sennor Arbellez gebietet?“

„Ja.“

„Wo ist der Sennor?“

„Ich bin es selbst.“

„O, Verzeihung, Don Arbellez, daß ich dies nicht wußte! Darf ich bei Euch einkehren?“

„Thut dies in Gottes Namen. Es ist mir jeder Gast willkommen. Wo kommt Ihr her?“

„Ich komme von Durango über die Berge herüber.“

„Das ist weit.“

„Ja. Ich war einige Jahre dort, aber das Fieber hat mich vertrieben. Hier scheint es besser zu sein. Braucht Ihr keinen Vaquero, Sennor?“

„Nein.“

„Auch keinen Cibolero?“

„Auch nicht.“

„Ist Euch nicht sonst ein Mann nötig?“

„Ich habe jetzt Leute genug; aber Ihr könntet trotzdem bleiben und Euch ausruhen, so lange es Euch gefällt.“

„Ich danke. Da Ihr niemand braucht und Eure Hacienda die letzte ist gegen die Grenze hin, so werde ich sehen, wie es sich als Gambusino leben läßt. Wenn nur die Wilden nicht wären!“

„Fürchtet Ihr Euch vor einem Indianer?“

„Vor einem nicht, aber vor fünf oder zehn. Man hört, daß die Comantschen Lust haben, über die Grenze zu kommen.“

„Da hat man Euch falsch berichtet. Sie werden sich hüten, herüber zu kommen, denn sie wissen, daß sie eine tüchtige Lehre erhalten würden. Also bleibt; ruht Euch aus, und eßt und trinkt in der Leutestube so viel, wie Ihr wollt.“

Er ging weiter und ließ den Indianer mit der festen Gewißheit zurück, daß auf der Hacienda del Erina kein Mensch daran denke, daß Indianer in der Nähe sein könnten. Der Kundschafter schien der Ruhe nicht sehr zu bedürfen, denn er schweifte auf der Hacienda und in ihrer nächsten Umgebung unermüdlich herum und setzte sich am Nachmittage auf sein Pferd, um weiter zu reiten.

Natürlich wandte er sich nicht nach der Grenze hin, sondern er kehrte auf einem Umwege zu den Comantschen zurück, wo sein Bericht mit Spannung erwartet wurde. Als er dem Häuptling erzählte, was er gesehen hatte, nickte dieser mit einem blutdürstigen Lächeln und sagte:

„Die Hacienda wird schrecklich aus dem Schlafe erwachen, und die Söhne der Comantschen werden mit Beute und vielen Skalpen heimkehren in ihre Wigwarns.“

Er ließ sich von dem Grafen und dem Kundschafter die Lage und Beschaffenheit des Gebäudes genau beschreiben, und dann wurde großer Kriegsrat gehalten.

Das Ergebnis desselben war, daß man mit Einbruch der Dunkelheit aufbrechen wolle. Um Mitternacht langte man in der Nähe der Hacienda an. Diese sollte von allen vier Seiten umschlossen werden; dann sollten die Comantschen auf ein Zeichen ihres Häuptlings über die Pallisaden steigen und innerhalb des Hofes das Haus umzingelt halten. Fünfzig Mann sollten durch eines der Fenster steigen, um sich im stillen durch die Gänge zu verbreiten; dann könne das Morden losgehen.

Während dies in den Ruinen des Tempels besprochen wurde, wurde auf der Hacienda ein ähnlicher Kriegsrat gehalten.

„Ist Feuerwerk da?“ fragte Büffelstirn.

„Ja, genug. Die Vaqueros können sich keinen Festtag ohne Feuerwerk denken,“ sagte der Haciendero. „Warum?“

„Die Hauptsache ist, den Comantschen die Pferde zu nehmen, damit sie nicht so schnell entkommen können. Man muß sehen, wo sie ihre Tiere lassen, und im geeigneten Augenblick Feuerwerk unter sie werfen.“

„Das soll besorgt werden!“

„Aber es gehören kühne und vorsichtige Leute dazu!“

„Die habe ich. Wann fangen wir an, die Schanzen zu bauen?“

„Eigentlich war bestimmt, die Dunkelheit abzuwarten; da aber der Kundschafter so sehr befriedigt davongeritten ist, so glaube ich nicht, daß wir noch weiter beobachtet werden. Wir können also anfangen.“

Nun begann eine rege Geschäftigkeit zu herrschen. Es befand sich bei Anbruch des Abends kein Vaquero auf der Weide, wie zu anderer Zeit, sondern alle waren innerhalb der Pallisaden bemüht, die Verteidigung des Hauses vorzubereiten.

So verging der Abend in lebhafter Erwartung, und eine Stunde vor Mitternacht brach der Apatsche auf, um auf Kundschaft zu gehen. Er nahm zwei wohlbewaffnete Knechte mit, welche genug Feuerwerkskörper trugen, um eine Pferdeherde von tausend Stück in alle Winde zu zersprengen.

Der Häuptling kam sehr bald zurück, aber allein.

„Kommen Sie?“ fragte der Haciendero.

„Ja.“

„Wo sind sie?“

„Abgestiegen. Sie umzingeln die Pallisaden; die Pferde stehen draußen am Bache.“

„Sind viele Wächter bei ihnen?“ fragte Büffelstirn.

„Nur drei.“

„Uff! Unsre beiden Männer werden ihre Schuldigkeit thun.“

Jetzt begab sich der Haciendero nach der Krankenstube, wo die beiden Mädchen bei dem Kranken saßen. Sie waren bleich, aber gefaßt.

„Kommen sie?“ fragte Emma.

„Ja. Schläft der Patient?“

„Fest.“

„So könnt ihr an euren Posten gehen. Nehmt die Lunten.“

Sie zündeten ihre Lunten an und begaben sich hinauf auf die Plattform des Hauses, wo an jeder Ecke ein großer, mit Öl getränkter Holzhaufen lag. Auch mächtige Steine und einige geladene Gewehre gab es da, um den Frauen Gelegenheit zu geben, bei der Verteidigung mitzuwirken.

Die Nacht war still. Nur das Murmeln des Baches ließ sich vernehmen, oder es drang das Schnaufen eines Pferdes von der Weide herüber. Und dennoch gab es so viele Herzen, welche jetzt schneller schlugen in der Erwartung des Kampfes.

Da erklang der volle, grunzende Ton eines Ochsenfrosches. Er war so täuschend nachgemacht, daß er unter anderen Umständen sicherlich gar nicht beachtet worden wäre, jetzt aber wußten sämtliche Bewohner der Hacienda sofort, daß es das Zeichen des Angriffes sei.

Der alte Vaquero Franzesco hatte sich die Bedienung derjenigen Kanone auserbeten, welche die vordere Front des Hauses zu verteidigen hatte. Sie war mit Glas, Nägeln und gehacktem Eisen geladen, und unter der Serape, welche er übergeworfen hatte, glimmte die Lunte, mit welcher der Schuß gelöst werden sollte. So kauerte er hinter der kleinen Verschanzung und lauschte auf das leiseste Geräusch.

An dem Parterrefenster rechts von dem Portale stand der Apatsche und an demjenigen links der Häuptling der Miztecas. Beide hatten ihre Büchsen in der Hand und durchforschten die Finsternis mit ihren scharfen Augen, die an die Dunkelheit gewöhnt waren. Da erschallte, wie schon erwähnt, die Stimme des Ochsenfrosches, und in demselben Augenblicke wurde es auf den Pallisaden lebendig. Zweihundert Köpfe erschienen über ihnen, und zweihundert dunkle, behende Gestalten sprangen in den Hof herab. Eben traten die fünfzig, welche durch die Fenster eindringen sollten, eng zusammen, da streckte der Apatsche seine Doppelbüchse heraus.

Shne ko – gebt Feuer!“ rief er.

Seine Büchse krachte, und dieses Zeichen hatte eine Wirkung, welche ebenso schnell wie wunderbar war. Kaum erscholl seine Stimme, so steckten die Mädchen oben auf der Plattform ihre Lunten in das Pulver, und im Nu loderten vier hohe Feuer auf, welche den ganzen Umkreis mit Tageshelle beleuchteten. Die Indianer standen erschrocken still.

Beim Scheine der Feuer erblickte der alte Franzesco die fünfzig eng beisammenstehenden Comantschen; sie befanden sich kaum fünfzehn Ellen von ihm entfernt. Sein Schuß krachte und war bei dieser Nähe von einer fürchterlichen Wirkung. Der ganze Haufen schien zusammenzubrechen; es entstand ein wirrer Knäul von am Boden ringenden Gestalten, dessen Auflösung so lange Zeit dauerte, daß Francesco Zeit erhielt, wieder zu laden. Sein zweiter Schuß hatte ganz dieselbe Wirkung. Auch die anderen Kanonen krachten; aus jedem Fenster des Hauses und auch von der Plattform herab blitzten Schüsse, und da – von der Plattform aus konnte man es deutlich sehen – da draußen prasselte plötzlich ein leuchtendes Feuerwerk empor; dazwischen hinein erscholl das hundertstimmige Wiehern und Schnauben der erschreckten Pferde, welche sich losrissen und davonflogen, daß unter dem Stampfen ihrer Hufe die Erde zitterte.

Dazwischen hinein erscholl das Wutgeheul der Wilden. Sie alle waren hell erleuchtet und boten ein sicheres Ziel, die Zimmer aber waren dunkel; so daß die Comantschen keinen sicheren Schuß bekommen konnten, selbst wenn sie bei der allgemeinen Panik, von welcher sie überfallen worden waren, sich zu einem ruhigen Schusse Zeit genommen hätten. Sie hatten einen solchen Empfang nicht erwartet; in den ersten zwei Minuten bereits hatten sie die Hälfte ihrer Leute verloren, und jetzt begannen sie zu fliehen.

Nur einer stand fest, nämlich der schwarze Hirsch. Er feuerte die Seinigen an, auszuhalten; aber es half ihm nichts. Er hatte sich bisher an der Seite des Hauses befunden, jetzt aber eilte er nach der Vorderfront, um zu sehen, wie der Kampf dort stehe. Hier stand es noch schlimmer; Franzesco hatte mit seinen gut gezielten Schüssen den Platz rasiert; Indianerleiche lag an Indianerleiche; der Häuptling erkannte, daß alles vorüber sei und sprang über die Pallisade hinaus.

In dem Augenblicke, als er auf der Pallisade hing, erblickte ihn der Apatsche.

„Tokvi-tey, der schwarze Hirsch!“ rief er.

Er erkannte den Comantschen, konnte ihn aber nicht töten, da er eben seine Büchse abgeschossen hatte.

„Der schwarze Hirsch!“ rief er abermals, indem er die Büchse fortwarf und den Tomahawk aus dem Gürtel zog. „Wendet der schwarze Hirsch dem Feinde den Rücken?“

Er sprang aus dem Fenster, stürzte über den Hof hinüber und schwang sich über die Pallisaden hinweg. Da, vor ihm floh der Comantsche.

„Der schwarze Hirsch halte an! Hier kommt Bärenherz, der Häuptling der Apatschen. Will der Häuptling der Comantschen vor ihm fliehen?“

Als der Comantsche diesen Namen hörte, stand er still.

„Du bist Bärenherz? So komm heran!“ rief er. „Ich werde deine Eingeweide den Geiern zu fressen geben!“

Die beiden Häuptlinge gerieten aneinander; sie nahmen nur den Tomahawk zur Waffe, und dies ist die fürchterlichste, welche es giebt. Bärenherz war dem Comantschen überlegen; das zeigte sich sofort; aber da schnellte sich eine Gestalt heran, mit der Büchse in der Hand; es war Alfonzo.

Er war klug gewesen und zunächst nicht über die Pallisaden gestiegen; er hatte ja nicht die geringste Lust, sein Leben und seine Glieder den feindlichen Schüssen preiszugeben. So hockte er hinter den Pallisaden und wartete den Erfolg des Angriffes ab. Es war nicht der erwartete, sondern ein ganz anderer. Die Comantschen flohen. In diese Flucht hinein hörte er die Stimme des Apatschen.

„Ah,“ murmelte er. „Vielleicht kann ich mich rächen.“

Er sah, daß Bärenherz dem Comantschen nachsprang, und folgte ihnen. Als sie nun im Kampfe waren, sprang er hinzu und schlug mit dem Kolben seines Gewehres den Apatschen von hinten So auf den Kopf, daß er niederstürzte. Der Comantsche zog sofort sein Messer, um den Betäubten vollends zu töten und ihm den Skalp zu nehmen; aber Alfonzo wehrte ab.

„Halt!“ sagte er. „Er verdient einen andern Tod.“

„Du hast Recht!“ sagte der schwarze Hirsch. „Schnell zu den Pferden!“

„Zu den Pferden? – Die sind ja fort!“

„Fort?“ fragte der Häuptling erschrocken.

„Ja. Man hat sie mit Feuerwerk erschreckt.“

„Uff! Komm‘, komm‘, sonst wird es zu spät!“

Sie faßten den Apatschen an beiden Armen, und sprangen, ihn an der Erde schleifend, davon.

Es war die höchste Zeit für sie. Als Büffelstirn aus seinem Fenster bemerkte, daß der Apatsche dem feindlichen Führer nacheilte, erkannte er, daß dieser sich in die höchste Gefahr begab; darum holte er so rasch wie möglich die Besatzung des Hauses zusammen, um einen Ausfall zu machen. Sie fanden den Hof bereits verlassen; nur tote Comantschen lagen noch da.

„Ihnen nach!“ rief er.

Das Thor wurde geöffnet, und die tapferen Verteidiger stürzten hinaus in das Freie, wo sich noch an vielen Stellen ein hitziger Einzelkampf entspann, bei welchem die Wilden gewöhnlich den kürzeren zogen. Büffelstirn schlug noch manchen nieder. Er eilte rundum die Hacienda herum, soweit die Feuer leuchteten; aber er sah von dem Apatschen keine Spur. – –

Stunden waren vergangen, als der Häuptling Bärenherz aus seiner tiefen Ohnmacht erwachte. Er öffnete die Augen und erblickte zunächst ein Feuer und sodann eine Anzahl wilder, roter Gestalten, welche um dasselbe saßen. Er selbst war gefesselt; zu seiner Rechten saß der schwarze Hirsch und zu seiner Linken Graf Alfonzo. Als er seine Augen zum Himmel erhob, sah er an den Sternen, daß es nicht mehr weit bis zum Anbruch des Morgens sein könne.

Alfonzo hatte bemerkt, daß er die Augen aufschlug.

„Er erwacht!“ sagte er.

Sofort richteten sich die Blicke sämtlicher Comantschen auf ihn. Sie alle hatten von ihm gehört; sie kannten seinen Ruhm, aber die wenigsten hatten ihn schon einmal gesehen.

Er nahm seine Gefangenschaft mit der äußeren Ruhe auf, welche dem Indianer eigen ist. Sein Kopf schmerzte von dem Hiebe; aber er besann sich sofort auf alles, was geschehen war.

„Der furchtsame Frosch der Apatschen ist gefangen,“ sagte der schwarze Hirsch.

Bärenherz lachte verächtlich; er sah ein, daß ein stolzes Schweigen hier nicht das Richtige sei.

„Der Löwe der Comantschen lief vor diesem Frosch davon!“ sagte er.

„Hund!“

„Schakal!“

„Bärenherz, der Häuptling, ließ sich besiegen von dem schwarzen Hirsch!“

„Du lügst!“

„Schweig!“

„Nicht du besiegtest mich und auch nicht ein andrer. Dieser Feigling, der ein Graf der Bleichgesichter ist, schlug mich heimtückisch nieder. Das ist es, was ich sage, und weiter hört ihr kein Wort. Bärenherz verachtet die Krieger, welche wie Flöhe davonspringen, wenn der Tapfere sich zeigt!“

„Du wirst schon sprechen, wenn die Marter beginnt.“

Der Apatsche antwortete nicht. Er hatte seine Meinung ausgesprochen, und nun war er der eisenfeste Mann, der sich nicht beschämen ließ. Das sahen die andern ein und darum sagte der Häuptling der Comantschen:

„Der Tag beginnt; unsres Bleibens ist hier nicht. Laßt uns zu Gericht sitzen über diesen Mann, der sich einen Häuptling nennt.“

Es wurde schweigend ein Kreis gebildet, und dann erhob sich der schwarze Hirsch, um in einer langen Rede die Verbrechen des Apatschen aufzuzählen.

„Er hat den Tod verdient,“ sagte er am Schlusse.

Die andern stimmten ein.

„Wollen wir ihn mit in die Wigwams der Comantschen nehmen?“ fragte er.

Auch hierüber wurde beraten, und das Resultat war, daß er hier getötet werden solle, da man unterwegs noch mannigfaltigen Zufälligkeiten ausgesetzt sein konnte.

„Aber welchen Tod soll er sterben?“ fragte der Häuptling.

Auch darüber wurde beraten, aber man kam hier nicht so schnell zu einem Entschlusse, da solch ein seltener Gefangener auch ungewöhnliche Martern erleiden sollte. Da erhob sich Graf Alfonzo, der bisher noch gar nichts dazu gesagt hatte.

„Darf ich mit meinen roten Brüdern sprechen?“ fragte er.

„Ja,“ sagte der Hirsch.

„Habe ich Anteil an diesem Apatschen oder nicht?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Du hast ihn uns versprochen.“

„Wer hat ihn niedergeschlagen?“

„Du.“

„Habt ihr erfüllt, was ihr mir verspracht?“

„Nein. Wir konnten nicht.“

„Nun, so sind also die gegenseitigen Versprechen aufgehoben, und dieser Gefangene gehört nur dem, der ihn niedergeschlagen hat. Beratet darüber!“

Es entspann sich eine kurze, aber lebhafte Debatte, deren Ergebnis war, daß der Apatsche dem Spanier zuerteilt wurde.

„Er ist mein?“ fragte der letztere.

„Ja.“

„Und ich habe also über sein Schicksal zu bestimmen?“

„Ja.“

„Nun gut, so soll es dasselbe sein, welches ich erleiden sollte. Wir binden ihn an diesen Baum und lassen ihn von den Krokodilen fressen. Er soll dieselben Höllenqualen erleiden, welche ich durchkostet habe!“

Auf diese Worte erhob sich ringsum ein beistimmendes Jubelgeschrei, und aller Augen richteten sich nach dem Apatschen, um den Eindruck dieses Entschlusses in seinem Gesichte zu lesen; aber dieses Gesicht war wie aus Erz gegossen; keine Wimper zuckte, und keine Silbe der Bitte kam über seine Lippen.

„Haben wir Lassos genug?“ fragte der Graf.

„Ja. Hier liegen noch dieselben, an denen du hingst, und wer von den Comantschen ein Pferd eingefangen hat, besitzt auch den Lasso.“

Es war nämlich einigen der Indianer gelungen, eines ihrer umherirrenden Pferde zu fangen.

„Gut, so binden wir ihn gerade so, wie er mich gebunden hat!“ sagte Alfonzo.

Dies geschah; dann fragte der schwarze Hirsch den Gefangenen:

„Hat der Häuptling der Apatschen noch eine Bitte?“

Bärenherz blickte die Männer der Reihe nach an; es waren nur ihrer sechzehn, welche sich hier zusammengefunden hatten. Gleich als er, aus seiner Betäubung erwachend, bemerkt hatte, daß er an dem Teiche auf dem Berge El Reparo liege, hatte er gewußt, welches Schicksal seiner harre; darum war er auch nicht erschrocken, als er sein Urteil vernahm. Jetzt blickte er im Kreise umher, als ob er sich die Züge eines jeden eingraben wolle, und dann sagte er:

„Der Häuptling der Apatschen bittet nicht. Das Messer wird alle fressen, welche hier versammelt sind. Bärenherz hat gesprochen; er wird nicht heulen und schreien, wie es der Graf der Bleichgesichter gethan hat. Howgh!“

Das letzte Wort ist bei den Indianern ein Ausruf der Bekräftigung, ungefähr wie unser Amen, Sela oder Basta!

Jetzt kletterte ein kräftiger Comantsche am Baume empor; der Apatsche wurde nachgeschoben und schwebte nach zwei Minuten über dem Wasser, wo die Krokodile ganz dasselbe gräßliche Schauspiel boten, wie es bereits beschrieben worden ist.

Die Comantschen sahen eine Zeitlang zu, wie der Apatsche mit dem kältesten Gleichmute sich bestrebte, seine Füße vor dem Rachen der Ungeheuer zu bewahren, dann wandten sie sich ihren Angelegenheiten wieder zu.

„Kehren meine Brüder in ihre Jagdgründe zurück?“ fragte Alfonzo.

„Erst müssen sie sich rächen,“ antwortete der Häuptling finster.

„Wollen sie mir folgen, wenn ich sie zur Rache führe?“

„Wohin?“

„Das werde ich später sagen, wenn wir gesehen haben, ob wir die einzigen sind, welche übrig geblieben sind.“

„Das müssen wir jetzt bereits wissen,“ behauptete der Anführer. „Wir haben mit unserm weißen Bruder kein Glück.“

„Und ich mit meinen roten Brüdern auch nicht. Sie mögen sich zerstreuen und die ihrigen suchen, welche noch umher irren. Dann, wenn sie versammelt sind, werde ich ihnen sagen, wie sie Rache nehmen können.“

„Wo versammeln wir uns?“

„Hier, an dieser Stelle.“

„Gut, wir wollen thun, was mein weißer Bruder sagt. Vielleicht bringt uns sein zweites Wort mehr Glück, als sein erstes.“

Die Comantschen gingen fort, um nach den Überresten ihrer Truppe zu suchen. Der Graf blieb zurück, weidete sich einige Zeit lang an dem Anblicke, welchen die nach dem Apatschen schnappenden Krokodile boten, und ging dann auch. Er wollte vor allen Dingen einmal hinunter nach dem Bache schleichen, um zu sehen, was Büffelstirn gestern mit seinen Indianern dort vorgenommen hatte. Dies war auch der Hauptgrund, weshalb er die Comantschen veranlaßt hatte, sich zu entfernen.

Kaum war der Schall seiner Schritte verklungen, so zuckte es freudig über das Gesicht des Apatschen und ein leises „Uff!“ ertönte von seinen Lippen. Der Lasso war ihm unter den Armen hindurchgezogen. Er machte einen Aufschwung, gerade wie beim Turnen am Reck, am Trapez oder an den Schwingen; dadurch kamen seine Beine empor, und er hing mit dem Kopfe nach unten, so daß ihn die Krokodile nun nicht mehr erreichen konnten.

Die Arme waren ihm zwar zusammen-, aber glücklicherweise nicht angebunden. Ein Riemen, der um das Fußgelenk ging, hielt ihm die Füße zusammen, aber er konnte doch die Kniee bewegen und auseinander machen. Darauf hatte er seine Hoffnung, sich zu retten, gebaut. Er war stark und gewandt, weit mehr als der Graf, der an eine Rettung gar nicht gedacht hatte, als er am Baume hing.

Es gelang Bärenherz, den Lasso zu ergreifen und auch, zwei Fuß weiter oben, mit den Knieen zu erfassen. Indem er nun den Körper zusammenbog und abwechselnd mit den Händen und Knieen weitergriff, wozu allerdings eine ungewöhnliche Stärke gehörte, turnte er sich an dem Lasso empor, bis er, vor Anstrengung schwitzend, oben bei dem Aste anlangte und nun, indem er sich quer über denselben legte, eine Minute lang ausruhte. Er hatte während der ganzen Prozedur mit dem Kopfe nach unten gehangen und war ganz schwindlig geworden.

Für den Augenblick war er jetzt den Krokodilen entgangen, aber seine Lage war noch eine höchst gefährliche. Kam jetzt einer der Comantschen, oder gelang es nicht, die Fesseln zu lösen, so war er trotzdem verloren.

Er lag mit dem Rücken quer auf dem Aste, gerade so, wie man sich auf das Reck legt, um die Rücken welle zu machen. Er bog die Kniee so weit wie möglich, und dadurch brachte er es fertig, mit den herabhängenden Händen hinten den Riemen zu erreichen, der seine Füße zusammenhielt. Er fand den Knoten und versuchte, ihn zu lösen. Es dauerte lange, sehr lange, aber endlich gelang es ihm, und nun waren die Beine frei. Er bog das eine seitwärts über den Ast herauf und erhob nun den Oberkörper. Dadurch kam er auf den Ast zu sitzen, und zwar so, daß er mit den über dem Rücken gefesselten Händen die Stelle erreichen konnte, an welcher das obere Lasso-Ende am Aste befestigt war. Nach langer Anstrengung, wobei ihm die Fingerspitzen zu bluten begannen, kam er endlich damit zustande, den Riemen zu lösen, und nun galt es nur noch, mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen am Baume hinabzuklettern. Dies wäre sicher ganz unmöglich gewesen, wenn der Baum gerade emporgestanden hätte, zum Glücke aber war er sehr schief über das Wasser gewachsen.

Der Apatsche ritt am Aste hin, bis er den Stamm erreichte. Er schlang die Beine um denselben und ließ den Oberkörper fallen. Dadurch hing er am Baume, mit dem Kopfe niederwärts. Indem er nun die Beine lockerte und schnell wieder um den Stamm preßte, rutschte er in einzelnen kurzen Rucken abwärts und erreichte den Boden glücklich, aber bis auf das äußerste abgemattet. Er war – gerettet.

„Uff!“

Nur diese eine Silbe stieß er hervor, es war der einzige Jubelton, den er sich erlauben durfte. Er warf einen Blick auf die Krokodile, welche jetzt am Uferrande im Wasser lagen und ihn unter dem Auf- und Zusammenklappen ihrer Kinnbacken begierig betrachteten, und eilte dann zwischen die Bäume, um im Walde Sicherheit zu finden.

Nun galt es nur noch, die Hände frei zu bekommen. Indem er zwischen Busch und Fels dahinglitt, blickte sein Auge forschend umher, und endlich fand er, was er suchte, ein Felsstück, dessen Kante scharf genug war, um den Riemen zu zerschneiden. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Kante, und scheuerte nun an derselben die Fessel so lange auf und nieder, bis das Leder zersägt war. Jetzt nun war er vollständig frei und wieder ganz sicher. –

Der Kampf, welcher zuerst innerhalb der Verpallisadierung der Hacienda gewütet hatte, war dann außerhalb derselben im freien Felde fortgesetzt worden; dort hatte er sich zum Einzelkampfe gestaltet, der sich weit von der Wohnung fortgezogen und über eine Stunde in Anspruch genommen hatte.

Dann hatte Büffelstirn die Besatzung der Hacienda zusammengerufen. Die erlegten Indianer lagen in einem weiten Bogen um die Hacienda zerstreut umher, und es war bereits jetzt während der Dunkelheit anzunehmen, daß ihrer weit über hundert gefallen seien.

„Sie haben eine fürchterliche Lehre erhalten und werden nicht so leicht wiederkommen,“ meinte Arbellez, der sich seines Sieges freute.

„Seht diese Haufen, Sennor,“ sagte der alte Franzesco, indem er auf die vor dem Portale hoch über einander liegenden Indianer deutete, „das ist das Werk meiner Kanone. Dieses zerhackte Eisen und Blei und diese Glassplitter wirken schrecklich. Die Körper sind förmlich zerrissen.“

„Wir sind noch nicht fertig,“ meinte Büffelstirn.

„Was ist noch zu thun?“ fragte der Haciendero.

„Wir müssen den Rest der Comantschen auch vertilgen.“ „Wo sind sie denn zu finden?“

„Habt Ihr nicht bemerkt, daß keine der Leichen jenseits des Baches liegt?“

„Ja, sie liegen alle diesseits.“

„Nun, das läßt schließen, daß sie bei der Flucht eine ganz bestimmte Richtung eingehalten haben. Wir wissen, wo sie sich vor dem Überfall befanden.“

„Auf dem El Reparo.“

„Ja. Die Leichen liegen nur nach dieser Richtung hin, und darum ist anzunehmen, daß die Comantschen den Befehl hatten, dort wieder zusammenzutreffen. Wir müssen sie also dort aufsuchen. Vertraut Ihr mir zwanzig von Euren Vaqueros an, Sennor?“

„Gern!“

„Wo mag der Apatsche sein?“ fragte Franzesco.

„Gefangen,“ antwortete der Häuptling der Miztecas.

„Nicht doch!“ rief der Haciendero erschrocken.

„Gewiß!“ sagte der erstere.

„Warum glaubst du das?“

„Weil er nicht da ist.“

„Er wird noch auf der Verfolgung sein!“

„Nein. Er weiß, daß er die Comantschen am Tage sicherer hat als jetzt.“

„So ist er tot oder verwundet!“

„Nein. Wir hätten ihn dann sicher gefunden. Er eilte dem schwarzen Hirsche nach. Die Comantschen, welche ihren Häuptling in Gefahr sahen, werden sich auf den Apatschen geworfen haben. Es waren ihrer zu viele; er wurde überwältigt.“

„So müssen wir ihn befreien!“ sagte Franzesco.

„Wir werden ihn befreien,“ sagte Büffelstirn zuversichtlich. „Ich nehme ihm seine Büchse mit, damit er sogleich Waffen erhält. Steigt zu Pferde!“

Zwanzig Männer saßen auf und ritten im Galopp davon. Sie machten, um von keinem sich auf der Flucht befindlichen Comantschen bemerkt zu werden, einen Umweg, indem sie in einem Bogen den südlichen Abhang des Berges zu erreichen suchten. Sie kamen dort an, als der Morgen dämmerte.

„Absteigen!“ kommandierte Büffelstirn.

„Warum?“ fragte Franzesco, der mit dabei war.

„Weil uns die Pferde hindern, die Feinde unbemerkt zu beschleichen. Sanchez mag bei ihnen hier zurückbleiben.“

So geschah es. Der genannte Vaquero blieb als Wache bei den Tieren zurück, während die andern den Berg unter dem Schutze der Bäume bestiegen. Als sie das Plateau betraten, war es vollständig hell geworden. Sie rückten mit möglichster Vorsicht gegen die Ruinen vor. Eben glitten sie über eine kleine, freie Lichtung hinweg, als seitwärts von ihnen ein Ruf erscholl:

„Ugh!“

Sie blickten nach dieser Richtung hin und gewahrten einen unbewaffneten Indianer, welcher auf sie zugeeilt kam.

„Bärenherz!“ rief einer der Vaqueros.

„Ja, er ist’s! Es ist der Apatsche!“ sagte Büffelstirn mit freudiger Stimme.

„So war er also nicht gefangen.“

„Er war gefangen,“ behauptete Büffelstirn. „Seht ihr nicht, daß er keine Waffen trägt! Er war gefangen und ist wieder entkommen.“

Der Apatsche kam wie ein Pfeil über die Lichtung herüber geglitten und blieb vor ihnen halten.

„Uff!“ begrüßte ihn der Mizteca. „Mein Bruder Bärenherz war gefangen?“

„Ja,“ nickte der Gefragte.

„Es waren der Feinde zu viele, die ihn bewältigten?“

„Nein. Ich kämpfte mit dem schwarzen Hirsche. Da kam das verräterische Bleichgesicht von hinten, ohne daß ich es merkte, und schlug mich mit dem Kolben seiner Flinte nieder.“

„Welches Bleichgesicht?“

„Der Graf.“

„Ah! Er lebt! Die Krokodile haben ihn nicht verzehrt?“ fragte der Mizteca erstaunt.

„Er lebt. Die Hunde der Comantschen haben ihn gefunden und errettet.“

„Und er hat sie nach der Hacienda geführt?“

„Ja. Er hat an ihrer Seite gegen uns gekämpft.“

„Gegen seine eigne Besitzung! Gegen seine eignen Leute! Wir werden seine Kopfhaut nehmen! Wo ist er?“

„Er ist in den Bergen. Er wird wieder zum Teich der Krokodile kommen, um die Comantschen dort zu treffen.“

„Ah, so habe ich recht gedacht! Sie versammeln sich beim Teiche?“

„Sie waren bereits dort. Sie sind in die Ebene gegangen, um ihre zerstreuten Krieger zu suchen; aber sie werden wiederkehren.“

„Weiß mein Bruder dies genau?“

„Ich weiß es, denn ich habe es gehört, als ich am Baume hing.“

„An welchem Baume?“

„Am Baume der Krokodile.“

Büffelstirn machte eine Bewegung des Schreckes.

„Bärenherz hat über den Krokodilen gehangen?“ fragte er.

„Ja.“

„Gerade so, wie der Graf?“

„Gerade so. Der Graf sprach das Urteil, und ich wurde an die Lassos geknüpft.“

„Aber wie ist mein Bruder wieder frei gekommen?“

Bärenherz antwortete im geringschätzigsten Tone:

„Der Häuptling der Apatschen fürchtet sich nicht vor den Comantschen und nicht vor den Krokodilen. Er wartete, bis die Feinde fort waren, und machte sich dann frei.“

„Bärenherz ist ein Liebling des großen Manitou“ sagte Büffelstirn. „Er ist ein starker und kluger Krieger; ein andrer hätte sich nicht befreien können. Wann kommen die Comantschen an den Teich zurück?“

„Sie haben es nicht gesagt. Wir werden uns dort verstecken und sie erwarten.“

„So dürfen wir unsre Spuren nicht bemerken lassen. Hier ist das Gewehr meines Bruders; ich habe es ihm mitgebracht.“

„Die andern Waffen hat der schwarze Hirsch genommen,“ grollte der Apatsche. „Er wird sie mir wiedergeben und die seinigen dazu. Meine Brüder mögen mir Pulver und Kugeln geben, und dann werde ich sie führen.“

Er erhielt das Verlangte, und dann glitten die Männer lautlos durch den Wald, immer ihre Spuren sehr sorgfältig hinter sich verbergend, bis sie den Saum des Forstes erreichten, welcher den Teich umkränzte. Sie sahen, daß keiner der Comantschen zurückgekehrt war, und versteckten sich so gut, daß sie den Platz beherrschten, ohne bemerkt zu werden.

Als ein jeder seine Instruktion erhalten hatte, wie er zu schießen habe, ohne daß zwei Kugeln auf einen Feind kämen, trafen die beiden Häuptlinge wieder zusammen.

„Aber, was thun wir noch?“ sagte Büffelstirn. „Die Comantschen werden sehen, daß der Häuptling der Apatschen entronnen ist. Sie werden ahnen, daß er Hilfe herbeiholen wird.“

„Sie werden es nicht sehen,“ antwortete der Apatsche.

Mit diesen Worten verließ er das Gebüsch und trat hinaus zu der Ceder, an welcher er gehangen hatte. In der Nähe des Stammes lagen noch die Lassos, an welche er gebunden gewesen war. Er nahm einen scharfen Stein und schlitzte mit demselben die unteren Enden der Riemen so auf, daß es ganz den Anschein hatte, als ob sie zerrissen worden seien. Dann kletterte er empor und schlang die oberen Enden genau so wieder um den Ast, wie sie an demselben befestigt worden waren. Nun hatte es ganz den Anschein, als ob der daran Hängende von den Krokodilen herabgerissen worden sei.

Als er von dieser kurzen Arbeit zurückkehrte, sagte Büffelstirn:

„Mein Bruder hat sehr gut gehandelt. Nun werden die Comantschen nicht glauben, daß er den Tieren entkommen ist.“

Sie lagen nun still in dem Verstecke und warteten. Es verging eine geraume Weile, da vernahmen sie den Hufschlag zweier Pferde. Es kamen zwei Comantschen.

„Uff!“ rief der eine, als er sah, daß der Apatsche nicht mehr am Baume hing.

„Er ist fort!“ rief der andre. „Er ist entflohen!“

„Nein,“ sagte der erstere. „Der Lasso ist zerrissen. Die Krokodile haben ihn.“

„Er wird nicht in die ewigen Jagdgründe kommen, denn er wurde von den Tieren gefressen,“ stimmte der andre nun bei. „Seine Seele wird bei den unglücklichen Schatten wandeln, die sich vor Kummer und Unmut verzehren. Der Apatsche ist verflucht in diesem und im andern Leben!“

„Wir sind die ersten. Steigen wir ab, um auf die Brüder zu warten!“

Sie sprangen von ihren Pferden und machten Anstalt, ihre Tiere anzupflocken.

„Wollen wir sie nehmen?“ fragte der Apatsche leise.

„Ja. Aber mein Bruder hat kein Messer,“ antwortete der Mizteca.

Pshaw! Ich werde mir das Messer dieses Comantschen holen!“

Er lehnte sein Gewehr an den Baum und glitt vorwärts. Büffelstirn folgte ihm. Als sie den Rand des Gebüsches erreicht hatten, schnellten sie wie zwei Tiger mit weiten Sätzen auf die beiden Wilden zu, die einen Angriff gar nicht vermuteten. Bärenherz ergriff den einen von hinten bei der Kehle, riß ihm das Messer aus dem Gürtel und stieß es ihm in das Herz. Zwei Minuten später hatte er ihm den Skalp genommen. Büffelstirn hatte ganz dasselbe mit dem andern gethan. Die beiden Comantschen waren gar nicht einmal dazu gekommen, den geringsten Laut auszustoßen.

„Was thun wir mit den Leichen?“ fragte der Mizteca.

„Wir geben sie den Krokodilen.“

Diese Tiere hatten das Nahen von Menschen bemerkt. Sie waren aus dem Grunde empor getaucht und lagen nun in der Nähe des Ufers, halb im Wasser und halb an der Erde, wartend, ob ihnen etwas zufallen würde. Die beiden Häuptlinge nahmen die Waffen der Besiegten und ihre Skalpe zu sich und warfen die Leichen dann den Alligatoren zu. Hei, wie diese mit offenem Rachen sich auf die Beute stürzten! In weniger als einer Minute waren die Erstochenen zerrissen und verschlungen. Nichts blieb von ihnen übrig, als das Stück einer Hand mit zwei Fingern. Die von den Tieren gepeitschten Wellen hatten diesen Rest an das Ufer geworfen, wo er liegen blieb. Übrigens hatten die Häuptlinge dafür gesorgt, daß kein Blut auf dem Rasen vergossen wurde, und dann auch ihre eigenen Fußstapfen sorgfältig verwischt.

Jetzt kehrten sie wieder in ihr Versteck zurück.

Sie hatten da noch nicht lange gewartet, so hörten sie wieder den Hufschlag von Pferden. Es kam ein Trupp von wohl dreißig Comantschen, an ihrer Spitze der schwarze Hirsch. Es ging genau wieder so wie vorhin. Er sah, daß der Apatsche verschwunden war, und hegte zunächst Mißtrauen.

„Uff!“ rief er. „Der Apatsche ist fort!“

Er ritt bis hart an das Wasser heran und gewahrte die dort liegende Hälfte der Hand. Im Nu war er abgestiegen, nahm sie empor und betrachtete sie.

„Uff! Sie haben ihn gefressen. Das ist ein Stück seiner linken Hand. Betrachtet die Lassos!“

Man gehorchte seinem Befehle und fand, daß der Apatsche von den Krokodilen herabgerissen worden sei.

„Er ist in das Reich der Finsternis gegangen. Es wird ihn keiner seiner erschlagenen Feinde bedienen,“ sagte der Häuptling und warf die Hand in das Wasser, wo sie von einem der Alligatoren sofort verschlungen wurde.

Nun stiegen auf seinen Wink auch die andern vom Pferde und lagerten sich an das Wasser.

Es kamen noch mehrere Nachzügler, so daß der Trupp bis fast auf fünfzig Männer anwuchs. Man gab sich gar nicht die Mühe, den benachbarten Teil des Waldes zu durchsuchen, und das war ein sicheres Zeichen, daß der schwarze Hirsch nicht die Absicht hatte, sich hier lange zu verweilen, Er hatte während dieser Zeit in würdevollem Schweigen dagesessen, jetzt aber hörte man seine Stimme:

„Wer hat das Bleichgesicht gesehen?“

„Das Bleichgesicht, welches ein Graf ist?“ fragte einer.

„Ja.“

Es stellte sich heraus, daß keiner der Indianer ihn bemerkt hatte.

„Man suche seine Spur!“

Sie erhoben sich alle, um zu suchen.

„Das wird gefährlich!“ flüsterte der Apatsche.

Büffelstirn nickte zustimmend und sagte:

„Hier haben wir unsre Fährte verwischt; aber, wenn sie weiter fortgehen, so werden sie dieselbe finden. Wir müssen beginnen. Ich gebe das Zeichen.“

Er hustete laut. Dies war nicht etwa eine Unvorsichtigkeit, sondern es hatte zwei gute Gründe. Erstens sollten die Vaqueros bemerken, daß es jetzt losgehe, und zweitens sollten die Feinde dadurch in eine Stellung gebracht werden, in der sie ein gutes, sicheres Ziel darboten.

Es gelang; denn kaum war der scharfe Laut erklungen, so streckten sich die Läufe der zwanzig Büchsen der Vaqueros durch die Büsche, und sämtliche Comantschen richteten sich in eine horchende Stellung empor, wobei sie sich nach den Büschen herumdrehten.

„Feuer!“

Auf dieses Wort des Mizteca krachten zweiundzwanzig Schüsse, noch zwei aus den Doppelbüchsen der Häuptlinge.

Es stürzten ebenso viele Comantschen, alle zum Tode getroffen. Die übrigen sprangen von ihren Sitzen empor und eilten zu ihren Pferden. Es entstand ein Augenblick der größten Verwirrung, während dessen die Vaqueros rasch wieder luden.

Die Comantschen sahen über zwanzig der Ihrigen fallen; sie mußten annehmen, daß eine noch größere Anzahl Weißer in den Büschen stecke; darum versuchten sie gar keinen Angriff, sondern sie warfen sich auf ihre Pferde und jagten davon. Viele von ihnen hatten in der Eile das erste beste Pferd besteigen wollen, der eigentliche Besitzer hatte es streitig gemacht, und dadurch war ein Aufenthalt entstanden, der ihnen verderblich wurde. Es ertönte eine zweite Salve aus den Büchsen der Vaqueros, die beinahe ebenso verderblich wurde, wie die erste.

Bärenherz hatte sich den Häuptling, den schwarzen Hirsch, für sich vorbehalten, darum war von den andern nicht auf ihn gezielt worden. Jetzt sprengte derselbe mit den Übriggebliebenen davon. Da aber trat der Apatsche aus den Büschen heraus und erhob seine Büchse. Er wollte den Comantschen lebendig haben, darum zielte er nur auf das Pferd desselben. Der Schuß knallte, und das Tier ward zum Tode getroffen. Es überschlug sich und warf seinen Reiter ab. Der Apatsche schnellte in weiten Sätzen hinzu und stand bei dem Gestürzten, ehe dieser sich empor gemacht hatte.

Keiner der Comantschen hatte einen Schuß gethan, darum war auch das Gewehr ihres Häuptlings noch geladen. Dieser sprang vollends auf, riß sein Gewehr von der Schulter und legte auf den Apatschen an.

„Hund, du lebst!“ rief er. „Stirb!“

Bärenherz schlug ihm den Lauf des Gewehres zur Seite, so, daß der Schuß fehlging.

„Der Häuptling der Apatschen stirbt nicht von der Hand eines feigen Comantschen,“ antwortete Bärenherz; „ich aber werde deine Seele von dir nehmen, daß sie in den ewigen Jagdgründen mich bedienen soll!“

Mit diesen Worten versetzte er dem Comantschen einen Kolbenschlag, der diesen betäubte; dann faßte er ihn, um ihn zurückzutragen nach dem Orte, wo die Indianer vorher gesessen hatten. Dort wartete er ruhig, bis ihm die Besinnung wiederkehrte.

Die Vaqueros hatten die wenigen Comantschen nicht verfolgt, weil sie dieselben nun für unschädlich hielten. Sie machten sich über die Gefallenen her, um ihnen ihre Waffen und Munition abzunehmen. Die beiden Häuptlinge saßen neben dem schwarzen Hirsch und bekümmerten sich nicht um die Beute.

Der Comantsche wurde gefesselt, wobei ihm die Besinnung zurückkehrte.

„Will der schwarze Hirsch seinen Todesgesang anstimmen?“ fragte Bärenherz. „Er soll diese Gnade haben, ehe er stirbt.“

Der Gefragte antwortete nicht.

„Die Comantschen singen wie die Krähen und Frösche; darum lassen sie sich nicht gern hören,“ spottete Büffelstirn.

Auch jetzt antwortete der Gefangene nicht.

„So wird der Häuptling der Comantschen ohne Todesgesang sterben,“ erklärte der Apatsche.

Jetzt erst sprach der schwarze Hirsch:

„Ihr wollt mich an den Baum hängen?“

„Nein,“ antwortete Bärenherz. „Ich will dich nicht martern; aber die Krokodile sollen dich dennoch fressen, weil du mich ihnen zum Fraße vorgehangen hast. Zuvor aber werde ich dir den Skalp nehmen, um den tapferen Söhnen der Apatschen bei meiner Rückkehr zu zeigen, welch ein Feigling der schwarze Hirsch gewesen ist. Gieb mir das Messer und den Tomahawk, den du mir genommen hast!“

Er nahm die beiden Gegenstände aus dem Gürtel des Gefangenen.

„Du willst mich wirklich skalpieren?“ fragte dieser voller Angst.

„Ja. Deine Haut gehört mir.“

„Bei lebendigem Leibe?“

„Wie anders! Soll ich mir den Skalp aus dem Magen eines Krokodiles holen, nachdem es dich verschlungen hat?“

„Töte mich erst,“ bat er.

„Ah, der Comantsche hat Furcht! Nun soll er keine Gnade finden!“

Er ergriff sein Messer, faßte mit der Linken den Haarschopf des Gefangenen, that mit der Rechten die drei kunstgerechten Skalpschnitte und zog dann den Schopf mit einem kräftigen Ruck vom Kopfe. Er hatte den Skalp in der Hand.

Der schwarze Hirsch stieß ein Gebrüll des Schmerzes aus.

„Uff! Der Comantsche ist ein Feigling! Er schreit!“ sagte Bärenherz.

„Wirf ihn ins Wasser,“ meinte Büffelstirn. „Aber nimm den Fuß dazu, denn er ist nicht wert, daß deine Hand ihn berührt!“

„Mein Bruder hat recht! Ich werde ihn den Krokodilen hinwälzen, wie ein verfaultes Aas, welches man nicht mit der Hand angreift. Der tapfere Häuptling der Comantschen hat geheult wie ein altes Weib. Er soll kein Grabmal haben, weder auf der Spitze eines Berges noch in der Tiefe eines Thales. Die Seinen sollen nicht zu ihm pilgern können, um seine Thaten zu rühmen, sondern er soll begraben sein in dem Magen der Alligatoren, und ich will einen Steinhaufen errichten, auf welchem geschrieben stehet: Hier wurde Tokvi-tey, der Feigling der Comantschen, von den Krokodilen gefressen, gefangen von der Hand Bärenherzens, des Häuptlings der Apatschen.“

Es ist die größte Ehrensache eines Indianers und zumal eines Häuptlings, weder Furcht und Angst zu zeigen, noch selbst beim größten Schmerze einen Laut auszustoßen. Der Comantsche aber hatte im höchsten Grade verächtlich gehandelt. Bärenherz stieß ihn mit dem Fuße in das Wasser, wo die Alligatoren sofort über ihn herfielen.

Dann mußten die Vaqueros dem Apatschen helfen, den Steinhaufen zu errichten. In den größten der Steine grub er die Inschrift ein, von welcher er gesprochen hatte; dann kehrten sie zu den Pferden zurück, die sie nach der Hacienda tragen sollten. Der Apatsche hatte sich mit einem Pferde der Comantschen beritten gemacht. –

Als Graf Alfonzo vorhin den Krokodilenteich verlassen hatte, war er den Berg hinabgestiegen, um zur Höhle des Königsschatzes zu gelangen. Als er den Ort erreichte, fand er einen wüsten Trümmerhaufen, in welchem er mehrere Stunden in fieberhafter Aufregung umhersuchte, aber vergebens. Es war unmöglich, eine Spur der Schätze zu finden, und er nahm zuletzt an, daß sie vollständig fortgeschafft worden seien.

Mit einem wilden Fluche auf den Lippen verließ er die Trümmer, um die Comantschen nicht auf sich warten zu lassen. Er stieg den nördlichen Abhang des Berges hinan, als er den Hufschlag von Pferden hörte und dann acht Comantschen erblickte, welche an dem Orte, wo er sich schnell versteckt hatte, vorüber wollten. Er trat hervor.

„Wohin wollt ihr?“ fragte er.

„Uff! Das Bleichgesicht!“ sagte einer. „Wir reiten nach dem Thale.“

„Warum? Die Eurigen sind doch oben!“

„Sie sind tot!“ knirschte der Sprecher.

„Tot?“ fragte Alfonzo erstaunt. „Wie ist das möglich?“

„Die Bleichgesichter haben uns überfallen.“

„Ah!“

„Es sind viermal zehn getötet worden.“

„Alle Teufel!“

„Und den Häuptling haben die Krokodile gefressen, nachdem der Apatsche seinen Skalp genommen hat.“

„Der Apatsche? – Welcher?“

„Bärenherz.“

„Donnerwetter! Der hing ja am Baume!“

„Er ist wieder los.“

„Hole ihn der Teufel! Wie ist er losgekommen?“

„Die Bleichgesichter, welche sich Vaqueros nennen, werden ihn befreit haben. Wärst du bei ihm geblieben, so hätte es wohl nicht geschehen können.“

„Habt ihr das alles wirklich gesehen?“

„Wirklich! Wir mußten fliehen; da sie uns aber nicht verfolgten, so kehrten zwei von uns heimlich wieder zurück, um sie zu beobachten.“

„Alle Teufel! Nun ist alles aus!“ „Alles! Nur die Rache nicht!“

„Ja, die Rache!“ sagte er nachdenklich. „Was werdet ihr jetzt thun?“

„Wir kehren in die Jagdgründe der Comantschen zurück.“

„Um neue Krieger zu holen?“

„Ja.“

„Ohne den Skalp eines einzigen Feindes mitzubringen?“

„Der große Geist hat uns gezürnt.“

„Und ohne ein Stück der Beute gefunden zu haben?“

„Wir werden später Skalpe und Beute genug bekommen.“

„Wie nun, wenn ich dafür sorge, daß ihr bereits jetzt viel nützliche und schöne Sachen erhaltet, um sie mitzunehmen?“

„Von wem?“

„Von mir.“

„Von dir? Du hast ja selbst nichts, nicht einmal ein Pferd!“

„Ein Pferd werde ich mir auf den Weideplätzen der Hacienda fangen; dann kehre ich nach Mexiko zurück, und ihr sollt mich begleiten.“

„Nach Mexiko? Warum?“

„Ihr sollt mich beschützen. Es ist für einen einzelnen nicht leicht, eine solche Reise zu machen. Begleitet ihr mich und bringt ihr mich glücklich hin, so sollt ihr große Geschenke erhalten.“

„Welche Geschenke meinest du?“

„Wählt euch selbst!“

„Was hast du?“

„Ich bin ein Graf, ein großer Häuptling, und mein Vater hat alles, was ihr begehrt.“

„Hat er Waffen, Pulver und Blei?“

„So viel ihr wollt, könnt ihr haben.“

„Perlen und Schmuck für unsere Squaws?“

„Auch.“

Das schien sie zu locken.

„So begleiten und beschützen wir dich. Willst du jedem von uns ein Gewehr geben?“

„Ja.“

„Zwei Tornahawks und zwei Messer, sowie soviel Kugeln und Blei, als in unsere Tasche geht?“

„Ihr sollt dies alles haben.“

„Und ebenso viel Schmuck?“

„Ihr sollt Ketten und Ringe und Nadeln und Perlen erhalten, daß ihr zufrieden seid.“

„Howgh! Wir gehen mit dir. Aber zwei müssen sich von uns trennen.“

„Warum?“

„Sie müssen nach unsern Weidegründen gehen, um die Rächer der Comantschen zu holen.“

„Dazu ist später Zeit!“

„Nein. Die Rache darf nicht schlafen.“

„So wählt nur zwei aus. Sechs sind auch genug für mich.“

„Aber werden wir auch wirklich erhalten, was du uns versprochen hast?“

„Ich schwöre es!“

„Wir wollen es glauben. Bedenke, daß du sterben müßtest, wenn du uns belogen hättest!“

Jetzt wurden zwei ausgewählt, und zwar durch das Los, da sich keiner freiwillig erbot. Es war jedenfalls angenehmer, nach Mexiko zu reiten, um sich reiche Geschenke zu holen, als zu den Comantschen zurückzukehren, mit Schande beladen. Die übrigen sechs wählten einen Anführer unter sich; dann trennten sie sich von ihren Gefährten, um zunächst ein Pferd für den Grafen einzufangen.

Die zwei wollten es recht klug machen. Anstatt direkt nach dem Norden zu reiten, wo sie dem unglücklichen Kampfplatze nahe gekommen wären, beschlossen sie, zu ihrer Sicherheit einen Umweg zu machen. Sie bogen also nach dem südlichen Abhang des Berges EI Reparo ein, um denselben zu umreiten und dadurch jede feindselige Begegnung zu vermeiden. Sie erreichten dadurch gerade das, was sie vermeiden wollten.

Die Vaqueros hatten die Leichen der getöteten Comantschen ihrer Waffen beraubt und warfen sie dann in den Krokodilteich. Die Alligatoren hatten seit hundert Jahren keine so reichliche Beute erhalten. Dann hatten die Weißen unter Anführung der beiden Häuptlinge ihre Pferde aufgesucht und machten sich nun auf den Weg nach der Hacienda.

Eben als sie den Wald verließen und in die Ebene einbiegen wollten, hielt der Apatsche sein Pferd an.

„Ugh!“ sagte er, nach vorwärts deutend.

Sie sahen zwei Indianer gerade auf sich zukommen und kehrten also schnell unter die Bäume wieder zurück.

„Es sind Comantschen!“ sagte Büffelstirn.

„Sie werden unser!“ fügte der Apatsche hinzu.

„Und zwar lebendig. Nehmt eure Lassos zur Hand!“

Als die Comantschen nahe herangekommen waren, brachen die Vaqueros aus dem Walde hervor. Die Wilden stutzten einen Augenblick, warfen dann aber schnell ihre Pferde herum, um zu fliehen. Es half ihnen aber nichts. Die Verfolger bildeten einen Halbkreis um sie, welcher nach und nach zu einem ganzen Kreise wurde; sie wurden vollständig eingeschlossen.

Nun griffen sie zu ihren Waffen, um ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Sie verwundeten einen der Vaqueros, dann aber schlangen sich die Lassos um ihre Leiber; sie wurden von ihren Pferden gerissen.

Der Apatsche trat vor sie hin und sagte:

„Die Zahl der Comantschen ist sehr klein geworden. Sie werden von den Krokodilen gefressen. Auch euch werden sie lebendig verschlingen, nachdem wir euch die Skalpe genommen haben, wenn ihr nicht unsre Fragen beantwortet.“

Sie schauderten vor dem Tode, den ihr Häuptling erlitten hatte, und der eine fragte:

„Was willst du wissen?“

„Wie viele sind von euch übrig geblieben?“

„Acht.“

„Wo sind die andern sechs?“

„Bei dem Grafen.“

„Wo befindet sich dieser?“

„Wir wissen es nicht.“

Da zog der Apatsche sein Skalpmesser hervor und drohte:

„Wenn ihr nicht die Wahrheit redet, so nehme ich euch den Skalp bei lebendigem Leibe.“

„Und wenn wir bekennen?“

„So sollt ihr eines schnellen Todes sterben.“

„Wirst du uns den Skalp lassen und uns mit unsern Waffen begraben?“

„Ich werde es thun, obgleich die Hunde der Comantschen es nicht verdienen.“

„So frage weiter!“

Die Wilden haben den Glauben, daß, wer ohne Skalp, ohne Waffen und richtiges Begräbnis aus diesem Leben geht, dort nicht in die ewigen Weidegründe gelangen kann.

„Also, wo ist der Graf?“ fragte der Apatsche.

„Er ist nach den Weiden der Bleichgesichter, um dort ein Pferd zu stehlen.“

„Und dann?“

„Dann will er nach Mexiko, wohin ihn die sechs Comantschen begleiten sollen, um ihn zu beschützen.“

„Was hat er ihnen dafür geboten?“

„Flinten, Messer, Blei, Pulver und Schmuck für die Squaws.“

Da schüttelte der Mizteca den Kopf.

„Er braucht keinen solchen Schutz,“ sagte er. „Er könnte Weiße finden, die ihn begleiten. Entweder ist er feiger, als ich dachte, oder er führt noch heimlich etwas im Schilde. Sagt ihr die Wahrheit?“

„Wir lügen nicht.“

„Welche Richtung hat er nach den Weiden eingeschlagen?“

„Grad nach Ost.“

„Wo habt ihr euch von ihm getrennt?“

„Da wo im Norden der Berg das Thal berührt.“

„Ihr traft ihn, als ihr vor uns die Flucht ergrifft und er vom Thale kam?“

„Ja.“

„Hugh! So weiß ich, wo er gewesen ist. Ich werde seine Spur finden. Ihr habt uns geantwortet und sollt einen raschen Tod haben.“

Der Cibolero erhob seine Doppelbüchse und schoß die beiden Indianer durch den Kopf; sie hatten nicht mit den Wimpern gezuckt, als sie die todbringenden Mündungen auf sich gerichtet sahen; sie waren aber doch als Verräter gestorben.

„Sanchez und Juanito bleiben hier, um diese Comantschen mit Steinen zu bedecken, denn wir werden das Wort halten, welches wir ihnen gegeben haben,“ sagte er. „Wir andern aber folgen der Spur des Grafen, um ihn vielleicht doch noch zu erwischen.“

Sie setzten sich unter Zurücklassung der beiden Genannten in Bewegung. Es gelang den scharfen Augen Büffelstirns und Bärenherzens sehr leicht, die Spuren des Grafen nebst denen seiner sechs Begleiter aufzufinden und zu verfolgen. Sie führten allerdings auf die Weideplätze zu, welche sich jetzt nicht unter Aufsicht befanden, da sämtliche Vaqueros auf der Hacienda waren. Es stellte sich heraus, daß man ein Pferd gefangen und dann eine gerade südliche Richtung eingeschlagen habe. Hier wurde der Fährte noch eine ganze Stunde gefolgt, dann aber gebot Büffelstirn Halt.

„Jetzt nicht weiter,“ sagte er. „Wir werden auf der Hacienda gebraucht, und es steht nun wirklich fest, daß der Graf nach Mexiko geht, denn die Spur geht diese Richtung. Er wird uns nicht entgehen, denn wir werden ihn in Mexiko aufsuchen.“

Sie kehrten nach der Hacienda zurück, die sie im Fluge erreichten, da sie jetzt nicht mehr auf Spuren aufzumerken hatten.

Sie fanden dort alles noch in demselben Zustande, in dem sie es verlassen hatten. Die Vaqueros, welche zum Schutze zurückgeblieben waren, schafften die Leichen der Comantschen und die Verschanzungen mit den Kanonen hinweg. Der Haciendero kam ihnen mit einem freudigen Gesichte entgegen.

„Gott sei Dank, daß ihr kommt!“ sagte er. „Wir befanden uns bereits in großer Sorge um euch. Wie ist es gegangen?“

„Der schwarze Hirsch ist tot,“ antwortete Büffelstirn.

„Tot? Ah, ihr habt ihn besiegt?“

„Mein Bruder Bärenherz hat ihm den Skalp genommen.“

„Und die andern?“

„Auch sie sind tot. Von allen Comantschen sind nur sechs entkommen.“

„Wohin sind diese?“

„Nach Mexiko.“

„Nach Mexiko? Wilde Indianer nach Mexiko? Was wollen sie dort?“

„Sie begleiten den Grafen.“

„Ah! Ihr habt ihn gesehen?“

„Wir sahen ihn. Er hat die Gegend der Hacienda verlassen, aber er wird uns nicht entrinnen.“

„Laßt ihn!. Er ist der Herr dieses Hauses, und ich darf nicht mit ihm rechten.“

Die beiden Häuptlinge blickten ihn erstaunt an.

„Er hat die Comantschen nach der Hacienda geführt!“ sagte Büffelstirn.

„Ich bin kein Indianer!“ antwortete Arbellez.

Pshaw! Die Weißen haben kein Blut in ihren Adern! Vergebt ihr dem Grafen; ich habe nichts dawider; aber ich selbst habe ein Wort mit ihm zu sprechen!“

„So glaubt ihr also, daß wir jetzt sicher sind?“ fragte Arbellez.

„Ja.“

„So können wir zu unserem friedlichen Leben zurückkehren. Wo aber begraben wir die Leichen?“

Über das Angesicht des Mizteca glitt ein unbeschreiblicher Zug.

„Nicht in der Erde,“ sagte er.

„Wo sonst?“ fragte Arbellez erstaunt.

„Im Bauche der Krokodile.“

„Oh! Das ist nicht christlich!“

„Ich bin kein Christ, und die Comantschen sind auch keine Christen. Sie sind Feinde der Miztecas, und die Alligatoren der Miztecas haben lange Zeit gehungert. Soll die Hacienda mit diesen Leichen verpestet werden?“

„Hm, das ist richtig! Thut also, was ihr wollt!“

„Kann ich meine zwanzig Vaqueros für heute behalten?“

„Wozu?“

„Sie sollen diese toten Comantschen nach dem Teiche der Krokodile bringen.“

„Behalte sie, wenn es sicher ist, daß wir nicht überfallen werden.“

„Wie steht es mit unserm Bruder Donnerpfeil?“

„Er ist endlich aufgewacht.“

„So werden wir ihn einmal sehen.“

Die beiden Häuptlinge traten in das Haus. Der Mizteca führte den Apatschen in das Zimmer seiner Schwester, wo er das Gold und Geschmeide untergebracht hatte, welches für Helmers bestimmt war. Sie fanden Karja dort. Sie lag in einer Hängematte und stierte still vor sich hin. Als sie die beiden Eintretenden bemerkte, sprang sie empor und fragte:

„Ihr kommt! Ihr seid Sieger?“

„Ja.“

„Und er? Haben ihn die Krokodile?“

„Nein,“ antwortete Büffelstirn, sie scharf beobachtend.

„Nicht?“ Ihr Gesicht verfinsterte sich, und sie fragte: „So habt ihr ihn entkommen lassen, ihn, der meiner Rache verfallen ist?“

Büffelstirn war befriedigt. Er sah, daß sie nur an Rache dachte. Er antwortete:

„Die Hunde der Comantschen haben ihn befreit und meinen Bruder, den Häuptling der Apatschen, an seine Stelle gebunden, damit er von den Krokodilen gefressen werde.“

Die Indianerin blickte den Apatschen erstaunt an. Sie sah mehrere neue Skalpe an seinem Gürtel; sie hatte jetzt zum ersten Male ein Auge für die kriegerisch schöne Erscheinung Bärenherzens, und bei dem Gedanken, daß er von den Krokodilen habe zerrissen werden sollen, überkam sie ein Gefühl, wie sie es bisher noch nie empfunden hatte. Sie erbleichte.

„Den Häuptling der Apatschen? Aber er steht doch unversehrt hier!“ sagte sie.

„Er hat sich selbst befreit und dann die Comantschen besiegt.“

Was in diesen Worten lag, das begriff sie als Indianerin nur zu gut.

„Er ist ein Held!“ sagte sie, indem unwillkürlich ihr Blick voll Bewunderung auf den Apatschen fiel. „Und dieser Graf ist also entkommen?“

„Er ist nach Mexiko.“

„Zu seinem Vater?“

„Ja. Es sind sechs Comantschen bei ihm, um ihn zu geleiten.“

Da streckte sie sich empor und fragte:

„Und du lässest ihn unbelästigt reiten? Gieb mir ein Pferd; ich werde ihm folgen und ihn töten!“

Da lächelte Büffelstirn. So gefiel ihm die Schwester.

„Bleibe!“ sagte er. „Er entkommt uns nicht. Ich werde ihm folgen.“

„Du tötest ihn, wo du ihn triffst?“

„Ja. Er hat die Tochter der Miztecas beschimpft und soll von meiner Hand fallen.“

„Oder von der meinigen,“ sagte der Apatsche ernst.

„Uff! Mein Bruder will mich nach Mexiko begleiten?“ fragte der König der Ciboleros.

Bärenherz blickte in das Gesicht der Indianerin und sah, in welchem Lichte der Blick ihres Auges auf ihm ruhte. Er antwortete: „Karja ist die Schwester des Apatschen; sie soll gerächt werden!“

Er hielt beiden zur Beteuerung die Hände entgegen; sie ergriffen dieselben und drückten sie.

„Bärenherz ist wirklich der Bruder und Freund des Häuptlings der Miztecas; er mag mit mir gehen,“ sagte Büffelstirn, „sobald ich hier fertig bin. Jetzt aber komme er mit zu unsrem weißen Freunde, den ich besuchen will!“

Er, Bärenherz und Karja nahmen die Decken, in welche die Kostbarkeiten gehüllt waren, und trugen sie nach dem Zimmer des Kranken. Dieser lag zwar mit verbundenem Kopfe, aber offenen und hellen Auges in seinem Bette und streckte ihnen die Hände grüßend entgegen. Der Haciendero und seine Tochter saßen bei ihm.

„Ich habe lange, lange ohne Besinnung gelegen,“ sagte er. „Der Keulenhieb muß ein sehr kräftiger gewesen sein. Es ist ein Wunder, daß ich noch lebe oder wieder lebe.“

„Hat mein Bruder große Schmerzen?“ erkundigte sich Bärenherz.

„Eigentliche Schmerzen nicht; der Kopf brummt mir sehr; das ist alles. Wie steht es mit den Comantschen, und wie ist es am Teiche der Krokodile gegangen?“

Sie setzten sich und erzählten ihm ausführlich den Verlauf. Dann gaben sie ihm auch ihre Absicht kund, den Grafen zu verfolgen und, wenn nicht schon unterwegs, so doch dann in der Hauptstadt Rache an ihm zu nehmen. Er hörte ihnen aufmerksam zu und fragte dann:

„Ihr wollt ihn also doch noch töten?“

„Ja,“ antwortete Büffelstirn; „aber vorher werde ich ihn zwingen, sein Versprechen zu halten.“

„Welches?“

„Karja, meine Schwester, zu seiner Frau zu machen. Sie wird mit uns nach Mexiko gehen.“

„Ah! Ist es so!“

„Ja. Man verlobt sich nicht mit einer Tochter der Miztecas und läßt sie dann im Stiche. Sie stammt von alten Königen ab, gegen welche ein weißer Graf nichts, gar nichts ist.“

„So willst du sie zum Weibe des Grafen und dann sogleich zu seiner Witwe machen?“

„Ja.“

„Das wird mein Bruder nicht thun!“

„Warum nicht? Ich habe es beschlossen und werde es also ausführen.“

„Kennst du die Gesetze der Bleichgesichter?“

„Was gehen mich ihre Gesetze an!“

„In diesem Falle viel, sehr viel. Du würdest keinen Priester finden, der es wagte, diese Ehe zu schließen.“

„Ich zwinge ihn!“

„Da gilt sie nachher nichts. Karja ist keine Christin und kann also nicht das Weib eines Christen werden.“

„Ist das wahr?“

„Ja.“

„Uff, uff! So werde ich diesen Vorsatz aufgeben müssen; aber sterben muß er desto sicherer. Darf ich dir zeigen, was ich dir mitgebracht habe?“

Helmers nickte, und da wurden die Decken aufgerollt. Das Gold und die Kostbarkeiten kamen zum Vorscheine.

„Das ist der Teil des Königsschatzes, den ich dir versprochen habe,“ sagte Büffelstirn. „Du konntest ihn nicht selbst nehmen, So habe ich ihn dir mitgebracht.“

„Wirklich, also wirklich? Dein Versprechen war ernst, und all dieser Reichtum soll mir gehören?“

Es war sonderbarerweise kein Blick des Entzückens, den er über die funkelnden Schätze gleiten ließ.

„Er ist dein,“ antwortete der Mizteca. „Du bist nun eins der reichsten Bleichgesichter. Aber dein Auge bleibt ruhig, und dein Gesicht erhellt sich nicht! Hast du keine Freude?“

„O, ich freue mich sehr, sehr, zwar nicht um meinetwillen, denn ich will ein Westmann bleiben und lebe als solcher nicht vom Golde, aber um meines Bruders willen. Du wirst durch dieses Geschenk ein Wohlthäter vieler Menschen werden, denn es wird nicht bloß meinem Bruder, sondern auch den Witwen und Waisen, den Armen und Kranken meines deutschen Vaterlandes gehören. Mir hätte es fast das Leben gekostet; das Gold ist ein teures und gefährliches Metall, und ich verstehe es, daß die roten Krieger nichts von ihm wissen mögen. Aber noch kann ich nicht sagen, ob ich dieses Geschenk annehmen oder zurückweisen werde.“

„Warum? Welche Gründe könntest du haben, es zurückzuweisen?“ fragte der Mizteca erstaunt.

Der Deutsche strich sich mit der Hand langsam und nachdenklich über das Gesicht, sah seine beiden roten Freunde forschend an und antwortete dann:

„Die beiden Häuptlinge, Bärenherz und Büffelstirn, werden meine Worte vielleicht nicht ganz begreifen, denn sie gehören zu den strengen, roten Kriegern, welche gewöhnt sind, sich nur nach dem Gesetze der Vergeltung zu richten. Ich aber denke anders, weil ich ein Schüler und Freund von Winnetou und Old Shatterhand geworden bin, welche nach den Forderungen der Milde und Verzeihung handeln. Auch ich weiß, daß ein Krieger im Augenblicke, wo es gilt, nicht zaudern darf, den Gegner zu vernichten, und als es sich darum handelte, Karja und Sennorita Emma zu befreien und zu beschützen, habe ich unbedenklich auf die Comantschen geschossen; jetzt aber ist die Gefahr vorüber; die Feinde sind besiegt, und weiteres Blutvergießen würde nicht nur unnötig, sondern sogar unmenschlich sein. Von zweihundert Comantschen haben sich nur einige retten können; ist da nicht Blut genug geflossen? Und selbst die Toten sollen nicht in der Erde, sondern im Magen der Krokodile begraben werden? Ist das nicht streng genug, ist das nicht mehr als streng gehandelt? Hat der Graf euch getötet, euer Blut vergossen? Warum wollt ihr das seinige haben? Waren die Augenblicke, als er über den Krokodilen hing, nicht schlimmer als der Tod? Ich glaube, er hat damit genug gebüßt.“

„Genug gebüßt? –“ fragte der Mizteca.

Er wollte weitersprechen; Helmers aber fiel schnell ein:

„Mein Bruder mag jetzt nichts sagen, sondern mich erst anhören. Wenn der Graf sich weiter gegen euch vergeht, so tötet ihn; ich habe dann nichts dagegen; jetzt aber wünsche ich, daß ihr ihn nicht verfolgt; ich bitte euch darum. Falls ihr mir diesen Wunsch erfüllt, werde ich dein Geschenk annehmen, sonst aber nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Nein. Du weißt, daß ich dieses mein Wort halte. Laßt mich nicht lange in Ungewißheit darüber, sondern beratet euch. Mit der Erfüllung meiner Bitte macht ihr mir keine geringere Freude als mit dem Golde, an welchem das Blut so vieler Menschen hängt.“

„Uff! Mein Bruder will es so haben, und so werden wir uns sogleich beraten und dann wiederkommen.“

Er stand auf und ging mit seiner Schwester und dem Apatschen fort. Emma Arbellez reichte dem Deutschen die Hand und sagte:

„Das war edel von Euch, Sennor! Ihr habt mir aus dem Herzen gesprochen, und ich danke Euch! Ich werde diesen drei Leuten jetzt nachgehen, um ihnen dieselbe Bitte auszusprechen. Was zwei wünschen, das wird wohl leichter erfüllt, als was nur einer wünscht.“

Sie ging, und ihr Vater begleitete sie. Schon nach einer Viertelstunde kamen sie alle wieder, und Büffelstirn erklärte dem ihn mit Spannung anblickenden Deutschen:

„Du hast gesiegt, und die Namen Winnetous und Old Shatterhands haben dich dabei unterstützt; auch die Sennorita hat uns gebeten, und so wollen wir die Rache ruhen lassen. Büffelstirn, der Häuptling der Miztecas, hat noch nie etwas, was er thun wollte, unausgeführt gelassen; es geschieht heut zum erstenmal. Es soll kein Blut weiter fließen, und du kannst also das Gold des Königsschatzes von mir annehmen. Willst du das?“

„Ja. Es hängt das Leben vieler Menschen daran; mag es nun noch viel, viel mehr Menschen Glück und Segen bringen. Ich danke euch!“ –

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Bei Mutter Thick

Bei Mutter Thick

Jefferson-City, die Hauptstadt des Staates Missouri und zugleich der Hauptort des County Cole, liegt am rechten Ufer des Missouri auf einer anmutigen Höhe, welche einen sehr interessanten Blick auf den unten strömenden Fluß und das auf demselben herrschende rege Leben und Treiben bietet. Die Stadt hatte damals viel weniger Einwohner als jetzt, war aber trotzdem bedeutend durch ihre Lage und durch den Umstand, daß hier die regelmäßigen Sitzungen des Distriktsgerichts abgehalten wurden. Es gab mehrere große Hotels da, welche für gutes Geld passable Wohnung und genießbares Essen gewährten; ich verzichtete aber darauf, in einem derselben einzukehren, weil ich erstens das Hotelleben nicht liebe, sondern lieber dahin gehe, wo ich die Menschen in ihrer Ursprünglichkeit kennen lernen kann, und weil es zweitens einen Ort gab, an welchem man für viel weniger Geld sehr gut wohnte und vortrefflich verpflegt wurde. Das war Firestreet No. 15 bei Mutter Thick, in dem von den Seen bis zum mexikanischen Golfe und von Boston bis San Francisco wohlbekannten Boardinghouse, an welchem gewiß kein echter Westmann, falls er einmal nach Jefferson-City kam, vorüberging, ohne einen kürzeren oder längeren drink zu halten und dabei den Erzählungen zu lauschen, welche im Kreise der anwesenden Jäger, Trapper und Squatter die Runde machten. Mutter Thicks Lokal war bekannt als ein Ort, in welchem man auf diese Weise den wilden Westen kennen lernen konnte, ohne die dark-and-bloody-grounds selbst aufsuchen zu müssen.

Es war Abend, als ich den Gastraum betrat, wo ich noch nie gewesen war. Mein Pferd und meine Gewehre hatte ich auf einer aufwärts am Flusse liegenden Farm gelassen, wo Winnetou meine Rückkehr erwarten wollte. Er liebte es nicht, in der Stadt zu wohnen und sich auf den Straßen herumzutreiben, und hatte deshalb für einige Tage diesen Aufenthalt auf dem Lande genommen. Ich hatte in der City verschiedene Einkäufe zu machen, und auch mein Anzug, der außerordentlich mitgenommen war, bedurfte einiger Aufbesserung oder vielmehr er bedurfte derselben sehr, besonders was die langen Stiefel betraf, die an vielen Stellen höchst „offenherzig“ geworden waren und ihren früheren Gehorsam in der Weise verloren hatten, daß sie, ich mochte die Schäfte herauf bis an den Leib ziehen, so oft ich wollte, doch immer wieder bis auf die Füße herunterrutschten.

Zugleich wollte ich meinen kurzen Aufenthalt hier in der Stadt dazu benutzen, eine Erkundigung nach Old Surehand einzuziehen. Als ich ihn bei unsrer Trennung gefragt hatte, ob, wann und wo ich ihn vielleicht wiedersehen könne, war er nicht imstande gewesen, mir eine bestimmte Antwort zu geben, hatte mir aber gesagt:

„Wenn Ihr einmal zufälligerweise nach Jefferson-City, Missouri, kommt, so geht in das Bankgeschäft von Wallace und Co., wo Ihr erfahren werdet, wo ich mich zu der betreffenden Zeit befinde.“

Nun war ich da und wollte diese Gelegenheit natürlich nicht vorübergehen lassen, ohne Wallace und Co. aufzusuchen.

Also es war abends, als ich bei Mutter Thick eintrat. Ich sah einen langen und ziemlich breiten Raum, der von mehreren Lampen hell erleuchtet war. Es standen wohl gegen zwanzig Tische da, von denen die Hälfte besetzt war, und zwar von einer sehr gemischten Gesellschaft, wie ich trotz des außerordentlich dichten Tabakqualmes sah. Es gab da einige fein gekleidete Gentlemen – die Papiermanschetten weit aus den Ärmeln hervorstrebend, den Cylinder tief im Nacken und die in glanzledernen Stiefeletten steckenden Füße auf dem Tische; Trappers und Squatters in allen Formen und Farben und in die unbeschreiblichsten Gewandungen gehüllt; farbige Leute vom tiefsten Schwarz bis zum hellen Graubraun, mit wolligem, lockigem und schlichtem Haare, mit wulstigen und schmalen Lippen, mit gestülpten Negernasen oder solchen von mehr oder weniger kaukasischem Schnitte; Flößer und Schiffsknechte, die Stiefelschäfte hoch heraufgezogen und das blitzende Messer neben dem heimtückischen Revolver im Gürtel; Halbblutindianer nebst andern Mischlingen von allen möglichen Sorten und Schattierungen.

Dazwischen fegte die wohlbeleibte, ehrbare Mutter Thick umher, und sorgte mit behender Gewandtheit dafür, daß keinem ihrer Gäste das mangelte, wonach sein Begehr ging. Sie kannte alle, nannte jeden bei seinem Namen, warf dem einen freundlichen Blick zu und drohte jenem, der zum Streite aufgelegt zu sein schien, heimlich warnend mit dem Finger. Sie kam auch zu mir, als ich mich gesetzt hatte, und fragte nach meinem Wunsche.

„Kann ich ein Glas Bier bekommen, Mutter Thick?“ fragte ich.

Yes,“ nickte sie, „sehr gutes sogar. Habe es gern, wenn meine Gäste Bier trinken; ist besser und gesünder und auch anständiger als Brandy, der oft tolle Köpfe macht. Seid wahrscheinlich ein Deutscher, Sir?“

Yes.“

„Dachte es mir, weil Ihr Bier verlangt. Die Deutschen trinken immer Bier, und sie sind klug, daß sie es thun. Ihr waret noch nicht bei mir?“

„Nein, möchte aber heut Eure Gastfreundlichkeit in Anspruch nehmen. Habt Ihr ein gutes Bett?“

„Meine Betten sind alle gut!“

Sie musterte mich mit prüfendem Blicke. Mein Gesicht schien ihr besser zu gefallen als mein sonstiges Äußere, denn sie fügte hinzu:

„Scheint lange keine Wäsche gewechselt zu haben; aber Eure Augen sind gut. Wollt Ihr billig boarden?“

Billig boarden heißt, das Bett mit noch andern teilen.

„Nein,“ antwortete ich. „Es würde mir sogar lieb sein, wenn ich nicht im gemeinschaftlichen Saal schlafen müßte, sondern ein separates Zimmer haben könnte. Zahlungsfähig bin ich trotz meines schlimmen Anzuges.“

„Glaube das, Sir. Sollt ein Zimmer haben. Und wenn Euch hungern sollte, da ist der Speisezettel.“

Sie gab mir das Papier und ging fort, um das Bier zu holen. Die gute Dame machte ganz den Eindruck einer sehr verständigen, freundlichen und besorgten Hausmutter, deren Glück es ist, Zufriedenheit um sich zu sehen. Auch die Einrichtung des Lokals heimelte mich an; sie war mehr deutsch als amerikanisch zu nennen.

Ich hatte an einem leeren Tische Platz genommen, welcher in der Nähe einer langen Tafel stand, die von Gästen vollständig besetzt war. Es gab da einige Herren, die man mit dem ersten Blicke als wirkliche Gentlemen erkannte, wahrscheinlich Einwohner der Stadt und Stammgäste der Mutter Thick, daneben aber auch Gestalten von der Art, wie ich sie soeben beschrieben habe. Diese Leute hatten, als ich eintrat und mich unfern von ihnen niedersetzte, eine sehr animierte Unterhaltung unterbrochen, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu richten; das dauerte aber nur so lange, als Mutter Thick mit mir sprach; dann schienen sie einzusehen, daß ich kein würdiger Gegenstand ihres ferneren Interesses sei, und derjenige von ihnen, welcher zuletzt gesprochen hatte, nahm seine unterbrochene Rede wieder auf:

„Ja, es ist so, wie ich sage: Es hat in den Vereinigten Staaten niemals einen größeren Schurken gegeben wie den Kanada-Bill. Wer das nicht glaubt, dem will ich es gern und sogleich mit einigen Zoll kalten Eisens in den Leib beweisen. Wünscht einer von euch diesen Beweis, Mesch’schurs?“

„Nein; wir glauben es gern; wir wissen es ja,“ antwortete einer von den erwähnten Gentlemen.

„Besser wie ich könnt Ihr es nicht wissen, Sir!“

„Ihr habt wohl eine Rechnung mit ihm gehabt?“

„Eine Rechnung? Pshaw! Ein ganzes, großes, vollgeschriebenes Schuldbuch, muß ich sagen. Er war so berüchtigt, daß man sogar drüben im alten Lande in den Zeitungen über ihn geschrieben hat, wie ich erfahren habe. Keinem aber hat er in der Weise mitgespielt als wie mir.“

Er schien, wie ich, zum ersten Male hier zu sein, denn als er diese Worte sagte, betrachteten ihn die Anwesenden mit besonderen Blicken. Er war ein langer, sehr hagerer Mann und trug einen Büffellederrock, der so viel Dienste geleistet hatte, daß er nur noch aus Flicken und Flecken bestand. Die Leggins waren ihm viel zu kurz; sie reichten lange nicht hinab bis zu den Mokassins, die mit vielen Kreuz- und Querstichen von Hirschsehne ausgebessert waren, und auf dem Kopfe trug er eine Mütze, die früher vielleicht einmal eine Pelzmütze gewesen war, jetzt aber alle Haare verloren hatte und ihm wie ein umgestülpter Bärenmagen auf dem Haupte saß. Im Gürtel, der mit allen möglichen Requisiten behangen war, steckten Bowiekneif, Revolver und Tomahawk; den Lasso hatte er sich in Schlingen unter dem linken Arm bis über die rechte Schulter geworfen, und neben ihm lehnte eine alte Büchse, welche vom Kolben bis zum Laufteile mit zahlreichen Einschnitten, Kerben und sonstigen für Fremde rätselhaften Charakteren versehen war.

„Ihr macht uns neugierig, Sir,“ sagte der Gentleman. „Dürfen wir vielleicht erfahren, in welcher Weise er Euch mitgespielt hat?“

„Hm! Man läßt am liebsten so blutige Sachen ruhen; aber da wir hier an diesem Tische einmal beim Erzählen sind, so will ich Euch den Willen thun. Wißt Ihr, Gent’s, die Staaten sind ein eigentümliches Land, wo das Größte hart neben dem Kleinsten, das Gute gleich beim Schlimmen steht, und ich sage Euch, alle drei Male, die ich mit diesem berüchtigtsten Manne des Landes zusammengekommen bin, ist auch stets der berühmteste dabei gewesen, den wir aufzuweisen haben.“

„Wer?“

„Lincoln, Abraham Lincoln, Sir!“

„Lincoln und der Kanada-Bill? Erzählt, Master, das müssen wir hören!“

„Ja, erzählt!“ rief es rundum. „Und laßt uns auch Euern Namen ein wenig hören!“

„Mein Name ist kurz und leicht zu merken, Gent’s, und vielleicht habt ihr ihn hier oder da schon einmal gehört. Er heißt Tim Kroner.“

„Tim Kroner? Alle Wetter, Tim Kroner, der Coloradomann! Welcome, Sir! Ihr seid der beste von allen Jägern weit und breit; trinkt, trinkt!“

So viele Leute hier waren, so viele Gläser wurden ihm entgegengehalten.

„So kennt ihr mich also?“ fragte er, indem er aus allen Gläsern trank. „Ja, ich bin der Coloradomann, und ihr sollt meine Erzählung hören.“

Er schob sich in eine bequeme Stellung und begann:

„Eigentlich bin ich in Kentucky zu Hause, war aber noch ein Bube, der die Büchse kaum zu halten versteht, als wir hinunter nach Arkansas gingen, um zu sehen, ob das Land dort wirklich so gut sei, wie es beschrieben wurde. Ich sage: wir, und meine damit nämlich die Eltern mit mir und dem Nachbar Fred Hammer mit seinen beiden Töchtern Mary und Betty. Er war ein Deutscher und erst vor einigen Jahren aus Germany herübergekommen, und ich will auf der Stelle geteert und gefedert werden, wenn es in den ganzen Staaten ein schöneres und besseres Mädchen giebt, als diese deutschen Ladies waren. Wir wuchsen zusammen empor, thaten einander allen möglichen Gefallen, und als ich mich eines Tages besinne, finde ich, daß die Mary zu nichts anderem geschaffen ist, als zu meiner Frau.

Na, ihr könnt euch denken, daß ich diesen Gedanken nicht an die Wand klebte, sondern ihn so eilig wie möglich in die Welt hineinposaunte, und richtig, es stimmte ganz genau: die Mary dachte gar nicht daran, daß ich etwas anderes sein könne, als ihr Mann. Die Eltern waren natürlich einverstanden, und nun wurde gesorgt und geschafft, uns in die gehörige Ordnung zu bringen.

Das war ein Leben wie im Himmel, Mesch’schurs, und ich will es jedem von Euch herzlich gönnen, der solche glückliche Tage aufzuweisen hat; nur mögen sie bei ihm länger gedauert haben als bei mir.

Eines Tages war ich in den Wald gegangen, um mir eine gute Zahl Fenzstangen zu zeichnen. Da kam einer durch die Tannen geritten und hielt seinen Gaul bei mir an.

Good day, Boy! Ist da herum eine Farm zu finden?“ fragte er.

„Zwei für eine, wo jeder gern einen Unterschlupf findet,“ antwortete ich.

„Wo liegt die nächste?“

„Kommt; ich werde Euch führen!“

„Ist nicht nötig. Ihr seid hier beschäftigt, und wenn ich die Richtung erfahre, werde ich nicht fehl gehen.“

„Ich bin fertig. Kommt!“

Der Mann war noch jung, vielleicht kaum zwei oder drei Jahre älter als ich, trug ein fast neues Jagdgewand aus Hirschleder, hatte vorzügliche Waffen und ein Pferd, welches so munter war, als sei es eben erst aus der Umzäunung genommen. Große Anstrengungen konnte er nicht hinter sich haben, sonst hätte er und sein Tier weniger frisch ausgesehen. Es wäre ganz gegen den Gastgebrauch gewesen, wenn ich ihn nach seinem Namen und andern Dingen gefragt hätte; ich schritt also still und schweigsam neben seinem Pferde hin, bis er selbst begann:

„Wie weit habt Ihr bis zum nächsten Nachbar, Boy?“

„Nach den Bergen hin fünf und über den Fluß hinüber acht Meilen.“

„Seid Ihr schon lange hier im Lande?“

„Nicht allzu sehr. Wir haben noch mit der ersten Block zu thun.“

„Und Euer Name, Boy?“

Was hatte er nur mit seinem Boy? War ich etwa ein Knabe, der seine Strümpfe noch trägt? Ich machte die Sache so kurz wie möglich:

„Kroner.“

„Kroner? Schön! Ich heiße William Jones und bin da oben in Kanada zu Hause. Wer ist der Besitzer der zweiten Farm, von der Ihr sprecht?“

„Er ist ein Deutscher, der sich Fred Hammer nennt.“

„Hat er Söhne, Boy?“

„Zwei Töchter.“

„Hübsch?“

„Weiß nicht, Boy. Seht sie Euch selber an!“

Es ärgerte ihn, daß ich ihn auch Boy genannt hatte, das konnte ich deutlich sehen. Er wurde ruhig und sprach nicht wieder, bis wir vor dem Thore des Farmhauses anlangten.

„Wen bringst du hier, Tim?“ fragte der Vater, der grade im Hofe stand und die Truthühner fütterte.

„Weiß nicht, was er ist; ein Master William Jones aus Kanada, glaube ich.“

Welcome, Sir! Steigt herunter und kommt herein!“

Er gab ihm die Hand, führte ihn in die Stube und überließ es mir, für das Pferd Sorge zu tragen. Als ich damit fertig war und nachfolgte, stand der Fremde vor Mary, die während meiner Abwesenheit auf Besuch gekommen war, und kniff sie in die Wangen, indem er zu ihr sagte:

Damn, seid Ihr eine allerliebste hübsche Miß!“

Sie errötete über diese Beleidigung, hatte aber sofort das rechte Wort auf der Zunge:

„Habt Ihr vielleicht einen Schluck Whiskey zu viel, Sir?“

„Wohl kaum, denn in der Prairie ist dieses Labsal nicht zu finden.“

Er wollte den Arm um sie legen, bekam aber einen Stoß von ihr, daß er zurücktaumelte und den Stuhl, an welchem er sich zu halten versuchte, beinahe umgerissen hätte.

Zounds, seid Ihr ein couragiertes Weibsbild! Mögt wohl ein ander Mal zahmer sein!“

Das ging mir an die Galle. Ich trat ihm näher und ließ ihn meine Fäuste ein ganz klein wenig sehen.

„Diese Miß ist meine Braut, und wer sie ohne meine Erlaubnis anrührt, kann sehr leicht einige Zoll Bowiekneif zu kosten bekommen. Hier zu Lande gilt das Gastrecht heilig, und wer dies vergißt, wird danach behandelt, Boy!“

„Alle Wetter, versteht Ihr eine Rede zu halten, mein junge! Also eine Braut habt Ihr schon? Well, so trete ich zurück!“

Er hing seine Büchse an die Wand und machte es sich so bequem, als ob er zur Familie gehöre. Der Mann gefiel weder mir noch dem Vater, und auch die Mutter machte sich nicht viel mit ihm zu schaffen. Das schien ihn aber nicht zu kümmern; er that, als habe ihm kein Mensch etwas zu sagen, und als am Abend Fred Hammer mit Betty auf eine Stunde kam, führte er das große Wort und erzählte von den Abenteuern, die er in der Prairie erlebt haben wollte.

Ich wette zehn Bündel Dickschwanzfelle, gegen einen einzigen Kaninchenbalg, daß der Mensch mit keinem Fuße in der Savanne gewesen war, denn dazu war sein ganzes Habit zu sauber. Wir ließen ihn das auch merken, und um sich aus der Affaire zu ziehen und etwas anderes auf das Tapet zu bringen, griff er in die Tasche und zog ein Packet Spielkarten hervor.

„Spielt ihr gern, Mesch’schurs?“ fragte er dabei.

„Zuweilen,“ meinte der Vater. „Der Nachbar Fred stammt aus Germany, wo man ein schönes Spiel macht, welches Skat genannt wird. Er hat es uns gelehrt, und da giebt es des Abends einen Zeitvertreib, wenn man sonst nichts Besseres vorzunehmen weiß.“

„Habt Ihr auch von dein Spiele gehört, welches man da drüben Kümmelblättchen nennt, Master Hammer?“ fragte Jones.

„Nein.“

„Hier im Lande heißt es three carde monte und ist das schönste Spiel, welches es giebt. Ich habe es zwar nur ein einziges Mal gesehen und bin ein Lehrling dabei; aber ich werde es Euch doch einmal zeigen.“

Es ist wahr, dieses three carde monte gefiel uns allen, und es dauerte gar nicht lange, so hatten wir uns darein vertieft, und selbst die Frauen wagten einige Cents zu setzen. Es schien wirklich so, daß Jones nichts davon verstand; wir gewannen, und es dauerte nicht lange, so mußte er in die Goldstücke greifen, deren er eine ganze Menge bei sich trug. Wir wurden mutiger, und setzten mehr; das Glück begann zu wanken, so daß wir das Gewonnene verloren und zum eigenen Gelde greifen mußten. Einzelne Treffer lockten uns immer weiter, Die Frauen hatten längst wieder aufgehört, und auch ich zog mich zurück. Vater und Fred Hammer wollten ihr Geld wieder gewinnen; sie setzten immer größere Summen, und trotz meiner Mahnungen und der Bitten der Ladies gewann das Spiel für beide immer größere Gefährlichkeit.

Da bemerkte ich plötzlich eine eigentümliche Bewegung von Jones: im Nu hatte ich seinen linken Arm ergriffen und zog ihm das Treffblatt aus dem Ärmel hervor. Er hatte mit vier Blättern gespielt und war ein Falschspieler. Er sprang empor.

„Was geht Euch meine Karte an, Boy?“ rief er zornig.

„Ebenso viel wie uns unser Geld, Sir!“ antwortete der Vater und strich sofort den ganzen Gewinn, den Jones vor sich liegen hatte, zu sich herüber.

„Her mit den Dollars! Sie gehören mir, und wer sich daran vergreift, ist ein Dieb!“

„Stop, Sir! Wer die Karte fälscht, ist ein Betrüger, der wieder hergiebt, was er nahm. Geht zu Bett, und macht Euch morgen früh von dannen! Nur das Gastrecht verhindert mich, Euch zu zeigen, wie man ehrlich three carde monte spielt.“

„Euer Gast? Ich bin es keinen Augenblick länger. Ich werde sofort Euer Haus verlassen, nachdem ich das geraubte Geld zurückbekommen habe!“

Well! Ich lege Eurem Gehen nicht das mindeste in den Weg. Geht dorthin, woher Ihr gekommen seid; die Prairie ist es sicher nicht. Eure Kasse sollt Ihr zurückerhalten, von dem Unsrigen aber nicht einen Penny. Tim, führe sein Pferd vor das Thor!“

Damn, wollt ihr so? Dann sollt ihr den Kanada-Bill kennen lernen!“

Er griff zum Messer. Da erhob sich auch Fred Hammer und legte ihm die Hand schwer auf die Schulter. Er war eine gewaltige Figur und liebte zu schweigen; aber wenn er einmal ein Wort sagte, so wußte man auch ganz genau, was seine Meinung sei.

„Thut den Kneif weg, Mann, sonst zerdrücke ich Euch hier zwischen meinen zehn Fingern wie Pfefferkuchen,“ warnte er. „Nehmt Eure Kasse, packt Euch von hinnen und kommt uns nicht wieder unter die Augen. Wir sind ehrliche Leute und verstehen gar wohl, einem Menschen Eures Gelichters zu zeigen, wohin der Weg zum Paradiese geht!“

Jones merkte, wie sein Stecken zu schwimmen begann. Er mußte auf alle Fälle den kürzeren ziehen und gab nach.

„So zeigt her! Aber merkt euch dieses three carde monte; ihr werdet den Gewinn doch noch bezahlen!“

„Eure Drohung gilt uns gerade so viel wie der Spinnenfaden in der Luft. Zähl ab, Nachbar; dann mag er sich trollen!“

Er bekam, was er zu fordern hatte, und ging. Unter der Thüre wandte er sich noch einmal um und drohte:

„Also denkt daran! Das Geld hole ich mir, und – und spreche auch noch mit dieser hübschen Miß!“

Hätten wir ihm doch auf der Stelle eine Kugel gegeben! –

Einige Zeit später mußte ich hinunter nach Little Rock, um Verschiedenes für die Hochzeit einzukaufen. Ich hatte es bei der Rückkehr sehr eilig und war sogar des Nachts geritten, so daß ich am Morgen auf der Farm anlangte. Sie war verschlossen und weder Pferd noch Rind zu sehen. Ich eilte voll Besorgnis hinüber zu Fred Hammer und fand es bei ihm ebenso. Mich erfaßte eine entsetzliche Angst; ich gab dem Pferde die Sporen und jagte hinauf zu Nachbar Holborn. Er wohnte, wie ich schon dem Kanada-Bill gesagt hatte, fünf Meilen entfernt. Ich legte diese Strecke in nicht einer Stunde zurück. Als ich an der Fenz abstieg, kamen Betty und die Mutter aus dem Hause geeilt.

„Um Gottes willen, ihr weint! Was ist geschehen?“ fragte ich sie.

Unter vielem jammern und Schluchzen erzählten sie mir, was geschehen war.

Betty hatte mit dem Vater Maiskolben geknickt, und Mary war allein daheim geblieben. Das Feld lag in ziemlicher Entfernung von dem Hause, dennoch aber war es ihnen gewesen, als ob sie von dort her den unterdrückten Schrei einer weiblichen Stimme gehört hätten. Sie sprangen hinzu und kamen grade zur rechten Zeit, um zu sehen, daß ein Trupp Männer davonsprengte, von denen einer das gefesselte Mädchen vor sich quer über dem Sattel liegen hatte. Sie waren am hellen Tage eingebrochen und hatten meine Braut entführt. Im Hause lag alles durcheinander; das Geld, Kleider und Waffen nebst der vorhandenen Munition waren verschwunden und die Pferde aus der Umzäunung getrieben worden, um eine sofortige Verfolgung unmöglich zu machen.

Fred Hammer lief zum Vater. Auch hier fehlten die Pferde. Man fing mit Mühe zwei derselben ein; die beiden Männer bewaffneten sich; Mutter und Betty mußten aufsteigen; die Farmen wurden verschlossen und sämtliche Rinder und sonstige Tiere hinüber zu Holborn getrieben, wo sie bis auf weiteres bleiben sollten. Auch der Nachbar nahm seine Kentuckybüchse zur Hand, stieg auf, und dann machten sich die drei Männer, nachdem sie die Weisung zurückgelassen hatten, daß ich ihnen bei meiner Rückkehr sofort folgen solle, ungesäumt hinter den Räubern her.

„Welche Richtung haben sie eingeschlagen?“ fragte ich.

„Den Fluß hinauf. Sie wollen dir deutliche Zeichen zurücklassen, damit du sie nicht verfehlen kannst.“

Ich nahm ein frisches Pferd und jagte davon. Es war schon öfters von einer Bande Bushheaders erzählt worden, welche von dem Mittellaufe des Arkansas bis hinauf zum Gebiete des Missouri ihr Wesen trieben, doch waren wir immer ohne Sorge geblieben, da sie sich niemals in unserer Nähe gezeigt hatten. Sollte der Kanada-Bill sie beredet haben, ihm zur Befriedigung seiner Rache behilflich zu sein? Ich hatte in mir einen Grimm, Mesch’schurs, der seinesgleichen sucht, so daß ich mich ohne Bedenken mitten unter sie hineingestürzt hätte, und wenn es ihrer hundert gewesen wären.

Ich fand die versprochenen Zeichen. Es war von Zeit zu Zeit ein Ast abgebrochen oder ein Schnitt in die Baumrinde gemacht worden, und ich kam also ohne großen Aufenthalt immer schnell vorwärts. So ging es bis zum Abend, wo mich die Dunkelheit zwang, Halt zu machen. Ich pflockte mein Pferd an und wickelte mich in die Decke. Die Wipfel des Waldes rauschten über mir, und in mir tobte der Sturm; ich konnte weder Schlaf noch Ruhe finden. Schon beim Tagesgrauen nahm ich den Weg wieder unter die Hufe und kam noch am Vormittag an die Stelle, wo der Vater mit den andern beiden gelagert hatte. Die Asche ihres Feuers war feucht vom Morgentau, ein sicheres Zeichen, daß auch sie sich früh erhoben hatten.

So ging es bis zur Mündung des Kanadian. Der Wald ward hier dichter; die Zeichen wurden immer deutlicher und frischer. Ich drang in größter Eile vorwärts, und mein gutes Tier zeigte trotz des angestrengten Rittes noch keine Spur von Ermüdung.

Da vernahm ich plötzlich eine laute tiefe Männerstimme, welche mit mächtigem Schalle in den Forst hineinsprach. Die Worte waren englisch; es mußte also ein Weißer sein, der sich so unvorsichtig vernehmen ließ. Ich lenkte mein Tier der Stelle zu, an welcher er sich befand. Was denkt ihr wohl, was ich erblickte?

Auf einem alten Baumstumpfe in der Mitte einer kleinen Lichtung stand ein Mann, fuhr mit den Händen in der Luft herum und hielt den Sykomoren- und Hikorystämmen eine Rede, die er bei einem Campmeeting nicht besser und schö ner hätte anbringen können. Ich bin ein ziemlich eigener Kopf und gebe nicht viel auf das, was mir vorgesprochen wird, aber dieser Mann hatte eine Stimme und eine Art des Ausdruckes, die mir das Lachen benahm, in das ich beinahe ausgebrochen wäre, weil es mir ganz verteufelt wunderlich vorkam, daß einer mitten im Urwalde den Käfern und Mosquitos eine Predigt hielt.

Ich konnte schon in der Ferne sein Gesicht deutlich erkennen. Er war lang und stark, frisch, derb und zähe, wie ein echter, richtiger Yankee, hatte eine scharf hervorspringende Nase, spiegelblanke Augen ohne Lug und Trug, einen breiten, scharfen Mund, ein eckiges, kräftiges Kinn und konnte trotz der Gutmütigkeit, die ihm anzusehen war, doch vielleicht auch ein wenig verschmitzt und listig sein, wenn er es für gut hielt.

Vor dem Stumpfe, auf welchem er stand, lagen eine gewaltige Axt, eine gute Büchse und noch einiges andere, was man in jenen Gegenden vonnöten hat. Es war augenscheinlich, daß sich der Mann im Reden übte, und er schien mir ganz zu einem Self-man gemacht zu sein, der es versteht, sich durch Not, Kampf und Arbeit zu einer besseren Stelle, als sie der Westen bietet, emporzuringen.

Ich vernahm jedes seiner Worte:

„Was meint ihr? Die Sklaverei sei eine heilige und notwendige Sache, welche weder durch Gewalt noch Gründe abzuschaffen sei? Ist die Bedrückung eines Menschen, die Verachtung und Peinigung einer ganzen Menschenrasse heilig? Ist es notwendig, ein abscheuliches Eigentumsrecht auf Menschenkräfte zu legen, welche für guten Lohn weit besser und weit treuer arbeiten würden? Ihr wollt weder Gründe hören, noch irgend eine Gewalt anerkennen? Nun wohl, ich werde euch dennoch Gründe sagen, und laßt ihr sie nicht gelten, so wird sich dennoch eine unwiderstehliche Gewalt erheben, die euch die Negerpeitsche zerbricht, den Eigennutz aus dem Herzen reißt und alles zermalmen und vernichten wird, was sich ihr in den Weg zu stellen wagt. Ich sage euch, es wird eine Zeit kommen, in – –“

Er hielt mitten in seiner Rede inne; er hatte mich bemerkt. Im nächsten Augenblick war er vom Baumstumpf herunter, hatte die Büchse zum Schusse erhoben und rief:

„Stopp, Mann, keinen Schritt weiter! Wer seid Ihr?“

Pshaw! Legt das Schießzeug nur immer beiseite. Ich habe keine Lust, Euch aufzufressen, oder ein rundes Stück Blei in den Leib zu bekommen!“ antwortete ich.

Ein zweiter, schärferer Blick mußte ihn von der Friedfertigkeit meiner Person überzeugt haben. Er nahm das Gewehr nieder, nickte mit dem Kopfe und forderte mich auf:

Well! So kommt einmal her und sagt, wer Ihr seid!“

„Ich heiße Tim Kroner, Sir, und komme seit gestern längs des Flusses herauf, um eine Bande Bushheaders zu verfolgen, welche mir die Braut geraubt haben.“

„Und mein Name ist Lincoln, Abraham Lincoln. Ich komme von den Bergen herunter und will mir hier ein Floß zimmern, um das Holz im Süden zu verkaufen. Ich bin erst seit einer Stunde hier. Eine Bande Bushheaders, die Eure Braut geraubt haben, sagt Ihr? Wie stark sind sie wohl?“

„Zehn bis zwölf Köpfe.“

„Zu Pferde?“

„Ja.“

Bounce! Ich habe vor ganz kurzer Zeit eine Spur von grade so viel Pferden quer durchschnitten und eine ähnliche ganz hier in der Nähe wiedergefunden; doch schien es mir, als ob die letztere ein Dutzend Hufe mehr gezeigt hätte.“

„Das ist mein Vater mit zwei Nachbarn, die ihnen schon vor mir gefolgt sind.“

„Stimmt! Ihr seid also vier gegen zwölf. Wollt Ihr meine Arme haben?“

„Gern, wenn Ihr sie mir leiht!“

„Gut. Come on!“

Er nahm seine Sachen zu sich, hing die Büchse auf die eine und warf die Axt über die andere Schulter. Dann schritt er vorwärts, als ob es sich ganz von selbst verstehe, daß ich ihm folgen müsse.

„Wohin, Sir?“ fragte ich, da er eine Richtung einschlug, die meine frühere im Winkel schnitt.

„Den Männern nach; was sonst! Ein Stück weiter oben haben sich die Bushheaders vom Flusse weg nach Norden gewandt, und wir kürzen den Weg, wenn wir schon jetzt dasselbe thun.“

Er hatte eine so eigene, sichere Art und Weise, daß es mir gar nicht einfiel, ihm zu widersprechen. Ich ließ ihn daher voranschreiten und hielt mein Pferd hart hinter ihm. Sein Schritt war lang und ausgiebig, wie man ihn selten findet, und wäre ich nicht beritten gewesen, so hätte es mich sicher nicht wenig Mühe gekostet, ihm zu folgen. So ging es fort, bis er an einer Stelle halten blieb und auf den Boden zeigte.

„Hier ist die Fährte wieder. Zwei, sechs, neun, elf, fünfzehn Pferde! Als ich die Spur vorhin überschritt, waren es nur zwölf. Die Eurigen sind also auch vorüber, und das kaum vor einer Viertelstunde, denn die niedergebogenen Halme haben sich noch nicht wieder empor gerichtet. Laßt Euer Tier ausgreifen, damit wir sie bald erreichen!“

In gewaltigen Schritten eilte er vorwärts. Wahrhaftig, ich mußte mein Tier in einen kurzen Trab setzen, um nicht zurückzubleiben.

Der Wald hatte schon längst aufgehört und war in ein niedriges, durchbrochenes Gebüsch übergegangen. Jetzt kamen wir auf eine lichte, offene Bucht, welche die Prairie tief in das Gehölz hineinschob; in der Ferne jedoch bemerkten wir wieder einen dichten Streifen starken Holzes, und zwischen ihm und uns bewegten sich drei Reiter, nach Indianersitte einer hinter dem andern. Die Sonne war verschwunden, und es wollte sich zur Dämmerung neigen, doch konnten wir sie deutlich erkennen. Lincoln hob den Arm.

„Dort sind sie. Go on!“

Er warf sich in weiten Sprüngen vorwärts, indem er den Schwerpunkt immer auf das eine Bein legte und, wenn dies müde wurde, ihn auf das andere überwechselte. Das ist die einzige Art, einen solchen Lauf lange auszuhalten. So wurde die Entfernung zwischen uns und ihnen schnell kleiner, und da sie uns bemerkten und nun stehen blieben, hatten wir sie bald erreicht.

„Endlich, Tim!“ rief uns der Vater entgegen. „Wer ist dieser Mann?“

„Ein Mister Abraham Lincoln, den ich am Flusse traf und der uns helfen will. Aber erzählt nichts; ich weiß schon alles. Macht nur vorwärts, daß wir die Räuber einholen!“

„Sie sind nicht mehr weit und werden dort im Walde ihr Lager aufschlagen wollen. Vorwärts, ehe es dunkel wird und wir ihre Spur verlieren!“

Es ging weiter, ohne Worte, aber das Messer locker und die Büchse schußgerecht in der Hand. Als wir die ersten Bäume erreichten, bog sich Lincoln nieder, um die Fährte genau zu untersuchen. Dabei sagte er:

„Laßt uns noch einmal sehen, woran wir sind, Gentlemen! Im Dunkel des Forstes läßt sich das nicht mehr sehen. Hier diese Hufeindrücke sind die tiefsten; das Pferd hat eine schwerere Last zu tragen als die andern; es wird also dasjenige sein, welches den Reiter und das Mädchen zu schleppen hat. Und seht, es lahmt; der linke Hinterfuß stößt nur mit der vordern Schärfe auf den Boden. Sie werden ihm Ruhe gönnen müssen und bald absteigen.“

Well, Sir, ich gebe Euch recht,“ meinte der Vater. „Macht rasch weiter, Leute!“

„Stopp, Mister! Das wäre ein ganz gewaltiger Fehler. Ich rechne, daß sie höchstens eine Viertelstunde vor uns sind, und vielleicht haben sie sich schon gelagert. Wollt Ihr Euch durch die Pferde verraten und uns den schönen Spaß verderben?“

„Richtig, wir müssen die Tiere zurücklassen! Aber wo?“

„Da drüben ist ein Wildkirschengebüsch; dort sind sie sicher, wenn Ihr sie fest anhobbelt [Fußnote].“

So geschah es, und dann gingen wir zu Fuß wieder vorwärts. Lincoln schritt voran; wir mußten ihn ganz unwillkürlich als unsern Führer anerkennen. Seine Vermutung hatte ihn nicht getäuscht, denn wir waren noch nicht weit vorgedrungen, so witterten wir einen brenzlichen Geruch und sahen dann auch einen hellen Rauch, der sich droben zwischen den Kronen der Bäume einen Ausweg suchte.

Jetzt galt es, auch das kleinste Geräusch zu vermeiden. Hinter jedem Baume Deckung suchend und die Zwischenräume blitzschnell überspringend, schlichen wir uns immer näher und bemerkten nun das Feuer und elf Männer, welche sich um dasselbe gelagert hatten. Zwischen ihnen saß Mary, totenbleich, an den Händen gefesselt und mit tief zur Erde gesenktem Kopf.

Diesen Anblick konnte ich nicht ertragen. Ohne nach der Ansicht der andern zu fragen, erhob ich das Gewehr.

„Halt,“ warnte Lincoln, „es fehlt einer und – –“

Da krachte aber schon mein Schuß. Die Kugel war dem Manne, auf den ich gezielt hatte, mitten in die Stirn gedrungen. Im Nu standen die andern auf den Füßen und hatten die Waffen ergriffen.

„Feuer und dann drauf!“ kommandierte Lincoln.

Mir galt dieser Ruf nicht mehr, denn ich hatte schon die Büchse fortgeworfen, war zu Mary hingesprungen und kniete bei ihr, um den Riemen zu durchschneiden, der ihre Hände umschlungen hielt.

„Tim, ist’s möglich!“ rief sie und schlug vor Entzücken die befreiten Arme um mich, daß ich mich kaum zu rühren vermochte.

„Laß los, Mary, es giebt jetzt mehr zu thun!“ bat ich sie.

Ich zog das Messer und sprang auf. Gerade vor mir schlug Lincoln einem die Axt über den Kopf, daß der Mann lautlos zusammenbrach. Es war der letzte der Elf. Man hatte von beiden Seiten nur einmal geschossen und dann zur Klinge gegriffen.

„Tim, um Gottes willen!“ rief in diesem Augenblick Mary und stürzte sich, nach einem Baume zeigend, an meine Brust.

Ich warf den Blick hinüber und gewahrte den Lauf eines Gewehres, welches gerade gegen uns gerichtet war. Der Schütze stand hinter dem Stamme verborgen.

„Das ist für das three carde monte!“ rief eine Stimme.

Noch ehe ich eine Bewegung machen konnte, blitzte es auf; ein schneller Ruck ging mir durch die Muskel des Oberarmes, ein Schrei von Marys Lippen: ihre Arme ließen mich los, und sie glitt zu Boden. Die Kugel war mir durch den Arm und ihr in das Herz gegangen.

„Drauf!“ knirschte es neben mir.

Es war der Vater. Den Büchsenkolben erhebend, stürzte er sich gegen den Stamm, ich ihm nach. Da blitzte es aus dem zweiten Laufe; eine Gestalt, die ich nicht genau erkennen konnte, eilte von dannen; der Vater lag, durch die Brust getroffen, zu meinen Füßen. Fast wahnsinnig vor Wut, stürzte ich mich dem Entfliehenden nach. Zu sehen vermochte ich ihn nicht mehr, aber die Richtung wußte ich doch. Schon nach wenigen Sprüngen kam ich an den Platz, wo sie die Pferde angehobbelt hatten. Die Tiere waren weg, und nur die Enden der rasch durchschnittenen Lassos staken an den Pflöcken in der Erde. Ich mußte erkennen, daß ich den Mann nun nicht mehr erreichen könne; er war beritten und ich nicht.

Als ich zum Kampfplatze zurückkehrte, hatte man die beiden Leichen nebeneinander gelegt, und Lincoln war beschäftigt, sie zu untersuchen.

„Kein Leben mehr, Mesch’schurs, keine Spur von Leben!“ sagte er.

Ich konnte kein Wort hervorbringen, auch Fred Hammer nicht; es giebt eine Qual, die das Herz verkohlt, ohne daß nach außen ein einziger Laut zu hören ist. Lincoln erhob sich, bemerkte, daß ich wieder zurück war, und sagte zürnend zu mir:

„Das wäre nicht geschehen, wenn Ihr mit dem Schusse bis zur rechten Zeit gewartet hättet. Ich rechne, das wenige Pulver und die kleine Kugel kosten Euch die Braut und den Vater, und es wird gut sein, wenn Ihr ein anderes Mal die Vorsicht mehr zu Rate zieht!“

„Könnt Ihr es beweisen, Sir?“ fragte ich.

„Beweisen? Pshaw! Nach dem Tode hört der Beweis auf! Wir mußten sie umzingeln und auf ein Zeichen unsere Büchsen alle zugleich losdrücken. Jeder von uns hatte einen Doppellauf, macht zehn Mann, ehe sie nur an Widerstand hätten denken können. Und Euren, three carde monte-Mann hätten wir während des Umschleichens sicher auch abgefangen, so daß er nicht zum Schuß gekommen wäre!“

Das war die rechte Lehre, im rechten Augenblick gegeben, Gentlemen. Ich habe sie und diesen Augenblick niemals vergessen, darauf könnt Ihr Euch verlassen.“ –

Der Erzähler seufzte tief auf, machte eine Pause und strich sich dabei mit der Hand über das Gesicht, als ob er die traurige Erinnerung fortwischen wolle. Dann trank er sein Glas aus und begann von neuem:

„Wenn das Wild über die Savanne saust oder durch den stillen Busch schleicht, so hinterläßt auch der kleinste, leiseste Huf eine Spur, welcher der Jäger zu folgen vermag, das wißt ihr alle, Gentlemen. Und wenn die Tage, Monate und Jahre wie im Sturme über den Menschen dahinfliegen oder langsam und heimtückisch durch sein innerstes Leben schleichen, so gibt es Fährten im Gesicht und Fährten im Herzen, denen man nur nachzugehen braucht, um die Ereignisse aufzustöbern, welche ein Menschenkind gerade zu dem machen, was es geworden ist.

Ich wollte ein fleißiger Farmer sein und ein fleißiger Farmer bleiben, aber mein Stecken war doch nach einer andern Richtung hin geschwommen. Mary war tot, der Vater tot; die Mutter nahm sich das so sehr zu Herzen, daß sie bald zu kränkeln begann und sich dann zum Sterben hinlegte; ich konnte es nicht länger da aushalten, wo ich früher so glücklich gewesen war, verkaufte die Farm um ein Billiges an Fred Hammer, der sie an die seine zog, warf die Büchse über die Schulter und ging nach dem Westen, gerade eine Woche vorher, ehe die Betty Hammer einen Mulatten heiratete, der ein sehr hübscher Kerl war und braver, als die Farbigen gewöhnlich zu sein pflegen.

Das war damals ein reges, munteres Leben dahinten in den dark and bloody grounds, besser, viel besser als jetzt; das sage ich euch, und darum könnt ihr’s glauben. Die Rothäute kamen um ein Beträchtliches weiter ins Land herein als heutzutage, und man mußte die Augen offen halten, wenn man sich nicht eines Abends zum Schlafe hinlegen und dann des Morgens ohne Skalp in den ewigen Jagdgründen erwachen wollte. Doch, das war nicht so schlimm, denn etliche drei, vier und auch mehr Indsmen kann man sich schon noch vorn Leibe halten; aber es trieb sich neben den Roten auch allerlei weißes Gesindel dort herum, so etwa was man im Osten Runners und Loafers nennt, oder wie die Tramps, die in neuerer Zeit dem ordentlichen Manne so viel zu schaffen machen, und diese Kerls waren bösartig und durchtrieben genug und mehr zu fürchten, als alle Indianer zwischen dem Missisippi und dem großen Meere zusammengenommen.

Einer besonders machte viel von sich reden, der ein so verwegener Satan war, daß sein Ruf sogar bis hinüber in die Länder des europäischen Kontinentes gedrungen ist. Ihr werdet erraten, wen ich meine, nämlich den Kanada-Bill. Wißt ihr denn aber auch, daß er von Geburt nichts anderes ist, als ein englischer Zigeuner? Er kam zuerst nach Kanada und trieb dort einen ganz leidlichen Pferdehandel, bis er gewahrte, daß mit der Karte doch ein Merkliches mehr zu verdienen sei. Er legte sich auf das three carde monte, und machte mit demselben zunächst die britischen Kolonien unsicher, bis er es zu einer solchen Meisterschaft gebracht hatte, daß er sich auch über die Grenze herüber zu den offenköpfigeren Yankees wagen konnte. Nun trieb er sein Wesen zunächst im Norden und Osten, beutelte die pfiffigsten Gentlemen bis auf den letzten Penny aus und suchte dann den Westen auf, wo er außer dem Spiele noch allerhand Allotria trieb, die ihn zehnmal an den Strick gebracht hätten, wenn er nicht so schlau gewesen wäre, stets den richtigen Beweis abzuschneiden. Hatte er’s bei mir nicht grad ebenso gemacht? Ich wußte, wer der Mörder Marys und des Vaters war; ich konnte tausend Eide auf ihn schwören; aber hatte ich ihn gesehen, als er schoß? Nein, und darum war es unmöglich, eine regelrechte Jury über ihn zusammenzubringen. Aber geschenkt war ihm nichts, darauf könnt ihr euch verlassen; eine gute Büchse ist die beste Jury, und ich wartete bloß darauf, daß mich mein Weg einmal mit ihm zusammenführen werde.

Ich war schon lange nicht mehr grün im Fache, hatte eine gute Faust, ein helles, offenes Auge, einen gesunden Körper und hinter mir einige Jahre voller Mühe und Erfahrung. Zuletzt war ich am oberen Laufe des alten Kansas auf Biber gewesen, hatte einen hübschen Fang gemacht, die Felle an einige Companymänner, welche mir begegneten, verkauft und suchte mir nun eine passende Gelegenheit nach dem Missisippi, denn ich wollte ein wenig hinüber nach Texas, von dem damals so viel erzählt wurde, daß einem die Ohren ordentlich klangen.

Freilich gab es dabei mancherlei Schwierigkeiten, denn die Gegend, durch welche in den Pfad nehmen mußte, war ganz verteufelt unsicher. Die Creeks, Seminolen, Choctaws und Komantschen lagen einander in den Haaren, bekämpften sich bis auf die Messerspitzen und behandelten dabei jeden Weißen als gemeinschaftlichen Feind. Es galt also, die Augen und Ohren offen zu halten. Mein Weg führte mich mitten durch das Kampfgebiet, und ich war ganz allein, also nur auf meine eigene Vorsicht und Ausdauer angewiesen. Sogar ein Pferd mangelte mir; die Companymänner hatten es mir abgeschachert, und ich war darum gezwungen, auf meinen alten Mokassins zu reiten. So hielt ich ungefähr immer auf Smoky-Hill zu und konnte nach meiner Berechnung nicht mehr weit vom Arkansas sein. Ich traf immer mehr Wasserläufe, die sich nach ihm hinzogen, und stieß auf allerlei Getier, welches nur an den Ufern großer Flüsse zu finden ist.

So schritt ich durch den Wald und stieß ganz unerwartet auf die Spur menschlicher Fußtritte. Sie rührten von einem Weißen her, denn die Zehenteile der Fußstapfen standen auswärts und nicht, wie es bei einem Indianer der Fall gewesen wäre, einwärts. Ich folgte den Spuren mit der größten Vorsicht und blieb nach einer Weile verwundert stehen. Eine laute menschliche Stimme ertönte, und ich vernahm aus den Worten, daß eine zahlreiche Zuhörerschaft vorhanden sein müsse.

„So ist vorhin von dem Prokurator gesagt worden, Gentlemen und Ladies, die ihr vor dem Richterhofe versammelt seid, um zu sehen und zu hören, in welcher Weise sich ein Mann, der des Mordes beschuldigt wird, auf der Anklagebank benimmt. Jetzt nun komme endlich auch ich, der Verteidiger dieses Mannes, an die Reihe und werde euch beweisen, daß er vollständig unschuldig ist. Denn das muß ich euch sagen, ich heiße Abraham Lincoln, und der ehrenwerte Sir, dem dieser Name gehört, nimmt nur dann das Mandat eines Klienten an, wenn er die Überzeugung gewonnen hat, daß damit nicht die Verteidigung eines Schurken verbunden ist – –“

„Lincoln, Abraham Lincoln?“ dachte ich. „Da brauche ich nicht zu zögern. Vorwärts, hin zu den Gent’s und Ladies, mit denen er spricht!“

Ich schritt rasch vorwärts. Wahrhaftig, da glänzte mir die helle Fläche des Stromes zwischen die Bäume hindurch entgegen, und auf dem Wasser bemerkte ich die erste Stammlage eines angefangenen Floßes. Darauf stand Lincoln, nicht mit Gentlemen und Ladies, sondern allein, ganz allein, hielt ein aufgeschlagenes Buch in der Linken und focht zur Begleitung seiner Rede mit der Rechten in der Luft herum, als wolle er die Schnaken und Libellen fangen, die über den Wogen spielten.

Er bemerkte mich, als ich an das Ufer trat, ließ sich aber nicht im mindesten stören.

Good day, Master Lincoln! Darf ich ein wenig hinüber zu Euch?“

„Wer ist das? By god, das ist Master Kroner, der sich um seine Braut geschossen hat! Bleibt noch zwei Minuten am Lande, damit ich meine Rede erst vollenden kann! Es kommt sehr viel darauf an, daß ich sie fertig bringe, denn ich habe einen Unschuldigen zu retten, der einen Mord begangen haben soll!“

„So macht fort! Ich werde mich bis dahin hier niedersetzen.“

Ich kann euch sagen, Mesch’schurs, die Rede, welche er that, war ausgezeichnet, und hätte die Sache auf Wirklichkeit beruht, so wäre der Mann ganz sicher freigesprochen worden, Der ganze Vorgang kam mir keineswegs lächerlich vor, denn ich mußte ja bemerken, daß Lincoln sich hier in der Wildnis auf das Amt eines Lawyer vorbereitete. Als er fertig war, sprang ich zu ihm hinüber. Er streckte mir die Hand entgegen.

Welcome, Master Kroner! Wie kommt Ihr hierher zum alten Kansas?“

„Ich war einige Zeit lang droben in Colorado und den Spanish Peaks, habe eine gute Biberernte gehalten und will nun hinunter zum Missisippi, um ein wenig nach Texas zu gehen.“

„Ja, warum geht Ihr denn eigentlich nach dem Westen und bleibt nicht daheim auf Eurer Farm, wo es mir damals trotz der beiden Toten für mehrere Tage so wohl behagte?“

Ich erzählte ihm das Nötige. Er schüttelte mir darauf noch einmal die Hand.

„So ist’s recht! Das Herzeleid ist ein schlimmer Gesell, und man darf sich nicht mit ihm an einen Ort fesseln und zusammenbinden lassen, sondern man schafft es hinaus in das Weite, wirft es hin und kehrt dann als freier Mann zurück. Ich bin noch immer, was ich damals war: ich fälle Holz, wo es mich nichts kostet, und schaffe es dahin, wo ich einen guten Dollar dafür erhalte. Aber dieses soll mein letztes Floß sein, welches ich zusammenhänge; dann gehe ich nach dem Osten und sehe, ob ich dort etwas Besseres zu schaffen vermag. Wäre ich hier fertig, so könntet Ihr mit mir fahren, leider aber werde ich noch gegen vierzehn Tage zubringen.“

„Das thut nichts, Sir! Wenn es Euch recht ist, bleibe ich doch bei Euch. Einem Westmanne kommt es auf eine Woche mehr oder weniger nicht an, und wenn Ihr mir erlaubt, Euch zu helfen, so werden wir in der halben Zeit fertig, was Ihr gewiß nicht für einen Schaden halten werdet.“

„Mir ist’s sehr recht, wenn Ihr bleiben und ein wenig helfen wollt, denn das wird mir auch in anderer Beziehung von Nutzen sein. Die Indsmen schwärmen nämlich seit kurzem wie die Mücken hier umher, und da gelten zwei Männer mehr als einer, wie Ihr wohl wißt. Oder habt Ihr die Büchse immer noch fünf Minuten vor der rechten Zeit bei der Hand?“

„Keine Sorge, Sir! Tim Kroner ist ein besserer Kerl geworden und wird Euch keine Schande machen.“

Well, ich hoffe es! Aber an einer Axt fehlt es, wenn Ihr mit zugreifen wollt. Man müßte da hinunter nach Smoky-Hill gehen, um sie zu holen, und könnte da auch gleich etwas Munition mitbringen, die mir auf die Neige geht.“

„Wie weit ist es hinab?“

„Zwei gute Tagreisen. Doch ließe sich die Sache auch besser und schneller machen. Man hängt noch ein Feld an das Floß, damit es mehr Widerstandskraft besitzt und sich besser regieren läßt, und fährt dann den Strom hinunter, was nicht ganz einen Tag erfordert. Die Stämme läßt man dort vor Anker und hängt sie später hinten an.“

„So werde ich gehen und holen, was wir brauchen.“

„Ihr? Könnt Ihr ein Floß regieren?“

„Wenn ich eins habe, ja, sonst aber nicht. Es wird ja klein genug werden und also nur einen Mann erfordern.“

„Aber der Rückweg ist gefährlich, falls die Indsmen sich nicht in eine andere Richtung schlagen. Es wundert mich, daß sie mir hier noch keinen Besuch abgestattet haben.“

„Es wird gehen, Sir; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Gut. So ruht Euch von der Wanderung aus; ich werde mich sofort an die Arbeit machen, denn morgen muß das Floß fertig sein!“

„Ich bin nicht müde und werde helfen.“

Bounce! Ich sehe, daß Ihr ein brauchbarer Mann geworden seid. Come on also, ans Geschäft!“

Am andern Morgen schon schwamm ich auf dem Wasser. Der Strom war immer frei, hatte ein gutes Gefälle, und so sah ich, als der Abend hereinbrach, das Fort vor mir liegen. Ich lenkte an das Ufer, befestigte meine Stämme und schritt auf die Einfassung zu, welche die festen Blockhäuser umgab, die man hier Festung nannte.

Ein Posten stand vor dem Eingange. Er ließ mich passieren, als ich den Zweck meines Besuches angegeben hatte. Im ersten Hause zog ich nähere Erkundigung ein.

„Da müßt Ihr mit Colonel Butler, welcher hier befehligt, selber sprechen,“ wurde mir geantwortet. „Er befindet sich drüben im Offiziershause.“

„Wer wird mich melden?“

„Melden? Mann, Ihr befindet Euch nicht vor dem weißen Hause in Washington, sondern beim letzten Posten vor der Indianergrenze; da treibt man nicht derlei überflüssige Allotria! Wer durch die Palissaden gelassen wird, darf seine Nase grad dahin stecken, wo schon andre Nasen gewesen sind.“

Ich schritt auf das mir bezeichnete Gebäude zu und trat durch die Thür in ein Parlour, in welchem sich kein Mensch befand. Aber aus dem Nebenraume erklangen mehrere Stimmen und das Geräusch von Gold- und Silberstücken.

Die Thüre war nur angelehnt. Ehe ich eintrat, wollte ich erst sehen, mit wem ich es zu thun bekam, und warf einen Blick durch die Spalte. Inmitten des Zimmers stand eine roh zubehauene Tafel, an welcher vielleicht zehn Offiziere verschiedener Grade saßen und bei dem Lichte von einigen Hirschtalgkerzen Karten spielten. Und grad gegenüber dem Colonel, wahrhaftig, er und kein anderer war es, da saß der Kanada-Bill vor einem mächtigen Haufen von Geld, Goldstaub und Klumpen und warf die drei Blätter hin und her, daß es eine Art hatte.

Sie spielten three carde monte.

Keiner von den Männern konnte mich sehen; ich zögerte, einzutreten, und überlegte eben noch, wie ich den Bill begrüßen solle, als ich dieselbe blitzschnelle Bewegung bemerkte, mit welcher er schon damals die vierte Karte in den Ärmel geworfen hatte. Im Nu stand ich hinter ihm und hatte seinen Arm erfaßt.

„Verzeihung, Gentlemen, dieser Mann spielt falsch!“ sagte ich.

Er wollte aufspringen, kam aber nicht dazu, denn während meine Linke seinen Arm gefaßt hielt, hatte ich ihm die Rechte so fest um den Hals geschnürt, daß ihm der Atem verging und er keine Bewegung erzwingen konnte.

„Spielt falsch?“ fuhr der Oberst auf. „Beweist es! Wer seid Ihr, und was wollt Ihr hier? Wie kommt Ihr in diesen Raum?“

„Ich bin ein Trapper, Sir, und komme, mir einiges aus Eurem Store zu nehmen. Ich kenne diesen Menschen sehr genau; er heißt William Jones oder, wenn Euch der andre Name vielleicht geläufiger ist, der Kanada-Bill.“

„Der Kanada-Bill? Ist’s wahr? Er nannte sich hier Fred Fletcher. Laßt ihn doch einmal los!“

„Nicht eher, als bis Ihr Euch überzeugt habt, daß ich die Wahrheit rede. Er spielt nicht mit drei, sondern mit vier Blättern.“

„Wo ist das vierte?“

„Nehmt es ihm hier einmal aus dem Ärmel!“

Einer der Lieutenants griff zu und brachte die Karte zum Vorschein.

Zounds, Ihr habt recht, Mann, und wir sind Euch allen Dank schuldig, denn der Kerl hat uns ausgesogen beinahe bis auf den leeren Tisch. Laßt ihn nun los; jetzt hat er es mit uns zu thun.“

„Und auch so ein wenig mit mir, Gentlemen. Er hat mir zwei Personen erschossen, die mir die liebsten waren in meinem ganzen Leben, und soll jetzt still halten, bis ich mit ihm abgerechnet habe.“

„Steht es so? Wenn Ihr Eure Behauptung beweisen könnt, so ist es um ihn geschehen!“

Ich ließ die Hand von ihm. Er war beinahe erwürgt und sog die Luft in hastigen, kurzen Zügen ein, ehe ihm das volle Bewußtsein seiner Lage zurückkehrte. Dann sprang er auf.

„Was wollt – –“

Er hielt mitten in seiner Frage inne; denn erst jetzt bekam er mich vor die Augen und hatte mich sofort erkannt.

„Was dieser Mann von Euch will, werdet Ihr zu hören bekommen,“ meinte der Colonel. „Ihr seid William Jones, der Kanada-Bill?“

Damn! Geht mir mit Eurem Kanada-Bill! Ich kenne ihn nicht und heiße Fred Fletcher, wie ich Euch ja längst gesagt habe.“

„Auch gut! Der Name ist uns gleichgültig, denn nicht er, sondern die That wird gerichtet. Ihr habt falsch gespielt!“

„Ist mir nicht eingefallen, Sir! Oder haltet Ihr Euch oder diese Gentlemen etwa für Leute, bei denen man dergleichen Kunststücke riskieren kann?“

„Wir sind ein ehrliches Spiel gewohnt, und in der Voraussetzung, daß Ihr kein Gauner seid, haben wir Euch nicht auf die Finger gesehen. Hätten wir gewußt, wen wir vor uns haben, so wäre Euch der Streich nicht gelungen.“

„Hier kann von keinem Streiche die Rede sein. Ich habe ehrlich gespielt.“

„Und die Karte in Eurem Ärmel?“

„Geht mich nichts an; ich habe sie nicht hineingesteckt. Oder habt Ihr dies vielleicht gesehen, Colonel?“

„So ist sie Euch von selbst hineingeflogen!“

„Oder hineingesteckt worden. Wer mir den Arm gehalten hat, wird wohl wissen, wie sie hineingekommen ist!“

Ich konnte nicht anders, ich erhob den Arm und schlug ihm die Faust auf den Kopf, daß er auf den Stuhl niederfiel.

„Ihr führt einen guten Hieb, Master,“ meinte der Oberst lachend; „aber laßt das lieber sein; es gehört nicht notwendig zur Sache. Wir werden ihn schon zwischen die Hände nehmen, daß er genug bekommt.“

„Ich verlange, daß Ihr mich gegen solche Angriffe schützt, Sir,“ meinte Jones, indem er sich langsam wieder empor zu richten versuchte. „Ich klage diesen Menschen an, mir die Karte in den Ärmel eskamotiert zu haben!“

„Ja, ganz dieselbe Karte, welche Ihr uns einige Sekunden früher vorzeigtet. Laßt Euch wenigstens nicht auslachen! Was meint ihr, Kameraden: erkennt ihr diesen Master Jones oder Fletcher für schuldig?“

„Er hat falsch gespielt; daran ist kein Zweifel!“ erklang es rund im Kreise.

„So laßt uns ihm sein Urteil geben, und das auf der Stelle!“

Sie traten beiseite, um zu beraten. Der Kanada-Bill verriet sich. Er warf einen Blick auf den noch vor ihm liegenden Geldhaufen und einen zweiten nach dem offen stehenden Fenster. Mit einem raschen Griffe erfaßte er von der Münze so viel, als er in der Schnelligkeit zu erlangen vermochte, dann sprang er zum Fenster. Aber schon hatte ich die Büchse erhoben.

„Stopp, Master Jones! Noch einen Schritt und Ihr seid kalt!“ rief ich ihm zu.

Er blickte sich um, sah, daß es Ernst war, und blieb stehen.

„Ich zähle bis drei; liegt dann das Geld nicht wieder an seinem Platze, so gebe ich Feuer. Eins –“

Er setzte den Fuß zögernd zum Tische retour.

„Zwei – –!“

Er legte das Geld zu dem andern.

„So, jetzt setzt Ihr Euch nieder, und wartet ruhig, was geschieht!“

Ich ließ den Lauf des Gewehres sinken. Die Offiziere waren mit ihrer Beratung fertig; sie hatten natürlich den Vorgang beobachtet und traten nun wieder herbei. Der Oberst reichte mir, abermals lachend, die Hand.

„Ihr seid ein ganzer Kerl, Master – – ja, wie nennt Ihr Euch denn eigentlich?“

„Tim Kroner ist mein Name, Sir!“

„Also, Master Kroner, Ihr seid ein ganzer Kerl. Schade, daß Ihr nicht eine Stelle oder so etwas bei meinem Regimente habt!“ Und sich zu Jones wendend, fuhr er fort: „Ihr werdet für Eure Posse fünfzig gute Streiche auf die glatte Haut erhalten, Gem’man, und ich hoffe, daß sie Euch gut bekommen!“

„Fünfzig Streiche? Ich bin unschuldig und erkenne sie nicht an!“

Well, Mylord, so erhaltet Ihr sie unschuldig, und wenn Ihr sie habt, werdet Ihr sie wohl anerkennen müssen. Wollt Ihr aber nachher beim Präsidenten der Vereinigten Staaten dagegen appellieren, so will ich Euch zu diesem Zwecke einen Kreditbrief auf weitere fünfzig oder hundert schreiben. Lieutenant Welhurst, nehmt den Mann hinaus auf den Hof, und sorgt dafür, daß er auch ganz und voll erhält, was er zu beanspruchen hat!“

„Ihr dürft Euch da ganz gehörig auf mich verlassen, Cornel!“ meinte der junge Offizier, indem er auf Jones zutrat.

Go on, Mann; die Fünfzig warten draußen!“

„Ich gehe nicht von der Stelle. Ich will mein Recht!“ rief Jones.

Da fuhr der Oberst auf den Absätzen herum.

„Er ist nicht zufrieden mit seiner Ration, Lieutenant. Gebt ihm zehn mehr, also sechzig! Ich kann das wohl sagen, weil ich die Verantwortung auf mich nehme. Und geht er auch nun nicht mit, so erhält er für jede Minute weitere zehn mehr!“

„Nun?“ fragte der Lieutenant mit drohendem Blick.

„Ich muß gehen; aber dieses three carde monte werdet Ihr vielleicht nicht vergessen, denn ich werde mich an einen Richter wenden, an den jetzt keiner von euch denkt!“

Er schritt voran, und der Lieutenant folgte mit gespanntem Revolver. Jetzt wandte sich der Oberst wieder zu mir.

„Was ist’s mit dem Morde, Sir? Wenn Eure Beweise gut sind, so bilden wir auf der Stelle eine Jury und geben ihm den Strick. Ihr wißt, auf welchem Territorium wir uns befinden, und daß ich das Recht habe, kurzen Prozeß zu machen!“

Ich erzählte ihm das Nötige.

„Da steht Ihr auf schwachen Füßen, wie ich höre,“ meinte der Offizier. „Wir müssen entweder sein Geständnis oder wenigstens einen guten Zeugen haben, auf den man sich verlassen kann. Ich gebe Euch mein Wort: wenn ich ihn verhöre, so heißt er Fred Fletcher und kennt Euch nicht. Und gesehen habt Ihr ja gar nicht, daß der Kanada-Bill derjenige war, welcher geschossen hat; ja, Ihr könnt gar nicht einmal beweisen, daß er bei den Bushheaders gewesen ist. Ich werde mein möglichstes versuchen; das verspreche ich Euch; aber ich weiß genau, daß wir ihn laufen lassen müssen. Das andere ist dann allerdings Eure Sache. Sobald er und Ihr das Fort im Rücken habt, könnt Ihr ja ganz ungestört in Eurer Weise mit ihm sprechen!“

Nach einer Weile wurde der Kanada-Bill wieder hereingebracht. Sein Aussehen war ein entsetzliches. Mit blutunterlaufenen Augen stierte er im Kreise umher und schien die Züge eines jeden Einzelnen seinem Gedächtnisse einprägen zu wollen. Der Oberst begann das Verhör; es führte allerdings zu dem vorausgesagten Resultate.

„Gebt dem Manne alles wieder, was er bei sich trug, und schickt ihn dann unter sicherer Bedeckung stromabwärts fünf Meilen von dem Fort hinweg. Mag er Fred Fletcher oder William Jones heißen; er soll keinen Augenblick länger in unsern Grenzen bleiben!“

So lautete der Schlußbescheid des Colonel. Dann wandte er sich zu mir:

„Ihr seid unser Gast, so lang es Euch beliebt, Master Kroner, und nehmt dann aus unserm Magazine unentgeltlich alles, was Ihr braucht. Oder wollt Ihr dem Manne sofort nach?“

„Ja, wenn Ihr ihn nach einer anderen Richtung geschickt hättet. Aber mein Maat wartet zwei Tagereisen stromauf von hier auf mich; ich muß zu ihm und werde, da die Sachen nicht anders gefallen sind, aufbrechen, sobald ich eine gute Axt und einige Munition bekommen habe. Der Kanada-Bill, so rechne ich, wird meine Spur schon wieder kreuzen!“

Well, Sir, laßt ihn laufen! Solch‘ Ungeziefer kommt sicher wieder vor den Schuß. Die Axt und Munition sollt Ihr haben, und weil Ihr unser Geld gerettet habt, werde ich Euch ein Kanoe mit sechs Ruderern zur Verfügung stellen, welche Euch bis morgen früh wohl über den Halbstrich Eueres Weges hinausbringen werden. Das ist für Euch ein Vorteil und für sie eine Übung, die ihnen bei dem faulen Leben hier recht gut bekommen wird. Doch, nehmt Euch vor den Indsmen in acht! Ich habe weite Außenposten stehen, welche mir melden, daß unsre guten roten Brüder das Kriegsbeil ausgegraben haben.“

Er war also schon gewarnt, und ich konnte meine Bemerkungen sparen. Kaum eine Viertelstunde später saß ich, mit allem Nötigen wohl versehen, schon in der Pirogue und ließ mich von den sechs Männern im schnellsten Tempo gegen die Wogen des alten Arkansas rudern. Der Kanada-Bill war mir so schnell entgangen, wie ich ihn gefunden hatte, doch lag mir der brave Lincoln jetzt mehr am Herzen als er, und, wie ich ja auch bereits zum Colonel gesagt hatte, ich hoffte, ihn schon noch einmal wiederzusehen.

Ich bedurfte der Ruhe und schlief die ganze Nacht im Boote bis weit in den Morgen hinein, und als ich erwachte, bemerkte ich, daß die gute Hälfte meines Weges bereits zurückgelegt sei. Trotz meiner Mahnung setzten mich aber die Ruderer nicht eher an das Ufer, als bis ich ihnen sagte, daß ich unsern Lagerplatz nun noch am heutigen Tage erreichen werde. Dann kehrten sie um, und ich trat schwer bepackt meine Wanderung an.

Am späten Abend traf ich bei Lincoln ein. Er war überrascht über meine schnelle Rückkehr und hörte meinem Berichte über das Geschehene mit außerordentlicher Teilnahme zu,

„Recht so, Tim Kroner, daß Ihr den Jones gehen ließet,“ sagte er. „Ihr trefft schon noch bei einer besseren Gelegenheit auf ihn. Wundern freilich sollte es mich, wenn er die Schläge hinnähme, ohne wenigstens einen Racheversuch zu machen. Es wird mir hier zu schwül; wir wollen fest an die Arbeit gehen, damit wir baldigst von hier wegkommen!“

Wir arbeiteten nun wie die Bären; Stamm um Stamm mußte fallen, und als die Woche vergangen war, hatten wir nur noch das Schlußfeld an das Floß zu fügen.

Ich war eine ziemliche Strecke landeinwärts gegangen, um gute, haltbare Bandruten zu schneiden. Ich hatte ein hinreichendes Bündel zusammen bekommen und streckte mich zu einer kurzen Ruhe auf den Boden nieder. Es war so still rundum, daß ich jedes Blatt fallen hören konnte.

Da vernahm ich aus einiger Entfernung ein leises, ganz leises Rascheln. Es war nicht in den Zweigen, sondern auf dem Boden. War es eine Schlange, ein sonstiges Reptil oder ein Mensch? Nur mit den Finger- oder Zehenspitzen den Boden berührend, kroch ich geräuschlos auf die Stelle zu, und was meint ihr, Gentlemen, was ich sah? Einen Indianer in voller Kriegerrüstung. Es war ein Choctaw, noch jung, denn ihr wißt ja, daß manche Stämme nur die jungen Leute, um deren Mut und ihre List zu erproben, zu Kundschaftern verwenden. Jedenfalls hatte er den Auftrag, das Ufer des Flusses abzusuchen. Er hatte noch keine von unsern Spuren bemerkt und wand sich mit ziemlichem Geschicke durch die Büsche. ich hatte nicht nur einmal schon eine rote Haut geritzt und wußte, daß ich ihn nicht entkommen lassen durfte, wenn ich nicht unser Leben auf das Spiel setzen wollte. Da galt kein Zögern. Ich zog das Messer, zwei Sprünge – er wandte sich nach mir, gab dadurch die Brust frei, und in demselben Augenblick fuhr ihm die Klinge in das Herz.

Der arme Bursche konnte mich eigentlich dauern; er war ohne Kampf und auf seinem ersten Kriegspfade gefallen. Aber die Prairie ist eine grausame, unerbittliche Herrin, die keine andere Schonung kennt, als nur die eigene. Er war so gut getroffen, daß er nicht den geringsten Laut hatte ausstoßen können. Ich ließ ihn liegen, nahm mein Bündel und eilte zu Lincoln.

„Habt Ihr ein wenig Zeit, Sir?“ fragte ich ihn.

„Wozu?“

„Einen Indsman in das Wasser zu schaffen; ich traf ihn zwei Gänge von hier beim Spionieren und gab ihm das Messer.“

Ohne ein Wort zu sagen, ergriff er die Büchse und folgte mir. Bei der Leiche angekommen, bog er sich zu ihr nieder.

„Tim Kroner, Ihr habt einen famosen Stoß. Hättet Ihr den Spion nicht getroffen, so wären wir verloren gewesen. Ich sehe nun, Ihr seid wirklich ein ganzer Mann geworden. Hier meine Hand; wir sagen Du!“

„Topp! Für diese Ehre lasse ich sogar den Kanada-Bill laufen. Aber was nun?“

„Was nun? Sag deine Meinung, Tim; ich möchte sehen, ob du das Richtige triffst!“

„Wir machen das Floß, so weit wir es fertig haben, ganz fertig; das erfordert keine halbe Stunde; dann sehen wir uns nach den Indsmen um, damit wir wissen, woran wir sind. Es ist möglich, daß sie das Fort überfallen wollen, und dann müssen wir den Colonel warnen.“

„Richtig! Greif zu!“

Die Waffen des Indianers wurden unter Moos und Laub versteckt und er dann selbst so unter das Wasser befestigt, daß der Leichnam nicht emporsteigen und vor der Zeit zum Verräter werden konnte. Dann ging es über das Floß her. Die Stämme des Schlußfeldes lagen bereit. Sie bekamen einstweilen Notbänder, da wir diese später mit festeren vertauschen konnten; die bereits fertigen Ruderstangen wurden befestigt; dann brachten wir alles auf Vorrat geschossene Wild nebst den vorhandenen Kien- und Feuerspänen auf das Floß und waren nun, wenn die Not eine schnelle Abfahrt erforderte, zu derselben bereit.

Jetzt kehrten wir zu der Stelle zurück, an welcher ich den Choctaw getroffen hatte, und verfolgten von hier an seine Fährte. Sie war sehr deutlich zu erkennen, was bei einem alten Krieger sicherlich nicht der Fall gewesen sein würde, und wir kamen daher, den Blick immer zur Erde senkend, schnell vorwärts.

So waren wir bereits weit über eine Stunde durch den Wald dahingeschritten, und da es allmählich zu dunkeln begann, besorgten wir schon, daß wir die Spur nicht mehr erkennen und die Indianer nicht finden würden, als wir plötzlich bemerkten, daß wir uns nicht mehr im tiefen Forste, sondern innerhalb einer schmalen Waldzunge befanden, welche sich tief in eine freie Grasfläche schob, die entweder eine größere Lichtung oder eine weite, einschneidende Savannenbucht sein mußte.

Draußen lagen die Gesuchten im Grase oder tummelten ihre mutigen Mustangs umher. Wir zählten über dreihundert Krieger, und da es nur Choctaws waren, konnten wir vermuten, daß die ihnen verbundenen Komantschen auch in der Nähe seien. Wir standen zwischen hohen Farnkräutern und konnten das ganze Lager überblicken, wo man schon die Abendfeuer angezündet hatte. Sie wurden nicht in der unvorsichtigen Weise der weißen Jäger genährt, welche Scheit auf Scheit türmen und so zwar viel Wärme, aber auch eine hohe, verräterische Flamme und dichten Rauch erzielen, sondern nach der vorsichtigen Indianersitte, daß man die Hölzer nur mit den Spitzen in die Flamme legt und sie langsam, Rauch und Flamme regelnd, nachschiebt.

Ein Aasgeier kam über den Wald gezogen und begann, Beute witternd, seine Kreise über der Lichtung zu beschreiben. Einer der Indsmen erhob sich, richtete sein Gewehr empor, drückte los und traf so gut, daß der Raubvogel in einer immer enger werdenden Schneckenlinie zur Erde fiel. Wer der Schütze war, sollten wir sofort hören, denn:

„Uff!“ ertönte es da seitwärts von unserm Standpunkte. „Der Sohn des schwarzen Panthers ist ein großer Krieger. Seine Kugel holt die Schwalbe aus den Wolken!“

Die Worte waren in jenem wunderlichen Gemisch von Englisch und Indianisch gesprochen, dessen sich die Rothäute bedienen, wenn sie mit einem Weißen sprechen. Es steckte also jemand ganz nahe bei uns im Gebüsch, und es waren das nicht eine, sondern zwei Personen, denn wir hörten gleich darauf eine andere Stimme in demselben Idiome antworten:

„Aber auch ein unvorsichtiger Mann. Der Kundschafter ist noch nicht zurück, und wir wissen nicht, ob sich vielleicht Feinde in der Nähe befinden, welche durch den Schuß auf die roten Männer aufmerksam werden könnten.“

„Ein Weißer!“ flüsterte Lincoln. „Der Schuft ist ebenso unvorsichtig wie der Sohn des schwarzen Panthers. Er predigt ja so laut, daß man es drüben in San Francisco hören kann. By god, ohne das gute Uff wären wir den beiden ganz gemütlich in die Hände gelaufen!“

„Fürchtet sich mein weißer Bruder?“ fragte der Indianer mit stolzem Tone. „Er ist zu uns gekommen, um uns das Haus des Kriegshäuptlings zu öffnen, und Manitou hat uns eine gute Medizin gesandt, die unsre Tomahawks scharf und unsre Messer spitz und sicher macht. Das feste Haus der Weißen wird verbrannt, ihr Haupt skalpiert und ihr Pulver von uns genommen werden!“

„Und jeder Offizier muß vorher hundert Streiche leiden; so hat es mir mein roter Bruder versprochen!“

„Der schwarze Panther hat es gesagt, und er bricht nie sein Wort. Deine weißen Feinde sollen die Streiche erhalten, Howgh! Aber der rote Mann kämpft nur mit der Waffe; er schlägt keinen Feind mit der Rute. Du mußt die Streiche selbst geben!“

„Desto besser. Die Krieger der Komantschen kommen noch diese Nacht; dann sind wir stark genug, und wenn die Sonne noch einmal im Westen gesunken ist, wird das Fort vernichtet!“

Zounds, der Kanada-Bill!“ meinte ich leise.

Lincoln nickte und nahm mich bei der Hand.

„Zurück und fort von hier! Wir könnten die beiden niederstechen, hätten aber damit nichts gewonnen, sondern viel verloren. Wir müssen sofort abfahren und den Colonel warnen. Wir kennen jetzt die Zeit des Überfalles, und das ist die Hauptsache. Der Tod dieser beiden Halunken würde eine Änderung darin hervorbringen, die uns nicht lieb sein kann.“

Wir zogen uns leise und vorsichtig zurück und eilten, als wir außer Hörweite gekommen waren, mit raschen Schritten unserm Landeplatze zu. Wir wußten, daß nur ein Kundschafter ausgeschickt worden war; dieser war gefallen, und so hatten wir keine feindliche Begegnung zu fürchten.

Es war kaum eine Stunde vergangen, so schwammen wir bereits auf dem Wasser. Das Floß war größer als dasjenige, mit welchem ich nach dem Fort gekommen war, und seine Führung nahm, besonders da es Nacht war, unsere ganze Kraft und Aufmerksamkeit in Anspruch. Doch ging die Fahrt ganz glücklich von statten, und der Mittag war noch ziemlich fern, als wir bei Smoky-Hill anlegten.

Ein Peloton Infanterie hielt in der Nähe des Wassers Schießübung, welche der Colonel selbst überwachte. Er erkannte mich, bevor ich noch das Land betreten hatte.

„Ah, Master Kroner! Braucht Ihr wieder Axt und Pulver?“

„Heute nicht, Sir, sondern wir kommen, weil ich denke, daß Ihr uns braucht.“

„Ich euch? Wozu?“

Wir sprangen an das Ufer.

„Die Choctaws und Komantschen wollen heute nacht das Fort überfallen.“

„Alle Teufel! Ist’s wahr? Ich habe gewußt, daß sie sich in der Nähe umhertreiben, doch meinte ich, sie hätten mit den Creeks und Seminolen genug zu thun, denen sie noch vor drei Tagen ein hübsches Treffen geliefert haben, wie mir meine Leute berichteten.“

„Der Kanada-Bill hat sie gegen Euch gehetzt.“

„Wißt Ihr das genau, Mann? Dann ist er wieder stromauf gegangen, als ihn seine Bedeckung verlassen hat. Hätte ich dem Menschen doch die Kugel geben lassen! Erzählt!“

„Da seht Euch erst einmal meinen Maat an! Abraham Lincoln heißt er und ist ein Kerl, der es noch zu etwas bringen kann!“

Well, Master Lincoln, will es Euch wünschen! Aber nun macht, daß ich die Hauptsache erfahre!“

Wir erzählten ihm das gestrige Abenteuer.

„Schön, gut!“ lachte er, als wir zu Ende waren, in seiner sichern, überlegenen Weise. „Ich danke euch, Mesch’schurs, für den Wink und werde ihn ganz gehörig benutzen. Wollt ihr das mitansehen, oder schwimmt ihr weiter?“

„Wir bleiben hier, wenn Ihr’s erlaubt, Sir. Ein seltenes Vergnügen darf man nicht versäumen.“

„So kommt herein, und macht es euch bequem!“

„Später!“ meinte Lincoln. „Wir werden unser Floß eine halbe Meile weiter unten anlegen, damit es den Roten nicht vor die Augen kommt. Sie werden auf alle Fälle erst die Umgebung des Forts absuchen, und da ist es nicht nötig, sie wissen zu lassen, daß jemand von oben herabgeschwommen ist. Sie könnten, da ihnen der Kundschafter verloren ging, Verdacht schöpfen.“

Dieses durch die Vorsicht gebotene Vorhaben wurde ausgeführt; dann kehrten wir zum Fort zurück, wo bereits alle Vorkehrungen zum Empfange der Wilden im Gange waren. Die Außenposten wurden eingezogen, um den Indianern das Anschleichen so leicht wie möglich zu machen, die vier Kanonen mit Kartätschen geladen, und jeder Mann erhielt außer der Doppelbüchse oder dem zweiläufigen Karabiner eine Pistole und ein scharfes Bowiemesser. Die Offiziere waren ohne Ausnahme jeder mit mehr als einem Revolver bewaffnet. Es galt, gleich beim ersten Angriffe mit so viel Schüssen wie möglich die Feinde zu begrüßen.

Wir saßen am Abend mit an der Offizierstafel, und es war ganz erstaunlich, was Lincoln in der Unterhaltung für außerordentliche Kenntnisse entwickelte. Trotz seiner Bescheidenheit schlug er einen der Gentlemen nach dem andern, und als die Rede dann auf den Überfall kam, meinte er:

„Die Hauptsache wäre, sie nicht bloß zu empfangen, sondern in der ersten Verwirrung mitten unter sie hineinzufahren. Ich rechne, wenn wir erfahren könnten, wo sie die Pferde lassen, so sind sie auf alle Fälle verloren. Ihr habt ein Detachement Dragoner zur Verfügung, Cornel; laßt diese Leute nach der ersten Salve aufsitzen und sich der Pferde bemächtigen, oder – bounce, da kommt mir ein Gedanke! Habt Ihr Raketen oder sonst ein Feuerwerk in der Hand, vielleicht einige Schwärmer?“

„Die könnt Ihr haben, Sir. Was wollt Ihr damit?“

„Die Pferde versprengen. Tim, gehst du mit?“

„Natürlich!“ antwortete ich.

„So brauche ich weiter keinen, Cornel. Besorgt das Zeug, und laßt uns dann hinaus!“

„Das könnt Ihr doch unmöglich wagen!“

Pshaw! Man hat noch andre Dinge zu wagen als das. Eine Lunte oder zwei müssen wir haben, um uns nicht durch Feuerschlagen zu verraten.“

Aus Rücksicht auf uns wollte man nicht auf diesen Vorschlag eingehen; Lincoln überwand alle Bedenken, und bald schlichen wir, jeder mit einer Lunte und den nötigen Feuerwerkskörpern versehen, hinaus in den Wald.

Die Aufgabe, weiche wir uns gestellt hatten, war schwer und gefährlich, aber mit einiger Vorsicht konnte ihre Lösung gelingen. Es war anzunehmen, daß sie ihre Pferde nicht im Walde anhobbeln, sondern im Freien unter der Aufsicht einiger Leute zurücklassen würden; darum wandten wir uns so bald wie möglich nach rechts, wo sich eine Reihe von Lichtungen, wie kleine Binnenseen, in den Forst hineinzog.

Als wir am Rande der ersten dahinglitten, faßte der voranschreitende Lincoln plötzlich meinen Arm und zog mich in das Gebüsch. Er hatte sehen können, was seine Gestalt mir verdeckte: ein Indianer kam im Schatten der Bäume dahergeschlichen, neben ihm ein Weißer.

„Der Kanada-Bill mit dem schwarzen Panther!“ flüsterte Lincoln.

Es war so dunkel im Schatten, daß man das Gesicht von Jones nicht deutlich erkennen konnte, aber es verstand sich ganz von selbst, daß es kein anderer war. Die beiden gingen als Beobachter voran. In einiger Entfernung von ihnen bewegte sich eine unabsehbare Schlange von Indsmen, von denen immer einer hinter dem andern ging, und wir mußten eine sehr lange Zeit warten, bis der letzte vorüber war.

„Ein schöner Zug, Tim! Erst die Choctaws und dann die Komantschen, zusammen wenigstens sechshundert rote Felle. Der Cornel wird einen harten Stand bekommen und wir nicht minder. Ich hoffe, daß unser Feuerwerk ausreicht!“

Wir setzten unsern Weg fort und hatten kaum den Rand der zweiten Lichtung erreicht, so sahen wir im Halbdunkel der Sternennacht, was wir suchten. Mitten auf dem freien Platze lag eine dunkle Masse. Es waren die Pferde.

„Nur die von dem einen Stamme! Der andre wird die seinen weiter hinten gelassen haben. Komm!“ sagte Lincoln.

Wieder ging es vorwärts bis zu der dunklen Ecke, welche die nächste Lichtung verbarg.

Well, dort sind die andern, und auch die Wächter dabei, hier drei Mann und dort vier. Denkst du, daß wir an sie herankommen können?“

„Warum nicht? Das Gras ist hoch, und wenn wir ihnen den Wind abgewinnen, so daß uns die Tiere nicht verraten, so wird es gehen.“

„Der Indsman überfällt den Feind am liebsten gegen Morgen; diese aber dünken sich so sicher und stark, daß sie schon jetzt beginnen. Ich rechne, sie sind bereits in der Nähe des Forts angekommen; wir können also anfangen. Aber, Tim, nur Messer und Tomahawk darf arbeiten; nur keine laute Waffe!“

Er legte sich zu Boden und wand sich, unsichtbar und geräuschlos wie eine Schlange, durch das Gras. Ich folgte dicht hinter ihm. Wir kamen den drei an der Erde sitzenden Indianern so nahe, daß wir beinahe ihren Atem zu hören vermochten. Ein kleines Hufgefecht zwischen zwei Pferden verursachte ein Geräusch, welches es uns ermöglichte, bis auf Griffweite an den Rücken der ahnungslosen Männer zu kommen. Ich sah das Messer Lincolns blitzen, nahm auch das meine zwischen den Zähnen hervor und stieß zu. Zwei waren still.

„Ugh!“ rief der dritte, emporspringend, sank aber sofort, von dem Tomahawk Lincolns getroffen, wieder zusammen.

„Tot, alle drei! Tim, der Handel fängt nicht unrecht an. Nun zu den vier da drüben! Oder sind’s zu viel?“

„Für dich und mich nicht. Vorwärts!“

Dieses Mal wurde es uns nicht so leicht. Wir mußten, um den Wind gegen uns zu bekommen, einen Umweg machen, und einer von den vier Männern stand aufrecht da, so daß wir von ihm leicht bemerkt werden konnten. Unter Anwendung aller Vorteile kamen wir dennoch immer weiter an sie heran und – ja, da erscholl aus weiter Ferne ein satanisches Geheul, dem ein fürchterlicher Schwall von Schüssen folgte. Die Indianer hatten ihren Angriff auf das Fort begonnen.

„Jetzt ist alles gleich, Tim,“ flüsterte Lincoln. „Nimm den Revolver; aber keiner darf entkommen. Go on!“

Im nächsten Augenblick war er mitten unter ihnen, ich an seiner Seite. Vier leichte Knalle, einige nachhelfende Hiebe und Stiche, und wir waren auch hier Herren des Platzes.

„Das ging! jetzt brauchen wir weder Lunte, noch Feuerwerk, Tim, um ein Meisterstück auszuführen, von dem man hier noch lange erzählen soll. Es sind Indianerpferde, merk’s wohl, und gewohnt, eins hinter dem andern zu gehen. Schnell die Riemen an die Schwänze!“

Das war allerdings ein Gedanke, den nur ein Lincoln haben konnte, aber er kam nicht zur Ausführung, denn wir vernahmen jetzt die tiefen Stimmen der Kanonen und gleich darauf einen hundertstimmigen Schrei, der uns von dem Stande der Dinge sofort überzeugte.

„Es ist keine Zeit dazu; sie fliehen und werden gleich hier sein. Heraus mit den Schwärmern. Spring schnell zur andern Herde. Du brauchst die Tiere gar nicht loszupflöcken, sie reißen sich selbst los. Da drüben bei den Hickorys treffen wir uns!“

Ich eilte zu der ersten Pferdetruppe zurück, riß Feuerzeug und Lunte heraus, setzte die Zünder in Brand und warf dann alles mitten unter die Tiere hinein. Als ich zu den Hickorys kam, wartete Lincoln schon auf mich.

„Paß auf, Tim; es wird gleich losgehen!“ lachte er.

Beide Herden ließen ein verdächtiges Schnauben hören; die Tiere erkannten am Geruche die Gefahr. Da prasselte, knallte und sprühte es los, erst drüben, dann hüben; im Funkenregen sahen wir die glühenden Augen, schnaubenden Nüstern und gesträubten Mähnen der erschreckten und an den Lassos zerrenden Tiere. Dann bäumte es sich empor mit aller Kraft, wogte erst ratlos hin und her, bis es im vollen enggeschlossenen Trupp ausbrach und in der Richtung grad nach dem Fort zu dahinsauste.

„Herrlich, prächtig, Tim! Sie reißen, stürmen und treten ihre eigenen Herren nieder, von denen sicher kein einziger wieder zu seinem Tiere kommt. Ich wette, sie werfen sich in den Fluß und werden dann vom Fort aus leicht gefangen!“

Wir konnten jetzt nichts Besseres thun, als uns in das Gebüsch verbergen. Augen und Ohren blieben offen, und wenn wir auch nichts zu sehen vermochten, so hörten wir desto mehr: das Wutgeheul der enttäuschten Indsmen, welche statt ihrer Pferde die Leichen der Wächter fanden, den Galoppschlag der Dragoner, welche hinter den Fliehenden hergestürmt kamen, das Krachen der Karabiner und Pistolen, welches sich nach und nach in die Ferne verlor, und dann zuweilen ein leises Rascheln, welches von einem Flüchtlinge herrührte, der sich in das Dickicht geworfen hatte.

Erst als der Morgen zu grauen begann, verließen wir unser Versteck und traten auf die Lichtung, wo die Leichen der Getroffenen lagen. Um das Fort herum sah es wie auf einem Schlachtfelde aus; Indsman lag an Indsman, getroffen von den Kugeln der Soldaten, welche hinter den Palissaden jeder seine zwei, drei Mann genommen hatten, und vor dem Thore lag ein entsetzlicher Haufe von Leichen und zerrissenen Gliedern hochaufgetürmt; das hatten die Kartätschen gethan.

Der Colonel empfing uns strahlenden Blickes.

„Kommt herein in den Hof, wenn ihr euer Werk sehen wollt! Ich glaubte euch beinahe verloren, da ihr so spät kommt. Seht hier den Leichenturm! Das ist das Werk des Kanada-Bill, denn kein anderer hat die Roten verführt, einen geschlossenen Angriff zu unternehmen, als der erste Anprall so glanzvoll abgewiesen wurde.“

„Ist er unter den Toten?“

„Hier nicht; er müßte sich weiter draußen finden.“

Im Hofe stand eine ganze Herde eingefangener Indianerpferde.

„Schaut her, Mesch’schurs, euer Eigentum, welches ich euch abkaufen werde, wenn ihr die Tiere nicht mit auf das Floß nehmen könnt. Ich glaube, die Roten lassen es sich nicht gleich wieder einfallen, Smoky-Hill anzugreifen, und das haben wir euch zu verdanken, ohne die wir wohl verloren gewesen wären. Kommt herein, damit ihr seht, wie hoch wir den Gewinn bei diesem three carde monte rechnen können!“ – –

Der Erzähler machte eine Kunstpause, leerte sein Glas, welches ihm inzwischen wieder gefüllt worden war, sah seine Zuhörer einen nach dem andern an, welchen Eindruck er auf sie gemacht habe, nickte befriedigt und fuhr dann fort:

„Wißt ihr, Gentlemen, was ein gutes, schnelles und ausdauerndes Pferd für den Prairiemann zu bedeuten hat? Nehmt dem Luftschiffer seinen Ballon und dem Seemann sein Schiff, und beide haben aufgehört, zu existieren. Ebenso ist auch ein Savannenjäger ohne Pferd rein undenkbar. Und welch‘ ein Unterschied ebensowohl unter den Schiffen als auch unter den Pferden! Pshaw, ich will euch darüber keine Rede halten; aber wenn ich euch sage, daß ich das beste Pferd der weiten Steppe jahrelang zwischen den Leggins gehabt habe, so werdet ihr wissen, was ich meine. Ich habe es gehalten wie mich selbst, ja weit besser noch; wir hatten einander nicht nur ein- oder etlichemal das Leben zu verdanken, und als es endlich unter der Kugel eines roten Halunken stürzte, habe ich es begraben und den Skalp seines Mörders dazu gelegt, wie es sich schickt für einen Westmann.

Und von wem ich es habe, fragt ihr? Von wem anders als von dem schwarzen Panther damals in Smoky-Hill! Es befand sich unter den eingefangenen Tieren, hatte eine dunkle Pantherdecke auf dem Rücken und die Mähne voll eingeflochtener Adlerfedern, Beweis genug, daß es das Tier des Häuptlings gewesen war. Ich bestieg es und fand, daß es die feinste indianische Dressur hatte, die mir vorgekommen ist. Darum konnte ich mich nicht wieder von ihm trennen, brachte es auf das Floß, wo ich ihm einen ganz artigen und trockenen Stand herrichtete, und nahm es dann, als wir den Missisippi erreichten und ich mich von Lincoln trennte, unter den Sattel. Da hat es sich so bewährt, daß mich alle Welt um den Arrow beneidete, wie ich den Hengst nannte, und ich niemals auch nur die geringste Klage über ihn zu führen hatte.

Ich ging nach Texas, trieb mich dann einige Jahre in Neu-Mexiko, Colorado und Nebraska herum und ritt dann sogar nach Dacota hinauf, um mich ein wenig mit den Sioux herumzuschlagen, von denen selbst der schlaueste Trapper noch Klugheit lernen kann.

Da kam ich an den Black-Hills mit einigen Jägern zusammen, von denen ich eine ganz absonderliche Kunde erfuhr. Damals hatte das Ölfieber den höchsten Grad erreicht; die Quellen brachen nur so aus der Erde heraus, und wo es kein Öl gab, da gab es wenigstens viel öliges Geschrei. Freilich gab es ganze Gegenden, die von dem Brennfette trieften, und wer da das Glück hatte, sich das Vorkaufsrecht zu sichern, konnte in einem einzigen Jahre Millionen zusammenwerfen.

Davon sprachen wir, als wir um das Feuer lagen und ein saftiges Stück Büffellende über demselben brieten. Da meinte einer von den Männern:

„Kennt ihr die Hochebene, welche sich von Yankton am Missouri rechts von dem Flusse grad nach Norden zieht und sich dann in die Hudsons-Bai-Länder steil hinunterwirft? Man nennt sie das Coteau du Missouri?“

„Warum sollte man das Coteau nicht kennen? Freilich wagt sich niemand gern hinauf in die finstern, steilen Bluffs und Schluchten, wo der Redman, Bär und Luchs die Herrschaft führen und man nichts erjagen kann als einen elenden Skunk oder eine Wildkatze, die keinen Nutzen bringt.“

„Und dennoch bin ich droben gewesen und habe etwas gefunden, was ich dort nicht gesucht hätte, nämlich den größten Ölmann, den es in den Vereinigten Staaten giebt.“

„Einen Ölmann? Da droben? Wie soll das Öl hinauf auf das Coteau kommen?“

„Es ist oben, das ist genug; wie es hinaufgekommen ist, das geht mich nichts an. Ich bin drei Tage bei ihm gewesen, denn, müßt ihr wissen, der Mann hegt Gastfreundschaft wie selten einer, und hat mich gehalten wie den Präsidenten selbst. Das Öl läuft bei ihm nur so aus der Erde; trotzdem hat er aus Chicago einen Erdbohrer kommen lassen, um es aus größerer Tiefe emporzuholen; Fässer giebt es da zu Hunderten, und so groß, daß man sich mit dem Gaule darin herumtummeln kann, und Geld, ich habe es nicht gesehen, aber Geld muß der Mann haben ganze Säcke voll!“

„Wie heißt er denn?“

„Guy Willmers. Nicht wahr, ein ganz absonderlicher Name? Aber der Mann selbst ist schöner, ein Mulatte zwar, aber ein Kerl wie ein Bild. Und seine Frau, die er Betty nennt, stammt aus Germany drüben. Ihr Vater, ein Master Hammer, hat drunten am Arkansas gewohnt und viel Herzeleid erfahren. Die Bushheaders haben ihm eine Tochter ermordet und – –“

Ich sprang empor.

„Guy Willmers –? Ein Mulatte –? Fred Hammer – nicht wahr, Fred hieß der Mann?“

„Ja, Fred Hammer, eine lange, breitschulterige Figur mit schneeweißem Kopf- und Barthaar. Aber, was ist mit Euch? Kennt Ihr vielleicht diese Leute?“

„Ob ich sie kenne? Besser als euch alle! Fred Hammer wohnte neben uns, und Mary, seine älteste Tochter, war meine Braut, wurde mir von den Bushheaders geraubt und, als wir die Bande verfolgten, mit meinem Vater von dem Kanada-Bill erschossen!“

„Das stimmt, das stimmt! So seid Ihr also der Tim Kroner, von dem mir der Ölprinz so viel Gutes erzählt hat?“

„Der bin ich! Ich ging dann in die Prairie und fand, als ich nach Jahren einmal zurückkehrte, fremde Leute auf der Stelle.“

„Fred Hammer hat gut verkauft und dann ein Geschäft in St. Louis gehabt. Guy Willmers ist für dasselbe gereist und dabei einmal auf das Coteau gekommen, wo er das Petroleum entdeckte. Natürlich sind sie sofort alle hinauf und wissen auch, warum. Ihr müßt sie besuchen, Master Kroner, und werdet damit eine ganz heillose Freude anrichten, das kann ich Euch versichern!“

Zounds, ich will gespießt und gebraten werden wie dieses Stück Büffellende, wenn ich nicht gleich morgen früh aufbreche! Ich habe die Black-Hills satt und will einmal hinauf zu den Redmen, Luchsen und Bären. Vielleicht gelingt es mir auch, ein Loch zu finden, wo ein Michigansee voll Petroleum herausläuft.“

„Vorher aber müßt Ihr die Geschichte von den Bushheaders erzählen. Der Kanada-Bill soll kürzlich in Des Moines gewesen sein und zwölftausend Dollars im three carde monte gewonnen haben. Ein ganz verteufeltes Spiel, wie mir scheint, viel schlimmer noch als das Monte, welches man in Mexiko und da herum treibt.“

„Mich kostete es viel mehr als einen ganzen Berg voll silberne Dollars. Und wie das zugegangen ist, nun, Well, Ihr sollt es hören!“

Ich erzählte die Geschichte, und dann wickelten wir uns in unsere Decken, stellten die erste Wache aus und machten die Augen zu. Aber ich konnte keine Ruhe finden. Der Gedanke an Fred Hammer, Betty und Guy Willmers ging mir im Kopfe herum; die alten Bilder waren in neuer Frische wieder erwacht, und als endlich doch ein kleiner Schlummer über mich kam, träumte ich vom fernen Arkansas, von den beiden kleinen Farmen, von Vater und Mutter, von Mary, die vor mir stand in der ganzen Schönheit und Güte, wie ich sie früher gesehen hatte. Auch der Kanada-Bill war dabei; er wollte mich erwürgen, und als er nach mir faßte, erwachte ich.

„Tim Kroner, Ihr habt die letzte Wache. Die Zeit ist da, wie mir scheint!“

Es war der alte Fallensteller gewesen, der meinen Arm ergriffen hatte; aber, ich sag’s euch, ich hätte viel darum gegeben, wenn ich wirklich den William Jones vor mir gehabt hätte!

Ich hatte mir, um früh zum Aufbruche gerüstet zu sein, mit Vorbedacht die letzte Wache geben lassen. Als sie vorüber war und ich die Leute weckte, erkundigte ich mich bei dem Trapper nach dem Weg, den ich einzuschlagen hatte.

„Ihr reitet immer gradaus nach Osten zum Missouri, geht da, wo der Green-Fork einmündet, über das Wasser und haltet Euch dann am rechten Ufer stromauf. Das Coteau tritt in hohen Vorgebirgen, die wie riesenhafte Kanzeln aussehen und leicht zu zählen sind, an das Thal des Flusses heran. Zwischen der vierten und fünften Kanzel steigt Ihr empor und kommt erst durch einen zwei Tagereisen haltenden Urwald, den Ihr grad nach Norden durchschneidet; dann kommt eine weite Büffelgrasprairie, durch die Ihr in derselben Richtung geht, vielleicht vier Tage lang, bis ein kleiner Fluß kommt, an dessen Ufer Willmers wohnt.“

„Was für Redmen giebt es in der Gegend?“

„Sioux, meist vom Stamme der Ogellallah und das schlimmste Volk, welches ich kenne. Doch kommen sie nur zur Zeit der Frühlings- und Herbstwanderung der Büffel hinauf. Jetzt ist es Hochsommer, und Ihr seid vielleicht vor ihnen sicher. Sie werden sich zwischen den Platte und Niobrara zurückgezogen haben.“

„Ich danke Euch und werde Euch, wenn wir uns irgendwo wiederfinden sollten, von diesem Ritt erzählen.“

„Schön! Grüßt die Leute von mir, und sagt ihnen, daß ich ihnen ihr Glück und Öl von Herzen gönne!“

Ich nahm Abschied von der Gesellschaft, bestieg meinen Arrow und wandte mich dem Osten zu. Ich fand und that alles grad so, wie der Mann mir gesagt hatte. Am Green-Fork schwamm ich über den Missouri und sah die einzelnen hohen, runden Bergmassen, zwischen denen tief geklüftete, wirre Thäler zur Höhe führten. Als ich den vierten Riesen hinter mir hatte, bog ich rechts ein. Die Schlucht war so von herabgestürzten Felsblöcken, Steingeröll und umgestürzten, halb faulen und von allerlei Schlinggewächsen überwucherten Baumstämmen angefüllt, daß ich meine Mühe und Not hatte, mit dem Pferde vorwärts zu kommen, und ich dankte es meinem guten Tomahawk, mit dem ich mir den Weg hauen mußte, daß ich endlich die hohe Ebene erreichte.

Hier befand ich mich mitten im prächtigsten Urwalde, der keine Spur von Unterholz zeigte, so daß ich schnell vorwärts kam. Ich brauchte mit meinem wackern Arrow nicht zwei volle Tagereisen, um die Prairie zu erreichen, vor welcher ich erst Halt machte, um mich mit Dürrfleisch zu versehen, da ich nicht wußte, ob ich auf der Savanne ein jagbares Wild antreffen würde.

Als dies geschehen war, ging es frisch dem Norden zu. Der erste Tag verging ohne ein besonderes Ereignis, der zweite ebenso. Am dritten Morgen hatte ich mich nicht gar zu früh aus der Decke gewickelt und stand eben im Begriffe, Arrow den Sattel aufzulegen, als ich in der Ferne einen Reiter bemerkte, welcher auf meiner Fährte dahergeritten kam.

Wer konnte der Mann sein, der Gründe hatte, diese abgelegene Savanne zu durchreisen? Ich lockerte, mehr aus alter Gewohnheit als aus gebotener Vorsicht, Messer und Revolver und erwartete ihn im Sattel. So war ich auf alle Fälle gerüstet.

Je näher er kam, desto deutlicher konnte ich die Einzelheiten seiner hohen, breiten Figur unterscheiden. Er ritt einen sehr hochbeinigen Klepper, der einen außerordentlich großen Kopf, aber einen desto kleineren und höchst ärmlich behaarten Schwanzstummel hatte; doch vollführte das Tier einen Schritt, vor welchem man alle Achtung haben mußte. Auf dem Kopfe trug er einen Filzhut mit unendlich breiter Krempe; der Leib stak in einem engen Lederkoller, dessen einfacher Schnitt keine Bewegung hemmte, und die Beine steckten in einem Paar Aufschlagestiefel, die bis an den Leib herangezogen waren. Über die Schulter hing die Doppelbüchse und an dem Gürtel der Pulver-, Schrot- und Mehlbeutel; ein Revolver stak neben dem Bowiemesser, und außerdem bemerkte ich zwei sonderbare Gegenstände dort angebracht, die sich später als eiserne Handschellen erwiesen.

Das Gesicht konnte ich wegen der breiten Hutkrempe nicht erkennen. Ich ließ ihn bis innerhalb Schußweite herankommen, und erhob dann die Büchse.

„Stopp, Master! Was thut Ihr hier in dieser Gegend?“

Er hielt das Pferd an und lachte.

Heigh-day, ist das ein Spaß! Tim Kroner, alter Waschbär, willst du mich etwa erschießen?“

„Alle Wetter, diese Stimme sollte ich kennen,“ erwiderte ich, indem ich das Gewehr sinken ließ. „Aber der verfluchte Hut ist mir im Wege. Abraham Lincoln, bist du es wirklich, der hier auf solch einem Ziegenbock in den Morgen hineinreitet?“

„Freilich bin ich es, wenn du nichts dagegen hast! Darf ich jetzt nun hin zu dir?“

„Komm her, und sag‘, was du hier treibst!“

„Erst muß ich wissen, was dich auf deinem Arrow in diese schöne Gegend führt!,

„Ich will einen Bekannten von dir und mir besuchen.“

„Einen Bekannten von uns beiden? Wer ist es?“

„Rate!“

„Sag‘ erst, wo?“

„Da vorn in irgend einem Bluff, wo das Öl wie Wasser laufen soll.“

„Ah, Guy Willmers, den Ölprinzen!“

Good lack, du kennst ihn?“

„Persönlich nicht, aber du hast ja mir den Namen von Fred Hammers Schwiegersohn in Smoky-Hill genannt.“

„So hast du gewußt, daß Fred Hammer nach dem Coteau du Missouri gezogen ist?“

„Nein. Ich weiß, daß Fred Hammer hier wohnt; doch daß es der unsrige ist, ahnte ich erst, als du von einem Bekannten sprachst, denn da fiel mir auch der Name Guy Willmers wieder ein.“

Well, also zu ihnen will ich. Und du?“

„Auch zu ihnen.“

„Was –? Auch –? Was willst du dort?“

„Das ist ein Geheimnis, doch dir kann ich es sagen. Aber nimm die Zügel, und komm vorwärts! Sieh mich einmal an. Für was hältst du mich?“

„Hm, für den tüchtigsten Kerl zwischen Neuschottland und Kalifornien.“

„Das ist eine sehr überflüssige Antwort. Ich meine das Metier.“

„Laß raten, wen du willst, nur mich nicht! Ich schlage lieber einen Büffel nieder, als daß ich ein Rätsel auseinander schieße.“

„Nun, siehst du nichts an mir, was sonst wohl nicht zu einer Trapperausrüstung gehört?“

„Ja, hier die beiden Mausefallen. Ich glaube gar, du bist Policeman geworden!“

„So eigentlich nicht; aber wenn es dir recht ist, so kannst du mich für einen Lawyer halten, der bereits einen kleinen Namen hat. Du hast mich am alten Kansas mit dem Gesetzbuche und bei der Rede getroffen; das war meine Universität, und, schau, ich habe sie nicht umsonst besucht!“

„Ein Lawyer also! ja, ich hab’s gewußt, daß du einen guten Weg emporsteigen wirst, und glaube, du wirst auf dem jetzigen Punkte nicht lange stehen bleiben. Doch was hat der Lawyer mit deinem Ritt zu thun?“

„Sehr viel! Der Westmann mit seinem scharfen Spürsinn steckt noch im Lawyer, und da ist es mir einige Male gelungen, ganz besonders raffinierten Verbrechern, die selbst dem geschultesten Policeman gewachsen waren, das Handwerk zu legen. Nun hat sich da unten in Illinois und Iowa ein ausgefeimter Loafer den Spaß gemacht, verschiedene Geld- und Verwaltungsgrößen gehörig an der Nase zu führen, und weil ihn kein Detective bisher zu fangen vermochte, ist mir der schöne Auftrag geworden, ihn zu suchen und ihn wo möglich lebendig der Gerechtigkeit zu überliefern. Dieses wo möglich giebt mir natürlich die Erlaubnis, nach Befinden Gebrauch von der Waffe zu machen.“

„Wie heißt der Kerl?“

„Er trägt einige Dutzende von Namen, von denen man nicht weiß, welcher der richtige ist. Seinen letzten Geniestreich, die Fälschung bedeutender Wechsel, hat er in Des Moines ausgeführt, und von da schien seine Spur nach dem Coteau zu gehen, jeder Verbrecher hat eine schwache Stelle, die ihn kenntlich macht und früher oder später vor den Richter bringt; bei diesem ist es die Vorliebe für Ölmänner; er scheint in diesem Fache gut bewandert zu sein, und ich vermute, daß er zu Guy Willmers gegangen ist.“

Heigh-ho, das sollte ihm nicht gut bekommen! Ich hoffe, wenn er dort zu finden ist, werde ich ein Wörtchen mit ihm sprechen. Der Kanada-Bill wird’s doch nicht sein?“

„Nein. Warum?“

„Weil dieser zuletzt in Des Moines gesehen wurde, wo er zwölftausend Dollars gewonnen haben soll.“

„Ich weiß es. Er ist von dort spurlos verschwunden und wird, wie immer, an einem andern Orte wieder auftauchen, wo man ihn am wenigsten vermutet. Er ist ein ganz gefährlicher Mensch, und zwar ganz besonders deshalb, weil man ihm das Spiel nicht verbieten kann und er seine andern Streiche in einer Weise vollführt, daß man seine Handhabe findet. Es sollte mich wundern, wenn wir ihm nicht begegneten, denn so oft wir beide uns getroffen haben, ist er es gewesen, mit dem wir es zu thun hatten.“

Der Ritt wurde natürlich nun in Gemeinschaft fortgesetzt. Wir hatten noch ein Nachtlager hinter uns zu legen und mußten dann dem Flusse nahe sein. Freilich war es unmöglich, ihn aus der Ferne zu bemerken; wir schauten fleißig nach Spuren aus, bemerkten aber nichts Nennenswertes als endlich einen eigentümlichen Geruch, welcher von Viertelstunde zu Viertelstunde auffallender wurde.

Lack-a-day! Was ist das wohl für ein Parfüm, welches meine Nase infiziert, als hätte mich ein zweielliger Skunk angespritzt?“ fragte ich. „Kannst du mir’s sagen, Abraham? Das ist nicht Truthahn-Bussard, auch nicht Boudinsgeruch, Kammas-Odeur noch weniger. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich aus diesem Veilchenduft machen soll!“

„Sagen könnte ich dir’s schon; aber soll ich wirklich so einen erfahrenen Woodsman, wie du bist, belehren? Mach‘ nur die Nase noch ein wenig weiter auf, dann kannst du gar nicht fehl riechen!“

Ich sog die Luft stärker ein, aber vergebens.

„Ich bring’s nicht weg, Abraham. Das riecht wie Leiche, wie Harz und Kien, meinetwegen auch wie Firniß oder Lack.“

„Bist du noch nicht im Venango-County gewesen oder am Oil-Kanawha?“

„Nein, aber Oil-Kanawha? Ja, jetzt hab ich’s; das ist Petroleumgeruch, und ich glaube, der Fluß muß sich nun bald zeigen!“

Es war allerdings vor uns nichts zu sehen als die weite, ebene Prairie, doch nach einiger Zeit bemerkten wir einen Dunststreifen, welcher sich von Ost nach West über die Savanne zog; wir kamen ihm schnell näher, und als wir ihn erreichten, hielten wir auch an dem Ufer des Flusses. Seine Ufer waren mit Anlagen, wie sie die Petroleumgewinnung mit sich bringt, bedeckt. Oben, einige hundert Pferdelängen vom Wasser entfernt, stand neben umfangreichen Fabrikräumlichkeiten ein außerordentlich stattliches Wohngebäude; weiter unten sah ich hart am Wasser einen Erdbohrer in voller Thätigkeit, und seitwärts davon zog sich eine Reihe kleiner Häuschen hin, welche jedenfalls als Arbeiterwohnungen dienten. Wo das Auge nur hinblickte, waren Dauben, Böden, Reifen und fertige Fässer, teils leer, meist aber mit dem vielbegehrten Brennstoffe gefüllt, zu sehen.

Good lack, hier ist’s!“ sagte ich. „Nur möchte ich wissen, auf welche Weise dieser Guy Willmers das Öl unter die Leute bringt. Das Coteau bietet doch weder Weg noch Steg für die schweren Fuhrwerke, welche dazu nötig sind!“

„Siehst du nicht die großen Kähne unten im Wasser? Auf ihnen bringt er die Fässer in den Missouri, von wo aus dann der Weg offen steht.“

Lincoln schnallte die Handschellen vom Gürtel los und fuhr fort:

„Ich will die Armspangen nun unter die Decke nehmen. Es ist nicht notwendig, daß sie verraten, weshalb ich komme!“

Als wir das Haus erreichten, trat ein Arbeiter aus der Thür.

Good day, Mann! Ist hier der Ort, wo ein Master Willmers wohnt?“ fragte Lincoln.

Yes, Master. Geht nur hinein. Die Gent’s und Ladies sitzen soeben beim Essen!“

Wir pflockten die Pferde an und traten ein. Im Speisesaale saßen Fred Hammer, Guy Willmers und Betty; ich erkannte sie sofort wieder. Zwei junge Ladies, welche dabei waren, mußten die Töchter sein, zwischen denen ein Gentleman saß, den ich nicht kannte. Willmers erhob sich.

„Nur näher, Mesch’schurs! Was bringt ihr uns?“ fragte er.

Einen ganzen Kürbis, voll Grüße von einem gewissen Tim Kroner, wenn ihr den Mann vielleicht kennt!“ antwortete ich.

„Von unserm Tim? Das ist ja – – heigh-ho, du bist’s ja selber, alter Bär! Beinahe hätte ich dich nicht wieder erkannt. Die Prairie hat dir ja einen Bart gemacht, daß nur die Nasenspitze zu erkennen ist. Welcome tausendmal! Hier, gieb auch den andern deine Hand!“

Na, das wurde ein Empfang, mit dem ich herzlich zufrieden sein konnte! Ich wurde beinahe erdrückt und fand kaum Zeit, an meinen Gefährten zu denken:

„Und hier habe ich euch einen mitgebracht, den ihr auch noch kennen müßt! Oder habt ihr Abraham Lincoln vergessen, der uns damals hinter den Bushheaders herführte?“

„Abraham Lincoln? Wahrhaftig, er ist’s! Willkommen, Sir, und nehmt es nicht übel, daß wir nicht sofort an Euch dachten! Ihr habt Euch um ein weniges verändert, seit wir uns nicht sahen.“

Wir mußten uns, so wie wir da standen, mit zur Tafel setzen, und erst jetzt wurde des fremden Mannes Erwähnung gethan.

„Hier ist unser Sir David Holmann aus Young-Kanawha, der uns seit einer Woche mit seinem Besuche beehrt,“ wurde er uns vorgestellt. „Er ist Besitzer einer ganzen Reihe von Oil-Creeks und zu mir gekommen, um wegen des Exportes einige Fragen mit mir zu erörtern,“ meinte Willmers. „Später kann ich euch auch Master Belfort vorstellen, der ins Thal gegangen ist, um unsere Arbeiterwohnungen kennen zu lernen. Ein feiner Gentleman, sage ich euch, voll Erfahrung und Geschicklichkeit, wie selten einer. Er versteht, mit der Karte die ganze Hölle herbeizuzaubern.“

Es entspann sich eine sehr lebhafte Unterhaltung, und es wunderte mich, daß Lincoln während derselben so außerordentlich einsilbig blieb. Warum warf er zuweilen, wenn Master Holmann es nicht bemerkte, einen so scharfen, forschenden Blick auf ihn? War er vielleicht der Mann, den er suchte?

Da ging die Thür auf, und ich konnte nicht anders, ich mußte aufspringen und den Eintretenden mit stieren Augen betrachten. Das dunkle Haar und der dichte, schwarze Vollbart machten mich irre, vielleicht auch die Kleidung, welche die eines wohlhabenden Gentleman war; aber ich hätte schwören mögen, daß – – doch ich kam nicht dazu, meinen Gedanken Worte zu geben; Guy Willmers erhob sich.

„Hier kommt Master Belfort, den ich euch hiermit vorstelle, Gentlemen! Er ist – –“

„Master Belfort?“ sagte Lincoln. „Ich meine, der Mann kann ebenso gut Fred Fletcher oder William Jones heißen, wenn er nur zugiebt, der Kanada-Bill zu sein!“

„Der Kanada-Bill?“ fragte Fred Hammer, indem er nach dem ersten besten Messer griff und sich erhob.

„Nehmt Eure Zunge in acht, Sir!“ meinte Jones; denn er war es wirklich; ich erkannte ihn auch jetzt an der Stimme. „Einen Gentleman beleidigt man nicht ungestraft.“

„Das ist richtig,“ antwortete Lincoln, „doch bin ich gewiß, keinen Gentleman beleidigt zu haben. Wie viel Klettenwurzel und Höllenstein habt ihr verbraucht, um Euer Haar schwarz zu färben? Ich gebe Euch den guten Rat, bei späterer Gelegenheit einen Bleikamm mit zu gebrauchen, dann werden auch die Haarwurzeln schwarz, die bei Euch vollständig hell geblieben sind. Master Willmers, Ihr sagtet, daß er mit der Karte zu zaubern verstehe. Hat er Euch nicht ein wenig three carde monte gezeigt?“

„Ja, und ein schönes Geld abgenommen,“ antwortete Fred Hammer. „Ich bin alt, und meine Augen sind schwach geworden, sonst müßte ich ihn sofort erkannt haben; jetzt aber ist kein Zweifel mehr, daß ich Marys Mörder vor mir habe, und, by god, er soll seine Bezahlung auf der Stelle erhalten!“

„Wollt Ihr Euern Gast erstechen, Fred Hammer?“ fragte der Kanada-Bill. „Könnt Ihr mir nachweisen, daß ich es wirklich gewesen bin, der Eure Tochter erschossen hat?“

„Und meinen Vater auch!“ fiel ich ein. „Nein, nachweisen nicht, aber beschwören können wir es. Und ebenso, daß Ihr in Smoky-Hill sechzig aufgezählt bekamt und dann die Indsmen brachtet.“

„Ich? Die Sechzig kann ich nicht wegleugnen,“ lachte er grimmig, „und ich werde eines schönen Tages ihretwegen mit Euch abrechnen; aber beweist mir einmal das von den Rothäuten! Könnt Ihr es?“

„Wir, nämlich ich und Master Lincoln hier, standen hart bei Euch, als Ihr mit dem schwarzen Panther den Schuß seines Sohnes beobachtetet und Euern Plan bespracht, und wir standen an der Lichtung, als Ihr die Indsmen geführt brachtet, Ihr mit dem Häuptling voran. Wir teilten natürlich dem Cornel Euer Vorhaben mit und machten dann mit Feuerwerk Eure Pferde locker. Das war ein Hauptstreich! Nicht, Master Jones?“

Er erfuhr diese Thatsachen natürlich jetzt zum ersten Male; seine Augen funkelten, und seine Hände ballten sich zusammen; aber er sah, daß er sich beherrschen müsse.

„Habt ihr mich wirklich so deutlich erkannt, daß ihr mir so etwas sagen dürft, Mesch’schurs?“ zischte er.

Jetzt trat Lincoln hart an ihn heran.

„Ich will Euch sagen, Mann, daß wir mit Euch schnell verfahren könnten. Ihr wißt ja wohl, daß Master Lynch ein strenger Gesell ist. Aber seid Ihr Gast in diesem Hause, und ich will ehrlich gestehen, daß wir bei Smoky-Hill wohl Eure Stimme erkannt und dann Eure Gestalt gesehen, Euch aber nicht so deutlich weggebracht haben, daß wir Euch mit gutem Gewissen eine Kugel geben könnten. Wir sind freie Bürger der Vereinigten Staaten und richten nur nach vollständigem Beweise! Das Geld, welches Ihr diesen Gentlemen hier abgenommen habt, werden sie wohl nicht zurückverlangen; dazu steht ihnen der Kanada-Bill zu niedrig, und darum will ich Euch meinen Bescheid sagen: Ihr verlaßt sofort diesen Ort, und zwar binnen zehn Minuten; in der elften aber beginnt meine Büchse zu sprechen; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Seid Ihr vielleicht Herr und Besitzer des oil-work hier?“ fragte jetzt David Holmann. „Ihr könnt Master Jones nichts beweisen, und unser Spiel ist ein ehrliches gewesen!“

„Ein Ölprinz bin ich allerdings nicht, Gem’man, aber doch etwas, vor dem man Respekt zu haben pflegt. Und wenn ich diesem Manne meinen Bescheid sage, so weiß ich ganz genau, was ich thue!“

„So laßt dieses etwas einmal sehen, Sir!“

„Hier ist es!“

Er zog ein Papier aus der Tasche, reichte es ihm und gab mir einen Wink, den ich sofort verstand. Ich ging hinaus und holte die Handschellen unter der Pferdedecke hervor. Als ich eintrat, sah ich Holmann bleich in das Papier starren.

„Nun, Master Holmann oder Waller oder Pancroft oder Agston, wie gefällt Euch dieses Dekret?“ fragte Lincoln. „in Iowa und Illinois, besonders aber in Des Moines hat man großes Verlangen nach einem Menschen, der in Young-Kanawha eine ganze Reihe von Öl-Creeks besitzen will. Es ist wirklich schade, daß Euch der kleine linke Finger fehlt; seine Abwesenheit hat Euch verraten. Ich werde unsern Freund Willmers von zwei Gästen befreien, die nicht an eine so anständige Stelle gehören!“

„Stopp, Sir, so weit sind wir noch nicht!“ rief Holmann.

Er warf einen forschenden Blick nach Thür und Fenster.

„Ich denke, wir sind so weit. Und wenn Ihr es nicht glauben wollt, so seht Euch einmal diese Juwelen an, die ich Euch jetzt anlegen werde!“

Er nahm mir die Handschellen ab, und ich griff zum Revolver. Auch Holmann fuhr nach seiner Tasche.

„Weg mit der Hand, oder ich schieße!“ drohte ich ihm.

„Seht Ihr’s, daß wir soweit sind?“ lachte Lincoln. „Gebt die Hände ruhig her, denn ich sage Euch: Ihr habt meine Vollmacht gelesen, die Euch mir vollständig in die Hände giebt. Ich zähle bis drei. Habt Ihr dann die Eisen noch nicht an den Händen, so schmeckt Ihr die Kugel. Tim, drücke los bei drei!“

Er trat zu ihm hin und öffnete die Schellen.

„Eins – – zwei – –!“

Holmann sah, daß es Ernst war; er hielt die Hände hin und ließ sich fesseln. Dann wandte sich Lincoln zu William Jones.

„Fünf Minuten sind vorüber; Ihr habt nur noch die andern fünf. Ich spaße nicht. Macht Euch von dannen!“

Fred Hammer hatte noch immer sein Messer in der Hand. Er legte Jones die Faust drohend auf die Schulter und sagte:

„Vorwärts, Mann! Ich werde dafür sorgen, daß Ihr ohne Mühe und Störung weiter kommt!“

Er schob ihn zur Thür hinaus, und wenige Augenblicke später sahen wir den Kanada-Bill fortreiten. Da trat ein Arbeiter ein.

„Master Willmers, soll der Bohrer weiter arbeiten? Der Ingenieur läßt sagen, daß in einer Viertelstunde das Öl kommen werde, wenn wir fortbohren.“

„Endlich! Aber setzt die Hemmung ein. Ich muß erst bekannt machen, daß kein Licht und Feuer gebrannt werden darf, sonst kann es ein Unglück geben. Der Abend ist nahe, daher soll das Öl erst morgen seine Freiheit haben!“

Der Mann ging, den Befehl auszurichten.

Ihr müßt nämlich wissen, Gentlemen, wenn der Bohrer das Öl trifft, so steigt es in einer hohen Säule aus der Erde empor, und die leichten, gefährlichen Gase, welche natürlich zuerst kommen, dürfen nicht die kleinste Flamme finden, sonst entsteht ein fürchterlicher Brand, der sich so schnell entzündet und verbreitet, daß ihm nichts zu widerstehen vermag.

„Habt Ihr nicht einen festen Raum,“ wandte sich jetzt Lincoln an Willmers, „in welchem wir unsern guten Sir Holmann aufbewahren können?“

„Ein sehr gutes und sicheres Kabinett. Kommt!“

Die drei gingen ab, und ich hatte nun sehr zu thun, Betty und den beiden kleinen Ladies den Vorgang, welcher so unerwartet über sie gekommen war, zu erklären. Als wir alle wieder beisammen saßen, ergossen sich Hammer und Willmers in Dankeserklärungen gegen Lincoln, welche dieser nach Kräften von sich wies. Er wollte schon am nächsten Morgen wieder fort, stieß aber auf allgemeinen Widerspruch.

„Ihr müßtet mit Eurem Gefangenen den weiten beschwerlichen und gefährlichen Ritt über das Coteau hinunter nach Iowa machen,“ erklärte ihm Willmers. „Wartet aber noch einige Tage, so gehen hier drei Kähne den Fluß hinunter in den Missouri, und Ihr könnt in aller Bequemlichkeit Passage nehmen. Bis Yankton und Dacota seid Ihr schnell und habt dann nur die kurze Strecke bis hinüber nach Des Moines zurückzulegen. Ihr bleibt also hier. Euer Gefangener ist Euch sicher!“

Lincoln sah das Vorteilhafte des Anerbietens ein und gab nach.

Der Abend kam. Wir hatten unsere Pferde losgepflockt und ließen sie frei grasen gehen. In den Stall durften wir sie nicht bringen; sie waren die Freiheit gewöhnt und hätten sich in dem engen Raume Schaden gethan. Die Gent’s und Ladies außer mir saßen plaudernd im Parlour; ich schritt am Flusse abwärts, weil ich nach den Pferden sehen wollte. Es war sehr dunkel, so daß ich die ölhaltigen Wogen kaum von dem festen Boden unterscheiden konnte.

So kam ich bis an die Stelle, wo wir bei unserer Ankunft den Erdbohrer in Thätigkeit gesehen hatten. Etwas oberhalb derselben war ein Wassergang herüber geleitet, in welchem sich ein Rad bewegte. Ein leise knirschendes Geräusch ließ mich stehen bleiben. Sollte sich der Bohrer noch in Gang befinden? Ich verstand nichts von der Sache, aber eine plötzliche Angst kam über mich. Da tauchte über dem Graben drüben ein Licht auf, nicht im Freien, sondern es blinkte durch die zerrissenen Bretterwände, zwischen denen sich das Bohrwerk befand. Hatte nicht Willmers jedes Licht verboten? Ich lauschte. Da hörte ich Schritte. Eine Gestalt huschte an mir vorüber, noch eine. Die Finsternis verhinderte mich, genau zu sehen, aber es war mir, als hätte ich Jones und Holmann unterschieden.

Sie waren in der Dunkelheit verschwunden, ehe ich ihnen zu folgen vermochte. Ich eilte, so schnell ich konnte, zurück, trat in das Parlour und fragte Lincoln:

„Ist Holmann noch fest, Abraham?“

„Warum? Vor einer halben Stunde war ich bei ihm.“

„Ich glaube, ihn und Jones beim Bohrer gesehen zu haben. Es brennt Licht dort, und das Rad geht.“

„Licht brennt, und das Rad geht?“ rief Willmers. „Um Gottes willen, sollte er ausgebrochen sein? Er hat gehört, daß das Öl kommen will und – – schnell, schnell, nachgesehen, wo er ist!“

Wir eilten hinaus. Die eisernen Riegel vor der festen Thür des Gewölbes, in welchem man den Gefangenen untergebracht hatte, waren vorgeschoben. Es wurde geöffnet; er war fort.

„Der Kanada-Bill ist zurückgekehrt und hat ihn befreit!“ rief Lincoln. „Wir müssen – –“

„Laßt sie, Sir!“ fiel ihm Willmers in die Rede. „Morgen früh müssen wir ihre Spuren finden und werden ihrer Fährte folgen, Sie sind uns sicher. Aber der Bohrer! Fort, hinunter zu ihm!“

Die Frauen konnten vor Angst nicht sprechen. Wir Männer stürzten hinaus in das Freie. Doch kaum hatten wir einige Schritte gethan, so ertönte ein gewaltiger Donnerschlag, und es war mir, als sei die Erde auseinander gerissen worden. Der Boden erzitterte, und als ich, auf das tiefste erschrocken, aufblickte, sah ich in der Gegend des Bohrers eine glühende Feuergarbe wohl sechzig oder noch mehr Fuß in die Höhe steigen; zugleich verbreitete sich ein penetranter Gasgeruch, welcher uns fast den Atem benahm.

„Das Thal brennt!“ schrie Willmers, und er hatte recht. Von dem Bohrloche abwärts loderte auf und über dem Flusse ein glühendes Feuermeer. Jones hatte Holmann befreit, und beide hatten, um sich zu rächen, den Erdbohrer wieder in Bewegung gesetzt und ein Licht dazu gestellt. Unglücklicherweise war das nur. ganz kurze Zeit vor dem Augenblicke geschehen, an welchem der Bohrer in der Tiefe auf das Petroleum treffen mußte. Es wurde im Bohrloche empor getrieben, und die Gase, die es mit sich führte, hatten sich an dem brennenden Lichte entzündet. Nun schien abwärts von uns die ganze Atmosphäre zu brennen. Glücklicherweise konnte das Feuer uns nicht erreichen, und auch die Arbeiter nicht, deren Wohnungen nicht ganz am Flusse lagen. Dennoch lief ich hinunter, um zu sehen, ob sie vielleicht der Hilfe bedürften. Da erblickte ich eine Gestalt, welche dagestanden hatte, um das Feuer zu betrachten, aber sofort davonrannte, als sie mich bemerkte. Diese Flucht kam mir verdächtig vor, und ich lief nach. Je näher ich dem Manne kam, desto deutlicher sah ich, daß er durch irgend etwas im Laufen gehindert wurde; seine Arme bewegten sich nicht. Ich verdoppelte meine Schnelligkeit, erreichte ihn und erkannte Holmann, dessen Hände noch in den Schellen steckten. Ich faßte ihn, warf ihn nieder und kniete auf ihn; er versuchte, sich zu wehren. Der Handschellen wegen konnte sein Widerstand von keiner Bedeutung sein. Ich riß ihm das Tuch vom Halse und band ihm damit die Füße zusammen. Er knirschte vor Wut mit den Zähnen und funkelte mich mit grimmigen Augen an, ließ aber kein einziges Wort vernehmen. „Guten Abend, Master!“ sagte ich. „Euer Spaziergang hat nicht lange gedauert. Wollt Ihr mir wohl mitteilen, wo William Jones steckt?“

Er antwortete nicht.

„Gut! So werden wir versuchen, ihn ohne Euch zu finden.“

Ich nahm ihn beim Kragen und schleifte ihn nach dem Wohnhause zurück, wo er sofort wieder eingesperrt wurde. Dann zerstreuten wir Männer uns, um nach Jones zu suchen. Wir hatten Zeit dazu, weil wir das Feuer jetzt doch nicht bewältigen konnten; aber alle Mühe war vergebens; wir fanden ihn nicht; er war entkommen.

Das Feuer brannte, wie ich vorher berichten will, noch einige Tage fort; dann gelang es dem Ingenieur, es zunächst einzudämmen und dann ganz auszulöschen. Viel geschadet hat es nicht, wenigstens nicht soviel, wie Jones und Holmann beabsichtigt haben mochten, von denen es wahrscheinlich auf unser Leben abgesehen war. Später hörte ich einmal, daß der Kanada-Bill sich am untern Missisippi sehen lasse und mit dem Spiele ein schönes Geld verdiene. Seitdem sind Jahre vergangen; ich hoffe aber, daß er noch lebt und mir einmal in die Hände kommt. Dann ist ihm meine Kugel sicher und gewiß.

Holmann wurde, als die Kähne nach dem Missouri gingen, von Lincoln fortgeschafft. Das gab einen Abschied, der mir nicht wenig zu schaffen machte, denn der brave Abraham war mir gewaltig an das Herz gewachsen. Ich durfte nicht mit. Fred Hammer und Guy Willmers meinten, das ginge nicht, und die Ladies baten so schön, daß ich nicht anders konnte, ich mußte bleiben.

Später erfuhren wir, daß Holmann für die Lebenszeit in die Zelle gekommen ist.

Abraham Lincoln ist, wie ich es ihm ja gesagt hatte, nicht beim Lawyer stehen geblieben, sondern hat es bis zum Höchsten gebracht, was ein braver self-man werden kann; er ist Präsident der Vereinigten Staaten geworden und hat leider für das, was er Gutes that und wollte, einen Schuß bekommen; Fluch dem Schurken, der ihn abfeuerte!

Und ich? Man ließ mir keine Ruhe, ich mußte bei Willmers mein Wigwam aufschlagen. Arrow ist damit nicht zufrieden gewesen, und auch ich habe zuweilen ein so heilloses Zwicken in den Gliedern bekommen, daß ich zu Büchse und Tomahawk gegriffen habe und auf einen Monat oder zwei hinausgeritten bin in die Savanne und die Woodlands, wo ich den Ölgeruch vergessen und den Büffeln oder Indsmen zeigen konnte, daß Tim Kroner noch keine Lust habe, die schöne Prairie mit den ewigen Jagdgründen zu vertauschen. Zwischen Longs Peak und den Spanish Peaks ist mein Jagdrevier, und dort habe ich mir den Namen geholt, mit dem ihr mich vorhin genannt habt, nämlich, der „Coloradomann“, Mesch’schurs. Und es ist wahr, was ihr vorhin sagtet, daß ich nämlich der beste Jäger weit und breit bin. Möchte einen andern sehen, der es mit mir aufnimmt, mag es sein, in was es wolle. So! Und nun habe ich euch den Willen gethan und bin mit meiner Erzählung fertig.“ –

Der Erzähler hatte die Behauptung, daß es niemand mit ihm aufnehmen könne, im Tone vollen Bewußtseins gesagt. Diese Selbstgefälligkeit schien einem der Anwesenden nicht ganz am Platze zu sein; denn er sagte:

„Dank für Eure schöne Geschichte, Sir, und allen Respekt vor Euch, Mr. Kroner. Man weiß, was man von dem Coloradomann zu halten hat; aber sollte es doch keinen andern geben, der sich neben Euch stellen kann?“

„Wer könnte das sein?“ fragte der Selbstbewußte.

„Winnetou zum Beispiel.“

Pshaw! Das ist ein Indianer!“

„Old Firehand?“

„Habe es oft mit ihm aufgenommen!“

„Old Surehand?“

„Kann mich auch nicht irre machen.“

„Old Shatterhand?“

„Bin oft mit ihm geritten und habe nichts von ihm lernen können. Das sind alles Leute, an denen der Name das bedeutendste ist. Gerade Old Shatterhand hat in meinem Beisein manchen Fehler gemacht, den ich für unmöglich gehalten hätte. Er hat viel Körperkraft; das ist aber auch alles!“

Bei diesen Worten stand er auf und näherte sich meinem Tische. Er war kein übler Erzähler, und ich hatte ihm mit Interesse zugehört, obgleich ich mir das Meine dabei dachte. Diese Gedanken schienen sich meinem Gesichte aufgeprägt zu haben, denn er stellte sich jetzt breitspurig vor mich hin und fragte mich:

„Ich habe vorhin, als Ihr mit Mutter Thick spracht, gehört, daß Ihr ein Dutchman seid, Sir?“

Das Wort Dutchman wird den Deutschen gegenüber als Schimpfwort gebraucht; dennoch antwortete ich ruhig und gelassen:

„Nicht ein Dutchman, sondern ein German, Sir.“

„Das ist ein und dasselbe. Ich sage Dutchman und halte das für das richtige. Ihr habt, als ich erzählte, ein so zweifelhaftes Gesicht gemacht. Warum?“

„Interessiert Euch mein Gesicht?“

„Eigentlich ganz und gar nicht. Ihr habt kein Gesicht, dem ich sonst Beachtung schenken möchte; aber in diesem Falle ist es etwas anderes. Es sah grad so aus, als ob Ihr mir keinen Glauben schenktet. Ist’s so oder nicht?“

„Liegt Euch so viel daran, zu wissen, was ich glaube?“

„Alberne Frage! Euer Gesicht galt mir, und da will ich unbedingt wissen, was es zu bedeuten hatte. Oder habt Ihr Angst, es mir zu sagen?“

„Angst? Nicht daß ich wüßte!“

„Nun also, heraus damit!“

Alle Gäste waren still, auch die an den entfernteren Tischen. Sie erwarteten eine Scene und horchten gespannt zu uns her. Ich antwortete lächelnd:

„Ich habe gar keinen Grund, damit zurückzuhalten, daß ich mich über einen sehr auffälligen Anachronismus gewundert habe, der in Eurer Erzählung vorgekommen ist.“

„Anachronismus? Was ist das? Redet doch so, daß man es verstehen kann!“

„Gut, also deutlich! Seit wann ist wohl vorn Petroleum im jetzigen Sinne die Rede gewesen?“

„Wer kann das wissen!“

„Ich, nämlich seit dem Jahre 1859. Und wann wurden in den Vereinigten Staaten die ersten Ölquellen entdeckt?“

„Das mögt Ihr Euch selbst beantworten!“

„Zwei Jahre vorher, also 1857. Nun sprecht Ihr von einem Ölbohrer jenseits des Coteaus, bei dem Lincoln gewesen sei, nachdem er kurz zuvor Lawyer geworden war. Wann aber ist er Lawyer geworden?“

„Laßt mich mit Euren dummen Fragen in Ruh!“

„Sie sind nicht so dumm, wie Ihr denkt, und gehören zu der Auskunft, die ich Euch geben soll. Lincoln etablierte sich nämlich im Jahre 1836 in Springfield als Lawyer, also über zwanzig Jahre vor der Entdeckung der ersten bedeutenden Ölquelle. Wie stimmt das mit Eurer Erzählung, Sir?“

„Ob es stimmt oder nicht, das ist mir gleichgültig!“

„Nun, so habt die Güte, gegen mein Gesicht ebenso gleichgültig zu sein!“

„Wollt Ihr sagen, daß Ihr das von dem Ölbrande nicht glaubt?“ fragte er in drohendem Tone.

„O, daran hege ich nicht den geringsten Zweifel, nur ist der Ort und sind die Personen andere.“

„Wie so?“

„Old Shatterhand hat einen solchen Ölbrand erlebt, und zwar im Bluff von New-Venango [Fußnote]. Der Ölprinz hieß dort nicht Willmers, sondern Forster.“

„Das geht mich nichts an und ändert nichts an meinem Erlebnisse; es finden oft Ölbrände statt.“

„Bei denen die Umstände einander so ungeheuer ähnlich sind? Hm! Übrigens kenne ich Tim Kroner, den Coloradomann, sehr genau.,

Thunder-storm! Wollt Ihr etwa sagen, daß ich nicht Tim Kroner bin?“

„Es kann allerdings vorkommen, daß zwei Personen ganz gleiche Namen haben; aber der richtige und echte Coloradomann ist der, den ich kenne.“

„Da kennt ihn auch ein tüchtiger Kerl! Wenn Euch ein anderer als ich gesagt hat, er sei Tim Kroner, der Coloradomann, so hat er gelogen und war ein Schwindler. Das laßt Euch gesagt sein, sonst stopfe ich Euch den Mund mit dieser Klinge hier!“

Er zog sein Bowiemesser aus dem Gürtel. Sofort hatte ich meinen Revolver in der Hand, richtete den Lauf auf ihn und antwortete:

„Stoßt nur zu, wenn Ihr die Zeit dazu findet! Kugeln pflegen schneller als Messerklingen zu sein.“

Er stand einige Augenblicke da, ließ dann das Messer sinken und sagte in verächtlichem Tone:

Pshaw! Tim Kroner hat es gar nicht nötig, etwas darauf zu geben, was so ein Kerl, wie Ihr seid, für Gesichter schneidet. Zieht also Fratzen, so viel Ihr wollt; ich habe nichts dagegen und bleibe wer ich bin!“

Er steckte das Messer wieder in den Gürtel und kehrte auf seinen Sitz zurück. Die Zuhörer hatten diesen friedlichen Ausgang nicht erwartet, kleideten aber ihre Enttäuschung nicht in Worte. Ich hätte ganz anders auftreten können, doch fiel es mir nicht ein, den Gästen eines Kost- und Logierhauses ein Schauspiel nach Art der Runners und Loafers zu bieten. Mochte man immer denken, ich fürchte mich vor diesem sogenannten Coloradomann!

Als er seinen Platz wieder eingenommen hatte, ließ er seinen Blick an der Tafel rundum gleiten und fragte:

„Wollt vielleicht auch ihr es bezweifeln, Mesch’schurs, daß ich der echte Tim Kroner bin?“

Sie schüttelten die Köpfe, und einer der Gentlemen, der bis jetzt noch nicht gesprochen hatte, antwortete:

„Wir haben keinen Grund, es nicht zu glauben. Übrigens kann ich zu dem Schlusse Eurer Erzählung eine Bemerkung machen, die Ihr vielleicht gern, vielleicht auch ungern hören werdet.“

„Welche?“ „Ihr könnt den Kanada-Bill nicht erschießen.“

„Warum?“

„Weil er schon tot ist.“

All devils! Er ist tot?“

Yes.“

„Wißt Ihr das genau?“

„Sehr genau.“

„Wo ist er gestorben?“

„Auf der Mission Santa Lucia bei Sakramento.“

„An was? Doch nicht an einer Krankheit? Einen solchen Tod hätte der Halunke nicht verdient.“

„Oh, so billig ist er nicht weggekommen. Er hat sein Ende einem Manne zu verdanken, dessen Name vorhin genannt worden ist.“

„Welcher Name?“

„Old Shatterhand.“

„Was? Old Shatterhand hat ihm das Handwerk gelegt?“

„Ja.“

„Wie ist das geschehen, Sir?“

„Das ist eine interessante, höchst interessante Geschichte, die ich eigentlich hätte veröffentlichen sollen. Ich bin nämlich Litterat, Mesch’schurs; ich sage das für diejenigen von euch, die das noch nicht wissen.“

„Erzählt es doch; erzählt’s!“ rief es im Kreise.

„Hm! Es ist eigentlich von einem Bücherschreiber nicht klug, etwas mündlich zu erzählen, was er durch die Presse veröffentlichen will; das werdet ihr einsehen, Gent’s.“

Er wollte augenscheinlich noch mehr gebeten sein; dies geschah denn auch, und so erklärte er:

Well, wir sind heut einmal so schön beim Erzählen, und so sollt ihr die Geschichte hören, genau so, wie sie sich zugetragen hat.“

Mutter Thick kam jetzt bei mir vorüber und flüsterte mir zu:

„Dank, Sir, daß Ihr vorhin den Krawall vermieden habt! Mit der jetzigen Erzählung werdet Ihr zufrieden sein. Er schreibt Bücher, und erzählt so schön, oh so schön!“

Na, da war ich denn doch neugierig, was dieser Mann für eine Geschichte aus den einfachen Thatsachen machen würde.

Er setzte sich in Positur und begann im Tone eines geübten und gewandten Erzählers:

„Es war im Hafen von Sacramento, in welchem sich ein Bild von den lebhaftesten Farbentönen entwickelte. Die Menge, welche sich geschäftig über den Quai ergoß oder lungernd umhertrieb, schien nicht aus den Bewohnern eines besonderen Distriktes oder gar einer einzelnen Stadt zu bestehen, sondern glich eher einem Karneval, der die Repräsentanten aller Nationen für kurze Zeit vereinigt hat.

Hier stand eine Gruppe magerer Yankees in dem unvermeidlichen schwarzen Fracke, den hohen Cylinderhut weit nach hinten auf den Kopf gedrückt, die Hände in den Taschen und goldene Uhrketten, Tuchnadeln, Hemdknöpfchen und Berloques eingehakt. Dazwischen drängte sich ein kleiner Schwarm Chinesen herum in ihren blauen Kattunjacken und weiten, weißen Hosen, die langen Zöpfe wohl gepflegt und geflochten. Südseeinsulaner waren da, die scheu, verlegen und verwundert auf dem fremden Boden einhergingen und, wenn ihnen etwas nach ihren Begriffen gar zu Absonderliches in die Augen sprang, die Köpfe leise flüsternd zusammensteckten. Mexikaner stolzierten umher mit ihren an der Seite bis oben hin aufgeschlitzten und mit silbernen Knöpfen besetzten Sammethosen, und den kurzen, ebenso garnierten Jacken, den breitrandigen Wachstuchhut auf dem Kopfe. Californier mit ihren langen, in den prachtvollsten Farben gewebten Ponchos, die ihnen fast bis an die Knöchel herabreichten; schwarze Ladys und Gentlemen, nach tausend Wohlgerüchen duftend und in dein überzeugendsten Putze steckend, ernste Indsmen, die mit gravitätischem Schritte durch die Menge stiegen; gemütliche Deutsche, Engländer mit Cotelettenbärten und riesigen Zwickern auf der Nase, bewegliche, kleine Franzosen, zankend, erzählend, rufend und auf das lebhafteste gestikulierend, rothaarige Irländer, nach Aquardiente, duftend; Chilenen in ihren kurzen Ponchos; Trappers, Squatters, Backwoodsmen in ihren ledernen Jagdhemden, die lange Büchse noch auf der Schulter, wie sie gerade über das Felsengebirge gekommen waren; Mestizen und Mulatten in allen Farbenstufen und Schattierungen, und dazwischen die aus den Minen oft mit schweren Beuteln von Gold zurückgekehrten Goldwäscher in den phantastischsten Kostümen, die man sich nur zu denken vermag, in ihren Kleidern auf das entsetzlichste abgerissen, mit geflickten Hosen, Röcken, Westen und Jacken, mit zerrissenen Stiefeln, aus denen die nackten, strumpflosen Zehen hervorblickten, und Hüten, die monatelang am Tage der Sonne und dem Regen getrotzt und dann des Nachts als Kopfkissen gedient hatten. Und in den kleinen Gruppen standen dabei die Eingeborenen des Landes, die eigentlichen, rechtmäßigen Herren des Bodens und doch vielleicht die einzigen vollständig Besitzlosen in der ganzen Masse, die ihr Leben jetzt durch Tagelohn kärglich fristen mußten.

Und dieser bunten Völkermischung schlossen sich allerlei respektgebietende glänzende Gestalten an: amerikanische und englische Seeleute mit breiten Schultern, riesigen Fäusten und herausforderndem Blicke, und eine Anzahl spanischer Marineoffiziere, die in ihren blitzenden, goldgestickten Uniformen von San Francisco herbeigekommen waren, um sich das geschäftige Treiben in der Nähe der Golddistrikte einmal anzusehen.

Fast hätte man sagen können:

„Wer zählt die Völker, nennt die Namen!“

Und was hatte all die Ingredienzien der vielgestaltigen anthropologischen Mixtur herbeigetrieben? Nichts anderes als – das Gold.

Die Ansiedelung von Oberkalifornien, welche im Jahre 1768 von Mexiko aus geschah, hatte das Land unter die weltlich-geistliche Herrschaft der Missionäre gebracht. Die Jesuiten waren treffliche Ökonomen und errichteten an vielen geeigneten Orten Klöster und Missionen zur Ausübung ihrer Propaganda.

Als die Herrschaft der Priester durch die mexikanische Centralregierung im Jahre 1823 gestürzt wurde, weigerten sich die Missionäre zum großen Teile, diese Regierung anzuerkennen, und verließen das Land. Die wenigen, welche blieben, hatten ihren Einfluß verloren, fristeten ein kümmerliches Leben und verschwanden auch nach und nach.

Nicht weit von Sacramento lag ein mehrere Stockwerke hohes, mächtiges Gebäude, welches einen großen Hof umschloß, dessen nach der Stadt zu gelegene Seite von der altertümlichen, aus ungebrannten Backsteinen aufgeführten Kirche begrenzt wurde.

Das Gebäude war die Mission „Santa Lucia“, deren ganze, kasernenartige Räumlichkeiten in der letzten Zeit nur von drei Personen bewohnt waren: einem alten, ehrwürdigen Geistlichen, seiner noch älteren Wirtschafterin und einem Deutschen, welcher eigentlich Karl Werner hieß, von denen, die mit ihm verkehrten, aber nach seinem Vornamen nicht anders als Sennor Carlos genannt wurde, und das Faktotum des Pfarrers war.

Da wurden die Goldfelder Kaliforniens entdeckt, und die Nachricht von den in den Bergen liegenden fabelhaften Schätzen rief eine Einwanderung hervor, welche zunächst aus dem benachbarten Mexiko und den Vereinigten Staaten ihre Scharen herübersandte, bald aber mit den Kindern aller Weltteile das Land überschwemmte. Den zunächst herbeieilenden Abkömmlingen der alten spanischen Conquistadoren folgten Sandwich-Insulaner, dann Australier und Europäer, und selbst Chinesen und Kulis schwärmten herüber, um ihren Teil von dem Golde zu holen und reiche Leute zu werden.

San Francisco war der Hauptsammelpunkt der Fremden, von wo aus sie -weiter nach Norden oder in das Innere des Landes gingen. Sacramento war einer der hervorragendsten Nebenpunkte.

Natürlich führte nicht jeder ein Zelt oder eine sonstige Wohnung mit sich. Die Zahl der Menschen wuchs von Tag zu Tag, und da die einsetzenden Regen ein Lagern im Freien nicht gestatteten, so wurde alles, was zur Herberge dienen konnte, in Anspruch genommen.

Auch die alte Mission „Santa Lucia“ erlitt ein solches Schicksal, welches mit ihrer ursprünglichen Bestimmung wenig Ähnlichkeit hatte.

Ein Franzose aus dem Elsaß errichtete unten in einem der Flügel eine Brauerei, mauerte einen riesigen Kessel ein und fing an, ein Getränk zu kochen, welches er die Verwegenheit hatte, Bier zu nennen. In der vorderen Flanke, gerade neben der Kirche, setzte sich ein Amerikaner fest und errichtete eine Restauration, wobei er es für außerordentlich zweckmäßig fand, einen Teil des Kirchenschiffes in einen Tanzsalon umzuwandeln, in dem allwöchentlich einige „Reels, Hornpipers“ oder Fandangos abgehalten werden konnten. Dadurch wurde ein unternehmender Irishman aufmerksam gemacht, an die andere Seite der Kirche eine Branntweinkneipe setzen zu lassen.

Von dem untern Teile des andern Seitenflügels nahm ein Engländer Besitz, der sich mit einem schlauen New-Hamshiremann vereinigte, Chinesen herbeizuschaffen, ein Geschäft, bei dem sich die beiden Gentlemen, wie sich bald zeigte, sehr gut standen. So ging es fort, und nicht lange dauerte es, so war die alte Mission außer dem obersten Bodenraume des einen Flügels vollständig in Anspruch genommen.

Der alte Pfarrer konnte nichts dagegen thun. Anfangs hatte er, nicht imstande, Gewalt anzuwenden, eine Anzahl Prozesse angestrengt, um die Lästigen aus dem frommen Hause abzuhalten, aber nur zu bald sollte er die traurigen Folgen kennen lernen, denn er fiel dadurch einer ganzen Schar von Geirn in die Hände, die alle Zahlung von ihm wollten, ohne daß sie aber das geringste für ihn ausgerichtet hätten.

Dadurch wurde ihm die heilige „Santa Lucia“ verleidet, und eines schönen Morgens war er mitsamt seiner Wirtschafterin spurlos verschwunden. Es hatte auch niemand Lust, nach ihm zu forschen, und so blieb von den ursprünglichen Bewohnern nur Sennor Carlos zurück, der mit seiner Frau und Anitta, seiner Tochter, ein paar kleine Stuben des Erdgeschosses neben der Brauerei bewohnte.

Aber auch der Bodenraum sollte einen Besitzer finden. Angeblich von Buenos-Ayres war ein Mann nach Sacramento gekommen, der aus Cincinnati stammte und sich Doktor White titulierte; ob er in Wirklichkeit Arzt sei, danach wurde er von niemand gefragt. Er wollte in Sacramento ein Hospital gründen, fand aber keinen geeigneten Platz dazu und kam nun zur Mission geritten, wo er die Dachräume, da er keinen Menschen fand, dem er sie abmieten konnte, einfach mit Beschlag belegte. Er war ein praktischer Mann, der recht gut wußte, daß in diesem Lande das Recht des gegenwärtig Besitzenden nur schwer anzutasten war.

Schon am nächsten Tage traf eine Anzahl von Maultieren mit wollenen Decken und Matratzen ein, hinter welchen eine Schar von Mexikanern die nötigen eisernen Bettstellen herbeitrug. Noch vor Abend standen zwanzig Betten dort oben unter dem alten, defekten Ziegeldache auf dem offenen Boden, durch den der oft stürmische Wind nach allen Richtungen hin seinen Durchzug hatte und auf dem es zur Regenzeit eine ganz heillose, perennierende Überschwemmung gab. Das war nun das Hospital, welches seiner unglücklichen Patienten harrte.

Diese stellten sich auch nur zu bald ein.

So gesund das Klima in Kalifornien an und für sich auch ist, in den Minen giebt es doch stets der Kranken mehr als genug. Die wilde, unregelmäßige Lebensart trägt ebensoviel wie die schwere, für Tausende ungewohnte Arbeit und die vielen Regengüsse dazu bei, viele, besonders hitzige Fieber zum Ausbruch zu bringen, die für den davon Betroffenen aus Mangel an Pflege und ärztlicher Behandlung nur zu oft einen schlimmen und tödlichen Ausgang nehmen.

Da waren diejenigen noch glücklich zu preisen, welche die Krankheit nicht allein und in der Wildnis traf, sondern welche Freunde fanden, um sie aus den Bergen und Schluchten wieder in den Bereich der Civilisation und ordentlichen Pflege zu bringen. Die meisten freilich fanden bei den Minen nichts als sechs Fuß Erde über sich und einen armen Ring von Steinen um das enge Grab. Viele starben unterwegs oder lebten gerade lange genug, um mit dem letzten brechenden Blicke eine menschliche Niederlassung zu erfassen, und nur wenigen gelang es, wieder hergestellt zu werden, um mit gekräftigtem Körper ihre Arbeit aufs neue beginnen zu können.

Eines aber büßte jeder Kranke sicher ein: das mitgebrachte Gold.

In damaliger Zeit wurde die Arznei geradezu mit Gold aufgewogen, und ein tüchtiger Arzt hatte seine einträglichste Mine in den Krankheiten seiner Patienten. Und wie viele Quacksalber gab es, die dies zu benutzen verstanden und bei denen vielleicht gar mancher Kranke nur deshalb starb, weil er Gold besaß, welches er im Falle der Genesung wieder mitgenommen hätte!“ – –

Der Erzähler machte jetzt eine Kunstpause und zeigte dabei eine so verheißungsvolle Miene, daß ich im stillen annahm, er werde nun als Schriftsteller sein Erzählertalent leuchten lassen. Ich hatte mich auch nicht geirrt, denn er gab dem Folgenden die Form einer Novelle, welche ganz gut hatte gedruckt werden können. Er fuhr nämlich fort:

„Die Anhöhe zur Mission herauf schritt ein kräftig gebauter Jüngling, dessen lichtem Haare, regelmäßigen Gesichtszügen und von der Gesundheit roten Wangen man die germanische Abstammung sofort ansah, trotzdem er die bequeme mexikanische Kleidung trug.

An den Mezquitebüschen, welche die Mission umzogen, blieb er stehen und wandte sich nach Westen.

Der Abend nahte, und die Sonne tauchte ihre funkelnden Gluten in die strahlende Flut; vor ihm lag die Stadt, von brillantenem Lichte übergossen, und die Fenster des alten Gemäuers warfen blitzende Reflexe in die Ferne hinaus.

Er ließ sich auf den weichen Rasen nieder und versank so tief in den Anblick, daß er die leichten Schritte nicht vernahm, die sich von seitwärts her ihm näherten.

Ein kleines Händchen legte sich auf seine Schulter, und ein Köpfchen bog sich zu ihm herab. Er hörte die Worte:

„Willkommen auf der Mission, Sennor! Warum seid Ihr so lange Zeit nicht hier bei uns gewesen?“

„Ich war in San Francisco, Sennorita, wo ich allerlei Geschäfte hatte,“ antwortete er.

„Und wo Ihr den Sennor Carlos mitsamt seiner armen, kleinen Anitta vollständig vergessen habt!“

„Vergessen? Per dios, nein, und tausendmal nein! Anitta, wie könnte ich jemals Euer vergessen?“

Sie ließ sich ohne Ziererei an seiner Seite nieder.

„Habt Ihr wirklich an mich gedacht, Sennor Edouardo?“

„Bitte, Anitta, sprecht meinen Namen deutsch aus; ich höre ihn dann so gerne aus Eurem Munde! Und fragt nicht erst, ob ich an Euch denke! Wer hat sich meiner angenommen, als ich, durch böse Menschen um Hab und Gut gebracht, hier ankam, als Euer Vater? Und wer hat dann, als mich die Entbehrung und die erlittenen Strapazen auf das Krankenlager warfen, mich gepflegt wie einen Sohn oder einen Bruder? Ihr und Eure Mutter! Und wen habe ich hier im fremden Lande, zu dem ich gehen und mir Rats erholen kann, als Euch? Anitta, ich werde Euch nie vergessen!“

„Ist das wahr, Eduard?“

„Ja,“ antwortete er einfach, indem er ihre Hand ergriff und ihr voll und offen in die Augen blickte,

„Auch dann nicht, wenn Ihr wieder in die Heimat kommt?“

„Auch dann nicht! Ich habe Euch ja gesagt, Anitta, daß ich nicht ohne Euch in die Heimat zurückkehren werde; habt Ihr das vergessen?“

„Nein,“ antwortete sie.

„Oder leuchtet jetzt die Sonne Eurer Teilnahme für einen andern?“

„Für einen andern? Wer ist das? Oder darf ich auch das nicht wissen?“

„Es ist der Arzt da droben, der Doktor White.“

„Der –?“ frug sie gedehnt. „Wer möchte wohl die Sonne dieses dürren Master Chinarindo sein! Wenigstens meinetwegen könnte er im Dunkeln bleiben, so lange es ihm gefällt!“

„Anitta, ist das wahr?“ rief der junge Mann.

„Warum möchtet Ihr meinen Worten keinen Glauben schenken?“

„Weil ich weiß, daß er Euch nachgeht auf Schritt und Tritt und bei Euren Eltern gern gesehen ist.“

„Daß er mir nachgeht, kann ich nicht leugnen, aber daß ich ihm ausweiche, so viel nur möglich, ist ebenso sicher. Auch das ist wahr, daß ihm Vater nicht gram ist; er hat ihm viel von einem großen Vermögen vorgeschwatzt und will mit uns hinüber in die Heimat, nach Deutschland gehen, wenn er genug erworben hat.“

„Nach Deutschland? Will denn Euer Vater hinüber in die Heimat?“

„Ja. Seit die Mission zur Kaserne für jedermann geworden ist, gefällt es ihm nicht mehr. Aber wir sind arm und Vater ist zu alt, um noch so viel zu erwerben, daß wir fortkönnten, und da – –“

„Und da – –?“

„Und da denkt er, daß ein wohlhabender Schwiergersohn ihm diesen Wunsch erfüllen könne.“

Eduard schwieg eine Weile. Dann fragte er:

„Und Euer Vater würde Eure Hand dem Doktor geben?“

„Ja. Doch ich mag ihn nicht leiden, und die Mutter auch nicht.“

„Aber mich könntet ihr wohl leiden?“

Sie nickte. Er ergriff jetzt auch ihre andre Hand und sagte:

„Mir ist immer so gewesen, als ob wir zusammengehörten für das ganze Leben. Du bist so fromm, so gut, und ich möchte immer, immer bei dir sein. Darf ich das deiner Mutter sagen, die den Arzt da oben nicht leiden kann?“

„Ja.“

„Und auch deinem Vater?“

„Ja.“

„Jetzt gleich?“

„Jetzt gleich!“

„So komm!“

Er erhob sich, und sie folgte ihm. Sie gingen miteinander durch das Portal und schritten über den Hof weg der Thür zu, welche zur Wohnung Werners führte. Im Flur vernahmen sie eine harte, spitze Stimme, welche in der Wohnstube in eindringlichem Tone sprach,

„Der Doktor ist drin!“ meinte Anitta.

„Komm; wir treten in die Küche und warten, bis er sich entfernt hat!“

Sie thaten es und vernahmen nun jedes Wort des zwischen White und den Eltern geführten Gespräches.

Damn it, Master Carlos, meint Ihr etwa, daß ich den Beutel nicht offen zu halten verstehe?“ fragte der erstere. „Die Medizin ist mehr wert als das beste Placement drüben bei den Miners, und sobald ich genug habe, gehen wir fort von hier nach New York oder Philadelphia und von da noch weiter, wohin Ihr wollt. Ist’s Euch recht?“

„Hm, recht wär‘ mir’s schon, wenn ich nur auch wüßte, daß Ihr Wort haltet!“

„Teufel! Haltet Ihr mich für einen Lügner?“

„Nein. Ihr habt mir noch keine Veranlassung dazu gegeben. Aber das alte Kalifornien ist in neuerer Zeit ganz dazu angethan, einen mißtrauisch oder wenigstens vorsichtig zu machen.“

„So will ich Euch Sicherheit geben! Ich kann ohne Frau mein Geschäft nicht länger mehr fortsetzen, und Eure Tochter hat ein verteufelt einnehmendes Gesicht, so daß ich glaube, ich bin ihr gut über alle Maßen. Gebt sie mir zum Weibe, und ich versichere Euch, ich mache sie zu meinem Buchhalter und gebe ihr sogar die Kasse über. Ist Euch das nicht genug?“

„Hm, ja. Aber habt Ihr denn schon mit dem Mädchen gesprochen?“

„Nein, scheint mir auch nicht nötig zu sein. Der Doktor White ist schon der Mann, ein Mädchen zu bekommen, wenn er sie überhaupt haben will, und gegen Euern Willen wird sie auf keinen Fall schwimmen können.“

„Das ist wohl wahr, aber ich denke, daß sie bei so einer wichtigen Sache ihren Willen ebenso gut haben muß wie ich den meinigen, und so gern ich ja sage, wenn sie dagegen ist, so unterbleibt’s. Also sprecht vorher mit ihr, Doktor, und kommt dann wieder!“

„Soll gleich geschehen; habe nicht viel Zeit zu solchen Sachen übrig, habe einundzwanzig Patienten oben liegen, die mir viel zu schaffen machen. Wo ist sie?“

„Weiß nicht; vielleicht draußen vor dem Thore.“

„Schön! Muß sie finden; werde nach ihr suchen!“

Er wandte sich nach der Thür, blieb aber überrascht stehen, denn vor ihm standen Anitta und Eduard, die in diesem Augenblicke aus der Küche getreten waren.

„Hier ist sie, die Ihr sucht, Master Doktor,“ meinte der junge Mann, „und die Angelegenheit, die Ihr mit ihr besprechen wollt, wird nicht viel Zeit wegnehmen.“

„Wieso, wie meint Ihr das, Sennor Edouardo?“ fragte White, welcher seinen Nebenbuhler wohl kannte, da er ihn fast täglich bei den Eltern Anittas getroffen hatte.

„Ich meine, daß Ihr zu spät kommt, da ich soeben mit Anitta einig geworden bin. Sie hat keine Lust, Frau Doktorin zu werden, und will es lieber einmal mit mir versuchen!“

„Ist das wahr, Anitta?“ fragte Werner, vor Überraschung sich erhebend und die ausgeglimmte Cigarette aus der Hand werfend.

„Ja, Vater. Oder ist es dir nicht recht so?“

„Recht? O, recht würde es mir schon sein, denn ich habe den jungen selber lieb; aber was thut ihr mit der bloßen Liebe in einem Lande, wo Weg und Steg mit blanken Dollars bepflastert sind? Sennor Edouardo ist noch jung; er kann es noch zu etwas bringen, wenn er sich nicht vorzeitig an ein Mädchen hängt. Der Doktor aber weiß schon längst, was er hat; das ist der Unterschied, Anitta; er will mit nach Deutschland gehen und –“

„Eduard geht auch mit,“ unterbrach ihn das Mädchen; „er will – –“

„Kann er denn? Es gehört mehr dazu als der gute Wille.“

„Sennor Carlos,“ meinte Eduard jetzt, „es ist jetzt nicht der Augenblick, uns in der richtigen Weise auszusprechen. Aber sagt mir einmal aufrichtig- Würdet Ihr mir Anitta geben, wenn ich weniger arm wäre als jetzt?“

„Ja.“

„Und wie viel müßte ich haben?“

„Hm, das ist schwer zu sagen! je mehr, desto besser; wenigstens aber müßte es zulangen, um die Heimat erreichen und dort ein Gütchen oder so etwas kaufen zu können.“

„Und werdet Ihr mir Zeit geben, so viel zu erwerben?“

„Zeit? Wie lange meint Ihr denn?“

„Sechs Monate!“

„Hm, das ist nicht übermäßig lang. Was sagt Ihr dazu, Doktor?“

Damn it, das klingt grad wie ein trockenes, regelrechtes Geschäft; erlaubt, daß ich mit beitrete!“

„Das sollt Ihr!“

„So will ich Euch einen Vorschlag machen, Master Carlos!“

„Welchen?“

„Ihr wollt doch wohl hinauf nach den Minen, Master Edouardo?“ fragte er höhnisch, sich zu dem jungen Manne wendend.

„So ist es.“

Well, Sir; wir geben Euch sechs Monate Zeit. Kommt Ihr bis dahin mit dreitausend Dollars zurück, so ist Miß Anitta Euer, und ich sage kein Wort dagegen. Kommt Ihr aber nicht, oder mit weniger, so ist die Miß mein. Seid Ihr einverstanden, Master Carlos?“

„Vollständig, vorausgesetzt, daß Eure Verhältnisse so sind, wie Ihr sie mir beschrieben habt!“

„Sie sind so! Also wir sind einig. God bye; ich muß zu meinen Fieberkranken.“ – –

Es vergingen Monate und wieder stieg ein junger Mann die Anhöhe nach der Mission herauf und wandte sich am Mezquitegebüsch nach der hinter ihm liegenden Landschaft um. Es war nicht Eduard, obgleich die ausbedungenen sechs Monate bis auf einige Tage vergangen waren, sondern ein anderer.

Nachdem er sein Auge an dem sich ihm bietenden Panorama gesättigt hatte, ging er durch das Portal über den Hof und traf unter dem Eingange des Seitenflügels mit Anitta zusammen. Er fragte sie.-

„Könnt Ihr mir vielleicht sagen, Sennorita, ob hier der Doktor White zu finden ist?“

„Er wohnt hier. Steigt hinauf bis unter das Dach; dann seid Ihr in seinem Hospital, wo Ihr ihn sicher treffen werdet!“

Er folgte der Weisung und stieg höher und immer höher empor, bis er auf den Bodenraum gelangte, wo er zwei Reihen Betten erblickte, zwischen denen sich die Gestalt des Doktors bewegte. Der Raum war ein an und für sich nicht sehr heller, und da es draußen bereits zu dunkeln begann, so ließen sich die Gegenstände nicht genau unterscheiden.

White bemerkte den Fremden und trat herbei.

„Was wollt Ihr, Sennor?“ fragte er.

Der Gefragte horchte bei dem Klange dieser Stimme auf und fragte gespannt:

„Ihr seid Master White, der Doktor, Sir?“

„Ja.“

„Ich bin Pharmaceut, habe mein Glück in Kalifornien aus der Erde graben wollen, aber nichts gefunden, und bin dann zum Vermittlungsbureau gegangen, um mir ein Placement zu suchen. Dort wurde mir gesagt, daß Ihr einen Krankenwärter braucht, und so bin ich zu Euch heraufgestiegen, um zu sehen, ob die Stelle noch offen ist.“

„Sie ist noch unbesetzt. In welchem Orte und welcher Offizin habt Ihr gearbeitet?“

„Hm,“ antwortete der Fremde bedächtig, indem er rasch über die ersten Namen hinwegging, auf den letzten aber eine hörbar absichtliche Betonung legte. „In New-York, Pittsburg, Cincinnati und zuletzt in Norfolk, Nordkarolina, bei Master Cleveland.“

„In Norfolk bei Master Clev – –“

Er trat rasch näher, um das Gesicht des Fremden besser sehen zu können, und fuhr dann erschrocken zurück:

„Bei allen Teufeln, der verdammte Deutsch – – wollte sagen, Master Gromann, der mit mir zu gleicher Zeit dort – – aber kommt doch einmal mit herunter in meine Wohnung, Sir! Es freut mich wirklich unendlich, daß ich das Vergnügen habe, so unerwartet einen Kollegen zu finden, der mit mir an einem und demselben Platze war!“

Er konnte das sehr zweideutige Lächeln in den Zügen des anderen nicht sehen und stieg eine Treppe tiefer, wo er ein kleines Zimmer betrat und Licht machte. Der kleine Raum bildete augenscheinlich Wohn- und Schlafzimmer mit alles in allem.

„So, setzt Euch nieder, oder, um das Vergangene festzuhalten, setz‘ dich nieder! Wie ist es in Norfolk gegangen, nachdem ich fort war? Ich hatte einen kleinen Zwist mit dem Prinzipal, weshalb ich im Ärger ohne Kündigung und Abschied fortging. Ich hoffe, es geht dem alten Master Cleveland gut!“

„Gut? Es hat überhaupt bei ihm aufgehört, zu gehen. Als du fort warst, hatte sich unbegreiflicherweise auch die Kasse samt sämtlichen Wertpapieren, die in besonderer Verwahrung lagen, entfernt. Der Mann war dadurch ruiniert und hat sich nicht darüber wegsetzen können. Er ist tot!“

„Ist’s möglich! Was du sagst! Hm, der Alte hat niemals so recht fest gestanden und niemand in seine Verhältnisse blicken lassen. Ich glaube daher sehr, daß die Entfernung der Kasse nur ein kleines Arrangement von ihm selbst gewesen ist. Daß ich hier als Arzt etabliert bin, darf dich nicht wundern. Es fragt hier kein Mensch nach dem Diplom, und die Sache ernährt ihren Mann. Also du kommst nach der Stelle?“

„Ja; aber sag mir, Walker, wie du zu den Mitteln kamst, ein solches Etablissement zu gründen, und warum du nicht deinen richtigen Namen beibehältst!“

„Hm, die Mittel habe ich mir droben in den Minen geholt, und der Name wurde umgeändert, weil White gelehrter klingt als Walker. Aber um wieder auf die Stelle zu kommen, so sollst du sie haben, vorausgesetzt, daß du mir keine Veranlassung zur Klage giebst. Arbeitest du dich gut ein, so ist es sogar möglich, daß ich dich mir assistiere und vielleicht gar dir die Compagnie antrage.“

„Hast du Wohnung für mich?“

„Es wird sich wohl Rat schaffen lassen. Also, schlägst du ein?“

„Natürlich; topp!“

„Topp!“

„Sollst dich nicht über mich zu beklagen haben. Bin auch genugsam herumgeworfen worden, so daß mir nicht viel daran liegt, an die Vergangenheit zu denken.“

Gromann wurde angestellt und nach und nach in die verschiedenen Geheimnisse der Hospitalverwaltung eingeweiht. Der Doktor war gezwungen gewesen, ihn zu engagieren, beruhigte sich aber bei der Beobachtung, daß sein Assistent selbst solche Vorkommnisse ganz an ihrem Platze fand, die der Öffentlichkeit vorsichtig entzogen werden mußten.

White hatte jetzt mehr Muße, und benutzte dieselbe zu häufigen Besuchen bei Sennor Carlos, in dessen Vertrauen er sich mit schlauer Berechnung einzuarbeiten wußte. Der Vater berücksichtigte auch nicht im mindesten, daß der Arzt viel, viel älter war als seine Tochter, und ein Wesen und Auftreten besaß, welches jedermann abstoßen mußte.

Endlich waren die sechs Monate vergangen, ohne daß Eduard sich sehen ließ. Daß weder eine briefliche Nachricht noch sonst ein Lebenszeichen von ihm gekommen war, hatte Anitta wenig beunruhigt; sie wußte, daß die Postverbindung mit den Minen eine äußerst unvollkommene war und fast in Privathänden ruhte, so daß man auf den richtigen Empfang eines Briefes nie rechnen konnte. Es kam sogar häufig vor, daß Leute, welche die Besorgung von Briefen und Geldsendungen übernommen hatten, entweder unterwegs überfallen, beraubt und totgeschlagen wurden oder auch selber mit den ihnen anvertrauten Geldern ein Schiff suchten und durchgingen.

Heut aber war der letzte Abend, und Eduard kam noch immer nicht. Das Mädchen wurde von einer fürchterlichen Unruhe hin und her getrieben. Auch dem Doktor ging es so. Bis jetzt noch hatte er alle Chancen für sich, aber sein Nebenbuhler konnte jeden Augenblick noch kommen, und das – das mußte verhütet werden. Er übergab die Patienten dem Assistenten und verließ die Mission.

Die Kranken konnten mit der Anstellung Gromanns sehr zufrieden sein, der den Hilflosen als ein rettender Engel erschienen war. Dem Doktor gegenüber sich vollständig gehorsam und willenlos zeigend, handelte er hinter dem Rücken desselben ganz nach eigenem Ermessen und hatte die Überzeugung, daß ihm mancher Patient, der von White dem Tode geweiht war, das Leben und Eigentum zu verdanken haben werde.“ – – –

Wieder machte der Erzähler eine Pause und sah seine Zuhörer rundum an. Wahrscheinlich erwartete er, ein Lob zu hören, doch blieb dies aus, weil seine Erzählung bisher nicht genug interessant und spannend gewesen war. Da that er einige lange Züge aus seiner Cigarre und sagte:

„Die Geschichte scheint euch nicht zu gefallen; aber ich sage euch, daß die Hauptsache nun erst kommt.“

„Und diese Hauptsache ist wohl Old Shatterhand?“ fragte einer.

Yes! Ihr habt es erraten, Sir. Dieser berühmte weiße Jäger wird sofort auftreten. Ich habe euch gesagt, daß Doktor White die Patienten seinem Assistenten übergeben habe und fortgegangen sei. Die Unruhe ließ ihn nicht bleiben, denn obgleich es bereits der Abend des letzten Tages und die sechsmonatliche Frist bis auf wenige Stunden verstrichen war, konnte sein Nebenbuhler doch noch kommen. Es trieb ihn also von der Mission fort, nach der Stadt und nach dem Bahnhofe, wo er den bald fälligen letzten Abendzug erwarten wollte, der aus den Minen kam.

Es dauerte auch gar nicht lange, so kam er, und wer stieg aus? Mister Eduard, der sich also doch noch zur rechten Zeit einstellte. Als er schon vor dem Wagen stand, drehte er sich noch einmal um und grüßte hinein, als ob er sich von jemandem verabschiedete; dann schritt er fort. White ging kurz entschlossen sofort auf ihn zu und sagte zu ihm:

„Wahrhaftig, da kommt Ihr doch noch angefahren! Schon glaubten wir, Ihr würdet die Frist nicht innehalten. Die Hauptsache ist nun, ob Ihr auch glücklich gewesen seid und Gold gefunden habt.“

„Ich war glücklich, über alles Erwarten glücklich,“ lautete die frohe Antwort.

„Habt Ihr dreitausend Dollars?“

„Mehr, noch viel mehr!“

„Das ist kaum zu glauben! Andere arbeiten jahrelang in den Diggins und setzen die Gesundheit und das Leben daran, ohne etwas zu finden; Ihr aber geht nur auf einige Monate hin und kommt gesund und reich zurück! Doch, das ist nun nicht zu ändern, und ich muß zurücktreten. Geht Ihr gleich von hier nach der Mission?“

„Ja.“

„Ich auch. Wir gehen also miteinander. Kommt!“

Sie entfernten sich, ohne daß White auf den Mann achtete, mit welchem Eduard noch zuletzt gesprochen hatte und der inzwischen auch ausgestiegen war. Eduard hatte Sehnsucht, zu Anitta zu kommen und sie von der Sorge zu befreien, die sie wohl gewiß um ihn hatte; darum ging er sehr schnell. So durcheilten sie rasch die Stadt, und als sie dieselbe hinter sich hatten, war es dunkel um sie her. White konnte also, ohne daß sein Begleiter es bemerkte, einen Revolver aus der Tasche ziehen und die Sicherung daran zurückschieben.

„Also glücklich seid Ihr gewesen?“ sagte er. „Wer hätte das gedacht! Nun habe ich freilich das Nachsehen, denn Ihr habt mich aus dem Felde geschlagen. Habt Ihr allein in den Minen gearbeitet, oder hattet Ihr Kollegen?“

„Allein.“

„Was? Ihr versteht doch nichts von der Sache! Da ist es freilich ein großes Glück, ein ganz außerordentlicher Zufall, daß Ihr gleich auf eine Stelle geraten seid, wo Ihr einen solchen Fund machtet.“

„Es war kein Glück und kein Zufall, denn die Stelle wurde mir gezeigt.“

„Gezeigt? Unmöglich! Es wird niemals einem Digger einfallen, einem andern eine Fundstelle zu verraten.“

„Der es that, war kein Digger, kein Goldgräber.“

„Was denn?“

„Er war ein Roter, ein Indianer.“

„Wirklich? Dann ist es erst recht verwunderlich. Ja, es giebt Indianer, welche wissen, wo Gold liegt; aber es fällt ihnen nicht ein, dies einem Weißen zu sagen.“

„Dieser Indianer brauchte kein Gold; er war ein großer und berühmter Häuptling der Apatschen.“

„Wie hieß er?“

„Winnetou.“

„Alle Teufel! Winnetou! Wie seid Ihr denn mit diesem zusammengekommen?“

„Durch einen weißen Jäger, einen Freund von ihm, mit dem er sich in den Diggins befand.“

„Wie hieß dieser?“

„Old Shatterhand.“

„Ah – –!“

Dieser arglose Eduard bemerkte gar nicht, welchen Eindruck diese beiden Namen auf White machten, er fuhr ganz unbefangen fort:

„Ich traf diesen Old Shatterhand zufällig. Er fragte mich nach meinen Verhältnissen, denn er mochte sehen, daß ich kein Digger bin und nicht in die Minen paßte. Ich erzählte ihm alles aufrichtig und natürlich; auch, daß ich gekommen sei, um mir in sechs Monaten dreitausend Dollars zu erarbeiten. Erst lachte er darüber; dann wurde er ernst und sagte mir, daß er mir einen Mann bringen wolle, der mir wahrscheinlich einen guten Rat geben könne. Am nächsten Tage kam er mit Winnetou, der mich ansah, als ob er mir durch und durch blicken wolle. Dann nickte er Old Shatterhand still zu, und ich mußte mit ihnen gehen. Wir wanderten und stiegen fast den ganzen Tag umher, wobei Winnetou überall die Beschaffenheit des Bodens, der Erddecke untersuchte. Endlich, es war schon fast Abend, blieb er an einer Stelle stehen und sagte:

„Hier muß mein junger Bruder graben, aber allein, mit keinem andern; da wird er Nuggets und goldenen Sand finden.“

Ich löste mir den betreffenden Klaim und grub. Winnetou hatte recht gehabt; ich fand Nuggets. Ich mußte mich zwar sehr vor den andern Diggers in acht nehmen und meinen Fund verheimlichen, denn das ist meist räuberisches Gesindel, und es wäre mir vielleicht auch noch übel ergangen, wenn nicht in den letzten Tagen Old Shatterhand wiedergekommen wäre, um sich nach meinen Erfolgen zu erkundigen.“

„War Winnetou wieder bei ihm?“

„Nein; er hatte sich für einige Zeit von ihm getrennt, um erst nach Sacramento und dann nach San Francisco zu gehen. Er blieb bei mir, bis ich die Minen verließ, und sorgte dafür, daß mir kein Digger nahe kam. Dann fuhr er mit mir hierher.“

„Heut?“

„Ja.“

„So ist er mit Euch hier angekommen?“

„Natürlich! Wir saßen miteinander in einem Wagen.“

„Als Ihr ausgestiegen waret, spracht Ihr noch einmal in den Wagen hinein, wohl mit ihm?“

„Ja. Er stieg nicht gleich mit mir aus, weil er noch mit einem andern Passagier zu reden hatte. Ich sagte ihm guten Abend und bat ihn, Wort zu halten.“

„Welches Wort?“

„Er hat mir versprochen, mich morgen auf der Mission zu besuchen.“

„Teufel! Ist’s wahr?“

„Ja.“ antwortete Eduard, der nicht sah, in welcher Aufregung sich der Doktor jetzt befand. Dieser hatte große Angst vor Old Shatterhand; er versuchte, sich zu beherrschen, und erkundigte sich:

„Könnt Ihr denn auch beweisen, daß Ihr die dreitausend Dollars habt? Das müßt Ihr natürlich gleich heut abend beweisen können!“

„Das kann ich. Ich habe den ganzen Goldstaub in gute Papiere umgetauscht, die ich bei mir habe.“

Da blieb White stehen, zog den Hahn des Revolvers leise auf und sagte:

„Wißt Ihr, das Glück, daß Ihr Old Shatterhand und Winnetou getroffen habt, ist groß; noch größer, noch viel, viel größer aber ist die Dummheit, daß Ihr mir das alles erzählet!“

„Dummheit? Warum?“

„Weil Ihr nun das Mädchen nicht bekommt und auch das Geld nicht behaltet.“

„Wieso?“

„Wieso, fragt Ihr? Ihr werdet es sogleich erfahren.“

Im nächsten Augenblick krachte sein Schuß, und Eduard stürzte zu Boden, wo er lag, ohne sich zu rühren. White hob ihn auf, trug ihn ein Stück vom Wege seitwärts fort und legte ihn dort nieder. Dort wollte er ihn einstweilen liegen lassen, um ihn später in der Nacht irgendwo einzuscharren; vor allen Dingen mußte er ihm die Taschen leeren. Eben als er damit beginnen wollte, hörte er Schritte, welche sich rasch näherten; er huschte fort, um sich ja nicht sehen zu lassen. Der Tote lag ja gut, und er konnte ihm das Geld ebenso später wie jetzt nehmen. Er ging gar nicht erst in seine Wohnung, sondern gleich zu Werner, um dort Punkt zwölf Uhr seine Ansprüche geltend zu machen.“

Der Erzähler hielt jetzt wieder inne, um seine Zuhörer zu fragen:

„Nun, ist die Geschichte jetzt interessanter als vorher.“

„Viel, viel interessanter!“ wurde ihm geantwortet. „Aber wo bleibt denn Old Shatterhand?“

„Er ist ja schon da!“

„Ja, auf dem Bahnhofe!“

„Nein, sondern viel näher!“

„Wo?“

„Auf dem Wege nach der Mission. Er ist es ja, dessen Schritte White kommen hörte.“

„Ah so!“

„Ja. Nämlich als Old Shatterhand aus dem Bahnwagen stieg, suchte sein Blick nach seinem jungen Reisegefährten. Er sah ihn bei White stehen und stutzte. Wer war nur dieser Mann? Er mußte ihn kennen; er hatte ihn gesehen. Er sann und sann, und da fiel es ihm endlich ein: dieser Mann, mit dem Eduard gesprochen hatte, war der Kanada-Bill! Beide waren schon fort. Old Shatterhand eilte ihnen nach, sah sie aber in der nächsten Straße nicht. Wo der Kanada-Bill auftritt, giebt es stets eine Teufelei. Hatte er eine solche mit Eduard vor? So fragte sich Old Shatterhand. Er mußte ihn warnen. Er wußte, daß er nach der Mission gehen wollte, erkundigte sich bei einem Vorübergehenden nach ihr und ging nach.

Als er die Stadt verlassen hatte, war der Weg dunkel; er mußte langsam gehen, um ihn nicht zu verlieren. Da hörte er vor sich einen Schuß und eilte auf die Stelle zu, wo er gefallen war. Da blieb er stehen und lauschte. Es war ihm, als ob sich jemand leise entferne. Er suchte, ob jemand getroffen sei und vielleicht an der Erde liege. Er fand niemand. Da aber hörte er von der Seite her einen klagenden Ton. Er ging der Richtung dieses Tones nach und fand Eduard, der sich halb aufgerichtet hatte und die Hände auf die Gegend des Herzens drückte.

„Ihr seid es?“ fragte er erschrocken, da er ihn trotz der Dunkelheit erkannte.

„Ja, Sennor Shatterhand,“ antwortete Eduard leise.

„Seid Ihr getroffen?“

„Ja.“

„Wo?“

„Ins Herz, grad ins Herz.“

Das Sprechen fiel ihm schwer; der Atem fehlte ihm.

„Ins Herz? Das ist nicht möglich!“ sagte Old Shatterhand.

„Wenn man Euch ins Herz getroffen hätte, wäret Ihr tot. Bleibt still! Ich werde Euch untersuchen.“

Er öffnete ihm den Rock, die Weste, das Hemde – keine Spur von Blut, von einer Wunde! Er suchte weiter, kam an die Brusttasche, befühlte diese und erklärte dann erfreut:

„Gott sei Dank! Ihr habt in dieser Tasche den großen Beutel mit Nuggets, welche die Kugel aufgefangen haben. Hier fühle ich das kleine Loch im Tache. Der Schuß hat Euch umgeworfen und den Atem genommen; aber die Kugel ist in den Nuggets stecken geblieben. Wohnt nicht der Arzt, Euer Rivale, da in der Mission?“

„Ja.“

„Zu dem werde ich Euch führen oder tragen. Er wird Euch – –“

„Um Gottes willen, nein!“

„Warum nicht?“

„Der ist es ja, der auf mich geschossen hat!“

„Ah! War er am Bahnhofe?“

„Ja.“

„War es der Mann, mit dem Ihr von dort gegangen seid? Und wie heißt er? Oder vielmehr, wie heißt er jetzt?“

„White, Doktor White.“

„Ein Doktor, ein Arzt! Welch verschiedene Karrieren dieser Schurke doch schon eingeschlagen hat; es soll aber seine letzte sein. Dieses Mal werde ich ihm das Handwerk legen, und zwar für immer!“

„Kennt Ihr ihn denn?“

„Nur zu gut! Aber das ist jetzt Nebensache. Hauptsache ist, wie Ihr Euch befindet.“

„Es ist mir leichter; ich habe wieder Atem.“

„Und schmerzt die Brust?“

„Nicht sehr.“

„So wollen wir versuchen, ob Ihr aufstehen und gehen könnt. Stützt Euch auf mich!“

Der Versuch gelang; es ging langsam, aber doch. Unterwegs erzählte Eduard das Gespräch, welches er mit White gehabt hatte. In der Nähe der Mission angekommen, mußte er sich seitwärts an einer versteckten Stelle niedersetzen. Old Shatterhand ließ sich die Wohnung und das Hospital beschreiben und ging dann in das Haus, um White aufzusuchen. Die Wohnung war verschlossen; da stieg er die schlecht erleuchteten Treppen bis zum Bodenraum hinauf, dessen Thür er öffnete, ohne anzuklopfen. Da standen die Betten der Patienten, und an einem kleinen Tischchen saß der Assistent. Dieser stand auf, nicht wenig erstaunt über den späten Besuch. Und als er gar denselben genauer betrachtete und die zwei Gewehre sah, die Old Shatterhand auf der Schulter hängen hatte, und das Messer, die Revolver, welche in seinem Gürtel steckten, da wollte er beinahe erschrecken.

„Wer seid Ihr? Was wollt Ihr hier?“ fragte er.

„Ich suche Doktor White.“

„Der ist nicht hier.“

„Wo sonst?“

„Er wird unten bei Sennor Werner sein.“

„Und wer seid Ihr?“

„Ich heiße Gromann und bin der Assistent.“

„So kommt einmal her, Mr. Gromann; ich muß Euer Gesicht sehen!“

Er zog ihn zum Lichte, betrachtete ihn und sagte, indem seine ernsten, ja strengen Züge einen milden Ausdruck annahmen:

„Ihr scheint kein Halunke zu sein.“

„Bin auch keiner, sondern stets ein ehrlicher Mensch gewesen. Wie aber kommt Ihr zu Eurem befremdlichen Verhalten und diesen sonderbaren Worten, Sir?“

„Das will ich Euch sagen. Ist Euch vielleicht der Name Old Shatterhand bekannt?“

„Ja.“

„Dieser Mann bin ich.“

„Was – –? Wie – –? Ihr seid Old Shatterhand?“

„Ja. Und habt Ihr vielleicht einmal den Namen Kanada-Bill gehört?“

„Auch.“

„Wißt Ihr, was dieser Kerl für ein Mensch ist?“

„Der größte Halunke weit und breit.“

„Wißt Ihr das genau?“

„Ja. Es kann es niemand besser wissen, als ich, denn – denn – – hm!“

„Was hm?“

„Es ist eigentlich ein Geheimnis; aber da Ihr Old Shatterhand seid, kann ich es Euch sagen. Ich bin nämlich jetzt Detektive.“

„Geheimpolizist? Als Assistent dieses Doktor White?“

„Grad als dieser!“

„Ach! Ich beginne zu erraten! Da will ich Euch eine Bemerkung machen, die Euch wahrscheinlich außerordentlich interessieren wird. Euer sogenannter Doktor White ist nämlich der Kanada-Bill.“

Zounds! Ist’s wahr?“

„Wenn ich es sage, könnt Ihr es ruhig glauben.“

„Kennt Ihr den Kanada-Bill?“

„Sehr genau. Er ist lange verschwunden gewesen, mir aber heut über den Weg gelaufen. Soeben erst hat er einen Mordversuch begangen.“

„Was Ihr sagt! Wo? An wem?“

Old Shatterhand erzählte ihm die Sache, und da hielt denn auch Gromann nicht länger hinter dem Berge und sagte:

„Da muß ich aufrichtig mit Euch sein. Ich war früher Pharmaceut und als solcher bei Mr. Cleveland in Norfolk, Nordkarolina, in Kondition. Da trat bei ihm ein gewisser Walker ein, welcher engagiert wurde, weil er gute Zeugnisse besaß, die aber, wie wir uns später überzeugten, gefälscht waren. Bald stellte es sich heraus, daß er von der Pharmacie fast weniger als ein Anfänger verstand; es gab sehr ernste Scenen zwischen ihm und dem Prinzipal, und dann verschwand er plötzlich und mit ihm der Inhalt der Kasse mit dem ganzen Vermögen Clevelands. Ich liebte meinen Prinzipal; er war mein Wohlthäter gewesen. Der Verlust richtete ihn vollständig zu Grunde; die Polizei fand keine Spur von dem Verbrecher, und so nahm ich mir vor, ihm privatim nachzuspüren. Indem ich nach ihm suchte, kam ich auf die Fährte anderer Personen, die ebenso wie er gesucht und nun durch mich der Gerechtigkeit überliefert wurden. Das verschaffte mir einen guten Ruf bei der Polizei, und ich wurde als Detektive engagiert. Nun standen mir weit mehr materielle und geistige Mittel zu Gebote, mit deren Hilfe es mir gelang, einen Anhalt zu gewinnen. Auf diesem fußte ich weiter, bis ich endlich eine sichere Spur entdeckte, die mich hierher führte.“

„Zu White?“

„Ja.“

„Er ist jener Walker?“

„Ja.“

„Er muß Euch aber doch erkannt haben!“

„Natürlich; aber ich machte ihm die Sache so plausibel, daß er mich engagierte, natürlich nur, um mich zum Schweigen zu bringen. Nun bin ich als Assistent bei ihm, aber meines Lebens keinen Augenblick sicher, denn ich muß zu jeder Stunde gewärtig sein, daß er mich auf irgend eine Weise aus dem Wege räumt, um einen Zeugen seiner Vergangenheit zu beseitigen. Welche Vorsicht und Aufmerksamkeit das meinerseits erfordert, könnt Ihr Euch kaum denken!“

„Warum macht Ihr ihn nicht unschädlich?“

„Auf welche Weise könnte ich das thun?“

„Indem Ihr ihn arretiert.“

„Das kann ich nicht.“

„Warum?“

„Weil ich keinen Beweis gegen ihn habe. Ich weiß, daß er das Vermögen Clevelands gestohlen hat, aber überführen kann ich ihn nicht. Ich habe ihn Tag und Nacht beobachtet, habe alle seine Geheimnisse zu ergründen versucht, habe in jedem Winkel, in jeder Ecke, die mir zugänglich war, nachgeforscht; es ist alles vergeblich gewesen.“

„Die Euch zugänglich war – – das ist die Sache! Er wird sich hüten, Euch seine Geheimnisse zugänglich zu machen. Bei diesem Halunken kommt Ihr mit aller Eurer List nicht weiter als bisher; bei ihm kann man den gordischen Knoten nicht aufknüpfen, sondern man muß ihn zerhauen, und das werden wir heute thun. Hoffentlich kann ich dabei auf Eure Hilfe rechnen?“

„Oh, wenn Old Shatterhand was in die Hand nimmt, dann braucht er so eine geringe Hilfe, wie die meinige ist, nicht dabei!“

„Hat er Schränke, Kästen, in die Ihr noch nicht gekommen seid?“

„Ja.“

„Wo?“

„In seiner Privatwohnung unten.“

„Die wird er uns einmal öffnen müssen!“

„Das thut er nicht!“

„Wenn er’s nicht thut, thue ich’s!“

„Das würde gesetzwidrig und also strafbar sein. Verzeiht, Sir, daß ich Euch darauf aufmerksam mache!“

Pshaw! Was frage ich nach Euern Paragraphen, mit denen es Euch doch nicht gelungen ist, ihn zu fangen und zu überführen! Er ist der Kanada-Bill, der noch niemals nach einem Gesetze gefragt hat; also fällt es mir auch nicht ein, das Gesetz um die freundliche Erlaubnis zu bitten, wenn ich ihm das Handwerk legen will. Könnt Ihr jetzt vielleicht hier abkommen?“

„Ja. Wir haben augenblicklich keinen schweren Patienten.“

„So kommt mit mir herunter!“

Sie stiegen miteinander die Treppen hinab und gingen zu der Stelle, wo Eduard wartete. Dieser bekam von Old Shatterhand die Anweisung, wie er sich zu verhalten hatte, und dann begaben sie sich nach dem Erdgeschosse, wo Werner wohnte. Es war grad so um Mitternacht.

Sie gingen über den Hof und von dem Flur aus in die Küche, wo Eduard damals mit Anitta gelauscht hatte. Auch heut war diese leer. Werner saß mit Frau, Tochter und White in der Stube. Eben sagte der letztere:

„Jetzt, Sennor Carlos, ist es grad zwölf; die sechs Monate sind vorüber, und Eduard ist noch nicht da. Ich erinnere Euch an Euer Wort und hoffe, daß Ihr es halten werdet.“

„Ich halte es,“ antwortete Werner, „und gebe Euch meine Einwilligung, wenn Ihr mir beweist, daß Ihr wirklich so wohlhabend seid, wie Ihr gesagt habt.“

„Ich habe mich natürlich vorbereitet, diesen Beweis anzutreten. Hier seht Euch diese Papiere an! Die Summen, welche da verzeichnet stehen, habe ich auf der Bank deponiert. Genügen sie Euch?“

Man hörte Papiere rascheln, und dann rief Werner aus:

„Sennor Doktor, das ist ja viel, viel mehr, als ich erwarten konnte! Ihr seid ein reicher Mann!“

„Oh, ich könnte Euch beweisen, daß ich noch mehr habe; dies mag aber genügen. Und damit Ihr seht, was für einen aufmerksamen Gatten Eure Anitta an mir haben wird, will ich Euch diesen Schmuck zeigen, den ich ihr schon bei der Verlobung schenken werde. Es sind lauter Edelsteine.“

Man hörte Etuis öffnen, und dann erklangen Werners Ausrufe des Erstaunens und der Bewunderung. Da trat Gromann an die Küchenthür, welche ein wenig aufstand, und sah in das Zimmer. Kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, so fuhr er zurück und flüsterte Old Shatterhand zu:

„Hört, Sir, ich habe jetzt, was ich brauche. Dieser Schmuck ist Mr. Cleveland gestohlen worden. Er gehörte seiner verstorbenen Frau und wurde nach ihrem Tode im Geldschrank aufbewahrt. Dann verschwand er mit Walker und mit dem Gelde.“

Jetzt fragte White drin:

„Nun, Sennor Carlos, habe ich Euch überzeugt?“

„Ja, Sennor. Komm her, Anitta, und gieb dem Doktor deine Hand!“

Jetzt horchten die Lauscher gespannt, was Anitta sagen würde.

„Ich gebe sie ihm nicht!“ sagte sie in sehr entschlossenem Tone.

„Du weißt, daß er mein Versprechen hat!“

„Das deinige, ja; aber von mir hat er kein Versprechen erhalten.“

„Versprechen ist Versprechen!“ rief White. „Ich denke doch, daß jede Tochter ihrem Vater Gehorsam schuldet! Eduard ist nicht gekommen; wahrscheinlich ist er in den Minen verdorben und gestorben, und – –“

Er kam nicht weiter in seiner Rede, denn Old Shatterhand schob jetzt Eduard durch die Thür in das Zimmer, und dieser sagte:

„Ich bin gekommen, wie Ihr seht. An Euch, Sennor White, liegt es freilich nicht, daß ich noch lebe und nicht gestorben bin!“

Anitta flog mit einem Freudenrufe auf ihn zu. White aber starrte ihn erschrocken wie einen Toten an, der plötzlich aus dem Grabe steigt. Da öffnete sich die Küchenthür wieder, und Gromann kam herein. Er trat an den Tisch, griff nach den Etuis und sagte:

„Dieser Schmuck ist Mr. Cleveland gestohlen worden; ich konfisziere ihn.“

„Konfiszieren?“ fuhr White auf. „Ich möchte den sehen, der den Mut hat, sich an meinem wohlerworbenen Eigentume zu vergreifen!“

„Das thue ich, weil es nicht wohlerworben ist. Ich bin Detektive und erkläre Euch, daß Ihr mein Gefangener seid, Mr. Walker, der sich hier White nennt!“

Und abermals wurde die Thür geöffnet. Old Shatterhand kam herein und sagte:

„Auch Walker ist sein richtiger Name nicht. Er hat schon hundert Namen getragen und seinen ursprünglichen wohl darüber vergessen; sein berühmtester oder berüchtigtster aber ist Kanada-Bill.“

Jetzt wurde der Schreck des angeblichen Doktors gradezu zum Entsetzen; sein Gesicht erbleichte bis zur Farbe des Papieres, und seine Gestalt wankte, so daß er sich mit den Händen auf den Tisch stützen mußte.

„Old – – Shat – – ter – – hand!“ kam es dabei bebend über seine blutleeren Lippen.

„Ja, Old Shatterhand! jetzt weißt du wohl, daß fürder kein Entrinnen ist! Deine Thaten schreien zum Himmel auf, und es wäre besser, du hättest die Kugel, welche diesen jungen Mann hier töten sollte, dir ins eigene Herz gejagt; da wärest du dem Strange entgange, dem ich dich ausliefern werde. Deine Laufbahn ist zu Ende!“

Die Wirkung dieser Worte riß die Gestalt des Kanada-Bill aus ihrer zusammengesunkenen Haltung empor. Seine Wangen färbten sich wieder, und seine Augen blitzten. Er griff mit der Hand in die Tasche und schrie Old Shatterhand an:

„Meinst du wirklich, daß ich so nahe am Strange stehe? Noch ist es nicht so weit!“

„Es ist so weit, und selbst dein Revolver kann dich nicht retten. Heraus mit der Hand aus der Tasche!“

„Ja, heraus! Aber nicht bloß mit der Hand. Ehe ich den Strang erhalte, bekommst du dieses Blei!“

Er hob die Hand, in welcher der Revolver blitzte, und richtete ihn auf Old Shatterhand. Der Schuß krachte; Old Shatterhand machte eine blitzschnelle Bewegung zur Seite; die Kugel ging vorüber, und fast in demselben Augenblicke traf seine Faust den Kanada-Bill mit solcher Wucht auf den Kopf, daß er förmlich zu Boden krachte und mehrere Stühle mit sich niederriß.

Werner saß vor Schreck lautlos; seine Frau aber schrie laut auf.

„Still!“ gebot Old Shatterhand. „Er ist gefällt und wird keinem Menschen mehr schaden. Gebt einige Schnüre her, um ihn zu binden, und schickt dann nach der Polizei! Die wird sich freuen, einen solchen Fang ausgeliefert zu bekommen.“

Er hob den Revolver auf, der dem Kanada-Bill entfallen war, und dann wurde der Bewußtlose gefesselt. Nun ging es ans Fragen, Antworten und Erklären, und als sich die Polizei einstellte, wurde die Wohnung des Verbrechers untersucht. Mit Hilfe der Schlüssel, welche er einstecken hatte, konnte man alles öffnen, und da fanden sich denn so viel Zeugen seiner Thaten, daß er der Todesstrafe nicht entgehen konnte. Vor allen Dingen gab es viel Goldstaub und Nuggets, die er seinen kranken Diggers im Hospitale abgenommen hatte, bevor sie von ihm aus dem Leben gedoktort worden waren. Auch die ganze Summe, welche er Mr. Cleveland abgenommen hatte, war vorhanden und durch seine Notizen legitimiert. Gromann freute sich königlich darüber, seinem armen, einstigen Prinzipale dieses Geld wiederbringen zu können.

Der Arrestant kam während der ganzen Durchsuchung seiner Wohnung nicht wieder zu sich und wurde in diesem bewußtlosen Zustande fortgeschafft. Als er dann später in der Haft erwachte, begann er zu schreien und zu wüten. Der Fausthieb Old Shatterhands hatte sein Gehirn in der Weise erschüttert, daß er nicht wieder richtig zur Besinnung, zum Bewußtsein kam. Er kämpfte Tag und Nacht mit den Gestalten derer, an denen er sich vergangen hatte, und wurde dabei so gefährlich, daß ihn nur die Zwangsjacke bändigen konnte. Die Tobsucht ließ nicht von ihm, bis sie ihn mit schäumendem Ringen tot niederwarf. Ein Ende durch den Strang wäre weniger schrecklich gewesen; aber er hatte diesen Tod verdient und war selber an ihm schuld, denn hätte er nicht auf Old Shatterhand geschossen, so wäre er nicht von diesem zu Boden geschlagen worden. So, ich bin mit meiner Geschichte fertig, und nun wißt ihr, Mesch’schurs, wo und wie der Kanada-Bill geendet hat.“ –

Die letzte Hälfte der Erzählung hatte aller Augen an seine Lippen gefesselt, und auch ich selbst war ihr mit Spannung gefolgt. Er hatte sie zwar in seiner Weise ausgeschmückt, aber dennoch mit ihr die Wahrheit berichtet.

Nun saßen die Zuhörer unter ihrem Eindrucke längere Zeit still da, bis einer sagte:

„Es ist eigentlich kaum glaublich, daß ein Mensch einen andern durch einen einfachen Fausthieb in dieser Weise niederschlagen kann!“

„Und dennoch ist es so,“ behauptete der Erzähler.

„Aber diesem Menschen muß die Hand doch wochenlang dann schmerzen!“

„Ich habe gehört, daß ein Vorteil dabei sei, den nur Old Shatterhand kennt und keinem Menschen sagt. Es soll dabei sehr auf die Lage der Finger, welche die Faust bilden, und auch auf die Stelle des Kopfes ankommen, auf welche der Hieb zu richten ist!“

„Ob Winnetou, sein Freund, das auch so fertig bringt?“ Das weiß ich nicht.“

„Aber ich weiß es,“ ließ sich eine andre Stimme vernehmen.

„Ihr? Kennt Ihr Winnetou persönlich?“

„Habe ihn gesehen.“

„Wo?“

„Drüben am Arkansas, in der Nähe von Fort Gibson, wo ich, wenn er auch nicht grad jemand mit der Faust niederschlug, doch Gelegenheit hatte, seine Gewandtheit und Körperkraft zu bewundern.“

„Ist es interessant?“

„Sehr!“

„So erzählt, Sir! Nicht wahr, Mesch’schurs, er soll es erzählen?“

„Ja, ja, erzählen, erzählen!“ rief’s im Kreise.

Ich war nun neugierig, was nun kommen würde, und ob es mir eine bekannte oder unbekannte Episode aus dem Leben Winnetous sei. Der Mann, welcher aufgefordert wurde, seine Geschichte vorzutragen, hatte lebhafte, scharfblickende Augen, ein intelligentes Gesicht und war wohl gewöhnt, über Dinge nachzudenken, welche andre Leute gleichgültig lassen. Schon die Einleitung, welche er vorausschickte, nahm meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

„Ihr müßt wissen, Gent’s,“ begann er, „daß ich über den wilden Westen und die Indianer meine eigenen Ansichten habe, ganz andere, als sie hier landläufig sind. Ich bin, als ich noch mit der sogenannten Existenz zu kämpfen hatte, als Pedlar sehr viel unter den Roten gewesen und habe mich stets wohl bei ihnen befunden. Dann wurde ich dies und das; es ging mir von Jahr zu Jahr besser, und wenn ich jetzt als ein gemachter Mann hier bei euch sitze, so haben sich zwar meine Verhältnisse geändert, nicht aber meine Ansichten über die Indsmen, die weit, weit besser sind als ihr Ruf, und Winnetou ist der beste und herrlichste von ihnen. Ich möchte manchem Weißen wünschen, so zu sein wie er!

Die meisten von euch werden wissen, daß ich eine Reihe von Jahren Indianeragent gewesen bin, aber nicht einer von der Sorte, welche, um sich selbst zu bereichern, die Roten um ihr Recht prellen und um ihr Hab und Gut betrügen. Diese Art von Agenten trägt die meiste Schuld daran, daß die Indianer nie aus dem Zorne gegen die Weißen herauskommen. Diese Leute bereichern sich gewissenlos an der Armut und Nacktheit des bedauernswerten Angehörigen der roten Nation und schreien Ach und Wehe über sie, wenn sie dann endlich einmal die Geduld verlieren und mit den Waffen in der Hand Gerechtigkeit verlangen.“

„Das ist ja eine wirkliche Predigt, die Ihr uns da haltet, Sir!“ lächelte ein Nachbar von ihm.

„Wollte gerne, es wäre eine und es ständen alle Weißen der Vereinigten Staaten hier, um sie sich zu Herzen zu nehmen. Was ich euch erzählen will, habe ich selbst teilweise miterlebt; ich war dabei. Ihr werdet daraus erstens ersehen, was Winnetou für ein Mann ist, und zweitens, daß es weiße Schurken giebt, an deren Schlechtigkeit kein Roter kommt. Die Feindschaft der Indianer gegen uns ist wohl begründet; wenn aber Weiße sich an Weißen vergreifen, um sie zu verderben, so ist das eine Halunkenhaftigkeit, für welche man keine Worte findet und die den Indsmen einen Begriff von uns beibringt, der tief und schwer zu beklagen ist. Man darf sich dann nicht wundern, wenn sie uns verachten und sich für besser als die Bleichgesichter halten. Meine Geschichte wird von solchen Weißen handeln, und wenn Ihr dann noch stolz darauf seid, Weiße zu sein und die Roten für schlechter als die Bleichgesichter haltet, so ist das nicht meine Sache, sondern die eurige, Mesch’schurs. Also, ich will beginnen:

„Jene weiten Prairien Nordamerikas, welche sich westlich vom Vater der Ströme, dem Missisippi, bis an den Fuß des Felsengebirges und von dem jenseitigen Abhange derselben wieder an die Küste des stillen Weltmeeres erstrecken, haben nicht nur in physikalischer Beziehung mancherlei Ähnlichkeiten mit den unendlichen Fernen, welche die Wogen des Oceanes erfüllen. Es bieten sich zu einem Vergleiche zwischen den Weiten der Savanne und den oceanischen Strecken Punkte dar, welche nicht in äußeren Verhältnissen liegen und von denen einer der bedeutendsten in dem Eindrucke zu suchen ist, welchen die See sowohl als auch die Prairie auf denjenigen macht, der sich einmal von der heimischen Scholle losgerissen hat, um entweder auf längere Zeit die Fluten des Meeres zu pflügen oder auf dem Rücken eines guten Pferdes die abenteuervollen Hinterländer der Vereinigten Staaten zu durchstreifen.

Ein alter „Swalker“, welchem Zeit seines Lebens die Segel eines stattlichen Dreimasters um den Südwester schlugen, mag von dem Binnenlande nichts mehr wissen, und wird er seeuntüchtig, so baut er sich eine enge, kleine Kabine so nahe wie möglich an das Wasser und blickt mit liebevollem, sehnsüchtigem Auge hinaus auf die ewig wechselnden und nimmer ruhenden Wellen, bis die Hand des Todes ihm die müden Lider schließt.

So ist es auch mit dem, der es wagte, den Gefahren des „wilden Westens“ kühn die Stirne zu bieten. Ist er auch einmal zurückgekehrt in Gegenden, über welche die Civilisation ihren Segen und – ihren Fluch ausgeschüttet hat, so zieht es ihn doch immer wieder zwischen die gefährlichen Post-oak-flats hinein und in die unbegrenzte Wildnis hinaus, wo es der Anstrengung aller körperlichen und geistigen Kräfte bedarf, um im Kampfe mit den tausenderlei und stets neuen Gefahren der Savanne nicht zu unterliegen. Für ihn giebt es nur selten im Alter ein Ruheplätzchen, wie es der „abgetakelte“ Seemann doch an der sichern Küste findet; ihm läßt es weder Ruhe noch Rast, er muß sich auf den Rücken seines Mustangs hängen und immer wieder in die Ferne ziehen, in welcher er einst spurlos verschwinden wird. Vielleicht findet ein Jäger nach Jahren seine gebleichten Gebeine auf ausgedorrter Ebene oder zwischen den himmelanstrebenden Felsen des Gebirges liegen; aber er reitet vorüber ohne ein Kreuz oder Ave und fragt nicht nach dem Namen dessen, der hier vielleicht ein grauenvolles Ende nahm. Der Westen hat einen rauhen Sinn und duldet weder Zartgefühl noch Schonung; er ist den physikalischen Stürmen widerstandslos preisgegeben, kennt keine andre Herrschaft als diejenige des unerbittlichen Naturgesetzes und bietet darum auch nur Männern Raum, die ihren einzigen Halt in der eigenen knorrigen Naturwüchsigkeit suchen.

Ein trotz aller Verträge immer von neuem aus seinen angewiesenen Wohnsitzen verdrängter, von der Natur reich begabter und dennoch dem unerläßlichen Untergang geweihter Menschenschlag liegt hier im Verzweiflungskampfe mit einer Nation, welcher alle physischen und geistigen, alle künstlichen und natürlichen Mittel zur Verfügung stehen, den todesmutigen Gegner trotz der heldenmütigsten Gegenwehr gewaltsam zu erdrücken. Es ist ein Jahrhunderte langes Ringen zwischen einem sterbenden Giganten und einem von Minute zu Minute sich mächtiger entwickelnden Sohne der Gesittung, der dem Feinde die gewaltige Faust immer enger um die Kehle drückt, ein Ringen, wie es die Geschichte sonst wohl auf keinem ihrer Blätter wieder aufzuweisen hat, begleitet von Heldenthaten, welche dem, was von unsern klassischen Heroen berichtet wird, getrost und vollgültig an die Seite gestellt werden kann, und wer es wagt, die lang- und breitgestreckten Schlachtgefilde zu betreten, dem darf keine einzige der Waffen mangeln, mit denen die äußerlich unscheinbaren und doch bewundernswerten Kämpfer sich auf Tod und Leben bekriegen.

Wer in Fort Gibson am Arkansas die Büchse über die Schulter legt und einige Tagereisen weit stromaufwärts geht, gelangt an ein kleines Settlement, bestehend aus einigen einfachen Blockhütten, einem gemeinsamen Weideplatze und einem etwas abseits liegenden Hause, welches sich schon von weitem durch sein primitives Schild als Store und Boardinghaus zu erkennen giebt. Der Wirt dieses Hauses ist nicht gewohnt, große Ansprüche zu befriedigen, und erhebt also auch selbst keine in Beziehung auf diejenigen, welche bei ihm eintreten und verkehren. Niemand weiß, was er früher war und woher er kam; darum fragt er auch keinen nach Namen, Vorhaben oder Reiseziel. Man versorgt sich bei ihm mit dem Nötigen, thut einen „Drink“ nach Belieben, schlägt, sticht oder schießt sich ein wenig und geht dann seines Weges. Wer viel fragt, braucht viel Zeit, und dem Amerikaner ist die Zeit kostbarer als eine Antwort, die er am besten sich selbst geben kann.

In dem Boarraume saßen einige Männer, deren Äußeres keineswegs salonfähig zu nennen war. So unterschiedlich die Kleidungsstücke waren, welche sie trugen, sämtliche Anzüge ließen auf den ersten Blick den echten, richtigen Trapper oder Squatter erkennen, der kaum jemals davon gehört hat, was ein guter Schneider zu bedeuten hat, sondern sich seinen Bedarf ohne Wahl da und grad so nimmt, wo und wie er ihn findet.

Wo mehrere Westmänner beisammen sitzen, da ist ein guter Schluck in der Nähe und ebenso sicher eine gute Erzählung im Gange. Daß die Anwesenden grad jetzt still vor sich niederblickten, hatte jedenfalls seinen Grund darin, daß eine jener „dunklen und blutigen Geschichten“, wie man sie in den Grenzländern zu hören bekommt, soeben erst zu Ende gegangen war und nun jeder in seiner Erinnerung nach einer zweiten forschte. Da wurde plötzlich derjenige von ihnen, welcher in der nächsten Nähe des kleinen Blockfensters saß, laut:

„Auf, ihr Leute, und hinausgeschaut da hinüber nach dem Wasser!“ meinte er. „Täuschen mich meine alten Augen nicht, so sind dies zwei Green-beacks, zwei Grünschnabel, wie sie im Buche stehen. Seht nur, wie sie zu Pferde sitzen, so nett und so fein, grad wie vom heil’gen Christ beschert! Was thun solche Leute hier in unsern guten Wäldern?“

Alle außer einem Einzigen erhoben sich, um die Ankömmlinge zu mustern; der Sprecher aber legte sich mit breitgespreizten Ellbogen wieder auf den Tisch zurück. Er hatte seine Schuldigkeit gethan und brauchte sich um weiter nichts zu kümmern. Er war eine eigentümliche Figur. Die Natur schien im Sinne gehabt zu haben, mit ihm ein Seilerstück zu fabrizieren, so unendlich hatte sie ihn in die Länge gezogen; alles an ihm, das Gesicht, der Hals, die Brust, der Unterleib, Arme und Beine waren lang, unendlich lang und dabei scheinbar so schwach und dürftig, daß man befürchten mußte, den ganzen Mann beim ersten besten Windstoße zerrissen und in Fäden davonwirbeln zu sehen. Seine Stirn war frei; auf dem Hinterkopfe aber balancierte ein namenloses Ding, welches vor vielen, vielen Jahren vielleicht einmal ein Cylinderhut gewesen war, jetzt aber gradezu aller Beschreibung spottete. Das hagere Gesicht zeigte einen Bart, ja, aber dieser Bart bestand aus kaum hundert Haaren, welche einsam und zerstreut die beiden Wangen, Kinn und Oberlippe bewucherten und von da lang und dünn bis fast auf den Gürtel herabhingen. Der Jagdrock, welchen er trug, schien noch aus seiner frühesten Jugendzeit zu stammen, denn er bedeckte kaum die obere Hälfte des Leibes, und die Ärmel reichten nur wenige Zoll über die Ellbogen herab. Die zwei unglückseligen Schalen, in denen die Beine staken, konnten früher einmal Schäfte von einem Paar riesiger Schifferstiefel gewesen sein, hatten aber jetzt das Aussehen alter, durchgeglühter Ofenrohre und stießen in der Knöchelgegend auf zwei sogenannte horse-feets, wie man sie besonders in Südamerika aus den noch lebenswarmen Häuten der Pferdefüße bereitet.

„Hast recht, Pitt Holbers,“ entschied einer der Hinausblickenden; „es sind Green-beacks, die uns nicht viel angehen werden. Laßt sie machen, was sie wollen!“

Die Neugierigen kehrten an ihre Plätze zurück. Draußen ließ sich Pferdegetrappel vernehmen; eine kurze barsche Stimme ertönte, die grad so klang, als sei sie das Befehlen gewohnt, und dann öffnete sich die Thür, um die beiden einzulassen, von denen die Rede gewesen war.

Während von dem zuletzt Eintretenden nicht viel zu sagen war, wäre die Persönlichkeit dessen, der den Vortritt genommen hatte, in anderer Umgebung sicher nicht ohne Eindruck geblieben.

Ohne grad und in die Augen fallend stark gebaut zu sein, erhielt er durch eine eigentümliche Weise der Haltung und Bewegung ein ungemein kraftvolles und gebieterisches Aussehen. Sein regelmäßig, ja schön gezeichnetes Gesicht war von der Sonne tief gebräunt und wurde von einem dichten, dunklen Barte umrahmt, der breit und voll bis auf die Brust herniederging. Die Kleidung, welche er trug, war vollständig neu, und seine Waffen ebenso wie diejenigen seines Begleiters konnten erst vor kurzem den Laden des Händlers verlassen haben, so blank und sauber zeigte sich ihr Aussehen.

Der echte Trapper oder Squatter hegt einen unüberwindlichen Widerwillen gegen alle auf die äußere Erscheinung gerichtete Sorgfalt, und ganz besonders ist ihm das Putzen der Waffen verleidet, deren Rost ihm ein sicheres Zeichen ist, daß sie nicht zum Staate getragen wurden, sondern in Kampf und Todesnot ihre guten Dienste geleistet haben. Da, wo der Wert eines Menschen nach etwas ganz anderem, als nach seinem Kleide bestimmt wird, enthält ein stutzerhaftes Äußeres gradezu eine Art von Herausforderung, und es bedarf nur einer geringen Veranlassung, um scharfe Reden zu Gehör zu bringen.

Good day, Mesch’schurs!“ grüßte der Ankömmling, indem er seine Doppelbüchse von der Schulter nahm, um sie in die Ecke zu lehnen, was einem erfahrenen Westmanne auf keinen Fall eingefallen wäre. Und sich an den Wirt wendend, welcher ihn mit halb neugierigem, halb spöttischem Blicke musterte, fragte er: „Ist hier der ehrsame Master Winklay zu finden?“

„Hm, der bin ich vielleicht selber!“ meinte nachlässig der Gefragte.

„Vielleicht?“ klang es in etwas beleidigtem und daher spitzem Tone. „Was soll das heißen?“

„Das heißt, daß ich allerdings der Master Winklay bin, zuweilen aber auch nicht, je nachdem es mir beliebt.“

„So! Und wie beliebt es Euch denn jetzt?“

„Das kommt wohl nur darauf an, was Ihr von dem Master wollt, Sir!“

„Zunächst einen passablen Schluck für mich und diesen Mann und dann eine Auskunft, um die ich Euch zu fragen habe.“

„Der Schluck ist da; hier nehmt ihn hin! Und die Auskunft könnt Ihr ja auch haben, so gut ich sie zu geben verstehe. Ich weiß, was ich einem Gentleman schuldig bin.“

„Laßt den Gentleman weg, Winklay; er wird an diesem Ort nicht sehr viel gelten!“ befahl der Fremde, indem er das Glas mit unbefriedigter Gebärde vom Munde nahm. „Meine Frage betrifft Sam Fire-gun.“

„Sam Fire-gun?“ fragte überrascht der Wirt. „Samuel Feuerbüchse? Was wollt Ihr mit dem?“

„Das ist wohl meine Sache, wenn’s Euch beliebt! Ich höre, daß er hier bei Euch zuweilen zu finden ist?“

„Hm, ja und nein, Sir. Was Euch beliebt, kann ja auch mir belieben. Gebt Ihr mir auf meine Frage keine Antwort, so könnt Ihr auch von mir nicht viel erwarten. Hier sitzen Leute, die Euch vielleicht auch einen Bescheid geben. Es sind zwei dabei, die den ganz genau kennen, nach dem Ihr Euch erkundigt.“

Der Mann drehte sich um und war nicht mehr zu sprechen. Der auf so recht amerikanische Weise Zurechtgewiesene wandte sich ruhig zu den übrigen:

„Ist das wahr, was Winklay sagte?“

Er bekam keine Antwort. Etwas klüger wandte er sich an Pitt Holbers:

„Wollt Ihr wohl die Güte haben, mir eine Antwort zu geben, Master Schweigsamkeit?“

„Hört, Sir, mein Name lautet Holbers, Pitt Holbers, wenn Ihr’s merken könnt, und wenn Ihr dreihundert Männer zugleich fragt, so weiß keiner, ob grad er es ist, der antworten soll. Was wollt Ihr von Sam Fire-gun?“

„Nichts, was ihm unangenehm sein könnte. Ich bin aus dem Osten herübergekommen, um mich ein weniges im Walde umzusehen, und brauche einen Mann, bei dem man etwas unter die Hand bekommt. Dazu ist Sam Fire-gun der Richtige, und ich will Euch daher fragen, wohin man sich zu wenden hat, um mit ihm zusammenzutreffen.“

„Möglich, daß er der Richtige wäre; aber ob er’s auch sein will, das ist eine andre Frage. Ihr seht mir nicht grad aus, als ob Ihr zu ihm paßt!“

„Meint Ihr? Kann sein, aber auch nicht. Also sagt, ob Ihr eine Auskunft geben könnt und wollt?“

Der Aufgeforderte drehte sich langsam nach dem Winkel herum, in welchem derjenige saß, der vorhin bei der Ankunft der Fremden ruhig sitzen geblieben war.

„Was meinst du, Dik Hammerdull?“

Der Mann hatte bisher den Kopf geneigt gehalten und dem Inhalte seines Glases eine so anhaltende Aufmerksamkeit erwiesen, daß sein Auge noch gar nicht auf die zwei Fremden gefallen war. Jetzt drehte er sich herum und schob die Kopfbedeckung nach hinten, als wolle er seinem Verstande die nötige Freiheit zu einer vernünftigen Antwort geben.

„Was ich meine, das bleibt sich gleich. Er soll den Colonel finden!“ sagte er.

Er drehte sich wieder ab, um von neuem in sein Glas zu blicken. Der Schwarzbärtige aber schien mit diesem kurzen, mangelhaften Bescheide nicht zufrieden zu sein, sondern trat näher zu ihm heran.

„Wer ist der Colonel, Master Hammerdull?“ fragte er.

Der Gefragte sah langsam und erstaunt empor.

„Wer der Colonel ist, das bleibt sich gleich. Colonel heißt Oberst; Sam Fire-gun ist unser Oberst, folglich nennt man ihn den Colonel.“

Der Frager konnte sich über den logischen Trapper eines Lächelns nicht erwehren. Er legte ihm die Hand wie herablassend auf die Schulter und forschte weiter:

„Nur nicht hitzig, Master! Wenn man gefragt wird, so steht man Rede und Antwort, so ist es überall, und ich sehe nicht ein, warum es hier am Arkansas anders sein soll. Wo ist der Colonel zu finden?“

„Wo er zu finden ist, das bleibt sich gleich. Ihr werdet zu ihm kommen, und damit pasta!“

„Hoho, Mann, das ist mir nicht genug. Ich muß doch wissen, wo und wie dies geschehen soll!“

Dik Hammerdull machte ein noch viel erstaunteres Gesicht als vorhin. Er war der schweigsamste Mann zwischen den Seen und dem Busen von Mexiko und sollte hier zu einer langen Rede gezwungen werden? Das konnte er sich unmöglich gefallen lassen. Er nahm das Glas empor, that einen nicht enden wollenden Zug aus demselben und erhob sich dann. Erst jetzt war es möglich, ihn von Kopf bis Fuß in Augenschein zu nehmen.

Er schien von dem Modelleur der menschlichen Schöpfung als Gegenstück zu Pitt Holbers gearbeitet worden zu sein. Er war ein kleiner und außerordentlich dicker Kerl, wie sie Amerika nicht sehr häufig aufzuweisen hat, von dem man nicht recht wußte, ob man sich vor ihm fürchten, oder über ihn lachen solle. Sein kurzer, runder Körper stak in einem aus Büffelleder gefertigten Sacke, dessen ursprünglicher Stoff jedoch nicht mehr gegenwärtig war, denn eine jede Blessur des alten Kleidungsstückes war durch Aufheftung des ersten besten Stückes ungegerbten Felles oder irgend einer andern fraglichen Materie derartig geheilt worden, daß mit der Zeit Flick an Flick und Fleck an Fleck gekommen war und die Reparaturstücke wie die Ziegel eines Daches über- und aufeinander lagen. Dazu war der Sack jedenfalls für eine weit längere Person verfertigt worden und hing ihm fast bis auf die Knöchel hernieder. Die Beine staken in zwei Futteralen, die man weder Stiefel oder Schuhe, noch Strümpfe und Gamaschen nennen konnte, und auf dem Kopfe trug er einen formlosen Gegenstand, der vor Zeiten einmal eine Pelzmütze gewesen sein konnte, jetzt aber vollständig haarlos war. Das wetterharte Gesicht, aus welchem zwei kleine Äuglein hervorblinzelten, zeigte nicht die geringste Spur eines Bartwuchses und war von zahlreichen Schmarren und Narben durchzogen, die ihm ein außerordentlich kriegerisches Aussehen gaben. Bei näherer Betrachtung konnte man bemerken, daß ihm mehrere Finger fehlten. Seine Waffenausrüstung war ganz die gewöhnliche; sie zeigte nichts Außerordentliches; aber die Büchse, welche er vor sich auf dem Tische liegen hatte, verdiente vollkommen, näher betrachtet zu werden. Sie hatte ganz die Gestalt eines alten Knüttels, der aus dem Dickicht gebrochen war, um bei der ersten besten Schlägerei eine Rolle zu spielen. Das Holzzeug hatte seine ursprüngliche Gestalt und Form verloren, war zerschnitten, zerkerbt und zerspalten, als hätten die Ratten ihr Spiel damit gehabt, und zwischen ihm und dem verlaufenen Rohre hatte sich eine solche Menge von Schmutz und Ungehörigkeit angesetzt, daß Holz, Schmutz und Eisen ein vollständiges Ganze bildeten und gar nicht voneinander zu unterscheiden waren. Selbst der beste europäische Schütze hätte es nicht gewagt, aus dem alten Prügel einen Schuß zu thun, aus Angst, das Ding müsse sofort zerspringen, und doch stößt man noch heut in der Prairie auf derlei unscheinbares Schießzeug, aus welchem ein andrer nie eine gute Kugel bringt, obgleich der Besitzer sicher keinen Schuß thut, der sein Ziel verfehlt.“ –

Als der Erzähler diese Beschreibung von Dik Hammerdull brachte, mußte ich an meinen alten Gefährten Sam Hawkens [Fußnote] denken, dessen Äußeres beinahe ganz dasselbe war, nur daß er einen Vollbart hatte. Später hörte ich, daß Hammerdull ein guter Bekannter von ihm war und sich aus reiner Freundschaft ebenso wie er kleidete.

Die Erzählung ging weiter:

„Er stand jetzt aufrecht vor dem Fremden, sah mit unbeschreiblichem Augenzwinkern zu ihm empor und sagte:

„Wo und wie dies geschehen soll, das bleibt sich gleich. Glaubt Ihr denn, Sir, daß Dik Hammerdull auf dem Kollege zu so und so zehn Jahre lang herumgelaufen ist, um Reden zu studieren? Was ich sage, das sage ich; mehr nicht, und wem es zu wenig ist, der mag sich seine Predigt von einem andern halten lassen. Wir sind hier auf Savannenland, wo man den Atem zu notwendigeren Dingen als zum Schwatzen braucht. Merkt’s Euch!“

„Dik Hammerdull, Ihr seid auf dem Kollege gewesen, denn Ihr könnt reden trotz des besten Mormonentreibers. Aber mir zu sagen, was ich wissen will, das habt Ihr doch vergessen. Ich frage noch einmal: Auf welche Weise und wann und wo soll ich auf S am Fire-gun treffen?“

„Beim Teufel, Mann, nun hab ich’s satt! Ihr habt gehört, daß Ihr ihn finden werdet, und das ist vollauf genug. Setzt Euch zu Eurem Glase, und wartet die Sache ab. Ich lasse mir meinen Katechismus von keinem Greenhorn abexaminieren!“

„Greenhorn? Habt Ihr etwa Lust, mit meinem Messer Bekanntschaft zu machen?“

Pshaw, Sir! Was geht mich Euer Kneif an? Nehmt ihn zum Käferstecher oder rasiert meinetwegen Laubfrösche damit; Dik Hammerdull aber ist nicht der Mann, sich vor Eurer Spicknadel zu fürchten. Euer Auftreten ist nicht das eines Westmannes; ich sage es also noch einmal, ob es Euch gefällt oder nicht, das bleibt sich gleich: Ihr seid ein Greenhorn; sorgt dafür, daß es anders wird!“

Well, so soll es auf der Stelle anders werden!“

Er trat in die Ecke zurück, in welcher seine Büchse lehnte, ergriff sie, zog den Hahn zurück und gebot:

„Master Hammerdull, wo ist Euer Colonel zu finden? Ich gebe Euch nur eine Minute Zeit; ist meine Frage dann noch nicht beantwortet, so antwortet ihr überhaupt nicht mehr. Wir sind auf Savannenland, wo jeder sich das Gesetz selbst zu machen hat!“

Der Angeredete blickte mit der gleichgültigsten Miene in sein Glas; es war ihm nicht im mindesten anzumerken, daß er die Aufforderung wirklich vernommen habe. Die andern freuten sich des willkommenen Streites, der ihnen Unterhaltung bot, und blickten erwartungsvoll von einem der Gegner zu dem andern. Nur Pitt Holbers schien im voraus von der Art und Weise des Ausganges überzeugt zu sein, schob die hageren Finger gemütlich zwischen Leib und Gürtel und streckte die unendlichen Beine so weit wie möglich von sich, als seien sie ihm bei der Beobachtung seines schweigsamen Freundes im Wege. Der Fremde fuhr fort:

„Nun, Master, die Minute ist vorüber! Bekomme ich Antwort oder nicht? Ich zähle: Eins – – zwei – – dr – – –“

Er vermochte nicht, die gefährliche Drei auszusprechen. Bis zur Zwei hatte Hammerdull regungslos und gleichgültig dagesessen, dann aber mit Gedankenschnelle, die ihm ein Unbekannter wohl nicht zugetraut hätte, die alte Büchse ergriffen; in demselben Momente war sie gerichtet; es blitzte auf, der Schuß krachte mit hundertfacher Stärke in dem engen Raume, und das zerschmetterte Gewehr des Fremden flog aus der Hand desselben auf die Diele nieder. Aber schon im nächsten Augenblicke lag er selbst am Boden, und Dik kniete mit gezücktem Messer auf seiner Brust.

„Nun, Greenhorn, sag Drei, damit ich Antwort gebe!“ gebot er ihm höhnisch.

„Zum Teufel, Master, laßt mich auf; es war ja gar nicht so ernst gemeint. Ich hätte nicht geschossen!“

„Das kann man hernach gut sagen. Nicht geschossen? Also ein Theaterstreich mit dem alten Trapper, den sie Dik Hammerdull nennen? Lächerlich, rein lächerlich! Aber ob du geschossen hättest oder nicht, das bleibt sich gleich, mein junge. Du hast die Büchse auf einen Westmann gerichtet und damit nach Savannenrecht die Klinge erworben. Jetzt zähle ich: Eins – – zwei – –“

Der Überwältigte machte eine kraftvolle, aber vergebliche Anstrengung, loszukommen. Dann bat er:

„Stecht nicht, Master; der Colonel ist mein Oheim!“

Der Trapper nahm das Messer zurück, doch ohne den Gegner frei zu geben.

„Der Colonel – –? Euer Ohm – –? Das sagt, wem Ihr wollt; ich aber will mich bedenken, ehe ich es glaube!“

„Es ist so. Er würde es Euch wenig Dank wissen, wenn er hörte, was Ihr mir gethan!“

„So! Hm! Na, ob Ihr wirklich sein Neffe seid oder nicht, das bleibt sich gleich; ich hätte Euch doch bloß ein wenig gekitzelt, um Euch eine gute Lehre zu geben. Einem Greenhorn geht mein Messer nicht ans Leben, dazu ist’s zu gut. Steht auf!“

Er erhob sich und trat zu seinem Tisch zurück, auf welchen er vorhin die Büchse geworfen hatte. Sie aufnehmend, begann er, den abgeschossenen Lauf von neuem zu laden. Sein Gesicht glänzte vor Liebe und Sorgfalt, mit der er dieses Geschäft vornahm, und seine kleinen, leuchtenden Augen waren mit einem Blicke auf das alte Schießzeug gerichtet, welcher deutlich bekundete, daß die Waffe ihm an das Herz gewachsen sei.

„Ja, ein Gewehr wie dieses giebt’s nicht gleich wieder!“ meinte der Wirt, der dem Vorgange in aller Seelenruhe zugeschaut hatte und sich wenig um den Rauch kümmerte, welcher das Gemach erfüllte.

„Will es meinen, alter Brandythiner,“ meinte Hammerdull wohlgefällig. „Es ist gut und stets bei der Hand, wenn ich es brauche.“

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür geräuschlos, und ohne daß die an den Fenstern Sitzenden das Kommen irgend jemandes bemerkt hatten, trat leisen, unhörbaren Schrittes ein Mann ein, den man trotz der Trapperkleidung auf den ersten Blick als Indianer erkennen mußte.

Sein Gewand war sauber und sichtlich gut gehalten, eine, außerordentliche Seltenheit von einem Angehörigen seiner Rasse. Sowohl der Jagdrock als die Leggins waren von weichgegerbtem Büffelkalbleder, in dessen Bereitung die Indianerfrauen Meisterinnen sind, höchst sorgfältig gearbeitet und an den Nähten zierlich ausgefranst; die Mokassins waren aus Elenhaut und nicht in fester Fußform, sondern in Bindestücken gefertigt, was dieser Art von Fußbekleidung neben erhöhter Dauerhaftigkeit auch eine größere Bequemlichkeit verleiht. Die Kopfbedeckung fehlte; an ihrer Stelle war das reiche, dunkle Haar in einen Knoten geschlungen, welcher turbanartig auf dem stolz erhobenen Haupte thronte. Der Sohn der Wildnis hatte verschmäht, seine kühne Stirn zu bedecken.

Nachdem sein dunkles, scharfes Auge mit adlerartigem Blicke über die Gesellschaft geflogen war, schritt er zu dem Tische, an welchem Dick Platz genommen hatte. Er kam grad zu dem Unrechtesten, denn dieser fuhr ihn zornig an:

„Was willst du hier bei mir, Rothaut? Dieser Platz ist mein. Geh‘, such dir einen andern!“

„Der rote Mann ist müd; sein weißer Bruder wird ihn ruhen lassen!“ antwortete der Indianer mit sanfter Stimme.

„Müd‘ oder nicht, das bleibt sich gleich. Ich kann dein rotes Fell nicht leiden!“

„Ich bin nicht schuld daran; der große Geist hat mir’s gegeben.“

„Von wem du es hast, das bleibt sich gleich; geh‘ fort; ich mag dich nicht!“

Der Indianer nahm die Büchse von der Schulter, stemmte den Kolben auf den Boden, legte die gekreuzten Arme über die Mündung des Laufes und fragte, jetzt ernster werdend:

„Ist mein weißer Bruder der Herr von diesem Hause?“

„Das geht dich nichts an.“

„Du hast recht gesagt; es geht mich nichts an und dich nichts, darum darf der rote Mann grad so sitzen, wie der weiße.“

Er ließ sich nieder. Es lag in der nachdrücklichen Art und Weise, wie er dies sagte, etwas, was dem mürrischen Trapper imponieren mochte. Er ließ ihn jetzt gewähren.

Der Wirt trat herbei und fragte den Roten:

„Was willst du hier in meinem Hause?“

„Gieb mir Brot zu essen und Wasser zu trinken!“ antwortete dieser.

„Hast du Geld?“

„Wenn du in mein Wigwam kämst und um Speise bätest, würde ich sie dir ohne Geld geben. Ich habe Gold und Silber.“

Das Auge des Wirtes blitzte auf. Ein Indianer, der Gold und Silber hat, ist eine willkommene Erscheinung an jedem Orte, wo das verderbliche Feuerwasser zu haben ist. Er ging und kehrte bald mit einem mächtigen Kruge Branntweines zurück, welches er neben dem bestellten Brote vor den Gast setzte.

„Der weiße Mann irrt; solch‘ Wasser habe ich nicht begehrt!“

Erstaunt blickte ihn der Wirt an. Er hatte noch niemals einen Indianer gesehen, der dem Geruch des Spiritus hätte zu widerstehen vermocht.

„Was denn für welches?“

„Der rote Mann trinkt nur das Wasser, welches aus der Erde kommt.“

„So kannst du hingehen, wo du hergekommen bist. Ich bin hier, um Geld zu verdienen, nicht aber, um deinen Wasserträger zu machen! Bezahl das Brot, und troll dich fort!“

„Dein roter Bruder wird bezahlen und gehen, doch nicht eher, als bis du ihm verkauft hast, was er noch braucht.“

„Was willst du noch?“

„Du hast ein Store, wo man kaufen kann?“

„Ja.“

„So gieb mir Tabak, Pulver, Kugeln und Feuerholz.“

„Tabak sollst du haben; Pulver und Kugeln aber verkaufe ich an keinen Indsman.“

„Warum nicht?“

„Weil sie euch nicht gehören.“

„Deinen weißen Brüdern aber gehören sie?“

„Das will ich meinen!“

„Wir alle sind Brüder; wir alle müssen sterben, wenn wir kein Fleisch schießen können; wir alle müssen Pulver und Kugeln haben. Gieb mir, um was ich dich gebeten habe!“

„Du bekommst sie nicht!“

„Ist dies dein fester Wille?“

„Mein fester!“

Sofort hatte ihn der Indianer mit der Linken bei der Kehle und zuckte mit der Rechten das blitzende Bowiemesser.

„So sollst du auch deinen weißen Brüdern nicht mehr Pulver und Kugeln geben. Der große Geist läßt dir nur einen einzigen Augenblick noch Zeit. Giebst du mir, was ich will, oder nicht?“

Die Jäger waren aufgesprungen und machten Miene, sich auf den mutigen Wilden zu stürzen, unter dessen eisernem Griffe sich der Wirt stöhnend wand. Er aber hielt sich rückenfrei und rief, den Kopf stolz emporwerfend, mit dröhnender Stimme:

„Wer wagt es, Winnetou, den Häuptling der Apatschen, anzutasten?!“

Das Wort hatte eine überraschende Wirkung.

Kaum war es ausgesprochen, so traten die Angriffsbereiten mit allen Zeichen der Achtung und Ehrerbietung von ihm zurück. Winnetou war ein Name, der selbst dem kühnsten Jäger und Fallensteller Respekt einflößen mußte.

Der Indianer war der berühmteste Häuptling der Apatschen, deren bekannte Feigheit und Hinterlist ihnen früher unter ihren Feinden den Schimpfnamen Pimo zugezogen hatte; doch seit er zum Anführer seines Stammes gewählt worden war, hatten sich die Feiglinge nach und nach in die geschicktesten Jäger und verwegensten Krieger verwandelt; ihr Name wurde gefürchtet weit über den Kamm des Gebirges herüber, ihre mutigen Unternehmungen waren stets vom besten Erfolge begleitet, obgleich sie nur in geringer Männerzahl und mitten durch feindliches Gebiet hindurch ihre Streifzüge bis in den fernen Osten hinein ausdehnten, und es gab eine Zeit, in welcher an jedem Lagerfeuer und im kleinsten Boarraume ebensowohl wie im Salon des feinsten Hotels Winnetou mit seinen Apatschen den stehenden Gegenstand der Unterhaltung bildete. Jedermann wußte, daß er schon öfters ganz allein und ohne alle Begleitung außer derjenigen seiner Waffen über den Missisippi herübergekommen war, um die Dörfer und Hütten der Bleichgesichten zu sehen und mit dem großen Vater der Weißen, dem Präsidenten in Washington zu sprechen. Er war der einzige Häuptling der noch ununterjochten Stämme, welcher den Weißen nicht übel wollte, und es ging die Rede, daß er sogar ein sehr enges Freundschaftsbündnis mit Fire-gun, dem Trapper und Pfadfinder, geschlossen habe.

Niemand wußte zu sagen, woher dieser weit und breit bekannte und von allen Indianern gefürchtete Jäger stamme. Er hielt nur einige wenige Auserwählte um sich versammelt, tauchte bald hier und bald da mit ihnen auf, und wo einmal von so einem echten, rechten Trapperstücke erzählt wurde, da war sein Name gewiß mit dabei, und es gingen Berichte über ihn im Schwange, an deren Wahrheit man fast hätte zweifeln können, da er nach ihnen immer neue Abenteuer ausführte, bei denen ein andrer ganz sicher zu Grunde gegangen wäre, und die ihn mit einem Nimbus umhüllten, dessen Zauber sich besonders in dem allgemeinen Verlangen der Jäger, ihn kennen zu lernen, kund gab.

Aber das war nicht so leicht. Niemand kannte den Ort, der ihm und den Seinen als Sammelplatz und Ausgangspunkt ihrer Streifereien diente, und ebensowenig vermochte man den Zweck zu bestimmen, der ihn im wilden Westen hielt. War er einmal in irgend einer Ansiedelung erschienen, so hatte er ganz gewiß nicht mehr Felle mitgebracht, als zum Eintausche von Proviant und Munition unumgänglich notwendig war, und war dann stets sofort wieder spurlos verschwunden. Er gehörte also jedenfalls nicht zu den Jägern, welche sich durch die Jagd die Mittel zu einem späteren, gemütlichen Leben zu erwerben trachten; er mußte vielmehr ganz andre Absichten verfolgen, über welche aber nichts verlautete, weil er nie Umgang pflog und jedem Versuche der Annäherung behutsam aus dem Wege ging.

„Laß los!“ rief der Wirt. „Wenn du Winnetou bist, so sollst du alles haben, was du verlangst!“

„Hugh!“ tönte es im befriedigten Gutturaltone. „Der große Geist läßt dich dies Wort sagen, du Mann mit den roten Haaren, sonst hätte ich dich zu deinen Vätern versammelt und jeden dazu, der es verhindern wollte!“

Er gab ihn frei und trat, während Winklay hinausging, um im Vorratsraume nach dem Verlangten zu suchen, zu Hammerdull heran und fragte diesen:

„Warum sitzt der weiße Mann hier und feiert, während den roten Feinden nach seinem Wigwam verlangt?“

Dik sah vom Glase auf und antwortete verdrossen:

„Ob ich hier sitze oder wo anders, das bleibt sich gleich. Kennt mich der große Häuptling der Apatschen?“

„Winnetou hat dich noch nicht gesehen, aber er erblickt das Zeichen seines tapferen Freundes und weiß nun, daß du einer seiner Männer bist. Soll Fire-gun, der große Jäger, allein kämpfen um die Skalps der Ogellallahs, die nach ihm suchen?“

„Ogellallah?“ Dik Hammerdull schnellte in die Höhe, als habe er eine Klapperschlange unter dem Tische erblickt, und auch Pitt Holbers stand mit einem einzigen Schritte seiner langen Beine vor dem Indianer. „Was weiß der rote Mann von den Ogellallahs?“

„Eile zu deinem Häuptling, du wirst es von ihm erfahren!“

Er wandte sich um zu dem Wirte, welcher wieder eingetreten war, knüpfte die Pulver-, Kugel- und Proviantbeutel vom Gürtel los, ließ sich dieselben füllen und fuhr dann mit der Hand unter das weißgraue Jagdhemde.

„Winnetou wird geben dem Manne mit den roten Haaren auch rotes Metall!“

Winklay nahm die Bezahlung in Empfang und betrachtete das schwere Stück mit unverkennbarem Entzücken.

„Gold, echtes, blankes, massives Gold, vierzig Dollars unter Brüdern wert! Indsman, wo hast du es her?“

Pshaw!“

Er sprach das Wort mit geringschätzigem Achselzucken aus und war im nächsten Augenblicke aus der Stube verschwunden.

Der Wirt sah die andern mit offenem Munde an.

„Hört, Gentlemen, der rote Halunke scheint mehr Gold zu besitzen, als wir alle miteinander. Habe mein Pulver noch nie so gut bezahlt erhalten, wie von ihm. Wäre doch der Mühe wert, ihm einmal nachzugehen, denn daß er von dieser Sorte noch mehr bei sich führt und sein Pferd hier irgendwo stecken hat, das ist so sicher wie die Klinge am Griffe!“

„Wollt’s Euch nicht raten, Mann,“ antwortete Dik Hammerdull, indem er sich zum Gehen rüstete. „Winnetou, der Apatsche, ist nicht derjenige, welcher sich auch nur einen Schrot nehmen läßt. Ob er Gold hat oder nicht, das bleibt sich gleich, aber bekommen thut es keiner!“

Auch Pitt Holbers warf seine Rifle über die Schulter und meinte:

„Müssen fort, Dik, fort, so rasch wie möglich. Der Indsman ist allwissend, und mit den Hunden von Ogellallahs, hol sie der Teufel, muß es also seine Richtigkeit haben. Aber was wird nun mit den Männern dort, he?“

Er zeigte bei diesen letzten Worten auf die Fremden.

„Hab‘ gesagt, daß sie mitgehen, und wird auch so bleiben!“ antwortete der Dicke und wandte sich zu dem Schwarzbärtigen.

„Wenn Ihr Sam Fire-gun sehen wollt, so ist’s jetzt Zeit aufzubrechen, aber sagt vorher erst, wie Ihr heißt! Ob Ihr einen Namen habt oder nicht, das bleibt sich zwar ganz gleich, aber man muß doch wissen, wie man Euch zu nennen hat.“

Der Gefragte erhob sich, um sich mit seinem Begleiter den beiden Trappern anzuschließen.

„Ich heiße Sander, Heinrich Sander, und bin ein Deutscher von Geburt.“

„Ein Deutscher? Hm, ob Ihr ein Chinese seid oder ein Großtürke, das bleibt sich gleich; da Ihr aber ein Deutscher seid aus Germany da drüben, so ist es mir um so lieber und auch besser für Euch, denn die Deutschen sind brave Männer; kenne sie, und bin manchem von ihnen begegnet, der die Büchse so zu halten verstand, daß er den Büffel ins Auge traf. Vorwärts also, Mann. Wir müssen lange Beine reiten!“

Die vier Männer traten ins Freie. Dort steckte Hammerdull die Finger in den Mund und stieß einen gellenden Pfiff aus, auf welchen zwei aufgezäumte Pferde hinter der Fenz hervorgetrabt kamen.

„So, da sind die Tiere. Nun hinauf und fort, Master Sander und – ja, und wie soll man denn Euch nennen?“ fragte er den andern.

„Peter Wolf heiße ich,“ antwortete dieser.

„Peter Wolf? Verteufelt miserabler Name! Es ist zwar ganz gleich, ob Ihr John oder Tim oder meinetwegen Bill heißt, aber Peter Wolf, das bricht einem ja die Zunge entzwei und schiebt die Zähne auseinander. Na also, steigt auf und macht, daß wir in den Wald und dann in die Prairie hineinkommen!“

„Wo ist denn der Indianer hin?“ fragte Sander.

„Der Apatsche? Wo der hin ist, das ist ganz egal, das bleibt sich sogar gleich. Er weiß am besten, wohin er zu gehen hat, und ich wette meine Stute gegen einen Ziegenbock, daß wir ihn grad da wiedertreffen, wo er es für gut hält und wir ihn am nötigsten brauchen.“

Die Wette hätte ihre lustige Seite gehabt, denn es wäre gar mancher wohl schwerlich bereit gewesen, einen guten, wohlgehaltenen Ziegenbock gegen die alte, steifbeinige Stute zu setzen, die jedenfalls eine ansehnliche Reihe von Jahren auf dem messerscharfen Rücken trug und eher einem Bastarde zwischen Ziege und Esel, als einem brauchbaren Pferde ähnlich sah. Ihr Kopf war unverhältnismäßig groß, schwer und dick; von einem Schwanze war absolut keine Rede mehr, denn wo früher vielleicht ein kräftiger Haarschweif herabgehangen hatte, da ragte jetzt ein kurzer, spitziger und knochiger Stummel in die Höhe, an welchem man selbst bei Anwendung eines Mikroskopes nicht eine einzige Haarspur entdeckt hätte. Ebenso fehlte die Mähne vollständig. An ihrer Stelle war ein wirrer, schmutziger Flaumfederstreifen zu erkennen, welcher zu beiden Seiten des Halses in die langzottige Wolle überging, mit welcher der knochendürre Leib bedeckt war. An den mühsam zusammengehaltenen Lippen konnte man erkennen, daß das liebe Tier wohl keinen einzigen Zahn mehr besitze, und die kleinen, tückisch schielenden Augen ließen vermuten, daß es einen nicht sehr liebenswürdigen Charakter besitze.

Doch hätte nur der im Westen Unbekannte über die alte Rosinante lächeln können. Diese Art von Tieren hat gewöhnlich ein halbes Menschenalter hindurch dem Reiter in Not und Gefahr gedient, in Wind und Wetter, in Sturm und Schnee, Hitze und Regen treu und mutig zu ihm gehalten, ist ihm daher an das Herz gewachsen und besitzt selbst noch im hohen Alter schätzenswerte Eigenschaften, welche ihn nicht leicht zu einem Wechsel schreiten lassen. So wußte jedenfalls auch Dik Hammerdull, warum er seine Stute beibehielt und nicht einen jungen, kräftigen Mustang an ihrer Stelle unter den Sattel nahm.

Auch Pitt Holbers war nicht sehr prachtvoll beritten. Er saß auf einem kleinen, kurzen und dicken Hengst, der so niedrig war, daß die langen, unendlichen Beine des Reiters fast an der Erde schleiften. Doch waren trotz der nicht geringen Last die Bewegungen des Tieres so leicht und zierlich, daß man ihm schon etwas zutrauen durfte.

Was die Pferde der beiden andern betraf, so stammten sie offenbar aus einer ruhigen Farm des Ostens und hatten also die Aufgabe, ihre Brauchbarkeit im Laufe der Zeit erst noch zu beweisen.

Der scharfe Ritt ging bis gegen Abend hin durch den hohen Wald. Sodann erreichte man die offene Prairie, welche“ von gelbblühendem Helianthus bedeckt, sich wie ein prachtvoller Teppich nach allen Seiten hin erstreckte und in einer weiten, unendlichen Ebene sich gegen den graugefärbten Horizont verlief.

Die Pferde hatten sich heut ausgeruht, und so konnte man noch ein gutes Stück in die Savanne hineinreiten, ehe ein Nachtlager errichtet wurde. Erst als die Sterne schon am Himmel standen und der letzte Strahl der Sonne längst verschieden war, hielt Hammerdull sein Pferd an.

„Stop,“ meinte er; „hier hat der Tag ein Ende, und wir können uns ein wenig in unsre Decken wickeln! Meinst du nicht, Pitt Holbers, altes Coon?“

Coon ist die gebräuchliche Abkürzung von Racoon, der Waschbär, und wird zwischen den Jägern unter allerlei Bedeutung gern als Anrede gebraucht.

„Wenn du denkst, Dick,“ antwortete brummend der Gefragte, indem er unternehmend in die Ferne schaute. „Aber wäre es nicht besser, wir legten noch eine Meile hinter uns oder drei und fünf? Beim Colonel sind jedenfalls vier tüchtige Arme und zwei gute Büchsen notwendiger, als hier auf der Wiese, wo die Käfer summen und die Nachtfalter einem um die Nase streichen, als gäbe es in der ganzen Welt keine Rothaut auszulöschen.“

„Das mit den Käfern und Rothäuten, das bleibt sich gleich. Wir haben hier zwei Männer, welche die Savanne noch nicht gekostet haben, und müssen ihnen Ruhe gönnen. Sieh nur, wie hier der Braune von Peter Wolf – verdammt schwerer Name – also, wie der Braune schnauft, als hätte er den Niagarafall in der Kehle! Und der Fuchs, auf dem der Sander hängt, dem tropft ja das Wasser aus dem Barte. Herab also; mit Tagesgrauen geht’s weiter!“

Die beiden Deutschen waren des langen Reitens ungewohnt und also wirklich müd geworden. Sie leisteten dem Aufrufe also augenblicklich Folge. Die Pferde wurden an den langen Lassos angepflockt, und nachdem man ein frugales Abendbrot zu sich genommen und die Wachen bestimmt hatte, legte man sich auf den weichen Rasen.

Am Morgen ging es weiter. Die beiden Trapper waren schweigsame Männer, die nicht gern ein Wort mehr sprachen, als unumgänglich notwendig war; man befand sich ja jetzt nicht mehr im sichern Store, wo man diese oder jene Geschichte unbesorgt vom Stapel lassen konnte, sondern in der Savanne, wo man keinen Augenblick ohne Vorsicht und sorgfältige Umschau vergehen lassen durfte, und die Nachricht, welche Winnetou gebracht hatte, war geeignet genug, selbst redseligere Zungen im Zaume zu halten. So kam es, daß Sander die Erkundigungen, welche er während des ganzen Tages auf den Lippen gehabt hatte, zurückhielt, und als er sie am Abende auf dem Lagerplatze aussprechen wollte, fand er so verschlossene Ohren, daß er sich unbefriedigt in seine Decke wickelte und den Schlaf suchte.

So ging es mehrere Tage fast wortlos aber in immer gleicher Eile in die Prairie hinein, bis am fünften Tage gegen Abend Hammerdull, welcher an der Spitze ritt, plötzlich sein Pferd anhielt und im nächsten Augenblick im Grase kauerte, um den Boden mit sichtlicher Aufmerksamkeit zu betrachten. Dann rief er aus:

Have care, Pitt Holbers, wenn hier nicht einer vor noch ganz kurzer Zeit geritten ist, so lasse ich mich von dir auffressen. Steig ab, und komm herbei!“

Holbers trat mit dem linken Beine auf die Erde, zog dann das rechte über den Rücken seines dicken Hengstes herüber und bückte sich, um die Spur zu prüfen.

„Wenn du denkst, Dik,“ brummte er zustimmend, „so meine ich, daß es ein Indianer gewesen ist.“

„Ob es eine Rothaut gewesen ist oder nicht, das bleibt sich gleich, aber das Pferd eines Weißen giebt eine andre Spur als diese da. Steig wieder auf, und laß mich machen.“

Er verfolgte zu Fuße die Hufeindrücke, während seine erfahrene und verständige Stute langsam und freiwillig hinter ihm hertrollte. Nach einigen Hundert Schritten blieb er halten und wandte sich zurück:

„Steig wieder ab, altes Coon, und sage mir, wen wir da vor uns haben!“

Er deutete mit dem Zeigefinger auf die Erde. Holbers bog sich herab, unterwarf die Stelle einer sehr genauen Prüfung und sagte dann:

„Wenn du denkst, Dick, daß es der Apatsche ist, so sollst du recht haben. Dieselben ausgezackten Fransen, wie hier eine an dem Kaktus hängt, trug er damals im Store an den Mokassins. Ich habe dergleichen noch bei keiner Rothaut bemerkt, da sie gewöhnlich nur grad ausgeschnitten werden. Er ist hier abgestiegen, um sich irgend etwas anzusehen, und dabei haben ihm die Stacheln die Franse abgerissen. Ich denke – – behold, Dik, schau hier rechts! Was für Füße sind das wohl gewesen?“

„Bei deinem Barte, Pitt, das ist ein scoundrel, so ein Schuft von Indsman, der von dort seitwärts kam und hier abgebogen ist, was meinst du?“

„Hm! Der Apatsche hat ein heidenmäßig scharfes Auge; ihm ist wahrhaftig gleich die erste Spur des Mannes ins Gesicht gefallen, und wer weiß, wie lange wir schon auf der seinigen herumgeschnobert sind, ohne sie zu bemerken.“

„Ob wir sie bemerkt haben oder nicht, das bleibt sich gleich. Wir haben sie ja gefunden, und das ist genug. Aber eine Rothaut läuft nicht so einzeln hier mitten in der Savanne herum. Er wird in der Nähe seine Mähre stehen haben, und nicht weit davon hält sicher eine ganze Anzahl Pfeilmänner und führt irgend eine Teufelei im Schilde. Laßt uns einmal Umschau halten, ob nicht dieses oder jenes zu bemerken ist, an das wir uns halten können!“

Er suchte den Horizont sorgfältig ab und schüttelte dann unbefriedigt mit dem Kopfe.

„Hört, Sander, Ihr habt da ein Futteral an der Seite hängen. Warum macht Ihr es nicht auf? Steckt etwa ein Vogel drin, der Euch nicht fortfliegen soll?“

Sander öffnete das Etui, zog ein Fernrohr hervor und reichte es dem Trapper vom Pferde herab. Dieser stellte es, brachte es vor das Auge und begann seine Untersuchung von neuem.

Nach kurzer Zeit zog er die Augenbrauen zusammen und meinte mit listigem Blinzeln:

„Hier hast du einmal das Glas, Pitt Holbers. Sieh da hinauf, und sage mir, was das für eine lange, grade Linie ist, welche sich von Osten her längs des nördlichen Horizontes bis hinüber nach Westen zieht?“

Holbers folgte der Weisung. Dann nahm er das Rohr vom Auge und rieb sich bedachtsam seine lange, scharfe und spitzige Nase.

„Wenn du denkst, Dick, daß es der Railway ist, die Eisenbahn, die sie da hinüber nach Kalifornien gelegt haben, so bist du nicht so dumm, als wie man denken sollte.“

„Dumm –? Dik Hammerdull und dumm! Kerl, ich kitzle dich mit meiner Klinge zwischen die Rippen, daß dir der lange Atem wie ein morsches Schiffstau aus dem großen Maule läuft! Dick Hammerdull und dumm! Hat man jemals so etwas gehört? Übrigens, ob er dumm ist oder nicht, das bleibt sich gleich; aber wer ihn für billiger kaufen will, als er ist, der mag wohl zusehen, daß er sich nicht verrechnet. Was aber hat denn eigentlich der Railway mit der Rothaut zu thun, die von da hinübergeschlichen ist, Pitt Holbers, du Ausbund von allen möglichen Arten der Weisheit, he?“

„Hm, wann kommt wohl der nächste Zug, Dik?“

„Weiß nicht genau, denke aber, daß er noch heut hier vorübergeht.“

„Dann haben es die Roten sicher auf ihn abgesehen.“

„Sollst recht haben, altes Coon. Aber von welcher Seite wird er kommen – von hüben oder drüben?“

„Da mußt du nach Omaha und San Francisco gehen, wo man dir Auskunft geben wird; auf meinem Rocke aber klebt kein Tarif!“

„Will’s dem alten Fetzen auch nicht zumuten. Doch, ob er vom Osten kommt oder vom Westen, das bleibt sich gleich; wenn er nur kommt, dann haben sie ihn. Ob wir aber ruhig zugeben, daß sie ihn anhalten und den Passagieren Skalp und Leben nehmen, das ist eine andre Sache. Was sagst du dazu?“

„Halte es ganz für unsre Pflicht, ihnen einen Strich übers Gesicht zu machen.“

„Ganz meine Meinung. Also abgestiegen und vorwärts! Ein Mann hoch zu Roß wird von den Spürnasen eher bemerkt als einer, der fein demütig den Weg unter die eigenen Füße nimmt. Wollen doch sehen, in welchem Loche sie stecken. Aber schußfertig halten, ihr Männer, denn wenn sie uns bemerken, dann ist die Büchse das erste, was wir brauchen!“

Sie schlichen sich langsam und mit außerordentlicher Vorsicht vorwärts. Die Spuren, denen sie folgten und welchen sich auch diejenigen des Apatschen beigesellt hatten, führten erst an den Bahndamm und dann diesem immer entlang, bis man von fern einige Wellenförmige Erhöhungen des Bodens bemerkte.

Jetzt hielt Dik Hammerdull wieder an.

„Wo die Schufte stecken, das bleibt sich natürlich gleich, aber ich lasse mich so lange braten, bis ich so hart und dürr geworden bin wie Master Holbers, wenn sie sich nicht dort hinter das Zwerggebirge zurückgezogen haben. Wir können nicht weiter, denn – –“

Das Wort blieb ihm im Munde stecken, aber in demselben Augenblicke hatte er auch seine alte Büchse an der Wange, senkte sie jedoch auch sofort wieder herab. Über der jenseitigen Böschung des Bahndammes hatte sich eine Gestalt erhoben, schnellte sich mit katzenhafter Geschmeidigkeit über den Schienenweg herüber und stand im nächsten Momente vor den vier Männern. Es war der Apatsche.

„Winnetou hat die guten Bleichgesichter kommen sehen,“ sagte er. „Sie haben die Spur der Ogellallahs entdeckt und werden das Feuerroß retten vor dem Untergange?“

Heigh-day,“ meinte Hammerdull; „ein Glück, daß es kein andrer war, denn er hätte meine Kugel geschmeckt und wir hätten uns durch den Schuß verraten! Aber wo hat der Häuptling der Apatschen sein Pferd? Oder befindet er sich ohne Tier im wilden Lande?“

„Das Pferd des Apatschen ist wie der Hund, welcher sich gehorsam niederstreckt und wartet, bis sein Herr zurückkehrt. Er hat gesehen die Ogellallahs vor vielen Sonnen und ist gegangen an den Fluß, den seine weißen Brüder: Arkansas nennen, weil er glaubte, zu sehen seinen Freund Sam Firegun, den großen Jäger, welcher nicht im Wigwam war. Dann ist er wieder gefolgt den bösen roten Männern und wird nun warnen das Feuerroß, damit es nicht stürzt auf dem Pfade, den sie ihm zerstören wollen.“

Lack-a-day!“ dehnte Pitt Holbers. „Ei seht doch, wie klug die Halunken es anfangen! Wenn man nur wüßte, von welcher Seite der nächste Zug kommt!“

„Das Feuerroß wird kommen von Osten, denn das Roß von Westen ging vorüber, als die Sonne dem Häuptling der Apatschen über dem Scheitel stand.“

„So wissen wir, nach welcher Richtung wir uns zu wenden haben. Aber wann wird der Zug diese Gegend passiren? Pitt Holbers, wie steht es?“

„Hm, wenn du denkst, Dik, daß ich trotzdem einen Tarif habe, so sage mir vor allen Dingen, wo er eigentlich stecken soll!“

„In deinem Kopfe sicher nicht, altes Coon, denn da sieht es aus wie in dem Llano estaccado, wie sie da unten die Gegend nennen, in der es nichts giebt, als Staub und Stein und höchstens einmal Stein und Staub. Doch schaut, ihr Leute, dort geht die Sonne unter; in einer Viertelstunde ist es finster, und wir können die roten Spitzbuben beobachten, was sie –“

„Winnetou ist gewesen hinter ihrem Rücken,“ unterbrach ihn der Apatsche, „und hat gesehen, daß sie den Pfad von der Erde rissen und ihn über den Weg des Feuerrosses legten, damit es stürzen solle.“

„Sind ihrer viele?“

„Nimm ihrer zehnmal zehn und du hast noch nicht die Hälfte der Krieger, die an der Erde liegen, um auf das Kommen der Bleichgesichter zu harren. Und der Pferde sind noch viel mehr, denn alles Gut, welches sich auf dem Feuerwagen befindet, soll auf die Tiere geladen und fortgeführt werden.“

„Sie sollen sich verrechnet haben! Was gedenkt der Häuptling der Apatschen zu thun?“

„Er wird bleiben an diesem Orte, um die roten Männer zu bewachen. Meine weißen Brüder sollen dem Feuerrosse entgegenreiten und seinen Lauf in der Ferne hemmen, damit die Kröten von Ogellallahs nicht sehen, daß es sein Feuerauge schließt und stehen bleibt.“

Der Rat war gut und wurde sofort befolgt. Es war den Männern unbekannt, zu welcher Zeit der Zug kommen mußte; das konnte in jedem Augenblicke geschehen, und da zur Warnung, wenn die Ogellallahs nichts bemerken sollten, ein bedeutender Vorsprung nötig war, so gab es Gefahr im Verzuge. Winnetou blieb also zurück, und die vier andern saßen wieder auf, und bewegten sich längs des Schienengeleises in scharfem Trabe nach Osten zu.

Sie waren wohl fast eine Viertelstunde geritten; da hielt Hammerdull seine Stute an und blickte seitwärts.

Good lack,“ meinte er; „liegt dort nicht etwas im Grase, grad wie ein Hirsch, oder – – ah, Pitt Holbers, sage doch einmal, was für ein Viehzeug es wohl sein wird!“

„Hm, wenn du denkst, Dik, daß es das Pferd des Apatschen ist, welches hier wie angespießt liegen bleibt, bis es von seinem Herrn abgeholt wird, so will ich dir beistimmen!“

„Erraten, altes Coon! Aber kommt, wir wollen den Mustang nicht aufscheuchen, denn wir haben Besseres zu thun. Ob wir den Zug treffen oder nicht, das bleibt sich gleich, aber warnen müssen wir ihn, und je weiter hinaus dies geschieht, desto besser ist es. Die roten Schufte dürfen nicht an den Lichtern sehen, daß er hält und also ihr Vorhaben verraten ist!“

Wieder ging es vorwärts. Die Tageshelle verschwand schnell, da es in jenen Gegenden eine nur sehr kurze Dämmerzeit giebt, und noch war nicht viel über eine halbe Stunde vergangen, so hatte sich die Dunkelheit des Abends über die weite Prairie gesenkt, und die Sterne begannen, ihre matten Strahlen herabzusenden. Ein wenig Mondesschein wäre den Reitern für jetzt willkommen gewesen; da er aber später die Annäherung an die Indianer erschwert hätte, so war es ihnen ganz recht, daß der nächtliche Beleuchter der Erde sich eben in einer dunklen Phase befand und keine Spur seines magischen Schimmers bemerken ließ.

Bei dem durchdringenden Lichte, welches die amerikanischen Maschinen bei sich führen, war das Nahen des Zuges bei der Ebenheit des Terrains auf eine Entfernung von mehreren Meilen bemerklich; es mußte also eine Strecke zurückgelegt werden, welche diese Tragweite des Lichtes überstieg; darum ließ Dik Hammerdull seine Stute weit ausgreifen, und die andern folgten wortlos seiner Führung.

Endlich hielt er an und sprang vom Pferde, und die drei Begleiter thaten dasselbe.

„So!“ meinte er; „ich denke, daß der Vorsprung nun groß genug ist. Fesselt die Tiere, und sucht ein wenig trocknen Grases zu finden, damit wir ein Zeichen geben können!“

Dem Gebote wurde Folge geleistet, und bald war ein Haufen dürrer Halme beisammen, welche sich mit Hilfe von einigem aufgestreuten Pulver leicht in Brand stecken ließen.

Auf ihre Decken gelagert, lauschten nun die Männer in die stille Nacht hinein und verwandten fast kein Auge von der Richtung, aus welcher der Zug zu erwarten war. Die beiden Deutschen konnten sich zwar alles wohl denken, was geschehen sollte, waren aber in dem Leben des wilden Westens zu unerfahren, als daß sie an eine Unterbrechung der herrschenden Schweigsamkeit hätten denken wollen und ließen daher die zwei Jäger ruhig gewähren. Außer dem Geräusch, welches die grasenden Pferde verursachten, war rings kein Laut zu hören, als höchstens das leise Knispern eines auf Raub ausgehenden Deckflüglers, und die Minuten dehnten sich zu einer immer peinlicher werdenden Länge.

Da, nach einer kleinen Ewigkeit, blitzte in weiter, weiter Ferne ein Licht auf, erst klein und kaum wahrnehmbar, nach und nach aber immer größer werdend und an Intensität gewinnend.

„Pitt Holbers, was sagst du zu dem Johanniswurm da vorn, he?“ fragte Hammerdull.

„Hm, dasselbe, was du schon gesagt hast, Dik Hammerdull!“

„Wohl die klügste Ansicht, die du in deinem ganzen Leben gehabt hast, altes Coon! Ob es die Lokomotive ist oder nicht, das bleibt sich gleich, aber so viel ist sicher, daß der Augenblick des Handelns bald gekommen ist. Heinrich Sander, wenn der Zug naht, so schreiet Ihr, so laut ihr könnt, und auch Ihr, Peter Wolf – verdammt miserabler Name; er reißt einem ja den Mund entzwei! – Ihr macht Lärmen und Hallo nach Herzenslust. Das übrige werden wir schon selbst besorgen!“

Er nahm das Gras zur Hand, welches er zu einer langen, starken Lunte zusammengedreht hatte, und schüttete das Pulver auf. Dann zog er seinen Revolver aus dem Gürtel.

Jetzt machte sich das Nahen der Wagen durch ein immer vernehmlicher werdendes Rollen bemerklich, welches nach und nach zu einem Geräusche anwuchs, das dem Grollen eines entfernten Donners glich.

„Streck‘ deine ewigen Arme aus, Pitt Holbers, thue die Meilenlippen auseinander und brülle, so laut es geht, altes Coon. Der Zug ist da!“ rief Hammerdull, indem er zugleich besorgt nach den Pferden blickte, welche bei dem ungewohnten Phänomen schnaubend und stampfend an den Riemen zerrten, mit denen sie an die Erde befestigt waren.

„Peter Wolf – der Teufel hole diesen holprigen Namen! -paßt auf, daß uns die Tiere nicht fortgehen. Schreien könnt Ihr dabei ja auch!“

Der Augenblick war gekommen. Einen blendenden Lichtkeil vor sich herwerfend, brauste der Zug heran. Hammerdull hielt den Revolver an die Lunte und drückte los. Im Nu flammte das Pulver auf und brachte das dürre, ausgetrocknete Gras in glimmenden Brand. Die Lunte kräftig schwingend, versetzte er sie in helle Flamme und rannte, von ihrem flackernden Lichte hell beleuchtet, dem Zuge entgegen.

Der Maschinist mußte das Zeichen durch die Glastafel des Wetterschutzes sofort bemerkt haben, denn schon nach den ersten Schwingungen des hochlodernden Brandes ertönte ein sich rasch und scharf wiederholender Pfiff, fast in demselben Augenblicke wurden die Bremsen angezogen, die Räder knirschten und schrieen in der Hemmung, und mit donnerndem Dröhnen flog die lange Wagenreihe an den vier Männern vorüber, die dem seine Geschwindigkeit nun zusehends verringernden Zuge nachsprangen.

Endlich hielt er. Ohne zunächst die sich von ihren erhöhten Plätzen herabbeugenden Beamten zu beachten, eilte Hammerdull trotz seiner Dicke an den Wagen vorbei bis vor die Lokomotive, warf seine Decke, welche er vorhin von der Erde aufgerafft hatte, vorsorglich über die Laternen und Reflektors und rief zu gleicher Zeit mit möglichst lauter Stimme:

„Lichter aus – macht den Zug dunkel!“

Sofort verschwanden alle Laternen. Die Angestellten an der Pacificbahn sind geistesgegenwärtige und schnell gefaßte Leute. Sie konnten sich denken, daß der Ruf seinen guten Grund habe, und folgten ihm augenblicklich.

’sdeath!“ rief es nun von der Maschine herab; „warum verdeckt Ihr unsre Flamme, Mann? Ich hoffe nicht, daß da vorn irgend etwas los ist! Wer seid Ihr, und was hat Euer Signal zu bedeuten?“

„Wir müssen im Finstern sein, Sir,“ antwortete der umsichtige Trapper, „es sind Indsmen vor uns, und ich glaube sehr, daß sie die Schienen aufgerissen haben!“

„Alle Teufel! Wenn dem so ist, so seid Ihr der bravste Kerl, der jemals durch dieses verfluchte Land stolperte!“

Zur Erde herabspringend, drückte er ihm die Hand und gebot, die Wagen zu öffnen.

Nach kaum einer Minute waren die Jäger von einer Menge Neugieriger umringt und mußten sich fast wundern über die bedeutende Anzahl von Leuten, welche den Coupés entstiegen, um sich über die Ursache des Aufenthaltes zu unterrichten.

„Was ist los? Was giebt es? Warum halten wir?“ rief es von allen Seiten.

In kurzen Worten erklärte Hammerdull die Verhältnisse und brachte dadurch eine nicht geringe Aufregung unter den Anwesenden hervor.

„Gut, sehr gut!“ rief der Ingenieur. „Zwar bringt das eine Störung im Betriebe hervor, aber das hat nichts zu sagen gegen die prächtige Gelegenheit, den roten Halunken einmal eins auf das Fell zu brennen. Das ist in kurzer Zeit das dritte Mal, daß sie es wagen, grad auf dieser Strecke Züge zu überfallen und auszurauben, und allemal sind es die verdammten Ogellallahs gewesen, dieser verteufeltste Stamm der Sioux, denen die Wildheit und Feindseligkeit nur durch eine gute Kugel ausgetrieben werden kann. Heut‘ aber sollen sie sich geirrt haben und ihren Lohn gleich in ganzer Summe erhalten! jedenfalls haben sie geglaubt, daß dieser Zug wie gewöhnlich viele Güter und nur fünf bis sechs Leute mit sich führe. Glücklicherweise aber haben wir einige Hundert Arbeiter geladen, die für den Brücken- und Viaduktenbau droben in den Mountains bestimmt sind, und da diese braven Leute fast alle Waffen bei sich tragen, so wird uns die Sache gar nicht schwer werden und nur einigen Spaß bereiten!“

Er stieg zunächst wieder auf die Maschine, um die überflüssigen Dämpfe abzulassen, welche mit gellendem Zischen den Ventilen entströmten und die Umgebung des Wagens in eine weiße Wolke hüllten. Dann sprang er herab, um Revue über die ihm zu Gebot stehenden Kräfte zu halten, und fragte:

„Zunächst sagt mir einmal, wie Ihr Euch nennt, Mann? Ich muß doch wissen, wem ich die glückliche Warnung zu verdanken habe.“

„Mein Name ist Hammerdull, Sir, Dick Hammerdull, so lange ich lebe!“

„Schön! Und der andre hier?“

„Wie der heißt, das bleibt sich gleich, aber da er zufällig auch einen Namen hat, so schadet es keinem Menschen etwas, wenn Ihr ihn erfahrt. Er nennt sich Pitt Holbers, Sir, und ist ein Kerl, auf den man sich verlassen kann.“

„Und die beiden andern – dieser da und der dort bei den Pferden?“

„Das sind zwei Männer aus Germany da drüben herüber, Sir, und heißen Heinrich Sander – Harry würde viel besser klingen – und – verdammt miserabler Name! – Peter Wolf. Sprecht die beiden Worte ja nicht aus, Sir, denn Ihr werdet das Genick dabei brechen!“

Well!“ lachte der Beamte. „Es ist nicht jede Zunge so commodious wie die Eurige, Master Hammerdull!“

„Hammerdull? Dick Hammerdull?“ rief da eine tiefe, kräftige Stimme, und ein Mann drängte sich durch die Umstehenden herbei. „Welcome, altes Coon! Dachte dich erst in Hide-spot zu treffen und muß hier an dich rennen! Welche Angelegenheit hat dich herausgetrieben?“

„Was mich herausgetrieben hat, Colonel, das bleibt sich gleich, aber ich habe mir ein wenig Pulver, Blei und Tabak geholt. Der lange Pitt ist mitgegangen, wißt’s schon, Colonel, zu Master Winklay, dem Irishman, und haben da zwei aus Germany mitgebracht, die Sam Fire-gun, nämlich Euch, gern sehen wollen.“

„Sam Fire-gun!“ rief der Maschinist, auf den Fremden zutretend. „Seid Ihr das wirklich, Sir?“

„Man nennt mich so!“ klang kurz und einfach die Antwort. Der Sprecher war ein Mann von wahrhaft riesigen Körperformen, wie man trotz der Dunkelheit zu erkennen vermochte. Er trug die gewöhnliche Trapperkleidung. Die Umstehenden hatten sich beim Nennen seines Namens wie ehrerbietig um ein weniges zurückgezogen.

Good lack, Sir, dann haben wir ja ganz den richtigen Mann bei uns, dem wir das Kommando übergeben können. Wollt Ihr die Sache übernehmen?“

„Wenn es die Gentlemen alle zufrieden sind, warum nicht!“

Ein allgemeiner Ruf der Zustimmung ließ sich ringsum vernehmen. Diesem berühmten Jäger, dem Hunderte einmal zu begegnen wünschten, ohne ihren Wunsch in Erfüllung gehen zu sehen, und der hier so unerwartet inmitten der Leute stand, konnte und mußte man den Oberbefehl mit vollständigem Vertrauen übergeben.

„Natürlich sind sie es zufrieden. Trefft also Eure Maßregeln so schnell wie möglich! Wir haben keine Zeit zu verlieren und dürfen die roten Mesch’schurs nicht lange auf uns warten lassen,“ sagte der Ingenieur.

Well, Sir, nur laßt mich erst einige Worte mit diesem Manne hier sprechen! Dick Hammerdull, wer aus dem Hidespot ist noch bei euch beiden?“

„Keiner, Colonel! Die andern sind daheim oder hinauf in die Berge.“

„Muß aber doch noch einer bei Euch sein, Dick, denn so wie ich dich kenne, so bist du nicht von den Roten fortgelaufen, ohne ihnen einen Watchman, einen Wächter, hinzustellen.“

„Wie ich fortgelaufen bin, das bleibt sich gleich, aber wenn Ihr den Dick Hammerdull für so dumm gehalten hättet, nicht an den Watchman zu denken, so hättet Ihr Euch verdammt geirrt in ihm, Colonel! Es steht einer da, wie es keinen bessern giebt.“

„Wer ist’s?“

„Wie es keinen bessern giebt, Sir, habe ich gesagt, und das ist genug, denn es giebt nur einen einzigen, von dem sich in dieser Weise reden läßt. Sein Gaul liegt einen kleinen Ritt weit hinter ihm und wartet, bis er abgeholt wird.“

„Sein Gaul – wartet? Dick Hammerdull, das könnte allerdings nur ein einziger sein, und dieser heißt Winnetou.“

„Erraten, Colonel, erraten! Der Apatsche traf uns da unten bei dem Irishman und warnte uns. Er hat die Spur der Ogellallahs verfolgt und ist vorhin wieder zu uns gestoßen.“

„Winnetou, der Häuptling der Apatschen?“ fragte der Maschinist, während ein Gemurmel der Befriedigung durch die Menge der andern lief.

Heigh-day, ist das heut ein Zusammentreffen! Der Mann ist ja ganz allein ein Stämmchen Jäger wert, und wenn er auf unsrer Seite steht, so werden wir die roten Schufte heimschicken, daß sie an uns denken sollen. Wo steht er?“

„Ob er steht oder nicht, Sir, das bleibt sich gleich, aber er liegt ganz nahe bei den Indsmen auf der linken Seite des Schienenweges. Es muß dort noch alles in Ordnung sein, sonst wäre er hier, um zu warnen.“

„Gut,“ meinte Sam Fire-gun, „so will ich Euch nun meine Meinung sagen: Wir bilden zwei Abteilungen, welche zu beiden Seiten der Bahn sich an die Indianer schleichen. Die eine führe ich, die andre, hm, Sir, geht Ihr mit?“

„Versteht sich!“ meinte der Ingenieur. „Zwar darf ich eigentlich meinen Posten nicht verlassen, aber ich mag doch nicht umsonst ein Paar gesunde Fäuste besitzen, und der Heizer hier ist Manns genug, einstweilen meine Stelle zu vertreten. Ich würde es auf dem alten Feuerkasten nicht aushalten können, sobald ich eure Büchsen knallen hörte, und gehe also mit!“ Und sich zu seinem Personale wendend, fuhr er fort: „Ihr bleibt bei den Wagen, und gebt wohl acht; man weiß zuweilen nicht, was passieren kann. – Tom!“

„Sir!“ antwortete der Feuermann.

„Du verstehst ja, mit der Maschine umzugehen. Damit wir nicht erst wieder zurückzugehen brauchen, kommst du, sobald du ein Feuerzeichen erblickst, mit dem Zuge nach. Aber langsam fährst du, so langsam und vorsichtig wie möglich, denn es wird jedenfalls am Geleise auszubessern geben! – Was aber den andern Anführer betrifft, Master Fire-gun, so hoffe ich nicht, daß Ihr grad mich in Vorschlag bringen wollt. Ich will gern mitthun, ja, aber ein Westmann bin ich nicht. Sucht Euch also einen andern, dem Ihr die Stelle geben könnt!“

„Gut, Sir,“ nickte Sam Fire-gun; „ich wollte Euch nicht gern vernachlässigen; aber ich weiß hier einen, der seine Sache ebenso gut machen wird, wie ich die meine, und Ihr könnt ihm deshalb Eure Männer ruhig anvertrauen. Dick Hammerdull, was meinst du?“

„Was ich meine, das bleibt sich gleich, Colonel; aber ich denke, Ihr werdet nichts Unrechtes bestimmen!“

„Denk’s auch! Willst du die andre Hälfte führen?“

„Hm, wenn mir die Männer nachlaufen wollen, so will ich gern vorankriechen! Mein Gewehr hat neues Pulver und Blei und wird ein sehr vernünftig Wort dort mit den Indsmen reden. Aber die Pferde, Colonel, die müssen zurückbleiben; der Mann aus Germany, der Sander, kann sie halten.“

„Fällt mir nicht ein,“ entgegnete dieser kurz; „ich gehe mit!“

„Was Euch einfällt oder nicht, das bleibt sich gleich; aber wenn Ihr nicht wollt, so kann es ja der andre thun, der Peter Wolf – hol‘ der Teufel den bockbeinigen Namen –!“

Auch dieser weigerte sich, und so bekam einer der wenigen waffenlosen Arbeiter den Auftrag, die Pferde einstweilen in seine Obhut zu nehmen.

Die streitbaren Kräfte wurden geteilt. Sam Fire-gun und Dick Hammerdull stellten sich an die Spitze der beiden Abteilungen; der Zug blieb zurück; die Männer bewegten sich vorwärts, und nach wenigen Augenblicken lag tiefe Stille über der Gegend, und nicht das leiseste Geräusch verriet, daß der auf der weiten Ebene ruhende, scheinbare Frieden die Vorbereitung einer blutigen Katastrophe in sich berge.

Zunächst wurde eine ansehnliche Strecke in aufrechter Stellung zurückgelegt; dann aber, als die Nähe des mutmaßlichen Kampfplatzes erreicht war, legten sie sich nieder und krochen, einer hinter dem andern, auf Händen und Füßen zu beiden Seiten der Böschung entlang.

„Uff!“ klang es da leise an das Ohr Sam Fire-guns. „Die Reiter des Feuerrosses mögen hier liegen und warten, bis Winnetou, der Häuptling der Apatschen, fortgeht und wiederkommt!“

„Winnetou?“ fragte Sam Fire-gun, sich halb emporrichtend. „Hat mein roter Bruder die Gestalt seines weißen Freundes vergessen, daß er ihn nicht erkennt?“

Winnetou betrachtete ihn, erkannte ihn trotz der Dunkelheit und rief erfreut aus, allerdings mit leiser Stimme:

„Sam Fire-gun! Der große Geist sei gelobt, der dem Apatschen heut dein Angesicht zeigt; er mag deine Hand segnen, daß sie vernichtend falle auf die Häupter deiner Feinde! Ist mein Bruder auf dem Feuerroß geritten?“

„Ja; er hat das Gold, welches er der Freundschaft des Apatschen verdankt, nach Sonnenaufgang geschafft und kehrt nun zurück, um mehr zu finden. Warum wollte mein wachsamer Bruder fortgehen und wiederkommen?“

„Die Seele der Nacht ist schwarz und der Geist des Abends dunkel und finster; Winnetou konnte nicht erkennen seinen Bruder, der am Boden lag. Aber den Mann hat er gesehen, der dort auf dem Hügel steht, um nach dem Feuerroß zu schauen. Der Apatsche wird gehen, um das Auge des Ogellallah zu schließen; dann kehrt er zurück!“

Er war im nächsten Momente im Dunkel der Nacht verschwunden.

Diese zwei berühmten Männer der Prairie, von der Natur so verschieden ausgestattet und doch mit gleicher Freundschaft einander ergeben, hatten sich nach langer Trennung hier wiedergefunden. Aber ihre unberührbaren Naturen kannten nicht die lauten Freudenbezeigungen, wie sie sonst zu beobachten sind, und der Augenblick des Wiedersehens nahm sie ja anderweit so vollständig in Anspruch, daß an eine zeitraubende und geräuschvolle Begrüßung gar nicht zu denken war.

Trotz des nächtlichen Dunkels war auf der seitwärts liegenden, wellenförmigen Bodenerhebung eine Gestalt zu erkennen, welche sich für das scharfe Auge eines Westmannes deutlich genug von dem sternenbedeckten Horizonte abzeichnete. Die Ogellallahs hatten also eine Wache ausgestellt, um nach dem Lichte des nahenden Zuges zu schauen. Einem Weißen wäre es wohl schwer oder gar unmöglich geworden, unbemerkt an sie heranzukommen; Sam Fire-gun aber kannte die Meisterschaft des Apatschen im Beschleichen und wußte, daß der Ogellallah in kurzer Zeit verschwinden werde.

Hart am Bahndamme liegend, behielt er ihn scharf im Auge und wirklich – nur wenige Minuten waren vergangen, so fuhr neben dem Wachehaltenden eine Gestalt blitzesschnell in die Höhe, beide lagen im Nu an der Erde! – das Messer des Apatschen hatte seine Schuldigkeit gethan.

Dieser kehrte erst nach längerer Zeit zurück; er hatte die Indianer umschlichen und ihre Stellung in Augenschein genommen. Jetzt stattete er S am Fire-gun seinen Bericht ab.

Die Ogellallahs hatten einige Schienen herausgerissen und diese samt den Sch wellen quer über das Bahngeleise gelegt. Der Zug hätte mitsamt seinen Passagieren ein fürchterliches Schicksal gehabt, wenn er ungewarnt an diese Stelle gekommen wäre. Sie lagen seitwärts von dieser Stelle in lautloser Stille am Boden, während noch eine Strecke weiter zurück ihre Pferde angepflockt waren. Die Gegenwart dieser Tiere machte das Beschleichen der Indianer von dieser Seite fast zu einer Unmöglichkeit, da das Pferd der Prairie an Wachsamkeit den Hund fast übertrifft und die Annäherung jedes lebenden Wesens seinem Herrn durch Schnauben verkündigt.

„Wer führt sie an?“ fragte Fire-gun.

„Matto-Sih, die Bärentatze. Winnetou ist gewesen an seinem Rücken, daß er ihn konnte niederschlagen mit dem Tomahawk.“

„Matto-Sih? Das ist der Tapferste der Sioux; er fürchtet sich vor keinem Krieger und wird uns wohl zu schaffen machen! Er ist stark wie der Bär und listig wie der Fuchs; er hat nicht alle seine Männer bei sich, sondern die übrigen in der Prairie zurückgelassen. Ein kluger Krieger wird nicht anders handeln.“

„Uffh!“ gab Winnetou in tiefem Gutturaltone seine Zustimmung zu erkennen.

„Mein roter Bruder warte, bis ich zurückkehre!“

Er schlich sich über den Bahnkörper hinüber zu Dick Hammerdull und sagte zu diesem:

„Noch dreihundert Körperlängen vorwärts, Dick, dann bist du den Indsmen gegenüber. Ich teile meine Leute drüben, schicke die Hälfte mit Winnetou hinaus in die Prairie, um – –“

„Ob Ihr sie schickt oder nicht, das bleibt sich gleich,“ fiel ihm der Dicke flüsternd in die Rede; „aber was sollen sie da draußen, Colonel?“

„Die Ogellallahs werden von Matto-Sih angeführt –“

„Von der Bärentatze? Zounds! Dann haben wir die Tapfersten des Stammes gegen uns, und ich traue es ihm zu, daß er da draußen auf der alten Wiese eine Reserve halten hat.“

„So meine ich auch. Also diese Reserve lasse ich durch Winnetou abschneiden und gehe mit den übrigen direkt auf die Pferde los. Gelingt es uns, diese in unsre Gewalt zu bekommen, oder zu zerstreuen, so sind die Roten verloren.“

Well, Well, Colonel, und Dick Hammerdull und seine Büchse werden das Ihrige beitragen, daß wir den Zug mit Skalps beladen können!“

„Du wartest also mit den Deinen, bis drüben der erste Schuß losgeht; die Indsmen werden uns hinter sich wissen, und sich zu dir herübermachen, wo du sie empfängst. Aber ruhig warten, Dick, bis sie so weit heran sind, daß ihr sie Mann für Mann sehen könnt. Erst dann schießt ihr los; dann geht keine Kugel fehl!“

„Keine Sorge, Colonel! Dick Hammerdull weiß ganz genau, was er zu thun hat. Nehmt Euch nur vor den Pferden in acht, denn so ein Indsmustang schnobert den Weißen zehn Meilen weit!“

Fire-gun schlich davon, und der dicke Trapper kroch längs der Reihe der hinter ihm Liegenden hin, um ihnen die erhaltene Instruktion mitzuteilen.

Als er wiederkehrte, nahm er neben Pitt Holbers Platz, der sich während der letzten Stunden schweigsam verhalten hatte. Diesem flüsterte er zu:

„Pitt Holbers, altes Coon, nun geht der Tanz bald los!“

„Hm, wenn du denkst, Dick! Hast du nicht Freude darüber, he?“

Hammerdull wollte eben eine Antwort geben, da – zuckte seitwärts drüben ein flüchtiges Leuchten auf, welchem ein lauter Knall folgte – noch ehe der Plan Sam Fire-guns ausgeführt war, hatte sich das Gewehr eines der ihm folgenden Arbeiter entladen.

Sofort standen die Ogellallahs auf den Füßen und eilten nach ihren Pferden. Aber der geistesgegenwärtige Sam Firegun hatte kaum hinter sich den verräterischen Schuß gehört, so eilte er, den Folgen dieser Nachlässigkeit zuvorzukommen.

„Vorwärts, Männer, zu den Pferden!“ rief er.

In weiten Sätzen stürmte er auf die Tiere los und erreichte sie mit den Seinen noch vor den Indianern. Mit Gedankenschnelle waren sie von den Pflöcken befreit und jagten wiehernd und schnaubend in die weite, dunkle Savanne hinaus.

Die den jetzt eintreffenden Indianern entgegenkrachenden Schüsse machten diese stutzig. Ihre Pferde waren fort; sie konnten in der Finsternis die geringe Zahl ihrer Gegner nicht erkennen und hielten einige Augenblicke vollständig ratlos still, sich den Waffen der Weißen preisgebend. Dann aber ertönte der laute Ruf ihres Anführers; sie wandten sich und stürmten zurück, um jenseits des Dammes Deckung zu suchen und die zu ergreifenden Maßregeln zu beraten.

Kaum aber hatten sie den Bahndamm erreicht, so stieg nur wenige Fuß vor ihnen eine dunkle Linie wie aus der Erde empor; der Blitz aus über fünfzig Büchsen erhellte für einen Moment die Nacht, und das Geheul der Getroffenen zeigte, daß Dick Hammerdulls Abteilung gut gezielt hatte.

„Alle Kugeln heraus und dann drauf!“ rief der wackere Dicke, schoß den zweiten Lauf seiner Büchse ab, warf sie, die ihm nun nichts mehr helfen konnte, fort, riß den Tomahawk, diese furchtbare Waffe des Westens, unter dem langen Jagdhemde hervor und stürzte sich, gefolgt von Pitt Holbers und den Mutigsten unter den Arbeitern, auf die vor Entsetzen stockenden Wilden.

Diese hatten vor Überraschung über den ganz unerwarteten Überfall die Besinnung verloren; vor und hinter sich den Feind, gab es für sie nur Rettung in der Flucht. Wieder erschallte ein lauter Ruf Matto-Sihs, und im nächsten Momente war kein Wilder mehr zu sehen. Sie hatten sich mitten unter den Angreifern auf die Erde geworfen und suchten, zwischen ihnen hindurchkriechend, das Weite zu erreichen.

„Zur Erde, ihr Männer, und die Messer zur Hand!“ rief Fire-gun mit donnernder Stimme und eilte dann nach dem verlassenen Lagerplatze der Indianer.

Er dachte sich, daß diese sicher eine hinreichende Menge von allerlei Brennstoff gesammelt hatten, um im Falle, daß ihr Vorhaben gelungen sei, die nötige Beleuchtung zu erhalten. Er hatte sich nicht geirrt. Einige große Haufen Dürrzeuges waren aufgeschichtet. Mit Hilfe des Pulvers machte er Feuer; die Nacht wurde erleuchtet, und im Scheine der Flammen sah er eine Menge zurückgelassener Spieße und Decken liegen. Diese boten ein willkommenes Brennmaterial. Er überließ die Sorge für die Unterhaltung des Brandes einigen herbeieilenden Arbeitern und kehrte an die Stelle zurück, an welcher sich der nächtliche Angriff in einen fürchterlichen Einzelkampf aufgelöst hatte.

Dieser hätte einem nicht beteiligten Zuschauer Gelegenheit gegeben, Thaten zu beobachten, für welche der civilisierte Boden kaum einen Platz haben dürfte.

Die Schar der Bahnarbeiter bestand begreiflicherweise zwar meist aus Leuten, welche ihre Kräfte in den Stürmen des Lebens geübt hatten; aber der Kampfart der Indianer, welche jetzt beim Scheine der Feuer ihre Lage überblicken konnten und dabei bemerkten, daß sie an Zahl den Gegnern vollständig gewachsen seien, konnte wohl keiner von ihnen nachhaltigen Widerstand leisten, und wo nicht mehrere von ihnen gegen einen vereinzelten Indsman standen, behielt dieser gewiß die Oberhand, und die Stätte bedeckte sich immer mehr mit den unter dem wuchtigen Hiebe des Tomahawk Gefallenen.

Nur drei von den Weißen waren mit dieser Waffe versehen: Sam Fire-gun, Dick Hammerdull und Pitt Holbers, und es zeigte sich da allerdings, daß bei gleichen Waffen der zähere und intelligentere Weiße meist im Vorteile steht.

Mitten unter einem Haufen Wilder hielt Fire-gun; in seinem von dem flackernden Lichte beschienenen Angesichte sprach sich ein Gefühl von jener Kampfeswonne aus, welche das verfeinerte Urteil leugnet, nichtsdestoweniger aber doch eine oft bewiesene Wahrheit bleibt. Er ließ sich von den andern die Indianer in das Schlachtbeil treiben, welches, von seiner riesenstarken Faust geführt, bei jedem Schlage zerschmetternd auf den Kopf eines Feindes sank.

Seitwärts von ihm stand ein fast drollig zu nennendes Heldenpaar, trotz der Verschiedenheit ihrer Gestalt mit dem Rücken gegen einander gekehrt, ein Verfahren, welches die beiden originellen aber erfahrenen Jäger vor einem Angriffe von hinten beschützte: Dick Hammerdull und Pitt Holbers. Der kleine Dick, der auf jeden Fremden in seinem Anzuge den Eindruck der Unbehilflichkeit machen mußte, zeigte sich hier von einer wahrhaft katzenartigen Behendigkeit. In der Linken das scharfe, zweischneidige Bowiemesser und in der Rechten das schwere Schlachtbeil schwingend, hielt er jedem Gegner tapfer Stand. Sein langer Rock, Flick auf Flick und Fleck auf Fleck, ließ die auf ihn gerichteten Messerstiche vollständig unschädlich abprallen. Pitt, der Lange, stand hinter ihm und fuhr mit seinen Armen in der Luft herum wie ein Polyp, welcher die gefährlichen Fänge ausstreckt, um seine Beute an sich zu ziehen. Sein Körper, welcher nur aus Knochen und Sehnen zusammengesetzt schien, entwickelte eine außerordentliche Kraft und Ausdauer; das Beil fiel bei ihm aus doppelter Höhe; er griff weiter von sich als jeder andre, aber seine großen Füße rührten sich keinen Zoll breit von der Stelle, und wer ihm so nahe kam, daß er gefaßt werden konnte, der war rettungslos verloren.

Und noch zwei ragten unter den weißen Kämpfern hervor: die beiden Deutschen. Sie hatten die Tomahawks gefallener Indianer aufgerafft und handhabten sie mit einer Leichtigkeit und Sicherheit, als hätten sie sich auf diese Art des Fechtens besonders eingeübt. Niemand aber sah, daß sie nur zum Scheine kämpften. Sie verletzten keinen Indianer und wurden auch von diesen verschont. Die Waffen klirrten nur so aneinander, und wenn ein Indianer so that, als ob er niedergeschlagen worden sei, so kroch er bald fort, um sich einen andern Gegner zu suchen.

Auch unter den Arbeitern gab es genug Mutige, welche den Indianern, die überhaupt nicht gern Mann gegen Mann zu kämpfen pflegen, viel zu schaffen machten, und der Sieg neigte sich bereits stark auf die Seite der Weißen, und die Wilden wurden immer enger und enger zusammengetrieben; da aber donnerte es aus dem Dunkel der Prairie heran und mitten unter sie hinein; Sam Fire-gun hatte recht gehabt, Matto Sih, der kluge Anführer der Wilden, hatte eine beträchtliche Anzahl der Seinen in der Savanne zurückgelassen, die jetzt mit frischen Kräften herbeigesprengt kamen und dem Gefechte augenblicklich eine andre Wendung gaben. Auch die bereits entflohenen Indianer eilten, den Umschwung bemerkend, mit erneutem Mute herbei, und so verwandelte sich der Angriff der Jäger und Arbeiter in eine Verteidigung, welche von Minute zu Minute weniger Erfolg erwarten ließ.

„Hinter den Damm zurück!“ gebot Sam Fire-gun, schlug sich mit wuchtigen Hieben durch und folgte seiner Weisung mit eigenem Beispiele.

Pitt Holbers brauchte nur wenige Schritte, um sich neben ihm einzufinden. Dick Hammerdull zog, um sich Luft zu machen, nun jetzt erst den Revolver, gab sämtliche Schüsse ab und eilte dann dem Damme zu. Schon hatte er ihn fast über sprungen, so stolperte er, stürzte kopfüber zur Erde und kugelte jenseits des Dammes hinab und grad vor die Füße Fire-guns hin. Dort raffte er sich empor und betrachtete den Gegenstand, welchen er in der Hand hielt. Er war über ihn gestürzt, hatte ihn unwillkürlich ergriffen und festgehalten. Es schien ein alter Prügel zu sein.

„Meine Flinte, wahrhaftig, es ist meine Flinte, die ich vorhin hier weggeworfen habe! Was sagst du dazu, Pitt Holbers, altes Coon?“ rief er erfreut aus.

„Wenn du denkst, Dick, daß es gut ist, deine – –“

Er konnte nicht weiter sprechen, denn die Ogellallahs waren ihnen gefolgt, und der Kampf begann nun hier von neuem. Die Feuer leuchteten über den Damm herüber und erhellten eine Scene, welche mit dem Untergange der Weißen zu endigen schien, und schon wollte der Anführer derselben den Seinen raten, in die Dunkelheit hineinzufliehen, da krachten Schüsse im Rücken der Wilden, und eine Anzahl Männer sprang mit hoch geschwungenen Waffen mitten unter sie hinein.

Es war Winnetou mit seiner Abteilung.

Da die Finsternis ihm hinderlich gewesen war, etwaige Spuren zu entdecken, so hatte sein Suchen nach dem vermuteten Hinterhalte zu keinem Resultate geführt, und da er die Flammen bemerkt und daher geschlossen hatte, daß seine Anwesenheit auf dem Kampfplatze nötig sein werde, so war er herbeigeeilt und brachte nun grad noch im letzten Augenblicke die entscheidende Hilfe.

Im dichtesten Knäuel der Kämpfenden stand Matto-Sih, der Ogellallah. Seine breit gebaute, untersetzte Gestalt stak in dem gewöhnlichen, weißgegerbten Jagdhemde, welches jetzt von oben bis unten vom vergossenen Blute bespritzt war, über dem Rücken hing ihm ein Fell des Prairiewolfes, dessen Schädelteile seinen Kopf bedeckten. Den konvex gearbeiteten Büffelhautschild in der Linken, führte er mit der Rechten den Tomahawk, und wen sein großes, dunkles, stechendes Auge anglühte, den traf der vernichtende Hieb, daß er tot zur Erde stürzte.

Schon hatte er geglaubt, den Sieg zu erringen und mit seiner eignen Stimme die Losung zum Triumphgeheul gegeben, als Winnetou am Platze erschien. Matto-Sih wandte sich um und erblickte ihn.

„Winnetou, der Hund von Pimo!“ rief er. Aus seinem Auge leuchtete ein Strahl glühenden, tödlichen Hasses, aber sein schon erhobener Fuß zögerte, und der Arm, der das Schlachtbeil zum Wurfe erhoben hatte, sank nieder, ohne es zu schleudern. Es war, als habe der Anblick dieses Feindes seinen Mut gelähmt und ihm die so nötige Umsicht und Geistesgegenwart geraubt.

Auch Winnetou bemerkte ihn und antwortete:

„Matto-Sih, die Kröte der Ogellallahs!“

Wie in eine Wasserflut, so tauchte seine schlanke, geschmeidige und dabei außerordentlich kraftvolle Gestalt in die Menge der Kämpfenden unter und reckte sich nach kaum einer Sekunde grad vor dem Ogellallah in die Höhe. Beide holten zugleich zum Tod bringenden Hiebe aus; die Beile krachten aneinander, und dasjenige Matto-Sihs sank ihm zerschmettert aus der Hand. Er wandte sich blitzschnell um und brach sich mit den gewaltigen Beinen Bahn zur Flucht.

„Matto-Sih!“ rief Winnetou, sich nicht von seiner Stelle bewegend. „Ist der Hund von Ogellallah eine feige Hündin geworden, daß er läuft vor Winnetou, dem Häuptling der Apatschen? Der Mund der Erde soll sein Blut trinken, und die Kralle des Geiers soll zerreißen sein Herz und seinen Leib; aber sein Skalp wird zieren den Gürtel des Apatschen!“

Dieser Aufforderung mußte er standhalten. Er kehrte um und drang auf den Feind ein.

„Winnetou, der Sklave der Bleichgesichter! Hier ist Matto-Sih, der Häuptling der Ogellallah! Er tötet den Bär und wirft den Büffel nieder; er folgt dem Elen und zertritt der Schlange den Kopf; ihm hat noch niemand widerstanden, und er wird jetzt fordern das Leben von Winnetou, dem Feigling von Pimo!“

Einem der Seinen das Beil entreißend, stürzte er sich auf den Apatschen, welcher ihn stehenden Fußes erwartete. Die Augen der beiden starken Männer bohrten sich mit fürchterlichem Blicke ineinander; das Beil des Ogellallah schwirrte um das Haupt desselben und fuhr dann mit fürchterlicher Wut hernieder. Winnetou parierte den Hieb mit einer Leichtigkeit, als sei er von dem Arme eines Knaben geführt; nun auch seine Waffe schwingend, wollte er den Schlag erwidern, wurde aber von hinten gepackt und daran verhindert. Zwei Ogellallahs hatten sich auf ihn geworfen. Blitzschnell drehte er sich um; die Feinde sanken, von ihm getroffen, nieder, aber schon schwebte das Beil Matto-Sihs wieder über seinem Haupte.

Sam Fire-gun, der alle überragte, hatte den Freund in Gefahr gesehen. Die Indianer wie Grashalme auseinanderschlagend, sprang er mitten durch sie hindurch, faßte mit den beiden riesenstarken Fäusten ihren Anführer bei Hüfte und Genick, hob ihn hoch in die Luft empor und schmetterte ihn zur Erde nieder, daß es krachte. Sofort kniete Winnetou über dem Besinnungslosen, senkte ihm das Messer in die Brust, faßte mit der Linken das reiche, dunkle Haar zusammen – drei Schnitte, kunstgerecht geführt – ein kräftiger Ruck – und der Skalp war gelöst. Er schwang ihn hoch um den Kopf und ließ jenen fürchterlichen Siegesruf hören, welcher Mark und Bein erschütternd auf den Gegner zu wirken pflegt.

Als die Ogellallah die Kopfhaut ihres Anführers erblickten, stießen sie ein erschütterndes Geheul aus und wandten sich zur Flucht.

Dik Hammerdull stand wieder bei Pitt Holbers; sie waren die beiden Unzertrennlichen und suchten jetzt die Fliehenden zurückzuhalten.

„Pitt Holbers, altes Coon, siehst du, wie sie laufen, he?“ rief Hammerdull.

„Hm, wenn du denkst, Dick, so sehe ich es!“

„Ob ich es denke oder nicht, das bleibt sich gleich, aber ich möchte – – Zounds, Pitt, guck dir einmal den Kerl an, der dort zwischen den beiden Männern aus Germany hindurch will! Holla, der Mensch wird ausgelöscht!“

Mehr sich kugelnd als laufend, eilte er hinzu, wo mehrere der Indianer sich anstrengten, an den beiden Deutschen, welche sie aufhalten wollten, vorbei zu kommen. Holbers folgte ihm; sie warfen sich auf die Roten und schlugen sie nieder.

In kurzem war der Sieg vollständig errungen, und was vom Feinde nicht tot oder verwundet am Boden lag, das hatte fliehend das Weite gesucht.

Am östlichen Horizonte wurde nun auch das scharfe Licht der nahenden Maschine sichtbar. Der Heizer hatte den Schein der Feuer bemerkt, sie für das verabredete Zeichen gehalten und nun den Zug in langsame Bewegung gesetzt.

Der Ingenieur, welcher zu der Abteilung Winnetous gehört hatte, trat zu dem Apatschen und fragte ihn:

„Ihr seid Master Winnetou?“

Der Indianer neigte, den Skalp Matto-Sih’s an sich hängend, zustimmend das Haupt.

„Wir haben Euch die heutige Rettung zu verdanken. Ich werde einen Bericht schreiben, der bis hinauf zum Präsidenten geht; dann wird der Lohn nicht ausbleiben!“

„Der Häuptling der Apatschen bedarf des Lohnes nicht; er liebt die weißen Brüder und giebt ihnen seinen Arm im Kampfe, aber er ist stark und reich, reicher als der große Vater der Bleichgesichter. Er bedarf weder Gold noch Silber, weder Hab noch Gut; er will nicht nehmen, sondern er giebt. Howgh!“

Der Zug hielt kurz vor den aufgerissenen Schienen an.

„Donnerwetter, Sir,“ rief der herabspringende Feuermann dem herbeitretenden Vorgesetzten entgegen, „muß es hier Arbeit gegeben haben. Das ist ja, bei Gott, die reine Schlächterei!“

„Sollst recht haben, Mann, – ist heiß hergegangen heute abend, und ich habe mir auch ein kleines Loch geholt, wie du hier sehen kannst! Aber nun vor allen Dingen das Werkzeug herunter und die Schienen in Ordnung, damit wir baldigst weiter können! Versorge das; ich will jetzt mit nach den Gefallenen sehen!“

Er wollte eben zurücktreten, da schnellte hart neben ihm aus dem tiefen Grase der Dammböschung eine dunkle Gestalt empor und eilte an ihm vorüber. Es war einer der Ogellallahs, der keine Gelegenheit zur Flucht gefunden und sich hier versteckt hatte, um einen geeigneten Augenblick abzuwarten.

Der Arbeiter, welchem die Pferde anvertraut waren, war natürlich dem Zuge gefolgt und stand jetzt mit ihnen in der Nähe der haltenden Wagen. Der Indianer, dem der Anblick der Tiere Hoffnung auf das Entkommen gegeben hatte, eilte auf ihn zu, riß ihm den Zügel eines der Pferde aus der Hand, schwang sich in den Sattel und wollte davonjagen.

Hammerdull hatte die flüchtige Gestalt des Roten sofort bemerkt. Er rief seinem von ihm unzertrennlichen Kameraden zu:

„Pitt Holbers, altes Coon, siehst du den Roten springen? Alle Teufel, er geht nach den Pferden!“

„Wenn du denkst, Dik, daß er eins bekommen wird, so habe ich nichts dagegen, denn der Mann, der sie hält, sieht mir grün genug dazu aus!“

„Ob er grün sieht oder nicht, das bleibt sich gleich, denn – – Pitt Holbers, schau – er reißt ihm die Zügel aus den Fingern, er springt auf, er – – good lack, es ist meine Stute, auf die er sich gesetzt hat! Na, Bursche, das ist der gescheiteste Einfall, den du in deinem ganzen Leben gehabt hast, denn nun wirst du das Glück haben, mit meiner Flinte reden zu können!“

Wirklich hatte sich der Indianer auf die alte Stute geworfen und schlug ihr die Fersen in die Seiten, um so schnell wie möglich das Weite zu gewinnen. Er hatte sich jedoch verrechnet, denn Dick Hammerdull schob den gekrümmten Zeigefinger in den Mund und ließ einen schrillen, weit hin tönenden Pfiff erschallen. Sofort fuhr das gehorsame Tier herum und galoppierte trotz aller Anstrengung des Wilden grad auf seinen Herrn zu. Der Indianer sah keine andre Rettung, als sich noch zur Zeit herabzuwerfen; da aber nahm der dicke Trapper die Büchse an die Backe; der Schuß krachte, und der Indsman fiel, durch den Kopf getroffen, zu Boden.

„Hast du es gesehen, Pitt Holbers, was die Stute für ein wackeres Viehzeug ist? Ich möchte nur wissen, ob er auch ohne sie glücklich in seine ewigen Jagdgründe kommen wird! Was meinst du, he?“

„Ich habe nichts dagegen, Dick, wenn du denkst, daß er den richtigen Weg gefunden hat. Willst du dir nicht seine Haut nehmen?“

„Ob ich sie nehmen will oder nicht, das bleibt sich gleich, aber herunter muß sie, das ist sicher!“

Um zu dem Gefallenen zu gelangen, mußte er an den zwei Deutschen vorüber, welche, von der Anstrengung des Kampfes ausruhend, neben einander standen.

„So wahr ich Jean Letrier heiße, Kapitän, das war ein Rencontre, wie man es nur im wilden Westen erlebt!“ hörte er französisch sagen. Aber er war zu sehr mit seiner Absicht beschäftigt, als daß er für den Augenblick auf diese Worte einen Wert gelegt hätte.

Als er dem Toten den Skalp abgezogen hatte und wieder in die Nähe des haltenden Zuges zurückkehrte, sah er Sam Fire-gun in der Nähe dieser beiden Männer.

„Dick Hammerdull,“ fragte dieser, „ist’s nicht so, daß du die zwei deutschen Gentlemen bei Master Winklay getroffen hast?“

Well, so ist es, Colonel.“

„Sie haben sich gut gehalten und machen dir Ehre. Aber wie kommt es, daß du sie mitgenommen hast? Du kennst ja meinen Willen in Beziehung auf neue Bekanntschaften! Ich will keine neuen Gesichter bei uns sehen.“

All right, Sir, aber der eine, der sich Heinrich Sander nennt, meinte, daß Ihr sein Oheim wäret.“

„Sein Oheim? Bist du toll?“

„Hm, ob ich toll bin oder nicht, das bleibt sich gleich; aber wir kamen in einen kleinen Handel und ich hatte da schon die Messerspitze an seiner Kehle, als er sagte, Ihr würdet es mir schlecht danken, wenn ihm die Klinge um ein weniges zu tief in die Wolle gehe. Machts mit ihm selber ab, Colonel!“

Der berühmte Tracker, trat an die Deutschen heran und fragte sie:

„Ihr seid von drüben herüber aus Germany, wie man mir sagt?“

„Ja,“ antwortete Sander.

„Was sucht ihr in der Prairie?“

„Euch, Sir.“

„Mich? Weshalb?“

„Oheim, willst du noch fragen?“

Sam Fire-gun trat um einen Schritt zurück.

„Oheim? Ich kenne keinen Verwandten mit Namen Sander!“ erklärte Sam Fire-gun erstaunt.

„Das ist richtig! Doch nannte ich mich so, weil ich nicht wußte, ob dir der Name Wallerstein lieb sein würde. Es handelt sich um Geld, um viel Geld, wie du schreibst. Da muß man vorsichtig sein, und darum habe ich mir einen andern Namen beigelegt.“

„Wall- –. Ist es denn möglich, daß du es bist, Heinrich?!“

„Nicht möglich, sondern wirklich, Onkel. Hier ist dein Brief, in welchem du schreibst, daß ich kommen soll. Die andern Papiere kannst du ja morgen lesen!“

Er langte unter den Jagdrock und zog ein sorgfältig verwahrtes Papier hervor, welches er ihm überreichte. Der alte Jäger warf bei dem noch immer hellen Feuerscheine einen Blick auf die Zeilen, zog ihn dann an seine Brust und rief aus:

„Es ist wahr! Gott segne meine Augen, daß es ihnen noch vergönnt ist, einen der Meinigen zu sehen. Wie geht es deinem Vater? Warum schrieb er mir nicht? Ich hatte ihm doch die Adresse für Omaha angegeben?“

„Ja, aber du beschriebst in diesem Briefe zugleich auch den ganzen Weg am Arkansas hinauf nach Fort Gibson, nach dem Hause des Irländers Winklay und weiter westlich aufwärts bis zu der Stelle, wo du mit der Schar deiner Westmänner für längere Zeit kampierst. Da wir dachten, du könntest diesen Ort verlassen, hielten wir es für das Beste, daß ich mich selbst auf den Weg machte und dir den Brief des Vaters überbrachte. Morgen früh, wenn es hell ist, werde ich ihn dir geben. Du hast mich, seit du in Amerika bist, nicht gesehen und wirst mich also nicht mehr kennen; desto besser aber kenne ich deine Güte, mit welcher du die Eltern stets unterstützt und mich nun schließlich gar eingeladen hast, herüber zu kommen.“

Well! Es freut mich, daß du dieser Einladung so schnell gefolgt bist. Ich schrieb euch auch den Grund. Ich habe in den Big-horn-Bergen Gold gefunden, viel Gold, welches ich euch geben wollte, denn ihr seid arm, und ich brauche es nicht. Mit dem Schicken ist es eine sehr unsichere Sache, und so wünschte ich, daß du persönlich kommen möchtest. Was ich dir geben will, ist ein Reichtum für euch, und ich hoffe, daß es euch glücklich macht. Aber du kommst nicht allein. Wer ist denn dein Begleiter?“

„Auch ein Deutscher. Er heißt Peter Wolf und wollte auch gern nach dem Westen. Da schloß ich mich ihm an.“

„Schön! Wir sprechen weiter über unsre Angelegenheit, lieber Heinrich. Jetzt giebt es keine Zeit dazu. Du siehst, daß ich anderweit gebraucht werde.“

Es erscholl nämlich jetzt die Stimme des Zugführers, welcher zum Aufbruche drängte, denn durch den unerwarteten Aufenthalt hier war viel Zeit verloren gegangen, die wieder eingeholt werden mußte.

Die toten und verwundeten Weißen wurden in die Wagen gebracht und die umherliegenden Waffen zusammengelesen. Die Passagiere sagten ihren Rettern herzlichen Dank, und da der Defekt im Geleise nun ausgebessert worden war, konnte der Zug die Weiterfahrt antreten. Die Zurückbleibenden sahen ihm nach, bis seine Lichter in der Ferne verschwunden waren.

Nun war die Frage, ob sie während der Nacht hier Lager machen sollten oder nicht. Es war anzunehmen, daß die flüchtigen Ogellallahs sich bald wieder sammeln und nach dem Orte des Kampfes zurückschleichen würden. Das konnte gefährlich werden, und darum wurde beschlossen, von hier aufzubrechen und an einem entfernten Orte zu übernachten, wo von seiten der Indianer kein Überfall zu erwarten war. Sam Fire-gun, der Colonel, bestieg eins der erbeuteten Indianerpferde, und dann wurde aufgebrochen.

Während der Colonel mit seinem Neffen sprach, hatte Hammerdull in der Nähe gestanden und fast alles gehört. Nun, als die Reiter den Ort des Überfalles schon weit im Rücken hatten, ersah er einen Augenblick, an welchem dieser Neffe nicht neben dem Onkel ritt, lenkte seine Stute neben Sam Fire-guns Pferd und sagte mit vorsichtig unterdrückter Stimme:

„Wenn Ihr es mir nicht übel nehmt, möchte ich Euch etwas sagen, Sir.“

„Übel nehmen? Sprich nicht so dummes Zeug! Was ist’s?“

„Was Ihr jedenfalls für eine Dummheit halten werdet, Sir. Es betrifft die beiden Männer, welche behaupten, von drüben aus dem alten Germany zu sein.“

„Das sind sie doch auch!“

„Ob sie es sind oder nicht, das bleibt sich gleich; aber ich denke, daß sie es nicht sind.“

„Unsinn! Mein Neffe ist ein Deutscher; das muß ich doch wissen!“

„Ja, wenn er wirklich Euer Neffe ist, Sir!“

„Zweifelst du daran?“

„Hm! Kennt Ihr Euern Neffen?“

„Ich konnte ihn nicht erkennen, weil er noch ein Knabe war, als ich ihn zum letztenmal sah.“

„Ich glaube, Ihr habt ihn überhaupt noch nicht gesehen. Euer deutscher Name ist Wallerstein. Warum hat er diesen Namen nicht beibehalten und sich anders genannt?“

„Aus Vorsicht, nämlich weil er – – –“

„Ich weiß, ich weiß!“ fiel ihm der Dicke in die Rede. „Ich habe ja gehört, welchen Grund er dafür angab; aber mir scheint dieser Grund ein wenig fadenscheinig zu sein. Sagt mir einmal, ist er Kapitän?“

„Nein.“

„Aber der andre hat ihn doch so genannt!“

„Wirklich? Was du sagst!“

„Ja, er hat ihn Kapitän genannt; ich habe es ganz deutlich gehört, sogar mit allen beiden Ohren. Sie sprachen nämlich französisch.“

„Französisch?“ fragte der Colonel verwundert. „Das wäre freilich sehr auffällig!“

„Ob es auffällig ist oder nicht, das ist gleichgültig; das ist sogar egal; aber mir ist es zunächst nicht aufgefallen. Doch als ich dann hörte, daß es sich um Euer Gold handelt, da kamen mir Bedenken. Warum nennt sich der andre uns gegenüber Peter Wolf – ein schrecklicher Name, bei dem man die Zunge brechen kann! – und zu Heinrich Sander sagte er, daß er Jean Letrier heiße?“

„Bezeichnete er sich mit diesem Namen?“

„Ja. Ich ging grad an ihnen vorüber und hörte es; ich verstand es auch, obgleich er französisch sprach. Ich achtete in diesem Augenblicke nicht darauf, weil ich grad Eile hatte, mir den Skalp eines Roten zu holen; aber später fiel es mir wieder ein und machte mich mißtrauisch. Spricht dieser Sander die deutsche Sprache gut und rein?“

„Allerdings mit einem fremden Accent; aber wahrscheinlich kommt mir das nur so vor; ich habe kein Urteil mehr darüber, weil es so lange Jahre her ist, daß ich Deutschland verlassen habe.“

„Ob Ihr es verlassen habt oder nicht, das bleibt sich ganz gleich; aber ich sage Euch, daß mir die Sache nicht gefällt. Wir nennen Euch als unsern Anführer Colonel, obgleich Ihr diesen militärischen Grad nicht besitzet. Warum wird dieser Sander Kapitän genannt? Ist er der Anführer von irgend welchen Leuten? Wer und was sind diese Leute? Ehrliche Menschen wohl kaum! Seht Euch vor, Colonel, und nehmt mir meine gut gemeinte Warnung ja nicht übel!“

„Fällt mir nicht ein, sie übel zu nehmen, obgleich ich weiß, daß du dich irrst. Dennoch werde ich die Augen und Ohren offen halten; das verspreche ich dir.“

Well! Will wünschen, daß ich mich irre; aber da Ihr Euern Neffen nicht persönlich kennt und es sich um eine so große Summe handelt, so ist die Vorsicht wenigstens nicht überflüssig.“

„Er hat sich mir gegenüber als Neffen legitimiert.“

„Durch Euern Brief, den er vorzeigte?“

„Ja. Und morgen will er mir noch andre Briefe geben.“

„Das beweist noch nichts!“

„O doch!“

„Nein, denn diese Briefe können auf unrechtlichem Wege in seine Hand gekommen sein.“

„Muß man wegen einer Namensänderung gleich das Allerschlimmste denken?“

„Ob man es denkt oder nicht, das bleibt sich gleich; ich traue diesen beiden Menschen nicht, und wenn Ihr ihnen glaubt, so werde ich um so schärfer auf sie achten.“

Sie brachen diese Unterredung ab, weil Sander sich jetzt wieder zu Sam Fire-gun gesellte. Hammerdull entfernte sich von ihnen und ritt nun mit dem langen Pitt Holbers, an dessen Seite er sich stets am wohlsten fühlte.

Ungefähr zwei Stunden, nachdem sie die Eisenbahn verlassen hatten, kamen sie an eine Stelle, welche sich sehr gut zum Lagerplatze eignete. Es gab da Gras für die Pferde, Wasser für die Menschen und Tiere und ziemlich dichtes Gebüsch, welches sehr vortrefflich als Deckung diente. Da wurde abgestiegen. Man konnte sich hier sicher fühlen, denn es war zwar nicht ganz finster, aber auch nicht hell genug, daß es einem oder mehreren Ogellallahs möglich gewesen wäre, den Weißen hierher zu folgen.

Sander hatte seit heute nachmittag nicht unbelauscht mit Wolf sprechen können. Jetzt, da es zum Schlafen ging, legte er sich mit diesem etwas entfernt von den andern, was niemand auffiel, wie er glaubte. Als sie annahmen, daß ihre Gefährten eingeschlafen seien, flüsterte Sander seinem Kumpane zu:

„Dieser Kampf mit unsern roten Freunden war das Ungelegenste, was uns kommen konnte. Diese Weißen sind geradezu blind gewesen, daß sie unsre Spiegelfechterei nicht bemerkt haben! Gut, daß die Feuer brannten und die Roten uns erkennen konnten. Besser, viel besser wäre es gewesen, sie hätten mit diesem Überfalle bis später gewartet und wären bei unsern Leuten geblieben. Sie konnten doch denken, daß wir nun bald kommen würden.“

„Sie wußten nicht, daß ich dich so schnell getroffen habe,“ warf Wolf ein. „Sonderbar, daß wir beide einander so glückliche Botschaft bringen konnten!“

„Ja. Ihr habt endlich, noch dazu in meiner Abwesenheit, das lang gesuchte Lager von Sam Fire-guns Gesellschaft entdeckt, und es ist für uns von größtem Vorteile, daß die OgelIallahs uns bei dem Überfalle helfen wollen. Aber grad darum mußten sie ihren heutigen Streich aufschieben. Es wird bei Fire-gun so reiche Beute geben, daß wir uns vom Geschäft zurückziehen können.“

„Ja. Welche Menge von Gold sie zwischen den Big-Horn-Bergen gesammelt haben, das hast du ja als sein lieber Neffe von ihm selbst gehört. Und wenn wir dazu die großen Vorräte von Pelzen und Fellen rechnen, die sie angesammelt haben, so kommt eine Beute heraus, wie sie so reich von unsrer Gesellschaft noch nie gemacht worden ist. Dazu das große Glück, daß du mit dem echten Neffen des Colonel zusammengetroffen bist! Hast freilich einen großen Fehler begangen.“

„Welchen?“

„Daß du ihn nicht kalt gemacht hast.“

„Das war freilich eine Schwäche von mir; aber er war so aufrichtig und vertrauensselig; er beantwortete mir alle, alle meine Fragen und gab mir so bereitwillig Auskunft über seine intimsten Familienverhältnisse, deren Kenntnis mir nötig war, wenn ich seine Stelle einnehmen wollte, daß ich schwach wurde und mit seinem Gelde und seinen Papieren davonging, ohne ihm das Leben zu nehmen.“

„Ich an deiner Stelle hätte ihn unschädlich gemacht.“

„Das ist er auch so schon.“

„Er ist dir sicher gefolgt!“

„Nein. Er ist ein Neuling im Lande, hier vollständig unbekannt und – was die Hauptsache ist – hat kein Geld, keinen einzigen Cent mehr. Er ist also hilfloser und verlassener als ein Waisenknabe und kann mir weder folgen noch uns in irgend einer Weise schaden. Die Hauptsache war, daß ich im gleichen Alter mit ihm stehe und daß Sam Fire-gun mich noch nie gesehen hat. Er glaubt es wirklich, daß ich sein Neffe bin.“

„Das ist wahr, mir aber nicht lieb.“

„Warum?“

„Weil wir nun, obwohl wir sein Lager endlich, endlich entdeckt haben, wahrscheinlich von unserm ursprünglichen Plane abweichen müssen.“

„Das Lager zu überfallen? Das ist nun freilich eigentlich nicht mehr nötig, denn als Neffe des Alten bekomme ich alles, was er hat.“

„Und wir andern nichts! Nein, das gebe ich nicht zu. Wir haben uns Monate lang geplagt, das Versteck zu entdecken, und nun es uns gelungen ist, sollen wir verzichten? Nein, nein!“

„Rege dich nicht auf. Wir kommen schon morgen früh ganz nahe an dem Lager unsrer Gesellschaft vorbei, und bis dahin können wir uns ja besprechen.“

„Meinst du, daß Sam Fire-gun diesen Weg einschlagen wird?“

„Ja. Er reitet jedenfalls direkt nach seinem Camp, und da muß er dort vorbei. Horch! Es muß jemand hinter uns im Gebüsch sein!“

Sie lauschten und vernahmen nach einiger Zeit ein leises Rascheln, welches sich von ihnen entfernte.

„Alle Teufel! Wir sind belauscht worden!“ flüsterte Sander seinem Kumpane zu.

„Es scheint so,“ antwortete dieser ebenso leise. „Aber von wem?“

„Entweder von Fire-gun selbst oder von einem andern. Ich werde gleich erfahren, wer es gewesen ist.“

„Auf welche Weise?“

„Ich schleiche mich zu Fire-gun. Liegt er nicht an seinem Platze, so war er es.“

„Und wenn es ein andrer war?“

„So geht er zu Fire-gun, um ihm zu sagen, was er gehört hat. In beiden Fällen erfahre ich, was ich wissen will. Alle Wetter! Wenn diese Kerls mißtrauisch geworden wären! Bleib still liegen, und warte, bis ich wiederkomme!“

Er dehnte sich lang aus und wand sich durch das Gras behend und unhörbar hinüber nach der Stelle, wo der Colonel sich niedergelegt hatte. Er lag noch dort; aber da kam von der andern Seite leisen Schrittes Dick Hammerdull, bog sich zu ihm nieder, weckte ihn auf und sagte:

„Wacht auf, Colonel; aber seid still, ganz still!“

So leise er gesprochen hatte, Sander lag so nahe und hatte ein so scharfes Gehör, daß ihm kein Wort entgangen war.

„Was ist’s? Was giebt’s?“ fragte Fire-gun.

„Leise, leise, daß die da drüben es nicht hören! Ich habe Euch gesagt, daß ich aufpassen will, Sir. Es fiel mir auf, daß Heinrich Sander und Peter Wolf – verteufelt klapperiger Name für die Zunge eines nicht deutschen Gentleman! -also es fiel mir auf, daß diese beiden sich so entfernt von uns niederlegten. Ich faßte Verdacht und schlich mich hin. Es gelang mir, ganz nahe an sie zu kommen, so daß mein Kopf fast zwischen ihren Köpfen lag, und da hörte ich sie flüstern.“

„Hast du verstanden, was sie sagten?“

„Ob ich sie verstanden habe oder nicht, das ist ganz und gar egal; aber ich hörte, daß dieser Sander der Kapitän einer Bande von Buschkleppern ist.“

„Ah! Wirklich?“

„Ich hatte also recht. Er ist nicht Euer Neffe, und der andre heißt Jean Letrier. Ihre Leute haben unser Lager entdeckt und wollen es überfallen. Sie haben sich sogar mit den Roten verbündet. Sander hat Euren wirklichen Neffen getroffen und ihm alles abgenommen, was er – – –“

Mehr hörte Sander nicht, denn mehr wollte und brauchte er nicht zu hören; er wußte genug und kroch schleunigst zu seinem Gefährten zurück.

„Wir sind verraten!“ raunte er ihm zu. „Nimm dein Gewehr, und folge mir schnell zu unsern Pferden! Aber ganz leise, leise!“

Sie huschten fort, zwischen den Büschen hinaus nach dem kleinen, freien Platze, wo die Pferde angepflockt waren. Sie machten die ihrigen los und zogen sie langsam, sehr langsam fort, damit die Huftritte nicht gehört würden. Als sie sich so weit entfernt hatten, daß sie sich nun sicher fühlten, stiegen sie auf und ritten davon.

„Aber so sag doch endlich, was du erfahren hast!“ wurde Sander von Wolf aufgefordert.

„Später, später! jetzt müssen wir jagen, förmlich jagen, um unsre Leute zu erreichen. In zwei Stunden sind wir dort, um sie zu holen, denn wir müssen diese Kerls noch heut nacht festnehmen. Dieser verdammte Hammerdull hat uns durchschaut; er kennt sogar deinen Namen Jean Letrier!“

„Aber woher doch?“

„Das weiß der Teufel! Vorwärts jetzt, vorwärts!“

Inzwischen hatte Hammerdull dem Colonel alles, was von ihm erlauscht worden war, mitgeteilt. Sie berieten leise miteinander, und Sam Fire-gun kam, trotzdem Hammerdull ihn zum sofortigen Handeln drängte, zu dem Entschlusse:

„Jetzt nicht. Sie sind uns sicher. Du kannst dich leicht verhört haben.“

„Ich verlasse mich auf meine Ohren!“

„Vielleicht haben sie gar nicht von uns und sich, sondern von andern Personen gesprochen.“

„Sie sprachen von Euch, Sir, ganz gewiß von Euch!“

„So müssen wir dennoch bis früh warten. Wenn wir sie jetzt, in dieser Dunkelheit, ins Verhör nehmen, entkommen sie uns. Wir müssen unbedingt warten, bis es hell geworden ist. Da sehen wir ihre Gesichter, ihre Mienen, alle ihre Bewegungen. Sie ahnen doch nicht, daß du sie belauscht hast?“

„Nein.“

„Nun, da ist auch keine Gefahr im Verzuge, und wir können ruhig schlafen. Leg dich auch aufs Ohr!“

Hammerdull wollte noch eine Bemerkung machen, wurde aber fortgewiesen; er legte sich, verdrossen brummend, nieder und schlief trotz seines Ärgers sehr bald ein.

Auch die andern schliefen; selbst der stets vorsichtige Winnetou war davon nicht ausgeschlossen. Er hegte die Überzeugung, daß kein Ogellallah ihnen gefolgt sei, rechnete aber doch mit der Möglichkeit, daß er sich da irren könne. In diesem Falle war nach dem Gebrauche der Roten auch nicht jetzt, sondern erst gegen Morgen ein Angriff zu erwarten. Darum und weil er der Ruhe unbedingt bedürftig war, schlief er jetzt, wachte aber nach einigen Stunden wieder auf, ging zu seinem Pferde, führte es eine kleine Strecke in der Richtung, aus welcher sie gekommen waren, zurück, ließ es dort frei weiden und setzte sich dabei nieder. Dies that er, weil die Ogellallahs nur aus dieser Richtung zu erwarten waren; Sander und Wolf hatten sich, ohne daß er es wußte, in der entgegengesetzten entfernt. Sein Pferd hatte er nicht am Platze gelassen, sondern mitgenommen, weil es ein besserer Wächter als ein Mensch war.

Die Morgenluft erhob sich; sie wehte von daher, wohin Winnetou seine Aufmerksamkeit zu richten hatte. Da schnaubte sein Pferd. Es war jenes leise, nur aus einem einzigen Atemstoße bestehende Schnauben, womit es auf die Nähe eines verdächtigen Wesens aufmerksam zu machen pflegte. Zu seiner Verwunderung sah er, daß es dabei den Kopf nicht gegen, sondern in der Richtung des Windes, also nach dem Lager hin hielt. Er hatte trotz seines beispiellos scharfen Gehöres von dorther nicht das geringste Geräusch vernommen. Er lauschte.

Da ertönte dort plötzlich ein wüstes Geschrei von vielen Stimmen, nicht das Geheul von Roten, sondern das Gebrüll von Weißen, in englischer Sprache. Er rannte hin, doch nicht ganz. Bei dem Gebüsch angekommen, legte er sich nieder und kroch zwischen zwei Sträucher hinein. Er sah die Gestalten von fast zwanzig Weißen, welche die Schläfer überfallen hatten und nun im Begriff standen, sie zu binden.

„Winnetou haben wir noch nicht!“ rief einer. „Der darf uns nicht entschlüpfen! Wo ist er? Sucht ihn, sucht!“

Das war die Stimme Sanders; Winnetou erkannte sie und wußte sofort, woran er war.

„Uff!“ sagte er zu sich selbst. „Ich kann jetzt keinen Beistand leisten, sonst bin ich mit ihnen verloren. Ich muß mich erhalten, um diesen Bleichgesichtern folgen zu können. Howgh!

Er kehrte eiligst zu seinem Pferde zurück, stieg auf und ritt im Galopp davon, das Beste, was er unter den gegenwärtigen Umständen thun konnte. – – –

Der einstige Indianeragent unterbrach hier seine Erzählung, welcher alle Zuhörer mit großer Spannung gefolgt waren. Ich selbst war Zeuge von einigen Eisenbahnüberfällen durch Indianer gewesen, und obgleich sie dem jetzt erzählten alle ähnlich waren, hatte ich der Geschichte nicht weniger Aufmerksamkeit gewidmet, als die andern Gäste der Mutter Thick. Sam Fire-gun, Dick Hammerdull und Pitt Holbers waren mir sehr wohlbekannte Persönlichkeiten, und ich wußte, daß sie dieses Ereignis ähnlich so, wie es erzählt wurde, erlebt hatten.

Die Anwesenden ließen Ausrufe der Befriedigung, der Anerkennung hören und baten den Erzähler, ihre Neugierde nicht auf die Folter zu spannen, sondern schnell fortzufahren.

„Nicht wahr, so etwas hört sich leicht an?“ fragte er. „Aber dem, der es mitmacht, fällt es nicht so leicht!“

„Waret Ihr denn dabei?“ fragte einer der mit an seinem Tische Sitzenden.

„Bisher nicht. Was ich bis jetzt erzählt habe, das habe ich so gebracht, wie es mir später erzählt worden ist. Das aber, was nun kommt, habe ich selbst mit erlebt. Und dabei kommt genau ebenso ein Detektive vor wie in der Geschichte, die wir vorhin gehört haben. Das ging nämlich folgendermaßen zu:

Ich ging damals mit einigen tüchtigen Leuten, die mich schon oft begleitet hatten, den Arkansas hinauf, weil ich als Indianeragent zu den Cheyennes mußte. Dabei kam ich auch nach Fort Gibson und in den Laden des Irländers Winklay, der mich sehr gut kannte. Wir waren die einzigen Gäste im Hause und saßen eben beim Essen, als wir draußen Pferdegetrappel und eine laut räsonnierende Stimme hörten. Wir gingen an die Fenster und sahen hinaus. Es gab da drei Reiter, welche soeben angekommen waren.

Der eine von ihnen war von schmächtiger Gestalt und fein gekleidet. Sein Gewehr, sein Revolver und sein Bowiemesser paßten wohl besser in den Westen als er selbst, der jedenfalls ein Gentleman war. Der zweite war ein hübscher, kräftiger, blonder Boy, dem ich sofort den Deutschen vom Gesicht ablas. Der dritte war derjenige, welcher so laut räsonnierte. Er saß auf einem widerspenstigen Dakota-Traber, der ihm viel zu schaffen zu machen schien.

Von hoher, breiter und außergewöhnlich muskulöser Figur, trug er einen Hut auf dem glattgeschorenen Kopfe, dessen ungeheure Krempe hinten weit über den Nacken herunterschlappte, während ihr vorderer Teil über dem Gesichte einfach weggeschnitten war. Den Leib bedeckte ein kurzer, weiter Sackrock, dessen Ärmel kaum bis über die Ellbogen reichten und erst die Ärmelteile eines sauber gewaschenen Hemdes, dann die braun gebrannten Vorderarme und endlich zwei Hände sehen ließen, die einem vorsündflutlichen Riesentiere anzugehören schienen. Die Beine staken in einem Paar ebenso weiter Hosen von leichtem Zeuge, unter denen zwei Stiefel sichtbar wurden, deren Leder aus dem Rücken eines Elephanten herausgeschnitten sein mußte.

Der Mann sah in dem alten Hute, dem moosgrünen Rocke und den gelben Hosen einer Maskenballfigur ähnlich.

Er wollte aus dem Sattel steigen, aber sein Pferd schien damit nicht einverstanden zu sein; es ging mit allen vieren in die Luft.

Have care – Achtung – attention – hopp, du falscher Racker!“ schrie er es zornig an, indem er ihm mit der gewaltigen Faust einen Hieb zwischen die Ohren versetzte. „Da hast du eins, wenn du meinst, daß der Peter Polter ein Seiltänzer sei oder ein ähnliches halsbrecherisches Individuum! Wirft mir die Bestie den Schwanz in die Höhe wie die Sternflagge eines Dreimasters und schlägt mit dem Gehör um sich, als wolle sie Seekrebse damit fangen! Hätte ich dich nur zwischen Vor- und Mittelmast eines guten Oceaners, so wollte ich dir zeigen, was ein Steuermann zu bedeuten hat! Grace à dieu -heigh-day, da ist ja die Kabine, in der Master Winklay, der Irishman, vor Anker liegt. Herunter von der Raae, Peter Polter; und du, Teufelsgaul, dich werde ich hier mit dem Riemen an die Fenzlatte sorren, damit dich die Strömung nicht hinaus in die See treibt! Steigt ab, Master Treskow und Herr Wallerstone, wir sind im rechten Hafen!,

Sie stiegen ab und banden draußen ihre Pferde an. Er trat mit weit auseinander gespreizten Beinen auf, als habe er vom Reiten die Seekrankheit bekommen, und schob sich dann vorsichtig durch den Flur und die offenstehende Thür in den Boarraum des Irländers.

Good day, alter Marsgast!“ grüßte er diesen. „Schaff etwas Nasses zur Stelle, sonst segle ich dich über den Haufen, so liegt mir der Durst in der Kehle!“

Die beiden andern zeigten weniger Redseligkeit; sie nahmen schweigend Platz und überließen ihrem Gefährten die Einleitung zu dem beabsichtigten Gespräch.

Helà, my good Haggler, kennst du den Peter Polter noch?“ fragte dieser.

Der Wirt zog sein Gesicht in schmunzelnde Falten und antwortete,

„Kenn‘ dich schon noch. Wer so trinken kann wie du, den vergißt man nicht so leicht!“

Well done – bon! Hätte dir aber einen solchen Merks kaum zugetraut! Weißt noch, als ich mit Dik Hammerdull, Pitt Holbers und noch einigen hier Abschied trank und doch zwei Tage länger warten mußte, weil die andern gar nicht wieder aufwachen wollten?“

Yes, Yes, das war ein Drink, wie ich noch keinen erlebt hatte und wohl auch keinen wieder mitmachen werde. Wo bist du denn herumgestiegen?“

„Bin nach dem Osten und zur See, habe hierhin geguckt und dorthin und will nun wieder auf eine Woche oder zwei zum alten Fire-gun. Ist doch noch zu haben, der alte Trapper, he?“

„Meine es! Den löscht so leicht kein Indsman aus, und die bei ihm sind, wissen sich und ihn zu halten. Dick Hammerdull ist hier gewesen vor nicht gar langer Zeit; der lange Pitt war auch bei ihm. Sind dann fortgegangen und auf die Roten gestoßen, wie ich mir denke. Man sagt, die Ogellallahs hätten einen Zug überfallen und von Sam Fire-gun und Winnetou eine gute Portion Blei und Eisen erhalten.“

„Winnetou? Ist der Apatsche auch wieder zu haben?“

Der Irländer nickte.

„Freilich; war sogar hier bei mir und hat mich bei der Gurgel gehabt, daß mir beinahe der Atem ausgegangen ist.“

Alas, alter friend, bist ihm wohl quer durch den Kurs gerudert?“

„War so etwas! Kannte ihn nicht und wollte ihm keine Munition verkaufen, kam aber da verdammt an den Unrechten. Willst du Bill Potter sehen?“

„Bill Potter? Ist er hier an Bord?“

„Meine es! Ist nur ein wenig in den Wald gegangen und hat sein Pferd hinter dem Hause stehen.“

Lack-a-day, das paßt sich gut! Wie segelt er, von oder zu dem Colonel?“

„Zu – zu ihm; ist einige Zeit da unten in Missouri gewesen, wo er Verwandte hat, und will nun wieder hinauf nach den Bergen.“

„Wann macht er sich an die Ankerwinde?“

„Wie? Rede doch so, wie einem ehrlichen Manne der Schnabel gewachsen ist. Wer soll denn dieses schauderhafte Zeug verstehen?“

„Bist ein dull-man, ein Dummkopf, wie er im Buche steht, und wirst auch einer bleiben! Wann er fortgeht von hier, meine ich!“

„Kann es nicht sagen, wird aber nicht in alle Ewigkeit hier liegen bleiben.“

„Hat er abgesattelt?“

„Nein.“

„So wird er sich vielleicht noch heut in die Ruder legen und wir machen mit!“

Der Wirt schien wirklich sehr freundschaftliche Gesinnungen für den originellen Kauz zu hegen, denn der sonst so schweigsame und zurückhaltende Mann hatte sich wohl seit Jahren zu keinem so langen Gespräche herbeigelassen, wie das gegenwärtige war.

Jetzt machte sich der Feine zu einer Frage bereit. Er griff in die Tasche und zog eine Photographie hervor.

„Wollt Ihr mir nicht sagen, ob vor kurzem bei Euch zwei Männer vorgesprochen haben, zwei Deutsche, Master Winklay, die sich Heinrich Sander und Peter Wolf nannten?“

„Heinrich Sander – Peter Wolf? Hm, ich will mein ganzes Schießpulver verschlucken und eine Portion Schwamm und Feuerzeug dazu, wenn das nicht die beiden Greenhorns waren, die zu Sam Fire-gun wollten!“

„Wie sahen sie aus?“

„Grün, sehr grün, Mann; mehr kann ich nicht sagen. Der eine – Heinrich Sander glaube ich, war es – machte uns den Spaß und ging mit seiner Mückenflinte dem dicken Hammerdull zu Leibe, wurde aber ganz gehörig heimgeschickt. Ich glaube, Dick hätte ihm einige Zoll Eisen zu kosten gegeben, wenn er nicht gesagt hätte, daß der Colonel sein Oheim sei.“

„Gefunden!“ meinte der Fremde freudig. „Wo sind die beiden dann hin?“

„Fort mit dem Langen und Dicken, hinaus in die Savanne. Mehr weiß ich nicht.“

„Seht Euch doch einmal dieses Bild hier an, Master! Kennt Ihr den Mann?“

„Wenn das ein andrer ist, als der Heinrich Sander, so sollt Ihr mich auf der Stelle teeren und federn!“

Dann aber trat er, wie unter einem plötzlich in ihm auftauchenden Gedanken, um einen Schritt zurück und fragte in zurückhaltendem Tone:

„Sucht Ihr den Mann, Sir?“

„Warum?“

„Hm! Ein Westmann trägt niemals so ein Konterfei mit sich herum, und Ihr seht – seht so nett und sauber aus, daß -daß – –“

„Nun, daß – –“

„Daß ich Euch einen guten Rat geben möchte!“ verbesserte er den beabsichtigten Satz.

„Welchen?“

„Was hier bei mir vorgeht, das kümmert mich nichts; so lange man mir meine guten Hausrechte läßt. Ich frage niemanden und antworte auch keinem. Euch aber habe ich Rede gestanden, weil Ihr mit Peter Polter gekommen seid, sonst hättet Ihr nichts von mir erfahren. Aber zeigt niemand das Bild wieder vor, und erkundigt Euch nicht eher nach irgend wem, als bis Ihr ein wenig mehr nach der Savanne ausseht, denn sonst – sonst – –“

„Weiter! Sonst –?“

„Sonst hält man Euch gar für einen Policemann, für einen Detektive, und das ist oft sehr schlimm. Der Westmann braucht keine Polizei; er richtet selber, was es zu richten giebt, und wer sich da hineinmengt, den weist er mit dem Bowiekneif zurück!“

Der Feine wollte eben antworten, da aber öffnete sich die Thür, und ein Mann trat ein, bei dessen Anblick Peter Polter sich mit lautem Zurufe erhob.

„Bill Potter, alter Swalker, bist du’s wirklich? Komm her und trink; ich weiß noch ganz genau, daß deine kleine Kehle ein ganz verteufelt großes Loch ist!“

Der Angeredete war ein winziges, dürftiges Männlein, an dessen Körper sich kaum ein halbes Pfund Fleisch vermuten ließ. Er sah den Sprecher verwundert an, wobei sich sein kleines Gesichtchen in hundert lachende Falten und Fältchen legte.

„Bill Potter –? Swalker –? – trinken –? großes Loch –? Hihihihi, wo hab‘ ich nur den Kerl gesehen, der mir so bekannt vorkommt!“

„Wo du mich gesehen hast? Hier, natürlich hier. Streng nur dein Gehirnchen ein bißchen an!“

„Hier? Hm! Kann mich doch nicht gleich besinnen. Bin so oft hier gewesen und mit so verschiedenen Männern, daß ich den einzelnen nicht so schnell aus dem Haufen finden kann. Wie klingt dein Name, he?“

„Donnerwetter, hat der kleine junge hier bei Master Winklay an meiner Seite gesessen und dabei getrunken, daß er zwei Tage lang mit keinem Finger wackeln konnte, und fragt mich jetzt, wie mein Name klingt! Und noch dazu bin ich mit ihm in den Bergen gewesen, wo wir bei Sam Fire – –“

„Stopp, Alter! Hihihihi, jetzt kenne ich dich!“ fiel ihm der Kleine hier in die Rede. „Heißest Peter Folter oder Molter, oder Wolter, oder – –“

„Polter, Peter Polter, zuerst Hochbootsmannsmaat auf ihrer englischen Majestät Kriegsschiffe Nelson und dann Steuermann auf dem Vereinigten-Staaten-Klipper Swallow, wenn du dir es merken willst! Sodann wurde ich ein wenig Westmann und bin – –“

„Weiß – weiß – weiß! Bist ja mit bei uns gewesen und hast mir zu guter Letzt beinahe noch den Tod an den Hals getrunken. Hihihihi, hast eine Gurgel, wie ich noch keine gesehen habe, und kannst trinken wie – wie – wie der alte Vater Missisippi selber. Wo warst du denn nachher, und wo willst du hin?“

„War ein weniges in der Welt herum, und will jetzt wieder zu euch, wenn es dir recht ist.“

„Zu uns? Weshalb?“

„Diese Gentlemen hier haben mit eurem Kapitän oder Colonel zu reden. Wird er auch daheim zu finden sein?“

„Denke es. Wann wollt ihr fort von hier?“

„So bald als möglich. Reitest doch mit, he?“

„Möchte schon, wenn ihr mich nicht zu lange warten laßt!“

„Je eher, desto lieber ist es uns. Iß und trink, alter Schießprügel, und dann mag es vorwärts gehen!“

Ihr könnt euch denken, Mesch’schurs, daß mich diese sonderbaren Männer und Gestalten lebhaft interessierten. Ich hätte gern näheres über sie erfahren, doch ist es im Westen nicht immer geraten, neugierige Fragen auszusprechen. Von Peter Polter hatte ich einmal gehört. Er war, ganz nur zum Zeitvertreib, den Arkansas heraufgekommen und hatte hier bei Winklay die Bekanntschaft einiger Trapper gemacht, denen es ein Spaß gewesen war, den eigentümlichen Kerl mit in die Prairie zu nehmen. Er hatte sich da gar nicht übel benommen und trotz manchen Ulkes, der von ihm losgelassen war, sogar die Teilnahme Old Fire-guns gewonnen. Man hatte ihm trotz seiner Schrullen gut sein müssen und ihn dann, als er wieder nach dem Osten ging, nur ungern fortgelassen.

Jetzt saßen die vier Männer essend und trinkend in meiner Nähe, und ich hörte, daß der Feine den Wirt leise fragte, wer ich sei. Als er Auskunft erhalten hatte, drehte sich Peter Polter, der mit dem Rücken nach mir saß, zu mir um und sagte:

„Ich höre, daß Ihr Indianeragent seid, Sir. Kommt Ihr von den Roten, oder wollt Ihr hin?“

„Ich will hin, Mr. Polter,“ antwortete ich.

„Allein?“

„Nein. Diese Boys hier begleiten mich.“

„Den Arkansas aufwärts?“

„Auch nicht. Wir wollen zunächst in die Berge zu Sam Fire-gun reiten.“

Halloo! Da haben wir ja gleichen Weg! Wollt Ihr mit uns?“

„Ganz gern.“

„So habt die Güte, Euch hier an unsrem Tische vor Anker zu legen! Als Indianeragent seid Ihr ein Gentleman, der den Westen kennt und dem wir Vertrauen schenken können. Wenn Ihr mit uns reitet, müßt Ihr wissen, weshalb wir hier sind und was wir bei Sam Fire-gun wollen. Also kommt herüber und staut Euch fest bei uns!“

Ich setze mich zu ihnen und erfuhr nun folgendes: Derjenige von den dreien, nämlich der Blonde, den ich sogleich für einen Deutschen gehalten hatte, war unten in Van Buren mit einem gleichalterigen Manne zusammengetroffen, der ebenso wie er nach dem Westen wollte; er hatte Wohlgefallen an ihm gefunden und ihm in unvorsichtigem Vertrauen alle seine Verhältnisse und Absichten mitgeteilt. Beide hatten zwei Tage lang zusammen gewohnt und in demselben Zimmer miteinander geschlafen; als Heinrich Wallerstein, denn dieser war es, am dritten Morgen erwachte, war sein neuer Bekannter fort, aber nicht allein, denn er hatte während der Nacht alle Taschen Wallersteins ausgeleert und nicht nur seine Legitimationen und Briefe, sondern auch sein ganzes Geld, seine Uhr und was sonst noch Wert hatte, mitgenommen. Wallerstein war von allen Mitteln entblößt, konnte also nicht weiter, konnte nicht einmal den Wirt bezahlen und wendete sich in seiner Aufregung an die Polizei, deren Bescheid in einem mitleidigen Achselzucken bestand. Als er enttäuscht in sein Gasthaus zurückkehrte, machte ihn der Wirt auf einen Fremden aufmerksam, der eben angekommen war und ihn vielleicht irgendwie unterstützen werde, weil er auch ein Deutscher sei. Dieser Mann war Peter Polter, der Steuermann, der jetzt wieder nach dem Arkansas kam, um sich abermals das Vergnügen zu machen, den Westmann zu spielen. Kaum hörte der brave Seebär von der Not, in welcher sich Wallerstein befand, so war er zu aller möglichen Hilfe bereit, und als er gar das Nähere erfuhr und daß Sam Fire-gun der Oheim Wallersteins sei, da war er ganz entzückt über seinen neuen Bekannten und versprach, den Neffen so schnell wie möglich zu Old Fire-gun zu bringen; denn daß der Dieb auch zu diesem sei, um sich für seinen Neffen auszugeben, daran war nicht zu zweifeln. Eben bestimmten die beiden, daß sie sogleich aufbrechen wollten, als ein Herr eintrat und sich bei dem Wirte nach dem bestohlenen Mr. Wallerstein erkundigte. An diesen gewiesen, brachte er eine Photographie zum Vorschein, zeigte sie ihm und fragte ihn, ob er den Mann kenne; es war das Bild des Diebes. Dieser war ein von der Polizei schon längst und mit Eifer gesuchter Gauner, Fälscher und Betrüger, dessen Spur vor einem halben Jahre nach dem Arkansas geführt hatte, dann aber nicht weiter zu verfolgen gewesen war. Vorgestern sollte er hier in Van Buren wieder gesehen worden sein, und wenn Wallerstein vorhin von der Polizei kurz abgewiesen worden war, so hatte diese doch gleich nach seinem Fortgange das Wiederauftauchen des Verfolgten mit dem neuen Diebstahle in Verbindung gebracht und einen ihrer Beamten mit der Photographie hergeschickt. Dieser Beamte war ein geborener Deutscher, Namens Treskow, der feine Gentleman, den ich vorhin erwähnt habe. Die Unterredung zwischen ihm, Wallerstein und Peter Polter hatte zur Folge, daß der Polizist sich für kurze Zeit entfernte und dann mit der Nachricht zurückkehrte, daß er mit ihnen nach Fort Gibson fahren und dann zu Sam Fire-gun reiten werde, um dem Originale seiner Photographie einen amtlichen Besuch abzustatten. So kamen diese drei nach dem Store und Boardinghouse des Irländers Winklay.

Wie hochinteressant mir diese Angelegenheit war, das läßt sich denken. Ich freute mich, der Begleiter dieser Leute sein zu können, und da sie es sehr eilig hatten, so wurde baldigst aufgebrochen.

Der Weg, den wir einzuschlagen hatten, war ganz genau derselbe, den Dick Hammerdull mit seinen Begleitern vorher geritten war, doch konnten wir ihre Spuren allerdings nicht mehr erkennen.

Peter Polter, der Steuermann, war diesen Weg auch schon geritten, vermochte aber nicht, sich genau auf ihn zu besinnen. Bill Potter erwies sich als ein desto besserer und ausgezeichneter Führer. Das kleine, so zart und schwächlich scheinende Männchen entwickelte einen Scharfsinn, eine Ortskenntnis, eine Ausdauer und Beweglichkeit, welche ihm unser aller Vertrauen gewann.

Wir beeilten uns natürlich so viel wie möglich; aber Wallerstein und Treskow waren keine guten Reiter, und dem Steuermanne machte sein Dakota-Traber soviel zu schaffen, daß er aus dem Ärger gar nicht herauskam. So hatte der Ritt schon einige Tage gedauert, als wir den Schienenstrang der Bahn erreichten, an welchem der Überfall der Ogellallahs stattgefunden hatte. Es war am frühen Morgen, als Bill Potter plötzlich sein Pferd anhielt und aufmerksam in die Ferne schaute.

„Schaut, Mesch’schurs,“ rief er, indem er mit dem Arme vorwärts deutete. „Schaut dort in die Luft und dann nieder auf die Erde! Dort oben fliegen die Totengräber, und unten sitzen die Coyotes in der Nähe des Geleises. Dort hat irgend wer den letzten Stich oder die letzte Kugel erhalten. Wollen hoffen, daß es kein Weißer, sondern eine Rothaut gewesen ist, hihihihi. Kommt, laßt uns einmal nachsehen!“

Wir setzten unsre Pferde in Trapp und gelangten auf den Kampfplatz. Die Leichen der Erschlagenen lagen, von Geiern und Wölfen ihres Fleisches beraubt, noch da, wie sie gefallen waren. Die Bahnzüge waren vorübergesaust, ohne daß deren Insassen die Stätte beachtet hatten. Potter untersuchte jede Kleinigkeit genau.

Lack-a-day,“ meinte er endlich; „hier hat ein fürchterlicher Kampf stattgefunden. Seht ihr diese Schienen hier? Sie sind repariert worden. Die roten Halunken haben den Zug überfallen wollen, sind aber von den Weißen daran verhindert worden. Es waren die Ogellallahs; ich sehe es an der Tätowierung. Und diese zerspaltenen Schädel – einen solchen Hieb vermag nur der Colonel, Sam Fire-gun, zu führen. Dick Hammerdull ist dabei gewesen und Pitt Holbers auch. Hier haben sie gestanden, wie gewöhnlich Rücken an Rücken; ich sehe es an den Fußspuren, die tief in die Erde gegraben sind. Dort haben die Feuer gebrannt; da drüben hatten die Indianer ihre Pferde angepflockt – seht ihr die Löcher im Boden? Hihihihi, diese Fußtapfen sollte ich wohl kennen! Ich lasse mir vom ersten besten Grizzly die Hirnschale einbeißen, wenn das nicht der Colonel war mit Dick Hammerdull und Pitt Holbers und – und – wahrhaftig, das ist kein andrer gewesen als Winnetou, der Häuptling der Apatschen!“

Wir mußten über den Scharfsinn und die Sicherheit erstaunen, mit welcher der kleine Jäger aus den verworrenen und schon vielfach verwischten Spuren seine Schlüsse zog. Nachdem er alle vorhandenen Spuren genau betrachtet hatte, kam er zu dem Bescheid:

„Die Weißen haben die Richtung nach dem Hide-spot eingeschlagen, doch will ich wetten, daß die Indsmen sich gesammelt haben und sie nun verfolgen. Das beste ist, Mesch’schurs, wir bleiben auf der Spur!“

Wir stimmten bei und trabten dann munter hinter dem Kleinen her.

Behold,“ rief er nach Verlauf von kaum einer halben Stunde, „habe ich nicht recht gehabt? Hier sind zwei Trupps Pfeilmänner von rechts und links gekommen. Sie haben den Kampfplatz umritten, um die Richtung zu finden, in welcher die Weißen fortgegangen sind, und sich hier vereinigt, um ihnen zu folgen. Der Sand behält die Spuren lang, so daß ich vermute, sie haben einen Vorsprung von mehreren Tagen. Doch sind unsre Pferde gut, und sie haben jedenfalls Verwundete bei sich, die einen schnellen Ritt nicht vertragen können. Wir holen sie noch ein, ehe sie das Lager Fire-guns erreichen.“

Wieder ging es vorwärts, nicht bloß Stunden, sondern Tage lang und immer auf der aufgefundenen Spur, die bald deutlich erkennbar war, bald sich wieder auf dem harten Gestein oder im weichen Grase verlor, stets aber von Bill Potter wiedergefunden wurde.

So gelangten wir in jene Gegend, wo der Arkansas-River einen weiten Bogen nach den Smoky Hills beschreibt und zahlreiche Bäche ihm von den Bergen herab entgegenströmen.

Die offene Prairie ging durch weit ausgebreitetes Gebüsch nach und nach in den hochstämmigen Urwald über, und der Führer unsrer Gesellschaft wurde von Minute zu Minute vorsichtiger, da die Spur, welcher wir folgten, sich immer jünger zeigte und wir hinter jedem Baume auf einen der Wilden stoßen konnten.

Da plötzlich hielt Bill Potter an und unterwarf den weichen, moosigen Boden einer sehr sorgfältigen und genauen Prüfung.

„Wahrhaftig, hier kommen die Spuren weißer Männer aus dem Walde. Sie sind mit den Wilden zusammengetroffen, ohne daß ein Kampf stattgefunden hat. Seht her, hier in diesem Kreise haben die beiden gegenseitigen Anführer gestanden und miteinander verhandelt; dann ist das Calummet, die Friedenspfeife, herumgegangen; ihr seht es hier an dem kleinen Rest von Punks, der halb verkohlt am Boden liegt. Es ist jedenfalls eine Schar Bushhawkers gewesen, die sich mit den Roten vereinigt hat, um unser Lager ausfindig zu machen, es zu überfallen und sich in die Beute zu teilen.“

Mille tonnere – Millionen-Schock-Backborddonnerwetter,“ fuhr Peter Polter auf; „da werde ich einmal mit diesen meinen guten Fäusten dreinfahren, daß die Weißen rot und die Roten vor Schreck weiß werden! Wenn mich die Luft nicht trügt, so haben wir gar nicht mehr weit zu segeln, um in dem Lager vor Anker zu gehen. Aber was thun wir hier mit unsern vierbeinigen Fahrzeugen? Ich habe das meinige satt bis an den Hals herauf; es schüttelt und schlingert mich hin und her, daß mir der Verstand im Kopfe wehe thut und meine zweihundertachtunddreißig Knochen alle einzeln hinunter in die Stiefeln rutschen!“

Potter lachte über dieses klägliche Lamento des wackeren Seemannes und antwortete:

„Will’s gern glauben, Master; du sitz’st ja auch zu Pferde, als solltest du zu Eierkuchen verbacken werden! Die Tiere können wir allerdings nicht weiter mitnehmen; sie sind uns hinderlich. Aber ich weiß einen Ort, wo wir sie verstecken können, ohne daß ein Indsman sie zu finden vermag. Kommt, Mesch’schurs!“

Er wandte sich seitwärts in den Wald. Nach vieler Mühe, welche uns das Durchdringen des dichten Unterholzes bereitete, gelangten wir auf eine kleine, freie und tief versteckte Blöße, auf welcher wir die Pferde anhobbelten. Dann kehrten wir zu der Stelle zurück, wo wir die Spur verlassen hatten.

Wir folgten derselben weiter, und zwar mit außerordentlicher Vorsicht und Behutsamkeit, das Bowiemesser gelockert und die Büchse im Anschlage zum Schusse bereit. Da plötzlich hielt Potter still und lauschte.

„Horcht, ihr Männer! Klang das nicht wie das Schnauben eines Pferdes?“

Auch die andern hielten die leisen Schritte an und horchten in die tiefste Stille des Urwaldes hinein. Ein leises Wiehern erklang von der Seite her.

„Entweder haben sie sich dort gelagert, oder die Tiere zurückgelassen, um schneller vorwärts zu kommen. Das verteufelte Viehzeug wird uns wittern und verraten. Wir müssen ihnen den Wind abgewinnen!“

Er legte sich zur Erde und bewegte sich kriechend in einem weiten Bogen. Die andern folgten seinem Beispiel. Nach einiger Zeit gab er uns ein Zeichen, alles Geräusch zu vermeiden, und deutete zwischen die Büsche hindurch nach einem freien Platze, der vor uns lag. Dort weideten gegen dreißig Pferde, bewacht von zwei Indianern.

„Seht ihr die roten Halunken, Mesch’schurs? Ich hätte große Lust, sie mein Messer fühlen zu lassen und die Pferde in alle Winde zu jagen, hihihihi. Aber es geht nicht. Wir dürfen uns nicht verraten. Vorwärts; wir müssen so bald als möglich an sie kommen, aber nicht auf der Fährte, sondern von der Seite!“

Der kleine Mann wand sich mit der Geschicklichkeit und Geräuschlosigkeit einer Schlange durch das Dickicht. Der Weg war ein furchtbar beschwerlicher. Stunden vergingen; der Abend begann unter den hochgewölbten Baumkronen eher zu dunkeln, als draußen in der offenen Prairie, und es wurde immer schwerer, die eingeschlagene Richtung einzuhalten. Da hob Potter den Kopf und sog mit weitgeöffneten Nüstern die Luft ein.

„Das riecht nach Brand und Rauch. Sie haben Lager gemacht. Vorwärts, aber leise, leise, denn wir sind jetzt ganz nahe bei ihnen!“

Das Unterholz war jetzt gewichen, und die gigantischen Stämme ragten frei, wie die Säulen eines gewaltigen, grünbedachten Tempels, zu der dichten Kronendecke empor. Wir Männer krochen von einem Baum zum andern auf dem Bauche und suchten dann stets hinter den dicken Baumstämmen so lange Deckung, bis wir uns überzeugt hatten, daß man uns nicht bemerkt habe und unsere nächste Umgebung noch frei von Gefahren sei.

So gelangten wir an den Rand eines Gutter, wie der Hinterwälder die rißartigen Vertiefungen nennt, weiche, lang, schmal und tief geschnitten, sich oft im dichtesten Urwalde zeigen. Potter schob vorsichtig den Kopf vor und blickte hinab. Grad unter uns, in einer Tiefe von ungefähr vierzig Fuß brannte ein Feuer, um welches wohl um die fünfzig rote und weiße Männer saßen, während seitwärts von ihnen und von ihren scharfen Blicken bewacht, drei Gestalten lagen, die an Händen und Füßen gebunden waren. Es hatten sich also mit der weißen Gesellschaft des Kapitäns nicht alle Ogellallahs vereinigt, die dem Kampfe entronnen waren.

At length, da haben wir sie!“ meinte der kleine Trapper. „Und sie ahnen nicht, daß sie von oben so prächtig beguckt werden, hihihihi! Aber wer sind denn die drei Leute dort? Schiebt euch ein wenig weiter vorwärts, Mesch’schurs, bis dort zu den Farnkrautbüscheln; da können wir die Gesichter sehen!“

Ein dichtes Farngesträuch trat bis an den Rand des Gutter heran und gestattete uns, so vollständig uns hier zu verbergen, daß wir unmöglich gesehen werden konnten.

Zounds,“ flüsterte Potter, als er jetzt den Blick wieder hinabwarf, „es ist der Colonel mit Pitt Holbers und Dick Hammerdull, die sie überfallen und gefangen genommen haben!“

„Der Colonel?“ fragte der Steuermann, indem er den Kopf zwischen die breiten Blätter hindurchsteckte; „heavens -vraiment – wahrhaftig! Soll ich hinunterspringen und ihn mit meinen beiden Fäusten aus der Patsche herausfischen, Bill?“

„Warte noch ein wenig, Alter; wollen erst sehen, was da eigentlich vorgehen soll! Siehst du nicht, daß die Schufte sich nur so eng zusammengethan haben, um über das Schicksal der Gefangenen zu beraten? Dort der schwarzbärtige Jäger führt den Vorsitz; die Ogellallahs leiden das; ihr Häuptling muß also dort an der Bahn mit gefallen sein. Schaut, jetzt sind sie fertig, und der Anführer erhebt sich!“

Es war so, wie er sagte. Einer von den weißen Jägern, der allem Anscheine nach den Anführer machte, war aufgestanden und zu den Gefangenen getreten. Er löste die Fesseln, welche ihre Füße umschlungen hielten, und gab ihnen einen Wink, sich zu erheben. Als ich den Blick schärfer auf ihn warf, erkannte ich in ihm das Original von der Photographie, welche Treskow besaß. Er gebot den Gefangenen in befehlendem Tone:

„Steht auf, und vernehmt, was über euch beschlossen ist!“

Die drei Männer folgten dieser Aufforderung.

„Ihr seid Sam Fire-gun, der Anführer der Jäger, die hier im Walde ihr verborgenes Lager haben?“

Der Angeredete nickte zustimmend.

„Ihr habt Matto Sih, den Häuptling dieser braven redmen, erschlagen?“

Ein gleiches Nicken war die Antwort.

„Man sagt, daß Ihr viel Gold von den Bergen herab in Euer Versteck geschafft habt. Ist das wahr?“

„Sehr viel!“

„Und daß Ihr mehrere Tausend Biberfelle in Eurem Verstecke liegen habt?“

Well, Master, Ihr seid gut unterrichtet.“

„So hört, was ich Euch zu sagen habe: Diese roten Männer verlangen Euren Tod. Ich habe ihnen denselben zwar zugestanden, aber sie verstehen unsre Sprache nicht, und ich will Euch daher einen Vorschlag machen.“

„Redet!“

„Ihr führt uns in Euer Versteck, gebt uns das Gold und die Häute und seid dann frei!“

„Ist das alles, was Ihr von uns wollt?“

„Alles. Entscheidet schnell!“

„Ihr scheint verteufelt wenig von Sam Fire-gun gehört zu haben, Master, daß Ihr mir einen so albernen Vorschlag machen könnt. Ihr habt Euch mit den roten Schuften, die Ihr also an Schurkerei noch übertrefft, nur verbunden, um meines Goldes willen – ein Weißer mit Roten gegen Weiße; verdammt soll Eure Seele sein für diese Schlechtigkeit in alle Ewigkeit! Oder haltet Ihr mich wirklich für so dumm, zu glauben, daß Ihr uns frei lassen werdet, wenn Ihr habt, was Ihr begehrt?“

„Ich halte mein Wort, verbitte mir aber alle weitere Beleidigung!“

„Das macht einem Greenhorn weis, aber nicht mir! Ihr wißt nur zu gut, daß ich meine Freiheit nur benutzen würde, um Euch vor die Büchse zu bekommen und den Raub wieder abzunehmen. Schießt uns nieder, wenn Ihr das Herz dazu habt!“

Vielleicht wußte Sam Fire-gun, weshalb er so mutig reden durfte. Sein Auge hatte, während er sprach, sich zum Rande der Schlucht erhoben, denselben mit einem blitzschnellen und scharfen Blicke gemustert und sich dann ebenso rasch wieder gesenkt. Ein kaum bemerkbares befriedigtes Lächeln glitt um seine Lippen.

Dieser Blick war dem aufmerksamen Polizistenauge Treskows nicht entgangen; er sah hinüber nach der Stelle, wo das Auge des Colonels zuletzt gehangen hatte, und fuhr unwillkürlich zusammen.

„Schaut da hinüber,“ flüsterte er Bill Potter zu, welcher neben ihm lag; „ich sehe den Kopf eines Wilden!“

Der Angeredete folgte der Weisung und flüsterte dann:

Good lack, das ist bei Gott Winnetou, der Apatsche!

Dachte ich es doch, daß er mit bei dem Colonel gewesen ist! Er wurde nicht mit gefangen und ist ihnen gefolgt, um sie zu befreien. Ich muß ihm unser Zeichen geben!“

Er nahm ein Blatt an die Lippen und ließ das Zirpen der amerikanischen Grille vernehmen. Dieser Laut konnte den Feinden unmöglich auffallen, da diese Art von Heimchen sich sehr oft hören läßt. Winnetou aber warf einen erstaunten Blick herüber und war dann verschwunden. Auch die drei Jäger hatten aufgehorcht, verrieten sich aber nicht durch die geringste Bewegung ihrer Mienen.

„Schießen?“ fragte der Kapitän, die Achsel zuckend. „Was bildet Ihr Euch ein! Ich muß Euch den Indsmen übergeben, und die werden Euch an den Marterpfahl binden. Euer Gold und die Felle bekommen wir trotzdem. Es müßte doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht eine Spur von Euren Leuten entdeckten. Also nehmt Verstand an, Master, und sagt ja!“

„Fällt mir nicht ein! Ich mag nichts, auch das Leben nicht, von einem Manne geschenkt haben, der seine Brüder hinterrücks überfällt und an die Feinde verkauft, von einem Manne, der sich für meinen Neffen ausgiebt und uns dann überfällt. Ihr seid ein Halunke, Master, merkt Euch das!“

„Wahrt Eure Zunge, sonst hole ich sie mit meinem Messer heraus, noch ehe ich Euch den Roten übergebe!“

„Beweist, daß Ihr besser seid, als ich denke! Gebt uns die Waffen zurück und laßt uns kämpfen, drei gegen fünfzig, wenn Ihr kein Weib, sondern ein richtiger Westmann seid!“

„Ist nicht notwendig, Master, wir blasen Euch auch ohne Kampf die Seele aus der Haut. Und was den Halunken betrifft, so zupft Euch am eigenen Ohre. Darüber wollen wir nicht streiten! Also, kurz und bündig: Nehmt Ihr meinen Vorschlag an oder nicht?“

„Nein!“

„Und ihr andern beide?“

„Hm,“ antwortete Dick Hammerdull mit verächtlichem Blinzeln seiner kleinen Äuglein, „ob wir ihn annehmen oder nicht, das bleibt sich gleich; für Euch kommt auf keine Weise etwas Gutes heraus, das könnt Ihr glauben! Hätte ich nur meine Hände frei und meine Büchse in der Faust, so sollte Euch der Teufel holen! Oder meinst du nicht, Pitt Holbers, altes Coon?“

„Wenn du denkst, Dick, daß er ihn holen soll,“ antwortete der Lange, „so habe ich nicht das mindeste dagegen!“

Well done,“ antwortete der Jäger mit zornigem Leuchten seiner Augen; „so mögen euch die Roten spießen und braten, ganz wie es euch beliebt! Aber um euch eine Freude zu machen, will ich euch sagen, daß ihr uns euer verstecktes Lager gar nicht zu zeigen braucht. Wir haben es entdeckt.“

Er ließ sich bei den Indianern nieder, um ihnen das Ergebnis der Verhandlung mitzuteilen.

Während dieser letzteren hatte im Schutze des Farngestrüpps bei uns ein leises aber außerordentlich bewegtes Gespräch stattgefunden.

„Also der, welcher jetzt spricht, ist Euer Colonel?“ fragte Wallerstein Bill Potter.

„Ja, Sir, Euer Onkel, wenn das wahr ist, was Ihr mir erzählt habt.“

„Er ist’s, Ihr könnt es glauben. Er ist dem Vater so ähnlich, daß kein Zweifel übrig bleibt. Und nun ich ihn endlich treffe, ist er verloren! Giebt es keine Hilfe, Bill?“

„Hört, Sir, wenn Ihr denkt, daß ich meinen Colonel stecken lasse, so habt Ihr Euch in mir verrechnet. Kann ich auf Euch zählen, Mesch’schurs?“

Wir nickten nur; Peter Polter aber meinte:

„Ich will hier liegen bleiben und verhungern wie ein altes Wrack, wenn ich den Kerl da unten, der mit dem Colonel spricht, nicht zwischen meine zehn Finger nehme und zu Hafergrütze quetsche. Aber nehmt doch einmal die Photographie aus Eurem Beutel, Master Lieutenant! Das Feuer brennt hell genug zu einem Blick darauf. Ich lasse mich auf der Stelle kielholen, wenn er nicht genau so ein Gesicht macht wie Euer Bild!“

„Ich brauche die Photographie nicht, Peter; er ist’s; ich habe ihn erkannt,“ antwortete Treskow. „Sehen Sie sich den Kerl einmal an, Herr Wallerstein, ob er es nicht ist!“

„Er ist es! Es ist kein Zweifel möglich; aber so nahe am Ziele, wird er uns doch entgehen!“

„Das wartet ab, Sir!“ antwortete Potter. „Der Colonel hat mein Zeichen gehört und weiß, daß Hilfe in der Nähe ist. Hat er nur erst die Hände frei, so sollt Ihr sehen, was die Schurken zu schmecken bekommen!“

Da raschelte es leise hinter uns. Die geschmeidige Gestalt des Apatschen schob sich zwischen uns herbei.

„Winnetou hat vernommen die Grille und erkannt das Gesicht von Bill, dem Manne seines weißen Bruders. Er wird schleichen zum Gutter und lösen die Bande seiner Freunde. Dann mögen meine Brüder hier hinunterspringen und sich stürzen auf die Jäger und Ogellallahs, um zu folgen Sam Fire-gun nach seinem Wigwam!“

So schnell er gekommen, so behend war er auch wieder fort. Mit scharfem Auge bewachten wir das feindliche Lager und hielten uns zum eigentlichen Angriffe bereit.

Jetzt erhob sich der feindliche Anführer wieder und mit ihm die sämtlichen Weißen und Wilden. Aber ehe er noch ein Wort gesprochen hatte, schnellte sich eine dunkle Gestalt durch das ringsum wuchernde Gestrüpp und Gedorn bis zu den Gefangenen. Das war Winnetou.

Drei Schnitte – und ihre Hände waren von den Fesseln befreit – acht Schüsse krachten von uns oben herab – noch acht – Sam Fire-gun hatte keine Zeit, das weitere zu beachten; er entriß dem ihm zunächst stehenden Indianer den Tomahawk und stürzte sich in den Schwarm der tödlich überraschten Feinde.

Come on, drauf, drauf!“ klang seine Stimme, während Winnetou an seiner Seite unter den Ogellallahs mähte.

„Pitt Holbers, altes Coon, siehst du den Kerl dort, der meine Büchse hat?“ rief Dick Hammerdull triumphierend. „Komm, ich muß sie haben!“

Die beiden Unzertrennlichen drangen vor, bis der Dicke seinen geliebten Schießprügel zurückerobert hatte. Peter Polter, der Steuermann, war wie eine Lawine mitten unter die erschrockenen Gegner hineingekracht. Er wollte sein Wort halten. Mit seinen Bärenfäusten faßte er ihren Anführer bei Schenkel und Genick, hob ihn hoch in die Luft empor, schmetterte ihn zur Erde, daß es dröhnte, und stieß ihm dann das Messer in die Brust.

Bounce, abgethan! Weiter, ihr Männer, schlagt, haut, stecht, schießt, prügelt sie, werft sie über Bord, daß sie ersaufen, quetscht sie tot, hurra – hurra!“

Während der wackere Seemann in dieser Weise seinem Herzen Luft machte, thaten auch Wallerstein und Treskow ihre Schuldigkeit. Es war der erste Kampf, an dem sie teilnahmen, und zwar zugleich ein furchtbarer, der ihnen das Leben im wilden Westen von der dunkelsten Seite zeigte. Es versteht sich ganz von selbst, daß ich und meine Boys auch thaten, was wir konnten, denn wir waren ebenso schnell wie die andern hinunter in das Gutter gesprungen und gebrauchten unsre Waffen nach Kräften.

Die Feinde waren an Zahl fast fünffach überlegen, aber durch die Überraschung zu Schaden gekommen, denn ehe sie sich auf den Widerstand besannen, lag bereits die Hälfte von ihnen am Boden. Wie in jener Nacht des Überfalles an der Eisenbahn wütete der Tomahawk Sam Fire-guns unter den Gegnern; Winnetou fand nicht weniger Opfer, und Hammerdull stand Rücken an Rücken mit Pitt Holbers im dichtesten Gewühl. Der Steuermann fuhr in der Schlucht herum wie eine losgelassene Furie; der kleine Bill Potter hatte sich am Eingange derselben zwischen die Büsche gesteckt, aus welchen er, jede Flucht zurückweisend, seine Schüsse sandte, und Treskow und Wallerstein zeigten sich nicht weniger mutig.

Nach wenigen Minuten des Kampfes waren die Angreifer Sieger; sämtliche weiße Gegner lagen tot an der Erde, und nur einigen gewandten Indianern war es gelungen, zu entkommen.

Sam Fire-gun war nicht der Mann, lange Fragen über seine wunderbare Rettung auszusprechen, wo es jetzt galt, den Sieg zu benutzen.

„Vorwärts, Leute, zu den Pferden,“ rief er, „damit sie uns nicht verloren gehen! Die Indsmen haben Wächter bei den Tieren, die wir überrumpeln müssen. Aber nicht alle sind nötig; einige von euch können hier bleiben!“

Er eilte mit denen, die ihm folgten, fort. Wir andern setzten uns nieder. Unsre Lage war keineswegs sicher, denn die entflohenen Roten konnten zurückkehren und sich aus sicherer Entfernung mit Schüssen rächen. Aber es geschah nichts dem Ähnliches. Wir horchten gespannt in die Nacht hinaus; es ließ sich nichts Verdächtiges vernehmen, und das erste Geräusch, welches die nach dem Kampfe eingetretene Stille störte, war ein freundliches: Die Büsche raschelten; Äste krachten und Zweige knickten; die Gefährten kehrten mit ihren und den erbeuteten Pferden zurück, nachdem sie die bei den letzteren zurückgebliebene Wache überwunden hatten. Bill Potter hatte auch sein eignes Tier und die unsrigen nicht vergessen und sie mit herbeigebracht.

„Pitt Holbers, altes Coon, siehst du, daß ich meine alte Stute wieder habe?“ fragte der glückliche Hammerdull.

„Hm, wenn du denkst, daß ich sie sehe, so habe ich nichts dagegen; aber by god, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre es mit dir und ihr ausgewesen!“

„Ob aus oder nicht, das bleibt sich gleich; aber ich möchte doch nur wissen, wer die Männer sind, die mit dem kleinen Polter uns – – ‚ sdeath, ist das nicht der verteufelte Steuermann aus Germany da drüben, der so große Fäuste hat und so fürchterlich trinken kann?“

„Freilich bin ich’s, alte Schmertonne du! Kennst mich also doch noch, he? Bin mit Master Treskow und Master Wallerstein wieder herübergekommen, weil – –“

„Master Wallerstein?“ fragte da rasch Sam Fire-gun. „Peter Polter –? Wahrhaftig, du bist’s wieder! Was willst du wieder in der Savanne, und was ist es mit deinem Master Wallerstein?“

„Das ist dieser Sir hier, Colonel, der mit dem Herrn Treskow gekommen ist, um seinen Onkel aufzusuchen!“

„Dieser Sir –?“

Er trat einen Schritt zurück, warf einen langen, forschenden Blick auf seinen Neffen, streckte ihm dann beide Arme entgegen und rief aus:

„Das ist kein Falscher, nein; ich kenne diese Züge. Heinrich, mein Neffe, willkommen, tausendmal willkommen!“

Die beiden so nahen und einander doch so entfernt gewesenen Verwandten lagen einander lange, lange in den Armen, und die andern standen schweigend in der Nähe, bis der Colonel, der für sich keine Furcht kannte, durch die Gegenwart des teuren Befreundeten auf die Gefahr hingewiesen wurde, in der sie noch immer standen. Er ließ ihn frei und gebot:

„Hier ist nicht der Ort zu Fragen und Erklärungen. Auf, nach dem Lager, das ganz in der Nähe liegt. Dort können wir das Willkommen samt unsrer Rettung feiern und die Wunden verbinden, die wir davongetragen haben!“

„Ja, auf nach dem Lager!“ rief auch der Steuermann. „Dort wird sich wohl ein guter Tropfen finden lassen, nicht nur für unsre Wunden, sondern auch für meinen Magen, dem er wahrscheinlich noch viel nötiger ist!“ – –

Wir nahmen die Pferde bei den Zügeln, jeder so viele, daß wir sie alle fortbrachten. Wir mußten sie führen, denn reiten konnten wir bei der jetzt herrschenden Dunkelheit im Walde nicht. Diejenigen, welche hier bekannt waren, gingen voran; wir andern folgten hinterdrein, immer zwischen den weit auseinanderstehenden Riesenstämmen und unter dem dichten Wipfeldach dahin. Dann wurden wir zwischen vielgewundenen Felsenkrümmungen, die ein Labyrinth bildeten, hindurchgeführt, in dem sich selbst am Tage nur jemand, der es genau kannte, zurechtfinden konnte, und endlich gelangten wir in einen runden Felsenkessel, welcher den geheimen Lagerplatz der Trapper- und Goldsuchergesellschaft des Colonel bildete.

Dieser Ort war außerordentlich gut für einen solchen Zweck geeignet, sehr, sehr schwer zu finden und dabei ebenso leicht gegen einen Angriff zu verteidigen. Es brannten da mehrere Feuer, um welche eine ganze Anzahl von Westmännern saß, die zur Gesellschaft gehörten und uns hoch erfreut willkommen hießen. Sie hatten keine Ahnung davon, was ihr Colonel und die mit ihm kommenden Kameraden und andern Männer in den letzten Tagen erlebt hatten. Wir wurden, so weit es hier möglich war, im höchsten Grade gastfreundlich bewirtet, und dabei hörten sie, was geschehen war und was für eine Gefahr ihrem Lager gedroht hatte. Sie nahmen sich vor, gleich mit Tagesanbruch nach dem Gutter zu gehen, die Gefallenen noch einmal genauer zu untersuchen und dann die ganze Umgegend von den etwa da noch umherstreifenden Roten zu befreien. Die ganze Gesellschaft des Kapitäns hatte ein grausiges Ende gefunden und mit ihr er selbst durch das Messer des Steuermannes. Es blieb Treskow nichts andres übrig, als nach Van Buren mit dem Bescheide zurückzukehren, daß er den so lange Gesuchten zwar gefunden habe, aber ihn nicht mitbringen könne, weil er ausgelöscht worden sei.

Es versteht sich ganz von selbst, daß Wallerstein seinem toten Doppelgänger gleich nach dem Kampfe alles abgenommen hatte, was ihm von demselben gestohlen worden war. Was weiter geschah, gehört nicht hierher. Meine Geschichte ist zu Ende.“ –

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In Der Kaktusfalle

In der Kaktusfalle

Der heiße Wüstenwind war zur Ruhe gegangen und die Sonne hatte das letzte Achtel ihres Tagesbogens erreicht; es gab keinen Flugsand mehr in der Luft und wir konnten den leuchtenden Ball sich im Niedersenken deutlich vergrößern sehen. Welche Scene werden seine Strahlen wohl morgen um dieselbe Zeit bescheinen? So fragten sich wohl die meisten von uns, als wir zunächst still auf unseren Plätzen saßen, denn so wenig Angst wir vor den Comantschen hatten, es wußte doch jeder, daß die besten und vorsichtigsten Berechnungen des Menschen durch einen Zufall, der sich ganz unerwartet einstellt, zu Schanden gemacht werden können.

Es war natürlich, daß ich Winnetou zunächst erzählte, was ich seit meiner Ankunft beim Rendezvous in der Sierra Madre erlebt hatte. Da die Erlebnisse meiner Begleiter hierin mit eingeschlossen waren, brauchte der Apatsche, um eine klare Anschauung zu erhalten, nach diesen nicht zu fragen. Als ich geendet hatte, rekapitulirte er das Gehörte in den Worten:

„Wir haben jetzt nur an das zu denken, was den Ort angeht, an welchem wir uns befinden; alles Übrige können wir später besprechen. Also Vupa Umugi hat hundertfünfzig Krieger am Saskuan-kui bei sich?“

„Hundertvierundfünfzig waren es. Davon gehen die sechs Comantschen ab, die wir am Altschese-tschi überwunden haben.“

„Nale-Masiuv will mit hundert Mann zu ihm stoßen?“

„Von diesen sind bei dem Kampfe gegen das Militär viele getötet oder kampfunfähig gemacht worden; aber er hat heimgesandt, um noch hundert holen zu lassen.“

„Wieviel Krieger hat Schiba-bigk gebracht?“

„Zwanzig.“

„So werden wir ungefähr dreihundert Feinde gegen uns haben. Mein Bruder hat eben so viele Apatschen draußen vor unserem Kaktusfelde; wir sind ihnen also gewachsen.“

„Gewachsen? bloß gewachsen?“ fiel da Old Wabble ein. „Ich meine sogar, daß wir ihnen überlegen sind, weit, weit überlegen! Ich habe die Krieger der Apatschen gesehen, wie gut bewaffnet und disciplinirt sie sind. Zweihundert von ihnen würden dreihundert Comantschen besiegen. Dazu kommen wir Weißen. Winnetou, Old Shatterhand und Old Surehand nehmen eine ganze Menge von Feinden auf sich. Von mir, dem Fox, Parker und Hawley will ich gar nicht reden. Die Kerls sollen nur kommen! Wir schießen sie alle über den Haufen, und ich gebe mein Wort, daß keiner von ihnen sein Wigwam wiedersehen wird!“

Winnetou zeigte ihm sein ernstestes Gesicht und antwortete:

„Mein alter Bruder ist, wie ich weiß, ein unerbittlicher Feind aller roten Männer; er hält sie für Diebe, Räuber und Mörder, ohne zu bedenken, daß sie nur zu den Waffen greifen, um ihr gutes Eigentum zu verteidigen, oder das zu rächen, was an ihnen verbrochen worden ist. Old Wabble hat noch nie einem roten Manne, der in seine Hände fiel, Gnade gegeben; er ist auf der ganzen Savanne als Indianertöter bekannt; aber wenn er sich bei Old Shatterhand und Winnetou befindet, muß er diese Gesinnung ändern, sonst sind wir gezwungen, uns von ihm zu trennen. Wir sind Freunde aller roten und weißen Männer, und wenn wir einen Feind vor uns haben, mag er weiß oder rot aussehen, so besiegen wir ihn wo möglich, ohne daß wir sein Blut vergießen. Old Wabble nennt sich einen Christen; er wird Winnetou einen Heiden nennen; aber wie kommt es doch, daß dieser Christ so gern Blut vergießt, während der Heide das zu vermeiden sucht?“

Daß der sonst so wortkarge Apatsche sich herbeiließ, so viele Worte zu machen, war ein Beweis, daß ihm der Alte sympathischer war, als der Inhalt dieser Worte eigentlich vermuten ließ. Old Wabble senkte den Kopf, hob ihn aber nach einer Weile wieder und verteidigte sich:

„Die Roten, mit denen ich bisher zusammengetroffen bin, sind alle, alle Schufte gewesen.“

„Das bezweifle ich. Und wenn es wahr sein sollte, wer hat sie denn zu Schuften gemacht?“

„Ich nicht!“

„Du nicht?“

„Nein.“

„Sie sind es durch die Bleichgesichter geworden. Und ist Old Wabble nicht auch ein Weißer?“

„Der bin ich, ja. Und ich denke sogar, ich bin einer, der sich schon sehen lassen kann!“

„Und Winnetou denkt, es wäre besser, die Roten, von denen du redest, hätten dich nicht gesehen! Du sagtest, daß alle Comantschen niedergeschossen werden sollen; ich aber sage dir, daß wir, wenn es möglich ist, keinen einzigen von ihnen töten werden. Ist mein Bruder Old Shatterhand einverstanden?“

„Vollständig,“ antwortete ich ihm. „Du weißt, daß du mich da gar nicht erst zu fragen brauchst.“

Der alte Wabble machte ein sehr verlegenes Gesicht, versuchte aber doch, sich zu verteidigen: „Aber sie wollen doch Bloody-Fox überfallen, dem wir helfen müssen! Wir wollen ihn und uns verteidigen, und das kann doch wohl nur durch Gegenwehr geschehen; th’is clear!“

„Es giebt Gegenwehr verschiedener Art, Mr. Cutter,“ antwortete ich. „Laßt Winnetou sprechen; dann werdet Ihr hören, daß wir keineswegs die Comantschen nur allein dadurch, daß wir sie niederschießen, von der Ausführung ihres Vorhabens abhalten können. Es giebt noch andere Mittel.“

„Ja, jedenfalls wieder Eure berühmte List!“

Er sagte das in einem Tone, der meinen Beifall nicht haben konnte; ich brauchte ihn aber nicht zurückzuweisen, denn Parker that dies, indem er einfiel:

„Wird es nicht besser sein, wenn Ihr schweigt, alter Wabble? Ihr seht, daß ich auch still bin. Wenn Mr. Shatterhand und Winnetou miteinander sprechen, ist es gar nicht nötig, daß andere, ohne gefragt zu werden, ihre Meinungen dazugeben. Ihr habt ja mehr als zehnmal versprochen, nur das zu thun, was Mr. Shatterhand will. Wenn Ihr dieses Versprechen nicht halten wollt, so thun wir das, was schon oft gesagt worden ist: wir gehen fort und lassen Euch sitzen!“

Dieses „Sitzen lassen“, von mir nur einmal ausgesprochen, war zur stehenden Redensart geworden, über welche sich Old Wabble ungeheuer ärgern konnte. Er fuhr auch jetzt auf: „Haltet Euern Schnabel! Wer hat Euch um Eure Meinung gefragt? Wenn ich nicht reden darf, so habt Ihr erst recht zu schweigen! Wie könnt Ihr mich einen Querkopf nennen? Kehrt doch erst vor Eurer eigenen Thür! Ich habe mir noch von niemandem einen Elk schenken lassen und dann gesagt, daß ich ihn selbst geschossen habe!“

„Und ich habe noch nie das große Wort geführt und trotzdem solche Dummheiten gemacht, wie Ihr zum Beispiele am Saskuan-kui, wo Ihr mit – – –“

„Still!“ fiel ich ein, „wir haben weit Wichtigeres zu thun, als solche Grillenduells auszukämpfen. Wir sind vorhin dabei unterbrochen worden, daß wir genau so viel Krieger wie die Comantschen haben und ihnen also gewachsen sind. Ich gebe gerne zu, daß Old Wabble recht hatte, als er sagte, daß wir ihnen nicht nur gewachsen, sondern sogar überlegen seien. Das gedenke ich freilich nicht, so wie er, dadurch zu begründen, daß wir große, unüberwindliche Helden sind, gegen die ein roter Krieger als nichts zu achten ist. Der Grund liegt vielmehr in dem Umstande, daß wir unsere dreihundert Apatschen beisammen haben, während die Comantschen in einzelnen Abteilungen kommen und dabei auch noch die weiße Kavallerie gegen sich haben werden.“

„Da hat mein Bruder recht, wie immer,“ stimmte Winnetou bei. „Zunächst wird Schiba-bigk mit einer Schar nahen, um dies Haus und seine Bewohner zu überfallen und die Stangen in den Sand der Wüste zu stecken. Nach ihm kommt Vupa Umugi, um diese Stangen falsch zu stecken und die weißen Soldaten dem Tode des Verschmachtens zuzuführen. Nach diesen weißen Reitern folgt der Häuptling Nale-Masiuv mit seinen Leuten, um den Bleichgesichtern den Rückzug abzuschneiden und sie vollends einzuschließen. Das sind drei verschiedene Trupps, die wir einzeln angreifen werden und vielleicht ohne alles Blutvergießen besiegen können. Old Shatterhand wird diesen meinen Worten seine Beistimmung erteilen.“

„Die gebe ich allerdings,“ sagte ich. „Ich glaube nicht, daß Schiba-bigk, der zuerst kommt, mehr als fünfzig Krieger bei sich haben wird. Wenn wir sie mit unsern dreihundert einschließen, werden sie einsehen, daß es am besten für sie sei, sich ohne Gegenwehr zu ergeben.“

Der alte Wabble konnte trotz der vorhin erhaltenen Zurechtweisung nicht schweigen; er entgegnete:

„Sollte er wirklich nur fünfzig mitbekommen, da wir doch dreihundert haben?“

„Ihr vergeßt, daß die Comantschen gar nicht wissen, daß wir da sind. Sie glauben doch, es nur mit den Bewohnern der Oase zu thun zu haben.“

„Hm, ja, mag sein! Aber das Einschließen ist nicht so leicht, wie man es denkt.“

„In diesem Falle ist es sogar sehr leicht. Wir brauchen sie nur an ein Kaktusfeld zu drängen; da können sie nicht hinein. Wir haben dann nicht nötig, einen ganzen Kreis um sie herum zu bilden, sondern es genügt ein halber. Hinter sich den undurchdringlichen Kaktus und vor sich dreihundert Feinde; da müßten die Fünfzig wahnsinnig sein, wenn sie glaubten, sich heiler Haut durchschlagen zu können.“

„Wenn sie es aber doch glauben?“

„So werde ich mit ihnen sprechen.“

„Sprechen? Hm! Ob sie darauf hören?“

„Was das betrifft, so giebt es Einen unter ihnen, der sicher auf mich hören wird.“

„Wer ist das, Sir?“

„Schiba-bigk, der junge Häuptling. Er hat uns sein Leben zu verdanken, ist hier der Gast unseres Fox gewesen und hat damals sein Wort gegeben, daß er die Oase nicht verraten wolle. Das ist mehr als genug, ihn meinen Worten geneigt zu machen.“

„Bin neugierig, ob Ihr Euch da nicht irren werdet. Ihr seht ja, wie er sein Wort gehalten hat. Verspricht, die Oase nicht zu verraten, und bringt doch volle dreihundert Comantschen hergeschleppt! Hoffentlich brauchen wir nicht lange zu warten, bis er kommt.“

„Er wird morgen abend hier sein.“

„Hier an der Oase schon?“

„Ja. ich glaube nicht, daß diese Berechnung täuscht.“

„Und da wollen wir ihn einschließen?“

„Ja.“

„Des Nachts?“

„Vielleicht schon am Tage. Je eher er kommt, desto eher wird er umzingelt.“

„Da müssen wir aber wissen, wann er kommt; es ist also nötig, ihm Kundschafter entgegen zu senden.“

„Das würde ein großer Fehler sein.“

„Wieso?“

„Weil er die Spuren dieser Späher entdecken und infolgedessen Argwohn schöpfen würde.“

„Hm! Also keine Kundschafter! Wie aber wollen wir erfahren, ob und wann diese – –“

„Mein alter Bruder kann getrost annehmen, daß Old Shatterhand weiß, was er sagt und thut,“ schnitt ihm Winnetou die Rede ab. „Die Comantschen würden die Fährte der Späher sehen; darum dürfen wir keine aussenden. Schiba-bigk ist hier gewesen und von hier aus direkt nach dem Gutesnontin-khai geritten, wo er sich jetzt befindet, um Pfähle zu schneiden. Er wird ganz genau auf demselben Wege wiederkommen. Wir reiten ihm seitwärts dieses Weges entgegen und werden ihn sehen, ohne daß er uns bemerkt. Wenn er vorüber ist, kehren wir um, ihm nach, und treiben ihn gegen ein Kaktusfeld, durch welches er und seine Schar nicht reiten kann; dann haben wir ihn. Ich errate, daß mein Bruder Shatterhand dies sagen wollte?“

„Ja, genau dies war meine Absicht und mein Plan,“ antwortete ich dem scharfsinnigen Freunde.

Da ergriff Bloody-Fox, der bisher geschwiegen hatte, obgleich die Angelegenheit ihn selbstverständlich am meisten interessieren mußte, zum erstenmale das Wort:

„Mein berühmter Bruder Winnetou mag mir eine Frage gestatten. Schiba-bigk wird sehr vorsichtig nahen, um nicht vor der Zeit bemerkt zu werden. Und wenn wir uns seitwärts aufstellen, ihn zu erwarten, dürfen wir uns seinem Wege doch nicht so weit nähern, daß er uns sieht. Ist es da nicht möglich, daß er vorüberkommt, ohne daß unsere Augen auf ihn und seine Comantschen fallen?“

„Nein.“

„Was Winnetou, der große Häuptling der Apatschen, sagt, ist nicht anzufechten; aber in der Wüste giebt es keinen Weg, den man sieht; es giebt nur eine Richtung, von welcher man leicht rechts oder links abweichen kann. Ist es da nicht möglich, daß Schiba-bigk auch abweicht und grad deshalb auf uns trifft?“

„Nein. Mein Bruder Fox mag sich an Old Shatterhand wenden, um zu erfahren, warum ich nein sage!“

Da Fox mich infolge dieser Worte fragend anblickte und die andern dies auch thaten, erklärte ich:

„Ein Weißer könnte aus der geraden Richtung weichen, ein Roter aber nicht. Ein Roter hat den untrüglichen Ortssinn des Vogels, der meilenweit gerade nach seinem Neste fliegt, obwohl es in der Luft, genau so wie hier im Sande, keine vorgezeichneten Wege giebt. Und sodann ist zu bedenken, daß die erste Schar der Comantschen, welche kommt, die Aufgabe hat, den Weg nach der Oase durch Stangen zu bezeichnen. Das Feststecken der Stangen ist eine Arbeit, die uns die Ankunft Schiba-bigks so kenntlich machen muß, daß wir sie gar nicht übersehen können. Er wird und muß in unsere Hände geraten. Wir schaffen ihn und seine Leute dann nicht etwa hierher, denn er darf den neuen Weg durch den Kaktus nicht kennen lernen, sondern sie werden draußen in der Wüste zusammengebunden und gut bewacht, bis alles vorüber ist.“

„Und was wird aus den Stangen? Es wurde vorhin gesagt, daß wir sie entfernen und in falscher Richtung wieder feststecken werden?“

„Das werden wir allerdings thun, um Vupa Umugi irre zu führen.“

„Wohin?“

„Hm! Irgendwo hin, wo wir ihn leicht einschließen und fassen können. Die Kaktusstrecken haben sich, seit ich zum letztenmal hier war, so verändert, daß ich im voraus nichts sagen kann.“

„Darf ich da einen Vorschlag machen?“

„Warum nicht?“

„Es giebt einen guten Tagesritt südöstlich von hier eine Kaktuswildnis von außerordentlich großer Ausdehnung, in welche ein offener, nach und nach immer schmaler werdender Sandstreifen hineinführt.“

„Wie tief hinein?“

„Wenn man langsam reitet, kann man fast zwei Stunden zubringen, ehe man an das Ende des Streifens kommt.“

„Sind die Kaktus alt oder frisch?“

„Beides durcheinander; aber dicht sind sie, sehr dicht.“

„Da wäre dies freilich ein Ort, wie wir ihn für unsern Zweck gar nicht besser wünschen können. Hält mein Bruder Winnetou ihn für ebenso passend?“

Der Häuptling der Apatschen nickte zustimmend und antwortete in seiner ruhigen, bestimmten Weise:

„Wir werden die Comantschen in diesen Kaktus treiben.“

„So sind wir fertig mit dem, was zunächst und für heut und morgen zu besprechen war; das weitere muß sich nach den Ereignissen richten. Die Sonne hat den Horizont erreicht; wir wollen Menschen und Tieren die Ruhe geben, welche sie brauchen, um morgen kräftig und ausdauernd zu sein.“

Es wurde mir beigestimmt. Wir versorgten unsre Pferde mit allem, was die Oase für sie bieten konnte, und Winnetou begab sich hinaus zu seinen Apatschen, um ihnen die Lagerbefehle zu erteilen und ihnen den Weg durch den Kaktus nach der Oase zu zeigen, denn sie mußten ihre Pferde tränken und sich selbst auch mit Wasser versorgen; dann legten wir uns auf die Maisstrohlager, welche Mutter Sanna inzwischen für uns bereitet hatte.

Aber die meisten von uns kamen nicht sofort zum Schlafen. Ich lag neben Winnetou und hörte seinen leisen Bericht über das, was er seit unsrer Trennung erlebt hatte. Dabei hörte ich, daß Old Wabble und Parker sich noch eine ganze Weile, auch mit unterdrückten Stimmen, miteinander zankten. Durch die offenen Fenster des Hauses schallten die Stimmen des Negers und seiner Mutter, welche außerordentlich glücklich waren, einander wieder zu besitzen, und vom Wasser her waren die Schritte der Apatschen und ihrer Pferde noch stundenlang zu vernehmen. So ein Lagerabend hat einen ganz eigenartigen Reiz, den nur derjenige kennt, der ihn selbst empfunden hat.

Als ich am Morgen erwachte, stand Winnetou schon munter am See, um seinen Oberkörper mit dem Wasser eines gefüllten, großen Kürbis zu baden. Sanna lief leise, aber geschäftig hin und her, dafür besorgt, daß die Gäste ein gutes, reichliches Frühstück finden möchten. Die andern schliefen noch, wachten aber auch bald auf. Dann kamen die Apatschen wieder mit ihren Pferden, die sich für den ganzen Tag jetzt satt zu trinken hatten. Ein leichter Rauch, den wir fern draußen vor dem Kaktusfelde sahen, sagte uns, daß die Roten sich mit Hilfe trockener Kakteen einige Feuer angezündet hatten, um an denselben ihr Essen zu bereiten. Als wir gefrühstückt hatten, ritten wir hinaus zu ihnen; sie hatten nun auch gegessen und waren zum Aufbruche bereit. Eine Abteilung von ihnen, bei welcher Bloody-Fox blieb, wurde zum Schutze der Oase zurückgelassen; dann ritten wir fort.

Gestern waren wir aus Südwesten gekommen, heut hatten wir grad westlich zu reiten, denn dort lag der Gutesnontin-khai. Die Linie, auf welcher die Comantschen zu erwarten waren, mußten wir uns natürlich denken; wir hielten uns parallel mit ihr, und zwar so, daß wir zunächst ungefähr eine halbe englische Meile von ihr entfernt waren, denn jetzt konnten die Feinde noch nicht kommen; später aber mußten wir uns vorsichtshalber weiter von ihr entfernen, wenn nämlich die Luft so rein und durchsichtig blieb, wie sie jetzt war. Man konnte außerordentlich weit sehen. Trotzdem befanden wir uns im Vorteile vor den Comantschen, weil ich ein Fernrohr hatte und Winnetou auch eins besaß.

Wer aber glaubte, wir hätten uns in einem Trupp zusammengehalten, der wäre in einem großen Irrtum befangen. Dies zu thun, wäre der größte Fehler gewesen, den man sich hätte denken können. Die erwähnte gedachte Linie lag nördlich, also rechts von uns. Es war nicht ganz unrichtig, was Old Wabble gestern abend gesagt hatte, daß nämlich die Comantschen zufällig von dieser Linie abweichen könnten, und wenn es auch nur wenig wäre. Darum mußte sich, als der Vormittag ziemlich vergangen war, unsre Schar weiter südlich halten, während nur einige der erfahrensten Leute mehr rechts ritten. Die der gedachten Linie am nächsten Befindlichen waren Winnetou, Old Surehand und ich, und auch wir ritten nicht neben, sondern so weit entfernt voneinander, daß wir unsre Zurufe grad noch hören konnten. Durch dieses Arrangement war dafür gesorgt, daß die Comantschen uns unmöglich entdecken konnten, außer in dem fast unwahrscheinlichen Falle, daß sie von ihrem Wege sehr weit südlich abgewichen wären. Aber selbst in diesem Falle durften wir hoffen, sie zu umzingeln und keinen von ihnen entkommen zu lassen. Das letztere war für alle Fälle die Hauptsache, denn gelang es auch nur einem einzigen, uns zu entschlüpfen, so war es natürlich seine erste und einzige Aufgabe, zurückzureiten und Vupa Umugi, dem großen Donner, Mitteilung von unsrer Anwesenheit zu machen.

Es wurde Mittag und noch hatten wir nichts gesehen. Da, es mochte wohl fast ein Uhr sein, stieß Winnetou, der in diesem Augenblicke sein Fernrohr an das Auge gesetzt hatte, einen lauten Ruf aus und winkte Old Surehand und mich zu sich heran. Als wir ihn erreichten, streckte er die Hand nach Norden aus und sagte:

„Ganz da draußen am Horizonte hält ein Reiter, den man nicht mit dem bloßen Auge erkennen kann.“

„Ist es ein Indianer?“ fragte Old Surehand.

„Das ist nicht zu unterscheiden; mein Bruder mag das Rohr nehmen und dahin sehen, wohin ich zeige.“

Er gab ihm das Perspektiv, und ich setzte das meinige an, um es in dieselbe Richtung zu halten.

„Ja, es ist ein Reiter,“ bestätigte Old Surehand; „aber man kann nicht erkennen, ob ein roter oder weißer.“

„Es ist ein roter,“ warf ich ein.

„Erkennt Ihr das, Sir? Dann ist Euer Rohr viel besser als dasjenige Winnetous.“

„Ich erkenne es nicht; aber dennoch behaupte ich sogar, daß es ein Comantsche ist.“

„Uff!“ rief Winnetou verwundert, der sein Rohr wieder genommen hatte und durch dasselbe blickte.

„Und zwar ein Comantsche von Schiba-bigks Schar; vielleicht ist es dieser selbst.“

„Uff, uff! Warum denkt dies mein Bruder?“

„Er ist nicht allein. Mein Bruder Winnetou mag sein Rohr dahin richten, woher dieser Reiter gekommen sein muß, also ein wenig mehr nach links. Dort sind noch mehr Reiter zu sehen und dabei kleinere Punkte, welche Fußgänger bedeuten, die von ihren Pferden gestiegen sind.“

„Uff, uff, es ist richtig! Ich sehe größere Punkte; das sind Reiter; und kleinere Punkte, welche sich hin und her bewegen; das sind Männer zu Fuße.“

„Weiß mein roter Bruder, warum diese kleineren Punkte nicht geradeaus gehen, sondern sich immer hin und her bewegen?“

„Nun, da mein Bruder Shatterhand mich darauf aufmerksam gemacht hat, weiß ich es. Es sind die Männer, welche die Pfähle einzustecken haben. Um das thun zu können, sind sie von ihren Pferden gestiegen.“

„Ganz richtig! Ihr wißt, Mr. Surehand, daß es unter diesen Comantschen nur einen giebt, der den Weg kennt?“

„Ja, nämlich Schiba-bigk,“ antwortete der Gefragte.

„Er ist also nicht nur der Anführer, sondern überhaupt der Führer. Wo aber pflegt sich so ein Führer aufzuhalten, hinten oder vorn, Sir?“

„Natürlich ist er stets voran.“

Well! Darum nehme ich an, daß der erste, den wir gesehen haben und der an der Spitze der andern hält, der junge Häuptling Schiba-bigk ist. Er reitet voran und bleibt von Zeit zu Zeit, bis ein Pfahl festgesteckt ist, an der Spitze des Zuges halten. Schau! Winnetou wird durch sein Rohr bemerken, daß die Fußgänger jetzt ihre Pferde wieder besteigen. Es ist ein Pfahl eingesteckt worden, und nun reiten die Indsmen weiter.“

Es war so, wie ich sagte; wir sahen, daß die Comantschen sich von der Stelle, wo sie sich jetzt befunden hatten, im Galoppe entfernten. Sie wurden dabei kleiner und immer kleiner, bis wir sie nicht mehr sahen; sie waren genau in der Richtung nach der Oase verschwunden.

„Habt Ihr sie zählen können, Sir?“ fragte mich Old Surehand.

„Nicht genau, aber ich denke, daß ich gestern recht gehabt habe; es werden nicht mehr als fünfzig sein.“

„Was thun wir nun?“

„Wir reiten der Sicherheit wegen noch ein Stück so weiter, wie wir bisher geritten sind; dann wenden wir uns nach Norden, um auf ihre Spur zu kommen. Haben wir diese, so befinden wir uns in ihrem Rücken und folgen ihnen so lange, bis wir eine passende Stelle oder Gelegenheit finden, sie einzuschließen.“

Dies wurde ausgeführt. Wir vereinigten uns mit unserm Trupp, sagten, daß wir die Gesuchten gesehen hätten, und folgten unsrer bisherigen Richtung noch einige Minuten lang; nachher bogen wir rechts ab und erreichten nach zehn Minuten die Fährte der Comantschen. Diese war eine sehr deutliche und ausgesprochene; ein Blinder hätte sie zwar nicht sehen können, aber fühlen müssen. Sie bestand nicht nur aus den Eindrücken der Pferdehufe und Menschenfüße, sondern außerdem aus einer Menge von Strichen, welche tief im Sande fortliefen. Die zu transportierenden Stangen waren nämlich mit einem Ende an den Sattel befestigt und schleiften mit dem andern Ende hinterher. In dieser Weise pflegen die Indianer auch ihre Zeltstangen von einem Orte zum andern zu schaffen, und dadurch waren hier im tiefen, leichten Sande die Striche und Linien entstanden. Da sie ineinander liefen, waren sie nicht zu zählen, aber es war doch zu sehen, daß eine ganz bedeutende Menge von Pfählen mitgeschleppt wurde.

Wir folgten der Fährte so lange rasch, bis wir die Comantschen durch die Fernrohre erkennen konnten; dann mußten wir, um nicht selbst gesehen zu werden, die Schritte unsrer Pferde mäßigen. Indem wir von da an stets in gleicher Entfernung mit ihnen blieben, war es uns leicht, zu bemerken, wie schnell sie vorwärts kamen und wie lange sie brauchen würden, um in die Nähe der Oase zu kommen. Die Entfernung von einer Stange bis zur andern mochte vielleicht einen Kilometer betragen, und wenn die Roten ihre Arbeit in der bisherigen Weise fortsetzten, mußten sie bis zum Abende ihr Ziel beinahe erreicht haben. Sehr wahrscheinlich war es die Absicht Schiba-bigks, des Nachts dann über die Bewohner der Oase herzufallen. Daß er schon am Tage auf Bloody-Fox treffen könne, mußte zwar auch in seiner Berechnung liegen, konnte ihn aber nicht irre machen, weil er jedenfalls glaubte, daß es diesem einen Bleichgesichte unmöglich sei, gegen fünfzig rote Krieger aufzukommen.

Während wir der Fährte folgten, ritt ich zwischen Winnetou und Old Surehand; beide waren still. Desto lauter ging es unmittelbar hinter uns her, wo Old Wabble zwischen Parker und Hawley ritt. Dem alten Cowboy war es geradezu unmöglich, in einer solchen Lage ruhig zu sein. Er erging sich in allerlei Berechnungen und Vermutungen, die ihm von den beiden andern widerlegt wurden, doch fiel es ihm gar nicht ein, ihre Widersprüche als begründet gelten zu lassen.

„Und Ihr könnt sagen, was Ihr wollt,“ hörte ich ihn sagen, „ich meine, daß wir die Halunken vielleicht gar nicht bekommen, wenn wir es nicht klüger anfangen als bisher.“

„Warum denn, alter Wabble?“ fragte Parker. „Ich denke, die drei da vor uns wissen ganz genau, was sie thun.“

„Meint Ihr? Wirklich? Warum lungern wir da so langsam und ohne zuzugreifen hinter den Roten her?“

„Weil die Gentlemen höchst wahrscheinlich warten wollen, bis es Abend geworden ist.“

„Das ist ja noch viel, viel schöner! jetzt sehen uns die lndsmen nicht, und am Abende sehen wir sie nicht; da werden wir sie wohl überhaupt niemals zu sehen bekommen!“

„Hört, Mr. Wabble, unsre Anführer sind keine Kinder, sondern Männer, welche genau wissen, was sie zu thun haben!“

„O! hm! Wenn ich als Anführer da vorn ritte und etwas zu sagen hätte, da wüßte ich etwas Besseres.“

„Was?“

„Ich würde kurzen Prozeß machen.“

„Wieso?“

„Ich würde befehlen, den Pferden die Zügel schießen zu lassen und die Roten einfach über den Haufen zu reiten.“

„Das, alter Wabble, würde wohl das allerdümmste sein, was Ihr anordnen könntet.“

„Unsinn! Warum?“

„Weil die Comantschen uns natürlich kommen hören oder kommen sehen und schnell ausreißen würden.“

„Was schadete das? Wir würden sie natürlich einholen und gefangen nehmen.“

„Das ist leicht gesagt. Wenn sie sich auf der Flucht zerstreuten, könnte uns leicht einer von ihnen entgehen. Und das darf nicht sein. Habe ich da nicht recht, Mr. Shatterhand?“

Ich drehte mich zu dem Fragenden und antwortete ihm:

„Ja. Laßt Mr. Cutter reden! Er kennt die Absichten Winnetous nicht, und so ist es ihm nicht übel zu nehmen, daß er unser Verhalten für fehlerhaft hält.“

Der Alte sah mich fragend an. Er hätte wohl gern gewußt, was ich meinte, getraute sich aber nicht, zu fragen; darum erklärte ich ihm freiwillig:

„Winnetou weiß nämlich, daß ungefähr eine Reitstunde von hier eine Thalmulde liegt, durch welche der gerade Weg nach der Oase des Bloody-Fox führt. Sie ist ziemlich lang und ziemlich tief, so daß derjenige, der sich in ihr befindet, nicht sehen kann, was außerhalb auf der höher liegenden Fläche der Wüste vorgeht. Bis in diese Thalsenkung wollen wir die Comantschen kommen lassen; nicht weiter.“

Da fiel der Apatsche ein:

„Mein Bruder will mir einen Ruhm geben, der mir nicht gebührt, denn dieser Plan ist von ihm; er hat schon gestern abend, bevor wir einschliefen, von ihm gesprochen.“

„Nein, du sprachst davon,“ entgegnete ich.

„Ich wollte sprechen; du kamst mir aber zuvor.“

„So ist es hier wieder so gewesen, wie stets und immer, daß nämlich mein Bruder Winnetou genau so denkt wie ich.“

„Ja, meine Gedanken sind die deinigen, und deine sind die meinigen, denn wir haben gegenseitig unser Blut getrunken und besitzen nicht zwei Herzen, sondern ein einziges. Was wir beide dachten, das soll geschehen: Wir werden die Comantschen in einer Stunde in dem Thale des Sandes gefangen nehmen.“

„Ohne daß einer von ihnen vorher sprechen darf?“

Als ich diese Frage aussprach, sah Winnetou mich fragend an, doch nur einen kurzen Augenblick; dann erkundigte er sich:

„Will mein Bruder den jungen Häuptling ausfragen?“

„Ja.“

„Glaubst du, daß er dir sagen wird, was du wissen willst?“

„Ja.“

„Schiba-bigk ist zwar jung, aber dennoch klug. Ich weiß, daß Old Shatterhand seine Fragen und Worte so zu setzen versteht, daß er selbst einen sehr listigen Mann auszuhorchen vermag. Schiba-bigk weiß dies auch und wird schweigen.“

„Er wird sprechen, denn er wird glauben, daß ich nicht als Feind zu ihm komme, sondern ihm ganz zufällig begegne. Ich werde ihm nämlich nicht nachreiten, sondern mich von euch trennen und einen Bogen reiten, so daß ich also nicht von dieser Seite, sondern von der uns jetzt entgegengesetzten das Thal des Sandes erreiche, und das muß ihn auf die Vermutung bringen, daß ich von Bloody-Fox, von der Oase komme. Er wird also meinen, daß ich seine Spur nicht gesehen und keine Ahnung von seinen Absichten habe. Er wird glauben, mich leicht gefangen nehmen zu können und mich also für unschädlich halten, und das wird ihm zwar den Mund nicht öffnen, ihn aber nicht scharf auf die Worte achten lassen, mit denen ich aus ihm herauslocken will, was mir zu wissen nötig ist. Sieht das mein roter Bruder ein?“

„Ich sehe es ein; aber warum willst du dich in Gefahr begeben, um heut etwas zu erfahren, was du morgen ganz ohne alle Gefahren hören und entdecken wirst?“

„Weil ich vermute, daß es mir heut mehr Nutzen bringt als morgen. Und Gefahr? Winnetou weiß, daß, ehe ich mich in eine Gefahr begebe, ich sie vorher genau berechne.“

„Howgh! Aber hast du daran gedacht, daß die Comantschen, wenn sie uns sehen, dich als Geisel betrachten werden?“

„Auch das habe ich überlegt, doch kenne ich einen Schild, mit dem ich jeden Schuß und Stich von mir abzuwehren vermag.“

„Welchen Schild?“

„Schiba-bigk.“

„Uff, uff! Ich erkenne, daß ich meinen weißen Bruder nicht zu warnen brauchte; er mag getrost ausführen, was er sich vorgenommen hat.“

„So gilt es also nur noch, zu sagen, wie ich euch kommen zu sehen wünsche. Das Thal des Sandes geht lang von West nach Ost. Ihr bildet vier Abteilungen, die sich voneinander trennen, sobald ihr seht, daß die Comantschen im Eingange der Bodensenkung verschwunden sind. Mit dem ersten Viertel deiner Krieger reitest du im Galoppe einen Bogen bis zum östlichen Ausgange des Thales; Old Surehand reitet mit dem zweiten Viertel nach der südlichen, und Entschar-Ko mit dem dritten Viertel nach der nördlichen Seite desselben.

„Wenn dann Old Wabble mit den übrigen seinen Weg fortsetzt und am Eingange der Bodenmulde halten bleibt, in der sich die Feinde befinden, so sind dieselben von allen Seiten eingeschlossen. Natürlich dürft ihr euch nicht sehen oder hören lassen. Ich weiß, daß der starke Knall meines Bärentöters durch das ganze Thal ertönen und von euch allen gehört werden wird. Sobald ich diesen Schuß abfeure, kommt ihr von allen Seiten herbei, und ich bin überzeugt, daß uns dann kein Comantsche entkommen kann. Hat dieser Plan die Billigung meines roten Bruders?“

„Er hat sie,“ antwortete er kurz.

Old Surehand aber war nicht so schnell einverstanden. Er sagte:

„Euren Plan in allen Ehren, Sir, aber ich glaube doch, daß er ein wenig verwegen ist!“

„Gar nicht!“

„O, gewiß. Was kann der kühnste Mann einer abgeschossenen Kugel gegenüber thun?“

„Ihr ausweichen.“

„Sir, das ist leichter gesagt als gethan. Glaubt mir, daß ich Euch alles zutraue; aber ich habe Euch so lieb gewonnen, und ich wüßte nicht, was – –“

Da fiel ihm der Apatsche schnell in die Rede:

„Winnetou hat ihn noch viel mehr lieb und läßt ihn dennoch fort; mein Bruder Surehand mag also keine Sorge haben; es giebt vier scharfe Augen, die über Old Shatterhand wachen werden, nämlich die seinigen und die meinigen.“

„Und die meinigen auch!“ fügte Old Wabble, sich in die Brust werfend, schnell hinzu. „Er hat mir ein Kommando anvertraut und soll erfahren, daß er sich nicht in mir täuschen wird. Wehe dem roten Halunken, der es wagen sollte, ihm auch nur ein Haar krümmen zu wollen; meine Kugel würde ihn sofort fressen; th’is clear!“

Auf diese eifrige Versicherung war ein kleiner Dämpfer nötig. Ich warnte ihn also:

„Nicht so hitzig, Mr. Cutter! Wenn ich Euch heute wieder einmal Vertrauen schenke, geschieht es in der Absicht, zu erfahren, daß Ihr nicht immer selbständig handelt, sondern im stande seid, eine Euch erteilte Weisung genau zu befolgen. Geschieht das Gegenteil, so könnt Ihr sicher sein, daß ich Euch nie wieder einen Auftrag geben werde. Ihr reitet mit Eurer Abteilung ganz ruhig weiter, bis ihr den Eingang zum Thale erreicht habt. Dort bleibt ihr versteckt halten und habt gar nichts zu thun, als auf den Schuß zu warten. Hört Ihr den, so kommt Ihr im Galopp ins Thal geritten und haltet vor den Comantschen eure Pferde an. Das ist alles, was von Euch verlangt wird, alles.“

Well! Deutlich genug gesprochen! Werde ganz genau so exerzieren, wie Ihr es vorgeschrieben habt. Will nicht wieder sagen lassen, daß Old Wabble Jugendstreiche verübt.“

„Recht so! Und nun muß ich mich von Euch trennen, wenn ich die hintere Seite des Thales zur rechten Zeit erreichen will. Macht Eure Sache gut!“

Diese Aufforderung galt natürlich nur dem Alten; die andern drei zu ermahnen, war natürlich nicht nötig. Ich bog von der Fährte, welcher wir folgten, rechts ab und ritt im Galopp einen Bogen, dessen Sehne eben diese Fährte war, und hielt mich dabei so weit von ihr fern, daß die Comantschen mich nicht sehen konnten. Als ich nach einer halben Stunde das Pferd wendete, sah ich das östliche Ende der Thalmulde vor mir; ich ritt jetzt also, grad umgekehrt gegen vorher, nach Westen, während die Comantschen und hinter ihnen unsere Apatschen ostwärts auf mich zukamen.

Ich kann nicht sagen, daß ich irgend welche Besorgnis hegte; ich war nur gespannt darauf, wie Schiba-bigk sich bei meinem Anblicke verhalten würde. Es stellte sich heraus, daß die Zeit gut berechnet war, denn als ich ungefähr die Hälfte des Thales durchritten hatte, sah ich die Roten kommen. Die Bodensenkung war gar nicht tief, und ihre Wände stiegen ganz allmählich empor, aber dennoch konnte man von da aus, wo ich mich befand, keinen Blick hinaus auf die Ebene des Llano werfen.

Die Roten hatten es nicht für nötig gehalten, hier in dem Thale auch einen Pfahl zu stecken; sie brauchten sich also nicht aufzuhalten und kamen in scharfem Trabe auf mich zugeritten. Wie stutzten sie, als sie mich erblickten! Ich hielt mein Pferd natürlich an, als ob mir diese Begegnung ganz unerwartet sei, und nahm meinen Stutzen zur Hand. Sie griffen auch zu den Waffen und machten Miene, mich zu umringen. Da legte ich das Gewehr an und drohte ihnen entgegen.

„Halt! Wer mir in den Rücken will, der erhält eine Kugel. Welche roten Krieger können hier – – –,“

Ich hielt mitten in der Rede inne und richtete, treu meiner Rolle, den Blick erstaunt auf den Häuptling.

„Uff, uff! Old Shatterhand!“ rief er überrascht, indem er sein Pferd parierte.

„Ist’s möglich?“ ließ ich mich hören. „Schiba-bigk, der junge, tapfere Häuptling der Comantschen!“

„Ich bin es,“ antwortete er. „Ist Old Shatterhand von dem Geiste der Savanne durch die Luft in diese Gegend getragen worden? Die Krieger der Comantschen glaubten ihn weit im Westen von hier.“

Ich sah es ihm an, daß er nicht wußte, welchen Ton er gegen mich anschlagen sollte. Wir waren Freunde gewesen; ich hatte das volle Recht, auch heut noch Freundschaft von ihm zu verlangen, und doch war er jetzt gezwungen, mein Feind zu sein.

„Wer hat meinem jungen, roten Bruder gesagt, daß ich im Westen sei?“ entgegnete ich.

Er öffnete schon den Mund, wahrscheinlich um zu sagen, daß er es von Vupa Umugi erfahren habe, besann sich aber eines Bessern und antwortete:

„Ein weißer Jäger sagte es, der Old Shatterhand gegen Untergang der Sonne getroffen haben wollte.“

Das war eine Lüge. Die Blicke seiner Krieger waren finster und feindselig auf mich gerichtet. Ich that, als ob ich dies gar nicht bemerkte und keinen von ihnen am „blauen Wasser“ gesehen hätte, sondern stieg ruhig und mit scheinbarer Unbefangenheit vom Pferde, setzte mich nieder und sagte:

„Ich habe mit Schiba-bigk, dem jungen Häuptlinge der Comantschen, die Pfeife des Friedens und der Freundschaft geraucht; mein Herz ist entzückt, ihn nach so langer Zeit und so unverhofft wiederzusehen; wenn Freunde und Brüder einander begegnen, so begrüßen sie sich nach der Sitte, von welcher kein Krieger abweichen darf. Mein junger Bruder mag aus dem Sattel kommen und sich zu mir setzen, damit ich mit ihm sprechen kann!“

Die Blicke seiner Leute wurden drohender; sie waren bereit, über mich herzufallen, doch hielt er sie durch eine gebieterische Handbewegung zurück. Ich sah es seinem Gesichte an, daß ihm ein Gedanke gekommen war, jedenfalls der Gedanke, den ich beabsichtigte. Ich hatte gesagt, daß ich mit ihm zu sprechen wünsche, und er ging bereitwillig darauf ein, um mich auszufragen; er hegte also ganz dieselbe Absicht mir gegenüber, die ich ihm gegenüber auch hatte.

„Old Shatterhand hat Recht,“ sagte er. „Häuptlinge müssen sich als berühmte Krieger begrüßen.“

Bei diesen Worten stieg er ab und setzte sich mir gegenüber nieder. Als seine Leute das sahen, verließen sie auch die Pferde und wollten einen Kreis um uns bilden. Dabei wären mir mehrere von ihnen in den Rücken gekommen, was ich verhindern mußte. Darum sagte ich, daß alle es hörten:

„Giebt es unter den Söhnen der Comantschen welche, die so feig sind, daß sie sich nicht getrauen, Old Shatterhand in das Angesicht zu schauen? Ich glaube nicht. Auch bin ich nicht gern so unhöflich, einem tapferen Krieger den Rücken zuzuwenden.“

Das half; sie setzten sich so, daß ich sie alle im Auge hatte. Sie sahen von einem sofortigen Angriffe ab, weil sie mich allein sahen und mich also sicher zu haben glaubten. Ich knüpfte die Friedenspfeife, welche ich am Halse hängen hatte, von der Schnur, that als ob ich sie stopfen wollte, und sagte:

„Mein junger Bruder Schiba-bigk mag den Gruß des Calumets mit mir rauchen, damit er erfahre, daß Old Shatterhand noch sein Freund wie früher ist.“

Da hob er zurückweisend die Hand und antwortete:

„Schiba-bigk war einst stolz darauf, einen so berühmten Bruder zu besitzen, jetzt aber möchte er wissen, ob Old Shatterhand wirklich noch sein Freund ist.“

„Zweifelst Du daran?“ fragte ich, scheinbar erstaunt.

„Ich zweifle.“

„Warum?“

„Weil ich erfahren habe, daß Old Shatterhand ein Feind der Comantschen geworden sei.“

„Wer das sagte, der war entweder ein Lügner, oder er irrte sich!“

„Der es sagte, brachte Beweise, denen ich Glauben schenken mußte!“

„Will mein junger Bruder mir diese Beweise mitteilen?“

„Ich will es. Ist Old Shatterhand nicht an dem Wasser gewesen, welches Saskuan-kui genannt wird?“

„Ja.“

„Was wolltest du da?“

„Nichts. Mein Weg führte mich da vorüber. Ich wollte da lagern und am Morgen weiterreiten.“

„So hast du dort auch nichts gethan?“

„Doch.“

„Was?“

„Ich sah rote Männer da, welche einen weißen Krieger gefangen hatten; den habe ich befreit.“

„Was für Krieger waren das?“

„Ich erfuhr nachher von dem Bleichgesichte, daß sie Comantschen vom Stamme der Naiini seien.“

„Welches Recht hattest du, dieses Bleichgesicht zu befreien?“

„Er hatte den Comantschen nichts gethan. Ebenso würde ich einen Comantschen befreien, wenn er unschuldig in die Hände der Bleichgesichter gefallen wäre. Old Shatterhand ist aller Guten Freund und aller Bösen Feind; er fragt nicht nach der Farbe des Hilfsbedürftigen.“

„Du hast dir aber dadurch die Feindschaft und Rache der Comantschen zugezogen!“

„Nein.“

„Ja.“

„Nein, denn ich habe am andern Morgen mit Vupa Umugi, ihrem Häuptlinge, gesprochen und ein Bündnis geschlossen. Er war mein Gefangener und ich gab ihn frei.“

„Wußtest du, was die Comantschen dort an dem Saskuankui wollten?“

„Wie sollte ich das wissen? Ich habe sie nicht gefragt. Sie werden wahrscheinlich dort gewesen sein, um Fische zu fangen.“

„Weißt du, wo sie sich jetzt befinden?“

„Ich vermute es.“

„Wo?“

„Sie werden westwärts nach dem Mistake-Cañon gezogen sein, um den dortigen Comantschen beizustehen, die, wie ich hörte, von weißen Reitern bedroht werden.“

„Uff!“ rief er aus, indem sein Gesicht ein überlegenes Lächeln zeigte. Seine Leute warfen sich Blicke zu, die mir sagten, daß ich in diesem Augenblicke mir auf meine Klugheit gar nichts einzubilden hätte. Dann fuhr er fort.

„Waren noch andere Männer bei dir?“

„Einige Bleichgesichter.“

„Wohin seid ihr vom Saskuan-kui aus geritten?“

„Nach Westen.“

„Und doch befindest du dich jetzt so weit östlich von dem blauen Wasser! Wie kommt das?“

„Ich hörte von der Feindschaft zwischen den weißen Soldaten und den Kriegern der Comantschen. Als Weißer hätte ich den Soldaten helfen müssen; da ich aber ein Freund der roten Männer bin, suchte ich dies dadurch zu umgehen, daß ich mich ostwärts wandte.“

„Wieder nach dem blauen Wasser?“

Es war für ihn natürlich sehr wichtig, zu erfahren, ob ich wieder dort gewesen sei. Ich antwortete:

„Weshalb hätte ich dorthin zurückkehren sollen? Ich bin nach dem Llano geritten, um meinen jungen Bruder Bloody-Fox zu besuchen, den du auch kennst, denn du bist damals sein Gast gewesen und hast die Pfeife des Friedens und der Freundschaft mit ihm geraucht.“

„Hast du die Bleichgesichter mit zu ihm genommen, die bei dir waren?“

„Das fragst du, der doch weiß, daß wir Bloody-Fox versprochen haben, sein Geheimnis nicht zu verraten? Kann ich da fremde Männer zu ihm bringen?“

„Wo sind sie jetzt?“

„Als ich mich von ihnen trennte, wollten sie nach dem großen Flusse und EI Paso hinüber.“

„Hast du Bloody-Fox getroffen?“

„Ja.“

„Wo befindet er sich jetzt?“

„In seinem Hause.“

„Du bist so schnell von ihm fort. Hat er seinen berühmten Bruder Old Shatterhand nicht bei sich behalten wollen?“

„Doch. Ich kehre zu ihm zurück.“

„Warum verließest du ihn heut? Wohin wolltest du jetzt reiten?“

„Muß ich dir das erst sagen? Weißt du nicht mehr, daß es seine Aufgabe ist, den Llano von den Geiern zu befreien?“

„Da hilfst du ihm?“

„Ja, heut ganz genau noch so wie damals, als du bei uns warst. Doch, nun habe ich alle deine Fragen beantwortet, und du weißt, was du wissen wolltest; jetzt wollen wir das Calumet sprechen lassen.“

„Warte noch!“

Ich hatte mich scheinbar wie ein Knabe ausfragen lassen; er war auch ganz stolz darauf, mich so ausgehorcht zu haben; das sah ich den triumphierenden Blicken an, die er auf seine Begleiter warf. Er glaubte wahrscheinlich in diesem Augenblicke, mir wirklich gewachsen zu sein, denn sein „Warte noch!“ klang außerordentlich gebieterisch, und es war ein Ton mich still belustigender Überlegenheit, in welchem er fortfuhr:

„Es sind Sonnen und Monde vergangen, seit wir uns damals von einander trennten, und während so langer Zeit verändern sich die Menschen; aus Klugen werden Kinder, und Kinder werden stark und weise. Old Shatterhand ist auch ein Kind geworden.“

„Ich? Wieso?“

„Du hast dich von mir ausfragen lassen wie ein Knabe, der noch kein Hirn besitzt, oder wie ein altes Weib, dessen Hirn vertrocknet ist. Deine Augen sind dunkel geworden und deine Ohren taub. Du ahnst nicht, wer wir sind und was wir wollen.“

„Uff, uff! Ist das die Rede eines jungen Mannes, mit dem ich einst die Pfeife des Friedens rauchte?“

„Es ist die Rede eines jungen Mannes, aus dem ein großer und berühmter Krieger geworden ist. Das Calumet gilt nichts mehr, denn du bist nicht mehr mein Freund, sondern mein Feind, den ich töten muß.“

„Beweise es, daß ich dein Feind geworden bin!“

„Du hast unsern Gefangenen befreit!“

„War er der deinige?“

„Ja.“

„Nein. Ich befreite ihn aus den Händen der Naiini-Comantschen; du aber gehörst zu einem andern Stamme.“

„Die Naiini sind meine Brüder; ihr Feind ist auch mein Feind. Kennst du sie nicht, die hier vor dir sitzen?“

„Gehören diese Krieger nicht zu deinem Stamme?“

„Nur zwanzig von ihnen. Die übrigen dreißig sind Naiini, die du am blauen Wasser gesehen hast. Wir haben die Beile des Krieges gegen alle Bleichgesichter ausgegraben, und du bist ein Bleichgesicht. Weißt du, was deiner wartet?“

„Ich weiß es.“

„So sage es!“

„Ich werde wahrscheinlich mein Pferd wieder besteigen und ruhig weiterreiten.“

„Uff! Es ist wirklich wahr, daß Old Shatterhand ein Kind geworden ist. Du wirst unser Gefangener sein und am Marterpfahle sterben.“

„Ich werde weder euer Gefangener sein, noch sterben, wenn und wie es euch, sondern dem großen Manitou gefällt.“

Die Ruhe und Unbefangenheit, mit welcher ich dies sagte, war ihm und seinen Leuten unerklärlich. Ich regte mich nicht; ich machte keine Bewegung, weder der Flucht, noch der Verteidigung; das hielt ihre Hände von den Waffen ab. Sie bemerkten freilich nicht, daß ich einen jeden von ihnen scharf und genau im Auge hatte.

Es war ein fast geringschätziges oder gar mitleidiges Lächeln, mit dem der Häuptling mich fragte:

„Glaubst du etwa, uns widerstehen zu können?“

„Ja, das glaube ich.“

„Uff! Du hast wirklich den Verstand verloren. Siehst du denn nicht, daß du fünfmal zehn tapfere Krieger gegen dich hast?“

„Hat Old Shatterhand jemals seine Feinde gezählt?“

„So rechnest du auf dein Zaubergewehr?“

Im Nu hatte ich den Henrystutzen in der Hand, sprang auf, stellte mich hinter mein Pferd, welches meinen Körper deckte, und rief:

„Ja, darauf verlasse ich mich. Wer von euch nach irgend einer Waffe greift, bekommt augenblicklich eine Kugel! Ihr wißt, daß ich mit diesem Gewehre unaufhörlich schießen kann!“

Das war so rasch geschehen, daß sie, als ich diese Worte gesprochen hatte, noch saßen wie zuvor. Einer langte hinter sich, wo seine Flinte lag; als er aber meinen Lauf sofort auf sich gerichtet sah, zog er den Arm zurück. Die Angst vor der Zauberflinte war noch ganz ebenso stark wie früher. Ich wußte, was nun kommen würde, nämlich ein Angriff, einstweilen noch mit Worten. Das hatte ich beabsichtigt, denn dabei hoffte ich, das zu erfahren, was ich wissen wollte. Keiner getraute sich, der erste mit der Hand an der Waffe zu sein; darum stand zu erwarten, daß man mich durch Worte, durch Drohungen bewegen werde, mich freiwillig zu ergeben.

Man denke ja nicht, daß allzuviel Verwegenheit zu meinem Verhalten gehörte. Ich kannte die Roten und die Furcht vor meinem Stutzen, und ich hatte, natürlich von ihnen unbemerkt, den mir gegenüberliegenden niedrigen Rand der Thalmulde gemustert, wohin ich Old Surehand mit seinen Apatschen bestellt hatte. Von dort drohten über siebzig Gewehrmündungen herab, allerdings nur für mich sichtbar, der ich davon wußte. Die Besitzer dieser Gewehre lagen tief im Sande eingewühlt und konnten also nicht gesehen werden. Auf der Höhe hinter mir lag jedenfalls die Abteilung Entschar-Ko’s ganz ebenso bereit; links hinten hielt Winnetou, und von rechts her mußte Old Wabble bei dem ersten Schusse erscheinen. Da war es gar nicht schwer, so zuversichtlich zu sein, wie ich mich zeigte.

Was ich erwartet hatte, das geschah: der junge Häuptling versuchte es zunächst mit der Überredung.

Pshaw!“ rief er mit einem Lachen aus, welches freilich etwas gezwungen klang. „Wir wissen, daß deine Flinte unaufhörlich schießt, aber fünfzigmal kannst du doch nicht auf einmal schießen. Du wirst zwei oder drei oder vier treffen; dann aber haben wir dich ergriffen!“

„Versucht es doch!“

„Wir brauchen auch das nicht zu thun. Wir sind viel mächtiger und zahlreicher, als du denkst.“

Pshaw!“ lächelte ich höhnisch, um ihn zu den gewünschten Mitteilungen zu verleiten. „Euch fünfzig fürchte ich nicht: Kommt doch heran!“

„Wir können warten; aber sobald du schießest, werden wir uns wehren.“

Ach, jetzt war also schon nicht mehr vom Angreifen, sondern nur noch vom Wehren die Rede!

„Wenn ich mich entferne und auf jeden schieße, der mir folgt, wird keiner von euch es wagen, mich zu halten!“

„Du wirst trotzdem nicht entkommen. Wir sind nicht allein, sondern nur der Vortrab eines ganzen Heeres.“

Pshaw! Lüge!“

„Es ist keine Lüge, sondern Wahrheit!“ versicherte er eifrig. „Wohin wolltest du fliehen?“

„Zu Bloody-Fox.“

„Den wollen wir ja überfallen; da gerietest auch du in unsre Hände!“

„So reite ich nach Westen!“

„Dorthin giebt es nur einen Weg. Du müßtest nach dem Suks-ma-lestavi flüchten.“

„Das werde ich.“

„Da würdest du auf Vupa Umugi stoßen, welcher dorthin gezogen kommt.“

„Ich weiß es; aber er kommt erst in drei Tagen.“

„Nichts kannst du wissen! Er wird schon morgen abend dort eintreffen.“

„Da ist es dunkel, und es wird mir leicht gelingen, mich vorüberzuschleichen.“

„So wirst du von Nale-Masiuv gefangen, der nur einen halben Tag später kommt.“

Pshaw!“

„Lache nicht! Es ist auch jenseits der Wüste eine weite Ebene, in welcher du gesehen werden mußt. Wie kannst du so vielen Kriegern entgehen? Wenn dein Verstand noch nicht geschwunden ist, wirst du dich uns ergeben.“

„Old Shatterhand? Sich ergeben? Wem? Einem Knaben, wie du bist? Bist du überhaupt ein Knabe? Bist du nicht ein kleines, wimmerndes Mädchen, welches noch auf den Rücken der Mutter gehört, nicht aber unter erwachsene Männer, welche sich Krieger nennen?“

Einen Indsman ein altes Weib zu heißen, ist eine sehr große Beleidigung; noch größer aber ist die, ihn ein kleines Mädchen zu nennen. Schiba-bigk sprang wütend von seinem Sitze auf und schrie mich an, freilich ohne nach seinem Gewehre oder seinem Messer zu greifen:

„Hund, soll ich dich töten? Ich brauche nur ein Wort zu sagen, so fallen fünfzig Krieger über dich her!“

„Und ich brauche nur ein Zeichen zu geben, so seid ihr in zwei Minuten tot, wenn ihr euch mir nicht ergebt!“

Bei diesen Worten zog ich den Hahn der Büchse auf.

„So gieb doch dieses Zeichen!“ höhnte er.

„Sag das nicht noch einmal, sonst thue ich es!“

„Thue es doch, thue es! Wir wollen sehen, wer dir zu Hilfe kommen kann, uns zu töten oder zu fangen!“

„Sofort sollst du es sehen. Paß auf!“

Mein Schuß krachte. Da kamen von der gegenüberliegenden Höhe über siebzig Apatschen unter Kriegsgeheul herabgesprungen; sie hatten ihre Pferde droben zurückgelassen. Hinter mir wurde das Geheul erwidert; von links her kam Winnetou mit seiner Abteilung und von rechts her Old Wabble mit der seinigen gesprengt. Die Comantschen waren starr, ganz bewegungslos vor Schreck.

„Entwaffnet sie; bindet sie!“ rief Winnetou.

Sie lagen, noch ehe sie an Gegenwehr dachten, am Boden und jeder wurde von fünf, sechs Apatschen niedergehalten, um gebunden zu werden. Kaum zwei Minuten nach der letzten höhnischen Aufforderung Schiba-bigks waren sie alle gefesselt, ohne daß auch nur einer der Apatschen die geringste Verletzung davongetragen hatte. Nun ließen sie allerdings ihre Stimmen hören und versuchten, sich unter dem Drucke der unzerreißlichen Riemen aufzubäumen, vergeblich.

„Nun, Sir, habe ich meine Sache gut gemacht?“ fragte mich Old Wabble, indem er zu mir trat.

„Ja,“ antwortete ich. „Aber viel dürft Ihr Euch ja nicht darüber einbilden, denn es war kinderleicht.“

„Ja, wenn man einmal denkt, ganz fehlerlos gehandelt zu haben, dann war es kinderleicht; th’is clear!“

Er wendete sich mißmutig ab.

Das Thal war jetzt voller Pferde und Menschen; die ersteren wurden angehobbelt, und die letzteren lagerten sich. Die Gefangenen schob man so zusammen, daß sie eng nebeneinander lagen. Ihren jungen Häuptling aber ließ ich so weit von ihnen entfernen, daß sie nicht hören konnten, was ich mit ihm sprach. Es geschah das aus Rücksicht für ihn, denn ich wollte ihn nicht unglücklich machen. Wären die Demütigungen, die ihm bevorstanden, an ihre Ohren gekommen, so hätte er auf seine Häuptlingswürde für immer verzichten müssen. Ich wußte, daß seine gegenwärtige Niederlage überhaupt schon schlimme Folgen nach sich ziehen werde, selbst wenn ihm bei uns nichts Schlimmes weiter geschah.

Nach den unter Gentlemen herrschenden Regeln wäre es freilich sehr unedel gewesen, ihm die Beleidigungen zurückzugeben; ich hätte stolz darüber schweigen müssen; hier aber war es etwas ganz andres. Es galt, dem Seelenleben eines jungen, hoffnungsvollen Indianers eine Richtung zu geben, die es ihm ermöglichte, seinen einstigen Untergebenen etwas weit Besseres als ein roher, blutdürstiger Kriegshäuptling zu werden. Ich setzte mich neben ihn und winkte diejenigen fort, welche sich uns nähern wollten; ich hielt es für besser, allein mit ihm zu sein. Er wendete das Gesicht von mir weg und schloß die Augen.

„Nun,“ fragte ich, „wird mein junger Bruder auch jetzt noch behaupten, daß er ein großer, ein so berühmter Krieger sei?“

Er antwortete nicht, aber er schien den milden Ton, in welchem ich dies sagte, nicht erwartet zu haben, denn seine finsteren Züge erhellten sich ein wenig.

„Oder ist Schiba-bigk immer noch der Ansicht, daß man Old Shatterhand zu den alten Weibern rechnen müsse?“

Er regte sich nicht und sagte nichts. Ich fuhr fort:

„Der Vater meines jungen Freundes hat Tevua-Schohe geheißen, das ist Feuerstern; ich bin sein Freund und Bruder gewesen, und er war der einzige Krieger der Comantschen, den ich liebte.“

Jetzt öffnete er die Lider halb und warf einen forschenden Blick in mein Gesicht, sagte aber noch immer nichts.

„Feuerstern starb unter den Händen weißer Mörder, und mein Herz wurde krank, als ich es hörte. Wir haben ihn an den Mördern gerächt, und die Liebe, die ich für ihn hegte, ist auf seinen Sohn übergegangen.“

Er schlug die Augen auf, drehte den Kopf herum und richtete den Blick voll auf mich, verharrte aber auch jetzt noch in seinem Schweigen. Ich sprach weiter:

„Old Shatterhand hatte einen Namen, der an allen Lagerfeuern ertönte, und Schiba-bigk war ein Knabe, den niemand kannte. Dennoch nahm er sich seiner an, denn er wünschte, der junge Sohn der Comantschen möchte ein Mann werden, wie sein Vater war, mild und treu im Herzen, hell und klar im Kopfe und stark in der Faust. Ich geleitete dich damals durch den öden Llano estacado; ich half dir gegen deine Feinde; ich führte dich nach der Wohnung des Bloody-Fox und war dein Lehrer in all‘ den Tagen, die wir dort verlebten. Wenn ich zu dir sprach, so erschien dir meine Stimme wie die Stimme des toten Vaters, und wenn ich deine Hand in die meinige nahm, so glänzte Wonne auf deinem Gesichte, als ob meine Hand diejenige deiner Mutter sei. Damals hattest du mich lieb.“

„Uff, uff!“ sagte er jetzt leise, und seine Augen schimmerten feucht.

„Da füllte ich mein Calumet und rauchte die Pfeife des Friedens und der Brüderschaft mit dir; ich war der ältere, und du warst der jüngere Bruder, denn wir hatten miteinander einen Vater, den guten Manitou, von dem ich dir erzählte. Ich ließ dich in mein Herz und in meinen Glauben blicken und glaubte, ein Maiskorn in das deinige gepflanzt zu haben, welches sich nach und nach zu einer großen, reichen Ernte vermehren würde, denn dein Herz war ein fruchtbarer Boden und verhieß tausendfältige Frucht.“

„Uff, uff, uff!“ wiederholte er, abermals ganz leise und gepreßt, als ob er sich Mühe gebe, die Thränen zu unterdrücken.

„Was ist aus diesem Maiskorne geworden? Es hat keinen Tau und keine Sonne gefunden und ist elend vertrocknet und verdorrt.“

„Aga, aga, nein, nein!“ versicherte er, endlich ein Wort sprechend, wobei ihm aber das Gewissen oder die Scham das Gesicht von mir wieder wegdrehte.

„Uweh uweh, ja ja,“ behauptete ich; „es ist so, wie ich sage. Was ist aus meinem jungen Freund und Bruder geworden? Ein undankbarer Gegner, ein Feind, der mich verhöhnt und mir nach dem Leben trachtet. Das ist traurig, sehr traurig bei einem jungen Krieger, der nur das strenge Gesetz der Prairie kennt; noch viel, viel trauriger aber ist es von einem Jünglinge, der einen Christen lieb gehabt und durch ihn den großen, guten Manitou kennen gelernt hat. Als du vorhin Old Shatterhand beschimpftest und verhöhntest, konntest du mich nicht beleidigen; aber es hat meinem Herzen sehr wehe gethan, daß du meine Lehren vergessen hast und geworden bist wie einer, dem ich meine Hand nie wieder reichen kann. Wer ist schuld daran?“

„Nale-Masiuv und die andern Häuptlinge,“ antwortete er, sich mir wieder zuwendend. „Ich erzählte ihnen alles, was ich von dir gehört hatte; da lachten sie über mich und sagten, Old Shatterhand habe den Verstand verloren und sei ein priest geworden.“

„Mein junger Bruder, ich wollte, ich wäre ein priest und könnte der deinige sein! Du hast dich also Old Shatterhands geschämt?“

„Uweh uweh, ja ja,“ nickte er.

„So sollte ich mich jetzt nun deiner schämen; ich thue es aber nicht, sondern traure um dich. Eure Häuptlinge und Medizinmänner und diejenigen, welche nach dem Willen des großen, guten Manitou handeln, sind an ihren Thaten zu erkennen und von einander zu unterscheiden. Was hättet Ihr mit mir gethan, wenn ich in eure Hände gefallen wäre?“

„Wir hätten dich an den Marterpfahl gebunden.“

„Und doch habe ich euch nichts Übles zugefügt. Ihr aber habt mir nach dem Leben getrachtet. Was denkst du wohl, was nun mit euch und dir geschehen wird, da wir euch ergriffen haben?“

Er bäumte sich in den Fesseln halb empor, sah mir starr in das Gesicht und fragte hastig:

„Sag du es selbst, wie ihr euch rächen werdet!“

„Rächen? Ein Christ rächt sich nie in seinem Leben, denn er weiß, daß der große und gerechte Manitou alle Thaten der Menschen so vergelten wird, wie sie es verdienen. Du wirst einige Tage unser Gefangener sein und dann die Freiheit zurückerhalten.“

„Ihr werdet mich nicht töten, nicht vorher martern?“

„Nein.“

„Mich peinigen und verwunden?“

„Nein. Wir verzeihen dir.“

Er sank unter einem langgedehnten Seufzer wieder zurück, fragte aber hierauf schnell und mit blitzendem Auge:

„Glaubt Old Shatterhand etwa, daß ich aus Angst vor den Schmerzen so gefragt habe?“

„Nein. Ich weiß, daß du die Schmerzen verachtest, die man deinem Körper zufügen würde. Es waren Schmerzen der Seele, welche dir geboten, diese Frage auszusprechen. Ist es so oder nicht?“

„Old Shatterhand hat recht.“

„Und noch eines will ich meinem jungen Freunde sagen; ich weiß freilich nicht, ob du mich verstehen wirst. Du glaubtest vorhin, mich recht klug ausgefragt zu haben; aber ich wußte bereits alles, denn ich habe die Naiini am blauen Wasser und die Roten Nale-Masiuvs belauscht, und in den Antworten, die ich dir erteilte, waren, ohne daß du es ahntest, Fragen verborgen, die du mir alle ohne dein Wissen beantwortet hast. Nicht du hast mich, sondern ich habe dich ausgefragt. Du warest so stolz und deiner Sache sicher, und doch hast du mir verraten, daß Vupa Umugi morgen abend und Nale-Masiuv einen halben Tag später nach dem Suksma-lestavi kommen wird. Wie ist das zu erklären?“

Ich weiß es nicht; ich wollte nichts verraten.“

„Aber ich weiß es. Du hattest dich zwar Old Shatterhands und seiner Lehre geschämt, aber beide wohnten, ohne daß du es dachtest, noch in deinem Herzen. Als ich dann vor dir stand, in deinen Augen als Besiegter und doch eigentlich als Sieger, empörte sich dein Herz gegen dich selbst und hieß dich Dinge sagen, die du verschweigen solltest. Hast du das verstanden?“

„Nicht ganz, aber ich werde darüber nachdenken. Was wird mit mir geschehen, wenn die andern Häuptlinge erfahren, daß ich alles verraten habe!“

„Du hast nichts verraten, sondern ich habe das alles vorher gewußt. Ich lag nahe am Beratungsfeuer, als Vupa Umugi mit den alten Kriegern den Überfall des Bloody-Fox besprach, und ich war dabei, als die zwei Boten Nale-Masiuvs kamen und den Wächtern am Flusse ihre Botschaft anvertrauten. Ich habe auch die Späher belauscht, welche Vupa Umugi nach dem Kleinen Walde schickte. Ja, Winnetou hat schon längst gewußt, daß Bloody-Fox von euch überfallen werden soll, und ist schleunigst nach dem Llano geritten, um ihm beizustehen.“

„Uff, uff, Winnetou! Darum sehe ich ihn hier mit so vielen Kriegern der Apatschen!“

„Damit du dir keine Vorwürfe machst, will ich dir sogar anvertrauen, daß wir wissen, daß die weißen Soldaten nach dem Llano gelockt und durch die Pfähle, welche ihr heute gesteckt habt, in den Tod geführt werden sollen. Du hattest die Stangen zu stecken; dann kommt Vupa Umugi mit seinen hundertfünfzig Kriegern; hierauf folgen die Soldaten, und endlich soll Nale-Masiuv erscheinen, der nach seinen Wigwams um neue hundert Mann gesendet hat.“

„Uff! uff! Entweder seid ihr viel, viel klügere Männer als wir, oder Manitou hat euch lieber als uns und steht euch gegen uns bei!“

„Manitou hat alle Menschen gleich lieb, die roten wie die weißen; aber wer ihm gehorcht und nach seinem Willen handelt, den beschützt er in jeder Gefahr und giebt ihm Weisheit und Verstand, alle Feinde zu überwinden. Wir werden sämtliche Krieger der Comantschen gefangen nehmen.“

„Ich glaube es; ich glaube es; ich höre es dir an! Was werdet ihr dann mit den vielen Gefangenen thun?“

„Wir werden sie zum Guten ermahnen und ihnen dann die Freiheit wiedergeben.“

„Obgleich sie eure Feinde sind?“

„Der Christ kann Feinde haben, ist aber niemals selbst ein Feind. Seine Rache besteht in der Verzeihung.“

Er wendete den Kopf wie unter einer innern Qual hin und her und meinte, tief und schwer atmend:

„So können nur die Bleichgesichter sein; ein roter Krieger aber kann und darf das nicht!“

„Du irrst. Grad der tapferste und berühmteste unter den roten Kriegern ist genau so, wie du es jetzt von mir hörtest.“

„Wen meinst du?“

„Wen anders doch als Winnetou!“

„Den Häuptling unserer ärgsten Feinde, der Apatschen!“

„Warum nennt ihr sie eure Feinde? Haben sie euch angegriffen, oder seid ihr es, von denen das Beil des Krieges ausgegraben worden ist? Ihr waret stets die ersten, die zum Angriffe schritten, und doch sagte Winnetou erst gestern abend, daß womöglich das Blut keines einzigen Comantschen vergossen werden solle! Die roten Männer und Völker müssen untergehen, weil sie nicht aufhören, sich untereinander selbst zu zerfleischen; ihr Manitou ist ein Manitou des Blutes und der Rache, der ihnen selbst in den ewigen Jagdgründen keinen Frieden, sondern Schlachten und Kämpfe ohne Ende bietet. Unser Manitou aber hat uns ein großes Gebot gegeben, welches alle, die an ihn glauben, schon hier auf Erden glücklich und nach dem Tode ewig selig macht.“

„Will Old Shatterhand mir dieses Gebot sagen?“

„Es lautet: wir sollen ihn allein verehren und alle Menschen lieben wie uns selbst, mögen sie nun unsre Freunde oder unsre Feinde sein.“

„Auch unsre Feinde?“ fragte er, indem er mich mit weit offenen, erstaunten Augen ansah.

„Ja, auch die Feinde.“

„Wie uns selbst?“

„Wie uns selbst.“

„So soll ich einen Apatschen, der mir nach dem Leben trachtet, so lieben, wie ich meinen Vater liebte und wie ich mich selbst liebe?“

„Ja. Es giebt eine einzige große Liebe, welche, wenn sie wahr ist, nicht in einzelne größere und kleinere Teile zerfallen kann.“

„Dann sind es nur die Bleichgesichter, die sie haben; einem roten Krieger aber ist es niemals möglich, seinen Feind oder gar mehrere zu lieben.“

„Denke an Winnetou! Wir waren Todfeinde und sind Brüder geworden, die allezeit bereit sind, ihr Leben für einander zu lassen. Ihr seid seine Feinde, und doch verzeiht er es euch, daß ihr ihm und den Seinen nach dem Leben trachtet. Er giebt euch, seinen grimmigen Feinden, die Freiheit zurück, obwohl er weiß, daß ihr ihn trotzdem nicht weniger hassen werdet. Wie oft war ich dabei, wenn er Feinde besiegte, die ihn töten wollten; ihr Leben lag in seiner Hand; er konnte es ihnen nehmen; er hat es ihnen aber stets geschenkt. Darum ist er geehrt und berühmt, so weit man seinen Namen kennt, und darum kann ich behaupten, daß es auch einem roten Krieger sehr wohl möglich ist, seinem Feinde zu verzeihen und ihm Wohlthat und Liebe zu erweisen. Ich wollte, mein junger Bruder könnte sein wie Winnetou!“

Er hielt die gefesselten Hände an die Stirne, schwieg eine ganze, ganze Weile und bat mich dann:

„Old Shatterhand mag gehen, und mich allein lassen! Ich will mit mir selbst sprechen; ich will mich fragen, ob ich so sein kann, wie Winnetou, der große Häuptling der Apatschen.“

Ich folgte seiner Aufforderung und ging, wohl wissend, daß ich ihn in innerer Pein zurückließ. Warum hatte ich ihm nur Winnetou, einen Menschen, einen Indianer, zur Nachahmung genannt? Gab es nicht höhere Vorbilder? Warum hatte ich nicht das höchste, das heiligste erwähnt? Weil es ihm in dieser Kürze unverständlich, unbegreiflich gewesen wäre; war ihm doch schon Winnetou zu viel, obgleich er diesen vor sich sah und hundert Züge des Edelmutes und der Liebe aus seinem Leben kannte! Man muß auch mit der Darreichung geistiger Nahrung vorsichtig sein. Jedenfalls hatte ich das verschwundene „Maiskorn“ wieder aus der unfruchtbaren Tiefe emporgeholt, und die Folge zeigte, daß es von heute an zu keimen begann.

Ich sah Winnetou mit Entschar-Ko und den Weißen beratend beisammensitzen und ging zu ihnen. Dabei bemerkte ich wohl, daß Winnetou sich schweigend dabei verhielt oder verhalten hatte, denn wenn ich mich bei ihm befand, war es nicht seine Art und Weise, andern Leuten vor mir seine Ansicht darzulegen.

„Gut, daß Ihr kommt, Mr. Shatterhand,“ sagte Old Wabble. „Wir müssen doch besprechen, was geschehen soll.“

„Habt ihr es nicht schon besprochen, Sir?“ fragte ich.

„Wir haben freilich hin und her geredet, doch will es uns nicht gelingen, einig zu werden.“

„Das ist doch seltsam! Nach allem, was wir jetzt wissen, kann es doch gar keinen Zweifel darüber geben, was wir thun müssen.“

„So? Sonderbar, daß es bei Euch nie einen Zweifel giebt. Ob aber Winnetou mit Euch einverstanden ist?“

Da erklärte der Apatsche in seiner bekannten Weise:

„Der Plan meines Bruders Shatterhand ist gut. Wir werden ihn ausführen.“

„Schön! Aber erst müssen wir ihn hören, denn was man nicht weiß, das kann man auch nicht wissen; th’is clear! Also sprecht, Mr. Shatterhand! Wann soll von hier aufgebrochen werden?“

„Sogleich,“ antwortete ich.

„Wohin? Nach der Oase?“

„Ja, aber nicht alle; wir werden uns teilen.“

„Ah! Wieso?“

„Es gilt, die bereits eingesetzten Stangen, welche den richtigen Weg nach der Oase verraten, schleunigst zu entfernen und in der Richtung nach der Gegend in den Sand zu stecken, von welcher Bloody-Fox sprach.“

„Wer soll das thun? Ich möchte mit.“

„Das geht nicht an; es darf das natürlich nur von Indianern geschehen.“

„Warum? Ich sehe keinen Grund dazu.“

„Das ist auch gar nicht nötig, Sir, wenn nur ich ihn kenne. Diejenigen, welche diese Aufgabe lösen, werden natürlich zahlreiche Spuren zurücklassen, und das müssen Indianerspuren sein, damit Vupa Umugi sie für die Spuren seiner Comantschen hält, wenn er kommt.“

„Ah, brillant! Das leuchtet mir ein.“

„Es dürfen nicht weniger und nicht mehr Leute sein, als wir hier Comantschen festgenommen haben. Darum wird Winnetou mit fünfzig Apatschen und den hier noch vorrätigen Stangen sofort von hier nach dem Gutesnontin-khai aufbrechen, um die Arbeit auszuführen.“

Kaum hatte ich dies gesagt, so stand der Häuptling auch schon auf und fragte mich:

„Hat mein Bruder für mich noch etwas hinzuzufügen? Ich will fort.“

„Nur eine Bemerkung – Da du das Kaktusfeld nicht kennst, nach welchem wir die Comantschen locken wollen, so wirst du die Stangen in südöstlicher Richtung aufstellen müssen. Ich sende dir dann Bloody-Fox zu, der dich genauer führen wird. Das ist alles, was ich dir zu sagen habe.“

Eine längere, eingehendere Besprechung war zwischen uns beiden nicht nötig. Schon fünf Minuten später galoppierte er mit fünfzig Apatschen aus dem Thale hinaus, den hundert Bäumen zu.

„Das ist ein Kerl!“ bewunderte ihn der alte Wabble. „Der bedarf keiner stundenlangen Instruktion, um zu wissen, wie er etwas anzufassen hat! Welche Anweisung werdet Ihr denn uns erteilen, Mr. Shatterhand?“

„Gar keine. Wir reiten direkt nach der Oase.“

„Und dann?“

„Dann bleibt ihr zur Bewachung der Gefangenen so lange dort, bis ihr Nachricht von mir bekommt.“

„Von Euch? Ihr werdet also nicht bleiben?“

„Nein. Ich muß auch nach den hundert Bäumen, um die Ankunft der Comantschen dort zu beobachten.“

„Allein?“

„Mr. Surehand wird mich begleiten.“

„Könnte ich denn nicht mit? Ich verspreche Euch, ganz gewiß keinen Bock oder Pudel zu schießen!“

Ich hatte keine Lust, ihn mitzunehmen, seiner bekannten Voreiligkeit wegen, aber er gab so lange gute Worte, bis ich endlich beistimmte:

„Nun wohl, so reitet mit! Aber wenn ein einziger Fehler vorkommt, sind wir geschiedene Leute. Was werdet Ihr inzwischen mit Euren gewaltigen mexikanischen Sporen machen?“

„Mit meinen Sporen? Soll ich die vielleicht nicht an den Füßen behalten, Sir?“

„Nein.“

„Warum?“

„Weil wir auch indianische Fußeindrücke machen müssen, um nicht den Argwohn der Comantschen zu erregen! Wir werden also unsere Stiefel mit Mokassins vertauschen.“

„Woher welche nehmen?“

„Von den Gefangenen; die werden schon die Güte haben, uns auszuhelfen.“

„Hm! Wird sehr schwer fallen! Ja, Ihr mit Euern Parketfüßchen findet jedenfalls passende; aber seht da meine Ständer an!“

Er hatte allerdings Füße, die selbst für seine sehr hoch aufgeschossene Gestalt zu lang waren, und die riesige Bekleidung derselben gehörte zu der Art, von welcher man zu sagen pflegt, „mit drei Schritten über die Rheinbrücke in Mainz“.

Es war Zeit zum Aufbruche; ich ließ also die Comantschen aufsitzen und mit Riemen an die Pferde festbinden; sie ließen das geschehen, denn sie sahen ein, daß eine Weigerung die größte Dummheit gewesen wäre. Ihren jungen Anführer aber wollte ich nicht in derselben Weise behandeln; darum sagte ich zu ihm:

„Ich habe meinem roten Bruder Schiba-bigk mein Herz geschenkt, und es würde mir wehe thun, ihn ebenso fesseln zu müssen wie seine Leute. Wenn ich ihm erlaube, frei mit uns zu reiten, wird er da zu entfliehen versuchen?“

„Ich bin in deiner Hand,“ antwortete er.

„Das ist keine Antwort, wie ich sie haben will.“

„Ist es nicht genug, wenn ich sage, daß ich in deiner Hand bin?“

„Nein. Daß du mein Gefangener bist, das weiß ich, ohne daß du es mit Worten zuzugeben brauchst. Ich will aber wissen, ob du, wenn ich dich nicht binden lasse, einen Versuch machen wirst, dich der Gefangenschaft zu entziehen.“

„Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten!“

„Ich weiß es.“

„Ihr werdet die Krieger der Comantschen alle ergreifen; aber wenn es mir gelänge, zu entkommen und sie zu warnen, würde kein einziger von ihnen in eure Gewalt geraten.“

„Das ist deine Ansicht, die meinige aber nicht.“

„Es ist meine Pflicht, die Flucht zu versuchen.“

„Diese Worte überzeugen Mich, daß du nicht nur ein wakkerer Krieger, sondern auch ein aufrichtiger, ehrlicher Mann bist. Dennoch werde ich dich nicht mit Riemen quälen.“

„Uff!“ rief er erstaunt aus.

„Ja; ich werde dich nicht binden lassen.“

„Da entfliehe ich!“

Pshaw! Selbst wenn wir zwei allein wären, würdest du nicht entwischen; du siehst, wieviel Reiter ich bei mir habe. Übrigens werde ich ein Mittel anwenden, welches dich fester als alle Fesseln bei uns halten wird.“

„Welches?“

„Ich nehme dir die Medizin ab.“

„Uff, uff!“ rief er.

„Ja, das thue ich. Beim ersten Versuche, zu entfliehen, werden alle Gewehre auf dich gerichtet sein, und würdest du, was aber gar nicht möglich ist, von keiner Kugel getroffen, so hättest du im nächsten Augenblicke über zweihundert Verfolger hinter dir. Und sollte dich keiner von ihnen fangen, was wieder gar nicht zu denken ist, so würde ich deine Medizin vernichten und mit ihr deine Seele.“

Er senkte den Kopf und ließ ein ergebungsvolles „Uff“ hören; er that auch keinen Griff, es zu verhindern, als ich ihm die Medizin abnahm und an meinen Hals hing. Er gab sich die allergrößte Mühe, seine Gedanken zu verbergen, konnte mich aber nicht täuschen. Es hatte, allerdings nur für einen ganz kurzen Moment, ein Licht in seinem Auge aufgeblitzt, welches mir sagte, daß er alles wagen und selbst den Verlust der Medizin daran setzen werde, die Freiheit zu erlangen.

Ich hatte also wohl Grund, ihn fesseln zu lassen, that dies aber nicht, denn ich wollte wissen, weshalb er, entgegengesetzt allen indianischen Anschauungen, selbst auf die Medizin verzichtete, um frei werden zu können. Sollten meine einstigen Lehren doch so tief in ihm gehaftet haben, daß sie im stande gewesen waren, seine heidnischen Ansichten über die ewigen Jagdgründe ins Wanken zu bringen? Denn wenn die Medizin ihre Macht über ihn verloren hatte, so konnte er unmöglich mehr an eine derartige Fortdauer nach dem Tode glauben; das stand fest. Also ließ ich ihn, um ihn in dieser Beziehung auf die Probe zu stellen, nicht binden, sorgte aber anderweit dafür, daß die Flucht nicht gelingen konnte.

Die beste Art und Weise, etwas, was andere thun wollen, zu verhindern oder unschädlich zu machen, ist die, es selbst herbeizuführen; dann hat man es in der Gewalt und kann zur rechten Zeit seine Gegenmaßregeln treffen. Also mußte ich, um des jungen Häuptlings sicher zu sein, ihm an irgend einem Augenblicke die Flucht so leicht wie möglich machen. Ging er auf diese Finte ein, so konnte ich ihn schnell fassen, grad so, wie die Katze die Maus, mit der sie spielt.

Als wir aufgebrochen waren, ritt ich zunächst allein hinterher, um, ohne daß der Häuptling es bemerkte, meinen Lasso so in fertigen Rollen um die Schulter zu legen, daß es nur eines schnellen Griffes bedurfte, ihn wurfgerecht in die Hand zu bekommen. Dann ritt ich als Führer voran und rief ihn an meine Seite. Ich unterhielt mich in der Weise mit ihm, als ob ich ihn gar nicht beaufsichtigte, und blieb dann, als es zu dunkeln begann, mit ihm weiter und weiter zurück, bis wir uns anstatt an der Spitze des Zuges schließlich am Ende desselben befanden. Die Dämmerung verdichtete sich schnell zum vollständigen Abenddunkel. Schiba-bigk ritt mir zur rechten Seite. Ich that so, als ob mir am Sattelzeuge etwas in Unordnung geraten sei, hielt das Pferd an und beugte Mich, ohne abzusteigen, an der linken Seite nieder. Wir waren die letzten im Zuge; ich drehte ihm den Rücken zu: Wenn er jetzt nicht floh, so hatte er überhaupt die Absicht gar nicht, uns zu entwischen. Ich griff gespannt mit der rechten Hand nach dem Lasso. Richtig! Ein Knirschen des Sandes, wie unter den Hufen eines Pferdes, welches auf den Hinterbeinen herumgeworfen wird – schnell erhob ich mich wieder im Sattel und drehte mich um: Da hinten flog er in Carriere auf dem Wege zurück, den wir gekommen waren, doch in demselben Augenblicke hatte ich mein Pferd gewendet und flog hinter ihm her. Mein Rappe hatte nicht ohne Grund den Namen Hatatitla, was so viel wie Blitz bedeutet. Er war dem Pferde Schiba-bigks überhaupt und ganz besonders auch in Beziehung auf die Schnelligkeit weit überlegen. Es war noch nicht eine einzige Minute vergangen, so war ich dem Flüchtlinge so nahe, daß mein Lasso ihn erreichen mußte.

„Halt an!“ rief ich ihm zu.

„Uff, uff!“ antwortete er in schrillem Tone, was so viel bedeuten sollte, nein, das fällt mir gar nicht ein.

Da flog mein Lasso nach vorn; die Schlinge senkte sich auf ihn nieder und faßte ihn bei den beiden Armen, die sie ihm an den Leib zog. Ich hielt meinen Rappen an, und der Ruck, den der Lasso dadurch erhielt, riß den Indianer vom Pferde. Ich sprang ab und kniete bei ihm nieder. Er lag bewegungslos.

„Ist mein junger Bruder noch am Leben?“ fragte ich, denn es war leicht möglich, daß er den Hals gebrochen hatte. Solche Unfälle kommen bei dem Fangen mit dem Lasso häufig vor.

Er antwortete nicht.

„Wenn Schiba-bigk nicht redet, werde ich ihn wie eine Leiche auf das Pferd schnallen. Wenn ihm dann die Glieder schmerzen, hat er es sich selbst zuzuschreiben,“ warnte ich.

„Ich lebe,“ antwortete er jetzt.

„Hast du Schaden genommen?“

„Nein.“

„So rufe dein Pferd herbei!“

Es war, als er aus dem Sattel gerissen wurde, noch eine Strecke weit fortgelaufen. Er stieß einen scharfen Pfiff aus, und es kam.

„Jetzt werde ich meinem jungen Bruder die Hände binden; er selbst ist schuld daran, daß ich das thun muß.“

Er lag noch am Boden. Die Schlinge des Lasso hielt ihm die Arme am Leibe fest. Ich half ihm beim Aufstehen, band ihm die Hände zusammen und befahl ihm, aufzusteigen. Als er das gethan hatte, zog ich ihm unter dem Bauche des Pferdes einen Riemen von einem Fuße zum andern und band dann seine Zügel mit den meinigen zusammen. Dadurch bekam ich sein Pferd in meine Gewalt, und er konnte nicht herunter. Nachdem ich mir den zusammengeschlungenen Lasso wieder über die Schulter gehängt hatte, stieg ich auf und ritt mit dem Gefangenen im Galoppe zurück, unserer Truppe nach.

Diese war halten geblieben, weil man bemerkt hatte, daß wir fehlten. Old Surehand, Wabble, Parker, Hawley und Entschar-Ko kamen uns entgegen.

„Gott sei Dank, da seid Ihr ja!“ rief der alte König der Cowboys aus. „Wo habt Ihr denn gesteckt, Mr. Shatterhand?“

„Wir haben einen kleinen Aus- oder Rückflug unternommen,“ antwortete ich.

„Der Rote wollte wohl echappieren?“

„Ja.“

„Da habt Ihr es! Sage ich nicht, daß diese Kerls alle nichts taugen? Solche Kerls darf man nicht mit Handschuhen anfassen, wie das so Eure Mode ist. Hoffentlich ist er nun gebunden?“

„Ganz nach Eurem Wunsche, Mr. Cutter.“

„Warum sagt Ihr das so ironisch, Sir?“

„Weil er schon vorher gefesselt war.“

„Das ist mir neu. Habe nichts davon gesehen.“

„Ob mit Riemen gefesselt oder durch meine Augen bewacht, das ist ganz dasselbe.“

„So? Na, wenn Eure Augen Riemen sind, so laßt sie nicht zu lang herunterhängen; die Pferde könnten sie Euch wegtreten; th’is clear!“

Ich hätte ruhig hinterherreiten können, denn eine Wiederholung des Fluchtversuches war nun vollständig ausgeschlossen; dennoch begab ich mich wieder an die Spitze, denn ohne meine Führung hätten die andern den Weg verfehlt. Auch Schiba-bigk hätte, selbst wenn er nicht in unsere Hände gefallen wäre, die Oase nicht überfallen können, weil es ihm unmöglich gewesen wäre, den neuen Durchgang durch den Kaktus zu finden. Er kannte nur den alten, und der war, wie schon erwähnt, von Bloody-Fox zugepflanzt worden.

Es war nach sechs Uhr dunkel geworden. Ungefähr anderthalb Stunden später kamen wir im Lager der Apatschen an, bei denen sich der Fuchs befand. Er war natürlich sehr begierig, zu erfahren, welchen Erfolg wir gehabt hätten, fügte aber der Frage, welche er daraufhin aussprach, gleich die Antwort hinzu:

„Uff! Da sehe ich, daß es gar keiner Erkundigung bedarf. Das sind ja eine ganze Menge Comantschen, die Ihr mitbringt. Ihr seid also mit Ihnen zusammengetroffen und habt sie gebeten, mitzukommen. Ist Schiba-bigk dabei?“

Yes,“ antwortete Old Wabble. „Werden doch die Roten nicht ohne ihren Anführer bringen!“

„Sind welche erschossen oder verwundet worden? Haben sie sich gewehrt?“

„Ist ihnen nicht eingefallen. Es hat keiner ein Löchlein in die Haut bekommen. Das ging so sauber zu wie in der Knabenschule, wenn Tintenklexe ausradiert werden. Will es Euch erzählen, wenn es Euch Vergnügen macht. Fürs Erste aber wollen wir hinein zum Wasser, um die Pferde trinken zu lassen. Das ist das Notwendigste, was geschehen muß.“

Er hatte Recht. Ich stieg ab und band Schiba-bigk los.

„Wenn mein roter Bruder sich eingebildet hat, Bloody-Fox überfallen zu können, so hat er sich in einem großen Irrtume befunden; die Gegend ist ganz anders geworden, als sie damals war. Weil du der Flucht verdächtig bist, wirst du den richtigen Weg nicht sehen dürfen.“

Ich nahm ihn vom Pferde, verband ihm die Augen und ergriff ihn beim Arme, um ihn durch den Kaktus nach der Hütte zu führen. Die Weißen und Entschar-Ko folgten uns. Die Gefangenen waren den Apatschen sogleich zur Bewachung übergeben worden; ihre Pferde wurden auch hereingebracht, um getränkt zu werden.

Eigentlich hatte ich die Absicht gehabt, nicht nur den feindlichen Comantschen, sondern auch den Apatschen den Zutritt zu dem Innern der Oase zu verwehren; es war immer am besten, gar keinen von ihnen diese Örtlichkeit kennen lernen zu lassen; aber dies hatte sich durch das unvermeidliche Tränken der Pferde als hinfällig erwiesen. Wenn über dreihundert Pferde und ebenso viele Menschen mit Wasser zu versehen waren, konnte der Quell unmöglich verborgen bleiben.

Während die andern sich draußen an den Tischen niedersetzten, führte ich Schiba-bigk in das Innere des Hauses, wo ich ihn anband.

„Mein Bruder hat es nur sich selbst zuzuschreiben, daß ich dies thue,“ sagte ich. „Hätte er mir sein Wort gegeben, nicht zu entweichen, so dürfte er jetzt frei hier herumgehen.“

„Dieses Wort darf ich nicht geben,“ antwortete er, „ich bin ein Häuptling der Comantschen, und da unsre Krieger sich in Gefahr befinden, habe ich die Pflicht, zu fliehen, sobald es möglich ist.“

„Diese Möglichkeit wird nicht eintreten!“

„Vorhin war sie da!“

„Nein!“

„Wenn das Pferd meines weißen Bruders nicht schneller gewesen wäre als das meinige, wäre ich entkommen.“

„Hast du das wirklich geglaubt?“

„Ja.“

„So habe ich dich für scharfsinniger gehalten, als du bist. Wir befanden uns erst dem Zuge voran. Warum blieb ich dann mit dir zurück?“

„Weil du glaubtest, mich sicher zu haben.“

„Nein, ganz im Gegenteile, weil ich wußte, daß du fliehen wolltest. Und weshalb hielt ich an, um nach meinem Sattelzeuge zu sehen?“

„Weil etwas daran zerrissen oder verschoben war.“

„Auch nicht, sondern um dir Gelegenheit zu geben, die Flucht zu ergreifen.“

„Uff!“ rief er verwundert. „Old Shatterhand wollte mich an der Flucht verhindern und hat mir doch die Gelegenheit dazu gegeben!“

„Das begreifest du nicht?“

„Wer kann das begreifen!“

„Jeder Mensch, welcher gelernt hat, nachzudenken. Grad weil ich die Flucht verhindern wollte, habe ich dir die Gelegenheit dazu gegeben. Wärest du in einem Augenblicke geflohen, an welchem ich nicht darauf vorbereitet war, so hättest du, weil es dunkel war, trotz der Schnelligkeit meines Pferdes entkommen können; ich mußte also vorbereitet sein, und das konnte nur dadurch geschehen, daß ich selbst den geeigneten Augenblick herbeiführte; dann war ich um so schneller hinter dir her.“

„Uff, uff!“

„Siehst du es jetzt ein?“

„Ich sehe ein, daß es wahr ist, was alle roten und weißen Krieger wissen: Old Shatterhand ist nicht zu überlisten, sondern er überlistet sie alle.“

„Hm, dich heut zu überlisten, dazu gehörte gar nicht viel. Du bist ein Häuptling, aber doch noch fast ein Knabe; wenn du das wenigstens mir gegenüber beherzigen willst, so kann es dir nur zum Vorteile sein. Sei froh, daß mein Pferd schneller war als das deinige, und ich infolge dessen nur den Lasso angewendet habe! Hätte ich dich nicht so rasch einholen können, so wäre ich gezwungen gewesen, dich zu erschießen.“

„Schiba-bigk hat keine Angst vor dem Tode!“

„Das weiß ich; aber deine Flucht hatte doch nur den Zweck, die Comantschen zu benachrichtigen. Hättest du das thun können, wenn du erschossen worden wärest?“

„Uff, nein!“

„Du mußt also einsehen, daß du auch in dieser Beziehung unüberlegt gehandelt hast. Und wie konntest du vergessen, daß ich deine Medizin besitze!“

„Ich vergaß es nicht.“

„Und wolltest dennoch fort? Sonderbar! Mochte dir die Flucht gelingen oder nicht, so wäre deine Seele für immer verloren gewesen.“

„Nein!“

„Doch! Wer seine Medizin verliert, der kann sich eine andere suchen und dadurch seine Seele retten. Wer sich aber seine Medizin abnehmen läßt und sie wird vernichtet, dessen Seele ist auch vernichtet und wird nie in die ewigen Jagdgründe gelangen.“

„Old Shatterhand sagt da Etwas, was er selbst nicht glaubt!“

Ich sah trotz des schwachen Scheines der in der Stube brennenden, selbstgefertigten Talgkerze, daß sein Gesicht einen selbstbewußten, ja, ich möchte sagen, einen überlegenen Ausdruck annahm. Über das, was er jetzt dachte, hätte ein Deutscher sich wahrscheinlich ausgedrückt: jetzt habe ich Old Shatterhand im Sacke! Ich antwortete:

„Ob ich es glaube oder nicht, das ist Nebensache; aber Ihr glaubt es. Wenn ein roter Krieger einem Feind die Medizin abnimmt und sie aufbewahrt, so muß die Seele desselben ihn in den ewigen Jagdgründen bedienen, außer der große Geist offenbart ihm den Weg, sich eine neue Medizin zu erwerben. Wird aber die Medizin nicht aufbewahrt, sondern vernichtet, so ist mit ihr die Seele vernichtet für alle Ewigkeit. Das ist doch euer Glaube!“

„Aber nicht der meinige!“

„Nicht?“ fragte ich scheinbar überrascht.

„Nein. Auch ich habe es geglaubt, aber nur so lange, bis mein großer Bruder Old Shatterhand mir von dem großen Manitou erzählte, der alle Menschen erschaffen hat, der allen gleiche Liebe gibt und zu dem alle Seelen zurückkehren werden. Kein Mensch kann einem andern seine Seele nehmen. Es wird nach dem Tode keine Herrscher und keine Diener, weder Sieger noch Besiegte geben. Vor dem Stuhle des großen, guten Manitou werden alle Seelen gleich sein; es wird ewige Liebe und ewiger Friede herrschen und weder Kampf noch Jagd und Blutvergießen geben. Wo sollen da die Jagdgründe liegen, von denen unsere Medizinmänner sprechen?“

Er hatte das in einem Eifer, der sich von Wort zu Wort steigerte, gesagt. Ich freute mich auf’s herzlichste darüber. Das war es ja, was ich hatte erfahren wollen! Der Same, den ich damals in sein Herz gesäet hatte, war also doch aufgegangen und hatte unter der starren Rinde feste Wurzeln geschlagen.

„Ja, wenn du so denkst, dann hat ja keine Medizin mehr Wert für dich,“ sagte ich, scheinbar absichtslos.

„Sie ist das Zeichen, daß ich Krieger bin, weiter nichts.“

„Dann hat es auch keinen Zweck, daß ich sie behalte. Hier hast du sie zurück.“

Ich nahm sie von meinem Halse und gab sie ihm. Er hing sie sich um und antwortete: „Sie hat mit meiner Seele nichts zu thun, aber sie ist das Zeichen des Kriegerranges, und darum danke ich dir, daß du sie mir wiedergiebst!“

„Hast du schon mit andern roten Kriegern darüber gesprochen, daß die Seele und die Medizin zwei Dinge sind, die einander nichts angehen?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil sie es nicht glauben würden.“

„Aber du hast es doch mir geglaubt!“

„Mein Mund ist nicht der deinige, und wenn ich ganz dasselbe sage, was du gesagt hast, so ist es doch nicht dasselbe. Wird Old Shatterhand heut hier bleiben?“

Ich durfte ihm keine Auskunft erteilen und antwortete darum, über seine Frage weggehend:

„Mag ich hier sein oder nicht, es wird dir an nichts fehlen. Da du fliehen willst, muß ich dich noch als Feind betrachten; aber du sollst dich wenigstens zwischen diesen vier Wänden frei bewegen dürfen.“

„So willst du mich losbinden?“

„Bob, der Neger, wird dies später thun.“

„Der Nigger? Soll ein Nigger mich berühren? Weißt du nicht, daß kein roter Krieger mit einem Nigger etwas zu thun haben mag?“

„Und weißt du nicht, daß der große Manitou alle Menschen erschaffen hat und alle gleich sehr liebt, mögen sie nun eine schwarze, rote oder weiße Haut besitzen?“

Er blickte verlegen vor sich nieder.

„Und was hast du gegen unsern Bob?“ fuhr ich fort. „Er war dabei, als wir dich damals retteten. Du bist ihm nicht weniger Dank schuldig als uns. Er ist ein besserer Mensch, als du gewesen bist. Er hat niemals einem Menschen Freundschaft vorgelogen; du aber hast Bloody-Fox dein Leben zu verdanken und mit ihm die Pfeife des Friedens und der Freundschaft geraucht und bist trotzdem jetzt hierher gekommen, ihn aus seinem Home zu vertreiben und zu töten. Sag mir da einmal aufrichtig, wer steht höher, er oder du?“

Er antwortete nicht.

„Du schweigst; das ist genug. Denke über dich nach! Damit du das ungestört thun kannst, werde ich jetzt gehen.“

Meine Worte klangen vielleicht streng; aber sie waren gut gemeint, und ich hoffte, daß sie den beabsichtigten Eindruck machen würden. Ich ging hinaus und winkte den Neger zu mir. Ich kannte ihn und wußte, daß er seiner Aufgabe gewachsen sei; ich mußte ihm die Sache nur richtig plausibel machen. Der Gefangene war streng zu bewachen, sollte aber nicht gequält werden.

„Komm einmal her, Bob,“ sagte ich. „Ich habe dir etwas mitzuteilen.“

„Schön! Massa Shatterhand Masser Bob was mittheilen.“

„Es ist sehr wichtig!“

„Wichtig? Oh, oh! Masser Bob sein ein sehr tüchtig Gentleman, wenn wichtig Sache mitgeteilt bekommen!“

Er verdrehte vor Stolz die Augen so, daß nur das Weiße zu sehen war.

„Ich weiß, daß du ein sehr starker und tapferer Mann bist. Nicht, alter Bob?“

„Oh, ja, oh! Bob sein sehr stark und tapfer!“

„Aber auch listig?“

„Sehr listig, sehr! Listig wie – wie – – wie –“

Er sann nach; es schien ihm kein genug augenfälliges Beispiel von List einfallen zu wollen; dann schlug er froh die Hände zusammen, denn er hatte eins gefunden, und fuhr fort: „Listig wie Fliege, grad wie Fliege!“

„Fliege? Hältst du die Fliege für ein so außerordentlich listiges Geschöpf?“

Yes! Oh, oh, Fliege sehr listig, sehr! Setzen sich immer nur auf Nasenspitze.“

„Und das ist List?“

„Sehr viel List, denn Nasenspitze sein ganz vorn, und Fliege da kann gleich schnell wieder fortfliegen.“

„Schön, das imponiert mir allerdings. Also, ich brauche deine Stärke, deine Tapferkeit und deinen Muth. Hast Du gesehen, daß ich Schiba-bigk in die Stube geschafft habe?“

Yes, Masser Bob haben lauschen durch Thür und sehen, daß junger Häuptling liegen auf Diele und sein mit Riemen fest angebunden.“

„Richtig! Er will fliehen; darum muß er streng bewacht werden. Das sollst du thun.“

Well! Masser Bob sich setzen zu ihm ganze Nacht und ganzen Tag und ihn nicht lassen aus allen zwei Augen!“

„Das wird nicht gerade nötig sein. Du wirst ihn nachher, wenn ich fort bin, losbinden; er soll frei in der Stube umhergehen können; aber heraus darf er nicht.“

O no, darf nicht heraus! Aber wenn dennoch will heraus, was Masser Bob dann thun?“

„Du lässest ihn auf keinen Fall heraus.“

„Nein, gar nicht! Sobald er steckt Nase heraus, Masser Bob ihm geben einen Hieb darauf.“

„Das darfst du nicht thun. Schläge sind für einen roten Krieger die größte Beleidigung.“

Da kratzte er sich verlegen hinter dem Ohr und sagte:

„Oh, hm, oh! Das bös, sehr bös! Masser Bob ihn nicht lassen heraus und doch nicht dürfen schlagen! Masser Bob ihn müssen losbinden und doch ihn festhalten!“

„Ja,“ lächelte ich, „es ist eine sehr schwierige Angelegenheit; aber du bist der richtige Mann dazu. Du bist schlauer und listiger als der Fuchs; du bist so listig wie eine Fliege auf der Nasenspitze und wirst keinen Fehler machen. Dir vertraue ich diesen wichtigen Gefangenen an. Er wird losgebunden und bekommt zu essen und zu trinken, darf aber nicht zur Thür heraus, auch nicht etwa zu einem Fenster; aber schlagen darfst du ihn nicht.“

„Auch nicht erschießen?“

„Das nun gar nicht! Du mußt dich da ganz auf deine große, anerkannte Pfiffigkeit verlassen.“

Er sann nach und antwortete dann auf diese Schmeichelei mit einem unendlich glückseligen Lächeln:

„Oh, ah, oh, Masser Bob sein pfiffig. Bob weiß jetzt, wie machen. Soll Bob es sagen?“

„Nein, ich brauche es jetzt nicht zu wissen; aber ich bin Überzeugt, daß ich mit dir zufrieden sein kann, wenn ich zurückkehre.“

„Zufrieden, sehr zufrieden! Masser Bob haben einen Gedanken, der sehr pfiffig, sehr. Schiba-bigk drinstecken, losbinden und doch nicht heraus können; ihn auch nicht schlagen oder schießen. Das machen Masser Bob sehr schlau. Massa Shatterhand werden sehen!“

„Gut, lieber Bob. Es soll mich sehr freuen, wenn ich dich bei meiner Rückkehr loben kann.“

Ich wußte gar wohl, weshalb ich grad ihm die Beaufsichtigung dieses Gefangenen übergab; den Apatschen mochte ich diesen nicht anvertrauen. Und ebensogut wußte ich, warum ich den Gedanken nicht wissen wollte, der dem Neger gekommen war; ich wollte nichts mit einer Verantwortung zu thun haben, die es nach den Anschauungen der Bleichgesichter vielleicht nicht gab, welche aber nach indianischen Begriffen sehr groß sein konnte. That der Schwarze ohne mein Wissen mit dem Gefangenen etwas, was das Ehrgefühl Schiba-bigks verletzte, so durfte dieser nicht denselben Maßstab daran legen, als wenn es mit meiner Genehmigung oder gar in meinem Auftrage geschah.

Ich ging nun zunächst zu Bloody-Fox, um mit ihm über seine Aufgabe zu sprechen. Er stand mit Old Surehand zusammen und empfing mich mit den Worten:

„Ich habe gehört, daß ich zu Winnetou reiten soll, um ihn und seine Apatschen in die rechte Richtung zu bringen. Wann soll ich fort von hier?“

„Noch heute abend; so bald wie möglich.“

„Und wo werde ich ihn treffen?“

„Das ist nicht genau zu sagen, läßt sich aber ungefähr berechnen. Er ist auf der Spur Schiba-bigks zurück, welche ganz genau westlich bis zu den hundert Bäumen geht. Da er die Pfähle zu entfernen und mitzuschleppen hat, mit welchen der junge Häuptling den Weg nach hier bezeichnete, so wird er länger zubringen, als wenn er ohne Aufenthalt reiten könnte – –“

„Er kann diese Arbeit auch während des größten Teiles der Nacht thun, denn die Sichel des Mondes wird in kurzer Zeit erscheinen,“ unterbrach er mich.

„Allerdings, und darum denke ich, daß er wahrscheinlich gegen Mittag bei den hundert Bäumen ankommen wird.“

„Dort hat er die Pferde zu tränken und wenigstens eine Weile ausruhen zu lassen.“

„Ganz recht; aber sehr lange wird er sich nicht dort verweilen; ich kenne ihn. Die Hauptsache ist, daß die Tiere Wasser bekommen; was ihre Müdigkeit betrifft, so wird er darauf weniger Rücksicht nehmen, weil er weiß, daß er sie dann unterwegs nach Belieben schonen kann, denn es steht da ganz in seinem Belieben, anzuhalten und auszuruhen, wann und wo es ihm gefällt. Ich habe ihm gesagt, daß er von den hundert Bäumen an sich genau nach Südosten halten soll. Nehmen wir an, daß er von Kilometer zu Kilometer einen Pfahl anbringt und sich damit nicht allzusehr beeilt, so läßt sich nicht schwer berechnen, an welchem Punkte er von hier aus zu treffen sein wird.“

Well; da weiß ich nun, woran ich bin. Habt Ihr sonst noch eine Bemerkung, Mr. Shatterhand?“

„Ja. Vupa Umugi wird hinter ihm herkommen und darf nur auf indianische Spuren treffen.“

„So muß ich also meine Stiefel ausziehen und Mokassins anlegen. Ich habe stets mehrere Paare hier, weil ich in dieser Abgeschiedenheit gezwungen bin, auf Vorrat zu sehen.“

„Ah, wenn ich auch ein Paar haben könnte!“

„Und ich auch,“ fiel Old Surehand ein. „Wir müßten uns sonst von den gefangenen Comantschen welche nehmen und was diese an den Füßen gehabt haben, hm!“

„Da kann ich wahrscheinlich Rat schaffen, denn ich habe mehrere Größen, weil Bob oft auch welche trägt. Wartet einige Augenblicke; ich werde sie holen.“

Er ging in das Haus und brachte die indianischen Schuhe; eine Probe ergab, daß sowohl für Old Surehand wie auch für mich passende vorhanden waren. Wir zogen sie an und übergaben Bob unsere Stiefel, um sie bis zu unserer Rückkehr aufzubewahren.

Anders stand es mit Old Wabble, für dessen Meterfüße Fox nichts Geeignetes besaß. Wir schickten ihn mit Entschar-Ko hinaus zu den Comantschen; vielleicht gab es unter diesen einen, der ähnlich ausgebildete Gehwerkzeuge besaß.

„Um in Beziehung auf Winnetou die Hauptsache nicht zu vergessen: er muß Wasser haben,“ fuhr ich in dem unterbrochenen Gespräche fort. „Glücklicherweise sind Schläuche hier.“

„Ja,“ nickte Fox. „Ich werde sie sogleich füllen. Aber allein kann ich mich nicht mit ihnen schleppen; darf ich einige Apatschen mitnehmen?“

„Natürlich! Doch nicht zu viele, sonst sieht Vupa Umugi, daß er einer größeren Schar von Reitern folgt, als Schiba-bigk bei sich gehabt hat. Hierbei komme ich auf eine Idee, welche mich sehr wahrscheinlich vor einem Unterlassungsfehler bewahrt oder, wenn das nicht, uns den Fang der Comantschen erleichtert. Ich wollte erst nur mit Euch, Mr. Surehand, und mit Old Wabble reiten, denke aber jetzt, daß es besser ist, wenn wir so fünfzig oder sechzig Apatschen mitnehmen.“

„Auf einen Kundschaftsritt?“ verwunderte sich Old Surehand. „Da pflegt man doch so wenig zahlreich wie möglich zu sein!“

„Allerdings; aber vielleicht wird aus dem beabsichtigten Späherritte etwas ganz anderes. Soweit wir jetzt den Plan der Comantschen kennen, kommt zunächst Vupa Umugi mit seiner Schar bei den hundert Bäumen an. Das wird, wie ich erlauscht habe, morgen abend sein. Er wird dort während der Nacht bleiben und dann längs der Pfähle weiterreiten. Er lockt die weiße Kavallerie hinter sich her. Wann diese folgt, das weiß man nicht, läßt sich aber vermuten, da ich aus Schiba-bigk herausgelockt habe, daß Nale-Masiuv einen halben Tag später als Vupa Umugi kommen wird, und die Weißen sind doch vor Nale-Masiuv zu erwarten, welcher die Aufgabe hat, sie vor sich herzutreiben.“

„Das Militär wird also wahrscheinlich übermorgen vormittag bei den hundert Bäumen ankommen.“

„Das denke ich auch. Sind diese Weißen dann fort, hinter Vupa Umugi her, wird Nale-Masiuv erscheinen und ihnen folgen. Unsere bisherige Absicht war nun, diese einzelnen Trupps ziehen zu lassen und in der ihnen gelegten Falle einzuschließen – –“

„Und das ist das Beste, ja das Einzige, was wir thun können,“ fiel Bloody-Fox ein.

„Leider nicht. Ich wundere mich jetzt außerordentlich darüber, daß es keinem von uns eingefallen ist, welchen großen Fehler wir dadurch begehen würden.“

„Fehler? Wieso?“

„Bedenkt doch, daß es zwei verschiedene Indianertrupps sind, welche wir im Kaktus einschließen wollen!“

„Nun? Was ist da zu bedenken?“

„Daß sich die Weißen zwischen ihnen befinden.“

„Ah! Hm!“

„Ahnt Ihr jetzt, was ich meine?“

Well, es ist wahr!“ rief Old Surehand aus. „Das ist ein Fehler in unserm Plane, ein so großer, daß ich kaum begreifen kann, wie wir ihn machen konnten!“

„Wir müßten die Weißen mit den Roten einschließen!“

„Und hätten dadurch das Spiel verloren!“

„Wenn auch das nicht, Mr. Surehand, aber es würde für uns weit schwerer sein, es zu gewinnen. Die Comantschen würden sich der Kavallerie bemächtigen und dadurch zu einem Trumpfe gelangen, der nicht leicht zu überbieten ist. Darum werden wir drei nicht allein reiten, sondern eine Abteilung unserer Apatschen mitnehmen. Den Zweck werdet Ihr erraten.“

„Sehr leicht. Es gilt Nale-Masiuv?“

„Ja. Wir lassen ihn gar nicht in die Falle gehen, sondern nehmen ihn schon bei den hundert Bäumen gefangen.“

„Ein vortrefflicher Gedanke, Sir!“

„Ja, vortrefflich, ganz vortrefflich, wenn er nicht zu kühn ist,“ bemerkte Bloody-Fox.

„Zu kühn? Inwiefern?“ fragte ich.

„Spracht Ihr nicht davon, nur fünfzig oder sechzig Apatschen mitzunehmen?“

„Ja.“

„Wird diese Zahl genügen?“

„Ich denke es.“

„Und ich bezweifle es. Verzeiht, daß ich so aufrichtig bin, dies zu sagen!“

Pshaw! Es ist ja grad notwendig, daß ein jeder ehrlich seine Meinung sagt.“

„So erlaube ich mir, daran zu erinnern, daß Nale-Masiuv wahrscheinlich über hundertfünfzig Krieger bei sich haben wird.“

„Das ist allerdings anzunehmen.“

„Und die wollt Ihr mit fünfzig bis sechzig Apatschen fangen?“

„Nein. Das wäre freilich ein mehr als kühnes, es wäre ein lächerliches, ein höchst leichtsinniges Unternehmen. Ich werde viel, viel mehr Leute bei mir haben.“

„Woher sollen die kommen?“

„Aber Fox, Fox! Ist das so schwer zu begreifen?“

„Hm! Helft mir auf die Sprünge, Sir. Ich weiß wirklich nicht, woher Euch weitere Kräfte kommen sollen!“

„Und die Kavallerie?“

Er sah mir überrascht in das Gesicht, schlug sich mit der Hand an die Stirn und rief. „So ein Esel! Das ist ja die reine Blindheit, mit der ich geschlagen war! Natürlich werden die weißen Reiter Euch beistehen, ganz natürlich! So dumm, wie in diesem Augenblicke, bin ich noch nie gewesen!“

„Ihr habt dabei den Trost, daß auch ich erst vor einigen Minuten auf diesen Gedanken gekommen bin. Und er lag doch so nahe, daß jedes Kind ihn fassen konnte. Ich werde Entschar-Ko sagen, daß – – ah, da kommt er ja!“

Der Unteranführer der Apatschen kam mit Old Wabble zurück; ich schickte ihn wieder hinaus, diejenigen Krieger auszuwählen, welche uns begleiten sollten. Der alte König der Cowboys stand in einer so eigentümlichen Haltung vor uns, daß ich ihn unwillkürlich fragte:

„Was habt Ihr, Sir? Seid Ihr unwohl?“

Yes, sehr, außerordentlich unwohl!“ nickte er.

„Wo liegt das Leiden?“

„Tief, sehr tief!“

Er zeigte dabei mit dem Finger nach unten.

„Ach! In den Füßen wohl?“

Yes!“

„Die Mokassins – –?“

„Mag der Teufel holen!“ platzte er zornig heraus.

„Habt Ihr welche gefunden?“

„Und was für welche!“

„Groß genug?“

„Und wie groß! So groß, daß man sich ordentlich schämen muß, sie anzuziehen! Dieser Rote, dem wir sie abgenommen hatten, besitzt keine menschlichen Füße, sondern wahre Bärentatzen!“

„Nun, was weiter?“

„Was weiter? Das fragt Ihr noch?“

„Natürlich!“

„Da ist gar nichts Natürliches dabei! Es ist ganz selbstverständlich, daß ich wütend sein muß!“

„Aber warum wütend?“

Thunder-storm, seht Ihr das wirklich noch nicht ein? Ich bin wütend und ganz außer mir, weil diese kolossalen Schuhe mir noch immer nicht passen. Sie sind noch zu klein!“

„Das ist freilich sehr bedauerlich!“

„Aber nicht für Euch, sondern für mich, Sir!“ fuhr er mich zornig an.

„Das bezweifle ich gar nicht, Mr. Cutter,“ lachte ich.

„Ja, lacht nur zu! Ihr würdet aber nicht lachen, wenn Ihr das niederträchtige Gefühl hättet, welches ich empfinde!“

„Wirklich? Seid Ihr auch einmal gefühlvoll?“

„Und wie! Seht Ihr denn nicht, wie krumm und trostlos ich dastehe? Meine Zehen sind so rund gebogen, daß man sie für Nullen halten könnte.“

„So macht sie gerade!“

„Geht nicht! Die Mokassins sind zu kurz. Wißt Ihr vielleicht ein Mittel gegen meine Qualen?“

„Ja.“

„Welches? Ich kann doch die Schuhe nicht länger machen!“

„Nein; aber Löcher könnt Ihr hineinschneiden.“

„Ah – – Löcher – –?“

„Ja.“

„Vortrefflicher Gedanke, ganz vortrefflicher! Old Shatterhand ist doch der pfiffigste Kopf, der jemals zwischen zwei Schultern gesessen hat! Löcher hineinschneiden! Das werde ich gleich thun, sofort. Die Zehen werden zwar ein wenig herausgucken, aber das schadet nichts; ich gönne ihnen die Freude, auch einmal das liebe Tageslicht zu sehen.“

Er zog das Messer und setzte sich nieder, um die vorgeschlagene Operation augenblicklich auszuführen.

Als wir uns dann von Fox, Parker und Hawley verabschiedet hatten und mit unsern Pferden hinaus zu den Apatschen kamen, standen sechzig von ihnen bereit, uns zu begleiten.

„Hat mein weißer Bruder mir noch einen Befehl zu erteilen?“ fragte mich Entschar-Ko.

„Du wirst dafür sorgen, daß an dem Wege, der nach der Oase führt, sich stets einige Wachen befinden. Ich habe Schiba-bigk dem Neger Bob übergeben, der ihn nicht aus dem Hause lassen soll. Er sinnt auf Flucht. Der Schwarze wird ihn nicht aus den Augen lassen. Auf keinen Fall kann der junge Häuptling durch den dichten Kaktus entkommen; er muß den einzigen Weg wählen, der hindurchführt, und dabei auf diese Wächter treffen.“

„Was sollen wir thun, wenn er kommt?“

„Ihn festhalten.“

„Ich meine, wenn er sich wehrt?“

„Da muß natürlich Gewalt angewendet werden. Ich will ihn so viel wie möglich schonen, aber entkommen darf er auf keinen Fall. Wenn es nicht anders geht, muß er das Leben lassen. Ebenso streng hast du darauf zu sehen, daß keiner von seinen Comantschen entweicht.“

Nun war weiter nichts zu sagen, und wir ritten fort, als eben die dünne Sichel des Mondes am Horizonte erschien.

Ein nächtlicher Ritt durch die im Mondenscheine sich dehnende Wüste! Wie gern gönnte ich meinen lieben Lesern die hehren Empfindungen, welche die Menschenbrust dabei höher und höher schwellen lassen! Nur muß das Herz frei von Sorge und von allem sein, was es beklemmen und beengen kann.

Ich habe zuweilen geträumt, ich könne fliegen; der Körper ist vorhanden, hat aber weder Umfang noch Gewicht und scheint sich in eine durchaus rein geistige Potenz verwandelt zu haben, die frei in alle Richtungen streben kann, ohne durch den hindernislosen Raum gestört zu werden. So bin ich geschwebt hoch über der Erde hin, weit über sie hinaus, von Mond zu Mond, von Stern zu Stern, aus einer Unendlichkeit in die andre, von unaussprechlicher Wonne erfüllt. Das war aber nicht eine Wonne des Stolzes darüber, daß ich selbst es war, der den Raum besiegte, sondern die demütige und vertrauensvolle Seligkeit, daß allmächtige Liebe mich trug und immer weiter und weiter führte. Dann lag ich nach dem Erwachen noch lange geschlossenen Auges da, um mich langsam zu besinnen, daß es nur ein Traum gewesen und ich ein ohnmächtiger Knecht der Zeit und des Raumes sei.

Nicht so wie in einem solchen Traume, aber ähnlich ist es, wenn man auf leichtfüßigem Pferde oder Dromedar über die Wüste fliegt. Man kennt nichts Störendes, nichts Hemmendes, denn das einzige Hindernis, welches es giebt, ist der Boden, der hinter einem verschwindet und mehr einen Halt als eine Hemmung bietet. Das Auge haftet nicht auf ihm, sondern auf dem Horizonte, der sich wie eine sichtbare aber nicht zu greifende Ewigkeit immer von neuem gebiert; es richtet sich nach oben, wo zwischen den strahlenden Lichtern des Himmels immer andre und andre, immer mehr und mehr Lichter erscheinen, bis der Blick sie nicht mehr zu fassen vermag. Und wenn der Sehnerv an dieser Anfangs- und Endlosigkeit ermüdet, und die staunend erhobene Wimper sich niedersenkt, so währt die Unendlichkeit im eigenen Innern fort, und es entstehen Gedanken, die nicht auszudenken sind; es steigen Ahnungen auf, die man vergeblich in Worte fassen möchte, und es wallen und wallen Gefühle und Empfindungen empor, die man aber nicht einzeln zu fühlen und zu empfinden vermag, weil sie eine einzige, endlose Woge bilden, auf und mit welcher man weiter und weiter schwebt; immer tiefer und tiefer hinein in ein andächtiges Staunen und ein beglückendes Vertrauen auf die unfaßbare und doch allgegenwärtige Liebe, welche der Mensch trotz des Wörterreichtums aller seiner Sprachen und Zungen nur durch die eine Silbe anzustammeln vermag: – – Gott – – Gott – –Gott – –!

Könnte mir jemand eine Feder geben, aus welcher die richtigen Worte flössen, den Eindruck zu beschreiben, den ein solcher nächtlicher Wüstenritt auf ein gläubiges Menschenherz hervorbringt! Es senkt sich von den leuchtenden Sternen des Firmamentes eine große, himmlische Bestätigung nieder auf das Gemüt: Du hast das rechte Teil erwählet, und das soll nicht von dir genommen werden! Der aber, der seinen Gott verloren hat, der reitet durch Sand und Sand und wieder Sand; er sieht nichts als Sand; er hört ihn stunden- und stundenlang von den Hufen des Pferdes rieseln, und wie die traurige Öde sich vor ihm immer und immer erneut und ihm nichts bringt und bietet als Sand und wieder Sand, so giebt es in den verlorenen Tiefen seines Innern auch nur eine unsagbar elende Wüste, einen trostlosen, toten Sand, der keinem Hälmchen, keinem Würzelchen Leben bieten kann. Für solch einen Unglücklichen kann man nichts thun, als nur beten.

Wirklich? Kann man wirklich gar nichts, gar nichts für ihn thun, als nur beten?

Ich war, ohne daß ich darauf achtete, lange, lange Zeit vorangeritten, mich nur und ganz der stillen, wortlosen Anbetung hingebend, die mir die Hände gefaltet und die Zügel aus ihnen hatte sinken lassen. Da wurde ich aus ihr aufgestört; die Stimme des alten Wabble erklang neben mir:

„Sir, was treibt Ihr da? Ich glaube gar, Ihr betet?“

Die Worte klangen ironisch; ich antwortete nicht.

„Nehmt die Zügel auf!“ fuhr er fort. „Wenn Euer Pferd bei diesem Galoppe stolpert, könnt Ihr den Hals brechen!“

Ich hatte das Gefühl eines durstig Trinkenden, dem man den Becher von den Lippen reißt, um ihm Aloe hineinzuschütten.

„Was geht Euch mein Hals an!“ antwortete ich kurz und ärgerlich.

„Eigentlich nichts; das ist richtig; aber da wir hier zusammengehören, kann es mir nicht gleichgültig sein, ob Ihr im nächsten Augenblicke ein ganzes oder ein zerbrochenes Genick haben werdet.“

„Habt keine Sorge um mich; ich breche es nicht!“

„Sah aber ganz so aus. Wenn man so fesch und schlank dahinfliegt, legt man dem Pferde doch nicht die Zügel auf den Hals!“

„Wollt Ihr mich das Reiten lehren?“

„Fällt mir nicht ein; habe ja gesehen, daß ihr keinen Lehrer braucht. Was ich aber noch nicht gesehen habe, das ist ein Reiter, der mit gefalteten Händen reitet, als ob er in einem Bet- und Lamentierstuhle ritte. Das waret nämlich jetzt Ihr, Mr. Shatterhand.“

„Bet- und Lamentierstuhl? Wie kommt Ihr zu dieser Zusammenstellung?“

„Ist meine Ansicht, Sir.“

„So ist Beten und Lamentieren bei Euch dasselbe?“

Yes.“

„Hört, das ist ein dummer Scherz!“

„Scherz? Es ist mein Ernst!“

„Unmöglich! Welcher Mensch kann das Gebet als Lamentation bezeichnen!“

„Ich!“

Da zog es mein Gesicht mit einem Rucke nach ihm hin. Ich fragte:

„Ihr habt doch oft und viel gebetet?“

„Nein.“

„Dann aber doch zuweilen?“

„Auch nicht.“

„Wohl gar nie?“

„Nie!“ nickte er, und das klang fast wie ein Stolz in seinem Tone.

„Herrgott, das glaube ich nicht!“

„Glaubt’s, oder glaubt es nicht; mir gleich; aber ich betete noch nie.“

„Aber doch in Eurer Jugend, als Kind?“

„Auch nicht.“

„Hattet ihr denn keinen Vater, der von Gott zu Euch redete?“

„Nein.“

„Keine Mutter, die Euch die Hände faltete?“

„Nein.“

„Keine Schwester, die Euch ein kurzes Kindergebet lehrte?“

„Auch nicht.“

„Wie traurig, wie unendlich traurig! Es giebt auf dieser Gotteswelt einen Menschen, der über neunzig Jahre alt geworden ist und in dieser langen, langen Zeit noch nicht ein einziges Mal gebetet hat! Tausend Menschen könnten mir dies beteuern, ich würde es nicht glauben, ja, ich würde und könnte es nicht glauben, Sir.“

„Da ich selbst es sage, könnt Ihr es ruhig glauben.“

„Ruhig? Ich bin aber nicht ruhig dabei, ganz und gar nicht!“

„Wüßte keinen Grund für Euch, Euch durch eine so klare und einfache Sache, die mir sehr gleichgültig ist, in Eurer Ruhe stören zu lassen!“

„Gleichgültig? Ist Euch das wirklich so gleichgültig, Mr. Cutter?“

„Vollständig!“

„Entsetzlich!“

Pshaw! Habe nicht geahnt, daß Ihr ein solcher Betbruder seid!“

„Betbruder? Der bin ich nicht, wenn Ihr nämlich dieses Wort in dem Sinne meint, wie es von den Gottlosen genommen wird.“

„Ich meine es so, ganz genau so. Ob ich aber gottlos bin? Hm!“

„Das seid Ihr; los von Gott nämlich!“

„Hört, treibt’s nicht zu arg, Mr. Shatterhand! Ich bin ein Gentleman, kein Lump. Ich habe stets gethan, was ich für richtig hielt, und möchte den sehen, der mich im Ernst als gottlos bezeichnet!“

„So seht mich an!“

„Also ist’s wirklich Euer Ernst?“

„Mein völliger. Ihr habt stets gethan, was Ihr für richtig hieltet, seid also stets Euer eigener Gesetzgeber gewesen. Sollte es kein Gesetz geben, welches über Euerm Eigenwillen steht?“

„Hm! Die Gesetze der Vereinigten Staaten, nach denen ich mich richte.“

„Weiter keine?“

„Nein.“

„Giebt es nicht ethische, religiöse, göttliche Gesetze?“

„Für mich nicht. Ich bin geboren; das ist ein Fact. Ich bin geboren, wie ich bin; das ist ein zweites Fact. Ich kann nicht anders sein, als ich bin; das ist ein drittes Fact. Ich trage also nicht die geringste Schuld an dem, was ich bin und was ich thue; das ist das Hauptfact. Alles Andere ist Unsinn und Albernheit.“

„Hört, Mr. Cutter, Eure Logik hinkt auf allen Beinen!“

„Laßt sie hinken, Sir! Ich bin in das Leben hereingehinkt, ohne um Erlaubnis gefragt zu werden, und der Teufel soll mich holen, wenn ich nun meinerseits beim Hinaushinken irgend wen um Erlaubnis frage! Ich brauche dazu weder Religion noch Gott.“

Es war entsetzlich. Die Haare wollten sich mir bei diesen Worten sträuben, und ich hatte ein Gefühl, als ob mir jemand mit einem Eisstücke über den Rücken führe. Vor nur wenigen Minuten hatte ich mir den Ritt eines ungläubigen Menschen durch die Wüste gedacht, und jetzt war der Gedanke zur Wahrheit geworden! Dieser Greis, der nicht daran dachte, in welcher Nähe sich das Grab vor ihm befand, sprach Worte aus, welche für meine Ohren eine Lästerung enthielten, die mich schaudern machte!

„So glaubt Ihr nicht an Gott?“ fragte ich mit beinahe bebender Stimme.

„Nein.“

„An den Heiland?“

„Nein.“

„An ein Leben nach dem Tode?“

„Nein.“

„An eine Seligkeit, eine Verdammnis, welche ewig währt?“

„Fällt mir nicht ein! Was kann mir so ein Glaube nützen?“

Sollte ich über diese Worte traurig sein oder empört? Ich wußte es nicht; aber es kam etwas über mich, was mich zwang, ihm von meinem Pferde hinüber den Arm auf die Schulter zu legen und zu sagen:

„Hört, Mr. Cutter, ich habe Euch eine Teilnahme geschenkt, wie ich sie nicht jedem schenke; jetzt aber graut mir vor Euch! Dennoch will ich zu Euch halten und mich bemühen, Euch zu beweisen, daß Ihr Euch auf einem schrecklichen Irrwege befindet.“

„Was soll das heißen? ihr wollt mich belehren?“

„Ja.“

„In dem, was Ihr Religion nennt?“

„Ja.“

„Danke, danke sehr! Das müßte ich mir verbitten! Schon der Versuch würde mich beleidigen. Ihr habt vorhin gehört, was und wie ich denke. Mit Worten und Lehren darf mir keiner kommen; da bin ich zu alt und zu klug dazu. Ich habe Euch ein Fact nach dem andern genannt. Redensarten gelten bei mir nichts und wenn sie noch so schön klingen. Bei mir gilt das Fact als Beweis, sonst nichts.“

„Habt Ihr Religionsunterricht genossen?“

„Nein.“

„So könnt Ihr auch kein Urteil über den – –“

„Schweigt, oder bringt einen Fact!“ unterbrach er mich.

„Hört mich nur einige Minuten an, Mr. Cutter! Ich bin überzeugt, daß Ihr meine Worte – –“

„Keine Worte! Einen Fact will ich haben!“ fiel er mir wieder in die Rede.

„Ich werde ja gar nicht viele Worte machen, ich will nur eine Frage aussprechen, welche – –“

„Unsinn! Eine Frage ist kein Fact!“

Da lief mir denn doch die Galle über; ich hielt mein Pferd mit einem Rucke an, fiel ihm in die Zügel, daß er auch halten mußte, und ließ meinen Zorn, den ich nicht beherrschen konnte, reden:

„Fact, Fact und wieder Fact! Ihr habt vorhin allerdings ein Fact nach dem andern gebracht und scheint stolz auf die falsche Logik zu sein, mit welcher Ihr sie verbindet. Ihr sagt, daß Ihr weder Gott noch Glauben braucht; ich aber sage Euch und bitte Euch, meine Worte wohl zu merken: Es wird Euch, wie die heilige Schrift sagt, schwer werden, gegen den Stachel zu lecken, und ich sehe es kommen, daß der Herrgott Euch einen Fact entgegenschleudern wird, an welchem Ihr zerschellen müßt wie ein dünnes Kanoe am Felsenrande, wenn Ihr nicht zu der einzigen Rettung greift, die im Gebete liegt. Möge der, an den Ihr niemals glaubtet und zu dem Ihr niemals betetet, Euch dann gnädig und barmherzig sein!“

Ich erschrak jetzt fast selbst über den Ton, in welchem meine Worte weit hinaus in die Wüste klangen. Es konnte hier in dieser weiten Ebene kein Echo geben; dennoch war es mir, als ob sie schmetternd zu uns zurückgeworfen würden, wohl eine Folge meiner Erregung. Er aber ließ ein kurzes Lachen hören und antwortete:

„Ihr habt eine wunderbare Begabung zum Hirten, der seine Schäflein weidet, Sir, doch bitte ich Euch, mich nicht als Schaf zu betrachten! Old Wabble wird niemals ein frommes Lämmlein sein; th’is clear!“

Wie oft hatte mir dieses th’is clear heimlich Spaß gemacht; jetzt widerte und ekelte es mich an, und ich fühlte, daß auch er selbst sich um meine ganze Zuneigung gebracht hatte. Ich antwortete kalt:

„Lämmlein oder nicht; aber ich will nicht wünschen, daß einmal ein Augenblick kommt, an welchem Ihr Euch so rettungslos verloren seht, daß Ihr mich knieend bittet, Euer Hirt zu sein!“

„Würdet Ihr dann mein kniefälliges Flehen erhören und mich auf grüne Weide führen, mein frommer Sir?“

„Ja, das würde ich, und wenn ich mein Leben daran setzen müßte. Jetzt aber kommt weiter! Wir sind fertig!“

Old Surehand und infolgedessen die Apatschen waren nämlich auch halten geblieben. Wir trieben unsre Pferde wieder an. Old Wabble blieb hinter mir zurück, während Old Surehand sich an seiner Stelle an meiner Seite hielt, zunächst ohne ein Wort zu mir zu reden.

Ich war tief, tief – – was denn? Verstimmt? Nein, das war das richtige Wort nicht. Ich war traurig, traurig wie noch selten; ich fühlte ein unendliches, heiliges Mitleid mit dem Alten, trotz des Hohnes, den ich von ihm geerntet hatte. Keinen Vater, keine Mutter, keinen Bruder, keine Schwester! Keinen Unterricht, niemals, aber auch nicht ein einziges, allereinziges Mal gebetet! Das war der berühmte king of the cowboys! Meine Drohung war mir ganz absichtslos über die Lippen geflossen; ich hatte grad so und nicht anders sprechen müssen. War ich das Werkzeug eines höheren Willens? Als später diese Drohung fast wörtlich in Erfüllung ging, war es mir, als ob ich es sei, der durch diese Prophezeiung den schrecklichen Tod des Alten heraufbeschworen habe, und es dauerte lange, ehe die Vorwürfe, die ich mir darüber machte, zum Schweigen kamen.

Old Surehand ritt schweigend neben mir. Er hatte alles gehört und schien darüber nachzudenken. Erst nach längerer Zeit unterbrach er das Schweigen, indem er mir die Frage vorlegte:

„Darf ich Euch stören, Sir? Ich sehe, daß Ihr in Euch versunken seid.“

„Es ist mir ganz lieb, aus diesen Gedanken geweckt zu werden.“

„Ihr wißt, daß ich viel von Euch habe sprechen hören; dabei wurde stets auch das erwähnt, daß Ihr fromm seid.“

„Hat man unter fromm dabei verstanden, daß ich das, was ich denke und glaube, stets im Munde führe?“

„Nein, es war vielmehr das Gegenteil der Fall.“

„Hat man sich lustig über diese sogenannte Frömmigkeit gemacht?“

„Nie. Ihr pflegt ja Eure religiösen Ansichten mehr in Thaten als in Worten auszusprechen, und das imponiert. Ich habe Euch dann auch genau so gefunden. Ihr habt von Religion kein Wort zu mir gesprochen.“

„Ist auch nicht nötig!“

„Vielleicht doch!“

„Wieso?“

„Weil – – – hm! Sagt einmal, Sir, Euer Leben ist wohl, ich meine nämlich Euer inneres, stets ein sehr ruhiges und gleichmäßig verlaufendes gewesen? Ihr habt als Kind gehört, daß es einen Gott gebe, und an ihn geglaubt; dieser Glaube ist nie angetastet worden und lebt nun als schöner Kinderglaube noch in Eurem Herzen? Das denke ich und werde mich nicht irren.“

„Ihr irrt.“

„Wirklich?“

„Ja, Ihr irrt. Es giebt keinen Sieg ohne vorhergehenden Kampf. Mein inneres Leben ist fast nicht weniger ereignisvoll gewesen wie mein äußeres. Der Strom auch des Seelenlebens fließt nicht immer gleichmäßig zwischen seinen Ufern; er hat seine Wellen und Wogen, seine Klippen und Versandungen, seine Wassermängel und Überschwemmungen.“

„Also Ihr habt auch gekämpft?“

„Oft bis zur Anstrengung der letzten Kraft! Aber es ist mir mit diesem Kampfe stets heiliger Ernst gewesen. Es giebt Millionen Menschen, welche durch das Leben gehen, ohne nach Klarheit zu ringen; ob Gott oder nicht, das ist ihnen gleich; es ist das ein Leichtsinn, über den man weinen könnte. Mir aber ist der höchste, ja der einzige Zweck meines Daseins der gewesen, zur Erkenntnis zu gelangen. Ja, ich habe das unendliche Glück gehabt, gläubige Eltern zu besitzen. Ich war der Liebling meiner Großmutter, welche im Alter von sechsundneunzig Jahren starb; sie lebte in Gott, leitete mich zu ihm und hielt mich bei ihm fest. Das war ein wunderbarer, seliger Kinderglaube, voll hingebender Liebe und Vertrauen. Ich habe als Knabe des Abends und des Morgens und auch noch viel außerdem dem lieben Gott alle meine kleinen Wünsche und Bitten vorgetragen. Ich erinnere mich, daß einst ein Schwesterchen schlimmes Zahnweh hatte; kein Mittel half; da tröstete ich sie: Paulinchen, ich gehe jetzt hinaus in die Schlafstube und sag’s dem lieben Gott; paß auf, da hört’s gleich auf! Werdet Ihr mich auslachen, Sir, wenn ich Euch versichere, daß es wirklich aufgehört hat?“

„Fällt mir nicht ein! Wehe dem Menschen, der über so etwas zu lachen vermag!“

„Ich könnte Euch viel erzählen, von höchst sonderbaren Wünschen, die ich da dem lieben Gott vorgetragen habe; er hat seine Engel, und wenn es Menschen sind, auch solche Bitten zu erfüllen. Später als Schüler begann ich nachzudenken. Ich bekam ungläubige Lehrer, welche ihre Verneinung in einen anziehenden Nimbus zu hüllen wußten. Ich studierte hebräisch, aramäisch, griechisch, um die heilige Schrift im Urtexte zu lesen. Der Kinderglaube verschwand; der Zweifel begann, sobald die gelehrte Wortklauberei anfing; der Unglaube wuchs von Tag zu Tag, von Nacht zu Nacht, denn ich opferte meine Nächte dem frevelnden Beginnen, die Wahrheit durch meine eigene Klugheit zu erfassen. Welche Thorheit! Aber Gott war barmherzig gegen den Thoren und führte ihn auch auf dem Wege des Studiums zu der Erkenntnis, daß jener fromme Kinderglaube der allein richtige sei. Meine nachherigen Reisen brachten mich mit den Bekennern aller möglichen Anbetungsformen in Berührung. Ich besaß nicht jenes Christentum, welches sich über allen Andersgläubigen erhaben dünkt, sondern ich prüfte auch hier; ich studierte den Kuran, die Veda, Zarathustra und Cong-fu-tse. Diese Lehren konnten mich nicht ins Wanken bringen wie früher die Werke unserer großen Philosophen, welche noch heut in meiner Bibliothek glänzen, weil ich sie außerordentlich schone, indem ich sie fast nie in die Hand nehme. Mein Kinderglaube ist also durch zahlreiche Prüfungen gegangen; er hat sich in ihnen voll bewährt und wohnt mir darum doppelt unerschütterlich im Herzen.“

„Glaubt Ihr, ihm auch ferner treu zu bleiben?“

„Bis in den Tod und darüber hinaus!“

Es lag ein tiefer, dringlicher Ernst in der Weise, wie er fragte. Ich begann zu ahnen, daß dieser gewaltige Jäger auch in seinem Innern jage – – nach der Wahrheit, die er vielleicht noch nicht kennen gelernt hatte oder die ihm wieder entrissen worden war. Da hielt er mir die Hand herüber und bat:

„Gebt mir einmal Eure Hand, Sir, und versprecht mir bei Eurer Seligkeit und bei dem Andenken jener alten Großmutter, die Euch heut noch teuer ist, mir genau nur so zu antworten, wie Ihr wirklich denkt!“

„Hier meine Hand; ich verspreche es. Es bedarf gar nicht des Hinweises auf meine Seligkeit und des Andenkens an jene alte, liebe Frau, die ich einst wiedersehen werde.“

„Giebt – – es – – einen – – Gott?“

Er zog diese vier Worte weit auseinander und betonte jedes einzelne von ihnen. Ja, es war ihm Ernst, wahrer Ernst.

Er hatte gerungen und gekämpft, mit heißer Anstrengung, war aber noch nicht zum Siege gelangt.

„Ja,“ antwortete ich mit derselben Betonung.

„Ihr glaubt, Eure Großmutter wiederzusehen; es giebt also ein Leben nach dem Tode?“

„Ja!“

„Beweise!“

„Ich beweise es Euch, indem ich zwei Koryphäen vorführe, deren Kompetenz über allen Zweifel erhaben ist.“

„Wer sind diese Personen?“

„Eine sehr, sehr hochstehende und eine ganz gewöhnliche.“

„Nun also, wer?“

„Gott selbst und ich.“

Er senkte den Kopf und schwieg lange, lange Zeit.

„Beleidigt Euch die Zusammenstellung des allerhöchsten Wesens mit einem Sterblichen, der an Eurer Seite reitet?“ fragte ich endlich, da er noch immer nichts sagte.

„Nein, denn ich weiß, wie Ihr es meint. Also Gott?“

„Ja. Er spricht in seinen Worten und in seinen Werken. Wer beiden die Ohren und die Augen willig öffnet, der wird und muß zu der Erkenntnis gelangen, die ich jetzt ausgesprochen habe.“

„Und Ihr?“

„Es ist die Stimme meines Herzens.“

„Ihr sagt das so ruhig und einfach, und doch ist es etwas so Großes um diese Stimme. Wollte doch Gott auch mein Herz reden lassen!“

„Bittet Gott darum; er wird sie erklingen lassen!“

„Sie war früher lebendig; dann ist sie gestorben!“

Das klang so sehnsüchtig, so traurig.

„Ihr waret einst auch gläubig, Mr. Surehand?“

„Ja.“

„Und habt den Glauben verloren?“

„Vollständig. Wer giebt ihn mir zurück!“

„Derjenige, welcher die Gefühle des Herzens wie Wasserbäche lenkt, und derjenige, welcher sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Ihr ringt und strebt nach dieser Wahrheit, Sir; kein Nachdenken und kein Studieren kann sie Euch bringen; aber seid getrost, Sir, sie wird Euch ganz unerwartet und plötzlich aufgehen, wie einst den Weisen im Morgenlande jener Stern, der sie nach Bethlehem führte. Euer Bethlehem liegt gar nicht weit von heut und hier; ich ahne es!“

Er hielt mir die Hand abermals herüber und bat:

„Helft mir dazu, Mr. Shatterhand!“

„Ich bin zu schwach dazu; die wahre Hilfe liegt bei Gott. Es müssen schlimme Mächte gewesen sein, die Euch das raubten, was jedem Menschen das Höchste und das Heiligste sein soll.“

„Ja; es waren Ereignisse, die mir alles nahmen, auch den Glauben. Ein Gott, der die Liebe, die Güte, die Gerechtigkeit ist, kann das nicht zugeben; wenn es trotzdem geschieht, so giebt es keinen Gott.“

„Dieser Schluß ist ein Trugschluß, Sir.“

„Nein!“

„Doch! Ihr spracht nur von Güte, Liebe und Gerechtigkeit; wollt Ihr nicht auch an die Allweisheit denken? Ich weiß nicht, was geschehen ist, und will auch nicht darnach fragen; aber sagt mir nur das Eine, Mr. Surehand: Seid Ihr etwa ein Gott?“

„Nein.“

„Ihr scheint Euch aber für einen zu halten!“

„Wie so?“

„Weil Ihr Euch unterfangen habt, mit Gott zu rechten und zu hadern; das kann nur unter Gleichstehenden geschehen.“

„Uff!“ ließ er sich leise hören. Die Richtigkeit meiner Logik schien ihm einzuleuchten.

„Ja,“ fuhr ich fort, „ich klage Euch an, Euch überhoben zu haben, indem Ihr den Herrgott und sein Walten vor Euern Richterstuhl gezogen habt, Ihr, die Handvoll Staub, den allmächtigen Schöpfer und Erhalter aller Himmel, Erden und Sterne! Bedenkt doch, was das ist: der Wahnsinn einer Insektenlarve, die den Adler aus dem Äther zur Rechenschaft herunter vor ihr winziges Löchlein fordert! Und dieser Vergleich bezeichnet den Abstand zwischen Gott und Euch noch immer nicht treffend genug! Sind Euch die Bücher des Allmächtigen aufgeschlagen, daß Ihr seine Ratschlüsse kritisieren dürft? Ist es seinem Willen nicht möglich, das, was Euch bedrückt, in Wohlthat zu verwandeln? Kann er nicht jene Ereignisse, welche Euern schwachen, kurzsichtigen Augen als Unglück erschienen, zu einem Ende führen, welches Euch vor seiner Allweisheit in den Staub sinken läßt? Darf das Kind, wenn es die Rute des Vaters fühlt, zu ihm sagen: Komm her und rechtfertige dich vor mir?“

„Ich – – hatte – – diese Rute – – nicht verdient,“ antwortete er zögernd wie einer, der nur etwas sagen will.

„Nicht verdient! Seid Ihr der Mann, darüber zu entscheiden? Glaubt Ihr, der einzige Mensch zu sein, welcher meint, es sei ihm unrecht geschehen? Haben nicht Tausende und Abertausende mehr, viel mehr gelitten als Ihr? Denkt Ihr etwa, daß zum Beispiel mein Himmel stets nur voller Geigen gehangen habe? Was heißt, nicht verdient? Ich wurde als ein krankes, schwaches Kind geboren, welches noch im Alter von sechs Jahren auf dem Boden rutschte, ohne stehen oder gar laufen zu können. Hatte ich das verdient? Seht Old Shatterhand jetzt an! Ist dieses Kind in ihm noch zu erkennen? Bin ich nicht vielmehr ein lebendes Beispiel jener Weisheit, mit welcher Ihr gehadert habt? Ich bin dreimal blind gewesen und mußte dreimal operiert werden. Hatte ich das verdient? Wer aber kann sich, von Winnetou abgesehen, heut rühmen, die scharfen Augen Old Shatterhands zu besitzen? Ich habe nie gemurrt und geknurrt wie Ihr, sondern getrost meinen Herrgott über mir walten lassen, und wie hat er alles, alles so herrlich hinausgeführt! Ich habe als armer Schüler und später als Student wochenlang nur trockenes Brot und Salz gehabt, weil ich keinen Menschen hatte, der mir half, und zu stolz zum Betteln war. Ich mußte mich durch Privatunterricht ernähren, und während andere Studenten das Geld ihrer Väter mit ihrer Gesundheit und dadurch oft auch ihre ganze Zukunft verjubelten, hielt ich im Winter mein Buch zum Dachfenster meines Bodenstübchens hinaus, um meine Lektion im Mondenschein zu absolvieren, weil ich kein Geld zu Licht und Feuerung hatte. Hatte ich das verdient? Und doch bin ich niemals irgend jemandem einen Pfennig schuldig gewesen und habe nur zwei Gläubiger gehabt; die waren Gott und ich: Gott, der mir ein Pfund verliehen hatte, um es auszubilden, und ich, der ich die strenge Forderung an mich stellte, keine Stunde meines Lebens vergehen zu lassen, ohne mir sagen zu können, daß sie pflichtgetreu ausgenützt worden sei und mir Früchte getragen habe. Gott war gütig mit mir; ich aber habe nie einen so strengen Gebieter gehabt, wie ich mir selbst einer gewesen bin. Und dann später in den langen Jahren meiner Reisen, Wanderungen und Jagdfahrten habe ich mich wie oft, wie oft in Lagen befunden, in denen ich auch fragen konnte: Habe ich das verdient? Aber der Ausgang ist stets so gut und glücklich gewesen, daß ich in Dankbarkeit die Hände falten und sagen mußte- Nein, das habe ich nicht verdient!“

Ich machte eine Pause. Old Surehand sah still vor sich nieder und sagte kein Wort; darum fuhr ich lebhaft fort:

„Ihr werdet Euch darüber wundern, daß ich in solchem Eifer gesprochen habe; aber wenn ich jemanden von verdient oder nicht verdient reden und über sein Schicksal murren höre, so treibt es mich, ihm gegenüber dem, was er von sich denkt, zu sagen, was ich von mir halte: Ich habe vor Gott weder Rechte noch Verdienste, sondern nur Pflichten gegen ihn; ich muß ihm täglich dafür danken, daß er mich erschaffen hat, um mich in diesem irdischen Leben für ein höheres vorzubereiten.“

„Könnte ich das auch!“ seufzte er jetzt. „Ihr habt Euch durchgerungen und seid innerlich gefestigt. Mich aber treibt das Schicksal von Ort zu Ort; so habe ich auch innerlich den haltenden Anker verloren und die Heimat und bin ruhelos geworden.“

„Ihr werdet die Ruhe da finden, wo sie allein zu suchen ist; der Kirchenvater Augustinus von Tagaste mag es Euch zeigen; er sagt: Des Menschen Herz ist ruhelos, bis es ruhet in Gott! Und von dem Weltheilande sagt eines unsrer schönsten Kirchenlieder:

„Wie wohl ist mir, o Freund der Seelen,
Wenn ich in deiner Liebe ruh!
Ich traure nicht; was kann mich quälen?
Mein Licht, mein Trost, mein Heil bist du.“

„Die Ruhe, welche Ihr sucht, bleibt Euch unauffindbar außer in Gott und in der heiligen Religion. Und wenn Old Wabble vorhin in seiner sündigen Vermessenheit sagte, daß er beide nicht einmal zum Sterben brauche, so hoffe ich, daß Ihr ihn Euch nicht als Muster, sondern als abschreckendes Beispiel gelten laßt!“

„Keine Sorge, Mr. Shatterhand! Ich bin nicht ein Leugner und Verächter Gottes, sondern ich habe ihn verloren, und ringe darnach, ihn wiederzufinden.“

„Er wird Euch entgegenkommen und sich finden lassen.“

„Das hoffe ich von ganzem Herzen. Und nun laßt uns von diesem Thema abbrechen, sonst wird es mir zu viel auf einmal! Ihr seid vorhin streng mit mir verfahren, als Ihr mich an meine Nichtigkeit erinnertet; aber ich bin Euch dankbar dafür. Es ist mir, als ob ich Euch die Hände dankbar küssen müßte, denn es regt sich seit einer Viertelstunde etwas in meinem Herzen, was mich gemahnt wie eine Verheißung, daß mein Hoffen sich erfüllen werde. Ihr habt ein Licht entzündet, welches ich jetzt zwar in weiter, weiter Ferne sehe; aber rührt jetzt nicht daran, damit es nicht wieder verlösche: ich hege die Zuversicht, daß es mir immer näher kommen wird!“

Diese Worte machten mich glücklich. Sollte ich wirklich die Freude erleben, eine Seele durch meinen Fingerzeig zurechtgewiesen zu haben? Und zwar die Seele eines Mannes wie Old Surehand war! Es mußten außerordentliche und sehr traurige Verhältnisse gewesen sein, die ihn um seinen Glauben gebracht hatten. Er hielt sie geheim und sprach nicht von ihnen. Diese Verschwiegenheit war nicht etwa die Folge eines Mißtrauens gegen mich; er wollte nicht an den Wunden rühren, die wahrscheinlich noch heut in ihm bluteten. Hätte er doch gesprochen! Ich war, freilich ohne daß ich es wußte oder auch nur ahnte, in der Lage, ihm das Herz zu erleichtern und ihn auf die Spur zu bringen, nach welcher er lange, lange Zeit gesucht hatte, ohne sie entdecken zu können.

Unser Ritt nahm einen so ruhigen, ungestörten Verlauf, daß nichts über denselben zu sagen ist. Gegen Morgen hielten wir an, um unsre Pferde ausruhen zu lassen, und am späten Vormittage sahen wir links von uns die erste Stange und kamen auf die Fährte Winnetous und seiner Apatschen, zu denen Bloody-Fox nun sicher schon gestoßen war. Einen Kilometer von dieser Stelle entfernt steckte die zweite Stange, und indem wir diesen Pfählen folgten, gelangten wir sehr bald an unser Ziel.

Dieses, von den Apatschen, wie schon erwähnt, Gutesnontin-khai und von den Comantschen Suks-ma-lestavi genannt, was beides hundert Bäume bedeutet, lag am Rande der Wüste und war folgendermaßen beschaffen:

Die Grenze zwischen dem Llano und der westlich von ihm liegenden grünen Ebene verlief nicht in gerader Linie; sie war stellenweise sehr deutlich ausgesprochen, sonst aber kaum zu erkennen und bildete Aus- und Einbuchtungen, die bald nur klein und bald von großer Ausdehnung waren. Mit einer solchen kleinen Bucht hatte man es in Beziehung auf die hundert Bäume zu thun. Sie besaß die Gestalt eines Hufeisens, dessen ziemlich hoher Rand sich wie eine Böschung allmählich abwärts senkte. Im Hintergrunde entsprang ein Wasser, welches sich zunächst in einem Becken von vielleicht zwanzig Fuß Durchmesser sammelte und dann ostwärts abfloß, um nach und nach im Sande zu versiechen. Infolge der Feuchtigkeit gab es hier ein saftiges Gras, welches unsern Pferden sehr zu gute kam. Die Hufeisengestalt hob sich besonders dadurch von der Umgegend ab, daß die erwähnte Böschung bis hinauf auf ihre Höhe mit ziemlich dichtem Gebüsch bewachsen war, über welches dünnes Stangenholz zahlreich emporragte. Dieses Letztere hatte das Material zu den Pfählen geliefert, mit denen Schiba-bigk, allerdings vergeblich, bemüht gewesen war, den ihm nachfolgenden Comantschen den Weg nach der Oase des Llano zu bezeichnen. Man sah deutlich, wo er die Stangen abgeschnitten hatte, und überall lagen die Äste und Zweige zerstreut, welche unter den Messern seiner Leute gefallen waren.

Wir stiegen an der Quelle ab, um zunächst selbst zu trinken und dann auch die Pferde trinken zu lassen; sie thaten das in vollen Zügen und durften sich dann zerstreuen, um zu weiden. Dann lagerten wir am Wasser, und ich schickte vorsichtshalber einen Apatschen hinauf auf die Höhe, um westwärts Ausguck zu halten, damit wir nicht etwa von Vupa-Umugi überrascht würden.

Wir wollten hier nur für einige Stunden ausruhen; länger durften wir nicht verweilen. Als diese Zeit vergangen war, durften die Pferde nochmals trinken, und dann stiegen wir wieder auf, um uns nach dem Orte zu begeben, an welchem wir beabsichtigten, die Nacht zu verbringen.

Dieser lag ungefähr zwei englische Meilen nordwärts von den hundert Bäumen und bildete mitten in der Ebene eine Vertiefung, welche dem Thale des Sandes ähnelte, in dem wir Schiba-bigk mit seinen Leuten gefangen genommen hatten.

An diesem Orte gab es Sand und nichts als Sand, keinen einzigen Grashalm, und schon darum konnten die Comantschen kaum auf den Gedanken kommen, daß es irgend jemandem einfallen werde, dort eine ganze Nacht und vielleicht auch noch länger zuzubringen. Und außerdem gewährte diese Vertiefung auch noch deshalb ein fast ganz sicheres Versteck, weil ein Feind, wenn er sich nicht bis ganz an ihren Rand näherte, unmöglich sehen konnte, daß wir uns da befanden. Es gab überhaupt keinen Grund, der einen Comantschen veranlassen mochte, hierher zu kommen. In dieser Bodensenkung angelangt, hobbelten wir unsre Pferde an und legten uns in den tiefen, weichen Sand.

Natürlich stellten wir einen Posten aus, welcher oben auf der Höhe lag, um nach Vupa Umugi und seiner Schar auszuschauen.

Nach dem, was ich von Schiba-bigk erfahren hatte, war die Ankunft dieser Roten für heut abend zu erwarten. Ich wünschte sehr, daß sie nicht später kommen möchten, denn der Aufenthalt in unserm wasserlosen, traurigen Lagerorte war keineswegs ein angenehmer zu nennen.

Glücklicherweise erfüllte sich dieser Wunsch noch eher, als ich dachte, denn die Sonne hatte den Horizont noch lange nicht erreicht, als der erwähnte Posten von oben herunterrief.-

„Uff! Naiini peniyil – – die Comantschen kommen!“

Ich nahm mein Fernrohr und stieg mit Old Surehand hinauf. Trotzdem die Entfernung so groß war, daß wir nicht gesehen werden konnten, machten wir unsere Beobachtung nicht stehend, sondern liegend. Ja, sie kamen, und zwar in einer Weise, welche uns sagte, daß sie sich sehr sicher fühlten. Sie ritten nämlich nicht nach ihrer sonstigen Weise, besonders wenn sie sich auf dem Kriegspfade befinden, im sogenannten Gänsemarsche, sondern einzeln und in Trupps ganz nach Belieben neben- und hintereinander.

„Die wissen ganz genau, daß der Weg frei ist, und sind vollständig überzeugt, kein feindliches Wesen vor sich zu haben. Sie haben nicht einmal Kundschafter vorausgesendet,“ sagte Old Surehand. „Eigentlich ist das sehr unvorsichtig von ihnen.“

„Das meine ich auch,“ antwortete ich. „Ich an Vupa Umugis Stelle hätte Späher vorausgeschickt, um die hundert Bäume und ihre Umgebung absuchen zu lassen.“

„Gut, daß er das nicht thut; denn diese Kundschaftet würden wahrscheinlich unsre Fährte entdecken, die hierher führt.“

„Freilich! Ich habe mich eben auf seine Sorglosigkeit verlassen, sonst wären wir nicht direkt von dort nach hier geritten.“

„Man kann es von hier aus nicht deutlich sehen, ob es so ist, aber hoffentlich haben sie die gerade Richtung nach den hundert Bäumen. Sie brauchten gar nicht sehr weit nördlich abzuweichen, um uns hier zu finden.“

„Das thun sie sicher nicht!“

„Aber möglich ist es doch.“

„Kaum!“

„Ihr meint, daß sie die Spur von Schiba-bigk noch sehen können, und derselben folgen?“

„Nein. Sie sehen jetzt wahrscheinlich schon das Gebüsch vor sich am Horizonte. Und selbst wenn das nicht der Fall wäre, so würden sie sich auf ihre Pferde verlassen, welche die Feuchtigkeit der hundert Bäume schon in den Nüstern haben und sich sicher von ihr führen lassen.“

Die roten Reiter hatten, von uns aus gesehen, die scheinbare Größe kleiner Hunde, die ganz genau nach Osten liefen und, immer kleiner und kleiner werdend, endlich in dieser Richtung unsern Augen entschwanden.

Nun war es allerdings eine für uns sehr wichtige Frage, ob sie unsre Spuren finden würden. Eigentlich mußten sie sie sehen; es kam nur darauf an, ob sie sie beachteten. In diesem Falle nahm ich an, daß sie sie für die Spuren Schiba-bigks halten würden, und grad darum hatten wir unsre Stiefel gegen indianische Mokassins vertauscht.

Faßten sie Verdacht, so kamen sie ganz sicher sofort her zu uns geritten. Wir schauten also in großer Erwartung nach Süden aus, woher sie in diesem Falle kommen mußten; aber es verging eine Stunde und noch mehr, ohne daß sich jemand sehen ließ, und als dann die Sonne sank und die kurze Dämmerung anbrach, durften wir uns sagen, daß wir keine Entdeckung zu befürchten hätten. Wir verließen also den hohen Rand der Vertiefung und stiegen wieder hinunter zu unsern Leuten. Dort empfing uns Old Wabble mit den Worten:

„Also sie sind da. Eigentlich sollte man sich den Spaß machen, sie während der Nacht zu überrumpeln und niederzuschießen.“

„Das nennt Ihr einen Spaß?“ fragte ich.

„Warum nicht? Haltet Ihr es für etwas Trauriges, seine Feinde zu besiegen?“

„Nein; aber ebensowenig halte ich es für einen Spaß, anderthalb hundert Menschen umzubringen. Ihr kennt ja meine Meinung in dieser Beziehung. Wir lassen sie, so wie es ausgemacht worden ist, ruhig weiterziehen und schließen sie später ein. Da werden sie ohne alles Blutvergießen unser.“

„Weiterziehen, ja! Wenn sie das aber morgen früh nicht thun, sondern den ganzen Tag hier bleiben? Wo bekommen wir da das notwendige Wasser für uns und die Pferde her?“

„Sie bleiben nicht; darauf könnt Ihr Euch verlassen. Es kann ihnen gar nicht einfallen, einen ganzen Tag zu verlieren. Und selbst wenn ihnen ein solcher Zeitverlust gleichgültig wäre, müßten sie schon morgen früh die hundert Bäume verlassen, um dem Militär Platz zu machen.“

„Ob dieses aber kommen wird?“

„Das werden wir sehr bald erfahren.“

„Von wem?“

„Von den Comantschen.“

„Wollt Ihr sie belauschen?“

„Ja.“

„Herrlich, herrlich! Da gehe ich mit!“

„Ist nicht nötig!“

„Wenn auch nicht nötig, aber ich gehe doch mit!“

„In einer Lage, wie die unsrige ist, hat man nur das Nötige zu thun und alles andre zu unterlassen. Man begiebt sich sonst in Gefahren, die man leicht vermeiden kann.“

„Ist es keine Gefahr, wenn Ihr lauschen geht?“

„Unter Umständen allerdings.“

„Und ist es da nicht geraten für Euch, jemand mitzunehmen, der Euch helfen kann?“

„Helfen? Hm! Wolltet etwa Ihr mir helfen?“

Yes.“

„Danke! Ich verlasse mich viel lieber auf mich als auf Euch, Mr. Cutter.“

„So wollt Ihr wirklich allein gehen?“

„Nein. Mr. Surehand wird mich begleiten.“

„Aber warum denn nicht ich?“

„Weil ich so will. Damit mag diese Angelegenheit abgethan sein.“

„Also habt Ihr zu ihm mehr Vertrauen als zu mir?“

„Ob dies der Fall ist oder nicht, das ist gleichgültig; ich nehme ihn mit, und Ihr bleibt hier!“

Ich sah es ihm an, daß er eine zornige Entgegnung auf den Lippen hatte; er beherrschte sich aber und schwieg. Er mit seiner Unvorsichtigkeit wäre der letzte gewesen, den ich mit zu den Comantschen hätte nehmen mögen!

Da ich annahm, daß diese morgen früh zeitig aufbrechen würden, war vorauszusehen, daß sie sich heut zeitig schlafen legten. Also durfte ich nicht lange warten, falls ich sie belauschen und wirklich etwas erfahren wollte. Darum ließ ich nach dem Einbruche der völligen Dunkelheit nicht mehr als eine Stunde vergehen, um mich mit Old Surehand auf den Weg zu machen. Später, wenn der Mond aufging, war es schwerer als jetzt, unentdeckt zu bleiben.

Wir benutzten unsere eigene Fährte als Weg und wendeten uns, bei den hundert Bäumen angekommen, zunächst nach der Höhe der Hufeisenbucht, um, wie die Vorsicht es erforderte, nachzuforschen, ob dort Wachen standen. Es dauerte sehr lange, ehe wir den ganzen Halbkreis abgesucht hatten, ohne einen Comantschen zu entdecken. Vupa Umugi hatte hier oben keine Posten ausgestellt; er mußte seiner Sache außerordentlich sicher sein.

Unten am Wasser brannten mehrere kleine Feuer, die durch die abgeschnittenen Äste und Zweige unterhalten wurden, die wir hatten herumliegen sehen. An der Quelle schien der Häuptling mit seinen hervorragendsten Kriegern zu sitzen; die andern hatten sich zu beiden Seiten des Wasserlaufes gelagert, wie weit hinaus, das konnten wir nicht sehen. Auch die Pferde sahen wir nicht; es war jetzt noch zu dunkel dazu. Ob da unten, nach dem Llano hin, Posten standen, das entging unsern Augen ebenso, konnte uns aber gleichgültig sein, weil wir nach dieser Seite hin nicht kamen.

Es war unsre Aufgabe, uns dem Häuptlinge möglichst weit zu nähern, um ihn günstigen Falles sprechen zu hören. Wir machten uns also in das Gesträuch und krochen, Old Surehand hinter mir her, zwischen den Büschen die Böschung hinab. Dies war nicht sehr leicht, weil sich unter unsern Füßen jeden Augenblick ein Teil des sehr lockeren Bodens lösen und durch das beim Hinabrollen verursachte Geräusch uns verraten konnte. Die Indianer verhielten sich so ruhig, daß ein solches Geräusch unbedingt gehört werden mußte. Ich setzte also bei jedem Schritte den Fuß erst tastend voran, um die betreffende Stelle durch das Gefühl zu untersuchen. Es ging also langsam, sehr langsam, und es war während dieses Hinabsteigens gewiß eine Stunde vergangen, als wir endlich hinter einem dichten Strauche lagen, welcher dem Quell so nahe stand, daß wir die daran lagernden Roten sprechen hören konnten – -wenn sie überhaupt sprachen.

Sie sprachen aber nicht. Sie saßen stumm und bewegungslos bei einander und sahen in die glimmende Helle des kleinen Feuers, an welchem, wie der noch bemerkbare Geruch uns zeigte, Fleisch gebraten worden war. Wir warteten eine Viertelstunde und noch eine; es blieb so still wie bisher, und man hätte meinen können, es mit leblosen Figuren zu thun zu haben, wenn nicht einer der Indsmen den Arm zuweilen bewegt hätte, um einen Zweig in das Feuer zu legen. Schon stieß Old Surehand mich an, ein fühlbares Fragezeichen, ob es nicht besser sei, wieder zu gehen, da ertönte draußen außerhalb des Lagers plötzlich ein lauter Ruf, dem mehrere andre Rufe folgten. Da draußen standen also doch Posten, und diese schienen etwas Auffälliges bemerkt zu haben, denn die Rufe mehrten sich und wurden so dringend, daß sie das ganze Lager alarmierten. Vupa Umugi sprang auf, und die bei ihm Sitzenden thaten ebenso. Der Lärm wurde größer, und das Rufen war bald hier und bald dort zu hören. Es klang genau so, als ob jemand gejagt werde, den man fangen wolle. Es bemächtigte sich meiner eine Besorgnis, die ich nicht von mir weisen konnte, obwohl ich es gern wollte.

„Was mag das sein?“ fragte mich Old Surehand leise.

„Es klingt, als ob ein Mensch hin und her getrieben würde,“ antwortete ich ebenso flüsternd.

„Ja, es ist jemand, der gefangen werden soll; ich irre mich nicht; man kann es deutlich hören. Wer aber mag es sein? Sollte – – – –?“

Er sprach die Frage nicht aus.

„Was wolltet Ihr sagen?“ fragte ich.

„Nichts, Sir. Es wäre wirklich zu toll von ihm!“

„Von wem?“

„Von – – doch nein, es ist nicht möglich!“

„Es ist möglich. Ich weiß, wen Ihr meint.“

„Nun, wen?“

„Old Wabble.“

„Teufel! Auch Ihr denkt es?“

„Es ist ihm zuzutrauen.“

„Ja, er ist auf das Anschleichen geradezu versessen, und da er vorhin gar so gern mit wollte, so – – horcht!“

Es war ein Ruf, der linker Hand draußen erscholl:

„Sus taka – – ein Mann!“

Und gleich darauf hörten wir von rechts, jenseits des Gebüsches her, rufen:

„Sus kava – – ein Pferd!“

Dann wurde es still; aber wir bemerkten, mehr mit den Ohren als mit den Augen, eine Bewegung, welche sich uns näherte. Es wurde von links und dann auch von rechts her jemand oder etwas gebracht. Wer oder was mochte es sein?

Um dies zu erfahren, brauchten wir gar nicht lange zu warten. Die Befürchtung, welche wir ausgesprochen hatten, erfüllte sich zu unserm Schrecken. Eine Anzahl von Comantschen brachten – – Old Wabble geführt; er war entwaffnet und mit Riemen streng gefesselt. Und einige Augenblicke später wurde auch sein Pferd gebracht. Er war uns also gefolgt, und zwar zu Pferde. Welch ein Unsinn! Daß ihm solche Eigenmächtigkeiten zuzutrauen waren, das wußte ich aus Erfahrung; daß er sich aber vornehmen werde, zu Pferde anzuschleichen, eine solche Dummheit hätte ich ihm denn doch nicht zugetraut.

Er brachte uns durch diese Albernheit nicht nur in große Verlegenheit, sondern in die augenscheinlichste Gefahr. Die Comantschen mußten sich doch sagen, daß er nicht allein hier sein könne, sondern Gefährten bei sich haben müsse. Die Sorge um uns selbst erforderte eigentlich, daß wir uns sofort entfernten; aber konnten oder durften wir das? Mußten wir nicht vielmehr bleiben, um zu erfahren, was geschah? Der Alte war trotz seiner großen Unvorsichtigkeit ein pfiffiger Kerl; vielleicht kam er auf eine Aussage, weiche den Verdacht der Roten ablenkte.

„Uff, Old Wabble!“ rief Vupa Umugi aus, als er den Alten erblickte. „Wo habt ihr ihn ergriffen?“

Der Rote, an den diese Frage gerichtet war, antwortete:

„Er lag mit dem Bauche im Grase und schlich durch dasselbe wie ein Coyote, der auf Raub ausgeht. Und unsre Pferde wurden unruhig, denn sie rochen das seinige, welches er da draußen jenseits unsrer Posten angepflockt hatte.“

„Hat er sich gewehrt?“

Pshaw! Er wollte fliehen, und wir jagten ihn wie einen räudigen Hund hin und her; als wir ihn dann ergriffen, wagte er nicht, sich zu verteidigen.“

„Habt ihr noch andre Weiße gesehen?“

„Nein.“

„So geht und sucht nach Spuren von ihnen. Dieses alte Bleichgesicht kann sich nicht ganz allein hier am Rande des Llano estacado befinden.“

Der Krieger ging, um in diesem Sinne nachzuforschen, und der Häuptling setzte sich mit seinen Leuten so ruhig nieder, als ob nicht das geringste vorgekommen wäre. Er sah Old Wabble, der, von zwei Roten gehalten, vor ihm stand, mit drohendem Blicke an, zog sein Messer, stieß es vor sich in die Erde und sagte dann zu ihm.

„Hier steckt das Messer des Verhöres, Es kann dich töten, dir aber auch das Leben lassen. Du hast das in deiner Hand. Wenn du die Wahrheit sagst, wirst du dich retten.“

Das Auge des king of the cowboys schweifte herüber in das Gebüsch; es suchte nach uns, aber glücklicherweise nur mit einem kurzen Blicke. Hätte er sich in dieser Beziehung nicht beherrscht, so hätte er uns sehr leicht verraten können.

„Wo hast du deine Begleiter?“ fragte der Häuptling.

„Ich habe keine,“ antwortete der Alte.

„Du bist allein?“

„Ja.“

„Das ist eine Lüge!“

„Es ist die Wahrheit!“

„Wir werden sie suchen und finden.“

„Ihr werdet niemand finden.“

„Wenn es sich herausstellt, daß du lügest, wirst du schuld sein an dem harten Tode, den ihr erleiden werdet.“

„So laß nur suchen; ich habe nichts dagegen!“

„So sage mir, was du hier am Rande des Llano estacado zu schaffen hast! Wirst du etwa die Ausrede machen, daß du hierhergekommen seist, um zu jagen?“

„Nein, so dumm ist Old Wabble nicht. Aber dennoch möchte ich es sagen, denn es ist wirklich wahr.“

„Was könntest du jagen wollen? Es giebt hier kein Wild.“

„Es giebt welches, und zwar viel.“

„Welcher Art?“ lachte Vupa Umugi verächtlich.

„Rotwild.“

„Uff!“

„Ja, Rotwild, nämlich Indianer. Ich kam hierher, um euch zu jagen.“

Er war sehr kühn. Wahrscheinlich verließ er sich auf uns. Er schien überzeugt zu sein, daß wir in der Nähe steckten und ihn hörten. Und sehr wahrscheinlich nahm er es als ganz selbstverständlich an, daß wir ihn nicht in seiner jetzigen unglücklichen Lage stecken lassen würden. Es war aber vorauszusehen, daß er sich in dieser Beziehung täuschte. Hatte er sich, was ganz wörtlich zu nehmen war, „hineingeritten“, so mochte er nun zunächst selbst sehen, wo er blieb; wir mußten vor allen Dingen für uns selbst sorgen und darauf bedacht sein, nicht auch ergriffen zu werden. Wir durften nicht, um ihn zu befreien, unser Leben wagen und dabei das Gelingen unsres ganzen schönen Planes so leichtsinnig, wie er es gethan hatte, in die Schanze schlagen.

Die mutige Antwort des Alten hatte den Häuptling frappiert; man sah es ihm an. Er zog die Brauen finster zusammen und sagte in drohendem Tone:

„Old Wabble mag sich ja hüten, meinen Zorn zu erwecken!“

„Wozu diese Drohung? Du hast ja gesagt, daß ich die Wahrheit sagen soll.“

„Ja; aber du sprichst sie nicht!“

„Beweise das!“

„Hund, wie kannst du, der du unser Gefangener bist, Beweise von mir verlangen! Deine eigene Rede ist der Beweis, der dich überführt. Du sagst, du seist gekommen, uns zu jagen. Kann ein einzelner Mann zehnmal fünfzehn rote Krieger jagen?“

„Nein.“

„Und doch behauptest du, allein hier zu sein!“

„Das ist auch wahr; ich bin nur als Kundschafter hier; die andern kommen nach. Und ich warne euch! Wenn ihr mir etwas thut, werden sie mich blutig an euch rächen.“

Pshaw! Wer sind die Leute, mit denen du es wagst, uns zu drohen?“

„Ich sollte es eigentlich nicht sagen, denn ihr habt keine Ahnung davon, daß sie euch auf den Fersen sind; aber es macht mir Spaß, euch schon jetzt die Augen zu öffnen, was kein Fehler von mir ist, weil es ganz unmöglich ist, daß ihr ihnen entgehen könnt.“

Er zog sein altes, faltenreiches Gesicht in eine triumphierende Miene und fuhr fort:

„Kennst du den Häuptling Nale-Masiuv?“

„Natürlich kenne ich ihn.“

„Er hat es gewagt, weiße Reiter anzugreifen und ist geschlagen worden.“

„Uff!“ antwortete Vupa Umugi, mehr nicht.

„Er ist dann so unvorsichtig gewesen, Boten zu euch zu senden. Das Militär hat die Fährte derselben entdeckt und ist ihr gefolgt.“

„Uff!“

„Die Soldaten sind durch die Fährte zum blauen Wasser geführt worden, wo euer Lager war. Ihr hattet dasselbe schon verlassen; da sind sie hinter euch her, und mich haben sie vorangesandt, um als Kundschafter zu entdecken, wo ihr heut Lager macht. Ihr habt mich zwar gefangen, werdet mich aber wieder freigeben müssen, denn sie kommen mir nach und werden euch bis auf den letzten Mann vernichten!“

„Gott sei Dank!“ rief ich in meinem Innern aus; denn dies war die beste, ja die einzige Ausrede, die er machen konnte. Nur auf diese Weise war es möglich, ihren Verdacht von uns abzulenken und sie glauben zu lassen, daß er wirklich allein gekommen war. Ja, er war ein alter, pfiffiger Kerl, was aber den Zorn, den ich gegen ihn hegte, nicht im mindesten abschwächen konnte.

Vupa Umugi machte eine wegwerfende Handbewegung und sagte:

„Old Wabble mag ja nicht zu viel und zu früh triumphieren. Er wird der Indianertöter genannt, und wir alle wissen ganz genau, daß noch nie ein roter Krieger vor seiner Kugel oder seinem Messer Gnade gefunden hat. Wir sind sehr froh, ihn erwischt zu haben, und werden uns sehr hüten, ihn freizugeben; er wird vielmehr ganz sicher am Marterpfahle sterben und mit den größten, ausgesuchtesten Schmerzen alle die Morde büßen, die er begangen hat!“

„Das sagst du jetzt; es wird aber ganz anders kommen,“ entgegnete Cutter im Tone der Überlegenheit.

„Hund, sei nicht so keck!“ fuhr ihn der Häuptling an. „Glaubst du wirklich, uns etwas für uns Neues gesagt zu haben? Wir wissen längst, daß die weißen Soldaten mit Nale Masiuv gekämpft haben. Sie sind Sieger geblieben, aber für kurze Zeit, denn er hat heimgesandt und noch weitere hundert Krieger kommen lassen.“

„Ah!“ rief Old Wabble aus, indem er sich enttäuscht stellte.

„Ja,“ fuhr der Häuptling fort, nun seinerseits triumphierend. „Und ebenso genau wissen wir, daß diese weißen Hunde hinter uns her sind. Wir selbst haben das ja so gewollt, denn wir haben sie uns nachgelockt, um sie zu verderben.“

„Du machst da einen großen Mund und sagst das nur, um mir Angst zu machen, was dir aber nicht gelingen wird.“

„Schweig! Was ich sage, das ist wahr! Ihr wollt uns vernichten, werdet aber selbst bis auf den letzten Mann getötet werden!“

Pshaw!“

„Schweig! Ich sage dir, daß wir euch eine Falle gestellt haben, aus welcher kein Entkommen ist.“

„Ja, vielleicht, wenn wir so dumm sind, hineinzulaufen.“

„Du bist ja schon hineingelaufen; du befindest dich ja schon drin!“

„Um so aufmerksamer und vorsichtiger werden die weißen Soldaten sein.“

„Sie laufen auch hinein; sie können gar nicht anders.“

„Oh!“

Dieser wegwerfende Ausdruck des Unglaubens machte den Häuptling noch zorniger; er fuhr den Alten an:

„Wenn du noch ein einziges solches Wort sagst, werde ich dir den Mund stopfen lassen. Wir sind nur darum von dem blauen Wasser hierher geritten, damit die Soldaten uns folgen sollen. Wir werden auch dieses Lager verlassen, um sie in die Wüste zu führen, wo sie elend umkommen müssen.“

„Umkommen? Sie werden kämpfen und euch besiegen!“

„Es wird zu gar keinem Kampfe kommen. Wir locken sie tief in den Sand hinein, wo es kein Wasser giebt; dort werden sie verschmachten, ohne daß ihnen ihre Waffen etwas nützen.“

„Sie werden sich hüten, sich von euch irreleiten zu lassen.“

„Sie werden es thun; ich weiß das genau. Denkst du, daß wir keine Augen und keine Ohren haben? Sie lagern in dieser Nacht nur einige kurze Reitstunden hinter uns und werden einige Zeit nach Tagesanbruch hier ankommen. Da sind wir schon fort, und sie werden uns folgen. Hinter ihnen aber kommt dann Nale-Masiuv mit viel mehr als hundert Kriegern. Dadurch geraten sie zwischen ihn und uns, zwischen den Hunger, den Durst und unsre Gewehre und werden auf das elendeste umkommen müssen.“

Thunder-storm!“ rief Old Wabble in einem Tone aus, als ob er sehr erschrocken sei.

„Ja, da fährt dir das Entsetzen in die Glieder!“ lachte der Häuptling grimmig. „Du mußt einsehen, daß ihr verloren seid. Aber ich habe noch ein andres Wort mit dir zu sprechen. Wo sind die Bleichgesichter, die sich am blauen Wasser bei dir befanden?“

„Bleichgesichter? Wen meinst du da?“

„Old Shatterhand.“

„Ah, den!“

„Ja, den. Auch Old Surehand, den ihr uns entrissen habt, und die andern alle.“

„Wo die sind, weiß ich nicht.“

„Lüge nicht!“

„Ich lüge nicht. Wie kann ich wissen, wo sie sind?“

„Sie waren doch bei dir!“

„Ja, an diesem einen Tage; dann haben wir uns von einander getrennt.“

„Das machst du mich nicht glauben. Du willst mir verschweigen, daß sie sich bei den Soldaten befinden!“

„Bei den Soldaten? Fällt ihnen nicht ein. Old Shatterhand ist nicht der Mann, sich zu solchen Leuten zu gesellen und seine Selbständigkeit dadurch einzubüßen. Oder glaubst du vielleicht, daß er sich dazu erniedrigt, ihren Spion zu machen?“

„Old Shatterhand ist stolz,“ gab der Häuptling zu.

„Nicht bloß das. Er ist ein Freund sowohl der Weißen als auch der Roten. Wird er sich da wohl in den Streit mengen, der zwischen ihnen ausgebrochen ist?“

„Uff, das klingt wahr.“

„Und hat er nicht am blauen Wasser Frieden mit dir geschlossen?“

„Auch das ist richtig. Aber wo befindet er sich?“

„Er ritt den Rio Pecos hinab, um in den Wohnungen der Mescalero-Apatschen mit Winnetou zusammenzutreffen.“

„Ritt er allein?“

„Nein, die andern alle begleiteten ihn.“

„Warum du nicht auch?“

„Weil ich zu den Soldaten wollte, deren Scout ich jetzt bin.“

„Solltest du wirklich so allein geritten sein? Das glaube ich nicht. Deine letzteren Worte erregen meinen Verdacht aufs neue. Old Shatterhand ist bei euch!“

„Nein!“

„Ich bin überzeugt davon!“

„Ich habe Vupa Umugi für weit klüger gehalten, als er sich jetzt zeigt. Sieht er denn nicht ein, daß er sich mit seinem Mißtrauen eine große Blöße giebt?“

„Nein.“

„Das bedaure ich. Ist Old Shatterhand während eines Kriegszuges nicht mehr wert als hundert Krieger? Und ist Old Surehand ihm in dieser Beziehung nicht gleich? Wenn sich so berühmte Männer bei uns befänden, würde ich es dir da nicht sagen, um dir Angst zu machen, dich an mir zu vergreifen?“

„Uff!“ nickte der Häuptling zustimmend.

„Es würde für mich ein großer Vorteil sein, wenn ich dir mit diesen beiden Bleichgesichtern drohen könnte. Wenn ich das nicht thue, mußt du einsehen, daß sie wirklich nicht mit bei uns sind.“

„Uff!“ erklang es abermals bejahend.

„Also, wollte ich eine Lüge erfinden, so würde ich doch lieber sagen, daß diese beiden kommen werden, um mich zu retten, als daß ich dies verneine. Wenn Vupa Umugi das nicht einsieht, steht es schlimm um seinen Verstand.“

„Was geht dich mein Verstand an, Hund! Ich weiß nun, woran ich bin, und es wird darauf ankommen, ob meine Krieger, welche jetzt die ganze Gegend nach Gefährten von dir absuchen, jemand finden oder nicht. Auf alle Fälle aber bist du verloren. Denke nicht, daß wir dich sofort töten! So leicht kommt der Indianermörder nicht davon. Wir nehmen dich mit, denn unser ganzes Volk soll dich sterben sehen und über deine Qualen jubeln. Auch sollst du bei uns sein, um mit eigenen Augen dich zu überzeugen, daß ich die Wahrheit sagte, als ich behauptete, daß die bleichen Soldaten in der Wüste elend umkommen werden. Nun, was ist’s, was hast du zu melden?“

Er richtete diese Frage an einen Roten, der jetzt herbeigeritten kam und vom Pferde sprang. Dieser antwortete:

„Wir haben die ganze Gegend umkreist und abgesucht, doch niemand gefunden. Dieses Bleichgesicht hat sich also ganz allein in unsre Nähe gewagt.“

„Er wird das Wagnis mit dem Leben bezahlen. Bindet ihm nun auch die Füße, und fesselt ihn so eng, daß er sich nicht bewegen kann! Fünf Krieger mögen ihn bewachen und mit ihren Köpfen für ihn haften. Auch mögen Wachen den Rand da oben hinter uns besetzen, damit wir uns keiner Unvorsichtigkeit schuldig machen!“

Diese Unvorsichtigkeit hatte er freilich schon begangen und uns dadurch die heimliche Annäherung bedeutend erleichtert. Nun galt es, uns sehr schnell zu entfernen und ja nicht zu warten, bis die Posten sich da oben aufstellten, sonst liefen wir Gefahr, von ihnen entdeckt zu werden. Wir krochen also schleunigst, doch möglichst leise, die Böschung hinauf, wobei wir uns freilich nicht so viel Zeit nehmen konnten, wie vorhin beim Abwärtssteigen.

Oben angekommen, eilten wir zunächst mit schnellen Schritten so weit fort, daß wir fern genug waren, um nicht gesehen und gehört zu werden; dann konnten wir diese Eile mäßigen.

„Jetzt, Sir, was sagt Ihr dazu?“ fragte mich Old Surehand.

„Fatal, ja weit, weit mehr als fatal!“ antwortete ich.

„Das ist ein sehr böser Streich, den uns der Alte da wieder gespielt hat.“

„Glücklicherweise für ihn böser als für uns.“

„Ja. Nachdem das Unglück einmal fertig war, hat er sich gar nicht übel benommen.“

„Es ist schade, jammerschade um ihn! Er ist sonst ein ganz tüchtiger Kerl, und wenn er nicht die Angewohnheit hätte, so sinnlos selbständig zu handeln, wäre er sehr gut zu brauchen. So aber muß man mit ihm vorsichtiger als mit irgend einem Greenhorn sein. Er ist ein Mensch, der am besten für sich allein bleibt, denn jeder Gesellschaft, der er sich anschließt, muß er gefährlich werden.“

„Er verläßt sich natürlich auf unsre Hilfe.“ „Selbstverständlich. Wir sollen ihn herausholen.“

„Wird das gehen?“

„Ja. Wir dürfen ihn nicht verlassen.“

„So wollt Ihr ihn noch im Laufe dieser Nacht befreien?“

„Nein, das ist unmöglich.“

„Hm! Ich denke, Euch ist auch das nicht zu schwer.“

„Dank für dieses Vertrauen! Wenn ich von einer Unmöglichkeit sprach, so habe ich nicht die Befreiung an sich selbst gemeint. Warum sollten wir ihn nicht noch in dieser Nacht losmachen können, Ihr und ich? Ich glaube, wir haben noch ganz andre Dinge fertig gebracht. Das Leben wäre freilich dabei zu riskieren, doch bin ich überzeugt, daß es gelingen würde. Aber die Roten würden erfahren, daß wir hier sind, und das dürfen sie nicht. Sollen wir unser ganzes schönes, wohlüberlegtes Unternehmen eines Mannes wegen in Frage stellen, der es wiederholt gefährdet, indem er immer und immer neue Dummheiten begeht?“

„Nein.“

„Es handelt sich jetzt nicht um sein Leben; das haben wir gehört. Er ist freilich nicht grad auf Rosen gebettet; das hat er sich aber selbst zuzuschreiben und mag als wohlverdiente Strafe gelten. Die Roten mögen ihn mitnehmen; wir können das nicht ändern. Später, wenn sie in der Falle stecken, werden sie ihn freigeben müssen.“

„Wenn sie ihn nicht als Geisel betrachten.“

Pshaw! Darauf gehen wir natürlich nicht ein.“

„Es ist mir völlig unbegreiflich, daß ein Mann, noch dazu von seinem Alter, fortgesetzt derartige Streiche auszuführen vermag. Gute Lehren hat er genug bekommen.“

„Die haften nicht, weil es bei ihm geradezu an der Möglichkeit fehlt, sich unterzuordnen.“

„Uns nachzukommen, um sich auch anzuschleichen! Und gar zu Pferde! Das kann man nicht anders als verrückt nennen! Meint Ihr nicht auch, Sir?“

„Ja; aber wie bei jedem Unglücke ein Glück zu sein pflegt, so auch hier, denn wir können sehr froh sein, daß er das Pferd bei sich hatte.“

„Warum?“

„Weil die Comantschen sicherlich danach gesucht und nicht eher geruht hätten, als bis sie wußten, woran sie waren.“

„Ah! Da hätten sie uns entdeckt!“

„Gewiß. So unbegreiflich es mir ist, daß jemand auf den verrückten Gedanken kommen kann, sich im Sattel anzuschleichen, so zufrieden bin ich jetzt damit, daß es geschehen ist. Der Häuptling ist beruhigt und wird nicht suchen lassen.“

„Hm! Wollen es hoffen!“

„Ich bin überzeugt davon. Selbst wenn sein Mißtrauen zurückkehren sollte, hat er keine Zeit, lange Forschungen anzustellen. Wir haben ja gehört, daß die Kavallerie zeitig kommen wird. Da muß er fort sein.“

„Das ist glücklicherweise wahr, und wir können sagen, daß wenigstens wir beide unsre Zwecke erreicht haben. Erst hatte es gar nicht den Anschein, als ob wir etwas hören und erfahren würden, und erst das Erscheinen des alten Wabble öffnete dem Häuptlinge den Mund. Also haben wir Cutter es zu verdanken, daß wir etwas erlauschten. Wir könnten das für ihn als Milderungsgrund gelten lassen, wenn wir geneigt sein sollten, ihm zu verzeihen.“

„Danke! Ich habe ihm schon oft genug verziehen; das hört nun auf. Hier giebt es keinen Milderungsgrund. Wo es sich wieder und immer wieder um die Freiheit und das Leben handelt, wäre es der reine Selbstmord, wenn man sich nicht gegen derartige Gefahren schützte. Und der einzige Schutz, den es hier giebt, besteht darin, daß man die Wiederholung solcher Streiche unmöglich macht.“

„Aber wodurch?“

„Dadurch, daß man sich von dem alten Wabble trennt. Ich verzichte auf seine Gesellschaft. Wenn er die Freiheit wieder hat, mag er reiten, wohin er will. Ich habe mich freilich erst gefreut, ihn kennen zu lernen; er hat mir aber diese Freude ganz gehörig vergällt. Jetzt ist es wahrlich kein Vergnügen mehr, ihn bei sich zu haben und Dummheit über Dummheit begehen zu sehen. Da ist mir denn doch der unerfahrenste Neuling lieber. Ein Greenhorn fügt sich und folgt dem erfahrenen Westmann in der Überzeugung eben seiner Unerfahrenheit; hier aber giebt es einen alten Horseman, der stolz darauf ist, einst der König der Cowboys geheißen zu haben, und in diesem Stolze es unter seiner Würde hält, sich einem andern Willen als dem seinen unterzuordnen. Ein guter Cowboy mag ein braver Hirt und Reiter, vielleicht auch ein leidlicher Schütze sein; zu einem tüchtigen Westmann aber gehört mehr, weit mehr!“

Ich war in Eifer geraten und hätte wohl noch weiter räsonniert, wenn wir nicht jetzt unser Lager erreicht hätten.

Als die Apatschen erfuhren, daß Old Wabble von den Comantschen gefangen worden sei, sagte derjenige von ihnen, welcher der älteste war und also für die andern das Wort zu führen hatte:

„Das alte Bleichhaar ritt fort, ohne uns zu fragen. Konnten wir ihn halten?“

„Nein,“ antwortete ich. „Er hätte auf keinen Fall auf euch gehört. Aber warum stieg er zu Pferde, anstatt zu Fuße zu gehen? Wißt ihr das?“

„Wir wissen das, denn er sagte es uns. Es war das Einzige, was er sagte. Er bediente sich der Schnelligkeit wegen des Pferdes; er wollte eher bei den Comantschen sein und dann auch eher als ihr zurückkehren.“

„Um sich dann gegen uns zu brüsten! Nun hat er ja allen Grund gefunden, seinen Ruhm auszuposaunen. Sorge dafür, daß die Wachen aufmerksam sind! Wir wollen uns jetzt schlafen legen, denn wir müssen mit der Sonne wieder munter sein.“

Mit dem Schlaf hatte es so seine Wege, denn der Ärger über Cutter hielt mir noch lange Zeit die Augen wach, und als ich bei Sonnenaufgang geweckt wurde, hatte ich noch nicht ausgeschlafen.

Jetzt galt es, den Abzug der Comantschen zu beobachten. Wir sahen zwar den dunkeln Streifen, den die hundert Bäume am südlichen Horizonte bildeten, sie selbst aber konnten wir nicht erkennen. Darum nahm ich das Fernrohr und verließ mit Old Surehand den Lagerplatz, um die große Entfernung zu verringern. Auf halbem Wege setzten wir uns nieder und warteten. Es dauerte gar nicht lange, so tauchten ihre Gestalten hinter den Büschen auf. Sie ritten fort, und zwar in derselben Weise, wie sie gekommen waren, nämlich nicht im Gänsemarsche. Sie thaten das, um eine recht breite, sichtbare Fährte zu machen und dadurch den Truppen die Verfolgung zu erleichtern. Als Wegweiser ließen sie sich, wie wir es ja beabsichtigten, die Pfähle dienen, von denen sie glaubten, daß sie von Schiba-bigk angebracht worden seien; sie ahnten nicht, welche Veränderung inzwischen mit denselben vorgegangen war.

Als sie fern im Südosten verschwunden waren, warteten wir in großer Spannung wohl über eine Stunde lang. Da tauchten im Westen sechs Reiter auf, deren Weg sichtlich nach den hundert Bäumen führte.

„Das sind Dragoner,“ meinte Old Surehand.

„Ja,“ stimmte ich bei. „Es sind die Eclaireurs, welche der Kommandant vorausgesandt hat, die Comantschen auszumachen.“

„Da ist er vorsichtiger als Vupa Umugi gestern, der gleich mit seiner ganzen Truppe kam, ohne jemand vorauszuschicken.“

„Der war seiner Sache sicher, während der Kommandant nicht weiß, ob die Comantschen noch da sind oder nicht. Übrigens ist das Voraussenden von Eclaireurs eine so streng geforderte militärische Gepflogenheit, daß sich dieser Offizier der größten Unterlassungssünde schuldig machen würde, wenn er es unterließ, diese Vorsichtsmaßregel anzuwenden.“

„Was thun wir jetzt? Reiten wir hin?“

„Nein.“

„Warum nicht? Es würde doch das kürzeste sein, diesen Vorposten zu sagen, daß die Roten fort sind. Da brauchten sie nicht erst lange nach ihnen zu suchen.“

„Das ist richtig; aber ich möchte mir gern einen Spaß machen.“

„Welchen?“

„Der Kommandant hat mich, als ich ihn jenseits des Mistake-Cañon in seinem Lager traf, nicht für voll angesehen und wie einen Neuling behandelt.“

„Dummkopf!“

„Hm! Er konnte nicht gut anders, weil ich mich für einen Gräbersucher ausgab.“

„Gräbersucher? Was ist das, Sir?“

„Ich gab vor, nach der Abstammung der Indianer zu forschen, und für einen solchen Gelehrten sind Ausgrabungen, besonders alter Gräber, von großer Bedeutung, Mr. Surehand.“

„Ah, so! Und da hat er Euch geglaubt?“

„Ja.“

„Dann ist er eben das, was ich sagte, nämlich ein Dummkopf.“

„Mag sein; aber selbst Parker und die Männer, die bei ihm waren, haben es geglaubt und sich von mir täuschen lassen.“

„Das ist aber doch kaum möglich! Wer Euch sieht, Euer Äußeres betrachtet, Euer ganzes Wesen beurteilt, muß doch unbedingt darauf kommen, daß Ihr nichts andres seid – –“

„Als ein Westmann?“ unterbrach ich ihn.

Yes.“

„Ich verstellte mich damals, und mein Anzug sah auch ganz anders aus als jetzt. Es war wirklich nicht allzu schwer, mich für ein Greenhorn zu halten. Daß man dies that, hat mir großen Spaß gemacht, und ich möchte jetzt gern sehen, was der Kommandant für ein Gesicht macht, wenn er mich so unerwartet hier am öden, wüsten Llano estacado wiederfindet.“

„Also ein wenig Theater spielen?“

„Ja.“

„So wollt Ihr erst ohne unsre Apatschen zu ihm?“

„Ja.“

„Auch ohne mich?“

„Ihr könnt mit.“

„Recht so! Möchte auch wissen, was er sagt, wenn er erfährt, daß der vermeintliche Gräberforscher kein andrer als Old Shatterhand ist. Er wird ein ungeheuer kluges Gesicht dabei machen.“

Wir sahen durch das Fernrohr, daß die sechs Reiter sich zerstreuten, um in dieser Weise die hundert Bäume zu erreichen; das war sehr pfiffig von ihnen, aber, natürlich ohne daß sie es wußten, nicht nötig, weil die Comantschen sich entfernt hatten.

Als sie verschwunden waren, dauerte es nur zehn Minuten, da sahen wir wieder einen von ihnen, der im gestreckten Galoppe zurückritt, um dem Kommandanten zu melden, daß er nachkommen könne, weil die hundert Bäume von den Feinden verlassen worden seien. Eine kleine Stunde später sahen wir dann die Dragoner kommen, und wir kehrten in unser Lager zurück, um unsre Pferde zu holen und den Apatschen die Weisung zu erteilen, daß sie nach einer Stunde nachkommen sollten.

Wir ritten erst schnell und dann, als wir von den hundert Bäumen aus gesehen werden konnten, langsamer, so langsam wie Leute, die nichts zu versäumen haben, weil der Zweck ihres Rittes kein wichtiger ist. Als wir uns dem Gebüsch auf ungefähr tausend Schritte genähert hatten, sahen wir einige Wachen stehen. Die andern konnten wir nicht sehen, weil sie im Innern der Einbuchtung lagerten. Wir wurden von diesen Posten bemerkt; sie meldeten uns, und nun kamen viele der Soldaten hinter dem Gesträuch hervor, um uns zu betrachten. Da wir nur zwei Personen und noch dazu keine Indianer waren, wurde unserm Kommen mit Ruhe entgegengesehen.

„Halt!“ rief uns der äußerste Posten an. „Woher?“

„Daher,“ antwortete ich, indem ich nach rückwärts zeigte.

„Wohin?“

„Da hin!“

Dabei deutete ich nach dem Lager.

„Was wollt ihr dort?“

„Ausruhen.“

„Wer seid Ihr?“

„Das geht Euch zunächst nichts an; es ist das Sache Euers Offiziers!“

„Oho! Ich habe Euch auszufragen, und Ihr habt mir zu antworten!“

„Wenn es uns beliebt, ja; da es uns aber nicht beliebt, werden wir eben nicht antworten.“

„Da schieße ich!“

„Versucht es doch! Ehe Ihr Euern Schießprügel anlegt, seid Ihr eine Leiche.“

Bei diesen Worten richtete ich den Stutzen auf ihn und fuhr fort:

„Wir haben hier nämlich ganz dasselbe Recht wie Ihr. Wir können auch fragen: Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr hier? Und wer ist der Offizier, der Euch befehligt?“

„Was? Ihr bedroht einen militärischen Posten mit dem Gewehre?“

„Gewiß. Ihr seht es doch!“

„Da geht’s um Euer Leben! Wißt Ihr das?“

„Unsinn! Unsre Kugeln treffen ebenso sicher wie die eurigen. Und nun laßt uns in Ruhe! Wir wollen nach dem Wasser.“

Wir bogen um das Gebüsch und ritten nach dem Quell, an welchem das Offizierszelt bereits errichtet war. Der Posten hinderte uns nicht, aber die Soldaten, die meine Antworten gehört hatten, liefen uns voran, um dem Kommandanten zu sagen, wie wir uns verhalten hätten und was für renitente Kerls wir seien. Er stand vor dem Zelte, hörte ihren Bericht und sah uns mit drohend gefalteter Stirn entgegen. Da, als wir ihm nahe genug gekommen waren, erkannte er mich und rief aus:

Good lack! Das ist ja der Gräbersucher! Nun, dem sind solche Dummheiten wohl zuzutrauen. Der versteht das nicht. Was weiß der vom Kriegszustande und von den Pflichten, die ein Posten hat, wenn ihm nicht Gehorsam geleistet wird!“

Während er das sagte, hatten wir ihn erreicht und stiegen von den Pferden.

Good morning, Sir!“ grüßte ich unbefangen. „Erlaubt uns, hier Platz zu nehmen! Wir brauchen Wasser für uns und für die Pferde.“

Er lachte laut auf und wendete sich zu seinen Offizieren, welche in sein Gelächter einstimmten:

„Seht diesen Mann, Mesch’schurs! Wahrscheinlich kennt Ihr ihn noch. Der Kerl ist ein Original und hat Raupen im Kopfe, die ihresgleichen suchen. Natürlich hat er keine Ahnung davon, daß unsre Posten ihn eigentlich niederschießen mußten. Gegen solche Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens. Wollen ihm also sein bißchen Leben schenken. Er hat einen Kameraden gefunden, der sehr wahrscheinlich ganz gleichwertig mit ihm ist. Solche Leute können wir ruhig hier aufnehmen, ohne befürchten zu müssen, daß sie uns schaden.“

Und uns das Gesicht wieder zukehrend, sagte er zu uns:

„Ja, ihr mögt hier bleiben und soviel Wasser trinken, wie ihr wollt; ich weiß, daß euch das sehr nötig ist, weil euer Gehirn doch sehr wahrscheinlich aus weiter nichts als Wasser besteht.“

Wir gaben unsre Pferde frei und setzten uns neben dem Quell nieder. Ich nahm den ledernen Trinkbecher vom Gürtel, schöpfte bedächtig, trank sehr langsam und antwortete erst dann:

„Wasser im Gehirn? Hm! Habt Ihr nicht auch getrunken, Sir?“

„Natürlich, ja. Was wollt Ihr damit sagen?“

„Daß Euch das Wasser auch nötig gewesen ist.“

„Und – –?“

„Und daß daraus auf Euer Gehirn wohl ebenso zu schließen ist wie auf das unsrige.“

All thunders! Ihr wollt mich beleidigen?“

„Nein.“

„Aber das war doch eine Beleidigung!“

„Wüßte nicht! Ich glaubte nur, gegen Euch genau so höflich sein zu müssen, wie Ihr gegen uns.“

„Da hat man es! Der Mann weiß nicht, was er spricht. Er zieht im Lande herum, um alte Gräber aufzumachen und nach verfaulten Knochen zu suchen. Da weiß man ja, daß man auf das, was er sagt, nicht viel oder auch gar nichts zu geben hat.“

Um diesen Worten eine Illustration zu geben, tippte er sich mit der Spitze des Zeigefingers an die Stirn und fragte mich dann:

„Habt Ihr viel solche Gräber gefunden, Sir?“

„Kein einziges,“ antwortete ich.

„Das läßt sich denken. Wer Indianergräber suchen will, der darf nicht nach dem wilden Llano estacado gehen!“

„Llano estacado?“ fragte ich, scheinbar verblüfft.

„Ja!“

„Wo liegt denn der?“

„Das wißt Ihr nicht?“

„Ich weiß nur, daß das eine sehr traurige Gegend sein soll.“

O sancta simplicitas! So wißt Ihr also nicht, wo Ihr seid?“

„In der Prairie, an diesem schönen Wasser hier.“

„Und wo wollt Ihr von hier aus hin?“

„Dahin.“

Ich deutete bei diesen Worten nach Osten.

„Dahin? Da kommt Ihr ja in den Estacado!“

„Wie – –? Was – –?“

„Ja, in den Estacado!“ lachte er.

„Wirklich?“

„Ja. Ihr könnt Gott danken, daß Ihr uns hier getroffen habt. Ihr habt ja gar keine Ahnung, daß Ihr Euch hier am Rande der Wüste befindet. Wenn Ihr weiter reitet, müßt Ihr elend umkommen!“

„Hm! Da werden wir umkehren.“

„Ja, das müßt Ihr, Sir, sonst fressen Euch die Geier.“

„Und wahrscheinlich würden wir im Llano auch auf keine Gräber treffen?“

„Wenigstens nicht auf solche, wie Ihr sucht. ihr wollt ein Gelehrter sein und wißt doch nicht, daß all Euer Forschen vergeblich ist!“

„Vergeblich? Warum?“

„Ihr habt doch gesagt, daß Ihr alte Reste ausgraben wollt, um zu erfahren, woher die Rothäute stammen?“ „Allerdings.“

„Es können Euch also nur alte, uralte Gräber von Nutzen sein?“

„Ja.“

„Und doch reitet Ihr in der Prairie und überhaupt im fernen Westen herum, wo es zwar Gräber giebt, die aber neu sind!“

„Hm!“ brummte ich nachdenklich.

„Ihr müßt doch da nachgraben, wo Indianerstämme gewohnt haben, die längst untergegangen sind. Ist das nicht richtig?“

„Eigentlich, ja.“

„So macht Euch also aus dem Westen fort! Die Gräber, die ihr sucht, liegen nicht westlich, sondern östlich von dem Missisippi. Den guten Rat gebe ich Euch. Ihr seht, wie es um Eure Gelehrsamkeit steht, wenn Euch erst Andere die richtigen Wege zeigen müssen!“

Well! So gehen wir also wieder über den Missisippi hinüber.“

„Das rate ich Euch. Dort giebt es auch nicht die vielen Gefahren, denen Ihr Euch hier so überflüssiger Weise auszusetzen habt.“

„Gefahren? Nicht daß ich wüßte!“

„Was? Ihr wißt nichts von Gefahren?“

„Woher soll das unsereiner wissen?“

„Die Indianer!“

„O, die thun mir nichts!“

„Nichts? Welch ein Leichtsinn! Oder welch eine Unwissenheit! Ihr scheint nicht zu ahnen, daß grad jetzt die Comantschen die Beile des Krieges ausgegraben haben. Sie morden alles, Rot und Weiß!“

„Mich nicht!“

„Warum grad Euch nicht?“

„Weil wir ihnen nichts gethan haben.“

„Hört, da ist die Einfalt denn doch zu groß! Diese Roten verschonen keinen Menschen, den sie treffen, keinen einzigen.“

Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Da fuhr er mich zornig an:

„Es ist so, wie ich sage. Und Ihr habt es mir großen Dank zu wissen, daß ich Euch warne. Wohin seid Ihr denn eigentlich geritten, nachdem Ihr da oben unser Lager verlassen hattet?“

„Immer ostwärts.“

„Und dann?“

„Dann an den See, den die Indianer das blaue Wasser nennen.“

„An das blaue Wasser?“ rief er erstaunt, ja fast erschrocken aus. „Grad dort hat ja eine ganz bedeutende Comantschenschar gelagert!“

„So?“ fragte ich, mich ganz ahnungslos stellend.

„So – oo – oo?“ ahmte er meine Stimme nach. „Haben sie Euch denn nicht gesehen und ertappt?“

„Gesehen? Vielleicht! Ertappt? Nein! Wir haben uns sogar den Spaß gemacht, im See zu schwimmen.“

„Und seid nicht erwischt worden?“

„Nein. Wenn ich mir die Sache richtig überlege, so denke ich, daß wir jetzt nicht hier säßen, wenn wir von ihnen erwischt worden wären.“

Da lachte er wieder laut auf und rief:

„Das ist freilich richtig, außerordentlich richtig! Sie hätten Euch getötet und skalpiert!“

„Sir, das ist nicht so leicht, wie Ihr zu denken scheint!“

„Wie so?“

„Wir hätten uns gewehrt.“

„Gegen hundertfünfzig Rote?“

„Ja.“

„Mit den Sonntagsflinten, die Ihr hier habt?“

„Ja.“

Ich sagte das so ernst und überzeugungsvoll, daß sich abermals ein schallendes Gelächter erhob. Old Surehand gab sich alle Mühe, seine Gesichtszüge zu beherrschen; dennoch sah ich es ihm an, wie sehr er sich innerlich belustigte. Als sich das Gelächter gelegt hatte, fuhr der Kommandant fort:

„Das ist denn doch zu toll! Also Ihr hättet Euch gewehrt? Wirklich?“

„Natürlich!“

„Da sage ich Euch, daß dieser Gedanke der reine Wahnsinn ist. Ihr wäret sofort von anderthalbhundert Kugeln durchlöchert worden.“

„Oh! Hm!“

„Glaubt’s oder glaubt es nicht! Was ich Euch sage, ist richtig. Wie lange seid Ihr denn eigentlich an dem blauen Wasser geblieben?“

„Einen Tag!“

„Und wohin seid Ihr dann geritten?“

„Immer wieder nach Osten.“

„Also über die Ebene?“

„Ja.“

„Gerade hierher?“

„Ja.“

„Das ist wirklich ein Wunder, ein himmelblaues Wunder! Ich sehe doch, daß Ihr ohne allen Schaden und ganz heil hier angekommen seid!“

„Ja, heil und gesund sind wir. Was sollte uns fehlen?“

„Was Euch fehlen sollte? Es ist großartig, wirklich großartig! Die Comantschen sind nämlich auch vom blauen Wasser hierher geritten.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich!“ antwortete er, beinahe wütend über meine Unbefangenheit. „Haben Euch diese Halunken denn nicht gesehen?“

„Das weiß ich nicht; sie müssen es wissen.“

„Ja, sie müssen es wissen!“ lachte er grimmig. „Und ich weiß es auch. Sie haben Euch nicht gesehen, sonst lebtet ihr nicht mehr. So etwas ist wirklich kaum zu glauben. Da reiten diese beiden Männer immer dahin, wo die Comantschen sind; sie trollen ihnen immer im Wege und vor den Augen hin und her und werden doch nicht ertappt. Einem tüchtigen Westmann oder Soldaten könnte das nicht passieren. So ein Glück! Und dabei ahnen diese Leute nicht einmal, in welcher Gefahr sie sich befunden haben. Es ist doch wahr, was das alte Sprichwort sagt: Die Dummen haben Glück!“

„Hört, Sir, nennt uns nicht dumm! In meiner Heimat giebt es ein Sprichwort, welches das viel anständiger ausdrückt.“

„Welches?“

„Man pflegt zu sagen: Die dümmsten Bauern ernten die größten Kartoffeln.“

Als ich das so ruhig lächelnd sagte, schien er endlich doch aufmerksam zu werden. Er betrachtete mich mit einem langen, forschenden Blicke und sagte dann:

„Hört, Ihr wollt doch nicht etwa so thun, als ob Ihr etwas hinter den Ohren hättet? Bildet Euch ja nicht ein, klüger zu sein als wir!“

„Keine Sorge, Sir! Wir haben ganz und gar nicht die Absicht, zwischen uns und Euch einen Vergleich anzustellen. Das wäre Thorheit.“

„Denke es auch!“ nickte er befriedigt, ohne den eigentlichen Sinn meiner Worte zu verstehen. „Ich habe nicht nötig, aufrichtig mit Euch zu sein; aber Ihr thut mir in Eurer Dummheit so leid, daß ich Euch sagen will, wie die Verhältnisse stehen. Wir haben nämlich die Comantschen angegriffen und besiegt; sie sind vor uns nach dem blauen Wasser geflohen, und wir sind ihnen nach. Von dort sind sie wieder geflohen, hierher, und nun hetzen und jagen wir sie in den öden Llano estacado hinein, wo sie entweder vor Durst sterben oder von unsern Kugeln gefressen werden, wenn sie sich uns nicht ergeben. Das ist es, was ich Euch mitteilen will und wovon Ihr keine Ahnung gehabt habt.“

„Keine Ahnung? Glaubt Ihr denn wirklich, daß wir so ganz und gar nichts davon wissen?“ fragte ich, jetzt in ganz anderm Tone.

„Was könntet Ihr wissen!“ antwortete er verächtlich.

„Zunächst wissen wir, daß Ihr, wenn es genau nach Eurem Plane geht, die Comantschen auf keinen Fall bekommen werdet.“

„Ah?“ fragte er ironisch.

„Ja! Ich füge sogar hinzu, daß nicht sie es sind, sondern Ihr es seid, welchen das Los bevorsteht, im wüsten Llano zu verschmachten.“

„Wirklich? Wie klug Ihr plötzlich seid! Warum werden wir verschmachten?“

„Giebt’s im Llano Wasser?“

„Nein.“

„Habt Ihr Schläuche?“

„Nein.“

„Könnt Ihr also Wasser mitnehmen?“

„Zum Teufel, nein! Fragt doch nicht so dumm!“

„Meine Frage ist gar nicht dumm! In der Wüste braucht man Wasser, und das bißchen Wasser, was man im Gehirn hat, wie Ihr vorhin sagtet, reicht noch lange nicht aus, Pferd und Reiter vor dem Verschmachten zu retten. Wißt Ihr, wie weit Ihr hinein in die Wüste müßt, um die Comantschen zu treffen? Wißt Ihr, wie lange Eure Pferde in der Glut des Llano dursten können?“

„Wir wissen, daß wir gar nicht weit hinein müssen, denn die Roten haben auch kein Wasser.“

„Wißt Ihr das genau?“

„Sehr genau!“

„So thut Ihr mir jetzt ebenso sehr leid, wie Euch vorhin meine Dummheit erbarmt hat. Die Comantschen wissen nämlich einen Ort im Llano estacado, an welchem es genug Wasser für sie giebt.“

„Ah! Es giebt einen solchen Ort?“

„Ja.“

„Unmöglich!“

„Warum unmöglich? Habt Ihr noch nie gehört, daß es in Wüsten Oasen giebt?“

„Aber nicht im Llano estacado.“

„Gerad da giebt es ein Wasser, welches tausend Pferde nicht auszutrinken vermögen!“

„Unsinn! Ihr habt nicht einmal geahnt, daß Ihr Euch jetzt am Rande des Llano befindet; was wollt Ihr da von diesem Wasser wissen!“

„Redet doch Ihr nicht von Ahnen und Wissen! Ihr selbst ahnt ja gar nicht, was wir beide wissen, ich und mein Kamerad hier neben mir.“

„Zwei Gräbersucher! Was wißt Ihr denn, he?“

„Daß Ihr Euch mit allem, was Ihr denkt und beabsichtigt, in einem ungeheuren Irrtum befindet und Euerm sichern Untergange entgegenreiten würdet, wenn es nicht einige Männer gäbe, welche sich vorgenommen haben, Euch zu retten.“

„Unserm sichern Untergange? Das ist toll. Aber Euch sind solche Reden zuzutrauen. Wer sind denn diese braven Männer, Sir?“

„Es sind drei, nämlich Winnetou, Old Surehand und Old Shatterhand.“

Da zog er die Brauen hoch empor und fragte:

„Winnetou, der Apatschenhäuptling?“

„Ja,“

„Old Shatterhand, sein Freund, der weiße Jäger?“

„Ja.“

„Und Old Surehand, von welchem man so viel erzählen hört?“

„Ja, diese drei.“

„Die wollen sich unser annehmen?“

„Sie müssen es, wenn sie nicht ruhig zusehen wollen, daß Ihr in die Falle geht, welche die Comantschen Euch gestellt haben.“

„Eine Falle? Uns gestellt? Sprecht Ihr im Fieber?“

„Ich habe meine Gedanken sehr beisammen, Sir.“

„Das scheint nicht so; ich glaube vielmehr, Ihr leidet an Hallucinationen.“

„Wenn jemand in irgend welcher Sinnestäuschung befangen ist, so sind nicht wir es, sondern Ihr seid es. Kennt Ihr den Anführer der Comantschen, mit denen Ihr gekämpft habt?“

„Wir wissen nicht, wie er heißt. Wir haben keinen Scout, der das erfahren konnte.“

„Dieser Häuptling heißt Nale-Masiuv, was so viel wie Vier Finger bedeutet. Und wie heißt der Häuptling derjenigen Comantschen, welche am blauen Wasser lagerten?“

„Das war eben jener Nale-Masiuv, wenn Ihr seinen Namen richtig genannt habt.“

„Nein; das war Vupa Umugi, was großer Donner heißt.“

„Also ein andrer?“

„Ja.“

„Es kann kein andrer, sondern es muß derselbe gewesen sein, denn wir haben ihn bis an das blaue Wasser vor uns hergetrieben, Sir.“

„Ah! Sind das die Hallucinationen, von denen Ihr redetet! Ihr seid so freundlich gewesen, uns vorhin den Stand der Dinge klarzulegen, ohne daß Ihr es für nötig hieltet. Dafür wollen wir nun Euch, ohne daß es notwendig ist, sagen, wie die Verhältnisse liegen. Nale-Masiuv hat sich nämlich mit Vupa Umugi verbündet, Euch zu verderben. Er ist nicht nach dem blauen Wasser, sondern er hat heimgeschickt, um schnell noch hundert Krieger kommen zu lassen. Während Ihr glaubtet, ihn zu verfolgen, blieb er in Eurem Rücken und verfolgte Euch. Ihr wurdet nach dem blauen Wasser gelockt, wo Vupa Umugi auf Euch wartete und Euch, als Ihr kamt, sogleich Platz machte. Vupa Umugi, der Häuptling der Naiini, wendete sich hierher nach dem Orte, wo wir uns jetzt befinden und den die Comantschen Suks-ma-lestavi, hundert Bäume, nennen. Er kam gestern abend hier an. Ihr seid ihm nachgeritten und er ging, ehe Ihr hier erschient, in die Wüste, um Euch hinter sich herzuziehen. Während Ihr glaubt, ihn zu verfolgen und ihn vernichten zu können, lockt er Euch in eine Falle. Er reitet mit seinen Naiini voran und hinter Euch kommt Nale-Masiuv mit weit über hundert Kriegern. Ihr befindet Euch zwischen diesen beiden feindlichen Trupps. So stehen die Verhältnisse, Sir, so und nicht anders.“

Seine Offiziere blickten fragend von mir zu ihm hinüber und wieder von ihm zu mir herüber. Er selbst starrte mich staunend an, als ob ich etwas für ihn Unbegreifliches sei, und fragte mich.

„Aber, Sir, was sind das für Phantastereien?“

„Meine Phantasie ist hierbei gar nicht thätig; ich spreche von Dingen, welche wirklich sind.“

„Ihr kennt die Namen alle; woher wißt Ihr sie?“

„Ich spreche die Sprache der Comantschen.“

„Ihr, der Gräbersucher?“

„Gräbersucher, pshaw! Wollt Ihr denn noch immer nicht einsehen, daß Ihr Euch auch in Beziehung auf mich in einem großen Irrtum befunden habt?“

„Irrtum? Seid Ihr denn nicht der, für den ich Euch gehalten habe, Sir?“

„Nein.“

„Wer denn?“

„Jetzt zeigt es sich, wer Wasser im Gehirn hat, Ihr oder ich. Habt Ihr es denn wirklich für möglich gehalten, daß ein Gelehrter, also ein studierter Mann, sich als Dummkopf im wilden Westen nur zu dem Zwecke herumtreibt, um Gräber zu entdecken?“

All devils!“

„Und daß er den Indianern nur immer so im Wege herumkrabbelt, ohne von ihnen entdeckt zu werden?“

„Ich bin erstaunt, Sir!“

„Erstaunt über Euch, aber nicht über mich! Ich habe Euch vorhin die Namen dreier Männer genannt, von denen Ihr wohl oft gehört haben werdet. Ist Euch vielleicht zufälligerweise bekannt, was für ein Pferd Winnetou gewöhnlich reitet?“

„Einen Rapphengst, welcher Wind heißen soll.“

„Ja, Wind. Der Apatschenname dafür ist Iltschi. Habt Ihr auch von dem Pferde Old Shatterhands gehört?“

„Ja, auch ein Rapphengst, Blitz genannt.“

„Richtig! Das Apatschenwort dafür ist Hatatitla. Jetzt paßt einmal auf mein Pferd dort auf!“

Mein Rappe hatte sich grasend wohl über siebzig Schritte von mir entfernt. Ich drehte mich nach ihm um und rief den Namen Hatatitla; er kam sofort herbeigesprungen und rieb sein Maul liebkosend an meiner Schulter.

„Zounds!“ rief der Kommandant aus. „Sollte –?“

„Ja, sollte – – – –!“ lachte ich. „Ihr seid Kavallerist und habt diesen Hengst schon einmal gesehen. Ihr hieltet ihn für einen Kutschengaul. Betrachtet ihn jetzt genauer! Habt Ihr schon einmal ein so edles Pferd gesehen? Kann ein Gräbersucher ein so unvergleichliches Tier besitzen?“

Er drückte und drückte, um etwas zu sagen, brachte aber vor Verlegenheit lange nichts heraus, bis er endlich rief:

„Wo habe ich nur meine Augen gehabt!“

„Ja, wo habt Ihr sie gehabt, und zwar nicht nur in Beziehung auf das Pferd, sondern auch in Hinsicht auf den Reiter! Wißt Ihr, wie Winnetou bewaffnet ist?“

„Mit seiner berühmten Silberbüchse.“

„Und Old Shatterhand?“

„Mit dem Bärentöter und dem Henrystutzen.“

„Habt Ihr denn nicht schon in Euerm Lager jenseits des Mistake-Cañon gesehen, daß ich zwei Gewehre habe?“

„Ja, aber sie waren, wenigstens das eine, eingewickelt.“

„Nun, jetzt sind sie nicht verhüllt. Da, seht sie an!“

Ich hielt sie ihm hin. Seine Offiziere richteten ihre Blicke auch höchst neugierig auf die Gewehre.

„Alle Wetter, Sir,“ stieß er hervor, „sollte diese starke, schwere Rifle der Bärentöter sein?“

„Sie ist es.“

„Und dieses Gewehr mit dem sonderbaren Schlosse?“

„Der Henrystutzen! ja, der ist es.“

„So wäret – – wäret Ihr – – – –“

Er sprach die Frage nicht ganz aus und stotterte beinahe vor Verlegenheit.

„Old Shatterhand?“ fiel ich ein, „der bin ich allerdings.“

„Und Euer Gefährte hier?“

„Heißt Old Surehand.“

Die Offiziere wiederholten in größter Überraschung diese beiden Namen, welche augenblicklich von Mund zu Mund durchs ganze Lager gingen. Der Kommandant war aufgesprungen, ließ seinen Blick zwischen uns beiden hin und her gleiten und fragte in einem Tone, als ob er sich nur im halben Wachen befinde:

„Old Shatterhand und Old Surehand! Ist’s zu glauben!“

„Ihr glaubt es nicht?“ fragte ich.

„O doch; aber – – aber – –“

Er wurde unterbrochen, denn draußen, wo die Posten standen, erscholl jetzt der laute Ruf-

„Indsmen kommen, Indsmen!“

„Woher?“ fragte der Kommandant mit schallender Stimme.

„Von dort, aus Norden,“ lautete die Antwort, wobei die Posten nach der angegebenen Richtung deuteten. Der Offizier wollte den Alarmbefehl erteilen; ich hinderte ihn daran:

„Seid ruhig, Sir! Es hat nichts zu bedeuten. Wenn Ihr noch nicht glaubt, daß wir diejenigen sind, für die wir uns jetzt ausgegeben haben, so kommen jetzt Zeugen, welche bestätigen werden, daß wir die Wahrheit sagen.“

„Meint Ihr die Roten?“

„Ja.“

„Aber das sind ja Feinde! Ich muß sofort – –“

„Nichts müßt Ihr, nichts. Sie sind Freunde; sie sind sogar Eure Retter. Es sind Apatschen, welche ich hergebracht habe, um Euch gegen die Comantschen beizustehen.“

„Apatschen? Da bringt Ihr mich in eine Lage, Sir, welche für mich ungeheuer bedenklich ist; Rote sind Rote; es ist keinem zu trauen, und noch weiß ich nicht, ob Ihr wirklich Old Shatterhand seid.“

Well, so trefft die Maßregeln, welche Ihr für notwendig haltet; nur hütet Euch vor Feindseligkeiten. Ich werde Euch alles erklären, vorher aber den Apatschen einen Wink geben, sich dem Lager nicht auf Schußweite zu nähern, bis Ihr Vertrauen gewonnen habt.“

„Ich will gehen und es ihnen sagen,“ erbat sich Old Surehand.

„Ja, thut das, Sir! Sagt ihnen auch, daß sich einige von ihnen hinauf auf die Höhe an das Gebüsch postieren sollen!“

„Da hinauf? Warum?“ fragte der Kommandant, noch immer mißtrauisch. „Warum Posten in meinem Rücken?“

„Um nach Nale-Masiuv auszuschauen. Ich habe Euch ja gesagt, daß er hinter Euch her ist. Er kann jeden Augenblick kommen.“

„Ich könnte doch Posten von meinen Leuten aufstellen!“

„Meine Apatschen haben schärfere Augen.“

„Alle Wetter! Wenn Ihr – – – wenn Ihr – –!“

„Nur heraus damit, Sir! Ihr wollt sagen: Wenn Ihr Feinde und Betrüger wäret?“

„Ja,“ gestand er zu.

„Glaubt Ihr wirklich, daß zwei Weiße so kühn und zugleich so schlecht sein könnten, solche Absichten zu hegen?“

„Hm! Ich weiß nicht, ob die Roten, die da kommen, wirklich Apatschen sind.“

„So versteht Ihr es nicht, Apatschen von Comantschen zu unterscheiden?“

„Nein.“

„Und da führt Ihr Krieg mit Indianern? Da könnt Ihr ja die allergrößten Fehler begehen! Übrigens seht, da draußen kommen sie! Es sind fünfzig Mann. Ihr habt, wie ich schätze, gegen hundert gut geschulte Kavalleristen bei Euch. Könnt Ihr Euch da vor den Roten fürchten?“

„Nein. Ich will Euch trauen, Sir. Nur müssen die Indsmen dem Lager fern bleiben, bis ich ihnen erlaube, herbeizukommen. Das zu verlangen, gebietet mir meine Pflicht.“

„Das sehe ich ein. Und Ihr seht jetzt, daß Ihr ruhig sein könnt. Mr. Surehand hat sie erreicht; sie bleiben halten und sitzen ab. Nur drei von ihnen reiten fort, hinauf zur Höhe; das sind die Wachen, die für unsre Sicherheit sorgen sollen.“

„Schön! Ich bin zufrieden, Sir. Dennoch darf ich das nicht unterlassen, was zu thun mir die Sorge für unsre Sicherheit gebietet.“

Er erteilte einige Befehle, infolge deren seine Truppen mit schußbereiten Gewehren eine solche Aufstellung nahmen, daß sie einen Angriff der Apatschen, falls diese einen solchen beabsichtigen sollten, leicht abschlagen konnten.

„Das darf Euch nicht erzürnen,“ entschuldigte er sich.

„Fällt mir nicht ein, es Euch zu verdenken!“ antwortete ich. „Wenn Ihr mich bis zu Ende angehört habt, werdet Ihr Vertrauen haben. Da kommt Mr. Surehand zurück. Setzen wir uns wieder zusammen nieder! Ich will Euch erzählen und dadurch die Beweise beibringen, daß ich vorhin die Wahrheit gesagt habe und Ihr ohne uns verloren wäret.“

Wir nahmen am Wasser wieder so bei einander Platz, wie wir vorhin gesessen hatten, und ich teilte ihm soviel mit, wie er wissen mußte. Es lag ja doch in unsrem persönlichen Interesse, das zu übergehen, was nicht wichtig für ihn war. Meine Erzählung machte einen ganz bedeutenden Eindruck auf ihn und seine Offiziere. Sein Gesicht wurde immer ernster, seine Miene immer bedenklicher, und als ich geendet hatte, blieb er noch eine ganze Weile unbeweglich und sinnend sitzen, ohne ein Wort zu sagen. Auch seine Offiziere waren nun überzeugt, daß sie ohne unsre Dazwischenkunft in eine enge Falle gegangen wären. Endlich hob er den gesenkten Blick zu mir empor und sagte:

„Vor allen Dingen eine Frage, Mr. Shatterhand: Wollt Ihr mir verzeihen, daß ich so – – so – – gegen Euch gewesen bin?“

„Gern! Ihr glaubt also nun, daß ich Old Shatterhand bin?“

„Ich würde ein Idiot sein, wenn ich es nicht glaubte!“

„Ebenso überzeugt könnt Ihr davon sein, daß Eure Lage genau so ist, wie ich sie Euch beschrieben habe, Sir.“

„Einer solchen Versicherung bedarf es gar nicht mehr. Wie ein Westmann, wie Ihr seid, doch selbst dem tüchtigsten Offizier überlegen ist! Wir können beim besten Willen, bei aller List und Tapferkeit nichts thun, wenn wir nicht Führer bei uns haben, welche nicht nur die Gegenden, sondern auch die Roten und ihre Sprachen und Gewohnheiten genau kennen. Ihr habt die Comantschen belauscht und darum alle ihre Pläne erfahren. Konnten wir das?“

„Nein.“

„Nein, wir konnten es nicht und wären ganz ahnungslos in eine Mühle geraten, die uns wahrscheinlich alle zermalmt hätte. Dafür werden diese Hunde von Comantschen aber ganz gehörig bluten müssen. Unsrem Kreuzfeuer soll keiner von ihnen entkommen!“

„Halt, Sir! Das ist ein Punkt, über den wir uns zu einigen haben, ehe ich Euch die Hilfe fest zusage, die ich Euch versprochen habe.“

„Warum?“

„Ich bin kein Mörder!“

„Ich auch nicht!“

„Ihr wollt aber morden!“

„Morden? Nein. Ich bin ausgesandt worden, gegen die Indsmen zu kämpfen, bis ich sie besiege, bis sie sich ergeben.“

„Und wenn sie sich ohne Kampf ergeben?“

„Auch dann muß Strafe sein.“

„Wie meint Ihr das?“

„Ich werde den zehnten oder zwanzigsten Mann, meinetwegen auch den dreißigsten, erschießen lassen.“

„So versucht, ob Ihr das fertig bringt! Auf unsre Hilfe aber müßt Ihr dann verzichten.“

„Was fällt Euch ein? Euch kann ich ja ganz und gar nicht entbehren; Euch brauche ich erst recht!“

„Das denke ich auch, und darum meine ich, daß das Schicksal der Roten nicht in Euern, sondern in unsern Händen liegt.“

„Ganz in Euern?“

„Ja.“

„Das wohl nicht, Mr. Shatterhand.“

„Doch!“

„Nein. Ich bin so gerecht, alles, was Ihr gethan habt und noch thun wollt, anzuerkennen, und darf wohl verlangen, daß Ihr die Rechte, die ich habe, ebenso anerkennt.“

„Ganz gewiß, wenn Ihr nämlich welche habt. Aber wollt Ihr mir nicht sagen, welche Rechte Ihr da zu haben glaubt?“

„Ihr und ich, wir sind Verbündete, gegen die Comantschen; wenn wir siegen, müssen wir beide gleich berechtigt sein, zu bestimmen, was mit den Roten geschehen soll. Ihr werdet doch zugeben, daß es ohne Strafe unmöglich abgehen kann!“

„Nein, das gebe ich nicht zu.“

„Dann sind wir eben verschiedener Meinung; doch hoffe ich, daß wir uns einigen werden. Wenn Ihr etwas nachgebt und ich etwas nachgebe, treffen wir in der Mitte zusammen, und jeder kann sagen, daß es halbwegs nach seinem Willen gegangen sei.“

„Für mich giebt es hier keine Mitte. Wenn die Comantschen sich wehren, werden wir allerdings unsre Waffen brauchen; wenn sie sich aber ergeben, darf keinem von ihnen ein Leid geschehen. Das ist meine Ansicht, von der ich auf keinen Fall abweiche.“

„Aber, Sir, Strafe muß doch sein!“

„Wofür?“

„Dafür, daß sie sich empört haben.“

„Was nennt Ihr Empörung? Wenn jemand sein gutes Recht verteidigt? Wenn ein Indianer sich nicht gewaltsam von seinem Wohnsitze vertreiben lassen will? Wenn er von der Regierung verlangt, die Versprechungen zu halten, mit denen man ihn gewissenlos übervorteilt hat?“

„Hm! Ich überzeuge mich da, daß das, was man von Euch sagt, wahr ist, Mr. Shatterhand.“

„Was?“

„Daß Ihr es stets mehr mit den Roten als mit den Weißen haltet.“

„Ich halte es mit jedem guten Menschen und bin Gegner jedes schlechten.“

„Aber die Roten sind doch schlecht!“

Pshaw! Streiten wir uns nicht darüber! Ihr seid Yankee und außerdem Offizier; ich kann und werde Euch nicht zu meiner Ansicht bekehren. Es handelt sich hier auch nicht um diese, sondern um eine ganz andre Ansicht, die sehr falsch ist.“

„Also wahrscheinlich um eine Ansicht von mir?“

„Ja.“

„Welche?“

„Daß Ihr über das Schicksal der Comantschen, wenn sie sich ergeben, mit zu bestimmen habt.“

„Und diese Ansicht soll falsch sein?“

„Ja, sehr.“

„Wieso?“

„Weil Ihr nicht Sieger sein werdet.“

„Ah! Nicht? Wer denn?“

„Wir.“

„Donner! Ihr werdet mir da wieder einmal unbegreiflich.“

„Und doch ist die Sache sehr klar. Ihr habt doch zugegeben, daß Ihr im Begriff standet, in eine böse Falle zu geraten.“

„Das gebe ich auch jetzt noch zu.“

„Auch daß wir Euch gerettet haben?“

„Ja.“

„Gut! Damit ist unser ganzes Verhältnis vollständig klargestellt, und wir haben nichts hinzuzufügen. Wir haben Euch vom Tode errettet, und Ihr seid uns dafür Dank schuldig.“

„Dank schuldig; zum Teufel, ja! Aber was hat das denn mit der Bestrafung der Comantschen zu thun?“

„Das, daß Euch diese Bestrafung gar nichts angeht.“

„Wollt Ihr mir das erklären?“

„Einer Erklärung bedarf das eigentlich gar nicht. Wir sind eine Anzahl weißer Jäger, die es mit einer ganzen Schar von Comantschen aufnehmen, und haben dreihundert Apatschen bei uns, die viel besser diszipliniert und bewaffnet als die Comantschen sind. Außerdem haben wir die Örtlichkeit für uns, andre Vorteile gar nicht mitgerechnet. Glaubt Ihr, daß wir die Comantschen besiegen werden?“

„Ja.“

„Auch ohne Eure Hilfe?“

„Na, hm – – – hm – – –!“

Er wiegte den Kopf bedenklich hin und her.

„Sagt getrost ja! Wir brauchen Euch wirklich nicht dazu. Ich gebe Euch mein Wort, daß uns nicht ein einziger der Comantschen entgehen wird, auch wenn wir auf Eure Hilfe ganz und gar verzichten. Und darum meine ich, daß das Schicksal der Besiegten ganz allein von unserm Willen und nicht im mindesten von dem Eurigen abzuhängen hat.“

„Wollt ihr damit vielleicht sagen, daß Ihr uns nicht braucht?“

„Das habe ich ja schon gesagt.“

Thunder! Das ist aufrichtig, sehr aufrichtig, Sir!“

„Aufrichtigkeit ist eine Tugend, deren sich jeder Gentleman stets zu befleißigen hat.“

„Ihr gebt uns also den Abschied? Ihr schickt uns fort?“

„Nein. Ich sage zwar, daß wir Euch nicht brauchen; aber ich gebe zu, daß uns die Ausführung unsres Planes erleichtert würde, wenn wir dabei auf Eure Hilfe rechnen könnten.“

„Gut; aber wer mit hilft, der will auch mit richten!“

„Dann danken wir! Wenn Ihr uns helft, soll es aus Dankbarkeit geschehen, nicht aber in der Absicht, ein ganz unnützes Blutbad anzurichten. Wir haben keine Zeit, die Comantschen können jeden Augenblick kommen. Entscheidet Euch! Entweder ja oder nein!“

„Was geschieht im Falle des ja?“

„Da ziehen wir uns von hier zurück, lassen die Comantschen herkommen und schließen sie, sobald sie sich gelagert haben, ein.“

„Und da meint Ihr, daß sie sich ergeben werden?“

„Ja.“

„Ohne Widerstand?“

„Ja.“

„Unmöglich!“

„Laßt das meine Sorge sein! Wir nehmen sie gefangen und reiten dann hinter Vupa Umugi her, um die Falle in seinem Rücken zuzumachen.“

Well! Und was geschieht in dem Falle, daß ich nein sage?“

„Da werde ich Euch bitten, Euer Lager hier jetzt schnell aufzuheben und Euch zu entfernen, bis Nale-Masiuv hier gewesen und dem Häuptling Vupa Umugi nachgeritten ist.“

„Dann können wir wieder her?“

„Ja.“

„Und haben nichts als das Nachsehen?“

„Nichts weiter.“

„Hört, Mr. Shatterhand, Ihr seid ein eigentümlicher Mann. Ihr stellt Eure Bedingungen so kurz, so deutlich und bestimmt, daß man sich fast vorkommt wie ein Schulknabe, der gar keine Ansicht und gar keinen Willen hat!“

„Ich habe allerdings keinen Grund, viele Worte zu machen. Wir haben Euch vom Tode errettet und stehen im Begriffe, dreihundert Comantschen zu fangen. Wir bringen das ohne alle Unterstützung fertig; wolltet Ihr aber aus Dankbarkeit uns dabei behilflich sein, so würden wir das annehmen, doch unter der Bedingung, daß Ihr keine Forderungen stellt.“

„Aber unsre Pflicht! Wir sollen die aufrührerischen Comantschen bestrafen!“

„Thut das fernerhin, doch nicht in diesem Falle! Diese Comantschen gehören uns, nicht Euch. Und Ihr würdet ihnen gehören, ihnen verfallen sein, wenn wir nicht gewesen wären!“

„Aber wie soll ich es verantworten, wenn ich sie mit fangen helfe und dann ohne Strafe entkommen lasse?“

„Vor der Menschlichkeit, vor meinem und vor Eurem Herzen ist das sehr leicht zu verantworten; andre Autoritäten gehen mich nichts an. Übrigens ist Euch hier kein Haar gekrümmt worden, und so bin ich überzeugt, daß die Euch vorgesetzte Behörde wohl kein Blutbad verlangen wird. Also, entscheidet Euch!“

„Hm! Man kann gegen Euch wirklich nicht aufkommen. Gebt mir fünf Minuten Zeit, mit meinen Offizieren zu reden!“

„Die sollt Ihr haben, aber länger nicht. Durch Euer Zögern wird leicht alles auf das Spiel gesetzt.“

Ich stand auf und entfernte mich für die angegebene kurze Zeit. Als ich dann zurückkehrte, erhielt ich von ihm den Bescheid:

„Was wollen wir machen, Sir? Ihr sollt Euern Willen haben. Es würde ja geradezu erbärmlich sein, uns von Euch retten zu lassen und dann fortzureiten, ohne Euch unterstützt zu haben. Also wir bleiben da und helfen Euch.“

„Und das Schicksal der Comantschen ist unsre Sache?“

Yes.“

„Dann sind wir einig, und ich freue mich, in Euch einen so tüchtigen, humanen Bundesgenossen gefunden zu haben.“

Well! So sagt uns also nun, was geschehen soll?“

„Laßt Eure Pferde tüchtig trinken und brecht Euer Zelt ab! Dann reitet Ihr fort, Vupa Umugi nach. Die Stangen zeigen Euch den Weg.“

„Ihr bleibt hier?“

„Nur bis wir die Comantschen kommen sehen.“

„Und wie weit entfernen wir uns?“

„Etwas über Gesichtsweite, weiter nicht. Wenn Ihr diese Büsche hier nicht mehr erkennen könnt, haltet Ihr an. Wir kommen schnell nach.“

„Warum reitet Ihr nicht mit uns?“

„Weil ich Nale-Masiuv kommen sehen will, und weil unsre Apatschen auch hier an das Wasser müssen, ehe sie die trockene Wüste unter die Hufe ihrer Pferde nehmen können.“

Well, so mag es losgehen!“

Er gab die nötigen Befehle und ritt nach Verlauf einer halben Stunde mit seinen Dragonern fort. Nun konnten unsre Apatschen heran, um ihre Pferde zu tränken und ihre Schläuche zu füllen. Während das geschah, stieg ich auf die Höhe, um mit Hilfe meines Fernrohrs nach den Feinden auszuschauen. Da sie jedenfalls auf der Fährte der Dragoner kamen, kannte ich den Punkt des Horizontes ganz genau, an welchem sie erscheinen mußten. Dabei war ich überzeugt, daß ich nicht lange auf sie zu warten hatte, denn sie nahmen jedenfalls an, daß sich das Militär nur kurze Zeit bei den hundert Bäumen aufgehalten habe und den Comantschen Vupa Umugis schnell gefolgt sei, um ihnen stets auf den Fersen zu bleiben.

Diese Voraussetzung erwies sich als ganz richtig, denn ich befand mich noch gar nicht lange auf meinem Posten, Old Surehand neben mir, als ich ganz draußen am westlichen Horizont einen dunklen Punkt erscheinen sah, welcher sich scheinbar sehr langsam auf uns zu bewegte.

„Sie kommen,“ sagte ich zu Old Surehand.

„Schon?“

„Habt Ihr sie für später erwartet?“

„Das nicht. Leiht mir einmal Euer Rohr!“

Ich gab es ihm. Als er einige Sekunden lang hindurchgesehen hatte, fragte er:

„Ihr meint den dunkeln Punkt, gerade im Westen von uns?“

„Ja.“

„Er teilt sich jetzt.“

„So?“

„Ja. Es werden sechs, acht kleinere Punkte daraus, welche sich im Halbkreise immer mehr voneinander entfernen.“

„So sind es Kundschaften“

„Sicher! Sie können natürlich nicht in gerader Richtung nach hier reiten, weil sie von den Truppen gesehen würden, falls diese sich noch hier befänden. Meint Ihr nicht, daß es so ist?“

„Gewiß ist es so. Die Roten werden sich teilen. Nicht?“

„Ja; es scheint so; vier reiten nach rechts und vier nach links.“

„Sie umreiten die hundert Bäume, um nicht von hinten, sondern von beiden Seiten hierher zu kommen, bis sie die Ebene erreichen und hinter das Gebüsch sehen können. Das ist die einzige Art, ohne Gefahr, selbst entdeckt zu werden, zu erfahren, ob die Dragoner noch da sind. Gebt mir das Glas!“

Als ich noch einmal hindurchblickte, sah ich die beiden Abteilungen der Kundschafter; sie hegten jedenfalls die Absicht, die ich ausgesprochen hatte. Sie waren noch sofern, daß man sie nur durch das Fernrohr erkennen konnte. Bis in Augenweite durften wir sie nicht herankommen lassen, sonst wurden wir grad so von ihnen gesehen, wie sie von uns gesehen wurden. Wir stiegen also schnell nach dem Wasser hinab, und ich erteilte den Apatschen den Befehl, aufzubrechen. Nur eine Minute später jagten wir davon, der großen Fährte nach, welche längs der eingesteckten Pfähle nach Südosten führte. Nach kaum zehn Minuten kamen wir bei den Dragonern an, welche, bei ihren Pferden lagernd, auf uns gewartet hatten.

Von der Stelle aus, an welcher wir uns jetzt befanden, konnten wir die hundert Bäume mit bloßen Augen nicht erkennen; aber die Probe überzeugte mich, daß das Fernrohr bis hin trug, so daß ich die Comantschen sehen mußte, sobald sie angekommen waren.

Ich hatte nicht lange zu warten, so bemerkte ich wirklich die Kundschafter, welche sich dem Wasser langsam und äußerst vorsichtig von beiden Seiten näherten. Sobald sie sahen, daß niemand dort war, ritten sie schnell hin. Sie durchsuchten die Büsche, und als sie keinen Feind dort fanden, lagerten sich sieben von ihnen, während der achte zurückritt. Er hatte Nale-Masiuv zu melden, daß er kommen könne.

Von jetzt an verging ein volle Stunde, bis ich sah, daß sich die Lagerstelle wieder belebte. Die Comantschen waren angekommen. Als ich das Old Surehand mitteilte, sagte er:

„Nun beginnt der erste Akt des Schauspieles, welches wir beabsichtigen, die Gefangennahme von Nale-Masiuv. Ich denke, daß wir nicht lange warten dürfen. Meint Ihr nicht?“

„Ja. Sie bleiben jedenfalls nur so lange dort, wie nötig ist, den Menschen und Pferden Wasser zu geben. Also fort!“

„Wir alle auf einmal?“

„Nein. Wir müssen sie umzingeln, erst von weitem, ohne daß sie uns sehen. Dann ziehen wir plötzlich den Kreis schnell und eng zusammen. Diejenigen von uns, welche am weitesten zu reiten haben, müssen da natürlich eher fort als die andern.“

„Wer ist das?“

„Das seid Ihr mit den Apatschen, welche ich unter Euern Befehl stelle, Mr. Surehand.“

„Das freut mich ungemein. Danke, Sir!“

„Ihr reitet außerhalb der Sichtweite um die hundert Bäume herum und besetzt die Höhe derselben rund am Rande des Gebüsches, so daß Ihr mit den fünfzig Apatschen einen Halbkreis bildet. Eure Leute steigen von den Pferden und legen sich so zwischen die Büsche, daß sie das unten am Wasser befindliche Lager mit ihren Gewehren bestreichen können.“

„Wir sollen schießen?“

„Nur dann, wenn die Comantschen sich wehren oder mit Gewalt durch Eure Linie dringen wollen. Wie lange denkt Ihr, daß Ihr braucht, um hinter ihren Rücken zu kommen?“

„Ihr werdet da möglichst genaue Zeit wissen wollen, um Euch nach mir richten zu können?“

„Allerdings.“

„So will ich sagen, daß Ihr von jetzt an genau in einer halben Stunde kommen könnt. Habt Ihr noch eine Verhaltungsmaßregel?“

„Ich muß mich auf Euren Scharfsinn verlassen und kann mich nur im allgemeinen dahin aussprechen, daß wir nur dann zu den Waffen greifen, wenn es nötig ist. Ich werde mit den Dragonern so geritten kommen, daß wir einen Bogen bilden, dessen beide Enden sich eng an Euern Halbkreis schließen. Dann haben wir die Comantschen in unsrer Mitte. Sie werden zunächst nur uns sehen und nach rückwärts fliehen wollen, wo Ihr seid. Um ihnen zu zeigen, daß sie auch dort eingeschlossen sind, laßt Ihr Eure Apatschen ihr Kriegsgeheul anstimmen, sobald wir mit Euch Fühlung gewonnen haben.“

„Dann warten wir?“

„Ja.“

„Worauf?“

„Auf das Resultat, welches meine Unterredung mit Nale-Masiuv haben wird.“

„Ah! Ihr wollt mit ihm verhandeln?“

„Natürlich! Auf welche andre Weise könnte ich ihn bewegen, sich uns freiwillig zu ergeben?“

„Das ist ein Wagnis für Euch, Sir!“

„Habt keine Angst um mich!“

„Nale-Masiuv ist als ein pfiffiger, hinterlistiger Mensch bekannt. Schenkt ihm ja nicht zu viel Vertrauen, Mr. Shatterhand!“

„Mit Hinterlist bringt er es bei mir zu nichts, sondern er schadet sich nur selber; darauf könnt Ihr Euch verlassen.“

„Schön! Also, mag’s beginnen. Lebt einstweilen wohl!“

Er ging zu den Apatschen, gab ihnen einige kurze Anweisungen und ritt dann mit ihnen fort. Ich wendete mich an den Kommandanten, indem ich ihn fragte:

„Wer soll jetzt Eure Leute befehligen, Sir? Der Tanz beginnt.“

„Natürlich ich!“

„Gut; aber schießt mir keine Böcke!“

„Habe mich freilich von den Roten übertölpeln lassen; jetzt aber könnt Ihr überzeugt sein, daß es keine Böcke giebt.“

„So hört, was ich Euch sage! Wir reiten im Galopp direkt auf die hundert Bäume zu und bilden gleich von hier aus einen Halbkreis, dessen Enden die äußersten Büsche berühren.“

„Ich verstehe. Hinter diesen Büschen stecken die Apatschen?“

„Ja. Eure Leute haben sich mit diesen rechts und links eng zusammenzuschließen.“

„Und wenn das geschehen ist, was dann?“

„Unser nächster Zweck ist nur der, die Comantschen zu umzingeln. Auf ihr Verhalten kommt es an, was dann geschieht. Schießen sie, so schießen wir auch; verhalten sie sich aber abwartend, so lassen wir die Waffen ruhen. In diesem letzteren Falle werde ich ein Gespräch mit ihrem Häuptlinge herbeiführen, von dessen Resultate das weitere abhängig ist.“

„Werde ich bei diesem Gespräche mit anwesend sein?“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Es giebt keinen Grund dazu.“

„Grund genug! Als Kommandant der anwesenden Truppen bin ich doch wohl die Persönlichkeit, auf welche Nale-Masiuv vor allen Dingen zu hören hat.“

„Er wird ganz und gar nicht auf Euch hören.“

„Auf wen sonst?“

„Auf mich.“

„Hm! Ich weiß, daß Ihr ein tüchtiger Mann seid, Mr. Shatterhand, aber täuscht Ihr Euch hier nicht?“

„Nein.“

„Aber bedenkt den Unterschied.“

„Welchen?“

„Ihr habt nur fünfzig Apatschen; ich habe hundert Dragoner!“

„In einem Kampfe mit Indianern sind fünfzig Apatschen wenigstens ebenso viel wert wie hundert Soldaten.“

„Wenn Ihr es sagt, so mag das richtig sein. Aber bei so einer Unterredung gilt es vor allen Dingen, Eindruck zu machen!“

„Freilich wohl!“

„Nun, da seid Ihr doch nur Westmann; ich aber bin Truppenkommandant, Mr. Shatterhand!“

„Ah, so!“ lachte ich ihm freundlich in das Gesicht.

„Ja. Schon die Uniform macht Eindruck!“

„Schon diese? Was noch?“

„Der Ton, in dem unsereiner gewohnt ist, zu sprechen.“

„Ihr wollt mit Nale-Masiuv reden?“

„Ja.“

„Sprecht Ihr die Sprache der Comantschen?“

„Nein.“

„Wie wollt Ihr Euch da ihm verständlich machen?“

„Durch Euch als Dolmetscher.“

„So! Also Ihr seid der Kommandant, der zu bestimmen hat, und ich bin nur Euer Werkzeug, Euer Dolmetscher! Hört, Verehrtester, da beurteilt Ihr Old Shatterhand sehr falsch. Als Dolmetscher muß ich mit Nale-Masiuv reden; wozu brauche ich da Euch? Was hilft Euch Euer Ton, wenn ich die Worte übersetzen muß? Und Eure Uniform? Ich sage Euch, daß Nale- Masiuv vor meinem ledernen Jagdrocke und meinem Stutzen hundertmal mehr Respekt hat als vor Eurer Uniform und vor Eurem Säbel. Streiten wir uns nicht um Rangunterschied! Ich sage Euch, was geschehen soll, und Ihr kommandiert in diesem Sinne Eure Untergebenen; ich aber bin Euch nicht subordiniert. Habt Ihr auch an die Gefahr gedacht, der Ihr Euch aussetzen würdet, wenn Ihr mit dem Comantschen verhandeln wolltet?“

„Gefahr?“

„Ja.“

„Welche Gefahr könnte es dabei geben? Die Person des Unterhändlers, des Parlamentärs gilt doch für heilig!“

„Diesem Indianer nicht. Er ist ein heimtückischer Mensch.“

„Gegen solche Leute kann man sich vorsehen!“

„In welcher Weise?“

„Hm!“

„Er erscheint, und Ihr erscheint, beide ohne Waffen. Ihr setzt Euch einander gegenüber und beginnt, zu verhandeln. Plötzlich zieht der Kerl ein verborgenes Messer und sticht Euch nieder.“

„Das darf er doch nicht.“

„Er fragt viel danach, ob er darf! Er will den Anführer töten, um dann über die dadurch verwirrten Gegner herzufallen.“

„Danke, danke sehr!“

„Wollt Ihr noch mit Nale-Masiuv sprechen, Sir?“

„Ich möchte wohl, will Euch aber nicht vorgreifen. Ihr habt recht. Da ich die Sprache nicht verstehe, würde ich die Verständigung zwischen uns und ihm nur erschweren. Es ist also besser, ich überlasse es Euch.“

„Recht so! Also, brechen wir auf.“

„Sogleich; will nur meine Offiziere erst verständigen.“

Dieser Herr Kommandant befand sich wirklich in dem Glauben, den Comantschen mit seiner Uniform zu imponieren. Und gar der Ton! Er hatte keine Ahnung von dem Tone, in dem man mit feindlichen Indianern zu reden hat. Wer während einer so wichtigen Verhandlung so einen Häuptling wie Nale-Masiuv wie einen Rekruten antönen will, der ist verloren. Glücklicherweise verfehlte mein Hinweis auf die Hinterlist des Roten ihre Wirkung nicht. Hinterrücks sich erstechen lassen, dazu hatte der Offizier denn doch keine Lust, und darum gab er zu, es sei besser, daß er mir die Unterredung überlasse.

Es war jetzt hohe Zeit, uns auf den Weg zu machen, denn Old Surehand war mit seinen Apatschen unsern Augen schon entschwunden. Die Dragoner formierten eine Linie, welche sich während des Rittes zu einem Halbkreise auszubilden hatte; ich plazierte mich voran, und dann ging es im Galopp vorwärts, auf der großen, ausgetretenen Fährte zurück und auf die hundert Bäume zu.

Es galt, so schnell zu sein, daß die Roten vollständig überrascht wurden und keine Zeit zur Überlegung fanden. Wir flogen wie ein Sturm über die Ebene, still und lautlos; nur der Hufschlag der Pferde war zu hören. Der Boden verschwand, sozusagen, hinter uns; unsre Linie rundete sich; die beiden Spitzen griffen schneller aus als die Mitte; wir näherten uns dem Lager mit rapider Schnelligkeit. Dort sah man uns, ohne zunächst zu erkennen, wer wir waren; als dann die Comantschen sahen, daß sie es mit Bleichgesichtern zu thun hatten, stießen sie ein markdurchdringendes Geheul aus, griffen zu den Waffen und rannten nach ihren Pferden – – zu spät, denn unser Halbring hatte sich bereits geschlossen. Nun wollten sie sich nach rückwärts wenden, da aber erscholl weithin und über das ganze Lager und in die Wüste hinaus der Kriegsruf der Apatschen. Er klingt wie ein mit der höchsten Kopfstimme ausgestoßenes, langgezogenes Hiiiiiiiiii, bei welchem man mit der Hand auf den Mund tremuliert. Als die Comantschen diesen Ruf hörten, wichen sie schnell von den Büschen zurück, denn sie erkannten, daß sie auch auf dieser Seite eingeschlossen seien.

Wir hielten außer Schußweite von ihnen und sahen, welch eine Verwirrung sich ihrer bemächtigt hatte. Sie liefen hin und her; laute Rufe ertönten; da sie aber sahen, daß ihnen von keiner Seite etwas geschah, wurden sie ruhiger und hielten in einem engen Trupp am Wasser beisammen. Da stieg ich vom Pferde und ging langsam auf das Lager zu. Sie sahen mich kommen und waren jedenfalls sehr neugierig auf das, was ich beabsichtigte. Ich näherte mich ihnen bis auf eine Entfernung von zweihundert Schritten und rief ihnen zu:

„Die Krieger der Comantschen mögen mich hören! Hier steht Old Shatterhand, der weiße Jäger, der mit Nale-Masiuv sprechen will. Wenn der Häuptling der Comantschen Mut besitzt, mag er sich mir zeigen!“

Es entstand eine augenblickliche Bewegung unter ihnen, und trotz der Entfernung und trotzdem sie leise sprachen, war es mir, als ob ich halb unterdrückte Ausrufe des Schreckens hörte. Nach einer Weile trat einer hervor, welcher mehrere Federn im Schopfe trug; er schwang den Tomahawk und rief mir zu:

„Hier steht Nale-Masiuv, der Häuptling der Comantschen. Wenn Old Shatterhand seinen Skalp geben will, mag er herkommen; ich werde mir ihn nehmen!“

„Sollen das die Worte eines tapfern Häuptlings sein?“ antwortete ich. „Ist Nale-Masiuv so feig, daß ihm ein Skalp, den er haben will, entgegengebracht werden muß? Wer Mut besitzt, der holt sich ihn!“

„So komme Old Shatterhand her, um zu erfahren, ob er den meinigen bekommen kann!“

„Old Shatterhand geht nicht auf Skalpe aus; er ist ein Freund der roten Männer und wünscht, sie vor dem Tode zu bewahren. Die Krieger der Comantschen sind ringsum eingeschlossen; ihr Leben gleicht der Wolle der wilden Rebe, die jeder Windhauch mit sich nimmt; aber Old Shatterhand möchte sie retten. Nale-Masiuv mag zu mir kommen, um sich mit mir zu beraten.“

„Nale-Masiuv hat keine Zeit!“ erscholl es zurück.

„Wenn er keine Zeit zur Beratung hat, so wird er Zeit haben, zu sterben. Ich gebe ihm eine Frist von fünf Minuten; hat er da noch nicht zugesagt, so werden unsre Gewehre sprechen. Howgh!“

Mit diesem indianischen Worte der Bekräftigung drückte ich aus, daß ich fest entschlossen sei, meine Drohung auszuführen und daß mich nichts daran hindern könne. Der Häuptling trat zu seinen Leuten zurück und verhandelte mit ihnen. Als die fünf Minuten verflossen waren, rief ich ihnen zu:

„Die Frist ist vorüber. Was hat Nale-Masiuv beschlossen?“

Er kam wieder einige Schritte vorwärts und fragte:

„Meint Old Shatterhand es ehrlich mit dieser Unterredung?“

„Old Shatterhand handelt stets ehrlich!“

„Wo soll sie stattfinden?“

„Grad in der Mitte zwischen uns und euch.“

„Wer soll daran teilnehmen?“

„Nur du und ich.“

„Und jeder kehrt frei zu den Seinen zurück?“

„Ja.“

„Bis wir zurückgekehrt sind, dürfen die Krieger keiner Partei eine Feindseligkeit begehen?“

„Das versteht sich von selbst.“

„Und wir haben keine Waffen bei uns.“

„Keine!“

„So mag Old Shatterhand gehen und alle seine Waffen ablegen; ich werde gleich kommen.“

Ich kehrte nach unsrer Linie zurück und legte alles, was ich an Waffen besaß, bei meinem Pferde nieder. Als ich mich dann umdrehte, sah ich Nale-Masiuv schon kommen, mit langen, eiligen Schritten, gar nicht so langsam und würdevoll, wie es ihm als Häuptling ziemte. Das fiel mir auf. Er wollte sichtlich eher am Platze sein als ich. Warum? Es mußte das unbedingt einen Grund haben. Während ich ihm gemessenen Schrittes entgegenging, beobachtete ich ihn scharfen Auges. An einer Stelle, welche die angegebene Mitte sein konnte, blieb er stehen und setzte sich nieder. Dabei hielt er die rechte Hand länger hinter sich, als notwendig war, um sich beim Niederlassen zu stützen. Hatte das einen Grund? Und wenn es einen hatte, welcher konnte es sein? Hatte er etwas hinter sich gelegt, was ich nicht sehen sollte? War er darum so rasch und eher als ich gekommen, um diesen Gegenstand verbergen zu können? Mußte diese Frage mit ja beantwortet werden, so konnte dieser Gegenstand nichts andres als eine Waffe sein.

Jetzt hatte ich ihn erreicht und stand nur noch drei Schritte von ihm entfernt. Sollte ich diese drei Schritte auch noch thun, um zu sehen, was er hinter seinem Rücken hatte? Nein; das wäre Old Shatterhands nicht würdig gewesen. Ich setzte mich langsam nieder. Dann bohrten sich unsre Augen förmlich ineinander; jeder wollte seinen Gegner taxieren, und zwar richtig taxieren.

Nale-Masiuv war ein lang und schmal gebauter, aber starkknochiger und sehnenkräftiger Mann im Alter von vielleicht fünfzig Jahren. Seine Backenknochen traten weit hervor; seine scharfe Adlernase und die dünnen, zusammengekniffenen Lippen ließen in Verbindung mit den kleinen, wimperlosen Augen auf festen Willen, Thatkraft, Falschheit und Verschlagenheit schließen. Er betrachtete mich langsam vom Kopfe bis zu den Füßen herab, öffnete dann den Gürtel und das Jagdhemde und sagte:

„Old Shatterhand mag hersehen!“

„Warum?“ fragte ich.

„Um sich zu überzeugen, daß ich keine Waffe habe.“

Nun war ich grad im Gegenteile vollständig überzeugt, daß er hinter sich ein Messer oder etwas Ähnliches liegen oder in die Erde gesteckt hatte.

„Warum sagt Nale-Masiuv diese Worte?“ antwortete ich. „Sie sind überflüssig.“

„Nein. Du sollst sehen, daß ich ehrlich bin.“

„Nale-Masiuv ist ein Häuptling der Comantschen, und Old Shatterhand ist nicht nur ein weißer Jäger, sondern er wurde zum Häuptlinge der Mescalero-Apatschen ernannt. Die Worte von Häuptlingen müssen wie Schwüre gelten. Ich habe versprochen, keine Waffe mitzubringen, und so habe ich keine mit; das brauche ich dir nicht erst zu zeigen und zu beweisen.“

Indem ich dies sagte, bog ich das rechte Bein ein und legte den Fuß unter das linke, um schnell aufspringen zu können. Er achtete darauf nicht. Er fühlte gar wohl den Stich, den ich ihm mit meinen Worten versetzt hatte, und antwortete:

„Old Shatterhand spricht sehr stolz. Es wird die Zeit kommen, in welcher er demütiger redet!“

„Wann wird das sein?“

„Wenn wir ihn gefangen genommen haben.“

„Da kann Nale-Masiuv warten, bis er gestorben ist. Du wirst mein Gefangener, aber ich werde nicht der deinige sein.“

„Uff! Wie könnte Nale-Masiuv gefangen werden?“

„Du bist es schon!“

„Jetzt?“

„Ja.“

„Old Shatterhand führt Behauptungen im Munde, ohne sie beweisen zu können!“

„Der Beweis liegt vor deinen Augen. Sieh dich um!“

Pshaw! Ich sehe Bleichgesichter!“ sagte er mit einer unendlich wegwerfenden Handbewegung.

„Diese Bleichgesichter sind geübte Soldaten, denen deine Krieger nicht widerstehen können!“

„Sie sind Hunde, denen wir die Felle lebendig über die Ohren ziehen werden. Kein solches Bleichgesicht ist im stande, es mit einem Roten aufnehmen zu können.“

„So sag einmal, ob die Apatschen rote Krieger sind!“

„Sie sind es.“

„So magst du erfahren, daß der hintere Teil Eures Lagers von Apatschen eingeschlossen ist.“

„Old Shatterhand lügt!“

„Ich lüge nie, und du weißt gar wohl, daß ich auch jetzt die Wahrheit sage. Oder willst du behaupten, das Kriegsgeschrei der Apatschen nicht gehört zu haben? Bist du taub?“

„Wie groß ist ihre Zahl?“

Ich war natürlich nicht so aufrichtig, ihm zu sagen, daß es nur fünfzig waren; ich antwortete:

„So groß, daß sie allein genügen, euch zu vernichten.“

„Sie mögen sich zeigen!“

„Du wirst sie sehen, sobald es mir beliebt.“

„Von welchem Stamme sind sie?“

„Vom Stamme der Mescaleros, zu welchem ich und Winnetou gehören.“

Bei diesem Namen hob er schnell den Kopf und fragte:

„Wo ist Winnetou?“

„Im Llano estacado.“

„Er mag sich sehen lassen, wenn ich es glauben soll!“

„Du wirst ihn zu sehen bekommen. Er reitet mit fünfzig Apatschen vor Vupa Umugi her.“

„Uff, uff!“

„Um die Pfähle in die Erde zu stecken, welche in das Verderben führen.“

„Uff, uff!“ rief er wieder aus.

„Winnetou verrichtet diese Arbeit an Stelle des jungen Häuptlings Schiba-bigk, der sie nicht thun kann, weil wir ihn gefangen genommen haben. Nun führt Winnetou mit seinen Pfählen die Comantschen so in die Irre, wie Schibabigk die weißen Reiter in den Tod des Verschmachtens führen sollte.“

Jedes Wort, welches ich sagte, war ein Schlag für Nale-Masiuv. Er versuchte, sich zu beherrschen, konnte aber die Aufregung, in welcher er sich befand, nicht ganz verbergen. Seine Stimme zitterte, als er in scheinbar leichtem Tone sagte:

„Ich verstehe nicht, was Old Shatterhand spricht; er mag doch deutlicher reden!“

„Du weißt gar wohl, was ich meine.“

„Nein.“

„Lüge nicht! Glaubst du, Old Shatterhand täuschen zu können? Das würde dir nicht gelingen, selbst wenn in deinem Kopfe die Klugheit sämtlicher Comantschenhäuptlinge wohnte, was allerdings ganz und gar wenig ist! Von dir kommt doch der Plan, den Ihr hier ausführen wollt.“

„Welcher Plan?“

„Die weißen Reiter durch falsch gesteckte Pfähle in die Irre zu führen.“

„Old Shatterhand scheint zu träumen!“

„Leugne nicht! Du lügst; ich aber rede in aller Aufrichtigkeit mit dir. Als du geschlagen worden warst, sandtest du nach hundert neuen Kriegern heim. Zugleich schicktest du zwei Boten nach dem blauen Wasser zu Vupa Umugi, die ihm deinen Plan mitteilen sollten. Ich habe sie belauscht, ehe sie über den Rio Pecos gingen.“

„Uff! Ich werde sie aus der Reihe der Krieger stoßen!“

„Thue das! So unvorsichtige und schwatzhafte Leute sind nicht wert, Krieger zu heißen. Ich habe auch Vupa Umugi selbst belauscht und alles erfahren, ohne daß er es ahnte.“

Er sagte nichts dazu; aber sein Auge war durchdringend und forschend auf mich gerichtet; dabei schien es hinter den Lidern zu zittern wie vor einer zurückgehaltenen Angst. Ich fuhr fort:

„Ich habe auch die sechs Kundschafter belauscht, welche Vupa Umugi nach Osten sandte. Sie haben im Altschesetschi sterben müssen.“

„Uff! Darum sind sie nicht zurückgekehrt und darum haben wir sie hier nicht getroffen!“

„Es wird dir noch manches andre Licht aufgehen. Winnetou ist sofort und schleunigst nach dem Llano estacado geritten, um den Bloody-Fox zu warnen, und hat vorher nach so viel Kriegern der Apatschen gesandt, wie nötig waren, euern Anschlag zu vereiteln. Mit diesen Apatschen bin ich euch vorausgeeilt und habe Schiba-bigk mit seinen fünfzig Kriegern gefangen, als sie die Pfähle einsteckten, mit deren Hilfe ihm Vupa Umugi folgen sollte.“

„Sagst du die Wahrheit?“ stieß er mühsam hervor.

„Ich sage sie. Dann haben wir, so wie ihr es den weißen Reitern machen wolltet, für euch die Pfähle falsch gesteckt. Das hat Winnetou mit fünfzig Apatschen besorgt, deren Spuren Vupa Umugi für die Fährte der Comantschen halten Sollte, die bei Schiba-bigk waren.“

„Uff! Das hat euch der böse Manitou eingegeben!“

„Der gute Manitou. Der böse ist euer Ratgeber, nicht der unsrige. Nun reitet Vupa Umugi hinter den Apatschen her und glaubt, Schiba-bigk vor sich zu haben. Er wird in eine wasserlose Wüste kommen und so vom Kaktus eingeschlossen sein, daß er sich ergeben muß, wenn er nicht verschmachten will.“

„Old Shatterhand ist das böseste, das allerschlimmste der Bleichgesichter!“ zischte er mich wütend an.

„Das glaubst du selbst ja nicht. Du weißt, daß ich es gut mit allen roten Männern meine. Ich will auch jetzt alles zum Guten führen und euch zum Frieden mit euern Feinden bringen.“

„Wir wollen keinen Frieden!“

„So erntet ihr Blut; ganz wie ihr wollt! Als heut die weißen Reiter kamen, habe ich sie gewarnt und ihnen gesagt, daß du mit deinen Kriegern ihnen folgest. Da haben sie sich mit meinen Apatschen vereinigt und euch hier aufgelauert. Nun seid ihr so umzingelt, daß keiner von euch entkommen kann!“

„Wir werden kämpfen!“

„Versucht es doch!“

„Es ist kein Versuch, sondern es wird gelingen!“

Pshaw! Hundert Schüsse von den Bleichgesichtern, die du hier siehst; dazu meine Zauberflinte und das Gewehr Old Surehands, der niemals fehlt!“

„Old Surehand ist da?“

„Ja.“

„Wo?“

„Er befindet sich da oben bei den Apatschen, deren Kugeln auch unter euch wüten werden. Es ist ganz unmöglich, daß ihr uns entkommen könnt!“

„Du täuschest mich, um mich zur Ergebung zu bewegen!“

„Ich sage die Wahrheit.“

„Schiba-bigk ist nicht gefangen!“

„Er ist gefangen; ich beweise dir das, indem ich sage, daß er dreißig Naiini und zwanzig Comantschen seines Stammes bei sich hatte.“

„Und Vupa Umugi geht nicht in die Irre!“

„Er ist auf dem Wege zur Falle, in der wir ihn gefangen nehmen wollen. Ich will dir sogar sagen, daß ich, während er am blauen Wasser lagerte, nach dem Kaam-kulano geritten bin, wo sein Stamm wohnt. Von da habe ich alle seine Medizinen mitgebracht.“

„Uff! Die hast du gestohlen?“

„Ich habe sie von den Lanzen genommen, welche vor seinem Zelte steckten.“

„So ist er verloren, verloren!“

„Das ist er allerdings, wenn er nicht Frieden macht. Und das wird er schon deshalb thun, um wieder zu seinen Medizinen zu gelangen, den qualvollen Tod des Verschmachtens gar nicht gerechnet.“

Nale-Masiuv senkte den Kopf und sagte nichts.

„Du wirst nun einsehen,“ fuhr ich fort, „daß du weder auf Schiba-bigk noch auf Vupa Umugi rechnen kannst. Es bleibt auch dir nichts übrig, als dich zu ergeben.“

Er schwieg eine ganze, lange Weile. Was dachte er? Was ging in ihm vor? Er machte ein sehr, sehr niedergeschlagenes Gesicht; aber grad weil er dies so zeigte, traute ich ihm nicht. Da blickte er wieder auf und fragte:

„Was geschieht mit Schiba-bigk und seinen Leuten?“

„Wir werden sie freigeben, weil noch kein Blut zwischen uns geflossen ist.“

„Was werdet ihr mit Vupa Umugi thun?“

„Auch er wird mit seinen Kriegern frei, wenn er so klug ist, sich nicht zu wehren.“

„Und was hätte ich mit meinen Kriegern zu erwarten, wenn wir uns euch jetzt überlieferten?“

„Auch die Freiheit.“

„Wann?“

„Sobald wir darüber beschlossen haben.“

„Und die Beute?“

„Wir Weißen trachten nicht nach Beute; aber die Apatschen werden eure Pferde verlangen.“

„Wirst du sie ihnen geben?“

„Ja.“

„Sie gehören aber doch uns!“

„Ihr habt den Kampf begonnen und müßt die Folgen tragen. Die Gerechtigkeit verlangt eine Entschädigung für die, welche ihr angegriffen habt und töten wolltet. Ihr müßt froh sein, wenn ihr mit dem Leben davonkommt!“

„Aber wir brauchen unsre Pferde!“

„Zu Raubzügen, ja. Wenn ihr keine habt, müßt ihr Ruhe halten.“

„Wir sind stets Freunde der Ruhe und des Friedens gewesen!“

„Sprich nicht so lächerlich! Stets sind es die Comantschen gewesen, welche den Unfrieden angestiftet und den Kampf begonnen haben; das weißt du ebenso gut, wie ich es weiß.“

„Die Waffen aber wird man uns wohl lassen?“ erkundigte er sich weiter.

„Das weiß ich nicht.“

„Du mußt es wissen!“

Bei diesen Worten blitzten seine Augen für eine Sekunde auf, und er griff mit der rechten Hand langsam hinter sich. Ich wußte, daß jetzt höchst wahrscheinlich ein Angriff auf mich erfolgen werde, antwortete aber trotzdem ganz ruhig und gelassen:

„Ich kann es jetzt nicht wissen, weil ich mit Winnetou und Old Surehand darüber beraten muß.“

„Wirst du vorschlagen, daß wir sie behalten dürfen, oder nicht?“

„Die Pfeile, Bogen und Messer, auch die Tomahawks mögt ihr behalten. Ihr braucht sie zur Jagd, um euch zu ernähren.“

„Aber die Gewehre?“

„Die werden wir euch wohl nehmen, denn die sind es, ohne welche ihr nicht Krieg führen könnt. Habt ihr keine Gewehre mehr, so müßt ihr endlich Frieden halten.“

Ich hätte anders antworten, ihm das erwartete Versprechen machen können, vielleicht hätte er da jetzt auf seinen heimtückischen Angriff verzichtet; aber einesteils widerstrebte es mir, diesem Manne auch nur die kleinste Konzession zu machen, und andernteils glaubte ich, ihn grad durch seine Hinterlist um so leichter und schneller in meine Gewalt zu bekommen.

„Frieden halten?“ fragte er. „Das wollen wir nicht; wir wollen den Kampf. Da hast du ihn!“

Er sagte die vier letzten Worte mit erhobener Stimme. Seine Augen glühten auf; sein Oberkörper bog sich blitzschnell zu mir herüber, und in der Rechten blitzte sein Messer. Sonderbar! Messer! Also ganz so, wie ich zu dem Kommandanten gesagt hatte! Ich war auf meiner Hut gewesen. Kam er mir schnell, so kam ich ihm noch schneller. Ein rascher Griff mit meiner linken Hand, und ich hatte seine rechte Faust mit dem Messer gefaßt. Dann versetzte ich ihm, indem ich mich aufrichtete, mit der Rechten zwei solche Schläge gegen die Schläfe, daß er wie eine leblose Puppe zusammensank.

Das Messer in der Hand, sprang ich vollends auf und rief den mit Spannung uns beobachtenden Comantschen zu:

„Das ist Verrat. Nale-Masiuv wollte mich erstechen. Hier habt ihr sein Messer!“

Ich schleuderte es weit fort, in der Richtung nach ihnen hin; dann faßte ich den betäubten Häuptling beim Gürtel, hob ihn auf, warf ihn mir über die Schulter und rannte mit ihm fort, unsrer Aufstellung zu.

Was gab es da für ein Brüllen und Heulen hinter mir! Die Comantschen kamen gerannt, mich zu verfolgen. Da krachten oben von der Höhe mehrere blinde Schüsse herab. Old Surehand hatte den Befehl dazu gegeben, um die Comantschen zu erschrecken. Er erreichte seinen Zweck; sie gaben es auf, mir nachzuspringen, aber ihr Brüllen und Wehklagen dauerte fort.

Der Häuptling wurde gebunden; dann nahm ich den Stutzen in die Hand und ging wieder auf das Wasser zu. In Sprechweite angekommen, machte ich den Comantschen ein Zeichen zum Schweigen; sie gehorchten, und ich rief ihnen zu:

„Die Krieger der Comantschen mögen aufmerksam hören, was Old Shatterhand sagt! Sie wissen, daß ihr Häuptling ein Messer mit zur Beratung genommen hat, obgleich bestimmt war, daß wir ohne Waffen zu kommen hatten. Nale-Masiuv wollte mich erstechen, worauf seine Leute auf uns eindringen sollten. Ich war vorsichtig und vereitelte es; die Faust Old Shatterhands hat ihn zu Boden geschmettert; aber er ist nicht tot, sondern nur besinnungslos. Sobald er wieder zu sich kommt, werde ich weiter mit ihm sprechen. Bis dahin wird euch nichts geschehen, wenn ihr euch ruhig verhaltet. Versucht ihr aber, zu entfliehen, oder hören wir von euch einen einzigen Schuß, so werdet ihr sofort Hunderte von Kugeln bekommen. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Diese Drohung machte den gewünschten Eindruck. Die Comantschen bildeten einen engen, vielbewegten Haufen, blieben aber sonst ruhig. Als ich zurückkam und bei Nale-Masiuv niederkniete, um ihn zu untersuchen, sagte der Kommandant zu mir:

„Wollte er Euch wirklich erstechen?“

„Ja.“

„Und Ihr trautet ihm?“

„Nein; ich ahnte sofort, daß er ein Messer hinter sich liegen hatte.“

„Wie gut, daß ich nicht an Eurer Stelle war!“

„Das denke ich auch.“

„Ich besitze Eure scharfen Augen nicht. Mich hätte er sehr wahrscheinlich erstochen.“

„Hm! Wer weiß, ob er das für der Mühe wert gehalten hätte, Sir.“

„Für der Mühe wert? Soll das heißen, daß ich keinen Messerstich oder keinen Schuß Pulver wert bin?“

„Ich wollte damit nur sagen, daß so ein Roter einen so kühnen und gewagten Streich nur dann ausführt, wenn es sich darum handelt, einen Mann aus dem Wege zu bringen, der ihm ungewöhnlich gefährlich ist.“

„Ah so! Was thun wir nun mit dem Verräter, dem Halunken? Ich schlage vor – – hm, hm!“

„Was?“

„Daß wir ihn schimpflich aufknüpfen. Ein Kerl, der bei einer solchen Beratung sein Versprechen bricht, muß baumeln, unbedingt baumeln!“

„Wenn auch das nicht, aber ich werde nun kurzen Prozeß mit ihm machen. Es ist gut, daß er seine Medizin nicht im Lager gelassen, sondern um den Hals hängen hat.“

„Warum?“

„Das wird ihn gefügiger machen. Warten wir, bis er aufwacht, was gar nicht lange dauern wird.“

„Hm! Da kann ich Euch inzwischen eine Frage vortragen.“

„Welche?“

„Während Ihr mit diesem Kerl verhandeltet, habe ich mir das, was wir miteinander besprochen haben, noch einmal reiflich überlegt.“

„Und Euch wohl anders besonnen?“

„Ja.“

„Inwiefern?“

„Es widerspricht aller militärischen Tradition und Gepflogenheit, solche rote Strolche zu besiegen, ohne sie zu bestrafen. Glaubt Ihr wirklich, mit den Comantschen ohne mich fertig zu werden?“

„Ja; ich brauche Euch nicht dazu.“

„So möchte ich lieber nicht mit in den Llano gehen. Wie tief müßt Ihr in denselben eindringen?“

„Zwei starke Tagemärsche.“

„Alle Wetter! Das ist weit. So viel Proviant haben wir nicht bei uns. Nehmt Ihr es mir übel, wenn – – – –“

Er schämte sich doch einigermaßen, die Frage vollends auszusprechen. Mir war es, offen gestanden, gar nicht unlieb, wenn ich ihn und seine Leute los wurde. Was brauchten sie von der Oase und andern Geheimnissen zu erfahren! Darum antwortete ich bereitwillig:

„Wenn Ihr zurückkehrt? O, ich habe gar nichts dagegen.“

„Wirklich nicht?“

„Nein, nicht das Geringste.“

„Das ist mir lieb, sehr lieb; hierher an den Llano habe ich mich verlocken lassen. Meine eigentliche Aufgabe liegt oben in der Ebene jenseits des Mistake-Cañon. Mit diesem Nale-Masiuv bin ich nur deshalb zusammengeraten, weil er mir in den Weg lief. Ich werde zurückkehren und hier nur So lange warten, bis Ihr mit diesen Comantschen fertig seid.“

„Da werdet Ihr nicht ohne Gewinn zurückkehren.“

„Wieso?“

„Ihr sollt Beute haben. Was thue ich mit diesen Roten? Soll ich sie mit im Llano herumschleppen, sie tränken und ernähren, sie als Gefangene bewachen? Das kann ich mir leichter machen. Ich überlasse sie Euch.“

„Mir? Oh!“

„Ja. Nur müßt Ihr mir versprechen, daß Ihr ihnen das Leben schenkt.“

„Ich gebe Euch mein Wort darauf.“

„Und Eure Hand.“

„Ja. Hier ist sie. Topp!“

Well! So nehmt die Kerls mit, bis über den Rio Pecos hinüber, damit sie nicht hierher zurückkommen und mir Dummheiten machen können. Dort nehmt Ihr ihnen die Pferde und die Waffen ab und laßt sie laufen.“

„Und was wir ihnen abnehmen, das sollen wir behalten, Sir?“

„Natürlich.“

„Da nehme ich sie noch weiter mit, noch viel weiter, damit sie Euch nicht hier genieren. Sie sind ja weiter von oben her. Nicht?“

„Ja. Also wir sind einig?“

„Vollständig einig. Hier gebe ich Euch nochmals meine Hand darauf, daß ich ihnen nichts thue, ihnen nicht an das Leben gehe. Seid Ihr nun zufrieden?“

„Vollständig.“

„Und ich bin es auch. Aber seht, der Kerl bewegt sich! Er macht die Augen auf. Das war auch so ein Hieb, wie ihn nur Old Shatterhand zu geben versteht. Möchte keinen haben!“

Der Häuptling kam zu sich zurück. Zunächst schien er nicht zu wissen, was mit ihm geschehen war; dann besann er sich.

„Siehst du wohl, daß ich Wort gehalten habe?“ sagte ich zu ihm. „Du bist jetzt mein Gefangener.“

Bei diesen Worten nahm ich ihm die Medizin vom Halse und zog ein Streichholz aus der Tasche. Er rief ängstlich aus:

„Was willst du mit meiner Medizin thun?“

„Ich verbrenne sie.“

„Uff, uff! Soll meine Seele verloren sein?“

„Ja; du hast es verdient. Du hattest dein Wort gebrochen und wolltest mich töten. Dafür wirst du dreifache Strafe leiden. Du wirst aufgehängt; ich nehme dir die Skalplocke vom Kopfe und verbrenne deine Medizin.“

Das Hängen ist für einen Indianer die allerschimpflichste Todesart. Lieber, viel lieber stirbt er eines langsamen, schmerzvollen, dabei aber rühmlichen Martertodes. Und meine beiden andern Drohungen waren die größten, die es geben kann. Die Skalplocke rauben, ohne die man nicht jenseits leben kann, und die Medizin verbrennen; damit vernichtete ich ihn und seine Seele für jetzt und für alle Ewigkeiten! Er versuchte, die starken Banden zu sprengen, und schrie voller Angst:

„Das thust du nicht; das wirst du nicht thun!“

„Ich werde es!“

Ich strich das Hölzchen an und hielt die kleine Flamme desselben an den Medizinbeutel, der sofort zu rauchen begann.

„Halt, halt!“ brüllte er. „Verschone mich! Nimm mir mein Leben, nur laß mir die Seele! Was muß ich thun? Was muß ich thun, um dich dahin zu bringen, daß du mir diese Bitte erfüllst?“

Ich nahm das Hölzchen weg und antwortete:

„Es giebt nur einen einzigen Weg, dich und deine Seele zu retten, einen einzigen.“

„Welchen? Sag es schnell!“

Die Augen traten ihm vor Angst und Entsetzen aus ihren Höhlen, denn ich hatte bereits ein zweites Hölzchen in der Hand.

„Gebiete deinen Leuten, daß sie sich gefangen geben und alle ihre Waffen ausliefern!“

„Das kann ich nicht!“

„So stirb und sei vernichtet!“

Das Hölzchen flammte auf, und der Beutel begann, wieder zu rauchen. Da zeterte der Häuptling, daß man es weithin hörte:

„Halt, halt ein! Ich thue es! Ich werde diesen Befehl erteilen!“

„Gut! Aber versuche ja nicht, Zeit zu gewinnen oder mich zu täuschen! Ich gebe dir mein festes, unverbrüchliches Wort, daß ich, wenn du dich nur einen Augenblick sträubst, den Befehl zu geben, dann auf keine weitere Bitte hören und die Medizin verbrennen werde. Ich habe gesprochen und halte mein Wort!“

„Ich werde es thun, sicher und gewiß. Mag der ganze Stamm gefangen sein; meine Medizin aber muß gerettet werden. Was habt Ihr beschlossen, das mit den Gefangenen geschehen soll?“

„Sie werden freigelassen, du auch.“

„Und wir behalten unsre Medizinen?“

„Ja.“

„So mag Senanda-khasi herkommen, welcher der zweite Häuptling ist! Ihm werde ich den Befehl geben, und er wird ihn ausführen.“

„Gewiß?“

„Ja, er muß gehorchen.“

Ich ging wieder bis auf Sprachweite auf das Lager zu und rief zu den Roten hinüber:

„Der Häuptling Nale-Masiuv will, daß der Unterhäuptling Senanda-khasi zu ihm komme, aber ohne lange zu zögern!“

Ich ging zurück. Als wir sahen, daß der Genannte dem Rufe folgte und wirklich kam, sagte der Kommandant zu mir:

„Welche Macht habt Ihr über diese Menschen, Sir! Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen, die Medizin anzubrennen.“

„Das ist es eben, was ich Euch gesagt habe: Man muß die Gebräuche und Anschauungen der Roten kennen; dann ist man gegen vieles gewappnet, dem Nichtkenner wehrlos verfallen.“

Senanda-khasi ging, ohne uns anzusehen, zu dem Häuptling hin und setzte sich neben ihm nieder. Ihre Unterredung wurde leise geführt, doch war sie außerordentlich erregt; das sahen wir. Dann stand der Unterhäuptling auf, wendete sich an mich und sagte:

„Old Shatterhand hat uns alle für diesesmal mit einem einzigen Schlage seiner Faust und dann durch seine List besiegt; aber es wird ein besserer Tag kommen, an welchem der große Manitou uns günstiger ist. Wir sind bereit, uns gefangen zu geben und Euch die Waffen auszuliefern. Wohin sollen wir sie legen?“

„Es mögen je zehn und zehn kommen und sie nebst aller Munition hier neben dem Häuptling niederlegen. Aber merke dir: Wer eine einzige Waffe verheimlicht, der wird erschossen!“

Er ging, und bald darauf kamen die Comantschen in einzelnen Gruppen zu zehn Personen, um Gewehre, Messer, Tomahawks, Pfeile, Bogen, Lanzen, Pulver und Kugeln mit finstern Mienen abzuliefern. Als dies geschehen war, sagte ich zum Kommandanten:

„Ich übergebe Euch die Gefangenen. Es ist nun Eure Sache, dafür zu sorgen, daß Ihr sie sicher habt. Laßt keinen entkommen!“

„Sorgt Euch nicht, Sir! Bin froh, daß ich sie habe. Werde sie zunächst in unsre Mitte nehmen und mit ihren eigenen Riemen binden.“

Während er dies durch seine Soldaten ausführen ließ, ging ich wieder eine Strecke vor, legte beide Hände als Schallrohr an den Mund und rief zu Old Surehand empor:

„Sis inteh peniyil – – die Apatschen mögen kommen!“

Dieser Ruf wurde verstanden, und einige Minuten darauf kam er an ihrer Spitze im Galoppe heruntergeritten. Ich ging ihm entgegen. Er sprang vom Pferde und fragte:

„Wir sahen, daß Euch der Häuptling erstechen wollte; Ihr habt es ihm aber gut gegeben. Was ist nun die Folge? Da liegen ja alle Waffen, und die Indsmen sind von den Dragonern eingeschlossen! Sie haben sich ergeben müssen?“

„Ja.“

„Wie habt Ihr das angefangen, Sir?“

„Ich drohte, die Medizin Nale-Masiuvs zu verbrennen.“

„Recht so! Dumme Kerls, so abergläubisch zu sein! Was werden wir aber mit ihnen anfangen? Es ist so unbequem, sie mitzuschleppen. Auch werden sie die Oase kennen lernen.“

„Nein. Der Kommandant ist auf den guten Gedanken gekommen, nicht mit uns zu reiten, sondern umzukehren. Dem habe ich sie übergeben. Er bekommt dafür ihre Pferde und ihre Waffen und läßt sie erst jenseits des Rio Pecos frei.“

„Well! Das ist das Allerbeste, was geschehen kann. Wir reiten also ohne die Dragoner hinter Vupa Umugi her?“

„Ja.“

„Wann?“

„Wir haben hier nichts mehr zu thun. Unsre Pferde haben getrunken, und die Schläuche sind gefüllt. Wir können sogleich fort.“

„Da wollen wir uns auch nicht lange verweilen. Je eher wir den Naiini auf die Hacken kommen, desto besser ist’s.“

„Ja. Wollen nur erst zärtlichen Abschied von dem lieben Kommandanten nehmen!“

Ich stieg auf das Pferd und ritt mit Old Surehand zu ihm hin.

„Wollt Ihr schon fort, Mesch’schurs?“ fragte er. „Es thut mir wirklich leid, daß wir nicht länger bei einander bleiben können!“

„Uns ebenso,“ antwortete ich. „Wir hätten Euch gern noch länger Gelegenheit gegeben, so dumme Gräbersucher kennen zu lernen.“

„Oh – – ah – –!“ dehnte er verlegen.

„Vielleicht wißt Ihr nun, welches Kleidungsstück mehr zu bedeuten hat, der Jagdrock eines Westmannes oder die Uniform eines Dragoneroffiziers. Nehmt das zu Herzen, und lebt wohl!“

„Lebt – – wohl!“ echote er, noch verlegener als vorher.

Wir setzten uns an die Spitze unsrer Apatschen und ritten fort. Schon nach wenigen Minuten konnten wir, zurückblickend, die hundert Bäume nicht mehr sehen. Wir kamen von Stange zu Stange, indem wir der breit und tief ausgetretenen Fährte der Naiini-Comantschen folgten. Je weiter wir vorwärts kamen, desto sicherer und enger schlossen wir die Kaktusfalle, in welche wir sie trieben. – – –“

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In Der Oase

In der Oase

Zwischen Texas, Arizona, Neu-Mexiko und dem Indianer-Territorium, oder noch anders ausgedrückt, zwischen den Ausläufern des Ozarkgebirges, der untern und der obern Sierra Guadelupe und den Gualpabergen, rings eingefaßt von den Höhen, welche den obern Lauf des Rio Pecos und die Quellen des Red River, Sabine, Trinidad, Brazos und Colorado umgrenzen, liegt eine weite, furchtbare Strecke Landes, welche die Sahara der Vereinigten Staaten genannt werden könnte.

Wüste Strecken dürren, glühenden Sandes wechseln mit nackten, brennend heißen Felslagerungen, die nicht imstande sind, auch nur der allerdürftigsten Vegetation die kärgsten Bedingungen des kürzesten Daseins zu erfüllen. Schroff und unvermittelt folgt die kalte Nacht auf die Hitze des Tages; kein einsamer Dschebel, kein grünendes Wadi unterbricht wie in der Sahara die tote, einförmige Wüste; kein stiller Bir lockt mit der belebenden Feuchtigkeit eine kleine Oase hervor; sogar der durch den Steppencharakter vermittelte Übergang von den reich bewaldeten Berggebieten zum leblosen, sterilen Sandmeere fehlt gänzlich, und der Tod tritt dem Auge überall unverhüllt in seiner fürchterlichsten Gestalt entgegen. Nur hier und da steht – man weiß nicht, durch welche Kraft hervorgerufen und erhalten – ein einsamer, lederartiger Mezquitestrauch, gleichsam zum Hohne für den nach einem grünen Punkte sich sehnenden Blick, und ebenso erstaunt trifft man zuweilen auf eine wilde Kaktusart, die entweder nur in einzelnen Exemplaren steht oder Gruppen bildet oder auch weite, ausgedehnte Flächen eng bestandet, ohne daß man sich ihr Dasein enträtseln und erklären kann. Aber weder der Mezquite, noch der Kaktus gewährt einen erfreulichen, wohlthuenden Anblick; graubraun ist ihre Farbe und unschön ihre Gestalt; sie werden von dickem Sandstaube bedeckt, und wehe dem Pferde, dessen Reiter so unvorsichtig ist, es in eine solche Kaktuswildnis zu lenken! Es wird von den spitzen, haarscharfen und stahlharten Stacheln so an den Füßen verwundet, daß es nie wieder richtig laufen lernt; der Reiter muß das arme Tier sofort aufgeben, und wenn er es nicht tötet, so verfällt es dem elenden Schicksale, langsam umzukommen.

Trotz aller Schrecken, welche diese Wüste bietet, hat es doch der Mensch gewagt, sie zu betreten. Es führen Straßen durch sie, hinauf nach Santa Fé; und Fort Union, hinüber nach dem Paso del Norte und hinunter in die grünenden Prairien und wohlbewässerten Wälder von Texas. Aber bei diesem Worte Straße darf man nicht an die Art von Wegebau denken, welche in civilisierten Ländern diese Bezeichnung trägt. Wohl reitet ein einsamer Jäger oder Rastreador, eine Gesellschaft kühner Wagehälse oder ein zweideutiger Pulk Indianer durch die Wüste, wohl knarrt auch ein schneckengleich langsamer Ochsenkarrenzug durch die Einöde, aber das, was wir einen Weg nennen, das giebt es nicht, nicht einmal jene viertelstundenbreit auseinander gehenden Geleise, wie man sie in den Pampas Südamerikas oder in der Lüneburger Heide und dem Sande Brandenburgs findet. Jeder reitet oder fährt seine eigene Bahn, so lange ihm der Boden noch einige wenige Merkmale bietet, an denen er erkennen kann, daß er überhaupt noch in der richtigen Richtung ist. Aber diese Merkmale hören nach und nach selbst für das geübteste Auge auf, und von da an hat man die Maßregel getroffen, diese Richtung vermittelst Pfählen zu bezeichnen, welche in gewissen Entfernungen in den Boden gesteckt werden.

Dennoch aber fordert diese Wüste ihre Opfer, welche, die Größenverhältnisse in Betracht gezogen, viel zahlreicher und auch schrecklicher sind als diejenigen, welche die Sahara Afrikas und die Schamo oder Gobi Hochasiens als furchtbaren Tribut fordern. Menschengerippe, Tierkadaver, Sattelfragmente, Wagenreste und andere schauerliche Überbleibsel liegen am und im Wege und erzählen stumme Geschichten, die zwar das Ohr nicht hören, aber das Auge desto deutlicher sehen und die Phantasie vollends ergänzen kann. Und darüber schweben hoch in den Lüften die Aasgeier, die jeder lebenden Bewegung, welche sich unten zu erkennen giebt, mit beängstigender Ausdauer folgen, als ob sie ganz genau wüßten, daß ihnen ihre sichere Beute nicht entgehen kann.

Und wie heißt diese Wüste? Die Bewohner der umliegenden Territorien geben ihr verschiedene, bald englische, bald französische oder spanische Namen; weithin aber ist sie wegen der eingerammten Pfähle, welche den Weg bezeichnen sollen, entweder als Llano estacado oder als Staked-Plain bekannt. – – –

So ungefähr schrieb ich in einem früheren Bande [Fußnote] dieser Werke, in welchem die Grauenhaftigkeit des fürchterlichen Llano estacado geschildert wird. Wenn ich da sagte, daß kein Brunnen eine einsame Oase hervorrufe, so wußte ich bei meinem damaligen Ritte durch die Staked Plains von der Ausnahme nichts, die ich dann später kennen lernte. Es gab mitten in dieser Wüste doch eine Oase, und sie war der Aufenthalt derjenigen Person, von welcher mir Winnetou auf seinem Zettel mitgeteilt hatte, daß sie von den Comantschen überfallen werden solle, nämlich des Bloody-Fox.

Der blutige Fuchs. Schon dieser Name deutet auf einen ungewöhnlichen Lebenslauf. Sein jetziger Träger hatte als Kind zu einer Auswanderer-Karawane gehört, welche im Hano estacado von einer Bande von Stakemen überfallen und ermordet worden war. Ein Farmer, Namens Helmers, fand die ausgeraubten Leichen und entdeckte noch Leben in dem Knaben, in dessen Schädel eine große Hiebwunde klaffte; er verband ihn und nahm ihn mit sich nach Helmers Home, seiner Farm. Das sorgfältig gepflegte Kind überstand die gefährliche Verletzung und wurde wieder gesund, hatte aber alles, was vor dem Überfalle geschehen war, also auch seinen Namen, vollständig vergessen. Einen Namen mußte es aber haben, und da es, als es gefunden wurde, von Blut überströmt war und dann im Wundfieber sehr oft den Namen Fox genannt hatte, so nahm Helmers an, sein Vater habe so geheißen, und entschloß sich, ihn Bloody-Fox zu nennen.

Der Knabe gedieh vortrefflich, körperlich und auch geistig, konnte aber sein Gedächtnis nie zwingen, bis vor den Überfall zurückzugehen. Er wußte ganz genau, wie der Mann, von dem er den Hieb erhalten hatte, ausgesehen hatte; er konnte sich das Gesicht desselben deutlich vergegenwärtigen; weiter aber wußte er nichts, auch das nicht, warum er so sehr oft den Namen Fox genannt hatte. Helmers freute sich über die ungewöhnliche Entwickelung seines Pfleglings und war nur in einer Beziehung nicht mit ihm zufrieden; er konnte ihn nämlich nicht an das Haus gewöhnen. Seine Besitzung lag am nördlichen Rande des Llano estacado, und kaum war der Knabe so weit, ein Pferd regieren zu können, so schweifte er reitend in der Wüste umher, anstatt sich auf den Feldern seines Pflegevaters nützlich zu machen. Daran war trotz aller Mühe und aller Ermahnungen nichts zu ändern. Als Helmers einmal ungewöhnlich zornig darüber wurde, erklärte Bloody-Fox:

„Die Meinigen sind von den Geiern des Llano ermordet worden, und ich habe mir vorgenommen, diese Geier bis auf den letzten auszurotten. Dazu ist es notwendig, daß ich den Llano so kennen lerne, wie ich meine Taschen kenne. Soll ich das nicht dürfen, so will ich lieber nicht leben.“

Er sagte dies mit solcher Entschlossenheit, daß Helmers es für geraten hielt, nachzugeben; ja, er nahm sich ferner vor, den Knaben zu einem Manne auszubilden, der imstande sein werde, den Geiern Respekt einzuflößen. Infolgedessen wuchs Bloody-Fox in vollständiger Freiheit auf, konnte gehen und kommen, wann und wie er wollte, und wurde ein so kühner Reiter und waffengewandter Schütze, daß selbst Winnetou, als er ihn später kennen lernte, ihm seine Bewunderung nicht versagen konnte. Helmers war von Geburt ein Deutscher, und die Eltern von Bloody-Fox schienen auch Deutsche gewesen zu sein, denn obwohl ihm alles Frühere aus dem Gedächtnisse entschwunden war, das Englische lernte er nicht schneller als jedes andre Kind, das Deutsche aber wurde ihm so außerordentlich leicht, daß man unbedingt annehmen mußte, er habe es schon früher gesprochen.

Fragt man, was es mit den Stakemen oder den Geiern des Llano estacado für eine Bewandtnis habe, so ist die Antwort folgende: Es wurde bereits gesagt, daß die sogenannten Wege, welche durch die Wüste führen, von da an, wo die natürlichen Merkmale aufhören, mit Pfählen bezeichnet zu werden pflegen. Neben den ehrlichen Menschen, welche diese Wege benutzen, giebt es noch andre Leute, die moralisch Bankerott gemacht haben und die Arbeit hassen, heruntergekommene Subjekte, welche den bewohnten Osten fliehen mußten, weil sie sich fürchteten, mit dem Strafrichter in Berührung zu kommen, gewissenlose Schurken, die nichts mehr zu verlieren haben und, weil ihr eigenes Leben keinen Wert besitzt, auch das andrer Menschen für nichts achten. Sie leben von nichts als nur vom Raube, und dazu bietet ihnen der Llano, wenn nicht das ergiebigste, so doch das verschwiegenste Terrain. Sie haben ihre Schlupfwinkel am Rande der Wüste und lauern in der Nähe der Wege auf Reisende, welche durch den Llano wollen. Diesen schließen sie sich entweder als bloße Begleiter oder als Führer an und schicken ihre Verbündeten voraus, um die Pfähle entfernen und in falscher Richtung wieder einstecken zu lassen; daher der Ausdruck Stakemen. Wer dann diesen Pfählen folgt, wird vom richtigen Wege ab und in das sichere Verderben geführt; er stirbt den elenden Tod des Verschmachtens, wenn er nicht vorher schon ermordet wird, und sein Eigentum fällt den menschlichen oder vielmehr entmenschten Geiern des Llano anheim. So kommt es, daß die Gebeine von Hunderten und Aberhunderten in der tiefsten Einsamkeit im Sonnenbrande bleichen und niemand weiß, wohin diese Unglücklichen gekommen sind.

Einer Bande solcher Stakemen war auch die Karawane, zu welcher Bloody-Fox gehört hatte, zum Opfer gefallen. Die entsetzliche Scene des Ermordens war ihm im Gedächtnis geblieben; daher der heiße Wunsch in ihm, diese Geier bis auf den letzten auszurotten, und so kühn und schwer diese Aufgabe war, er besaß alle zu ihrer Ausführung nötigen Eigenschaften.

Er durchkreuzte den Llano nach und nach in allen Richtungen; er lernte jeden Schrittbreit der Wüste kennen; er wurde mit allen ihren Gefahren vertraut und hatte, was die Aufgabe seines Vorhabens unendlich erleichterte, das Glück, tief im Innern der Einöde eine grünende Oase mit Wasser zu entdecken. Das war so viel und noch mehr wert, als ob er hundert Verbündete gewonnen hätte.

Diesen Ort hielt er geheim. Kein Mensch, selbst Helmers nicht, obgleich er diesem das Leben verdankte, erfuhr etwas davon. Er baute sich im Laufe der Zeit ein Häuschen an das Wasser und bepflanzte die Wände desselben mit dicht wuchernden Passionsblumen. Er fing wilde Mustangs und brachte sie heimlich hin, um stets frische Pferde zu haben, wenn eins müde geritten war. Das gab seinen Bewegungen eine Schnelligkeit, die er sonst nicht hätte entwickeln können; es war ihm dadurch ermöglicht, jetzt an der einen und bald darauf an der entgegengesetzten Grenze des Llano zu sein. Er schaffte Proviant und Munition nach dem Häuschen. Aber um diese Oase und die dort befindlichen Pferde während seiner Abwesenheit zu pflegen, brauchte er eine Person, der er sein Vertrauen schenken, von der er annehmen konnte, daß sie sein Geheimnis nicht verraten werde. Es gab eine alte Negerin, Namens Sanna, die ihn sehr liebte und auf seinen Vorschlag einging. Sie wohnte eine ganze Reihe von Jahren in dieser tiefen Einsamkeit, ohne sich von dem Häuschen fortzusehnen, und wurde für diese Treue auf eine Weise belohnt, die über ihre alten Tage den hellsten Sonnenschein ergoß. Sie war nämlich in Tennessee Sklavin eines Pflanzers gewesen, der ihr einziges Kind, einen Knaben, von ihr gerissen und verkauft hatte. Auch sie war später verschachert und durch verschiedene Schicksale bis an die Staked-Plains verschlagen worden; nie hatte sie ihren Sohn, ihren Bob, vergessen können; er war ihr Gedanke bei Tag und bei Nacht, und sie schwor darauf, daß sie nicht sterben werde, ohne ihn wieder gesehen zu haben. Da kamen wir an den Llano und lernten Bloody-Fox kennen. Bei uns befand sich ein Westmann, dessen unzertrennlicher Begleiter ein Neger, sein früherer Diener war. Der Schwarze hieß Bob, und es stellte sich zu unsrer freudigen Verwunderung und zum Entzücken der alten Sanna heraus, daß er der verkaufte Negerknabe aus Tennessee war. Sie blieben von da an zusammen, um sich erst mit dem Tode zu trennen.

Von dem Augenblicke an, der Sanna in sein Häuschen gebracht hatte, konnte Bloody-Fox so, wie er es wünschte, an die Verwirklichung seiner Pläne gehen. Er erschien immer seltener bei seinem Pflegevater; aber wenn er einmal kam, hatte dieser ihm stets etwas Neues zu erzählen, und dieses Neue betraf fast immer den Tod eines Stakeman. Man fand bald hier und bald dort die Leiche eines Menschen, der genau durch die Mitte der Stirn geschossen war, und wenn man den Inhalt seiner Taschen untersuchte, so entdeckte man gewiß Gegenstände, welche von einem Raube stammten und also bewiesen, daß der Tote zu den Pfahlmännern gehört habe. Solche Fälle wiederholten sich je länger desto häufiger, und das Loch in der Stirn galt bald als untrüglicher Beweis, daß man den Getroffenen für einen bestraften Pfahlmänner Geier zu halten habe. Wer aber war der geheimnisvolle Rächer? Niemand wußte es, und selbst Helmers ahnte es nicht.

Es war kein Wunder, daß bald Sage auf Sage über diesen Rächer entstand. Es gab Leute, die ihn gesehen haben wollten, pfeilschnell in der Ferne vorüberreitend, nie so nahe, daß sie ihn deutlich erkennen konnten. Heute sah ihn ein Händler am südlichsten Punkte des Llano und fand eine Stunde später einen durch die Stirn geschossenen Toten; morgen hörte ein Trupp Reisender am östlichen Rande der Plains einen Büchsenknall; ein Reiter verschwand gedankenschnell am Horizonte, und als sie an die betreffende Stelle kamen, lag ein Mensch da, tot ausgestreckt und in die Stirn getroffen. Einen Tag später kehrten bei Helmers Leute ein, welche im Llano gelagert und beim hellen Mondenschein denselben Reiter gesehen haben wollten, wie er hüben auftauchte, an ihnen vorübergaloppierte und drüben wieder verschwand. Schließlich bemächtigte sich gar der Aberglaube dieser unbegreiflichen Persönlichkeit; dieser Reiter war kein Mensch, sondern ein überirdisches Wesen, welches mit der Schnelligkeit des Blitzes von einem Ende des Llano nach dem andern flog. Wie hätte ein Sterblicher solche Schnelligkeit entwickeln und mit solcher Sicherheit den Räuber von dem ehrlichen Manne unterscheiden können! „Der Geist des Llano estacado fuhr über die Plains,“ erzählte man; „der Avenging-Ghost hat wieder einen Stakeman geholt.“

Die ehrlichen Leute atmeten auf; die Stakemen hielten sich enger zusammen; sie wagten sich nicht mehr einzeln oder in kleinen Trupps in die Wüste, sondern sie führten ihre verbrecherischen Unternehmungen in größerer Gemeinschaft aus. Aber auch das bot ihnen keine Sicherheit. Sie lagerten zu zwanzig und noch mehr Personen bei einander; da fiel ein Schuß, noch einer, und zwei von ihnen waren durch die Stirn getroffen; unweit von ihnen aber erklang der Hufschlag eines davoneilenden Pferdes.

Um diese Zeit war es, daß ich, wie oben erwähnt, mit mehreren Westmännern zu Helmers kam, um durch den Estacado zu reiten und jenseits desselben mit Winnetou zusammenzutreffen. Wir erfuhren da, daß eine Auswandererkarawane vor uns sei, die auch durch die Plains wolle. Einige Personen, die wir bei Helmers sahen, erregten meinen Verdacht; ich folgte, als sie sich entfernt hatten, ihren Spuren und gewann die Überzeugung, daß die Auswanderer in die Irre geführt werden sollten. Der Scout, dem sie sich anvertrauten, war ein Pfahlmann, und seine Genossen warteten auf ihre Opfer. Wir machten uns natürlich schleunigst auf den Weg, um den Bedrohten Hilfe zu bringen.

Zu derselben Zeit traf Winnetou, der mich erwartete, auf einen Trupp Comantschen, die er damals nicht zu meiden brauchte, weil grad Friede zwischen ihnen und den Apatschen war. Von ihnen erfuhr er, daß sie ihrem Häuptlinge in den Llano entgegenritten, der durch die Plains kommen werde, aber sich in großer Gefahr befinde, weil sich eine bedeutende Anzahl von Stakemen zusammengefunden habe, die irgend einen Überfall im Sinne zu haben schienen. Das waren dieselben Geier, die ich entdeckt hatte. Da Winnetou wußte, daß ich mich unsrer Verabredung gemäß auch schon in der Nähe befinden müsse, wurde er besorgt um mich und beschloß, nicht auf mich zu warten, sondern mir auch entgegenzureiten. Er bot also den Comantschen seine Begleitung an, und sie gingen sehr gern auf seinen Vorschlag ein, weil es ihnen und ihrem gefährdeten Häuptlinge nur nützlich sein konnte, wenn sie einen Mann wie Winnetou bei sich hatten.

Infolgedessen war der sonst so öde Estacado jetzt von vier Trupps belebt, von denen drei sich in einer und derselben Richtung bewegten; die Auswanderer wurden von ihrem verräterischen Scout nach Süden in den beabsichtigten Tod geführt; ebenso südwärts folgten ihnen die Stakemen, und ich kam mit meinen Begleitern hinter diesen, um den geplanten Streich zu vereiteln. Von Westen her aber näherte sich Winnetou mit den Comantschen, welche leider zu spät kamen, denn es stellte sich heraus, daß ihr Häuptling schon von den Geiern ermordet worden war.

Da wir südlich und die Comantschen östlich ritten, und die Zeit zufälligerweise so genau stimmte, als ob wir uns verabredet hätten, mußten wir im rechten Winkel zusammentreffen, und zwar in der Nähe der Oase, von welcher wir freilich keine Ahnung hatten. Bloody-Fox wußte ebenso wie wir von der Absicht der Stakemen; er wollte die Fremden retten und ritt ihnen von seiner Wüsteninsel aus entgegen, um sie zunächst zu warnen. Unglücklicherweise traf er anstatt auf sie auf die Geier, welche sofort Jagd auf ihn machten. Infolge der Schnelligkeit seines Pferdes entkam er ihnen nordwärts und traf auf uns, denen er sich natürlich anschloß. Wir galoppierten drei Stunden lang, konnten die Auswanderer aber doch erst einholen, als es schon dunkel geworden war. Sie hatten mit ihren Wagen ein Viereck gebildet, innerhalb dessen sie lagerten; ihre Zugochsen hatten vor Durst nicht weiter gekonnt und auch sie selbst waren halb verschmachtet; ihr Scout hatte die Wasserfässer angebohrt, wie sich herausstellte; er entfloh, als wir kamen.

Inzwischen hatte Winnetou, ohne daß ich es ahnte, dieselbe Gegend erreicht und vermöge seines unvergleichlichen Spürsinnes die Stakemen entdeckt. Er schlich sich an sie, die natürlich keine Feuer brennen konnten und durften, heran, grad in dem Augenblicke, als der entflohene Scout bei ihnen eintraf, und ihnen sagte, daß wir bei den Einwanderern eingetroffen seien. Anstatt sich dies zur Warnung dienen zu lassen, freuten sie sich, durch uns noch größere Beute zu bekommen, und beschlossen, uns beim Grauen des Morgens anzugreifen. Winnetou hörte dies, schlich sich zu den Comantschen zurück und kam dann mit diesen zu uns geritten. Das war wieder so eines seiner Meisterstücke! Wie froh war ich, schon jetzt und hier mit ihm zusammenzutreffen! Seine Comantschenschar verdoppelte unsre Zahl, und er selbst wog allein mehr als sie.

Als der Morgen anbrach, lagen wir hinter den Wagen versteckt. Die Stakemen kamen; wir zählten fünfunddreißig. So zahlreich pflegten sie jetzt aus Furcht vor dem Avenging-Ghost aufzutreten. Sie ahnten nicht, daß wir von ihnen wußten, und glaubten, sehr leichtes Spiel zu haben. Unsre erste Salve traf sie auf fünfzig Schritte Entfernung und brachte geradezu Entsetzen über sie. Es gab einen wirren Knäuel vor Schreck brüllender Menschen; die Toten und Schwerverwundeten stürzten; die ledig gewordenen Pferde vermehrten die Verwirrung; dann löste sich das Chaos, und wer sich noch im Sattel halten konnte, floh in südlicher Richtung davon. Wir saßen im Nu auf unsern Pferden und jagten ihnen nach. Sie wurden alle ausgelöscht. Der letzte von ihnen erreichte die bisher so geheim gehaltene Oase des Bloody-Fox. Dort stürzte er mit seinem Pferde und brach das Genick. Er war der Anführer und nur deshalb so weit entkommen, weil er das schnellste Pferd hatte. Wir erkannten in ihm einen berüchtigten Verbrecher, welcher weit und breit unter dem Namen Stealing-Fox bekannt war, und, wunderbar! Bloody-Fox erklärte uns in größter Aufregung, dies sei ganz gewiß der Mann, der ihm damals die klaffende Kopfwunde geschlagen habe; es sei gar nicht daran zu zweifeln, denn er habe dieses Gesicht niemals vergessen können. Der Mensch hatte sich Fox genannt, allerdings nicht Stealing-Fox, und war ihr Führer gewesen. Nun ließ sich freilich sehr leicht erklären, warum der gerettete Knabe in seinen Fieberphantasien so oft den Namen Fox ausgesprochen hatte.

Kam es uns fast wie ein Wunder vor, daß Bloody-Fox so unerwartet den Mörder seiner Eltern entdeckte, so war es später wenigstens ebenso zum Verwundern, als sich herausstellte, daß unser Neger Bob der Sohn der alten Sanna sei. Und als wir dann Zeit fanden, der Örtlichkeit unsre Aufmerksamkeit zu schenken, wollte sie uns als ein drittes und viel größeres Wunder erscheinen. Es hatte zwar alte Jäger und Indianer gegeben, welche behaupteten, daß es mitten im ödesten Llano estacado ein Wasser gebe, an welchem die herrlichsten Bäume und Blumen ständen, aber es war ihnen kein Glaube geschenkt worden. Ich selbst hatte auch davon gehört, aber stets daran gezweifelt. Nun sah ich es vor Augen.

Freilich, wenn ich an die Sahara dachte, unter deren Sand- und Felsenboden in größerer oder geringerer Tiefe Wasser in Fülle vorhanden ist, wollte mir diese Oase hier im Llano gar nicht so hydropathisch unerklärlich erscheinen. Die Wüste der Plains wird von dem Rio Pecos durch eine Bergkette getrennt, welche oft einfach verstreicht, oft aber auch mehrere Höhenzüge bildet, zwischen denen lange Thäler liegen, die von engen, schluchtartigen Querthälern durchschnitten werden, deren Mund sich nach dem Llano öffnet. Von diesen Höhen kommen und in diesen Querthälern fließen verschiedene kleine Gewässer herab, an deren Ufer Sträucher und sogar Bäume ganz wohl zu existieren vermögen. Diese grünen Stellen ragen wie Halbinseln oder Vegetationszungen in das Sandmeer des Estacado hinein und bilden zwischen sich Busen, in denen Gras und Kräuter Nahrung finden. Diese Wasserläufe versiechen, sobald sie den Sand berühren; sie verdunsten nicht. Das Wasser dringt in den lockern Boden ein und muß sich da, wo es eine feste, undurchlässige Unterlage findet, sammeln. Man darf sich nur den Llano keineswegs als eine streng horizontale Ebene, sondern als eine Depression denken, an deren tiefster Stelle dieses Wasser zu Tage treten muß, und zwar hell, klar und rein, weil durch den Sand gefiltert.

Leider war das so lang bewahrte Geheimnis des Bloody-Fox nun unserm Wissen preisgegeben; es schien ihm das auch gar nicht lieb zu sein, doch ergab er sich in das Unvermeidliche und nahm uns nur später das Versprechen ab, bis auf weiteres darüber zu schweigen. Es stand zu erwarten, daß er nun für lange Zeit keine Veranlassung mehr haben werde, den Avenging-Ghost zu spielen; wir hatten unter den Stakemen aufgeräumt, und wenn es ja noch vereinzelte gab, so hörten sie gewiß von dem Tode dieser fünfunddreißig Geier und ließen ihn sich zur Warnung dienen. Die Einwanderer wurden nach der Oase geholt, wo sie einige Tage blieben und dann gekräftigt ihre Wanderung fortsetzten. Wir begleiteten sie bis an den Pecos. Sie gingen nach Arizona hinüber, wo sie immerhin von der Oase erzählen konnten; entweder hielt man für unwahr, was sie sagten, oder wenn man es ihnen glaubte, so hatte man keine Gelegenheit, es auszunutzen. Wir andern Weißen hatten viel eher Gelegenheit, nach dem Llano zu kommen, nahmen uns aber vor, gegen jedermann über Foxens grüne Wüsteninsel zu schweigen.

Anders freilich stand es mit den Comantschen, welche das Geheimnis leider nun auch kannten. Sie mußten zwar auch versprechen, nicht davon zu reden, doch waren wir überzeugt, daß sie nicht Wort halten würden. Der Ort war für ihr Volk nicht ohne Wert.

Wenn man sich von da aus, wo wir uns befanden, eine gerade Linie nach Westen gezogen denkt, stößt dieselbe jenseits des Flusses auf eine Gegend, welche einer der gefährlichsten Winkel des fernen Westens genannt werden mußte, weil sich dort die Streifgebiete der Comantschen und Apatschen berührten. Wer die Verhältnisse kennt, der weiß, daß es, so lange diese beiden Nationen überhaupt noch existieren, niemals zwischen ihnen zu einem dauernden Frieden kommen kann; die gegenseitige Erbitterung wird schon dem Kinde anerzogen und eingeprägt, und wenn ja einmal der Tomahawk des Krieges zwischen ihnen vergraben wird, so genügt doch die geringste Veranlassung, ihn wieder auszugraben. Solche Veranlassungen konnte es täglich geben, weil die Gebiete nicht nur aneinanderstießen, sondern vielfach ineinander liefen und oft noch gar nicht bestimmt waren. Der Vorwurf einer Grenzverletzung war also leicht zu haben, ganz abgesehen von den hundert andern Gründen, die es gab, wenn man den Kampf nur wünschte. Darum wurden jene Gegenden von den Westleuten gern the shears genannt, ein Ausdruck, der sehr bezeichnend war. Die beweglichen Grenzlinien öffneten und schlossen sich wie Scheren, und wer zwischen sie geriet, der konnte, besonders wenn er ein Weißer war, von großem Glücke reden, wenn er unbeschädigt davonkam.

Die häufigen Kämpfe zwischen den beiden Nationen pflegten drüben in den shears zu entbrennen und sich dann über den Pecos herüberzuspielen; die Unterliegenden wurden gewöhnlich in den Llano getrieben. Wie vorteilhaft, wenn man da in der Sandwüste einen Punkt hatte, wo man sich sammeln und erholen konnte, während der Feind glaubte, man sei dem Tode des Verschmachtens anheimgefallen! Solch einen Punkt bot die Oase, und ihn hatten die Comantschen jetzt kennen gelernt. Würden sie, daheim angekommen, darüber schweigen? Ich konnte es mir nicht denken und machte Bloody-Fox auf die Gefahr aufmerksam, welche für ihn aus der Mitwissenschaft der Roten entsprang. Er nahm die Sache genau so ernst wie ich und sagte:

„Ihr habt recht, Sir. Ich habe mein Geheimnis so lange Zeit behütet, und nun ist es plötzlich preisgegeben. Ich bin aber selbst schuld daran.“

„Wieso?“

„Ich hätte Euch gestern diese Gegend beschreiben sollen; es wäre Euch dann wohl nicht schwer gewesen, es so einzurichten, daß die Stakemen nicht hierher fliehen konnten.“

„Das ist freilich richtig.“

„Dann hättet nur Ihr es gewußt und es gewiß keinem Menschen verraten. Nun aber, wie es jetzt steht, habe ich von drei Seiten Besuche zu erwarten.“

„Ich denke, nur von den Comantschen.“

„Auch von den Apatschen!“

„Nein. Es giebt nur einen Apatschen, der es weiß; das ist Winnetou.“

„Meint Ihr, daß er daheim nichts sagt?“

„Gewiß nicht, wenn Ihr ihn darum bittet.“

„Ich werde ihn bitten. Aber die Weißen!“

„Die verraten auch nichts; sie sind alle ohne Ausnahme schweigsame Männer.“

„Zugegeben. Sie werden nicht gegen andre reden, aber sich mein abgelegenes Home hier merken und es bald wieder aufsuchen.“

„Und daran liegt Euch nichts?“

„Nein.“

„Hm, das ist nicht sehr freundlich gesinnt!“

„Ich meine es anders. Sie könnten gern wiederkommen; aber wenn sie es thun, wird die Oase verraten. Sie oder ihre Spuren werden von andern gesehen, die ihnen dann folgen. Ist es nicht so, Sir?“

„Allerdings. Wir werden sie also bitten, nicht nur zu schweigen, sondern auch nie mehr hierher zu kommen.“

„Das wäre zu hart. Es kann ja geschehen, daß sich einer von ihnen später im Llano befindet, in Not gerät und verschmachten müßte, wenn er nicht an dieses Wasser dürfte. In einem solchen Falle muß eine Ausnahme gemacht werden. Wollt Ihr das mit ihnen besprechen, Mr. Shatterhand?“

„Gern.“

„Aber Ihr und Winnetou sollt ausgenommen sein. Ihr sollt so oft wie möglich zu mir kommen, und ihr werdet es in einer Weise thun, daß kein andrer Mensch euch folgen kann und meine Hütte entdeckt; davon bin ich bei euch beiden überzeugt.“

„Gut, wir werden Euch diesen Wunsch erfüllen. Was aber wollt Ihr thun, um Euch gegen einen Besuch der Comantschen zu bewahren oder zu beschützen?“

„Nichts. Oder soll ich aus meiner Hütte eine Festung machen?“

„Das geht nicht.“

„Oder so viel Leute hernehmen, um einen Überfall zurückschlagen zu können?“

„Auch das ist unmöglich.“

„So bleibt mir nichts übrig, als die Verhältnisse so zu lassen, wie sie sind. Die einzige Veränderung, welche eintreten wird, ist die, daß Bob hier bei seiner Mutter bleibt; ich habe also, wenn ich hier bin, einen Gehilfen, und sie wird während meiner Abwesenheit nicht mehr allein sein. Denkt Ihr, daß ich ihn behalten kann?“

„Ich rate Euch sogar dazu. Er ist ein treuer, nicht unkluger und auch tapferer Mensch. Er war mit uns bei den Sioux, und wenn sein erstes Debut auch nicht ein glänzendes zu nennen ist, so hat er uns doch sehr gute Dienste geleistet. Ich bin auch ganz dafür, daß Ihr hier keine Änderung trefft. Ein wenig Wachsamkeit der Comantschen wegen; das ist es, was ich Euch rate, weiter nichts. Vielleicht denken diese Roten nicht wie wir, daß die Stakemen eine tüchtige Lehre bekommen haben und also nicht gleich wieder etwas unternehmen werden, und scheuen sich also auch fernerhin, ihre Züge ohne Kriegszwang nach hier auszudehnen.“

„Das habe ich mir auch gesagt und beruhige mich dabei. Hoffentlich täuschen wir uns nicht.“ –

Die Richtigkeit dieses Gedankens schien sich bewähren zu wollen. Ich war im Laufe der Zeit später einigemale in der Oase und erfuhr, daß Bloody-Fox von keinem Comantschen belästigt worden war. Auch kein Weißer hatte ihn seit damals wieder besucht, und so hatte es den Anschein, als ob die Entdeckung seines Geheimnisses nicht gleichbedeutend mit der Enthüllung desselben sei. Was die Geier des Llano estacado betrifft, so war ganz so, wie wir erwartet hatten, lange Zeit von ihnen nichts mehr zu hören gewesen; dann hatte es einzelne Raubanfälle gegeben, deren Urheber ein einziger Mann gewesen und von Fox entdeckt und in der angegebenen Weise bestraft worden war. Daß er der Avenging-Ghost sei, schien außer den damaligen Zeugen niemand zu wissen; sie hatten sein Geheimnis treu bewahrt; ich war an vielen Orten Zuhörer von den phantastischsten Erzählungen über dieses Thema und hörte niemals eine Andeutung darüber machen, an welche Person sich dieses Geisterspiel eigentlich knüpfe.

Als ich Bloody-Fox kennen lernte, stand er noch in den Jünglingsjahren; man kann sich also denken, welch reiche Begabung er besaß, da er schon in einem solchen Alter Eigenschaften und Fähigkeiten zeigte, die selbst einen Mann wie Winnetou in Staunen versetzten. Was konnte und mußte aus ihm werden, wenn er sich in dieser Weise weiter entwickelte!

Es folgten einige Jahre, in denen ich nicht nach Amerika kam. Dann traf ich mich mit Winnetou in den Black-Hills und erfuhr von ihm, daß Bloody-Fox sich wohl befinde und noch keinen Besuch der Comantschen erhalten habe. Wir trennten uns droben am Couteau, um uns nach vier Monaten unten auf der Sierra Madre wieder zusammenzufinden, und man kann sich denken, was es für einen Eindruck auf mich machte, als ich dort den Zettel des Apatschen las, daß er Bloody-Fox warnen müsse, weil die Comantschen ihn überfallen wollten.

Es war ihnen während so langer Zeit nicht eingefallen, die Oase aufzusuchen; welchen Grund hatten sie, dies jetzt, und zwar in feindlicher Absicht, zu thun? Ging der Plan von ihnen aus, oder hatte Bloody-Fox durch irgend etwas ihre Rache auf sich gezogen? Es war nutzlos, diese Fragen jetzt auszusprechen; die Antwort mußte mir später ganz von selber kommen.

Wichtiger war die Frage, ob Winnetou direkt nach dem Llano estacado geritten sei oder nicht. Er hatte mir geschrieben, daß er warnen wolle, und wenn es sich nur um eine Warnung handelte, so war anzunehmen, daß er den Weg direkt genommen habe. Aber wie ich den Apatschen kannte, begnügte er sich nicht mit einer Warnung, sondern fügte derselben möglichst gleich die Rettung bei, und diese konnte nur darin bestehen, daß er mit einer hinreichenden Apatschenschar dem Bloody-Fox zu Hilfe kam. Was nun von beiden hatte er gethan? So schwer diese Frage zu sein scheint, so leicht ist sie zu beantworten. Es handelte sich einfach um die Zeit. War sie zu kurz, so ritt Winnetou direkt zu Fox; war sie aber hinreichend, um Hilfe zu holen, so ritt er nach dem Lager seines Stammes, um die nötige Anzahl Krieger zur Stelle zu bringen.

Wie aber konnte Winnetou erfahren, ob er Zeit hatte oder nicht? Ganz einfach so, wie ich. Wenn tausend andre es nicht bemerkt hätten, ihm, dem unerreichbaren Meister im Spüren, hatten die Comantschen, die wir am blauen Wasser aufsuchten, gewiß nicht entgehen können, und wenn es ihm auch nicht möglich gewesen war, sie zu belauschen und dabei zu erfahren, daß sie auf einen Zuzug von weiteren hundert Mann unter dem Häuptling Nale-Masiuv warteten, so hatte er doch sicher aus den ihm geläufigen Anzeichen erkannt, daß sie nicht allzu eilig waren. Er hatte also sehr wahrscheinlich zunächst seinen Stamm aufgesucht.

Vielleicht war dies auch nicht nötig gewesen, sondern er hatte einen Boten gefunden, den er dorthin schicken konnte. Die Apatschen hatten auf alle Fälle erfahren, daß von den Comantschen das Beil des Krieges ausgegraben worden war, und also zu ihrer Sicherheit Späher ausgesandt. War Winnetou einem solchen begegnet, was keineswegs in das Reich der Unmöglichkeit gehörte, so hatte er ihn heimgesandt und war selbst weiter geritten, weil nur er selbst die Lage der Oase kannte.

Meine Vermutungen gingen sogar noch weiter; ich kannte eben meinen Winnetou und wußte, wie umsichtig er zu handeln pflegte. Der Tag meiner Ankunft in der Sierra Madre war ihm bekannt; ich würde seinen Zettel finden und ihm sofort folgen, das sagte er sich. Ich kannte den Weg ebenso genau wie er; es war ihm also nicht schwer, zu bestimmen, in welcher Gegend ich mich zu irgend einer angegebenen Zeit ungefähr befinden müsse. Wenn er selbst direkt nach dem Llano estacado war, so mußte er dafür sorgen, daß seine Krieger einen zuverlässigen Führer nach der Oase fanden, und dieser Führer konnte nur ich sein, In diesem Falle traf ich ganz bestimmt unterwegs einen Apatschen, welcher den Auftrag hatte, auf mich zu warten und mich zu unterrichten. Man wird bald sehen, wie richtig ich Winnetou beurteilt hatte.

Zunächst aber war es noch nicht so weit. Wir lagerten noch am Saskuan-kui und warteten auf den Anbruch des Morgens, um mit den Comantschen zu verhandeln. Old Surehand mußte ja alles, was ihm abgenommen worden war, besonders seine Waffen, wiederbekommen; dafür wollten wir Vupa Umugi, ihren gefangenen Häuptling, freigeben.

Wir waren so vorsichtig gewesen, nicht am Ufer zu bleiben, wo die Feinde uns wußten und, von den Büschen gedeckt, leicht überfallen konnten, sondern wir hatten uns ein Stück hinaus auf die Prairie gezogen, weil wir dort nicht beschlichen werden konnten. Dort wurden die Wachtablösungen bestimmt, und wer dann schlafen wollte, der konnte schlafen. Es fiel mir nicht ein, bis zum Morgen wach zu bleiben; man wußte nicht, was der nächste Tag für Anstrengungen brachte. Ich freute mich ungemein darauf, Old Surehand bei Tageslicht zu sehen; jetzt war es zu dunkel, ihn so, wie ich gern wollte, zu betrachten. Später gestand er mir, daß er ebenso neugierig auf mich gewesen war. Wir hätten viel, sehr viel miteinander reden können, waren aber beide keine übermäßig redseligen Menschenkinder und wollten schlafen. Eines jedoch mußte ich jetzt schon wissen; darum sagte ich, als er sich neben mir zur Ruhe ausstreckte:

„Erlaubt mir eine Frage, Sir, ehe Ihr die Augen schließt! Ihr habt mit Euerm Ritte in diese Gegend einen bestimmten Plan verfolgt?“

„Ja. Ich wollte zu den Mescalero-Apatschen hinunter, um vielleicht Winnetou zu treffen und mit seiner Hilfe dann vielleicht auch Euch kennen zu lernen. Es ist ja wahrhaftig eine Schande, so lange schon Westmann zu sein, ohne Winnetou und Old Shatterhand gesehen zu haben!“

„Auch wir kennen Euch noch nicht; das ist ganz dasselbe. Haben aber genug über Euch gehört, Sir. Der zweite Teil Euers Wunsches, mich zu sehen, ist eher erfüllt worden, als Ihr dachtet, und der erste Teil kann befriedigt werden, ohne daß Ihr zu den Mescaleros reitet. Ich bin nämlich auf dem Wege, Winnetou anderswo aufzusuchen.“

„Wo, Sir? Wo ist er jetzt?“

„Am Llano estacado.“

„Alle Wetter, das ist ja herrlich! Mit ihm und Euch im gefährlichen Estacado! Nehmt Ihr mich mit, Sir?“

„Sehr gern, natürlich. Wir werden Euch und Eure Hilfe sehr gut brauchen können. Werde Euch früh erzählen, warum; jetzt müssen wir notwendig schlafen, um Kräfte zu sammeln; will Euch einstweilen nur das sagen, daß es sich um einen Tanz mit den Comantschen handelt.“

„Mit diesen hier oder mit andern?“

„Mit diesen und andern, die noch zu ihnen stoßen. Ihr habt doch gehört, was von ihnen geredet wurde. Haben sie nicht von dem Ziele ihres jetzigen Zuges gesprochen?“

„Ja, aber so leise und vorsichtig, daß ich nichts verstehen konnte, Nehmt mich mit, Sir; nehmt mich mit! Ich freue mich wie ein Kind darauf, mit ihnen quitt darüber zu werden, daß ich mich wie ein Greenhorn von ihnen habe überrumpeln lassen. Was müßt Ihr von mir denken! Ich habe jahrelang gewünscht, Euch kennen zu lernen und mich Euch auf irgend eine Weise anschließen zu dürfen, und nun mir dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist es derart geschehen, daß ich mich geradezu schämen muß; th’is clear, wie der alte Wabble sagt!“

„Vom Schämen kann keine Rede sein. Ich bin nicht nur einmal gefangen gewesen, und Winnetou ebenso. Es freut mich außerordentlich, daß es mir erlaubt gewesen ist, Euch einen kleinen Dienst zu erweisen.“

I beg, Sir! Ein kleiner war es gar nicht; da möchte ich erst hören, was Ihr einen großen nennt! Ich würde viel, sehr viel darum geben, wenn es umgekehrt wäre, nämlich so, daß ich ihn Euch geleistet hätte. Will aber hoffen, daß ich Euch einmal so etwas Ähnliches erweisen kann.“

„Ich nehme es für genossen an und will lieber auf die Passion verzichten, Gefangener der Comantschen sein zu dürfen. Jetzt wollen wir schlafen. Good night, Sir!“

Good night, Mr. Shatterhand! Werde wahrscheinlich besser schlafen als da drüben auf der Insel, die ich nur verlassen sollte, um zum Martertod geführt zu werden.“

Die Nacht war kühl und meine Kleidung naß, dennoch schlief ich fest bis vier Uhr, wo ich zur letzten Wache geweckt wurde. Als diese fast zu Ende war, begann der Tag zu grauen, und ich hatte bald Licht genug, meinen neuen und berühmten Bekannten zu betrachten.

Da lag er jetzt vor mir, ruhig schlafend, ein wahrer Riese von Gestalt. Seine mächtigen Glieder waren ganz in Leder gekleidet, doch so, daß die von der Sonne gebräunte Brust unbedeckt blieb. Sein langes, braunes, seidenweiches Haar lag wie ein Schleier bis auf den Gürtel herab, und selbst im Schlafe, während dessen doch sonst das geistige Leben aus den Zügen zurückgetreten zu sein pflegt, lag auf seinem Gesichte der Ausdruck jener Energie, ohne welche ein guter Westmann undenkbar ist. Grad so, wie ich ihn hier liegen sah, hatte ich ihn mir vorgestellt, allerdings, weil er mir so beschrieben worden war; denn es ist keineswegs richtig, sich jeden namhaften Westläufer als eine solche Figur vorzustellen. Wer das thut – und das geschieht allerdings sehr häufig –, der fühlt sich dann später, wenn er den Betreffenden zu sehen bekommt, meist sehr enttäuscht. Berühmte Jäger von so riesiger Gestalt habe ich nur zwei gesehen, Old Firehand und Old Surehand. Man macht ja oft die Erfahrung, daß körperliche Hünen ein wahrhaft kindliches Gemüt besitzen und aller Kampfeslust und Kampfesfertigkeit ermangeln, während dürftiger gebaute Menschen sich lieber zerreißen als in die Flucht schlagen lassen. Doch soll dies natürlich keineswegs als Regel gelten. Das Leben im wilden Westen ist der Bildung voller Körperformen nicht günstig, doch schafft es eiserne Muskeln und Sehnen wie der Stahl.

Es war Zeit, die Schläfer zu wecken; ich that es, und als Old Surehand sich aufrichtete, konnte ich erst richtig sehen, in welcher Harmonie die einzelnen Teile und Glieder seines Körpers zu einander standen.

Good morning, Sir!“ grüßte er mich, indem er seinen Blick forschend an mir niedergleiten ließ und dann wieder zu meinem Gesichte erhob. „Endlich, endlich wird mir der Wunsch erfüllt, Euch zu sehen, denn das gestern abend in der Dunkelheit war kein Sehen zu nennen. Hier meine Hand zum Morgengruß und nochmaligen Dank für das, was Ihr an mir gethan und wegen mir gewagt habt. Wollt Ihr einschlagen, Mr. Shatterhand?“

„Gern. Auch ich freue mich aufrichtig, Euch endlich kennen zu lernen. Wenn es Euch recht ist, wollen wir treu zusammenhalten; das ist der Wunsch, den ich habe.“

Well, soll geschehen. Wenigstens was an mir liegt, werde ich mir Mühe geben, daß nichts geschieht, was uns auseinanderbringen kann.“ Er dehnte und reckte sich, untersuchte die Hand- und Fußgelenke und fuhr dann fort: „Ich habe gut geschlafen, und die Folgen der Fesseln sind vollständig verschwunden. Was werden wir nun zunächst beginnen?“

„Wir nehmen den Häuptling vor, um ihm zu sagen, was wir von ihm verlangen, und schicken dann den gefangenen Indianer hinüber in das Lager.“

„Und bis er wiederkommt, wird tüchtig gefrühstückt,“ fiel Old Wabble ein. „Wozu hätte ich denn das viele Fleisch mitgebracht? Wer etwas zu essen hat, der soll essen; th’is clear. Oder hat jemand etwas dagegen?“

Es fiel Keinem ein, gegen dieses Argument Widerspruch zu erheben. Old Surehand bat mich, die Verhandlung mit Vupa Umugi zu leiten; aber da es ihn selbst betraf, so war ich der Meinung, daß er dem Häuptlinge seine Bedingungen selbst vorschreiben müsse, und er that dies denn auch. Vupa-Umugi zögerte auch gar nicht, auf sie einzugehen; er sah ein, daß er gar nicht glimpflicher wegkommen könne. Dann banden wir den Comantschen, den Old Wabble gestern gefangen hatte, los; er erhielt von dem Häuptlinge die nötigen Befehle und ging dann fort, dieselben auszurichten. Hierauf hatten wir Zeit, unser Frühstück einzunehmen.

Nach ungefähr zwei Stunden sahen wir den Boten mit einigen Roten zurückkehren. Sie brachten Old Surehands Pferd, seine Waffen und alle andern Gegenstände, die ihm fehlten, auch seinen breitkrempigen Hut, der auf der Insel liegen geblieben war. Als er erklärte, daß nichts fehle, gaben wir den Häuptling frei. Eigentlich hatten wir ihm das Versprechen abverlangen wollen, fernerhin Frieden zu halten; wir sagten uns aber, daß er sein Wort doch nicht halten werde, und weil durch eine solche Forderung unsre Verhandlung mit ihm sehr in die Länge gezogen worden wäre, verzichteten wir lieber darauf, sie zu stellen. Als wir ihm die Fesseln abgenommen hatten, that er einige Schritte, um sich zu entfernen, drehte sich aber wieder um und richtete die Worte an mich. „Die Bleichgesichter haben Frieden mit uns geschlossen; ich frage sie, wie lange er währen soll.“

„So lange du willst,“ antwortete ich ihm; „es steht das ganz in euerm eigenen Belieben.“

„Warum spricht Old Shatterhand nicht deutlicher? Warum sagt er nicht eine bestimmte Zeit?“

„Weil ich das nicht kann. Wir sind den roten Männern nicht feindlich gesinnt und möchten gern stets und immer Freundschaft mit ihnen halten; wir wissen aber, daß sie nicht ebenso denken wie wir und müssen es also auf sie ankommen lassen. So lange sie uns den Frieden halten, wird bei uns das Beil des Krieges auch vergraben bleiben.“

„Uff! Wie lange werden die weißen Männer in dieser Gegend verweilen?“

„Wir werden sofort aufbrechen.“

„Wohin?“

„Frag den Wind, wohin er geht! Er weht bald hierhin, bald dorthin. So ist’s auch mit dem Jäger des Westens, der nie heut sagen kann, wo er sich morgen befinden wird.“

„Old Shatterhand weicht meiner Frage aus!“

„Meine Antwort ist so wie die deinige, wenn ich dich fragen würde.“

„Nein, denn ich würde dir die Wahrheit sagen.“

„Das wollen wir doch einmal versuchen. Wie lange bleiben die roten Krieger hier am blauen Wasser?“

„Noch einige Tage. Wir sind hierher gekommen, um zu fischen, und werden gehen, wenn wir dies gethan haben.“

„Wohin werdet ihr dann reiten?“

„Nach Hause zu unsern Frauen und Kindern.“

„Behauptest du, daß dies die Wahrheit sei?“

„Ja.“

„So sei klug, und thue nach deinen Worten! Jede Lüge gleicht einer Nußschale, deren Kern in der Bestrafung besteht. Du hast gesagt, daß du Old Shatterhand nicht fürchtest; du brauchst ihn auch nicht zu fürchten, außer dann, wenn du ihn zwingst, Abrechnung mit dir zu halten. Ich habe gesprochen. Howgh!“

Er machte eine stolz abwehrende Handbewegung und ging; seine Leute folgten ihm. Meine Begleiter wollten sich über sein Verhalten und seine Worte aussprechen; ich aber schnitt ihnen die Rede kurz ab:

„Mesch’schurs, schweigen wir jetzt darüber; wir können uns später besprechen; jetzt müssen wir fort.“

„Ist das so eilig, Sir?“ fragte Parker.

„Ja.“

„Das denke ich nicht. Wir haben den Roten eine tüchtige Lehre gegeben, und sie werden sich hüten, uns Gelegenheit zu einer zweiten zu geben.“

„Das klingt sehr zuversichtlich, Mr. Parker. Bedenkt aber wohl, daß wir nur zwölf Personen sind und über hundertfünfzig Rote gegen uns haben!“

„Das ist richtig, aber – – Old Shatterhand, Old Surehand, Old Wabble; ich will Euch nur diese Namen nennen und von uns andern gar nicht reden. Die Comantschen werden sich hüten, uns zu belästigen.“

„Ich bin im Gegenteile überzeugt, daß sie nach Rache dürsten. Sie mögen unsre Namen fürchten; aber sie wissen ebensogut wie wir, daß im Falle eines Angriffes zwölf von ihnen auf einen von uns kommen. Sie hatten in Old Surehand einen vorzüglichen Fang gemacht, den wir ihnen wieder abgenommen haben; sie werden wütend darüber sein und danach trachten, nicht nur ihn, sondern auch uns in ihren Besitz zu bekommen. Wenn sie uns hier in der offenen Savanne überfallen, so haben wir keine Deckung; wir würden uns zwar wehren und eine große Zahl von ihnen niederstrecken, endlich aber doch unterliegen. Nein, wir müssen fort.“

„Das kann uns auch nichts nützen, denn wenn sie wirklich die Absicht haben, uns zu erwischen, so werden sie uns folgen, wenn wir fortreiten.“

„Da können wir uns zu ihrem Empfange eine geeignetere Örtlichkeit wählen, als diese hier ist. Sie werden uns allerdings folgen, schon um zu erfahren, wohin wir reiten, aber allzuweit können sie sich nicht entfernen, weil sie nach dem Llano wollen.“

Old Surehand und Old Wabble gaben mir recht; Jos Hawley hatte mich zu sehr in sein Herz geschlossen, als daß er es geäußert hätte, wenn er andrer Meinung gewesen wäre, und die andern, nun diese andern waren ganz und gar nicht zornig darüber, daß wir aus der gefährlichen Nähe der Comantschen fortwollten; sie erklärten sich vielmehr so rasch damit einverstanden, daß sich meine über sie gehegte Ansicht nur befestigte. Sie waren ganz gewöhnliche Leute, die mir nur in ihrer Gesamtheit von Nutzen sein konnten.

Wenn sie bei mir blieben, standen mir einige Gewehre mehr zur Verfügung; ich hatte aber ebenso viele Menschen mehr zu versorgen und war in meinen Bewegungen und Handlungen nicht frei. Einzeln konnte ich sie nicht verwenden; dazu waren sie zu unselbstständig und unerfahren. Wie die Angelegenheit jetzt stand, wäre es mir lieber gewesen, sie nicht bei mir zu haben. Dazu kam der Umstand, daß die Oase in dem Llano ein Geheimnis sein sollte; die Weißen, die es bis jetzt kannten, hatten es nicht verraten; war es klug, meine jetzigen Begleiter in dasselbe einzuweihen? Ich traute ihnen keine Verschwiegenheit zu. Durfte ich sie aber von mir weisen? Nein; das hätte sie gekränkt. Ich mußte versuchen, sie selbst auf den Gedanken zu bringen, sich von mir zu trennen, und dies schien, da sie keinen hervorragenden Mut und Unternehmungsgeist besaßen, gar nicht schwer zu sein.

Wir ritten also fort, mit Fleischvorrat reichlich versehen. Ich hielt mich mit Old Surehand an der Spitze, und niemand fragte mich, wohin ich mich wenden wollte. Natürlich nahm ich die Richtung nach der Furt und trieb, als wir dort angekommen waren, mein Pferd in das Wasser; die andern folgten mir. Am jenseitigen Ufer stieg ich ab, band mein Pferd an einen Baum und setzte mich nieder. Old Surehand und Old Wabble thaten sofort nach meinem Beispiele. Parker aber blieb ebenso wie die andern im Sattel sitzen und fragte:

„Ihr steigt ab, Sir? Das sieht genau so aus, als ob Ihr längere Zeit hier bleiben wolltet?“

Ich brauchte nicht zu antworten, denn Old Wabble übernahm an meiner Stelle die Erklärung:

„Allerdings bleiben wir hier, Mr. Parker. Wundert Ihr Euch etwa darüber?“

„Natürlich!“

„So könnt Ihr wohl nicht begreifen, warum wir wieder nach Westen geritten sind anstatt nach Osten, wohin wir eigentlich wollen?“

„Welch eine Frage! Ihr scheint mich für sehr dumm zu halten. Die Roten dürfen nicht wissen, daß wir ostwärts wollen, weil wir ihren Kriegsplan kennen; darum müssen wir zunächst nach der entgegengesetzten Richtung, um sie zu täuschen. Aber warum wir schon hier halten bleiben und uns sogar ganz gemächlich niedersetzen sollen, das ist mir ein Rätsel.“

„Es ist Euch jedenfalls schon manches ein Rätsel gewesen und wird es Euch auch später sein! Erst wolltet Ihr nicht vom blauen Wasser fort, obgleich wir dort der größten Gefahr ausgesetzt waren, und nun wir uns hier hinter dem Flusse und den Büschen in der schönsten Sicherheit befinden, bleibt Ihr im Sattel kleben wie eine Fliege im Leime!“

„So wollt Ihr auf die Roten warten?“

Yes,“

„Aber das ist doch gar nicht nötig! Wenn sie kommen, müssen wir uns wehren, und wenn wir weiter reiten, entgehen wir aller Feindseligkeit; da ist es doch entschieden besser, das letztere zu thun!“

„Damit sie unsern Spuren folgen und uns dann abends oder in der Nacht, wenn wir sie nicht sehen können, überfallen! Was Ihr doch für ein ungeheurer Pfiffikus seid! Steigt nur ab!“

Parker folgte dieser Aufforderung, ließ aber dabei ein unwilliges Brummen hören. Old Wabble ärgerte sich darüber und fuhr ihn zornig an:

„Was habt Ihr da zu brummen, Sir! Reitet getrost fort, wenn es Euch hier nicht gefällt; es wird sich niemand Mühe geben, Euch zurückzuhalten; darauf könnt Ihr Euch verlassen!“

„Habe ich etwa verlangt, daß sich jemand diese Mühe geben soll, Mr. Cutter?“

„So brummt auch nicht! Wißt Ihr, was dieses Brummen ist? Eine Beleidigung für Mr. Shatterhand, nach dessen Beispiel wir uns hier gerichtet haben! Durch dieses Brummen zeigt Ihr an, daß Ihr nicht einverstanden mit ihm seid, und Ihr wißt ja, was ich Euch gesagt habe: Wer ihn für dumm hält, den lassen wir einfach sitzen!“

„Oho! So war es ja gar nicht gemeint!“

„Jawohl war es so gemeint! Weil ihr damals Euren ersten Elk aufs Blatt getroffen habt, bildet Ihr Euch ein, daß Eure Ansichten auch stets aufs Blatt treffen. Da befindet Ihr Euch aber gewaltig im Irrtum. Da nehmt mich dagegen an! Ich bin über neunzig Jahre alt und habe Dinge erlebt und mitgemacht, die andre nie im Traume zu sehen bekommen; aber ich werde doch nicht wagen, gegen Old Shatterhand zu murren, obgleich er der reine Jüngling gegen mich ist. Wenn er so etwas thut, was ich nicht begreife, so brumme ich nicht, sondern ich frage ihn. Brummen thun überhaupt nur die Bären und die Ochsen; th’is clear.“

„Soll das etwa mir gelten, Mr. Cutter?“

„Seid Ihr ein Bär oder ein Ochse?“

„Wahrscheinlich nicht. Will es Euch auch nicht raten, mich für so eine Kreatur zu halten! Und was Eure Methode betrifft, Mr. Shatterhand zu fragen, anstatt zu brummen, so wird ihm an unnützen Fragen wohl auch nicht viel gelegen sein.“

„Old Wabble fragt nicht unnütz, das mögt Ihr Euch merken. Wenn ich eine Frage ausspreche, so betrifft sie stets einen Gegenstand, an welchem auch jeder andre Interesse haben und sich belehren kann. Das kann ich Euch gleich jetzt beweisen. Paßt einmal auf!“

Und sich an mich wendend fuhr er fort:

„Ja war mir z.B. gestern abend etwas unklar, Sir. Darf ich Euch um Auskunft bitten?“

„Gewiß.“

„Als Ihr das Feuer, an welchem der Häuptling saß, beschlichen hattet und aus dem Wasser zurückkamt, brachtet Ihr etwas mit. Ihr nahmt es mit nach unserm Lagerplatze und habt es da in die Büsche versteckt. Was war das?“

„Das Schilf, welches ich mir über den Kopf gesteckt hatte.“

„O, habe es mir gedacht! Warum warft Ihr es nicht schon vorher weg?“

„Damit die Roten es nicht finden sollten.“

„So, hm! Gab es einen Grund dazu?“

„Natürlich. Man pflegt doch nichts ohne Grund zu thun.“

„Ja, Ihr. Aber ich habe Leute gekannt, die zu allem, was sie thaten, keine Gründe sagen konnten. Solche Menschen soll es auch jetzt noch geben. Was hätte es denn geschadet, wenn das Schilf von den Roten gefunden worden wäre?“

„Sie hätten gemerkt, daß sie belauscht worden sind.“

„O? Wegen dieses kleinen Schilfbusches?“

„Ja. Wer hatte ihn abgeschnitten? Keiner von ihnen. Wo war er abgeschnitten worden? Sie hätten gesucht und die Stelle gewiß gefunden. Von da führte meine Doppelspur nach dem Gebüsche, in welchem ich mit Euch steckte; auch diesen Ort hätten sie entdeckt.“

„Aber zu spät, denn wir waren fort!“

„Hätten aber wahrscheinlich Mr. Surehand noch nicht frei. Wenn das Schilf gefunden wurde, ehe ich auf die Insel kam, so wäre es unmöglich gewesen, ihn von dort wegzuholen, denn man hätte das ganze Lager alarmiert.“

„Richtig! Das kann ich mir denken. Also das war der Grund!“

„Nicht das allein; ich habe dabei nicht nur an Mr. Surehand, sondern an die Zukunft gedacht.“

„Wieso?“

„Ihr wißt, daß ich den Häuptling belauscht und was ich da erfahren habe. Was ich hörte, ist von großer Wichtigkeit für uns. Der ganze große Vorteil, den ich daraus zu ziehen beabsichtige, würde aber total verloren gehen, wenn die Roten wüßten, daß ich gehorcht habe.“

„Ihr meint, daß sie dieses aus dem Schilfbusche zu schließen vermögen?“

„Mit Leichtigkeit.“

„Oho! Ich bin ein alter, weißhaariger und erfahrener Kerl, aber wenn ich einer dieser Comantschen wäre und den Busch gefunden hätte, so hätte ich höchstens gedacht, daß ein Fremder dagewesen sei und das Lager beobachtet habe. Ob ein Gespräch von ihm belauscht worden sei, das wüßte ich sehr wahrscheinlich nicht.“

„Gebt Euch doch nicht weniger scharfsinnig, als Ihr seid, Mr. Cutter! Ihr hättet doch gewiß darüber nachgedacht.“

„Natürlich hätte ich das; aber auf welchen Gedanken wäre ich wohl gekommen?“

„Auf den richtigen; ich bin überzeugt davon. Und hättet Ihr gestern abend das Rechte nicht getroffen, so doch heut am hellen Tage, wo man alles deutlich sehen kann, wenn der Verdacht einmal rege geworden ist. Denkt Euch an die Stelle des Indianers. Was mußte er sich fragen?“

„Zunächst, wer der Fremde gewesen ist.“

„Das wissen sie jetzt. Sie wissen genau, daß wir ihr Lager entdeckt und beobachtet haben. Aber haben wir auch gelauscht und etwas erfahren, was gesprochen worden ist? Diese Frage ist die wichtigste für sie. Da finden sie den Busch und den Ort, wo ich ihn abgeschnitten habe; sie sehen, daß ich da in das Wasser gegangen bin. Warum bin ich in das Wasser gestiegen, und wozu habe ich den Busch gebraucht? Um mich zu maskieren. Das sagen sie sich sofort, denn die Anwendung dieser Art von Maskerade ist ihnen nicht nur bekannt, sondern sie sind sogar Meister darin. Mit Schilf maskiere ich mich aber nur dann, wenn ich beabsichtige, mich im Schilfe zu verstecken. Ich habe mich also im Schilfe des Ufers befunden. Wo? Natürlich in der Nähe des Feuers, welches dem Ufer am nächsten gewesen ist – – also dasjenige, an welchem der Häuptling gesessen hat. Sie suchen; das Wasser ist durchsichtig, und so sehen sie die Stelle, wo ich mich gestern tief in den Schlamm eingegraben hatte. Von dieser Stelle war alles, was an dem Feuer gesprochen wurde, leicht zu hören; daraus folgt, daß ich es gehört haben muß. Nun weiter: Zu welcher Zeit bin ich dagewesen; was wurde da gesprochen, und was habe ich also gehört?“

„Das können sie doch unmöglich erfahren!“

„Schwer ist es, aber unmöglich nicht. Ich bin von dieser Stelle aus um den See gegangen, über denselben nach der Insel und von dieser mit Old Surehand wieder zurückgeschwommen. Wieviel Zeit habe ich ungefähr dazu gebraucht? Ihr seht, es ist gar nicht so unmöglich, zu berechnen, wann ich dagewesen bin. Was da gesprochen worden ist, darauf kann sich der Häuptling sehr wahrscheinlich besinnen. Der betreffende Zeitpunkt kann auch noch anders berechnet oder vielmehr erraten werden. Der Schein des Feuers erleuchtete die Stelle, an der ich lag; ich kann also nur an Augenblicken, an denen die Aufmerksamkeit von dort abgelenkt war, hingekommen und mich wieder entfernt haben. Welche Augenblicke waren das? Bei ein wenig Nachdenken läßt sich auch diese Frage unschwer beantworten. Es hat drei solche Augenblicke oder Gelegenheiten gegeben, nämlich als die beiden Comantschen, die wir freiließen, in dem Lager ankamen, als das Verhör mit ihnen beendet war, und als zum Essen gerufen wurde. Und grad zu und zwischen diesen Zeitpunkten hatte man sehr wichtige Gegenstände im Gespräch. Falls ich das letztere belauscht habe, muß ich über die Absichten der Comantschen gut unterrichtet sein. So und noch vieles andere hätten sie sich sagen müssen, wenn der Schilfbusch von ihnen gefunden worden wäre. Wißt Ihr nun, warum ich ihn mitgenommen und weit davon versteckt habe?“

Well, ich weiß es jetzt, Sir. Ihr seid das, was Mr. Parker vorhin nicht gewesen ist, nämlich ein großer Pfiffikus. Ich möchte nicht zu Leuten gehören, mit denen Ihr in Feindschaft steht und die sich also vor Euch in acht zu nehmen haben. Ihr macht ja alles möglich und legt Euch alles, was Ihr thut, so sorgfältig und umsichtig zurecht, daß gar kein Mißlingen möglich ist und der Feind gar nicht begreifen kann, wie er so in die Tinte geraten konnte!“

„Dieses Lob muß ich zurückweisen, Mr. Cutter. Ich habe auch manchen großen Fehler begangen und oft selbst so tief in dem gesteckt, was Ihr Tinte zu nennen beliebt, daß es ein wahres Wunder war, herauszukommen.“

„Aber heraus seid Ihr doch, sonst säßet Ihr nicht hier; th’is clear. Wollen hoffen, daß wir jetzt nicht auch einem solchen verteufelten Tintenfasse entgegenreiten!“

„Welches Faß meint Ihr wohl mit diesem tiefschwarzen Vergleiche, Mr. Cutter?“

„Hm, der Vergleich war dumm, denn dieses Tintenfaß ist eigentlich kein Tintenfaß, sondern eine Streusandbüchse, nämlich der Llano estacado.“

„Fürchtet Ihr Euch vor ihm?“

„Fürchten? Hoffentlich ist es Euch mit diesem Worte nicht ernst, Mr. Shatterhand. Möchte wissen, wovor Old Wabble sich fürchten könnte! Höchstens vor sich selber! Aber Ihr werdet zugeben, daß zwischen einem Kanapee und einem Backofen ein großer Unterschied vorhanden ist.“

„Ich bin so geistreich, dies einzusehen.“

„Wer Gelegenheit hat, es sich in einem hübschen, kühlen Zimmer auf dem Kanapee bequem zu machen, dem fällt es doch nicht ein, in einen Backofen zu kriechen, um sich wie eine Pflaume ausdörren und abbacken zu lassen. Grad so ist das Verhältnis zwischen dem grünen Walde oder der grasigen Savanne und dem öden, glühenden Estacado. Wer im Walde oder auf der Prairie bleiben kann, der soll es sich ja nicht in den Sinn kommen lassen, die Staked Plains aufzusuchen; er wäre ein Thor, wie man sich größer keinen denken kann.“

„Schön! Aber so ein Thor wollt Ihr doch jetzt wohl sein?“

„Würde mir nicht einfallen, wenn Ihr nicht dabei wäret, Mr. Shatterhand. Wer von euch ist schon in dem Llano estacado gewesen?“

Er richtete diese Frage an seine Gefährten, und als sich herausstellte, daß keiner von ihnen die Plains durchquert hatte, lieferte er eine solche Schilderung der Wüste und erzählte so viele Unglücksfälle, daß es ihnen zu grauen begann. Ich ließ ihn gewähren, weil er mir dadurch, allerdings unbewußt, in die Hände arbeitete.

Wir hatten uns nicht direkt am Wasser gelagert, sondern hinter den Büschen, welche am Ufer standen, und ich saß so, daß ich zwischen zwei Sträuchern hindurchsehen und die Breite des Flusses, also die ganze Furt, überblicken konnte. Old Surehand saß neben mir und hatte dieselbe

Aussicht. Eben erzählte Old Wabble von einem Raubanfalle, der im Llano ausgeführt worden war, und weil eine Person dabei vorkam, die ich gekannt hatte, schenkte ich dem Alten mehr Aufmerksamkeit als dem Flusse, da stieß Old Surehand mich an, deutete durch die Büsche und sagte:

„Schaut dorthin, Sir; sie kommen!“

Old Wabble hielt in seiner Erzählung inne, und wir lugten durch das Gesträuch. Am jenseitigen Ufer erschien eine berittene Comantschenschar, die wohl aus dreißig Kriegern bestand, deren Gesichter mit den Kriegsfarben bemalt waren. Einer, wohl der Anführer, stieg ab und betrachtete den Boden, jedenfalls um zu sehen, ob wir in die Furt gegangen oder seitwärts abgeritten seien. Er sah, daß das erstere der Fall war, stieg wieder auf und ritt in das Wasser; seine Leute folgten ihm nach Indianerart, einer hinter dem andern.

„Wie unvorsichtig diese Kerls sind!“ meinte Old Wabble.

„Warum unvorsichtig?“ fragte Parker.

„Weil sie gleich alle in den Fluß gehen und nicht erst einen herüberschicken, um sich zu vergewissern, daß wir fort sind. Nun kommen sie uns alle vor die Gewehre. Meine Kugeln stehen ihnen zu Diensten.“

Er nahm sein Gewehr schußbereit; ich aber sagte:

„Es wird nicht geschossen, Sir. Ich habe sie hier erwartet, nicht um sie zu töten, sondern um sie von unsrer Verfolgung abzubringen. Wenn sie umkehren und von uns lassen, ist es für uns ebensogut und noch besser, als wenn wir sie erschießen. Sobald der erste von ihnen nahe genug ist, zeigen wir uns ihnen; ihr legt die Gewehre auf sie an, während ich mit ihnen rede, schießt aber erst in dem Falle, daß ich meinen Stutzen sprechen lasse.“

„Wie Ihr wollt,“ brummte Old Wabble; „aber besser wäre es, wenn diese roten Hunde ausgelöscht würden, wie man ein Dutzend Kerzen ausbläst.“

Er war kein Indianerfreund, und also mit meinem humanen Verhalten nicht einverstanden. ich wartete, bis der Anführer uns auf zehn Pferdelängen nahe gekommen war; dann standen wir auf und traten hinter dem Gebüsch hervor. Alle unsre Gewehre richteten sich auf ihn und seine Leute. Sie sahen uns sofort.

„Uff, uff, uff, uff!“ ertönten die Ausrufungen der Verwunderung, des Schreckens.

„Halt!“ rief ich ihnen zu. „Wer einen Schritt weiter reitet oder seine Waffe erhebt, der wird erschossen!“

Sie hielten an; sie konnten das thun, weil ihre Pferde nicht schwammen, sondern festen Grund hatten.

„Uff!“ rief der Anführer. „Old Shatterhand ist noch hier! Warum hat er sich versteckt und ist nicht weitergeritten, wie wir dachten?“

„Ah, habt ihr das gedacht?“ fragte ich. „So habt ihr geglaubt, daß ich kein Hirn besitze und mir nicht denken könne, daß ihr uns folgen werdet!“

„Wir wollen Old Shatterhand nicht folgen.“

„Wem denn?“

„Niemandem.“

„Wohin reitet ihr?“

„Auf die Jagd.“

„Ich denke, ihr seid hier, nur um zu fischen!“

„Die meisten fischen; die übrigen jagen; wir wollen Fleisch machen, um es in unsre Wigwams zu bringen.“

„Warum wollt ihr auf dieser Seite des Flusses und nicht drüben jagen?“

„Weil wir glauben, hier mehr Wild zu finden.“

„Ja, dieses Wild sind wir.“

„Nein, dieses Wild sind die Büffel und Antilopen der Prairie und der Wasserthäler.“

„Seit wann ist es bei den roten Kriegern Sitte, sich die Gesichter mit Farben zu bemalen, wenn sie nur beabsichtigen, auf die Jagd zu gehen?“

„Seit – – seit – – seit – – –“ er fand keine passende Antwort und rief mir darum zornig zu:

„Seit wann ist es bei den Kriegern der Comantschen Sitte, jedem Bleichgesichte Rechenschaft darüber zu geben, was sie thun oder nicht thun wollen?“

„Seit Old Shatterhand diese Rechenschaft verlangt! Ich habe Vupa Umugi, euerm Häuptlinge, gesagt, daß ich ein Freund der roten Männer bin, aber keine Gnade walten lasse, wenn ich angegriffen werde.“

„Wir wollen Euch nicht angreifen!“

„So kehrt sofort um!“

„Das thun wir nicht, sondern wir reiten an Euch vorüber auf die Jagd!“

„Versucht es! Es wird keiner von euch vorüber kommen, sondern der Fluß wird alle eure Leichen abwärts treiben und an das Ufer werfen.“

„Uff! Wer hat hier zu gebieten, Old Shatterhand oder die Krieger der Comantschen?“

„Old Shatterhand. Ihr seht alle unsre Gewehre auf euch gerichtet; ich darf nur wollen, so gehen sie alle los, und auch meine Zauberbüchse wird zu euch reden. Ich gebe euch die Zeit, welche wir Weißen fünf Minuten nennen; wenn ihr dann eure Pferde nicht zur Rückkehr gewendet habt, wird keiner von euch überhaupt zurückkehren können. Ich habe gesprochen!“

Ich nahm den Stutzen zur Hand, und wenn ich ihn auch nicht anlegte, was auf die Dauer von fünf Minuten ermüdet hätte, so hielt ich ihn doch so, daß seine Mündung gerade auf den Anführer gerichtet war. Er drehte sich im Sattel um und sprach einige leise Worte mit den hinter ihm im Wasser Haltenden; dann wendete er sich mir wieder zu und fragte:

„Wie lange wird Old Shatterhand hier am Flusse bleiben?“

„So lange, bis ich weiß, daß die Söhne der Comantschen nichts Böses gegen uns vorhaben.“

„Das kann er jetzt schon wissen!“

„Nein. Wir werden uns voneinander trennen und dieses Ufer weit hinauf und weit hinab besetzen; so sehen wir jeden Comantschen, der etwa herüber will. Ein Schuß genügt, um uns in kürzester Zeit zu vereinigen und euch zurückzutreiben. Wenn wir dann morgen abend überzeugt sind, daß eure Krieger nicht versucht haben, an dieses Ufer zu gelangen, werden wir überzeugt sein, daß ihr den Frieden wollt, und dann diese Gegend verlassen, in die wir nur gekommen sind, Old Surehand zu befreien.“

„Uff! Bis morgen abend; das ist lange!“

„Für uns nicht; wir haben Zeit.“

„Ihr werdet dann wirklich gehen?“

„Ihr werdet uns dann nicht mehr sehen; ich habe es gesagt, und ich halte mein Wort.“

„Und Ihr seid nur nach dem Saskuan-kui gekommen, um Old Surehand zu befreien?“

„Ja.“

„Aus keinem andern Grunde?“

„Nein; ich sage es.“

Diese Versicherung konnte ich geben, ohne mich einer Lüge schuldig zu machen. Ich hatte geradewegs nach dem Llano estacado gewollt, und dieser Weg hätte mich nicht nach dem blauen Wasser geführt.

Er wechselte wieder einige Worte mit seinen Hintermännern und machte dann noch einen Versuch mit mir:

„Old Shatterhand droht, weil er uns nicht glaubt; wenn wir dennoch vorwärts reiten, wird er doch nicht schießen!“

„Ich werde schießen, und ich gebe dir mein Wort, du wirst der erste sein, der meine Kugel in den Kopf bekommt. Wenn du trotz dieser Versicherung es versuchen willst, so habe ich nichts dagegen. Übrigens haben wir nicht länger zu warten, denn die fünf Minuten sind bereits abgelaufen.“

„Uff! So reiten wir zurück; aber wehe Old Shatterhand und seinen Bleichgesichtern, wenn sie in der Zeit bis morgen abend es wagen sollten, nach dem blauen Wasser zu schleichen. Auch wir werden unser Ufer besetzen und jeden von euch töten, der sich an demselben sehen läßt. Auch ich habe gesprochen. Howgh!“

Sie kehrten um und verschwanden einer nach dem andern jenseits der Furt hinter dem Gesträuch. Ich wendete mich zu Old Wabble:

„Nun, Mr. Cutter, was sagt Ihr jetzt? Ist das nicht ein prächtiger Erfolg?“

„Erfolg? Sogar prächtig? Ich glaube überhaupt an keinen Erfolg.“

„Sie sind doch fort!“

„Werden aber wiederkommen!“

„Fällt ihnen nicht ein!“

„Sie kommen wieder, sage ich Euch. Sie werden an einer andern Stelle herüberschwimmen.“

„Um sich von uns erschießen zu lassen?“

„Wollt Ihr das wirklich thun, was Ihr gesagt habt, nämlich das Ufer auf- und abwärts besetzen?“

„Nein; das war nur eine Drohung.“

„So werden sie also herüberkommen und uns folgen!“

„Ich sage Euch, daß sie drüben bleiben werden, weil sie meine Drohung für wahr halten.“

„Da wären sie dumm!“

„Dumm oder nicht; sie werden bleiben; das könnt Ihr ja ihrer Drohung entnehmen.“

„Welcher Drohung?“

„Daß auch sie ihr Ufer besetzen werden. Übrigens nehmen sie jetzt als gewiß an, daß wir nur wegen Mr. Surehand gekommen sind und also nichts weiteres gegen sie im Schilde führen. Wir sind sicher vor ihnen.“

„Aber wenn sie ihr Ufer besetzen, werden sie merken, daß das unsrige unbesetzt ist, und dann kommen sie unbedingt herüber; th’is clear!“

„Ja, sie werden es bemerken, aber nicht so schnell, wie Ihr denkt. Sie sind zur größten Vorsicht gezwungen. Herüberschwimmen können sie nicht, um sich zu überzeugen; das wäre höchst gefährlich für sie. Herübersehen? Das ist zu weit und würde auch nichts nützen, weil unsre Posten, wenn wir hier blieben, doch nicht offen zur Schau ständen, sondern so klug wären, sich zu verstecken. Dann kommt noch ein dritter Fall in Betracht. Könnt Ihr Euch den denken?“

„Ich? Hm, nein. Aber ich möchte gern wissen, ob Mr. Surehand sich diesen unbekannten Fall denken kann.“

Die Absicht des Alten bei diesen Worten war natürlich, den Scharfsinn Old Surehands auf die Probe zu Stellen, und ich nahm an, daß dieser sich nicht darauf einlassen werde; aber der riesige Jäger klopfte ihm auf die Achsel und sagte mit einem vergnügten Lächeln:

„Wollt Ihr ein Examen mit mir anstellen, alter Wabble? Das macht mir Spaß!“

„Freut mich sehr, daß es Euch nicht beleidigt, sondern im Gegenteile ergötzt. Wenn man Mr. Shatterhand so reden hört, sollte man meinen, daß er allwissend sei; ist es da ein Wunder, wenn man gern erfahren möchte, ob Old Surehand auch etwas weiß?“

„Den Gefallen kann ich Euch wohl thun, Mr. Cutter. Ich weiß auch etwas.“

„Was?“

„Der dritte Fall, den Mr. Shatterhand meint, ist folgender: Die Roten wollen sich überzeugen, ob wir dieses Ufer wirklich besetzt halten. Sehen können sie es nicht; grad herüber dürfen sie auf der Strecke nicht, auf welcher wir uns wahrscheinlich ausbreiten; also gehen sie über diese Strecke hinaus, schwimmen dort über den Fluß und schleichen sich hüben am Ufer hin, um unsre Posten zu entdecken.“

„Und wenn sie keine finden, Sir?“

„So wissen sie allerdings, daß wir fort sind und sie nur geäfft haben.“

„Dann tritt aber doch das ein, was ich meine: Sie werden uns nachreiten und des Nachts überfallen!“

„Das müssen wir allerdings gewärtig sein,“ gab Old Surehand dem Alten zu.

Er hatte bewiesen, daß er Scharfsinn besaß und mich verstand und erriet; seinen letzten Worten aber konnte ich meinen Beifall nicht geben; ich widersprach also:

„Nein, das müssen wir nicht gewärtig sein, Mr. Surehand. Es ist vollständig unmöglich, daß die Roten uns bis zum Abende einholen.“

„So? Wenn Ihr es denkt und sagt, wird es wohl richtig sein.“

„Es ist richtig. Wir müssen die Zeit berechnen. Wir haben nach dem Stande der Sonne jetzt genau neun Uhr vormittags. Es vergeht eine Stunde, bis die Comantschen, welche hier waren, das Saskuan-kui erreichen. Sie haben zu berichten, zu erzählen, Vorwürfe anzuhören; dann wird Beratung gehalten, und eine solche Beratung wird nicht in kurzer Zeit beendet.“

„Ja, Sir; jetzt verstehe ich Euch. Sagen wir: Zur Berichterstattung und Beratung sind zwei Stunden nötig.“

„Gut; dann ist es zwölf Uhr. Sie kommen her – ist ein Uhr. Sie besetzen den Fluß aufwärts und abwärts – wieder eine Stunde, also zwei Uhr. Dann gehen Späher ab, um hoch oben oder tief unten den Fluß zu überschwimmen. Wie lange brauchen sie, um hüben zu sein? Doch wenigstens wieder eine Stunde – – drei Uhr. Sie schleichen sich diesseits am Ufer entlang, was sie außerordentlich vorsichtig, also sehr langsam, thun müssen. Wie lange wird es wohl währen, bis das ganze Ufer vergeblich nach uns abgesucht worden ist?“

„Gewiß drei Stunden.“

„Sagen wir nur zwei; dann ist es schon fünf Uhr. Nun wieder Beratung; es werden Leute ausgesucht, die unsrer Fährte zu folgen haben. Auch dieses kann nur sehr vorsichtig und unter großem Zeitverluste geschehen, denn die Roten haben mit der Möglichkeit zu rechnen, daß wir diese Gegend gar nicht verlassen, sondern einen Bogen geschlagen haben, um sie zu täuschen und von einer andern Seite heimlich zurückzukehren. Ich schätze, daß wenigstens wieder eine Stunde vergeht, ehe die Comantschen sich überzeugt haben, daß wir wirklich fort sind. Es ist also, wenn die eigentliche Verfolgung beginnt, schon sechs Uhr geworden; das ergiebt, wenn wir jetzt gleich fortreiten, einen Vorsprung von wenigstens neun Stunden. Ist es da möglich, daß wir eingeholt werden?“

Pshaw! Auf keinen Fall!“

„Sie bekommen höchstens die Spuren zu sehen, die wir binnen jetzt und zwei Stunden machen; morgen erkennen sie dann gar nichts mehr und können nicht wissen, wohin wir sind. Wenn wir jetzt also zwei Stunden weit westlich reiten und sie folgen uns, werden sie annehmen, wir seien dahin zurückgekehrt, woher wir gekommen sind. Diese ihre Meinung bekommt einen weitern Anhalt dadurch, daß sie glauben, wir seien nur zu Eurer Befreiung hierher gekommen; wir haben diesen Zweck erreicht und sind wieder fort; damit werden und müssen sie sich beruhigen. Meint Ihr nicht, Mr. Surehand?“

„Eure Berechnung ist allerdings sehr richtig,“ nickte er zustimmend, fügte aber doch nachdenklich hinzu: „wenn sie nicht dadurch auf den richtigen Gedanken geführt werden, daß sie das Ufer unbesetzt gefunden haben.“

„Auf welchen Gedanken?“

„Daß wir ihnen doch ein Schnippchen geschlagen haben.“

„Auf diesen Gedanken werden sie allerdings kommen; aber sie werden nicht das richtige, sondern ein falsches Schnippchen erraten. Sie werden nämlich nicht denken, daß wir wieder zurück sind, sondern überzeugt sein, daß wir den Fluß nur deshalb so schnell verlassen haben, um, während sie hier unnütz nach uns suchten, einen tüchtigen Vorsprung zu bekommen und ihrer Verfolgung zu entgehen. Ja, wenn sie ahnten, daß wir wissen, wohin sie wollen!“

„Das ahnen sie nicht. Ihr habt recht. Wenn wir jetzt aufbrechen, können wir schon nach zwei Stunden wieder umbiegen; sie werden das nicht bemerken.“

„Ich bin übrigens der Überzeugung, daß sie sich jetzt noch drüben an der Furt befinden. Wir dürfen also unsre Pferde leider nicht trinken lassen. Sie würden das sehen und daraus schließen, daß wir fort wollen. Die Tiere werden aber trotzdem bald Wasser haben, denn ich schlage nicht den Weg ein, den wir gekommen sind, sondern wir suchen das Flüßchen auf, an welchem die zwei Comantschen abwärts ritten. Warten wir nicht länger; es ist Zeit.“

Wir brachen auf und ritten den Fluß abwärts, wobei wir so viel Gebüsch wie möglich zwischen ihm und uns liegen ließen, um von etwaigen jenseitigen Spähern nicht gesehen zu werden. Als wir nach ungefähr einer Stunde die Mündung des erwähnten Flüßchens erreichten, bogen wir in das Thal desselben ein, um, nachdem wir unsre Pferde hatten trinken lassen, am Wasser aufwärts zu reiten. Unsre Richtung war also westlich, während wir nach Osten wollten.

Während dieses Rittes fand ich keine Zeit, mich mit Old Surehand allein zu unterhalten; ich wurde von andern Personen in Anspruch genommen. Die Erzählungen Old Wabbles über die Schrecken des Llano estacado hatten nämlich auf seine Zuhörer tiefen Eindruck gemacht. Kaum hatten wir die Furt verlassen, so mußte er weiter schildern. Ich machte meine Bemerkungen dazu und wurde infolgedessen gebeten, auch zu erzählen, was ich mit großem Vergnügen that. Zu meiner heimlichen Genugthuung bemerkte ich bald, daß der beabsichtigte Erfolg nicht ausblieb; die Leute wurden nachdenklich und immer nachdenklicher. So, wie ich ihn schilderte und der alte Wabble ihn vorher beschrieben hatte, hatten sie sich den Estacado doch nicht vorgestellt, und es kam ihnen höchst gefährlich vor, eine solche Gegend aufzusuchen. Das sagten sie freilich nicht, aber ich sah es ihnen an; sie warfen einander Blicke zu, die mir ihre Gedanken verrieten.

Wenn ich diese Leute los sein wollte, mußte es bald geschehen. Der beste Zeitpunkt, uns von ihnen zu trennen, war der, wenn wir nach den abgelaufenen zwei Stunden aus unsrer jetzigen Richtung abbogen. Ich fuhr also in meinen Erzählungen, die nicht etwa Übertreibungen waren, so lange fort, bis diese Zeit fast verflossen war; dann zog ich mich zurück, um ihnen Gelegenheit zu geben, ihre Meinungen ohne Zeugen auszutauschen. Diese Diplomatie führte zum gewünschten Ziele. Sie hielten sich zusammen und sprachen heimlich miteinander. Ich sah, daß einer dem andern zusprach und aufmunterte, wozu, das konnte ich mir denken.

Ich wußte, daß wir nun bald einen kleinen, schmalen Bach erreichen würden, der von links her in das Flüßchen lief. Das war die geeignete Stelle, abzubiegen, weil der Bach uns Gelegenheit bot, unsre Spuren zu verbergen. Darum hielt ich eine kurze Strecke vorher an und sagte:

„Mesch’schurs, die zwei Stunden sind vorüber, und wir haben es nun nicht mehr nötig, westwärts zu reiten. Seid Ihr auch derselben Ansicht?“

Old Surehand, Old Wabble, Parker und Hawley waren einverstanden; die übrigen wurden verlegen; sie sahen einander an; der eine stieß den andern an; dieser gab den Stoß weiter, bis der Mutigste von ihnen dieser fühlbaren Aufforderung folgte und auf die Gefahr hin, unsre Mißbilligung zu erhalten, die Unterhandlung mit der an mich gerichteten Frage begann:

„Seid Ihr schon einmal in El Paso del Norte gewesen, Sir?“

„Einige Male,“ antwortete ich.

„Wie lange bringt man wohl zu, um von hier aus nach dort zu kommen?“

„Wer die Gegend genau kennt und gut beritten ist, kann in fünf bis sechs Tagen dort sein. Warum fragt Ihr mich nach diesem Orte, Mr. Wren?“

Dies war nämlich der Name des Mannes. Er antwortete:

„Das möchte ich Euch gern sagen, wenn ich wüßte, daß Ihr nicht schlecht von uns denkt.“

„Schlecht von Euch denken? Wie sollte ich das! Habt Ihr etwas Schlechtes begangen oder etwas Schlechtes vor?“

„Keine Rede davon! Wir haben allerdings etwas vor; es ist nichts Schlechtes, kann aber von Euch doch mißverstanden werden.“

„So sagt es mir! Dann wird es sich zeigen, ob ich es richtig oder falsch verstehe.“

„Ja, ich will es Euch sagen. Es ist nämlich – – hm! es ist eine – – hm, hm!“

Er fuhr sich mit der Hand an den Hals; er kratzte sich hinter dem Ohre; es wollte gar nicht so grad heraus, wie es sollte. Dann fuhr er auf einem Umwege fort:

„Ihr wißt, daß wir eigentlich nach Texas hinunter wollten; aber wir haben es uns anders überlegt.“

„So?“

„Ja, so! Als Ihr gestern abend mit Mr. Cutter vom Lagerplatze fort waret, haben wir davon gesprochen. In El Paso und jenseits des Norte ist doch mehr für uns zu finden als in Texas. Meint Ihr nicht?“

„Was ich meine, das ist Nebensache; es kommt nur darauf an, was Ihr davon denkt.“

„Richtig, sehr richtig! Wir denken eben, daß es besser ist, wenn wir nach El Paso oder überhaupt über den Rio del Norte gehen.“

„Das sagt Ihr in einem Tone, als ob es einer Entschuldigung bedürfe, Mr. Wren?“

„Allerdings. Wir sollten doch mit Euch nach dem Llano estacado.“

„Ihr solltet? Ich habe gedacht, Ihr wolltet!“

„Ja, wir wollten, haben es uns aber anders überlegt. Hoffentlich denkt ihr nicht etwa von uns, daß wir uns vor dem Llano fürchten?“

„Warum sollte ich das denken? Weil Ihr Euern Entschluß geändert habt? Ihr seid doch freie Männer und könnt also thun, was Euch beliebt.“

„Freut mich sehr, daß Ihr diese Meinung hegt. Es hätte uns sehr leid gethan, wenn Ihr uns für mutlos gehalten hättet. Also Ihr habt nichts dagegen, daß wir uns von Euch trennen?“

„Nichts, gar nichts. Aber sagt, wann diese Trennung stattfinden soll!“

„Jetzt.“

„Was? Gleich jetzt?“

„Ja.“

„Warum so plötzlich?“

„Weil wir sonst Zeit versäumen und einen großen, ganz unnötigen Umweg machen. Ihr wollt ja umkehren.“

„Ja, das ist wahr. Wenn Ihr nach dem Rio Grande del Norte wollt, müßt Ihr in dieser Richtung weiterreiten.“

„Und weil Ihr umkehren wollt, müssen wir uns hier von Euch trennen. Das muß geschehen, so leid uns diese Trennung thut. Sie wird uns nur dadurch erleichtert, daß Ihr sie uns nicht übel nehmt.“

„Übel nehmen? Kann mir gar nicht in den Sinn kommen.

„Ihr seid auf Euer Wohl bedacht, und das zu thun, ist jedes Menschen Recht und Pflicht.“

Old Wabble hatte mit der gleichgültigsten Miene zugehört, nicht so aber Parker und Hawley; ihre Gesichter drückten zorniges Erstaunen aus. Als ich meine letzten Worte gesagt hatte, fiel Parker eifrig ein:

„Recht und Pflicht? Das sagt Ihr so gelassen, Sir? Diese Leute haben versprochen, mit uns nach dem Llano estacado zu reiten, und ihre Pflicht ist es, ihr Wort zu halten, ebenso wie es unser Recht ist, die Ausführung ihres Versprechens zu verlangen. Sie denken gar nicht daran, nach EI Paso zu gehen. Wißt Ihr, warum sie nicht mit umkehren wollen, Mr. Shatterhand?“

„Nun?“

„Weil sie sich vor dem Llano fürchten; das ist es!“

„Fällt uns nicht ein!“ rief Wren. „Von Furcht ist keine Rede.“

„Oho! Ihr sagt, Ihr hättet gestern abend davon gesprochen, nach EI Paso anstatt nach Texas zu gehen. Davon müßte ich doch etwas wissen, weil ich während der ganzen Zeit den Lagerplatz nicht verlassen habe; ich habe aber kein einziges Wort gehört.“

Jos Hawley stimmte ihm bei. Der Wortstreit ging eine Weile hin und her, bis ich den beiden Genannten einen heimlichen, nicht mißzuverstehenden Wink gab und den Abtrünnigen beipflichtete:

„Jedermann kann thun und lassen, was er will und was ihm beliebt. Wenn diese Gentlemen sich von uns trennen wollen, so haben wir kein Recht, sie daran zu hindern. Ja, wir sind sogar verpflichtet, sie darin zu unterstützen.“

„Auch noch unterstützen!“ zürnte Parker. „Worin soll diese Unterstützung denn bestehen?“

„Darin, daß wir sie mit Proviant versorgen.“

„Daß wir dumm wären! Fällt uns gar nicht ein!“

Old Wabble mochte ahnen, warum ich mich in dieser Weise verhielt, denn er sagte jetzt zu Parker:

„Dumm? Wer ist dumm, Sir? Doch wohl derjenige, der nicht weiß, wer über den Proviant zu verfügen hat! Und wer hat darüber zu verfügen? Doch wohl der, der ihn gebracht hat! Und wer hat ihn gebracht? Ich! Und ich sage Euch, daß ich diesen Leuten so viel Fleisch mitgebe, wie wir entbehren können. Ob sie aus Angst oder aus einem andern Grunde von uns gehen, das ist mir gleich. Sie bekommen Fleisch, weil sie unterwegs essen müssen; th’is clear. Also wer fort will, der mag es sagen, damit man weiß, woran man ist!“

Sie wollten alle fort, Parker und Hawley ausgenommen, welche erklärten, sich zu schämen, daß sie mit solchen Memmen bisher geritten seien. Das Ende vom Liede war, daß die acht Männer einen Vorrat Fleisch bekamen und dann nach einem kurzen, nicht eben zärtlichen Abschied weiterritten. Hawley war still; Parker aber räsonnierte hinter ihnen her. Ich fragte ihn: „Ich denke, Ihr habt vorhin meinen Wink gesehen. Habt Ihr ihn auch verstanden?“

„Ja.“

„Was hatte er zu bedeuten?“

„Daß ich die Kerls ruhig laufen lassen soll.“

„Warum thut Ihr das nicht?“

„Weil ich mich über sie ärgere.“

„Euer Ärger ist überflüssig und gar nicht maßgebend. Wir andern freuen uns darüber, daß wir sie los sind. Wir werden in Lagen kommen, wo wir ganze Männer, aber keine Memmen brauchen können. Und wenn der Ausdruck Memme zu stark sein sollte, so waren sie doch auch nicht Personen, auf welche man sich verlassen kann.“

Da ging ein freundlicher Zug über sein Gesicht, und er fragte im Tone der Befriedigung:

„Und mich schickt Ihr nicht fort?“

„Nein.“

„So seid Ihr also der Ansicht, daß Ihr Euch auf mich verlassen könnt?“

„Hm! Ich bin der Ansicht, daß ich Euch wahrscheinlich als einen zuverlässigen Mann kennen lernen werde. So ist die Sache.“

„Also erst kennen lernen!“ betonte Old Wabble, indem er seine Glieder lachend durcheinander schüttelte. „Gebt Euch also Mühe, Mr. Parker, daß Ihr bei dem nächsten Elk nicht daneben schießt!“

„Diese Ermahnung ist vollständig überflüssig, Mr. Cutter. Ich habe bisher noch jeden Elk getroffen.“

„Auch den ersten damals?“

„Ja.“

„Das möchte ich bezweifeln.“

„Ihr wißt es ja; ich habe es bewiesen.“

„Ja, es ist bewiesen, was Ihr damals getroffen habt, vollständig bewiesen. Wißt Ihr, was?“

„Nun, was?“ fragte Parker, jetzt über das Gebaren des Alten aufmerksam werdend.

Dieser kniff sein Gesicht in noch mehr Falten, als es so schon hatte, machte das eine Auge zu, riß das andre weit auf, schlotterte mit den Armen durch die Luft und antwortete dann:

„Einen Esel habt Ihr geschossen, einen Esel! Hahahaha!“

„Wie – – wa – wa – was? Einen Esel?“

„Ja, einen Esel, oder vielmehr ein Tier, welches Ihr für einen Esel hieltet, welches aber eigentlich ein Elkkalb oder das junge Kind des Elkes war!“

Er betonte die fünf durch Gänsefüßchen eingeschlossenen Worte besonders stark, indem er sie zugleich sehr langsam aussprach.

„Das junge Kind – – des – – des – – – alle Wetter, was wollt Ihr damit sagen?“

„Daß Ihr damals geflunkert habt. Es ist Euch gar nicht eingefallen, den Elk zu schießen; Ihr seid vielmehr vor ihm gewaltig ausgerissen!“

„Aus – – ge – – ris – – – sen – – –?!“

„Ja, ausgerissen!“

„Das ist eine Verleumdung, die – die – die –!“

„Was denn, die – die – die – – –? Seid Ihr etwa nicht in das Loch gekrochen, in welches dann das Untier den Kopf steckte und Euch so gewaltig anschnaufte, daß Euch fast der Verstand verloren ging?“

„Loch? Was – – für – – ein – – Loch?“

„Das Loch in der Steinwand, in welchem Ihr so schnell verschwandet, wie Ihr in Euerm ganzen Leben noch nie in ein Loch gekrochen waret!“

Parker holte tief, tief Atem und sagte, vor Verlegenheit fast stammelnd:

„Mr. Cutter, ich weiß nicht, was Ihr wollt. Ich verstehe Euch nicht. Ihr habt doch den Elk, den ich geschossen hatte, mit Euern eignen Augen gesehen!“

„Ja, mit meinen eignen Augen, aber den Elk, den der Häuptling der Panashts geschossen hatte!“

„Der Pa – – nashts? Der Teufel soll mich holen, wenn ich im stande bin – –“

„- einen Elk zu schießen?“ fiel ihm der Alte in die Rede. „Ja, das glaube ich nicht nur, sondern ich bin sogar sehr überzeugt davon. Der Häuptling schenkte Euch den Elk dafür, daß Ihr ihn vor mir gewarnt hattet, und erlaubte Euch, zu sagen, Ihr hättet ihn geschossen. Ist es so oder nicht, Mr. Parker?“

„Wenn – – wenn – – und – – und – – und – –“ stotterte der Gefragte in größter Bedrängnis.

„Antwortet mir nicht mit wenn und und, sondern richtig, wie es sich gehört!“

„Ich antworte ja richtig, ganz richtig! Man muß Euch ein Märchen aufgebunden haben!“

„Ein Märchen? ja, es schien mir allerdings damals ein Märchen zu sein, als Ihr den Elk brachtet und behauptetet, er sei von Euch geschossen worden. So ein ausgemachtes, in Marmor gehauenes Greenhorn, wie Ihr damals waret, und ein Elk, ein so riesiger, gewaltiger Elk! Ich glaubte es aber doch, weil Ihr dann später zufällig, ganz zufällig Glück im Schießen hattet. Jetzt aber ist’s mit dem Glauben vorbei, ganz und gar vorbei.“

„Ich habe ihn geschossen! Wer ist denn der Halunke, der Euch so angelogen hat?“

„Der Halunke? Angelogen? Richtig, ganz richtig! Der Halunke seid ihr, Ihr selbst, Mr. Parker.“

„Ich? Was? Ich?!“

„Ja, Ihr selbst! Oder wollt Ihr leugnen, daß Ihr es selbst erzählt und eingestanden habt?“

„Ich selbst? Wem und wo?“

„Euern Gefährten, die vorhin fortgeritten sind; droben jenseits des Mistake-Cañon im Soldatenlager.“

„Ah, die, die haben es gesagt! Schade, daß sie fort sind! Sie müßten diese Lüge eingestehen und mich um Verzeihung bitten. Wer hat es Euch denn wieder erzählt?“

„Wren, der brave Wren, der vorhin das große Wort der Feigheit so beredt führte.“

„Wann?“

„Heut nacht, als wir die Wache miteinander hatten und uns die Zeit mit Geschichten verkürzten.“

„Mit Lügen, müßt Ihr sagen!“

„Oho! Ihr glaubt, leugnen zu können, weil diese Leute fort sind. Es sind noch andre da.“

„Wer denn, wer?“

„Mr. Shatterhand und Jos Hawley hier; die haben auch dabei gesessen, als Ihr es erzähltet. Ist das wahr, oder ist es nicht wahr, Jos?“

Diese Frage an mich zu richten, das wagte der Alte nicht. Ich hätte mit einem Scherze geantwortet. Der ehrliche Hawley aber erklärte sehr ernst:

„Ja, er hat es erzählt; er hat den Elk damals nicht geschossen. Was wahr ist, das muß wahr sein.“

Da fuhr ihn Parker zornig an:

„Halte den Schnabel, alter sheeps-head! Wie kannst du behaupten, daß es wahr ist!“

„Weil du es selbst erzählt hast.“

„So ein Unsinn! Selbst erzählt! Muß es darum wahr sein, he?“

„Ich denke!“

„Da giebt es nichts zu denken, ganz und gar nichts. Man erzählt so manches, was sich ganz anders zugetragen hat.“

„Warum sollte man es anders erzählen?“

„Weil man es nicht richtig weiß, oder weil man sich einen Spaß machen will, und das war bei mir der Fall.“

„Keine Ausrede!“ fiel da Old Wabble ein. „Kein Westmann wird erzählen, daß er ein Wild, noch dazu einen Riesenelk, nicht getroffen habe, wenn er ihn getroffen hat. Und Ihr seid gar über diese Selbstverleugnung noch weit hinausgegangen, indem Ihr gesagt habt, ein Roter habe ihn geschossen. Ich weiß, woran ich bin. Die Sache ist zu Ende, und wir haben jetzt an wichtigere Dinge zu denken. Wir kehren hier also um, Mr. Shatterhand?“

„Hier nicht, sondern eine Strecke weiter oben.“

„Warum noch weiter hinauf?“

„Dort giebt es ein fließendes Wasser, welches seitwärts führt. Wenn wir in demselben reiten, bleiben den Roten, falls sie ja noch vor Abend kommen sollten, unsre Spuren vollständig verborgen.“

„Wie klug! Sie werden den Spuren unsrer acht ungetreuen Kameraden folgen und denken, wir sind noch bei ihnen, während wir doch seitwärts abgewichen sind. Das ist ein so guter Gedanke, daß man ihn in einem Buche drucken lassen sollte; th’is clear!“

Es dauerte nur noch zehn Minuten, bis wir den Bach erreichten und ihm in der Weise aufwärts folgten, daß wir die Pferde in seinem Wasser waten ließen. Dabei sagte Old Wabble zu mir:

„Sir, glaubt Ihr es mir, daß ich jetzt eine Eurer Pfiffigkeiten erraten habe?“

„Welche denn?“

„Daß wir mit den acht Kerls nicht bis herauf an dieses Wasser geritten sind. Ihr hieltet wohlbedachter Weise schon weiter unten an.“

„Warum das?“

„Der Verfolger wegen. Wenn sie kommen, werden sie da, wo wir halten geblieben sind, absteigen und die Stelle untersuchen, um zu erfahren, warum wir angehalten haben. Oder nicht, Mr. Shatterhand?“

„Ja.“

Well! Hätten wir am Bache Halt gemacht, so wäre diese Stelle von ihnen genau geprüft worden, und dabei hätten sie sehr wahrscheinlich bemerkt, daß da fünf Reiter von den dreizehn ihre Pferde in das Wasser gelenkt haben; unsre jetzige, neue Fährte wäre also entdeckt worden. Um das zu vermeiden, habt Ihr dafür gesorgt, daß die Trennung schon vorher geschah. Habe ich recht, Sir?“

„Ja, Ihr habt mich erraten, Mr. Cutter. Es kann uns nur von Nutzen sein, wenn wir uns auch fernerhin so gut verstehen.“

Das Laufen im Wasser wurde den Pferden schwer, weil die Breite und Tiefe desselben oft schnell wechselte; dennoch ließen wir wohl gegen eine Stunde vergehen, ehe wir sie heraus auf den trockenen Boden lenkten. Das thaten wir an einer felsigen Stelle, wo kein Hufstapfen zurückgelassen werden und uns verraten konnte. Damit war aber der Vorsicht volle Genüge geschehen, und wir konnten überzeugt sein, alles gethan zu haben, um eine Entdeckung zu verhüten. Das Wasser hatte uns in der verflossenen Stunde südwärts geführt; wir verließen es nun und lenkten nach Osten ein, um den Rio Pecos wieder zu erreichen. Das mußte nach meiner Berechnung an einer Stelle geschehen, welche volle zwei Stunden von der Furt entfernt lag, und es stand also, wenn nicht ein unglücklicher Zufall eingetreten war, zu erwarten, daß wir auf keinen Comantschen treffen würden.

Die beiden Wasserthäler, in denen wir uns bis jetzt aufwärts bewegt hatten, waren vielen Krümmungen gefolgt. Jetzt ritten wir abwärts, und weil wir da eine schnurgerade Linie einhalten konnten, brauchten wir natürlich viel weniger Zeit als aufwärts. Es war ungefähr halb zwei Uhr, als wir den Rio Pecos wieder erreichten. Wir suchten und fanden bald eine Stelle, deren ruhig fließendes Wasser das Hinüberschwimmen erleichterte, und dann ging es im Galoppe auf der ebenen Prairie dahin, welche zwischen dem Pecos und der früher erwähnten Hügelreihe liegt. Da dieser Höhenzug nicht parallel mit dem Flusse geht, sondern sich bald dem Flusse nähert und bald wieder von ihm entfernt, so ist die Savanne nicht von sich gleichbleibender Breite. Bald wird sie so zusammengedrängt, daß sie nur einen schmalen Streifen bildet, und bald dehnt sie sich in endlos scheinender Weite vor dem Blicke aus. Wir fegten wie im Sturme über die grasige Ebene dahin, und es war eine wahre Lust, das lange, schneeweiße Haar Old Wabbles und die fast noch längere braune Mähne Old Surehands im Winde fliegen zu sehen. Der letztere ritt einen mexikanischen Fuchs spanischen Blutes, welcher es zwar mit meinem Rappen nicht aufnehmen konnte und, der Schwere seines Reiters angemessen, stark gebaut war, aber den langen Galopp doch spielend überwand.

Old Surehand und Old Wabble, zwei solche Reiter an meiner Seite! Ich warf, einen Jauchzer ausstoßend, den Hut hoch in die Luft und fing ihn im jagen wieder auf.

„Ihr scheint recht guter Laune zu sein,“ meinte Old Surehand lächelnd.

„Ja,“ antwortete ich. „Und sie wird noch besser werden, wenn erst Winnetou bei uns ist. Sein schwarzer Schopf ist köstlich. Dann fliegen drei Mähnen um mich her.“

„Wann werden wir ihn treffen?“

„Das ist noch ungewiß. Er ist, wie ich Euch schon sagte, nach dem Llano estacado voran. Ich vermute, daß wir noch heut auf einen Boten von ihm stoßen werden.“

„Wo? Ist der Ort bestimmt?“

„Nein, aber die Linie. Ich sprach ja nur von einer Vermutung. Ihr werdet das Nähere erfahren, wenn wir lagern. Winnetou weiß, daß ich in gerader Linie vom Mistake-Cañon nach der Llano-Oase reite. Wenn er einen Boten zurückgelassen hat, wird dieser auf irgend einem Punkte dieser Linie auf mich warten.“

„Befinden wir uns jetzt auf ihr?“

„Noch nicht. Ich mußte, um Euch herauszuholen, von ihr nach dem Saskuan-kui abweichen. Jetzt nähern wir uns ihr wieder, und in einer Stunde erreichen wir sie. Leider müssen wir wieder langsam reiten, denn Parker und Jos Hawley kommen uns nicht nach. Gegen Abend kommen wir an einen Ort, den die Apatschen Altschese-tschi nennen; das wäre für den Boten die richtige Stelle, mich zu erwarten. Er kann sich da verbergen.“

„Es giebt dort Büsche und Bäume?“

„Ja.“

„Dachte es mir!“

„Warum?“

„Weil die beiden Apatschenworte Altschese-tschi soviel wie kleiner Wald bedeuten.“

„Das wißt Ihr? Ihr seid also dieser Sprache mächtig?“

„Leidlich.“

„Das ist sehr vorteilhaft für uns. Aber ich denke, Ihr seid noch nie in einem Apatschengebiete gewesen!“

„Allerdings nicht. Meine bisherigen Jagdreviere lagen mehr im Norden. Aber ich bin mit Kennern der Apatschendialekte lange zusammen gewesen und habe von ihnen gelernt, was ich brauche. Ich freue mich außerordentlich darauf, mit Winnetou in seiner Muttersprache reden zu können. Kennt er mich dem Namen nach?“

„Sehr gut. Ich will Euch verraten, daß er eine hohe Meinung von Euch hat.“

„Danke, Sir!“

„Wir sind miteinander weit herumgekommen, bis an die Nordgrenze der Vereinigten Staaten hinauf, und es ist eigentlich zu verwundern, daß wir mit Euch kein einziges Mal zusammengetroffen sind.“

„Mir ist das sehr erklärlich, und auch Ihr werdet Euch nicht mehr darüber wundern, wenn Ihr später erfahret, wie und wo ich lebe und mich bewege.“

„Ist das ein Geheimnis?“

„Ja und nein, wie man es nimmt. Ich pflege nicht darüber zu sprechen, weil ich nicht zu denjenigen Leuten gehöre, die gern und viel überflüssige Worte machen.“

Er wendete sich halb ab, und es flog wie ein dunkler Schatten über sein bisher so heiteres Gesicht. War es dennoch ein Geheimnis, welches jetzt berührt worden war? Es wollte mir vorkommen, als ob diese Berührung ihm wehe thue. Wir schwiegen beide. Vielleicht hatte dieser körperlich und geistig seltene Mann auch ein seltsames Schicksal hinter sich. Giebt es doch nie einen Westmann, dessen Lebenslauf ein gewöhnlicher gewesen ist!

Nach der angegebenen Zeit von einer Stunde war der grüne Vegetationsstreifen des Rio Pecos längst nicht mehr hinter uns zu sehen; vor uns lag die Prairie meilen- und aber meilenweit; es gab rings keinen Punkt, an welchem das Auge den Halt zu einer Berechnung finden konnte, und dennoch wußte ich, daß ich mich nun auf der vorhin erwähnten Linie befand. Das war der Örtlichkeitssinn oder vielmehr der Ortsinstinkt, der dem Wandertiere eigen ist und ohne den auch der Westläufer in hundert und wieder hundert Gefahren gerät. Wer ihn nicht besitzt, der wird entweder zu Grunde gehen oder ein Jäger niedrigster Klasse bleiben. Wir hatten nur eine kleine Wendung zu machen, um von unsrer bisherigen Tour auf diese Linie einzubiegen.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags, und wenn jemand behauptet hätte, daß es den Comantschen möglich sei, unsre Fährte aufzufinden und uns gar nachzukommen, den hätte ich für irrsinnig gehalten. Sie konnten jetzt erst auf dem jenseitigen, rechten Ufer des Rio Pecos angekommen sein, um nach unsern Wachen oder Posten zu suchen, die aber gar nicht dastanden und nicht dagestanden hatten.

Old Surehand schien durch den letzten Teil unsres kurzen Gespräches nach innen gekehrt worden zu sein, denn er hatte sein Pferd angetrieben und ritt, den Kopf nachdenklich niedergesenkt, allein voran. Da parierte er plötzlich sein Pferd, stieg ab und untersuchte den Boden. Als wir ihn erreichten und ich seinen Augen folgte, sah ich, daß er eine Fährte entdeckt hatte, und stieg auch ab. Old Wabble folgte unsrem Beispiele, untersuchte das niedergetretene kurze Gras und sagte:

„Das sind Pferde gewesen, Mesch’schurs, sechs an der Zahl und Indianern angehörig. Die Kerls sind hintereinander geritten, aber diese meine alten Augen zählen die sechs doch ganz genau heraus. Sie sind ostwärts geritten und vor zwei Stunden hier vorübergekommen.“

Old Surehand warf mir einen Blick zu, in welchem deutlich die Bewunderung für den Alten lag, und ich gab diesen Blick zurück, denn ich hätte die Fährte wohl kaum so gut oder wenigstens nicht deutlicher zu lesen vermocht. Hier auf der offenen Savanne zeigte sich der Alte als einstiger König der Cowboys, als der Fachmann, der nicht zu täuschen war. Er hatte unsre Blicke nicht gesehen, und weil niemand sogleich antwortete, fragte er:

„Seid Ihr etwa andrer Meinung, Gents?“

„Nein,“ antwortete ich. „Ihr habt ganz richtig gesehen.“

„So viel die Spur besagt, ja, Sir. Das Weitere aber muß ich Euch überlassen, weil ich die Gegend und die Roten, die sich hier herumtreiben, nicht kenne.“

„Es kann sich nur um Apatschen oder Comantschen handeln.“

„Welcher der beiden Nationen werden diese Leute hier wohl angehören?“

„Ihr fragt so bestimmt, Mr. Cutter, als ob es kinderleicht sei, darauf Antwort zu geben!“

„Weil ich annehme, daß Old Shatterhand sich den Kopf nicht zu zerbrechen braucht, um die richtige Auskunft zu finden.“

„Danke Euch für das Kompliment! Man muß nachdenken, wenn man sich auch nicht gerade den Kopf zu zerbrechen hat. Die Comantschen sind ausgezogen und befinden sich in der Nähe, da seitwärts hinter uns. Die Apatschen wissen, daß die Comantschen das Kriegsbeil ausgegraben haben; sie sehen sich zur Vorsicht gezwungen und senden also Späher aus.“

„Das ist sehr richtig, Sir; aber damit sind wir nicht weiter als vorher; th’is clear.“

„Wartet nur! Die Spur geht ostwärts; sie weist also nach dem Llano estacado. Wer aber von beiden ist es, der den Llano jetzt im Auge hat?“

„Die Comantschen.“

„Richtig! Ich bin überzeugt, daß nur ein einziger Apatsche von der Absicht der Comantschen auf den Llano weiß; das ist Winnetou. Seine Mescaleros werden durch ihn selbst oder durch einen Boten von ihm erst davon benachrichtigt. Sie können noch nicht hier sein und also auch keine Späher nach dem Llano vorausgesandt haben. Dazu kommt, daß ihre Wohnsitze von hier im Süden liegen. Wenn sie Kundschafter oder Boten direkt nach dem Llano schickten, so würde der Weg derselben nicht so weit nach Norden führen.“

„Ihr meint also, daß wir es mit Comantschen zu thun haben, Mr. Shatterhand?“

„Ja.“

„So wissen wir, woran wir sind und – –“

„Halt!“ unterbrach ich ihn. „Was ich sage, ist mehr Vermutung als Überzeugung. Wir müssen Gewißheit haben. Die Sache ist so wichtig für mich, daß es uns auf eine kleine Zeitversäumnis nicht ankommen darf. Getraut Ihr Euch, diese Spur schnellreitend gut im Auge behalten zu können?“

„Welche Frage! Haltet Ihr mich für blind?“

„So steigt auf, und galoppiert fünf Minuten lang auf ihr zurück! Ich möchte gern die Richtung wissen, ob sie gerade verläuft oder auf dieser immerhin langen Strecke irgend eine Biegung macht.“

Well, soll gleich geschehen!“

Er schwang sich auf das Pferd und jagte auf der Fährte zurück, der Richtung zu, aus welcher die sechs Reiter gekommen waren. Seine Figur wurde schnell kleiner und immer kleiner, bis sie, obgleich das Terrain vollständig eben war, unsern Augen ganz entschwand. Dann tauchte er als ein sich bewegender Punkt wieder auf, der sich immer mehr vergrößerte, bis er endlich in Lebensgröße wieder bei uns hielt.

„Nun?“ fragte ich ihn.

„Sie geht wie eine Schnur immer geradeaus.“

„Das sagt mir genug. Wißt Ihr, wohin man kommt, wenn man dieser geraden Linie folgt?“

„Nach dem blauen Wasser, vermute ich.“

„Ja, nach dem Saskuan-kui. Der Häuptling Vupa Umugi hat diese sechs Leute als Späher ausgesandt. Wir müssen ihnen schleunigst nach.“

„Warum so schnell? Sie einholen?“

„Ja.“

„Das ist ein Fehler, Sir! Nehmt es mir nicht übel, aber es ist gewiß ein Fehler!“

„Warum?“

„Ihr seid doch kein Indianermörder!“

„Allerdings nicht.“

„Und wollt ihnen dennoch nach? Das widerspricht sich ja. Seht Ihr das nicht ein?“

„Worin liegt der Widerspruch?“

„Ihr wollt kein Mörder sein und wäret doch gezwungen, diese sechs Roten auszulöschen, wenn wir sie einholten. Sie dürfen nicht wissen, daß wir in dieser Gegend sind, was doch verraten würde, wenn auch nur einer von ihnen entkäme. Unsre Force liegt doch darin, daß Vupa Umugi die Überzeugung hegt, wir seien nach Westen geritten!“

„Ihr habt recht und doch nicht recht, Mr. Cutter. Es kommt auf die Umstände an, ob wir uns diesen Kundschaftern zeigen werden oder nicht. Ihr Weg führt genau nach dem Altschese-tschi, dem Kleinen Walde, wo ich, wie ich schon vorhin sagte, einen Boten Winnetous vermute. Kommen sie dort vorüber, ohne ihn zu entdecken, so ist es gut; wenn sie ihn aber bemerken, ihn selbst oder eine Spur von ihm, so greifen sie ihn an. Ein Mann gegen sechs Männer; Ihr könnt Euch den Ausgang denken. In diesem Falle ist er entweder tot oder gefangen. Findet das letztere statt, so müssen wir ihn losmachen, schon aus reiner Freundschaft für die Apatschen, und sodann auch wegen Winnetous Botschaft, die ich unbedingt hören muß, wenn es nur möglich ist. Da darf es mir auf das Leben von sechs feindlichen Comantschen nicht ankommen. Also vorwärts jetzt, Mesch’schurs!“

Wir stiegen wieder auf und jagten so schnell weiter, wie die Pferde Parkers und Jos Hawleys zu laufen vermochten.

Die Kundschafter befanden sich zwei Stunden vor uns; aber sie waren langsam geritten. Wenn sie diese Gangart beibehalten hatten und noch beibehielten, so war es möglich, daß wir sie noch vor dem Altschese-tschi einholten.

Leider aber zeigte es sich, daß die Pferde der beiden Genannten nicht mit den unsern fortkommen konnten; ich bestimmte also, daß Parker und Hawley unsrer Spur möglichst schnell folgen sollten, und ritt mit Old Surehand und dem alten Wabble voran. Von Zeit zu Zeit hielt einer von uns an, um aus den Spuren das Tempo der Reiter zu ersehen, und holte dann die andern beiden wieder ein. Da stellte sich denn bald heraus, daß die Comantschen später viel schneller geritten waren, und so schwand meine Hoffnung mehr und mehr, sie noch zur rechten Zeit ein- oder gar zu überholen, was durch einen Halbkreisritt ganz wohl möglich gewesen wäre.

Es verging eine Stunde und dann die zweite. Wir mußten die Pferde zuweilen verschnaufen lassen, indem wir langsamer ritten. Nach wieder einer halben Stunde tauchte vor uns ein dunkler Punkt am Horizonte auf. Ich deutete mit der Hand auf ihn und sagte:

„Das ist der Kleine Wald, das Ziel unsers Parforcerittes. Wollten wir geradeaus reiten, würden wir in einer Viertelstunde dort sein.“

„Das dürfen wir aber nicht,“ warnte Old Wabble.

„Nein, denn die Comantschen sind wahrscheinlich nicht weiter geritten, sondern drin geblieben.“

„Wir müssen aber hin! Wie fangen wir das an?“

„Es ist ein Glück, daß ich die Örtlichkeit genau kenne. Kommt rechts nach Süd! Wir müssen einen Bogen reiten.“

Indem wir dies thaten, fragte Old Wabble weiter:

„Meint Ihr, daß wir auf diese Weise hinankommen, ohne gesehen zu werden?“

„Ja. Ihr müßt wissen, daß von den ostwärts liegenden Höhen ein Wasser kommt, welches auf der Ebene versiecht, aber später da, wo sich der Boden tiefer senkt, als ein kleiner Weiher wieder zu Tage tritt. Dieser Weiher hat einen Durchmesser von nur vielleicht fünfzig Schritten, hat aber doch einem Wäldchen das Leben gegeben, dessen Durchmesser wenigstens zehnmal größer ist. Das ist Altschese-tschi, der kleine Wald, dessen westliche und östliche Seite ziemlich licht ist, während er an den beiden andern Seiten so dicht steht, daß man, besonders auf der südlichen, kaum durchzudringen vermag. So war es, als ich mich vor drei Jahren zum letztenmale hier befand, und so wird es wohl auch heute noch sein.“

„Hm!“ brummte der Alte. „In drei Jahren kann sich viel verändern, was hier, wo es sich um unser Leben handeln kann, außerordentlich wichtig ist!“

„Wenn eine Veränderung eintrat, so besteht sie wohl nur darin, daß der Wald dichter geworden ist, was uns nicht anders als lieb sein kann. Weil die südliche Seite die bewachsenste ist, so reiten wir in einem Bogen nach ihr. In dem dortigen Gestrüpp nimmt kein Mensch seinen Aufenthalt, und darum glaube ich, daß wir uns da am besten annähern können, ohne gesehen zu werden. Wenn wir nicht die Nacht abwarten wollen, so weiß ich keine andre Weise, das Wäldchen zu erreichen.“

Well, so müssen wir es eben versuchen und uns darauf gefaßt machen, bei unsrer holdseligen Ankunft einige weniger holdselige Kugeln zwischen die Rippen oder gar in die Köpfe zu bekommen. Ein Wagehals, der etwas wagen will, der wagt etwas; th’is clear!“

Old Surehand verhielt sich noch immer schweigend, doch las ich auf seinem Gesichte jene unbedenkliche Entschlossenheit, die vor keiner Gefahr zurückschreckt, wenn nur einigermaßen Aussicht vorhanden ist, sie glücklich zu bestehen. Er kam mir immer mehr wie ein Mann vor, der lieber handelt als spricht, und später zeigte es sich, wie vortrefflich er in dieser Beziehung zu Winnetou paßte.

Wir waren also nach rechts abgewichen und hielten uns, indem wir einen Halbkreis ritten, immer so weit von dem Walde entfernt, daß er in gleicher scheinbarer Größe vor uns liegen blieb. Als wir uns dann genau südlich von ihm befanden, hielt ich an und nahm mein Fernrohr, welches mir im fernen Westen schon oftmals große Dienste geleistet und sogar das Leben gerettet hatte, aus der Satteltasche, um den Rand des Gehölzes sorgfältig abzusuchen. Ich konnte nichts Verdächtiges bemerken.

„Seht Ihr etwas, Sir?“ fragte Old Wabble.

„Nein. Ich kann kein lebendes Wesen, weder Mensch noch Tier, entdecken.“

„Sieht man uns von dort?“

„Sonderbare Frage, Sir! Würdet Ihr von hier aus einen dort befindlichen Menschen sehen?“

„Nein.“

„Also werden auch wir mit unbewaffnetem Auge nicht zu erkennen sein, und ich glaube nicht, daß die Roten mit Fernrohren versehen sind.“

„Wird keinem Indsman einfallen, ein solches Ding bei sich zu führen!“

„O doch! Winnetou hat stets ein Rohr, und zwar ein ganz ausgezeichnetes, mit. Ich bin der Ansicht, daß wir nun stracks vorwärts reiten. Nicht?“

„Wenn Ihr nicht anders wollt, dann los! Unvorsichtig aber ist’s und bleibt’s!“

Da ließ sich Old Surehand zum erstenmale wieder hören, indem er in ungeduldigem und verweisendem Tone ausrief:

„Was unvorsichtig! Wenn es keine andre Wahl giebt als das Wasser, so stürzt man sich eben hinein und lernt sofort das Schwimmen. Wenn Ihr Euch fürchtet, alter Wabble, so bleibt hier halten, bis Ihr angewachsen seid; wir aber nehmen das Wäldchen jetzt im Sturme. Go on, Mr. Shatterhand, go on!“

Er schoß auf seinem Pferde davon, und ich folgte ihm mit gleicher Schnelligkeit. Old Wabble blieb natürlich nicht zurück; er kam hinter mir hergeflogen und wetterte dabei ganz aufgebracht:

„Ich mich fürchten! Was bilden sich diese beiden jungen Menschen ein! Old Wabble kannte schon keine Furcht, als er noch nicht geboren war, viel weniger dann später. Die jetzige Jugend ist doch zuweilen mit ganz abnormen und unbegreiflichen Ideen behaftet; th’is clear!“

Es war von ihm ein kühnes Beginnen, uns beide als die jetzige Jugend zu bezeichnen; ich mußte trotz des Ernstes unsrer Lage laut darüber lachen. Er hörte das und rief, noch mehr erzürnt:

„Was lacht Ihr, Sir! Lacht dann, wenn Ihr mit heiler Haut da vorn im Walde sitzt, nicht eher!“

„Schweigt, Sir!“ antwortete ich zurück. „Wenn Euch die Roten nicht sehen, so müssen sie Euch doch hören, wenn Ihr in dieser Weise brüllt!“

„Gut, ich werde schweigen; aber ich lege Euch meine Leiche auf’s Gewissen. Seht, wie Ihr sie wieder herunter bringt!“

Wir trieben unsre Pferde so an, daß es schien, als ob der Kleine Wald auf uns zugeflogen käme. Der Grasboden war weich, der Hufschlag also kaum zu hören. Dabei hielten wir die Augen scharf auf unser Ziel gerichtet, um eine etwaige Gefahr rechtzeitig zu bemerken. Es war aber keine vorhanden, und wir erreichten ganz glücklich den Waldesrand. Dort sprangen wir ab, nahmen die Gewehre schußbereit in die Hände und lauschten. Es regte sich nichts. Wir versuchten, das Gebüsch mit unsern Blicken zu durchdringen; es war auch nichts zu sehen. Da flüsterte uns Old Surehand zu:

„Haltet mein Pferd! Ich komme bald wieder.“

„Wo wollt Ihr hin?“

„Spüren. Habt keine Sorge! Ich verstehe mich darauf.“

Es wäre eine Beleidigung gewesen, wenn ich ihm meine Begleitung angeboten oder gar ihn zurückgehalten hätte; ich ließ ihn also gehen. Es dauerte ziemlich lange, ehe er wieder kam, um uns zu melden:

„Wir haben ungeheuer Glück gehabt, daß wir nicht bemerkt worden sind. Die Comantschen befinden sich im Walde.“

„Habt Ihr sie gesehen?“ fragte ich leise.

„Nein; aber wir wissen doch, daß ihre Fährte nach dem Walde geht, und ich habe mich jetzt überzeugt, daß sie nicht wieder herausführt; sie sind also noch drin. Das bloß war es, was ich einstweilen wissen wollte. Wir müssen sie beschleichen.“

Well,“ nickte Old Wabble. „Das können nur zwei thun, denn der dritte muß hier bei den Pferden bleiben. Wer wird das sein, Mr. Shatterhand?“

„Ihr selbst,“ antwortete Old Surehand, obgleich der Alte mich gefragt hatte.

„Fällt mir nicht ein! Unthätig hier bleiben! Ich krieche mit im Walde herum, denn ich habe Euch zu beweisen, daß ich keine Furcht besitze.“

„Das wissen wir schon, also ist dieser Beweis ganz überflüssig. Ich brauche Euch wohl nicht zu sagen, wie ich Euch kenne und schätze, und darum werdet Ihr es nicht übelnehmen, wenn ich Euch daran erinnere, daß das Herumkriechen im Walde nicht gerade Eure starke Seite ist. Ihr seid auf der offenen Savanne besser daheim. Bleibt also bei den Pferden!“

„Ganz wie Ihr wollt,“ antwortete der Alte mit einer Bewegung der Ungeduld. „Es ist hier nicht der Ort und die Zeit, uns zu streiten; ich will mich also als der Verständige fügen. Macht euch also auf die Suche; aber wenn ihr dann als Leichen wiederkommt, so will ich keine Vorwürfe hören!“

Er nahm die Pferde an den Zügeln fest und winkte uns fort. Old Surehand sah mich fragend an; ich antwortete:

„Uns zu trennen, ist hier zu gefährlich; es ist noch heller Tag; wir können leicht bemerkt werden, und da muß einer dem andern schnell zu Hilfe kommen können.“

„Richtig, Sir! Aber wohin wenden wir uns?“

„Habt Ihr vorhin, als Ihr fort waret, nicht eine Stelle bemerkt, wo das Eindringen nicht zu beschwerlich und geräuschvoll ist?“

„Ich glaube, eine zu kennen. Kommt!“

Er führte mich um einige Buschecken und deutete dann nach dem Strauchwerke, welches hier weniger dicht als anderwärts stand. Ich nickte, legte mich nieder und kroch hinein; er folgte mir. Wir hatten unsre Gewehre natürlich bei Old Wabble gelassen-, meine beiden Revolver und das Messer reichten für alle Fälle hin.

Wir hatten, wie gesagt, noch hellen Tag; die Roten konnten also jede größere Bewegung des Gesträuches sehen; das erschwerte unsre Aufgabe in einer Weise, daß wir nur höchst langsam vorwärts rückten. In einer halben Stunde hatten wir ein Drittel unsres Weges zurückgelegt; dann aber wurde es besser. Wir mußten nach der Mitte des Wäldchens, wo das Wasser lag, an welchem sich die Comantschen jedenfalls befanden. Nach abermals einer Viertelstunde hörte ich vor uns ein Pferd schnauben; auch Old Surehand hatte es gehört, denn er stieß mich an, um mich darauf aufmerksam zu machen. Hatte das Tier nur zufällig geschnaubt oder wollte es dadurch nach Art der indianischen Pferde seinen Besitzer vor uns warnen? In diesem Falle war die Gefahr für uns doppelt groß.

Ich muß sagen, daß ich mich nicht nur über Old Surehand freute, sondern daß ich ihn sogar bewunderte. Erst war er hinter mir geblieben, nun drang er neben mir vorwärts, und zwar mit einer Ausdauer, Umsichtigkeit und Geschicklichkeit, wie ich sie kaum jemals bei einem Weißen gesehen hatte. Jede Lücke wurde benutzt und jedes Hindernis entweder vermieden oder vollständig geräuschlos beseitigt; wenn die Gewandtheit der Hände nicht ausreichend war, mußte das Messer nachhelfen, und wenn ein Zweig oder gar ein stärkerer Ast bewegt werden mußte, geschah es mit einer so gleichmäßigen Langsamkeit, daß ein andrer als ich es gar nicht bemerken konnte. Es war für einen Westmann wirklich eine Freude, ihm zuzusehen.

So kamen wir langsam, aber sicher weiter und weiter, bis wir Stimmen hörten, welche miteinander sprachen; die Worte konnten wir nicht verstehen, weil wir noch zu weit entfernt waren. Je weiter wir uns aber näherten, desto deutlicher hörten wir sie, bis wir endlich diejenigen sahen, welche sich miteinander unterhielten. Es war freilich nicht das, was man eigentlich eine Unterhaltung nennt, sondern man konnte es viel richtiger als die Sitzung eines Prairiegerichtes bezeichnen.

Wir waren hinter einem nicht allzu dichten Gestrüpp angekommen, durch welches wir leidlich sehen konnten. Vor uns lag das Wasser; rechts waren sechs Pferde angebunden, während links ein einzelnes angehobbelt stand; dieses letztere war ein Apatschenpferd, während die ersteren den Comantschen gehörten, denen wir gefolgt waren. Von diesen sechs Roten lebten nur noch drei, welche zwischen uns und dem Wasser saßen; die blutigen Leichen ihrer drei Kameraden lagen nicht weit von ihnen. Vor ihnen stand ein einzelner Baum, an dessen Stamm ein Apatsche aufrecht angebunden war. Da er uns den Rücken zukehrte, konnten wir sein Gesicht nicht sehen; er mußte verwundet sein, denn seine Füße standen in einer Blutlache, doch schien der Blutverlust ihn nicht sehr geschwächt zu haben, denn eben, als wir die Gruppe zu Gesicht bekamen, hörten wir ihn mit kräftiger Stimme sagen: „Die Hunde der Comantschen werden mich töten, aber ihren Zweck doch nicht erreichen. Pesch endatseh lacht über sie. Sie waren ihrer sechs; er hat drei von ihnen getötet, ehe sie ihn überwältigen konnten; er wird sterben mit dem Gesang des Todes auf den Lippen und ohne mit der Wimper zu zucken, und die Seelen dieser drei werden ihn in den ewigen Jagdgründen bedienen müssen.“

Langes Messer! Den kannte ich sehr gut. Er war ein sehr verwegener und listiger Krieger, der bei dem Stamme der Mescaleros in Ansehen stand und schon oft als Unteranführer thätig gewesen war. Wenn es sich um einen gefährlichen Kundschafterdienst gehandelt hatte, zu dessen Ausführung Mut und Verschlagenheit gehörte, war die Wahl gewöhnlich auf ihn gefallen.

Jedenfalls hatte er hier im Altschese-tschi gesteckt, um auf mich zu warten, und ich hatte mich also nicht geirrt, als ich annahm, Winnetou werde auf Kundschafter seines Stammes getroffen und direkt nach dem Llano estacado geritten sein und für mich einen Boten zurückgelassen haben.

Einer der Comantschen machte eine sehr verächtliche Handbewegung und antwortete:

„Langes Messer stinkt wie ein Stück verfaulten Fleisches. Seine Seele wird weggeworfen werden und in den ewigen Jagdgründen keinen Diener haben, denn wir werden ihm den Skalp nehmen, ehe wir ihn unter großen Qualen in den Tod senden, Er hat drei von uns töten können, weil er sich feig versteckte, als wir kamen. Hätte er sich offen gezeigt, so wäre nur sein Blut, aber kein einziger Tropfen von dem unsrigen geflossen.“

„Ja, die Hunde der Comantschen hätten es gewagt, mit mir zu kämpfen, weil sie zwölf Arme gegen mich hatten, während ich allein war. Hätten sie nicht so viel gezählt, so wären sie vor mir ausgerissen wie Coyoten, welche zwar heulen, aber nicht beißen. Wenn Ihr mich nach den ewigen Jagdgründen sendet, so werde ich dort nur Apatschen, aber keinen einzigen Comantschen finden, weil nur die Seelen tapferer Männer, aber keine Feiglinge hinkommen. Was ihr seid, das werde ich euch zeigen; seht her zu mir!“

Er spuckte dreimal kräftig aus. Der Comantsche sagte in demselben verächtlichen Tone wie vorher:

„Das gilt nicht uns, sondern dir selbst. Du machst große Worte, um die Kleinheit deines Mutes zu verbergen. Die Angst vor dem Tode steht dir im Gesicht geschrieben. Du weißt, daß wir dir die Haut und das Fleisch in Stücken von dem Leibe schneiden werden, und deine stolze Rede soll nur das Angstgewimmer verdecken, welches du in deinem Innern hörst. Wir sind aber bereit, gnädig zu verfahren und dich schnell und ohne Qualen sterben zu lassen, wenn du uns die Wahrheit sagest und die Fragen beantwortest, welche ich dir jetzt vorlegen werde.“

Langes Messer warf den Kopf stolz empor, sagte aber, scheinbar einverstanden:

„Der Comantsche mag sprechen.“

„Sind eure Krieger gegen die Comantschen ausgezogen?“

„Nein.“

„Ist das die Wahrheit?“

„Ja.“

„Ich glaube es nicht.“

„Du kannst es glauben. Oder meinst du, daß es dem starken Löwen einfallen werde, gegen eine kranke Ratte in den Kampf zu ziehen?“

„Uff! Wenn du so fortfährst, uns zu beleidigen, hast du keine Gnade von uns zu erwarten! Wo befinden sich die Mescalero-Apatschen jetzt?“

„Daheim in ihren Wohnungen.“

„Wo ist Winnetou, ihr Häuptling?“

„Er ist weit oben im Norden bei den Indianern, die sich Schlangen nennen.“

Er sagte das, um sie glauben zu lassen, daß ihr berühmter Gegner jetzt nicht zu fürchten sei.

„Auch das ist eine Lüge. Winnetou ist da.“

„Nein.“

„Wir haben Old Shatterhand gesehen, und wo dieser ist, da weilt auch Winnetou nicht fern.“

Ich sah, daß Langes Messer einen Ausruf der Freude unterdrückte; er zwang sich sichtlich zur Ruhe und Gelassenheit und sagte im Tone der Überzeugung:

„Der Comantsche lügt; er will mich betrügen. Old Shatterhand ist weder auf der Ebene, noch in den Bergen; er ist über das Große Wasser in seine Heimat zurückgekehrt und wird erst nach zwei oder drei Wintern wiederkommen. Er hat das selbst gesagt.“

„Ich lüge nicht!“

„Du lügst! Ich glaube dir nicht!“

„Und ich lüge nicht!“ brüllte ihn der Comantsche zornig an. „Wir haben ihn gesehen.“

„Wo?“

„In unserm Lager. Er kam, uns zu beschleichen; wir haben ihn aber ergriffen und gefangen genommen und er wird den Tod am Marterpfahle sterben.“

„Old Shatterhand? Den Tod am Marterpfahle?“ lachte der Apatsche höhnisch. „Alle, alle Krieger der Comantschen zusammengenommen sind nicht imstande, diesen einen weißen Jäger an den Marterpfahl zu bringen. Selbst wenn sie ihn ergriffen hätten, würde er trotz aller Fesseln plötzlich verschwinden wie der Adler, den zehnmal tausend Sperlinge nicht halten können. Aber er ist gar nicht gefangen; er befindet sich jetzt gar nicht in diesem Lande, sondern da, wo er geboren ist.“

Es war jedenfalls seine Absicht, den Comantschen vor Ärger zum Sprechen zu bringen; er erreichte seine Absicht auch wirklich, denn der Gegner rief wütend:

„Wir haben ihn! Die Krieger der Comantschen sind keine Sperlinge, sondern Adler, die diesen Sperling zerreißen oder auffressen werden! Ich sage die Wahrheit; du aber lügst. Wie kannst du behaupten, daß eure Leute daheim seien! Sie befinden sich unterwegs, sonst hätten sie nicht einen Kundschafter ausgesandt!“

„Haben sie das gethan?“

„Ja.“

„Wann?“

„Jetzt.“

„Was wißt ihr von einem Kundschafter! Pshaw!“

„Wir wissen es. Du bist’s ja selbst!“

„Ich? Wer macht euch weis, daß Langes Messer als Späher ausgeritten sei?“

„Niemand macht es uns weis; es ist so.“

„Dann sind die Söhne der Comantschen blind. Trage ich etwa die Farben des Krieges im Gesicht?“

„Du hast es aus Klugheit unterlassen, dich anzumalen!“

„Wo wohnen die Comantschen und wo die Mescalero-Apatschen? Im Norden und im Süden. Wo befinde ich mich jetzt? Weit im Osten. Würde ich so weit östlich reiten, wenn ich als Kundschafter gen Norden zu euch soll?“

„Ihr werdet erfahren haben, wohin wir ziehen wollen!“

„Uff, uff, uff! Merkst du nicht, daß du dich jetzt verraten hast? Also die Hunde der Comantschen sind aus ihren Höhlen gebrochen, nicht um gegen die Apatschen zu ziehen, sondern um nach Osten zu reiten! jetzt weiß ich, was und wohin ihr wollt!“

Der Comantsche sah ein, daß er sich hatte überlisten lassen, und fuhr, zornig über sich selbst, den Gefangenen an:

„Schweig, Kröte! Ich kann das sagen, was ich gesagt habe, denn ich weiß, daß du es nicht weiter plaudern wirst. Wir nehmen dich mit, und du wirst zu gleicher Zeit mit Old Shatterhand am Marterpfahle sterben.“

„Dann werde ich noch sehr lange leben, denn daß ihr dieses berühmte Bleichgesicht gefangen habt, ist eine Lüge.“

„Es ist wahr. Wir haben ihn!“

Pshaw!“

„Und wir haben ihn nicht allein, sondern noch mehrere Bleichgesichter, die auch sterben müssen.“

„Nenne sie!“

„Old Wabble, den greisen Indianertöter.“

„Uff!“

„Ferner Old Surehand, das riesige Bleichgesicht.“

„Uff, uff! Weiter!“

„Weiter? Genügt das nicht?“

„Ja, das genügt. Wenn ihr diese drei großen Jäger wirklich ergriffen habt und mich in euer Lager schafft, werde ich nicht sterben, sondern wir werden uns frei machen und unter den Söhnen der Comantschen sein wie Büffelstiere, die in ein Rudel feiger Wölfe brechen. Old Shatterhand wurde noch nie besiegt; er ist ein“

„Er war schon oft gefangen!“ fiel ihm der Comantsche höchst zornig in die Rede.

„Aber er hat sich stets wieder befreit! Old Surehand ist ein Jäger, welcher mit einem Griffe seiner Fäuste sechs Comantschen erwürgt, mit jeder drei. Es giebt für – – –“

„Schweig von diesem Hunde!“ unterbrach ihn der andre abermals. „Er hat noch nie einen Comantschen besiegt!“

„Weil noch kein Comantsche ihm begegnet ist! Und Old Wabble, der wie ein Sturm über die Savanne fegt, so daß niemand ihn einholen kann, wird Euch – – –“

„Wird sterben, wird sterben!“ schrie der Comantsche, ihm zum drittenmal in die Rede fallend. „Vielleicht wird er auch nicht sterben, denn dieses alte Bleichgesicht ist ein furchtbarer Köter, den man eigentlich nicht töten, sondern mit Prügeln fortjagen sollte. Dieser Feigling – – –“

Er hielt mitten in der Rede inne; jetzt war er es, welcher unterbrochen wurde, aber nicht etwa von dem Apatschen, mit dem er sprach, sondern von einer ganz andern Seite. Wir hatten unsre Augen natürlich auf ihn gerichtet gehabt; als er sich jetzt plötzlich unterbrach und sichtlich erschrocken zur Seite sah, wendeten wir unsre Blicke auch dorthin und hörten zugleich die Worte erklingen:

„Was bin ich? Ein Feigling, ein Köter? Hund, roter! Ich werde dir zeigen, ob ich feig bin oder nicht. Wer von euch nur ein Glied bewegt und nach seiner Waffe greift, der bekommt meine Kugel in den Kopf! Hände in die Höhe!“

Es war der alte Wabble. Er hatte sich nicht durch das dichte Gebüsch gedrängt, sondern er kam ganz gemütlich durch die westliche, schmale Lücke des Waldes, durch welche auch die Comantschen an das Wasser gekommen waren. Sein Gewehr an der Wange und den Zeigefinger an dem Drücker, war er hinter dem nächsten Busche hervorgetreten und kam langsamen Schrittes näher.

„Hände in die Höhe!“ wiederholte er, da die Roten seinem Befehle nicht gleich Folge leisteten.

Dieser Ruf ist ein alter Brauch im wilden Westen. Wer die beiden Hände in die Höhe hält, kann nicht nach den Waffen greifen und sich verteidigen. „Hände in die Höhe!“ Wer mit diesen Worten überfallen und angerufen wird und nicht sofort gehorcht, dessen Leben ist keinen halben Penny wert. Das wissen auch die Indianer. Darum hoben die drei Comantschen jetzt bei der Wiederholung des Befehles ihre Arme empor.

„So, jetzt habe ich euch, ihr roten Schufte!“ lachte er. „Wer auch nur eine Hand sinken läßt, der bekommt die Kugel; ich scherze nicht. Also ich bin ein Feigling! So, so! Und mich habt ihr gefangen! Und Old Shatterhand und Old Surehand auch! Ist das wahr, du Schurke?“

Der Rote antwortete nicht.

„Aha! Der Atem ist dir ausgegangen! Aber wartet nur, wir werden euch gleich wieder zu Atem bringen! Muß euch doch einige gute Freunde zeigen, sehr bekannte Männer, über welche ihr euch außerordentlich freuen werdet, wenn ihr sie zu sehen bekommt. Wo stecken sie nur?“

Er meinte natürlich uns, Old Surehand und mich. Sein Gewehr immer noch auf die Comantschen gerichtet, suchte er mit den Augen in dem östlichen Gebüsch, in welchem er uns vermutete und wo wir auch wirklich steckten. Es war kein Wunder, daß die Roten ihre Arme gehorsam emporhielten, denn er bot einen Anblick, welcher ganz geeignet war, Respekt einzuflößen. Seine Erscheinung war ja überhaupt eine außerordentliche, und es kam dazu, daß er mit vier Gewehren bewaffnet war, denn er hatte das seinige in den Händen, und auf dem Rücken trug er Old Surehands Büchse, meinen Bärentöter und den Henrystutzen. Sie wagten gewiß nicht, ihm Widerstand zu leisten.

Dennoch war ich keineswegs mit seinem plötzlichen und unerwarteten Erscheinen einverstanden. Er hatte draußen bei den Pferden zu bleiben und nicht herein an das Wasser zu kommen. Ich nahm mir vor, ihn zur Rede zu stellen, obgleich er seine Sache gar nicht übel gemacht hatte. Jetzt wollte er uns zu sich haben; ich gab Old Surehand also einen Wink; wir standen auf und drangen durch das Gezweig hinaus in das Freie, Als er uns sah, rief er den Comantschen zu:

„Das sind die Männer, die ich euch zeigen will, ihr Schurken. Kennt ihr sie?“

„Old Shatterhand!“ rief Langes Messer jubelnd aus.

„Old Surehand!“ schrie der Comantsche erschrocken.

Ich wendete mich an den letzteren:

„Ja, wir sind es, von denen du sagst, sie wären eure Gefangenen. Mr. Cutter, nehmt ihnen die Waffen!“

Ich zog den Revolver und hielt ihnen denselben entgegen; sie wagten nicht, sich zu bewegen.

„Bindet den Apatschen los, Mr. Cutter!“

Er that es. Kaum fühlte Langes Messer sich wieder im Besitze seiner Glieder, so bückte er sich, raffte einen Tomahawk auf und – – zwei schnelle Hiebe, und zwei Comantschen sanken mit zerschmetterten Schädeln aus ihrer sitzenden Stellung hintenüber. Ich faßte ihn beim Arme und rief:

„Was thut mein roter Bruder! Ich wollte mit diesen Kriegern der Comantschen sprechen und – –“

Er hörte mich nicht weiter an, sondern riß sich los und schlug so schnell, daß ich es nicht zu verhindern vermochte, den dritten auch noch nieder. Dann antwortete er mir:

„Mein berühmter, weißer Bruder mag mir verzeihen, daß ich anders handle, als er wünscht. Ich weiß, daß er nicht gern Blut vergießt; darum habe ich es vergossen.“

„Es sollte aber nicht vergossen werden!“

Er deutete nach seiner rechten Brust und fragte:

„Fließt das meinige nicht auch? Ist das Kriegsbeil ausgegraben, so gilt Leben für Leben, Blut für Blut!“

„So töte meinetwegen die, welche du besiegtest; diese drei aber gehörten nicht dir, sondern uns. Seit wann haben die tapfern Krieger der Apatschen ihren Stolz verloren, daß sie Feinde umbringen, die von andern Leuten überwunden worden sind? Schmückt ihr euch jetzt, seit ich nicht bei euch gewesen bin, mit Heldenthaten, die ihr gar nicht vollbracht habt?“

Er blickte beschämt vor sich nieder und entschuldigte sich:

„Einer von diesen drei hat mich verwundet. Durfte er leben bleiben? Was wollte Old Shatterhand mit diesen Hunden machen, wenn sie am Leben blieben? Wollte er sie mit sich nehmen? Das wäre eine Last gewesen, die ihm sicherlich geschadet hätte. Oder hatte er die Absicht, sie frei zu lassen? Dann wären sie zu den Ihrigen geritten und hätten verraten, was sie gesehen haben.“

„Ja hast du recht; aber du weißt, daß Old Shatterhand schon seit langer Zeit ein Häuptling der Apatschen ist. Darf ein Krieger dieses Stammes in seiner Gegenwart thun, was ihm augenblicklich einfällt? Wozu sind die Häuptlinge da, wenn jeder Krieger in ihrem Beisein thun kann, was ihm beliebt? Was wird Winnetou, der größte und berühmteste Häuptling der Apatschen, sagen, wenn ich es ihm erzähle?“

Da beugte sich der stolze Mann vor mir und bat:

„Ich habe unrecht gehandelt. Wird Old Shatterhand mir die Schnelligkeit der That verzeihen?“

„Es ist geschehen und nicht zu ändern; ich verzeihe dir, obgleich du uns wahrscheinlich großen Schaden bereitet hast.“

„Schaden? Wie kann mein weißer Häuptling von Schaden reden?“

„Ich wollte mit diesen Leuten sprechen und hätte von ihnen gewiß erfahren, was ich wissen will.“

„Sie hätten nichts gesagt.

„Sie hätten gesprochen. Hält mein roter Bruder mich für so unklug, daß ich ihnen gesagt hätte, was ich wissen will? Weiß er nicht, daß die Rede und die Frage eines listigen Mannes wie eine Schlinge ist, in welcher selbst ein Kluger gefangen werden kann?“

„Ich weiß es; aber Old Shatterhand braucht diese Hunde der Comantschen nicht zu fragen.“

„Nun allerdings nicht, denn sie sind tot!“

„Auch wenn sie noch am Leben wären. Ich weiß alles; ich habe es erfahren.“

„Von wem?“

„Von ihnen.“

„Hast du mit ihnen gesprochen?“

„Nein.“

„Sie also belauscht?“

„Ja.“

„Gut, wollen sehen, ob du mich wirklich befriedigen kannst. Jetzt zeig deine Wunde her. Ist sie tief?“

„Ich weiß es nicht. Tödlich kann sie nicht sein.“

Er hatte recht; sie war nicht einmal schwer. Das Messer war ihm von der Seite her nur in den rechten Brustmuskel gedrungen und an einer Rippe abgeglitten. Für einen Indianer war dies nur eine leichte Verwundung, obgleich er dem Wundfieber wohl nicht entgehen konnte. Während ich ihn verband, kamen Parker und Jos Hawley uns nach und wunderten sich nicht wenig über das, was sie sahen.

„Da seht ihr, Mesch’schurs, wie schnell wir mit den Halunken fertig geworden sind,“ sagte Old Wabble zu ihnen. „Als ich kam, waren leider drei schon tot. Ich hätte alle sechs auf mich genommen. Wie schön diese Kerls die Hände in die Höhe heben konnten!“

„Und wie schön Ihr dabei in die Käse fliegen konntet, Mr. Cutter!“ fügte ich hinzu,

„In die Käse?“ fragte er erstaunt.

„Ja.“

„Wieso?“

„Wenn sie nun die Hände nicht in die Höhe gehoben hätten?“

„So hätte ich sie erschossen.“

„Wie viele?“

„Alle drei natürlich; th’is clear!“

„Einen, ja; dann aber hätten Euch die andern beim Leder gehabt.“

„Hätten es versuchen sollen!“

„Warum nicht? Wie hättet Ihr Euch wehren wollen mit einem abgeschossenen Gewehre in der Hand und drei andern auf dem Rücken? Bei dieser Balgerei hättet Ihr gewiß den kürzern gezogen.“

„Abwarten, abwarten, Sir!“

„Und wie nun, wenn Ihr alle sechs anstatt nur drei gefunden hättet, als Ihr kamt?“

„Ich stand ja vorher hinter dem Busch und sah die Sache an. Und wenn sie es alle sechs gewesen wären, ich hätte es ganz ebenso gemacht.“

„Und wäret ausgelöscht worden!“

Pshaw! Man ist doch kein Kind. Denkt doch an Euch, Sir! Ihr seid ja schon oft in der Lage gewesen, es mit noch mehr als sechs Roten aufnehmen zu müssen.“

„Dann war die Lage anders als hier; ich bin noch mehr gefürchtet als Ihr und habe den Henrystutzen, den die Roten für eine Zauberflinte halten.“

„Hm, ja! Aber es ist dennoch kein Fehler, den ich begangen habe, denn es konnte mir nichts geschehen.“

„Ah, wohl weil ich mit Mr. Surehand in der Nähe war?“

„Ja,“

„Da irrt Ihr Euch. Wenn die Roten nicht so erschrocken, sondern geistesgegenwärtig gewesen wären, hättet Ihr eine Kugel oder einen Messerstich gehabt, ohne daß es uns möglich gewesen wäre, es schnell zu verhindern. Und selbst wenn Ihr in Allem recht hättet, so doch darin nicht, daß ihr gegen meine Weisung gehandelt habt. Es war bestimmt, daß Ihr draußen bei den Pferden bleiben solltet.“

„Sir, die Zeit wurde mir zu lang.“

„Das ist noch lange kein Grund, Dummheiten zu machen!“

„Dummheiten? Ich muß bitten, Mr. Shatterhand! Old Wabble pflegt keine Dummheiten zu machen!“

Pshaw! Ihr habt unbedingt auf dem Posten zu bleiben, der Euch einmal anvertraut worden ist. Was soll daraus werden, wenn jeder von der Stelle, die er einzunehmen hat, fortlaufen kann! Wie ist es da möglich, sich mit Euch an irgend einem gefährlichen Unternehmen zu beteiligen? Ihr wißt, daß das, was wir vorhaben, mit großen Gefahren verbunden ist. Da muß man gegenseitig felsenfestes Vertrauen zu einander haben können. Ist das nicht der Fall, so reite ich weiter und lasse Euch sitzen!“

„Bravo, bravo!“ rief Parker.

Da fuhr Old Wabble ihn zornig an:

„Was habt Ihr da zu johlen? Ich verbitte mir solches Geschrei ein für allemal!“

„Das glaube ich!“ antwortete Parker. „Ich soll es mir gefallen lassen, wenn zu mir vom Sitzenlassen gesprochen wird, Ihr aber wollt es nicht hören, alter Wabble! Wir sind nicht dabei gewesen. Was habt Ihr denn für einen Pudel geschossen?“

„Keinen! Aber wenn Ihr nicht sofort den Schnabel haltet, so schieße ich nachträglich einen, und zwar einen ganz gehörigen, und der seid Ihr; th’is clear!“

Er wendete sich wütend ab.

Ich sorgte zunächst für unsre Sicherheit, indem ich die Pferde holen ließ und dann Posten ausstellte. Hawley war der erste; er hatte um das Wäldchen zu patrouillieren und alles Auffällige zu melden. Dann wurden die Comantschen untersucht. Sie waren tot und wurden einstweilen auf die Seite geschafft. Dann setzten wir uns zusammen, um unsre Lage zu besprechen. Der Abend dunkelte herein; aber es war nicht geraten, ein Feuer anzubrennen. Der Schein desselben hätte zwar draußen nicht gesehen werden können, denn der kleine Wald war dicht genug; aber die Comantschen, welche später dieses Weges kamen, sollten keine Spur unsres Lagers finden.

Hauptsache war natürlich das, was Pesch-endatseh, das Lange Messer, mir zu sagen hatte. Als ich ihn fragte, ob er Winnetou getroffen habe, antwortete er:

„Ja. Die Krieger der Apatschen hörten, daß die Comantschen die Kriegsbeile ausgegraben hätten, und sandten sogleich Späher aus, um zu erkunden, gegen wen der Angriff gerichtet sei. Ich gehörte zu diesen Spähern und hatte noch einen Krieger bei mir. Wir ritten am Wasser des Pecos empor, wo die Comantschen zu vermuten waren, und trafen sie am Saskuan-kui, welches wir Apatschen Doklis-to, das blaue Wasser, nennen. Wir konnten sie nicht beobachten und noch viel weniger belauschen, denn sie streiften jagend in der Gegend umher, um Fleisch zu machen.“

„Aber des Abends pflegt man doch nicht zu jagen!“

„Old Shatterhand hat recht, und wir wußten das auch. Wir ließen unsre Pferde zurück und schlichen uns zu Fuße nach dem blauen Wasser, wo wir ankamen, als es dunkel war.“

„Habt ihr etwas gehört?“

„Nein. Wir gaben uns große Mühe, aber wir hatten kein Glück. Mein weißer Bruder wird mir das glauben und mir keine Vorwürfe machen. Es kann dem besten, dem kühnsten und vorsichtigsten Kundschafter geschehen, daß er trotz aller List heimkehren muß, ohne etwas erfahren zu haben.“

„Gewiß! Ich kenne dich, und es fällt mir gar nicht ein, gering von dir zu denken. Wo trafst du Winnetou?“

„Wir schlichen uns an zwei Abenden nach dem blauen Wasser. Am ersten hatten wir keinen Erfolg; am zweiten trafen wir mit Winnetou zusammen, welcher noch vor uns gekommen war und uns gebot, uns nicht länger in Gefahr zu begeben, sondern mit ihm zu kommen.“

„Ah, da hatte er ganz gewiß etwas erfahren!“

„Ja, er erfuhr etwas, worüber sich mein großer, weißer Bruder Old Shatterhand außerordentlich wundern wird.“

„Was?“

„In der großen Wüste, welche von den Bleichgesichtern der Llano estacado genannt wird, giebt es eine schöne Klaparya-Siyardestar mit vielem, hellem Wasser, an welchem die herrlichsten Bäume, Sträucher und Blumen stehen. Dabei steht ein Haus, in welchem drei Personen wohnen, nämlich ein Deklil-Inda, eine Deklil-Isoma, welche seine Mutter ist, und ein weißer Jäger; dieser ist der Herr der Gegend und wird Dil-Mejeh genannt. Winnetou hat ihn gesehen und mit ihm das Kalumet der Freundschaft geraucht.“

„Ich kenne ihn auch.“

„Uff!“ rief der Rote verwundert. „Old Shatterhand hat ihn auch schon gesehen?“

„Ja.“

„Also wohl auch das Wasser und das Haus in der Wüste?“

„Ja.“

„So weiß mein berühmter, weißer Bruder also den Weg dorthin zu finden?“

„Natürlich! Ich war einigemal dort. Hat Winnetou dir das nicht gesagt?“

„Nein. Winnetou, der große Häuptling der Apatschen, liebt nicht lange Erzählungen; er sagt kein Wort mehr, als was nötig ist. Also du kennst die Gegend auch und weißt den Weg! Darum soll ich auf dich warten und dir die Botschaft des Häuptlings bringen!“

Er wunderte sich, ich ersah aus seinen Worten, wie verschwiegen Winnetou, wie stets, so auch in dieser Angelegenheit gewesen war. Er hatte nie ein Wort über die Oase im Estacado gesprochen. Der Apatsche fuhr fort:

„Es müssen einst Comantschen bei dem blutigen Fuchs gewesen sein, wie ich aus Winnetous Worten entnahm.“

„Allerdings. Sie waren mit ihm und mit mir dort. Der junge Häuptling Schiba-bigk führte sie an.“

„Schiba-bigk? Ich höre, daß Old Shatterhand alles richtig weiß, denn dieser junge Häuptling soll die Comantschen jetzt nach der Insel in der Wüste führen.“

„Hast du vielleicht erfahren, weshalb die Comantschen ihren Kriegszug dorthin richten?“

„Winnetou hat es erlauscht. Der blutige Fuchs ist aus der Wüste gekommen, um zu jagen, und mit einer Schar Comantschen zusammengetroffen; sie haben ihn angegriffen, um ihn zu töten; er hat sich verteidigt und mehrere von ihnen erschossen. Seine Kugeln sind ihnen gerade mitten in die Stirn gedrungen.“

„Haben sie ihn denn gekannt?“

„Einer von ihnen ist damals mit bei ihm in der Wüste gewesen und hat ihn erkannt.“

„Er ist ihnen entkommen?“

„Keine ihrer Kugeln hat ihn getroffen und keines ihrer Messer seine Haut geritzt.“

„Gott sei Dank! Nun unternehmen sie einen Rachezug, um ihn zu töten?“

„Ja, sie wollen ihn töten und sein Haus und die Bäume vernichten, daß die Insel wie eine Wüste wird. Das hat Winnetou erlauscht.“

„Aber er kann das nicht erst hier am blauen Wasser erfahren haben, sondern er muß es schon vorher gewußt haben, denn ich habe die Nachricht davon schon oben in der Sierra Madre von ihm erhalten.“

„Es sind zwei Comantschen dort jagen gewesen und haben davon gesprochen, ohne ihn zu kennen. Er ist mit ihnen zusammengetroffen und hat sich für einen Sohn der Kiowas ausgegeben. Sie haben das geglaubt.“

„Dann sind ihre Seelen abwesend gewesen. Wer Winnetou, auch ohne ihn zu kennen, für einen Kiowa hält, der hat kein Hirn im Kopfe. Weiter!“

„Winnetou ist von der Sierra Madre sofort aufgebrochen, um den blutigen Fuchs zu warnen. Er sah auf seinem Wege die Spuren der Comantschen und folgte ihnen bis zum blauen Wasser, wo er sie belauschte; dabei traf er uns. Der Häuptling war sehr froh darüber und gab uns seine Befehle. Er sandte den Krieger, der bei mir war, heim, um schnell dreihundert Apatschen, welche gut bewaffnet und mit genug Fleisch versehen sein sollen, nach dem Nargoleteh-tsil zu führen, wo sie auf Old Shatterhand warten sollen. Mich nahm er mit hierher nach dem kleinen Walde, wo er mich zurückließ, um Old Shatterhand zu erwarten und ihm zu sagen, daß er nach dem Nargoleteh-tsil reiten solle, um sich an die Spitze unsrer Krieger zu stellen und ihm in den Llano estacado nachzukommen.“

„Gut, gut! Habe es mir gedacht! Das ist alles, was er dir für mich aufgetragen hat?“

„Ja, alles.“

„Also nach dem Regenberge! Den kenne ich genau. Wenn man gut reitet, ist man von hier aus in einem halben Tage dort. Der Ort ist außerordentlich gut gewählt, denn dort können sich sogar mehr als dreihundert Mann so verbergen, daß kein Feind sie zu finden vermag. Wie schade, daß du die drei Comantschen hier getötet hast! Wenn sie noch lebten, würde ich gewiß einiges aus ihnen herausfragen, was uns zu wissen nützlich sein würde.“

„Was möchte Old Shatterhand wissen?“

„Wer der Anführer der Comantschen ist.“

„Schiba-bigk. Ich habe es schon gesagt.“

„Das bezweifle ich, denn er ist zu jung dazu. Am blauen Wasser befiehlt Vupa Umugi, welcher gewiß keinem jüngern Krieger gehorchen wird, und dann kommt noch Nale-Masiuv, der gewiß auch zu stolz ist, sich Eisenherz unterzuordnen.“

„Uff! Nale-Masiuv, der an jeder Hand nur vier Finger hat? Der will auch kommen?“

„Ja, mit hundert Mann.“

„Woher weiß das Old Shatterhand?“

„Ich habe es am blauen Wasser erlauscht.“

„Uff, uff! Old Shatterhand ist auch am blauen Wasser gewesen, und es ist ihm gelungen, die Hunde der Comantschen zu beschleichen? Was keinem andern Krieger gelingt, das bringen zwei gewiß fertig, Winnetou und Old Shatterhand!“

„Dieses Lob verdiene ich nicht, denn die weißen Krieger, welche du hier bei mir siehst, sind auch mit dort gewesen.“

„Ja, aber wie!“ fiel Old Surehand ein. „Ihr waret als freie Männer dort, und – –“

„Still!“ fiel ich ihm in die Rede. „Was dort geschehen ist, kann recht gut unter uns bleiben; es braucht nicht weiter erzählt zu werden! Wie gesagt, es wäre sehr vorteilhaft für uns, zu wissen, wer der eigentliche Anführer der Comantschen ist. Von Vupa Umugi und Nale-Masiuv haben wir nichts Gutes zu erwarten. Schiba-bigk aber ist mir zu Dank verpflichtet, denn wir haben ihm damals das Leben gerettet und ihn sicher durch den Llano gebracht. Er ist zwar jünger als die beiden andern, und sie werden sich ihm wohl kaum unterordnen, aber er ist der Sohn des berühmten Tevua-schohe, welcher der oberste Kriegshäuptling sämtlicher Comantschenstämme war, und ich halte es gar nicht für so unmöglich, daß infolge des Ruhmes, den er sich erworben hatte, und der Erfolge, die man ihm verdankte, seine Stellung auf seinen Sohn übergegangen ist. Wären die drei Comantschen hier noch am Leben, so würde ich es ganz gewiß von ihnen erfahren.“

Obgleich diese Worte nicht direkt an Langes Messer gerichtet waren, antwortete er:

„Old Shatterhand hat mir verziehen, was ich that. Soll ich nicht von diesen sechs toten Comantschen erzählen?“

„Thue es. Wer gewahrte den oder die andern zuerst, du sie oder sie dich?“

„Ich sah sie eher, als sie mich. Indem ich hier auf Old Shatterhand wartete, konnten leicht Comantschen hierher kommen. Ich war also sehr vorsichtig und verbarg mein Pferd tief im Gesträuch; zugleich hütete ich mich, Spuren zu machen. Aber ich mußte doch bald hierhin und bald dorthin gehen; ich mußte auch das Pferd tränken, und das führte zu meiner Entdeckung. Ich hatte das Pferd zum Wasser gebracht, und während es trank, ging ich hinaus an den Rand des kleinen Waldes“ um zu sehen, ob ich sicher sei. Da sah ich die sechs Hunde der Comantschen kommen und fand kaum Zeit, mein Pferd wieder in sein Versteck zu bringen; die Stapfen konnte ich nicht verwischen. Sie kamen und sahen die Spur und folgten ihr in das Gebüsch. Fliehen konnte ich nicht; sie waren mir nahe. Ich schoß den ersten nieder und erstach den zweiten und den dritten; die andern packten mich. Ich wurde verwundet, niedergerissen und gefesselt. Dann banden sie mich an den Baum. Als ihr kamt, habe ich sie erschlagen. Old Shatterhand kann sie nach nichts fragen; aber etwas habe ich von ihnen gehört, was ich ihm sagen möchte.“

„Was?“

„Sie wollen nach der Insel in der Wüste, um den blutigen Fuchs und die alte Negerin zu fangen und nach dem großen Dorfe der Comantschen zu schaffen. Ich habe, als sie miteinander sprachen, erfahren, wo ihr Dorf jetzt liegt.“

„Das ist freilich wichtig. Wo liegt es?“

„Ich kenne den Ort nicht und habe seinen Namen nie gehört. Er wurde von ihnen Kaam-kulano genannt.“

„Du hast dich geirrt und kennst den Ort gewiß. Die Comantschen nennen den Ort allerdings so, von euch wird er Katscho-Nastla, also auch Hasenthal, geheißen.“

„Katscho-Nastla? Dieses Thal kenne ich freilich. Es liegt einen starken Tagesritt nordwärts von hier. Dorthin soll der blutige Fuchs mit der Negerin geschafft werden, um an demselben Marterpfahle zu sterben. Der Neger ist schon dort.“

„Was?“ fragte ich erschrocken. „Welcher Neger?“

„Der Sohn der alten schwarzen Frau, der mit bei dem blutigen Fuchs in der Wüste wohnt.“

„Ah! Das ist freilich eine sehr wichtige, aber auch eine sehr unerfreuliche Nachricht. Hast du richtig gehört?“

„Mein Ohr hat sich nicht getäuscht.“

„Es kann von einem andern Neger die Rede gewesen sein!“

„Nur von dem Neger in der Wüste. Die Hunde der Comantschen nannten seinen Namen.“

„Wie hieß er? Schnell!“

„Ich habe ihn gehört, aber nicht behalten.“

„Bob?“

„Ja, Bob, Bob haben sie gesagt.“

„Wie ist er denn in ihre Hände geraten? Haben sie nicht davon gesprochen?“

„Sie sprachen davon. Er war mit dem blutigen Fuchs auf der Jagd, als dieser von den Comantschen überfallen wurde. Der Fuchs tötete mehrere von ihnen und entkam, der Neger aber fiel ihnen in die Hände und wurde nach dem Thale der Hasen geschafft. Dort hält man ihn gefangen, bis der Fuchs und die Negerin gebracht werden; dann sollen die drei den Martertod sterben.“

„So weit soll es wohl nicht kommen! Dafür werde ich sorgen. Bob muß frei werden. Ich reite sogleich hin!“

Ich sprang auf, denn ich war erregt, obgleich es sonst nicht leicht ist, mich in Aufregung zu versetzen. Die andern waren verwundert, der Apatsche jedenfalls am meisten, denn der Rote verachtet den Neger noch weit mehr, als der Weiße; er wagte es aber nicht, etwas zu sagen. Als früherem Cowboy stand dem alten Wabble ein Schwarzer fast ebenso tief wie ein Hund; es war ihm unmöglich, zu schweigen.

„Was ist’s mit Euch, Sir?“ fragte er. „Ich glaube gar, dieser Bob bringt Euch aus dem Häuschen!“

„Nicht er, sondern der Umstand, daß er Gefangener der Comantschen ist und umgebracht werden soll.“

Pshaw! Ein Schwarzer, ein Nigger!“

„Nigger? Neger wollt Ihr wohl sagen, Mr. Cutter!“

„Nigger sage ich. Habe das Wort all mein Lebtage nicht anders ausgesprochen.“

„Das thut mir leid! Es scheint, Ihr rechnet die Neger nicht mit zu den Menschen.“

„In der Naturgeschichte werden sie freilich mit unter den Menschensorten aufgezählt; wissenschaftlich sind sie also welche, aber, My god, was für welche!“

„Jedenfalls ebenso gute wie alle anders gefärbten!“

Pshaw! Ein Nigger ist ein so niedriges Geschöpf, daß es sich eigentlich gar nicht lohnt, von ihm zu sprechen!“

„Das ist Eure Ansicht, wirklich Eure Ansicht?“

Yes!“

„Dann thut Ihr mir leid, herzlich leid, denn mit dieser Behauptung beweist Ihr, daß Ihr noch weit unter dem Nigger steht!“

All devils! Ist das Euer Ernst, Sir?“

„Mein vollständiger Ernst!“

„Dann thut Ihr mir ebenso leid wie ich Euch! Ein farbiger Mensch ist nie ein richtiger Mensch, sonst hätte ihn Gott nicht farbig gezeichnet!“

„Mit ebenso großem Rechte könnte ein Neger sagen: Ein Weißer ist kein richtiger Mensch, sonst hätte ihn Gott nicht ohne Farbe geschaffen. Ich bin etwas weiter in der Welt herumgekommen als Ihr und habe unter den schwarzen, braunen, roten und gelben Völkern wenigstens ebenso viel gute Menschen gefunden wie bei den weißen, wenigstens, sage ich, wenigstens! Versteht Ihr mich, Mr. Cutter?“

„Was ihr gefunden habt, ist mir egal. Ich habe noch nicht einen einzigen Nigger kennen gelernt, neben dem ich mich hätte niedersetzen mögen.“

„Weil Ihr jeden Schwarzen gleich im ersten Augenblicke so behandelt habt, daß er Euch unmöglich freundlich gesinnt sein konnte. Eure Erfahrung ist also gar kein Beweis für das, was Ihr behauptet. Und was diesen Bob betrifft, so ist er ein so braver Kerl, daß ich, wenn Ihr Euch miteinander in Not befändet, sehr wahrscheinlich ihm eher beispringen würde als Euch!“

Thunder-storm, ist das ein Kompliment! Ihr könnt außerordentlich höflich sein, Mr. Shatterhand, außerordentlich höflich; th’is clear!“

„Ich beabsichtige, aufrichtig, aber nicht höflich zu sein. Ich bin nicht höflich gegen Leute, welche ihre Nebenmenschen verachten. Wenn man Euch einmal in die Erde scharrt, wird aus Eurem weißhäutigen Leibe grad und genau so ein stinkiger Kadaver wie aus einer Negerleiche. Das werdet Ihr wohl zugeben, und nun habt die Güte und zählt mir einmal Eure sonstigen Vorzüge auf! Es sind alle, alle Menschen Gottes Geschöpfe und Gottes Kinder, und wenn Ihr Euch einbildet, daß er Euch aus einem ganz besonders kostbaren Stoffe geschaffen habe und daß Ihr sein ganz besonderer Liebling seiet, so befindet Ihr Euch in einem Irrtum, den man eigentlich gar nicht begreifen kann. Ich habe mich gefreut, Euch kennen zu lernen; soll es mit dieser Freude nun zu Ende sein?“

Es war dunkel geworden und ich konnte sein Gesicht nicht erkennen; aber meine Worte schienen ihn zu treffen; er senkte den Kopf und brummte:

Zounds! Schade, jammerschade, daß Ihr ein Westmann geworden seid!“

„Warum?“

„Ihr wäret ein noch viel besserer Pfarrer und Kanzelredner geworden; th’is clear!“

„Westmann bin ich nur aus Gelegenheit. Vor allen Dingen bin ich Mensch, und wenn ein andrer Mensch sich in Not befindet und ich ihm helfen kann, so frage ich nicht, ob seine Haut eine grüne oder blaue Farbe hat. Diesen Bob lasse ich nicht bei den Comantschen!“

„Meinetwegen! Ich will Euch ja gar nicht hindern. Ich will Euch sogar dabei helfen; aber jetzt haben wir ganz und gar keine Zeit dazu.“

„Es muß und soll aber grad jetzt geschehen!“

„Wie? Was? Grad jetzt?“

„Ja.“

„Wir müssen doch nach dem Nargoleteh-tsil, um die Apatschen dort zu treffen!“

„Das hat noch Zeit!“

„Noch Zeit? Sir, ich begreife Euch nicht!“

„Könnt Ihr denn nicht rechnen, Mr. Cutter? Glaubt Ihr, daß die Apatschen schon dort sein können?“

„Das müßt Ihr freilich besser wissen als ich; ich denke auch weniger an sie als an die Comantschen, denen wir doch zuvorkommen müssen.“

„Auch das hat keine Eile. Von gestern abend an in drei Tagen, also bis übermorgen abend, wird Nale-Masiuv mit seinen hundert Mann nach den blauen Wasser kommen. Denkt Ihr, daß dann gleich aufgebrochen wird?“

„Nein, denn diese Leute und ihre Pferde müssen doch erst ausruhen.“

„Wenigstens einen Tag ausruhen; wir haben also von jetzt an drei Tage Zeit; davon brauche ich nur zwei, um Bob zu befreien.“

Der Alte wollte weiter antworten; da aber kam ihm Old Surehand zuvor, indem er das Wort ergriff.

„Sagt einmal, Mr. Shatterhand, ich hörte über Euch ein Erlebnis erzählen, welches mich außerordentlich interessierte. Ihr hattet hoch droben im Nationalparke ein Zusammentreffen mit den Sioux. Ihr hattet eine Gesellschaft tapferer Kerls bei Euch und auch einen Neger, welcher Bob hieß, wenn ich mich nicht irre?“

„Allerdings.“

„War das derselbe Bob?“

„Ja.“

„Ah, da habt Ihr recht, vollständig recht! Den dürfen wir nicht stecken lassen; der muß heraus, heraus!“

„So wollt Ihr mit?“

„Natürlich! Versteht sich ganz von selbst. Wann werden wir von hier aufbrechen?“

„Bei Anbruch des Tages.“

„Ist das nicht zu spät?“

„Nein. Von hier aus bis zum Kaam-kulano ist es freilich ein sehr reichlicher Tagesritt; aber ich kenne die Gegend, und wir haben ausgezeichnete Pferde. Wir brauchen sie gar nicht sehr anzustrengen, so sind wir noch vor Abend dort, grad zur richtigen Zeit.“

„Ja, kurz vor Abend ist’s stets am besten. Da hat man noch Zeit, die Örtlichkeit kennen zu lernen und die Gelegenheit zu erspähen. Dann, wenn es dunkel geworden ist, wird der Streich ausgeführt. Ich freue mich darauf; habt Ihr eine Ahnung, wie viel Menschen dort wohnen?“

„Nein. Es wird nur das Zeltdorf Vupa Umugis sein, und ich vermute, daß sich nicht sehr viele junge, rüstige Krieger dort befinden werden.“

„Also ein Kampf mit alten Weibern! Fi!“

„Hm! So leicht wird es uns doch nicht werden. Es bleibt bei jedem Zuge eine Anzahl von Kriegern zum Schutze des Lagers zurück, hier auch zur Bewachung des Gefangenen. Mit ihnen werden wir es zu thun bekommen.“

„Aber ich bezweifle, daß unsre Pferde alle den Ritt aushalten werden!“

„Alle? Wieviel Pferde meint Ihr da?“

„Nun, so viel wir haben!“

„Also zwei!“

„Zwei – –?“ fragte er verwundert.

„Ja, zwei, nämlich mein Rappe und Euer Fuchs.“

„Holla! Ihr meint, wie es den Anschein hat, daß nur wir zwei den Ritt unternehmen?“

„Allerdings. Wer denn noch?“

„Ich denke, es wird sich niemand ausschließen.“

„Und ich denke, daß wir einen Ritt hin und zurück vor uns haben, den nur unsre beiden Pferde aushalten können. Von Mr. Parker und Mr. Hawley kann also überhaupt keine Rede sein; ihre Pferde sind jetzt schon müde und würden unterwegs zusammenbrechen.“

Parker sagte nichts; er sah wohl ein, daß ich recht hatte.

Jos aber fühlte eine große Zuneigung zu mir; es schien ihm schwer, sich von mir zu trennen.

„Ist es denn nicht möglich, daß ich mit kann?“ fragte er. „Ihr wißt doch, wie gern ich bei Euch bin, Sir!“

„Ich weiß es, aber es ist nicht möglich, Mr. Hawley. Das Pferd kann nicht so, wie Ihr wollt.“

„So wird mir Old Wabble das seinige borgen.“

„Was fällt Euch ein?“ rief der Alte aus. „Ich reite ja selber mit!“

„Ihr?“ fragte ich.

„Ja, ich!“

„Ich denke, Ihr bleibt bei den andern!“

„Warum? Mein Pferd ist gut. Oder meint Ihr, daß es den Ritt nicht aushalten kann?“

„Es würde ihn wahrscheinlich aushalten; aber es wird sich sträuben und nicht fortzubringen sein.“

„Sträuben? Sonderbar! Möchte das Pferd kennen lernen, das sich sträubt, Old Wabble dahin zu tragen, wohin er will!“

„Diesesmal doch!“

„Warum grad diesesmal?“

„Weil es sich um einen Nigger handelt.“

„Ah! Meint Ihr es so! Nun, da wird es wohl nicht auf das Pferd, sondern auf mich ankommen!“

„Oder auf mich, Mr. Cutter! Ich habe nicht die Absicht, Euch wegen eines Schwarzen zu belästigen.“

Pshaw, es ist keine Belästigung; ich thue es gern!“

„Vorhin klang es anders!“

„Ja, vorhin! Soll ich aufrichtig sein, Mr. Shatterhand?“

„Nun?“

„Es war von Euch gar nicht fein und geschmackvoll gesagt, nämlich das von dem stinkigen Kadaver vorhin, aber es hat bei mir Eingang gefunden, und ich denke, daß Ihr nicht so unrecht habt. Ich will meine Dummheit gut machen, indem ich Euerm Bob mit heraushelfe, und bitte Euch daher, mich mitzunehmen! Wollt ihr, Sir?“

„Hm! Wenn Ihr in dieser Weise sprecht, so möchte ich wohl, aber es geht dennoch nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil auf Euch kein Verlaß ist.“

„Oho! Das hat mir noch niemand gesagt!“

„So sage ich es Euch zum erstenmal. Ihr habt es heut bewiesen, daß ich recht habe. Wißt Ihr, was wir vorhaben? Wir wollen einen Gefangenen mitten aus einem Indianerdorfe herausholen. Schon das ist genug! Aber wir haben keine Zeit, eine passende und leichte Gelegenheit abzuwarten, denn der Streich muß in kürzester Zeit ausgeführt werden. Da handelt es sich doppelt um Leben und Tod!“

„Das weiß ich.“

„Schön! Da werdet Ihr also einsehen, daß ich Euch nicht mitnehmen kann.“

„Ich fürchte den Tod nicht!“

„Das weiß ich; aber ich befürchte, daß wir, wenn wir Euch mitnehmen, in den Tod reiten. Den Tod nicht fürchten und dem Tode aus Unvorsichtigkeit in die Arme laufen, das ist zweierlei. Man kann sich nicht auf Euch verlassen.“

„Weil ich nicht draußen bei den Pferden geblieben bin? Sir, das war das letztemal, daß so etwas vorgekommen ist. Glaubt es mir. Gebt mir die Hand und nehmt mich mit!“

Was wollte ich machen! Er bat so dringend. Sollte ich ihn, den alten, erfahrenen, neunzigjährigen Westmann wie ein Greenhorn zurückweisen? Ich brachte es nicht fertig, sondern ich gab ihm die Hand und sagte:

„Nun gut, so kommt mit! Aber ich hoffe, daß Euch der jugendliche Übermut nicht wieder mit dem Verstande durchgeht!“

Well! Das soll ein Wort sein! Ihr werdet mir Eure Zufriedenheit nicht versagen. Was wird aber mit den andern? Bleiben die hier?“

„Nein, sie reiten fort.“

„Wohin?“

„Nach dem Nargoletch-tsil, wo wir mit den Apatschen zusammentreffen werden. Langes Messer kennt doch wohl den Weg dorthin?“

Der Rote, an den ich diese Frage richtete, antwortete:

„Ich kenne ihn genau. Wann sollen wir reiten?“

„Morgen früh, sobald wir auch aufbrechen.“

„Sollen wir die toten Hunde der Comantschen hier so liegen lassen?“

„Nein, sie müssen spurlos verschwinden. Auch begraben darf man sie nicht hier. Die Comantschen kommen, wenn sie nach der Wüste reiten, durch dieses Wäldchen und würden die Gräber entdecken.“

„Darf ein gewöhnlicher Krieger der Apatschen Old Shatterhand einen Vorschlag machen?“

„Warum nicht?“

„Wir binden die Leichen auf ihre Pferde und nehmen sie mit nach dem Nargoleteh-tsil, wo wir sie begraben.“

„Ja, das ist das Beste, was geschehen kann. Nehmt sie mit.“

„Wem gehören ihre Pferde, Waffen und Sachen?“

„Dir. Wir mögen nichts, außer wenn Mr. Parker und Mr. Hawley ihre Pferde umtauschen wollen, mögen sie die zwei nehmen, die ihnen gefallen.“

„So mag es sein. Die Skalpe aber nehme ich mir auch; sie hätten mir den meinigen ebenso genommen. Howgh!“

So war die Sache abgemacht; wir aßen und legten uns dann schlafen. Vorher erboten sich Parker, Hawley und der Indianer, die Wachen für die ganze Nacht zu übernehmen, weil wir andern für morgen einen so anstrengenden Ritt vorhatten. Natürlich gingen wir darauf ein. –

Der Hase des Westens, und besonders der texanische, ist etwas größer als unser deutscher Lampe und hat auch viel größere Ohren. Damals war er in Menge vorhanden, denn es gab noch Büffel und andres Wild genug, so daß der Westmann nur dann eine Kugel an ein Häslein verschwendete, wenn es gar nichts andres gab. Nirgends aber war Lampe so zahlreich anzutreffen, als an einem Quellflüßchen des Buffalo-Spring, der eigentlich selbst auch nur eine Quelle war. Dieses Flüßchen entsprang an dem Hinterteile einer Felsenmulde, welche, weil sie die Gestalt einer Pfanne hatte und von den erwähnten Nagern stark bevölkert war, von den weißen Jägern Hare-pan, Hasenpfanne, genannt wurde. Auf der Sohle dieses Thales stand fast während des ganzen Jahres ein üppig grünes, fettes Gras, und die schräg ansteigenden Wände waren mit Gebüsch bestanden, aus welchem hier und da die Krone eines Baumes ragte. Das war das Kaam-kulano, das Hasenthal, in welchem gegenwärtig die Comantschen Vupa Umugis ihre Zelte aufgeschlagen hatten.

Es war am nächsten Tage, ungefähr zwei Stunden vor der Dämmerung, als wir in die Nähe dieses Thales gelangten. Die Gegend war zwar keine Einöde, aber auch nicht übermäßig grün, und da wir nun auf Begegnungen gefaßt sein mußten und doch keine Deckung hatten, so mußten wir suchen, uns welche zu verschaffen. Wir konnten sie nur da finden, wo es Büsche gab, und das war am Flüßchen der Fall. Wir erreichten dasselbe an einer Stelle, welche höchstens den vierten Teil einer Wegstunde vom Ausgange der Thalmulde entfernt war. Es war gewiß eine Kühnheit von uns, uns am hellen Tage so nahe heran zu wagen; aber wir hatten keine andre Wahl, da uns die Zeit so karg zugemessen war. Wir mußten noch vor Nacht erfahren, wie es im Thale stand.

Wir waren so glücklich, am Wasser eine Stelle zu finden, wo uns das Gesträuch ein Versteck bot, wie wir es uns gar nicht besser wünschen konnten. Da stiegen wir ab und erlaubten den ziemlich ermüdeten Pferden, zu trinken und dann zu grasen. Für uns hatten wir einen Vorrat von Dürrfleisch mitgebracht, der mehrere Tage reichte. Da nur ich einmal hier gewesen war, so bat ich Old Surehand und den alten Wabble, das Versteck ja nicht zu verlassen, sondern auf mich zu warten, und ging rekognoszieren.

Ich vergegenwärtigte mir die Gegend, wie ich sie bei meinem Hiersein kennen gelernt hatte, und machte mir dann meinen Plan. Da, wo das Wasser aus dem Thale trat, stiegen die Seiten desselben allmählich und weit ausgebaucht rechts und links empor, und das Gebüsch folgte ihnen bis zur Höhe, ein Umstand, der für mich sehr günstig war. Das Gesträuch ging dann wie eine Kranzeinfassung oben rund um den Rand der Thalmulde herum und bot mir reichlich Gelegenheit, mich zu verbergen, sobald dies nötig war. Dabei gab es freilich eine nicht zu unterschätzende Schwierigkeit: ich durfte keine Spuren machen oder nur so undeutliche, daß nicht zu ersehen war, ob sie von meinem Stiefel oder einem indianischen Mokassin stammten. Sonst war die ganze Gegend vollständig baum- und strauchlos, so daß man jeden größeren Gegenstand weithin bemerken konnte.

Indem ich vorsichtig vorwärts ging, warf ich fleißig Blicke hinaus ins Freie. Es war zu meiner Freude kein Mensch, weder Mann noch Weib oder Kind, zu sehen. Die Zeit war also vorüber, in welcher alle zurückgebliebenen Bewohner des Lagers sich für den Abend und die Nachtruhe in dem Thale zu versammeln hatten. Darauf wird bei Abwesenheit der Krieger streng gehalten.

Als ich die Öffnung des Thales erreicht hatte, wendete ich mich rechts und stieg die Lehne empor. War der Eingang bewacht? Ich blickte hinab und sah keinen Menschen. Das Lager befand sich wahrscheinlich in der Mitte des eine halbe Stunde langen Thales, denn der hintere Teil war jedenfalls für die Pferde reserviert. Ich ging weiter. Die Zeit schien ungemein glücklich gewählt zu sein, denn es gab keinen Menschen hier oben und auch keine neue Spur, welche gesagt hätte, daß in den letzten Stunden jemand dagewesen sei.

Bald sah ich die ersten Zelte, und als ich noch eine Strecke weiter gegangen war, sah ich das ganze Lager unten liegen. Es bestand aus lauter leinenen Sommer- und nicht aus ledernen Winterzelten. Ich nahm mir nicht die Zeit, sie zu zählen, aber es waren weit über hundert Stück. Belebt waren die Plätze vor und zwischen den Zelten von lauter Knaben, Frauen und Mädchen. Männer sah ich nur wenige, und die schienen alt zu sein. Sollten die hundertvierundfünfzig Mann, welche Vupa Umugi bei sich hatte, alle seine Krieger sein, so daß keiner hier zurückgeblieben war? Das konnte ich mir nicht denken, denn es wäre eine große Unvorsichtigkeit gewesen. Ohne allen Schutz konnte er das Lager unmöglich gelassen haben. Hinter demselben sah ich, wie ich gedacht hatte, eine Anzahl Pferde weiden.

Ich ging noch weiter, um eine Stelle zu finden, die mir eine bessere Aussicht bot. Es galt ja, an irgend einem Anzeichen das Zelt zu erkennen, in welchem Bob steckte. Jedenfalls lagen Wächter vor demselben. Und richtig! am Eingange des hintersten Zeltes lagen zwei Krieger. Das war sehr wahrscheinlich das gesuchte. Nicht weit davon stand ein andres Zelt, welches größer als die übrigen war. Vor demselben waren zwei Stangen eingerammt, an welchen verschiedene, sonderbar gestaltete Gegenstände hingen. Waren das Medizinen? War es das Häuptlingszelt? Wahrscheinlich! jeder Krieger hat nur eine Medizin; verliert er sie, so hat er die Ehre verloren, bis er diejenige eines Feindes erobert, indem er ihn tötet. Stirbt er, so bekommt er seine Medizin mit in das Grab. Aber es giebt auch einzelne Stämme, bei denen die Medizinen von den Nachkommen aufbewahrt werden. Sie bilden ein heiliges, kostbares Andenken an die Vorfahren, und wer sie verliert, ist in den Augen der andern vollständig zu Grunde gerichtet. Es kam mir ein Gedanke. Sollten das die Medizinen von den Ahnen des Häuptlings Vupa Umugi sein? Dann mußte ich sie haben, unbedingt haben. Sie konnten mir bei dem Kampfe zwischen den Apatschen und Comantschen die unschätzbarsten Dienste leisten.

Als ich noch ein wenig weiter ging, sah ich plötzlich eine Fußspur, höchst wahrscheinlich die Spur eines Weibes, welches hier am Abhange heraufgeklettert war. Sie durfte mich nicht sehen; ich mußte zurück. Eben wollte ich mich umdrehen, da raschelte es im Gebüsch, und sie stand vor mir. Schon hob ich den Arm, um sie zu fassen, da ließ ich ihn wieder sinken, nicht weil sie nur ein Weib war, denn in solchen Lagen ist jedes Auge, welches einen sieht, unschädlich zu machen, sondern des Ausdruckes wegen, welcher bei meinem Anblicke in ihr Gesicht trat.

Sie war alt. Ihre ungewöhnlich hohe und breitschulterige Gestalt war nur mit einem blauen, hemdähnlichen Gewande bekleidet. Von dem unbedeckten Kopfe hing das graue Haar in ungekämmten, wirren Strähnen nieder. Ihr Gesicht war tief gebräunt, doch hätte ich es an einem andern Orte wohl nicht für das einer Indianerin gehalten. Sie hatte kaukasische Züge, und es war mir sogar, als ob ich ähnliche schon einmal, und zwar vor kurzer Zeit, gesehen hätte. Das Gesicht war tief durchfurcht und schrecklich eingefallen, und die Augen, diese Augen! Was hatten sie nur für einen Blick! So starre und dabei flackernde, wilde und dabei trostlose Augen hatte ich in Irrenhäusern gesehen. Ja, das war es, dieses Weib war wahnsinnig, unbedingt wahnsinnig. Erst stierte sie mich zornig forschend an; dann bekamen die Augen einen milden Glanz; die farblosen Lippen lächelten; die skelettartigen Finger krümmten sich, um mir zu winken, und dann hörte ich die leisen, hastigen Worte:

„Komm her, komm her! Ich muß dich fragen!“

Ich trat die drei Schritte, welche uns trennten, zu ihr hin. Sie ergriff meinen Arm, grub ihre Finger in den Ärmel ein und fragte:

„Du bist ein Bleichgesicht?“

„Ja,“ antwortete ich ebenso leise. „Wer bist denn du?“

„Ich bin Tibo-wete-elen,“ raunte sie mir zu.

Wete heißt Frau; aber was Tibo und elen bedeuten sollten, das wußte ich nicht; in allen Dialekten, die ich kannte, kamen diese beiden Worte nicht vor.

„Hast du einen Mann?“ fragte ich.

„Ja. Er heißt Tibo-taka.“

Wieder dieses unbekannte Tibo! Taka heißt Mann.

„Wo ist er?“ erkundigte ich mich.

Da hielt sie den Mund ganz nahe an mein Ohr und flüsterte mir zu:

„Er holt den blutigen Fuchs. Er muß mit in die Wüste, denn er ist der Medizinmann des Stammes.“

Ja, sie war wahnsinnig, sonst hätte sie das einem Fremden, einem Weißen nicht gesagt. Dann faßte sie mich an den beiden Armen und fragte mit dem Ausdrucke der größten Spannung:

„Hast du meinen Wawa Derrick gekannt?“

Wawa heißt Bruder. Und Derrick? Sollte sie den englischen Namen Dietrich meinen? Aber der Bruder dieser Indianerin kann doch unmöglich Derrick, Dietrich heißen? Wahrscheinlich war mir das Wort, welches sie meinte, auch unbekannt.

„Nein,“ antwortete ich.

„Du bist ein Bleichgesicht und hast ihn nicht gekannt? Besinne dich! Du mußt ihn gekannt haben. Ich will es dir zeigen. Besinne dich!“

Sie brach einen dünnen Zweig vom Busche, bog ihn rund zusammen; verwand die beiden Enden, setzte sich ihn auf den Kopf und flüsterte mit seligem Lächeln:

„Das ist mein Myrtle-wreath, mein Myrtle-wreath! Gefällt er dir? Gefällt er dir?“

Höchst sonderbar! Dieses Comantschenweib bediente sich des englischen Wortes Myrtle-wreath! Myrtenkranz! Welche Indianerin kennt dieses Wort? Keine! Ich faßte nun sie am Arme und fragte:

„Bist du vielleicht eine Weiße? Sage es mir!“

Da ließ sie ein eigentümliches, unbeschreibliches Kichern hören und antwortete mir:

„Du hältst mich für eine Weiße, weil ich schön bin, sehr schön, und einen Myrtle-wreath trage? Blicke mir nicht in die Augen, sonst wird die Sehnsucht dich verbrennen, wie sie mich verbrennt! Hast du meinen Wawa Derrick gekannt? Soll ich dir das Zelt zeigen, in dem ich wohne?“

„Zeige es mir!“

„Komm, tritt weiter vor an den Rand! Aber laß dich ja nicht sehen, sonst mußt du dein Leben geben! Unsre Krieger töten jedes Bleichgesicht. Ich aber freue mich, daß ich dich gesehen habe, und werde kein Wort davon sagen, denn du wirst thun, um was ich dich bitte.“

„Ich thue es. Was wünschest du?“

Sie nahm den Zweig vom Kopfe, gab ihn mir und sagte:

„Wenn du meinen Bruder Wawa Derrick siehst, so gieb ihm diesen Myrtle-wreath! Willst du?“

„Ja. Aber wo ist dein Wawa Derrick?“

„Ja – – in – – in – – – ich weiß es nicht mehr; ich habe es vergessen; du wirst ihn aber finden. Nicht?“

„Ja,“ antwortete ich, um sie zu erfreuen. „Was soll ich ihm dazu sagen?“

„Du sagst, daß – – daß – – daß – – du brauchst nichts zu sagen. Wenn er den Myrtle-wreath erblickt, weiß er ganz genau, was ich meine. Und nun schau hier hinab! Siehst du in der zweiten Reihe das Zelt mit dem Zeichen des Medizinmannes?“

„Ich sehe es.“

„Da wohne ich mit Tibo-taka und heiße Tibo-wete-elen. Wirst du das merken können? Vergiß es nicht!“

„Ich vergesse es nicht. Wer wohnt in dem großen Zelte mit den beiden Stangen?“

„Da wohnt Vupa-Umugi, der unser Häuptling ist.“

„Er ist fort. Wer ist jetzt drin?“

„Nur sein Weib und seine Tochter.“

„Weiter niemand? Auch des Nachts?“

„Auch des Nachts weiter niemand.“

„Und wer wohnt da in dem letzten Zelte, vor welchem die beiden Krieger liegen?“

„Da wohnt der Neger, der getötet wird, wenn der blutige Fuchs gekommen ist.“

„Wird er sehr streng bewacht?“

„Sehr! Von zwei Kriegern, stets!“ sagte sie wichtig.

„Habt Ihr jetzt viele solche Krieger hier?“

„Nur die beiden, die du siehst. Viele sind mit dem Häuptling in die Wüste, und die andern gingen auf die Jagd, um Fleisch zu holen; sie kommen morgen oder in zwei Tagen wieder. Du wirst den Myrtle-wreath nicht verlieren, sondern gut bewahren?“

„Sorge dich nicht; ich halte ihn fest.“

„Und ihn meinem Wawa Derrick geben?“

„Sobald ich ihn finde, ja,“

„Du wirst ihn finden und – – –“ sie sah vor sich nieder, als ob sie in ihrem Innern nach etwas suche, ergriff dann meine Hand und fuhr fort: „Und wirst ihm noch etwas bringen, was ich dir jetzt gebe?“

„Ich gebe es ihm.“

Da legte sie schnell die Arme um meinen Hals, küßte mich so rasch, daß ich es gar nicht hätte abwehren können, wenn mein Herz es zugegeben hätte, es ihr zu verwehren, trat dann zurück und bat:

„Nun muß ich gehen; gehe du auch! Aber sage keinem Menschen etwas davon, daß du mich getroffen hast! Von mir wird es auch niemand erfahren.“

„Wirst du wirklich schweigen?“

„Ich schwöre es! Und du?“

„Darf ich wirklich nicht davon sprechen?“

„Zu keinem, keinem Menschen, außer zu meinem Wawa Derrick; der muß es wissen. Gieb mir deine Hand darauf!“

„Hier ist sie.“

Ich gab sie ihr; sie drückte sie mir; dann stieg sie den Berg hinab, doch nicht weit, dann drehte sie sich noch einmal um, legte den Finger zum Zeichen des Schweigens an den Mund und wiederholte:

„Zu keinem einzigen Menschen! Und verlier ja nicht meinen Myrtle-wreath!“

Dann verschwand sie im Gebüsch. Ich stand noch eine ganze Weile auf derselben Stelle; dann ging ich langsam fort. Welch eine Begegnung! Mir war ganz sonderbar zu Mute. Wer war dieses Weib? War sie wirklich eine Indianerin? Aber konnte es denn möglich sein, daß sie eine Weiße war? Um diese Fragen beantworten zu können, hätte ich sie mehr als dieses eine Mal sehen und sprechen müssen. Sie war eine Wahnsinnige; aber sie hatte dennoch einen tiefen, seelischen Eindruck auf mich gemacht. Sie war ein Rätsel, ein unergründliches, tief tragisches Rätsel, unergründlich, weil ich keine Zeit hatte, es zu lösen. Der Wawa Derrick existierte jedenfalls nicht nur in ihrer Phantasie, sondern in Wirklichkeit, aber wo? Und wer war er? Ein Indianer? Wahrscheinlich, denn der Ausdruck Wawa deutete darauf. Und der Myrtle-wreath, was war es mit dem? War er vielleicht die Ursache ihres Wahnsinnes? Oder hatte sie in dem Augenblicke, als sie wahnsinnig wurde, den Myrtenkranz getragen? Entsetzlicher Gedanke! War das der Fall, so war sie eine Weiße und keine Indianerin. Vielleicht gab es eine Lösung. Wahrscheinlich traf ich während des Kampfes mit dem Medizinmanne zusammen; da sollte er mir Rede und Antwort stehen!

Unter diesen Gedanken ging ich zurück, versäumte dabei aber nicht die Vorsicht, die auf diesem Wege nötig war. Was sollte ich meinen Gefährten sagen? Durfte ich von dieser geheimnisvollen Tibo-wete-elen sprechen? Ich hatte ihr mein Wort gegeben, zu schweigen; mußte ich es halten, ihr, einer Wahnsinnigen? Es war wohl keine Sünde, wenn ich es brach; aber erstens ist es überhaupt häßlich und unmoralisch, ein Versprechen nicht zu erfüllen, und zweitens war ich genug unter wilden Völkern gewesen, denen der Wahnsinn heilig ist, um mich derselben Meinung zuzuneigen. Dieses Weib hatte auf mich den Eindruck einer Ausgesonderten gemacht, und es war, als ob sich in meinem Innern um ihre Erscheinung etwas Aureolenartiges zusammenziehen wolle. Nein, sie war kein gewöhnliches Weib; der Wahnsinn erhöhte meine Pflicht, anstatt sie aufzuheben; ich mußte mein Versprechen halten!

Mit diesem Vorsatze kehrte ich zu unsrem Verstecke zurück, welches ich glücklich und unbemerkt erreichte, grad als es zu dunkeln begann; so lange war ich fort gewesen.

„Endlich, endlich!“ wurde ich von Old Wabble empfangen, während Old Surehand still blieb. „Fast hätte ich Angst um Euch bekommen.“

„Es ist nicht die geringste Ursache zur Sorge vorhanden,“ antwortete ich.

„Nicht? So steht wohl alles gut?“

„Alles.“

„Ist der Nigger da?“

„Der Neger, wollt Ihr wohl sagen! Ja.“

„Aber streng bewacht?“

„Es giebt heut im ganzen Lager nur zwei Krieger, die ihn am Tage und des Nachts bewachen; die andern sind fort, um Fleisch zu machen. Da ermüdet die Aufmerksamkeit, und wir werden es verhältnismäßig leicht haben, wie ich vermute.“

„Wie werden wir es anfangen?“

„Laßt mich nachdenken!“

Das sagte ich nicht, weil ich des Ueberlegens bedurft hätte, denn mein Plan war schon fertig, sondern weil ich keine Lust zum Sprechen hatte. Die Indianerin lag mir noch zu sehr im Sinn. Und grad jetzt fiel mein Auge auf Old Surehand, dessen männlich Schönes, ernstes Gesicht beim letzten Tagesschimmer eine ganz eigenartige Beleuchtung zeigte, einen wehmütig rührenden Ausdruck annahm. War es wirklich so, oder täuschte ich mich? Das war ja die Ähnlichkeit, die ich vorhin, als ich das Weib erblickte, herausgefühlt hatte, ohne sie näher bestimmen zu können! Das war dasselbe Gesicht, dieselbe Stirn, derselbe Mund, nur jünger, voller, männlich anstatt weiblich, nicht von jener erschütternden Tragik, aber elegisch ernst und wehmutsvoll. Ich war überrascht, wirklich überrascht; aber im nächsten Augenblicke sagte ich mir, daß ich mich täuschen müsse. Ich stand noch unter dem Eindrucke der Begegnung auf der Höhe des Kaam-kulano und sah Dinge, die gar nicht vorhanden waren. Weg mit der Täuschung!

Es dunkelte schnell; bald konnte ich das Gesicht Old Surehands nicht mehr sehen. Hätte ich es doch nicht für Täuschung gehalten und ihm von der Indianerin erzählt! Sie wäre viel, viel eher aus der Nacht des Wahnsinnes errettet worden! Doch habe ich mir keine Vorwürfe zu machen, denn ich wollte gerecht und wahr gegen sie sein und meinem Versprechen treu bleiben. Ihm aber wäre die Last, an der er so schwer trug, auch viel eher vorn Herzen genommen worden!

Wir saßen lange still und ohne Worte, bis Old Wabble die Geduld verlor und mich fragte:

„Nun, Sir, wie lange habt Ihr denn eigentlich noch nachzudenken? Wollt Ihr mir nicht erlauben, Euch dabei zu helfen?“

Da hielt Old Surehand es für nötig, sein Schweigen zu brechen, um ihn zu vermahnen:

„Bei Old Shatterhand bedarf es Eurer Hilfe nicht, alter Wabble; er wird ohne Euch fertig.“

„Aber wann! Der Abend vergeht, und wir haben doch keine Zeit zu verlieren.“

„Habt nur Geduld!“ bat ich ihn. „Wir können nicht eher etwas thun, als bis die Roten schlafen.“

„Aber dann? Wie fangen wir es an?“

„Ich weiß, wo das Zelt steht, in dem Bob steckt. Wir schleichen uns hin, schlagen die Wächter nieder –

„Tot?“ unterbrach er mich.

„Nein. Es genügt, sie zu betäuben.“

„So übernehmt das selbst! Ich bringe es nicht fertig. Aber Ihr thut, als ob man es nur so zu sagen brauche: Wir schleichen uns hin, schlagen die Wächter nieder – – –“

„Und holen ihn heraus – – – fertig!“

„Fertig! Weiter nichts?“

„O doch!“

„Was?“

„Dann gehen wir zum Häuptlingszelt und nehmen die Medizinen, die dort an den Stangen hängen.“

„Medizinen?“

„Ja, die Medizinen seiner Vorfahren.“

Thunder-storm! Wenn er das erfährt, wird erverrückt. Da geht ihm ja die Ehre verloren und mit ihr alles, was er hat und was er ist!“

„Nein.“

„Nicht? Ich denke doch auch, die Gebräuche und Gewohnheiten der Roten zu kennen. Wer solche Medizinen verliert, der ist moralisch tot.“

„Allerdings; aber er soll sie nicht verlieren.“

„Was? Nicht?“

„Wenigstens nicht für lange Zeit.“

„Ihr wollt sie ihm wiedergeben?“

„Ja.“

„Sir, das ist widersinnig!“

„Nein!“

„Doch! Wenn Ihr sie ihm wiedergeben wollt, so laßt sie doch lieber gleich hängen!“

„Ich habe meine Absicht dabei.“

„Welche? Bin wirklich neugierig, sie zu hören!“

„Ich will Blutvergießen vermeiden.“

„Mit den Medizinen?“

„Ja.“

„Sonderbarer Kauz, der Ihr seid! Wenn Ihr mir die Sache nicht erklärt, so begreife ich sie nicht.“

„Was wird wohl geschehen, wenn der Häuptling erfährt, daß ich seine Medizinen habe?“

„Er wird einen heillosen Schreck bekommen; th’is clear!“

„Und alles in Bewegung setzen, um wieder in ihren Besitz zu gelangen. Nicht?“

„Das versteht sich ganz von selbst. Es wird kein Opfer geben, welches ihm zu schwer und zu groß ist, wenn es nur gebracht werden kann.“

„Das Opfer, welches ich von ihm verlange, ist gar nicht zu groß. Er soll mit den Apatschen Frieden schließen, ohne gekämpft zu haben, und Bloody-Fox in Ruhe lassen.“

„Mr. Shatterhand, Ihr seid kein sonderbarer Kauz, sondern ein tüchtiger Kerl, ein sehr tüchtiger Kerl; das muß ich sagen! Er wird darauf eingehen.“

„Das denke ich auch.“

„Ja, er wird es thun, leider, leider wird er es thun!“

„Warum leider?“

„Weil ich dadurch um mein Vergnügen komme, um mein ganzes, großes, schönes Vergnügen. Ich hatte mich so darauf gefreut!“

„Worauf?“

„Auf die Lehre, welche die Roten erhalten sollten. Ihr seid zwar andrer Meinung, aber ich sage Euch wieder und immer wieder, daß man gar nicht genug Indsmen auslöschen kann. Dieses Ungeziefer muß weg von dieser Welt.“

„Da spricht wieder einmal der Cowboy aus Euch, und zwar in einer Weise, die mich zornig machen kann!“

„Den Zorn, den schenke ich Euch. Wenn Ihr Cowboy gewesen wäret wie ich, so wüßtet Ihr, daß jeder Rote ein geborener Pferdedieb ist. Haben mir die Halunken zu schaffen gemacht!“

„Wie es scheint, hat Euch das nichts geschadet. Ihr seid trotzdem gesund geblieben und alt geworden.“

„Ja, der Ärger ist mir außerordentlich gut bekommen; das gebe ich zu. Aber trotzdem hasse ich sie, und ich freute mich darauf, möglichst viele von ihnen wegputzen zu können. Doch bin ich gerecht genug, zuzugeben, daß Euer Gedanke großartig ist. Wenn er gelingt, komme ich, wie gesagt, um alle meine Freude. Eine kleine Hoffnung giebt es aber doch für mich dabei.“

„Welche?“

„Daß die andern Häuptlinge nicht mit darauf eingehen.“

„Es ist freilich möglich, daß sie sich weigern, besonders Nale-Masiuv.“

„Der vielleicht, möglich. Ich habe da mehr an Schiba-bigk, den jungen Häuptling, gedacht.“

„Warum?“

„Eben weil er jung ist. Da giebt es größere Rivalität. Sein Vater war der erste Häuptling der Comantschen; der möchte auch er gern sein; Vupa Umugi muß also fortgeräumt werden, und dazu kann es keinen bessern Grund geben als den Umstand, daß er seine Medizinen alle verloren hat.“

„Ihr legt Euch das recht hübsch zurecht, werdet Euch aber wohl irren. Ich habe Euch schon gesagt, daß Schiba-bigk mir zu Dank verpflichtet ist. Wenn ich ernstlich mit ihm spreche, wird er ganz gewiß auf meinen Wunsch eingehen.“

„Ernstlich sprechen? Wollt Ihr drohen?“

„Unter Umständen, ja.“

„Womit?“

„Erstens mit unsern Apatschen.“

„Das wiegt nicht schwer genug; er wird mit seinen Comantschen antworten.“

„So schicke ich andre Truppen ins Feld, moralische.“

„Moralische? Mr. Shatterhand, denkt Ihr denn im Ernste, daß ein Roter auf Moral etwas giebt?“

„Ja.“

„Da irrt Ihr Euch gewaltig!“

Pshaw! Ich habe ihm das Leben gerettet und mit ihm nicht nur die Pfeife des Friedens, sondern sogar das Calumet der Freundschaft geraucht. Ist das etwa nichts, Mr. Cutter?“

„Das Calumet der Freundschaft? Das ist viel, sogar sehr viel. Auf die Friedensraucherei ist nichts zu geben, denn das ist eben alles Rauch; aber wenn zwei Freundschaft miteinander geraucht haben, so dürfen sie nie einander mit den Waffen in der Hand gegenübertreten; th’is clear!“

„Also! Wenn Schiba-bigk nicht auf meinen Vorschlag eingehen will, bin ich Mann genug, dies in der Weise in die Öffentlichkeit zu bringen, daß in jedem Indianerzelte und an jedem Lagerfeuer davon gesprochen wird. Was dann die Folge ist, könnt Ihr Euch denken!“

„Hm, ja. Er hat Old Shatterhand die Freundschaft und die Treue gebrochen, er, der junge Indsman, dem erfahrenen und berühmten Westläufer, der ihm das Leben rettete und sein Vertrauen schenkte!“

„Weiter!“

„Es wird kein Weißer und auch kein Roter mit ihm das Calumet mehr rauchen.“

„Das ist ganz gewiß. Darum wird er, wenn nicht aus Freundschaft und Treue, so doch aus Klugheit auf den Kampf mit uns verzichten. Davon bin ich vollständig überzeugt. Ihr nicht auch, Mr. Cutter?“

Well, will es zugeben. Meine Hoffnung scheint also ganz zu Schanden zu werden. Doch nein, Sir; eine bleibt mir doch!“

„Welche?“

„Die, daß es uns nicht gelingt, die Medizinen in unsern Besitz zu bekommen.“

„Auch da muß ich Euch enttäuschen; ich bekomme sie.“

„Sir, seid nicht so zuversichtlich! Man kann nie wissen, was geschieht und welche Hindernisse eintreten.“

„Hier giebt es keine Hindernisse. Ich kenne die Lage. Es ist nur ein Fall möglich, in welchem ich auf die Medizinen allerdings verzichten müßte, mein sehr, sehr werter Mr. Cutter.“

„Warum betont Ihr da meinen Namen so?“

„Weil Ihr es seid, um den es sich handelt.“

„Wieso?“

„Ihr müßtet wieder so eine Eigenmächtigkeit begehen wie gestern. Da könnte es fehlschlagen, sonst aber nicht.“

„Da kann ich Euch beruhigen. Ich werde mich ganz genau so verhalten, wie Ihr es mir vorschreibt.“

„Wirklich? Ich frage noch einmal: wirklich?“

„Ja. Es kann mir nicht einfallen, mich noch einmal vor allen Kameraden so bekanzelrednern zu lassen wie gestern; th’is clear.“

„So bin ich zufrieden gestellt und meiner Sache sicher.“

Well. Aber wißt Ihr, Ihr seid ein so äußerst umsichtiger und pfiffiger Westmann, und habt doch an einen Punkt nicht gedacht, der von größter Wichtigkeit ist.“

„Ihr jedenfalls auch nicht, sonst hättet Ihr gewiß davon gesprochen.“

„Er ist mir allerdings erst in diesem Augenblicke eingefallen.“

„Was ist es?“

„Das Pferd.“

„Welches Pferd?“

„Welches Euer Nigger, wollte sagen Neger, reiten soll. Er kann doch nicht laufen, während wir reiten!“

„Und Ihr denkt, daß ich das vergessen habe?“

Yes.“

„Hm! Dann wäre ich allerdings nicht wert, ein Westmann genannt zu werden.“

„Also doch?“

„Ja.“

„Wir hätten doch eins mitnehmen sollen.“

„Nein. Wir hatten keins, welches den schnellen Ritt hierher und wieder zurück ausgehalten hätte. Wir nehmen eins von hier.“

„Von den Roten?“

„Selbstverständlich. Oder giebt es hier einen Tattersall, wo man sich Pferde leihen kann?“

„Ihr werdet spitz, Mr. Shatterhand. Also ein Pferd stehlen, hm! Es ist dunkel. Wenn wir nun eins erwischen, welches nichts taugt und nicht mit unsern Pferden fortkommt!“

„Keine Sorge! Ich habe schon eins ausgewählt.“

„Ah, wirklich?“

„Ja. Es war eins abseits angepflockt, in der Nähe des Häuptlingszeltes, also wahrscheinlich Vupa Umugi gehörig, ein sehr schönes, wertvolles Tier, welches er nicht mitgenommen hat, um es beim Kampfe keiner Verwundung oder gar dem Tode auszusetzen. Das nehmen wir.“

„Wird es der Neger reiten können?“

„Ich reite es. Er setzt sich auf das meinige.“

Well! So habe ich nur noch ein Bedenken.“

„Immer noch etwas?“

„Ja, das letzte. Man kann bei solchen Gelegenheiten nicht vorsichtig genug sein; es ist da alles zu bedenken. Gesetzt auch, Ihr schlagt die Wächter nieder, wir holen Bob heraus und bekommen die Medizinen, das alles, ohne daß es jemand merkt. Das Pferd aber wird Lärm machen. Ich kenne das.“

„Ich auch.“

„Es hat noch keinen Weißen getragen und wird Euch nicht aufsteigen lassen.“

„Es muß.“

„Und wenn Ihr oben sitzt, wird es Euch nicht gehorchen.“

„Es muß!“

„Oho! Seid Ihr Eurer Sache wirklich so sicher?“

„Ja.“

All devils! Dann seid Ihr ein Reiter, mit dem sich nur noch ein einziger vergleichen kann!“

„Wer?“

„Das ist – – das ist – – – hm, nehmt es mir nicht übel, aber das ist der alte Wabble!“

„Ah, Ihr selbst also!“ lachte ich.

„Ja, ich selbst! Das klingt stark, nicht wahr? Ist aber so! Wißt Ihr, wie man mich zu nennen pflegt?“

„Den König der Cowboys.“

„Wißt Ihr auch, was das zu bedeuten hat? Daß es kein Pferd giebt, welches nicht genau so muß, wie ich will! Könnt Ihr das auch von Euch sagen?“

„Was helfen Worte und Prahlereien!“

Well, Ihr habt recht! Die That ist der Mann. Ich habe davon gehört und es auch gesehen, daß Ihr ein guter Reiter seid, aber es gehört doch – – –“

„Gesehen? Gesehen habt Ihr noch nichts,“ fiel ich ihm in die Rede.

„Nichts? Ich dächte doch, ich hätte in den letzten Tagen genug Gelegenheit dazu gehabt!“

„Da ritt ich mein eigenes Pferd. Heut wird es anders.“

„So, so! Da will ich nur hoffen, daß Ihr uns nicht in Grund und Boden reitet!“

„Habt keine Sorge! Wenn ich aufsteige, seid Ihr gar nicht mehr da.“

„Nicht? Wo denn?“

„Es giebt nur zwei erwachsene Krieger im Lager, und die werde ich betäuben; aber sie können inzwischen wieder aufwachen, und weil es mit dem Pferde nicht ohne Lärm abgeht, wird das ganze Lager in Alarm versetzt werden. Man wird zu Pferde steigen, uns zu verfolgen, auch die jüngeren Burschen, und wenn wir uns vor solchen Verfolgern auch nicht fürchten, so kann doch die dümmste Kugel den klügsten Menschen treffen. Daher halte ich es für geraten, uns nicht hier aufzuhalten, sondern nach vollbrachter That augenblicklich fortzureiten.“

„Dieser Meinung bin ich auch.“

„Wir machen es also folgendermaßen: Wenn wir den Neger und die Medizinen haben, so macht Ihr Euch schnell aus dem Thale heraus; Ihr, Mr, Cutter, führt Bob und Mr. Surehand trägt die Medizinen. Hier angekommen, steigt Ihr auf und reitet weiter.“

„Bob auf Eurem Pferde?“

„Ja.“

„Wird es ihn in den Sattel lassen? Ich weiß, daß der Rappe keinen Fremden trägt, wenn Ihr nicht wollt.“

„Bob und der Rappe kennen sich von früher her.“

„Schön! Aber Ihr?“

„Ich warte so lange, bis ich denke, daß Ihr in Sicherheit seid; dann steige ich auf und komme nach.“

Heavens! Ich warne Euch noch einmal! Denkt Euch doch nur in die Situation! Ihr seid mitten in einem feindlichen Indianerlager. Ihr wollt ein Pferd besteigen, welches Euch nicht hinauf läßt, und seid Ihr mit Lebensgefahr hinaufgekommen, so bockt und wabbelt es, um Euch wieder abzuwerfen. Diese Zeit, die das kostet, und dieser Skandal, der dabei entsteht! Die Roten wachen auf und kommen in Scharen herbei, junge Kerls zwar nur, aber bewaffnet! Ihr werdet vom Pferde geschossen, weil es nicht von der Stelle zu bringen ist!“

„Ich wiederhole: es muß!“

Well, es muß also, und es wird also, aber wie! Es springt kreuz und quer; es gerät unter die andern Pferde, die einen Heidenlärm vollführen und um sich schlagen und beißen; es rennt gegen die Zelte; es läuft nicht vorwärts, sondern seitwärts den Berg hinan; es kollert wieder herunter und bricht sich und Euch den Hals; es – – –“

„Macht ein Ende, macht ein Ende, Sir!“ fiel ich ihm in die Lamentation. „Ich gebe Euch mein Wort, daß von allem, was Ihr jetzt so reizend geschildert habt, nichts, gar nichts geschehen wird.“

„Schön, Ihr wollt es nicht anders; aber ich sehe das Unheil kommen. Glücklicherweise habe ich meinen Hals nicht unter Eurem Kopfe, und wenn es Euch glückt, nur mit einigen Rippen- und Beinbrüchen und etlichen Verrenkungen davon zu kommen, so will ich es loben. Wem nicht zu raten ist, dem soll man nicht helfen, weil ihm nicht geholfen werden kann; th’is clear!“

„Ich brauche keine Hilfe und bitte, sobald Ihr fort seid, nur um das Eine, daß Ihr ganz genau denselben Weg reitet, auf dem wir gekommen sind, damit ich Euch nicht verfehle.“

Da meinte Old Surehand in seinem so ruhigen und bestimmten Tone:

„Ist Old Wabble so besorgt um Euch, so bin ich es um so weniger, Mr. Shatterhand. Die Sache ist gefährlich, höchst gefährlich; aber ich weiß, daß ihr nichts unternehmt, wovon Ihr nicht überzeugt seid, daß Ihr es ausführen könnt. Es wird also klappen. Doch möchte ich, wenn Ihr nichts dagegen habt, Euch einen Vorschlag machen.“

„Ich werde Euch dankbar dafür sein, statt etwas dagegen zu haben.“

„Wie lang ist das Thal von einem Ende bis zum andern?“

„Eine halbe Wegsstunde.“

„Und von hier bis zum Anfang?“

„Eine kleine Viertelstunde.“

„Die Pferde befinden sich wahrscheinlich ganz hinten?“

„Ja.“

„Das giebt beinahe drei Viertelstunden zu laufen, wenn wir fertig sind. Ist das nicht zu weit?“

„Hm! Wir könnten den Weg abkürzen, wenn wir die Pferde bis zum Eingange des Thales mitnähmen.“

„Das ist es, was ich Euch vorschlagen wollte.“

„Danke, Sir! Bin einverstanden. Es wird schon über zehn Uhr sein. Die Roten gehen zeitig schlafen, zumal wenn die erwachsenen Männer nicht da sind. Denkt Ihr, daß wir aufbrechen können?“

„Es wird die rechte Zeit sein, da wir nun einmal nicht bis nach Mitternacht warten können.“

„So wollen wir!“

Wir warfen die Gewehre über, nahmen die Pferde an den Zügeln und gingen. Als wir das Thal erreichten, schlich ich eine Strecke hinein, um zu sehen, ob wir es wagen könnten, die Pferde allein zu lassen. Es befand sich kein Mensch hier, und hinten war kein Feuer zu sehen. Die Roten schliefen. Wir banden also die Pferde an und begannen dann das Unternehmen, dessen für mich wahrscheinlichen Ausgang Old Wabble mir in so tragischer Weise geschildert hatte.

Die Sterne lieferten uns grad so viel Licht, wie wir brauchten, nicht weniger und nicht mehr. Wir hielten uns an den linken Rand der Thalsohle, den ich auf meiner Rekognoszierung von der rechten Höhe überblickt hatte; ich kannte ihn also besser als den gegenüberliegenden. Das führte uns so weit an den Zelten vorüber, daß wir von dort, wenn ja jemand noch wach und im Freien sein sollte, nicht gesehen werden konnten. Als wir sie passiert hatten, legten wir uns nieder, um nun rechts hinüber nach dem letzten zu kriechen, in welchem Bob steckte. Dieses Kriechen wurde uns dadurch erschwert, daß wir die Gewehre mit hatten. Es wäre doch zu gewagt gewesen, sie bei den Pferden zu lassen, und hier konnten wir leicht in die Lage kommen, sie zu unsrer Verteidigung zu gebrauchen.

Old Surehand kroch voran; ich hatte ihm das Zelt gezeigt und ließ ihn gewähren; er schien es als Ehrensache aufzufassen, der erste zu sein, und von ihm war kein Fehler zu besorgen. In der Nähe des Zeltes angekommen, wartete er, bis ich ihn erreicht hatte, und flüsterte mir zu:

„Seht Ihr die beiden Wächter, Sir? Da liegen sie vor dem Eingange und schlafen. Soll ich helfen? Ich denke aber, daß Eure Faust geübter ist als die meinige.“

„Überlaßt sie mir! Ihr werdet zwei dumpfe Schläge hören; dann kommt Ihr nach.“

Ich schob mich leise, leise hin. Sie regten sich nicht; sie schliefen wirklich. Es war so viel Zwischenraum zwischen ihnen, daß ich mir das zu nutze machte. Als ich mich dann aufrichtete, lag der eine griffbequem rechts und der andere links von mir. Ich nahm den ersten beim Halse und gab ihm den Hieb an die Schläfe. Es ging ein kurzes Zittern durch seinen Körper; dann streckte er sich und blieb lautlos liegen; er war abgefertigt. Grad so erging es auch dem zweiten. Dann kam Old Surehand und nach ihm Cutter.

„Setzt Euch her, jeder zu einem von ihnen!“ flüsterte ich. „Sorgt dafür, daß sie uns nicht schaden können, bis ich wiederkomme!“

„Sie sind ja betäubt,“ meinte Old Wabble.

„Aber wie lange? Ich kenne ihre Schädel nicht und könnte zu leicht geschlagen haben. Wenn einer erwacht, bedroht Ihr ihn mit dem Messer.“

Ich hob den Thürvorhang auf und kroch in das Zelt. Es war das laute, ruhige Atmen eines Schläfers zu hören.

„Bob!“ versuchte ich, ihn zu wecken.

Er hörte es nicht. Ich nahm eines seiner Beine und schüttelte es.

„Bob!“

Da bewegte er sich.

„Bob, bist du es?“

„Was – wer – wo – –“ antwortete er schlaftrunken.

„Sei munter und vernünftig und höre, was ich dir sage! Bist du allein, Bob?“

„Ja, Bob sein da, ganz allein. Wer kommen jetzt zu Masser Bob? Wer sprechen mit ihm?“

Der gute Neger hatte nämlich die Eigentümlichkeit, sich selbst Masser zu nennen, während er zu jedem, den er über sich stehend schätzte, Massa sagte.

„Ich will es dir sagen, wenn du leise, ganz leise redest. Ich komme, um dich zu befreien.“

„Oh – oh – – oh! Bob befreien! Masser Bob sollen frei sein, ganz wieder frei?“

„Ja, ganz frei.“

„Wer sein das, der Masser Bob freimachen?“

„Du wirst dich freuen, sehr freuen, wenn du hörst, wer ich bin. Aber du darfst nicht vor Freude laut werden!“

„Bob werden leise sprechen, ganz leise, so leise, daß gar niemand kann hören.“

„Gut, rate einmal!“

„Bob nicht hören Stimme. Sein Massa Bloody-Fox?“

„Nein.“

„Dann nur können sein Massa Shatterhand!“

„Ja, der bin ich.“

„Oh – oh – oh – – – ooooooooh!“ stöhnte er entzückt, wobei ich seine Zähne knirschen hörte. Er biß sie zusammen, um nicht vor Entzücken laut zu schreien; dafür aber strampelte er so mit den zusammengebundenen Füßen, daß ich zur Seite weichen mußte, um nicht einen Stoß zu bekommen, der einem Ochsen Ehre gemacht hätte, denn Bob war ein außerordentlich kräftiger Kerl, vor dessen Stößen und Hieben man sich in acht zu nehmen hatte.

„Also still! Deine Freude kannst du äußern, wenn wir glücklich von hier fort sind. Deine Füße sind gebunden. Wo bist du sonst noch gefesselt?“

„Hände hüben und drüben an Zeltpfahl gebunden und um Leib einen Riemen, der tief in Erde gepflockt.“

„Wie hat man dich behandelt?“

„Mit sehr große Kraft. Viel Hiebe bekommen.“

„Wie stand es mit dem Essen?“

„Bob haben stets Hunger.“

„Das wird anders werden. Halte still! Ich werde dich losmachen. Die Riemen können wir draußen brauchen.“

„Sein noch viel mehr Riemen da; hängen oben an Pfahl.“

„Gut, die sollen deine Wächter fühlen. Ich habe den Rappen mit; den wirst du reiten. Du wirst doch noch mit ihm auskommen?“

„Rappen Hatatitla? Oh, Bob und Rappen sein sehr gut Freund. Reiten gut aufeinander, kommen nicht auseinander!“

„Schön! jetzt wollen wir schnell machen und nicht mehr reden. Später wirst du mir erzählen, wie du in die Gefangenschaft geraten bist.“

Als ich ihn losgebunden hatte, stand er auf, reckte und streckte die Glieder und stöhnte vor Freude.

„Wo sind die Riemen, von denen du sprachst? Gieb sie mir!“

Er langte sie mir herab, und dann verließen wir das Zelt. Er erkannte meine beiden Gefährten gleich als Weiße, die zu mir gehören mußten. Als er die beiden Wächter liegen sah, sagte er:

„Das sein rote Indsmenhunde, die immerfort schlagen und treten mit Füßen Masser Bob. Massa Shatterhand sie wohl schlagen mit Faust an Schädel?“

„Ja. Jetzt werden wir sie binden.“

„Oh – – oh – –! Massa erlauben, daß Bob sie binden. Riemen müssen gehen durch Fleisch bis auf Knochen!“

Er fesselte sie, und zwar so, daß sie vor Schmerzen erwachten. Wir rissen ihnen einige Fetzen von den Indianerhemden und stopften sie ihnen als Knebel in den Mund, daß sie nicht laut werden konnten. Dann schleiften wir sie in das innere des Zeltes und banden sie so fest an, daß sie von selbst gewiß nicht loskommen konnten.

Dieser Teil unsrer Aufgabe war glücklich gelöst. Nun galt es den Medizinen. Bob und Old Wabble mußten warten, und ich schlich mich mit Old Surehand nach dem Zelte des Häuptlings. Dort regte sich kein Hauch und kein Mensch, und es wurde uns leicht, die Stangen geräuschlos aus der Erde zu drehen. Als wir zu den zwei Genannten zurückgekehrt waren, knüpften wir die Medizinen von den Stangen los und banden sie mit einem Riemen zusammen.

„Fertig, wenigstens wir!“ sagte nun Old Wabble. „Nun aber kommt das Schwierigste für Euch, Mr. Shatterhand. Es ist mir wirklich bange. Habt Ihr weit von hier zum Pferde?“

„Nein. Es liegt jenseits des Häuptlingszeltes im Grase, wie ich sah, als wir die Stangen holten.“

„Wollen wir einmal hin?“

„Ihr möchtet versuchen, wie es sich verhält?“

Yes.“

„So kommt! Ihr sollt den Willen haben, denn es kann uns nun kaum etwas geschehen. Aber nicht zu nahe hinan, sonst wird es zu laut!“

Wir schlichen uns lautlos hin. Wir hatten wohl noch zwanzig Schritte zu thun, so hob es den Kopf und schnaubte; wieder drei Schritte, da sprang es auf, zerrte am Lasso und arbeitete mit den Beinen.

„Kommt wieder fort!“ sagte ich. „Es fängt sonst gar an, zu wiehern. Dieses Tier hat gute Schule.“

„Der Teufel hole die Schule, wenn man dabei, falls man ein Weißer ist, den Hals und die Knochen bricht! Wollt Ihr es wirklich noch mit dieser Bestie versuchen?“

„Ja.“

„In dieser Dunkelheit!“

„Soll ich etwa hier warten, bis es Tag geworden ist?“

„Macht keinen Witz; die Sache ist sehr ernst! Es wird mir wirklich himmelangst um Euch. Ich gebe Euch den guten Rat, Euch doch lieber – –“

Er hätte mir wirklich den jedenfalls ganz unnützen guten Rat gegeben, wenn er nicht von Old Surehand unterbrochen worden wäre:

„Keine Redensarten, Sir! Wir müssen fort. Nehmt Bob da bei der Hand, um ihn zu führen; ich habe die Medizinen zu tragen. Vorwärts jetzt!“

„Meinetwegen; ich gehe ja schon und will den Neger führen; aber neugierig bin ich, wie das enden wird! Ich wasche meine Hände in Unschuld, weil man sie hier in nichts weiter waschen kann; th’is clear!“

Sie verschwanden im Dunkel der Nacht, und ich konnte nun an den Hauptteil meiner Aufgabe gehen, denn die Entführung des Pferdes war allerdings weit schwieriger als die Befreiung des Negers und die uns so leicht gewordene Entwendung der Medizinen des Häuptlings. Es fiel mir natürlich gar nicht ein, mich in der Weise, wie Old Wabble es sich dachte, in den Besitz des Pferdes zu setzen; das wäre unter den gegenwärtigen Verhältnissen und zumal bei Nacht mit großer Lebensgefahr für mich verbunden gewesen. Das edle Pferd war indianisch geschult, vielleicht sogar dressiert; es scheute vor jedem Weißen, und wenn ich auch gar nicht daran zweifelte, daß es mir gelingen werde, durch einen kühnen Sprung auf seinen Rücken zu kommen, so doch erst nach langer und energischer Gegenwehr des Tieres, welche jedenfalls mit Stampfen, Schnauben, Wiehern, Ausschlagen, also mit großem Lärm verbunden war. Und hatte ich das fertig gebracht, so gab es weder Sattel noch Zaum, sogar nicht einmal einen einfachen Kopfriemen, denn das Pferd war an einem Lasso an die Erde gepflockt, dessen andres Ende man ihm einfach um den Hals gebunden hatte. Ich war also einzig und allein nur auf den Schenkeldruck angewiesen; das Tier ging unbedingt erst mit mir durch, und ich konnte es erst nach und nach in meine Gewalt bekommen. Dabei aber mußte allerdings das in Erfüllung gehen, was Old Wabble befürchtete: es rannte mit mir unter die andern Pferde und gegen die Zelte; es schoß mit mir regellos hin und her, den Berg hinauf und wieder herunter; es kam zum Stürzen, und ich konnte dabei Hals und Beine brechen, wie man sich auszudrücken pflegt.

Nein, die Sache mußte anders angefangen werden. Glücklicherweise wußte ich ganz genau, wie man so ein indianisches Pferd zu behandeln hat; ich hatte das bei Winnetou gelernt. Es durfte mich nicht für einen Weißen, sondern es mußte mich für einen Indianer halten, worauf ich ihm die Augen zu verbinden hatte.

Als ich bei der Wahnsinnigen oben auf der Höhe gewesen war, hatte ich gesehen, daß am diesseitigen Thalrande eine Menge wilde Mugwartpflanzen standen, und sogleich daran gedacht, den Duft dieser Gewächse zu benutzen, um das Pferd zu täuschen. Dem scharfsinnigen Westmanne muß eben alles dienlich sein; sein Leben kann unter Umständen am Dasein eines kleinen Pflänzchens hängen. Sodann hatte ich vorhin einige Decken vor dem Häuptlingszelte bemerkt, welche die Frau, wahrscheinlich eines Reinigungszweckes wegen, dort im Grase ausgebreitet hatte, lange, breite Decken, in die man den ganzen Körper hüllt, wenn es sehr kalt ist oder regnet. Das kam mir auch gut zu statten. Mehr brauchte ich nicht.

Ich ging also zunächst zu den Mugwartpflanzen, legte mich hinein und wälzte mich tüchtig in denselben hin und her, worauf ich mir mit den sehr kräftig riechenden Spitzen die Hände und das Gesicht einrieb. Nun konnte das Pferd nicht durch den Geruch unterscheiden, daß ich ein Weißer war. Hierauf schlich ich mich dorthin, wo die Decken lagen, und schnitt mir von der einen einen Streifen ab, mit welchem ich dem Tiere die Augen verbinden konnte. In die andre wickelte ich mich genau so ein, wie es die Indianer thun; vorher nahm ich den Hut ab und knöpfte ihn unter dem Jagdrocke fest, weil er das Pferd mißtrauisch machen konnte. Dann ging ich langsam, sehr langsam auf das Tier zu. Es hatte sich wieder niedergelegt, wendete mir den Kopf neugierig zu, sog die Luft prüfend in die Nüstern und – -blieb liegen. Es hielt mich für einen Roten. Damit hatte ich schon halb gewonnen.

„Omi enokh, omi enokh – sei gut, sei gut!“ sagte ich in der Mundart der Comantschen leise und liebkosend, indem ich mich niederbückte und es streichelte. Es ließ sich diese Zärtlichkeit gefallen, und ich fuhr mit derselben fort, bis ich annehmen durfte, daß meine Gefährten bei unsern Pferden angekommen seien. Da pflockte ich den Lasso los und schnitt ihn in mehrere Stücke, aus denen ich eine Art Kopfgestell zusammenknotete, welches sich das Pferd ruhig anlegen ließ. Zwei längere Stücke band ich als Zügel rechts und links an den Nasenriemen und war dann mit den Vorbereitungen fertig. Hierauf stellte ich mich mit ausgespreizten Beinen über den Leib des Pferdes und forderte es auf:

„Naba, naba – – steh auf, steh auf!“

Es gehorchte augenblicklich; ich saß oben und lenkte es einigemale versuchsweise hin und her; es ließ sich willig lenken, ohne daß ich der Schenkel dazu bedurfte. Ich hatte gewonnen, wenigstens einstweilen, denn später war, wenn es mich als Weißen erkannte, jedenfalls ein Kampf zu erwarten. Um aus der Nähe der Zelte zu kommen, ritt ich hinüber nach dem Rande des Thales und an demselben hin, bis ich das Lager hinter mir hatte; da ließ ich das Tier traben, bis ich zu der Stelle kam, wo wir unsre Pferde gelassen hatten; sie waren fort. Nun stieß ich einen schrillen Schrei aus, mit welchem die Roten ihre Pferde in Galopp setzen; es gehorchte auch diesesmal, und wir flogen zunächst ein Stück am Bache hin und dann rechts von demselben ab in die offene Prairie hinaus.

Das Pferd war ausgezeichnet. Ich bemerkte nach einem halbstündigen Galoppe noch nicht das geringste Zeichen der Anstrengung an ihm; der Atem ging unhörbar. Da hörte ich vor mir einen langgezogenen Schrei. Das war einer von meinen Gefährten, welche wissen wollten, ob ich käme; sie waren in Sorge um mich. Ich antwortete durch einen gleichen Schrei, und da sie hierauf halten blieben, um auf mich zu warten, hatte ich sie schnell eingeholt.

All devils, ein Roter!“ rief Old Wabble aus, als er mich erblickte. „Der verfolgt Old Shatterhand und hat ihn verloren. Machen wir ihn kalt!“

Ich sah, daß er das Gewehr vom Rücken riß, und warnte ihn:

„Nicht schießen, Sir! Ich möchte gern noch einige Zeit leben bleiben.“

Zounds! Das ist ja Old Shatterhands Stimme!“

„Natürlich, meine eigne; eine andre habe ich nicht.“

„Er ist’s; er ist’s; wahrhaftig, er ist’s! Aber, Sir, seht Ihr, daß ich ganz starr bin?“

„Friert Euch so?“

„Unsinn! Starr vor Verwunderung bin ich!“

„Worüber?“

„Daß Ihr so hübsch dahergeritten kommt, so einig mit dem Gaule, als ob Ihr schon tausend Säcke Hafer miteinander gefressen hättet. Das ist doch nicht das Pferd, welches ihr stehlen wolltet, Sir!“

„Es ist’s; seht her!“

„Hm, ja! Bei meiner Seele, es ist’s! Da ist ein Wunder geschehen, sonst hättet Ihr es nicht so schnell bezwingen können.“

„Es hat gar keines Zwanges bedurft.“

„Was? Nicht? Gar nicht?“

„Nein. Es hat mich ohne allen Widerstand hierher getragen.“

„Unmöglich! Ich bin ein zu guter Kenner, als daß Ihr mir so etwas weismachen könnt.“

„Ich mache Euch gar nichts weis, gar nichts. Wenn ich es hätte zwingen müssen, würde es sich jetzt ganz anders verhalten, und einen andern Gang, ein andres Aussehen haben.“

„Es ist zu dunkel, es sehen zu können. Schwitzt, schäumt und geifert es nicht?“

„Nichts von alledem.“

„Unglaublich! Könnt Ihr vielleicht hexen? Ich muß mich doch einmal selbst überzeugen.“

Er lenkte sein Pferd zu mir heran und streckte die Hand aus, das meinige anzufühlen. Es schnaubte scheu und stieg vorn hoch empor.

„Laßt das sein, Sir!“ bat ich. „Es kann die Weißen nicht leiden.“

„Ihr seid doch auch einer!“

„Ja; aber es hält mich für einen Roten.“

„Ah! Also darum die Maskerade mit der Decke?“

„Ja.“

„Wie pfiffig! Man kann wirklich noch viel, sehr viel von Euch lernen. Aber der Geruch, der Geruch! Ein Indianer riecht doch wie – – wie – – hm, wie sage ich doch nur gleich? Er riecht nach Schmutz, nach Herberge, nach – -nach – – na, mit einem Worte, er riecht eben wild! Ein Weißer hat diese sonderbare Ausdünstung nicht.“

„Der riecht wohl civilisiert anstatt wild?“ fragte ich lachend.

„Ja, civilisiert; so ist es. Wenn Ihr Euch auch maskiert habt, so mußte das Pferd doch am Geruche merken, daß Ihr kein Indsman seid.“

„Ich habe eben den Geruch verändert.“

„Unsinn!“

„Ja! Es giebt ein sehr probates Mittel, mit welchem man selbst so ein Pferd irre machen kann.“

„Was ist das?“

„Mein Geheimnis.“

„Ihr wollt es nicht sagen?“

„Nein, wenigstens jetzt nicht; vielleicht teile ich es Euch später einmal mit. Wer ein wenig nachdenkt, der findet es auch, ohne daß man es ihm sagt.“

„So! Habt Ihr es auch nur durch Euer Nachdenken?“

„Niemand hat es mir gesagt, ich bin selbst darauf gekommen; es ist meine eigene Erfindung.“

„So habt Ihr es vorhin erst erfunden?“

„Nein, schon längst. Es ist heute nicht das erste Mal, daß ich ein Indianerpferd damit täusche. In einigen Stunden ist dieser Geruch verschwunden, und wenn ich dann die Decke ablege und den Hut aufsetze, wird der Gaul die Täuschung erkennen und sich wehren. Dann wird es bei Tage und in der offenen Prairie den Kampf geben, den ich jetzt umgangen habe, weil ich allerdings das Leben riskiert hätte.“

Well, ich muß Euch glauben, bin aber wirklich begierig, zu sehen, wie Ihr das Pferd bewältigen werdet.“

„Sehr leicht. Nur Raum brauche ich dazu, nur Raum, und den habe ich dann im höchsten Maße. Jetzt aber wollen wir nicht reden, sondern reiten, daß wir die Gegend des Kaamkulano bald möglichst weit hinter uns legen. Laßt mich voran, daß mein Pferd nicht durch Euch scheu gemacht wird!“

Um an ihre Spitze zu kommen, ritt ich an ihnen vorüber, dabei sagte Bob:

„Warum Massa Shatterhand nicht mit seinem Masser Bob reden? Masser Bob will sagen Dank!“

„Ist nicht nötig, lieber Bob.“

„Und will erzählen, wie rote Indsmen nehmen Masser Bob gefangen.“

„Später. Jetzt haben wir keine Zeit dazu. Die Hauptsache ist, daß du mit meinem Rappen gut auskommst.“

„Oh – – oh – – oh – –, Rappe sein sehr gutes Pferd, und Bob sein sehr vortrefflicher Reiter. Beide einander gut kennen und fahren wie Blitz über Prairie dahin!“

Ja, der gute Bob ritt jetzt bedeutend besser als damals, wo er zum erstenmal im Sattel saß. Obgleich er sich mit den Händen krampfhaft an dem Halse und der Mähne des Pferdes festgehalten hatte, war er doch stets immer weiter nach hinten gerutscht und endlich am Schwanze heruntergeglitten. Das hatte ihm den Spitznamen Sliding-Bob eingetragen, also der rutschende Bob. Später hatte er sich eingerichtet und war schließlich bei Bloody-Fox in eine gute Schule gekommen. Jetzt ritt er so, daß er nicht hinter uns zurückblieb, was aber freilich mehr dem Pferde als dem Reiter zuzuschreiben war.

Von dem Augenblicke, an welchem ich das Hasenthal verlassen hatte, war für uns nichts mehr zu fürchten gewesen, denn bei der Güte unsrer Pferde konnten wir nicht eingeholt werden, und die etwaigen Verfolger wären junge Menschen gewesen, aus denen wir uns nicht viel gemacht hätten. Dennoch ritten wir mehrere Stunden lang ununterbrochen fort und hielten dann an, weil unser Ritt ein noch sehr weiter war. Wir hatten von da an, wo wir hielten, noch einen vollen Tagesritt bis zum Nargoleteh-tsil, wo wir mit den Apatschen zusammentreffen wollten.

Wir pflockten unsre Pferde an, aber so lang an die Lassos, daß sie Platz zum Grasen hatten. Das meinige mußte ich abseits befestigen, weil es nicht in der Nähe der andern sein wollte; es schlug und biß nach ihnen.

Als wir uns dann zu einander gesetzt hatten, fragte Bob:

„Nun haben Zeit, und nun dürfen Masser Bob wohl erzählen, wie Indsmen ihn gefangen nahmen?“

„Ja, erzähle es“, antwortete ich, denn er hätte uns doch keine Ruhe gelassen. „Ich habe mich sehr darüber gewundert, daß Bloody-Fox dich im Stiche gelassen hat.“

„Haben Fox mich im Stiche lassen?“

„Natürlich!“

„Und Massa Shatterhand sich darüber wundern?“

„Sogar sehr!“

„Masser Bob sich nicht wundern.“

„Das verstehst du nicht. Ihr seid auf die Jagd geritten?“

„Ja, auf Jagd.“

„Also beisammen gewesen?“

„Beisammen,“ nickte er.

„Du wurdest gefangen, und er entkam?“

„Ja.“

„So mußte er den Roten nachfolgen und alles thun, um dich zu retten. Hat er das versucht?“

„Nein.“

„Das ist ein Beweis, daß er euch nicht gefolgt ist. Wieviel Rote waren es, die euch überfielen?“

„Zehn und noch zehn und wieder noch einmal zehn. Vielleicht auch mehr. Bob nicht haben gut zählen.“

„Also ungefähr dreißig. Wie ich Bloody-Fox kenne, ist er nicht der Mann, der sich scheut, hinter dreißig Roten herzureiten. Er mußte unbedingt zu erfahren suchen, was sie mit dir angefangen hatten oder noch thun wollten.“

„Vielleicht haben Massa Fox es doch thun!“ „Nein. Er hat das Anschleichen gelernt, und wenn es ihm unmöglich war, dich zu befreien, so war er der Mann, der es fertig brachte, dir ein Zeichen zu geben. Hast du so etwas gesehen oder gehört?“

„Masser Bob nichts hören und nichts sehen.“

„So hat er dich also im Stich gelassen, und das ist es, worüber ich mich wundere, falls er überhaupt gewußt hat, daß du in ihre Gefangenschaft geraten warest.“

„Massa Fox das vielleicht nicht wissen.“

„Nicht? Hat er es nicht gesehen?“

„Nein.“

„Aber ihr waret ja beieinander!“

„Er nicht bei Masser Bob und ich nicht bei Massa Fox, als rote Indsmen kamen.“

„Oh, das ist etwas Andres! Ihr hattet euch also getrennt?“

„Ja. Wir waren daheim fort, weil nur noch wenig Fleisch haben. Mutter Sanna allein zu Hause bleiben und wir aus Llano estacado heraus, um jagen und Fleisch holen. Wir lange kein Wild finden, bis weit, weit fort an Regenberg kommen.“

„Ah, am Nargoleteh-tsil seid ihr gewesen? Dahin wollen wir ja heut!“

„Nargoleteh-tsil; das sein richtig.“

„Dort habt ihr gejagt?“

„Ja; haben schießen zwei Bisons; geben Fleisch, große Menge Fleisch. Schneiden Fleisch in Stücke und hängen auf Riemen, die mitgebracht. Haben auch mitgebracht Packpferde, um Fleisch tragen heim. Als fertig waren mit Aufhängen, gehen fort, um suchen wieder Büffelspuren, Massa Fox links und Masser Bob rechts.“

„Das war nicht klug. Entweder durftet ihr euch nicht trennen oder einer von euch, also jedenfalls du, mußte bei den Pferden und bei dem Fleische bleiben.“

„Vielleicht das richtig sein; Massa Shatterhand es ja gut verstehen, besser noch als Bloody-Fox und viel, viel besser als Masser Bob. Bob reiten weit, sehr weit und nicht finden Spur von Büffel, kehren endlich um, weil anfangen zu regnen. Da kommen Comantschen und ihn umringen. Er sich wehren, sie aber doch nehmen fangen Masser Bob. Sie ihn fragen, was hier wollen und was hier thun; er nichts sagen. Sie nun schlagen Masser Bob, er aber doch nichts verraten. Da sie reiten auf seiner Spur nach Regenberg, schicken Späher voraus. Späher kommen wieder und reden leise, was haben gesehen am Regenberg. Dann reiten fort, schnell; drei reiten langsam nach mit Masser Bob. Alsbald sind an Regenberg, Masser Bob hören schießen. Dann hinkommen. Comantschen sind im Lager und beim Fleisch von Bloody-Fox, er aber nicht da; an Erde aber liegen tote Indsmen, erschossen von Fox und er fort.“

„So also ist es gewesen, so! Er war eher zurückgekehrt als du, und sie haben ihn überfallen. Er hat einige von ihnen erschossen und ist entflohen.“

„Ja, war fort, ganz fort. Mehrere ihm nach; aber später wiederkommen und ihn nicht haben funden.“

„Was thaten die Roten dann?“

„Sie binden Masser Bob auf Pferd, laden Fleisch auf Pferde und reiten fort.“

„Wohin?“

„Reiten fast zwei Tage bis Bob war fangen in Zelt. Sie ihm sagen, daß wollen holen auch Bloody-Fox, und wenn ihn bringen, dann Massa Fox und Masser Bob sollen sterben an Marterpfahl.“

„Hm! Hatte es sehr geregnet?“

„Sehr! Regen gehen Masser Bob bis auf Haut.“

„Da ist mir alles erklärlich. Zu welcher Tageszeit ist es gewesen, Bob?“

„Als Masser Bob umkehren, es bald Abend sein. Und als kommen an Regenberg mit Indsmen, es schon anfangen, sehr dunkel werden.“

„Fox ist jedenfalls zurückgekehrt, hat sich aber nicht ganz bis zu dem betreffenden Platze wagen wollen. Und wenn er es gewagt und also gemerkt hat, daß sie fort waren, hat er ihnen doch nicht folgen können, weil er im Dunkel ihre Spuren nicht sehen konnte. Früh aber war die Fährte verschwunden, denn das niedergetretene Gras hatte sich infolge des Regens bis dahin aufgerichtet. Er wußte nichts davon, daß die Roten dich getroffen und festgenommen hatten. Er glaubte, du habest dich verirrt und suchte dich. Er wartete vielleicht, als er dich nicht fand, den ganzen Tag auf deine Rückkehr. Als du nicht kamst, nahm er an, daß du möglicherweise die Roten gesehen habest.“

„Ja, das er wohl denken.“

„Du konntest ja zurückgekommen sein, als sie ihn schon überfallen hatten; sie bemerkten dich nicht; du sahst, daß er fort war, und rittest auch fort.“

„Ja, heim zu Mutter Sanna!“

„Das konnte er dir schon zutrauen, und da er den Roten nicht folgen konnte, weil er nicht wußte, wohin sie waren, blieb ihm nichts andres möglich, als auch heimzukehren, um zu sehen, ob du dort angekommen seist.“

„Aber als Massa Bloody-Fox sehen, daß Masser Bob nicht da bei Mutter Sanna?“

„So ist er wahrscheinlich wieder fort, um abermals nach dir zu suchen. Wer weiß, wo und wie lange er sich herumgetrieben hat, ohne dich zu finden!“

„Nun aber er mich wiedersehen, oh – oh oh! Denn Massa Shatterhand bringen doch Masser Bob jetzt wieder zu Mutter Sanna und Massa Fox?“

„Ja, wir bringen dich hin. Die Roten sind aufgebrochen, um euer Haus zu überfallen und Bloody-Fox zu fangen und zu töten.“

„Das sie sollen nicht wagen! Masser Bob sie erschlagen und erschießen alle, alle, alle! Niemand von ihnen leben bleiben, kein einziger!“

Er knirschte mit seinen Zähnen, und das hatte etwas zu sagen, denn er hatte ein Gebiß, welches einem Panther Ehre gemacht hätte; dann fuhr er fort:

„Ja, sie alle, alle sterben, denn sie haben schlagen Masser Bob und ihm nichts geben zu essen. Er haben viel Hunger, und sie nichts thun, als nur darüber lachen.“

„Nun, wir haben jetzt Zeit, dies nachzuholen. In meinen Satteltaschen ist Fleisch genug für dich. Geh hin und hole dir, was du essen kannst!“

„Ja, Masser Bob sich holen. Er grad großen Hunger haben, als Massa Shatterhand kommen in Zelt und ihn machen frei.“

„Nun, davon habe ich nichts gemerkt, denn ich mußte dich wecken; du schliefst sehr fest.“

„Oh – – oh – – oh – –! Masser Bob haben großen Hunger auch wenn schlafen; ihn träumen sogar von Hunger!“

Er holte sich Fleisch und aß; er holte sich wieder welches und aß; er holte sich abermals welches und aß – – aß – – aß, bis nichts mehr zu holen war. Was er im Essen leisten konnte, das wußte ich, so eine Portion wie heute aber hatte er noch nie verschlungen! Er erzählte uns dabei die Einzelnheiten seiner Gefangenschaft im Thale der Hasen; es war nichts für uns Wichtiges dabei. Wir fragten ihn nach den Beobachtungen, die er dabei gemacht hatte, bekamen aber nichts zu hören, was uns hätte von Nutzen sein können. Er war ein guter, treuer Kerl, mutig und klug in seiner Weise, aber Beobachtungen wie ein Westmann zu machen, das war ihm bei seiner geistigen Bescheidenheit nicht möglich.

Als der Morgen zu grauen begann, standen wir auf, um die Pferde zu besteigen.

„Jetzt bin ich neugierig, was Euer Pferd sagen wird,“ meinte Old Wabble. „Denn mit der Maskerade hört es jetzt wohl auf?“

„Ja. Wollt Ihr meine Indianerdecke mit auf Euer Pferd nehmen, Mr. Cutter?“

„Ja, gebt sie her!“

„Jetzt noch nicht, sondern erst dann, wenn ich aufgestiegen bin.“

Well! Sonst würde es Euch gar nicht hinauf lassen!“

„Es müßte wohl; aber ich würde dabei Zeit verlieren, und das ist nicht notwendig; ich werfe sie Euch zu.“

Ich ging zum Pferde hin, um es zu liebkosen. Es zeigte sich mißtrauisch und unruhig; es sträubte die Mähne, schnaubte und zerrte am Lasso. Der Pflanzengeruch hatte sich verloren, und das Tier wurde nur noch durch die Indianerdecke getäuscht. Ich zog den Pflock aus der Erde und steckte ihn in die Satteltasche, sprang auf, band den Lasso vom Halse des Pferdes los und wickelte ihn in Schlingen; die andern standen neugierig da, hielten sich aber fern, um nicht von dem Tiere umgerissen zu werden, wenn es plötzlich ausbrechen sollte. Es ging ein eigentümliches Zittern durch seine ganze Gestalt; ich kannte dieses Zittern; es war das Vorzeichen des nahen Kampfes. Im Nu flog die Decke herab und zu Old Wabble hinüber; ebenso schnell warf ich mir den Lasso über die Schulter; mit der einen Hand die improvisierten Zügel ergreifend, zog ich mit der andern den Hut unter dem Rocke hervor, um ihn aufzusetzen und fest anzudrücken. Da warf das Pferd den Kopf herum, einen einzigen kurzen Augenblick nur sah es mich, dann wieherte es laut und zornig auf und stieg vorn empor. Die Zügel mit beiden Händen fest anziehend, legte ich die Schenkel noch viel fester an. Es war dem Überschlagen nahe; ich drückte es nach vorn und riß es dabei mit solchem Nachdrucke seitwärts, daß es sich einmal um seine eigene Achse drehte. Dann kam es vorn nieder und schlug hinten aus – vergeblich. Es bockte, indem es den Rücken krumm bog und mit allen vieren in die Luft ging; es stand still, um mich zu betrügen, und sprang dann plötzlich mit vollständig steifen Beinen auf die Seite, damit ich auf der andern Seite herabstürzen möge – ebenso vergeblich! Es erging sich in allen den Mucken, die einem sogenannten Bucking-horse andressiert werden – ich blieb fest sitzen.

„Bravo, bravo, Sir!“ rief der alte Wabble. „Ihr habt einen famosen Sitz, das muß ich sagen. Der Racker macht es Euch schwer, er hat den Teufel im Leibe!“

„O, bis jetzt ist das noch nichts,“ antwortete ich. „Es kommt noch besser, wartet nur!“

Da warf sich das Pferd, als ob es meine Worte verstanden habe, nieder und wälzte sich, indem es mit den Beinen arbeitete und um sich schlug. Ich kam – und das ist dabei die Hauptsache, sonst ist man verloren – mit den Füßen auf die Erde zu stehen und sprang, so wie es sich Wälzte, bald nach rechts, bald nach links, so daß das Tier stets zwischen meinen ausgespreizten Beinen blieb. Das ist außerordentlich anstrengend; es gehört ein scharfes Auge dazu, man muß wissen, nach welcher Seite sich das Pferd im nächsten Augenblicke zu drehen beabsichtigt, und sich dabei in acht nehmen, daß man von den schlagenden Hufen nicht getroffen wird. Noch schärfer muß man erraten, wann es wieder aufspringen will, sonst wird man zur Seite geschleudert und es geht auf und davon.

Jetzt sprang es auf und nahm mich ganz regelrecht mit in die Höhe, indem ich die Zügel wieder ergriff, die ich während des Wälzens natürlich hatte fahren lassen.

„Bravo, bravo!“ rief der Alte. „Thunder-storm, ist das ein Vieh! In dieser eleganten Weise macht es Euch keiner als nur Old Wabble nach!“

„Es kommt noch schlimmer, Sir!“ antwortete ich, „Erst ermüde ich es hier und dann lasse ich es durchgehen. Steigt auf, um mir schnell nachzukommen!“

Während ich dies sagte, wiederholte das Pferd die schon beschriebenen Versuche, bis es sich zum zweitenmal wälzte und dann wieder aufsprang. Bis jetzt hatte die menschliche Intelligenz mit dem tierischen Willen gekämpft, nun aber sollte es rohe Kraft gegen rohe Kraft gelten, was mir stets gelungen war und mir noch von niemandem hatte nachgemacht werden können. Ich nahm das Pferd also fester in die Zügel, rückte weiter nach vorn und legte die Schenkel mit aller mir zu Gebote stehenden Kraft an. Es stand starr. Ich horchte. Kam der Ton, den ich erwartete, oder kam er nicht? Ja, er kam. Es war ein langes, tiefes, schmerzliches Stöhnen aus eingeengter Brust, das sichere Zeichen, daß der Sieg mein sein werde, wenn meine Kraft nicht ermüdete. Das Tier wollte wieder in die Höhe, vorn, hinten, mit allen vieren; es konnte nicht; ich drückte und preßte womöglich noch stärker als vorher. Nach jeder vergeblichen Anstrengung stöhnte es laut, der Atem ging keuchend. So dauerte es fünf Minuten und noch länger; der Schweiß drang ihm aus allen Poren; es schäumte und warf die weißen Flocken nach allen Seiten.

„Prächtig, prächtig!“ schrie Old Wabble entzückt. „So etwas habe ich noch nie gesehen!“

Ja, prächtig! Das konnte er gut sagen. Hätte er nur an meiner Stelle gesessen! Diese Anstrengung! Die Lunge wollte mir platzen; der Schweiß drang auch mir aus allen Poren, aber ich ließ nicht nach. Da wollte das Pferd sich niederwerfen, um sich wieder zu wälzen; es konnte nicht; nun noch ein letzter, langer Schenkeldruck aus allen Leibeskräften – – die menschlichen Muskeln und Sehnen siegten; das Pferd brach zusammen.

„Grandios, grandios!“ brüllte der Alte. „Das hätte ich nicht fertig gebracht. Es ist wahr, Sir, Ihr seid ein viel, viel besserer Reiter als ich.“

Old Surehand stand still und sagte nichts; aber seine Augen leuchteten.

„Schön, schön, oh schön!“ schrie Bob. „Massa Shatterhand das schon oft machen mit fremden und mit wildem Pferd. Masser Bob dabei sein und es sehen!“

„Ich bin noch lange nicht fertig,“ antwortete ich. „Paßt auf, jetzt geht es fort!“

Ich stand mit breiten Beinen über dem Pferde, mit gebücktem Oberkörper und die Zügel in der Hand. Es erholte sich, stand auf und nahm mich mit in die Höhe. Da stand es einige Augenblicke regungslos; dann schnellte es fort, wie plötzlich von einer gewaltigen Feder getrieben. Ich saß fest und ließ es laufen, nur dafür sorgend, daß es die Richtung nahm, in welche wir wollten. Die andern drei kamen hinter mir hergejagt. Nach einer Weile blieb es plötzlich halten und begann das Bocken und Wälzen von neuem. Es sprang auf und jagte wieder fort, hielt abermals an und that alles, um mich los zu worden. Ich ließ es gewähren, bis ich die Zeit gekommen meinte; da nahm ich es zwischen die Schenkel wie vorher; es stand unbeweglich; ich schwitzte; es stöhnte, schwitzte und schäumte, bis es zum zweitenmal zusammenbrach. Jetzt wußte ich, daß es keinen Versuch mehr machen, keinen Widerstand mehr leisten werde, und stellte mich zur Seite, als mich die drei eben einholten. Sie parierten ihre Pferde, und Old Wabble fragte:

„Ihr gebt die Zügel aus der Hand und laßt es frei liegen? Wenn es Euch nun davongeht, Sir!“

„Es bleibt, es ist besiegt, es ist mein!“ antwortete ich.

„Traut der Bestie nicht! Es wäre schade, jammerschade, wenn es Euch nach dieser großen, riesenhaften Anstrengung entkäme!“

„Es läuft nicht fort.“

„Oho!“

„Paßt auf! Ich kenne die Dressur.“

Ich legte dem Pferde die Hand auf den Kopf und sagte:

„Naba, naba – steh auf, steh auf!“

Es sprang auf. Ich ging langsam fort und befahl:

„Eta, eta – komm, komm!“

Es kam hinter mir her, nach rechts und links, hin und zurück, bis ich stehen blieb, da blieb es auch stehen.

„Großartig, wirklich großartig!“ rief Old Wabble. „Wenn man es nicht sähe, würde man es gar nicht glauben!“

„Ihr gebt also zu, daß ich es gebändigt habe?“

Yes, yes und yes!“

„Ohne daß ich Arme und Beine oder sogar den Hals dabei gebrochen habe!“

„Sprecht nicht davon, Sir! Ich konnte ja nicht wissen, daß Ihr im Reiten sogar den alten Wabble übertrefft!“

„Sogar? Ihr scheint Euch für den besten Reiter des ganzen Erdballs zu halten! Ich übertreffe Euch ja, das behaupte ich auch, aber nicht aus Stolz oder Überhebung, denn ich füge sogleich hinzu: ich habe Reiter getroffen, die mich weit, weit übertroffen haben.“

All devils! So einen Kerl möchte ich sehen!“

„Ich habe auf Pferden gesessen, die fünfzigtausend Dollars und noch mehr gekostet hätten, wenn sie überhaupt zu verkaufen gewesen wären. Nun schließt von einem solchen Tiere einmal auf seinen Reiter! Versucht doch einmal, ein zugerittenes Kirgisenpferd, einen kurdischen Streithengst oder eine nach der altparthischen Reitkunst geschulte Perserstute zu besteigen! Ihr seid nach hiesigen Begriffen ein vorzüglicher Reiter; dort aber würdet Ihr ausgelacht!“

„Kirgisisch -kurdisch-altparthisch – – –? Ich lasse mich aufhängen, wenn ich weiß, was das ist! Habt denn Ihr auf solchen Pferden gesessen?“

„Ja, und unser Bob würde an meiner Stelle sagen: Wir sind gut aufeinander geritten.“

Oh – oh – – oh!“ wendete der Neger mit verlegener Miene ein. „Masser Bob nicht so sagen, denn Bob nicht mit dabei gewesen sein!“

„Hm, hm, hm!“ brummte der Alte. „Da hat man sich für einen tüchtigen Kerl gehalten und ist gar keiner!“

„Bitte, so war es nicht gemeint, Mr. Cutter. Ihr seid gar wohl ein tüchtiger Reiter, nämlich in der Art der Cowboys. Ein Roter reitet anders; das gebt Ihr zu, nicht?“

Yes.“

„Weil ich diese indianische Schule genau kenne, konnte ich das Pferd hier überwältigen, sonst nicht. Ich glaube auch nicht, daß es Euch gelungen wäre.“

„Nein, ich hätte es nicht fertig gebracht; das habe ich aber auch eingestanden!“

„Richtig! Nun denkt, daß es noch viele andre Reitervölker giebt, die Araber, Beduinen, Tuaregs, Imoscharh, Perser, Turkmanen, Kirgisen, Mongolen und so weiter, und jedes dieser Völker hat eine andere Art zu reiten. Kann sich da jemand, der eine Schule vortrefflich reitet, für überhaupt den besten Reiter halten und dann erstaunt von einem andern sagen: der kommt sogar über mich?“

„Nein, Sir! Ich höre, daß Ihr wieder einmal den Kanzelredner macht, denn was Ihr da sagt, ist ja, wie ich gern zugebe, alles sehr richtig, aber allein gegen mich gerichtet; es soll ganz einfach heißen: Brüste dich nicht, alter Wabble!“

„Freut mich, daß Ihr diesen Stich empfindet!“

„Also wirklich ein Stich! Warum aber stecht Ihr mich?“

„Nicht, weil ich denke, mehr zu sein oder mehr zu können als ihr, sondern um Euch ein wenig anschmiegender zu machen. Ihr wißt, von wegen dem Sitzenlassen. Ihr habt mir dahinten im Kaani-kulano wieder gute Lehren geben wollen, und zwar zu einer Zeit und in einer Situation, wo solche Lehren nicht nur überflüssig sind, sondern alles verderben können. Ich habe sie hingenommen, weil ich Euch augenblicklich nicht beweisen konnte, daß sie unnütz waren. Diesen Beweis habe ich jetzt erbracht. Wir sind nun einmal bei einander, und da würde es mich freuen, wenn es Euch beliebte, mir künftig etwas mehr Vertrauen zu schenken. Der Mangel an Vertrauen kann bei dem, was wir vorhaben, verhängnisvolle Folgen bringen!“

Egad, Ihr habt recht, Mr. Shatterhand!“ gab er zu. „Ich bin ein alter Querkopf geworden, weil ich noch niemals meinen Meister gefunden habe. Ihr habt mir eine Zurechtweisung erteilt, in Worten und noch vielmehr durch die That, und ich will sie mir ad notam nehmen. Macht, was Ihr wollt; ich werde nicht wieder daran mäkeln. Und wenn Ihr Euch vornehmt, dem Monde auf die eine Backe eine Ohrfeige zu geben, so bekommt er von mir auf die andre Backe auch eine; denn was Ihr für möglich haltet, das ist auch möglich; th’is clear!“

„Das habt Ihr gut gesagt!“ stimmte ihm Old Surehand bei. „Ich pflege nicht viele Worte zu machen, aber was Mr. Shatterhand von mir verlangt, das thue ich, und wenn es mir noch so widersinnig vorkommen sollte. Die Kunst, mit welcher er das Pferd besiegte, war bewundernswert, doch giebt es wenigstens Einen, der das grad so fertig bringt; ich meine Winnetou; aber die Kraft, die Körperkraft, der Schenkeldruck! daß das Pferd stöhnt und schäumend und geifernd zusammenbricht! Das macht ihm niemand nach, gewiß niemand! Ich bin höher und breiter gebaut als er, aber wenn ich behauptete, ein Pferd in dieser Weise niederbringen und niederringen zu können, so würde das eine Lüge sein, eine großartige Lüge! Und wie das Pferd ihm nun nachläuft! Grad als ob er schon jahrelang sein Herr gewesen wäre!“

„Ja, Ihr werdet sehen, daß es sich nun wie ein treuer und gehorsamer Hund zu mir verhält,“ sagte ich. „Es ist nicht nötig, in dieser Weise von mir zu reden, Mr. Surehand. Ein jeder thut, was er kann; der eine versteht dieses besser und der andre jenes, und wenn ein jeder das Seinige leistet, wird’s ein gutes Ende geben. Jetzt wollen wir weiter!“

„Doch zunächst nach dem Altschese-tschi, wo wir gestern früh fortgeritten sind?“ fragte Old Wabble.

„Nein; nach dem kleinen Walde reiten wir nicht wieder.“

„Warum? Wenn wir nach dem Regenberge wollen, liegt das Wäldchen doch in unserm Wege!“

„Denkt an die Kundschafter, die dort getötet worden sind! Sie kehren nicht zurück. Das erregt das Mißtrauen der Comantschen. Ich bin überzeugt, daß Vupa Umugi ihnen einige Krieger nachsenden wird. Dürfen die auf unsre Fährte treffen?“

„Nein, denn sie würden uns nach dem Regenberge folgen, und alles wäre verraten. Aber Parker, Hawley und Langes Messer haben doch auch eine Fährte gemacht, die dorthin führt!“

„Das war gestern; sie ist also nicht mehr zu sehen.“

So müssen wir einen Umweg machen; aber wohin?“

„Das ist doch zu erraten!“

„Hm! Etwa zwischen dem kleinen Walde und dem blauen Wasser hindurch? Das geht nicht, denn da würde unsre Spur noch viel eher und viel leichter bemerkt.“

„Wir müssen noch weiter nach rechts abweichen.“

„Also wieder über den Rio Pecos hinüber?“

„Ja.“

„Das ist allerdings ein Umweg, und was für einer! Sollte er nicht zu groß sein, Sir?“

Da meinte Old Surehand kopfschüttelnd:

„Ihr seid doch unverbesserlich, alter Wabble! Soeben erst habt Ihr davon gesprochen, dem Monde eine Ohrfeige geben zu wollen, wenn es Mr. Shatterhand für möglich hält, und jetzt ist das, was er will, Euch schon wieder nicht recht!“

Well, ich sage kein Wort mehr, kein einziges!“

„Ich stimme Mr. Shatterhand vollständig bei. Ob dieser Umweg groß ist oder nicht, wir müssen ihn machen. Merkt Ihr denn nicht, daß Mr. Shatterhand auf diese Weise zwei Fliegen mit einem Schlage treffen will?“

„Zwei Fliegen? Die erste?“

„Daß unsre Spur nicht gesehen wird.“

Well! Und die zweite?“

„Nale-Masiuv.“

„Nale-Masiuv? Der soll eine Fliege sein? Wieso?“

„Heut ist doch der dritte Tag!“

„Ach richtig! Von dem Abende am blauen Wasser an ist es der dritte Tag, an welchem Nale-Masiuv mit seinen hundert Roten kommen soll! Wollen wir nach ihm spüren?“

„Ja,“ antwortete ich. „Es ist uns von Vorteil, zu erfahren, ob er schon da ist oder nicht.“

„Wieso, Sir?“

„Weil ich annehmen mußte, daß die Roten bald nach seiner Ankunft nach dem Llano estacado aufbrechen werden; wir können uns dann darnach richten. Wir haben uns von jetzt an also mehr nach rechts hinüber zu halten. Kommt, wir wollen fort, Mesch’schurs!“

„Mesch’schurs!“ wiederholte der Neger. „Haben Massa Shatterhand auch Masser Bob mit meinen?“

„Natürlich, ja.“

„So sein Masser Bob auch mit Mesch’schurs?“

„Versteht sich, lieber Bob!“

„Oh – oh – oh – – Bob auch mit Mesch’schurs! Schwarzer Bob sein also grad so Gentleman wie weißer Gentleman! Er sich sehr darüber freuen und nun zeigen, daß er grad so tapfer und mutig, wie weiße Jäger. Leider aber er nun haben kein Gewehr, um totschießen rote Indianer!“

„Du wirst eins bekommen. Wir haben am kleinen Walde mehrere erbeutet; davon suche ich dir eines heraus. Was dir sonst noch fehlt, ein Messer und dergleichen, das bekommst du auch.“

Als ich jetzt mein Pferd streichelte, litt es das ruhig, ohne ein Zeichen der Abneigung sehen zu lassen. ich untersuchte die Hufe; es gab sie so ruhig her wie ein Bauernpferd, welches stets im Stalle gestanden hat und mit seinem Herrn auf vertrautem Fuße steht. Als ich aufgestiegen war, blieb es stehen; kurz, es verhielt sich genau so wie ein Pferd, welches man mit dem bekannten Ausdrucke als militärfromm bezeichnet. Es hatte mich als seinen Meister anerkannt. Old Wabble schüttelte vor Verwunderung darüber den Kopf, sagte aber nichts.

Da es auch vor den andern und ihren Pferden nicht mehr scheute, brauchte ich mich nicht mehr von ihnen abzusondern; wir konnten also zusammenhalten und thaten dies, indem bald dieser und bald jener eines seiner Erlebnisse zum besten gab. Auch Old Surehand erzählte einige seiner Abenteuer. Er hatte dabei eine eigene, kurze, prägnante Weise, welche den Gedanken, daß er nach unserm Lobe strebe, gar nicht aufkommen ließ. Das, was wir aus seinem Munde hörten, waren mehr Berichte als Erzählungen. Old Wabble fand dabei einigemal Gelegenheit, Fragen auszusprechen, bei deren Beantwortung der Erzähler eigentlich gar nicht umgehen konnte, über seine Herkunft und seine Verhältnisse Auskunft zu erteilen, und das war jedenfalls auch der Zweck des Alten; aber Old Surehand wußte sehr klug auszuweichen, und ich hörte und merkte es ihm an, daß es nicht in seiner Absicht lag, sich auch nur zu einer Andeutung bewegen zu lassen. Über sein Leben und seine Erfahrungen im wilden Westen sprach er; weiteres aber konnte der Alte nicht erfahren. Ich meinerseits hütete mich, eine Frage auszusprechen, die mich ihm hätte als neugierig erscheinen lassen können.

In dieser Weise verging der Vormittag, und ein großer Teil des Nachmittags, und es war gegen Abend, als wir den Rio Pecos an einer Stelle erreichten, welche vielleicht eine englische Meile oberhalb der Mündung des blauen Wassers lag. Wir schwammen hinüber, denn die Umgehung des blauen Wassers konnte nur auf der jenseitigen, der rechten Seite des Flusses geschehen.

Drüben angekommen, stießen wir auf eine Fährte, welche in der Nähe des Wassers abwärts führte.

„Hallo!“ meinte Old Wabble. „Da sehen wir ja gleich, daß Nale-Masiuv mit seinen Roten schon angekommen ist!“

Old Surehand warf nur einen kurzen Blick auf die Spuren und entgegnete dann:

„Das ist er nicht gewesen.“

„Nicht? Wieso?“

„Wieviel Rote sollte er bringen?“

„Hundert.“

„Ist das die Fährte von hundert Reitern?“

„Nein; das gebe ich zu. Wenn er es nicht gewesen ist, so möchte ich wissen, wer – – – hm! Sollte es nur ein Vortrab von seiner Schar gewesen sein?“

„Möglich.“

„Da kommen die andern nach und entdecken unsre Spuren. Was ist da zu thun? Wir dürfen uns nicht verraten.“

„Was zu thun ist, mag Mr. Shatterhand bestimmen.“

Ich bog mich vom Pferde herab, um die Eindrücke der Hufe genau zu betrachten, und sagte dann:

„Das sind ungefähr zwanzig Reiter gewesen, welche sich sehr sicher gefühlt haben müssen, denn sie sind nicht im Gänsemarsche geritten. Die Spur ist wenigstens vier Stunden alt; wer hinter uns her kommt und ein gutes Auge hat, kann die unsrige also sehr leicht von ihr unterscheiden; aber der Abend ist nahe, der diese Unterscheidung unmöglich macht. Wollen ihr getrost folgen; ich muß sie besser kennen lernen.“

Wir lenkten in die Fährte ein und kamen bald an eine Stelle, wo die Reiter angehalten hatten; sie wurde an der vom Flusse abgewendeten Seite von Büschen begrenzt, in denen es eine schmale Lücke gab.

„Ja, es sind ungefähr zwanzig Reiter gewesen,“ wiederholte ich; „weiter ist nichts herauszufinden.“

„Also ein Vortrab?“ fragte Old Wabble.

„Das möchte ich bezweifeln.“

„Warum?“

„Weshalb sollte Nale-Masiuv seine Schar geteilt und eine Vorhut vorausgesandt haben? Das thut man nur vor dem Kampfe oder wenn man sich in einer sehr unsichern Gegend befindet. An einen Kampf war nicht zu denken, und unsicher haben sich diese Leute nicht gefühlt, sonst wären sie in ganz andrer Weise geritten. Wir haben es also nicht mit einem Vortrab zu thun, sondern mit einem ganz selbständigen Trupp. Nale-Masiuvs Leute sind es nicht gewesen.“

„Hm! Ich denke da an den jungen Häuptling Schiba-bigk, meinen Bekannten, der ja auch nach dem blauen Wasser kommen muß, wenn er mit Vupa Umugi nach dem Llano-estacado will; er soll den Führer machen. Vielleicht ist er es gewesen.“

„Das ist sehr leicht möglich, Sir. Was thun wir nun? Folgen wir dieser Fährte?“

„Das hat keinen Zweck und würde uns nur in Gefahr bringen können.“

„Aber wir müssen doch stromabwärts gehen, um wieder an das andre Ufer zu kommen.“

„Ja, aber nicht so nahe am Wasser hin, wo wir jeden Augenblick auf Rote treffen können. Wir reiten einen Bogen, und zwar so, daß wir die Furt erst dann erreichen, wenn es dunkel ist und wir nicht gesehen werden können.“

„Das ist klug und zugleich gefährlich.“

„Wieso gefährlich?“

„Wenn noch vor der Dunkelheit Indsmen hinter uns herkommen, sehen sie die Stelle, wo wir diese Fährte verlassen haben; unsre Spur muß ihnen auffallen; sie folgen uns, und wir sind verraten.“

„Wenn wir es dumm anfangen, ja. Wir müssen eben da abweichen, wo es nicht bemerkt werden kann.“

„Wo wäre das?“

„Hier.“

„Hier? Ah!“

„Ja, hier. Meint Ihr nicht, daß diese Lücke im Gebüsch die beste Gelegenheit dazu bietet?“

„Ob Lücke oder nicht, sie werden doch bemerken, daß eine Fährte abseits führt.“

„Nein, wenn wir es richtig machen. Wir reiten nicht langsam hinein, sondern im Sprunge. Daß unsre Pferde hier zum Sprunge angesetzt haben, können sie nicht sehen, weil diese Stelle von Spuren ganz bedeckt und niedergetreten ist. Unsre Pferde fassen jenseits der Lücke wieder Fuß, wodurch allerdings Hufeindrücke erzeugt werden, die aber von hier aus nicht gesehen werden können, weil die Lücke schmal ist und die Zweige unten ineinander gehen. Wir müssen hoch springen und uns dabei hüten, Blätter abzustreifen oder gar Äste abzubrechen.“

Well, das geht, Mr. Shatterhand! Wer springt zuerst?“

„Ich. Kommt ihr mir einzeln nach, und macht es genau wie ich!“

Ich nahm mein Pferd hoch, gab ihm die Hilfe und flog in einem weiten Bogen zwischen den Büschen hindurch, wo ich natürlich nicht halten blieb, sondern für die andern Platz machte. Sie kamen ebenso gut hinüber wie ich, und dann durchquerten wir den hier schmalen Waldessaum des Flusses, bis wir hinaus auf das offene Terrain kamen. Da ritten wir in gerader, rechtwinkelig vom Flusse wegführender Linie weiter, bis wir so weit von ihm entfernt waren, daß wir von dort aus nicht gesehen werden konnten. Von hier aus schlugen wir die parallele Richtung ein und lenkten, als wir weit genug abwärts gekommen waren, wieder nach dem Pecos zurück. An sein Ufer zurückgekehrt, mochten wir uns ungefähr eine halbe englische Meile unterhalb der Furt befinden und waren also gezwungen, uns rückwärts zu wenden. Dabei war große Vorsicht erforderlich, denn es war inzwischen dunkel geworden und die Situation überhaupt nicht ganz geheuer. Infolge des Zuzuges, den Vupa Umugi erwartete, mußte man grad an der Furt stets auf Begegnungen gefaßt sein. Wir stiegen also ab und gingen zu Fuße, indem wir die Pferde führten und uns bemühten, so wenig Geräusch wie möglich zu verursachen.

Es zeigte sich gar bald, daß diese Behutsamheit gar nicht überflüssig war, denn wir bemerkten, noch ehe wir die Furt erreicht hatten, einen brenzlichen Geruch. Es gab ein Feuer in der Nähe; wir blieben also stehen. Es galt natürlich, zu erfahren, wer das Feuer angebrannt hatte; das wollte ich mit Old Surehand thun. Wir übergaben also Old Wabble und Bob unsre Pferde und Gewehre und schlichen uns weiter. Der Geruch wurde mit jedem Schritte stärker, und als wir nur noch eine kurze Strecke bis zur Furt hatten, sahen wir das Feuer. Es brannte in der Nähe des Wassers. Wer sich dort befand, das konnten wir nicht sehen, weil Büsche dazwischen lagen.

Wir huschten mit Anwendung aller Vorsicht weiter und weiter, bis wir dieses Gebüsch erreicht hatten. Es lag ungefähr zwölf Schritte von dem Feuer entfernt, an welchem zwei Indianer einander gegenüber saßen, die Gesichter einander zugekehrt, so daß wir beide im Profile sehen konnten. Es waren Comantschen. Was wollten sie hier an der Furt? Wozu hatten sie dieses Feuer? Das waren die zwei Fragen, die wir uns natürlich vorlegen mußten. Die Beantwortung konnte uns nicht schwer fallen.

Old Surehand hatte dieselben Gedanken wie ich. Er gab ihnen Ausdruck, indem er mir zuflüsterte:

„Nale-Masiuv ist noch nicht da. Ihr habt also mit Euern ‚Vermutungen recht gehabt, Sir.“

„Ja; sie warten auf ihn und haben diese Wachen hier ausgestellt, die ihn empfangen sollen.“

„Warum sie das für nötig gehalten haben?“

„Das ist sehr einfach. Nale-Masiuv ist von einem andern Stamme als Vupa Umugi und hat seine Weideplätze entfernter von hier. Darum kennt er die Furt nicht, und diese beiden sollen sie ihm zeigen, wenn er kommt.“

„Das trifft jedenfalls zu. Wie gut, daß wir erst am Abende hierherkamen!“

„Ja; am Tage hätten sie uns wahrscheinlich bemerkt, denn da waren sie jedenfalls auch schon da. Nun hat uns der Geruch ihres Feuers vor Entdeckung bewahrt.“

„Das wäre schlimm gewesen, denn wenn es auch ganz unmöglich gewesen wäre, daß sie uns hätten fassen können, so wüßten sie doch nun, daß wir noch immer hier sind, während sie das Gegenteil dachten.“

„Dieses Feuer ist allerdings ein Beweis, daß sie überzeugt sind, wir seien über alle Berge. Wenn sie uns noch hier in der Gegend glaubten, würden sie sich hüten, eins anzuzünden. Dumme Kerls, sie werden doch nie klug!“

„Sie dürfen sich nicht darüber beschweren, daß sie keine Gelegenheit gehabt hätten, gescheit zu werden. Ihr habt ihnen genug gute Lehren erteilt. Bleiben wir hier?“

„Ich möchte.“

„Ich auch. Jetzt sitzen sie zwar stumm wie Ölgötzen da, aber es ist doch möglich, daß sie miteinander reden.“

„Wenn sie das thun, werden wir etwas erfahren.“

„Wichtiges?“

„Wenn nicht grad das, so doch wenigstens etwas, was uns interessiert. Der eine rechts ist nämlich ein hervorragender Krieger.“

„Kennt Ihr ihn?“

„Ja. Als ich sie da drüben am blauen Wasser belauschte, saß er mit bei dem Häuptlinge und nahm neben dem Alten mit am Gespräch teil. Wenn sie reden, dann doch wahrscheinlich von ihrem kriegerischen Vorhaben. Horcht!“

Der Rote, von dem wir sprachen, hatte ein Wort gesagt, aber so kurz und unterdrückt, daß es nicht zu verstehen gewesen war. Der andere antwortete, aber auch für uns unverständlich. So fielen eine Zeitlang einzelne Worte hin und her, ohne daß wir wußten, wen oder was sie betrafen. Da legten wir die Ohren auf die Erde, um besser verstehen zu können.

Kaum hatten wir das gethan, so stieß Old Surehand mich mit dem Ellbogen bedeutungsvoll an. Ich wußte sogleich, was er meinte, denn ich hatte das Geräusch, auf welches er mich aufmerksam machen wollte, auch gehört. Wir kannten es beide genau; es war das dumpfe Hufstampfen von Pferden auf weichem Grunde, wobei an eine Wurzel oder sonst etwas Festes gestoßen wird.

„Waren das etwa unsre Pferde?“ fragte Old Surehand.

„Nein. Der Schall kam abwärts.“

„Da handelt es sich um Rote, die da kommen.“

„Jedenfalls.“

„Auch Comantschen, sonst würden sie sich sehr in acht nehmen und ihre Pferde besser führen.“

„Comantschen sind es; aber sie wissen nicht, daß hier auch Rote sitzen.“

„Sollten sie das Feuer nicht sehen?“

„Nein. Der Schall läßt auf eine Entfernung von wenigstens achtzig Schritten schließen, und nach oben hin stehen dichte Sträucher, welche das Feuer verdecken.“

„Aber riechen müssen sie es doch!“

„Nein, denn der Wind kommt von oben und weht den Rauch und also auch den Geruch abwärts.“

„Bin neugierig, wer es ist!“

„Ich auch. Sobald sie das Feuer entdecken, werden sie die Pferde anhalten, um abzusteigen und herbei zu schleichen. Dann erfahren wir jedenfalls etwas.“

Wir warteten. Das dumpfe Geräusch wiederholte sich noch zweimal. Die beiden Comantschen am Feuer hörten es nicht, weil sie nicht, so wie wir, mit den Ohren auf der Erde lagen. Dann war es still. Es verging eine Weile. Die Kommenden waren aufmerksam geworden und hatten sich jedenfalls leise herbei gemacht. Da raschelte es plötzlich im gegenüberliegenden Gebüsch, und ein lautes Hiiiiiiih! erschallte. Die beiden Wächter sprangen erschrocken auf. Schon machten sie Miene, sich in die Sträucher zu verbergen, hinter denen wir steckten; wir sprangen auch schon auf, um schleunigst zu retirieren; da ertönte von jenseits der laute, fragende Ruf.

„Vupa, Vupa?“

Infolgedessen blieben die Wächter stehen, und der eine von ihnen antwortete:

„Umugi, Umugi!“

Sie setzten sich wieder nieder; sie waren beruhigt, denn dieser Zuruf hatte sie überzeugt, daß die, die kamen, keine Feinde waren. Vupa – – – Umugi, das war ein Erkennungszeichen, welches verabredet worden war. Man sieht, daß die Roten von den Weißen den Gebrauch des Feldgeschreis gelernt und sich angeeignet haben.

Es verging einige Zeit, dann kamen zwei Reiter von oben herab. Sie hatten ihre zurückgelassenen Pferde geholt und stiegen am Feuer ab. Wir beide hatten uns natürlich wieder niedergelegt. Die Ankömmlinge setzten sich zu den Wächtern, ohne zunächst ein Wort zu sagen; das ist so Indianersitte. Erst als ungefähr fünf Minuten vergangen waren, begann der, den ich als hervorragenden Krieger bezeichnet hatte und der die Unterhaltung führte, während sein Gefährte schwieg:

„Meine roten Brüder sind erwartet worden. Vupa Umugi harret voller Ungeduld.“

„Darf ein Krieger ungeduldig werden?“ fragte einer der Gekommenen.

„Er darf es nicht zeigen; aber er darf es sein. Habe ich gesagt, daß er es gezeigt habe?“

„Das hat mein Bruder nicht gesagt.“

„Wir haben schon am Nachmittage gewartet. Nun kommt ihr als Vorhut. Wann wird Nale-Masiuv nachfolgen?“

„Er folgt heute nicht nach.“

„Uff!“

„Wir kommen nicht als Vorhut, sondern als seine Boten. Wo ist Vupa Umugi, mit dem wir sprechen sollen?“

„Er lagert am blauen Wasser.“

„Führe uns zu ihm!“

„Wir können noch warten. Meine Brüder wissen, daß ich das Ohr und das Vertrauen des Häuptlings besitze. Wenn sie nicht zornig empfangen werden wollen, mögen sie mir ihre Botschaft sagen, damit ich den Häuptling vorbereite.“

Die beiden Boten sahen einander fragend an, und dann antwortete der Sprecher:

„Ja, wir wissen, daß du der Mund und das Ohr des Häuptlings Vupa Umugi bist; darum sollst du erfahren, was du hören Willst, obgleich wir den Befehl erhielten, nur mit dem Häuptling zu sprechen. Nale-Masiuv kann mit seinen hundert Kriegern heut nicht kommen.“

„Uff! Warum?“

„Weil er von Bleichgesichtern aufgehalten wurde, mit denen er kämpfen mußte.“

„Giebt es Bleichgesichter in der Nähe?“

„In der Nähe nicht; aber jenseits des Mistake-Cañons stießen wir plötzlich auf Soldaten der Bleichgesichter, welche über uns herfielen. Es waren ihrer so viele, daß wir fliehen mußten, wobei viele unsrer Krieger verwundet oder gar getötet wurden. Die Bleichgesichter verfolgten und zerstreuten uns, und als es Abend wurde, hatten sich nur fünfzig Krieger bei dem Häuptlinge eingefunden.“

„Uff, uff, uff! Was wird Vupa Umugi sagen! Vielleicht verschiebt er den Zug nach dem Llano estacado und zieht nach dem Mistake-Cañon, um euch zu rächen!“

„Das soll er nicht! Nale-Masiuv, unser Häuptling, hat uns befohlen, ihm dies zu sagen. Die Bleichgesichter, mit denen wir kämpften, sind keine Westmänner, sondern Soldaten. Wenn wir sie besiegen, und es kommt auch nur einer nach seinem Fort zurück, so werden hundert und wieder hundert neue Soldaten gesandt, um die Gefallenen zu rächen. Ja, unsre Toten sollen gerächt werden, aber so, daß kein Soldat heimkehrt, sondern alle, alle sterben müssen.“

„Hat Nale-Masiuv einen Plan ersonnen, wie das geschehen soll?“

„Ja.“

„Kennst du ihn?“

„Ja; ich soll ihn Vupa Umugi mitteilen.“

„Darf ich ihn hören?“

„Ihr alle müßt ihn erfahren; warum sollte ich ihn dir da nicht sagen dürfen?“

„So steht mein Ohr mit Spannung offen, dich zu hören.“

„Die Soldaten der Bleichgesichter müssen nach dem öden Llano estacado gelockt werden, um dort zu verschmachten.“

„Uff, uff, uff! Das ist ein Gedanke, der den Beifall unsres Häuptlings sofort haben wird. Diese weißen Hunde müssen alle untergehen, und keiner darf zurückkehren, um erzählen zu können, was geschehen ist.“

„Mein roter Bruder hat recht. Darum darf der Zug nach dem Llano nicht verschoben werden, sondern muß schnell unternommen werden, denn wenn wir die Bleichgesichter in den Tod locken, und nicht selbst verschmachten wollen, brauchen wir das Wasser, an welchem der Bloody-Fox wohnt. Dieses müssen wir haben, ehe wir die Soldaten nach dem Llano estacado führen können.“

„Wie sollen sie dorthin gelockt werden?“

„Ist der junge Häuptling Schiba-bigk schon hier bei meinen roten Brüdern eingetroffen?“

„Er kam am Nachmittage mit zwanzig Mann.“

„Er kennt den Weg nach dem Wasser der Wüste und wird von Vupa Umugi so viele Krieger erhalten, wie nötig sind, sich in den Besitz des Wassers zu setzen und den blutigen Fuchs zu fangen. Während er das thut, wartet Vupa Umugi hier so lange, bis Nale-Masiuv kommt, um zu ihm zu stoßen.“

„Wann wird das geschehen?“

„Er hat, als wir uns nach dem Kampfe sammelten, sofort zwei Boten heimgesandt, die noch hundert Krieger holen müssen, welche im Rücken der weißen Soldaten bleiben sollen, ohne sich von ihnen sehen zu lassen, bis die Bleichgesichter sich in der Wüste befinden. Jetzt wartet er einen Tag, um die versprengten Krieger zu sammeln, und greift die Soldaten dann an; er wird aber nicht kämpfen, sondern sich zurückziehen bis hierher an das blaue Wasser, wo er seine wenigen Leute mit euern hundertfünfzig Kriegern vereinigt. Die Bleichgesichter werden folgen. Kommen sie hier an, so sind wir schon fort. Wir lassen uns stets sehen, aber sobald wir angegriffen werden sollen, weichen wir zurück, bis wir die weißen Hunde in der Wüste haben. Da sind wir ihnen voraus, und die hundert Krieger, nach denen Nale-Masiuv gesandt hat, kommen hinter ihnen her; sie werden also eingeschlossen sein. Auch wenn sie uns dann angreifen wollen, werden wir nicht kämpfen, sondern immer weiter in die Wüste zurückweichen, denn wir haben Wasser, sie aber keines; sie werden also verschmachten und sterben müssen bis auf den letzten Mann, während wir keinen der Unsrigen verlieren.“

„Uff, uff! Dieser Plan ist gut, sehr gut!“

„Denkt mein roter Bruder, daß Vupa Umugi auf denselben eingehen wird?“

„Er wird ja sagen; ich weiß es genau. Und wenn er dagegen wäre, würde ich ihn überreden. Die Versammlung der Ältesten ist ganz gewiß auf meiner Seite.“

„So wollen wir sofort nach dem Blauen Wasser, damit ich mit dem Häuptlinge sprechen kann, denn ich muß mich beeilen, Nale-Masiuv die Antwort zu bringen.“

„Mein Bruder warte noch eine kleine Weile! Der Plan ist sehr gut; er wird zum vollständigen Verderben der Bleichgesichter führen; aber er hat eine Lücke.“

„Welche?“

„Schiba-bigk, der die Wüste kennt, soll mit einer Schar vorausreiten und sich in den Besitz des Wassers setzen. Wenn wir dann kommen, wie finden wir den Ort, wo das Wasser ist?“

„Er wird zurückkehren und uns den Weg zeigen.“

„Wird er das können? Wird er Zeit dazu haben? Wird er durch nichts verhindert werden?“

„Auch daran hat Nale-Masiuv gedacht. Als die drei Häuptlinge den Zug nach dem Llano besprachen, hat Schiba-bigk gesagt, daß es an der letzten Höhe vor dem Beginne der Wüste ein Wasser gebe, welches Suks-ma-lestavi heißt. Mehrere von den Kriegern der Comantschen sind an diesem Orte gewesen; sie kennen ihn und werden ihn sehr leicht finden – –“

„Suks-ma-lestavi? Diese Stelle weiß ich auch, denn ich bin einigemale dort gewesen.“

„Das ist gut. Weil dieser Ort an dem Wege liegt, den Schiba-bigk zu nehmen hat, wird er dort die Vorbereitungen treffen, welche nötig sind, wenn wir von dort aus auf alle Fälle den Weg nach dem Wasser finden sollen. Es giebt viele Büsche und junge Bäume dort; er wird viele Stangen schneiden und sie von da aus in den Sand der Wüste bis nach dem Wasser stecken.“

„Uff! So wie es die Bleichgesichter thun, wenn sie durch die Wüste reiten und den Weg nicht verlieren wollen!“

„Ja, so! Wenn wir dann nach dem Suks-ma-lestavi kommen und Schiba-bigk uns nicht dort erwarten kann, so finden wir die Stangen, welche uns den Weg weisen.“

„Und die Bleichgesichter kommen hinter euch her und finden das Wasser dann auch!“

„Nein! Hat mein Bruder einmal von den weißen Räubern gehört, welche Stakemen genannt werden?“

„Ja.“

„Weiß mein Bruder auch, was diese Leute thun, um die Reisenden in den Tod zu führen?“

„Sie ziehen die Stangen heraus und setzen sie anders.“

„Können die roten Krieger nicht auch thun, was die Bleichgesichter machen?“

„Uff! Das ist wahr!“

„Wir ziehen hinter uns die Stangen heraus und stecken sie nach einer Richtung ein, wo es kein Wasser giebt und wo die Soldaten verschmachten müssen. Hat mein roter Bruder noch eine Frage oder ein Bedenken?“

„Nein.“

„Das ist es, was ich Vupa Umugi, dem Häuptlinge zu sagen habe. Wenn er auf diesen Plan eingeht, wird nicht nur das Wasser in der Wüste den Comantschen für immer gehören, sondern wir werden den blutigen Fuchs fangen und die weißen Soldaten verderben.“

„Er wird ganz gewiß thun, was ihm Nale-Masiuv durch dich vorschlagen läßt. Ich habe es gesagt. Howgh!“

„So wollen wir nun nach dem blauen Wasser reiten, denn wir haben keine Zeit. Wir müssen sofort wieder zurückkehren, weil Nale-Masiuv auf uns wartet.“

„Und wir können hier das Feuer auslöschen, denn weil eure Krieger nicht kommen, brauchen wir nicht auf sie zu warten. Wir werden euch durch die Furt führen.“

Sie traten das Feuer aus und entfernten sich dann, um in den Fluß zu gehen, die beiden Boten zu Pferde, und die beiden Wächter zu Fuß.

Als sie fort waren, standen wir auf und sahen einander an, obgleich wir in der Dunkelheit unsre Gesichter nicht erkennen konnten. Das, was wir gehört hatten, war von größter Wichtigkeit.

„Da möchte man wie ein Indianer Uff, uff, uff! ausrufen, meinte Old Surehand.

„Nun, habe ich nicht gesagt, daß wir hier etwas hören würden, Sir?“

„Und was! So ein Plan!“

„Ich bin da oben im Lager der Truppen gewesen. Also von ihnen ist Nale-Masiuv angefallen worden! Der Anführer hat mir zwar nicht gefallen; er war ein arroganter Kerl, der eigentlich eine Demütigung verdiente; aber das, was diese Roten mit ihm vorhaben, können wir unmöglich geschehen lassen.“

„Habt Ihr mit ihm gesprochen?“

„Ja.“

„Kannte er Euch?“

„Nein.“

„Und Ihr habt ihm auch nicht gesagt, wer Ihr seid?“

„Ist mir nicht eingefallen.“

„Dann will ich seine Arroganz begreifen, sonst aber möchte ich den Menschen, und wenn es ein hoher Offizier wäre, sehen, der sich gegen Old Shatterhand anmaßend benehmen dürfte, ohne in die Käse zu fliegen, wie Ihr Euch da kürzlich ausdrücktet! Was aber sagt Ihr zu dem Plane, den dieser Nale-Masiuv ausgeheckt hat?“

„Meisterhaft ist er nicht.“

„Ganz meine Meinung; aber so ein Kavallerieoffizier ist kein Westmann; ich halte es für möglich, daß er sich nach dem Llano locken läßt.“

„Und ich bin sogar überzeugt davon. Wenn ich den Plan nicht für meisterhaft halte, so will ich damit nicht etwa sagen, daß er nichts tauge; o nein, ich meine nur, daß zum Beispiele wir beide ihn ganz anders gestaltet hätten. Dennoch werden die Weißen in die Falle gehen.“

„Wenn Vupa Umugi mit Nale-Masiuv einverstanden ist!“

„Das ist er, das ist er ganz bestimmt.“

„Eigentlich sollten wir uns nach dem blauen Wasser, schleichen, um zu beobachten oder gar zu hören, was beschlossen wird. Meint Ihr nicht?“

„Dieser Gedanke liegt sehr nahe; aber wir werden ihn aus zweierlei Gründen nicht ausführen, von der Gefahr, die wir dabei laufen würden, ganz abgesehen.“

„Und diese Gründe?“

„Erstens nehme ich als für ganz sicher an, daß Vupa Umugi zustimmt, also brauchen wir nicht zu lauschen, und zweitens haben wir keine Zeit dazu. Ich bin überzeugt, daß Schiba-bigk morgen früh oder gar noch während dieser Nacht nach dem Suks-ma-lestavi aufbricht, und da wir ihm zuvorkommen müssen, haben wir keine Zeit zu verlieren. Wir müssen schnell nach dem Nargoleteh-tsil, um zu sehen, ob unsre Apatschen schon dort angekommen sind. Wenn sie da sind, lassen wir unsre Pferde nur kurze Zeit ausruhen und reiten noch vor Anbruch des Morgens nach dem Llano.“

„Ist Euch die Stelle bekannt, welche von den Comantschen Suks-ma-lestavi genannt wurde?“

„Sehr genau sogar. Ich habe da stets Lager gemacht, wenn ich den Bloody-Fox besuchte oder von ihm kam. In der Sprache der Apatschen lautet der Name Gutesnontinkhai, was ganz dasselbe, nämlich hundert Bäume, bedeutet.“

„Diesem Namen nach scheint es dort Wald zu geben?“

„Wald im eigentlichen Sinne nicht. Nur in Anbetracht der Lage am Wüstenrande ist dieser Name gerechtfertigt. Eigentliche Bäume giebt es wenig. Man findet lichtes Buschwerk und dürres, hoch aufgeschossenes Langholz, welches sich allerdings sehr gut zu den Pfählen eignet, die Schiba-bigk dort schneiden soll. Jetzt wollen wir zu den Gefährten zurück. Wir müssen über den Fluß, so lange die Furt frei und unbeobachtet ist. Kommt!“

„Das hat eine halbe Ewigkeit gedauert,“ empfing uns Old Wabble, als wir bei ihm ankamen. „Hätte sich Eure Abwesenheit verlängert, so wäre ich nachgekommen.“

„Um uns in Gefahr zu bringen!“ antwortete ich. „Das ist es ja, was ich Euch abgewöhnen möchte. Ich bin überzeugt, daß Euch dieser Fehler, den Ihr nicht lassen zu können scheint, noch einmal ins Verderben führt!“

„Old Wabble insVerderben? Der denkt gar nicht daran!“

Ja, er glaubte es nicht, er war trotz seines hohen Alters noch der leichtblütige, unbesorgte Cowboy von früher. Hätte er mir doch geglaubt! Die Worte, welche ich ihm gesagt hatte, waren eine Weissagung, welche leider später wörtlich in Erfüllung ging.

Wir setzten über die Furt, ritten langsam durch den schmalen Waldstreifen des Flußufers und konnten dann unsre Pferde ausgreifen lassen, weil die Sterne uns das dazu nötige Licht spendeten. Dieser günstige Umstand erlaubte mir auch, eine so schnurgerade Linie einzuhalten, daß wir, als wir den Regenberg erreichten, gewiß nicht zwei Minuten umgeritten waren. Es war um Mitternacht, als wir die nicht bedeutenden zwei Höhen des Berges vor uns auftauchen sahen.

Der Fuß des Berges war mit Gebüsch umsäumt. Als wir an demselben hinritten, hörten wir den Apatschenruf erschallen:

„Ti arku – Wer da?“

„Old Shatterhand,“ antwortete ich.

„Owan ustah arhonda – kommt hierher!“

Wir lenkten hin. Es trat ein Roter auf uns zu, der ganz nahe zu mir herankam, um mich zu betrachten.

„Ja, das ist Old Shatterhand, der große Häuptling der Apatschen,“ sagte er. „Wir haben an verschiedenen Seiten dieses Berges Posten ausgestellt, um auf Euch zu warten.“

„Sind die Krieger der Apatschen angekommen?“

„Ja, dreimal hundert an der Zahl.“

„Mit Proviant?“

„Fleisch und Mehl für mehrere Wochen.“

„Wer ist der Anführer?“

Entschar-Ko, welcher der Liebling Winnetous ist, wie mein großer Bruder Old Shatterhand weiß.“

„Ist Langes Messer mit zwei Bleichgesichtern bei euch hier eingetroffen?“

„Sie sind hier angekommen und haben von den Thaten Old Shatterhands erzählt. Meine Brüder mögen mir folgen.“

Er führte uns ein Stück in das flache Thal hinein, welches sich zwischen den beiden Bergeshälften aufwärts zog, und bald langten wir im Lager der Apatschen an.

Entschar-Ko war nicht nur der Liebling Winnetous, sondern auch der meinige. Wir begrüßten uns mit großer und aufrichtiger Herzlichkeit, und er erklärte mir, daß er sich und seine Schar unter meinen Befehl stelle. Parker und Hawley kamen natürlich auch herbei, um uns die Hände zu drücken. Wir erzählten ihnen in kurzen Worten, wie uns die Befreiung Bobs gelungen war. Sie hatten Sorge um uns gehabt; um so größer war nun ihre Freude.

Eine Beratung brauchte nicht gehalten zu werden. Ich wollte nach dem Llano, das genügte. Ich teilte Entschar-Ko mit, wie die Verhältnisse lagen, und da wir schlafen mußten, übernahm er es, die notwendigen Vorbereitungen so zu treffen, daß wir nach unserm Erwachen sofort aufbrechen konnten.

Am nächsten Morgen, als die Sonne aufging, waren wir schon fern von dem Regenberge, und unser Zug bewegte sich mit hinreichender Schnelligkeit über die Ebene, die nach dem schon mehrerwähnten Höhenzuge führt, von dem hinab man nach dem Llano steigt. Zwischen seinen östlichen Ausläufern giebt es jene fließenden Wasser, welche später im Sande versickern und wahrscheinlich dann sich in dem See sammelten, an dem Bloody-Fox seine geheimnisvolle Heimstätte aufgeschlagen hatte.

Old Surehand freute sich über unsre Apatschen. Er bemerkte, daß sie fast militärisch geschult waren. Eines so vortrefflich eingerichteten Proviantwesens wie sie konnte sich wohl kein andrer Indianerstamm rühmen, und als ich ihm während des Rittes erzählte und erklärte, welche Mühe sich Winnetou gegeben und welche Umsicht er aufgewendet hatte, um aus seinen Mescaleros eine Elitetruppe zu machen, wuchs die Hochachtung, welche er bisher vor diesem Häuptlinge empfunden hatte, noch weit mehr. Es waren sogar aus Gazellenhäuten angefertigte Wasserschläuche vorhanden, damit die Krieger nicht zu dürsten brauchten.

Am Nachmittage überstiegen wir die erwähnten Höhen. Ich führte den Trupp nach einem mir bekannten Thale, in dem wir ausruhten. Es gab da ein kleines, freilich sehr dünn fließendes Wässerchen, welches aber trotzdem hinreichte, unsre Schläuche zu füllen. Dann ging es in den Llano estacado hinab, in dessen leichtem, weiß-gelbem Sand wir nordostwärts ritten. Dieses Thal lag ungefähr einen Viertelstagesritt südlich von den hundert Bäumen, wohin die Comantschen kommen wollten.

Als die Sonne sank, machten wir mitten in der Wüste Halt. Sie lag rund um uns als eine durch nichts unterbrochene Sandebene, deren Horizont, eine wie mit dem Zirkel gezogene Kreislinie – bildete ein riesengroßes, mit Gries und Zucker bestreutes, rundes Kuchenblech; eigentlich ein sehr kühner Vergleich, wenn es sich um den öden, dürren, unfruchtbaren Estacado handelt!

Wir stellten, obgleich wir gar nichts zu fürchten brauchten, Wachen aus und legten uns dann schlafen, nachdem die Pferde Wasser und Maiskolben bekommen hatten, von denen eine ansehnliche Menge mitgebracht worden war. Der Schlaf in der kühlen Wüstennacht that uns außerordentlich wohl, und wir waren zum Weitermarsche gestärkt, als wir am Morgen erwachten.

Der heutige Weg führte uns zuweilen an dürren Kaktusstrecken vorüber, vor denen wir unsre Pferde hüten mußten, damit sie sich nicht an den Füßen verwundeten. Diese Kaktusflächen treten einander oft nahe und schieben sich da oft so ineinander, daß man zu bedeutenden Wendungen und Umwegen gezwungen ist und sich nur schwer zwischen ihnen hindurchwinden kann. Wer ihre Lage, Ausdehnung und Beschaffenheit nicht kennt, der kann so in die Irre geraten, daß er sich nicht wieder herausfinden kann und, wenn er keinen Proviant und kein Wasser bei sich führt, verloren ist.

Am Nachmittage war es glühend heiß. Die Sonne brannte förmlich hernieder, und es wehte ein Backofenwind, welcher die Luft mit dichtem Sandstaub erfüllte. Ich hatte einen sehr schweren Posten, denn ich war der einzige, der den Weg kannte, und also für unser Wohlergehen verantwortlich. Der Blick konnte die dicke Atmosphäre kaum durchdringen, und obgleich ich überzeugt war, die grade Richtung eingehalten zu haben, gab es doch verschiedenes, was geeignet war, mich irre zu machen. Zwar war der Neger bei mir, aber, die geistigen Schwächen seiner Rasse überhaupt nicht gerechnet, war er stets nur mit Bloody-Fox durch die Wüste geritten, hatte sich auf diesen verlassen und konnte mir also nicht die geringste Auskunft geben. Es hatte Kaktusfelder gegeben, die jetzt verschwunden waren, und wo es keine gegeben hatte, da waren welche entstanden. Den Kompaß zu fragen, hütete ich mich. Der Ortsinstinkt des Westmanns ist sicherer als die trügerische Magnetnadel.

Ich mußte unbedingt an Ort und Stelle sein, da, wo zwischen zwei ausgedehnten Kaktusstrecken ein offener Weg nach dem Wüstenwasser führte. Diesen Weg aber fand ich nicht. Wahrscheinlich hätte mir das Fernrohr von da aus, wo wir waren, die Bauminsel gezeigt, die sich rund um den kleinen See gebildet hatte; aber die Luft war zu sehr mit Sand geschwängert. Ich wendete mich nochmals an Bob und erfuhr nach vielem Hin- und Herfragen endlich, was er mir schon längst hätte sagen können.

Bloody-Fox hatte sich nämlich noch mehr als bisher abschließen wollen und den Weg, den ich suchte, zugepflanzt. Er hatte mit großer Mühe und mit Hilfe des Wassers, das ihm zu Gebote stand, einen so breiten Kaktuskreis um sich gezogen, daß sein Home vom Rande desselben und mit bloßem Auge nicht gesehen werden konnte. Das wäre freilich ganz unmöglich gewesen, wenn es nicht schon vorher rundum meilenweite Kaktusstrecken gegeben hätte. Er hatte nur Lücken auszufüllen gehabt und mit Bob und Sanna monatelang daran gearbeitet. Während wir früher von Westen oder von Norden her zu ihm kommen konnten, hatte er da die Lücken ausgefüllt und dafür im Osten eine neue hergestellt. Sie war sehr schmal und ging so zickzackförmig, daß sich jeder Fremde sicher gehütet hätte, ihr zu folgen. Daß sein Home von einem so ausgedehnten Kaktuswalde umgeben sein konnte, das war freilich nur durch das Vorhandensein von Wasser möglich. Uebrigens habe ich schon einmal diese wilden Kaktusfelder des Llano estacado beschrieben [Fußnote]. Wir verdankten damals einem solchen Felde die Rettung vom Tode des Verschmachtens, und zufälligerweise befand sich auch ein Neger bei uns, der ebenso Bob hieß, aber mit dem jetzigen Neger Bob nicht zu verwechseln ist.

Nun wußte ich endlich, woran ich war, und wie ich zu Bloody-Fox kommen konnte. Die Apatschen durfte ich nicht mitnehmen, weil sein Home ein Geheimnis war und auch für sie wahrscheinlich bleiben sollte. Sie mußten sich also lagern; ich ließ auch alle Weißen bei ihnen und nahm nur den Neger mit, um ihm so rasch wie möglich die Gelegenheit zu geben, seine Mutter und Bloody-Fox wiederzusehen.

Wir jagten im Galopp um die gewaltige Kaktusstrecke herum, bis wir an der Ostseite derselben angekommen waren, was, da wir uns im Westen befunden hatten, beinahe eine Stunde dauerte. Wir fanden die Lücke und mußten, um ihr zu folgen, langsamer reiten, bald nach rechts, bald nach links, wie es das Zickzack mit sich brachte. Endlich erblickte ich die grünen, aber vom Sande grau belegten Wipfel der Bäume, und bald darauf das Haus, welches in ihrem Schatten lag. Vor demselben bewegte sich arbeitend eine weibliche Gestalt. Als Bob dieselbe erblickte, trieb er sein Pferd an und schrie:

„Das sein Mutter Sanna, Mutter Sanna von Masser Bob! Oh – oh – – oh! Mutter, Mutter! Sanna, Sanna! Dein Boy kommen! Bob sein da, sein wieder da!“

Sie drehte sich um, sah ihn und öffnete die Arme. So stand sie da, starr vor Freude, ohne ein Wort sagen zu können. Er hielt sein Pferd bei ihr an, sprang herab und warf die langen Arme jauchzend um sie.

Sein Schreien war gehört worden; die Thür wurde geöffnet, und heraus trat einer, dem die Wiederkehr des Negers ganz gewiß ein Rätsel war, der aber trotzdem keine Miene verzog und dessen Gesicht nicht das geringste Anzeichen von Überraschung zeigte.

Er stand still und unbeweglich vor der Thür, das dunkle Auge leuchtend auf Mutter und Sohn gerichtet. Sein langes, dichtes, blauschwarzes Haar war in einen helmartigen Schopf geordnet und hing dann noch weit auf den Rücken herab. Keine Adlerfeder, kein Abzeichen schmückte diese indianische Frisur. Man sah es ihm auch ohne dieses an, daß er kein gemeiner Indianer, kein gewöhnlicher Krieger war. Wer einen Blick auf ihn richtete, der war gewiß sofort überzeugt, einen bedeutenden Mann vor sich zu haben. Er war ganz so in Leder gekleidet wie ich. Um den Hals trug er den köstlich gestickten Medizinbeutel, die außerordentlich künstlich geschnittene Friedenspfeife und eine dreifache Kette von den Krallen und Zähnen der Grizzlybären, die er erlegt hatte. Die Züge seines ernsten, männlich schönen Gesichtes waren fast römisch zu nennen, nur daß die Backenknochen kaum merklich hervorstanden. Die Farbe seiner Haut war ein mattes Hellbraun mit einem leisen Bronzehauche.

Das war Winnetou, der Häuptling der Apatschen, der herrlichste der Indianer. Sein Name lebte in jedem Zelte, in jeder Blockhütte, an jedem Lagerfeuer. Gerecht, treu und klug, tapfer bis zur Verwegenheit, aufrichtig und ohne Falsch, ein Freund und Beschützer aller Hilfsbedürftigen, mochten sie weiß oder rot von Farbe sein, aber ebenso ein Feind und strenger, unerbittlicher Gegner aller Ungerechten, so war er bekannt bei allen, die von ihm gehört oder ihn vielleicht gar gesehen hatten. Welch ein Glück, der Freund dieses Mannes zu sein!

Bob schrie immer noch auf seine Mutter ein. Sein Entzücken schien sich zu steigern anstatt sich zu vermindern. Inzwischen war ich langsam näher gekommen, und Winnetou hörte die Schritte meines Pferdes. Er drehte sich um und erblickte mich. Auch jetzt blieb sein ehernes Gesicht unbeweglich; keine Wimper zuckte. Aber sein Auge vergrößerte sich und ein leuchtender Glanz inniger Liebe strahlte mir aus demselben entgegen. Ich stieg ab, Wir schlangen die Arme fest, fest umeinander und küßten uns wie Brüder, die einander lange nicht gesehen haben. Darm hielt er meine Hände fest, trat einen halben Schritt zurück, ließ seinen Blick an mir herniederschweifen und sagte:

„Mein Bruder Shatterhand kommt wie der Tau in den Kelch der dürstenden Blume und wie der Adler, der mit mächtigen Fängen das Nest seiner jungen beschützt. Du hast droben in den Bergen der Sierra Madre meinen Zettel gefunden?“

Ich antwortete: „Mein Bruder Winnetou ist meinem Herzen ersehnt wie der Sonnenstrahl dem Kranken, und meiner Seele teuer wie das Kind der Mutter, die es geboren hat. Es sind viele Sonnen und Monde vergangen, seit mein Auge dich zum letztenmale erblickte, Ich war oben in der Sierra an der Lebenseiche und habe deine Zeilen gefunden und gelesen. Nun komme ich mit dreihundert Apatschen unter Anführung des tapfern Entschar-Ko, um sie deinem Befehle zu übergeben. Ist Bloody-Fox nicht daheim?“

„Er reitet täglich mehreremale hinaus, um die Kaktus zu umkreisen und zu sehen, ob du kommst. Auch jetzt ist er fort und – – – – sich!“

Er unterbrach seinen Satz und deutete bei dem letzten Worte dahin, woher ich gekommen war. Da kamen mehrere Reiter, Old Surehand, Old Wabble, Parker, Hawley und Entschar-Ko, der Apatsche. Ihnen voran ritt Bloody-Fox, genau so wie die mexikanischen Vaqueros ganz in Büffelkuhleder gekleidet, und zwar so, daß alle Nähte mit Fransen versehen waren. Eine rote, breite Schärpe umschlang anstatt des Gürtels seine Taille und hing mit ihren Enden an der linken Seite herab. In dieser Schärpe steckten ein Bowiemesser und zwei mit Silber ausgelegte Pistolen. Auf dem Kopfe trug er einen breitkrämpigen Sombrero; quer über die Knie hielt er eine schwere, doppelläufige Kentuckybüchse, und vorn zu beiden Seiten des Sattels waren nach mexikanischer Art Schutzleder angebracht, um die Beine bis herunter auf die Füße zu bedecken und gegen Lanzenstöße und Pfeilschüsse zu beschützen.

Er war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt; ein voller, langer Schnurrbart beschattete seine Lippen. Der untere Teil seines Gesichtes mit den stark entwickelten Kauwerkzeugen deutete auf einen festen, unerschütterlichen Willen; seine Augen aber schauten, vielleicht nur jetzt, da er sich freute, froh und mild in die Welt wie diejenigen eines Kindes, welches kein Würmchen, keinen Schmetterling anrührt, um ihm keinen Schmerz zu bereiten. Und doch war dieser jugendliche Mann der fürchterliche Avenging-Ghost, dessen sichere Kugel jeden Geier des Estacado grad in die Mitte der Stirn getroffen hatte!

Er sprang mitten im Trabe von seinem Pferde und reichte mir die Hand. Nachdem er mich mit aufrichtig gemeinten, herzlichen Worten begrüßt hatte, wendete er sich an Winnetou:

„Diesesmal habe ich sie gefunden, die ich suchte. Aber es sind nicht die Krieger der Apatschen allein. Ahnt Winnetou, was für berühmte Männer ihm sein Freund und Bruder Shatterhand mitgebracht hat?“

Der Häuptling antwortete mit einem leisen Schütteln seines Kopfes. Hierauf stellte Fox sie vor:

„Hier steht Old Surehand, einer der berühmtesten unter den weißen Jägern. Er ging nach dem Süden, um den Häuptling der Apatschen kennen zu lernen, und traf dabei auf Old Shatterhand.“

Jetzt endlich standen diese beiden Männer einander gegenüber! Ihre Augen waren prüfend auf einander gerichtet; dann reichte Winnetou dem Jäger die Hand und sagte:

„Wen Old Shatterhand bringt, der ist dem Häuptling der Apatschen willkommen. Ich habe viel von dir gehört; nun mag die That an die Stelle des Wortes treten wie heut die Person an die Stelle der Erzählung.“

Old Surehand erwiderte einige Worte; ich sah, daß Winnetou auf ihn einen großen, sehr großen Eindruck machte.

„Und hier,“ fuhr Bloody-Fox fort, „ist Old Wabble, welcher der König der Cowboys genannt wird. Er hat Old Shatterhand und Old Surehand geholfen, Bob zu befreien.“

Es ging ein eigentümliches, ich möchte sagen, heiteres Zucken über das Gesicht Winnetous, als er dem Alten seine Hand mit den Worten bot:

„Old Wabble ist dem Häuptling der Apatschen wohlbekannt; er ist pfiffig wie ein Fuchs, reitet wie ein Teufel und raucht gern Cigaretten.“

Das Gesicht des Alten strahlte bei dem Anfange dieser Begrüßungsrede; kaum aber hörte er die letzten Worte, so verfinsterten sich seine Züge sofort und er rief aus:

Thunder-storm, das ist freilich wahr! Aber ich habe nun seit Monaten keine einzige zwischen die Lippen gebracht. Wo soll man sie hernehmen in dieser verteufelten Gegend? Wenn das nicht bald anders wird, fahre ich vor Sehnsucht aus der Haut und wickle mir Cigarren daraus; th’is clear!“

Er war ein so leidenschaftlicher Raucher, daß er sich ohne Cigarette nicht wohl fühlte. Daher dieser Gefühlsausbruch.

Bloody-Fox stellte auch noch Parker und Hawley vor, die auch einige freundliche Worte zu hören bekamen. Er hatte einen Rundritt gemacht, um nach mir und den Apatschen auszuschauen, und war, von Norden kommend, während ich mit Bob östlich geritten war, auf sie gestoßen. Die Weißen hatten ihm sofort gesagt, wer sie waren, und er hatte sie eingeladen, schnell mit zu ihm zu kommen.

Was hätten Winnetou, Fox und ich jetzt einander zu fragen und zu erzählen gehabt! Dazu gab es aber keine Muße, denn die Comantschen nahmen zunächst unsre ganze Zeit in Anspruch. Bob und Sanna mußten unsre Pferde zur Tränke führen, und wir nahmen alle vor dem Hause Platz, um uns zu beraten. Da stand eine aus rohen Brettern zusammengefügte Tafel mit zwei Bänken, wo wir uns niedersetzen konnten.

Fox trat in das Innere seiner Wohnung, um uns zu bewirten. Aber obgleich das, was er uns vorsetzte und vorlegte, unsere Beachtung sehr verdiente, die Aufmerksamkeit derer, die noch nicht hier gewesen waren, wurde nach ganz anderen Richtungen gezogen.

Sie blickten staunend rund umher. Was war das für ein Paradies hier mitten in der glühenden Wüste! Da stand ein von der Natur gebildetes, fast kreisrundes Becken, dessen Durchmesser vielleicht achtzig Schritte betragen mochte, bis an den Rand voll von hellem, köstlichem Wasser, über dessen Oberfläche die Sonne leuchtende Brillantblitze warf. Darüber zuckten schillernde Libellen hin und her, die nach Fliegen, Mücken und anderen kleinen Insekten jagten. An dem Ufer naschten unsere Pferde wie Feinschmecker von den außerordentlich saftigen Halmen des üppigen Delicacygrases. Niedrige Palmen spiegelten sich im Wasser, welches der Wind bewegte. Über ihren Federkronen bildeten hohe Cedern und Sykomoren ein schützendes Wipfeldach. Hinter dem Häuschen lag ein großes Maisfeld, in welchem sich eine Schar von Zwergpapageien um die goldigen Körner zankte.

Das Häuschen selbst war nicht groß, aber für die Bedürfnisse des Bloody-Fox hatte es Raum genug. Aus welchem Materiale es erbaut worden war, das konnte man nicht sehen, denn alle vier Seiten wurden ebenso wie das ganze Dach vollständig eingehüllt von den dichten Ranken, Blättern und Blüten der weißen, rotfädigen Passionsblume. An mehreren in der Entwickelung vorgerückten Stellen sah man schon die gelben, süßen, dem Hühnerei gleichenden Früchte aus der Fülle der gelappten Blätter hervorleuchten. An anderen Stellen, wo die Blüten noch nicht verwelkt waren, schwirrten winzige Kolibris von Blume zu Blume. Diese Liliputer der Vogelwelt, welche fliegenden Edelsteinen glichen, hatten den Weg über den Llano herüber nach dieser herrlichen Insel gefunden.

Die Sykomoren, Cedern und Cypressen am Wasser waren alte Bäume, deren Samen, als noch kein Mensch eine Ahnung von dem Dasein dieser Wüstenoase hatte, von Vögeln hierhergetragen worden war. Weiterhin gab es Anpflanzungen von Kastanien, Mandeln, Orangen und Lorbeerbäumen; diese hatte Bloody-Fox vor Jahren gepflanzt, ebenso einen breiten, sich weit um das Wasser ziehenden Streifen schnellwachsender Sträucher und perennierender Kräuter, welche die Bestimmung hatten, den vom Winde herbeigewehten Sand von der Oase abzuhalten. Fox hatte von dem kleinen See aus Gräben nach allen Richtungen gezogen, um dieses Grün bewässern zu können. Wo die Bewässerung aufhörte, ging dieser üppige Pflanzenwuchs in an der Erde hinkriechende Kaktusarten über, welche jenen großen, schützenden Ring um die Besitzung bildeten, von dem ich bereits gesprochen habe.

Dieser schöne, von der Welt abgelegene Ort machte ganz den Eindruck der Tropen. Man hätte sich nach Südmexiko, nach dem mittleren Bolivien oder an die Urwaldränder Brasiliens versetzt fühlen können. Darum war das Staunen, mit welchem dieses kleine, mitten in der Wüste liegende Paradies betrachtet wurde, gar kein Wunder. Ich hatte zu Old Surehand und Old Wabble, zu Parker und Hawley davon gesprochen, aber daß es so sehr reizend hier sei, das hatten sie doch nicht gedacht.

Als sie ihrem Entzücken durch Worte Ausdruck gaben, fühlte Bloody-Fox sich geschmeichelt und bat sie, mit in das Haus zu kommen, er wolle es ihnen zeigen.

Wenn man durch die von den Passifloren umrahmte Thür eintrat, sah man, daß das Innere aus einem einzigen Raume bestand. Die vier Wände waren aus Schilf errichtet; als Füll- und Bindemittel hatte der feine Schlamm des Sees gedient. Die Decke bestand aus langem, geflochtenem Rohre. An drei Wänden gab es je ein kleines Fenster, dessen Öffnung von den Blumenranken freigehalten war. An der vierten Wand, von der daselbst befindlichen Thür weit fortgerückt, stand der aus Erde gebaute Herd, über dem sich der auch aus Schilf und Schlamm bestehende Rauchfang öffnete. Unter diesem hing ein eiserner Kessel.

Der Fußboden war mit enthaarten Fellen belegt. Es gab drei Bettstellen, welche aus an Pfählen befestigten Riemen bestanden, über die Bärenfelle gebreitet waren. Unter der Decke hingen Stücke geräucherten Fleisches und an den Wänden alle möglichen Waffen, die im fernen Westen zu sehen und zu haben sind. Einige Kisten dienten als Schränke oder Kommoden. Einen Tisch und mehrere Stühle, von Bloody-Fox selbst zusammengezimmert, gab es auch.

Den größten Schmuck der Stube aber bildete das zottige Fell eines weißen Büffels, an welchem der Schädel gelassen worden war, Das war die „Uniform“ des Avenging-Ghost; Fox hatte es stets übergeworfen, wenn er ausgeritten war, um einen Stakeman zu bestrafen. Daher die Schilderungen von dem entsetzlichen Aussehen des „Geistes des Llano estacado“! Zu beiden Seiten dieses Büffelfelles steckten viele, viele Messer in der Wand, grausige Erinnerungszeichen, denn der Rächer hatte sie den Stakemen abgenommen, die von ihm durch einen Schuß mitten in die Stirn getötet worden waren. Unter dem Lager des Bloody-Fox gab es eine mit Fellen verdeckte Vertiefung, die in Blechkisten seine Munition enthielt.

An der nördlichen Wand des Hauses, wohin die Sonne nicht kam, hing eine Anzahl von Lederschläuchen, zur Aufnahme von Wasser bestimmt. Mit ihrem Inhalte hatte Fox schon manchen im Llano verirrten Reisenden vom Tode des Verschmachtens errettet.

So war die „Insel in der Wüste“ und so war das Haus auf dieser Insel beschaffen.

Dann saßen wir draußen und aßen, mit Appetit zwar, aber schnell, um zur Beratung zu kommen. Ehe diese begann, ging Bloody-Fox in das Haus und kam mit einem kleinen Pappkarton zurück, reichte diesen dem alten Wabble hin und sagte:

„Hier, Mr. Cutter, das ist für Euch, weil ich wünsche, daß meine Gäste sich wohl bei mir fühlen mögen.“

Old Wabble nahm den leichten Karton, wog ihn in der Hand und sagte zweifelnden Tones:

„Wohl fühlen? Meint Ihr, daß dieses Dings da mein Wohlbefinden stärken werde?“

„Ich bin überzeugt davon.“

„Was ist denn drin?“

„Öffnet und seht selbst.“

„Hm! Wenn Ihr es nicht sagt, muß ich freilich aufmachen, sonst erfahre ich nicht, was es ist; th’is clear!“

Er entfernte das Papierband, nahm den Deckel ab und – -stieß einen lauten Freudenschrei aus:

„Himmel! Cigaretten, Cigaretten, es sind Cigaretten! Und zwar fünfzig Stück, volle fünfzig Stück! Und wem sollen die gehören, Mr. Fox? Etwa mir?“

„Natürlich.“

„Alle? Alle fünfzig?“

„Alle!“

Thunder-storm! Ihr seid ein edler Jüngling, ein sehr vorzüglicher Mann! Kommt her; kommt an mein Herz; ich muß Euch einen smack, einen tüchtigen smack geben!“

Er zog den Bloody-Fox an sich und gab ihm einen „Schmatz“, daß es nur so schallte und knallte. Dann brannte er sich „eine“ an und blies den Rauch mit einem Behagen von sich, welches aus jeder Falte und jedem Fältchen seines Gesichtes hervorlugte. Eigentlich hätte die Kameradschaftlichkeit ihn bewegen sollen, jedem der Anwesenden eines der kleinen Dingerchen anzubieten; er that dies aber nicht, denn er war ein zu leidenschaftlicher Raucher, als daß er ein so großes Opfer hätte bringen mögen.

Über Winnetous Gesicht glitt ein leises, nur mir verständliches Lächeln. Er hatte keine Leidenschaft und keine Angewohnheit, und es war ihm beinahe unbegreiflich, daß ein alter Westmann, welchen man gar den „König der Cowboys“ nannte, sich durch eine Cigarette in solche Begeisterung versetzen ließ. – – –

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